1855_Scheffel_Ekkehard.html




        
                           Joseph Viktor von Scheffel
                                    Ekkehard
                                     Vorwort
Dies Buch ward verfasst in dem guten Glauben dass es weder der
Geschichtschreibung noch der Poesie etwas schaden kann wenn sie innige
Freundschaft miteinander schließen und sich zu gemeinsamer Arbeit vereinen
    Seit Jahrzehnten ist die Hinterlassenschaft unserer Vorfahren Gegenstand
allseitiger Forschung ein Schwarm fröhlicher Maulwürfe hat den Boden des
Mittelalters nach allen Richtungen durchwühlt und in fleißiger Bergmanns arbeit
eine solche Masse alten Stoffes zutage gefördert dass die Sammelnden oft selbst
davor erstaunten eine ganze schöne in sich abgeschlossene Literatur eine
Fülle von Denkmalen bildender Kunst ein organisch in sich aufgebautes
politisches und soziales Leben liegt ausgebreitet vor unsern Augen Und doch ist
es all der guten auf diese Bestrebungen gerichteten Kraft kaum gelungen die
Freude am geschichtlichen Verständnis auch in weitere Kreise zu tragen die
zahllosen Bände stehen ruhig auf den Brettern unserer Bibliotheken da und dort
hat sich schon wieder gedeihliches Spinnweb angesetzt und der Staub der
mitleidlos alles bedeckende ist auch nicht ausgeblieben so dass der Gedanke
nicht zu den undenkbaren gehört die ganze altdeutsche Herrlichkeit kaum erst
ans Tageslicht zurückbeschworen möchte eines Morgens wenn der Hahn kräht
wieder versunken sein in Schutt und Moder der Vergessenheit gleich jenem
gespenstigen Kloster am See von dem nur ein leise klingendes Glöcklein tief
unter den Wellen dunkle Kunde gibt
    Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen inwiefern der Grund dieser
Erscheinung dem Treiben und der Methode unserer Gelehrsamkeit beizumessen
    Das Sammeln altertümlichen Stoffes kann wie das Sammeln von Goldkörnern zu
einer Leidenschaft werden die zusammenträgt und zusammenscharrt eben um
zusammen zu scharren und ganz vergisst dass das gewonnene Metall auch gereinigt
umgeschmolzen und verwertet werden soll Denn was wird sonst erreicht
    Ein ewiges Befangenbleiben im Rohmaterial eine Gleichwertschätzung des
Unbedeutenden wie des Bedeutenden eine Scheu vor irgendeinem fertigen
Abschliessen weil ja da oder dort noch ein Fetzen beigebracht werden könnte der
neuen Aufschluss gibt und im ganzen  eine Literatur von Gelehrten für Gelehrte
an der die Mehrzahl der Nation teilnahmslos vorübergeht und mit einem Blick zum
blauen Himmel ihrem Schöpfer dankt dass sie nichts davon zu lesen braucht
    Der Schreiber dieses Buches ist in sonnigen Jugendtagen einstmals mit
etlichen Freunden durch die römische Kampagna gestrichen Da stießen sie auf
Reste eines alten Grabmals und unter Schutt und Trümmern lag auch von
graugrünem Akantus überrankt ein Haufe auseinandergerissener Mosaiksteine die
ehedem in stattlichem Bild und Ornamentenwerk des Grabes Fußboden geschmückt Es
erhub sich ein lebhaftes Gespräch darüber was all die zerstreuten gewürfelten
Steinchen in ihrem Zusammenhang dargestellt haben mochten Einer der ein
Archäolog war hob die einzelnen Stücke gegens Licht und prüfte ob weißer ob
schwarzer Marmor ein anderer der sich mit Geschichtforschung plagte sprach
gelehrt über Grabdenkmale der Alten  derweil war ein dritter schweigsam auf
dem Backsteingemäuer gesessen der zog sein Skizzenbuch und zeichnete ein
stolzes Viergespann mit schnaubenden Rossen und Wettkämpfern und viele schöne
jonische Ornamentik darum er hatte in der einen Ecke des Fussbodens einen
unscheinbaren Rest des alten Bildes erschaut Pferdefüsse und eines Wagenrades
Fragmente da stand das Ganze klar vor seiner Seele und er warfs mit kecken
Strichen hin derweil die andern in Worten kramten 
    Bei jener Gelegenheit war einiger Aufschluss zu gewinnen über die Frage wie
mit Erfolg an der geschichtlichen Wiederbelebung der Vergangenheit zu arbeiten
sei
    Gewisslich nur dann wenn einer schöpferisch wiederherstellenden Phantasie
ihre Rechte nicht verkümmert werden wenn der der die alten Gebeine ausgräbt
sie zugleich auch mit dem Atemzug einer lebendigen Seele anhaucht auf dass sie
sich erheben und kräftigen Schrittes als auferweckte Tote einherwandeln
    In diesem Sinn nun kann der historische Roman das sein was in blühender
Jugendzeit der Völker die epische Dichtung ein Stück nationaler Geschichte in
der Auffassung des Künstlers der im gegebenen Raume eine Reihe Gestalten scharf
gezeichnet und farbenhell vorüberführt also dass im Leben und Ringen und Leiden
der einzelnen zugleich der Inhalt des Zeitraumes sich wie zum Spiegelbild
zusammenfasst
    Auf der Grundlage historischer Studien das Schöne und Darstellbare einer
Epoche umspannend darf der Roman auch wohl verlangen als ebenbürtiger Bruder
der Geschichte anerkannt zu werden und wer ihn achselzuckend als das Werk
willkürlicher und fälschender Laune zurückweisen wollte der mag sich dabei
getrösten dass die Geschichte wie sie bei uns geschrieben zu werden pflegt
eben auch nur eine herkömmliche Zusammenschmiedung von Wahrem und Falschem ist
der nur zu viel Schwerfälligkeit anklebt als dass sie es wie die Dichtung
wagen darf ihre Lücken spielend auszufüllen
    Wenn nicht alle Zeichen trügen so ist unsere Zeit in einem eigentümlichen
Läuterungsprozess begriffen
    In allen Gebieten schlägt die Erkenntnis durch wie unsäglich unser Denken
und Empfinden unter der Herrschaft der Abstraktion und der Phrase geschädigt
worden da und dort Rüstung zur Umkehr aus dem Abgezogenen Blassen
Begrifflichen zum Konkreten Farbigen Sinnlichen statt müßiger
Selbstbeschauung des Geistes Beziehung auf Leben und Gegenwart statt Formeln
und Schablonen naturgeschichtliche Analyse statt der Kritik schöpferische
Produktion und unsere Enkel erleben vielleicht noch die Stunde wo man von
manchem Koloss seiteriger Wissenschaft mit der gleichen lächelnden Ehrfurcht
spricht wie von den Resten eines vorsündflutlichen Riesengetiers und wo man
ohne Gefahr als Barbar verschrien zu werden behaupten darf in einem Steinkrug
alten Weines ruhe nicht weniger Vernunft als in mancher umfangreichen Leistung
formaler Weisheit
    Zur Herstellung fröhlicher unbefangener von Poesie verklärter Anschauung
der Dinge möchte nun auch die vorliegende Arbeit einen Beitrag geben und zwar
aus dem Gebiet unserer deutschen Vergangenheit
    Unter dem unzähligen Wertvollen was die großen Folianten der von Pertz
herausgegebenen »Monumenta Germaniae« bergen glänzen gleich einer Perlenschnur
die sanktgallischen Klostergeschichten die der Mönch Ratpert begonnen und
Ekkehard der Jüngere oder zur Unterscheidung von drei gleichnamigen
Mitgliedern des Klosters der Vierte benannt bis ans Ende des zehnten
Jahrhunderts fortgeführt hat Wer sich durch die unerquicklichen und vielfältig
dürren Jahrbücher anderer Klöster mühsam durchgearbeitet hat mag mit Behagen
und innerem Wohlgefallen an jenen Aufzeichnungen verweilen Da ist trotz
mannigfacher Befangenheit und Unbehilflichkeit eine Fülle anmutiger aus der
Überlieferung älterer Zeitgenossen und den Berichten von Augenzeugen geschöpfter
Erzählungen Personen und Zustände mit groben aber deutlichen Strichen
gezeichnet viel unbewusste Poesie treuherzige brave Welt und Lebensansicht
naive Frische die dem Niedergeschriebenen überall das Gepräge der Echteit
verleiht selbst dann wenn Personen und Zeiträume etwas leichtsinnig
durcheinandergewürfelt worden und ein handgreiflicher Anachronismus dem Erzähler
gar keinen Schmerz verursacht
    Ohne es aber zu beabsichtigen führen jene Schilderungen zugleich über die
Schranken der Klostermauern hinaus und entrollen das Leben und Treiben Bildung
und Sitte des damaligen alemannischen Landes mit der Treue eines nach der Natur
gemalten Bildes
    Es war damals eine vergnügliche und einen jeden der ringende unvollendete
aber gesunde Kraft geleckter Fertigkeit vorzieht anmutende Zeit im
südwestlichen Deutschland Anfänge von Kirche und Staat bei namhafter aber
gemütreicher Roheit der bürgerlichen Gesellschaft  der aller späteren
Entwickelung so gefährliche Geist des Feudalwesens noch harmlos im ersten
Entfalten kein geschraubtes übermütiges und geistig schwächliches Rittertum
keine üppige unwissende Geistlichkeit wohl aber ehrliche grobe Gesellen deren
sozialer Verkehr zwar oftmals in einem sehr ausgedehnten System von Verbal und
Realinjurien bestand die aber in rauer Hülle einen tüchtigen für alles Edle
empfänglichen Kern bargen  Gelehrte die morgens den Aristoteles verdeutschen
und abends zur Erholung auf die Wolfsjagd ziehen vornehme Frauen die für das
Studium der Klassiker begeistert sind Bauern in deren Erinnerung das Heidentum
ihrer Vorväter ungetilgt neben dem neuen Glauben fortlebt  überall naive
starke Zustände denen man ohne rationalistischen Ingrimm selbst ihren Glauben
an Teufel und Dämonenspuk zugute halten darf dabei zwar politische Zerklüftung
und Gleichgiltigkeit gegen das Reich dessen Schwerpunkt sich nach Sachsen
übertragen hatte aber tapferer Mannesmut im Unglück der selbst die Mönche in
den Klosterzellen stählt das Psalterbuch mit dem Schwert zu vertauschen und
gegen die ungarische Verwüstung zu Feld zu rücken  trotz reichlicher
Gelegenheit zur Verwilderung eine dem Studium der Alten mit Begeisterung
zugewandte Wissenschaft die in den zahlreich besuchten Klosterschulen eifrige
Jünger fand und in ihren humanen Strebungen an die besten Zeiten des sechzehnten
Jahrhunderts erinnert leises Emporblühen der bildenden Künste vereinzeltes
Aufblitzen bedeutender Geister vom Wust der Gelehrsamkeit unerstickte Freude an
der Dichtung fröhliche Pflege nationaler Stoffe wenn auch meist in
fremdländischem Gewand
    Kein Wunder dass es dem Verfasser dieses Buches als er bei Gelegenheit
anderer Studien über die Anfänge des Mittelalters mit dieser Epoche vertraut
wurde erging wie einem Manne der nach langer Wanderung durch unwirtsames Land
auf eine Herberge stößt die wohnsam und gut bestellt in Küche und Keller mit
liebreizender Aussicht vor den Fenstern alles bietet was sein Herz begehrt
    Er begann sich häuslich drin einzurichten und durch mannigfaltige Ausflüge
in verwandtes Gebiet sich möglichst vollständig in Land und Leute einzuleben
    Den Poeten aber ereilt ein eigenes Schicksal wenn er sich mit der
Vergangenheit genau bekannt macht
    Wo andere denen die Natur gelehrtes Scheidewasser in die Adern gemischt
viel allgemeine Sätze und lehrreiche Betrachtungen als Preis der Arbeit
herausätzen wachsen ihm Gestalten empor erst von wallendem Nebel umflossen
dann klar und durchsichtig und sie schauen ihn ringend an und umtanzen ihn in
mitternächtigen Stunden und sprechen Verdicht uns
    So kam es auch hier Aus den naiven lateinischen Zeilen jener
Klostergeschichten hob und baute es sich empor wie Turm und Mauern des
Gotteshauses Sankt Gallen viele altersgraue ehrwürdige Häupter wandelten in den
Kreuzgängen auf und ab hinter den alten Handschriften saßen die die sie einst
geschrieben die Klosterschüler tummelten sich im Hofe Horasang ertönte aus dem
Chor und des Wächters Hornruf vom Turme Vor allen anderen aber trat leuchtend
hervor jene hohe gestrenge Frau die sich den jugendschönen Lehrer aus des
heiligen Gallus Klosterfrieden entführte um auf ihrem Klingsteinfelsen am
Bodensee klassischen Dichtern eine Stätte sinniger Pflege zu bereiten die
schlichte Erzählung der Klosterchronik von jenem dem Virgil gewidmeten Stilleben
ist selbst wieder ein Stück Poesie so schön und echt als sie irgend unter
Menschen zu finden
    Wer aber von solchen Erscheinungen heimgesucht wird dem bleibt nichts
übrig als sie zu beschwören und zu bannen Und in den alten Geschichten hatte
ich nicht umsonst gelesen auf welche Art Notker der Stammler einst ähnlichen
Visionen zu Leibe ging er ergriff einen knorrigen Haselstock und hieb tapfer
auf die Dämonen ein bis sie ihm die schönsten Lieder offenbartenA1
    Darum griff auch ich zu meinem Handgewaffen der Stahlfeder und sagte eines
Morgens den Folianten den Quellen der Gestaltenseherei Valet und zog hinaus
auf den Boden den einst die Herzogin Hadwig und ihre Zeitgenossen beschritten
und saß in der ehrwürdigen Bücherei des heiligen Gallus und fuhr in schaukelndem
Kahn über den Bodensee und nistete mich bei der alten Linde am Abhang des
Hohentwiel ein wo jetzt ein trefflicher schwäbischer Schultheiß die Trümmer der
alten Feste behütetA2 und stieg schließlich auch zu den luftigen Alpenhöhen des
Säntis wo das Wildkirchlein keck wie ein Adlerhorst herunterschaut auf die
grünen Appenzeller Täler Dort in den Revieren des Schwäbisschen Meeres die
Seele erfüllt von dem Walten erloschener Geschlechter das Herz erquickt von
warmem Sonnenschein und würziger Bergluft hab ich diese Erzählung entworfen
und zum größten Teil niedergeschrieben
    Dass nicht viel darin gesagt ist was sich nicht auf gewissenhafte
kulturgeschichtliche Studien stützt darf wohl behauptet werden wenn auch
Personen und Jahrzahlen vielleicht Jahrzehnte mitunter ein weniges ineinander
verschoben wurden Der Dichter darf sich der inneren Ökonomie seines Werkes
zulieb manches erlauben was dem strengen Historiker als Sünde anzurechnen
wäre Sagt doch selbst der unübertroffene Geschichtschreiber Macaulay Gern will
ich den Vorwurf tragen die würdige Höhe der Geschichte nicht eingehalten zu
haben wenn es mir nur gelingt den Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein
treues Gemälde des Lebens ihrer Vorfahren vorzuführen
    Dem Wunsche sachverständiger Freunde entsprechend sind in Anmerkungen
einige Zeugnisse und Nachweise der Quellen angeführt zur Beruhigung derer die
sonst nur Fabel und müßige Erfindung in dem Dargestellten zu wittern geneigt
sein könnten Wer aber auch ohne solche Nachweise Vertrauen auf eine gewisse
Echteit des Inhalts setzt der wird ersucht sich in die Noten nicht weiter zu
vertiefen sie sind Nebensache und wären überflüssig wenn das Ganze nicht als
Roman in die Welt ginge der die Vermutung leichtsinnigen Spiels mit den
Tatsachen wider sich zu haben pflegt
    Den Vorwürfen der Kritik wird mit Gemütsruhe entgegengesehen »Eine
Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert« werden sie rufen »wer reitet so spät
durch Nacht und Wind« Und stehts nicht im neuesten Handbuch der
Nationalliteratur im Kapitel vom vaterländischen RomanA3 gedruckt zu lesen
»Fragen wir welche Zeiten vorzugsweise geeignet sein dürften in der deutschen
Geschichte das Lokale mit dem Nationalinteresse zu versöhnen so werden wir wohl
zunächst das eigentliche Mittelalter ausschließen müssen Selbst die
Hohenstaufenzeit lässt sich nur noch lyrisch anwenden ihre Zeichnung fällt immer
düsseldorfisch aus«
    Auf all die Einwände und Bedenken derer die ein scharfes Benagen harmlosem
Genießen vorziehen und den deutschen Geist mit vollen Segeln in ein
alexandrinisches oder byzantinisches Zeitalter hineinzurudern sich abmühen hat
bereits eine literarische Dame des zehnten Jahrhunderts die ehrwürdige Nonne
Hroswita von Gandersheim im fröhlichen Selbstgefühl eigenen Schaffens die
richtige Antwort gegeben Sie sagt in der Vorrede zu ihren anmutigen Komödien
»Si enim alicui placet mea devotio gaudebo Si autem pro mei abiectione vel pro
viciosi sermonis rusticitate nulli placet memet ipsam tamen iuvat quod feci«
Zu deutsch »Wofern nun jemand an meiner bescheidenen Arbeit Wohlgefallen
findet so wird mir dies sehr angenehm sein sollte sie aber wegen der
Verleugnung meiner selbst oder der Rauheit eines unvollkommenen Stils niemanden
gefallen so hab ich doch selber meine Freude an dem was ich geschaffen«
    Heidelberg im Februar 1855
                                    Fußnoten
A1 Ekkehardi IV »Kasus S Galli« cap 3 bei Pertz »Mon« II 98
A2 Vgl das Gedicht »Poetennot« Bd 1 S 244 dieser Ausgabe
A3 Julian Schmidt »Geschichte der deutschen Literatur im 19 Jahrhundert« 1
Band S 424 Leipzig 1853
 
                                Erstes Kapitel
                         Hadwig Herzogin von Schwaben
Es war vor beinahe tausend Jahren Die Welt wusste weder von Schiesspulver noch
von Buchdruckerkunst
    Über dem Hegau lag ein trüber bleischwerer Himmel doch war von der
Finsternis die bekanntlich über dem ganzen Mittelalter lastete im einzelnen
nichts wahrzunehmen Vom Bodensee her wogten die Nebel übers Ries und verdeckten
Land und Leute Auch der Turm vom jungen Gotteshaus Radolfszelle war eingehüllt
aber das Frühglöcklein war lustig durch Dunst und Dampf erklungen wie das Wort
eines verständigen Mannes durch verfinsternden Nebel der Toren
    Es ist ein schönes Stück deutscher Erde was dort zwischen Schwarzwald und
Schwäbischem Meer sich auftut Wers mit einem falschen Gleichnis nicht allzu
genau nimmt mag sich der Worte des DichtersA1 erinnern
    »Das Land der Alemannen mit seiner Berge Schnee
    Mit seinem blauen Auge dem klaren Bodensee
    Mit seinen gelben Haaren dem Ährenschmuck der Auen
    Recht wie ein deutsches Antlitz ist solches Land zu schauen«
 wiewohl die Fortführung dieses Bildes Veranlassung werden könnte die Hegauer
Berge als die Nasen in diesem Antlitz zu preisen
    Düster ragte die Kuppe des hohen Twiel mit ihren Klingsteinzacken in die
Lüfte Als Denkstein stürmischer Vorgeschichte unserer alten Mutter Erde stehen
jene schroffen malerischen Bergkegel in der Niederung die einst gleich dem
jetzigen Becken des Sees von wogender Flut überströmt war Für Fische und
Wassermöven mags ein denkwürdiger Tag gewesen sein da es in den Tiefen brauste
und zischte und die basaltischen Massen glühend durch der Erdrinde Spalten sich
ihren Weg über die Wasserspiegel bahnten Aber das ist schon lange her Es ist
Gras gewachsen über die Leiden derer die bei jener Umwälzung mitleidlos
vernichtet wurden nur die Berge stehen noch immer ohne Zusammenhang mit ihren
Nachbarn einsam und trotzig wie alle die mit feurigem Kern im Herzen die
Schranken des Vorhandenen durchbrechen und ihr Gestein klingt als säße noch
ein Gedächtnis an die fröhliche Jugendzeit drin da sie zuerst der Pracht der
Schöpfung entgegengejubelt
    Zur Zeit da unsere Geschichte anhebt trug der hohe Twiel schon Turm und
Mauern eine feste Burg Dort hatte Herr Burkhard gehaust der Herzog in
Schwaben Er war ein fester Degen gewesen und hatte manchen Kriegszug getan die
Feinde des Kaisers waren auch die seinen und dabei gab es immer Arbeit wenns
in Welschland ruhig war fingen oben die Normänner an und wenn die geworfen
waren kam etwann der Ungar geritten oder es war einmal ein Bischof übermütig
oder ein Grafe widerspenstig  so war Herr Burkhard zeitlebens mehr im Sattel
als im Lehnstuhl gesessen Demgemäss ist erklärlich dass er sich keinen sanften
Leumund geschaffen
    In Schwaben sprachen sie er habe die Herrschaft geführt sozusagen als ein
Zwingherr und im fernen Sachsen schrieben die Mönche in ihre Chroniken er sei
ein kaum zu ertragender Kriegsmann gewesen1
    Bevor Herr Burkhard zu seinen Vätern versammelt ward hatte er sich noch ein
Ehgemahl erlesen Das war die junge Frau Hadwig Tochter des Herzogs in Bayern
Aber in das Abendrot eines Lebens das zur Neige geht mag der Morgenstern nicht
freudig scheinen Das hat seinen natürlichen Grund2 Darum hatte Frau Hadwig den
alten Herzog in Schwaben genommen ihrem Vater zu Gefallen hatte ihn auch gehegt
und gepflegt wie es einem grauen Haupt zukam aber wie der Alte zu sterben
ging hat ihr der Kummer das Herz nicht gebrochen
    Da begrub sie ihn in der Gruft seiner Väter und ließ ihm von grauem
Sandstein ein Grabmal setzen und stiftete eine ewige Lampe über das Grab kam
auch noch etliche Male zum Beten herunter aber nicht allzuoft
    Dann saß Frau Hadwig allein auf der Burg Hohentwiel es waren ihr die
Erbgüter des Hauses und mannigfalt Befugnis im Land zu schalten und zu walten
verblieben sowie die Schutzvogtei über das Hochstift Konstanz und die Klöster
um den See und hatte ihr der Kaiser gebrieft und gesiegelt zugesagt dass sie
als Reichsverweserin in Schwaben gebieten solle solange der Witwenstuhl
unverrückt bleibe Die junge Witib war von adeligem Gemüt und nicht gewöhnlicher
Schönheit Aber die Nase brach unvermerkt kurz und stumpflich im Antlitz ab und
der holdselige Mund war ein wenig aufgeworfen und das Kinn sprang mit kühner
Form vor also dass das anmutige Grüblein so den Frauen so minnig ansteht bei
ihr nicht zu finden war Und wessen Antlitz also geschaffen der trägt bei
scharfem Geist ein raues Herz im Busen und sein Wesen neigt zur Strenge Darum
flößte auch die Herzogin manchem ihres Landes trotz der lichten Röte ihrer
Wangen einen sonderbaren Schreck ein3
    An jenem nebligen Tag stand Frau Hadwig im KlosettA2 ihrer Burg und schaute
in die Ferne hinaus Sie trug ein stahlgrau Unterkleid das in leichten Wellen
über die gestickten Sandalen wallte drüber schmiegte sich eine bis zum Knie
reichende schwarze Tunika im Gürtel der die Hüften umschloss glänzte ein
kostbarer Beryll Ein goldfadengestricktes Netz hielt das kastanienbraune Haar
umfangen doch unverwehrt umspielten sorgsam gewundene Locken die lichte Stirn
    Auf dem Marmortischlein am Fenster stand ein phantastisch geformtes
dunkelgrün gebeiztes Metallgefäss drin brannte ein fremdländisch Räucherwerk und
wirbelte seine duftig weißen Wölklein zur Decke des Gemachs Die Wände waren mit
buntfarbigen gewirkten Teppichen umhangen
    Es gibt Tage wo der Mensch mit jeglichem unzufrieden ist und wenn er in
Mittelpunkt des Paradiesgartens gesetzt würde es wär ihm auch nicht recht Da
fliegen die Gedanken missmutig von dem zu jenem und wissen nicht wo sie anhalten
sollen  aus jedem Winkel grinst ein Fratzengesicht herfür und wenn einer ein
fein Gehör hat so mag er auch der Kobolde Gelächter vernehmen Man sagt
dortlands der schiefe Verlauf solcher Tage rühre gewöhnlich davon her dass man
frühmorgens mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett gesprungen sei was
bestimmtem Naturgesetz zuwider
    Die Herzogin hatte heute ihren Tag Sie wollte zum Fenster hinausschauen da
blies ihr ein feiner Luftzug den Nebel ins Angesicht das war ihr nicht recht
Sie hub einen zürnenden Husten an Wenn Sonnenschein weit übers Land geglänzt
hätte sie würde auch an ihm etwas ausgesetzt haben
    Der Kämmerer Spazzo war eingetreten und stand ehrerbietig am Eingang Er
warf einen wohlgefälligen Blick auf seine Gewandung als wär er sicher seiner
Gebieterin Augen heut auf sich zu lenken denn er hatte ein gestickt Hemde von
Glanzleinwand angelegt und ein saphirfarbiges Oberkleid mit purpurnen Säumen
alles nach neustem Schnitt erst gestern war des Bischofs Schneider von Konstanz
damit herübergekommen4
    Der Wolfshund dessen von Fridingen hatte zwei Lämmer der Burgherde
zerrissen da gedachte Herr Spazzo pünktlichen Vortrag zu erstatten und Frau
Hadwigs fürstliches Gutachten einzuholen ob er in friedlichem Austrag sich mit
dem Herrn des Schädigers vergleichen oder am nächsten Gaugericht Wehrgeld und
Busse einklagen solle5 Er hub seinen Spruch an Aber eh und bevor er zu Ende
gekommen sah er dass ihm die Fürstin ein Zeichen machte dessen Bedeutung einem
verständigen Mann nicht fremd bleiben konnte Sie fuhr mit dem Zeigefinger der
Rechten erst nach der Stirn dann wies sie mit gleichem Finger nach der Tür Da
merkte der Kämmerer dass es seinem eigenen Witz anheimgestellt sei nicht nur
den Bescheid wegen der Lämmer zu finden sondern auch sich mit möglichster
Beschleunigung zu entfernen Er verbeugte sich und ging
    Mit heller Stimme rief Frau Hadwig jetzt »Praxedis«  Und wies nicht
sogleich die Stufen zum Saal herauf huschte rief sie noch einmal schärfer
»Praxedis«
    Es dauerte nicht lange so schwebte die Gerufene ins Klosett herein
    Praxedis war der Herzogin in Schwaben Kammerfrau von griechischer Nation
ein lebend Angedenken dass einst des Byzantiner Kaisers Vasilius Sohn um Hadwigs
Hand geworben6 Der hatte das des Gesangs und weiblicher Kunstfertigkeit
erfahrene Kind samt vielen Kleinodien und Schätzen der deutschen Herzogstochter
geschenkt und als Gegengabe einen Korb erbeutet Man konnte damals Menschen
verschenken auch kaufen Freiheit war nicht jedem zu eigen Aber eine
Unfreiheit wie sie das Griechenkind auf der schwäbischen Herzogsburg zu tragen
hatte war nicht drückend
    Praxedis war ein blasses feingezeichnetes Köpfchen aus dem zwei große
dunkle Augen unsäglich wehmütig und lustig zugleich in die Welt vorschauten Das
Haar trug sie in Flechten um die Stirn geschlungen sie war schön
    »Praxedis wo ist der Star« sprach Frau Hadwig
    »Ich werd ihn bringen« sagte die Griechin Und sie ging und brachte den
schwarzen Gesellen der saß so breit und frech in seinem Käfig als wenn sein
Dasein im Weltganzen eine klaffende Lücke auszufüllen hätte Der Star hatte bei
Hadwigs Hochzeit sein Glück gemacht7 Ein alter Fiedelmann und Gaukler hatte ihm
unter langwieriger Mühsal einen lateinischen Hochzeitsgruss eingetrichtert das
gab einen großen Jubel wie beim Festschmaus der Käfig auf den Tisch gestellt
ward und der Vogel seinen Spruch sprach »Es ist ein neuer Stern am
Schwabenhimmel aufgegangen der Stern heißt Hadwig Heil ihm« und so weiter
    Der Star war aber tiefer gebildet Er konnte außer dem gereimten Klingklang
auch das Vaterunser hersagen Der Star war auch hartnäckig und konnte seine
Grillen haben so gut wie eine Herzogin in Schwaben
    Heute musste dieser eine Erinnerung an alte Zeit durch den Sinn geflogen
sein der Star sollte den Hochzeitsspruch sagen Der Star aber hatte seinen
frommen Tag Und wie ihn Praxedis ins Gemach trug rief er feierlich »Amen«
und wie Frau Hadwig ihm ein Stück Honigkuchen in den Käfig reichte und
schmeichelnd fragte »Wie wars mit dem Stern am schwäbischen Himmel Freund
Star« da sprach er langsam »Führe uns nicht in Versuchung« Wie sie aber zur
Ergänzung seines Gedächtnisses ihm zuflüsterte »Der Stern heißt Hadwig Heil
ihm«  da fuhr der Star in seiner Melodie fort und intonierte würdig »Erlöse
uns von dem Übel«
    »Fürwahr das fehlt noch dass auch die Vögel heutigentages unverschämt
werden« rief Frau Hadwig »Burgkatze wo steckst du« und sie lockte die
schwarze Katze herbei der war der Star schon lange ein Dorn im Auge mit
funkelnden Augen kam sie geschlichen
    Frau Hadwig erschloss den Käfig und überantwortete ihr den Vogel der Star
aber dem schon die scharfen Krallen das Gefieder zausten und etliche
Schwungfedern geknickt hatten ersah noch ein Gelegenheitlein und entwischte
durch einen Spalt am Fenster
    Bald war er verschwunden ein schwarzer Punkt im Nebel
    »Eigentlich« sprach Frau Hadwig »hätt ich ihn auch im Käfig behalten
können Praxedis was meinst du«
    »Meine Herrin hat bei allem recht was sie tut« erwiderte diese
    »Praxedis« fuhr Frau Hadwig fort »hol mir meinen Schmuck Mich gelustet
eine goldene Armspange anzulegen«
    Da ging Praxedis die immerwillige und brachte der Herzogin
Schmuckkästchen Das war von getriebenem Silber mit starken unfertigen Strichen
waren etliche Gestalten darin angebracht in erhabener Arbeit der Heiland als
guter Hirt und Petrus mit dem Schlüssel und Paulus mit dem Schwert samt
allerhand Blattwerk und reich verschlungener Zierart als wenn es früher zur
Aufbewahrung von Reliquien gedient hätte Es war durch Herrn Burkhard
eingebracht worden doch sprach er nie gern davon denn er kam zu selber Zeit
von einer Fehde heimgeritten darin er einen burgundischen Bischof schwer
überrannt und niedergeworfen hatte
    Wie die Herzogin das Kästchen aufschlug gleissten und glänzten die
Kleinodien mannigfalt auf dem roten Sammtfutter Bei solchen Denkzeichen der
Erinnerung kommen allerhand alte Geschichten herangeschwirrt Auch das Bildnis
des griechischen Prinzen Konstantin lag dort zierlich geleckt und sonder Geist
vom Byzantiner Meister auf Goldgrund gemalt
    »Praxedis« sprach Frau Hadwig »wie wärs geworden wenn ich deinem
spitznasigen gelbwangigen Prinzen die Hand gereicht hätte«
    »Meine Herrin« war Praxedis Antwort »es wäre sicher gut geworden«
    »Ei« fuhr Frau Hadwig fort »erzähl mir etwas von deiner langweiligen
Heimat ich möchte mir gern vorstellen was ich für einen Einzug in
Konstantinopolis gehalten hätte«
    »O Fürstin« sprach Praxedis »meine Heimat ist schön«  wehmütig ließ sie
ihr dunkles Aug in die neblige Ferne gleiten  »und solch trüber Himmel
wenigstens wär Euch am Ufer des Marmormeers für immer erspart Auch Ihr hättet
den Schrei des Staunens nicht unterdrückt wenn wir auf stolzer Galeere
dahingefahren wären an den sieben Türmen vorbei da heben sich zuerst die
dunklen Massen Paläste Kuppeln Gotteshäuser alles im blendend weißen Marmor
aus den Brüchen der Insel Prokonnesos groß und stolz steigt die Lilie des
Meeres aus dem blauen Grunde auf dort ein dunkler Wald von Zypressen hier die
riesige Wölbung der hagia Sophia auf und ab das weite Vorgebirg des Goldenen
Horns gegenüber am asiatischen Gestade grüßt eine zweite Stadt und als
blaugoldener Gürtel schlingt sich das schiffbelastete Meer um den Zauber  o
Herrin auch im Traum vermag ich hier im schwäbischen Land den Glanz jenes
Anblicks nicht wieder zu schauen
    Und dann wenn die Sonne niedergestiegen und über flimmernden Meereswellen
die schnelle Nacht aufgeht der Königsbraut zu Ehren alles im blaufahlen Glanz
griechischen Feuers  jetzt fahren wir in Hafen ein die große Kette die ihn
sonst absperrt löst sich dem Brautschiff Fackeln sprühen am Ufer dort steht
des Kaisers Leibwache die Waräger mit ihren zweischneidigen Streitäxten und
die blauäugigen Normänner dort der Patriarch mit zahllosen Priestern überall
Musik und Jubelruf und der Königssohn im Schmucke der Jugend empfängt die
Verlobte nach dem Palaste von Blacharnae wallt der Festzug «
    »Und all diese Herrlichkeit habe ich versäumt« spottete Frau Hadwig
»Praxedis dein Bild ist nicht vollständig Und schon des andern Tags kommt der
Patriarch und erteilt der abendländischen Christin einen scharfen
Glaubensunterricht was von all den Ketzereien zu halten die auf eurem
verstandesdürren Erdreich aufspriessen wie Stechapfel und Bilsenkraut  und was
von den Bildern der Mönche und dem Konzilschluss zu Chalcedon und Nicaea dann
kommt die Grosshofmeisterin und lehrt die Gesetze der Sitte und Bewegung so die
Stirn gefaltet und so die Schleppe getragen diesen Fussfall vor dem Kaiser und
jene Umarmung der Frau Schwiegermutter und diese Höflichkeit gegen jenen
Günstling und jene gigantische Redensart gegen dieses Untier Eure Gravität
Eure Eminenz Eure erhabene und wunderbare Größe  was am Menschen Lebenslust
und Kraft heißt wird abgetötet und der Herr Gemahl gibt sich auch als
gefirnisstes Püppchen zu erkennen eines Tages steht der Feind vor den Toren oder
der Tronfolger ist den Blauen und Grünen des Zirkus nicht genehm der Aufstand
tobt durch die Straßen und die deutsche Herzogstochter wird geblendet ins
Kloster gesteckt  Was frommts ihr dann dass ihre Kinder schon in der Wiege
mit dem Titel Alleredelster begrüßt wurden Praxedis ich weiß warum ich nicht
nach Konstantinopolis ging«
    »Der Kaiser ist der Herr der Welt« sprach die Griechin »was der Wille
seiner Ewigkeit ordnet ist wohlgetan so hat man mich gelehrt«
    »Hast du auch schon darüber nachgedacht dass es dem Menschen ein kostbar Gut
ist sein eigener Herr zu sein«
    »Nein« sprach Praxedis
    Das angeregte Gespräch behagte der Herzogin
    »Was hat denn« fuhr sie fort »euer Byzantiner Maler für einen Bescheid
heimgebracht da er mein Konterfei fertigen sollte«
    Die Griechin schien die Frage überhört zu haben Sie hatte sich erhoben und
stand am Fenster
    »Praxedis« sprach Frau Hadwig scharf »antworte«
    Da lächelte die Gefragte mild und sagte »Das ist schon eine lange Zeit her
aber Herr Michael Tallelaios hat wenig Gutes von Euch gesprochen Die schönsten
Farben habe er bereitgehalten so erzählt er uns und die feinsten
Goldblättchen Ihr seiet ein reizend Kind gewesen wie man Euch zum Gemaltwerden
vor ihn führte und es hab ihn feierlich angemutet als sollt er seine ganze
Kunst zusammennehmen wie damals als er die Mutter Gottes fürs Atoskloster
malte Aber die Prinzessin Hadwig hätten geruht die Augen zu verdrehen und wie
er eine bescheidene Einwendung erhoben hätten Eure Gnaden die Zunge gewiesen
und beide Hände mit gestreckten Fingern an die Nase gehalten und in anmutig
gebrochenem Griechisch gesagt das sei die rechte Stellung
    Der Herr Hofmaler nahm Veranlassung vieles über den Mangel an Bildung in
deutschen Landen dran zu knüpfen und hat einen hohen Schwur getan dass er
zeitlebens dort kein Fräulein mehr malen wolle Und der Kaiser Basilius hat auf
den Bericht hin grimmig in seinen Bart gebrummt 8«
    »Lass Seine Majestät brummen« sprach die Herzogin »Und flehe zum Himmel
dass er jeder andern die Geduld verleihen möge die mir damals ausging Ich habe
noch nicht Gelegenheit gehabt einen Affen zu sehen aber allem zufolge was
glaubwürdige Männer erzählen reicht Herrn Michaels Ahnentafel zu jenen
Mitgliedern der Schöpfung hinauf«
    Sie hatte inzwischen die Armspange angelegt es waren zwei ineinander
verstrickte Schlangen die sich küssen jede trug ein Krönlein auf dem Haupt9
Da ihr unter dem vielen Geschmucke jetzt ein schwerer silberner Pfeil unter die
Hände geraten war so musste auch er seinen Aufenthalt im Gefängnis des Schreins
mit anderem Platze vertauschen Er ward in die Maschen des goldfadigen
Haarnetzes gezogen
    Als wollte sie des Schmuckes Wirkung prüfen ging Frau Hadwig mit großen
Schritten durchs Gemach Ihr Gang war herausfordernd Aber der Saal war leer
selbst die Burgkatze war von dannen geschlichen Spiegel waren keine an den
Wänden Der Zustand wohnlicher Einrichtung überhaupt ließ damals manches zu
wünschen übrig
    Praxedis Gedanken waren noch bei der vorigen Geschichte »Gnädige
Gebieterin« sprach sie »er hat mich doch gedauert«
    »Wer«
    »Des Kaisers Sohn Ihr seid ihm im Traum erschienen« sagt er »und all
sein Glück hab er von Euch erhofft Er hat auch geweint «
    »Lass die Toten ruhen« sprach Frau Hadwig ärgerlich »Nimm lieber die Laute
und sing mir das griechische Liedlein«
»Konstantin du armer Knabe
Konstantin und lass das Weinen«
    »Sie ist zersprungen« war die Antwort »und alle Saiten zugrund gerichtet
seit die Frau Herzogin geruhten sie «
    »Sie dem Grafen Boso von Burgund an Kopf zu  werfen« ergänzte Hadwig »Dem
ist nicht zu viel geschehen s war gar nicht notwendig dass er uneingeladen zur
Leichenfeier Herrn Burkhards kam und mir Trost zusprechen wollte als wär er
ein Heiliger Lass die Laute flicken«
    »Sag mir indes du griechische Goldblume warum hab ich heut den
festlichen Schmuck angelegt«
    »Gott ist allwissend« sprach die Griechin »ich weiß es nicht« Sie
schwieg Frau Hadwig schwieg auch Da trat eine jener schwülen inhaltsvollen
Pausen ein wie sie der Selbsterkenntnis vorangehen Endlich sprach die
Herzogin »Ich weiß es auch nicht«
    Sie schlug missmutig die Augen nieder »Ich glaube es geschah aus langer
Weile Der Gipfel unseres Hohentwiel ist aber auch ein gar zu betrübtes Nest 
zumal für eine Witib Praxedis weißt du ein Mittel gegen die lange Weile«
    »Ich habe einmal von einem weisen Prediger gehört« sprach Praxedis »es
gäb mannigfalte Mittel dawider Schlafen Trinken Reisen  das beste sei
Fasten und Beten«
    Da stützte Frau Hadwig ihr Haupt auf die lilienweisse Hand sah die
dienstbereite Griechin scharf an und sprach »Morgen reisen wir«
 
                                    Fußnoten
A1 Gustav Schwab
A2 Verschliessbares Gemach Kabinett Die jetzt gewöhnliche Bedeutung ist ganz
jung
 
                                Zweites Kapitel
                        Die Jünger des heiligen Gallus
Des andern Tages fuhr die Herzogin samt Praxedis und großer Gefolgschaft im
lichten Schein des Frühmorgens über den Bodensee Der See war prächtig blau die
Wimpel flaggten lustig und war viel Kurzweil auf dem Schiff Wer sollt auch
traurig sein wenn er über die kristallklare Wasserfläche dahinschwebt die
baumumsäumten Gestade mit Mauern und Türmen ziehen im bunten Wechsel an ihm
vorbei fern dämmern die schneeigen Firnen und der Widerschein des weißen Segels
verzittert im Spiele der Wellen
    Keines wusste wo das Ziel der Fahrt Sie warens aber so gewohnt
    Wie sie an der Bucht von Rorschach10 anfuhren hieß die Herzogin einlenken
Zum Ufer steuerte das Schiff übers schwanke Brett stieg sie ans Land Und der
Wasserzoller kam herbei der dort den Welschlandfahrern das Durchgangsgeld
abnahm und der Weibel des Marktes und wer immer am jungen Hafenplatz sesshaft
war sie riefen der Landesherrin ein raues »Heil Herro Heil Liebo11« zu und
schwangen mächtige Tannenzweige Grüssend schritt sie durch die Reihen und gebot
ihrem Kämmerer etliche Silbermünzen auszuwerfen aber es galt kein langes
Verweilen Schon standen die Rosse bereit die waren zur Nachtzeit insgeheim
vorausgeschickt worden wie alle im Sattel saßen sprach Frau Hadwig »Zum
heiligen Gallus« Da schauten sich die Dienstleute verwundert an Was soll uns
die Wallfahrt Zum Antworten wars nicht Zeit schon gings im Trab das hügelige
Stück Landes hinauf dem Gotteshause entgegen
    Sankt Benedikt und seine Schüler haben die bauliche Anlage ihrer Klöster
wohl verstanden Land ab Land auf so irgendwo eine Ansiedelung steht die
gleich einer Festung einen ganzen Strich beherrscht als Schlüssel zu einem Tal
als Mittelpunkt sich kreuzender Heerstrassen als Hort des feinsten Weinwuchses
so mag der Vorüberwandernde bis auf weitere Widerlegung die Vermutung
aussprechen dass sotanes Gotteshaus dem Orden Benedicti zugehöre oder vielmehr
zugehört habe denn heutigentages sind die Klöster seltener und die Wirtshäuser
häufiger was mit steigender Bildung zusammenhängt
    Auch der irische Gallus hatte einen löblichen Platz erwählt da er nach
Waldluft gierig12 in helvetischer Einöde sich festsetzte ein hochgelegenes
Tal durch dunkle Bergrücken von den milderen Gestaden des Sees gesondert
steinige Waldbäche brausen vorüber und die riesigen Wände des Alpsteins dessen
Spitzen mit ewigem Schnee umhüllt im Gewölke verschwinden erheben sich als
schirmende Mauer zur Seite
    Es war ein sonderbarer Zug der jene Glaubensboten von Albion und Erin aufs
germanische Festland führte Genau besehen ists ihnen kaum zu allzu hohem
Verdienst anzurechnen »Die Gewohnheit in die Fremde zu ziehen ist den Briten
so in die Natur gewachsen dass sie nicht anders können13« schrieb schon in Karl
des Großen Tagen ein unbefangener schwäbischer Mann Sie kamen als Vorfahren der
heutigen Touristen man kannte sie schon von weitem am fremdartig
zugeschnittenen Felleisen14 Und ein mancher blieb haften und ging nimmer heim
wiewohl die ehrsamen Landesbewohner ihn für sehr unnötig halten mochten Aber
die größere Zähigkeit das Erbteil des britischen Wesens lebensgewandte Kunst
sich einzurichten und beim Volk die mystische Ehrfurcht vor dem Fremden gab
ihren Strebungen im Dienst der Kirche Bestand
    Andere Zeiten andere Lieder Heute bauen die Enkel jener Heiligen den
Schweizern für gutes eidgenössisches Geld die Eisenbahn15
    Aus der schmucklosen Zelle an der Steinach wo der irische Einsiedel seine
Abenteuer mit Dornen Bären und gespenstigen Wasserweibern bestand war ein
umfangreich Kloster emporgewachsen Stattlich ragte der achteckige Turm der
Kirche aus schindelgedeckten Dächern der Wohngebäude Schulhäuser und
Kornspeicher Kellerei und Scheunen waren daran gebaut auch ein klappernd
Mühlrad ließ sich hören denn aller Bedarf zum Lebensunterhalt muss in des
Klosters nächster Nähe bereitet werden auf dass es den Mönchen nicht notwendig
falle in die Ferne zu schweifen was ihrem Seelenheil undiensam Eine feste
Ringmauer mit Turm und Tor umschloss das Ganze minder des Zierats als der
Sicherheit halber maßen mancher Gewaltige im Land das Gebot »Lass dich nicht
gelüsten deines Nachbars Gut« dazumal nicht allzustrenge einhielt
    Es war Mittagszeit vorüber schweigende Ruhe lag über dem Tal Des heiligen
Benedikt Regel ordnet für diese Stunde dass ein jeder sich still auf seinem
Lager halte und wiewohl von der gliederlösenden Glut italischer Mittagssonne
die Menschen und Tier in des Schlummers Arme treibt diesseits der Alpen wenig
zu verspüren folgten sie im Kloster doch pflichtgemäss dem Gebot16
    Nur der Wächter auf dem Torturm stand wie immer treulich und aufrecht im
mückendurchsummten Stüblein
    Der Wächter hieß Romeias und hielt gute Wacht Da hörte er durch den nahen
Tannwald ein Rossgetrabe er spitzte sein Ohr nach der Richtung »Acht oder zehn
Berittene« sprach er nach prüfendem Lauschen er ließ das Fallgatter vom Tor
herniederrasseln zog das Brücklein was über den Wassergraben führte auf und
langte sein Horn vom Nagel Und weil sich einiges Spinnweb drin festgesetzt
hatte reinigte er dasselbe
    Jetzt kamen die vordersten des Zuges am Waldsaum zum Vorschein Da fuhr
Romeias mit der Rechten über die Stirn und tat einen sonderbarlichen Blick
hinunter Das Endergebnis seines Blickes war ein Wort »Weibervölker«  er
sprachs halb fragend halb als Ausruf und lag weder Freudigkeit noch
Auferbauung in seinem Worte Er griff sein Horn und blies dreimal hinein Es war
ein ungefüger stiermässiger Ton den er hervorlockte und war dem Hornblasen
deutlich zu entnehmen dass weder Musen noch Grazien die Wiege des Romeias zu
Villingen im Schwarzwald umstanden hatten
    Wenn einer im Wald sich umgeschaut hat so hat er sicher schon das Getrieb
eines Ameisenhaufens angesehen Da ist alles wohlgeordnet und geht seinen
gemeinsamen Gang und freut sich der Ruhe in der Bewegung jetzt fährst du mit
deinem Stab darein und scheuchest die vordersten da bricht Verwirrung aus
Rennen und wimmelnder Zusammenlauf  alles hat der eine Stoß verstört Also und
nicht anders fuhr der Stoß aus Romeias Horn aufjagend ins stille Kloster
    Da füllten sich die Fenster am Saal der Klosterschulen mit neugierigen
jungen Gesichtern manch lieblicher Traum in einsamer Zelle entschwebte ohne
seinen Schluss zu finden manch tiefsinnige Meditation halbwachender Denker
desgleichen der böse Sindolt der in dieser Stunde auf seinem SchragenA1 des
Ovidius verboten Büchlein »Von der Kunst zu lieben« zu ergründen pflegte
rollte eiligst die pergamentnen Blätter zusammen und barg sie im schützenden
Versteck seines Strohsacks
    Der Abt Cralo sprang aus seinem Lehnstuhl und reckte seine Arme der Decke
seines Gemachs entgegen ein schlaftrunkener Mann auf schwerem Steintisch stund
ein prachtvoll silbern Wasserbecken17 darein tauchte er den Zeigefinger und
netzte die Augen des Schlummers Rest zu vertreiben Dann hinkte er zum offenen
Söller seines Erkers und schaute hinab
    Und er ward betrüblich überrascht als wär ihm eine Walnuss aufs Haupt
gefallen »Heiliger Benedikt sei mir gnädig meine Base die Herzogin«
    Sofort schürzte er seine Kutte strich den schmalen Buschel Haare zurecht
der ihm inmitten des kahlen Scheitels noch stattlich emporwuchs gleich einer
Fichte im öden Sandfeld18 hing das güldene Kettlein mit dem Klostersigill um
nahm seinen Abtsstab von Apfelbaumholz dran der reichverzierte Elfenbeingriff
erglänzte und stieg in den Hof hernieder
    »Wirds bald« rief einer der Berittenen draußen Da gebot er dem Wächter
dass er die Angekommenen nach ihrem Begehr frage Romeias tats
    Jetzt ward draußen ins Horn gestoßen der Kämmerer Spazzo ritt als Herold
ans Tor und rief mit tiefer Stimme
    »Die Herzogin und Verweserin des Reichs in Schwabenland entbeut dem heiligen
Gallus ihren Gruß Schaffet Einlass«
    Der Abt seufzte leise auf Er stieg auf Romeias Warte an seinen Stab
gelehnt gab er denen vor dem Tor den Segen und sprach
    »Im Namen des heiligen Gallus dankt der unwürdigste seiner Jünger für den
erlauchten Gruß Aber sein Kloster ist keine Arche drin jegliche Gattung von
Lebendigem Reines und Unreines Männlein und Weiblein Eingang findet Darum 
ob auch das Herz von Betrübnis erfüllt wird  ist Einlassschaffen ein unmöglich
Ding Der Abt muss am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen über die seiner Hut
vertrauten Seelen Die Nähe einer Frau und wär sie auch die erlauchteste im
Lande und der hinfällige Scherz der Kinder dieser Welt wär allzu große
Versuchung für die so zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit
trachten müssen Beschweret das Gewissen des Hirten nicht der um seine Lämmer
Sorge trägt Kanonische Satzung sperrt das Tor
    Die gnädige Herzogin wird in Trogen oder Rorschach des Klosters Villa zu
ihrer Verfügung finden «
    Frau Hadwig saß schon lange ungeduldig im Sattel jetzt schlug sie mit der
Reitgerte ihren weißen Zelter dass er sich mäßig bäumte und rief lachenden
Mundes
    »Spart die Umschweife Vetter Cralo ich will das Kloster sehen«
    Wehmütig hub der Abt an »Wehe dem durch welchen Ärgernis in die Welt
kommt Ihm wäre heilsamer dass an seinem Hals ein Mühlstein «
    Aber seine Warnung kam nicht zu Ende Frau Hadwig änderte den Ton ihrer
Stimme »Herr Abt die Herzogin in Schwaben muss das Kloster sehen« sprach sie
scharf
    Da ward es dem Schwergeprüften klar dass weiterer Widerspruch kaum möglich
ohne große Gefahr für des Gotteshauses Zukunft Noch sträubte sich sein
Gewissen Wenn einer in zweifelhafter Lage aus sich selber keine Auskunft zu
schöpfen weiß ists dem schwanken Gemüt wohltätig andere zu gutem Rat
beizuziehen das nimmt die Verantwortung und deckt den Rücken
    Darum rief Herr Cralo jetzt hinunter »Da Ihr hartnäckig darauf besteht muss
ichs der Ratsversammlung der Brüder vortragen Bis dahin geduldet Euch«
    Er schritt zurück über den Hof im Herzen den stillen Wunsch dass eine
Sündflut vom Himmel die Heerstraße zerstören möge die so leichtlich unberufenen
Besuch herbeiführe Sein hinkender Gang war eilig und aufgeregt und es ist
nicht zu verwundern dass berichtet wird er sei in selber Zeit in dem
Klostergang auf und abgeflattert wie ein Schwälblein vor dem Gewitter19
    Fünfmal erklang jetzt das Glöcklein von des heiligen Otmar Kapelle neben
der Hauptkirche und rief die Brüder zum Kapitelsaal Und der einsame Kreuzgang
belebte sich mit einherwandelnden Gestalten gegenüber vom sechseckigen Ausbau
wo unter säulengetragenen Rundbogen der Springquell anmutig in die metallene
Schale niederplätscherte war der Ort der Versammlung eine einfache graue
Halle auf erhöhtem Ziegelsteinboden hob sich des Abtes Marmorstuhl dran zwei
rohe Löwenköpfe ausgehauen Stufen führten hinauf Vergnüglich streifte das Auge
von dort an den dunkeln Pfeilern und Säulen vorüber ins Grün des Gärtleins im
innern Hofe Rosen und Malven blühten drin empor die Natur sucht gütig auch die
heim die sich ihr abgekehrt
    In scharfem Gegensatz der Farbe hoben sich die weißen Kutten und
dunkelfarbigen Oberkleider vom Steingrau der Wände lautlos traten die Berufenen
ein flüchtig Nicken des Hauptes war der gegenseitige Gruß wärmender
Sonnenstrahl fiel durchs schmale Fenster auf ihre Reihen
    Es waren erprobte Männer ein heiliger und Gott wohlgefälliger Senat20
    Der mit dem schmächtigen Körper und dem scharfen von Fasten und Nachtwachen
geblassten Antlitz war Notker der Stammler ein wehmütig Zucken spielte um seine
Lippen lange Übung der Askesis hatte seinen Geist der Gegenwart entrückt
Früher hatte er gar schöne Singweisen erdacht jetzt war er verdüstert und ging
in der Stille der Nacht den Dämonen nach mit ihnen zu kämpfen in der Krypta
des heiligen Gallus hatte er jüngst den Teufel erreicht und so
darniedergeschlagen dass er mit lautem Auwehschrei in einen Winkel sich barg
und seine Neider sagten auch sein schwermütiges Lied »Media vitaA2« sei
unheimlichen Ursprungs und vom bösen Feind geoffenbart als Lösegeld da er ihn
in seiner Zelle siegreich zusammengetreten unter starkem Fuße festhielt
    Aber neben ihm lächelte ein gutmütig ehrenfest Gesicht aus eisgrauem Bart
herfür der starke Tutilo wars der saß am liebsten vor der Schnitzbank und
schnitzte die wunderfeinen Bildwerke in Elfenbein noch gibt das Diptychon mit
Marias Himmelfahrt und dem Bären des heiligen Gallus Zeugnis von seiner Kunst
Aber wenn ihm der Rücken sich krümmen wollte von der Arbeit Last zog er singend
hinab auf die Wolfsjagd oder suchte einen ehrlichen Faustkampf zur Erholung er
focht lieber mit bösen Menschen als mit nächtlichem Spuk und sagte oft im
Vertrauen zu seinem Freund Notker »Wer so manchem in Christenheit und
Heidenschaft ein blaues Denkzeichen verabreicht wie ich kann der Dämonomachia
A3 entbehren«
    Auch Ratpert kam herzu der lang erprobte Lehrer der Schule der immer
unwillig auffuhr wenn ihn das Kapitelglöcklein von seinen Geschichtsbüchern
abrief In vornehmer Haltung trug er das Haupt er und die beiden andern waren
ein Herz und eine Seele ein dreiblättriger Klosterklee so verschieden auch ihr
Wesen21 Weil er unter den letzten in den Saal trat kam Ratpert neben seinen
Widersacher zu stehen den bösen Sindolt der tat als sähe er ihn nicht und
flüsterte seinem Nachbar etwas zu der war ein klein Männlein mit einem Gesicht
wie eine Spitzmaus und kniff den Mund zusammen denn Sindolt hatte ihm soeben
zugeraunt im großen Wörterbuch des Bischofs Salomo22 sei zu der Glosse
»Rabulista bedeutet einen der über jeglich Ding der Welt disputieren will« von
unbekannter Hand zugeschrieben worden »Wie Radolt unser Denkmann«
    Aus dem Dunkel im Saalesgrund ragte Sintram hervor der unermüdliche
Schönschreiber dessen Schriftzüge die ganze zisalpinische Welt bewunderte23
die größten von Sankt Gallus Jüngern an Maß des Körpers waren die Schotten die
am Eingang ihren Stand nahmen Fortegian und Failan Dubslan und Brendan und wie
sie alle hießen eine untrennbare Landsmannschaft aber missvergnügt über
Zurücksetzung auch der rotbärtige Dubduin stand dabei der trotz der schweren
eisernen Busskette nicht zum Propst gewählt ward und zur Strafe für seine
beissenden Schmähverse auf die deutschen Mitbrüder drei Jahre lang den dürren
Pfirsichbaum im Klostergarten begiessen musste
    Und Notker der Arzt stund unter den Versammelten der erst jüngst des Abts
hinkendem Fuß die große Heilkur verordnet hatte mit Einreibung von Fischgehirn
und Umschlag einer frisch abgezogenen Wolfshaut auf dass die Wärme des Pelzes
die gekrümmten Sehnen gerad biege24 sie hießen ihn das Pfefferkorn ob seiner
Strenge in Handhabung der Klosterzucht  und Wolo der keine Frau ansehen
konnte und keine reifen Äpfel25 und Engelbert der Einrichter des Tiergartens
und Gerhard der Prediger und Folkard der Maler Wer kennt sie alle die
löblichen Meister bei deren Aufzählung schon das nächstfolgende
Klostergeschlecht wehmütig bekannte dass solche Männer von Tag zu Tag seltener
würden
    Jetzt bestieg der Abt seinen ragenden Steinsitz und sie ratschlagten was
zu tun Der Fall war schwierig Ratpert trat auf und wies aus den Aufzeichnungen
vergangener Zeit nach auf welche Art einst dem großen Kaiser Karl ermöglicht
worden in des Klosters Inneres zu kommen26 »Damals« sprach er »ward
angenommen er sei ein Ordensbruder solang er in unsern Räumen weile und alle
taten als ob sie ihn nicht kenneten kein Wort ward gesprochen von kaiserlicher
Würde und Kriegstaten oder demütiger Huldigung er musste einherwandeln wie ein
anderer auch und dass er des nicht beleidigt war ist der Schutzbrief den er
beim Abzug über die Mauern hineinwarf Zeuge«
    Aber damit war das große Bedenken dass jetzt eine Frau Einlass begehrte
nicht gelöst Die strengeren Brüder murrten und Notker das Pfefferkorn
sprach »Sie ist die Witib jenes Landverwüsters und Klosterschädigers der den
kostbaren Kelch bei uns als Kriegssteuer erhob27 und höhnend dazu sagte Gott
isst nicht und trinkt nicht was nützen ihm die güldenen Gefäße Lasst ihr das Tor
geschlossen«
    Das war jedoch dem Abt nicht recht Er suchte einen Ausweg Die Beratung
ward stürmisch sie sprachen hin und her Der Bruder Wolo da er hörte dass von
einer Frau die Rede schlich leis von dannen und schloss sich in seine Zelle
    Da hob sich unter den jüngeren einer und erbat das Wort
    »Sprechet Bruder Ekkehard28« rief der Abt
    Und das wogende Gemurmel verstummte alle hörten den Ekkehard gern Er war
jung an Jahren von schöner Gestalt und fesselte jeden der ihn schaute durch
sittige Anmut dabei weise und beredt von klugverständigem Rat und ein scharfer
Gelehrter An der Klosterschule lehrte er den Virgilius und wiewohl in der
Ordensregel geschrieben stund zum Pörtner soll ein weiser Greis erwählt werden
dem gesetztes Alter das Irrlichtelieren unmöglich macht damit die Ankommenden
mit gutem Bescheid empfangen seien so waren die Brüder eins dass er die
erforderlichen Eigenschaften besitze und hatten ihm auch das Pörtneramt
übertragen
    Ein kaum sichtbares Lächeln war über seinen Lippen gelegen dieweil die
Alten sich stritten Jetzt erhob er seine Stimme und sprach
    »Die Herzogin in Schwaben ist des Klosters Schirmvogt und gilt in solcher
Eigenschaft als wie ein Mann Und wenn in unserer Satzung streng geboten ist
dass kein Weib den Fuß über des Klosters Schwelle setze man kann sie ja darüber
tragen«
    Da heiterten sich die Stirnen der Alten als wäre jedem ein Stein vom Herzen
gefallen beifällig nickten die Kapuzen auch der Abt war des verständigen
Wortes nicht unbewegt und sprach
    »Fürwahr oftmals offenbart der Herr einem Jüngeren das Dienlichste29
Bruder Ekkehard Ihr seid sanft wie die Taube aber klug wie die Schlange so
sollt Ihr des eigenen Rats Vollstrecker sein Wir geben Euch Dispens«
    Dem Pörtner schoss das Blut in die Wangen er verbeugte sich seinen Gehorsam
anzudeuten
    »Und der Herzogin weibliche Begleitung« frug der Abt weiter Da wurde der
Konvent eins dass für diese auch die freimütigste Gesetzesauslegung keine
Möglichkeit des Eintritts eröffne Der böse Sindolt aber sprach »Die mögen
indessen zu den Klausnerinnen auf den Irenhügel gehen wenn des heiligen Gallus
Herde von einer Landplage heimgesucht wird soll die fromme Wiborad auch ein
Teil daran leiden«
    Der Abt pflog noch eine lange flüsternde Verhandlung mit Gerold dem
Schaffner wegen des Vesperimbisses dann stieg er von seinem Steinsitz und zog
mit der Brüder Schar den Gästen entgegen Die waren draußen schon dreimal um des
Klosters Umfriedung herumgeritten und hatten sich mit Glimpf und Scherz des
Wartens Ungeduld vertrieben
    In der Tonweise »Justus germinavit« kamen jetzt die eintönigen schweren
Klänge des Lobliedes auf den heiligen Benedictus aus dem Klosterhof zu den
Wartenden gezogen das schwere Tor knarrte auf heraus schritt der Abt
paarweise langsamen Ganges der Zug der Brüder die beiden Reihen erwiderten sich
die Strophen des Hymnus
    Dann gab der Abt ein Zeichen dass der Gesang verstumme »Wie gehts Euch
Vetter Cralo« rief die Herzogin leichtfertig vom Ross »hab Euch lange nicht
gesehen Hinket Ihr noch«
    Cralo aber sprach ernst »Es ist besser der Hirt hinke als die Herde30
Vernehmet des Klosters Beschluss«
    Und er eröffnete die Bedingung die sie auf den Eintritt gesetzt Da sprach
Frau Hadwig lächelnd »Solang ich den Szepter führe in Schwabenland ist mir
ein solcher Vorschlag nicht gemacht worden Aber Eures Ordens Vorschrift soll
von uns kein Leides geschehen welchem der Brüder habt Ihrs zugewiesen die
Landesherrin über die Schwelle zu tragen«
    Sie ließ ihr funkelnd Auge über die geistliche Heerschar streifen Wie sie
auf Notker des Stammlers unheimlich Schwärmerantlitz traf flüsterte sie leise
der Griechin zu »Möglich dass wir gleich wieder umkehren«
    Da sprach der Abt »Das ist des Pörtners Amt dort steht er«
    Frau Hadwig wandte den Blick in der Richtung die des Abts Zeigefinger wies
gesenkten Hauptes stund Ekkehard sie erschaute die sinnige Gestalt im
rotwangigen Schimmer der Jugend es war ein langer Blick mit dem sie über die
gedankenbewegten Züge und das wallende gelbliche Haupthaar und die breite Tonsur
streifte
    »Wir kehren nicht um« nickte sie zu ihrer Begleiterin und bevor der
kurzhalsige Kämmerer der meistenteils den guten Willen und das Zuspätkommen
hatte vom Gaul herab und ihrem Schimmel genaht war sprang sie anmutig aus dem
Bügel trat auf den Pörtner zu und sprach »So tut was Eures Amtes«
    Ekkehard hatte sich auf eine Anrede besonnen und gedachte mit Anwendung
tadellosen Lateins die sonderbare Freiheit zu rechtfertigen aber wie sie stolz
und gebietend vor ihm stand versagte ihm die Stimme und die Rede blieb wo sie
entstanden  in seinen Gedanken Aber er war unverzagten Mutes und umfasste mit
starkem Arm die Herzogin die schmiegte sich vergnüglich an ihren Träger und
lehnte den rechten Arm auf seine Schulter Fröhlich schritt er unter seiner
Bürde über die Schwelle die kein Frauenfuss berühren durfte der Abt ihm zur
Seite Kämmerer und Dienstmannen folgten hoch schwangen die dienenden Knaben
ihre Weihrauchfässer und die Mönche wandelten in gedoppelter Reihe wie sie
gekommen hinterdrein die letzten Strophen ihres Loblieds singend
    Es war ein wundersam Bild wie es vor und nachmals in des Klosters
Geschichte nicht wieder vorkam und ließ sich von Freunden unnützer Worte an
den Mönch der die Herzogin trug erspriessliche Bemerkungen anknüpfen über das
Verhältnis der Kirche zum Staat in damaligen Zeiten und dessen Änderung in der
Gegenwart 
    Die Naturverständigen sagen dass durch Annäherung lebender Körper unsichtbar
wirkende Kräfte tätig werden ausströmen ineinander übergehen und seltsamliche
Beziehungen herstellen Das mochte sich auch an der Herzogin und dem Pörtner
bewähren dieweil sie sich in seinen Armen wiegte gedachte sie leise »Fürwahr
noch keinem hat Sankt Benedikts Kapuze anmutiger gesessen als diesem31« und wie
er im kühlen Klostergang seine Bürde mit schüchternem Anstand absetzte fiel ihm
nichts auf als dass ihm die Strecke vom Tor bis hierher noch niemals so kurz
vorgekommen
    »Ich bin Euch wohl schwer gefallen« sprach die Herzogin sanft
    »Hohe Herrin Ihr mögt kecklich sagen wie da geschrieben steht mein Joch
ist sanft und meine Bürde ist leicht« war seine Erwiderung
    »Ich hätte nicht gedacht« sprach sie darauf »dass Ihr die Worte der Schrift
zu einer Schmeichelrede anwendet Wie heißt Ihr«
    Er antwortete »Sie nennen mich Ekkehard«
    »Ekkehard ich danke Euch« sagte die Herzogin mit anmutvoller Handbewegung
    Er trat zurück an ein Bogenfenster im Kreuzgang und schaute hinaus ins
Gärtlein Wars ein Zufall dass ihm jetzt der heilige Christophorus vor die
Gedanken trat
    Dem deuchte seine Bürde auch leicht da er anhub das fremde Kindlein auf
starker Schulter über den Strom zu tragen aber schwer und schwerer senkte sich
die Last auf seinen Nacken und presste ihn hinab in die brausende Flut tief
tief dass sein Mut sich neigen wollte zu verzweifeln 
    Der Abt hatte einen köstlichen Henkelkrug bringen lassen damit ging er
selber zum Springquell füllte ihn und trat vor die Herzogin »Der Abt soll den
Fremden das Wasser darbringen ihre Hand zu netzen« sprach er »und sich samt
der ganzen Brüderschaft zur Fusswaschung «
    »Wir danken« fiel ihm Frau Hadwig in die Rede Sie sprachs mit
entschiedenem Ton Indes hatten zwei der Brüder eine Truhe herabgeholt sie
stand geöffnet im Gang Drein griff jetzt der Abt zog eine funkelneue Kutte
herfür und sprach »So ernenne ich denn unseres Klosters erlauchten Schirmvogt
zum Mitglied und zugeschriebenen Bruder und schmück ihn dessen zum Zeugnis mit
des Ordens Gewandung32
    Frau Hadwig fügte sich Leicht bog sie das Knie da sie die Kutte aus seinen
Händen empfing sie warf das ungewohnte Kleidungsstück um es stand ihr gut
faltig wars und weit wie die Regel besagt Der Abt soll ein scharfes Auge
haben dass die Gewänder nicht zu kurz seien für ihre Träger sondern
wohlgemessen
    Reizend sah das lichte Frauenantlitz aus der dunkeln Kapuze«
    »Für Euch gilt das Gleiche« rief nun der Abt zu der Herzogin Gefolge Da
hatte der böse Sindolt seine Freude dran Herrn Spazzo einzukleiden »Und wisst
Ihr auch« raunte er ihm ins Ohr »was die Kutte für Euch zu bedeuten hat  Dass
Ihr die Gelüste der Welt abschwöret und einen mäßigen armen und keuschen Wandel
gelobet für immerdar«
    Herr Spazzo war schon mit dem rechten Arm in das faltige Ordensgewand
gefahren schnell zog er ihn wieder zurück »Halt an« zürnte er »da muss ich
Einsprache tun« Sindolt schlug ein Gelächter auf da merkte der Kämmerer es
sei so ernst nicht gemeint und sprach »Bruder Ihr seid ein Schalk«
    Bald prangten auch die Gefolgsmänner im Schmuck des Ordenskleides manchem
der neuerschaffenen Mönche hing der lange Bart ordnungswidrig bis an den Gürtel
und das sittige Niederschlagen des Blicks gelang noch nicht ganz nach Vorschrift
33
    Der Abt geleitete seine Gäste zuerst zur Kirche
 
                                    Fußnoten
A1 Auf seinem Lager
A2 »Mitten im Leben« sind wir vom Tode umfangen Vgl Scheffels Anmerkung 188
wo der gesamte Text mitgeteilt ist
A3 Des Kampfes mit Dämonen
 
                                Drittes Kapitel
                               Wiborada Reclusa
Einer von denen die am wenigsten sich des unerwarteten Besuches ergötzten war
Romeias der Wächter am Tor Er wusste ungefähr was ihm bevorstand aber nicht
alles Während der Abt die Herzogin empfing kam Gerold der Schaffner zu ihm
und sprach »Romeias rüstet Euch auszuziehen Ihr sollt auf den nächsten
Meierhöfen ansagen dass sie noch heut vor Abend die schuldigen Hühner34 zur
Ausschmückung der Mahlzeit schicken und sollt einen guten Bissen Wildbret
beschaffen«
    Des war Romeias zufrieden Es fügte sich nicht zum ersten Male dass er das
Gastuhn zu heischen ging und die Meyer und Kellerer auf den Höfen duckten sich
des Romeias Worten denn er hatte eine kräftige Sprache zum Anbefehlen Des
Weidwerks aber freute er sich zu jeder Zeit Darum nahm Romeias seinen
Jagdspiess hing die Armbrust über und wollte gehen ein Rudel Hunde zu lösen
Gerold der Schaffner aber zupfte ihn am Gewand und sagte »Romeias noch
etwas Ihr sollt auch der Herzogin Frauenzimmer denen der Eintritt verwehrt
ist hinauf ins Schwarzatal führen und der frommen Wiborad vorstellen dass sie
bei ihr Kurzweil finden bis der Abend kommt Und sollt fein artig sein
Romeias es ist eine Griechin dabei mit gar dunkeln Augen «
    Da legten sich drei tiefe Falten über Romeias Stirn und er stieß den
Jagdspiess auf den Boden dass es klirrte »Weibervölker begleiten« rief er 
»dazu ist der Wächter am Tor des heiligen Gallus nicht nutz«
    Gerold aber nickte ihm bedeutungsvoll zu und sprach »Ihr müssts versuchen
Romeias Ists nicht schon zugetroffen dass Wächter die ihren Auftrag
getreulich erfüllten des Abends einen großen Steinkrug Klosterwein in ihrem
Stüblein vorfanden Hallo Romeias«
    Des Missmutigen Antlitz heiterte sich Und er ging hinab in den Hof und löste
die Hunde der Spürhund und der Leitund sprangen an ihm hinauf auch das
Biberhündlein kläffte vergnüglich und wollte mit ausziehen35 aber verächtlich
jagte ers heim der Fischteich und seine Insassen gingen den Weidmann nichts
an Von seinen Rüden umbellt schritt er vors Tor
    Praxedis und die anderen dienenden Frauen der Herzogin waren von den Pferden
gestiegen und saßen auf einem Rain im Sonnenschein und hatten viel miteinander
zu schwatzen von Mönchen und Kutten und Bärten und sonderbaren Launen ihrer
Herrschaft Da trat Romeias vor sie hin und sprach »Vorwärts«
    Praxedis musterte den wilden Jägersmann und war sich nicht klar was sie aus
ihm machen sollte mit schnippischer Stimme fragte sie »Wohin guter Freund«
Romeias aber hob seinen Spieß und deutete nach einem nahen Hügel hinter dem
Walde und sagte nichts Da sprach Praxedis »Sind die Worte bei Euch in Sankt
Gallen so teuer zu kaufen dass Ihr keinen andern Bescheid gebt«
    Die Dienerinnen lachten
    Da sprach Romeias ernst »Möcht euch doch allzusamt ein Donnerwetter sieben
Klafter tief in Erdboden hinein verschlagen«
    Praxedis erwiderte »Wir danken Euch guter Freund« Hiemit war die
schickliche Einleitung zu einem Gespräch gefunden Romeias eröffnete seinen
Auftrag die Frauen folgten ihm willig
    Und allmählich fand der Wächter dass es nicht der härteste Dienst sei
solche Gäste zu geleiten und wie die Griechin ihn des Näheren über Wächterei
und Jagdhantierung befragte ward seine Zunge gelöst und er erzählte von Bären
und Wildschweinen dass es eine Freude war und erzählte sogar sein großes
Jagdstück von dem furchtbaren Eber dem er einst den Speer in die Seite geworfen
und ihn doch nicht zu erlegen vermocht denn er hatte Füße einer Wagenlast an
Masse gleich und Borsten so hoch wie die Tannen des Forstes und Zähne zwölf
Ellen lang36  und ward zusehends artiger denn wie die Griechin einmal ihren
Schritt hemmte um einer Drossel Schlag zu belauschen hielt auch Romeias
geduldig an wiewohl ihm sonst ein Singvogel ein viel zu erbärmlich Stück Wild
war als dass er ihn großen Aufmerkens gewürdigt Und wie Praxedis sich nach
einem schönen Goldkäfer bückte der im rötlichen Moos herumkletterte wollte ihr
Romeias dienstwillig den Käfer mit schwerbesohltem Fuß zur Hand schieben und
dass er ihn bei solcher Gelegenheit zertrat war nicht seine Absicht
    Sie stiegen einen düstern Bergpfad hinauf über zerklüftete Nagelfluhfelsen
rann die Schwarza zu Tale An jenem Abhang war einst der heilige Gall in die
Dornen gefallen und hatte zum Begleiter der ihn aufrichten wollte gesprochen
»Lass mich liegen hier soll meine Ruhe sein und mein Haus für alle Zeit37«
    Sie waren nicht lang bergan geklommen da kamen sie an einen freien
tannwaldumsäumten Platz An schirmende Felswand angelehnt stand dort eine
schlichte Kapelle in Form eines Kreuzes Nah dabei war ein viereckig Häuslein
gemauert das mit der Rückseite auch an den Fels anstieß nur eine einzige
niedere Fensteröffnung mit einem Holzladen verschliessbar war dran zu schauen
nirgends eine Türe oder anderweiter Eingang und war nicht abzusehen wie ein
Mensch in solch Gebäu Einlass finden mochte wofern er nicht durch eine Lucke im
Dach von s der Felswand sich hinabliess Gegenüber stund ein gleiches Gelass
so ebenfalls nur ein einzig Fensterlein hatte
    Es war häufiger Brauch dazumal dass solche die Neigung zum Mönchsleben
verspürten und die sich wie der heilige Benedikt sagt38 stark genug fühlten
den Kampf mit dem Teufel ohne Beihilfe frommer Genossenschaft auf eigene Faust
zu bestehen sich in solch einen GadenA1 einmauern ließ Man hieß sie
Reclausi Eingeschlossene Klausner und war ihre Nutzbarkeit und Lebensabsicht
der der Säulenheiligen in Ägyptenland zu vergleichen scharfer Winterswind und
Schneefall macht freilich diesseits der Alpen die Absperrung in frischer Luft
unmöglich das Anachoretengelüst war nicht minder stark39
    In den vier engen Wänden hier auf dem Irenhügel hauste nun die Schwester
Wiborad40 eine vielgepriesene Klausnerin ihrer Zeit
    Sie stammte aus Klingnau im Aargau und war eine stolze spröde Jungfrau
gewesen in mancher Kunst bewandert und hatte von ihrem Bruder Hitto alle
Psalmen lateinisch beten gelernt und war ehedem nicht abgeneigt einem Mann sein
Leben zu versüßen wenn sie den rechten finden möchte aber die Blüte
aargauischer Landeskraft fand keine Gnade vor ihren Augen und sie tat eine
Wallfahrt gen Rom Und dort muss ihr unstet Gemüt durchschüttert worden sein
keiner der Zeitgenossen hat erfahren wie  drei Tage lang rannte ihr Bruder
Hitto das Forum auf und nieder und durch die Hallen des Kolosseum und unter
Konstantins Triumphbogen durch bis zum vierstirnigen Janus an der Tiber unten
und suchte seine Schwester und fand sie nicht am Morgen des vierten Tags kam
sie zum Salarischen Tor herein und trug ihr Haupt hoch und ihre Augen leuchtend
und sprach es sei alles nichts auf der Welt solang nicht dem heiligen
Martinus die Ehre erwiesen werde die seinem Verdienst gebühre
    Wie sie aber zurückkehrte in die Heimat verschrieb sie ihr Hab und Gut der
Bischofskirche zu Konstanz mit dem Bedingnis dass die geistlichen Herren jeweils
am eilften jedes Herbstmonates dem heiligen Martin ein besonder Fest halten
sollten sie selber trat in ein eng Häuslein wo die Klausnerin Zilia sich
sesshaft gemacht und führte ein klösterlich Leben Und wie es ihr dort nimmer
zuträglich war verzog sie sich ins Tal des heiligen Gallus der Bischof selbst
gab ihr das Geleit und tat ihr den schwarzen Schleier um und führte sie an der
Hand in die Zelle am Irenhügel und sprach den Segen darüber mit der Mauerkelle
tat er den ersten Schlag auf die Steine mit denen der Eingang vermauert ward
und drückte viermal sein Sigill auf das Blei damit sie die Fugen löteten und
schied sie von der Welt und die Mönche sangen dazu als würd einer begraben
dumpf und traurig
    Die Leute ringsum aber hielten die Klausnerin hoch in Ehren sie sei eine
hartgeschmiedete Meisterin41 sagten sie und an manchem Sonntag stund Haupt an
Haupt auf dem Wiesenplan und Wiborad stund an ihrem Fensterlein und predigte
ihnen und andere Frauen siedelten sich in die Nähe und suchten bei ihr
Anleitung zur Tugend
    »Wir sind an Ort und Stelle« sprach Romeias Da blickte Praxedis mit ihren
Begleiterinnen um Kein menschlich Wesen war zu erschauen verspätete
Schmetterlinge und Käfer summten im Sonnenschein und die Grille zirpte
flügelwetzend im Gras An Wiborads Zelle war der Fensterladen angelehnt so dass
nur ein schmaler Streif Sonnenlicht hineinfallen konnte Dumpfes langsam und
halb durch die Nase gesungenes Psalmodieren tönte durch die Einsamkeit
    Romeias klopfte mit seinem Jagdspiess an den Fensterladen der blieb wie er
war angelehnt das Psalmodieren tönte fort Da sprach der Wächter »Wir müssen
sie anderweitig herausklopfen«
    Romeias war ein Mann von ungeschliffener Lebensart sonst hätte er nicht
getan was er jetzt tat
    Er begann ein Lied zu singen womit er oftmals die Klosterschüler ergötzte
wenn sie in seine Turmstube entwischten ihn am Bart zu zupfen und mit dem
großen Wächterhorn zu spielen Es war eine jener Kantilenen wie deren seit dass
es eine deutsche Zunge gibt auf freier Heerstraße an Wegscheiden und Waldecken
und draus auf weiter Heide schon manches gute Tausend in Wind gesungen und
wieder verweht worden und lautete also
»Ich weiß einen Stamm im Eichenschlag
Der steht im grünesten Laube
Dort lockt und lacht den ganzen Tag
Eine schöne wilde Taube
Ich weiß einen Fels draus schillt und schallt
Nur Krächzen und Geheule
Dort haust fahlgrau und missgestalt
Eine heisre Schleiereule
Des Jägers Horn bringt süßen Klang
Des Jägers Pfeil Verderben
Die Taube grüß ich mit Gesang
Die Eul muss mir ersterben«
    Romeias Lied hatte ungefähr die Wirkung als wenn er einen Feldstein in
Wiborads Laden geworfen Alsbald erschien eine Gestalt an der viereckigen
Fensteröffnung auf hagerem Halse hob sich ein blasses vergilbtes
Frauenantlitz in dem der Mund eine feindselige Richtung aufwärts gegen die Nase
genommen von dunklem Schleier vermummt beugte sie sich weit aus dem
Fensterlein die Augen glänzten unheimlich »Schon wieder Satanas« rief sie
    Da trat Romeias vor und sprach mit gemütlichem Ausdruck »Der böse Feind
weiß keine so schönen Lieder wie Romeias der Klosterwächter Beruhigt Euch
Schwester Wiborad ich bring ein paar seine Jungfräulein die Herren im Kloster
lassen sie Euch zu annehmlicher Unterhaltung empfohlen sein«
    »Hebet euch weg ihr Truggestalten« rief die Klausnerin »Wir kennen die
Schlingen die der Versucher legt Weichet weichet«
    Praxedis aber näherte sich der Zelle und neigte sich sittig vor der dürren
Bewohnerin sie komme nicht aus der Hölle sondern vom Hohen Twiel herüber
setzte sie ihr auseinand Ein wenig falsch konnte das Griechenkind auch sein
denn wiewohl ihre Kenntnis von der Klause im Schwarzatal sich erst von heute
herschrieb fügte sie doch bei sie hätte von dem auferbaulichen Wandel der
Schwester Wiborad schon so viel vernommen dass sie die erste Gelegenheit
genutzt bei ihr anzusprechen
    Da schien es als wollten sich einige Runzeln auf Wiborads Stirn glätten
»Reich mir deine Hand Fremde« sprach sie und reckte ihren Arm zum Fensterlein
hinaus Die Kutte streifte sich ein weniges zurück da war er in seiner ganzen
fleischlosen Magerkeit dem Sonnenschein ausgesetzt
    Praxedis reichte ihr die Rechte Wie der junge lebenswarme Pulsschlag der
weißen Hand an der Klausnerin dürre Finger anschlug ward sie langsam von der
Griechin Menschlichkeit überzeugt
    Romeias merkte die Wendung zum Besseren er wälzte etliche Felsstücke unter
das Fenster der Zelle »In zwei Stunden hol ich euch wieder ab behüt Gott
ihr Jungfräulein« sprach er »Und erschreckt nicht wenn sie in Verzuckung
kommt« flüsterte er der Griechin zu
    Hiemit pfiff Romeias seinen Hunden und schritt ins Waldesdickicht Er legte
auch etwa dreißig Schritte ohne Hindernis zurück aber dann drehte er sein
struppig Haupt und wandte den ganzen Menschen um auf den Spieß gestemmt
schaute er unverrückt nach dem Platz vor der Klause als hätt er etwas
verloren Hatte aber nichts zurückgelassen
    Praxedis lächelte und warf dem gröbsten aller Wächter eine Kusshand zu Da
machte Romeias kehrt wollte seinen Spieß schultern ließ ihn fallen hob ihn
auf stolperte erholte sich wieder und verschwand in gutem Trab jenseits der
moosverwachsenen Stämme
    »O Kind der Welt das in Finsternis wandelt« schalt die Klausnerin herab
»was soll die Bewegung deiner Hand«
    »Ein Scherz « sprach Praxedis unbefangen
    »Eine Sünde« rief Wiborad mit rauer Stimme Praxedis erschrak
    »O Teufelswerk und Verblendung« fuhr jene predigend fort »Da lasset Ihr
Eure Augen listig herumstreifen bis sie dem Manne als wie ein Blitz ins Herz
fahren und werft ihm eine Kusshand zu als wenn das nichts wäre Ist das nichts
wenn einer rückwärts schaut der vorwärts schauen sollte Wer die Hand an den
Pflug zu legen hat und sieht zurück der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes
42 Ein Scherz O reichet mir YsopA2 Euch zu entsündigen und Schnee Euch
rein zu waschen«
    »Daran hab ich nicht gedacht« sprach Praxedis errötend
    »Ihr denkt noch an vieles nicht« sprach Wiborad Sie schaute Praxedis mit
einem musternden Blick von oben bis unten an »Ihr denkt auch nicht dass Ihr
heut ein grüngelb Gewand traget und dass solch herausfordernde Farbe
weltabgewandten Augen ein Greuel ist und dass Ihr den Gürtel so lose und
nachlässig drum geschlungen habet als wäret Ihr eine landfahrende Tänzerin
Wachet und betet«
    Die Klausnerin verschwand eine Weile dann kehrte sie zurück und reichte
einen grobgedrehten Strick heraus »Du dauerst mich arme Lachtaube« sprach
sie »Reiss ab die seidegestickte Umwindung und empfah hier den Gürtel der
Entsagung aus Wiborads Händen der soll dir eine Mahnung sein dass du unnützem
Schwatzen und Tun den Abschied gebest Kommt aber wieder eine Versuchung eitlen
Herzens über dich Wächtern Kusshände zuzuwerfen so wende dein Haupt gen
Sonnenaufgang und singe den Psalm Herr zu meinem Beistand eile herbei  und
will auch dann der Friede nicht bei dir einkehren so brenn ein Wachslicht an
und halt den Zeigefinger über die Flamme so wirst du sicher sein zur Stunde43
Das Feuer heilt das Feuer«
    Praxedis schlug die Augen nieder
    »Eure Worte sind bitter« sprach sie
    »Bitter« rief die Klausnerin »gelobt sei der Herr dass auf meinen Lippen
kein süßer Schmack wohnt Der Mund der Heiligen muss bitter sein Da Pachomius in
der Wüste saß trat der Engel des Herrn zu ihm und brach die Blätter des
Lorbeerbaums und schrieb die Worte des Gebets drauf und gab sie dem Pachomius
und sprach Verschling die Blätter sie werden schmecken in deinem Mund wie
Galle aber dein Herz wird erfüllt werden vom Überschwall wahrer Weisheit Und
Pachomius nahm die Blätter und aß sie und von Stund an blieb sein Mund bitter
sein Herz aber füllte sich mit Süße und er pries den Herrn44«
    Praxedis schwieg Es blieb eine Zeitlang still Die andern Frauen der
Herzogin waren nicht mehr zu sehen Wie die Klausnerin ihren Gürtel
herausreichte hatten sie einand mit dem Ellbogen angestossen und waren leise um
das Häuslein geschlichen Sie pflückten einen großen Strauss Heidekraut und
Herbstblumen im Walde und kicherten dazu
    »Wollen wir auch einen solchen Gürtel umlegen« sprach die eine
    »Wenn die Sonne schwarz aufgeht« sprach die andere
    Praxedis hatte den Strick ins Gras gelegt »Ich will Euch Eures Gürtels
nicht berauben« sprach sie jetzt schüchtern zum Fenster der Zelle hinauf
    »O harmlos Gemüt« sprach Wiborad »der Gürtel den wir tragen ist kein
Kinderspiel wie der den ich dir reichte der Gürtel Wiborads ist ein eiserner
Reif mit stumpfen Stacheln und klirrt wie eine Kette und schneidet ein  deine
Augen erschauerten seines Anblicks45«
    Praxedis schaute nach dem Wald als wolle sie spähen ob Romeias nicht bald
zurückkehre Die Klausnerin mochte bemerken dass es ihrem Gast nicht allzu
behaglich war sie reichte ein Brett aus ihrem Fensterlein drauf war ein halb
Dutzend rotgrüner Äpfel gelegt
    »Wird dir die Zeit lang Tochter der Welt« sprach sie »Greif zu wenn die
Worte des Heils dich nicht sättigen Backwerk und Süßigkeiten hab ich nicht
aber auch diese Äpfel gefallen dem Herrn wohl sie sind die Speise der Armen«
    Die Griechin wusste was der Anstand erheischt Aber es waren Holzäpfel Wie
sie den ersten zur Hälfte verzehrt verzog sich ihr anmutiger Mund und
unfreiwillige Tränen perlten in den Augen
    »Wie schmecken sie« rief die Klausnerin Da tat Praxedis als ob des Apfels
Rest zufällig ihrer Hand entfalle »Wenn der Schöpfer allen solche Herbigkeit
anerschaffen so hätte Eva nimmermehr vom Apfel gekostet« sprach sie mit
sauersüssem Lächeln
    Wiborad war beleidigt »Gut« erwiderte sie »dass du der Eva Angedenken
nicht erlöschen lässest Die hat denselben Geschmack gehabt wie du drum ist
auch die Sünde in die Welt gekommen46«
    Die Griechin blickte nach dem Himmel Aber nicht aus Rührung Ein Falke
kreiste einsam über Wiborads Zelle »O könnt ich mit dir über den Bodensee
fliegen« dachte sie Dann wiegte sie schalkhaft ihr Haupt
    »Wie muss ichs anfangen« fragte sie »dass ich vollkommen werde wie Ihr«
    »Der Welt gründlich entsagen« antwortete Wiborad »ist eine Gnade von oben
der Mensch kann sichs nicht geben Fasten Quellwasser trinken das Fleisch
abtöten Psalmen beten das all sind nur Vorbereitungen Das Wichtigste ist ein
guter Schutzheiliger Wir Frauen sind ein zerbrechlich Volk aber eindringlich
Gebet ruft die Streiter Gottes an unsere Seite die helfen Schau her ans kleine
Fenster da steht er oft in nächtlicher Stille der Erlesene meiner Gedanken
der tapfere Bischof Martinus und hält Schild und Lanze wider die anstürmenden
Teufel ein blauer Strahlenkranz geht von seinem Haupte aus es zuckt durchs
Dunkel wie Wetterleuchten wenn er naht und grunzend entfliehen die Dämonen
Und wenn der Kampf geendet dann pflegt er gar traulichen Zwiespruch ich klag
ihm was das Herz bedrängt all die Not die ich mit den Nachbarinnen habe und
alles Leid das mir die Klosterleute zufügen und der Heilige nickt und
schüttelt die wallenden Locken und nimmt alles mit sich himmelaufwärts und teilt
es seinem Freund dem Erzengel Michael mit der hat jeden Montag die Wache am
Thron Gott Vaters47 so kommts an den rechten Ort und Wiborad die Letzte der
Letzten im Dienste des Hochtronenden ist nicht vergessen «
    »Da will ich den heiligen Martinus auch zu meinem Schutzpatron erwählen«
sprach Praxedis Aber darauf hatte Wiborads Lobspruch nicht gezielt Sie warf
einen verächtlich eifersüchtigen Blick auf die roten Wangen der Griechin »Der
Herr verzeih Euch Eure Anmassung« sprach sie mit gefalteten Händen  »glaubt
Ihr das ist mit einem leichtfertigen Wort und mit einem glatten Gesicht getan
Unerhört Viel lange Jahre hab ich gerungen und die Falten der Askesis wie
Narben auf der Stirn getragen und war noch nicht von ihm begnadigt dass er mir
nur einen Blick zuwarf Es ist ein fürnehmer Heiliger und ein tapferer
Kriegsmann vor dem Herrn der schaut nur auf erprobte Streiterinnen«
    »Er wird mein Gebet nicht gröblich abweisen« warf Praxedis ein
    »Ihr sollt aber nicht zu ihm beten« rief Wiborad zornig »Ihr dürft nicht
zu ihm beten Was hat er mit Euch zu schaffen Für Euresgleichen sind andere
Schutzheilige Ich will Euch einen sagen Nehmt Ihr den frommen Vater Pachomius
zum Patron«
    »Den kenn ich nicht« sagte Praxedis
    »Schlimm genug so lern ihn jetzt kennen Der war ein ehrwürdiger Einsiedel
in der tebaischen Wüste aß Wurzeln und Heuschrecken und war so fromm dass er
schon bei Lebzeiten die Harmonie der Sphären und Planeten erklingen hörte und
sprach oft Wenn alle Menschen das hören könnten was meine Ohren zu hören
gewürdigt sind sie ließ Haus und Hof und wer den rechten Schuh angezogen
ließe den linken und liefe in Orient In Alexandria aber war eine Maid die hieß
Taïs und niemand wusste was unendlicher an ihr die Schönheit oder der
Leichtsinn Da sprach Pachomius Eine solche ist dem ganzen Land Ägypten eine
Plage und machte sich auf schnitt seinen Bart salbte sich und bestieg sein
Krokodil das er durch Kraft des Gebets dienstbar gemacht das trug ihn auf
schuppigem Rücken den Nil hinab und er ging zu ihr als wär er ein Liebhaber
Seinen großen Palmstock hatte er auch mitgenommen und erschütterte das Herz der
Sünderin dermaßen dass sie ihre Seidengewande verbrannte und ihren Schmuck dazu
und dem Pachomius folgte wie ein Zicklein dem Hirten Und er schloss sie in ein
Felsengrab ein daran ließ er nur ein klein Fenster und unterwies sie im Gebet
und nach fünf Jahren war der Taïs Läuterung zu Ende und vier Engel trugen ihre
Seele gerettet gen Himmel48«
    Aber Praxedis war nicht sehr auferbaut Der alte Wüstenvater mit seinem
struppigen Bart und den bitteren Lippen ist ihr nicht vornehm genug da soll ich
mit ihm vorliebnehmen dachte sie Sie wagte nicht es auszusprechen
    Jetzt tönte die Vesperglocke vom Kloster durch den Tannenwald herauf Da
trat die Klausnerin vom Fenster ab und schloss ihren Laden Dumpfes Psalmbeten
ward drinnen hörbar untermischt mit einem Geräusch wie von niederfallenden
Streichen Sie geisselte sich
    Inzwischen hatte Romeias im fernen Gehölz das Gejaid begonnen und warf
seinen Spieß aber er hatte einen Eichstrunk für ein Rehlein angesehen Zürnend
zog er sein Geschoss aus dem widerstrebenden Holz  es war das erstemal in
seinem Leben dass ihm solches vorkam
    Vor Wiborads Klause wars lange still Dann tönte ihre Stimme wieder aber
wie verwandelt mit klangvoller Leidenschaft »Steig hernieder heiliger
Martinus tapferer Kriegstribun du meine Trösteinsamkeit Stern im Dunkel der
Zeit steig hernieder meine Seele ist gerüstet dich zu erschauen meine Augen
dürsten nach dir49«
    Und wieder wars still auf dem Plan  da schreckte Praxedis zusammen Ein
dumpfer Schrei klang in der Zelle auf Sie sprang ans Fenster und schaute
hinein die Klausnerin war in die Kniee gesunken die Arme hoch erhoben ihr
Auge gläsern starrend Neben ihr lag die Geissel das Werkzeug der Busse
    »Um Gottes willen« rief Praxedis »was ist Euch«
    Wiborad fuhr empor und presste der Griechin Hand krampfhaft »Menschenkind«
sprach sie mit gebrochenem Ton »die du Wiborads Schmerzen zu sehen gewürdigt
bist klopf an deine Brust es ist ein Zeichen geschehen Ausgeblieben ist der
Erwählte meiner Gedanken er zürnt dass sein Name von unheiligen Lippen entweiht
ward aber der heilige Gallus ist dem Aug meiner Seele erschienen er der noch
niemals Einkehr hier genommen  und sein Antlitz war das eines Dulders und sein
Gewand zerrissen und brandig Seinem Kloster droht ein Unheil Wir müssen eine
Fürbitte tun dass seine Jünger nicht straucheln auf dem Pfad der Gerechten«
    Sie beugte sich aus dem schmalen Fenster und rief zur nachbarlichen Klause
hinüber »Schwester Wendelgard«
    Da schob sich drüben das Lädlein zurück ein ältlich Antlitz erschien das
war die brave Frau Wendelgard die dort um ihren Ehegemahl trauerte der vom
letzten Heereszug nimmer heimgekommen
    »Schwester Wendelgard« sprach Wiborad »lass uns dreimal singen den Psalm
Sei mir gnädig o Gott nach deiner Huld«
    Aber die Schwester Wendelgard hatte just mit träumender Sehnsucht ihres
Eheherrn gedacht sie wusste in festem Gottvertrauen dass er dereinst noch
heimkehren werde aus der Hunnen Landen und hätte am liebsten jetzt schon die
Pforte ihrer Klause eingetreten hinauszuschreiten in die wehende Luft ihm
entgegen
    »Es ist nicht die Stunde des Psallierens« rief sie hinüber
    »Desto lieblicher klingt freiwillige Andacht zum Himmel empor« sprach
Wiborad Und sie intonierte mit rauer Stimme den Psalm Aber die Antwort blieb
aus »Was stimmst du nicht in Davids Schallgesang«
    »Ich mag nicht« war Wendelgards einfache Antwort Es war ihr in
langjährigem Klausnertum allmählich schwül geworden Viel tausend Psalmen hatte
sie auf Wiborads Geheiß gesungen dass der heilige Martinus ihren Ehegespons
heraushaue aus der Feinde Gewalt aber die Sonne ging auf die Sonne ging nieder
 noch immer blieb er aus Und die hagere Nachbarin mit ihren Phantasmen war ihr
verleidet
    Wiborad aber wandte ihre Augen unverrückt dem Himmel zu gleich einem der
am hellen Tage einen Kometen zu entdecken gedenkt »O Gefäß voll Ungehorsam und
Bosheit« rief sie »ich will für dich beten dass die bösen Geister von dir
gebannet werden Dein Aug ist blind dein Sinn ist wirr«
    Doch ruhig antwortete die Gescholtene »Richtet nicht auf dass auch ihr
nicht gerichtet werdet Mein Aug ist noch so scharf wie vor Jahresfrist da es
Euch in mondumglänzter Nacht erschauen konnte wie Ihr aus dem Fenster der
Klause stieget und hinausgewandelt seid Gott weiß wohin  und mein Sinn erwägt
noch wohl ob Psalmengesang aus solchem Munde ein Wunder zu wirken imstande«
    Da verzog sich Wiborads bleiches Antlitz als ob sie auf einen Kieselstein
gebissen hätte »Weh dir Teufelgeblendete« schrie sie ein Schwall scheltender
Reden entströmte ihren Lippen die Nachbarin blieb keine Antwort schuldig
schneller und schneller kam Wort auf Wort geflogen verschlang sich verwirrte
sich von den Felswänden klang unharmonischer Widerhall drein und schreckte ein
Käuzleinpaar auf das dort in den Spalten horstete und scharf krächzend von
dannen flatterte  am Portal des Münsters zu Worms da die Königinnen einander
schalten gings sänftlicher zu als jetzo
    Mit stummem Erstaunen horchte Praxedis dem Lärm gern wäre sie
beschwichtigend dazwischen getreten aber Sanftes taugt nicht um Schneidiges zu
trennen
    Da tönte vergnüglicher Schall des Hiftorns vom Walde her und kläffendes
Rüdengebell langsam kam des Romeias hohe Gestalt geschritten Das zweitemal da
er den Spieß geworfen wars kein Baumstrunk sondern ein stattlicher Zehnender
der Hirsch hing ihm auf dem Rücken sechs lebende Hasen die der Klostermeier
von Tablatt in Schlingen gefangen trug er gefestigt am Gürtel
    Und wie der Weidmann die Klausnerinnen erschaute freute sich sein Herz
kein Wörtchen sprach er wohl aber löste er der lebenden Häslein zwei ihrer
Bande einen in der Rechten einen in der Linken schwingend warf er sie so
sicher durch die engen Klausfenster der Streitenden dass Wiborad vom weichen
Fell elektrisch am Haupte berührt mit lautem Aufschrei zurückfuhr Der braven
Wendelgard hatte sich in währender Hitze des Zwiespruchs der schwarze Habit
gelöst der Hase fuhr ihr so plötzlich zwischen Hals und Kapuze und verfing sich
in der Gewandung und suchte einen Ausweg und wusste nicht wohin dass auch sie ein
jäher Schreck überfiel Da stellten beide die Scheltung ein die Fensterläden
schlossen sich ruhig wards auf dem Hügel50
    »Wir wollen heim« spach Romeias zur Griechin »es will Abend werden«
Praxedis war weder vom Gezänk noch von Romeias Friedestiftung so auferbaut dass
sie länger zu bleiben gewünscht hätte Ihre Begleiterinnen hatten bereits auf
eigene Faust den Rückzug angetreten
    »Die Hasen gelten bei Euch nicht viel« sprach sie zum Wächter »dass Ihr sie
so grob in die Welt hinauswerfet«
    »Nicht viel« lachte Romeias »doch wär das Geschenk eines Dankes wert«
    Zu selber Zeit hob sich die Dachluke an Wiborads Zelle die hagere Gestalt
ward zur Hälfte sichtbar ein mäßiger Feldstein flog über Romeias Haupt hin er
traf ihn nicht Das war der Dank für den Hasen
    Man ersieht daraus dass die Formen geselligen Verkehrs mannigfach von den
heutigen verschieden waren
    Praxedis sprach ihr Befremden aus
    »So etwas kommt alle paar Wochen einmal vor« erwiderte Romeias »Mässiger
Geifer und Zorn schafft alten Einsiedlerinnen neue Lebenskraft es ist ein gut
Werk zu Erregung derselben beizutragen«
    »Aber sie ist eine Heilige« sagte Praxedis scheu
    Da brummte Romeias in Bart »Sie soll froh sein« sprach er »wenn sies
ist Ich will ihr das Fell ihrer Heiligkeit nicht abziehen51 Aber seit ich in
Konstanz meiner Mutter Schwester besucht hab ich allerhand erfahren was mir
nicht grün aussieht Es ist dort noch nicht vergessen wie sie vor des Bischofs
Gericht sich verantworten musste wegen dem und jenem was mich nichts angeht und
die Konstanzer Kaufleute erzählen ohne dass man sie fragt wie ihnen die
Klausnerinnen am Münster das Almosengeld das fromme Pilgrime zutrugen gegen
Wucherzins ausgeliehen52 Was kann ich dafür dass mir schon in Knabenzeit im
Steinbruch ein seltsam großer Kiesel in die Hände kam Wie ich den aufgehämmert
saß eine Kröte drin und machte verwunderte Augen Seitdem weiß ich was eine
Klausnerin ist Schnipp schnapp  trari trara«
    Romeias geleitete seine neue Freundin zur Pforte des außer Klosterbann
gelegenen Hauses das zu ihrer Herbergung bestimmt war Dort standen die
Dienerinnen der Strauss Waldblumen den sie gepflückt lag auf dem Steintisch am
Eingang
    »Wir müssen Abschied nehmen« sagte der Wächter
    »Lebt wohl« sprach Praxedis
    Da ging er Nach dreißig Schritten schaute er scharf zurück Aber zweimal
geht die Sonne an einem Tage nicht auf am wenigsten für einen Wächter am
Klostertor Es ward ihm keine Kusshand mehr zugeworfen Praxedis war ins Haus
gegangen
    Da wandelte Romeias langsam zurück griff ohne anzufragen den Blumenstrauß
vom Steintisch und zog ab Den Hirsch und die vier Hasen lieferte er der
Klosterküche Dann bezog er seine Wächterstube nagelte den Strauss an die Wand
und malte mit Kohle ein Herz dazu das hatte zwei Augen und einen langen Strich
als Nase und einen Querstrich als Mund
    Der Klosterschüler Burkard kam herauf mit ihm zu spielen Den fasste er mit
gewaltiger Hand reichte ihm die Kohle stellte ihn vor die Wand und sprach
»Schreib den Namen drunter«
    »Was für einen Namen« frug der Knabe
    »Ihren« sprach Romeias
    »Was weiß ich von ihr und ihrem Namen« sagte der Klosterschüler
verdrießlich
    »Da sieht mans wieder« brummte Romeias »wozu das Studieren gut ist Sitzt
der Bub jeden Tag acht Stunden hinter seinen Eselshäuten und weiß nicht einmal
wie ein fremdes Frauenzimmer heißt «
 
                                    Fußnoten
A1 Kleines Haus Gemach
A2 Pflanze zur Reinigung dienend nach 3 Mos 14 52
 
                                Viertes Kapitel
                                  Im Kloster
Frau Hadwig hatte inzwischen am Grab des heiligen Gallus ihre Andacht
verrichtet Dann gedachte der Abt ihr einen Gang im schattigen Klostergarten
vorzuschlagen aber sie bat ihr zuvörderst den Kirchenschatz zu zeigen Der
Frauen Gemüt wie hoch es auch genaturt sein mag erfreut sich allzeit an
Schmuck Zierat und prächtiger Gewandung Da wollte der Abt mit einiger Ausrede
ihren Sinn ablenken vermeinend sie seien nur ein arm Klösterlein und seine
Base werde auf ihren Fahrten im Reich und am Kaiserhof schon Preiswürdigeres
erschaut haben es half ihm nicht
    Sie traten in die Sakristei
    Er ließ die gebräunten Schränke öffnen da war viel zu bewundern an
purpurnen Messgewändern an Priesterkleidern mit Stickerei und gewirkten
Darstellungen aus heiliger Geschichte War auch manches darauf abgebildet was
noch nahe an römisches Heidentum anstreifte zum Beispiel die Hochzeit des
Merkurius mit der PhilologieA1
    Hernach wurden die Truhen aufgeschlossen da glänzte es vom Schein edler
Metalle silberne Ampeln gleissten herfür und Kronen Streifen getriebenen Goldes
zur Einfassung der Evangelienbücher und der Altarverzierung53 Mönche des
Klosters hatten sie ums Knie gebunden aus welschen Landen über unsichere
Alpenpfade sicher eingebracht  köstliche Gefäße in seltsamen Formen Leuchter
in Delphinengestalt säulengetragene Schalen Leuchttürmen gleich
Weihrauchbehälter und viel anderes  ein reicher Schatz Auch ein Kelch von
Bernstein war dabei54 der schimmerte lieblich so man ihn ans Licht hielt am
Rand war ein Stück ausgebrochen
    »Als mein Vorgänger Hartmut am Sterben lag« sprach der Abt »wards
gepulvert und ihm mit Wein und Honig eingegeben das Fieber zu stillen«
    Mitten im Bernstein saß ein Mücklein so fein erhalten als wärs erst
neulich hereingeflogen und hat sich dies Insekt wie es in vorgeschichtlichen
Zeiten vergnüglich auf seinem Grashalm saß und vom zähflüssigen Erdharz
überströmt ward auch nicht träumen lassen dass es in solcher Weise auf die
Nachwelt übergehen werde
    Auf derlei stummes Zeugnis wirkender Naturkraft ward aber damals kein
aufmerkend Auge gerichtet wenigstens war der Kämmerer Spazzo der ebenfalls mit
Sorgfalt alles musterte mit andern Dingen beschäftigt Er dachte um wieviel
ergötzlicher es sein möcht mit diesen frommen Männern in Fehde zu liegen und
statt als Gastfreund einzureiten Platz und Schatz mit stürmender Hand zu
nehmen Und weil er schon manchen Umschlag vornehmer Freundschaft erlebt
bereitete er sein Gemüt auf diese Möglichkeit fasste den Eingang der Sakristei
genau ins Aug und murmelte »Also vom Chor die erste Pforte zur Rechten«
    Der Abt mochte auch der Ansicht sein dass lang fortgesetzter Anblick von
Gold und Silber Hunger nach Besitz errege er ließ die letzte Truhe welche der
Kostbarkeiten vorzüglichste barg nicht mehr erschließen und drängte dass sie
ins Freie kamen
    Sie lenkten ihre Schritte zum Klostergarten Der war weitschichtig angelegt
und trug an Kraut und Gemüse viel nach Bedarf der Küche zudem auch nützliches
Arzneigewächs und heilbringende Wurzeln
    Beim Baumgarten war ein großer Raum abgeteilt für wild Getier und Gevögel
wie solches teils in den nahen Alpen hauste teils als Geschenk fremder Gäste
dem Garten verehrt war55
    Da erfreute sich Frau Hadwig am ungeschlachten Wesen der Bären in
närrischen Sprüngen kletterten sie am Baum ihres Twingers auf und nieder
daneben erging sich ein kurznasiger Affe der mit einer Meerkatze zusammen an
einer Kette durchs Leben tollte  zwei Geschöpfe von denen ein Dichter
damaliger Zeit sagt dass weder das eine noch das andere eine Spur nutzbringender
Anlage als Berechtigungsgrund seines Vorhandenseins aufzuweisen vermöge56
    Ein alter Steinbock stund in seines Raumes Enge der Sohn der Hochalpe
senkte sein Haupt still und geduckt seit er die schneidige Luft der Gletscher
entbehren musste war er blind geworden denn nicht jedweder gedeiht in den
Niederungen der Menschen
    In anderem Behältnis waren dickhäutige Dachse angebaut der böse Sindolt
lachte wie sie vorüberkamen »Sei gegrüßt du kleines niederträchtig Getier«
sprach er »du erlesen Wildbret der Klosterknechte«
    Wieder anderswo pfiff es durchdringend Ein Rudel Murmeltiere lief den
Ritzen zwischen den künstlich geschichteten Felsen zu Frau Hadwig hatte solch
kurzweilig Geschöpf noch nicht erschaut Da erklärte ihr der Abt deren
Lebensart
    »Die schlafen mehr als jede andere Kreatur« sprach er »auch wenn sie
wachen mögen sie ohne Phantasieren nicht sein und so der Winter herzustreicht
lesen sie allentalb Halm und Heu zusammen und eines von ihnen legt sich auf
den Rücken richtet die vier Füße ob sich die andern legen auf es alles so sie
zusammengeraspelt haben nehmen es danach beim Schweif und ziehens wie einen
geladenen Frachtwagen zu ihrer Höhle57«
    Da sprach Sindolt zum dicken Kämmerer Spazzo »Wie schade dass Ihr keine
Bergmaus geworden das wär eine anmutige Verrichtung für Euch«
    Wie der Abt sich abgewendet hub der böse Sindolt eine neue Art der
Erklärung an »Das ist unser Tutilo« sprach er und deutete auf einen Bären der
soeben seinen Nebenbär rücklings zu Boden geworfen  »das der blinde Tieto«
er deutete auf den Steinbock eben wollte er auch seinem Abte die Ehre einer
nicht schmeichelhaften Vergleichung erweisen da fiel ihm die Herzogin in die
Rede »Wenn Ihr alles zu vergleichen wisst habt Ihr auch für mich ein
Sinnbild«
    Sindolt ward verlegen Zum guten Glück stand bei den Kranichen und Reihern
ein schmucker Silberfasan und wiegte sein perlgrau glänzend Gefieder im
Sonnenschein
    »Dort« sprach Sindolt
    Aber die Herzogin wandte sich zu Ekkehard der träumerisch in das Gewimmel
der Tierwelt schaute »Einverstanden« frug sie Er fuhr auf »O Herrin« sprach
er mit weicher Stimme »wer ist so vermessen unter dem was da kreucht und
fleucht ein Sinnbild für Euch zu suchen«
    »Wenn Wirs aber verlangen «
    »Dann weiß ich nur einen Vogel« sprach Ekkehard »wir haben ihn nicht und
niemand hat ihn in klaren Mitternächten fliegt er hoch zu unsern Häuptern und
streift mit den Schwingen den Himmel Der Vogel heißt Karadrion wenn seine
Fittiche sich zur Erde senken soll ein siecher Mann genesen da kehret sich der
Vogel zu dem Manne und tut seinen Schnabel über des Mannes Mund nimmt des
Mannes Unkraft an sich und fährt auf zur Sonne und läutert sich im ewgen Licht
da ist der Mann gerettet58«
    Der Abt kam wieder herbei und unterbrach weitere Sinnreden Auf einem
Apfelbaum saß ein dienender Bruder pflückte die Äpfel und sammelte sie in
Körbe Wie sich die Herzogin zum Schatten der Bäume wandte wollte er
herniedersteigen aber sie winkte ihm zu bleiben Jetzt ertönte es wie Gesang
zarter Knabenstimmen in des Gartens Niederung die Zöglinge der innern
Klosterschule kamen heran der Herzogin ihre Huldigung zu bringen blutjunge
Bürschlein trugen sie bereits die Kutte und mancher hatte die Tonsur aufs
eilfjährige Haupt geschoren Wie sie aber in Prozession daherzogen die
rotbackigen Äbtlein der Zukunft geführt von ihren Lehrern den Blick zur Erde
niedergeschlagen und wie sie so ernst und langsam ihre Sequenzen sangen da
flog ein leiser Spott über Frau Hadwigs Antlitz mit starkem Fuß stieß sie den
nahestehenden Korb um dass die Äpfel lustig unter den Zug der Schüler rollten
und an ihren Kapuzen emporsprangen Aber unbeirrt zogen sie ihres Weges nur der
kleinsten einer wollte sich bücken nach der lockenden Frucht doch streng hielt
ihn sein Nebenmännlein am Gürtel59
    Wohlgefällig sah der Abt die Haltung des jungen Volkes und sprach
»Disziplin unterscheidet den Menschen vom Tier60 und wenn Ihr der Hesperiden
Äpfel unter sie werfen wolltet sie blieben fest«
    Frau Hadwig war gerührt »Sind alle Eure Schüler so gut gezogen« frug sie
    »So Ihr Euch überzeugen wollt« sprach der Abt »die großen in der äußeren
Schule wissen nicht minder was Zucht und Gehorsam ist«
    Die Herzogin nickte Da führte sie der Abt zur äußern Klosterschule wo
zumeist vornehmer Laien Söhne und diejenigen erzogen wurden die sich
weltgeistlichem Stand widmen wollten
    Sie traten in die Klasse der Ältesten ein Auf der Lehrkanzel stand Ratpert
der Vielgelehrte und unterwies seine Jugend im Verständnis von Aristoteles
»Logica« Geduckt saßen die Schüler über ihren Pergamenten kaum wandten sich
die Häupter nach den Eingetretenen Der Lehrmeister gedachte Ehre einzulegen
»Notker Labeo« rief er Der war die Perle seiner Schüler die Hoffnung der
Wissenschaft auf schmächtigem Körper ein mächtiges Haupt dran eine gewaltige
Unterlippe kritisch in die Welt hervorragte das Wahrzeichen strenger Ausdauer
auf den steinigen Pfaden des Forschens und Ursache seines Übernamens
    »Der wird brav« flüsterte der Abt »die ganze Welt sei ein Buch hat er
schon im zwölften Jahre gesagt und die Klöster die klassischen Stellen drin61«
    Der Aufgerufene ließ seine klugen Äuglein über den griechischen Text
hingleiten und übersetzte mit gewichtigem Ernst den stagiritischen Tiefsinn
    » Findest du an einem Holze oder Steine einen als Linie laufenden Strich
der ist der eben liegenden Teile so gemeine March Spaltet sich an dem Striche
der Stein oder das Holz entzwei so sehen wir strichweise zwei Durchschnitte an
dem sichtbaren Spalte die vorher nur ein Strich und Linie waren Und überdies
sehen wir zwo neue Oberflächen die also breit sind als dick der Körper war da
man vor die neue Oberfläche nicht sah Darum erhellet dass dieser Körper vorhin
zusammenhängend war62«
    Aber wie dieser Begriff des Zusammenhängenden glücklich herausgeklaubt war
streckten etliche der jungen Logiker die Köpfe zusammen und flüsterten und
flüsterten lauter  selbst der Klosterschüler Hepidan der unbeirrt von Notkers
trefflicher Verdeutschung seine ganze Mühe aufwandte einen Teufel mit doppeltem
Flügelpaar und Ringelschwanz in die Bank einzuschneiden stellte seine Arbeit
ein  jetzt wandte der Lehrmeister sich an den Folgenden »Wie wird aber die
Oberfläche eine gemeine March« Da las der seinen griechischen Text aber die
Bewegung in den Schulbänken ward stärker es summte und brummte wie ferne
Sturmglocken zur Übersetzung kams nicht mehr plötzlich stürmten die Zöglinge
Ratperts lärmend vor sie stürmten auf die Herzogin ein rissen sie von des Abts
und ihres Kämmerers Seite »Gefangen gefangen« schrie die holde Jugend und
begann sich mit den Schulbänken zu verschanzen »Gefangen wir haben die
Herzogin in Schwaben gefangen Was soll ihr Lösegeld sein«
    Frau Hadwig hatte sich schon in mancherlei Lebenslagen befunden Dass sie als
Gefangene unter Schulknaben fallen könne war ihr noch nicht zu Sinn gekommen
Weil die Sache neu war hatte sie Reiz für sie sie fügte sich
    Ratpert der Lehrmeister holte aus seinem Holzverschlag eine mächtige Rute
hervor schwang sie dräuend zur Umkehr und rief ein zweiter Neptunus die
virgilischen VerseA2 ins Getümmel
»So weit hat das Vertrauen auf euer Geschlecht euch verleitet
Himmel und Erde sogar ohn alles Geheiß von mir selber
Wagt ihr zu mischen ihr Winde und solchen Tumult zu erheben
Quos ego«
    Erneuter Halloruf war die Antwort Schon war der Saal durch Schulbänke und
Schemel abgesperrt Herr Spazzo überlegte den Gedanken eines Sturms und
kräftiger Faustschläge an die Haupträdelsführer Der Abt war sprachlos die
Keckheit war ihm lähmend in die Glieder gefahren
    Die hohe Gefangene stand am andern Ende des Hörsaals in einer Fensternische
umringt von ihren fünfzehnjährigen Entführern
    »Was soll das alles ihr schlimmen Knaben« frug sie lächelnd
    Da trat einer der Aufrührer vor beugte sein Knie und sprach demütig »Wer
als Fremder kommt ist sonder Schutz und Friede und friedlose Leute hält man
gefangen bis sie sich der Unfreiheit lösen63«
    »Lernt ihr das auch aus euren griechischen Büchern«
    »Nein Herrin das ist deutscher Brauch«
    »So will ich mich denn auslösen« lachte Frau Hadwig erfasste den
rotwangigen Logiker und zog ihn zu sich heran ihn zu küssen der aber riss sich
von ihr los sprang in den Kreis der lärmenden Genossen und rief
    »Die Münze kennen wir nicht«
    »Was heischet ihr denn für ein Lösegeld« fragte die Herzogin Sie war der
Ungeduld nahe
    »Der Bischof Salomo von Konstanz war auch unser Gefangener« sprach der
Schüler »der hat uns drei weitere Vakanztage erwirkt im Jahre und eine
Rekreation an Fleisch und Brot und hats in seinem Testament gebrieft und
angewiesen64«
    »O nimmersatte Jugend« sprach Frau Hadwig »so muss ichs zum mindesten dem
Bischof gleichtun Habt ihr schon Felchen aus dem Bodensee verspeist«
    »Nein« riefen die Jungen
    »So sollt ihr jährlich sechs Felchen zum Angedenken an mich erhalten Der
Fisch ist gut für junge Schnäbel«
    »Gebt Ihrs mit Brief und Siegel«
    »Wenns sein muss«
    »Langes Leben der Frau Herzogin in Schwaben Heil ihr« riefs von allen
Seiten »Heil sie ist frei« Die Schulbänke wurden in Ordnung gestellt der
Ausgang gelichtet springend und jubelnd geleiteten sie die Gefangene zurück Im
Hintergrund flogen die Pergamentblätter der »Logica« als Freudenzeichen in die
Höhe selbst Notker Labeos Mundwinkel neigten sich zu einem gröblichen Lachen
und Frau Hadwig sprach »Sie waren recht huldvoll die jungen Herren wollt die
Rute wieder in Verschlag tun Herr Professor«
    An ein Weitererklären des Aristoteles war heut nicht mehr zu denken Ob die
Ausgelassenheit der Schüler nicht in nahem Zusammenhang mit ihrem Studium der
Logik stand Der Ernst ist oftmals ein gar zu dürrer blattloser hohler Stamm
sonst hätt die Torheit nicht Raum ihn üppig grün zu umranken 
    Wie die Herzogin mit dem Abt den Hörsaal verlassen sprach dieser »Es
übrigt noch Euch des Klosters Bücherei zu zeigen die Arzneikammer
lernbegieriger Seelen das Zeughaus für die Waffen des Wissens« Aber Frau
Hadwig war ermüdet sie dankte »Ich muss mein Wort halten« sprach sie »und die
Schenkung an Eure Schulknaben urkundlich machen Wollet die Handfeste aufsetzen
lassen dass wir sie mit Unterschrift und Sigill versehen«
    Herr Cralo führte seinen Gast nach seinen Gemächern Den Kreuzgang entlang
wandelnd kamen sie an einem Gelass vorüber des Türe war offen An kahler Wand
stand eine niedere Säule von der in halber Mannshöhe eine Kette niederhing
Über dem Portal war in verblassten Farben eine Gestalt gemalt sie hielt in
mageren Fingern eine Rute »Wen der Herr lieb hat züchtigt er er stäupet einen
jeglichen den er zum Sohne annimmt« Hebr XII 6 war in großen Buchstaben
darunter geschrieben
    Frau Hadwig warf dem Abt einen fragenden Blick zu
    »Die Geisselkammer65« sprach er
    »Ist keiner der Brüder zur Zeit einer Strafe verfallen« fragte sie »es
möcht ein lehrreich Beispiel sein «
    Da zuckte der böse Sindolt mit dem rechten Fuß als wär er in einen Dorn
getreten rückte sein Ohr rückwärts wie wenn von dort eine Stimme ihm riefe
sprach »Ich komme sogleich« und enteilte ins Dunkel des Ganges
    Er wusste warum
    Notker der Stammler hatte nach jähriger Arbeit die Abschreibung eines
Psalterbuchs vollendet und es mit zierlich feinen Federzeichnungen geziert das
hatte der neidische Sindolt nächtlicherweile zerschnitten und die Weinkanne
drüber geschüttet Drob war er zu dreimaliger Geisselstrafe verdammt der letzten
Vollzug stand noch aus er kannte das Örtlein und die Busswerkzeuge die ihrem
Rang nach an der Wand hingen vom neunfältigen »Skorpion« herab bis zur
einfachen »Wespe«
    Der Abt drängte dass sie vorüberkamen Seine Prunkgemächer waren mit Blumen
geschmückt Frau Hadwig warf sich in den einfachen Lehnstuhl auszuruhen vom
Wechsel des Erschauten Sie hatte in wenig Stunden viel erlebt Es war noch eine
halbe Stunde zum Abendimbiss
    Wer zu dieser Frist einen Rundgang durch des Klosters Zellen gemacht der
hätte sich überzeugen mögen wie kein einziger Bewohner des Stiftes unberührt
vom Eindruck des vornehmen Besuchs geblieben Auch die weltabgeschiedensten
Gemüter fühlen dass einer Frau Huldigung gebührt
    Dem grauen Tutilo wars beim Empfang schwer aufs Herz gefallen dass der
linke Ärmel seiner Kutte mit einem Loch geschmückt war sonst wärs wohl bis zum
nächsten hohen Festtag ungeflickt geblieben aber jetzt galt kein Verzug mit
Nadel und Zwirn gewaffnet saß er auf dem Schragen und besserte den Schaden
    Und weil er gerade im Zug war legte er auch seinen Sandalen eine neue Sohle
an und festigte sie mit Nägeln Er summte eine Melodei dass die Arbeit besser
gedieh
    Radolt das Denkmännlein ging mit gerunzelter Stirn auf seiner Zelle auf
und nieder vermeinend es werde sich eine Gelegenheit ergeben in frei
ersonnener Rede des hohen Gastes Ruhm zu preisen Den Eindruck unmittelbaren
Ergusses zu erhöhen studierte er sie vorher Er wollte des Tacitus Spruch von
den Germanen66 zugrund legen »Sie glauben auch dass den Frauen etwas Heiliges
und Zukunftvoraussehendes inwohne darum verschmähen sie niemals ihren Rat und
fügen sich ihren Bescheiden« Es war dies fast das einzige was er aus
Hörensagen von den Frauen wusste aber er zwinkte mit den Eichhörnleinsaugen und
war sicher von dort unter etlichen bissigen Ausfällen auf seine Mitbrüder einen
Übergang zum Lob der Herzogin zu finden Leider blieb die Gelegenheit zur
Anbringung einer Rede aus weil er sie nicht zu finden verstand
    In anderer Zelle saßen der Brüder sechs unter dem riesigen Elfenbeinkamm67
der an eiserner Kette von der Decke herabhing  Abt Hartmuts nützliche
Stiftung  die vorgeschriebenen Gebete murmelnd erwies einer dem andern den
Dienst sorglicher Glättung des Hauptaares Ward auch manch überwachsene Tonsur
in jener Zeit zu strahlendem Glanze erneut
    In der Küche aber ward unter Gerold des Schaffners Leitung eine Tätigkeit
entwickelt die nichts zu wünschen übrigliess
    Jetzt läutete das Glöcklein dessen Ton auch von den frömmsten Brüdern noch
keiner unwillig gehört der Ruf zur Abendmahlzeit Abt Cralo geleitete die
Herzogin ins Refektorium Sieben Säulen teilten den luftigen Saal hälftig ab an
vierzehn Tischen standen wie Heerscharen der streitenden Kirche des Klosters
Mitglieder Priester und Diakonen sie erwiesen dem hohen Gast keine sonderliche
Aufmerksamkeit
    Das Amt des Vorlesers68 vor dem Imbiss stund in dieser Woche bei Ekkehard
dem Pörtner Der Herzogin zu Ehren hatte er den vierundvierzigsten Psalm
erkoren er trat auf und sprach einleitend »Herr öffne meine Lippen auf dass
mein Mund dein Lob verkünde« und alle sprachens ihm murmelnd nach als Segen
zu seiner Lesung
    Nun erhub er seine Stimme und begann den Psalm den die Schrift selber einen
lieblichen Gesang nennet
    »Es quillet mein Herz eine schöne Rede ich will reden mein Gedicht dem
Könige meine Zunge sei der Griffel des Geschwindschreibers
    Der Schönste bist du von den Söhnen des Menschen Anmut ist gegossen über
deine Lippen denn Gott hat dich gesegnet ewig
    Gürte um die Hüfte dein Schwert du Held deinen Ruhm und deinen Schmuck
Und geschmückt zeuch aus ein Hort der Wahrheit Milde und des Rechts
    Ja Wunder wird zeigen deine Rechte Deine Pfeile seien geschärft Völker
sollen unter dir stürzen die im Herzen Feinde des Königs sind
    Dein Thron vor Gott steht immer und ewig ein gerechter Szepter ist der
Szepter deines Reichs
    Du liebest das Recht und hassest das Unrecht drum hat dich Gott dein Gott
gesalbt mit dem Öl der Freude mehr denn alle Genossen Myrrhen Aloe und Kassia
duften all deine Kleider aus elfenbeinernen Palästen erfreuen Saiten dich 69
«
    Die Herzogin schien die Huldigung zu verstehen als wenn sie selber mit den
Worten des Psalms angeredet wäre hefteten sich ihre Augen auf Ekkehard Aber
auch dem Abt wars nicht entgangen da gab er ein Zeichen abzubrechen und der
Psalm blieb unbeendet als sich männiglich zu Tisch setzte
    Das aber konnte Herr Cralo nicht hindern dass Frau Hadwig dem emsigen
Vorleser befahl an ihrer Seite Platz zu nehmen es war zwar der Rangstufung
folgend der Sitz zu ihrer Linken dem alten Dekan Gozbert zugedacht aber dem
wars schon lang zumute als käm er auf glühende Kohlen zu sitzen denn er
hatte mit Frau Hadwigs seligem Gemahl dereinst einen gröblichen Wortwechsel
gepflogen wie der dem Klosterschatz das unfreiwillige Kriegsanlehen auflegte
und war von damals auch der Herzogin giftig gestimmt  kaum merkte er die
Absicht so drückte er sich vergnüglich seitwärts und schob den Pörtner auf den
Dekanssitz Neben Ekkehard kam der Herzogin Kämmerer Spazzo zu sitzen dem zur
Seite der Mönch Sindolt
    Die Mahlzeit begann Der Küchenmeister wohl wissend wie bei Ankunft
fremder Gäste Erweiterung der schmalen Klosterkost gestattet sei hatte es nicht
beim üblichen Mus mit Hülsenfrüchten70 bewenden lassen Auch der strenge
Küchenzettel des seligen Abt Hartmut ward nicht eingehalten
    Wohl erschien zuerst ein dampfender Hirsebrei auf dass wer gewissenhaft bei
der Regel71 bleiben wollte sich daran ersättige aber Schüssel auf Schüssel
folgte bei mächtigem Hirschziemer fehlte der Bärenschinken nicht sogar der
Biber vom oberen Fischteich hatte sein Leben lassen müssen Fasanen Rebhühner
Turteltauben und des Vogelherds kleinere Ausbeute folgten der Fische aber eine
unendliche Auswahl so dass schließlich ein jeglich Getier watendes fliegendes
schwimmendes und kriechendes auf der Klostertafel seine Vertretung fand
    Und mancher der Brüder kämpfte damals einen schweren Kampf in seines Gemütes
Tiefe selbst Gozbert der alte Dekan  des Hirsebreis war er gesättigt und
hatte mit mächtigem Stirnrunzeln des Hirsches Braten und des Bären Schinken
weggeschoben als wärs eine Versuchung des bösen Feindes aber wie auch ein
schön bräunlich gebraten Birkhuhn in seine Nähe gestellt ward da schlug der
Bratenduft träumerisch an seine Nase mit dem Duft hielten die Geschichten
seiner Jugend bei ihm Rückkehr wie er selber vor vierzig Jahren dem Weidwerk
oblag und in frühem Morgennebel dem balzenden Auerhahn nachstellte und die
Geschichte von des Försters Töchterlein die ihm damals begegnet und 
zweimal noch kämpfte er des Arms Bewegung zurück das drittemal hielts nimmer
des Birkhuhns Hälfte lag vor ihm und ward in Eile verzehrt
    Der Kämmerer Spazzo hatte Beifall nickend der Schüsseln mannigfache Zahl
erscheinen sehen ein großer Rheinlank72 der Fische besten einer war schier
unter seinen Händen verschwunden fragend schaute er sich nach einigem Getränk
um da zog Sindolt sein Nachbar ein steinern Krüglein herbei schenkte ihm den
metallenen Becher voll stieß mit ihm an und sprach »Des Klosterweins Auslese«
Herr Spazzo gedachte einen mächtigen Zug zu tun aber es schüttelte ihn wie
Fieberfrost und den Becher absetzend sagte er »Da möchte der Teufel
Klosterbruder sein« Der böse Sindolt hatte ihm ein saures Apfelweinlein mit dem
Saft von Brombeeren gemischt vorgesetzt Wie aber Herr Spazzo ihm schier mit
einem Faustschlag gelohnt hätte holte er ihn zu sänftigen des dunkelroten
Valtelliners einen Henkelkrug Der Valtelliner ist ein wackerer Wein in dem
schon der Kaiser Augustus seinen Schmerz über die Varusschlacht niedergetrunken
73 und allmählich versöhnte sich Herr Spazzo trank auch auf das Wohlergehen
des Bischofs von Chur dem das Kloster diesen Wein verdankte ohne dass er ihm
sonst näher bekannt war seinen Becher leer und Sindolt tat wacker Bescheid
    »Was sagt euer Patron zu solchem Trinken« fragte der Kämmerer
    »Sankt Benedikt war ein weiser Mann« sprach Sindolt »Darum schrieb er in
sein Gesetz Wiewohl zu lesen steht dass der Wein überhaupt kein Trunk für
Mönche sei so mag dies doch heutigentages keinem einzigen mehr mit Überzeugung
eingeredet werden Darum und schwächlicheren Gemütes Hinfälligkeit erwägend
ordnen wir dem einzelnen eine halbe Maß für den Tag zu Keiner aber soll trinken
bis zur Sättigkeit denn der Wein macht auch den Weisesten abtrünnig vom Pfade
der Weisheit 74«
    »Gut« sprach Spazzo und trank seinen Becher aus
    »Wisst Ihr aber auch« frug Sindolt »was den Brüdern zu tun vorgeschrieben
steht in deren Gegend wenig oder gar kein Rebensaft gedeihen mag Die sollen
Gott loben und preisen und nicht murren«
    »Auch gut« sprach Spazzo und trank wiederholt seinen Becher aus
    Der Abt suchte inzwischen seine fürnehme Base nach Kräften zu unterhalten
Er fing an Herrn Burkhards trefflichen Eigenschaften einen Nachruf zu halten
Aber Frau Hadwigs Antworten waren karg und einsilbig Da merkte der Abt dass
alles seine Zeit habe namentlich die Liebe einer Witib zum verstorbenen
Ehemann Er wandte das Gespräch und fragte wie ihr des Klosters Schulen
gefallen
    »Mich dauert das junge Völklein« sprach die Herzogin »dass es in jungen
Tagen so vieles erlernen muss Ist das nicht wie eine Last die Ihr ihnen
aufbürdet an der sie zeitlebens keuchend schleppen müssen«
    »Erlaubet edle Base« erwiderte der Abt »dass ich Euch als Freund und
Blutsverwandter gemahne weniger in den Tag hinein zu reden Das Studium der
Wissenschaft ist dem jungen Menschen kein lästiger Zwang es ist wie Erdbeeren
je mehr er genießt desto größer der Hunger«
    »Was hat aber die heidnische Kunst Logica mit der Gottesgelehrteit zu
schaffen« frug Frau Hadwig
    »Die wird in rechten Händen zur Waffe die Kirche Gottes zu schützen«
sprach der Abt »Mit ihren Künsten haben der Ketzer viele die Gläubigen
angefochten jetzt fechten wir mit gleichem Rüstzeug wider sie und glaubt mir
ein sauber Griechisch oder Latein ist eine feinere Waffe als unsere einheimische
Sprache die sich auch in des Gewandtesten Hand nur wie eine Keule schwingt«
    »Ei« sprach die Herzogin »müssen Wir noch bei Euch lernen was fein sei
Ich habe seither gelebt ohne Latein zu sprechen Herr Vetter«
    »Es möcht Euch nicht schaden wenn Ihrs noch lerntet« sprach der Abt
»Und wenn die ersten Wohlklänge der Latinität Euer Gehör erquickt haben werdet
Ihr zugeben dass unsere Muttersprache ein junger Bär ist der nicht stehen und
gehen lernt wenn ihn nicht klassische Zunge beleckt75 Zudem lehrt alter Römer
Mund Weisheit fraget einmal den Mann zu Eurer Linken«
    »Ists wahr« wandte sich Frau Hadwig an Ekkehard der schweigend dem
Zwiespruch gelauscht hatte
    »Es wäre wahr hohe Herrin« sprach er mit Feuer »so es Euch vonnöten wäre
Weisheit zu lernen«
    Frau Hadwig drohte mit dem Finger »Habt Ihr selber denn Erquickung aus den
alten Pergamenten geschöpft«
    »Erquickung und Glück« sprach Ekkehard und seine Augen leuchteten
»Glaubet mir Herrin es tut in allen Lebenslagen wohl sich bei den Klassikern
Rats zu erholen lehrt uns nicht Cicero auf den verschlungenen Pfaden weltlicher
Klugheit den rechten Steg wandeln Schöpfen wir nicht aus Sallust und Livius
Anweisung zu Mannesmut und Stärke aus Virgils Gesängen die Ahnung
unvergänglicher Schönheit Die Schrift ist uns Leitstern des Glaubens die Alten
aber leuchten zu uns herüber wie das Spätrot einer Sonne die auch nach ihrem
Niedergang noch mit erquickendem Widerschein in des Menschen Gemüt strahlt «
    Ekkehard sprach mit Bewegung Die Herzogin hatte seit dem Tag als der alte
Herzog Burkhard um ihre Hand anhielt keinen Menschen mehr gesehen der für
etwas begeistert war Sie trug einen hohen Geist in sich der sich leicht auch
Fremdartigem zuwandte Griechisch hatte sie in jungen Tagen der byzantinischen
Werbung wegen schnell gelernt Latein flößte ihr eine Art Ehrfurcht ein weil es
ihr fremd war Unbekanntes imponiert Erkenntnis führt auf den wahren Wert der
meist geringer ist als der geahnte Mit dem Namen Virgilius war auch der Begriff
des Zauberhaften verbunden 
    In jener Stunde stieg in Hadwigs Herz der Entschluss auf Lateinisch zu
lernen Zeit dazu hatte sie Wie sie ihren Nachbarn Ekkehard noch einmal
angeschaut hatte wusste sie auch wer ihr Lehrer sein sollte 
    Der stattliche Nachtisch auf dem Pfirsiche Melonen und trockene Feigen
geprangt hatten war verzehrt Lebhaftes Gespräch an den andern Tischen deutete
auf nicht unfleissiges Kreisen des Weinkrugs
    Auch nach der Mahlzeit  so wollte es des Ordens Regel  war zur Erbauung
der Gemüter ein Abschnitt aus der Schrift oder dem Leben heiliger Väter zu
verlesen
    Ekkehard hatte am Tag zuvor das Leben des heiligen Benediktus begonnen das
einst Papst Gregorius abgefasst Die Brüder rückten die Tische zusammen der
Weinkrug stand unbewegt und es ward still in der Runde Ekkehard fuhr mit dem
zweiten Kapitel76 fort
    »Eines Tages aber dieweil er allein war nahte ihm der Versucher Denn ein
schwarzer kleiner Vogel der gemeiniglich Krähe geheißen ist begann um sein
Haupt zu flattern und setzte ihm so unablässig zu dass ihn der heilige Mann mit
der Hand hätte ergreifen mögen so er ihn fangen gewollt
    Er aber schlug das Zeichen des Kreuzes da wich der Vogel
    Wie aber derselbe Vogel verschwunden war folgte eine so große Versuchung
des Fleisches wie sie der heilige Mann noch niemalen erprobt Denn vor langer
Zeit hatte er eine gewisse Frau erschauet Diese stellte ihm der böse Feind
jetzo vor die Augen des Geistes und entzündete das Herz des Knechtes Gottes
durch jene Gestalt mit solchem Feuer dass eine verzehrende Liebe in ihm zu
glühen begann und er von Lust und Sehnsucht bewältigt seinen Einsiedelstand
jäh zu verlassen gedachte
    Da warf plötzlich des Himmels Gnade einen Schein auf ihn dass er zu sich
selber rückkehrte Und er sah ihm zur Seite ein dicht Gebüsch von Brennesseln
und Dörnern stehen zog sein Gewand aus und warf sich nackt in die Stacheln des
Gedörns und den Brand der Nesseln bis dass er am ganzen Körper verwundet von
dannen ging
    Also löschete er des Geistes Wunde durch die Wunden der Haut und siegte ob
der Sünde «
    Frau Hadwig war von dieser Vorlesung nicht erbaut sie ließ ihre Augen
gelangweilt im Saal die Runde machen Der Kämmerer Spazzo  deuchte auch ihm die
Wahl des Kapitels unpassend oder war ihm der Valtelliner zu Häupten gestiegen
 schlug unversehens dem Vorleser das Buch zu dass der holzbeschlagene Deckel
klappte hob ihm seinen Pokal entgegen und sprach »Soll leben der heilige
Benedikt« und wie ihn Ekkehard vorwurfsvoll ansah stimmte schon die jüngere
Mannschaft der Klosterbrüder lärmend ein sie hielten den Trinkspruch für ernst
da und dort ward das Loblied auf den heiligen Mann intoniert diesmal als
fröhlicher Zechgesang und lauter Jubel klang durch den Saal
    Dieweil aber Abt Cralo bedenklich umschaute und Herr Spazzo immer noch
beschäftigt war mit den jungen Klerikern auf das Wohl ihres Schutzpatrons zu
trinken neigte sich Frau Hadwig zu Ekkehard und frug ihn mit nicht allzulauter
Stimme
    »Würdet Ihr mich das Lateinische lehren junger Verehrer des Altertums wenn
ichs lernen wollte77«
    Da klang es in Ekkehards Herz wie ein Widerhall des Gelesenen »Wirf dich in
die Nesseln und Dornen und sag nein« er aber sprach
    »Befehlet ich gehorche«
    Die Herzogin schaute den jungen Mönch noch einmal mit einem sonderbar
flüchtigen Blicke an wandte sich dann zum Abt und sprach über gleichgültige
Dinge
    Die Klosterbrüder zeigten noch kein Verlangen des Tages günstige
Gelegenheit unbenutzt verstreichen zu lassen In des Abts Augen mochte ein
gnädig milder Schein leuchten und der Kellermeister schob auch keinen Riegel
für wenn sie mit leeren Krügen die Stufen hinabstiegen Am vierten Tisch begann
der alte Tutilo gemütlich zu werden und erzählte seine unvermeidliche Geschichte
mit den zwei Räubern78 immer lauter klang seine starke Stimme durch den Saal
»Der eine also zur Flucht sich gewendet  ich ihm nach mit meinem Eichpfahl  er
Spieß und Schild weg zu Boden  ich ihn am Hals gefasst  den weggeworfenen
Spieß in seine Faust gedrückt du Schlingel von einem Räuber zu was bist auf
der Welt Fechten sollst mit mir «
    Aber sie hattens schon allzuoft hören müssen wie er dann dem
Kampfgenötigten den Schädel eingeschlagen und zupften und nötigten an ihm sie
wollten ein schönes Lied anstimmen wie er endlich mit dem Haupte nickte
stürmten etliche hinaus bald kamen sie wieder mit Instrumenten Der brachte
eine Laute jener ein Geiglein worauf nur eine Saite gespannt ein anderer eine
Art Hackbrett mit eingeschlagenen Metallstiften zu deren Anschlag ein
Stimmschlüssel dienlich war wiederum ein anderer eine kleine zehnsaitige Harfe
Psalter hießen sie das seltsam geformte Instrument und sahen in seiner
dreieckigen Gestalt ein Symbol der Dreieinigkeit79
    Und sie reichten ihm seinen dunkeln Taktstab von Ebenholz Da erhob sich
lächelnd der graue Künstler und gab ihnen das Zeichen zu einer Musica die er
selbst in jungen Tagen aufgesetzet mit Freudigkeit hörtens die andern80 Nur
Gerold dem Schaffner wards mit dem Aufklingen der Melodien melancholisch zu
Gemüte er überzählte die abgetragenen Schüsseln und die geleerten Steinkrüge
und wie ein Text zur Singweise flogs ihm durch den Sinn Wieviel hat dieser Tag
verschlungen an Klostergeld und Gut81 Leise schlug er mit sandalenbeschwertem
Fuße den Takt bis der letzte Ton verklang
    Zu unterst am Tische saß ein stiller Gast mit blassgelbem Angesicht und
schwarzkrausem Gelock er war aus Welschland und hatte von des Klosters Gütern
im Lombardischen die Saumtiere mit Kastanien und Öl herübergeleitet In
wehmütigem Schweigen ließ er die Flut der Töne über sich erbrausen
    »Nun Meister Johannes« sprach Folkard der Maler zu ihm »ist die welsche
Feinfühligkeit jetzt zufrieden gestellt Den Kaiser Julianus mutete einst
unserer Vorväter Gesang an wie das Geschrei wilder VögelA3 aber seitdem haben
wirs gelernt Klingts Euch nicht lieblicher als Sang der Schwanen82«
    »Lieblicher  als Sang der Schwanen  « wiederholte der Fremde wie im
Traum Dann erhob er sich und schlich leise von dannen Es hats keiner im
Kloster zu lesen bekommen was er in jener Nacht noch ins Tagebuch seiner Reise
eintrug
    »Diese Männer diesseits der Alpen« schrieb er »wenn sie auch den Donner
ihrer Stimmen hoch gegen Himmel erdröhnen lassen können sich doch nimmer zur
Süße einer gehobenen Modulation erschwingen Wahrhaft barbarisch ist die Rauheit
solch abgetrunkener Kehlen wenn sie durch Beugung und Wiederaufrichtung des
Tons einen sanften Gesang zu ermöglichen suchen schauert die Natur und es
klingt wie das Fahren eines Wagens der in Winterszeit über gefrorenes Pflaster
dahin knarrt 83«
    Herr Spazzo gedachte was löblich begonnen auch löblich zu enden er
schlich sich fort über den Hof in das Gebäude wo Praxedis und die Dienerinnen
waren und sprach »Ihr sollt zur Herzogin kommen und zwar gleich«  sie
lachten erst ob seiner Kutte folgten ihm aber zum Saal und war keiner der sie
von der Schwelle zurückhielt Und wie die Mägdlein an des Refektoriums Eingang
sichtbar wurden entstand ein Gemurmel und ein Kopfwenden im Saal als sollte
jetzo ein Tanzen und Springen anheben wie es diese Wände noch nicht erschaut
    Herr Cralo der Abt aber wandte sich an die Herzogin und sprach »Frau
Base«  und sprachs mit so duldender Wehmut dass sie aus ihren Gedanken
auffuhr Und sie sah auf einmal ihren Kämmerer und sich selber in der
Mönchskutte mit andern Augen an denn zuvor und schaute die Reihen trinkender
Männer dem entferntesten verdeckte der Kapuze vorstehender Rand das Antlitz
dass es aussah als werde der Wein in leeren Gewandes Abgrund geschüttet und die
Musik klang ihr gellend in die Ohren als würde hier ein Mummenschanz gefeiert
der schon allzulang gedauert 
    Da sprach sie »Es ist Zeit schlafen zu gehen« und ging mit ihrem Gefolg
nach dem Schulhaus hinüber wo ihr Nachtlager sein sollte
    »Wisst Ihr auch was des Tanzens Lohn gewesen wär« frug Sindolt einen der
Mönche der ob dieser Wendung der Dinge höchlich betrübt schien Der schaute ihn
starr an Da machte ihm Sindolt eine unverkennbare Gebärde die hieß
»Geisselung«
 
                                    Fußnoten
A1 Unter dieser Allegorie hatte der Afrikaner Martianus Kapella im 5
Jahrhundert eine Enzyklopädie der sieben freien Künste gegeben die im
Mittelalter als Schulbuch viel benutzt ward Notker Labeo übersetzte sie ins
Deutsche Eine Alba mit Darstellungen daraus hatte Hadwig nach Kapitel 90 der
»Kasus S Galli« dem Ekkehard geschenkt
A2 »Äneis« 1 132 ff Worte Neptuns
A3 Flavius Julianus Apostata Kaiser 361363 vergleicht in seinem »Misopogon«
den Gesang der Alemannen dem Rufe rau krächzender Vögel
 
                                Fünftes Kapitel
                               Ekkehards Auszug
Frühmorgens darauf saß die Herzogin samt ihren Leuten im Sattel heimzureiten
und der Abt hatte keine Einwendung erhoben da sie sich jegliche
Abschiedsfeierlichkeit verbat Darum lag das Kloster in stiller Ruhe als drüben
schon die Rosse wieherten nur Herr Cralo kam pflichtschuldig herüber Er wusste
was die Sitte gebot
    Zwei Brüder begleiteten ihn
    Der eine trug einen schmucken Becher von Kristall mit silbergetriebenem Fuß
und Aufsatz geschmückt und saß manches gute Stücklein Onyx und Smaragd in der
silbernen Umfassung der andere trug ein Krüglein mit Wein Und der Abt schöpfte
ein weniges in den Becher wünschte seiner erlauchten Base einen gesegneten Tag
und bat mit ihm des Abschieds Minne zu trinken und den Becher zu freundlichem
Angedenken zu behalten84
    Für den Fall dass das Geschenk nicht genügend befunden werden sollte hatte
er noch ein seltsam Schaustück im Rückhalt das war silbern zwar doch
unansehnlicher Gestalt und täuschend einem schlichten Brote gleichgeformt innen
aber gefüllt mit güldenen Byzantinern bis zum Rande85  vorerst ließ der Abt
nichts davon vermerken und trugs sorglich verborgen in der Kutte
    Frau Hadwig nahm den dargebotenen Becher tat als wenn sie daran nippte
gab ihn aber wieder zurück und sprach »Erlaubet teurer Vetter was soll der
Frau das Trinkgefäss Ich heische ein anderweit Gastgeschenk Habet Ihr nicht
gestern von Quellen der Weisheit gesprochen«
    »Ihr sollt mir aus des Klosters Bücherei einen Virgilius verehren«
    »Immer zu Scherz geneigt« sagte Herr Cralo der eine gewichtigere Forderung
erwartet hatte »was soll Euch der Virgilius so Ihr der Sprache nicht kundig
seid«
    »Es versteht sich dass Ihr mir den Lehrer dazu gebet« sprach die Herzogin
ernst
    Da schüttelte der Abt bedenklich das Haupt »Seit wann werden die Jünger des
heiligen Gall als Gastgeschenke vergeben«
    Sie aber sprach »Ihr werdet mich verstanden haben Der blonde Pörtner wird
mein Lehrer sein und heut am dritten Tage längstens wird der Virgilius und er
sich bei mir einstellen Gedenket dass des Klosters Streit um die Güter im
Rheintal und die Bestätigung seiner Freiheiten in Schwaben in meiner Hand ruht
und dass ich nicht abgeneigt auch auf dem Twieler Felsen den Jüngern Sankt
Benedikts ein Klösterlein herzurichten 
    Lebet wohl Herr Vetter«
    Da winkte Herr Cralo betrübt dem dienenden Bruder »Traget den Kelch in die
Schatzkammer zurück« Frau Hadwig reichte ihm anmutig die Rechte die Rosse
stampften Herr Spazzo schwang den Hut  in leichtem Trab ritt der Zug aus des
Klosters Bann heimwärts
    Von des Wächters Turmstube ward ein mächtiger Strauss in die Abreitenden
geworfen dran allein an Sonnenblumen die Hälfte eines Dutzends prangte der
Astern nicht zu gedenken aber niemand fing ihn auf und der Rosse Huf brauste
drüber hin 
    Im trockenen Graben vor dem Tor hatten sich die Schüler der äußeren
Klosterschule versteckt »Langes Leben der Frau Herzogin in Schwaben Heil ihr
 und sie soll die Felchen bald schicken Heil« klang ihr Ruf gellend in der
Scheidenden Ohr
    »Wem für ein ungezogen Benehmen drei Feiertage und die besten Seefische
bewilligt sind der hat gut schreien« sprach Herr Spazzo
    Langsam ging der Abt ins Kloster zurück er ließ Ekkehard den Pörtner zu
sich rufen und sprach zu ihm »Es ist eine Fügung über Euch ergangen Ihr sollt
der Herzogin Hadwig einen Virgilius überbringen und ihr Lehrer werden
    Die alten Lieder des Maro mögen mit lieblichem Sang die skytischen Sitten
besänften heißts im SidoniusA1 Es ist nicht Euer Wunsch «
    Ekkehard schlug die Augen nieder seine Wangen röteten sich 
    »Aber den Mächtigen der Erde dürfen wir keinen Anstoß geben Morgen reist
Ihr ab Ich verliere Euch ungern Ihr wäret der brävsten und würdigsten einer
Der heilige Gallus wird Euch den Dienst gedenken den Ihr seinem Stift leistet
Vergesst auch nicht aus dem Virgilius das Titelblatt wegzuschneiden mit der
Verwünschung gegen den der das Buch dem Kloster verschleppt 86«
    Was des Menschen Herzenswunsch ist dazu lässt er sich gern befehligen
    »Des Gehorsams Gelübde« sprach Ekkehard »heißt mich des Vorgesetzten
Willen sonder Zagen und Aufschub sonder Lauheit und Murren vollziehen«
    Er beugte sein Knie vor dem Abte
    Dann ging er nach seiner Zelle Es war ihm als hätte er geträumt Seit
gestern war ihm fast zu vieles begegnet Es geht noch andern ebenso lang
einförmig schleicht das Leben  wenn des Schicksals Wendungen kommen folgt
Schlag auf Schlag Er rüstete sich zur Reise »Was du begonnen lass unvollendet
zurück zieh ab deine Hand vom Geschäft darin sie tätig war zeuch aus im
Schritt des Gehorsams« es war ihm kaum Not sich diesen Satz seiner Regel
vorzuhalten
    Auf seiner Zelle lagen die Pergamente des Psalmenbuchs87 das Folkard mit
Meisterhand geschrieben und mit feinen Bildwerken verziert hatte Ekkehard war
beauftragt mit der wertvollen Goldfarbe die der Abt jüngst von venezianischen
Handelsleuten erkauft hatte die Anfangsbuchstaben auszumalen und den Figuren
durch leisen Goldstrich an Krone Szepter Schwert und Mantelsaum die letzte
Vollendung zu geben
    Er nahm Pergament und Farben und trugs seinem Gefährten hinüber dass er
statt seiner die letzte Hand ans Begonnene lege Folkard war gerade daran ein
neues Bild zu entwerfen wie David vor der Bundeslade tanzt und die Laute
spielt  er schaute nicht auf Schweigend verließ Ekkehard seine Künstlerstube
    Er wandte sich zur Bibliothek den Virgil auszulesen Wie er droben stand im
hochgewölbten Saal einsam unter den schweigenden Pergamenten da kam ein Gefühl
der Wehmut über ihn auch das Leblose stellt sich bei Abschied und Wiedersehen
vor den Menschen als trügs eine Seele in sich und nähme Anteil an dem was ihn
bewegt
    Die Bücher waren seine besten Freunde Er kannte sie alle und wusste wer sie
geschrieben  manche der Schriftzüge erinnerten an einen vom Tode schon
entführten Gefährten 
    »Was wird das neue Leben bescheren das von morgen für mich anhebt« Eine
Träne stand ihm im Auge Jetzt fiel sein Blick auf das kleine in metallene
Decke gebundene Glossarium in dem einst der heilige Gallus der am Bodensee
üblichen Landessprache unkundig sich vom Pfarrherrn zu Arbon die notwendigsten
Worte hatte verdeutschen lassen88 Da gedachte Ekkehard wie des Klosters
Stifter mit so wenig Ausrüstung und Hilfe dereinst ausgezogen ein fremder Mann
unter die Heiden und wie sein Gott und sein unverzagt Herz in Not und
Fährlichkeit ihn immerdar frisch gehalten  sein Mut stärkte sich er küsste
das Büchlein nahm den Virgil aus dem Schrein und wandte sich zu gehen »Wer
dies Buch wegträgt den sollen tausend Peitschenhiebe treffen und Lähmung und
Aussatz dazu« stand auf dem ersten Blatte Er schnitts weg
    Noch einmal schaute er um als wollten ihm von Brett und Kasten die Bücher
einen Gruß zuwinken Da hub sich ein Knistern an der Wand der große Bauriss89
den der Architekt Gehrung einst auf drei Schuh langer Tierhaut zu des Abt
Hartmut neuem Klosterbau angefertigt hatte löste sich von dem festaltenden
Nagel und stürzte nieder dass eine Staubwolke daraus emporstieg
    Ekkehard machte sich keine Gedanken drüber
    Wie er den Gang des oberen Stockwerks entlang schritt kam er an einem
offenen Gemach vorüber Das war der Winkel der Alten Der blinde Tieto90 saß
drin einst des Klosters Abt bis schwindendes Augenlicht ihn abzudanken
nötigte Ein Fenster war geöffnet dass der Greis sich der sonnenwarmen Luft
erfreue Bei ihm hatte Ekkehard manche Stunde in traulichem Gespräch verbracht
Der Blinde kannte ihn am Schritt und rief ihn zu sich »Wohin« frug er
    »Hinunter  und morgen fort ins Weite Gebt mir Eure Hand ich komme auf
den hohen Twiel«
    »Schlimm« sprach der Blinde »sehr schlimm«
    »Warum Vater Tieto«
    »Frauendienst ist ein schlimm Ding für den der gerecht bleiben will
Hofdienst noch schlimmer  was ist Frauen und Hofdienst zugleich«
    »Es ist mein Schicksal« sprach Ekkehard
    »Sankt Gallus behüte und schirme Euch« sagte Tieto »Ich will für Euch
beten Gebt mir meinen Stab«
    Ekkehard wollte ihm seinen Arm bieten den lehnte er ab er erhob sich und
schritt zu einer Nische in der Wand dort stund ein schmucklos Fläschlein Er
nahms herab und gabs ihm
    »s ist Wasser aus dem Jordan das ich selber einst geschöpft Wenn Euch der
Staub der Welt überflogen hat und Eure Augen trüb werden wollen so läutert Euch
damit Meinen hilfts nicht mehr Fahret wohl«
    Am Abend desselben Tages ging Ekkehard auf den Berg an den sich das Kloster
anlehnt Seit langer Zeit war das sein Lieblingsgang In den Fischweihern die
dort zur Spendung klösterlicher Fastenspeise künstlich angelegt sind spiegelten
sich die Tannen ein leiser Luftzug kräuselte die Wellen die Fische tummelten
sich Lächelnd ging er vorüber »Wann werd ich wohl wieder einen von euch
verzehren«
    Im Tannwald oben auf dem Freudenberg wars feierlich still Da hielt er an
Ein weites Rundbild tat sich auf
    Zu Füßen lag das Kloster mit all seinen Gebäuden und Ringmauern hier sprang
der wohlbekannte Springquell im Hofe dort blühten die Herbstblumen im Garten 
dort in langer Reihe die Fenster der Klosterzellen er kannte jedwede und sah
auch die seinige »Behüt dich Gott stilles Gelass«
    Der Ort wo Tage strebsamer Jugend verlebt wurden wirkt wie Magnetstein
aufs Herz es braucht so wenig um angezogen zu sein nur der ist arm dem das
große Treiben der Welt nicht Zeit vergönnt sich örtlich und geistig an einem
stillen Platz niederzulassen
    Ekkehard hob sein Auge Hoch aus der Ferne wie reiche Zukunft glänzte des
Bodensees Spiegel herüber in verschwommenen Duft war die Linie des
anderseitigen Ufers und seiner Höhenzüge gehüllt nur da und dort haftete ein
heller Schein und ein Widerschein im Wasser die Niederlassungen der Menschen
andeutend
    »Aber was will das Dunkel in meinem Rücken« Er schaute sich um rückwärts
hinter den tannigen Vorbergen reckte der Säntis seine Zacken und Hörner empor
auf den verwitterten Felswänden hüpfte warmer Sonnenstrahl unstet im Kampf mit
dem Gewölke und strahlte vorüberfliehend auf die Massen alten Schnees die in
den Schluchten neuem Winter entgegenharrten  Über dem Kamor stand eine dunkle
Wolke sie dehnte und streckte sich bald war die Sonne verdeckt grau und matt
wurden die Bergspitzen gefärbt es schickte sich an zu wetterleuchten 
    »Soll mir das ein Zeichen sein« sprach Ekkehard »ich verstehe es nicht
Mein Weg geht nicht zum Säntis«
    Nachdenkend schritt er den Berg hinunter
    In der Nacht betete er am Grabe des heiligen Gallus Frühmorgens nahm er
Abschied Der Virgilius und Tietos Fläschlein waren in die Reisetasche
verpackt sein übrig Gepäck kurz beisammen
    Wem selbst nicht der Körper die Wünsche und Begierden zu eigener Verfügung
stehen dürfen soll auch weder an fahrender Habe noch an liegendem Gut ein eigen
Besitztum ausüben
    Der Abt schenkte ihm zwei Goldschillinge und etliche Silberdenare als Zehr
und Notpfennig
    Mit einem Kornschiff des Klosters fuhr er über den See  die Segel von
günstigem Wind die Brust von Mut und Wanderlust geschwellt
    Mittag wars da rückte das Kastell von Konstanz und Dom und Mauerzinnen
immer deutlicher vor den Augen der Schiffahrer auf Wohlgemut sprang Ekkehard
ans Land
    In Konstanz hätt er sich verweilen im Hof des Bischofs Gastfreundschaft
ansprechen mögen Er tats nicht Der Ort war ihm zuwider zuwider von Grund
seines Herzens nicht wegen seiner Lage oder etwaiger Missgestalt denn an
Schönheit wetteifert er kühnlich mit jeglicher Stadt am See sondern wegen der
Erinnerung an einen Mann dem er gram
    Das war der Bischof Salomo sie hatten ihn kürzlich mit großem Prunk im
Münster begraben Ekkehard war ein schlichter gerader frommer Mensch Im
Dienst der Kirche stolz und hochfahrend werden schien ihm Unrecht ihn mit
weltlichen Kniffen und Ränken verbinden verwerflich  trotz aller
Herzensverworfenheit ein weitberühmter Mann bleiben sonderbar Solcher Art aber
war des Bischofs Salomo Treiben gewesen Ekkehard erinnerte sich noch wohl aus
den Erzählungen älterer Genossen mit welcher Zudringlichkeit sich der junge
Edelmann in das Kloster eingeschlichen den Späher gemacht sich beim Kaiser als
unentbehrlicher Mann darzustellen gewusst bis die Insul eines Abts von Sankt
Gallen mit der Mitra eines Bischofs von Konstanz auf seinem Haupt vereinigt war
    Und vom großen Schicksal der Kammerboten sangen die Kinder auf den Straßen
Die hatte der ränkespinnende Prälat gereizt und gekränkt bis sie in der Fehde
Recht suchten und ihn fingen aber wiewohl Herrn Erchangers Gemahlin Berchta ihn
in der Gefangenschaft hegte und pflegte wie ihren Herrn und den Friedenskuss von
ihm erbat und aus einer Schüssel mit ihm aß war sein Gemüt der Rache nicht
gesättigt bis dass des Kaisers Gericht zu Adingen seinen rauen Feinden die
Häupter vor die Füße gelegt
    Und die Tochter die dem frommen Mann aus lustiger Studentenzeit erwachsen
war jetzt noch Äbtissin am Münster zu Zürich91
    All das wusste Ekkehard in der Kirche wo der Mann begraben lag mocht er
nicht beten
    Es mag ungerecht sein den Hass der den Menschen gebührt auf das Stück Land
überzutragen wo sie gelebt und gestorben aber es ist erklärlich
    Er schüttelte den Konstanzer Staub von den Füßen und wanderte zum Tor
hinaus dem sich kaum dem See entwindenden jungen Rhein blieb er zur Linken
    Von mächtiger Haselstaude schnitt er sich einen festen Wanderstab »wie die
Rute Aarons da sie im Tempel Gottes aufgrünte sein Geschlecht schied von den
abtrünnigen Juden so möge dieser Stab geweiht mit der Fülle göttlicher Gnade
mir ein Hort sein wider die Ungerechten am Wege« sprach er mit den Worten eines
alten Stocksegens92 Vergnügt schlug ihm das Herz wie er einsam fürbass zog
    Wie hoffnungsgrün und beseligt ist der Mensch der in jungen Tagen auf
unbekannten Pfaden unbekannter Zukunft entgegenzieht  die weite Welt vor sich
der Himmel blau und das Herz frisch als müsst sein Wanderstab überall wo er
ihn ins Erdreich einstösst Laub und Blüten treiben und das Glück als goldnen
Apfel in seinen Zweigen tragen Wandre nur immer zu Auch du wirst einstmals
müden Fußes im Staub der Heerstraße einherschleichen und dein Stab ist ein
dürrer Stecken dein Antlitz welk und die Kinder zeigen mit Fingern auf dich
und lachen und fragen wo ist der goldene Apfel 
    Ekkehard war in der Tat vergnügt Wanderlieder zu singen war für einen Mann
geistlichen Standes nicht üblich aber der Gesang Davids den er jetzt
anstimmte »Jehova ist mein Hirt mir mangelt nichts Auf grünen Triften lässt er
mich lagern zu stillen Gewässern führt er mich«  mag ihm im Himmel in das
gleiche Buch des Verdienstes verzeichnet worden sein in das die Engel der
Jugend fahrender Schüler und wandernder Gesellen Lieder einzutragen pflegen
    Durch Wiesen und an hohem Schilfgelände vorüber führte ihn sein Pfad Lang
und niedrig streckte sich im See eine Insel die Reichenau Turm und Mauern des
Klosters spiegelten sich im ruhigen Gewässer Rebhügel Matten und Obstgärten
wiesen dem Auge den Fleiß der Bewohner
    Vor zweihundert Jahren war die Au noch wüst und leer gestanden in feuchtem
Grunde die Herberge von Gewürm und bösen Schlangen Der austrasische Landvogt
Sintlaz aber wies den wandernden Bischof Pirminius hinüber der sprach einen
schweren Segen über das Eiland da zogen Schlangen und Würmer in vollem
Heereshaufen aus die Tausendfüssler im Plänklerzug voran Ohrklemmer Skorpione
Lurche und was sonst kreucht in geordneten Säulen mit Kröten und Salamander in
der Nachhut des Pirminius Spruch konnten sie nicht bestehen zum Gestade wo
später die Burg Schopfeln gebaut ward wälzte sich der Schwarm dann hinab in
die grüne Seeflut  und der Fisch weitum hat damals einen guten Tag gehabt 
    Seiter war des Pirminius Stift aufgeblüht eine Pflanzstätte klösterlicher
Zucht von gutem Klang in deutschen Landen
    »Reichenau grünendes Eiland wie bist du vor andern gesegnet
    Reich an Schätzen des Wissens und heiligem Sinn der Bewohner
    Reich an des Obstbaums Frucht und schwellender Traube des Weinbergs
    Immerdar blüht es auf dir und spiegelt im See sich die Lilie
    Weitin schallet dein Ruhm bis ins neblige Land der Britannen«
hatte schon in Ludwigs des Deutschen Tagen der gelahrte Mönch Ermenrich93
gesungen da ihn auf seiner Abtei Ellwangen Heimweh nach den schimmernden Fluten
des Bodensees beschlich
    Ekkehard beschloss dieser Nebenbuhlerin seines Klosters einen Besuch
abzustatten Am weisssandigen Gestad von Ermatingen stand ein Fischer im Kahn und
schöpfte das Wasser aus Da deutete Ekkehard mit seinem Stab nach dem Eiland
»Führt mich hinüber guter Freund«
    Mönchshabit verlieh damals jeder Aufforderung Nachdruck
    Der Fischer aber schüttelte verdrossen das Haupt »Ich fahre keinen mehr von
euch seit ihr mich am letzten Ruggericht um einen Schilling gebüßt «
    »Warum haben sie Euch gebüßt«
    »Wegen dem Kreuzmann«
    »Wer ist der Kreuzmann«
    »Der Allmann«
    »Auch der ist mir unbekannt« sprach Ekkehard »wie sieht er aus«
    »Aus Erz ist er gegossen« brummte der Fischer »von zweier Spannen Höhe
und hält drei Seerosen in der Hand Der stund im alten Weidenbaum zu
Allmannsdorf und s war gut dass er dort stund aber seit dem letzten
Ruggericht haben sie ihn aus dem Baum gehauen und ins Kloster verschleppt Jetzt
steht er auf des welschen Bischofs Grab in Niederzell was soll er dort Toten
Heiligen Fische fangen helfen94 «
    Da merkte Ekkehard dass des Fischers Christenglaube noch nicht felsenfest
stand und mochte sich erklären warum das eherne Götzenbild ihm die
Schillingsbusse eingetragen  er hatte ihm ein Zicklein nächtlich als Opfer
geschlachtet damit seine Fischzüge mit Felchen Forellen und Braxmannen
gesegnet würden und die Rugmänner hatten nach kaiserlicher Verordnung solch
heidnisch Rückerinnern geahndet
    »Seid vernünftig alter Freund« sprach Ekkehard »und vergesset den
Allmann Ich will Euch ein gut Teil Eures Schillings geben so Ihr mich
übersetzet«
    »Was ich rede« sprach der Alte »soll sich nicht drehen lassen wie ein Ring
am Finger Ich fahre keinen von euch Mein Bub kanns tun wenn er will«
    Er pfiff durch die Finger da kam sein Bub ein hochstämmiger Ferge der
führte Ekkehard hinüber
    Wie sie das Schifflein angelegt ging Ekkehard dem Kloster zu das zwischen
Obstbäumen und Rebhügeln versteckt inmitten des Eilandes aufgebaut steht Es war
die Zeit des Späterbstes alt und jung auf der Insel mit der Weinlese
beschäftigt da und dort hob sich die Kapuze eines dienenden Bruders dunkel vom
rotgelben Reblaub ab Auf der Hochwarte standen die Väter der Insel truppweise
beisammen und ergötzten sich am Getrieb der traubensammelnden Leute sie hatten
unter Umtragung eines mächtigen Marmorgefässes das für einen Krug von der
kananäischen Hochzeit galt die Einsegnung des neuen Weines95 abgehalten
Fröhlicher Zuruf und fernes Jauchzen klang aus den Rebbergen
    Unbemerkt kam Ekkehard zum Kloster auf wenig Schritte war er ihm genaht da
erst ragte der schwerfällige Turm mit seinen Vorhallen deren Rundbogen
abwechselnd mit grauen und roten Sandsteinquadern geschmückt sind vor ihm auf
    Im Klosterhof war alles stumm und still Ein großer Hund wedelte am fremden
Gast hinauf ohne Laut zu geben er bellte keine Kutte an die Einwohner
allesamt hatte der linde Herbsttag hinausgelockt96
    Da trat Ekkehard in die gewölbte Fremdenstube am Eingang Auch des Pförtners
Gelass nebenan war leer Offene Fässer standen aufgepflanzt manche schon mit
süßem Moste gefüllt Hinter ihnen war ein steinern Bänklein an der Wand
Ekkehard war frisch ausgeschritten und die Seeluft hatte ihm zehrend ums Haupt
geweht da kam ein Zug des Schlummers mächtig über ihn er lehnte den Wanderstab
an den Arm streckte sich ein weniges und nickte ein
    Derweil zog sichs mit langsamem Schritt in die kühle Stube das war der
ehrenwerte Bruder Rudimann des Klosters Kellermeister Er trug ein steinern
Krüglein in der Rechten und ging seines Amtes nach Mostprobe zu halten Das
Lächeln eines mit der Welt und sich versöhnten Mannes lag auf seinen Lippen und
sein Bauch war fröhlich gediehen wie das Hauswesen des Fleissigen einen weißen
Schurz hatte er darüber geschlungen gewichtiger Schlüsselbund klapperte an
seiner linken Seite
    »Zum Kellermeister soll erwählt werden ein weiser Mann von reifen Sitten
nüchtern und nicht vieler Speise gierig kein Zänker und kein Schelter kein
Träger und kein Vergeuder sondern ein Gottesfürchtiger der der gesamten
Bruderschaft sei als wie ein Vater97«  und soweit es des Fleisches Schwäche
hienieden möglich macht war Rudimann bemüht sotane Kellermeisterseigenschaften
in sich zu vereinen dabei aber trug er das herbe Amt eines Strafvollziehers
und wenn einer der Brüder der Geisselung sich schuldig gemacht band er ihn an
die Säule und konnte sich keiner über die Milde seines Armes beklagen Dass er
außerdem mit boshafter Zunge dann und wann boshaftige Gedanken aussprach und den
Abt mit Verdächtigung der Mitbrüder zu unterhalten wusste wie das Eichhörnlein
Ratatöskr der Edda98  das aufund abrennt an der Esche Yggdrasil und des
Adlers zürnende Worte im Wipfel herniederträgt zu Nidhöggr dem Drachen in der
Tiefe das war nicht seines Amtes das tat er aus freien Stücken
    Heute aber schaute er gar vergnüglich drein des trug die Güte der Weinlese
schuld Und er tauchte sein Krüglein in ein offenes Fass hielts gegen das
Fenster und schlürfte bedächtig den unklaren Stoff Des schlafenden Gastes nahm
er nicht wahr
    »Auch dieser ist süß« sprach er »und kommt doch vom mitternächtigen Abhang
der Hügel Gelobt sei der Herr der vom Notstand seiner Knechte auf dieser Au
eine billige Einsicht nahm und nach so viel mageren Jahren ein fettes schuf und
frei von Säure«
    Inzwischen ging draußen Kerhildis die Obermagd vorüber sie trug eine
traubengefüllte Butte zur Kelter »Kerhildis« sprach der Kellermeister leise
»getreueste aller Mägde nimm mein Krüglein und füll es mit dem  Neuen vom
Wartberg der drüben an der Kelter steht auf dass ich ihn mit diesem
vergleiche«
    Kerhildis die Obermagd stellte ihre Last ab und ging und kam und stand vor
Rudimann reichte ihm das Krüglein schaute schalkhaft an ihm hinauf denn er
überragte sie um eines Kopfes Länge und sprach »Wohl bekomms«
    Rudimann tat einen langen frommen vergleichenden Zug so dass ihm der Neue
auf den Lippen schmelzen mochte wie Schnee in der Märzensonne »alle miteinander
werden süß und gut« sprach er und seine Augen hoben sich gerührt und dass sie
an der Obermagd strahlendem Antlitz haftenblieben daran trug der Kellermeister
kaum Schuld denn diese hätte sich inzwischen auch zurückziehen können
    Da fuhr er mit Salbung fort »So ich aber Euch anschaue Kerhildis so wird
mein Herz doppelt froh denn auch Ihr gedeihet wie der Klosterwein in diesem
Herbst und Eure Bäcklein sind rot wie Granatäpfel die des Pflückenden harren
Preiset mit mir des Jahrgangs Güte so getreuste aller Mägde«
    Und der Kellermeister schlang seinen Arm um der schwarzbraunen Obermagd
Hüfte99 die wehrte sich dessen nicht groß  was liegt an einem Kuss im Herbste
 und sie wusste dass Rudimann ein Mann von reifen Sitten war und alles mäßig
tat wie es einem Kellermeister geziemt
    Da fuhr der Schläfer auf der Steinbank aus seinem Schlummer Ein
eigentümlich Geräusch das von nichts anderem herrühren kann als von einem
wohlaufgesetzten verständigen Kuss schlug an sein Ohr er schaute zwischen den
Fässern durch da sah er des Kellermeisters Gewandung und ein Paar fliegende
Zöpfe die nicht zu diesem Habit gehörten  er richtete sich auf ein
ungestümer Zorn kam über ihn denn Ekkehard war jung und eifrig und in Sankt
Gallen war strenge Sitte und es hatte ihm noch nie als möglich vorgeschwebt
dass ein Mann im Ordenskleid ein Weib küssen möge
    Sein wuchtiger Haselstock ruhte ihm noch im Arm jetzt sprang er vor und
schlug dem Kellermeister einen wohlgefügen Streich der zog sich von der rechten
Schulter nach der linken Hüfte und saß fest und gut wie ein auf Bestellung
gelieferter Rock  und bevor sich jener der ersten Überraschung erholt folgte
ein zweiter und dritter von gleichem Schrot  er ließ sein steinern Geschirr
fallen dass es am Pflaster zerschellte Kerhildis entfloh
    »Beim Krug von der Hochzeit zu Kana« rief Rudimann »was ist das« und
wandte sich gegen den Angreifer Jetzt erst schauten sich die beiden von
Angesicht zu Angesicht
    »Ein Gastgeschenk ists« sprach Ekkehard ingrimmig »das der heilige Gall
dem heiligen Pirmin sendet100« und er erhub seinen Stab von neuem
    »Dacht ichs doch« schalt der Kellermeister »sankt gallische Holzäpfel
Man kennt euch an den Früchten Boden hart Glaube roh Leute grob101 Wartet
des Gegengeschenks«
    Er sah nach etwas Greifbarem um ein namhafter Besen stand in der Ecke mit
dem waffnete er sich und gedachte auf den Störer seines Friedens einzudringen

    Da riefs gebietend von der Pforte her »Halt Friede mit euch« Und eine
zweite Stimme frug mit fremder Betonung »Was ist hier für ein Holofernes aus
dem Boden gewachsen«
    Es war der Abt Wazmann der mit seinem Freund Simon Bardo dem ehemaligen
Protospatar102 des griechischen Kaisers von der Einsegnung der Weinlese
zurückkehrte Das Geräusch des Streits unterbrach eine gelehrte
Auseinandersetzung des Griechen über die Belagerung der Stadt Hai durch Josua
und die strategischen Fehler des Königs von Hai da er mit seinem Heer auszog
wider die Wüste Der alte Griechenfeldherr der die Heimat verlassen um im
byzantinischen Ruhestand nicht an Mattigkeit der Seele zu ersterben lag in
seinen Mussestunden im deutschen Kloster eifrig dem Studium der Taktik ob sie
hießen ihn scherzweise den Hauptmann von Kapernaum wiewohl er das Ordenskleid
genommen
    »Gebt dem Streite Raum« sprach Simon Bardo der mit Bedauern den Zweikampf
unterbrochen sah zum Abte »ich hab heut im Traume ein Sprühen von Feuerfunken
erschaut das deutet Schläge «
    Der Abt aber in dessen Augen die Eigenmacht jüngerer ein Greuel war gebot
Ruhe und ließ den Streitfall zur Schlichtung vortragen
    Da hob Rudimann an zu erzählen was geschehen und verschwieg nichts
    »Leichtes Vergehen« murmelte der Abt »Hauptstück sechsundvierzig von dem
was bei der Arbeit beim Gärtnen oder Fischfang in Küche oder Keller gesündigt
wird  alemannisches Gesetz von dem was mit Mägden geschieht  der Gegner
spreche«
    Da trug auch Ekkehard vor wie er die Sache angeschaut und in gerechtem Zorn
dreingefahren
    »Verwickelt« murmelte der Abt »Hauptstück siebzig kein Bruder nehme
sich heraus den Mitbruder sonder Ermächtigung des Abts zu schlagen Hauptstück
zweiundsiebenzig von demjenigen Eifer der einem Mönch wohl ansteht und zum
ewigen Leben führt  Wieviel Jahre zählt Ihr«
    »Dreiundzwanzig«
    Da sprach der Abt ernstaft »Der Streit ist aus Ihr Bruder Kellermeister
habt Eure Streiche als wohlverdient Entgelt Eurer Zerstreutheit aufzunehmen 
Euch Fremdling des heiligen Gallus vermöchte ich füglich anzuweisen Eures
Weges weiter zu ziehen denn es steht geschrieben Wenn ein fremder Mönch aus
anderweiten Provinzen ankommt soll er zufrieden sein mit dem was er im Kloster
vorfindet sich nur einen demütigen Tadel erlauben und sich in keiner Weise
überflüssig machen In Erwägung Eurer Jugend und untadeligen Beweggrundes aber
mögt Ihr zur Sühnung am Hauptaltar unserer Kirche eine einstündige Abendandacht
verrichten dann seid als Gastfreund willkommen«
    Dem Abte erging es mit seinem Schiedsspruch wie manchem gerechten Richter
Keiner der Beteiligten war zufrieden sie gehorchten aber unversöhnt Wie
Ekkehard in der Kirche sein Sühngebet tat mochten ihm allerlei Gedanken durch
die Sinne ziehen vom guten Herzen vom rechtzeitigen Eifer und von andrer Leute
Urteil drüber Es war eine der ersten Lehren die er im Zusammenstoß mit
Menschen erlitt Durch eine Seitenpforte ging er  ins Kloster zurück
    Was Kerhildis die Obermagd an jenem Abend den dienstbaren Frauen im
Nähsaal zu Oberzell erzählte allwo sie beim flackernden Scheine des Kienspans
ein Dutzend neue Mönchsgewänder zu fertigen hatten war mit so beleidigenden
Ausfällen gegen die Jünger des heiligen Gallus untermischt dass es besser
verschwiegen bleibt 
 
                                    Fußnoten
A1 Apollinaris Sidonius etwa 430480 gallischrömischer Dichter Bischof von
Klermont
 
                               Sechstes Kapitel
                                    Moengal
Um dieselbe Zeit da Ekkehard in der Klosterkirche der Insel eine unfreiwillige
Andacht abhielt war Frau Hadwig auf dem Söller von Hohentwiel gestanden und
hatte lange hinausgeschaut  aber nicht nach der untergehenden Sonne Die ging
ihr im Rücken hinter den dunkeln Bergen des Schwarzwaldes zur Ruhe Frau Hadwig
aber schaute erwartungsvoll nach dem Untersee und nach dem Pfad der von seinem
Ausgang sich dem Hohentwieler Fels entgegen zog Die Aussicht schien ihr nicht
zu genügen wies dunkel ward ging sie unwillig103 zurück ließ ihren Kämmerer
rufen und verhandelte lang mit ihm 
    Am frühen Morgen des andern Tages stund Ekkehard gerüstet zu weiterer Fahrt
an der Schwelle des Klosters Der Abt war auch schon wach und machte einen
Frühgang im Gärtlein Der Richterernst des gestrigen Tages lag nicht mehr auf
seiner Stirne Ekkehard sagte ihm Valet Da raunte ihm der Abt lächelnd ins Ohr
»Seliger der du eine solche Schülerin die Grammatik lehren darfst« Das schnitt
in Ekkehards Herz Eine alte Geschichte stieg in seiner Erinnerung auf  auch
in den Klostermauern gabs böse Zungen und überlieferte Stücklein die vom einen
zum andern die Runde machten
    »Ihr gedenket wohl der Zeit heiliger Herr« sprach er höhnisch »da Ihr die
Nonne Klotildis in der Dialektik unterrichtet104«
    Damit ging er hinab zu seinem Schiffe Der Abt hätte lieber ein Büchslein
mit Pfeffer zum Frühmahl eingenommen als diese Erinnerung »Glückliche Reise«
rief er dem Scheidenden nach
    Von dieser Zeit hatte Ekkehard es mit den Reichenauer Klosterleuten
verdorben Er ließ sichs nicht kümmern und fuhr mit seinem Ermatinger Fergen
den Untersee hinab
    Träumerisch schaute er aus seinem Schifflein hinaus ins Weite Im
durchsichtigen Duft des Morgens wogte der See zur Linken hoben sich die
schlanken Türmchen von Eginos Klause Niederzell  dort streckt das Eiland seine
letzten Spitzen ins Gewässer hinaus eine steinerne Pfalz schaute aus den
Weidenbüschen vor  aber Ekkehards Blick haftete auf der Ferne der er
zusteuerte groß stolz in steiler kecker Linie trat ein felsiger Bergrücken
aus dem Gehügel des Ufers vor gleich dem Gedanken eines Geistesgewaltigen der
wuchtig und tatenschwer flache Umgebung überragt die Frühsonne warf helle
Streiflichter auf Felskanten und Gemäuer Fern zur Rechten hoben sich etliche
niedere Kuppen von gleicher Form bescheiden als wären sie Feldwachen die der
Große ausgesendet
    »Der Hohentwiel« sprach der Fährmann zu Ekkehard Der hatte das Ziel seiner
Fahrt in früheren Tagen noch niemals erschaut aber es brauchte des Schiffers
Wort nicht ums ihm zu sagen So musste der Berg sein den sie zu ihrem Sitze
erkoren Eine ernste Stimmung kam über Ekkehard Züge des Gebirges weite
Flächen Wasser und Himmel große Landschaft wirkt jederzeit Ernst im Gemüt nur
des Menschen Getrieb ruft ein Lächeln auf des Beschauers Lippe Er gedachte des
Apostel Johannes wie der einst der Felseninsel Patmos entgegengefahren und wie
ihm dort eine Offenbarung aufgegangen 
    Der Fährmann steuerte rüstig vorwärts Schon waren sie dem Ufervorsprung
der die Zelle Radolfs und die wenig umliegenden Behausungen trägt nahe Da
trieb ein seltsam Schifflein im See roh ein hohler Baumstamm aber ganz
verdeckt und überbaut mit grünem Gezweig und Schilfrohr und war kein Ruderer zu
erschauen der es lenkte Der Wind schaukelte es dem Geröhricht am Gestade
entgegen
    Ekkehard hieß seinen Fergen das absonderliche Fahrzeug anhalten Da stieß
derselbe mit seiner Ruderstange in die grüne Verhüllung
    »Pest und Aussatz Euch ins Gebein« fluchte es mit tiefer Stimme aus der
Höhlung hervor »oleum et operam perdidi Hopfen und Malz ist verloren Wildgans
und Kriekente sind des Teufels«
    Ein Zug Wasservögel der mit heiserem Geschnatter in der Nähe aufstieg und
landeinwärts flog bestätigte des Fluchenden Ausspruch
    Im Buschwerk des Schiffleins aber knisterte es und hob sich auf ein
wettergebräuntes runzeldurchfurchtes Antlitz schaute herüber um den Leib
schmiegte sich ein verblichen geistlich Kleid das an den Knieen mit unsicherem
Messerschnitt gekürzt zerzaust herabhing im Gürtel stak ein Köcher statt des
Rosenkranzes die gespannte Armbrust lag auf des Schiffleins Vorderteil
    »Pest und Aussatz«  wollte des Fahrzeugs Insasse nochmals anheben da
schaute er Ekkehards Tonsur und Benediktinergewand und änderte den Ton »Hoiho
salve confrater Beim Bart des heiligen Patrik von Armagh so mich Euer Fürwitz
noch eine Viertelstunde länger ungehindert gelassen könnt ich Euch zu einem
weidlichen Bissen Seewildbret einladen« Mit Bewegung schaute er den in die
Ferne streichenden Wildenten nach
    Ekkehard aber hob lächelnd den Zeigefinger »Ne clericus venationi incumbat
Kein Geweihter des Herrn soll der Jagd pflegen105«
    »Stubenweisheit« rief der andere »gilt nicht bei uns am Untersee Seid Ihr
etwann gesendet beim Leutpriester zu Radolfszelle Kirchenschau zu halten«
    »Beim Leutpriester zu Radolfszelle« frug Ekkehard »Steht hier der Bruder
Marcellus vor mir« Er tat einen Seitenblick auf des Weidmanns rechten Arm an
dem sich die Kutte zurückgestreift hatte in rauen Linien war ein von einer
Schlange umwundenes Heilandbild eingeätzt und stund mit punktierten Buchstaben
drüber Christus vindex106
    »Bruder Marcellus« lachte der Gefragte und strich mit der Hand über die
Stirn »fuimus TroesA1 willkommen in Moengals Revier«
    Er stieg aus seinem hohlen Baum in Ekkehards Schiff hinüber »Der heilige
Gallus soll leben« sprach er und küsste ihn auf Wange und Stirn »lasset uns ans
Land fahren Ihr seid mein Gast wenn auch ohne Wildenten«
    »Euch hab ich mir anders vorgestellt« sprach Ekkehard Das war kein
Wunder
    Nichts gibt ein falscher Bild von Menschen als nach ihnen an denselben Ort
kommen wo sie einstens gewirkt vereinzelte Reste ihrer Tätigkeit sehen und aus
dem Gerede der Zurückgebliebenen sich eine Vorstellung des Weggegangenen
schaffen Tiefstes und Eigenstes bleibt dritten meist unbeachtet auch wenns
offen zutag liegt in der Überlieferung schwindets ganz Als Ekkehard ins
Kloster trat war der Bruder Marcellus schon nach der verlassenen Zelle Radolfs
als Pfarrherr abgegangen Etliche zierlich geschriebene Urkunden Ciceros Buch
von den Pflichten und ein lateinischer Priscianus mit irischer Schrift zwischen
den Zeilen erhielten sein Andenken Viel verehrt lebte sein Name noch an der
innern Klosterschule er war der tüchtigsten Lehrer einer gewesen tadellos sein
Wandel Seiter war er in Sankt Gallen verschollen Darum hatte sich Ekkehard
statt des Weidmanns im See einen ernsten hageren blassen Gelehrten erwartet
    Das Gestad von Radolfs Zelle war erreicht eine dünne nur auf einer Seite
geprägte Silbermünze stellte den Fährmann zufrieden107 Sie gingen ans Land
Wenig Häuser und schmucklose Fischerhütten standen um das Grabkirchlein das
Radolfs Gebeine birgt
    »Wir sind an Moengals Pfarrhaus« sprach der Alte »tretet ein Ihr werdet
hoffentlich dem Bischof zu Konstanz keinen Bericht von meinem Hauswesen
erstatten wie jener Dekan von Rheinau der behauptete er habe bei mir Krüge und
Trinkhörner von einer jedem Zeitalter verhassten Größe erschauen müssen108«
    Sie traten in eine holzgetäfelte Halle Hirschgeweih und Auerochsenhörner
hingen über dem Eingang Jagdspiesse Leimruten Fischgarne lehnten in
malerischer Unordnung an den Wänden an das umgestürzte Fässlein im Winkel
schmiegte sich der Würfelbecher wäre es nicht des Leutpriesters Behausung
gewesen so hätte füglich auch der Förster des kaiserlichen Bannwaldes hier
wohnen können
    In kurzem stund ein Krug säuerlichen Weines auf dem Eichentisch auch Brot
und Butter lieferte die Vorratskammer Dann kam der Leutpriester aus der Küche
zurück hielt sein Gewand wie eine gefüllte Schürze und schüttete einen
Platzregen von geräucherten Gangfischen vor seinen Gast »Heu quod anseres
fugasti antvogelosque et horotumblum Weh dass du mir die Wildgänse verscheucht
und die Enten samt der Rohrdommel109« sprach er »aber wenn einer nur die Wahl
zwischen Gangfisch und gar nichts hat greift er immer noch zum ersteren«
    Glieder derselben Genossenschaft sind schnell befreundet Ein lebhaft
Gespräch erhob sich beim Imbiss Aber der Alte hatte mehr zu fragen als Ekkehard
beantworten konnte von so manchem seiner alten Brüder war nichts mehr zu
berichten als dass sein Sarg eingemauert stand bei dem der andern und ein Kreuz
an der Wand und ein Eintrag im Totenbuch die einzige Spur dass er gelebt  die
Geschichten und Spässlein und Klosterfehden wie sie vor dreißig Jahren erzählt
wurden waren durch neue ersetzt und was seit damals geschehen ließ ihn
gleichgültig Nur wie Ekkehard von dem Zweck und Ziel seiner Fahrt sprach rief
er »Hoiho Konfrater was habt Ihr wider die Jagd gesprochen und zieht ja
selber auf Edelwild aus«
    Aber Ekkehard lenkte ab »Habt Ihr noch nie Heimweh nach des Klosters Stille
und Wissenschaft verspürt« frug er
    Da flammte des Leutpriesters Aug »Ward Katilina von Heimweh nach den
Holzbänken des römischen Senats geplagt nachdem von ihm gesagt war excessit
evasit erupitA2 Junges Blut versteht das nicht Fleischtöpfe Ägyptens ille
terrarum mihi praeter omnesA3 sprach der Hund zum Stall in dem er sieben
Jahre gelegen«
    »Ich versteh Euch allerdings nicht« sprach Ekkehard »Was schuf Euch
solche Änderung der Sinnesart« Er warf einen Seitenblick auf das Jagdgerät
    »Die Zeit« gab der Leutpriester zurück und klopfte seinen Gangfisch auf dem
Eichentisch mürb  »die Zeit und wachsende Erkenntnis Das braucht Ihr aber
Eurem Abte nicht zu berichten Bin auch einmal ein Bursch gewesen wie Ihr
Irland zieht fromme Leute sie wissens hierzulande Eheu wie war ich
untadligen Gemütes wie ich mit Oheim Marcus von der Wallfahrt gen Rom zurückkam
110 Hättet den jungen Moengal sehen sollen die ganze Welt war ihm keinen
Gründling wert aber Psallieren Vigilien singen geistliche Übungen halten das
war mein Labsal Da ritten wir in Gallus Kloster ein  einem heiligen Landsmann
zu Ehren macht ein braver Irländer schon ein paar Meilen um  ich aber bin ganz
dort hängengeblieben Kleider Bücher Gold und Wissen der ganze Mensch ward
des Klosters und der irische Moengal ward Marcellus geheißen und warf seines
Oheims silberne und goldene Pfennige zum Fenster hinaus dass die Brücke
abgebrochen sei die zur Welt zurückführt Waren schöne Jahre sag ich Euch
hab gewacht und gebetet und studiert nach Herzenslust
    Aber viel Sitzen ist schädlich dem Menschen und viel Wissen macht
überflüssige Arbeit Manchen Abend hab ich gegrübelt wie ein Bohrwurm und
disputiert wie eine Elster nichts war unergründlich wo das Haupt Johannis des
Täufers begraben liege und in welcher Sprache die Schlange zu Adam gesprochen
 alles klar erörtert nur daran war ich nicht zu denken geraten dass der Mensch
auch Knochen und Fleisch und Blut mit sich in die Welt bekommen Hoiho
Konfrater da kamen böse Stunden mögen sie Euch erspart bleiben der Kopf ward
schwer die Hände unruhig am Schreibtisch kein Bleiben in der Kirche kein
Knieen  fort hieß es nur fort und hinaus Dem alten Tieto sagt ich
dereinst ich habe eine Entdeckung gemacht Was für eine Dass es jenseits
unserer Mauern frische Luft gebe  Da versagten sie mir den Ausgang aber
manche Nacht bin ich heimlich auf den Glockenturm gestiegen111 und hab
hinausgeschaut und die Fledermäuse beneidet die in Tannenwald hinüber flogen
 Konfrater dagegen hilft kein Fasten und kein Beten was im Menschen steckt
muss heraus
    Der vorige Abt hat billige Einsicht genommen und mich auf Jahresfrist
hierher geschickt aber der Bruder Marcellus kam nimmer heim Wie ich hier im
Schweiß meines Angesichtes den Tannbaum fällte und den Nachen zimmerte und den
Strichvogel aus den Lüften herunterholte da ist mir ein Licht aufgegangen was
gesund sein heißt  Fischfang und Weidwerk beizen die unnützen Mücken aus dem
Kopf  so stehe ich seit dreißig Jahren der Zelle Radolfi vor rusticitate
quadam imbutus einer gewissen Verbauerung ausgesetzt was verfichts Ich bin
gleich der Kropfgans in der Wüste gleich der Eule die in Trümmern nistet sagt
der Psalmist aber frisch und stark und der alte Moengal gedenkt sobald noch
nicht ein stummer Mann zu werden und weiß dass er wenigstens vor einem Unglück
sicher sein darf «
    »Was meint Ihr für ein Unglück« frug Ekkehard
    »Dass ihm Sankt Petrus dereinst den himmlischen Torschlüssel vor die Stirn
schlägt und spricht Hinaus mit dir der du unnütz und eitel Philosophie
getrieben«
    Ekkehard ließ sich auf Moengals Herzensergiessungen nicht näher ein »Ihr
habet wohl rauen Dienst in Sorge der Seelen« sprach er »verstockte Herzen
Heidentum und Ketzerei «
    »s geht an« sprach der Alte »im Mund der Bischöfe und kaiserlichen Räte
in den Kapitularien und Synodal beschlüssen nimmt sichs haarsträubend aus wenn
sie den heidnischen Irrwahn abzeichnen und mit Strafsatzung bedräuen s ist
eben alter Glaube hierlands im Baum und Fluss und auf lustiger Bergeshöhe der
Gottheit nachzuspüren Jeder auf der Welt muh seine Apokalypsis haben die
Hegauer suchen sie draußen  es lässt sich auch etwas dabei denken wenn der
Mensch frühmorgens im Schilfe steht und die Sonne über ihm aufgeht 
    Deshalb kommen sie am Tage des Herrn doch zu mir und singen die Messe mit
und wenn der Sendbote ihnen nicht so manchen Strafschilling aus dem Sack
zwickte würden sie noch fröhlicher sich zum Evangelium wenden 
    Stosst an Konfrater die frische Luft «
    »Erlaubt« sprach Ekkehard mit seiner Wendung »dass ich das Wohl Marcellus
des Lehrers an der Klosterschule des Verfassers der irischen Übersetzung des
Priscianus trinke«
    »Mir auch recht« lachte Moengal »Was aber die irische Übersetzung
betrifft die möchte einen Haken haben112«
    In Ekkehard war das Verlangen groß seinen hohen Twiel zu erreichen Kurz
vor dem Ziele weiter Fahrt hat noch selten einer lange Rast gehalten »Der Berg
steht fest in der Erden« sprach zwar Moengal »der entfleucht Euch nimmer«
    Aber Moengals Wein und seine Lehre von der frischen Luft hatten für den der
einer Herzogin entgegen sollte wenig Verstrickendes Er brach auf
    »Ich geh mit Euch bis an des Pfarrsprengels Grenze« sagte der
Leutpriester »heute dürft Ihr mir noch zur Seite gehen trotz meines
verblichenen Gewandes wenn Ihr auf dem Berg droben festsitzet dann werdet Ihr
meinen die Verklärung sei über Euch gekommen und werdet ein vornehmer Herr
werden und wenn Ihr dereinst an Frau Hadwigs Seite gen Radolfs Zelle geritten
kommt und der alte Moengal steht an der Schwelle so wird ihm eine gnädige
Handbewegung als Almosen zugeworfen  der Welt Lauf Wenn der Heuerling groß
geworden heißt er Felchen und frisst die Kleinen seines Geschlechts«
    »Das sollt Ihr nicht sagen« sprach Ekkehard und küsste den irischen
Mitbruder
    Da gingen sie zusammen und der Leutpriester nahm seine Leimruten mit im
Rückweg den Vögeln des Waldes Nachstellung zu bereiten Es war ein langer Weg
durch den Tannenwald lang und still
    Wie sich das Gehölz lichtete da stand in dunkler Masse der hohe Twiel und
warf ihnen seinen Schatten entgegen Moengal aber schaute mit scharfem Aug den
Waldpfad entlang durch die Lichtung der Tannen »Es streicht was durchs Revier«
sprach er
    Sie waren wieder etliche Schritte gegangen da griff Moengal seinen
Gefährten am Arm stellte ihn deutete vorwärts und sprach »Das sind keine
Wildenten noch Tiere des Waldes«
    Es kam ein Ton herüber als wenn fernab ein Ross gewiehert  Moengal sprang
seitwärts schlich sich ein gut Stück im jungen Gehölz vorwärts legte sich auf
den Boden und spähte
    »Weidmanns Torheit« sprach Ekkehard und wartete seiner Jetzt kam er
zurück »Bruder« sprach er »liegt der heilige Gall in Fehde mit einem der
Gewaltigen dieses Landes«
    »Nein«
    »Habt Ihr einen beleidigt«
    »Nein«
    »Sonderbar« sprach der Alte »es kommen drei Gewaffnete geritten«
    »Es werden Boten der Herzogin sein mich zu empfangen« sprach Ekkehard mit
stolzem Lächeln
    »Hoiho« brummte Moengal »fehlgeschossen Das ist nicht herzoglicher
Dienstmannen Kleid der Helm ist sonder Abzeichen Und im grauen Mantel reitet
kein Twieler«
    Er hemmte seinen Schritt
    »Vorwärts« sprach Ekkehard »Wes Herz ohne Schuld den geleiten die Engel
des Herrn«
    »Im Hegau nicht immer« war des Alten Antwort Es war keine Gelegenheit zu
weiterem Zwiegespräch Hufschlag tönte der Boden klirrte drei Reitersmänner
kamen gesprengt den Helm geschlossen das Schwert gezogen 
    »Folgt mir« rief der Leutpriester »maturate fugamA4« Er warf seine
Leimruten zu Boden und wollte Ekkehard mit zur Seite ziehen Der aber wandte
sich nicht Da sprang Moengal allein ins Buschwerk hinüber die Dornen zogen ihm
zu den alten Rissen ins morsche Gewand etliche neue er wand sich los mit den
Sprüngen eines Eichhorns setzte er ins Dickicht Er kannte die Schliche
    »Er ists« rief der vorderste der Reiter da sprangen die andern von den
Rossen stolz sah ihnen Ekkehard entgegen »Was wollt Ihr«  keine Antwort er
griff zum Kruzifix das ihm im Gürtel hing »Im Namen des Gekreuzigten «
wollte er anheben aber schon war er zu Boden geworfen unsanfte Fäuste hielten
ihn ein Strick ward um seine Hände geschlungen bald lagen sie geknebelt auf
dem Rücken  eine weiße Binde umschloss seine Augen knapp und fest dass es dunkel
um ihn ward  »Vorwärts« die Überraschung des Augenblicks beugte ihm die Kniee
unsicher schritt er da hoben sie ihn und trugen ihn ein Stück weit Am Beginn
des Waldes stunden vier Männer mit einer Sänfte in die warfen sie den
Betroffenen und weiter gings durch die Ebene am steten Hufschlag zur Seite
merkte Ekkehard dass die Reiter ihren Fang geleiteten
    Derweil Moengal durch den Wald floh hüpften die Meisen so zutraulich auf
den Zweigen und heller Drosselschlag umtönte ihn da vergaß er der Gefahr und
sein Herz kränkte sich dass er die Leimruten fahren gelassen
    Wie er aber auch noch die Wachtel ihr Quakkara Quakkara113 rufen hörte
klang ihm das geradezu herausfordernd und er wandte seinen Schritt zum Platze
des Überfalls Es war still dort als wäre nichts geschehen In der Ferne sah er
die Kriegsleute abziehen Die Helme glänzten
    Es werden aber viele so die ersten waren die letzten sein sprach er
kopfschüttelnd und las seine Leimruten zusammen Zu einer Fürstin Saal gedachte
er zu gehen und das Gefängnis nimmt ihn auf »Heiliger Gallus bitt für uns«
    Weiter zerbrach sich Moengal den Kopf nicht Derlei Vergewaltigung war
häufig wie Schlüsselblumen im Frühling
    Es schwamm einmal ein Fisch klaftertief unten im Bodensee der könnt sichs
gar nicht erklären was den Kormoran zu ihm hinabführte der schwarze
Tauchervogel hatte ihn schon im Schnabel und flog mit ihm hoch durch die Lüfte
weg noch wars ihm unbegreiflich So lag Ekkehard in der Sänfte ein gebundener
Mann je mehr er über seines Geschickes Wendung nachsann desto weniger mocht
ers fassen
    Dräuend stieg der Gedanke in ihm auf es möchte wohl einer im Hegau sitzen
ein Freund oder Blutsverwandter der Kammerboten und jetzt am unschuldigen
Jünger des heiligen Gallus Rache nehmen denn Salomo der Ursächer ihres
schmählichen Todes war zugleich Abt jenes Klosters gewesen Für den Fall mochte
sich Ekkehard auf das Schlimmste bereit halten er wusste wie manchen
priesterlichen Standes nicht die Tonsur nicht geistlich Gewand vor dem
Ausstechen der Augen oder Abhauen der Hände geschützt wenns um Rache ging
    Er gedachte aus Sterben Mit seinem Gewissen war er versöhnt der Tod trug
ihm kein Schrecknis zu aber tief im Herzen klang doch eine leise Frage »Warum
nicht erst in Jahresfrist nachdem mein Fuß den Twiel betrat« 
    Jetzt gingen die Träger der Sänfte langsamen Schrittes es mochte einen Berg
hinan gehen »Auf welches der Felsennester dieses Landes schleppen sie mich«
Ein halb Stündlein mochten sie aufwärts gestiegen sein da schlug der Huftritt
der Reiter rasselnd und hohl auf wie wenn sie über eine hölzerne Brücke ritten
Noch bliebs still kein Wächterruf  die Entscheidung konnte nimmer fern sein
Da kam ein starkes Vertrauen über Ekkehard die Worte des Psalms traten vor ihn
»Gott ist unsere Zuflucht und Stärke als Hilfe in Nöten mächtig erfunden Darum
fürchten wir nichts ob auch die Erde wechselte und die Berge wankten im Herzen
des Meers Mögen brausen die Gewässer die Berge beben bei seinem Ungestüm
Jehovah ist mit uns unsere Zuflucht der Gott Jakobs Sela «
    Über eine zweite Brücke gings Ein Tor ward aufgetan die Sänfte stand Da
huben sie ihren Gefangenen herfür sein Fuß berührte den Boden es war Gras 
ein Flüstern schlug an sein Ohr als wär viel Volk in der Nähe versammelt der
Strick um seine Hände ward gelöst »Nehmt Euch die Binde von den Augen« sprach
einer seiner Begleiter er tats  Herz jauchze nicht er stand im Schlosshof
von Hohentwiel  Fröhlich rauschte es im Geäst der alten Linde ein zeltartig
Getüch war darein gespannt Kränze von Eppich und Weinlaub hingen hernieder der
Burg Insassen standen gedrängt herum auf steinerner Bank saß die Herzogin der
purpurdunkle Fürstenmantel wallte von den Schultern mildes Lächeln umspielte
die herben Züge  jetzt erhob sich die herrliche Gestalt sie schritt Ekkehard
entgegen »Willkommen in Hadwigs Burgfrieden« Er wusste kaum wie ihm geschah
und wollte ins Knie sinken huldreich hob sie ihn empor und winkte dem Kämmerer
Spazzo der warf seinen grauen Reitermantel ab ging auf Ekkehard zu und umarmte
ihn wie einen alten Freund »Im Namen unserer Gebieterin empfahet den
Friedenskuss«
    Flüchtig zuckte in Ekkehard der Gedanke »Soll hier ein Spiel mit mir
gespielt werden« aber die Herzogin rief scherzend
    »Ihr seid mit gleicher Münze bezahlt Habt Ihr vor drei Tagen die Herzogin
in Schwaben nicht anders als getragen über des heiligen Gallus Schwelle kommen
lassen so wars billig dass auch sie den Mann von Sankt Gallen in ihr Schloss
tragen ließ«
    Und Herr Spazzo schüttelte ihm nochmals die Hand und sprach »Nichts für
ungut es war strenger Befehl so«  Er hatte erst den Überfall befehligt und
wirkte jetzt zum herzlichen Empfang beides mit gleich unveränderter gewichtiger
Miene denn ein Kämmerer muss gewandt sein und auch das Widersprechende in Form
zu bringen wissen
    Ekkehard lächelte »Für einen Scherz« sagte er »habt Ihrs recht ernstaft
ausgeführt« Er gedachte dabei insbesondere wie ihm einer der Reitersmänner da
sie ihn in die Sänfte warfen mit erzbeschlagenem Lanzenschaft einen schweren
Stoß in die Seite versetzt Das stand freilich nicht in der Herzogin Befehl
aber der Reitknecht war schon unter Luitfried des Kammerboten Neffen dabei
gewesen wie sie den Bischof Salomo einstmals niederwarfen und hatte sich von
dazumal die irrige Meinung eingeprägt bei Niederwerfung geistlicher Herren
gehöre ein fester Faustschlag Stoß oder Fußtritt unumgänglich zum Landbrauch114

    Jetzt führte Frau Hadwig ihren Gast an der Hand durch den Schlosshof und wies
ihm ihre lustige Behausung und die stolze Fernsicht nach Bodensee und
Alpenkuppen und der Burg Leute baten um seinen Segen  auch die Reitknechte
kamen und die Träger der Sänfte und er segnete sie alle
    Dann geleitete ihn die Herzogin bis an den Eingang Ein Bad war ihm
zurechtgemacht115 und frische Gewandung bereitet sie hieb ihn sich pflegen und
ausruhen und Ekkehard war fröhlich und guter Dinge nach leicht erstandener
Gefahr 
    In der Nacht die jenem Tage folgte trug sichs im Kloster Sankt Gallen zu
dass Romeias der Wächter ohn allen Anlass von seiner Matte auffuhr und grimmig
in sein Horn stieß so dass die Hunde im Klosterhof anschlugen und alles wach
wurde und zusammenlief  und war doch weit und breit niemand der Einlass
begehrte Der Abt schriebs auf Rechnung böser Geister ließ aber zugleich des
Romeias Vespertrunk sechs Tage lang auf die Hälfte herabsetzen  eine Maßregel
die jedoch auf Voraussetzung eines gänzlich unrichtigen Grundes beruhte
 
                                    Fußnoten
A1 »Gewesen sind wir Troer« sagt der Priester Pantus bei der Eroberung Iliums
»Äneis« 2 325
A2 Cicero in der zweiten Katilinarischen Rede
A3 Aus einer Ode des Horaz II 6 »Dies Plätzchen gefällt mir vor allen «
A4 Fliehet eiligst
 
                               Siebentes Kapitel
                         Virgilius auf dem hohen Twiel
Wenn einer seine Übersiedlung an neuen Wohnsitz glücklich bewerkstelligt hat
dann ists ein anmutig und reizend Geschäft sich wohnlich einzurichten
    Ist auch gar nicht so gleichgültig in was Stube und Umgebung einer haust
und wessen Fenster auf die Heerstraße zielen wo die Lastwagen fahren und die
Steine geklopft werden bei dem halten sicherlich mehr graue und verstäubte als
buntfarbige Gedanken Einkehr
    Darüber hatte sich nun Ekkehard keine Sorge zu machen denn die Herzogsburg
auf dem Twiel lag luftig und hoch und einsam  aber ganz zufrieden war er auch
nicht als ihm Frau Hadwig tags nach seiner Ankunft seinen Wohnsitz anwies
    Es war ein groß luftig Gemach mit säulendurchteiltem Rundbogenfenster aber
an demselben Gang gelegen an den auch der Herzogin Saal und Zimmer stießen Der
Eindruck den einer aus abgeschiedener Klosterzelle mitnimmt lässt sich nicht
über Nacht verwischen Und Ekkehard gedachte wie er oftmals möge von seiner
Betrachtung abgezogen werden wenn geharnischter Fußtritt und Sporenklang oder
leises Huschen dienender Mägde an seiner Tür vorüberstreife oder wenn er sie
selber die Herrin der Burg möge einhergehen hören  unbefangen wandte er sich
an Frau Hadwig »Ich hab ein Anliegen hohe Frau«
    »Redet« sagte sie mild
    »Möchtet Ihr mir nicht zu sotanem Gelass ein fern gelegen Stüblein zuweisen
 und wenns unterm Dach oder in einem der Warttürme wäre Der Wissenschaft wie
des Gebetes Pflege heischt einsame Stille Ihr kennet ja des Klosters Brauch«
    Da legte sich eine leise Falte über Frau Hadwigs Stirn eine Wolke wars
nicht aber ein Wölklein »Ihr sehnet Euch danach oftmals allein zu sein« frug
sie spöttisch »Warum seid Ihr nicht in Sankt Gallen geblieben«
    Ekkehard neigte sich und schwieg
    »Halt an« rief Frau Hadwig »es soll Euch geholfen werden Seht Euch das
Gelass an in dem Vincentius unser Kapellan bis an sein selig End gehaust hat
der hat auch so einen Raubvogelgeschmack gehabt und war lieber der höchste auf
Twiel als der bequemste Praxedis hol den großen Schlüsselbund und geleite
unsern Gast«
    Praxedis tat nach dem Gebot Das Gemach des seligen Kapellans war hoch oben
im viereckigen Hauptturm der Burg langsam stieg sie mit Ekkehard die finstere
Wendeltreppe hinauf der Schlüssel knarrte schwer im lang nicht gedrehten
Schloss Sie traten ein Da sahs gut aus
    Wo ein gelehrter Mann gehaust brauchts ein Stück Zeit um seine Spuren zu
verwischen Es war ein mäßiger Geviertraum weiße Wände wenig Hausrat Staub
und Spinnweb allentalb auf dem Eichentisch stand ein Büchslein mit
Schreibsaft längst wars eingetrocknet im Winkel ein Krug drin vielleicht
einst Wein gefunkelt auf einem Brett der Wandnische glänzten einige Bücher
aufgeschlagene Pergamentrollen lagen dabei aber o Leidwesen der Sturm hatte
das Fensterlein zerschlagen der Patz in Vincentius Stube war seit seinem Tod
für Sonne und Regen Mücken und Vögel frei geworden eine Schar Tauben war
eingezogen in ungestörter Besitzergreifung hatten sie sich zwischen der
Bücherweisheit angesiedelt auf den Briefen des heiligen Paulus und auf Julius
Cäsars »Gallischem Krieg« nisteten sie und schauten verwundert den Eingetretenen
entgegen
    Der Tür gegenüber war mit Kohle ein Sprüchlein an die Wand geschrieben
»Marta Marta du machst dir um vielerlei Sorge und Unruh« las Ekkehard
»soll das des Verstorbenen letzter Wille sein« frug er seine liebliche
Wegweiserin
    Praxedis lachte »s war gar ein behaglicher Herr« sprach sie »der Herr
Vincentius selig Ruhe ist mehr wert als ein Talent Silbers116 hat er oft
gesagt Die Frau Herzogin aber hat ihm arg zugesetzt immer gefragt und was
anderes gefragt heut von den Sternen am Himmel morgen von Arzneikraut und
Heilmitteln übermorgen aus der Heiligen Schrift und Überlieferung der Kirche 
wozu habt Ihr studiert wenn Ihr keinen Bescheid wisst dräute sie und Herr
Vincentius hat einen schweren Stand gehabt «
    Praxedis deutete schalkhaft mit dem Zeigefinger nach der Stirn 
    »Mitten im Land Asia« hat er meistens erwidert »liegt ein schwarzer
Marmelstein wer den aufhebt der weiß alles und braucht nicht mehr zu fragen
 Er war aus Bayerland der Herr Vincentius den Bibelspruch hat er wohl zu
seinem Trost hingeschrieben«
    »Pflegt die Herzogin so viel zu fragen« sprach Ekkehard zerstreut
    »Ihr werdets wahrnehmen« sagte Praxedis
    Ekkehard musterte die zurückgebliebenen Bücher »Es tut mir leid um die
Tauben die werden abziehen müssen«
    »Warum«
    »Sie haben das ganze erste Buch des Gallischen Kriegs verdorben und der
Brief an die Korinter ist mit untilgbaren Flecken belastet «
    »Ist das ein großer Schaden« frug Praxedis
    »Ein sehr großer«
    »O ihr arme böse Tauben« scherzte die Griechin »kommt her zu mir eh der
fromme Mann euch hinausjagt unter die Häher und Falken«
    Und sie lockte den Vögeln die unbefangen in der Büchernische verblieben
waren und wie sie nicht kamen warf sie einen weißen Wollknäuel auf den Tisch
da flog der Tauber herüber vermeinend es sei eine neue Taube angekommen und
ging dem Knäuel mit gemessenen Schritten entgegen zwei vor und einen zurück
und verbeugte sich und grüßte mit langgezogenem Gurren Praxedis aber nahm den
Knäuel an sich da flog ihr der Vogel auf den Kopf
    Da hub sie leise an eine griechische Singweise zu summen es war das Lied
des alten ewig jungen Sängers von TejosA1
»Ei sieh du holdes Täubchen
Wo kommst du hergeflogen
Woher die Salbendüfte
Die du die Luft durchwandelnd
Aushauchst und niederträufelst
Wer bist du was beliebt dir«
    Ekkehard horchte hoch auf und warf einen schier erschrockenen Blick von dem
Kodex den er durchblätterte herüber wäre sein Aug für natürliche Anmut
geübter gewesen so hätt es wohl länger auf der Griechin haften dürfen Der
Tauber war ihr auf die Hand gehüpft sie hielt ihn mit gebogenem Arm in die Höhe
 Anakreons alter Landsmann der dereinst den parischen Marmorblock zur Venus
von Knidos umschuf hätte das Bild dauernd seinem Gedächtnis eingeprägt
    »Was singt Ihr« fragte Ekkehard »Das klingt ja wie fremde Sprache«
    »Warum solls nicht so klingen«
    »Griechisch«
    »Warum soll ich nicht Griechisch singen« gab ihm Praxedis schnippisch
zurück
    »Bei der Leier des Homerus« sprach Ekkehard verwundert »wo in aller Welt
habt Ihr das erlernet unserer Gelehrsamkeit höchstes Ziel«
    »Zu Hause « sagte Praxedis gelassen und ließ die Taube zurückfliegen
    Da schaute Ekkehard noch einmal in scheuer Hochachtung herüber Bei
Aristoteles und Plato wars ihm seither kaum eingefallen dass auch zur Zeit noch
lebende Menschen griechischer Zunge auf der Welt seien Wie eine Ahnung zogs
durch seinen Sinn dass hier etwas verkörpert vor ihm stehe das ihm trotz aller
geistlichen und weltlichen Weisheit fremd unerreichbar 
    »Ich glaubte als Lehrer gen Twiel zu kommen« sprach er wehmütig »und finde
meine Meister Wollt Ihr von Eurer Muttersprache mir nicht auch dann und wann
ein Körnlein zuwenden«
    »Wenn Ihr die Tauben nicht aus der Stube verjagt« sprach Praxedis »Ihr
könnt ja ein Drahtgitterlein vor die Nische ziehen wenn sie Euch ums Haupt
fliegen wollen«
    »Am eines reinen Griechisch willen « wollte Ekkehard erwidern aber die
Türe der engen Klause war aufgegangen 
    »Was wird hier von Tauben und reinem Griechisch verhandelt« klang Frau
Hadwigs scharfe Stimme »Braucht man so viel Zeit um diese vier Wände
anzuschauen Nun Herr Ekkehard taugt Euch die Höhle«
    Er nickte bejahend
    »Dann soll sie gesäubert und in Stand gesetzt werden« fuhr Frau Hadwig
fort »Auf Praxedis die Hände gerührt und vor allem das Taubenvolk verjagt«
    Ekkehard wollte es wagen ein Wort für die Tauben einzulegen
    »Ei so« sprach Frau Hadwig »Ihr wünschet allein zu sein und Tauben zu
hegen Soll man Euch nicht auch eine Laute an die Wand hängen und Rosenblätter
in Wein streuen Gut wir wollen sie nicht verjagen aber heute abend sollen sie
gebraten unsern Tisch zieren«
    Praxedis tat als habe sie nichts gehört
    »Wie wars mit dem reinen Griechisch« frug nun die Herzogin Unbefangen
erzählte ihr Ekkehard um was er die Griechin angegangen da zogen die
Stirnfalten wieder bei Frau Hadwig auf »Wenn Ihr so wissbegierig seid so mögt
Ihr mich fragen« sagte sie »auch mir ist die Sprache geläufig« Ekkehard
sprach nichts dagegen In ihrer Rede lag meistens eine Schärfe die das Wort der
Erwiderung im Munde abschnitt 
    Die Herzogin war streng und genau in allem Schon in den ersten Tagen nach
Ekkehards Ankunft entwarf sie einen Plan in welcher Art sie zur Erlernung der
lateinischen Sprache vorschreiten wolle Da fanden sie es am besten eine Stunde
des Tages der löblichen Grammatik zu bestimmen eine zweite der Lesung des
Virgilius Auf letztere freute sich Ekkehard sehr er gedachte sich
zusammenzufassen und mit Aufbietung von Wissen Schärfe und Feinheit der
Herzogin die Pfade des Verständnisses zu ebnen
    »Es ist doch kein unnütz Werk« sprach er »was die alten Poeten getan wie
mühsam wäre es eine Sprache zu erlernen wenn sie uns nur im Wörterbuch
überliefert wäre wie die Getreidekörner in einem Sack und wir die Mühe hätten
Mehl daraus zu malen und Brot daraus zu backen  Der Poet aber stellt alles
wohlgefügt an seinen Platz da ist sein ersonnener Plan und Inhalt und die Form
klingt lieblich drein wie Saitenspiel woran wir uns sonst die Zähne auszureissen
hätten das schlürfen wir aus Dichters Hand wie Honigseim und es schmeckt
süße«
    Das Herbe der Grammatik zu lindern wusste Ekkehard keinen Ausweg Für jeden
Tag schrieb er der Herzogin die Aufgabe auf ein Pergamentblatt sie war des
Lernens begierig und wenn die Frühsonne über dem Bodensee aufstieg und ihre
ersten Strahlen auf den hohen Twiel warf stund sie schon in des Fensters
Wölbung und lernte was ihr vorgeschrieben war leise und laut bis zu Ekkehards
Saal klang einst ihr einförmig Hersagen amo amas amat amamus 
    Praxedis aber hatte schwere Stunden Sich zur Anregung aber ihr zu nicht
geringer Langeweile befahl ihr Frau Hadwig jeweils das gleiche Stück Grammatik
zu lernen Kaum Schülerin freute es sie mit dem was sie erlernt ihre
Dienerin zu meistern und nie war sie zufriedener als wenn Praxedis ein
Hauptwort für ein Beiwort ansah oder ein unregelmäßig Zeitwort regelmäßig
abwandelte
    Des Abends kam die Herzogin hinüber in Ekkehards Gemach Da musste alles
bereit sein zur Lesung des Virgil Praxedis kam mit ihr und da in Vincentius
nachgelassenen Büchern ein lateinisch Wörterbuch nicht vorhanden war ward sie
mit Anfertigung eines solchen beauftragt denn sie hatte in jungen Tagen des
Schreibens Kunst erlernt Frau Hadwig war dessen minder erfahren »Wozu wären
die geistlichen Männer« sprach sie »wenn ein jeder die Kunst verstünde die
ihrem Stand zukommt Schmieden sollen die Schmiede fechten die Krieger und
schreiben die Schreiber und soll kein Durcheinander entstehen« Doch hatte Frau
Hadwig sich wohlgeübt ihren Namenszug in künstlich verschlungenen großen
Buchstaben den siegelbehangenen Urkunden als Herrin des Landes beizufügen
    Praxedis zerteilte eine Pergamentrolle in kleine Blätter zog auf jedes
Blatt zwei Striche also dass drei Abteilungen geschaffen wurden um nach
Ekkehards Vortrag jedes lateinische Wort einzutragen daneben das deutsche in
die dritte Reihe das entsprechende griechisch Letzteres war der Herzogin
Anordnung ihm zu beweisen dass die Frauen auch ohne seine Beihilfe schon
löbliche Kenntnis erworben
    So begann der Unterricht117
    Die Türe von Ekkehards Gemach nach dem Gang hin hatte Praxedis weit
aufgesperrt Er ging hin und wollte sie zulehnen die Herzogin aber hielt ihn
zurück »Kennet Ihr die Welt noch nicht«
    Ekkehard wusste nicht was das heißen solle
    Jetzt las er ihnen das erste Buch von Virgilius Heldendichtung Äneas der
Troer hub sich vor ihren Augen wie ihn siebenjährige Irrfahrt
umhergeschleudert auf dem Tyrrhener Meer und wie es so unsäglicher Mühsal
gekostet des römischen Volkes Gründer zu werden Es kam der Zorn der Juno wie
sie an Äolus bittweise sich wendet und dem Gebietiger von Wind und Sturm die
schönste ihrer Nymphen verspricht wenn er der Troer Schiffe verderben wolle 
Gewitter Sturm Schiffbruch Zerschellen der Kiele ringsum schwimmen umher
sparsam in unendlicher Meeresflut Waffen des Kriegs und Gebälk und troischer
Prunk durch die Brandung Und der Wogen Gemurr dringt zu Neptunus hinunter tief
in Grund er kommt emporgestiegen und schaut die Verwirrung des Äolus Winde
jagt er mit Schimpf und Schande nach Hause wie der Aufruhr beim Wort des
verdienten Mannes legt sich das Toben der Wässer an Libyens Küste landet der
Schiffe Rest 
    Soweit hatte Ekkehard gelesen und erklärt Seine Stimme war voll und tönend
und klang ein wohltuend Gefühl inneren Verständnisses durch Es war spät
geworden die Lampe flackerte da hob Frau Hadwig den Vortrag auf
    »Wie gefällt meiner Herrin des heidnischen Poeten Erzählung« frug Ekkehard
    »Ich wills Euch morgen sagen« sprach sie Sie hätte es auch schon heute
sagen können denn fest und bestimmt stand der Eindruck des Gelesenen ihrem
Gemüte eingeprägt sie tats aber nicht um ihn nicht zu kränken »Lasst Euch
was Gutes träumen« rief sie dem Weggehenden nach
    Ekkehard aber ging noch hinauf in des Vincentius Turmstube Die war sauber
hergerichtet die letzte Spur vom Nisten der Tauben getilgt er wollte sich
sammeln zu stiller Betrachtung wie ehemals im Kloster aber sein Haupt war
heiß vor seiner Seele stand die hohe Gestalt der Herzogin und wenn er sie
recht ins Auge fasste so schaute auch Praxedis schwarzäugig Köpflein über ihrer
Herrin Schulter zu ihm herüber  »was aus all dem noch werden soll« Er trat ans
Fenster eine kühle Herbstluft wehte ihm entgegen ein dunkler eherner
unendlicher Himmel spannte sich über das schweigende Land die Sterne funkelten
nah fern licht matt so groß hatte er das Himmelsgewölbe noch niemals
erschaut  auf Bergesgipfeln ändert sich das Maß der Dinge  lang stand er so
da wards ihm unheimlich als wollten ihn die Gestirne hinaufziehen zu sich als
sollt er leicht und geflügelt der Stube entschweben  er schloss das Fenster
bekreuzte sich und ging schlafen
    Des andern Tages kam Frau Hadwig mit Praxedis der Grammatik zu pflegen Sie
hatte Wörter gelernt und Deklinationen und wusste ihre Aufgabe Aber sie schien
zerstreut
    »Habt Ihr etwas geträumt« frug sie den Lehrer wie die Stunde abgelaufen
war
    »Nein«
    »Gestern auch nicht«
    »Nein«
    »Ist schade es soll eine Vorbedeutung in dem liegen was einer in den
ersten Tagen am neuen Wohnort träumt  Hört« fuhr sie nach einer Pause fort
»seid Ihr nicht ein recht ungeschickter Mensch«
    »Ich« fuhr Ekkehard betroffen auf
    »Ihr geht mit Dichtern um warum habt Ihr nicht einen anmutigen Traum
ersonnen und mir erzählt Dichtung ist soviel wie Traum es hätt mir Freude
gemacht«
    »Ihr befehlet« sprach Ekkehard »so Ihr mich wieder fraget will ich einen
Traum erzählen auch wenn ich ihn nicht geträumt habe«
    Solcherlei Gespräch war für Ekkehard neu unklar
    »Ihr habt mir Eure Ansicht vom Virgilius gestern vorenthalten« sprach er
    »Ja so« sprach Frau Hadwig »Hört wenn ich Herrin im Römerland gewesen
ich weiß nicht ob ich nicht die Gesänge verbrannt und den Mann für immer
schweigen geheißen hätte «
    Ekkehard sah sie starr verwundert an
    »Es ist mein Ernst« fuhr sie fort »Wisst Ihr warum  weil er die Götter
seines Landes schlecht macht Ich hab gute Acht gehabt wie Ihr der Juno Reden
gestern vortruget Des Herrn aller Götter Ehefrau  und trägt eine Wunde im
Gemüt dass ein troischer Hirtenknab sie nicht für die Schönste erklärt und ist
nicht imstande aus eigener Macht einen Sturm zu befehlen dass die paar
Schifflein zertrümmert werden und muss den Äolus durch Antragung einer Nymphe
verführen  und Neptun will Herrscher der Meere sein und lässt sich von fremdem
Gewind Sturm und Wetter in sein Reich blasen und merkts erst wie es fast
vorbei ist  was ist all das für ein Wesen Als Herzogin sag ich Euch in dem
Reich dessen Götter gescholten werden möcht ich den Szepter nicht führen«
    Ekkehard schien um eine Antwort verlegen Was das Altertum an Schriftwerk
überliefert stand ihm da als ein Festes Unerschütterliches wie altes Gebirg
er war zufrieden sich in Bedeutung und Verständnis einzuarbeiten  nun solche
Zweifel
    »Erlaubet Herrin« sprach er »wir haben noch nicht weit gelesen es steht
zu hoffen dass Euch die Menschen der Äneis besser gefallen Wollet auch
bedenken dass zur Zeit wo Augustus der Kaiser seine Untertanen aufzeichnen
ließ das Licht der Welt zu Bethlehem zu leuchten anhub es geht die Sage dass
auch auf Virgilius ein Strahl davon gefallen da mochten ihm die alten Götter
nicht mehr groß sein «
    Frau Hadwig hatte gesprochen nach dem ersten Eindruck Mit dem Lehrer
streiten mochte sie nicht
    »Praxedis« sprach sie scherzend »was ist deine Meinung«
    »Mein Denken geht nicht so hoch« sprach die Griechin »Mir kam alles so
natürlich vor drum war mirs lieb Und am besten hat mir gefallen wie die Frau
Juno ihrer Nymphe den Äolus zum Ehgemahl verschafft wenn er auch ein wenig alt
ist so ist er doch ein König der Winde und sie ist gewisslich gut bei ihm
versorgt gewesen «
    »Gewiss « sprach Frau Hadwig und winkte ihr zu schweigen »Nun wissen wir
doch auch wie Kammerfrauen den Virgilius lesen«
    Ekkehard war durch der Herzogin Widerspruch zu größerem Eifer gereizt Mit
Begeisterung las er am Abend des weiteren wie der fromme Äneas auf Erspähung
des libyschen Landes auszog und ihm seine Mutter Venus entgegentritt in Gewand
und Waffen einer Sparterjungfrau den leichten Bogen um die Schulter den
wallenden Busen kaum in des aufgeschürzten Gewandes Knüpfung verborgen  und wie
sie des Sohnes Schritt der tyrischen Fürstin entgegenlenkt Und weiter las er
wie Äneas zu spät die göttliche Mutter erkannte  vergebens ruft er ihr nach
sie aber hüllt ihn in Nebel dass er unerkannt zur neuen Stadt gelange  wo die
Tyrerin zu Junos Ehren den mächtigen Tempel gründet steht er und schaut von
Künstlerhand gemalt die Schlachten von Troja am leeren Abbild vergangener
Kampfarbeit weidet sich seine Seele
    Jetzt naht sie selber Dido die Herrin des Landes antreibend das Werk und
die künftige Herrschaft
    »Und an der Pforte der Göttin bedeckt vom Gewölbe des Tempels
    Sah sie mit Waffen umschart auf des Trones hochragendem Sessel
    Urteil sprach sie den Männern und Recht und die Mühen der Arbeit
    Teilte sie jeglichem gleich nach Billigkeit «
    »Leset mir das nochmals« sprach die Herzogin Ekkehard wiederholte es
    »Stehts so geschrieben« frug sie »Ich hätte nichts eingewendet wenn
Ihrs selber so eingeschaltet hättet Glaubt ich doch schier ein Abbild eigener
Herrschaftführung zu hören  Mit den Menschen Eures Dichters bin ich wohl
zufrieden«
    »Es wird wohl leichter sein sie abzuzeichnen als die Götter« sprach
Ekkehard »Es gibt so viel Menschen auf der Welt «
    Sie winkte ihm fortzufahren Da las er wie des Äneas Gefährten herankamen
der Königin gastlichen Schutz anstehend und wie sie ihres Führers Ruhm künden
der von der Wolke verhüllt nahe stand
    Und Dido öffnet ihre Stadt den Hilfesuchenden und der Wunsch steigt in ihr
auf Wäre doch selbst der König vom selbigen Sturme gedränget euer Äneas
allhier also dass sehnendes Verlangen den Helden treibt die Wolke zu
durchbrechen 
    Doch wie Ekkehard begonnen hatte
»Kaum war solches gesagt als schnell des umwallenden Nebels Hülle zerreibt «
da kam ein schwerer Tritt den Gang herauf Herr Spazzo der Kämmerer trat ein
er wollte die neuen Studien seiner Gebieterin beaugenscheinigen  beim Wein
mochte er auch gesessen haben sein Aug war starr der Gruß erstarb ihm auf den
Lippen Es war nicht seine Schuld Schon in der Frühe hatte er ein Brennen und
Zucken in der Nase verspürt und das bedeutet sonder Widerrede einen trunkenen
Abend
    »Bleibet stehen« rief die Herzogin »und Ihr Ekkehard leset weiter«
    Er las ernst mit Ausdruck
    »Siehe da stand Äneas und strahlt in der Helle des Tages
    Hehr an Schulter und Haupt wie ein Gott denn die himmlische Mutter
    Hatt anmutige Locken dem Sohn und blühender Jugend
    Purpurlicht und heitere Würd in die Augen geatmet
    So wie das Elfenbein durch Kunst sich verschönet wie Silber
    Prangt und parischer Stein in des rötlichen Goldes Umrandung
    Drauf zur Königin wandt er das Wort und allen ein Wunder
    Redet er plötzlich und sprach Hier schauet mich welchen Ihr suchet
    Mich den Troer Äneas gerettet aus libyscher Woge«
    Herr Spazzo stand verwirrt Um Praxedis Lippen schwebte ein verhaltenes
Kichern
    »Wenn Euch der Weg wieder herführt« rief die Herzogin »so wählet eine
schicklichere Stelle zum Eintritt dass wir nicht versucht werden zu glauben
Ihr seid Äneas der Troer gerettet aus libyscher Woge«
    Herr Spazzo trat seinen Rückzug an »Äneas der Troer« murmelte er im Gang
»hat wieder einmal ein rheinfränkischer Landfahrer sich einen erlogenen
Stammbaum gemacht Troja  umwallender Nebel  Äneas der Troer wir werden
eine Lanze brechen wenn wir uns treffen Mord und Brand«
 
                                    Fußnoten
A1 Poten pilh peleia
 Poten poten petasai usw
 
                                Achtes Kapitel
                                    Audifax
In jener Zeit lebte auf dem Hohentwiel ein Knabe der hieß Audifax Er war
eigener Leute Kind Vater und Mutter waren ihm weggestorben da war er wild
aufgewachsen und die Leute hatten sein nicht viel acht er gehörte zur Burg wie
die Hauswurz die auf dem Dach wächst und der Efeu der sich um die Mauern
schlingt Man hatte ihm aber die Ziegen zu hüten angewiesen Die trieb er auch
getreulich hinaus und herein und war schweigsam und scheu Er hatte ein blass
Gesicht und kurz geschnitten blondes Haupthaar denn nur der Freigeborene durfte
sich mit wallenden Locken schmücken118
    Im Frühjahr wenn neuer Schuss und Trieb in Baum und Strauch waltete saß
Audifax vergnüglich draußen und schnitt Sackpfeifen aus dem jungen Holz und
blies darauf es war ein einsam schwermütiges Getön und Frau Hadwig war einmal
schier eines Mittags Länge oben auf dem Söller gestanden und hatte ihm
gelauscht vielleicht dass ihre Stimmung der Melodie der Sackpfeife entsprach 
und wie Audifax des Abends seine Ziegen eintrieb sprach sie zu ihm »Heische
dir eine Gnade« Da bat er um ein Glöcklein für eine seiner Ziegen die hieß
Schwarzfuss Der Schwarzfuss bekam das Glöcklein seither war in Audifax Leben
nichts von Belang vorgefallen Aber er ward zusehends scheuer im letzten
Frühjahr hatte er auch sein Pfeifenblasen eingestellt
    Jetzt war ein sonniger Späterbsttag da trieb er seine Ziegen an den
felsigen Hang des Berges und saß auf einem Steinblock und schaute hinaus ins
Land hinter dunkelm Tannenwald leuchtete der Bodensee vorn war alles
herbstlich gefärbt  dürres rotes Laub trieb im Winde Audifax aber saß und
weinte bitterlich
    Damals hütete was an Gänsen und Enten zum Hofe der Burg gehörte ein
Mägdlein des Name war Hadumot die war einer alten Magd Tochter und hatte
ihren Vater nie gesehen Es war Hadumot ein braves Kind rotwangig blauäugig
und ließ das Haar in zwei Zöpfe geflochten vom Haupt herunterfallen Ihre Gänse
hielt sie in Zucht und guter Ordnung sie reckten manchem den langen Hals
entgegen und schnatterten wie törichte Weiber aber der Hirtin trotzte keine
wenn sie ihren Stab schwang gingen sie züchtig und sittsam einher und
enthielten sich jeglichen Lärmens Oft weideten sie vermischt zwischen den
Ziegen des Audifax denn Hadumot hatte den kurzgeschorenen Ziegenhirten nicht
ungern und sah oft bei ihm und schaute mit ihm in die blaue Luft hinaus   und
die Tiere merkten wie ihre Hüter zusammenstanden da hielten auch sie
Freundschaft miteinand Jetzt trieb Hadumot ihre Gänse auf die Berghalde
herunter und da sie der Ziegen Glöcklein drüben läuten hörte sah sie sich nach
dem Hirten um Und sie erschaute ihn wie er weinte und ging hinüber setzte
sich zu ihm und sprach »Audifax warum weinst du« Der gab keine Antwort Da
legte Hadumot ihren Arm um seine Schulter wendete sein lockenloses Haupt zu
sich herüber und sprach betrübt »Audifax wenn du weinst so will ich mit dir
weinen«
    Audifax aber suchte seine Tränen zu trocknen »Du brauchst nicht zu weinen«
sagte er »ich muss Es ist etwas in mir dass ich weinen muss«
    »Was ist in dir dass du weinen musst« frug sie Da nahm er einen der Steine
wie sie von den Twieler Felswänden abgelöst dalagen und warf ihn auf die
anderen Steine Der Stein war dünn und gab einen Klang
    »Hast dus gehört«
    »Ich habs gehört« sagte Hadumot »es klingt wie immer«
    »Hast du den Klang auch verstanden«
    »Nein«
    »Ich aber versteh ihn und darum muss ich weinen« sprach Audifax »Es ist
schon viele Wochen her da bin ich drüben gesessen auf dem Felsen im Tale da
ists zuerst in mich gezogen ich kann nicht sagen wie aber es muh aus der
Tiefe gekommen sein jetzt ist mirs oft als wär Aug und Ohr anders geworden
und in den Händen flimmerts wie fliegende Funken wenn ich übers Feld geh so
hör ichs unter meinen Füßen rieseln als flösse ein Quell unten wenn ich am
Fels steh so sehe ich durchs Gestein da ziehen viel Arme und Adern hinunter
und drunten hämmerts und pochts das müssen die Zwerge sein von denen der
Großvater erzählt hat und von ganz unten leuchtet ein glühroter Schein empor
 Hadumot ich muss einen großen Schatz finden und weil ich ihn nicht finden
kann drum weine ich«
    Hadumot schlug ein Kreuz »Dir ist was angetan worden« sprach sie »Du
hast nach Sonnenuntergang auf dem Boden geschlafen da hat einer der
Unterirdischen Macht über dich bekommen  Wart ich weiß dir was Besseres als
Weinen«
    Sie sprang den Berg hinauf in kurzem kam sie wieder herab und hatte ein
Töpflein mit Wasser und ein Stücklein Seife das ihr Praxedis einst geschenkt
und etliche Strohhalme Und sie schlug einen hellen Schaum auf nahm sich einen
Halm gab dem Audifax einen und sprach »Lass uns mit Seifenblasen spielen wie
ehedem Weißt du noch wie wir beisammen saßen und um die Wette geblasen haben
und zuletzt konnten wirs so schön dass sie groß und farbig übers Tal flogen und
glänzten wie ein Regenbogen und s war schier zum Weinen wenn sie platzten
«
    Audifax hatte schweigend den Strohhalm genommen duftig wie Tautropfen hing
der Seifenschaum am Ende er hielt ihn in die Luft hinaus die Sonne glänzte
drauf
    »Weißt du auch Audifax« fuhr die Hirtin fort »was du einmal gesagt hast
wie wir unsern Schaum verblasen hatten und es war Abend und Nacht geworden und
die Sterne zogen am Himmel auf Das sind auch Seifenblasen hast du gesagt der
liebe Gott sitzt auf einem hohen Berge der bläst sie und kanns besser als wir
«
    »Das weiß ich nicht mehr« sprach Audifax
    Er neigte sein Haupt zur Brust herab und fing wiederum an zu weinen »Wie
muh ichs anfangen dass ich den Schatz gewinne« klagte er
    »Sei gescheit« sprach Hadumot »was wolltest du auch mit dem Schatz
beginnen wenn er gewonnen ist«
    »Dann kauf ich mich frei« sprach er gelassen »und dich auch und der Frau
Herzogin kauf ich ihr Herzogtum ab und den ganzen Berg mit allem was drauf
steht und dir lass ich eine güldene Krone machen und jeder Ziege ein gülden
Glöcklein und mir eine Sackpfeife von Ebenholz und lauterem Golde «
    »Von lauterem Golde«  scherzte Hadumot »weißt du denn wie Gold
aussieht«
    Da deutete Audifax mit dem Finger nach dem Mund »Kannst du schweigen« Sie
nickte bejahend »Gib mir die Hand drauf« Sie gab ihm die Hand »So will ich
dir zeigen wie Gold aussieht« sprach der Hirtenknabe griff in seine
Busentasche und zog ein Stücklein hervor rund wie eine mäßige Münze aber
gewölbt wie eine Schale und waren etliche unverständliche verwischte Zeichen
darauf es gleisste und glänzte und war wirklich Gold Hadumot wog das Stück auf
dem Zeigefinger
    »Das hab ich auf dem Feld gefunden weit da drüben« sprach Audifax »nach
dem Gewitter Wenn der Regenbogen mit seinem Farbenglanz sich zu uns
niederwölbt dann kommen zwei Engel wo seine Enden sich auf die Erde senken
halten sie ihm ein gülden Schüsselein unter dass er nicht auf dem verregneten
rauen Boden aufstehen muss  und wenn er ausgeglänzt hat dann lassen sie die
Schüsselein im Felde stehen zweimal dürfen sies nicht brauchen das würde der
Regenbogen übelnehmen119«
    Hadumot begann an den Beruf ihres Gespielen zum Schatzfinden zu glauben
»Audifax« sprach sie und gab ihm das Regenbogenschüsselein zurück »das frommt
dir alles nichts Wer einen Schatz finden will muss den Zauber wissen  in der
Tiefe unten wird alles gut gehütet sie gebens nicht los wenn sie nicht
niedergezwungen werden«
    »Ja der Zauber« sagte Audifax mit tränendem Aug  »wer ihn wüsste «
    »Hast du den heiligen Mann schon gesehen« frug Hadumot
    »Nein«
    »Seit vier Tagen ist der heilige Mann in der Burg der weiß allen Zauber
Ein großes Buch hat er mitgebracht das liest er unserer Herzogin vor da steht
alles drin geschrieben wie man die in der Luft zwingt und die in der Erde und
die im Wasser und Feuer die lange Friderun hats den Knechten heimlich erzählt
die Herzogin hab ihn verschrieben dass das Herzogtum fester werde und größer
und dass sie jung und schön bleibe und ewig zu leben komme «
    »Ich will zum heiligen Mann gehen« sprach Audifax
    »Sie werden dich schlagen« warnte Hadumot
    »Sie werden mich nicht schlagen« sagte er »ich weiß etwas das biet ich
ihm wenn er mir den Zauber weist «
    Es war Abend worden Die Kinder standen von ihrem Steinsitz auf  Ziegen und
Gänse wurden zusammengerufen wohlgeordnet wie eine Heerschar zogen sie den
Burgweg hinauf und rückten in ihren Ställen ein 
    Desselben Abends las Ekkehard der Herzogin den Schluss des ersten Buchs der
Äneide den Herr Spazzo tagszuvor unterbrochen wie die Sidonierin Dido erstaunt
bei des Helden Anblick ihn und die Seinen unter ihr gastlich Dach einladet und
beifällig nickte Frau Hadwig zu Didos Worten
    »Mich auch hat ein gleiches Geschick durch mancherlei Trübsal
    Umgeschüttelt und endlich im Lande hier ruhen geheißen
    Fremd nicht blieb ich dem Kummer und lernt Unglücklichen beistehn«
Jetzt sendet Äneas den Achates zu den Schiffen dass ers dem Sohn Ascanius
ansage denn ganz auf Ascanius ruht die zärtliche Sorge des Vaters Frau Venus
aber bewegt neue List im Busen in Didos Herz soll der Liebe Flamme entzündet
werden da entrückt sie den Ascanius weit in den Hain Idalia und wandelt den
Gott der Liebe in Ascanius Gestalt die Flügel legt er ab an Schritt und Gang
ihm gleich stellt er sich mit den Troern in Kartagos Königsburg und eilt zur
Königin hin 
»mit den Augen an ihm mit der Seele
Haftet sie oft auch im Schoss erwärmt ihn Dido und weiß nicht
Welch ein Gott ihr genaht der Elenden Er sich erinnernd
Dein acidalische Mutter vertilgt des Sichäus Gedächtnis
Allgemach und mit lebender Glut zu gewinnen versucht er
Ihr längst kühleres Herz und der Seel entwöhnete Regung«
    »Haltet ein« sprach Frau Hadwig »Das ist wieder recht schwach
ausgesonnen«
    »Schwach« frug Ekkehard
    »Was brauchts den Gott Amor selber« sprach sie »Könnt es sich nicht
ereignen dass auch ohne Trug und List und sein Einschreiten des ersten Gemahls
Gedächtnis in einer Witib Herzen zurückgedrängt würde«
    »Wenn der Gott selber das Unheil anstiftet« sprach Ekkehard »so ist Frau
Dido entschuldigt und sozusagen gerechtfertigt  das hat wohl der Dichter
andeuten wollen « Ekkehard mochte glauben er habe eine feine Bemerkung
gemacht Frau Hadwig aber stand auf »Das ist etwas anderes« sprach sie
spitzig »sie bedarf also einer Entschuldigung An das habe ich nicht gedacht
Gute Nacht«
    Stolz ging sie durch den Saal vorwurfsvoll rauschte ihr langes Gewand
»Sonderbar« dachte Ekkehard »mit Frauen den teuren Virgilius lesen hat
Schwierigkeit« Weiter gingen seine Gedanken nicht 
    Andern Tags schritt er durch den Burghof da trat Audifax der Hirtenknabe
zu ihm hob das Ende seines Gewandes küsste es und sah fragend an ihm hinauf
    »Was hast du« frug Ekkehard
    »Ich möcht den Zauber haben« sprach Audifax schüchtern
    »Was für einen Zauber«
    »Den Schatz zu heben in der Tiefe«
    »Den möcht ich auch haben« sprach Ekkehard lachend
    »O Ihr habt ihn heiliger Mann« sprach der Knabe »Habet Ihr nicht das
große Buch aus dem Ihr unserer Herrin des Abends vorleset«
    Ekkehard schaute ihn scharf an er ward misstrauisch und gedachte der Art
wie er auf dem hohen Twiel eingeführt worden »Hat dirs jemand eingegeben«
fragte er »dass du so zu mir redest«
    »Ja«
    »Wer«
    Da fing Audifax an zu weinen »Hadumot« sprach er Ekkehard verstand ihn
nicht
    »Wer ist Hadumot«
    »Die Ganshirtin« sprach der Knabe schluchzend
    »Du redest Torheit geh deiner Wege «
    Aber Audifax ging nicht
    »Ihr sollt mirs nicht umsonst geben« sagte er »ich will Euch was Schönes
zeigen Es müssen viele Schätze im Berg sein ich weiß einen der ist aber nicht
der rechte Ich möcht den rechten finden«
    Ekkehard ward aufmerksam »Zeig mir was du weißt« Audifax deutete
bergabwärts Da ging Ekkehard mit ihm zum Burghof hinaus und die Stufen des
Burgwegs hinunter auf des Berges Rückseite wo der Blick zu des hohen Stoffeln
tannigem Haupt hinüberstreift und zum hohen Höwen bog Audifax vom Weg ab sie
gingen durchs Gebüsch kahl in verwittertem Grau strebte die Felswand vor ihnen
zur Himmelsbläue empor
    Audifax bog einen Strauch zurück und riss das Moos auf in dem grauen
Klingstein der des Berges Kern ist ward eine gelbe Ader sichtbar in eines
Fingers Breite zog sie durchs Gestein  Audifax löste ein Stück ab versteinten
Tropfen gleich saß der eingesprengte Stoff in der Spalte strahlend rundlich
goldgelb und in weissrötlicher Druse hafteten Opalkristalle
    Prüfend sah Ekkehard auf das abgelöste Stück Der Stein war ihm fremd
Edelstein wars nicht die gelehrten Männer haben ihn später Natrolit getauft
    »Seht Ihr dass ich etwas weiß« sprach Audifax
    »Was soll ich damit« fragte Ekkehard
    »Das wisst Ihr besser als ich Ihr könnts schleifen lassen und Eure großen
Bücher damit verzieren  gebt Ihr mir jetzt den Zauber«
    Ekkehard musste des Knaben lachen »Du sollst Bergknappe werden« sprach er
und wollte gehen
    Aber Audifax hielt ihn am Gewand
    »Ihr müsst mich jetzt aus Eurem Buch lehren«
    »Was«
    »Den stärksten Spruch «
    Eine Anwandlung des Scherzes kam über Ekkehards ernstes Antlitz »Komm mit
mir« sprach er »du sollst ihn haben den stärksten Spruch«
    Frohlockend ging Audifax mit ihm Da sagte ihm Ekkehard lachend den
virgilianischen Vers
»Auri sacra fames quid non mortalia cogis PectoraA1«
und mit eiserner Geduld sagte Audifax die fremden Worte her bis er sie
sprachrichtig dem Gedächtnis eingeprägt
    »Schreibt mirs auf dass ichs auf dem Leib tragen kann« bat er ihn
    Ekkehard gedachte den Scherz vollständig zu machen und schrieb ihm die Worte
auf einen dünnen Pergamentstreif der Knabe bargs in seiner Brusttasche hoch
schlug sein Herz wiederum küsste er Ekkehards Gewand  in Sprüngen wie sie die
kletterfroheste Ziege nicht machte sprang er aus dem Hofe
    »Bei diesem Kinde gilt Virgilius mehr als bei der Herzogin« dachte
Ekkehard
    Des Mittags sah Audifax wieder auf seinem Steinblock Aber es perlten keine
Tränen mehr in seinen scheuen Angen seit langem zum erstenmal war die alte
Sackpfeife wieder mit ihm auf die Ziegenhut ausgezogen der Wind trug die Klänge
ins Tal hinab Vergnügt kam seine Freundin Hadumot zu ihm herüber »Wollen wir
wieder Seifenblasen machen« frug sie ihn
    »Ich mache keine Seifenblasen mehr« sprach Audifax und blies auf seiner
Pfeife weiter Dann stund er auf sah sich sorgsam um zog Hadumot zu sich 
sein Auge glänzte seltsam »Ich bin beim heiligen Mann gewesen« raunte er ihr
ins Ohr »heute nacht heben wir den Schatz du gehst mit« Hadumot versprachs
ihm
    Der dienenden Leute Nachtessen in der Gesindestube war zu Ende gleichzeitig
standen sie alle von ihren Bänken auf und stellten sich in die Reihe zu unterst
waren Audifax und Hadumot gesessen die junge Hirtin sprach den grobkörnigen
Menschen das Gebet vor sie zitterte heut mit der Stimme 
    Eh der Tisch abgeräumt war huschte es wie zwei Schatten zu dem noch
unverschlossenen Burgtor hinaus es waren die zwei Kinder Audifax ging voran
»Die Nacht wird kalt sein« hatte er zu Hadumot gesagt und ihr ein langhaariges
Ziegenfell umgeworfen Da wo der Berg jäh nach Süden hin abfällt war ein alter
Erdwall gezogen dort machte Audifax halt  sie waren vor dem Herbstwind
geschützt Er streckte seinen Arm in gerader Richtung aus »Ich meine hier
solls sein« sprach er »Wir müssen noch lang warten bis Mitternacht«
    Hadumot sprach nichts Die beiden setzten sich dicht nebeneinander Der
Mond war aufgegangen sein Licht zitterte durch halbdurchsichtiges Gewölk Auf
der Burg oben waren etliche Fenster hell sie saßen wieder über dem Virgilius
droben  am Berg wars still selten strich der Schleiereule heiserer Ruf
herüber Nach langer Frist fragte Hadumot schüchtern »Wie wirds werden
Audifax«
    »Ich weiß nicht« war die Antwort »Es wird einer herkommen und wird ihn
herbringen oder die Erde tut sich auf und wir steigen hinunter oder «
    »Sei still« sprach Hadumot »ich fürcht mich«
    Und wieder war eine gute Frist vergangen Hadumot hatte ihr Haupt an
Audifax Brust gelehnt und war eingeschlummert er aber rieb sich den Schlaf aus
den Augen dann schüttelte er seine Gefährtin »Hadumot« sprach er »die Nacht
ist lang erzähl mir was«
    »Mir ist was Böses eingefallen« sprach sie »Es war einmal ein Mann der
ging pflügen ums Morgenrot da pflügte er den Goldzwerg aus der Furche der
stand vor ihm und grinste ihn freundlich an und sprach Nimm mich mit Wer uns
nicht sucht dem gehören wir wer uns sucht den erwürgen wir  Audifax ich
furcht mich«
    »Gib mir deine Hand« sagte Audifax »dass du mutig bleibest«
    Die Lichter auf der Burg waren erloschen Dumpfer Hornruf des Wächters auf
dem Turm kündete Mitternacht Da kniete Audifax nieder und Hadumot kniete
neben ihn er hatte seinen Holzschuh vom rechten Fuß gezogen dass er mit nackter
Sohle auf dem dunkeln Erdreich aufstand den Pergamentstreifen hielt er in der
Hand und mit fester Stimme sprach er die Worte deren Sinn ihm fremd
»Auri sacra fames quid non mortalia cogis Pectora«
er hatte sie wohl behalten Und auf den Knien blieben die beiden und harrten
dessen was da kommen sollte  Aber es kam kein Zwerg und kein Riese und die
Erde tat sich auch nicht auf die Gestirne glänzten zu ihren Häupten kalt und
fern kühl wehte die Nachtluft  Doch über einen Glauben so fest und tief wie
den der beiden Kinder soll niemand lachen auch wenn damit keine Berge versetzt
und keine Schätze gefunden werden
    Jetzt Hub sich ein unsicheres Leuchten am Himmelsgewölb eine Sternschnuppe
kam geflogen ein flimmernder Glanzstreif zeichnete ihre Bahn viel andere
folgten nach  »es kommt von oben« flüsterte Audifax und presste krampfhaft das
Hirtenkind an sich »auri sacra fames « rief er noch einmal in die Nacht
hinaus strahlend kreuzten sich die Meteore das erste erlosch das zweite
erlosch  es war wieder ruhig am Himmel wie zuvor 
    Lang und scharf sah sich Audifax um Dann stand er betrübt auf »Es ist
nichts« sagte er mit zitternder Stimme »sie sind in See gefallen Sie gönnen
uns nichts Wir werden Hirten bleiben«
    »Hast du des heiligen Mannes Spruch auch recht gesagt« fragte ihn Hadumot
    »Wie er ihn mich lehrte«
    »Dann hat er dich nicht den rechten gelehrt Er wird den Schatz selber
heben Vielleicht hat er ein Netz dorthin gelegt wo die Sterne fielen «
    »Das glaub ich nicht« sprach Audifax »Sein Antlitz ist mild und gut und
seine Lippen sprechen kein Falsch«
    Hadumot sann nach
    »Vielleicht weiß er den rechten Spruch nicht«
    »Warum«
    »Weil er den rechten Gott nicht hat Er hat den neuen Gott Die alten Götter
waren auch stark«
    Audifax hielt seiner Gefährtin den Finger auf die Lippen »Schweig« sprach
er
    »Ich fürchte mich nicht mehr« sagte Hadumot »Ich weiß noch eine andere
die versteht sich auch auf Sprüche«
    »Wen«
    Hadumot deutete hinüber wo aus lang gestrecktem Tannensaum ein dunkler
Bergkegel steil aufstieg »Die Waldfrau« antwortete sie
    »Die Waldfrau« sprach Audifax erschrocken »Die die das große Gewitter
gemacht wo die check so groß wie Taubeneier ins Feld einschlugen und die
den Centgrafen von Hilzingen gefressen hat dass er nimmer heimkam«
    »Eben darum Wir wollen sie fragen Die Burg ist uns doch verschlossen und
die Nacht kalt«
    Das Hirtenmägdlein war keck und mutig geworden Das Mitleid um Audifax war
groß in ihr sie hätte ihm so gern zu seiner Wünsche Erfüllung verholfen
»Komm« sprach sie lebhaft »wenn dirs bange wird im Wald so blas auf deiner
Pfeife Die Vögel antworten Es geht dem Morgen entgegen«
    Audifax erhob keinen Einwand mehr Da gingen sie miteinand durchs dichte
Gehölz nordwärts es war ein dunkler Tannenwald sie kannten den Pfad Niemand
war des Weges Nur ein alter Fuchs stand lauernd auf einem Rain aber er war vom
Erscheinen der beiden Kinder so wenig befriedigt als diese von den schnell
verflogenen Sternschnuppen
    Auch bei Füchsen kommt oft etwas ganz anderes als sie wünschen und
erwarten Darum zog er seinen Schweif ein und schlug sich seitwärts
    Sie waren eine Stunde weit gegangen da stunden sie vor dem Fels
Hohenkrähen Zwischen Bäumen versteckt stund ein steinern Hauslein sie hielten
»Der Hund wird Laut geben« sprach Hadumot Aber kein Hund rührte sich Sie
traten näher die Tür stand offen
    »Die Waldfrau ist fort« sprachen sie Aber auf dem Fels Hohenkrähen brannte
ein verglimmend Feuerlein Dunkle Gestalten regten sich Da schlichen die Kinder
den Felspfad hinauf
    Schon stand ein heller Luftstreif hinter den Bergen am Bodensee Es ging
steil in die Höhe Oben wo das Feuer glimmte war ein Felsenvorsprung Eine
breitgipflige Eiche breitete ihre dunklen Äste aus Da duckten sich Audifax und
Hadumot hinter einen Stein und schauten hinüber Es war ein Tier geschlachtet
worden ein Haupt wie das eines Pferdes war an den Eichstamm genagelt Spieße
standen über dem Feuer Knochen lagen umher In einem Gefäß war Blut
    Am einen zugehauenen Felsblock saßen viele Männer ein Kessel mit Bier stand
auf dem Stein120 sie schöpften daraus mit steinernen Krügen
    An der Eiche kauerte ein Weib Sie war nicht so liebreizend wie jene
alemannische Jungfrau Bissula die dem römischen Staatsmann Ausonius einst trotz
seiner sechzig Jahre das Herz berückte dass er idyllendichtend auf seiner
Präfekturkanzlei einherschritt und sang »Sie ist von Augen himmelblau und
golden das rötliche Haar ein Barbarenkind hoch über allen Puppen Latiums der
sie malen will muss Rosen und Lilien mischen121« Das Weib auf dem Hohenkrähen
war alt und struppig
    Die Männer schauten nach ihr Zusehends hellte sich der Himmel im Osten In
die Nebel über dem See kam Bewegung Jetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen
vergüldend über die Berge bald stieg der feurige Ball empor da sprang das Weib
auf die Männer erhoben sich schweigend sie schwang einen Strauss von Mistel und
Tannreis tauchte ihn in das Gefäß mit Blut sprengte dreimal der Sonne
entgegen dreimal über die Männer dann goss sie des Gefässes Inhalt in das
Wurzelwerk der Eiche
    Die Männer hatten ihre Krüge ergriffen sie rieben sie in einförmiger Weise
dreimal auf dem geglätteten Fels dass ein summendes Getön entstand hoben sie
gleichzeitig der Sonne entgegen und tranken aus im gleichen Takte setzte jeder
den Krug nieder es klang wie ein einziger Schlag Dann warf ein jeglicher
seinen Mantel um schweigend zogen sie den Fels hinab122
    Es war die Nacht des ersten November
    Wie es still geworden auf dem Platz wollten die Kinder vortreten zur
Waldfrau Audifax hatte sein Streiflein Pergament zur Hand genommen  aber das
Weib riss einen Feuerbrand aus der Asche und schritt ihnen drohend entgegen
    Da flohen sie in Hast den Berg hinunter
 
                                    Fußnoten
A1 Gräulicher Hunger nach Golde wozu nicht zwingst du der Menschen nimmersattes
Gemüt
 
                                Neuntes Kapitel
                                 Die Waldfrau
Audifax und Hadumot waren in die Burg von Twiel zurückgekehrt Ihres
nächtlichen Ausbleibens war nicht geachtet worden Sie schwiegen von den
Begegnissen jener Nacht Auch unter sich Audifax hatte viel nachzudenken
    In seiner Ziegen Hut war er säumig Eine seiner Untergebenen verlief sich
nach den platten Hügeln hin die den Lauf des dem Bodensee entströmenden Rheines
umsäumen Da ging er sie zu suchen einen Tag blieb er aus dann kehrte er mit
der Entronnenen zurück
    Hadumot freute sich des Erfolges der ihrem Gefährten Schläge ersparte Der
Winter kam mählich heran die Tiere blieben im Stall Eines Tages saßen die
Kinder am Kaminfeuer in der Knechtstube Sie waren allein
    »Du denkst noch immer an Schatz und Spruch« sagte Hadumot Da zog sie
Audifax geheimnisvoll zu sich »Der heilige Mann hat doch den rechten Gott«
sprach er
    »Warum« frug Hadumot
    Er ging in seine Kammer hinüber im Stroh seines Lagers hatte er allerhand
Gestein untergebracht er griff einen heraus und brachte ihn herüber »Schau
an« sprach er Es war ein glimmeriger grauer Schieferstein er umschloss die
Reste eines Fisches in zartem Umriss waren Haupt Flossen und Gräten dem
Schiefer eingedrückt Den hab ich drüben am Schiener Berg123 mitgenommen da
ich die Ziege suchen ging Der muss von der Flut sein von der der Vater
Vincentius einmal gepredigt hat und die Flut hat der Herr Himmels und der Erde
über die Welt gehen lassen da er den Noah das große Schiff bauen ließ davon
weiß die Waldfrau nichts
    Hadumot wurde nachdenklich »Dann ist die Waldfrau schuld dass uns die
Sterne nicht in den Schoss gefallen sind wir wollen sie beim heiligen Mann
verklagen«
    Da gingen die beiden zu Ekkehard und berichteten ihm was in jener Nacht auf
dem Hohenkrähen vorgegangen Er hörte sie freundlich an Des Abends erzählte
ers der Herzogin Frau Hadwig lächelte
    »Sie haben einen seltsamen Geschmack meine treuen Untertanen« sprach sie
»Überall sind ihnen schmucke Kirchen gebaut sanft und eindringlich wird das
Wort Gottes verkündet stattlicher Gesang große Feste Bittgänge mit Kreuz und
Fahnen durch wogendes Kornfeld und Flur  und doch ists nicht genug Da müssen
sie noch in kalter Nacht auf ihren Berggipfeln sitzen und wissen selber nicht
was sie dort treiben außer dass Bier getrunken wird Wir kennen das Was haltet
Ihr von der Sache frommer Ekkehard«
    »Aberglaube« sprach der Gefragte »den der böse Feind noch immer in
abtrünnige Gemüter säet Ich hab in unsern Büchern gelesen von den Werken der
Heiden wie sie im Dunkel der Wälder an einsamen Wegscheiden und Quellen und
selbst an den dunkeln Gräbern der Toten ihre zaubrischen Listen treiben«
    »Sie sind keine Heiden mehr« sagte Frau Hadwig »Ein jeder ist getauft und
seinem Pfarrherrn zugewiesen Aber es lebt noch ein Stück alte Erinnerung in
ihnen die ist sinnlos geworden und zieht sich doch durch ihr Denken und Tun
gleich dem Rhein wenn er in Winterszeit tief unter des Bodensees Eisdecke
geräuschlos weiter fließt Was wollt Ihr mit ihnen beginnen«
    »Vertilgen« sprach Ekkehard »Wer seinen Christenglauben bricht und dem
Gelübde seiner Taufe untreu wird soll fahren in die ewige Verdammnis«
    »Halt an junger Eiferer« sagte Frau Hadwig »meinen Hegauer Mannen sollt
Ihr darum das Haupt noch nicht abschlagen dass sie die erste Nacht des
Herbstmonats lieber auf dem kalten hohen Krähen sitzen als auf ihrem Strohlager
schlafen sie tun doch was sie müssen und schon im Heerbann des großen Kaiser
Karl haben sie dereinst gegen die heidnischen Sachsen gefochten als wär ein
jeder zum erlesenen Rüstzeug der Kirche geweiht«
    »Mit dem Teufel« rief Ekkehard hochfahrend »ist kein Friede Wollet Ihr
lau im Glauben sein Herrin«
    »Im Regieren einer Landschaft« sprach sie mit leisem Spott »lernt sich
manches das in Euren Büchern nicht steht Wisst Ihr auch dass der Schwache
wirksamer durch seine Schwäche geschlagen wird als durch die Schneide des
Schwerts Wie der heilige Gallus einst in die Trümmer von Bregenz drüben einzog
da lag der heiligen Aurelia Altar zerstört drei eherne Götzenbilder stunden
aufgerichtet um den großen Bierkessel der niemals fehlen darf so oft man
hierlands in alter Weise fromm sein will saßen sie und tranken Der heilige
Gall hat keinem ein Leides getan aber ihre Bilder hat er in Stücke geschlagen
und hinausgeschleudert dass sie zischend einfuhren ins grüne Gewoge des Sees
und in ihren Bierkessel hat er ein Loch gehaucht und das Evangelium gepredigt an
derselben Stelle es fiel kein Feuer vom Himmel ihn zu verzehren sie aber
sahen dass ihre Sache nichts war und bekehrten sich124 Verständig sein heißt
nicht lau im Glauben sein «
    »Das war damals«  begann Ekkehard
    »Und jetzt«  fiel ihm Frau Hadwig ins Wort »jetzt steht die Kirche
aufgerichtet vom Rhein bis ans nördliche Meer stärker als die Kastelle der
Römer zieht sich eine Kette von Klöstern durchs Land Festungen des Glaubens
bis in die Wildnisse des Schwarzwalds ist längst das Wort christlicher Bekenner
gedrungen was wollt Ihr mit den Nachzüglern vergangener Zeiten so schweren
Kampf fechten125«
    »So belohnet sie denn« sprach Ekkehard bitter
    »Belohnen« sagte die Herzogin »Zwischen entweder und oder führt noch
manches Strässlein Wir müssen einschreiten gegen den nächtlichen Unfug Warum
Kein Reich mag gut bestehen bei zweierlei Glauben das führt die Gemüter
gegeneinand in Schlachtordnung und ist unnötig solange draußen Feinde genug
lauern Des Landes Gesetz hat ihnen das törichte Wesen untersagt sie sollen
merken dass unser Gebot und Verbot nicht in Wind gesprochen ist«
    Ekkehard schien von dieser Weisheit nicht befriedigt Ein Zug von Missmut
flog über sein Antlitz
    »Hört« fuhr die Herzogin fort »was ist Eure Meinung von der Zauberei
überhaupt«
    »Die Zauberei« sprach Ekkehard mit Ernst und schwerem Atemzug der auf den
Vorsatz einer längeren Rede zu deuten schien »ist eine verdammliche Kunst
wodurch der Mensch sich die Dämonen die allentalb in der Natur walten und
nisten dienstbar macht Auch im Anlebendigen ruht Lebendiges verborgen wir
hören es nicht und sehen es nicht aber verführend weht es an unbewachtes Gemüt
mehr zu erfahren und mehr zu wirken als ein treuer Knecht Gottes erfahren und
wirken kann  das ist das alte Blendwerk der Schlange und der Mächte der
Finsternis wer sich ihnen zu eigen macht kann ein Stück von ihrer Gewalt
erlangen aber er herrscht über die Teufel durch deren Obersten und verfällt
ihm wenn seine Zeit aus ist Darum ist die Zauberei so alt wie die Sünde und
statt dass der eine wahre Glaube sei auf der Welt und die eine Mildigkeit der
Werke anzubeten den dreieinigen Gott gehen noch Weissager umher und
Traumdeuter und Traumscheider und Liedersetzer und Rätsellöser vor allem aber
sind unter den Töchtern Evas die Anhängerinnen solcher Künste zu suchen «
    »Ihr werdet artig« unterbrach ihn Frau Hadwig 
    »Denn der Frauen Gemüt« fuhr Ekkehard fort »ist allzeit neugieriger
Erforschung und Ausübung verbotener Dinge zugewendet Wenn wir mit Lesung des
Virgilius fortschreiten werdet Ihr den Ausbund der Zauberei in Gestalt des
Weibes Circe angedeutet sehen die auf unzugänglichem Vorgebirg singend haust
lieblich duftender Span von Zedernholz erleuchtet die dunkeln Gemächer mit
fleissigem Weberschifflein webt sie viel zartes Gezeug aber draußen im Hof tönt
seufzendes Knurren von Löwen und Wölfen und der Schweine Gegrunz die sie alle
aus Menschen durch zauberischen Trank in der Tiere Gestalt verwandelt «
    »Ihr sprechet ja wie ein Buch« sagte die Herzogin spitz »Ihr sollt Eure
Wissenschaft von der Zauberei weiter bilden Reitet denn auf den hohen Krähen
hinüber und untersuchet ob die Waldfrau eine Circe und regieret in unserem
Namen wir sind neugierig was Eure Weisheit ordnet«
    »Es ist nicht meine Wissenschaft« erwiderte er ausweichend »wie man die
Völker regiert und die Dinge der Welt gebietend schlichtet«
    »Das findet sich« sprach Frau Hadwig »es hat noch selten einen in
Verlegenheit gebracht am wenigsten einen Sohn der Kirche«
    Ekkehard fügte sich Der Auftrag war ihm ein Beweis von Vertrauen Andern
Morgens ritt er nach dem hohen Krähen Den Audifax nahm er mit dass er ihm den
Weg zeige »Glückliche Reise Herr Reichskanzler« rief ihm eine lachende Stimme
nach Es war Praxedis
    Bald kamen sie vor der Waldfrau Behausung Auf einem Vorsprung in halber
Höhe des steilen Felsens stand ihre steinerne Hütte mächtige Eich und
Buchstämme breiteten ihre Äste darüber und verdeckten den ragenden Gipfel des
hohen Krähen Drei wie Stufen geschichtete Klingsteinplatten führten ins Innere
Es war eine hohe dunkle Stube Viel getrocknete Waldkräuter lagen aufgehäuft
würziger Geruch entströmte ihnen drei weissgebleichte Pferdeschädel grinsten
gespenstig von den Pfeilern der Wand herab126 ein riesig Hirschgeweih hing
dabei In den hölzernen Türpfosten war ein verschlungenes Doppeldreieck
geschnitten Ein zahmer Waldspecht hüpfte in der Stube umher ein Rabe dem die
Schwingen gekürzt war sein Genosse
    Die Inwohnerin saß am glimmenden Feuer des Herdes und nähte an einem Gewand
Ein hoher behauener halb verwitterter Stein stand ihr zur Seite Von Zeit zu
Zeit bückte sie sich zum Herde und hielt ihre magere Hand über die Kohlen
Novemberkälte lag auf Berg und Wald Die Zweige einer alten Buche neigten sich
schier zum Fenster herein ein leiser Windeshauch bewegte sie das Laub war
herbstgelb und morsch und zitterte und brach ab etliche welke Blätter wirbelten
in die Stube
    Und die Waldfrau war einsam und alt und mochte frieren »Da liegt ihr nun
verachtet und welk und tot« sprach sie zu den Blättern »und ich gleiche euch«
Ein fremdartiger Zug umflog ihr runzlig Antlitz Sie dachte vergangener Zeiten
da auch sie jung und frühlingsgrün gewesen und einen Liebsten gehabt  aber den
hatte sein Schicksal weit hinausgetrieben aus dem heimischen Tannwald raubende
Nordmänner die einst mit Sengen und Brennen den Rhein herauffuhren hatten ihn
und viel andere Heerbannleute gefangen mitgeschleppt und er war bei ihnen
geblieben über Jahresfrist und hatte den Seemannsdienst gelernt und war wild und
trotzig geworden in der Strandluft des Meeres und wie sie ihn wieder frei
gaben trug er die Nordseesehnsucht mit sich in schwäbischen Wald  die
Gesichter der Heimat gefielen ihm nimmer wieder die der Mönche und Priester am
wenigsten und das Unglück fügte es dass er in zornigem Aufbrausen einen
wandernden Mönch erschlug der ihn gescholten da war seines Bleibens nicht
fürder
    Der Waldfrau Gedanken hafteten heut immerdar auf jener letzten Stunde die
ihn von ihr geschieden Da hatten ihn die Gerichtsmänner vor seine Hütte im
Weiterdinger Wald geführt sechshundert Schillinge sollte er als Wehrgeld für
den Erschlagenen zahlen und wies ihnen statt dessen Haus und Hofmark zu und
schwur mit zwölf Eideshelfern dass er nichts unter und nichts ober der Erde mehr
zu eigen habe Drauf ging er in sein Haus sammelte eine Hand voll Erde stand
auf die Schwelle und warf mit der Linken die Erde über seine Schultern auf
seines Vaters Bruder als Zeichen dass seine Schuld auf diesen seinen einzigen
Blutsverwandten übergehen solle er aber griff einen Stab und sprang im leinenen
Hemde ohne Gürtel und Schuhe über den Zaun seines Hofes das Recht der chrene
chruda127 schriebs so vor und damit war er seiner Heimat ledig und ging in
Wälder und Wüsten  ein landflüchtiger Mann und ging wieder ins Dänenland zu
seinen Nordmännern und kam nimmer zurück Nur eine dunkle Kunde sagte er sei
mit ihnen nach Island hinübergefahren wo die tapfern Seefahrer die ihren
Nacken nicht beugen wollten vor neuem Glauben und neuer Herrschaft sich ein
kaltes Asyl gegründet
    Das war schon lange lange her aber der Waldfrau war es als sähe sie ihren
Friduhelm noch wie er ins Waldesdunkel sprang sie hatte damals ins
Weiterdinger Kirchlein einen Kranz von Eisenkraut gehängt und viel Tränen
vergossen  kein anderer hatte sein Bild aus ihrer Seele verdrängt Die
traurige Jahreszeit gemahnte sie an ein altes Nordmännerlied das er sie einst
gelehrt das summte sie jetzt vor sich hin
»Der Abend kommt und die Herbstluft weht
Reifkälte spinnt um die Tannen
O Kreuz und Buch und Mönchsgebet 
Wir müssen alle von dannen
Die Heimat wird dämmernd und dunkel und alt
Trüb rinnen die heiligen Quellen
Du götterumschwebter du grünender Wald
Schon blitzt die Axt dich zu fällen
Und wir ziehen stumm ein geschlagen Heer
Erloschen sind unsere Sterne 
O Island du eisiger Fels im Meer
Steig auf aus nächtiger Ferne
Steig auf und empfah unser reisig Geschlecht 
Auf geschnäbelten Schiffen kommen
Die alten Götter das alte Recht
Die alten Nordmänner geschwommen
Wo der Feuerberg loht Glutasche fällt
Sturmwogen die Ufer umschäumen
Auf dir du trotziges Ende der Welt
Die Winternacht wolln wir verträumen«
    Ekkehard war indes draußen abgestiegen und hatte sein Ross an eine Tanne
gebunden Jetzt trat er über die Schwelle scheu ging Audifax hinter ihm drein
Die Waldfrau warf das Gewand über den Stein faltete die Hände in ihren Schoss
und sah starr dem eintretenden Mann im Mönchsgewand entgegen Sie stand nicht
auf
    »Gelobt sei Jesus Christ« sprach Ekkehard als Gruß und Ablenkung etwaigen
Zaubers Unwillkürlich schlug er den Daumen der Rechten ein und schloss die Hand
er fürchtete das böse Auge128 und seine Gewalt Audifax hatte ihm erzählt die
Leute sagten von ihr dass sie mit einem Blick ein ganzes Grasfeld dürre zu
machen vermöge
    Sie antwortete nicht auf den Gruß
    »Was schafft Ihr Gutes« hub Ekkehard das Gespräch an
    »Einen Rock bessern« sprach die Alte »er ist schadhaft geworden«
    »Ihr sucht auch Kräuter«
    »Such auch Kräuter«  »Seid Ihr ein Kräutermann Dort liegen viele
Habichtskraut und Schneckenklee Bocksbart und Mäuseohr auch dürrer
Waldmeister so Ihr begehrt«
    »Ich bin kein Kräutermann« sprach Ekkehard »Was macht Ihr mit den
Kräutern«
    »Braucht Ihr zu fragen wozu Kräuter gut sind« sprach die Alte »Euer einer
weiß das auch Es stünd schlimm um kranke Menschen und krankes Tier und schlimm
um Abwehr nächtiger Unholde und Stillung liebender Sehnsucht wenn keine Kräuter
wären«
    »Und Ihr seid getauft« fuhr Ekkehard ungeduldig fort
    »Sie werden mich auch getauft haben «
    »Und wenn Ihr getauft seid« rief er mit erhobener Stimme »und dem Teufel
versagt habt und allen seinen Werken und allen seinen Gezierden was soll das«
Er deutete mit seinem Stab nach den Pferdeschädeln an der Wand und stieß einen
heftig an dass er herunterfiel und in Stücke brach die weißen Zähne rollten auf
dem Fußboden umher
    »Der Schädel eines Rosses« antwortete die Alte gelassen »den Ihr jetzt
zertrümmert habt Es war ein junges Tier Ihr könnts am Gebiss noch sehen«
    »Und der Rosse Fleisch schmeckt Euch« frug Ekkehard
    »Es ist kein unrein Tier« sagte die Waldfrau »und sein Genuss nicht
verboten«
    »Weib« rief Ekkehard und trat hart vor sie hin  »du treibst Zauberkunst
und Hexenwerk«
    Da stand die Alte auf Ihre Stirn runzelte sich unheimlich glänzten die
grauen Augen »Ihr tragt ein geistlich Gewand« sprach sie »Ihr möget mir das
sagen Gegen Euch hat eine alte Waldfrau kein Recht Es heißt sonst das sei ein
groß Scheltwort was Ihr mir ins Antlitz geworfen und das Landrecht büsst den
Schelter129«
    Audifax war indessen scheu an der Tür gestanden Da kam der Waldfrau Rabe
auf ihn zugehüpft so dass er sich fürchtete er lief zu Ekkehard hin Am Herde
sah er den behauenen Stein An einem Stein herumzuspüren hätte ihn auch die
Furcht vor zwanzig Raben nicht abgehalten Er hob das Gewand das drüber
gebreitet war Verwitterte Gestalten kamen zum Vorschein
    Ekkehard lenkte seinen Blick darauf
    Es war ein römischer Altar Kohorten die fern aus üppigem asischem
Standlager des allmächtigen Kriegsherrn Gebot an den unwirtlichen Bodensee
versetzt mochten ihn einst in diesen Höhen aufgestellt haben  ein Jüngling in
fliegendem Mantel und phrygischer Mütze kniete auf einem niedergeworfenen Stier
der persische Lichtgott Mitras an den der sinkende Römerglaube neue Hoffnung
anknüpfte als das andere abgenutzt war
    Eine Inschrift war nicht sichtbar Lang schaute ihn Ekkehard an sein Aug
hatte außer der güldenen Vespasianusmünze die Untergebene des Klosters einst im
Torfmoos bei Rapperswyl gefunden und etlichen geschnittenen Steinen im
Kirchenschatz noch kein Bildwerk des Altertums erschaut aber er ahnte an Form
und Bildung den stummen Zeugen einer vergangenen Welt
    »Woher der Stein« frug er
    »Ich bin genug gefragt« sagte die Waldfrau trotzig »schafft Euch selber
Antwort«
     Der Stein hätte auch mancherlei antworten können wenn Steine Zungen
hätten Es haftet ein gut Stück Geschichte an solch verwittertem Gebild Was
lehrt es Dass der Menschen Geschlechter kommen und zergehen wie die Blätter die
der Frühling bringt und der Herbst verweht und dass ihr Denken und Tun nur eine
Spanne weit reicht dann kommen andere und reden in andern Zungen und schaffen
in andern Formen Heiliges wird geächtet Geächtetes heilig neue Götter steigen
auf den Thron wohl ihnen wenn er nicht über allzuviel Opfern sich aufrichtet

    Ekkehard deutete das Dasein des Römersteins in der Waldfrau Hütte anders
    »Den Mann auf dem Stier betet Ihr an« rief er heftig
    Die Waldfrau griff einen Stab der am Herde stand nahm ein Messer und
schnitt zwei Kerbschnitte hinein »Die zweite Beschimpfung die Ihr mir antut«
sprach sie dumpf »Was haben wir mit dem Steinbild zu schaffen«
    »So redet« sagte der Mönch »wie kommt der Stein in Eure Hütte«
    »Weil er uns gedauert hat« sagte die Waldfrau »Das mögt Ihr nicht
verstehen die Ihr das Haupt kahl geschoren traget Der Stein ist drauss
gestanden auf dem Felsvorsprung es war ein zugerichteter Platz und wird mancher
in alten Tagen dort gekniet haben aber jetzt hat sich keiner mehr um ihn
gekümmert die Leute des Waldes haben Holzäpfel drauf gedörrt und Späne drauf
gespalten wies kam und des Regens Unbill hat die Bilder verwaschen Der Stein
dauert mich hat meine Mutter gesagt er war einmal was Heiliges aber die
Knochen derer die den Mann drauf gekannt und verehrt haben und den Stein sind
längst weiß gebleicht  es wird ihn frieren den Mann mit dem fliegenden Mantel
Da haben wir ihn ausgehoben und an Herd gestellt er hat uns noch kein Leids
gebracht  Wir wissen wie es den alten Göttern zu Mut ist unsere gelten auch
nicht mehr Lasst Ihr dem Stein seine Ruhe«
    »Eure Götter« fuhr Ekkehard in seinem Fragen fort  »wer sind Eure Götter«
    »Das müsst Ihr wissen« sprach die Alte »Ihr habt sie vertrieben und in See
gebannt in der Fluten Tiefe liegt alles begraben der Hort alter Zeit und die
alten Götter wir sehen sie nicht mehr und wissen nur noch die Plätze wo unsere
Väter sie verehrt eh der Franke kam und die Männer in den Kutten Aber wenn
der Wind die Wipfel des Eichbaums droben schüttelt dann kommts wie Stimmen
durch die Lüfte das ist ihr Klagen  und in gefeiten Nächten rauscht und
brauset es und der Wald leuchtet Schlangen winden sich an den Stämmen empor da
jagts über die Berge wie ein Zug verzweifelter Geister die nach der alten
Heimat schauen «
    Ekkehard bekreuzte sich
    »Ich sags wie ichs weiß« sprach die Alte »Ich will den Heiland nicht
beleidigen aber er ist als ein Fremder ins Land gekommen Ihr dienet ihm in
fremder Sprache die verstehen wir nicht Wenn er auf unserem Grund und Boden
erwachsen wäre dann könnten wir zu ihm reden und wären seine treuesten Diener
und es stünd besser ums alemannische Wesen«
    »Weib« rief Ekkehard zürnend »wir werden Euch verbrennen lassen «
    »Wenns in Euren Büchern steht« war die Antwort »dass das Holz des Waldes
aufwächst um alte Frauen zu verbrennen ich hab genug gelebt Der Blitz hat
neulich Einkehr bei der Waldfrau genommen«  fuhr sie fort und deutete auf einen
schwärzlichen Streif an der Wand  »der Blitz hat die Waldfrau verschont«
    Sie kauerte am Herd nieder und blieb starr und unbeweglich sitzen Die
glühenden Kohlen warfen ein scharfes Streiflicht auf die runzligen Züge
    »Es ist gut« sprach Ekkehard Er verließ die Stube Audifax war froh als
er wieder blauen Himmel über sich sah »Dort sind sie gesessen« sprach er und
deutete den Berg hinaus »Ich werds ansehen« sprach Ekkehard »Du gehst zum
hohen Twiel zurück und bestellst zwei Knechte her mit Hacke und Beil und
Otfried den Diakon von Singen er soll eine Stola mitbringen und sein Messbuch«
    Audifax sprang davon Ekkehard stieg auf den hohen Krähen
    In der Burg zu Hohentwiel war indes die Herzogin an der Mittagstafel
gesessen Sie hatte oft unstet herumgeschaut als wenn ihr etwas fehle Die
Mahlzeit war kurz Wie Frau Hadwig mit Praxedis allein war hub sie an
    »Wie gefällt dir unser neuer Lehrer Praxedis«
    Die Griechin lächelte
    »Rede« sprach die Herzogin gebietend
    »Ich hab in Konstantinopolis schon manchen Schulmeister gesehen« sprach
Praxedis wegwerfend
    Frau Hadwig drohte mit dem Finger »Ich werd dich aus meinen Augen
verbannen ob so unehrerbietiger Rede Was hast du über Schulmeister zu lästern«
    »Verzeihet« sprach Praxedis »es ist nicht schlimm gemeint Aber wenn ich
so einen Mann der Bücher sehe wie der ernstaft einherschreitet und einen
Anlauf nimmt um aus seinen Schriften das herauszugraben von dem wir ungefähr
auch ahnen dass es kommen muss und wie er mit seinen Pergamenten
zusammengewachsen ist als wärs ihm angetan worden und seine Augen nur für die
Buchstaben einen Blick haben und kaum für die Menschen die um ihn sind so
steht mir das Lachen nahe Wenn ich nicht weiß ob Mitleid am rechten Platze so
lach ich Des Mitleids wird er auch nicht bedürfen er versteht ja mehr als
ich«
    »Ein Lehrer muss ernst sein« sagte die Herzogin »das gehört dazu wie der
Schnee zu unsern Alpen«
    »Ernst ja wohl« erwiderte die Griechin »in diesem Land wo der Schnee die
Berggipfel deckt muss alles ernst sein Wär ich doch gelehrt wie Herr Ekkehard
um Euch zu sagen was ich meine Ich meine man sollte auch im Scherz lernen
können spielend ohne den Schweißtropfen der Anstrengung auf der Stirn  was
schön ist muss gefallen und wahr zugleich sein Ich meine das Wissen ist wie
Honig verschiedene können ihn holen der Schmetterling summt um den Blumenkelch
und findet ihn auch doch so ein deutscher weiser Mann kommt mir vor wie ein
Bär der schwerfällig in den Bienenstock hineingreift und die Tatzen leckt 
ich hab an Bären keinen Gefallen«
    »Du bist ein leichtsinnig Mägdlein« sprach Frau Hadwig »und unlustig des
Lernens Wie gefällt dir denn Ekkehard sonst  ich meine er sei schön«
    Praxedis sah zu ihrer Gebieterin hinüber »Ich hab noch keinen Mönch drum
angeschaut ob er schön sei«
    »Warum«
    »Ich habs für unnötig gehalten«
    »Du gibst heute sonderbare Antworten« sprach Frau Hadwig und erhob sich
Sie trat ans Fenster und blickte nordwärts Jenseits der dunkeln Tannenwälder
schaute in plumper Steile der Fels von Hohenkrähen zu ihr herüber
    »Der Hirtenbub war vorhin da er hat Leute hinüber bestellt« sprach
Praxedis
    »Der Nachmittag ist mild und sonnig geworden« sagte die Herzogin »lass die
Pferde rüsten wir wollen hinüber reiten und sehen was sie treiben Oder  ich
hab vergessen dass du dich über die Mühsal beklagt im Sattel zu sitzen da wir
vom heiligen Gallus heimkehrten ich werd alleine ausreiten «
    Ekkehard hatte sich auf dem Hohenkrähen den Schauplatz des nächtlichen
Gelages betrachtet Wenig Spuren waren übrig Das Erdreich um den Eichbaum war
rötlich angefeuchtet Reste von Kohlen und Asche deuteten auf den Feuerplatz In
den Ästen der Eiche sah er mit Befremden da und dort kleine Wachsbilder von
menschlichen Gliedmaßen versteckt hangen Füße und Hände Abbilder von Pferden
und Kühen  Gelöbnisse für Heilung von Krankheit an Menschen und Tier die der
bäuerliche Aberglaube damals noch am altersgeweihten Baume lieber löste als in
der Kirche des Tales
    Zwei Männer mit Haugeräte kamen heran »Wir sind bestellt« sprachen sie
»Vom Hohentwiel« fragte Ekkehard  »Wir arbeiten der Herrschaft unser Sitz
ist drüben am Hohenhöwen wo der Rauch der Kohlenmeiler aufsteigt«
    »Gut« sagte Ekkehard »ihr sollt mir die Eiche hier fällen« Die Männer
sahen ihn verlegen an »Vorwärts« rief er »und sputet euch Bis die Nacht
anbricht muss sie umgehauen liegen«
    Da gingen die zwei mit ihren Beilen zu der Eiche hin Mit offenem Munde
standen sie vor dem stolzen Baum Einer ließ sein Beil zur Erde fallen
    »Kommt dir der Platz nicht bekannt vor Chomuli« frug er seinen Nebenmann
    »Warum bekannt Woveli«
    Der Holzhacker deutete nach Sonnenaufgang setzte die geballte Rechte an den
Mund hob sie als wenn er trinke und sprach »Darum Chomuli«
    Da sah der andere nach Ekkehard hinunter und zwinkte mit dem Aug »Wir
wissen von nichts Woveli«  »Aber er wirds wissen Chomuli« sprach der
erste »Abwarten Woveli« sagte der andere
    »Es ist Sünd und schade« fuhr sein Gefährte fort »um den Eichbaum schon
an die zweihundert Jahre steht er und hat manch lustig flackernd Mai und
Herbstfeuer erlebt Ich brings schier nicht übers Herz Chomuli«
    »Sei kein Tor« tröstete der andere und tat den ersten Hieb »wir müssen
dran Je schärfer wir dem Baum ins Fleisch hauen desto weniger glaubts der in
der Kutte dort dass wir selber in nächtlicher Andacht unter seinen Wipfeln
saßen Und der Strafschilling  Klug muss der Mensch sein Woveli«
    Das leuchtete dem ersten ein »Klug muss der Mensch sein Chomuli« sprach er
und hieb auf den Baum seiner Verehrung Zehn Tage vorher hatte er ein Wachsbild
dran gehängt dass ihm seine braune Kuh vom Fieber genese  Die Späne flogen in
dumpfem Takt krachten die einschlagenden Hiebe der beiden
    Der Diakon von Singen war auch herübergekommen mit Messbuch und Stola
Ekkehard winkte ihm dass er mit eintrete zur Waldfrau Die saß noch starr an
ihrem Herde Ein scharfer Windzug erhob sich da die beiden durch die geöffnete
Tür eintraten und verlöschte ihr Feuer
    »Waldfrau« rief Ekkehard gebietend »bestellt Euer Haus und schnüret Euren
Bündel Ihr müsst fort«
    Die Alte griff nach ihrem Stab und schnitt den dritten Kerbschnitt ein »Wer
beschimpft mich zum drittenmal« sprach sie dumpf »und will mich aus meiner
Mutter Hause werfen wie einen herrenlosen Hund«
    »Im Namen der Herzogin in Schwaben« fuhr Ekkehard feierlich fort »spreche
ich über Euch wegen Hegung heidnischen Aberglaubens und nächtlichen
Götzendienstes die Verweisung aus Haus und Hof und Gau und Land aus Euer Stuhl
sei gesetzt vor die Tür Eurer Hütte ziehen sollt Ihr unstet soweit der Himmel
blau ist soweit Christen die Kirche besuchen soweit der Falke fliegt am
Frühlingstag wenn der Wind unter beiden Flügeln ihn dahin treibt Kein gastlich
Tor soll sich Euch öffnen kein Feuer am Herd brenne für Euch kein Wasser des
Quells rausche für Euch bis dass Ihr Eures Frevels Euch abgetan und Euren
Frieden gefestet mit dem dreieinigen Gott dem Richter der Lebenden und Toten«
    Die Waldfrau hatte ihm ohne große Erregung zugehört »Ein gesalbter Mann
wird dir dreimal Schimpf antun unter deinem eigenen Dach« murmelte sie »des
sollt du ein Zeichen in den Stab schneiden und mit selbem Stab sollt du
ausziehen gen Niedergang denn sie werden dir nicht lassen wo du dein Haupt
niederlegest O Mutter meine Mutter«
    Sie raffte ihren Plunder in ein Bündel zusammen griff den Stab und rüstete
sich zu gehen Den Diakon von Singen kam eine Rührung an »Rufet Gott durch
seine Diener um Verzeihung an« sprach er »und tut eine christliche Pönitenz
dass Ihr in Gnade gesund werdet«
    »Dafür ist die Waldfrau zu alt130« sagte sie und lockte ihren Specht der
flog ihr um die Schulter und der Rabe hüpfte ängstlich hinter ihr drein schon
war die Tür aufgerissen noch einen Blick auf Wand und Herd und Kräuter und
Pferdsschädel  sie stieß den Stab auf die Schwelle dass die Steinplatten
erdröhnten »Seid verflucht ihr Hunde« klangs vernehmlich den
Zurückbleibenden sie wandte sich mit ihren Vögeln dem Walde zu und verschwand
»Und wir ziehen stumm ein geschlagen Heer
Erloschen sind unsere Sterne 
O Island eisiger Fels im Meer
Steig auf aus nächtiger Ferne«
tönte leis murmelnder Gesang durch die entlaubten Stämme herüber
    Ekkehard aber ließ sich vom Diakon die Stola umhängen und das Messbuch
vortragen er hielt einen Umgang durch Stube und Kammer die Wände weihte er mit
dem Zeichen des Kreuzes auf dass das Getriebe böser Geister gebannt sei für
immer dann sprach er unter Gebeten den großen Exorzismus über die Stätte
    Das fromme Werk hatte lang gedauert Dem Diakon stand der Angstschweiß auf
der Stirn als er Ekkehard die Stola wieder abnahm er hatte so große Worte noch
nie gehört Jetzt tönte Pferdegetrab durch den Wald
    Es war die Herzogin von einem einzigen Diener geleitet Ekkehard ging ihr
entgegen der Diakon von Singen trat seinen Heimweg an »Ihr seid lange
ausgeblieben« rief die Herzogin gnädig »ich muss wohl selber sehen was Ihr
geschlichtet und gerichtet«
    Die zwei Holzhauer hatten indes ihre Arbeit beendigt und schlichen auf des
Berges Rückseite von dannen sie fürchteten die Herzogin Ekkehard erzählte ihr
der Waldfrau Wesen und Haushalt und wie er sie ausgetrieben
    »Ihr seid streng« sprach Frau Hadwig
    »Ich glaubte mild zu sein« erwiderte Ekkehard
    »Wir genehmigen was Ihr geordnet« sprach die Herzogin »Was fanget Ihr mit
dem verlassenen Hause an« Sie warf einen flüchtigen Blick auf das steinerne
Gemäuer
    »Die Kraft böser Geister ist gebannt und beschworen« sagte Ekkehard »Ich
will es zu einer Kapelle der heiligen Hadwig weihen«
    Die Herzogin sah ihn wohlwollend an »Wie kommt Ihr auf den Gedanken«
    »Es ist mir so beigefallen  Die Eiche Hab ich umhauen lassen«
    »Wir wollen den Platz besichtigen« sprach sie »Ich denke wir werden auch
das Umhauen der Eiche genehmigen«
    Sie stieg mit Ekkehard den steinigen Pfad hinauf der auf den Gipfel des
hohen Krähen führt Oben lag die Eiche gefällt schier sperrten ihre mächtigen
Äste den Platz Eine Felsplatte wenig Schritte im Umfang ist der Gipfel des
seltsam geformten Berges Sie standen oben Steil senkten sich die Felswände
unter ihren Füßen abwärts es war eine schier schwindelnde Höhe kein Stein oder
Baum zum Anlehnen in die blaue Luft hinaus ragten die zwei Gestalten der Mönch
im dunkeln Gewand die Herzogin den hellen farbigen Mantel faltig umgeschlagen
Schweigend standen sie beisammen Ein gewaltiger Anblick tat sich vor ihren
Augen auf Tief unten streckte sich die Ebene in Schlangenlinie zog das
Flüsslein Aach durch die wiesengrüne Fläche Dächer und Giebel der Häuser im Tal
waren winzig fern wie Punkte auf einer Landkarte drüben reckte sich der
bekannte Gipfel des Hohentwiel dunkel empor ein stolzer Mittelgrund blaue
platte Bergrücken erhoben sich mauergleich hinter dem Gewaltigen ein Damm der
den Rhein auf seiner Flucht aus dem See dem Beschauer verdeckt Glänzend trat
der Untersee mit der Insel Reichenau hervor und leise wie hingehaucht
zeichneten sich ferne riesige Berggestalten im dünnen Gewölk sie wurden
deutlicher und deutlicher lichter Glanz säumte die Kanten ihrer Höhen die
Sonne neigte zum Untergang  schmelzend duftig flimmerte die Landschaft 
    Frau Hadwig war bewegt Ein Stück großer weiter Natur sagte ihrem großen
Herzen zu Die Gefühle aber ruhen nahe beieinander Ein zarter Hauch zog durch
ihr Denken ihre Blicke wandten sich von den schneeigen Häuptern der Alpen auf
Ekkehard »Er will der heiligen Hadwig eine Kapelle weihen« so klang es immer
und immer wieder in ihr
    Sie trat einen Schritt vor als fürchte sie den Schwindel lehnte den
rechten Arm auf Ekkehards Schulter und stützte sich fest auf ihn Ihr Auge
flammte auf die kurze Entfernung in das seine hinüber »Was denkt mein Freund«
sprach sie mit weicher Stimme
    Ekkehard stand zerstreut Er fuhr auf
    »Ich bin nie auf solcher Höhe gestanden« sprach er »bei dem Anblick musst
ich der Schrift gedenken Hernach führte ihn der Teufel auf einen sehr hohen
Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Pracht und sprach zu ihm Dies
alles will ich dir geben wenn du niederfällst und mich anbetest Er aber
antwortete und sprach Weg von mir Satan denn es steht geschrieben Du sollst
den Herrn deinen Gott anbeten und ihm allein dienen«
    Starr trat die Herzogin zurück Das Feuer ihres Auges wandelte sich als
hätte sie den Mönch hinabstossen mögen in den Abgrund
    »Ekkehard« rief sie »Ihr seid ein Kind  oder ein Tor«
    Sie wandte sich und stieg schnellen unmutigen Ganges hinunter Sie ritt
allein zur Feste Twiel zurück sausend im Galopp kaum mochte der Diener
folgen
    Ekkehard wusste nicht wie ihm geschehen Er fuhr mit der Hand über die
Augen als lägen Schuppen davor
    Wie er in stiller Nacht auf seiner Hohentwieler Turmstube saß und den Tag
überdachte flammte ein ferner Feuerschein herüber Er schaute hinaus Aus den
Tannen am hohen Krähen schlug die feurige Lohe
    Die Waldfrau hatte der künftigen Kapelle zur heiligen Hadwig ihren letzten
Besuch erstattet
 
                                Zehntes Kapitel
                                  Weihnachten
Der Abend auf dem Hohenkrähen klang noch etliche Tage in der Herzogin Gemüt
fort Misstöne werden schwer vergeben zumal von dem der sie selber
angeschlagen Darum saß Frau Hadwig einige Tage verstimmt in ihrem Saal
Grammatik und Virgilius ruhten Sie scherzte mit Praxedis über die Schulmeister
in Konstantinopel angelegentlicher denn früher Ekkehard fragte an ob er zur
Fortsetzung des Unterrichts sich einstellen solle »Ich habe Zahnweh« sprach
die Herzogin »Die raue Späterbstluft werde schuld daran sein« meinte er
bedauernd
    Er fragte jeden Tag etliche Male nach seiner Gebieterin Befinden Das rührte
die Herzogin wieder »Woher kommts« sprach sie einmal zu Praxedis »dass einer
mehr wert sein kann als er selber aus sich zu machen weiß«
    »Vom Mangel an Grazie« sagte die Griechin »In andern Ländern hab ich das
Umgekehrte wahrgenommen aber hier sind die Menschen zu träge mit jedem
Schritt mit jeder Handbewegung mit jedem Wort auszusprechen das bin ich Sie
denkens lieber und meinen es müsste dann die ganze Welt auf ihrer Stirn lesen
was dahinter webt und strebt«
    »Wir sind doch sonst so fleißig« sprach Frau Hadwig wohlgefällig
    »Die Büffel schaffen auch den ganzen Tag« hätte Praxedis schier erwidert
aber in diesem Falle begnügte sie sich damit es gedacht zu haben
    Ekkehard war unbefangen Es fiel ihm nicht ein dass er der Herzogin
ungeeignet geantwortet Er hatte wirklich an das Gleichnis der Schrift gedacht
und übersehen dass es dem leisen Ausdruck einer Zuneigung gegenüber nicht
zweckmäßige ist die Schrift anzuführen Er verehrte die Herzogin aber mehr als
den verkörperten Begriff der Hoheit denn als Frau Dass Hohes Anbetung fordert
war ihm nicht eingefallen noch weniger dass auch die höchste Erscheinung oft
mit einfacher Liebe zufrieden ist Frau Hadwigs üble Laune nahm er wahr Er
begnügte sich seine Wahrnehmung in dem allgemeinen Satz niederzulegen dass der
Umgang mit einer Herzogin schwieriger sei als der mit Ordensbrüdern nach der
Regel des heiligen Benedikt Aus Vincentius nachgelassenen Büchern studierte er
die Briefe des Apostels Paulus Herr Spazzo ging in jener Zeit hochmütiger an
ihm vorüber denn früher
    Frau Hadwig fand dass es besser sei ins frühere Geleis zurückzukehren »Es
war doch ein mächtiger Anblick« sprach sie eines Tages zu Ekkehard »wie wir
vom hohen Krähen nach den Schneegebirgen schauten Kennt Ihr aber das
Hohentwieler Wetterzeichen Wenn die Alpen recht klar und nah am Himmel sich
abzeichnen schlägt die Witterung um Es sind wirklich schlechte Tage darauf
gefolgt Wir wollen wieder Virgilius lesen«
    Da holte Ekkehard vergnügt seinen schweren metallbeschlagenen Virgilius und
sie setzten die Studien fort Er erklärte den Frauen der Äneïde zweites Buch
den Fall der hohen Troja das hölzerne Pferd und Simons List und Laokoons
bittres Verderben den nächtlichen Kampf Kassandras Geschick und Priamus Tod
die Flucht mit dem greisen Anchises
    Mit sichtbarer Teilnahme lauschte Frau Hadwig der spannenden Erzählung Nur
mit dem Verschwinden von Äneas Ehegemahlin Kreusa war sie nicht ganz zufrieden
»Das braucht er vor der Königin Dido nicht so breit zu erzählen« sprach sie
»die Lebende hat sicher nicht gern gehört dass er der Entschwundenen so lange
nachgelaufen Verloren ist verloren«
    Indessen zog der Winter mit scharfem Schritt heran Der Himmel blieb trüb
und bleigrau die Ferne verhüllt erst zogen die Berggipfel rings die weiße
Schneedecke um dann folgte Feld und Tal dem Beispiel Junge Eiszapfen prüften
das Gebälke unter dem Dach ob sie sich für etliche Monate ungestört dran
niederlassen möchten die alte Linde im Schlosshof hatte längst wie ein
fürsichtiger Hausvater der die abgetragenen Gewandungen dem Hebräer überlässt
ihre welken Blätter dem Spiel der Winde hingeschüttelt  es war ein großer
Bündel sie zerzausten ihn in alle Lüfte An ihre Äste kamen krächzend die Raben
aus den nahen Wäldern geflogen spähend ob nicht aus der Burg Küche dann und
wann ein Knöchlein für sie abfalle Einmal kam einer mit den schwarzen Brüdern
dessen Flug war schwierig die Schwungfedern verstümmelt  da ging Ekkehard über
den Schlosshof der Rabe aber flog schreiend auf und suchte das Weite er hatte
den Mönchshabit schon früher gesehen und war ihm nicht hold
    Des Winters Nächte sind lang und dunkel Dann und wann blitzt ein Nordlicht
auf Aber leuchtender als alles Nordlicht steht jene Nacht in der Menschen
Gemüt da die Engel niederstiegen zu den Hirten auf der Feldwacht und ihnen den
Grüß brachten »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden allen die eines
guten Willens sind«
    Auf dem hohen Twiel rüsteten sie zur Feier der Weihnacht durch freundliches
Geschenk Das Jahr ist lang und zählt der Tage viel in denen man sich
Freundliches erweisen kann aber der Deutschen Sinnesart will auch dafür einen
Tag vorgeschrieben haben darum ist bei ihnen vor anderem Volk die Sitte der
Bescherung eingeführt Das gute Herz hat sein besonder Landrecht
    In jener Zeit hatte Frau Hadwig die Grammatica schier beiseite gelegt es
wurde im Frauensaal viel genäht und gestickt Knäuel von Goldfaden und schwarzer
Seide lagen umher und wie Ekkehard einsmals unvermerkt eintrat sprang Praxedis
vor ihn hin und wies ihm die Tür Frau Hadwig aber verbarg ein angefangen Werk
der Nadel in einem Körblein
    Da ward Ekkehard aufmerksam und zog nicht ohne Grund den Schluss es werde
etwas zum Geschenk für ihn hergerichtet Darum sann er darauf dasselbe zu
erwidern und alles aufzubieten was ihm an Wissen und Kunstfertigkeit zu Gebot
stand er schickte seinem Freund und Lehrer Folkard in Sankt Gallen Bericht dass
ihm der zusende Pergament und Farben und Pinsel und köstliche Tinte Jener
tats Ekkehard aber saß manches Stündlein der Nacht in seiner Turmstube und
besann sich auf ein lateinisches Reimwerk das er der Herzogin widmen wollte 
und sollten ihr darin etliche feine Huldigungen dargebracht werden Es ging aber
nicht so leicht
    Einmal hatte er begonnen und wollte in kurzem Zug von Erschaffung der Welt
bis auf Antritt des Herzogtums in Schwabenland durch Frau Hadwig gelangen aber
es hatte ein paar hundert Hexameter gekostet da war er noch nicht beim König
David angelangt und das Werk hätte wohl erst Weihnachten über drei Jahre fertig
werden können Ein anderes Mal wollte er alle Frauen aufzählen die durch Kraft
oder Liebreiz in der Völker Geschichte eingegriffen von der Königin Semiramis
an mit Erwähnung der amazonischen Jungfrauen der heldenmütigen Judit und der
melodischen Sängerin Sappho aber zu seinem Leidwesen fand er dass bis sein
Griffel zu Frau Hadwig sich durchgearbeitet hätte er unmöglich noch etwas Neues
zu deren Lob und Preis vorzubringen vermöchte Da ging er sehr betrübt und
niedergeschlagen umher
    »Habt Ihr eine Spinne verschluckt Perle aller Professoren« frug ihn
Praxedis einmal wie sie dem Verstörten begegnete
    »Ihr habt gut scherzen« sprach Ekkehard traurig  und unter dem Siegel der
Verschwiegenheit klagte er ihr seine Not Praxedis musste lachen
    »Bei den sechsunddreissigtausend Bänden der Bibliothek zu Konstantinopolis«
sagte sie  »Ihr wollt ja ganze Wälder umhauen wo es nur ein paar Blümlein
zum Strauss erfordert Machts einfach ungelehrt lieblich  wie es Euer
geliebter Virgilius ausgedacht hätte«  Sie sprang davon
    Ekkehard setzte sich wieder auf seine Stube »Wie Virgil« dachte er Aber
in der ganzen Äneïde war kein Beispiel für solchen Fall vorgezeichnet Er las
etliche Gesänge Dann saß er träumerisch da Da kam ihm ein guter Gedanke »Ich
habs« rief er »der teure Sänger selber soll die Huldigung darbringen« Er
schrieb das Gedicht nieder als wenn Virgilius ihm in seiner Turmeinsamkeit
erschienen wäre freudig darüber dass in deutschen Landen seine Gesänge
fortlebten der hohen Frau dankend die sein pflege In wenig Minuten wars
fertig
    Das Gedicht wollte Ekkehard mit einer schönen Malerei verziert zu Pergament
bringen Er sann ein Bild aus die Herzogin mit Krone und Szepter auf hohem
Throne sitzend ihr kommt Virgilius im weißen Gewand den Lorbeer in den Locken
entgegen und neigt das Haupt an der Rechten aber führt er den Ekkehard der
bescheiden wie der Schüler mit dem Lehrer einherschreitet ebenfalls tief sich
verneigend
    In der strengen Weise des trefflichen Folkard entwarf er die Zeichnung Er
erinnerte sich an ein Bild im Psalterbuch wie der junge David vor den König
Abimelech tritt131 So ordnete er die Gestalten die Herzogin zeichnete er Zwei
Finger breit höher als Virgilius und der Ekkehard des Entwurfs war hinwiederum
ein Beträchtliches kleiner als der heidnische Poet  anfangende Kunst der es
an anderem Mittel des Ausdrucks gebricht spricht Rang und Größe äußerlich aus
    Den Virgilius bracht er leidlich zuwege Sie hatten sich in Sankt Gallen
bei ihren Malereien stets an Überlieferung alten Bilderwerks gehalten und für
Gewandung Faltenwurf und Bezeichnung der Gestalt einen gleichmäßig sich
wiederholenden Zug angenommen Ebenso gelang es ihm mit seinem eigenen Abbild
sofern er wenigstens eine Figur im Mönchshabit kenntlich durch eine Tonsur
herstellte
    Aber ein verzweifelt Probleme war ihm die richtige Darstellung einer
königlichen Frauengestalt denn in die klösterliche Kunst hatte noch kein Abbild
einer Frau selbst nicht das der Gottesmutter Maria Einlass erhalten David und
Abimelech die er so gut im Zug hatte halfen ihm nichts bei ihnen brach der
Königsmantel schon hoch über dem Knie ab und er wusste nicht wie den Faltenwurf
tiefer herabsenken
    Da lagerte sich wiederum Kümmernis auf seine Stirn »Nun« fragte Praxedis
eines Tages
    »Das Lied ist fertig« sprach Ekkehard »Jetzt fehlt mir was anderes«
    »Was fehlt denn«
    »Ich sollte wissen« sprach er wehmütig »in welcher Weise sich der Frauen
Gewand um den zarten Leib schmiegt«
    »Ihr sprecht ja ganz abscheulich erlesenes Gefäß der Tugend« schalt ihn
Praxedis Ekkehard aber erklärte ihr seinen Kummer deutlicher Da machte die
Griechin eine Handbewegung als wolle sie die Augenlider in die Höhe ziehen
»Macht die Augen auf« sagte sie »und seht Euch das Leben an« Der Rat war
einfach und doch neu für einen der seine ganze Kunst auf einsamer Stube
erlernt Ekkehard schaute seine Ratgeberin lang und abmessend an »Es frommt
mir nichts« sprach er »Ihr tragt keinen Königsmantel«
    Da erbarmte sich die Griechin des zweifelerfüllten Künstlers »Wartet«
sagte sie »die Frau Herzogin ist drunten im Garten ich will ihren Staatsmantel
umlegen da kann Euch geholfen werden« Sie huschte fort in wenig Minuten war
sie wieder da der schwere Purpurmantel mit goldener Verbrämung hing ihr
nachlässig um die Schultern In gemessenem Schritt ging sie durch das Gemach
ein eherner Leuchter stand auf dem Tisch sie nahm ihn wie einen Szepter das
Haupt auf die Schulter zurückgeworfen trat sie vor den Mönch
    Der hatte seine Feder ergriffen und ein Stücklein Pergament »Wendet Euch
ein wenig gegen das Licht« sprach er und begann emsig seine Striche zu ziehen
    Jedesmal aber wenn er nach seinem anmutigen Vorbild scheute warf ihm dies
einen blitzenden Blick zu Er zeichnete langsamer Praxedis schaute nach dem
Fenster »Und da unsere Nebenbuhlerin im Reich« sprach sie mit künstlich
erhobener Stimme »bereits den Burghof verlässt und uns zu überfallen droht so
befehlen wir Euch bei Strafe der Entauptung Eure Zeichnung in eines
Augenblicks Frist zu vollenden«
    »Ich danke Euch« sprach Ekkehard und legte die Feder nieder
    Praxedis trat zu ihm unb beugte sich vor in sein Blatt zu sehen
»Schändlicher Verrat« sprach sie »das Bild hat ja keinen Kopf«
    »Ich brauche nur den Faltenwurf« sagte Ekkehard
    »Ihr habt Euer Glück versäumt« scherzte Praxedis im früheren Ton »das
Antlitz treu abgebildet und wer weiß ob wir in fürstlicher Gnade Euch nicht zum
Patriarchen von Konstantinopel ernannt hätten«
    Es wurden Schritte hörbar Schnell riss Praxedis den Mantel von den
Schultern dass er auf den Arm niedersank Schon stand die Herzogin vor den
Heiden
    »Wollt Ihr wieder Griechisch lernen« sprach sie vorwurfsvoll zu Ekkehard
    »Ich hab ihm den edelen Sardonyx an meiner Herrin Mantel Agraffe gezeigt es
ist so ein feingeschnittener Kopf« sagte Praxedis »Herr Ekkehard versteht sich
aufs Altertum Er hat das Antlitz recht gelobt «
    Auch Audifax traf seine Vorbereitungen für Weihnachten Seine Hoffnung auf
Schätze war sehr geschwunden Er hielt sich jetzt an das wirklich Vorhandene
Darum stieg er oft nächtlich ins Tal hinunter ans Ufer der Aach die mit trägem
Lauf dem See entgegenschleicht Beim morschen Steg stand ein hohler Weidenbaum
Dort lauerte Audifax manches Stündlein den erhobenen Rebstecken nach des Baumes
Öffnung gerichtet Er stellte einem Fischotter nach Aber keinem Denker ist die
Erforschung der letzten Gründe alles Seins so schwierig geworden wie dem
Hirtenknaben seine Otterjagd Denn aus dem hohlen Ufer zogen sich noch allerhand
Ausgänge in den Fluss die der Otter wusste Audifax nicht Und wenn Audifax oft
vor Kälte zitternd sprach »Itzt muss er kommen« so kam weit stromaufwärts ein
Gebrause hergetönt das war sein Freund der dort die Schnauze übers Wasser
streckte und Atem holte und wenn Audifax leise dem Ton nachschlich hatte sich
der Otter inzwischen auf den Rücken gelegt und ließ sich gemächlich stromab
treiben 
    In der Hohentwieler Küche war Leben und Bewegung wie im Zelt des Feldherrn
am Vorabend der Schlacht Frau Hadwig selbst stand unter den dienenden Mägden
sie trug keinen Herzogsmantel wohl aber einen weißen Schurz teilte Mehl und
Honig aus und ordnete die Backung der Lebkuchen an Praxedis mischte Ingwer
Pfeffer und Zimt zur Würze des Teigs
    »Was nehmen wir für eine Form« frug sie »Das Viereck mit den Schlangen«
    »Das große Herz132 ist schöner« sprach Frau Hadwig Da wurden die
Weihnachtlebkuchen in der Herzform gebacken den schönsten spickte Frau Hadwig
eigenhändig mit Mandeln und Kardamomen
    Eines Morgens kam Audifax ganz erfroren in die Küche und suchte sich ein
Plätzlein am Herdfeuer seine Lippen zitterten wie in Fieberschauer aber er war
wohlgemut und freudig »Rüste dich Büblein« sprach Praxedis zu ihm »du musst
heut nachmittag hinüber in den Wald und ein Tännlein hauen«
    »Das ist nicht meines Amtes« sprach Audifax stolz »ich wills aber tun
wenn Ihr mir auch einen Gefallen tut«
    »Was befiehlt der Herr Ziegenhirt« fragte Praxedis
    Audifax sprang hinaus dann kam er wieder und hielt einen dunkelbraunen Balg
siegesfroh in die Höhe das kurze glatte Haar glänzte daran dicht und weich
wars anzufühlen
    »Woher das Rauchwerk« fragte Praxedis
    »Selbst gefangen« sprach Audifax und sah wohlgefällig auf seine Beute »Ihr
sollt eine Pelzhaube für die Hadumot daraus machen«
    Die Griechin war ihm wohlgesinnt und versprach Erfüllung der Bitte
    Der Weihnachtsbaum war gefällt sie schmückten ihn mit Äpfeln und Lichtlein
die Herzogin richtete alles im großen Saal Ein Mann von Stein am Rhein kam
herüber und brachte einen Korb der mit Leinwand zugenäht war »Es sei von Sankt
Gallen« sprach er »für Herrn Ekkehard« Frau Hadwig ließ den Korb uneröffnet
zu den andern Gaben stellen
    Der heilige Abend war gekommen Die gesamten Insassen der Burg versammelten
sich in festlichem Gewand zwischen Herrschaft und Gesind sollte heut keine
Trennung sein Ekkehard las ihnen das Evangelium von des Heilands Geburt dann
gingen sie paarweise in den großen Saal hinüber da flammte heller Lichtglanz
und festlich leuchtete der dunkle Tannenbaum  als die letzten traten Audifax
und Hadumot ein ein Blättlein Goldschaum vom Vergolden der Nüsse lag an der
Schwelle Audifax bückte sich danach es zerging ihm unter den Fingern »Das
ist dem Christkind von den Flügeln abgefallen« sprach Hadumot leise zu ihm
    Auf großen Tischen lagen die Geschenke für die dienenden Leute ein Stück
Leinwand oder gewoben Tuch und einiges Gebäck sie freuten sich des nicht
allzeit so milden Sinnes der Gebieterin Bei Hadumots Anteil lag richtig die
Pelzhaube Sie weinte als Praxedis ihr freundlich den Geber verriet »Ich hab
nichts für dich« sagte sie zu Audifax »Es ist statt der Goldkrone« sprach
der Knechte und Mägde dankten der Herzogin und gingen in die Gesindestube
hinunter
    Frau Hadwig nahm Ekkehard bei der Hand und führte ihn an ein Tischlein »Das
ist für Euch« sprach sie Beim mandelgespickten Lebkuchenherz und dem Korb lag
ein schmuckes priesterliches Samtbarett und eine prächtige Stola Grund und
Fransen waren von Goldfaden dunkle Punkte waren mit schwarzer Seide drein
gestickt einige mit Perlen ausgeziert sie war eines Bischofs wert
    »Lasst sehen wie Ihr Euch ausnehmt« sprach Praxedis Trotz der kirchlichen
Bestimmung setzte sie ihm das Barett auf und warf ihm die Stola um Ekkehard
schlug die Augen nieder »Meisterhaft« rief sie »Ihr dürft Euch bedanken«
    Er aber legte scheu die geweihten Gaben wieder ab aus seinem weiten Gewand
zog er die Pergamentrolle und reichte sie schüchtern der Herzogin dar Frau
Hadwig hielt sie unentfaltet »Erst den Korb öffnen das Beste « sprach sie
freundlich auf das Pergament deutend »soll zuletzt kommen«
    Da schnitten sie den Korb auf in Heu begraben und durch des Winters Kälte
wohlerhalten lag ein mächtiger Auerhahn drin Ekkehard hob ihn in die Höhe mit
ausgebreiteten Flügeln reichte er über eines Mannes Länge Ein Brieflein war bei
dem stattlichen Stück Federwild
    »Vorlesen« sprach die Herzogin neugierig
    Ekkehard öffnete das unkenntliche Sigill und las
        »Dem ehrwürdigen Bruder Ekkehard auf dem hohen Twiel durch Burkard den
            Klosterschüler Romeias der Wächter am Tor
    Wenn es zwei wären so wäre einer für Euch Da es aber auf zwei nicht
geglückt hat so ist der eine nicht für Euch und Eurer kommt nach Gesendet wird
er an Euch wegen Unwissenheit des Namens Sie war aber mit der Frau Herzogin
damals im Kloster und trug ein Gewand von Farbe eines Grünspechts den Zopf um
die Stirn geflochten
    Derselben den Vogel Wegen fortwährender Gedenkung dessen der ihn
geschossen an stattgefundene Begleitung zu den Klausnerinnen Er muss aber stark
eingebeizt und mürb gebraten werden weil sonst zähe bei Zuzug von Gästen soll
sie das weiße Fleisch am Rückgrat selber verzehren da dies das beste und das
braune von harzigem Geschmack
    Dazu Glück und Segen Euch ehrwürdiger Bruder auch Wenn auf Eurer Burg
ein Wächter Turmwart oder Forstwart zu wenig so empfehlet der Herzogin den
Romeias dem wegen Verspottung durch den Schaffner und Verklagung durch den
Drachen Wiborad Veränderung des Dienstes wünschenswert Übung im Tordienst
Einlass und Hinauswerfung fremden Besuchs betreffend kann bezeugt werden Ebenso
was Jagd angeht Und er schaut jetzt schon nach dem hohen Twiel als zöge ihn
ein Seil dorthin  Langes Leben Euch und der Frau Herzogin Lebet wohl«
    Fröhlich Lachen schloss die Vorlesung Praxedis aber war rot geworden »Das
ist ein schlechter Dank von Euch« sprach sie bissig zu Ekkehard »dass Ihr
Briefe in anderer Leute Namen schreibt und mich beleidigt«
    »Haltet ein« sprach er »warum soll der Brief nicht echt sein«
    »Es wär nicht der erste den ein Mönch gefälscht« war Praxedis gereizte
Antwort »Was braucht Ihr Euch über den groben Jägersmann lustig zu machen Er
war gar nicht so übel«
    »Praxedis sei vernünftig« sprach die Herzogin »Schau dir den Auerhahn
an der ist nicht im Hegau geschossen und Ekkehard führt eine andere Feder
Wollen wir den Bittsteller auf unser Schloss versetzen«
    »Das verbitt ich mir« rief Praxedis eifrig »Es soll niemand meinen dass
«
    »Gut« sprach Frau Hadwig mit Schweigen gebietendem Ton Sie rollte
Ekkehards Pergament auf Die Malerei am Anfang war leidlich gelungen Zweifel
über deren Bedeutung beseitigte die Darüberschreibung der Namen Hadwigis
Virgilius Ekkehard Eine kühne Initiale mit verschlungenem goldenen Geäste
eröffnete die Schrift
    Die Herzogin war höchlich erfreut Ekkehard hatte seither über den Besitz
solcher Kunst nichts verlauten lassen Praxedis schaute nach dem purpurnen
Mantel den die gemalte Herzogin trug und lächelte als wüsste sie was
Besonderes
    Frau Hadwig winkte dass Ekkehard sein Geschriebenes vorlese und erkläre Er
las
    Verdeutscht lautets also
In nächtger Stille sah ich jüngst allein
Und ziffert an den Schriften alter Zeit
Da flammte hell ein geisterhafter Schein
In mein Gemach s war nicht des Mondes Licht 
Und vor mich trat ein leuchtend Menschenbild
Unsterblich Lächeln schwebt um seinen Mund
In dunkler Fülle wallte das Gelock
Als Diadem trug er den Lorbeerkranz
Hindeutend auf das aufgeschlagne Buch
Sprach er zu mir »Sei guten Muts mein Freund
Ich bin kein Geist der deinen Frieden stört
Ich bringe dir nur Gruß und Segenswunsch
Was toter Buchstab dort dir noch erzählt
Das schrieb ich selbst mit warmem Herzblut einst
Der Troer Waffen des Äneas Fahrt
Der Götter Zorn der stolzen Rom Beginn
Schon ein Jahrtausend schier ist abgerollt
Der Sänger starb es starb sein ganzes Volk
Still ist mein Grab Nur selten dringt ein Klang
Zu mir herab von froher Winzer Fest
Vom Wogenschlag am nahen Kap Misen
Doch jüngst hat mich der Nordwind aufgestört
Er brachte Kunde dass in fremden Gaun
Man des Äneas Schicksal wieder liest
Dass eine Fürstin stolz und hochgemut
Des Landes Sprache als ein neu Gewand
Um meine Worte gnädig schmiegen heißt
Wir glaubten einst am Fuß der Alpen sei
Nur Sumpf des Rheins und ein barbarisch Volk
Jetzt hat die Heimat selber uns vergessen
Und bei den Fremden leben neu wir auf
Des Euch zu danken bin ich heute hier
Das höchste Kleinod was dem Sänger wird
Ist Anerkennung einer hohen Frau
Heil deiner Herrin der das seltene Gut
Der Stärke und der Weisheit ward beschert
Die gleich Minerva in der Götter Reihn
In Erz gerüstet eine Kriegerin
Der Friedenskünste Hort und Schutz zugleich
Noch lange Fahre mög ihr Szepter walten
Es blüh um sie ein stark und sittig Volk
Und kommt Euch einst ein fremd Getön gerauscht
Wie Heldenlied und fernes Saitenspiel
Dann denkt mein es grüßt Italia Euch
Es grüßt Virgil den Fels von Hohentwiel«
Er sprachs und winkte freundlich und verschwand
Ich aber schrieb noch in derselben Nacht
Was er gesprochen Meiner Herrin seis
Als Festgeschenk jetzt schüchtern dargebracht
Von ihrem treuen Dienstmann Ekkehard
    Eine kurze Pause erhob sich als er die Lesung seines Gedichts beendet Dann
trat die Herzogin auf ihn zu und reichte ihm die Hand »Ekkehard ich danke
Euch« sprach sie es waren dieselben Worte die sie einst im Klosterhof zu
Sankt Gallen zu ihm gesprochen aber der Ton war noch milder wie damals und der
Blick war strahlend und ihr Lächeln wundersam wie das zaubervoller Feien von
dem die Sage geht ein Schneeregen blühender Rosen müsse drauf folgen
    Sie wandte sich dann zu Praxedis »Und dich sollte ich verurteilen jetzt
einen abbittenden Fussfall zu tun die du jüngst so geringschätzend von den
gelehrten geistlichen Männern gesprochen« Aber die Griechin blickte schelmisch
drein wohl wissend dass ohne ihren weisen Rat und Beistand der scheue Mönch
sich kaum zu seiner Dichtung erschwungen
    »In aller Zukunft« sprach sie »werde ich seinem Verdienste die gebührende
Achtung zollen Auch einen Kranz will ich ihm flechten so Ihr gebietet«
    Als Ekkehard hinausgegangen war in seine Turmstube und die stille
Mitternacht herannahte saßen die Frauen noch beieinand Und die Griechin
brachte eine Schale mit Wasser und etliche Stücklein Blei und einen metallenen
Löffel »Das Bleigiessen vom vorigen Jahr ist gut eingetroffen« sprach sie »wir
mochtens uns damals kaum erklären welch eine sonderbare Form das geschmolzene
Stück im Wasser annahm aber ich meine jetzt mehr und mehr es habe einer
Mönchskapuze geglichen und die ist unserer Burg geworden«
    Die Herzogin war nachdenkend Sie lauschte ob Ekkehard nicht etwa durch den
Gang zurückkehre
    »Es ist doch nur eitel Spielerei« sprach sie 
    »Wenn es meiner Herrin nicht gefällt« sagte die Griechin »so mag sie
unsern Lehrer beauftragen uns mit Besserem zu erfreuen sein Virgilius ist
freilich ein zuverlässiger Orakel der Zukunft als unser Blei wenn er in
geweihter Nacht mit Segensspruch und Gebet aufgeschlagen wird Ich wäre fast
neugierig welch ein Stück seiner Dichtung uns die Geschicke des nächsten Jahrs
offenbaren würde «
    »Schweig« sagte die Herzogin »Er hat neulich so streng über Zauberei
gesprochen er würde uns auslachen «
    »Dann werden wir beim alten bleiben müssen« sprach Praxedis und hielt den
Löffel mit dem Blei über das Licht der Lampe Das Blei schmolz und bewegte sich
zitternd da stund sie auf murmelte etliche unverständliche Worte und goss es
herab Zischend sprühte das flüssige Metall in die Wasserschale
    Frau Hadwig wandte ihren Blick in scheinbarer Gleichgültigkeit Praxedis
hielt die Schale aus Lampenlicht statt in seltsame Schlacken zu splittern war
das Blei zusammenhängend geblieben ein länglich zugespjetzter Tropfen Matt
glänzte es in Frau Hadwigs Hand
    »Das ist wiederum ein Rätsel bis die Lösung kommt« scherzte Praxedis »Die
Zukunft sieht ja für diesesmal fast aus wie ein Tannenzapfen«
    »Wie eine Träne« sprach die Herzogin ernst und stützte ihr Haupt auf die
Rechte133
    Lauter Lärm im Erdgeschoss der Burg unterbrach das weitere Prüfen der
Vorbedeutung Gekicher und Aufschrei der dienenden Mägde raues Gebrumm
männlicher Stimmen schriller Lautenschlag so tönte es verworren den Gang
herauf ehrerbietig und schutzflehend hielt der fliehende Schwarm der
Dienerinnen an des Saales Schwelle die lange Friderun unterdrückte mühsam ein
lautes Schelten die junge Hadumot weinte  tappend kam eine Gestalt hinter
ihnen drein schwerfälligen zweibeinigen Schritts in raue Bärenhaut gehüllt
eine bemalte hölzerne Maske mit namhafter Schnauze vor dem Antlitz sie brummte
und murrte wie ein hungriger Braun der auf Beute ausgeht und tat dann und wann
einen ungefügen Griff in die Laute die an rotem Band über die zottigen
Schultern gehängt war  aber wie des Weihnachtssaals Türe sich auftat und der
Herzogin Gewand entgegenrauschte machte der nächtliche Spuk kehrt und polterte
langsam durch den dröhnenden Gang zurück
    Die alte Schaffnerin ergriff das Wort und trug ihrer Gebieterin vor dass sie
fröhlich unten gesessen und sich der Weihnachtsgaben erfreut da sei das Ungetüm
eingebrochen und habe erst zum eigenen Lautenspiel einen seinen Tanz aufgeführt
hernach aber die Lichter ausgeblasen und die erschrockenen Maiden mit Kuss und
Umarmung bedroht und sei so wild und unersättlich geworden dass es sie alle zur
Flucht genötigt dem rauen Lachen des Bären aber sei mit Grund zu entnehmen
dass unter der Wildschur Herr Spazzo der Kämmerer verborgen stecke der nach
einem scharfen Weintrunk hiemit sein Weihnachtvergnügen beschlossen
    Frau Hadwig beruhigte den Unwillen ihres Gesindes und hieß sie schlafen
gehen Vom Hofe aber tönte noch einmal verwunderter Aufruf alle standen in
einer Gruppe beisammen und schauten unverrückt auf den Turm denn der
schreckhafte Bär war hinaufgestiegen und erging sich jetzo auf den Zinnen der
Warte und reckte sein struppiges Haupt nach den Sternen als wolle er seinem
Namensgenossen droben dem Großen Bären einen Gruß hinüberwinken ins
Unermessliche
    Die dunkle Vermummung hob sich in deutlichem Umriss vom fahlen glanzerhellten
Himmelsgrunde gespenstig klang ihr Brummen in die schweigende Nacht doch
keinem der Sterblichen ward kund was die leuchtenden Gestirne dem weinschweren
Haupte Herrn Spazzo des Kämmerers geoffenbart 
    Um dieselbe Mitternachtstunde kniete Ekkehard vor dem Altar der Burgkapelle
und sang leise die Hymnen der Christmette134 wie es die Übung der Kirche
vorschrieb
 
                                Elftes Kapitel
                          Der Alte in der Heidenhöhle
Der Rest des Winters ging auf dem hohen Twiel einförmig darum schnell vorüber
Sie beteten und arbeiteten lasen Virgil und studierten Grammatik wie es die
Zeit brachte Frau Hadwig stellte keine verfänglichen Fragen mehr
    In der Faschingszeit kamen die benachbarten Großen der Herzogin ihren
Besuch abzustatten die von der Nellenburg und von Veringen der alte Graf im
Argengau mit seinen Töchtern die sieben Welfen von Ravensburg überem See und
manch anderer135 Da wurde viel geschmaust und noch mehr getrunken
    Dann wards wieder einsam oben
    Der März kam heran schwere Stürme sausten übers Land in der ersten klaren
Sternennacht stand ein Komet am Himmel136 und der Storch der auf der Burg
Dachfirst wohlgemut hauste war acht Tage nach seiner Rückkunst wieder von
dannen geflogen die Leute schüttelten den Kopf Dann trieb der Schäfer von
Eugen seine Herde am Berg vorüber der erzählte dass er dem Heerwurm137
begegnet das bedeutet Krieg
    Unheimliche Stimmung lagerte sich über die Gemüter Drohendes Erdbeben wird
auch in weiter Entfernung vorausgespürt hier Ausbleiben einer Quelle dort
scheuer Vogelflug ebenso ahnt sich Gefahr des Krieges
    Herr Spazzo der im Februar tapfer hinter den Weinkrügen turniert hatte
ging jetzo tiefsinnig umher »Ihr sollt mir einen Dienst erweisen« sprach er
eines Abends zu Ekkehard »Ich hab im Traum einen toten Fisch gesehen der auf
dem Rücken schwamm Ich will mein Testament machen Die Welt ist alt geworden
und steht nur noch auf einem Bein das wird nächstens auch zusammenknacken Gute
Nacht Firnewein Zum tausendjährigen Reich ists ohnedem nicht mehr weit es
ist lustig gelebt worden vielleicht werden die letzten Jahre doppelt gerechnet
    Weiter kanns die Menschheit auch nicht mehr bringen Die Bildung ist so
weit gediehen dass auf dem einen Schloss Hohentwiel mehr als ein halb Dutzend
Bücher aufgehäuft liegen und wenn einer blutrünstig geschlagen wird so läuft
er zum Gaugericht und klagts ein statt seinem Schädiger Haus und Hof überem
Kopf zusammenzubrennen Da hört die Welt von selber auf138«
    »Wer soll Euer Erbe sein wenn alle zugrunde gehen« hatte ihn Ekkehard
gefragt
    Ein Mann von Augsburg kam nach der Reichenau der brachte schlimme
Kundschaft Der Bischof Ulrich hatte dem Kloster ein kostbar Heiligtum zugesagt
den rechten Vorderarm des heiligen Teopontus reich in Silber und Edelstein
gefasst Das Land sei unsicher ließ er vermelden er traue sich nicht das
Geschenk zu senden
    Der Abt wies den Mann nach dem hohen Twiel der Herzogin Bericht zu
erstatten
    »Was bringt Ihr Gutes« frug sie ihn
    »Nicht viel möchte lieber was mitnehmen den schwäbischen Heerbann Ross und
Reiter so viel ihrer Schild und Speer an der Wand hängen haben Sie sind wieder
auf dem Weg zwischen Donau und Rhein «
    »Wer«
    »Die alten Freunde von drüben herüber die kleinen mit den tiefliegenden
Augen und den stumpfen Nasen Es wird wieder viel roh Fleisch unter dem Sattel
mürb geritten werden dieses Jahr«
    Er zog ein seltsam geformtes kleines Hufeisen mit hohem Absatz aus dem
Gewand »Kennt Ihr das Wahrzeichen Kleiner Huf und kleines Ross krummer Säbel
spitz Geschoss  blitzesschnell und sattelfest schirm uns Herr vor dieser Pest«
    »Die Hunnen139« fragte die Herzogin betroffen
    »So Ihr sie lieber die Ungrer heißen wollt oder die Hungrer ist mirs auch
recht« sprach der Bote »Der Bischof Pilgrim hats von Passau nach Freising
melden lassen von dort kam uns die Mär Über die Donau sind sie schon
geschwommen wie die Heuschrecken fallen sie aufs deutsche Land geschwinde wie
geflügelte Teufel sind sie auch eher fängst du den Wind auf der Ebene und den
Vogel in der Luft heißts bei uns von früher her Dass Koller und Dampf ihre
kleinen Rosse heimsuchte  Mich dauert nur meiner Schwester Kind die schöne
Berta in Passau «
    »Es ist nicht möglich« sagte Frau Hadwig »Haben sie schon vergessen wie
ihnen die Kammerboten Erchanger und Berchtold den Bescheid gaben Wir haben
Eisen und Schwerter und fünf Finger in der Faust In der Schlacht am Inn wards
ihnen deutlich auf die Köpfe geschrieben «
    »Eben darum« sprach der Mann »Wer tüchtig geschlagen worden kommt gern
wieder um das zweitemal selber zu schlagen Itzt sind andere Zeiten Den
Kammerboten hat man zum Dank für ihre Tapferkeit später das Haupt vor die Füße
gelegt wer wird sich noch voranstellen«
    »Auch wir wissen den Weg auf dem unsere Vorgänger gegen den Feind geritten
sind« sprach die Herzogin stolz
    Sie entließ den Mann von Augsburg mit einem Geschenk Dann berief sie
Ekkehard zu sich
    »Virgilius wird eine Zeitlang in Ruhe kommen« sprach sie zu ihm und teilte
ihm die Nachricht von der Hunnen Gefahr mit Die Lage der Dinge war nicht
erfreulich
    Die Großen des Reichs hatten in langen Fehden verlernt zu gemeinsamem
Handeln einzustehen der Kaiser aus sächsischem Stamm und den Schwaben nicht
sonderlich hold schlug sich fern von den deutschen Grenzen in Italien herum
die Straße nach dem Bodensee stund den fremden Gästen offen An ihrem Namen
haftete der Schreck Seit Jahren schwärmten ihre Haufen wie Irrlichter durch das
zerrüttete Reich das Karl der Große unfähigen Nachfolgern hinterlassen von den
Ufern der Nordsee wo die Trümmerstätte von Bremen Zeugnis ihres Einfalls gab
bis hinab an die Südspitze Kalabriens wo der Landeingeborene ihnen Mann für
Mann ein Lösegeld für seinen Kopf zahlen musste zeichnete Brand und Plünderung
ihre Spur 
    »Wenn der fromme Bischof Ulrich keine Gespenster gesehen hat« sprach die
Herzogin »so kommen sie auch zu uns was ist zu tun In Kampf ziehen Auch
Tapferkeit ist Torheit wenn der Feind übermächtig Durch Tribut und Goldzins
Frieden kaufen und sie auf der Nachbarn Grenzen hetzen Andere habens getan
wir haben von Ehr und Unehr andere Meinung«
    »Uns auf dem Twiel verschanzen und das Land preisgeben Es sind unsere
Untertanen denen wir herzoglichen Schutz gelobt Ratet«
    »Mein Wissen ist auf solchen Fall nicht gerüstet« sprach Ekkehard betrübt
    Die Herzogin war aufgeregt »O Schulmeister« rief sie vorwurfsvoll »warum
hat Euch der Himmel nicht zum Kriegsmann werden lassen Es wäre vieles besser«
    Da wollte Ekkehard verletzt von dannen gehen Das Wort war ihm ins Herz
gefahren wie ein Pfeil und setzte sich tief darin fest Es lag ein Stück
Wahrheit in dem Vorwurf darum schmerzte er
    »Ekkehard« rief ihm Frau Hadwig nach »Ihr sollt nicht gehen Ihr sollt mit
Eurem Wissen der Heimat dienen und was Ihr noch nicht wisst sollt Ihr lernen
Ich will Euch zu einem schicken der weiß Bescheid in solchen Dingen wenn er
noch lebt Wollt Ihr meinen Auftrag bestellen«
    Ekkehard hatte sich umgewandt »Ich war noch nie säumig meiner Herrin zu
dienen« sprach er
    »Ihr dürft aber nicht erschrecken wenn er Euch spröd und rau anlässt er
hat viel Unbill erfahren von früheren Geschlechtern die heutigen kennen ihn
nicht mehr Dürft auch nicht erschrecken wenn er Euch gar alt und fett
erscheint«
    Er hatte aufmerksam zugehört »Ich verstehe Euch nicht ganz «
    »Tut nichts« sprach die Herzogin »Ihr sollt morgen nach dem Sipplinger Hof
hinüber drüben am Überlinger See wo die Felswand sich steil in die Flut
herabsenkt ist aus alten Zeiten allerhand Gelass zu menschlicher Wohnung in den
Stein gehauen Wenn Ihr den Rauch eines Herdfeuers aus dem Berg aufsteigen
seht so geht hinauf Dort findet Ihr den ich meine redet mit ihm von wegen
der Hunnen «
    »Zu wem sendet mich meine Herrin« fragte Ekkehard gespannt
    »Zum Alten in der Heidenhöhle« sagte Frau Hadwig »Man weiß hierlands
keinen andern Namen von ihm Aber halt« fuhr sie fort »ich muss Euch auch das
Wort mitgeben für den Fall dass er den Einlass weigert«
    Sie ging zu ihrem Schrank und stöberte unter Schmuck und Gerätschaften dann
brachte sie ein Schiefertäflein drauf standen etliche Buchstaben gekritzelt
»Das sollt Ihr zu ihm sagen und einen Gruß von mir«
    Ekkehard las Es waren die zwei unverständlichen lateinischen Worte »Neque
enim« sonst nichts »Das hat keinen Sinn« sprach er
    »Tut nichts« sagte Frau Hadwig »der Alte weiß was es ihm bedeutet «
    Bevor der Hahn den Morgen anrief war Ekkehard schon durchs Tor von
Hohentwiel ausgeritten Kühle Frühluft wehte ihm ums Antlitz er hüllte sich
tief in die Kapuze »Warum hat Euch der Himmel nicht zum Kriegsmann werden
lassen Es wäre vieles besser« Das Wort der Herzogin ging mit ihm wie sein
Schatten Es war ihm ein Sporn zu mutigen Entschlüssen Wenn die Gefahr kommt
dachte er soll sie den Schulmeister nicht hinter seinen Büchern sehen
    Sein Ross trabte gut In wenigen Stunden ritt er über die waldigen Höhen die
den Untersee von dem See von Überlingen trennen Am herzoglichen Meierhof
Sernatingen grüßte ihn die blaue Flut des Sees er ließ sein Ross dem Meyer und
schritt den Pfad voran der hart am Ufer hinführte
    An einem Vorsprung hielt er eine Weile gefesselt von der weiten Umschau
Der Blick flog unbegrenzt über die Wasserfläche bis zu den Rätischen Alpen die
eine kristallklare Mauer sich als Ende der Landschaft himmelan türmen
    Wo die Sandsteinfelsen senkrecht aus dem See emporstiegen lenkte sich der
Pfad aufwärts Stufen im Fels erleichterten den Schritt gehauene
Fensteröffnungen mit dunkeln Schatten in der Tiefe die Lichte der Felswand
unterbrechend wiesen ihm den Ort dran einst in Zeiten römischer Herrschaft
unbekannte Männer sich in Weise der Katakomben ein Höhlenasyl eingegraben140
    Das Aufsteigen war beschwerlich Jetzt trat er auf einen ebenen Geviertraum
wenig Schritte im Umfang von jungem Gras bewachsen Vor ihm öffnete sich ein
mannshoher Eingang in den Felsen aber ein riesiger schwarzer Hund sprang
bellend hervor zwei Schritte vor Ekkehard hielt er zu Sprung und Biss bereit
seine Augen starr auf den Mönch gerichtet der durfte keinen Schritt vorwärts
machen so fuhr ihm der Hund an den Hals Die Stellung war nicht beneidenswert
Rückzug unmöglich Waffen trug Ekkehard nicht So blieb er seinem Gegner
gegenüber eine Weile starr stehen da schaute aus der Fensteröffnung zur Seite
eines Mannes Angesicht ein Graukopf wars mit stechenden Augen und rötlichem
Bart
    »Gebietet dem Tier Ruhe« rief Ekkehard
    Dauerte nicht lange so erschien der Graukopf unter dem Eingang Er war mit
einem Spieß bewaffnet
    »Rückwärts Mummolin« rief er
    Ungern gehorchte das große Tier Erst wie ihm der Graue den Spieß zeigte
zog sichs knurrend zurück
    »Man sollt Euch den Hund erschlagen und neun Schuh hoch über Euer Tor
hängen bis er verfaulte und stückweis auf Euch herunterfiele141« sprach
Ekkehard zürnend »schier hat er mich ins Wasser gestürzt« Er sah sich um in
senkrechter Tiefe rauschte der See zu seinen Füßen
    »In den Heidenhöhlen gilt kein Landrecht« gab der Graue trotzig zurück
»Bei uns heißts Zwei Mannslängen vom Leib oder wir schlagen Euch den Schädel
ein«
    Ekkehard wollte vorwärts gehen
    »Halt an« fuhr der Mann unterm Eingang fort und hielt den Spieß vor »so
schnell gehts nicht Wohin des Wegs«
    »Zum Alten in der Heidenhöhle« sprach Ekkehard
    »Zum Alten in der Heidenhöhle« schalt der andere »habt Ihr kein
ehrerbietiger Wort für ihren Inwohner gelbschnäbliger Kuttenträger«
    »Ich weiß nicht anders« sagte Ekkehard betroffen »Mein Gruß heißt neque
enim«
    »Das lautet besser« sprach der Graue treuherzig und reichte ihm die Hand
»Woher des Wegs«
    »Vom hohen Twiel Ich soll Euch «
    »Halt an ich bin nicht den Ihr suchet bin nur sein Dienstmann Rauching
Ich werd Euch anmelden«
    Angesichts der starren Felswände und des schwarzen Hundes war diese
Förmlichkeit befremdend Ekkehard stand harrend es dauerte eine gute Weile
schier als wenn Vorbereitungen zum Empfang getroffen würden Dann erschien
Rauching wieder »Wollet eintreten« Sie gingen den dunkeln Gang entlang dann
weitete sich der Höhlenraum ein Gemach war von Menschenhänden in den Fels
gehauen hoch stattlich in spitzbogiger Wölbung ein rohes Gesimse zog sich um
die Wände die Fensteröffnungen weit und luftig wie von einer Rahme umfasst
glänzte ein Stück blauer See und gegenüberliegendes Waldgebirge herein eine
flimmernde Schichte Sonnenlicht drang durch sie in des Gemaches Dunkel Spuren
von Steinbänken waren da und dort sichtbar nah beim Fenster stund ein hoher
steinerner Lehnstuhl ähnlich dem eines Bischofs in alten Kirchen eine Gestalt
sah drin Es war ein fremdartig Menschenbild mächtigen Umfangs schwer saß das
schwere Haupt zwischen den Schultern Runzeln durchfurchten Stirn und Wangen
spärlich weißes Haupthaar lockte sich um den Scheitel schier zahnlos der Mund
der Mann musste steinalt sein Ein Mantel von unkenntlicher Farbe hing um des
Greisen Schulter die Rückseite die des Stuhles Lehne verdeckte mochte stark
Fadenschein tragen in Saum und Faltenwurf saßen Spuren vergangener Flickung
Seine Füße waren mit rauhem Stiefelwerk bekleidet ein alter Hut mit
verstäubtem Fuchspelz verbrämt lag zur Seite Eine Nische der Felsvertiefung
trug ein Schachzabelbrett mit elfenbeingeschnittenen Figuren es war eine Partie
zu Ende gespielt worden noch stand der König matt gesetzt durch einen Turm und
zwei Läufer 
    »Wer kommt zu den Vergessenen« fragte der Greis mit dünner Stimme Da
neigte sich Ekkehard vor ihm und nannte seinen Namen und wer ihn gesandt
    »Ihr habt ein böses Losungswort mit Euch gebracht Erzählen die Leute
draußen noch vom Luitward von Vercelli«
    »Dessen Seele Gott verdammen möge« fiel Rauching ergänzend ein
    »Ich habe nichts von ihm gehört« sprach Ekkehard
    »Sags ihm Rauching wer der Luitward war s wär schade wenn sein
Gedächtnis ausstürbe bei den Menschen«
    »Der größte Schurke den je ein Sonnenstrahl beschienen« war Rauchings
Antwort
    »Sag ihm auch was neque enim heißt«
    »Es gibt keinen Dank auf dieser Welt und von eines Kaisers Freunden ist
auch der beste ein Verräter«
    »Auch der beste ein Verräter« sprach der Alte in Gedanken Sein Blick fiel
auf das nahestehende Schachbrett »Jawohl« murmelte er leise »matt gesetzt
durch Läufer und Überläufer matt gesetzt « er ballte die Faust als wolle er
aufspringen dann seufzte er laut und fuhr mit der welken Hand nach der Stirn
und stützte sein schweres Haupt auf
    »Das Kopfweh« sprach er  »das verfluchte Kopfweh«
    »Mummolin« rief Rauching
    Mit großen Sätzen kam der schwarze Hund vom Eingang her gesprungen wie er
den Alten mit aufgestülptem Haupt gewahrte trat er schmeichelnd heran und
leckte ihm die Stirn »Es ist gut« sprach der Greis nach einer Weile und
richtete sich wieder auf
    »Seid Ihr krank« fragte Ekkehard teilnehmend
    »Krank« sprach der Alte  »s mag eine Krankheit sein Mich suchts schon
so lang heim dass mirs wie ein alter Bekannter erscheint Habt Ihr auch schon
Kopfweh gehabt Ich rate Euch zieht niemals zu Felde wenn Euch Kopfweh plagt
und schließt keinen Frieden es kann ein Reich kosten das Kopfweh «
    »Soll Euch kein Arzt « wollte Ekkehard fragen
    »Der Ärzte Weisheit ist erschöpft Sie habens gut mit mir gemeint«
    Er wies auf seine Stirn zwei alte Narben kreuzten sich darauf »Schaut her
und wenn sie Euch das verordnen wollen müssts nicht anwenden An den Füßen bin
ich aufgehangen worden in jungen Tagen dann die Einschnitte im Kopf  ein Stück
Blut und ein Stück Verstand haben sie mir genommen nichts geholfen«
    »In Cremona  Zedekias hat der hebräische Weise geheißen  haben sie die
Sterne gefragt und mich in dämmernder Mitternacht unter einen Maulbeerbaum
gestellt s war ein langer Spruch mit dem sie das Kopfweh in den Baum hinein
verfluchten nichts geholfen
    In deutschen Landen gepulverte Krebsaugen verordnet gemischt mit etlichem
Staub von des heiligen Markus Grab und einen Trunk Seewein drauf142 auch
nichts Jetzt bin ichs gewöhnt Das ärgste leckt des Mummolin raue Zunge
hinweg Komm her braver Mummolin der mich noch nicht verraten hat «
    Er schwieg atemschöpfend und streichelte den Hund
    »Meine Botschaft « hub Ekkehard an
    Der Greis aber winkte ihm »Geduldet Euch nüchtern ist nicht gut reden Ihr
werdet hungrig sein Nichts ist niederträchtiger und heiliger als der Hunger143
hat jener Dekan gesagt da sein Gastfreund von sechs Forellen fünf aß und ihm
die kleinste zurückließ Wer mit der Welt draußen zu tun gehabt vergisst den
Spruch nicht Rauching richt unser Mahl«
    Der ging hinüber in ein anstossend Felsengemach das war zur Küche
hergerichtet in etlichen Nischen stunden seine Vorräte bald wirbelte aus dem
Höhlenschornstein eine weiße Rauchwolke dem blauen Himmel entgegen und das Werk
des Kochens war beendet Eine Steinplatte musste als Tisch gelten Als des Mahles
Krone prangte ein Hecht aber der Hecht war alt und trug Moos auf dem Haupt
sein Fleisch schmeckte zäh wie Leder Auch einen Krug rötlichen Weines brachte
Rauching herbei aber der wuchs auf den Sipplinger Hügeln und die erfreuen sich
noch heute des Leumunds dass ihr Wein der saueren sauerster am ganzen See144
Rauching wartete auf und saß nicht zu ihnen nieder
    »Was bringt Ihr mir« frug der Alte wie die schmale Mahlzeit beendet
    »Schlimme Botschaft die Hunnen sind ins Land gebrochen bald treten ihre
Hufe die schwäbische Erde«
    »Recht« sprach der Greis »das gehört euch Sind die Nordmänner auch wieder
auf der Fahrt«
    »Ihr sprechet sonderbar« sagte Ekkehard
    Des Alten Aug ward glänzender »Und wenn euch die Feinde wie Schwämme aus
der Erde wachsen ihr habts verdient ihr und eure Herren Rauching füll dein
Glas die Hunnen kommen  neque enim Nun soll euch die Suppe schmecken die
eure Herren gesalzen haben Ein großes stolzes Reich ist aufgerichtet gestanden
vom Ebro bis an die Raab und bis hinauf an die dänische Mark keine Rattmaus
hätt einschleichen dürfen ohne dass treue Wächter sie gefangen so hats der
große Kaiser Karl «
    »Den Gott segnen möge« fiel Rauching ein
    » gefestigt hingestellt die Stämme die dem Römer einst zusammen den
Garaus gemacht ein Ganzes wie sichs gehört damals hat der Hunn scheu hinter
seinem Landhag an der Donau gelauert s war kein Wetter für ihn und wie sie
sich rühren wollten ist von ihrer hölzernen Lagerstatt tief in Pannonien drin
kein Span mehr übriggeblieben so hat die fränkische Landwehr drein gewettert
145 aber die Großen in der Heimat hats gedrückt dass nicht ein jeder der
Herr der Welt sein kann da hats innerhalb des eigenen Zauns probiert sein
müssen  Aufruhr Empörung und Reichsverrat das schmeckt besser den letzten
von Karls Stamme der des Weltreichs Zügel führte haben sie abgesetzt  das
Symbolum der Reichseinheit ist ein Bettelmann worden und muss ungeschmälzte
Wassersuppen essen  nun und eure Herren denen der Bastard Arnulf und ihr
eigener Übermut lieber war haben die Hunnen auf dem Nacken und die alten
Zeiten kommen wieder wie sie schon der König Etzel malen ließ Kennt Ihr das
Bild im Mailänder Palast
    Dort war der römische Kaiser gemalt wie er auf seinem Thron saß und die
skytischen Fürsten ihm zu Füßen lagen da kam der König Etzel des Wegs geritten
und sah die Malerei lang an und lachte und sprach Ganz recht nur eine kleine
Änderung Und er ließ dem Mann auf dem Thron sein eigen Antlitz geben und die
vor ihm knieten und die Säcke voll Zinsgold vor seinem Thron ausleerten waren
die römischen Cäsaren146
    Das Bild ist heut noch zu schauen «
    »Ihr denkt an alte Geschichten« sprach Ekkehard
    »Alte Geschichten« rief der Greis »Für mich hats seit vierzig Jahren
nichts Neues gegeben als Not und Elend Alte Geschichten s ist gut wer sie
noch weiß dass er sehen kann wie der Väter Sünden gerächt werden an Kind und
Kindeskind Wisst Ihr warum der große Karl das einemal in seinem Leben geweint
hat Solange ich lebe sinds Narrenpossen sprach er da sie ihm der
nordmännischen Seeräuber Ankunft meldeten aber mich dauern meine Enkel147«
    »Noch haben wir einen Kaiser und ein Reich« warf Ekkehard ein
    »Habt ihr noch einen« sprach der Greis und trank seinen Schluck saueren
Sipplinger und schüttelte sich »Ich wünsch ihm Glück Die Ecksteine sind
gesplittert das Gebäu ist morsch Mit übermütigen Herren kann kein Reich
bestehen die gehorchen sollen herrschen und der Herrschen soll muss
schmeicheln statt gebieten Ich hab von einem gehört dem haben seine getreuen
Untertanen den Tribut in Kieselsteinen statt in Silber geschickt und der Kopf
des Grafen der ihn heischen sollte lag dabei im Sack Wer hats gerächt «
    »Der Kaiser« sprach Ekkehard »zieht in Welschland zu Felde und erwirbt
großen Ruhm«
    »O Welschland Welschland« fuhr der Alte fort »das wird noch ein schlimmer
Pfahl im deutschen Fleische werden Jenes einemal hat sich der große Karl «
    »Den Gott segnen möge« fiel Rauching ein
    » einen blauen Dunst vormachen lassen s war ein schlimmer Tag wie sie
ihm in Rom die Krone aufsetzten und hat keiner gelacht wie der auf Petri
Stuhl Der hat uns nötig gehabt  aber was haben wir mit Welschland zu schaffen
Schaut hinaus ist die Gebirgsmauer dort für nichts himmelan gebaut Das
jenseits gehört denen in Byzantium und von Rechts wegen griechische List wird
dort eher fertig als deutsche Kraft aber die Nachfolgenden haben nichts zu tun
als des großen Karl Irrtum ewig zu machen Was er Vernünftiges gewiesen haben
sie mit Füßen getreten in Ost und Nord war vollauf zu tun aber nach Welschland
muh gerannt werden als säss in den Bergen hinter Rom der große Magnetstein Ich
hab oft drüber nachgedacht was uns in die falsche Bahn gewiesen  wenns
nicht der Teufel ist kanns nur der gute Wein sein148«
    Ekkehard war betrübt geworden ob des Alten Reden Der schien es zu merken
»Lasst Euch nicht anfechten was ein Begrabener sagt« sprach er zu ihm »wir in
der Heidenhöhle machens nicht anders aber die Wahrheit hat schon manchesmal in
Höhlen gehaust wenn draußen der Unsinn mit großen Schritten durchs Land ging«
    »Ein Begrabener« sprach Ekkehard fragend
    »Deshalb könnt Ihr doch mit ihm anstossen« sprach der Alte scherzend »s
war nötig dass ich vor der Welt gestorben bin das Kopfweh und die Schurken
haben mich in Unehren gebracht Braucht mich darum nicht so anzusehen
Mönchlein Setzt Euch her auf die Steinbank ich will Euch eine schöne
Geschichte erzählen  Ihr könnt ein Lied zur Laute darüber machen 
    Es war einmal ein Kaiser der hatte wenig frohe Tage denn sein Reich war
groß und er selber war dick und stark und das Kopfweh plagte ihn seit dass er
auf dem Thron sah Darum nahm er sich einen Erzkanzler der war ein feiner Kopf
und konnte mehr denken als sein Herr denn er war dünn und hager wie eine Stange
und hatte kein Kopfweh Und der Kaiser hatte ihn aus dunkler Herkunft
emporgehoben denn er war eines Hufschmieds Sohn und erwies ihm Gutes und tat
alles was er ihm riet und schloss sogar einen elendigen Frieden mit den
Nordmännern denn der Kanzler sagte ihm das sei unbedeutend er habe wichtigere
Geschäfte als sich um ein paar Seeräuber zu kümmern Der Kanzler ging nämlich
in selber Zeit zu des Kaisers Ehgemahlin und berückte ihr schwaches Herz und
vertrieb ihr die Zeit mit Saitenspiel und ließ nebenbei der edlen Alemannen
Töchter entführen und verschwor sich mit seines Kaisers Widersachern Und wie
dieser endlich einen Reichstag ausschrieb um der Not zu steuern stund sein
hagerer Kanzler dort unter den ersten die wider ihn sprachen mit neque enim
begann er seine Rede und bewies sie müssten ihn absetzen und sprach so giftig
und schlangenklug gegen den Nordmännerfrieden den er selber geschlossen dass
sie alle von ihrem rechtmäßigen Herrn abfielen wie welke Blätter wenn der
Herbstwind die Wipfel schüttelt Und sie schrien die Zeit der Dicken sei
vorbei und setzten ihn ab mit dreifacher Krone auf dem Haupt war der Kaiser in
Tribur eingeritten wie er von dannen zog nannte er nicht Mehres sein als was
er auf dem Leib trug und saß zu Mainz vor des Bischofs Pfalz und war froh da
sie ihm eine Suppe zum Schiebfenster herausreichten
    Der brave Kanzler hat Luitward von Vercelli geheißen  Gott lohn ihm seine
Treue nach Verdienst und der Kaiserin Richardis auch und allen zusamm149
    Wie sie aber im Schwabenland sich des Verstossenen erbarmten und ihm ein
notdürftig Gütlein schenkten sein Leben zu fristen und wie sie dran dachten
mit Heeresmacht für sein gekränktes Recht zu streiten da sandte der Luitward
auch noch Mörder wider ihn s war eine schöne Nacht im Neidinger Hofe der
Sturm brach die Äste im Forst und die Fensterladen klapperten der abgesetzte
Kaiser konnte vor Kopfweh nicht schlafen und war aufs Dach gestiegen dass ihm
der Sturm Kühlung zublase da brachen sie ein und fahten auf ihn s ist ein
anmutig Gefühl sag ich Euch mit schwerem Haupt auf kaltem Dach sitzen und
zuhören wie sie drunten bedauern einen nicht strangulieren und am Ziehbrunnen
aufknüpfen zu können 
    Wer das erlebt hat der tut am besten er stirbt
    Und der dicke Meginhart zu Neidingen war grab zu rechter Zeit vom Baum herab
zu Tod gefallen dass man ihn auf den Schragen legen konnt und im Land
verkünden der abgesetzte Kaiser sei des Todes verblichen Es soll ein schöner
Leichenzug gewesen sein wie sie ihn in die Reichenau trugen der Himmel tat
sich auf ein Lichtstrahl fiel auf die Bahre und sie haben eine rührende
Leichenrede gehalten da sie ihn einsenkten rechts vom Altar dass er seiner
Würden entblößt und seines Reiches beraubt ward war eine Fügung des Himmels
ihm zur Läuterung und Probe und da ers geduldig trug steht zu hoffen dass ihn
der Herr mit der Krone des ewigen Lebens für die belohnt die er hienieden
verloren  so predigten sie in der Klosterkirche150 und wussten nicht dass in
derselben Stunde der den sie zu begraben meinten mit Sack und Pack und einem
Fluch auf die Welt in der Einsamkeit der Heidenhöhlen einzog«
    Der Greis lachte »Hier ists sicher und ruhig um an alte Geschichten zu
denken stosst an die Toten sollen leben Und der Luitward ist doch betrogen
wenn sein Kaiser auch einen alten Hut trägt statt güldenem Reif und Sipplinger
trinkt statt goldigem Rheinwein so lebt er doch noch dieweil die Hageren und
ihr ganzes Geschlecht vom Tode gerafft sind Und die Sterne werden ihr Recht
behalten in denen bei seiner Geburt gelesen ward dass er im Tosen der
Reiterschlacht aus der falschen Welt abscheiden werde Die Hunnen kommen 
komm bald auch du fröhlich Ende«
    Ekkehard hatte mit Spannung zugehört »Herr wie wunderbar sind deine Wege«
rief er Er wollte vor ihm niederknieen und seine Hand küssen der Alte litts
nicht »Das gilt alles nicht mehr nehmt Euch ein Beispiel «
    »Deutschland hat Euch und Eurem Stamm große Unbill angetan « wollte
Ekkehard trösten
    »Deutschland« sprach der Alte »ich bin ihm nicht gram mög es gedeihen
und blühen von keinem Feind bedräut und einen Herrscher finden ders zu Ehren
bringt und kein Kopfweh hat wenn die Nordmänner wiederkommen und keinen
Kanzler der Luitward von Vercelli heißt Nur die die seine Kleider unter sich
geteilt und das Los um sein Gewand geworfen «
    »Möge der Himmel strafen mit Feuer und schwefligem Regen151« sprach
Rauching im Hintergrund
    »Welchen Bescheid bring ich meiner Herrin von Euch« fragte Ekkehard
nachdem er seinen Becher geleert
    »Von wegen der Hunnen« sagte der Greis »Ich glaube das ist einfach Sagt
Eurer Herzogin sie soll in Wald gehen und sehen wie es der Igel macht wenn
ihm ein Feind zu nahe kommt Er rollt sich auf wie eine Kugel und starrt in
Stacheln wer nach ihm greift sticht sich Das Schwabenland hat Lanzen genug
Machts ebenso Euch Mönchen kanns auch nichts schaden wenn ihr den Spieß
tragt
    Und wenn Eure Herrin noch mehr wissen will so sagt ihr den Spruch der in
der Heidenhöhle gilt Rauching wie heißt er«
    »Zwei Mannslängen vom Leib oder wir schlagen euch die Schädel entzwei«
ergänzte der Gefragte
    »Und wenn von Frieden die Rede ist so sagt ihr der Alte in der Heidenhöhle
hätt einmal einen schlechten geschlossen er täts nicht wieder trotzdem ihn
sein Kopfweh noch plagt wie damals er woll jetzt lieber selber seinen Gaul
satteln wenn die Schlachtdrommeten blasen  lest eine Messe für ihn wenn Ihr
seinen letzten Ritt überlebt«
    Der Alte hatte gesprochen mit seltsamer Lebendigkeit Plötzlich stockte die
Stimme sein Atem ward kurz fast stöhnend er neigte sein Haupt »Es kommt
wieder« sprach er
    Rauching der Dienstmanne sprang ihm bei und brachte einen Trunk Wassers
Die Beklemmung ließ nicht ab
    »Wir müssen das Mittel anwenden« sprach Rauching Er wälzte aus der
Höhlentiefe einen schweren Steinblock vor von eines Mannes Höhe der trug
Spuren von Bildhauerwerk sie hatten ihn in der Höhle als unerklärtes Denkmal
früherer Bewohner vorgefunden Er stellte ihn aufrecht an die Felswand es war
als sei eines Menschen Haupt dran angedeutet und eine Bischofsmitra Und
Rauching griff einen gewaltigen knorrigen Stock und gab dem Alten einen zu
Handen und begann auf das Steinbild einzubrechen und sprach einen Spruch dazu
langsam und ernst wie eine Litanei »Luitward von Vercelli Reichsverräter
Ehebrecher neque enim Nonnenräuber Machterschleicher neque enim « Dicht
fielen die Streiche da legte sich ein Lächeln um des Alten welke Züge er erhob
sich und schlug mit matten Armen ebenfalls drauf
    »Es steht geschrieben ein Bischof muss tadellos sein« sprach er in
Rauchings Ton  »das für den NordmännerFrieden das für der Kaiserin Richardis
Verführung neque enim Das für den Reichstag zu Tribur das für Arnulfs
Kaiserwahl neque enim«
    Die Höhle widerhallte vom dumpfen Klang fest stand das Steinbild im Hagel
der Schläge dem Alten wards leicht und leichter er hieb sich warm am alten
Hass der ihm seit Fahren ein dürftig Leben fristete
    Ekkehard verstand den Hergang nicht ganz Es ward ihm unheimlich Er empfahl
sich und ging
    »Habt wohl schöne Kurzweil gefunden beim alten Narren droben« sprach der
Meyer von Sernatingen zu ihm da er sein Ross gesattelt vorführte »vermeint er
immer noch er hab eine Krone verspielt und ein Reich Ha ha152«
    Ekkehard ritt von dannen Im Buchwald sprosste das junge Grün des nahenden
Frühlings Ein jugendlicher Mönch aus der Reichenau ging desselben Weges Keck
wie Waffenklirren tönte sein Sang durch die Waldeinsamkeit
»O tapfre junge Landeskraft nun halt dich brav
Mit Wächterruf und Feldgeschrei verscheuch den Schlaf
Und mach die Rund zu jeder Stund um Tor und Turm
Der Feind ist klug und schleicht mit Trug heran zum Sturm
Von Wall und Zinnen schalle laut dein Halt Werda
Das Echo widerhalle eia vigila153«
    Es war das Lied das die Nachtwachen zu Mutina in Welschland sangen da der
Hunnen Heer vor der Bischofsstadt lag Der Mönch hatte selber vor drei Jahren
dort Schildwache gestanden am Tor des heiligen Geminianus und kannte das Zischen
der hunnischen Pfeile wenn die Ahnung neuen Kampfes durch die Luft zieht
fallen einem die alten Lieder wieder ein 
 
                               Zwölftes Kapitel
                              Der Hunnen Heranzug
»Der Alte hat recht« sprach Frau Hadwig als ihr Ekkehard Bericht von seiner
Sendung Erfolg erstattete »Wenn der Feind droht rüsten wenn er angreift aufs
Haupt schlagen das ist so einfach dass man eigentlich keinen drum zu fragen
braucht Ich glaube das viele Bedenken und Erwägen hat der böse Feind als
Unkraut auf die deutsche Erde gestreut Wer schwankt ist dem Fallen nah und
wers zu sein machen will der gräbt sich selbst sein Grab Wir rüsten«
    Die bewegte und bald gefährliche Lage schuf der Herzogin eine freudige
Stimmung so ist die Forelle wohlgemut im rauschenden Giessbach der über Fels
und Trümmer schäumt im stillen Wasser verkommt sie Und Beispiel fester
Entschlossenheit oben ist nie vergeblich Da trafen sie ihre Vorbereitung zum
Empfang des Feindes Vom Turm des hohen Twiel wehte die Kriegsfahne154 weit ins
Land hinaus durch Wald und Feld bis an die fernsten in den Talgründen
versteckten Meierhöfe klang das Heerhorn die Mannen aufzubieten nur Armut
befreite von Kriegspflicht Wer mehr als zwei Mansen LandA1 sein eigen nannte
ward befehligt beim ersten Ruf in Wehr und Waffen sich zu stellen Der
Hohentwiel sollte der Sammelplatz sein ihn hatte die Natur dazu gefestet Boten
durchflogen das Hegau Das Land hub an sich zu rühren hinten im Tannwald
standen die Köhler beisammen den schweren Schürhaken schwang einer überem Haupt
wie zum Einhauen »Es tut sich« sprach er »ich geh auch mit«
    An die Türen der Pfarrherrn der Alten und Brestaften ward geklopft wer
nicht ausziehen kann soll beten an alle Ufer des Sees ging die Kunde auch
hinüber nach Sankt Gallen
    Auf die friedliche Insel Reichenau ging Ekkehard die Herzogin gebots Der
Gang wär ihm sauer gefallen hätt es sich um anderes gehandelt Er brachte dem
gesamten Kloster die Einladung auf den hohen Twiel für die Zeit der Gefahr
    Dort war schon alles in Bewegung Beim Springbrunnen im Klostergarten
ergingen sich die Brüder es war ein linder Frühlingstag aber keiner dachte
ernstaft dran sich des blauen Himmels zu freuen sie sprachen von den bösen
Zeiten und ratschlagten es wollt ihnen schwer einleuchten dass sie aus ihren
stillen Mauern ausziehen sollten
    Der heilige Marcus hatte einer gesagt wird seine Schutzbefohlenen schirmen
und den Feind mit Blindheit schlagen dass er vorbeireitet oder das Grundgewelle
des Bodensees aufschäumen lassen dass es ihn verschlinge wie das Rote Meer die
Ägypter
    Aber der alte Simon Bardo sprach »Die Rechnung ist nicht ganz sicher und
wenn ein Platz nicht sonst mit Turm und Mauern umwallt ist bleibt Abziehen
rätlicher Wo aber noch eines Schillings Wert zu finden ist da reitet kein
Hunne vorbei legt einem Toten ein Goldstück aufs Grab so wächst ihm noch die
Hand aus der Erde und greift danach«
    »Heiliger Pirminius« klagte der Bruder Gärtner »wer soll den Kraut und
Gemüsgarten bestellen wenn wir fort müssen« »Und die Hühner« sprach ein
anderer dessen teuerste Kurzweil in Pflege des Hühnerhofes bestund »haben wir
die drei Dutzend welsche Hahnen für den Feind ankaufen müssen«
    »Wenn man ihnen einen eindringlichen Brief schriebe« meinte ein dritter
»sie werden doch keine solche Unmenschen sein Gott und seine Heiligen zu
kränken«
    Simon Bardo lächelte »Werd ein Lämmerhirt« sprach er mitleidig »und
trink einen Absud vom Kraut Kamvmilla der du den Hunnen eindringliche Briefe
schreiben willst O dass ich meinen alten Oberfeuerwerker Kedrenos mit über die
Alpen gebracht Da wollten wir ein Licht wider den Feind ausgehen lassen
schärfer als der milde Mondschein über dem Krautgärtlein der dem seligen Abt
Walafrid155 so weiche Erinnerungen an seine Freundin in der Seele wach rief
Dort an der Landzunge ein paar Schiffe versenkt hier am Hafenplatz desgleichen
 und mit den langen Brandröhren den Uferplatz bestrichen hei wie würden sie
auseinanderstieben wenns durch die Luft flöge wie ein feuriger Drache und
seinen Naphtabrandregen aussprühte Aber was weiß euer einer von griechischem
Feuer156 O Kedrenos Feuerwerker Kedrenos«
    Ekkehard war ins Kloster eingetreten Er fragte nach dem Abt Ein dienender
Bruder wies ihm dessen Gemächer Er war nicht drinnen und auch anderwärts nicht
zu finden
    »Er wird in der Rüstkammer sein« sprach ein Mönch im Vorübergehen zu ihnen
Da führte der dienende Bruder Ekkehard in die Rüstkammer sie war auf dem hohen
Klosterspeicher viel Harnisch und Gewaffen lag droben aufgehäuft mit denen das
Kloster seine Kriegsleute zum Heerbann ausstattete
    Abt Wazmann stand drin eine Staubwolke verhüllte ihn dem Blick der
Eintretenden er hatte die Rüstungen von den Wänden abnehmen lassen und
gemustert Staub und Rost waren Zeuge dass sie lange Ruhe gehabt Beim Mustern
hatte der Abt schon an sich selber gedacht sein Obergewand lag ausgezogen vor
ihm der blonde Klosterschüler hatte ihm einen Ringpanzer umgeworfen er reckte
seine Arme ob er ihm fest und bequemlich sitze
    »Tretet näher« rief er Ekkehard zu »andere Zeiten anderer Empfang«
    Ekkehard teilte ihm der Herzogin Aufforderung mit
    »Ich hätt selber auf dem hohen Twiel drum nachgesucht wenn Ihr nicht
gekommen wäret« sprach der Abt Er hatte ein langes Schwert ergriffen und
schlug einen Luftieb dass Ekkehard etliche Schritte zurückwich dem scharfen
Pfeifen der Luft war zu entnehmen dass es nicht der erste den er in seinem
Leben führte
    »s wird Ernst« sprach er »Zu Altdorf im Schussental sind sie schon
eingekehrt bald wird sich die Flamme von Lindau im See spiegeln Wollt Ihr Euch
auch einen Harnisch auslesen Der Mit dem Wehrgehenk dort fängt Stich und Hieb
so gut wie das feinste NotemdA2 das je eine Jungfrau spann«
    Ekkehard dankte Der Abt stieg mit ihm aus der Rüstkammer hinunter Der
Ringelpanzer behagte ihm er warf die braune Kapuze drüber um so trat er in den
Garten unter die zagenden Brüder wie ein Riese des Herrn157
    »Der heilige Marcus ist heut nacht vor mein Lager getreten« rief der Abt
»nach dem hohen Twiel hat er gedeutet dorthin wollen meine Gebeine dass keines
Heiden Hand sie entweihe Auf und rüstet euch In Gebet und Gottvertrauen hat
seither eure Seele den Kampf mit dem bösen Feind gekämpft jetzt sollen eure
Fäuste weisen dass ihr Kämpfer seid Denn die da kommen sind Söhne der Teufel
Alraunen und Dämonen in asischer Wüste haben sie erzeugt Teufelswerk ist ihr
Treiben zur Hölle werden sie zurückfahren wenn ihre Zeit um158«
    Da ward auch dem sorglosesten der Brüder deutlich dass eine Gefahr im Anzug
Beifällig Murmeln ging durch die Reihen sie waren von Pflege der Wissenschaft
noch nicht so weich gemacht dass ihnen ein Kriegszug nicht als löbliche
Abwechslung erschienen wäre
    An einen Apfelbaum gelehnt stand Rudimann der Kellermeister bedenkliche
Falten auf der Stirn Ekkehard ersah ihn schritt auf ihn zu und wollte ihn
umarmen als Zeichen dass gemeinsame Not alten Zwist ausebne Rudimann aber
winkte ihm ab »Ich weiß was Ihr wollt«  Aus dem Saum seiner Kutte zog er
einen groben härenen Faden warf ihn auf die Erde und trat darauf »Solang ein
hunnisch Ross die deutsche Erde stampft« sprach er »soll alle Feindschaft aus
meinem Herzen gerissen sein wie dieser Faden aus meinem Gewand159 überleben
wir den Streit so mags wieder eingefädelt werden wie sichs geziemt«
    Er wandte sich und schritt nach seinem Keller zu wichtiger Arbeit In Reih
und Glied lagen dort den hochgewölbten Raum entlang die Stückfässer als wie in
Schlachtordnung und keines klang hohl so man anklopfte Rudimann hatte etliche
Maurer bestellt jetzt ließ er einen Vorplatz wo sonst Kraut und Frucht bewahrt
lag herrichten als wär das der Klosterkeller zwei Fässlein und ein Fass
pflanzten sie drin auf Findet der Feind gar nichts vor so schöpft er Verdacht
also hatte der Kellermeister bei sich überlegt  und wenn die Sipplinger
Auslese die ich preisgebe ihre Schuldigkeit tut wird manch ein hunnischer
Mann ein bös Weiterreiten haben
    Schon hatten die Werkleute die Quadersteine gerichtet zu Vermauerung der
inneren Kellertür  noch einmal ging Rudimann hinein aus einem verwitterten
Fass zapfte er sein Krüglein und leerte es wehmütig dann faltete er die Hände
wie zum Gebet »Behüt dich Gott roter Meersburger« sprach er Eine Träne
stund in seinen Augen 
    Rühriges Treiben ging allenthalben durchs Kloster In der Rüstkammer wurden
die Waffen verteilt es waren viel Häupter und wenig Helme der Vorrat reichte
nicht Auch war viel Lederwerk zerfressen und musste erst geflickt werden
    In der Schatzkammer ließ der Abt die Kostbarkeiten und Heiligtümer
verpacken viel schwere Truhen wurden gefüllt das güldne Kreuz mit dem heiligen
Blut die weiße Marmorurne aus der einst die Hochzeitgäste in Kana den Wein
schöpften Reliquiensärge Abtsstab Monstranz  alles ward sorglich eingetan
und auf die Schiffe verbracht Sie schleppten auch den schweren durchsichtig
grünen Smaragd bei achtundzwanzig Pfund wog er »Den mögt ihr zurücklassen«
sprach der Abt
    »Das Gastgeschenk des großen Kaiser Karl des Münsters seltenstes Kleinod
wie keines mehr in den Tiefen der Gebirge verborgen ruht« fragte der dienende
Bruder
    »Ich weiß einen Glaser in Venezia der kann einen neuen machen wenn diesen
die Hunnen fortschleppen160« erwiderte leichthin der Abt
    Sie stellten das Juwel in den Schrank zurück
    Noch wars nicht Abend worden da stund alles zum Abzug bereit Der Abt hieß
die Brüder im Hofe zusammentreten sämtliche erschienen bis auf einen »Wo ist
Heribald« frug er
    Heribald war ein frommer Bruder dessen Wesen schon manchem den Ernst auf
der Stirn in Heiterkeit verwandelte161 In jungen Tagen hatte ihn die Amme
einmal aufs Steinpflaster fallen lassen davon war ihm ein gelinder Blödsinn
zurückgeblieben eine »Kopfsinnierung« aber er war guten Herzens und hatte an
Gottes schöner Welt seine Freude so gut wie ein Geistesgewaltiger
    Da gingen sie den Heribald zu suchen
    Er war auf seiner Zelle Die gelbbraune Klosterkatze schien ihm ein Leides
zugefügt zu haben er hatte ihr den Strick der sein Gewand zusammenhalten
sollte um den Leib geschnürt und sie an einen Nagel an seines Gemaches Decke
aufgehängt in die leere Luft herab hing das alte Tier das schrie und miaute
betrüblich er aber schaukelte es sänftlich hin und her und sprach Lateinisch
mit ihm
    »Vorwärts Heribald« riefen die Genossen »wir müssen die Fusel verlassen«
    »Fliehe wer will« sprach der Blödsinnige »Heribald flieht nicht mit«
    »Sei brav Heribald und folg uns der Abt hats anbefohlen«
    Da zog Heribald seinen Schuh aus und hielt ihn den Brüdern entgegen »Der
Schuh ist schon im vorigen Jahr zerrissen« sprach er »da ist Heribald zum
Kamerarius gegangen gib Mir mein jährlich Leder hat Heribald gesagt dass ich
mir ein Paar Schuhe anfertige da hat der Kamerarius gesagt Tritt du deine
Schuhe nicht krumm so werden sie nicht reißen und hat das Leder geweigert und
wie Heribald den Kamerarius beim Abt verklagt hat ihm der gesagt Ein Narr wie
du kann barfuß laufen Jetzt hat Heribald kein ordentlich Fusswerk und mit
zerrissenem geht er nicht unter fremde Leute162 «
    Solchen Gründen war keine stichhaltige Widerlegung entgegenzusetzen Da
umschlangen ihn die Brüder mit starkem Arm ihn hinabzutragen im Gang aber riss
er sich los und floh mit Windeseile hinab in die Kirche und die Treppen hinauf
die auf den Kirchturm führten Zu oberst setzte er sich fest und zog das
hölzerne Stieglein empor es war ihm nimmer beizukommen
    Sie erstatteten dem Abte Bericht »Lasst ihn zurück« sprach der Abt
»über Kinder und Toren wacht ein besonderer Schutzengel«
    Zwei große LädinenA3 lagen am Ufer die Abziehenden aufzunehmen
wohlgerüstete Schiffe mit Ruder und Segelbaum In kleinen Kähnen hatten sich des
Klosters dienende Leute und was sonst noch auf der Reichenau hauste mit Hab und
Gut eingeschifft es war ein wirres Durcheinander
    Ein Nachen voll von Mägden und befehligt von Kerhildis der Obermagd war
bereits abgefahren sie wussten selber nicht wohin aber die Furcht war diesmal
größer als die Neugier die Schnurrbärte fremder Reitersmänner zu sehen
    Jetzt zogen die Klosterbrüder heran es war ein seltsamer Anblick die
meisten in Wehr und Waffen Litanei betend andere den Sarg des heiligen Marcus
tragend der Abt mit Ekkehard und den Zöglingen der Klosterschule  betrübt
schauten sie noch einmal nach der langjährigen Heimat dann stiegen sie zu
Schiffe
    Wie sie aber in den See ausfuhren huben alle Glocken an zu tönen der
blödsinnige Heribald läutete ihnen den Abschiedsgruss dann erschien er auf den
Zinnen des Münsterturmes »Domonus vobiscum« rief er mit starker Stimme herab
und in gewohnter Weise antwortete da und dort einer »Et cum spiritu tuo«
    Ein scharfer Luftzug kräuselte die Wellen des Sees Erst vor kurzem war er
aufgefroren noch schwammen viel schwere Eisblöcke drin herum und die Schiffe
hatten große Mühe sich durchzuarbeiten
    Geduckt sahen die Mönche die den Sarg des heiligen Marcus hüteten
etlichemal schlug die Woge zu ihnen herein aber aufgerichtet und keck stand Abt
Wazmanns hohe Gestalt die Kapuze flatterte im Winde
    »Der Herr geht vor uns her« sprach er »wie er in der Feuersäule vor dem
Volk Israel ging er ist mit uns auf der Flucht er wird mit uns sein auf
fröhlicher Rückkehr «
    In Heller Mondnacht stieg der Reichenauer Mönche Schar den Berg von
Hohentwiel hinaus Für Unterkunft war gesorgt In der Burg Kirchlein stellten
sie den Sarg ihres Heiligen ab sechs der Brüder wurden zu Wacht und Gebet bei
ihm befehligt
    Der Hofraum ward in den nächsten Tagen zum fröhlichen Heerlager An
aufgebotenen Dienstmannen lagen schon etliche hundert oben der Reichenauer
Zuzug brachte einen Zuwachs von neunzig streitbaren Männern Emsig ward
geschafft an allem was des baldigen Kampfes Notdurft heischte Schon eh die
Sonne aufstieg weckte der Schmiede Gehämmer die Schläfer Pfeile und
Lanzenspitzen wurden gefertigt beim Brunnen im Hofe stand der große
Schleifstein dran wetzten sie die rostigen Klingen Der alte Korbmacher von
Weiterdingen war auch herausgeholt worden der saß mit seinen Buben unter der
Linde die langen zu Schilden zugeschnittenen Bretter übersponnen sie mit
hartem Flechtwerk von Weidengezweig dann ward ein gegerbtes Fell darüber
genagelt der Schild war fertig Am lustigen Feuer saßen andere und gossen Blei
in die Formen zu spitzem Wurfgeschoss für die Schleuder  eschene Knittel und
Keulen wurden in den Flammen gehärtet163 »Wenn der an eines Heiden Schädel
anklopft« sprach Rudimann und schwang den Prügel »so wird ihm aufgetan«
    Wer früher schon im Heerbann gedient sammelte sich um Simon Bardo den
griechischen Feldhauptmann »Zu euch nach Deutschland muss einer gehen wenn er
seine greisen Tage in Ruhe verleben will« hatte er scherzend zur Herzogin
gesagt Der Waffenlärm aber stärkte sein Gemüt wie alter Rheinwein und richtete
ihn auf mit scharfer Sorge ließ er die Unerfahrenen sich in den Waffen üben
des Burghofs Pflaster widerhallte vom schweren Schritt der Mönche die in
geschlossenen Reihen des Speerangriffs unterwiesen wurden »Wände könnt man mit
euch einrennen« sprach der Alte Beifall nickend »wenn ihr einmal warm geworden
seid«
    Wer von den Jüngern eines sichern Auges und beweglicher Knochen sich
erfreute ward den Pfeilschützen zugeteilt Fleissig übten sie sich Heller Jubel
klang einmal von des Hofes anderem Ende zu den Speerträgern herüber das lose
Volk hatte einen Strohmann angefertigt eine Krone von Eulenfedern im Haupt
eine sechsfältige Peitsche in der Hand einen roten Lappen in Herzform auf der
Brust war er ihre Zielscheibe
    »Der Hunnen König Etzel« riefen die Schützen »wer trifft ihn ins Herz«
    »Spottet nur« sprach Frau Hadwig die vom Balkon herab zuschaute »hat ihn
auch in schlimmer Brautnacht der Schlag darnieder gestreckt so geht sein Geist
fort und fort mächtig durch die Welt die nach uns kommen werden noch an ihm zu
beschwören haben«
    »Wenn sie nur auch so scharf auf ihn schießen wie die da unten« sagte
Praxedis  und Halloruf klang vom Hofe herauf der Strohmann wankte und fiel
ein Pfeil hatte das Herz getroffen
    Ekkehard kam in den Saal herauf Er war wacker mitmarschiert sein Antlitz
glühte der ungewohnte Helm hatte einen roten Streif auf der Stirn
zurückgelassen In der Erregung des Tages vergaß er seine Lanze draußen
abzustellen Mit Wohlgefallen sah Frau Hadwig auf ihn es war nicht mehr der
zage Lehrer der Grammatik  Er neigte sich vor seiner Gebieterin »Die
Reichenauer Mitbrüder im Herrn« sprach er »lassen melden dass sich Durst in
ihren Reihen eingestellt«
    Frau Hadwig lachte »Lasst eine Tonne kühlen Bieres im Hof aufstellen bis
die Hunnen wieder heimgejagt sind soll unser Kellermeister keine Klage über
Verschwinden seiner Fässer führen«
    Sie deutete auf das stürmische Treiben im Burghof
    »Das Leben bringt doch mannigfachere Bilder als alle Poeten« sprach sie zu
Ekkehard  »auf solchen Wandel der Dinge wart Ihr nicht vorbereitet«
    Aber Ekkehard ließ seinem teuren Virgilius nicht zu nahe treten
    »Erlaubet« sprach er auf seinen Speer gelehnt »es steht alles wortgetreu
in der Änïs vorgezeichnet als wenn es nichts Neues unter der Sonne geben sollt
Würdet Ihr nicht glauben Virgilius sei hier auf dem Söller gestanden und habe
hinabgeschaut ins Getümmel wie er vom Beginn des Krieges in Latium sang«
    »Dort wird gehöhlt dem Haupte der Schirm  dort flechten sie wölbend
    Weidener Schilde Verband  dort ziehen sie den ehernen Harnisch
    Dort hellblinkende Schienen aus zähem Silber gehämmert
    Sichel und Schar wird jetzo entehrt und die Liebe des Pfluges
    Weicht  um schmiedet die Esse verrostete Klingen der Väter
    Hornruf schmettert durchs Land und es geht die kriegerische Losung164«
    »Das passt freilich gut« sprach Frau Hadwig »Könnt Ihr auch den Gang des
Streites aus Eurem Heldenbuche vorhersagen« wollte sie noch fragen aber in
Zeiten des Durcheinander ist nicht gut über Dichtungen sprechen Der Schaffner
war eingetreten »Das Fleisch sei aufgezehrt bis auf den letzten Bissen«
lautete sein Bericht »ob er zwei Ochsen schlachten dürfe «
    Nach wenig Tagen war Simon Bardos Mannschaft so geschult dass er sie der
Herzogin zur Musterung vorführen konnte Es war auch Zeit dass sie ihre Zeit
nutzten schon waren sie die verflossene Nacht aufgestört worden eine helle
Röte stand am Himmel fern überem See wie eine feurige Wolke hielt sich das
Brandzeichen etliche Stunden lang es mochte weit in Helvetien drüben sein Die
Mönche stritten miteinand es sei eine Erscheinung am Himmel sagten die einen
ein feuriger Stern zur Warnung der Christenheit Es brennt im Rheintal sprachen
andere ein Bruder der mit feinerer Nase begabt war behauptete sogar den
Brandgeruch zu spüren Erst lang nach Mitternacht erlosch die Röte
    Auf des Berges südlichem Abhang war eine mäßig weite Halde die ersten
Frühlingsblumen blühten drauf in den Talmulden lag noch alter Schnee das
sollte der Platz der Musterung sein Hoch zu Rosse sah Frau Hadwig bei ihr
hielten wohlgerüstet etliche Edelknechte die zum Aufgebot gestoßen waren der
von Randegg der von Hoewen und der dürre Fridinger der Reichenauer Abt sah
stolz auf seinem Zelter ein wohlberittener Mann Gottes165 Herr Spazzo der
Kämmerer bemühte sich es ihm an Haltung und Bewegung gleich zu tun denn sein
Gebaren war vornehm und ritterlich Auch Ekkehard sollte die Herzogin begleiten
es war ihm ein Ross vorgeführt worden allein er hatte es abgelehnt dass kein
Neid entstünde unter den Mönchen
    Jetzt tat sich das äußere Burgtor knarrend auf und die Scharen zogen herab
Voraus die Bogen und Armbrustschützen lustige Klänge erschallten ernsten
Antlitzes schritt Audifax als Sackpfeifer mit den Hornisten in geschlossenem
Zug gings vorbei Dann ließ Simon Bardo ein Signal blasen da lösten sich ihre
Glieder und schwärmten aus wie ein wilder Wespenschwarm und hielten Busch und
Hecken besetzt
    Dann kam die Kohorte der Mönche festen Schrittes in Helm und Harnisch die
Kutte drüber den Schild auf dem Rücken den Spieß gefällt eine sturmgewaltige
Schar hoch flatterte ihr Fähnlein ein rotes Kreuz im weißen Feld Pünktlich
marschierten sie als wär es seit Fahren ihr Handwerk  bei starken Menschen
ist auch die geistige Zucht gute Vorübung zum Kriegerstand Nur einer am linken
Flügel vermochte nicht Schritt zu halten seine Lanze ragte uneben aus der
geraden Reihe der andern »s ist nicht seine Schuld« sprach Abt Wazmann zur
Herzogin »er hat in Zeit von sechs Wochen ein ganz Messbuch abgeschrieben da
flog ihm der Schreibkrampf in die Finger«
    Ekkehard schritt auf dem rechten Flügel wie sie an der Herzogin
vorüberkamen traf ihn ein Blick aus den leuchtenden Augen der kaum der ganzen
Schar gegolten
    In drei Haufen folgten die Dienstmannen und aufgebotenen Heerbannleute
mächtige Stierhörner wurden geblasen seltsam Rüstzeug kam zum Vorschein manch
ein Waffenstück war schon in den Feldzügen des großen Kaiser Karl eingeweiht
worden mancher aber trug auch einen mächtigen Knittel und sonst nichts
    Herr Spazzo hatte indes scharfen Auges in das Tal hinuntergeschaut »s ist
gut dass wir gerade beisammen sind ich glaub s gibt Arbeit« sprach er und
deutete hinüber in die Tiefe wo die Dächer des Weilers Hilzingen hinter
hügeligen Gründen aufstiegen Ein dunkler Streif zog sich heran  Da hieß Herr
Simon Bardo seine Heerschar halten und spähte nach der Richtung »Das sind keine
Hunnen sie kommen unberitten« Zu größerer Fürsicht aber hieß er seine
Bogenschützen den Abhang des Berges besetzen
    Aber wie der fremde Zug näher rückte ward auch in ihren Reihen des heiligen
Benedikt Ordensgewand sichtbar ein gülden Kreuz ragte als Standarte aus den
Lanzen Kyrie eleison klang ihre Litanei den Berg herauf  »Meine Brüder«
rief Ekkehard da lösten sich die Glieder der Reichenauer Kohorte sie rannten
den Berg hinunter mit stürmischem Jubelschrei  wie sie aneinander waren
überall freudiges Umarmen Wiedersehen in Stunde der Gefahr ringt dem Herzen ein
fröhlicher Jauchzen ab denn sonst
    Arm in Arm mit den Reichenauern stiegen die fremden Gäste den Berg empor
ihren Abt Cralo an der Spitze auf schwerfälligem Ochsenwagen in der Nachhut
führten sie den blinden Tieto mit »Gott zum Gruß erlauchte Frau Base« sprach
Abt Cralo und neigte sich vor ihr »wer hätt vor eines halben Jahres Frist
gedacht dass ich mit dem gesamten Kloster Euren Besuch erwidern würde Aber der
Gott Israels spricht ausziehen lass mein Volk auf dass es mir getreu bleibe«
    Frau Hadwig reichte ihm bewegt vom Rosse herab die Hand »Zeiten der
Prüfung« sprach sie »Seid willkommen«
    Verstärkt durch die neuen Ankömmlinge zog die Hohentwieler Heerschar in der
Burg schirmende Mauern zurück Praxedis war in den Hof heruntergestiegen Bei
der Linde stand sie und schaute auf die einziehenden Männer schon waren die von
Sankt Gallen alle im Hofraum versammelt unverwandt schaute sie nach dem Tor
als müsse noch einer nachkommen doch der den ihr Blick suchte war nicht unter
denen die da kamen
    In der Burg ging es an ein Einrichten und Unterbringen der Gäste Der Raum
war spärlich gemessen Im runden Hauptturm war eine lustige Halle dort wurde
mit aufgeschüttetem Stroh für notdürftig Nachtlager gesorgt »Wenn das so
fortgeht« hatte der Schaffner gebrummt der bald nicht mehr wusste wo ihm der
Kopf stand »so haben wir bald die ganze Pfaffheit Europas auf unserem Fels
beisammen«
    Küche und Keller gaben was sie hatten
    Unten saßen Mönche und Kriegsleute bei lärmender Mahlzeit Frau Hadwig hatte
die beiden Äbte und wer von edelen Gästen sich bei ihr eingefunden in ihrem
Saale vereinigt es war viel zu besprechen und zu beraten ein Summen und
Schwirren von Frag und Antwort
    Da erzählte Abt Cralo die Geschicke seines Klosters166
    »Diesmal« sprach er »ist uns die Gefahr schier übers Haupt gewachsen Kaum
ward von den Hunnen gesprochen so tönte der Boden schon vom Hufe ihrer Rosse
Itzt galts Die Klosterschule hab ich in die feste Verschanzung von Wasserburg
geschickt Aristoteles und Cicero werden eine Zeitlang Staub ansetzen die
Jungen mögen Fische im Bodensee fangen wenns nicht noch schärfere Arbeit gibt
die alten Professoren sind zu rechter Zeit mit ihnen übers Wasser Wir aber
hatten uns ein festes Kastell als Unterschlupf hergerichtet wo der Sitterbach
durch tannbewaldet enges Tal schäumt war ein trefflich Plätzlein
waldabgeschieden als wenn keine heidnische Spürnase den Pfad jemals finden
sollt dort bauten wir ein festes Haus mit Turm und Mauer und weihten es der
heiligen Dreieinigkeit  mög sie ihm fürder ihren Schutz leihen«
    »Noch wars nicht unter Dach und Fach da kamen schon die Boten vom See
Flieht die Hunnen sind da und vom Rheintal kamen andere Flieht war die
Losung der Himmel rot von Brand und Wachtfeuer die Luft erfüllt vom
Wehgeschrei flüchtender Leute und Knarren enteilenden Fuhrwerks Da zogen wir
aus Gold und Kleinodien Sankt Gallus und Sankt Otmars Sarg und Gebein der
ganze Schatz ward noch sicher geborgen die Bücher haben die Jungen nach der
Wasserburg mitgenommen  aber an Essen und Trinken ward nicht viel gedacht nur
schmaler Mundvorrat war in die Waldburg geschafft eiligst flohen wir dorthin
Erst unterwegs merkten die Brüder dass wir Tieto den Blinden im Winkel der
Alten vergessen aber keiner ging mehr zurück der Boden brannte unter den
Füßen So lagen wir etliche Tage still im tannversteckten Turm oftmals
nächtlich sprangen wir zu den Waffen als stünde der Feind vor dem Tor aber es
war nur der Sitter Rauschen oder des Windes Strich in den Tannenwipfeln Einmal
aber riefs mit heller Stimme um Einlass Verscheucht und todmüd kam Burkard
der Klosterschüler Aus Freundschaft zu Romeias dem Wächter am Tor war er
zurückgeblieben wir hatten des nicht wahrgenommen Er brachte schlimme Kunde
vom Schreck den er erlebt waren etliche Haare auf dem jungen Haupte über Nacht
grau geworden«
    Abt Cralos Stimme wollte zittern Er hielt an und trank einen Schluck
Weines »Der Herr sei allen christgläubigen Abgestorbenen gnädig« fuhr er
bewegt fort »sein Licht leuchte ihnen er lasse sie ruhen in Frieden«
    »Amen« sprachen die Tischgenossen »Wen meint Ihr« fragte die Herzogin
Praxedis war aufgestanden sie trat hinter ihrer Gebieterin Lehnstuhl lauschend
hing ihr Blick an des Erzählers Lippen
    »Erst wenn einer tot ist merken die Zurückgebliebenen was er wert war«
sprach Cralo und nahm den Faden wieder auf »Romeias der trefflichste aller
Wächter war nicht mit uns ausgezogen Will meinen Posten halten bis zum Schluss
hatte er gesagt des Klosters Zugänge verschloss er schaffte in sichern
Versteck was wegzuschaffen war und machte die Runde um die Mauern Burkard
der Klosterschüler mit ihm dann hielt er gewaffnet Wacht in seiner Turmstube
Da kam der helle Haufen hunnischer Reiter vor die Mauern geritten vorsichtig
schwärmend Romeias tat die üblichen Hornstösse dann sprang er nach der
Ringmauer anderem Ende und stieß abermals ins Horn als wär alles wohl gehütet
und besetzt jetzt ists Zeit zum Abzug sprach er zum Schüler Einen alten
welken Strauss hatte er an den Eisenhut gesteckt erzählte Burkard da gingen die
zwei zum blinden Tieto hinüber der wollte den Winkel der Alten nimmer
verlassen sie aber setzten ihn auf zwei Speere und trugen ihn fort  zum
hinteren Pförtlein hinaus das Schwarzatal aufwärts fliehend
    »Schon waren die Hunnen von den Rossen gestiegen und kletterten über die
Mauern wie sich nichts regte schwärmten sie ein wie die Mücken auf den
Honigtropfen aber Romeias ging gelassenen Schrittes mit seiner greisen Bürde
bergan Niemand soll vom Klosterwächter sagen dass er struppigen Heidenhunden
zulieb einen Trab angeschlagen  so sprach er seinem jungen Freunde Mut zu Aber
bald waren ihm die Hunnen auf der Fährte wild Geschrei erscholl durch die
Talschlucht  wieder ein Stück weit da pfiffen die ersten Pfeile So kamen sie
bis an den Felsen der Klausnerinnen Dort aber staunte selbst Romeias Als wär
nichts geschehen tönte ihnen Wiborads dumpfes Psalmodieren entgegen In
himmlischer Erscheinung war ihr Not und Tod geoffenbart worden selbst der
fromme Gewissensrat Waldram vermochte ihren Sinn nicht zur Flucht zu wenden
Meine Zelle ist das Schlachtfeld wo ich gegen der Menschheit alten Feind
gestritten ein Streiter Gottes deckts mit seinem Leibe167 so sprach sie und
verharrte in der Wildnis als alles entwich
    »Die Waldburg war nimmer zu erreichen da suchte Romeias das abgelegenste
Häuslein aus Auf den Fels tretend ließ er den blinden Tieto sorglich durchs
Dach hinab er küsste den Greisen eh er sich von ihm wandte  dann hieß er den
Klosterschüler sich auf die Flucht machen es könnt mir was Menschliches
zustossen sag denen in der Waldburg dass sie nach dem Blinden sehen Vergeblich
flehte Burkard zu ihm und zitierte den Nisus und Euryalus die auch vor der
Übermacht volskischer Reiter in nächtiges Waldesdunkel geflohenA4 Ich müsst zu
schnell laufen sprach Romeias Erhitzung ist ungesund und schafft
Brustschmerzen ich muss ein Wörtlein mit den Söhnen des Teufels reden
    Er ging an Wiborads Zelle und klopfte an den Laden Reich mir die Hand
alter Drache rief er hinein wir wollen Friede machen und Wiborad streckte ihm
ihre verwelkte Rechte hinaus  dann wälzte Romeias etliche Felsblöcke an des
steilen Pfades Ausgang so dass der Zutritt von der Schwarzaschlucht gesperrt
war nahm den Schild vom Rücken und richtete die Speere mit wehendem Haupthaar
stand er in der Umwallung und blies noch einmal auf dem großen Wächterhorn erst
zürnend und kampfschnaubend dann weich und sänftlich bis ein Pfeil in des
Hornes Krümmung hineingellte Ein Regen von Geschossen überdeckte ihn und
spickte seinen Schild er schüttelte sie ab da und dort klomm einer der Hunnen
auf die Nagelfluhfelsen ihm beizukommen Romeias Speerwurf holte sie herunter
 der Angriff mehrte sich wild toste der Kampf aber unverzagt sang Wiborad
ihren Psalm
    Vertilge sie im Grimm o Herr vertilge sie dass sie nicht mehr sind damit
man erkenne dass Gott über Israel herrsche bis an die Grenzen der Erde Sela 
    Soweit hatte Burkard des Kampfes Verlauf mit angeschaut dann wandte er sich
zur Flucht Da wurden wir in der Waldburg sehr betrübt und schickten noch in der
Nacht eine Schar aus nach dem blinden Tieto zu schauen Es war still auf dem
Hügel der Klausnerinnen wie sie heranschlichen der Mond leuchtete auf die
Körper erschlagener Hunnen da fanden die Brüder «
    Ein lautes Schluchzen unterbrach den Erzähler Praxedis hielt sich mühsam an
der Herzogin Lehnstuhl und weinte bitterlich
    » Da fanden sie« fuhr der Abt fort »des Romeias verstümmelten Leichnam
sein Haupt hatten die Feinde abgehauen und mitgeschleppt er lag auf seinem
Schild den welken Strauss seine Helmzier krampfhaft geballt in der Rechten
Gott hab ihn selig wes Leib mit Treuen ein Ende nimmt ein solcher dem
Himmelreich geziemt An Wiborads Laden klopften sie vergeblich die Ziegel am
Dach ihrer Klause waren zertrümmert da stieg einer aufs Dach und schaute hinab
vor dem kleinen Altar der Zelle lag die Klausnerin in ihrem Blut drei
Schwertiebe klafften auf dem Scheitel der Herr hat sie gewürdigt unter den
Streichen der Heiden des Martyriums Krone zu erringen«
    Die Anwesenden schwiegen bewegt Auch Frau Hadwig war gerührt
    »Ich hab Euch der Seligen Schleier mitgebracht« sprach Cralo »geweiht vom
Blut ihrer Wunden Ihr mögt ihn in der Kapelle der Burg aufhängen Nur Tieto
der Blinde war unverletzt geblieben unentdeckt vom Feind schlummerte er in der
Klause am Fels Ich hab geträumt es sei ein ewiger Friede über die Welt
gekommen sprach er zu den Brüdern wie sie ihn weckten
    Aber im abgelegenen Sittertal bliebs nimmer lang still die Hunnen fanden
den Weg zu uns das war ein Schwärmen und Pfeifen und Grunzen wies der
Tannwald noch nie gehört Unsere Mauern waren fest und unser Mut stark doch
hungrige Männer werden des Velagertseins unlustig vorgestern war unser Vorrat
aufgezehrt wie es dunkelte sahen wir die Rauchsäule aufsteigen vom Brand
unseres Klosters da brachen wir nächtlicherweile durch den Feind der Herr war
mit uns und bahnte den Weg unsere Schwerter halfen auch dazu so sind wir zu
Euch gekommen «
    Der Abt neigte sich gegen Frau Hadwig 
    » heimatlos und verwaist wie Vögel in deren Nest der Blitz geschlagen
und bringen Euch nichts mit als die Kunde dass der Hunne den Gott vernichten
möge uns auf den Fersen nachfolgt «
    »Je eher er kommt je besser« sprach der Reichenauer Abt trotzig und hob
seinen Becher
    »Sieg den tapfern Waffen der Streiter Gottes« sprach die Herzogin und stieß
mit ihnen an
    »Und Rache für den braven Romeias« sagte Praxedis leise mit Tränen im Aug
wie der dürre Fridinger sein Glas an das ihrige klingen ließ
    Es war spät geworden Wilder Gesang und Kriegslärm erschallte noch im unteren
Saal Der junge Bruder der von Mutina in Welschland nach der Reichenau gekommen
war hatte sein Wächterlied wieder angestimmt
    Die Gelegenheit zu ernster Tat sollte nicht lange mehr auf sich warten
lassen
 
                                    Fußnoten
A1 Hufen Landes
A2 Unverwundbar machendes Hemd von reinen Jungfrauen in der Christnacht unter
besonderen Förmlichkeiten gesponnen
A3 Bezeichnung für große Lastschiffe auf Bodensee und Rhein gewöhnlich Lädine
Einzahl Lädi zu laden 
A4 Nisus und Euryalus durch hingebende Freundestreue ausgezeichnet ziehen
sich nachdem sie im Lager der Feinde Heldentaten verrichtet haben zurück
»Äneis« Buch 9 Vers 366 später wird Nisus von den Reitern des Volscens
getötet Volscens erliegt dem rächenden Schwert des selbst tödlich verwundeten
Euryalus
 
                              Dreizehntes Kapitel
                           Heribald und seine Gäste
Auf der Insel Reichenau wars still und öde nachdem des Klosters Insassen
abgezogen Der blödsinnige Heribald war Herr und Meister des Eilands Er gefiel
sich in seiner Einsamkeit Stundenlang saß er am Seeufer und warf flache
Kieselsteine über die Wellen dass sie drauf tanzten Wenn sie gleich anfangs
untersanken schalt er sie
    Mit den Hühnern im Hof pflog er manchen Zwiespruch er fütterte sie
pünktlich »Wenn ihr brav seid« sprach er einmal »und wenn die Brüder nicht
heimkommen so wird euch Heribald eine Predigt halten« Im Kloster trieb er
allerhand Kurzweil  an einem Tag der Einsamkeit lassen sich gar mancherlei
nützliche Gedanken aushecken  der Kamerarius hatte ihn geärgert dass er ihm
sein Leder zum Schuhwerk geweigert da ging Heribald auf des Kamerarius Zelle
seinen großen steinernen Wasserkrug schlug er in Trümmer die drei Blumentöpfe
desgleichen und trennte den Strohsack auf des Kamerarius Nachtlager entzwei und
füllte ihn mit den Scherben Dann versuchte er wie sich darauf liege der harte
Inhalt war scharf zu verspüren  da lächelte er zufrieden und ging in des Abt
Wazmann Gemächer
    Auch dem Abte war er gram dieweil er ihm manche Züchtigung zu verdanken
hatte aber es war alles wohl aufgeräumt und in Verschluss getan da blieb ihm
nichts übrig als dem gepolsterten Lehnstuhl einen Fuß abzuschlagen Er fügte
ihn wieder künstlich an als wäre nichts geschehen »Das wird anmutig mit ihm
zusammenbrechen wenn er heimkommt und sich bequemlich niederlassen will Den
Leib sollst du züchtigen sagt der heilige Benedikt Aber Heribald hat den
Stuhlfuss nicht abgeschlagen das haben die Hunnen getan «
    Gebet Andacht und Psalmensingen verrichtete er wie des Ordens Regel gebot
Die sieben Tageszeiten hielt der Einsame ängstlich ein als möcht er gestraft
werden ob deren Versäumnis auch zur Vigilie stieg er nach Mitternacht hinunter
in die Klosterkirche
    Zur Zeit als seine Mitbrüder auf der Herzogsburg mit den Sankt Gallischen
zechten stand Heribald im Chor unheimlich Grauen der Nacht lag über der Halle
düster flackerte die ewige Lampe er aber stimmte unverdrossen und mit Heller
Stimme den Eingangsvers an »Herr neige dich zu meinem Beistand Herr eile
heran zu meiner Hilfe« und sang den dritten Psalm den einst David gesungen da
er floh vor Absalom seinem Sohn Wie er an die Stelle kam wo Übung des
Psallierens gemäß die Antiphonie ertönen sollte hielt er nach alter Gewohnheit
an und wartete des Gegengesangs aber es blieb ruhig und stumm da fuhr er mit
der Hand nach der Stirn »Ja so« sprach der Blödsinnige »sie sind fort und
Heribald ist allein « Jetzt wollte er auch noch den vierundneunzigsten Psalm
singen wie es die Vorschrift nächtlichen Horadienstes erheischte da erlosch
die ewige Lampe eine Fledermaus war drüber hingestreift Draußen Regen und
Sturm Schwere Tropfen fielen auf das Dach der Kirche und schlugen an die
Fenster da wards ihm unheimlich zu Mut »Heiliger Benedikt« rief er »nimm
ein gnädig Einsehen dass Heribald nicht schuld ist wenn die Antiphonie
ungesungen blieb« Er schritt in der Dunkelheit aus dem Chor ein schriller Wind
pfiff durch ein Fensterlein der Krypta unter dem Hochaltar ein heulender Ton
kam heraus Wie Heribald vorwärts ging fasste ein Luftzug sein Gewand »Bist du
wieder da höllischer Versucher« rief er »muss wieder gefochten sein168«
    Unverzagt schritt er zum Altar und fasste ein hölzern Kreuz das der Abt
nicht hatte wegnehmen lassen »Im Namen der Dreieinigkeit komm heran Larve des
Satans Heribald erwartet dich« Festen Mutes stand er an des Altares Stufen
der Wind heulte fort der Teufel blieb aus  »Er hat noch genug vom
letztenmal« sprach der Blödsinnige lächelnd Vor Jahresfrist war ihm der böse
Feind erschienen in Gestalt eines großen Hofhundes und hatte ihn angebellt aber
Heribald hatte ihn bestanden mit einer Stange und ihm mit so tapfern Hieben
zugesetzt dass die Stange zerbrochen war 
    Da rief Heribald noch eine Auslese beleidigender Reden nach der Richtung
hin wo der Luftzug stöhnte wie sich aber nichts nahte ihn anzufechten
stellte er das Kreuz wieder auf den Altar beugte sein Knie und ging Kyrie
eleison murmelnd in seine Zelle zurück Bis in den hellen Morgen hinein schlief
er dort den Schlaf des Gerechten
    Die Sonne stand hoch am Himmel da wandelte Heribald vergnüglich vor dem
Kloster auf und nieder Seit dass er sich von den Schulbänken weg der Vakanz
hatte erfreuen mögen war ihm wenig Gelegenheit zum Ausruhen mehr geworden Ruhe
ist der Seele größte Feindin hatte Sankt Benedikt gesagt und darum seinen
Schülern streng vorgeschrieben die Stunden des Tages die nicht der Andacht
galten mit Arbeit der Hände auszufüllen Heribald war keiner Kunst oder
Handwerksgriffe kundig darum hatten sie ihn zum Holzspalten und ähnlich
nutzbringender Tätigkeit angehalten  jetzt aber schritt er die Arme gekreuzt
an den aufgebeugten Scheitern vorüber und schaute lächelnd nach einem
Klosterfenster hinauf »So komm doch herunter Vater Rudimann« rief er »und
halte den Heribald zum Holzhauen an Du hast ja so trefflich Aufsicht gehalten
über die Brüder und den Heribald so oft einen unnützen Knecht Gottes gescholten
wenn er den Wolken nachschaute statt die Axt zu führen warum tust du nicht
was deines Amtes«
    Kein Echo gab dem Blödsinnigen Antwort da zog er von den Scheitern der
untersten einige heraus rasselnd stürzte die hochgeschichtete Beuge zusammen
»Fallet nur« fuhr er im Selbstgespräch fort »Heribald macht Feiertag heut und
setzt nichts wieder auf Der Abt ist durchgegangen die Brüder sind
durchgegangen es geschieht ihnen recht wenn alles zusammenstürzt«
    Nach solch löblicher Verrichtung wandte sich Heribald zum Klostergarten
Eine anderweite Erwägung beschäftigte seinen Geist er gedachte ein paar
liebliche Stöcke Salates zu seinem Mittagsmahl zu schneiden und sie feiner
zuzubereiten als in Anwesenheit des Pater Küchenmeister je geschehen wäre
Lockend malte er sich die Arbeit aus wie er das Ölkrüglein sonder Schonung
angreifen und der größten Zwiebeln einige mitleidslos zerschneiden wollte da
wirbelte drüben am weisssandigen Ufer eine Staubwolke auf Gestalten von Ross und
Reitern wurden sichtbar 
    »Seid ihr schon da« sprach der Mönch und schlug ein Kreuz seine Lippen
bewegten sich zu einem hastigen Gebete aber bald lag die gewohnte Miene
zufriedenen Lächelns wieder auf seinem Antlitz
    »Fremden Wanderern und Pilgersmännern soll am Tor des Gotteshauses ein
christlicher Bescheid erteilt werden169« murmelte er  »ich werde sie
erwarten«
    Ein neuer Einfall flog jetzt durch sein Gemüt er fuhr mit der Hand über die
Stirn »Bin ich nicht in der Klosterschule über den Geschichten des Altertums
gesessen und hab gehört wie die römischen Senatoren der senonischen Gallier
Einbruch erwartet Den Mantel umgeschlagen den Elfenbeinszepter in der Faust
saßen die Greise in ihren Stühlen unbewegten Auges wie eherne Götzenbilder
der lateinische Lehrer soll uns nicht umsonst vorgepredigt haben das sei ein
würdiger Empfang gewesen Heribald kanns auch«
     Gelinder Blödsinn ist dann und wann eine neidenswerte Mitgift fürs
Leben was andere schwarz schauen scheint ihm blau oder grün zickzackig ist
sein Pfad aber von den Schlangen die im Gras lauern merkt er nichts und über
den Abgrund in den der weise Mann regelrichtig hineinstürzt stolpert er
hinüber sonder Ahnung der Gefahr  Ein kurulischer Stuhl war zur Zeit im
Kloster nicht vorhanden Heribald schob einen mächtigen Eichstamm an die Pforte
die in Hof führte »Zu was Zweck und Nutzen haben wir die weltliche Geschichte
gelernt so wir keinen guten Rat draus schöpfen« murmelte er setzte sich
gelassen auf seinen Block und wartete der Dinge die da kommen sollten
    Drüben am nahen Seeufer hielt ein Trupp Reiter die Zügel in Arm
geschlungen den Pfeil auf der Bogensehne waren sie spähend herangesprengt der
hunnischen Heerschar Vortrab Wie kein Hinterhalt aus dem weidenumbuschten Ufer
vorbrach hielten sie die Rosse eine Weile an zum Verschnaufen der Pfeil ward
in den Köcher gelegt der krumme Säbel mit den Zähnen gefasst die Sporen
eingepresst  so gings in den See Hurtig arbeiteten sich die Rosse durch die
blauen Wogen  jetzt war der vorderste am Land und sprang vom Gaul und
schüttelte sich dreimal wie ein Pudel der vom kühlen Bad zurückkommt mit
schneidigem Hurraruf zogen sie in der schweigenden Reichenau ein
    Wie in Stein gehauen saß Heribald und schaute unverzagt den seltsamen
Gestalten entgegen Nachdenken über vollendete menschliche Schönheit hatte ihm
noch keine schlaflose Nacht verursacht aber was jetzt auf ihn zukam deuchte
ihn so hässlich dass er ein langgedehntes »Erbarme dich unser o Herr nach
deiner Barmherzigkeit Größe« nicht zu unterdrücken vermochte
    In den Sattel gebückt saßen die fremden Gäste aus Tierfellen das Gewand
hager dürr und klein die Gestalt viereckig der Schädel das Haar steif
struppig herabhängend gelb glänzte das unfertige Gesicht als wär es mit Talg
gesalbt  der vordersten einer hatte durch freiwilligen Einschnitt seinen
aufgeworfenen Mund um ein Erkleckliches nach den Ohren hin verlängert
verdächtig schauten sie aus den kleinen tiefliegenden Augen in die Welt hinaus
    Ebensogut könnt man statt eines Hunnen einen Lehmklumpen halb viereckig in
den Händen formen etwas wie eine Nase dran aufstülpen und das Kinn einschlagen
dachte Heribald da standen sie vor ihm Er verstand ihre zischende Sprache
nicht und lächelte ruhig als ging ihn die ganze Bande nichts an Sie starrten
eine Zeitlang verwundert auf den närrischen Gesellen wie die Männer kritischen
Handwerks auf einen neuen Poeten von dem noch nicht klar in welchem Schubfach
vorrätiger Urteile sie ihn unterbringen sollen Itzt erschaute einer die
kahlgeschorene Stelle auf Heribalds Haupt und deutete mit dem krummen Säbel
drauf hin sie erhoben ein grinsendes Gelächter einer griff nach Bogen und
Pfeil und legte auf den Mönch an da ging Heribalds Geduld aus ein Anflug
germanischen Stolzes gegenüber solchem Gesindel kam über ihn »Bei der Tonsur
des heiligen Benedikt« rief er aufspringend »die Krone meines Hauptes soll
kein Heidenhund lästern« er fiel dem vordersten in die Zügel riss ihm den
krummen Säbel von der Seite kampfbereit wollte er sich aufpflanzen  aber
schneller denn der Blitz hatte ihm der Hunnen einer eine starke Schlinge übers
Haupt geworfen und riss ihn nieder sie stürzten über ihn her knebelten seine
Hände auf den Rücken schon waren todbringende Waffen geschwungen  da hub sich
ein fernes Gesumm und Getöse wie von einer mächtig heranrückenden Schar das zog
die Reiter von dem Blödsinnigen ab sie warfen ihn als wie einen Sack gebunden
zu seinem Eichstamm und jagten im Galopp zum Seeufer zurück
    Der ganze Tross des hunnischen Heerhaufens war drüben angelangt die vom
Vortrab gaben durch gellend Pfeifen ein Zeichen hinüber dass alles sicher sie
erspähten an der Insel schilfbewachsenem Ende eine Furt schier trocknen Fußes
zu durchreiten den Pfad wiesen sie ihren Gesellen Itzt kams herüber gebraust
wie das wilde Heer viele hundert Reitersmänner An Augsburgs Wällen und des
Bischofs Gebet waren ihre vereinten Waffen zerstiebt170 jetzt durchzogen sie
hordenweis das Land An Gestalt Antlitz und Art zu Pferd zu sitzen glich einer
dem andern  bei rohen Nationen sind die Gesichtszüge aller wie aus einem Guss
da es der einzelnen Beruf in der Masse aufzugehen nicht von ihr sich
abzuheben
    Da glänzten zwischen den Obstbäumen und Gartenfeldern der Insel wo sonst
der Mönch Brevier betend gewandelt zum erstenmal des Hunnenheeres fremde
Waffen schlangengleich wand sich der reisige Zug über den schmalen Pfad vom
Festland herüber ein wildes Klingen wie Zymbalschlag und Geigenton zog mit
ihnen es klang schrill und scharf wie Essig denn der Hunnen Ohr war groß aber
nicht feinfühlig und zur Musika wurden nur die verwendet die des Reiterdiensts
untüchtig
    Hoch über dem Heerhaufen wallte die Fahne mit der grünen Katze im roten
Feld bei ihr ritten etliche der Anführer Ellaks und Hornebogs hervorragende
Gestalten
    Ellak mit scharfer unhunnischer Nase eine Cirkassierin war seine Mutter
gewesen ihr dankte er das blasse schier denkerartige Antlitz und den
durchbohrenden Blick er war der leitende Verstand des Haufens dass die alte
Welt umgepflügt werden müsse mit Feuer und Schwert und dass es besser Pflüger
als Dung zu sein seine Lebensüberzeugung Hornebog schmal und schmächtig das
schwarze Haupthaar auf beiden Seiten des Angesichts zu zwei großen einsamen
Locken zusammengedreht drüber einen glänzenden Helm mit weithin starrenden
Adlerflügeln hunnischer Reiterkunst ein Vorbild ihm war der Sattel Heimat
Zelt und Palast er schoss den Vogel im Flug und trennte mit krummem Säbel ein
Haupt vom Rumpf im Vorbeisprengen Im Halfter wiegte sich ruhig die sechsfältige
geknutete Peitsche ein sinnig Symbol befehlshabender Gewalt
    Über der Rosse Rücken hatten die Hauptmänner köstlich gewirkte Decken
hangen auch Messgewänder ein lebendig Zeugnis dass sie schon anderwärts
Klosterbesuch abgestattet In etlichen Wägen wurde die Kriegsbeute mitgeführt
großer Tross schloss den Zug
    Auf maultiergezogenem Gefährt bei den kupfernen Feldkesseln und anderweitem
Küchengerät saß ein alt runzlig Weib Sie hielt die Hand über die Augen und
schaute gegen die Sonne dort ragten die Bergkegel des Hegau herüber sie kannte
ihre Kuppen  das Weib war die Waldfrau Ausgetrieben von Ekkehard war sie in
die Fremde gezogen Rache der Gedanke mit dem sie des Morgens vom Schlafe
erwachte und des Abends sich niederlegte so kam sie unstet wandernd vor
Augsburg am Fuß des Berges drauf einst die Schwabengöttin Zisa171 ihren
Holztempel gehabt brannten der Hunnen Lagerfeuer sie fand sich zu ihnen
    Auf stattlichem Rappen ritt bei der Waldfrau ein Mägdlein kurz
aufgeschürzt in kecker Fülle gesunden Reiterlebens unter stumpfem Näslein ein
verführerisch Lippenpaar die Augen funkelnd das Haar zu einer wallenden
Flechte geschlungen die von rotem Band durchwoben in der Luft flatterte wie
Wimpel eines Meerschiffs Über das lose Mieder hing Bogen und Köcher so
tummelte sie ihr Tier eine hunnische Artemis Das war Erica das Heideblümlein
sie war nicht hunnischen Stammes in den Steppen Pannoniens hatten die Reiter
sie als ein verlassen Kind aufgelesen und sie war mitgezogen und groß geworden
ohne zu wissen warum wen sie gern hatte den streichelte sie wer ihr missfiel
den biss sie in den Arm Botund der alte Hunnenwachtmeister hatte sie geliebt
Irkund der junge schlug den Botund wegen des Heideblümleins tot aber wie
Irkund sich ihrer Liebe erfreuen wollt kam Zobolsu und tat ihm mit spitzer
Lanze denselben Dienst den Irkund dem Botund ohne sein Ansuchen erwiesen  so
waren Ericas Schicksale mannigfalt neue Wege neue Länder neue Liebe aber sie
war dem Reitertrupp zugewachsen als wär sie sein guter Geist und stund in
abergläubischer Verehrung  »solang die Heideblume bei uns blüht besiegen wir
die Welt« sprachen die Hunnen »vorwärts«
    Bei der Klosterpforte lag indes Heribald der Geknebelte Seine
Betrachtungen waren traurig eine große Stechfliege summte um sein Haupt mit
auf den Rücken gebundenen Händen vermochte er nicht ihr zu wehren Heribald hat
sich würdig betragen dachte er wie ein alter Römer ist er dagesessen den
Feind zu empfangen jetzt liegt er geknebelt auf dem Pflaster und die Fliege
sitzt ungescheut auf seiner Nase das ist der Lohn für das Würdige Heribald
wird zeitlebens nimmer würdig sein Unter Stachelschweinen ist Würde ein gar
überflüssig Ding
    Wie ein Waldbach bei gehobener Schleuse wälzte sich jetzt der Hunnenzug in
den Klosterhof
    Da wards dem guten Heribald nimmer ganz geheuer »O Kamerarius« fuhr er in
seinen Betrachtungen fort  »und weigerst du mir das nächstemal außer dem
Schuhleder auch noch Hemd und Kutte so flieh ich doch ein nackter Mann von
dannen«
    Die vom Vortrab traten zu Ellak und meldeten wie sie den einsamen Mönch
getroffen Er winkte ihn beizubringen da lösten sie ihm den Strick stellten
ihn aufrecht in den Hof und deuteten durch Faustschläge die Richtung nach dem
Anführer Langsam schritt der Unglückliche vorwärts er stieß ein unwillig
Murren aus
    Ein unsäglich spöttischer Zug flog über des Hunnenführers Lippen wie er vor
ihm stand lässig ließ er die Zügel über des Rosses Hals hangen und wandte sich
rückwärts
    »Schau doch wie ein Vertreter deutscher Kunst und Wissenschaft aussieht«
rief er zu Erica hinüber  Auf mehrfachen Raubzügen hatte Ellak notdürftig des
deutschen Landes Sprache erlernt »Wo sind die Bewohner der Insel« fragte er
gebieterisch
    Heribald deutete nach dem fernen Hegau
    »Gewaffnet« fragte Ellak weiter
    »Die Diener Gottes sind stets gewaffnet der Herr ist ihnen Schild und
Schwert«
    »Gut gesagt« lachte der Hunne »Warum bist du zurückgeblieben« Heribald
ward verlegen Den wahren Grund von wegen seiner zerrissenen Schuhe anzugeben
gestattete ihm sein Ehrgefühl nicht »Heribald ist fürwitzig« sprach er
»Heribald wollte schauen wie die Söhne der Teufel aussehen «
    Ellak teilte seinen Gefährten des Mönchs höfliche Worte mit Ein wiehernd
Gelächter erscholl
    »Ihr braucht nicht zu lachen« rief Heribald verdrießlich »wir wissen recht
wohl wer ihr seid der Abt Wazmann hats uns gesagt«
    »Ich werd dich totschlagen lassen« sprach Ellak gleichgültig
    »Das wird mir recht geschehen« sprach Heribald »warum bin ich nicht
durchgegangen«
    Ellak musterte den störrischen Gesellen mit prüfendem Blick da fiel ihm ein
anderer Gedanke bei Er winkte dem Bannerträger dass er näher trete Der kam und
schwang die Fahne mit der grünen Katze Die war einst dem Hunnenkönig Etzel in
seiner Jugend erschienen träumerisch saß er in seines Oheim Rugilas Zelt er
war schwermutig und überlegte sich ob er nicht ein Christ werden und Gott und
der Wissenschaft dienen solle da kam die Katze Unter Rugilas Kleinodien hatte
sie den goldenen Reichsapfel vorgeholt ein Beutestück von Byzanz sie hielt ihn
in den Krallen und spielte damit und rollte ihn hin und her Und eine Stimme
sprach in Etzel »Du sollst kein Mönch werden du sollst mit der Erdkugel dein
Spiel treiben wie dieses Tier« und er merkte dass ihm der Hunnengott Kutka
erschienen war ging hin schwang sein Schwert nach den vier Weltteilen ließ
seine Fingernägel wachsen und wurde was er werden sollte Attila König der
Hunnen die Geissel Gottes 
    »Knie nieder elender Mönch« rief Ellak vom Ross  herunter »der hier
gemalt steht auf dem Banner den sollst du anbeten«
    Aber festgewurzelt stand Heribald
    »Ich kenne ihn nicht« sprach er mit dumpfem Lachen
    »Der Hunnen Gott« rief der Anführer zürnend »Auf die Knie Kuttenträger
oder « er deutete auf sein krummes Schwert
    Heribald lachte abermals und fuhr mit dem Zeigefinger nach der Stirn »Da
kennt Ihr Heribald schlecht« sagte er »wenn Ihr glaubt dass er sich das
aufbinden lasse Es steht geschrieben als Gott Himmel und Erde erschaffen und
Finsternis über den Abgründen lag da sprach er es werde Licht Wenn Gott eine
Katze wäre hätt er nicht gesagt es werde Licht Heribald kniet nicht «
Ein hunnischer Reiter trat unbemerkt bei zupfte den Mönch am Gewand und raunte
ihm leise aber auf gut schwäbisch ins Ohr »Landsmann ich tät knieen an
deiner Stell es sind gar lebensgefährliche Leut« Der Warner hieß eigentlich
Snewelin und war von Ellwangen im Riessgau seiner Geburt nach ein fester
Schwabe aber im Lauf der Zeiten ein Hunne geworden und stand sich ganz gut
dabei Und er sprachs mit etwas windigem Ton in der Stimme denn es fehlten ihm
vier Vorderzähne und auch der Backenzähne etliche und das war eigentlich die
Ursache dass er unter den Hunnen zu finden In jungen Tagen nämlich da er noch
als friedlicher Fuhrmann des Heimatlichen Salvatorklösterleins sein Dasein
fristete war er mit einer Ladung schillernden Neckarweines unter guter
Bedeckung und kaiserlichem Schutz nordwärts geschickt worden auf den großen
Markt zu Magdeburg172 Dorthin kamen die Priester der heidnischen Pommern und
Wenden ihren Opferwein zu kaufen und er machte ein gut Geschäft da er seine
Ladung an den weissbärtigen Oberpriester des dreiköpfigen Gottes Triglaff173 für
den großen Tempel bei Stettin losschlug Aber dann blieb er mit dem weissbärtigen
Heiden bei der Weinprobe sitzen und dem schmeckte der schwäbische Nektar und
er kam in die Begeisterung und hub an ihm die Herrlichkeit seiner Heimat zu
Preisen und sagte bei ihnen zwischen Spree und Oder fange eigentlich die Welt
erst an und wollte ihn bekehren zum Dienste Triglaffs des Dreiköpfigen und
des schwarzweissen Sonnengottes Radegast und der Radomysl der Göttin der
lieblichen Gedanken  da wards dem Mann von Ellwangen zu bunt »Ihr seid ja ein
scheusslicher wendischer Windmüller« rief er und warf den Zechtisch um und fuhr
an ihn gleichwie der junge Recke Siegfried da er den langbärtigen wilden
Gezwerg Allberich anlief und ward handgemein mit ihm und riss ihm mit starkem
Ruck seines Graubarts Hälfte aus Jener aber rief Triglaff den Dreiköpfigen an
und schlug ihm mit eisenbeschlagenem Opferstab einen Streich auf die Kinnlade
der die Zier seiner Zähne für immer zerstörte Und ehe der zahnlose schwäbische
Fuhrmann sich wieder erholte war sein weissbärtiger Widersacher von dannen
gefahren und er konnte sich nimmer an ihm rächen aber wie er zu Magdeburgs Tor
hinausging ballte er seine Faust nordwärts und sprach »Wir kommen auch wieder
zusammen« In der Heimat lachten sie ihn wegen seiner Zahnlücke noch gröblich
aus da ging er im hellen Verdruss unter die Hunnen und gedachte wenn die einmal
gen Norden ritten mit dem dreiköpfigen Triglaff und allem was ihm diente eine
furchtbare Rechnung abzumachen 
    Heribald hörte nicht auf den seltsamen Reitersmann Die Waldfrau war von
ihrem Wagen heruntergesprungen und trat vor Ellak grinsend schaute sie nach dem
Mönch »Ich hab nach den Sternen geschaut« rief sie »von kahlgeschorenen
Männern droht uns Unheil Ihr sollt zur Abwendung diesen Elenden an des Klosters
Pforte aufhängen lassen mit dem Gesicht nach dem Gebirg gewendet«
    »Knüpft ihn auf« riefen viele im Haufen die der Waldfrau Gebärden
verstanden
    Ellak hatte sich wieder zu Erica hinüber gewendet »Dies Ungeheuer hat auch
Grundsätze« sprach er höhnisch »es gilt seinen Tod und er weigert das Knie zu
beugen Lassen wir ihn aufknüpfen Blume der Heide«
    Heribalds Leben hing an schwachen Fäden Er sah rings die unheimlichen
Gesichter sein blöder Mut begann zu schwinden das Weinen stand ihm nah aber
ein richtiger Zug liegt auch im Törichtsten zur Stunde der Gefahr  wie ein
Stern glänzte ihm der Heideblume rotwangig Antlitz herüber da sprang er mit
angstvollen Schritten durchs Getümmel zu Erica Vor ihr kams ihm nicht schwer
zu knieen ihr Liebreiz schuf ihm Vertrauen mit ausgestreckten Armen flehte er
um Schutz
    »Seht seht« rief die Heideblume »der Mann der Insel ist nicht so töricht
als er ausschaut Er kniet lieber vor Erica als vor der grünroten Fahne« Sie
sah gnädig auf den Mitleidswerten sprang vom Ross und streichelte ihn wie ein
halbwild Tier »Fürcht dich nicht« sprach sie »du sollst am Leben bleiben
alter Schwarzrock« und Heribald las aus ihren Augen dass ihre Versicherung
ernst war Er deutete nach der Waldfrau die ihm am meisten bang gemacht Erica
schüttelte das Haupt »Die darf dir nichts tun« Da sprang Heribald wohlgemut an
die Mauer Frührosen blühten dort und Flieder schnell riss er etlich Gezweig ab
und reichte es der hunnischen Maid Schallender Jubel hob sich im Klosterhof174
»Der Heideblume Heil« riefen sie und klirrten mit den Waffen »Schrei mit«
raunte der Mann von Ellwangen dem Geretteten zu  jetzt hub auch Heribald seine
Stimme und rief ein heiseres Heil Tränen standen ihm im Aug
    Die Hunnen sattelten ab Wie die Meute der Hunde am Abend der Jagd des
Augenblicks harrt wo der ausgeweidete Hirsch ihnen als Beute vorgeworfen wird
hier zerrt einer am haltenden Strick dort bellt ein anderer laut vor Ungeduld
so standen sie vor dem Kloster Jetzt gab Ellak das Zeichen dass die Plünderung
beginnen möge In wildem Ungestüm stürmten sie durcheinand die Gänge entlang
die Stufen hinauf in die Kirche hinein Verworren Geschrei erscholl von
vermeintlichem Fund und getäuschter Hoffnung die Zellen der Brüder wurden
durchsucht nur spärlicher Haushalt war drinnen
    »Zeig uns die Schatzkammer« sprachen sie zu Heribald Der tats gern er
wusste dass das Kostbarste geflüchtet war Nur versilberte Leuchter und der große
Smaragd von Glasfluss waren noch vorhanden »Schlecht Kloster« rief einer
»Bettelvolk« und trat mit gewappnetem Fuß auf den unechten Edelstein dass ein
mächtiger Sprung hineinklirrte Den Heribald lohnten sie mit Faustschlägen dass
er betrübt hinwegschlich
    Im Kreuzgang kam ihm der Hunne Snewelin entgegen »Landsmann« rief er »ich
bin ein alter Weinfuhrmann sagt an wo ist euer Keller« Heribald führte ihn
hinab vergnüglich lachte er da er den Haupteingang vermauert sah und nickte
dem frisch aufgetragenen Kalk vertraulich zu als wisse er sein Geheimnis Der
Mann von Ellwangen prüfte nicht lang er schnitt die Siegel von dem einen Fass
stach den Hahnen drein und schöpfte seinen Helm voll Es war ein langer langer
Zug den er tat »O Hahnenkamm und Heidenheim« sprach er sich schüttelnd wie
ein Fieberkranker »von wegen dem Getränk hätt ich nicht unter die Hunnen zu
gehen brauchen«  Er hieß die Gefährten die Fässer hinausschleppen aber
besorgt trat Heribald vor und zupfte einen der Plünderer am Gewand »Erlaube
guter Mann« sprach er mit wehmütigem Ausdruck »was soll ich denn trinken wenn
ihr wieder abgezogen seid175«
    Lachend erklärte Snewelin des Mönchs Besorgnis den andern »Der Narr muss
auch was haben« sprachen sie und legten ihm das kleinste von den drei Fässern
unangetastet zurück er aber ward gerührt ob solcher Rücksicht und schüttelte
ihnen die Hände
    Droben im Hofe hub sich ein wilder Lärm etliche hatten die Kirche
durchsucht auch eine Grabplatte aufgehoben da schaute ein verwitterter Schädel
aus dunkler Kutte zu ihnen empor das schreckte selbst die Hunnen zurück Zwei
von den Gesellen stiegen auf den Kirchturm dessen Spitze nach herkömmlichem
Brauch ein vergoldeter Wetterhahn zierte Mochten sie ihn für den Schutzgott des
Klosters oder für echtes Gold halten sie kletterten auf das Turmdach verwegen
saßen die zwei Gestalten oben und stachen mit ihren Lanzen nach dem Hahn  da
fasste sie plötzlicher Schwindel den gehobenen Arm ließ einer sinken  ein
Schwanken  ein Schrei er stürzte herab der andere ihm nach gebrochenen
Genickes lagen sie im Klosterhof176
    »Schlimm Vorzeichen« sprach Ellak für sich Die Hunnen schrien auf doch
nach wenig Augenblicken war der Unfall wieder vergessen das Schwert hatte schon
so manchen von seiner Genossen Seite gerafft was war an zwei mehr oder weniger
gelegen Sie trugen die Leichname in Klostergarten Aus den Holzstämmen die
Heribald in der Frühe umgeworfen ward ein Scheiterhaufe geschichtet aus des
Klosters Bücherei waren die übriggebliebenen Kodices in Hof heruntergeworfen
worden die brachten sie als nützlichen Brandstoff herbei und füllten damit die
Lücken am Holzstosse
    Ellak und Hornebog schritten durch die Reihen Eingeklemmt zwischen den
Scheitern schaute eine sauber geschriebene Handschrift betrüblich herfür die
goldenen Initalen glänzten an den umgeknickten Blättern Da zog Hornebog sein
krummes Schwert und stach das Pergament heraus auf der Spitze der Klinge hielt
ers seinem Gefährten entgegen
    »Zu was die Haken und Hühnerfüsse Herr Bruder« sprach er
    Ellak nahm das gespiesste Buch und blätterte drin er war auch des
Lateinischen kundig
    »Abendländische Weisheit« sprach er »Einer namens Boetius hats
geschrieben es stehen schöne Sachen drin vom Trost der Philosophie«
    »Philosophie Herr Bruder« sprach Hornebog »was ist das für ein Trost«
    »Ein schönes Weib ists nicht auch kein gebranntes Wasser« war Eklats
Antwort »Es ist auf hunnisch schwer zu beschreiben  wenn einer nicht weiß
warum er auf der Welt ist und sich auf den Kopf stellt ums zu erfahren das
ist ungefähr was die im Abendland Philosophie heißen Den der sich damit
getröstet in seinem Wasserturm zu Pavia haben sie deswegen doch dereinst mit
Keulen totgeschlagen A1«
    »Mögs ihm wohlbekommen« sprach Hornebog »Wer den Säbel in der Faust und
das Ross zwischen den Schenkeln hat weiß auch warum er auf der Welt ist Und
wenn wirs nicht besser wüssten wie diejenigen die solche Haken auf Eselshaut
klecksen so wären sie an der Donau uns auf den Fersen und wir tränkten unsere
Rosse nicht aus dem Schwäbisschen Meer«
    »Wisst Ihr auch dass es ein Glück ist dass solches Zeug angefertigt wird«
fuhr Ellak fort und warf den Boëtius auf den Scheiterhaufen zurück »Warum«
fragte Hornebog
    »Weil die Hand die die Rohrfeder führt nimmer taugt einen Schwertieb zu
tun der ins Fleisch geht und ist der Unsinn den der einzelne Kopf ausheckt
einmal gebucht so verbrennen sich noch hundert andere das Hirn dran Hundert
Strohköpfe mehr macht hundert Reiter weniger das ist dann unser Vorteil wenn
wir über die Grenze brechen Solang sie im Abendland Bücher schreiben und
Synoden halten mögen meine Kinder ruhig ihr so Zeltlager vorwärtsrücken so
hats schon der große Etzel seinen Enkeln hinterlassen«
    »Gelobt sei der große Etzel« sprach Hornebog ehrerbietig
    Da rief eine Stimme »Lasst die Toten ruhen« Tändelnden Schrittes kam
Erica zu den beiden Sie hatte die Klosterbeute gemustert eine Altardecke aus
rotem Seidenzeug fand Gnade vor ihren Augen sie trug sie wie einen Mantel
umgeschlagen die Enden leicht über die Schultern geworfen
    »Wie gefall ich euch« sprach sie und wandte ihr Haupt selbstgefällig
    »Die Heideblume braucht keinen Schmuck schwäbischer Götzendiener um zu
gefallen« sprach Ellak finster Da sprang sie an ihm hinauf streichelte sein
straffes schwarzes Haar und rief »Vorwärts das Mahl ist gerichtet«
    Sie schritten zum Hofe Den ganzen Heuvorrat des Klosters hatten die Hunnen
umhergestreut und lagerten drauf des Mahles gewärtig Mit gekreuzten Armen
stand Heribald und schaute zu ihnen nieder »Die Teufelsbrut kann nicht einmal
sitzen wies einem Christenmenschen ziemt wenn er sein täglich Brot verzehrt«
 so dachte er doch sprach ers nicht aus Erfahrung häufiger Schläge lehrt
Schweigsamkeit
    »Leg dich nieder Schwarzrock du darfst mitessen« rief Erica und machte
ihm ein Zeichen dass er der andern Beispiel folge Er schaute nach dem Mann von
Ellwangen der lag mit verschränkten Beinen als hätt ers nie anders gelernt 
da machte Heribald einen Versuch aber bald stund er wieder auf das Liegen
deuchte ihm allzu unwürdig Er holte sich im Kloster einen Stuhl und setzte sich
zu ihnen
    Ein Ochse war am Spieß gebraten Was sonst der Klosterküche Vorrat bot ward
gereicht sie fielen hungrig drüber her Mit kurzem Säbel ward das Fleisch
herunter gehauen die Finger der Hand vertraten bei den Schmausenden die Stelle
von Messer und Gabel Aufrecht stund das große Weinfass im Hofe ein jeder
schöpfte draus soviel ihm beliebte da und dort kam ein kunstgeformter Kelch
als Trinkgefäss zum Vorschein Auch dem Heribald brachten sie Weines die Hülle
und Fülle wie er aber stillvergnügt dran nippte flog ihm ein halb genagter
Knochen an den Kopf  er schaute schmerzlich auf aber er schaute dass noch
manchen der Schmausenden ein gleiches Schicksal ereilte sich mit den Knochen
werfen war hunnischer Brauch anstatt eines Nachtisches
    Weinwarm begannen sie drauf ein ungefüges Singen177 Zwei der jüngeren
Reitersmänner trugen ein altes Lied zum Preis des König Etzel vor es hieß drin
dass er nicht nur mit dem Schwerte sondern auch durch Liebreiz ein Sieger
gewesen allentalb und kam eine höhnische Strophe über eines römischen Kaisers
Schwester die ihm Hand und Herz aus verliebter Ferne entgegentrug ohne dass
ers annahm
    Wie Eulenschrei und Unkenruf klang der Chorus dann traten etliche auf
Heribald zu und machten ihm deutlich dass auch von ihm ein Gesang verlangt
werde Er wollte sich weigern es half nichts Da stimmte er ernst und mit
schier weinender Stimme den Antiphon zu Ehren des heiligen Kreuzes an der da
beginnt »Sanctifica nos« Staunend horchten die Trunkenen den langen ganzen
Tönen des alten Kirchengesangs wie eine Stimme aus der Wüste klang die fremde
Weise Zürnend hörte es auch die Waldfrau beim kupfernen Kessel mit ihrem
Messer schlich sie herüber fasste Heribalds Haupthaar und wollte ihm das Gelock
verschneiden  der höchste Schimpf der eines Geistlichen durch die Tonsur
geweihtem Haupte widerfahren konnte
    Aber Heribald stieß sie zurück und sang unverdrossen weiter Das gefiel den
Versammelten sie jauchzten auf Zimbal und Geige fielen ein jetzt kam Erica auf
den Mönch zu der einförmige Sang war ihr langweilig geworden mit schalkhaftem
Mitleid fasste sie ihn »Nach Sang kommt Tanz« rief sie und riss ihn in den
Wirbel betäubenden Reigentanzes178 Heribald wusste nicht wie ihm geschah Der
Heideblume Busen wogte ihm entgegen »Ob Heribald tanzt oder nicht es ist nur
ein kleiner Ring in der großen Kette des Greuls«  da schwang er seine
sandalenschweren Füße wacker mit die Kutte wirbelte um ihn her fest und fester
presste er die hunnische Maid wer weiß was noch geschehen wäre  mit
geröteten Wangen hielt sie endlich an gab dem Blödsinnigen einen leichten
Schlag ins Antlitz und sprang zu den Heerführern die ernst in den tobenden
Schwarm schauten
    Der Jubel ging zu Ende der Wein war verraucht da gebot Ellak die Toten zu
verbrennen In eines Augenblicks Schnelle saß der Schwarm zu Rosse in Reih und
Glied ritten sie zum Scheiterhaufen Vom Ältesten der Hunnen wurden der Toten
Pferde erstochen und zu ihrer Herren Leichen gelegt einen schauerlichen
Weihespruch rief der greise Hunn über die Versammelten dann schwang er den
Feuerbrand und entzündete den Holzstoss  Boëtius Trost der Philosophie
Tannenscheiter Handschriften und Leichname wetteiferten in prasselndem
Aufflammen eine mächtige Rauchsäule stieg gen Himmel
    Mit Ringkampf Waffenspiel und Wettrennen ward der Toten Gedächtnis
gefeiert Die Sonne neigte sich zum Untergehen Die Hunnenschar verblieb die
Nacht im Kloster 
     Es war am Donnerstag vor Ostern als dies auf der Insel Reichenau sich
zutrug Die Kunde vom Überfall kam schnell in die Fischerhütten um Radolts
Zelle Wie Moengal der Leutpriester den Frühgottesdienst hielt zählte er
seiner andächtigen Zuhörer noch sechs in der Kirche des Nachmittags warens
drei ihn mit eingerechnet
    Zürnend sah er in der Wohnstube drin er einst Ekkehard freundlich bewirtet
Da stieg die Rauchwolke vom hunnischen Totenbrand auf er trat aus Fenster 
Es qualmte als wenn das ganze Kloster in Flammen stünde brandiger Geruch kam
über den See »Hihahoi« rief Moengal »iam proximus ardet Ucalegon schon
brennt es beim Nachbar UkalegonA2 So muss auch ich mein Haus bestellen Heraus
jetzt alte Kambutta179«
    Die Kambutta war keine dienende Magd sondern ein nach irischer Weise
zugeschnittener riesiger Keulenstock Moengals liebstes Handgewaffen
    Er verpackte Messkelch und Ziborium in die rehfellene Jagdtasche weiter war
an Gold und Geld nichts vorrätig Dann versammelte er seine Jagdhunde den zur
Reiherbeize geübten Habicht und die zwei Falken was seine Vorratkammer an
Fleisch und Fischen bot warf er ihnen vor »Fresst euch satt Kinder dass nichts
für die gottverfluchten Landplagen übrigbleibt«
    Das Fass im Keller schlug er entzwei dass der funkelnde Wein herausströmte
»Nicht einen Tropfen Seeweins sollen die Teufel in Moengals Pfarrhaus zu
schlucken bekommen« Nur den Essig im Krug ließ er unversehrt stehen
    Über die kristallhelle Butter in der Holztonne schüttete er eine Schicht
Asche Angelhaken und Jagdgerät vergrub er dann schlug er die Fenster ein und
streute die spitzen Glasscherben sorglich durch die Gemächer andere steckte er
zwischen die Spalten der Dielen  die Spitze nach oben  alles den Hunnen zu
Ehren Habicht und Falken ließ er hinausfliegen »Lebt wohl« rief er »und
haltet euch gut in der Nähe bald gibts tote Heiden zu benagen«
    So war das Haus bestellt Die Tasche umgeworfen eine lederne hibernische
Feldflasche drüber zwei Spieße in der Faust die Keule Kambutta auf den Rücken
geschnallt so schritt Moengal der Alte aus seinem langjährigen Pfarrsitz ein
rechtschaffener Streiter des Herrn
    Ein Stück Weges hatte er zurückgelegt der Himmel war verdüstert von Brand
und Rauch »Halt an« sprach er »ich hab etwas vergessen«
    Er ging wieder zurück Einen Gruß zum Empfang ist das gelbgesichtige
Gesindel doch wert Ein Stück Rötel zog er aus seiner Tasche und schrieb damit
in irischer Schrift ein paar Worte auf die graue Sandsteinplatte über dem Portal
des Pfarrhofs Gewitterregen hat sie später verwaschen und niemand hat sie
entziffert aber sicher wars ein inhaltschwerer Spruch den Moengal der Alte
in irischen Runen zurückließ 
    Er schlug einen scharfen Schritt an und wandte sich dem hohen Twiel zu
 
                                    Fußnoten
A1 Boetius der Verfasser des Werkes »De consolatione philosophiae« wurde des
Hochverrats angeklagt und auf Befehl des Teodorich nach langer Einkerkerung 62
n Chr zu Pavia getötet
A2 Aus Virgils »Äneis« 2 Gesang V 311 f
 
                              Vierzehntes Kapitel
                              Die Hunnenschlacht
Karfreitagmorgen war angebrochen Des Erlösers Todestag ward heute auf dem hohen
Twiel nicht in der stillen Weise begangen wie es der Kirche Vorschrift
heischte Des alten Moengal Ankunft hatte alle Zweifel gelöst ob der Feind
herannahe noch in später Nacht hatten sie Kriegsrat gehalten und waren eins
geworden den Hunnen entgegenzurücken und sie in offenem Feldstreit zu bestehen
    Trüb ging die Sonne auf bald war sie wieder verhüllt Sturmwind zog übers
Land und jagte das Gewölk dass es sich über den fernen Bodensee niedersenkte
als wenn Wasser und Luft eins werden wollten Dann und wann schlug ein
Sonnenstrahl durch es war des Frühlings noch unentschiedener Kampf mit des
Winters Gewalten Die Männer hatten sich vom Lager erhoben und rüsteten zu des
ernsten Tages Arbeit
    In seiner Turmstube ging Ekkehard schweigsam auf und nieder die Hände zum
Gebet gefaltet Ein ehrenvoller Auftrag war ihm geworden Er sollte zum
versammelten Kriegsvolke die Predigt halten bevor man auszöge zum Streit da
betete er um Stärke und mutigen Flug der Gedanken dass sein Wort werde zum
glühenden Funken der in aller Herz die Flamme der Streitlust entfache
    Plötzlich tat sich die Türe seines Gemaches auf Herein trat die Herzogin
ohne Praxedis Begleitung einen faltigen Mantel hatte sie über das Morgengewand
umgeworfen als Schutz gegen die Kühle der Frühstunde vielleicht auch dass sie
den fremden Gästen unerkannt sein wollte wie sie zum Turme schritt Ein leicht
Erröten überflog sie wie sie allein ihrem jungen Lehrer gegenüberstand
    »Ihr zieht heute mit in den Kampf« fragte sie
    »Ich ziehe mit« sprach Ekkehard
    »Ich würd Euch verachten müsst ich eine andere Antwort hören« sprach die
hohe Frau  »und Ihr habt wohl vorausgesehen dass es nicht notwendig Urlaub
von mir zu solchem Gang zu erbitten Auch ans Abschiednehmen denkt Ihr nicht«
fuhr sie mit leis vorwurfsvollem Ton fort
    Ekkehard stand verlegen »Es ziehen fürnehmere und bessere Männer heute aus
Eurer Burg« sagte er »die Äbte und die Edelen werden um Euch sein wie konnt
ich an besonderen Abschied denken auch wenn es « seine Stimme stockte
    Die Herzogin schaute ihn an Beide schwiegen
    »Ich bring Euch etwas das Euch im Kampfe dienlich sein soll« sprach sie
nach einer Weile Sie trug unter ihrem Mantel ein kostbar Schwert in reichem
Wehrgehäng ein milchweisser Achatstein erglänzte am Griff »Es ist das Schwert
Herrn Burkhards meines seligen Gemahls Von allen Waffenstücken hielt er das am
höchsten Mit der Klinge lassen sich Felsen spalten sie splittert nicht hat er
oft gesagt Ihr sollt ihm Ehre machen«
    Sie reichte ihm die Waffe dar Ekkehard nahm sie schweigend hin Schon trug
er den Harnisch unter der Kutte jetzt schnallte er das Wehrgehäng um und fuhr
mit der Rechten nach dem Schwertgriff als stünd ihm bereits der Feind
gegenüber
    »Und noch etwas« sprach Frau Hadwig
    An seidener Schnur trug sie ein goldgefasst Kleinod um den Hals das zog sie
aus ihrem Busen es war ein Kristall der einen unscheinbaren Splitter barg
»Wenn mein Gebet nicht ausreicht so mög Euch die Reliquie Schutz verleihen Es
ist ein Splitter vom heiligen Kreuz das die Kaiserin Helena einst aufgefunden
Wo auch immer dies Heiligtum sein wird da wird Friede sich einstellen und
Mehrung des Anwesens und Gesundheit der Luft180 so stand im Schreiben mit dem
der griechische Patriarch die Echteit beglaubigte Mög es auch im Krieg Segen
spenden«
    Sie neigte sich dem Mönch das Kleinod umzuhängen Er beugte sein Knie
längst hings um seinen Hals er kniete noch Sie streifte leicht mit der Hand
über sein lockig Haar ein Zug von Milde und Wehmut lag über ihrem strengen
Antlitz  Ekkehard hatte vor dem Namen des heiligen Kreuzes sein Knie gebeugt
jetzt wars ihm als müsse er sich ein zweitesmal niederwerfen niederwerfen vor
ihr die so huldvoll seiner gedachte Aufkeimende Neigung braucht Zeit sich
über sich selbst klar zu werden und in Dingen der Liebe hatte er nicht rechnen
und abzählen gelernt wie in den Versmassen des Virgilius sonst hätte er sich
sagen mögen dass wer ihn aus des Klosters Stille zu sich gezogen wer an jenem
Abend auf Hohenkrähen wer am Morgen der Schlacht so vor ihm stand wie Frau
Hadwig jetzt wohl ein Wort aus der Tiefe des Herzens vielleicht mehr als ein
Wort von ihm erwarten mochte
    Seine Gedanken jagten sich alle Pulse schlugen
    Wenn früher etwas wie Liebe sich in ihm geregt so war die Ehrfurcht vor
seiner Gebieterin herangetreten es zurückjagend wie der Sturm der dem scheu
zum Dachfenster herausschauenden Kind den Laden vor der Nase zuwirft An die
Ehrfurcht dachte er jetzt nicht eher daran wie er die Herzogin einst mit
keckem Arm durch den Klosterhof getragen Auch an sein Mönchsgelübde dachte er
nimmer es regte sich in ihm als sollt er ihr in die Arme fliegen und sie
jauchzend ans Herz pressen  Herrn Burkhards Schwert brannte ihm an der Seite
Wirf ab die Scheu dem Kühnen gehört die Welt Wars nicht so in Frau Hadwigs
Augen zu lesen
    Er stand auf stark groß frei  so hatte sie ihn noch nie gesehen  Aber
es war nur eine Sekunde noch war kein Laut vom Sturm des Herzens über die
Lippen geflohen da fiel sein Blick auf das dunkle Kreuz von Ebenholz das
Vincentius einst in seiner Turmstube aufgehängt »Es ist der Tag des Herrn und
du sollst heute reden vor dem Volk«  die Erinnerung an seine Pflicht schlug
alles nieder 
    Es kam einmal ein Frost am Sommermorgen und Halm und Blatt und Blüten wurden
schwarz bevor die Sonne drüber aufging 
    Zag wie ehedem ergriff er Frau Hadwigs Hand
    »Wie soll ich meiner Herrin danken« sprach er mit gebrochener Stimme
    Sie schaute ihn durchbohrend an Der weiche Zug war vom Antlitz entflogen
die alte Strenge lagerte wieder auf der Stirn als wolle sie antworten »Wenn
Ihrs nicht wisst ich werds Euch nicht verkünden«  aber sie schwieg
    Noch hielt Ekkehard ihre Rechte gefasst Sie zog sie zurück
    »Seid fromm und tapfer« sprach sie aus dem Gemache schreitend Es klang
wie Hohn 
    Kaum länger als einer braucht um das Vaterunser zu beten war die Herzogin
bei Ekkehard gewesen aber es war mehr geschehen als er ahnen mochte
    Er schritt wieder in der Turmstube auf und ab »Du sollst dich selbst
verleugnen und dem Herrn nachfolgen« so wars in Benedikts Regel in der Zahl
der guten Werke mit aufgezählt  er wollte schier stolz sein auf den Sieg den
er über sich errungen aber Frau Hadwig war gekränkt die Stufen der Wendeltreppe
hinabgestiegen und wo ein hochfahrend Gemüt sich verschmäht glaubt da sind
böse Tage im Anzug
    Es war die siebente Stunde des Morgens da hielten sie im Hof von Hohentwiel
den Gottesdienst vor dem Auszug Unter der Linde war der Altar aufgeschlagen
die geflüchteten Heiligtümer standen drauf zum Trost der Gläubigen Der Hof
erfüllte sich mit Gewaffneten Mann an Mann standen die Rotten der Streiter wie
Simon Bardo sie abgeteilt Wie dumpf Gewitterrollen tönte der Gesang der Mönche
zum Eingang Der Abt der Reichenau so das schwarze Pallium mit weißem Kreuz
übergeworfen zelebrierte das Hochamt
    Hernach trat Ekkehard auf die Stufen des Altars bewegt gleitete sein Auge
über die Häupter der Versammelten noch einmal zogs ihm durch die Erinnerung
wie er vor kurzer Frist im einsamen Gemach der Herzogin gegenübergestanden dann
las er das Evangelium vom Leiden und Tod des Erlösers Mählich ward seine Stimme
klar und hell er küsste das Buch und gabs dem Diakon dass ers zurücklege auf
dass seidene Kissen sein Blick flog gen Himmel  dann hub er die Predigt an
    Lautlos horchte die Menge
    »Schier tausend Jahre sind vorüber« rief er »seit der Sohn Gottes sein
Haupt am Kreuzesstamm neigte und sprach Es ist vollbracht Aber wir haben der
Erlösung keine Stätte bereitet in unsern Gemütern in Sünden sind wir gewandelt
und die Ärgernisse die wir gaben in unserer Herzenshärtigkeit haben gen Himmel
geschrien
    Darum ist eine Zeit der Trübsal emporgewachsen blanke Schwerter blitzen
wider uns heidnische Ungeheuer sind in christliches Land eingefallen
    Aber statt zürnend zu fragen Wie groß ist des Herren Langmut dass er
solchen Scheusalen die liebreizende Heimaterde preisgibt  klopfe ein jeglicher
an die Brust und spreche Um unserer Verderbnis willen sind sie gesendet Und
wollt ihr von ihnen erlöset sein so gedenket an des Heilands tapfern Tod
Fasset den Griff eurer Schwerter so wie er einst das Kreuz fasste und hinaustrug
zur Schädelstätte schauet auf und suchet auch ihr euer Golgata «
    Er deutete nach den Ufern des Sees hinüber Dann strömte seine Rede in
Worten des Trosts und der Verheißung stark wie der Schrei des Löwen im Gebirge
    »Die Zeiten erfüllen sich von denen geschrieben steht Und wenn die tausend
Jahre zu Ende gehen wird Satan aus seinem Kerker losgelassen werden und ausgehn
zu verführen die Völker in den äußersten Gegenden der Erde  den Gog und den
Magog und sie zum Streite versammeln Ihre Zahl ist wie des Meeres Sand sie
ziehen über die weite Erde daher umringen das Lager der Streiter Gottes und die
geliebte Stadt Aber Feuer fährt aus dem Himmel nieder und verzehrt sie und der
Teufel ihr Verführer wird in den Schwefelsee geworfen wo auch das Tier und
der Lügenprophet ist und sie werden gequält werden Tag und Nacht bis in die
ewige Ewigkeit181
    Und was der Seher auf PatmosA1 ahnend geoffenbart das ist uns Bürgschaft
und Gewähr des Sieges so wir sündegeläutert ausziehen zum Kampf Lasst sie
anstürmen auf ihren schnellen Rossen was verfichts Zu Söhnen der Hölle hat
sie der Herr gestempelt darum ist ihr Antlitz nur die Fratze von eines Menschen
Antlitz die Ernte unserer Felder können sie niedertreten und die Altäre unserer
Kirchen schänden aber den Arm gottesmutiger Männer können sie nicht bestehen
    Seid eingedenk also dass wir Schwaben allezeit vorfechten182 müssen wo um
des Reiches Not gestritten wird wenn es in andern Zeiten ein Greuel vor dem
Herrn wäre an seinem Feiertag den Harnisch umzuschnallen  heute segnet er
unsere Waffen und sendet seine Heiligen zum Beistand und streitet selber mit
uns er der Herr der Heerscharen der den Blitz vom Himmel schmetternd
niederfahren heißt und die klaffenden Abgründe der Tiefe auftut wenn die Stunde
der Erfüllung gekommen«
    Mit erlesenen Beispielen ruhmreicher Kämpfe feuerte dann Ekkehard seine
Zuhörer an und manche Faust presste den Speer und mancher Fuß hob sich
ungeduldig zum Abzug wie er von Josuas Heerzug sprach der unter des Herren
Schirm einunddreissig Könige schlug in der Landmark jenseits des Jordan  und
von Gideon der beim Schall der Posaunen ins Lager der Midianiter brach und sie
jagte bis Betseba und Tebbat  und vom Ausfall der Männer von Betulia die
nach Judits ruhmreicher Tat die Assyrer schlugen mit der Schärfe des Schwerts
    Zum Schluss aber rief er was Judas der Makkabäer zu seinem Volk gerufen
da sie bei Emaus ihr Lager schlugen wider des Antiochus Heer »Umgürtet euch
drum und seid tapfere Männer und seid bereit gegen den Morgen früh wider die
Völker zu streiten die heranziehen unser Heiligtum auszutilgen denn es ist
uns besser im Streit umzukommen als das Elend sehen an unserm Heiligtum 
Amen«
    Eines Augenblickes Länge bliebs still wie er geendet dann hob sich ein
Klirren und Klingen sie schlugen Schwert und Schild aneinand hoben die Speere
hoch und schwenkten die Feldzeichen  alte Sitte freudiger Zustimmung
    »Amen« scholl es tönend durch die Reihen dann neigten sie die Kniee das
Hochamt ging zu Ende schauerlich klangen die hölzernen Klappern statt des
üblichen Glockentones zur Feier Wer sich noch nicht in österlicher Andacht mit
dem Leib des Herrn gestärkt trat vor zum Altar ihn zu empfangen Da riefs vom
Turm »Waffen Waffen Feindio183  Vom See kommts schwarz herangezogen Ross
und Reiter Feindio « jetzt war kein Halt mehr und keine Ruhe sie stürmten
nach dem Tor wie vom Geist getrieben kaum mochte Abt Wazmann den Segen
erteilen
    So stürmt in unsern Tagen der wendische Fischer aus der Sonntagskirche die
am rügianischen Dünengestad sein Geistlicher hält zur Zeit wo des Herings
Heersäulen im Anzug sind »Der Fisch kommt« ruft die schildwache am sandweissen
Ufer da wogts und rennts nach den Barken verlassen steht der Prediger und
schaut ins Getümmel da schneidet auch er der Andacht Faden ab und greift seine
Netze und eilt zum Schifflein die Schuppenträger zu bekriegen 
    Schlachtfroh rückten sie aus dem Hofe in jedem Herzen jene Mark und Fibern
schwellende Spannung dass es einem großen Augenblick entgegengehe Und waren der
Mönche von Sankt Gallen vierundsechzig derer von Reichenau neunzig und an
Heerbannleuten mehr denn fünfhundert Beim Feldzeichen der Sankt Gallischen
Brüder schritt Ekkehard es war ein florverhüllt Kruzifix mit schwarzen Wimpeln
da des Klosters Banner zurückgeblieben Auf dem Söller der Burg stand die
Herzogin und ließ ein weißes Tuch in die Lüfte wehen Ekkehard wandte sich nach
ihr aber ihr Blick mied den seinen und der Abschiedsgruss galt nicht ihm
    Ans untere Burgtor hatten dienende Brüder den Sarg mit des heiligen Markus
Gebein getragen Wer immer vorüberschritt berührte ihn mit Schwert und
Lanzenspitze dann gings schweren Tritts den Burgweg hinab
    In der weiten Ebene die sich nach dem See hinstreckt ordnete Simon Bardo
die Scharen seiner Streiter Hei wie wohlig wars dem alten Feldhauptmann dass
statt der Kutte wieder der gewohnte Panzer sich um die narbenbedeckte Brust
schmiegte Zu fremdartig geformter spitz zugehender Stahlkappe kam er geritten
sein breiter edelsteingeschmückter Gürtel und der güldene Knauf des Schwertes
zeigten den ehemaligen Heerführer
    »Ihr leset die Alten der Grammatika halber« hatte er zu den Äbten gesagt
die hoch zu Rotz bei ihm hielten »ich hab mein Handwerk von ihnen gelernt Mit
Frontinus und VegetiusA2 guten Ratschlägen lässt sich noch heutigentages was
ausrichten Für den Anfang solls heut mit der Schlachtordnung der römischen
Legionen erprobt sein dabei lässt sich am besten abwarten wie sich der Feind zu
erkennen gibt Wir können dann noch immer tun wie wir wollen die Sache geht
nicht in einer halben Stunde zu End«
    Er hieß die leichte Mannschaft der Bogenschützen und Schleuderer
vorausrücken sie sollten den Waldsaum besetzen vom Tannendickicht gegen
Reiterangriff geschützt »Zielt nieder« sprach er »wenn ihr auch statt des
Mannes das Ross trefft s ist immer etwas«
    Beim Klang der Waldhörner schwärmte die Schar vorwärts noch war kein Feind
zu sehen
    Die Männer des Aufgebots ordnete er in zwei Heersäulen dichtgeschlossen
den Speer gefällt und langsam rückten sie vor von der vorderen Säule zur zweiten
ein Abstand weniger Schritte Der von Randegg und der dürre Fridinger führten
sie
    Die Mönche hieß er zu einem Haufen zusammentreten und stellte sie in die
Rückhut
    »Warum das« fragte der Abt Wazmann er kränkte sich dass ihnen nicht die
Ehre des vordersten Angriffs zugeteilt ward
    Da lächelte der Kriegserfahrene »Das sind meine TriarierA3« sprach er
»nicht weil altgediente Soldaten wohl aber weil sie um Rückkehr ins warme
Nest streiten Von Haus und Hof und Bett verjagt sein macht die Hiebe am
schwersten und die Stiche am tiefsten Habt keine Sorge die Wucht des Streites
kommt noch früh genug an die Mannschaft des heiligen Benediktus«
    Die Hunnen hatten bei Tagesgrauen das Reichenauer Kloster geräumt Die
Vorräte waren aufgezehrt der Wein getrunken die Kirche geplündert ihr
Tagewerk war getan Auf Heribalds Stirn ward manche Runzel glatt wie der letzte
Reiter dem Tor entritt Er warf ihnen ein Goldstück nach das ihm der Mann von
Ellwangen im Vertrauen zugesteckt »Landsmann« hatte Snewelin zu ihm gesagt
»wenn du hörst dass mir ein Unglück zugestoßen ist so lass ein Dutzend Messen
für meine arme Seel lesen Ich habs immer gut gemeint mit euch und eurem
Wesen und dass ich unter die Heiden geraten bin geschah mir ich weiß selber
nicht wie Der Ellwanger Boden ist leider zu rau als dass Heilige darauf
erwachsen können«
    Aber Heribald wollte nichts von ihm wissen Im Garten schaufelte er Knochen
und Asche der Verbrannten und ihrer Rosse zusammen und streute sie in den See
während die Hunnen noch drüben einherzogen »Kein Staub von einem Heiden soll
auf der Insel bleiben« sprach er Dann ging er in den Klosterhof und schaute
sich tiefsinnig den Platz an wo er gestern zum Tanz gezwungen wurde
    Der Hunnen Ritt ging durch den dunklen Tannwald dem Hohentwiel entgegen
Aber wie sie sorglos dahintrabten prallte da und dort ein Ross auf Pfeile und
Schleuderkugeln von unsichtbaren Schützen geschossen fuhren in den Schwarm
Der Vortrab wollte stutzig werden »Was kümmert euch der Mückenstich« rief
Ellak und spornte sein Ross »vorwärts die Ebene ist das Feld der
Reiterschlacht« Ein Dutzend seiner Leute hieß er mit dem Tross zurückbleiben zum
Geplänkel mit denen im Wald Die Erde dröhnte vom Hufschlag der vorwärts
sausenden Horde im Blachfeld breitete sich der Schwarm und sprengte mit Geheul
auf den anrückenden Heerbann Weit voraus ritt Ellak mit dem hunnischen
Bannerträger der schwenkte die grünrote Fahne über ihm er aber hob sich hoch
im Sattel und tat einen wilden Schrei und schoss den ersten Pfeilschuss ab auf
dass der Kampf nach altem Brauch eröffnet sei184 Es begann das Morden der
Feldschlacht Aber wenig frommte es den schwäbischen Kriegern dass sie
unerschüttert standhielten ein starrender Lanzenwald war der Reiter Angriff
abgeprallt so kam aus der Ferne ein Pfeilregen geschwirrt halb aufgerichtet im
Bügel standen die Hunnen trotz Rossestrab den Zaum über des Gauls Nacken
geworfen zielten sie der Schuss traf
    Andere schwärmten von der Seite ein  weh dem Gefallenen den seine Brüder
nicht in die Mitte nahmen
    Da gedachten die Leichtbewaffneten vom Walde den Hunnen in den Rücken zu
brechen Hörnerruf rief sie zur Sammlung sie rückten vor  aber mit eines
Gedankens Schnelle waren die feindlichen Rosse gewendet Pfeilregen prasselte in
die Anrückenden sie stutzten wenige schritten weiter auch sie wurden
geworfen nur Audifax marschierte vorwärts die Pfeile zischten um ihn er
schaute nicht auf und nicht zurück er blies die Sackpfeife zum Angriff wie es
seines Amtes war so kam er mitten ins Gewühl der feindlichen Reiter
    Da stockte sein Blasen  im Vorübersprengen hatte ihm einer die Schlinge um
den Hals geworfen und riss ihn an sich widerstrebend schaute Audifax um kein
einziger seines Häufleins war hinter ihm zu erspähen  »O Hadumot« rief er
betrübt Den Reiter jammerte des mutigen blonden Knaben statt ihm das Haupt zu
spalten hob er ihn zu sich aufs Ross und jagte mit ihm zurück Von einem Hügel
gedeckt hielt der hunnische Tross Hoch aufgerichtet stund die Waldfrau auf ihrem
Wagen und spähte hinaus in die wogende Schlacht sie hatte die ersten
Verwundeten gepflegt und kräftige Heilsprüche gesungen über das rinnende Blut
    »Ich bring Euch einen der kann die Feldkessel fegen« rief der hunnische
Reiter und warf den Hirtenknaben vom Ross hinüber dass er der Alten vor die Füße
flog in den strohumflochtenen Korb des Wagens
    »Willkommen du giftiges Krötlein« rief sie grimmig »du sollst den Lohn
empfahen dafür dass du den Kuttenmann auf meinen Fels gewiesen« Sie hatte ihn
erkannt zerrte ihn an der Schlinge zu sich und band ihn an des Wagens Gestell
    Audifax schwieg Aber bittere Tränen perlten im Auge er weinte nicht ob
seiner Gefangenschaft er weinte ob abermals getäuschter Hoffnung »O Hadumot«
seufzte er abermals  Verwichene Mitternacht war er bei der jungen Hirtin
gesessen versteckt am glimmenden Herdfeuer »Du sollst fest werden« hatte
Hadumot gesagt »gefeit gegen Hieb und Stich« Sie hatte eine braune Schlange
zerkocht und ihm mit dem Fette Stirn und Schulter und Brust bestrichen »Morgen
abend erwarte ich dich hier am selbigen Plätzlein du kommst mir heil zurück
Kein Eisen ist wider Schlangenfett«
    Und Audifax hatte ihr die Hand gegeben und war so wohlgemut mit seiner
Sackpfeife ausgerückt in den Kampf  und jetzt 
    Noch wogte der Feldstreit draußen im Talgrund Schier wankten die
schwäbischen Reihen ermüdet des ungewohnten Fechtens Bedenklich schaute Simon
Bardo drüber hin und schüttelte das Haupt »Die schönste Strategie« brummte er
»ist vergeudet an diese Zentauren  das sprengt ab und zu und schießt aus der
Ferne als wär meine dreifache Schlachtordnung für nichts da es täte wahrhaft
not dass man des Kaiser LeoA4 Buch über die Taktik ein eigen Kapitel vom
Hunnenangriff zufügte«
    Er ritt zu den Mönchen und schied sie wieder in zwei Heerhaufen die von
Sankt Gallen sollten zur Rechten die Reichenauer zur Linken des
Heerbanntreffens vorrücken dann schwenken dass der Feind den Wald im Rücken
in weitem Halbkreis eingeschlossen sei »So wir sie nicht einklemmen halten sie
nicht stand« rief er und schwang sein breites Schlachtschwert »auf und drauf
denn«
    Wildes Feuer leuchtete aus aller Augen Marschbereit standen die Reihen
Jetzt warf sich noch ein jeglicher ins Knie griff eine Scholle vom Boden auf
und streute sie rückwärts über sein Haupt dass es geweiht und gefeit sei durch
die vaterländische Erde185  dann gings in Kampf
    Die von Sankt Gallen stimmten den frommen Schlachtgesang »Media vita« an
Notker der Stammler war dereinst durch die Schluchten beim heimischen
Martinstobel gestiegen sie wölbten einen Brückenbogen herüber über
schwindelnder Tiefe schwebten die Bauleute da stand es als Bild vor seiner
Seele wie zu unserem Leben jeden Augenblickes des Todes Abgrund aufgähnt und
er dichtete das Lied Jetzt galts als Zaubersang Schirm eigenen Lebens
Untergang dem Feinde
    Dumpf klangs von den anrückenden Männern in die Hunnenschlacht
»Ach unser Leben ist nur ein halbes Leben
Des Todes Boten ständig uns umschweben
Wen mögen wir als Helfer uns erflehen
Als dich o Herr den Richter der Vergehen
Heiliger Gott«
und vom andern Flügel sangen die Reichenauer Mönche entgegen
»Dein harrten unsre Väter schon mit Sehnen
Und du erlöstest sie von ihren Tränen
Zu dir hinauf erging ihr Schreien und Rufen
Du warfst sie nicht von deines Trones Stufen
Starker Sott«
und von rechts und links klangs zusammen  schon tönte Schwertieb und dumpfer
Fall Getroffener dazwischen
»Verlass uns nicht wenn Unkraft uns befallen
Wenn unser Mut entfleucht sei Stab uns allen
O gib uns nicht dem bitteren Tod zum Raube
Barmherzger Gott du unser Hort und Glaube
Heiliger Gott heiliger starker Gott
Heiliger barmherziger Gott erbarme dich unser186«
    So standen sie im Handgemeng Staunig hatten die Hunnen die herannahenden
dunkeln Scharen erschaut Geheul und der zischende teuflische Ruf »Hui hui187
« war ihre Antwort auf die »Media vita« auch Ellak teilte seine Reiter zum
Angriff und ringsum tobte der Kampf Drein gespornte Rosse durchbrachen das
schwache Häuflein derer von Sankt Gallen grimmes einzelnes Streiten begann es
rang die Kraft mit der Schnelle germanische Ungelenkheit mit hunnischer List
    Da trank die Hegauer Erde manch frommen Mannes Blut Tutilo der Starke lag
erschlagen er hatte eines Hunnen Ross unterlaufen den Reiter an den Füßen
heruntergerissen und schwang den Krummgesichtigen durch die Lüfte ihm das Haupt
an einem Feldstein zerschmetternd  aber ein Pfeil flog dem greisen Künstler
durch die Schläfe wie Siegsgesang himmlischer Heerscharen ertönte es durchs
wunde Gehirn dann sank er auf den erschlagenen Feind Sindolt der Böse sühnte
mit der Wunde auf der Brust manch schlimme Tücke die er sonst an den Gefährten
geübt nichts frommte es dem Schotten Dubslan dass er sich dem heiligen
Minwaldius vergelübdet barfuß gen Rom zu wallfahren wenn er ihn heut beschütze
 durchschossen trugen sie ihn aus dem Getümmel
    Wies von Hieben auf die Helme prasselte gleich Hagelschlag auf lockres
Schieferdach da zog Moengal der Alte die Kapuze übers Haupt dass er nicht zur
Rechten schaue und nicht zur Linken sein Speer war verworfen »Heraus jetzt
alte Kambutta« rief er ingrimmig und schnallte die Keule los die über den
Rücken gefestigt ihn begleitet und stand im Gewühl wie ein Drescher in der
Tenne Lang schon war ein Reiter um ihn geschwärmt »Kyrie eleison« sang der
Alte und schlug des Rosses Schädel entzwei mit gleichen Füßen sprang der Reiter
zur Erde ein leichter Hieb von krummem Säbel streifte Moengals Arm »Hoiho«
schrie er auf »im Lenzmonat ist gut Aderlassen sieh dich für Ärztlein« und
er tat einen Keulenschlag als wollt er seinen Gegner klaftertief in die Erde
hineinschlagen Der Hunnenkämpe bog dem Hieb aus da fiel der Helm  ein
rotbackig Gesicht schaute zu dem Keulenschwinger hinüber wallendes Haupthaar
quoll drüber vor von rotem Band durchflochten eh er einen zweiten Hieb
führte sprangs an Moengal hinauf wie eine Tigerkatze das junge Gesichtlein
hob sich vor dem seinen als sollt ihm in alten Tagen noch eines Kusses
Gelegenheit beschert sein  da fuhr ein Biss in seine Wange scharf und gut er
umfasste den Angreifer  das war wie weibliche Hüften »Weiche von mir Unhold«
rief er »hat die Hölle auch Teufelinnen ausgespien« da saß ein zweiter Biss auf
der linken Wange gestörtes Gleichmass herzustellen Er fuhr zurück sie lachte
ihn an ein ledig Ross sprang vorüber  eh Moengal der Alte die Keule wiederum
gehoben saß Erica im Sattel und ritt davon wie ein Traum der Nacht wenn der
Hahn kräht 
    Beim Heerbann im Mitteltreffen focht Herr Spazzo der Kämmerer als Führer
einer Rotte Das langsame Vorrücken hatte ihm behagt wie der Kampf aber gar
kein Ende nehmen wollt und alles ineinand verbissen war wie Meute und Edelwild
auf der Hetzjagd da wards ihm schier zu viel Eine idyllische Stimmung kam
über ihn mitten unter Tod und Todesnot Erst wie ihm einer im Vorbeireiten den
Helm als Beutestück abriss ward er aufgerüttelt aus seiner Betrachtung und wie
derselbe den Versuch erneuernd ihm auch noch den Mantel wegzerren wollte rief
er unwillig »Ists noch nicht genug du Scharfschütz des Teufels« und tat
einen Stich nach ihm dass des Hunnen Schenkel von der langen Schwertklinge an
sein Ross angeheftet ward Jetzt gedachte er ihm den Todesstoss zu geben doch
wie er sein Antlitz schaute war es also hässlich dass er beschloss ihn als
lebendige Erinnerung des Tages seiner Gebieterin mitzubringen Da machte er den
wunden Mann zum Gefangenen er hieß Kappan und schmiegte seinen Hals unter Herrn
Spazzos Arm als Zeichen der Unterwerfung und grinste mit den weißen Zähnen
wie ihm sein Leben geschenkt ward
    Gegen die Brüder der Reichenau führte Hornebog seinen Schwarm Dort hielt
der Tod reiche Ernte Des Klosters Mauern glänzten fern aus dem See herüber zu
den Streitern wie eine Mahnung zu wuchtigem Dreinschlag und der Hunnen
mancher der in Schwertes Bereich kam merkte dass er auf schwäbischem Boden
stund wo der Streiche gediegenste wild wachsen wie die Erdbeeren im Wald Doch
auch in der Brüder Reihen wards lichter da ruhte Quirinus der Schreiber für
immer vom Schreibkrampf der die Lanze in seiner Rechten zittern gemacht da
sank Wiprecht der Sternkundige und Kerimold der Meister im Forellenfang und
Wittigowo der Bauverständige  wer kennt sie alle die Namenlosen die
freudigen Todes starben
    Nur einem gedieh ein hunnischer Pfeil zum Heile das war der Bruder
Pilgeram Zu Köln am Rhein war er geboren und hatte seinen Wissensdurst und
einen mächtigen Kropf auf Pirmins Eiland getragen der frömmsten und
gelahrtesten Mönche einer doch wuchs sein Kropf und über Aristoteles »Etik«
war er tiefsinnig geworden dass Heribald oft mitleidig zu ihm gesagt »Pilgeram
du dauerst mich« Jetzt durchschnitt ihm ein Pfeil des Halses Überhang »Fahr
wohl Freund meiner Jugend« rief er und sank Doch wars keine schwere Wunde
und wie er wieder erwachte wars leicht am Hals und leicht im Kopf und seinen
Aristoteles schlug er zeitlebens nimmer auf
    Am das sanktgallische Feldzeichen war ein erlesen Häuflein geschart Noch
flatterten die schwarzen Wimpel vom Bild des Gekreuzigten aber der Kampf war
hart Mit Wort und Tat feuerte Ekkehard die Genossen an Widerpart zu halten es
war Ellak selber der gegen sie anritt Leichen erschlagener Männer und Rosse
lagen in wildem Durcheinander wer überlebte hatte seine Schuldigkeit getan
und wo alle brav ragt keine Einzeltat besonderen Ruhm erheischend aus dem
Geschehenen herfür Herrn Burkhards Schwert hatte in Ekkehards Händen neue
Bluttaufe errungen doch vergeblich war er auf Ellak den Heerführer
eingedrungen nur wenig Hiebe wechselten sie da trennte das Wogen der Schlacht
die Streitenden Schon wankte das hochgehaltene Kreuz von unablässigen
Geschossen umschwirrt  da ging durch die Reihen ein Schrei des Staunens vom
Hügel der den Turm von Hohenfridingen trägt kamen zwei Reiter gesprengt fremd
an Gestalt und Rüstung Schwerfällig und mächtigen Umfangs saß der eine zu Ross
von veralteter Form war Schild und Harnisch doch verblichene Vergüldung zeigte
den vornehmen Kriegsmann Ein goldner Reif schlang sich um den Helm vom roten
Busch umwallt Der Mantel flog im Wind den Speer eingelegt ritt er einher ein
Bild aus alten Zeiten wie der König Saul in Folkards Psalmenbuch da er
ausreitet wider David188 Sorgsam ihm zur Seite ritt der andere zu Schirm und
Deckung bereit als getreuer Dienstmann
    »Der Erzengel Michael« riefs in der christlichen Heerschar und sie fassten
zu neuer Kraft sich zusammen Die Sonne leuchtete auf des fremden Reitersmannes
Gewaffen wie Verheißung des Siegs  jetzt waren die zwei im Getümmel als wollte
der Goldgerüstete einen Gegner suchen Der blieb ihm nicht aus Wie ihn des
Hunnenführers scharfes Auge erschaut war auch schon sein Ross ihm
entgegengewandt des fremden Rittersmannes Speer fuhr an ihm vorüber schon hub
Ellak das Schwert zu tödlichem Hieb Doch der Dienstmann warf sich dazwischen
sein breites Schlachtschwert erreichte nur des Hunnen Ross da beugte er sein
Haupt vor und fing den Schlag der dem Gebieter galt in den Hals getroffen ging
der treue Schildknappe in Tod
    In klirrendem Fall rasselte Ellaks Pferd zu Boden doch eh der Schall
verhallt war stund der Hunne wieder aufrecht der unbekannte Kämpe schwang den
Streitkolben ihn zu zerschmettern Ellak den linken Fuß auf den erschlagenen
Renner gestemmt presste ihm mit nerviger Faust den Arm zurück und strebte ihn
vom Saul zu reißen Mann an Mann hub sich ein Ringen der beiden Gewaltigen dass
die Kämpfer ringsum die Schlachtarbeit einstellend hinüberschauten
    Jetzt hatte Ellak in listiger Wendung das kurze Halbschwert gegriffen das
ihm nach hunnischem Brauch zur Rechten hing aber wie er zu neuem Stoß ausholte
senkte sich schwer und langsam seines Gegners Streitkolben auf sein Haupt  noch
führte die Faust des Getroffenen den Stoß dann fuhr sie zur Stirn Blut
überströmte sie auf sein Streitross taumelte der Hunnenführer nieder und
verhauchte unwillig sein Leben
    »Hie Schwert des Herrn und Sankt Michael« scholls brausend jetzt von Mönch
und Heerbannleuten zu letztem verzweifeltem Angriff drangen sie vor noch war
der Goldgerüstete der vorderste im Treffen Des Anführers Fall schuf den Hunnen
panischen Schreck rückwärts wandten sie sich rückwärts in toller Flucht
    Schon hatte die Waldfrau des Feldstreits Ausgang erspäht die Rosse standen
geschirrt sie warf einen zornmütigen Blick auf die anrückenden Mönche und ihren
heimatlichen Fels und scharfen Trabes fuhr sie dem Rheine zu der Tross ihr nach
 zum Rhein war die Losung der fliehenden Reiter zuletzt und ungern kehrte
Hornebog mit den Seinen der Schlacht und dem hohen Twiel den Rücken »Auf
Wiedersehen übers Jahr« rief er höhnend zu den Reichenauer Männern
    Der Sieg war errungen Doch der den sie als Erzengel wähnten vom Himmel
niedergestiegen aufs hegauische Blachfeld neigte sein schweres Haupt auf des
Streitrosses Rücken Zügel und Kolben entsanken den Händen wars des Hunnen
letzter Stoß wars Erstickung in Hitze des Kampfes  sie huben ihn als einen
Toten vom Ross Sein Visier war gelüftet ein freudig Lächeln schwebte um das
runzelgefurchte mächtige greise Haupt  von dieser Stunde hatte des Alten aus
der Heidenhöhle Kopfweh ein End Er hatte in ehrlichem Reiterstod die Schuld
vergangener Zeiten gesühnt das schuf ihm ein fröhlich Sterben
    Ein schwarzer Hund lief suchend über die Walstatt bis er des Alten Leichnam
gefunden und leckte ihm wehmütig heulend die Stirn und Ekkehard stand dabei
die Träne im Aug und sprach das Gebet ums Heil seiner Seele 
    Mit Tannenreis am Helm zogen die Sieger auf ihre Bergfeste zurück Der
Mönche zwölf ließ sie unten im Tal Totenwache auf der Walstatt zu halten und
waren im Streit gefallen der Hunnen einhundertundachtzig des schwäbischen
Heerbanns sechsundneunzig derer von der Reichenau achtzehn derer von Sankt
Gallen zwanzig der Alte und Rauching sein Dienstmann
    Mit verbundener Wange schritt Moengal übers Feld auf seine Keule wie auf
einen Wanderstab sich stützend Er beschaute die Erschlagenen »Hast du keinen
Hunnen drunter getroffen der eigentlich eine Hunnin ist« fragte er einen der
wachehaltenden Brüder
    »Nein« war der Bescheid
    »Dann kann ich heimgehen« sprach Moengal
 
                                    Fußnoten
A1 Auf der Sporaheninsel Patmos soll Johannes seine »Offenbarung« geschrieben
haben
A2 Römische Kriegsschriftsteller des 1 und 5 Jahrhunderts 
A3 Das aus den erfahrensten Soldaten bestehende dritte Treffen
A4 Leos VI des Weisen Kaisers von Byzanz 886911
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                                   Hadumot
Die Nacht ging zu Ende Lang und bang war sie für die gewesen denen der
Walstatt Hut anvertraut worden Unheimlich Grauen lag über Erde und Menschen
»Der Herr sei ihrer Seele gnädig« so tönte leiser Ruf des Wächters durch die
Stille des Gefildes »Und erlöse sie von des Fegfeuers Pein Amen« antwortete
es vom Waldessaum wo die Gefährten ums Wachfeuer kauerten Schwere Schatten der
Nacht deckten die Erschlagenen als wolle der Himmel mitleidig verhüllen was
der Menschen Hände da unten geschafft Dann jagten die Wolken von dannen als
wären sie selber von Grauen getrieben über den Anblick unter ihnen  andere
folgten auch sie zogen fort Gestalt und Formen wechselnd verlierend in neue
übergehend  Alles ist unstet nur im Tod ewige eherne Ruhe Die auf dem
Blachfeld lagen still Freund und Feind wie das Wogen des Streits sie gebettet
    Eine Gestalt sah der Wächter über die Walstatt huschen wie die eines
Kindes Sie beugte sich nieder und ging weiter und beugte sich abermals und
wandelte auf und ab aber es grauste ihm sie anzurufen Er stand wie gebannt
Es wird der Engel sein der die Stirn der Toten zeichnet mit dem Buchstaben auf
dass man sie erkenne wann der Geist dereinst ihr Gebein anbläst dass sie wieder
leben und auf den Füßen stehen und ein Heer sind wie ehedem so dachte er nach
dem Bild des Propheten bekreuzte sich und schwieg Die Gestalt verschwand aus
seinen Augen
    Der Morgen graute da kamen viel Männer vom Heerbann die Mönche abzulösen
Die Herzogin sandte sie Herr Simon Bardo war zwar nicht einverstanden »Sieg
ist nur halber Sieg so er nicht benutzt wird wir müssen den Fliehenden
nachrücken bis der Letzte von ihnen getilgt ist« hatte er gesagt Aber die
Mönche drangen auf Rückkehr der Ostertage wegen und die andern sprachen »Bis
wir die mit ihren schnellen Rossen einholen mögen wir weit ziehen sie sind
gekommen wir haben sie gehauen kommen sie wieder sind neue Hiebe vorrätig 
die Arbeit von gestern ist ihrer Ruhe wert« Da ward beschlossen die Toten zu
begraben vor Anbruch des Osterfestes
    Die Männer trugen Karst und Spaten und schaufelten zwei große Gräber Es war
eine verlassene Kiesgrube seitwärts im Feld die weiteten sie aus zu geräumigem
Ruheplatz Dorthin trugen sie der Hunnen Leichname Waffen und Rüstung wurden
abgetan und gesammelt viel Traglasten von Beutestücken Und sie warfen die
Toten in die Grube sonder Rücksicht wie sie gebracht wurden  es war ein wild
verschlungener Knäuel von Gliedmaßen Ross und Menschen durcheinander verstrickt
ein Gewühl wie beim Höllensturz der abtrünnigen Engel Die Tiefe füllte sich
Einer der Schaufelnden kam und brachte ein einzeln Haupt grimmig schaute es
drein mit so zerspellter Stirn »Es wird auch zu den Heiden gehören und mag
seinen Rumpf suchen« rief er und schleuderte es zu den Leichen
    Wie das ganze Feld abgesucht und kein hunnischer Mann mehr zu finden war
scharrten sie die Grube zu es war ein Begräbnis ohne Sang und Klang  nur
etliche Flüche tönten als Nachruf hinab und Raben und Raubvögel krächzten heiser
drein die in den Felsspalten des hohen Krähen nisteten waren herübergeflogen
und die im Tannwald horsteten auch Moengals Habicht war dabei sie wollten
Einsprache erheben dass die Beerdigung sie verkürze Dumpf dröhnten die
Erdschollen und Kieselgesteine in das weite Grab Dann kam der Diakon von Singen
mit dem Kessel geweihten Wassers den Geviertraum schritt er auf und nieder und
besprengte ihn zur Bannung der Dämonen und Niederhaltung der fremden Toten in
der fremden Erde
    Ein verwittert Felsstück war vorzeiten vom Hohentwieler Berg abgelöst zu Tal
gestürzt das wälzten sie aufs Hunnengrab dann wandten sie sich schauernd von
der Stätte und richteten das zweite Grab Das sollte die gebliebenen Söhne des
Landes empfangen Für die Erschlagenen geistlichen Standes war die Klosterkirche
auf Reichenau zum Ruheplatz bestimmt
    Zur selben Stunde in der gestrigen Tags der Kampf begonnen stieg ein
düsterer Zug vom hohen Twiel hernieder Es waren die Männer so die Schlacht
geschlagen In derselben Ordnung rückten sie an aber ihr Schritt war langsam
und ihre Banner trauerfarben Auf den Zinnen der Burg war die schwarze Fahne
aufgezogen Auch die Herzogin ritt mit hernieder streng und ernst kleidete sie
der dunkle Mantel Die toten Mönche trugen sie auf Bahren herzu und stellten sie
zu s des großen Grabes ab auf dass auch sie teilnähmen an der letzten Ehre
der Kampfgenossen Wie die Litanei verklungen trat der Abt Wazmann ans offene
Grab er rief den sechsundneunzig die blass und still drin geschichtet lagen
den letzten Gruß und Dank der Überlebenden hinab »Ihr Gedächtnis sei gesegnet
und ihr Gebein grüne an seinem Ort Ihr Name bleibe in Ewigkeit und die Ehre der
heiligen Männer komme auf ihre Kinder« so sprach er mit den Worten des
Predigers dann tat er den ersten Erdwurf hinunter die Herzogin nach ihm dann
die andern der Reihe nach Drauf feierliche Stille Vom Grab der Brüder hinweg
wollten die so gestern vereint gestritten auseinandergehen manch hartes
Antlitz ward gerührt Kuss und Handschlag gewechselt dann zogen zuerst die von
der reichen Au nach ihrem Kloster Die Bahren ihrer Toten wurden mit ihnen
getragen Brüder mit brennenden Kerzen schritten psalmsingend zur Seite auch
des Alten aus der Heidenhöhle kampfmüden Leichnam führten sie mit sich
gesenkten Hauptes ging das Streitross des ungekannten Kriegsmannes mit schwarzem
Tuch umhangen im Zug  es war ein düstrer Anblick wie das Totengeleite mählich
ins Waldesdunkel einbog
    Dann nahmen die vom Heerbann Abschied von der Herzogin Der dürre Fridinger
den Arm in der Binde führte eine Schar landabwärts nur der von Randegg mit
etlichen Leuten sollte als Besatzung des hohen Twiel zurückbleiben
    Bewegt schaute Frau Hadwig den Abziehenden nach Dann ritt sie langsam übers
Schlachtfeld Sie war gestern auf dem Turm der Burg gestanden und gespannten
Auges dem Toben des Kampfes gefolgt Itzt musste ihr Herr Spazzo noch vieles
erklären Dem kams auf etliche Übertreibungen nicht an aber sie wars
zufrieden Mit Ekkehard sprach sie nicht
     Wie auch sie heimgeritten wars wieder still und öde auf dem Plan als
wär nichts geschehen Nur hufzerstampftes Gras feucht rötliche Erde und die
zwei großen Gräber gaben Zeugnis von der Ernte die der Tod hier gehalten Hat
nicht lange gedauert so ist das Blut aufgetrocknet und das Gras neu gewachsen
über die Hügel der Toten hat sich Moos gesponnen und Gestrüpp Vögel und Wind
haben Samenkorn hingetragen und Busch und Bäume sind üppig aufgespriesst  wo
Tote so liegen gedeiht der Pflanzen Wuchs  Aber unverwischt lebt die Kunde
von der Hunnenschlacht in den nachgeborenen Geschlechtern189 den »Heidenbuck«
heißt der Mann im Hegau den Hügel den der Felsblock als Grabplatte deckt und
in der Nacht vom Karfreitag geht keiner dort durchs Tal Da gehört Erde und Luft
den Toten sie steigen aus dem alten Grab hier schwärmen die kleinen Rosse
wieder dort rücken im Keil die Streiter zu Fuß an und der Harnisch blitzt
unter verwittertem Mönchsgewand Waffengelärm und wilder Kampfruf weht durch den
Sturm tosend schwingt sich die Geisterschlacht durch die Lüfte da kommt
plötzlich von der Insel im See einer dreingesaust im güldenen Harnisch auf
schwarzem Ross der jagt sie hinunter in kühle Ruhe  noch will sich der
Hunnenführer gegen ihn wehren und schwingt zürnend sein krummes Schwert da
fährt ihm der Streitammer aufs Haupt auch er muss hinab  und alles ist still
wie zuvor nur der Birke junges Laub zittert im Winde 
    Ostersonntag ging trüb und ernst vorbei Des Abends sah Frau Hadwig im Saal
mit Ekkehard Herrn Spazzo dem Kämmerer und dem von Randegg Es ist zu denken
was sie sprachen Die große Geschichte der letzten Tage klang in aller Reden
wider gleich dem Schall am Lurleifelsen hat er an der einen Wand ausgehallt so
hebt sich ein dumpfes Rollen an der benachbarten und in ferner Schlucht
wiederholt sichs und will nirgend ein Ende nehmen
    Der Abt von der Reichenau hatte einen Boten geschickt zu vermelden wie sie
das Kloster in mäßiger Verwüstung doch vom Feuer unzerstört angetroffen mit
geweihtem Wasser und Umtragung der heiligen Gebeine die hunnischen Spuren
getilgt die Beisetzung ihrer Toten abgehalten
    »Und der zurückgebliebene Bruder« fragte die Herzogin
    »An dem hat Gott der Herr erwiesen dass seine Allmacht inmitten von Krieg
und Feindesschwert auch einfältiger Gemüter nicht vergisst An der Schwelle stand
er bei unserer Rückkunft als wär ihm nichts begegnet Wie haben dir die Hunnen
gefallen rief ihm einer zu Da sprach er mit dem wohlbekannten Lächeln Eia
sehr gut haben sie mir gefallen Niemals hab ich vergnügtere Leute gesehen und
Speise und Trank messen sie ganz menschenfreundlich zu  der Pater Kellermeister
hat zeitlebens meinen Durst Durst sein lassen die gaben mir Wein die Hülle und
Fülle  und wenn sie mich auch mit Faustschlag und Backenstreich geschädigt so
haben sies mit dem Wein wieder gutgemacht  und das tät keiner von euch Nur
die Disziplin fehlt ihnen und sich still verhalten in der Kirche haben sie auch
nicht ganz gelernt  Er wisse noch manches zum Preis der fremden Gäste hat
Heribald weiter gesprochen aber nur im Beichtstuhl werd ers offenbaren «
    Frau Hadwig war noch nicht zur Heiterkeit gestimmt Gnädig entließ sie den
Boten Sie gab ihm das geringelte Panzerhemd und den Schild des erschlagenen
Hunnenführers mit auf dass es in der Klosterkirche aufgehängt werde als ewiges
Wahrzeichen Das Schiedsrichteramt bei Verteilung der Beute war ihr zugewiesen
    Herr Spazzo dessen Zunge seither nicht müßig war seine Kriegstaten zu
rühmen  und die Zahl der von ihm Erschlagenen wuchs mit jeder neuen Erzählung
gleich einer Lawine  sprach würdig »Ich habe auch noch ein Beutestück 
einzuliefern es ist meiner gnädigen Herrin bestimmt«
    Er schritt hinab zu den unteren Kammern dort lag Kappan sein Gefangener
auf dem Stroh seine Wunde war verbunden und nicht gefährlich »Steh auf Sohn
des Teufels« rief Herr Spazzo und gab ihm einen unsanften Stoß Der Hunn erhob
sich und schnitt ein zweifelhaft Gesicht er schätzte seine Lebensdauer auf
keine allzulange Zeit mehr an einem Krückenstock hinkte er durch die Stube
»Vorwärts« deutete ihm Herr Spazzo und führte ihn hinauf Er marschierte in den
Saal ein »Halt« rief Herr Spazzo Da stand der Unglückliche still und ließ
verwundert seine Augen Umschau halten
    Teilnehmend besah Frau Hadwig das fremde Menschenkind Auch Praxedis war
herbeigekommen »Schön ist Euer Beutestück nicht« hatte sie zu Herrn Spazzo
gesagt »aber merkwürdig« Die Herzogin faltete ihre Hände  »Und vor dieser
Nation hat das deutsche Land gezittert« sprach sie
    »Die Menge schuf den Schreck und ihr Zusammenhalten« sagte der von Randegg
»sie werden nimmer wiederkommen«
    »Seid Ihr des so gewiss« sagte sie spitzig
    Der Hunn verstand nicht viel vom Gespräch Sein wunder Fuß schmerzte er
wagte nicht sich niederzulassen Praxedis sprach ihn griechisch an er schwieg
scheu und schüttelte sein Haupt Sie begann durch Zeichen und Winke ein
Verständnis anzuknüpfen  er ließ sich nicht darauf ein »Erlaubet« sprach sie
zur Herzogin »ich weiß doch ein Mittel ihm ein Lebenszeichen abzugewinnen in
Konstantinopel hab ich davon erzählen gehört« Sie huschte aus dem Saal und
erschien wieder einen Becher tragend spöttisch kredenzte sie den dem stummen
Gefangenen
    Es war ein stark Wasser gebrannt aus Kirschen und Steinobst der selige
Burgkaplan Vincentius hatte manch solches Essenzlein bereitet Da verklärte sich
des Hunnen Antlitz die stumpfe Nase sog den Duft ein er leerte den Becher als
ob ers für einen Friedenstrunk ansehe die Arme über die Brust gekreuzt warf
er sich vor Praxedis nieder und küsste ihren Schuh
    Sie gab ihm ein Zeichen dass die Huldigung der Herzogin gebühre da wollte
er auch dort seinen Dank wiederholen Frau Hadwig aber wich zurück und winkte
dem Kämmerer dass er seinen Mann abführe
    »Ihr habt närrische Einfälle« sprach sie zu Herrn Spazzo wie er
zurückkehrte  »doch wars artig dass Ihr in währendem Streite meiner
gedachtet«
    Ekkehard saß währenddem stumm am Fenster und schaute ins Land hinaus Herrn
Spazzos Art verdross ihn Auch Praxedis hatte ihm weh getan Uns zu demütigen
dachte er hat der Herr die Kinder der Wüste herübergesandt  eine Mahnung zu
lernen und in sich zu gehen und auf den Trümmern des Vergänglichen dem sich
zuzuwenden was mit dem Hauch des Ewigen gefeit ist  noch liegt die Erde
frisch auf dem Grab der Gefallenen und schon treibt das Völklein wieder seine
Späße als wär alles nur Schaum und Traum gewesen 
    Praxedis war zu ihm herangetreten »Warum habt Ihr uns nicht auch ein
Angedenken aus der Schlacht mitgebracht Professor« sprach sie leicht »Es soll
eine sonderbare hunnische Amazone drin herumgetobt haben so Ihr die gefangen
hätten wir jetzt ein Pärlein« »Ekkehard hat an Höheres zu denken als an
hunnische Frauen« sprach die Herzogin in bitterem Ton »und er weiß zu schweigen
wie einer der ein Gelübde getan Was brauchen wir zu erfahren wie es ihm in
der Schlacht erging«
    Die schneidige Rede kränkte den Ernsten  Scherz zu unrechter Zeit wirkt
wie Essig auf Honigseim Er ging schweigend hinaus holte Herrn Burkhards
Schwert entblößte es seiner Scheide und warfs unwillig auf den Tisch vor Frau
Hadwig Frischrote Flecken glänzten feucht auf der braven Klinge und junge
Scharten waren in den Rand gehauen »Ob der Schulmeister müßig ging« sprach er
»mag der da bezeugen ich hab meine Zunge nicht zum Herold meiner Tat ernannt«
    Die Herzogin war betroffen Sie trug noch einen Missmut auf dem Herzen es
zuckte und drängte ihm zürnend Luft zu schaffen  aber das Schwert Herrn
Burkhards weckte mannigfache Gedanken sie hielt den Groll an sich und reichte
Ekkehard die Hand
    »Ich wollt Euch nicht kränken« sprach sie
    Die Milde der Stimme klang ihm vorwurfsvoll er zögerte die dargebotene
Rechte zu ergreifen Schier hätt er um Verzeihung gebeten für seine Rauheit
aber das Wort stockte ihm  da ging die Türe des Saales auf es ward ihm alles
Weitere erspart
    Hadumot das Hirtenkind trat ein Schüchtern stand sie am Eingang
übernächtig und verweint das Antlitz sie getraute sich nicht zu reden
    »Was hast du arm Kind« rief Frau Hadwig »Komm näher«
    Da ging die Hirtin vorwärts Sie küsste der Herzogin Hand Dann ersah sie
Ekkehard dessen geistlich Gewand ihr Scheu einflößte sie nahte sich auch ihm
seine Hand zu küssen sie wollte reden Schluchzen hemmte die Stimme
    »Fürcht dich nicht« sprach die Herzogin tröstend Da fand sie Worte
    »Ich kann die Gänse nimmer hüten« sprach sie »ich muss fortgehen Du sollst
mir ein Goldstück schenken so groß du eines hast Wenn ich wieder heimkomm
will ich zeitlebens dafür schaffen Ich kann nichts dafür dass ich fort muss«
    »Warum willst du fort Kind« fragte die Herzogin  »haben sie dir was
Leides getan«
    »Er ist nicht mehr heimgekommen«
    »Es sind viele nicht mehr heimgekommen darum musst du nicht fort Die
draußen blieben sind bei Gott im Himmel und sind in einem schönen lustigen
Garten und wohlauf und habens besser denn wir«
    Aber das Hirtenkind schüttelte sein junges Haupt »Audifax ist nicht bei
Gott« sprachs »er ist bei den Hunnen Ich hab nach ihm geschaut drunten im
Feld er war nicht bei den toten Männern und des Kohlenbrenners Bub von
Hohenstoffeln der auch mit den Schützen zog hats gesehen wie ihn einer fing
 Ich muss ihn dort holen es lässt mir keine Ruh mehr«
    »Wo willst du ihn holen«
    »Das weiß ich nicht Ich will gehen wo die andern hingeritten sind die
Welt ist groß am Ende find ich ihn doch das weiß ich Das Goldstück das du
mir schenken sollst will ich den Hunnen geben und sagen Lasst mir den Audifax
frei und wenn ich ihn hab kommen wir beide heim«
    Frau Hadwig hatte ihr Wohlgefallen am Ausserordentlichen »Von diesem Kind
mögen wir alle lernen« sprach sie hob die scheue Hadumot zu sich empor und
küsste sie auf die Stirn »Mit dir ist Gott darum sind deine Gedanken groß und
kühn und du weißt nicht darum Wer hat ein Goldstück von euch bei der Hand«
    Der von Randegg nestelte eines herfür s war ein großer Goldtaler und war
der Kaiser Karl daraufgeprägt mit einem grimmen Antlitz und groß offenen
Schlitzaugen und auf der Rückseite war ein gekrönt Frauenbild zu schauen und
eine Schrift »s ist mein letzter« sprach der Randegger lachend zu Praxedis
Die Herzogin gab ihn dem Kind »Zeuch aus im Herrn es ist eine Fügung«
    Es ward ihnen feierlich zumute und Ekkehard legte seine Hände auf Hadumots
Haupt wie zum Segen
    »Ich dank euch« sprach sie und wollte gehen Noch einmal wandte sie sich
um »Wenn sie mir aber den Audifax für das eine Goldstück nicht herausgeben«
    »Dann schenk ich dir ein zweites« sagte die Herzogin
    Da ging das Kind zuversichtlich von dannen
    Und Hadumot zog in die unbekannte Welt hinaus das Goldstück ins Mieder
eingenäht die Hirtentasche mit Brot gefüllt  den Stab hatte ihr Audifax einst
aus dunkelgrüner Stechpalme geschnitzt Ob Weg und Steg ihr unbekannt ob
Speise und Obdach zweifelhaft darum hatte sie nicht Zeit sich zu kümmern Die
Hunnen sind gegen Sonnenuntergang gezogen und haben ihn mitgenommen das war ihr
einzig Denken der Lauf des Rheins und der Sonne Untergang ihr Wegweiser
Audifax ihr Ziel
    Mählich ward ihr die Gegend fremd Ferner und schmäler glänzte der Bodensee
vor ihrem Blick neue Bergrücken schoben sich vor und verdeckten ihr die
gewohnten stolzen Formen des heimatlichen Felsens da schaute sie etliche Male
zurück Noch einmal luegte die Kuppe des hohen Twiel mit Turm und Mauer und
Zinnen zu ihr herüber von blauem Duft umzogen dann schwand sie
    Ein unbekanntes Tal tat sich auf weite schwarze Tannwälder zogen sich
drüber hin niedere Hütten mit tief herabhangenden Strohdächern lagen versteckt
im Waldesdunkel  unverzagt ging Hadumot weiter und winkte den Hegauer Bergen
den letzten Gruß zu
    Wie die Sonne jenseits der Wälder zur Ruhe gegangen war hielt sie eine
Weile »Jetzt läuten sie zu Hause den Abendsegen« sprach sie »ich will beten«
Und sie kniete in der Bergeinsamkeit und betete erst für Audifax dann für die
Herzogin dann für sich  und alles war still ringsum Sie hörte nur ihr eigen
pochend Herz
    »Wie wirds meinen Gänsen ergehen« dachte sie beim Aufstehen »jetzt ist
die Stunde sie einzutreiben« Dann trat wieder Audifax vor ihre Seele an
dessen Seite sie so oft von der Weide zu Berg gefahren und sie ging schneller
    In den Meierhöfen im Tal rührte sich niemand Nur vor einer Strohdachhütte
saß ein altes Weib »Du sollst mich heut nacht bei dir behalten Großmutter«
sprach Hadumot zutraulich Die gab ihr keine Antwort doch ein Zeichen dass sie
bleiben könne Sie war taub und alleine zurückgeblieben die Männer fort ins
höhere Gebirg der Hunnen wegen
    Aber vor Tagesgrauen war Hadumot wieder unterwegs Und sie ging durch
lange lange Wälder drin wollte es kein Ende nehmen mit Tannen und war das
erste lautlose Weben des Frühlings im Walde die ersten Blumen streckten ihre
Häupter aus dem Moos herfür die ersten Käfer flogen leise summend drüber und
ein Harzgeruch kräftig und anmutend zog wehend herum als wär er ein
Weihrauch den die Tannen der Sonne hinaufschickten zum Dank für alles was sie
zu ihren Füßen lustig hervorgetrieben
    Der Hirtin gefiels nicht »Hier ists zu schön« sprach sie »hier können
die Hunnen nicht sein«
    Sie lenkte ihren Schritt vom Gebirg abwärts und kam auf einen Platz da war
der Wald licht und weite Umschau Tief unten in der Ferne floss der Rhein
gekrümmt gleich einer Schlange eingeklemmt zwischen doppelter Strömung trug
eine Insel viel stattliche Mauern wie von Kirche und Kloster der Hirtin
scharfes Aug sah dass das Mauerwerk geschwärzt und fleckig war und kein Dach
mehr trug Eine blaue Rauchwolke stand unbeweglich drüber
    »Wie ists hier geheißen« fragte sie einen Mann der aus dem Walde kam
    »Schwarzwald« sagte der Mann
    »Und drüben«
    »Rheinau«
    »Die Hunnen sind drüben gewesen«
    »Vorgestern«
    »Wo jetzt«
    Der Mann hatte sich auf seinen Stab gestemmt und schaute das Kind scharf an
Er deutete rheinabwärts »Warum« fragte er
    »Ich will zu ihnen«  Er hob seinen Stab und ging seines Weges weiter
»Heiliger Fintan bitt für uns« murmelte er im Fortgehen
    Und wiederum schritt Hadumot unverdrossen weiter Sie hatte von der Höhe
erschaut dass der Rhein in großem Bogen vorwärts strömte da ging sie quer über
das Gebirg den Hunnen einen Vorsprung abzugewinnen und war zwei Tage
unterwegs die Nacht im Walde auf Moos gebettet und schier keinem Menschen
begegnet Aber viel wilde Talschluchten traf sie und rinnend Gewässer und alte
Stämme die der Sturmwind gefällt am Platze wo sie sonst ihre Wipfel hoch gen
Himmel gereckt faulten sie und leuchteten grauweiss unheimlich im Dunkel Sie
ließ den Mut nicht
    Das Gebirg ward minder steil und flachte sich zu einer Hochebene ab da
strich oft rauer Luftzug drüber und Schnee lag in den Talmulden sie ging
weiter
    Das letzte Stück Brot war verzehrt da kam sie auf einen Bergrücken und sah
wieder den Rhein in der Ferne Jetzt wollte sie dem entgegen aber wie ein Riss
im Erdreich tat sich eine enge Kluft diesseits des Berges auf ein Waldstrom
schäumte in der Tiefe Junger Schuss von Stauden und Brombeer und dornigem
Gestrüpp hielt den Abhang dicht besetzt sie bahnte sich einen Weg durch Es
kostete Mühe und Schweiß die Sonne stand hoch am Himmel die Dornen rissen am
Gewand Wenn der Fuß unwillig still stehen wollte sprach sie »Audifax« und
hob ihn vorwärts
    Jetzt war sie unten zu Füßen dunkler Felswände Das Wildwasser hatte sich
Bahn durch sie gebrochen und stürzte in klarem Fall drüber weg die verwitterten
Steine glänzten im Wasserduft rötliches Moos hatte sich dran festgenistet wie
eine Vergoldung die Flut leckte hinauf und brauste wechselnd drüber hin bis
sie wenig Schritte davon in tiefgrün durchsichtigem Becken still hielt und
ausruhte wie ein müder Mann der sich und seines Lebens Tollheiten klar
beschauen will Üppige Pflanzen mit großen Blättern spriessten auf der
Wasserschaum funkelte in farbigen Tautropfen drin Blaugeflügelte Libellen
flogen auf und ab als wären sie die Geister verstorbener Elfen
    Träumerisch hallte das einsame Stürzen des Bachs ins Herz des hungernden
Kindes Mit dem Bach sollte sie weitergehen hinab zum Rhein Alles war
verwachsen wie wenn nie ein Mensch seinen Fuß hieher getragen  da lachte ein
trocken grünes Plätzlein zu Hadumot herüber sie legte sich nieder Es rauschte
so kühl und lang es rauschte sie in Schlummer Den rechten Arm ausgestreckt
dass das Haupt drauf ruhte lag sie da Lächeln auf dem müden Antlitz Sie
träumte Von wem  die blauen Wasserjungfern haben nichts verplaudert 
    Ein leichter Wasserguss aus hohler Hand scheuchte sie aus ihrem Traum Wie
sie langsam die Augen aufschlug stund ein Mann vor ihr mit langem Bart in
grobzwilchenem TschobenA1 die Füße nackt bis übers Knie Angelruten Netz und
ein hölzern Legel drin blaugetupfte Forellen schwammen lagen im Grase bei ihm
Er hatte die Schläferin lang betrachtet Zweifelhaft ob sie ein Menschenkind
ging er Wasser zu schöpfen und weckte sie
    »Wo bin ich« fragte Hadumot sonder Furcht
    »Am Wieladinger Strahl« sprach der Fischer »Das Wasser ist die Murg und
hat gute Forellen und geht in den Rhein Wie kommst aber du auf den Wald
Mägdlein bist vom Himmel heruntergefallen«
    »Ich komm weiter bei uns sind die Berge anders und wachsen einzeln und
steil aus der Ebene auf und steht ein jeder für sich  und die Forellen
schwimmen im See und sind größer Hegau heißens die Leute«
    Der Fischer schüttelte das Haupt »Das muss weit weg sein« sprach er »Wohin
jetzt«
    »Wo die Hunnen sind« sagte Hadumot und erzählte ihm treuherzig warum sie
ausgezogen und wen sie suche
    Da schüttelte der Fischer sein Haupt noch stärker denn zuvor »Beim Leben
meiner Mutter« sprach er »das ist ein böser Gang« Aber Hadumot faltete die
Hände und sagte »Fischer du musst mir den Weg zeigen wo sie sind«
    Da ward der Bärtige weich »Wenns sein muss« brummte er »gar fern sind sie
nicht Komm mit«
    Er packte sein Fischgerät zusammen und ging mit der Hirtin dem Lauf des
Waldbachs entlang Wenn Baum und Busch zu dicht die Ufer sperrten oder
Felsblöcke aufgetürmt lagen hub er das Mägdlein auf den Arm und schritt durchs
schäumende Wasser Dann ließ sie die Talschlucht zur Rechten Sie standen auf
einem der Vorberge die sich zum Rhein hinuntersenken »Schau hin Kind« sprach
er und deutete über den Rhein hinüber wo ein flach abgeschnittener Gebirgszug
sich streckte »dort gehts ins Fricktal hinein zum Bötzberg hin Dort steht
ihr Lager geschlagen Gestern ist das Laufenburger Kastell ausgeflammt worden
 Aber weiter sollen uns die Mordbrenner nimmer traben« fuhr er grimmig fort
    Sie gingen noch eine Weile da hielt Hadumots Geleitsmann an einem felsigen
Vorsprung »Warte« sprach er zu ihr Er schleppte etliche Stämme dürres
Tannenholz zusammen und schichtete sie auf Reisig und Kienspäne reichlich
dazwischen doch ließ ers unangezündet Das gleiche tat er an andern Plätzen
Hadumot sah ihm zu sie wusste nicht warum ers tat
    Dann stiegen sie zu den Ufern des Rheins hinunter
    »Ists dein Ernst mit den Hunnen« frug er noch einmal »Ja« sprach
Hadumot Da löste er einen im Gebüsch verborgenen Kahn und fuhr sie über Am
andern Ufer wars waldig er ging ein Stück einwärts und schaute sorgfältig um
Auch dort lag ein Holzstoss geschichtet und Kienfackeln dabei von grünen Zweigen
verdeckt Er nickte zufrieden und kam zu Hadumot »Weiter geh ich nicht mit
dort ist Fricktal und Hunnenlager Mach dass sie deinen Buben herausgeben eher
heut als morgen s könnt sonst zu spät werden Behüet dich Gott du bist ein
tapfer Kind«
    »Ich dank dir« sprach Hadumot und drückte seine schwielige Hand »Warum
gehst du nicht mit«
    »Ich komm später« sagte der Fischer mit bedeutsamem Ton und stieg in
seinen Kahn
    Am Eingang zum Tal war der Hunnen Lager geschlagen wenig Gezelte und
etliche große Hütten aus Buschwerk und Stroh in Blockhäusern von Tannstämmen
die Pferde Es lehnte sich im Rücken an einen Berg nach vorn war ein Graben
gezogen als Schutzwehr und mit Verhack Pfählen und dazwischen geworfenen
Felsblöcken nach Art des hunnischen Landhags190 gesperrt Bis weit hinaus ritten
die Vorposten auf und nieder halb war es das Bedürfnis der Ruhe nach Ritt und
Kampf halb ein Anschlag aufs Kloster des heiligen Fridolin drüben was sie dort
festhielt Ein Teil der Mannschaft baute Schiffe und Flösse am Rhein
    In seinem Zelt lag Hornebog der Führer seit Ellaks Fall Decken und Polster
waren aufgetürmt er freute sich keiner Ruhe Erica die Heideblume saß bei ihm
und spielte mit einem güldenen Kleinod das sie an seidener Schnur um den Hals
trug
    »Ich weiß nicht« sagte Hornebog zu ihr »es ist sehr ungemütlich worden
Die Kahlgeschorenen am See haben zu wütend dreingeschlagen Wir müssen sachter
tun191 Hier trau ich auch nicht s ist mir zu ruhig und Ruhe geht vor dem
Sturm Mit dir ists auch nichts mehr seit sie den Ellak erschlagen Solltest
mich jetzt lieben wie ihn als er der erste war  und bist wie ein ausgebrannt
Kohlenfeuer«
    Erica schnellte das Kleinod an seiner Schnur weit von sich dass es tönend an
die Brust zurückprallte und summte was Hunnisches vor sich hin
    Da trat ein wachehaltender Kriegsmann ins Zelt Hadumot die Hirtin mit
ihm und Snewelin von Ellwangen als Dolmetsch Das Kind war ins Lager gekommen
durch Vorposten und Wacheruf unverzagt durchschreitend bis sies festielten
Snewelin trug Hadumots Begehr um den gefangenen Knaben vor er war mitleidig
und weich gestimmt als wär er noch in der Heimat und begehe den
Aschermittwoch denn er hatte heut sämtliche Untaten im Lauf seines Hunnenlebens
überrechnet die ausgebrannten Klöster begannen ihm schwer auf dem Gewissen zu
lasten
    »Sag ihm auch dass ich ein Lösegeld zahlen kann« sprach Hadumot und
trennte des Mieders Naht auf drin der Goldtaler war Sie reichte ihn dem
Anführer dar Der lachte Auch die Heideblume lachte
    »Verrücktes Land« sprach Hornebog »Die Männer scheren das Haupt und die
Kinder tun was Kriegern geziemte Wären uns die Gewaffneten vom See nachgezogen
statt dieses Mägdleins es hätt uns in Verlegenheit bringen mögen«
    Er sah das Kind misstrauisch an »Wenn sie zu spähen käme « rief er Aber
Erica fuhr dazwischen und streichelte Hadumots Stirn »Du sollst bei mir
bleiben« sagte sie »ich brauch was zum Spielen seit mein schwarzer Rapp tot
und mein Ellak tot «
    »schafft mir das Gezeug hinaus« rief Hornebog unmutig »Sind wir am Rhein
um mit Hirtenkindern zu spielen«
    Da merkte Erica dass beim Anführer ein Ungewitter im Anzug war sie nahm das
Mägdlein bei der Hand und ging mit ihr
    Wo das Lager sich an den Berg hinstreckte war zwischen aufgehäuften
Steinplatten die Feldküche errichtet Dort schaltete die Waldfrau Audifax
kniete beim größten der Kessel und blies das Feuer an die Abendsuppe brodelte
drin Jetzt sprang er auf und tat einen Schrei Er hatte seine Gefährtin
erschaut Aber die Waldfrau reckte ihr Haupt hinter dem andern Kessel vor das
war mehr als ein Haltruf Er stand unbeweglich griff nach einem geschälten Ast
und rührte die Suppe wies ihm vorgeschrieben war  ein Bild stummen Jammers
er war blass und hager geworden die Augen trüb von Tränen die niemanden
gerührt
    »Dass Ihr mir den Kindern nichts zuleide tut alte Meerkatze« rief Erica der
Waldfrau zu
    Da ging Hadumot hinüber Der Hirtenknabe ließ seinen kunstlosen Löffel
fallen und reichte ihr die Hand stumm und still aber aus den tiefdunkeln Augen
blitzte es zu ihr hinüber wie eine große Geschichte von Gfangenschaft Duldung
und schweifendem Wunsch des Befreitseins Hadumot stand unbeweglich vor ihm
sie hatte sich viel Rührendes gedacht vom Augenblick des Wiedersehens das alles
schwand  die größte Freude jubelt schweigend ihr Lied himmelan »Gib mir eine
Schüssel von deiner Suppe Audifax« sprach sie »mich hungert«
    Die Waldfrau ließ es geschehen dass er ihr eine hölzerne Schüssel aus dem
Feldkessel füllte Das hungrige Kind stärkte sich dran und ward guten Mutes und
erschrak nicht über die wilden Gesichter der hunnischen Reiter die da kamen
ihre Abendsuppe zu schöpfen Nachher setzte sie sich dicht zu Audifax hin Er
war stumm und zurückhaltend erst wie es dunkel ward und seine Dräuerin von
dannen ging lösten sich die Fesseln seiner Zunge »O ich weiß viel Hadumot«
sagte er leise und sah sich scheu um  »ich weiß den Hunnenschatz Die Waldfrau
hat ihn in Verwahrung zwei Truhen stehen unter ihrem Lager im Zweighaus ich
hab selber hineingeschaut es glänzt drin von Spangen und Vorhängkleinodien und
güldenem Geschirr Auch ein silbern Huhn mit Küchlein und Eiern ist dabei das
hat einer im Lombardenland mitgenommen und viel Prächtiges sonst  ich habs
teuer gebüßt den Schatz zu sehen «
    Er lüpfte seinen ledernen Schlapphut Sein rechtes Ohr war halb
abgeschnitten
    » Die Waldfrau kam heim eh ich die Truhe zuschlagen konnte Das sei
dein Lohn sprach sie und zuckte die Schere wider mein Ohr s hat weh getan
Hadumot Aber ich zahls ihr heim«
    »Ich helf dir« sprach die Gefährtin
    Lange noch plauderten die beiden der Schlummer floh die Augen der
Glücklichen Der Lärm des Lagers schwieg Dämmernde Schatten waren über das Tal
gebreitet Da sprach Hadumot »Ich muss immer und immer denken es sei jene
Nacht wo die Sterne fielen«
    Audifax seufzte »Ich gewinn meinen Schatz doch noch« sprach er »ich weiß
es«
    Und wieder saßen sie eine Weile da schreckte Audifax zusammen Hadumot
spürte das Zittern seiner Hand  Über dem Rheine auf dunkelm Berggipfel flammte
ein Feuerzeichen auf es war wie eine Fackel die ein Mann in kreisendem Bogen
schwingt und in die Lüfte hinausschleudert
    »Jetzt ists erloschen« sprach Audifax leis
    »Aber dort« sagte Hadumot erschrocken und wies rückwärts
    Von des Botzbergs Höhe schlug eine Lohe empor und kreiste feurig und sprühte
in Funken Es war dasselbe Zeichen Und drüben auf dem Schwarzwald hub sich an
dem Platze wo die Fackel geschwungen worden eine hohe Flamme himmelan und
leuchtete durch die sternlose Nacht Von der Wache im Tal draußen scholl ein
gellender Pfiff Im Lager regte sichs Die Waldfrau kam herein »Was träumst du
noch Bub« rief sie drohend »schirr unser Gespann und rüste das Saumross«
    Schweigend gehorchte Audifax
    Der Wagen stand geschirrt das Saumross an den Pfahl gebunden vorsichtig
schlich die Alte heran und hing ihm zwei Körbe um und trug zwei Truhen herzu
die packte sie in die Körbe und tat Heu drüber Sie spähte lauernd hinaus Es
war wieder still Der Fricktaler Wein schaffte den Hunnen einen festen Schlaf
    »Es ist nichts« brummte die Waldfrau »wir können die Gäule wieder zur Ruhe
bringen« Da fuhr sie auf wie geblendet Der Berg über dem Lager war lebendig
geworden es blitzte und sprühte von viel hundert Fackeln und Feuerbränden192
und donnerte mit wütendem Schlachtruf dazwischen  vom Rhein her wälzten sich
dunkle Massen auf allen Gipfeln flammte es gen Himmel  Heraus ihr Schläfer
 es war zu spät  schon flog der helle Brand ins Hunnenlager  klagend
Gewieher der Rosse tönte auf  der große Stall stand in Flammen dunkle Gestalten
brechen ein fackelglanzbeschienen kommt heute der Tod  das ist der alte
Irminger Herr im Frickgau der ihn bringt er der starke Vater sechs starker
Söhne der wie Mattatias mit seinen Makkabäern das Elend seines Volkes nicht
länger erschauen wollte  und von ihnen geführt die Männer von Hornussen und
Herznach und die aus dem Aartal und von Brugg und von Badens heißen Quellen und
weit von der Giselaflueh her In sicherm Waldversteck waren sie gelegen bis auf
dem Eggberg drüben die Fackel schwirrte das war des Schwarzwalds nachbarliche
Hilfe  da gings vorwärts zum Sturm
    Graunvoll tönte der Überfallenen Schrei in den Sturmruf Blutigen Hauptes
sprengte Snewelin vorüber ein wohlgeschleuderter Pechbrand haftete an seiner
Gewandung und flackerte weiter dass er aussah wie ein feurig Gespenst »Die Welt
geht unter« rief er »das tausendjährige Reich bricht an Herr sei meiner
armen Seele gnädig«
    »Verloren alles verloren« sprach die Waldfrau vor sich hin und fuhr mit
der Hand über die Stirn Dann band sie das Saumross los um es auch noch vor
ihren Wagen zu schirren Im Dunkel stand Audifax er biss die Zähne zusammen um
nicht jubelnd hinauszujauchzen in das Geheul des nächtlichen Überfalls
zitternder Widerschein des Feuers spielte um sein Antlitz es kochte in ihm
Eine Weile schaute er starr ins Rennen und Wogen und Kämpfen der dunkeln Männer
 »jetzt weiß ichs« sprach er leise zu Hadumot er hatte einen Feldstein
aufgerafft katzenschnell sprang er an der Waldfrau hinauf und schlug sie
nieder das Saumross riss er weg und hob mit Mannesstärke die knieende Hadumot
hinauf »Halt dich fest am Sattelknopf«  er sprang aufs Ross und griff die
Zügel das fühlte die ungewohnten Reiter scheu von Brand und Glanz sprengte es
davon in die Nacht  Audifax wankte nicht sein Herz pochte in lautem Schlag
er schloss die Augen vor dem qualmenden Rauch  über Erschlagene gings und
durchs Gewühl streitender Männer  jetzt tobte der Schlachtenlärm entfernter
das Ross schlug langsameren Schritt an dem Rheine entgegen trug es die Kinder 
sie waren gerettet
    Und sie ritten die lange bange Nacht durch und schauten nicht um Audifax
hielt schweigsam die Zügel es war ihm oft als wär alles ein Traum gewesen er
legte die Linke auf Hadumots Haupt und klopfte an die Truhe im Hängkorb es gab
einen Klang von Metall da erst wusste er wieder dass er nicht geträumt Und das
Ross war brav und trug seine Last willig über Feld und Heide ging der Weg und
durch finstere Wälder immer dem strömenden Rhein entgegen
    Wie sie lang und weit geritten waren da kam ein kühler Luftzug dass sie
zusammenschauerten das war des Morgens Vorbote193 Hadumot schlug die Augen
auf »Wo sind wir« fragte sie »Ich weiß es nicht« sagte Audifax
    Jetzt hörten sie ein Rauschen und Tosen wie fernen Donner aber es war nicht
von einem Gewitter der Himmel hellte sich die Sternlein verblassten und
schwanden Der Donner ward lauter und näher sie ritten an einem Kastell
vorüber das sah stattlich in die Gewässer herunter dann bog ihr Pfad um einen
Bergrücken da kam der Rhein in breiter Strömung daher und stürzte mit Hall und
Schall und sprühendem Geschäume über dunkles zernagtes Gefels194 perlender
Wasserstaub stäubte herüber und alles stand in feuchtem Duft  das Ross hielt
an als wolle es den gewaltigen Anblick bedachtsam in sich aufnehmen Audifax
sprang herab hob die müde Hadumot herunter stellte die Hängkörbe zur Erde und
ließ das brave Tier grasen
    Und die Kinder standen vor dem Fall des Stromes Hadumot hielt ihres
Gefährten Rechte in ihrer Linken lang und lautlos schauten sie hinein Und die
Sonne warf ihre ersten Strahlen über die stürzende Flut die fing sie auf und
fügte sie zu farbigem Regenbogen zusammen und spielte mit dem schillernden Licht

    Audifax aber ging jetzt zu den Körben nahm eine Truhe herfür und schlug sie
auf  es war eitel Gold und Geschmeide drin  der Schatz der langersehnte war
gehoben und war sein eigen nicht durch Zauberformel und nächtige Beschwörung
eigen durch kräftig Rühren der Hände und Dreinschlagen und Nutzung des günstigen
Augenblicks Er schaute in den güldenen Flimmer Es überraschte ihn nicht er
wusste ja seit Monden dass ihm ein solches beschieden war  Von jeglicher Art
der güldenen Stücke las er eines aus von Gefässen eines von Ringen einen von
Münzen und Armspangen eine und trug sie vor ans Ufer
    »Hadumot« sprach er »hier muss Gott sein sein Regenbogen schwebt über dem
Wasser Ich will ihm ein Dankopfer bringen«
    Er trat vor auf einen Felsblock am Rande des Stromes und schleuderte mit
starkem Arm das Gefäß in die brausende Rheinflut und den Ring und die Münze und
die Spange  dann kniete er auf die Erde und Hadumot kniete zu ihm und sie
beteten eine lange Zeit und dankten Gott 
 
                                    Fußnoten
A1 Jacke
 
                              Sechzehntes Kapitel
                            Kappan wird verheiratet
Wenn das Gewitter vorüber ist kommen die Bäche trüb und erdfarbig daher
geflossen So folgt auf landerschütternde Bewegung meist eine Zeit kleiner
verdrießlicher Geschäfte bis das alte Geleise allentalb wiederhergestellt
worden
    Auch Frau Hadwig musste das erfahren
    Es war viel zu richten und schlichten nach Vertreibung der Hunnen Sie
unterzog sich dem gerne ihr beweglicher Geist und die Freude am eigenen
Eingreifen erleichterten die Sorge des Regierens
    Witwen und Waisen der gefallenen Heerbannmänner kamen und wem der rote Hahn
aufs Dach der Hütte geflogen und wem die junge Saat von Rosseshuf zerstampft
war es ward Hilfe geschafft so viel möglich Boten an den Kaiser gingen ab mit
Bericht über das Geschehene und Vorschlag künftiger Abwehr der Burg
Befestigung wo sie sich mangelhaft erwiesen ward gebessert die Waffenbeute
bemessen und verteilt die Stiftung einer Kapelle auf dem Grabhügel der
christlichen Kriegsmänner beschlossen
    Mit Reichenau und Sankt Gallen war viel Verhandlung geistliche Freunde
vergessen niemals Rechnung zu stellen für erwiesenen Dienst Sie wussten
eindringlich zu jammern und wehklagen über die Schädigung der Gotteshäuser und
unerschwingliche Einbusse an Hab und Gut dass eine Schenkung von Grund und Boden
den bedrängten Gottesmännern sehr erwünscht käme ward der Herzogin täglich ins
Gehör geträufelt Fern im Rheintal wo der Berg von Breisach mit seinen dunkel
ausgebrannten Felsrücken der Strömung sich entgegenstemmt war der Herzogin das
Hofgut Saspach195 Auf vulkanischem Boden gedeiht die Rebe  das hätte den
frommen Brüdern auf der Aue wohl getaugt schon um den Unterschied des
rheinischen Weines von dem am See erproben zu können außerdem als geringer
Ersatz für tapferes Streiten und die nötigen Seelenmessen um die Gebliebenen
    Und wie sich Frau Hadwig eines Tages dem Vorschlag es abzutreten nicht
ganz abgeneigt erwiesen kam schon des andern mit dem frühsten der Subprior
geritten und bracht ein großes Pergament drauf stund die ganze Formel der
Schenkung und klang recht stattlich wie alles dem heiligen Pirminius solle
zugewiesen sein Haus und Hof und aller Zubehör gerodet Land und ungerodet
Wald und Weinberg Weide und Wieswuchs und der Lauf der Gewässer samt
Mühlenbetrieb und Fischfang und was von eigenen Leuten männlichen und
weiblichen Geschlechtes auf den Huben sesshaft  und fehlte auch die übliche
Verwünschung nicht »So sich einer vermessen sollt« hieß es »die Schenkung
anzuzweifeln oder gar dem Kloster zu entziehen über den sei Anatema Maranata
gesprochen der Zorn des Allmächtigen und aller heiligen Engel treffe ihn mit
Aussatz werde er geschlagen wie Naëmann der Syrer mit Gicht und Tod wie
Ananias und Sapphira und ein Pfund Goldes zahle er zur Sühne des Frevels dem
Fiskus196«
    »Der Herr Abt hat seiner gnädigen Herrin die Mühe sparen wollen den
Schenkbrief selbst aufzusetzen«  sprach der Subprior »es ist freier Raum
gelassen Namen und Grenzen des Gutes einzutragen die Unterschriften der
Parteien und Zeugen beizufügen die Sigille dranzuhängen«
    »Wisst ihr euch bei allen Geschäften so zu sputen« erwiderte Frau Hadwig
»Ich werd mir euer Pergament bei Gelegenheit ansehen«
    »Es wäre dem Abte ein liebsam und erwünscht Ding so ich ihm heute schon die
Schrift von Euch gezeichnet und gesiegelt zurückbringen könnte Es ist wegen der
Ordnung im Klosterarchiv hat er gesagt«
    Frau Hadwig schaute den Mann von oben herab an »Sagt Eurem Abt« sprach
sie »dass ich eben die Rechnung stellen lasse um wie viel der Brüder
Einlagerung auf dem hohen Twiel mich an Küche und Keller geschädigt Sagt ihm
außerdem dass wir unsere eigenen Schreibverständigen haben so es uns zu Sinne
kommt Hofgüter am Rhein zu verschenken und dass «
    Es lagen ihr noch etliche bittere Worte auf der Zunge Der Subprior fiel
beschwichtigend ein und gedachte eine Reihe von Fällen aufzuzählen wo
erleuchtete Herren und Fürsten desgleichen getan  wie die Könige in Francien
drüben dem heiligen Martinus von Tours reichlichst den Schaden ersetzt den er
durch der Normänner Plünderung erlitten und wie erklecklich durch solche
Schenkung dem Heil der Seele Vorschub geleistet sei denn wie das Feuer durchs
Wasser gelöscht werde so die Sünde durchs Almosen 
    Die Herzogin wandte ihm den Rücken und ließ ihn samt seinen unerzählten
Beispielen im Saale stehen »Zuviel Eifer ist vom Übel« murmelte der Mönch
»langsam gefahren sicher gefahren« Da wandte sich Frau Hadwig noch einmal Es
war eine unbeschreibliche Handbewegung mit der sie sprach »Wollet Ihr mich
verlassen so geht auch gleich und ganz«
    Er trat seinen Rückzug an
    Den Abt zu ärgern übersandte sie noch desselben Tages dem greisen Simon
Bardo für glückliche Lenkung der Schlacht eine güldene Kette
    Ein Mann mit dessen Schicksal sich die Herzogin gern beschäftigte war der
gefangene Hunne Kappan Der hatte anfangs böse Tage durchlebt es war ihm noch
nicht klar warum man ihn am Leben gelassen er lief scheu umher wie einer der
kein Recht auf sich selber mehr hat und wenn er auf seinem Strohlager
schlummerte kamen schöne Träume über ihn Da sah er weite blumige Gefilde aus
denen wuchsen Galgen ohne Zahl wie Disteln in die Höhe und an jedem hing einer
seiner Landsleute und am höchsten hing er selber und fands ganz in der
Ordnung dass er dran hing denn das war das Los Kriegsgefangener in selben Tagen
197 Es ward aber keiner für ihn errichtet Noch etliche Zeit schaute er
misstrauisch auf die Linde im Burghof die hatte einen stattlichen kahlen Ast und
es deuchte ihm oftmals als winke ihm der Ast herauf und sage »Hei wie
taugtest du mich zu schmücken«
    Allmählich fand er jedoch dass die Linde ein schöner schattiger Baum sei
und ward zutraulicher Sein durchstochener Fuß heilte er trieb sich in Hof und
Küche herum und schaute mit stumpfer Verwunderung in das Getrieb deutschen
Hauswesens Er vermeinte zwar auf hunnisch eines Mannes Heimat solle der Rücken
des Rosses sein und für Weib und Kind genüge ein fellumhangener Wagen aber
wenns regnete oder die Abendkühle kam schien ihm das Herdfeuer und die vier
Wände nicht zu verachten ein Trunk Wein besser als Stutenmilch und ein wollenes
Wams weicher als ein Wolfspelz So schwand die Sehnsucht des Fliehens vor
Heimweh war er geschützt weil ihm ein Vaterland fremd
    In Hof und Garten schaltete dazumal eine Maid die hieß Friderun und war
hoch wie ein Gebäu von mehreren Stockwerken drauf ein spitzes Dach sitzt denn
ihr Haupt hatte die Gestalt einer Birne und glänzte nicht mehr im Schimmer
erster Jugend wenn der breite Mund sich zu Wort oder Gelächter auftat ragte
ein Stockzahn herfür als Markstein gesetzten Alters Die bösen Zungen raunten
sich zu sie sei einst Herrn Spazzos Freundin gewesen aber das war schon lange
her seit Jahren war ihre Huld einem Knecht zugewandt den hatten in den Reihen
des Heerbannes die Hunnen erschossen  jetzt stand ihr Herz verwaist
    Große Menschen sind gutmütig und leiden nicht unter den Verheerungen
allzuscharfen Denkens Da lenkte sie ihre Augen auf den Hunnen der sich einsam
im Schlosshof umtrieb und ihr Gemüt blieb mitleidig an ihm haften wie der
funkelnde Tautropfen am Fliegenschwamm Sie suchte ihn heranzubilden zu den
Künsten die ihr selber geläufig und wenn sie im Garten gejätet und gehackt
geschah es dass sie ihre Hacke dem Kappan übergab der tat wie ers von seiner
Meisterin gesehen Auch im Abschneiden von Bohnen und Kräutern folgte er ihrem
Beispiel  und nach wenig Tagen wenn Wasser vom Brunnen beigeschaft werden
sollte brauchte die schlanke Friderun nur auf den hölzernen Kübel zu deuten so
hatte ihn Kappan aufs Haupt gehoben und schritt damit zum plätschernden Brunnen
im Hofe
    Nur in der Küche ward am gelehrigen Schüler keine Freude erlebt denn wie
ihm einsmal ein Stück Wildbret zugewiesen war dass ers mit hölzernem Schlegel
mürb schlage kamen alte Erinnerungen über ihn und er zehrte ein Stück davon roh
auf samt Zwiebeln und Lauch die zu des Bratens Würze bereit standen
    »Ich glaub mein Gefangener gefällt dir« rief ihr Herr Spazzo eines
Morgens zu als der Hunn fleißig mit Holzspalten beschäftigt war Dunkelrot
färbten sich die Wangen der hohen Gestalt Sie schlug die Augen nieder  »Wenn
der Bursch deutsch reden könnt und kein verdammter Heidenmensch wär  « fuhr
Herr Spazzo fort
    Die Schlanke schwieg verschämt
    »Ich weiß dass du ein Glück verdienst Friderun « sprach Herr Spazzo
weiter Da löste sich Frideruns Zunge »Von wegen des Deutschredens « sagte
sie mit fortwährend gesenktem Blick »auf die Sprache käm mirs gar nicht an
Und wenn er ein Heide ist so braucht er ja keiner zu bleiben Aber «
    »Was aber«
    »Er kann nicht sitzen beim Essen wie ein vernünftiger Mensch Er liegt immer
den langen Weg auf dem Boden wenns ihm schmecken soll«
    »Das wird ihm ein Ehegespons wie du sattsam austreiben Habt ihr euch
schon verständigt«
    Friderun schwieg abermals Plötzlich lief sie davon wie ein gehetztes Wild
die Holzschuhe klapperten auf dem Steinpflaster des Hofes Da ging Herr Spazzo
zum holzspaltenden Kappan schlug ihm auf die Schulter dass er aufschaute
deutete mit gehobenem Zeigefinger auf die Fliehende nickte mit dem Haupt
fragend und blickte ihn scharf an Der Hunn aber fuhr mit dem rechten Arm auf
die Brust neigte sich tat dann einen mächtigen Satz in die Höhe dass er sich
um sich selber herumdrehte wie der Erdball um seine Achse und verzog seinen
Mund zu fröhlichem Grinsen
    Da wusste Herr Spazzo wie es mit beider Gemüt beschaffen war198 Friderun
hatte des Hunnen Luftsprung nicht erschaut Zweifel lasteten noch auf ihrer
Seele darum erging sie sich vor dem Burgtor sie hatte eine Wiesenblume
gepflückt und zupfte die weißen Blumenblättlein eines nach dem andern »Er
liebt mich er liebt mich nicht er liebt mich« Wie sie alle ein Spiel der
Winde geworden bis aufs letzte hörte ihr Gemurmel auf sie sah den kahlen
Blumenrest mit dem einen kleinen weißen Blättlein verklärt an199 und nickte
wohlgefällig lächelnd darauf nieder Spazzo der Kämmerer aber trug die Sache
seines Gefangenen der Herzogin vor Geschäftigen Geistes gedachte sie sogleich
dessen Schicksal zu gestalten Der Hunn hatte im Garten Proben einer löblichen
Kunst abgelegt er wusste dem treulos unterirdischen Wühlen der Maulwürfe Einhalt
zu tun  mit eingebogenen Weidenruten dran er eine Schlinge festigte hatte er
manchem der schwarzen Gesellen ein unerwünscht Lebensend bereitet aufgestellt
baumelten sie im gleichen Augenblick zu Sonnenlicht Galgen und Tod empor Auch
flocht er aus Draht treffliche Fallen der Mäuse und zeigte sich in allem was
niedere und niederste Jagd angeht wohlerfahren
    »Wir weisen ihm etliche Huben Landes drüben am Stofflerberge zu« sprach
Frau Hadwig »Als Fronund Felddienst soll er dafür den Krieg gegen alles
saatverderbende Getier führen so weit unser Twing und Bann reicht Und wenn die
lange Friderun Gefallen an ihm hat mag sie ihn nehmen es wird schwerlich schon
eine andere aus den Jungfrauen unseres Landes ein Aug auf ihn geworfen haben«
    Sie gab Ekkehard die Weisung den Gefangenen vorzubereiten dass er seines
Heidentums ledig in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden möge Der
schüttelte zwar bedenklich das Haupt aber Frau Hadwig sprach »Der Wille muss
für das gut sein was an der Einsicht abgeht den Unterricht möget Ihr kurz
halten so viel als den Sachsen die der große Karl in die Weser treiben ließ
wird ihm auch deutlich werden«
    Ekkehard tat wie ihm geheißen und seine Lehre fiel auf gutes Erdreich
Kappan hatte auf seinen Heerzügen manch ein deutsches Wort aufgelesen und hatte
wie alle seine Landsleute einen eigenen Sinn zu erraten was anderer Absicht
auch wenn die Sprache nicht ganz verstanden ward Zeichen und Bild ergänzte
vieles wenn Ekkehard vor ihm saß das metallbeschlagene Evangelienbuch mit den
goldgemalten Buchstaben aufgeschlagen und gen Himmel deutete so wusste der
Hunn wovon die Rede das Abbild des Teufels verstand er und gab in Gebärden
kund dass der zu verabscheuen sei vor dem Zeichen des Kreuzes warf er sich wie
er von andern gesehen in die Kniee So gedieh der Unterricht
    Wie Kappan seinerseits sich auszudrücken vermochte stellte sich freilich
heraus dass seine Vergangenheit eine sehr schlimme Er nickte bejahend auf die
Frage ob er Wohlgefallen an der Zerstörung von Kirchen und Klöstern gehabt und
an den ausgereckten Fingern war abzuzählen dass er mehr denn einmal bei solchem
Frevel mitgewirkt
    Unter Zeichen aufrichtiger Reue aber tat er zu wissen dass er in jüngeren
Tagen zu Heilung von schlimmem Wundfieber ein Stück vom Herzen eines
erschlagenen Klerikers aufgezehrt200 zur Sühne lernte er jetzt desto emsiger
die offene Schuld aussprechen wenn ein Wort fehlte half ihm Friderun und bald
konnte Ekkehard erklären dass er mit ihm zufrieden wenn auch nicht alles in
seinem Gemüt Eingang gefunden was der Kirchenvater Augustiuns in seinem Buch
von Unterweisung der im Glauben Rohen verlangt
    Da ordneten sie einen Tag zu gleichzeitigem Vollzug von Taufe und Hochzeit
Nach der Herzogin Geheiß sollten ihm drei Taufpaten gegeben sein einer vom
Kloster Reichenau einer von Sankt Gallen und einer vom Heerbann zum Gedächtnis
an die Schlacht drin sie ihn gefangen Die Reichenauer sandten Rudimann den
Kellermeister für den Heerbann trat Herr Spazzo ein Und weil die Paten sich
nicht einigen konnten welch einen neuen Namen der Täufling führen sollte ob
Pirmin zu Ehren der Reichenau oder Gallus brachten sie es vor die Herzogin
zum Austrag die sprach »Heißt ihn Paulus denn auch er ist schnaubend von Wut
und Mord gegen die Jünger des Herrn ins Land gezogen bis dass ihm die Schuppen
von den Augen fielen«
    Es war ein Sonnabend da führten sie den Kappan der während des ganzen
Tages gefastet zur Kapelle der Burg und verbrachten abwechselnd die Nacht mit
ihm im Gebete Der Hunn war ergeben und fromm und trug sich mit ernsten
Gedanken und vermeinte der Geist seiner Mutter sei ihm erschienen in
Lämmerfelle gehüllt und hab ihm zugerufen »Dein Bogen ist zerbrochen duck
dich arm Reiterlein die dich vom Ross gestochen solln deine Herren sein«
    Zu stiller Sonntagsfrühe aber als noch perlender Tau die Halme netzte und
kaum ein erstes Lerchlein sich zum reinen Morgenhimmel aufschwang wallte eine
kleine Schar mit Kreuz und Fahne den Burgweg hinab  diesmal kein Trauerzug
    Ekkehard voraus im violetten Priestergewand inmitten seiner Paten der
Hunne so schritten sie durch den üppigen Wieswuchs ans Ufer des Flüssleins Aach
Dort pflanzten sie das Kreuz in weißen Sandboden und traten im Halbkreis um den
der heute zum letztenmal Kappan heißen sollte hell klang ihre Litanei durch die
Morgenstille zu Gott auf dass er gnädig herabschaue zu dem der jetzt seinen
Nacken vor ihm beuge und sich nach Befreiung sehne vom Joch des Heidentums und
der Sünde
    Dann hießen sie den Täufling sich entkleiden bis auf die Umgürtung der
Lenden Er kniete im Ufersand Ekkehard sprach die Beschwörung im Namen dessen
den Engel und Erzengel fürchten vor dem Himmel und Erde erzittern und die
Abgründe sich auftun auf dass der böse Geist die letzte Gewalt über ihn
verliere dann hauchte er ihn dreimal an reichte geweihtes Salz seinem Munde
als Sinnbild neuer Weisheit und neuen Denkens und salbte ihm Stirn und Brust
mit heiligem Öle Der Täufling war wie erschüttert und wagte kaum zu atmen so
schlug ihm die Wucht der Feier ins Gemüt Wie ihm darauf Ekkehard die Formel der
Abschwörung vorsprach »Versagst du dem Teufel und allen seinen Werken und allen
seinen Gezierden« antwortete er mit Heller Stimme »Ich versag ihm« und
sprach so gut ers vermochte die Worte des Bekenntnisses nach drauf tauchte
ihn Ekkehard in die kühle Flut des Flüssleins die Taufe war ausgesprochen der
neue Paulus stieg aus dem Gewässer  einen wehmütigen Blick warf er nach dem
frischen Grabhügel der sich drüben am Waldsaum türmte dann zogen ihn die
Taufpaten herauf und hüllten den Zitternden in ein blendend linnen Gewand
Vergnüglich stand er unter seinen neuen Brüdern Ekkehard hielt eine Ansprache
nach den Worten der Schrift »Der ist selig welcher sein Gewand treu behütet
damit er nicht nackend gehe201« und mahnte ihn dass er von nun an das makellose
Linnen trage als Gewand der Wiedergeburt in Rechtschaffenheit und Güte wie es
die Taufe ihm verliehen  und legte ihm die Hände auf Mit schallendem Lobsang
führten sie den Neubekehrten zur Burg zurück
    In der gewölbten Fensternische eines Gemachs im Erdgeschoss saß indessen
Friderun die lange Praxedis huschte auf und ab wie ein unstetes Irrlicht sie
hatte sichs von der Herzogin erbeten die ungeschlachte Braut zu ihrem Ehrentag
zu schmücken Schon waren die Haare eingeflochten in rote Stränge von Garn der
unendlich faltenreiche Schurz wallte bis zu den hochabsätzigen Schuhen drüber
prangte der dunkle Schappelgürtel mit seiner güldfadenen Einfassung  nur wer
die Braut erstreitet darf ihn lösen  jetzt griff Praxedis die glitzernde
glasperlenbehängte Krone voll farbiger Steine und Flittergold »Heilige Mutter
Gottes von Byzanzium« rief sie »muss das auch noch aufgesteckt werden Wenn du
mit dem Kopfschmuck einherschreitest Friderun werden sie in der Ferne glauben
es sei ein Festungsturm lebendig geworden und wandle zur Trauung«
    »Es muss sein« sprach Friderun
    »Warum muss es sein« fragte die Griechin »Ich hab daheim manch schmucke
Braut gesehen die trug den Myrtenkranz oder den silbergrünen Olivenzweig in den
Locken und es war gut so Freilich in euren harzigen russigen schwärzlichen
Tannenwäldern wächst nicht Myrte und nicht Olive aber Efeu wär auch schön
Friderun«
    Die drehte sich zürnend im Stuhl »Lieber ledig bleiben« sprach sie »als
mit Blatt und Gras im Haar zur Kirche gehen Das mögt Ihr hergelaufenem Volk
raten aber wenn ein Hegauer Kind Hochzeit macht muss die Schappelkrone sein
Haupt schmücken das gilt von jeher seit der Rhein durch den Bodensee rinnt und
die Berge stehen Wir Schwaben sind all ein königlich Geschlecht hat mein Vater
immer gesagt«
    »Euer Wille geschehe« sprach Praxedis und heftete ihr die Flitterkrone auf
    Die große Braut erhob sich aber Falten lagerten über ihrer Stirn wie ein
Schatten eilenden Gewölks der sein vorübergehend Dunkel auf die sonnbeglänzte
Ebene wirft
    »Willst du jetzt schon weinen« fragte die Griechin »auf dass dir in der Ehe
die Tränen gespart werden«
    Friderun machte ein ernst Gesicht und der unholde Mund zog sich betrübt in
die Länge dass Praxedis Müh hatte nicht zu lachen
    »Mir ist so bang« sprach die Braut des Hunnen
    »Was soll dir bang machen zukünftige Nebenbuhlerin der Tannen am
Stofflerberg«
    »Ich fürcht die Burschen des Gaus tun mir einen Spuk an dass ich den
Fremden heirate Wie der Klostermeier vom Schlangenhof die alte Witfrau vom
Bregenzer Wald heimgeführt hat sind sie ihm in der Hochzeitnacht vors Haus
gezogen und haben mit Stierhörnern und Kupferkesseln und großen Meermuscheln
eine Höllenmusik gemacht wie wenn ein Hagelwetter weg zu drommeten wär und
wie der Rielasinger Müller am ersten Tag seines Ehestands vors Haus trat stand
ein Maienbaum gepflanzt der war kahl und dürr und statt Blumen hing ein
Strohwisch dran und ein zerlumpt grüngelb Schürzlein«
    »Sei gescheit« tröstete Praxedis
    Aber Friderun jammerte weiter »Und wenn sie mirs machen wie des
Bannförsters Witib da sie den Jägersknaben nahm Der haben sie nachts das
Strohdach entzweigeschnitten oben auf dem Hausfirst halb zur Rechten halb zur
Linken ists heruntergerollt der blaue Himmel hat in ihr Hochzeitbett
geleuchtet ohne dass sie wussten warum und die Krähen sind ihnen zu Häupten
geflogen202«
    Praxedis lachte »Du wirst doch ein gut Gewissen haben Friderun« sprach
sie bedeutsam
    Aber der stand das Weinen näher
    »Und wer weiß« sprach sie ausweichend »was mein Kappan «
    »Paulus« verbesserte Praxedis
    » in jungen Tagen für Streiche gemacht Gestern nacht hat mir geträumt
er habe mich fest in seinen Armen gehalten da sei ein hunnisch Weib gekommen
gelb von Gesicht und schwarz von Haar und hab ihn weggerissen Mein gehört er
drohte sie und wie ich ihn nicht lassen wollte ward sie zur Schlange und
ringelte sich fest an ihm auf «
    »Lass die Schlangen und Hunnenweiber« unterbrach sie Praxedis »und mach
dich fertig sie kommen schon den Berg herauf  Vergiss den Rosmarinzweig nicht
und das weiße Tuch«
    Hell glänzte draußen im Burghof des Kappan weißes Festgewand Da gab
Friderun den trüben Gedanken Valet und schritt hinaus die Ehrenmägde empfingen
sie im Hof der Neugetaufte lachte ihr fröhlich entgegen das Glöcklein der
Burgkapelle läutete es ging zur Hochzeit203
    Die Trauung war beendet mit strahlendem Antlitz verließ das neue Ehepaar
die Burg Frideruns ganze Sippschaft war erschienen stämmige Leute die an Höhe
des Wuchses der Braut nicht nachstanden sie saßen als Meyer und Bauern auf den
nachbarlichen Höfen jetzt zogen sie nach dem Gütlein am Fuß des hohen Stoffeln
das erste Feuer zur Einweihung des neuen Herdes anzuzünden und das Hochzeitfest
zu feiern Voraus im Zug wurde auf bekränztem Wagen der Brautschatz geführt da
fehlte die große Bettstatt von Tannenbrettern nicht Rosen und Trudenfüsse als
Abwehr von Alp und Wichtelmännern und andern nächtlichen Unholden waren drauf
gemalt  an Kisten und Kasten folgte ein mannigfacher Hausrat
    Die Ehrenmägde trugen die Kunkel mit angelegtem Flachs und den schön
gezierten Brautbesen von weißen Reisern einfache Sinnbilder von Fleiß und
Ordnung fürs künftige Hauswesen
    An Jauchzen und Jubelruf ließ es die Geleitsmänner nicht fehlen dem
Kappan aber wars zu Sinn als hätten die Fluten der Taufe in früher
Morgenstund alle Erinnerung weggespült dass er je streifend und schweifend ein
Ross getummelt er schritt ehrsam und bürgerlich mit Schwägern und Schwiegern
als wär er von Jugend ein Fronvogt oder Schultheiß im Hegau gewesen
    Noch war der Lärm der bergab Ziehenden nicht verklungen da traten zwei
schmucke Bursche vor die Herzogin und ihre klösterlichen Gäste des Schaffners
auf der kaiserlichen Burg Bodmann Söhne und Frideruns Gevattern Sie kamen als
Hochzeitbitter jeder eine gelbe Schlüsselblume hinters Ohr gesteckt und einen
Strauss am zwilchenen Gewand
    Verlegen blieben sie unter des Saales Eingang stehen die Herzogin winkte
da traten sie etliche Schritte vor dann noch etliche und scharrten eine
Verbeugung und sprachen den alterkömmlichen Ladspruch zum Ehrentag ihrer Base
und baten ihnen hinüberzufolgen über Weg und Steg über Gassen und Straßen
Brück und Wasser zum Hochzeitshaus dort werd man auftragen ein Kraut und
Brot wie selbes geschaffen der allmächtige Gott ein Fass werd rinnen und
Geigen drein klingen ein Tanzen und Springen Jubilieren und Singen »Wir
bitten Euch lasst zwei schlechte Boten sein für einen guten gelobt sei Jesus
Christ« so schloss ihr Spruch und ohne den Bescheid zu erwarten scharrten sie
die zweite Verbeugung und enteilten
    »Erweisen wir unserm jüngsten christlichen Untertan die Ehre des Besuchs«
fragte Frau Hadwig heiter Die Gäste wussten dass auf Fragen die sie so
freundlich stellte keine Verneinung zieme Da ritten sie des Nachmittags
hinüber Auch Rudimann der Abgesandte von Pirminius Kloster ritt mit er
hielt sich schweigsam und lauernd seine Rechnung mit Ekkehard war noch nicht
abgemacht
    Der Stoffler Berg ragt stolz und lustig mit seinen drei Basaltkuppen von
dunkelm Tannwald umsäumt ins Land hinaus Die Burgen deren Trümmer jetzt sein
Rücken trägt waren noch nicht gebaut nur auf dem höchsten stand ein
verlassener Turm Auf dem zweiten Bergvorsprung aber war ein bescheiden Häuslein
im Waldversteck  des neuen Ehepaars Sitz Als Zins und Zeichen dass der
Einziehende der Herzogin Mann war ihm gesetzt alljährlich fünfzig
Maulwurfsfelle einzuliefern und auf Sankt Gallus Festtag einen lebenden
Zaunkönig
    Auf grüner Waldwiese hatte die Hochzeitsippe ihr Lager aufgeschlagen in
großen Kesseln ward gesotten und gebraten wem keine Platte oder Teller zuteil
ward der schmauste von tannenem Brett wo die Gabel fehlte ward zweizinkige
Haselstaude zu deren Rang erhoben
    Kappan war mühsam zu Tisch gesessen und hielt sich aufrecht an seiner
Ehefrau Seite aber in des Gemütes Tiefe bewegte er den Gedanken ob er nicht
nach etlichen Tagen die Gewohnheit des Liegens zur Mahlzeit wieder zum alten
Recht erheben wolle
    In den langen Zwischenräumen von einem Gericht zum andern  der Schmaus
begann mit der Mittagstunde und sollte zum Sonnenuntergang noch nicht beendet
sein  schuf der Hunne seinen vom Sitzen gequälten Gliedmaßen durch Tanzen Luft
    Von bäuerlicher Musika empfangen kam die Herzogin angeritten Sie schaute
vom Ross herab auf die Fröhlichen da zeigte ihr der neue Paulus seine wilde
Kunst Die Musika genügte ihm nicht er pfiff und jauchzte sich selber den Takt
sein langes Ehgemahl drehte er in labyrintischer Verschlingung ein wandelnder
Turm und eine Katze des Waldes so tanzte die Langsame mit dem Behenden bald
beisammen bald fliehend bald Brust gegen Brust bald Rücken gegen Rücken 
dann stieß er seine Tänzerin von sich die Holzschuhe im Schweben
zusammenklirrend tat er sieben wirbelnde Luftsprünge einen höher als den
andern zum Beschluss ließ er sich vor Frau Hadwig ins Knie fallen und beugte
sein Haupt zur Erde als wollt er den Staub küssen den ihres Rosses Huf
berührt Es sollte sein Dank sein
    Die Hegauer Vettern aber schöpften ein Beispiel löblicher Anregung aus dem
ungewohnten Tanz Es mag sein dass mancher später sich nähere Unterweisung drin
erbat denn aus fernem Mittelalter klingt noch die Sage herüber von den »sieben
Sprüng« oder dem »hunnischen Hupfauf« der als Abwechslung vom einförmigen
Drehen des Schwäbisschen und als Krone der Feste seit jenen Tagen dort landüblich
ward
    »Wo ist Ekkehard« fragte die Herzogin nachdem sie vom Zelter gestiegen
die Reihen ihrer Leute durchwandelt hatte Praxedis deutete hinüber nach einem
schattigen Rain Eine riesige Tanne wiegte ihre schwarzgrünen Wipfel ihr zu
Füßen im verschlungenen Wurzelwerk saß der Mönch Lauter Jubel und
Menschengewühl presste ihm beklemmend die Brust er wusste nicht weshalb  er
hatte sich seitab gewandt und schaute hinaus über die waldigen Rücken in die
Alpenferne
    Es war einer jener duftigen Abende wie sie hernachmals Herr Burkart von
Hohenvels auf seinem riesigen Turm überem See belauscht hat »da die Luft mit
Sonnenfeuer getempert und gemischet204« Die Ferne schwamm in leisem Glanz Wer
einmal hinausgeschaut von jenen stillen Berggipfeln wenn bei blauem Himmel die
Sonne glutstrahlend zur Rüste geht purpurne Schatten die Tiefen der Täler
füllen und flüssiges Gold den Schnee der Alpen umsäumt dem muss noch spät im
Nebeldunst seiner vier Wände die Erinnerung tönen und klingen lieblich wie ein
Sang in den schmelzenden Lauten des Südens
    Ekkehard aber saß ernst das Haupt gestützt in der Rechten
    »Er ist nicht mehr wie früher« sagte Frau Hadwig zur Griechin
    »Er ist nicht mehr wie früher« sprach Praxedis gedankenlos ihr nach Sie
hatte auf die hegauischen Weiber zu schauen und ihren Festschmuck und überlegte
an diesen hohen Miedern und fassartig gesteiften Röcken und der unnennbaren
Haltung beim Tanz ob der Genius guten Geschmackes händeringend für immer dies
Land verlassen oder ob sein Fuß es noch gar nie betreten habe
    Frau Hadwig trat vor Ekkehard Er fuhr auf seinem Moossitz empor als wär
ihm ein Geist erschienen
    »Einsam und fern von den Fröhlichen« frug sie »Was treibet Ihr«
    »Ich denke darüber nach wo das Glück sei« sprach Ekkehard
    »Das Glück« sprach Frau Hadwig »das Glück kommt von ungefähr wohl über
neunzig Stunden her heißts im Sprichwort Fehlts Euch«
    »Es wäre möglich« sprach der Mönch und schaute ins Moos hinab Erneute
Musik und Jauchzen der Tanzenden tönte herüber
    »Die dort das Erdreich stampfen« fuhr er fort »und mit den Füßen
auszusprechen wissen was ihnen das Herz bewegt sind glücklich es gehört wohl
wenig dazu ums zu sein vor allem « er deutete nach den schimmernden Häuptern
der Alpen  »keine Fernsicht auf Höhen die unser Fuß niemals erreichen darf«
    »Ich versteh Euch nicht« sagte die Herzogin trocken Ihr Herz dachte
anders als ihre Zunge »Wie geht es Eurem Virgilius« sprach sie die Rede
ablenkend »es hat sich wohl Staub und Spinnweb über ihn gesetzt in der Not der
vergangenen Tage«
    »In meinem Herzen ist er wohl geborgen« sprach Ekkehard »wenn das
Pergament auch modert Erst vorhin sind mir seine Verse zum Lob des Landbaus
durch die Gedanken gezogen Dort das waldumschattete Häuslein am Bergeshang der
Felder schwarzfettes Erdreich ein neu vermählt Paar mit Hacke und Pflug der
Mutter Erde den Unterhalt abzwingend  neidig musst ich des Virgilius Bild vor
mir sehen
 ein truglos gleitendes Leben
Reich an mancherlei Gut Und Musse bei räumigen Feldern
Grotten und lebende Teich ein Kühlung atmendes Tempe
Rindergebrüll und unter dem Baum sanft winkender Schlummer«
    »Ihr wisst sinnig zu erklären« sprach Frau Hadwig »Des Kappan
Lehenspflicht ringsum den Maulwurf zu fahen und die nagende Feldmaus hat Euer
Neid wohl übersehen Und die Winterfreuden wenn der Schnee mauergleich bis an
das Strohdach sich türmt dass der helle Tag sich verlegen umschaut durch
welchen Spalt er ins Haus schlüpfen soll «
    »Auch in solche Not wüsste ich mich zu finden« sprach Ekkehard »Virgilius
weiß es auch
    Mancher verbleibet dann lang beim späten Geflimmer des Feuers
    Wach im Winter und schnjetzt sich Fackeln mit schneidendem Eisen
    Während sein Weib mit Gesang sich der Arbeit Weile verkürzend
    Rasch des Gewebs Aufzug durchschiesst mit sausendem Kamme«
    »Sein Weib« sprach die Herzogin boshaft »Wenn er aber kein Weib hat«
    Drüben erscholl ein brausend Jubelgelächter Sie hatten den hunnischen
Vetter auf ein Brett gesetzt und trugen ihn erhoben wie einst den Heerführer
auf dem Schild bei der Königswahl über die Wiese Er tat etliche Freudensprünge
über ihren Häuptern
    » und kein Weib haben darf« sprach Ekkehard zerstreut Seine Stirn glühte
Er deckte sie mit der Rechten Wohin er schaute schmerzte ihn das Aug Dort
das Gewirre des Hochzeitjubels  hier die Herzogin fern die leuchtenden
Gebirge es war ihm unendlich weh aber seine Lippen blieben geschlossen »Sei
stark und still« sprach er zu sich selber
    Er war in Wahrheit nicht mehr wie früher Der stille Bücherfriede der
Mönchsklause war von ihm gewichen Kampf und Hunnennot hatten sein Denken
geweitet der Herzogin Zeichen von Huld sein Herz entzweit Im Gang des Tages
im Traum der Nacht verfolgte ihn das Bild wie sie ihm Reliquie und Schwert des
Gatten umgehangen und in bösen Stunden zogen Vorwürfe nebelgleich durch seine
Seele dass ers so schweigend hingenommen Frau Hadwig ahnte nicht was in ihm
kochte sie dachte gleichgültiger von ihm seit vermeintliches Nichtverstehen
ihres Zuvorkommens sie gedemütigt aber wenn sie ihn wieder sah Kummer auf der
hohen Stirn und fragende Schwermut im Aug so erneute sich das alte Spiel
    »Wenn Ihr solche Freude am Landbau habt« sprach sie leicht »ich wüsst Euch
Rat Der Abt von Reichenau hat mich geärgert die Perle meiner Hofgüter mir
abschwatzen wollen als wärs eine Brotkrume die man vom Tisch schüttelt ohne
umzuschauen«
     Es rauschte im Gebüsch sie nahmen es nicht wahr Ein dunkler Schimmer zog
sich durch die Blätter  wars ein Fuchs oder eines Mönchs Gewand
    »Ich will Euch als Verwalter drauf setzen« fuhr Frau Hadwig fort »da habt
Ihr all die Herrlichkeit vollauf deren Anblick Euch heute schwermütig macht
und noch mehr Mein Saspach liegt fröhlich am Rhein der alte Kaiserstuhl rühmt
sich der Ehre dass er zuerst in all unsern Landen die Weinrebe trug  und sind
ehrliche Leute dort wenn sie auch eine unfeine Sprache sprechen«
    Ekkehard sah vor sich nieder
    »Ich kanns Euch auch ausmalen ohne dass ich zu schildern weiß wie
Virgilius Denkt Euch es ist Herbst  Ihr habt ein gesund Leben geführt mit
der Sonne heraus mit den Hühnern zu Bett  jetzt kommt die Weinlese von allen
Bergrücken steigen Knechte und Mägde zu Euch hernieder den Hängkorb gefüllt mit
Trauben Ihr steht am Tor «
    Es rauschte wieder im Gebüsch
    » und denkt darüber nach wie der Wein wird und besinnt Euch auf
wessen Wohl Ihr ihn trinken wollt der Vogesenwald schaut so licht und blau zu
Euch herüber wie hier die Hörner der Alpen da kommts mit Ross und Wagen vom
alten Breisach her die Heerstraße stäubt Ihr hebet das Haupt nun Meister
Ekkehard wer wird angezogen kommen«
    Der Gefragte war kaum der Schilderung gefolgt »Wer« sagte er scheu
    »Wer anders als Eure Gebieterin die sich ihr herzoglich Recht nicht
vergeben wird zu prüfen wie ihre Diener schalten«
    »Und dann« fragte er weiter
    »Dann dann werd ich Erkundigungen einziehen wie Meister Ekkehard seiner
Pflicht oblag und sie werden alle sagen Er ist brav und ernst und wenn er
nicht so viel denken und sinnen und in seinen Pergamenten lesen wollte wär er
uns noch lieber «
    »Und dann« fragte er noch einmal Sein Ton war seltsam
    »Dann werd ich sprechen mit den Worten der Schrift Wohl du guter und
getreuer Knecht Du warst treu über weniges ich will dich über vieles setzen
Zeuch ein zum Freudenmahl deines Herrn«
    Ekkehard stand gleich einem Betäubten Er hob seinen Arm er ließ ihn wieder
sinken eine Träne zitterte in seinem Aug Er war sehr unglücklich
     Zu selber Zeit schritt ein Mann vorsichtig aus dem Gebüsch heraus Wie
er wieder Wiesengrund unter den Füßen fühlte ließ er die gehobene Kutte
niederfallen Er schaute bedeutsam auf die beiden zurück und nickte mit dem
Haupte wie einer der eine Entdeckung gemacht Er war auch nicht hingegangen
um Veilchen zu pflücken
    Das Hochzeitfest war in stufenweiser Entwicklung bis dahin gediehen wo
Chaos einzubrechen droht Der Met wirkte in den Gemütern Einer hing sein
Obergewand an einen Baumast und fühlte unwiderstehliche Neigung alles zu
zertrümmern ein anderer hingegen strebte alles zu umarmen ein dritter der
vor zehn Jahren manchen Kuss von Frideruns Wangen gepflückt zu haben sich
erinnerte saß trübsinnig am Tisch und hatte viel getrunken und sah den Ameisen
zu die ihm zu Füßen wimmelten und sprach »Kling klang gloria Keine ist was
nutz « Die jungen Leute die in der Frühe so verschämt als Hochzeitbitter bei
der Herzogin waren führten mit ihrem hunnischen Anverwandten ein germanisches
Schalksspiel aus sie hatten ein großes linnenes Laken aus einer der
Hochzeittruhen gerissen den Kappan drauf an den vier Ecken hielten sies starr
und schleuderten den Unseligen von der prallen Decke empor dass er in die blauen
Lüfte hinaufwirbelte wie eine Lerche205 Er hielts für den landesüblichen
Ausdruck verwandtschaftlicher Hochachtung und schwang sich gewandt auf und
nieder
    Da plötzlich tat die lange Friderun einen lauten Schrei Alle Köpfe wandten
sich schier ließ die Vettern den Aufgeschnellten hinab ins kühle Erdreich
sausen ein Freudenjubel brach aus ungeheuer und dröhnend dass es schien als
wollten selber die verwitterten Basaltfelsen im Tannenwald verwundert umschauen
und die hatten in Sturm und Wetter schon manch tüchtigen Lärm gehört Audifax
und Hadumot kamen auf ihrer Flucht aus hunnischer Hand des Wegs gezogen
Audifax führte den Gaul mit der Schatztruhe am Zügel glückselig gingen die
Kinder nebeneinand sie hatten heut zum erstenmal den Gipfel des hohen Twiel
wieder erschaut und mit frohem Aufjauchzen begrüßt »Erzähl ihnen nicht alles«
flüsterte Audifax seiner Gefährtin zu und flocht dichtes Weidengezweig um die
Körbe Schon war die lange Friderun herbeigesprungen und trug die Hadumot halb
auf den Armen weg »Grüß Gott verloren Söhnlein Trink Sackpfeifer trink
Sturmläufer« riefs aus aller Mund dem Audifax zu  sie wussten von des Jungen
Gefangenschaft und reichten ihm die großen Steinkrüge zum Willkomm
    Die Kinder hatten unterwegs beredet wie sie der Herzogin zu Haus
entgegentreten wollten »Wir müssen ihr schön danken« hatte die Hirtin gesagt
»und ich muss ihr den Goldtaler zurückgeben ich hab den Audifax umsonst
bekommen werd ich ihr sagen«
    »Nein« hatte Audifax erwidert »wir legen vom Hunnengold noch die zwei
größten Münzen darauf und bringen ihr die dar sie möcht uns gnädig bleiben wie
bisher das sei unser Dank und Busse in den Herzogsschatz dass ich die Waldfrau
erschlagen«
    Sie hatten das Gold schon gerüstet
    Jetzt sahen sie die Herzogin bei Ekkehard unter der Tanne stehen Der
tobende Lärm der Mannen unterbrach das landwirtschaftliche Gespräch der beiden
Praxedis kam gesprungen und kündete die wunderbare Mär Jetzt kamen die jungen
Flüchtlinge selber sie führten sich Vor Frau Hadwig knieten sie nieder
Hadumot hielt ihren Taler empor Audifax zwei große güldene Schaumünzen er
wollte sprechen die Worte blieben aus  Da wandte sich Frau Hadwig mit
stolzer Anmut zu den Umstehenden
    »Die Narretei meiner zwei jungen Untertanen schafft mir Gelegenheit ihnen
meine Gnade zu beweisen Seid dessen Zeugen«
    Sie brach einen Haselzweig vom Strauch tat einen Schritt vor schüttelte
dem Hirtenknaben und seiner Gefährtin die Münzen aus der Hand dass sie weit
hinüberflogen ins Gras und berührte beider Scheitel mit dem Zweig »Stehet
auf« sprach sie »keine Schere soll von heut an euer Haupthaar mehr kürzen als
der Burg Hohentwiel eigene Leute seid ihr gekniet als freigesprochene und freie
erhebt euch und behaltet einand so lieb in der Freiheit wie ehedem«
    Es waren die Formen der Freilassung nach salischem Recht206 Schon der
Kaiser Lotarius hatte seiner alten Magd Doda den güldenen Denar aus der Hand
und damit das Joch der Sklaverei vom Nacken geschüttelt Audifax aber war
fränkischer Abstammung darum hatte sich Frau Hadwig nicht nach ihrem
alemannischen Landrecht gerichtet
    Die beiden standen auf Sie begriffen was vorgegangen Dem Hirtenknaben
wollte es schwarz vor den Augen werden der Traum seiner Jugend Freiheit
Goldschatz  alles Wahrheit geworden dauernde Wahrheit für jetzt und
immerwährendes Immer  Er sah Ekkehards ernstes Antlitz und warf sich mit
Hadumot vor ihm nieder »Vater Ekkehard« rief er »wir danken auch Euch dass
Ihrs wohl mit uns gemeint«
    »Wie schade dass es schon zu spät worden« rief Praxedis herüber »Ihr
könntet gleich noch ein Paar mit dem Band der Ehe zusammenschmieden oder
wenigstens feierlich verloben die taugen so gut zueinand wie die zwei da
drüben«
    Ekkehard ließ sein blaues Aug lange auf den beiden ruhen Er legte ihnen
die Hand auf und machte das Zeichen des Kreuzes über sie »Wo ist das Glück«
sprach er leise vor sich hin  
    In später Nacht ritt Rudimann der Kellermeister in sein Kloster zurück
Die Furt war trocken er konnte zu Ross hinüber Von des Abts Zelle glänzte noch
ein Lichtschimmer in den See nieder Er klopfte bei ihm an öffnete die Tür halb
und sprach »Meine Ohren haben heute mehr hören müssen als ihnen lieb war Mit
dem Hofgut zu Saspach am Rheine wirds nichts Sie setzt das Milchgesicht von
Sankt Gallen drauf «
    »Varium et mutabile semper femina Wankelmütig und veränderlich stets ist
das Weib207« murmelte der Abt ohne sich umzuschauen »Gute Nacht«
 
                              Siebzehntes Kapitel
                             Gunzo wider Ekkehard
Zu den Zeiten da all das seither Erzählte an den Ufern des Bodensees sich
zugetragen sah fern in belgischen Landen im Kloster des heiligen Amandus sur
lElnonA1 ein Mönch in seiner Zelle Tagaus tagein wenn die Pflicht der
Klosterregel ihn freiliess saß er dort wie festgebannt Wintersturm war
gekommen die Flüsse zugefroren Schnee so weit das Auge reichte  er hatte
dessen keine Acht der Frühling trieb den Winter aus  es kümmerte ihn nicht
die Brüder plauderten von Krieg und schlimmer Botschaft aus dem befreundeten
Land am Rhein  er hatte kein Ohr für sie Auf seiner Zelle lag Stuhl und
Schragen mit Pergamenten überdeckt des Klosters ganze Bücherei war zu ihm
herabgewandert er las und las und las als wollt er den letzten Grund der
Dinge ergründen  zur Rechten die Psalmen und heiligen Schriften zur Linken
die Reste heidnischer Weisheit alles ward durchwühlt dann und wann machte ein
höhnisch Lächeln dem Ernst seiner Studien Platz und er schrieb sich auf schmale
Streifen Pergamentes hastig etliche Zeilen heraus Waren es Goldkörner und
Edelsteine die er auf seiner Bergmannsarbeit aus den Schachten alten Wissens
grub Nein
    »Was mag dem Bruder Gunzo widerfahren sein« sprachen seine Genossen
»ehedem ist seine Zunge gegangen wie ein Mühlrad und die Bücher haben Ruhe vor
ihm gehabt Sie können mir doch nur bieten was ich längst weiß hat er sich oft
gerühmt  und jetzt Jetzt knarrt und scharrt seine Feder dass bis im vorderen
Kreuzgang der Widerhall ihres Kratzens gehört wird Gedenkt er des Kaisers
Protonotar und Erzkanzler zu werden sucht er den Stein der Weisen oder schreibt
er seine italische Reise«
    Aber der Bruder Gunzo blieb an seinem Werk Unverdrossen trank er seinen
Wasserkrug leer und las seine Klassiker  die ersten Gewitter kamen und
mahnten dass der Sommer mit seiner Schwüle vor der Türe stehe er ließ donnern
und blitzen und saß fest wie zuvor Den Schlummer der Nacht brach er zuweilen
und sprang auf zu seinem Tintenfass als hätt er im Traum Gedanken erhascht oft
waren sie wieder verschwunden bevor ihm das Niederschreiben gelang aber sein
Sinn war fest aufs Ziel gerichtet »Kommen wird einstens der Tag«  mit der
homerischen Verheißung sich tröstend schlich er auf sein Lager zurück
    Gunzo war im kräftigen Mannesalter eine mäßig große gedrungene Gestalt
wohlbeleibt wenn er des Morgens vor seinem fein geschliffenen Metallspiegel
stund und mehr als notwendig die Augen auf dem eigenen Abbild haften ließ
strich er oft seinen rötlichen Bart als woll er zu Fehde und fährlichem
Streitandel ausreiten
    Fränkisch Blut mit gallischem vermischt rollte in seinen Adern das schuf
ihm ein Stück von jener Beweglichkeit und Immerlebendigkeit die dem Germanen
reinen Stammes abgeht Darum hatte er auch in währender Schreibarbeit mehr
Federn zerbissen und Schnipfel zerzaust und Selbstgespräche geführt als ein
Genosse in deutschem Kloster in gleicher Frist getan hätte Aber er hielt seines
Fleisches natürliche Unruhe nieder und zwang seine Füße mannhaft unter dem
bücherschweren Tisch standzuhalten
    Es war ein linder Sommerabend wiederum war seine Feder wie ein Irrlicht
über das geduldige Pergament gehüpft es knisterte vom Ziehen der Buchstaben 
da hub sie an langsamer zu gehen  jetzt eine Pause dann noch einige Züge 
und einen gewaltigen Schnirkel zog er über den unbeschriebenen übrigen Raum dass
die Tinte unfreiwillig einen Schwarm von Flecken gleich schwarzen Sternbildern
drüber schwirrte Er hatte das Wort Finis geschrieben mit langgedehntem
Atemzug erhob er sich vom Stuhl gleich einem Mann dem ein Zentnerstein vom
Herzen gefallen er überschaute was schwarz auf weiß vor ihm lag »Gelobt sei
der heilige Amandus« rief er feierlich »wir sind gerächt«
    Er hatte in diesem erhebenden Augenblick  eine Schmähschrift vollendet
eine Schmähschrift zugeeignet der ehrwürdigen Bruderschaft auf der Reichenau
gerichtet gegen  Ekkehard den Pörtner zu Sankt Gallen Als der blonde Erklärer
des Virgilius Abschied nahm von seinem Kloster und zur Herzogin übersiedelte
konnte es ihm unmöglich zu Sinne kommen  und hätt er sein Gedächtnis auch
umgeschüttelt bis in die verborgensten Falten dass ein Mann auf der Welt sei
dessen Dichten und Trachten darauf ausging an ihm Rache zu nehmen denn er war
harmlos und sanft und tat keiner Mücke ein Leides Und doch war es so denn
zwischen Himmel und Erde und im Gemüt eines Schriftgelehrten gehen viele Dinge
vor davon sich der Verstand der Verständigen nichts träumen lässt
    Die Geschichte hat ihre Launen im Erhalten wie im Zerstören Die deutschen
Lieder und Heldensagen die durch des großen Kaiser Karl Fürsorge aufgezeichnet
standen mussten im Schutte der Zeiten untergehen Gunzos Werk das noch keinem
der wenigen die es gelesen Freude bereitet ist auf die Nachwelt gekommen208
Mag denn der ungeheuerliche Anlass der des welschen Gelehrten Rache aufrief mit
seinen eigenen Worten erzählt sein
    »Schon lange«  also schreibt er seinen Reichenauer Freunden  »betrieb es
der verehrungswerte teure König Otto bei den Fürsten Italiens dass er mich in
seine Reiche herüber berufe Da ich aber keinem so untertan noch auch so
niedrigen Standes war dass man mich hätte zwingen mögen wandte er sich an mich
mit bittender Anzeige also dass er mein Versprechen als Unterpfand des Kommens
empfing So geschah es auch als er Welschland verließ dass ich ihm folgte Und
ich folgte ihm gedenkend dass mein Kommen keinem zum Schaden vielen zu Nutzen
gereichen möge denn wozu treibt uns nicht die Liebe und der Wunsch den
Mitbrüdern genehm zu sein Und ich zog meines Wegs nicht wie ein Britanne
gespickt mit den Geschossen des Tadels sondern im Dienste der Liebe und
Wissenschaft
    Über steiles Joch der Gebirge und abschüssige Schluchten und Täler kam ich
endlich vor des heiligen Gallus Kloster an und zwar so erschöpft dass die vom
eisigen Hauch der Bergluft erstarrten Hände den Dienst versagten und fremde
Hilfleistung mich vom Saumtier heben musste
    Des Ankommenden Hoffnung war friedlich Ausruhen am Ort klösterlicher
Niederlassung Auch sah ich dort häufiges Neigen der Häupter sittig geordnete
Kapuzen sanftes Einherschreiten und seltenen Gebrauch der Rede also dass ich
keines Unheils gewärtig stund nur dass des Juvenalis Spruch gegen die falschen
Philosophen
    Spärlich ist ihnen das Wort  doch Bosheit steckt in dem Schweigen
heimlich an meinem Gemüt nagen wollte Und wer sollte glauben dass jenem Heiden
vorahnende Kenntnis von kuttentragender Verkehrtheit inwohnte
    Doch freute ich mich harmlos meines Lebens erwartend ob nicht unter dem
spärlichen Gemurmel der Brüder etliche Funken philosophischer Strebungen
aufblitzen möchten Es blitzte aber nichts auf sie rüsteten am Rüstzeug der
Hinterlist
    Unter anderen war auch ein junger Schülerknab anwesend und ein älterer der
  je nun er war wie er war sie hießen ihn einen braven Lehrer des Klosters
wiewohl er mir in die Welt zu schauen schien mit den Augen einer Turteltaube
Von diesem schmachtend blickenden Gelehrten habe ich nunmehr zu reden Hört
seine Tat Ab und zugehend machte er den Schüler zum Gefährten eines tückischen
Anschlages
    Nacht wars es nahte die Zeit des sorgenstillenden Schlummers
    Wohlgesättigt des Mahls zollten wir Bacchus sein Recht 
da verführte mich ein ungünstig Geschick dass ich im Hin und Herreden
lateinischen Tischgespräches eines Verstosses im Gebrauch eines Kasus schuldig
ward und einen Akkusativus setzte wo ein Ablativus sich geziemt hätte
    Nun ward offenbar in welcher Art Künsten jener vielberühmte Lehrer den
ganzen Tag seinen Schüler unterwiesen Solch Verbrechen wider Sprache und
Grammatik verdiene die Schulgeissel also spottete das benannte Studentlein mich
den Erprobten und kramte bei diesem Anlass ein höhnisches Spottgedicht aus das
ihm eben jener Lehrer eingeblasen also dass ein raues zisalpinisches Gelächter
über den fremden Gastfreund durchs Refektorium erschallte
    Wem aber ist unbekannt welcher Beschaffenheit die Verse übermütig
gewordener Mönche sind Was weiß ein solcher von der inneren Haushaltung eines
Gedichtes wo ein Stück Purpur ans andere zu setzen ist auf dass es glänze und
gleisse was von der Würde der Dichtkunst  er spitzt die Lippen und spuckt ein
Poem aus gleich dem LuciliusA2 den Horatius brandmarkt dass er oftmals auf
einem Fuß stehend zweihundert Verse diktierte und mehr noch bevor ein Stündlein
abgelaufen Ermesset nun ehrwürdige Brüder welch ein Maß von Unrecht man mir
angetan und was der für ein Mensch sein muss der seinem Nebenmenschen den
Irrtum eines Ablativus vorhält«
    Der Mensch der in harmlosem Scherz diesen Frevel begangen war Ekkehard
wenig Wochen bevor ihn seines Schicksals Wendung auf den hohen Twiel rief
geschah die Untat Mit des folgenden Morgens Frührot war das Tischgespräch mit
dem übermütigen Welschen vergessen aber in der Brust dessen den sie des
falschen Akkusativus überwiesen saß ein Groll so herb und nagend wie der ob
der Waffen Achills der einst den Telamonier Aias in sein Schwert gejagt und
noch bei den Schatten der Unterwelt seitab zürnen ließ er zog aus dem Tal das
die Sitter durchströmt nordwärts er sah Bodensee und Rhein  und dachte des
Akkusativus er ritt in den altersgrauen Toren von Köln ein und ritt hinüber auf
belgische Erde der falsche Akkusativus ritt hinter ihm auf dem Bug seines
Rosses wie ein Alp die Klostermauern des heiligen Amandus taten ihm ihren
Frieden auf im Psalmsingen der Frühmette in der Litanei der Vesperandacht
stieg der Akkusativus vor ihm auf und heischte sein Sühnopfer
    Von allen unfrohen Lebenstagen prägen sich die am tiefsten der Seele ein wo
durch eigen Verschulden eine Beschämung veranlasst ward statt mit sich selber
drüber zu grollen wird allen die unfreiwillige Zeugen waren eine bittere
Verstimmung zugewendet das liebe Menschenherz gesteht sich so schwer so schwer
die eigene Schwäche und manchem der ruhig an Kampf und Totschlag zurückdenkt
schießt alles Blut zu Haupte beim Gedanken an ein töricht Wort das ihm an einer
Stelle entfuhr wo er gern mit einem verständigen geglänzt
    Darum nahm Gunzo seine Rache an Ekkehard Und er führte eine scharfe
tapfere Feder und hatte vieler Monde Frist auf sein Werk verwandt dass es in
seiner Art ein Meisterstück ward eine schwarze Suppe von viel hundert gelahrten
Brocken reichlich gewürzt mit Pfeffer und Wermut und all den Bitterkeiten die
den Streitschriften geistlicher Herren vor denen anderer so lieblichen Schmack
verleihen
    Und ging ein wohltuender Zug von Grobheit durchs Ganze also dass dem Leser
zumut werden kann als höre er wie in naher Scheune ein Mensch mit Flegeln der
Drescher gedroschen werde  was von der feinen Art neuerer Zeit wo das Gift in
vergüldeten Pillen gereicht wird und die Streiter den Hut voreinand abziehen
eh sie anheben sich die Rippen einzuschlagen rühmlich absticht
    Es waren aber zwei Teile der erste dem Ekkehard zum Nachweis dass nur ein
roher und unwissender Mensch sich an Verwechslung eines Kasus stoßen könne der
zweite der Welt zur Überzeugung dass der Verfasser Gunzo der gelahrteste
weiseste und frömmste der Zeitgenossen
    Und darum hatte er im Schweiß seines Angesichtes die Klassiker gelesen und
die heiligen Schriften dass er alle Stellen verzeichnen möge in denen
gleichfalls dichterische Laune oder Nachlässigkeit einen fälschlichen
Akkusativus gebraucht Brachte auch der Beispiele aus Virgilius zwei aus Homer
eines aus Terentius eines aus Priscianus eines ferner aus Persius eines wo
ein Vokativ statt eines Nominativ und aus Sallustius eines wo ein Ablativ
statt des Genitiv gesetzt ward  desgleichen aus den Büchern Moses und den
Psalmen »Und wenn solches sogar in den Reihen heiliger Schriften zu finden
wer ist so ruchlos dass er solche Weise des Sprechens zu tadeln wage oder zu
verändern Mit Falschheit also glaubt des heiligen Gallus Mönchlein dass mir die
Kunst der Grammatik fern mag meine Zunge auch dann und wann gehemmt sein durch
die Gewohnheit meiner heimischen Sprache die der lateinischen nur verwandt ist
Verstösse aber kommen vor durch Nachlässigkeit und menschliche Unvollendeteit im
allgemeinen wie Priscianus sehr richtig sagt Ich glaube nicht dass von
menschlichen Erfindungen etwas nach allen Teilen Vollendetes erfunden werden
möge Auch hat schon Horatius Nachlässigkeiten der Schreibart und Sprache bei
bedeutenderen Männern entschuldigt Zuweilen schlummert auch der gute Homer Und
Aristoteles sagt in seinem Buch über die hermeneiaA3 Alles was unsere Zunge
ausspricht ist nur ein Ausdruck für das was unserer Seele eingeprägt ist Der
Begriff einer Sache aber ist früher vorhanden als der Ausdruck und somit die
Sache höher zu schätzen denn das Wort Wo aber der Sinn dunkel sollst du ihm
mit Geduld und erläuterndem Verstand behilflich sein die wahre Meinung zu
ermitteln«
    Folgte sodann ein Schwall klassischer Beispiele von ungeschicktem und
nachlässigem Ausdruck des Gedankens deren Reihe mit dem Spruch des Apostels
schließt der sich selber ungeschickt im Reden aber nicht ungeschickt an Wissen
genannt
    »Betrachtet man hienach das Benehmen meines sanktgallischen Widersachers so
möchte man glauben er sei einmal in den Garten eines weisen Mannes eingebrochen
und habe vom Mistbeet einen Rettich gestohlen der ihm den Magen verdorben und
Galle angesetzt Hüte darum jeder sein Gärtlein vor solchen Gesellen Schlechte
Gespräche verderben gute Sitten
    Möglich auch dass er durchaus nicht anders sich benehmen konnte Er hat wohl
den ganzen Tag in den Schlupfwinkeln seiner Kutte nachgesucht womit er den
Gastfreund bewirten möge aber weil er nichts anderes als verborgene List und
Bosheit drin vorfand setzte er eben davon ein Pröbchen vor Schlechte Menschen
haben schlechte Schätze
    Mit solchem Wesen stimmt denn sein äußeres Erscheinen das wir sorgsam zu
mustern nicht unterliessen Sein Antlitz trug einen fahlen Glanz wie schlechtes
Metall das zur Fälschung des echten dient seine Haare gekräuselt die Kapuze
feiner und sauberer denn nötig die Schuhe leicht  auf dass alle Anzeichen
vorhanden die dem heiligen Hieronymus Ärgernis gaben da er schrieb Leider
sind auch in meinem Sprengel etliche Kleriker deren Sorge darauf gerichtet ist
ob ihre Kleider herrlich duften die Nägel ihrer Finger glänzen das krause
Haupthaar mit Balsam gesalbt und gesänftigt sei und der gestickte Schuh knapp am
Füsslein sitze Ein solcher Aufzug geziemt sich aber kaum für einen Stutzer und
Bräutigam geschweige für einen Geweihten des Herrn
    Weiter hab ich erwogen ob nicht auch der Laut seines eigenen Namens mit
seiner Handlungsweise übereinstimme Und wie Ekkehard oder Akhar hieß der Mann
als wäre ihm schon bei der Taufe der Name eines Übeltäters vorahnungsvoll
aufgeprägt worden Denn wer kennt nicht jenen Akhar der aus der Beute von
Jericho einen purpurnen Mantel entwendet und zweihundert Beutel Silbers samt
einer güldenen Rute also dass ihn Josua hinausführen ließ in ein abgelegen Tal
und ganz Israel steinigte ihn und alles was er hatte ward mit Feuer
verbrannt Solchen Vorgängers hat sich der Akhar von Sankt Gallen würdig
erzeigt dieweil wer die Gebote einer höflichen Lebensart verachtet so übel
tut als ein Dieb er veruntreut das Gold wahrer Weisheit
    Wäre es erlaubt an die Seelenwanderung des Pythagoras zu glauben so stünde
außer allem Zweifel dass die Seele jenes hebräischen Akhar in diesen Ekkhard
gefahren und sie wäre ernstaft darob zu bedauern denn besser den Körper eines
Fuchses zum Aufenthalt erwählen als den eines hinterlistigen Mönches All dies
sei übrigens ohne Hass gesagt mein Hass geht nur auf die dem Manne anklebende
Schlechtigkeit also nur auf ein Akzidens nicht auf die Substanz selbst in der
wir ja nach den Worten der Schrift ein Ebenbild der Gottheit anzuerkennen
haben«
    »Merket nun« so fuhr Gunzo in seines Buches zweitem Teile fort »wie
unsinnig mein Feind gegen Nutz und Frommen der Wissenschaft gehandelt Mehr als
hundert geschriebene Bände führte ich bei meiner Reise über die Alpen mit mir
Waffen des Friedens darunter des Marcianus blumenreiche Unterweisung in den
sieben freien Künsten des Plato unergründliche Tiefe im Timäus des Aristoteles
zu unseren Zeiten kaum aufgehellte dunkle Weisheit im Buch von der hermeneia
und Ciceros rednerische Würde in der Topik Wie ernst und fruchtbringend hätte
die Unterhaltung gedeihen mögen wenn sie mich über solche Schätze befragt Wie
konnte ich glauben dass sie mich dem Gott so vieles verliehen ob der
Verwechslung eines Kasus durchhecheln würden mich der den Donat und Priscian
von innen und außen kennt Es mag freilich jener Aufgeblasene wähnen dass er die
ganze Grammatika in seiner Kapuze mit sich trage  teure Mitbrüder kaum ihren
Rücken hat er von ferne erschaut und wollte er eilen einen Blick ihres hehren
Angesichts zu erhaschen er würde über den eigenen täppischen Fuß stolpernd zu
Boden sinken Die Grammatik ist ein hohes Weib anders erscheint sie
Holzhackern anders einem Aristoteles
    Soll ich euch aber von der Schwester der Grammatik von der Dialektik reden
die jener griechische Meister die Amme seines Geistes genannt O edle Kunst die
den Toren in ihren Schlingen fängt dem Weisen aber zeigt wie er die Schlinge
meide die uns die verborgenen Fäden aufdeckt durch welche das Sein mit dem
Nichtsein verknüpft ist Freilich davon weiß jener Kuttenträger nichts  nichts
von jener subtilen Feinheit die mit neunzehn Gattungen von Schlüssen alles zu
erledigen versteht was je gedacht und was denkbar Gott ist gütig er entzieht
ihm solches Wissen weil ers doch nur zu Lug und Trug nützen würde «
    In solcher Weise wies der gelahrte Welsche seine Überlegenheit in allen
freien Künsten nach der Rhetorik und ihren Herrlichkeiten war ein Abschnitt
gewidmet worin wieder stark von solchen die Rede denen die Göttin Minerva
einmal von weitem im Traum erschienen und von Toren die da glauben Kürze des
Ausdrucks sei Zeichen von Weisheit Dann aber gings auf Aritmetik Geometrie
und Astronomie mit Einschaltung tiefsinniger Abhandlungen über die Frage ob
die Himmelskörper mit Seele Vernunft und Anspruch auf Unsterblichkeit begabt
und ferner ob damals als Josua geboten »Bewege dich nicht Sonne gegen
Gabaon noch du Mond gegen das Tal Aialon« gleichzeitig auch den andern fünf
Planeten Stillstand auferlegt worden oder ob diese ihren Kreislauf fortsetzen
durften
    Gründliche Prüfung dieses Problems gab dann Anlass auf die Harmonie der
Sphären und damit auf die Musik als letzte der sieben Künste einzugehen und
so konnte das Schifflein der Rache auf wogendem Schwall der Gewässer endlich dem
Ziele entgegensteuern
    »Wozu nun hab ich all dies angeführt« frug er zum Schluße
    »Nicht um die Elemente der freien Künste dazutun sondern um die Torheit
eines Unwissenden blosszulegen der da vorzog grammatischen Schnitzern
nachzujagen statt wahre Wissenschaft von seinem Gastfreund zu erlauschen Wenn
ihm auch innerlich die Kunst für ewig versagt ist hätt er sich doch von außen
einen Widerschein von mir erwerben können Aber ihn blähte allzu großer Übermut
dass er vorzog unter den Seinigen für einen Weisen zu gelten gleich dem
Frosche der in seinem Sumpf zweifelsohne glaubt dass er an Größe den Stier
übertreffe Ach niemals ist der Mitleidwerte auf freien Höhen des Wissens
gestanden und hat die Stimme Gottes zu sich reden gehört in der Wildnis ist er
geboren unter blödem Murmeln aufgewachsen und seine Seele bewahrt die Sitte
der Tiere des Waldes in tätigem Leben der Welt wollte er nicht beharren zu
innerlicher Beschaulichkeit ist er verdorben der Feind des Menschengeschlechts
hat ihm sein Zeichen aufgebrannt Gern würde ich euch ermahnen ihm die Hilfe
heilender Arznei angedeihen zu lassen aber ich fürchte ich fürchte seine
Krankheit ist zu tief eingewurzelt
    Und auf verhärtetes Fell wirkt selber die Nieswurz vergeblich
sagt Persius
    Möget ihr nun ehrwürdige Brüder aus allem was ich mitteile ersehen ob
ich ein solcher bin der die Behandlung und das Gelächter jenes Toren verdient
hat Euerem Urteil stell ich ihn und mich anheim Im Urteil der Gerechten
schwindet der Tor in sein verdientes Nichts Finis«
    » Gelobt sei der heilige Amandus« sprach Gunzo nochmals als das letzte
Wort seines Werkes geschrieben vor ihm stand Die alte Schlange hätte sicherlich
ihre Freude an ihm gehabt wenn sie ihn in seiner Gottähnlichkeit hätte
belauschen können da er den letzten Punkt anfügte »Und Gott sah alles was er
gemacht hatte Und es war sehr gut« Und Gunzo  Er tat desgleichen
    Dann schritt er zu seinem Metallspiegel und beschaute sich lange als wär
es ihm von äußerster Wichtigkeit das Antlitz dessen kennenzulernen der den
Ekkehard von Sankt Gallen vernichtet Er verneigte sich achtungsvoll vor seinem
Spiegelbild
    Die Glocke im Refektorium hatte längst zur Abendmahlzeit gerufen Psalm und
Tischgebet waren gebetet schon saßen die Brüder beim sanften Hirsebrei da erst
trat Gunzo in den Saal Sein Antlitz strahlte Der Dekan deutete ihm schweigend
vom gewohnten Platz hinüber in den Winkel denn wer allzuoft versäumte sich
rechtzeitig einzufinden der ward zur Busse von der Speisenden Gemeinschaft
gesondert und sein Wein den Armen verabreicht209 Aber ohne Murren setzte sich
Gunzo hinüber und trank sein belgisch Brunnenwasser sein Büchlein lag ja
vollendet oben das tröstete
    Nach aufgehobenem Mahl zog er seiner Freunde einige zu sich auf die Zelle
geheimnisvoll als gält es verborgenen Schatz zu heben er las ihnen das Werk
vor
    Des heiligen Gallus Kloster mit seinen Büchern Schulen Gottesgelehrten war
in damaliger Christenheit viel zu gut beleumdet als dass die Jünger des heiligen
Amandus nicht mit leiser Freude das Zischen von Gunzos Geschossen vernommen
Tüchtigkeit und vorragender Wandel beleidigt die Welt oft noch tiefer als Frevel
und Sünde
    Darum nickten sie beifällig mit den grauen Häuptern wie Gunzo die
Kernstellen vortrug
    »Es wär schon lang an der Zeit gewesen den Bären im Helvetierland einen
Tanz aufzuspielen« sprach der eine »Übermut mit Grobheit gepaart verdient
keine andere Musik«
    Gunzo las weiter »Bene optime aristotelicissime« murmelten die
Versammelten als er geendet »Vergnügte Mahlzeit Bruder Akhar« sprach ein
anderer »belgisch Gewürz zum helvetischen Käse der Alpen«
    Der Bruder Küchenmeister umarmte den Gunzo und weinte vor Rührung So
gelehrt und so tief und so schön sei noch nichts aus den Mauern des heiligen
Amandus in die Welt hinausgegangen Nur ein einziger der Brüder stand
unbeweglich an der Mauer
    »Nun« fragte Gunzo
    »Wo bleibt die Liebe« sprach der Bruder leise dann schwieg er Gunzo
fühlte den Vorwurf
    »Du hast recht Hucbald« sprach er »es soll geholfen werden Die Liebe
gebeut für unsere Feinde zu beten Ich werd noch ein Gebet für den armen Toren
an den Schluss der Schrift setzen das wird sich versöhnlich ausnehmen und weiche
Gemüter bestechen Wie«
    Der Bruder schwieg Es war spät in der Nacht geworden Sie gingen auf den
Zehen aus der Zelle
    Gunzo wollte den der von der Liebe gesprochen zurückhalten es war ihm an
seinem Urteil gelegen aber der wandte sich und folgte den andern
    »Mattäus dreiundzwanzig fünfundzwanzigA4« sprach er vor sich hin wie
sein Fuß die Schwelle überschritten Niemand hörte ihn
    Aber Gunzo den Vielgelehrten floh der Schlummer wieder und wieder las er
die Blätter seines Fleißes er wusste bald an welchem Fleck jedes einzelne Wort
stand und doch kamen seine Augen nicht los von den bekannten Zügen Dann griff
er zur Feder »Einen frömmern Schluss« sprach er  »sei es denn« Er besann
sich dann durchmass er die Stube mit bedachtsamem Schritt »Es sollen künstliche
Hexameter werden wer hat je würdiger eine Beleidigung vergelten sehen«
    Jetzt setzte er sich hin und schrieb Ein Gebet für seinen Feind wollte er
schreiben Aber wider seine Natur kann niemand Da las er seine Blätter noch
einmal durch  sie waren allzu gelungen Dann schrieb er den Nachtrag Der Hahn
krähte ins Morgengrau da war auch dieser vollendet prasselnder Mönchsverse
zwei Dutzend und ein halbes Dass seine Gedanken vom Gebet für den Gegner auf ihn
selbst und den Ruhm seiner Arbeit zu reden kamen ist bei einem Mann von
Selbstgefühl ein natürlicher Übergang
    Mit Salbung schrieb er die fünf letzten Zeilen
    »Zeuch nun hinaus in die Welt mein Büchlein und triffst du auf Leute
    Die mit hämischem Zahn mein glorreich Leben benagen
    Diesen zerschmettre das Haupt und wirf sie besiegt in den Staub hin
    Bis dein Verfasser dereinst zur verheissenen Seligkeit eingeht
    Die dem Manne gebührt der sein Talent nicht verscharrt hat«
    Das Pergament war rau und sträubte sich er musste die Rohrfeder breit
aufdrücken dass es die Buchstaben annahm
    Anderen Tages verpackte Gunzo seine geharnischte Epistel in eine Kapsel von
Blech und diese in einen leinenen Umschlag Ein Dienstmann des Klosters der
seinen Bruder erschlagen hatte das Gelübde getan zu den Gräbern von zwölf
Heiligen zu wallen den rechten Arm an die rechte Hüfte gekettet und dort zu
beten bis ihm ein himmlisch Gnadenzeichen werde210 Er pilgerte rheinaufwärts
Dem hing Gunzo die Kapsel um nach wenig Wochen ward sie richtig und unversehrt
an der Klosterpforte der Reichenau dem Pörtner eingehändigt Gunzo kannte seine
Leute dort Darum hatte er ihnen die Schrift gewidmet
    Der alte Moengal hatte dazumal auch Geschäfte im Kloster Im Gaststüblein
saß der belgische Pilgersmann sie hatten ihm ein Fischsüpplein gereicht mühsam
arbeitete er sich dran ab seine Ketten klirrten wenn er den Arm hob
    »Geh du wieder heim Mordbüsser« sprach Moengal zu ihm »und heirat die
Witib des Erschlagenen das wird eine bessere Sühne sein als mit klirrendem
Eisen einen Narrengang durch die weite Welt tun«
    Der Pilger schüttelte schweigend das Haupt als dächte er das schüfe ihm
noch schwerere Ketten als die der Schmied geschmiedet
    Moengal ließ sich beim Abt melden »Er ist im Lesen vertieft« hieß es Doch
ließ man ihn eintreten
    »Setzt Euch Leutpriester« sprach der Abt gnädig »Ihr seid ein Freund von
Gebeiztem und Gesalzenem  ich hab was für Euch«
    Er las ihm die frisch angekommene Schrift Gunzos vor Der Alte horchte
seine Augenbrauen zogen sich in die Höhe die Nasenflügel traten weit und weiter
auf
    Den Abt schüttelte ein Lachen wie er an die Schilderung von Ekkehards
krausem Haar und seinem Schuhwerk kam Moengal saß ernst es zogen drei Falten
auf der Stirn auf wie Wolken vor dem Gewitter
    »Nun« sprach der Abt »dem Bürschlein wird der Hochmut aus der Kutte
geklopft Sublim ganz sublim Und eine Fülle von Wissenschaft das trifft
Darauf gibts gar keine Antwort«
    »Doch« sprach der Leutpriester finster
    »Welche« fragte der Abt gespannt
    Moengal machte eine schlimme Gebärde »Einen Stechpalmstock von der Hecke
schneiden« rief er »oder eine brave Hasel und rheinabwärts ziehen bis
zwischen dem schwäbischen Holz und des welschen Schreibers Rücken nur noch eine
Armslänge Entfernung ist Dann aber « er schloss seine Rede sinnbildlich
    »Ihr seid grob Leutpriester« sprach der Abt »und habet keinen Sinn für
Gelehrsamkeit So etwas kann freilich nur ein eleganter Geist schreiben
Respekt«
    »Hoiho« fing Moengal der Alte an er war fuchswild geworden
»Gelehrsamkeit Aufgeblasene Lippen und dabei ein boshaftig Herz sind als wie
ein irden Gefäß mit Silberschaum überzogen spricht Salomo Gelehrsamkeit So
gelehrt ist mein Pfarrwald auch mit seinen Hagebuchen der schreit auch hinaus
wie man in ihn hineingeschrieen und ist wenigstens ein lieblich Echo Wir
kennen die belgischen Pfauen kommen anderwärts auch vor Die Federn sind
gestohlen und was sie selber krähen trotz Rad und Schweif und Regenbogen am
Steiss ist heiser und bleibt heiser da hilft kein Halskragenblähen Vor meiner
großen Gesundkur hab ich auch geglaubt es sei gesungen statt gekrächzt wenn
einer mit Grammatik und Dialektik die Backen aufblies  aber jetzt Gute Nacht
Marcianus Kapella heißts bei uns in Radolfs Zelle«
    »Ihr werdet wohl bald an Euren Heimweg denken müssen« sprach der Abt »es
zieht schon ganz schwarz über Konstanz hin«
    Da merkte der Leutpriester dass er mit seinen Ansichten von Gesundsein und
von der Wissenschaft nicht an rechten Mann geraten war Er empfahl sich
    »Hättst auch in deinem Kloster Benchor auf der grünen Insel bleiben können
irischer Hartknochen« dachte der Abt Wazmann und entließ ihn sehr kühl
    »Rudimann« rief er dann in den dunkeln Gang hinaus Der Gerufene erschien
    »Ihr gedenket noch der Weinlese« redete ihn der Abt an »und des Streiches
den Euch ein gewisses Milchgesicht geschlagen dem eine phantasiereiche Herzogin
jetzt gewisse Grundstücke zuwenden will «
    »Ich gedenke des Streichs« sprach Rudimann verschämt schmunzelnd wie eine
Jungfrau die nach dem Geliebten gefragt wird
    »Den Streich hat einer zurückgegeben saftig und scharf Ihr könnt
zufrieden sein Lest« Er reichte ihm des Gunzo Pergamentblätter
    »Mit Erlaubnis« sprach Rudimann und trat ans Fenster Er hatte schon
manchen braven Wein gekostet der Pater Kellermeister seit dass er sein Amt
führte aber selbst damals als ihm der Bischof von Cremona etliche Krüge
dunkelbraun schäumenden Asti übersendet hatte sein Antlitz nicht so rötlich
froh gestrahlt wie jetzo
    »Es ist doch eine herrliche Gottesgabe um ein gründlich Wissen und einen
schönen Stil« sagte er »Das Ekkehardlein ist fertig Es kann sich nimmer an
freier Luft sehen lassen«
    »Noch nicht ganz« sagte der Abt »aber was nicht ist kann werden Der
gelehrte Bruder Gunzo hilft uns dazu Seine Epistel darf nicht ungelesen
vermodern lasset etliche Abschriften nehmen lieber sechs als drei Der junge
Herr muss von Hohentwiel weggebissen werden Ich liebe die jungen Schnäbel nicht
die feiner singen wollen als die Alten Schnee auf die Tonsur das soll ihm gut
tun Wir werden unserem Mitbruder in Sankt Gallen ein Brieflein schicken dass er
ihm die Rückkehr anbefehle Wie stehts mit seinem Sündenregister«
    Rudimann hob bedächtig die linke Hand auf und begann mit den Fingern zu
zählen »Soll ichs hersagen Zum ersten In währender Weinlese den Frieden
unseres Klosters gestört indem er «
    »Halt« sprach der Abt »das ist abgetan Alles was vor der Hunnenschlacht
geschehen und anhängig worden sei erledigt ab und zur Ruhe So habens einst
die Burgunder in ihr Gesetz211 geschrieben das soll auch bei uns noch gelten«
    »Dann ohne Fingerzählung« sagte der Kellermeister »Des heiligen Gallus
Pörtner ist seit er sein Kloster ließ dem Hochmut und der Anmassung untertan
worden ohne Gruß der Lippen geht er an Brüdern vorüber deren Alter und
Verstand seine Reverenz fordern er hat sich herausgenommen am heiligen Tag da
wir die Hunnen schlugen die Heerpredigt zu halten wiewohl ein so wichtig Amt
der Rede einem der hochwürdigen Äbte zugestanden wäre hat sich ferner
herausgenommen einen heidnischen Gefangenen zu taufen wiewohl die Taufe
vorgenommen werden soll vom ordentlichen Pfarrer des Bezirks und nicht von
einem der an die Pforte des heiligen Gallus gehört
    Was aber aus stetiger Berührung des vorlauten Jünglings mit seiner neuen
Gebieterin noch werden mag weiß nur der der Herz und Nieren prüft Bereits hat
man bei der Hochzeit jenes getauften Heiden wahrgenommen wie er sich der
einsamen Unterredung mit jener Herrin in Israel nicht entzieht und etlichemal
geseufzt hat gleich einem angeschossenen Damhirsch Auch hat man mit Betrübnis
gesehen wie eine unstet irrlichtelnde griechische Jungfrau genannt Praxedis
um ihn her ihr Wesen treibt was die Herrin unverdorben lässt mag die Dienerin
einreissen von der nicht einmal sicher ist ob sie eines ortodoxen Glaubens
sich erfreue Ein leichtfertig Weib aber ist bitterer denn der Tod sie ist ein
Strick der Jäger ihr Herz ein Netz ihre Hände sind Bande nur wer Gott
gefällt mag ihr entrinnen«
    Es stund Rudimann dem Beschützer der Obermagd Kerhildis wohl an dass er
die Worte des Predigers so getreulich im Herzen trug
    »Genug« sprach der Abt »Hauptstück neunundzwanzig Von der Rückberufung
auswärts Weilender Es wird durchschlagen Mir ahnt und schwant bald wird die
wetterwendische Herrin droben um ihren Felsen herumflattern wie eine alte
Schwalbe der ihr Junges aus dem Nest gefallen  Ade Herzkäfer  und Saspach
wird des Klosters«
    »Amen« murmelte Rudimann
 
                                    Fußnoten
A1 Heute SaintAmandlesEaux im französischen Departement Nord
A2 Römischer Satiriker 180102 v Chr Die angezogene Äußerung in Horaz
»Satiren« 1 4 9 f
A3 Dh Auslegung
A4 »Weh euch Schriftgelehrte und Pharisäer ihr Heuchler die ihr die Becher
und Schüsseln auswendig reinlich hattet inwendig aber ists voll Raubes und
Frasses«
 
                              Achtzehntes Kapitel
                  Herrn Spazzo des Kämmerers Gesandtschaft
An einem kühlen Sommermorgen schritt Ekkehard den Burgweg entlang in die wehende
Frühluft hinaus Eine schlaflose Nacht lag hinter ihm er war auf seiner Stube
auf und nieder geschritten die Herzogin hatte wilde Gedanken in ihm aufgejagt
In seinem Kopf summte und schwirrte es als streiche ein Flug Wildenten drin
herum Er mied Frau Hadwigs Anblick und sehnte sich doch in jeder Minute da er
fern in ihre Nähe Die alte frohe Unbefangenheit war verflogen sein Wesen
zerstreut und fahrig geworden jene Zeit die noch keinem Sterblichen erspart
ward die der brave Gottfried von Strassburg hernachmals ein »stetes Leid bei
stetiglicher Seligkeit« geheißen brach über ihn herein
    Vor sinkender Nacht hatte ein Gewitter getobt Er hatte sein Fensterlein
geöffnet und sich der Blitze erfreut wenn sie das Dunkel durchzuckten dass ein
greller Schein die Ufer des Sees hell heraushob und hatte gelacht wenns
wieder finster ward und der Donner schütternd über die Berggipfel rollte
    Jetzt war sonniger Morgen Auf dem Gras perlten tauige Tropfen
zwischendrein im Schatten auch dann und wann ein ungeschmolzenes Eiskorn
Schweigend lag Berg und Tal aber die gebräunte Frucht der Felder ließ ihre
Halme geknickt zu Boden hangen Hagelschlag hatte in der hochstrebenden Ernte
gewütet Aus den Felsen des Berges rieselten trübfarbige Bächlein talabwärts
    Noch regte sichs nicht auf der Flur es war kaum nach dem ersten
Hahnenschrei Nur fern über das Hügelland das im Rücken des hohen Twiel sich
wellenförmig ausdehnt kam ein Mann geschritten Das war der Hunn Kappan Er
trug Weidengerten und allerhand Schlingen und ging an seine Arbeit den
Feldmäusen nachzustellen Fröhlich pfiff er auf einem Lindenblatt  das Bild
eines glücklichen Neuvermählten ihm war in der langen Friderun Armen ein neues
Leben aufgegangen
    »Wie gehts« fragte ihn Ekkehard mild als er an ihm vorüberschritt und ihn
demütig grüßte Der Hunn deutete in die blaue Luft hinauf »Wie im Himmel«
sagte er und drehte sich vergnügt auf seinem Holzschuh Ekkehard wandte sich
Noch lang tönte des Schermausfängers Pfeifen durch die Morgenstille er aber
schritt zum Abhang der Felsen Dort lag ein verwitterter Stein ein Fliederbusch
wölbte sich drüber mit üppig weißen Blüten Ekkehard setzte sich Lang schaute
er in die Ferne dann zog er ein von zierlicher Decke umfasstes Büchlein aus
seiner Kutte und hub an zu lesen Es war kein Brevier und kein Psalterium »Das
hohe Lied Salomonis« hieß die Überschrift das war kein gut Buch für ihn Sie
hatten ihn zwar einstens gelehrt der lilienduftige Sang gelte dem brünstigen
Sehnen nach der Kirche der wahren Braut der Seele er hatte es auch in jungen
Tagen studiert unangefochten von den Gazellenaugen und taubenweichen Wangen und
palmbaumschlanken Hüften der Sulamitin jetzt las ers mit anderem Sinne Ein
süßes Träumen umfing ihn
    »Wer ist die welche hervortritt wie die aufgehende Morgenröte schön wie
der Mond erwählet wie die Sonne und schrecklich wie eine wohlgeordnete
Schlachtordnung« Er schaute hinauf zu den Zinnen des hohen Twiel die im
Frührot glänzten und wusste die Antwort
    Und wieder las er »Ich schlafe aber mein Herz wachet Da ist die Stimme
meines Geliebten der anklopfet Tue mir auf meine Schwester meine Freundin
meine Taube denn meine Stirn ist voll Taues und meine Haarlocken voll perlender
Tropfen« Ein Luftzug schüttelte ihm die weißen Fliederblüten aufs Büchlein
Ekkehard schüttelte sie nicht ab er neigte sein Haupt und saß regungslos 
    Unterdes hatte Kappan wohlgemut sein Tagewerk begonnen Es war ein
Grundstück drunten in der Ebene an der Grenze des Hohentwieler Bannes dort
hatten die Feldmäuse ihr Heerlager aufgeschlagen die Hamster schleppten ganze
Wintervorräte des guten Korns in ihren Backentaschen von dannen und die
Maulwürfe zogen ihre Schachte in den kiesigen Boden Dahin war Kappan beordert
Wie ein Staatsmann in aufruhrdurchwühlter Provinz sollte er ein geordnet
Verhältnis herstellen und das Land säubern vom Gesindel Die Fluten des
Gewitters hatten die verborgenen Gänge aufgespült leise grub er nach und schlug
manch eine Feldmaus im Frührotscheine tot ehe sie sich dessen versah dann
stellte er sorgsam seine Schlingen und Weidenruten an andere Orte streute er
ein giftig Lockspeislein das er aus Aaronswurz und Einbeer zusammengekocht und
pfiff fröhlich zu seinem Mordwerk und ahnte nicht was für schwere Wolken sich
über seinem Haupte zusammenzogen
    Das Grundstück wo er hantierte stieß an Reichenauer Feldmark Wo der alte
Eichwald seine Wipfel regte ragten etliche Strohdächer ins Waldesgrün hinein
das war der Schlangenhof Der gehörte dem Kloster zu mit viel Huben Ackerland
und Waldes eine fromme Witfrau hatte ihn dem heiligen Pirminius zum Heil ihrer
Seele vergabt Jetzt saß ein Klostermeier darauf ein wilder Mann mit knorrigem
Schädel und harten Gedanken drin er hatte viel Knechte und Mägde und Ross und
Zugvieh und gedieh wohl denn die kupferbraunen Schlangen die in Stall und Hof
nisteten pflegte er rechtschaffen und ließ die Milchschüssel in der Stallecke
nie leer werden also dass sie ganz zahm und fröhlich in dem Stroh herumspielten
und niemanden ein Leides taten »Die Schlangen sind des Hofes Segen« sprach der
Alte oftmals »das ist bei uns Bauern anders als an des Kaisers Hof«
    Seit zwei Tagen aber hatte der Klostermeier keine gute Stunde mehr gehabt
Die schweren Gewitter schufen ihm Sorge für Frucht und Feld Als ihrer drei
sonder Schaden vorübergegangen waren ließ er anspannen und einen Sack
vormjährigen Roggen aufladen und fuhr hinüber zum Diakon am Singener Kirchlein
Der lachte auf seinem Stockzahn wie des Klostermeiers Gespann aus dem Walde
vorgefahren kam er kannte seinen Kunden Seine Pfründe war mager aber aus der
Menschen Torheit fiel ihm immer noch ein Hinlängliches ab dass er seine
Wassersuppen schmälzen konnte
    Der Klostermeier hatte seinen Kornsack bei ihm abgeladen und gesagt
»Meister Otfried Ihr habt Euer Sach brav gemacht und von meinen Äckern das
Wetter ordentlich weggebetet Vergesst mich nicht wenns wiederum zu donnern
kommt«
    Und der Diakonus hatte ihm geantwortet »Ich denk Ihr habt mich gesehen
wie ich unter dem Kirchentürlein stand nach dem Schlangenhof gewendet und aus
dem Weihbrunn drei Kreuze gegen das Wetter gesprjetzt hab und den Spruch von den
heiligen drei Nägeln dazu der hat Schauer und Hagel landabwärts gejagt212 Euer
Roggen könnt ein gut Brot geben Klostermeier wenn noch ein Stümplein
Gerstenkorn dazugefügt wäre«
    Da war der Klostermeier wieder heimgefahren und gedachte just ein Säcklein
mit Gerste zu richten als verdiente Zulage für seinen Anwalt beim Himmel Aber
schon wieder türmte sich ein giftschwarz Gewölk auf und wie es tiefdunkel über
dem Eichwald stand kam ein weissgrau Wölklein heraufgezüngelt das hatte fünf
Zacken wie Finger einer Hand und schwoll an und schoss Blitze und war ein
Hagelwetter fährlicher als alles frühere Der Klostermeier war zuversichtlich
unter seiner Einfahrt gestanden »Der von Singen sprengt mirs wieder weg«
hatte er gedacht aber wie die schweren Eisgeschosse in sein Kornfeld
einschlugen und die Ähren umsanken wie pfeilerschossene Jugend im Feldstreit
und alles geknickt lag da schlug er mit geballter Faust auf den Eichentisch
»Verflucht sei der Lügner in Singen« In heller Verzweiflung wollt er jetzt ein
altegauisches Hausmittel anwenden nachdem des Diakon Zauber fruchtlos Er riss
ein paar Eichenzweige vom nächsten Stamm und zupfte das Laub zu einer Streu
zusammen das tat er in sein altehrwürdiges Hochzeitgewand und hings an die
mächtige Hauseiche Aber die Hagelkörner schlugen fort und fort in die Kornernte
trotz Hochzeitrock und Eichblattstreu Wie festgebannt schaute der Klostermeier
auf den im Regen schwebenden Bündel ob sich der Wind draus erhebe der den
Regen verjagt der Schönwetterwind blieb aus Da zogen sich seine Augbrauen
grimmig zusammen er biss sich die Lippen und schritt in seine Stube Die Knechte
wichen ihm auf zehn Schritte aus sie wussten was es hieß wenn ihr Meister die
Lippen biss Schier zusammengebrochen warf er sich an den eichenen Tisch und
sprach lang kein Wort Dann tat er einen fürchterlichen Fluch Wenn der
Klostermeier fluchte wars schon besser Der Grossknecht kam schüchtern herbei
und stellte sich ihm gegenüber er war ein riesiger Sohn Enaks aber vor seinem
Meister stand er blöd wie ein Kind
    »Wenn ich die Hexe wüsste« sprach der Meyer »die Wetterhexe die
Wolkentrude Die sollte ihren Rock nicht umsonst über den Schlangenhof
ausgeschüttet haben  Dass ihr die Zunge im Mund verdorre«
    »Brauchts eine Hexe zu sein« sagte der Grossknecht »Seit das Waldweib am
Krähen drüben landflüchtig worden lässt sich keine mehr gespüren«
    »Schweig« schalt der Klostermeier grimmig »bis du gefragt bist«
    Der Knecht blieb stehen er wusste dass es noch an ihn kommen werde Sie
schwiegen eine Zeit Dann fuhr ihn der Alte an »Was weißt«
    »Ich weiß was ich weiß« sagte der Knecht pfiffig
    Sie schwiegen wiederum eine Weile Der Klostermeier hatte zum Fenster
hinausgeschaut die Ernte war vernichtet Er wandte sich
    »Sags« rief er
    »Habt Ihr die Wetterwolke gesehen« sprach der Knecht »wie sie übers Dunkel
hingefahren ist Was wars Das Nebelschiff wars Es hat einer unser Korn den
Nebelschiffern verhandelt «
    Der Klostermeier schlug ein Kreuz als wollt er ihm die weitere Rede
wehren
    »Ich kenns von meiner Großmutter her« fuhr der Knecht fort »Die hats im
Elsass drüben oft erzählen hören wenn das Wetter über den Odilienberg sauste
Aus dem Land Magonia kommts hergesegelt das Nebelschiff weiß über die
schwarzen Wolken Fasolt und Mermut sitzen drinnen die hageln die Körner aus
den Halmen wenn ihnen der Wetterzauberer Macht drüber gegeben und heben unser
Getreide ins Luftschiff hinauf und fahren wieder heim nach Magonia und zahlen
einen guten Lohn213 Das Nebelschiff rufen trägt mehr ein als Messe lesen uns
aber bleiben die Hülsen«
    Der Klostermeier ward nachdenklich Dann griff er den Knecht am Kragen und
schüttelte ihn
    »Wer« rief er heftig
    Der Knecht aber legte den Finger auf den Mund Es war späte Nacht geworden
    In der gleichen Frühstunde da Kappan dem Ekkehard begegnet war ging der
Klostermeier mit dem Grossknecht über die Felder den Schaden zu beschauen Sie
sprachen kein Wort Der Schaden war groß Aber das Land jenseits war minder
verheert als ob die Eichen des Waldes eine Grenzscheide für Einschlag des
Hagels gezogen Auf dem nahen Grundstück trieb Kappan seine Arbeit Er hatte das
Stellen der Fallen beendet und gedachte eine Weile zu ruhen Er zog aus dem
Gürtel ein Stück schwarz Brot und eine Speckseite die glänzte weich und weiß
wie frischgefallener Schnee und war so schön dass er mit Rührung seiner neuen
Ehefrau gedenken musste die ihm solche Atzung zugesteckt Und er dachte an
allerlei was sich seit der Hochzeit zwischen ihm und ihr zugetragen und
schaute sehnsüchtig zu den Lerchen empor als sollten sie hinüberfliegen zur
Kuppe des hohen Stoffeln und ihm Haus und Ehebett grüßen und es ward ihm so
wohl zumut dass er wieder einen mächtigen Luftsprung tat Weil sein schlankes
Ehgemahl nicht anwesend gedachte er sich jetzt des langen Weges zur Erde zu
legen um seinen Imbiss zu verzehren denn daheim hatte er sich immer noch zum
Sitzen bequemen müssen so sauer es ihm auch ward Da schoss ihm durch den Sinn
dass ihm Friderun zu besserem Segen bei seiner Hantierung einen Spruch gelehrt
das Ungeziefer zu beschwören und ihm streng aufs Herz gelegt solchen Spruch
nicht zu versäumen
    Sein Frühmahl hätt ihm nimmer geschmeckt bevor er dem Befehl gehorchet
    An des Feldes Grenze war ein Stein drein ein Halbmond gehauen Frau Hadwigs
Herrschaftszeichen Er trat vor zog seinen Holzschuh vom rechten Fuß trat
barfüssig auf den Grenzstein und hob die Arme nach dem Wald hin Der Klostermeier
und sein Knecht gingen zwischen den Eichen sie blieben stehen er sah sie nicht
und sprach den Spruch wie Friderun ihn gelehrt »Aius sanctus cardia
cardiani Maus und Mäusin Talp und Talpin Hamster und Frau Hamsterin lasset
das Feld wie es bestellt fahrt in die Welt Fahret hinunter hinüber ins Moor
Fieber und Gicht lass euch nimmer hervor Afrias aestrias palamiasit214«
    Der Klostermeier und der Grossknecht hatten hinter den Eichen der Beschwörung
gelauscht jetzt schlichen sie näher »Afrias aestrias palamiasit« sprach
Kappan zum zweitenmal da fuhr ihm ein Schlag ins Genick dass er zu Boden
stürzte seltsame Laute klangen an des Überraschten Ohr vier Fäuste arbeiteten
sich müd auf seinem Rücken wie Flegel der Drescher in der Scheune215
    »Gestehs Kornmörder« rief der Klostermeier dem Hunnen zu der nicht
wusste wie ihm geschah »was hat dir der Schlangenhof für Leids getan
Wettermacher Mausverhetzer Teufelsbraten«
    Kappan hatte keine Antwort ihm schwindelte Das erzürnte den Alten noch
mehr
    »Schau ihm ins Aug« rief er dem Knecht zu »obs trieft und obs dich
verkehrt abspiegelt den Kopf nach unten«  Der Knecht tat wie geheißen Aber
er war ehrlich »Im Aug sitzts nicht« sprach er
    »So lupf ihm den Arm«
    Er riss dem Darniedergeschlagenen das Obergewand ab und prüfte den Arm Wer
mit bösen Geistern Verbindung pflog war irgendwo am Leib gezeichnet Aber sie
fanden kein Fehl an dem Mitleidswerten nur etliche altvernarbte Wunden Da
wären sie schier wieder zu seinen Gunsten gestimmt worden die Menschen waren
dazumal wie ein Geschichtschreiber sagt in ihren Leidenschaften nach Art der
Wilden auffahrend und jäh veränderlich Aber des Knechts Blick fiel von ungefähr
aufs Erdreich da kroch ein großer Hornschröter des Weges violschwarz glänzten
die Flügeldecken und die rötlichen Hörner standen ihm stolz wie ein Geweih Er
hatte sich des Kappan Misshandlung angeschaut und wollte jetzt feldeinwärts denn
er fand kein Wohlgefallen dran
    Der Knecht aber fuhr erschrocken zurück
    »Der Donnergugi« rief er
    »Der Donnerkäfer« rief der Klostermeier desgleichen Jetzt war Kappan
verloren Dass er mit dem Käfer das Wetter gemacht litt keinen Zweifel mehr
Hornschröter zieht Blitz und Hagel nieder
    »Mach Reu und Leid Heidenhund« sprach der Meyer und griff nach seinem
Messer Es fiel ihm etwas ein »Auf dem Grab seiner Brüder soll ers büßen«
sprach er weiter »Er hat das Wetter beschworen die Hunnenschlacht zu rächen
Art lässt nicht von Art«
    Der Knecht hatte indes den Hornschröter zwischen zwei platten Feldkieseln
zermalmt und grub die Steine in den Boden216 Jetzt schleppten sie den Kappan
vorwärts übers Blachfeld und schleppten ihn zum hunnischen Grabhügel und
schnürten ihm mit Weidenruten Hand und Fuß zusammen dann sprang der Knecht zum
Schlangenhof hinüber und rief seine Mitknechte Wild und mordlustig kamen sie
heran etliche davon hatten auf Kappans Hochzeit getanzt das stand nicht im
Weg dass sie jetzt zu seiner Steinigung auszogen
    Kappan fing an nachzudenken Was ihm zur Last gelegt ward begriff er nicht
wohl aber dass Gefahr da Darum tat er einen Schrei der klang gell und
durchdringend durch die Luft wie der Schrei eines wunden Rosses in der
Todesstunde davon ward Ekkehard aus seinen Träumen unter dem Fliederbaum
aufgejagt er kannte die Stimme seines Täuflings und schaute hinunter Ein
zweites Mal klang Kappans Schrei auf da vergaß Ekkehard sein hohes Lied und
eilte die Berghalde hinab
    Er kam zu rechter Zeit Sie hatten den Kappan an das Felsstück gelehnt das
den Hügel deckte und standen im Halbkreis dabei Der Klostermeier tat kund wie
er ihn auf handhafter Tat des Wettermachens betroffen und fragte herum da
sprachen sie ihn schuldig gesteinigt zu werden
    In die unheimliche Versammlung sprang Ekkehard Die Männer geistlichen
Standes waren dazumal minder verblendet als etliche hundert Jahre später wo
Tausende unter gleich begründeter Anschuldigung auf dem Scheiterhaufen verenden
mussten und der Staat sein »von Rechts wegen« drunter setzte und die Kirche ihren
Segen dazu gab Und Ekkehard so sehr er sonst an zauberische Kunst glaubte
hatte selber einstmals im Kloster des frommen Bischofs Agobard Schrift gegen
unsinnige Volksmeinung von Hagel und Wetter abgeschrieben zürnender Unwille
schuf ihm Beredsamkeit
    »Was tut ihr Unsinnige die ihr richten wollt wo euch zu beten geziemt
dass ihr nicht selber möget gerichtet werden Hat der Mann gefrevelt so wartet
bis zum Neumond wenn der Leutpriester von Radolfszell das Sendgericht217 hält
dort mögen ihn die sieben Eidmänner verbotener Kunst zeihen wie es des Kaisers
und der Kirche Vorschrift«
    Aber die Männer vom Schlangenhof trauten ihm nicht Ein drohend Murren erhob
sich
    Da gedachte Ekkehard in den wilden Gemütern eine andere Saite anzuklingen
    »Und glaubt ihr wirklich ihr die Söhne des Landes der Heiligen der Gott
wohlgefälligen schwäbischen Erde dass ein so arm hergelaufener Hunnenmensch
Macht haben könnte unsere Wolken zu beschwören Glaubt ihr dass die Wolken ihm
gehorchen dass nicht vielmehr ein guter Hegauer Blitz ihm das Haupt
zerschmettert hätte zur Strafe des Frevels dass ein fremder Mann ihn angerufen«
    Wenig fehlte so hätte dieser Grund den heimatstolzen Gemütern
eingeleuchtet Aber der Klostermeier rief »Der Donnerkäfer Der Donnerkäfer
Wir haben ihn mit eigenen Augen zu seinen Füßen kriechen sehen« Da erscholl es
von neuem »Steiniget ihn« Ein Feldstein flog herüber und schlug den Armen
blutrünstig Da warf sich Ekkehard unverzagt über seinen Täufling und schirmte
ihn mit seinem eigenen Leib Das wirkte
    Die Männer vom Schlangenhof schauten einander an allmählich wurden sie
stumm dann machte einer im Kreise kehrt und ging feldeinwärts andere folgten
zuletzt stand der Klostermeier allein »Ihr haltets mit dem Landverderber«
rief er zürnend aber Ekkehard antwortete nicht da ließ auch er den erhobenen
Stein zur Erde sinken und ging brummend von dannen
    Kappan war übel zugerichtet Auf einem Rücken den alemannische Bauernfäuste
durchgearbeitet wächst jahrelang kein Gras Der Steinwurf hatte eine Wunde in
den Kopf geschlagen die blutete stark Ekkehard wusch ihm das Haupt mit
Regenwasser und machte das Zeichen des Kreuzes drüber das rinnende Blut zu
stillen dann verband er ihn notdürftig Er gedachte ans Evangelium vom
barmherzigen Samariter Der wunde Mann schaute dankbar aus den gekniffenen Augen
zu ihm empor Langsam führte ihn Ekkehard zur Burg hinauf er musste ihm zureden
bis ers wagte sich auf seinen Arm zu stützen Auch der Fuß mit der Narbe aus
der Hunnenschlacht tat ihm weh stöhnend hinkte er bergaufwärts
    Auf dem hohen Twiel gabs großen Lärm wie sie ankamen Alle waren dem
Hunnen gut Die Herzogin kam in den Hof herunter sie nickte Ekkehard freundlich
zu ob seiner Barmherzigkeit Der Klosterleute Frevel an ihrem Untertan versetzte
sie in zürnende Aufregung
    »Das soll nicht vergessen sein« sprach sie »sei getrost Mausfänger Sie
sollen dir ein Wehrgeld zahlen für den wunden Schädel das einer Aussteuer
gleichkommt Und für den gestörten Herzogsfrieden setzen wir ihnen die höchste
Busse zehn Pfund Silbers soll nicht genug sein Die Klosterleute werden frech
wie ihre Herren«
    Am wildesten war Herr Spazzo der Kämmerer »Hab ich darum mein Schwert von
seinem Haupt zurückgezuckt« schalt er »wie er mit zerstochenem Schenkel vor
mir lag dass ihms die Lümmel vom Schlangenhof mit Feldsteinen pflastern sollen
Und wenn er auch unser Feind war jetzt ist er getauft und ich bin sein Pate
und hab für seiner Seele und seines Leibes Heil Sorge zu tragen Sei vergnügt
Patenkind« rief er ihm zu und klirrte mit seinem Schwert auf dem Steinboden
»wenn deine Schramme geflickt ist begleit ich dich zum ersten Spaziergang da
wollen wir mit dem Klostermeier rechnen Hagel und Wetter rechnen wollen wir
dass ihm die Späne vom Kopf fliegen Mit den Meiern kanns so nicht mehr
fortgehen Die Burschen führen Schild und Waffen wie Edelleute richten statt
ziemender Bauernjagd Hunde auf Wildschweine und Bären und blasen auf ihren
Weidhörnern als wären sie die Könige der Welt Wo einer den Kopf am höchsten
trägt ists ein Meyer man mag darauf wetten218«
    »Wo ist der Frevel geschehen« fragte die Herzogin
    
    »Sie haben ihn von der Feldmark wo der Halbmond ausgehauen steht bis an
den hunnischen Grabhügel geschleppt« sagte Ekkehard
    »Also mitten auf unserem Grund und Boden« zürnte Frau Hadwig »das ist zu
viel Herr Spazzo Ihr werdet reiten«
    »Wir werden reiten« sprach der Kämmerer grimmig
    »Und vom Abt auf der Reichenau noch heute Wehrgeld und Friedbruchbusse und
volle Genugtuung verlangen Unsern landesherrlichen Rechten soll durch
klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen«
    » durch klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen« wiederholte Herr
Spazzo noch grimmiger denn zuvor
    Selten war ihm ein annehmlicherer Auftrag geworden Er strich seinen Bart
»Wir werden reiten Herr Abt« sprach er und ging hinauf sich zu rüsten
    Aber sein grünsamtnes Unterwams und seinen goldverbrämten Kämmerermantel
ließ er geruhig im Kasten hängen er suchte ein abgetragen grau Jagdgewand aus
und legte die großen Beinschienen an mit denen er in die Schlacht geritten und
die größten Sporen dran und probierte etlichemal einen festen Tritt Auf den
Eisenhut aber steckte er der wallendsten Federn drei und tat sein
Schlachtschwert um
    So kam er in den Burghof herunter
    »Schaut mich einmal an holdselige Jungfrau Praxedis« sprach er zu dieser
»was mach ich heut für ein Gesicht« Er hatte den Eisenhut aufs linke Ohr
gerückt und sein Haupt hochfahrend über die rechte Schulter gedreht
    »Sehr ein unverschämtes Herr Kämmerer« war der Griechin Antwort
    »Dann ists recht« sprach Herr Spazzo und schwang sich auf den Gaul Er
ritt aus dem Burgtor dass die Funken stoben mit dem erfreulichen Gefühl dass
heute Unverschämtheit Pflicht sei
    Unterweges übte er sich Das Wetter hatte eine Tanne niedergeworfen im
Wurzelwerk haftete noch das vom Sturz mit aufgerissene Erdreich Die schweren
Äste sperrten den Pfad
    »Aus dem Weg geistlicher Holzklotz« rief Herr Spazzo der Tanne zu Wie die
sich nicht rührte zog er sein Schwert »Vorwärts Falada« spornte er die Mähre
und setzte in kühnem Satze über den Baum Im Drüberspringen tat er einen
Schwertieb ins Geäst dass die Zweige herumflogen
    Nach weniger denn anderthalb Stunden war er schon vor der Klosterpforte Der
schmale Streif Landes der bei niederem Wasserstand des Sees das Ufer mit der
Insel verbindet war frei von Überschwemmung und gestattete das Hinüberreiten
    Ein dienender Bruder tat ihm auf Es war um Mittagszeit Der blödsinnige
Heribald kam neugierig aus dem Klostergarten hergelaufen zu schauen wer der
fremde Reiter Er drängte sich nah ans Ross wie Herr Spazzo absprang Der
Hofhund tobte an seiner Kette mit Gebell dem Rappen des Kämmerers entgegen dass
er sich aufbäumte Schier hätte Herr Spazzo Schaden genommen Wie er mit beiden
Füßen auf die Erde gesprungen war griff er seine Schwertscheide und hieb dem
Heribald flach über den Rücken
    »Es ist nicht für Euch« rief er und strich seinen Bart »es ist für den
Hofhund Gebts weiter«
    Heribald stand betroffen und griff nach seiner Schulter »Heiliger Pirmin«
jammerte er
    »Es gibt heute keinen heiligen Pirmin« sprach Herr Spazzo entschieden
    Da lachte Heribald als wenn er seinen Mann kennte »Eia gnädiger Herr die
Hunnen sind auch bei uns gewesen und war niemand da als Heribald sie zu
empfangen aber so gottlos haben sie nicht mit ihm gesprochen«
    »Die Hunnen sind keine herzoglichen Kämmerer« sprach Herr Spazzo mit
Stolz
    In Heribalds blödsinnigem Gehirn begann der Gedanke aufzudämmern die Hunnen
seien nicht die schlimmsten Gäste auf deutscher Erde Er schwieg und ging in den
Garten Dort riss er ein paar Salbeiblätter ab und rieb seinen Rücken
    Herr Spazzo schritt über den Klosterhof zum Tor das durch den Kreuzgang ins
Innere führte Er trat fest auf Die Glocke zum Mittagsmahl läutete Einer der
Brüder kam schnellen Ganges über den Hof Herr Spazzo fasste ihn am dunkeln
Gewand
    »Rufet mir den Abt herunter« sprach er Der Mönch sah ihn verwundert an und
tat einen Seitenblick auf des Kämmerers abgetragen Jagdhabit
    »Es ist die Stunde der Mahlzeit« sprach er »Wenn Ihr geladen seid was ich
aber « er schaute wiederum etwas spöttisch auf Spazzos Jagdrock der Schluss
ward ihm erspart der Kämmerer würdigte den hungrigen Bruder eines gediegenen
Faustschlages dass er taumelnd von der Schwelle in den Hof hinausflog wie ein
wohlgeschleuderter Federball Die Mittagssonne schien auf des Gefallenen Tonsur
    Dem Abt war bereits gemeldet worden welch einen Frevel der Klostermeier
sich an der Herzogin Mann erlaubt Jetzt vernahm er den Tumult im Klosterhof
Wie er an sein Fenster trat erschaute er just den frommen Bruder Yvo
faustschlagbefördert in den Hof hinausfliegen Glücklich wer der Dinge
geheimste Ursachen erkannt hat singt Virgilius Abt Wazmann erkannte sie er
hatte aus dem Dunkel des Kreuzgangs Herrn Spazzos Helmzier drohend herübernicken
gesehen
    
    »Ruft mir den Abt herunter« riefs zum zweitenmal vom Hofe herauf dass die
Scheiben der Zellenfenster klirrten Unterdessen ward die Reichenauer
Mittagssuppe kalt die im Refektorium Versammelten griffen endlich zu ohne des
Abts zu warten
    Der Abt Wazmann hatte Rudimann den Kellermeister zu sich entboten »Das
alles« sprach er »hat uns der Grünspecht von Sankt Gallen wieder angezettelt
O Gunzo Gunzo Keiner soll seinem Nächsten ein Leid wünschen aber doch
überdenkt mein Gemüt die Frage ob unsere Hofbauern das riesige Geschlecht vor
dem Herrn nicht wohlgetan hätten dem Gleisner Ekkehard die Steine an den Kopf
zu werfen die sie dem hunnischen Hexenmeister bestimmt «
    Ein Mönch trat scheu in des Abts Gemach
    »Ihr sollt herunterkommen« sagte er leise »es ist einer drunten und tobt
und griesgramt wie ein Gewaltiger«
    Da wandte sich der Abt zu Rudimann dem Kellermeister und sprach »Es muss
schlecht Wetter sein bei der Herzogin ich kenne den Kämmerer der ist ein
sicher Wetterzeichen Wenn seine Herrin ihren stolzen Mund zur Heiterkeit
zuspjetzt so lacht er mit dem ganzen Gesicht und wenn Wolken über ihre Stirn
ziehen so geht bei ihm ein volles Donnerwetter los «
    » und schlägt ein« ergänzte Rudimann Schwere Tritte klirrten durch den
Gang
    »Es ist keine Zeit mehr zu verlieren« sprach der Abt »Macht Euch schnell
auf den Weg Kellermeister reitet hinüber und drückt der Herzogin unser
Bedauern aus nehmt ein paar Silberlinge aus der Klostertruhe mit als
Schmerzensgeld für den Zerschlagenen und sagt dass man für seine Genesung beten
wolle Vorwärts Ihr seid ja sein Pate und ein kluger Mann«
    »Es wird schwer halten« sprach Rudimann »Sie wird recht giftig sein«
    »Bringt ihr ein Geschenk mit« sprach der Abt »Kinder und Frauen lassen
sich gern die Augen blenden«
    »Was für eines« wollte Rudimann fragen da ward die Tür aufgerissen Herr
Spazzo trat ein Sein Gesicht lag in den richtigen Falten
    »Beim Leben meiner Herzogin« rief er »hat der Abt dieses Rattennestes
heute Blei in seine Ohren gegossen oder ist ihm Gichtbruch in die Füße
gefahren Was kommt Ihr nicht Euren Besuch zu empfangen«
    »Wir sind überrascht« sprach der Abt »lasst Euch willkommen heißen« Er hob
den rechten Zeigefinger ihm den Segen zu erteilen
    »Brauch keinen Willkomm« gab ihm Herr Spazzo zurück »Der Teufel ist heute
Schutzpatron des Tages Wir sind gekränkt schwer gekränkt Wir heischen Busse
zweihundert Pfund Silbers zum mindesten Heraus damit Mord und Weltbrand den
landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein Eintrag
geschehen Wir sind Gesandter«
    Er klirrte mit den Sporen auf dem Fußboden
    »Verzeihet« sprach der Abt »wir haben am grauen Jagdrock die Tracht des
Gesandten nicht zu erkennen vermocht«
    »Beim kamelhärenen Kleid des Täufers Johannes« brauste Herr Spazzo auf
»und wenn ich im Hemd angeritten käme so wär die Gewandung noch stolz genug
um vor euch schwarze Kutten als Herold zu treten«
    Er setzte seinen Helm auf Die Federn nickten »Zahlet damit ich weiters
kann Es ist schlechte Luft hier schlecht sehr schlecht «
    »Erlaubet« sagte der Abt »im Zorn lassen wir keinen Gast von der Insel
reiten Ihr seid scharf weil Ihr noch nichts gegessen habt Lasst Euch ein
Klostermahl nicht gereuen Nachher von Geschäften«
    Dass einer für seine Grobheit freundlich zum Mittagsmahl eingeladen wird
machte dem Kämmerer einigen Eindruck Er nahm seinen Helm wieder ab »Den
landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein Eintrag
geschehen« sprach er noch einmal aber der Abt deutete hinüber da sah man die
offene Klosterküche der blonde Küchenjunge drehte den Spieß am Feuer und
schnalzte mit der Zunge denn ein lieblicher Bratenduft war in seiner Nase
aufgestiegen  ahnungsvoll standen etliche verdeckte Schüsseln im Hintergrund 
ein Mönch wandelte mit riesigem Steinkrug vom Keller her durch den Hof Das Bild
war allzu lockend
    Da vergaß Herr Spazzo die amtlichen Stirnfalten und nahm die Einladung an
    Bei der dritten Schüssel strömten seine Grobheiten spärlicher Wie der rote
Meersburger im Pokal glänzte versiegten sie ganz Der rote Meersburger war gut

    Unterdes ritt Rudimann der Kellermeister aus dem Kloster Der Fischer von
Ermatingen hatte einen riesigen Lachs gefangen frisch und prächtig lag er im
kühlen Keller verwahrt den hatte Rudimann erlesen als Geschenk zur
Beschwichtigung der Herzogin Auf dem Schreibzimmer des Klosters hatte er auch
noch zu schaffen bevor er ausritt Ein Laienbruder musste ihn begleiten das in
Stroh verpackte Seeungetüm quer über sein Maultier gelegt Herr Spazzo war
hochmütig herübergeritten demütig ritt Rudimann hinüber Er sprach leise und
schüchtern wie er nach der Herzogin fragte »Sie ist im Garten« hieß es
    »Und mein frommer Mitbruder Ekkehard« frug der Kellermeister
    »Der hat den wunden Kappan in seine Hütte am Hohenstoffeln geleitet und
pflegt ihn er kommt vor Nacht nicht heim«
    »Das tut mir leid« sprach Rudimann Höhnisch verzog er seine Lippen Er
ließ den Lachs auspacken und auf die Granitplatte des Tisches im Hofe legen die
Linde warf ihren Schatten drüber die Schuppen des Seegewaltigen glänzten es
war als ob sein kühles Auge noch Leben hätte und schmerzlich stumm vom
Berggipfel nach den blauen Wogen drüben schaute Der Fisch war über eines Mannes
Länge Praxedis hatte einen hellen Schrei getan wie die Strohhülle von ihm
genommen ward »Er kommt vor Nacht nicht heim« murmelte Rudimann und brach
einen starken Lindenzweig und sperrte mit eingeschobenem Holze dem Lachs den
Rachen dass er weit aufgerissen hinausgähnte Mit grünem Lindenblatt verzierte
er das Fischmaul dann griff er in seinen Busen dort trug er die
Pergamentblätter von Gunzos Schmähschrift er rollte sie säuberlich zusammen und
schob sie in den offenen Rachen Neugierig sah ihm Praxedis zu das war ihr noch
nicht vorgekommen
    Jetzt nahte die Herzogin Demütig ging ihr Rudimann entgegen er bat um
Nachsicht für die Klosterleute es tue dem Abt leid er sprach mit Anerkennung
von dem Verwundeten mit Zweifel vom Wetterzauber mit Erfolg im ganzen »Und
mög Euch ein unwürdig Geschenk wenigstens den guten Willen des Euch stets
getreuen Gotteshauses beweisen« schloss er und trat zurück dass der Lachs in
seiner vollen Pracht sichtbar wurde Die Herzogin lächelte halb versöhnt
    Jetzt sah sie das Pergament dem Rachen entragen »Und das« sprach sie
fragend
    »Das Neueste der Literatur « sprach Rudimann Er neigte sich mit
Anstand ging zu seinem Saumtier und beeilte sich des Heimritts
    Der rote Meersburger war gut Und Herr Spazzo nahms nicht als eine leichte
Sache beim Wein zu sitzen er dauerte aus vor den Krügen wie ein
Städtebelagerer und saß festgegossen auf seiner Bank und trank als ein Mann der
sprudelnd Aufschäumen den Knaben überlässt ernst aber viel
    »Der Rote ist die verständigste Einrichtung im ganzen Kloster habt Ihr noch
mehr im Keller« hatte er den Abt gefragt wie der erste Krug leer war Es
sollte eine Höflichkeit sein ein Zeichen der Versöhnung dass er weiter trank
Da kam der zweite Krug
    »Unbeschadet der landesherrlichen Rechte« sprach er grimm wie er mit dem
Abt anstieß »Unbeschadet« antwortete der mit einem Seitenblick
    Es war die fünfte Abendstunde da schallte ein Glöcklein durchs Kloster
»Verzeihet« sprach der Abt »wir müssen zur Vesper wollt Ihr mit«
    »Ich werd Euch lieber erwarten« entgegnete Herr Spazzo und schaute in den
dunkeln Hals des Steinkrugs Es wogte drin noch sattsamer Bedarf für eine
Stunde Da ließ er die Mönche ihren Vespersang halten und trank einsam weiter
    Wieder war eine Stunde abgelaufen da besann er sich weshalb er eigentlich
ins Kloster herübergeritten Es fiel ihm nimmer deutlich ein Jetzt kam der Abt
zu ihm zurück
    »Wie habt Ihr Euch unterhalten« fragte er
    »Gut« sprach Herr Spazzo Der Krug war leer
    »Ich weiß nicht « begann der Abt
    »Doch« sprach Herr Spazzo und nickte mit dem Haupt Da kam der dritte Krug
    Inzwischen kehrte Rudimann von seinem Ausritt heim die Abendsonne neigte
sich zum Untergehen der Himmel färbte sich glühend purpurne Streiflichter
fielen durchs schmale Fenster auf die Zechenden
    Wie Herr Spazzo wieder mit dem Abte anstieß glänzte der Rotwein wie feurig
Gold im Pokal und er sah einen Schein der Verklärung um des Abts Haupt
flimmern Er besann sich »Beim Leben Hadwigs219« sprach er feierlich »wer
seid Ihr«
    Der Abt verstand ihn nicht »Was habt Ihr gesagt« fragte er Da kannte Herr
Spazzo die Stimme wieder »Ja so« rief er und schlug mit der Faust auf den
Tisch »den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein
Eintrag geschehen«
    »Gewiss nicht« sagte der Abt
    Da fühlte der Kämmerer einen fliegenden Stich in der Stirn220 den kannte er
wohl und pflegte ihn den »Wecker« zu heißen Der Wecker kam nur wenn er beim
Weine saß wenn er durchs Haupt brauste so wars ein Signal dass in Frist einer
halben Stunde die Zunge gelähmt sei und das Wort versage Kam der Wecker zum
zweitenmal so drohte die Lähmung den Füßen Da erhob er sich
    »Die Freude sollen die Kutten nicht erleben« dachte er »dass vor ihrem
Klosterwein eines herzoglichen Dienstmannes Zunge stille steht« Er stand fest
auf den Füßen
    »Halt an« sprach der Abt »des Abschieds Minne«
    Da kam der vierte Krug Herr Spazzo war zwar aufgestanden aber zwischen
Aufstehen und Fortgehen kann sich noch vieles zutragen Er trank wieder Wie er
seinen Pokal absetzen wollte stellte er ihn bedächtig in die blaue Luft hinein
dass er auf die Steinplatten des Fussbodens fiel und zerschellte Da ward Herr
Spazzo grimmig Verschiedenes rauchte und rauschte ihm durch den Sinn
    »Wo habt Ihr ihn« fuhr er den Abt an
    »Wen«
    »Den Klostermeier Gebt ihn heraus den groben Bauer der mein Taufpatenkind
hat umbringen wollen« Er ging drohend auf den Abt los Nur einen einzigen
Fehltritt tat er
    »Der sitzt auf dem Schlangenhofe« sprach der Abt lächelnd »Er sei Euch
ausgeliefert Ihr müsst aber selber ausziehen und ihn holen«
    »Mord und Weltbrand wir werden ihn holen« polterte Herr Spazzo und schlug
ans Schwert indem er nach der Türe schritt »Aus dem Bett werden wir ihn
greifen den Bärenhäuter und wenn er gegriffen ist beim Tornister des heiligen
Gallus wenn er  dann  sag ich Euch «
    Die Rede kam nimmer zum Schluss Die Sprache stand ihm still wie die Sonne in
der Amorrhiter Schlacht da Josua ihr gebot
    Er griff nach des Abtes Becher und trank ihn leer
    Die Sprache kam nicht wieder Ein süßes Lächeln lagerte sich auf des
Kämmerers Lippen Er schritt auf den Abt zu und umarmte ihn
    »Freund und Bruder vielgeliebter alter Steinkrug wie wärs wenn ich Euch
ein Aug ausstäche« wollte er mit kämpfender Zunge zu ihm sagen es gelang ihm
nimmer verständlich zu sein Er presste den Abt fest und trat ihm dabei mit dem
bespornten Stiefel auf den Fuß Abt Wazmann hatte bereits den Gedanken überlegt
ob er dem Erschöpften ein Nachtlager wolle anweisen die Umarmung und der
Schmerz seiner Zehen änderte ihm den Sinn er sorgte dass des Kämmerers Rückzug
beginne
    Im Klosterhof ward sein Ross gesattelt Der blödsinnige Heribald schlich sich
draußen herum er hatte ein groß Stück Zunder in der Küche geholt und gedachte
dasselbe brennend des Kämmerers Ross in die Nüstern zu legen dass es ihn räche
für den flachen Hieb Jetzt kam Herr Spazzo heraus er hatte die Reste seiner
Würde zusammengerafft Ein Diener mit einer Fackel leuchtete
    Der Abt hatte ihm an der oberen Pforte Valet gewinkt
    Herr Spazzo stieg auf seinen treuen Rappen Falada ebenso schnell gleitete
er auf der rechten Seite wieder herab Heribald sprang bei ihn aufzufangen der
Kämmerer fiel ihm in die Arme des Mönchs Bart streifte stechend seine Stirn
    »Bist du auch da Elbentrötsch221 weiser König Salomo« lallte Herr Spazzo
»sei mein Freund« Er küsste ihn da hob ihn Heribald aufs Ross und warf seinen
Zunder weg und trat darauf »Eia gnädiger Herr« rief er ihm zu »kommt recht
wohl nach Hause Ihr seid anders bei uns eingeritten wie die Hunnen darum
reitet Ihr aber auch anders von dannen wie sie und sie haben sich doch auch
aufs Weintrinken verstanden«
    Herr Spazzo drückte den Eisenhut aufs Haupt fest griff er die Zügel es
presste ihm noch etwas das Herz er kämpfte mit der lahmgewordenen Zunge Itzt
kam ein Stück verlorener Kraft wieder er hob sich im Sattel die Stimme
gehorchte
    »Und den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein
Eintrag geschehen« rief er dass es durch die stille Nacht des Klosterhofs
dröhnte
    Zu derselben Zeit berichtete Rudimann dem Abt über den Erfolg seiner Sendung
zur Herzogin
    Herr Spazzo ritt ab Dem Diener der mit der Fackel leuchtete hatte er
einen güldenen Fingerring zugeworfen Darum ging der Fackelträger noch weit mit
ihm bis zum schmalen Pfad der über den See führte
    Bald war er am jenseitigen Ufer Kühl wehte die Nachtluft um das heiße Haupt
des Reiters Er lachte vor sich hin Die Zügel hielt er gepresst in der Rechten
Der Mond schien auf den Weg Dunkel Gewölk ballte sich fern um die Häupter der
helvetischen Berge Jetzt ritt Herr Spazzo in den Tannwald ein Laut und
gemessen schallte des Kuckucks Stimme durch die Stille Herr Spazzo lachte
Wars fröhliche Erinnerung oder sehnende Hoffnung der Zukunft die sein Lächeln
so süß machte Er hielt sein Ross an
    »Wann soll die Hochzeit sein« rief er zum Baum hinüber drauf der Rufer saß
222 Er zählte die Rufe aber der Kuckuck war heute unermüdlich Schon hatte
Herr Spazzo zwölf gezählt da begann seine Geduld auf die Neige zu gehen
    »Schweig schlechter Gauch« rief er
    Da tönte des Kuckucks Ruf zum dreizehnten Male
    »Der Jahre fünfundvierzig haben wir schon und dreizehn macht
achtundfünfzig« sprach Herr Spazzo zornig »Das gäb späten Brautstand«
    Der Kuckuck rief zum vierzehnten Ein anderer war vom Rufen wach geworden
und ließ jetzt auch seine Stimme erklingen ein dritter stimmte ein das hallte
und schallte neckisch um den trunkenen Kämmerer herum und war nicht mehr zu
zählen
    Da ging ihm die Geduld gänzlich aus
    »Lügner seid ihr und Ehebrecher und Bäckerknechte alle zusammen« schalt er
die Vögel »schert euch zum Teufel«
    Er spornte sein Ross zum Trab Der Wald schloss sich dichter Fetzt zogen die
Wolken herauf schwer und dunkel sie zogen gegen den Mond Es ward
stockfinster geisterhaft ragten die Tannen alles lag schwarz und still Gern
hätte Herr Spazzo jetzt noch den Kuckuck gehört der nächtliche Ruhestörer war
fortgeflogen  da wards dem Heimreitenden unheimlich eine ungestalte Wolke kam
gegen den Mond geschlichen und hüllte ihn ganz ein da fiel Herrn Spazzo ein
was ihm die Amme in erster Jugend erzählt wie der böse Wolf Hati und Managarm
der Mondhund dem leuchtenden Gestirn nachjagen er sah wieder auf da sah er
den Wolf und den Mondhund deutlich am Himmel jetzt hielten sie den armen Tröster
der Nacht im Rachen  Herr Spazzo schauderte Er zog sein Schwert »Vince
luna Siege o Mond« schrie er mit heller Stimme und rasselte mit Schwert und
Beinschienen »vince luna« vince luna223
    Sein Geschrei war laut und sein ehern Gerassel scharf aber die
Wolkenungetüme ließ den Mond nicht nur des Kämmerers Ross ward scheu und
sprengte sausend mit ihm durch die Waldesnacht
    Wie Herr Spazzo des andern Morgens erwachte lag er am Fuß des hunnischen
Grabhügels Auf der Wiese sah er seinen Reitersmantel liegen sein schwarzes
Rösslein Falada erging sich fern am Waldessaum der Sattel hing unten am Bauch
die Zügel waren zerrissen es frass die jungen Wiesenblumen Langsam wandte der
schlafmüde Mann sein Haupt und schaute sich gähnend um Der Klosterturm der
Reichenau spiegelte sich so ruhig und fern im See als wenn nichts geschehen
wäre Er aber riss einen Büschel Gras aus und hielt die tauigen Halme an die
Stirn »Vince luna« sprach er mit bittersüssem Lächeln Er hatte schwer Kopfweh
 
                              Neunzehntes Kapitel
                          Burkard der Klosterschüler
Rudimann der Kellermeister war kein falscher Rechner Eine Rolle Pergament in
einem Lachsrachen muss Neugier erregen Während Herr Spazzo den Reichenauer
Klosterwein getrunken war seine Gebieterin mit Praxedis im stillen Kloset an
Entzifferung der Gunzoschen Schrift gesessen die Schülerinnen Ekkehards hatten
des Lateinischen genug gelernt um die Hauptsachen zu verstehen was grammatisch
unklar blieb errieten sie was nicht zu erraten war setzten sie nach eigenem
Gutdünken zusammen
    Praxedis war empört »Ist denn die Nation der Gelehrten überall wie in
Byzanzium« sprach sie »Erst die Mücke zum Elefanten gemacht und dann einen
Feldzug gegen das selbstgeschaffene Ungetüm begonnen Das Reichenauer Geschenk
schmeckt essigsauer«  Sie verzog den lieblichen Mund wie damals da sie
Wiborads Holzäpfel kosten musste
    Frau Hadwig war sonderbar bewegt Ein unheimlich Gefühl sagte ihr dass in
Gunzos Blättern ein Geist sein Wesen treibe der nicht vom Guten aber sie
gönnte Ekkehard die Demütigung
    »Ich glaube er hat die Zurechtweisung verdient« sprach sie
    Da sprang Praxedis auf »Unser braver Lehrer verdient manche
Zurechtweisung« rief sie »aber das sollte unsere Sache sein Wenn wir ihm
seine blöde Schwerfälligkeit wegschulmeistern tun wir ein gutes Werk Aber wenn
einer mit dem Balken im Aug dem andern den Splitter vorwirft das ist zu arg
Die bösen Mönche haben das nur angebracht um ihn anzuschwärzen Darf ichs zum
Fenster hinauswerfen gnädige Herrin«
    »Wir haben Euch weder um Ekkehards Erziehung noch um Werfung eines
Gastgeschenks zum Fenster hinaus ersucht« sprach die Herzogin bitter Praxedis
schwieg
    Die Herzogin konnte sich von der eleganten Schmähschrift lange nicht
trennen Ihre Gedanken waren dem blonden Mönch nicht mehr zugewendet wie damals
als er sie über den Hof des heimischen Klosters trug Im Augenblick
überschwenglichen Gefühls nicht verstanden werden ist gleich der Verschmähung
der Stachel weicht nicht wieder Wenn sie ihn jetzt erschaute pochte das Herz
nicht in höherem Schlag oft wars Mitleid was ihre Blicke ihm noch zuführte
aber nicht jenes süße Mitleid aus dem die Liebe aufspriesst wie aus kühlem
Grunde die Lilie  es barg einen bösen Keim von Geringschätzung in sich
    Durch Gunzos Schmähschrift ward auch das Wissen das die Frauen seither hoch
an ihm gehalten in Staub gezogen was blieb noch Gutes Das stille Weben und
Träumen seiner Seele verstand die Herzogin nicht zarte Scheu ist in anderer
Augen Torheit Dass er in der Frühe ausgegangen das hohe Lied zu lesen war zu
spät er hätte das im vorigen Herbst tun sollen 
    Der Abend dunkelte
    »Ist Ekkehard heimgekehrt« fragte die Herzogin
    »Nein« sprach Praxedis »Herr Spazzo auch nicht«
    »Dann nimm den Leuchter« befahl Frau Hadwig »und trage die
Pergamentblätter auf Ekkehards Turmstube Er darf nicht ununterrichtet bleiben
von seiner Mitbrüder Werken«
    Die Griechin gehorchte aber unfroh In der Turmstube droben war schwüle
Hitze Ungeordnet lagen Bücher und Gerätschaften umher Auf dem Eichentisch war
das Evangelium des Mattäus aufgeschlagen »Am Geburtsfest des Herodes aber
tanzte der Herodias Tochter vor der Gesellschaft und sie gefiel dem Herodes
dass er ihr mit einem Eidschwur verhieß zu geben um was sie bitten wollte und
sie sprach Gib mir auf einer Schüssel den Kopf Johannes des Täufers «
    Die priesterliche Stola Ekkehards Weihnachtsgeschenk von der Herzogin lag
daneben die goldgewirkten Fransen hingen über das Fläschlein mit Jordanwasser
das ihm der alte Tieto einst mitgegeben
    Da schob Praxedis alles zurück und legte Gunzos Epistel auf den Tisch es
tat ihr leid wie sie alles geordnet Beim Fortgehen wandte sie sich tat das
Fenster auf riss ein Zweiglein von dem üppig am Turm sich emporschlingenden
Efeugerank und warfs drüber hin
    Ekkehard war spät heimgekommen Er hatte den wunden Kappan gepflegt noch
größere Arbeit war es ihm des Hunnen langes Ehegemahl zu trösten Nachdem das
erste Wehgeheul verstummt und ihre Tränen getrocknet war bis nach
Sonnenuntergang ihre Rede nur ein einziger großer Fluch auf den Klostermeier
und wenn sie ihren starken Arm gen Himmel hob und von Augauskratzen und
Bilsenkraut in die Ohren gießen und Zähneeinschlagen sprach und ihre braunen
Zöpfe wildbedrohlich im Winde flatterten so bedurfte es eindringlichen
Zuspruchs sie zu beruhigen Doch wars gelungen
    In der Stille der Nacht las Ekkehard die Blätter die ihm die Griechin in
seine Stube gelegt Seine Hand spielte mit einer wilden Rose die er heimgehend
im Tannenwald gepflückt während sein Auge die geharnischten Angriffe des
welschen Gelehrten aufnahm
    Woher mag es kommen dachte er und sog den Duft der Blume ein dass so vieles
der Tinte Entsprossenes seinen Ursprung nicht verleugnen kann Alle Tinte kommt
vom Gallapfel und aller Gallapfel vom bösen Wespenstich 
    Mit heiterem Antlitz legte er schließlich die gelben Pergamentblätter weg
Eine gute Arbeit  eine recht fleißige gute Arbeit  o der Wiedehopf ist auch
eine wichtige Person unter dem fliegenden Getier Aber die Nachtigall hat kein
Ohr für seinen Gesang  Er schlief ausgezeichnet gut nach seiner Lesung
    Wie er des andern Morgens von der Burgkapelle zurückschritt über den Hof
traf er auf Praxedis
    »Wie gehts Euch Hunnentäufer« sprach sie leicht »ich bin ernstlich um
Euch besorgt Es hat mir geträumt ein großer brauner Meerkrebs sei den Rhein
herauf geschwommen und aus dem Rhein in den Bodensee und vom Bodensee sei er
auf unsere Burg gekrochen und hätt schneidige Scheren und hätt Euch drein
geklemmt und scharf ins Fleisch geschnitten Der Seekrebs heißt Gunzo Habt Ihr
noch viel so gute Freunde«
    Ekkehard lächelte
    »Ich missfalle manchem Mann der mir auch nicht gefallen kann« sprach er
»Wer an russige Kessel anstösst kann leichtlich schwarz werden«
    »Scheint Euch aber ganz gleichgültig zu sein«  sprach Praxedis »Ihr
solltet Euch schon heut auf eine Antwort besinnen Siedet den Krebs rot ab dann
beißt er nimmer«
    »Die Antwort« erwiderte Ekkehard »hat ein anderer für mich gegeben Wer zu
seinem Bruder spricht Rakka wird des hohen Rates schuldig sein und wer sagt
du Narr wird des höllischen Feuers schuldig sein«
    »Ihr seid recht fromm und mild« sagte Praxedis »aber seht zu wie weit
Ihr damit in der Welt kommt Wer sich seiner Haut nicht wehret dem wird sie
abgezogen Auch den schlechten Feind sollt Ihr nicht gering anschlagen Sieben
Wespen zusammen stechen ein Ross tot«
    Die Griechin hatte recht Stumme Verachtung unwürdigen Angreifers gilt
allzuleicht für Schwäche Aber es war Ekkehards Natur so
    Praxedis trat einen Schritt auf ihn zu dass er betroffen zurückwich »Soll
ich Euch noch einen guten Rat geben Ehrwürdigster« sprach sie Er nickte
schweigend
    »Ihr schreitet wieder viel zu ernst einher es möchte einer glauben Ihr
wollt mit Sonne und Mond Kegel schieben wenn Ihr des Weges kommt s ist
heißer Sommer jetzt die Kapuze macht Euch schwül Lasst Euch ein linnen Gewand
beschaffen und meinetwegen auch den Schlossbrunnen übers Haupt rieseln aber seid
fröhlich und guter Dinge Die Herrin möchte sonst recht gleichgültig für Euch
werden«
    Ekkehard wollte ihr die Hand reichen es deuchte ihm zuweilen als sei
Praxedis sein guter Engel Da kam langsamen Hufschlages Herr Spazzo in den
Burghof eingeritten Sein Haupt senkte sich dem Sattelknopf entgegen bleiernes
Lächeln war über das müde Antlitz gegossen halb schlief er
    »Euer Gesicht hat sich namhaft verändert seit gestern« rief ihm Praxedis
zu »Warum fliegen keine Funken mehr unter Faladas Huf«
    Er schaute mit stieren Augen zu ihr herab Es flimmerte vor seinem Blick
    »Bringt Ihr auch ein erklecklich Schmerzensgeld mit Herr Kämmerer« fragte
Praxedis
    »Schmerzensgeld für wen« fragte Herr Spazzo stumpf
    »Für den armen Kappan Ich glaube Ihr habt eine Hand voll Mohnkörner
gegessen dass Ihr nimmer wisst warum Ihr ausgeritten «
    »Mohnkörner« sprach Herr Spazzo mit dem gleichen Ausdruck »Mohnkörner
Nein Aber Meersburger roten Meersburger ungefügigen hundertschlündig224 zu
trinkenden roten Meersburger ja«
    Er stieg schwerfällig vom Ross und zog sich in seine Gemächer zurück Der
Bericht über seiner Sendung Erfolg blieb unerstattet Praxedis schaute dem
Kämmerer nach sie begriff den Grund seiner bleischweren Gemütstimmung nicht
ganz
    »Habt Ihr noch nie davon erzählen gehört dass einem gesetzten Manne Gras
Blumen und Klee und aller Kräuter Meisterschaft die Würze und aller Steine
Kraft der Wald und alle Vögelein  nicht so zur Erquickung frommen als ein
alter Wein« sprach Ekkehard zur Ergänzung »Aber schon der jüdische
Prophetenknabe sprach zum König Darius da die Kriegsleute und Amtmänner aus
Morgenland um den Thron standen und stritten wer der stärkste sei der Wein ist
der stärkste der überwältigt die Männer die ihn trinken und führt ihre
Gemüter in Irrtum«
    Praxedis hatte sich weggewendet und stand an den Zinnen der Mauerbrüstung
    »Seht einmal hinunter Sonne der Wissenschaft« sprach sie zu Ekkehard »was
kommt dort für ein sauber geistlich Männlein gewandelt«
    Ekkehard beugte sich über die Mauer und schaute an der senkrecht
aufstrebenden Felswand hinab Zwischen den Stauden am Burgweg wandelte ein
braunlockiger Knabe er trug ein Mönchsröcklein das bis an die Knöchel reichte
Sandalen am nackten Fuß einen ledernen Ranzen auf dem Rücken den
eisenbeschlagenen Wanderstab in der Hand Ekkehard kannte ihn noch nicht
    Nach einer Weile stand er am Burgtor
    Er hielt die Hand vor die Augen und schaute in das weite schöne Land hinaus
Dann trat er in den Hof und ging gemessenen Schrittes auf Ekkehard zu
    Es war Burkard der Klosterschüler Ekkehards Schwestersohn der von
Konstanz herüberkam seinem jungen Oheim einen Ferienbesuch abzustatten
    Er machte ein feierlich Gesicht und sprach den Begrüssungsspruch als hätte
er ihn auswendig gelernt
    Ekkehard küsste den wohlerzogenen Schüler der in den fünfzehn Jahren seines
Lebens noch keinen einzigen dummen Streich begangen Burkard richtete Grüße von
Sankt Gallen aus und brachte eine Epistel Meister Ratperts der sich behufs
vergleichender Studien von Ekkehard Auskunft erbat in welcherlei Fassung und
Wortlaut er gewisse schwierige Stellen im Virgilius zu übersetzen pflege »Heil
Gedeihen und Fortschritt in der Erkenntnis225« lautete des Briefes
Abschiedsgruss
    Ekkehard begann ein langes Fragen nach seinen dortigen Brüdern Aber
Praxedis fiel ihm in die Rede
    »Lasst doch den frommen jungen Mann ausruhen Trockene Zunge erzählt nicht
gern Kommmit mir Männlein du sollst uns ein lieberer Besuch sein als der böse
Rudimann von der Reichenau«
    »Vater Rudimann« sprach der Knabe »den kenne ich auch«
    »Woher« fragte Ekkehard
    »Er ist vor wenig Tagen bei uns gewesen und hat dem Abt ein großes Schreiben
überbracht und eine Schrift es soll vieles über Euch drin stehen liebwerter
Ohm und nicht lauter Schönes«
    »Hört« sprach Praxedis
    » und wie er Abschied genommen ist er nur bis zur Kirche gegangen dort
hat er gebetet bis dass es dunkel war Er muss aber alle Gänge und Schliche im
Kloster kennen wie die Glocke die Schlafstunde angeläutet ist er heimlich und
auf den Zehen ins große Dormitorium geschlichen um zu lauschen was die Brüder
vor Einschlafen über Euch und über das was in seiner Schrift stand zusammen
sprechen würden Die Nachtkerze hat trüb geflackert dass er im Verborgenen
niedersitzen konnte Aber um Mitternacht ist der Vater Notker Pfefferkorn
gekommen der hat die Runde gemacht nachzuschauen ob jeder seinen Gürtel fest
ums Gewand geschlungen und ob kein Messer oder schädlich Gewaffen im
Schlafgemach sei Der hat den Fremden hervorgezogen aus seinem Versteck und die
Brüder sind aufgewacht und die große Abtslaterne ist angezündet worden mit
Stecken und Stangen und der siebenfältigen Geissel aus der Geisselkammer sind sie
herbeigesprungen und war ein großer Lärm und Geschrei trotzdem dass der Dekan
und die Alten abwinkten Notker Pfefferkorn selber war hoch ergrimmt Der Teufel
geht lauernd umher und sucht wen er verschlinge rief er wir haben den Teufel
züchtiget ihn«
    »Vater Rudimann aber ist noch recht höhnisch gewesen Ich gestehe
treffliche Jünglinge hat er gesagt wenn ich wüsste wo der Zimmermann einen Weg
offen gelassen so würde ich auf Händen und Füßen von dannen gehen nun aber da
ich gern oder ungern euch in die Hände fiel so gedenket dass ihr eurem
Gastfreund keine Schande antuet226 Da wurden sie alle wild und schleppten ihn
in die Geisselkammer nur auf den Knien konnt er sich losbitten und als endlich
der Abt sprach Wir wollen das Füchslein heimspringen lassen in seinen Bau hat
er sich höflich bedankt
    Ich bin gestern einem Fuhrwerk mit zwei großen Weinfässern vorbeigekommen
der Kellermeister der Reichenau schicke das dem heiligen Gallus für
freundschaftliche Aufnahme hat der Fuhrmann zu mir gesagt «
    »Davon hat Herr Rudimann nichts gemunkelt wie er gestern bei uns war«
sprach Praxedis »Für die Geschichte verdienst du ein Stück Kuchen Goldsohn du
erzählst ja wie ein Jubelgreis«
    »O« sprach der Klosterschüler halb beleidigt »es heißt nichts Aber ich
werde ein Gedicht darüber machen Des Wolfs Einbruch im Schafstall und Strafe 
ich habs schon halb im Kopf das muss schön werden«
    »Du machst auch Gedichte junger Neffe« sprach Ekkehard heiter
    »Das wär kein guter Klosterschüler« gab der Junge zur Antwort »der
vierzehn Jahre alt würde und keine Gedichte machen könnte Meinen Lobgesang auf
den Erzengel Michael in doppelt gereimten Hexametern hab ich dem Abte vorlesen
dürfen er hat meine Verse eine glänzende Perlenschnur geheißen Und meine
sapphische Ode zu Ehren der frommen Wiborad ist auch recht schön soll ich sie
vortragen«
    »Um Gottes willen« sprach Praxedis »glaubst du man fällt bei uns nur zum
Burgtor herein und trägt gleich Oden vor Wart erst dein Stück Kuchen ab«
    Sie sprang zur Küche und ließ den gelehrten Neffen Ekkehards im Gespräch mit
seinem Oheim unter der Linde zurück Der plauderte denn ein Namhaftes von
Trivium und Quadruvium weil gerade der Fels von Hohentwiel im Morgenlicht einen
feingezeichneten Schatten über das flache Land warf erging sich der
Klosterschüler in einer weitläufigeren Disputation über den Grund des Schattens
als welchen er mit Sicherheit einen dem Licht entgegenstehenden Körper
bezeichnete und alle andere Definitionen in ihrer Nichtigkeit nachwies
    Wie ein Springquell entströmte dem jugendlichen Munde die Flut der
Wissenschaft Auch in der Astronomie war er bewandert das Lob Zoroasters von
Baktrien und des Königs Ptolemäus von Ägyptenland musste der Oheim geduldig
anhören über Form und Verwendung des Astrolabiums ward ihm scharf auf den Zahn
gefühlt227 auch begann der braungelockte Schwestersohn auseinanderzusetzen wie
faselnd die Meinung derer sei die da glauben dass auf der Rückseite des
Erdglobus das ehrenwerte Geschlecht der Antipoden228 hause  vor fünf Tagen
hatte er all die schönen Sachen gelernt aber schließlich erging es dem Oheim
wie dem tapfern Kaiser Otto da der weltweise Bischof Gerbert von Reims und
Otrich der Domschulmeister von Magdeburg vor ihm und viel hundert gelahrten
Äbten und Scholastern ihren Wettkampf über Einteilung und Grund der
teoretischen Philosophie229 abhielten  er gähnte
    Jetzt kam Praxedis mit einem herrlichen Kirschkuchen und einem Körbchen
Früchte das gab den Gedanken des fünfzehnjährigen Weltweisen eine Wendung zum
Natürlicheren als wohlerzogener Knabe sprach er erst den Hymnus230 vor dem
Essen wie er in der Klosterschule üblich dann vertiefte er sich ganz in des
Kuchens Aufzehrung und überließ die Frage von den Antipoden einer späteren
Zukunft 
    Praxedis wandte sich zu Ekkehard »Die Herzogin lässt Euch kundtun« sprach
sie mit verstelltem Ernst »dass sie gesonnen zum Studium des Virgilius
zurückzukehren sie ist begierig zu vernehmen wie der Königin Dido Geschicke
sich weiter abspinnen Heute abend beginnen wir Ihr sollt ein freundlich
Gesicht dazu machen« fuhr sie leiseren Tones fort »es ist eine zarte
Aufmerksamkeit Euch zu beweisen dass trotz der Schriften gewisser Herren das
Vertrauen auf Eure Wissenschaft nicht geschwunden«
    Es war so Ekkehard aber erschrak Wieder in der alten Weise mit den zwei
Frauen zusammen sein schon der Gedanke tat ihm weh Er konnte noch immer nicht
vergessen dass einst ein Karfreitagmorgen gewesen
    Da schlug er seinen Neffen auf die Schulter dass der zusammenfuhr »Du
kommst hier nicht in die Ferien zum Fischfangen und Vogelstellen Burkard«
sprach er »heute nachmittag lesen wir Virgil mit der gnädigen Herzogin du
wirst dabei sein«
    Er gedachte den Knaben als schirmende Abwehr zwischen die Herzogin und seine
Gedanken zu stellen
    »Wohl« sprach Burkard mit kirschrotblauen Lippen »Virgilius ist mir lieber
als Jagen und Reiten und ich werd die Frau Herzogin bitten mir von ihrem
Griechischen etwas zu lehren Nach jenem Besuch wo sie Euch mit fortgenommen
haben die Klosterschüler oftmals gesagt sie wisse mehr Griechisch als alle
ehrwürdigen Väter des Klosters zusammen sie habe es durch Zauberei erlernt Und
wenn ich auch im Griechischen der erste bin «
    »Dann kann dirs nicht fehlen dass du in fünf Jahren Abt und in zwanzig
Jahren heiliger Vater zu Rom wirst« sprach Praxedis spottend »Einstweilen
fließt dort der Burgbrunnen das Blau deiner Lippen zu tilgen «
    Um die vierte Abendstunde harrte Ekkehard im säulengetragenen Gemach seiner
Gebieterin die Lesung der Äneïde wieder aufzunehmen Über ein halb Jahr war
abgelaufen dass Virgilius Ruhe gehabt Ekkehard war beklommen er hatte die
Fenster weit aufgetan Wohltuende Kühle des Abends strömte herein
    Der Klosterschüler blätterte in der lateinischen Handschrift
    »Wenn die Herzogin mit dir spricht sei fein artig« sprach Ekkehard
    Er aber antwortete mit Selbstgefühl »Mit einer so vornehmen Frau red ich
nur in Versen Sie soll sich überzeugen dass ein Zögling der inneren Schule vor
ihr steht«
    Jetzt trat die Herzogin ein gefolgt von Praxedis Sie grüßte mit leichtem
Kopfnicken Ohne dass sie Ekkehards hoffnungsvollen Neffen zu bemerken schien
ließ sie sich im schnitzwerkverzierten Lehnstuhl nieder Burkard hatte sich
zierlich verneigt und stand am Ende des Tisches
    Ekkehard schlug den Virgilius auf Da fragte die Herzogin gleichgültigen
Tones »Was soll der Knab«
    »Ein demütiger Zuhörer« sprach Ekkehard »dem die Sehnsucht das
Griechische zu erlernen Mut gibt so erlauchter Lehrerin sich zu nahen Er wird
glücklich sein wenn er von Eueren Lippen «
    Aber bevor Ekkehard seine Rede geendet war Burkard vor die Herzogin
getreten befangen und keck zugleich sprach er mit niedergeschlagenen Augen und
genauer Betonung des Silbenmasses
»Esse velim Graecus cum vix sim domna LatinusA1 231«
    Es war ein tadelloser Hexameter
    Frau Hadwig hörte ihm halb erstaunt zu Ein braunlockiger Knabe der einen
Hexameter sprach war in alemannischen Landen etwas Ungewohntes Und er hatte
ihr zu Ehren die Daktylen und Spondäen aus dem Stegreif ersonnen Darum ergötzte
sie sich an dem jungen Verseschmied
    »Lass dich einmal näher beschauen« sprach sie und zog ihn zu sich Er gefiel
ihr es war ein lieblich Knabenantlitz durchsichtig Rot auf den Wangen so fein
und zart dass das blaue Geäder in leichtem Umriss drunter zu erschauen war üppig
wallten die Locken um die Stirn eine kecke Adlernase ragte über den gelehrten
jungen Lippen wie ein Hohn auf das was unter ihr gesprochen werde in die Luft
Da schlang Frau Hadwig ihren Arm um den Knaben hob ihn empor und küsste ihn auf
Lippe und Wange und tat schier kindisch mit ihm dann schob sie den gepolsterten
Schemel hart an ihre Seite und setzte ihn drauf »Einstweilen sollst du von
meinen Lippen etwas anderes pflücken als Griechisch« sprach sie scherzend und
küsste ihn noch einmal  »jetzt sei aber so brav wie vorhin und sag schnell
noch ein paar leichtingleitende Verse«
    Sie strich ihm die Locken zurück Der Klosterschüler war errötet aber seine
Metrik kam durch einer Herzogin Kuss nicht aus der Fassung Ekkehard war ans
Fenster getreten und schaute nach den Alpen Burkard aber sprach ohne sich zu
besinnen
»Non possum prorsus dignos componere versus
Nam nimis expavi duce me libante suaviA2«
Es waren wiederum zwei tadellose Hexameter
    Die Herzogin lachte laut auf »Du hast sicher schon das Licht der Welt mit
lateinischem Vers begrüßt das klingt und strömt ja als wäre Virgil aus dem
Grabe gestiegen Warum erschrickst du denn wenn ich dich küsse«
    »Weil Ihr so vornehm und stolz und schön seid« sprach der Knabe
    »Sei zufrieden« entgegnete die Herzogin »wer mit frisch glühendem Kuss auf
den Lippen so regelrechte Verse aus dem Ärmel schüttelt dem hat der Schreck
nicht tief ins Herz geschlagen« Sie stellte ihn sich gegenüber »Warum begehrst
du so eifrig das Griechische zu erlernen«
    »Sie sagen wenn einer Griechisch versteht kann er so gescheit werden dass
er das Gras wachsen hört« war des Klosterschülers Antwort »Seit mein älterer
Mitschüler Notker mit der großen Lippe sich gerühmt hat er wolle dereinst den
ganzen Aristoteles auswendig lernen und verdeutschen lässt mirs keine Ruhe
mehr«
    Da lachte Frau Hadwig »Vorwärts denn Weißt du den Antiphon Ihr Meere und
Flüsse lobet den Herren«
    »Ja« erwiderte Burkard
    »So sprich mir nach Talassi ke potami eulogite ton kyrion« Der Knabe
sprachs nach
    »Jetzt sing es« Er sang es
    Ekkehard schaute vorwurfsvoll auf die Gruppe herüber Die Herzogin verstand
den Blick
    »So nun hast du bereits sechs Worte gelernt« sprach sie zu Burkard »Wenn
du wieder in Hexametern drum bittest soll dir ein Mehreres verabreicht sein
Setz dich jetzo mir zu Füßen und hör andächtig zu Wir werden Virgilius
lesen«
    Da begann Ekkehard mit der Äneïde viertem Gesang und las die Sorgen der
Dido wie immerdar der Gedanke an den edelen Trojaner Gast sie umschwebt und fest
im innersten Busen sein Antlitz haftet und Wort Und sie klagt ihr Leid der
Schwester
    »Wenns nicht fest in der Seele und unabänderlich stünde
    Keinem wollt ich hinfort durch ehliches Band mich gesellen
    Seit mit dem Erstgeliebten mir Freud und Hoffnung dahinstarb
    Wenn nicht verhasst Brautkammer und Hochzeitfackel mir wäre
    Dieser einen Versuchung vielleicht noch könnt ich erliegen
    Anna ich will es gestehen nachdem mein armer Sichäus
    Sank der Gemahl und troffen in Bruderblut die Penaten
    Hat er allein mir gewendet den Sinn und die wankende Seele
    Mir bewegt ich erkenne die Spur vormaliger Flammen«
    
    Aber Frau Hadwig war wenig ergötzt von den Schmerzen der kartagischen
Königswitwe Sie warf sich in ihrem Lehnstuhl zurück und schaute zur Decke
empor Sie fand keine Beziehungen mehr zwischen sich und der Frauengestalt des
Dichters
    »Haltet an« rief sie dem Vorlesenden zu »man merkt wieder dass ein Mann
das geschrieben Er will die Frau demütigen Alles falsch Wer wird sich so in
einen fremden Gast vernarren«
    »Das mag Virgilius verantworten« sprach Ekkehard »Die Geschichte wirds
ihm so überliefert haben«
    »Dann lebt jetzt ein stärker Frauengeschlecht« sagte die Herzogin und
winkte ihm weiterzulesen Sie war fast beleidigt von Virgilius Schilderung
vielleicht dass sie sich selber didonischer Anwandlungen erinnerte Es war nicht
immer gewesen wie heute
    Und er las wie Anna der Schwester zusprach nicht vergeblich wider
gefällige Liebe zu streiten wie an der Götter Altären Friede und Heil durch
Opfer erfleht wird dieweil die geschmeidige Flamme fortzehrt im Mark und die
alte Wunde nicht vernarbt Und wieder will die Betörte von den Kämpfen um Ilium
vernehmen und hängt am Mund des Erzählers 
    »Wenn sie darauf sich getrennt und ihr Licht die erdunkelnde Luna
    Jetzt gesenkt und zum Schlaf die sinkenden Sterne ermahnen
    Trauert sie einsam im leeren Gemach  aufs verlassene Lager
    Wirft sie sich jenen entfernt den Entferneten hört sie und schaut sie
    Oft den Ascanius auch von des Vaters Bilde bezaubert
    Hält sie im Schoss um zu täuschen die unaussprechliche Liebe«
    Ein leises Kichern unterbrach die Vorlesung Der Klosterschüler war
aufmerksam zu der Herzogin Füßen gesessen schier angeschmiegt an ihr wallend
Gewand jetzt hatte er gekämpft ein aufsteigend Lachen zu unterdrücken es
misslang er platzte heraus und hielt die Hände vergeblich vors Antlitz sich zu
decken
    »Was gibts junger Versemacher« sprach Frau Hadwig
    »Ich habe denken müssen« sprach der Junge verlegen »wenn meine hohe Herrin
die Königin Dido wäre so wär ich vorhin der Ascanius gewesen da Ihr mich zu
herzen und küssen geruhtet«
    Die Herzogin schaute scharf auf den Knaben herab »Will man ungezogen
werden Kein Wunder « schalt sie mit einem Fingerzeig auf seine Locken »die
junge Altklugheit trägt ja schon graue Haare auf dem Scheitel«
    » Das ist von der Nacht da sie den Romeias erschlugen« wollte der
Klosterschüler sagen
    »Das ist vom Fürwitz der törichte Dinge redet wo er schweigen sollte«
fuhr die Herzogin drein »Steh auf Schülerlein«
    Burkard erhob sich vom Schemel und stand errötend vor ihr »So« sprach sie
»jetzt geh zu der Jungfrau Praxedis und melde ihr es müssten dir zur Strafe alle
grauen Haare abgeschnitten werden und bitte schön dass sie dirs tue Das wird
gut sein für unzeitig Lachen«
    Dem Knaben standen die hellen Tränen in den Augen Er wagte keine Widerrede
Er ging zu Praxedis hin die hegte Teilnahme für ihn seit sie gehört dass er
des Romeias Gefährte bei seinem letzten Gang gewesen »Ich tu dir nicht weh
kleiner Heiliger« flüsterte sie ihm zu und zog ihn zu sich Das junge Haupt in
ihren Schoss gebeugt musste er vor ihr knien da griff sie eine mächtige Schere
aus ihrem strohgeflochtenen Nähkorb und vollzog die Strafe
    Betrüblich klang erst des Klosterschülers Schluchzen wer sein Haupthaar
von fremder Hand berühren ließ galt eigentlich für schwer beschimpft232  aber
Praxedis weiche Hand fuhr ihm streichelnd über die Wangen nachdem sie das
Gelock zerzaust hatte da ward ihm bei aller Strafe so seltsam zu Mut dass sein
Mund lächelnd die letzte niederrollende Träne auffing
    Ekkehard sah eine Weile stumm vor sich hin Das Spiel leichtfertiger Anmut
macht den Traurigen trauriger Er war verletzt dass die Herzogin so sein Lesen
unterbrochen Aus ihren Augen las er keinen Trost »sie spielt mit dir wie sie
mit dem Knaben spielt« dachte er und schlug seinen Virgilius zu und erhob sich
    »Ihr habt recht« sprach er zu Frau Hadwig »es ist alles falsch Dido
sollte lachen und Äneas sollte hingehen und sich ins Schwert stürzen dann wäre
es richtig«
    Sie blickte unstet auf »Was habt Ihr« fragte sie
    »Ich kann nicht weiter lesen« erwiderte er
    Die Herzogin war aufgestanden
    »Wenn Ihr nicht mehr lesen möget« sprach sie mit scheinbar gelangweiltem
Ausdruck »es gibt noch mannigfache Mittel und Wege uns Kurzweil zu schaffen
Wie wär es wenn ich Euch aufgäbe uns etwas Anmutiges zu erzählen  Ihr möget
dabei auslesen was Euch gefällt es gibt so viel Liebreizendes und Gewaltiges
noch außer Euerem Virgil Oder geht hin und dichtet selber etwas Euch drückt
irgendeine Last Ihr mögt nicht erklären Ihr mögt nicht aufs Land gehen alles
tut Euren Augen weh Eurem Geist fehlt eine große Aufgabe wir wollen sie Euch
setzen«
    »Was sollt ich dichten« erwiderte Ekkehard »Ists nicht schon Glück
genug das Echo eines Meisters wie Virgilius zu sein« Er sah mit umflortem
Auge auf die Herzogin »Ich wüsste nur Elegien zu singen sehr traurige«
    »Sonst nichts« fragte Frau Hadwig vorwurfsvoll »Haben unsere Vorfahren
keine Kriegszüge getan und ihr Heerhorn mit Sturmschall durch die Welt erklingen
lassen und Schlachten geschlagen so viel wert wie die des Landfahrers Äneas
Glaubt Ihr der große Kaiser Karl hätte die uralten Lieder der Völker sammeln
und singen lassen wenn nur leeres Stroh darin steckte Müsst Ihr zu allem Eure
lateinischen Bücher haben«
    »Ich weiß nichts« wiederholte Ekkehard
    »Ihr sollt aber etwas wissen« sagte die Herzogin »Es stünde doch zu
verwundern wenn nur wir Hausgenossen der Burg einen Abend zusammensässen und von
den alten Geschichten und Sagen plauderten ob da nicht mehr zusammenkäme als
in der ganzen Äneïde steht Des Kaiser Karl frommer Sohn hat freilich vom alten
Heldensang nichts mehr wissen wollen233 und lieber schnarrendem Psalmodieren
sein Ohr geliehen und ist an Leib und Seele verkümmert gestorben aber uns allen
haften von Kindesbeinen noch jene Geschichten an Erzählet uns eine solche
Meister Ekkehard dann erlassen wir Euch den Virgil samt der liebesiechen
Königin Dido«
    Aber Ekkehards Gedanken flogen weit anderwärts Er schüttelte sein Haupt wie
ein Träumender
    »Ich sehe Ihr brauchet Anstoß« sprach die Herzogin »Es soll Euch von
allen ein gut Beispiel gegeben werden Praxedis halt dich bereit und künde es
dem Kämmerer Spazzo an wir wollen uns morgen an Erzählung alter Sagen erfreuen
Ein jedes sei gerüstet«
    Sie griff den Virgilius und warf ihn feierlich unter den Tisch als Zeichen
dass eine neue Ära beginne Ihr Gedanke war gut und anregend Nur dem
Klosterschüler der während der Herzogin Rede sein Haupt in Praxedis Schoss
hatte ruhen lassen war es nicht ganz deutlich »Wann darf ich weiter Griechisch
lernen gnädige Herrin« sagte er »Talassi ke potami «
    »Wenn die grauen Haare wieder gewachsen sind« sprach sie heiter und küsste
ihn wiederum
    Ekkehard ging mit großen Schritten aus dem Saal
 
                                    Fußnoten
A1 Der ich kaum ein Lateiner bin ein Grieche möcht ich werden
A2 Ich finde keinen Vers mehr es stockt der Rede Fluss
 Zu tief hat mich erschreckt der Herrin süßer Kuss
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                           Von deutscher Heldensage
Auf dem Gipfel des hohen Twiel innerhalb der Burgmauern war ein zierlich
Gärtlein angelegt ein steiler Felsvorsprung von Mauerwerk eingefasst umschloss
den mäßigen Raum Es war ein feiner Platz als wie eine Hochwacht denn steil
abwärts sprang der Fels also dass man über die Brüstung gelehnt einen Stein
mochte hinabschleudern ins tiefe Tal und wer sich am Ausspähen erfreute der
mochte Umschau halten über Berg und Fläche und See und Alpengipfel keine
Schranke hemmte den Blick
    Im Eckwinkel des Gärtleins ließ ein alter Ahorn vergnüglich seine Wipfel im
Winde rauschen schon war das beflügelte Samenkorn reif und gebräunt und
wirbelte auf die schwarze Blumenerde hernieder  eine Leiter war an den
grüngrauen Stamm gelehnt zu Füßen stand Praxedis und hielt die Enden eines
schweren langen Zeltgetüchs in den Ästen aber saß Burkard der Klosterschüler
mit Nagel und Hammer und suchte das Tuch festzunageln
    »Achtung« rief Praxedis »ich glaube du schauest dem Storch nach der dem
Kirchturm von Radolfs Zelle entgegenfliegt Pass auf du Ehrenpreis aller
lateinischen Schüler und schlag mir den Nagel nicht neben den Ast«
    Praxedis hatte das Tuch mit der Linken emporgehalten jetzt ließ es der
Klosterschüler fahren da zog sichs gewichtig herab riss von dem lässig
eingeschlagenen Nagel und sank schwerfällig so dass die Griechin schier ganz
drein begraben ward
    »Warte Pfuscher« schalt Praxedis wie sie sich aus der groben Umhüllung
vorgewickelt »ich werd einmal nachsehen ob es keine grauen Haare mehr
abzuschneiden gibt«
    Kaum war das letzte Wort gesprochen so ward der Klosterschüler auf der
Leiter sichtbar er kletterte die Sprossen bis zur Hälfte nieder dann sprang er
mit gleichen Füßen auf das Tuch und stand vor Praxedis
    »Setzt Euch« sprach er »ich will mich gern wieder strafen lassen Ich hab
heut nacht geträumt Ihr hättet mir alle Haare ausgerauft und ich wär mit einem
Kahlkopf in die Schule gekommen und es hätt mich gar nicht gereut«
    Praxedis schlug ihm leicht auf das Haupt
    »Werd nicht zu üppig in den Ferien Männlein sonst wird dein Rücken ein
Tanzboden für die Rute wenn du wieder im Kloster bist«
    Aber der Klosterschüler dachte nicht an den kühlen Schatten seiner Hörsäle
Er stund unbeweglich vor Praxedis
    »Nun« sprach sie »was gibts noch Was begehrt man«
    »Einen Kuss« antwortete der Zögling der freien Künste
    »Hört mir den Zaunkönig an« scherzte Praxedis »Was hat Eure Weisheit für
Gründe zu solchem Begehr«
    »Die Frau Herzogin hats auch getan« sagte Burkard »und Ihr habt mich
schon über ein dutzendmal aufgefordert ich soll Euch die Geschichte erzählen
wie ich mit meinem alten Freund Romeias vor den Hunnen geflohen und wie er als
ein tapferer Held gestritten hat Das erzähl ich Euch aber nur um einen Kuss«
    »Höre« sprach die Griechin mit ernst verzogener Miene »ich muss dir etwas
sehr Merkwürdiges mitteilen«
    »Was« frug der Knabe hastig
    »Du bist der törichtste Schlingel der je seinen Fuß über eine
Klosterschulschwelle gesetzt « sprach sie verstrickte ihn schnell in ihre
weißen Arme und küsste ihn derb auf die Nase
    »Wohl bekomms« rief eine tiefe Bassstimme von der Gartenpforte her wie sie
den Knaben schalkhaft von sich stieß Es war Herr Spazzo
    »Schönen Dank« sprach Praxedis unbetrübt »Ihr kommt gerade recht Herr
Kämmerer um bei Aufrichtung des Zelttuchs zu helfen Mit dem törichten Knaben
bring ichs heut nicht mehr zustand«
    »So scheint es« sprach Herr Spazzo mit einem dreischneidigen Blick auf den
Klosterschüler Der hatte Angst vor des Kämmerers grimm gestrichenem Schnurrbart
und drehte sich einem Rosengebüsch zu Astronomie und Metrik Aristoteles in der
Ursprache und rote Frauenlippen schwebten in tanzendem Durcheinander durch das
fünfzehnjährige Gemüt
    »Gibts keine besseren Leute zu küssen im Hohentwieler Burgfrieden
Jungfräulein« fragte Herr Spazzo
    »Wenn man je eine Sehnsucht hätte« war Praxedis Antwort »so sind die
besseren Leute ausgeritten und fahren in Nacht und Nebel herum und kommen erst
am hellen Tag in einem Aussehen wieder heim dass man meinen könnt sie hätten
Irrlichter einfangen wollen«
    Da hatte Herr Spazzo seinen Teil Er hatte aber ein Gelübde getan von
seinem nächtlichen Ritt samt Kuckucksruf und »Vince luna« kein Wörtlein zu
verplaudern »Wozu soll ich Euch helfen« fragte er demütig
    »Eine Laube herrichten« sprach Praxedis »In abendlicher Sommerkühle will
die Herzogin hier Hof halten  es sollen Geschichten erzählt werden alte
Geschichten Herr Kämmerer je wunderbarer desto besser Unsere Herrin hat das
Lateinische satt bekommen sie will was anderes Ungeschriebenes Einheimisches
 Ihr müsst auch Euer Scherflein beitragen«
    »Gott sei meiner Seele gnädig« sprach Herr Spazzo »wenn unter einer Frauen
Herrschaftsführung nicht alles wunderbar herginge so möcht man sich noch
verwundern Gibts keine fahrenden Sänger und Saitenspieler mehr die um einen
Helm voll Weines und eine Hirschkeule die Kehle heiser singen von derlei Mären
Da steigen wir hoch im Wert Landflüchtige Possenreisser Barden und derlei
müßige Gesellschaft soll man mit Ruten aushauen und wenn sie drum klagen sei
ihnen der Schatten eines Mannes an der Wand234 verabreicht als Entgelt Ich
dank für die Ehre«
    »Ihr werdet tun was befohlen wird als getreuer Dienstmann der noch
Rechenschaft schuldig ist über gewisse Geschäftsführungen beim klösterlichen
Weinkrug« sprach Praxedis »Es ist doch lustiger als Latein buchstabieren
Habt Ihr keine Lust den gelehrten Herrn Ekkehard auszustechen«
    Der Wink leuchtete dem Kämmerer ziemlich ein »Gebt mir den Tuchzipfel«
sprach er »dass wir das Zeltdach spannen« Er stieg zum Ahorn auf und festigte
die Enden im Geäst Gegenüber waren hohe Stangen eingeschlagen von blauer
Bohnenblüte umrankt dahin trug Praxedis das Getüch an seinen andern Enden in
kurzem hing die schattige Decke über den luftigen Raum die grauweisse Leinwand
schimmerte anmutig zum Gelbgrün der Blätter und Ranken es war eine lustige
Gartenfrische
    »Der Vesperwein möchte sich anmutig hier trinken lassen« sagte Herr Spazzo
halb betrübt über das was bevorstand Praxedis aber ordnete Tisch und Sitze
der Herzogin Polsterstuhl mit dem durchbrochenen Schnitzwerk lehnte sie an den
Stamm des Ahorns niedrige Schemel für die andern ihre Laute holte sie herunter
und legte sie auf den Tisch Burkard aber musste einen großen Blumenstrauß
binden der ward vor den Herzogssitz gestellt Dann band die Griechin einen
roten Seidenfaden um den Baumstamm zog ihn bis zur Bohnenhecke hinüber und von
dort zur Mauer so dass nur ein schmaler Durchgang frei blieb »So« sprach sie
vergnügt »jetzt ist unser Plaudersaal umgrenzt und umfriedet wie König Laurins
Rosengarten235 die Mauern sind wohlfeil herzustellen«
    Die Herzogin freute sich ihres Einfalls und schmückte sich mit einer
gewissen Absicht Es war noch früh am Abend da stieg sie zur Laube hinab
Blendend rauschte die stolze Erscheinung einher sie hatte ein weites Gewand
umgetan Saum und Ärmel mit schimmerndem Gold durchstickt ein stahlgrauer
mantelartiger Überwurf wallte bis zum Boden herab von edelsteinbesetzten
Agraffen gehalten übers Haupt trug sie ein schleierartig Gewebe licht und
durchsichtig von güldenem Stirnband anschmiegend zusammengefaltet Sie griff
eine Rose aus Burkards Strauss und heftete sie zwischen Band und Schleier
    Der Klosterschüler der schon nahe daran war Klassiker und freie Künste zu
vergessen hatte sich die Gnade erbeten der Herzogin Schleppe zu tragen und
ihr zu Ehren ein Paar abenteuerliche Schnabelschuhe an beiden Seiten mit Ohren
versehen angelegt236 und machte sich verschiedene Gedanken über das Glück
einer solchen Gebieterin als frommer Edelknabe zu dienen
    Praxedis und Herr Spazzo traten mit ein Die Herzogin schaute sich flüchtig
um »Ist Meister Ekkehard zu dessen Belehrung wir den Abend geordnet
unsichtbar«
    Er war nicht erschienen
    »Mein Oheim muss krank sein« sprach Burkard »Er ist gestern abend mit
großen Schritten in seiner Turmstube auf und nieder gegangen und wie ich ihm
die Sternbilder vor dem Fenster erklären wollt den Bär und Orion und den
mattschimmernden Fleck der Plejaden hat er mir keine Antwort gegeben Dann hat
er sich angekleidet aufs Lager geworfen und im Schlaf gesprochen«
    »Was hat er gesprochen« fragte die Herzogin
    »Meine Taube hat er gesagt die du in den Spalten der Felsen dich verbirgst
und den Ritzen des Gesteines zeig mir dein Angesicht lass deine Stimme klingen
in meine Ohren denn die Stimme ist süß und dein Angesicht schön und ein
andermal hat er gesagt Warum küssest du den Knaben vor meinen Augen was hoff
ich und säum ich noch in libyschen Landen«
    »Da schauts gut aus« flüsterte Herr Spazzo der Griechin zu »habt Ihr das
auf dem Gewissen«
    Die Herzogin aber sprach zu Burkard »Du wirst selber geträumt haben
Spring hinauf und such deinen Ohm dass er heruntersteige wo wir seiner
warten«
    Sie ließ sich anmutig auf dem tronartigen Sitz nieder Da kam Ekkehard mit
dem Klosterschüler in den Garten Er sah blass aus sein Blick war unstet und
trüb Er neigte sich stumm und setzte sich an des Tisches entgegengesetzt Ende
Burkard wollte seinen Schemel zu Füßen der Herzogin rücken wie gestern da sie
Virgil lasen aber Ekkehard stund auf und zog ihn an der Hand zu sich herüber
»Hierher« sprach er Die Herzogin ließ ihn gewähren
    Sie schaute in die Runde »Wir haben gestern behauptet« sprach sie »dass
wir in unsern deutschen Sagen und Geschichten so viel schöne Gelegenheit zu
Kurzweil besitzen als weiland die Römer in ihrem Heldenlied vom Äneas Und
sicher weiß ein jedes von uns etwas von schneller Helden Fechten und fester
Burgen Brechen von treuer Liebsten Scheidung und reicher Könige Zergängnis des
Menschen Herz ist mannigfach geartet was der eine seitab liegen lässt mutet den
andern an Darum haben wir die heutige Tagfahrt geordnet dass von jedem unserer
Getreuen wie das Los entscheidet ein anmutig Stück erzählt werde und behalten
uns vor dem liebreizendsten einen Preis auszusetzen Siegt einer von euch
Männern so mög er das uralte Trinkhorn gewinnen das aus König Dagoberts
Zeiten her droben im großen Saal hängt siegt meine treue Praxedis so wird ein
Schmuckstück ihrer harren Halmzug bestimme den Anfang«
    Praxedis hatte vier Grashalme von verschiedener Länge geordnet und reichte
sie der Herzogin
    »Soll ich für den jungen Verskünstler auch ein Hälmlein beifügen« fragte
sie
    Aber Burkard sprach mit weinerlicher Stimme
    »Ich bitt Euch verschonet mich Denn wenn meine Lehrer in Sankt Gallen
erfahren möchten dass ich mich wiederum an unnützen Mären ergötzt so würd ich
gestraft wie damals als wir auf Romeias Wächterstube die Geschichte vom alten
Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand aufführten Der Wächter hat immer seine
Freude dran gehabt und hat uns selber die hölzernen Rosse geschnitzt und die
langen dreieckigen Schilde ich bin der Sohn Hadubrand gewesen und mein
Mitschüler Notker machte den alten Hildebrand weil er eine so große Unterlippe
hat wie ein alter Mann Und wir sind aufeinand eingeritten dass eine Staubwolke
zu des Romeias Fenster hinauswirbelte just hatte Notker den Armring losgelöst
und mir als Gabe gereicht wie das Lied es vorschreibt237 und ich sprach zu
ihm
    Du scheinst mir alter Heune doch allzu schlau lockest mich mit deinen
Worten willst mich mit deinem Speere werfen bist du so zum Alter gekommen dass
du immer trogest mir kündeten Seefahrende westlich über den Wendelsee hinweg
nahm ihn der Krieg tot ist Hildebrand Heribrands Erzeugter 
    Da kam Herr Ratolt unser Lehrer der Rhetorika heraufgeschlichen und fuhr
mit seiner großen Rute so grimmig zwischen uns dass Ross und Schild und Schwert
den Händen entfielen den Romeias schalt er einen altväterischen Bärenhäuter
der uns von nützlichem Studium ablenke und mein Kamerad Notker und ich sind
drei Tage bei Wasser und Brot eingesperrt gesessen und haben zur Strafe fürs
Hildebrandspiel jeder hundertundfünfzig lateinische Hexameter zu Ehren des
heiligen Otmar anfertigen müssen «
    Die Herzogin lächelte »Da sei Gott für dass wir dich wiederum zu solcher
Sünde verleiten« sprach sie
    Sie fasste die Halme in der Rechten zusammen und reichte sie anmutig den
andern zum Ziehen Ekkehards Augen hafteten unverrückt auf der Rose am
Stirnband wie er vor sie trat Sie musste ihn zweimal auffordern bis er zog
    »Mord und Brand und Weltende« wollte Herr Spazzo herausfahren er hatte den
kürzesten Halm gegriffen Aber er wusste dass keine Ausrede ihn loswinden könne
und schaute betrüblich über die steile Felswand hinunter ins Tal als ob sich
von dort ein Ausweg auftun müsse Praxedis hatte die Laute gestimmt und spielte
ein Präludium das klang lieblich zum Rauschen der alten Ahornwipfel
    »Unser Herr Kämmerer hat keine Strafen zu fürchten wie der Klosterzögling
wenn er uns etwas Schönes bringt« sprach die Herzogin »Nun denn«
    Da neigte sich Herr Spazzo vorwärts stellte sein Schwert mit dem breiten
Griff vor sich so dass er seine Arme drauf stemmen konnte strich seinen Bart
und hub an
    »Wiewohl ich an alten Geschichten keine absonderliche Freude gewonnen und es
lieber höre wenn zwei Schwerter aufeinanderklirren oder ein Hahnen ins volle
Fass geschlagen wird so hab ich doch einmal eine schöne Mär aufgelesen Musste
dereinst in jungen Tagen ins Welschland hinunterreiten da ging mein Weg durchs
Tirol und über den Brennerberg und war ein rauer steiniger Saumpfad der über
Kluft und Gefelse zog also dass mein Ross ein Hufeisen einbüsste Und war Abend
worden so kam ich an ein Dörflein heißt Gotensass oder Gloggensachsen so aus
den Zeiten Herrn Dietrichs von Bern dort inmitten alter Lärchenwälder wie im
Versteck steht An Rücken des Berges gelehnt war zu äußerst ein burgartig Haus
davor lagen viel Eisenschlacken und sprühte ein Feuer drinnen und ward stark
gehämmert Da rief ich den Schmied herfür dass er mein Ross beschlage und wie
sich niemand rührte tat ich einen Lanzenstoss nach der Tür dass sie sperrweit
auffuhr und tat dazu einen starken Fluch mit Mord und Brand und allem Bösen so
stund plötzlich ein Mann vor mir mit zottigem Haar und schwarzem Schurzfell und
war ich sein kaum ansichtig so war auch schon meine Lanze niedergeschlagen dass
sie zersplitterte wie sprödes Glas und eine Eisenstange über meinem Haupt
geschwungen und an des Mannes nackten Armen sprangen Sehnen herfür als könnt
er einen Amboss sechzehn Klafter tief in die Erde hineinschmettern
    Da vermeinte ich unter solchen Umständen möcht ein höflich Wort nicht vom
Übel sein und sprach daher Ich wollt Euch nur um die Gewogenheit ersuchen
dass Ihr mein Ross beschlaget Drauf stieß der Schmied seine Stange in den
Erdboden und sprach Das lautet anders und schafft Euch Rat Aber Grobheit gilt
nichts in Welands Schmiede das mögt Ihr in Eurer Heimat weiter sagen
    Er beschlug mein Ross und ich sah dass er ein ehrenwerter Schmied war und
ward ihm gut befreundet und ließ das Rösslein in seinem Stall stehen und blieb
bei ihm in der Nachterberge Und wir tranken scharf bis in die Nacht hinein
der Wein hieß Terlaner und er schenkte ihn aus einem Schlauche In währendem
Trinken befrug ich den russigen Gastfreund um Gelegenheit und Namen seiner
Schmiede Da lachte er hell auf und erzählte die Geschichte vom Schmied Weland
Fein war sie nicht aber schön«
    Herr Spazzo hielt eine Weile an und warf einen Blick auf den Tisch wie
einer der sich nach einem Trunk Weines umschaut trockene Lippen zu feuchten
Aber es war keiner zur Hand und man verstand den Blick nicht Da fuhr er fort
    »Woher der Weland gekommen sprach der Mann von Gotensass damals zu mir ist
hierlands nicht bekannt Sie sagen in nordischen Meeren im Land Schonen sei
der Riese Vade sein Vater gewesen seine Großmutter aber eine Meerfrau die kam
aus der Tiefe wie er geboren ward und saß eine lange Nacht auf der Klippe und
harfte jung Weland muss ein Schmied werden Da brachte Vade den Jungen zu Mimer
dem Schmiedungsverständigen der hauste im dunkeln Tann zwanzig Meilen hinter
Toledo und lehrte ihn viel mannigfache Kunst Wie er aber sein erst Schwert
geschmiedet hieß ihn Mimer selber weiter ziehen auf dass er die letzte
Meisterschaft bei den Zwergen erringe Und Weland ging zu den Zwergen und gewann
viel Ruhm
    Da brachen die Riesen ins Zwergenland dass Weland weichen musste und blieb
ihm nichts als sein breites Schwert Mimung das schnallte er über den Rücken und
kam ins Land Tirol Zwischen Eisack Etsch und Inn aber saß dazumal der König
Elberich der nahm den Weland freundlich auf und wies ihm die Waldschmiede zu am
Brenner und Eisen und Erz und was sonst in des Gebirges Adern verborgen ruht
sollte all des Weland sein
    Und dem Weland wards wohl und fröhlich ums Herz in den Tiroler Bergen die
Wildwasser rauschten zu ihm heran und trieben das Radwerk der Sturm blies ihm
das Herdfeuer an und die Sterne sprachen wir müssen uns anstrengen sonst
glänzen die Funken die Weland schlägt heller denn wir
    So gedieh Welands Arbeit wohl Schildesrand und Schwert Messer und Pokal
und was an Kleinod eines Königs Hofburg ziert wirkte der Sinnige und war kein
Schmied so weit die Sonne auf Alpenschnee glänzt sich mit Weland zu messen
Elberich aber hatte viel böse Feinde die einten sich und setzten den einäugigen
Amilias zu ihrem Führer und brachen ins Land ein Und Elberich trug großes
Herzeleid und sprach »Wer mir des Amilias Haupt brächte mein einzig
Töchterlein sollt ihn dafür küssen als Ehgemahl« Da löschte Weland sein
Schmiedfeuer schnallte sein breites Schwert Mimung um und zog aus gegen
Elberichs Widersacher Und das Schwert war brav und schlug dem Amilias das Haupt
ab dass aller Feind über Joch und Klausen heimlief Weland aber brachte seinem
König das Haupt Da sprach der zürnend »Was ich von meiner Tochter angelobet
das hat der Wind verweht ein Schmied kann nicht mein Sohn sein des würden
meine Hände russig wenn er den Gruß mir bieten wollt Aber als Lohn sollst du
drei Goldpfennige haben dafür kann ein Mann turnieren und stechen reigen und
tanzen zieren und pflanzen und eine Dirne sich kaufen am Markt« Weland warf
ihm die drei Goldpfennige vor die Füße dass sie unter den Thron rollten und
sprach »Behüt Euch Gott auf Nimmerwiedersehen« und wandte sich aus dem
Lande zu gehen Der König aber wollte den Schmied nicht missen darum ließ er
ihn niederwerfen und die Sehnen am Fuß durchschneiden dass er hinkend ward und
ungemut und des Fliehens vergessen musst
    Und Weland schleppte sich traurig in die Waldschmiede heim und zündete sein
Feuer wieder an aber er pfiff und sang nimmer wenn er mit schwerem Hammer das
Eisen schlug und sein Gemüt ward ingrimmig Da kam einsmals des Königs Sohn
der war ein rotwangiger Knab und war allein in den Wald gezogen und sprach
»Weland ich will dir zuschauen« Da sprach der Schmied tückisch »Stell dich
an Amboss so schaust du alles am besten«  und zog die glühende Eisenstange aus
den Flammen und stieß sie dem Königsknaben durchs Herz Sein Gebein bleichte er
und goss um die Knochen viel Erz und Silber dass sie zu Säulen der Leuchter
wurden um den Schädel aber fügte er einen Goldrand da ward der Schädel zum
Becher All dies aber sandte Weland dem Elberich und wie die Boten geritten
kamen und nach dem Knaben fragten sprach er »Ich sah ihn nimmer er ist zu
Wald gerannt«
    Zu selber Zeit erging sich des Königs Tochter in ihrem Garten die war so
schön dass sich die Lilien vor ihr neigten Am Zeigefinger trug sie einen Ring
von Gold gestaltet wie eine Schlange und ein Karfunkel blitzte im
Schlangenhaupt den hatte Elberich selbst eingefügt und hielt den Ring teurer
als ein Königreich und schenkte ihn seiner Tochter nur weil sie in ihrer Schöne
ihm über alles lieb war Dieweil sie aber eine Rose pflückte sprang der Ring
von der Jungfrau Finger und hüpfte mit hellem Schein über das Gestein und
zerbrach und der Karfunkel fiel aus der güldenen Fassung dass die Maid die
Hände rang und bitterlich wehklagte und sich nicht traute heimzugehen denn sie
fürchtete ihres Vaters Zorn
    Da sprachen die dienenden Frauen »Geh heimlich zum Schmied Weland der
weiß Rat dafür« So trat die Königstochter in Welands Schmiede und klagte ihre
Not Der nahm den Ring und fügte ihn zusammen und schmolz Gold und Erz und der
Karfunkel blitzte wieder im Schlangenhaupt Aber Welands Stirn war tief
gefurcht und wie die Jungfrau ihm freundlich zulachte und gehen wollt da
sprach er »Hei wie kommst du mir geschlichen« und warf die feste Tür ins
Schloss und legte Riegel vor und griff die Königstochter mit starker Hand und
trug sie in die Kammer wo Moos und Farrenkraut geschichtet lag Und wie sie von
dannen ging weinte sie und raufte ihr seidenweich Haar «
    Ein Geräusch unterbrach Herrn Spazzo Praxedis hatte zur Herzogin
aufgeschaut ob sie nicht etwa errötend aufspringen und Herrn Spazzo den Mund
schließen solle doch aus dem strengen Antlitz war nichts zu lesen Darum
trommelte sie ungeduldig mit den Fingern auf ihrer Laute
    » und es war eine Gewalttat geschehen« fuhr Herr Spazzo unbeirrt fort
Da hub Weland ein Singen und Jodeln an wie die Waldschmiede es nimmer gehört
seit ihm die Sehnen zerschnitten worden Dann ließ er Schwerter und Schilde
unvollendet und schmiedete Tag und Nacht und schmiedete zwei große Flügel und
war kaum fertig so kam Elberich mit Heeresmacht den Brenner herabgeritten Da
band sich Weland die Flügel an und hing sein Schwert Mimung um und trat auf die
Zinne dass die Leute riefen »Seht der Weland ist ein Vogel worden«
    Er aber rief mit starker Stimme vom Turm »Behüt Euch Gott König Elberich
Ihr werdet des Schmiedes gedenken Den Sohn hat er erschlagen die Tochter trägt
ein Kind von ihm Ade ich lass sie grüßen« riefs und seine ehernen Flügel
hoben sich und rauschten wie Sturmwind und er fuhr durch die Lüfte Der König
griff seinen Bogen und alle Ritter spannten in grimmer Eil wie ein Heer
fliegender Drachen schossen die Pfeile ihm nach doch Weland hob die Schwingen
kein Eisen traf ihn nicht und flog heim nach Schonen auf seines Vaters Schloss
und ward nicht mehr gesehen Und Elberich hat seiner Tochter den Gruß nicht
ausgerichtet Sie aber genas noch in demselben Jahrgang eines Knaben der hieß
Wittich und ward ein starker Held wie sein Vater
    »Das ist der Mär von Weland Ende238«
    Herr Spazzo lehnte sich zurück und tat einen langen behaglichen Atemzug Ein
zweites Mal werden sie mich in Ruhe lassen dachte er Der Eindruck des
Erzählten war verschieden Die Herzogin sprach sich lobend aus des Schmiedes
Rache mutete sie an Praxedis schalt es sei eine rechte Grobschmiedsgeschichte
man sollte dem Kämmerer verbieten sich noch vor Frauen sehen zu lassen
Ekkehard sprach »Ich weiß nicht mir ist als hätt ich Ähnliches gehört aber
da hieß der König Nidung und die Schmiedwerkstätte stand am Kaukasus«
    Da rief der Kämmerer zürnend »Wenn Euch der Kaukasus vornehmer ist wie
Gloggensachsen so mögt Ihrs dorthin verlegen ich weiß noch recht wohl wie
mir mein Tiroler Freund den Ort genau gewiesen239 Über der Kammertür war eine
geknickte Rose von Erz geschmiedet und auf dem Turm ein eiserner Adlerflügel
und stand eingegraben Hie flog der Schmied von dannen Dann und wann kommen
Leute hinabgewallfahrtet und beten und glauben der Weland sei ein großer
Heiliger gewesen240«
    »Lasst sehen wer Herrn Spazzo den Preis jetzt streitig machen soll«
sprach die Herzogin und mischte die Lose Sie zogen Der kleinste Halm blieb in
Praxedis Hand Die tat weder verlegen noch bat sie um Nachsicht sie fuhr mit
der weißen Hand über die dunkeln Haarflechten und begann
    »Mir haben zwar die Ammen keine Wiegenlieder von alten Recken gesungen und
in Waldschmieden bin ich Gott sei es gedankt niemalen eingekehrt aber selbst
in Konstantinopel geht die Rede von solcherlei Abenteuer Und wie ich am
Kaiserhof unterwiesen ward in allen Künsten die dienenden Maiden wohl anstehen
da war eine alte Schlüsselverwahrerin die hieß Glycerium die sprach oft zu
uns
    Hört Mägdlein so ihr je einer Prinzessin dienet und ihr Herz ist in
heimlicher Minne entbrannt und sie kann den nicht sehen den sie begehrt so
müsst ihr schlau sein und bedachtsam wie die Kammerfrau Herlindis da der König
Roter um des Kaiser Konstantinus Tochter geworben Und wenn wir im Frauensaal
beisammensassen da ward gewispert und geflüstert bis Glycerium die Alte
erzählte vom König Roter«
    »Vor alten Zeiten saß in der Meerburg am Bosporus der Kaiser Konstantinus
der hatte eine wunderbar schöne Tochter und die Leute sprachen von ihr sie sei
strahlend wie der Abendstern und leuchte unter allen Maiden wie der Goldfaden in
der Seiden Da kam eines Tages ein Schiff gefahren daraus stiegen zwölf edle
Grafen und zwölf Ritter und ritten in Konstantinus Hof ein und einer ritt
voran der hieß Lupolt Und alles Volk der Hauptstadt staunte über sie denn
Mäntel und Gewande waren schwer von Edelstein und JachantenA1 besetzt und an
den Sätteln der Rosse klangs von goldenen Schellen Das waren die Boten des
Königs Roter von Wikingland und Lupolt sprang vom Ross und sprach zum Kaiser
    Uns schickt unser König geheißen Roter der ist der schönste Mann der je
vom Weibe kam ihm dienen die besten Helden und an seinem Hof ist Ball und
Schall und Federspiel so viel das Herz begehrt Er aber ist unbeweibt und sein
Herz steht einsam Ihr solltet ihm Eure Tochter geben« Konstantinus aber war
ein zornmütiger Herr grimm warf er seinen Reichsapfel zu Boden und sprach »Um
meine Tochter hat noch keiner geworben der nicht den Kopf verloren was bringt
Ihr mir solchen Schimpf über das Meer Ihr seid alle gefangen« Und ließ sie in
einen Kerker werfen da schien weder Sonne noch Mond drein und bekamen nur
Wasser sich zu laben und weinten sehr
    Wie die Kunde zum König Roter kam da ward ihm sein Herz sehr traurig und
er saß auf einem Stein und sprach zu niemand Dann fasste er den Entschluss in
Reckenweise über Meer zu fahren um seinen getreuen Sendboten beizuspringen Und
er war verwarnt vor den Griechen dass man dort die Wahrheit übergülden müsse so
man etwas beschaffen wolle darum hieß er seine Recken eidlich angeloben dass
sie alle vorgäben er heiße nicht Roter sondern Dietrich und sei landflüchtig
vor dem König Roter und gehre Hilfe bei dem Griechenkaiser Also fuhren sie
über Meer
    Und Roter nahm seine Harfe an Schiffes Bord denn bevor seine zwölf
Gesandten die Anker gelichtet war er mit der Harfe an den Strand gekommen und
hatte drei Singweisen gegriffen das sollte ihnen ein Angedenken sein und
kommt ihr je in Not und hört die Weisen erklingen so ist Roter helfend euch
nah
    Es war ein Ostertag und der Kaiser Konstantin war nach dem Hippodrom
ausgeritten da hielt Roter seinen Einzug Und alle Bürgersleute von
Konstantinopel liefen zusammen das war noch nie erschaut denn Roter brachte
auch seine Riesen mit sich der erste hieß Asprian und trug eine Stahlstange
die war vierundzwanzig Ellen lang der zweite hieß Widolt und war so wildwütig
dass sie ihn in Ketten mitführen mussten der dritte hieß Abendrot
    Und viel tapfere Degen kamen mit Roter geritten und zwölf Wagen mit
Schätzen fuhren an und war solche Pracht dass die Kaiserin sprach »O weh wie
dumm sind wir gewesen dass wir unsere Tochter dem König Roter versagten was
muss der für ein Mann sein der solche Helden vertreibt über die Meere«
    König Roter trug einen güldenen Harnisch und einen purpurnen Waffenrock und
zwei Reihen schöner Ringe am Arm und beugte sein Knie vor dem Griechenkaiser und
sprach »Mich Fürsten Dietrich hat ein König in Acht getan der heißt Roter
nun ist alles was ich gearbeitet zu meinem Schaden Ich biet Euch meine
Dienste an«
    Da lud Konstantinus die Helden alle zum Hippodromushof und hielt sie in
hohen Ehren und hieß sie zu Tisch sitzen Es lief aber da ein zahmer Löwe herum
der gewohnt war den Knechten das Brot wegzufressen Der kam auch an Asprians
Teller ihn aufzulecken Da griff Asprian den Löwen an der Mähne und warf ihn an
des Saales Wand dass er zerbrach And die Kämmerer sprachen zueinand »Wer
nicht an die Wand fliegen will lasse dieses Mannes Teller unberührt«
    König Roter aber teilte den Griechen viel schöne Geschenke aus jedem der
ihn auf der Herberge besuchte hieß er einen Mantel verehren oder ein Stück
Gewaffen Es kam auch ein landflüchtiger Grafe daher dem schenkte er tausend
Mark Silber und nahm ihn in Dienst also dass viel hundert Ritter in sein Gefolge
traten So war in aller Munde des vermeinten Dietrichs Preis und unter den
Frauen hob sich ein Wispern und Raunen es war keine Kemenate dass die Wände
nicht Herrn Dietrich rühmen hörten
    Da sprach die goldlockige Kaiserstochter zu Herlindis ihrer Kammerfrau »O
weh mir wie soll ich es anfangen dass ich desselben Herren ansichtig werde den
sie alle preisen«
    Herlindis aber entgegnete »Nun bitte deinen Vater dass er ein Freudenfest
gebe am Hofe und den Helden dazu lade so magst du ihn am besten ersehen«
    Die Kaiserstochter tat nach Herlindis Rat und Konstantinus nickte ihr zu
und entbot seine Herzoge und Grafen zum Hippodromushofe und die fremden Helden
dazu All die Geladenen kamen da hob sich ein unsäglich Gedränge um den den
sie Dietrich nannten und wie die Kaisertochter mit ihren hundert Frauen
eintrat geziert mit güldener Krone und goldund zyklatgesticktemA2 Mantel
brach gerade ein ungefüger Lärm aus Asprian den Riesen hatte ein Kämmerer auf
seiner Bank rücken geheißen dass andere Leute auch Platz bekämen da schlug
Asprian dem Kämmerer einen Ohrschlag dass ihm der Kopf entzweibrach und es gab
ein bös Durcheinander so dass Dietrich Ruhe stiften musst
    Darum konnte die Kaiserstochter des Helden nicht ansichtig werden und hätte
ihn doch so gern gesehen
    Da sprach sie daheime wieder zu Herlindis »O weh mir nun hege ich Tag und
Nacht Sorgen und habe keine Ruh bis meine Augen den tugendsamen Mann erschaut
Der möcht einen schönen Botenlohn verdienen der mir den Helden zur Kammer
führen wollt«
    Herlindis aber lachte und sprach »Den Botengang will ich in Treuen tun ich
geh zu seiner Herberg« Und die Vielschlaue legte ihr zierlichstes Gewand an
und ging zu dem Herrn Dietrich Der empfing sie frömmiglich und sie setzte sich
viel nahe zu ihm und sprach ihm ins Ohr »Meine Herrin des Kaisers Tochter
entbeut dir viel holde Minne sie ist der Freundschaft zu dir Untertan du
sollst dich aufmachen und hingehen zu ihr«
    Aber Dietrich sprach »Frau du sündigest dich Ich bin in andern Tagen zu
mancher Kemenate gegangen da es wohl sein mocht was spottest du jetzt des
heimatlosen Mannes An des Kaisers Hofe ist edler Herzoge und Fürsten eine große
Zahl nie gedachte deine Frau der Rede«
    Und als Herlindis ihm minniglich zuredete sagte Herr Dietrich »Hier sind
der Merker so viele wer seine Ehr behalten will muss wohlgezogen tun
Konstantinus möcht mir das Reich verbieten Darum wär es misshellig so ich
deine Frau sehen wollte Vermelde ihr das so sehr ich ihr zu dienen begehre
    Herlindis wollte von dannen gehen da hieß der König seine Goldschmiede zwei
Schuhe gießen von Silber und zwei von Golde und schenkte ihr von jedem Paar
einen dazu einen Mantel und zwölf güldene Spangen denn er war artigen Gemütes
und wusste dass man einer Fürstin Kammerfrau die in Sachen der Minne Botengang
tut wohl ehren soll«
     Praxedis hielt eine Weile an denn Herr Spazzo der seit einiger Zeit
mit seines Schwertes Scheide viel grossnasige Gesichter in den Sand gezeichnet
hatte ein vernehmlich Räuspern erhoben Da er aber keine weitere Einsprache tat
fuhr sie fort
    » Und Herlindis sprang fröhlich heim und sprach zu Hause zu ihrer Herrin
»Hart und fleißig pflegt der gute Held seiner Ehren ihm ist des Kaisers Huld zu
lieb Aber schauet her wie er mir Liebes tat die Schuhe den Mantel die zwölf
Spangen o wohl wir dass ich zu ihm kam Ich mag wohl auf der weiten Erde keinen
schöneren Ritter erschauen Gott verzeih mir dass ich ihn angaffete als wär
er ein Engel«
    »O weh mir« sprach die Kaiserstochter »soll ich denn nimmermehr selig
sein So sollst du mir zum mindesten die Schuhe geben die dir des edlen Degens
Huld verlieh ich füll sie dir mit Golde«
    Da ward der Kauf geschlossen sie zog den güldenen Schuh an und nahm auch
den silbernen doch der ging an denselben Fuß »O weh mir« klagte die Holde
»es ward ein Missgriff getan ich bring ihn nimmer an du musst wiederum gehen
und Herrn Dietrich bitten dass er dir den andern gebe und selber komme«
    »Das wird die Lästerer freuen« lachte Herlindis »Was tuts Ich gehe« 
und sie hob ihr Gewand schier bis ans Knie und schritt als hätte sie fraulichen
Ganges vergessen über den regenfeuchten Hof zu Dietrich Und der werte Held
wusste wohl warum sie kam er tat aber als sähe ers nicht Herlindis sprach zu
ihm »Ich muss noch mehr Botengänge tun es ist ein Missgriff geschehen jetzt
heißt dich meine Herrin mahnen dass du den andern Schuh gebest und sie gesehest
selber«  »Hei wie tät ichs gerne« sprach er »aber des Kaisers Kämmerer
werden mich melden«  »O nie« sagte Herlindis »die tummeln sich im Hof und
schießen den Speerschaft nimm du zwei Diener und heb dich leis mir nach bei
Schall und Kampfspiel misset dich keiner«
    Jetzt wollte die Getreue von dannen gehen Doch der Held sprach »Ich will
erst nach den Schuhen fragen« Da rief Asprian draußen »Was liegt an einem
alten Schuh Viel tausend haben wir geschmiedet die trägt das Ingesind ich
will den rechten suchen« Und er brachte ihn und Dietrich schenkte der
Kammerfrau wiederum einen Mantel und zwölf Spangen
    Da ging sie voraus und kündigte ihrer Herrin die erwünschte Märe Herr
Dietrich aber hieß im Hippodromushofe einen großen Schall anheben und hieß die
Riesen ausgehen da fuhr Widolt mit der Stange heraus und gebärdete sich
schreckentlich und Asprian schlug einen Purzelbaum in die blaue Luft und
Abendrot warf einen ungefügen Stein von viel hundert Pfunden und ersprang ihn
zwölf Klafter weit so dass keiner der Merker Herrn Dietrich wahrnehmen mochte
    Der ging züchtiglich über den Hof Am Fenster erschaute ihn die harrende
Kaisertochter da schlug ihr Herz und die Kemenate ward ihm aufgetan und sie
sprach zu ihm »Willkomm edler Herr wie seh ich Euch gerne Nun sollt Ihr
mir die schönen Schuhe selber anziehen«
    »Mit Freuden« sprach der Held »und setzte sich zu ihren Füßen und sein
Gebaren war gar schön und sie stellte ihren Fuß auf sein Knie der Fuß war
zierlich und die Schuhe passten wohl da fügte sie Herr Dietrich ihr an«
    »Nun sage mir vieledle Jungfrau« begann drauf der Listige »dich hat
sicher schon gebeten manch ein Mann du sollest zu seinem Willen stahn welcher
unter allen hat dir am besten gefallen«
    Da sprach des Kaisers Tochter ernstaft »Herr auf die Seele mein so wahr
ich getauft bin so man alle Recken der Welt zusammenstehen hieße es möchte
keiner wert sein dein Genosse zu heißen Du bist der Tugend ein auserwählter
Mann  und doch so die Wahl bei mir stünde so nähme ich einen Helden des muss
ich denken mit jedem neuen Tag seine Boten hat er ausgeschickt um mich zu
werben die liegen jetzt in tiefem Kerker Er heißt Roter und sitzt über dem
Meer  wird mir der nicht so bleib ich eine Maid immerdar«
    »Eia« sprach Dietrich »willst du den Roter minnen den schaff ich dir
zur Stelle Wir haben als Freunde fröhlich gelebt er war mir gnädig und gut
wenngleich er dann mich Landes vertrieb«
    Da sprach die Kaisertochter »Höre wie kann dir der Mann lieb sein wenn er
dich vertrieben Ich merke wohl du bist ein Bote hergesandt von König Roter
nun sprich und verhehle mir nichts was du mir heut auch sagest ist wohl bei
mir vertaget bis an den Jüngsten Tag«
    Da tat der Held einen festen Blick nach ihr und sagte »Nun stell ich alle
meine Dinge Gottes Gnade und der deinen anheim Wohl denn es stehen deine Füße
in König Roters Schoss«
    Hart erschrak die Vielholde den Fuß zuckte sie auf und klagte »O weh mir
nun war ich so ungezogen mich trog der Übermut dass ich den Fuß gesetzt auf
deinen Schoss Hat dich Gott hergesendet das wär mir innig lieb Doch wie mag
ich dir getrauen So du die Wahrheit probtest noch heute wollt ich mit dir
meines Vaters Reich räumen es lebt kein Mann den ich nähme so du König
Roter wärest genannt  aber vorerst bleibts wohl ungetan«
    »Wie soll ichs besser proben« erwiderte der König »als durch meine
Freunde im Kerker So die mich erschauen könnten dir würde bald kund dass ich
wahr geredet«
    »So will ich meinen Vater bereden dass er sie heraus lasse« sprach des
Kaisers Tochter »Aber wer wird Bürge sein dass sie nicht entrinnen«
    »Ich will sie über mich nehmen« sprach er
    Da küsste des Kaisers Tochter den Helden und er schied mit Ehren aus ihrer
Kemenaten und ging auf seine Herberge und war ihm gar wonniglich zumute Als
aber der Morgen graute nahm die Jungfrau einen Stab und schlüpfte in ein
schwarz Trauergewand und legte einen Pilgerkragen über die Achsel als wolle sie
aus dem Lande abscheiden und sah bleich und betrübt drein und ging zum Kaiser
Konstantinus hinüber klopfte an seine Türe und sprach listig zu ihm »Mein
lieber Herr Vater nun muss ich bei lebendem Leib ins Verderben Mir ist gar
elend wer tröstet meine Seele Im Traume treten die eingekerkerten Boten des
König Roter vor mich und sind abgezehrt und elend und lassen mir keine Ruhe
ich muss fort dass sie mich nimmer quälen es sei denn Ihr lasset mich die Armen
mit Speisung Wein und Bad erquicken Gebet sie heraus wenn auch nur auf drei
Tage«
    Da antwortete der Kaiser »Das will ich dulden so du mir einen Bürgen
stellest dass sie am dritten Tage wieder niedersteigen zum Kerker«
    Dieweil man nun zu Tische ging im Kaisersaal kam auch der vermeinte Herr
Dietrich mit seinen Mannen und als die Mahlzeit vollendet und man die Hände
wusch ging die Jungfrau um die Tische als wolle sie unter den reichen Herzogen
und Herrn den Bürgen suchen und sprach zu Dietrich »Nun gedenke dass du mir
aus der Not helfest und nimm die Boten auf dein Leben«
    Er aber sprach »Ich bürge dir du allerschönste Maid«
    Und er gab dem Kaiser sein Haupt zum Pfand und der Kaiser schickte seine
Mannen mit ihm dass sie den Kerker öffneten
    Drin lagen die Gesandten elend und in Unkräften als man die Kerkertüren
einbrach schien der helle Tag ins Verlies der blendete die Armen denn sie
waren sein nicht mehr gewohnt Da nahmen sie die zwölf Grafen und ließ sie aus
dem Kerker gehen jedwedem folgte ein Rittersmann und das Gehen fiel ihnen
sauer Voran schritt Lupolt ihr Führer der hatte ein zerrissen Schürzlein um
die Lenden geschlungen und sein Bart war lang und struppig der Leib aber
zerschunden Herr Dietrich stund traurig und wandte sich zur Seite dass sie ihn
nicht erkenneten und hielt mit Gewalt die Tränen an denn noch niemals war ihm
das Leid so nah gestanden Er hieß sie zur Herberge führen und pflegen und die
Grafen sprachen »Wer war der der seitab stand der will uns sicher wohl« Und
sie lachten in Freud und Leid zugleich aber kannten ihn nicht
    Anderen Tages nun lud die Kaiserstochter die Vielgeprüften zu Hofe und
schenkte ihnen gute funkelnde Gewänder und ließ sie in die warme Badstube setzen
und einen Tisch richten sie zu atzen Wie nun die Herren saßen und ihres Leids
ein Teil vergaßen nahm Dietrich seine Harfe und schlich hinter den Umhang und
ließ die Saiten erklingen er griff die Singweise die er einst gegriffen am
Meeresstrand Lupolt hatte den Becher erhoben da entsank er seiner Hand dass er
den Wein niedergoss auf den Tisch und einer der das Brot schnitt ließ sein
Messer fallen und alle horchten staunend voller und heller erklang ihres Königs
Singweise Da sprang Lupolt über den Tisch und alle Grafen und Ritter ihm nach
als wär ein Hauch alter Kraft plötzlich über sie gekommen und sie rissen den
Umhang nieder und küssten den Harfner und knieten vor ihm und des Jubels war kein
Ende
    Da wusste die Jungfrau dass er treu und wahrhaft der König Roter von
Wikingland war und tat einen lauten Freudenruf dass Konstantinus ihr Vater
herzugelaufen kam  er mochte wollen oder nicht so musste er sie zusammengeben
und die Gesandten stiegen nimmermehr in ihren Kerker und Roter hieß nimmermehr
Dietrich und küsste seine Braut und fuhr mit ihr heim übers Meer und war ein
glückseliger Mann und hielt sie hoch in Ehren und wenn sie in Minne beisammen
saßen sprachen sie »Gelobt sei Gott und Mannesmut und kluger Kammerfrauen
List««
    »Das ist die Mär vom König Roter241«
     Praxedis hatte lang erzählt
    »Wir sind wohl zufrieden« sprach die Herzogin »und ob der Schmied Weland
den Preis davontragen wird scheint uns nach König Roters Geschichte ein
weniges zweifelhaft«
    Herr Spazzo ward drob nicht böse »Die Kammerfrauen in Konstantinopel
scheinen die Feinheit mit Löffeln gegessen zu haben« sprach er »Aber sollt
ich auch besiegt sein der letzte hat noch nicht gesungen«
    Er sah auf Ekkehard hinüber Aber der saß wie ein Traumbild in sich
versunken Er hatte vom König Roter wenig vernommen der Herzogin Stirnband mit
der Rose war das Ziel seiner Augen gewesen dieweil Praxedis erzählte
    » Übrigens glaub ich die Geschichte kaum« fuhr Herr Spazzo fort »Vor
Jahren bin ich im Bischofshof zu Konstanz drüben beim Wein gesessen da kam ein
griechischer Reliquienverkäufer der hieß Daniel und hatte viel heilige Leiber
und Kirchenschmuck und künstlich Geräte bei sich dabei war auch ein
altertümlich Schwert mit edelsteinbesetzter Scheide das wollt er mir
aufschwatzen und sprach es sei das Schwert des König Roter und wären die
güldenen Taler bei mir nicht ebenso dünn gesäet gewesen wie die Haare auf des
Griechen Scheitel ich hätt es gekauft Der Mann erzählte mit dem Schwert hab
Herr Roter mit dem König Ymelot von Babylon gestritten um des Kaisers Tochter
aber von goldenen Schuhen und Kammerfrauen und Harfenspiel hat er nichts
gewusst«
    »Es wird noch vieles auf der Welt wahr sein ohne dass Ihr Kenntnis davon
habt« sprach Praxedis leicht
    Der Abend dunkelte Mit gelbem Schein war der Mond aufgestiegen würziger
Duft durchströmte die Lüfte im Gebüsch und am Felshang flimmerte es von
Leuchtkäfern die sich anschickten auszufliegen Ein Diener kam herab und
brachte Windlichter von ölgetränktem Linnen wie von einer Laterne umfangen
brannten die Kerzen Es war lind und lieblich im Garten
    Der Klosterschüler saß vergnügt auf seinem Schemel und hielt die Hände
gefaltet wie in Andacht
    »Was meint unser junger Gast« fragte die Herzogin
    »Ich wollte mein schönstes lateinisches Buch geben« sprach er »wenn ich es
hätte mit ansehen können wie der Riese Asprian den Löwen an die Wand warf«
    »Du musst ein Recke werden und selber auf Riesen und Drachen ausziehen«
scherzte die Herzogin
    Aber das leuchtete ihm nicht ein »Wir bekommen mit dem Teufel zu streiten«
sagte er »das ist mehr«
    Frau Hadwig war noch nicht gestimmt aufzubrechen Sie knickte ein Zweiglein
vom Ahorn in zwei ungleiche Stücke und trat zu Ekkehard Der fuhr verwirrt auf
    »Nun« sprach die Herzogin »zieht Ihr oder ich«
    »Ihr oder ich« sprach Ekkehard stumpf Er zog das kürzere Ende Es gleitete
ihm aus der Hand er ließ sich wieder auf seinen Sitz nieder und schwieg
    »Ekkehard« sprach die Herzogin scharf
    Er schaute auf
    »Ihr sollt erzählen«
    »Ich soll erzählen« murmelte er und fuhr mit der Rechten über die Stirn
Sie war heiß es stürmte drin
    »Jawohl  erzählen Wer spielt mir die Laute dazu«
    Er stand auf und sah in die Mondnacht hinaus Verwundert schauten die
anderen sein Gebaren Er aber hub mit klangloser Stimme an
    »Es ist eine kurze Geschichte Es war einmal ein Licht das leuchtete hell
und leuchtete von einem Berg hernieder und leuchtete in Regenbogenfarben und
trug eine Rose im Stirnband «
    »Eine Rose im Stirnband« brummte Herr Spazzo kopfschüttelnd
    » Und es war einmal ein dunkler Nachtfalter« fuhr Ekkehard in gleichem
Ton fort »der flog zum Berg hinauf und flog um das Licht und wusste dass er
verbrennen müsse wenn er hineinfliege und flog doch hinein und das Licht
verbrannte den Nachtfalter da ward er zur Asche und vergaß des Fliegens Amen«
    Frau Hadwig sprang unwillig auf
    »Ist das Eure ganze Geschichte« fragte sie
    »Meine ganze Geschichte« sprach er mit unveränderter Stimme
    »Es ist Zeit dass wir hinaufgehen« sagte Frau Hadwig stolz »Die Nachtluft
schafft Fieber«
    Sie schritt mit verächtlichem Blick an Ekkehard vorüber Burkard trug ihr
die Schleppe Ekkehard stand unbeweglich Der Kämmerer Spazzo klopfte ihm auf
die Schulter »Der Nachtfalter war ein dummer Teufel Herr Kaplan« sprach er
mitleidig Ein Windstoß kam und blies die Lichter aus »Es war ein Mönch«
sprach Ekkehard gleichgültig »schlafet wohl« 
 
                                    Fußnoten
A1 Di Hyazinten Zirkon
A2 Mittelhochdeutsch zyklat sigelat aus grischlat cyclas »das Rundkleid«
bedeutet einen golddurchwirkten Seidenstoff
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
                             Verstossung und Flucht
Ekkehard war noch lang in der Gartenlaube gesessen dann war er hinausgerannt
in die Nacht Er wusste nicht wohin der Gang gehen sollte Des Morgens fand er
sich auf dem Fels Hohenkrähen der ragte in stiller Einsamkeit seit der Waldfrau
Abzug Die Trümmer des ausgebrannten Hauses lagen verwirrt übereinander wo
einst die Wohnstube stand noch der Römerstein mit dem Mitras Farrenkraut und
Riedgras war darübergerankt eine Blindschleiche lief züngelnd an dem
wettergedunkelten Götterbild hinauf
    Ekkehard fuhr in hellem Hohn zusammen »Die Kapelle der heiligen Hadwig«
rief er und schlug sich mit der Faust an die Brust »so muss sie sein« Er stieß
den Römerstein um und stieg auf die Felskuppe dort warf er sich nieder und
presste die Stirn ins kühle Erdreich das einst Frau Hadwigs Fuß berührt Lange
blieb er dort als die Sonne in der Mittagshöhe herunterbrannte lag er noch
oben und  schlief
    Vor Abend kam er auf den Hohentwiel zurück heiß verstört unsicheren
Ganges Grashalme hafteten wirr in dem härenen Geweb seiner Kutte Die Leute
der Burg wichen scheu vor ihm zurück wie vor einem dem des Unglücks Finger ein
Zeichen auf die Stirn geschrieben Sonst pflegten sie ihm entgegenzugehen und
baten um seinen Segen
    Die Herzogin hatte sein Fortsein wahrgenommen aber nicht nach ihm gefragt
Er ging in seine Turmstube hinauf er griff ein Pergament als ob er lesen
wolle Es war Gunzos Schrift wider ihn »Gern würde ich Euch ermahnen ihm die
Hilfe heilender Arzneien angedeihen zu lassen aber ich fürchte seine Krankheit
ist zu tief eingewurzelt« las er drin Er lachte Die gewölbte Decke gab einen
Widerhall da sprang er auf als wollt er erspähen wer gelacht Dann trat er
ans Fenster und schaute in die Tiefe es ging weit weit hinab Ein Schwindel
wollte ihn fassen da wich er zurück
    Des alten Tieto Fläschlein stand bei den Büchern das machte ihn wehmütig
Er gedachte des Blinden Frauendienst ist ein schlimm Ding für den der gerecht
bleiben will hatte der einst zu ihm gesprochen wie er Abschied nahm
    Er riss das Siegel von dem Fläschlein und goss sich das Jordanwasser übers
Haupt und netzte die Augen Es war zu spät Auch die Flut heiliger Ströme löscht
die Glut des Herzens nicht nur dem der sich hinunterstürzt um nimmer
aufzutauchen  Doch kam ein Anflug von Ruhe über ihn »Ich will beten« sprach
er »es ist eine Versuchung« Er warf sich auf die Knie aber bald wars ihm
als schwirrten die Tauben um sein Haupt wie damals als er zuerst die Turmstube
betrat aber sie hatten jetzt grinsende Gesichter und einen höhnischen Zug um die
Schnäbel
    Er stand auf und ging langsam die Wendeltreppe hinunter zur Burgkapelle Der
Altar drunten war Zeuge frommer Andacht an manchem guten Tag In der Kapelle
wars wie ehedem dunkel und still Sechs schwere Säulen mit würfelförmigem
laubwerkverziertem Knauf trugen die niedere Wölbung ein feiner Streif
Tageslicht fiel durchs schmale Fenster herein Die Tiefe der Nische wo der
Altar stund war schwach erleuchtet nur der Goldgrund um das Mosaikbild des
Erlösers glänzte in mattem Flimmern Griechische Künstler hatten die Formen
ihrer Kirchenausschmückung einst auf den deutschen Fels getragen in weißem
wallendem Gewand goldroten Schein ums Haupt hob sich des Heilands hagere
Gestalt die Finger der Rechten segnend ausgestreckt
    Ekkehard neigte sich vor den Stufen des Altars seine Stirn ruhte auf den
Steinplatten  so blieb er in sich versunken »Der du die Leiden der Welt auf
dich genommen lass ausgehn einen Strahl der Gnade auf mich Unwürdigen« Er hob
den Blick und schaute starr hinauf als müsse das ernste Gebild aus der Wand
niedersteigen und ihm die Hand reichen »Ich liege vor dir wie Petrus vom
Seesturm umbraust die Wellen tragen mich nicht Herr rette mich Rette mich
wie jenen da du über die Sturmflut wandelnd ihm die Hand gereicht und
gesprochen Kleingläubiger warum Zweifelst du«
    Aber es geschah kein Zeichen
    Ekkehards Denken war zerrüttet
    Es rauschte durch die Kapelle wie Frauengewand Er hörte nichts
    Frau Hadwig war heruntergestiegen eine seltsame Anwandlung trieb sie Seit
sie dem Mönch gram geworden stand das Bild ihres alten seligen Ehgemahls öfter
vor ihrer Seele denn ehedem Natürlich Wenn sich dieser niederlegt muss sich
jener heben Das neuerliche Lesen im Virgilius hatte auch dazu beigetragen es
war so mannigfach vom Gedächtnis an Sichäus die Rede
    Morgen neute sich der Todestag Herrn Burkhards In der Kapelle lag der alte
Herzog mit Schild und Lanze begraben Eine rohe Platte deckte sein Grab
seitwärts vom Altar Matt brannte die ewige Lampe drüber Ein Sarkophag aus
grauem Sandstein stand dabei unförmliche kleine Halbsäulen mit jonisch
gewundenem Knauf waren an den Ecken angefügt sie ruhten auf fratzenhaften
Tiergestalten Den Steinsarg hatte Frau Hadwig einst für sich selber anfertigen
lassen Jeweils an des Herzogs Gedächtnistag ließ sie ihn mit Korn und Früchten
gefüllt hinauftragen und verteilte seinen Inhalt den Armen  die Mittel zum
Leben aus der Ruhstatt der Toten es war ein frommer Brauch so242
    Sie wollte heute an ihres Gatten Grab beten Des Ortes Halbdunkel deckte den
knieenden Ekkehard Sie sah ihn nicht
    Da schreckte sie auf aus ihrer Andacht Halblaut aber schneidig schlug ein
Lachen an ihr Ohr sie kannte die Stimme Ekkehard hatte sich erhoben er sprach
jetzt die Worte des Psalms »Beschirme mich o Herr unter dem Schatten deiner
Flügel beschirme mich vor dem Antlitz der Gottlosen die mich plagen Meine
Feinde haben meine Seele umgeben ihr Herz ist mir verschlossen ihr Mund hat
Hochmut geredet« Er sprachs mit bösem Tone Das war kein Beten mehr
    Frau Hadwig neigte sich zum Sarkophag Sie hätte gern einen zweiten drauf
getürmt dass er sie verberge vor Ekkehards Blick Sie wünschte kein Alleinsein
mehr Ihr Herz schlug ruhig
    Er ging zur Pforte
    Da plötzlich wandte er sich die ewige Lampe schwebte leise über Frau
Hadwigs Haupt hin und her das schwebende Dämmerlicht hatte sein Aug getroffen
 mit einem Sprung mächtiger als der den der heilige Bernhard in späteren
Tagen durch den Dom zu Speier tat da ihm das Marienbild gewinkt stand er vor
der Herzogin Er schaute sie lang und durchbohrend an Sie erhob sich vom
Boden mit der Rechten den Rand des Steinsarges fassend stand sie ihm
gegenüber an seidener Schnur wiegte sich die ewige Lampe über ihrem Haupt
    »Glückselig sind die Toten man betet für sie« brach Ekkehard das
Schweigen
    Frau Hadwig erwiderte nichts243
    »Betet Ihr auch für mich wenn ich tot bin« fuhr er fort »O Ihr sollt
nicht für mich beten  einen Pokal lasst Euch aus meinem Schädel machen und
wenn Ihr wieder einen Pörtner holt aus dem Kloster des heiligen Gallus so müsst
Ihr ihm den Willkommtrunk draus reichen  ich lass ihn grüßen Dürft auch
selber Eure Lippen dran setzen er springt nicht Aber das Stirnband müsst Ihr
dabei ums Haupt tragen und die Rose drin «
    »Ekkehard« sprach die Herzogin  »Ihr frevelt«
    Er fuhr mit der Rechten an die Stirn »O« sprach er wehmütig  »o ja 
der Rhein frevelt auch sie haben ihm mit riesigen Felsen den Lauf verbaut aber
er hat sie durchnagt und braust drüber weg in Schaum und Sturz und Vernichtung
Glück auf du freier Jugendmut  Und Gott frevelt auch denn er hat den Rhein
werden lassen und den hohen Twiel und die Herzogin von Schwaben und die Tonsur
auf meinem Haupt«
    Der Herzogin begann es zu grausen Solchen Ausbruch zurückgepressten Gefühles
hatte sie nicht erwartet Aber es war zu spät Sie blieb gleichgültig
    »Ihr seid krank« sprach sie
    »Krank« sprach er  »es ist nur eine Vergeltung Vor Jahr und Tag am
Pfingstfest da es noch keinen hohen Twiel für mich gab hab ich beim
festlichen Umgang aus unserer Klosterkirche den Sarg des heiligen Gallus
getragen da hat sich ein Weib vor mir niedergeworfen Steh auf hab ich ihr
zugerufen aber sie blieb liegen im Staub schreit über mich Priester mit
deinem Heiltum dass ich gesunde sprach sie und mein Fuß ging über sie hinweg
244 Sie hat am Herzweh gelitten die Frau Jetzt ists umgekehrt «
    Tränen unterbrachen seine Stimme Er konnte nicht weiter sprechen Er warf
sich zu Frau Hadwigs Füßen und umschlang den Saum ihres Gewandes Der ganze
Mensch zitterte
    Frau Hadwig wurde mild mild gegen ihren Willen als zucke es vom Saum des
Gewandes zu ihr herauf von unsäglichem Herzeleid
    »Steht auf« sprach sie »und denkt an anderes Ihr seid uns noch eine
Geschichte schuldig Verwindets«
    Da lachte Ekkehard in seinen Tränen
    »Eine Geschichte« rief er  »o eine Geschichte Aber nicht erzählen 
kommt lasst sie uns tun die Geschichte Droben von des Turmes Zinnen schaut
sichs so weit in die Lande und so tief hinunter so süß und tief und lockend
was hat die Herzogsburg uns zu halten Keiner braucht mehr zu zählen als drei
der hinunter will  und wir schweben und gleiten in den Tod dann bin ich kein
Mönch mehr und darf den Arm schlingen um Euch «
    Er schlug mit der Faust auf Herrn Burkhards Grab  »Und der da unten
schläft soll mirs nicht wehren Wenn er kommt der Alte ich lass Euch nicht
und wir schweben wieder zum Turm empor und sitzen wo wir saßen und lesen den
Virgil zu Ende und Ihr müsst die Rose im Stirnband tragen als wär nichts
geschehen  Dem Herzog schließen wirs Tor zu und über alle böse Zungen lachen
wir und die Menschen sprechen dann wenn sie am Winterofen sitzen Das ist eine
schöne Geschichte vom treuen Ekkehard der hat den Kaiser Ermanrich erschlagen
da er die Harlungen aufhing und dann ist er mit seinem weißen Stab vor Frau
Venus Berg gesessen viel hundert Jahr und hat gemeint er wolle bis zum
Jüngsten Tag die Leute warnen die zum Berg wallen245 aber hernachmals ists
ihm langweilig worden und er ging durch und ward ein Mönch in Sankt Gallen und
fiel sich zu Tode und jetzt sitzt er bei einer blassen Frau und liest Virgil
und es klingt mitternächtig durchs Hegau »Den unsäglichen Schmerz zu erneuen
gebeutst du o Königin mir« und sie muss ihn küssen ob sie will oder nicht 
der Tod holt nach was das Leben versäumt«
    Er hatte gesprochen mit irrem Blick Jetzt brach er zusammen in leisem
Weinen Frau Hadwig war unbewegt gestanden es war als ob ein Flimmer von
Mitleid ihr kaltes Aug durchleuchte sie beugte sich nieder
    »Ekkehard« sprach sie »Ihr sollt nicht vom Tod sprechen Das ist Wahnsinn
Wir leben Ihr und ich «
    Er bewegte sich nicht Da legte sich ihre Hand leicht über das fieberheisse
Haupt Es strömte und flutete durch sein Gehirn Er sprang auf
    »Ihr habt recht« rief er »wir leben Ihr und ich« Tanzende Nacht legte
sich um seinen Blick er tat einen Schritt vor seine Arme schlangen sich um das
stolze Frauenbild wütend presste er sie an sich sein Kuss flammte auf ihre
Lippen ungehört verklang der Widerspruch
    Er hob sie hoch gegen den Altar als wäre sie ein Weihgeschenk das er
darbringen wollte »Was hältst du die goldglänzenden Finger so ruhig und segnest
uns nicht« rief er zum düster ernsten Mosaikbild hinauf 
    Die Herzogin war zusammengeschrocken wie ein wundes Reh  ein Augenblick
da ballte und bäumte sich alles in ihr von gekränktem Stolz sie stieß den
Rasenden mit starker Hand vor die Stirn und entstrickte sich seinem Arm
    Noch hielt er ihre Hüfte umschlungen da tat sich die Pforte der Kirche auf
ein greller Strahl Tageslicht drang ins Düster  sie waren nicht mehr allein
    Rudimann der Kellermeister von Reichenau trat über die Schwelle Gestalten
erschienen im Grunde des Burghofs
    Die Herzogin war entfärbt in Scham und Zorn eine Flechte ihres dunkeln
Hauptaars wallte aufgelöst über den Nacken
    »Entschuldigt« sprach der Mann von Reichenau mit grinsend höflichem
Ausdruck »meine Augen haben nichts geschaut«
    Da rang Frau Hadwig sich von Ekkehard los »Doch  und doch  und doch
Einen Wahnsinnigen habt Ihr geschaut der sich und Gott vergessen  Es wär
mir leid um Eure Augen ich müsste sie ausstechen lassen wenn sie nichts
erschaut «
    Es war eine unsäglich kalte Hoheit mit der sies dem Betroffenen
entgegenrief
    Da erklärte sich Rudimann den seltsamen Vorgang
    »Ich habe vergessen« sprach er mit Hohn »dass dort einer von denen steht
auf die weise Männer das Wort des heiligen Hieronymus gezogen Ihr Gebaren ziemt
sich mehr für einen Stutzer und Bräutigam denn für einen Geweihten des Herrn«
    Ekkehard stand an eine Säule gelehnt die Arme in die Luft erhoben wie
Odysseus da er den Schatten seiner Mutter umfahen wollte Rudimanns Wort riss
ihn aus dem Fiebertraum »Wer tritt zwischen mich und sie« rief er drohend
Aber Rudimann klopfte ihm mit unverschämter Vertraulichkeit auf die Schulter
»Beruhigt Euch guter Freund wir haben nur ein Brieflein an Euch abzugeben der
heilige Gallus kann seinen weisesten Schüler nicht länger draußen lassen in der
wankenden schwankenden Welt Ihr seid heimgerufen  Vergesst den Stock nicht
mit dem Ihr die Mitbrüder misshandelt die im Herbst gern einen Kuss pflücken
keuscher Sittenrichter« flüsterte er ihm ins Ohr
    Ekkehard trat zurück Sehnsucht Wut der Trennung glühend Verlangen und
daraufgegossener Hohn stürmten in ihm er rannte auf Frau Hadwig aber schon
füllte sich die Kapelle Der Abt von Reichenau war selber gekommen die Freude
von Ekkehards Heimrufung zu erleben »Es wird schwer halten dass wir ihn
losbekommen« hatte er zum Kellermeister gesagt Es ward leicht Mönche und
Gefolgsleute traten mit ein
    »Sacrilegium« rief ihnen Rudimann entgegen »er hat vor dem Altar die
buhlerische Hand zu seiner Gebieterin erhoben«
    Da schäumte Ekkehard auf Der Herzens heiligst Geheimnis von frecher Roheit
entweiht eine Perle vor die Schweine geworfen  er riss die ewige Lampe
herunter wie eine Schleuder schwang er das eherne Gefäß das Licht darin
erlosch  ein dumpfer Schrei hallte auf der Kellermeister lag blutigen Hauptes
auf den Steinplatten die Lampe klirrte neben ihm  Ringen Zerren wilde
Verwirrung  es ging mit Ekkehard zu Ende
    Sie hatten ihn überwältigt den Gürtel der Kutte rissen sie ihm ab und
banden ihn Da stand er die jugendschöne Gestalt jetzt ein Bild des Jammers
dem flügellahmen Adler gleich Einen matten traurigen fragenden Blick ließ er
zur Herzogin hinübergleiten  die wandte sich ab
    »Tut was Eures Amtes ist« sprach sie zum Abt und schritt durch die Reihen
    Eine Rauchwolke zog ihr entgegen Lärm und Jubel schallte vor dem Burgtor
ein Feuer brannte draußen von harzigen Tannenscheitern geschichtet Das
Ingesinde der Burg tanzte darum und warf Blumen drein eben hatte Audifax die
Genossin seines Schicksals jubelnd in Arm gefasst und war mit ihr durch die
hochaufschlagende Flamme gesprungen
    »Was soll der Rauch« sprach Frau Hadwig zur herbeigeeilten Praxedis
    »Sonnenwende246« antwortete die Griechin
    Es war ein trüber verstimmter Abend Die Herzogin hatte sich in ihr Kloset
verschlossen und ließ niemand vor sich Ekkehard war von den Leuten des Abts in
ein Verlies geschleppt worden in demselben Turm in dessen luftigem Stockwerk
sein Stübchen eingerichtet stund war ein feuchter finsterer Gewahrsam Trümmer
alter Grabsteine bei früherem Umbau der Burgkapelle dorthin verbracht lagen
unheimlich umher Man hatte ihm einen Bund Stroh hineingeworfen Ein Mönch saß
vor dem Eingang und hielt Wache
    Burkard der Klosterschüler lief auf und nieder und rang klagend die Hände
er konnte seines Ohms Geschick nicht fassen Die Leute der Burg steckten die
Köpfe zusammen und wisperten und führten törichte Reden als ob die
hundertzüngige Fama auf dem Giebel des Burgdaches gesessen und ihre Lügen
ausgestreut hätte »Er hat die Herrin ermorden wollen« sprach der eine »er hat
des Teufels Künste getrieben mit seinem großen Buch« sprach ein anderer »heut
ist Sankt Johannistag da hat der Teufel keine Macht und konnte ihm nicht aus
der Klemme helfen«
    Am Brunnen im Burghof stand Rudimann der Kellermeister und ließ das klare
Wasser über sein Haupt strömen Ekkehard hatte ihm eine scharfe Schramme
gehauen zäh und unwillig rieselte sein Blut in den fremden Quell
    Praxedis kam herunter blass und trüb sie war die einzige Seele die ein
aufrichtig Mitleid um den Gefangenen trug Wie sie den Kellermeister ersah ging
sie in den Garten riss eine blaue Kornblume mit der Wurzel aus und brachte sie
ihm »Nehmet« sprach sie »und haltet sie mit der Rechten bis sie drin
erwarmt das stillet Euer Blut Oder soll ich ein Linnen zum Verband bringen«
    Er schüttelte das Haupt
    »Es wird von selber aufhören wenns Zeit ist« sagte er »es ist nicht mein
erster Aderlass Behaltet Eure Kornblumen für Euch«
    Aber Praxedis gedachte den Feind Ekkehards milde zu stimmen Sie holte
Leinwand Da ließ er sich verbinden Er sprach keinen Dank
    »Lasst Ihr den Ekkehard heut nimmer frei« fragte sie
    »Heut« sprach Rudimann höhnisch »Drängt es Euch einen Kranz zu winden für
den Bannerträger des Antichrist den Vorspann am Wagen des Satan den Ihr da
oben gehegt und geheckt als wär er der herzliebe Sohn Benjamin Heut fraget
einmal nach Monatfrist drüben an«
    Er deutete nach den helvetischen Bergen Praxedis erschrak »Was wollt Ihr
mit ihm anfangen«
    »Was recht ist« sprach Rudimann mit finsterem Blicke »Buhlerei Gewalttat
Ungehorsam Hochmut Kirchenschändung Lästerung Gottes es gibt der Namen nicht
genug für seine Frevel aber Mittel zur Sühnung Gott sei es gedankt gibt es«
    Er fuhr mit dem Arm aus wie zu einem Streich
    » jawohl Mittel zur Sühnung wonnesame Jungfrau Wir werden ihm einen
Denkzettel aufs Fell schreiben«
    »Habt Mitleid« sprach Praxedis »er ist ein kranker Mann«
    »Gerade deswegen heilen wir ihn Wenn er erst an die Säule gebunden den
Rücken krümmt und ein halb Dutzend Ruten drauf zerschlagen sind das treibt
Grillen und Teufelswerk aus dem Kopf «
    »Um Gottes willen« jammerte die Griechin
    »Beruhigt Euch es kommt noch besser Ein entlaufen Schaf gehört in seinen
Stall geliefert dort sind gute Hirten die besorgen das Weitere Schafschur
Jungfräulein Schafschur Dort schneiden sie ihm die Haare ab das schafft dem
Haupte Kühlung und wenn Ihr einmal in Jahresfrist zum heiligen Gallus
wallfahren wollt so wird sonn und feiertags einer mit bloßen Füßen vor der
Kirchentür stehen und sein Kopf wird kahl sein wie ein Stoppelfeld und das
Bussgewand wird ihn zierlich kleiden Was meint Ihr Die Heidenwirtschaft mit dem
Virgilius hat ein Ende«
    »Er ist unschuldig« sagte Praxedis
    »O« sprach der Kellermeister spöttisch »der Unschuld krümmen wir kein
Haar Er braucht sie nur durchs Gottesurteil zu beweisen wenn er mit heilem Arm
den goldenen Ring aus dem Kessel mit siedendem Wasser herausfängt gibt ihm
unser Abt selber den Segen und ich werd sagen es war nur Nebelbild und
Teufelsspuk dass meine Augen in der Kapelle seine Heiligkeit den Bruder Ekkehard
sahen wie er Eure Herrin umfangen hielt«
    Praxedis weinte »Lieber ehrwürdiger Herr Kellermeister « sprach sie
bittend Er senkte einen schiefen Blick auf sie der blieb an der Griechin Busen
haften
    »So ist es« sagte er mit gekniffenen Lippen »Ich wollte übrigens eine
Fürbitte beim Abt einlegen wenn «
    »Wenn« fragte Praxedis gespannt
    »Wenn Ihr heut abend geruhen wolltet Eure Kammer nicht zu verschließen dass
ich Euch Bericht bringen kann vom Erfolg«
    Er zog wie spielend die großen Falten seiner Kutte zusammen dass die
geschnürten Hüften hervortraten247 und nahm eine selbstgefällige erwartende
Haltung an Praxedis trat zurück Ihr Fuß stampfte die blaue Kornblume die am
Boden lag
    »Ihr seid ein schlechter Mensch Herr Kellermeister« sprach sie und drehte
ihm den Rücken Rudimann verstand sich auf Gesichter Aus dem Zucken von
Praxedis Augenlid und den drei bitterbösen Stirnfalten ward ihm klar dass ihre
Kammer für alle Kellermeister der Christenheit jetzt und immerdar verschlossen
bleibe
    Sie ging »Habt Ihr noch etwas zu befehlen« sprach sie im Fortgehen
    »Jawohl griechisches Insekt« antwortete er mit kühlem Ton »einen Krug
Essig wenn es gefällig ist Ich will meine Ruten drin einweichen es schreibt
sich dann besser und vernarbt schwerer Ich hab noch keinen Erklärer des
Virgilius ausgehauen der verdient schon eine besondere Ehre«
    Unter der Linde saß Burkard der Klosterschüler und schluchzte noch immer
Praxedis küsste ihn im Vorbeigehen Es geschah dem Kellermeister zuleid
    Sie ging hinauf zur Herzogin und gedachte einen Fussfall zu tun und für
Ekkehard zu bitten Aber das Kloset blieb verschlossen Frau Hadwig war tief
erzürnt wenn die Mönche der Reichenau nicht dazu gekommen hätte sie Ekkehards
Kühnheit verzeihen mögen sie selber hatte ja den Keim zu allem gelegt was
jetzt aufgewachsen war  aber jetzt war Ärgernis gegeben das heischte Strafe
Scheu vor bösen Zungen hat schon manch Ding gewendet
    Der Abt hatte ihr das Schreiben von Sankt Gallen zustellen lassen
Benediktus Regel so stand geschrieben verlange nicht nur den äußeren Schein
mönchischen Lebens sondern ein Mönchtum mit Leib und Seele Ekkehard sei heim
gerufen Aus Gunzos Schrift war etliches wider ihn angeführt
    Es war ihr gleichgültig Was ihm in den Händen seiner Gegner bevorstehe
wusste sie Sie war entschlossen nichts für ihn zu tun Praxedis klopfte zum
zweitenmal an Es ward nicht aufgetan »O du armer Nachtfalter« sprach sie
traurig
    Ekkehard lag in seiner Kerkerhaft wie einer der einen wirren Traum geträumt
hat Vier kahle Wände waren um ihn von oben ein schwacher Lichtschimmer Oft
zitterte er noch als schüttle ihn Frost Allmählich legte sich ein wehmütig
Lächeln der Entsagung um die Lippen es blieb sich nicht gleich  mitunter
ballte er die Faust in heftiger Zorneserregung
    Es ist mit des Menschen Gemüt wie mit dem Meere Hat der Sturm auch
ausgetobt so wogt und brandet es noch lange stärker als sonst und untereinmal
schäumt wieder ein nachzügelnder Wellensturz gewaltig auf und jagt die Möwen vom
Fels
    Aber Ekkehards Herz war noch nicht gebrochen Dafür war es zu jung Er
begann die Lage zu überdenken Die Aussicht in die Zukunft war sehr
unerquicklich er kannte seines Ordens Regel und geistlichen Brauch und kannte
die Männer der Reichenau dass sie seine Feinde waren
    Mit großen Schritten durchmass er den engen Raum »Allmächtiger Gott den wir
anrufen dürfen in der Heimsuchung wie soll das enden« Er schloss die Augen und
warf sich auf sein Lager Wirre Bilder zogen an seiner Seele vorbei
    Und er schaute mit dem inneren Gesichte des Geistes wie sie ihn in der
Morgenfrühe hinausschleppten auf hohem Steinstuhl saß der Abt und hielt seinen
Hakenstab als Zeichen dass Gericht sei und sie lasen eine lange Anklage vor
 Alles in demselben Burghof in dem er einst jubelnden Herzens aus der Sänfte
gesprungen in dem er am düstern Karfreitag die Predigt wider die Hunnen
gehalten  und die Männer des Gerichts fletschten die Zähne wider ihn
    »Was werd ich tun« dachte er weiter »Die Hand aufs Herz den Blick zum
Himmel werd ich rufen Ekkehard ist ohne Schuld Aber die Richter sprechen
Probe es Der große Kupferkessel wird vorgeschleppt das Feuer unter ihm
angezündet hoch wallt und zischt das Wasser der Abt zieht den güldenen Ring
vom Finger sie streifen ihm den Ärmel der Kutte zurück Busspsalmen tönen dumpf
dazwischen Ich beschwöre dich Kreatur des Wassers dass der Teufel weiche aus
dir und du dem Herrn dienest zu Offenbarung der Wahrheit gleich dem Feuerofen
des Königs von Babylon da er die drei Jünglinge hineinwerfen ließ Also
bespricht der Abt die kochende Flut und tauch ein den Arm und suche den Ring«
befiehlt er dem Angeklagten 
    »Gerechter Gott wie wird dein Urteil sprechen« Wilde Zweifel nagten an
Ekkehards Gemüt Er glaubte an sich und sein gutes Recht minder fest an die
schaurigen Mittel in denen Priesterwitz und Gesetzgebung den Wahrspruch der
Gottheit zu finden meinten
    Auf der Bücherei seines heimischen Klosters lag ein Büchlein das die
Aufschrift trug »Gegen die ordnungswidrige Meinung derer die da glauben dass
durch Feuer oder Wasser oder Zweikampf die Wahrheit göttlichen Gerichtes
geoffenbart werde« Das Büchlein hatte er einst gelesen und wohl behalten es
war der Nachweis dass bei all diesen uraltem Heidentum entstammenden Proben
wie später der treffliche Gottfried von Strassburg es benamste »Der heilig
Christ windschaffen wie ein Ärmel ist«
    Und wenn kein Wunder geschieht
    Sein Denken neigte sich zu kleinmütiger Zagnis Verbrannten Armes und
schuldig gesprochen den Staupenschlag erleiden müssen  und sie steht oben
auf dem Söller und schaut drauf hernieder als geschehe es einem wildfremden
Mann »Herr des Himmels und der Erde sende deine Blitze«
    Aber die Hoffnung leuchtet auch dem Elendesten noch Da wards ihm wieder
als töne in all den Jammer ein gelles Halt sie stürzt herunter in fliegendem
Gelock und rauschendem Herzogsmantel und treibt die Peiniger auseinander wie der
Heiland die Wucherer im Tempel und reicht ihm Hand und Lippen zum Kuss der
Versöhnung  lang und schön und glühend malte er sichs aus ein Hauch von
Trost kam über ihn er sprach mit den Worten des Predigers »Im Ofen werden die
Geschirre des Töpfers bewährt und gerechte Menschen in Anfechtung der Trübsal248
 Wir wollen unbeirrt erwarten was da kommt«
    Er hörte ein Geräusch im Gemach vor seinem Kerker Ein Steinkrug ward
aufgesetzt »Ihr sollt tapfer trinken« sprach eine Stimme zum wachhaltenden
Klosterbruder »in Sankt Johannis Nacht gehen allerhand Überirdische durch die
Luft und streichen an unserer Burg vorbei macht dass Ihr Mut behaltet es steht
noch ein zweiter Krug bereit« Es war Praxedis die den Wein brachte
    Ekkehard verstand nicht was sie wollte »Auch sie ist falsch« dachte er
»Gott behüte mich«
    Er schloss seine Augen zum Schlummer Nach einer guten Weile ward er
aufgeweckt Dem Klosterbruder draußen musste der Wein geschmeckt haben er sang
ein Lied zum Preis der vier Goldschmiede249 die in Rom einst die Fertigung
heidnischer Götzenbilder geweigert und das Martyrium erlitten und schlug mit
dem sandalenbeschwerten Fuß den Takt auf die Steinplatten Ekkehard hörte dass
dem Mann ein zweiter Krug gebracht ward Sein Gesang ward laut und stürmisch
Dann hielt er ein Selbstgespräch worin viel von Welschland und guten Bissen und
der heiligen Agnese vor den Mauern die Rede war Dann verstummte er Sein
Schnarchen tönte vernehmlich durch die Steinwände zum Gefangenen herüber
    Die Burg lag still Es ging auf Mitternacht Ekkehard ruhte in leisem
Halbschlummer da wards ihm als würde der Riegel sachte zurückgeschoben er
blieb auf seinem Lager Eine Gestalt trat ein eine weiche Hand fuhr über des
Schlummernden Stirn Er sprang auf
    »Still« flüsterte die Eingetretene
    Wie alles zu schlafen ging hatte Praxedis gewacht Der schlechte
Kellermeister soll die Freude nicht haben unsern schwermütigen Lehrer zu
züchtigen das war ihr Denken Frauenlist findet Mittel und Wege zu dem was sie
ausgesonnen Den grauen Mantel umgeschlagen schlich sie herunter es brauchte
keiner besonderen Täuschungen Der Klosterbruder schlief als wie ein Gerechter
Hätte er nicht geschlafen so hätte ihn die Griechin durch einen Spuk scheu
gemacht so war ihr Plan
    »Ihr müsst fliehen« sprach sie zu Ekkehard »Sie drohen Euch das
Schlimmste«
    »Ich weiß es« sagte der Überraschte wehmütig
    »Auf denn«
    Er schüttelte das Haupt »Ich will dulden« sprach er
    »Seid kein Narr« flüsterte Praxedis »Erst habt Ihr Euer Haus auf den
schimmernden Regenbogen gezimmert und nun es zusammengefallen wollt Ihr Euch
auch noch misshandeln lassen Als wenn die ein Recht hätten Euch zu geisseln und
fortzuschleppen und wollt ihnen die Freude machen Eure Erniedrigung zu sehen
 s wär freilich ein schönes Schauspiel man würde es Euch gönnen Einen
braven Mann sieht man nicht alle Tage hinrichten hat einmal in Konstantinopel
einer zu mir gesagt wie ich fragte warum er so springe«
    »Wohin soll ich mich wenden« fragte Ekkehard
    »Nach der Reichenau nicht und nach Eurem Kloster auch nicht« sagte
Praxedis »Es gibt noch manchen Unterschlupf auf der Welt« Sie war ungeduldig
worden ergriff Ekkehards Hand und zog ihn mit sich »Vorwärts« raunte sie ihm
zu Er ließ sich von ihr führen Sie schlichen am schlafenden Wächter vorüber
Jetzt standen sie im Burghof Der Brunnen plätscherte hell Ekkehard beugte sich
übers Rohr und trank einen langen Schluck des kühlen Wassers250 »Alles vorbei«
sprach er »Jetzt bergab«
    Es war eine stürmische Nacht »Den Torweg könnt Ihr nicht hinunter die
Brücke ist aufgezogen« sprach Praxedis »aber zwischen den Felsen an der
Morgenseite ists möglich unser Hirtenknab hat den Weg auch schon versucht«
    Sie gingen in das Gärtlein Ein Windstoß fuhr rauschend durch die Wipfel des
Ahorn Ekkehard wusste kaum wie ihm geschah er schwang sich auf die Brustwehr
steil und zackig senkten sich die Klingsteinfelsen in die Tiefe dunkler Abgrund
gähnte zu ihm herauf am düstern Himmel jagten sich die Wolken es waren
unheimliche plumpe Massen fratzenhaft als wenn zwei Bären einen geflügelten
Drachen verfolgten  dann verschwammen die Gebilde ineinander der Wind
peitschte sie zu dem matt in der Ferne schimmernden Bodensee In dunklem Umriss
lag die Landschaft
    »Gesegnet sei Euer Weg« sprach Praxedis
    Ekkehard saß starr auf der niederen Mauerzinne er zog seine Hand nicht von
der der Griechin wehmütiger Dank durchwogte sein ausgestürmt Herz Da schmiegte
sich ihre Wange an die seine auf seinen Lippen zitterte ein Kuss eine Träne
perlte drauf nieder Sanft wand sich Praxedis von ihm
    »Vergesset nicht« sprach sie »dass Ihr noch eine Geschichte schuldig seid
Mög Euch Gott bald wieder zu diesem Gartenplatz geleiten dass wir sie aus Eurem
Munde vernehmen«
    Jetzt ließ sich Ekkehard nieder noch einmal winkte er mit der Hand dann
schwand er aus ihren Augen Die Stille der Nacht unterbrach ein Dröhnen und
Klingen am Gefelse die Griechin schaute hinab eine Felsplatte hatte sich
losgelöst und stürzte schmetternd zu Tal eine zweite folgte langsameren Falles
oben auf der zweiten saß Ekkehard und lenkte sie wie ein Reiter sein Ross so
gings den schiefen Verghang hinunter ins Dunkel der Nacht  Fahr wohl
    Sie bekreuzte sich und ging zurück lächelnd in aller Betrübnis Der
Klosterbruder schlief noch immer Im Vorbeigehen sah Praxedis den Aschenkorb im
Hofe stehen den griff sie schlich in Ekkehards Verlies und schüttete ihn
inmitten des Gemaches aus als wäre das alles was von des Gefangenen
sterblichem Teil übriggeblieben
    »Warum schnarchst du so stark Hochachtbarer« sprach sie und enteilte
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel
                             Auf dem Wildkirchlein
Jetzund vielteurer Leser umgürte deine Lenden greif zum Wanderstab und fahr
mit uns zu Berge Aus den Niederungen des Bodensees zieht unsere Geschichte ins
helvetische Alpenland hinüber dort ragt der hohe Säntis vergnüglich in die
Himmelsbläue wenn er just nicht vorzieht die Nebelkappe ums Haupt zu hüllen
und schaut lächelnd in die Tiefen wo der Menschen Städte zu eines
Ameisenhaufens Größe zusammenschrumpfen und um ihn steht eine Landsgemeinde
stolzer Gesellen versammelt von gleichem Schrot und Korn die recken ihre kahlen
Scheitel einander entgegen und blasen sich Nebelwolken zu ein Rauschen und
Sausen zieht durch ihre Schlüfte und was sie über menschliches Dichten und
Treiben sich zuflüstern klang vor tausend Jahren schon ziemlich verächtlich und
hat sich seither nicht um vieles gebessert
    Ohngefähr zehn Tage nachdem die Mönche der Reichenau im Hohentwieler
Burgturm an Stelle eines Gefangenen ein Häufchen Asche vorgefunden und viel
Verhandlung gepflogen hatten ob ihn in böser Mitternacht der Teufel bewältigt
und zu Asche verbrannt oder ob er entwichen sei schritt ein Mann längs dem
weissgrünschäumenden Sitterbach über spriessende Matten und Felsgestein
bergaufwärts
    Er trug einen Mantel aus Wolfsfell über ein mönchisch Gewand eine lederne
Tasche umgeschlagen in der Rechten einen Speer Oftmals stieß er die eherne
Spitze ins Erdreich und stemmte sich am schafft die Waffe als Bergstock nutzend
    Rings um ihn stille tiefe Einsamkeit Langgestreckte Nebelstreifen lagen
über dem wilden Tal wo die Sitter dem Seealpsee entspringt aber hoch drüber
weg schauten grimmige Steinwände von spärlichem Grün umsäumt himmelan Die
Berghalden wo jetzt in schindelumhüllten Hütten ein fröhlich Hirtenvolk
zahlreich nistet waren damals zumeist öde und spärlich bewohnt nur fern in der
Niederung des Tals stund die Zelle des Abts von Sankt Gallen und wenig
Behausungen dabei Nach der blutigen Feldschlacht bei Zülpich war eine kleine
Schar freiheitsliebender alemannischer Männer die dem Franken ihren Nacken zu
beugen nimmer erlernen mochten in diese Einöde gezogen251 in zerstreuten
Ansiedelungen saßen ihre Nachkommen und trieben in Sommerszeit ihre Herden zur
Alp kräftig verständige Bergbewohner die unangetastet vom Lärm der Welt ein
einfach freies Leben genossen und den folgenden Geschlechtern vererbten
    Steiler und rauer ward der Pfad den der Mann einschlug Jetzt stund er
unter senkrecht aufstarrender Felswand ein schwerer Wassertropfen war aus dem
Kalkgestein auf sein Haupt niedergetrauft da schaute er prüfend empor ob der
grauenhafte Überhang noch anhalte mit dem Einsturz bis er vorüber Aber
Felswände vermögen länger im schiefen Zustand zu verharren als das was
Menschenhände bauen es stürzte nichts herab als ein zweiter Tropfen
    Mit der Linken am Gestein sich anlehnend schritt der Mann vorwärts Immer
schmäler ward der Steig der schwarze Abgrund zur Seite rückte näher
schwindelnde Tiefe gähnte herauf  jetzt schwand auch die letzte Spur eines
Pfades Zwei mächtige Fichtenstämme waren als Brücke über den Abgrund gelegt
»Es muss sein« sprach der Mann und schritt unverzagt drüber Er atmete hoch auf
wie er drüben wieder Boden unter den Füßen verspürte und machte Halt um sich
den grausigen Platz zu betrachten Es war ein schmaler Felsvorsprung über und
unter ihm senkrechte gelbgraue Steinwand in der Tiefe kaum sichtbar ein
Silberstreif im Grün des Tales der Waldbach Sitter und scheu versteckt im
Tannendunkel der meerfarbige Spiegel des Seealpsee Genüber gepanzert und
gewappnet die Schar der Bergesriesen  die Feder will zu fröhlichem Sang
aufjodeln da sie ihre Namen schreiben soll der langgestreckte rätselvolle
Kamor die gewaltigen Mauern der Boghartenfirst und Sigels Alp und Maarwiese
auf deren Zinnen wie Moos auf den Dächern würziger Graswuchs grünt dann der
Hüter des Seegeheimnisses der »alte Mann« mit runzelgefurchter Steinstirn und
weissumschneitem Haupt des hohen Säntis Kanzler und Busenfreund
    »Ihr Berge des Herrn benedeiet den Herrn« sprach der Wandersmann
ergriffen von der Wucht des Eindrucks Viel hundert Bergschwalben flatterten aus
den Spalten des Gesteins Ihr Flug soll gute Vorbedeutung sein
    Er tat etliche Schritte vorwärts Da war die Felswand mächtig zerklüftet
eine doppelte Höhle tat sich auf aus rohem schafft zusammengefügt stand ein
schmucklos Kreuz dabei Tannenstämme an der einen Höhlenwand zum Blockhaus
geschichtet und nach Art der damals üblichen Kriegsgerüste oder Belagerungstürme
mit zusammengefügtem Flechtwerk überdacht deuteten auf menschliches Anwesen
Kein Laut unterbrach die Stille
    Der Fremde kniete vor dem Kreuz nieder und betete lang
    Es war Ekkehard  der Ort wo er betete das Wildkirchlein
    Unversehrt war er auf seinem Bergrutsch als ihn Praxedis befreit in die
Tiefe gefahren der andere Morgen fand ihn erschöpft beim alten Moengal in
Radolfzelle »Ach dass ich in der Wüste ein Hüttlein der Wandersleute haben
könnte so wollte ich mein Volk verlassen und mich von ihnen absondern denn sie
sind Lügner und treulos zusammen« sprach er mit den Worten des Propheten252
nachdem er dem Leutpriester sein Leid geklagt
    Da wies ihm der Alte den Säntis
    »Hast recht« sprach Moengal »Der heilige Gallus hats ebenso gemacht In
der Einsamkeit will ich verharren und auf den warten der meine Seele gesund
machen soll253 er wär vielleicht kein Heiliger geworden wenn er anders gesagt
und getan hätte Verbeiss deinen Schmerz Wenn der Adler siech wird und seine
Augen dunkeln und seine Federn zergehen wollen steigt er himmelan so weit ihn
seine Schwingen tragen254 Sonnennähe verjüngt Tue desgleichen Ich weiß dir
ein gut Plätzlein zum Gesunden«
    Er beschrieb ihm den Weg
    »Du wirst einen droben finden« fuhr er fort »der seit zwanzig Jahren nicht
mehr viel von der Welt gesehen hat er heißt Gottschalk Grüß ihn von mir so
Gott will sind seine Sünden vergeben«
    Der Leutpriester verschwieg aber um welcher Sünden willen sein ehemaliger
Freund dort Busse tat Den hatte in teuren Zeiten das Kloster einst ins
Welschland gesendet Korn einzukaufen da kam er gen Verona und ward gut
aufgenommen vom streitsüchtigen Bischof Raterius und tat seine Andacht in der
ehrwürdigen Katedralkirche Dort lag unverschlossen im güldenen Sarg der Leib
der heiligen Anastasia und die Kirche war leer und den Gottschalk verführte der
Teufel dass er nach Deutschland wollte ein Angedenken mitbringen da nahm er von
der Heiligen Leib soviel er unter seiner Kutte mitschleppen konnte255 einen Arm
und einen Fuß und etliche Wirbelknochen und fuhr heimlich von dannen256 Aber
seine Ruhe war verloren von jener Stunde in Wachen und Traum stand die Heilige
vor ihm sie ging an der Krücke verstümmelt und zerrissen und forderte ihren Arm
zurück und ihren Fuß  über Schluchten und Alpenpässe folgte sie ihm an der
Schwelle des heimischen Klosters trat sie ihm dräuend entgegen da warf er halb
wahnsinnig die Reliquienbeute von sich und floh auf die Höhen beim Säntis den
Lebensrest büssend zu verbringen und schuf sich dort seine Klause
    Zwei Tage hatte der alte Moengal seinen jungen Freund beherbergt dann
schaffte er ihn nächtlich über den See »Geh mir nicht ins Kloster zurück«
sprach er beim Auseinandergehen »dass dich das dumme Gerede nicht umbringt
Spott schadet mehr als Strafe Es gehört dir ein Denkzettel aber die frische
Luft soll dir ihn bringen die hat ein Recht dazu die andern nicht« Speer und
Wolfspelz schenkte er ihm zum Abschied
    Scheu und heimlich zog Ekkehard von dannen Es war eine bittere Empfindung
da er nächtlich an seinem noch halb in Trümmern liegenden Kloster
vorüberschlich etliche Lichter glänzten zu ihm herüber er beflügelte seinen
Schritt Auch an der Abtszelle im Gebirgsland zog er ohne Ankehr vorbei er
wollte von des Klosters Leuten nicht erkannt sein
     Jetzt war sein Gebet beendigt Er schaute erwartungsvoll nach dem
Höhleneingang ob Gottschalk der Einsiedel nicht heraustrete und den neuen
Ankömmling begrüsse Es regte sich nichts die Höhle stund leer »Sancta
Anastasia ignosce raptori« »Heilige Anastasia verzeihe deinem Räuber« war
mit eingetrocknetem Kräutersaft an die lichte Felswand angeschrieben Ein
steingehauener Trog fing das herabtropfende Felswasser es lief über den Rand
herab
    Er trat in die Kammer Etliche tönerne Schüsseln standen bei einer
Steinplatte die als Herd gedient haben mochte Ein grobgarniges Fischnetz lag
in der Ecke Hammer Spaten ein verrostet Beil dabei auch viel zugeschnittene
Kienspäne
    Auf tannenen Scheitern war eine Streu geschüttelt von Moder und Gewürm
zerfressen Zwei Ratten sprangen vom Eintretenden verscheucht in eine Spalte
des Bodens
    »Gottschalk« rief Ekkehard durch die hohle Hand Dann tat er einen Schrei
wie er unter Leuten im Gebirg als Anruf üblich ist Aber niemand erschien
Nähere Umschau zeigte dass der Einsiedel nicht erst seit heute die Klause
verlassen In einem Krug war Milch zur Kruste eingetrocknet Da trat Ekkehard
betrübt wieder auf den schmalen Streif Erdreich der zwischen Höhle und Abgrund
das Stehen ermöglichte Sein Blick wandte sich zur Linken In weiter Ferne
blaute ein Stück Bodensee über den Bergrücken Die Pracht der Gebirgswelt
vermochte nicht ein Gefühl von unendlichem Weh zu bannen Einsam und
gottverlassen stand er auf der jachen Höhe Er reckte sein Ohr als müsse er
eines Menschen Stimme erlauschen Aber nur das einförmig leise Rauschen des
Windes durch die Tannen der Tiefe tönte herauf
    Seine Augen wurden feucht
    Es war spät geworden Wohin  Ein starker Hunger zerstreute seine
Gedanken Er trug noch für drei Tage Speise bei sich Da setzte er sich vor die
Höhle und verzehrte unter Tränen seinen Abendimbiss Sein Berg warf lange blaue
Schatten auf die Wände genüber nur die steinernen Gipfel glühten noch im
Sonnenlicht
    »Solang das Kreuz am Felsen steht werd ich nie ganz verlassen sein«
sprach er Er trug etliches Gras vom Abhang zusammen und richtete sich ein Lager
auf die Stelle des vermoderten Kühle Nachtluft zog herauf Da hüllte er sich in
Moengals geschenkten Mantel und legte sich nieder Der Schlaf ist ein gutes
Heilmittel für die Leiden der Jugend Er kam auch über Ekkehard trotz Herzeleid
und einsamer Felswildnis
    Die erste Dämmerung des Morgens zog über dem Haupte des Kamor auf nur der
Tagstern257 schien noch in schöner Farbe da fuhr Ekkehard aus dem Schlummer Es
war ihm als hab er ein lustig scharfes Hirtenjauchzen gehört Dann glänzte im
tiefen dunkeln Grund der Höhle ein Licht auf Er glaubte zu träumen als läg er
noch im Kerker und Praxedis nahe befreiend Aber das Licht kam näher
Fackelglanz brennenden Kienspans eine hochgeschürzte Maid trug die einfache
Leuchte Er sprang auf Unerschrocken stand sie vor ihm und sprach »Gott
willkommen«
    Es war ein keck halbwildes Wesen von gelblicher Hautfarbe und sprühenden
Augen aus den Flechten des dunkelschwarzen Haares glänzte eine schwere silberne
Nadel in Form eines Löffels der geflochtene Korb auf dem Rücken und der
Alpstock in der Rechten bezeichnete die Bewohnerin der Berge
    »Heiliger Gallus beschirme mich vor neuer Versuchung« dachte Ekkehard aber
sie rief vergnügt »Gott willkommen noch einmal Der Vater wird recht froh sein
dass wir einen neuen Bergbruder haben Man merkts an der wenigen Milch der Kühe
sagt er immer dass der alte Gottschalk tot ist«
    Es klang nicht wie die Stimme eines weiblichen Dämon
    Ekkehard war noch schlaftrunken Er gähnte »Vergelts Gott« sprach die
Maid »Warum vergelts Gott« fragte er
    »Weil Ihr mich soeben nicht verschluckt habt« lachte sie und eh er weiter
fragen konnte woher und wohin sprang sie mit dem Kienspan zurück und
verschwand in der Höhle
    Bald kam sie wieder Ein graubärtiger Senn in eine Decke von Lämmerfell
gehüllt folgte ihr
    »Der Vater wills nicht glauben« rief sie Ekkehard entgegen
    Bedächtig schaute der Hirt auf den fremden Gast Er war ein rauer Mann der
einst in grüner Jugendzeit beim alterkömmlichen Kraftspiel des Steinstossens den
hundertpfündigen Feldstein wohl über zwanzig Schritte weit von sich
geschleudert ohne einen Fuß zu verrücken sein gebräuntes Antlitz und seine
sehnigen nackten Arme waren jetzt noch Denkzeichen alter ungeschwächter Kraft
    »Ihr wollt unser Bergbruder sein« sprach er gutmütig zu Ekkehard und
reichte ihm die Hand »Recht so«
    Ekkehard war verlegen ob der wilden Erscheinung
    »Ich gedachte den Bruder Gottschalk zu besuchen« erwiderte er
    »Beim Strahl da kommt Ihr zu spät« sprach der Senn »Der hat sich
verfallen im vorigen Herbst258 es war eine böse Geschichte Schaut auf« er
wies ihm eine Felswand in die Tiefe  »auf jenen Hang ist er ins Laubsammeln
gegangen ich hab ihm selber geholfen da fuhr er auf einmal empor als hätt
ihn eine Schlange gebissen gegenüber auf den hohen Kasten hat er gedeutet
Heilige Anastasia rief er du bist wieder ganz und stehst auf beiden Füßen und
winkst mit beiden Armen  auf und davon ist er gesprungen als wär zwischen
dem Fels unten und dem hohen Kasten drüben kein Tal und kein Abgrund mit kyrie
eleison gings in die greuliche Tiefe  Gott hab ihn selig Aber erst im
heurigen Frühjahr haben wir den Leichnam gefunden zerklemmt in den Felsen und
die Lämmergeier waren drüber und haben einen Arm und ein Bein vertragen kein
Mensch weiß wohin «
    »Mach ihm keine Angst« sprach die Maid und stieß den Sennen an
    »Deswegen mögt Ihr Euch doch bei uns festsetzen« sprach der Senn »Ihr
bekommt was wir dem Gottschalk gaben Milch und Käs und drei Ziegen in den
Stall die mögen grasen wo sie wollen Im Notfall mögt Ihr auch mehr heischen
wir hier oben sind keine Geizkrägen und Musmehlspalter Ihr predigt uns dafür an
den Sonntagen und sprecht den Segen über Alm und Weiden dass Wetter und
Bergsturz kein Verderb bringen und läutet die Tagszeit«
    Ekkehard sah zweifelhaft in den starren Höhlenraum Es tat ihm wunderwohl
Menschen in der Nähe zu wissen aber rätselhaft wars woher sie kamen »Sind
Eure Almen in des Berges Tiefe« fragte er lächelnd
    »Er weiß nicht wo die Ebenalp steht« sprach das Hirtenkind mitleidig »Ich
wills Euch zeigen«
    Ihr Kienspan brannte noch
    Sie wandte sich dem Innern der Höhle zu die Männer folgten ihr Da gings
durch enge dunkle Wölbung ins Innere des Berges niedergestürztes Gestein
sperrte den Pfad oft mussten sie gebückt weiter kriechen Scharfe rötliche
Streiflichter zuckten auf den Kanten der Wände  dann fiel fahler Schimmer des
Tages herein Es ging in die Höhe dort öffnete sich ein Ausgang Die Hirtin
stieß ihren Span an die seltsam geformten Tropfsteingebilde die von der Decke
niederhingen dass er erlosch  noch etliche Schritte und sie stunden auf
weiter herrlicher Alp
    Würziger Duft von Alpenpflanzen umströmte sie da blühte Mannstreu und
Knabenkraut und blauer Eisenhut der prächtige Alpenschmetterling Apollo mit dem
rotleuchtenden Auge auf den Flügeln wiegte sich über den Blumenkelchen  nach
enger Höhlennacht erquickte ein weites unendliches Rundbild den Blick
    Noch lag der Frühnebel in den Tälern schwer unbeweglich zusammengeballt
als hätte überall ein gewaltiges Meer geströmt und wäre im Augenblick da es zu
sprühendem Schaum aufwogte versteinert worden aber klar und scharf schnitten
die Häupter der Berge ihren Umriss in das tiefe Blau der Himmelsdecke wie
riesige Inseln dem Schoss des Nebelmeers entsteigend Auch der Bodensee war
umnebelt in leisem Duft türmten sich die Reihen der fernen Gebirge an rätischer
Landmark mit ihren zackigen Felshörnern übereinand Friedlich tönte weidender
Herden Geläut von den Halden herauf In Ekkehards Gemüt klang es wie ein stolz
demütiges Morgengebet
    »Ihr bleibt bei uns« sprach der alte Senn »ich seh Euchs an den Augen
an«
    »Ich bin ein landfremder Mann« erwiderte Ekkehard traurig »mich hat der
Abt nicht gesendet«
    »Das gilt gleich« rief der Alte »Wenns uns recht ist und dem Säntis dort
droben so hat niemand was drein zu reden Des Abts Twing und Bann reicht nicht
in unsere Höhen wir zahlen ihm den Herdenzins wenn seine Vögte am
Milchprüfungstag259 zur Schau unserer Senntümer heraufkommen weils alter
Brauch ist aber sonst Sein Grund und Boden pflanz ich nicht nach seiner
Pfeife tanz ich nicht260 heißts hierzulande«
    »Schaut her«  er wies Ekkehard eine graue Bergspitze die aus
langgestreckten Eisfeldern einsam aufragte  »das ist der hohe Säntis der ist
Herr in den Bergen vor dem schwenken wir den Hut sonst vor niemand Dort zur
Rechten ist der blaue Schnee da war früher Alm und Weide und saß ein
übermütiger Mann drauf der war ein Riese und ihm wuchsen die Herden und der
Stolz dass er sprach ich will König sein über alles was mein Auge umfasst Aber
in des Säntis Tiefen hub sich ein Donnern und Beben und der Felsgrund regte sich
und Eisströme rannen hervor und deckten den Riesen samt Hütte und Stall und Vieh
und Alm und vom blauen Schnee wehts jetzt noch frierend herunter  ein
Denkzeichen dass neben dem Alten der Berge keiner zur Herrschaft berufen«
    Der Hirt schuf Ekkehard Vertrauen Trotzige Kraft und gutes Herz strömte in
seinen Worten Sein Kind hatte einen Strauss Alpenrosen gepflückt und reichte sie
Ekkehard dar
    »Wie heißt du« fragte er
    »Benedicta« sprach sie
    »Das ist ein guter Name« sagte Ekkehard und steckte die Alpenrosen in den
Gürtel seiner Kutte »ich bleibe bei euch«
    Da schüttelte ihm der alte Senne die Rechte dass sie in ihren Grundfesten
erbebte dann griff er das Alphorn das er an rohhäutigem Riemen auf der
Schulter trug und blies ein seltsam klingendes Zeichen Aus Höhen und Tiefen
klangs antwortend herüber die benachbarten Sennen kamen herbei starke wilde
Hirten und standen zu dem Alten den sie in der Frühlingszeit seiner
Tüchtigkeit halber zum Alpmeister und Aufseher über die Bergweiden der Ebenalp
erwählt
    »Wir haben einen Bergbrüder überkommen« sprach er »es wird keiner von euch
dawider schelten und tosen261«
    Und sie erhoben alle die Hände als Zeichen der Zustimmung und gingen auf
Ekkehard zu und hießen ihn willkommen und er ward gerührt und machte das
Zeichen des Kreuzes über sie
    So ward Ekkehard Einsiedel auf dem Wildkirchlein und wusste eigentlich selber
nicht wie Der Senn von der Ebenalp hielt Wort und half ihm sich einzurichten
und stellte ihm drei Ziegen ein und wies ihm den Pfad zwischen Kluft und Spalt
zum Seealpsee hinunter wo die großen Forellen schwimmen und schindelte ihm die
Lücken zu die tropfend Gewässer und Unbill des Wetters in das Dach von
Gottschalks Blockhaus geschlagen Mählich gewöhnte sich Ekkehard an die Enge des
Raumes vor seiner Behausung und wie der nächste Sonntag kam trug er das
hölzerne Kreuz ins Innere der vorderen Höhle wand einen Kranz Blumen drum zog
die Glocke die aus Gottschalks Zeiten am Eingang hing  sie trug das Zeichen
Tanchos des tückischen Glockengiessers von Sankt Gallen und als seine Sennen
mit Buben und Mägdlein beisammen waren hielt er der kleinen Gemeinde eine
Predigt über das Evangelium von der Verklärung und sprach darüber dass ein jeder
Mensch der mit rechtem Sinn zu Bergeshöhen steige ein verklärter werde »Und
wenn auch Moses und Elias nicht zu uns herabtreten« rief er »so haben wir den
Säntis und den Kamor bei uns stehen das sind auch Männer eines alten Bundes und
es ist gut bei ihnen sein«
    Seine Worte waren groß und keck und er wunderte sich dass sie ihm so
entströmten denn es war schier ketzerisch und er hatte in keinem Kirchenvater
solch Gleichnis gelesen Aber den Sennen wars recht und den Bergen auch und
niemand tat Einsprache
    Des Mittags kam Benedicta das Hirtenkind ein silbern Kettlein schmückte
das Sonntagsmieder das wie ein Panzer die Brust umschloss Sie brachte einen
sauberen eschenholzenen Milchkübel drauf war in kunstlosen Linien eine Kuh
geschnitzt »Den schickt Euch der Vater« sagte sie »darum dass Ihr so
auferbaulich geprediget und von den Bergen Gutes gesprochen  und wenn Euch
einer was Leides tun will sollt Ihr wissen wo die Ebenalp steht«
    Sie warf etliche Handvoll Haselnüsse aus ihrer Schurztasche in das
Milchgefäss »die hab ich für Euch gepflückt« sagte sie »und ich weiß noch
mehr wenn sie Euch schmecken«
    Bevor sich Ekkehard bedanken konnte war sie in der Höhlentiefe
verschwunden
»Schwarzbraun sind die Haselnüss
Und schwarzbraun bin auch ich
Und wenn mich einer lieben will
So muss er sein wie ich«
tönte verklingend ihr schalkhafter Gesang durch die Klause
    Ekkehard lächelte wehmütig
    Aber ganz war der Sturm in seinem Herzen noch nicht geschwichtigt es hallte
und tönte in ihm nach wie der Donner des Alpengewitters der an ferner Bergwand
zu neuem Dröhnen sich zusammenrafft
    Eine riesige Felsplatte war bei der Höhle niedergestürzt schmelzendes
Schneewässer hatte sie im Frühling losgenagt sie sah aus wie die Decke eines
Grabmals Dort saß er oft er nannte sie stillschweigend das Grab seiner Liebe
oft kams ihm vor als ruhe die Herzogin und er selber in kühlem Schlaf der
Toten darunter und er saß drauf und schaute über die tannumsäumten grünen
Rücken nach dem Bodensee hinüber und träumte Es war ihm nicht gut dass er den
See von seiner Klause erschauen konnte wunde Rückerinnerung durchschmerzte sein
Inneres Oft wollt er zornig aufbrausen oft bog er sich abendlich um die Ecke
seines Felsens in der Richtung des Untersees und hauchte Grüße hinaus262 Wem
galten sie
    Der Traum der Nacht war wirr und bewegt Er sah sich wieder in der
Burgkapelle und die ewige Lampe schwebte über der Herzogin Haupt wie damals und
wie er auf seine Gebieterin zustürzen wollte hatte sie das Antlitz der Waldfrau
und lachte ihm höhnisch ins Gesicht und wenn er frühmorgens von seinem
Streulager aufsprang hörte er sein eigen Herz pochen und das Wort Frau Hadwigs
»O Schulmeister warum bist du kein Kriegsmann worden« verfolgte ihn bis die
Sonne hoch am Himmel stand oder der Anblick Benedictas es verscheuchte
    Oft warf er sich ins kurze schwellende Gras am Abhang und überdachte die
letzten Monate in läuternder Schärfe der Alpenluft prägten sich Gestalten und
Ereignisse klar vor seinem Denken es peinigte ihn das Gefühl dass er sich zag
und scheu und töricht benommen und nicht einmal die Aufgabe gelöst eine
Geschichte zu erzählen wie Herr Spazzo und Praxedis »Ekkehard du bist
lächerlich geworden« sprach er höhnisch leise zu sich selber und vermeinte
dabei er müsse an den Felswänden sein Gehirn anrennen
    Melancholisch Gemüt zehrt lang an erlittener Beschädigung und vergisst in
seinem Brüten dass tadelhafte Tat nur durch nachfolgende bessere im Gemüt der
Menschen verwischt wird
    Darum war Ekkehard noch nicht reif für die klärenden Wonnen der Einsamkeit
Der haftende Eindruck vergangenen Leids tat eine seltsame Wirkung wenn er in
seiner Höhlenstille saß glaubte er Stimmen zu hören die spottend mit ihm
plauderten von törichten Hoffnungen und den Täuschungen der Welt Flug und Ruf
der Vögel klang ihm wie kreischender Schrei der Dämonen und sein Gebet half
nicht dawider Wenn Schauer der Wildnis den Geist erfüllt täuscht sich Ohr und
Auge und glaubt die alten Sagen dass alles von Mitte der Luft bis hernieder und
die Erde selber da wo sie unbauhaft263 erfüllt sei vom Reigentanz ewig
lebender Geister
    Es war eine weiche würzige Spätsommernacht er wollte sich auf sein einfach
Lager werfen da schien der Mond in scharfem Glanz die Höhle an zwei weiße
Wolken zogen langsam einander nach er hörte wie sie zueinander sprachen und
die eine Wolke war Frau Hadwig die andere Praxedis »Ich will doch sehen wie
die Ruhestatt eines flüchtigen Toren aussieht« sprach die vordere weiße Wolke
und streifte eilend über die Scheitel der wagrechten Wände und stand gegenüber
der Höhle über dem Kamor dann senkte sie sich nieder zu den Tannen die talab
in unzähligen Reihen standen »Er ists« rief die Wolke »greifet den Frevler«
und die Tannen wurden lauter Mönche tausend und aber tausend und wurden
lebendig und zogen wimmelnd aus und begannen die Abhänge des Wildkirchlein zu
ersteigen psalmend und rutenschwingend  da sprang Ekkehard schauernd auf und
griff seinen Speer  jetzt wars als wenn Irrlichter aus der Höhlentiefe
vorhüpften »hinaus aus den Alpen« riefs hinter ihm  alle Adern fieberten da
rannte er fort über den schmalen Steg an den dräuenden Felsüberhängen hinaus in
die Nacht wie ein Verzweifelter Noch stand die zweite Wolke beim Mond »Ich
kann dir nicht helfen« sprach sie mit Praxedis Stimme »ich weiß den Weg nicht
«
    Er rannte bergab das Leben war ihm eine Qual und doch tastete er am
abspringenden Boden und stemmte den Speer ein um nicht hinabzustürzen und den
herankletternden Spukgestalten in die Hände zu fallen
    Der nächtliche Rutsch den Hohentwiel hinab war ein Kinderspiel gegen dieses
Klimmen über schwindelnden Abgrund der Gefahr unwissend kam er zur Tiefe Die
Ziegen stürzen dort in zerschmetterndem Fall zu Tale wenn sie die Augen von
Gras und Berghang weg zur halsbrechenden Schlucht wenden
    Jetzt stand er unten da lag geheimnisvoll lockend der grüne Seealpsee vom
Mondlicht umzittert Von den verfaulten Stämmen am Ufer ging ein gespenstig
Scheinen Es ward trüb vor Ekkehards Blick »Nimm du mich auf« rief er »mein
Herz will Ruhe«
    Er rannte hinein in die stille glatte Flut  aber der Boden wich nicht
unter ihm wohltätig kühlend drang ihm des Bergsees Frische durch Mark und Bein
    Schon stund er bis an die Brust im Wasser da hemmte er seinen Schritt Wirr
schaute er auf die weißen Wolken waren verschwunden vom Mond in Duft zerlöst
traurig prächtig funkelte Stern an Stern ihm zu Häupten
    In kühn phantastischer Linie schwang die Möglisalp ihren bis zur höchsten
Höhe grasumwachsenen Gipfel mondaufwärts ihr zur Linken ruhig und ernst das
durchfurchte Haupt des alten Mann zur Rechten aus gedoppeltem Eisfeld sich
emportürmend die graue Pyramide des Säntis Zacken und Felshörner ringsum wie
furchtbare Schrecken der Nacht Da kniete Ekkehard auf den Steinboden des Sees
dass ihm die Flut über dem Haupt zusammenschlug dann tauchte er wieder auf und
stund unbeweglich die Arme hoch erhoben wie ein Beter264
    Der Mond ging über dem Säntis unter bläulicher Schimmer leuchtete auf dem
alten Schnee der Gletscher da zuckte ein stechender Schmerz durch Ekkehards
Gehirn die Berge um ihn tanzten und schwankten sausendes Getön strömte durch
die Wälder aufschäumte der See viel tausend werdende Frösche in schwarzer
Kaulquappengestalt wimmelten in den Wogen  Aber in tauiger Schöne stieg die
Gestalt eines Weibes265 empor und entschwebte bis zum Gipfel der Möglisalp dort
saß sie im samtweichen Grün und strich das Wasser aus dem langen triefenden Haar
und flocht sich einen Kranz aus Alpenblumen in den Schluchten hob sich ein
Krachen der Säntis reckte sich auf der alte Mann zur Rechten nicht minder
Gestalten himmelstürmenden Ursprungs tobten sie gegeneinand der Säntis griff
seine Wände und schleuderte sie hinüber und der alte Mann riss sich sein Haupt
ab und warfs auf die Säntispyramide  jetzt stund der Säntis zur Rechten und der
alte Mann floh vor ihm zur Linken aber die Jungfrau des Sees saß in lächelnder
Ruhe auf ihrer Alpe und spottete der steinernen Zweikämpfer und rang ihr
felsgelbes Gelock draus entströmte perlender Wasserfall und strömte stärker und
strömte wilder und wirbelte die Maid mit den feuchten Augen rauschend hinab in
den See  da schwichtigte sich das Toben der Berge der Altmann griff sein
weggeworfenes Haupt und setzte es auf und wandelte schmerztraurig jodelnd zurück
zur Kluft in die er gehörte und der Säntis stund wieder am alten Platz und
seine Schneefelder leuchteten wie vordem
     Als Ekkehard des andern Tages erwachte lag er in seiner Höhle von
fiebrigem Frost durchschüttelt  in den Knieen todmüde Zerbrochenheit
    Die Sonne stand in der Mittagshöhe
    Benedicta huschte draußen vorbei und sah ihn zitternd daliegen den
Wolfspelz umgeschlagen Die Kutte hing triefend und wasserschwer über einem
Felsstück
    »Wenn Ihr wieder Forellen im Seealpsee fangen wollt Bergbruder« sprach
sie »so lasst michs wissen dass ich Euch führe Der Handbub der Euch vor
Sonnenaufgang begegnete hat gesagt Ihr seid den Berg heraufgewankt wie ein
Nachtwandler«
    Sie ging und läutete die Mittagglocke für ihn
 
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel
                                Auf der Ebenalp
Sechs Tage lang war Ekkehard krank gelegen Die Sennen pflegten ihn ein Trank
aus blauem Enzian gekocht schwichtigte das Fieber Die Alpenluft tat das ihre
Eine starke Erschütterung war ihm notwendig gewesen um an Körper und Geist das
gestörte Gleichgewicht herzustellen Jetzt wars in Ordnung Er hörte keine
Stimmen und sah keine Phantasmen mehr Lindes Gefühl von Ruhe und aufsprossender
Gesundheit durchströmte ihn es war jener Zustand sanfter Ankraft der
schwermütigen genesenden Menschen so wohl ansteht Sein Denken war ernst aber
nimmer bitter
    »Ich hab von den Bergen was gelernt« sprach er zu sich selber »Toben
hilft nicht wenn auch die zauberreichste Maid vor uns sitzt der Mensch muss von
Stein werden wie der Säntis und kühlenden Eispanzer ums Herz legen kaum der
Traum der Nacht soll wissen wie es drinnen kocht und glüht das ist besser«
    Und mählich ward ihm die Trübsal der letzten Vergangenheit in mildem Duft
verklärt er dachte an die Herzogin und alles was auf dem hohen Twiel
geschehen es tat ihm nimmer weh Und das ist das Fürtreffliche gewaltiger
Natur dass sie nicht nur sich selber als ein mächtig wirkend Bild vor den
Beschauenden stellt sondern den Geist überhaupt ausweitend anregt und
fernliegende verschwundene Zeit im Gedächtnis wieder heraufbeschwört Ekkehard
hatte lang nimmer auf die Tage seiner Jugend rückgeschaut jetzt flüchtete
sich sein Denken am liebsten dorthin als wär es ein Paradiesgarten aus dem
ihn der Sturm des Lebens hinausgeweht Er hatte etliche Jahre in der
Klosterschule zu Lorsch am Rheine verbracht damals ahnte er nicht was in der
Frauen dunkeln Augen für herzverzehrende Glut verborgen glimmt die alten
Pergamente waren seine Welt
    Aber eine Gestalt stand ihm schon damals fest ins Herz geschrieben das war
der Bruder Konrad von Alzei An ihn den wenig Jahre älteren hatte Ekkehard die
erste Neigung junger Freundschaft geheftet ihr Lebensweg ging auseinand es war
Gras gewachsen über die Tage von Lorsch jetzt tauchten sie strahlend vor der
Betrachtung auf gleich dem dunkeln Hügelland der Fläche wenn die Morgensonne
ihre Strahlen drauf geworfen
    Es ist mit des Menschen Geist wie mit der Rinde der alten Erde auf den
Anschwemmungen der Kindheit türmen sich in stürmischer Hebung neue Schichten
auf Fels und Grat und hohe Bergwand die bis in den Himmel zu reichen wähnt
und der Boden drauf sie ruht ist mit Trümmern überschüttet und vergessen 
aber wie die starren Gipfel der Alpen oft sehnsüchtig zu Tale schauen und sich
heimwehbewältigt hinabstürzen in die Tiefe der sie entstiegen so fährt die
Erinnerung zurück in die Jugend und gräbt nach den Schätzen die sie unbeachtet
beim tauben Gestein zurückließ
    Jetzt flog Ekkehards Denken oftmals zu seinem treuen Gespan er stund wieder
mit ihm unter der rundbogigen säulengetragenen Vorhalle er betete mit ihm an
den alten Königsgräbern und am Steinsarg des blinden Herzog Tassilo er
wandelte mit ihm durch die schattigen Gänge des Klostergartens und lauschte
seinen Worten  und was Konrad damals gesprochen war hehr und gut denn er
schaute mit dem Aug eines Dichters in die Welt und es war als müssten Blumen
am Wege aufspriessen und die Vögel lustig begleitend drein schmettern wenn sein
Mund sich auftat zu honigsüsser Rede
    »Schau auf Kind Gottes« hatte Konrad einmal zum jungen Freund gesagt da
sie von der Warte des Gartens hinabschauten ins Land »dort wo die weißen
Sanddünen aus dem Feld aufragen ist ehemals Fluss gewesen und Strömung des
Neckar so geht die Spur vergangener Menschengeschichten durch die Felder der
Nachkommen und es ist schön wenn sie des achtaben Und hier am Rhein ist
heiliger Boden es wäre Zeit dass wir das sammeln was drauf gewachsen eh uns
das leidige Trivium und Quadruvium den Sinn dafür abtötet«
    Und an fröhlichen Vakanztagen war Konrad mit ihm in den Odenwald gewandert
da rieselte im grünen Birkental versteckt eine Quelle draus tranken sie und
Konrad sprach »Neige dein Haupt hier ist der Totenhain und Hagens Buche und
Siegfrieds Bronn hier ward dem besten aller Recken vom grimmen Hagen der Speer
in den Rücken gerannt dass die Blumen allentalb von rotem Blut ertauten dort
auf dem Sedelhof hat Chriemhildis um den Erschlagenen getrauert bis des
Hunnenkönigs Boten kamen um die junge Witib zu werben«  und er erzählte ihm
all die alten Mären von der Königsburg zu Worms und vom Nibelungenschatz und
von Chriemhildis Rache und seine Augen sprühten »Schlag ein« rief er dem
jungen Freunde zu »wenn wir Männer sind und des Sanges geübt wollen wir ein
Denkmal setzen den Geschichten am Rhein es gärt und braust schon in mir wie ein
gewaltig Lied von Heldentapferkeit und Not und Rache und Tod und die Kunst des
hörnen Siegfried sich zu festen und zu feien weiß ich wenns auch keine
Drachen mehr zu erschlagen und kein Blut mehr abzukochen gibt wer mit heiligem
Sinn die Waldluft schlürft und die Stirn mit dem Morgentaue netzt dem geht das
gleiche Verständnis auf er hört was die Vögel von den Zweigen singen und was
der Sturmwind von alten Mären kündet und wird stark und so fest und wenn er
das Herz am rechten Fleck hat schreibt ers nieder zu Nutz und Frommen der
anderen«
    Ekkehard aber hatte schier furchtsam den fröhlich Übermütigen angeschaut und
gesagt »Mir wird schier schwindlig wenn ich dir zuhöre wie du ein anderer
Homerus zu werden gedenkst« Und Konrad sprach lächelnd »Eine Ilias soll keiner
singen nach Homerus aber das Lied der Nibelungen ist noch nicht gesungen und
mein Arm ist grün und mein Mut ist stark und wer weiß was die Folge der Zeiten
bringt«
    Und ein andermal gingen sie am Gestade des Rheines und die Sonne spiegelte
sich über den Bergen des Wasgauwaldes herunter in den Wellen da sprach Konrad
»Für dich wüsst ich auch einen Sang der ist einfach und nicht allzu herb und
passt zu deinem Gemüt denn du horchst lieber dem Schalle des Jagdhorns als dem
Rollen des Donners Schau auf so wie heute hat einst die Zinne von Worms
herübergeglänzt da der Held Waltari von Aquitanien aus der
Hunnengefangenschaft fliehend ins Frankenland ritt hier hat ihn der Ferg
übergefahren samt seiner Liebsten und seinem Goldschatz nach dem Walde ist er
geritten der dort blaudunkel ragt das gab am Wasichenstein ein hartes Fechten
und Funkensprühen von Helm und Schilden da ihm die Wormser nachrückten aber
die Lieb und ein gut Gewissen hat den Waltari stark gemacht dass er sie alle
bestand den König Gunter und Hagen selbst den Grimmen«
    Und er hatte ihm die Sage weitläufig erzählt »um große Riesenbäume treibt
allerhand wilder Schoss« sprach er »so ist auch um die Nibelungensage ringsum
viel ander Buschwerk aufgespriesst aus dem sich etwas zuschneiden lässt wenn
einer Freude dran hat sing du den Waltari«
    Aber Ekkehard ließ damals Kiesel über die Rheinflut tanzen und verstand
seinen Freund nur halb er war ein frommer Schüler und sein Sinn aufs nächste
gerichtet Die Zeit trennte die beiden und Konrad musste die Klosterschule
fliehen weil er einst gesagt des Aristoteles Logika sei eitel leeres Stroh
und war in die weite Welt gegangen niemand wusste wohin und Ekkehard kam nach
Sankt Gallen und hatte fort und fort studiert und war ein verständiger junger
Mann geworden den sie zum Professor tauglich fanden und dachte an den Alzeier
Konrad oft schier mit einem vornehmen Mitleid
    Aber ein triebkräftig Samenkorn kann in des Menschen Herz lange verborgen
ruhen und geht zuletzt doch auf wie der Weizen aus den Mumiensärgen
Ägyptenlands
    Dass Ekkehard jetzo freudig jener Erinnerungen pflegte war ein Zeichen dass
er seither auch ein anderer geworden
    Und es war gut so Die Launen der Herzogin und Praxedis unbefangene Grazie
hatten sein blödes schwerfällig gründliches Wesen geläutert die große Zeit
die er durchlebt das Sausen der Hunnenschlacht hatten Schwung in seine
Gesinnung getragen und ihn das Getrieb kleinen Ehrgeizes verachten gelehrt
jetzt trug er einen großen Schmerz in sich der ausgetobt sein musste  so war
der Klostergelehrte trotz Kutte und Tonsur in der glücklichen Umwandlung zum
Dichter begriffen und schritt einher gleich der Schlange die sich aus der alten
Umhäutung losgerungen und nur der Gelegenheit wartet ihre ganze Hülle wie einen
abgetragenen Rock an der Hecke abzustreifen
    Täglich und stündlich wenn er die allezeit schönen Gipfel seiner Berge
anschaute und die reine Luft mit vollen Zügen einsog kam es ihm mehr als ein
Rätsel vor dass er seines Lebens Glück erst im Erklären und Deuten vergilbter
Schriften gesucht und hernachmals an einer stolzen Frau schier den Verstand
eingebüßt »lass stürzen Herz« sprach er »was nicht mehr stehen mag und bau
dir eine neue Welt bau sie dir tief innen luftig stolz und weit strömen und
verrinnen lass die alte Zeit«
    Er ging wieder vergnügt in seiner Klause umher eines Abends hatte er die
Vesperzeit geläutet da kam der Senn von der Ebenalp er trug etwas sorgsam in
einem Tuch »Gott grüß Bergbruder« sprach er »es hat Euch ordentlich
geschüttelt hab heut was für Euch aufgelesen zur Nachkur aber Eure Backen
sind rot und Eure Augen fröhlich da ists nimmer nötig« Er öffnete sein Tuch
es war ein wimmelnder Ameisenhaufen alt und jung samt trockenen Fichtennadeln
er schüttelte das fleißige Völklein die Felswand hinunter
    »Ihr hättet sonst heute nacht drauf schlafen müssen« sprach er lachend
»das beizt die letzte Spur von Fieber hinweg«
    »Es ist vorbei« sprach Ekkehard »ich dank Euch für die Medizin«
    »Aber macht Euch warm ein« sagte der Senn »es streicht eine schwarze Wolke
über den Brülltobel her und die Kröten schleichen aus den Steinritzen vor das
Wetter will umschlagen«
    Am andern Morgen glänzten alle Gipfel in frischem blendendem Weiß Es war
ein starker Schnee gefallen Aber für Winters Anfang wars noch viel zu früh
Die Sonne stieg lustig drüber auf und peinigte den Schnee mit ihren Strahlen
dass es ihn schier gereute gefallen zu sein Wie Ekkehard abends beim
Kienspanlicht saß schlug ein Krachen und Dröhnen an sein Ohr als wollten die
Berge einstürzen Er fuhr zusammen und legte die Hand an die Stirn ob das
Fieber nicht wiederkomme
    Aber es war kein Spuk kranker Einbildung
    Dumpfer Widerhall wälzte sich genüber durch die Schluchten der Sigelsalp und
Maarwiese dann klangs wie ein Zusammenbrechen mächtiger Baumstämme und
schütternder Fall  und verklang Aber ein leis klagendes Brummen tönte die
ganze Nacht durch vom Tal herauf
    Ekkehard schlief nicht Seit er am Seealpsee herumgeirrt traute er sich
nimmer In aller Frühe ging er zur Ebenalp hinauf Benedicta stand vor der
Sennhütte und warf ihm einen Schneeball in die Kutte Der Senn lachte als er
ihn ob des nächtlichen Lärms befragte
    »Die Musik werdet Ihr noch oft hören« sprach er »es ist eine Lawine zu Tal
gestürzt«
    »Und das Brummen«
    »Wird Euer eigen Schnarchen gewesen sein«
    »Ich hab nicht geschlafen« sagte Ekkehard Da gingen sie mit ihm hinunter
und horchten Es war ein fernes Stöhnen im Schnee
    »Sonderbar« sprach der Senn »es ist was Lebendiges verschüttet«
    »Wenn der Pater Lucius von Quaradaves noch lebte«  sagte Benedicta »der
hat so eine sanfte Bärenstimme gehabt«
    »Schweig du wilde Hummel« drohte ihr Vater Sie holten Schaufel und
Bergstock der Alte nahm sein Handbeil mit so stiegen sie mit Ekkehard den
Spuren der Lawine nach Die war von der Felswand zum Äscher herabgefahren über
Grund und Steingerölle und hatte die niedrigen Fichtenstämme geknickt wie
Strohhalme drei mächtige Blöcke die gleich Schildwachen ins Tal hinabschauten
hemmten den Sturz dort hatte sich der wandernde Schnee zürnend aufgebäumt
weniges war auch über diese Schranke weggesaust der Kern zerbröckelt von der
Wucht des Anpralls lag in trümmerhafter Masse getürmt Der Senn legte sein Ohr
an die Schneedecke dann trat er etliche Schritte hinein stieß den Bergstock
ein und rief »Hier graben wir«
    Und sie gruben eine gute Weile und gruben einen Schacht also dass sie tief
drinnen standen und über ihren Häuptern die Schneemauer sich erhob und bliesen
oftmals in die Hände bei der kalten Arbeit Da jodelte der Senn hell auf und
Ekkehard tat einen Schrei  ein schwarzer Fleck kam zum Vorschein der Senn
sprang zum Beil noch etliche Schaufelstösse da hob sichs in zottiger
Schwerfälligkeit und richtete sich brummend auf und reckte seine Vordertatzen
weit empor gen Himmel wie einer der sich schweren Schlaf aus den Gliedern
bannen will und stieg langsam zu dem Fels und setzte sich drauf
    Es war eine mächtige Bärin die auf nächtlichem Gang zu den Forellen des
Seealpsees samt ihrem Ehgemahl dort überschüttet worden Aber der Bär rührte
sich nimmer der war an ihrer Seite erstickt und lag in kühlem Todesschlaf
einen trotzigen Zug um die Schnauze als wär er mit einem Fluch auf allzu
frühen Schneefall vom süßen Dasein geschieden
    Der Senn wollte mit seinem Beil wider die Bärin ausziehen aber Ekkehard
hielt ihn zurück und sprach »Lasst ihr das Leben wir haben genug an dem da«
und sie zogen ihn herfür und mochten ihn kaum selbander von der Stelle bringen
Die Bärin saß auf ihrem Stein und schaute betrübt herunter und brummte und warf
einen feuchten Blick auf Ekkehard als habe sie ihn verstanden Dann stieg sie
hernieder aber nicht wie zum Angriff die Männer banden Fichtengezweig zu einer
Schlinge zusammen die Beute fortzuschleifen sie traten zurück Beil und Speer
geschwungen die Bärenwitib aber beugte sich über den toten Ehegespons und biss
ihm das rechte Ohr ab und frass es auf zu ewigem Angedenken an glückliches
Ehemals dann wandte sie sich gegen Ekkehard auf den Hinterfüssen
einherwandelnd Er erschrak als drohte ihm eine Umarmung da schlug er ein
Kreuz und sprach den Bärensegen des heiligen Gallus wider sie »Zeuch aus und
weiche von unserem Tal du Ungetüm des Waldes Berg und Alpenschlucht seien dein
Revier uns aber lass in Ruh und die Herden der Alm266« Und die Bärin war still
gestanden im Aug einen bitter wehmütigen Blick als wäre sie gekränkt ob der
Verschmähung ihres Gefühls sie ließ die Tatzen zur Erde sinken drehte dem
Bannenden den Rücken und schritt auf allen vieren von dannen Noch zweimal hatte
sie umgeschaut ehe sie aus dem Blick der Bergbewohner verschwand
    »So ein Tier hat zwölf Männer Verstand und sieht dem Menschen an den Augen
an was er will« sprach der Senn sonst würd ich sagen »Ihr seid ein heiliger
Mann dass Euch die Völkerschaften der Wildnis gehorchen«
    Er wiegte die Tatzen des Toten prüfend im Arm
    »Juhuhu das wird ein Festschmaus Die verzehren wir am nächsten Sonntag
Bergbruder und ein Salätlein von Alpenkräutern dazu Das Fleisch gibt
Wintervorrat für uns zweibeide ums Fell losen wir«
    Wie sie das Opfer der Lawine zum Wildkirchlein emporschleiften sang
Benedicta
»Und wer Schneeglöcklein graben will
Und hat das Glück dabei
Der gräbt wohl einen Bären aus
Und gräbt auch ihrer zwei«
    Der Schnee war ein luftiger Flutterschnee267 gewesen und war in Bälde wieder
zerschmolzen Spätsommer zog noch einmal mit herzwärmender Kraft in den Bergen
ein ein stiller Sonntagfriede lag über dem Hochland
    Ekkehard hatte des Mittags mit dem Senn und seiner Tochter die Bärentatzen
verzehrt eine lecker kräftige Speise rau aber stark wie die Altvorderen
selber dann war er hinaufgestiegen auf den Gipfel der Ebenalp und hatte sich
ins duftende Gras geworfen und schaute behaglich in die Himmelsbläue von
wohligem Hauch der Gesundheit erquickt Um ihn weideten Benedictas Ziegen
schier wars zu hören wie das Alpengras zwischen den Zähnen der Kauenden sich
bog und zerbrach Unstetes Gewölk zog an den Bergwänden herum  auf weißer
Kalksteinplatte dem Säntis zugewendet saß Benedicta sie blies auf der
Schwegelpfeife Einfach melodisch wie ein Klang aus ferner Jugendzeit tönte die
Weise mit zwei hölzernen Milchlöffeln in der Linken schlug sie den Takt dazu
Sie war Meisterin in dieser Kunst und ihr Vater pflegte oftmals mit Bedauern zu
sagen »Es ist schade sie verdiente Benedictus zu heißen  sie hätt wahrlich
einen tollen Handbuben gegeben«
    Wenn die Tonweise rhytmisch zu Ende ging tat sie einen scharfen Jodelruf
zur benachbarten Alp dann schallte von dort sanftkräftiges Blasen des Alphorns
herüber ihr Liebster der Senn auf der Klus stand unter dem zwergigen
Fichtenbaum und blies den Kuhreigen268  jenen seltsamen Naturlaut der keiner
Melodei vergleichbar erst dumpfes Geräusch scheint als säße eine Hummel oder
ein Käfer im Horn eingesperrt und suche summend den Ausweg der aber mählich und
mählich das große Lied von Sehnsucht Liebe und Heimweh in alle Gänge des
Menschenherzens hinein drommetet dass es aufjubelt oder zerbricht
    »Ich glaube Euch ist wieder ganz wohl Bergbruder« rief Benedicta zu
Ekkehard herauf »dass Ihr Euch so vergnügt auf den Rücken strecket Gefällts
Euch«
    »Ja« sprach Ekkehard »pfeif weiter«
    Er konnte sich nicht satt schauen an all der Pracht Zur Linken stund in
schweigender Größe der Säntis mit seiner Sippe  er kannte schon all die
einzelnen Häupter bei ihren Namen und hieß sie seine lieben Nachbarn vor ihm
breitete sich ein Gewimmel niedrigerer Berge und Hügel aus grünes üppiges
Mattenland und dunkle Wälder ein Stück Rheintal glänzte herauf von den Höhen
des Arlbergs und fernen Rätischen Alpen umsäumt  ein dunstiger Streif Nebel
deutete das Becken des Bodensees an das er umhüllte  alles war weit und groß
und schön
    Wer das Geheimnis erlauscht hat das auf luftiger Berghöhe waltet und des
Menschen Herz weitet und dehnt und himmelan hebt in freiem Schwung der Gedanken
den fasst ein lächelnd Mitleid wenn er derer gedenkt die drunten in der Tiefe
Ziegel und Sand zum Bau neuer babylonischer Türme beischleppen und er stimmt
ein in jenes rechtschaffene Jauchzen von dem die Hirten sagen dass es vor Gott
gelte wie ein Vaterunser
    Die Sonne stund über dem Kronberg und neigte sich zum Untergang und sprühte
ein glühgolden Feuer an den Himmel und schoss lustig ihre Strahlen in den Nebel
über dem Bodensee Itzt riss die weiße Umhüllung in leiser ahnungsvoller Bläue
lag der Untersee vor Ekkehards Blick sein Auge schärfte sich im Glanz des
Abends er sah einen verschwindenden dunkeln Punkt das war die Reichenau er
sah einen Berg kaum hob er sich am Himmelsgrund aber er kannte ihn  es war
der hohe Twiel
    Und der Kuhreigen tönte ins Herdengeläut und wärmer und wärmer färbte sich
alles auf der Alp goldbraungrün leuchteten die Matten leiser Abglanz der Röte
warf sich auf die grauen Kalksteinwände des Kamor da hub sich auch in Ekkehards
Seele ein Leuchten und Glänzen  die Gedanken flogen hinüber ins ferne Hegau
und weiter es war ihm als säße er wieder bei Frau Hadwig auf dem Hohenstoffeln
wie damals als sie des Hunnen Kappan Hochzeit feierten als käme Audifax mit
Hadumot aus der Hunnennot heimgeritten als säh er das Glück in Gestalt jener
zwei verkörpert und aus dem Schutt vergangener Zeit tauchte auf was der
sinnige Konrad von Alzei ihm dereinst von Waltari und Hiltgunde erzählt mit
Sang und Klang zog der Geist der Dichtung bei ihm ein er sprang auf und tat
einen Satz in die Luft dass der Säntis seine Freude an ihm haben mochte »Im
Bild der Dichtung soll das arme Herz sich dessen freuen was ihm das Leben
nimmer bieten kann an Reckenkampf und Minnelohn  ich will das Lied vom
Waltari von Aquitanien singen« rief er der scheidenden Sonne zu und es war
ihm als stünde drüben in der Gemsenlucke zwischen Sigelsalp und Maarwies
glanzumwallt der Freund seiner Jugend der Meister Konrad und winke ihm mild
lächelnd herüber und spreche »Tus«
    Und Ekkehard ging fröhlich ans Werk »Was bei uns geschieht muss recht
geschehen oder gar nicht sonst lachen uns die Berge aus«  so hatte der Senn
eines Tages zu ihm gesprochen und er hatte beifällig dazu genickt Der Handbub
ward ins Tal geschickt Eier und Honig zu holen da bat ihn Ekkehard für einen
Tag bei seinem Meister frei und gab ihm einen Brief nach Sankt Gallen an seinen
Neffen Er schrieb ihn in damals üblicher dort wohlbekannter Stabrunenschrift269
 damit ihn kein Unberufener lese Darin aber stand
    »Dem Klosterschüler Burkard Heil und Segen
    Der du ein Augenzeuge von deines Oheims Leid gewesen wisse zu schweigen
Und wo er weilet frage nicht  Gottes Hand reicht weit Du hast im Procopius270
gelesen vom Vandalenkönig Gelimer da er im numidischen Gebirg eingeschlossen
saß und sein Elend groß war heischte er von den Belagerern eine Harfe seinen
Schmerz zu versingen Gedenke dabei deines Ohms und wolle dem Überbringer eine
eurer kleinen Harfen mitgeben und etliche Bogen reinen Pergamentes samt Farbe
und Rohrfeder denn mein Herz ist wohlgemutet zu singen in der Einsamkeit
Verbrenne das Blatt Die Gnade Gottes sei mit dir Leb wohl«
    »Musst schlau und fürsichtig sein als wenn du eines Adlers Nest beschleichen
wolltest um die Jungen auszuheben« sprach Ekkehard zum Handbuben »Erkunde den
Klosterschüler der mit dem Wächter Romeias war da die Hunnen kamen dem
entbiete den Brief Sonst soll niemand drum wissen«
    Der Handbub legte den Zeigefinger auf die Lippen »Bei uns wird nichts
verplaudert« sprach er »Bergluft macht still«
    Nach zwei Tagen kam er wieder bergan gestiegen Er packte den Inhalt seines
Tragkorbes vor Ekkehards Höhle aus Eine kleine Harfe war unter grünen
Eichzweigen verborgen dreieckig der Gestalt des griechischen Delta
nachgebildet mit zehn Saiten besaitet Farbe und Schreibgerät dabei und viel
Blätter sauberen weichen Pergamentes sorgsam waren die Linien drein punktiert
dass die Buchstaben gerade und eben drauf zu stehen kämen
    Aber der Handbub sah finster und trotzig drein
    »Hasts brav gemacht« sagte Ekkehard
    »Ein zweites Mal lass ich mich nicht mehr dort hinunterschicken« murrte
der Bub und ballte die junge Faust
    »Warum«
    »Weil dort keine Luft geht für unsereins Im Stüblein der Wandersleut hab
ich mir den Schüler erkundet und hab den Auftrag bestellt Hernach aber wollt
ich erschauen was das für eine heilige junge Zunft sei die dort in Kutten zur
Schule geht und bin in den Klostergarten gegangen dort haben die jungen Herren
mit Würfeln gespielt und Wein getrunken es war ein Ergötzungstag271 Da hab
ich zugesehen und wie sie Steine nach dem Ziel warfen und das Stockspiel
trieben hab ich laut auflachen müssen weil alles schwach und spottmässig war
Und sie wollten wissen warum ich lache da hab ich einen Stein gegriffen und
hab ihn zwanzig Schritt weiter geworfen als der beste von ihnen und hab
gesagt Was seid ihr für Wachholderdrosseln wollt ein rechtschaffen Spiel
spielen und habt lange Kutten an euch kann ich ja nicht einmal zum Hosenlupf
ausfordern oder zu einem gehörigen Schwingen euer Sach ist nichts Da sind sie
mit Stöcken auf mich los aber den nächsten hab ich gegriffen und durch die
Lüfte geworfen dass er ins Gras flog wie ein flügellahmer Bergrabe und sie
erhoben ein groß Geschrei und sagten ich sei ein grober Bergbub ihre Stärke
sei Wissenschaft und Geist Da hab ich wissen wollen was der Geist sei und
sie sprachen Trink Wein dann schreiben wir dirs auf den Rücken Und der
Klosterwein war gut ein paar Krüge hab ich ihnen weggetrunken dann haben sie
mir etwas auf den Rücken geschrieben ich weiß nimmer wies zuging aber andern
Morgens hab ich nur einen schweren Kopf gehabt und weiß von ihrem Geist im
Kloster so wenig denn vorher«
    Der Handbub streifte sein raues Flachshemd zurück und wies Ekkehard seinen
Rücken Der trug in großem Lapidarstil mit schwarzer Wagensalbe aufgetragen die
Inschrift
»Abatiscellani homines pagani
vani et insani turgidi villaniA1«
    Es war ein Klosterwitz Ekkehard musste lachen »Lass dichs nicht
verdrießen« sprach er »und denke dass du selber schuld bist weil du zu tief
in den Weinkrug geschaut«
    Der Handbub war nicht beruhigt »Meine schwarzen Ziegen sind mir lieber als
all die Herrlein« sprach er und knüpfte sein Hemd wieder zu »Aber wenn mir so
ein Hasenfuß so ein Lappi auf die Ebenalp kommt dem schreib ich mit
ungebrannter Asche ein Wahrzeichen auf die Haut dass er zeitlebens dran denken
soll und wenns ihm nicht recht ist kann er den Bergtobel hinabsausen wie ein
Schneesturz im Frühling«
    Brummend ging der Bub von dannen
    Ekkehard aber nahm die Harfe und setzte sich unter das Kreuz vor die Höhle
und griff eine fröhliche Tagweise er hatte lange nimmer die Saiten gerührt es
tat ihm wundersam wohl der mächtigen Einsamkeit gegenüber in leisen Tönen
auszusprechen was ihm im Herzen lebte und die Musika war ein guter Verbündeter
dem Werke der Dichtung das Waltarilied das erst wie ferner Nebel ihm
vorgeschwebt verdichtete sich und nahm Gestaltung an und zog in
lebendurchatmeten Bildern an ihm vorüber er schloss die Augen um besser zu
sehen da sah er die Hunnen anreiten ein reisig fröhlich Reitervolk und minder
abscheulich als die gegen die er selber vor wenig Monaten in der Feldschlacht
gestanden und sie nahmen die Königskinder in Franken und Aquitanien als Geiseln
mit und jung Hiltgund die Wonne von Burgund  und wie er stärker die Saiten
anschlug da erschaute er auch den König Etzel der war ein leidlich
Menschenbild zu Glimpf und Becherfreuden wohl aufgelegt  und die Königskinder
wuchsen an der Hunnen Hofburg auf und wie sie groß geworden kam ein stilles
Heimatsehnen über sie und sie gedachten dass sie von alters einand verlobt 
jetzt hub sich ein Klingen und Drommeten die Hunnen saßen beim Bankett und
König Etzel trank den großen Humpen und alle folgten seinem Vorbild Schlummer
trunkener Männer tönte durch die Hallen  jetzt sah er wie im Mondschein der
junge Aquitaner Held das Streitross waffnete und Hildegunde kam und brachte den
hunnischen Goldschatz er hub sie in den Sattel  hei wie prächtig entritten
sie der Gefangenschaft 
    Und fern und ferner wogte es noch wie Fährlichkeit und Flucht und Fahrt über
den Rhein und schwerer Kampf mit dem habsüchtigen König Gunter In großen
markigen Zügen stund die Geschichte vor ihm die er in schlichtem Heldengesang
zu verherrlichen gedachte Noch in derselbigen Nacht blieb Ekkehard beim
Kienspanlicht sitzen und begann sein Werk und eine Freude kam über ihn wie die
Gestalten unter seiner Hand Leben annahmen eine ehrliche große Freude denn in
fröhlicher Arbeit der Dichtung erhebt sich der Mensch zur Tat des Schöpfers der
eine Welt aus dem Nichts hervorgerufen
    Der nächste Tag fand ihn vergnüglich über den ersten Abenteuern er konnte
sich selber nicht Rechenschaft geben nach welchem Gesetz er die Fäden seines
Gedichtes ineinanderwob  es ist auch nicht nötig von allem das Warum und Weil
zu wissen der Wind wehet wo er will und du hörest sein Getöse aber du weißt
nicht woher er kommt und wohin er geht so verhält es sich auch mit jedem der
im Geiste geboren ist  sagt das Evangelium Johannis272
    Und wenn es zwischen ein wieder dunkelte vor den Augen des Geistes und
Zagheit ihn beschlich  denn er war ängstlich von Natur und vermeinte noch
manchmal es sei kaum möglich etwas zustand zu bringen ohne Hilfe von Büchern
und gelahrtem Vorbild  dann wandelte er auf dem schmalen Fußsteig draußen auf
und nieder und ließ den Blick auf den Riesenwänden seiner Berge haften die
gaben ihm Trost und Maß und er gedachte »Bei allem was ich sing und dichte
will ich mich fragen obs dem Säntis und Kamor drüben recht ist« Und damit war
er auf der rechten Spur wer von der alten Mutter Natur seine Offenbarung
schöpft dessen Dichtung ist wahr und echt wenn auch die Leinweber und
Steinklopfer und hochverständigen Strohspalter in den Tiefen drunten sie
zehntausendmal für Hirngespinst verschreien
    Etliche Tage vergingen in emsigem Schaffen In lateinischen Vers des
Virgilius goss er die Gestalten der Sage die Pfade deutscher Muttersprache
deuchten ihm noch zu rau und zu wenig geebnet für den gleichmäßig schreitenden
Gang des Heldenliedes Mehr und mehr bevölkerte sich seine Einsamkeit er
gedachte in ununterbrochenem Anlauf Tag und Nacht fort zu arbeiten aber der
leibliche Mensch hat auch sein Recht Darum sprach er »Wer arbeitet soll sein
Tagwerk richten nach der Sonne« Und wenn die Schatten des Abends auf die
nachbarlichen Höhen fielen brach er ab griff seine Harfe und klomm durch die
Höhlenwildnis zur Ebenalp hinauf Der Platz wo der erste Gedanke des Sangs in
ihm aufgestiegen war ihm vor allen teuer
    Benedicta freute sich wie er zuerst mit der Harfe kam »Ich versteh Euch
Bergbruder« sagte sie »weil Ihr keine Liebste haben dürfet habt Ihr Euch die
Harfe eingetan und sprechet zu der was Euch das Herz schwellt Aber umsonst
sollt Ihr kein Spielmann geworden sein«
    Sie pfiff durch die Finger und tat einen schönen Lockruf zu der niederen
Hütte auf der Klus hinüber da kam ihr Liebster der Senn das Alphorn
umgehangen ein frisches junges Blut im rechten Ohr trug er den schweren
silbernen Ring des Sennen Ehrenzeichen die Schlange die an silbernem Kettlein
den schwanken Milchlöffel hält und um die Lenden glänzte der breite Gürtel
drauf in getriebenem Metall ein kuhähnlich Ungetüm zu schauen war273 scheu
neugierig stund er vor Ekkehard aber Benedicta sprach »Jetzt spielet uns einen
Tanz auf Bergbruder wir haben uns schon lang geärgert dass wirs nicht selber
können aber wenn er das Alphorn bläst kann er mich nicht zugleich fassen und
lustig umschwingen und wenn ich die Schwegelpfeife tönen lasse hab ich auch
keinen Arm frei«
    Und Ekkehard erquickte sich an der gesunden Fröhlichkeit der Kinder vom Berg
und griff wacker in die Saiten und sie tanzten im weichen Gras der Matten bis
der Mond in gelber Schöne sich über die Maarwiese hob den grüßten sie mit
Jauchzen und Zauren274 und tanzten weiter in vergnüglichem Wechselgesang
»Und das Eis kam gewachsen
Bis zur Alpe daher
Wie schad um das Mägdlein
Wenns eingefroren wär«
summte Benedictas Tänzer in den leichtinschwebenden Reigen
»Und der Föhn hat geblasen
Kein Hüttlein mehr steht 
Wie schad um den Buben
Wenns auch ihn hätt verweht«
sang sie antwortend in gleicher Tonart Und wie sie müde vor dem angehenden
Dichter ausruhten sprach Benedicta »Ihr sollt auch Euren Lohn überkommen
herzlieber Harfeniste Es geht ein alt Gerede auf unsern Bergen dass alle
hundert Jahr auf kahlem Hang eine wundersame blaue Blume blühe und wer die
Blume hat dem steht plötzlich Ein und Ausgang des Berges offen drinnen glänzt
es mit hellem Schein und die Schätze der Tiefe heben sich zu ihm herauf davon
mag er greifen so viel sein Herz begehrt und seinen Hut bis zum Rande füllen
Wenn ich die Blume finde bring ich sie Euch dann werdet Ihr ein steinreicher
Mann ich kann sie doch nicht brauchen«  sie schlang ihren Arm um den jungen
Senn  »ich hab den Schatz schon gefunden«
    Aber Ekkehard sprach »Ich kann sie auch nicht brauchen«
    Er hatte recht Wem die Kunst zu eigen ward der hat die echte blaue Blume
wo für andere Stein und Fels sich auftürmt tut sich ihm das weite Reich des
Schönen auf dort liegen Schätze die kein Rost verzehrt und er ist reicher als
die Wechsler und Mäkler und Goldgewaltigen der Welt wenn auch in seiner Tasche
oftmals der Pfennig mit dem Heller betrüblich Hochzeit feiert
    »Ja was fangen wir dann mit der Wunderblume an« sprach Benedicta
    »Gib sie den Ziegen zu fressen oder dem großen Stierkalb« lachte der Senn
»denen ist auch was zu gönnen«
    Und wiederum hoben sie die Füße zum Tanz und schwangen sich im Mondschein
bis Benedictas Vater heraufgestiegen kam Der hatte nach vollbrachtem Tagewerk
den seither von der Sonne gebleichten Schädel des Bären über die niedere Tür
seiner Sennhütte genagelt275 und ihm mit einem Tropfstein den Rachen
aufgesperrt dass Ziegen und Kühe scheu vor der neuen Wandverzierung davonliefen
    »Ihr gumpet und ruguset276 ja dass der Säntis zu wanken und schüttern
anhebt« rief der alte Alpmeister schon von weitem »was ist das für ein
Gelärme« Gutmütig scheltend trieb er sie in die Hütte
    Das Waltarilied schritt rasch vorwärts Wenn das Herz erfüllt ist von Sang
und Klang hat die Hand sich zu sputen dem Flug der Gedanken nachzukommen
    Eines Mittags wollte Ekkehard seinen schmalen Felssteig entlang wandeln da
kam ihm ein sonderbarer Gast entgegen Es war die Bärin die er aus dem Schnee
gegraben langsam stieg sie den Pfad herauf sie trug etwas in der Schnauze Er
sprang zur Höhle zurück und griff seinen Speer aber die Bärin kam nicht als
Feind achtungsvoll machte sie Halt am Höhleneingang und legte auf die
vorspringende Felskante ein fettes Murmeltier das sie beim Spielen im sonnigen
Gras erschnappt Wars ein Geschenk für die Lebensrettung wars Ausdruck
anderweiter Anwandlungen wer weiß es Ekkehard hatte freilich mitgeholfen die
sterblichen Reste des Ehgemahls der Verwitibten zu verzehren  ob dadurch ein
Stück Neigung auf ihn übergelenkt werden konnte  wir kennen die Gesetze der
Wahlverwandtschaft zu wenig Die Bärin setzte sich schüchtern vor der Höhle
nieder und schaute unbeweglich hinein Da ward Ekkehard gerührt er schob ihr
immer den Speer in der Faust ein hölzern Schüsselein mit Honig in die Nähe
aber sie schüttelte gekränkt das Haupt der Blick aus ihren kleinen Augen denen
das Augenlid fehlte war traurig erheiternd so dass Ekkehard seine Harfe von der
Wand holte und anfing den Reigen zu spielen den sich Benedicta von ihm
erbeten Das labte der Verlassenen Gemüt sie erhob sich und ging aufrecht in
rhytmischer Grazie bald vorwärts bald zurück und Ekkehard spielte schneller
und stürmischer aber da blickte sie verschämt zur Erde zu tanzen gestattete
ihr dreissigjähriges Bärengewissen nimmer sie streckte sich wieder wie zuvor vor
der Höhle als wollte sie das Lob verdienen das der Verfasser des Hymnus zu
Ehren des heiligen Gall einst den Bären gezollt da er sie Tiere von
bewundernswerter Bescheidenheit nannte277
    »Wir passen zueinand« rief Ekkehard »du hast dein Liebstes im Schnee
verloren ich im Sturm  ich will dir noch eines harfen« Er spielte eine
wehmütige Weise des war sie wohl zufrieden und brummte beifällig er aber
immer seiner Dichtung gedenkend sprach »Ich hab mich heut eine lange Zeit auf
den Namen besonnen für die Hunnenkönigin in deren Obhut jung Hiltgund zu stehen
kam jetzt weiß ich ihn sie soll Ospirin heißen die göttliche Bärin278
Verstehst du mich«
    Die Bärin sah ihn an als wäre sie einverstanden da griff Ekkehard seine
Pergamentblätter und fügte den Namen ein Das Bedürfnis einer lebenden Seele
die Schöpfung seines Geistes mitzuteilen war schon lange rege in ihm hier in
der ungeheueren Bergwelt dachte er mag auch eine Bärin die Stelle einnehmen zu
der sonst ein gelehrtes Haupt erforderlich wäre und er trat an sein Blockhaus
und auf den Speer gestemmt las er der Bärin die Anfänge des Waltarilieds und
las mit lauter Stimme und begeistert und sie lauschte mit löblicher Ausdauer
    Da las er denn weiter und weiter wie die Wormser Recken den Waltari
verfolgend im Wasgauwald nachritten und an seiner Felsburg mit ihm stritten 
noch horchte sie geduldig aber wie des Einzelkampfes gar kein Ende ward wie
Ekkefrid von Sachsen erschlagen ins Gras sank zu seiner Vorgänger Leichen und
Hadwart und Patafrid des Hagen Schwestersohn das Los der Genossen teilten da
erhub sich die Bärin langsam als wäre selbst ihr des Mordens zuviel für ein
lieblich Gedicht und schritt würdigen Ganges talab
    Auf der Sigelsalp drüben in einsamer Felsritze stund ihre Behausung dorthin
entkletterte sie sich zum Winterschlaf vorzubereiten
    Das Heldenlied aber das von allen sterblichen Wesen zuerst die Bärin auf
der Sigelsalp vernommen hat der Schreiber dieses Buches zur Kurzweil an langen
Winterabenden in deutschen Reim gebracht und wiewohl sich schon manch anderer
wackerer Verdeutscher derselben Aufgabe beflissen so darf ers doch im
Zusammenhang der Geschichte dem Leser nicht vorenthalten auf dass er daraus
ersehe wie im zehnten Jahrhundert ebensogut wie in der Folge der Zeiten der
Geist der Dichtung sich im Gemüt erlesener Männer eine Stätte zu bereiten wusste
 
                                    Fußnoten
A1 Die bei des Abtes Zellen
 Sind heidnische Gesellen
 Grobe ungescheite
 Hochmütge Bauersleute
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel
                              Das Waltarilied279
Das war der König Etzel im fröhlichen Hunnenreich
Der ließ das Heerhorn blasen »Ihr Mannen rüstet euch
Wohlauf zu Ross zu Felde nach Franken geht der Zug
Wir machen zu Worms am Rheine uneingeladen Besuch«
Der Frankenkönig Gibich saß dort auf hohem Thron
Sein Herze wollt sich freuen ihm war geboren ein Sohn
Da kam unfrohe Kunde gerauscht an Gibichs Ohr
Es wälzt ein Schwarm von Feinden sich von der Donau vor
Es steht auf fränkischer Erde der Hunnen reisig Heer
Zahllos wie Stern am Himmel zahllos wie Sand am Meer
Da blassten Gibichs Wangen Die Seinen rief er bei
Und pflog mit ihnen Rates was zu beginnen sei
Da stimmten all die Mannen »Ein Bündnis nur uns frommt
Wir müssen Handschlag zollen dem Hunnen wenn er kommt
Wir müssen Geiseln stellen und zahlen den Königszins
Des freuen wir noch immer uns größeren Gewinns
Als dass ungleiche Kämpfer wir Land zugleich und Leben
Und Weib und Kind und alles dem Feind zu Handen geben«
Des Königs Söhnlein Gunter war noch zu schwach und klein
Noch lags an Mutterbrüsten das mocht nicht Geisel sein
Doch war des Königs Vetter Herr Hagen hochgemut
Von Trojer Heldenstamme ein adlig junges Blut
Sie richteten viel Schätze und fassen drauf den Schluss
Dass der als Pfand des Friedens zu Etzel ziehen muss
Zur Zeit als dies geschah da trug mit fester Hand
Den Szepter König Herrich in der Burgunden Land
Ihm wuchs die einzige Tochter benamst jung Hildegund
Die war der Mägdlein schönstes im weiten Reich Burgund
Die sollt als Erbin einst dem Volk zu Nutz und Segen
So Gott es fügen wollt der alten Herrschaft pflegen
Derweil nun mit den Franken der Friede gefestigt war
So rückt auf Herrichs Grenzmark der Hunnen kampfliche Schar
Voraus mit flinkem Zügel lenkt König Etzel sein Ross
Ihm folgt im gleichen Schritte der Heeresfürsten Tross
Von Rosseshuf zerstampft die Erde gab seufzenden Schall
Die zage Luft durchtönte Schildklirren als Widerhall
Im Blachfeld funkelte ein eherner Lanzenwald
Wie wenn die Frührotsonne auf tauige Wiesen strahlt
Und so ein Berg sich türmte er wurde überklommen
Die Saone und die Rhone es wurde durchgeschwommen
Zu Chalons saß Fürst Herrich da rief der Wächter vom Turm
»Ich seh von Staub eine Wolke die Wolke kündet Sturm
Feind ist ins Land gebrochen ihr Leute seht euch vor
Und wem ein Haus zu eigen der schließe Tür und Tor«
Der Franken Unterwerfung dem Fürsten war sie kund
Er rief die Lehenträger und sprach mit weisem Mund
»Die Franken niemand zweifelts sind tapfre Kriegesleute
Doch mochte keiner dort dem Hunnen stehen zum Streite
Und wenn die also taten da werden wir allein
Dem Tode uns zu opfern auch nicht die Narren sein
Ich hab ein einzig Kind nur doch für das Vaterland
Geb ich es hin es werde des Friedens Unterpfand«
Da gingen die Gesandten barhäuptig ohne Schwert
Den Hunnen zu entbieten was Herrich sie gelehrt
Höflich empfing sie Etzel es war das so sein Brauch
Sprach »Mehr als Krieg taugt Bündnis das sag ich selber auch
Auch ich bin Mann des Friedens nur wer sich meiner Macht
Töricht entgegenstemmt dem wird der Garaus gemacht
Drum eures Königs Bitte gewähret Etzel gern«
Da gingen die Gesandten es kündend ihrem Herrn
Dem Tor entschritt Fürst Herrich viel köstliches Gestein
Bracht er den Hunnen dar dazu die Tochter sein 
Der Friede ward beschworen  fahr wohl schön Hildegund
So zog in die Verbannung die Perle von Burgund
Wie dort Vertrag und Bündnis geordnet war zum besten
Entführte König Etzel sein reisig Volk gen Westen
Im Land der Aquitanen herrscht Alpher der strenge Mann
Dem wuchs ein Sohn Waltari im Jugendschmuck heran
Herrich und Alpher hatten sich manch einen Boten geschickt
Und sich mit feierlichem Eidschwur einand verstrickt
Sobald die Zeit des Freiens dereinst sich stellt ein
So sollen unsre Kinder ein fröhlich Brautpaar sein
Betrübt saß König Alpher jetzt bei der Hunnen Not
»O weh mir dass ich Alter nicht finde Schwertes Tod 
Ein schlechtes Beispiel gaben Burgund und Frankenland
Itzt muss ich gleiches tun und ist doch eine Schand
Ich muss Gesandte schicken und Friede heischen und Bund
Und muss den eignen Sprossen als Geisel stellen zur Stund«
So sprach der strenge Alpher und also wards getan
Mit Gold belastet traten die Hunnen den Rückzug an
Sie führten Waltari und Hiltgund und Hagen in sichrer Hut
Und grüßten wildfroh jauchzend die heimische Donauflut
Nachdem nun König Etzel der Heimat sich erfreut
Pflegt er die fremden Kinder mit großer Biederkeit
Wie seine eignen Erben ließ er sie auferziehn
Die Jungfrau anempfahl er der Königin Ospirin
Die jungen Recken aber behielt er scharf im Auge
Dass jeder zu des Krieges und Friedens Künsten tauge
Die wuchsen auch an Jahren und Weisheit wohl heran
Ihr Arm bezwang den stärksten ihr Witz den witzigsten Mann
Derwegen liebt der König die beiden Knaben sehr
Und schuf sie zu den ersten in seiner Hunnen Heer
Es ward mit Gottes Beistand auch die gefangene Maid
Der trutzigen Hunnenfürstin ein wahre Augenweid
An Tugend reich und Züchten so ward Hiltgund zuletzt
Als Schaffnerin dem Schatze der Hofburg vorgesetzt
Und wenig fehlte nur so war sie in dem Reich
Die höchste  was sie wünschte erfüllt wards allsogleich
Derweil starb König Gibich ihm folgte Gunter sein Sohn
Der brach das Hunnenbündnis und weigert den Zins mit Hohn
Die Kunde kam geflogen zu Hagen in der Fern
Da nahm er nächtlich Reissaus und floh zu seinem Herrn
Am Tag da er verschwunden erfreute sich nur wenig
Frau Ospirin und listig sprach sie zu Etzel dem König
»O königliche Weisheit habt Acht habt scharfe Acht
Dass unsres Reiches Säule zu Fall nicht werde gebracht
Ich fürchte auch Waltari der Hunnen bester Held
Sucht wie der schlaue Hagen sein Freund das weite Feld
Ihr müsst ihn sesshaft machen durch süße Bande und Haft
Ihr müsst mit solchen Worten bereden Waltaris Kraft
Du trugst in unserm Dienste viel Müh und Fährlichkeit
Drum merk wie dein Gebieter huldvollen Dank dir beut
Der Hunnentöchter beste sollst du zum Weib erkiesen
Und reich an Land und Ehren verdienter Ruh genießen
Und was du gehrst an Gute umsonst nicht sei dein Bitten
Gewährt sei volles Maß dir du hast es wohl erstritten«
Das Wort gefiel dem König es deucht ihm fein und schlau
Es weiß in derlei Dingen das Weiseste stets die Frau
Der König jung Waltari mit solchem Rat empfing
Doch dessen Dichten auf ganz andre Dinge ging
Er merkte dass ihm Etzel die Wege wollt verlegen
Drum kam dem Prüfenden ablenkend er entgegen
»O Fürst was ich getan ist großen Ruhmes ledig
Dass Ihr so hoch es anschlagt ist huldvoll zwar und gnädig
Doch muss ein Weib ich wählen nach Eurem Machtgebot
Werd ich umstrickt von Sorge und süßer Minne Not
Da muss ein Haus ich zimmern und muss den Acker baun
Ich kann des Herren Auge nur selten wiederschaun
Und wer der Lieb gekostet dem fehlt Kraft und Stärke
Mit Freuden obzuliegen dem edelen Kriegsgewerke
Nichts Süsseres auf Erden als hold gewärtig und treu
Dem Diensterrn überall folgen drum bitt ich lasst mich frei
So Ihr am späten Abend so Ihr in Mitternächten
Befehl schickt bin ich willig wo Ihr nur wollt zu fechten
Mir soll im Schlachtenwetter nicht Sorg um Kind und Weib
Die Blicke rückwärts wenden und lähmen meinen Leib
Bei Eurem Leben fleh ich bei Eurem tapfern Land
Lasst mir die Hochzeitsfackel o König ungebrannt«
Da weichte Etzels Herze das Wort behagt ihm sehr
Er sprach getrost »Waltari entfleucht mir nimmermehr«
Inzwischen hatte sich ein fernes Volk empört
Da ward des Schwertes Schneide gen diesen Feind gekehrt
Da wurde jung Waltari zum Feldhauptmann gemacht
Und dauerte nicht lange so schlugen sie die Schlacht
Vorwärts drang ihre Heerschar als wie ein spitzer Keil
Es zitterten die Lüfte von wildem Schlachtgeheul
Hellauf klang die Drommete die Speere flogen wild
Aufleuchtets wie ein Blitzstrahl von manch gespaltnem Schild
Und wie bei Nordsturms Sausen ein dichter Hagel fällt
So ward zahlloser Pfeilschwarm herüber hinüber geschnellt
Dann gings zum Handgemenge gezogen ward das Schwert
Da lag zerspellten Hauptes manch ein gewappnet Pferd
Da lag zerspellten Hauptes beim Schild manch fester Ritter
Hei wie das Feld durchmähst du Waltari tapfrer Schnitter
Als stünd mit seiner Sense der Tod leibhaft im Streit
So schauten ihn zag die Feinde bei seiner Blutarbeit
Zur Linken und zur Rechten wohin er sich gewendet
Hub sich ein jähes Flüchten so ward der Kampf geendet
Dem Hunnenvolke war ruhmvoller Sieg bereitet
Und von erschlagenem Feind manch preislich Stück erbeutet
Drauf ließ der Führer blasen zur Ruh vom Waffentanz
Er schmückte seine Schläfe mit grünem Eichlaubkranz
Und Fahnenträger und Mannschaft sie taten all wie er
So zog im Siegesschmucke bekränzt nach Hause das Heer
Jedweder suchte froh des Hauses gastlich Dach
Zu König Etzels Hofburg Waltari schritt gemach
Sieh da wie eilig rannten die Diener aus dem Schloss
Sie labten sich des Anblicks und hielten ihm das Ross
Derweil aus hohem Sattel Waltari niederstieg
So frugen sie neugierig »Gewannen wir den Sieg«
Er warf just für die Neugier ein mäßig Bröcklein hin
Und ging zum Königssaale gar müd war ihm zu Sinn
Hiltgund traf er alleine da küsst er sie und sprach
»Beschaff mir einen Trunk das war ein heißer Tag«
Da füllte sie den Becher er trank den Firnewein
Jach wie den Wassertropfen einsaugt der glühe Stein
Dann schloss er in die seine der Jungfrau weiße Hand
Beid wussten dass von alters verlobt sie seien einand
Errötend stand und schwieg sie Da sprach er zu der Maid
»Schon lange tragen wir der Fremde herbes Leid
Und sollten doch nach Rechten einander sein zu eigen
Ich hab das Wort gesprochen nicht länger mag ichs schweigen«
Die Jungfrau stand betrüblich als wärs nur Spott und Hohn
Aufflammt ihr blaues Auge sie sprach mit herbem Ton
»Was heuchelt deine Zunge was nie dein Herz begehrt
Viel besserer Verlobten hältst Schlauer du dich wert«
Da blickte treu und minnig da sprach der tapfre Mann
»Fern sei was du gedenkest o hör mich huldvoll an
In meines Herzens Grunde haust weder Falsch noch Arg
Niemal ich mit dem Munde den wahren Sinn verbarg
Kein Späher weilt im Saale nur wir zwei beid allein
Ich wüsst ein süß Geheimnis wolltst du verschwiegen sein«
Da stürzte ihm zu Füßen Hiltgund und weint und sprach
»Wohin du mich berufest o Herr ich folge dir nach«
Er hob sie auf mild tröstend »Ich bin der Fremde müd
Ein süßes Heimatsehnen die Seele mir durchglüht
Doch ohne Hiltgund nimmer steht mir zur Flucht mein Sinn
So du zurückebliebest des schöpft ich Ungewinn«
Da lacht sie in die Tränen »O Herr du sprichst mit Fug
Das Wort das ich seit Jahren geheim im Busen trug
Gebiete denn die Flucht mit dir will ich sie wagen
Durch Not und Fährlichkeit muss uns die Liebe tragen«
Und weiter sprach Waltari doch flüsternd nur nicht laut
»Dieweil sie dir zu hüten den Hunnenschatz vertraut
So stell des Königs Helm mir und Waffenhemd zurück
Und seinen Riemenpanzer des Schmiedes Meisterstück
Dann fülle du zwei Schreine mit Spangen und Gold zu Hauf
Dass du sie kaum vom Boden zur Brust magst heben auf
Auch sollt du mir beschaffen vier Paare starker Schuh
 Der Weg wird lang  gleichviele richt für dich selber zu
Darüber magst du weiter kostbar Gefäß verpacken
Beim Schmiede aber heische krummspitze Angelhaken
Du wirst auf unsern Fahrten erschauen deinen Gesellen
Wegzehrung uns gewinnen mit Fischen und Vogelstellen
Dies all sei vorbereitet heut über sieben Tage
Da sitzt mit seinen Mannen der König beim Gelage
Und schlafen weinbewältigt sie all in trunkner Ruh 
Glück auf dann reiten wir dem Land im Westen zu«
Die Stunde kam des Schmauses Mit Tüchern mannigfalt
Verhänget war die Halle Eintrat Herr Etzel bald
Er setzte auf den Thron sich den Woll und Purpur deckt
Auf hundert Polstern rings die Hunnen lagen gestreckt
Schier beugten sich die Tische den Speisen sonder Zahl
Viel süßer Labtrank dampfte im güldenen Pokal
Mit bunten Fähnlein waren die Schüsseln ausgeziert
So hub die Mahlzeit an  Waltari machte den Wirt
Und wie der Schmaus zu Ende die Tische weggeräumt
Da sprach zu König Etzel Waltari ungesäumt
»Nun edler Herr und König erteilt uns Euren Segen
Dass alle hier im Saale der Zechlust mögen pflegen«
Der Humpen allergrössten reicht er ihm knieend dar
Darauf aus alten Mären manch Bild geschnitzet war
Da lacht der alte Zecher »Fürwahr Ihr meint es gut
Als wie ein Meer im Sturme entgegenschäumt mir die Flut«
Doch sonder Zagen stand er ein Fels am wogenden Strand
Und lüpft den Riesenhumpen und wiegt ihn in der Hand
Und trank mit tapferm Zuge ihn bis zum Grunde leer
Und macht die Nagelprobe Da floss kein Tropfen mehr
»Itzt tut mirs nach ihr Jungen« so rief der alte Held
Da war ein lobwert Beispiel den andern aufgestellt
Hurtig und hurtiger dem Winde gleich dem schnellen
Sah man den Saal durchrennen den Mundschenk samt Gesellen
Sie nahmen die Pokale sie füllten sie aufs neu
Da hub sich in dem Saale ein scharfes Weinturnei
Bald lallte manche Zunge die sonst viel Ruhm gewann
Bald wankte in den Knieen manch heldenkühner Mann
Es kam die Mitternacht noch zechten sie und sungen
Dann sanken sie zur Beute dem Schlafe weinbezwungen
Und hätt Waltari jetzt die Burg in Brand gesteckt
Kein Mann war da so nüchtern dass er ihn drob entdeckt
Waltari rief Hiltgunden fürsichtig nun zu sich
»Wohlauf bring das Geräte wohlauf und rüste dich«
Dann führt er aus dem Stall sein Ross der Löwe hieß es
Hufscharrend stands und schäumend in seine Zügel biss es
Er wappnete mit Erze des Rosses Stirn und Seite
Vom Bug hernieder hing er goldschwer die Schreine beide
Dazu ein Körbchen Speise  dann gab er die wallenden Zügel
Der Jungfrau in die Hand und hob sie in den Bügel
Er selber saß zu Rosse vom roten Helmbusch umwallt
Bepanzert und beschienet in riesiger Gestalt
Zur Linken hing gegürtet ein Schwert zur Rechten auch
Ein scharfer krummer Säbel nach hunnischem Gebrauch
Jetzt schwang er Schild und Lanze es ritten auf einem Ross
Waltari und Hiltgunde aus König Etzels Schloss
Sie ritten aus dem Schloss sie ritten die ganze Nacht
Die Jungfrau lenkt das Streitross und hatt der Schätze acht
Und sorgsam auch zuhanden hielt sie die Fischergerte
Dieweil das viele Gewaffen Waltari schier beschwerte
Als nun die Morgensonne aufging mit lichtem Funkel
Entbogen sie der Heerstrass zu tiefem Waldesdunkel
Und hätte Hass der Fremde und Heimweh nicht gedrängt
So hätte schier Hiltgunde das Ross nicht weiter gelenkt
Wo nur ein Lüftlein rauschte wo ein Waldvogel sang
Wo schrill ein Baumast knarrte da seufzte sie bang
So mieden sie der Menschen Behausung und Gehege
Und suchten in bahnlosem Gebirg sich Weg und Stege
Noch schwieg der Hunnen Hofburg Es war schon hoch am Tag
Da wurde König Etzel von allen der erste wach
Er wiegt in beiden Händen sein Haupt das nebelschwere
Und schritt aus dem Gemach »Ruft mir Waltari here
Er teile als Genosse heut seines Königs Jammer
Er soll den Frühtrunk reichen mir in der Waffenkammer«
Da rieben sich die Diener die Augen und liefen und sahen
Und suchten allerorten sie trafen ihn nicht an
Jetzund kam auch die Fürstin Frau Ospirin gehinkt
»Wo säumt und träumt denn Hiltgund dass sie kein Kleid mir bringt«
Da flüsterten die Diener da wards der Königin klar
Dass Hiltgund mit Waltari nächtlich entflohen war
Da hub sie an »O Fluch dem Gastmahl und dreimal Fluch
Dem Wein der meine Hunnen so schwer darnieder schlug
Was ich den König warnte liegt offen jetzt zutag
Von unsres Reiches Stützen die stolzeste Säule brach«
Der alte König Etzel von bösem Zorn entbrannt
Zerriss den Purpurmantel und warf ihn an die Wand
Und wie der Staub vom Sturme gewirbelt wird zuhauf
So wirbelte ihm im Herzen ein Schwarm von Sorgen sich auf
Kein Wörtlein konnt er sprechen zu mächtig war sein Grimm
Und Speise und Getränk stund unberührt vor ihm
Die Nacht kam angeflogen noch fand er keine Ruh
Er lag auf seinem Pfühle und schloss kein Auge zu
Er warf sich bald zur Rechten bald zu der Linken nieder
Als hätt ein Pfeil durchschossen die stolzen Heldenglieder
Dann saß er wieder aufrecht der grambetörte Greis
Dann sprang er aus dem Lager er lief herum im Kreis
So ward dem Hunnenkönig der süße Schlaf verleidet
Derweil das Flüchtlingspaar schweigsam dem Land entreitet
Doch wie am andern Morgen aufstieg der lichte Tag
Hiess er der Hunnen älteste zusammenkommen und sprach
»Wer mir in Banden brächte Waltari den schlauen Fuchs
Als wie vom Wald der Jäger den hinterlistigen Luchs
Dem schüfe ich zur Stunde ein golddurchwirkt Gewand
Und wollt mit Gold ihn decken von Haupt zu Fuß so sehr
Dass ihm von Goldeshaufen der Weg gesperret wär«
Doch in den weiten Landen fand sich kein einzger Grafe
Kein Heerfürst oder Ritter kein Knappe oder Sklave
Der sich vermass Waltari verfolgend nachzugehn
Und mit des Schwertes Schneide dem Zürnenden zu stehen
Und was der König flehte gesprochen wars in Wind
Die hohen Goldeshaufen  sie blieben unverdient
Waltari ritt bei Nachtzeit weiter und weiter in Hast
Des Tags in dichtem Walde und Buschwerk hielt er Rast
Nah flogen ihm die Vögel lieblich klang sein Gelock
Er fing sie mit Leimruten und mit gespaltnem Stock
Und wo in krummem Laufe ein Strom vorüberfloss
Eintaucht er seine Angel und reiche Beute genoss
So kürzten sich die Tage mit Fischfang und Gejaid
Das schafft dem Hunger Stillung dem Herzen Nüchternheit
Und auf der ganzen Fahrt hat nimmermehr begehrt
Die Jungfrau zu umarmen der Recke ehrenwert
Schon vierzig Male war der Sonne Lauf vollendet
Seit dass er sonder Abschied von Etzel sich gewendet
Da glänzt aus lichtem Waldsaum im Abenddämmerschein
Ein Fluss zu ihm herüber  das war der Vater Rhein
Das war der Rhein und jenseits am fernen Ufer stand
Die Königsburg von Worms Hauptstadt in Frankenland
Ein Schiffer kam gerudert auf breitgebautem Kahn
Die letztgefangnen Fische bot ihm Waltari an
Da fuhr ihn jener über er war zufrieden der Gabe
Und weiter flüchtend spornt Waltari das Ross zum Trabe
Der Fährmann andern Tages nach Worms gegangen war
Des Königs Leib und Mundkoch bracht er die Fische dar
Der würzt und salzte sie und setzte sie als Mahl
Dem König Gunter vor erstaunt sprach der im Saal
»Seit dass ich herrsche in Franken nie sah ich einen Fisch
Von solcherlei Gestalt und Schmack auf meinem Tisch
Der muss aus fremden Landen zu uns gekommen sein
Sag an mein Koch geschwinde wer brachte den herein«
Da wies der Koch den Fergen der König rief ihn her
Genau verkündet der dem Fragenden die Mär
»Ich saß am Rheinesstrande noch gestern abend spat
Da kam ein fremder Mann geritten den Uferpfad
Als käm er just vom Kriege so schaut er trutzig wild
Er starrte ganz in Erze und führte Speer und Schild
Schwer mocht die Wucht der Rüstung auf seinen Schultern lasten
Doch ritt er scharfen Schrittes und mochte nimmer rasten
Dem Mann folgt eine Maid schön wie der Sonne Scheinen
Sie sitzt auf gleichem Gaul schier streift ihr Fuß den seinen
Die lenket mit dem Zügel das riesig starke Ross
Von dessen Rücken hangen zwei Schreine mäßig groß
Doch wie aufbäumend es den Nacken schütteln wollte
Da hört ich drin ein Klingen von Edelstein und Golde
Den Mann hab ich gefahren Der gab mir solche Fische«
Das Wort erlauschte Hagen Er rief am Königstische
»Freut euch mit mir Genossen die Sache wird klar und hell
Aus Hunnenland heimreitet Waltari mein Gesell«
Er riefs da schallte Jubel hellauf im hohen Saal
Doch übermütigen Sinnes der König Gunter befahl
»Freut euch mit mir viel lieber der ich dies durft erleben
Den Schatz den einst mein Vater den Hunnen musste geben
Den hat ein guter Gott zurück mir jetzt gebracht «
Sprachs und gehobenen Fußes umstiess er den Zechtisch mit Macht
Und hieß die Rosse satteln und las aus seinem Volk
Erprobter Mannen zwölfe als starkes Heergefolg
Er wählt den Hagen auch der bat vergeblich ihn
 Des alten Freunds gedenkend  zu ändern seinen Sinn
Doch Gunter polterte »Frisch vorwärts drauf und drein
Hüllt eure Heldenknochen in Eisenrüstung ein
Schirmt mit dem Schuppenpanzer Rücken euch und Brust
Des Frankenschatzes Räuber zu jagen ist mein Gelust«
Da rückte aus dem Tor die Schar die wohlbewehrte
Waltari edel Wild  Feind ist auf deiner Fährte
Waltari ritt indessen landeinwärts von dem Rhein
In einem schattig finsteren Forste ritt er ein
Das war des Weidmanns Freude der alte Wasichenwald
Wo zu der Hunde Bellen das Jagdhorn lustig schallt
Dort ragen dicht beisammen zwei Berge in die Luft
Es spaltet sich dazwischen anmutig eine Schluft
Umwölbt von zackigen Felsen umschlungen von Geäst
Und grünem Strauch und Grase ein rechtes Räubernest
Er schaut den festen Platz »Hier« sprach er »lass uns rasten
Des süßen Schlafes musst ich schon allzulange fasten
Das war seit vierzig Nächten auf hartem Rosses Rücken
Über den Schild gelehnet ein unerquicklich Nicken«
Ab tat er Wehr und Waffen und in der Jungfrau Schoss
Lehnt er sein müdes Haupt »Nun teurer Fluchtgenoss
Hiltgund halt sorgsam Wacht und steigt vom Tal herauf
Fahldunkle Staubeswolke dann wecke leis mich auf
Doch käm auch angeritten ein ganzes Heer von Recken
So sollt du doch Vielteure nicht allzu schnell mich wecken
Ich traue deinen Augen Die sind gar scharf und rein
Die schaun weit in die Lande « So schlief Waltari ein
Im Sand sah König Gunter die Spur von Hufestritt
Anspornend trieb den Renner er nun zu schnellerm Schritt
»Herbei« rief er »ihr Mannen noch heute fahn wir ihn
Samt den gestohlenen Schätzen er soll uns nicht entfliehn«
Umsonst entgegnet Hagen »Das geht so glatt nicht ab
Manch einen tapfern Degen warf jener in das Grab
Zu oft hab ich erschauet Waltari in Schlachtenwut
Ich weiß er handhabt Lanze und Schwert nur allzu gut«
Doch nimmer ließ sich warnen der vielverstockte Mann
Im Glanz des Mittags ritten sie vor der Felsburg an
Vom Bergesgipfel schaute Hiltgund zum Tal hinab
Da hub sich Staubeswirbel und ferner Rossestrab
Sie strich mit leisem Finger des Schläfers braunes Haar
»Wach auf wach auf Waltari es naht uns eine Schar«
Der rieb sich aus den Augen des süßen Schlafes Rest
Und griff nach seinen Waffen und rüstete sich fest
Und durch die leeren Lüfte schwang er den Speer mit Macht
Das war ein lustig Vorspiel vor bitterernster Schlacht
Hiltgund wie sie von weitem Lanzen blitzen sah
Warf klagend sich zu Boden »Nun sind die Hunnen da
Nun fleh ich mein Gebieter hau ab mein junges Haupt
Dass so ich dein nicht werde kein andrer Mann mich raubt «
»Gebiete deiner Furcht« sprach mild der junge Recke
»Fern sei dass schuldlos Blut die Klinge mir beflecke
Der in so manchen Nöten ein starker Hort mir war
Wird mich auch heute stärken zu werfen diese Schar
Nicht Hunnen sind die Feinde es sind nur dumme Jungen
Die hier im Lande wohnen sind fränkische Nibelungen«
Drauf deutet er mit Lachen nach einem Helm auf dem Plan
»Das ist fürwahr der Hagen mein alter Hunnenkumpan«
Nun trat zum Höhleneingang der Held und sprach von dort
»Vor diesem Tore künd ich nunmehr ein stolzes Wort
Kein Franke soll entrinnend sich rühmen seinem Weib
Er hab Waltaris Schätze gegriffen bei lebendem Leib
Und « doch die Sprache hemmt er und kniete zum Gebete
Gott um Verzeihung flehend für solche Frevelrede
Dann hub er sich und schaute prüfend der Feinde Reihn
»Von allen diesen Kämpen fürcht ich den Hagen allein
Der weiß viel böse Listen und kennt den Brauch des Streits
Doch außer ihm o Hiltgund tut keiner uns ein Leids«
Derweil Waltari dräuend Wacht hielt am Felsentor
Sprach Hagen zu dem König »O Herr noch seht Euch vor
Schickt einen Boten ihm und friedlich seis geschlichtet
Vielleicht dass jener selber sich bittend an Euch richtet
Und Euch den Schatz ausfolgt Die Antwort zeige den Mann
Es ist noch immer Zeit mit Waffen ihn zu fahn«
Da hieß der König ausziehn Herrn Kamelo von Metz
Der dort als Frankenrichter verwaltet das Gesetz
Der flog als wie die Windsbraut zu jung Waltari hin
»Wer bist du fremder Degen sag an woher wohin«
Der Held ihm drauf erwidert »Erst künde du die Mär
Kommst du aus eigenem Willen schickt dich ein andrer her«
Stolz sprach Herr Kamelo »Mich hat hierher entsandt
Als Herold König Gunter der Herr in Frankenland«
Waltari ihm entgegen »Fürwahr was ficht Euch an
Zu spähn und auszuforschen den fremden Wandersmann
Ich bin von Aquitanien Waltari hochgemut
Als Geisel gab der Vater mich in der Hunnen Hut
Dort musst ich seit verweilen Itzt wandt ich mich zu gehen
Ich will die süße Heimat die Eltern wieder sehen«
Da sprach der Bote trocken »Wohlan so sei bereit
Den Goldschrein mir zu liefern dein Ross auch und die Maid
Nur so du schnell dich sputest dies alles herzugeben
Will dir mein Herr belassen die Glieder und das Leben«
Da rief Waltari kecklich »Nie hört ich größeren Toren
Wie kann dein König bieten was ich noch nicht verloren
Ist er ein Gott denn dass er mich also will berücken
Noch trag ich nicht die Fäuste gefesselt auf dem Rücken
Noch duld ich nicht gewundet des Kerkers Herzeleid 
Doch billig ist mein Denken Und lässt er von dem Streit
Goldroter Spangen hundert will ich ihm gern gewähren
Ich weiß als fremder Mann des Königs Namen zu ehren«
Der Bote ritt hinunter und brachte den Bescheid
Da sprach zum König Hagen »O nimm was er dir beut
Ich ahne Unheil sonst mir hat verwichene Nacht
Ein Traum um dich Gebieter viel schwere Sorge gebracht
Sch sah selband uns reiten und jagen im Geheg
Da trat ein großer Bär dir hoher Herr in Weg
Das war ein hitzig Streiten es hat das Tier zuletzt
Das Bein dir bis zur Hüfte zerhauen und zerfetzt
Und wie gefällten Speeres ich beisprang dir im Strauss
Riss er mir selbst ein Auge mit scharfem Zahne aus«
Stolz schalt der König »Wahrlich du bist des Vaters wert
Auch der focht mit der Zunge viel lieber als mit dem Schwert«
Drob zog in Hagens Herzen ein bitter Zürnen ein
»Wohlan« sprach er »so mögt Ihr des Kampfes denn Euch freun
Dort steht vor Euren Augen des Euch gelustet der Mann
Ich will des Ausgangs harren und keine Beute han«
Sprachs und zum nahen Hügel lenkt er sein Ross in Ruh
Sprang ab und sah gelassen im Grase sitzend zu
Der König Gunter winkte den Kamelo nun her
»Zeuch aus und künde jenem den ganzen Schatz ich gehr
Und so er noch sich weigert so bist du Manns genug
Dass du ihn kampflich angehst und niederwirfst mit Fug«
Von Metz der Bischofstadt Herr Kamelo zog ab
Fahl nickt vom blauen Helme sein gelber Busch herab
Von fern schon rief er laut »Heda mein Freund  heraus
Dem Frankenkönig liefre den ganzen Goldschatz aus«
Waltari hörts und schwieg Da ritt er näher bei
»Den ganzen Goldschatz liefre« so rief er ihm aufs neu
Dem riss jetzt die Geduld »Lass ab dein Schrein und Johlen
Hab ich dem König Gunter den Schatz etwann gestohlen
Hat er ein Darlehn mir geliehn habgiergen Sinns
Dass er mir jetzo heischet so schnöden Wucherzins
Hab ich das Land geschädigt und Häuser weggebrannt
Dass Ihr mir Busse fordert mit übermütger Hand
Das muss ein schäbig Volk sein das mir den Durchgang neidet
Und keinen fremden Mann auf seinem Boden leidet
Ich will ums Wegrecht markten Zweihundert Spangen wohlan
Biet ich jetzt deinem König Vernimms und zeigs ihm an«
»Du sollt noch mehr uns bieten« rief Kamelo in Wut
»Des Redens bin ich satt Itzt gilts dein Gut und Blut«
Er deckte seinen Arm mit dem dreifältigen Schild
Und raffte seinen Speer und schüttelte ihn wild
Und zielte genau und warf Ihm bog Waltari aus
Er fuhr in grünen Rasen mit schneidigem Gesaus
»Wohlan denn« rief Waltari  »es sei wies euch gefällt«
Und seine dunkle Lanze schoss der junge Held
Die fuhr zur linken Seite durch den Schildesrand
Und nagelt an die Hüfte Kamelos rechte Hand
Und drang dem Gaul in Rücken  ausschlagend bäumt sich der
Und hätt ihn abgeschüttelt doch fest hielt ihn der Speer
Indes ließ Kamelo den Schild zu Boden sinken
Und strebte sich des Speeres zu ledigen mit der Linken
Doch jener stürzt heran und stemmt den Fuß und tief
Stiess er ihm in den Leib das Schlachtschwert bis zum Griff
Zogs dann zusamt der Lanze aus der Todeswunde
 Da sanken Ross und Reiter wohl in derselben Stunde
So musst ins grüne Gras Herr Kamelo dort beißen
Ihn sah sein Neffe Kimo auch Scaramund geheißen
»Ha das traf mich« so rief er »zurück ihr andern all
Jetzt sterb ich oder sühne des teuren Blutsfreunds Fall«
Weinend sprang er hinauf der Weg war hohl und enge
Dass ihm kein andrer konnt beistehn im Handgemenge
Er knirschte mit den Zähnen »Nicht will ich Schatz und Gut
Ich komme als ein Rächer für meines Oheims Blut«
Zwei Speere schwang er hoch am Helm die Mähne zittert
Doch fest stand dort Waltari und sagte unerschüttert
»War ich des Kampfs Beginner geb ich mich gern verloren
Es soll mich noch zur Stunde dein Lanzenwurf durchbohren«
Da warf in rascher Folge die Lanzen Scaramund
Die eine traf den Schild nur die andre flog in Grund
Dann mit gezücktem Schwerte ritt er Waltari an
Doch bracht ers nicht zuwege die Stirn ihm durchzuschlan
Der Hieb saß auf dem Helme das dröhnte und das klang
Und Feuerfunken sprühten den dunkeln Wald entlang
Jetzt fuhr ihm wie ein Blitz Waltaris Speer in Hals
Und hob ihn aus dem Sattel da fiel er dumpfen Falls
Nichts half ihm mehr die Bitte sein Haupt hieb jener ab
So sank bei seinem Ohme der Neffe früh ins Grab
»Vorwärts« rief König Gunter »und lasst ihm keinen Frieden
Bis dass wir Schatz und Leben geraubt dem Kampfesmüden«
Da kam als dritter Kämpe Werinhard gezogen
Des Speerwurfs ein Verächter trug er nur Pfeil und Bogen
Er richtet auf Waltari von ferne manch Geschoss
Gedeckt vom riesigen Schilde gab der sich nirgends bloß
Und eh der Schütz ihm beikam war schon sein Köcher leer
Des zürnend stürmt er jetzo mit blankem Schwert einher
»Und sind dir meine Pfeile zu luftig und zu leicht
Pass auf ob nicht mein Hieb dir vollgewichtig deucht«
»Schon lange wart ich dass dem Kampf sein Recht geschehe«
Waltari riefs entgegen  und schleudert aus der Nähe
Den Speer Der traf das Ross Hufschlagend bäumt sichs auf
Warf in den Staub den Reiter und stürzte oben drauf
Dem Fallenden entriss der Held sein Schwert in Hast
Löst ihm den Helm  am blonden Gelock er stark ihn fasst
»Zu spät kommt jetzt dein Jammern den Bitten bin ich taub«
Und abgeschlagnen Hauptes lag Werinhard im Staub
Drei Leichen lagen schon Des Streitens noch nicht müd
Entsandt als vierten Kämpen Gunter den Ekkefrid
Der hatt im Sachsenlande den Herzog einst erschlagen
Und der Verbannung Leid am Frankenhof getragen
Der trabte stolz einher auf rötlichbraunem Schecken
Den kampfbereiten Mann tat er erst spöttisch necken
»Bist du gefestet Unhold trügst du durch Luft und Wind
Bist ein Waldteufel du bist du ein Menschenkind« 
Hohnlachend rief Waltari »Ich kenne solches Welschen
Ihr seid das rechte Volk zum Trügen und zum Fälschen 
Heran denn Deinen Sachsen sollt du erzählen bald
Was du dereinst für Teufel erschaut im Wasichenwald«
»Wir wollen es erproben« sprach Ekkefrid und scharf
Schwang er die Eisenlanze am Riemen holt aus und warf
Doch sie zerbrach am Schilde der Schild war allzu hart
Zurück warf sie Waltari und lachte in den Bart
»Schau an wie dir der Waldgeist heimgibt was du geschenkt
Sie mag wohl tiefer fahren wenn meine Faust sie lenkt«
Gespalten von dem Wurf des Schildes Stierhaut klafft
Der Rock zerriss  es fuhr tief in die Lunge der schafft
Todwund sank Ekkefrid ein Blutstrom sich ergoss
Als Beute nahm Waltari mit sich des Toten Ross
Der fünfte Kämpe war Hadwart Er ließ zurück
Den Speer und hofft allein vom scharfen Schwert sein Glück
Erst sprach er zu dem König »So ich den Sieg gewinne
Belass des Feindes Schild mir nach diesem steht mein Sinne«
Zu Rosse drang er vor doch seinen Pfad versperrten
Die Leichen der Erschlagenen Da sprang er zu der Erden
Des lobt Waltari ihn Doch Hadwart rief und schalt
»Du liegst wie eine Natter im Kreis zusammengeballt
Und denkst o schlaue Schlange Pfeil und Geschoss zu meiden 
Des sollt von meiner Rechten du herbe Schläge leiden
Den schönbemalten Schild leg ab jetzt unverweilt
Als Kampfpreis ist er mir vom König zugeteilt
Er soll nicht Schaden nehmen gar wohl gefällt er mir
Und wollt sichs anders wenden und unterläg ich dir
Dort stehen die Genossen Du fristest nicht dein Leben
Und wolltst du auch als Vogel befiedert uns umschweben«
Furchtlos sprach da Waltari »Den Schild den lass ich nicht
Dem bin ich als ein Schuldner zu großem Dank verpflichtt
Der schirmte mich vorm Feinde gar oft in heißen Tagen
Die Wunden die mir galten ließ er sich willig schlagen
Du sollt noch heut erkennen wie nützlich dieser mir
So ich den Schild nicht hätte ich stünde nimmer hier«
Drauf Hadwart »Unfreiwillig sollt du ihn balde missen
Und Ross und Gold und Jungfrau in unsern Handen wissen
Noch einmal rat ich dir leg ab leg ab die Last
Die du so weiten Weges bis heut getragen hast«
Sprachs und vom Leder zog er Das war ein Fechten schwer
Er kämpfte mit dem Schwerte Waltari mit dem Speer
Im Wasichenwalde nimmer solche Blitze sprühten
Staunend sahen die Franken auf den Nimmermüden
Das hat von Helm und Schilden geklungen und gegellt
Wie wenn mit scharfem Beile ein Mann die Eiche fällt
Aufsprang der Wormser Kämpe und schwang des Schwertes Schneide
Auf dass mit einem Hieb der Zweikampf sich entscheide
Waltari fing den Streich und zwang ihm aus der Faust
Die Klinge dass sie weit seitab ins Buschwerk saust
Dahin floh Hadawart Doch Alphers Sohn der schnelle
Ihm nach »Wo fleuchst du hin da nimm den Schild Geselle«
Sprachs und mit beiden Händen hob er den Speer und stach
Da ging der Kampf zu Ende Der sank mit dumpfem Krach
Ihm setzte auf den Nacken den Fuß Waltari und dann
Spiesst an den Boden er zusamt dem Schilde den Mann
Als sechster in den Kampf ging jetzo Patafrid
Des Hagen Schwestersohn Wie den sein Oheim sieht
Gedachte er mit Bitten zu wenden ihm den Sinn
»Schau wie der Tod dich anlacht lass ab wo eilst du hin
Lass ab lass ab o Neffe dich täuscht dein Jugendmut
Zu zwingen den Waltari brauchts andere Kraft und Glut
Des Zuspruchs ungerührt der Jüngling ging von hinnen
Sein einzig Trachten war sich Ehre zu gewinnen
Bekümmert saß drum Hagen und seufzte tief und grollte
O nimmersatte Habgier o schnöder Durst nach Golde
O schlänge doch die Hölle das güldne Erz in Rachen
Und gäb es statt den Menschen zur Hut den alten Drachen
Niemand hat mehr genug Sie schaffen und sie scharren
Sich täglich mehr zusammen und sind doch arme Narren
Wie reitest in den Tod auch du mein Neffe so blind
Was soll ich deiner Mutter für Kunde bringen vom Kind
Und was dem jungen Weibe das traurig deiner harrt
Dem noch zu schwachem Troste der erste Spross nicht ward«
Sprachs und die Träne rollt ihm langsam in Schoss hinab
»Fahr wohl auf lange« seufzt er »fahr wohl du schöner Knab«
Aus weiter Fern Waltari des Freundes Klage vernahm
Gerührt sprach er zum Kämpen der jetzt gestürmet kam
»Steh ab mein tapfrer Junge ich mag dirs redlich raten
Aufspare deine Kraft zu anderweiten Taten
Schau auf hier liegt erschlagen manch ein gewaltger Held
Ich müsste Leides tragen wenn du dich beigesellt«
»Was kümmert dich mein Sterben« rief jener »steh und ficht
Zum Streit bin ich gekommen zu losem Schwatzen nicht«
Und mit dem Worte flog auch die knorrige Lanze einher
Zur Seite schlug Waltari sie mit dem eignen Speer
Von Wurfs Gewalt getragen und von des Windes Kraft
Flog bis zur Felsenhöhle zu Hiltgunds Füßen der schafft
Aufschrie vor Furcht die Jungfrau dann aus der Felsenspalte
Lugt sie fürsichtig ob Waltari sich noch halte
Noch einmal warnte dieser den ungestümen Mann
Doch er bedachtlos wütend stürmt mit dem Schwerte an
Da schirmte sich Waltari und schwieg doch mocht sein Schweigen
Dem Zähneknirschen des gehetzten Keulers gleichen
Zu mächtigem Schwertstreich holte Patavrid jetzt aus
Da duckte sich Waltari ins Knie und bog ihm aus
Dass ihn des leeren Streiches Wucht zu Boden riss
Auf sprang der Held mit Macht Da war der Sieg gewiss
Zwar wollt zu neuem Fechten auch Patavrid sich heben
Umsonst In Bauch getroffen ließ er das süße Leben
Die Seele flog von dannen es ward sein junger Leib
Dem wilden Waldgetiere ein Frass und Zeitvertreib
Des Toten Fall zu rächen kam Gerwig jetzt gesprengt
Er sprengte über die Leichen die dort den Steg geengt
Derweil des Toten Haupt vom Rumpf Waltari fällt
Warf er die doppelschneidige Streitaxt nach dem Held
 Die war in jenen Zeiten der Franken liebst Gewaffen 
Schnell hob den Schild Waltari sich Deckung zu verschaffen
Rückspringend nach der Lanze an sich die teure riss er
Die blutige Schwertesklinge ins grüne Riedgras stieß er
Und stellte sich dem Angriff Da fiel kein unnütz Wort
So grimmig nach dem Kampfe lechzten die beiden dort
Der focht den Freund zu rächen der schirmte Leib und Leben
Viel schwere Hiebe wurden gehauen und rückgegeben
Waltaris Speer war länger doch tummelte sein Pferd
Der Franke rings im Kreis dass jener müde werd
Zuletzt ersah Waltari dass er den Schild ihm hob
Durch Gerwigs Weichen jetzt das grimme Eisen schnob
Hinsank er auf den Rücken ein Schrei entfuhr dem Mund
Des Todes unfroh stampfte er den durchfurchten Grund
Auch diesem tät der Held das Haupt vom Rumpfe lösen
 Er war ein stolzer Graf im Wormser Gau gewesen
Nun stutzten erst die Franken und baten ihren Herrn
Vom Streite abzustehen Doch dem war Gunter fern
»He« zürnte er »ihr tapfre ihr vielerprobte Seelen
schafft euch das Unglück Furcht anstatt zum Zorn zu stählen
Soll aus dem Wasichenwalde ich so mich werfen lassen
Und als geschlagner Mann durchziehn die Wormser Gassen
Erst wollt ich jenen Fremden des Goldes sehen verlurstig
Jetzt dürst ich seines Blutes Und ihr seid ihr nicht durstig
Den Tod sühnt nur der Tod Blut heischet wieder Blut«
Er sprachs da wurden alle entflammt zu neuem Mut
Als gings zu lustgem Spiele zu Wettkampf und Turnein
So wollte jetzt ein jeder im Tod der erste sein
Den Felspfad aufwärts ritten sie nacheinand im Trab
Indessen nahm Waltari den Helm vom Haupte ab
Und hing ihn an den Baum Den würzgen Waldesduft
Sog er mit vollen Zügen und kühlt sich an der Luft
Da rannt auf schnellem Rosse Herr Randolf jach heran
Mit schwerer Eisenstange stürmt er Waltari an
Und hätt ihn schier durchbohrt Doch auf der Brust zum Glück
Trug er ein schwer Geschmeide Schmied Welands Meisterstück
Leicht fasste sich der Held und hielt den Schild bereit
Den Helm sich aufzusetzen hatt er nimmer Zeit
Schon sauste Randolfs Klinge um Waltaris Ohren
Da wurden dem Barhäuptgen zwei Locken abgeschoren
Doch unverwundet blieb er Es fuhr der zweite Hieb
So mächtig in den Schildrand dass er drin steckenblieb
Dem Blitz gleich sprang Waltari zurück und wieder vor
Und riss ihn von dem Gaule dass er das Schwert verlor
Und presst ihn auf den Boden trat ihm die Brust mit Füßen
»Jetzt sollt du für die Glatze mir mit dem Scheitel büßen
Und dieses Stückleins nimmer prahlen deinem Weibe«
Sprachs und hieb den Kopf von des Besiegten Leibe
Als Neunter in den Kampf sprang Helmnod vor in Eile
Er schleppte einen Dreizack an vielgewundnem Seile
Das hielt zu seinem Rücken der Freunde kleiner Rest
Sie dachten wenn die Haken im Schilde säßen fest
Das Seil dann anzuziehen mit so gewaltiger Macht
Dass drob Waltari leicht zu Falle werd gebracht
Den Arm reckt Helmnod aus und warf den Zack im Bogen
»Pass auf du kahler Mann da kommt dein Tod geflogen«
Stolz durch die Lüfte kam das Wurfgeschoss gesaust
Als wie die Schlange zischend vom Baum herunter braust
Gespalten ward der Nagel am Schild Er war getroffen
Scharf zerrten an dem Seil die Franken schweissumtroffen
Im Waldgebirg erscholl ihr siegesfroher Schrei
Der König selbst gesellte den Ziehenden sich bei
Doch festgewurzelt stund als wie die Riesenesche
Des Lärmens unbekümmert Waltari in der Bresche
Er stund und wankte nicht Da dachte dort der Schwarm
Zum mindsten ihm den Schild zu reißen von dem Arm
Von zwölf Gesellen so die letzten viere kamen
Zu ungestümem Streit Der Sang nennt ihre Namen
Der neunte war Herr Helmnod Eleuter auch benannt
Der zehnte Mann war Trogus von Strassburg hergesandt
Von Speier an dem Rhein Herr Tannast war der elfte
Und König Gunter war an Hagens Statt der zwölfte
Solch eitelen Streitens ward Waltari endlich wild
Barhäuptig war er schon Jetzt ließ er auch den Schild
Und auf die Rüstung nur und seinen Speer vertrauend
Sprang er in Feind zuerst nach dem Eleuter hauend
Er spaltet ihm den Helm und Haupt und Nacken zugleich
Zerspaltet auch die Brust mit einem einzgen Streich
Dann stürmt er auf den Trogus Verwickelt in dem Seil
Hing der ihm brachte nimmer das Flüchten Glück und Heil
Sie hatten bei dem Seilzug sich abgetan der Waffen
Vergebens sprang er jetzt sich diese zu erraffen
Waltari holt ihn ein und tiefe Wunde schlug er
In beide Waden ihm und seinen Schild wegtrug er
Bevor ihn Trogus griff  In Wut ersah der Wunde
Sich einen riesigen Feldstein Den hob er von dem Grunde
Und stemmte sich und warf ihn so sicher auf den Held
Dass er den eignen Schild inmitten ihm zerschellt
Im Grase kriechend Trogus sein Schwert dann wieder fand
Er nahms und durch die Lüfte schwang ers mit starker Hand
Zwar konnt er seine Mannheit nicht mehr durch Taten weisen
Doch kündet Herz und Mund sattsam den Mann von Eisen
Und als die Todesgeister er noch nicht lachen sah
Rief er »O wär ein Schild  o wär ein Freund mir nah
Zufall nicht Tapferkeit hat dir den Sieg bereitet
Noch hast zu meinem Schild das Schwert du nicht erbeutet«
»Bald komm ich« sprach Waltari und flog den Weg herab
Dem furchtlos Hauenden schlug er die Rechte ab
Schon sollt ein zweiter Streich der Seele öffnen das Tor
Zum ewgen Abschied Sieh da sprang Herr Tannast vor
Der hatte gleich dem König die Waffen aufgenommen
Und war den Freund zu schirmen mit seinem Schild gekommen
Unwillig wandte sich Waltari gegen ihn
Mit tief durchhauner Schulter sank Herr Tannast dahin
Und mit durchstochner Seite »Ich grüß dich tausendmal«
Noch leise murmelt ers dann war er tot und fahl
Verzweifelnd stieß nun Trogus viel bittere Schmähung aus
»So stirb denn« rief Waltari »und meld im Höllenhaus
Wie du den Freunden warst ein Rächer und Vergelter «
Riefs  und mit güldner Kette erdrosselt er den Schelter
So lagen die Genossen erschlagen allzumal
Da seufzte laut der König und floh hinab ins Tal
Auf des bewehrten Rosses Rücken schwang er sich
Und ritt zu Hagen hin und weinte bitterlich
Er strebt ihn zu erweichen mit Bitten mannigfalt
Und ihn zur Schlacht zu stacheln Doch jener sagte kalt
»Zu kämpfen hindert mich der Ahnen schnöd Geschlecht
Mir lähmt ja kühles Blut den Arm zu dem Gefecht
Bleich war ja schon mein Vater wenn er die Lanzen schaute
Und schwatzte feig derweil ihm vor der Feldschlacht graute 
O König wie du also geprahlt vor den Genossen
Für immer in die Scheide hast du mein Schwert gestoßen«
Von neuem ging der König den Grimmen flehend an
»Lass ab von deinem Grolle  lass ab und sei ein Mann
Und schuf dir auch mein Schelten viel Zorn und Ungeduld
Ich will mit reicher Gabe wettschlagen meine Schuld
Zu viel des edelen Blutes ward heute schon vergossen
Magst du das alles schauen so müßig und verdrossen
Fürwahr den Schimpf wird nimmer das Frankenland verwinden
Schon hör ich unsre Feinde zischend die Mär verkünden
Es kam ein fremder Mann man wusste nicht woher
Der tilgte ungestraft der Franken ganzes Heer«
Noch wollte Hagen zaudern Er saß und übersann
Wie ihm Waltari einst in Treuen zugetan
Doch als sein Herr und König mit aufgehobnen Armen
Kniefällig zu ihm bat  da fasst ihn ein Erbarmen
Da brach das Eis im Herzen sein Antlitz färbt sich rot 
So er noch länger säumte die Ehre litte Not
»Wohin du auch mich rufest  o Fürst ich werde gehen
Was nimmer sonst geschah die Treue heißts geschehen
Doch wer war je so töricht dass er ins offene Grab
So wie es hier aufgähnet freiwillig sprang hinab
Solang Waltari dort die Felsburg innehält
Zieht auch ein Heer vergebens wider ihn zu Feld
Und wenn die Franken all Fußvolk und Reiterei
An jenem Platze stünden es käm ihm keiner bei
Doch weil Beschämung dich und Schmerz darnieder drücken
Ersinn ich einen Weg auf dem wirds besser glücken
Fürwahr ich ginge nimmer beschworene Treu zu brechen
Selbst nicht  ich sag es frank  des Neffen Tod zu rächen
Für dich nur Herr und Fürst will der Gefahr ich stehen
Drum auf und lass uns erst von dieser Walstatt gehen
Es mögen unsre Rosse dort auf der Warte weiden
Dann wähnt er uns gegangen  und wird von dannen reiten
So er die enge Burg verlassen dann wohlan
Wir folgen ihm und greifen im offenen Feld ihn an
Dann magst nach Herzenslust und mehr selbst als dich freut
Du mit Waltari fechten nicht schenkt er uns den Streit«
Dem Könige gefiel des Hagen schlaues Wort
Er sänftigte ihn vollends mit einem Kuss sofort
Dann wichen beide und spähten sich sichern Hinterhalt
Die Rosse ließ sie frei grasen in dem Wald
Gesunken war die Sonne Einbrach die dunkle Nacht
Der müde Held Waltari stand prüfend und bedacht
Ob er in sichrer Felsburg schweigsam verweilen möge
Ob er durch öde Wildnis versuche neue Wege
Er scheute bloß den Hagen und ahnte böse List
Dass ihn der König dort umarmet und geküsst
Des fürchte ich so dacht er dass sie zur Stadt entreiten
Und morgen früh den Kampf erneun mit frischen Leuten
Wofern sie nicht schon jetzt im Hinterhalte lauern 
Auch schuf der wilde Wald ihm ein gelindes Schauern
Als dräut es drin ringsum von Dorn und wilden Tieren
Dass er dort hilflos irrend die Jungfrau möcht verlieren
Dies alles wohlgeprüft und wohlerwogen sprach er
»Wie es auch gehen mag hier sei bis morn mein Lager
Dass nicht der König prahle ich sei dem Diebe gleich
Entflohn bei Nacht und Nebel aus dem Frankenreich«
Er sprachs und Dorn und Strauchwerk hieb er sich rings vom Hag
Und schloss den engen Pfad mit stachligem Verhack
Mit bitterem Seufzen wandt er sich zu den Leichen dann
Jedwedem Rumpfe fügte sein Haupt er wieder an
Gen Sonnenaufgang warf er kniend sich zur Erde
Und sprach das Sühngebet mit scharfentblösstem Schwerte
»O Schöpfer dieser Welt der alles lenkt und richtet
Gen dessen hohen Willen sich nichts hienieden schlichtet
Hab Dank dass heute ich mit deinem Schutz bezwungen
Der ungerechten Feinde Geschoss und böse Zungen
O Herr der du die Sünde austilgst mit starken Armen
Doch nicht den Sünder selbst  dich fleh ich um Erbarmen
Lass diese Toten hier zu deinem Reich eingehn
Dass ich am Himmelssitze sie möge wiedersehen«
So betete Waltari Dann trieb er allsogleich
Der Toten Rosse ein und band sie mit Gezweig
Noch sechse waren übrig Zwei waren umgekommen
Drei hatte König Gunter mit auf die Flucht genommen
Dann löst er seine Rüstung Das war dem Hitzigen gut
Mit frohem Zuspruch schöpft er der Jungfrau Trost und Mut
Mit Speise und mit Trank labt er die müden Glieder
Und auf den Schild gelagert warf er zum Schlaf sich nieder
Den ersten Schlummer sollte Hiltgunde ihm behüten
Denn allzusehr nach Ruhe gelüstets den Vielmüden
Er selbst behielt sich vor die Wacht am frühen Morgen
Er wußt da drohten ihm erneuten Kampfes Sorgen
Zu Haupt ihm sitzend wachte Hiltgund die Nacht entlang
Und scheuchte von den Augen den Schlaf sich mit Gesang
Bald hub Waltari sich und brach des Schlummers Rest
Und hieß die Jungfrau ruhen und griff zum Speere fest
Und wandelt ab und auf Bald schaut er nach den Rossen
Bald lauscht er an dem Walle So war die Nacht umflossen
Der Morgen dämmerte Es fiel ein linder Tau
Auf Busch und Blatt und Halm hernieder in die Au
Zu der Erschlagenen Leichen schritt jetzt Waltari hin
Die Waffen und den Schmuck zu rauben war sein Sinn
Die Panzer samt den Helmen die Spangen nahm er zur Hand
Und Schwert und Wehrgehenk Doch ließ er das Gewand
Er nahm der Rosse viere und lastet sie damit
Hiltgund aufs fünfte hob er das sechste er selbst beschritt
Erst ritt er aus dem Walle die Gegend zu erspähn
Und ließ die Falkenaugen sich rings im Kreis ergehn
Nach Wind und Lüften hielt er das Ohr gereckt und lauschte
Ob nichts geschlichen käme ob nichts im Grase rauschte
Ob nicht von schwerem Zügel sich hob ein fernes Tönen
Oder von Rosseshuf die Erde möcht erdröhnen
Doch rings lag alles still Die Rosse schwer beladen
Trieb er jetzt vor und sandte Hiltgund auf gleichen Pfaden
Er selber führt den Gaul der ihm den Goldschrein trug
Und schloss in Wehr und Waffen als Hüter den reisigen Zug
Sie hatten tausend Schritte etwann zurückgelegt
Da schaute Hiltgund um sie war vor Furcht bewegt
Da schaute sie vom Hügel herab zwei Männer eilen
Die ritten scharf des Weges und mochten nicht verweilen
Und zu Waltari rief die Jungfrau schreckensbleich
»Das Ende kommt o Herr Zur Flucht jetzt sputet Euch«
Waltari wandte sich Die Feinde nahm er wahr
»Ich will ins Antlitz mir beschauen die Gefahr
Und winkt mir auch der Tod viel besser ists zu streiten
Als Hab und Guts verlustig einsam von dannen reiten
Du Hiltgund nimm die Zügel und treib das Goldross fort
Der dichte Hain dort drüben beut sichern Zufluchtsort
Ich will am Bergeshang mir einen Stand erkiesen
Und harren wer da kommt und ritterlich sie grüßen«
Die Jungfrau tat sofort wie sie Waltari hieß
Der machte unbefangen zurecht jetzt Schild und Spieß
Und ritt des Weges weiter als wie ein fremder Mann
Da schrie ihn schon von ferne der König Gunter an
»Jetzt ist dein Unterschlupf benommen grimmer Held
Aus dem du zähneweisend als wie ein Hund gebellt
Heraus ins offene Feld dein warten neue Streiche
Noch steht zu proben ob das End dem Anfang gleiche
Du weisest ja Ergebung und Flucht so schnöd zurück
Lass sehen ob du auch heute um Lohn gedungen das Glück«
Verächtlich tät Waltari kein Wort dawider sagen
Als wär er taub geworden Er wandte sich an Hagen
»O Hagen alter Freund sag an was ist geschehen
Dass also umgewandelt ich dich muss wiedersehen
Der tränend einst beim Abschied in meinen Armen lag
Verrennt gewaffnet mir den Weg an diesem Tag
Fürwahr ich dachte einst käm heimwärts ich gegangen
Du würdest grüßend mich mit offenem Arm umfangen
Und gastlich mich bewirten und pflegen mich in Freuden
Und reich beschenkt den Freund ins Heimatland geleiten
Ich zog auf fremden Wegen Oft wollt das Herz mir schlagen
O wär ich bei den Franken dort lebt mein Freund der Hagen
Gedenkst du nimmermehr der alten Knabenspiele
Wo wir einmütig einst gestrebt nach gleichem Ziele
Nicht mehr der Freundschaft O wenn ich dein Antlitz sah
So deuchten mir die Eltern die teure Heimat nah
Ich wahrte dir die Treue am Hof und vor dem Feind
Lass ab drum von dem Frevel und sei mein alter Freund
Des werd ich hoch dich preisen und bist du mir zu Willen
Werd ich mit rotem Golde den hohlen Schild dir füllen«
Mit finsterem Blick und zürnend sah ihn Hagen an
»Erst übest du Gewalt und schwatzest listig dann
Die Treu hast du gebrochen Du wusstest mich zugegen
War dir an meinen Freunden am Neffen nichts gelegen
Nicht magst du dich entschuldgen wenn ich auch ferne stand
An Waffen und Gestalt war ich dir gut bekannt
Und doch hat mir dein Schwert den zarten Spross gemäht
Den teuren blonden Jungen Da war die Freundschaft wett
Drum heisch ich jetzt von dir nicht Gold nicht Bruderbund
Von deiner Hand verlang ich den toten Neffen zur Stund«
Von Rosses Rücken schwang sich Hagen nun zur Erde
Da ließ auch Waltari und König Gunter die Pferde
Zum Fusskampf standen sie zwei wider einen Mann
Die zweite Frühstund wars da hub das Streiten an
Erst brach den Frieden Hagen und warf mit Macht den Speer
Der flog in hohem Bogen mit Zisch und Zasch daher
Waltari mochte nicht ausbeugen doch er hielt
Zu schräger Richtung ihm entgegen seinen Schild
Rückprallte das Geschoss als wie von Marmelstein
Und wühlte bis an den Nagel sich in den nahen Rain
Dann warf auch König Gunter den schweren Eschenschaft
Er warf ihn kecken Mutes doch nur mit schwacher Kraft
Den Schildrand traf er nur und konnt ihn nicht zerreißen
Waltari schüttelte da fiel das matte Eisen
Das war ein schlimmes Zeichen Itzt griffen sie zum Schwerte
Doch grimmen Blicks Waltari sich mit der Lanze wehrte
Die Klingen waren kurz sie reichten nicht an ihn
Da fuhr ein schlimmer Plan dem König durch den Sinn
Sein abgeschossner Speer lag vor Waltaris Füßen
Den hätt er heimlich gern zu sich zurückgerissen 
Er winkte mit dem Aug dass Hagen vorwärts dringe
Und stieß zurück zur Scheide die goldgeschmückte Klinge
Da ward die Rechte frei zum Diebsgriff  und den schafft
Hielt er schon festgepackt  und hätt ihn auch errafft
Doch auf den Hagen stürmte Waltari plötzlich her
Und trat mit starkem Fuß auf den gegriffnen Speer
Der Überraschung ward der König sehr erschrocken
Die Kniee wankten ihm sein Atem wollte stocken
Schon war der Tod ihm nah Doch sprang in schnellem Lauf
Ihm schirmend Hagen bei Da stund er zitternd auf
Es ward der bittere Kampf jetzt ungesäumt erneut
Fest stand Waltari noch doch ungleich war der Streit 
Er stand so steht der Bär gejagt von wilder Hatze
Unwillig vor der Meute und droht mit scharfer Tatze
Und duckt das Haupt und knurrt Weh dem der an ihn schwirrt
Er presst ihn und umarmt ihn bis er sich nimmer rührt
Scheu flieht der Rüden Schar mit heulendem Gebelle 
So flutete die Schlacht schon auf der höchsten Welle
Dreifache Not des Todes auf jeder Stirne stand
Die Wut die Last des Kampfes und glüher Sonnenbrand
Gepressten Herzens schaute bereits Waltari um
Ob sich kein Ausweg öffne Zu Hagen rief er drum
»O Hagdorn grün im Laub du magst so gern mich stechen
Und mir die Heldenkraft mit schlauen Sprüngen brechen
So schwerer Mühe satt will ich mit dir jetzt ringen 
Und bist du riesenstark ich will dich näher bringen«
Er sprachs und hochaufspringend warf er die Lanze keck
Sie traf und riss ein Stück ihm von der Rüstung weg
Und streifte seine Haut doch nur ein wenig an
Dieweil gar starken Panzer sich Hagen umgetan
Waltari aber riss das Schwert aus seiner Scheide
Und stürmt auf Gunter ein und schlug den Schild beiseite 
So wundersam gewaltgen Schwertschlag tat er behende
Dass er ihm Bein und Schenkel ganz von der Hüfte trennte
Halbtot auf seinem Schilde lag König Gunter da
Selbst Hagen wurde blass wie solchen Schlag er sah
Hoch schwang Waltari jetzt die blutgefleckte Klinge
Auf dass der wunde König den Todesstreich empfinge
Doch Hagen warf dem Hieb das eigne Haupt entgegen
Da sprühte von dem Helm hoch auf ein Funkenregen
Der Helm war hart geschmiedet Drum brach das Schwert mit Klirren
Durch Luft und Busch und Gras zahllose Trümmer schwirren
Waltari wie ihm so die Klinge war zersplittert
Fuhr unwirsch auf es ward sein Herz von Zorn durchschüttert
Wegwarf verächtlich er den Griff  was sollt er nützen
Ob er auch kunstgefüget von Golde mocht erblitzen
Doch wie er unbedacht die Hand zum Wurf ausreckte
Tat Hagen einen Hieb der sie zu Boden streckte
Da lag die tapfre Rechte so furchtbar manchem Land
So siegespreisgeschmückt  nun blutend in dem Sand
Ob zwar ein linker Mann  Waltari war noch nicht
Der Kunst des Fliehens kundig starr blieb sein Angesicht
Er biss den Schmerz zusamm und in den Schild einschob er
Den blutgen Stumpf und schnell mit linker Faust erhob er
Das krumme Halbschwert das er einst im Hunnenland
Als Notbehelf sich um die rechte Hüfte band
Das rächte ihn am Feind Da ward dem grimmen Hagen
Sein rechtes Auge ganz aus dem Gesicht geschlagen
Zersäbelt war die Stirn  die Lippen aufgeschlissen
Dazu sechs Backenzähne ihm aus dem Mund gerissen
So ward der Kampf geschlichtet  wohl durften beide ruhen
Laut mahnten Durst und Wunden die Waffen abzutun
Da schieden hochgemut die Helden aus dem Streit
An Kraft der Arme gleich und gleich an Tapferkeit
Wahrzeichen ließ jedweder zurück von dem Gefechte
Hier lag des Königs Fuß  dort lag Waltaris Rechte
Dort zuckte Hagens Aug so hob an jenem Platz
Sich jeder seinen Teil vom großen Hunnenschatz
Die beiden setzten sich Der dritte lag am Grunde
Mit Blumen stillten sie den Blutstrom aus der Wunde
Hiltgund der zagen Maid laut rief Waltari dann
Die kam und legte guten Verband den Recken an
Waltari drauf befahl »Jetzt misch uns einen Wein
Wir haben ihn verdient er soll uns heilsam sein
Es sei der erste Trunk dem Hagen zugebracht
Der war dem König treu und tapfer in der Schlacht
Dann reich ihn mir der ich das Schwerste hab erlitten
Zuletzt mag Gunter trinken der lässig nur gestritten«
Die Jungfrau folgt dem Winke und brachts dem Hagen dar
Da sprach der Held wie sehr er von Durst gequält auch war
»Waltari deinem Herrn sei erst der Trunk gereicht
Braver als ich und alle hat der sich heut erzeigt«
Zwar müd doch frischen Geists saß jetzt beim Wein geeint
Hagen der Dornige mit seinem alten Freund
Nach Lärm und Kampfgetös Schildklang und schweren Hieben
Zum Becher dort die zwei viel Scherz und Kurzweil trieben
»Zukünftig« sprach der Franke »magst du den Hirsch erjagen
O Freund und von dem Fell den Lederhandschuh tragen
Und so du dir mit Wolle ausstopfest deine Rechte
So meint noch mancher Mann die Hand sei eine echte
O weh auch musst fortan du allem Brauch entgegen
Am deine rechte Hüfte das breite Schlachtschwert legen
Und will Hiltgunde einst dir in die Arme sinken
So musst du sie verkehrt umarmen mit der Linken
Und alles was du tust muss schief und linkisch sein «
Waltari ihm erwidert »O Einaug halte ein
Noch werd ich manchen Hirsch als Linker niederstrecken
Doch dir wird nimmermehr des Ebers Braten schmecken
Schon seh ich queren Auges dich mit den Dienern schelten
Und tapfrer Helden Gruß mit scheelem Blick entgelten
Doch alter Treu gedenkend schöpf ich dir guten Rat
Bist du der Heimat erst und deinem Herd genaht
Dann lass von Mehl und Milch den Kindleinbrei dir kochen
Der schmeckt zahnlosem Mann und stärkt ihm seine Knochen«
So ward der alte Treubund erneut mit Glimpf und Scherz
Dann trugen sie den König dem schuf die Wunde Schmerz
Und hoben sänftlich ihn aufs Ross und ritten aus
Nach Worms die Franken zogen Waltari ritt nach Haus
Da ward mit hohen Ehren begrüßt der junge Held
Und bald ward auch Hiltgunde dem Treuen anvermählt
Nach seines Vaters Tod tat er der Herrschaft pflegen
Und führte dreißig Jahre sein Volk mit Glück und Segen
Noch in manch schwerem Kampfe gewann er Sieg und Ruhm
Doch stumpf ist meine Feder und billig schweig ich drum
Hochweiser Leser du schenk meinem Werke Gnade
Wohl gleicht mein rauer Reim dem Sang nur der Zikade
Doch für das Höchste ist mein junger Sinn erglüht
Gelobt sei Jesus Christ  So schließt Waltaris Lied
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel
                              Ausklingen und Ende
»So schließt Waltaris Lied«  Er hat brav gesungen unser Einsiedel Ekkehard
und sein Waltarilied ist ein ehrwürdig Denkmal deutschen Geistes die erste
große Dichtung aus dem Kreis heimischer Heldensage die trotz verzehrendem Roste
der Zeit unversehrt der Nachwelt erhalten ward Freilich sind andere Töne darin
angeschlagen als in den goldverbrämten Büchlein die der epigonische Poet
ausheckt  der Geist großer Heldenzeit weht drin wild und fast schaurig wie
Rauschen des Sturmes im Eichwald es klingt und sprüht von Schwerteshieb und
zerspelltem Helm und Schildrand ein Erkleckliches und ist von minniglichem
Flötenton so wenig zu verspüren als von angegeistetem Schwatzen über Gott und
die Welt und sonst noch einiges riesenhafter Kampf und riesenhafter Spaß altes
Reckentum in seiner schlichtfürchterlichen Art ehrliche fromme schweigende
Liebe und echter dreinschlagender Hass das waren Ekkehards Bausteine aber darum
ist sein Werk auch gesund und gewaltig worden und steht am Eingang der
altdeutschen Dichtung groß und ehrenfest wie einer jener erzgewappneten
Riesen die die bildende Kunst späterer Zeiten als Torhüter vor der Paläste
Eingang zu stellen pflegt
    Und wen die Herbigkeit alter oft schier heidnischer Anschauung unlieblich
anmuten möchte gleich einem rauen Luftzug an den Dünen des Meers draus der
frackumhüllte Mensch Erkältung schöpft und ein Hüstlein der möge bedenken dass
einer das Lied sang der selber in der Hunnenschlacht gefochten und dass ers
sang die Locken umsaust vom Winde der über die Schneefelder des Säntis
gestrichen viel hundert Klafter über den Niederungen des Tales die Wolfshaut
zum Mantel den Felsblock der Höhle zum Schreibtisch die Bärin zum Zuhörer
    Es ist schade dass die neckenden Geister und Kobolde schon lange ihr
frohsames Handwerk eingestellt haben sonst möcht es manch einem Schreibersmann
unserer Tage nicht ungedeihlich sein wenn ihn plötzlich unsichtbare Hände vom
Mahagonitisch hinwegtrügen auf die grünen Matten der Ebenalp  dort droben wo
der alte Mann in seiner Berggewaltigkeit dem Poeten ins Konzept schaut wo die
Abgründe gähnen der Donner zwölffältig durch die Schluchten rollt und der
Lämmergeier in einsam stolzem Kreisen dem Regenbogen zufliegt dort muss einer
etwas Großes Kerniges Bärenmässiges singen oder reuig in die Kniee sinken wie
der verlorene Sohn und vor der gewaltigen Natur bekennen dass er gesündigt  
    Unsere Erzählung neigt sich zum Ende
    Es wär ihr vielleicht ein Gefallen geschehen wenn Ekkehard jetzt nach
Vollendung seines Sanges eines sänftlichen Todes verblichen wäre das hätte
einen gar rührenden Schluss gegeben wie er oben vor seiner Höhle gesessen den
Blick nach dem Bodensee die Harfe an den Fels gelehnt die Pergamentrolle in
der Rechten und das Herz wär ihm gebrochen und es hätt sich ein schön
Gleichnis daran geknüpft wie der Sänger vom Lodern des Geistes in ihm
aufgezehrt ward und dahinstarb gleich der Kerze die zur Asche sich verzehrt
eben da sie Licht gewährt  aber den Gefallen erwies Ekkehard seinem Angedenken
bei der Nachwelt nicht
    Echte Dichtung macht den Menschen frisch und gesund Und Ekkehards Wangen
hatten sich in währender Arbeit strahlend gerötet und es war ihm so wohl
geworden dass er oftmals den Arm ausreckte als woll er einen Wolf oder Bären
mit einem Schlag der Faust niederschmettern Wie aber sein Waltari durch Not
und Todeswunden glücklich zu Ende geführt war da jubelte er dass die
Tropfsteine in seiner Höhle verwundert einander zublinzeln mochten den Ziegen
im Stall warf er eine doppelte Atzung an Futter zu dem Handbuben aber
übermachte er etliche Silberpfennige dass er hinübersteige als Botenknabe nach
Sennwald im Rheintal und einen Schlauch rötlichen Weines beschaffe Es war
damals wie jetzt Ist das Buch zu End gebracht der Schreiber einen Freudsprung
macht280
    Darum saß er abends auf der Ebenalp beim alten Senn und trank ihm tapfer zu
und nahm ihm das Alphorn vom Nacken und trat auf ein Felsstück und blies nach
dem fernduftigen Hegauer Berggipfel hinüber frohgewaltig als woll er die
Herzogin herausblasen auf den Söller und Praxedis dazu und wolle sie mit Lachen
begrüßen
    »Wenn ich wieder auf die Welt käme« sprach er zu seinem Freund dem
Alpmeister »und hätte vom Himmel herniederzufallen und die Wahl wohin ich
glaube ich ließ mich zum Wildkirchlein fallen und nirgend anders hin«
    »Ihr seid nicht der erste« antwortete lachend der Alte »dems bei uns wohl
behagt hat Wie der Bruder Gottschalk noch lebte sind einmal fünf welsche
Mönche heraufgekommen zum Besuch die haben ein besseres Weinlein mitgebracht
als das von Sennwald ist und sind drei Tage oben geblieben und haben Sprünge
gemacht dass ihnen die Kutten zu Häupten flogen erst wie es wieder bergab ging
haben sie das Antlitz in die gehörigen Falten gelegt und einer hat noch eine
lange Rede an unsere Herden gehalten Ihr guten Ziegen seid verschwiegen
sprach er der Abt von Novalese braucht nichts von unserer Geister Entrückung zu
wissen«
    »Aber steht mir einmal Rede Bergbruder was habt Ihr in diesen letzten
Tagen so geduckt in Eurer Höhle zu sitzen gehabt Ich hab Euch wohl gesehen
wie Ihr viel Hakenfüsse und Runen auf Eselshaut gezeichnet Ihr habt doch keinen
bösen Zauber vor gegen unsere Herden und Berge Sonst « er sah ihn drohend
an
    »Ich hab ein Lied aufgeschrieben« sprach Ekkehard
    Der Senn schüttelte das Haupt
    »Das Schreiben das Schreiben« brummte er »Mich gehts nichts an und der
hohe Säntis wird so Gott will noch auf Enkel und Urenkel herabschauen ohne
dass sie wissen wie man Griffel und Feder handhabt aber das Schreiben kann
unmöglich vom Guten sein Der Mensch soll aufrecht einhergehen wenn er ein
Ebenbild Gottes sein will wer aber schreibt muss sitzen und den Rücken biegen
ist das nicht das Gegenteil von dem was Gott angeordnet Also muss es vom Teufel
kommen Seht Euch vor Bergbruder und wenn Ihr mir noch einmal geduckt in Eurer
Höhle sitzen wollt wie ein Murmeltier und schreiben beim Strahl ich fahr
Euch als Alpmeister dazwischen und reiss Euch Eure Blätter in Fetzen dass sie
der Wind verweht in die Tannenwipfel Ordnung muss sein hier oben und einfach
Wesen wir leiden nichts Ausgespjetztes«
    
    »Ich wills nicht wieder tun« sagte Ekkehard lachend und reichte ihm die
Hand
    Der brave Alpmeister war am Sennwalder Rotwein warm geworden
    »Und bei Donner und Blitz« schalt er weiter »was soll das heißen ein Lied
aufschreiben Narrenpossen Schreibts einmal auf wenn Ihr könnt«
    Er hub einen Jodelgesang an in so unmoduliert gröblichen Naturlauten dass
auch das geübteste Ohr einen mit Wort oder Schriftzug darzustellenden Ton
vergeblich darin zu entdecken vermocht hätte
      Zur selben Stunde saß zu Passau an der Donau im reblaubumrankten
Gartenstüblein der Bischofspfalz ein Mann in der Frische sprossenden
Mannesalters vor einem steingehauenen Tisch Ein unnennbar feiner Zug lag um den
von braunem Bart überdeckten Mund üppige Locken wallten unter dem samtnen
Barett herfür seine dunkeln Augen folgten dem Zuge der schreibenden Rechten
Zwei blonde Knaben stunden neugierig an der hölzernen Armlehne seines Stuhles
und schauten ihm über die Schulter  es war schon manch ein Blatt beschrieben
von Fahrten und Stürmen und Not und tapferer Helden Tod  er schrieb jetzo am
letzten And dauerte nicht lang so tat er die Feder weg und trank einen
langen tiefen ernsten Schluck ungrischen Weines aus dem spitzen Pokal
    »Ists jetzt fertig« sprach der eine Knabe
    »Es ist fertig« nickte der Schreibersmann »alles fertig wie es sich hub
und wie es kam und wie es ein bitter Ende nahm«
    Er reichte ihm die Blätter und jubelnd sprangen die Knaben zu ihrem Ohm
dem Bischof Pilgerim und wiesen ihm die Schrift »Und du selber stehst auch
drin teurer Oheim« riefen sie »der Bischof mit seiner Nichte ritt auf Passau
an  zweimal stehst du drin und dreimal«
    Und Pilgerim der Bischof strich seinen weißen Bart und sprach »Ihr dürft
euch freuen liebe Neffen dass euch der Konrad die Mär gebrieft und wenn der
Donaustrom drei Tage und drei Nächte mit Gold fließen wollte ihr möchtet nichts
Kostbareres drin fischen denn diesen Sang das ist die grösseste Geschichte die
auf der Welt je geschah«
    Der Schreibersmann aber stund mit verklärtem Antlitz unter dem Rebgerank und
Geissblattgewinde des Gartens und schaute in die welken roten Blätter die der
Herbst von den Zweigen geschüttelt und schaute hinab in die flutende Donau und
im rechten Ohr hub sich ihm ein helles Klingen denn zu derselbigen Zeit hatte
Ekkehard auf lustiger Alpenhöhe eine hölzerne Schale mit Wein gefüllt und zum
alten Senn gesprochen »Ich hab einst einen guten Gesellen gehabt einen
bessern findet man in keines Herren Land der hieß Konrad und mit Frauenlieb
und Weltruhm ists nichts aber der alten Freundschaft bleib ich zu Dank
verpflichtt bis in den Tod Ihr sollt mit mir sein Wohl trinken das ist einer
der würde dem Säntis Freud machen wenn er hier wäre« Und der Senn hatte die
Schale geleert und gesagt »Bergbruder ich glaubs Euch Er soll leben«
    Darum erklang dem Mann in Passau sein Ohr er aber wusste nicht warum Und
sein Ohr klang noch da kam der Bischof Pilgerim einhergewandelt und hinter ihm
brachte der Stallmeister ein weiß Rösslein das war altersschwach und schäbig
und wenn man ihm näher ins Gesicht schaute wars auch am linken Aug blind und
der Bischof nickte mit seiner spitzen Inful und sprach gnädiglich »Meister
Konrad was Ihr meinen Neffen zuliebe geschrieben sollt Ihr nicht umsonst
geschrieben haben mein erprobtes Streitross sei Euer«
    Da zuckte der Meister Konrad wehmütig lächelnd die seinen Lippen und dachte
»Es geschieht mir schon recht warum bin ich ein Dichter worden« laut aber
sprach er »Gott lohns Euch Herr Bischof Ihr werdet mir wohl ein paar Tage
Urlaub schenken zum Ausruhen von der Arbeit«
    Und er streichelte das alte weiße Rösslein und schwang sich darauf ohne eine
Antwort abzuwarten und saß stolz und anmutsvoll im Sattel und brachte sein
demütig Tier noch zu einem leidlichen Trab und ritt von dannen
    »Ich will meinen besten Stossfalken gegen ein Paar Turteltauben verloren
geben« sprach der ältere der Knaben »wenn er nicht wiederum nach Bechelaren
reitet zur Markgrafsburg Er hat immer gesagt So gut ich meinen gnädigen Herrn
den Bischof ins Lied hereinsetze kann ich auch der Frau Markgräfin Gotelinde
und ihrer schönen Tochter drin ein Denkmal aufrichten die danken mirs doch am
feinsten«
    Derweil war der Meister Konrad schon dem Tore der Bischofspfalz entritten
er schaute sehnsüchtig donauabwärts und hub an mit heller Stimme zu singen
»Da sprach unverhohlen derselbe Fiedelmann
O Markgraf reicher Markgraf Gott hat an Euch getan
Nach allen seinen Gnaden hat er Euch doch gegeben
Ein Weib ein so recht schönes dazu ein wonniglich Leben
Und wär ich nun ein König fing er wieder an
Und sollte Kronen tragen zum Weibe nähm ich dann
Eure schöne Tochter die wünschte sich mein Mut
Sie ist so süß zu schauen so minniglich «
aber bei diesen Worten wirbelte ihm eine Staubwolke entgegen dass seine Augen
unfreiwillig in Tränen standen und sein Gesang verstummte
    Die Strophen waren aus dem Werke wofür ihn der Bischof soeben gelohnt das
war ein Heldenbuch in deutscher Sprache und hieß Der Nibelungen Lied281 
     Mählich gings in den Herbst hinein Und wenn der auch abendlich ein
glühender Rot an die Himmelswölbung malt als andere Jahreszeit so kommen doch
kühle Lüfte in seinem Gefolg dass wer festgesiedelt auf den Alpen sich
anschickt zu Tal zu fahren und kein Wolfspelz vor fröstelndem Klappern der
Zähne schützt
    Frischer Schnee glänzte auf allen Kuppen und gedachte für dieses Jahr nimmer
zu zergehen Ekkehard hielt den Sennen die letzte Bergpredigt Hernach streifte
Benedicta an ihm vorbei »Jetzt ists aus mit unserer Herrlichkeit da oben«
sprach sie »morgen zieht Mensch und Tier ins Winterfutter Wo geht Ihr hin
Bergbruder«
    Die Frage fiel ihm schwer aufs Herz
    »Ich bliebe am liebsten hier« sprach er Benedicta lachte hell auf »Man
merkt« sagte sie »dass Ihr noch keinen Winter oben versessen habt sonst würd
es Euch nach keinem zweiten gelüsten Ich möcht Euch wohl sehen eingeschneit
im Bruderhäuslein und die Kälte schleicht durch alle Ritzen dass Ihr zittert
wie ein Espenlaub die Lawinen krachen ringsumher und die Eiszapfen wachsen Euch
in Mund herein  Und wenn Ihr einmal zu Tal wollt und etwas zu essen holen
da liegt der Schnee haushoch auf dem Pfad ein Schritt  und Ihr sinkt bis ans
Knie ein ein zweiter  traladibidibidib so ragt nur noch die Kapuze hervor und
man sieht von der schwarzen Kutte nicht mehr als von einer Fliege die in die
Milchsuppe gefallen ist  And dieses Jahr hats gar so viel Spiegelmeisen
gehabt das gibt einen strengen Winter Hu wie freu ich mich auf die langen
Abende da sitzen wir beim Kienspanlicht um den warmen Ofen und spinnen Flachs
das Rädlein knurrt das Feuer brummt und wir erzählen die schönsten
Geschichten und wer ein braver Bub ist darf zuhören Es ist schad dass Ihr
kein Senn geworden seid Bergbruder ich würde Euch auch mitnehmen zur Stubeten
A1«
    »Es ist schade« sprach Ekkehard
    Folgenden Tages gings in festlichem Zuge talab Der alte Senn hatte sein
feinstes Linnen angetan und sah vergnügt drein wie ein Patriarch die rundliche
Lederkappe auf dem Haupt den schönsten Melknapf über der linken Schulter
schritt er voraus und sang den Kuhreihen jugendhell und tapfer ihm folgten
Benedictas Ziegen die Plänkler der großen Heerschar die Hirtin mit ihnen die
letzten Alpenrosen mit schon vergilbten Blättern ins dunkle Gelock geflochten
Fetzt kam die schwarzgefleckte große Susanna die Königin der Herde als Zeichen
des Vorrangs die schwere Glocke um den Hals ehrbar und stolz war ihr Gang und
wenn eine der Nachfolgenden ihr vorauszuschreiten wagte so warf sie ihr einen
verächtlichen hornstossdrohenden Blick zu dass die Anmassende erschrocken
zurückwich Schwerfällig schritten die anderen bergab »Ade du schmackhaft
Alpengras du fröhlich Wiederkäuen« dachte manch ein fettgeworden Kühlein und
knickte sich im Vorbeistreifen noch die letzten Blumen am Pfade
    Der Stier trug den einfüssigen Melkstuhl zwischen den Hörnern auf des
Gewaltigen Rücken saß der Handbub verkehrt und hielt die ausgestreckten Finger
beider Hände an seine nicht allzufein geformte Nase und rief zu den Berggipfeln
hinauf »Der Sommer ist gegangen und hat den Herbst gebracht jetzt wünschen wir
einand eine gute gute Nacht ihr stille schneeige Herren lebt wohl jetzt
allerseit ich wünsch euch wohl zu schlafen die ganze Winterszeit« Ein
Schlitten mit der Sennhütte Geschirr und Ausrüstung schloss den Zug
    Und Sennen und Herde und Ziegen verschwanden im Tannenwald verhallend tönte
Hirtensang und Schellengeläut aus der Ferne dann wards still und einsam wie in
jener Abendstunde da Ekkehard zuerst vor dem Kreuz des Wildkirchleins gekniet
war Er trat in seine Klause Es war ihm in seinem stillen Bergleben klar
geworden dass die Einsamkeit nur eine Schule fürs Leben ist nicht das Leben
selbst und dass wertlos verderben muss wer in der grimmen Welt immerdar nur
müßig in sich hineinschauen will
    »Es hilft nicht« sprach er »auch ich muss wieder zu Tale Der Schnee weht
zu kalt und ich bin zu jung kann kein Einsiedel bleiben«
»Fahr wohl du hoher Säntis der treu um mich gewacht
Fahr wohl du grüne Alpe die mich gesund gemacht
Hab Dank für deine Spenden du heilge Einsamkeit
Vorbei der alte Kummer  vorbei das alte Leid
Geläutert ward das Herze und Blumen wuchsen drin
Zu neuem Kampf gelustig steht nach der Welt mein Sinn
Der Jüngling lag in Träumen dann kam die dunkle Nacht
In scharfer Luft der Berge ist jetzt der Mann erwacht«
    Er griff seine Reisetasche und legte seine wenige Habe drein Sein
Teuerstes das Waltarilied sorgsam umhüllt tat er oben drauf ein Lächeln
umspielte sein Antlitz wie er noch etliche Gerätschaften umherstehen sah Auf
dem Felsrand stund die halbausgeschriebene Flasche mit Schreibsaft die griff er
und warf sie hinaus in die Tiefe dass sie in glitzernde Splitter zerschmettert
ward Die dreieckige Harfe lehnte wehmütig an der Rasenbank vor der Höhle »Du
sollst zurückbleiben und dem der nach mir kommt seine stillen Stunden
versüßen« sprach er »Aber kling ihm nicht matt und nicht süß sonst mög es
aus den Tropfsteinen in deine Saiten träufeln dass sie einrosten und der Sturm
von den Gletschern drüber fahren dass sie bersten«
    »Ich hab ausgesungen«
    Er hängte die Harfe an einen Nagel
    In währender Klausnerzeit hatte er sich einen starken Bogen geschnitzt
Köcher und Pfeile waren noch aus Gottschalks Nachlass droben die nahm er jetzt
als gut Gewaffen zur Hand  gerüstet im Wolfsmantel stund er vor der Klause
und tat noch einen langen langen Blick nach der Stätte glücklicher
Sommerfrische und hinüber zu den vielteuern Gipfeln und hinunter wo aus dem
Tannendunkel der Seealpsee meergrün aufglänzte Es war so schön wie immer Der
Mauerspecht der die gleiche Bergritze zu seiner Behausung erkoren flog ihm
traulich auf die Schulter und pickte ihm mit hämmerndem Schnabel die Wangen
dann schwang er sein schwarzrot Gefieder hinauf in die blauen Lüfte als woll
er dem hohen Säntis des Einsiedels Abzug vermelden
    Aber Ekkehard stieß seinen Speer auf und wandelte den gewohnten
schwindelnden Pfad hinunter An der Felswand zum Ascher hielt er noch einmal und
winkte hinauf zu seiner Siedelei und tat einen Jodelruf dass es am Kamor erklang
und am hohen Kasten und rollender Widerhall an der Maarwiese vorbei zog bis in
die fernsten Winkel des Gebirges Der kanns sprach ein heimkehrender Hirt
unten im Tal zu seinem Gefährten
    »Schier wie ein Geissbub« sagte der andere als Ekkehard jenseits der
Felswand verschwand
      Der aufgehende Tag hatte schon etlichemal seine Strahlen auf das
Wildkirchlein geworfen das traurig einem verlassenen Nest gleich ins Tal
hinunterschaute Der Bergbruder kam nimmer zurück
    Am Bodensee rüstete man zur Weinlese An einem milden Abend saß Frau Hadwig
im Gärtlein ihrer Burg die treue Praxedis zur Seite Die Griechin hatte
unerquickliche Zeiten Ihre Gebieterin war verstimmt misszufrieden
unzugänglich Auch heute wollte ein Gespräch nicht gelingen Es war ein
schlimmer Gedächtnistag
    »Heute ists ein Jahr« hub Praxedis scheinbar gleichgültig an »dass wir
über den Bodensee fuhren und beim heiligen Gallus ansprachen« Die Herzogin
schwieg  »Es ist viel geschehen seitdem« wollte Praxedis beifügen  das Wort
verhauchte auf den Lippen
    »Wisst Ihr auch gnädige Herrin was die Leute von Ekkehard sagen« fuhr sie
nach geraumer Weile fort
    Frau Hadwig schaute auf Es zuckte um ihre Lippen »Was sagen die Leute«
sprach sie gleichgültig
    »Herr Spazzo hat neulich den Abt von Reichenau getroffen« erzählte
Praxedis »der sagte Wisst Ihr auch etwas Neues Den Alpen ist Heil
widerfahren das Joch des Säntis ertönt von Lyraklang und Dichtergezwitscher
ein neuer Homer hat sich droben eingenistet und wenn er wüsste in welchen
Höhlen die Musen hausen so könnt er ihren Reigen anführen wie ein cyntischer
Apollo282 Und wie Herr Spazzo kopfschüttelnd erwiderte Was geht das mich an
da sprach der Abt Es ist Euer Ekkehard aus der Klosterschule von Sankt Gallen
hats die Fama zu uns getragen Herr Spazzo hat lachend dazu gesagt Wie kann
der singen der nicht einmal erzählen kann«
    Die Herzogin war aufgestanden »Schweig« sprach sie »ich will nichts davon
wissen« Praxedis kannte das Zeichen ihrer Hand und ging betrübt von dannen
    Frau Hadwigs Herz aber dachte anders als ihre Zunge sprach Sie trat an des
Gärtleins Mauerwehr und schaute hinüber nach den helvetischen Bergen Dämmerung
war eingebrochen schwerfällige lange stahlgraue Wolkenstreifen standen
unbeweglich über dem Abendrot wie darauf genagelt das zitterte und flammte
wehmütig drunter vor Im Rinnen und Zerrinnen des letzten Tagesstrahls ward auch
ihr Denken weich Ihr Auge blieb drüben auf dem Säntis haften  es war ihr als
hätte sie eine Erscheinung als täte sich der Himmel auf und seine Engel kämen
durch die Lüfte gefahren und senkten sich hernieder zu jenen Höhen und brächten
einen Mann getragen im wohlbekannten Mönchsgewand  und der Mann war blass und
tot und ein Lichtglanz schön und lauter umschwebte das luftige Geleit 
    Aber Ekkehard war nicht gestorben
    Ein zischender leiser Ton schreckte die Herzogin auf ihr Auge streifte an
dem Felsabhang vorüber über den einst der Gefangene entronnen eine dunkle
Gestalt entschwand im Schatten ein Pfeil kam über Frau Hadwigs Haupt geflogen
und sank langsam zu ihren Füßen nieder
    Sie hob das wundersame Geschoss auf Nicht Feindeshand hatte es dem Bogen
entschnellt seine Blätter Pergamentes waren um den schafft gewunden die Spitze
umhüllt mit einem Kränzlein von Wiesenblumen Sie löste die Blätter und kannte
die Schrift
    Es war das Waltarilied Auf dem ersten Blatt stund mit blassroten Buchstaben
geschrieben »Der Herzogin von Schwaben ein Abschiedsgruss« und dabei stund der
Spruch des Apostel Jakobus »Selig der Mann der die Prüfung bestanden«
    Da neigte die stolze Frau ihr Haupt und weinte bitterlich 
    Hier endet unsere Geschichte
    Ekkehard zog in die weite Welt er hat den hohen Twiel nimmer gesehen auch
sein Kloster Sankt Gallen nicht Er hatte sich zwar überlegt ob er nicht
bussfertig wieder eintreten wolle wie er von den Alpen niedersteigend den
bekannten Mauern nahe gekommen war Aber es fiel ihm ein Sprichwort seines alten
Alpmeisters ein »Wenn einer lang Senn war wird er nimmer gern Handbub« und
er ging vorbei Man hat später am Hofe der sächsischen Kaiser viel von einem
Ekkehard gehört der ein stolzer trotziger in sich gekehrter Mann gewesen bei
frommem Gemüt von tiefer Verachtung der Welt beseelt aber lebensfrisch und
gewandt in jeglicher Kunst erfahren Er war des Kaisers Kanzler erzog dessen
jugendlichen Sohn sein Rat galt viel in des Reichs Geschäften »In kurzem«
schreibt ein Geschichtschreiber von ihm »erschien er ihnen als ein so
Hervorragender dass es durch aller Mund ging sein warte noch die höchste Würde
der Kirche«
    Die Kaiserin Adelheid wandte ihm ihre volle Hochachtung zu283 Er war auch
einer der Hauptursächer dass der übermütige Dänenkönig Knut mit Heeresmacht
überzogen ward
    Es ist unbekannt ob dies derselbe Ekkehard war von dem unsere Geschichte
erzählte
    Andere haben auch behauptet es seien mehrere des Namens Ekkehard im Kloster
Sankt Gallen gewesen und der den »Waltari« dichtete sei nicht der nämliche
der die Herzogin Hadwig des Lateins unterwies Aber wer der Geschichte die wir
jetzt glücklich zu Ende geführt aufmerksam folgte weiß das besser 
    Von den weiteren Schicksalen der übrigen die unsere Erzählung in buntem
Wechsel der Gestalten vor des Lesers Auge gestellt hat ist wenig zu berichten
    Die Herzogin Hadwig vermählte sich nicht wieder und erreichte in frommem
Witwenstand ein hohes Alter Sie stiftete später ein bescheidenes Kloster auf
dem hohen Twiel und vergabte ihm ihre Güter in alemannischen Landen Über
Ekkehard durfte in ihrer Gegenwart nie mehr gesprochen werden aber das
Waltarilied ward fleißig von ihr gelesen und war ihre stete Trösteinsamkeit
nach einer unverbürgten Aussage der Mönche von Reichenau soll sie es sogar fast
ganz auswendig gewusst haben
    Praxedis diente ihrer Herrin noch etliche Jahre getreu aber mählich und
mählich stieg eine unbezwingliche Sehnsucht nach ihrer sonnigen
farbenprächtigen Heimat in ihr auf und sie behauptete die schwäbische Luft
nimmer ertragen zu können Reich beschenkt ward sie von der Herzogin
verabschiedet Herr Spazzo der Kämmerer gab ihr ein ritterlich ehrsam Geleite
bis gen Venetia Eine griechische Galeere trug die immer noch anmutige Jungfrau
von der Stadt des heiligen Markus gen Byzanzium Die Erzählungen die sie dort
machte vom Bodensee und den wilden treuen Barbarenseelen284 an seinen Ufern
wurden von sämtlichen Kammerfrauen am griechischen Kaiserhof mit bedenklichem
Kopfschütteln aufgenommen als spräche sie von einem verzauberten Meer und einem
Lande der Fabel
    Moengal der Alte sorgte noch eine geraume Zeit für das Seelenheil seiner
Pfarrkinder Als die Hunnen wieder mit räuberischem Einfall drohten
beschäftigte er sich lange mit einem Plan zu ihrem Empfang Er schlug vor auf
dem Blachfeld etliche hundert tiefe Fallgruben zu graben sie mit Baumzweigen
und Farrenkraut zu überdecken und hinter ihnen in Schlachtordnung den
ansprengenden Feind zu erwarten auf dass Ross und Reiter in jähem Sturz
zuschanden würden Die schlimmen Gäste ließ sich aber nicht wieder im Hegau
blicken und ersparten dem Leutpriester das Vergnügen ihnen mit wuchtigen
Keulenschlägen die Schädel zu zertrümmern Ein sanfter Tod ereilte den alten
Weidmann als er gerade von einer wohlgelungenen Falkenjagd auszuruhen gedachte
    Auf seinem Grab im Schatten der grauen Pfarrkirche wuchs eine Stechpalme
die ward so knorrig und groß wie man früher keine gesehen dass die Leute
sagten es müsse ein Ableger von ihres Pfarrherrn braver Keule Kambutta sein
    Audifax der Ziegenhirt lernte die Goldschmiedkunst und zog hinüber nach
Konstanz an des Bischofs Sitz und schuf viel schöne Arbeiten Er führte die
Gefährtin seines Abenteuers als angetrautes Ehgemahl heim die Herzogin war der
Taufpate ihres ersten Söhnleins
    Burkard der Klosterschüler ward ein gefeierter Abt des sanktgallischen
Gotteshauses285 und verfertigte bei feierlichen Anlässen noch manches Dutzend
gelehrter lateinischer Verse mit denen jedoch dank der zerstörenden Unbill der
Zeit die Nachwelt verschont geblieben ist
     Und alle sind längst Staub und Asche die Jahrhunderte sind in raschem
Flug über die Stätten weggebraust wo ihre Geschicke sich abspannen und neue
Geschichten haben die alten in Vergessenheit gebracht
    Der hohe Twiel hat noch vieles erleben müssen in Kriegs und
Friedensläuften zu manch einem tapferen Reiterstücklein ward aus seinen Toren
geritten und manch ein gefangener Mann trauerte in seinen Gewölben bis auch der
stolzen Feste ihr Stündlein schlug und an einem schönen Maientag der Berg in
seinem Innersten zusammenschütterte und von Feindeshand gesprengt Turm und Mauer
in die Lüfte flog
    Jetzt ists still auf jenem Gipfel die Ziegen weiden friedlich unter den
riesigen Trümmerstücken  aber über dem glänzenden Bodensee grüßt der Säntis
aus blauer Ferne so anmutig und groß herüber wie vor viel hundert Jahren und es
ist immer noch ein vergnüglich Geschäft ins schwellende Gras gelagert eine
Umschau zu halten über das weite Land
    Und der dies Büchlein niedergeschrieben ist selber manch einen guten
Frühlingsabend droben gesessen ein einsamer fremder Gast und die Krähen und
Dohlen flatterten höhnisch um ihn herum als wollten sie ihn verspotten dass er
so allein sei und haben nicht gemerkt dass eine bunte und ehrenwerte
Gesellschaft um ihn versammelt war denn in den Trümmern des Gemäuers standen
die Gestalten die der Leser im Verlauf unserer Geschichte kennengelernt und
erzählten ihm alles wie es sich zugetragen haarscharf und genau und winkten
ihm freundlich dass ers aufzeichne und ihnen zu neuem Dasein verhelfe im
Gedächtnis einer spätlebenden eisenbahndurchsausten Gegenwart
    Und wenn es ihm gelungen ist auch dir vielteurer Leser der du geduldig
ausgehalten bis hieher ein anschaulich Bild zu entwerfen von jener fernen
abgeklungenen Zeit so ist er für seine Mühe und einiges Kopfweh reichlich
entschädigt Gehab dich wohl und bleib ihm fürder gewogen
 
                                    Fußnoten
A1 Die Appenzeller Bezeichnung für die erwähnten Zusammenkünfte
 
                                 AnmerkungenA1
1  Purcardus autem dux Suevorum Sueviam quasi tyrannice regens Ekkehardi
IV casus S Galli cap 3 bei Pertz Monumenta Germaniae historica II 104 hic
cum esset bellator intolerabilis Witukind lib I c 27
2  cum jam esset decrepitus Ekkeh casus S Galli cap 10
3 Hadawiga Henrici ducis filia Suevorum post Purchardum virum dux vidua cum
Duellio habitaret femina admodum quidem pulchra nimiae severitatis cum esset
suis longe lateque terris errat terribilis Ekkeh casus S Galli cap 10 bei
Pertz II 122
4 camisia clizana pallium canum vel sapphirinum Das Kostüm der Vornehmen war
mannigfacher Veränderung durch die Mode unterworfen Zu Karl des Großen Zeiten
trug man an den Füßen Schuhe um die Beine hohe kamaschenartig zugeschnürte
Binden ein hemdartig linnenes Unterkleid und ein wollenes Oberkleid oder einen
langen von den Schultern bis zu den Absätzen reichenden Mantel der durch
Ausschnitt an den Seiten den Armen freie Bewegung ließ Der lange Mantel wurde
aber bald gegen einen kürzeren vertauscht der sich indes auch nicht als
zweckmäßige bewährte Vergl des monachus San Gallensis gesta Karoli M lib I
c 34 bei Pertz Mon II 747 Den Miniaturbildern sanktgallischer Handschriften
zB des psalterium aureum ist mannigfacher Aufschluss über gleichzeitige
Trachten zu entnehmen
5 Wehrgeld  nach mittelalterlichem Strafrecht wonach fast alle Vergehen und
Verbrechen mit Geld zu sühnen waren ist ein dem Verletzten zu persönlicher
Genugtuung Busse Wette fredum ein zur Sühne des gestörten Friedens dem Volk
später dem Landesherrn zu entrichtendes Strafgeld Die alten Volksrechte
verzeichnen auch bei allen Gattungen von Tieren sorgfältig deren Wehrgeld das
im Fall von Tötung oder Beschädigung der Eigentümer zu erheben hatte Wenn
übrigens der Schaden mehr durch Zufall zugefügt wurde lag kein Friedbruch vor
und es würde Herrn Spazzo sehr schwer gefallen sein die Verurteilung des für
seinen Wolfshund verantwortlichen Herrn von Fridingen zu einer Busse
durchzusetzen
6 Brautwerbungen zwischen dem byzantinischen Hofe und den deutschen Großen kamen
in dieser Zeit wiederholt und wechselseitig vor Oft wurden deutsche Bischöfe in
solcher Mission nach Konstantinopel gesendet zB Bernward von Würzburg für
Kaiser Otto III Werner von Strassburg für den Sohn Kaiser Konrads II In einer
Notiz des sanktgallischen liber benedictionum wird es sehr getadelt dass die
vornehme Männerwelt sich mit Hintansetzung der deutschen Töchter Frauen aus
Italien und Griechenland holte Die Vorliebe der deutschen Herren für
byzantinische Damen begreift sich aber nach den Schilderungen derer die
Augenzeugen des neuen Tones und der liebenswürdigen Geselligkeit waren welche
durch Otto II griechische Gemahlin Teophano an dem deutschen Kaiserhof
eingeführt wurden Sogar der ernsthafte Scholastiker Gerbert nachmals Papst
Sylvester II sah sich veranlasst dem Zauber byzantinischer Frauensitte seine
Anerkennung auszusprechen »Da mir diese gemütlichen Gesichter« sagt er »diese
sokratischen Unterhaltungen entgegenkamen vergaß ich allen Kummer und mich
schmerzte nicht mehr der Gedanke meiner Auswanderung«
7 Einheimische Vögel künstlich abgerichtet nahmen in den Salons jener Tage die
Stelle ein die heute den Papageien zukommt Im Fragment VIII des lateinischen
Gedichts Ruodlieb wird sehr idyllisch erzählt von solch wundersam zahmen Staren
die es verstehen ihr Futter selbst zu verlangen und gelehrt sind
        »Nostratim fari Pater et noster recitare
        Usque qui es in coelis lis lis lis triplicatis«
S Grimm und Schmeller Latein Gedichte des X u XI Jahrhunderts p 174 u
212
8 Haec quondam parvula Konstantino Graeco regi cum esset desponsata per
eunuchos eius ad hoc missos literis graecis adprime est erudita sed cum
imaginem virginis pictor eunuchus domino mittendam uti simillime depingeret
sollicite eam inspiceret ipsa nuptias exosa os divaricabat et oculos sicque
Graeco pervicaciter repudiato literis post latinis studentem Purchart illam dux
multipliciter dotatam duxit usw Ekkeh casus S Galli c 10 bei Pertz Monum
II 123
9  seu serpentes capitatae oscula quae sibi dant Ruodlieb fragm III 335

10 Rorschach wird oftmals erwähnt als Durchgangspunkt für die nach Italien
Reisenden Das Gotteshaus Sankt Gallen übte »von des Reichs wegen« die Vogtei
darüber S Öffnung zu Rorschach v 1469 bei Grimm Weistümer I 233 Diplome
sächsischer Kaiser bestätigen den Äbten von Sankt Gallen das Markt Münz und
Zollrecht daselbst S Ildefons v Arx Geschichte des Kantons Sankt Gallen I
221
11  et clamativo illum cantu salutant Heil herro Heil liebo et caetera
Ekkeh casus S Galli bei Pertz Mon II 87
12 silvarum avidus Vita S Galli
13 de natione Scotorum quibus consuetudo peregrinandi jam paene in naturam
conversa Walafrid Strabo in der vita S Galli lib II cap 47 bei Pertz Monum
II 30
14 »Ascopam ie flasconem similis utri de coriis facta sicut solent Scottones
habere« Glosse einer sanktgall Handschrift des neunten Jahrhunderts bei
Hattemer Denkmale des Mittelalters Sankt Gallens altdeutsche Sprachschätze
Bd I 237
15 Und jetzt allerdings rückblickend auf das wenige Gute was die Nachwelt der
Sorge wohlmeinender Vorfahren zu verdanken hat mag man einstimmen in das Lob
das Herder sZ in seinem leider etwas hölzernen Poem »Die Fremdlinge« jenen
frommen Wandersmännern erteilt
 »Die scotice mit altem Bardenfleiss
 Die Bücher schrieben und bewahreten«
16 Regula S Benedicti cap 48  Accepit solitus fratres postt prandia somnus
Annales S Gallenses majores bei Pertz Monum I 81
17  in conclavi vase quodam argenteo mire figurato ad aquam inferendam
utebatur Ekkeh IV casus S Galli cap 1 bei Pertz Mon II 88
18 Recalvaster est qui in anteriori parte capitis duo calvitia habet medietate
inter illa habente pilos ut est Craloh abbas et Wikram Glosse einer
sanktgallischen Handschrift zum Buch Leviticus bei Hattemer Denkmale etc I
240
19  more hirundinis
20 erat senatus reipublicae nostrae tunc quidem sanctissimus Ekkeh IV casus
S Galli c 1 bei Pertz Mon II 80
21 enimvero hi tres quamvis votis essent unicordes natura tamen ut fit erant
dissimiles S die rührende Schilderung der drei engverbundenen klösterlichen
Freunde in Ekkeh IV casus S Galli cap 3 Pertz Monum II 94 u ff wo auch
der böse Sindolt ihr Widersacher des Näheren gezeichnet ist Ratpert ist auch
der Verfasser des Lobgesangs auf den heiligen Gallus in deutscher Sprache von
dessen Bedeutsamkeit die lateinische Übertragung Zeugnis gibt die wir noch
besitzen Hattemer Denkmale etc I 337 Das von Tutilo als Deckelplatten für
eine Evangelienhandschrift geschnitzte Diptychon wird in der sanktgallischen
Stiftsbibliotek aufbewahrt Man bevorzugte bei kirchlichem Schmuck das
Elfenbein da der Elefant nach einem Ausdruck Notker Labeos in seiner
Psalmenübersetzung für ein »keusches Vieh« chiûsche fiêo galt Hattemer
Denkmale etc II 159
22 »Den ganzen Kreis des Wissens am Schluss des 9ten Jahrhunderts vergegenwärtigt
uns das in Sankt Gallen aus der Schule Isos hervorgegangene gemeiniglich nach
dem Abtbischof Salomo III von Konstanz genannte enzyklopädische Wörterbuch
glossae Salomonis in lateinischer Sprache« Es gibt zwar manches aus dem
Schatze der alten Lexikographen namentlich aus Isidorus wörtlich wieder
enthält aber doch auch viele Eigentümlichkeiten zur Erläuterung damaliger
Weltansichten und Verhältnisse und führt dabei die Mangelhaftigkeit der
damaligen Kenntnisse und Begriffsbestimmungen vor Augen Stälin Wirtemberg
Geschichte Bd I p 405 Die von Sindolt erwähnte Glosse lautet Rabulum 
tincman qui semper vult ad unam quamque rem disputare Sicut Ratolt facit Es
war nicht ungewöhnlich dass die von ihrer Ordensregel so vielfach zum Schweigen
veranlassten Mönche einem verhaltenen Groll durch Einträge in die Handschriften
und Bücher Luft machten So ist auf dem letzten Blatt des Kodex 176 ein großes
Geschirr abgebildet daneben mehrere gröbliche Hexameter wider den
Klostergeistlichen Grimoald geschrieben sind zB
     »Grimoald fällt es dir bei aus diesem Kruge zu schöpfen
    Möge sein Inhalt sofort sich in Säure des Essigs verwandeln
    Und ein unendlicher Husten samt brennendem Durst dir beschert sein«
Vergl Hattemer Denkmale I 412 Die Schmähverse des Schotten Dubduin sind
mitgeteilt bei Ildefons v Arx Berichtigungen und Zusätze zur Geschichte des
Kantons Sankt Gallen p 20 not d
23 Über Sintram den fleißigen Schreibekünstler vergl Ekkeh IV casus S
Galli c I bei Pertz Monum II 89
24 Eine ganz ähnliche Kur mit Umschlag einer frisch abgezogenen Wolfshaut und
Einreibung des Gehirns eines indischen Fisches schlägt in dem seltsamen
lateinischen Gedicht Ecbasis captivi v 495 u ff der Fuchs dem kranken König
Löwen zur Stillung des Fiebers vor S Grimm und Schmeller Latein Gedichte des
X Jahrh p 259
25 mulieres ille et mala arborum naturali sibi quodam odio adeo execratus est
ut ubi in itinere utrumvis inveniret mansionem facere nollet Ekkeh IV casus
S Galli c 4 bei Pertz Mon II 104
26 SJv Arx Berichtigungen und Zusätze etc p 26
27 S vita Wiboradae auctore Hartmanno in den acta Sanctorum Mai tom I p
288
28 Et quoniam hic locum aptum puto de Ekkehardo rem arduam aggredior quoniam
cum tales viri aut nulli aut nunc rarissimi sint discredi mihi vereor Erat hic
facie adeo decorus ut inspicientes sicut Josephus de Moyse scribit gratia sui
detineret Statura procerus forti assimilas equaliter grossus oculis
fulgurosus ut quidam ad Augustum ait Quia fulmen oculorum tuorum ferre non
possum Sapientia et eloquentia maxime autem consiliis nemini id temporis
postponendus In aetate florida gloriae ut talis facturae vir humilitate
proximior sed postea non ita quia disciplina cum qua nihil unquam participii
superbia habuit in ipso erat spectaculo digna Doctor prosper et asper Nam cum
apud S Gallum ambas scolas suas teneret nemo praeter exiles pusiones quicquam
alteri nisi latine ausus est proloqui etc Ekkeh IV casus S Galli c 10 bei
Pertz Monum II 122
29  saepe juniori Dominus revelat quod melius est Regula S Benedicti c 3
30  melius claudicare reges quam regna
31 Nemini unquam ait Benedicti cuculla decentius insederat Ekkeh casus S
Galli c 10
32 Sankt Gallen war wegen der genauen Beobachtung klösterlicher Ordnung und dem
tugendhaften Lebenswandel seiner Glieder besonders gerühmt Daher galt es für
eine große Ehre in die Zahl der Verbrüderten  fratres conscripti  aufgenommen
zu werden zumal da man so das Verdienst frommer Übungen erwarb ohne sie doch
wirklich mitzumachen Manche ließ sich deswegen vieles kosten Das Verzeichnis
der fratres conscripti ist noch vorhanden Es stehen darin Kaiser Könige von
Deutschland England Frankreich Prinzessinnen Bischöfe und Grafen Ildef v
Arx Geschichte des Kantons Sankt Gallen I 181
33 Vidi egomet comites aliosque potentes loci quoque milites festis diebus
crucem nobiscum sequendo juvenes et senes quosdam ad cingulum barbatos
monachicis indutos roccis nobiscum quaqua ivimus ingredi Ekkeh IV casus S
Galli c 16
34  will er zu nacht aber da buliben so soll ieklich schuppose die in den
hof hoeret geben ein hun usw Grimm Weistümer I 1
35  canem seucem quem »leitihund« vocant  seucem qui in ligamine
vestigium tenet quem »spurihunt« dicunt  Kanem quem »bibarhunt« vocant qui
sub terra venatur Lex Baiuvarior tit 19 de canibus S auch Lex Alamannor
tit 83 de canibus
36 »Der heber gât inlîtun
er trégit sper insîtun
sîn báld éllin
ne lâzet in uéllin
Imo sint fûoze
fûodermâze
imo sint búrste
ébenhô fórste
únde zéne sîne
zvvélifélnîge«
 Dies ehrwürdig alte Volkslied das anscheinend entweder aus des Romeias
Jagdgeschichte entstand oder von ihm seiner Jagdgeschichte zugrunde gelegt
ward ist der Nachwelt erhalten durch die sanktgallische vielleicht Notkersche
Abhandlung über die Rhetorik allwo es als geeignetes Beispiel hyperbolischer
Redeweise nam plus dicitur sed minus intelligitur aufgeführt wird Vergl
Hattemer Denkmale etc Bd III p 577
37 S Vita S Galli bei Pertz Monum II 9
38 Regula S Benedicti cap 1
39 In rauen Zeiten sucht der Mensch seinem Gott auch in rauer Form zu dienen
Das Klausnertum sagte damals weltabgewandten Gemütern zu und Beispiele von
solchen die über zwanzig und dreißig Jahre lang solch eine freiwillig
auferlegte Einzelhaft trugen beweisen dass das physische Leben durch einen
starken vom Glauben etwas Verdienstliches zu tun beseelten Willen lang
gefristet werden kann In der Handschrift der sanktgallischen annales maiores
ist ein Abbild des Priester Hartker enthalten eine unterwürfige krummgebeugte
demütig kasteite Gestalt in faltigem Mönchsgewand mit großer Tonsur und der
Überschrift Hartkerus reclusus S Pertz Monum I 72 Diesem ist im liber
benedictionum folgender Nachruf gewidmet
     »Wer hat ein härteres Los als Hartker der Klausner getragen
    Der in beengender Haft sich dreißig der Jahre kasteite
    Immerdar stand er gebückt so niedrig war die Bedachung
    Kissen des Kopfs war ein Stein Auf diesem schlief und entschlief er
    Und in Kreuzesgestalt die mageren Arme entbreitend
    Wandt er zum Himmel den Blick und befahl dem Herrn seine Seele«
SJv Arx Geschichte etc I 232
 Ein namhafter Reclausus früherer Zeit war der heilige Fintan  827 der das
Kloster Rheinau unweit Schaffhausen gestiftet Ganze Nächte hindurch hörte man
ihn in seiner Zelle laut beten und in den fremden Lauten seiner irischen
Heimatsprache die Versuchung des bösen Feindes beschwören S vita S Findani
confessoris p 57 Über die Zeremonien beim Akt der Einschliessung vgl Martène
de antiqu ecclesiae ritib II 177
40 Wiborad ist ein altdeutscher Name und bedeutet »Nat der Weiber«  Zwei
Mönche des Klosters Sankt Gallen Hartmann und Hepidan haben die
Lebensgeschichte dieser durch ihren tragischen Ausgang bedeutend gewordenen
Klausnerin verfasst Sie sind in die acta Sanctor der Bollandisten Monat Mai
Bd I 284 u ff aufgenommen S auch Pertz Monum VI 452
41  magistra praedurata 
42 Lucas IX 62
43  Kastitatis inquit fili mi tibi cingulum per hoc lineum meum a Deo
accipe Kontinentiaeque cingulum per hoc lineum meum a Deo accipe
continentiaeque strophio ab hac deinceps die per Wiboradam tuam the praecinctum
memento Kave autem ne ullis abhinc colloquiis vanis mulierculis miscearis Et
si ut facillime fit aliquo carnis igne incensus fueris loco in quo fueris
mutato »Deus in adiutorium meum intende Domine ad adiuvandum me festina« mox
cantaveris Sin autem sic pacem aliquo alio lapsu tuo vetante non habueris
titionem sive candelam ardentem quasi aliud aliquid agas querens digitum vel
leviter adure eodemque versu dicto securus eris Ekkeh IV casus S Galli cap
3 Pertz Mon II 107
44  »et accepit angelus folia lauri et scripsit in eis verba orationis et
dedit ea Pachumio dicens manduca ea et erunt amara in ore tuo sicut fel
ventremque tuum implebunt obsecrationibus sapientiae dabitur tibi forma
orationis sanae doctrinae Et accipiens Pachumius manducavit et factum est os
ejus amarum porro venter ejus dulcedine impletus est et magnificavit Dominum
valde« Vita Pachumii Sti abbatis in der Handschrift 310 der Karlsruher
Hofbibliotek
45 de cilicio etiam quo ipsa utebatur cuius hodie asperitatem pro reliquiis id
habentes horrescimus Ekkeh IV casus S Galli c 3 Pertz Mon II 107
46 proferensque mala de silva acidissima inhianti et de manibus ejus rapienti
reliquerat At illa vix unum dimidium ore et oculis contractis vorans caetera
projiciens »Austera es inquit austera sunt et mala tua« Et cum esset
literata »Si omnia inquit mala factor talia creasset nunquam Eva malum
gustasset« »Bene ait illa Evam memorasti enimvero quomodo et tu sic
deliciarum avida erat ideo in escula unius mali peccaverat« Ekkeh IV casus
S Galli c 10 Pertz Mon II 119
47 Der Erzengel Michael war dem Mittelalter Gegenstand mannigfachen
Aberglaubens Man glaubte dass er die Wache am Throne Gott Vaters halte ja
sogar dass er Montags vor ihm die Messe zelebriere Bischof Rater von Verona
eifert in seiner Predigt de quadragesima heftig gegen diese rohen sinnlichen
Vorstellungen vgl Vogel Raterius v Verona und das 10 Jahrhundert Bd I
293
48 Hroswita von Gandersheim hat die Geschichte von der Tais und dem
Anachoreten der Wüste in ihrer naiven lateinischen Komödie Paphnucius behandelt
S Magnin téâtre de Hrotswita Paris 1845 p 280 u ff
49 »Quid mihi et inanibus hujus seculi vanitatibus Audio in coelis signa
sonitusque campanarum ac dulcisonam angelicae modulationis harmoniam illuc ire
desidero his interesse delector« Vita Wiboradae auctore Hartmanno c 2
50 Frau Wendelgards Sehnsucht nach dem gefangenen Ehgemahl ward in anmutiger
Weise gestillt Sie ging aus ihrer Klause jedes Jahr einmal nach Buchhorn um
des Grafen Ulrich Angedenken mit einer feierlichen Jahrzeit zu ehren Wie sie
einst nach derselben mit eigener Hand den Armen Almosen austeilte stand einer
unter den Bettlern zerrissen und entstellt dem schenkte sie ein Kleid Er aber
ließ ihre Hand nimmer aus der seinen zog sie zu sich und küsste sie vor allem
Volk strich sein Haar zurück und sprach Erkenne deinen Gemahl Da Frau
Wendelgard unwillig über solchen Gewaltstreich eines Fremden sich abwenden und
ihn den Dienern zur Züchtigung überweisen wollte wies er ihr eine alte Narbe
und wie aus langem Schlaf erwachend fuhr sie auf »O mein Gebieter du aller
Menschen mir der teuerste sei gegrüßt du mein Herr sei gegrüßt du immer
süßer« und lag weinend in seinen Armen Ekkeh IV casus S Galli c 10 Pertz
Mon II 120
51  pelle ejus simulatae sanctitatis detracta  Hepidan vita Wiboradae
cap II
52  quia nondum in se mortificaverit phylargyriam quae est omnium radix
malorum usw Die Anklagen wegen deren sich Wiborad einst vor dem Bischof in
Konstanz zu verantworten hatte sind ausführlich nachzulesen in Hepidan vita
Wibor II 11
53  grave pondus auri Veronensis Geschenk des Bischof Petrus Die
Klostergeschichte ist reich an Aufzeichnungen der durch Fürsorge der Äbte oder
die Huld fremder Gönner erworbenen Kostbarkeiten S Ekkeh IV casus S Galli
cap I Pertz Monum II 81
54  magnum calicem ex electri miro opere Kasuum S Galli contin II c 7
bei Pertz II 157 An den Heilkräften des Bernsteins wurde nicht gezweifelt
Quod vero medeatur multis vitalium incommodis medentium docuit disciplina
Sanktgall Handschrift des X Jahrhunderts bei Hattemer Denkmale usw I 414
55 Spichiarium novum solis feris et beluis avibusque domesticis et domesticatis
juxta fratrum condi fecit et ipsum jam fieri jussit magnificum Ekkeh IV casus
S Galli cap 16
56 Simia nare brevi nate murcaque cauda
 Voceque milvina cute crisa catta marina
 In quibus ambabus nil cernitur utilitatis
Ruodlieb fragm III 131 u ff
57 Diese Fabel von der Murmeltiere abenteuerlichem Fuhrwesen die sich das
Mittelalter mit großer Behaglichkeit erzählte und die zB noch Sebastian
Münster in seine Kosmographei aufnahm p 498 hat ihren Ursprung in Plinius
historia naturalis
58  Ein vogil heizit Karadrius in dem buoche deuteronomio da ist gescriben
daz man in ezzen nescule Dannan zellet physiologus unt chût daz er aller wiz
si Ein mist der von ime vert der ist ze den tunchelen ougen vile gûet Mit
disem vogile mach man bechennen ob der sieche mann irsterben oder genesen scol
Ob er sterben scol so cheret sich der caradrius von ime Ob er ave genesen
scol so cheret sich der vogel zuo deme manne unt tuot sinen snabel uber des
mannes munt unt nimit des mannes unchraft an sich sa fert er ûf zuo der sunnen
unte liuterit sich dâ so ist der mann genesen Physiologus ein Weistum von
Tieren und von Vögeln mitgeteilt von Wackernagel Altdeutsches Lesebuch I p
166 Es ist nicht bekannt was für naturgeschichtliche Tatsachen zu dieser
tiefsinnig schönen Sage vom Karadrius Veranlassung gaben In Sankt Gallen wurde
sie von verschiedenen verschieden erfasst denn während sich unter den Tiernamen
die dem Wörterbuch des heiligen Gallus vorausgesetzt sind s Hattemer Denkmale
etc I 9 10 die bedeutsame Glosse findet Charadrion et ipsam non
habemus sed tamen dicitur et ipsam volare per medias noctes in sublimitate
coeli begnügten sich spätere Handschriften damit das Wort caradrius geradezu
mit lericha Lerche zu übersetzen was auf ein Verschwinden der früher
bekannten Sage zu deuten scheint S Hattemer Denkmale etc I 287 313 ua
59  longum est dicere quibus jocunditatibus dies exegerit et noctes maxime
in processione infantum quibus poma in medio ecclesiae pavimento antesterni
jubens cum nec unum parvissimorum movere nec ad ea adtendere vidisset miratus
est disciplinam Ekkeh IV casus S Galli c I Pertz Mon II 84
60 Homo animal capax disciplinae Hroswita v Gandersheim
61 Notker Labeo hat den Erwartungen die der Abt auf ihn setzte entsprochen Er
erwarb sich den Ruhm des gelehrtesten Mannes seiner Zeit Er war wie aus seinen
Schriften erhellet ein Gottesgelehrter ein Musikant ein Dichter ein
Astronom ein Matematiker in der Bibel in den Kirchenschriftstellern Vätern
und Klassikern wohl bewandert der deutschen lateinischen und griechischen
Sprache mächtig Jv Arx Geschichte von St Gallen I 277 Seine noch
vorhandenen deutschen Werke bilden den zweiten und dritten Band von Hattemers
Denkmalen des Mittelalters Es sind insbesondere die Auslegungen der Psalmen
des Aristoteles des Boetius des Marcianus Kapella und ein Aufsatz über
Tonkunst Notker der Grosslefzigte starb in hohem Greisenalter an der Pest Vor
seinem Tode legte er eine öffentliche Beichte ab in der er ua seine Reue
darüber aussprach dass er einst in klösterlichem Habit einen Wolf erschlagen
62 Die Stelle ist aus Aristoteles Kategorien cap 36 Notkers Übersetzung s
bei Hattemer III 401
63 Erat utique jus illorum sicut adhuc hodie quidem est quoniam exleges quidem
sunt ut hospites intrantes capiant captos usque dum se redimant teneant
Ekkeh IV casus S Galli I Pertz Mon II 91
64  »enimvero si vixero« ait »me redimam et talem indolem remunerabo«
Kollectisque quantotius ante januam scolarum fratrum primis statuit pueris
illis et eorum perpetuo posteris pro testamento singulis annis ludi sui tribus
ab imperio statutis diebus in esidem scolarum aedibus carnibus vesci et de
abbatis curte singulos tribus donari aescis cottidie et potibus Quod cum ipse
quidem annuatim praesens solvi juberet postea ita solutum est usque ad
Ungrorum de quibus loco suo dicturi sumus invasiones Ekkeh IV casus S
Galli cI
65 Fehler wider die Ordensregel zogen die Strafe der Geisselung nach sich der
sich die Klostergeistlichen willig unterwarfen wiewohl es eine knechtische
Züchtigung war und ein Freier mit dieser Strafe belegt nach den alten
Volksrechten seine Freiheit verlor Der Schuldige ward an eine Säule gebunden
und nach Ausziehung der Oberkleider gegeisselt Eine noch erhaltene Geisselkammer
ähnlich der hier beschriebenen findet sich im württembergischen Kloster
Maulbronn In den Klosterschulen bediente man sich der Rute Dass die
Busswerkzeuge von denen die darunter zu leiden hatten in gutmütigem Humor mit
eigenen Namen versehen wurden beweist des Bischof Salomo Wörterbuch wo die
anguilla Schlange oder Aal von der scutica Riemenpeitsche unterschieden
wird
66 Tacitus German cap 8
67 Pectines eburnei  In Kämmen trieb das Mittelalter Luxus Bekannt ist der
silbergefasste steinverzierte Kamm der Longobardenkönigin Teodolinde im
Domschatz zu Monza und der von Heinrich II herrührende Elfenbeinkamm in
Bamberg Die Sitte die gewöhnlichsten und gleichgültigsten Verrichtungen des
täglichen Lebens mit einem Gebet einzuleiten veranlasste dass man auch für
Schneiden und Kämmen des Hauptaars Zustutzen des Barts usw Gebetsformeln
aufstellte Die Handschrift 395 der sanktgall Bibliothek enthält deren eine
Reihe und da sich dieselbe mit einer benedictio ad omnia quae volueris
schließt darf man sich billig nicht mehr wundern auch die benedictio ad barbam
comendam ad capillos tondendos usw vorzufinden
68 Regula S Benedicti cap 38 de hebdomadario lectore
69 Für diejenigen verehrten Leserinnen die mit dem Altochdeutsch noch weniger
vertraut sind als der Verfasser dieser Anmerkungen und die sich vielleicht
dafür interessieren wie dieser Psalm damals wirklich in Ekkehards Mund und
Sprechweise geklungen habe sei hiemit die wenig Jahrzehnte spätere
Verdeutschung Notkers als Probe mitgeteilt Psalmus XLIV Kuôt wort irópfezta
mîn herza mîniu werch sago ih démo chúninge mîn wort ist also stâte also diu
scrift des spuôtigo scríbenten Scône pist du fóre allen mênniscon knada ist
kebreîtet in dînen lefsen fone diû ségenôta dih Got inêwa Cúrte dîn swert umbe
dîn dîeh filo gewáltigo mit dînemo ménniscinen bilde unde mit dînero
gótelîchun scôni Sih an únsih unde frámspuotigo chum hára fone hímele unde
rîcheso hiêr in dînero ecclesia umbe warheît unde námenti unde reht Unde
leîtet dih wúnderlicho dîn zésewa díne strâla sind wasse hárto mahtige Under
dih sturzent die líute in demo herzen des chuninges fiendo din stuôl Got unde
dîn riche weret iêmer Kerta gerihtennis ist dînes rîches kerta usw S
Hattemer Denkmale etc II 156 u ff
70 Dieses Musessen war in Sankt Gallen so gewöhnlich dass Kero das Wort cibi
Speisen nicht besser als mit Mus und das Wort coenare speisen nicht anders
als mit Abendmusen zu übersetzen wusste Jv Arx Gesch I 178
71 Regula S Benedicti cap 39 de mensura cibi
72 Ilanch praecellat alemannicus et mala pellat S Hattemer Denkmale etc III
599 In der vorzugsweise als liber benedictionum bezeichneten Handschrift 393
ist eine so reiche Speisekarte von Fischen aufgezählt Äschen Trischen
Lampreten usw dass man sie mit dem Gefühl vollkommener Befriedigung in betreff
des Zustands der Klosterküche an den Fasttagen aus der Hand legt Möchte sie
durch vollständige Ausgabe größeren gastronomischphilologischen Kreisen nicht
länger vorenthalten bleiben
73 Sueton im Leben des Augustus c 77 Übrigens trank der Kaiser selbst an
jenem traurigen Tag nicht mehr als einen sextarius etwa 1 Schoppen
74 Regula S Benedicti c 40 de mensura potus
75 Ob der Abt recht gehabt die deutsche Sprache so wie sie damals gesprochen
ward also anzufechten möge dahingestellt sein Sie hat sich seither von Grund
aus umgestaltet die Mehrzahl der kernigen kräftigen einem steten Verkehr mit
der Natur entnommenen Worte sowie die vollen tonreichen Formen sind
verschwunden und haben einer kühleren gefirnissten und abgeschliffenen Redeweise
Platz gemacht Uns aber wenn wir des alten Notker ungefüg großartige deutsche
Schriften lesen weht es jedesmal daraus an wie ein Hauch würziger Bergluft und
echter ehrwürdiger Poesie die von keinem Spatzengezwitscher und von keinem
Rabengekrächze durchschnarrt ist
76 Vita S Benedicti abbatis a Gregorio Magno romano Pontifice conscripta c 2
de tentatione carnis superata
77  de voluntate ipsius ipsa cum eo pridie secreta condixerat Ekkeh IV
casus S Galli c 10
78 Tutilos Räubergeschichte s Ekkeh IV casus S Galli c 3 bei Pertz Monum
II 98
79 Über die damaligen Musikinstrumente und den Zustand sanktgallischer Musik
gibt Notker Labeos Aufsatz  s Hattemer Denkmale etc III 586 u ff 
wichtigen Aufschluss Die hier gegebene Beschreibung der Instrumente ist auf die
bildlichen Darstellungen in Notkers Psalmenbuch Handschrift 21 der sanktgall
Bibliothek gestützt Das eine Blatt der beiden Federzeichnungen die den
Eingang des Buches schmücken stellt den König David vor auf dem Throne sitzend
und mit einem Plektron die siebensaitige Leier spielend In den vier Ecken
stehen vier Männer mit Violine Zither Hackbrett und Harfe Bei der
Ängstlichkeit mit welcher diese übrigens fein gefühlten Gestalten ausgeführt
sind ist anzunehmen dass der Künstler nichts erfunden sondern sich an
Vorhandenes gehalten hat
80  quae autem Tutilo dictaverat singularis et agnoscibilis melodiae sunt
quia per psalterium seu per rohtam qua potentior ipse erat neumata ie vocum
modulationes inventa dulciora sunt Ekkeh IV S Galli c 3
81 Quid vero dies illa consumpserit Dominus solus novit
82 Cigneo canore dulcior sonus
83 Alpina siquidem corpora vocum suarum tonitruis altisone perstrepentia
susceptae modulationis dulcedinem proprie non resultant Quia bibuli gutturis
barbara feritas dum inflexionibus et repercussionibus mitem nititur edere
cantilenam naturali quodam fragore quasi plaustra per gradus confuse sonantia
rigidas voces iactat Ein sanktgallischer Musikfreund der dies italische
Kunsturteil später doch zu lesen bekam schrieb an den Rand vide jactantiam
romaniscam in teutones et gallos dh »Siehe da wieder ein Stück romanischer
Unverschämtheit gegen die Deutschen und Franzosen« S Hattemer Denkmale etc
I 420
84 Mit Geschenk Kuss und Scheidetrank nehmen nach mittetalterlicher Sitte
Gastfreunde voneinander Abschied Diese Förmlichkeiten wurden streng
eingehalten Bischof Salomo von Konstanz schenkte den zum Gastmahl geladenen
Kammerboten kostbare Glasgefässe und wiewohl sie Groll im Herzen tragend die
Gläser zu Boden fallen lassen dass sie zerbrechen küssen sie einand noch und
trinken des Abschieds Minne Amoreque ut moris est osculato et epoto
laetabundi discedunt Ekkeh IV casus S Galli c I bei Pertz Mon II 84 S
auch Ruodlieb fragm III v 221 Eine anmutige Schilderung solcher Kourtoisie
gibt des Nibelungenlieds siebenundzwanzigstes Abenteuer da König Gunter mit
seinen Mannen sich beim Markgrafen von Bechelaren beurlaubt Auch die Frauen
verschmähten nicht sich mit minniglichem Kusse von ihren Gästen zu scheiden
85 Ein solches Schaustück ist ausführlich beschrieben im Ruodlieb fr III v
309 u ff
86 Einträge dieser Art auf dem Titelblatt wie sie jetzt noch die Kinder
herkömmlicherweise in ihre Schulbücher zu machen pflegen kommen in damaligen
Handschriften häufig vor
87 Dieses Psalmenbuch der sg liber Sancti Galli aureus ist jetzt noch ein
Kleinod der sanktgallischen Bibliothek Die in frischen Farben glänzenden
Miniaturen sind in manchen Motiven noch vom nachwirkenden Geist der Antike
erfüllt gewandt mit Verständnis von Gestalt und Faltenwurf und einer gewissen
unbefangenen künstlerischen Sicherheit hingezeichnet und leicht koloriert Die
mit reichen Arabesken gezierten Initialen und das die Bilder umrahmende
architektonische Beiwerk gewähren mannigfache Einsicht in die baulichen Formen
jener Zeit deren monumentale Reste so selten geworden  Auch Anfänge der
Wandmalerei zum Schmuck der kirchlichen Gebäude kommen schon vor Ein Abt Immo
ließ in vielen an den Wänden der Münsterkirche angebrachten Gemälden die
Lebensgeschichte des heiligen Gallus darstellen von einem späteren Abt Manegold
wird berichtet dass er ein Bild de materia genealogiae Christi und außerdem ein
letztes Gericht in muro bonis coloribus herstellen ließ S casuum S Galli II
continuatio c 8 Pertz Monum II 161 Ild v Arx Geschichte des Kantons St
Gallen I 237 Die Wandmalereien des Kloster Reichenau sind besungen von
Burkhard bei Pertz Monum VI 629
88 Vocabularius Sancti Galli dem Sprachforscher wichtig durch den Schatz
altochdeutscher Wörter noch erhalten und vielfach abgedruckt zB bei
Hattemer Denkmale etc I 1114
89 Auch dieses wertvolle Denkmal aus der Zeit Kaiser Ludwig des Frommen wird
noch von der sanktgallischen Bibliothek bewahrt Vgl Keller Der Bauriss des
Klosters Sankt Gallen
90  Tieto caminatam quandam »veterum seniorum angulum« vocatam introiit
Ekkeh IV casus S Galli cap 6 Pertz Mon II 112 Vgl auch II 135
91 Die Geschichten vom Bischof Salomo und seinem Hader mit den Kammerboten sind
nachgerade ein weniges abgedroschen und abgesungen Den offenbar mannigfach zur
Sage gewordenen Tatbestand erzählt Ekkeh IV casus S Galli cap 1 zu einer
Reihe Balladen zusammengeschmiedet hat ihn ein Sänger der schwäbischen Schule
etcA2
92 Digneris domine et hos benedicere fustes  Benedictio ad capsellas et
baculos ad iter agentes in der Handschrift 395
93 Ermenrici coenobitae augiensis tentamen etc bei Pertz Mon II 32 Auch der
Verfasser der größeren sanktgallischen Annalen nennt die Reichenau einen hortus
deliciarum S Pertz Mon I 79
94 Der Gegenstand religiöser Verehrung der den Fischer von Ermatingen in Strafe
brachte scheint das Idol von Erz gewesen zu sein das man für einen hercules
alemannicus hielt und das nach Gallus Oeheims Bericht noch im XV Jahrhundert
auf dem Grab des Egino stand Es stach dem vornehmen Altertumsforscher Kaiser
Max I so in die Augen dass er es wie sZ den Neptunus vom Stadttor zu
Ettlingen Bader Das bad Land und Volk I 329 kurzerhand entführte und in
Innsbruck aufstellen ließ Nach einer Notiz in G Schwabs Bodensee II 293
befand es sich ums Jahr 1764 in der kurpfälzischen Altertümerkammer
95 Benedictio vini novi Handschrift 395
96  erant autem dies vindemiae quibus fratres ad obedientias ie labores
in agro dimissi sunt per vineas Ekkeh casus S Galli c 3 Pertz Mon II 97
97 Regula S Benedicti cap 31 de cellerario monasterii qualis sit
98 S die Edda übersetzt von Simrock p 14
99  at illa de camera egressa salutans compatrem hospitem illum dormire
putans optulit viro mustum quo ille impigre hausto vaseque reddito mammam
foeminae titillat assentientis Ekkeh IV casus S Galli c 3
100  hospes vero viso facinore exilit illum scelestum inclamitans comis
apprehensum in terram dejicit flagelloque quo ad eqquum usus est adhuc in
manu habito acriter hominem cecidit adjiciens »hoc inquit tibi Sanctus
Gallus S Albani Frater dedit« Ekkeh IV casus S Galli cap 3 Pertz Mon
II 97
101 Dura viris et dura fide durissima gleba Notker
102 Protospatar Befehlshaber der Leibwache S Gibbon Geschichte des röm
Weltreichs c 53
103  aegre exspectatus
104  Fortunate ait qui tam pulchram discipulam docere habes grammaticam Ad
quod ille quasi caro assensu subridens talia in aurem adversario reddit amico
Siccut et tu Sancte Domini Kotelindam monialem pulchram discipulam caram
docuisti quidem dialecticam Dictoque citius cum ille nescio quid resibilare
vellet ab eo divertens equo ascenso indignanter abivit Ekkeh IV casus S
Galli c 10 Pertz II 124
105 Die Ausübung des Weidwerks war eigentlich wider die geistliche Disziplin
Eine Augsburger Synode von 952 Pertz Monum IV 27 verbietet den Bischöfen
und der Geistlichkeit überhaupt das Würfelspiel die Jagdbelustigungen und das
Hunde und Habichtalten zu diesem Behufe bei Strafe der Absetzung
106 Sticmata pictura in corpore quales Scotti pingunt Glosse einer sanktgall
Handschrift bei Hattemer Denkmale etc I 227 u 233 Die Sitte des Bemalens
der Augenlider und des Tätowierens der Arme scheint den Scoten und Iren damals
gefallen zu haben Die also eingeätzten Bilder mögen von roher schier
unverständlicher Hässlichkeit gewesen sein wie dies aus den noch vorhandenen
Miniaturen irischer Herkunft in den Handschriften geschlossen werden darf
Dieselben sind durch fremdartigen und  wenn das Wort noch erlaubt ist 
keltisch unschönen Ausdruck sowie durch gänzlich barbarische Art der Darstellung
sehr unvorteilhaft von den gleichaltrigen von germanischer Hand gefertigten
verschieden Der Christus am Kreuze mit seinem hufeisenförmigen arabeskenartigen
Bart und verzwicktem Munde und die als Tiergestalten gezeichneten Evangelisten
haben etwas Fetischartiges
107 Das Silbergeld bestand lang in einem Bleche das so dünn wie Laub und nur
auf einer Seite grob und tief gepräget war nummi bracteati Jv Arx
Geschichten etc I 451
108 »Sie wollen lieber Jäger als Lehrer lieber kühn als mild lieber
verschlagen als herzenseinfältig heißen  Sie spielen Kreisel und meiden darum
auch das Würfelspiel nicht Sie gehen fleißig mit dem Spielbrett anstatt mit der
Schrift mit der Wurfscheibe anstatt mit dem Buche um Sie wissen besser was
dich ein Fehlwurf kostet als was die Heilswahrheit fordert verbietet oder
verheisst besser was der Glückswurf bringt als was sie Gott zu danken schuldig
sind  Sie lassen sich silberne Schalen Kannen von großer Kostbarkeit Krüge
crateres ja Trinkhörner conchas von bedeutendem Gewicht und einer jedem
Zeitalter verhassten Größe machen Sie bemalen ihre Weinkrüge und Schleifkannen
während die nahe Basilica von Russ erfüllt ist« Vogel Raterius von Verona und
das zehnte Jahrhundert I p 44
109 Moengals Latein ist etwas verwildert Wenn indes selbst Bischöfe in der
Hofsprache sich klassischer Wendungen wie sic omnes perriparii possunt bubus
agricolantibus vetrenere So kann jeder Bauer am Pfluge seinen Ochsen was
vordröhnen bedienten und Geschichtschreiber dies in ihren Text aufnahmen
Monachus San Gall gesta Karoli I 19 bei Pertz Mon II 739 so darf dem
Latein eines Leutpriesters einiges zugut gehalten werden
110  Moengal postes a nostris Marcellus diminutive a Marco avunculo sic
nominatus hic erat in divinis et humanis eruditissimus etc  Siehe die ganze
Geschichte seines Besuchs und Verbleibens im Kloster bei Ekkeh casus S Galli
cap 1 Pertz II 78
111  in campanarium S Galli per gradus ad hoc quidem nobis paratos ascendere
incipit uti oculis quia gressu non licuit montes camposque circumspiciens
vel sic animo suo vago satisfaceret Ekkeh casus S Galli c 3 Pertz Mon II
99
112 Den Haken hatte sie Kam vor kurzem ein schriftgelehrter Sohn der grünen
Erin in die Bücherei des heiligen Gall sich seines frommen Vorfahren Werk genau
zu besehen und abzuschreiben Da reichten sie ihm den in schwarzen Samt
gebundenen Kodex des Priscianus und er hub die Arbeit an bald aber tönte ein
verhaltenes Lachen zu den Bücherbewahrern im großen Saal und wie sie
herüberkamen verdeutschte ihnen der Rektor von Dublin die irischen Glossen zum
Latein wie folgt
 Gottlob es wird schon dunkel
 Heiliger Patrik von Armagh erlöse mich von der Schreiberei
 O dass mir ein Glas alten Weines zur Seite stünde usw
 Das war Moengals Übersetzungswerk
113 Der Wachtelruf scheint den Ohren mittelalterlicher Weidmänner etwas anders
geklungen zu haben als heutzutag denn das Wort quakkara womit der Mönch von
Sankt Gallen » quakaras etiam et alia volatilia« gesta Karoli I bei Pertz
II 739 anstatt des klassischen coturnix die Wachtel selbst bezeichnet soll
offenbar den Eindruck des Wachtelschlags wiedergeben Dieser brave
Schriftsteller in welchem die Nachwelt einen Mitbegründer des Jägerlateins zu
verehren hat mag übrigens den Wachteln und »dem andern Geflügel« auf eigenen
Weidmannszügen ebenso oft nachgezogen sein als irgendein Autor späterer Tage In
Glossen sanktgallischer Handschriften wird indes die Wachtel auch quasquila und
quatala benannt S Hattemer Denkmale etc I 246 ua
114 Nicht ohne Grund Herr Luitfried drang damals mit gezücktem Schwert unter
Schmähreden auf den Bischof ein nachdem ihn seine Oheime zurückgehalten und
Rates gepflogen was mit dem Gefangenen beginnen stimmte er dafür ihm entweder
die Augen auszustechen oder die rechte Hand abzuhauen Auf dem Weg zur
Tietpoldsburg zwang man den Kirchenfürsten etlichen herbeigelaufenen
Schweinehirten die Füße zu küssen usw
115  paratur citissime lavacrum ut pulvere et lassitudinis tergeretur
sudore Ekk IV casus S Galli c 1 Pertz Mon II 86
116 Kommoditas talentum valet alter geistlicher Spruch
117  Duellium die condicto cum aegre exspectatus veniret ultra quam ipse
vellet susceptum in conclave suo proximum suum ut ipsa ait manu duxit
magistrum Ibi nocte et die cum familiari aliqua intrare solebat ad legendum
pedissequa foribus tamen semper apertis ut si quis etiam ausus quid esset
nihil quod diceret sinistrum haberet Illic quoque crebro ambos ministri et
milites principes etiam terrae lectioni aut consiliis invenerunt agentes
Ekkeh casus S Galli c 10 bei Pertz Mon II 123
118 S Grimm Deutsche Rechtsaltertümer 1 Aufl p 339
119 S Grimm Deutsche Mythologie 3 Ausg p 695
120  »vasque magnum quod vulgo cupam vocant quod viginti et sex modios
amplius minusve capiebat cerevisia plenum in medio habebant positum« Vita S
Kolumbani
121 Ausonius Idyll 7
122 Das alemannischschwäbische Heidentum beruhte auf einem einfachen Kultus der
Natur »Sie verehren Bäume Wasserströme Hügel und Bergschluchten Pferden
Rindern und vielen andern Tieren schneiden sie das Haupt vom Rumpf und bringen
sie diesen als Schlachtopfer dar« so schreibt der Grieche Agatias im sechsten
Jahrhundert von den Alemannen im Gegensatz zu den christlichen Franken »Betet
keine Götzen an weder an Felsen noch an Bäumen weder an abgelegenen Orten noch
an Quellen auch nicht auf Kreuzwegen bringt eure Anbetung und eure Gelübde
dar« predigt der heilige Pirminius Stifter der Reichenau zwei Jahrhunderte
später Wer da weiß mit welcher Zähigkeit der Bauer in seiner Sitte die
Überlieferung altersgrauer Vergangenheit bewahrt und wie noch manche seiner
heutigen Bräuche an die Opfer des Heidentums gemahnen den wird es nicht
befremden im zehnten Jahrhundert noch auf nächtliche biertrinkende Konventikel
zu stoßen die sich von denen zu des heiligen Kolumban Zeiten wenig oder gar
nicht unterscheiden Ob übrigens eine in ähnlichen Formen wie die hier
beschriebenen sich bewegende Sitte des gemeinschaftlichen Trinkens auf den
deutschen Hochschulen die unter dem Namen »einen Salamander reiben« bekannt
aber von niemanden erklärt ist nicht auch einen Anklang an alteidnische
Trankopfer enthalte bleibe dahingestellt wiewohl die Wissenschaft darüber
einig ist dass »durch die religiöse Bedeutung des Trinkens ein überraschender
Zusammenhang in mehrere andere Gebräuche kommt«
123 Die Steinbrüche am sog Schienemer Berg wie die im benachbarten Öningen
sind später berühmt geworden durch ihre Petrefakten insbesondere durch die
seltenen Überreste von Vögeln Bekanntlich ward dort auch das Gebein eines
riesenmässigen Salamanders aufgegraben in welchem der gelehrte Naturforscher
Scheuchzer 1726 einen fossilen Menschen erkannte bis dass Cuvier die wahre
Organisation dieses »Zeugen der Sündflut« nachwies Vgl Burmeister Geschichte
der Schöpfung 5 Aufl p 518
124 Vita Sancti Galli lib I bei Pertz Monum II 7
125 Die Herzogin teilt hier dieselben Grundsätze zweckmässiger Bekehrungspolitik
die der Papst Gregor der Große seinerzeit in einem Schreiben an den Abt Mellitus
und den Erzbischof Augustinus von England ausgesprochen »Saget dem Augustinus«
heißt es dort »zu welcher Überzeugung ich nach langer Betrachtung über die
Bekehrung der Engländer gekommen bin dass man nämlich die Götzenkirchen bei
jenem Volk ja nicht zerstören sondern nur die Götzenbilder darin vernichten
das Gebäude mit Weihwasser besprengen Altäre bauen und Reliquien hineinlegen
soll Denn sind jene Kirchen gut gebaut so muss man sie vom Götzendienst zur
wahren Gottesverehrung umschaffen damit das Volk wenn es seine Kirchen nicht
zerstören sieht von Herzen seinen Irrglauben ablege den wahren Gott erkenne
und um so lieber an den Stätten wo es gewöhnt war sich versammle Und weil die
Leute bei ihren Götzenopfern viele Ochsen zu schlachten pflegen so muss auch
diese Sitte ihnen zu irgendeiner christlichen Feierlichkeit umgewandelt werden
Sie sollen sich also am Tag der Kirchweihe oder am Gedächtnistag der heiligen
Martyrer deren Reliquien in ihren Kirchen niedergelegt werden aus Baumzweigen
Hütten um die ehemaligen Götzenkirchen machen den Festtag durch religiöse
Gastmähler feiern nicht mehr dem Teufel Tiere opfern sondern sie zum Lobe
Gottes zur Speise schlachten dadurch dem Geber aller Dinge für ihre Sättigung
zu danken damit sie indem ihnen einige äußerliche Freuden bleiben um so
geneigter zu den innerlichen Freuden werden Denn rohen Gemütern auf einmal
alles abzuschneiden ist ohne Zweifel unmöglich und weil auch derjenige so auf
die höchste Stufe steigen will durch Tritt und Schritt nicht aber durch
Sprünge in die Höhe kommt« S Mone Geschichte des Heidentums etc II 105
126 Das Aufnageln von Pferdeschädeln war uralte Gewohnheit deutscher Völker
Schon die römischen Legionen die Kaecina in die Einsamkeit des Teutoburger
Waldes führte um den Gefallenen der Varusschlacht die letzte Ehre zu erweisen
erschraken da von den Stämmen der Eichen die angenagelten Häupter geopferter
Römerpferde auf das bleichende Gebein gefallener Krieger und die Schlachtaltäre
herabnickten Tacitus Annal I 61
127 Den merkwürdigen Gebrauch dass durch Werfung der »Chrene Chruda« auf den
nächsten zahlungsfähigen Verwandten dieser in das durch Blutschuld verwirkte
Wehrgeld des zahlungsunfähigen Täters eintreten musste beschreibt die lex Salica
ed Merkel cap 58 Der Name Chrene Chruda ist noch nicht hinlänglich
erklärt Man hat es mit »grünes Kraut« oder nach Grimm Rechtsaltertümer p
116 mit »reines Kraut« zu übersetzen gesucht indem die Räumung eines Landes
oder die Übertragung eines Grundstückes auf einen andern zu eigen oder zu Pfand
durch Übergabe einer mit Gras bewachsenen Erdscholle eines Stückes Wasen
symbolisch angedeutet wurde Aber nach der lex Salica war das was geworfen
wurde die aus den vier Ecken der Stube wo doch kein Kraut wächst
zusammengeraffte Erde S Walter Deutsche Rechtsgeschichte § 443 Da übrigens
dieser Gebrauch nur bei den Salfranken urkundlich nachweisbar ist und auch dort
schon frühe aufgehoben war lex Salica nov 262 263 264 so bleibt es
ziemlich unklar wie derselbe hier als ein im zehnten Jahrhundert in Alemannien
geltender aufgeführt werden kann
128 Dem »bösen Auge« der Hexen wurden viel üble Wirkungen zugetraut es kann
Säuglinge schwindsüchtig machen Kleider in Stücke reißen Schlangen töten
Wölfe schrecken Strausseneier ausbrüten Aussatz erwecken etc Als Schutz gegen
solche »faszinierende« Blicke pflegte man auch die Pfote des blinden Maulwurfs
zu tragen S Grimm Deutsche Mythologie p 1053
129  si quis mulierem »stria« clamaverit et non potuerit adprobare usw lex
Salic c 64
130 »Dîn got der ist ein junger tôr
ich will glouben an den alten«
St Oswald
131 Folchardi codex aureus Handschrift der sanktgallischen Bibliothek p 75
132 »Eine Geschichte der deutschen Kuchen und Semmeln ließe sich nicht ohne
unerwartete Aufschlüsse zusammenstellen« Grimm Deutsche Mythologie 3 Ausg
p 56
133 Bist du nicht auch schon verehrte Leserin in stiller Einsamkeit der Nacht
kartenschlagend oder bleigiessend oder loswerfend damit beschäftigt gewesen den
künftigen Freier zu ergründen All diese Mittel zur Erratung kommender Dinge
sind Reste grauen Heidentums  Auch des Kämmerer Spazzo Turmgang scheint
Ähnliches bezweckt zu haben Es war nicht ungewöhnlich dass man sich in der
Neujahrsnacht auf das Hausdach setzte schwertumgürtet um die Zukunft zu
erforschen S Grimm Mytol p 1070
134  Sacratos noctis venerabilis hymnos
135 Über die in jenem Zeitalter hervorragenden alemannischen Grafen und
Herrengeschlechter s Stälin Geschichte von Wirtemberg I 544 u ff
136 Nova stella apparuit insolitae magnitudinis aspectu fulgurans et oculos
verberans non sine terrore Annales S Gellenses majores bei Pertz Mon I 8
137 S Bertold Der Heerwurm gebildet aus Larven der ThomasTrauermücke
Göttingen 1854
138 Der fromme Wahnglaube vom Hereinbrechen des Jüngsten Tages und vom
bevorstehenden Ende der Welt war in karolingischer und späterer Zeit ein sehr
häufiger Viele Vornehme und Geringere sahen sich dadurch behufs der Sicherung
ihres Seelenheils zu Schenkungen an die Kirche veranlasst Mundi terminum
appropinquantem ruinis crebrescentibus jam certa signa manifestant beginnt zB
ein in Mones Anzeiger 1838 p 433 mitgeteilter Schenkungsbrief
139 Seit Ausgang des neunten Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des zehnten
gehörten die Einfälle der Ungarn in den deutschen Gauen zu den gewöhnlichen
Landplagen Nord und Süd wurden von ihnen heimgesucht Die gleichzeitigen
Geschichtschreiber nennen sie bald Avaren oder Agarener bald Ungarn wobei der
Name in abenteuerlicher Etymologie vom Hunger abgeleitet wird der sie aus den
Steppen Pannoniens vorwärts trieb  innunmerabilis eorum crevit exercitus et a
fame quam patiebantur Hungri vocati sunt Epistola Remigii bei Màrtene
collect I 234 noch öfter aber Hunnen wiewohl die Abstammung derselben von
dem Hunnenkönig Attila keineswegs zu den erwiesenen Tatsachen gehört Letztere
altertümliche Bezeichnung ist in unserer Erzählung beibehalten
 Umständlichere Schilderung dieses fremden Reitervolkes gibt schon Regino in
seinem Chronicon ad ann 889 Pertz Mon I 600 Das Bild das er von den
grausamen alles zerstörenden nie aus dem Sattel kommenden von erschlagener
Feinde Herzen sich nährenden Scheusalen entwirft macht einen schauerlichen
Eindruck und würde noch mehr zum Mitleid mit den von ihnen Heimgesuchten
stimmen wenn es nicht meist aus der Historie des Justinus lib 41 c 2 u 3
wörtlich abgeschrieben wäre der die Skyten in dieser Weise charakterisiert
Die mehrfachen Verheerungen der alemannischen Lande sind erwähnt in den alaman
Annalen bei Pertz Mon I 54 der einst von den Kammerboten und dem
Argengaugraf Ulrich wider sie erfochtene Sieg am Inn in den Annales S Gallenses
major bei Pertz Mon I 77
140 SG Schwab Der Bodensee nebst dem Rheintale Teil II p 119
141 Diese Worte Ekkehards enthalten einen Anklang an das den Sanktgaller Mönchen
wohlbekannte alemannische Landrecht scheinen jedoch auf einer gewissen
Verwechslung zu beruhen In tit 99 no 22 ed Lindenbrog findet sich nämlich
folgende Bestimmung
 »Wenn ein fremder Hund einen Mann getötet hat soll dessen Eigentümer den
Hinterbliebenen das halbe Wehrgeld auszahlen Verlangt die Familie des Getöteten
das ganze Wehrgeld so muss ihr dies zwar gewährt werden aber nur unter der
Bedingung dass alle Zugänge des Hauses bis auf einen abgeschlossen werden dass
sie allezeit durch dies eine Tor ein und ausgehen und dass über dieser Schwelle
der fremde Hund in einer Höhe von neun Fuß aufgehängt werde und aufgehängt
bleibe bis dass er ganz verfault und seine Knochen stückweis herabfallen Würden
die Bewohner des Hauses den toten Hund wegzuschaffen oder durch eine andere Türe
einzugehen versuchen so sollen sie auch des bereits empfangenen halben
Wehrgelds verlustig gehen und jeden weiteren Anspruch verlieren« Dieser aus
hohem Altertum stammenden Verfügung liegt das Motiv zugrund den Verwandten die
den vom Eigentümer des Tieres nicht verschuldeten Todesfall allzu geldgierig
auszubeuten suchen eine gewisse Schmach anzuhängen und sie dadurch abzuhalten
die äußerste nach dem damaligen Strafgesetz allerdings formell zustehende
Entschädigung zu beanspruchen Ähnliches kennt das altnordische Recht S Grimm
Rechtsaltertümer p 665
142 Die Heilkunde unserer Tage wendet diese und ähnliche Mittel nicht mehr an
Sie beruhten zum Teil auf der Ansicht dass die Krankheiten dem Einfluss der
Dämonen zuzuschreiben Vieles übrigens was in jener Zeit offiziell verordnet
wurde findet sich im Kreis der sg sympatetischen Mittel noch vor die in
ununterbrochener Überlieferung von den Bauersmännern Schäfern und Schmieden
die heutzutag noch trotzig daran glauben bis in fernes Heidentum hinauf
reichen Dass eine ähnliche Kur wie die zuletzt erwähnte von gutem Erfolg
begleitet war meldet der fränkische Geschichtschreiber Gregor von Tours in
seiner Schrift über die Wunder des heiligen Martinus aus eigener Erfahrung »Im
zweiten Monat nach seiner Ordination als Bischof erkrankte er an der Ruhr so
heftig dass man an seinem Leben verzweifelte Da alle Arzneien fruchtlos
geblieben waren ließ er sich Staub vom Grabe des Heiligen bringen nahm ihn in
einem Trank um die dritte Tagesstunde und wurde davon auf der Stelle so geheilt
dass er um die sechste zur Mahlzeit ging« Löbell Gregor von Tours und seine
Zeit p 277
 Manches Interessante in betreff ehemaliger Heilkunde würde wohl ein
sachverständiger Arzt in dem tractatus insignis medicinalis der sanktgallischen
Handschrift 105 vorfinden
143  nihil fame improbrius et sacrius
144 Wenigstens zählt noch G Schwab in seinem Werk über den Bodensee unter den
»Merkwürdigkeiten von Sipplingen« sub Nr 3 auf »der Sipplinger Wein als der
schlechteste am Bodensee« Neuerdings indes soll der dortige Rebensaft um ein
bedeutendes besser geworden sein als sein Ruf
145 S Einhardi vita Karoli Magni c 13 bei Pertz Mon I p 449
146 S Gibbon Geschichte des römischen Weltreichs c 35
147 »Scitis« inquit »o fideles mei quid tantopere ploraverim« »Non hoc« ait
»timeo quod isti nugae et nihili mihi aliquid nocere praevaleant sed nimirum
contristor quod me vivente ausi sunt litus istud attingere et maximo dolore
torqueor quia praevideo quanta mala posteris meis et eorum sunt facturi
subjectis« Monachi S Gallens gesta Karoli II 14 bei Pertz Mon II 757
148 Diese Auffassung der vielbesprochenen und folgenschweren Krönung Karl des
Großen in Rom am Weihnachtsfest 800 zum Kaiser und Schirmherrn der römischen
Kirche entspricht der Ansicht die die Zeitgenossen von der Sache hatten Der
Papst der dadurch das lästige Schutz und Aufsichtsrecht seiner byzantinischen
Oberherrn loswerden wollte hatte seinen bestimmten Plan wenn er auch die
Tragweite und Folgen des Ereignisses nicht im Auge hatte Seitens des
fränkischen Herrschers aber war die Annahme dieser Kaiserwürde ein Akt der
Usurpation den legitimeren Byzantinern gegenüber und es ist wohl zu erklären
warum die Berichterstatter erzählen er würde an jenem Tage keinen Fuß über die
Schwelle der Peterskirche gesetzt haben wenn er des Papstes Absichten hätte
erraten können s den Monachus San Gallensis und Einhardi vita Karoli M cap
16 und 28
149 S Hincmar von Rheims Annalen ad ann 862 bei Pertz Mon I 458
150 S Hermann des Lahmen von Reichenau Chronik ad ann 888 bei Pertz Mon V
109
151  vel ut perturbatores reipublicae dignum est pati usque ad cinerem
concremati et in omnem ventum dispersi cum nominibus vel potius ignominia et
memoria sua condemnetur in secula Erchanberti breviarium ad ann 880 bei Pertz
Mon II 330
152 Die Gestalt des Alten in der Heidenhöhle möchte historisch etwas
anzuzweifeln sein Alle Merkmale deuten auf Karl den Dicken aber der war
eigentlich längst gestorben bevor die erste Stunde des zehnten Jahrhunderts
schlug Indes was die Geschichte trennt fügt die Sage wieder zusammen und wie
sie einst dem ostgotischen Dietrich von Bern im Nibelungenlied eine Stellung
verschafte auf die er seinen historischen Präzedentien nach gar keine
nachzuweisenden Ansprüche hat so gefällt es ihr den letzten Träger des
karolingischen Weltreichs an einen stillen Ort zu entrücken und ihm eine
Gerechtigkeit angedeihen zu lassen die ihm die Mitlebenden versagten
 Eines Gerüchtes dass der alte Kaiser nicht gestorben sondern von seinen
Feinden stranguliert worden sei erwähnt der Mönch von Vaast in seinen
Jahrbüchern bei Pertz Mon II 203 Das Volk aber das von ihm ein ganz ander
Bild im Herzen trug als der Hass der Parteien die ihn mit entstellten Zügen der
Nachwelt geschildert und das in dem hereingebrochenen Jammer der nächsten
Jahrzehnte keinen Grund fand seine Absetzung als den Anbruch besserer Zeiten zu
begrüßen hielt in Alemannien an dem Glauben fest dass er gar nicht gestorben
sei und noch wie früher und später manch ein anderer Held in irgendeiner Höhle
verborgen sitze um zu rechter Stunde wieder herauszutreten und die Zügel seines
Reiches zu Handen zu nehmen Mehrere Aufstände in Alemannien gegen den durch
Karl des Dicken Sturz emporgekommenen Kaiser gaben Zeugnis von dem Anteil den
man für seinen abgesetzten Vorfahr hegte
 Auch die neuere Geschichtschreibung beginnt die wahren Gründe der Absetzung
und das seither dem dicken Kaiser zugefügte Unrecht einzusehen und es wird
zugegeben dass die Machinationen des hohen Klerus der damals mit der Einführung
des pseudoisidorischen Kirchenrechts in Deutschland beschäftigt war und einen
seinen herrschsüchtigen Bestrebungen willfährigen Kaiser bedurfte »guten Teils«
an jener Absetzung schuld gewesen S Gfrörer Geschichte der ost und
westfränkischen Karolinger II 293
153 »Fortis juventus virtus audax bellica
Vestra per muros audiantur carmina
Et sit in armis alterna vigilia
Ne fraus hostilis haec invadat moenia
Resultat echo comes Eja vigila
Per muros eja dicat echo vigila«
 Gefahr lehrt Verse machen Der Gesang der Nachtwachen von Modena dessen ganzen
Text Muratori antiqu Ital III 709 mitteilt wetteifert an Wärme und
rhytmischem Schwung mit den Kriegsliedern aller Zeiten  Einen Bittgesang an
den heiligen Geminianus um Schutz und Schirm wider die Hunnen in gleichem Metrum
s bei Muratori antiqu Ital I 22
154 Mit Aufrichtung der Fahne wurde das Volk aufgeboten und versammelt Nach
nordischem Brauch wurde im Fall feindlichen Einbruchs schnell ein Pfeil
herumgeschickt das Volk zu entbieten herör der Heerpfeil S Grimm
Rechtsaltertümer 161 162
155 Walafrid Strabo Abt der Reichenau ein gefeierter Dichter der
karolingischen Epoche Manche seiner lateinischen Poesien sind von einem zarten
Hauch durchweht der an die Elegiker des Altertums erinnert Es finden sich
darunter eine Beschreibung seines Klostergartens sowie eine Elegie an seine
Freundin ad amicam und hierauf scheint sich Simon Bardos Äußerung zu
beziehen Der Anfang der letzteren ist allerdings sehr weich
     Wenn mildschimmernden Scheins der Mond den Äther durchleuchtet
    Dann durch die wehende Nacht o Freundin schaue zum Himmel
    Eingedenk wie von dort die reine Leuchte herabglänzt
    Und mit demselbigen Strahl uns beide freundlich umschlinget
    Die wir leiblich zwar fern doch geistig in Liebe uns nah sind
    Darf auch nimmer mein Auge in dem der Geliebten sich spiegeln
    Bleibt uns der Mond doch als Pfand von still glückseligem Ehmals etc
Des mehreren von ihm ist nachzulesen bei Kanisius Lect ant ed Basnage pars
II 183 u ff
156 Das griechische Feuer eine Mischung von Naphta Schwefel und Pech durch
Wasser nicht zu löschen leistete seine Dienste schon bei der Belagerung
Konstantinopels im Jahr 716 wider die Sarazenen und rettete im Jahr 941 die
Hauptstadt vor einer russischen Flotte die unter Igor Ruriks Sohn die schon
damals gangbare Prophezeiung zu verwirklichen drohte dass die Russen »in den
letzten Tagen Herren von Konstantinopel werden würden« Seine Verwendung wurde
zu einer förmlichen Artilleriekunst ausgebildet und von den griechischen Kaisern
als ein wichtiges Staatsgeheimnis bewahrt Die französischen Kreuzfahrer die
der heilige Ludwig in Orient führte beschreiben mit aufrichtigem Entsetzen den
Anblick der zerstörenden Geschosse S Joinville Histoire de St Louis Paris
1668 p 39
157  ipse velut Domini gigans lorica indutus cucullam superinduens et
stolam ipsos eadem facere jubet »Kontra diabolum ait fratres mei quam
hactenus animis in Deo confisi pugnaverimus ut nunc manibus ostendere valeamus
ab ipso petamus« Ekkeh IV casus S Galli c 3 Pertz II 104
158 Jornandes de rebus geticis c 24
159  tollensque manu sua de pallio suo filum projecit in terram et dixit
»Ecce in testimonium perfectae remissionis filum de pallio meo projicio in
terram ut cunctis pateat quod pristina deinceps annulletur inimicitia« Vita
S Sturmi c 18 bei Pertz Mon II 374
160 Der erwähnte Smaragd befindet sich noch im Kirchenschatz der Pfarrkirche
Mittelzell auf Reichenau Er hat das Schicksal der berühmten Smaragdschüssel von
Genua geteilt die als sacro catino für das unschätzbare Palladium der Stadt
galt und in den Napoleonischen Kriegen als solches nach Paris abgeführt ward
allwo die Untersuchungskommission des französischen Instituts 1809 sie für
einen gefärbten Glasfluss erkannte  ein Mangel an Romantik der die Zurückgabe
des Beutestücks an die Genuesen »wesentlich erleichterte« Es war sehr
zweckmäßige ein solches Schau und Prachtstück im Kirchenschatz zu haben um im
Fall der Not ein namhaftes Anlehen darauf aufnehmen zu können
161 Erat tunc inter nostrates frater quidam simplicissimus et fatuus cujus
dicta et facta saepe ridebantur nomine Heribaldus Ekkeh casus S Galli cap
3
162  »enimvero ait ille fugiat qui velit ego quidem quia corium meum ad
calceos camerarius hoc anno non dedit nusquam fugiam« Ekkeh 1 c
163 Fabricantur spicula piltris loricae fiunt fundibula plectuntur tabulis
compactis et wannis scuta simulantur sparrones et fustes acute focis
praedurantur Ekkeh 1 c
164 Aeneis VII 631 u ff
165  equitans vir dei vita Liutger bei pertz Mon I 412
166 Ausführlich und sich gegenseitig ergänzend beschrieben bei Ekkeh IV casus
S Galli cap 3 und den Biographen der heiligen Wiborad s Note 40
namentlich bei Hepidan vita Wiboradae cap VI 24 acta sanctor Mai I
305
167  »locum enim quem contra versutias antiqui hostis pugnatura elegi Deo
juvante spiritu redeunte ad eum qui dedit illum etiam corpore tegam« Hepidan
1 c p 304
168  quasi canem audierat mussitantem et intellexit temptatorem »Esne tu
inquit iterum ibi Quam bene tibi miser contigit nunc mussitanti et grunnienti
post gloriosas voces illas quas in coelis habueras« Ekkeh IV casus S Galli
cap 3 bei Pertz Mon II 98
169 Regula S Benedicti cap 53 de hospitibus suscipiendis
170  Augustaque diu obsessa precibus Uodalrici episcopi sanctissimi quidem
inter omnes tunc temporis viri repulsi Ekkeh casus S Galli cap 3
171 S Grimm Deutsche Mythologie p 269
172 Schon unter Karl dem Großen bestand lebhafter Handelsverkehr mit Slaven und
Awaren Kapitulare von 803 bei Pertz Mon III 133 und die nordischen Teile
des Reichs verschaften sich die Produkte des Südens Ermoldus Nigellus  836
in seinen weinerlichen Gedichten nennt friesische Kaufleute als Ankäufer des
elsassischen Weines den sie auf dem Rhein fortführten Auch am mittleren Neckar
waren dieselben wohlbekannt S Stälin Wirtemberg Geschichte I 402
173  In einer Kirchen war ein Abgott Triglaff geheißen und neben dem hingen
viel Waffen und Harnisch so sie im Kriege erworben und dem Abgotte geschenket
hatten und güldene und silberne Becher damit sie pflagen zu wicken und daraus
zu weissagen und zukhünftige Dinck erfharen und daraus die Edelen pflagen zu
hohen Festen zu trinken auch große Urochssenhörner in silber gefasst und
Trommeten zum Kriege schwerter und dolche und ander köstlich Zeug und Geräte
das hübsch und kunstreich von Arbeit und zu der Götzen geschmuck bescheret war
 Und der Götze Triglaff war von Golde und hatte drei Köpfe davon er auch so
genannt ist worden denn triglafi auf wendisch heißen drei köpfe damit sie
haben bedeuten wollen dass er ein Gott were über himmel erde und helle Den
nahm Sant Otto mit sich wegk und schickte ihn dem Papst Honorio zu einem
triumpff und zu einer Anzeigung der Pommern Bekehrung Thomas Kantzow Pomerania
oder Ursprunck Alteit und Geschicht der Völcker und Lande Pommern Kassuben
Wenden Stettin Rhügen ed Kosegarten p 107
174  fatuitatis monstrum ubi sentiunt omnes illi risibiles parcunt Ekkeh
casus S Gall c 3
175  nam cum quidam illorum ascia vibrata unum retinaculorum succideret
Heribaldus inter eos jam domestice versatus »Sine inquit vir bone quid vis
vero ut nos postquam abieritis bibamus« Ekkeh 1 cit
176 S Ekkehards Erzählung bei Pertz Mon II 104
177 Postquam vero mero incaluerant horridissime diis suis omnes vociferabant
 1 c Das Lied mag sich auf Attilas Abenteuer mit der Prinzessin Honoria
Schwester des Kaiser Valentinian beziehen die aus Rache dafür dass sie wegen
unstandesgemässer Neigung zu ihrem Kämmerer Eugenius ins Kloster gesteckt worden
den Barbarenmonarchen durch Übersendung eines Ringes anflehte sie als seine
Verlobte und Gattin heimzuführen S Gibbon Geschichte des röm Weltreichs
cap 35
178  et effusa laetitia saltant coram principibus Ekkeh IV 1 cit
179 Kambutta scottica vox baculum significans Nach dem Tode des heiligen
Kolumban wurde dem heiligen Gallus dessen Kambutta als Andenken überbracht S
vita Sancti Galli bei Pertz Mon II 14 und Jv Arx Anmerkung Man irrt wohl
schwerlich wenn man sich eine solche Kambutta weniger elegant denn keulenartig
denkt da schon vom gewöhnlichen Spazierstock der Zeitgenossen Karl des Großen
eine wahrhaft schreckbare Beschreibung überliefert ist  baculus de arbore
malo nodis paribus admirabilis rigidus et terribilis Monachus San Gallensis
I 34 bei Pertz Mon II 747
180  ubicunque autem hae reliquiae fuerint illic pax et augmentum et lenitas
aëris semper erit Annales San Gallens major bei Pertz Mon I 71
181 Offenbarung Johannis 20 7 Allgemein hielt man den Gog und Magog der
Schrift in den Ungarn verkörpert und sah in ihnen die Vorläufer des Weltendes
die Frage wurde ernsthafter teologischer Prüfung unterzogen S Gibbon
Geschichte des röm Weltreichs cap 55 II
182 Die Ehre des ersten Angriffs im deutschen Reichsheer galt für ein von alters
her den Schwaben zustehendes Vorrecht Nach dem Schwabenspiegel verleiht Karl
der Große swa man umbe des riches not striten sollte da sulen die swabe vor
allen sprachen striten Landrecht § 32  Eine Reihe anderer Stellen aus
Geschichtschreibern und Dichtern desselben Inhalts s bei Stälin Wirtemberg
Geschichte I 393
183 Waffen Feindio der alte clamor ad arma Alarm Waffenschrei S Grimm
Rechtsaltertümer p 876 Gleiche Sprachbildung  Verstärkung des Substantivs
durch einen angehängten Ausruf  liegt den Hilferufen Mordio Feurio usw
zugrund
184 »Ich selbst« sprach Attila vor Beginn der Schlacht in den Katalaunischen
Feldern zu seinen Kriegern »werde den ersten Wurfspiess schleudern und der
Elende der sich weigert das Beispiel seines Fürsten nachzuahmen ist
unvermeidlichem Tode verfallen« S Gibbon aaO cap 35 7
185 Noch im sechzehnten Jahrhundert bewahrten die deutschen Landsknechte die
Sitte sich rücklings Erde übers Haupt zu streuen ehe sie ins Wogen des
Treffens rückten So der tapfere Georg von Frundsberg vor der Schlacht von
Pavia
186 Wir können uns nicht enthalten den einfach großartigen Text des
Notkerischen Liedes media vita mitzuteilen so wie ihn Jv Arx seinen
Geschichten des Kantons St Gallen I p 95 einverleibt hat
    »Media vita in morte sumus quem quaerimus adjutorem nisi the domine qui
pro peccatis nostris juste irasceris
    V In the speraverunt patres nostri speraverunt et liberasti eos
        R Sancte deus
    V Ad the clamaverunt patres nostri clamaverunt et non sunt confusi
        R Sancte fortis
    V Ne despicias nos in tempore senectutis cum defecerit virtus nostra ne
derelinquas nos
        R Sancte et misericors salvator amarae morti ne tradas nos«
Es fand so großen Anklang im Gemüt frommer Streiter dass eine Synode zu Köln
sich gemüssigt sah anzuordnen niemand solle ohne seines Bischofs Erlaubnis gegen
irgendeinen Menschen das media vita singen In das evangelische Kirchenlied ging
es über durch Luthers Übersetzung »Mitten wir im Leben sind von dem Tod
umfangen etc«
187  haud mora bellum incipitur atque ex Christianorum parte sancta
mirabilisque vox »kyrie« ex eorum turpis et diabolica »hui hui« frequenter
auditur Luitprand von Cremona de reb imp et regum lib II cap 9
188 Folchardi codex aureus Bibliothek zu St Gallen p 39
189 S Bernhard Bader Volkssagen aus dem Lande Baden p 34
190 Den merkwürdigen Landhag mit dem die Ungarn zu Karl des Großen Zeit ihre
Grenzen gesperrt hatten beschreibt nach Erzählung eines Augenzeugen der Mönch
von St Gallen gesta Karoli lib VI cap I bei Pertz Mon II 748
191  iam mitius agendum inter Teutones
192 Nam et villani quidam preadocti ollas prunas in proximo monte paratas
habentes tumultu audito faces accensas levabant et ut discretionem sociorum et
hostium nossent quasi perlustrium fecerunt Die anschauliche Darstellung dieses
Überfalls des ungarischen Lagers im Fricktal durch Irminger den Alten mit
seinen sechs Söhnen und ihrer Mannschaft gibt Ekkeh IV casus S Galli cap 3
bei Pertz Mon II 110 Im Schein der rings auf den Bergen flammenden
Feuerzeichen stürmten ihre drei Heerhaufen in den sorglosen Feind Wer nicht in
keckem Schwimmen über den Rhein setzte wurde erschlagen die Beutestücke der
Schlacht weihte Irminger dem Münster des heiligen Fridolin zu Säckingen Eine
auf dem rechten Rheinufer gelagerte ungerische Schar zog sich auf die Nachricht
dieser Niederlage ins Elsass hinüber
193 »Mir wird so kühl im Harnisch« sprach der Fiedelmann
 »Drum glaub ich dass der Morgen zieht schon heran
 Ich spür es an der Kühle es wird wohl balde Tag «
Nibelungenlied Avent 31
194  Es ist ein grausam ding zu sehen Dieser fall heißt zu unsern Zeiten am
Lauffen Es wirt das Wasser so es oben herab fallt zu eim ganzen schaum es
steubt über sich gleich wie weißer rauch Do mag kein Schiff herab kommen
anderst es zerfiel zu stucken Es mögen auch keine Fisch die Höhe dieses Felsen
übersteigen wann sie schon so lange krumme zeen hätten wie das Mörtier
Rosmarus oder Mors genannt
Sebastian Münster Kosmographei 1574 S 551
195 Sahspach Hadewigae beneficii villa S Ekkeh IV casus S Galli c 10
bei Pertz Mon II 135
196 Verfluchungen gegen etwaige Widersacher gehörten bei allen auf Vergabungen
Eigentumsübertragungen Stiftungen etc bezüglichen Urkunden zum Kanzleistil
Man war in den verschiedenen Formen von erfindungsreicher Mannigfaltigkeit »Es
fühle der Leib in den Jahren ihres Lebens den Vorschmack der unendlichen
Höllenpein wie Heliodor welchen die Engel gestäupt wie Antiochus welchen die
Würmer gefressen« heißt es zB im Stiftungsbrief des Klosters Peterlingen
»Wer mit böswilligem Gemüt diese Schrift liest« wird anderswo gewünscht »möge
zur Stelle erblinden« S Joh v Müller Geschichte der Schweiz I 253 Eine
Zeit die sich so umfangreich aufs Segnen verstand musste notwendig auch im
Fluchen Erkleckliches leisten
197  et multi illorum comprehensi sunt cum rege eorum nomine Pulszi et
suspensi sunt in patibulis Annales S Galenses major ad ann 955 bei Pertz
Mon I 79
198 Qui dubitans minime huic illam nubere posse
Ruodlieb fr XVI v 15
199 Mich macht ein kleines Hälmchen froh
Es sagt mir solle Gnade kommen
Ich maß dasselbe kleine Stroh
Wie ichs bei Kindern wahrgenommen
Nun hört all und merkt ob sie es tu
Sie tut tuts nicht sie tut tuts nicht sie tut
Wie oft ich maß stets war das Ende gut
Herr Walter von der Vogelweide übersetzt bei Simrock Altdeutsches Lesebuch
1854 p 208
200  corda hominum quos capiunt particulatim dividentes veluti pro remedio
devorant Regino Chronicon ad ann 889 bei Pertz Mon I 600
201  Der ist sâlic der dri behûttet sîne gewate daz er nihet naccetne gange
usw Predigt mitgeteilt von Jv Arx aus einem Pergamentblatt des XI
Jahrhunderts und verbessert herausgegeben bei Hattemer Denkmale etc I 326
202 S Grimm Rechtsaltertümer p 723 sv Dachabdeckung
203 Ungar baptizatus uxorem duxit filios genuit Ekkeh IV casus S Galli c
3
204 Rüdiger Manesses Sammlung I 87
205 S Grimm Rechtsaltertümer p 726 sv Prellen
206 S lex Ripuariorum cap 57 Der auf solche Weise Freigelassene hieß homo
denariatus
207 S Ekkeh IV casus S Galli cap 10 bei Pertz Mon II 135
208 Wiewohl wir nicht hoffen dass einer der Leser sich versucht fühle Gunzos
pomphaftes Werk nachzuschlagen sei doch der Ort angegeben wo es zu finden Es
steht in der gelehrten Benediktiner Martène et Durand collectio veterum
scriptor et monumentor Tom I 294 als Epistola Gunzonis ad Augienses fratres
 ein geschichtlicher Beweis dass auch vor EhrenGötze und allen die
heutigentages auf den Pfaden gelehrter Injurie selbstgefällig lächelnd
einherschreiten tapfere Männer gelebt haben Ähnliche Leistungen hat wohl
Baronius im Auge gehabt da er das zehnte Jahrhundert ein »bleiernes« nannte
Ein sachkundiges Urteil charakterisiert den Stil einiger Zeit und
Gesinnungsgenossen von Gunzo als ein Latein »dessen Grundfarbe durch die
gehäuften klassischen Floskeln und Schnörkel nicht verdeckt wird und in welchem
sie nur fremde Gedanken zu wiederholen wissen wenn es ihnen überhaupt um
Gedanken zu tun ist« S Vogel Raterinus von Verona I 161
209 Regula S Benedicti cap 43 de his qui ad mensam tarde occurunt
210 Schon die Lebensbeschreibung des heiligen Gallus lib II cap 34 bei
Pertz Mon II 29 erwähnt die Sitte dass unvorsätzliche Mörder mit schweren
Ketten die oft aus dem eigenen Mordschwert geschmiedet wurden oder mit
eisernen Ringen um den Leib oder die Arme belastet Wallfahrten tun mussten S
auch Uhlands schönes Gedicht »Der Waller«
211 Lex Burgundionum tit XVIII 1
212 S Vita S Liobae bei Mabillon Acta Benedict saec 3 pars 2 229 ed
Venet 1734
213  plerosque autem vidimus et audivimus tanta dementia obrutos tanta
stultitia alienatos ut credant et dicant quandam esse regionem quae dicatur
Magonia ex qua naves veniant in nubibus in quibus fruges quae grandinibus
decidunt et tempestatibus pereunt vehantur in eandem regionem ipsis videlicet
nautis aëreis dantibus pretia tempestariis et accipientibus frumenta vel ceteras
fruges Agobard contra insulsam vulgi opinionem de grandine et tonitruis I 146
ed Baluze
214 Durch alle Völker geht der Glaube dass im gebundenen feierlich gefassten Wort
eine zauberische Kraft verborgen ruhe die zu Segen und Fluch gedeihlich
verwendet werden möge Von dem rätselhaften römischsabinischen Zauber gegen
Verrenkung den schon der alte Kato de re rustica 160 anführt von den
nordischen Runen von den echten ehrwürdigen Merseburger Heilsprüchen bis auf
das unverständliche Kauderwelsch mit dem heutigestags wenn just kein Arzt oder
anzeigedrohender Ortsdiener in der Nähe ist der ländliche Viehdoktor den
suchtkranken Haushund oder das räudige Schaf beschwört überall derselbe
Grundgedanke von der Macht rhytmisch gebundener Rede Man traute eben ehedem
der Poesie Größeres und Praktischeres zu als jetzt  Vieles an den Formeln ist
sinnlos geworden namentlich die geheimnisvollen Worte am Beginn und Ausgang
Sie haben einst ihre Bedeutung gehabt imposanter wurden sie wie manches
andere wohl von der Zeit an wo man sie nicht mehr verstand Wie feierlich
klingt das »daries dardaries astaries Disunapiter« mit dem Katos
Verrenkungsspruch sich einleitet wie rätselvoll das »alau tahalaui fugau« in
dem lateinischen Spruch der die verirrten Klosterschweine segnend
zurückbeschwören soll Sanktgallische Handschrift 111 bei Hattemer Denkmale
etc I 410 S überhaupt Grimm Mythologie cap 38
215 Lex Alamannorum tit 45 de rixis quae saepe fieri solent in populo
216 »Dem Schröter den es mit Donner und Feuer in Bezug setzt mag das deutsche
Volk besondere Ehre angetan haben« Grimm Mythologie 3 Ausg p 657 S
auch p 167 über die Bedeutung dieses und anderer Käfer
217 Über die Einrichtung der Sendgerichte vgl Jv Arx Geschichten des Kantons
St Gallen I 257
218 Maiores locorum de quibus scriptum est »quia servi si non timent tument«
scuta et arma polita gestare incoeperant tubas alio quam ceteri villani clanctu
inflare didicerant canes primo ad lepores postremo etiam non ad lupos sed ad
ursos et ad tuscos ut quidam ait minandos aluerant apros Ekkeh IV casus S
Galli cap 3 bei Pertz Monum II 103
219 Per Hadewigae ait vitam sic enim iurare solebat Ekkeh IV casus S
Galli c 10
220 ich hoere ein sueze stimme
in mînem huobet singen
die hoere ich gerne klingen 
Der Weinschwelg v 268 u ff
221 Elpentrötsch tölpentrötsch trilpentrisch hilpentritsch usw ein
linkischer einfältiger Mensch dem die Elbe Elfen etwas angetan haben S
Grimm Mytol 412
222 Der Kuckuck ist bekannt als der Orakelverkünder im frühlingsgrünen Walde
Viel merkwürdige Traditionen über ihn s bei 25 Grimm Mythologie 640 u ff
Eine sehr alte Sage erzählt er sei ein verwünschter Bäcker oder Müllerknecht
der armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und trage darum fahles
mehlbestaubtes Gefieder
223 S das Ausführliche über die abergläubischen Vorstellungen bei Verfinsterung
des Mondes die nach Tacitus Annal I 28 schon die Gemüter der aufrührerischen
pannonischen Legionen beunruhigten bei Grimm aaO p 668  Es ist ein
bemerkenswerter Zug der germanischen Vorzeit dass sie sogar dem Mond in seinen
vermeinten Nöten durch Geschrei abzuhelfen bestrebt war
224 dô huob er ûf unde tranc
ein hundert slundigen trunc
er sprach »daz macht mich junc«
Der Weinschwelg v 197
225  Salutem et profectum in doctrina Brief Meister Ruodperts von St Gallen
bei Wackernagel Altdeutsches Lesebuch p 138
226  si fugae inquit copiam haberem iuvenum optimi profecto fugerem nunc
antem in vestris quia velim nolim sum manibus mitius mecum quidem vos condecet
agere S die ganze Schilderung von Rudimanns nächtlichem Einschleichen und
Ertappung bei Ekkeh IV casus S Galli c 10 Pertz Mon II 124
227 Die damaligen Studien erstreckten sich auch auf die Sternkunde In der
sanktgallischen Handschrift Nr 18 p 43 findet sich das Bild eines Mönches
der durch ein Fernrohr nach den Gestirnen schaut Notker Labeo beschreibt
ausführlich einen im Kloster aufgestellten Himmelsglobus Die astronomischen
Schriften der Alten zB Aratus kannte und las man Vgl Jv Arx Geschichten
etc I 265
228  Antipodes nulla ratione credenti sunt quia nec solitidas patitur nec
centrum terrae sed neque hoc ulla historiae cognitione firmatum sed hoc poetae
quasi ratiocinando conjectant Wörterbuch des Bischofs Salomo
229 Diese berühmte Disputation beschreibt ausführlich der fränkische Mönch
Richer im dritten Buch seiner Geschichten Kap 65 Der Kaiser gab Befehl das
gelehrte Turnier einzustellen denn »der Tag war darüber beinah zu Ende gegangen
und die Zuhörer von den vielen und langen Reden ermüdet«
230 Die klösterliche Disziplin war bemüht mit den mannigfachsten Akten des
gewöhnlichen Lebens ein Gebet oder einen Hymnus zu verbinden Die sanktgallische
Handschrift 134 enthält eine Sammlung solcher Hymnen zB Hymne beim ersten
Hahnenruf ad gallicinium beim Fasten vor und nach dem Imbiss beim Anzünden
der Nachtlampen usw Vgl Hattemer Denkmale etc I 273 u ff
231  Altera dein die magistrum lectura adiit Et cum sedisset ad quid
puer ille venerit ipso astante inter cetera quaesivit Propter Grecismum ille
ait domina mi ut ab ore vestro aliquid raperet alias sciolum vobis illum
attuli Puer autem ipse pulcher aspectu metro cum esset paratissimus sic
intulit Esse velim Graecus usw Ekkeh IV casus S Galli c 10 bei Pertz
Mon II 125
232 Grimm Deutsche Rechtsaltertümer p 702 sv Scheren
233 S Tegani vita Hludowici imp I 19 bei Pertz Mon II 594
234  spillüten und allen den die gut für ere nement und die sich ze aigen
geben hant den gibt man ains mannes schaten von der sunnen etc Landrecht des
Schwabenspiegels
235  dabei ein schönes Gärtelein
Darumb geht ein seiden Faden
Laurins kleiner Rosengarten
236 »Was soll ich aber von ihren abenteuerlichen Schuhen sagen Denn in dieser
Hinsicht sind die Mönche so unvernünftig dass ihnen der Nutzen einer
Fussbekleidung grossenteils entgeht Sie lassen sich nämlich ihre Schuhe so eng
machen dass sie darin fast wie in den Stock geschlossen am Gehen gehindert
sind Auch setzen sie denselben vorne Schnäbel an beiden Seiten aber Ohren an
und tragen große Sorge dass sie sich genau dem Fuße anschließen halten auch
ihre Diener dazu an dass sie mit besonderer Kunst den Schuhen einen
spiegelhellen Glanz verleihen« Dritte Ereiferung des Primas auf der Synode zu
Mont NotreDame bei Richer III 39
237 Hildebrandslied v 70 u ff  Noch Prätorius  1680 in seiner
Weltbeschreibung erwähnt »närrische Gaukelerszelte wo der alte Hildebrand und
solche Possen mit Docken gespielt werden Puppenkomödien genannt«
238 Dieser fabelhafte Ahnherr aller Grobschmiede war seit alters her der
deutschen Volksüberlieferung eine entschieden beliebte Gestalt Bis ins vorige
Jahrhundert trug ein Haus in Würzburg nach ihm den Namen »zum großen Schmied
Wieland« Das alte deutsche Gedicht welches ihn zum Helden erkor ist uns nicht
mehr erhalten die nordische Sage aber hat ihm die gebührende Aufmerksamkeit
geschenkt S WilkinaSage Kap 1930 bei von der Hagen Altdeutsche und
altnordische Heldensagen I 56 und ff
239 S Steub Zur rhätischen Etnologie p 103 sv Gossensass und Drei Sommer
in Tirol p 504
240 Welandus ab aliquibus Sanctus dictus Acta Sanctorum Mart tom I 364
241 S Massmann Gedichte des XVI Jahrhunderts Band II Das Heldengedicht wie
es hier teilweise nacherzählt ist hat die Bearbeitung in der es vorliegt erst
im zwölften Jahrhundert erhalten der Inhalt aber ist entschieden alt und weist
auf frühere Sagen zurück die füglich zu Praxedis Zeit ihren Weg an
griechischen Kaiserhof gefunden haben mochten
242 Marmoreum sibi sarcophagum longe ante obitum jussit praeparari ob incerti
temporis momentum quem duabus quotidie vicibus diversis alimentorum aliarumve
rerum impensis summotenus implevit et victu carentibus hilariter distribuit
Vita S Rimberti c 14 bei Pertz Mon II 771
243  moribus tamen illa suis severis et efferis sepe virum exasperans domi
interdum quam secum mansisse multo malle fecerat Ekkeh IV casus S Galli c
10 bei Pertz Mon II 123
244 S Ekkeh IV casus S Galli c 3 bei Pertz Monum II 108
245 Ekkehard verflicht hier sich und seinen Namen mit dem was die Sage vom
getreuen Eckhart erzählt S Grimm Deutsche Heldensage 141 190 und Deutsche
Mythologie p 887
246 »In unserer alten Sprache wird die festlichste Jahreszeit wo die Sonne
ihren Gipfel erlangt hat und nun wieder herabsinken muss Sunnenwende
solstitium genannt« Grimm Deutsche Mythologie p 583 Sie trifft mit dem
St Johannistag 24 Juni zusammen die alterkömmlichen Oster und Maifeuer
wurden durch den Einfluss der Kirche auf diesen Tag verlegt Man sprang durch die
Flammen und trieb das Vieh durch zu vermeintlicher Abwehr von Krankheit und
Missgeschick
247 Das Bestreben einiger Mönche durch festes Schnüren des faltigen Gewandes
eine elegante Taille zu gewinnen veranlasste auf der Synode zu Mont NotreDame
972 eine zornsprühende Ereiferung des Primas S Richers Geschichte III 37
248 Sirach 27 6
249 Die Kirche der quattro coronati in Rom mit ihren alten Mosaikfussböden und
Malereien aus dem 12 Jahrhundert ist bekannt
250 Ein Trunk Wassers war Zeichen der Entsagung Grimm Rechtsaltertümer 190
Wer einmal in der letzten Stunde seines römischen Aufenthaltes zur rauschenden
fontani Trevi geleitet wurde um bei Sang und Trank den Scheidetrunk zu trinken
kennt diese Symbolik
251 Vgl Zellweger Geschichte Appenzells  Es ist eine interessante Aufgabe
die alemannische Sprache Appenzells die auch so wie sie heutzutage gesprochen
wird noch mannigfache Anklänge an das Altochdeutsch aus Notkers Labeos Zeiten
enthält in ihren reichen dialektischen Formen und Wendungen zu verfolgen
Gründliche Anleitung hiezu gibt Titus Tobler Appenzellischer Sprachschatz
Zürich 1837
252 Jeremias IX 1
253  ecce elongavi fugiens et mansi in solitudine et exspectabam eum qui me
salvum faceret Vita St Galli bei Pertz Monum II 8
254 S Physiologus ein Weistum von Tieren und Vögeln von des aran geslâhte
bei Wackernagel Altdeutsches Lesebuch I 165
255  quantum sub sua cuculla potuit portare 
256 »Es war etwa seit dem 8 Jahrhundert in Deutschland und Frankreich das
Verlangen heimisch geworden die Kirchen mit irdischen Überresten von Heiligen
so reichlich als möglich und um jeden Preis zu versorgen Dieses Verlangen hatte
im zehnten Jahrhundert einen neuen Aufschwung genommen und erreichte seine
höchste Glut in dem sächsischen Königshause Otto der Große wusste keine größeren
Schätze zu sammeln als Reliquien und brachte besonders für sein geliebtes
Magdeburg einen großen Vorrat zusammen  Da sich Kirchen und Gemeinden nur
selten freiwillig zugunsten anderer ihrer Reliquien entäusserten so scheute man
sich nicht vor dem Mittel des Zwangs und Raubes und als das Vaterland der
Heiligen Italien wo damals die Reliquien wenig geachtet wurden sich den
Deutschen wieder auftat da gehörte es zu den schönsten Aussichten der
letzteren nun im reichen Masse und zwar um Geld oder durch List oder auch mit
Gewalt ihr Verlangen erfüllen zu können Dieser Sehnsucht scheint auch der
heilige Metro zum Opfer gefallen zu sein  Dass man aber wenn man sich nicht
eines ganzen Heiligenkörpers bemächtigen konnte auch damit zufrieden war dass
man ein möglichst großes Stück hinwegbrachte das hat Verona noch einmal
erfahren müssen« usw Vogel Raterius von Verona und das zehnte Jahrhundert I
255 ff
257  sô der tágostérno in scônero fárewo skînet Worte der Notkerischen
Paraphrase des Marcianus Kapella
258 »Den 4 November 1853 mittag 11 Uhr ist der Eremit Anton Fässler verunglückt
und ist totgefallen auf Pommen im Sail Requiescat in pace« Eintrag im
Fremdenbuch des Wildkirchlein
259  in visitatione lactis
 Dantur de Koldaribus in Seealpe XXX casei meliores alpinis caseis Rotulus
censuum sec 13 in der sanktgallischen Handschrift 456 de Alpe Gamor tres
partes lacticinii quae per duos dies a Vaccis ibidem compacte fuerint Portarie
nomine  Citatio Abbatis cellana bei Jv Arx Geschichten etc I 314 S auch
Grimm Weistümer I 191 »die Rechte von Appenzell«
260 Nec sua rura colo nec sua jura volo
261 »Tosen« an der Volksversammlung murmelnd rauschen Wenn ein Vorschlag der
Landesgemeinde sehr missfällt so tosets gewöhnlich Tobler Appenz
Sprachschatz p 148
262  dic illi nunc de me corde fideli
Tantundem liebes veniat quantum modo luobes
Et volucrum wunna quot sint tot dic sibi minna
Graminis et florum quantum sit dic et honorum
Ruodlieb fr XVI 1115
263  sélbum dia érda dár si únbûhafte ist hábent erfúllet tero lánglîbon
mâniginâ inwálden íoh infórsten ioh inlóhen insêwen ináhôn inbrúnnôn
Notkers Paraphrase des Marcianus Kapella lib II cap 34 bei Hattemer Denkmale
etc III 356
264 S Grimm Deutsche Mythologie p 29
265 Auch der heilige Gallus war von solchen Erscheinungen dämonischer
Weibergestalten nude ad litus stantes quasi ad balneum ingredi volentes
turpitudinemque corporis sui ei monstrantes heimgesucht Vita S Galli bei
Pertz Mon II 9
266  In nomine Domini mei Jesu Christi recede ab hac valle Sint tibi montes
et colles communes nec tamen hic pecus laedas aut homines Vita S Galli bei
Pertz Monum II 9 Die Bären waren in jener Zeit häufige Besucher der
Appenzeller Alpen und einige Plätze tragen noch jetzt den Namen zur Erinnerung
an sie zB Bärenbach Bärental Bärenalp Seit die Touristen in jenen Revieren
zahlreicher geworden haben sie sich indes gänzlich zurückgezogen  Die
Geschichtsquellen liefern Bären betreffend eine so reiche Ausbeute dass es
einem fleißigen Mann nicht schwer fallen würde sie in einer Abhandlung »über
die Bedeutung und soziale Stellung der Bären im Mittelalter« zu verwerten Wir
erinnern an den Bären des heiligen Gallus der ihm wie ein getreuer Diener
Scheiterholz beitrug und Brot aus der Hand frass  an die kunstreichen
Tanzbären die im Ruodlieb Fr III 85 u ff besungen sind und mit ihrem
aufrechten Eimertragen und Reihentanz im Verein mit singenden Spielweibern den
Zuschauern ein Vergnügen geboten haben mögen von dem man begreift dass die
Geistlichkeit in besonderen Synodalbeschlüssen dawider eiferte Regino de
eccles disciplin II 213 Die lex Alamannor tit 99 12 schlägt das Wehrgeld
eines zahmen Hausbären auf 6 solidi an  alles Beweise dass man die Bären in
Deutschland zu schätzen wusste auch ehe ihr Stammverwandter aus den Pyrenäen zum
Helden epischer Dichtung erhoben ward
267 Flutterschnee ein lockerer leichter nicht kompakter Schnee S Tobler
Appenzell Sprachschatz 196
268 Tubas alio quam ceteri villani clanctu inflare didicerant Ekkeh IV casus
S Galli c 3 bei Pertz Monum II 103 Ein echter kanonischer Kuhreigen ist
übrigens trotz der Untersuchungen der Gelehrten nicht festgestellt und im
Gebirge schwanken die Ansichten derer die als geborene Sachverständige ein
festes Urteil haben sollten so dass die einen behaupten der Kuhreigen werde
gar nie mit Worten begleitet während andere einen  jedenfalls alten und
eigentümlichen Text mit dem Refrain »loba loba« zu geben wissen Dem Verfasser
wurde am Säntis auf die Frage nach dem Kuhreigen dadurch geantwortet dass man
das Alphorn vom Rücken nahm und ihn blies ohne ein Wort dazu zu singen oder zu
jodeln
269 Ekkehardus autem notularum peritissimus paene omnia haec eisdem notavit in
tabula verbis etc Ekkeh IV casus S Galli c 16 Pertz Mon II 140 Die
sanktgallische Handschrift 270 gibt nähere Auskunft über die verschiedenen Arten
von Geheimschrift deren man sich allgemein bediente SW Grimm Über deutsche
Runen und Hattemer Denkmale etc I 417 wo auch als Beilage in Steindruck
mehrere genaue Faksimile mitgeteilt sind Es ist auffallend wie eine gewisse
Ähnlichkeit zwischen diesen Charakteren und denen etruskischer Inschriften
stattfindet
270 Procop bell Vand II 6
271 Die noch ganz an antike Gymnastik erinnernden Ergötzungen der
sanktgallischen Schuljugend wozu ua auch Wettrennen Ringen mit gesalbten
Händen Stockfechten etc gehörte beschreibt Notker Labeo in seinem
lateinischen Vakanzlied mitgeteilt von Jv Arx Geschichten etc I 259
272 Ev Joh III 8
273 Die sehr ins Auge fallende innerrhodische Kleidungsart ist unzweifelhaft die
alte des appenzellischen Volkes Tobler Appenzell Sprachschatz p 25
274 »Der Zaur ist ein einzelnes kurzes Gejauchze das mit uhó oder u bu hu hui
hui bezeichnet werden kann« Tobler aaO p 453
275 Appenzellischer Landbrauch Noch vor wenig Jahrzehnten war die große
Haustüre des Amtmann Tanner von Herisau voll der Köpfe von Gewild wodurch das
Volk ihm Liebe und Achtung erzeigen wollte
276 »Gumpen gombela  hüpfen mutwillig springen ruggûssa rujauchzen  den
Ruggüssler singen ein landeseigentümliches Hirtenlied in holperigen Reimen aber
mit einer um so angenehmeren weicheren Weise die zwischen den Worten aus dem
Gaumen bisweilen üppig spielt und ergötzt« S Tobler aaO p 233 und 373
277 Panem Gallus bestiae mirandae dat modestiae mox ut hunc voravit in fugam
festinavit usw Ratperts Lobgesang auf St Gallus in der lateinischen
Übersetzung Ekkehards des Vierten bei Hattemer Denkmale etc I 342
278 Eigentümlich heißt Attilas Gemahlin »Ospirin« was »göttliche Bärin«
bedeutet und in altdeutscher Form Anspirin lauten sollte Der Name ist echt alt
und auch sonst vorhanden Grimm und Schmeller Lat Gedichte etc p 119 wo
auch eine Reihe anderer mehr auf sprachliche Gründe gestützter Konjekturen über
die Aufnahme des Namens Ospirin ins Waltarilied nachzulesen ist
279 S den Text des Waltarius bei Grimm und Schmeller Lateinische Gedichte des
zehnten und elften Jahrhunderts Göttingen 1838 p 3 u ff Verdeutschungen von
anderen anders Kommentar und Anmerkungen bei SanMarte Walter von Aquitanien
Magdeburg 1853
280 Libro completo saltat scriptor pede laeto Randbemerkung einer
sanktgallischen Handschrift mitgeteilt von Jv Arx Berichtigungen und Zusätze
etc p 30
281 Es steht zu hoffen dass die Hirngespinste einer zerstörungsfrohen Kritik
die sich wie am Homer so an den Nibelungen nicht eher erfreuen konnte als bis
sie in eine Anzahl von verschiedenen Sängern an verschiedenen Orten verfasster
Volkslieder auseinander genagt waren seit Holtzmanns Untersuchungen über das
Nibelungenlied Stuttgart 1854 als beseitigt angesehen werden dürfen Der
Streit der noch immer wider den guten Meister Konrad geführt wird beweist dass
auf diesem wie auf andern Gebieten das Einfachste am schwersten Eingang findet
282  Insuper et alpes philosophantur sub quibus jugum Sambutinum Rihpertus
lyrico possidet sono et si nosset antra musarum esset et talis ut Cyntius
Apollo Aus einem Brief des Mönch Ermenrich von Reichenau bei Jv Arx aaO
p 14
283 Assumptus est interea in aulam Ottonum patris et filii  Ekkehardus ut
capellae semper immanens doctrinae adolescentis regis nec non et summis dexter
esset consiliis Ibique in brevi tantus apparuit ut in ore omnium esset summum
eum aliquem exspectare pontificatum Nam et Adelheida regina illum nunc sancta
per se diligebat Ekkeh IV casus S Galli c 10 bei Pertz II 126
284  barbarorum ferocia ac ferrea corda Nitard lib I 1
285 Domnus Purchardus abbas elegantissimum sanctae ecclesiae speculum Annales
San Gallenses majores bei Pertz Mon I 83
 
                                    Fußnoten
A1 Scheffels
A2 Gustav Schwab »Gedichte« Bd 2 S 167 ff Stuttgart 1829