1846_Otto_SchlossundFabrik.html




        
                                  Louise Otto
                               Schloss und Fabrik
                                     Roman
                                   Erster Band
                                     Vorwort
An dem Tage wo ein Autor zu seinem Buche die Vorrede schreiben kann sagt Jean
Paul irgend wo ist er glücklich
    Jean Paul hat mit diesem Wort so Recht wie mit manch anderm  ich fühle
das jetzt und heute Aber wenn ein Mensch eine glückliche Stunde hat wie sie
ihm selten kommt so macht sie ihn öfter stumm als beredt so dass er zu all
denen welche ihm begegnen oder zu ihm kommen nicht anders zu reden weiß als
durch einen herzlichen Druck der Hand
    Und so denn auch Euch meine Leser jetzt kein Wort weiter aber Gruß und
Handschlag von
                                                                der Verfasserin
    Meissen im Januar 1846
 
                            I Die Erziehungsanstalt
 »Was er mir ist O frage Blumenkelche
 Was ihnen wohl der Tau der sie besprengt«
                                                                    Betty Paoli
Zehn Uhr Abends Um diese Stunde mussten in dem großen Hause des Herrn Doctor
Nollin alle Lichter verlöscht und sollten alle Augen geschlossen sein Und es
waren viel schöne Augensterne die da mit den Lichtern um die Wette zu leuchten
aufhören mussten statt dass manche von ihnen gewiss noch so gern abendlich
geschwärmt und geblinkt hätten Denn mehr als zwanzig junge Mädchen bewohnten
dieses Haus auf der breiten aber etwas einsamen Königsstrasse einer Deutschen
Residenz zweiter Größe Herr und Madame Nollin leiteten nämlich ein Institut zur
Erziehung und Ausbildung junger Mädchen aus den höheren Ständen Das Institut
war eben so vornehm als kostspielig eingerichtet und daher auch nur von den
Töchtern solcher Familien besucht welchen Rang und Reichtum einen großen
Aufwand gestattete Dasselbe das erste der Residenz nennen zu können war der
Stolz von Madame Nollin
    Zehn Uhr Abends Auch die junge Gräfin Elisabet von Hohental hatte ihr
Licht verlöscht und der Hausregel folgend das Lager gesucht Aber sie richtete
sich bald wieder unruhig auf zog mit der kleinen Hand die Vorhänge ihres
Himmelbettes auseinander streckte das Köpfchen hervor und vom matten Mondlicht
unterstützt blickte und lauschte sie nach der nebenan offen stehenden Türe
dann rief sie halblaut
    »Aurelie«
    Kichernd sprang auf diesen Ruf ein junges leichtfüssiges Mädchen in den
leichten Schlafrock gehüllt die niedlichen Pantoffeln um Geräusch zu
vermeiden in den Händen herein und warf sich in den Sessel neben Elisabeths
Lager
    »Nun gestrenge Herrin« lachte sie »da bin ich zu Dero Befehl  ich brenne
nämlich vor Neugier zu wissen warum Du heute den ganzen Tag so blass und
schmachtend ausgesehen hast und mit welchen großartigen Plänen Du umgingst als
Du heute Deine Stickerei drei Mal auftrennen musstest ehe sie sich vor
kritischen Augen sehen lassen konnte  nun beichte «
    »Kann man nicht ernstaft mit Dir reden Aurelie« fegte Elisabet mit etwas
vorwurfsvoller Betonung
    »Nun warum denn nicht Wer weiß denn dass Deine Geständnisse so gewaltig
wichtig sind Aber wirklich was hast Du denn« und Aurelie indem sie die
letzten Worte mit liebreich teilnehmender Stimme sprach nahm die Rechte der
Freundin zwischen ihre beiden kleinen Hände
    »Talheim« begann diese »ist heute abermals außen geblieben «
    »Nun und was weiter«
    »Was weiter Wäre nicht dies allein schon genug um «
    »Um Dich zu ärgern Möglich« sagte Aurelie indem sie zu gähnen begann »es
tut mir zwar sehr leid dass du dadurch verhindert worden bist Deinen letzten
geistreichen Aufsatz vortragen zu können dass Du heute sein Lob nicht
eingeärntet hast  allein hat Deine heutige Sentimentalität keinen andern Grund
als diesen etwas lächerlich ehrgeizigen so tut es mir wirklich leid um den
Schlaf den ich jetzt versäume«
    »Es sollte mir leid tun hielte ich Dich von irgend einem Vergnügen zurück
ist Dir der Schlaf ein solches dann gute Nacht« versetzte Elisabet kalt und
lehnte sich in die Kissen zurück
    Aurelie stand stumm auf öffnete leise das Fenster und sah hinaus Sie tat
dies nur um ein wenig Luft zu schöpfen oder vielmehr um Zeit zu gewinnen sich
mit der Freundin wieder auszusöhnen zu schnell wollte sie dieselbe aber nicht
versöhnen um sich selbst Nichts von ihrer eignen Würde zu vergeben Bald jedoch
ward ihre Aufmerksamkeit durch Stimmen welche sich auf der Straße hören ließ
gefesselt
    Zwei männliche Gestalten gingen unten vorüber und die Lauschende hörte die
Worte
    »So viel ist gewiss dies ist das Institut welchem sie angehören aber wie
aus einer so scharfbewachten Heerde gerade die Eine herausfinden die man im
Sinne hat und von der man nicht einmal weiß ob sie Pauline oder Aurelie heißt
«
    Das Wort »Heerde« klang Aurelien zwar etwas anstößig sie konnte es nicht
ohne Nasenrümpfen hören doch als sie ihren eignen Namen verstanden hatte
strengte sie ihr Gehör aufs Äußerste an um vielleicht noch ein die erregte
Neugierde befriedigendes Wort zu vernehmen und so hörte sie noch eine zweite
Stimme sagen
    »O ich habe mir das Engelsgesicht zu deutlich gemerkt um es je wieder
vergessen zu können wer sie auch sei wie tyrannisch sie vielleicht auch
bewacht sein mag ich werde Mittel finden mich ihr zu nähern«
    Die erste Stimme ließ darauf ein wieherndes Gelächter vernehmen  darüber
schien die vorher friedliche Unterhaltung in ein Gezänk überzugehen von dem
Aurelie da die Sprechenden sich immer weiter entfernten kein Wort mehr
verstehen konnte Über diesem kleinen Vorfalle vergaß Aurelie ganz und gar dass
sie noch vor ein paar Minuten mit Elisabet nicht im besten Vernehmen gewesen
war  sie trat zu dieser und berichtete mit einem »Denke Dir« beginnend
umständlich und pathetisch das Erlauschte und stellte in einem langen
Wortschwall Tausend Vermutungen auf die sich daran knüpfen ließ
    Elisabet hörte geduldig zu und sagte dann lächelnd »Nun Du ein solches
Abenteuer erlebt bereust Du wohl nicht mehr die wenigen Minuten des verlorenen
Schlafes«
    Da besann sich Aurelie erst wieder dass jene ihr vorhin gezürnt und sie
sagte weich »Vorhin wurdest Du mir böse  ich will Dir zugeben dass mir mit
Deinen Worten Recht geschah und so soll es wieder gehen wie immer  ich bin
vorlaut Du bist stolz  wir gestehen uns dies ein und ich selbst bin die
Erste welche nachgibt So ist denn wieder Alles beim Alten und fiel ich Dir
vorhin ins Wort so hast Du nun die Güte es zu vollenden«
    Elisabet drückte die dargebotne Hand und begann nach einer Weile mit
niedergeschlagenen Augen »Ihr nennt mich eitel und ehrgeizig und die Meisten
der Gefährtinnen witzeln über mich Ich bin es nicht ich will nur den großen
Vorteil nicht unbenutzt lassen der mir zu Teil geworden indem ein Talheim
unser Lehrer ist Ich würde mich dieses Gefühlsunwert fühlen wenn ich nicht
danach streben wollte dies auch zu verdienen   Aber wie kannst Du denken nur
Eitelkeit sei im Spiel wenn ich darüber klage dass Talheim nicht gekommen«
    »Nun wirklich« lachte Aurelie pfiffig »da machst Du ein naives Geständnis
so bist Du wohl gar in Talheim verliebt«
    »Welch einfältiges Wort und welcher noch einfältigerer Gedanke Siehst Du
dort« und Elisabet legte sich mit dem Oberkörper ein wenig vor und deutete mit
der Hand nach dem geöffneten Fenster »siehst Da da oben den kleinen Stern am
Himmel der gerade unter dem Orion steht Er ist verschwindend klein gegen dies
glänzende Sternbild und Niemand der jenes nennt nennt und zählt ihn mit  aber
deshalb ist er doch des Orion steter Begleiter Was wär es denn weiter wenn
ich jener kleine Stern wäre und Talheim mein Orion Wenn ich in seiner Bahn ihm
nachwandelte unzertrennlich von ihm und doch immer in derselben Ferne wie ein
Stern neben dem andern«
    »Was schwärmst Du wieder«
    »Ja so seid ihr« seufzte Elisabet und wieder den gewöhnlichen
Gesprächston annehmend sagte sie kurz »Talheims Gattin ist dem Tode nahe er
will nicht von ihrem Schmerzenslager weichen und deshalb hat er sich bei uns
entschuldigen lassen Aber das ist nicht Alles Erst gestern als ich bei meiner
Tante zum Besuch war habe ich dort zufällig gehört was mich ins Innerste
bewegt hat«
    »Nun das wäre «
    »Talheim soll so arm sein dass er sich seiner Frau wegen die größten
Entbehrungen auferlegt und jetzt durch ihre Krankheit in die größte Not
gestürzt Tag und Nacht allein an ihrem Lager wacht jeden Dienst ihr leistet und
unter den quälendsten Sorgen ringt Ach Aurelie in diesem Augenblick wo wir
friedlich zusammen sprechen kniet er vielleicht in Verzweiflung dass er der
sterbenden Gattin irgend einen Wunsch nicht erfüllen kann an ihrem
Schmerzenslager und eine Hand voll elenden Goldes könnte sie zwar nicht dem
Leben erhalten aber es ihr doch leichter machen zu sterben und er wäre doch
der niedrigsten aller Sorgen enthoben«
    »Das tut mir wirklich leid wenn er so unglücklich ist  Armut muss doch
sehr schlimm zu ertragen sein  Aber wie können wir es ändern Einem Bettler
könnte man schon helfen  ihm aber nicht«
    »Es ist freilich hier nicht so leicht aber doch nicht unmöglich  Das ist
es worüber ich heute den ganzen Tag nachgedacht habe Ich muss aber vor allen
Dingen wissen ob jenes Gerücht von Talheims Armut wirklich wahr ist Ich
habe mich heute bei unserm Laufmädchen nach seiner Wohnung erkundigt und
erfahren dass eine Blumenmacherin mit ihm in einer Etage wohnt zu ihr will ich
morgen gehen und hoffentlich erhalte ich da genaue Auskunft vielleicht wird es
mir auch gar durch diese möglich ihm helfen zu können oder der Zufall gibt
mir irgend ein andres Mittel an die Hand Willst Du mich nun morgen zu der
Blumenmacherin begleiten Wir sagen dass wir zu Deinem Verwandten Obrist
Treffurt gehen schicken an der Haustüre den Bedienten heim tun dann erst
unsern Gang und begeben uns dann zu Treffurts wo der Bediente uns wieder
abholen mag Du kannst sie ja morgens von unserm Besuch benachrichtigen den wir
längst versprochen«
    Aurelie war mit Allem zufrieden hatte vermutlich aber heute weiter keine
Lust noch mehr von Talheim zu hören und sagte deshalb der Freundin herzlich
aber schnell gute Nacht und legte sich zur Ruhe Sie überließ sich den Gedanken
über die am heutigen Abend gehörten Worte die ihr anmutige heitre Bilder vor
die Seele zauberten bis der Schlaf dieselben in wirrer gaukelnder Weise
fortsetzte Aber aus Elisabets Augen schlich leise eine Träne nach der andern
und bis zum Morgengrauen entwarf sie sinnend einen Plan nach dem andern wie sie
ihren Zweck Talheim zu helfen erreichen könne und doch ward jeder dieser
Pläne wieder von ihr verworfen 
    Elisabet war das einzige Kind eines Grafen von Hohental Schön begabt mit
einem glänzenden Verstande und mannichfachen Talenten war sie der Eltern Stolz
all ihr Streben ihr Ehrgeiz war auf diese gerichtet Schon frühe war es dahin
gekommen dass fast jeder von Elisabets Wünschen als Befehl galt dass Alles im
väterlichen Hause sich ihr unterordnete Es konnte nicht anders kommen als dass
sie dadurch irre geleitet schon in früher Jugend etwas Herrisches und
Gebieterisches annahm das besonders die schwache aber engelmilde Mutter
zuweilen erschreckte und für das künftige Glück der teuren Tochter besorgt
machte Ein Hauslehrer und eine Gouvernante hatten Elisabeths Erziehung bis zu
ihrer Konfirmation geleitet so war sie einsam ohne Jugendgespielinnen ohne
Lerngefährtinnen aufgewachsen auf dem einsamen Stammschloss ihres Vaters Den
alten Grafen hielt auf denselben mittelalterliche Grille fest Er konnte sich
nicht mit dem neuen Zeitgeist befreunden welcher allen alten Vorurteilen
mithin auch der Würde des alten Adels den Krieg erklärt hat und seinen Feldzug
gegen denselben allmälig immer siegreicher fortsetzt Deshalb lebte er
zurückgezogen auf seiner Herrschaft Hohental wo er die ihn Umgebenden noch als
seine Untertanen betrachten und in ehrfurchtsvoller Ferne von sich halten
konnte wo man ihn trotz seines Stolzes da er gerecht freigebig und wohltätig
war wie einen Vater und Fürsten verehrte und aus ehrfurchtsvoller Ferne mit
Hochachtung zu ihm aufsah Er hatte sich besonders seit der Regent seines
Vaterlandes diesem die mehr abgenötigte als freiwillig verliehene Konstitution
gegeben hatte nicht wieder entschließen können in der Residenz zu erscheinen
welche durch die veränderte Zeitrichtung auch ein ganz verändertes Ansehen und
Leben gewonnen hatte Die Gräfin Hohental die von fürstlicher Herkunft war
teilte die stolzen aristokratischen Ansichten ihres Gatten doch in ihr hatten
sie eine mehr poetische Grundlage und prägten sich auch poetisch und deshalb
minder verletzend als bei dem prosaischen Grafen in ihrem sanften Charakter aus
Wenn der Graf mit allen neuen Zeitbestrebungen grollte welche auf eine
Ausgleichung der Verhältnisse auf das Zunichtwerden veralteter Vorurteile
hinarbeiten welche der Aristokratie die Übermacht entreißen und bald jede
frühere Willkür und Ungebühr ihr unmöglich machen war die Gräfin vorzüglich
deshalb mit der Gegenwart zerfallen weil alle jene äußern
Lebensverherrlichungen welche früher nur bei den höchsten Ständen zu finden
gewesen jetzt auch Eigentum der bürgerlichen Stände wurden welche wie die
Gräfin meinte dieselben misbrauchten Die Geldaristokratie diese Geburt der
neuen Zeit die Macht in den Händen der Industriellen war es welche ihr
vornämlich die neue Zeit verhasst machte so dass auch sie halb mit dem Leben
zerfallen es wünschenswert fand von seinen weitern Kreisen sich
zurückzuziehen Der nächste Nachbar ihrer Besitzungen trug jedoch noch
unausgesetzt nicht wenig dazu bei sie in der Trauer über die Sitten und
aristokratischen Vorrechte entschwundener Zeiten zu bestärken Es war dies Herr
Christian Felchner welcher vom Vater des jetzigen Grafen Hohental als dieser
durch einen Prozess den erst der Sohn gewann seine Vermögensumstände sehr
zerrüttet sah ein ansehnliches Stück der zu den Hohentalschen Gütern
gehörigen Ländereien gekauft und sie zur Anlegung einer großen Wollfabrik
benutzt hatte Graf Hohental besonders durch seine Gattin dazu aufgemuntert
hatte dem Fabrikbesitzer enorme Summen geboten um wenigstens teilweise und so
viel als irgend möglich wieder den früher zu seinen Gütern gehörigen Grund und
Boden in seinen Besitz zu bekommen  allein Christian Felchner war nicht der
Mann der wo er einmal sich angesiedelt sich wieder vertreiben ließ nicht der
Mann der je seine Ansprüche vor den Forderungen einer Aristokratie der Geburt
gemässigt hätte Auf die Anträge des Grafen gab Christian Felchner nur kurz zur
Antwort er könne durchaus nicht darauf eingehen und als jener seine
Anerbietungen noch steigerte und nachdrücklicher zu machen suchte traf er eines
Tages an einer Stelle die seinen Park begränzte und in Felchners Besitz war
eine Menge Arbeiter daselbst beschäftigt Bald erhob sich an diesem Platz eine
neue Spinnerei und bald schallte das Getöse der arbeitenden Dampfmaschinen weit
hinüber in die stillsten Plätze des gräflichen Parkes und die Fabrikarbeiter
verzehrten an seinen mit prachtvollen Blumen und majestätischen Baumgruppen
verschöntem Ausgang ihr Frühstück unter derben Scherzen oder rohem Gezänke Der
nächste Umgang des Grafen Hohental war ein Herr von Waldow Rittmeister außer
Dienst dessen Rittergut auf der andern Seite das Eigentum des Fabrikanten
begrenzte Herr von Waldow hatte während eines flotten Militärlebens ungleich
mehr ausgegeben als eingenommen und um sich seinen guten Namen zu bewahren und
zugleich sein glänzendes Leben fortsetzen zu können ließ er willig von seinem
Besitztum ein Stück nach dem andern an Felchner gelangen so dass dessen
Besitztum sich immer weiter ausbreitete und was Hohental ihm an seiner
Westgrenze gern wieder streitig gemacht hätte das trat im Osten Waldow mit
Vergnügen an Terrain ihm ab 
    So verging Elisabets Kindheit einsam im Schloss des Vaters ohne dass eine
Gespielin dieselbe erheitert hätte Lehrer und Gouvernanten welche man ihr
hielt betrachtete sie nicht als Personen denen sie Gehorsam schuldig sei
sondern als solche welche ihrem Willen sich zu fügen hätten Bei ihren
bedeutenden Geistesgaben und Talenten verbunden mit einem angeborenen Triebe
nach Wissen und einem früh erwachten Ernste und geistigen Stolz entwickelte sie
sich früh und schnell so dass die welche ihre Erziehung leiteten dies Geschäft
dennoch belohnend fanden obwohl Elisabet immer eigenwillig oft herrisch sich
gegen sie zeigte und zeigen durfte So war sie siebzehn Jahr alt geworden als
eine Verwandte ihrer Mutter Baronin von Treffurt mit ihrer Tochter Aurelie
auf einige Zeit nach Hohental zu Besuch kam Aurelie war zwei Jahr jünger als
Elisabet weniger schön weniger talentvoll und lernbegierig als diese  aber
lebendiger kindlicher heiterer Frau von Treffurt bewohnte ebenfalls ein
einsames Landgut und hatte deshalb beschlossen die Erziehung ihrer ältesten
Tochter in dem ersten Institut der Residenz vollenden zu lassen Aureliens
Abgang dahin war bereits bestimmt und da sie und Elisabet einander
liebgewonnen hatten so gab die Letztere bald den Wunsch zu erkennen das
elterliche Schloss auf einige Zeit mit jenem Institut zu vertauschen Gräfin
Hohental vernahm dies mit Freuden denn sie hoffte auf diese Weise vielleicht
den stolzen Eigenwillen ihrer Tochter brechen und im Kreise gleichfühlender
Gespielinnen sie sanfter und zufriedener werden zu sehen wie sie bis jetzt war
    So kam es dass Elisabet und Aurelie in Nollins Institut zusammen waren
    Als Elisabet bei ihrer Ankunft sich die Namen ihrer Gefährtinnen hatte
nennen lassen ward bei jedem derselben ein »Komtesse«  »Baronesse« usw
vorgesetzt nur eines dieser Mädchen nannte man ihr kurzweg als Pauline
Felchner
    Als Elisabet die Genannte befremdet mit kaltem Blicke maß sagte ein
schnippisches Fräulein bitter »Sie werden einander wohl nicht kennen obwohl
Sie eigentlich Nachbarinnen sind denn Fabrikant Felchners Dampfmaschinen hört
man ja wohl bis in das Schloss des Grafen Hohental lärmen«
    »Nein wir kennen uns nicht« versetzte Elisabet kalt
    »Es wäre auch anders nicht möglich« nahm Pauline errötend und mit bebender
Stimme das Wort »denn seit meiner frühesten Kindheit wo ich mutterlos ward
bin ich vom Vaterhaus entfernt gewesen Desto mehr« fügte sie hinzu indem ihre
sanften blauen Augen unwillkürlich nass wurden »sehne ich mich nun dahin
zurück«
    Ward Pauline als das einzige bürgerliche Mädchen unter so vielen
hochgeborenen zurückgesetzt und von diesen selbst geringschätzig behandelt oder
doch wenigstens allen Andern nachgesetzt so hegte Elisabet noch ein anderes
Vorurteil gegen sie ihre Kameradin sollte die Tochter desselben Fabrikherrn
sein dessen Nachbarschaft mit dem Hohentalschen Schloss für dessen Besitzer
schon so unbequem als widerwärtig war Zwar verschmähte es Elisabet die
sanfte bescheidne Pauline gleich den andern Mädchen absichtlich zu kränken und
sich fühlbar über sie zu erheben allein sie hielt sich immer fern von ihr eine
Annäherung schien zwischen Beiden unmöglich und sie waren gegenseitig nicht da
für einander Dies konnte Paulinen von Elisabet aber weniger verletzen als von
jeder Anderen denn für Elisabet schienen überhaupt nur die Wenigsten da zu
sein nur an Aurelie schloss sie sich mit Wärme an aber doch immer nur so dass
diese die geistige Überlegenheit Jener fühlte sich ihr freiwillig unterordnete
und ihr auch sonst in Allem zu Willen war
 
                               II Ein Geständnis
 »Herz ward vom Herzen blutend losgerissen
 Und jetzt auf meinem Sterbelager muss
 Ich Deines Anblicks süßen Trost vermissen«
                                                                    Betty Paoli
In derselben Nacht in welcher Elisabet und Aurelie den Namen Talheim
flüsterten wachte der von dem sie sprachen einsam und sorgenvoll am
Krankenlager der Gattin
    Eine düster brennende Lampe beleuchtete matt das kleine Gemach Die Fenster
waren dicht verhangen In der Nische des einen hing ein hölzerner Vogelbauer
dessen kleiner Inwohner zuweilen das bunte Köpfchen aus der dichten Federhülle
hervorsteckte als wolle er sehen ob es noch nicht bald tage Hie und da sang
er auch leise unruhige Töne im Schlafe Eine große Stutzuhr deren prachtvolles
Gehäus von Silber und Alabaster auffallend von der einfachen ja armseligen
Meublirung der Stube abstach folgte mit hellem forttönendem Klange den
fliehenden Minuten Außer ihr und den einzelnen Lauten des Vögelchens vernahm
man Nichts als die langen unruhigen Atemzüge der Kranken
    In der dunkelsten Ecke des Gemaches saß der Gatte der Kranken in einem
schwarzen Lehnstuhl Sein Arm stützte sich auf eine Seitenlehne des Sessels so
dass die emporgehaltene Hand das müde herabgesenkte Haupt trug
    Talheim mochte einige dreißig Jahre zählen Die Züge seines Antlitzes waren
von männlicher Schönheit und antiker Regelmäßigkeit aber aus den leichten
Furchen seiner hohen breiten Stirn Furchen welche nur der Schmerz gezogen
haben konnte war bald zu lesen dass manch hartes Geschick den Mann getroffen
haben mochte und die Blässe seines Antlitzes das dunkle Feuer das in seinen
tiefblauen Augen brannte das schmerzliche Zucken um den Mund das die Oberlippe
emporzog und ihn halb öffnete so dass man eine Reihe großer mormorweisser Zähne
gewahrte deutete auch jetzt auf ein schmerzlichbewegtes Innere Bei All dem
aber konnte Talheims Anblick auch in seiner jetzigen niedergebeugten Stellung
weniger Mitleid als Ehrfurcht erwecken Etwas Unaussprechliches Unnennbares
prägte sich in seiner Gestalt auf seinem Gesichte aus etwas Heiliges
Unüberwindliches
    Er stand jetzt auf denn die Kranke welche er im Schlummer glaubte hatte
sich jetzt plötzlich rasch aufgerichtet und rief ungeduldig
    »Johannes«
    Im Augenblick stand er geräuschlos neben dem Bett und legte sanft seine Hand
auf die fieberheisse seines Weibes indem er flüsterte
    »Willst Du etwas gute Amalie«
    »Sterben« ächzte sie indem sie beide Hände vor ihre Stirn schlug und das
Haupt auf ihre Kniee legte So zusammengebeugt seufzte sie laut und ungeduldig
unter ihren Schmerzen Er legte ihr die in einander gewühlten Kissen wieder
zurecht schlang den Arm sanft um ihre Schultern und wollte sie zärtlich
aufrichten Aber sie zuckte zusammen als mache seine Berührung ihr Schmerz
verzog den Mund bitter und flüsterte ein zurückweisendes »Geh« und »Lass«
    Talheim nahm seinen Arm zurück und blieb eine Weile schweigsam stehen
seine Augen weilten unverändert mit zärtlicher Teilnahme auf der Kranken die
jetzt ihren Kopf aufrichtete und hastig flehend sprach »Nur einen Wunsch
erfülle mir noch damit ich sterben kann « auch mit bitterm Tone hinzufügte
»Du kannst es  er kostet kein Geld«
    Talheim warf einen Blick an die Decke des Zimmers einen Blick der den
Himmel suchte  aber es schien kein Himmel über ihm zu sein sein Blick traf nur
die graue Decke Amalie war schon lange krank und er war arm  diese Armut
wagte er Niemand einzugestehen denn in der Stadt in der er jetzt lebte hatte
er keine Freunde die er um Hilfe hätte angehen können und Bekannte in Anspruch
zu nehmen war er zu stolz Sein Gehalt reichte nur gerade hin ihn mit Weib und
Kind zu ernähren weiter nicht  die lange Krankheit hatte ihn bereits in
Schulden und Verbindlichkeiten verwickelt die ihm unerträglich waren und um
sie nicht noch zu mehren um nicht sich und seine Familie noch immer tiefer in
eines jener Labyrinthe des Elends zu führen aus welchen der Rückweg so schwer
zu finden ist hatte er der Kranken hie und da einen jener grilligen Wünsche
unerfüllt lassen müssen an denen Kranke gewöhnlich so reich sind und deren
Erfüllung ihnen weder Erleichterung noch Freude gibt deren Verweigerung sie
aber unmutig macht Talheim hatte das Bewusstsein dass er mit Aufopferung aller
seiner Kräfte Alles für seine Frau tat was ihm irgend möglich war Er hatte
nie ein Wort des Dankes der Anerkennung von ihr verlangt denn er sagte sich
dass er nur seine Pflicht tue  aber statt eines milden Liebesblickes nach dem
er sich sehnte gab sie ihm Vorwürfe  Aber jener einzige Blick aufwärts und
ein schnell wieder unterdrücktes Zucken um den Mund war Alles wodurch er einen
Moment seiner heftigen innern Bewegung einen Ausdruck geben musste er sagte mit
unveränderter Freundlichkeit »Und welchen Wunsch hast Du Gewiss ich werde
Alles aufbieten ihn Dir zu erfüllen«
    »Du weißt dass ich sterben muss« begann sie milder als sie vorhin sprach
und er fiel ihr ins Wort und rief
    »O sprich nicht so«
    Aber sie bat weiter »Unterbrich mich nicht um mich zu schonen es ist mir
ja Erleichterung wenn ich einmal frei sprechen darf Suche mir das nicht zu
verheimlichen was ich ja doch wünschen muss Lass mich reden Höre mir zu Du
hast es selbst mit angesehen wie oft der Tod zu mir gekommen ist  er packte
mich warf mich hin und her dass ich vor unsäglichen Schmerzen stöhnen und
wimmern musste wie ein Kind  aber die Stunde ging vorüber und der Tod mit ihr
 ich blieb immer noch sein zuckendes Opfer  und nun ist es mir klar geworden
warum ich nicht sterben kann  ich soll nicht unversöhnt aus dem Leben gehen
Ich bedarf der Verzeihung zweier Menschen an denen ich mich schwer vergangen
habe  Deiner und seiner   «
    Sie hielt inne  er sah sie fragend an und sprach kein Wort Nach einer
Pause fuhr sie fort
    »Johannes  Auf dem Sterbebette lass mich nicht mehr heucheln Nicht aus
Liebe ward ich Dein Weib  in diesem Herzen hat ewig nur das Bild eines Andern
gelebt« sie sprach die letzten Worte kaum hörbar und mit niedergeschlagenen
Augen dann aber heftete sie dieselben weitgeöffnet ängstlich auf ihren Gatten
um zu erforschen welchen Eindruck dieses Geständnis auf ihn mache
    Über seine ganze Gestalt riesselte es wie ein eisiger Schauer  seine Hände
ließ die Bettpfoste los auf die sie sich vorhin gestützt hatten  er sah auf
sie eben so starr eben so fest wie sie auf ihn  doch lag ein ungläubiges
Forschen in diesem Blick und eine innige Zärtlichkeit welche flehte nimm das
Wort zurück  ich verstehe Dich nicht
    Sie hielt diesen vertrauenden Liebesblick nicht aus und indem sie ihr
Gesicht abwendete schrie sie auf »Fluch mir lieber Ich kann das eher
ertragen als Deine Engelmilde als Deine blindvertrauende Liebe   ich habe
Dich geachtet ich habe Ehrfurcht vor Dir gehabt  ich habe mir tausend Mal
gesagt dass Du edler besser seist als all die andern Männer  auch als er 
mein Geist hat es mir gesagt nicht mein Herz  mein Verstand aber nicht mein
Gefühl  und so habe ich Dich niemals lieben können wie Du Dich geliebt
glaubtest  niemals wie ihn   und so habe ich doppelt gefehlt an ihm dem ich
die Treue brach und an Dir dem ich Liebe heuchelte  ich habe Euch Beide
unglücklich gemacht Ihr müsst mir Beide vergeben damit ich versöhnt aus dem
Leben gehen kann«
    Johannes trat noch ein paar Schritte zurück und lehnte sich an den Ecktisch
auf dem die Nachtlampe stand  durch den kleinen Stoß an den Tisch tauchte das
Lämpchen unter das Öl auf dem es schwamm und verlöschte Amalie schrie auf 
ihm gab der kleine Umstand die Fassung wieder  er erinnerte ihn daran dass er
ja der Wärter einer Kranken sei welche Schonung bedürfe Er nahm das Feuerzeug
zur Hand und gab der Lampe ihre Flamme wieder sie brannte aber jetzt
unruhiger flackernder als zuvor Johannes sah wie Amalie im Fieber glühte  er
warf einen besorgten Blick auf sie und setzte sich stumm neben ihr Bett
    »Bin ich keines Wortes mehr wert« fragte Amalie seufzend
    »Du wolltest mir einen Wunsch nennen den ich Dir erfüllen könnte« sagte er
ruhig und bezwang sogar das Beben seiner Stimme  »Warum nennst Du ihn nicht
Ich bin zu Allem bereit was Du verlangst wenn es in meiner Macht ist«
    »Versöhne mich mit ihm« rief sie
    »Mit wem« fragte er tonlos
    »Mit Jaromir von Szariny« flüsterte sie und drückte ihr erglühendes Antlitz
in die Kissen »Ich kann nicht sterben wenn er mir nicht vergeben  Ach lass
Dich beschwören« fuhr sie fort »der Tod löst ja alle Bande der Konvenienz
macht Alles gleich  im Angesicht seiner dürfen alle Schranken fallen und Seele
zur Seele reden wirf mit mir alle Vorurteile bei Seite und erfülle meine
Bitte ich muss ihn sehen«
    »Wie wäre das möglich« sagte Johannes bestürzt »Ist der Graf denn hier
Und dann  und « er war zu betroffen von dem nun eben Gehörten in dem er ja
noch gar keinen Zusammenhang fand um darüber ruhig denken und sprechen zu
können und dabei sagte er sich selbst unaufhörlich dass er die Tod ranke
schonen jede Aufregung vermeiden müsse  und doch war sein Herz so voll von
eben darin erweckten Qualen dass es Tausend verzweiflungsvolle Fragen welche
der Mund nimmer auszusprechen wagte an die Gattin tat
    »Ach Johannes« begann sie wieder »ich habe Dir Alles sorgfältig
verborgen was mich gemartert hat bis zu dieser Stunde Darüber bin ich oft
launenhaft und hart gegen Dich gewesen denn es ist nicht leicht sein Herz zu
einem Gefühl überreden zu wollen zu dem es ewig nein sagt«
    »Aber Amalie ich beschwöre Dich « sagte er mit gepresster Stimme
    »Still Johannes« fiel sie ihm ins Wort »ich weiß was Du sagen willst
schone mich nicht  doch Du willst dies und so will ich denn selbst für Dich
reden Du willst mich fragen warum ich Dein Weib ward da ich doch einen Andern
liebte    Ach ich war ein törigtes eitles Mädchen Jaromir studierte in
meiner Vaterstadt  wir hatten uns gesehen erst nur aus der Ferne als wir uns
schon liebten  der schöne stolze Graf der liebenswürdige Pole um dessen
Zuneigung sich die vornehmsten Frauen und Fräuleins der Stadt vergebens bemühten
 er lag zu meinen Füßen zu den Füßen des armen Mädchens das Niemand kannte
Niemand beachtete das um Lohn manche Stickerei für jene reichen Damen liefern
musste die ihn in ihre Netze ziehen wollten O ich war selig Meine Mutter
machte erst Einwendungen gegen unser Liebesverhältniss der Abstand der
Verhältnisse machte sie misstrauisch  aber Jaromir besiegte ihre Einwendungen 
re wechselte den Ring mit mir er erklärte uns dass er selbst ziemlich so arm
sei wie wir dass er ein Geächteter sei dessen Güter der Russischen Krone
verfallen dass er keine Familie habe die seine Wahl misbilligen werde dass er
wenn er selbst ein andres Mädchen als mich lieben könne doch zu stolz sei als
Bettler und Geächteter um die Hand einer Reichen und Hochgestellten zu werben 
und Allem fügte er hinzu dass er mich über Alles liebe und dass dies ja der beste
Grund sei ihn nicht abzuweisen  Ach wie beredt er immer sprach und welch
selige Stunden wir verlebten als meine Mutter selbst unsere Liebe beschützte
« Und Amalie lächelte als sie so sprach und blickte vor sich nieder in
selige Erinnerungen versunken Erinnerungen welche eine solche Gewalt über sie
hatten dass sie jetzt ihrer Sprache einen lebhafteren Ausdruck gaben dass vor
ihnen die Schwäche des kranken Körpers zu weichen seine Schmerzen aufzuhören
schienen Unter entsetzlichen Qualen rang Johannes während dieses Geständnisses
er vermochte nicht mehr die begeistert Sprechende anzusehen er blickte vor sich
nieder und blieb stumm
    Nach einer Weile begann sie wieder »Niemand ahnte unser verborgenes Glück 
Jaromir galt in der Gesellschaft als ein Sonderling den nur die Einsamkeit
reize  o es war die Einsamkeit meines kleinen Zimmers das für uns ein
Paradies war Aber so schön so geistreich wie er war so unbedeutend kam ich
mir neben ihm vor und je leidenschaftlicher ich ihn liebte desto häufiger
quälten mich auch eifersüchtige Befürchtungen  Ein halbes Jahr nachdem wir
uns kennen gelernt ward er auf der Universität in Händel verwickelt welche ihn
zwangen diese und die Stadt zu verlassen Wir nahmen traurig Abschied und
gelobten uns ewige Treue  Mein Leben ward furchtbar öde da er fort war  wir
schrieben uns oft wenn auch die Mutter darüber schalt dass ich Tage lang
schrieb ohne zu nähen und über das viele Postgeld Aber nun ward die
Eifersucht zu meinem Dämon  ich hatte keine ruhige Minute mehr Schrieb er mir
einmal länger nicht als gewöhnlich so sprach ich im nächsten Brief meine
Unruhe darüber aus machte ihm Vorwürfe nannte ihn untreu « die Kranke
unterbrach sich hier sie fing an zu schluchzen nach einer Weile sammelte sie
sich wieder und fuhr fort »So war in stiller Pein ein halbes Jahr verstrichen
da wurdest Du der Lebensretter meiner Mutter  sie war auf den vom Eise glatten
Stufen gefallen hatte den Arm gebrochen Du hobst sie auf brachtest sie zu dem
Chirurgen dann in unsre Wohnung  Du sahst wie arm wir waren wie wir noch
ärmer werden mussten da die Mutter nun nicht mehr arbeiten konnte Du bezahltest
den Arzt Du halfst überall und doch warst Du selbst arm So war ich Dir
gleich als ich Dich kennen lernte zu Dank und Lohn verpflichtet«
    »Verpflichtet O mein Gott« rief jetzt Talheim sich vergessend außer
sich »Pflicht  wo ich ein Herz bot für ein Herz Dank und Lohn diese Kinder
des Hochmutes und des Egoismus wo ich nach wahrer Liebe mich sehnte O
Amalie wie jämmerlich klein musst Du von mir gedacht haben« Und er sprang mit
diesen Worten auf ging ans Fenster und drückte die brennende Stirn an die
kühlen Glasscheiben
    »Bleibe hier Johannes« bat sie »ich gestehe Dir jetzt meine Schuld damit
ich versöhnt sterben kann Warum klagst Du in schmerzlicher Überraschung Ich
habe es Dir zuvor gesagt dass ich Deiner Vergebung ja so sehr bedarf Komm
komm«
    »Vergieb mir« sagte er »diese Aufwallung ich will still anhören« Und er
setzte sich wieder auf seinen vorigen Platz drückte schmerzlichlächelnd
Amaliens Hand die sie ihm entgegen streckte und sah dann aufmerksam lauschend
vor sich nieder Niemand konnte es ihm mehr ansehen welche widerstreitenden
Gefühle in seiner Seele tobten
    Die Kranke begann wieder »Lass mich kurz sein Du gingest oft bei uns aus
und ein meine Mutter hing mit der wärmsten Hochachtung und zugleich
zärtlichsten Mutterliebe an Dir  ich bewunderte Deine Großmut Deine
Aufopferungen Deine stete Milde  aber mir war ewig als stündest Du auf einer
kalten klaren Höhe die ich nimmer erklimmen könnte die mich auch nimmer
lockte Da war es wieder einmal dass mir Jaromir lange nicht geschrieben ein
Gerücht nannte ihn als den Liebhaber einer schönen verwittweten Gräfin  ich
machte ihm eifersüchtige Vorwürfe die er stolz ignorirte endlich antwortete er
aufgebracht ich möge ihn nicht so unzart quälen er tue es ja auch mir nie
denn er vertraue mir   In diesen edlen Worten sah ich nur die Sprache der
Gleichgültigkeit mein Stolz überredete mich dass er mich so sehr in seiner
Gewalt zu haben glaube dass neben ihm für mich jeder andere Mann verschwinden
müsse  dafür wollt ich ihn demütigen ich schrieb ihm begeistert von Dir war
auch freundlicher als zuvor gegen Dich um ihm zu zeigen dass noch andere edle
Männer um meine Gunst sich bewerben könnten O er kannte mich nur zu gut Er
machte einen Scherz aus meinem Bestreben seine Eifersucht zu erregen wie er es
durchschaute und schrieb mir dass er trotz dem meiner unveränderten Liebe gewiss
sei   ich hatte kaum diesen Brief der meinen Stolz empörte durchflogen und
ihn zürnend weggeworfen als Du kamst mir Deine Liebe gestandest mir Deine
Hand botest  und wenn ich nun Ja sagte rief eine teuflische Stimme in mir so
wäre Jaromir doch gedemütigt und ich sagte Ja in derselben Stunde und meine
Mutter kam und segnete uns«
    Amalie hielt erschöpft inne und Johannes flüsterte zwischen den Lippen
»Unüberlegte kindische Rache eines eitlen Mädchens und meine wahre
riesenstarke Liebe«
    Sie fuhr nach einer Weile fort »Du warst so gütig so edel ich sah mich so
unendlich geliebt Du übtest einen mächtigen Zauber über mich  meine Mutter
dankte Dir ihr Leben und mehr sie hatte längst gehofft mit der Zeit werde mein
Verhältnis zu diesem Jaromir enden denn sie sah nicht ab was daraus werden
sollte  sie war glücklich über meine Handlung ich war wie eine Träumerin 
erst nach Wochen als ein Brief Jaromirs anlangte worde er sein Befremden über
mein längeres Schweigen ausdruckte und ängstlich zärtlich fragte ob ich krank
oder was sonst geschehen sei  da kam ich erst eigentlich zum klaren Bewusstsein
dessen was ich getan hatte Ich war in Verzweiflung  meine Mutter schrieb für
mich an Jaromir besinnungslos unterschrieb ich den Brief  ich ward krank
dadurch entging Dir mein tiefes Herzeleid Ich hoffte immer noch er würde
wieder schreiben mich beschwören zu widerrufen  dann wollte ich mein Wort von
Dir zurückverlangen es möchte daraus entstehen was da wolle Aber er schickte
mir meinen Ring wieder und schrieb kein Wort dazu Da wollte ich glücklich sein
 ihm zum Trotz In solchen Momenten war ich dann so zärllich gegen Dich wie
ich es nur immer gegen ihn gewesen  und es war doch nur eigentlich er den ich
in Dir liebkoste Ach ich habe untreu gegen ihn gehandelt mein Gefühl konnte
ihm nie untreu werden«
    Sie hielt wieder inne von Erinnerungen überwältigt  Das Nachtlicht
flackerte unruhig die Uhr im Zimmer schlug helltönend Mitternacht 
    Nach einer langen Pause begann Amalie aufs Neue »Meine gute Mutter starb
ich wäre verlassen und hilflos gewesen wenn Du Dich meiner nicht angenommen Du
führtest mich zum Altar Ich musste das Schicksal segnen das mir in Dir diese
Stütze gab  aber doch war ich nicht ruhig nicht glücklich ich konnte Jaromir
nicht vergessen  Ach Johannes kannst Du mir das Alles vergeben Kannst Du
mir es vergeben damit ich ruhig sterben kann«
    »Vergeben ist eine heilige Pflicht« sagte Johannes aufstehend und
feierlich aber mit gepresster Stimme »Ich vergebe Dir Alles«
    »Du vergiebst mir  nur aus kalter strenger Pflicht nicht aus zärtlichem
Herzen Du vergiebst mir weil es Deine strenge Tugend Dir so befiehlt «
flüsterte sie vorwurfsvoll »doch ja ich verdiene das  Du vergiebst doch  ich
danke Dir Aber vollende kröne Dein Werk wenn ich mit Dir versöhnt sterben
darf so versöhne mich auch mit Jaromir ich habe an ihm unrecht gehandelt wie
an Dir ich habe ihn unglücklich gemacht wie Dich  «
    Johannes sah sie fragend an und schwieg
    Nach einer Pause begann Amalie wieder hastig »Du willst mich nicht
verstehen  Jaromir ist hier ich habe ihn wiedergesehen«
    »Auch noch das« sagte Johannes tonlos
    »Einige Tage vorher eh ich krank ward sah ich ihn unter meinen Fenstern
vorübergehen  die fünf Jahre unsrer Trennung hatten ihn sehr verändert er sah
blass und abgezehrt aus und ein tiefer Gram wohnte in seinen früher so fröhlich
glänzenden Augen Mehrmals des Tages ging er vorüber immer sah er herauf  aber
ich bezwang mich und verbarg mich immer hinter den Blumen am Fenster  nur ein
Mal in der Abenddämmerung warf ich ihm eine geknickte Rose zu an die ich einen
Zettel mit den Worten gebunden hatte Wir dürfen uns einander nicht nähern aber
mein Herz bewahrte für Jaromir immer dasselbe Gefühl Er drückte die Rose an
seine Brust bedeckte sie mit Küssen und obwohl es schon dunkelte sah ich doch
an allen seinen Bewegungen die eines Glücklichen Am andern Tag ward ich so
krank dass ich das Bett nicht wieder verlassen konnte  Weiter habe ich ihn
nicht gesehen und Nichts von ihm gehört denn ich wagte nicht Jemanden nach ihm
zu fragen Nun geht es mit mir zu Ende  ich kann nicht sterben bis ich ihn
nicht noch ein Mal gesehen bis er mir nicht vergeben Der Sterbenden darfst Du
es nicht verweigern den letzten Abschied von dem zu nehmen der dem Herzen das
bald nicht mehr schlägt Alles war«
    »Tue was Dir Dein Herz gebietet« sagte er »Du bist mir für keinen Deiner
Wünsche Deiner Gefühle mehr verantwortlich seitdem ich weiß dass ich Deine
Liebe nie besessen  Du betrachtest Dich als eine aus dem Leben Scheidende 
aber Du kannst Dich irren Du betrachtest den Mann Deiner Liebe als einen durch
fünf lange Jahre sich gleich Gebliebenen  und Du kannst Dich auch irren
Bedenke dass es Dich dann reuen könnte durch ein Wiedersehen wie Du es
ersehnst dem Herkömmlichen dem man Achtung schuldig ist zuwider gehandelt zu
haben«
    »Bemühe Dich nicht mich von meinem Wunsch abzubringen « fiel sie ihm
bitter ins Wort »seiner bin ich gewiss Ich habe mich bezwungen so lang ich
lebte dem Tod gegenüber hört dies elende Spiel auf wie bald das elende Leben
Ich bin eine hilflose Kranke es steht in Deiner Macht mir meinen letzten
Wunsch nicht zu erfüllen und mich unversöhnt und qualvoll sterben zu lassen 
tu es  und mein verzweifelnder brechender Blick wird ewig vor Deiner Seele
stehen  Du wirst «
    »Spare Deine Worte« sagte er mild zu der Heftigen »gönne nun endlich
Deinem Körper Ruhe das viele Sprechen macht Dich matt Ich will dem Grafen
schreiben dass er zu seiner sterbenden Amalie kommen soll  und er wird kommen«
    Aber länger konnte sich Johannes nicht beherrschen er eilte zur Türe
hinaus in den finsteren Vorsaal riss draußen das Fenster auf und starrte in die
Nacht hinaus
    Es wäre vergebens schildern zu wollen was ihn jetzt so heftig bewegte Er
liebte seine Gattin  und all die Stunden in denen er früher an ihrer Seite
glücklich gewesen sanken vor ihm in Nacht  er war auch um seine Erinnerungen
betrogen  ein Betrug waren diese vier Jahre  sie hatte ihn nie geliebt
 
                                  III Jaromir
 »Zu lieben mit dem reinsten wärmsten Triebe
 Bis Dir das Herz im Rausch der Weihe bricht 
 Und grüßt Dich dennoch keine Gegenliebe
 Das ist der Leiden bitterstes noch nicht«
                                                                      Karl Beck
In einer geschmackvoll meublirten Stube lag im modischen Schlafrock ein junger
Mann auf dem weichen Sopha bequem und schief ausgestreckt In der einen feinen
weißen Hand hielt er eine glimmende Zigarre mit der andern an der ein
kostbarer Siegelring blitzte hielt er die Blätter eines Romanes der vor ihm
aufgeschlagen auf dem Tisch lag und in dem er eifrig las Der junge Mann hatte
eines jener Gesichter deren ganzer Ausdruck in den Augen ruht wenn sie mit
diesen vor sich nieder sehen so ist das ganze Gesicht höchst unbedeutend sind
dieselben aber gerad aus oder aufwärts auf irgend einen Gegenstand gerichtet so
genügen sie allein den dem sie gehören schön und interessant zu machen Die
Augen des Lesenden waren von einem dunklen Braun aber so glänzend und hell bei
dieser tiefen Dunkelheit dass man oft nicht wusste ob man sie licht oder dunkel
nennen sollte Lange Wimpern beschatteten sie und gaben ihnen einen
schwärmerischen Ausdruck Die braunen Haare fielen zu beiden Seiten des blassen
Gesichtes in leichten Wellenlinien ringsum in gleicher Länge die Halsbinde
berührend herunter ein kleiner Bart umgab den Mund um welchen ein
verächtliches Lächeln spielte
    Eine malerische Unordnung herrschte in der Stube Bücher lagen auf den
Stühlen ja hie und da auch darunter Leere Cigarrenkistchen standen auf einem
Bücherbreie und mancher gelbe Glacehandschuh steckte seine fünf Finger aus
einem Winkel des Schreibtisches wie bedenklich drohend hervor Ein feiner
schwarzer Filzhut saß verwegen genug auf einer weißen Büste Götes und eine
gefüllte Geldbörse lag zu den Füßen einer niedlichen Statuette der Taglioni Auf
einem Seitentisch lagen Briefe Visitenkarten Journale usw wirr genug
durcheinander An den Fenstern hingen mehrere zierliche Diophonieen von
Porzellan an den buntgemalten Wänden hingen einige wertvolle Stahlstiche in
goldenen Nahmen und manche niedliche Stickerei die als irgend ein brauchbares
Meubel diente Luxus und Nachlässigkeit die doch immer noch geschmackvoll und
wenn man will ästetisch blieb reichten einander in diesem Zimmer die Hand
Sein Bewohner war Graf Jaromir von Szariny 
    Die Türe ward geöffnet und ein junger Mann trat herein Er war ziemlich
lang und blond hatte sehr lichte Augen und sah überhaupt sehr farblos und sehr
langweilig aus Es war Baron von Füssli
    Die Herren begrüßten einander heiter und freundschaftlich und Szariny
entschuldigte sich leichthin dass er noch nicht zum Ausgehen fertig sei indem
er die Zeit unbeachtet habe verstreichen lassen Er schritt darauf zur
Vollendung seiner Toilette während sich Füssli in den Lehnsessel am Fenster warf
und gähnend sagte
    »Aber mein Bester wissen denn auch Sie gar nichts Neues«
    »O ich sage Ihnen diese Residenz ist eines der langweiligsten Nester die
ich kenne selbst auf dem Gute meines Oheims war es nicht langweiliger und
Berlin würde ich im Leben nicht verlassen haben wenn nicht Bella auf den
wahnsinnigen Einfall gekommen wäre sich hier engagiren zu lassen  und ganz
aufrichtig gestanden auch sie fängt jetzt an mich zu langweilen  Wäre sie nur
noch einige Monate in Berlin geblieben so war meine Leidenschaft ruhig
abgekühlt und ich hätte sie ruhig reisen lassen statt dass ich den dummen
Streich machte ihr zu folgen Sechs Wochen bin ich nun schon hier Und warum
Um mich so zu langweilen dass mir diese sechs Wochen wie eben so viel Monate 
ach was sage ich eben so viel Jahre erscheinen«
    »Nun« versetzte Jener »ich fange seit Kurzem an mir einiges Amüsement zu
versprechen Neulich im Theater hab ich ein bildhübsches muntres Mädchen
gesehen von dem ich jetzt weiß dass es eine Pensionärin des Nollinschen
Instituts ist Sie war jugendfrisch wie eine Obstbaumblüte hatte blitzende
Augen die sich munter und keck nach allen Seiten drehten lebendige
Beweglichkeit  kurz ich glaube ein muntres Fischlein das leicht zu fangen 
und wenn es dann an meiner Angel hängt  wer weiß im Nollinschen Institut sind
nur reiche Mädchen  «
    »Wahrhaftig Sie amüsiren mich  ein hübsches Kind gefällt Ihnen auf dem
ersten Anblick und Sie knüpfen sofort weitläufige Kombinationen daran welche
bis zum Traualtar gehen  Alle Liebesverhältnisse arten in Langeweile aus 
aber bis zur Langeweile des ehelichen Lebens nein dahin soll es mit mir nicht
kommen daran können auch Sie nicht ernstaft denken«
    Der Baron sagte achselzuckend »Je nun eine reiche Partie ist oft das
einzige Mittel einige finanzielle Lücken auszufüllen  man spielt eine neue
Rolle in der Welt wenn man das eigne Haus zum Mittelpunkt glänzender Feste
machen kann  Und was wollen Sie Eine fashionable Ehe löst doch nur ein
Liebesverhältniss auf  das welches wir mit unsrer Gattin hatten bevor sie
solche war  jedes andere wird dann nur um so pikanter«
    Jaromir lachte und sagte dann kopfschüttelnd »Dann wählen Sie nur kein
harmloses unschuldiges Mädchen sondern eine Kokette die mit Ihren Grundsätzen
übereinstimmt  sonst sollte mir das arme Wesen leid tun Zu einer solchen
Scheinehe bin ich zu stolz zu stolz einem Wesen meinen Namen zu geben dem ich
nicht für immer mein Herz zu geben gedenke  und da mich dieser Jugendwahn nicht
mehr befallen kann  so bleibt es denn bei meinem Entschlusse«
    »Aber es ist göttlich« rief der Baron mit lautem Lachen »Wie wir hier über
Sein und Nichtsein der Heirat philosophiren während wir uns doch anders
amüsiren könnten  wir machen eine Runde um die Stadt und dann begleite ich sie
zu Bella sie war gestern göttlich als Lukrezia«
    »Gut so wollen wir zu ihr gehen  nach einer großen Opernpartie ist sie
immer angegriffen schmachtend sanft und macht weniger ihre eigenwilligen
Launen geltend als an Tagen wo sie sich heiser melden lässt und in ihrem
Mutwillen ausgelassen lustig darüber ist ihren Mitsängern und der Direction
einen ärgerlichen Streich gespielt zu haben«
    Als sie zur Vorhaustüre heraustraten kam der Briesträger die Treppe
herauf »Von der Stadtpost« sagte er und gab Jaromir einen Brief
    »Eine unbekannte Hand und ein T im Siegel « bemerkte der Empfänger 
    »Eine unbekannte Hand  das ist in den meisten Fällen interessant wenn es
nicht von einem unsrer Handwerksleute und Lieferanten kommt  doch die
Mahnbriefe sind immer unfrankirt Es scheint eine niedliche Damenhand zu sein 
so öffnen Sie doch nur ich bin ungeheuer neugierig«
    »Nein das ist eine Teologenhand« sagte Jaromir der in Folge eines
unerklärlichen Gefühls sich beinahe scheute den Brief zu öffnen und ihn sinnend
in der Hand hielt Endlich war das Siegel gelöst Er las
    »Klingt Ihnen der Name Amalie noch bekannt Amalie die Sie einst liebten
ist eine Sterbende und hat auf dieser Welt nur noch den einen Wunsch sich
sterbend mit Ihnen zu versöhnen Ihre Vergebung zu erlangen Wenn Ihnen je der
letzte Wunsch einer Sterbenden heilig war so kommen Sie heut Nachmittag
zwischen 4 und 6 Uhr in die Klosterstrasse Nr 18 zwei Treppen links wo Sie an
der Türe den Namen finden Doctor Talheim«
    Eine ganze Vergangenheit wachte plötzlich vor Jaromir auf  er starrte
regungslos auf das Papier und stand wie angewurzelt fest   »Amalie Talheim
 ganz recht das war der Name ihres Gatten  «
    »Nun« fragte der Baron »wollen Sie ewig hier stehen bleiben Worüber sind
Sie so außer sich geraten Kommen Sie  Bella wird Sie wieder beruhigen«
    »Bella Gehen Sie allein zu ihr ich kann nicht mitgehen  Aber was ist
denn das« fuhr er fort auf das Papier starrend  »Klosterstrasse Nr 18  da
wohnt ja Bella auch «
    »Aber was haben Sie denn So kommen Sie doch nur  Was ist denn das für ein
verhängnissvolles Billet das Sie so gedankenlos so verdreht macht  so lassen
Sie doch sehen  Oder ist es ein zu zartes Geheimnis das einen Vertrauten
nicht duldet«
    »Ja« rief Jaromir indem er den Brief einsteckte »es ist ein Geheimnis
das einer frühern Zeit und einem frühern Menschen angehört als der Szariny ist
der Ihr Freund ward« und ruhiger fügte er in seinem gewöhnlichen Ton hinzu
»Rechnen Sie es mir nicht als Unart an wenn ich Sie heute nicht zu Bella
begleiten kann «
    »Was und Sie versprachen mir noch gestern mich sobald als möglich bei ihr
einzuführen«
    »Sie werden ihr auch ohne Einführung von meiner Seite willkommen sein  oder
kommen Sie noch eine Augenblick in mein Zimmer ich gebe Ihnen ein Billet von
mir an sie mit das ist der sicherste Weg zu ihr«
    Jaromir kehrte eilig wieder in sein Zimmer zurück und schrieb während der
Baron langsam und kopfschüttelnd nachkam hastig an seinem Schreibtisch
    »Leider ist es mir heute unmöglich selbst nachzufragen wie meiner schönen
Freundin die gestrige Anstrengung bekommen ist Ich lasse mich durch meinen
vertrauten Freund Baron von Füssli bei Ihnen vertreten der schon längst nach
dem Glück Ihrer Bekanntschaft strebte  Sie werden in ihm einen geistreicheren
und liebenswürdigeren Gesellschafter finden als in ihrem ergebenen
                                                                       Szariny«
    Er las diese Zeilen hastig vor siegelte sie dann rasch ein und trieb damit
den Baron zum Fortgehen indem er ihm nochmals zurief »Sie werden Bella sehr
schön finden und ich bin es gern zufrieden wenn sie alle Rechte die mir ihre
Freundschaft gewährt auch auf Sie überträgt«
    Der Baron fand Jaromir heute so sehr in seiner von ihm so genannten
Sonderlingslaune dass er es wirklich für das Beste hielt nicht neugierig in ihn
zu dringen und so ging er
    Als er fort war warf sich Jaromir in das Sopha nachdem er die Türe
verriegelt hatte und sagte »Endlich bin ich ihn los«
    Er lehnte sein Haupt mit der Stirn auf das Sophakissen drückte noch beide
Hände vor als wolle er gar Nichts sehen von der Außenwelt und versank in ein
tiefes Sinnen
    Polen war gefallen und Jaromir war in den ersten Jünglingsjahren mit seiner
deutschen Mutter nach Deutschland geflüchtet Der Vater war im Kampf geblieben 
ein Bruder der Mutter nahm die armen Flüchtlinge auf seinem Gute auf Die Gräfin
Szariny die in der letzten Zeit so viel erlebt hatte alle Schrecknisse des
Kriegs alle Gefahren und blutigen Szenen der Revolution den blutigen Tod des
Gatten den Verlust ihrer großen Standesherrschaft und all ihres Reichtums so
dass sie zuletzt in rascher Flucht Nichts retten konnte als das Leben des
einzigen teuren Sohnes und ihr eigenes  erlag bald so vielfachen
Lebensstürmen und starb Ihr Bruder Graf Galzenau versprach der Sterbenden
sich ihres Sohnes anzunehmen Der Graf war verheiratet und hatte selbst eine
zahlreiche Familie und ein im Verhältnis zu dieser und seinem Stand nicht eben
beträchtliches Vermögen Er selbst tat für den Schwestersohn was er tun
konnte aber die Seinigen sahen immer ein Wenig scheel auf den Polenflüchtling
und behandelten ihn nie mit verwandtschaftlicher Herzlichkeit sondern oft mit
kaltem Stolz mit verächtlicher Zurücksetzung So lernte Jaromir früh das Leben
von der ernstesten Seite kennen er bezog ein Gymnasium und dann die
Universität In den Ferien kam er nur auf den ausdrücklichen Wunsch seines
Oheims in dessen Haus wo er sich gedrückt fühlte Jaromir war fest
entschlossen so bald als möglich die Wohltaten seines Oheims nicht mehr
anzunehmen deshalb studierte er  Aber was konnte es ihm nützen Konnte ein
vertriebener Pole auf eine Anstellung in Deutschen Staaten rechnen  Er griff
zu dem einzigen Mittel welches ihm übrig blieb um wenigstens im Augenblick
eine kleine Quelle des Erwerbes sich zu öffnen  er ward Schriftsteller Er
hatte Genie  und er schrieb mit Begeisterung  er wählte den neuen Beruf nicht
allein aus Not und weil keine Wahl ihm blieb er war ihm zugetan mit Lust und
Liebe Aber trauriges Schicksal des Armen der in Deutschland der Muse leben
will und zugleich auch gezwungen ist von ihr zu leben Jaromir entging ihm
nicht    oft wenn er sich gedrungen fühlte die Feder zur Hand zu nehmen
und ein Lied niederschreiben wollte wie er es tief im Herzen fühlte  oft warf
er das kleine Blatt Papier wieder weg auf das er die erste Zeile geschrieben
und griff nach einem großen Bogen denn noch heute musste der Journalartikel
fertig sein den er zu liefern versprochen hatte und den man ihm gut bezahlte
das Lied aber bezahlte ihm Niemand kaum dass es im Winkel irgend einer
Zeitschrift überhaupt auf einen Platz rechnen konnte und so wurde es in der
Geburt erstickt der bestellte Artikel hingeschrieben ohne Lust und Behagen und
dann mit einem »Gott sei Dank dass ich fertig bin« die Feder ärgerlich
weggeworfen Oder wenn er irgend eine Skizze die ihm just durch den Sinn fuhr
für die er aber nicht gleich einen Verleger wusste niederschreiben wollte so
sandte man ihm Polnische und Englische Blätter und verhieß für die schnelle
Übersetzung ein gutes Honorar  und er übersetzte    dann warf er die Feder
mit Ekel weg und konnte sich oft lange nicht überwinden sie wieder anzurühren
aus Verachtung vor ihr und sich selbst dass er sie so oft halb gezwungen führen
musste  Er hatte es seinem Oheim gesagt dass er allein für sich selbst sorgen
könne und nur mit Mühe hatte dieser ihn vermogt wenigstens so lange als die
Zeit seiner Studien bestimmt sei für diese das Geld von ihm anzunehmen Jaromir
hatte jenen edlen Stolz unabhängiger Charaktere der Nichts gemein hat mit jenem
gemeinen Stolz auf Rang und Ansehen Daher hielt er sich auch entfernt von der
höheren Gesellschaft die seinen Rang und Stand aber nicht seine übrigen
Verhältnisse kannte und begierig den schönen geistreichen jungen Mann in ihre
Kreise zu ziehen suchte Da dies vergebens war erklärte man ihn für einen
Sonderling und Grillenfänger  dadurch ward er nur noch mehr zum Gegenstand des
allgemeinen Interesses und manches zärtliche Briefchen kam auf einem geheimen
Weg zu ihm das ihm Teilnahme und Tröstung bei dem Kummer verhieß der ihn zu
drücken scheine Er warf diese Billets verächtlich lachend ins Kamin und
ging zu seiner Amalie  Er hatte das schöne arme Mädchen kennen und lieben
gelernt  er sah sich von ihm angebetet und gab sich mit aller Innigkeit des
ersten Liebeserwachens in einem noch von keinem unlautern Gefühl entweihten
Herzen demselben hin  Er liebte Amalien wirklich und wahrhaftig mit der reinen
Glut deren seine schwärmerische Seele fähig war mit all der edlen Hingabe
seines starken Charakters Dass sie ein armes bürgerliches Mädchen war das
kümmerte ihn nicht  er war auch arm und sein Grafentitel galt ihm Nichts Er
hoffte sich später eine sorgenfreiere Existenz zu sichern die er ihr bieten
könnte und ob seine Verwandten ihm über die Mesalliance zürnen würden 
kümmerte ihn nicht er war ihnen nicht mehr verpflichtet Von seiner eignen
festvertrauenden Liebe schloss er auf die Amaliens  er hielt ihre Liebe für so
fest wie die seine er war ruhig und glücklich im Besitz ihres teuren Herzens
Er wusste es wie sie ihn liebte  Musste nicht auch sie es wissen da er es ihr
einmal gesagt wie wechsellos und treu er sie liebte Wozu bedurfte es immer
neuer Wiederholungen Sein schönes Vertrauen nahm sie für Kälte Ihr Geständnis
gegen ihren Gatten erklärt wie es zwischen ihr und Jaromir zum Bruch kommen
konnte Er lebte wie in  als er es hatte verlassen müssen eingezogen und
einsam Er war bald wieder in literarischen Verbindungen da er sie suchte denn
der angenommene Name unter dem er schrieb hatte einen guten Klang bekommen Er
dachte an sein Liebchen und schrieb fleißig an einem größeren Werke auf das er
manche Hoffnung für sich und Amalien baute Wohl kränkte ihn zuweilen ihre
Eifersucht allein er hielt diese mehr für eine weibliche Laune die nur auf der
äußern Oberfläche erscheine nimmer aber aus der Tiefe des Herzens komme  wusste
er sich doch so frei von jeder kleinsten Regung die einen Vorwurf verdient
hätte Es beruhte in Wahrheit eine Polnische Gräfin in deren Hause er zufällig
wohnte hatte ihn zu sich einladen lassen und er hatte keinen Grund gehabt die
Einladung auszuschlagen Aber bald fand er dass es in ihrem Hause ein Wenig
frivol zugehe dass die Gräfin all ihre KoketterieKünste anwende um in ihm
einen galanten Ritter zu finden  da zog er in ein entlegenes Stadtviertel und
schickte der Gräfin eine Abschiedskarte Ein Bekannter der Gräfin der ihn in
diesem Zirkel kennen gelernt hatte traf ihn einige Zeit darauf zufällig und
als er ihm seine Verwunderung aussprach dass er noch in Berlin sei da er der
Gräfin doch eine Abschiedskarte geschickt habe sagte Jaromir »Für die
Personen denen man Abschiedskarten schickt ist man nicht mehr da  gleichviel
ob man die Stadt gewechselt hat oder nur die Straßen«  So selbstbewusst nun
durch diese und ähnliche Handlungen Jaromir sich fühlte von Amalien auch nicht
den kleinsten Zweifel an seiner Liebe zu verdienen so glaubte er auch nicht
daran dass sie im Ernst an seiner Treue zweifeln und dass sie selbst je anders
handeln und fühlen könne als er  so fiel es ihm doch wie er nun den Brief von
Amaliens Mutter und seinen Ring mit der Anzeige ihrer Verlobung mit Talheim
erhielt plötzlich wie Schuppen von seinen Augen  Sie hatte ihn nie geliebt
nie geliebt wie er allein geliebt sein wollte  Sie hatte nie das große
heilige Gefühl verstanden das ihn bewegte er hatte seine edelsten
Empfindungen sein ganzes großes Herz weggeworfen an ein Wesen das nur damit
gespielt hatte  Es war über ein Jahr vergangen und er hatte keinen andern
Gedanken gehabt als den Amalie  Für sie hatte er gearbeitet für sie gedarbt
 für sie seine Nächte am Schreibtisch oft seine Neigungen in der Literatur dem
sicheren Erwerb geopfert  und jetzt sah er sich von ihr bei Seite geworfen
einem Andern geopfert  Wäre sie ihm entrissen worden durch den Tod durch
irgend eine Allgewalt der Verhältnisse er hätte es mit edler männlicher
Entsagung ertragen  aber durch ihre Untreue wurden die bittersten Gefühle in
ihm rege durch ihren Verrat sah er sich um das schönste Jahr seines Lebens
schrecklich betrogen Er musste die Erinnerung an dieses Liebesglück fliehen denn
dieses selbst erschien ihm jetzt als nichts Anderes als eine ungeheure Lüge Er
schickte Amalien ihren Ring wieder ohne ein Wort des Vorwurfs ohne irgend eine
Erklärung  sie war seinem stolzen edlen Herzen plötzlich so verächtlich als
sie ihm erst teuer gewesen Er suchte jeden Gedanken an sie zu verbannen  
aber wie nun die tödtende Leere ausfüllen die dadurch in seinem Innern in
seinem ganzen Leben entstand Er stürzte sich in einen Strudel von
Zerstreuungen er trank und spielte und wenn der Schlaf nach durchschwärmten
Nächten auf ihn herabsank so fand er ihn selten nüchtern Wenn er schreiben
wollte wie sonst und er allein in seiner stillen Stube saß  da stand Amaliens
Bild plötzlich vor ihm und er schaute es liebesselig an wie sonst  aber dann
besann er sich dass das Alles ja vorüber und Nichts gewesen sei als ein langer
Betrug und sprang auf floh das Nachdenken floh die Einsamkeit um nur auch
ihrem Bild zu entrinnen und suchte wieder den goldnen Stern der Vergessenheit
im goldnen Wein Dies wilde Leben stürzte ihn in Schulden er hatte bald mit der
entsetzlichsten Not den peinlichsten Sorgen zu kämpfen Da erhielt er einen
Brief seines Oheims Ein Verwandter Jaromirs in Russland hatte diesem
geschrieben Jaromirs Standesherrschaft war der Russischen Krone verfallen und
er selbst durfte nicht wieder dahin zurückkehren aber der Verwandte der auf
Rassischer Seite stand und daselbst viel Einfluss hatte hatte es dahin
gebracht dass Jaromir sein übriges beträchtliches Vermögen erhielt Das schrieb
ihm Golzenau und übersandte ihm die betreffenden Documente Der arme Jaromir
erwachte eines Morgens und fand sich reich Er frohlockte der Reichtum gab ihm
ja die Mittel sich zu zerstreuen zu betäuben Er verließ Berlin und ging auf
Reisen Nach einem Jahre kehrte er wieder zurück Er war nunmehr auch ein gern
empfangner Gast auf Schloss Golzenau  kam zuweilen dahin weil der Graf ihn wie
einen Sohn liebte und weil er den alten Mann schätzte der früher trotz den
Widersprüchen der eignen Familie so väterlich an ihm gehandelt hatte Jaromir
hatte ihm Alles wieder erstattet was er früher von ihm empfangen und um so
unbefangener konnte er ihm jetzt seine Dankbarkeit bezeugen Übrigens lebte
Jaromir die folgenden Jahre in Berlin unter der großen Welt der er so lange
fremd geblieben war Er galt für einen der ersten Salonherrn in diesen Kreisen
und da er unter ihnen nicht nur seinem Äußern nach der schönste sondern
zugleich auch der geistreichste war da man es sich zuflüsterte dass er ein
Dichter ein Journalist sei so gab dies seiner ohnehin bedeutenden
Persönlichkeit noch einen besonderen Glanz der ihn für die Frauen besonder
anziehend machte und nicht wenig dazu beitrug dass manch Männer ihn halb mit
Neid halb mit Furcht betracheter So beherrschte er die Gesellschaft durch
hundert Eigenschaften vor welchen eben diese Gesellschaft sich bewundernd
neigt Es war ein neues Leben im Äußern für ihn aufgegangen Er war ein andrer
Mensch geworden Er huldigte jeder Modetorheit jeder Grille die in ihm
aufstieg  er war heute der dienstbare Sklave irgend einer schönen Frau um sich
morgen über sie lustig zu machen Er ließ heute wirklich sein Herz und seine
Sinne von irgend einer blendenden weiblichen Erscheinung verführen und morgen
stand sie wieder vor ihm all dieses Glanzes bar den seine Phantasie um sie
gewoben und er wandte sich mit bitterem Lächeln ab Er redete sich heute selbst
ein zu lieben und selig zu sein wenn ein schönes Weib die Arme berauscht und
berauschend um ihn schlang  aber morgen verhöhnte er das eigne Gefühl und
lösthe zürnend das raschgeknüpfte Band Er achtete nicht darauf dass wohl viel
Tränen still um ihn flossen dass manche Wange bleich ward die er einst geküsst
 er hatte längst aufgehört an das weibliche Herz zu glauben was galten ihm da
noch weibliche Tränen Seufzer und Worte  Und sein eigenes Herz blieb so leer
und öde wie eine Wüste so hatte er ja das weibliche genannt Er dachte nicht
mehr an Amalien die Erinnerung an sie war verloren Nicht um den Gedanken an
sie zu entfliehen führte er ein zerstreuendes Leben  ihr Bild erschien ihm
schon lange niche mehr sondern nur um die Leere seines Innern in den
Augenblicken auszufüllen wo er diese Leere am drückendsten fühlte und jeder
solcher Versuch zeigte ihm doch nur welche vergebliche Mühe es war ihn zu
machen  Er war noch Schriftsteller und jetzt glücklich er brauchte nicht
mehr für Geld zu schreiben  diesen ungeheueren Fluch hatte ja der Reichtum von
ihm genommen er konnte schreiben was der Geist ihm eingab und er tat es In
solchen Stunden war ihm dann am wohlsten Aber seine Anonymität behauptend war
er zu der Gesammtliteratur in eine ziemlich schiefe Stellung gekommen Seine
Ansichten und Aussprüche machten ihm viele Freunde und erwarben seinem
angenommenen Namen Anerkennung  aber er war und blieb allein da er sich eben
nicht selbst dazu bekannte der Träger dieses Namens zu sein Nicht die warmen
ehrlichen Herzen die mit ihm zugleich schlugen und auf dem Tummelplatz der
Journale kämpften für Freiheit und Recht waren seine Gefährten sondern jene
vornehmen blasirten Stutzer mit prunkenden Titeln und hohen Namen deren Augen
nicht weiter reichten als bis in die goldumrahmten Spiegel geschmückter Salons
und denen die wirkliche große Welt die über und außer ihrer sogenannten großen
Welt lag ein unbekanntes Reich war Mit einigen von ihnen teilte Jaromir ein
gemeinschaftliches Interesse das Theater Während jene aber zumeist die
Operngucker auf die verführerischen Bewegungen der Ballettänzerinnen richteten
saß Jaromir sinnend im Schauspiel im Lustspiel in der Oper und war ein
aufmerksamer kritischer Beobachter ob die Darsteller ihre Rollen richtig
auffassten ob sie ihre schwierigen Aufgaben lösten Er hatte in dieser Zeit
eine förmliche Leidenschaft für das Theater für die Kunst und ließ es dann an
öffentlichen oder privaten Aufmunterungen oder Zurechtweisungen nicht fehlen wo
ihm dies der Mühe wert schien In der Rolle der Norma sah er Bella zuerst und
noch nie hatte er gesehen wie diese Rolle welche alle Leidenschaften und
Gefühle des weiblichen Herzens zur Anschauung bringt so vollkommen dargestellt
würde Gesungen hatten wohl schon Andere diese Arien und Recitative eben so gut
 aber Keine mit seelenvollerer Stimme Keine hatte das Hochtragische in dieser
Rolle so edel und richtig aufgefasst als Bella Ihre schöne Gestalt ihre
anmutigen Züge waren es nicht was Jaromir zu ihr hinzog sondern das große
Künstlertalent das ihn einen verwandten Genius eine der seinen verwandte
Begeisterung für die Kunst ahnen ließ  Er musste sich ihr nähern aber es war
nicht leicht Zutritt bei Bella zu finden  sie war noch unvermählt und lebte
unter dem Schutze einer alten Verwandten ziemlich eingezogen und wusste ihre
Schmeichler und Bewunderer immer in gehöriger Entfernung zu halten Endlich
aber da Jaromir erst unter seinem Dichternamen einen Briefwechsel über ihre
Kunst mit ihr angeknüpft hatte nahm sie seinen Besuch an Es währte nicht lange
und Jaromir galt als Bellas Liebhaber Eine Zeit lang war dieses Verhältnis
eine Quelle reinen Glückes für Beide  aber bald bemerkte er wie er sich
getäuscht hatte wenn er geglaubt dass Bellas Dienst am Altare ihrer Kunst der
einer Priesterin sei welche in edler Begeisterung auf demselben Alles opferte
Es war wahr Bella liebte ihre Kunst sie weihte sich ihr mit Eifer und tat
sich selten in einer Rolle genug denn sie hatte ihren großen Beruf begriffen 
aber deshalb war sie nicht frei von jenem trotzigen Eigenwillen jenen
kleinlichen Ränken mit denen Publikum und Teaterdirection sich so oft zum
Besten haben lassen müssen Der Weihrauch den die entusiastischen Berliner ihr
streuten verfehlte seine unheilvolle Wirkung nicht sie ward eitler stolzer
zugleich auch leichtfertiger und trotziger als sie je gewesen war und endlich
überwarf sie sich in hochmütiger Laune mit der Teaterintendanz und
vertauschte sofort Berlin mit der kleineren Residenz in welcher sie jetzt
lebte Jaromir obwohl er sie nicht mehr wirklich verehrte wie einst war doch
noch zu sehr durch Hundert Bande zärtlicher Gewohnheit an sie gefesselt als dass
ihm Berlin ohne sie nicht bald hätte verödet sein sollen Er folgte ihr also
nach wenig Wochen in ihren neuen Wohnort Noch eh er sie selbst gehend von
Berlin mit ihr entzweit und sie waren nicht in friedlicher Stimmung von
einander geschieden ging er mehrmals an dem Hause vorüber das man ihm als ihre
Wohnung bezeichnet hatte Er hoffte auf diese Weise sie zufällig zu sehen
einen Wink einen Ruf von ihr zu erhalten  lange war es aber vergebens bis
endlich eines Abends eine Rose zu seinen Füßen fiel an welcher ein Zettel
befestigt war Wo anders her als von Bella konnte dieses Zeichen kommen er
drückte es entzückt an seine Lippen und las dann beim Schein der nächsten
Laterne den Zettel Es war offenbar hastig und mit zitternder Hand geschrieben 
es war nicht Bellas zierliche Handschrift  aber in der Eile war es wohl
möglich dass sie so nachlässig geschrieben hatte Er las verwundert lächelnd
»Wir dürfen uns einander nicht nähern aber mein Herz bewahrt für Jaromir
unverändert dasselbe Gefühl«
    Er wusste sich diese Worte nicht recht zu deuten  hatte Bella irgend ein
andres Verhältnis angeknüpft dass er sich ihr nicht nähern dürfe Er musste
darüber Gewissheit haben und eilte am nächsten Morgen zu ihr Sie empfing ihn
mit fröhlicher Überraschung Er wollte endlich Ausschluss über die Rose  das
war vergebens denn sie war nicht von Bella gekommen  diese vermutete endlich
eines ihrer Kammermädchen habe sich vielleicht einen schlechten Spas damit
machen wollen  man ließ die Sache auf sich beruhen und vergaß sie bald in den
ersten frohen Tagen zärtlichen Wiedersehens Aber Wochen waren vergangen und
Jaromir erlag wieder dem Dämon der ihn unaufhörlich verfolgte seitdem er in
der vornehmen Welt lebte der Langeweile Auch Bella war ihm langweilig
geworden
    In solcher Stimmung erhielt er Talheims Billet
    Er las den Namen Amalie  und die Erinnerungen seiner frühen Jugend wachten
wieder auf
    Nicht Amaliens Bild war es was ihn jetzt am Meisten bewegte denn er hatte
längst aufgehört sie zu lieben  ihn bewegte das Bild dessen der er selbst in
jenen Tagen gewesen war glücklich und zufrieden bei allen Sorgen denn er
nannte ein Herz sein für das er sich mühen und an dem er dann ausruhen konnte
 er hatte stolz und selbstbewusst ins Leben schauen können  er hatte markige
Jugend und Geisteskraft in sich gefühlt die ganze Welt zu erobern er hatte
sich vertrauend in die Arme des bewegten Lebens geworfen und fröhlich auf die
eigne Kraft gebaut  er hatte wohl Schmerz und Kümmerniss empfunden  aber nie
Langeweile  er hatte nie mit seinen Gefühlen gespielt nie über das eigne Herz
sich lustig gemacht wie er es jetzt so oft tat
    Und er streckte jetzt sehnend seine Arme aus nach dieser Vergangenheit und
er hatte sie für ewig verloren
    Amalie die erste die einzige reine und allmächtige Liebe seiner Jugend
war eine Sterbende  und sterbend wie sie das fühlte er war sein besseres
unentweihtes Selbst
    Er drückte die Hände vor die Stirn und versank wieder in lange bange
Gedanken
 
                        IV Nr 18 in der Klosterstrasse
 »Die Kette die die Herzen band
 ist nun zerstückt zerschellt«
                                                              Otto v Wenkstern
Die beiden Pensionärinnen Elisabet von Hohental und Aurelie von Treffurt
waren im Begriff ihr Vorhaben auszuführen welches sie in später Nacht
beschlossen hatten Sie wollten zu der Blumenmacherin gehen welche mit Talheim
in einer Etage wohnte Elisabet sonst nicht gewohnt viel Zeit auf ihre
Toilette zu verwenden machte sie heute mit besondrer Sorgfalt Sie war ganz in
Weiß gekleidet nichts Farbiges war in ihrem Anzug Als sie in den Garten trat
wo Aurelie sie erwarten wollte und die andern Mädchen versammelt waren blieb
Elisabet in der Türe stehen weil sie die Gefährtinnen in Aufregung wie es
schien in einem Streit gewahrte und erst von fern sehen und hören wollte was
es gäbe ehe sie sich in eine Sache mische für welche sie vielleicht kein
Interesse hatte Sie ehnte sich an das von Ephen umrankte Portal des Einganges
die rechte Hand auf das zierliche Sonnenschirmchen gestützt und blieb in
lauschender Stellung
    Pauline Felchner stand in der Mitte der andern jungen Mädchen welche teils
mit hohnlachenden teils hochmütigen zürnenden Blicken auf sie sahen
    »Solches Gesindel in unsre Gesellschaft zu bringen«
    »Ich habe es immer gesagt sie taugt besser zu dem Bettelvolk als zu uns 
es ist ja ihres Gleichen«
    »Ihr Geld ist ja das Einzige worauf sie stolz sein kann«
    So und ähnlich schallten die Reden von Paulinens Gefährtinnen Sie selbst
brach endlich in Tränen aus und sagte »Ihr mögt mich schelten wie Ihr wollt
hättet Ihr nur das arme Mädchen in Frieden gelassen  ich bin es ja schon
gewohnt um Nichts von Euch verachtet zu werden«
    »O sie tut noch hochmütig « sagte Aurelie »aber dort steht Elisabet 
es ist Schade dass sie nicht da war  ein Wort von ihr würde Paulinen so
imponirt haben dass sie nicht zu antworten wagte«
    »Elisabet ist kalt und stolz aber sie ist nicht ungerecht sie hat mich
niemals beachtet aber sie ist nicht fähig Jemandem absichtlich Unrecht zu
tun« sagte Pauline entschieden
    Elisabet trat vor  sie sah Paulinen groß und verwundert an  womit hatte
sie es verdient um Paulinen verdient dass diese eine so ehrende Meinung von ihr
hegte In diesem Augenblicke als die stille Pauline ihre großen blauen
Kinderaugen o vertrauend auf Elisabet richtete als suche sie bei ihr Schutz
gegen die Unbilligkeiten der Andern drang dieser Blick so tief in den Grund
ihrer Seele dass sie sich davon ungewohnt bewegt fühlte Sie näherte sich ihr
ergriff ihre Hand freundlich und sagte »Rede doch Was gibt es« Nie hatte
Elisabet so liebreich zu Paulinen gesprochen wie sie jetzt diese wenigen Worte
sagte  Pauline drückte ihr die Hand und ließ sie nicht wieder los während sie
ihre Rede nur an sie richtete
    »Wir waren hier bei einander und warfen Reifen als wir draußen an der
Türe eine weinende bittende Stimme hörten dazwischen scheltende Worte eines
unsrer Dienstmädchen  dabei ward mein Name genannt  ich war deshalb Eine der
Ersten welche hinliefen um zu sehen was es gäbe  Ich muss durchaus mit
Mamsell Paulinchen sprechen der liebe Gott wirds Ihnen segnen wenn Sie mich
zu ihr lassen  hörte ich wieder sagen  da macht ich rasch die Gartentüre auf
 und ein ärmlichgekleidetes blasses Mädchen ein altes Körbchen mit Blumen am
Arm stand vor mir Es sah sehr leidend und kummervoll aus und sein Anzug war
aus vielen Stücken mühsam zusammengenäht    Die Armut musste die andern
Mädchen wohl sehr belustigen sie brachen in ein lautes Gelächter aus dass die
Fremde hoch errötete und die Augen niederschlagend ein paar helle Tränen
verschluckte Ich nahm sie bei der Hand indem ich ihr sagte dass ich Pauline
Felchner sei und die Andern bat doch nicht zu lachen  sie lachten aber nur
desto mehr sagten ich habe wohl solche Jugendfreundinnen  die reichen
Fabrikanten hätten immer Bettelvolk zu Verwandten und ließ solche hämische
Worte mehr fallen so dass jene immer verwirrter ward mir zu Füßen fiel und
schluchzend bat Ach Mamsell Paulinchen meine Mutter hat Sie oft mit mir auf
einem Arme zugleich getragen  jetzt liegt sie hier auf den Tod und die kleinen
Geschwister sterben vielleicht auch bald vor Hunger Sie hat mir oft erzählt
wie gut sie es in Ihrem Hause gehabt  und wie ich nun hörte dass Sie hier
wären so dacht ich in meinem Innern die hilft euch vielleicht Ich sah einmal
bei Doctor Talheims wo ich die Aufwartung habe ein Buch auf welches Ihr
Name gedruckt war  da fragte ich den guten Herrn Doctor ob er Etwas von Ihnen
wisse  und er erzählte mir wie Sie hier so fromm und gut wären dass Sie mir
gewiss helfen würden  nicht mir sondern der kranken Mutter den hungernden
Kindern  da fasst ich mir ein Herz und lief her und da bin ich nun  sie hielt
inne und barg ihr Gesicht unter der Schürze es war vielleicht das erste Mal
dass sie fremdes Mitleid in Anspruch nahm  und diese vornehmen Fräuleins
antworteten ihr mit Gelächter « sagte Pauline mit Bitterkeit indem sie inne
hielt
    »Es war auch ein ganz närrischer Auftritt« sagte ein Fräulein  »die
Bettlerin nahm sich sehr possirlich aus und Pauline machte die Szene
vollkommen indem sie uns trotz dem besten Kanzelredner eine hochtrabende
Strafpredigt hielt  ihr Eifer war es über den wir natürlich noch mehr lachen
mussten und darüber dass sich überhaupt Mamsell Paulinchen unterstand sich zu
unsrer Gouvernante und Sittenrichterin aufzuwerfen«
    »Es kann sein dass ich mich vergessen habe« sagte Pauline »aber ich war
jetzt nicht die Erste von uns der dies geschah «
    »Lass das gut sein« unterbrach Elisabet »Was antwortetest Du der Armen«
    »Ich hatte zum Glück in meiner Schürzentasche einen Taler da ich mir eben
Etwas wollte holen lassen  den gab ich dem Mädchen mit dem Bemerken dass ich
nächstens zur kranken Mutter kommen würde Wenn sie Talheim zu mir geschickt
so würde er mir auch sagen können womit ihrer Not am Besten geholfen sei 
Sie wollte mir die Hand küssen aber das duld ich von Niemand so umarmte ich
sie und bat sie so schnell als möglich zur kranken Mutter zu gehen und
drängte sie fort denn ich wollte sie so schnell als möglich den Demütigungen
hier entziehen  ich weiß ja wie weh sie tun Ich wollte dadurch dass ich sie
küsste sie vergessen machen was die Andern an ihr verbrochen   und nun hast
Du nur einen Teil von dem gehört wie sie mich deshalb verhöhnen  «
    Elisabet fiel Paulinen um den Hals und sagte »Vergieb mir dass ich Dich
mit törigtem Hochmut gekränkt habe  ich habe Dich früher ja nicht gekannt 
nun aber kenne ich Dich und bitte Dich sei meine Freundin  Und Ihr Andern
wenn Ihr sie wieder kränkt  so kränkt Ihr mich auch Das wird Euch freilich
einerlei sein und wie Ihr vorhin sie ausgelacht habt so werdet Ihr mich jetzt
auslachen  aber Du gute Pauline wirst nicht mehr allein und unverstanden
unter uns sein«
    Und Pauline erwiderte innig die herzliche Umarmung und vermochte weiter
Nichts zu sagen als »Ich danke Dir« und eine große helle Freudenträne fiel
aus ihrem Auge auf Elisabet
    Diese hatte eine solche Autorität bei sämtlichen Pensionärinnen dass ihr
wenigstens ins Gesicht keine ein Wort zu erwidern wagte  Einige griffen
wieder zu den Reifen als seien sie durch Nichts unterbrochen worden Andere
rümpften die Nasen und tauschten halblaut spitzige Bemerkungen über die neue
Freundschaft  nur Aurelie die immer mutwillig und in ungezähmter heiterer
Laune war sagte »Ach ich bitte Euch welche sentimentale Szene Ich glaubte
eine solche heute wenigstens an einem ganz andern Ort als hier zu erleben und
niemals hätte ich mir träumen lassen dass Du Elisabet über eine Kinderei
unsern wichtigen Ausgang ganz vergessen könntest Ich warte schon lange auf
Dich und wir müssen sehr eilen wenn Du nicht Dein ganzes Vorhaben aufgegeben
hast «
    »Ja wir haben Eile« sagte Elisabet »aber auch Du Aurelie konntest «
    »O ich war nicht im Geringsten besser als die Andern  Wenn ich aber eine
zu erwartende Strafpredigt von Dir ohne Unterbrechung anhören soll so muss ich
mir dabei ein Liedchen singen« Und indem sie dies gesagt hatte fing Aurelie
an eine Tyrolienne zu jodeln
    Elisabet antwortete nicht nahm Aureliens Arm und so gingen sie von dem
längst harrenden Diener gefolgt schweigend durch die Straßen Im Hause von
Obrist Treffurt als sie den Diener fortgeschickt hatten sagte Elisabet »Es
ist zu spät geworden als dass wir Beide zu der Blumenmacherin gehen könnten
geh Du nur immer herauf zu Deinen Verwandten hier durch den Garten ist es
nicht weit und ich komme bald zurück«
    Aurelie sah sie erstaunt an »Du willst uns Alle hofmeistern und dies soll
die Strafe sein die Du für mich ausgesonnen hast« sagte sie erbittert »aber
Du bist in meiner Hand sobald ich Alles sage  «
    »Du bist mutwillig aber Du bist nicht hinterlistig   Du wirst mich also
nicht verraten  und wenn Du es tun könntest so scheue ich auch das
Unangenehme nicht was mich allein trifft«
    Elisabet schlüpfte schnell durch den Garten und hatte dann nur wenig
Schritte zu gehen so stand sie in der Klosterstrasse vor dem Hause Nr 18
    Mit klopfendem Herzen trat sie hinein und eilte schnell die breiten hohen
Treppen hinauf Sie hatte sich außer Atem gelaufen und musste ein Wenig
ausruhen als sie in der 2 Etage anlangte An der Türe links die nach dem
Hinterteile des Hauses zu führen schien stand der Name Doctor Talheim
Unwillkührlich lief Elisabet nach der entgegengesetzten Türe und zog hastig
an der Klingel Wenn er jetzt käme dachte sie ängstlich An dieser Türe war
ein großes rotes Schild befestigt worauf mit goldnen stattlichen Buchstaben
zu lesen war »Blumenfabrik von Henriette Krauss«
    Ein Dienstmädchen kam heraus bat Elisabet einzutreten indem sie ihr auch
eine zweite Türe öffnete
    Es war ein großes helles Zimmer ringsum mit Glasschränken in welchen die
von Sammt und Seide und andern kostbaren Stoffen künstlich geschaffenen Blumen
in den mannigfaltigsten Gestalten und Farben prangten Aus einer Nebenstube
schallte helles Gelächter vieler weiblicher Stimmen Es war das Arbeitslocal 
aus ihm trat jetzt die Leiterin dieses Geschäftes Henriette Krauss ein Mädchen
von ungefähr dreißig Jahren eine verblühte Schönheit welche derselben durch
etwas auffälligen dabei nachlässigen Putz nachzuhelfen suchte Ein Kind von
etwa drei Jahren mit einem braunen Lockenköpfchen und wunderbar großen
tiefblauen Augen drängte sich ihr nach
    »Womit kann ich dem Fräulein dienen« fragte Henriette mit verbindlichem
Knix und Elisabet verlangte ein Hutbouquet Während sich nun das Gespräch um
die Wahl dieser Blumen drehte und Elisabet dabei verlegen nachsinnend wie sie
wohl das Gespräch auf Talheim bringen könnte eine Anzahl blauer Blumen in der
Hand hielt sagte das Kind sie groß ansehend
    »Blau gefällt dem Papa am Besten  nicht wahr blau Und ich gehe auch blau«
fügte es auf sein blaues Kleidchen deutend hinzu
    »Geh hinein Annchen« sagte die Verkäuferin »Du sollst nicht immer mit
heraus kommen wenn Damen da sind«
    »Ich habe aber die schönen Damen lieb« versetzte die Kleine
    Elisabet neigte sich zu ihr »Mich auch« fragte sie »Kennst Du mich
denn«
    »Nein« antwortete Annchen kleinlaut und fing an mit der goldnen Kette zu
spielen welche an Elisabeths Halse herabhing Diese fragte
    »Wie heißt Du denn weiter Anna«
    »Es ist das einzige Kind vom Doctor Talheim der mit mir in einer Etage
wohnt« antwortete Henriette für das Kind  »Die arme Mutter ist so krank
überhaupt immer so hässlich gegen das liebe Kind dass ich es seit mehreren Wochen
ganz mit zu mir herüber genommen habe«
    Da war nun auf einmal Elisabet der Erreichung ihres Zweckes so nahe
    »Ist die Doctor Talheim ohne Aussicht auf Rettung krank« fragte sie
    »Es wäre ihr wohl eine baldige Erlösung zu wünschen freilich mehr noch für
Mann und Kind denn sie ist die grilligste Kranke die mir vorgekommen und
dadurch ist die Not aufs Höchste bei ihnen gestiegen  man sieht es dem Doctor
an wie viel er leidet obwohl er es Allen zu verbergen strebt  er ist der
edelste Mann den ich kenne«
    Während die Blumenfabrikantin so sprach spielte das Kind noch immer mit
Elisabeths Fingern unter dem seidenen Handschuh und diese sagte jetzt zu jener
leise »Ich möchte Etwas mit Ihnen allein reden vor Allem darf es das Kind nicht
hören«
    Letzteres war bald entfernt und Elisabet nahm Henriettens Hand und sagte
»Darf ich auf Ihre Verschwiegenheit rechnen Ich bin beauftragt diese
Kleinigkeit an Doctor Talheim gelangen zu lassen  aber ich wusste nicht wie
ich es anfangen sollte um ihn nicht zu beleidigen und zugleich auch zu dessen
Annahme zu vermögen Sagen Sie ihm dass es aus der Hand des Reichtums kommt
die sich am Fröhlichsten öffnet wo sie es für Notleidende kann dass man es für
seine Gattin bestimmt dass es die Dankbarkeit sendet  sagen Sie ihm Alles
wodurch Sie ihn bewegen können es nicht zurückzuweisen aber verschweigen Sie
ihm dass man mich als erste Mittelsperson gewählt hat  wenn Sie mich kennen
sollten  verschweigen Sie überhaupt dass es ein Mädchen Ihnen übergeben hat 
wenn Sie es nicht verschweigen« fuhr sie mit ängstlicher Stimme fort »könnte
es leicht traurige Folgen für die Personen haben welche Talheims beste Freunde
sind « mit diesen Worten gab sie an Henriette ein Kouvert welches eine
Banknote von 50 Talern enthielt und empfing dafür das feierlichste
Versprechen sowohl der pünktlichsten Abgabe als des strengsten Schweigens
    Als Elisabet an der Vorhaustüre welche ihr Henriette öffnete eben den
letzten Knix empfing öffnete sich auch die entgegengesetzte Türe Eine Szene
anderer Art hatte unterdes in dem Zimmer Statt gehabt zu welchem diese Türe
führte
    Es war eben vier Uhr vorüber als Graf Jaromir von Szariny an Talheims
Türe schellte
    Er öffnete selbst
    Sie standen sich gegenüber
    Sie standen sich gegenüber Jaromir dem die Braut Talheim dem die Gattin
untreu geworden  und Braut und Gattin waren eine Person
    »Man hat mich hierher beschieden « sagte Jaromir
    »Es war Amaliens Wille« antwortete Talheim
    »Sind Sie Amaliens Gatte und kamen die Zeilen die ich diesen Morgen
erhielt von Ihrer Hand  Nur dann habe ich das Recht hier zu erscheinen«
    »Ich bin Talheim  Sie werden unser Zusammentreffen hier seltsam finden
aber der Wille einer Sterbenden war mir heilig Sie wartet jetzt auf uns mit
Ungeduld und deshalb muss unsere Unterredung hier kurz sein Es wird später Zeit
sein zu einer nähern Erklärung Amalie meint nicht eher sterben zu können bis
sie Ihre Vergebung für ergangenes Unrecht und Weh erlangt hat  Sie werden sie
ihr nicht verweigern Sie haben sich hier wiedergesehen «
    »Wiedergesehen« fragte Jaromir Talheim unterbrechend »ich habe gar nicht
gewusst dass sie hier ist «
    Talheim sagte mit einem langen Blick auf den Grafen »Sie hat Ihnen eine
Rose mit einem Zettel zugeworfen als Sie unter ihren Fenstern weilten «
    »Unter ihren Fenstern  die Rose kam von Amalien« rief Jaromir immer
verwunderter und bestürzter »Wahrhaftig der Zufall treibt ein närrisch Spiel
mit mir« und ein bittres und schmerzliches Lächeln zuckte dabei um seinen Mund
    Talheim starrte ihn verwundert an  auch um seinen Mund zuckte ein bittres
Lachen  er verstand jetzt Alles der Graf hatte Amalien längst vergessen und
nicht um ihret Willen sah er leidend aus nicht um ihret Willen war er in diese
Stadt gekommen  aus andern zarten Händen hatte er gehofft Rosen und
geschriebene Worte zu empfangen als aus ihren  es war der Selbstbetrug der
Liebe welcher Amaliens Herz und Sinne gefangen genommen So sagte er jetzt sehr
ernst beinah feierlich zu Jaromir
    »Herr Graf Amalie glaubt sich von Ihnen noch geliebt  schonen Sie die
Sterbende ohne sie zu täuschen  vergeben Sie ihr als ein milder mitleidiger
Richter« Er trat jetzt aus dem Vorsaal in dem beide leise diese Unterredung
geführt in das Zimmer in welchem Amalie angekleidet auf dem Bette lag und
sagte zu ihr mild
    »Bist Du stark genug Szariny zu empfangen Er wartet draußen«
    »Ich hörte seine Stimme längst warum lässt Du ihn warten« rief sie
ungeduldig
    Szariny trat ein
    Welch ein Wiedersehen
    Er ein glücklicher lebensfroher und lebensfrischer Jüngling Sie ein
glückliches blühendes Mädchen  beide glücklich allein durch die zärtliche
Liebe in welcher sie für einander schwärmten und glühten  so hatten sie einst
einander verlassen mit den heiligsten Liebesschwüren
    Vier Jahre waren seitdem vergangen
    Jetzt sahen sie sich wieder Sie hatte ihn wieder erkannt denn sie liebte
ihn noch und das liebende Frauenherz findet aus Tausenden den wieder heraus
dem es in Liebe schlägt  und trotz der Macht der Jahre jedes äußeren
Einflusses den Gemütsbewegungen und Leidenschaften äußere und innere Leiden
ja selbst Lebensverhältnisse und Tracht auf eine Menschengestalt und ein Antlitz
ausüben So hatte sie ihn erkannt Aber hätte man ihm nicht gesagt diese
bleiche Kranke sei Amalie  er hätte es nimmer geglaubt
    Vielleicht hatten die innern steten Kämpfe Amaliens  dieses stete Ringen
in einem zuckenden Herzen das es sich selbst nicht einmal wissen lassen will
wie es stündlich kämpft  dieses Ringen das vielleicht nur die Frau mit seinen
ganzen grässlichen Qualen ganz verstehen kann welche selbst an einen Mann
gefesselt ist den sie hochachten muss aber für den ihr Herz sich vergebens
bemüht Liebe zu empfinden  vielleicht hatte dieses Ringen Amalien schon vor
ihrer Krankheit verändert Es hatte ihr inneres Leben verbittert  und dieses
Verbittertsein prägte sich deutlich auf ihrem Gesicht aus ihr Charakter war
heftig und herrisch geworden und dadurch dass sie für Alles was sie im Stillen
litt Niemand und nichts Anders verklagen konnte als sich selbst so nagte das
Bewusstsein nur selbst verschuldetes Weh zu tragen und zwar durch Leichtsinn
und Unrecht verschuldetes nur um so zehrender an ihrem Innern  Und weder dies
Bewusstsein noch die Reue die sie verbergen musste war geeignet sie ergeben
und friedlich zu machen  sondern sie ward dadurch nur immer heftiger  und so
war auch aus ihrem Antlitz längst jede Spur von Milde und Friede gewichen  ein
unheimliches Etwas das immer Unzufriedenheit und Unbehagen ausdrückte war an
dessen Stelle getreten Anderen Frauen verleiht die Mutterwürde und das
Mutterglück einen neuen oft einen heiligen Zauber auch dem Äußeren besonders
dem Ausdruck der Züge  bei Amalien war das nicht so Sie liebte ihr Kind nicht
denn es war das Kind eines ungeliebten Gatten und da sie allein sich seiner
mühsamen Pflege hatte unterziehen müssen oft kämpfen mit täglichen
Entbehrungen und manches Opfer bringen musste so erschien es ihr oft eher eine
Last als ein Glück  Mutter zu sein Sie fühlte sich einmal nicht glücklich und
so ward Alles was in andern Fällen geeignet ist das Glück zu erhöhen für die
einmal Unzufriedene eine neue Quelle zur neuen Unzufriedenheit Durch all
dieses hatte ihr Gesicht schon längst jeden Ausdruck von Milde und Lieblichkeit
verloren Nun hatte die Krankheit ihre Wangen bleich und hohl gemacht ihre
Augen waren matt geworden und hatten ihren früher schönen Glanz verloren ihren
bleichen Lippen konnte man es nicht ansehen wie glühend sie einst geküsst
hatten und so glich ihre ganze Erscheinung einer verwelkten Blume
    Jaromir stand erschüttert vor ihr Es war eine lange peinliche Pause
    Jaromir als er so das Weib seiner heiligen ersten Liebe vor sich sah
hielt den Anblick kaum aus Er drückte die eine Hand vor die Augen und ihm war
als sehe er so seine eigene Jugend selbst vor sich verwelkt und vergiftet und
langsam dahinsterbend  diesem Weibe hatte er seine Jugend gegeben und wie ein
Gespenst das keine Ruhe finden kann stand sie jetzt vor seiner Seele  wie ein
schöner Traum den er nur ein Mal geträumt nicht wieder träumen kann und der
ihn doch immer mit Erinnerungen quält Er konnte sich nicht fassen er stand
regungslos da und war keines Wortes mächtig
    Talheim hatte das Zimmer verlassen
    »Nun Jaromir« flüsterte endlich Amalie »Du bist gekommen aber Du hast
kein Wort für mich«
    »Es liegt Viel zwischen dem Heut und unserer letzten Zusammenkunft« sagte
er »aber auch eine lange Zeit ist seitdem verflossen und wir könnten einander
jetzt ruhig gegenüberstehen wenn der Zufall uns anders zusammengeführt hätte
als heute und hier«
    »Als durch meinen Gatten meinst Du  Jaromir kannst Du mir vergeben wenn
ich Dir sage was ich um Dich gelitten«
    »Sei ruhig« sagte er »ich habe Dir längst vergeben  Warum überhaupt
diese Erinnerungen wecken an Schmerzen die ja nun überwunden an Kämpfe die
nun ausgekämpft sind  «
    »Ja ausgekämpft wenn das Leben aus ist  bei mir nicht eher  Jaromir 
ich habe es wohl gesehen wie Du verlangend nach meinen Fenstern spähtest bis
ich Dir die Rose sandte  ich sah wie ich Dir noch teuer war und deshalb
dachte ich wir müssten uns noch ein Mal in diesem Leben wiedersehen«
    Es war ihm peinlich  aber er nahm ihr ihren süßen Wahn nicht  Talheim
hatte ihn ja selbst gebeten ihn zu schonen
    Eine Träne trat in seine Augen er nahm ihre Hand und die Träne fiel
darauf
    Amalie zuckte zusammen die innere Aufregung rief einen heftigen Anfall
ihrer Körperschmerzen herbei Talheim eilte sogleich in das Zimmer und an ihr
Lager Es war ein heftiger Krampfanfall der sie in Zuckungen hin und her warf
 »Ich sterbe« stöhnte sie dazwischen »Vergebt mir Beide«
    »Beide« riefen Talheim und Jaromir feierlich zugleich
    »Ich danke Dir« sagte sie zu Jaromir  »Seid Beide glücklich ich segne
Euch  jetzt sterb ich schön und in Frieden«
    Ihre Augen schlossen sich und so sank sie in die Kissen zurück Aber der
Tod kam noch nicht
    Es war nur eine Ohnmacht welche auf diese Krämpfe folgte und dann ein
sanfter stiller Schlaf
    »Mag sie es für einen Traum nehmen« sagte Jaromir »ich will sie verlassen
damit sie aufwachend mich nicht wiederfinde und aufs Neue sich aufrege 
Doctor Talheim  ich danke für Ihr Vertrauen  Amalie war meine erste Liebe 
aber ich habe ihr entsagt von da an wo sie freiwillig sich von mir wandte  für
mich war sie nun längst gestorben  und wie auch jetzt ihre Krankheit sich
gestalte und welchen Ausgang sie nehme  für mich ist Amalie keine Lebende
mehr so hab ich sie immer betrachtet wenn ich jetzt einmal träumend meiner
Jugend und ihrer gedachte  und so wird es immer bleiben«
    »Herr Graf« versetzte Talheim »nur der sehnliche Wunsch einer Sterbenden
konnte meine Aufforderung an Sie und diese Szene entschuldigen und heiligen  es
ist in Ihrer Macht mich und Amalien dem allgemeinen Spott preiszugeben  aber
ich denke besser von Ihnen«
    »Das hoff ich zu verdienen Sie werden nie Ursache haben es zu bereuen
mir gegenüber der Stimme des Gefühls gefolgt zu sein Ob und wie wir uns auch
wieder im Leben begegnen wir werden es mit dem Bewusstsein können einander
vertrauen zu dürfen«
    So schieden sie von einander
    Als Talheim die Vorsaaltüre geöffnet hatte bot ihm Jaromir noch die Hand
die jener schweigend drückte
    Dies war der Augenblick in welchem Elisabet aus der entgegengesetzten
Türe trat welche zu der Blumenfabrikantin führte
    Talheim trat zurück und schloss die Türe ohne sie bemerkt zu haben Aber
sie hatte ihn und den Händedruck gesehen mit dem er von dem Grafen schied und
war deshalb unwillkürlich einen Augenblick auf ihrem Platze stehen geblieben
    Jetzt begegnete ihr Auge dem des Grafen  sein Blick auf sie ward immer
schwärmerischer leuchtender  sie senkte schnell ihre Augenlider und eilte die
Treppe hinab Sein Weg führte ja auch hinunter aber er folgte ihr nur langsam
    Für Amalien hatte er Nichts mehr empfinden können als Mitleid  er empfand
jetzt dasselbe beinahe für sich selbst Ihr Leben schien vergiftet und elend
geworden zu sein von dem Augenblick an wo sie das Liebesverhältniss zu ihm
aufgelöst hatte und so war es ihm selbst auch ergangen Von jenem Augenblick
an hatte für immer seine glückliche Jugend mit all ihren glücklichen
Zukunftsträumen geendet  er war ein anderer Mensch geworden Er dachte jetzt an
dieses Jugendglück  Da fiel sein Blick auf Elisabet   auf diese schlanke
weissgekleidete Gestalt mit den schwärmenden Augen der stolzen Stirn und den
ernsten fest aneinander geschlossenen Lippen diese ganze Erscheinung um
welche der Zauber der heiligsten Jungfräulichkeit schwebte einer schönen
Unschuld welche doch nicht mehr die eines spielenden Kindes war  es war eine
Unschuld die Würde und Grazie zugleich hatte und von hohem Ernst zeigte neben
dem Ausdruck unentweihten Engelfriedens
    Jaromir fühlte in diesem Augenblick ein neues Gefühl in seinem Herzen das
er aber nicht einmal zu fragen vermochte woher kommst Du mir
    Als er so hinter ihr in ihrem Anblick verloren langsam die Treppe
herabschritt trat die Schauspielerin Bella aus dem Garten am Arme eines
geschwätzigen Leutnants
    »Sie suchten mich in meinem Zimmer lieber Graf« sagte Bella zu Jaromir
»Vermutlich um Ihr unartiges Billet von diesem Morgen wieder zurückzufordern
oder wenigstens dessen Ausdrücke zu corrigiren Nun  kommen Sie als reuiger
Sünder wer weiß ob nicht Vergebung für Sie zu hoffen ist  ich bin gerade in
gnädiger Laune«
    Bella hätte zu jeder andern Stunde eher Jaromir begegnen und ihn wieder zu
ihrem Sklaven machen können  aber nur jetzt nicht
    Der Kontrast der Stimmungen und der Erscheinungen war zu groß  er fühlte
plötzlich einen heftigen Widerwillen gegen Bella und alle Höflichkeit sogar
alle gewöhnlichen Rücksichten vergessend antwortete er heftig
    »Es tut mir leid dass ich in meiner jetzigen Stimmung unfähig bin Ihr
Gesellschafter zu sein« und eilte mit flüchtigem Gruß an ihr vorüber
    Elisabet war eben zur Haustüre herausgegangen Bella hatte sie vorher auch
begegnet und war von der idealischen Schönheit des Mädchens überrascht gewesen
 Wer ist diese junge Fremde fragte sie sich jetzt mit welcher Szariny es
wagt sich in demselben Haus ein rendezvous zu geben welches ich bewohne und
mit der er es zugleich verlässt Dass sie den höchsten Ständen angehört sah man
auf den ersten Blick  Und trotz dieser stolzen Haltung und diesem hochmütigen
Ausdruck im Gesicht wagt sie es um des Grafen willen die Etiquette zu
verletzen  Ja Szariny ist ein Zauberer  Und indem Bella dies dachte fühlte
sie heute mehr als jemals welche Macht Jaromir über Frauenherzen besitzen
müsse da das ihre das er so eben schwer verletzt gerade heute glühender als
jemals für ihn schlug
 
                               V Eine Genesende
 »Du aber Mensch dem Gott die Mittel gab
 Das Elend Deines Bruders zu vermindern 
 Du legtest ihm zu seiner Not die Qual
 Der Täuschung noch und des Verlassenseins «
                                                                      H Riedel
Der Tag wo Jaromir und Amalie einander wiedersahen war für den Zustand dieser
ein entscheidender gewesen Eine große Krisis war in ihrer Krankheit
eingetreten Von diesem Tage an besserte es sich mit ihr
    Ihr Arzt erklärte bald dass jede Gefahr für sie vorüber sei Schon hatte sie
wieder Kraft das Lager zu verlassen
    Unterdes waren die Sorgen in Talheims Familie aufs Höchste gestiegen
Henriette Krauss hatte ihm zwar Elisabets Geld gegeben aber da sie hartnäckig
den Namen der Person verschwieg von der sie es empfangen und da sie es an
demselben Tag erhalten an welchem Jaromir bei Talheim gewesen war so glaubte
dieser nicht anders als die Gabe komme von dem Grafen Von ihm aber eine Gabe
anzunehmen vermochte er nicht weder sein Stolz noch sein Ehrgefühl duldeten es
 er siegelte die Banknote ein und ohne ein Wort hinzuzufügen adressirte er
sie an den Grafen Dieser ließ durch öffentliche Blätter bekannt machen dass er
durch einen Irrtum eine Banknote von funfzig Talern zugeschickt erhalten und
forderte zu einer Erklärung darüber auf Die Erklärung blieb aus er gab später
eine gleiche Summe an die Armencasse der Stadt
    Talheim versah wieder pünktlich sein Lehramt am Institut Aber wie
verändert fanden ihn die Pensionärinnen als er wieder in ihrer Mitte erschien
Die stille edle Heiterkeit welche sonst oft über sein ganzes Wesen gehaucht
war und den hohen Ernst seines Antlitzes milderte war spurlos davon
verschwunden Gram und Sorgen schienen immer tiefere Furchen in seine Stirn zu
graben Er brachte keine Freudigkeit mehr mit zu seinem Geschäft denn alle
Freudigkeit seines Herzens war verschwunden Amalie hatte ihm gestanden dass sie
ihn hintergangen dass sie ihn nie geliebt hatte Der letzte Sonnenblick war mit
dem kalten Wettersturm dieses einzigen Wortes für immer aus seinem ehelichen
Leben verschwunden diese ganze Ehe war für ihn selbst zu einer entsetzlichen
Lüge geworden und wie sollte er eine solche Lüge ruhig ertragen dessen ganzes
Reden und Handeln Wahrheit war  Amalie war stiller in sich gekehrter sie
behandelte den Gatten mit mehr Zartgefühl und Sanftmut als früher  aber das
verhängnisvolle Wort war doch gesprochen worden es konnte nicht wieder
zurückgenommen werden Talheims Milde gegen sie war unveränderlich wie früher
 aber er näherte sich ihr mit keinem zärtlichen Wort keinem innigen Blick
mehr er schlang nie mehr wie sonst seinen Arm um sie er drückte keinen Kuss
mehr auf ihre Lippen Von Jaromir von jener Stunde war zwischen ihnen niemals
mehr die Rede und doch stand die Erinnerung an sie immer lebendig vor Beiden
und also auch immer zwischen Beiden
    Talheims Entschluss war gefasst Er hatte ihn lange geprüft und erwogen nun
stand er unerschütterlich fest  Freiherr von Waldow und Graf Osten suchten für
ihre beiden Söhne einen Lehrer welcher dieselben zugleich als Mentor auf Reisen
begleiten könne Er hatte sich dazu gemeldet und war mit Freuden angenommen
worden Der Gehalt den man ihm zusicherte war bedeutender als sein
bisheriger
    Er hatte diesen Schritt getan weil er fühlte er könne nicht mehr an der
Seite seiner Gattin leben er musste fort von ihr andere Luft andere Menschen
um sich haben
    Er liebte seine Gattin  auch noch jetzt wo er wusste dass dieses Gefühl nie
eine ähnliche Erwiderung gefunden Ihre Fehler und Schwächen die er nicht zu
verkennen vermogt hatte nahm er nicht für individuelle er entschuldigte sie
mit der Schwäche des ganzen weiblichen Geschlechtes Amalie war sein nach Recht
und Gesetz nach dem Ausspruch und Segen der Kirche sein durch jahrelange
Gewohnheit des innigsten Miteinanderlebens und er liebte sie als sein trautes
Weib  aber von jenem Augenblicke an als sie ihm die ganze Wahrheit ihrer
Gefühle gestanden hatte ward dieses Verhältnis für ihn zu einer ungeheueren Lüge
 er konnte sie nicht mehr vor Gott als die Seine betrachten und dass er es noch
vor den Menschen musste war ihm peinlich Deshalb suchte er eine Stelle welche
ihm Gelegenheit bot sich von ihr zu trennen ohne dass deshalb ihre Umgebung ihr
ganzes Verhältnis durchschauen konnte
    Auch ihn hatten Sorgen und Arbeit kränklich gemacht der Arzt riet zu einer
Reise Talheim hatte dazu keine Mittel wenn er nicht diese Reise selbst mit
seinem Beruf als Lehrer oder mit irgend einem Amt verbinden konnte  er ergriff
also die Gelegenheit die jungen vornehmen Leute zu begleiten und kehrte dann
neugestärkt zu seiner Gattin zurück Von diesem Standpunkt aus konnte seine
Umgebung die Veränderung seiner Verhältnisse betrachten obwohl nebenbei auch
nicht gehindert werden konnte dass andere Gerüchte darüber im Publikum umliefen
    Während er nun noch daheim weilte und Amalie welche wieder kräftig genug
war in den Zimmern umherzugehen der neben ihr wohnenden Blumenfabrikantin den
ersten Besuch gemacht hatte und bei dieser unverholen klagte über die tägliche
häusliche Not kam die Sängerin Bella auch herab um für sich selbst einen
Blumenschmuck auszuwählen
    Henriette Krauss war geschwätzig und gutmütig zugleich und erzählte Bella
im Nebenzimmer wie krank Amalie gewesen und in welche Not sie dadurch
gekommen und bat zugleich um eine Unterstützung für sie Bella war leicht
gerührt und immer überaus wohltätig sobald ihr dies keine große Mühe machte
Ihre Wohltaten erteilte sie immer auf eine einfache vertrauliche und deshalb
ungewöhnliche Weise Sie schrieb einfach an Amalie
    »Die Glücksgüter auf der Erde sind ungleich verteilt Indem ich mir einen
Abend das Vergnügen mache öffentlich zu singen verdiene ich zuweilen Hunderte
 Andere vermögen dies bei angestrengter Arbeit in Jahren nicht Ich halte es
also für meine Pflicht wenigstens im Kleinen für eine Ausgleichung dieser
Ungleichheiten zu sorgen und da ich gehört habe dass Sie minder glücklich sind
als ich bitte ich die beifolgende Kleinigkeit von meinem Überfluss anzunehmen
Lassen Sie aber von dem was zwei Frauen unter sich ausmachen keinen Mann etwas
wissen der männliche Stolz hat für mich oft etwas Beleidigendes Wenn Sie mein
Anerbieten nicht annehmen kommt es in minder gute Hände und das sollte mir
leid tun Bella«
    Mit diesen aufrichtigen Worten erhielt Amalie am andern Tag eine kleine
Summe in Geld welche durch die ungezwungene Art mit der sie geboten ward ihr
doppelt willkommen war Sie erfüllte den Wunsch der Geberin sprach mit ihrem
Gatten nicht darüber und befriedigte davon einige Bedürfnisse deren
Notwendigkeit dem Männerauge entgangen war
    Nach einigen Tagen als sie auch die Treppen allein zu gehen wagen konnte
ging sie zu Bella um derselben ihren Dank zu sagen
    Die Kammerfrau öffnete sogleich die Türe welche in das Zimmer der Sängerin
führte
    Amalie trat ein
    Sie warf einen Blick im Zimmer einher und sank an der Schwelle mit einem
Schrei bewusstlos in sich selbst zusammen
    Amalie hatte auf dem Sopha neben Bella Jaromir gesehen
    Nur einen Blick hat die unglückliche Frau hingeworfen er hatte ihr gezeigt
wie schön und lebendig Bella war  wie geschmackvoll und prächtig Alles was sie
umgab mit welchem feurigen Blick sie zu Jaromir aufsah wie vertraulich ihre
kleine weiße Hand auf seinem Arm ruhte Mir diesem einen Blick sah Amalie wie
Jaromir es gewohnt sein müsse diesen Platz einzunehmen  wie heiter er eben
jetzt gescherzt haben mochte  sie liebten einander und waren glücklich und
heiter  vielleicht waren sie verlobt  es war nur ein Moment in dem Amalie
dies Alles dachte und in demselben Moment vergingen ihr die Sinne
    »Mein Gott die arme Frau ist gewiss noch kränker als sie denkt« rief
Bella indem sie aufstehend die Klingel zog und die Hingesunkene aufhob
    »Kennen Sie diese Frau« sagte Jaromir der auch aufgesprungen war und mit
unruhigen Blicken zu Amalien hinstarrte
    »Sie wohnt mit in diesem Hause« sagte Bella unbefangen »es ist die Frau
des Doctor Talheim mit dem Sie neulich das geheime Geschäft abzumachen hatten
wodurch Sie so verstimmt und deshalb so unhöflich geworden waren Ach ich weiß
es noch recht gut« Sie drohte dabei lächelnd mit dem Finger und fuhr dann
weiter fort »Sie kommt das erste Mal zu mir vielleicht ist es ihr erster Gang
die Treppe herauf und das wird sie zu sehr angegriffen haben«
    Jaromir verstand die Ursache von Amaliens Zustand besser er schwieg jetzt
und griff nach seinem Hut während eine eingetretene Kammerfrau sich um die
Ohnmächtige beschäftigte
    »Warum wollen Sie nun plötzlich fort« fragte Bella
    »Es ist besser ich gehe jetzt fragen Sie weiter nicht« antwortete Jaromir
in einem sanften Tone aber mit jenem eigentümlichen entschiedenen Ausdruck der
Stimme welcher keinen Widerspruch gestattet Er warf noch einen Blick zurück
auf Amalie und ging
    Dieser Blick brachte sie wieder zum Bewusstsein Sie schlug in demselben
Moment die Augen auf als er die seinen eben wegwandte und hastig das Zimmer
verließ
    »Er geht« flüsterte sie leise dann suchte sie sich zu fassen und stand
auf
    »Ist Ihnen schon besser« fragte Bella indem sie sich wieder nach ihr
umgewandt hatte
    »Ich bitte um Vergebung dass ich gestört habe  man wiess mich sogleich in
dieses Zimmer es war nicht meine Schuld dass ich eintrat  ich wusste nicht dass
ich noch so schwach war«
    Amalie sagte dies mit zitternder Stimme aber nicht ohne leise Bitterkeit
welche der Sängerin nicht entging Sie konnte aber eher dazu jeden anderen Grund
vermuten als den wahren denn wie hätte sie je glauben können dass Jaromir um
dessen freundliches Lächeln sich so manches schöne Weib umsonst bemühte er der
in den höchsten Zirkeln lebend schon von Manchem angewidert ward was dem
anmutigsten und wenn man so sagen will ästetischsten Luxus nicht genügte
dass er der Alles besaß was ein Leben beneidenswert machen kann Reichtum und
Standesvorteil Ruf und Ruhm Jugend und Schönheit  in irgend einem Verhältnis
stände zu einer armen beinah hässlichen Frau welche jetzt Krankheit und Elend
fast zehn Jahre älter erscheinen ließ als sie wirklich war  Bella nahm
Amaliens Ohnmacht für ein wahres Zeichen einer noch nicht gehobenen Krankheit
und den bitteren Ton ihrer Stimme schob sie auf Rechnung eines kleinbürgerlichen
philiströsen Sinnes welcher es unschicklich finde eine Dame an der Seite eines
schönen Mannes allein zu treffen  und ob zwar sich Bella gestehen musste dass
durch Jaromirs plötzliches Entfernen es wirklich scheinen konnte als hätte sie
Ursache gehabt sich nicht gern in seiner Nähe überrascht gesehen zu haben so
verdross sie es doch dass Amalie welche gewiss kam um ihr zu danken ganz im
Gegenteil davon sie mit einer Art von Vorwurf begrüßte
    Bella geriet dadurch selbst unwillkürlich in eine bittere Stimmung gegen
Amalien welche sie gegen diese weniger freundlich erscheinen ließ als sie
außerdem gewesen sein würde
    Amalie begann wieder »Ich kam nur um Ihnen zu danken «
    »Lassen Sie das« fiel ihr Bella ins Wort und wollte noch Etwas beifügen
als zum Glück für die ziemlich peinliche Stellung in welcher sich beide Frauen
einander gegenüber befanden Baron von Füssly gemeldet ward und auch sogleich
eintrat
    Amalie bat um Erlaubnis sich entfernen zu dürfen um sich von der gehabten
Ohnmacht auf ihrem Lager zu erholen
    Bellas Kammerfrau begleitete sie die Treppe hinab
    »Sagen Sie mir doch« begann Amalie mit vertraulichem Tone obwohl dabei
ihre Stimme merklich zitterte »kommt der Graf oft zu Ihrer Dame«
    »Meinen Sie den Grafen Szariny oder den Herrn welcher eben jetzt kam Sie
wohnen mit uns in einem Haus und sollten nicht wissen was die ganze Stadt
weiß« gegenfragte die Kammerfrau
    »Mein Gott so ist es wohl ihr Verlobter  Den Graf Szariny mein ich«
sagte Amalie immer aufgeregter
    Die Antworten der Kammerfrau blieben unbefangen »Nun das geht doch wohl
nicht so schnell  eh sich eine so gefeierte Sängerin wie meine Herrschaft zu
einer Heirat entschließt kann schon manches Jahr vergehen und ein eben so
gefeierter als reicher Graf wie dieser findet es auch bequemer den Liebhaber
zu spielen als den Ehemann Die Sache ist einfach die dass er schon in Berlin
meiner Dame ihr größter Günstling war und dass er ihr hierher nachgereist ist
um es wieder zu sein  Natürlich ist meine Dame durch diesen Beweis von
Anhänglichkeit sehr gerührt denn sie weiß recht gut dass es dem Grafen an
Eroberungen weiblicher Schönheiten weder jemals gefehlt hat noch fehlen kann
da er neben allen seinen bestechenden Eigenschaften zugleich eine sehr glänzende
Partie ist  daher kommt es denn dass sie sich von ihm sogar manche unhöfliche
Sonderbarkeit gefallen lässt die sie niemals einem andern Mann nachsehen wird 
 Aber es scheint als würde Ihnen wieder unwohl Sie zittern ja so halten Sie
sich fester an mich damit Sie nicht etwa auf der Treppe hinsinken«
    Amalie zitterte allerdings heftig  sie dachte aber immer noch sie habe
nicht recht gehört es sei vielleicht doch noch ein Irrtum möglich und fragte
wieder
    »Sie nannten den Grafen reich  ich habe geglaubt er sei sehr arm  er habe
in Polen Alles verloren«
    »Sie scheinen sehr über den Grafen unterrichtet  Haben Sie ihn gekannt«
    »Nein nein  Aber man hört doch was die Leute reden«
    »Er hat sein Vermögen wieder jetzt ist es gewiss dass er sehr reich ist 
aber ich habe ihn manchmal darüber scherzen hören wie elend er früher gelebt 
dadurch ist er den Leuten nur noch interessanter geworden«
    »Leben Sie wohl« sagte jetzt Amalie schnell indem sie vor ihrer Türe
stand und deren Schloss hastig erfasste wie um sich daran zu stützen »ich danke
für Ihre Begleitung«
    Sie öffnete schnell ging hinein verschloss die Türe wieder hinter sich
und warf sich mit einem lauten Schrei und krampfhaften Zucken auf ihr Bett
    Sie war allein
    Erst fühlte sie gar Nichts
    Dann kam sie nach und nach zum Gefühl zum Gefühl eines einzigen
riesenhaften Schmerzes
    Dann dachte sie über diesen Schmerz über sein Entstehen seine Ursachen
über Alles was sie soeben erlebt über Alles was sie soeben gehört hatte
    Es schien ihr Alles plötzlich klar geworden Jaromir hatte sie vergessen 
er war reich geworden er lebte in einer andern in der großen Welt er dachte
ihrer nicht mehr er verachtete sie vielleicht jetzt und priess das Schicksal
und ihre Untreue die ihn vor einer Mesalliance bewahrt hatten Er liebte Bella
jetzt wie einst sie und war um Bellas willen hierher gekommen um Bellas
willen an diesem Hause vorübergegangen  und sie hatte geglaubt es sei das
unerloschene Feuer der Liebe für sie selbst was ihn dazu treibe sie hatte ihm
die Blumen zugeworfen und wer weiß wie er sich darüber lustig gemacht hatte 
sie hatte ihn zu sich beschieden und er war gekommen aus Mitleid gekommen 
nur aus Mitleid wo sie an Sehnsucht gedacht hatte Vielleicht war er von ihrem
Sterbebette in Bellas Arme geeilt und hatte ihr die Szene die sie sich so
erhaben gedacht hatte als eine Lächerlichkeit erzählt  hatte ihre Armut
gesehen und das Geld was Amalie durch Bella empfing war gewiss aus seinen
Händen gekommen er hatte vielleicht diesen Weg gewählt um sich so nicht
verraten und die Gabe abgewiesen zu sehen  und deshalb hatte sie Bella in
ihrem Billet gebeten es dem Gatten zu verheimlichen  wie sie bei diesen
Gedanken ankam verhüllte sie ihr Gesicht und schrie auf
    »Es gibt keinen größeren Fluch als die Armut«
    Sie hätte so gern das Geld zurückgegeben das sie nun so drückte und so
beschämte und so demütigte  aber sie war es nicht mehr im Stande sie besaß es
nicht mehr sie hatte es ausgegeben Und wo war die Möglichkeit bald im Besitz
einer gleichen Summe zu kommen
    »Die Armut darf ja keinen Stolz und keine Scham haben« sagte sie stöhnend
zu sich »was bei den Reichen Tugend und Recht ist ist bei den Armen Verbrechen
und Unrecht«
    Von diesem einen Augenblick an war ihre Liebe zu Jaromir in Hass umgewandelt
    Sie war es zufrieden ja sie war froh darüber dass sich Talheim von ihr
trennen wollte Für sie sorgen würde er das wusste sie  seine Gegenwart aber
seine Nähe vermochte sie wie nun sich Alles vor ihren Blicken enthüllt hatte
noch weniger ohne Scham zu ertragen als selbst damals wo sie ihm das
Geständnis gemacht hatte ihn nicht zu lieben Denn wie sich jetzt Amalie in
ihren eignen Augen gedemütigt fühlte so fühlte sie sich es noch um so mehr
ihrem Gatten gegenüber Konnte er es nicht schon vielleicht längst wissen dass
Szariny Bellas Geliebter sei dass er niemals mehr der einstigen Braut gedacht
habe welche ihm die Treue gebrochen  Amalie fühlte dass das was ihr ihre
heiligsten Gefühle geboten hatten  ohne dass sie selbst es geahnt sie zu einer
Lächerlichkeit geführt hatte  und man weiß wie eher ein Unrecht Vergebung
findet als eine Lächerlichkeit darum konnte Amalie jetzt um dieser willen am
Meisten mit sich zerfallen Von einer zu bereuenden Tat sich wieder zu erheben
würde sie Kraft gefunden haben  aber von einer Handlung welche sie nicht als
eine unbesonnen Fehlende sondern als eine eitle Törin erscheinen ließ
vermochte sie nicht ihre niedergeworfenen Gefühle wieder aufzurichten  Sie
fühlte das Alles schon in dieser ersten Minute der bitteren Enttäuschung und wie
um ihrem Groll nur in Etwas Luft zu geben öffnete sie hastig eine Kommode nahm
aus derselben ein kleines verschlossenes Kästchen öffnete auch dieses welches
Briefe und verwelkte Blumen enthielt Es waren Liebespfänder von Jaromir Sie
nahm sie heraus öffnete die kleine Türe des Ofens und warf die Blumen da
hinein Auch die Briefe wollte sie folgen lassen Plötzlich aber zog sie die
Hand wieder zurück tat die Briefe wieder in das Kästchen und murmelte für
sich
    »Liebespfänder können ja auch zu Rachepfändern werden  ich werde sie
sorgfältig bewahren wie sonst«
 
                                 VI Trennungen
 »Und ich sahs und habe sinnend
 An das Einst und Jetzt gedacht
 An ein Leben das beginnend
 Und ein Leben das vollbracht «
                                                                 Eduard Mautner
Elisabet und Pauline waren die Wohltäterinnen des kleinen Mädchens geworden
welches bei jener Gartenscene wo es nach Mamsell Paulinchen gefragt hatte so
arg von den Pensionärinnen verhöhnt worden war Durch diese mein schaftliche
Handlung hatten sich jene Beiden einander sehr genähert und einander
liebgewonnen indem sie sich gegenseitig was unter Mädchen so zarten Alters
allerdings selten ist mehr Achtung abnötigten als sich gerade Vertrauen
zollten Die arme Christiane so hieß das Mädchen welches Paulinens Schützling
war und in Talheims Dienst stand hatte zuweilen ein Wort über dessen
häusliches Unglück fallen lassen welches Elisabet aufs Schmerzlichste
erschütterte »Ach« sagte sie dann wohl zu Paulinen »hast Du es gesehen um
wie viel ernster und bleicher er jetzt geworden ist  So tief kann Armut
allein einen solchen großen Menschen nicht beugen eher eher kann dies
vielleicht  unglückliche Liebe«
    »Kennst Du die Macht der Liebe« sagte Pauline »Mir klingt das Wort wie aus
einem Mährchenlande darin es wunderbare Formeln gibt die man wohl niemals zu
lösen vermag ja welche vielleicht nicht einmal eine Lösung haben  aber die
Macht der Armut der bin ich schon hundertfach im Leben begegnet  ich glaube
das ist eine furchtbare Gewalt welche aus guten Menschen Verbrecher machen
kann aus sanften Charakteren wütende und erbitterte eine Macht welche auch
die größten Geister so herabdrücken kann dass sie ganz und gar von dem Staube
der sie wider ihren Willen herabzieht und seine Rechte fordert bedeckt und
überwältigt werden«
    Es war im Garten wo die beiden Mädchen so allein in einer Laube sprachen 
sie bemerkten nicht wie Talheim während Paulinens Rede sich ihnen genähert
hatte noch verbargen ihn grüne Ranken halb  auch hatten die Mädchen ihre Augen
auf den Boden geheftet und sahen Beide sinnend nieder Elisabet drückte
Paulinens Hand indem sie sagte
    »Vielleicht hast Du Recht  was ich Liebe nenne muss immer nur erheben
können ja beseligen allein durch sich selbst  aber die Armut muss
niederdrücken ja vielleicht gar vernichten«
    »Aber es ist auch ein Segen darin für die Andern« begann Pauline »Siehst
Du wen Liebe unglücklich macht den muss man es schon sein lassen  aber wer
durch Armut unglücklich ist dem kann man helfen  darum freue ich mich darauf
wenn ich in das Vaterhaus komme ich werde dort wohl den Armen denen mein Vater
Arbeit und Brod gibt noch manche Wohltat erzeigen können Wenigstens soll
dies mein Streben sein  es wird dort in der friedlichen Einsamkeit mein Glück
ausmachen Die Gefährtinnen hier haben oft gesagt dass ich mit ihnen Nichts
gemein habe dass ich zu den Niedriggeborenen gehöre  so will ich es beweisen
dass es mein Stolz sein soll eine Schwester dieser Armen zu sein«
    Talheim hatte mit einem schmerzlichen Lächeln diese naiven Worte eines
unschuldigen Kindes angehört welches es sich so leicht dachte Elend zu lindern
 aber um so mehr rührte ihn diese edle kindliche Gesinnung und indem er jetzt
vortrat sagte er
    »Pauline  versprechen Sie es in die Hand Ihres Lehrers niemals diesem
edlen Vorsatz untreu zu werden  versprechen Sie es mir wenn nicht die
Schwester doch die Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein und niemals
die schönen Regungen des Mitgefühls dadurch ersticken zu lassen weil Sie
vielleicht gewaltsam daran gewöhnt werden das Elend um sich zu sehen weil Sie
vielleicht eines Tages sich sagen werden was ich tun kann um die Not zu
verringern ist nur ein Tropfen den ich hinwegschöpfe von der Flut des
Unglücks die Alles überschwemmt     versprechen Sie mir das in dieser
Stunde wo ich Sie vielleicht zum letzten Male sehe«
    »Gewiss ich verspreche es« sagte Pauline gefühlvoll indem sie ihre Hand in
die seinige legte die er ihr bot
    Aber Elisabet blieb regungslos sitzen und sah ihn starr an keines Wortes
fähig
    Er fühlte diesen Blick verstand was er fragte und sagte erklärend »Ja
ich komme um Abschied zu nehmen Man hat mich aufgefordert ein paar junge
Leute auf Reisen zu begleiten  ich fand es unnötig vorher davon zu sprechen 
ich habe den Stellvertreter gefunden der mich bei Ihnen ersetzt und bin nun im
Begriff in wenig Tagen abzureisen«
    Elisabet war todtenblass geworden  sie senkte ihre Augen nieder öffnete
ihre Lippen als ob sie sprechen wollte brachte aber kein Wort heraus
    »Auch für Sie« sagte er indem er sich zu Elisabet ewandte »habe ich ein
letztes Wort Sie werden dem Lehrer eine aufrichtige Mahnung gestatten 
besonders jetzt wo wir ohne fremde Zeugen sind und wo ich von ihnen scheide
wo Sie bald meiner nur vielleicht wie eines ernsten Traumbildes gedenken
werden«
    Sie winkte ihm mit einem flehenden Blick zu reden aber selbst vermochte sie
Nichts zu sagen Ihr Herz schlug laut und stürmisch ihre Züge versuchten
umsonst die leisen Schauer welche über Stirn und Wangen glitten durch den
Ausdruck der Ruhe zu verscheuchen
    »Meine erste Bitte« sagte Talheim »ist an Beide Versprechen Sie mir
einander Freundinnen zu bleiben  Ich war überrascht aber erfreut als ich
diesen Bund entstehen sah  versprechen Sie mir ihn niemals zu lösen Sie
Pauline bedürfen es an ein starkes mutiges Herz sich zu schließen und Sie
Elisabet bedürfen eine sanfte und milde Seele um sich ausruhend an sie zu
schmiegen  darum müssen Sie beisammen bleiben«
    Elisabet umarmte Paulinen und Beide sagten »Wir geloben Alles«  »Alles
was Sie gebieten« fügte Elisabet errötend hinzu
    »Vielleicht« sagte Talheim »wird dieser Bund nicht ohne Prüfungen sein 
und gerade deshalb freut er mich  Sie werden Beide stark genug sein sie zu
bestehen Sie werden zu stolz sein um Ihre Neigung irgend einem Vorurteile
auszuopfern  wenn Sie das Leben kennen lernen so werden Sie finden dass immer
das Beste den größten Kampf kostet aber auch nur das Beste ihn verdient  dann
wird es gut sein wenn Sie sich vorher geübt«
    Er nahm Elisabeths Hand sie zitterte krampfhaft in der seinen er hielt sie
so fest dass sie nicht mehr zittern konnte und sagte »Sie schrieben einmal
einen Aufsatz über das Bibelwort Wem Viel gegeben von dem wird man Viel
fordern  beherzigen Sie das wohl  machen Sie die großen Erwartungen wahr zu
denen Ihr Charakter berechtigt  und nun leben Sie wohl und weihen Sie mir
zuweilen einen Augenblick freundlicher Erinnerung«
    »Leben Sie wohl« sagte Pauline unter Tränen »wir werden Sie niemals
vergessen wir werden oft zusammen von Ihnen sprechen vergessen Sie auch Ihre
Schülerinnen nicht ganz«
    »Leben Sie wohl« antwortete Elisabet  sah ihn noch mit einem
unaussprechlichen Blick an und wie er ihre Hand los ließ warf sie sich an
Paulinens Brust
    Talheim verließ schnell den Garten
    Jetzt erst brach Elisabet in lautes Schluchzen aus  nach einer Weile sagte
sie »Es kann es darf nicht sein«
    In diesem Augenblick kam Aurelie in den Garten und in die Laube »Ei« sagte
sie lachend »Ihr befindet Euch ja in einer ganz besonders zärtlichen Stellung 
wenn diesem weinerlichen Duo etwa ein schmachtendes Finale vorhergegangen wobei
Talheim wie die Teaterkritiker sagen einen glänzenden Abgang gehabt so bin
ich froh dass er von mir in corpore mit den andern Mädchen Abschied genommen
und mir nicht die Auszeichnung mit Euch zu Teil geworden ist«
    Die Beiden würdigten sie keiner Antwort Dies gefühllose Geschwätz Aureliens
drängte diese vollends und für immer aus Elisabeths Herzen
    »Nun das ist ja allerliebst« fuhr Aurelie spöttisch fort »die Damen sind
nicht einmal mehr so höflich zu antworten und ich kam gutmütig genug hierher
um Dir Elisabet zu sagen dass ich mich wahrscheinlich verloben werde«
    »Was ist das wieder für ein schlechter Spaß« fragte Elisabet ärgerlich
und nachdem sie hastig ihre Tränen zurückgedrängt hatte
    »Gar kein Spaß  da ist der hübscheste Liebesbrief das formellste
Anhalteschreiben vom Baron von Füssly derselbe der sich auf den ersten Blick im
Theater sterblich in mich verliebt hat mich dort öfter gesehen und im letzten
Konzert so Viel mit mir gesprochen hat Er weiß dass heute mein Teatertag ist
und wenn ich ihm Hoffnung gebe soll ich eine rote Rose anstecken außerdem
eine weiße Nach diesem Zeichen meines Einverständnisses will er bei meinen
Eltern um mich anhalten Ist das nicht allerliebst mit sechzehn Jahren schon
die Braut eines so zierlichen Herrn zu sein Damit er ja keinen Zweifel hat
will ich lieber gleich einige rote Rosen anstecken und um mir diese zu holen
kam ich eigentlich herab«
    »Aber Aurelie  Du wirst doch keine leichtsinnige Übereilung begehen«
sagte Elisabet warnend
    »Lass jetzt Deinen Gouvernantenton er macht keinen Eindruck auf mich und
ich habe jetzt nicht einmal Zeit Dich anzuhören denn meine Toilette muss heute
besonders niedlich werden und da brauch ich wenigstens ein paar Stunden Zeit
und habe also gar keine dazu übrig langweilige und abgeschmackte Moralpredigten
anzuhören«
    Und indem sie dies sagte entfernte sich Aurelie trallernd und tänzelnd
    »Pauline« sagte Elisabet »ich muss Talheim noch ein Mal sehen  noch ein
Mal wenigstens  Lass die kleine Christiane herkommen wir können uns von ihr ja
Blumen bringen lassen  sie muss dann für uns erfahren wann Talheim und auf
welcher Straße er abreist  das Weitere wird sich finden«
    Ein paar Tage waren vergangen  der Morgen von Talheims Abreise war
angebrochen Es war noch sehr früh Amalie hatte ihm zum letzten Mal das
Frühstück bereitet sie war ihm freundlich behilflich wie er sich reisefertig
machte aber sie sprachen Wenig zusammen Die kleine Anna schlief noch sanft in
ihrem kleinen Bettchen Sie hatte sich die Wangen rot geschlafen und ihr
rechtes Händchen ruhte auf ihren goldnen Locken  so glich sie einer rosigen
frischen Apfelblüte mit goldenen Fäden Der Vater neigte sich auf das Bettchen
ganz verloren in den holden Anblick des teuren einzigen Lieblings  eine
Träne fiel aus des Vaters Augen
    Ach diese Träne Wie viel Sorgen und Schmerzen lagen nicht darin wie viel
bange Fragen an das Schicksal ohne Antwort wie viel stumme Gebete gen Himmel
    Er zog seine Hand an die andere Seite des Bettchens er reichte ihr über
dasselbe hinweg seine Hand
    »Das ist eine heilige Stelle an der wir stehen« sagte er »ich kenne keine
heiligere Ich verlasse Dich weil wir jetzt nicht ohne Selbstvorwürfe
Heuchelei oder Bitterkeit und Kummer neben einander zu leben vermögen  wir
werden so eher wieder Frieden finden und vielleicht kommt noch ein Tag der uns
wieder durch Vereinigung glücklich macht  Aber unsere Anna Von ihr scheide
ich mit schwerem Herzen Du musst ihr nun Beides sein  Vater und Mutter
zugleich Ach Amalie  nimm mir die Liebe unsres Kindes nicht Lass es mein Bild
rein und treu bewahren bis ich es wieder einmal selbst an das Vaterherz drücken
darf Lass es fromm und gut werden und störe den heitern Frieden seiner
Unschuldsjahre nicht Versprichst Du mir Alles das wenigstens zu versuchen«
    »Ich verspreche« sägte sie gerührt und drückte ihm die Hand »Wenn ich
Deinen Aufenthalt weiß so werde ich Dir zuweilen von Anna schreiben  und sobald
sie es selbst kann will ich sie lehren den ersten Brief an ihren Vater zu
schreiben«
    »So scheide ich ruhiger« sagte er »aber nun muss es sein  der Wagen wartet
unten  Lebe wohl Amalie lebe wohl Anna« Und er küsste das Kind noch ein Mal
 es zuckte leise im Schlaf zusammen aber schlief dennoch ruhig und ahnungslos
fort
    Talheim eilte die Treppe hinab und sprang in den Wagen in welchem Graf
Osten ihn auf sein Gut wo sein Sohn des Reisebegleiters wartete abholen ließ
    Es war ihm seltsam zu Mute unendlich traurig und unendlich leicht zugleich
 er hatte nun die Trennung hinter sich mit all ihrem Weh und ein neues Leben
vor sich  aber er hatte sich auch aus alten Banden gerissen die ihn einst
beglückt hatten  und immer musste er wieder an seine kleine Tochter denken und
wie leicht Amalie sie falsch erziehen könnte  da wurde ihm bang und traurig zu
Sinn
    Elisabet hatte die Stunde von Talheims Abreise erfahren Sie fühlte nur
dass sie ihn noch ein Mal sehen müsse  weiter war sie sich in Nichts klar aber
dies Eine war bei ihr unumstösslichste Gewissheit geworden
    Beim ersten Morgengrauen war sie aufgestanden nach einer schlaflosen Nacht
Sie hatte sich angekleidet und war leise aus ihrem Zimmer durch den Korridor
und die Treppen hinab geschlichen Alles im Hause schlief noch und Todtenstille
herrschte Sie weckte den schlafenden Portier »Oeffnen Sie mir die Haustüre«
sagte sie ihm Der Portier zauderte Sie gab ihm ein großes Geldstück und sagte
auf den Nelkenstrauss deutend den sie in ihrer Hand hielt »Es gilt eine
Überraschung bei einem Geburtstage ich habe Niemand ein Geheimnis daraus
gemacht und wenn ich zurückkomme werde ich Alles verantworten«
    Geld öffnet ja so viele Türen  warum nicht auch die einer
Erziehungsanstalt Elisabet durfte sie ungehindert verlassen Die
Entschiedenheit mit der sie es als ein Recht verlangte frappirte ihn  er
dachte um das zu wagen müsse sie wohl wissen dass sie es wagen dürfe  und so
öffnete ihr der Portier
    Sie eilte hastig durch die noch ziemlich menschenleeren Gassen dem Tore zu
durch welches Talheim fahren würde Es war noch nicht fünf Uhr  um diese
Stunde hatte er fort gewollt  das rasche Klopsen ihres Herzens benahm ihr oft
fast den Atem ihre Pulse bewegten sich fieberhaft stürmisch  sie hatte gar
keinen klaren Gedanken nur auf einen Punkt richtete sich ihr Geist sie musste
ihn noch ein Mal sehen  zum letzten Mal  alles Andere lag vor ihr in Nebel
gehüllt wie die Täler und Bäche und all die Fernen über welche der Morgen
erst leise aufdämmerte  nur die Berge hatte er schon mit blitzendem Sonnengold
gekrönt
    Sie ging ein Stück auf der Straße fort bis zu einem kleinen Rasenhügel auf
dem eine Steinbank zwischen hohen Lindengruppen angebracht war Hierher setzte
sie sich denn von hieraus konnte sie den Wagen schon von Weitem kommen sehen
Sie nahm ihren Hut ab und legte ihn auf die Bank damit er sie nicht etwa am
Sehen hindere Bange Minuten vergingen ihr  sie fühlte und dachte dabei aber
sonst Nichts weil sie immer nur auf den einen Punkt der Gegend hinstarrte von
wo der Wagen kommen musste der Wagen den sie so sehnlich erwartete und vor
dessen Nahen sie doch auch wieder so zitterte weil dann bald der Augenblick für
immer vorüber sei wo sie noch ein Mal vor dem teuren Menschen gestanden
    Jetzt wirbelten Staubwolken auf  ein zurückgeschlagener Wagen ward sichtbar
 ein einzelner Mann saß darinnen  er war es  sie sprang auf den Wagen zu wie
er bei ihr vorüberfliegen wollte warf den Strauss hinein und rief »Mein
Lehrer«
    Er befahl hastig den Wagen zu halten  er sprang heraus
    »Sie hier Elisabet« fragte er sanft im Tone der höchsten Verwunderung
    Sie stand zitternd vor ihm mit gesenktem Blick und wie die Morgenröte am
Ostimmel aufflammte so erglühte auch ihr Gesicht wie im sanften Wiederschein 
und gleichsam als fühle sie jetzt bei Talheims Befremden über ihr Hiersein
dass der Schritt den sie getan vielleicht nicht nur ungewöhnlich sondern auch
unmädchenhaft sei hauchte sie leise »Vergebung« und senkte ihr Haupt auf seine
Hand herab welche die ihrige hielt so dass sie in einer gebeugten halb
knieenden Stellung vor ihm verharrte bis er selbst sagte
    »Richten Sie sich auf Elisabet Sie haben mir vielleicht noch Etwas zu
sagen zögern Sie nicht  ist es ein Wunsch vielleicht ein Auftrag ich werde
wenigstens versuchen Ihnen Nichts unerfüllt zu lassen«
    Sie richtete sich plötzlich auf mit aller Kraft welche ihr zu Gebote stand
und sagte unter Tränen lächelnd »Ich habe um Nichts bitten wollen als dass
Sie diese Blumen mitnehmen  Nelken sind ja Ihre Lieblingsblumen  und deshalb
kam ich hierher  und zu einem letzten Lebewohl«
    Sie hatte diese Worte mit ruhiger Fassung gesagt »Ich werde Sie niemals
vergessen Elisabet  ich habe es sie immer ahnen lassen Sie sind meine
teuerste Schülerin gewesen und es wird mir eine süße Genugtuung sein wenn
Sie mir ein freundliches Andenken bewahren«
    Sie zitterte und vermochte Nichts zu antworten er nahm ihre Hand führte
sie zu der Steinbank unter den Linden und sagte »Ruhen sie hier aus in der
schönen Morgenfrische und lassen Sie uns Beide dieser Stunde ein dauerndes
Andenken bewahren Leben Sie wohl und glücklich«
    »Leben Sie wohl« rief sie ihm noch nach als er sie hastig verließ und in
den Wagen sprang blieb aber wie angewurzelt auf der Bank sitzen an welche er
sie geführt hatte
    Der Wagen rollte davon
    Sie sah ihm starr nach  wie er ganz verschwunden war glitt sie von der
Bank herab auf ihre Kniee drückte die bleichwerdenden Wangen auf die kalte
Steinplatte der Bank und ließ ihr Antlitz von den feuchtgewordenen Locken
verhüllen So lag sie regungslos da Ihr schwarzes Morgenkleid umfloss weit wie
das Trauerkleid einer Büsserin die knieende Gestalt
    Nachdem sie eine lange Weile so gelegen hauchte sie »Nun ist Alles aus«
und wollte sich langsam erheben Da  plötzlich wie sie ihr Gesicht wandte
blickte sie in ein paar Augen in welche sie schon ein Mal geblickt  sie
erschrak  denn eine hohe Männergestalt hatte sich über sie geneigt  sie
bemerkte es erst jetzt als sie rasch und erbebend aufsprang
    Es war Jaromir von Szariny welcher sich ihr genähert hatte
    Jaromir war nicht früh aufgestanden  für ihn war der heutige Tag noch
gestern Er hatte die Nacht mit Bekannten bei einem Trinkgelag zugebracht  er
hatte wieder einmal für die Leere die Unbefriedigteit seines Herzens
Vergessenheit gesucht in den goldnen Fluten des Weines  er hatte sie auch
gefunden er hatte sich einige Stunden unbeschreiblich amüsirt und wie Einer
nach den Andern lärmend oder stumm gegangen war so war er doch noch geblieben
und hatte Füssly und noch ein paar andere Herren mit zurückgehalten Endlich
waren sie auch aufgebrochen Drinnen das große durch geschlossene Laden gegen
das Morgengrauen verwahrte Zimmer in welchem Cigarrenrauch mit hellem Gaslicht
kämpfte in welchem der Dunst starken Weines und dampfenden Grogs eine
betäubende warme Luft hervorbrachte hatte wohl zu dieser nächtlichen Orgie
gepasst  Aber wie passte zu dieser Aufregung derer welche sie gefeiert nun die
frische Morgenluft in welche sie traten Der reine blaue Himmel mit dem
sanften Morgenrot und ziehenden Silberwölkchen über ihnen  Die geschäftige
Tätigkeit mit welcher die vom Schlaf noch roten und frischen Gesichter der
Dienstmädchen welche zum Brunnen liefen Wie die fröhlichen Morgenlieder mit
welchen die Handwerker zur Arbeit gingen Wie das »guten Morgen« was
Vorübergehende ihnen zuriefen »Gute Nacht« sagten die vorhin so Heitern und
Glücklichen plötzlich übelgelaunt und verstimmt zu einander und an den
verschiedenen Strassenecken sich trennend ging Jeder verdrießlich vor sich
ausschauend den Weg nach seiner Wohnung
    Jaromir war plötzlich ernüchtert  vielleicht auch noch nicht ganz  er
fühlte nur auf ein Mal wieder dass sich eine Last auf sein Herz senkte welche
er vorhin für immer abgeschüttelt zu haben meinte So fremd und unharmonisch er
jetzt seine eigne verstörte Erscheinung fand in und mit dieser frischen
tätigen Morgenwelt  so unharmonisch kam ihm wieder sein ganzes Sein zur ganzen
großen Erdenwelt so unharmonisch seine innere Sehnsucht zu seiner Stellung im
Leben zu seiner Umgebung der Gesellschaft vor  in seiner innern Gefühlswelt
vernahm er wieder nur lauter schrillende Mistöne  er fühlte dass er heute noch
ganz derselbe zerrissene Mensch sei wie gestern ja dass er dies Bewusstsein
heute nur tiefer hatte als jemals  Und so war er denn jetzt auch wieder
unglücklicher und nüchterner als jemals erwacht aus dem kurzen Taumel des
Vergnügens
    Er hätte heimgehen und den Morgen verschlafen können wie andere Male sich
in sein Lager vergraben damit er auf ein paar Stunden wenigstens Nichts sehe
und höre von dieser Welt deren Treiben ihn eben jetzt so anekelte  aber er
kehrte wieder um als er an seiner auch schon offen stehenden Türe ankam und
eilte die Straße entlang durch das Tor hinaus ins Freie
    Erst verdross ihn die Lerche die jubelnd neben ihm aus der Saat aufwirbelte
und sich ins Blaue des Himmels hineinstürzte  verdross ihm der Tau der in
luftigen Silberketten von Grashalm zu Grashalm schwebte sah er die Blumen die
groß und wunderbar dem jungen Sonnenstrahl entgegen die Augen aufschlugen
verdrießlich an  Aber wie er so hastig immer weiter lief und auf eine Höhe
kam von welcher herab er plötzlich einen weiten Blick tun konnte in die ganze
lachende Gegend hinein da ging ihm plötzlich das Herz auf  da fühlte er dass
die Erde so schön sei und die Natur so reich  und immer heller ward sein
Blick und er sah die Natur an wie eine erste jungfräuliche Geliebte von der
ihn lange ein feindliches Schicksal und der eigne unstäte Sinn getrennt  die
aber jetzt ihm entgegentrat in aller Anmut einer erblühten Schönheit und ihn
wieder zu sich zu ziehen strebte an ihre treue Brust  Da war ihm als habe er
hastig hintereinander viele Masken im wechselnden Spiel getragen bald habe er
sich für einen Salonmenschen bald für einen Trunkenbold bald für einen
theatralischen Liebhaber bald für einen leidenschaftlichen Spieler ausgegeben
und so immer wieder eine Maske mit der andern vertauscht  jetzt aber hatte er
sie alle weggeworfen und in dem Spiegel welchen ihm die Natur vorhielt
schaute er sein wahres Gesicht  er fühlte sich wieder er erkannte sich wieder
 er war ein Poet 
    Er war nicht mehr in Verzweiflung er verachtete sich nicht mehr selbst wie
vorher aber er fühlte dass sein Herz schmerzlich allein sei  allein
unverstanden und dass in der Sehnsucht die Wünsche des Innern zum Schweigen zu
bringen eben dieses Herz sich so oft zum Unwürdigen verirrte Er versank in
tiefes Sinnen  endlich schienen seine Gedanken und Gefühle zu dem Resultat zu
kommen das er leise vor sich hin sprach »Ideale wie ein Dichterherz sie
träumt gibt es in der Wirklichkeit nicht  und einer wirklichen Erscheinung
das Ideal das ich ersehne anzudichten  dazu reicht meine Phantasie nicht mehr
aus«
    Wie er das gesagt hatte war er auf der andern Seite der Höhe
herabgeschritten  er stand jetzt auf dem Hügel wo zwischen den Linden sich die
Steinbank befand vor welcher Elisabet auf die Kniee hingeworfen lag
    Er blieb hastig beinah erschrocken stehen  er erkannte sie wieder
    Es war dieselbe hohe Jungfrau welcher er begegnet war als er von dem
erschütternden Wiedersehen Amaliens gekommen war So begegnete ihm diese schöne
Erscheinung zum zweiten Male  ja zum zweiten Male in einem Moment wo in ihm
all seine Gefühle im Sturm sich erhoben hatten Aber wie anders jetzt als
damals Damals hatte ein leuchtender Friede auf ihrem Gesicht gelegen mit
festen leichten Schritten war sie an ihm vorübergegangen  jetzt lag sie hier
hingeworfen wie innerlich vernichtet  ihre goldenen Locken bemühten sich
vergebens ihre Tränen zu verschleiern ihre gefalteten Hände zeugten wohl vom
Gebet aber doch von keinem Gebet das Frieden und Erhörung gefunden
    Langsam näherte er sich ihr bis er ganz dicht neben ihr stand  da fuhr sie
auf und maß ihn mit einem langen fragenden Blick der Bestürzung
    »Sie sind noch so jung und schon so unglücklich« sagte Jaromir mit der
sanftesten Stimme des Mitgefühls
    Sie griff nach ihrem Hut und wollte sich rasch entfernen ohne zu antworten
 da warf sie unwillkürlich noch einen vorübergehenden Blick auf ihn  und er
erwiderte ihn so aus tiefster Seele so ernst und voll innigster
schmerzlichster Teilnahme dass sie leise sagte »Schonen Sie mich« und wieder
in einen Strom von Tränen ausbrach
    »Fürchten Sie keine beleidigende Annäherung von mir« sagte er mit sanftem
Ernst »ich werde Sie nicht stören wenn Sie in diese morgentliche Einsamkeit
flüchteten um Ihren Schmerz auszuweinen  glauben Sie mir ich kenne das und
ich weiß jede Träne zu ehren Bleiben Sie hier ich störe Sie nicht mein Weg
führt nach der Stadt«
    »Ich kann nicht länger hier bleiben ich muss zurück« sagte Elisabet
    »Nun dann« antwortete er »will ich bleiben an dieser Stelle welche
Tränen geheiligt haben«
    »Ich danke Ihnen Sie scheinen auch nicht glücklich  mögen Sie an dieser
Stelle mehr Beruhigung finden als ich« Nachdem sie diese Worte gesagt hatte
entfernte sie sich hastig
    Er setzte sich auf die Bank welche sie verlassen hatte sah ihr nach und
überließ sich dann wunderlichen Träumen
 
                                VII Ein Empfang
 »O meiner Mutter blasse Wangen
 Im ganzen Haus kein Stückchen Brod
 Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen «
                                                          Ferdinand Freiligrat
Das Jahr hatte sich seinem winterlichen Ende genaht Elisabeths sehnlichster
Wunsch war aus dem Institut in dem ihr der Aufenthalt nachdem es Talheim
verlassen unerträglich schien sobald als möglich zu scheiden Ihre Eltern
hatten diesen Wunsch erfüllt Sie verließ die Residenz zu Weihnachten mit
Paulinen zugleich
    Aber sie reisten in verschiedenen Wagen und zu verschiedenen Stunden ab
»Vielleicht« sagte Pauline beim Scheiden »vermögen wir uns in der ersten Zelt
nicht wiederzusehen wir wollen uns aber ein großes Zeichen unsres
Einverständnisses geben ein Zeichen das unsere ganze Umgebung sehen soll wir
wollen am Christmorgen den armen Kindern bescheeren Du denen des Dorfes ich
denen unsrer Fabrik Willigst Du ein«
    »Von ganzem Herzen  es würde Talheim freuen wenn er unsern Entschluss
ahnen könnte  aber wir werden uns bald wiedersehen wir werden einander
bleiben was wir uns bisher gewesen sind« Die Freundinnen fielen einander noch
ein Mal in die Arme und Pauline fuhr zuerst davon bald folgte auch Elisabet
    Pauline atmete frei und leicht auf als sie die Residenz hinter sich hatte
Sie hatte dort außer Elisabeths Freundschaft welche ihr doch auch erst in der
letzten Zeit zu Teil ward Nichts als Kränkungen erfahren sie hatte sich
überall zurückgesetzt gesehen  nur weil sie aus bürgerlichem Stande war Nun
war sie geschützt gegen all die bitteren Wirkungen dieser festsitzenden
Vorurteile denn das traute Vaterhaus erwartete sie Wie sehnte sie sich nach
dem heitern Frieden dieses ländlichen Lebens wie freute sie sich in die Arme
ihres teuren Vaters zu fliegen den sie so lange nicht gesehen hatte Mit
welcher Zärtlichkeit und Umsicht gedachte sie seinen Wünschen nachzukommen wie
wollte sie sein Alter erfreuen und erheitern  Seit ihren Kinderjahren war sie
nicht wieder in die Fabrik des Vaters gekommen wenn auch dieser selbst sie hier
und da besucht hatte Sie besaß ein großes Bild von dieser Fabrik Wie schön
erschien darauf das von Bäumen umgebene palastartige Wohnhaus  daneben die
nicht minder großen Gebäude mir den vielen hohen hellen Fenstern hinter denen
viele Maschinen und Hunderte von Menschen arbeiteten Wie malerisch nahmen sich
auf diesem Bilde die Hütten aus welche die Arbeiter bewohnten  und in der
Mitte des hofartigen Platzes der kleine Turm mit der Uhr welche man weithin
sehen konnte und der großen freischwebenden Glocke Auch ein prachtvoller
Garten mit Terrassen blühender Blumen und seltener Bäume fehlte nicht »Und
dieser reizende Aufenthalt« dachte Pauline »wird mein bleibender Aufenthalt
sein ist meine Heimat Wie glücklich werde ich sein « Jetzt freilich war es
Winter wie sie ankam Sie reisthe allein ihr Vater und ihr ältester Bruder
hatten nicht Zeit gehabt sie abzuholen  ihr jüngerer Bruder wurde selbst erst
später erwartet Es tat ihr doch leid dass der Vater keine Zeit hatte für sein
Kind das er so lange nicht gesehen  doch sie dachte es müsse wohl einmal so
sein und beruhigte sich dabei  Sie hatte einen Tag lang zu fahren Es war
Abend geworden als sie auf der Höhe ankam von welcher aus sie die Fabrik
zuerst konnte liegen sehen
    »Da« sagte der Kutscher und zeigte auf die seitwärts liegende Ebene in
welche sie jetzt einen Blick tun konnten
    »Dort ist das Haus des Vaters« rief Pauline jubelnd klopfte fröhlich in
die kleinen Hände und eine Träne der Rührung und Freude fiel aus ihren Augen
»Aber was ist denn das« sagte sie nach einem Weilchen als sie genauer
hingesehen hatte »so helles Licht kann doch nicht in allen Zimmern sein Und
sogar draußen die Terrassen schimmern hell und am Himmel breitet sich ein
lichter Schein über das Ganze aus«
    »Ei ja doch« sagte der Kutscher »der Herr Vater hat Ihretwegen
illuminiren lassen Das nimmt sich ganz schön aus«
    »Der gute liebe Vater wie lieb er mich haben muss« sagte Pauline immer
fröhlicher und gerührter
    »Ja er hat es sich Etwas kosten lassen Sie recht großartig zu empfangen«
versetzte der Kutscher wieder
    Sie hatten nur noch eine kleine halbe Stunde zu fahren  dann fuhren sie an
den ersten Häusern vorbei welche von Fabrikanten bewohnt waren
    »Da kommt sie« rief eine Schaar versammelter Kinder und näherte sich mit
Hallogeschrei dem Wagen
    »Macht keinen solchen Lärm« sagte eine barsche Männerstimme
    »Lassen Sie den guten Kindern immer ihren Spaß« sagte Pauline zu dem Wagen
heraus der jetzt langsam fuhr damit die Pferde vor dem nahen Lichtglanz sich
nicht scheuen mögten »Lassen Sie die Kinder ich freue mich wenn sie mich mit
solchem Jubel empfangen«
    Ein grobes bittres Gelächter antwortete diesen Worten es klang Paulinen so
unheimlich und widerwärtig dass sie sich beinah erschrocken in eine Wagenecke
zurückzog  »Halts Maul Kanaillen« antwortete der Kutscher auf dies
Gelächter und knallte drohend mit der Peitsche
    Pauline erschrak vor diesen derben Redensarten eben so sehr wie vor dem
Gelächter und wünschte um Alles bald vor dem Wohnhaus zu halten Bis dahin war
aber immer noch ein gutes Stück zu fahren
    Ein paar zerlumpte Frauen die Eine von ihnen ein schreiendes Kind auf dem
Arm saßen auf einem Stein an dem der Wagen nahe vorbei kam Eine Rakete stieg
als Zeichen der Ankunft vor dem Turme auf und die Glocke wurde gelauten
    »Gar noch Feuerwerk« sagte die Eine der Frauen »Machens denn die Lichter
nicht hell genug unser Elend zu beleuchten«
    »Das ist doch wahrer Spott« versetzte die Andre »lässt sein sündhaft
erworbnes Geld lieber in Feuerkugeln aufgehen als dass er sich unsrer Not
erbarmte«
    »Lassts nur gut sein Else« sagte ein zerlumpter Mensch der hinzutrat
»der Feuerstrahl schreit für uns um Rache zum Himmel auf  und mag sich der
Himmel nicht erbarmen nun zum Teufel auch wir haben ja Fäuste Sind schwielig
von der Arbeit geworden werden schon gut dreinschlagen können«  und er schwang
die Arme drohend in der Luft Weiter fuhr er fort »das sag ich Else wenn Dir
der Wurm auch noch verhungert an der Brust wie die Andern die auf dem Kirchhof
liegen  da seh ich nicht mehr mit ruhig zu«
    Pauline hörte das Alles mit Grausen  Schrecken und Angst erfasste sie  sie
riss hastig den Geldbeutel aus ihrer Tasche nahm das Geld was sich darm befand
heraus ein paar Taler in kleiner Münze und warf es zum Wagen heraus
    »Nehmt nehmt wenn Ihr wirklich so arm seid und seid nicht böse wenn es
nicht mehr ist« rief sie hinaus mit ihrer kindlichen von noch nie empfundnem
Schauer bebenden Stimme
    Sie hörte nur noch wie die Leute mit einem tierischen Freudengeschrei sich
nach dem Gelde bückten dann darum schlugen und zankten Sie drückte den
Sammtut fester an ihre Ohren um nur diese rohen Stimmen nicht länger zu
vernehmen »Sind wir denn noch nicht vor dem Haus« rief sie vor Angst
ungeduldig dem Kutscher zu »Wir wellen doch schneller fahren«
    Ein Betrunkner wankte noch vorbei und sang ein freches Lied  »Fahr zu
Kutscher« rief Pauline außer sich
    »Nun was ists denn weiter« sagte der Kutscher kopfschüttelnd »Das
Fabrikvolk ist einmal nicht anders so hört mans alle Tage das werden Sie
schon noch gewohnt werden«
    Endlich war das überstanden  der Wagen hielt
    Zwischen der Haustüre stand der Vater der Ankommenden Herr Felchner war
ein kleines mumienartig zusammengetrocknetes Männchen Seine Gesichtsfarbe war
gelb die Haut lederartig und in vielen Runzeln zusammengezogen die Nase war
ungemein spitzig und zwischen ihr und der Stirn befand sich ein tiefer
Einschnitt Die Augen lagen dicht bei einander sie waren klein grau und
stechend und konnten ohne gerade schielend genannt zu werden nach beiden
Seiten verschiedene Blicke auf verschiedene Gegenstände werfen Die Augenlider
zeigten in diesem fahlen Gesicht die einzige Spur von Rot auf besonders in den
Winkeln Die Augenbrauen trafen über der Nase fast zusammen und waren buschig
und grau die Haare spielten ebenfalls aus lichtem Braun in Grau hinüber waren
nur sehr spärlich und dünn ebenso der Backenbart den man eigentlich nur einen
Versuch dazu nennen konnte denn in der Nähe des Ohrläppchens erschien er wie
förmlich ausgerissen  oberhalb und unterhalb dieser Stelle fanden sich aber
einige Haarpartieen die jedoch mehr einzelnen Stachelbüschen glichen als einem
Bart  Herr Felchner trug einen grauen abgetragenen Überrock auf dem die
Nähte weiß schimmerten und die Aermelaufschläge von langem Gebrauch spiegelhaft
glänzten jeder seiner Knöpfe war gewissenhaft zugeknöpft vom obersten bis zum
untersten Knopf den dritten ausgenommen weil das zu diesem gehörige Knopfloch
ausgerissen war Ein beschmuztes bis zur Schmalheit eines Strickes
zusammengedrehtes Halstuch von weißer Leinwand befand sich unter dem spitzen
Kinn die dürren Beine umgaben weit umschlotternde Beinkleider welche nur bis
zum Knöchel reichten grauwollne Socken und ein paar buntgestickte Schuh an
derem einen sich der Lederbesatz an der rechten Seite widerspenstig von dem
bunten Zeug getrennt hatte so dass er noch wie eine zweite verschobene oder zu
breite Sohle erschien  dies war das vollständige Bild eines Mannes dessen
Vermögen man nicht mehr nach Tausenden sondern nach Millionen zählte welcher
neben dieser Fabrik die er selbst bewohnte und verwaltete noch im Ausland
große Fabriken besaß und dessen Reichtum Tausende von Menschen denen er
Arbeit und Elend zugleich gab zu weißen Sklaven erniedrigte Das war der Mann
welcher eine von solcher ahnungslosen reinen Kindlichkeit einem so heitern
Vertrauen für die Menschen und das Leben erfüllte mit einer so warm für alle
Menschen für all ihr Glück und ihre Not schlagendem Herzen begabte Tochter
besaß wie Pauline
    »Guten Abend mein Kind« sagte er munter und zärtlich als Pauline rasch
aus dem Wagen in die Hausflur sprang und sich in die Arme des harrenden Vaters
warf »Guten Abend mein liebes Kind  Aber Du siehst mir ja ganz erfroren und
blass aus bist Du nicht warm angezogen s ist ja eben für eine Decembernacht
gar nicht kalt Nun komm nur herein in die Stube da wird Dir schon warm werden
oder willst Du ehe wir essen erst oben in Deinen Stuben ablegen mein
Püppchen«
    »Nein das ist nicht nötig« sagte Pauline
    »Nun so komm nur herein Kind Du zitterst ja am ganzen Leibe« Und der
Vater schob sie in die große Stube im Erdgeschoss wo der Tisch gedeckt war
Warum sie so zitterte und so blass aussah konnt er freilich nicht wissen
    Die große Stube war einfach eingerichtet besonders trugen die Dielen Spuren
von vielen schmuzigen Stiefeln An der Öffnung aus welcher der heiße
Luftstrahl der Dampfheizung hereinströmte stand Georg Paulinens ältrer Bruder
und ließ sich den heißen Strom an den Rücken wehen Sie lief auf ihn zu und
umarmte ihn Er erwiderte den Gruß kalt und als sie freundlich zu ihm sagte
»Nun wie geht es lieber Bruder Wir haben uns lange nicht gesehen« antwortete
er finster
    »Wie solls gehen Es sind schlechte Zeiten da weiß man wohl wies gehen
kann«
    »Was meinst Du«
    »Nichts als Ärger den ganzen Tag mit dem verfluchten Pack das bald von der
Arbeit laufen bald höheren Lohn verlangen will und noch Gesichter schneidet
wenn man ihm viel Geld oder gute Waren auszahlt für Pfuscherarbeit«
    Pauline wandte sich an den Vater der sich schon an die Tafel gesetzt und
sie neben sich gewinkt hatte »Lieber Vater lass doch die vielen Lichter
auslöschen  es blendet so ich bin ja nun da«
    »Sie können immerhin noch ein Weilchen brennen damit die Leute sehen wie
ich mein Kind empfange« sagte Felchner schmunzelnd
    »Und brennen sie mir zu Ehren« fiel ihm die Tochter wieder ins Wort »so
wollen wir sie heute auslöschen und noch an einem andern Tage für mich
anzünden«
    »Nun meinetwegen lass sie brennen oder auslöschen aber jetzt wird
gegessen«
    Georg setzte sich neben Felchner Pauline stand noch ein Mal auf und rief
zur Türe hinaus »Wer die Lichter angezündet hat soll sie wieder auslöschen
die Illumination ist vorbei« Dann setzte sie sich wieder auf den vorigen Platz
In demselben Augenblick läutete draußen die Glocke es war sieben Uhr und damit
ward das Zeichen zum Abendessen gegeben Der Tisch war noch für acht Personen
gedeckt  es waren die unverheirateten Factoren und Buchhalter Felchners
welche bei ihm den Tisch hatten Sie traten rasch und geräuschvoll ein mit
einer stummen Verbeugung vor Paulinen und nahmen stumm ihre Plätze ein Pauline
sah sie verstohlen der Reihe nach an wie sie hastig zulangten und
unbeschreiblich schnell aßen mit Messer und Gabel auf Teller und Tisch
klirrend Es waren noch einige junge Leute unter ihnen  aber alle hatten
mürrische halbvertrocknete teilnahmlose Gesichter in deren Falten es war
als ob lauter Zahlen verzeichnet stünden Dieses stumme Essen wobei Keines auf
das Andere Rücksicht nahm Keines dem Andern irgend einen tischnachbarlichen
Dienst erwies hatte für Paulinen etwas Befremdendes Widerliches ja es kam ihr
sogar tierisch vor  die Stille bei Tische war ihr namentlich peinlich
Felchner ließ jetzt einige Weinflaschen die Runde den Tisch hinab machen indem
er dabei sagte »Wir wollen die Ankunft meiner Tochter feiern«
    Das war das einzige Wort womit er diese den Anwesenden vorstellte  diese
machten als Antwort darauf einige hastige Bewegungen mit Schultern und Köpfen
Bewegungen welche wohl dankende Verneigungen vorstellen mochten schenkten sich
ein tranken aus standen dann auf schoben geräuschvoll die Stühle zurück und
indem Einer nach dem Andern zur Türe hinausging murmelte Jeder halb
unverständlich
    »Ich wünsche wohl zu schlafen«
    Der Fabrikherr und sein Sohn antworteten mit einem einzigen
halbverschluckten »Gleichfalls«
    Auch Pauline erhob sich und sagte zu dem Vater »Kann ich nun nicht mit Dir
in Deine Stube gehen«
    »In mein Komptoir Kind Was wolltest Du dort«
    »Nein in Deine Stube wo Du Dich aufhältst wenn Du nicht arbeitest  oder
in die Wohnstube wo wir noch oft zusammen sitzen und traulich plaudern werden«
    »Nun wenn ich nicht mehr arbeite bin ich in dieser Stube hier es ist
meine und Deine Wohnstube«
    Die Magd räumte eben lärmend ab  der Kutscher trat ein und nahm aus einem
an der Wand befestigten colossalen Schlüsselschrank ein Bund klirrender
Schlüssel mit dem er wieder hinausging kurz nachher lief ein Factor stumm
durch die Stube in das Zimmer neben an holte da ein Buch heraus und ging mit
demselben unter dem Arm wieder zu derselben Türe hinaus durch welche er
gekommen
    Dieses geschäftige rücksichtslose und stumme aber doch keineswegs stille
Tun kam Paulinen so ungewohnt und wunderlich vor und machte darum einen so
unfreundlichen ja verletzenden Eindruck auf sie
    »Das ist meine Wohnstube« sagte sie deshalb befremdet zu dem Vater
    »Nun nun« sagte er »der glänzenden Stellung welche Du einnehmen sollst
wird Nichts vergeben wenn Du auch manchmal in einem weniger brillanten Zimmer
bist Du findest oben die schönsten für Dich und wenn Gäste kommen wie sie
keine Prinzessin schöner haben kann aber für gewöhnlich ist der Luxus unbequem
und da befinde ich mich in dieser Stube ganz gut Willst Du hinauf so mag Dich
Deine Rieke hinaufführen wenn Du etwa auspacken und Dich oben umsehen willst
Du wirst auch müde sein von der Reise«
    »Ja sehr müde und erschöpft« sagte sie »Aber erst hätte ich eine Bitte an
Dich wenn sie nicht gleich heute von meinem Herzen herunter kommt so kann ich
nicht ruhig schlafen« Georg hatte die Stube verlassen Sie hing sich
schmeichelnd an den Hals des Vaters mit dem sie jetzt allein war
    »Herzensmädel« sagte er »ich kann Dir Nichts abschlagen  wenns nur nicht
wider meine Grundsätze ist«
    »Nein das ists gewiss nicht« sagte sie zuversichtlich »Ich bat Dich
vorhin die Lichter auslöschen zu lassen  erlaube mir sie am Christmorgen
wieder anzubrennen für die armen Kinder die in unsrer Fabrik arbeiten erlaube
mir diesen armen Kleinen zu bescheeren«
    Herr Felchner machte ein sehr böses Gesicht »Das ist eine einfältige Idee
für solche Narrenspossen habe ich kein Geld das ist wider meine Grundsätze
Geh zu Bette und träume etwas Bessers als solches dummes Zeug«
    »Liebes Väterchen« sagte sie »das ist nicht Dein Ernst und wäre es lass
die Christbescheerung für mich nur halb so reich sein wie voriges Jahr und
gib mir die Hälfte für die Kinder«
    »Nein mit solchen Narrheiten richtet man bei mir Nichts aus das lass Dir
ein für alle Mal gesagt sein ich will von solchen Possen Nichts hören das
merke Dir«
    Herr Felchner ging aufgeregt in der Stube hin und her und seine Augen
blinzelten und funkelten unruhig und verdrossen nach beiden Seiten seine Nase
schien noch spitziger zu werden als sie ohnehin schon war Er nahm eine Prise
und niesste mehrmals so laut dass Pauline bei jedem Male zusammenfuhr Sie saß
zitternd in der Sophaecke und sah stumm vor sich nieder  nach langer Pause
sagte sie schnell und man hörte an ihrer Stimme dass sie weinte
    »Wie wird sich nun die gräfliche Herrschaft über uns lustig machen  die
Gräfin Elisabet will allen Kindern des Dorfes bescheeren um damit ihre Ankunft
zu feiern und ich soll nun zurückstehen«
    Der Fabrikherr stand horchend still »Ist das wahr Auch gewiss«
    »Wie könnt ich es sonst behaupten Du wirst es erfahren man wird die
Herrschaft rühmen und uns verhöhnen«
    »Freilich freilich das ändert Alles  ich werde sie beschämen  unsre
Bescheerung soll noch ein Mal so prachtvoll sein als die ihrige Du magst Alles
besorgen ich will Dir morgen das Geld dazu geben Freilich freilich es wird
mich ärgern für die nichtsnutzigen Würmer  aber nun kann es einmal nicht
anders sein nun muss ich schon«
    »Herzensvater« rief Pauline ihn umarmend und dankte mit liebkosenden
Worten Tausend Mal Aber so recht von Herzen ging es ihr doch nicht  sie
schämte sich beinah vor sich selbst dass sie nur dadurch zu ihrem Ziel gekommen
war dass sie hinterlistig wie sie es nannte ein minder edles Gefühl als sie
gewünscht hätte in ihres Vaters Innerm hatte wecken müssen  ja sie schämte
sich mehr noch als vor sich selbst in ihres Vaters Seele hinein  und das tat
ihr noch weher Sie nahm daher bald gute Nacht von ihm und klingelte dem
Mädchen welches sie in ihr Schlafzimmer führte
    Ihr Vater hatte Recht gehabt es war prachtvoll eingerichtet wie das einer
Fürstin nur zu prachtvoll es war durch Prunk überladen Die Tapete war
silbergrau mit roten Blumen die Vorhänge von gelber Seide mit goldnen Quasten
die Fussteppiche ebenfalls gelb mit roten Kanten  es herrschte ein grelles
geschmackloses Bunt durch das ganze Zimmer  das Licht darin war so hell dass es
ihre Augen kaum aushalten konnten Sie verlöschte es so bald als möglich und
begab sich zur Ruhe
    Da war sie nun in dem ersehnten Vaterhaus  und seitdem sie da war hatte
sie noch keine andern als verwundende Eindrücke empfangen
    Glänzend im Lichtermeer hatte ihr die heimatliche Wohnung zuerst wie ein
Feenpalast entgegengelacht  da hatte sie schon den schneidenden Hohn und die
Jammerflüche des Elendes und der Not gehört von diesen Menschen gehört in
deren Mitte sie sich glücklich waltend träumte von denen sie wähnte dass ihr
Vater auch ihnen Vater sei und sie ihn kindlich verehrend liebten  und weiter
ließ sie Alles an sich vorüberziehen was sie in diesen wenigen Stunden erlebt 
und es war Nichts was sie hätte beruhigen oder heiterer stimmen können Sie
seufzte Aber sie war müde von dem taglangen Fahren der kalten Luft von all
dem Erlebten dieses Tages dieses Abends sie schloss die müden Augen und
schlief sanft und fest bis in den spätanbrechenden Tag hinein
 
                            VIII Ein Fabrikarbeiter
 »Aus dem Munde des Heloten
 Strömen die Rätsel des neuen Bundes«
                                                                 Alfred Meissner
Elisabet war bei ihrer Ankunft in dem väterlichem Schloss mit keiner
Illumination empfangen worden aber von einem zärtlichen Mutterherzen und einem
glücklich stolzen Vater Sie fühlte sich stolz und befriedigt als sie wieder
diese alten ehrwürdigen Räume betrat welche sie seit Jahrhunderten in dem
Besitz ihrer Väter wusste Sie fühlte dass sie hier Herrin sei und dies
Bewusstsein gab ihr wenigstens auf Augenblicke Befriedigung
    Die beiden Freundinnen hatten sich am Christmorgen das leuchtende Zeichen
ihrer einigen Freundschaft gegeben Nach dem Schloss hinauf zogen die Kinder der
ärmeren Landleute und empfingen dort die Gaben welche Elisabet unter den
flimmernden Christbäumen für sie ausgebreitet hatte  und zu derselben Stunde
zog eine ungleich größere Schaar von Kindern in den ebenfalls glänzend
geschmückten Saal des Fabrikgebäudes Aber dies waren bleiche schmächtige
dürftig in unreinliche Lumpen gehüllte Kinder welchen man es ansah dass ihre
kleinen Hände und halbverkrüppelten Glieder schon an schwere Arbeit gewöhnt
waren auf deren Gesichtern man es las wie oft ihr kleiner Mund mit den blassen
Lippen umsonst nach Brod verlangen musste wie in diesen trüben
niedergeschlagenen Augen ein Ausdruck tierischen stummen Duldens lag Diese
kleinen blassen Kinder hatten einander seltsam angestarrt wie man sie zu den
schimmernden Christbäumen geführt und ihnen dann die warmen Röckchen und Schuh
mit den roten Aepfeln und klappernden Nüssen gegeben hatte Sie hatten die
Gaben hingenommen ohne Dank und Jubel beinah ohne Freude  und nur einem groben
Instinkt folgend das Obst zum Munde geführt  so sehr ohnmächtig jeder
Gefühlsregung hatte sie das tägliche Elend und die stete Arbeit gemacht Pauline
hatte laut weinen müssen als sie diese unglücklichen Kleinen um sich versammelt
sah  aber sie weinte nicht aus stiller Rührung wie sie sich es wohl ausgemalt
hatte sondern aus tiefem unendlichem Jammer bei dem sie meinte er müsse ihr
ganz das weiche Herz durchschneiden
    Seitdem waren einige Tage vergangen die Freundinnen hatten sich noch nicht
wiedergesehen Da sagte sich Elisaht dass sie als die Höhergestellte den
ersten Schritt zu ihrer Wiedervereinigung tun müsse Sie wusste dass dies ihre
Eltern kränken würde aber länger fühlte sie durfte sie es ihnen nicht
ersparen Aber als sie sich anschickte in die Fabrik zu gehen sagte sie noch
nicht wohin sie ihre Schritte lenkte
    Es war ein Sonntag Nachmittag In der Fabrik ward gefeiert Elisabet hatte
deshalb absichtlich diesen Tag gewählt weil sie da weniger glaubte jenes
Getreibe roher und lärmender Arbeiter dort zu finden welches ihr so lästig war
und für das sie eben so viel Furcht als Abscheu empfand
    Sie ging allein durch den Park an welchen bereits die ersten Fabrikgebäude
grenzten Es war ein kalter heller Wintertag denn seit Weihnachten war der
Winter in seiner ganzen empfindlichen Strenge gekommen eine große Menge Schnee
war gefallen und von einer späteren festen Eiskruste überzogen lag er
undurchdringlich über den Fluren Die Sonne schien hell aber ihr Strahl
vermochte nicht auch nur einen Tautropfen hervor zu locken Auf den Tannen im
Wald lagen die weißen Flocken wie dichte Federdecken krächzende Krähen flogen
darüber hin und ihr Geschrei war der einzige Laut welcher die winterliche
Todtenstille störte Nur Elisabeths Pelzstiefelchen hörte man auf den halb ganz
verschneiten Wegen knarren auf welchen man keine andere Spur eines Trittes
gewahrte als hier und da die kleine eines Eichhörnchens oder eines Hasen
    Sie wusste nicht welchen Weg sie einzuschlagen hatte als sie aus dem Park
getreten war und nun eine Menge kleiner unregelmässiger Wege gewahrte die bald
in diese bald in jene Hütte bald in dieses oder jenes Fabrikgebäude sich
verliefen Da kam ein junger Mann aus einer der Hütten Er trug einen alten
kurzen grauen Rock einen roten Shwal unter dem weißen herausgeschlagnen groben
Hemdkragen um den Hals gewunden wollne blaue Faustandschuh und eine hohe
Pelzmütze aus welcher ein roter Sack mit langer Quaste auf der linken Seite
heraushing Dieser an sich zwar nicht ungewöhnliche zwar sehr abgetragene aber
doch reinliche Anzug gab doch dem jungen Mann etwas Abenteuerliches  sein
Gesicht aber machte auf Elisabet einen seltsamen Eindruck so dass sie ihn eine
Weile aufmerksam betrachtete Er hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit
Talheim Dieselbe lange schmächtige Gestalt dieselbe blasse Gesichtsfarbe
Auch das Haar zeigte dieselbe Farbe nur dass es länger als das Talheims zu
beiden Seiten des Gesichtes lockig herabfiel Seine Augen waren blau und
glänzend Aber auf diesem Gesicht das übrigens noch das eines Jünglings von
etwa 24 Jahren war tronte neben dem Zug des Schmerzes welcher es wie das
Talheims charakterisirte nicht wie bei diesem jener heilige Friede sondern
eine bittere Unzufriedenheit ein kecker Ungestüm welcher Ausdruck jedoch nicht
hinderte dass dieses Gesicht besonders wenn man es öfter und länger
betrachtete von edlen und liebevollmilden Empfindungen zeugte
    An diesen Jüngling wandte sich Elisabet mit der Frage »Welcher von diesen
Wegen führt zunächst in Herrn Felchners Wohnhaus«
    »Hier rechts gerade aus ich gehe jetzt auch dahin« antwortete der
Angeredete mit einer schönen klangreichen Stimme welche nicht den entferntesten
gemeinen Ausdruck hatte ohne jedoch etwa einen sehr höflichen oder
unterwürfigen Ton anzunehmen
    Nachdem sie durch verschiedene kleine Straßen und Höfe gekommen waren
langten sie vor der Haustüre zu Felchners Wohnung an Der Führer trat zur
Seite und nahm ehrerbietig die Mütze zwischen die Finger  ein Fabrikarbeiter
trat aus dem Hause und sagte ohne Elisabet zu grüßen oder irgend auf sie zu
achten »Willst Du zum alten Herrn Talheim Da wirst Du jetzt Wenig
ausrichten denn er hat ganz schlechte Laune«
    »Ist gleich« sagte der junge Mann kalt »Für uns wird er ja doch niemals
gute haben«
    Elisabet konnte sich des Ausrufs größter Überraschung nicht enthalten
»Sie heißen Talheim«
    »Zu dienen Franz Talheim« antwortete Jener mit einer Art von
Selbstgefühl
    »Siehst Du« sagte der Andre »die Mamsell wird Deinen Namen wohl kennen in
der Stadt lesen sie Alles was Du schreibst«
    Franz schüttelte mit dem Kopfe
    »Sie sind also wohl Literat« fragte Elisabet
    »Literat« versetzte Franz »Das Wort klingt zu vornehm für einen armen
Fabrikarbeiter welcher nur in seinen wenigen Mussestunden hier und da ein offenes
Wort geschrieben hat für seine armen geplagten Brüder  und was ein schlichter
Arbeiter in seiner Einfalt schreibt lesen doch die vornehmen Leute nicht  «
    In diesem Augenblick hüpfte Pauline welche soeben Elisabet bemerkt hatte
durch eine rasch geöffnete Zimmertüre und warf sich jubelnd an den Hals der
Freundin Sie zog sie mit sich die Treppe hinauf in eines jener mit Glanz und
Bunt überladenen Prunkgemächer welche ihr Vater speciell für sie bestimmt
hatte
    »Was ist das für ein Mensch der mich hierher geleitete und der sich Franz
Talheim nennt« fragte Elisabet nach der ersten herzlichen Begrüßung »Er
sieht ihm so ähnlich« fügte sie bei indem sie sinnend vor sich nieder sah
    »Ja« antwortete Pauline lächelnd »das hättest Du wohl nicht gedacht Er
ist nur ein gewöhnlicher Arbeiter in unsrer Fabrik aber ein jüngerer Bruder
unseres Lehrers Talheim«
    »Wärs möglich« rief Elisabet
    »Ja dieser Franz hat mir es selbst erzählt sein Vater ist Schuhmacher
gewesen und da sein ältester Sohn viel Anlagen gehabt so hat er ihn zum
Studiren bestimmt Darüber ist aber der Vater gestorben und da unser Lehrer das
Studium nicht hat aufgeben wollen so hat er sich auf der Universität sehr
kümmerlich behelfen und allerhand kleine Erwerbsquellen aufsuchen müssen Die
andern Knaben haben an die Erlernung eines Handwerkes gehen müssen und so
befindet sich denn seit Kurzem dieser Franz in unsrer Fabrik Er ist nicht roh
und ungesittet wie die andern niedriggestellten Fabrikarbeiter aber diese
scheinen ihn mehr als irgend einen zu lieben trotzdem dass er ihnen manchmal
mit strafenden Worten die Wahrheit sagt«
    »Ich hörte einen Andern davon sprechen dass er schreibe  wohl fürs Volk«
    »Ja er hat einige einfache aber rührende Geschichten geschrieben welche
die Not der Fabrikarbeiter der arbeitenden Klassen überhaupt schildern  er
hat mir selbst am Tage nach unsrer Christbescheerung ein Exemplar davon
geschickt und eine gefühlvolle Dedication für mich beigefügt Bei dieser
Gelegenheit war es auch wo ich überhaupt zuerst von ihm hörte ihn sah und er
mir seine Familiengeschichte und die Verwandtschaft mit unserm Lehrer erzählte«
    »O erzähle mir Alles wieder es interessiert mich Alles was ich von seinem
Bruder höre lass Nichts aus erzähle wie Du ihn zuerst sprachst und was er
sagte« bat Elisabet
    »Gern« antwortete Pauline mit einem leichten Erröten »denn ich muss Dir
gestehen dass auch mich dieser junge Mann lebhaft interessiert welcher so
verschieden von den andern Arbeitern der Fabrik ist mit denen ich hier und da
gezwungen bin ein Wort zu wechseln«
    »Es war an demselben Tag« begann sie zu erzählen »wo wir den Kindern
bescheert hatten Weder mein Bruder noch mein Vater waren dabei gegenwärtig
denn die ganze Sache war ihnen unangenehm mein Bruder hatte längst gestrebt
sie zu verhindern und mein Vater mir nur auf lange Bitten die Erlaubnis dazu
gegeben Wie ich nun so die armen Kinder die über den hellen Lichterglanz mehr
vor Furcht als vor Freude schrien an ihre kleinen Tische geführt hatte vor
denen sie mit halbblöden Blicken still und ohne sich zu regen standen wie ich
sie eben gestellt hatte  wie dann ihre Angehörigen die sich zur Aufsicht der
Kinder und aus Neugier mit hereingedrängt hatten den Raum der Stube erfüllten
wie von dieser meist in zerlumpte und unreinliche Sachen gekleideten Menge ein
erstickender Dunst in der geheizten Stube entstand und Viele dieser Leute unter
sich unschickliche Späße machten und in groben Ausdrücken sich unterhielten
wohl hier und da auch halblaut die Gaben tadelten oder darüber lachten  so
ward mir unheimlich zu Mute und ich fing an zu weinen Mein Kammermädchen
Friederike welche ich mitgenommen hatte mir bei der Bescheerung behilflich zu
sein erschien mir unter diesen Leuten wie das einzige mir gleichstehende Wesen
und als ob es meine beste Freundin sei sucht ich an ihrer Seite Schutz vor
dieser beängstigenden Umgebung und indem mich ein kalter Schauer überrieselte
sagte ich leise ausrufend zu ihr O mein Gott und das sind auch Menschen wie
wir«
    »In diesem Augenblicke war es« fuhr sie weiter fort nachdem sie einige
Momente lang in sinnendem Schweigen vor sich niedergesehen hatte »als ich Franz
Talheim zuerst sah Er stand mir zunächst und hatte meine unvorsichtigen Worte
gehört Er warf einen unbeschreiblichen Blick voll Schmerz und Vorwurf auf mich
vor dem ich beschämt und zitternd meine Augen senkte  er öffnete den Mund zum
Sprechen und ich fürchtete tadelnde vielleicht rohe Worte von ihm zu hören 
ich fühlte dass ich sie verdient hatte  aber er sprach mit sanfter
bescheidener Stimme indem er aber ganz dicht neben mich trat dass außer
Friederiken Niemand weiter hören konnte was er sagte Ja Fräulein es sind
Menschen wie Sie aber es ist eben ihr Unglück dass man diesen Tausenden ihre
Menschenrechte genommen und deshalb sogar auch die Fähigkeit sich über das
Tier zu dem man sie herabgestossen zu erheben Ich fühlte dass in diesen
Worten eine große Wahrheit lag ja ich empfand auch zugleich dass ich ihm eine
Abbitte und für seine Klage ein tröstliches Wort schuldig war und ich
erwiderte Mich jammert jede Not und was ich tun kann um ihr abzuhelfen
will ich versuchen Er lächelte kummervoll bei diesen Worten und statt der
Antwort gab er mir eine dünne Broschüre Ich bitte Sie das zu lesen wenn Sie
einmal ein Wenig Zeit haben für diese Unglücklichen alle welche Sie hier
umgeben Dann trat er ehrerbietig mit einem Gruße zurück und sprach mit einer
Frau welche zwei kleine Kinder auf den Armen hatte Diese kam dann auf mich zu
und dankte mir ihrem Beispiel folgten dann noch viele der Leute Manche taten
es unmutig und förmlich Andere herzlich und mit Tränen ich glaube es
geschah nur auf Franz Talheims Aufforderung dass sie mir dankten  ich hätte es
ihnen gerne erspart obwohl ich mir dabei sagte dass es auch Hochmut sei ihren
Dank nicht annehmen zu wollen so gut als es Hochmut sei ihn zu fordern 
denn was mir bei diesem Dank unwillkürlich lästig war waren die vielen
unreinen derben und schwieligen Hände welche die meinen drückten und die
Annäherung dieser schmuzigen Lumpen welche sie trugen«
    Pauline stand auf und holte aus ihrem Bücherschrank eine Broschüre welche
sie an Elisabet gab Diese las den Titel
    »Aus dem armen Volke Erzählungen von Franz Talheim allen Menschenfreunden
gewidmet« Auf das leere Blatt hinter dem Titel hatte der Verfasser geschrieben
»Dem Fräulein Pauline Felchner mit besondrer Hochachtung gewidmet«  »Wie ein
Engel in der Christnacht sind Sie unter uns den armen Sklaven Ihres Vaters
erschienen Sie wollen die Herzen dieser armen Kinder erfreuen welche niemals
eine Ahnung von dem gehabt haben was man Glück der Kindheit nennt Wir Alle
segnen Sie dafür Aber wir mögten Ihnen auch zurufen vergessen Sie über den
Segen welchen Ihre Milde über diese unglücklichen Kleinen bringt niemals dass
eben diese Kinder einem Elend entgegengehen von welchem Sie gewiss keinen
Begriff haben Frost und Hunger ist noch das Geringste das ihrer wartet  ihr
Geist erstarrt ohne die Nahrung des Schulunterrichts und ihr Herz vertrocknet
mit ihrem kleinen Körper unter der anhaltenden Arbeit zu welcher man sie
benutzt Ihre Sitten werden verderbt alle ihre edleren Gefühle erstickt weil
man sie gänzlicher Verwilderung Preis gibt Bei diesem Frevel an der
menschlichen Würde rufe ich Ihnen zu mögten Sie diesen Verstossenen auch als ein
Engel erschienen sein welcher sie aus dem Abgrund emporhebt in dem sie täglich
immer tiefer versinken  Vergeben Sie wenn diese Worte zu kühn sind für einen
armen Fabrikarbeiter wie der Verfasser«
    »Ja« rief Elisabet erschüttert als sie noch eine Weile in diesem Buche
geblättert hatte »das ist ein unabsehbares Elend von dem ich bis jetzt Nichts
gewusst habe« und ihre Haut überlief ein leiser Schauer
    »Wie ich Alles gelesen« sagte Pauline »versuchte ich meinem Vater
Vorstellungen zu machen ob er wenn einmal Kinder arbeiten müssten ihre Zahl
nicht noch vermehren könnte aber so dass sie einander ablösend nur wenig
Stunden des Tages arbeiteten und Schulunterricht haben könnten  Er antwortete
mir den hätten sie und ob ich denn den Lehrer noch nicht kenne Wie ich aber
weiter sprechen wollte ward er so böse wie ich ihn noch niemals gesehen und
verbot mir bei seinem höchsten Zorn jemals wieder über solche Dinge zu
sprechen welche ich nicht verstände  ja er lachte mich geradezu aus und
schloss endlich damit dass ein längeres Leben hier mich wohl überzeugen würde
wie seine Arbeiter ganz glücklich wären und auch alle Ursache dazu hätten
während nur Einige über Elend jammerten weil ihre unverschämten Forderungen
nicht erfüllt würden Nach Allem was er sagte fühlte ich dass ich gegen meinen
Vater schweigen müsse« Sie seufzte und fuhr dann weiter fort »Ich sagte ihm
Nichts von Franz Talheims Buche ich verbarg es unter meinen andern Büchern
Ich schickte aber nach Talheim als eines Sonntags Nachmittags mein Vater in
die Stadt im Schlitten gefahren war Franz kam ich will ihn nun so nennen
damit wir nicht immer an unsern Lehrer denken oder ihn doch mit diesem
verwechseln denn auch die Fabrikarbeiter nennen ihn nur bei seinem Taufnamen
Franz trat leise ein und blieb bescheiden mit der Mütze in der Hand an der
Türe stehen aber er war nicht verlegen wie ich gedacht hatte wenn Jemand von
uns Beiden verlegen war so glaube ich eher ich bin es gewesen Ich hatte mich
auf sein Kommen vorbereitet und nun wusste ich eigentlich nicht was ich ihm
sagen sollte Ich danke Ihnen für Ihr Buch begann ich endlich aber ich würde
Ihnen raten damit vorsichtiger zu sein wenn es in die Hand meines Vaters
Bruders oder irgend eines Factors unserer Fabrik käme so könnten Sie wohl einen
schweren Stand bekommen  Franz erwiderte Kann man die Wahrheit schonender
sagen als ich es getan Ich habe ja auch in diesem Buch gar nicht von den
Einrichtungen dieser Fabrik gesprochen sondern was ich versucht habe ist
weiter Nichts als darauf aufmerksam zu machen dass die Not der arbeitenden
Klasse groß ist und dass wenn Einzelne unter ihnen zu Verbrechern herabsinken
nicht sie allein dafür verantwortlich sind sondern diejenigen denen es ein
Leichtes gewesen wäre sich ihrer Not zu erbarmen und welche es doch nicht
getan haben Verzeihen Sie wenn ich zu laut und zu heftig spreche setzte er
hinzu indem er wieder zurücktrat und seine Augen senkte aber ich kann nicht
anders Ich suchte ihn darauf deutlich zu machen wie glücklich es mich selbst
machen würde wenn ich all dies Elend verschwinden sähe wie ich aber selbst
ganz unbekannt sei mit aller Leitung des Fabrikwesens und wie es mir nicht
zukomme ich mithin auch nicht im Stande sei andere Einrichtungen zu
bewerkstelligen durch welche die Arbeiter besser gestellt und die Kinderhände
erspart würden  ja dass ich nicht einmal wisse ob dies wirklich möglich sei
wenigstens sagten mir Alle welche Fabriken zu leiten hätten es sei nicht
möglich  und das mache mich selbst am Allertraurigsten Unwillkührlich traten
mir als ich dies Alles sagte Tränen in die Augen und ich konnte nicht weiter
sprechen  Ja ich glaube es wohl sagte er Diejenigen welche gern helfen
möchten können es nicht und Alle die welche es recht wohl vermöchten und
sollten die wollen nicht helfen Ich ließ das unbeachtet und sagte Ich ließ
Sie rufen ein Mal um Sie zu warnen von Ihren Büchern wo möglich meinem Vater
Nichts wissen zu lassen und dann wollte ich Sie bitten da wo Sie eine
augenblickliche Not welcher zu helfen ist in den Familien unsrer
Fabrikarbeiter sehen mich davon zu unterrichten und da werde ich Alles tun
was ich vermag Oder haben Sie selbst nicht ausreichenden Verdienst Nehmen Sie
dies Geld für Diejenigen welche es am Meisten bedürfen Er nahm was ich ihm
gab mit leuchtenden Augen sagte er habe für sich schon Erwerb genug aber er
wisse Viele die es brauchen könnten  und er drückte mir herzlich mit edler
Freimütigkeit die Hand Darauf fragte ich ihn ob er ein Bruder des Doctor
Talheim in  sei und er erzählte mir kurz was ich Dir bereits mitgeteilt
Ehe jener weiter gereist war hatte er Franz hier besucht da er vorher ein
paar Tage auf Waldows Gut gewesen und er habe gesagt wiederholte mir Franz
Fräulein Pauline ist ein edles Mädchen das wo es kann sich Eurer Not
annehmen wird«
    Elisabet umarmte die Freundin und sagte »Also war es deshalb als
Talheim Dir das Versprechen abnahm immer wenn nicht die Schwester doch die
Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein  es ist sein Befehl sein
Wunsch darum ist er so heilig«
    Während dieses langen Zwiegespräches der Freundinnen war bereits das
spärliche Sonnenlicht längst verlöscht und der frühe Abend begann
hereinzudunkeln Elisabet brach auf Pauline schlug vor sie zu begleiten um
sie noch länger sprechen zu können Beide hüllten sich in ihre warmen
Schleierhüte und dichten Pelzmäntel und gingen
    Es war kalt
 
                               IX SonntagAbend
 »Es ist so leicht die Menschen zu verachten
 Weil sie die Quintessenz des Staubes nur
 Viel größer ists sie liebend zu betrachten
 Und kennen ihre arme Staubnatur«
                                                                 Alfred Meissner
Es war kalt ach schneidend kalt draußen Der Himmel schien sich immer höher
wölben zu wollen als mög er gar Nichts mehr wissen von der armen erstarrten
Erde und die Sterne kamen funkelnd heraus einer nach dem andern und es war
als wetteiferten sie alle mit einander im hellen Flimmern und Prunken
    Es war kalt ach schneidend kalt drinnen Drinnen in den elenden Wohnungen
der Fabrikarbeiter Auf den meisten Heerden war längst das letzte im Walde
aufgelesene Reisholz verbrannt und wo ja noch ein paar Stücklein Kohlenvorrat
waren da glimmten sie in einem alten großen Ofen der nur die empfangene Wärme
von sich gegeben hätte wenn ein großes Feuer ihn hätte zu durchhitzen vermogt
Durch die halb mit Papier verklebten mit Lumpen verstopften Fenster drang
unaufhörlich ein eisiger Luststrom ein  Auf verfaultem Stroh lagen die
halbnackten Kinder und rieben mit den blauen erstarrten Händen in den blöden
Augen die gar nicht zubleiben wollten weil Frostschauer die über die kleinen
Gestalten liefen sie immer wieder aufrissen Die Mutter lag daneben in einer
großen weiten Bettstelle  das Weib lag weder auf Stroh noch auf Federn
sondern auf den Latten des Gestelles zum Kopf hatte sie die zerrissene
Pelzjacke ihres Mannes zur Decke einen alten wollnen Rock den sie am Tage
trug
    Es war kalt ach schneidend kalt drinnen
    Dem Manne war es zu kalt drum war er fortgegangen in die Schenke
    In der Schenke war es warm da brauchte Niemand zu frieren und Branntwein
hatte der Wirt auch  und der Branntwein wärmte dann noch fort zu Hause die
wenigen Stunden der Nacht bis die Glocke zur Arbeit geläutet ward
    Es war eine große von Rauch geschwärzte Stube Einige Talglichter meist
schon herabgebrannte Stümpfchen erleuchteten sie spärlich Branntweindunst der
Qualm aus vielen Tabakspfeifen und das Atmen vieler Männer verdichteten die
Luft in dieser Stube so dass es den darin Versammelten unmöglich war einander
in größerer Entfernung als der von ein paar Schritten zu erkennen
    An zwei Tischen saßen Einige dieser Männer in zerlumpten Kleidern mit teils
bleichen teils vom Trunk glühenden Gesichtern und spielten mit beschmuzten
Karten auf denen man kaum noch die Figuren unterscheiden konnte Schafkopf und
Solo In ihren Augen las man teils ängstliche Spannung teils verzweifelnde
Gleichgültigkeit teils den Ausdruck tierischen Abgestumpftseins gegen Alles
teils endlich eine halb wahnwitzige Lustigkeit welche in ihren lärmenden
Äußerungen selbst auf die meisten Andern der Anwesenden einen widerwärtigen
Eindruck machte Die Ältesten unter diesen Spielern waren die rohesten so auch
unter denen welche trinkend fluchend und schimpfend den übrigen Raum füllten
    Nur wenige der jüngeren Fabrikarbeiter befanden sich unter dieser
Gesellschaft aber diesen Wenigen sah man es an dass sie zu den Verworfensten
und Liederlichsten gehörten
    Die Meisten der jungen Fabrikarbeiter waren in einer andern Stube
versammelt deren Anblick in der Tat nicht im Entferntesten den widerlichen
Eindruck machte wie jene
    Diese jungen Leute trugen zwar auch wenig bessere Kleidungsstücke als die
alten aber sie waren meist reinlicher und zum Wenigsten alle mit einiger
Sorgfalt angelegt Ihr Haar war glatt gekämmt und unverwildert
    Vor ihnen standen Gläser mit Vier daneben lagen die kleinen Pfeifen welche
wenigstens jetzt nicht brannten Kein Glas Branntwein keine Karte war in dieser
Stube zu sehen
    Sie saßen Alle an einer langen Tafel auf hölzernen Bänken sich gegenüber
und sangen
    Franz Talheim und Wilhelm Bürger saßen obenan  sie waren Vorsänger
    Diese beiden jungen Arbeiter waren innige Freunde und hatten gemeinsam
endlich die Einrichtung zu Stande gebracht von welcher wir jetzt Zeuge sind
    Sie hatten die sämtlichen unverheirateten Arbeiter aufgefordert mit ihnen
zu einem Verein zusammen zu treten dessen hauptsächlichste Regeln waren
    Keine Karten anzurühren
    Keinen Branntwein zu trinken
    Keine Schulden in der Schenke zu machen
    Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn voraus bezahlen zu lassen
    Dies war der negative Zweck dieses Vereins Er hatte aber auch einen
positiven
    Die Arbeiter hatten eine gemeinschaftliche Kasse in welche jedes Mitglied
wöchentlich eine Kleinigkeit beisteuerte Aus dieser Kasse bezahlte man an den
Schenkwirt bei dem man Sonntags und Mittwochs Abends zusammenkam das Bier
gemeinschaftlich Auch bezahlte man davon die Noten Sing und Lesebücher
welche sich der Verein anschasste um gemeinschaftlich zu singen und zu lesen
In dieser Kasse hielt man immer auf einen kleinen Fonds von welchem man auch
wenn eines der Mitglieder krank ward dasselbe unterstützen konnte
    Diese Einrichtung war nicht ohne die heilsamsten Folgen für die Linderung
der äußern Not und die Erhebung und Veredlung des Innern für Alle welche ihr
angehörten deshalb war ihr nicht einmal der Fabrikherr entgegen obwohl es ihm
ziemlich einerlei war wie es um die Moral seiner Arbeiter stand und wiewohl
ihm die Bedingung »Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn vorausbezahlen
zu lassen« ziemlich verdrießlich war denn wenn dies die Arbeiter taten konnte
er dann ihre Arbeit leicht zu einem geringen Preis erhalten und hatte dadurch
die Leute ganz in seiner Gewalt Dies eben hatten die Arbeiter nur zu oft schon
erfahren müssen und suchten daher eh sie noch ferner zu diesem äußersten
Mittel griffen lieber wenn sich ein Mitglied durch irgend einen Unglücksfall
in dringender Not befand durch die gemeinschaftliche Kasse zu helfen und wenn
es auch oft nur in der Art eines Darlehns geschehen konnte
    Zum Kassirer war Wilhelm Bürger erwählt worden Er saß jetzt obenan Es war
ein junger Mann der einige Jahr über zwanzig zählen mochte Seine Figur war
klein und gedrungen von kräftigem Gliederbau Er hatte krausses schwarzes Haar
dunkle Augen und eine frische gesunde Gesichtsfarbe Er trug eine Art Blouse
von grau und schwarz melirter Wolle eben solche Beinkleider und ein rot und
gelb gewürfeltes Tuch um den Hals geknüpft dass zwei ziemlich lange Enden davon
herabhingen
    »Ich dächte drüben in der großen Wirtsstube ginge es recht laut zu Da
sind wohl schon wieder Einige trunken« sagte Wilhelm als der Gesang welchen
man soeben gesungen hatte zu Ende war und eine augenblickliche Stille
herrschte in welche plötzlich lautes Geschrei wie von rohem Gezänk vieler
Stimmen herein schallte
    »Viele sind ja den ganzen Sonntag betrunken« erwiderte einer der andern
jungen Arbeiter »Da kann es wohl bald zu einer Prügelei kommen«
    »Ich höre Augusts Stimme« sagte wieder ein Andrer »Der Junge sollte sich
schämen lässt sich da mit verführen von den Alten  nun die alten Arbeiter sind
einmal von Jugend an den Branntwein gewohnt können einmal nicht anders leben
Vielen tut er gar Nichts mehr  da mag es schon sein aber der August sollte
sich doch schämen«
    »Ja er lacht uns nur immer aus« versetzte ein Dritter »Mich sollts aber
freuen wenn ihn die alten Kerle drinnen einmal recht durchhieben«
    »Hätte es wohl verdient« sagte Franz Talheim »aber dass eine große
Prügelei wird wollen wir doch nicht wünschen da heißt es dann gleich in der
Fabrik es sei großes Unrecht geschehen und ein Exzess verübt worden dass dabei
die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden müssen«
    Der Lärm der hereinschallte ward immer größer
    »Nun wenns was Ernstliches gibt muss ich auch mit dabei sein« riefen
Einige der jungen Arbeiter und sprangen hinaus
    »Mengt Euch doch lieber nicht hinein und bleibt« riefen Andre Aber es war
schon zu spät Viele waren trotz der Warnung hinausgeeilt
    »Pass Du doch auf dass sie keine dummen Streiche machen« sagten Einige zu
Franz »Du hast ja schon manchmal gewusst sie von Prügeleien und unvorsichtigem
Gelärm zurückzuhalten«
    Franz trat in den Hausflur Die Türe welche derjenigen gerade
entgegengesetzt war aus welcher er kam führte in die große Wirtsstube in
welcher die älteren Fabrikarbeiter zechten und spielten Diese Türe war jetzt
weit aufgerissen und Viele Derer welche vorhin in dieser Stube saßen hatten
sich dazwischen gedrängt
    Im Hausflur wand sich ein junger Bursche  es war der vorerwähnte August 
unter den derben Fäusten von einigen der älteren Arbeiter deren Kräfte durch
die Wut verdoppelt erschienen und deren Wut durch die Trunkenheit
verdreifacht war Die entsetzlichsten Flüche und Schimpfworte sandte man von
allen Seiten auf ihn
    »Was hat denn der August getan« fragte Franz die Umstehenden
    »Falsch gespielt  Er hat dem alten Böttcher den letzten Dreier auch noch
abgewonnen Er hat uns Alle ums Geld betrogen  uns wo zu Hause Frau und
Kinder fast erfrieren und verhungern  uns hat er das Letzte abgewonnen  ist
erst zwanzig Jahr und doch so ein Gauner« So riefen viele Stimmen zugleich
und grobe Schimpfreden hallten immer dazwischen
    »Nun aber die Prügelei hilft Euch doch zu Nichts  spielt nicht wieder mit
ihm seht ihn nicht mehr an da wird er schon bestraft sein« redete Franz zur
Sühne
    »Können wir uns jetzt anders rächen als wenn wir ihn zu Schanden treten«
rief Einer der Wütendsten »Sollen wir ihn etwa verklagen und einstecken
lassen dass wir dann wochenlang umsonst arbeiten können weil man uns die
Gerichtskosten vom Lohne abziehen würde«
    »Franz Franz« schrie der unglückliche August welchen eine starke Faust an
den Haaren gefasst hielt und zur Erde auf die Steintafeln drückte während ein
Anderer einen Fuß den ein schwerer mit Nägeln beschlagener Stiefel bekleidete
auf seinen Rücken setzte  »Franz ich habe schon Alles wieder herausgegeben 
Du bist ja sonst menschlich und gerecht Lass es nicht zu dass sie mich
todtschlagen«
    »Wir wollen ihn hinauswerfen« sagte Franz »Da seid Ihr ihn los und Euer
Ärger hat ein Ende denn er kommt gewiss nicht wieder  das Geld hat er Euch
doch herausgegeben«
    »Ja das haben sie ihm alles wieder abgenommen und sein eigenes dazu«
schrien Einige welche gemässigte Zuschauer abgegeben hatten
    »Nun« sagte Franz »so wollen wir ihn hinauswerfen« und mit Riesenkraft
schob er den Fuß des Einen von Augusts Schultern und unwillkürlich ließ der
Andere welcher sein Haar gefasst hielt los und Franz schleppte nun mit einem
raschen Griff den Geschlagenen vor die Haustüre und rief »Nun lauf wenn Du
noch laufen kannst«
    August lief wirklich Einige der Arbeiter sprangen ihm nach Andere
schimpften wenigstens hinter ihm her
    In diesem Augenblicke hörte Franz eine zarte schluchzende Stimme rufen
    »Helft mir Erbarmen wenn ich noch unter Menschen bin«
    Franz kannte diese Stimme er kannte auch diese Worte welche er voll
desselben entsetzlichen Vorwurfes schon einmal vernommen hatte Wie ein
zweischneidiger Dolch drangen sie wieder in sein Herz aber wie ein Dolch
welchen eine reine Kinderhand führt ohne zu ahnen wie schwer sie verwunden
kann
    Er kannte diese Stimme und sprang in demselben Moment dahin woher er sie
kommen hörte
    Es war dunkel
    Er sah nur eine kleine weibliche zitternde Gestalt neben einem taumelnden
Mann welcher ihren Schleier mit der einen Hand wegzog und mit der andern ihren
Arm hielt  dabei lachte er und führte unanständige Reden
    Aber mit starkem Arm schleuderte ihn Franz auf die Seite dass er taumelnd zu
Boden fiel
    Pauline atmete auf  aber sie fürchtete auch den Befreier und begann zu
laufen
    »Gehen Sie lieber langsam« sagte Franz »Ich bin es Franz Talheim ich
werde Sie sicher bis in Ihr Haus begleiten gehen Sie nicht schneller als
gewöhnlich ich folge Ihnen Sie haben Nichts zu fürchten«
    Er sagte dies mit so schmerzlich bewegter Stimme weil es ihm weh tat dass
nun Pauline vor jedem Fabrikarbeiter fliehen werde da sich Einer erlaubt hatte
ihr roh zu begegnen  und Pauline erriet an dieser wehmütigen Stimme was in
ihm vorging und noch an allen Gliedern zitternd blieb sie stehen gab ihm ihre
Hand und sagte unendlich mild
    »Ich danke Ihnen ich bin so erschrocken dass ich kaum weiß wie ich noch
das kleine Stück bis nach Hause gehen soll  und Ihnen meinen Dank ganz
auszudrücken vermag ich jetzt auch noch nicht«
    Sie ließ diese kleine Hand mit dem weichen gefütterten Handschuh in seiner
groben Hand welche nur leise ihre Fingerspitzen zu fassen wagte und so ließ
sie sich von ihm führen Bald waren sie an dem Wohnhause angelangt  die
Laternen davor brannten schon hell
    »Ich danke Ihnen nochmals« sagte sie freundlich »und wenn ich wüsste womit
ich Ihnen diesen großen Dienst besser als mit Worten vergelten könnte «
    »Nein dafür dürfen Sie mich nicht bezahlen« rief er rasch und wie außer
sich  Pauline sah dass bei diesen Worten seine Augen seltsam glänzten und eine
große Träne in sie trat während ein schmerzliches Zucken seinen Mund bewegte
und doch über sein ganzes Gesicht eine Art von Freudenglanz flog  er eilte
hastig von dannen
    Friedericke kam Paulinen an der Treppe entgegen »Da sind sie ja endlich
mein Fräulein Mein Gott welche Angst habe ich um Ihretwillen gehabt Es ist
schon acht Uhr vorüber Sie sind ganz allein gegangen und wir wussten nicht wo
Sie waren um Ihnen Jemand entgegen zu schicken«
    Während Pauline ablegte sich in den Lehnstuhl warf und die kleinen
erstarrten Hände wärmte erzählte sie »Ich hatte meine Freundin bis an das
kleine Haus begleitet welches in der Nähe des Parkes steht und in dem unser
Oberfaktor mit seiner Frau wohnt Da fing es sehr heftig an zu schneien es
schien uns vorübergehend und da wir die Oberfaktorin allein zu Hause sahen
gingen wir Beide hinein um dort die Schneewolke vorüber zu lassen So kam es
denn dass wir dort länger blieben als wir erst gedacht hatten denn Elisabet
schickte einen Knaben nach ihrem Schlitten ins Schloss und es dauerte ziemlich
lange ehe dieser kam Dann hatte es aufgehört zu schneien ich fürchtete mich
nicht da es so sternenhell war und nahm nur den Knaben auf Zureden als
Bedeckung mit denn weiter war Niemand zu Hause Als ich bei der Schenke vorüber
kam «
    »Ach liebes Fräulein Sie zittern ja am ganzen Körper  es wird Ihnen doch
Nichts begegnet sein« sagte das besorgte Mädchen
    »In der Schenke war ein entsetzlicher Lärm  auf einmal umringte mich ein
Trupp Männer und führten gemeine Reden  ich lief stumm fort so schnell ich
konnte  da kam mir ein Trunkener von ihnen nach  fasste mich an  und was er
sagte mag ich nicht wiederholen  ich weinte und schrie nach Hilfe  da kam
Franz   er führte mich sicher hierher«
    Pauline hatte dies unter immer heftigerem Zittern erzählt und sank jetzt
ohnmächtig in die Kissen des Lehnstuhls zurück Friedericke war aufs
Teilnehmendste um sie beschäftigt und weinte selbst mit über die doch bereits
überstandene Angst ihrer Herrin Als diese wieder zu sich kam fragte sie
    »Ist mein Vater schon zurück«
    »Nein«
    »Wenn er kommt so lass ihm sagen es sei mir nicht ganz wohl ich habe mich
zeitig niedergelegt  sage aber Niemand was mir begegnet ist  hörst Du
Niemand«
    »Wenn Sie es wollen so kann ich schweigen als wäre ich stumm« versprach
Friedericke Pauline ließ sich von ihr entkleiden und legte sich zu Bette
    Sie war so erschöpft aber doch zugleich so aufgeregt dass sie lange
vergeblich zu schlafen suchte Endlich gelang es  aber auch durch ihren Traum
klangen immer noch die rohen schreienden Stimmen hindurch welche sie im Wachen
so geängstet hatten bis denn auch im Traum Franz Talheims Bild wie das eines
Schutzengels vor ihr auftauchte dass sie selbst im Schlafe beruhigt und
friedlich lächelte
    Auf Franz wartete man an diesem Abend vergeblich in der Schenke er ging
nicht wieder dahin obwohl es erst acht Uhr war und bis gegen zehn Uhr pflegten
sie gewöhnlich dort beisammen zu bleiben
    Er ging in seine kleine Kammer er zündete sich nicht erst seine kleine
Oellampe an  er hing beim Sternenlicht den Rock den er auszog an seinen
Nagel den Shwal über den hölzernen dreibeinigen Schemel und legte sich auf
seinen Strohsack Es war kalt aber seine Wangen brannten Zuweilen aber doch
überrieselte ihn ein kalter Schauer  es kam aber nicht nur vom Frost und weil
es kalt durch das kleine in seinen Rahmen klappernde Fenster hereinzog  dieser
Schauer kam in den Momenten wenn er daran dachte dass Pauline gesagt hatte
    »Helft mir wenn ich noch unter Menschen bin«
    Und immer wieder musste er daran denken Sie hatte diese vielen Stimmen
gehört diese Stimmen Derer welche arme Arbeiter waren wie er auch  und sie
hatte daran gezweifelt unter Menschen zu sein  ja sie hatte ihn in der Angst
ihres Herzens herausgeschrieen diesen ungeheueren Vorwurf Ach freilich Sie
hatte diese Trunkenen diese rohen Schreier gehört welche sich sogar mir
niedrigen Worten an ihr vergangen hatten  an Menschenwürde hatte sie ja da wohl
zweifeln müssen Und ach das war es ja eben  sie war auch vor ihm geflohen
denn er war ja auch unter diesen armen unglücklichen Menschen ohne
Menschenrechte an deren Fähigkeit zur edelsten Menschenwürde Niemand glauben
will  sie dachte nun es sei Keiner unter ihnen im Stande Recht zu handeln 
sie war auch vor ihm geflohen als er sich ihr genähert
    Aber da leuchtete es wieder hell auf in seinem kummervollen Antlitz und er
sagte sich selbst wie sich plötzlich besinnend Nein  vor ihm war sie nicht
geflohen   nur vor dem ungekannten Mann Als er seinen Namen genannt hatte
sie ihm vertrauend die Hand gegeben  sie hatte ihn nicht hinter sich gehen
lassen wie einen Diener wie er bescheiden gewollt  sie hatte ihm die Hand
gegeben und war neben ihm gegangen wie neben einem Freund  und dann hatte sie
ihm gedankt Aber gewiss hätte sie ihn dafür gern mit irgend einer Gabe gelohnt 
aber das sollte sie nicht nein dies Mal gewiss nicht sie sollte ihn nicht
bezahlen wie die reichen Leute die armen für jeden Liebesdienst womit sie oft
so weh tun  sie sollte ihn nicht bezahlen weil er ein paar Minuten so
glücklich gewesen war
    Und so dachte und grübelte er noch lange fort bis endlich der Schlaf kam
und mit ihm der Traum und mit diesem Paulinens Bild
 
                               X Der Rittmeister
 »Wie drunten die Puppen rennen
 So winzig so käferklein
 Die selbst nicht vor Stolz sich kennen
 Will jede was Mehres sein«
                                                                   C Schreiber
Monate waren verstrichen  der Frühling war gekommen
    Der Frühling ist gekommen Das war wie ein Jubelruf über die ganze vom
langen schweren Wintertraume erwachende Erde gezogen Alle Fluren waren wieder
grün geworden alle Märzblümchen und Veilchen blühten wieder alle Schwalben
waren gekommen und suchten die verlassenen Nester wieder und alle Lerchen
sangen wieder  und dieser ganze lebende lachende Frühling klang und blühte
auch in manchem Herzen wieder
    Elisabet und Pauline waren glücklich als sie Beide dem verschwiegensten
Leben und Weben der Natur so nahe den Frühling kommen sahen Beide sahen sich
jetzt öfter und genossen die schönen Tage zusammen
    Zwar sahen Elisabeths Eltern diese Freundschaft so ungern als Paulinens
Vater sie gern sah weil es ihm immer Freude machte wo er die Aristokratie der
Geburt sich vor der seinen vor der des Geldes demütigen sah Aber wie oft
auch Anfangs die Gräfin sanfte Vorstellungen an Elisabet versuchte in welchen
sie Pauline als einen unpassenden Umgang schilderte  Elisabet erklärte fest
und bestimmt dass sie dieser Freundin nie entsagen werde  und so war Pauline
auf Schloss Hohental vorgestellt und hatte immer freien Zutritt Die Gräfin war
zu hoch und fein gebildet um je dem bürgerlichen Mädchen merken zu lassen dass
seine Gegenwart ihr unangenehm sei  sie behandelte es immer mit zuvorkommender
Herablassung aber zugleich mit kalter Förmlichkeit Von dem Grafen galt
dasselbe
    Übrigens hatte man im Schloss den Winter ganz einsam verlebt Nur
Rittmeister von Waldow war mit seiner Gattin öfter gekommen  ein langweiliges
unbedeutendes langsam alterndes Ehepaar  und einige andere alte
aristokratische Herren welche in der Nähe lebten und an einem bestimmten Abend
zum Spiel mit dem Grafen kamen Unter diesen langweiligen Verhältnissen fühlte
die Gräfin selbst wäre es Grausamkeit gewesen Elisabet Paulinens Umgang zu
entziehen  allein das Frühjahr brachte die ebenbürtigen Nachbarn zurück welche
im Winter die Einsamkeit ihrer Landgüter mit dem Leben in der Residenz
vertauscht hatten
    Es war also auch an einem schönen Frühlingsmorgen als die beiden
Freundinnen Arm in Arm durch die saftgrünen Wiesen gingen Sie hatten sich
Veilchen und Maasliebchen gepflückt und um daraus kleine Kränze zu winden
setzten sie sich nebeneinander auf eine Bank
    Es war ein liebliches Bild Pauline trug einen runden Strohhut mit
flatternden Enden ihr blondes Haar war darunter glatt gescheitelt ihre kleine
zarte Gestalt umgab ein luftiges Kleid von rosaer Farbe mit einer Art von
schwarzem den Hals umschliessenden Sammetmieder Ihre ganze Erscheinung hatte
etwas Idyllisches Eine Art Gegensatz zu diesem Eindruck empfing man durch
Elisabeths Bild Um ihre langen blonden Locken hatte sie einen Tüllschleier
geknüpft ihre edle schlanke Gestalt umschloss ein schwarzes Wollenkleid mit
weiten Aermeln und einer langen Gürtelschnur um die zarte Taille so glich sie
halb einem Burgfräulein halb einer Nonne vergangener Zeit
    Als so die beiden Mädchen im kindlichen Naturgenuss mit den Veilchen auf
ihrem Schoos spielten und ihre Blicke darauf gesenkt hatten ahnten sie nicht
dass sie plötzlich der Gegenstand einer lebhaften Unterredung geworden
    Jaromir von Szariny und ein jüngerer Baron von Waldow Neffe des
Rittmeisters waren in einem Seitenweg und von ihnen ungesehen
vorübergegangen
    »Da ist sie wieder« rief Jaromir und blieb traumverloren stehen Es
befremdete ihn gar nicht dass er die Unbekannte wieder sah obwohl er sie am
Wenigsten jetzt und hier erwartet hätte  aber dass er ihr einst wieder begegnen
werde hatte ihm Tausend Mal sein Herz gesagt und er hatte diesem seltsamen
prophetischen Herzen immer geglaubt
    »Ah Sie meinen die Damen dort Schade dass ich meine Lorgnette vergessen
habe« sagte Waldow nachlässig indem er auch stehen blieb
    »Ich bitte Sie Waldow Sie waren schon öfter hier Sie müssen die Damen
dieser Umgegend kennen  sagen Sie mir endlich wer dieses Mädchen ist«
    »Was denn endlich« erwiderte Waldow der die Dringlichkeit seines Freundes
nicht begriff »Ich habe sie noch niemals gesehen  doch ja ich entsinne mich
gestern sah ich die Eine von ihnen mit dem alten Felchner dem Fabrikanten
fahren man sagte mir es sei seine Tochter«
    »Seine Tochter Aber welche meinen Sie« fragte Jaromir ziemlich befremdet
    »Die Kleine«
    »Die Kleine  aber die Schlanke wer ist sie«
    »Nun jedenfalls auch so ein Fabrikantenmädchen vielleicht eine Untergebene
eine Verwandte  was weiß ich Etwas Nobles kann es keines Falls sein« sagte
Waldow leicht und fuhr scherzend fort »Indessen Sie wissen der Adelsverein
erlaubt eine Mesalliance mit diesen schönen bürgerlichen Kindern sobald sie die
Töchter reicher Fabrikanten oder Bankiers sind und man mit ihrer reichen
Mitgift den Glanz eines durch die fluchwürdigen Verhältnisse dieser
neuerungssichtigen Zeit herabgekommnen adligen Hauses wieder auffrischen und
erhöhen kann  Sie haben das freilich nicht nötig aber leider Gottes gibt es
Leute mit sehr viel Ahnen und doch keiner Aussicht auf ein andres Erbe als
einen Namen und das gilt jetzt kaum so Viel « er schnippte mit den Fingern
welche der gelbe Glacéhandschuh bedeckte in die Luft und fuhr dann geschwätzig
plaudernd fort »Kommen Sie wir wollen diese Mädchen begrüßen wir wollen uns
einen Spaß mit ihnen machen man kann dies mit diesen bürgerlichen Püppchen
ohne sie zu erzürnen sie werden entzückt sein in der Einsamkeit ihrer
Dampfmaschinen und prosaischen Wasserwerke ein Abenteuer mit ein paar Löwen der
feinsten Salons zu erleben Kommen Sie « und er wollte Jaromir am Arme mit
fortziehen
    Gewaltsam widerstand dieser und hielt ihn zurück »Sind Sie bei Sinnen  ich
glaube Sie wären im Stande sich auch gegen dieses Mädchen einen unziemlichen
Scherz zu erlauben« rief er außer sich
    »Unziemlich oder nicht« sagte Waldow »darüber ließe sich ein langer
Monolog halten  aber ich begreife wahrhaftig nicht warum heute unpassend sein
soll was unter gleichen Verhältnissen Ihnen selbst sehr amüsant war  es kann
auch nichts Spasshafteres geben als das halb verlegene halb erzürnte Erröten
eines niedlichen bürgerlichen Dingelchens«
    Die Mädchen waren unterdes ohne das Geringste von dem zu ahnen was man
unweit von ihnen über sie verhandelte und ohne die Sprecher nur zu sehen einen
Pfad herabgegangen welcher sie von diesen noch weiter entfernte
    Um Alles in der Welt nicht hätte Jaromir das heilig stille Geheimnis seines
Herzens von seiner Begegnung Elisabeths an diesen seichten Salonmenschen
verraten und noch weniger wäre er im Stande gewesen sich ihr mit ihm zugleich
zu nähern  als Ausfluchtsmittel sah er daher nach der Uhr und sagte
    »Aber Sie vergessen dass uns Ihr Onkel um 10 Uhr zum Frühstück erwartet und
dass dies schon vorüber ist  lassen Sie uns eilen zurück zu kommen nicht in
allen Fällen ist es guter Ton auf sich warten zu lassen«
    »Besonders wenn man selbst Appetit hat« sagte Waldow und indem er über der
Aussicht auf ein gutes Frühstück die schönen Mädchen vergaß ging er rasch mit
Jaromir dem Herrnhause zu wo sie jetzt Beide als Gäste wohnten
    Wirklich waren sie von dem Paar bereits zum Frühstück erwartet worden bei
dem sie noch einen fremden Gast fanden Man stellte ihn als Hofrat Wispermann
vor Es war ein langer hagerer Herr den man wenn man diese dünnen Beine und
Arme diesen langen Hals auf welchem ein großes Haupt mit spärlichen braunen
Haaren und einem leichenblassen abgezehrten Gesicht sich befand recht wohl für
einen riesigen Schatten halten konnte
    Und dieser Schatten war ein Sohn des Aesculap welchem einer der kleinsten
deutschen Fürsten den Titel als Hofrat gegeben Er hatte mit seinen Curen
nirgend großes Glück machen können Manche Patienten waren ihm unter den Händen
gestorben gerade in den Augenblicken als er sich geschmeichelt hatte dass er
durch die starke Dosis einer modernen Arzenei welche freilich aus giftigen
Substanzen bestand sie auf der Stelle und urplötzlich curiren werde Wie sich
nun die Sachen oft so ganz anders verhielten als er vorausgesagt hatte und
endlich von allen seiner ehemaligen Freunde und Bekannten nur der Totengräber
und die Leichenfrau ihm treu blieben erklärte er plötzlich aller modernen
Medizin den Krieg und ward ein Verkündiger des neuen Evangeliums vom Wasser
    Er hatte ein ziemlich ansehnliches Kapital zusammengespart und es jetzt zur
Anlegung einer Wasserheilanstalt und zwar in der Nähe des Schlosses Hohental
benutzt wo eine kleine Villa zu verkaufen gewesen war welche er Hohenheim
nannte Eine kleine Anzahl elender Häuser umgaben sie die meist von
Fabrikarbeitern Herrn Felchners bewohnt waren
    Der Wasserdoctor machte nun Herrn von Waldow seine Aufwartung um ihm die in
allen öffentlichen Blättern pomphaft angekündigte Eröffnung seiner
Wasserheilanstalt noch besonders mündlich anzuzeigen
    »Nun das wird Leben und Gesellschaft in unsere Umgegend bringen« sagte der
Rittmeister vergnügt »Gesunde werden die Kranken begleiten und vielleicht
entwickelt sich noch ein ganz comfortables Leben in unsrer Nähe«
    »Das wäre sehr schön« stimmte seine Gemahlin ein »Man brauchte dann nicht
selbst in ein Bad zu reisen wenn das Bad umgekehrt selbst zu uns kommt Wie
viel haben Sie schon Kurgäste Herr Hofrat
    Diese naive Frage machte den langen Doctor ein Wenig verlegen er sah vor
sich nieder scharrte mit dem Fuß und sagte dann lispelnd Bis jetzt ist nur
ein kranker Herr da « gleichsam aber als wolle er den für ihn niederschlagenden
und beschämenden Eindruck dieser Antwort gänzlich vernichten setzte er mit
Nachdruck und Stolz hinzu »aber es ist ein Engländer«
    Der jüngere Waldow konnte sich des Lachens kaum erwehren und brach jetzt
heraus »Wahrhaftig nur ein Engländer ist es im Stande in einem verlassenen
deutschen Erdwinkel der einzige Kurgast einer Wasserheilanstalt zu sein«
    »Man muss bedenken wie früh es noch im Jahre ist« sagte der Doctor sehr
ernst
    »Und dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht« fiel Waldow ein »Aber
wahrhaftig« fuhr er begütigend fort »ich versichere Ihnen mein Herr Hofrat
Ihre Anstalt muss berühmt von vielen Fremden besucht werden  es soll in der
feinen Welt bald zum guten Ton gehören ein paar Wochen in Hohenheim zu leben 
Alles kommt ganz darauf an ob mein Freund Graf Szariny will  erklärt er
Hohenheim für berühmt so wird es dasselbe auch in Kurzem sein  und dass ein
Engländer gerade schon da ist wird uns sehr zum Nutzen gereichen man braucht
da weniger aufzuschneiden  Was meinen Sie mein Freund«
    Jaromir hatte nur scheinbar dem Gespräch zugehört seine Gedanken waren
anders beschäftigt gewesen er glaubte jetzt den Kern des Gespräches ganz
richtig erfasst zu haben als er antwortete »Man wird doch in Deutschland nicht
immer so bornirt sein alles dumme Zeug nachzuäffen was ein Engländer angibt«
    Der Hofrat stand entrüstet auf
    Die gnädige Frau war unbeschreiblich verlegen
    Der Rittmeister nötigte zum Trinken
    Jaromir sah sehr harmlos die ganze bestürzte Gesellschaft der Reihe nach an
    Waldow wusste sich nicht mehr zu helfen und hielt sich laut lachend die
Seiten  endlich sagte er »Sie sehen Herr Hofrat an welchem fürchterlichen
Spleen mein armer Freund bereits leidet  Sie werden eine glänzende Genugtuung
von ihm erhalten denn über kurz oder lang werden Sie ihn in Ihrer Anstalt
finden«
    Eh man über dieses Missverständnis sich deutlicher erklären konnte fuhr
unten ein Wagen vor und ein Diener meldete Herrn Felchner
    Der Rittmeister ward ein Wenig blass »Der Mensch kommt in Geschäften zu mir
welche keinen Aufschub leiden« sagte er und fügte eilig wie sich besinnend
hinzu »Es betrifft Grenzstreitigkeiten und Ablösungsverhältnisse Ich bitte zu
entschuldigen wenn ich mich in mein Zimmer zurückziehe«
    Auch der Wagen des Hofrats hielt unten und so trennte man sich für den
Augenblick schnell von einander Die Gattin des Rittmeisters warf diesem einen
flehenden Blick zu und ging ebenfalls in ihr Zimmer  Waldow warf sich gähnend
in eine Sophaecke wo er alsbald entschlief während Jaromir ein Packet
Zeitungen ergriff eine Zigarre anzündete und damit in den Garten ging
    Es war ein unerquickliches Geschäft was der Rittmeister mit Herrn Felchner
abzutun hatte
    Er trug auch hier seinen alten grauen Hausrock  diese Misachtung aller
conventionellen Sitte im Haus eines Aristokraten war für ihn charakteristisch
    »Gehorsamer Diener« sagte er im Eintreten »wollte mir nur selbst die
Antwort auf meine beiden Briefe holen welche Sie mir schuldig geblieben sind«
    »Es freut mich dass ich das Vergnügen habe Sie selbst persönlich bei mir zu
sehen« sagte der Rittmeister höflich aber Felchner fiel ihm ins Wort »Sie
entschuldigen dass ich Ihre höflichen Redensarten unterbreche allein wir
Geschäftsleute haben immer nicht viel Zeit dergleichen zu erwidern und
anzuhören und heute bin ich ganz besonders pressirt Wir wollen uns einander
nicht unnötig mit höflichen Redensarten aufhalten Mein Besuch fürcht ich
wird Ihnen nicht erwünscht sein denn Sie werden wohl wissen weshalb ich komme
sollken Sie sich dessen was wir zusammen verabredet haben jedoch gar nicht
mehr erinnern so werde ich mir selbst die Freiheit nehmen« Mit diesen Worten
zog Herr Felchner aus seinen großen Rocktaschen einige actenmässig aussehende
Papiere
    »Herr Felchner« sagte der Rittmeister vertraulich »wir haben immer gute
Nachbarschaft gehalten wir wollen nicht um eines solchen Bagatells willen «
    »Bagatell« unterbrach ihn dieser und seine kleinen Augen funkelten seine
Nase ward noch spitzer als sie ohnehin war »Bagatell Wenn es Ihnen das ist
so zahlen Sie mir meine zehn Tausend Taler aus Für einen Fabrikanten gibt es
kein Bagatell dem Industriellen ist jeder Groschen ein Kapital das seine
Zinsen tragen muss sonst stocken die Geschäfte  sprechen Sie nicht von
Bagatell«
    »Beruhigen Sie sich ich meinte nur nicht dieses Geld allein sondern Geld
überhaupt sei eine Bagatell dem Glücke uns nahestehender Personen gegenüber von
welchen ich mit Ihnen vor allen Dingen zu sprechen wünschte«
    »Ich verstehe Sie nicht aber ich muss Sie bitten zur Sache zu kommen ich
habe durchaus nicht viel Zeit«
    »Nun  Sie haben eine erwachsene liebenswürdige Tochter «
    »Ja wahrhaftig Sie ist mein Stolz und meine Freude«
    »Ich habe einen einzigen Sohn welcher jetzt auf Reisen ist «
    »Ich bitte  zur Sache zur Sache« und Herr Felchner rutschte ungeduldig
auf seinem Stuhle hin und her
    »Wir sind Nachbarn unsere Besitzungen stoßen aneinander «
    »Weiß es weiß es verschmelzen immer mehr in einander« sagte Felchner
höhnisch
    »Das ist auch meine Meinueg« fiel der Rittmeister rasch ins Wort ohne den
Hohn in der Stimme des Fabrikherrn zu bemerken oder bemerken zu wollen und
fuhr freundlich fort »Es würde Sie schmerzen jemals Ihre Tochter weit von sich
zu entfernen  nun ich denke Sie schlagen mit Freuden ein Sie müssen meinen
Sohn von früher kennen Sie haben den Vorteil dass Ihre Tochter Ihnen
unentführt bleibt den Vorteil ihrer Standeserhöhung  schlagen Sie ein mein
lieber Freund  wir wollen aus unsern Kindern ein glückliches Paar machen « und
der Rittmeister hielt dem Fabrikanten mit freundlichem Lächeln die Hand hin
    Dieser aber statt wie Jener wohl erwarten mochte mit seiner Hand in die
dargebotene einzuschlagen schlug heftig mit dem Actenstück darauf das er in
der Hand hielt warf aufspringend den Stuhl um auf dem er gesessen und
zitternd vor Wut brachte er nur die Worte heraus
    »Nein das ist zu unverschämt« Bleich stand er da sein lederartiges
Gesicht zuckte in jedem Fältchen seiner Haut die zornsprühenden Augen drehten
sich wild nach zwei verschiedenen Seiten die einzelnen Haare seines Hauptes
sträubten sich zur Decke
    Auch der Rittmeister sprang auf und indem er einige Schritte gewissermaßen
furchtsam zurücktrat sagte er »Welches Benehmen mein Herr  in meinem
Zimmer«
    »Ich frage Sie« sagte Herr Felchner aufs Äußerste gereizt »wie kamen
Sie dazu mir dieses unverschämte Anerbieten zu machen Wie konnten Sie denken
ich werde die Hand meiner einzigen Tochter einem Krautjunker geben ja einem
Krautjunker von dem ich noch dazu weiß dass er in Kurzem ein Betteljunker sein
wird da ich die Wirtschaft seines Vaters kenne Oder konnten Sie sich wirklich
einbilden ich solle es mir zur Ehre schätzen wenn meine Tochter eine gnädige
Frau würde Die adligen Freier werden sich zu Duzenden finden denn das Mädchen
ist ein Engel und wäre sie hässlich wie die Sünde ihr Geld würde sie in den
Augen altadliger Hungerleider doch zu einem Engel machen  Aber bilden Sie sich
nicht ein dass heut zu Tage ein Industrieller noch Respekt hat vor einem großen
Wappenschilde und einem vornehmen Namen  Herr Rittmeister  das sind Bagatellen
 Bagatellen zu erbärmlich sie nur zu beachten«
    »Es ist gut« fuhr er ruhiger fort nachdem er die heftige Rede abgebrochen
und hochaufatmend frische Kraft zum Weitersprechen gesammelt hatte  »das Wort
Bagatell bringt mich wieder auf die Ursache meines Kommens und auf die zehn
Tausend Taler zurück welche Sie für ein Bagatell erklärten und welche ich
Ihnen wahrscheinlich mit meinem Kinde schenken sollte  Sie haben das Vaterherz
so in Wut gebracht dass ich beinah Narr genug gewesen wäre darüber meine zehn
Tausend Taler zu vergessen  sie waren schon vor einem Monate gefällig  Sie
werden meine Nachsicht zu schätzen wissen  ich bin da um das Geld in Empfang
zu nehmen«
    »Mein Herr Industrieller« sagte der Rittmeister der unterdes mühsam nach
Fassung gerungen und vergebens überlegt hatte wie er sich noch am Besten aus
der Schlinge ziehen könnte mit beleidigtem Ton in der Stimme und einem Anflug
von Spott »es ist mir unmöglich mit Leuten welche alle Rücksichten und
Höflichkeiten aus den Augen setzen auf die jeder Mensch von Bildung Anspruch
macht zu verhandeln ich werde Ihnen Ihr Geld noch heute in Ihre Wohnung
schicken « und der Rittmeister kehrte dem Fabrikanten vornehm den Rücken und
war im Begriff das Zimmer zu verlassen
    »Sie können bleiben« sagte dieser »ich werde gehen  Ihre elende Ausflucht
ist eines Aristokraten des neunzehnten Jahrhunderts würdig Sie haben das Geld
nicht ich sehe sehr wohl ein dass ich es also nicht mitnehmen kann und werde
daher gehen Brechen Sie aber Ihr Wort abermals und ich erhalte das Geld nicht
noch heute so begebe ich mich morgen mit dieser Verschreibung zu den Gerichten
und Ihre Waldung ist mein Eigentum Ich empfehle mich Ihnen«
    Mit diesen Worten ging der kleine graue Mann zu der großen Flügeltüre
hinaus und fuhr dann in seinem glänzenden Staatswagen heim Während er einen
Blick auf die nahe Waldung warf rieb er sich vergnügt die Hände und sagte zu
sich selbst
    »Es ist nicht möglich dass er das Geld bis heute Abend schafft der Wald ist
also mein und ich habe im Grunde keinen schlechten Handel gemacht Den Wald
lasse ich umhauen benutze den Platz zu einer Bleiche der Bach welcher
durchfliesst lässt sich zu einem Graben machen und kann eine neue Walkmühle
treiben  nein nein es ist wirklich kein schlechter Handel  es ist gut wenn
ich auf so billige Art und ganz allmälig meinen Grundbesitz vergrößern kann«
    Dem Rittmeister merkte man bei Tafel nicht an welchen großen Ärger er kurz
vorher gehabt in welcher innern Aufregung er sich noch befand welche schlimmen
Sorgen er sich machen musste Er war der liebenswürdige Wirt wie gewöhnlich
    Als man die Tafel aufhob sagte er »Ich muss heute noch einen Besuch bei
Graf Hohental machen wollen mich die Herren begleiten so werde ich mich
freuen Sie vorstellen zu können«
    Jaromir und der Neffe waren mit Vergnügen dazu bereit
                                XI Wiedersehen
 »Ein Tor wer auch die Hefen schlürfte
 Weil er den Becher ausgeleert
 Wir wären wenns so enden dürfte
 Eines des Andern nimmer wert«
                                                              Franz Dingelstedt
Die Langeweile war es welche Jaromir noch lange an Bella gefesselt hatte
obwohl sein Herz längst Nichts mehr wusste von diesem Bande Auch hatte sich das
Verhältnis geändert früher war er der Sklave ihrer Launen gewesen später musste
sie die seinen ertragen
    Zuweilen war er lange außen geblieben aber endlich war er doch immer wieder
zu ihr gegangen weil er für die Stunden die er bei ihr zuzubringen pflegte
doch nirgends andern Ersatz fand Um es mit einfachen Worten kurz zu sagen es
fehlte ihm Etwas wenn er lange nicht bei ihr gewesen war und so ging er immer
wieder zu ihr Wollte sie ihn dann mit Vorwürfen empfangen dass er so lange
nicht da gewesen so setzte er ihrer leidenschaftlichen Heftigkeit eine ernste
fast schwermütige Ruhe entgegen welche sie bald entwaffnete  ja sie selbst
war auch so an ihn gewöhnt dass sie oft über der Freude den lang Vermissten
wiederzusehen vergaß dass sie ihm hatte grollen wollen
    Einmal jedoch als eine ganze Woche vergangen war ohne dass Jaromir bei
Bella gewesen war erwachte die Eifersucht in ihr  sie fürchtete dass er eine
Andere liebe Das schöne junge Mädchen  Elisabet  fiel ihr wieder ein mit
welchem ziemlich zugleich sie einst Jaromir hatte das Haus welches sie
bewohnte verlassen sehen Zwar hatte ihr später Jaromir gesagt dass er von
Talheim gekommen sei mit dem er ein Geschäft abzumachen gehabt  sie mochte
denken ein literarisches  aber sie war sich doch genau bewusst dass seit diesem
Tage Jaromirs Stimmung verändert war dass er von diesem Tage an aufgehört hatte
ihr Sklave zu sein Baron Füssly welcher mit Aurelie Treffurt wirklich ein
kleines Liebesverhältniss angesponnen und bei ihren Eltern um ihre Hand geworben
hatte da er sie für eine gute Partie betrachtete war zurückgewiesen worden da
umgekehrt Aureliens Eltern welche von seinen Schulden und ausschweifendem
tatlosem Lebenswandel hörten ihn für eine sehr schlechte Partie hielten und
ihre Tochter seinen Überredungskünsten dadurch entzogen dass sie dieselbe aus
der Residenz in ihren Familienkreis zurückriefen wo Aurelie die erst stolz
darauf war sich bald verheiraten zu können es nun auch darauf war einen Korb
ausgeteilt zu haben und sich über diese Trennung weiter nicht grämte Füssly
aber war über diese fehlgeschlagene Hoffnung ziemlich verstimmt und suchte bei
der schönen Schauspielerin seine üble Laune zu vergessen Er fand auch ziemlich
Gnade vor ihren Augen und von ihm als Jaromirs intimsten Bekannten konnte sie
wohl erfahren welche Gesellschaften dieser jetzt besuche und welches neue
Interesse ihn fesselte Es wäre nun vielleicht in Füsslys Interesse gewesen
Jaromir bei Bella zu verdrängen aber in seinem noch größeren war es ihn sich
zum Freund zu erhalten denn außer von der Nachsicht seiner Gläubiger lebte
Füssly jetzt nur noch von Jaromirs Großmut Daher suchte er Bella die reine
Wahrheit zu sagen dass Jaromir in keiner Gesellschaft eine Dame besonders
auszeichne dass er überhaupt meist nur in Herrengesellschaft gehe und dass sein
verändertes Benehmen wohl Nichts sei als eine Dichterlaune da er jetzt an
einem größeren Werke arbeite Bella war dadurch noch nicht vollkommen beruhigt
und verschmähte es nicht auch durch ihr Kammermädchen welche mit Jaromirs
Diener vertraut war über ihn Erkundigungen einzuziehen Aber auch hier blieb es
dabei Jaromir erhielt weder Briefe oder Billette von einer Dame noch schrieb
er dergleichen an solche ging auch nicht heimlich aus noch fand sich überhaupt
bei seinem ganzen Tun irgend etwas Geheimnisvolles Bella konnte sich
beruhigen
    Eines Tages als er nach langer Abwesenheit wieder bei ihr eintrat und wie
gewöhnlich neben ihr auf dem Sopha Platz nahm schmiegte sie sich zärtlich an
ihn und sagte
    »Ist es auch Recht dass Sie jetzt über Ihren Dichtungen das wirkliche Leben
ganz vergessen Ist es Recht dass Sie über Ihren Traumbildern Ihre Geliebte
vernachlässigen«
    Er sah sie halb erschrocken an machte sich von ihr los stand auf und
sagte sehr ernst »Also immer noch diesen Traum Bella Diesen Traum aus dem
ich längst aufgewacht bin in dem ich Sie schon lange nicht mehr befangen
glaubte«
    Sie erhob sich rasch ihr Gesicht glühte »Und das sagen Sie so ruhig  Sie
bekennen dass Sie mich getäuscht haben dass Sie eine Andere lieben« rief sie
außer sich
    Er schüttelte langsam die dunkeln Locken »Getäuscht Was sind alle
Liebesverhältnisse ja alle Lebensverhältnisse überhaupt anders als eine Kette
oft gezwungener immer wenigstens absichtsloser Täuschungen Ich eine Andere
lieben Nein das ist für mein Herz vorbei  das hat gelernt dass das Glück der
Liebe nur ein Traum ist In der Zeit wo aus der knospenden Kindheit ein
heiliger Zauberschlag die volle Blüte reifer Jugend entfaltet  da liebt man
ganz und wahrhaftig da lebt man im lachenden Frühling wo der Himmel ewig blau
ist und die ganze Natur grün und blühend und ein seliges Paradies   Aber
jeder Mensch muss sein Paradies verlieren die Einen treibt der Racheengel
gewaltsam fort die Andern kehren ihm langsam aber freiwillig den Rücken
freiwillig  bis sie plötzlich gewahr werden was sie verloren und nicht mehr
zurück können«
    Er hielt inne  er hatte begeistert aber sanft gesprochen als wenn er
daheim allein an seinem Schreibtisch säße und nur sein Papier zum Zeugen hätte
 seine Augen glänzten seine Lippen zuckten schmerzlich lächelnd ein sanftes
Rot lag auf seinen Wangen  sie hatte ihn nie schöner gesehen Sie setzte sich
wieder und wagte Nichts zu entgegnen endlich sagte sie
    »Sprechen Sie so weiter« und während ihre Augen innig an ihm hingen fuhr
er fort
    »Was man später von Liebe spricht so ist es ein Spiel das man nicht mit
dem fremden Herzen allein sondern auch mit dem eignen treibt  aber das Spiel
ermüdet man lässt das Spiel auch fallen  und wenn es dabei zerbricht so sagt
man mit einem Seufzer wie das Kind ich habe Nichts dafür gekonnt ich hab es
nicht zerbrechen wollen  oder man wendet sich mit Ekel ab  oder «
    »Jaromir« fiel sie ihm außer sich ins Wort
    Er fuhr ruhig fort wo er abgebrochen »Oder man sagt einander Wir sind zum
Spielen zu alt wir wollen das aufgeben und nicht mehr kindisch sein  unsere
Puppen taugen nicht mehr sie sind schlecht geworden wir wollen das elende Zeug
bei Seite werfen es soll uns nicht mehr quälen« Er setzte sich wieder neben
sie und nahm ihre Hand
    »Bella unsere Liebe war ein Spiel unsere Freundschaft wird uns dauernd
beglücken«
    Sie sah stumm vor sich nieder
    »Bella« wiederholte er wieder »erinnern Sie sich noch des Abends in
Berlin als Sie die Armida gegeben hatten Sie waren wirklich diese allgewaltige
Zauberin gewesen welcher Niemand widerstanden hatte Rinaldo nicht auch Jaromir
nicht Ich begleitete Sie in Ihre Wohnung Sie waren erschöpft von der
Anstrengung der Rolle  ich trug Sie halb ohnmächtig in Ihr Zimmer ich legte
Sie auf Ihr Sopha und kniete zu Ihren Füßen  ich war nicht um Sie
beschäftigt Sie wieder zum Bewusstsein zu bringen ich hielt nur Ihre kleine
Hand zwischen der meinen und schaute Sie unverwandt an  Sie kamen wieder zu
sich und wir lagen einander in den Armen aber wir sprachen nicht Wir waren
allein Ihre Verwandte lag krank in einem entfernten Zimmer bei ihr waren Ihre
Dienerinnen   ich vergaß Alles ich vermeinte in den Zaubergärten Armidens zu
sein  von einer andern Wirklichkeit wusste ich Nichts als von der dass mich
Armida in ihren Armen hielt«
    »Warum diese Erinnerung« fragte sie errötend »Warum das jetzt«
    »Eben weil es eine Erinnerung ist die niemals wieder Gegenwart werden
kann« versetzte er und fuhr fort »Wir waren allein unsere Küsse wurden
Flammen  da riefen Sie plötzlich Schonung Ich bin ein schwaches Weib  da
besann ich mich ich erwachte aus meinem Sinnentaumel  ich hatte mich einer
Zauberin ergeben  an ein schwaches Weib hatte ich nicht gedacht  ich sagte ja
ich muss fort  und schied plötzlich  Sie sind stumm« fügte er nach einer
Pause hinzu
    »Es ist nicht zart dass Sie mich bei einer solchen Erinnerung zum Antworten
zwingen wollen« sagte sie und sah vor sich nieder
    »Wir müssen einmal wahr gegen einander sein sonst kann es zu keiner
Freundschaft kommen wie ich sie ersehne wir müssen uns einander keine
Erklärung schuldig bleiben Wir haben ja keine Tat begangen vor der wir
erröten müssten  und was Sie Hundert Mal auf der Bühne ohne Erröten
geschildert haben und schildern gehört das können wir ja einander auch ein Mal
ohne Vorstellung und ohne Redepomp im wirklichen Leben sagen« antwortete er
ernst mit unveränderter sanfter freundlicher Stimme
    »Nun« erwiderte sie »seit jenem Abend sagte ich mir Jaromir ist kein
Lüstling wie die andern Männer er ist edler  ich muss ihn höher achten als
die andern  aber vielleicht hat er auch keine Leidenschaften vielleicht auch
kein Herz«
    »Es kann sein dass man mir das Herz ertödtet hat« sagte er dumpf »erkältet
wenigstens hat man es gewiss  Nach jenem Abend sahen wir uns einige Tage nicht
 ich war mit mir zufrieden Ich prüfte mein Herz  ich fragte mich ob uns
Beide die Ehe beglücken könnte  Sie lächeln«
    »Ich werde mich nie vermählen« sagte Bella »Sie wissen es eine
verheiratete Schauspielerin ist eine Art Amphibie  sie muss dem verwässerten
Element der Ehe angehören und doch zugleich auf dem Land der Bühne leben  sie
wird weder vom Gatten noch vom Publikum vernachlässigt sein wollen  und
vielleicht wird sie es gerade von Beiden sein Nein nein Niemand kann zweien
Herren dienen ich wäre eine sehr schlechte Gattin und hätte dabei vielleicht
auch die Aussicht eine schlechte Sängerin zu werden« fügte sie mit munterm Ton
hinzu
    »Jetzt endlich sind Sie wieder Sie selbst« rief Jaromir »und legen die
Sentimentalität ab mit welcher Sie mich vorher empfingen und die mir an Ihnen
so fremd ist  Was Sie da von sich selbst gestehen dacht ich auch und noch
mehr wenn ich mir sagte dass sie keine hingebende Gattin und als solche auch
nicht glücklich sein würden so sagte ich mir auch noch dass ich als Gatte
vielleicht der unerträglichste bestimmt aber der unglückseligste aller Menschen
sein würde«
    »Das ist ein sehr naives Geständnis« sagte Bella
    »Gewiss« fuhr Jaromir lebhaft fort »ich sagte mir dass ich nicht einmal
einige armselige Tage in der Ehe würde glücklich verträumen können wie es doch
die Andern im Stande sind eben weil ich mir mitten in jedem leidenschaftlichen
Rausch sagen konnte morgen wirst Du nüchtern und ermüdet sein Ich fühlte dass
Ihr Besitz mit einem elenden gefesselten Leben zu teuer erkauft sei  und weil
ich dies fühlte erkannte ich Sie nicht wahrhaft zu lieben denn der Liebe ist
kein Preis zu teuer Und dazu Bella liebte ich Sie eben zu sehr  oder wenn
das deutlicher ist Sie waren mir zu wert ich stellte Sie zu hoch um Ihnen
Reue und Kummer zu bereiten  Bella Sie sind mir heute so teuer und so wert
ja so unentbehrlich als irgend einmal  aber niemals haben Sie wieder jenes
stürmische Verlangen in mir erweckt wie an jenem Abend in Berlin  urteilen
Sie ob ich noch leidenschaftlicher Liebe fähig bin Nein ich habe Sie für
immer begraben  Und wissen Sie wenn das war  An jenem Tage als Sie sich
zuerst darüber beklagten dass ich gegen Sie verändert und unhöflich gewesen Ich
sage Ihnen Alles Meine erste Liebe war ein allmächtiges heiliges Gefühl das
mein ganzes Dasein mein ganzes Streben ausfüllte  meine erste Geliebte ward
mir untren  begreifen Sie was das heißt Meine Liebe war mein Leben gewesen
sie allein hatte ihm Farbe und Glanz gegeben und diese Liebe ward verhöhnt in
den Staub getreten und dadurch ward mein ganzes Leben zu einem wesenlosen
finsteren Schemen O es ging Alles sehr natürlich zu  es war gar nichts
Aussergewöhnliches  das Mädchen war gewiss sehr vernünftig« sagte er höhnisch
indem er dabei innerlich zitterte  »es machte eine gute Partie  es war arm
und ich damals auch und hätte auf mich noch lange warten müssen  der Andere
wandte ihr den Brautkranz sogleich ins Haar  so Etwas geschieht alle Tage 
warum nicht auch eines Tages mir  Jahre sind vergangen ich hatte meine
Verzweiflung und das Mädchen vergessen  an jenem Tage wo sie zuerst über mich
klagten stand ich an dem Sterbebette dieser Einstgeliebten  wohin sie mich
verlangt hatte Ich brachte keine Liebe mehr mit zu ihr  keine Liebe  sie war
für immer aus meiner Brust gerissen  und das war der Fluch ihrer Tat  Aber
ich kam zu der Erinnerung von ehemals ich hatte wieder das klare Bewusstsein von
dem was Liebe eigentlich sei was sie einst aus mir gemacht wie sie mich
beglückt und erhoben hatte  und da fühlte ich dass es für mich damit aus sei«
    Er hielt beinahe erschöpft inne sie hatte sanft seine Hand ergriffen und
drückte sie teilnehmend indem er fortfuhr »Vielleicht begreifen Sie nun dass
mich plötzlich wieder jedes Liebesspiel anekelte dass ich keinen zärtlichen
Liebhaber spielen mag da ich erkannte dass ich nur ein Mal es wirklich gewesen
und außerdem Nichts als ein gemeiner Gaukler der aber seine Kunst so weit
gebracht hat dass er sogar sich selbst zu betrügen gelernt  Darum Bella
fordern Sie keine zärtlichen Worte und Blicke mehr von mir aber seien Sie
meiner Freundestreue gewiss Sie sind mir unentbehrlich lassen Sie mich bei
Ihnen die Stätte finden wo ich meine besten Freuden genieße«
    Sie fühlte wie Recht er hatte sie hatte Mitleid mit ihm sie war gerührt 
und ihr Stolz war geschmeichelt dass er sich nicht ganz von ihr losreißen
konnte ihrer Eitelkeit war genug getan dass er keine Andere liebte  sie
selbst hatte auch keine tiefe Leidenschaft für ihn empfunden aber sie vermisste
ihn schmerzlich wenn sie ihn entbehren musste und deshalb sagte sie in heiterem
Tone
    »Nun so sollen Sie denn das Recht haben ein ungalanter Liebhaber zu sein
wenn Sie nur ein desto treuerer Freund sind  ich werde mir andere Anbeter
suchen müssen sie sind ja auch keine Seltenheit  aber treue Freundschaft ist
eine und so wollen wir denn davon ein musterhaftes Exemplar zu Stande bringen«
    So aufrichtig war dies neue Bündnis zwischen diesen Beiden geschlossen
worden Aufrichtig denn was Jaromir verschwieg das schlummerte selbst in
seiner Seele Tiefen als ein ungelöstes heiliges Rätsel
    Er hatte Elisabet zum zweiten Male gesehen er war von diesem Augenblicke
an wieder ein begeisterter Dichter geworden Aber er hatte nicht nach ihr
geforscht er hatte sie nirgends gesucht Wie ein wunderherrliches Traumbild war
sie ihm erschienen so sagte er sich sollte sie in ihm fortleben Warum auch
diese himmlische Erscheinung hereinziehen in die gemeine Wirklichkeit Sie würde
in ihr doch auch in ein leeres Nichts zerfließen so meinte er und das wollte
er sich ersparen er wollte nicht auch dieses Ideal vernichten um es mit zu den
andern umgestürzten Göttern seines Innern und seines Lebens zu werfen deren
Fall er schon beweint oder verspottet hatte Dieselbe Macht welche sie ihm zwei
Mal in den Weg seltsam geführt die werde es auch noch ein drittes Mal so fügen
er wusste es  aber er fragte weiter nicht danach er bemühte sich nicht darum
Aber wie eine leuchtende Gestalt stand sie immer vor seiner Seele und es gab
Momente wo er sinnend in selige Träumereien versank  sie kamen ihm dann wenn
er ihrer gedachte
    Der Frühling war gekommen Bella nahm Urlaub zu einer Kunstreise Jaromir
hatte sich nun noch mehr als je gelangweilt Er hatte daher mit Vergnügen den
Vorschlag eines seiner Bekannten von Waldow angenommen ihn auf das Gut seines
Oheims welchen er früher schon einmal kennen gelernt zu begleiten um fern von
der Stadt in Bergen und Tälern den Frühling in seinem ersten Kommen zu
belauschen
    Und so hält denn jetzt der Wagen in welchem der Rittmeister von Waldow mit
seinem Neffen und Jaromir sitzt im weiten Hofe des Schlosses Hohental
    Die Ankommenden wurden gemeldet und in das Empfangzimmer geführt Die
Gräfin eine sehr hohe Gestalt mit edlen feinen Zügen welche noch im Alter
Spuren einer stolzen Schönheit zeigten saß auf dem Sopha  der Graf trat einige
Schritte nach der Türe den eintretenden Gästen entgegen Jaromir ward
vorgestellt und mit besondrer Huld begrüßt Bereits hatte man sich eine Weile
ziemlich lebhaft unterhalten und der Rittmeister dem Grafen fein zu verstehen
gegeben dass er ihn allein und in Geschäften zu sprechen wünsche man stand eben
auf um weil jetzt gerade die Sonne noch so warm schien einen Spazier gang in
den Park zu unternehmen als sich eine Seitentüre öffnete und Elisabet
eintrat
    »Meine Tochter Elisabet  Graf von Szariny  Herr von Waldow « sagte die
Gräfin
    Elisabet verneigte sich mit einem leisen Erröten und einem Ausdruck der
Überraschung im Blick als sie diesen auf Szariny richtete
    Szariny verneigte sich tief und warf einen seelenvollen bittenden Blick
auf sie welcher zu flehen schien verrate unser Geheimnis nicht  lass es vor
diesen gleichgiltigen Augen Niemand sehen dass es heute nicht zum ersten Male
ist wo wir uns gegenüber stehen   denn er hatte es auf ihrem Antlitz gelesen
dass sie ihn erkannt hatte Ihn selbst hatte ihre plötzliche Erscheinung
geblendet  er war nicht gleich eines Wortes fähig aber er war zu sehr
Weltmann um länger als durch einen Augenblick stummer Bestürzung sein
Erstaunen zu verraten
    Der Rittmeister ging mit dem Grafen in dessen Zimmer Die beiden jungen
Herren begleiteten die Damen des Hauses in den Park Jaromir wusste sich davon
keine Rechenschaft zu geben  aber er war nicht im Stande mit Elisabet eine
Unterhaltung anzuknüpfen er ging an der Seite der alten Gräfin welche in ihrer
frühesten Jugend Jaromirs Mutter ehe dieselbe nach Polen gezogen war als
Mädchen gekannt hatte und daher mir warmer Teilnahme Jaromir nach derselben
befragte Dadurch kamen sie Beide in ein mit Innigkeit geführtes Gespräch
welchem Waldow wenig Aufmerksamkeit schenkte und er schien an Elisabeths Seite
schlendernd diese mit seinem seichten Salongeschwätz mehr zu langweilen als zu
unterhalten
    Man nahm in einem sonnigen Bosquet Platz da die Gräfin niemals weit zu
gehen vermochte als plötzlich hinter einem meldenden Diener eine lange hagere
Gestalt mit klapperdürren Beinen einhergeschritten kam
    »Hofrat Wispermann«  ward angemeldet und erschien auf einem leichten Wink
der Gräfin unter tiefen Verbeugungen
    »Mein Gott« sagte Waldow noch eh Jener herzutrat halblaut zu Jaromir und
Elisabet zwischen denen er saß »da ist wieder dieselbe stereotype Gestalt von
heute Morgen welche ich nun nicht anders als den Unvermeidlichen nennen werde
 denn jetzt ist gewiss kein Haus und Schloss in unsrer Nachbarschaft in welchem
sein Schatten nicht erschienen«
    Wie der Hofrat mit bei der Gesellschaft saß war natürlich wieder die neue
Wasserheilanstalt der Kern des Gesprächs
    Elisabet fand das sehr langweilig und da sie in nicht geringer Entfernung
ein Maiblümchen blühen sah so ging sie hin und bückte sich dasselbe zu
pflücken
    Jaromir stand auch auf und folgte ihr indem er sich stellte als sei er der
Meinung sie wolle etwas Verlorenes aufheben »Ach Sie wollten nur das arme
Maiblümchen pflücken das so silberschön aus dem feuchten Moose hervorschaut«
sagte er wie sich berichtigend
    
    Sie zog die Hand von dem zarten Stengel wieder hinweg den sie noch nicht
geknickt hatte und sagte zu ihm aufblickend
    »Soll das eine Bitte sein das Maiblümchen nicht zu pflücken Es ist das
erste welches ich blühen sehe in diesem Frühling«
    »Das erste  ja alles Erste muss man schonen« sagte Jaromir »Dann freilich
brechen Sie es wenigstens nicht eher als bis alle seine kleinen Glöckchen
aufgeblüht sind  morgen ist der erste Mai den haben sie einläuten wollen«
    »Alles Erste muss man schonen« wiederholte Elisabet sinnend »Warum alles
Erste gerade  warum nicht alles Letzte«
    »O« sagte er »weil alles Erste von hoher Bedeutung ist  eine erste Blume
und eine erste Begegnung und ein erstes Wort«
    Sie errötete leicht und sagte nur auf den Rasen umschauend
    »Es werden bald noch mehr nachfolgen«
    »Das lassen Sie mich hoffen« erwiderte er
    Sie waren nur wenige Schritte von der sitzengebliebenen Gesellschaft
entfernt gewesen und traten jetzt wieder zu dieser zurück
    Der Rittmeister und der Graf kamen jetzt auch in den Garten  Beide sahen
sehr aufgeregt und verstimmt aus und bemühten sich vergebens diese Stimmung
den Anwesenden zu verbergen
    Der Rittmeister mahnte zum Aufbruch Die Aufforderung der Gräfin zum Abend
zu bleiben ward von ihm unter einem unbedeutenden Vorwand höflich abgelehnt
Man empfahl sich einzeln von einander Jaromir sagte dabei zu Elisabet »Geben
auch Sie mir die Erlaubnis Sie öfter zu sehen wenn ich hier bleibe«
    Und Sie antwortete leise »Bisher waren Ihre Gedichte für mich eine
angenehme Gesellschaft warum sollte es nicht ihr Dichter sein«
    Er blickte sie froh überrascht an  aber er antwortete weiter Nichts denn
Waldow trat eben hinzu um auch Abschied zu nehmen
    Jaromir wandte sich jetzt an den Wasserdoctor welcher ihm seine
Impertinenz wie er die Zerstreuung und das daraus entstandene Missverständnis
von demselben Morgen nannte noch nicht vergessen ihn deshalb nur scheel und
von der Seite angesehen hatte und übrigens seiner Nähe ausgewichen war und
jetzt nur eine steife Neigung mit dem Kopfe machte als der junge Graf auf ihn
zutrat dieser aber sagte freundlich
    »Ich werde mir morgen erlauben Ihrer Anstalt einen Besuch abzustatten und
wenn mir die Localitäten gefallen auf einige Wochen mich dahin zurückziehen«
    Da auf einmal heiterte sich das Gesicht des Hofrates urplötzlich auf es
war als hätten bisher lauter Gewitterwolken dasselbe verdunkelt und ein
einziger unerwarteter Westwind trieb sie alle auseinander und machte sie
spurlos verschwinden Der Doctor erwiderte mit einem tiefen Bückling und begann
lächelnd und schmunzelnd einen langen Sermon zu halten wie sehr ihn die
Bekanntschaft des Herrn Grafen ehre und freue und wie er dem Himmel nicht genug
für den günstigen Zufall danken könne diese Begegnung herbeigeführt zu haben
Eine zweite Rede welche er über die vortreffliche Einrichtung seiner Anstalt
halten wollte ersparte Jaromir sich und ihm indem er versicherte sich das
Alles lieber morgen am schicklicheren Orte erklären zu lassen und sich mit den
andern Herren mit denen er gekommen war entfernte
 
                           XII Folgen eines Besuches
 »In jenen Räumen des lebendigen Todes
 Zeigt Deine Hand das Elend kalt und tief
 Die Not  die Kinder mordet wie Herodes
 In deren Schaar vielleicht ein Heiland schlief«
                                                                 Alfred Meissner
Als die drei Herren wieder in dem Hause des Rittmeisters angekommen waren zog
sich Letzterer sogleich in sein Zimmer zurück um nötige Geschäftsbriefe zu
schreiben wie er sagte Er hatte vorher eine lange Unterredung mit seiner
Gemahlin welche sich nach dieser bei den jungen Herren entschuldigen ließ und
wegen Kopfschmerzen auf ihrem Zimmer blieb
    »Im Grunde ist es sehr langweilig hier« sagte Waldow als er bei dem
einsamen Abendessen Jaromir gähnend gegenüber saß
    »Wissen Sie« begann dieser »dass mir Ihr Wort von diesem Morgen nicht
wieder aus dem Sinne will es ist leicht Hohenheim berühmt zu machen«
    »Gewiss eine göttliche Idee von mir« rief Waldow »Wir wollen den Ort in die
Mode bringen  Sie brauchen sich nur zu entschließen und die Presse in Bewegung
setzen sie für diese Idee gewinnen und wir erreichen unser Ziel  die Presse
ist eine Macht «
    »Ja eine Macht der man selten gestattet etwas Großes und Gutes zu
bewirken und welche man dafür doch negiren möchte der man aber ungestört
gewähren lässt wenn es ihr einmal gefällt eine Narrheit zu erfassen  und es
soll mir Spaß machen dies den Leuten zu zeigen«
    »Sie brauchen nur einige emphatische Artikel über Hohenheim zu schreiben
eine Novellette welche dort spielt und unser Ziel ist erreicht«
    »Ich werde noch mehr tun  ich werde selbst nach Hohenheim ziehen«
    »Sie scherzen«
    »Mein voller Ernst Ich habe mich bereits bei dem Wasserdoctor vorhin
angemeldet«
    Waldow hielt sich vor Lachen die Seiten wie seine Gewohnheit war  und er
hatte sie nötig denn er pflegte immer ungewöhnlich laut und lärmend zu lachen
»Das ist göttlich Ich an Ihrer Stelle würde das bis übers Jahr versparen wo
der Ort Mode ist  jetzt werden Sie sich mit dem Engländer allerliebst amüsiren
und das Spazierenlaufen zu dem einsamen Brunnen die frugale Kost muss eine
süperbe Sache sein«
    »Die Narrheiten der Kur werde ich nicht mitmachen  was ich will ist nur
mich in eine romantische Natureinsamkeit zurück zu ziehen dort ungestört zu
arbeiten der tötlichen Langeweile des Salonlebens mich zu entziehen und was
mir dabei Spaß machen soll ist nach und nach die Kurgäste ankommen zu sehen
von deren Kommen ich die einzige Ursache sein werde und die doch niemals weder
dies noch überhaupt einsehen werden dass sie doch eigentlich nur mystificirt
sind Man muss endlich raffinirte Mittel ersinnen um sich die Langewcile zu
vertreiben«
    »Ein königlicher Spaß« rief Waldow ein Mal über das andere »Sie verdienten
dafür den roten Adlerorden oder eine Civilverdienstmedaille«
    »Scherz bei Seite« sagte Jaromir »vielleicht können wir Eines oder das
Andere dem unvermeidlichen Hofrat verschaffen der natürlich auch ein berühmter
Mann werden muss  ein Glück dass er bereits Hofrat ist  das empfiehlt sehr 
wir wären sonst auch noch in die Verlegenheit gekommen ihm einen Titel zu
kaufen  Morgen fahren reiten oder gehen wir hin und dann schildere ich
sogleich mit poetisch begeisterter Feder den reizend gelegenen Ort als ein
wahres Paradies Die Anstalt wird als im ersten Erblühen geschildert in der
aber bereits ein reicher Graf ein junger Pole ein berühmter Schriftsteller und
Engländer eingetroffen sind dabei ist nicht die geringste Lüge denn die ersten
drei Personen vereinige ich alle in einer und ich werde da sein Die Umgegend
wird als eine von vielen der ersten aristokratischen Familien bewohnte
geschildert  einige Sagen werden von den Schlössern welche sie bewohnen mit
eingewebt«
    »Und vergessen Sie nicht einzuschalten dass schöne Burgfräuleins und
hübsche Fabrikkinder in dieser Umgegend zu sehen sind  Apropos  es war also
kein Fabrikmädchen sondern Komtesse Elisabet welche wir diesen Morgen sahen
indessen find ich es höchst sonderbar dass sie so vertraut mit dieser Tochter
ihres bürgerlichen gemeinen Nachbars tat  Nun und wie gefiel Ihnen
Elisabet Ich muss gestehen mein Geschmack sind diese schlanken kalten Damen
nicht Wie gefiel sie Ihnen«
    »Ich urteile selten nach erstem flüchtigem Eindruck« sagte Jaromir
ausweichend und fuhr dann wieder zu dem ersten Thema schnell zurückkehrend
fort »Ich lasse meine romantische Schilderung von Hohenheim die Runde durch
mehrere Journale machen  gefällige literarische Freunde ersuche ich kleine
Notizen daraus noch auszumalen meinen Bekannten in meinem letzten Wohnorte und
Berlin schreibe ich privatim  und es müsste in der Tat seltsam zugehen wenn es
nicht innerhalb weniger Wochen für viel fashionabler gälte in die
Wasserheilanstalt nach Hohenheim zu wallfahrten als nach Gräfenberg und selbst
nach Teplitz Baden Kissingen usw«
    »Nun und Niemand wird darüber erfreuter sein als ich da eigentümliche
Verhältnisse es für mich vorteilhaft machen einige Monate bei meinem Onkel
noch auszuhalten wo man wie Sie sehen nicht immer aufs Beste unterhalten
wird«
    Während so diese Beiden frohgelaunt den Abend heiter verplauderten befand
sich der Rittmeister unterdes in einer ganz andern Stimmung seine Laune war
viel eher grau in grau zu nennen als rosenfarben
    Er hatte vorher im geheimen Zwiegespräch dem Grafen von Hohental den höchst
unangenehmen Fall vorgetragen welcher ihn nötigte entweder sogleich zehn
Tausend Taler zu schaffen oder einen der besten Teile seiner Besitzung zu
verlieren Er hatte zuerst von dem Grafen die bittersten Vorwürfe erhalten dass
er wie dieser sich ausdrückte eher zu einer gemeinen Krämerseele seine
Zuflucht genommen als zu einem Genossen seines Standes und dass er ihn
wenigstens nicht früher von dem ganzen unglückseligen Kontrakt unterrichtet
habe Es müsse ihm doch viel leichter werden den Wald an einen adligen Besitzer
abzutreten als an einen Industrieritter der ihn gewiss umhauen und als Brenn
und Nutzholz verwerten lasse und das schöne Wild daraus vertreibe so dass wo
bisher in der feierlichen Waldstille nur die Flinte eines herrschaftlichen
Jägers geknallt bald der elende Lärm irgend einer Fabrik sich werde hören
lassen Endlich fragte der Graf was der Rittmeister denn nun zu tun gedenke
Dieser meinte wie ihm keine Wahl bliebe als entweder noch vor Nacht dieses
Geld an Herrn Felchner zu schicken oder gewärtig zu sein dass dieser morgen von
dem Walde Besitz nehme Dies war dem Grafen ein so entsetzlicher Gedanke dass er
sogar seine Ausführung für eine Unmöglichkeit erklärte  endlich öffnete er
seinen Sekretär sah viele Fächer und Papiere durch und überreichte nach langem
Suchen und Zählen dem Rittmeister fünf Tausend Taler in Staatspapieren und
Actien Mehr war ihm für jetzt nicht zur Hand in acht Tagen sagte er würde es
ihm möglich sein auch die andere fehlende Hälfte der Schuldforderung zu
liefern Er ließ sich darüber von dem Rittmeister eine Bescheinigung geben und
gab ihm selbst schriftlich das Versprechen in wenig Tagen ihm fünf Tausend
Taler auszuzahlen damit sich dieser dessen als einer Beglaubigung Herrn
Felchner gegenüber bedienen könnte da dieser Nichts mehr auf seinen Kredit gab
    Der Rittmeister musste sich nun wieder zu einem höflichen Brief an den
Fabrikherrn entschließen Er legte die fünf Tausend Taler und die Bürgschaft
des Grafen Hohental für das fehlende bei und bat nun sich noch einige Tage zu
gedulden  Der Brief war ein seltsames Gemisch von höflichen Redensarten
kriechenden Bitten und aristokratischen Anmassungen  Er sandte diesen Brief
sogleich durch einen erpressen Boten an Herrn Felchner
    Dieser saß eben mit Pauline Georg und den Factoren beim Abendessen welches
so hastig und schweigsam eingenommen ward wie immer als man ihm des
Rittmeisters Brief überbrachte Er riss das Siegel verdrießlich auf  »sollte er
doch noch das Geld aufgetrieben und mich so um den guten Handel den ich so
leicht mit dem Walde gemacht hätte betrügen«
    Als er gelesen und die Papiere durchgesehen stand er halb ärgerlich halb
lächelnd auf und ging in sein Komtoir Hier schrieb er an den Rittmeister
»Euer Hochwohlgeboren haben mir kein baares Geld geschickt sondern elende
Papiere zum Teil von sehr relativem Wert Wer wird eine Schuldzahlung in
Actien annehmen Die Bürgschaft des Grafen Hohental ist für mich ohne Wert
denn sie ist nicht gerichtlich Ein Mann ein Wort  ich habe sechs Wochen
Geduld gehabt und Ihnen heute erklärt dass dieselbe zu Ende ist Bemühen Sie
sich ja nicht weiter mit höflichen Redensarten mich andern Sinnes zu machen
Ich schicke Ihnen Ihre Papiere wieder und übergebe morgen unsere Sache dem
Gericht«
    Er versiegelte Alles und gab das Paquet dem Boten des Rittmeisters Dann
rief er seine Tochter
    »Mein Kind« sagte er freundlich »ich habe heute in Deinem Namen einen Korb
erteilt ist Dir das recht oder hättest Du schon Lust Dich zu verheiraten«
    »Nein gewiss nicht lieber Vater« sagte Pauline halb errötend halb
lachend »Es kann auch nur ein Scherz von Dir sein denn ich wüsste nicht wer
könnte im Ernst um mich angehalten haben«
    »Ei doch es ist gar kein Scherz  der junge Baron von Waldow dessen Vater
dadurch aus seinen Schulden kommen wollte  ein neues Mittel für einen Vater 
in der Tat ein neues Mittel sonst suchen nur die adligen Taugenichtse eine
reiche Partie um ihre Schulden zu bezahlen und ihr faules und lockres Leben
bequem fortsetzen zu können  aber der Speculationsgeist dieser Herren macht
immer riesenhaftere Fortschritte  jetzt suchen die herabgekommenen adligen
Gutsbesitzer für ihre Söhne die Goldfischchen zu angeln um durch einen guten
Fang zugleich sich selbst mit aufzuhelfen  eine sehr bequeme Art sich zu
bereichern eine allerliebste Industrie  Wie oder wärst Du etwa selbst gern
gnädige Frau geworden Pauline  auch wenn  «
    Der Alte hatte sich selbst immer mehr in Heftigkeit geredet so dass Pauline
um ihn zu begütigen die kleine Hand auf seinen Arm legte und sanft sagte
»Aergere Dich nicht unnütz ich habe gar keine Lust ans Heiraten zu denken
und die adligen Herren sind mir eben so uninteressant gewesen als die
bürgerlichen«
    »Das ist gut Kind« sagte der Fabrikant »denn ich sage Dir wenn ein
reicher Graf kommt und um Dich wirbt ich werde es mir noch überlegen aber das
sage ich Dir ehe ich zugebe dass so ein herabgekommener Krautjunker der Nichts
hat und Nichts gelernt hat und Nichts verdienen will eh ein solcher Tagedieb
Dein Mann wird  eher gebe ich Dich lieber dem Geringsten meiner Leute der
seine Sache versteht und redlich arbeiten gelernt hat«
    Pauline wusste nicht wie es kam aber die letzten Worte ihres Vaters taten
ihrem Herzen wohl
    Ein Factor trat ein um eine Geschäftsangelegenheit mit Herrn Felchner zu
besprechen und das Zwiegespräch hatte ein Ende
    Der Abend war noch schön die Dämmerung brach nur langsam herein und
Pauline ging noch ins Freie Sie war noch nicht lange im Garten und hatte sich
nur eben in die stille knospende Hollunderlaube gesetzt als Franz Talheim
leise in den Garten trat und sich schüchtern näherte und ehrerbietig grüßte
    »Guten Abend« sagte sie freundlich »was bringen Sie mir«
    »Ja Fräulein ich komme schon wieder« antwortete er traurig »und immer
nur mit Bitten «
    »Lassen Sie die Bedenklichkeiten« fiel sie ihm mild ins Wort »ich habe es
Ihnen ein für alle Mal gesagt es ist nicht in meiner Mache der allgemeinen
Not abzuhelfen und dabei mein einziger Trost wenn ich im Kleinen sie lindern
kann«
    »Und Sie werden Niemals müde werden unser guter Engel zu sein auch wenn
Sie für uns leiden müssen« sagte er flüsternd fragend
    »Ich verstehe Sie nicht recht« antwortete sie »aber sagen Sie mir welche
Bitte Sie herführt«
    »Ein Kind ein Mädchen von sieben Jahren hat die Hand nicht zeitig genug
unter der sägenden Dampfmaschine weggezogen und dadurch ist ihm der Arm halb
zersägt und abgerissen worden«
    Pauline verhüllte ihr Gesicht und ward bleich »O mein Gott ein Kind«
seufzte sie leise
    »Die Mutter hat die kleine halb tote Lise mit zu Hause genommen Einer von
uns der es mit angesehen bat den Factor er möge nach dem Chirurgen schicken
von welchem Herr Felchner seine Leute curiren lässt denn die armen Eltern haben
Nichts wovon sie dem Chirurgen seinen Weg bezahlen könnten und ohne Geld  Sie
wissen ja  «
    »Mein Vater wird gewiss « begann Pauline
    Aber Talheim fiel ihr ins Wort »Ach nein leider kennen wir Herrn
Felchner besser  wir haben zur Antwort erhalten dass es eine lächerliche
Zumutung wäre wenn er für jedes Kind das rein aus bloßer Ungeschicklichkeit
einen Schaden nähme sorgen solle  dann würden wohl gar die Arbeiter ihre
Kinder versichtlich verstümmeln damit sie gut gepflegt würden und faullenzen
könnten  ach Fräulein so schlecht denken die Reichen von den armen Leuten«
    Pauline warf einen flehenden Blick zum Himmel aber sie wusste Nichts zu
antworten Franz fuhr fort
    »In ihrer Verzweiflung lief die Frau zu dem Factor um von seiner Frau nur
ein wenig alte Leinwand zu erhalten damit sie selbst das blutende Kind
wenigstens reinlich verbinden könnte  der Factor stand selbst an der Türe er
warf sie zum Hause hinaus und sagte dass die Bettelei jetzt gar nicht aufhörte
 da kam ich dazu ich sagte der Unglücklichen ich könne ihr vielleicht
Leinwand verschaffen  da bin ich nun und bitte um weiter Nichts als um ein
paar Stücke alte Leinwand«
    »Ich komme gleich wieder« sagte Pauline und lief schnell in das Haus
    Monate sind vergangen seitdem Pauline in ihres Vaters Fabrik lebt und Franz
Talheim unter den Fabrikarbeitern als den gebildetsten und intelligentesten ja
zugleich als den besten und edelsten kennen gelernt hat Sie hatten Beide
einander ihr Versprechen gehalten  er dass er ihr mitteilte wo in den
Familien der Fabrikarbeiter einer augenblicklichen größten Not abzuhelfen
möglich war  sie indem sie dann Nichts unversäumt ließ die beste Hilfe zu
bringen
    So war er mehrmals zu ihr gekommen so hatten sie gemeinschaftlich
gehandelt Immer aber war er in ehrerbietiger Ferne von ihr geblieben immer war
sie ihm mit gleich unbefangener Freundlichkeit begegnet
    Er hatte es immer so einzurichten gewusst dass er in den Stunden zu Paulinen
kam wo er Herrn Felchner entweder fern oder doch beschäftigt wusste denn wie
er ihn kennen gelernt fürchtete er dass er gewiss auch der Wohltätigkeit seiner
Tochter Schranken setzen würde sobald er von derselben eine hinreichende
Kenntnis erhielte  und aus gleichem Grunde wiewohl ihn Pauline aus kindlicher
Schonung für ihren Vater nicht auszusprechen wagte hatte sie Talheim gebeten
nicht immer zu sagen woher die Hilfe kam So bestand zwischen Beiden ein
stillschweigendes Einverständnis und der Schleier des Geheimnisses war über
ihren Bund gebreitet  dies Alles trug dazu bei denselben eine freilich nie
ausgesprochene aber größere Innigkeit zu geben als er außerdem vielleicht für
sie gehabt hätte
    Jetzt trat Pauline aus dem Hause wieder in den Garten einen schweren Korb
am Arme und sagte zu Franz
    »Führen Sie mich zu der armen Mutter  ich will selbst hingehen«
    Franz war im ersten Augenblick fröhlich überrascht  nach einer kleinen
Pause sagte er aber »Sie wurden schon vorhin blass wie ich Ihnen nur von dem
zerrissnen Arm des Kindes sagte  es wird Ihnen widerlich sein diesen Anblick
wirklich zu haben  wer weiß vielleicht halten Sie ihn gar nicht einmal aus«
    »Halten Sie mich nicht für so schwach  und wird mir der Anblick weh tun 
die andern Leute müssen ihn ja auch haben und empfinden dabei gewiss dasselbe«
    »Aber die Wohnung der großen Lise ist sehr schmuzig und schlecht die Frau
selbst ist roh und war durch die Verzweiflung heute zur Wut aufgestachelt 
sie wäre im Stande « er hielt plötzlich inne und fügte dann bei »ersparen Sie
es sich«
    »Was wäre die Frau im Stande Warum reden Sie nicht aus Sie wissen dass Sie
vor mir Alles sagen dürfen«
    »Sie wäre im Stande Sie verletzende Reden hören zu lassen weil Sie heute
Schlimmes erfahren«
    »Sie würde Grund dazu haben uns zu verurteilen  es war in unserm Dienst
dass ihr Kind verunglückt ist  sie hat von meinem Vater harte Worte hören
müssen der Factor hat sie noch härter behandelt  sehen Sie deshalb will ich
hin ich fühle dass ich diesen armen Leuten eine Genugtuung schuldig bin«
    »Mein Fräulein  Sie sind mehr als ein Engel der Armen« rief er mit
Begeisterung »Sie wissen was die reichen Leute niemals glauben wollen dass es
auch für die armen Leute süßer ist das Brod um das sie betteln müssen mit
einem freundlichen Blick geboten als mit einer zürnenden Miene vor die Füße
geworfen zu erhalten « er fasste ihre Hand er hatte es nie wieder gewagt seit
jenem Wintersonntagabend wo er ihr Beschützer gewesen war und sie ihm die
ihrige gegeben hatte  aber jetzt konnte er nicht anders er fasste sie mit
raschem Drucke
    Sie erwiderte diesen leise sah ihn mit einem unbeschreiblich innigen Blicke
an und sagte sanft »Wer hat mich denn gelehrt die Gefühle dieser
Unglücklichen zu verstehen«
    Beider Augen glänzten feucht  in diesem Glanz spiegelte Eines das Bild des
Andern zurück  so standen sie einander still gegenüber ihre Lippen schwiegen
nur diese Blicke sprachen diese Blicke erzählten das ganze Geheimnis von zwei
gleichschlagenden Herzen und ihre Hände blieben sanft in einander
    Nachdem so eine stille feierliche Minute über sie hingezogen war sagte
Pauline »Wir gehen zusammen  lassen Sie und nicht länger zögern«
    »Ja wir gehen zusammen« rief er fröhlich »Ich widerspreche Ihnen nicht
mehr«
    Sie zog ihre Hand aus der seinen er nahm ihr den Korb ab welchen sie trug
und folgte ihr Die Dämmerung brach immer schneller herein Bald stand Franz vor
einem kleinen aus Holz und Lehm erbauten Hause still Die Haustüre stand offen
Er wies auf eine kleine schmuzige Treppe von Holz welche hinauf führte er bat
Paulinen hinauf zu gehen und folgte ihr mit dem Korbe der Druck auf eine
verrostete feuchte Türklinke öffnete die armselige Kammer in welcher die Frau
wohnte welche man in der Fabrik nicht anders als »die große Lise« nannte
    Auf einem Haufen von verfaultem Moos und Stroh das ein alter Fetzen von
grobem Zeug von vielen Schlitzen und Löchern nur wenig überdeckte lagen zwei
wimmernde Kinder ein Knabe von etwa zehn und ein Mädchen von sieben Jahren in
einem andern Winkel hockten noch zwei kleine Mädchen die etwa fünf und vier
Jahre zählen mochten Alle diese Kinder sahen bleich und abgezehrt aus und ihre
Augen glotzten stumpf und blöde vor sich aus durch den matten Schein der düster
brennenden kleinen Oellampe wenig beleuchtet ward ihr Ansehen noch
unheimlicher und sie glichen in den schmuzigen Lumpen in welche sie gehüllt
waren mit den struppigen Haaren die ungekämmt in die ausdruckslosen Gesichter
hereinhingen eher unheimlichen Kobolden als lebenden Menschenkindern Ein
Tisch auf welchem das rauchende Oellämpchen unter einigen andern halb
zerbrochenen und berussten irdenen Geräten stand und daneben zwei alte hölzerne
Stühle mit zerschljetztem Leder beschlagen und eine alte Lade  das war der
ganze Hausrat einer Familie
    Zwei Frauen standen in dieser Stube die eine war hager aber von
riesenhafter Größe Sie hatte mit einem bunten Tuch um den Kopf die schwarzen
Haare aufgebunden ihr Gesicht war bleich und starr  aus ihren Augen und dem
Zucken um ihren welken Mund sprach ein verwilderter Ausdruck Das war die lange
Lise die Mutter dieser vier Kinder
    Die andere Frau war eine Fabrikarbeiterin welche Frau Marta genannt ward
und welche nur aus Mitleid mit zu der langen Lise gegangen war Sie war kleiner
als diese aber von stärkerem Gliederbau hatte ein rotes offenes Gesicht und
war in der äußern Erscheinung weniger abschreckend als Jene vor welcher
Pauline gleich auf den ersten Anblick einen innerlichen Schauer empfand Pauline
war nun zwar schon an das Rohe und Abschreckende bei Manchen dieser Proletarier
gewöhnt aber sie erschrak doch wieder als die lange Lise sich rasch nach ihr
umdrehte und mit zorniger Stimme heftig fragte
    »Was gibts«
    »Ich bringe Euch Leinwand um das Kind zu verbinden das «
    Liese ließ Pauline welche mit schüchterner Stimme fast zitternd gesprochen
hatte nicht ausreden sondern sagte halb lachend
    »Nun wenn Eure schöne weiße Leinewand nur wieder ganz machen könnte was
Eurr verfluchten Maschinen zerreißen  ja ja Eure verfluchten Maschinen die
der Teufel erfunden hat  aber Ihr könnt Euch darauf verlassen wir haben gerade
Lust ein Mal Gottesgericht zu halten mit unsern schwachen Händen über diese
Teufelswerke  wenn sie auch die Hände unsrer armen kleinen Kinder zerdrücken
unsre Fäuste sind stark genug mit den Maschinen einmal ein Ende zu machen«
    »Ich bringe etwas Essen für Eure Kinder  und wenn Ihr selbst Hunger habt «
sagte Pauline und hatte indem sie suchte sich zu stellen als habe sie die
drohende Rede nicht gehört während dessen den Korb geöffnet den Franz herein
getragen hatte Dieser hatte sich entfernt und sie nahm Brod aus dem Korb
welcher noch andere Lebensmittel enthielt und gab den beiden kleinsten Mädchen
ein paar Semmeln welche gierig darüber herfielen
    »Da tut Ihr ein Gotteslohn« sagte Frau Marta
    Die lange Lise aber sagte in demselben Tone wie vorher »Ja die Würmer
sind alle dem Verhungern nahe  dort der Junge der hat sich schon lange zu
Schanden gearbeitet  das kann kein Kind aushalten tagelang auf dem Bauche
kriechend zu arbeiten  konnts auch nicht länger nun liegt er da und wenn er
nicht schläft wimmert er und will essen und wo solls herkommen Mir haben sie
neulich auch vom Lohne abgezogen nun bringen sie mir heute auch die kleine Lise
als Krüppel von der Arbeit  wer soll nun verdienen Nun muss mans so mit
ansehen wie Eins nach dem Andern verkommt die man erst unter Angst und Weh auf
die Welt gebracht hat Was Verkommt Tot gemacht werden die Kinder von Euch in
Eurer verfluchten Fabrik«
    Pauline wusste vor Erschütterung Nichts zu sagen sie sah sich ängstlich nach
Franz um aber er war nicht da und so sagte sie zu Marta »Haben denn die
Kinder keinen Vater der für sie arbeitet«
    Marta zischelte ihr leise ins Ohr »Das ists ja eben  fragt danach
lieber nicht da wird sie vollends wütend«
    Aber die Warnung kam zu spät die lange Lise hatte die Frage gehört und
fuhr jetzt heraus
    »Vater der für sie arbeitet Ei ja doch auf dem Zuchtause Haben wohl
einen Vater die armen Würmer s sind keine unehelichen Kinder deren ich mich
schämen müsste  aber seht einmal da war der Winter so hart und die Kinder halb
erfroren und verhungert  und wie der Lohntag kam da hieß es mein Mann habe
Fehler in seiner Arbeit und statt des Lohnes bekam er gar Nichts nur harte
Worte  da ist er in seiner Wut hingegangen und hat gedacht eh die Kinder
verhungern mag es werden wies will  und was sie mir heute an Lohn verweigert
haben das hol ich mir es ist mein ehrlich Verdienst und ich bin kein
Spitzbube sondern die sinds die mir meinen Lohn nicht geben  aber es war zum
ersten Mal in seinem Leben drum hat ers nicht geschickt angefangen und sie
haben ihn erwischt nun sitzt er  denn hören Sie wir haben ein gutes altes
Sprüchwort unter uns das heißt die kleinen Diebe hängt man die großen lässt
man laufen Seht so habt Ihr uns Alles genommen erst den Lohn dann den Mann
und Vater dann den Jungen hier ders nicht lange mehr machen wird und heute
ist nun auch das Mädel zum Krüppel geworden und soll dran sterben denn Ihr
wollt mir nicht einmal den Chirurgen schicken und werft mich selber zur Türe
hinaus«
    Pauline fasste sich und fiel ihr ins Wort »Der Chirurg wird bald kommen
wir haben schon nach ihm geschickt an all Eurer Not bin doch ich nicht
Schuld und bin hergekommen weil Ihr mich dauert  und wenn Ihr noch Etwas
wollt so sagt es mir oder wenn Ihr später Etwas braucht sagt es Franz «
    Lise aber hörte nicht mehr sondern kauerte bei ihren wimmernden Kindern
nieder und sagte indem sie die weiße Leinwand um den verstümmelten Arm des
Mädchens wand mit zürnender Verzweiflung »Das macht doch Niemand wieder ganz«
    Marta sagte zu Pauline »Ihr seid ein gutes Mamsellchen aber geht lieber«
    Pauline folgte der Weisung Franz hatte unten auf sie gewartet
    »Ach Franz« sagte sie »solches Elend und ein gütiger Gott«
    »Wenn auch die Engel so fragen die er sendet was sollen dann die armen
Menschenkinder« versetzte Franz
 
                                  Zweiter Band
                                 I Zwei Freunde
 »Doch zittert nicht Ich bin allein
 Allein mit meinem Grimme
 Wie könnt ich Euch gefährlich sein
 Mit meiner schwachen Stimme«
                                                                  Georg Herwegh
Dem schönen Maisonntag war eine gleich schöne gleich milde Mainacht gefolgt
    Es war zehn Uhr vorüber und die Arbeiter aus Herrn Felchners Fabrik welche
unter sich den Verein der unverheirateten Arbeiter und Junggestellen gestiftet
hatten traten eben aus der Schenke denn dies war die Stunde welche nach dem
einen Paragraphen der Statuten ihres Vereins zum Nachhausegehen bestimmt war
    Mit dem gewohnten Wunsche einer guten Nacht trennten sich die jungen Männer
und Jeder schlug den Weg nach seiner Wohnung ein Wilhelm Bürger und Franz
Talheim gingen Arm in Arm und blieben auch bei einander als sich die Andern
trennten Ein Dritter gesellte sich jetzt zu ihnen es war August derselbe
Jüngling welcher mit den alten Arbeitern falsch gespielt hatte und dafür von
diesen so unmenschlich geschlagen worden war
    August war noch sehr jung aber er war immer ein ziemlich lüderlicher
Bursche gewesen Als Franz den Verein der unverheirateten Fabrikarbeiter
bildete war August nebst einigen Wenigen der jungen Leute nicht mit dazu
getreten weil sie es für eine lächerliche Zumutung erklärten dem Genuss des
Branntweins und dem Kartenspiel zu entsagen Am Tage nach jenem Vorfall aber war
August zu Franz gekommen und hatte ihm für seinen Beistand gedankt für diesen
Beistand welcher eigentlich in Nichts bestanden hatte als im Hinauswerfen
Franz hatte ihn sehr kalt und ernst empfangen sie hatten folgendes Zwiegespräch
gehabt
    »Du hast falsch gespielt also betrogen« sagte Franz »das ist in allen
Fällen ein schweres Vergehen und eine große Schlechtigkeit allein durch den
besonderen Fall wird dieses Tun noch verächtlicher als es schon ist Du hast
Diejenigen betrogen welche die Verhältnisse zu Deinen Kameraden gemacht haben
und in welchen Du Deine Brüder lieben solltest Diejenigen welche eben so arm
sind wie Du und sich ihr Geld eben so sauer verdienen müssen  Du weißt es wie
viel Mühe und Schweiß an dem Gelde hängt welches ein Fabrikarbeiter in seiner
Tasche trägt und Du hast es ihnen doch betrügerisch abgenommen Du hast
Denjenigen ihr armseliges Eigentum schmälern wollen welche davon ihre
notleidenden Frauen und ihre elenden Kinder ernähren müssen  Du hast Dich also
auch an diesen hilflosen und hilfsbedürftigen Geschöpfen versündigt Wahrlich
wenn ich Dich der verdienten Züchtigung der Kameraden entzog an welchen Du so
himmelschreiendes Unrecht begangen so war es nur weil ich fürchtete die
Trunkenen mögten Dich in ihrer blinden tollen Wut noch todtschlagen und
dadurch sich selbst mit zu Verbrechern und Strafwürdigen machen  das wollte ich
ihnen ersparen und so half ich Dir zur Flucht«
    »Du sprichst härter als Du denkst« sagte August »ich weiß wohl dass die
leichtsinnigen Streiche wie ich sie mir wohl zuweilen und auch gestern habe zu
Schulden kommen lassen ein Gräuel sind aber ich weiß eben so gut dass Du jene
Rohheiten verachtest welche sich die Andern gegen mich erlaubten und dass Du
mich ihnen eben so gut aus angebornem Edelmut entzogst als aus kluger
Voraussicht der Dinge welche daraus entstehen konnten Ja Franz ich gebe wohl
denen Recht welche Dich einen gescheiten Kerl nennen aber ich habe ihnen mehr
als ein Mal geantwortet sein Herz ist noch größer als sein Kopf«
    »Ich sehe nicht ein warum Du mir schmeicheln willst «
    »Ich rede nur unbefangen Alles heraus was ich denke ich habe Dich immer
lieb gehabt «
    »Und wenn das wäre  warum hast Du die Verbindung verhöhnt welche ich
mühsam mit unsern Genossen zu Stande gebracht habe warum bist Du nicht mit dazu
getreten sondern hast es uns sogar erschwert wie Du nur konntest  Versuche
nicht Dich herauszureden denn ich weiß Alles«
    »Alles weißt Du nicht und um Dir dies zu erzählen bin ich eben
hergekommen mein Geständnis soll mein Dank sein Du wirst bald sehen dass ich
wenn ich zu Eurer Verbindung getreten wäre eine viel größere Schlechtigkeit
begangen hätte als dadurch dass ich mich weiter nicht mit Euch einließ«
    »Das ist eine sonderbare Rede  und wenn Du vielleicht auch im Lügen
geschickt sein solltest wie Du es gestern im Betrügen warst so bitte ich Dich
doch mich damit nicht unnütz aufzuhalten«
    »Du wirst es bald bereuen wenn Du mich zum Zorne reizen willst aber ich
werde Dich beschämen indem ich Dir ruhig die Wahrheit erzähle Ich war mit
Anton eines Sonntags in die Stadt gegangen es war vor ein paar Monaten als Du
uns immer zu dem Arbeiterverein Vorschläge machtest die Sache aber noch nicht
zu Stande gekommen war Wir saßen in einer Bierstube in welcher sich noch viele
Arbeiter aus andern Fabriken befanden auch manche Bürger und andere Leute
welche sich wohl noch etwas mehr dünkten Ein langer dürrer Mann der mir zu
diesen Letzteren zu gehören schien kam auf uns zu nachdem ich gesehen hatte
wie ein anderer Arbeiter der nicht mit bei Felchner ist aber Anton kannte auf
diesen den dürren Mann aufmerksam gemacht hatte Er fragte uns ob wir in
Felchners Fabrik arbeiteten und als wir bejahten fragte er uns nach Tausend
Dingen aus wie Viel wir ihrer wären ob wir untereinander zusammenhielten ob
wir im Ganzen zufrieden oder unzufrieden wären Wir sagten ihm unbefangen die
Wahrheit dass wir Alle fleißige Arbeiter wären aber doch wenig verdienten und
dass besonders es erbarmungswürdig sei wie man die Kinder behandele  Er schien
sehr mitleidig zuzuhören und fragte weiter ob wir Nichts täten dieser Not
abzuhelfen oder ob wir nicht unsere Unzufriedenheit aussprächen  Da sprach
Anton von dem Vereine der unverheirateten Arbeiter welchen wir bilden wollten
Wie Jener das hörte nahmen seine Augen einen ganz eigenen Ausdruck an halb wie
vor Schreck halb wie vor Freude Dem ungeachtet fragte er nicht weiter danach
sondern ließ sich nur von unsern Familienverhältnissen erzählen ich sprach von
meiner armen kranken Mutter  Anton war sehr verdrießlich weil er im Schafkopf
seinen letzten Groschen verloren hatte und nicht wusste was er darauf antworten
sollte als der Wirt die Zeche verlangte Kaum sah dies der dürre Mann als er
für Anton bezahlte und uns noch Jedem ein großes Glas Schnaps geben ließ Er
sagte dass Diejenigen welche uns zu einem Vereine bewegen wollten wo wir sogar
dem Branntwein entsagen sollten unmöglich uns wohl wollen könnten und dass alle
solche Vereine für uns höchst lästig und gefährlich werden könnten wir hätten
ja dann gar keine Freiheit mehr wenn wir nicht einmal mehr trinken spielen und
in die Schänke und herausgehen dürften wenn wir Lust hätten Nachher sagte er
wir mögten nur bald wieder kommen wir gefielen ihm er käme jeden Sonntag an
diesen Ort und er würde sich freuen uns zu treffen Ich war einmal
hinausgegangen während dem hatte er mit Anton heimlich gesprochen wie ich wohl
merkte denn während ich nun aufgehetzt von Jenem ganz gegen den Verein war
und es dann Dir und Allen offen sagte auch wegblieb sagte Anton ich trete
dazu sonst weiß man ja gar nicht wie es dabei hergeht  Am nächsten Sonntag
beredete mich Anton wieder mit hin in die Schänke zu gehen wo wir den langen
dürren Mann getroffen hatten  er war auch richtig wieder da er gab mir Geld
für meine arme Mutter und Anton gab er auch welches Er sagte wir sollten nun
wenigstens alle vier Wochen in die Schänke kommen wo wir ihn treffen würden
und ihm aufrichtig erzählen was etwa unterdes in unsrer Fabrik und unter uns
Arbeitern vorginge es wäre zu unser Aller Vorteil zum Vorteil der ganzen
arbeitenden Klassen besonders aber solle es unser Schaden nicht sein  Die
Sache schien uns auch gar nicht so übel besonders da wir aufgeregt waren und es
wenigstens in meinem Kopfe nicht mehr ganz klar herging denn er ließ uns sehr
viel Branntwein einschänken Dennoch fragte ich ihn wer er sei und warum er
sich so um unsre ganzen Angelegenheiten bekümmerte Er nannte sich Stiefel und
dass er das nur aus menschenfreundlichen Absichten tue weil ihm unsere Lage am
Herzen liege und es notwendig sei dass er darüber alle mögliche Notizen
sammele dann könne er vielleicht durch Schrift und Wort dazu beitragen unsere
Lage zu verbessern  Wie wir nun das nächste Mal wieder beisammen waren
gestern nannte ihm Anton Deinen Namen und gab ihm das Buch Erzählungen aus dem
armen Volke welches Du geschrieben und nach der Aufschrift allen
Menschenfreunden gewidmet hast Stiefel nahm es mit derselben sonderbaren Miene
mit welcher er damals die Erzählung von der Bildung Eures Vereins anhörte und
rief Ein Fabrikarbeiter der solche Sachen schreibt ist ein entsetzlicher
Mensch nun dessen wird man sich bald zu bemächtigen wissen  hier habt Ihr
noch mehr Geld und wer mir von Euch noch Etwas von seinen Schreibereien bringt
der erhält das Dreifache  aber wo möglich Ungedrucktes Papiere die er geheim
hält  Da ging mir plötzlich ein Licht auf ich ward zornig ich warf ihm das
Geld ins Gesicht und sagte ich bin kein Judas der seinen Bruder an einen
Elenden verrät der vielleicht die Macht hat ihm Übles zu tun  und damit
lief ich schnell fort aus der Stube aus der Schänke aus der Stadt gerade Wegs
heim Da fand ich meine kranke Mutter hungernd und frierend und sie machte mir
Vorwürfe dass ich ihr kein Geld mitbringe wie früher  ich konnt es nicht
ertragen sie so vor mir zu sehen bittend und fluchend matt vor Hunger und
Frost wimmernd unter unsäglichen körperlichen Schmerzen  ich war noch trunken
es kochte in mir vor kalter stiller Wut  ich ging in unsre Schänke  ich
spielte falsch  es war ja nicht für mich es war für meine Mutter  ich spielte
auch erst falsch als ich sah dass ich anders nicht gewann denn ich dachte ich
wär es in der Stunde wohl wert gewesen zu gewinnen wo ich den Versucher von
mir abgeschüttelt hatte wie eine giftige Schlange die mich schon umringelt
hatte   Nun weiß ich Alles und wenn ich mit in Euren Verein treten könnte 
nun tät ichs gern «
    »Sie werden Dich jetzt nicht aufnehmen« sagte Franz der mit wachsendem
Interesse seinen Bericht angehört hatte »Komm aber nächste Mittwoch mit mir
hin wir wollen sehen was sich tun lässt«
    Franz hatte für diesen Abend Wilhelm und einige der vertrauteren Freunde auf
das was er unterdes erfahren vorbereitet und August war dann aufgefordert
worden sein Geständnis noch ein Mal zu wiederholen Er hatte es getan Alle
waren nun wütend auf Anton geworden  dieser aber hatte mir ruhiger Miene
Augusts Aussage bestätigt aber es Allen zugeschworen dass er Stiefel wirklich
für einen Menschenfreund gehalten der ihr Bestes wolle dass er ihm auch in
diesem Vertrauen Talheims Buch gegeben habe dass ihm aber mit August zugleich
die Augen aufgegangen wären als man eine Schlechtigkeit von ihnen verlangt
habe und er auch nachdem er Stiefel noch tüchtig die Wahrheit gesagt die
Schänke verlassen habe Er suchte sich aus Allem herauszureden und man konnte
ihn nur dafür bestrafen dass er Branntwein getrunken habe und unterwarf sich
auch reumütig der üblichen Strafe August versprach man erst dann in den Verein
aufzunehmen wenn er einige Wochen lang dem Spiel und Branntwein entsagt und
sich überhaupt ordentlich aufgeführt habe Diese Probe hatte er bestanden und er
ward nunmehr gern unter ihnen gesehen Um dem Herrn Stiefel näher auf die Spur
zu kommen hatten sich an mehreren Sonntagen Franz oder Wilhelm mit August oder
Anton selbst zur Schänke in der Stadt begeben wo er gewöhnlich sich eingefunden
hatte aber sich niemals wieder sehen ließ Auch der Wirt welcher übrigens
versicherte gar Nichts als den Namen von ihm zu wissen sagte aus dass er seit
jenem Sonntag sich nie wieder eingestellt habe  Man sah sich genötigt diese
Sache auf sich beruhen zu lassen da alle Bemühungen fruchtlos geblieben waren
 
    An dem Maiabend an welchem August sich zu Wilhelm und Franz gesellte sagte
er zu den beiden Freunden
    »Ihr könnt Euch darauf verlassen  Stiefel ist da«
    »Stiefel  Du hättest ihn gesehen«
    »Saht Ihr nicht auch den Einspänner der vorhin auf der Straße nach
Hohenheim fuhr  und den langen dürren Mann drinnen Das war er«
    »Was kann er nur wollen« sagte Wilhelm
    »Wenn Du Deiner Sache gewiss bist warum sagst Du es erst jetzt und teiltest
es nicht oben Allen mit« fragte Franz
    »Weil ich dem Anton nicht traue« sagte August ernst
    »Das ist nicht schön von Dir Dein ewiges Misstrauen« versetzte Franz
»Sieh Du bist gar nicht besser gewesen als er wir haben Dir Alles vergeben und
vergessen Niemand beargwohnt Dich und Du allein willst Anton der wie Du nur
getäuscht worden ist und dann auch richtig bekannt hat noch verdächtigen 
Geh das ist ein hässlicher Zug den möchte ich nicht bei Dir finden«
    »Weil ich allein den Anton kenne « murmelte August
    »Lass das alte Lied« meinte Wilhelm »Und wenn nun auch  Gefahr hats ja
doch nicht sind wir denn etwa auf unrechten Wegen dass wir Verräter zu
fürchten hätten Ist denn unser Verein eine geheime und gefährliche Verbindung
Weiß nicht Jedermann darum Und hat denn nur Herr Felchner das Geringste dagegen
einwenden mögen und können Und ich dächte doch weiter ginge die Sache
Niemandem Etwas an«
    »Aber Franz hat wieder ein Buch geschrieben Die Rechte des Armen  den
Verzweifelnden gewidmet  Mir ist vor ihm bange« antwortete August »mir ist
als könne daraus noch Unheil für Dich kommen obwohl ich gerade nicht recht
begreife wie aus einem Buche irgend etwas Gefährliches entstehen könne Aber
mir ist innerlich angst«
    »Das lass Dich nur nicht kümmern« sagte Franz ruhig »mein Buch enthält
Nichts als eine Schilderung von dem Loose der Fabrikarbeiter wie es Jedermann
kennt der nur irgend einmal aufmerksam in einer Fabrik sich umgesehen hat Ich
habe nicht das Geringste übertrieben bin nirgends von der Wahrheit abgewichen
habe überhaupt gar Nichts getan als einfache Tatsachen geschildert
Aufmerksam sollen die Leute werden auf unsere Not das ist es ja was ich damit
bezwecke Wenn noch andere Leute als die Fabrikherren welche von unserm Elend
sich mästen  und welchen es deshalb freilich nicht sehr erwünscht sein mag dass
es allgemein bekannt wird wie sie uns behandeln  wenn also noch andere Leute
von unserm Elend hören so werden weise Gesetzgeber und gerechte Regierungen uns
doch vielleicht ein besseres Loos verschaffen Ich denke von den Menschen nicht
so gering Ich glaube vieles Schlimme und Unheilvolle besteht nur deshalb in
der Welt weil allein Diejenigen welche darunter leiden es kennen den Andern
es aber fremd bleibt und daher sie welche die Macht und gewiss auch den Willen
hätten zu helfen  nur eben deshalb nicht mit ihrer Hilfe kommen weil sie gar
nicht wissen dass man ihrer bedarf und wie viel es zu helfen gibt«
    Wilhelm versetzte »Du hast immer noch gutes Zutrauen zu den Menschen ein
viel besseres als sie verdienen  unsre täglichen Erfahrungen könnten Dich eines
Andern überzeugen«
    »Nun wir werden ja sehen wer von uns Recht behält In meinem ersten Buche
habe ich mich nur an die Menschenfreunde gewendet in meinem zweiten an die
Verzweifelnden  ich denke man muss es mit Beiden versuchen« sagte Franz
    »Ja« rief Wilhelm »vielleicht helfen die Menschenfreunde wenn sie
einsehen dass sie es außerdem mit Verzweifelnden zu tun haben«
    August schüttelte den Kopf und sagte »Auf alle Fälle ist es doch besser
wenn Ihr auch meint dass uns Stiefel nicht schaden kann wir suchen dahinter zu
kommen wer und was er eigentlich ist und was er will aber nur wir Dreie denn
von den Andern sind einige täppisch und geschwätzig sie könnten Alles
verderben  Das ist mein erster Vorschlag und mein zweiter dass wir jetzt ein
wachsames Auge auf Anton haben«
    »Um ihn vor ungerechten Beschuldigungen zu sichern« sagte Franz etwas
aufgeregt und fügte gelassener hinzu »Mit Deinem ersten Vorschlag bin ich
einverstanden«
    »Ich auch« sagte Wilhelm »Über Nacht kommt guter Rat wir wollens
beschlafen«
    »Nun denn gute Nacht« erwiderte August »und Du Franz sei nicht böse Bei
Gott Franz wenn ich minder Dein Freund wäre würde ich auch minder bedenklich
sein«
    Franz drückte ihm die Hand »Es ist gut Du bist ein braver Junge geworden 
gute Nacht«
    August schlenderte der Hütte zu in welcher seine alte Mutter krank lag und
verschwand in der Türe
    »Es ist ein guter Junge« wiederholte Franz »seitdem er sich aus seinem
unordentlichen Leben herausgerissen hat ist Keiner fleißiger und im Guten
beharrlicher als er«
    »Bei Alle dem bin ich froh dass er nicht länger mit uns ging« sagte
Wilhelm »ich habe noch Etwas mit Dir allein zu reden  es hat mir schon lange
auf dem Herzen gelegen und muss nun endlich einmal herunter«
    »Wir wollen ein Stück in diese Allee gehen und uns dort auf der Steinbank
unter der Linde ein Wenig niedersetzen« gab Franz an
    Als sie sich gesetzt hatten begann Wilhelm »Du bist seit einiger Zeit
verändert  wenn wir Alle beieinander sitzen und unter Gesang und harmlosen
Reden uns von den Mühen des arbeitvollen Tages erholen  so bist Du oft still
und zerstrent und wenn wir Dich aufmuntern so fährst Du wie im Traume auf und
besinnst Dich endlich wo Du bist  Das Loos der unglücklichen Brüder hat Dir
immer Kummer gemacht das Elend das Dich umgibt hat immer an Deinem
teilnehmenden Herzen gefressen Ein Dichter der noch andere Träume ein
Schreibender der noch andere Dinge zu denken hat als wir andern nüchternen
Menschenkinder bist Du immer gewesen  allen diesen Dingen kann man Deine
Veränderung nicht zuschreiben  auch bist Du ja nicht immer traurig  zuweilen
glänzt Dein Auge in lauter stiller Freude  Ach Ich weiß recht gut was allein
über einen Menschen solche Macht hat«
    Franz sah stumm vor sich nieder und scharrte mit seinen Füßen im Sande
    Wilhelm fuhr fort »Franz Du gehst oft in Herrn Felchners Haus und wenn Du
zurück kommst «
    »Wilhelm Wilhelm« rief Franz mit einem flehenden Tone als wolle er sagen
schone mich fügte dem Ruf aber weiter Nichts hinzu doch Wilhelm fuhr dumpf
fort
    »Ich verstehe Dich  wärest Du weniger verschlossen gewesen  wer weiß es
wäre dahin nicht gekommen es wäre mir leichter geworden sie zu fliehen 
hättest Du nicht geschwiegen  es wäre besser gewesen  ja wohl wäre besser
gewesen«
    »Wilhelm  um Gottes Willen  Du auch  Du auch«
    »Ja ich habe sie auch lieb wie ich noch kein anderes Mädchen geliebt ich
habe sie so lieb wie sie irgend Jemand lieb haben kann so lieb wie Du«
    »Wilhelm Du sprichst es aus Du wagst es  was ich niemals wagte niemals
gewagt haben würde  Mir ist als fasstest Du mit einer ruhigen festen Hand nach
meinem Herzen rissest es mir aus der Brust und sprächest kalt indem Du es mir
vor die zuckenden Augen hieltest so sieht Dein Herz aus  Du Frevler«
    »Es muss sein  Du oder ich  Ich habe Dir Freundschaft geschworen bis ins
Grab  wir dachten damals nicht dass ich Dir meinen Eid bewähren müsste am Grabe
meiner Liebe Franz ich entsage ihr sobald ich nur weiß dass Du ihr Deine
Liebe gestanden«
    Franz fiel ihm ins Wort »Wie dürft ich das wagen«
    Aber Wilhelm fuhr ununterbrochen fort »Sobald ich nur weiß dass sie gern
Dein ist «
    »Bist Du von Sinnen« rief da Franz außer sich »Wie kannst Du von Deiner
Entsagung sprechen In dem Sinne wie Du das Wort meinst  da müssen wir ja
Beide entsagen  Wie kannst Du mich für so frech so anmassend halten dass ich
diesem Engel gegenüber ein Wort der Liebe auszusprechen wagte Und verstummt
nicht jedes schmerzliche Gefühl das mich fern von ihr zuweilen überfällt
sobald ich ihr gegenüber stehe ihr folge Dann fühle ich weiter Nichts als das
unaussprechliche Glück diese sanfte Heilige unsre unglücklichen Brüder segnen
zu sehen und in ihren Augen die Träne des Mitleids zu erblicken für die
leidenden Armen  und dann fühle ich nur Dank gegen Gott dass er der in ihrem
Vater uns einen Tyrannen uns in ihrer Tochter doch zugleich einen hilfreichen
Engel sandte«
    Staunend rief Wilhelm »Vater  Tochter  von wem sprichst Du denn Wer ist
Friederikens Vater«
    »Friederike« rief Franz in gleich staunendem Tone »Friederike  Du liebst
Friederiken« Und wie er erkannte dass nur ein Missverständnis ihm das selbst nur
leise geahnte Geheimnis seines Herzens entrissen lehnte er sich zurück an die
Linde drückte wider ihre raue Rinde seine heiße Stirn wie um sich zu
verbergen und flüsterte »Vergiss was Du mich hast sagen hören«
    »Du liebst Friederiken nicht  aber Du kennst sie Du sprachst sie oft 
noch gestern sah ich Dich bei ihr stehen  es presste mir schier das Herz
entzwei«
    »Ihre Herrin hat sie lieb es ist ein gutes Mädchen  und wenn Du sie
liebst wird sie Dich denk ich wieder lieben und Ihr werdet glücklich zusammen
sein Und Du hast gedacht ich stände dieser Liebe und diesem Glück entgegen«
    »Nun ja  ich wusste wie die Liebe tut  wusste es nur gar zu gut darum
verstand ich Dein verändert Wesen das den Andern ein Rätsel  und da ich wohl
sah dass Deine Augen leuchteten wenn Du in das Wohnhaus des Fabrikherrn gingst
so wußt ich dass Du dort die finden müsstest welche Du liebest   nun versteh
ich es anders  das hatte ich nicht denken können Vielleicht werde ich einst
glücklich sein  und Du  Armer Freund«
    »Nein nicht arm« sagte Franz sich aufrichtend »Sie wird mich nie aus
ihrer Nähe verbannen sie wird mich immer dazu wählen den Segen auszuspenden
welchen sie für die Notleidenden hat Sie wird mich zuweilen freundlich
ansehen wenn ich im Vertrauen auf ihre Großmut in ihrem Namen gehandelt habe 
ich werde glücklich bleiben wie ich es geworden bin seitdem ihre Erscheinung
verklärend hereintrat in mein Leben Komm Wilhelm wir wollen ruhig nach Hause
gehen und schlafen und von ihnen träumen«
 
                                II Haussuchung
 »Auf des Lagers Kissen schlummert
 Kalt die lieblichste der Leichen«
                                                                 F Freiligrat
In der Residenz in der Stube Amaliens der Gattin Gustav Talheims stand ein
kleiner schwarzer Sarg
    Eine schöne blasse Kinderleiche lag darin im weißen Sterbekleidchen einen
Rosenkranz in den blonden Locken  die ganze kleine Gestalt zur Hälfte mit
Blumen überdeckt
    Die kleine Anna war gestorben Amalie kniete an dem Sarge ihres einzigen
Kindes
    Der Schmerz einer Mutter ist riesengross und meerestief wie kaum ein zweiter
in der Welt Fast jede Mutter die ein todtes Kind beweint wird zu einer
heiligen mater dolorosa vor welcher selbst jeder Fremde in ehrfurchtsvoller
Ferne stehen bleibt Eine heilige Würde ist in dem Schmerz einer Mutter welche
an das Wehe denkt unter dem sie das Kind geboren welches nun wie ein Teil von
ihr selbst losgerissen worden und dem Grabe verfallen ist während sie doch
unter den Tausend Dolchstichen unter welchen ihr blutendes Herz zuckt noch
beten kann »Der Herr hats gegeben der Herr hats genommen  sein Name werde
gepriesen«
    In Amaliens Schmerze war das Gepräge dieser ehrwürdigen Heiligkeit
verdunkelt Erst jetzt als ihr das anvertraute Kleinod für immer entrissen war
begann sie zu empfinden welches Glück sie in demselben besessen und es traf
sie als ein entsetzlicher Vorwurf ihres eigenen Innern dass sie das Kind nicht
mit wahrer Mutterzärtlichkeit geliebt weil es das Kind eines ungeliebten Vaters
war Und so war denn ihr Schmerz eine anklagende Verzweiflung denn sie sagte
sich selbst dass ihr das Kind vielleicht nicht genommen worden wäre wenn sie
ihm eine bessere zärtlichere Mutter gewesen ja sie machte sich selbst den
Vorwurf vielleicht auf eine leicht verletzte Gesundheitsregel nicht genug
geachtet zu haben und dadurch selbst sogar vielleicht mit Teil an der schnellen
und so unheilvollen Krankheit zu haben So brachte ihr der Schmerz nicht den
heiligen stärkenden Tau frommer Ergebung und Erhebung sondern nur verwundende
Stacheln welche sie sich selbst wie im grausenhaften Spiel wechselnd in ihr
blutendes Innere stieß und herausriss
    Als sie jetzt in dieser Stimmung an dem kleinen Sarge stand in welchem in
wenig Stunden ihr die schwarzen Träger auf immer ihr einziges Kind ihr bestes
Besitztum forttragen würden ging die Türe auf und ein junger Mann in der
grünen Uniform eines gemeinen Soldaten trat herein Er war groß und schlank
gewachsen hatte lichtbraunes lockiges Haupthaar und langen Schnurrbart  ein
freundliches offenes Gesicht das Munterkeit und Gutmütigkeit zeigte
Erschrocken blieb er zwischen der Türe stehen als er sah dass er in die
Engelkammer eines verblichnen Kindes gekommen  dann ging er auf Amalien zu
nahm ihre abgezehrte Hand schüttelte sie treuherzig und sagte indem eine helle
Träne auf seinen Schnurrbart rollte
    »Das ist ein sehr trauriger Empfang Frau Schwägerin  Kennst Du mich denn
noch« fügte er nach einer Weile hinzu wo sie wortlos dagestanden und ihm
mechanisch ihre Hand überlassen hatte
    »Ja Bernhard« sagte sie »Es ist gut dass Du mich nicht vergessen hast und
mit zu mir kommst es ist gut  Du darfst doch wohl meiner Anna das letzte
Geleit mit geben«
    »Ja ich wills  sieht wie ein Engel aus das arme Kind sieht wahrlich dem
Vater ähnlich« Der Eingetretene der dies sprach war Bernhard Talheim der
jüngste der drei Brüder Er war unter die Soldaten gegangen weil er kaum wusste
was er sonst hätte ergreifen sollen Er sah den Brüdern ähnlich aber seine
Gesichtszüge hatten nicht den schwärmerischen ernsten Ausdruck jener Beiden er
sah freundlicher wenn man so sagen kann einfachgutmütiger aber auch
ungleich unbedeutender aus als sie Er hatte ein vortreffliches Herz aber
seine geistigen Fähigkeiten wenn er sie gleich den Brüdern besaß hatten doch
nur eine höchst untergeordnete Ausbildung erlangt  er schien aber damit
glücklicher zu sein als Jene denn wie gesagt sein ganzes Ansehen zeigte von
einem heitern lebensfröhlichen Charakter
    »Weiß es der Bruder schon« fragte er jetzt leise mit betrübtem Tone
    Amalie schüttelte das Haupt und sah starr vor sich nieder
    »Es wird ihn sehr erschüttern« seufzte Bernhard 
    »Schreib Du es ihm  ich kann es nicht« ächzte sie
    »Ein trauriges Geschäft  aber wenn du willst  nun da will ich es Dir schon
zu Liebe tun glaub es wohl dass es Dir schwer wird zu schreiben«
    »Es ist als habe Dich mir der Himmel zur Hilfe zur Erleichterung
hergeschickt  dass Du gerade jetzt kommen musstest «
    »Ja unser ganzes Bataillon ist hierher versetzt worden  ich bleibe nun
hier  es ist doch Schade dass Gustav nicht mehr da ist«
    Sie hörte nicht weiter auf ihn denn sie lauschte auf ein Geräusch von
Tritten die unten im Hausflur klangen  dann die Treppe heraufkamen  nun immer
näher und näher  die Türe ging auf   sie stellte sich vor den Sarg legte
sich mit dem halben Leib darauf schlang ihre Arme darum und rief außer sich
»Sie dürfen nicht sie dürfen nicht«
    Die schwarz gekleideten Träger waren eingetreten  die Leichenfrau war ihnen
gefolgt  sie ergriff den schwarzen Sargdeckel mit den versilberten Zierraten

    Ein junges Mädchen mit blondem Haar trat ein und zog Amalien sanft von dem
Kinde auf  helle Tränen fielen dabei aus den Augen des Mädchens »Kommen Sie
mit herauf arme Frau« bat es »hier können Sie doch nicht bleiben«
    »Ich kann nicht fort« sagte sie mit herzzerreissendem Schrei und sank an dem
Sarge ohnmächtig zusammen Das Mädchen kniete neben sie und legte das bleiche
Haupt der unglücklichen Mutter auf ihren Schoos indem sie leise sagte
    »Es ist am Besten wenn sie bewusstlos ist  nun eilt dass Ihr die Leiche
hinausbringt ehe sie wieder zu sich kommt«
    Die Träger befolgten den Rat Bernhard selbst drückte den Sargdeckel
darauf weil die Leute ihn hastig und geräuschvoll aufhoben nahm er ihn ihnen
ab damit es ohne Lärm geschehe das Mädchen dankte ihm dafür mit einem innigen
Blick Wie aber die Träger den Sarg zur Türe hinaustrugen stießen sie damit
wider die Pfoste  es klang hohl und dumpf  dieser Ton brachte Amalie wieder zu
sich sie verstand ihn  schrie auf wollte nachspringen aber die Türe war
ins Schloss geworfen das Mädchen zog Amalie mit sich auf das Sopha wohin
Amalie ohne ohnmächtig zu sein aber wie vor Verzweiflung erstarrt sich ziehen
ließ und regungslos sitzen blieb
    Die beiden Frauen waren allein
    Eine Stunde mochte vergangen sein wo sie so stumm und unbeweglich
nebeneinander gesessen hatten
    Amalie hatte ihr Logis das sie früher mit ihrem Gatten bewohnt mit einem
kleineren in der Vorstadt vertauscht Das Mädchen welches bei ihr saß war die
Tochter des Hauswirtes eines Korbmachers und hieß Auguste Sie hatte ihrer
einsamen Hausgenossin getrenlich beigestanden bei der Pflege des kranken Kindes
 sie hatte auch in den herbsten Stunden des Leides die Unglückliche nicht
verlassen Sie fühlte wohl dass sie keinen Trost für sie hatte aber sie wollte
sie ihrer Verzweiflung nicht allein überlassen So saß sie auch jetzt still
weinend neben ihr und hatte ihre Arme um die im Schmerz wie Erstarrte
geschlungen
    Ein starkes Pochen an der Türe schreckte sie auf von den marternden
Gedanken welche sie sich so lange überlassen hatten
    »Es wird mein Schwager sein« sagte Amalie tonlos »Er wird wieder
zurückkommen  es wird nun Alles vorbei sein «
    Auguste stand auf und öffnete die Türe befremdet trat sie einen Schritt
zurück  ein fremder langer dürrer Mann stand draußen  hinter ihm ein
Polizeidiener
    »Zu wem wollen die Herrn« fragte Auguste schüchtern bestürzt
    »Wohnt hier nicht die Frau des Doctor Talheim« fragte der Lange
    »Dort ist sie « sagte Auguste
    Amalie blieb ruhig sitzen »Ich habe Alles angezeigt alle Gebühren
entrichtet«
    »Sie haben schon Alles angezeigt Frau Doctorin« sagte der Lange
verwundert aber vor Freuden schmunzelnd »Desto besser dann werden Sie sich
die Behörden zu großem Danke verpflichtet haben« Plötzlich mäßigte er sich
jedoch in seiner Freude und sagte »Allein wenn ist dies gewesen  man würde
mich sogleich davon unterrichtet haben«
    »Vor drei Tagen in derselben Stunde wo sie gestorben war wie es das harte
Gesetz will«
    Der Lange und der Polizeidiener sahen einander unbeschreiblich albern an und
schienen sich schweigend zu befragen Endlich sagte der Lange zu Amalien »Aber
wovon sprechen Sie denn eigentlich«
    »Mein Gott Sie fragen noch  wovon  ach wovon« und sie schrie laut auf
und verfiel in Zuckungen
    
    Auguste eilte zu ihr und sagte zu den Männern »Aus Barmherzigkeit schonen
Sie die Unglückliche  sie spricht von ihrem einzigen Kinde das man so eben
begraben hat«
    Die Beiden sahen sich einander verdutzt und albern an wie vorher
    »Das ist ein sehr übler Zufall« sagte der Lange verdrießlich
    »Was wollen Sie noch  ist nicht Alles in Ordnung« fragte Amalie sich
wieder aufrichtend nach einer Pause während welcher die Beiden mit ihren
Blicken ringsum das Zimmer gemustert hatten
    »Wir sind nicht deshalb gekommen« sagte der Lange »Wir sind gekommen
einige Fragen an Sie zu richten welche sie uns gefälligst beantworten werden«
    Amalie schwieg
    »Zuerst« fuhr Jener fort »Ihr Mann hat einen Bruder welcher Franz heißt«
    »Ja«
    »Er ist Arbeiter in der Fabrik des Herrn Felchner bei Hohental«
    »Ja«
    »Er ist diesen Morgen bei Ihnen angekommen«
    »Nein«
    »Nein  Leugnen Sie nicht  es wird Ihnen Nichts helfen die Polizei
täuscht man nicht so leicht«
    »Ich habe keinen Grund Etwas zu leugnen das meinen Mann und seine Brüder
betrifft« sagte Amalie beleidigt »Er hat zwei Brüder sein jüngster Bruder
Bernhard ist gestern Abend mit dem Militär hier angekommen bei dem er steht
und vorhin bei mir gewesen   jetzt hilft er mein Kind begraben  « und bei
den letzten Worten ward ihre Stimme wieder undeutlich und sie versank wieder in
ihren Schmerz
    Die Beiden machten wieder ihre betroffenen und verdutzten Gesichter
    Auguste zeigte als nächsten Beweis auf Bernhards Soldatenmantel welchen
derselbe zurückgelassen hatte
    »Sie kennen aber Ihren Schwager den Fabrikarbeiter Franz Talheim«
    »Er ist nur ein Mal vor drei Jahren ein paar Tage hier gewesen«
    »Das ist wunderlich«
    »Gar nicht  denn die armen Fabrikarbeiter haben kein Geld das sie
verreisen könnten um ihre Angehörigen zu besuchen «
    Der Lange flüsterte dem Polizeidiener zu »Das ist eine bedenkliche
Äußerung sie ist also auch schon angesteckt wir müssen vorsichtig sein  wer
weiß gelangen wir hier nicht zu überraschenden Resultaten  « dann fuhr er
laut fort gegen Amalien gewendet »Sie stehen im Briefwechsel mit diesem
Schwager«
    »Nein«
    »Aber die Brüder pflegten einander zu schreiben«
    »Das ist natürlich«
    »Ihr Mann schreibt Ihnen oft«
    »Das ist ebenfalls natürlich  aber mein Herr ich sehe nicht ein warum sie
mich hier wie eine Delinquentin verhören und zwar über Familienangelegenheiten
über welche man durchaus Niemand Rechenschaft schuldig ist « sagte Amalie
schnell und ziemlich heftig
    »Wer mir das Recht gibt « sagte der Lange »Die Polizei « und er wies
auf den Polizeidiener
    »Frau Doctorin« sagte dieser »Sie werden sich in die Fragen und
Anordnungen des Herrn Polizeicommissairs fügen«
    Dieser trat jetzt zu dem Pulte an welchem der Schlüssel steckte und öffnete
es 
    »Mein Herr Was fällt Ihnen ein« rief Amalie außer sich und sprang auf
    »Keine Widersetzlichkeit« mahnte der Polizeidiener und hielt sie am Arme
    »Fremde Männer kommen in mein Haus und forschen nach meinen
Familienangelegenheiten  bei einer armen hilflosen Frau deren Mann abwesend
ist und sie beschützen könnte  deren einziges Kind man begrub« jammerte sie
Auguste weinte und sagte beruhigend
    »Sie haben ja kein Unrecht zu verbergen lassen Sie ihnen immer ihren Willen
 Ihr Widerstand wäre doch fruchtlos«
    Der Polizeicommissair hatte jetzt ein Fach mit Briefen herausgezogen und sah
sie flüchtig durch die meisten schob er unbefriedigt auf die Seite »Es ist
Keiner von Franz Talheim darunter « sagte er heimlich zu dem Polizeidiener
»Das ist nur ein verdächtiger Umstand mehr der Doctor wird diese Briefe als zu
gefährlich verbrannt oder mitgenommen haben « Jetzt zog er ein kleineres Fach
mit Briefen heraus es enthielt nur diejeninigen welche Talheim an seine
Gattin geschrieben hatte seitdem er von ihr getrennt war
    Amalie trat wieder hinzu und sagte »Mein Herr was zwischen Gatten
verhandelt wird gehört doch mindestens nicht vor die Augen der Polizei «
    »Fürchten Sie Nichts« sagte der Kommissair mit widerlichem Lächeln »Die
Augen der Polizei vergessen sogleich wieder wenn sie auch Etwas erfahren
sollten das nicht vor ihr Forum gehört  nur was vor diesem Forum bedenklich
und gefährlich erscheint bewahrt ihr Gedächtnis treu  und darin lässt sie sich
nicht täuschen und irren«
    Während er dies mit Nachdruck sagte hatte er wieder einen Brief entfaltet
und indem er ihn überflog nahmen seine Augen einen ganz eigenen Ausdruck an
halb wie vor Schreck halb wie vor Freude Es war der erste Brief welchen
Talheim an seine Gattin geschrieben er datirte von dem Gute des Rittmeisters
Waldow und die Stelle welche solch eigentümliches Leben in das Gesicht des
Polizeicommissairs brachte lautete
    »Ich bin bei Franz gewesen  ich habe die Not und das Elend gesehen
welches dort unter den Fabrikarbeitern herrscht  ach Amalie dieser Armut
gegenüber haben wir in beneidenswertem Reichtum geschwelgt  Ich habe Franz
das Versprechen gegeben dass wenn mir in meinem neuen Wirkungskreise Zeit
bleibt mich mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen ich auch über die Not
der Fabrikarbeiter schreiben werde Vielleicht wird mir auf meiner Reise
Gelegenheit darüber noch anderweite Notizen zu sammeln Franz selbst schreibt
in seinen Mussestunden aber diese einfachen Stimmen mitten heraus aus dem Volke
werden wohl von alle Denen gehört für welche sie laut werden welche das
geschilderte Elend teilen aber nicht von Denen welche es verbreiten und
Denen welche die Macht und Pflicht haben es aufzuheben und zu lindern Darum
fiel er mir weinend um den Hals als wir von einander Abschied nahmen und sagte
Leb wohl Du  nun doppelt mein Bruder wenn Du derselben Sache dienen willst
welcher ich mich geweiht habe«
    Diesen Brief wollte der unberufene Leser erst in seine Brieftasche schieben
 er besann sich aber anders und notirte nur die angezogene Stelle
stenographisch In den andern Briefen fand er nichts Beachtenswertes außer dass
er sich den jedesmaligen Ort anmerkte von welchem aus sie geschrieben waren
Jetzt griff er nach einem kleinen hölzernen Kästchen zwischen dessen Schluss
unterhalb des Deckels ein Stückchen beschriebenes Papier hervorschimmerte »Hier
sind auch Briefe darin « sagte er »Das Kästchen ist verschlossen  es tut mir
leid  aber ich muss um den Schlüssel bitten«
    »Das ist unmöglich« rief Amalie »Ich kann es beschwören dass es der
Polizei ganz gleich sein kann den Inhalt dieses Kästchens zu erfahren  und
wenn Sie gekommen sind um nach Papieren von Franz von meinem Gatten in meinen
Sachen herum zu spüren so wiederhole ich nochmals  ich will es beschwören 
von ihrer Hand finden Sie kein Wort in diesem Kästchen«
    »Dieser Eifer macht die Sache nur um so verdächtiger  ich muss durchaus Sie
bitten zu öffnen«
    »Um keinen Preis « sagte sie außer sich aber fest
    »Es tut mir leid« bemerkte darauf der Polizeicommissair mit feinem
Lächeln »aber es muss sein « und ehe Amalie es nur bemerken noch weniger
verhindern konnte hatte er ein kleines Instrumentchen aus seiner Westentasche
geholt und mittelst desselben das Schloss des Kästchens geöffnet
    »Aus Barmherzigkeit« rief Amalie als sie es sah und fiel auf ihre Kniee
    Jener bemerkte es nicht  sein Gesicht strahlte vor Freude und Staunen
»Jaromir von Szariny« rief er leise für sich »Das ist ja der anonyme Publizist
 nun ist kein Zweifel mehr« Er sah die Briefe alle eifrig durch schien aber
unzufrieden mit ihren Inhalt zu sein und dass er keine mit neuerem Datum fand 
sie waren alle schon vor sieben Jahren geschrieben
    »Ich werde Nichts ausplaudern« sagte er zu Amalien welche Auguste wieder
von der Erde aufgehoben hatte  »Nur eine Frage Sind Sie noch mit dem Grafen
Szariny in Verbindung«
    Sie wandte sich tief verletzt ab und antwortete nicht
    »Ich muss Sie um aufrichtige Antwort bitten  es ist die letzte Frage welche
ich an Sie zu richten habe  ich bedauere Ihnen lästig gewesen zu sein und wir
werden uns dann sogleich entfernen  es wäre vielleicht meine Schuldigkeit
gewesen einige dieser Briefe mitzunehmen allein aus schonenden Rücksichten
gegen Sie habe ich es unterlassen  meine Schonung gegen Sie verdient wahrlich
nicht diese Halsstarrigkeit von Ihrer Seite  antworten Sie Niemand wird es
erfahren Sind Sie mit dem Grafen Szariny noch in Verbindung«
    »Nein  er war mein Verlobter ehe ich in meinem jetzigen Gatten eine andere
Wahl traf   aber nun lassen Sie diese Qualen endigen die Sie jetzt über mich
brachten während mein Kind begraben ward  als sei dies nicht schon entsetzlich
genug  « rief Amalie und verhüllte ihr Gesicht
    »Bedauere herzlich Ihnen lästig geworden zu sein und dass wir an solchem
Unglückstage kommen mussten« sagte der Polizeicommissair mit schlecht
erheuchelter Teilnahme und ging Der Polizeidiener folgte ihm
    Amalie war schon zu sehr von dem Jammer der letzten Tage angegriffen als
dass sie sich eigentlich hätte klar darüber bewusst sein sollen was jetzt
vorgegangen war als dass sie fähig gewesen wäre nur Etwas davon zu begreifen
Sie war nur froh dass die fremden Männer sich wieder entfernt hatten dass sie
nun wieder ungestört ihrem Schmerz um ihr verlornes Kleinod um ihr gestorbenes
Kind nachhängen konnte
    Ihr Schwager Bernhard kam wieder zurück Er ging schweigend auf sie zu und
drückte ihr die Hand  sie seufzte tief und sagte dann »Ich danke Dir  ist
doch eine verwandte Seele dabei gewesen ich hätt es nicht vermogt«
    »Ich habe die erste Hand voll Erde auf den hinabgesenkten Sarg geworfen für
Dich dann eine für Gustav dann für mich selbst « sagte er und verschlang eine
Träne
    Nun war es wieder lange stumm in dem kleinen Zimmer zwischen den drei
Menschen
    Nachher stand Auguste auf trat zu Bernhard und erzählte ihm Alles was
während seiner Abwesenheit vorgekommen war und ihr so rätselhaft und unheimlich
erschien
    Ihm war es so nicht minder  er verstand es gar nicht fragte zu
wiederholten Malen und ward doch nicht klüger Endlich fuhr er heraus
    »Donnerwetter Wär ich da gewesen  ich hätte die Kerle die Treppe hinunter
geworfen  trotz Polizei  nicht einmal die Spürnasen vor solchem Elend
ehrfurchtsvoll ein Weilchen zurückzuziehen«
    Dieser Vorfall hatte sich an dem Tage vorher ereignet an welchem Franz
Talheim so unbesorgt war über die Ankunft des langen dürren Herrn Stiefel
 
                                III Wiedersehen
 »An dem hellsten Sommertag
 Unter Zweigen lichtdurchbrochen
 Bei der Lerchen Jubelschlag
 Hab ich Dich zuerst gesprochen«
                                                                    Betty Paoli
Einige Wochen waren seit dem Tage vergangen an welchem Graf Hohental und
Rittmeister Waldow sich vergeblich bemüht hatten Herrn Felchner zu einer
kleinen Gestundung zu vermögen  er war im Recht gewesen und er hatte von diesem
Recht Gebrauch gemacht  der Wald war ihm als Eigentum zuerkannt worden
    Jaromir hatte eine der Hütten welche zu der Wasserheilanstalt Hohenheim
gehörten für sich gemietet und vollkommen Alles das ausgeführt was er mit
Waldow in Bezug auf die Heilanstalt verabredet hatte Ehe er sich ganz in
dieselbe begab war er noch auf ein paar Wochen zurück in die Residenz gereist
um dort seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen da er vorher seine
Abwesenheit nicht auf eine längere Dauer berechnet hatte Zugleich benutzte er
die Zeit dieses Aufenthaltes dazu den idyllischen Aufenthalt in Hohenheim mit
entzückenden und glänzenden Farben in einigen aristokratischen Zirkeln so
verführerisch zu beschreiben dass ihm beim Abschied mehr als ein Mal und von
mehr als einer Person das Wort entgegentönte »Ich denke wir sehen uns wieder 
in Hohenheim«
    Vollkommen befriedigt von den Resultaten dieser Wochen vollkommen ermüdet
und gelangweilt von der Gesellschaft in der Residenz dagegen aber auch nach
seiner elenden Hütte sich sehnend  vielleicht auch noch verlangender nach Etwas
mehr kam er in Hohenheim an
    Der Restauration der Wasserheilanstalt gegenüber welche ein speculativer
Gastwirt auf Zureden des Wasserdoctors für einen geringen Pacht übernommen
hatte befand sich eine Baute aus Brettern welche man den Kursalon zu nennen
beliebte Er war nach vorn geöffnet von einigen Bäumen umgeben mit Markisen
von grauer Leinwand versehen und sein Fußboden mit grobem Kies bestreut Weiß
angestrichne Lattenbänke ebenfalls weiß gefirnisste Tische und ein Duzend
Feldstühle mit Sitzen von groben Gurtbändern dies war das Meublement dieses
Salons welcher dazu bestimmt war dass die Kurgäste zu den Stunden in ihm sich
versammelten wo sie ein solches Mittelding von freier Luft und Bretterschutz
gegen diese wünschenswert fanden In der Tat ein Aufenthalt welcher mehr als
einfach war
    Jaromir hatte ihn sogar zu einem Lesesalon gemacht indem er gefällig genug
war diejenigen Journale welche er vermöge seiner literarischen Verbindungen
zugeschickt erhielt daselbst zur allgemeinen Lektüre auszulegen Niemand war
glücklicher als Hofrat Wispermann in Jaromir eine so gute Acquisition gemacht
zu haben er überhäufte ihn dafür mit Artigkeiten wiewohl es ihn im Stillen
verdross dass der Graf durchaus seine ärztliche Behandlung seine Bäder
verschmähte
    Gleich am ersten Nachmittag nach seiner Ankunft besuchte Jaromir diesen
Salon
    Der junge Waldow traf am Eingang mit ihm zusammen »Hierher ist fast mein
täglicher Spazierritt« sagte er »um zugleich jeden neuen Ankömmling mustern zu
können und zu erfahren wie er die göttliche Romantik dieses Ortes findet mit
welcher Ihre Schilderungen ihn so reichlich versehen haben  Dort sitzt ja ein
ganzer Klubb  lassen Sie uns die Gesellschaft erst aus der Ferne in Augenschein
nehmen Lorgnetten heraus Dort das rotbackige Gesicht des Engländers mit dem
großen Mund der die verhältnismäßig gleich großen Vatermörder zu küssen
scheint kennen wir schon  er behauptet ewig dieselbe stereotype Figur  er
sitzt allein und liest in einem Buche Mein Himmel Was muss der Mensch nicht
Alles schon zusammengelesen haben wenn ers immer so treibt wie hier  ich habe
ihn noch niemals anders als lesend gesehen ich kann mir ihn auch gar nicht
anders vorstellen Wie jene Wilden welche als sie die ersten Reiter sahen
glaubten Mensch und Ross wären ein Wesen so scheint mir der Engländer mit
seinem Buch durchaus ein Ganzes zu bilden Den eleganten Herrn mit den gelben
Glacehandschuhen und der roten Sammtweste kenne ich und werde Sie nachher
einander vorstellen Es ist ein Kammerjunker von Aarens der sich nur
Kourmachens halber hier aufhält  er ist nämlich hierher gegangen weil er den
Grafen Hohental kennt und eine reiche Partie beabsichtigt  er ist seit einer
Woche hier und schon sehr oft in dem benachbarten Schloss gewesen«
    Jaromir hatte zuletzt aufmerksamer als Anfangs zugehört den eben
Besprochenen mit prüfenden Blicken gemustert und sagte jetzt ruhig »Der Mensch
sieht sehr unbedeutend aus«
    »Was ihn aber bedeutend machen kann ist ein alter Name bedeutendes
Vermögen und große Gunst welche er an seinem Hof genießt Den Herrn zwischen
ihm und unsern Doctor eben so lang und dürr wie dieser aber mit einer so
ausgesucht malitiösen Miene kenne ich nicht es muss ein neuer Ankömmling sein
Der Geheimrat von Brodenbrücker daneben hat sich bis jetzt schrecklich
gelangweilt er ist aus Gefälligkeit für seine Frau welche vollkommnes
Pantoffelregiment geltend macht hierher gekommen denn sie will nämlich gern in
jeder Mode den Ton angeben und hat sich es deshalb nicht nehmen lassen krank zu
sein und von einem gefälligen Arzt in eine Wasserheilanstalt geschickt zu
werden Sie scheint eine sentimentale Kokette zu sein bei welcher man sich
Etwas erlauben darf Nun kommen Sie ich stelle Sie den Herrschaften vor Ihr
Name wird frappiren wenn ihn nicht etwa der Doctor schon ausgeplaudert hat
Bemerken Sie wohl welche schmachtenden Blicke die Geheimrätin auf uns wirft 
ich glaube es ist ihr lange nicht so wohl geworden die einzige Dame in einem
Badeort zu sein«
    Waldow trat jetzt mit Jaromir zu der Gruppe und stellte diesen vor
    »Graf Jaromir von Szariny«
    Der Name frappirte allerdings  aber obwohl die Geheimrätin vor freudigem
Erschrecken beinah in eine Ohnmacht gefallen wäre war doch Niemand davon in
gleichem Maße betroffen als der fremde lange dürre Herr Als er Szarinys
Namen nennen hörte nahmen seine Augen einen ganz eigentümlichen Ausdruck an
Schreck paarte sich mit Freude Sein ganzes Wesen schien verändert zu werden er
sah vor sich nieder als beachte er den Grafen weiter nicht aber wer ihn
aufmerksam beobachtet hätte würde gewiss bemerkt haben wie sich seine Ohren
sichtlich spitzten als er diesen Namen hatte nennen hören
    Als Jaromir einige Worte mit dem Wasserdoctor sprach stellte ihm dieser
seinen Nachbar als »Herr Schuhmacher Doctor Juris« vor
    Es wurden nur wenig Worte gewechselt Diese Gesellschaft behagte Jaromir
wenig und als Waldow sich nach einem Stündchen wieder zum Nachhauseritt
anschickte brach auch er auf ließ seine Droschke anspannen und fuhr hinauf
nach dem Schloss
    Elisabet saß auf dem Balkon zu welchem man aus dem Gesellschaftszimmer
gelangte und welcher über dem Hauptportal sich erhob Sie war so in das Lesen
eines Buches vertieft dass sie erst als der Wagen auf den Steinplatten des
Hofes rasselte durch das Geräusch aufmerksam gemacht wurde und hinab sah Die
Droschke hielt vor dem Haupteingang Jaromir hatte Elisabet längst gesehen 
jetzt grüßte er als er bemerkte dass sie aufstand und ihn gewahr ward Sie trat
von dem Balkon in den Saal  er aus dem Hof in die Hausflur Sie war ein Wenig
in Verwirrung denn ihre Eltern hatten einen Spaziergang in den Park gemacht an
dem sie nur aus zufälliger Laune nicht Teil genommen hatte Sie wusste nicht
wenn sie zurückkehren würden wohin sie ihre Schritte gerichtet hatten  es war
eben so gut möglich dass sie in den nächsten Minuten als dass sie erst nach
Stunden zurückkommen würden Sie wollte Jaromirs Besuch abweisen lassen aber
er hatte sie gesehen und gegrüßt sie konnte sich nicht selbst verleugnen lassen
 in dem Augenblick ihrer Unschlüssigkeit meldete ein Diener den Grafen
    »Haben Sie gesagt dass der Graf und die Gräfin ausgegangen sind«
    »Ja zu Befehl  der Herr Graf beauftragte mich ihn bei Ihnen zu melden«
    Sie sah noch einen Augenblick schweigend vor sich aus dann sagte sie »Ich
erwarte den Herrn Grafen«
    Der Diener entfernte sich  gleich darauf trat Jaromir ein
    Die gewöhnlichen Begrüßungen fanden statt Sie sagte ihm dass ihre Eltern
ausgegangen wären und dass sie nicht wisse ob sie dieselben bald oder später
zurück erwarten dürfe Er bemerkte dass er sie Elisabet bei seiner Ankunft
auf dem Balkon gesehen und dass nicht seine Gegenwart Ursache sein solle die
freie Luft mit der des Zimmers zu vertauschen
    So traten denn Beide hinaus auf den Balkon
    Die Gegend breitete sich malerisch vor ihnen aus in lichter
Frühlingsklarheit Das hochgelegene Schloss beherrschte auf höherem Bergesrücken
ein großes Panorama
    Es war ein schöner Nachmittag  man wusste nicht war es noch Frühling oder
schon Mitte des Sommers Gegend und Luft gaben die Wonnen von Beiden Der Himmel
war ein glänzendes lachendes Blau die Luft ein ewiges lindes Wehen
Durchleuchtete Wölkchen zogen wie leichte Silberschleier hin und her und warfen
kleine wandelnde Schatten auf die Gegend Rechts erhob sich eine lange
Hügelkette die dem Berge sich anschloss auf welchem die Burg stand Die einen
waren mit düstern Tannen und Fichten bewachsen an welchen die jungen
hellgrünen Triebe wie zarte Finger von viel Tausend emporgehobenen Händen sich
aufwärts streckten als schwören auch die ernsten Gestalten der Tannen fröhlich
dem Frühling Treue Und so dicht war die Waldung dass sie wo das Auge zu ihr in
die Ferne schweifte wie ein großes weiches Bett von schwellendem Moos aussah
in dem sichs gut liegen und ruhen müsse Andere Hügel waren von grauem Gestein
nur spärlich von dunkeln rot blühendem Moos und lichtgrünem niedrem Gras
bedeckt und mit getrennt stehenden Birken bewachsen Ihre weißen Stämme standen
aufgerichtet wie heilige Friedensstäbe mit grünen wehen den Kränzen geschmückt
Zwischen diesen Hügeln trat ein kleiner Fluss hervor und schleppte mit seinen
blau und silbern blinkenden tanzenden Wellen geduldig das Flössholz  die
abgehauenen Glieder des Waldes  herab ins Tal dann stürzte er sich brausend
über ein hohes Wehr und die Scheite sprangen kühn und lustig mit dem Wasser
taumelnd hinüber Geradaus tat dem Blick ein weites Tal sich auf die
Landstraße zog sich durch und auf ihr wirbelte gerade jetzt eine läutende Heerde
lichtweisser Schaafe eine gelbliche Staubwolke auf Links gränzte an das Schloss
der weite Park Seine Eichen standen im prangendsten Jugendgrün und ihre stolzen
Kronen überragten die andern Bäume Alle Gesträuche blühten bunt dazwischen
Hier schlängelte eine Allee weiß blühender Kirschbäume sich wie eine lange
Guirlande durch die blumigen Wiesen Dort glich eine Gruppe von Apfelbäumen
deren rote schwellende Knospen sich eben erschließen zu wollen schienen einem
riesenhaften leicht hingeworfenen Rosenkranz Und aus all diesem malerischen
Gemisch von Bäumen Blütensträuchen und Grasplätzen schimmerte hier ein weißer
kleiner Marmortempel wie ein ernstes Mausoleum hervor wehten dort die Fahnen
und Glöckchen eines japanischen Lustauses wie im heitrem Spiel grüßend mit
Flattern und Läuten erhob sich an einer andern Stelle ein grauer Turm und so
noch manches abenteuerliche malerische Gebäude In weiter Ferne begränzte ein
hoher Berg mit einer verwitterten Burgruine den Horizont Balsamische
Blumendüfte zogen wie wallender Weihrauch von den Frühlingsopfern der Erde aus
den nahen Gartenbeeten empor und eine Schaar wirbelnder Lerchen tummelte sich
wie trunken im Aeterblau
    Jaromir und Elisabet hatten eine Weile stumm neben einander gesessen und
bewundernde und entzückte Blicke auf die reichen Naturschönheiten dieser
Landschaft geworfen Jetzt sagte Jaromir
    »Es ist das erste Mal dass ich unwillkürlich durch Sie angeregt in
Naturbetrachtungen versinke  vergeben Sie wenn ein Blick auf dieses feierliche
Frühlingswalten ringsum mich zu lange stumm gemacht«
    Sie sagte mit einem leichten Erröten und ohne aufzusehen »Mein früheres
Zusammentreffen mit Ihnen fand außerhalb der gewöhnlichen Schranken und auf
befremdende Weise Statt  ich fühle dass ich Ihnen dafür eigentlich eine
Erklärung schuldig wäre aber ich weiß dennoch nicht wie ich sie Ihnen geben
könnte und indem ich gerade fordern muss mir sogar den Versuch dazu zu
ersparen fühle ich dass ich vielleicht Viel von Ihnen verlange wenn ich Sie
bitte ohne zu gering von mir zu denken diese frühere Begegnung wo möglich zu
vergessen  für sich selbst und für Andere«
    Sie ließ einen Moment ihre schönen Augen mit einem flehenden Ausdruck auf
den seinen ruhen dann senkte sie wieder die langen Wimpern während er rasch
das Wort nahm
    »Vergessen« sagte er mit sanfter Stimme »Vergessen Sehen Sie da unten die
weiße Blume welche ihr Haupt der Sonne zugekehrt hat soll sie auch vergessen
dass der Lichtstrahl auf sie fiel welcher ihren Kelch erschloss Soll dort der
Wanderer den Sie von dem höchsten Berge langsam herabsteigen sehen auch
vergessen dass er einen entzückenden Anblick dieser weiten Frühlingslandschaft
genossen der ihn vielleicht trunken schwärmen machte wie der Blick in ein
seliges Eden Warum vergessen Nein ich werde ewig an diese Stunde denken
müssen« rief er schwärmerisch vor sich aussehend »sie ist ein Teil geworden
von meinem Leben«
    Elisabet schlug die Augen nieder und schwieg
    Nach einer Pause begann Jaromir wieder aber ruhiger »Sie schweigen 
vielleicht weil Sie die Sprache seltsam finden welche ich führe vielleicht
weil Sie Ihnen ungeziemend erscheint  aber wenn Sie mir vergönnen aufrichtig
fortzufahrrn  so werden Sie mir vergeben wenn Sie es nicht schon jetzt tun«
    »Sie sind ja Dichter« sagte Elisabet »da muss Ihnen schon gestattet
werden Ihre Träume auszusprechen in welcher Form Sie wollen  weiß man doch
dass es eben poetische Träumereien sind was man hört«
    »Dieser Dichter hatte lange Zeit vergessen dass er einer war bis Sie ihn
wieder dazu machten « antwortete Jaromir und fuhr dann fort »Sehen Sie Ihnen
allein gegenüber darf ich doch wahr sein Sie haben es ja eben ausgesprochen
dass ich ein Dichter sei  nicht jedem Wesen entschleiert ein solcher seine Seele
 und darum als ich Sie das erste Mal in diesem Schloss sah als ich
unerwartet in der Tochter dieses Hauses das weinende Mädchen wieder erkannte
das ich einst fern von hier begrüßt da fesselte nicht allein das Erstaunen
meine Zunge dass ich es nicht aussprach wie Sie mir nicht ganz fremd seien
sondern ich blieb darüber stumm weil diese Begegnung immer ein süßes Geheimnis
meiner Seele geblieben war das ich nun nicht auf ein Mal mit gleichgültigen
Worten gleichgültigen Ohren und Herzen Preis geben konnte Und dann  ich wusste
ja nicht ob es nicht vielleicht auch Ihr stilles Geheimnis war das keine
Zeugen und keine Mitwisser duldete an jenem Tag und an jener Stelle sich
auszuweinen Und lieber noch hätte ich mich selbst verraten als Sie«
    »Ich danke Ihnen für diese Rücksicht Tränen mit denen man sich in die
Einsamkeit flüchtet um sie auszuweinen werden von Andern verstanden « sagte
Elisabet
    Er fuhr fort »Sie waren gewiss an jenem Morgen so früh aufgestanden der
Schmerz hatte Sie nicht ruhen lassen  bei mir war das Anders ich kam von einer
festlich durchschwärmten Nacht  aber wessen Herz in diesen Stunden
schmerzlicher gezuckt haben mag  das Ihre unter Ihren Tränen das meine unter
meinem Lachen  wer mögt es entscheiden Ich habe das Wort nicht vergessen das
Sie zu mir sagten Sie scheinen auch nicht glücklich zu sein So hatten Sie mich
allein verstanden eine Fremde  unter all den Hunderten welche mich zu kennen
meinen welche mir täglich versicherten ich sei der glücklichste Sterbliche«
    »Ich hatte Ihnen schon einmal begegnet wo Sie noch trauriger aussahen «
fiel sie ihm rasch ins Wort aber sie hielt plötzlich inne und errötete und
fragte sich mädchenhaft schüchtern im Stillen ob sie nicht unvorsichtig zu Viel
gesagt
    Fast war es auch für Jaromir zu Viel zu viel überraschende Freude dass sie
dieses sagte  ihm wars als müsse er ihr zu Füßen fallen oder ihre Hand fassen
und drücken oder sie selbst in seine Arme ziehen  aber er bezwang sich er
blickte sie nur noch inniger an doch wagte er nicht sie zu berühren oder sich
ihr leidenschaftlich zu nähern  er sagte sich dass er das schöne Vertrauen mit
dem sie ihn allein bei sich empfangen nicht missbrauchen dürfe »Ja« sagte er
»damals lag auf Ihrer Stirn in Ihren Blicken leuchtender ungetrübter Friede
und ich dachte so muss es immer sein  damals meinte ich nicht dass ich nach
wenig Monaten Sie so wiedersehen würde wie es geschah Jener erste Moment in
welchem ich sie sah ist einer der erschütterndsten meines Lebens gewesen ich
werde ihn nie vergessen und als ich Sie zum zweiten Male sah  darf ich es
Ihnen gestehen so hätt ich dem Leben fluchen mögen das auch aus Ihren Augen
Tränen presste das auch Sie schon so schmerzlich fassen und bewegen konnte
Aber ich lernte auch von Ihnen  ich hatte oft das Weh meines Herzens übertäuben
wollen in rauschender Lust aber ich dachte dann es sei besser gleich Ihnen
dies Leid auszuweinen in Gottes freier Natur an der Brust der mütterlichen Erde
 und so tat ich  und so kam ich auch hierher um in der heiligen
Frühlingswelt alle kleinen menschlichen Schmerzen zu vergessen  und mir ist
als würde das Herz gesund wenn es wie hier neben lächelnden Blumen und
wirbelndenden Lerchen schlagen kann « er wollte noch mehr sagen aber er hielt
inne
    »Das Herz wird still wenn es wie hier auf dieser Höhe dem Himmel näher
schlägt« ergänzte Eisabet »ich bin jetzt zufrieden Ich genieße den Fühling 
was will man mehr«
    »Die Nähe verwandter Seelen« sagte Jaromir
    »O ist man nicht selber reich genug dem Wald dem Bach den Blumen allen
verwandte Seelen zu geben Und bringt nicht jede Schwalbe die sich in unsrer
Nähe anheimelt nicht jede Lerche die aus der Saat zum Himmel jubelnd
emporschwirrt jede Nachtigall die im Stillen und Dunkel sich hören lässt die
verwandte Seele mit nach welcher wir uns sehnen Fühlen Sie nicht dass das
Lied welches von dem wechselnden Vögelchen da drunten im Garten ertönt alle
die Regungen zur Sprache bringt über welche Sie mit sympatisirenden Wesen sich
unterhalten mögten Nun und warum nicht mit diesen gefiederten Sängern« fragte
Elisabet
    »Nun wer von uns Beiden ist denn der Poet« sagte Jaromir lächelnd
    In diesem Augenblick traten der Graf und die Gräfin in den Saal Jaromir und
Elisabet hatten sie vorher nicht bemerkt  sie standen jetzt schnell überrascht
auf und traten zu ihnen in den Saal
    Die Unterhaltung war allgemein und kam nicht aus der Sphäre des gewöhnlichen
Konversationstones heraus Jaromir hielt das nicht lange aus und entfernte sich
sobald als es schicklich war
    Später sagte die Gräfin zu Elisabet »Du ließest gestern den Kammerjunker
von Aarens abweisen weil Du allein warst und nimmst heute im gleichen Falle
den Grafen Szariny an  ich liebe solche Inconsequenzen nicht«
    Elisabet verließ ohne Antwort das Zimmer
 
                                IV Erklärungen
 »Doch wehe wehe dem Mittellosen
 Wenn siech der Leib zusammenbricht
 Da rettet nicht des Weibes Kosen
 Da rettet die Pflege der Mutter nicht
 Da helfen nicht die Gebete der Kleinen«
                                                                      Karl Beck
Ein paar Wochen waren vergangen seitdem Pauline sich von Franz hatte zu der
langen Liese führen lassen Pauline hatte ihn unterdessen nur von Weitem
gesehen wenn er in die Fabrik oder an den Zahltagen in ihres Vaters Komptoir
ging sie war ihm auf ihren Spaziergängen auch wenn sie dieselben nach dem
allgemeinen Feierabend machte niemals begegnet und niemals hatte er sie im
Garten aufgesucht wie sonst um irgend eine Angelegenheit eine Bitte für die
Unglücklichen für welche er sich schon so oft verwendet hatte vorzutragen Nur
ein Mal war sie ihm nahe in der Hausflur begegnet wo er mit andern Arbeitern
bei einem Factor gestanden hatte der sie eben Alle ziemlich hart anliess Franz
hatte Paulinen einen schmerzlichen Blick zugeworfen zum Sprechen war der Moment
nicht geeignet gewesen Den Chirurgen hatte sie gleich als er das erste Mal zu
den verunglückten Kindern auf Ihr Geheis gekommen war im Voraus bezahlt Sie
hatte Nichts wiedre von diesen armen Leuten gehört denn sie selbst war nicht
wiedre hingegangen da sie nach dem ersten Empfang der langen Liese recht wohl
einsehen gelernt wie diese ihren Besuch weniger als eine Art Genugtuung
sondern mehr als Verhöhung betrachte Ihren Bruder oder die Factoren nach der
langen Liese und ihren Kindern zu fragen hielt eine innere ängstliche Scheu sie
ab
    Eines Abends saß Pauline allein im Garten wie gewöhnlich denn um diese
Stunde allein spazieren zu gehen wagte sie nicht weil sie immer fürchtete dass
sie wenn sie Fabrikarbeitern begegnete von diesen roh behandelt werden möchte
oder doch wenigstens unziemliche Redensarten anhören müsste Sie war sehr
traurig denn sie hatte auch Elisabet lange nicht gesehen Herr Felchner war
sehr gegen den Grafen erbittert seitdem dieser versucht hatte sich mit in die
Waldowsche Angelegenheit zu mischen und jetzt auch vor Gericht gegen ihn
auftretend gestrebt hatte es dahin zu bringen dass der Fabrikherr den Bach 
welcher nun durch sein neu erlangtes Gebiet floss  aber zugleich durch
Hohentalsche Besitzungen ging  nicht zu einem Graben einengen und zum Treiben
irgend eines Mühlwerks benutzen dürfe Es war darüber ein Prozess entstanden
welchen man nach der Art wie er unter aristokratischen Einflüssen betrieben
ward eine ziemlich lange Dauer vorhersagen konnte Herr Felchner liebte aber
Alles mit Dampfschnelligkeit zu betreiben Er hatte daher gegen den Grafen der
ihn dies Mal so hinderlich in den Weg trat den giftigsten und bittersten Hass
gefasst und seiner Tochter streng verboten wieder in das Schloss seines
Todfeindes zu gehen Diese war an Strenge gegen sich von ihrem Vater wenig
gewöhnt denn er begegnete ihr immer mit der zärtlichsten Liebe und ließ sie in
Allem frei walten Nur durfte sie niemals versuchen ein Wort zu seinen
industriellen Einrichtungen zu sagen oder für die gedrückten Arbeiter eine
freundliche Bitte vorzubringen Er hatte ihr dies mit leidenschaftlicher
Heftigkeit ein Mal für immer verboten und da sie bemerkte dass sie durch ihre
Vorstellungen meist nur gerade das Entgegengesetzte von dem was sie zu
erreichen wünschte eintreten sah so hatte sie für immer auf solche verzichtet
So wagte sie aus kindlicher Ehrfurcht wenigstens nicht sogleich das Verbot des
Vaters in Bezug auf Schloss Hohental zu übertreten da sie hoffte er werde es
vielleicht eher zurücknehmen wenn sie ihm Gehorsam zeige so lange noch die
erste Heftigkeit seiner Erbitterung währte Elisabet selbst war nicht in die
Fabrik gekommen weil leichte Unpässlichkeit sie im Schloss zurückhielt
    Noch niemals war es Paulinen einsamer vorgekommen als jetzt wo sie sinnend
allein im Garten weilte
    Ein Gruß weckte sie aus ihren traurigen Träumereien
    »Guten Abend Mamsellchen«
    Es war eine kleine dicke Frau mit rotem Gesicht welche vorüber ging und
den Gruß hinein rief Pauline erkannte sie es war die gutmütig aussehende
Frau welche sie bei der langen Liese getroffen hatte
    »Guten Abend Frau Marta« sagte Pauline »lauft doch nicht so vorüber Was
macht die lange Liese mit ihren armen Kindern«
    »Sie haben mich gleich erkannt« sagte Marta schmunzelnd »Sonst merken
sich die feinen Mamsellchen uns arme Weiber nicht so leicht das ist hübsch von
Ihnen Was die lange Liese macht Da mag sich Gott erbarmen die flucht Tag und
Nacht  Sie wissens wohl gar nicht dass die Kinder Beide tot sind der Junge
und auch die kleine Liese«
    »Tot  Beide« rief Pauline »Das ist ja entsetzlich«
    »Freilich wohl  aber ein Glück ists doch auch dass sie starben was hätte
aus den elenden Krüppeln werden sollen Und gut noch dass sie Beide wenigstens
gleich an einem Tage starben da sind sie auch in einen Sarg und ein Grab
gekommen und dadurch Kosten erspart worden«
    Ein leichter Schauer überrieselte Pauline als sie diese Rede hörte es war
ein neuer tiefer Blick in das Elend der Armut die sich über den Leichen
geliebter Kinder noch damit trösten muss dass sie wenigstens zugleich starben
damit nur ein Sarg für zwei nötig war
    Marta fuhr fort »Ja wenn es nur wenigstens Nichts kostete der Tod ist ja
auch nicht umsonst wenn gleich das Sprichwort so heißt  nicht einmal die
Sprichwörter wollen auf die armen Leute passen Ich kann sagen mir wird wohl
manchmal Angst wenn die lange Liese so flucht und dazwischen lacht und
schluchzt dass sichs greulich mit anhört  denn da weiß sie nicht mehr was sie
spricht und versündigt sich gar gegen den lieben Gott im Himmel droben Aber
wahr ists schlecht hat sies gehabt ihr Leben lang  ich und mein Mann wir
sind Beide gesund und der Junge ists auch nun da mags schon sein wenn man
auch wenig verdient wenn man nur arbeiten kann und gesund ist da ist unser
eins schon zufrieden  aber wie ist nun die lange Liese selber elend geworden
und wie sahen die Kinder jammervoll aus die sie mit in die Fabrik schleppt 
haltens einmal nicht aus und muss doch froh sein wenn sie nur arbeiten dürfen
Wenn Sie mirs nur gesagt hätten wie die Kinder starben ich hätte vielleicht
Etwas tun können«
    »Ja ich unterstand mirs nicht und dem Franz sagt ichs ein Mal weil der
Sie doch heimgeführt hatte  aber er schüttelte den Kopf und sagte ich gehe
nicht wieder hin geht lieber selbst  und sehen Sie da dacht ich in meinen
Gedanken wenns der Franz nicht mehr wagt da wag ichs auch nicht«
    »Franz sagte er wage nicht mehr zu mir zu gehen« sagte Pauline mit dem
Tone ungläubiger Verwunderung
    »Nun ja er sagte wenigstens ich gehe nicht wieder hin«
    »Er gehe nicht wieder zu mir«
    »Nun ja es ist als ob Sie Sich darüber verwunderten  ich dachte seiner
Rede nach Sie hätten es ihm verboten oder gesagt dass er zu oft käme«
    »Niemals niemals Sehen Sie Franz zuweilen«
    »Selten doch trifft es manchmal dass er mit meinem Manne zusammengeht denn
der hält große Stücke auf ihn«
    »Nun dann sagen Sie ihm dass ich es seltsam fände dass er mir sein Wort
nicht mehr hielte  er wird schon wissen was ich meine«
    »Schon gut  aber da steh ich hier so lange und schwatze und wollte heute
Abend noch Manches arbeiten«
    »Damit Ihr nicht umsonst hie geblieben seid so wartet noch einen
Augenblick« sagte Pauline und ging in das Haus
    Nach einer Weile kam Friederike mit einem Korb Esswaaren heraus welchen sie
der Marta übergab »Etwas davon mögt Ihr der langen Liese geben«
    »Das Mamsellchen ist gar gut« rief Marta »ich hab es immer gesagt Ich
lasse mich schönstens bedanken der liebe Gott mags ihr vergelten die Armen
haben Nichts zu geben als fromme Wünsche«
    So ging denn Marta ihres Weges Friederike tat auch einige Schritte weiter
und sah sich überall um So stand sie eine Weile Da rief plötzlich eine Stimme
    »Also endlich einmal« Es war Wilhelm Bürger welcher hinzutrat und ihre
Hand erfasste
    »Guten Abend Wilhelm«
    Wilhelm hatte gleich am andern Tage als er erkannt hatte dass es ein großer
Irrtum von seiner Seite gewesen seinen Freund Franz für seinen Mitbewerber zu
halten Friederiken am Feierabend am Brunnen aufgesucht und ihr einfach gesagt
wie lieb er sie habe Das gute Mädchen hatte verschämt und errötend das
angehört und ihm durch einen herzlichen Händedruck versichert dass sie ihm gar
nicht gram sei dass sein Wort ihr eine wahre Herzensfreude gegeben So pflegten
sie nun seitdem sich oft auf gleiche Weise zu sehen Wilhelm war heute ziemlich
ernst und sagte nach einer Weile
    »Ist es wahr dass Deine Herrschaft ich meine Mamsell Paulinchen seit
einiger Zeit so kränklich ist«
    »Da habe ich Nichts davon bemerkt  das müsste ich wissen«
    »Verändert sieht Sie mir auch nicht aus  gleichwohl hat es der junge Herr
ihr Bruder Georg gesagt«
    »Was hat der gesagt Er weiß gar Nichts von ihr denn die Beiden sind
verschieden wie Tag und Nacht«
    »Du weißt dass sie den Chirurgen für das Kind der langen Liese bezahlt hat«
    »Und dass sie mit Franz selbst zu dem unglücklichen Kinde gegangen ist
seitdem sind aber Wochen vergangen und Franz hat sich nicht wieder blicken
lassen wie doch sonst«
    »Es ist ihm schwer genug geworden«
    »Warum ist er also nicht gekommen Und was meinst Du mit dem jungen Herrn
und dem Chirurgen«
    »Das wollt ich ja eben erzählen«
    »So rede schnell denn ich kann jetzt nicht lange hier bleiben und weiß
wirklich nicht was Du eigentlich zu sagen hast«
    »Drum eben lass mich zu Worte kommen Wie der Chirurg das zweite Mal wieder
gekommen ist hat er Franz aufgesucht und gesagt es sei unrecht von ihm dass er
Fräulein Pauline immer so mit Erzählungen von Unglücklichen quäle und sie dann
berede das Elend selbst mit anzusehen Eine junge zärtliche Dame wie sie
könne so Etwas nicht vertragen sie werde dadurch selbst noch krank weil es sie
immer so angreife ihre Gesundheit sei dadurch schon ganz zerrüttet  sie setze
ihr Leben aufs Spiel wenn sie es noch länger so treibe sie selbst habe
freilich davon keine Ahnung um so mehr sei es jedes Menschen Gewissenssache
sie zu schonen Franz war ungläubig gewesen  ich war es auch dann sagte ich
mir die armen Leute müssen in diesem Elend leben und es selbst ertragen und die
vornehmen Leute sollten gleich daran sterben wenn sie es nur ein Mal erzählen
hören oder von Weitem einen flüchtigen Blick darauf werfen«
    »Mein Fräulein ist ganz wohl  und was will denn der Chirurg von ihr wissen
der sie niemals behandelt hat Sie hat Gott sei Dank noch gar keinen Arzt
gebraucht seitdem sie hier ist Und dieses alberne Märchen hat Franz glauben
können«
    »Er hat es auch nicht so recht geglaubt aber ängstlich hat es ihn doch
gemacht Sie gönnen uns diesen Engel nicht« sagte er ernst und bitter  aber
wie er es sich näher überlegte so hatte die Sache doch auch etwas
Wahrscheinliches  »diese Mädchen sind einmal so zart« sagte er »und wäre ich
dann daran Schuld dass sie wirklich litte  ich vergäb es mir nie  und geistig
leidet sie durch mich  nein nein ich will ihr Nichts mehr sagen  « so
meint er
    »Aber welch dummes Zeug« rief Friederike »Und warum hat er da nicht mich
gefragt oder warum es Dir nicht aufgetragen«
    »Er hat sich genug mit seinen Gedanken gequält und wie sie ihm nicht mehr
Ruhe ließ ist er selbst hergegangen um sie zu sehen oder Dich zu sprechen
Der junge Herr hat ihn da zuerst getroffen und gefragt zu wem er wolle Er habe
jetzt hier Nichts zu tun Er hat Dich genannt da hat ihn Georg sehr hart
angelassen und gesagt  aber das ist zu hart«
    »Was hat er gesagt Rede nur gerade heraus«
    »Er hat gesagt dass ihn seine Schwester beauftragt habe nicht länger den
Skandal zu dulden dass ihre Dienstmädchen mit den Fabrikarbeitern unpassenden
Umgang hätten und dass es so schon eine Schande sei dass die Christiane «
Wilhelm hielt inne und besann sich dass er hier nicht weiter fortfahren könne
    Friederike ward rot und sagte »Das ist eine Niederträchtigkeit Die
Christiane wäre lange aus dem Hause wenn er sie nicht selbst hielte und wir
wissen recht gut wer an ihrem Unglück Schuld ist  die armen Fabrikarbeiter
nicht aber so will er freilich tun Und nun gar dem Franz gleich das
Schlechteste unterzuschieben  und nur weil er nach mir gefragt hat das ist
abscheulich« Sie stampfte mit dem Fuß und hielt die Schürze vor das von Zorn
und Scham zugleich gerötete Gesicht
    »Natürlich hat da Franz seine Mäßigung doch ein Wenig verloren« fuhr
Wilhelm fort »er ist heftig geworden und der Herr hat ihm für immer verboten
das Wohnhaus zu andern Zeiten zu betreten als wenn er zum Zahltag in das
Komtoir kommen muss Nun siehst Du wie Alles gekommen ist Franz ist seitdem
ganz traurig nur manchmal sagte er ich möchte doch wissen ob ihr Alles so
recht ist ob sie es weiß oder ob es sie nicht einmal wundert dass ich nicht
mehr komme  gestern sprach er auch so und weinte  nun wenn so ein starker
Junge weint wie der Franz einer ist das kann ich nicht gleichgültig mit
ansehen da wendet sich mir das Herz im Leibe um Da sagt ich mir heute musst
Du mit Friederiken reden«
    »Weißt Du was« sagte diese »Mein Fräulein ist auch recht verdrießlich
gewesen dass Franz nie mehr gekommen denn von All dem was Du mir erzählt
hast weiß und ahnt sie kein Wort  ich muss jetzt fort von Dir wir haben schon
zu lange geplaudert  wenn Du Franz triffst so geh mit ihm dort drüben in der
Allee ein Weilchen hin und her  wer weiß macht nicht mein Fräulein noch einen
Spaziergang dahin und Franz darf ein paar Worte mit ihr sprechen wo es Niemand
gleich gewahr wird  denn das merk ich nun schon dem sauberen Herrn Bruder ist
es ein Gräuel dass sie für die armen Leute menschenfreundlich fühlt und da
helfen möchte wo er nur trannisirt  leb wohl Wir wollen sehen ob wir uns
heute noch wieder treffen« Mit diesen Worten und einem raschen Händedrucke
hüpfte Friederike fort
    Pauline war allein in ihrem oberen Zimmer und hatte schon ein Mal vergeblich
nach dem Mädchen geschellt Als es jetzt eintrat fragte sie »Warum kommst Du
so spät«
    »Ich bitte Tausend Mal um Vergebung« sagte Friederike »ich sprach einige
Worte mit meinem guten Wilhelm«
    »Du weißt« begann Pauline mit ernstem warnendem Tone »dass ich gegen Eure
Neigung Nichts habe allein «
    »Liebes Fräulein« fiel ihr Friederike ins Wort »ich fragte ihn nach Franz
und da hatte er so Viel zu erzählen  ich wäre sonst nicht so lange geblieben«
    Pauline vergaß die mahnende Rede welche sie begonnen hatte und fragte
rasch »Was sagte er Dir da Vergiss nicht Alles genau zu wiederholen denn
durch das was ich von der Frau Marta erfuhr ist mir Franz noch wunderlicher
vorgekommen«
    Friederike kam diesem Befehle getreulich nach Als sie Alles erzählt hatte
ward Pauline immer nachdenklicher »Es ist klar« sagte sie »mein Bruder will
nicht dass die Fabrikarbeiter zu mir Vertrauen fassen und dass ich die
Schattenseiten einer großen industriellen Anstalt wie die unsere ist kennen
lerne er will nicht dass ich mich mit diesen armen Leuten in eine gewisse Art
von Verbindung setze Er verachtet sie nur und meint vielleicht sie um so
williger zu jeder Arbeit zu finden je ärmer und unglücklicher sie sind Es ist
gewiss dass er den Chirurgen zu diesem seltsamen und abgeschmackten Märchen von
meiner Krankheit verleitet hat So werde ich freilich in Zukunft noch behutsamer
sein müssen als ich bereits war damit er mich nicht hindert irgend ein Elend
zu lindern wo ich kann und will«
    Friederike hatte ihrer Herrin nicht gesagt dass sie Wilhelm und Franz in die
Allee bestellt habe sie verschwieg es auch jetzt aber sie suchte Paulinen
dahin zu einem kleinen Spaziergang zu bewegen indem sie ihr beredt den schönen
Sternenabend draußen schilderte und die leuchtenden Johanniswürmchen die gerade
in jener Allee sich jetzt so lustig tummeln sollten Pauline willigte endlich
ein da der Weg nahe und überhaupt dort einer ihrer Lieblingsplätze war
    Franz stand dort allein Was er für Paulinen fühlte hatte er dem Freund
einmal gestanden obwohl er selbst es sich noch niemals zu gestehen gewagt
hatte obwohl er es was nur ein Mal seinem Innern zur Aussprache entlockt
worden war wieder in seines Herzens Tiefen zu verbergen strebte Was er jetzt
gelitten wusste Wilhelm auch und er gönnte dem Freunde die Stunde der
Genugtuung welche jetzt vielleicht für ihr schlug so aufrichtig aus vollster
Seele dass er sie ihm durch seine Gegenwart nicht stören wollte  denn ein
Zartgefühl welches bei den feinen geglätteten Menschen der Salons fast
gänzlich in seiner Ursprünglichkeit verloren gegangen ist und nur als leere
Etikettenform noch hier und da zur Erscheinung kommt sagte diesem einfachen
unverdorbenen und unverbildeten Arbeiter dass seine Gegenwart vielleicht den
Freund stören könne dem er ohne es zu wollen ein Geständnis seiner Liebe
entlockt hatte welches nun nicht mehr zurückzunehmen war aber von dem welchem
das stille Geheimnis gehörte doch gern wieder vergessen gemacht worden wäre
    Friederike welche diese Gründe für Wilhelms Aussenbleiben nicht ahnen
konnte weil sie Talheims wahre Gefühle nicht kannte und welche vielleicht
auch dann Wilhelms Zartgefühl nicht ganz würde verstanden und geteilt haben
schmollte in Gedanken ein Wenig mit ihm dass er die schöne Gelegenheit ein
Wenig mit ihr zu plaudern ungenützt vorüber gehen ließe
    »Guten Abend Franz« sagte Pauline freundlich zu diesem
    Er zitterte fast als er diese sanfte Stimme wieder hörte welche er Wochen
lang nicht mehr nur in seinen Träumen gehört hatte »Sie sprechen so sanft zu
mir« rief er erschüttert »nicht wahr Sie zürnen mir nicht wenn ich «
    »Wenn Sie eine Zeit lang Ihres Versprechens uneingedenk sein konnten das
Sie mir gaben als ich nicht lange hierher gekommen war oder dass Sie denken
konnten ich möge mein Wort nicht mehr halten  weiter habe ich Ihnen Nichts zu
vergeben Ich weiß  aber erst seit heute  Alles  dass man Sie über mich
getäuscht und hintergangen hat  aber ich versichere Ihnen dass ich an unserm
damaligen Versprechen dass Sie mich von jeder augenblicklichen Not unsrer
Fabrikarbeiter welcher abzuhelfen möglich ist unterrichten sollten und dass
ich dann Alles tun würde was ich vermöge  gar Nichts geändert wissen will
und dass wir ihm treu bleiben wollen nur  mit mehr Vorsicht als bisher da es
Leute geben kann welchen es nicht recht ist dass ich die Wunden verbinde
welche sie erst geschlagen«
    Franz schwieg
    »Ich ehre ihr Schweigen« fuhr sie fort »Sie wissen dass Diejenigen welche
mir nahe stehen die Ursache sind welche uns verhindern sollte unser
Versprechen zu halten und Sie mögen deshalb keine Klagen wider sie erheben 
ich ehre das denn Vorurteile sind gewiss auf beiden Seiten und diejenigen in
welchen ein Mensch erzogen ist leben mit ihm fort und beherrschen ihn so dass
er von einem andern Standpunkt aus ungerecht erscheint wo er auf dem welchen
er nun einmal einnimmt von Gerechtigkeit reden kann Ich aber bin in den Lehren
Ihres Bruders erzogen welchem ich in der Stunde wo er von mir Abschied nahm
gelobte  ich weiß es noch wörtlich wie einen Eid den er mir abnahm er sagte
Versprechen Sie mir wenn nicht die Schwester doch die Freundin der Armen und
Niedriggeborenen zu sein und niemals die Regungen des Mitgefühls ersticken zu
lassen weil Sie vielleicht gewaltsam daran gewöhnt werden das Elend um sich zu
sehen weil Sie vielleicht eines Tages sich sagen müssen was ich tun kann um
die Not zu verringern ist nur ein Tropfen den ich hinwegschöpfe von der Flut
des Unglücks die Alles überschwemmt«
    »Ach in diesen Worten erkenn ich meinen Bruder«
    »Die Zeit ist schon da wo ich mir das sagen muss« fuhr sie fort »aber
niemals wird die Zeit kommen wo ich diesen Schwur brechen werde«
    »Ja« rief er begeistert aber mit Tränen »wenn mehr Herzen schlügen wie
das Ihre wenn mehr Augen wie die Ihrigen sähen Augen welche wenn sie gleich
von Kindheit auf an den Glanz des Goldes und die bunten Flitter des Reichtums
gewöhnt doch nicht davon geblendet sind wie die jener Tausend welche dann
das was außer dem Bereich ihrer eigenen Lebensverhältnisse liegt nicht bloß
unter lauter falschen Lichtern grauen Nebeln und düstern Spinnengeweben
sondern so wie es wirklich ist gewahrten Wenn Diejenigen welche zufällig unter
seidenen Bettimmeln geboren wurden nicht das gleiche Bruderbild verleugnen
wollten weil es vielleicht auf elendem Stroh zur Welt kam  wenn sie nicht
fortgesetzt die edle Menschengestalt verhöhnen wollten weil die Lumpen sie nur
schlecht bedecken und die Verwilderung des Elendes sie hässlich macht 
vielleicht würde es anders vielleicht könnte noch Alles gut werden Der Arme
verlangt ja so Wenig Nur einen kurzen heitern Frühling für sein Kind wo es
nicht zu friern und zu hungern braucht wo es lernen darf wie man ein Mensch
wird Aber hier diese Kinder Sie werden zu niedrer Tierheit herabgedrückt und
wie die heilige Wassertaufe den Teufel austreiben soll aus den Kindern  so ist
es hier umgekehrt Der Engel der das Kind ins Leben begleitet wird mit Gewalt
aus der reinen Seele des Kindes gejagt und in der heißen Hölle wo die
Dampfmaschinen arbeiten zu denen man es schickt da kommen all die finsteren
Teufel zu ihnen welche Alle quälen die zu ewiger Erniedrigung zu ewiger
Stumpfheit im Leben verdammt sind   Und wenn dann diese Kinder welchen man
kaum ein Wort von Christus gelehrt hat auf dessen Namen sie doch getauft sind 
wenn sie dann Männer werden  Männer welche eine gleich abstumpfende Arbeit
verrichten wenn sie auch mehr Kraft dazu brauchen als bei der zu welcher sie
als Kinder gezwungen waren dann verachtet man sie weil sie fluchen und trinken
und rohe Worte haben und endlich vielleicht gar einmal auf den Gedanken kommen
blinde Rache zu üben an ihren Peinigern  was dann Ich gehöre selbst zu diesem
ausgestossenen Geschlecht und doch graut mir vor ihm denn ich kenne es Ach
dass es mehr gerechte Menschen gäbe welche sich des Armen erbarmten Nicht ihren
Reichtum nicht ihre Schätze brauchten sie ihm zu geben  aber nur nicht ihn
für immer auch des Reichtums des innern Lebens zu entblössen das entehrende
Brandmahl ewiger Unfähigkeit ihm aufzudrücken Es könnte gut werden wenn man
die Kinder zu guten Menschen erzöge statt zu blöden Sklaven  es ist ja der
Vorteil Aller dass überall gute Pflanzen getrieben und erbaut werden  Niemand
zieht ein Beet Unkraut in seinem Garten  wenn man nur das bedächte  es würde
Alles gut«
    Franz hatte sich im Selbstvergessen zu so langer schnell und feurig
gesprochener Rede hinreißen lassen  Plötzlich hielt er inne  ein
schrillendes widerliches Gelächter klang höhnisch durch die friedliche
Abendruhe und da verstummten plötzlich seine Lippen
    Pauline die mit ängstlicher Spannung seinen Worten gefolgt war schrak
jetzt zitternd zusammen vor diesem lauten grässlich hallenden Gelächter
    Friederike die etwas entfernt gestanden drängte sich rasch und dicht an
ihre Gebieterin
    Das Gelächter hatte die lange Liese ausgestoßen welche jetzt mit raschen
Schritten des Wegs gekommen war
    »Könnte noch Alles gut werden« rief sie mit unheimlicher wie wahnsinniger
Stimme »Würde Alles gut Was denn s liegen viel Kinderleichen auf dem
Kirchhofe von den verfluchten Maschinen zerrissen  das wird doch nicht wieder
gut die stehen nicht wieder auf und kämen Engel vom Himmel Gute Menschen aus
Kindern  ei ja doch gute Menschen die gut arbeiten und gutwillig sich die
Kinder verderben und sterben lassen  immer Eins von Beiden verderben  sterben
 verderben  sterben«
    Sie sang die letzten Worte mit kreischender Stimme ab und ging ihres Weges
    »Sie ist wohl wahnsinnig geworden« fragte Pauline schaudernd
    »Das nun wohl so eigentlich nicht  aber so ist ihre Art  sie ist in
Verzweiflung über ihre Kinder« versetzte Franz
    »Gute Nacht Franz« sagte Pauline und gab ihm die zitternde Hand
    Er drückte sie leise und sagte »Ich darf es nun nicht wagen  durch Wilhelm
und Friederike mögen Sie erfahren wo wir um Ihre Hilfe bitten mögten«
    So trennten sie sich
 
                                V Ein Schreiben
 »Ich bin erwacht ich fühle Kraft 
 Die Lumpen reiss ich von den Gliedern
 Aus freier Seel die feige Angst
 Den Schlaf von meinen Augenlidern
 Der Liebe Bündnis will ich schließen
 Nicht länger hassend einzeln stehen
 Des Lebens Wohltat mit genießen
 Nicht länger hungernd zu nur sehen«
                                                              Herrmann Püttmann
Franz war aufgeregt aber glücklich von dannen gegangen Pauline hatte ihn nicht
von sich verbannt wie er zuweilen gewähnt hatte sie war nicht krank wie man
sich bemühte ihn glauben zu machen sie war sogar stark genug sich dem Willen
derer welche sie zunächst umgaben und welche wie es nur zu klar war sich
bemühten ihre Bestrebungen des Wohltuns zu hemmen ihnen Schranken zu
errichten  zu widersetzen Das gab ihm hohe Freude Er hatte sie verloren
geglaubt für sich verloren für all die Armen welche das Schicksal zu seinen
Brüdern und Schwestern gemacht hatte verloren für sie welche bei ihrem Nahen
die Erscheinung eines Engels segnen sollten
    Und es war nicht so Sie war nicht ihm verloren nicht ihnen Sie hatte ihm
aufs Neue die Hand zu diesem schönen Bunde gegeben
    Wer weiß sagte er sich hoffend Sie ist noch nicht lange hier und schon
sind viele Tränen getrocknet worden und Manches ist besser geworden als es
jemals war wer weiß ob nicht wenn sie länger hier weilt noch bessere Zeiten
kommen Ob sie nicht auch ihren Vater zu milderen Gesinnungen zu stimmen vermag
und nicht nur die Wunden heilt die seine Härte schlägt sondern seine Härte
schwinden macht dass Alles besser wird
    Als er eben so zukunftsfreudig vor sich hinging kam Wilhelm ihm entgegen
Er rief
    »Da hat man mir einen Brief an Dich gegeben  es ist nicht die Hand Deiner
Brüder auf der Aufschrift  auch lautet sie nicht wie gewöhnlich an den
Fabrikarbeiter Franz Talheim sondern dem Namen ist noch beigefügt Verfasser
der Erzählungen aus dem armen Volke Sieh einmal wie schön sich das ausnimmt
ich glaube Du hast einen Namen  nun man merkt es doch dass Deine Eltern gute
Bürgersleute waren und Du nicht im Strassenkot geboren bist wie unser einer«
    Franz errötete als er einen Blick auf die Aufschrift geworfen die ihm
allerdings sehr schmeichelhaft erschien »Es ist zu dunkel zum Lesen hier«
sagte er »komm mit in meine Kammer wir zünden die Lampe an und lesen
zusammen«
    Sie traten in das Haus und stiegen hinauf in die kleine Kammer welche Franz
bewohnte Bald brannte die kleine Lampe und erhellte düster und spärlich den
elenden Raum Franz hielt den Brief nahe an die düstere Flamme öffnete das
dunkle Siegel und sah zuerst auf der letzten Seite nach der Unterschrift Es war
unterschrieben »Mehrere gleichgesinnte Fabrikarbeiter« Ort und Datum waren
nicht angegeben
    »Das ist seltsam« sagte Franz »und das Schreiben ist so lang«
    »Weißt Du was« sagte Wilhelm »Du hast gewiss davon gehört wie es seit
einiger Zeit unter denen welche sich um die Staatswirtschaft bekümmern oder
doch darum bekümmern mögten Mode geworden ist an Diejenigen welche in diesen
Angelegenheiten einflussreiche Schritte getan haben oder tun könnten ein
Schreiben zu richten welches von Einem verfasst und von Vielen unterschrieben
wird«
    »Ja man nennt das eine Adresse« sagte Franz
    »Nun sieh Vielleicht haben diese Fabrikarbeiter in Bezug auf Dein Buch das
sie doch auf der Aufschrift erwähnten eine solche beifällige Adresse an Dich
verfasst Wenn sie auch ihre Namen darunter gesetzt hätten so wären uns
dieselben doch unbekannt gewesen und deshalb ist es gleich wenn sie es
unterlassen haben Das ändert in der Hauptsache ja doch Nichts«
    »Nun lass uns lesen« sagte Franz »Deine Ansicht gefällt mir wohl aber
ich weiß nicht ob Du Recht hast  ich kann nicht glauben dass man mir eine
solche Ehre erweisen würde«
    »Ei alle Donnerwetter« rief Wilhelm heftig »ich wüsste nicht warum Jemand
Dir nicht dieselbe Ehre erweisen könnte wie Denen welche oft unnützere Bücher
schreiben als Du und weniger Herz für die Sache haben welche sie führen
wollen als Du«
    Franz seufzte und sagte »Wir wollen doch lieber lesen« Wilhelm sah über
seine Achsel hinweg mit in das Papier
    Das Schreiben begann
    »Lieber Franz Talheim Wir nennen Dich Du weil wir alle Menschen Du
nennen die wir in allgemeiner Liebesvereinigung als unsere Brüder anerkennen
Dich nennen wir aber ganz besonders mit Stolz und Freude Kamerad denn Du hast
es öffentlich ausgesprochen dass Du dem armen Volke angehörst für das Du leben
willst bis zu Deinem Tode Wir danken Dir dass Du Worte gefunden hast das Elend
Deiner Mitbrüder in ergreifenden Geschichten vor aller Welt zu schildern«
    »Wir sind Dir für dies und alles Andere sehr dankbar was Du bisher im
Dienst unserer guten Sache getan hast aber um so mehr hoffen wir auch dass Du
nicht dabei stehen bleiben wirst den Menschen zu zeigen dass dieses Unglück
besteht  sondern dass Du auch auf diesem Wege weiter schreiten und sagen wirst
wodurch diesem Unheil allein zu helfen«
    Franz seufzte und sagte ehe er weiter las »Es wird diese gleichgesinnten
Brüder freuen wenn sie mein zweites Buch sehen werden die Rechte des Armen 
den Verzweifelnden gewidmet Es enthält manchen Vorschlag wie dem Übel wenn
nicht gänzlich abzuhelfen doch zu steuern wäre  aber freilich  wenn kein
Fabrikbesitzer darauf eingeht  «
    »Lies nur weiter« sagte Wilhelm gespannt
    Franz las »Wir wollen Dir in kurzen Abschnitten einige von den Ansichten
mitteilen welche wir zu den unsrigen gemacht haben Männer hochgebildete und
gelehrte welche es aber gut mit dem armen Volke meinen haben das
ausgesprochen was wir Dir jetzt in kurzen Bruchstücken zu lesen geben damit Du
zu derselben Einsicht über unsere Gegenwart und Zukunft kommst wie wir und
danach Dein Streben und Wirken regeln lernst«
    In dem Brief waren nun einige Stellen aus communistischen Schriften
angezogen in welchen die Grundlehren des Kommunismus mit feuriger Beredtsamkeit
und scharfsinniger Dialektik entwickelt waren Mit glänzenden Farben ward dies
System als das einzige angepriesen in welchem allein das Heil der gesammten
Menschheit zu finden sei  ja der als zu erwartend und unausbleiblich
geschilderte Sieg des Kommunismus ward geradezu als eine historische
Notwendigkeit als eine zweite Welterlösung dargestellt welcher die in Irrtum
und Unnatur befangene Menschheit bedürftig sei
    Franz Talheim rief unter dem Lesen einmal über das andere dazwischen »das
ist Wahnsinn  das verstehe ich nicht« aber Wilhelm sagte fieberhaft aufgeregt
    »Ich bitte Dich lies weiter  ich versteh es auch noch nicht  aber es
klingt wie lauter Musik vor meinen Ohren und klingt so in meinem Herzen wieder«
    Sie lasen weiter und immer verführerischer klangen ihnen die neuen
Auffassungen von Menschenrecht und Lebenswonne welche sie aus dem Briefe
gewannen
    Wilhelm rief wie bezaubert »So Etwas hab ich in meinem Leben noch nicht
gelesen  mir schwindelt Vor meinen Blicken geht eine neue Welt auf bei diesen
großen herrlichen Worten  ich habe wohl manch Mal schon gedacht dass doch
dies ganze Leben welches jetzt alle Menschen führen die Einen gezwungen die
Andern freiwillig  eine Tollheit ist eine Niederträchtigkeit  aber ich habe
es noch niemals gesagt nun sagen es Andere statt meiner«
    Franz verwies ihm seine Rede und sagte ruhiger »Diese Leute singen das Lied
der Armut aus einem ganz anderm Tone als man es zu hören gewohnt  aus einem
anderm Tone als gut ist Es kann Niemand froh werden der es so hört Es ist
als wenn Jemand zu einem Krüppel sagte Du könntest ein schöner Mensch sein
wenn Du nicht als ein Krüppel zur Welt gekommen wärest  er kann es doch nicht
ändern  oder zu einem Menschen Du bist eigentlich ein Engel aber in eine
irdische Gestalt gezwungen die Deiner höheren Entfaltung hinderlich ist  
Wie soll der Krüppel wie der Mensch das ändern können«
    Erst hatte das Schreiben von den Prinzipien des Kommunismus gehandelt und
davon begriff der gesunde Verstand der schlichten Arbeiter nicht das Geringste
Franz hatte Lust diese Theorien geradezu für hohle Hirngespinste müßiger Köpfe
zu erklären welche selbst in einer spitzfindigen Philosophie gefangen und von
ihr irre geleitet es dennoch wagten die Philosophie zu verhöhnen  nur Wilhelm
ließ sich von diesen ihm wie er selbst sagte unverständlichen Redensarten
blenden und bestechen Aber in dem weitern Verlauf der Schrift ward die Sache
des Kommunismus von der praktischen von der unmittelbar ins Leben greifenden
Seite angefasst und endlich schloss der ganze Brief mit einem Aufruf an alle
Arme namentlich alle arme Arbeiter zu innigster Vereinigung damit es durch sie
gelingen möge die Reichen und Besitzenden all ihrer Vorteile über die
sogenannten unteren Schichten der Gesellschaft verlustig zu machen
    
    Der Schluss des Schreibens lautete
    »Auch Dich Franz Talheim rufen wir auf Deine und unsere unglücklichen
Brüder darauf aufmerksam zu machen dass die Zeit einer neuen Ordnung der Dinge
nahe herbeigekommen ist Du hast die Kraft dazu unser Werk unter Deinen
Genossen zu fördern  so fördere es unter Deinen Mitarbeitern in der Fabrik
durch erklärende und überzeugende Reden fördre es durch Deine Schriften in
weiteren Kreisen Sehen wir dass Du dies tun willst und dass es Dein eifrigstes
Bestreben ist den unglücklichen Millionen Deiner Brüder zu helfen  so wirst Du
bald wieder von uns hören so werden wir gemeinschaftlich beraten können auf
was wir Dich jetzt nur durch einzelne bruchstückweise Erklärungen aufmerksam
gemacht haben«
    »Sei uns herzlich gegrüßt wenn Du wirklich einer der Unsern bist und grüße
alle Deine Kameraden die es auch sind«
    Der Brief war hier zu Ende
    Franz starrte vor sich nieder und stand regungslos
    Die Lampe flackerte ungewiss auf dann ward sie trüber und trüber 
    Draußen fuhr der Wagen des Fabrikherrn mit vier munter wiehernden Pferden an
dem kleinen Haus in welchem Franz weilte rasselnd vorbei dass die Scheiben
zitternd klagend und grollend zugleich in den lockern Fensterrahmen klirrten
    Hundert Mal schon mochte dieser Wagen so vorbeigerasselt sein wie jetzt und
die beiden Arbeiter hatten nicht darauf geachtet  sie hatten nicht darauf
geachtet wenn eben so oft schon die Scheiben unruhig mit einander gemurmelt
hatten  jetzt horchten sie Beide auf und riefen Beide zugleich  Wilhelm mit
wildem Gelächter des Hasses Franz unendlich schmerzlich bewegt
    »Da fährt er hin« 
    »Die Laternen seines Wagens blitzen durch den hereinbrechenden Abend« sagte
Wilhelm »und so fährt er hin durch die Dunkelheit  Jetzt auf einmal begreif
ich Alles«
    Wilhemo Augen glänzten im dunklen Feuer die Adern auf seiner Stirn
schwollen seine ganze Gestalt schien größer zu werden indem er sich hoch
aufrichtete Mit feierlicher gehobener Stimme sagte er
    »Ja die Zeit ist gekommen wo die Armen ihre Rechte wiederfordern dürfen
Dass ich wüsste wer diese erhebenden Worte geschrieben diese herrliche
Verkündigung eines neuen Evangeliums Dass ich hineilen könnte zu diesen armen
Brüdern welche zu solcher Erkenntnis gelangt sind dass ich ihnen sagen könnte
wir wollen zusammen stehen zusammen handeln«
    Franz nahm seine Hand und sah ihn an »Du auch Bruder Du auch« sagte er
erschrocken »Was fasst Dich an Beginnt schon das Gift zu wirken welches aus
diesem Schreiben uns entgegenhaucht Lässt sich Dein Verstand so bald umnebeln
dass Du schon jetzt zu taumeln beginnst Ach diese Worte betören Dich diese
schlimmen Worte welche verführerisch klingen wie Worte des Teufels«
    »Lass den Teufel aus dem Spiel« lachte Wilhelm »mahne mich nicht an die
elenden Märchen Vor hohlen Schrecknissen zu erzittern habe ich aufgehört  die
armen Leute brauchen wahrhaftig nicht erst an eine Hölle da drüben zu glauben«
    »Wilhelm lästere nicht« mahnte Franz »Ich hätte nicht geglaubt dass dies
Schreiben voller Trugschlüsse und Widersprüche Dich so packen so überwältigen
könnte Es klingt freilich schön wenn sie sagen die Liebe die allgemeine
Menschenliebe welche in den Himmel geflohen ist als die kindische junge Erde
sie noch nicht zu fassen vermochte wird ihren Wohnsitz wieder an dem Orte wo
sie geboren und genährt ward in der Menschen Brust haben Wir werden unser
wahres Leben nicht mehr vergebens außer und über uns suchen  wir werden es in
uns tragen in uns selbst und werden es so wiederfinden in den Andern in dem
Verbande der ganzen Menschheit  Ach es klingt wohl sehr schön wenn man so
Etwas liest  aber es klingt auch nur so  es ist ein tönendes Erz es sind
Worte ohne Sinn und Verstand Kannst Du Dir eine menschliche Gesellschaft
denken in welcher Alle zufrieden Alle in harmonischer Gleichheit leben  Du
musst das verneinen Du kannst Dir nicht einmal eine Vorstellung von einem
solchen Zustand machen und willst doch Schritte tun ihn heraufführen zu
helfen Und jetzt willst Du sie tun  und wie Können ein paar Menschen und
noch dazu arme ausgestossene zum Teil verwilderte Menschen das Bestehende
umstürzen und eine neue Ordnung der Dinge heraufführen Verändert können
müssen unsere Zustände werden  aber nicht durch einen Umsturz aller gegebenen
Verhältnisse sondern durch deren vernünftige Weiterentwicklung und Fortbildung
Ach Wilhelm ich hätte Dich für verständiger gehalten hätte nimmer geglaubt
dass Du dem Verführer ein so williges Ohr liehest« 
    »Verführer  nein Erretter Das ist nicht die Sprache der Heuchelei welche
man sonst nur zu hören gewohnt ist  es ist die Stimme der Wahrheit welche mich
mächtig ergreift  Gib ihn her diesen Brief  ich eile damit in die Schenke
ich lese ihn vor in unserm Kreis und man wird mir mit Jubelgeschrei zuhören 
komm mit  gib den Brief«
    »Bist Du rasend« rief Franz abwehrend »Nimmermehr  Komm zu Dir Bedenke
welches Unheil Du anrichten würdest wenn sie den frevelhaften Worten dieses
Briefes Beifall riefen wenn Dein erhitztes Gemüt sie zu gleicher blinder Hitze
fortrisse Du setztest Alles aufs Spiel«
    »Du hast Recht dass Du zur Vorsicht rätst« sagte Wilhelm gefasster  »ja
sie könnten Alles verderben und meine eigne frohe Wut könnte jetzt vernichten
was wir erst im Dunkeln bauen müssen  Du bist verständiger  ich werde noch
Nichts sagen aber ich muss hinaus ins Freie  mir wirbelts im Hirne  mir ist
als wollt es mir die Brust zersprengen  mir ist als hätt ich in meinen Armen
Kraft eine Welt ihrem gewohnten Gang zu entreißen und Alles zu zertrümmern
Leb wohl  oder gehst Du mit«
    Franz sagte »Ich bleibe hier  Aber Du versprichst mir von diesem Briefe
keinem etwas zu sagen Du versprichst wenigstens jetzt und bis Du Die selbst
darüber deutlicher geworden von diesen Gedanken nicht zu reden welche dies
Schreiben in Dir erweckt hat Um Deiner selbst willen  um der guten Sache
willen  gleichviel ob die Sache die gute sei welche ich dafür halte oder
diejenige welche Du dafür hältst  versprich es jetzt nicht von diesen Dingen
zu reden«
    »Ja ich versprech es Ein Wort ein Mann« sagte Wilhelm ernst
    »Es ist gut ich glaube Dir « versetzte Franz »Gute Nacht«
    »Gute Nacht  wenn Du jetzt schlafen kannst« sagte Wilhelm mit wilder
Stimme die halb wie Gelächter klang und ging fort
    Franz war allein
    Er setzte sich auf den hölzernen Schemel vor den Tisch auf welchem die
Lampe stand und das verhängnisvolle Schreiben lag
    »Ich will es jetzt nicht noch ein Mal lesen« sagte er zu sich und schob es
in den Tischkasten in welchem seine Papiere und Schreibereien lagen Dann
verlöschte er die Lampe sie sollte nicht umsonst brennen Das Öl ist teuer
und ein armer Arbeiter muss das bedenken Die Julinacht draußen war hell durch
das kleine offen stehende Fenster der Kammer schauten die Sterne hell zu ihm
herein sie leuchteten ihm genug zu seinen verworrenen Träumereien Er hatte
seinen Ellenbogen auf den Tisch gestemmt das Haupt in die Hand gestützt So
sann er Bald rieselte es wie eisiger Schauer über seine ganze Haut bald fühlte
er sein Herz seine Schläfe seine Adern heftig pochen  dann glitt eine große
Träne langsam sehr langsam und sehr heiß über seine bleiche Wange
    Er flüsterte leise für sich Solch stillgeführtes Selbstgespräch allein mit
sich oder mit seinem Gott war für ihn eine Art von Bedürfnis geworden Seine
Genossen verstanden ihn ja nicht  nicht einmal Wilhelm das hatte er erst jetzt
wieder erfahren Ein Wesen gab es freilich das ihn vielleicht verstanden hätte
 aber von all diesen Dingen wollte er ja nicht einmal zu der schweigend
verehrten Geliebten sprechen selbst wenn er es gekonnt hätte
    Jetzt sprach er zu sich
    »Und was haben sie denn nun da Anderes gesagt und geschrieben dass es mich
so gewaltsam bewegt hat Waren es nicht hier und da meine eigenen Worte was ich
da las  und doch wirbelt mir das Hirn brennt meine Stirn  mir ist als sei
ich plötzlich fieberheiss hinausgestossen in eine große Nacht und läge da ringend
in Fieberphantasieen mit tausend bleichen wilden und wesenlosen
Spukgespenstern die ich nicht zu verscheuchen vermögte die immer wieder sich
zu mir herandrängten in ihre wirbelnden Kreise mich mit fortzureissen dass ich
selbst nicht mehr weiß wo aus noch ein Ich zürnte Wilhelm dass er den
verführerischen Stimmen dieses Schreibens die mir doch so wahnwitzig ungerecht
und gotteslästerlich sind ein so williges Ohr lieh dass er sich ganz von ihnen
betören ließ  und doch hallten sie auch mir immer wieder wie harmonisches
Getön in den Ohren in der Seele und wollen mich auch umstricken und
überwältigen« 
    »Es ist fast vergebens dass ich sage hebe Dich von mir Versucher Er will
nicht gehen  es ist als habe meine Seele keine Macht mehr über ihn «
    Er lehnte sich wie erschöpft an die Wand zurück und fuhr fort »Das sind
auch die Versuchungen der Armen von denen die Reichen nichts wissen sie werden
wohl auch oft hart versucht von ihren Schicksalen von ihren Wünschen  und
selbst aus ihrer eklen Übersättigung an den Bedürfnissen des lüsternen Lebens
selbst durch ihre Befriedigung ihre Übersättigung entspringt ihnen eine neue
Quelle der Versuchung  aber wie unerschöpflich dagegen ist doch die welche
zugleich mit dem Leben des Armen entquillt und es nimmer verlassend
durchflutet«
    »Den Armen quält der Hunger der Frost der Mangel an Allem was zu den
Lebensbedürfnissen gehört  und sich von irgend einer dieser Qualen zu befreien
weiß er dein gesetzliches Mittel Denn wie er auch arbeiten mag  seine Arbeit
wird so gering bezahlt dass sie nimmer jene schlimmen Begleiter des Armen
verbannen kann welche von dem Augenblick an als er auf hartem schlechten Lager
geboren wird ihn mit schauerlicher Treue auf allen seinen Wegen begleiten  
aber am Schlimmsten ist doch der Versucher der zu dem Armen tritt und ihn
höhnisch fragt warum bist Du arm Habe den Mut es nicht mehr sein zu wollen
und Du bist es nicht mehr  und Tausende Deiner Brüder sind es nicht mehr  
aber diesen Mut zu haben ist ein Verbrechen   das sieht wohl der Arme ein
und schaudert vor dem Verbrechen zurück  er will es nicht begehen er kann
standhaft bleiben  er kann den Versucher immer sieghaft bekämpfen aber er kann
ihn nicht vernichten  er kann den Feind seiner Ruhe nicht verbieten
wiederzukommen«
    »Wenn einst diese Versuchungen aufhören könnten  wenn eine in Liebe und
Gleichheit verbrüderte Gesellschaft sie unmöglich machte Wenn alle Menschen es
vermöchten in heiliger Eintracht neben einander zu leben dass nicht die Einen
darben müssten wo die Andern mitten im Übersluss sich noch unbefriedigt fühlen«
    Nachdem er eine Weile still und sinnend am Fenster gestanden stumm in die
Nacht hinaus und empor zu den Sternen geschaut hatte trat er wieder zurück an
den kleinen Tisch auf dem die verlöschte Lampe stand Er zündete sie wieder an
setzte sich nieder nahm Feder und Papier zur Hand und begann zu schreiben Er
wusste es wenn so in ihm alle Gefühle in Aufruhr waren wie jetzt dann kam der
Gott des Liedes über ihn In Versen versuchte er es den gewaltigen Sturm seines
Herzens ausrasen zu lassen indem er ihn durch die Worte und Töne welche er ihm
gab zwar noch vermehrte und erhöhte aber ihn so auch wohltuend und weihevoll
für seine Seele machte
    So schrieb er jetzt
Es zieht ein Ahnen durch die Menschenseelen
In banger Lust in des Verlangens Pein
Als könnten Erd und Himmel sich vermählen
Als könnte auch die Menschheit glücklich sein
Doch alles Leben ist ein dumpfes Quälen
Vergeblich Jagen nach des Glückes Schein
Es ist ein Ringen ohne Rast und Frieden
Denn alle Ruh ist aus der Welt geschieden
Und ob auch ringsum Freudenblumen blühen 
Wer ist der sie zum Heil der Menschheit bricht
Die Menschheit ringt im Staub in dumpfem Mühen
Der Arme weiß von anderm Ziele nicht
Der Sklave kann nicht für das Recht erglühen
Von dem nur leis die innere Stimme spricht
Ein großer Fluch ist in die Welt gekommen
Er lastet schwer  er wird nicht weggenommen
»Den Armen ist das Himmelreich beschieden «
Einst klang dies Wort als Tröstung durch die Welt
Der Mensch soll dulden leiden nur hienieden
Der Glaube ist es der ihn aufrecht hält
Im stillen Hoffen auf des Himmels Frieden
Ertragen alles Leid wies Gott gefällt
So heischen es die frommen Christuslehren
Durch Himmelstrost die Erde zu verklären
Doch warum nur die Armen so ermahnen
Warum nur sie verweisen auf das Dort
Warum dass nur auf ihren Lebensbahnen
Das Grab erscheint als einzger Friedensort
Warum  und wieder naht ein banges Ahnen 
O flieh Versucher fliehe von mir fort
Die Menschen nur  nicht Gott ist zu verklagen
Die Menschen die den Gott ans Kreuz geschlagen
Ach käm er diese Welt erlösend wieder
Und stiftete ein irdisch Liebesreich
Wo alle Menschen nicht nur Glaubensbrüder
Wo sie in Wahrheit all einander gleich
Dann käm der Himmel zu der Erde nieder
Dann wär gelöst der Fluch von Arm und Reich
Und Millionen sänken Brust an Brust
Und würden sich des Daseins Glück bewusst
O dass er käme zu der armen Erde
In dieser bösen unglückselgen Zeit 
Auf dass es Frieden bei den Menschen werde
Auf dass er sie aus ihrer Schmach befreit
Und durch die Liebe alles Sein verklärte
Das jetzt durch Druck und Selaverei entweiht
O dass ein Gott zu uns herniederkäme
Mit unserm Wahn auch unser Leid uns nähme 
Er stand auf legte die Feder weg trat ans Fenster und faltete seine Hände
    »Schöner Traum« sprach er wieder seine sinnende Stirn in die rechte Hand
drückend »vielleicht erfüllbar auf einem schöneren Sterne  Vielleicht dass da
oben unter diesen Tausenden strahlender Kugeln auch eine solche Erde ihre
ewigen Bahnen zieht auf der alle Wesen in brüderlich heiliger Eintracht vereint
leben  vielleicht dass dort dieser Traum mehr ist als ein müssiges Spiel der
Phantasie  aber hier kann er nimmer zur Wirklichkeit werden auf dieser
unfähigen Erde mit diesen schwachen Wesen die sich Menschen nennen Wir haben
ja mit uns selbst nie Frieden im Innern  wir können nicht wir dürfen nicht im
geträumten seligen Frieden leben  wir müssen kämpfen damit wir unsere Kraft
üben kämpfen und ringen«
    »Wir sollen uns nehmen was man uns verweigert Wir sollen die Reichen
zwingen mit uns zu teilen  Und unser Gewissen Und unser Gott«
    »Ha Das ist es Auch mit der Religion wollen sie ein Ende machen  auch den
Glauben nennen sie eine Dummheit Und da wachen laut in meiner Brust Tausend
Stimmen auf und schreien dagegen  da ist mir als rissen sie mir mein Herz aus
während ich noch atme  und ließ mich allein in einer Nacht  nicht sanft und
mild und hell wie diese  in einer Nacht ohne Sterne«
    »Ach seht Ihr auf mich herab Sterne des Himmels gebt mir Licht«
    »Es war auch einmal so eine Stunde wo ich den Himmel fragte ob es einen
Gott gebe Da lebte meine Mutter noch und hört es und ward bleich  und sank
auf ihre Kniee nieder und betete einen frommen Spruch und weinte laut Sie fasst
es gar nicht dass man so fragen könnte und meinte vor Schauder zu sterben Was
ists denn nun weiter fragt ich sie noch  Weiter Es ist Alles  sagte sie
 Wenn Du keinen Gott mehr hast bist Du auch kein Mensch mehr   Sie wusste es
nicht zu erklären  aber ich ging fort dachte lange darüber nach und fühlt es
sie hatte Recht«
    »Mir ist als hört ich das dunkle Wort meiner Mutter von den Sternen
herüber«
    »Und die Armen  die Reichen«
    »Ach nur Menschenrechte den Armen sonst nützt es ihnen auch nicht dass sie
Gott haben«
    »Gebt uns Menschenrechte  gib uns Menschenrechte o Gott«
    »Sollen wir sie uns selbst nehmen«
    »Hebe Dich von mir Versucher«
 
                               VI In der Fabrik
 »Laut läutet das Herz der Jungfrau
 Mit ihres Gebetes rauschender Harfe
 Begrüsst sie den Aufgang der Liebe
 Des grossgeaugten Sterns«
                                                                      Karl Beck
Kammerjunker von Aarens erschien graziöser und eleganter als je auf Schloss
Hohental Vor einigen Tagen hatte ihn Elisabet abweisen lassen  er hoffte sie
heute mit ihren Eltern zu treffen und wollte sie durch unwiderstehliche
Liebenswürdigkeit dafür bestrafen dass sie sich bei seinem letzten Besuche
unsichtbar gemacht sie sollte dies bereuen
    Die Gräfin Hohental hatte ihn empfangen er war siegesbewusst eingetreten
sie hieß einen Diener Elisabet rufen Die Augen des Kammerjunkers leuchteten
er tat einen Griff in die gebrannten Locken kräuselte mit zwei Fingern den
Schnurrbart warf einen verstohlnen Blick in den Spiegel und lehnte sich
selbstgefällig auf dem Sessel zurück Da kamen Tritte  er wähnte schon
Elisabeths seidnes Kleid rauschen zu hören  die Türe öffnete sich  er sprang
auf und warf sich in eine unnachahmliche Stellung  aber statt der Ersehnten
trat ein Diener ein und sagte
    »Das gnädige Fräulein ist vor einer Viertelstunde ausgeritten Sie hat den
Portier beauftragt wenn nach ihr gefragt würde da im Augenblick ihrer
Entfernung die gnädige Frau Gräfin wohl noch Mittagsruhe halte zu sagen sie
sei nach der Fabrik geritten und werde vielleicht erst in ein paar Stunden
wiederkommen«
    Aarens machte ein bestürztes und einfältiges Gesicht er hatte bei dieser
Enttäuschung alle Fassung verloren Die Gräfin rang mühsam danach die ihrige zu
erhalten
    »Ist meine Tochter allein ausgeritten« fragte sie
    »Der Reitknecht hat sie begleitet  weiter war Niemand bei ihr«
    »Es ist gut«
    Der Diener war entlassen
    »Liegt die Fabrik besonders schön dass Ihre gnädige Fräulein Tochter dahin
Ausflüge macht noch dazu einen Ausflug von einigen Stunden«
    »Ich war niemals dort« sagte die Gräfin ausweichend »mir ist alles
Fabrikwesen zuwider ich habe eine glaub ich angeborene Abneigung dagegen«
    »Diese teile ich vollkommen Sowohl der Lärm dieser Maschinen wie die
Rohheit Aller welche damit umgeben ist das Abschreckendste was ich kenne Und
nun besonders dieser Herr Felchner Man zeigte mir ihm neulich im Cursaal Er
kam mit vier Pferden angefahren wie ein Fürst  und aus dem Staatswagen stieg
das kleine zusammengedörrte Männchen in dem schäbigsten grauen Anzuge den man
sich denken kann Sein Benehmen war auch von der größten Unhöflichkeit es war
als sage er mit jedem Blick ich bin hier der Erste denn ich bin der Reichste
Nein Es gibt nichts Entsetzlichers als diese Geldmenschen diese
Industriekönige«
    »Gewiss « sagte die Gräfin und hätte das Thema gern auf einen andern
Gegenstand gelenkt aber Aarens war einmal im Zuge und fuhr in gleichem Tone
fort
    »Von seiner Tochter erzählt man die fabelhaftesten Dinge ich selbst habe
sie noch nicht gesehen es soll ein niedliches Kind sein welches auch fürstlich
erzogen worden und erst seit Kurzem hier ist Sie soll sich aus Ermangelung
anderer Anbeter die hübschesten Fabrikarbeiter zu ihrem Umgang wählen  nicht
etwa die Factoren Buchhalter und Kommis die ihr vielleicht ebenbürtig sind
sondern Menschen der ausgeworfensten Klasse die um den niedrigsten Tagelohn
arbeiten  in der Tat das ist ein göttlicher Stoff zu einem Lustspiel  Seirbe
sollte ihn benutzen«
    »Das ist ja unmöglich« sagte die Gräfin »ein Mädchen von so guter
Erziehung kann niemals so weit herabsteigen und wenn sie auch von bürgerlichem
Herkommen und die Tochter eines gemeinen Vaters ist«
    »Eben darin liegt der größte Spas  der Vater ist in Verzweiflung über diese
Aufführung seiner Tochter und bewacht sie deshalb streng  aber sie weiß ihn zu
hintergehen Wenn man nicht fürchten müsste es wäre zu widerwärtig müsste es
eigentlich interessant sein dies Mädchen einmal zu sehen«
    Die Gräfin litt während dieser Rede unbeschreiblich sie wollte es nicht
zugestehen dass dies Mädchen Elisabeths Freundin sei und war doch gewiss dass
binnen Kurzem ein Zufall oder Elisabet selbst es dem Kammerjunker verraten
würde Die Gräfin konnte Paulinen nicht übel wollen sie konnte nicht glauben
was Aarens von ihr erzählte aber sie sah ungern die Freundschaft Elisabets
mit diesem bürgerlichen Mädchen welches die Tochter eines Mannes war der ihr
wie der ärgste Feind ihres Hauses erschien Aber sie wusste dass in dieser Sache
ihren Vorstellungen Elisabet kein Gehör gab und dafür hatte ihr ja nun eben
der gegenwärtige Augenblick einen Beweis geliefert Der Umgang der Freundinnen
hatte ihr abgebrochen geschienen seit den Differenzen zwischen dem Grafen und
dem Fabrikanten  und jetzt wusste sie die Tochter auf dem Wege nach der Fabrik
    Elisabet war noch keine Viertelstunde fort wie sie dem Portier aufgetragen
hatte zu sagen als man nach ihr schickte sondern erst wenig Minuten Sie war
schon entschlossen gewesen auszureiten um Paulinen zu sehen denn das Bedürfnis
nach freundschaftlicher Mitteilung ließ sie nicht länger zögern  aber als sie
Aarens ankommen sah ließ sie sogleich ihr Pferd vorführen und entfernte sich
Sie wusste selbst nicht warum aber Aarens war ihr nicht nur langweilig sondern
sogar widerlich und dies beinahe um so mehr als ihre Eltern von ihm meist
Abends sprachen und seine Gesellschaft gern hatten
    Elisabet war der Fabrik schon ziemlich nahe und die Ungeduld ihr Ziel
bald zu erreichen ließ sie ihr Pferd zur Eile antreiben als sie einen einsamen
Wanderer des Wegs kommen sah sie erkannte ihn und ließ plötzlich ihr Tier
langsamer gehen Es war Jaromir Er hatte sie längst erkannt er stand still und
grüßte Ein seelenvoller inniger Blick ein frohes Lächeln schöner
Überraschung begleiteten den üblichen Gruß Aber er wagte nicht sie anzureden
Sie warf ihm einen gleich frohen innigen Gruß zu und ritt langsam vorüber Nach
einer Weile kehrte er um und folgte ihr das Auge fest auf die schöne Gestalt
der Reiterin gerichtet Auf dem kleinen Hügel blieb er stehen von dem aus man
die nahe tiefer liegende Fabrik übersehen konnte Er sah wie Elisabet ihr
Pferd vor dem Hauptgebäude anhielt wie ein junges Mädchen heraustrat und der
Absteigenden um den Hals fiel dann das schöne Tier das sie hergetragen
schmeichelnd mit der kleinen Hand klopfte Er besann sich dass dies dasselbe
Mädchen sei mit welchem er hier Elisabet zuerst wiedergesehen und welches ihm
Waldow als die Tochter des Fabrikanten bezeichnet hatte So freute sich jetzt
Jaromir als er in Elisabet eine neue ungewöhnliche Eigenschaft bei einem
Mädchen ihres Standes und ihrer Erziehung entdeckte sie fröhnte also keinem
Vorurteil nach welchen sie ihr Vertrauen abmass wie es das Herkommen wollte
    Es war gerade vier Uhr und die Glocke läutete zu der Feierstunde des
sogenannten Halbabend Die Arbeiter ergingen sich im Freien Es fiel Jaromir
ein dass er zu ihnen hinabgehen wolle ob man ihm vielleicht eine oder die
andere interessante Maschine zeigen ob er vielleicht eine oder die andere Notiz
von Wichtigkeit über industrielle Einrichtungen und Erfindungen erhalten könne
Er ging also hinunter und auf die vier ersten Arbeiter zu welche ihm
begegneten Es war Franz neben August Wilhelm neben Anton
    August stieß Franz an und sagte »Sieh einmal das ist ein schönes Herrchen
 wer weiß am Ende ein Freier für unser Mamsellchen«
    Franz warf einen prüfenden Blick auf Jaromir und sagte ernst »Ja er hat
Etwas in seinem Gang und seinem Gesicht was die andern vornehmen Leute nicht
haben  er sieht vornehmer aus als sie Alle  aber das macht bei ihm nicht nur
der Anzug  es ist als käm es von innen heraus als hab er einen vornehmen
Geist«
    »Ich möchte wohl wissen wie unser eins aussähe in solch feinem Rock«
meinte August »ich glaube närrisch genug und doch wenn wir Geld hätten
könnten wir uns eben so anziehen und wenn wir nicht zu arbeiten brauchten und
den ganzen Tag faullenzen könnten hätten wir auch solche Hände  sieh einmal
die sind so weiß wie sie bei uns kein Mädchen hat nur etwa Mamsell
Paulinchen«
    Der so Gemusterte trat jetzt zu den Arbeitern und sagte leicht
    »Guten Tag meine Herren«
    Er hatte sich diese Redensart einmal angewöhnt seitdem das Jahr 1830 nicht
mehr hatte dulden wollen dass der Aristokrat den Bürger anders als Herr anrede
und da er recht wohl fühlte wie ein Duzend Jahre später mit der Zahl der Jahre
auch die Zahl der Fordernden sich ins Ungeheure vermehren musste so dehnte er
seine Redensart »meine Herren« von den Bürgern auch gern auf die Proletarier
aus und in dieser unwillkürlichen Gewöhnung lag ein viel tieferer Sinn als er
selbst sich träumen ließ Er sagte also
    »Guten Tag meine Herren«
    Über die Gesichter der so Begrüssten zog es wie ein augenblicklicher
Sonnenschein so erfreuen kann ein armseliges gedankenlos hingesprochenes Wort
Aber Wilhelms Gesicht verfinsterte sich noch schneller als eine schwarze
Gewitterwolke einen Sonnenblick vernichtet denn auch so verwunden kann ein
armseliges Wort und indes die anderen höflich ihre schlechten Mützen abnahmen
antwortete er düster
    »Wir sind keine Herren wir sind arme Arbeiter«
    »Sind Sie ihrer viele hier« fragte Jaromir
    »Ein paar Hundert« antwortete Anton und spitzte die Ohren »Weiber und
Kinder nicht gerechnet«
    Eine Schar blasser in Lumpen gehüllter Kinder hatte sich müde auf einen
sonnigen Platz gelegt einzelne von ihnen kauten an harten Brotrinden andere
warfen auf diese neidische Blicke Jaromir warf einen mitleidigen Blick auf
diese armen Geschöpfe und sagte
    »Diese Kleinen sehen sehr müde aus«
    »Ist wohl ein Wunder« versetzte Wilhelm bitter »Sie müssen den ganzen Tag
beschwerliche Arbeiten verrichten so gut wie unsereiner drum sind sie froh
wenn sie ein paar Minuten in der Sonne ausruhen können«
    »Den ganzen Tag Gehen sie denn in keine Schule« rief Jaromir verwundert
    »Sonnabends nachmittags wo wir um vier Uhr Feierabend haben« sagte August
»brauchen sie gar nicht zu arbeiten da kommt ein Lehrer aus der Stadt heraus
ein abgedankter Unteroffizier und prügelt sie weil sie wieder vergessen haben
was er ihnen vor acht Tagen vorher gesagt  das heißt sie in die Schule
schicken«
    Jaromir flüsterte für sich »Mein Gott Auch in Deutschland«
    August fuhr fort »Die Faktoren versichern uns dass sie da genug lernen
denn was sie fürs Leben brauchen lernen sie ja eben bei der Fabrikarbeit Zu
lesen und zu schreiben braucht ein Mensch nicht der es doch nie weiterbringen
kann als bis zu einem armen Fabrikarbeiter«
    Jaromir warf einige kleine Münzen unter die Kinder welche mit tierischem
Geschrei deraüber herfielen die Geldstücke einander wieder gegenseitig
wegzureissen suchten sich darum prügelten und herumzerrten es war ein trauriges
Schauspiel Ein kleiner Knabe stellte sich schreiend vor Jaromir hin und
jammerte indem er die leeren Hände zeigte
    »Ich hatte ein großes rotes Stück die Andern haben es mir wieder
weggerissen«
    »Schäme Dich« sagte Franz »Du weißt dass Du nicht betteln sollst« Er fuhr
fort während Jaromir noch ein kleines Geldstück für das Kind suchte »Herr nun
werden Sie gewiss sagen dass die Fabrikkinder eine böse Brut sind  so ists
auch sie fluchen wie alte Sünder sie führen hässliche Reden und machen sich
freche Späße sie betteln und stehlen sie betrügen und balgen sich
untereinander  und wenn diese Kinder groß werden so wachsen ihre Laster mit 
Herr Sie haben Mitleid für diese Elenden ich sehe es Ihnen an sonst hätten
Sie sie auch nicht beschenkt  drum sag ichs Ihnen was können diese Kinder
dafür dass man sie wild aufwachsen lässt und zu Verbrechern erzieht«
    In diesem Augenblicke mahnte die heftig gezogene Glocke wieder zur Arbeit 
Alles lief wieder in die Fabrikgebäude »Wir müssen an die Arbeit« sagte Franz
zu Jaromir der ihn staunend angesehen hatte während er sprach »wollten Sie
etwa zu Herrn Felchner  dort ist das Wohnhaus«
    Jaromir folgte Franz der mit den Andern schnell zur Arbeit laufen wollte
Er sagte »Ich möchte mich wohl ein Wenig umsehen und auch noch länger mit Ihnen
reden kann ich Ihnen nicht folgen«
    Franz schüttelte mit dem Kopf »Das geht nicht umsehen dürfen Sie sich
wohl aber nicht gleich so mit einem Arbeiter hereingehen und reden können wir
eben auch nicht viel bei der Arbeit das würde übel vermerkt werden  dort kommt
gerade der junge Herr Felchner selbst der kann Ihnen ja Alles am Besten
zeigen«
    »Die Fabrikherrn beschreiben die Sachen wohl anders als die Arbeiter «
sagte Jaromir »doch ich danke für Ihre Gefälligkeit « damit drückte er Franz
einen Taler in die Hand und wandte sich schnell nach Georg Felchner welcher
unweit von ihm stehen geblieben war
    »Ich danke Herr« sagte Franz »das kommt in unsere gemeinschaftliche
Kasse und ich danke Ihnen im Namen aller meiner Kameraden« Damit ging er
eilends wohin ihn die Glocke rief
    Jaromir wandte sich an Georg »Mein Herr ich bin fremd hier  es würde mir
interessant sein wenn ich mich in dieser Fabrik umsehen dürfte  man hat mir
Sie als den Besitzer bezeichnet und ich frage deshalb bei Ihnen um Erlaubnis
an«
    Georg sah gerade fast noch mürrischer als gewöhnlich aus doch bemühte er
sich ziemlich höflich zu sagen »Ich bin eben im Begriff in dies Gebäude rechts
zu den neuen Dampfmaschinen zu gehen welche wir kürzlich haben aus England
kommen lassen wenn Sie mich begleiten wollen so stehe ich gern zu Diensten
Ihnen die Sache zu erklären  Zwar Sie sprechen wohl auch Englisch«
    »Allerdings«
    »Nun dann können Sie es Sich auch von dem Engländer selbst erklären lassen
welcher dort die Oberaufsicht hat und den wir uns mit den Maschinen zugleich
haben kommen lassen er spricht nur ganz schlecht Deutsch außer mir und meiner
Schwester kann Niemand hier Englisch und so macht er uns zuweilen viel zu
schaffen Es entstehen immer Missverständnisse zwischen ihm und den Leuten oder
diese lachen ihn gar aus«
    »Es muss lästig sein in einer solchen Fabrik einen Ausländer im Dienst zu
haben«
    »Bah  wir sind froh dass wir ihn haben«
    In diesem Augenblick kam ein Factor auf Georg zu und sagte aufgebracht »Der
alte Andreas kam wieder halb betrunken zur Arbeit und stieß wider eine Walze
dass wir Mühe genug hatten den größten Schaden zu verhindern  ganz so ist es
aber nicht abgegangen«
    »So soll man ihm dem Andreas am Lohn abziehen« versetzte Georg ärgerlich
    »Der Schaden ist größer«
    »Desto schlimmer  auf seine Kosten kommt man einmal bei diesem Volke
niemals es soll nur eine Warnung sein dass er sich ein ander Mal besser in Acht
nimmt« Während der Factor sich entfernte fuhr Georg fort »Nichts als Ärger
und Unkosten bei diesem rohen Volke das dann noch immer tut als wären
schlechte Zeiten diese Leute verdienen wahrhaftig ihr Geld mit Sünden«
    Während dieser hingeworfenen Äußerungen waren sie in das Innere der Fabrik
getreten
    Georg gab Jaromir in der Kürze die nötigsten Erläuterungen die sich mehr
auf die Einrichtungen einzelner Maschinen im Besondern als auf diese der Fabrik
im Allgemeinen bezogen Jaromir schien zwar sehr aufmerksam zu sein lieh diesen
Worten aber doch nur ein halbes Ohr seine Blicke ließ er öfter über die
jammervollen kleinen Gestalten und blöden Gesichter der Kinder gleiten oder
über die mürrischen und tierischen Züge der älteren Fabrikarbeiter oder über
die gemeinen und böswilligen Erscheinungen der Frauen seine Gedanken aber
weilten noch in ganz anderem Kreise Elisabet war bei Georgs Schwester  er war
ihr so nahe und sollte sie nicht sehen  sie hatten denselben Weg zurückzulegen
 und er sollte sie allein lassen
    Er sagte jetzt zu Georg »Sie haben Sich so bereitwillig für einen Fremden
bemüht nehmen Sie dafür meinen verbindlichsten Dank und wenn Sie einmal den
Namen Jaromir Szarinh hören so erinnern Sie Sich meiner«
    Georg machte eine stumme Verbeugung und sagte dann »Sie sind wohl ein Gast
der neuen Wasserheilanstalt«
    »Allerdings die romantische Umgebung hat mich einige Zeit hierher in die
freie Natur gelockt«
    »Da haben Sie aber einen weiten Weg gemacht Sie werden das bei der Rückkehr
empfinden wenn Sie nicht erst eine Weile bei uns ausruhen wollen«
    »Sie werden mich sehr verbinden wenn Sie mir dies erlauben wollen allein
ich muss fürchten Sie in Ihren Geschäften zu stören«
    »Erlauben Sie mir Sie in das Wohnhaus zu begleiten und entschuldigen Sie
dann wenn ich Sie wieder auf einige Augenblicke verlasse«
    Man trat in das Haus »Wo ist mein Vater« fragte Georg eine Magd die in
der Hausflur beschäftigt war
    Sie antwortete »Er hat sich in das Komptoir mit zwei Rechnungsführern
eingeschlossen und mir den Auftrag gegeben Jedermann zu sagen er sei nicht zu
Hause kein Mensch dürfe ihn vor dem Abend stören«
    »Sie entschuldigen« sagte Georg zu dem Grafen ohne durch die allzunaive
Antwort der Magd im Mindesten in Verlegenheit gesetzt zu werden »das ist so
Brauch in unserm Geschäftsleben es lässt uns wenig Zeit für andre Dinge und für
andre Menschen« Dann fragte er die Magd wieder »Ist meine Schwester in ihrem
Zimmer oder unten«
    »Sie wird Besuch haben« antwortete die Magd »und sagte mir ich solle sie
nicht unnötiger Weise rufen«
    Jaromir lachte diese Art und Weise Jemand zu empfangen der einen Besuch
machen will kam ihm sehr spashaft vor Georg aber fuhr hitzig auf »So werde
ich wohl selbst Pauline fragen müssen ob es ihr gefallen wird meine
Anordnungen für nötig oder unnötig zu halten«
    Kaum hatte er dies ganz ausgesprochen als Pauline an Elisabeths Arm die
Treppe herab kam Die Mädchen waren im Begriff in die Gartenlaube zu gehen Man
ward einander vorgestellt und ging dann gemeinschaftlich in den Garten und nahm
da in der Laube Platz Nach wenig Augenblicken entfernte sich Georg
    Elisabet und Pauline erzählten Jaromir wechselsweise wie sie zusammen
erzogen und Freundinnen geworden wären und sich nun unbeschreiblich glücklich
fühlten gerade in dieser Einsamkeit einander so nahe zu sein Jaromir hörte mit
Vergnügen zu und warf manchen innigen Blick auf Elisabeths leuchtende Augen
    Eine glückliche Stunde zog sich über die drei Menschen hin eine Stunde die
nach ihren besten Momenten sich nicht beschreiben sondern nur fühlen lässt Ein
Sommerabend still und heiter an dem die Heimchen flüsternde Weisen unter
wallenden Grashalmen zirpen wo die Abendblumen ihre geheimnisvollen
Blütenkelche scheu und vorsichtig öffnen Düfte wunderbar aushauchen große
goldne Augensterne allmälig aufschlagend wo Schmetterlinge darüber hinziehen
in mystischen Kreisen von Blüte zu Blüte tanzend Und wieder über den
Schmetterlingen empor schwingen sich freudetrunkene Lerchen schmettern ihre
Lieder hoch in die Lüfte lassen ihre lieblichen Töne wieder leise fallen und
wieder klingen zu den lauschenden Feldern und Gärten  Da ist es als richteten
sich alle Halme auf und lauschten als fragten alle Blumen mit emporgeschlagenen
Augen zum Himmel auf woher die wunderreichen Lieder tönten  und auch das
weichgewordene Menschengemüt lauscht empor und wird wonnetrunken und still 
und doch ist nichts Aeusserliches geschehen nichts Neues nichts Unerlebtes
    So war es auch jetzt den drei Menschen in der Laube Pauline fühlte sich
froh und verstanden deshalb zufrieden und heimisch zum ersten Mal so recht
heimisch in der Heimat in der sie hinter lauter bekannten Gesichtern lauter
fremde Seelen finden musste Jaromir und Elisabet waren glücklich ein ganzer
Frühling blühte und sang in ihren Herzen und eine lachende Sonne strahlte
wärmend darein Ihre Worte waren aber nicht anders als das Heimchenzirpen das
Duften und Blühen der Abendblumen das farbige Spielen der Schmetterlinge das
Singen der Vögel rings um sie  nicht außerordentlicher nicht neuer nicht
unerlebter So wie diese Heimchen Blumen Schmetterlinge Vögel schon an
Tausend Abenden zu gleicher Naturfeier sich vereinigt so wie es die drei
Menschen schon oft selbst mit angesehen und erlebt hatten so waren sie auch
jetzt sich bewusst noch niemals eine stillglücklichere Stunde verlebt zu haben
als diese und doch war ihre Unterhaltung einfach und konnte alltäglich klingen
und verriet Nichts von der Herzen tiefinnerster Bewegung außer dass zuweilen
das Feuer poetischer Beredtsamkeit von Jaromirs Lippen flammte dass seine Worte
den Klängen der Lerche selber glichen welche sich in das obere Himmelblau
stürzte indem die scheidende Sonne noch ihre Flügel vergoldete
    Es fiel Elisabet schwer an den Aufbruch zu denken  Jaromir blieb so
lange unter dem Vorwande dass er Georgs Rückkunft erwarten wolle aber als jetzt
Elisabet aufstand von dem hereindämmernden Abend erinnert fragte er doch Ob
er sie begleiten dürfe
    »Mein Pferd habe ich weggeschickt« sagte sie »weil ich den kleinen Rückweg
zu Fuß machen wollte und da ich noch am Tage zurückzukommen dachte und ein
nachfolgender Diener mir lästig ist hab ich auch diesen nicht bestellt wollte
vielmehr um Paulinens Begleitung bis an den Park bitten  in unserm Park geh
ich ja doch allabendlich allein«
    »Nun« sagte Pauline »so brechen wir zusammen auf«
    Die Mädchen baten nun Jaromir zu warten bis sie ihre Hüte und Hüllen aus
dem oberen Zimmer geholt und entfernten sich deshalb So eben ward Feierabend
geläutet Jaromir trat aus dem Garten auf den freien Platz vor dem Hause
    Wilhelm und Anton kamen vorüber sie stießen einander an wie sie ihn gewahr
wurden und Anton sagte »Er ist immer noch da und treibt sich hier ganz allein
herum Glaubst Du nicht dass das Etwas zu bedeuten hat Und wer es wüsste ob
Gutes oder Schlimmes«
    »Nun was könnte denn noch Schlimmes kommen Anton ich hoffe jetzt Es
gibt Leute welche sich unsers Elendes erbarmen wollen welche es gut mit uns
meinen gelehrte Leute welche schreiben und was Rechtes gelernt haben die
sagen es gerade heraus dass man uns Unrecht tut und solche Leute müssen jetzt
in unsrer Nähe sein  ich weiß es gewiss  wer weiß ob er nicht Einer von ihnen
ist  er schien doch freundlich zu sein«
    »Und nun ist er noch immer hier« sagte Anton »am Ende hat er den
Feierabend abgewartet um noch mit uns zu sprechen«
    In diesem Augenblick kamen Pauline und Elisabet aus dem Haus und Jaromir
ging mit freundlicher Anrede auf sie zu
    Die Arbeiter entfernten sich kopfschüttelnd zusammen murmelnd
    In heiterer Unterhaltung wie vorher war die Stelle am Eingang des Parkes bald
erreicht an welcher Pauline von Jaromir und Elisabet scheiden wollte Die
Freundinnen hielten sich eben umschlungen als ein Wagen vorüber fuhr Es war
ein leichter zurückgeschlagener Phaeton ein einzelner Herr saß darin  man
würde weder ihn noch seine Lorgnette bemerkt haben wenn er nicht ein hämisches
»Guten Abend « aus dem Wagen der Gruppe zugerufen hätte
    Es war Kammerjunker von Aarens welcher mit diesem Gruß und indem er
langsamer als erst vorüber fuhr die Erkannten niederzuschmettern glaubte Aber
sowohl Elisabet als Jaromir dankten unbefangen in gewohnter Art und Weise
    »Wer war denn die Dame welche jetzt das Paar allein lässt« fragte Aarens
auf Paulinen deutend welche den Rückweg antrat seinen Kutscher
    »Die Tochter des Fabrikanten Felchner« antwortete dieser
    »Was  Kerl ist das wahr« rief Aarens außer sich
    »Bestimmt ich kenne sie genau « versetzte der Kutscher
    Aarens schlug ein Gelächter auf und rief ein Mal über das andere »Das ist
göttlich himmlisch  unvergleichlich«
    Unterdes ging Jaromir an Elisabeths Seite dem Schloss zu
    Sie sprachen Wenig  ihre Herzen schlugen zu laut und doch auch zu
befriedigt als dass sie hätten sprechen können Sie gingen langsam aber das
Schlosstor war bald erreicht an dem sie sich trennten
    Wie sie einander guten Abend boten fragte er nun leise ob sie morgen
Nachmittag zu Hause sei und sie antwortete ein freudiges leises »Ja«
    Später traf Anton wieder mit Franz zusammen »Was nur der fremde Herr so
lang in der Fabrik wollte« fragte er
    »Ich glaube wohl dass Du in Allen Spione siehst seitdem Du mit einem
Stiefel zusammen gewesen«
    »Höre« sagte Anton »hat Dich das Märchen auch angesteckt Stiefel soll
hier sein Der den August dafür hält hat dunkle Haare und keinen Bart  und
Stiefel hat rotes Haar und langen Bart ums ganze Kinn«
    Später gefragt musste August dies selbst zugeben man lachte ihn aus und
ermahnte ihn ein anderes Mal besser Acht zu geben  Stiefel werde nicht wagen
je wieder in ihre Nähe zu kommen versicherte Anton
 
                                 VII Die Zwei
 »Denkt Euch der Herren Wandergang
 Voran des Bettlers Kleid als Fahne«
                                                                 Alfred Meissner
Es war Abend Die Geheimrätin von Vordenbrücken hatte mit dem jüngeren Waldow
ein empfindsames Stelldichein in irgend einem romantischen Bosquet ihr Gatte
saß allein zu Hause und dachte zum tausendsten Mal darüber nach wie schlimm es
sei eine schöne Frau mit einer reichen Mitgift zu haben Eine Frau welche
jedem eifersüchtigen Vorwurf des Gatten sogleich den andern entgegen setzen
konnte recht wohl zu wissen dass er mehr um ihre Staatspapiere als um ihr Herz
geworben habe eine Gattin welche es immer geltend zu machen wusste dass ohne
ihren Reichtum ihr Gatte eine unbedeutende Rolle in der Gesellschaft spielen
würde und dass er deshalb sie niemals in der glänzendsten Ausstattung derjenigen
Rolle beschränke welche sie selbst sich einmal vorgenommen zu behaupten So
musste er alle ihre Launen dulden sie überall hin in die große Welt begleiten
wo er selbst sich und Andere langweilend eine erbärmliche Figur spielte musste
ihre Liebhaber als Hausfreunde verbindlich willkommen heißen und jetzt hatte
sie es gar dahin gebracht ihm durch seine Ärzte zu beweisen dass der Gebrauch
einer Wassercur in einer entfernten Wasserheilanstalt für seine Gesundheit ganz
unerlässlich sei Er hatte vergebens versichert dass er sich ganz wohl fühle und
einen ordentlichen Abscheu gegen alles Wassertrinken habe  gerade deshalb fand
man die Wassercur für ihn um so unabweisslicher notwendig Die zärtliche Gattin
versicherte dass sie sich ewig Vorwürfe machen würde wenn sie zugebe dass der
Gemahl die Pflege seiner Gesundheit in gleicher Weise vernachlässige wie bisher
 dass sie darauf bestehen müsse dass er ärztlichem Ausspruche sich füge und dass
sie ihn selbst begleiten werde um den gewissenhaften Gebrauch des Bades selbst
zu überwachen Frau von Vordenbrücken gehörte mit zu den durch die Journale
Mystifizirten sie hatte gelesen dass jetzt die Wasserheilanstalt zu Hohenheim
der fashionableste Kurord Deutschlands sei  so durfte sie dort nicht fehlen
Die Kur selbst zu brauchen fand sie langweilig und bürdete sie deshalb ihrem
Gatten auf Da dieselbe sehr viel Zeit erforderte und die Abendluft dabei
gemieden werden musste konnte sie um so mehr ohne seine stäte Nähe und
Begleitung ihren Vergnügungen ungehemmt nachgehen
    Als jetzt der Geheimrat sich in diese unerquicklichen Betrachtungen seines
ehelichen Lebens versenkte hörte er ein bedächtiges und zugleich eiliges
Klopfen an der Türe Auch ein Türklopfen kann voll tiefster Charakteristik
sein  das jetzt gehörte war es es war das Klopfen eines Menschen welcher in
allen Dingen sehr vorsichtig zu Werke geht und doch zugleich immer sehr pressirt
ist
    Der Geheimrat rief laut »Herein« erfreut eine Unterbrechung seines
Gedankenkreises zu finden und schritt schnell der Türe zu um zu öffnen
    Ein langer dürrer Mann mit einer ausgesucht maliziösen Miene trat ein
    »Guten Abend mein lieber Doctor Schuhmacher« rief der Geheimrat »Ihr
Besuch freut mich außerordentlich  ich hätte Sie längst schon gebeten mir
denselben öfter zu gönnen  allein Sie schienen mir immer mit so viel wichtigen
Dingen beschäftigt so pressirt dass «
    »Wirklich schien ich das« unterbrach Schuhmacher und machte dabei ein
bestürztes und ziemlich albernes Gesicht »So hätte ich dies Mal meine Rolle
wirklich schlecht gespielt«
    »Ihre Rolle Ich verstehe Sie nicht recht  aber nehmen wir Platz Sie
werden mir doch heute Ihre Gesellschaft nicht sogleich entziehen«
    Schuhmacher setzte sich »Wenn wir ungestört sind« sagte er »mich führt
allerdings eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit zu Ihnen  Aber
vielleicht ist in Ihrem Nebenzimmer Gesellschaft  oder Ihre Frau Gemahlin  «
    »Ich bin vollkommen einsam  es ist dies nicht das Local dazu viel
Gesellschaft zu empfangen und was meine Frau betrifft so ist sie ausgegangen
und ich denke sie wird noch lange nicht wiederkommen « der geduldige Ehemann
konnte dabei doch einen leisen Seufzer nicht unterdrücken
    »Nun so bin ich zur guten Stunde gekommen« sagte Schuhmacher geheimnisvoll
»denn die Unterredung welche ich mit Ihnen haben werde wird allerdings keine
Zeugen dulden   es ist doch Niemand von Ihren Dienstboten im Vorsaal oder
nebenan Sie erlauben dass ich nachsehe und die Türen verschliesse«
    Der Geheimrat versicherte wiederholt dass Niemand in der Nähe sei
Schuhmacher untersuchte aber doch zu bessrer Vorsicht alle Türen verschloss
dann die äußere setzte sich und begann
    »Dass ich mich hier befinde geschieht nicht etwa um die Mode mitzumachen
oder diese lächerliche Cur zu brauchen«
    Der Geheimrat biss sich in die Lippen  Schuhmacher stellte sich als ob er
das nicht bemerke und fuhr fort
    »Ich bin von Amtswegen hier und Nichts konnte mir bei der wichtigen
Angelegenheit welcher ich mich schon seit längerer Zeit unterzogen habe mehr
zu Statten kommen als dass in dieser Gegend welche der geheime Schauplatz
staatsgefährlicher Bewegungen ist«
    Der Geheimrat schrak auf  »Staatsgefährliche Bewegungen Hier In der
Tat ich erstaune Wie sollte hier der Sitz einer staatsgefährlichen Bewegung
sein wo es weder eine Universität Akademie noch irgend ein Institut gibt in
dessen Schoose sie keimen oder sich verkriechen könnte Staatsgefährliche
Bewegung hier wo es keine gefährlichen Menschen gibt  weder Advokaten noch
Künstler Literaten und andere unnütze Subjekte aus deren rebellischen Köpfen
demagogische Pläne kommen könnten  hier«
    »O mein teurer Freund Sie misskennen die Zeit Sie stellen sich auf den
Standpunkt welchen wir vor dreißig oder auch vor zehn Jahren einnahmen Jetzt
gilt es ja gar nicht mehr vor den Burschenschäftlern mit ihren
schwarzrotgoldnen Tiraden auf der Hut zu sein auch haben wir nicht den
schäumenden Julirausch zu fürchten welcher achtzehnhundertunddreissig auf ein
Mal aus den Bürgern ganz aparte Menschen machen wollte  nein vor diesen Dingen
fürchten wir uns nicht mehr Die Deutschtümelei ist wie Sie wissen vollkommen
erlaubt denn die Majestäten sprechen ja selbst von einem einigen Deutschland
und die Toaste auf dieses sind vollkommen offiziell Auch die Julimänner machen
uns Nichts mehr zu schaffen es ist ihnen ja unbenommen in den Ständesälen
schöne Reden zu halten und einander Adressen zu schicken Dass dies Alles ohne
weiteren Erfolg bleibt wird uns ergebenen Dienern der Regierung und der Polizei
ein Leichtes zu bewerkstelligen  aber hier haben wir es mit einem ungleich
gefährlicheren Feinde zu tun  und deshalb  um meinen Satz von vorhin zu
beenden konnte mir Nichts erwünschter kommen als die Anlegung dieser
Wasserheilanstalt Sie gab mir Gelegenheit hier einen längeren Aufenthalt zu
nehmen ohne mich irgend Jemand verdächtig zu machen ohne den wichtigen Zweck
meines Hierseins irgend wem zu verraten«
    »Ich begreife jetzt immer noch nicht klar wo Sie hinaus wollen  denn die
Nachricht von den Unruhen der Eisenbahnarbeiter ist doch zu neu bedarf noch der
Bestätigung«
    Schuhmacher fiel dem Geheimrat ins Wort »Unruhen Eisenbahnarbeiter  was
wollen Sie damit«
    »Also ist es nicht gegründet« fragte der Andere gelassen »Dass Sie es
hätten lange vorausahnen können schien mir mindestens unglaublich«
    »Ich bitte Sie um Gottes willen« rief Schuhmacher außer sich »was wollen
Sie mit den Eisenbahnarbeitern Was wissen Sie«
    »Sie wissen also Nichts«
    »Foltern Sie mich nicht länger reden Sie heraus«
    »Nun da Sie es nicht wissen ist es gewiss nur ein leeres Gerücht  meine
Wirtsleute erzählten mir die Arbeiter an der nächsten Bahn  Sie wissen man
arbeitet jetzt ungefähr sieben Stunden von hier  hätten ihre Arbeit
eingestellt um einen höheren Lohn zu erzwingen«
    »Das wäre ja entsetzlich Und wenn soll das geschehen sein«
    »Ich glaube erst heute«
    »Sonst hätt ich es wissen müssen  ich muss sogleich mit Ihren Wirtsleuten
sprechen die Geschichte von ihnen selbst hören  Waren sie dort«
    »Ich glaube Ihr Sohn arbeitet dabei und ist eben zurückgekommen um sich so
aus der Schlinge zu ziehen«
    »Teuerster Freund Erweisen Sie mir vor allen Dingen die Gefälligkeit
lassen Sie diesen Menschen unter irgend einem Vorwand zu sich kommen fragen Sie
ihn geschickt aus und erlauben Sie mir im Nebenzimmer Ihr Gespräch mit
anzuhören es wird dies ungleich zweckmässiger sein als wenn ich sogleich selbst
mit ihm rede« Schuhmacher rannte aufgeregt bestürzt und nachsinnend zugleich
in der Stube hin und her Der Geheimrat maß ebenfalls das Zimmer aber mit
langsamen abgemessenen Schritten  Beide waren nachdenklich jeder in seiner
Sphäre und seiner Weise
    Der Geheimrat trat ans Fenster  drunten im Hof war sein Diener
beschäftigt Stiefeln zu putzen und schäkerte dabei mit einer munteren
Bauerdirne welcher er drohte mit der Bürste voll Schuhwichse über ihr
flachsblondes Haar zu fahren wenn sie sich noch länger gegen einen Kuss sträube
In diesem allerliebsten Kriege war er eben nahe daran Sieger zu werden als der
Ruf seines Herrn vom Fenster herab diesem ein unerwartetes Ende machte
    »Was steht zu Befehl« schrie der Diener mühsam seine üble Laune
verbergend als Antwort hinauf während die Dirne kichernd und verschämt in den
Kuhstall eilte
    »Ist unten der Sohn der Wirtin zu Hause der vorhin angekommen ist«
    »Gnädiger Herr ich werde zu Dero Befehl erst nachsehen« war die
umständliche Antwort
    »Was gibts« rief mit Stentorstimme ein kleiner stämmiger Bursche aus dem
Hause heraus  es war derselbe von dem die Rede war der Eisenbahnarbeiter
Adam welcher das Frag und Antwortstück von Herr und Diener mit angehört hatte
und jetzt heraustrat
    »Wollten Sie wohl einmal zu mir heraufkommen« rief der Geheimrat dem
Burschen zu »ich wünschte mit Ihnen zu sprechen«
    Der Bursche nahm ehrerbietig die Mütze ab und sagte höflich aber mit grober
Stimme »Ich komm gleich«
    Schuhmacher gab dem Geheimrat die Hand »Die Regierung wird es Ihnen Dank
wissen wenn Sie auch dieser Angelegenheit sich annehmen« sagte er feierlich
»Fragen Sie den Menschen geschickt aus  ich gehe in das Nebenzimmer« und damit
huschte er schnell zur Türe hinaus als er bereits schwerfällige Tritte auf der
Treppe hörte
    Adam trat ein und drehte stumm die Mütze in der Hand
    »Man hat mir gesagt« begann der Geheimrat »dass Sie Arbeiter bei der
Eisenbahn sind«
    »Ja« war die kurze Antwort
    »Ist es wahr dass die Leute dabei heute ihre Arbeit eingestellt haben«
    »Sie hattens im Willen«
    »Sie wollten nur und es ist nicht geschehen«
    »Das weiß ich nicht so genau«
    »Guter Freund antworten Sie mir ordentlich und ohne Scheu  es liegt mir
sehr Biel daran über diese Sache Etwas zu erfahren  und es soll sein Schade
nicht sein wenn ich Wahrheit zu hören bekomme«
    »Der Herr haben wohl viel Actien dabei«
    »Nein  keine einzige  ich habe einige Leute welche ich für zuverlässige
und gute Arbeiter hielt zur Arbeit bei dieser Bahn empfohlen sie sind
angenommen worden und es sollte mir leid tun wenn sie sich mit bei den
Unruhstiftern befänden oder auch wenn sie nicht mit zu diesen gehörten aber
mit unter ihnen unschuldig mit den Schuldigen leiden müssten Erzählen Sie mir
also Alles aufrichtig und wie es kommt dass Sie Sich heute hier befinden da
doch weder Feiertag noch Sonntag ist«
    »Ja sehen Sie« sagte der Bursche treuherzig und durch die freundliche Art
mit welcher der Geheimrat zu ihm sprach zutraulich gemacht »das ist ein
närrisches Ding  das Beil war mir auf den Arm gefallen ich konnte nicht ohne
große Schmerzen arbeiten da dacht ich es ist besser Du gehst jetzt für krank
nach Hause  und so bin ich denn da Feiertag steht heute freilich nicht im
Kalender  auf der Bahn wird aber wohl welcher gewesen sein«
    »Wie so  die Leute mögen nicht mehr arbeiten Ist denn der Lohn so gering«
    »Nun Viel setzt es freilich nicht indessen wir waren gerade nicht
unzufrieden wir hier aus der Gegend wusstens nicht anders Aber da sind viel
Ausländer unter uns die hetzten uns auf und meinten sie hätten bei andern
Bahnen viel mehr gehabt Nun wollten wir die und jene Erleichterung haben  wir
kamen deshalb ein Alles in Ordnung und Friede Darauf hieß es unsere Sache
wäre verschickt und wir bekämen gewiss bald Erleichterung und manchen Vorteil
Ein paar Wochen vergingen  auf einmal hieß es nun käme die Erleichterung 
nein und wissen Sie was das war«
    »Nun«
    »Es ist zu närrisch Man machte uns bekannt dass wenn wir an unsre
Angehörigen Briefe mit Geld schicken wollten wir kein Porto zu bezahlen
brauchten Nun da schlag Einer ein Rad Könnten wir so Viel Geld verdienen dass
wir welches wegschicken könnten so würde gewiss Keiner klagen und das Porto
würden wir da vielleicht auch noch zusammen bringen können«
    »Nun  und Ihr wart also damit nicht zufrieden«
    »Gnädiger Herr wir die wir vorher nicht gerade unzufrieden gewesen waren
wir lachten nur über so eine Verordnung und ließ es gut sein  die Andern aber
murrten und sagten sie ließ es nicht gut sein   Da wird aber einem
ehrlichen ruheliebenden Kerle wie ich nicht wohl bei solchen Gesichtern bei
solchem tückischen Treiben  Wie mir nun der Arm jetzt weh tat nahm ichs für
ein Zeichen s sei wohl das Beste jetzt wegzugehen Nun calculirt ich Keiner
von uns soll arbeiten bis man ihm höheren Lohn verspricht  gut Verspricht man
den höheren Lohn und geht Alles vergnügt und lustig an die stehen gelassene
Arbeit so geh auch ich vergnügt und lustig mit daran  läuft es aber schlecht
ab  zwingt man uns wieder wie erst um denselben Tagelohn zu arbeiten hetzt
uns wohl gar mit Soldaten dazu und bestraft die die es erst anders gewollt
haben  muss mans wohl auch gut heißen denn wer die Macht hat hat das Recht
und das Recht muss wohl immer gut sein  Dann calculirt ich arbeit ich auch
wieder mit aber Niemand kann mir Etwas anhaben denn ich bin gar nicht da
gewesen sondern krank zu Hause wie der Teufel los ging«
    »War also etwas Bestimmtes beschlossen«
    »Weiter gar Nichts  als gestern wie es von der Arbeit heim ging sagt es
Einer dem Andern Bruder morgen machen wir gleich früh Feierabend  keine Hand
rührt Etwas an  und wer doch an die Arbeit gehen will dem solls bald
vergehen wir werden keine großen Umstände mit ihm machen er mag seine Knochen
wahren  so hieß es und so sagte man weiter wenn sie dann kommen und fragen
was das heißen solle dass wir Feiertag machten so antworten wir dass wir für so
geringen Lohn etwas Besseres tun könnten als uns den ganzen Tag zu plagen
wenn man uns nicht verspräche uns täglich wenigstens einen Groschen zum Lohn
zuzulegen so mögten die Herren Actionaire die Bahn mit eignen hohen Händen
fertig bauen  wir fragten dann den Geier danach So würden sie schon klein
zugeben hofften die Leute   mir aber ward gar nicht wohl zu Mute und wie ich
schon sagte  da macht ich mich in der Stille auf und ging heim  dass ich
fortgelaufen kann kein Mensch sagen denn ich habe dem Aufsher meinen gelähmten
Arm gezeigt und Urlaub genommen«
    »Das ist eben so pfiffig gehandelt als treuherzig gesprochen« sagte der
Geheimrat  »eigentlich hätten Sie aber den Aufsässigen Gegenvorstellungen
machen sollen«
    »Habe wohl  aber was nutzt das Da schimpfen sie Einen gleich einen feigen
Lumpenhund eine Schafnatur und was der Ehrentitelchen mehr sind und was man
zum Frieden redet das hilft nicht das Geringste  Wer am Meisten schreit
schimpft und flucht der ist ihnen dann der rechte Mann vor dem haben sie
Respekt auf den hören sie den machen sie zum Führer  und sonst Keinen«
    »Und das waren Ausländer oder «
    »Herr« fiel ihm Adam ins Wort und seine Stirn ward plötzlich zornrot 
aber eben so schnell als er das eine Wort gesagt brach er auch ab und schwieg
wieder  Der Geheimrat hatte Recht Adam war wirklich so pfiffig als
treuherzig bei der letzten Frage erriet er plötzlich dass man ihm zum Angeber
machen wollte und dagegen empörte sich seine redliche Deutsche Natur Adam war
ein echter Typus Deutschen Charakters Er war nicht gerade unzufrieden aber da
man ihm gesagt hatte er verdiene es eigentlich bessere Arbeit zu haben als
eben diese so dachte er ein höherer Lohn sei freilich mitzunehmen und eine
schöne Sache  aber er fürchtete sich dazu einen entscheidenden Schritt zu
tun ein Mal weil er überhaupt träge zur Tat war und lieber geduldig wartete
bis wie ihm die Ausländer höhnend zuriefen die gebratenen Tauben ihm einmal
aus der Luft in den Mund geflogen kämen  und dann aus angestammter Liebe zu
Frieden und zur Ordnung aus christlicher Ergebung in die einmal bestehenden
notwendigen Übel aus angeborner Unterwürfigkeit und treuem Gehorsam gegen
Vorgesetzte aus Achtung einmal übernommener Pflichten Dazu gesellte sich ihm
die Furcht der Erfahrung dass eben wer die Macht habe immer Recht behalte und
dass einige arme Arbeiter gegen diese Macht welche sie beherrschte nicht das
Geringste würden ausrichten können weder im Guten noch im Bösen Desshalb also
mochte er nicht gemeinschaftliche Sache mit den Widersetzlichen machen und zog
sich deshalb mit guter Art ganz von dem Schauplatz zurück auf welchem jene
wahrscheinlich ein elendes Trauerspiel aufführen würden  und weil er sich
sagte dass er darin ganz verständig und nach seinem besten Gewissen handle so
war er unbefangen genug dem fremden Geheimrat den wahren Sachverhalt zu sagen
Als aber dieser nach den Führern zu fragen begann begriff Adam plötzlich dass
nun seine fernere harmlose Aufrichtigkeit hässliche Angeberei sein würde dass man
ihm nun weil er mit den Kameraden nur keine gemeinschaftliche Sache habe machen
mögen zu deren heimlichen Feind machen wolle und dass er vielleicht zu ihrem
Verderben beitrage wenn er die Fragen welche man nun ihm vorlegen möchte eben
so offen und arglos beantworte wie die früheren Gegen diesen Gedanken schon
empörte sich die Deutsche Ehrlichkeit und biedere Freundestreue so heftig in
seiner redlichen Brust dass er den Geheimrat auf die erste verfängliche Frage
mit einem plötzlich herausgestossenen »Herr« förmlich anfuhr Aber sich
sogleich im Innern unwillkürlich selbst zurechtweisend dass eine solche
Heftigkeit wider den ihm doch eigentlich zur andern Natur gewordenen Respekt
gegen vornehme Leute und Beamte sei und in dem Gefühle dass Vorsicht zu allen
Dingen gut fügte er dem aufgebrachten »Herr« höflich hinzu
    »Führer gab es eigentlich ja gar nicht denn das Ganze war doch nur so ein
schnelles Vorhaben und keine lange vorher abgeredete Sache Einer raunte es dem
Andern zu wie ich schon gesagt morgen arbeiten wir nicht und das war Alles
Und wie ich sah dass sie fest entschlossen waren und Gegenrede nur Drohungen
hervorrief so macht ich mich aus dem Staub«
    »Und wie es nun wirklich abgelaufen davon wissen Sie Nichts«
    »Wie sollt ich auch Weil ich eben fort ging ehe der Teufel los war 
gleich gestern Abend Die Nacht blieb ich dann im nächsten Dorf und heute Mittag
bin ich vollends hierher gegangen«
    Der Geheimrat ging aufgeregt im Zimmer hin und her Adam wünschte je eher
je lieber von ihm loszukommen und da er wohl merkte dass da Jenem so sehr Viel
daran zu liegen schien über die Sache mehr zu wissen er wohl noch manche Frage
würde beantworten sollen wie ers vielleicht nicht ohne Verlegenheit konnte so
kam ihm ein guter Gedanke um fort zu kommen und er sagte »Heute ist gerade
der Tag wo der Bote Martin von hier nach dem der Eisenbahn nächst gelegnen
Flecken geht und Abends wieder zurückkommt von dem könnte man wohl Etwas
erfahren ich will doch zusehen wo er steckt zurück kommt er immer um diese
Stunde und dann kann ich Ihnen wohl mehr erzählen«
    Dies Mal kehrte sich das Verhältnis um die Maus hatte die Katze gefangen
Der Geheimrat ging glücklich in die Falle  er entließ nach diesem Vorschlag
Adam gern Dieser wusste recht gut dass Martin immer erst einige Stunden später
zurückzukommen pflegte  unterdes kam die Nacht und er selbst war des Verhörs
enthoben
    Schuhmacher trat nun wieder aus dem Nebenzimmer
    »Was sagen Sie  Freund« sagte der Geheimrat mit einer vielsagenden Miene
    »Freund Das ist ein furchtbares Komplot Gewiss ein sehr weit verzweigtes
dem auf den Grund zu kommen wir Alles aufbieten müssen« rief Schuhmacher
    »Und Sie wussten davon Nichts«
    »Davon Mein Gott im Himmel nein Das ist Alles ganz heimlich gekommen 
wie der Dieb in der Nacht«
    »Und was führte Sie sonst zu mir Und was ließ Sie sonst von
staatsgefährlichen Bewegungen in unsrer Nähe sprechen Von gefährlichen Feinden
der Regierung und der bestehenden Ordnung die Sie mich wollten nicht unter
Studenten Schriftstellern und Bürgern sondern in den untersten Klassen der
Gesellschaft kennen lehren  wenn Sie mich an die Eisenbahnarbeiter «
    »Eisenbahnarbeiter Eisenbahnarbeiter« fiel ihm Schuhmacher hitzig ins
Wort »Wer hat an Eisenbahnarbeiter gedacht Durch diese Entdeckung tritt die
ganze Sache in ein neues Licht in eine neue Phase  Fabrikarbeiter  so hieß
meine Loosung und das haben Sie übersehen können Und ich habe die
Eisenbahnarbeiter übersehen   o da sind ungeheuere Fehler geschehen  es ist
himmelschreiend « und in hitziger Wut wie ein Mensch der mindestens ein
verlorenes Königreich bejammert rannte er in der Stube auf und nieder  endlich
warf er sich erschöpft in einen Lehnstuhl  atmete tief auf fuhr sich mit dem
seidenen Schnupftuch über die Stirn auf welcher große Schweißtropfen standen 
atmete tief auf  und hatte die verlorne Fassung wieder  Gewohnt sich immer
zu beherrschen im Leben oft die verschiedensten Rollen durchzuführen die
unähnlichsten Masken vorzunehmen war es ihm eine ordentliche Wohltat wenn er
sich einmal ohne Zeugen sah vor welchen er nötig hatte seinen innern
Bewegungen zwängende Hemmketten anzulegen  dann überließ er sich denselben
ganz ließ sie eine Weile toben bis er dann nach diesem Aufruhr sobald er
einmal den Entschluss fasste wieder gefasst zu sein gleichsam zu sich selbst
sagte Nun ists genug und im Moment all seine Ruhe wieder hatte
    Mit dieser begann er jetzt »Es sind die Arbeiter in Felchners Fabrik auf
welche ich schon seit einem halben Jahr ein wachsames Auge geworfen habe Einer
von ihnen Franz Talheim genannt hatte ein Buch geschrieben Aus dem armen
Volk  Allen Menschenfreunden gewidmet Dieses Buch war mir in die Hände
gefallen  es enthielt die allerübertriebensten Schilderungen von der Not der
arbeitenden Klassen Ein Arbeiter derselben Fabrik hatte mir dies Buch gegeben
Sie wundern sich wie ich mit einem solchen Menschen zusammenkam  Nun wohl es
war schon längst von communistischen Verbindungen in Deutschland unter dem
Fabrikvolk die Rede gewesen  man hatte sie aber noch nie entdecken können  ich
hatte mich verbindlich gemacht dass ich wenn und wo solche existirten sie auch
würde ausfindig zu machen vermögen Aber ich wusste wie ich es anzufangen hatte
Ich begab mich hier in die nächste kleine Stadt  unter einem andern Namen  ich
nannte mich Stiefel  und mit einer falschen Haartour unkenntlicher gemacht
begab ich mich in die Vierstuben und Schänken und suchte Verkehr mit diesen
Leuten um ihre Stimmung zu erforschen Endlich gelang es mir einen der
Fabrikarbeiter bei Felchner mir ganz dienstbar zu machen Von ihm hab ich immer
die gewissenhaftesten Berichte erhalten über das was seine Kameraden vornahmen
Nachdem ich ihn geworben kehrte ich wieder in die Residenz zurück und
durchspähte andre Distrikte wenn auch nicht mit gleichem Erfolg Eines Tages
entdeckte ich wie jener Franz Talheim einen Bruder als Gelehrten in der
Residenz habe welcher sich plötzlich auf eine auffallende Weise von Weib und
Kind trennte und seine Stelle aufgab  Niemand wusste so eigentlich weshalb 
Dass er sich auch mit Schriftstellerei beschäftige war längst bekannt  und
solche Menschen sind immer verdächtig Ich erfuhr dass er später bevor er mit
einem jungen Grafen eine weite Reise angetreten sich hier bei seinem Bruder
aufgehalten habe Nach allen Erkundigungen die ich einzog erschien mir dieser
Mensch als ein Radicaler von der gefährlichsten Sorte Verdacht häufte sich auf
Verdacht  ich stellte bei seiner Frau eine Haussuchung an Sie wollte sich
widersetzen  denn sie mochte fürchten Leider schien ihr Mann sehr vorsichtig
gewesen zu sein  er mochte alle Papiere Korrespondenzen und Mannscripte welche
gegen ihn zeugen konnten mitgenommen haben Aber aus einigen Stellen in den
Briefen welche er an seine Frau geschrieben wurden doch alle meine
Vermutungen bestätigt Dieser Talheim reiste jedenfalls als ein
communistischer Missionair  er reiste nach der Schweiz Belgien und Frankreich
 vermutlich um sich dort am Heerde des Kommunismus neue Funken und
Feuerbrände zu holen welche er in den unterirdisch ausgehäuften Zündstoff
werfen könnte Aber welch überraschende Entdeckung musste ich noch machen Der
freimütige und berühmte Schriftsteller Graf Jaromir von Szariny war ebenfalls
in Verbindung mit diesen Talheims Ich fand Briefe von ihm aus früherer Zeit 
die Gattin wollte es zwar leugnen dass diese Verbindung noch bestände  allein
wie fand ich es bestätigt als ich diesen Szariny hier traf Er hat sich hier
angesiedelt um sich nun in unmittelbare Verbindung mit den Fabrikarbeitern zu
setzen So eben berichtete man mir dass er gestern den Mut gehabt sich in der
ganzen Fabrik herumführen zu lassen die Arbeiter aufzuhetzen Geld unter sie
besonders unter die Kinder zu verteilen und  «
    In diesem Augenblick hörte man das Rauschen eines Seidenkleides  die
Geheimrätin kam zurück Die Unterhaltung unter vier Augen war abgebrochen
    »Kommen Sie morgen früh zu mir ich  oder viel mehr die Regierung bedarf
Ihrer Dienste« sagte Schuhmacher zum Geheimrat als er sich entfernte
 
                              VIII In der Schweiz
 »Horch wie die Reuss im Sturze ins Tal jetzt nieder klingt
 Und wie ein Gemsenjäger von Fels zu Felsen springt
 Sieh wie der Vollmond drüben aufglüht so rot wie Blut
 Und lauf dem Gottard mälig erlischt die Opferglut«
                                                                Anastasius Grün
An demselben Abend wo die Zwei die wichtige für Beide nur zu schnell
abgebrochene Unterredung geführt hatten arbeitete Schuhmacher noch bis tief in
die Nacht für das Wohl des Vaterlandes Er ging noch ein Mal all diese mühsamen
und erzwungenen Zusammenstellungen und Beziehungen durch in welche er hungernde
Fabrikarbeiter mit einem ernsten unglücklichen Privatgelehrten der zwei
vornehme junge Leute auf Reisen begleitete mit einem schwärmenden Dichter dem
seine erste Liebe gelogen hatte und der eben jetzt willen und ahnungslos eine
neue strahlendheisse Flamme in seinem Herzen aufglühen und von ihr sich leiten
ließ so glücklich gebracht hatte Auf dieselbe geschickte Art hatte nun
Schuhmacher auch die ganze schlechte Presse und Tagesliteratur mit der Not
geistig und körperlich verkümmernder Kinder in eine harmonische Einheit gebracht
und nun war er damit beschäftigt in dieses aus so verschiedenen Elementen
geordnete Ganze auch die widersetzlichen Eisenbahnarbeiter in passender Weise
einzureichen
    Während seine an mühsamen Kombinationen und geschickten Erfindungen so
schöpferische Seele über diesem Chaos ineinander geworfener Umstände finster
brütend lag stand einer von Denen in dessen Inneres er so gern einen
Spionenblick geworfen hätte weit von ihm entfernt und sah dem Alpenglühen zu
Und hätte Schuhmacher doch zu dieser Stunde in die klare hohe Seele dieses Edlen
blicken können  er würde dadurch beschämt vielleicht die eigne Erbärmlichkeit
gefühlt oder doch vielleicht einmal an die argwohnvergiftete Brust geschlagen
haben und von sich selbst beschämt worden sein 
    Gustav Talheim der Aelteste der drei Brüder weilte in der Schweiz
    Die Beiden jungen Leute welche er begleitete Karl von Waldow und Eduin von
Golzenau hatten sich aufs Liebendste an ihn angeschlossen Karl war ihm
sogleich mit heiterer Freundlichkeit entgegen gekommen Er war das was man einen
»guten Jungen« zu nennen pflegt Er schloss sich leicht und schnell an Jedermann
an und pflegte allen augenblicklichen Eindrücken zu folgen Er war leichtsinnig
aber mit dem besten Herzen von der Welt Sein Gemüt war ungleich
hervorstechender als sein Geist Immer gefällig munter aufgeregt ließ er
wenn er vielleicht auch nicht zu Übereilungen zu verführen war sich doch eben
so leicht zum Guten leiten  und so war es für ihn ein Glück bei guten Anlagen
aber Mangel an Grundsätzen und jeder Art von Tiefe und Charakterfestigkeit der
ernstfreundlichen Leitung eines Menschen wie Talheim anvertraut worden zu sein
der er sich dann auch mit kindlicher Hingabe überließ
    Anders war es mit Eduin Er hatte anfangs eine Vorurteil gegen den
aufgedrungenen Mentor denn erglaubte mit achtzehn Jahren vollkommen mündig zu
sein um seinen Weg durch die Welt allein und selbstständig zurücklegen zu
können  Ein tiefer Ernst ein hochfliegender und weitstrebender Geist waren
die Grundtypen seines über seine Jahre hinaus entwickelten Wesens Meist
verschlossen in sich gekehrt ja abstoßend war er nicht der Mann der Anfangs
auf Jemanden einen angenehmen Eindruck hätte machen können dabei war er
wortkarg und hölzern so jedoch dass man nicht wusste ob diese Eigenschaften
Folgen eines eitlen Dünkels oder knabenhafter Schüchternheit waren Talheim war
Menschenkenner genug um bald zu finden wie ungleich mehr es lohne nach der
Liebe und dem Vertrauen dieses schwerzugänglichen Herzens zu streben als nach
dem Karls dass sich jedem freundlich Entgegenkommenden sogleich fröhlich öffnete
und sonder Rückhalt anschloss Lange Zeit sah er sich von Eduin nur mit kalter
Höflichkeit behandelt Ein an sich unbedeutender Vorfall hatte aber Alles
geändert Die drei Reisenden hatten einst einen Ausflug zu Pferd gemacht Die
Dunkelheit hatte sie übereilt als sie auf dem Rückweg waren es brach eine
Gewitternacht herein mit kaum aufhörendem Blitzen und Wetterleuchten Davor
scheute Karls Pferd warf den Reiter ab und entfloh Talheim war um den
Verwundeten beschäftigt Eduin suchte das Pferd wieder zu fangen und bracht es
triumphierend zurück Nachher sagte Talheim »Mir wär es das schönste Geschäft
im Stillen Wunden zu verbinden und Balsam aufzulegen  für Sie taugt es besser
ins Weite zu jagen und widerspenstigen Trotz zu besiegen  so will ich die
Jugend  einst war ich auch so«
    »Und es wird Zeit dass ich anders werde« antwortete Eduin kalt und höhnisch
fragend
    »Nein  es wird höchstens Zeit dass Sie Anderes als ein Ross bezwingen lernen
 denn das Wort ist so wahr als alt Wem Viel gegeben von dem wird Viel
gefordert werden « versetzte Talheim
    »Meinen Sie  dass ich lernen soll mir selbst die Zügel überzuwerfen  O
der Mühe hat mich ja mein Vater überhoben« sagte Eduin gereizt »er hat mir ja
die Zügel selbst umgelegt und dann zur Leitung in geübte Hände gegeben«
    Talheim nahm seine Hand und sah ihn fest an indem er ruhig sagte »Sie
wollen mich beleidigen  Womit hab ich das verdient Wenn ich noch ein Jüngling
wäre würde ich mich in Ihre Arme werfen und sagen Wir denken gleich in Allem 
lass uns Brüder sein Vor fünfzehn Jahren würd ich dies gekonnt haben  aber
ich weiß es wohl das Alter muss vergebens betteln gehen um die Liebe der Jugend
weil man in jeder Falte des Angesichtes die Linie eines strengen Richtmaasses zu
sehen wähnt  und doch  Eduin wären wir uns früher begegnet  wir hätten uns
einander ebenbürtig gefunden  nun trennt uns die Kluft der Jahre und wenn ich
über sie hinweg meine Arme nach Ihnen ausbreite so stehen Sie argwöhnisch mir
gegenüber und bleiben fern « eine große Träne war in sein Auge getreten  da
lag plötzlich Eduin zu seinen Füßen  erst jetzt verstand er die liebestarke
Seele dieses hohen Menschen
    Eduin rief »Vergeben Sie meinem Stolze  Ihre Freundschaft schien mir ein
unerreichbar hohes Gut  ich sagte mir Tausend Mal dass es Knabentorheit sei
darum zu werben  und im gleichen Maas als ich Sie liebte mogt ich nicht von
Ihnen mich lenken lassen  ich wollte Ihnen gegenüber kein Kind sein weil ich
danach strebte von Ihnen geliebt zu werden«
    Diese Stunde als der liebgewordene Zögling endlich dieses stolze Geständnis
an Talheims Herzen ausweinte war für diesen die schönste welche er seit
langer Zeit empfunden
    Und so hatte von da der stolze schwärmerische Jüngling sich mit der
innigsten Zärtlichkeit an Talheims Herz gehängt und oft forderte er in
jugendlichem Aufwallen edelster Gefühle das Schicksal heraus ihm den Augenblick
zu schicken wo er dem geliebten Freund beweisen könne dass er bereit sei für
ihn zu leben und zu sterben und Alles zu tun und zu dulden und hinzugeben was
das Leben bieten und das Sterben erschweren könne
    Monate waren seitdem schon vergangen Jetzt weilten die Drei in der Schweiz
Nun eben waren sie an dem Ort angekommen wo sie die nächsten Briefe zu finden
erwarten konnten Karl und Eduin empfingen Briefe aus den väterlichen Häusern
mit herzlichen Grüssen und fröhlichen Nachrichten von allseitigem Wohlergehen
Auch für Talheim lagen zwei Briefe bereit der eine von Amalien der andere von
Bernhard seinem Bruder Er wunderte sich dass ihm dieser geschrieben denn der
Briefwechsel zwischen diesen beiden Brüdern war immer unbedeutend gewesen und
hatte sich nur auf einfache Notizen beschränkt damit sie nur nicht ganz außer
Verbindung kämen  aber hierher hatte er ihm ja nicht einmal seine Adresse
gegeben Weil ihm dies Schreiben so befremdlich vorkam so öffnete er dies
zuerst und warf einen hastigen Blick hinein  und wieder und wieder  und sah
schärfer hin denn vor seinen Augen flimmerte es und die Buchstaben schwankten
alle unruhig auf dem Papier vor ihm hin und her  sie schienen alle zu
zerfallenden morschen schwarzen Kreuzen zu werden die auf einem Kirchhof
schief untereinander stehen und im Mondlicht am Charfreitag wo alle Gräber sich
erschrocken aufspalten darauf ruhelos hin und wieder wanken sich neigen und
beugen  und doch immer schwarze Kreuze bleiben Kreuze auf einem Kirchhof  so
sagten auch ihm die Buchstaben immer dasselbe obwohl er es ihnen nicht zugeben
durchaus nicht glauben wollte  sie stellten sich doch immer wieder so vor ihm
zusammen dass er lesen musste
    »Dein Kind ist tot  Dein einziges Kind Deine Anna«
    Er saß da in sich zusammengesunken  er wagte kaum zu atmen am Wenigsten
zu denken
    Mechanisch griff er nach dem andern Brief der von seiner Gattin kam Das
Datum welches er trug war ein um vier Wochen späteres Bernhards Brief hatte
wahrscheinlich schon länger als jener hier gelegen
    Er las Nochmals fand er das Grässliche bestätigt
    Amalie schrieb ihm
    »Unser Kind ist tot Ich hatte lange nicht die Kraft Dir das Entsetzliche
zu schreiben  nun Du es bereits durch Bernhardt weißt finde ich den Mut
eher«
    Sie schilderte ihm herzzerreissend ihren Jammer um den Verlust ihres einzigen
Kleinodes  herzzerreissend die Leiden der letzten Stunden des so frühe Engel
gewordenen Kindes  dann fuhr sie fort
    »So ist auch das letzte Band gelöst das uns noch zusammenhielt und so ist
auch dies der letzte Brief welchen Du von mir erhältst Betrachte mich auch als
eine Gestorbene als sei ich mit unserm Kinde zugleich begraben worden Wollte
Gott es wäre so Für Dich wenigstens soll es so sein Binnen Kurzem verlasse
ich meinen jetzigen Wohnort und werde Gesellschafterin bei einer vornehmen und
hochgeachteten Dame  frage nicht das Weitere spähe nicht danach wohin wir
gehen Du sollst es nicht erfahren  auch nicht durch Deine Brüder denn deshalb
habe ich es auch ihnen verschwiegen So lange ich noch die Mutter Deines Kindes
war so lange ertrug ich es von Deiner Güte welche ich so oft gemissbraucht
auch den Unterhalt für mich zugleich mit dem anzunehmen was Du mir zur
Erziehung unseres Mädchens sandtest Nun hab ich keinen Zweck mehr im Leben
für Dich bin ich gar Nichts mehr  und da es denn einmal gelebt sein muss so ist
es nun meine Schuldigkeit mir nun die Mittel zur Existenz selbst zu
verschaffen Ich habe dazu das passendste Mittel ergriffen indem ich
Gesellschafterin werde«
    »Ich danke Dir nochmals für alle die Güte und Langmut mit welcher Du mich
in den Jahren unserer unglücklichen und qualvollen Ehe behandelt hast Ich habe
sie nicht verdient wie ich ja überhaupt Dich selbst und Deinen Besitz niemals
verdiente und verdienen konnte Du warst ein höheres Wesen neben mir  Du
hättest mich niemals lieben sollen  so tief habe ich unter Dir gestanden das
habe ich wohl gefühlt  und eben weil Du so hoch über mir warst konnt ich Dich
nicht lieben  Deine Größe drückte mich nieder  und um selbst weniger diesem
beschämenden lastenden Gefühl zu erliegen strebte ich Dich zu verkleinern«
    »Auch Du wirst es mir niemals vergeben können dass ich die Kette ward
welche Dich in niedere Verhältnisse bannte statt dass Du mich erheben wolltest
Wir haben uns gegenseitig das Leben erschwert ohne dass wir es gewollt haben 
es ist gut dass wir getrennt sind  so wirst Du mich vergessen und Alles was
ich Dir sein sollte und nicht sein konnte und von mir ist der Druck genommen
als eine Heuchlerin durchs Leben gehen zu müssen«
    »Ich bin allein und grenzenlos elend  aber eben weil ich allein bin so
trage ichs leichter  so kann ich eher Ruhe finden Deine Liebe und Größe wird
mir nicht mehr zur Qual und der Gedanke an Jaromir hat für mich keinen Stachel
der Liebe mehr  denn wenn ich jetzt noch an ihn denke so geschieht es nur mit
Hass und Verachtung  Mein Kind ist tot  ich fange nun an auch darüber
ruhiger zu denken denn es tröstet mich dass es ein Mädchen war und dass ein
Mädchen zu keiner andern Bestimmung geboren wird als zu der unglücklich zu
sein«
    »Lebe wohl und für immer  vergib mir dass ich Dir viele Jahre Deines
Lebens hindurch Glück und Frieden gestohlen habe  ich kann Dir diesen Raub
nicht vergüten  aber ich will ihn wenigstens nicht noch vergrößern«
    »Noch Eines Du bist durch die Ehe zu unglücklich geworden als dass ich
glauben sollte es triebe Dich zu einer zweiten Verbindung Sollte es aber einst
so sein und ich schleppte mich immer noch unglücklich durchs Leben so wird
wohl auch unsere gerichtliche Scheidung kein Hindernis finden  wäre es dennoch
so will ich kein Mittel scheuen und jedes Opfer bringen das im Stande ist sie
zu bewerkstelligen  und müsst ich mich selbst  ehrlos nennen Nur in diesem
Falle suche meinen Aufenthalt zu erfahren  außerdem dies Versprechen nehm ich
Dir ab frage niemals nach mir«
    Noch ein Mal brachen alle Wunden seines Herzens auf  zwar hatte er nie mehr
an eine Widervereinigung mit Amalien gedacht zwar hatte er gestrebt die Liebe
zu ihr aus seinem Herzen zu reißen seitdem er wusste dass sie sein innigstes
Gefühl niemals wahrhaft erwidert hatte  aber noch oft war sein lang und
treugehegtes Gefühl stärker gewesen als sein männlich stolzer Wille und oft
noch hatte er jenes als Sieger gefunden So begann jetzt in ihm ein neuer Sturm
 ihm war zu Mute wie einem Schiffbrüchigen der das Schiff auf dem er bisher
heimisch durch die wechselnd trübe und klare Flut des Lebens gesteuert unter
sich zerkrachen sieht und Weib und Kind und all seine Habe von den wilden Wogen
verschlungen und da und dorthin getrieben  Alles ist untergegangen begraben
hinweggespült  und nur obenauf schwimmt die schöne blasse Leiche eines Kindes 
die gebrochenen Augen die staaren weißen Händchen nach der Stelle zu gerichtet
wo in weiter Ferne der einsame Vater verlassen und verzweifelnd steht
    Bei diesem letzten Bilde weilte er am Längsten und immer wieder
    Eduin und Karl traten zu ihm und wollten ihre fröhlichen Nachrichten vom
Hause für die seinen austauschen  aber als sie den Verehrten so erschüttert und
wie in Verzweiflung zusammengesunken vor sich erblickten wie sie ihn noch
niemals gesehen da traten sie ehrfurchtsvoll von ihm zurück
    Er hatte ihr Eintreten bemerkt und stand auf
    Er ergriff Beider Hände und sagte ruhig indem eine helle Träne aus seinen
Augen fiel »Sie können den großen Kummer den ich heute erfahren kaum ahnend
begreifen ich hatte ein einziges Kind  ich habe Ihnen zuweilen von meinem
kleinen Mädchen gesprochen   es ist tot« 
    Die Beiden waren zu bestürzt als dass sie vermogt hätten Etwas zu erwidern
sie drückten ihm nur innig die Hand und sahen zu Boden Karl weinte Eduin warf
sich heftig an die Brust des Trauernden
    »Ich bin Ihres Mitgefühls gewiss« sagte Talheim nach langer Pause »aber
lassen Sie mich jetzt allein mit meinem Schmerz in die Berge gehen ergehen Sie
Sich jetzt zusammen mit heiterern Genossen  ich werde ruhiger werden wenn ich
in der Einsamkeit mit meinem Schmerze trauliche Zwiesprache halten kann«
    »Alles was Sie wollen« sagten Beide
    Und so ging Talheim allein hinaus
    Und so stand er jetzt einsam auf einer Höhe und sah dem Alpenglühen zu als
sei seine Seele ruhig und ganz verloren in den Anblick eines großartigen
Schauspiels
    In den Tälern war es schon Nacht  aber die Höhen glänzten noch leuchtend
in Gold und Purpur und Himmelblau
    Wie hohe Könige so ragten die ewigen Alpen empor wie auf festen Tronen
von weißem Marmor Stahl und Silber  so glänzten die Gletscher  auf Teppichen
von grünem Samt mit bunter Blumenkante gestickt  so waren die Matten und
Felder  wie auf solchen Tronen saßen die großen Könige die weiten Mäntel von
schneeigem Hermelin umhangen die das Abendrot zugleich zu schönen Purpuren
färbte goldne Strahlenkronen auf den ernsten Häuptern von denen die silbernen
Locken und Bärte ehrfurchtgebietend niederflossen Und darüber hinweg die blaue
Luft als herab sich senkenden Tronhimmel mit goldner Sternenschrift  Aber mit
einem Mal gleichsam wie aus der Tiefe aufgestiegen krochen schwarze Wolken
schattend und unheimlich zu den Füßen dieser Throne heran lagerten trotzig vor
ihren Füßen sich nieder wuchsen endlich immer höher auf übereinander sich zu
dicken Knäueln ballend und verdichtend wuchsen endlich herum um die
Purpurmäntel mit den Kragen von Hermelin und verhüllten sie ganz wie mit grauen
hässlichen Decken und so immer höher immer weiter bis nur noch die goldenen
Königskronen wie mit unvernichtbarer und unerreichbarer strahlender Herrlichkeit
in stolzer Ruhe über sie hinwegglänzten
    Aber da begann ein Murmeln Grollen und Rollen in den finsteren Wolken  dann
wurde es lauter wilder heftiger endlich riss eine gelbe Blitzesschlange nach
allen Seiten hinzüngelnd die dichteste Wolkenschicht auseinander und furchtbar
krachend wetterte zugleich ein dröhnender Donnerschlag wie erderschütternd vom
Himmel nieder Mit Eins brach die Blitzschlange von ihrem geheimnisvollen Lager
auf und hervor  mit Eins fand der Donner seine furchtbar dröhnenden
Posaunentöne mit denen er aus der Höhe hernieder rief wie der Engel des
Weltgerichts  und mit Eins sanken plötzlich die goldnen Kronen von den blassen
Stirnen und silberweissen Locken der Könige Nun begann ein tobender Kampf der
Elemente es war als hätten alle die Waffen ergriffen eines wider das andere
und schleuderten jetzt ihre unheilbringenden lärmenden Geschosse
    Und Mitten in diesem Aufruhr stand Talheim und bot seine Locken dem Sturm
    Ein Gewitter in der Alpenwelt Da mochte wohl dem der es noch nimmer erlebt
zu Mut sein als gehe die Welt aus ihren Fugen
    Aber nicht geringer war der Aufruhr in der Brust dieses schmerzerschütterten
Menschen der jetzt Mitten in diesem Toben stand Er fasste zuweilen krampfhaft
mit der Hand nach der Stelle seiner Brust hinter welcher sein zuckendes Herz
schlug um zu fühlen wie viel Schläge es wohl noch tun und zugleich aushalten
könne ehe es ganz breche und vielleicht still stehe
    Er hatte nicht darauf geachtet wie in diesem Augenblick eine elegante Dame
am Arm eines vornehm aussehenden Herrn an ihm vorübereilte
    In der nächsten Hütte suchten die Beiden Obdach vor dem Regen der jetzt
prasselnd und strömend niederfiel
    Talheim stand noch in dem Wetter und achtete es nicht Ein zweiter
Donnerschlag rollte jetzt hinter dem ersten her vergrub sich immer tiefer
zwischen die Berge in die Täler weckte immer neuen Widerhall aus allen
stummen Felsen und rauschenden Wäldern  es war als würden viel Hundert
Kanonenschlünde auf ein Mal tätig und ließ dröhnende Laute hören welche
nimmer wieder enden und sich zur Ruhe finden wollten
    Da auf einmal fasste Eduin Talheims Arm und bat »Ach kommen Sie herab in
die Hütte hier kann Sie der Blitz erschlagen  oder wenn das nicht so
durchnässt der strömende Regen Ihre Kleider und Sie können sich erkälten«
    Talheim sah erst erschrocken dann aber freundlich auf den besorgten
Jüngling der als das Wetter losbrach die Angst ihn zu suchen getrieben durch
Sturm und Regen  sie schritten miteinander den Berg herab
    Da stieß Eduins Fuß auf einen kleinen glänzenden Gegenstand nach dem er
sich bückte und ihn aufhob Auf der schnellen Flucht vor dem Wetter betrachtete
er ihn nicht näher und steckte ihn zu sich
    Auch diese Beiden suchten jetzt in der Hütte Schutz in welche vor ihnen die
Dame und der Herr getreten waren Diese Beiden saßen im Hintergrund auf einer
alten Bank und die durch den herabsinkenden Abend und das aufsteigende Gewitter
zugleich entstandene Dämmerung ließ ihre Gesichtszüge nicht weiter
unterscheiden Eine muntere Bäuerin die Bewohnerin der Hütte stand am Eingang
derselben und rief Talheim und Eduin gleich freundlich entgegen doch bei ihr
einzutreten bis das Wetter vorüber sei Die Beiden blieben an der Türe stehen
und sahen von innen dem Toben draußen zu
    Eduin zog jetzt den kleinen Gegenstand heraus welchen er vorher gefunden
hatte Es war ein großes goldenes Medaillon am Rand mit Perlen besetzt Ein
leichter Druck öffnete es Es zeigte auf Elfenbein gemalt das Bild eines schönen
blassen jungen Mannes Immer spähender verwunderter betrachtete Eduin das Bild
und rief endlich aus »Das ist mein Vetter Jaromir nicht nur die Ähnlichkeit
täuscht mich  er ists gewiss und wahrhaftig da steht unten in das goldene
Blättchen eingegraben sein Name«
    Talheim starrte auf das Bild »Er ists« sagte er langsam ward noch
bleicher als vorher und verstummte sogleich wieder denn dieser Name ließ ihn
aufs Neue in ein tiefes Meer schmerzlich grollender Gedanken versinken
    »Was Sie kennen ihn auch« rief Eduin überrascht »und haben mir nie davon
gesprochen wenn ich Ihnen von ihm erzählte wie er mir schon von Kind auf ein
Vorbild war Mit tiefster Innigkeit hab ich ihn immer geliebt und seine schöne
Mutter die als sie mit ihm in das Haus des Vaters kam mich zu ihrem Liebling
machte und mich immer auf dem Schoos wiegte ist meine frühste und liebste
Erinnerung Wie er dann eine Zeit lang unser Schloss mied und erst wiederkam
nachdem er reich und berühmt geworden da sagt ich mir wohl oft so will ich
auch handeln und werden wie er  Und er hatte mich auch recht lieb und war oft
vergnügt mit mir und schickte mir immer gleich jedes seiner Lieder Nun habe ich
ihn seit ein paar Jahren nicht gesehen und plötzlich muss ich hier in den
Schweizer Bergen sein Bild finden Sollte er gar selbst hier sein Aber nein
Das eigne Bild führt man ja nicht mit sich«
    In diesem Augenblick trat die Dame die bisher im Hintergrund gesessen
schnell vor auf Eduin zu und sagte »Nun ich hier so unerwartet diese
begeisterte Lobrede auf meinen Freund gehört darf ich mich wohl als
Eigentümerin dieses Bildes bekennen und dem glücklichen Zufall danken der mir
zu der Wiedererlangung des verlorenen Kleinodes verhilft und noch dazu durch
einen Verwandten des Grafen  wenn ich recht gehört«
    Talheim erkannte die Dame und zog sich von ihr zurück indem er
unwillkürlich leise für sich sagte »Bella«
    Eduin aber stand wie bezaubert vor dem schönen Weibe glühende Röte schoss
auf seine Stirn er zitterte unwillkürlich und hielt keines Wortes mächtig das
Bild hin Die Schauspielerin Bella reiste von Paris durch die Schweiz zurück
nach Deutschland Jaromirs Bild begleitete sie immer sie trug es meist an
ihrem Halse denn wie leichtsinnig sie auch zärtliche Verhältnisse knüpfen und
lösen mochte  ihn zählte sie nicht mit in die Kategorie ihrer gewöhnlichen
Liebhaber für ihn bewahrte sie in ihrem Herzen einen besonderen Platz Sie
betrachtete ihn mit andern Augen als die Männer welche sie so lange zu ihren
Sklaven machte bis sie ihrer überdrüssig war sie ehrte ihn als ihren Freund
und ihr Gefühl für ihn war ein bleibendes unveränderliches aber einfaches
Immergrün während sie wohl für Andere stärkere Gefühle hegte die aber eben so
schnell wieder abblühten als sie sich vorher entfaltet hatten und aufgewuchert
waren So konnte sie jetzt neben Einem ihrer Anbeter der ihr von Frankreich
gefolgt war die lebhafteste Freude empfinden das verlorne Bild des Deutschen
Freundes wieder zu erlangen so konnte es sie überraschend beglücken hier
plötzlich sein Lob von jugendlich begeisterten Lippen zu hören
    Sie nahm jetzt das Bild aus der zitternden Hand des jungen Mannes und sagte
»So habe also ich das Vergnügen Deutsche Landsleute hier zu finden und diesen
dankbar verpflichtet zu werden Darf ich vielleicht um den Namen des Freundes
des Grafen Szariny bitten  dem ich so viel verdanke«
    »Eduin von Golzenau« sagte dieser schüchtern und stand da wie trunken
verloren in Bellas Anblick
    Draußen aber fuhr ein Wagen vor  es war der Bellas der Franzose ergriff
ihren Arm um sie an diesen zu führen Sie zog eine Karte aus einer Brieftasche
gab sie Eduin und sagte »Ich darf jetzt nicht länger säumen sonst verfehl ich
die Eilpost mit welcher ich weiter reisen muss Vielleicht wird mir ein ander Mal
Gelegenheit Ihnen besser danken zu können«
    Sie stieg in den Wagen und fuhr davon
    Eduin war stumm geblieben  jetzt warf er sich ungestüm an Talheims Brust
und weinte laut
 
                     IX Gesellschaft auf Schloss Hohental
 »O heilge Stunde wo in Gottes Strahl
 Zwei Menschenherzen ineinander schauen«
                                                                    Betty Paoli
Bei dem letzten Besuch des Kammerjunkers von Aarens auf Schloss Hohental hatte
ihn die Gräfin da er auch ihren Mann so wenig als Elisabet getroffen für den
andern Tag zum Mittag geladen
    Wie an jenem Tag Elisabet zurückgekommen hatte ihre Mutter ihr noch ein
Mal die ernstlichsten Vorstellungen gemacht wie unpassend ihr Umgang mit dem
Mädchen eines Mannes sei welcher ein Feind ihres Hauses wäre weil sie diesen
Umgang selbst verwerfe indem seine Tochter nicht mehr das Schloss besuchen
dürfe mit einem Mädchen dem die ganze Umgegend gemeine und unpassende
Handlungsweisen vorwerfe und es dadurch in den übelsten Ruf bringe
    Weiter hatte Elisabet die Mutter nicht sprechen lassen sie hatte Aufschluss
und Rechenschaft verlangt wer sie über Pauline so ganz umgestimmt und endlich
 da wenigstens früher die letzten Ansichten die Gräfin nicht hatte äußern
können da sie gewusst dass Aarens dagewesen  diesen erraten Dadurch wuchs ihr
vorgefasster Widerwille gegen ihn bis zum heftigen Unwillen
    Sie beteuerte ihrer Mutter dass sie Paulinen nur um so mehr liebe als fade
Gecken sie zu verkleinern strebten Zuletzt fügte sie bei dass sie Graf Szariny
in der Fabrik getroffen
    Als Aarens kam so war Elisabet ihm gegenüber stumm streng und ernst
    Eine seiner ersten Bemerkungen war natürlich die dass er unendlich
bedauerte sie gestern nicht getroffen zu haben dass aber sein widriges
Schicksal ihn doch wieder in Etwas dadurch habe aussöhnen wollen dass er sie
noch am Abend wenigstens gesehen  mit dem Grafen Szariny und einem kleinen
unbekannten Mädchen
    »Mit meiner liebsten Freundin Pauline Felchner welche ich besuchte  wie
Ihnen wohl meine Mutter gesagt hat « erwiderte Elisabet mit stolzem Tone
    »Und wohin Sie Graf Szariny begleitete«
    »Von wo er mich zurückbegleitete da er dort einen Besuch gemacht hatte und
ich den Weg zu Fuß zurücklegte« Aarens wusste auf diese Strenge und
Unbefangenheit ihr lange Nichts zu erwidern bis er sich von der Verwunderung
über die letztere ein Wenig erholt und dazu bedurfte es bei ihm einiger Zeit
Er knüpfte also ein unbedeutendes Gespräch mit der Gräfin an das nachher
allgemein ward Während dem überzeugte er sich dass er durch einen beleidigenden
und spöttelnden Ton gegen Elisabet Nichts ausrichte und er suchte daher so
liebenswürdig sanft und zärtlich als möglich zu erscheinen Sie blieb ihm
gegenüber unverändert
    Das Diner war vorüber die späteren Nachmittagstunden rückten heran
Elisabet hatte es zu arrangieren gewusst dass man den Kaffee in einem
hochgelegenen Pavillon des Gartens einnahm von dem aus man einen Teil der nach
dem Schloss führenden Straße übersehen konnte Zuweilen warf sie dorthin einen
spähenden Blick  und jetzt schlug ihr Herz höher und sie bemühte sich ein
fröhlich aufsteigendes Rot der Wangen zu unterdrücken  denn sie sah
aufwirbelnden Staub  bei einem zweiten Blick zwei Reiter und bei einem dritten
erkannte sie Jaromir auf seinem Rappen  sie zerpflückte ein paar Grashalme und
hatte Aarens Frage überhört ob sie die Morgenoder Abendpromenade schöner und
genussreicher finde
    Er musste ihr die Frage noch ein Mal wiederholen und dann sagte sie sinnend
»Die Morgen sind schön denn da kommt man jugendfrisch aus den Armen des Schlafs
und der Träume die ganze Schöpfung ist wie neu geboren und wir sind es selbst
mit ihr  man weiß noch Nichts von Zwang man lebt noch halb im Traume fort und
schämt sich nicht wahr und unverstellt zu sein« Sie dachte als sie dies
sagte an den Morgen ihres letzten Abschiedes von Gustav Talheim und ihrer
ersten Rede mit Jaromir  aber sie dachte zugleich an den gestrigen Abend als
sie weiter hinzusetzte »Aber die Abende sind auch schön  nur in ganz andrer
Weise da zieht ein wonniges Träumen durch die ganze Natur und die Natur teilt
es der Menschenseele mit und da drinnen haust es sich ein in dem klopfenden
Herzen in dem dann zugleich wie im Freien alle Nachtigallen laut zu schlagen
anfangen und alle Nektargefässe verhüllender Blüten sich öffnen«
    Ihre Gedanken weilten bei Jaromir den sie so eben gesehen es war ihr als
wenn sie schon mit ihm spräche und jetzt hielt sie plötzlich inne als sie sich
besann dass Aarens es war der ihr gegenüber stand und zu dem sie in solcher
Weise geredet
    Aarens obwohl er sich über diese Sprache verwunderte fand doch dass er
Elisabet nie schöner und hinreissender gesehen als in diesem Augenblick  und
er war eitel genug sich diese plötzliche Gehobenheit ihres ganzen Wesens zu
seinem Gunsten auszulegen
    Elisabet entfernte sich auf einige Augenblicke bis zur nächstgelegenen
Laube sie war seltsam bewegt  ihr war als müsse sie einen freien
unbeobachteten Blick zum Himmel emporschicken weil sie jetzt sich im Innersten
so wunderbar selig durchschüttert fühlte weil ihr war als strahle der blaue
Himmel gerade in ihr Herz und wohne in diesem
    Auch dies augenblickliche Entfernen und die ruhige Freudigkeit welche als
sie zurückkam auf ihrem Gesicht tronte legte Aarens zu seinen Gunsten aus
und er wollte eben wieder ein empfindsames Gespräch mit ihr beginnen als ein
voraneilender Diener Graf Szariny und Herr von Waldow meldete welche ihm
langsam folgten Aarens hatte große Lust mit dem Fuße zu stampfen da er dies
aber als Mensch von gutem Ton unmöglich konnte biss er sich die Lippe beinah
blutig und wünschte nur stumm aber von Grund der Seele aus die lästigen
Ankömmlinge ins Pfefferland in die Hölle oder zu allen Teufeln nur so weit
als möglich weg Diese christlichen Wünsche halfen ihm aber leider nur sehr
Wenig denn statt sich zu entfernen kamen die Beiden immer näher und ein
innigerer zwei Menschen beglückenderer Blick ward noch nie gewechselt als der
erste mit welchem sich Jaromir und Elisabet begrüßten Zum Glück war Aarens
noch zu sehr verblendet von der ersten Wut über die Ankunft der neuen Gäste
als dass er hätte diesen Blick bemerken sollen
    Aber wenn auch dieser erste Blick ihm entging so sah er doch bald dass
zwischen diesen Beiden ein geheimes süßes Einverständnis walten müsse das ihm
unerträglich war Er sann nach wie er dies stören könne und war während des
ersten Gesprächs ziemlich schweigsam
    Nachher sagte er leicht und halblaut zu Jaromir aber doch laut genug dass
es wie zufällig Elisabet hören konnte »Nicht wahr ein niedliches Kind die
kleine Felchner Ich sah Sie gestern mit ihr  Sie stehen bei ihr in großer
Gunst wie ich höre«
    Jaromir sagte unbefangen aber ernst »Sollten Sie das Fräulein auch kennen«
    »Nun Sie brauchen nicht gleich eifersüchtig zu sein« sagte in demselben
leisen Tone wie vorher doch zugleich ironisch lachend Aarens »Ich kenne Sie
nur von Ansehen und habe ihr noch keinen Besuch gemacht  aber man bemerkt unser
Flüstern « und rasch gegen die Gesellschaft gewendet fuhr er laut fort »Ich
erging mich eben im Lobe von des Grafen Kunstgeschmack der sich in allen
Dingen welche er auswählt und anordnet bewährt  auch in der Wahl seines
Pferdes und Reitzeuges«
    Da ein Gespräch von Pferden beginnen konnte war Waldow ganz in seiner
Sphäre er richtete deshalb sogleich mehrere Fragen an Jaromir welche dessen
Pferde betrafen so dass dieser ihm antworten musste während er gern Aarens
dessen Reden und Benehmen ihm befremden musste etwas Zurechtweisendes hätte
erwidern mögen Der Graf Hohental selbst nahm an dem Pferdegespräch lebhaften
Anteil ließ es nicht sogleich wieder sinken und so kam es dass dies Mal
Aarens ungestraft davon kam Von den Pferden kam das Gespräch auf Tierquälerei
der alte Graf legte in diesem Punkt das größte Zartgefühl und den jugendlichsten
Enthusiasmus für alle diesen Punkt betreffende Vereine an den Tag  und um nur
die Unterhaltung endlich von dem lieben Vieh hinwegzubringen ging Jaromir von
der Tierquälerei zur Menschenquälerei über
    »Es ist wahr den Tieren wird oft eher geholfen als den Menschen  so
wills die moderne Barmherzigkeit«
    »Natürlich weil die Menschen sich selbst helfen können « sagte Aarens
    »Das sagen Sie  nicht ich« versetzte Jaromir  »Was meinen Sie dazu wenn
nun die unteren Klassen beschließen sich selbst zu helfen und wir haben dann
zB einen Aufstand der Eisenbahnarbeiter wie der jetzige«
    »Also wäre es wirklich gegründet« sagte der Graf Hohental »Ich glaubte
den Nachrichten meiner Leute nicht«
    Die Gräfin ward todtenblass und sagte »Mein Gott was wollen denn diese
Menschen Ach es ist eine entsetzliche Zeit in welcher wir leben müssen«
    »Gewiss« fügte Aarens bei »eine widerwärtige Zeit wo nicht einmal mehr der
gemeinste Pöbel in seinen Schranken bleiben will  Doch wozu hat man Soldaten
Es ist Frieden und da einmal das Militär da keine Beschäftigung hat so
benutze man es hier und mache es zu seiner Hauptaufgabe diese Volkshefe wenn
es nicht anders möglich durch die Gewalt der Waffen im Zaum zu halten«
    »Das wäre ja fürchterlich  Brüder gegen Brüder  das könnte doch kaum der
äußerste Punkt der Notwehr entschuldigen  Sie denken wie ich Graf Szariny«
fragte Elisabet
    »Ich denke wie Sie aber ich weiß dass Ansichten wie die des Herrn von
Aarens in den höchsten Kreisen sehr viel Vertreter finden  ich befürchte
Schlimmes « sagte der Gefragte
    Elisabet fühlte sich plötzlich von einer schrecklichen Angst erfasst »Das
sind Dinge von denen ich früher keinen Begriff hatte Ich sah die unteren
Klassen immer nur von fern wie sie friedlich ihre Arbeit verrichteten vom
Morgen bis zum Abend und dabei zufrieden aussahen Diese Leute sagte ich mir
wissen es nicht anders ihr mühvolles Tagewerk ist ihnen wohl gar eine
freundliche Gewohnheit die Leiden welche sie äußerlich treffen sind ihnen
vielleicht nicht härter als diejenigen welche die Wohlhabenden und Reichen
geistig empfinden und in ihrem Herzen durchzukämpfen haben«
    »Und so ist es auch« unterbrach sie ihre Mutter »diesen Leuten ist nicht
Entbehrung was uns so scheint  sie sind in vielen Dingen glücklicher der
Hunger würzt ihr Mahl von der Arbeit ermüdet schlafen sie auf hartem Lager
besser als wir auf weichen Polstern der Feierabend gibt ihnen genussreiche
Stunden die gewiss so wohltuend sind dass wir uns gar keinen Begriff davon
machen können«
    »Gewiss« nahm Aarens das Wort »es ist Nichts als wahre Sittenverderbniss
was den Pöbel unzufrieden machen kann Faulheit Trunksucht und Ausschweifungen
aller Art sind die Ursachen des Elendes welches sich öffentlich zur Schau
stellt um unsere Augen auf sich zu ziehen unser Mitleid zu erregen damit wir
ihm die Mittel geben ein sittenloses Leben fortzusetzen«
    Elisabet nahm hastig wieder das Wort das man ihr vorher abgeschnitten
hatte und sagte »Ach nein nein Jetzt weiß ich es anders Wir brauchen hier
nicht weit umzuspähen um die Not der untersten Klassen in ihrer ärgsten
Gestalt zu erblicken  und seitdem ich sie gesehen seitdem hab ich mich oft
Hundert Mal gefragt was es denn eigentlich sei das diese Unglücklichen noch
dazu vermöge freiwillig die härtesten Arbeiten zu verrichten da sie für ihren
geringen Tagelohn sich doch nie eine glückliche Stunde kaufen können Das
Gewissen Die Moral  Kann das Menschen zurückhalten deren Sitten man so
verdorben schildert und die man wirklich entsittlicht hat Und wenn sie
tagtäglich gegen sich unrechte Bedrückungen erfahren könnten sie dann nicht
einmal sagen Wenn Jene gegen uns unredlich sind warum wollen wir es nicht
wieder gegen sie sein  Und seitdem ich mir dies gesagt habe seitdem überfällt
mich oft ein entsetzliches Grauen  denn wenn sich der Pöbel entfesselt und
aufsteht welche Schrecknisse werden dann über uns Alle hereinbrechen  Und Sie
sagten es sei wirklich geschehen«
    Jaromir antwortete indem seine Augen bewundernd in Liebe und Stolz an
Elisabet hingen »Noch ist weiter Nichts geschehen als dass ein paar Hundert
Eisenbahnarbeiter einen erhöhten Lohn fordern und unterdessen Nichts getan
haben als ihre Arbeiten friedlich eingestellt  das ist ja noch keine Empörung
Vielleicht ist es ein wohltätiges Warnungszeichen für alle die welche die
Macht hier zu helfen oder zu bedrücken in den Händen haben dass es besser sei
den armen arbeitenden Klassen freiwillig Koncessionen zu machen ehe sie einmal
in wilder Raserei den Versuch machen sollten die Ordnung der Dinge umzukehren
und sich reich und die Reichen arm zu machen Fürs große Ganze ist so
vielleicht wenn auch gerade nur indirect dieser gefährlich aussehende Schritt
der Eisenbahnarbeiter von guten Folgen«
    »Ich vernehme hier seltsame Ansichten« sagte der Graf Hohental »kaum weiß
ich ob ich recht höre und sie für Scherz oder Ernst nehmen soll  aus dem Mund
meiner Tochter wenigstens klingen sie mir befremdend  Und auch Sie Graf
können Sie wirklich glauben dass die Eisenbahnunternehmer sich von ihren
Arbeitern werden Vorschriften machen lassen Ist es denn nicht schon entsetzlich
genug dass jetzt jeder Bürger sich anmassen möchte auch mit regieren zu können
und dass ein verblendetes Zeitalter ihm dies wirklich als ein Recht einräumt 
sollen wir es auch noch erleben dass der unterste Pöbel nun dem Bürger
nachdrängt und auch auf seine Weise im Lande Vorschriften machen möchte«
    Jaromir zuckte die Achseln er kannte den starren Aristokratismus des
Grafen mit dem dieser noch festwurzelte in einer Weltanschauung früherer
Zeiten aus welcher es unmöglich war ihn in eine neue zu versetzen Der Stamm
war in jener Zone allein ernährt zu fest und altersgrau geworden um jetzt noch
der Versetzung fähig zu sein darum und aus Rücksicht gegen den Hausherrn und
gegen Elisabeths Vater sagte er um ihn nicht zu beleidigen nur leicht
»Freilich hätte man gedacht dass es so kommen werde so würde man dem Bürger
auch noch länger verweigert haben was man ihm zugestand halb freilich
gezwungen und von den Verhältnissen gedrängt aber doch auch halb freiwillig«
    Elisabet die auf Jaromirs Antwort ängstlich gespannt gewesen war weil sie
zwischen ihm und dem Vater einen Zusammenstoß fürchtete und Nichts lieber
vermied vernahm diese ruhige Antwort welche sogar eine doppelte Deutung
zuließ mit Freude und um nun das Gespräch von diesem Gegenstand
hinwegzulenken machte sie darauf aufmerksam dass auf dem Platz welchen man bis
jetzt eingenommen hatte die Sonne so vorgerückt sei um sie bald Alle zu
bescheinen und dass man ihn deshalb wohl mit einem andern vertauschen könne
    Der Vorschlag fand Beifall und beendete glücklich ein Gespräch in welchem
so verschiedene Ansichten aufgekommen waren
    Man hatte sich kaum an den andern Platz begeben als zum Beweis wie man die
Gastfreiheit auf Schloss Hohental zu schätzen wusste Rittmeister von Waldow und
Geheimrat von Bordenbrücken mit ihren Frauen anlangten
    Der Vorgang bei dem Eisenbahnbau war und blieb aber einmal die große
Neuigkeit des Tages und ward jetzt abermals Stoff der Unterhaltung
    Der Geheimrat tat äußerst geheimnisvoll versicherte aber dass er genau
wisse dass sofort Militär requirirt worden sei und dass dies gewiss wieder zur
Ordnung verhelfen werde Dass einige Ausländer welche auch bereits verhaftet
wären die inländischen Arbeiter aufgehetzt die hoffentlich selbst einsehen
würden wie sehr sie im Unrechte wären Im Ganzen sei die Sache höchst
unbedeutend kaum der Rede wert man habe nur unnützen Lärm gemacht die Leute
wären dort gar nicht unzufrieden wie er selbst von den Besserdenkenden gehört
 Alles sei auch mit daher entstanden dass man in den Zeitungen lauter Lügen
verbreite wie man in Frankreich und England höheren Lohn erzwinge dass die
Deutschen Arbeiter es auch so haben könnten dass sie selbst schuld wären wenn
man sie schlecht bezahle  so sei die freche Tagespresse mit ihrem Geschrei an
Allem Schuld usw
    Der Geheimrat spielte das Berichtigungsbüreau in eigener Person ganz comme
il faut auch dass er sich in einem Atem viel Mal widersprach passte vollkommen
zu dieser Rolle
    Die so vergrößerte Gesellschaft blieb auf der Gräfin Aufforderung bis zum
Abend im Schloss vereinigt
    Der Abend dämmerte für die Jahreszeit früh trübe und kühl herein und man
beschloss sich zum Souper in das Schloss selbst zu begeben Durch den Park hatte
man bis dahin ein ziemliches Stück Wegs zurückzulegen
    Elisabet neben Jaromir war ein Wenig zurückgeblieben von den Andern Sie
lenkte jetzt in eine Seitenpromenade ein welche von den Übrigen nicht betreten
wurde und sagte zu ihm »Wenn wir einen Umweg von zehn Schritten machen kann
ich Ihnen meinen Lieblingsplatz zeigen zu dem ich immer gehe wenn ich mit der
Natur allein sein will um zu lesen oder zu träumen«
    »Wie dank ich Ihnen wenn Sie mich zu dieser geweihten Stelle führen«
sagte er »Und jetzt wo Niemand da ist um uns zu widerlegen Niemand von all
Denen welche es noch nicht begreifen können oder nicht begreifen wollen dass
man ein warmes Herz hat für alle Menschen und für die Unglücklichsten das
wärmste jetzt kann ich Ihnen sagen wie laut mein Inneres jubelte als ich Ihre
Worte hörte  die mir bezeugten dass Sie anders dachten wie  nun wie man sonst
denkt wenn man in einem Schloss unter den Augen ehrwürdigstolzer Ahnenbilder
erzogen«
    »Und haben Sie nicht ein gleiches Loos und denken doch auch wie ich« sagte
sie
    »O doch nicht gleich Doch muss ich verwundert fragen woher Sie die Armut
und ihr Unglück und ihre Versuchungen kennen gelernt haben Ich kenne sie  denn
mir waren sie alle Genossen«
    »Ihnen Ihrer Phantasie  Ihren Dichterwerken«
    »Warum sollt ich mich schämen Ihnen die Geschichte meiner Armut zu
erzählen Meine Mutter hatte aus Polen flüchten müssen glaubte sich dadurch
ihrer Güter verlustig Ein Verwandter Graf Golzenau nahm mich den Knaben auf
und ließ meine Erziehung vollenden Wie ich zum Jüngling geworden konnt ich es
nicht mehr ertragen von Anderer Güte zu leben da ich sah wie Tausende neben
mir sich auch ohne Vermögen und fremde Unterstützung durchs Leben schlagen
mussten  ich nahm Nichts mehr an von meinem Verwandten  und so lebt ich in
Armut und Dürftigkeit während meiner schönsten Jugendjahre  und daher kenn
ich die Armut und ihr Unglück und ihre Kämpfe und ja  auch ihre Versuchungen«
    Er konnte niemals dieser Zeit denken ohne bis in seine innersten Tiefen
erschüttert zu werden so hielt er auch jetzt inne als sie im Gehen in eine
kleine Rotunde gekommen waren und lehnte sich auf eine kleine weiße
Marmorsäule mit der einen Hand seine Augen bergend mit der andern nach der
Elisabeths fassend Sie gab sie ihm willig drückte die seine innig und trat
näher zu ihm
    Die Rotunde in welcher sie standen war von hohen Eichen gebildet die
dicht nebeneinander standen daran eine Hecke weißer und roter Rosen Wilder
Wein rankte an den Eichenstämmen empor und zog seine grünen Guirlanden von einem
zum andern sie so mit einander verbindend Wie ein kleiner Thron vor der
Rosenhecke unter diesem grünen Tronhimmel von Eichenlaub und flatternden Ranken
erhob sich ein schwellender Moossitz zu dem zwei Stufen führten ebenfalls mit
sammetnen Moos wie mit einem grünen Teppich überkleidet Zwei kleine weiße
Marmorsäulen erhoben sich daneben auf der einen stand mit goldenen Buchstaben
eingegraben »Träume« auf der andern »Ruhe«
    An einer dieser Säulen lehnte jetzt Jaromir
    »Das ist mein Heiligtum in das ich Sie führen wollte« sagte Elisabet
    Er warf erst jetzt einen Blick auf seine Umgebung und rief davon bezaubert
aus »Ja das ist eine heilige Friedensstelle« Und indem er Elisabet zu der
Moosbank führte sagte er lächelnd »Nehmen Sie Ihren Thron ein Königin«
    Sie wollte nicht die Stufen hinauf und sagte »Zu längerem Weilen haben wir
keine Zeit  die Andern «
    »Und wozu diese Andern« fiel er ihr ins Wort »Wir haben bei ihnen schon
schöne Stunden verloren  warum ihnen unausgesetzte Opfer bringen Wenigstens
für einige Momente können wir uns ihnen entziehen« und er drängte mit sanfter
Gewalt Elisabet auf den Sitz und warf sich selbst auf die oberste Stufe so dass
er zu ihren Füßen saß
    »Elisabet« flüsterte er und ihre Hand immer noch in der seinen haltend
sah er mit einem unbeschreiblichen Liebesblick zu ihr auf
    Sie las in diesem Blick was er ihr zu sagen hatte eine süße Beklemmung
überfiel sie  aber mit jungfräulicher Schüchternheit suchte sie seinem
Geständnis auszuweichen es noch zu verhindern und sagte sanft aber ein Wenig
zitternd »Sie sagten mir wie Sie zum Verständnis der Armut gekommen und ich
bin Ihnen das Gleiche noch schuldig Ich hatte im Institut wo ich erzogen ward
einen Lehrer den ich aufs Innigste verehre Durch lange Krankheit seiner
Gattin und ich weiß nicht durch welches Missgeschick noch lebte er in der
tiefsten Armut die er Jedermann verbarg Aber ich habe erfahren wie
schrecklich auch dieser hohe Mensch darunter gelitten  und er lehrte uns
Mitleid haben mit dem Elend und der Not der Niedriggeborenen und als er zum
letzten Mal von uns Abschied nahm von mir und von meiner guten Pauline welche
Sie gestern kennen lernten so mussten wir ihm versprechen auch in den Armen und
Unwissenden den Menschen zu ehren und ein liebendes Schwesterherz ihnen zu
bewahren Pauline hat den größten Wirkungskreis dies zu beweisen und sie tuts
und durch sie hab ich hier die Not der ärmsten Klassen gesehen vielleicht in
ihrer schlimmsten Gestalt«
    Er hörte ihr zu ganz in ihrem Anblick versunken er zog ihre Hand an seine
Lippen und blieb so darauf ruhen Dann sagte er »So hat vielleicht nur dies
Unglück das Sie gesehen düstere Schatten auf ihr Jugendleben geworfen so sind
Sie vielleicht nur unglücklich gewesen für Andere und nicht weil Sie selbst
ein Leiden traf Elisabet Dies Selbstvergessen  diese Engelmilde  «
    Sie unterbrach ihn »Denken Sie nicht zu schön von mir« sagte sie »An
jenem Tage in jener Morgenfrühe als Sie mich allein und weinend fanden hatte
ein egoistischer Schmerz mich niedergeworfen  ich hatte den letzten Abschied 
vielleicht fürs ganze Leben von meinem verehrten Lehrer genommen Jetzt hab
ich in das Unvermeidliche mich fügen lernen aber dass ich ihn entbehre hat mich
noch manche Träne gekostet«
    »Elisabet Wenn Sie den Freund verloren der ihr Lehrer war  werden Sie
den andern Freund verstoßen  den andern Freund Elisabet  der Sie liebt«
    Sie neigte sich zu ihm herab  er erhob sich von seinem Sitz zu ihr hinauf
 »Jaromir« flüsterte sie leise und hing zitternd in seinen Armen
    Nach ein paar Minuten selig stummer Berauschung des Einen im Anschauen des
Andern wo bei dem innigen Anschmiegen ihre Augen einander wiederspiegelnd eine
ganze wunderreiche Traumwelt öffneten schreckten sie ein paar Vögel die ein
liebejauchzendes Brautlied sangen aus süßem Selbstvergessen auf
    »Wir müssen in das Schloss« sagte sie entwand sich seinen Armen und ließ
nur ihre kleine Hand in der seinigen an der sie ihn aus der Rotunde zog
    »Und wenn ich jetzt gehorche  darf ich morgen diese Stätte wieder betreten
 wenn wir allein sind« fragte er
    »Ich ruhe dort alle Nachmittage aus « sagte sie schüchtern
    »So sind wir morgen dort wieder vereinigt« gelobt er
    Als sie jetzt wieder zur Gesellschaft die bereits im Schloss angelangt
war zurück kamen war bei dieser das Gespräch über die Eisenbahnarbeiter wieder
im größten Schwunge Der Rittmeister hatte es jetzt glücklich in eine neue Phase
gebracht indem er ein trauriger Beweis der täglich herabkommenden
Aristokratie diesen traurigen Umstand dem Ausschwung der Industrie zuschrieb
Er konnte es niemals Herrn Felchner vergeben dass er seinen Wald in Besitz
genommen und für Pauline die Hand seines Sohnes Karl ausgeschlagen habe Er
schimpfte also jetzt auf die Tyrannei aller Fabrikherren und nahm ihnen
gegenüber die arbeitenden Klassen in Schutz Am Ende vereinigte man sich gar
dahin über die Ablösung zu klagen die Abschaffung der ganzen Frohndienste als
ein Werk zur Entsittlichung darzustellen es schrecklich zu finden dass auch der
gemeine Mann auf dem Dorfe jetzt lesen und schreiben könne und diese für seinen
Beruf ganz unnützen Dinge auch so unnütz anwende dass er zB Zeitungen lese und
dass nur aus dieser Überbildung alles Unheil komme Denn die Eisenbahnarbeiter
würden sich jetzt nicht erhoben haben wenn die Presse sie nicht aufgereizt dass
aber die größte Ungerechtigkeit doch die sei dass jetzt gemeine Bürgerliche
Industrielle die Herren der Welt wären und dass gegen diese weil sie eben nicht
viel besser als sie selbst der niedere Pöbel sich zu empören wage während er
vor einem adligen Wappenschild immer noch Respekt gehabt
    Man war so in das Gespräch vertieft dass nur Aarens die Verspätung des
Paares bemerkt hatte aber doch ihren wirklichen Grund noch nicht ahnte
 
                                X Versuchungen
 »Auch Dich beschimpfte man als Knecht 
 So oft die Stirn Du wolltest heben
 Doch bist Du Mensch und hast ein Recht
 Auf Deinen Anteil Lenz und Leben«
                                                                 Alfred Meissner
Einige Tage später als man eben Feierabend in der Fabrik des Herrn Felchner
geläutet hatte gingen Wilhelm und Franz miteinander von der Arbeit nach Hause
    »Franz weißt Du es schon«
    »Ich weiß Alles«
    »Und wusstest es wirklich schon voraus wie Du vorhin sagtest«
    »Wusst es«
    »Und warum hast Du es verschwiegen«
    »Das ist einfach  damit nicht auch wir mit ins Unheil kämen«
    »Nein so ist es nicht  Du hast sie in das Unheil gebracht  Du bist an
Allem Schuld«
    »Ich Bist Du rasend«
    »Mögt es bald fein Franz rasend vor Wut  seit Du nicht mehr der
ehrliche Kerl bist wie sonst der Leib und Leben gelassen hätte für die
Kameraden wenns zu helfen gegolten  jetzt bist Du feig und ängstlich
geworden«
    »Wilhelm Nimm Dich in Acht Das dürfte mir außer Dir Keiner sagen Und rede
vernünftig ich weiß nicht wo Du hinaus willst mit Deinen Beschuldigungen
    Nun schau  Du sagst gleich am ersten Abend wie es geschehen sei der Adam
aus Hohenheim zu Dir gekommen und habe Dir gesagt dass die Eisenbahnarbeiter
jetzt Feiertag machten«
    »Ja das ist wahr«
    »Warum hast Du das uns nicht gleich gesagt hätten wir es gewusst so hätten
wir gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen können  wir hätten den Tag auch
gefeiert«
    »Dass Ihr rasend genug gewesen wäret  und die Soldaten hätten uns dann mit
dem Bajonnette zur Arbeit gehetzt wie sie es an der Eisenbahn gemacht haben
Dort arbeiten sie nun wieder gerade wie vorher für dasselbe Geld nur dass sie
ein paar Tage Lohn eingebüßt haben wo sie Nichts machten Traurig freilich dass
es so ist dass nicht einmal der sogenannte freie Arbeiter seine Arbeit
verwerten kann wie er will und dass man aus dem was sonst jeder Handwerker
jeder Kaufmann darf seine Arbeit seine Mühe bezahlt zu nehmen wie er will den
um Tagelohn arbeitenden Armen ein Verbrechen macht Aber es ist ein Mal so 
Das haben auch die Eisenbahnarbeiter vorher wissen können  und unter ihren
Verhältnissen ist was sie taten auch wirklich Unrecht denn es ist ein
Wortbruch da sie sich vorher anheischig gemacht hatten um den ihnen einmal
bewilligten Lohn zu arbeiten  sahen sie dass sie es so nicht länger aushalten
konnten so hätten sie wenigstens einen gesetzlichen Termin abwarten sollen wo
sie die Arbeit in Ruh und Friede kündigen konnten«
    »Aber das würde ihnen auch Nichts geholfen haben  im besten Falle hätten
sie dann doch nur die Wahl gehabt entweder für den kargen Lohn fortzuarbeiten
oder plötzlich arbeitslos  zu verhungern«
    »Nun freilich schlimm genug dass es so ist  aber wie kommst Du dazu mir
Vorwürfe zu machen«
    »Wenn wir gewusst hätten dass unsere entfernten Kameraden sich erhoben so
würden wir ihnen gefolgt sein und gemeinschaftliche Sache mit ihnen gemacht
haben Dann wären wir ihrer gleich mehrere Hunderte gewesen und die paar
Soldaten hätten Nichts vermogt«
    »Nun und was wäre denn dabei noch herausgekommen da Du erst selbst sagst
dass wir auf diesem Wege nicht zu unsrem Rechte kämen«
    »Auf diesem Wege freilich  Aber was haben wir denn zu verlieren warum
sollten wir nicht einmal Alles wagen warum nicht wider die Reichen zu Felde
ziehen  sie mögten dann sehen ob denn wirklich in ihrem Gold ein allmächtiger
Gott wohne dass wir gar Nichts gegen sie ausrichten könnten«
    »Bruder Bruder  lass diese frevelhaften Reden«
    »Ei ja doch  frevelhaft Und was sind denn die Handlungen der Reichen
Nenne mir doch einen Frevel den nicht sie an uns verübt haben Wir sind schon
im Mutterleibe verflucht und von der Berechtigung als Menschen zu leben
ausgeschlossen  und so geht es fort Fluch an Fluch und Frevel an Frevel über
uns an uns durch unser ganzes elendes Leben und so geht es wieder fort auf
unsere Kinder und Kindeskinder  Aber nein So soll es nicht länger fort gehen
seit dem Tage wo mir jener Brief an Dich die Augen mit Eins geöffnet«
    »Ach jener Brief wär er nimmer gekommen«
    »Nein das war ein Glückstag wo er kam den hab ich als meinen Feiertag
rot angestrichen im Kalender«
    »Wilhelm  meinst Du ich habe nicht Alles das was Du vorhin aussprachst
in meinen bösen Stunden auch gedacht Tausend Mal mir gesagt mir wiederholt
immer wieder und wieder Denkst Du nicht ich habe oft Stunden lang in das
unselige Papier gestarrt es weggeworfen wieder hergeholt immer noch ein Mal
durchgelesen  und dann mit mir gerungen und gekämpft Tag und Nacht Auf meine
Kniee bin ich gestürzt und das Vaterunser wie michs allabendlich die Mutter
beten lehrte da ich ein Knabe war ist mir wieder durch die Seele gezogen und
auf die Lippen trat immer das einzige Gebet führ uns nicht in Versuchung«
    »Ja wenn Du immer noch denken willst beten hilft«
    »Mir halfs  ich habe überwunden ich brauchte nachher nicht mehr zu beten
ich hatte endlich die Kraft dass ich sagen konnte Hebe Dich von mir Versucher
Und da ward ich sein los«
    »Dass Du ein Feigling bist mag ich nicht glauben  so bist Du ein Schwärmer
und mit solchen Leuten fängt man Nichts an«
    »Sieh einmal Wilhelm« sagte Franz mit milder treuherziger Stimme und
Tränen traten dabei in seine Augen und mit seiner einen Hand ergriff er die
Wilhelms mit der andern klopft er ihm freundlich auf die Schultern »Sieh
einmal Wilhelm wir waren einander die besten Freunde waren uns Herzensbrüder
Wir hatten immer einerlei Meinung und haben zusammen manche gute Einrichtung zu
Stande gebracht unter unsern Kameraden wir haben das Beste gewollt und
gestrebt der allgemeinen Net entgegen zu arbeiten und habennie Etwas für uns
gewollt oft unsere letzten Groschen hingegeben Für einander haben wir noch
manches Härtere ertragen aber mehr noch als dass wir selbst Eines für das
Andere zu Aufopferungen fähig waren freute und stärkte es uns dass wir in Allem
gleich dachten dass wir miteinander all diese Tausend Dinge besprechen konnten
welche für unsere Kameraden ein fremdes Gebiet sind  und dass dann Keiner von
uns einen Gedanken oder ein Gefühl aussprechen das nicht der Andere schon
gehabt hatte oder dann wenigstens sogleich erfassen und teilen konnte  und
wie anders ist das jetzt geworden Es ist als ob wir einander gar nicht mehr
verständen  und obwohl wir noch allabendlich uns zusammenfinden mit einander
plaudern so wills niemals mehr werden wie sonst  und obwohl Du mich gerade
immer aufsuchst begegnet mir doch Keiner der Kameraden so hart wie Du«
    »Weil eben Keiner wie ich so auf Dich gebaut und vertraut hat  und sich nun
so von Dir hintergangen sieht«
    »Hintergangen Doch ich begreife wie Du das meinst  weil ich nicht Deinem
unsinnigen Verlangen nachgegeben habe und unsere Genossen aufgehetzt wie es
einzelne Ausländer unter den Eisenbahnarbeitern gemacht haben«
    »Nicht allein deshalb habe ich mich in Dir getäuscht sondern weil Du auf
einmal nicht einsehen willst was allein vernünftig ist  Du von dem ich immer
besser dachte als von mir selbst den ich für verständiger hielt als mich und
all die Andern «
    »Ach so tu dies nur auch das eine Mal misstraue Dir und Deiner
unzufriedenen Heftigkeit die Alles verderben wird  traue nur dies Mal meiner
ruhigen Überlegung  ich habe das sonst nie von Dir gefordert jetzt fordre
ichs  Dich verblendet Leidenschaft  Du hast Dich irre führen lassen«
    »Nein Ich habe nur zum ersten Mal begriffen wie lange ich irre geleitet
gewesen bin wie wir Alle es sind wie die ganze Gesellschaft es ist  jener
Brief hat mir die Augen geöffnet Du hast es nicht hindern können ich habe mir
daraus wenigstens eine Stelle abgeschrieben und sie Einigen mitgeteilt«
    »Wilhelm  um Gottes Willen welche«
    »Diese « sagte Wilhelm und zog ein beschmuztes Blatt Papier hervor auf
welchem stand
    »Wir wollen nicht mehr länger geduldig unser elendes Leben fristen  wir
haben Alle gleiche Rechte gleiche Ansprüche auf gleiche Genüsse Unsere Bitten
rühren nicht die versteinerten Herzen der Reichen freiwillig geben sie kein
Teilchen ihres Besitzes ab Es wird Zeit dass wir ihnen nehmen was sie uns
nicht geben wollen Wir haben ja Nichts zu verlieren wir können schon einmal
Etwas wagen Ja wir können Alles wagen  es ist unsre Pflicht Die Reichen mögen
sich in Acht nehmen wir werden sie aus ihrer behaglichen Ruhe aufschrecken Wir
haben Nichts mehr zu verlieren denn wir haben schon Alles verloren durch ihre
Erpressungen ihre Betrügereien ihren Privaterwerb ihr Erbrecht Sie haben zu
verlieren was sie uns entzogen  und das müssen sie verlieren Man will uns
sagen das Bestehende dürfe nicht umgestürzt werden  Aber wodurch ist das
Bestehende gut und unverletzlich gemacht Es ist schlecht soll man das
Schlechte beibehalten Aendere hieße die Ordnung stören sagt man Aber der
jetzige Zustand ist kein geordneter er ist eine Unordnung da dem Einen mehr
Recht gegeben ist als dem Andern Wäre es Ordnung wenn Millionen hungern und
mit der Armut kämpfen während einige Tausend Reichtümer aufhäufen und mehr
haben als zu einem glücklichen Leben notwendig  Die Not wird größer und
größer  es handelt sich um Sein und Nichtsein des größten Teils der Menschheit
 wir müssen siegen oder sterben  Nicht ewig wollen wir die Diener der Reichen
sein wir haben gerechte Ansprüche an das Leben und das Leben soll uns unsern
Anteil nicht länger verweigern«
    Wilhelm hatte das laut gelesen und sagte jetzt »Und bist Du noch nicht
überzeugt Mein Wahlspruch ist Wir müssen siegen oder sterben Aber bisher hat
unsere Loosung wie ein hässlicher Reim darauf gelautet Wir müssen kriechen und
verderben Denkst Du noch immer so«
    »Es sind schlimme Zeiten jetzt und grausame Gesetze herrschen Ich habe das
offen vor aller Welt gesagt eh Ihr Andern noch daran dachtet  aber es werden
einst bessere Zeiten kommen und auch die Armen werden ihre Menschenrechte finden
 aber nicht dadurch dass sie dieselben verletzen und sich auch noch des letzten
Scheines davon welchen man ihnen gelassen hat sich freiwillig entledigen Ich
weiß dass meine Bücher allein mit ihren Bitten und ihren Anklagen Nichts ändern
können  aber sie helfen dazu beitragen dass man unsere Sache prüfen lernt dass
hochherzigen Menschen welche bis jetzt mit edler Begeisterung ihre Pflichten ein
Volk zu vertreten oder für die Freiheit und den Fortschritt in geistreichen
Schriften zu kämpfen  zu genügen glaubten wenn sie die Sache der Bürger
führten  dass diesen die Augen aufgehen werden dass es noch unter der Klasse der
Bürger eine noch tiefer gestellte gibt welche auch einen großen Teil des
Volkes ausmacht und die sie bisher übersehen konnten  dann werden sie auch
unsre Sache führen und so wird es auf dem Wege friedlicher Fortentwicklung auch
für uns besser werden«
    »Wenn vorher noch Millionen zu Grunde gerichtet worden sind«
    »Und wenn es so sein müsste  sie werden zu Grunde gehen auch auf anderem
Wege  Siegen oder sterben soll Deine Loosung sein Aber siegen werden die
nicht die Du in einen ungerechten und ungleichen Kampf führen mögtest die dann
von keiner Ordnung Etwas wissen und nur einem unklaren wilden Drange mit
Rachegefühlen und entfesselten Leidenschaften überlassen bleiben um mit diesem
Unheil zu stiften  nicht nur Unheil für die Reichen sondern auch Unheil für
die Armen Siegen werden diese in Unwissenheit und Druck aufgewachsenen Massen
nicht gegen eingeübte Heere gegen die geistige Überlegenheit Und sterben
Sterben werden vielleicht ihrer Viele und das möchte sein denn sie sind dann
erlöst  aber Viele viel Tausende werden nicht sterben und als Lohn für ihren
kühnen Versuch in immer härtere Sklaverei in immer größeres Elend
zurückgestoßen werden Willst Du dies Loos auf Deine unglücklichen Brüder
wälzen«
    Wilhelm hatte mit immer finstrer werdenden Mienen zugehört  jetzt
schüttelte er Franzs Hand heftig ließ sie los und sagte dann mit dumpfer
Stimme »Du überzeugst mich nicht anders gib Dir weiter keine Mühe mehr von
nun an trennen sich unsre Wege bis Du vielleicht doch noch zur Erkenntnis
kommst und den meinen betrittst«
    Hastig ging er zur Türe hinaus Franz sprang ihm nach  Wilhelm drängte ihn
zurück »Lass es gut sein« sagte dieser »es wird mir schwer Dich nicht mehr
als Bruder zu betrachten  aber ich trage nicht die Schuld Vielleicht besinnst
Du Dich noch anders  doch nein Du wirst freilich Nichts gegen unsere
Fabrikherrn unternehmen  er ist ja der Vater Deines Liebchens Sich Vor der
Versuchung hättest Du Dich bewahren sollen Das vornehme Fräulein hat Dirs
angetan  dass Du nun zu keiner Tat mehr kommen kannst die ihr vielleicht ein
schönes Tränchen kosten könnte  aber schau doch Wenn sie arm wäre und Du
reich so könnte sie doch Dein werden  so wird sies nimmer  Wie hättest Du
nun nicht Lust die Ordnung der Dinge einmal umzukehren«
    Franz stand erschüttert still  vorher hatte es ihm nie an Worten gefehlt
den Freund der nun sein schlimmster Gegner geworden zurück und zurecht zu
weisen  jetzt war er plötzlich verstummt
    »Hab ichs getroffen« rief Wilhelm triumphierend »Gut Ich lasse Dir noch
ein Mal Bedenkzeit Verächtlich ist es und dumm zugleich wenn Du unsere
Trannen und all seine Helfershelfer Deinen Trannen und den Tyrann Deiner
Brüder schonen willst um eines hübschen Kindes willen das sich zum Zeitvertreib
und aus Langeweile zu Dir herabgelassen  aber edel wärs wenn Du auch Etwas
wagtest sie Dir zu erkämpfen und was außerdem vielleicht misslänge würde durch
die Liebe gelingen Ich lasse Dich mit Deinem Herzen und Deinem Verstand allein
 die werden Dirs noch deutlich vortragen wie ichs meine«
    Er ging
    Franz war wieder allein in seinem Kämmerchen allein mit dem aufgeregten
Innern in dem jetzt Wilhelm geschickt einen neuen Kampf aufgeregt hatte
    Daran hatte Franz noch nicht gedacht was Jener jetzt mit rohen Worten und
plötzlich angeregt hatte
    Als der Mann des Volkes mit sich gerungen und all jene Versuchungen
bekämpft hatte welche in ihm selber rege geworden oder von außen zu ihm
herangetreten waren so hatte er immer nur das große Ganze vor Augen gehabt er
hatte niemals an den besonderen Fall niemals gerade an sich selbst seine
eignen Verhältnisse und seine nächste Umgebung gedacht Er hatte sich nur als
Einen betrachtet der aus der Masse des verdumpften Volkes aufgewacht
gewahrte wie er und Alle welche in Armut und Niedrigkeit bei drückender
Arbeit beschwerliche Tage abhaspelten um die einfachsten Menschenrechte
gebracht seien Er bemühte sich dies verlorene heilige Eigentum vieler
Tausende wieder erringen zu helfen indem er die Not der Arbeiter vor aller
Welt erzählte indem er durch den Verein der jungen Arbeiter unter diesen selbst
sittliche und bessere Elemente zu ihrer Geltung zu bringen suchte Als nun jenes
anonyme Schreiben mit seinen verführerischen Teorieen seiner glänzenden
Veredtsamkeit und seinen goldnen Verheißungen ihn so erschütterte  ganz neue
Gesichtskreise ihm aufschloss und ihm die Weit durch ein seltsam verkehrt
geschlissenes Glas ansehen ließ dass er Mühe hatte sich mit seiner geistigen
Anschauung noch in dieser wirr gewordenen und verrückten Weltordnung zurecht zu
finden  als er darin weiter den offenbaren Aufruf zur Empörung und Grwalt
gelesen  so hatte er dies Allgemeine noch immer nicht auf seine besonderen
Verhältnisse bezogen
    Er war einige Augenblicke schwenkend geworden  er hatte so viel neue
Lebensansichten vernommen wie sie ihm bisher noch niemals durch die Seele
gezogen waren und er musste ihnen erst genau in die Augen sehen ehe er sie
verwerfen eh er die unreinen Geister welche sich an ihn herandrängten von
sich stoßen und verdammen konnte Er hatte nur geprüft ob diese neue
Weltanschauung die rechte sei oder seine alte  und da er erstere falsch
gefunden hatte er sich mit Abscheu von ihr abgewendet Es war ihm nicht
gelungen Wilhelm zu einer gleichen Überzeugung zu bringen das hatte Franz für
Wilhelm mitleidig gestimmt aber diesen gegen ihn erbittert Sie waren nun
einander Gegner geworden denn wenn Wilhelm unter den Kameraden die Ansicht zu
verbreiten suchte dass sie auch recht gut wie die reichen Leute leben könnten
sobald sie nur den Mut dazu hätten und nicht von alten unseligen Vorurteilen
sich zurückhalten ließ arbeitete dm nun Franz wieder entgegen und sagte dass
auf gesetzlichem Wege mit Ruhe viel Mehr erreicht werden könne als wenn man es
versuchen wollte sich mit Gewalt gegen die hergebrachte Ordnung der Dinge
aufzulehnen
    Am Tage vor dem Aufstand der Eisenbahnarbeiter hatte nun Franz ein zweites
anonymes Schreiben durch einen unbekannten Knaben überbracht erhalten in
welchem ihm der fremde Schreiber anzeigte dass die Eisenbahnarbeiter einen
ersten entscheidenden Schritt tun würden  ihre Arbeit einstellen höheren Lohn
fordern und wenn man dies nicht bewillige wieder zerstören würden was man
bisher gebaut Wenn die Fabrikarbeiter zu gleicher Zeit mutig genug wären ihr
verhasstes Joch abzuschütteln so sei vielleicht der Augenblick gekommen wo die
neue Welterlösung sichtbar beginnen könne Man würde sich dann vereinigen und
alle Arme auffordern mit Teil zu nehmen an dem großen Kriegs und Siegeszug
der Armen wider die Reichen
    Dies Schreiben hatte Franz sogleich verbrannt damit es nicht in unrechte
Hände falle am Wenigsten in die Wilhelms von dem er jetzt Alles fürchtete Er
selbst hatte sich entschieden aber traurig abgewendet von diesem Bilde
kommenden Elendes welches das jetzige nicht lindern sondern nur vermehren
könne
    Als nun jetzt Wilhelm ihm vorwarf dass er vielleicht nur um Paulinens willen
eine verwegene Tat scheue so riss ihn diese Beschuldigung in ein tobendes Meer
innerer Zweifel und harter Seelenkämpfe wieder hinein So roh und abscheulich
ihm auch Wilhelms Worte klangen er war misstrauisch und streng gegen sich selbst
und prüfte sich genau ob dennoch nicht in irgend einem kleinen Winkel seines
Herzens er einen Altar für Pauline wie für eine Heilige aufgerichtet habe auf
dem er all seine andern Gelübde und Schwüre opfere
    Aber er fand sich ohne Schuld
    Und wie er so ihrer dachte da trat ihr Bild in aller mädchenhafter
Lieblichkeit vor ihn hin da meinte er den innigen liebenden Blick ihres Auges
zu sehen und den zärtlichen Händedruck der kleinen weichen Hand zu fühlen  und
da gellten ihm plötzlich wieder Wilhelms Worte in die Ohren »wenn sie nun arm
wäre und Du reich so könnte sie doch Dein werden  Wie Hättest Du nun nicht
Lust die Ordnung der Dinge umzukehren«
    Sein ganzer Körper zitterte in unaussprechlichem Verlangen sein Herz schlug
höher in brünstigem Sehnen
    Was litten denn die Andern dass sie wider die gesellschaftliche Ordnung
murrten Hunger Frost niederbeugende Not und lästige Arbeit  aber er litt
Tausend Mal mehr
    Ihm war jetzt als habe an ihm allein sich die Gesellschaft versündigt denn
sie nahm ihm die Geliebte
    Dieses Gefühl das er so rein und heilig in seinem Innern trug ward es
nicht zum Verbrechen zur Tollheit gestempelt von der Gesellschaft Und was gab
es denn noch Großes und Schönes auf der Welt wenn nicht dies Gefühl seines
Herzens dazu gehörte
    Aber was half es dass dieses Herz so in inniger Liebe dass es so groß und
begeistert schlug  dies Herz schlug ja unter Lumpen und die für welche es
schlug hätte ihren zarten Leib mit blinkendem Gold bedecken können wenn sie es
nicht verschmäht hätte
    Welch eine unvernünftige Gesellschaft welch eine frevelhafte Unordnung in
den bestehenden Verhältnissen musste das sein die um solcher Erbärmlichkeit
willen zwei gleichschlagende Herzen für immer auseinander riss
    War es nicht gerecht und natürlich sich wider eine solche Ordnung der Dinge
zu empören
    Er konnt es nicht mehr aushalten in der engen Kammer er lief hinaus fort
in die Nacht ins Freie
 
                                XI Beratungen
 »Sie hörens nicht sie schlummern gut
 Der Mahnung Zeichen kann nicht frommen
 So mag denn über Dich Du Brut
 Du stolze Brut das Aergste kommen«
                                                                     A Meissner
Ein paar Wochen waren seit dem Tage vergangen an welchem der
GeheimePolizeirat Doctor Schuhmacher mit dem Geheimrat von Bordenbrücken die
lange geheime Unterredung gehabt in welcher sich die beiden geheimen Männer
erst so schwer über Eisenbahnarbeiter und Fabrikarbeiter verständigt hatten
Dieser Unterredung war am nächsten Tage eine gleich geheime gefolgt in welcher
der Geheimrat von Doctor Schuhmacher seine ganz besonderen geheimen
Instructionen empfangen hatte
    Man sieht wie geheim diese ganze Verbindung der beiden Würdigen und Alles
was damit zusammenhing war
    Schuhmacher hatte jetzt nämlich seine werte Person möglichst zu schonen da
er im Augenblick auf die bei ihm beliebten Vertleidungen wo es galt irgend
Etwas auszugattern das an sich nicht verdächtig war sich aber doch bei einem
geschickten Verfahren verdächtig machen ließ  nicht eingerichtet war und sie
ihm auch im gegenwärtigen Moment und unter den jetzigen Verhältnissen nicht
anwendbar schienen Er hatte daher den Geheimrat zu seinem und seiner Regierung
Vertrauten gemacht und teilte ihm jetzt eine der wichtigsten Rollen in dem
Drama zu von dem er in dem Aufstand der Eisenbahnarbeiter bereits ein kleines
Vorspiel gesehen zu haben meinte  dem Drama dessen Mitspieler er
auskundschaften und das ganze Stück selbst auffinden vielleicht auch gar erst
verfertigen helfen wollte Die Eisenbahnarbeiter waren vorher der genauen
Beobachtung Schuhmachers entgangen  den Fabrikarbeitern hatte er ein anderes
Loos zugedacht  sie sollten ihm Mindestens eine bedeutende Gehaltzulage aus dem
geheimen Fonds einen Orden vielleicht auch einen Titel und einige goldene
Uhren und Dosen einbringen Den Geheimrat machte er gleiche lockende
Aussichten um seinen Eifer gehörig anzuspornen und in allen Fällen seiner gewiss
zu sein was um so mehr wirkte als Bordenbrücken einmal mit tiefster
Indignation geäußert hatte dass er der einzige Geheimrat in der Residenz sei
welcher keinen Orden habe was Schuhmacher zu der Bemerkung Anlass gab dass dies
gerade so ein Gefühl sein müsse wie wenn man in einer Gesellschaft geschwänzter
Affen der Einzige sei welcher keinen Schwanz besitze oder was dasselbe sei
unter lauter Herren welchen der Zopf hinten hängt kurz geschorenes Haupthaar
habe
    Der Geheimrat hatte vorzüglich zwei Aufträge zu besorgen zwei Pflichten zu
erfüllen Sich in Szarinys Nähe zu drängen ihn wo möglich zum Hausfreund und
Anbeter seiner Gemahlin zu machen und dadurch gelegentlich auszuhorchen und
dann bei dem Fabrikherrn Felchner selbst sich Eingang zu verschaffen ihm einige
Warnungen zukommen zu lassen und sich durch ihn selbst über den Stand der Dinge
in der Fabrik unterrichten zu lassen und von seinem Standpunkt aus sich darin zu
orientiren
    Während dem war Schuhmacher auf einige Tage an den Ort gereist wo die
Eisenbahnarbeiter wieder friedlich und geduldig wie vorher um denselben Lohn
arbeiteten und wo man drei der sogenannten Rädelsführer vor der Hand durch
Einsperren unschädlich gemacht hatte Um diese drei war es Schuhmacher
vorzüglich zu tun Einer seiner Freunde und geheimen Bundesgenossen in solchen
Sachen wo auch die Regierung selbst die geheimen Bundesgenossen die in Nacht
und Dunkel für ihre Wohlfahrt wachen nicht verschmäht hatte ihm geschrieben
dass aus dem sitzenden Kleeblatt auch nicht das Mindeste heraus zu bekommen sei
als was alle Welt schon wisse und dass der Grund hierzu sonst in Nichts Anderm
zu suchen sei als dass die drei wirklich nicht schuldiger als die Anderen wären
und dass sie also gar Nichts auszusagen hätten Dieser Brief seiner Kreatur mit
dieser Bemerkung kam nun Herrn Schuhmacher äußerst bedenklich und gefährlich
vor denn seine Marime war stets die da wo aus Mangel an Tatbeständen und
Stoff überhaupt sich Nichts feststellen ließ durch ein geschicktes Verhör so
Viel als möglich herauszuklügeln und dann doch noch bogenlange Protocolle zu
erhalten wo man erst ganz hatte an allen Aussagen verzweifeln wollen Um über
diese edle Kunst seinem Vertrauten einige sachgemässe Winke zu geben reiste er
selbst zu demselben
    Die zwei von Vordenbrücken übernommenen Aufträge gewissenhaft zu erfüllen
war nicht so leicht als es auf den ersten Augenblick den Schein haben konnte
denn Jaremir schien ihm wenig geneigt zu sein und hatte wenigstens seitdem die
schmachtenden Blicke seiner Frau ganz unbemerkt gelassen Gleich an demselben
Tag wo dem Geheimrat der neue Auftrag zugekommen hatte er erfahren dass
Jaromir nach Schloss Hohental geritten sei und dies bestimmte ihn sogleich
dort mit seiner Gemahlin auch einen Besuch zu machen
    Wenn nun auch an diesem Tage weder er noch seine Frau Fortschritte in der
Gunst des Grafen machten vielmehr Beide wie gewöhnlich von ihm ziemlich so gut
wie ganz ignorirt blieben so brachte der Geheimrat doch heraus dass Jaromir
und Elisabet sich der Eisenbahnarbeiter angenommen und überhaupt zu Gunsten der
armen Leute und der arbeitenden Klassen gesprochen hatten und namentlich über
die Nachricht von der Requirirung des Militairs sehr aufgebracht gewesen wären
Als fabelhaftes Curiosum teilte Aarens dem Geheimrat diese wahre Nachricht
mit
    Ein paar Tage später machte er eine Spazierfahrt nach der Fabrik und fragte
nach Herrn Felchner
    Herr Felchner war nicht ganz wohl und lag in der Wohnstube auf dem Sopha
Pauline saß am Fenster mit einer mühsamen Arbeit im Stickrahmen beschäftigt Ein
Kätzchen schnurrte zu ihren Füßen und spielte mit dem kleinen Schlüsselbund das
von Paulinens Gürtel herabhing
    Der Geheimrat ward von einer Magd draußen sofort und ohne weitere Meldung
hereingeschoben Er stand darüber etwas verdutzt an der Türe und machte sein
Kompliment indem er sein Wort an Paulinen richtend welche aufgestanden und
ihm mit einer leichten Verbeugung entgegengekommen war sagte
    »Ich habe wohl die Ehre mit Fräulein Felchner zu sprechen Habe ich das
Vergnügen Ihren Herrn Vater daheim zu treffen so möchte ich Sie bitten  «
    Herrn Felchners Anzug bestand nämlich in seinem alten grauen Rocke seinen
niedergetretenen und zerrissnen gestickten Schuhen über welche graue Socken
herabhingen um den Hals ein strickartig zusammengedrehtes weißes Tuch ohne
Vorhemdchen und Weste und so hatte er sich jetzt nur halb vom Sopha erhoben und
den Eintretenden mit seinen kleinen blitzenden Augen angeschielt dessen Gruß
nur mit einem leichten Kopfnicken erwidernd
    Jetzt aber stand der Genannte auf schlug die Arme à la Napoleon ineinander
und tat einige Schritte nach dem Geheimrat zu warf ihm aus seinen grauen
Augen einen durchbohrenden Blick voll Stolz und Ironie zugleich zu und sagte
seine Rede unterbrechend »Mein Herr was beliebt«
    »Mein Vater ist selbst hier« sagte gleichzeitig Pauline als Antwort auf den
Herzutretenden zeigend
    Der Geheimrat suchte sich schnell von seinem Staunen zu fassen dass dieser
kleine dürre Mann in diesem schmuzigen Anzug hier der Hausherr sei der Besitzer
der Fabrik der Besitzer von Millionen Der Erstaunte sagte mit höflichem
Kratzfuss »Es sollte mir leid tun wenn ich vielleicht in der Mittagsruhe
gestört «
    Der Fabrikherr war Menschenkenner genug um zu bemerken dass ein adeliger
ein sogenannter vornehmer Herr vor ihm stand aber es war immer seine größte
Lust wenn er einen von diesen Leuten demütigen konnte und dass dieser jetzt
sein Herrn Felchners unhöfliches Liegenbleiben auf dem Sopha zu seinem Gunsten
mit der Mittagsruhe entschuldigen wollte fiel ihm der Fabrikherr beinah
ärgerlich in die zierlich wohlgesetzten Worte indem er hastig sagte
    »Ich bitte mein Herr keine Umstände ich habe nicht geschlafen die Zeit
der Mittagsruhe ist bei mir längst vorüber  aber ich bitte kommen Sie zur
Sache unsereins hat selten viel Zeit und ich liebe die unnötigen Worte
nicht«
    »Ich muss dennoch wiederholen dass es mir leid tut wenn ich gestört habe 
man schob mich ohne Meldung in dies Zimmer ich konnte nicht vermuten sogleich
in ein Wohnzimmer zu kommen  ich bin Geheimrat von Bordenbrücken und mein
Wunsch ist einzig Ihnen einen nachbarlichen Besuch zu machen«
    »Ah wenn es so ist Sie sind sehr gütig freue mich das Vergnügen zu haben
« sagte der Wirt nun freundlicher und nötigte den Besucher neben sich auf das
Sopha  »ich glaube es sei Jemand der mich in Geschäften zu sprechen wünsche«
    Das nun endlich eingeleitete Gespräch schränkte sich eine Zeitlang um
alltägliche und gleichgültige Dinge Endlich fand der Geheimrat Gelegenheit
die Unterhaltung auf den Aufstand der Eisenbahnarbeiter zu bringen
    »Ja das Volk wird täglich unverschämter« sagte der Fabrikherr »Wo es eine
Eisenbahn zu bauen gibt kommt auch gleich lauter Gesindel aus aller Herren
Ländern herzugelaufen verlaufene Müßiggänger welche sonst nirgends Arbeit
bekommen haben Die Leute verdienen Viel bei leichter gesunder Arbeit in freier
Luft  da wirds ihnen zu wohl sie werden übermütig so ist es denn auch hier
gekommen Hätten sie schlechtern Lohn und wären sie abhängig und auf lange Zeit
gebunden so wäre es ihnen nicht eingefallen zu revoltiren nur wo zu Viel gute
Zeit ist wird das Pack unverschämt im Fordern«
    »Wie Recht haben Sie  es sind schlimme Zeiten Viel verschuldet an solchen
gesellschaftlichen Übeln die sogenannte Volksaufklärung für welche eine
gewisse Partei sich rastlos abmüht und der sogar die Regierungen viel zu wenig
Hemmung in den Weg legen dieses Streben nach Volksaufklärung ist recht
eigentlich der furchtbare Krebsschaden der Gegenwart durch den noch Viel edle
Säfte zu Grunde gehen werden  das fehlte noch Auch den Pöbel aufzuklären «
    »Wirklich gelingen wird dies niemals da ist Nichts zu fürchten«
    »Aber müssen nicht Erreignisse wie das letzte ängstlich machen Es zeigt
wie der Pöbel freilich nicht leicht aufgeklärt aber desto leichter aufgeregt
ist  und dass es nicht an einzelnen Subjekten fehlt welche ihn aufregen
Glauben Sie nicht dass es solche Leute gibt welche wie es Tatsache ist dass
sie unter die Eisenbahnarbeiter sich gemischt auch unter die Fabrikarbeiter
sich mischen und die verderblichsten Lehren verbreiten«
    »Ich verstehe Sie nicht ganz  meine Arbeiter weiß ich im Zaum zu halten
das können Sie versichert sein«
    »Ich meine dass der Kommunismus «
    Herr Felchner unterbrach diese Meinung mit einem lauten hönhischen Gelächter
und rieb sich vergnügt die Hände »Nein mein Herr vor einer Sache die bloß
auf dem Papiere steht erschrecke ich nicht Ich habe auch einmal Etwas über
diesen romantischen Unsinn gelesen und die ganze Sache als ein höchst albernes
Märchen erkannt«
    »Wenn auch die Verwirklichung des Kommunismus noch ein Märchen ist und so
Gott will immer bleiben wird die Kommunisten selbst sind leider keine
Mährchenfiguren«
    »Ich möchte wohl einmal ein solches Exemplar sehen ein Exemplar von einem
leibhaftigen Kommunisten comme il faût«
    »Nun vielleicht haben Sie nicht weit danach zu süchen vielleicht finden
Sie deren Einige unter Ihren eignen Arbeitern«
    »Sie sind wie Sie vorhin sagten erst seit ein paar Wochen in unserer
Nachbarschaft und wollen mich meine Arbeitsleute kennen lernen in deren Mitte
ich wohne welche ich meist habe aufwachsen sehen mit denen ich täglich seit
vielen Jahren in Berührung komme und von denen ich weiß was für Menschen es
sind  und Sie wollen sie mich erst kennen lehren  das ist sehr komisch«
    »Um manche Dinge im rechten Licht zu sehen ist oft ein entfernter
Standpunkt nötig«
    »Und was für Dinge gehen denn in meiner Fabrik vor Ich bin auf Ihre
Mitteilungen in der Tat sehr gespannt klären Sie mich auf«
    »Nennt sich nicht Einer unter Ihren Arbeitern Franz Talheim«
    »Einer meiner geschicktesten und fleissigsten Arbeiter ein ordentlicher
Mensch wie Wenige«
    »Sie wissen dass er schreibt«
    »Mein Gott ja Er ist von besserm Herkommen als die andern Arbeiter und
hat eine gute Erziehung gehabt  darauf bildet er sich nun Viel ein und während
die Andern dumme Streiche machen sitzt er allein zu Hause schreibt und dünkt
sich vielleicht ein großer Dichter zu sein Das lässt mich sehr gleichgültig und
geht mich Nichts an denn er ist immer der Erste und Letzte bei der Arbeit  was
er außerdem treibt ist seine Sache«
    »Was er aber schreibt regt die Arbeiter auf«
    »Davon habe ich noch Nichts bemerkt  auch können die meisten meiner
Arbeiter gar nicht lesen Und mag er ihnen seine Geschichten vorlesen  die
regen sie nicht auf denn sie handeln unter Fabrikarbeitern und wie es da
zugeht wissen sie ja alleine  auch wird ihnen eine solche Lektüre über so
Alltägliches nicht im Geringsten zusagen«
    »Es kommen aber doch Stellen darin vor «
    »Nun Sie haben ihm wohl gar die Ehre angetan das Ding selbst zu lesen
Beruhigen Sie Sich mein Herr ich kenne diesen Pöbel  Bücher regen ihn nicht
auf und wollten meine Arbeiter Manifeste und Adressen aneinander erlassen ich
ließ es geschehen denn das schadet ihnen und mir Nichts Das Beste ist aber
dass gleich gar Keiner Lust zum Lesen und Schreiben hat außer eben dieser Franz
der in seiner Art ein Sonderling ist«
    »Er ist vermutlich gescheid genug seine communistischen Principien weniger
in seinen Büchern zu vertreten als sie gleich praktisch einzuführen«
    »Ich sag es Ihnen nochmals vor diesem Popanz Kommunismus erschreck ich
nicht«
    »Ich habe mir sagen lassen dass unter Ihren unverheirateten Arbeitern ein
Verein besteht welcher auf den Grundsatz der Gütergemeinschaft sich gründet«
    Herr Felchner ward jetzt zum ersten Mal aufmerksam und spitzte seine Ohren
Der Geheimrat bemerkte diesen Eindruck seiner Worte und fuhr fort
    »Franz hat diesen Verein gestiftet«
    »Ich weiß das und obwohl mir die Sache unnütz vorkam mochte ich es ihnen
doch nicht verbieten nach ihrer Art zusammenzukommen Ich weiß dass sie diesen
Verein deshalb gestiftet haben um lieber zu singen als Karte zu spielen und
statt Branntwein Bier zu trinken  das kann mir ziemlich gleich sein es ist
ihre Sache«
    »Mein Herr« sagte der Geheimrat sehr ernst »Ihr eigenes Wohl hängt davon
ab aber auch das Wohl des Staates dass der Kommunismus keine Wurzel fasse  ich
hielt es für meine Schuldigkeit Sie auf das aufmerksam zu machen was ich
erfuhr durch jenen Verein welcher Ihnen so unschädlich scheint haben Ihre
Arbeiter den ersten Schritt zur Verwirklichung des Kommunismus getan Es
herrscht Gütergemeinschaft unter ihnen sie helfen einander und stehen Einer für
Alle und Alle für Einen  sie singen zusammen Lieder auf eine neue goldne Zeit
und Bundeslieder welche ihren Bund fördern seine immer größere Ausbreitung und
Ewigkeit in Aussicht stellen  sehen Sie dies noch lange Zeit ruhig mit an so
werden Sie es erleben dass sie einen gleichen Versuch wagen wie ihre andern
Verbündeten die Eisenbahnarbeiter  nur dass etwas Langvorbereitetes auch in
seinen Folgen bedeutender ist und sich gar nicht übersehen lässt«
    »Meine Arbeiter« sagte der Fabrikherr »werden ihre Arbeiten nicht
einstellen um einen höheren Lohn erzwingen zu wollen  sie kennen mich zu gut
sie wissen dass ihnen dies Nichts helfen würde  dazu sind sie klug genug« 
Noch ein Mal gab sich Herr Felchner dem aber jetzt gar nicht recht wohl zu
Mute war eine zuversichtliche und selbstgefällige Miene
    »Ja« sagte der Geheimrat »ich teile Ihre Ansicht  Ihre Fabrikarbeiter
werden es klüger anfangen als die Eisenbahnarbeiter denn sie haben die
schönste Zeit mit gehöriger Musse in ihren nächtlichen Vereinen ihre finsteren
Maßregeln zu prüfen und zu überlegen was am Besten zu tun sei Doch ich
überlasse Alles Ihrer eignen Klugheit es war nur meine Schuldigkeit Sie darauf
aufmerksam zu machen dass wenn Sie Ihren Arbeitern nicht bald ihre
ungesetzliche communistische Verbindung verbieten  die Regierung welche
bereits begonnen hat sie zu überwachen sich genötigt sehen wird zu tun was
Sie selbst unterliessen  denn sie darf nicht dulden dass Andere es zulassen dass
unter ihren Augen der Boden auf welchem die gesellschaftliche Ordnung ruht
unterwühlt wird Ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen und bitte meinen
guten Willen und meine Freimütigkeit nicht übel zu deuten vielleicht
untersuchen Sie wenigstens die Sache genauer  aber was Sie etwa beschließen
mögen so bitte ich nur alles Aufsehen zu vermeiden dies könnte nur schaden
und Alles verderben«
    Der Geheimrat empfahl sich Herr Felchner war wirklich bestürzt er
geleitete ihn bis zur Türe und sagte artig »Ich danke für Ihre Bemühungen in
meinem Interesse  eine fernere Antwort behalt ich mir vor bis ich selbst
Ihnen meinen Besuch abstatten werde«
    Pauline war während dieser ganzen Szene zugegen gewesen als das Gespräch
auf die arbeitenden Klassen gekommen war hatte sie weiter keinen Teil mehr
daran genommen Sie hatte sich wieder an ihren Stickrahmen gesetzt sie war so
still als möglich gewesen um ihre Anwesenheit vergessen zu machen Mit der
ängstlichsten Spannung war sie jedem dieser Worte gefolgt und als Franz
Talheims Name genannt worden hatte sie vor innerer Aufregung kaum gewagt zu
atmen Die Beschuldigungen welche gegen ihn vorgebracht wurden fielen mit
Centnerlast auf ihr Herz  sie wusste ihn unschuldig aber sie zitterte für ihn
wenn ihres Vaters Argwohn geweckt werde und er war geweckt  sie sah es an
seinen Mienen seinen blitzenden Augen Sie kannte sein Wesen  dass er plötzlich
dem Geheimrat gegenüber dem er erst beinah Antworten voll verächtlicher
Geringschätzung gegeben verstummte  dass er zuletzt ihn höflich und aufgeregt
beim Abschied hinaus begleitete  dass er jetzt von der Türe zurückkommend mit
ineinander geschlagenen Armen im Zimmer mit langen Schritten heftig hin und her
rannte  das waren böse Zeichen
    Sie stand auf und warf ängstlich fragende Blicke auf ihn
    »Schenk mir ein Glas Wein ein« rief er ihr jetzt zu »mir ist als bekäm
ich Schwindel  diese verdammte Spürnase  mir ist als wenn ich plötzlich in
einen offenen Abgrund sähe der mich hinabzöge und all mein Hab und Gut  und
auch Dich mein Kind«
    Sie reichte ihm das Glas »Setze Dich lieber Vater« bat sie »Du bist so
aufgeregt«
    Er setzte sich und nahm ihre Hand sie streichelte ihm mit kindlichem
Lächeln die Stirn wie um ihn zu besänftigen So saßen sie lange still neben
einander Es war als ob die zärtliche Sorgfalt der Tochter ihm wirklich
wohltue ihn beruhige aufheitre Er nahm ihre Hand und sagte ziemlich mild zu
ihr
    »Hör einmal Kind Du bist ja oft unter das gemeine Volk gekommen  ich
weiß es wohl wie Du mitleidig hingelaufen bist in manches schmuzige Haus wenn
irgendwo Kinder und Alte krank lagen  Du bist oft mitten hineingekommen unter
das Gesindel  und das legt seiner Rohheit keinen Zügel an wenn auch die
Tochter seines Herrn dabei ist  rede einmal gerade heraus was sagt denn das
Gesindel von mir  und was sagst Du von ihm  Glaubst Du dass der Geheimrat
Recht hat Sage einmal Alles wie Dus selber denkst«
    Pauline warf einen Blick aufwärts der ein Gebet um Kraft und Segen war Die
Stunde war jetzt plötzlich gekommen die sie so oft ersehnt und die sie nie zu
erleben geglaubt hatte  die Stunde wo ihr der Vater selbst ein freies Wort
gestattete für die Unglücklichen deren Loos sie täglich bejammerte und aus
welchen ihr Vater so leicht glückliche vielleicht auch gute Menschen machen
konnte
    »Mein Vater« begann sie und wünschte sich alle Beredtsamkeit der
überzeugendsten Redner und wünschte dass all jene Hundert für welche sie
sprechen wollte im Stillen mit ihr um Segen für ihre Worte beten mögten »Mein
Vater die Leute sind gut  und wenn Hunger Frost Krankheit oder irgend eine
Not sie unzufrieden macht so murren sie gleich laut und machen sich mit
Schimpfen und Fluchen Luft  aber heimtückisch sind sie nicht und finstere Pläne
spinnen sie nicht  dazu sind sie viel zu unwissend und wie Kinder Aber sie
klagen und murren wohl wenn ihnen von ihrem Lohn abgezogen wird und die
Factoren sie schlecht behandeln und wenn ihre Kinder bei der angestrengten
Arbeit zu Krüppeln werden und erliegen Die Not unter ihnen ist groß mein
Vater und sie selbst sind daran unschuldig  ich habe es mit angesehen  Ach
und Vater Das Sprichwort könnte wohl einmal wahr werden Not kennt kein Gebot
 die Not der Armut lehrt nicht beten die macht Verbrechen Und wenn sie
einmal etwas Verzweifeltes tun könnten  wie der Geheimrat meint  so tun sie
es nur weil sie vorher haben verzweifeln müssen  Darum lass sie nicht
verzweifeln  Vater wir sind reich genug und bleidens auch wenn Du die
Arbeiter ein wenig besser bezahlst auch wenn die Kinder nur den halben Tag
arbeiten statt den ganzen und wenn Du sie in eine Schule schickst so werden
brauchbare und gute Menschen aus ihnen vor denen Du Dich dann niemals zu
fürchten hast«
    »Deine Vorschläge sind eben wie die eines Kindes « sagte der Vater
freundlich  »Aber Du glaubst dass der Geheimrat Unrecht hat«
    »Das hat er gewiss  aber es ist traurig dass Du doch immer fürchten musst
diese Menschen könnten sich einmal an Dir rächen Vater Mein Herz hat dabei
geblutet  aber ich habe es hören müssen dass sie Dich einen  Tyrannen nannten
«
    »Mädchen« Doch sie ließ sich von der Mahnung nicht stören und fuhr heftiger
fort »Von Hunderten Trann genannt zu werden Und es kostete Dich kein Opfer
sondern nur scheinbar wäre Deine Einnahme verringert wenn Du durch Milde und
Nachsicht  der Wohltäter dieser Hunderte würdest  wenn sie Dich dann ihren
Vater nennten  wenn sie Dich liebten statt Dich zu fürchten«
    Sie umschlang ihn innig heftig »Nun« sagte er »ich sollte es einmal
versuchen mit der Milde um Dir zu beweisen dass dieser Pöbel anders ist als Du
denkst«
    »Versuch es und ich habe gesiegt« rief sie frohbegeistert
    Er lächelte sie mild an
    Die Türe ging auf und Georg trat ein und sagte »Zwei Arbeiter haben so
eben den Factor Eckert weil er ihre unverschämte Forderung nicht erfüllt hat
im Finsteren aufgelauert und ihn fürchterlich durchgeprügelt dass er jetzt kein
Glied rühren kann«
    Der Fabrikherr erhob sich wütend und stieß Paulinen bei Seite »Das sind
Deine vortrefflichen Menschen Närrin« rief er höhnisch und heftig zugleich 
»Du wirst es wohl auch noch begreifen lernen  Der Geheimrat hat Recht  einen
Factor prügeln  das sieht sehr nach communistischen Grundsätzen aus wo Alle
gleich sind«
    Pauline warf auf Georg einen Blick voll schmerzlich bitterer Anklage und
eilte hinaus
    Es war dieselbe späte Abendstunde in welcher Franz von Wilhelm wie von
einem bösen Versucher aufgestachelt auch ins Freie gelaufen war
    Pauline war kaum in höchster Aufregung ein Stück gegangen als ihr Franz
begegnete
    Sie wusste nicht was sie tat sie stürzte wie außer sich auf ihn zu und
rief »Franz Ich sehe Unheil über Sie kommen über uns Alle  aber Sie sind am
Meisten bedroht  Wie können Sie Sich retten«
    Er verstand sie nicht  aber er hielt ihre Hand in der seinen er sah ihr
mit glühenden Blicken wie er es noch nie gewagt hatte in das bleiche
geängstete Angesicht
    So schnell als möglich erzählte sie ihm die Unterredung des Geheimrates mit
ihrem Vater dann die ihrige  Er hörte gespannt zu  Wie sie ihm auch ihre
Worte zu ihrem Vater wiederholt hatte sagte er mit innigstem Ton aber
schmerzlich bewegt
    »Sie sind eine Schwester aller Unglücklichen ich zähle Sie mit unter
diesen«
    Sie verstand ihn  »Franz« rief sie mit leisem Vorwurf und lehnte das
goldne Lockenhaupt an seine Schulter
    Selige Schauer durchzogen ihn  er wagte nicht sie zu küssen er beugte das
Knie vor ihr und verstummte vor Entzücken
    Wilhelm hatte von fern gestanden  er hatte Alles mit angehört  jetzt
lachte er höhnisch erfreut vor sich nieder und zog sich vorsichtig zurück
 
                                  Dritter Band
                                 I Überraschung
 »Mein Herz ich will Dich fragen
 Was ist die Liebe  Sag
 Zwei Seelen ein Gedanke
 Zwei Herzen und ein Schlag«
                                                                 Friedrich Halm
Jaromir fühlte ein neues Leben einen neuen Lenz in sich Es gab für ihn
Stunden wo er sich selbst nicht mehr erkannte wo er sich ganz wie verwandelt
vorkam Mit welch neuem Reiz lag jetzt das Leben wieder vor ihm wie füllte
wieder ein seliger Hochgedanke seine ganze Seele aus ein Hochgefühl an das er
lange nicht mehr geglaubt das er oft im bitteren Unmut seines unbefriedigten
Herzens im Übermut seines stolzen Geistes verspottet und verlacht hatte 
Und wieder gab es andere Stunden für ihn wo eine ganze Reihe zuletzt verlebter
Jahre vor ihm wie ein böser Traum versunken wo er sich wieder Jüngling fühlte
und alle Begeisterung alle süßen Schwärmereien seiner Jugendjahre wieder
empfand Er war wieder Poet aus der Fülle seines Herzens und jene seligen
Momente kamen ihm wieder wo in lauter rauschender Sphärenmusik ein ganzer
Himmel urewiger Harmonieen im Innern einer Menschenbrust aufweckt die so lange
wogen und dringen und nicht zur Ruhe kommen wollen bis sie eine äußere
Erscheinung gefunden  ein Lied das jubelndes Zeugnis ablegt von ihrem Dasein
ihrer Macht und Herrlichkeit
    Ein seliges Liebeleben vereinigte ihn mit Elisabet
    Und sie die ernste verschlossene Jungfrau weihte ihm die ersten vollsten
Blüten eines Gefühls dem bisher ihr Herz kaum eine leise Ahnung gezollt hatte
Man konnte ihr Inneres einer hohen weißen Lilie vergleichen die schlank
aufgesprossen ist und deren Blüten über Nacht in heiliger schweigender Ruhe
bei melodischem gleichförmigem Quellengeriesel träumend groß geworden sind und
im weißen silberreinen Glanze viel heilige Geheimnisse in sich selbst noch
ungeahnt und schlummernd verschlossen halten Da strahlt der Morgenstern hell
und tagverheissend auf die Blütenkrone der erste Morgentan hängt sich an sie
mit einem zarten durchsichtigen Perlenschleier sie noch verklärend vorahnend
schlägt die erste Lerche ihr Lied ihr vorüber im dunkeln Morgengrauen empor  es
klingt mit seltsamer Bewegung wieder im Blumenkelch  er richtet sehnsüchtig
sein Haupt noch höher auf  aber er bleibt verschlossen Nun graut es im Osten 
nun fallen alle Nebel wirbeln und singen alle Vögel zugleich  ein heiliges
Schauern zieht erschütternd durch die ganze Natur regt sich in der höchsten
Eiche wie im kleinsten Halme  ein tausendstimmiger Jubel bricht los  als
plötzlich die Sonne aufgegangen und mit viel Tausend strahlenden Liebesbändern
die ganze Schöpfung an ihr unsterbliches Herz zieht Und einer dieser
allmächtigen Strahlen rührt auch an den verschlossenen Lilienkelch  und die
Blütenseele wacht aus ihrem Traum auf tut ihre verhüllenden Blätter
auseinander öffnet sich dem heißen Lichtglanz und lässt ihn segnend eindringen
in ihre goldenen Tiefen dass köstliche Nektartropfen darinnen hervorperlen 
Dieser hohen Lilie glich Elisabet Gleich einem strahlenden Morgensterne hatte
einst Gustav Talheim ihr nahe gestanden zu dem sie mit heiligen Vorgefühlen
emporschaute  aber Jaromir war ihr als eine leuchtende Sonne aufgegangen ihr
tief ins Herz gedrungen so dass es all seiner Schönheit Fund seines Reichtums
sich dadurch erst selbst bewusst geworden war und immer vollendeter Beides
entfaltete 
    So war denn das ganze Maileben glühender keuscher Liebe für sie angebrochen

    In den ersten sonnigen Stunden des Nachmittags eilte Jaromir täglich in den
Park von Hohental und in die stille von Bäumen verschwiegen beschattete
Rotunde in welcher er Elisabet zuerst seine Liebe gestanden hatte Dort harrte
er dann  und harrte selten vergebens  bis die Geliebte unter den Bäumen hervor
ihm entgegentrat und zart errötend in seine geöffneten Arme sich warf Nur
zuweilen wenn Gäste zu Mittag im Schloss waren blieb sie aus oder flog nur
eilend hin zu ihm um ihn nach wenig Momenten wieder fortzutreiben Denn noch
lag der zarte Schleier des Geheimnisses über ihrer Liebe und es war als hätte
Keines von Beiden ihn heben mögen Zwar machte er jetzt noch öfter als vorher
Besuche in Elisabeths Familie und ihre Eltern empfingen ihn gern obwohl es
schien als ob sie Aarens noch mit freundlicherer Auszeichnung willkommen
hießen
    So waren denn auch eines Nachmittags Elisabet und Jaromir in der Rotunde
bei einander Er hatte ihr einen Strauss Rosen mitgebracht und wollte jetzt dass
sie diese sich zum Kranze winde
    »Wir wollen hier die kleinen Marmorsäulen unsers heiligen Liebestempels
umkränzen« sagte sie »wir dürfen wohl heute ein geheimes Fest feiern denn
heut ist es ein Jahr dass wir zuerst uns sahen«
    »Sei mir nicht böse« sagte er und küsste sie innig »aber ich brachte Dir
dazu die Rosen mit um zu sehen ob Du auch diesen Tag im treuen Gedächtnis
bewahrt haben würdest«
    »Nun dafür dass Du mich erst prüfen wolltest verdientest Du wohl eine
Strafe  geh pflücke mir Eichenlaub indes ich die Kränze zu winden beginne «
erwiderte sie lächelnd
    Er gehorchte »Das ist ja eine Szene wie aus dem Sohn der Wildnis« sagte
er als er mit den gepflückten Zweigen sich zu ihren Füßen setzte und ihr die
Blumen zureichte
    Sie lachte und begann um das Bild zu vervollständigen mit ihrer schönen
melodischen Stimme zu singen
»Mein Herz ich will Dich fragen
Was ist denn Liebe  Sag
Zwei Seelen ein Gedanke
Zwei Herzen und ein Schlag«
Er hatte sie noch niemals singen hören  sie liebte es nicht vor fremden
Zuhörern auf Bitte oder Geheiß zu singen sie tat es nur in den Stunden wo es
ihr innerstes Bedürfnis war dann lag ihre ganze Seele in ihrem Gesange und so
auch jetzt Von Bewunderung hingerissen lauschte er bezaubernd den hellen Tönen
die so frei und freudig wie jubelschlagende Lerchen hervorflatterten aus der
Brust seines teuren Mädchens Er ließ sie das Lied vollenden ohne sie zu
unterbrechen und bat dann nur einfach
    »Sing es noch ein Mal«
    Und sie antwortete der Bitte nur dadurch dass sie es noch ein Mal sang
    Die Augen halb geschlossen vor sich niedergesenkt hörte er ihr träumend zu 
wie oft hatte er sonst Bellas Töne bezaubert gelauscht  aber nie hatten sie
ihn so im tiefsten Innern angegriffen wie dieser einfache seelenvolle Gesang
Elisabeths Es war die Sprache glühender oft wilder Leidenschaft welche er aus
Bellas Tönen hörte Sirenenklänge die mit wunderreichem Zauber
verderbendrohend ihn umstricken  die ihn erst hinschmelzen ließ in weicher
Wollust rasend vor glühendem Verlangen dann vernichtet in sich selbst
zusammensinkend  bis er plötzlich ernüchtert besonnen aber innerlich ermattet
und zerrissen aufwachte wie aus einem fieberheissen Traum Aber jetzt wo
Elisabet sang war ihm als stimmten droben im Himmel alle Engel dazu ihre
Harfen und spielten dazu auf ihren feinsten Saiten Elisabeths einfache Worte als
heilige Gebete nach es war ihm als stimme die ganze Schöpfung vor leisem Jubel
zitternd sanft mit ein in das Liebeslied Wie Orgelgetön und Glockenklang wie
Vögelgesang im Mai wie ein Liebespäan einer seligen Schöpfung den fromme
betende Menschen und eine ganze gottdurchgeisterte Natur zusammenstimmend
aufsteigen lassen  so zog es jetzt durch seine Seele
    Und als sie geendet hatte und er noch immer träumend vor sich niederblickte
sagte sie lächelnd
    »Nun mein Lied hat wohl gar das große Kind in Schlummer gesungen« Und wie
sie ihre Wange an die seinige lehnte sah sie eine helle Träne in seinem Auge 
sie küsste sie ihm hinweg und unaussprechlich selig hielten sie einander in den
Armen
    Sie hatte zwei Guirlanden vollendet und wand sie um die Marmorsäulen Die
schönsten Rosen hatte sie noch zurückbehalten
    »Aus diesen winde Dir selbst eine Krone« bat er
    Sie begann das anmutige Geschäft von Neuem Er saß neben ihr sie
umschlungen haltend sah er über ihre Schultern hinweg ihren regen Fingern zu
    Da rauschte es plötzlich wie von Tritten und im Grase schleppendem
Seidenzeuge  Elisabet sah auf sprang erschrocken empor  die Rosen fielen von
ihrem Schoos zu ihren Füßen  ein Ausruf der Überraschung drang aus ihrem
Munde
    »Du streust mir Blumen Elisabet« rief lachend eine jugendfrische Stimme
Sie kam von einer jungen Dame mit einem hübschen munteren Gesicht zu dem
schwarze Locken und ein blumengeschmückter Strohhut recht gut passten
    »Aurelie« rief Elisabet  und die jungen Verwandtinnen umarmten und
bewillkommten sich mit Herzlichkeit
    Jaromir ging einstweilen in dem nächsten Gange etwas unbehaglich hin und
her
    »Aber wie kommst Du hierher«
    »Gerade hierher Nun sieh  ich wollte Dich überraschen obwohl ich nicht
wissen konnte dass meine Überraschung für uns Beide so groß sein würde«
    »Du bist noch immer mutwillig  Aber wie kamst Du gerade hierher«
    »Durch meinen vortrefflichen Ortssinn und Deine getreue Beschreibung diese
Platzes Du hattest mir in einem Deiner Briefe diese Rotunde beschrieben und
erzählt dass Du alle erste Nachmittagsstunden hier allein zubrächtest  was
freilich der Wahrheit nicht ganz gemäß war «
    »Aurelie doch  damals«
    »So nur jetzt ist es anders  ich nahm mir also vor ehe Du etwas von
meiner Ankunft erführest ehe ich das Schloss beträte und Deine Eltern begrüßte
Dich hier zu überfallen Im Park war ich noch ziemlich bekannt und so ist es
gerade kein Wunder dass ich mich zurecht fand«
    »Und Tausend Mal willkommen Du Gute Wir werden uns Viel zu erzählen haben
«
    »Ja nun beichte  Dein Ritter dort wird seiner Irrgänge müde werden «
    »Ich werde Dich ihm vorstellen  aber Eins Aurelie Du bist die Vertraute
unsers Geheimnisses  vergiss das nicht  wir lieben uns  aber Du bist die
Erste welche es erfährt «
    »Das würde für mich sehr schmeichelhaft sein wenn es minder zufällig wäre 
um so neugieriger bin ich  Dein romantischer Hang hat Dich am Ende einem
Dichter oder Künstler entgegengeführt der nicht recht in unsere Verwandtschaft
passt  Hab ich Recht oder nicht «
    »Beides zugleich « und Elisabet rief »Jaromir« und stellte ihm Elisabet
vor »Meine Kousine Aurelie von Treffurt« Dann nannte sie ihr seinen Namen 
    Sie war fröhlich erstaunt  »Ich begreife Deine Wahl« sagte sie halblaut zu
Elisabet und gegen Jaromir gewendet fügte sie hinzu
    »Und über die Ihrige erstaun ich gar nicht  auch hört ich Manches aus der
Schule schwatzen  Elisabet wollte immer nur Gedichte von einem neuesten
Dichter lernen und war deshalb auf einem ihrer Hauslehrer gar nicht gut zu
sprechen welcher behauptete die neuen Dichter taugten alle nicht und gerade
die welche die Besten hießen wären der Leute Verderben  was würde er gesagt
haben wenn er jetzt wie sonst so oft mich auf der Wanderung hierher begleitet
hätte«
    So scherzte Aurelie ungezwungen und mutwillig wie immer ihre Weise gewesen
war
    Die Drei nahmen auf den Moosstufen neben einander Platz so gut es eben
gehen mochte
    »Aber nun erzähle wie Du eigentlich hierher kommst« sagte Elisabet zu
Aurelie »so allein und überraschend  und Du siehst eher aus als ob Du von
einem Spaziergang kämst als von einer Reise«
    Aurelie nahm ihren Hut ab knöpfte die Handschuh auf zog sie aus wickelte
sich aus der seidenen Mantille heraus warf Alles zusammen neben sich ins Gras
und sagte lächelnd
    »Sieh da wirst Du Dich wundern ich bin nicht etwa gekommen um wie sonst
Euer Gast zu sein  ich bin nun Eure Nachbarin und wahrscheinlich Ihre nächste
Herr Graf«
    »Ich wohne in der Wasserheilanstalt« sagte dieser
    »So ist mir hab ich gehört« fuhr Aurelie fort »und ich wohne auch da «
    »Du  Nicht möglich« rief Elisabet
    »Ich glaube ich bin noch im Stande Deinen Neid zu erregen« plauderte
Aurelie neckend weiter »ich bin mit Oberst Treffurt hier meinem Onkel Die
Tante ist schon lange kränklich wie Du weißt und der Arzt riet ihr die
Wasserkur Seit der Verheiratung ihrer Tochter fühlt sie sich sehr verlassen
und einsam und da sie zu kränklich ist um nur irgendwie dem Hauswesen noch
vorstehen zu können hingegen einer weiblichen Pflege und Umgebung bedarf so
hat sie sich eine Gesellschafterin ins Haus genommen Erst hatte die Tante ihre
Tochter in deren neue Heimat begleitet mit dem festen Entschluss sich selbst
dort anzusiedeln  allein das gebirgige Klima hat ihr nicht zugesagt die Ärzte
haben es ihr als eine Unmöglichkeit geschildert dass sie dort länger als ein
paar Wochen zubringen könne ohne ihre Gesundheit ganz zu untergraben So hat
sie denn nachgeben und ihren frühern Wohnort behalten müssen Sehr verstimmt kam
sie dahin zurück und bat mich zu ihr zu kommen um ihr wenigstens auf kurze Zeit
die Tochter zu ersetzen zu suchen Wie ich nun ankam war bereits davon die
Rede dass sie eine Wasserheilanstalt besuchen solle  es fragte sich nur welche
Ich war natürlich gleich für Hohenheim um Deiner Nähe willen doch flüsterte man
sich in der Residenz leise zu eigentlich sei die hiesige Anstalt erbärmlich
und Alles was man darüber geschrieben und lobpreisend gefabelt sei Nichts als
eine Mystification des Publikums eine neue Art Markschreierei welche der
Wasserdoctor von Hohenheim zu seinem Vorteil erfunden habe«
    Jaromir lachte und sagte »Man tut dem guten Doctor Unrecht  an der ganzen
Mystification sind Sie allein Schuld Elisabet das will ich Ihnen ein Mal
später erklären da Sie jetzt ungläubig lächeln«
    Aurelie sagte »das wäre wirklich so allerliebst als seltsam  aber um
meine Erzählung fortzusetzen die Nähe von Hohental in dem neuen Badeort wirkte
endlich auch entscheidend auf meine Tante und schneller als mit dem Entschluss
ging es mit unsrer Abreise daher erhieltst Du auch keine vorbereitende
Nachricht Gestern am späten Abend sind wir hier eingetroffen und haben uns
notdürftig placirt Onkel und Tante folgen mir in einem Stündchen zu Euch nach
Unterdes mag die Doctor Tal  « Aurelie unterbrach sich plötzlich »Ach das
hab ich Dir noch gar nicht einmal gesagt Die Gesellschafterin meiner Tante ist
nämlich niemand Anders als die Doctor Talheim die Frau unsers Lehrers
welchen Du so schwärmerisch verehrtest und welcher «
    Elisabet fiel ihr ins Wort »Nicht möglich« rief sie »So haben sie sich
ganz und für immer getrennt Und hat er ihr auch sein Kind nicht länger
anvertrauen mögen« Sie war zu sehr überrascht von Aureliens Neuigkeit zu
gespannt auf deren Antwort als dass sie hätte bemerken sollen wie ein leises
bitteres Zucken eine vorübergehende schauernde Blässe der Bestürzung über
Jaromirs vorhin so glückstrahlende Züge flog  auch ward er bald dieser äußern
Bewegung Meister doch Aureliens Blick war zufällig während derselben auf ihn
getroffen jetzt fuhr sie fort
    »Ich glaube die Talheim hat gesagt sie sei von ihrem Mann geschieden ihr
Kind ist gestorben  das mag sie noch zusammengehalten haben jetzt soll er gar
nicht mehr nach ihr fragen Man könnte wirklich neugierig sein zu wissen was
eigentlich zwischen den beiden Menschen vorgefallen es hieß ja immer er sei
der beste Gatte von der Welt und auf einmal als sie kaum von der schwersten
Krankheit genesen verlässt er sie um sich auf einer Reise zu amüsiren
Verdenken kann ichs ihm nicht denn hässlich ist sie und furchtbare Langeweile
mag er auch bei ihr gehabt haben Aber dass er das nicht schon viele Jahre vorher
empfunden hat Da nannte man aber die Armut sein einziges Unglück Du weißt es
ja selbst«
    »Aber vielleicht ist sie doch nicht sein größtes gewesen oder vielleicht
war sie es allein die ihn bestimmte die Reiseofferte von Graf Golzenau
anzunehmen« sagte Elisabet
    »Sie lebten in Not« fuhr Jaromir hastig heraus  »und Golzenau  ich
besinne mich  dieser Talheim welcher mit meinem Vetter Eduin Golzenau reist
ist derselbe dessen Gattin jetzt hierher kommt ist Ihr Lehrer von dem Sie
Elisabet mir noch jüngst mit Begeisterung sprachen  Sie hatten mir seinen
Namen nicht genannt«
    »Der nämliche Jaromir« sagte Elisabet »Aber Sie sind so bewegt nehmen
Anteil an diesem Talheim  Sie kennen ihn ja  vor einem Jahr als wir uns
zuerst sahen kamen Sie von ihm«
    »Und eine neue Liebe ging in meinem Herzen auf« rief er den ganzen Sturm
seiner aufgeregten Empfindungen in diese Worte pressend und zog ihre Hand heftig
an seine zuckenden Lippen
    Sie nahm diese Aufwallung für den einfachen Ausdruck der überwältigenden
Erinnerung an jene erste Stunde wo zwei Menschen sich begegnen welche trotz
der Bewegung ihrer Herzen dabei und der wunderbaren unerklärten Empfindung
welche in ihre Seelen schlägt auch nicht ahnen können dass einst ein
Himmelsgefühl und ein Himmelsglück sie vereinigen werde  und so blickte sie ihn
zärtlich an und vergaß darüber was sie und er noch im letztverwichenen Moment
gesprochen
    Nach einem Augenblick des Schweigens sagte Elisabet zu Aurelie »Durch den
Rittmeister von Waldow der mir zuweilen von der Reise seines Sohnes erzählte
habe ich auch von Talheim sprechen hören  auch lebt ihm ein Bruder hier «
    »Ein Bruder« sagte Aurelie »Nun da wird die Doctor Talheim gewiss um so
weniger ausgehen als sie dies schon zum voraus erklärt hat  es wird ihr
unangenehm sein da ihr Gatte Nichts mehr von ihr wissen will in der
Gesellschaft mit einem Schwager zusammentreffen«
    »In der Gesellschaft  Das wird sie nicht« lächelte Elisabet »Franz
Talheim ist Fabrikenarbeiter 
    Aurelie schlug ein lautes Gelächter auf und sagte ungläubig »Du bist sogar
witzig geworden Elisabet« 
    Unterdes hatte Jaromir an seine Uhr gesehen »Man wird Sie im Schloss
erwarten es ist Zeit dass ich gehe sagte er und entfernte sich nach kurzem
Abschied
    
 
                                 II Die Brüder
 »Ich bin gewandert hab gesehen
 Es steigt empor ein böses Zeichen
 Ein Kampf liegt in den ersten Wehen
 Ein Kampf der Armen und der Reichen«
                                                                 Alfred Meissner
Der Geheimrat von Bordenbrücken hatte seine Mission vollkommen erfüllt Gewiss
hatte er den Orden um den er sich bewarb schon jetzt verdient Wenigstens
hatte er sich alle mögliche Mühe darum gegeben und kein Mittel gescheut zu
irgend einem Resultat zu gelangen durch das er sich den Dank seiner Regierung
verdiene Um jeden Preis wollte er Entdeckungen von der größten Wichtigkeit über
staatsgefährliche Verbindungen und Umtriebe machen Wo er nur einen Keim dazu
fand wollte er daraus wo möglich eine Giftpflanze erziehen und sie dann
frohlockend ausreißen
    So hatte der Geheimrat auch den unheimlichen Funken in die Seele des
Fabrikherrn geworfen  war er dort einmal eingedrungen so werde es ihm dass
wusste er an weiterem Brennmaterial und Zündstoff nicht fehlen
    Der Geheimrat war ein geschickter Rechenmeister sein Exempel traf bei der
Probe
    Herr Felchner hatte Tag und Nacht keine Ruhe mehr Er teilte seine
Unterredung mit dem Geheimrat seinem Sohn mit Georg war von Charakter fast
noch finsterer und harterziger als sein Vater Herr Felchner der Vater war
ein Trann gegen Alle die von ihm abhingen aber er war es um eines Zweckes
willen er war es aus Ehrgeiz der reichste und industriellste Mann in seinem
Vaterland zu sein Alles was er war und besaß hatte er seiner Klugheit seinem
Fleiß und seiner Ausdauer zu verdanken denn er hatte zuerst mit einem geringen
Geschäft und klein angefangen Darauf war er stolz und auf diesem sichern
Fundament baute er nun mit rastlosem unermüdlichem Eifer weiter Es war seine
Freude wenn er durch seine Geldmacht den Adel demütigen konnte es war sein
Stolz bei dem großen Grundbesitz den er sich nach und nach erworben bei der
Masse der Leute welche er beschäftigte und welche dadurch Alle von ihm abhängig
waren selbst eine Art von Souverain vorzustellen es war sein Ruhm die
Industrie durch alle zweckmässige Neuerungen zu bereichern und sie in seinen
Fabriken und durch dieselben auf eine immer höhere Stufe zu heben  und es war
so seine Lebensaufgabe in Allen diesem noch weiter zu schreiten  das Mittel
dazu war erhöhter Reichtum Sich diesen zu verschaffen war ihm kein Mittel zu
gering zu kleinlich und schimpflich  so bald sich dies Alles nur unter einem
Schein des Rechtes verbergen ließ So lag seinem Handeln immer noch eine Idee
ein Zweck zum Grunde und so war er nicht hart und grausam weil er es unter
allen Verhältnissen gewesen sein würde sondern er war es nur unter den
gegebenen er glaubte so sein zu müssen wenn er den Platz ganz ausfüllen
wollte auf den er sich gestellt den er für sich gehörig in Anspruch genommen
    Aber anders war es mit Georg Er war Nichts als eine tote Maschine Er
hatte nicht einmal einen Überblick über den weiten Geschäftskreis seines Vaters
 er stand still auf dem Platz auf welchen ihn dieser gestellt Er war einer
jener Zahlenmenschen welche ihr Leben lang niemals gedacht sondern immer nur
gerechnet haben Aber darüber waren alle edleren Regungen seines Herzens
erstorben Der Grundzug seines Characters war böse Härte geworden Glückliche
und heitere Gesichter waren ihm förmlich unerträglich  sobald er solchen
begegnen musste ward er noch mürrischer als gewöhnlich  dass es so kam war der
Neid seines Herzens weil er selbst für Freude und Glück ganz unempfindlich
geworden war aber er war dies auch für Schmerz und Trauer In ihm war immer nur
eine Empfindung lebendig der Ärger und seine Äußerungen bestanden in Härte
und Grausamkeit So ärgerte er sich stets über die Fabrikarbeiter und weil er
sich über sie ärgerte hasste er sie und weil er sie hasste misstraute er ihnen
und weil er ihnen misstraute behandelte er sie mit der ausgesuchtesten Strenge
    Es war natürlich dass er jetzt als ihm sein Vater die Warnungen des
Geheimrates mitteilte  dieselben begierig in sich aufnahm das Misstrauen des
Vaters vergrößern half und zu verstärkter Strenge gegen die Arbeiter riet
    Und so kam es dass am nächsten Lohntag jedem der ledigen Arbeiter
angekündigt ward dass man ihm am nächsten Lohntag ein paar Groschen von seinem
Lohn abziehen werde dafern er wieder in den Arbeiterverein in die Schänke gehe
hinter dessen gefährliche und aufrührerische Zwecke man endlich gekommen sei
Man wolle keine weiteren Nachforschungen anstellen aber Jeder möge sich hüten
wieder Ähnliches zu versuchen  und der Verein sei jetzt ein für alle Mal
unwiderruflich aufgelöst
    Der Eindruck welchen diese Maassregel auf Alle welche sie betraf machte
war ein sehr verschiedener
    »Das leiden wir nicht Wir sind freie Arbeiter Wir sind keine Sklaven
keine Bedienten  Man darf uns keine solchen Vorschriften machen  Wir wollen
doch sehen wer dazu ein Recht hat«
    So redeten die Arbeiter unter einander hin und her im ernsten lauten Zorn
    Nachher klang es anders  da kamen all die Aber hinterdrein gar viel und
mannichfaltig  all die Aber der armen Leute
    Da hieß es nun wohl so
    »Aber was wollen wir tun  Wie wollen wirs anfangen uns zu widersetzen
Leicht zwar ists getan zusammenzukommen wie gewöhnlich aber dann dann kommt
der Lohntag dem wir jedes Mal so sehnsüchtig entgegen harren  kommt der
Lohntag und kein Lohn Denn wird unser Lohn noch mehr geschmälert so müssen wir
verhungern und elend zu Grunde gehen  Wollen wir klagen vor Gericht  Die
Gerichtsklagen sind teuer und den armen Leuten helfen sie nicht  Wer die
Macht hat hat das Recht «
    So sprachen die Arbeiter hin und her und sahen traurig und nachdenklich vor
sich nieder
    Anton hatte seine Ohren überall
    Wilhelm hörte mit innrer Freude all das Murren der Zornigen sah vergnügt
all die große Bestürzung Nun werden sie es wohl einsehen« sagte er für sich
»nun werden sies nicht mehr lange tragen« Aber laut und zu den Andern sprach
er nur
    »Da seht Ihr es Wir sind freie Arbeiter wir können die Freiheit haben zu
verhungern  wir sind keine Sklaven  unser Herr kann uns fortjagen wenn wir
ihm nicht zu Willen sind  aber so ist es einmal dem Reichen gehört die Welt 
bis sich einmal das Ding umkehren und der Reiche der Welt gehören wird« Zu
Franz sagte er dann halblaut »Was meinst Du nun Bruder Was Du mühsam Jahre
lang ringend aufgebaut um Deine Kameraden für Menschenwürde zu erziehen um sie
zu sittlicher Erstarkung zu führen um sie vor der äußersten Not zu bewahren 
das sinkt nun Alles in Nichts zusammen vor dem Machtwort des reichen Trannen
Was meinst Du nun Glaubst Du nun dass es für uns besser werden könne so lange
wir die Sklaven der Reichen bleiben so lange wir vor jeder Selbsthilfe feig
zurückschaudern«
    »Lass mich jetzt Wilhelm« bat Franz mit wehmütiger Stimme »lass mich
bis ich mit mir selbst zu Rate gegangen zu unerwartet kam der Schlag«
    Wilhelm lachte höhnisch
    Nach dem Feierabend ging Franz auf der Straße nach Hohenheim So entmutigt
so niedergeschlagen wie jetzt war er noch niemals gewesen Wie ein Schlag aus
blauem Himmel war ihm diese neue unerhörte Strenge des Fabrikherrn gekommen Er
hatte ja von Anfang an Nichts gegen den Verein gehabt als ihn Franz zuerst
davon benachrichtigt und sogar um seine Zustimmung gebeten hatte Woher nun
dieses plötzliche Misstrauen gegen eine Sache welche man nie mit dem Schleier
irgend eines Geheimnisses umhüllt gehabt hatte Woher diese plötzliche Härte
    Franz sann lange darüber nach doch immer vergebens Und je weniger er einen
Grund herausfand welcher diese außerordentliche und unerwartete Maasregel des
Fabrikherrn hätte rechtfertigen können desto trüber und unheimlicher ward ihm
zu Mute  eine ungeheure Angst vor kommenden Dingen begann sich wie ein
drückender Alp auf seine Seele zu lagern Diese Ankündigung die ihm und allen
Arbeitern heute geworden  war sie nicht der Vorbote nahenden großen Unheils
Glich sie nicht dem ersten schmetternden Blitz dem ersten rasch abbrechenden
Donnerschlag die ohne die Gewitterschwüle der Luft durch lindernde Regentropfen
zu kühlen aus finsterem Gewölk hervorbrechen Und dann ist es wieder still
todtenstill und keine Bewegung am Horizont Nur dass die schwarzen Wolken immer
größer wachsen immer höher sich auftürmen ohne doch sichtlich weiter von
ihrer Stelle zu rücken ihre dunkeln Massen mit schneehellen Spitzen schmücken
mit rotschillernden Streifen durchziehen  so dass der Beobachter des Wetters
wohl sieht das ist mehr als ein Gewitter das mit vorübergehenden Schrecken der
Erde Segen bringt  das verkündet schlimmen Hagel das wird sich nicht eher
entladen als im grässlichen Wolkenbruch Auf die todesängstliche stille Erde
die unter dieser drohenden schwarzen Last sich nicht zu rühren wagt wird
plötzlich das Entsetzen hereinbrechen  und sie wird ohnmächtig aufschreien
unter den fürchterlichen Kampf der Elemente aber unhaltbar werden die großen
Hagelkörner herunterstürzen und die Bäume zerbrechen die nicht geduldig sich
beugen wollen die junge Saat zerstampfen die hilflos dasteht und unter allen
Früchten ringsum eine furchtbare Ernte halten vor der Zeit Und tosende
Wasserschlünde wird der Himmel öffnen die werden zusammenströmen mit den
Wassern auf der Erde und sie aus ihren friedlichen Betten aufjagen heraushetzen
auf blumige Wiesen und Felder und über sie hinweg bis hinein in die schutzlosen
Häuser armer Menschen Und dann wenn das Werk der Zerstörung vollendet sein
wird dann wird von droben ein ruhiger blauer Himmel herniederlachen auf all
den Jammer unten und kleine Silberwölkchen werden im spielenden Tanz erzählen
das Unwetter sei nun vorbei und komme nicht wieder es herrsche nun wieder
lauter Klarheit und Ruhe Als ob nun Alles gut sei Als ob es Nichts sei eine
zertrümmerte Ernte Als ob die vernichteten Hoffnungen von Tausenden Nichts
wären
    So zog es durch Franzens Seele So hatte er das bestimmte Vorgefühl wie vor
solch grässlichem Gewitter So legte es sich wie ein drückender Alp auf seine
Brust Da drinnen fühlte er es bestimmt so werde es kommen
    Wer so die niederen Arbeiter tagtäglich freiwillig und friedlich sieht an
ihre einförmigen und schweren Geschäfte gehen der ahnt wohl nicht welch
ungeheuere Kämpfe oft mögen ausgekämpft werden in diesen stummen Herzen die
hinter einem groben grauen Hemd und unter einer zerrissenen Jacke schlagen 
Und wenn auch öfter noch vielleicht diese Herzen kein Verlangen haben weil der
hungernde Magen daneben eine beredtere Sprache als sie gelernt hat wenn auch
all diese Sinne durch frühe Gewöhnung tierisch abgestumpft sind und nur aus
Gewohnheit ein lästiges Leben fortführen ohne ein anderes zu begehren weil
ihnen von ihrer Geburt an vorgesagt worden ist das sei ihr Loos  und sie für
sich niemals ein anderes erstrebbar hielten ach so trifft doch doppelte Qual
diejenigen welche aus ihrer dumpfen Lebensnacht aufgewacht sind und sich doch
ausgeschlossen sehen von All dem was man eigentlich Leben nennt Dann beginnt
jenes Ringen des innern Menschen wider das Loos zu dem der äußere Mensch durch
seine Geburt verdammt ist Und wer nun frommer Sieger bleibt in solchen Kämpfen
vielleicht der härtesten von allen welche den Menschen beschieden sind dessen
wartet dafür kein Wort der Anerkennung kein Hauch der Bewunderung kein
leuchtendes Ziel und kein ehrender Kranz  kaum dass von ihm die Welt sagt er
tut seine Pflicht sie sagt entweder es ist so seine Bestimmung was kann er
Anderes wollen Oder sie spricht gar nicht von ihm  denn von dumpfen Maschinen
die man sich nur zu einem bestimmten Gebrauch hält pflegt man nicht zu
sprechen
    Wer mochte diese Kämpfe ahnen in welchen Franz täglich mit sich selber rang
Wer diese Versuchungen welche gleich der lernäischen Hydra wenn er sich Sieger
wähnte ihm immer wieder ein neues Haupt züngelnd und giftauchend
entgegenbäumten
    Und jetzt rang er wieder
    Er hatte sich jenseit des Grabens der Straße auf welcher er ging unter
einen Baum geworfen und starrte die Hände krampfhaft vor seine Brust gedrückt
vor sich nieder Zwei große schwere Tränen rannen ungehemmt über seine bleichen
Wangen
    »Da ist er ja« rief plötzlich eine Stimme und ein Mann sprang rasch über
den Strassengraben hinweg und stand vor Franz
    Der Wandrer glich ihm  und doch auch wieder nicht Er war größer als Franz
seine Haare waren von lichterem Braun seine Augen hatten einen sanfteren und
milderen Glanz Der Schnitt der Gesichter war gleich wie ihre Blässe und in den
Furchen Beider las man große geistige Kämpfe verzeichnet Aber während man es
Franz ansah dass eben jetzt diese Kämpfe am Heftigsten tobten schienen sie bei
dem Andern überwunden und der Ausdruck eines ruhigen Schmerzes lagerte auf
seinem Antlitz welches beinah etwas Heiliges und Verklärtes hatte  Einem
fremden Beobachter wäre vielleicht noch aufgefallen dass diese Beiden die sich
bis auf den Unterschied der Jahre denn Franz mochte um zehn Jahre weniger zählen
als Jener so ähnlich sahen in ihrer Kleidung um so unähnlicher erschienen
Denn während Franz Beinkleider von grobem Tuch eine geflickte und zerknitterte
Leinwandblouse und einen alten roten Shawl um den Hals unter den groben
Hemdkragen geschlungen trug erschien jener in dem feinen modernen und netten
Anzug eines Mannes von Welt
    Aber die Bruderherzen schlugen in gleicher Liebe zu einander gleichviel ob
unter feinen Stoffen ob unter Lumpen
    »Franz«
    »Gustav«
    So riefen sie sich gleichzeitig einander zu Und sie schüttelten einander
die Hände und sahen sich an mit allen Freudenzeichen des Wiedersehens
    »Du bist schneller wieder zurückgekommen als ich dachte« sagte Franz
    »Waldow bekam auf einmal das Heimweh und ward kränklich Befragte Ärzte
rieten zur Heimkehr Golzenau trieb auf einmal auch dazu an  und so reisten
wir Alle hierher zurück da Waldows Heimat unserm Wege näher lag als Golzenau
Ich begleite Eduin nach einigen Tagen welche wir hier zubringen zu den
Seinigen Er will sich durchaus nicht von mir trennen wahrscheinlich treten wir
dann nach ein paar Wochen des Weilens im Vaterland eine neue Reise nach Norden
an da er den Süden so bereitwillig aufgab  Aber Franz Du weintest wie ich
Dich zuerst sah« sagte Gustav Talheim
    »Weint ich  Nun es kann wohl sein  wundern muss man sich freilich wie
man noch weinen kann Ach es ist gut dass Du da bist  ich muss Viel mit Dir
reden vielleicht weißt Du Rat wo ich ratlos bin  Aber nicht hier  um
diese Fabrik herum muss jetzt die Luft verpestet sein muss einen neuen Wellengang
erfunden haben für den Schall dass er gleich bis in die Ohren des Fabrikherrn
trägt was man spricht aber verändert verschlimmert  auch weht der Herbstwind
schon rau über die Stoppeln  Du wirst frieren weil Du aus Süden kommst 
Aber wo gehen wir hin  in meiner Kammer ists vielleicht auch nicht mehr
geheuer  wer kanns denn wissen«
    »Komm mit mir« antwortete der Doctor Talheim »ich bewohne bei Waldow eine
einsame Stube dort wird uns Niemand belauschen wenn Du Etwas zu fürchten hast
dort können wir uns einander näher erklären denn noch verstehe ich Dich nicht«
    So gingen sie denn zusammen dem Gute des Rittmeisters von Waldow zu
    Unterwegs fragte der Doctor Franz ob er Etwas von Amalien wisse
    Franz verneinte Er wusste es selbst noch nicht einmal dass das Kind
gestorben war  weder Amalie noch Bernhard hatten ihm geschrieben
    Von diesen traurigen Verhältnissen sprachen sie zusammen bis sie an das
Ziel ihrer Wanderung kamen Gustav führte den Bruder in seine Stube
    Hier sind wir ungestört« sagte er und zog ihn neben sich auf das Sopha
    Die Stube war zwar etwas altmodisch eingerichtet Gardinen und Meubles waren
von ziemlich verblichener Pracht  aber es war doch immer einst Pracht gewesen
und die eingedruckten Polster gaben noch immer weich und elastisch genug nach
um in ihrer Bequemlichkeit einem Proletarier ziemlich wunderlich vorzukommen Er
schüttelte den Kopf darüber wie über all die zierlichen künstlichen Geräte
des Zimmers Es mischte sich kein Neid und keine Bitterkeit in seine Worte als
er zu dem Bruder sagte »Du gehörst jetzt zu der Klasse der Reichen und
vornehmen Leute « denn er gönnte ihm das Alles aber er sagte es doch
    »Bruder« sagte Jener »ich weiß wohl dass Du unglücklich bist  aber noch
als ich vor Jahresfrist hier von Dir Abschied nahm versichertest Du mir
Zuweilen habest Du doch Stunden wo die Arbeit Deine Lust sei Du strebtest
nicht über Dein Loos hinaus  und drück es Dich auch ein Mal hart nun so
erhebe Dich doch der Gedanke dass Du all Dein Streben Deinen Kameraden weihtest
und dass es Dich erhöbe danach zu trachten soviel als Dir möglich sei zur
Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen beizutragen  Denkst Du nun
anders«
    »Du hältst mir ein Bild meines Selbst vor wie es einst war und wie es bald
ganz zertrümmert sein wird Ja Ich bildete mir das ein Was ich schrieb sollte
die Augen einflussreicher Menschen der Schriftsteller der Bürger auf die Not
der Armen lenken  was ich tat sollte da ich anders nicht helfen konnte die
Kameraden hier eines besseren Looses werter machen Und so geschah es auch Mit
einem von ihnen Wilhelm welcher fühlte und dachte wie ich stiftete ich einen
Verein unter uns unverheirateten Arbeitern Ich habe Dir einmal seine Statuten
mitgeteilt Dadurch ward Vieles besser Trunkenheit und Spiel verschwanden bei
den Jüngern Dadurch dass wir aus einer gemeinschaftlichen Kasse uns
unterstützten wenn Einer in unverschuldete Not kam so dass wir nicht nötig
hatten uns unsere Arbeit von den Factoren vorausbezahlen zu lassen büssten wir
weniger an unserm Verdienst ein Wir redeten ein vernünftiges Wort zusammen
sangen kräftige Lieder zu Trost und Erheiterung lasen wohl auch hier und da ein
nützliches Buch zusammen  und so kam manches Gute Das Alles ist nun hin Wir
dürfen nicht mehr in unsrer besonderen Stube zusammenkommen keine Lieder mehr
singen  Alles nicht mehr was wir bisher getan  spielen und uns betrinken
aber  ja das dürfen wir«
    Gustav bat erschrocken teilnehmend um weitere Erklärung Franz wusste seine
Worte durch weiter Nichts zu ergänzen als durch den außerordentlichen
drohenden Befehl von diesem Morgen Dann fuhr er fort
    »Aber ist denn das etwa Alles Unter diesem kleinen Haufen elender Arbeiter
von deren Dasein die Klasse der bevorrechteten Menschen kaum mehr Notiz nimmt
als von einem Ameisenbau  werden die seelenerschütterndsten Trauerspiele
aufführend gedichtet Es gibt auch bei uns nicht nur äusserliches Elend und
körperliche Schmerzen  wir haben all die andern auch in fürchterlicher Größe
Ich bekam einst ein Schreiben von Ungenannten das die Gleichheit aller Menschen
predigte von unsern Rechten sprach den Reichen gegenüber und das endlich zum
Widerstand gegen sie alle Armen aufforderte  Wilhelm ward ein Opfer dieser
Ideen  wir sind seitdem unserer Freundschaft nicht mehr froh geworden«
    »Aber Du Franz  Du So will der wahnsinnige Kommunismus auch hier sich
einnisten«
    »Ich habe oft Tag und Nacht gerungen  aber davon nachher Nach einigen
Wochen bekam ich einen zweiten Brief  er zeigte mir an dass die
Eisenbahnarbeiter hier in der Nähe aufstehen würden  der Sieg müsse den Armen
bleiben sobald sie nur wollten  wir wären ja einige Hundert  es gelte ein
Heldenbeispiel zu geben  die Andern würden folgen  der Tag der Erlösung sei
nahe für die Armen «
    »Franz  und was tatest Du «
    »Meine Antwort war  Schweigen Du bist der Erste der von diesem Brief
erfährt «
    »Gott sei Dank dass Du aushieltest in der Versuchung mein starker Bruder«
    »Sie war groß  und wenn nun gar noch Reue käme Die Eisenbahnarbeiter haben
es nun schlimmer als früher Einige von ihnen sind im Gefängnis  Und wir Wir
haben es nun auch schlimmer  Und was hatten wir denn weiter zu verlieren Und
wenn ich nun aus dem Brief kein Geheimnis gemacht hätte  und die Kameraden
wären seiner Mahnung alle beigesprungen  und viel Hundert Arme wären plötzlich
aufgestanden wie ein Mann und hätten ihr Recht gefordert von den Reichen  was
hätten sie denn beginnen wollen im ersten Schrecken Nun büßen jene armen Brüder
traurig ihre Kühnheit und wenn nun ich daran Schuld wäre Sie hatten Vertrauen
zu mir sonst hätten sie ja an einen Andern von uns ihre Mahnung schicken können
 und ich habe ihr Vertrauen gemissbraucht  ach das ist ein hässlicher Vorwurf 
«
    »Franz um Gottes Willen Deine Gefühle verirren sich grässlich Deine
Gedanken werden wirr «
    »Und lass mich Alles sagen dann richte ob es mir nicht zu vergeben wenn
es so wäre dass meine Seele die gewohnten Gedankengänge verlernte  Du kennst
ja Paulinen Du bist ihr Lehrer gewesen  ich liebe sie  ja ja  und sie liebt
mich auch«
    »Die Tochter des Fabrikherrn« rief Gustav in äußerster Erschütterung
    »Ja und wer anders ist Schuld daran als Du Du hast ihr Mitleid gelehrt mit
den Armen und Gleichheit der Menschen  und so bist Du es dem wir unsre
Seligkeit und unsern Jammer danken«
    Es verging lange Zeit bevor die Brüder wieder zusammensprachen sie waren
Beide zu schmerzlich bis in ihre innersten Seelentiefen durchschüttert Der Eine
von der Mitteilung wie er sie noch niemals über seine Lippen hatte gleiten
lassen der Andere von dem Überraschenden und Erschreckenden des Gehörten
    Endlich begann Franz wieder gefasst »Du bist ja jetzt weit herumgekommen Du
bist ja in jenen Staaten gewesen wo die Bürger freier sind als bei uns und
die Arbeiter nur desto gedrückter  dort sagt man ja es gähre überall dort
wohne das was Du Kommunismus nennst Erzähle«
    »Ja es will sich überall regen mit unheilvollen Zeichen Gefährliche
Verbindungen gründen sich auf gefährliche Systeme die auf den Umsturz aller
bestehenden Verhältnisse hinaus laufen «
    »Aber Gustav was soll endlich werden Du nennst jene Systeme gefährlich 
gefährlich sind sie für die wenigen Tausende welche jetzt im Besitz und im
Rechte sind  aber für die Millionen Rechtloser und Enterbter sind sie doch die
einzige Rettung  Meine Geduld geht zu Ende ich schwöre sie ab Wenn ein edles
Volk unter schändlichen Tyrannen Fessel nach Fessel um sich schlagen sieht  so
empört es sich endlich gegen seine übermütigen Herrscher  die Armen sind alle
ein großes unglückliches Brudervolk  warum sollen sie es nicht auch tun Warum
sollen die Armen nicht »Freiheit und Gleichheit« rufen Wir wollen ein großes
Brudervolk werden  brüderlich die Arbeit teilen brüderlich den Genuss  und
hat man uns jetzt mit Gewalt unglücklich gemacht  warum sollen wir nicht
versuchen durch Gewalt glücklich zu werden «
    »Du appellirst an die Gewalt  Dein Gefühl sagt Dir dass die Gewalt der
Reichen ein Unrecht ein Verbrechen ist  und was würde die Gewalt der Armen
Anders sein« Gustav griff nach einem Buche das unter andern Büchern und
Papieren auf dem nächsten Tische lag »Jene Leute« sagte er »deren Lehren zum
Teil in dem Schreiben enthalten sind welches man an Dich gerichtet hat meinen
es vielleicht redlich mit der Menschheit ich will sie nicht verdächtigen Sie
lieben die Menschheit und ihre Not hat ihnen ins Herz geschnitten  und so
haben sie einen Plan ausgesonnen die ganze Welt zu beglücken welcher auf den
ersten Anschein viel Bestechendes hat weil er durch ein allgemeines Band der
Liebe die Menschen zu vollkommener Gleichberechtigung vereinen will Aber darin
ginge die persönliche Freiheit zu Grunde  und eine solche Gemeinschaft in der
ein Jeder seine bestimmte Arbeit zu genießen bekäme dafür aber nie mehr zu
hungern und zu frieren nie für sich selbst zu sorgen brauchte  hat ihre
Vorbilder bei dem Loos der Amerikanischen Sklaven und der Russischen
Leibeigenen Dawider empört sich der freigeborene Mensch dessen Glück im
Streben beruht Und empörte sich nicht Dein Herz dagegen als man Dir Deinen
Gott und Dein Vaterland nehmen wollte Jenes System des Kommunismus macht die
Menschen zu Sklaven denn es zwingt einen Jeden zur Arbeit es macht sie zu
Kindern denn es nimmt ihnen die Freiheit des persönlichen Willens  aber noch
mehr  es macht sie zu Tieren denn es nimmt ihnen Gott und mit ihm alle
Menschenwürde es nimmt ihm die Familie und würdigt die Liebe der Gatten herab
zu einem gemeinen sinnlichen Triebe  ja es würdigt den Menschen noch unter das
Tier denn es reißt auch die Kinder von den Eltern und spricht ein
Verdammungsurteil aus über diese heiligsten Bande des Blutes  Aber es gibt
noch Andere welchen die Not der Erde eben so ans Herz geht welche es auch
ehrlich mit der Menschheit meinen welche aber statt wahnsinnig zu zerstören mit
klarem Blick und regem Fleiße fortbauen Höre wie ein Solcher spricht« Und
Gustav schlug das Buch das er ergriffen hatte auf und las
    »»Die Aufgabe der Menschen ist Vervollkommnung Vollkommenheit würde sie
töten Dem Gang der Vervollkommnung durch rohe Gewalt vorgreifen wollen heißt
nur die Unvollkommenheit verlangen Die Ansprüche aller Menschen auf politische
Rechte wie auf Glück und Gut sind gleich die Teilung aber durch Gewalt
bewerkstelligen wollen heißt nur die Rollen tauschen und den Bevorrechteten zum
Rechtlosen den Besitzenden zum Armen machen um den Kampf der Gewalt aufs Neue
hervorzurufen So lang es Vernunft gibt muss auf sie vertraut so lang es ein
Recht gibt muss an seinen Sieg geglaubt werden Wer Vernunft und Recht
verwirklichen will wende auch Vernunft und Recht dazu an««
    »»Das Gewordene hat auch sein Recht Es muss umgewandelt nicht zerstört
werden Ist das Gewordene als Zweck nicht gut so ist es gut als Mittel Man
denke nur daran es zu gebrauchen Die Lage von Millionen unsrer Brüder ist
beklagenswert Aber wie sie mit dem Gewordenen zusammenhängt so muss sie auch
in dem Gewordenen ihre Heilung finden Das Gewordene in unserm Ganzen ist der
Staat Im Staat müssen wir die Mittel zur Besserung suchen Gebt kein Gehör
jenem leichtfertigen die Notwendigkeit des Entwicklungsgesetzes
überspringenden Zerstörungsgeist welcher glaubt die Welt zu bessern wenn er
sie umkehrt Halten wir die gewordene Welt fest aber reformiren wir sie durch
Vernunft und Recht durch Überzeugung und Gesinnung Wir alle zusammen haben
wenig Rechte im Staat aber die Armen haben gar keine so streben wir dahin
ihnen Rechte zu verschaffen damit sie sich Glück verschaffen können Wir haben
wenig Mittel dazu so gebrauchen wir um so mehr diejenigen die wir haben Es
gibt noch viel vernünftige und rechtliche Leute unter den Besitzenden die sich
uneigennützig dem Streben anschließen dem Menschen zu erringen was dem
Menschen gehört und die zu Opfern wie zu Kämpfen bereit sind Und diejenigen
die fühllos genug sind sich aus Eigennutz diesem Streben entgegenzusetzen
werden wir zu überzeugen wissen dass gerade der Eigennutz sie bewegen soll sich
ihm anzuschließen Wir werden jener Blindheit den Staar stechen welche glaubt
ihren Besitzstand zu sichern indem sie ihm durch feindliche Abwehr gegen die
Gleichberechtigung nur erbitterte Gegner schafft wir werden sie besiegen jene
Blindheit des Besitzes welche ihr Interesse zu wahren glaubt indem sie sich
der Blindheit der Gewalt anschliesst und dienstbar macht Wir werden sie
verbannen jene Verstockteit des Egoismus welche Alles behalten will um
endlich Alles zu verlieren««
    »»Nur ernsten redlichen Willen aber keine Gewalt Die Gewalt stürzt aus der
Luft sobald sie nicht mehr umgangen werden kann aber wer sie herabruft ist
ein Frevler an der Vernunft und an der Menschheit Welche einzelne Gestaltungen
ein friedlicher Kampf um die Besserung unserer Zustände uns noch bringen wird
und wie viel Geduldproben wir noch zu bestehen haben werden das vermag kein
Mensch vorher zu bestimmen Das aber präge man sich ein es gibt keinen zweiten
Schritt ohne den ersten es gibt keinen wahren Fortschritt ohne Überzeugung
und die Früchte des gesellschaftlichen Fortschrittes haben keine Dauer ohne den
politischen««
    »»Und wenn auch das Billigste als Verbrechen betrachtet wird wir dürfen
dennoch die Geduld nicht verlieren je mehr Hindernisse desto festeren Willen
Ein schlechter Soldat im Kampf der Politik der wegen eines Flintenschusses aus
der Festung die Belagerung aufgibt Aber es war bis jetzt unser erster Fehler
dass wir kämpften wie die Wilden im Anlauf sind sie stürmisch in Schlichen sind
sie tätig aber in ehrlicher offener Schlacht nehmen sie die Flucht so bald
der erste Mann fällt««
    Gustav hielt inne Franz sagte »Es beginnt schon wieder ruhiger in mir zu
werden  vielleicht wird mir das Loos der erste Mann zu sein  welcher fällt
Könnt es die Sache der Armen fördern   Aber hier meine Hand Bruder  ich
will die Geduld nicht verlieren«
    Noch lange sprachen die Brüder zusammen und Franz stärkte die edle Seele an
der gestählteren und zuversichtlicheren des älteren Bruders
 
                            III Mutter und Tochter
 »Fester ist der Seelen Band als Eisen
 Heiliger als Opfer ihre Glut«
                                                                   Karl Haltaus
Einige Tage nach Aureliens Ankunft saß Elisabet allein in ihrem Zimmer Sie
warf wehmütige Blicke zum Fenster hinaus auf die abgemäheten Saatfelder von
denen die Stoppeln öde und starr gleichsam zum Himmel in trostloser Eintönigkeit
aufklagten dass man ihnen ihre goldenen Halme genommen mit denen sie einst ein
wogendes Spiel aufführen konnten zur Ehre der Schöpfung Auch drüben der Wald
begann sich schon zu färben rote und gelbschillernde Stellen wurden darin
bemerkbar wo vorher nur grüne Schattirungen sich gezeigt hatten Und recht
still wars draußen geworden kaum dass noch hier und da eine wirbelnde Lerche
aufflatterte oder ein Heimchen still verborgen im Grase zirpte auf der Wiese
die schon zum zweiten Male gemäht ward  aber stumm geworden waren all die
fliegenden Sänger im Walde auf dem Felde und im Garten Die im Lenz den ganzen
Tag lang von Zweig zu Zweig geflogen waren um vom frühen Morgen bis zum späten
Abend sorglos frei und froh ihre Lieder zu singen die saßen jetzt still in den
heimischen Nestern bei der jungen Brut und lehrten ihr sich putzen und fliegen
und Nahrung suchen  Lieder lernten sie ihnen nicht das nutzlose Singen trage
doch Nichts ein meinten sie das lernten sie schon allein und dächten dann sie
hätten nichts Anders zu tun so leichtsinnig und schlimmgeartet sei nun jetzt
einmal die Jugend Die klugen alten Vögel Sie betrügen sich nur selbst  aber
sie sind nicht klug genug um diese Rolle lange durchzuführen  im neuen Lenz
suchen sie all ihre alten Lieder wieder hervor und probiren und musiciren dass
es eine Lust ist Aber jetzt waren sie alle still und schwiegen verständig Die
Pyrolen schüttelten gar schön die goldenen Gefieder breiteten die glänzenden
schwarzen Schwingen aus und riefen einander mit ihrem verabredeten Zeichen dem
Pfeifenaccord zusammen zum großen Fluge nach Süden  Unten am Teiche wanderten
zwei Sötrche bedächtig nebeneinander und setzten mit ernstaftem Geklapper Tag
und Stunde der Reise fest
    Elisabet sah dem Allen träumend zu und wie jetzt auch noch ein herbstlich
kalter Wind ihr entgegen wehte so zog auch ein unheimlicher Schauer durch ihre
Seele der ihr bisher fremd gewesen Die Vögel die sich zur Reise rüsteten
mahnten sie daran dass bald nach ihnen ihr Sänger fortziehen dass ihr Jaromir
die sterbende Natur mit der lebendigen Stadt vertauschen werde Sie malte es
sich aus wie der Park veröden werde ohne ihn
    Auch ein kleiner Auftritt von gestern kam ihr nicht wieder aus dem
Gedächtnis und trug dazu bei ihre trübe Stimmung zu erhöhen Sie hatte nämlich
gestern im Gesellschaftszimmer einen Band Gedichte von Jaromir liegen lassen
Aarens war dagewesen und hatte ihn zur Hand genommen man hatte über die
Gedichte und den Dichter gesprochen und der Graf Hohental hatte Aarens
aufgefordert eines oder das andere davon vorzulesen da ihm noch alle unbekannt
seien Aarens hatte mit lächelnder Miene ein Freiheitslied aufgesucht und
vorgetragen das dem Grafen wegen seiner radicalen Tendenz höchlichst missfiel 
er wollte ein anderes hören Aarens suchte ein anderes »An die Frauen«  und
sagte der Titel lasse doch auf einen zarteren Inhalt schließen  aber in diesem
Lied wurden die Worte Frau und frei als zwei Synonymen gebraucht und die Frauen
aufgefordert auch nicht zurückzubleiben im würdigen Dienst der neuen Zeit 
dies Lied empörte die Gräfin noch mehr als den Grafen sie fand es ganz
unverträglich mit der Achtung und zarten Ergebenheit welche sie für ihr ganzes
Geschlecht in Anspruch nahm Aarens machte bittere Bemerkungen fügte bei an
Achtung gegen die weibliche Würde dürfe man bei einem Menschen wie Szariny nicht
denken  blätterte dann in dem Buch und erklärte nachher die Gedichte wären
alle in dieser Weise und warf es mit verächtlicher Miene weg Elisabet hatte
während dessen unaussprechlich gelitten jetzt wusste sie sich nicht mehr zu
fassen  sie nahm das Buch und sagte erzwungen ruhig »Ich kenne diese Gedichte
besser als Sie Herr von Aarens und werde nun selbst eins vorlesen«  ihr Vater
wollte das erst überflüssig finden sie ließ sich aber nicht abbringen und las
eine Ballade welche ein mittelalterliches Sujet behandelte und nun wirklich dem
Grafen sehr gefiel  Sobald sie dieselbe aber zu Ende gelesen entfernte sie
sich mit dem Buch um es nicht länger entweihen zu lassen  Der angenehme
Eindruck verwischt sich aber schneller als der unangenehme und so ging es auch
dem Elternpaar mit Jaromirs Gedichten  Später als Aarens ging sagte er beim
Abschied zu Elisabet mit einer besonders feierlichen und zärtlichen Miene dass
er am andern Tag wiederkommen werde  und bis dahin bitte er alle guten Genien
bei ihr ein freundliches Wort für ihn zu reden 
    Dies Alles zusammen machte Elisabet heute wehmütig verstimmt unruhig
    Da ging die Türe ihres Zimmers auf und ihre Mutter trat ein Es war dies
ungewöhnlich  auch sah sie besonders feierlich aus und deshalb schrak Elisabet
bei ihrem Kommen unwillkürlich leise zusammen
    »Mein Kind« sagte die Gräfin sie umarmend »Du bist mir seit einiger Zeit
ausgewichen Du hast bemerkbar ein Alleinsein mit mir vermieden  und so komme
ich denn zu Dir in Dein Zimmer  «
    »Liebe Mutter« rief Elisabet und schmiegte sich mit Vergebung suchenden
Augen an sie und zog sie neben sich auf das Sopha
    »Wir sind hier am Ungestörtesten« begann die Gräfin »wir können hier gegen
einander Alles aussprechen was wir auf unsern Herzen haben  und die
Scheidewand wird fallen welche sich seltsam zwischen uns aufgerichtet hat«
    Elisabeths Augen senkten sich zu boden sie schwieg obwohl die Mutter eine
Antwort von ihr zu erwarten schien Letztere fuhr endlich fort
    »Nicht nur dass Du seit einiger Zeit verschlossen gegen mich geworden bist
Dein ganzes Wesen hat sich verändert zuweilen habe ich Dich weich und
gefühlsinnig gesehen oder kindlich heiter wie sonst niemals  aber dann wieder
bist Du ernst und kalt und loderst dennoch dabei mit einer Art Feuerbegeisterung
für Dinge auf für welche ich diese Begeisterung am Allerwenigsten billigen
kann«
    »Mutter« sagte Elisabet diesen letzten Punkt gerade festhaltend um
dadurch das Gespräch vielleicht auf eine allgemeinere Bahn zu bringen und sich
ein Examen zu ersparen welches ihr jetzt zu drohen schien »Du siehst die Dinge
in einem andern Lichte als wir die Jugend von heute sie sehen Wenn Du statt
in dieser Zurückgezogenheit mit der Welt fortgelebt hättest so würde Dir Vieles
weder auffallend noch befremdlich vorkommen das mich in tiefinnerster Seele
bewegt Du hast es oft selbst gesagt dass die Welt anders geworden sei seit
Deiner Jugend und dass Du deshalb Dich von ihr zurückgezogen um so Wenig als
möglich von diesen Veränderungen gewahr zu werden  das durftet Ihr wohl tun
Du und der Vater Ihr hattet Eurer Zeit gelebt und ihr genug getan und sie Euch
 aber die nach Euch kommen müssen nun wieder ihrer Zeit leben und dürfen nicht
nach Vergangenem zurücksehen  und so geht es von Geschlecht zu Geschlecht «
    »Elisabet« unterbrach sie die Gräfin in zürnendem Ton »diese Sprache
hätte ich nie gewagt gegen meine Mutter zu führen«
    Das Mädchen sah bestürzt vor sich nieder und küsste mit einem Seufzer die
Mutterhand  es fühlte eben dass es nichts Unehrerbietiges gesagt und dass nun
nie ein inneres Verstehen mehr möglich sei wo nicht zwei verschiedene Menschen
sondern zwei verschiedene Zeiten sich einander unvereinbar gegenüberstanden
    Nach einer kleinen Pause begann die Mutter wieder »Ich meinte es gebe für
Frauen nur ein Gefühl welches die Charaktere verwandeln die Herzen aufregen
und erheben könne  ich dachte diese Zeit sei jetzt für Dich gekommen  aber
Dein ungleiches Benehmen machte mich wieder irre  nun sah und sch ich oft
wie unweiblich Du an männlichen Dingen Interesse findest  und nun weiß ich
nicht was ich denken soll«
    »Nenne nicht unweiblich Mutter was «
    »Suche mich nicht wieder von dem abzuleiten was ich jetzt mit Dir zu
besprechen habe Ich habe mir nun Dein Wesen erklärt Du siehst Dich geliebt 
aber weil Dein Herz kalt und stolz ist so will es keinem sanften Gefühl Einlass
geben es wehrt sich dagegen  «
    »Ach Mutter  wie kannst Du so Dein Kind verkennen Wie seltsam denkst Du
von mir«
    »Ich glaube nicht dass ich mich täusche  Du siehst wie zärtlich und
ergeben Dich Aarens liebt «
    »Aarens«
    »Wie ihn selbst Deine Kälte nicht ändert wie geduldig er Deine Launen
erträgt  ende dies unwürdige Spiel Deines Übermutes  Aarens warb gestern um
Deine Hand  er hat das Jawort Deiner Eltern und heute wird er sich das Deinige
holen«
    Elisabet sprang auf »Ist das Dein Ernst Kann das Dein Ernst sein«
    »Welche Frage Hast Du mich jemals scherzen hören über solche Dinge«
    »Und wie soll ich glauben dass Aarens nachdem ich es ihm nie verborgen so
weit dies Zartgefühl und feine Sitten erlauben dass ich nicht eine einzige
Sympatie für ihn habe  dass er eitel und töricht genug ist sich einzubilden
ich werde ihm meine Hand geben«
    »Elisabet  diese Einbildung teilen Deine Eltern«
    »Ich weiß vor Verwunderung nicht was ich sagen soll  um Liebe kann man
doch nur bei dem Herzen werben das man feix nennen möchte Und Du und der
Vater Ihr konntet Euch so in mir täuschen um ein Wort zu geben das Ihr heute
doch wieder zurücknehmen müsst  Ihr glaubtet ich liebe ihn denn sonst «
    »Wir werden Aarens mit Freuden Sohn nennen und Dein verletzter Eigensinn
wird sich endlich darüber beruhigen dass wir so handelten wie es von jeher bei
unsern Ahnen Sitte gewesen  auch meinen Gatten bestimmte mir die Wahl meiner
Eltern und ich lernte ihn innig und treu lieben  weil er mir bestimmt war Das
Beispiel einer Mutter heischt Ehrfurcht und Nachahmung von der einzigen Tochter
Ich erwarte das von Dir Jetzt will ich Dich allein lassen damit Dir Zeit wird
zu überlegen dass hoffentlich auch Deine neue Zeit den Gehorsam für den
Elternwillen nicht zum Märchen gemacht hat«
    Die Gräfin war aufgestanden und nach der Türe gegangen um sich zu
entfernen Sie ward jetzt von Elisabet zurückgehalten durch deren aufgeregte
Seele jetzt plötzlich ein Gedanke schoss »Meine Mutter« sagte sie stumm zu sich
selbst »ist zu mir gekommen damit ich kindlich mein Herz vor ihr öffne  sie
muss meine Liebe zu Jaromir erraten haben und es kränkt sie dass ich ein
Geheimnis vor ihr habe Und es mir zu entlocken sprach sie vorhin von Liebe
ich schwieg  und um mich dafür zu bestrafen um mir zu zeigen dass dieser
Mangel an Vertrauen von mir mir selbst verderblich werden könne hat sie das
Märchen von Aarens ersonnen  vielleicht auch hat er wirklich um mich
angehalten und sie droht nun mit dem Jawort wenn meine Weigerung keinen andern
Grund angibt als den ihn nicht zu lieben« 
    Und wie Elisabet dies Alles mit Blitzschnelle gedacht hatte warf sie
sich um den Hals der Mutter und sagte weich und zärtlich beinahe fröhlich
    »Vergebung meine Mutter für meine Verschlossenheit  aber Du hast das
Mittel gefunden sie zu beendigen und mein Jaromir wird mir vergeben Aber wenn
Du es wusstest dass ich ihn liebte so hättest Du auch denken sollen dass ein
Herz das einem Jaromir gehört niemals auch nur an den Vorschlag einer
Verbindung mit einem Aarens glauben kann«
    »Mädchen« rief die Gräfin in äußerster Bestürzung »Bist Du bei Sinnen Was
denkst Du Von wem sprichst Du«
    »Mutter magst Du mir Wahres gesagt haben oder Erdichtetes« sagte Elisabet
ernst nun doch wieder in ihrer Voraussetzung irre gemacht »ich habe Dir auf
Beides nur eine Antwort zu geben vergib mir dass ich Dir nicht schon früher
die unendliche Seligkeit meines Herzens gestand Jaromir von Szariny liebt mich
 und keine Gewalt der Erde kann mich zwingen einem andern Mann anzugehören«
    »Szariny  O ich hätt es denken sollen  dass ein poetischer Schwärmer und
Schwindler auch mein Kind betören sollte«
    »Mutter«
    »Und der Graf warb um Deine Hand«
    »Er gestand mir seine Liebe« 
    »Und Du 
    »Was ich ihm erwiderte weiß ich nicht nur dass ich ihm bewiess ich fühle
wie er  meine Seligkeit überwältigte mich«
    »Und er warb um Deine Hand«
    Elisabet schwieg
    »Er warb bei Dir um Deine Hand
    »Mutter wir lebten selige Stunden im Genuss der Gegenwart«
    »Ich weiß nicht ob ich staunen zürnen oder weinen soll  Du hast eine
Liebesverbindung im Geheimen mit einem Abenteuerer eingegangen  ohne dass er von
Dir oder Deinen Eltern Deine Hand begehrt und zugesagt erhalten hätte«
    »Ich kenne ihn besser als Alle«
    »Hat er Dir erzählt wie viel Frauen er schon vor Dir betrogen«
    »Mutter«
    »Bist Du kindisch genug zu glauben Du wärest die erste Liebe eines solchen
Menschen«
    »Danach habe ich nicht zu fragen«
    »Und wenn er frühere Verhältnisse leichtsinnig knüpfte und löste«
    »So hatten ihm die Herzen die er fand nicht genügt  und er durfte sie
brechen  für ein armes Mädchenherz ist es schon Glück um einen Jaromir zu
verbluten«
    »Welche widerliche Schwärmerei  und dies beneidenswerte Loos will mein
verblendetes Kind sich schaffen«
    Elisabet brach in Tränen aus und sank erschöpft in das Sopha weinend
sagte sie »es ist umsonst  wir verstehen einander nicht Du weißt nicht wie
man liebt  Du hast es niemals gewusst oder doch vergessen  ich liebe Jaromir 
und ich bin stolz genug es Dir zu wiederholen dass ich seine Liebe besitze 
weiter habe ich Nichts zu sagen  durch dies Geständnis ist schon Alles
bestimmt wie ich handeln werde«
    »Ich werde Deinen Vater von Deinem Geständnis benachrichtigen«
    »Tue es  vielleicht ist er mir ein milder Richter und ein gütiger Vater
wie immer«
    Die Gräfin öffnete die Türe um hinaus zu gehen Plötzlich blieb sie
zwischen der Türe stehen und starrte streng vor sich aus
    »In der Tat Herr Graf« sagte sie im Tone strafenden Erstaunens
    Jaromir von Szariny verneigte sich ehrerbietig und ohne Bestürzung
    »Sie verzeihen« sagte die Gräfin sehr kalt und stolz »dass ich frage was
Sie in diesen Teil des Schlosses führt«
    »Ich wollte um die Gunst einer Unterredung mit Ihnen bitten  man sagte mir
dass Sie Sich in das Zimmer der Gräfin Elisabet begaben  aber« fügte er sich
unterbrechend schnell hinzu »kann ich die Ehre haben Sie auf Ihr Zimmer zu
begleiten wo ich mich entschuldigen will«
    Elisabet als sie diese Stimme hörte eilte zur Türe und sagte »Treten
Sie ein Graf«
    Sie wollte hinzufügen dass sie kein Geheimnis vor ihrer Mutter habe aber
mit stolzer Scheu hielt sie plötzlich das Wort zurück »die Zimmer sind ja
gleich und das nächste wohl das beste« setzte sie erzwungen leicht hinzu
    Die Gräfin nahm stumm auf dem Sopha Platz und sah ihn nun mit durchbohrenden
Blicken an als wollte sie sagen erklären sie mir endlich mein Herr
    »So hab ich es gewollt« sagte Jaromir »ich hoffte Elisabet bei Ihnen zu
finden gnädige Gräfin als ich vorhin kam um endlich mein volles Herz auch vor
Ihnen zu entlasten  es war nicht so  ich durfte hoffen Sie hier zu finden
ich eile hierher und im Augenblick wo ich die Türe öffnen will um zu der
großen Kühnheit meiner Bitte auch diese kleinere zu fügen  treten Sie mir
entgegen  aber Ihre Tochter ist neben Ihnen Das gibt mir meinen Mut wieder 
nicht ich allein wollte vor Sie hintreten und um Ihr schönstes Kleinod Sie
bitten  nur neben Elisabet finde ich den Mut Ihnen zu sagen Segnen Sie mit
Ihrem mütterlichen Seegen unsre Liebe«
    Er hatte die Hand der bestürzten Gräfin gefasst und küsste sie Elisabet sank
zu ihren Füßen und richtete die überströmenden Augen mit flehenden Blicken zu
ihr empor
    Die Gräfin erhob sich kalt  Elisabet sprang rasch von ihren Knieen empor
schmiegte sich als wollte sie gleichsam im Liebestrotz ihres stolzen Herzens
dem Geliebten eine Genugtuung geben innig an ihn und verbarg von der Mutter
abgewendet ihre weinenden Augen an seiner Brust
    Die Gräfin sagte mit frostiger Höflichkeit »Herr Graf Sie verzeihen Ihr
Antrag selbst wie seine Art und Weise haben mich überrascht so muss ich bevor
ich Ihnen eine Antwort darauf gebe mit meinem Gemahl Rücksprache nehmen der
anders über die Hand meiner Tochter verfügt hatte«
    Jaromirs Stolz war verletzt  er sagte mit erzwungener Ruhe »So erlauben
Sie mir Sie zu dem Herrn Grafen zu begleiten«
    »Begleiten Sie mich in das Empfangzimmer  ich werde ihn auf Ihr Erscheinen
vorbereiten« sagte die Gräfin
    Elisabeths Herz schlug stürmisch jetzt brach sie beinah heftig in die Worte
aus »Nein Mutter  wo die Herzen so laut schlagen müssen sie auch einmal ein
Recht haben und an kein Ceremoniel sich binden Komm Jaromir  Hand in Hand
wollen wir zu unserm Vater gehen und ihn bitten segne Deine Kinder Wir wollen
ihm erzählen von unsern seligen Herzen wie sie in einander jubelnd
zusammenschlagen  und wie sie brechen müssen das eine getrennt von dem andern
Ich will ihn daran erinnern wie oft er gesagt hat er kenne kein andres Glück
als das meine zu schaffen und wie jetzt dazu die Stunde gekommen sei Er hat mir
noch keinen Wunsch verweigert warum denn gerade diesen einen Und wie muss ihn
die Wahl seiner Tochter ehren wie stolz muss sie ihn machen  Komm mein
Jaromir mein Vater wird uns segnen  und dann meine Mutter auch  Du wirst es
ihr vergeben wenn sie nicht anders über uns entscheiden will als zugleich mit
dem Vater« Sie hing ihren Arm in den seinen um mit ihm der Mutter zu folgen
die in tiefem Unmut schweigend vor ihnen herging
    »Elisabet« rief Jaromir begeistert  »erst jetzt wo ich um Deinen Besitz
werben will zeigst Du mir welche Kühnheit es ist Dich für ewig sein nennen zu
wollen«
    Sie standen an der Türe zu des Grafen Zimmer  Elisabet öffnete
 
                                IV Zwei Werber
 »O sich es schließt mein ganzes Leben
 Vor Dir sich auf mein bestes Sein
 Um Dich zu werben und zu streben
 Dir meine ganze Kraft zu weihn«
                                                              Franz Dingelstedt
An jenem Morgen an welchem Jaromir um Elisabeths Hand warb war er vorher dem
Geheimrat von Bordenbrücken begegnet welcher so eben den zehnten Becher kalten
Brunnenwassers glücklich hinabgewürgt hatte Getreu seinem Plan sich so viel
als möglich an den Grafen zu drängen hatte auch jetzt der Geheimrat ein
Gespräch mit ihm angeknüpft und seinem Spaziergange sich angeschlossen
    So kam es dass sie zusammen an dem Haus vorübergingen welches der Oberst
Treffurt mit seinen Angehörigen bewohnte In der Stube des Parterres stand ein
Fenster auf und eine Dame lehnte in demselben Der Geheimrat sagte fragend zu
ihm »Bieten wir der Frau Oberst einen Morgengruß«
    Jaromir warf einen Blick in das Fenster  er sah auf Amalien  er hätte sie
wohl kaum erkannt wenn er nicht gewusst hätte dass sie hier sei und dies Haus
bewohne  in diesem Augenblick begegneten Amaliens Blicke den seinigen und im
Moment darauf stieß sie einen Schrei aus und warf das Fenster zu
    Jaromir blieb stumm
    Der Geheimrat aber hatte Alles beobachtet Er hatte recht wohl gesehen dass
nicht die Oberst sondern Amalie am Fenster war Dass ein Verhältnis zwischen
Beiden bestanden hatte wusste er vom Doctor Schuhmacher  Dank dessen
Haussuchung bei Talheim  er wusste nur nicht ob es noch jetzt bestand oder
ob Jaromir es gelöst hatte er glaubte das Letztere zugleich auch dass Amalie
ihn nicht aufgeben wolle und absichtlich ihm hierher nachgereist sei Dies
schien ihm das Wahrscheinlichste und so hatte er es auch bereits Aarens erzählt
Da er nun gern Jaromir sich verpflichten wollte und ihm auch zugleich zeigen
dass er selbst ihm vielleicht auch gefährlich werden könne so sagte er jetzt
vertraulich leise zu ihm
    »Die Erscheinung dieser Person hier in unsrem kleinen Kreis wo wir Alle wie
eine Familie leben könnten ist mir in Ihre Seele zuwider«
    Jaromir sah mit unverstellter Verwunderung den Sprecher an und sagte
unbefangen »Man sieht sie ja nicht einmal in Gesellschaft«
    »Aber dennoch  hüten Sie Sich  ich habe in diesem Punkte traurige
Erfahrungen gemacht und wie mir scheint werden dieselben auch für Sie nicht
ausbleiben«
    Jaromir ward jetzt wirklich etwas verlegen da er sich die Worte des
Geheimrats gar nicht zu deuten wusste obwohl sie ihn als wahr trafen  So
hatte vielleicht Amalie selbst sich ihres früheren Verhältnisses gerühmt Der
Geheimrat als er dies bemerkte hatte sich für jetzt selbst genug getan und
hatte vollkommen Grund es zu vermeiden dass Jaromir von ihm Rechenschaft
fordere wie er in den Besitz seines Geheimnisses gekommen  deshalb eilte er
sogleich auf den daherkommenden Aarens zu und sprach mit ihm leise einige Worte
während welcher der jenen begleitende Wasserdoctor der lange dürre Hofrat
Wispermann seine Worte an Jaromir richtete
    Aarens und der Hofrat waren nicht sobald vorüber als der Geheimrat sich
mit leuchtenden Augen zu Jaromir wendete  denn jetzt hatte er die Gelegenheit
in Händen diesen zugleich zu verwunden und doch auch ihm einen Dienst zu
leisten der Anspruch auf die größte Dankbarkeit hatte
    »Ich missbrauche das Vertrauen« sagte der Geheimrat »welches Aarens in
mich setzt  aber der Wunsch Ihnen teurer Freund einen Dienst leisten zu
können lässt mich alle andern Rücksichten vergessen«
    »Ich bitte« antwortete Jaromir kalt und stolz »beschweren Sie meinetwegen
Ihr Gewissen nicht«
    »Sie werden bald anders denken  Aarens flüsterte mir zu dass er gestern vom
Grafen Hohental und seiner Gemahlin das Jawort zu einer Verbindung mit ihrer
Tochter erhalten habe«
    »Wie  Das ist nicht möglich«
    »Er versichert es auf seine Ehre«
    »Das ist seine gewöhnliche Redensart«
    »Aber bedenken Sie Graf«
    »Es ist unmöglich Das ist Alles was ich bedenken kann«
    »Dennoch  bedenken Sie  wie kann er heute erzählen was ihn wenn er es
widerrufen müsste in den Augen aller Welt lächerlich machte  Dazu ist er viel
zu stolz und eitel«
    »Seine Eitelkeit verführt ihn selbst sich das als gewiss zu denken was er
wünschen mag«
    »Sprechen Sie vielleicht aus Erfahrung«
    »Herr Geheimrat«
    »Ereifern Sie Sich nicht  glauben Sie mir Ihrem alten Freund ich meine es
aufrichtig mit Ihnen und sehe als unparteiisch und unbeteiligt ganz klar in
dieser Angelegenheit Sie sind vielleicht des Herzens der jungen Gräfin gewiss 
Aarens ist wie er mir sagt des Willens der Eltern gewiss  und daraus entsteht
ein sehr natürlicher Konflict und jetzt haben Sie Beide gleiche Macht auf dem
Kampfplatze  Es ist gewissermaßen die neue und die alte Zeit welche hier
zusammen kämpfen  sehen wir zu welche in den Gesetzen des Schlosses Hohental
vertreten wird  Sonst warb man zuerst bei den Eltern die Einwilligung der
Tochter war Nebensache  jetzt will man es umgekehrt machen  mir scheint aber
als widersetzte man sich auf Schloss Hohental sehr standhaft dem
neuerungssüchtigen Zeitgeist«
    Jaromir war wirklich zu bestürzt als dass er den Geheimrat hätte
unterbrechen sollen  auch fühlte er nur zu gut dass dieser eigentlich
vollkommen Recht habe  Wie er dazu kam von diesem Manne so in allen seinen
Geheimnissen in den ältesten wie in den neuesten ausgekundschaftet zu sein
dieser Umstand vermehrte zwar im Allgemeinen seine Bestürzung aber es fiel ihm
doch jetzt weit weniger auf als es zu anderer Stunde der Fall gewesen sein
würde und darüber nachzudenken hatte er gleich gar keine Zeit  er drückte dem
Geheimrat wirklich herzlich die Hand und rief
    »Ich muss sie jetzt veranlassen  Tausend Dank für Ihre Teilnahme für Ihre
Nachricht und ein ander Mal bessere als jetzt«
    Er stürmte fort in seine Wohnung
    Der Geheimrat sah ihm lachend nach und war jetzt außerordentlich mit sich
selbst zufrieden
    Jaromir warf sich schnell in einen eleganten Anzug und eilte nach Schloss
Hohental
    Er lief eine Seitentreppe hinauf von welcher er wusste dass sie gleich aus
dem Garten nach Elisabeths Zimmer führte Er hatte es noch nie betreten nur ein
Mal Elisabet bis hinauf begleitet Die Vormittage brachte sie dort meist allein
zu das wusste er Seine plötzlich erregte Angst die Dringlichkeit des Momentes
sagte er sich berechtigte ihn zu Allem  Elisabet werde ihm verzeihen  und im
Übrigen vertraute er seinem guten Stern Er lauschte an der Türe  wie
erschrak er als er Elisabeths weinende Stimme hörte  darauf die aufgeregte der
Gräfin  er hörte die ganze letzte Hälfte ihrer Unterredung  wie gering die
Gräfin von ihm dachte mit welch zuversichtlicher Liebe welch zärtlicher
Begeisterung Elisabet von ihm sprach  und so fasste er seinen Entschluss
    Als die Gräfin öffnete hatte er bereits die kleine Lüge ersonnen als sei
er mit dem Vorsatz gekommen bei ihr um Elisabeths Hand zu werben  aber er
segnete den Zufall der Alles so für ihn gefügt hatte
    Nun waren sie zusammen zu dem Grafen geeilt Er war nicht wenig verwundert
als er so unangemeldet und zu so ziemlich früher Stunde Jaromir eintreten sah
und noch dazu an Elisabeths Hand
    »Mein Gemahl  Du wirst« begann die Gräfin
    Elisabet fiel ihr ins Wort und sagte gleichzeitig »Du wirst verwundert
sein mein teurer Vater über unser Kommen  sollen wir es entschuldigen
aufklären mit vielen Worten Unsre Herzen sind dazu zu voll wir haben nur ein
Wort zu sagen Lass Jaromir durch mich Deinen Sohn werden« Und sie hing sich an
den Vater mit süßer schmeichelnder Umarmung und einer Träne in den sanften
Augen
    Zugleich fasste Jaromir nach der Hand des Grafen und sagte »Vergeben Sie dem
liebebangenden Herzen wenn ich nicht nach hergebrachten Formen sondern mit dem
Ungestüm allmächtiger Gefühle um die Hand Ihrer Tochter werbe«
    Die Gräfin stand äußerlich ruhig und kalt fern von der Gruppe und sah auf
ihren Gemahl  er warf einen fragenden Blick auf sie denn er stand bestürzt und
unschlüssig und wusste so zu sagen gar nicht woran er eigentlich war
    Elisabet bemerkte diesen Blick und sagte »Die Mutter hat uns auf Deine
Entscheidung verwiesen  sie sagte Du habest etwas anders über meine Hand
verfügt  Du hattest Dich in mir getäuscht als Du das tatest denn Du wusstest
nicht dass ich Jaromir liebte denn das weißt Du dass ein Herz welches liebt
wie ich nicht mit einem Andern und also ohne Herz zum Traualtare treten kann 
diese Schmach dieses Elend dieses Verbrechen könntest Du nie auf mich bürden
wollen und nie würdest Du mich willig finden ein solches Verbrechen zu begehen
 Nein so hast Du niemals von mir gedacht Du willst mein Glück und weiter
Nichts  segne uns jetzt  und so machst Du mich selig  so selig wie es weiter
kein Herz ist auf der Welt«
    »Als das meine« rief Jaromir und sank mit ihr zu den Füßen des Grafen
    Er stand noch immer regungslos  auch die Gräfin stand regungslos  nur dass
sie jetzt nicht mehr auf den Grafen sondern zu Boden sah  das Herz der Mutier
begann in ihr eine Sprache zu reden für die flehende Tochter welche jetzt leise
zu schluchzen begann«
    Aber als der Graf noch immer schwieg erwachte Jaromirs stolzer Sinn und
er sprang auf  er zog Elisabet mit sich empor und rief
    »Hör auf zu bitten Elisabet  sie verstehen uns nicht  sie haben nie
geliebt  sie verstehen unsre Sprache nicht  sie wissen nicht was sie tun 
Zum letzten Mal denn« rief er mit verzweifelnder Stimme indem er sie küsste
    »Jaromir« rief sie und umschlang ihn fest
    Er machte sich los und führte sie zu ihrer Mutter  er machte dieser eine
kalte Verbeugung und wollte gehen
    Aber das Mutterherz ertrug nicht den brechenden Blick der zusammensinkenden
Tochter Sie ging auf Jaromir zu
    »Ihr Stolz« sagte sie »bezeichnet Sie als einen Verwandten und Teilnehmer
an unsrem größten Familienfehler und wenn Stolz dem Stolz begegnet so müssen
sie sich an einander brechen oder es gibt ein Unheil  Bedenken Sie mein Sohn
 dass wenn Sie Sich darüber empören wollen dass Eltern über ihr heiligstes
Eigentum nach ihrem besten Ermessen verfügen wollen  es sie wohl kränken kann
wenn sie ohne ihr Wissen sich ihres Rechtes über ihr schönstes Kleinod schon
verlustig sehen«
    Zugleich war der Graf zu Elisabet getreten und führte sie jetzt in
Jaromirs Arme
    »Du brichst das Wort das ich gestern gab« sagte er »ich will es
zurücknehmen  ich betrachte Euch als Verlobte als meine Kinder  und die Welt
betrachte Euch so  aber unter Jahresfrist dürfen Sie mir mein Kind nicht
entführen  und den Elternsorgen dürfen Sie es nicht verargen wenn wir den dem
wir unser einziges Kleinod anvertrauen eh dies unwiderruflich geschieht noch
näher kennen lernen mögten«
    Kaum hörten die Beseligten den ziemlich ernst gesprochenen Nachsatz vor
Glück und Überraschung
    »Jetzt aber lasst mich allein« sagte der Graf Hohental »vielleicht habe
ich noch Zeit mein gegebenes Wort schriftlich zurückzunehmen  Sie Szariny
bleiben doch den Tag über bei uns und wir besprechen und erörtern dann alles
Nähere was unser neues Verhältnis betrifft«
    Die Gräfin blieb noch bei ihrem Gatten
    Jaromir und Klisabet entfernten sich
    »Wir gehen doch in den Park« fragte sie  und so lenkten sie ihre Schritte
die breite Treppe vor dem Schloss hinab Sie gingen Arm in Arm und konnten jetzt
auch nicht sprechen sondern waren nur Eines verloren im Anschaun des Andern So
hatten sie nicht gleich bemerkt wie so eben Aarens mit festen siegesbewussten
Schritten aus dem großen Hoftor trat und der Treppe zuschritt Elisabet an
Jaromirs Arm Das brachte ihn außer Fassung  aber er baute zu fest auf seinen
Sieg  es konnte nur eine Höflichkeit sein wie sie Elisabet ja auch von ihm
selbst schon zuweilen angenommen hatte
    Jetzt stand Aarens grüßend vor dem Paare
    Elisabet überlegte schnell dass sie wenn sie jetzt unbefangen Jaromir als
ihren Bräutigam vorstelle ihrem Vater eine schwere Pflicht und Aarens eine
Kränkung ersparen könne indem er dann glauben werde Jaromir habe um sie
angehalten eh sie selbst von Aarens Werbung erfahren  im Augenblick bedachte
sie nicht dass jener um so beleidigter sich fühlen könne wenn man nicht einmal
seine Werbung gegen die Jaromirs in die Waagschaale geworfen und so stellte
sie bedacht und unbedacht zugleich Jaromir als ihren Bräutigam vor und fügte
bei
    »Und so bitt ich denn den werten Freund unsres Hauses uns auch in Zukunft
ein solcher zu bleiben« Sie sagte dies mit der freundlichsten herzlichsten
Stimme denn so glücklich wie sie jetzt war hätte sie gern auch nur lauter
glückliche Menschen um sich gesehen und empfand daher Mitleid für den
Getäuschten
    Er stand wie vom Donner gerührt
    Nach einer Weile sagte er sehr gezwungen »Ich werde nachher die Ehre haben
Ihnen Glück zu wünschen  jetzt erwartet mich Ihr gnädiger Herr Vater«
    Damit eilte er die Treppe hinauf
    Die beiden Glücklichen aber gingen in die Rotunde welche so oft schon zum
Tempel ihrer Liebe geworden war  um auch jetzt dort vor einander die selig
klopfenden Herzen zu entlasten
    Zu derselben Stunde in der Jaromir nach Schloss Hohental ging hatte sich
Gustav Talheim nach der Fabrik des Herrn Felchner begeben um dort seinen
Besuch zu machen Zwar hatte der Rittmeister von Waldow versucht ihn
zurückzuhalten hatte Herrn Felchner als einen gemeinen groben und
unerträglichen Menschen geschildert mit dem ein wohlerzogener Mensch gar nicht
verkehren könne  denn der Rittmeister konnte es niemals vergessen dass sein
schöner Wald mit all seinen stolz und aristokratisch hochgewachsenen Bäumen ein
Eigentum des Fabrikanten geworden war der mit diesen Bäumen nun seine Fabrik
heizte  Zwar hatte der Rittmeister Paulinen die ihm einst für seinen Sohn
eine so wünschenswerte als nun unerreichbare Partie gewesen  als eine
überspannte Närrin geschildert welche mit den untergeordnetsten Arbeitern auf
eine seltsame Weise verkehre  aber Talheim ließ sich nicht in seinem Entschluss
irre machen und seufzte nur innerlich dass auch hier in dieser Abgeschiedenheit
gerade das Edelste und Weiblichste einer zarten weiblichen Natur so falsch
beurteilt werden konnte
    Als Talheim in die Fabrik kam und nach Herrn Felchner fragte sagte man
ihm dass er in die Stadt gefahren sei und vor Abend nicht zurückkäme
    Er fragte nach dem Fräulein
    »Ich will sie suchen« antwortete die Magd »warten Sie  unten wird
gescheuert weil der Herr nicht da ist  kommen Sie mit herauf«
    Talheim folgte der vorauseilenden Magd und sie schob ihn in eines jener
Prachtgemächer des oberen Stokkes welche gar nicht benutzt wurden und in denen
daher eine schwüle dumpfe Luft herrschte
    Die Überladung der Luxus dieses Gemaches dessen Einrichtung in einer
geschmacklosen Überhäufung prachtvoller Meubles und kostbarer Kleinigkeiten
bestand machte einen höchst widrigen Eindruck auf Talheim und versetzte ihn in
eine peinliche Stimmung
    Pauline ließ lange auf sich warten
    Endlich trat sie ein  die Magd hatte ihr nur gesagt ein Herr warte auf sie
 wie groß war ihr Erstaunen als sie jetzt den Lehrer wieder erkannte Sie bot
ihm herzlich die Hand und hieß ihn mit froher Überraschung willkommen
    Talheim erzählte wie es gekommen dass er jetzt für einige Tage hier sei
    »Sie treffen außer mir noch zwei Menschen hier die sich innig dieses
Wiedersehens freuen werden« sagte sie leise errötend »Ihren Bruder und
Elisabet« und hastig fügte sie bei »waren Sie schon auf Schloss Hohental«
    »Ich beabsichtige von hier dorthin zu gehen«
    »Das trifft sich gut  so darf ich hoffen dass wir zusammen dahin fahren 
ich beabsichtigte dies schon da ich Elisabet lange nicht gesehen«
    »Sie leben hier in gut nachbarlichem Verhältnis«
    »Nicht mehr so ganz  es gab Differenzen zwischen unsern Eltern  Sie hatten
nur zu Recht unsrer Freundschaft standen Kämpfe bevor  aber wir hielten sie
aus  Elisabet kam dann wohl noch zu mir  aber ich musste des Vaters Geheiß
befolgen  heute aber ist er in die Stadt gefahren in Geschäften weil ihm eine
neue Handelsspeculation gelungen ist  er war sehr vergnügt und sagte  ich möge
ihm eine Bitte nennen er werde sie gewähren und so «
    »So baten Sie darum die freundlichen Beziehungen zum Schloss wieder
anknüpfen zu dürfen«
    Sie schwieg und sah vor sich nieder wie um zu prüfen ob sie Etwas sagen
oder verschweigen solle  dann begann sie und eine Träne glänzte in ihrem Auge
    »Sie kennen ja doch einmal die Einrichtungen in unsrer Fabrik warum Ihnen
nicht die Wahrheit sagen  Die Freundschaft gilt mir viel  aber ihrer bin ich
ja doch sicher und selbst wenn es nicht wäre warum nicht ein Gefühl meines
Herzens der Zufriedenheit vieler Unglücklicher zum Opfer bringen Ich bat meinen
Vater den Arbeitern denen er gestern gebot ihren Verein aufzuheben 
denselben doch wieder zu gestatten«
    Talheim ergriff ihre Hand und drückte sie mit warmer Herzlichkeit indem er
wehmütig fragte »Es war umsonst«
    »Umsonst  er ward zornig  er sagte das sei keine Bitte für mich  und so
tat ich erschreckt die zweite die er gewährte«
    »Und da wir denn einmal auf diese beängstigenden Zustände gekommen sind 
waren es nicht fremde Einflüsterungen welche Ihren Vater dahin brachten etwas
zu verbieten das er Jahre lang wenigstens als unschädlich geduldet hatte«
    »Ja ein Fremder sagte ihm dass communistische Principien sich hier
eingeschlichen dass er das Schrecklichste erleben würde  er war lange
ungläubig und je schwerer er sich erst zum Misstrauen bringen ließ um so
hartnäckiger beharrt er nun in demselben«
    »Aber wenn ein Fremder ihn nach der einen Seite hin misstrauisch machen
konnte  vermöchte nun nicht ein andrer Fremder dasselbe nach der andern Seite
Sollte es ihm nicht einleuchten dass es gefährlich ist den Unglücklichen durch
Härte zur Verzweiflung zu treiben Sollte man nicht von dieser Seite ihn warnen
können  Ich gestehe um deswillen tut es mir leid Sie allein getroffen zu
haben«
    »O wagen Sie das nicht  Sie am Wenigsten  er misstrauet Ihrem Bruder  er
könnte das Schrecklichste vermuten Es ist Alles vergebens Er hört auch kein
Wort von mir mehr an über diesen Punkt  und mein Bruder ist noch misstrauischer
und strenger als der Vater  Ach ich sehe das Fürchterlichste kommen  aber
der Blick der ungehörten Kassandra ändert Nichts an dem kommenden Unheil  es
wird kommen schrecklich kommen über uns Alle und seine Opfer fordern  und dann
wird Alles sein wie vorher« Pauline sagte dies mit so tiefem Grausen dass kalte
Schauer über ihren Körper rieselten und sie sichtbar zu zittern anfing
    »Sie haben ein trauriges Loos Pauline nur weil Sie ein Herz für die
Menschheit haben«
    Sie rasste sich zusammen und stand auf »Wir wollen einander nicht
erweichen« sagte sie »ich glaube ich werde noch viel Kraft brauchen 
Drunten läutet eben die Mittagsglocke  Wollen Sie vielleicht mit Franz
sprechen Unterdes mach ich mich zur Fahrt zurecht und bestelle den Wagen«
    Er stand auf stimmte bei und ging
    Unten traf er bald auf Franz der mit gesenktem Haupt daher kam Er
schüttelte ihm die Hand und sagte dass er von Paulinen komme
    Franzens Augen leuchteten »Begreifst Du nun wie Alles kommen musste«
fragte er traurig
    Andere Arbeiter gingen vorüber machten böse Gesichter und murmelten mit
einander
    »Habt Ihr gesehen  was er für einen Bruder hat sieht aus wie was
Rechtes«
    »Der bringt ihm vielleicht noch den Verstand zu Recht das ist so Einer
dies mit dem Volke halten wenns der Franz auch nicht zugeben will  ich weiß
es besser Er kommt aus der Schweiz wo die armen Leute viel aufgeklärter sind
als hier und besser zusammenhalten  und wo auch Leute die fein angezogen gehen
wie er mit denen zusammenkommen die in schlechten Blousen und geflickten
Lumpen gehen wie wir« sagte Anton
    »Was Du nicht immer wissen willst« meinte ein Anderer
    »Wisst Ihrs zischelte ein Dritter »der Alte ist heute verreist und wenn
die Kasse nicht zu Hause ist  nun da wisst Ihr schon«
    »Bleibt er über Nacht weg«
    »Nein  das nicht«
    »Nun da ist auch Nichts  die Mäuse können nur die Nacht tanzen und pfeifen
 die Nacht muss es losgehen«
    »Ja die Nacht Und mag der alte Kater selber das Zusehen umsonst haben«
    »Pst Brüder pst« ermahnte Wilhelm »Wenn Jemand Euch hört  und wenn Ihr
auch murmelt  jetzt hat jedes Steinchen im Wege ein Ohr«
    Die Burschen gingen ruhiger vorüber
    Jetzt fuhr der Wagen vor und Pauline stieg ein  der ältere Talheim kehrte
um und setzte sich zu ihr Franz blieb am Wege stehen bis der Wagen vorbeifuhr
Seit jenem Abend wo sie von ihrem Gefühl überwältigt an seine Brust gesunken
war hatte er noch weniger als vorher gewagt sich ihr wieder zu nähern  aber
jetzt in dieser Entfernung in diesem Moment konnte er es schon wagen ihr einen
Blick zuzuwerfen in dem seine ganze Seele lag und sie erwiderte ihn mit einem
gleichen
    Dann besprachen die Beiden noch Manches das sie einander nur immer werter
machte und näher brachte
    So kamen sie gerade kurze Zeit nach Aarens im Schloss an Man sagte ihnen
dass der Graf und die Gräfin im Augenblick nicht zu sprechen wären die Komtesse
aber sei in der Rotunde
    Dorthin eilte Pauline mit dem Lehrer
 
                       V Ein Blick hinter die Kulissen
 »Ich will Euch sagen was ins Ohr
 Die Hungersnot ist vor dem Tor
 Die Leute klagen nicht sie jodeln und scherzen
 Und das ist schlimm Ich kenne die Menschenherzen
 Wollt ihr dass noch zu dieser Not
 Ein Glaubenskrieg mit überreizten Nerven
 In stille Hütten mag den Pechkranz werfen«
                                                                        K Beck
               Schreiben des Pater Xaver an den Pater Valentinus
»Gesegnet sei der heilige Loyola Er lässt die Seinen niemals sinken und die
Seinen niemals ihn
    Verleugnen müssen wir ihn zuweilen  aber dafür straft er uns nicht  das
vergilt er uns tausendfach
    Du in Deiner glücklichen Einsamkeit welche Dir gestattet in friedlicher
Stille den Pflichten unsers heiligen Ordens zu leben Deinen frommen Wandel mit
einen freudigen Gehorsam fortzusetzen der keine Selbstverleugnung von Dir
fordert da Alles was er Dir auferlegt als natürlich von Dir übernommen werden
kann  wirst Dir kaum einen Begriff machen können von all den künstlichen
Mitteln und mühevollen Kombinationen zu welchen unser Orden oft greifen muss um
sich seine Welterrschaft nicht entreißen zu lassen Du in einem glücklichen
gesegneten Lande lebend das wir als unsere Heimat betrachten dürfen und in dem
Alles still gläubig fromm und friedlich zugeht wirst Dir auch davon keinen
Begriff machen können wie unser Leben in einem Lande ist in dem das
verderbliche Licht der Aufklärung täglich größere Fortschritte macht in einem
Lande in dem der größere Teil der Einwohner aus Ketzern besteht
    Hier war der Spruch unsers Heiligen schon eingetroffen sie hatten uns
verjagt wie Wölfe aber wir hatten uns verjüngt wie Adler
    Schon wagten wir es wieder die Länder siegesbewusst in unsere Klauen zu
fassen schattend unsere weitreichenden Flügel über die Völker auszubreiten dass
es Nacht ward bei ihnen  schon dachten wir es sei die Zeit gekommen dass wir
zugreifen könnten uns unserer Beute zu versichern sie zu zerfleischen ihr das
Herz zu entreißen das doch ein Mal unwillig und aufrührerisch gegen uns
schlagen könnte
    Aber wir hatten uns getäuscht schrecklich getäuscht
    Wir erlebten nur einen kurzen Triumpf und dann eine um so schmerzlichere
Niederlage
    Die Franzosen hatten ein entsetzliches Buch gegen uns geschrieben  das in
das verführerische Gewand eines Romans gekleidet berechnet war unsern heiligen
Namen aufs Neue vor aller Welt zu brandmarken Das war schon entsetzlich Und
auf den Namen Eugen Sue ward der tausendstimmige einhellige Fluch unsrer ganzen
Brüderschaft für alle Zeiten geworfen  Ach ein Fluch der leider ohnmächtig
abgeprallt ist denn er hat uns vorher verflucht und alle Welt mit ihm
    Vor den Büchern der Deutschen fürchteten wir uns nicht obwohl sie wie eine
große Schneelawine über uns hereinbrachen  Es begann damit förmlich in
Deutschland ein ganz besonderer Zweig der Literatur zu grünen und zu blühen den
man höhnisch geradezu »Jesuitenliteratur« nannte  als ob unser heiliger Orden
selbst solche gotteslästerliche Bücher verfasst hätte oder als ob sie recht für
ihn allein bestimmt gewesen wären
    Nun wir dachten die deutschen Bücher sind ja immer so ziemlich unschädlich
gemacht  wir fürchten diese guten Deutschen nicht die teils aus Schwärmerei
teils aus Spekulation der Buchhändler so viel abscheuliche Bücher zur Welt
bringen Wir ließ sie schreiben und phantasieren
    Aber wer hätte das diesem Büchervolke zugetraut Die Franzosen hatten nur
ein Buch gegen uns gehabt  die Deutschen hatten diesmal gar eine Tat
    Es war entsetzlich  an allen Ecken und Enden brannte es plötzlich
lichterloh  
    Das wenigstens weißt Du  die Kunde von diesem plötzlichen Unheil ist auch
bis in Deine glückliche Abgeschiedenheit gedrungen wiewohl das schöne Land in
dem Du lebst von ihren traurigen Folgen unberührt geblieben ist Ich wiederhole
Dir nicht erst das allgemein Bekannte
    Wär es ein Ketzer gewesen der sich so gegen uns empört hätte Man ist ihr
Zetergeschrei schon gewohnt es macht keinen Eindruck auf das Herz der heiligen
Mutterkirche
    Aber es war ein Priester unsers Glaubens ein Priester von Rom geweiht ein
Kind und Diener unsrer Kirche der das Herz der Mutter und Herrin mit dem
weitreichenden Speer seines Wortes traf
    Das wars
    Das Kind entlief der Amme und sagte es sei mündig
    Wie dies Alles geschah sahen wir nur eine Aussicht die uns reizte und
lockte  es gab Gährung in den Gemütern  der Bruder fing schon an wider den
Bruder zu murren  das Volk blickte mit ängstlicher Spannung zu seinen Fürsten

    Das war das Einzige was wir bei all dem was geschehen war mit Jubel
sahen
    Vielleicht  riefen wir  vielleicht kann das zu Etwas führen
    Bürgerkrieg Religionskrieg Worte vor denen die andern Menschen schaudern
 unsern Ohren haben sie immer wie Musik geklungen Ja das war immer unser
Element wenn es jetzt über die Lande hereinbräche so würden wir uns dabei wohl
befinden und bei der allgemeinen Verwirrung wieder im Trüben fischen können 
vielleicht in blutiger Weise beides Seelen und Geld
    Die Hauptsache ist auf alle Dinge gefasst zu sein
    Betrachtet man die Gegenwart mit klarem ruhigem Blick so kann man sich
eigentlich keine Aussicht auf einen Bürgerkrieg und Religionskrieg machen  die
Zivilisation und die Begriffe der Menschenwürde sind dazu zu weit
vorgeschritten Man liebt den Frieden Man glaubt an die friedliche Entwicklung
aller Dinge Auch sogar diejenigen Regierungen welche dem Zeitgeist nur die
allergeringsten Koncessionen machen suchen wenigstens immer den Schein zu
bewahren als wären sie dem Fortschritt hold  und überall geht es so wenn auch
ziemlich unmerklich gleich dem Wachstum der Eiche allmählich vorwärts An
diese friedliche Erfüllung ihrer Wünsche einer Entfaltung segensreicher
Zustände gleichsam von innen heraus glauben die meisten politischen Parteien in
Deutschland  und von ihrem Standpunkt aus die Sache besehen muss man es mit
glauben  und so sind wie gesagt gar keine Aussichten zu blutigen
Kriegesscenen im deutschen Lande wie man sie früher erlebt hat
    So scheint für uns denn die Zeit gekommen wo wir auch in unsrer Macht uns
bedroht sehen wo diese zu wanken scheint wie die ganze alte Zeit selbst auf
welche wir sie gründen
    So müssen wir uns denn neue Stützen suchen für unsre Macht da die alten
morsch werden und zu zerfallen drohen trotz all unsrer Bemühungen ihnen eine
ewige Dauer zu sichern
    Wir wollen zusehen wie weit wir mit unserm alten Systeme noch kommen  mit
dem Systeme wonach wir durch Krummstäbe Kronen Tronen und Szepter die Welt
regierten
    Aber daneben wollen wir noch ein neues System verfolgen das wir sofort in
Bereitschaft haben wenn das alte uns keine guten Dienste mehr tun will Diesem
Systeme gemäß wollen wir es mit dem Volke halten
    Jenes alte System gründet sich auf die alte Zeit  unser neues System wird
sich auf die neue Zeit gründen Wenn dann der Tag käme wo die Freunde des
Fortschrittes und Lichtes in Deutschland meinten gesiegt zu haben und nun
jubelnd die alte Zeit zu Grabe trügen so würden wir doch der allgemeinen
Vernichtung entgangen sein  wir würden unerkannt der Siegesfahne der neuen Zeit
folgen  wir würden unerkannt hinter dem Sarge der alten Zeit hergehen  und
nicht etwa als Leidtragende sondern als lachende Erben
    Und wenn man uns jetzt vertreiben will als Wölfe so werden wir uns dennoch
wieder einschleichen wie Lämmer und verjüngt wiederkommen wie Adler
    Es war von jeher eine unsrer bewährtesten Ordensregeln divide et impera
    Halten wir daran fest
    Es könnte doch sein dass die neue Zeit von welcher jetzt die Radicalen nur
so viel in fieberhafter Aufregung träumen und schwärmen einst doch vielleicht
von diesen Radicalen heraufgeführt und zur Wirklichkeit werden könnte
    Nun denn wohlan Wir wollen gemeinschaftliche Sache mit diesen Radicalen
machen
    Ich sehe meine Brüder erschrocken zurückfahren  Gemeinschaftliche Sache
mit dieser Partei welche mit ihrer verwegnen Leuchte all unser Tun der Welt
gezeigt hat durch deren Bestrebungen es so hell geworden ist dass wir  wenn
dieses Licht noch heller und strahlender brennt kaum noch einen dunklen
Schlupfwinkel finden werden in den wir uns verkriechen können und aus dem wir
uns doch niemals wieder werden heraus wagen dürfen um in unserm eignen
Interesse zu wirken
    Ihr Kurzsichtigen ihr Kleinmütigen
    Wisst Ihr denn nicht dass man aus einer Leuchte eine Brandfackel machen kann
die mit roter unheimlicher Glut Alles niederbrennt und verwüstet Und solche
zerstörende Glut wobei es viel schwarzen Rauch graue Wolken und erstickenden
Dunst gibt  ist denn nicht sie auch gerade unser Element
    So wollen wir es machen mit dem Lichte der Aufklärung der Radicalen und sie
sollen ohne dass sie selbst es bemerken uns noch dazu vortrefflich in die Hände
arbeiten
    Also divide et impera
    Reform ist jetzt das allgemeine Loosungswort des Tages geworden Alle die
dem Fortschritte huldigen verlangen Reform  darin sind die Parteien einig 
aber höchst uneinig sind sie über die Begriffe welche sich mit diesem
allgemeinen Ausdruck verbinden lassen«
    Die Liberalen wollen Volksvertretung den sogenannten constitutionellen
Fortschritt  sie wollen neben einer Reform des Staates auch eine Reform der
Kirche
    Die Radicalen wollen Volksherrschaft  Glaubensfreiheit  nach der Kirche
fragen sie weiter nicht
    Die Sozialen wollen Reform der Gesellschaft  und die Eifrigsten unter ihnen
nicht erst Reform sondern Aufhebung des Staates und der Kirche  allgemeine
Gleichheit
    Das sind die Kommunisten
    Mit den Kommunisten müssen wir es halten
    In den Kommunisten müssen wir unsere Helfershelfer suchen die unsere Sache
am Besten fördern helfen  es gibt keine andere Partei von welcher wir gleiche
für uns segensreiche Dienste erwarten könnten Gelingt ihr Werk so ist auch das
unsere gelungen  so ist die Zeit nicht fern da wir uns abermals verjüngen
werden wie Adler Gerade unter diesen Menschen welche als unsre
fürchterlichsten Gegner erscheinen indem sie die heilige Kirche selbst in der
ja bisher all unser Heil und der Grund unserer Herrschaft und Macht ruhte
nicht erst bekämpfen  sondern auf eine gotteslästerliche abscheuliche Weise
geradezu negiren und deshalb aufheben wollen  gerade unter diesen werden wir
unsere Erretter suchen und finden  man denke an das alte Wort dass die Extreme
sich berühren
    Diese Kommunisten gehen damit um die Ordnung der bestehenden Dinge
umzukehren Nun Bielleicht ist auch für uns die Zeit gekommen wo wir dies
wünschen müssen  wo es mit all unsrer Kraft ein vergebliches Bemühen ist den
Rossen der Zeit die wir so lange glücklich zurückhielten noch länger in die
Zügel zu fallen und ihren Lauf und den Fortschritt aufzuhalten Trotz unseres
unermüdlichen Widerstandes sind sie dennoch unmerklich vorwärts gegangen und
haben uns selbst mit nahe bis an einen Abgrund gezogen Nun denn Man muss sich
in Alles zu schicken wissen Wollen die Rosse nicht wieder zurück wollen sie
nicht sich wieder einfangen lassen um noch länger still zu stehen  so hetzen
wir sie selbst nur um desto schneller vorwärts dass sie wilde Sprünge machen
Alles zerschlagen und zerstampfen und das rechte Ziel verfehlend endlich
todtmüde niederstürzen  dann sind wir wieder schnell und dienstfertig bei der
Hand die gestürzten Rosse aufzurichten und zu ewigem Stillstand wieder
zurückzuführen in den alten Stall
    Um nun auf das Nähere und auf Tatsachen überzugehen der Kommunismus
predigt das Himmelreich auf Erden Und mit dieser Predigt wendet er sich an alle
Diejenigen welchen freilich bis jetzt die Erde nichts weniger sein kann als ein
Himmel An die Armen Niedriggeborenen Unerzogenen Entsittlichten wendet man
sich zuvörderst mit dieser neuen Lehre  mit einem Wort an die niedrigsten
Klassen an die untersten Schichten der Gesellschaft deren Hefe die
Proletarier den Pöbel Also an die Mehrzahl der Menschen  an den großen
Haufen Und an den Orten wo sich dieser in der tiefsten Erniedrigung
Verwahrlosung Rohheit und Unwissenheit befindet wird es am leichtesten sein
ihn zu alle den Dingen aufzureizen welche endlich  wenn auch auf langen
Umwegen  zu uns führen
    Wir haben bisher unsere Herrschaft doch meist auf die Macht und den Glanz
der Hochgestellten gebaut  jetzt müssen wir sie neu gründen auf das Elend auf
den Schlamm der in Gemeinheit und Erniedrigung Versunkenen Einzelne passende
Werkzeuge für unsere Zwecke mussten wir uns immer unter ihnen wählen  aber jetzt
gilt es mehr jetzt gilt es nicht bloß Einzelne passend zu verwenden jetzt gilt
es sich der Menschen zu bemächtigen durch die Massen zu wirken
    Es ist keine Frage die Massen leiden 
    Alles Unglück macht die Menschen zu Verbrechen fähig von denen sie im Glück
sich nimmer Etwas träumen ließ  der Hunger aber vollends macht die Menschen
zu reißenden Tieren
    Trachten wir also uns allen Reformen zu widersetzen  gleichviel ob sie von
weisen Regierungen oder von schwärmerischen Oppositionsparteien ausgehen 
welche sich damit beschäftigen den Notstand der armen Arbeiter zu lindern und
durch Volkserziehung und eben so milde als weise Gesetze auf eine allmähliche
Hebung der unteren Klassen hinzuwirken Führen wir in der Stille Krieg mit diesen
Regierungen mit dieser Opposition und halten wir es nur mit einer Partei  mit
den Kommunisten Aber diese dürfen nicht ahnen dass wir ihre Freunde sind so
wenig als jene dass wir ihre Feinde Es gilt sich jetzt mehr als jemals in
undurchdringliches Dunkel zu hüllen
    So groß als die Kommunisten sie schildern wollen ist die allgemeine Not
nicht  besonders sind die Massen noch gar nicht zum Bewusstsein ihres Elendes
gekommen Wir müssen also streben sowohl sie dahin zu bringen als auch die
allgemeine Not der Armen und Arbeitenden selbst noch in der Wirklichkeit zu
vergrößern
    Der Kommunismus predigt das Himmelreich auf Erden Er will es in seinem
Wahnsinn dadurch verwirklichen dass er Staat und Kirche als von ihm unmenschlich
und unnatürlich genannte Einrichtungen aufhebt dass er Politik Religion
Volkssitte Vaterlandsliebe  alle diese Dinge für welche Jahrtausende lang die
Menschen aller Zonen und Zeiten lebten und starben  als Trugschlüsse verwirrter
Menschengeister erklärt aus denen endlich die ganze zu Verstande gekommene
Menschheit wieder heraus müsse wenn sie nicht länger ein sinnloses Treiben
fortsetzen und darüber zu Grunde gehen wolle Der Kommunismus will das
Himmelreich auf Erden verwirklichen indem er ferner Gütergemeinschaft verlangt
Aufhebung des Kapitals Abschaffung des Geldes jenes wesenlosen Dinges welches
nach ihrer Meinung als ein entseeltes Gespenst das vergebens nach seinem Leibe
jagt denn es hat eigentlich Beides Seele und Körper  und doch auch wieder
Beides nicht und die Menschen von einander trennt indem es ihre Verbindung
vermitteln will So sollen künftig diese verbrüderten Menschen was nebenbei
gesagt unendlich langweilig sein muss zusammen wohnen in schönen bequemen
Palästen wo Niemand mehr zu hungern und zu frieren braucht sondern für Alle
das Haus geheizt und der Tisch gedeckt ist Ihr ganzes Leben soll Genuss sein
Genuss der freien Liebe und aller andern sinnlichen Freuden und dafür soll ein
Jeder nur täglich zwei Stunden arbeiten  und diese Arbeit ihm selbst ein Genuss
sein
    Das ist das Ideal der Kommunisten
    Trachten wir danach dieses Ideal verwirklichen zu helfen oder lassen wir
vielmehr sie mit ihrem redlichen Willen und ihrem verblendeten Verstand danach
streben  denn sobald sie terra rasa gemacht haben für die ganze Menschheit
sobald sie die Millionen friedlich eingepfercht haben in die großen Ställe in
welchen sie ausruhen und sich nähren können von der gleichen Weide zu gleichem
Teil  alsbald werden sie auch des Hirten wieder bedürfen die Heerde in
Ordnung zu halten
    Damit diese Gleichheit in Arbeit und Genuss niemals gestört werde wird eine
so organisirte Gesellschaft einer Beaufsichtigung einer Bewachung bedürfen wie
sie bisher ohne Beispiel gewesen in der ganzen Welt  denn die ganze
Weltgeschichte weiß nichts Ähnliches  Und dann werden wir an unserm Platz
sein
    Wir werden dann diese Aufsichtsführungen uns zu verschaffen wissen  und
dann wird die Zeit unsrer glänzendsten Herrschaft kommen
    Lange Jahrhunderte hindurch haben wir die menschliche Gesellschaft über uns
zu täuschen gewusst  so wird es uns auch nicht an Mitteln fehlen diese neue
Gesellschaft zu täuschen Wir werden das Regiment über sie in unsere Hände
bringen ohne dass sie ahnt in welchen Händen es ist
    Und wenn sie gleich auf einige Zeit unsere Kirche abgeschafft haben so
werden wir sie doch in Kurzem wieder herrlich aufbauen
    Denn das bezeugt die Geschichte und alle Erfahrung es wohnt tief in jeder
Menschenbrust ein religiöses Bedürfnis Ein Bedürfnis für sich selbst ein
höheres Wesen zu fühlen und zugleich ein verwandtes Höchstes über sich
anzuerkennen
    Dieses Bedürfnis wird auch in dieser Gesellschaft wieder erwachen denn der
Mensch von heute ist immer noch gleich dem Menschen von Jahrtausenden und bei
aller Fähigkeit zu Vervollkommnung ist doch die Menschennatur an sich keiner
Veränderung fähig
    Wenn nun dieses religiöse Bedürfnis wieder erwachen sich zur Geltung
bringen und seine alten Rechte fordern wird  um so ungestümer und brünstiger
als man sie ihm ganz nehmen wollte und genommen hatte  und hier berühren die
Extreme sich wieder  dann werden wir unsere Masken und Mäntel von uns werfen
können Dann werden wir wieder vor der sehnsüchtigen Menge erscheinen und werden
wieder zu ihr reden Seht da die Herrlichkeit des Herrn seiner Diener und
seiner Kirche  wir sind bei Euch gewesen allezeit auch da Ihr es nicht ahntet
und werden bei Euch bleiben bis an der Welt Ende  Und wir werden erzählen wie
man den jetzigen Zustand der Dinge uns allein verdanke und es wird leicht sein
ihnen weiß zu machen Jesus sei der erste Kommunist gewesen  denn wir haben uns
ja niemals gescheut diesen heiligen Namen zu manchen frevelhaft scheinenden
Dingen zu gebrauchen welche aber eben durch seinen Namen geheiligt wurden  und
wir werden uns als seine treuesten Diener bekennen und sagen es sei gleich ob
wir nun Jesuiten oder Kommunisten hießen Wir tätten ja schon seit
Jahrhunderten Gütergleichheit gehabt und gleiche Arbeit in unsrer Gemeinschaft
damals habe die Welt die böse Welt die ja eben damals in so großer Unordnung
befangen gewesen uns dafür oft verfolgt  wir wären längst die Märtyrer für den
Kommunismus gewesen  nun aber mit seiner Verwirklichung habe unser System
gesiegt Und man wird uns glauben und zujauchzen man wird sich wieder betrügen
lassen wie vordem und mit Freuden das Regiment unsern geweihten Haiden
übergeben
    Dann werden wir unser Ziel erreicht haben Vieler Selbstverleugnung wird es
bis dahin bedürfen  aber sie wird uns herrlich vergolten werden und der heilige
Loyola wird seine treuen Diener nicht verlassen
    Wir werden siegen in diesem Zeichen
    Jetzt gilt es also auf dieses große Ziel hinzuwirken
    Über den Blick in diese große Zukunft dürfen wir das Nächste nicht
übersehen
    Wir müssen die Parteien wider einander aufstacheln
    Wir müssen den Kommunismus überall in der Stille ausbreiten helfen  und wo
er noch gar nicht da ist da müssen wir den Teufel an die Wand malen damit er
komme Dies ist eine Maxime eben so schön und bewährt als es das Sprichwort
selbst ist
    Um zu zeigen wie man dies machen muss und wie nützlich für unsern Zweck dies
Verfahren ist will ich unter Hunderten nur ein kleines Beispiel aus einem
deutschen Staate anführen in dem wir jenes Verfahren kürzlich mit viel Glück in
Anwendung brachten
    Wir wussten gleichzeitig durch anonyme Briefe welche wir ganz und gar nur
mit Stellen aus communistischen Büchern von den entschiedensten Verfechtern
dieser Doctrinen ausfüllten  damit man sie um so weniger für ein Werk unsers
frommen und rechtgläubigen Ordens halte  Eisenbahnarbeiter und Fabrikarbeiter
aufzuhetzen ihnen communistische Lehren beizubringen ihr eigenes Elend
vorzuhalten und sie wider die bestehenden Verhältnisse aufzureizen Die
Eisenbahnarbeiter waren für unsere Lehren ziemlich zugänglich es waren
Ausländer unter ihnen denen diese Dinge bereits nichts Neues waren  und
welche wenn sie auch an der Möglichkeit ihrer Ausführung zweifelten doch die
Inländischen mit aufreizen halfen  und so kam es dass sie jüngst aufstanden
ihre Arbeiten einstellten und einen höheren Lohn verlangten
    Mittlerweile hatten wir unter den Arbeitern der nahen Fabrik eines Herrn
Felchner auf einen der jüngeren Arbeiter unser Augenmerk geworfen Dieser Franz
Talheim besitzt eine ungewöhnliche Intelligenz für seinen Stand bei einem
schwärmerischen aufopfrungsfähigen Herzen Er hatte einige keine Schriften
geschrieben welche allerdings weit entfernt von communistischen Tendenzen
doch die Rechte des armen Volkes vertreten und sein Elend zur Sprache bringen
Wir glaubten es sei leicht aus ihm einen Verbreiter des Kommunismus zu machen
wie wir ihn nur wünschen konnten Leider scheint es dass wir gerade in ihm uns
verrechnet haben  er hat ein zu strenges Rechtsgefühl um einer Auflehnung
gegen das gesetzlich Bestehende fähig zu sein um Etwas auf anderen als
gesetzlichen Wegen erringen zu wollen auch hat er zu Viel gesunden und
unverblendeten Menschenverstand um von einem im Augenblick noch unpraktischen
System sonderlich Notiz zu nehmen Auf ihn also  das haben wir erkannt  werden
wir schwerlich zählen dürfen  desto leichter ging durch ihn einer seiner
vertrautesten Kameraden in die Falle
    Jetzt haben wir in dieser Fabrik Alles in die beste Gährung gebracht und
zwar durch die verschiedenartigsten Mittel
    Zuerst wussten wir  auf unserm gewöhnlichen Wege  einigen Regierungsbeamten
zuzuflüstern dass in jener Fabrik  als sich noch nicht das geringste
Verdächtige dort zeigte  gefährliche Verbindungen bestünden und dass dort sich
von einem Menschen der sich auf derartige Sachen verstände ein
staatsgefährliches Komplott entdecken ließe Begierig diese Entdeckung zu
machen setzte sofort der geheime Polizeirat Schuhmacher alle seine geheimen
Maschinerien in Bewegung um durch Entdeckung dieser gefahrdrohenden Zustände
sich Ansprüche auf den Dank seiner Regierung zu erwerben Er scheute kein
Mittel um zu seinem Ziele zu gelangen Vortrefflich arbeitete er uns in die
Hände Einer seiner Helfershelfer musste  worüber wir besonders frohlocken  den
Fabrikherrn selbst warnen und zu größerer Beaufsichtigung seiner Leute
auffordern Dies geschah  und nun werden wir es bald erleben dass diese Strenge
und Vorsicht bewerkstelligt was unserm Zureden und Vorspiegeln allein nicht
gelungen wäre  die Fabrikarbeiter werden sich empören und wenn sie gleich
damit Nichts tun als blind in ihr Unglück rennen  so ist es doch von da an
eine beglaubigte Wahrheit der Kommunismus spukt in Deutschland und greift schon
zu praktischen Mitteln  und dadurch ist für uns schon Viel erreicht wir können
von da an den Kommunismus als Popanz brauchen  Als Popanz zuerst für die
Regierenden damit sie hinter freien Regungen überhaupt gleich Kommunismus
vermuten  und deshalb sich um so weniger zu Zugeständnissen verleiten lassen
 für die Besitzenden damit sie gegen die armen und arbeitenden Klassen desto
härter verfahren und durch Druck und Härte sie um so eher dem Kommunismus in die
Arme führen damit die Schwergedrückten endlich gar dem blinden Glauben der
Verzweifelten sich hingeben es gebe für sie kein anders Heil und keine
Bestimmung als Blut und Leben einzusetzen für die Verwirklichung des
Kommunismus  endlich auch als Schreckbild für die Liberalen damit sie weil
sie nun nach zwei Seiten hin zu kämpfen haben um so leichter ermüden und damit
sie um nicht auch als Kommunisten verschrieen zu werden vorsichtiger und
zurückhaltender werden in Tadeln und Fordern
    Damit ist schon Viel gewonnen
    Zugleich sind auch in den Verdächtigungsnetzen des Polizeirat Schuhmacher
zwei Liberale mit gefangen worden Graf Jaromir von Szariny und Gustav Talheim
zwei Schriftsteller für uns von der gefährlichsten Sorte Man wird sie der
Regierung als Teilnehmer an communistischen Komploten bezeichnen da sie mit
den aufsässigen Fabrikarbeitern in Berührung gekommen sind  man wird sich
entweder ihrer bemächtigen oder doch wenigstens ihre Schriften verbieten 
obgleich diese radical und Nichts weniger als communistisch sind  oder sie des
Landes verweisen ihnen ihre literarische Tätigkeit erschweren und so werden
wir mit guter Manier zwei unsrer gefährlichsten Gegner los  indem sie entweder
ganz unschädlich gemacht oder vielleicht aus Rache und Erbitterung das werden
für was man sie bisher nur hielt und als was sie nun einmal verdammt und
gebrandmarkt sind Kommunisten So ist es zugleich mit gelungen der schlechten
Presse die Schuld an den Arbeiteraufständen mit zuzuschreiben  auch davon
werden die guten Folgen nicht ausbleiben
    So müssen uns alle Dinge zum Besten dienen
    Das ist immer unsere Ordensregel gewesen
    Und so habe ich denn in der Kürze versucht mein frommer Bruder Dir
anzudeuten welche schwierige Stellung wir hier haben  wie wir aber trotzdem
nicht verzagen sondern bereits auf eine neue Aera uns vorbereiten  damit auf
alle Fälle unser heiliger Orden selbst dann nicht untergeht wenn man alle
bestehende Ordnung der Dinge umkehrt
    Gesegnet sei der heilige Loyola der die Seinen schützt
    Grüße alle unsere Brüder
                                                                   Pater Xaver«
 
                              VI Auf dem Schloss
 »Der Bund der sich auf Treue gründet
 Hat Schild und Schwert zu Schutz und Wehr
 Die Flamme die im Herzen zündet
 Durchstrahlt die Nacht als Feuermeer«
                                                                     K Haltaus
Als Pauline mit dem Doctor Talheim in die Rotunde in Hohental ging in welcher
sie Elisabet treffen sollte hörte sie leises Geflüster und sagte deshalb zu
Talheim
    »Elisabet scheint nicht allein dort zu sein«
    Diese Worte hatte Elisabet selbst vernommen »Das ist Paulinens Stimme«
sagte sie zu Jaromir »komm  Hand in Hand wollen wir ihr unser Glück verkünden
das sie vielleicht ahnt das ich ihr bis jetzt aber noch nicht zu gestehen
wagte « Ohne daran zu denken dass wahrscheinlich auch Pauline nicht allein
käme und nicht nur laut mit sich und den Bäumen gesprochen  trat die von ihrer
Seligkeit halbberauschte Braut an der Hand des Geliebten unter den Bäumen
hervor
    Plötzlich standen sich vier überraschte Menschen sprachlos gegenüber
    Elisabet war plötzlich regungslos wie festgezaubert die Blicke zu Boden
gesenkt als sie Talheim erkannt hatte Diesen selbst durchzuckte bei Jaromirs
Anblick eine seltsame Art von Schmerz  wenn auch unschuldig war dieser doch
die Ursache seines gemordeten Lebensglückes und dass er nun gerade ihm hier
begegnen musste
    Jaromir sann nach wer der Fremde wohl sei der ihn mit einem so seltsamen
Blicke maß  und der ihm wohl auch kein ganz Fremder sei  er musste ihn schon
irgend einmal gesehen haben
    Am Unbefangensten war noch Pauline die sich doch über weiter Nichts zu
verwundern hatte als dass sie Jaromir so vertraulich an der Freundin Seite sah
Daher konnte auch sie zuerst das Wort nehmen und indem sie Elisabeths Hand
drückte sagte sie »Also überraschen wir Dich doch Schon glaubte ich Du
wärest auf dieses Wiedersehen vorbereitet« Und eh noch die Angeredete
geantwortet übernahm sie deren Amt und stellte die Herrn einander förmlich vor
    Bei Nennung von Talheims Namen zuckte es auch seltsam über Jaromirs Gesicht
 aber das war bald verbannt und vorüber und er erwiderte Talheims Gruß mit
einigen freundlichen Worten Elisabet war noch immer sprachlos geblieben  ein
Schweigen das für die Andern beinah peinlich zu werden begann  da sagte sie
plötzlich mit der ihr eignen Heftigkeit welche sie jedes Mal überkam sobald
sie sich bei erschütternden Momenten bemüht hatte ihrer Bewegung Meister zu
werden und dann still bei sich dies Bemühen um äußerer Formen und des Herkommens
willen kleinlich und unwürdig der edleren Gefühle gefunden hatte gegen deren
Äußerung sie damit eben ankämpfte
    »Es ist zu viel Glück auf ein Mal Neben mir der den mir heute Elternsegen
zum Bräutigam gegeben  mir gegenüber plötzlich mein verehrter Lehrer den ich
kaum wiederzusehen hoffen durfte  neben mir die langentbehrte Freundin  was
fehlte noch um ein Menschenherz so von Wonne überfliessen zu lassen dass es
darüber die Sprache verliert«
    »Vielleicht ich« sagte lachend Aurelie die eben auch zu der Gruppe trat 
eine neue Überraschung für Talheim und Pauline denn Beide wussten noch Nichts
von ihrer Anwesenheit
    Und wie es dann manchmal geht wenn je mehr der verschiedenen Elemente mit
ihren verschiedenen Berührungspunkten je nachdem innere Wahlverwandtschaften zu
einander hintreiben oder äußere Einwirkungen die Annäherungen und Mischungen
erleichtern  so war denn auch jetzt durch das Hinzutreten der Allen bekannten
aber Allen mehr gleichgültigen Aurelie in ihrer heitern Harmlosigkeit plötzlich
die feierliche Stimmung welche sich mit einem beinah ängstigenden Druck dieser
vier Menschen hatte bemächtigen wollen  von ihnen genommen und wich einer
leichtern heiteren Unterhaltung aus Glückwünschen für das Brautpaar Fragen
nach dem inzwischen Erlebten und Gesehenen gemischt
    Elisabet erklärte dann fröhlich entschieden dass heut ihr schönster
Festtag sei und dass Niemand wer einmal gekommen sei unterlassen dürfe ihn mit
zu feiern  Niemand werde vor Abend wieder vom Schloss entlassen Ein Diener
berief dann die kleine Gesellschaft zur Gräfin und als diese dann hier
Elisabeths Einladung freundlich wiederholte so galt weiter keine Einrede man
blieb beisammen wie der Zufall es einmal gefügt hatte
    Aurelie begegnete Paulinen mit Herzlichkeit obschon sie sich vorher nicht
hatte überwinden können sie in der Fabrik aufzusuchen freute sie sich doch
jetzt aufrichtig dieses unverhofften Wiedersehens
    Pauline empfand bei Elisabeths Glück die fröhlichste Teilnahme  aber
zuweilen wenn sie einen jener zärtlichen Blicke sah wie Liebende sie gern zu
tauschen pflegen oder einen jener innigen Händedrücke bemerkte oder ein
liebeseliges Wort das sie einander zuflüsterten vernahm  da beschlich eine
unendliche Wehmut ihr Herz ein bitteres unzufriedenes Gefühl mischte sich
hinein und tief in ihrem Innern schrie es auf wie eine schrillende Dissonanz
 Und wenn sie auf Talheim sah der mit obenan saß neben dem Grafen Hohental
und von diesem mit hochachtungsvoller Aufmerksamkeit behandelt ward  da zuckte
es auch seltsam traurig durch ihre Seele wie zu einer anklagenden Frage an das
Schicksal  sie dachte an Franz an den ausgestossenen armen Franz und deshalb
war sie zuweilen so still und in sich gekehrt unter all diesen frohen Menschen
deren Glück ihr doch auch so Viel galt Sie meinten wohl es sei ihre Art so
oder bürgerliche Schüchternheit wenn sie still war Nur Talheim sah was in
ihr vorging  er fühlte dann das Gleiche mit und konnte selbst sie kaum ohne
Wehmut betrachten
    Aber auch Elisabets Schicksal bekümmerte ihm Der erklärte Geliebte der
Sängerin Bella er der schon so viel Mädchenherzen durch seine Schönheit sein
einnehmendes Wesen durch all seine geistig hervorragenden Eigenschaften
freilich oft mehr willenlos als absichtlich an sich gefesselt hatte  und sie
dann wegwarf weil er keine Befriedigung bei ihnen gefunden  gleich viel ob
sie dabei brachen und blutend zuckten  konnte der eine Bürgschaft dafür geben
dass Elisabet endlich dies ruhelose Herz ausfüllen und dass er sie dauernd
beglücken werde
    Elisabet war von Talheims Gegenwart wunderbar ergriffen Sie fühlte es
jetzt wohl wo ihr Herz mit dem Jaromirs so selig zusammenschlug  nicht Liebe
war es gewesen was sie einst für den Lehrer empfunden hatte  denn noch fühlte
sie sich von demselben Gefühl beherrscht wie damals Es war eine Art kindlicher
Ehrfurcht welche sie vor ihm hatte und zugleich auch zärtlichste Verehrung
die sie ihm darbrachte wie einem höheren Wesen Es war als habe er eine
unsichtbare Gewalt über sie von der freilich er am Wenigsten Etwas ahnte die
aber sie selbst um so tiefer fühlte
    Am Nachmittag im Park ging sie einmal neben Talheim allein  die Andern
folgten in einiger Entfernung
    Die Beiden hatten zusammen von ver angenen Tagen in der Residenz gesprochen
    »Als ich Szariny zum ersten Mal sah« sagte Elisabet »war es an Ihrer
Seite  er war bei Ihnen gewesen  Sie hatten ihn herausbegleitet  ich trat aus
der entgegengesetzten Türe  nachher war mir der Gedanke immer so freundlich
dass doch gerade Sie es sein mussten der uns zuerst zusammenführte«
    Diese Erinnerung durchzuckte Talheim schmerzlich  er sagte nur betroffen
»Ich« weil er gar nicht wusste was er sonst sagen sollte
    »Freilich ohne es zu wissen  und dann wieder O wir haben oft davon
gesprochen Szariny und ich«
    »So hat er Ihnen Alles erzählt«
    »Was meinen Sie«
    »Nein  dann würden Sie nicht fragen« sagte er mehr zu sich selbst als zu
ihr  aber sie hatte es doch gehört und war davon betroffen  er wollte diesen
Eindruck verwischen und fügte dann bei »Sie hatten den Grafen schon in der
Residenz näher kennen gelernt«
    »Nur dass ich ihn zwei Mal sah lohne seinen Namen zu kennen  Sie wissen
wie eingezogen wir dort im Institut lebten Ein Mal noch hatte ich ihn ganz
flüchtig gesehen wo er mich nicht bemerkte  es war im Opernhaus  ich weiß es
noch genau Otello ward gegeben und Bella sang die Desdemona«
    In diesem Augenblick waren die folgenden Personen den Vorangegangenen näher
gekommen Jaromir trat neben Elisabet und indem er ihr den Arm bot sagte er
scherzend zu Talheim gewendet
    »Wenn ich wagen darf die Schülerin ein Wenig zu zerstreuen«
    »Ei« sagte Elisabet in gleichem Tone  »wir hatten zuletzt von der Oper
und der Sängerin Bella gesprochen und da kannst Du mich noch besser belehren«
    Diese heiter und unbefangen gesagten Worte nahm er für argwöhnischen Spott 
Talheim kannte sein früheres Verhältnis zu Bella da er mit ihr in demselben
Haus wohnte  und wie wäre Elisabet gerade jetzt darauf gekommen wenn nicht
Jener sogleich seine Entfernung benutzt hätte um das vertrauende Herz der
Geliebten für ihn mit einem elenden Stadtgeschwätz zu vergiften Er schwieg tief
in innerster Seele verwundet  aber seine Augen flammten zürnend und
herausforderd gegen Talheim auf
    Dieser begriff sogleich was in Jaromir vorgegangen und dessen Verdacht 
aber er fühlte sich so über denselben erhaben dass er davon wie ihn Jener hegen
konnte innerlich beleidigt ward und deshalb sagte er in einem kältern Ton als
in dem seiner gewohnten Milde »Ich werde Ihnen Alles erklären sobald Sie
wünschen«
    Jaromir versetzte kalt »Nun kann es mir gleichgültig sein«
    Elisabet begriff nicht wie diese beiden ihr so teuren Männer auf ein Mal
zu so sichtlicher Gereiztheit kamen sie zog mit edelm Stolz ihren Arm aus dem
Jaromirs trat einen Schritt zurück und sagte »Wenn ein Missverständnis
zwischen Ihnen waltet das vielleicht in meiner Gegenwart nicht aufzuklären ist
so bitt ich doch dies nicht länger zu verschieben«
    Jaromir wollte sie um Verzeihung bitten wenn er sich vergessen  Talheim
aber stimmte Elisabet bei und führte ihn mit sich fort während sie Aureliens
Arm nahm welche vorhin mit Jaromir zugleich ihnen nachgekommen war
    Aurelie lachte zu Elisabeths Nachsinnen über diesen kleinen Auftritt sie
sagte heiter »Hast Du denn nicht bemerkt dass Jaromir nur sein Gewissen schlug
als Du von Bella sprachst Ich kann mir denken dass ein Bräutigam ungehalten
wird wenn man Anspielung auf eine frühere Geliebte macht«
    »Ich verstehe nicht«
    »Als wenn nicht alle Welt wüsste dass er Bellas erklärter Liebhaber war«
    »Jaromir«
    »Das hättest Du wirklich nicht gewusst Nun dann freilich hätt ichs nicht
ausschwatzen sollen«
    Die beiden Männer hatten sich schnell verständigt und kehrten jetzt wieder
zu den beiden Damen zurück auch Pauline kam mit hinzu Elisabet war von
Aureliens Worten betroffen erst ein Weilchen still und in sich gekehrt  aber
Jaromir der gern seine vorige Aufwallung wieder vergessen machen wollte war
liebenswürdiger lebendiger denn je und so ward auch sie wieder von ihm
hingerissen und dachte nicht mehr an das Wort das sie vorhin bestürzt gemacht
hatte
    Man nahm einen Platz im Freien ein Eine halbrunde Bank von Eisenguss
zierlich ineinander gefügt in einen Halbkreis im Hintergrund mit Weingelände
umgeben das aber vorn für eine weite lachende Aussicht sich öffnete war dazu
ausgewählt
    Elisabet saß zwischen Talheim und Jaromir der dicht zu ihr gerückt war
und ihre Hand in der seinigen hielt Aurelie saß auf der andern Seite Talheims
und neben ihr Pauline
    Bald waren Alle in einem heiter ernsten Gespräch vereinigt und auf all
diesen Gesichtern malte sich eine angenehme Befriedigung der Stunde eine
harmonische Stimmung zu einander und zu der schönen friedlichen Umgebung zu der
ganzen schönen Natur
    Welch eine fürchterliche Unterbrechung war auf einmal der gellende Schrei
welcher sich aus nächster Nähe hören ließ
    Alle schraken zusammen  am Meisten Talheim  ihm war diese Stimme bekannt
 und dennoch schien es ihm unmöglich dass er sie jetzt hier hören könne
    Nur einige Schritte hatte man zu gehen  eine weibliche Gestalt deren auf
den Boden gedrücktes Gesicht man vor einem seidenen Hut nicht sehen konnte lag
auf dem Wege und warf sich wie in Krämpfen hin und her
    Aurelie hatte sie zuerst erkannt und war hingeeilt und um sie beschäftigt
ohne ihren Namen zu nennen
    Talheim rief unwillkürlich »Amalie« und nahm sie in seine Arme
    Jaromir trat betroffen in einige Entfernung hinter die Bäume zurück
Elisabet stand bei ihm
    »Dies unerwartete Wiedersehen getrennter Gatten muss fürchterlich sein«
sagte sie
    »Fürchterlich« wiederholte er dumpf und sah vor sich nieder dann fasste er
plötzlich Elisabeths Hand sah sie mit unaussprechlichem flehendem Ausdruck der
Liebe an und sagte feierlich
    »Elisabet  das ist ein Stück aus meinem Leben  ich habe Dir bis jetzt nur
von meiner Gegenwart von unsrer Zukunft gesprochen  aber nun will ich Dir all
mein Leben erzählen  wie mein Herz in seinen ersten heiligen Regungen betrogen
und zertreten ward  wie es dann vergebens suchte und niemals das Rechte fand 
bis mein Herz endlich bei all diesem vergeblichen Ringen sich selbst Hohn
sprach sich selbst verlachen und verspotten konnte  und als es aufgehört hatte
zu suchen fand es woran es nie mehr geglaubt  solches mit Dir Elisabet Aber
Dein Herz ist ein heiliger Altar und Du bringst mir seine heilige
Erstlingsflamme als Opfer dar  groß und heilig stehst Du in Deiner lichten
Unschuld davor als geweihte Priesterin und weißt nicht dass Du es bist  und
vielleicht weißt Du nicht dass es mit der Liebe auch anders kommen kann in einem
Menschen  Wirst Du mich verstoßen wenn ich Dir sage wie Viel mein Herz schon
erfahren«
    Sie unschlang ihn innig wie zum Zeichen dass sie ihn nimmer lassen könne 
aber sie antwortete nicht
    »Elisabet« seufzte er schmerzlich »Nicht wahr  nun glaubst Du meiner
Liebe nicht«
    Sie machte sich sanft von ihm los um ihm desto inniger in die Augen zu
sehen  da fielen ihre Augen auf zwei blühende Sträuche Monatsrosen  der eine
war buschig und hatte einen starken Stamm der andere war klein und schlank
aber sie blühten Beide Elisabet brach von jedem eine Rese und gab sie Jaromir
    Er sah sie fragend an
    »Sieh  der eine dieser Sträuche hat schon manchen Sommer geblüht der
andere hat jetzt seine Rosen gebracht  ich sehe keinen Unterschied an den
Blumen«
    Im seligsten Entzücken drückte er sie in seine Arme an sein Herz
    An der ganzen Szene und an der welche in der nächsten Nähe des Paares
spielte war Nichts Schuld als ein verlegter Schlüssel
    Die Oberstin Treffurt litt vielleicht auch weil ihre Nerven immer
angegriffen waren sehr an Zerstreutheit in dieser verlegte sie oft die
nötigsten Dinge an die unpassendsten Plätze ohne es selbst zu wissen und
konnte dann wenn sie einen solchen Gegenstand vermisste wieder Stunden lang in
ungeduldiger Hast danach suchen durch welche sie am Allerwenigsten zum Ziele
kam So hatte sie auch heute einen Schlüssel verlegt den sie notwendig haben
musste und da er durchaus nicht zu finden war kam sie auf die Vermutung dass
er von Aurelien mitgenommen worden sei wie denn die Oberstin überhaupt nie ihre
Zerstreutheit eingestand sondern deren Folgen immer auf Rechnung Anderer
brachte Der Kutscher war schon weggeschickt das Dienstmädchen musste im Garten
und Hofe suchen und so ward denn Amalie gebeten auf das Schloss zu gehen und
Aurelien nach dem Schlüssel zu fragen
    Amalie wusste dass Jaromir in Hohenheim war und an demselben Morgen hatte
sie ihn vom Fenster aus gesehen sein Verhältnis zu Elisabet kannte sie aber
nicht Auch die Ankunft ihres Gatten war ihr noch fremd
    Als sie jetzt in das Schloss kam und nach Aurelien fragte zeigte ihr ein
Kammermädchen den Platz wo sie Aurelien finden werde »bei dem neuem Braupaar«
    Amalie erreichte die Stelle von wo aus sie plötzlich Elisabet Hand in Hand
mit Jaromir und neben Talheim sah  neben ihrem Gatten den sie niemals hatte
wiedersehen wollen
    Beides war zu Viel für die Reizbarkeit einer Frau wie Amalie  und so stieß
sie den Schrei der Überraschung aus welcher Jene erschreckte und verfiel in
Krämpfe von denen sie bei allen heftigen Gemütserschütterungen erfasst ward
    Talheim gleichfalls aufs Tiefste von diesem Wiedersehen erschüttert
kniete neben ihr nieder und hielt sie halb in seinen Armen Aurelie und Pauline
waren scheu und verlegen zur Seite getreten
    So waren einige Minuten vergangen  da raffte sich Amalie plötzlich auf riss
sich von dem Gatten los und eilte zwischen die Bäume hinein auf die Stelle wo
Elisabet und Jaromir standen
    »Junge Gräfin« sagte sie hastig in seltsam schneidendem Tone »ich wünsche
Ihnen Glück dazu dass sie jetzt meine Stelle einnehmen  Jaromir war vor Ihnen
mein  er war der Grund dass ich mich von meinem Gatten trennte  und dass ich
Sie jetzt wie einst mich selbst in meiner Jugend zwischen diesen Beiden Männern
sah die an meinem Elend Schuld sind  nahm mir die Fassung«
    Große und unschuldige Frauenseelen haben besonders wenn die erste Allmacht
der Liebe sie plötzlich mit ungeahnten Offenbarungen geweiht hat oft einen
Seherblick der das verwandte Edle das sich ihm naht auch ohne äußeres Zeichen
erkennt und das Niedrige Unreine das sich in seinen Kreis drängt eben so
schnell auch wenn es eine andere Maske borgen will herausfindet und
zurückweist  so zog auch jetzt Elisabet mehr ahnend als verstehend Jaromirs
Hand an ihr Herz und sagte im allmächtigen Vertrauen der Liebe
    »Ich will Alles gut machen was verbrochen ward«
    Amalie konnte es nicht ertragen länger dieser hohen Jungfrau gegenüber zu
stehen  um so mehr als sie fühlte dass sie es schon durchschaute wie ja sie
Amalie selbst es war welche an Jaromir ein Unrecht begangen nicht er an ihr 
auch kam sie jetzt erst eigentlich zur Besinnung wie sehr sie Ort und Personen
vergessen und wo und zu wem sie sprach Als nun Talheim ihr den Arm bot um sie
hinweg zu führen so folgte sie erst willig  dann aber machte sie sich
plötzlich los und sagte
    »Jetzt ist eine Erklärung zwischen uns nicht möglich es bedarf auch weiter
keiner  wir wollten uns nicht wiedersehen  denke es sei so gewesen Willst Du
mir einen Dienst erweisen so entschuldige mich bei Fräulein Aurelie«
    Und damit eilte sie schnell fort Er konnte ihr nicht folgen wenn er nicht
das Auge der Spaziergänger auf sich und sie lenken wollte welche auf der Straße
vorüber gingen die sie bereits erreicht hatten
 
                            VII Zwei Gesellschaften
 »Und still versammeln sich die Streitgenossen«
                                                                  Fr Steinmann
In der Schenke der Fabrikarbeiter ging es ziemlich lärmend her Der Wirt hatte
die zweite Stube zugemacht weil sich nun Niemand mehr absondern durfte Im
Grunde wars dem Wirt so Recht Die jungen Arbeiter hatten sonst nur Bier
getrunken und keiner mehr als ein Glas dabei konnten sie wenig betrogen werden
und der Verdienst dabei war ein geringer Nun drängte sich Alles in der großen
Stube zusammen Nach dem Kruge Vier trank nun wohl fast Jeder noch einen Schnaps
 die Hitze der und Dunst in der Stube vermehrten den Durst und da folgte dem
ersten Schnaps wohl noch ein zweiter und dritter Das war bessrer Verdienst für
den Wirt Auch löste er wieder mehr an Kartengeld  denn wer einmal dem Spiel
zusah bekam bald Lust auch einmal die Karte zur Hand zu nehmen und sein Heil
zu versuchen Und hatte nun einmal die Hand nach den Karten gegriffen so gab
sie die neue Bekanntschaft sobald nicht wieder auf Wer verlor spielte fort um
endlich das Verlorene zurückzugewinnen und wer gewann spielte fort weil es
doch eine schöne Sache war so sein Geld zu mehren dabei trank man sich noch
Mut und desto mehr je länger man blieb So mehrten sich wieder die Zänkereien
und Schlägereien unter den Fabrikarbeitern  dies schien den Herrn
Fabrikbesitzern und Factoren gleichgültig zu sein  vielleicht hatten sie auch
noch den beliebten jesuitischen Grundsatz divide et impera
    Wilhelm lehnte mit August und ein paar Andern in einer Ecke
    August warnte wieder »Ich bitte Euch nur vor allen Dingen seid gegen Anton
auf Eurer Hut  Was hat er denn ewig wenns Dunkel wird nach Hohenheim zu
schleichen wenn dahinter nicht eine Schufterei steckt
    »Ach was er wird dort einen Schatz haben « versetzte einer der Arbeiter
    »Das braucht er nicht vor uns geheim zu halten  einen Schatz hat Jeder «
sagte ein Anderer
    Wilhelm meinte ruhig »Er denkt aber gerade wie wir dass er den Franz nicht
mehr leiden kann und sagt wir sollten uns vor dem in Acht nehmen  nun wer
weiß ob er darin Unrecht hat«
    »Denkt wie wir« eiferte August »ei ja doch spricht wie wir Woher weißt
Du denn seine Gedanken Ein gutes Maul hat er immer gehabt Und wenn er nun
vollends den Franz verlästern will da soll er mir nur kommen Als ob es einen
bravern Burschen gebe«
    »Nun ja ein guter Junge war er« rief Wilhelm »das hab ich wohl am Besten
gewusst  den letzten Heller hat er oft hergegeben wenn er damit helfen konnte 
aber jetzt ist er eigensinnig verstockt geworden und will mit offenen Augen nicht
sehen  mir hat er neulich geradezu erklärt nun sei er mein Gegner«
    »Das ist ehrlich und daran erkennt man den Franz  Anton würde das im Leben
nicht sagen Am Ende bleibt doch Franz besser als wir Alle wenn er gleich jetzt
mit uns nicht fort will  seine Tugend lehrt ihn die Not ertragen  wir haben
keine Tugend darum müssen wir es freilich umkehren und aus der Not eine Tugend
machen Franz mag uns widersprechen verraten wird er uns nie Anton
wiederspricht nicht und wird uns verraten Seht ich weiß gewiss dass er in
Hohenheim ein Mal bei demselben Schuft gewesen ist der den Fabrikherrn wider
uns aufgehetzt hat denn nach dem Tage wo so ein alter Schwarzfrack in der
Fabrik gewesen kam das Verbot unsers Vereins wisst Ihr« erzählte August
    »Es ist wahr wir wollen uns vor Anton in Acht nehmen Franz hat mir ein Mal
erzählt wie es auch in andern Verhältnissen unter den Bürgern zum Beispiel
solche Leute gebe die am Schlimmsten auf Vorgesetzte schimpften und dagegen
lärmten nur damit man ihnen beistimme und sie Einen hernach anzeigen könnten
Vorsicht ist nötig« mahnte ein anderer Arbeiter
    Eben trat ein ältrer Arbeiter mit verstörtem Gesichte herein »Gebt mir
einen Schnaps dass man sich den Jammer vertrinken kann  weiter gibts ja doch
keinen Trost auf der Welt für unser Einen«
    »Was hast Du denn Bertold Du siehst ja ganz grimmig aus und wie
zerschmettert obendrein« bestürmten ihn Einige fragend
    »Bins auch  bin auch grimmig und zerschmettert da habt Ihr ganz Recht«
    »Nun und was hast Du denn«
    »Was Da habt Ihr gut fragen  mein Weib ist eine Leiche«
    »So schnell«
    »Hatte sie nicht Aussicht auf Mutterschaft«
    »Ich habe sie doch noch heute früh gesehen so fragte man ihn wieder
    »Das wars« sagte Bertold und schrie in schmerzlicher Wut »Sie hatte
heute noch eine Arbeit in der Fabrik wobei sie Schweres heben musste sie hat
gesagt das könne sie nicht  aber ein Aufseher meint es sei Ziererei und sie
muss  sie hat aber Recht gehabt  bis zum Feierabend schleppt sie sich noch so
hin  wie sie zu Hause kommt legt sie sich  und da ist sie nicht wieder
aufgestanden  das Kind ist tot weils zu früh kam und es hat auch ein
grässliches Ende gehabt « « er stürzte den Branntwein hinter und trank seine
bitteren Tränen mit hinab die in das Glas fielen
    »Das ist Jammer«
    »Es ist schändlich«
    »Das ist doppelter Mord«
    »Ein abscheuliches Verbrechen«
    »Das müsst Ihr auf Mord klagen« so hallten die Antworten der Arbeiter durch
einander
    »Donner und Teufel Davon werden Weib und Kind nicht wieder lebendig Und
denkt Ihr dass die Unmenschen die sie in den Tod brachten  Etwas auf ihren Tod
geben werden Es ist weniger Bettelvolk auf der Welt so sprechen sie  ihr habt
nun weniger zu sorgen  es ist eine Wohltat« rief Bertold
    »Ja« sagte Wilhelm der jetzt hervortrat »die einmal tot sind die stehen
nicht wieder auf Aber wir wir leben noch und das wollen wir ein Mal unsern
Peinigern beweisen Sie sollen vor der Lebenskraft erschrecken die noch in
unsern ausgehungerten Körpern wohnt  Vertold wir wollen alle mit Deiner Frau
zu Grabe gehen  und dann wenn wir armes Volk einer armen Toten die letzte
Ehre angetan haben  dann wollen wir hingehen und ein Mal ein deutliches Wort
mit den reichen Lebenden reden«
    Ein allgemeines Geschrei und Gelärm erhob sich man stimmte Wilhelm
jauchzend bei und wechselte damit ab ihm Recht zu geben den Fabrikherrn ihre
ganzen Bedrücker alle Reichen zu verfluchen Bertold zu beklagen und mit
Zerstörung aller Maschinen und der ganzen Fabrik zu drohen Wilhelm und August
mahnten zur Ruhe warnten davor den Plan laut werden zu lassen und die Meisten
folgten diesen Mahnungen
    Während sich hier Entsetzliches vorbereitet gab der Rittmeister von Waldow
auf seinem Gut in nächster Nähe ein großes Fest
    Es galt die Rückkunft seines Sohnes Karl zu feiern während Talheim und
Eduin noch anwesend waren
    Die sämtliche Gesellschaft des Kurortes war geladen und die Familie
Hohental
    Ein paar Tage waren seit Jaromirs und Elisabeths Verlobung vergangen und
diese eben jetzt durch Karten und Zeitungen die große Neuigkeit des Tages
geworden
    Jaromir hatte gleich am Tage nach derselben wegen eines dringenden
literarischen Geschäftes in die Residenz reisen müssen und ward erst am Tage
des Waldowschen Festes wieder zurück erwartet So hatte er Elisabet noch nicht
wieder gesehen und so auch sein Wort nicht halten können ihr sein Leben zu
erzählen  Als an jenem Morgen Aarens bei dem Grafen Hohental gewesen hatte
der unglückliche Bewerber der so plötzlich aus seinem Himmel den er eben mit
sichern Schritten hatte betreten wollen herabgeworfen worden war sich nicht
gleich in seine gewohnte Stellung wieder zurecht finden können und war kleinlich
genug gewesen dem Grafen Hohental Vorwürfe zu machen dass er sein Wort um
eines Szariny willen habe brechen können an dem er allerdings schon oft das
Talent kennen gelernt habe Frauenherzen zu betören aber jetzt auch das neue
verständige Eltern zu betrügen«
    Mit dieser Unart war er gegangen und hatte dadurch erreicht was er am
Allerwenigsten bezweckt hatte sowohl der Graf als die Gräfin waren erfreut den
nicht Schwiegersohn nennen zu müssen der im Stande war wenn er sich gekränkt
fühlte sogar alle äußeren Formen so sehr zu verletzen
    Den Auftritt mit Amalien hatte man zu verbergen gesucht so gut es eben
gehen wollte Nur dass die getrennten Gatten sich unerwartet wiedergesehen war
der Familie Hohental und Treffurt bekannt geworden die Sache war zu delicat
um weiter danach zu fragen  auch interessierte die Aristokratin sich wenig für
dieses bürgerliche Paar das sie nur in einem untergeordneten Verhältnis zu sich
betrachtete Amaliens Äußerung über Jaromir hatte freilich für Aurelie und
Pauline Manches zu denken gegeben  aber Beide hatten Zartgefühl genug das
Gehörte nicht weiter zu verbreiten
    Elisabet hielt fest an ihrer Liebe Jaromir selbst hatte diese Überzeugung
gewonnen Aber Talheim war schmerzlichst bewegt Er hatte Amalien
wiedergesehen seine treue Liebe zu ihr war plötzlich in all ihrer frühern
sanften Größe wieder aufgewacht  da hatte sie ihm durch die halb wahnsinnig
gesprochenen Worte gezeigt wie unwert sie seiner Liebe sei  und wie er
jahrelang sie bei sich entsämldigt mit ihr Geduld gehabt und Nachsicht mit
ihrer Schwäche und ihren Launen was Monate lang als sie in steter Vereinigung
zusammen lebten ihm entgangen war  das trat jetzt in dem einen Augenblick des
Wiedersehens in seiner widerwärtigsten Gestalt vor ihn hin  als er Amalien
wieder und gerade so gehässig sprechen hörte  so starb plötzlich seine Liebe zu
ihr endete sein Mitleid  er fühlte wie sie beides nicht mehr wert sei und
sein Inneres wendete sich mit Verachtung von ihr ab
    Nur fühlte er dass sie darin Recht hatte sie wollten sich nicht
wiedersehen sie waren getrennt für immer sie hatten einander auch Nichts mehr
zu sagen Am Liebsten wäre er nun gleich abgereist und hätte den Ort verlassen
wo er ihr wieder begegnen konnte Aber Eduin von Golzenau wollte noch bleiben
bis zu Jaromirs Rückkehr Denn wie es manchmal geht so hatte erst Eduin
Jaromir in Hohenheim verfehlt und dann war Jaromir gerade in einer Stunde zu dem
Rittmeister gekommen als Eduin ausgeritten gewesen so hatte Jaromir abreisen
müssen und die beiden Verwandten die einander von frühern Zeiten her noch innig
zugetan waren hatten sich noch gar nicht einmal begrüßt 
    Die Gesellschaft war in dem Gartensalon des Rittmeisters von Waldow bereits
versammelt  nur Jaromir fehlte noch Eduin und Elisabet warteten auf ihn mit
gleicher Ungeduld Dem unbestimmten Zuge der Herzen folgend hatte dies Gefühl
einer gewissen Leere und einer sehnsüchtigen Erwartung sie einander nahe
gebracht und sie freute sich innig der liebevollen Äußerungen des Jünglings
mit welchen er schwärmerisch von ihrem Jaromir als seinem Ideal sprach Auch
Talheim saß in ihrer Nähe und sie würde sich ganz dem freundlichen Behagen an
diesem Zusammensein überlassen haben wenn sie nicht mit einer noch süssern
Erwartung für die kommenden Stunden beschäftigt gewesen wäre
    Aarens war auch da er behandelte Elisabet mit kalter Höflichkeit und
machte wie es schien auf eine ziemlich absichtlich bemerkbare und auffallend
zudringliche Weise Aurelien den Hof Diese welche nicht wusste welche andern
Absichten er noch kurz vorher gehegt nahm diese Huldigungen mit sichtlichem
Wohlgefallen auf und ward durch sie in die heiterste und mutwilligste Laune
versetzt
    Waldow der Neffe war noch immer der treue Schatten der Geheimrätin von
Bordenbrücken welche indem sie alle ihre Bemühungen auf Szariny einen
Eindruck zu machen hatte scheitern sehen gegen diesen nun einen erbitterten
Groll gefasst hatte welcher sie nachdem es ihr misslungen war ein blindes
Werkzeug für die Untersuchungscommission ihres Gatten zu sein vielleicht um so
brauchbarer zu einem sehenden machte da ihr gekränkter Stolz sich gern für ihre
vernachlässigten Bemühungen an Jaromir gerächt hätte
    Die übrige Gesellschaft bestand außer den bereits bekannten noch aus
mehreren unbedeutenderen Badegästen und den Bewohnern und Besitzern benachbarter
Rittergüter
    Die Stunden waren vergangen  Jaromir war noch nicht gekommen Man setzte
sich zur Tafel und er war noch immer nicht da  Elisabet ward blässer und
stiller und suchte dann doch wieder durch lebhafteres Sprechen ihre innere
Unruhe zu verbergen Eduin stürzte in seinem Unmute manches Glas Wein hinunter
und ward dadurch nur immer ungeduldiger Die Gräfin Hohental sah sehr kalt und
unbeweglich aus wie immer wenn sie irgend eine innere Erregteit zu verbergen
hatte Die Anwesenden flüsterten sich hier und da mit Blicken auf Elisabet
Bemerkungen zu welche sie zum Gegenstand hatten aber ja nicht von ihr gehört
werden durften
    Es schien Elisabet als habe man schon ewig bei Tafel gesessen als man
endlich aufstand um in den Garten zu gehen wo ein Feuerwerk angebrannt werden
sollte
    Eduin war vom Wein aufgeregter als gewöhnlich  er nahm Elisabeths Arm und
sagte heftig »Kommen Sie mit mir denn die Andern amusiren sich und warum
sollen Ihretwegen warme Herzen sich Zwang antun und lachen wo sie weinen
mögten«
    Sie ging mit ihm  Als sie dann im Garten von der Gesellschaft etwas
entfernt im Gebüsch standen rief es plötzlich hinter ihnen »Elisabet«
    Sie erkannte Jaromirs Stimme und sank in seine Arme Dann bewillkommnete er
Eduin
    »Endlich« rief dieser »Wie oft hab ich mich seit ich in den Alpen Dein
Bild fand nach dieser Stunde gesehnt nun hattest Du sie immer weiter
hinausgeschoben und doch hatte ich gerade Dich jetzt Viel zu fragen Du solltest
mir erzählen von der herrlichen Frau an die ich Dein Bild wieder zurückgab ich
muss sie wiedersehen weißt Du wo ich sie finden kann«
    Jaromir sah ihn verwundert an denn er konnte ihn nicht verstehen
    Aber aus Eduin sprach der Rausch der sich jetzt nur noch vermehrt hatte
als er aufgestanden und in das Dunkel getreten war aus dem doch jetzt die
unruhigen Gebilde des Feuerwerks vor ihm aufzitterten er rief laut »Du liebst
ja nur Elisabet  gib mir Bella  aber sie liebt Dich auch  und Du konntest
sie vergessen  Wie kann man jemals einer Bella untreu werden«
    Jaromir schwieg
    »Sie ist in der Residenz  Jaromir  Du bist bei ihr gewesen« rief Eduin
immer heftiger
    Elisabet trat zurück und lehnte bleich und halb bewusstlos an einem Baume
    Wenn Du Deinen Rausch ausgeschlafen hast Knabe« sagte jetzt Jaromir stolz
»will ich Dich um Erklärung Deiner jetzigen Rede bitten«
    In diesem Augenblick trat der Rittmeister zu dem neuangekommenen Gast Er
entschuldigte seine Verspätung mit der Wegsunkenntniss seines Kutschers  Die
Gesellschaft vereinigte sich wieder dann fuhr der Graf Hohental mit Gemahlin
und Tochter ab ohne dass diese noch ein vertrautes Wort mit Jaromir hatte
wechseln können
 
                               VIII Der Aufstand
 »So mag denn über Dich Du Brut
 Du stolze Brut das Aergste kommen«
                                                                     A Meissner
Polizeirat Schuhmacher war triumphierend zurückgekehrt Er hatte mit Erfolg
seinen Unterricht erteilt in der von ihm gerühmten Kunst da hinein zu
verhören wo Nichts heraus zu verhören war und so hatte er denn glücklich
erfahren dass einer der gefänglich eingezogenen Eisenbahnarbeiter früher ein
guter Freund von Franz Talheim gewesen war und einen Brief von diesem an ihn
ausgeliefert erhalten in welchem Frau geschrieben hatte dass die
Fabrikarbeiter noch weniger verdienten als die Arbeiter bei den Eisenbahnen
    Diese Worte genügten um die weitläufigsten Folgerungen und Kombinationen
daran zu knüpfen und die lange Reihe von Anklagen welche man schon gegen Franz
in Bereitschaft hatte zu vervollständigen
    Der Polizeirat brachte einen Polizeidiener und einen Verhaftsbefehl mit
    Es schien ihm aber geratener den Befehl gleich in in aller Frühe wenn
Franz noch zu Hause Alles noch still und dämmerig sei als am hellen Tage und
vielleicht mitten unter den Arbeitern zu vollziehen
    Daher gingen der Polizeidiener der Gensdarm des Ortes und noch zwei
zuverlässige Männer in aller Frühe da es noch dunkel war nach Talheims
Wohnung
    Aber so früh und dunkel es auch noch war schon trieben sich viele Frauen
und Kinder vor den Türen herum und machten seltsame neugierige Gesichter
    Wie die vier Männer an ihnen vorüberkamen stießen ein paar
beisammenstehende Frauen sich leise an und sagten
    »Was wollen denn die«
    »Sie werden es doch nicht schon gehört haben mit ihren Maulwurfsohren«
    »Mit denen nehmen wirs auch noch auf lasst sie nur kommen«
    »Sie machen grimmige Gesichter «
    »So wollen wir ihnen bald noch bessere schneiden«
    So murmelten die Frauen unter einander hin und her 
    Jetzt kam Franz mit gesenktem Haupte langsam des Weges her  zwei andere
Männer folgten ihm 
    Heute war nämlich der Morgen an welchem Bertolds Weib samt Kind begraben
wurde Alle Arbeiter waren leise aufgestanden und mit hingezogen auf den fernen
Kirchhof Auch Franz war mitgegangen  dieser neue Jammer hatte ihm in tiefster
Seele weh getan   ihm selbst war wie einem Menschen zu Mute der aus hundert
Wunden blutet und darüber nicht mehr fühlt welche ihn am Meisten schmerzt Aber
er wusste noch nicht was die Arbeiter sannen warum sie gerade heute Alle einer
Leiche folgten da doch oft eine solche einsam hinausgetragen ward Denn die
Kameraden misstrauten ihm jetzt und hielten deshalb ihre Absichten vor ihm
geheim Auch wussten eigentlich nur Wenige von einem bestimmten Vorsatz und Plan
die Meisten taten aus einem blinden Instinkt wie die Andern
    Draußen am Grabe hielt Wilhelm eine Rede »Das ist das Loos unsrer Weiber
und Kinder« sagte er »Uns macht man zu elenden Sklaven unsre Weiber und
Kinder mordet man  Ich brauche Euch nicht erst an unser ganzes erbärmliches
Dasein zu erinnern  Ihr habt es ja täglich vor Augen Und Ihr habt es auch
täglich vor Augen wie während man so mit uns verfährt unsere Peiniger von
unsrem Schweiß und Blut Paläste aufbauen und mit dem schwelgen wovon uns ein
gutes Teil gehört  eilen wir uns dieses Teil zu nehmen«
    Wildes Beifallsgeschrei folgte darauf
    Ein Anderer sagte »Und Ihr wisst auch wie die verfluchten Maschinen daran
Schuld sind dass wir jetzt schlechtern Verdienst haben  sie machen unsere Hände
entbehrlich  nun so wollen wir auch hier das Ding umkehren und die Maschinen
vernichten  sie sind unsre schlimmsten Feinde«
    »Weg mit den Maschinen wir wollen sie alle zerstören« schrie die Menge
    »Brüder Kameraden das wird nicht gut hört mich« begann Franz
    »Lasst ihn nicht zu Worte kommen« riefen viele Stimmen
    Franz suchte sie zu überschreien »Hört mich dennoch wenn wir Recht haben
wollen dürfen wir nicht mit einem Unrecht anfangen  Wir wollen Einige
hingehen und sagen dass wir nicht länger arbeiten könnten weil solche Teuerung
geworden sei wenn «
    Aber die Andern übertäubten ihn »So haben die Eisenbahnarbeiter angefangen
und sind dafür bestraft worden und schlecht genug weggekommen wir müssen es
gleich besser anfangen nicht betteln sondern zugreifen«
    Franz hatte sich aus dem Gedränge zurückgezogen er war tief bekümmert denn
er sah ein dass Keiner auf seine Warnungen mehr hören werde So ging er schnell
und traurig von dannen«
    Wie Andere dies bemerkten und ihn allein auf die Fabrik zugehen sahen
riefen sie »Eilt ihm nach damit er uns nicht verrät«
    »Das tut er nicht« sagten Andere »er hat nun einmal immer seinen Kopf für
sich«
    So folgten ihm zwei Arbeiter gleichsam um ihn zu bewachen
    Als sie so eine Weile gegangen waren wurden sie die Vier von vorhin gewahr
den Polizeidiener den Gensdarm und die zwei Männer
    Diese traten auf Franz zu griffen ihn und sagten roh »Du kommst mit«
    »Wohin Und was wollt Ihr« fragte Franz und trat zurück
    »Dich verhaften und einstecken«
    »Das ist nicht möglich ich habe Nichts verbrochen Ihr täuscht Euch«
    »Nein denn Du bist Franz Talheim und hier gilt weiter kein Federlesen«
    Der eine der Arbeiter welche Franz begleitet hatten stieß einen gellenden
Pfiff aus und lief den Weg zurück auf dem sie hergekommen der Andere holte
weit mit dem großen Knittel aus den er in der Hand trug und schlug damit den
Einen welcher Franz binden wollte dass er hinfiel
    »Bindet ihn auch« rief der Gensdarm
    Franz hatte sich geduldig den Strick umlegen lassen der Andere wehrte sich
tüchtig mit seinem Stock
    Da scholl hundertstimmiges Geheul durch die Luft  die ganzen Arbeiter kamen
mit Stöcken Knütteln und Steinen bewaffnet dahergezogen und überfielen jene
Vier die sich dessen nicht im Geringsten versehen hatten
    Franz stand ruhig da und regte sich nicht  aber eine große Träne trat in
sein frei aufblickendes Auge Diese Vier waren gekommen ihn wie einen
Missetäter zu verhaften weil sie ihn anklagten gegen Ordnung und Gesetz gegen
das Bestehende aufgewiegelt zu haben  und jene wilden Rotten hatten ihm noch
vorhin gezürnt und ihn einen Verräter genannt weil er zur Ruhe geredet hatte 
aber es waren seine Kameraden welche jetzt kamen ihn zu befreien und nicht
duldeten dass Andere ihm Unrecht taten wie sie ihm nur eben erst selbst
getan
    Das war seine Genugtuung
    Er hatte sich von beiden Partieien verketzert gesehen eben weil er nur das
Recht wollte und auf den beiden Seiten seiner Angreifer das Unrecht war  so
sprach ihn sein Gewissen frei und unschuldig Und so stand er groß da der Mann
den die Gesellschaft von sich außstieß dem sie ein paar Lumpen zuwarf und Brod
dass er nicht verhungerte  das war ihre ganze Gabe für ihn Und unter den
Tausenden welche schimmernd sich kleideten und in Prunkgemächern wohnten
schlug kaum ein Herz so groß wie dieses an das sie niemals glaubten
    August trat schnell vor und zerhieb mit seinem Beil die Stricke welche um
Franz geknüpft waren und dabei rief er
    »Seht der ließ sich für uns geduldig binden von unsern Feinden den Ihr
einen Verräter nanntet hier bittet es ihm Alle ab«
    Andere Stimmen riefen »Nun Franz siehst Du wohl wie gut die es mit Dir
meinen für die Du bei uns sprechen wolltest Nun siehst Du wohl wie weit die
armen Leute kommen wenn sie von den Leuten des Gesezzes ihr Recht erwarten Nun
hast Du eine gute Lehre empfangen und wirst es nun doch mit uns halten Wozu
Dich unser Zureden nicht brachte dahin bringt Dich nun die Strenge des
Gesetzes Was willst Du nun tun«
    »Am Liebsten an die Arbeit gehen wie alle Tage  und dass Ihr friedlich mit
mir kämet« sagte Franz
    Wildes Gelächter antwortete darauf
    Während dem hatten Einige die beiden Männer mit denselben Stricken gebunden
welche für Franz bestimmt gewesen waren während Andere sich noch mit dem
Polizeidiener und Gensdarme herumprügelten
    Unter Wilhelms Anführung zog ein ganzer Haufe gegen das Fabrikgebäude in
welchem sie meist zu arbeiten pflegten Schreiende Weiber und Kinder schlossen
sich jubelnd dem Zuge an  verwundert standen hier die Aufseher dass noch
Niemand bei der Arbeit erschienen war der unerhörte Fall konnte nichts Gutes
bedeuten aber als jetzt die tobende Rotte herbeikam so löste sich die
Verwunderung jener bald in das größte Entsetzen Einige fielen über sie her
misshandelten sie und drangen dann in das Innere des Hauses Unter Spotten
Fluchen und Lachen wurden hier die Maschinen mit Aexten Stangen und Stämmen
zerstört und was etwa von den einzelnen zertrümmerten Stücken an Eisenwerk
brauchbar schien damit bewaffnete man sich für spätere Zerstörungen Am
Aergsten trieb es hier die lange Lise
    »Für jedes Kind eine Maschine« rief sie »Da langen die Maschinen nicht zu
jede hat mehr als einen Kindermord auf dem Gewissen  unsre Vergeltung ist noch
immer viel zu gnädig Ein Kind ist mehr wert als eine Maschine das hat doch
eine Seele und Leben  die Maschinen aber sind tot und lügen sich nur lebendig
und sind doch schändlich genug um morden zu können«
    Pauline ward von dem entsetzlichsten Geschrei aus sanftem gaukelndem
Morgentraume geweckt  sie wusste sich die Töne nicht zu erklären  auch im
ganzen Hause hörte sie ein ängstliches Hin und Wiederlaufen Türenöffnen und
zuwerfen lautes Rufen und leises Murmeln durch einander
    Sie sprang auf öffnete die Türe und rief nach Friedericke Dann eilte sie
an das nächste Fenster  draußen lag in schöner Morgendämmerung der Wald
dampfend von silberweissen Nebeln und erste blitzende Sonnenlichter flatterten
feeenhaft aus blühenden Himmelsrosen hervor  denn so zierten den Himmel
morgenrote Wolken wie ein Halbkranz glutvoller Rosen Und drunten in den
zitternden Tautropfen auf dem sammtnen Rasengrün spiegelte auch dies Rot sich
wieder wie ein farbiger Schleier Es war ein schöner Anblick  aber Paulinen
fasste ein eigenes Grausen dabei Waren vielleicht ihre Augen vom Schlummer noch
blöde Dies Morgenrot sah ihr heute aus wie lauter Blut und sogar im
Rasentau wo es so sanft und schön sich spiegelte schienen ihr blutige Bäche
darüber hinzufliessen Das seltsame Stimmengewirr wie sie es noch niemals
gehört hörte sie noch immer  die ganze Luft zitterte davon
    Jetzt trat Friedericke ein bleich und verstört nachlässig angezogen und
mit herabfallenden Haaren Sie konnte ihr Schluchzen nicht verbergen
    »Um Gottes Willen was ist denn geschehen Friedericke« fragte Pauline
    »Ach liebes Fräulein  das Unglück Die ganzen Arbeiter widersetzen sich 
sie sind alle bewaffnet gekommen und statt an die Arbeit zu gehen sind sie
jetzt Alle dabei die Maschinen zu zerstören  dabei fluchen und schimpfen sie
und singen gotteslästerliche Lieder dass es ein Gräuel ist  ach und das
Allerärgste dabei bleibt doch  «
    »Nun was denn was kann es noch Schlimmeres geben Wo ist mein Vater  rede
heraus und sage Alles«
    »Der Herr ist unten und wagt sich nicht heraus  aber was ich meine das ist
 Wilhelm führt die ganze Bande an Ach das hätt ich doch in meinem Leben
nicht gedacht«
    »Und Franz«
    »Von dem weiß ich Nichts«
    »Ich muss mit meinem Vater sprechen« sagte Pauline zog schnell einen
dunkeln Morgenüberrock über und steckte die halb aufgelösten goldenen Hagre
unter ein Häubchen hinauf dann eilte sie die Treppe hinab und in das Komptoir
    Herr Felchner war ganz außer Fassung  er hatte so zu sagen von dem
ungeahnten plötzlichen Schrecken den Kopf ganz und gar verloren Vor sich
hinstaunend die Hände auf den Rücken rannte er jetzt im Zimmer hin und her
Eine furchtbare Angst und Verzagteit hatte ihn ergriffen Wie jetzt Pauline
eintrat so lief er auf sie zu und fasste sie bei beiden Händen
    »Du weißt es auch Pauline Die Schändlichen zerstören meine Maschinen
meine schönen neuen Maschinen Erst vor wenigen Tagen kam die letzte aus England
 und sie zerstören sie aufs Abscheulichste sie werden gar nicht wieder
herzustellen sein  Tausende sind vernichtet  ich bin ein geschlagener Mann« 
    »Ach Vater das ist wohl das Wenigste«
    »Das Wenigste Kind rede nicht so unverständig Hast Du einen Begriff vom
Gelde und wie mühsam man es erwerben muss dass Du so sprechen kannst als ob man
Tausende wie Nichts zu verlieren hätte«
    »Ach mein Vater nur jetzt sprich nicht so wo die Hunderte gegen uns
wüten die nie Etwas erwerben konnten und sich dennoch immer mühen müssen 
Aber was willst Du tun damit das Unheil nicht noch schlimmer über uns kommt
damit die tobenden Leute wieder zur Besinnung kommen«
    »Die Soldaten werden sie zur Besinnung bringen«
    »Willst Du ein Mittel der Güte nicht eher als das des Zwanges versuchen«
    »Was wäre das für ein Mittel  Meine Faktoren haben sie mit Steinwürfen
zurückgejagt«
    »Vater Du hörtest nicht auf mich als ich die Einflüsterungen des
Geheimrats widerlegen wollte dass Du jetzt meinen Worten folgtest«
    »Der Geheimrat hatte ganz Recht wie Du siehst dass diesem Volke nicht zu
trauen war«
    »Weil Du ihm vorher nicht trautest das Misstrauen hat sie verdorben 
hättest Du sie zuletzt nicht härter behandelt so hätten sie jetzt Nichts an uns
zu rächen«
    »Soll ich von einem Kinde und noch dazu von meinem Kinde in der Stunde des
Unglücks auch noch Vorwürfe hören Doch der Schreck hat Dich verwirrt  wie
kämst Du sonst zu solcher Auffassung«
    »Vater nur ein Mal folge meinem Rat Diese Leute haben vor Dir immer nur
Furcht gehabt alle schlimme Behandlung die sie von den Factoren erfahren
haben schreiben sie Dir zu  Was soll daraus werden wenn sie jetzt so
fortwüten Siehe ich bin ihnen manchmal freundlich gewesen und habe ihnen
geholfen in meiner Weise  mich lieben sie mir tut keiner Etwas zu Leide
Komm Vater wir wollen zusammen hinausgehen wir wollen es wagen  und dann
will ich sie fragen was wollt Ihr Geht wieder heim in Eure Wohnungen und an
Eure Arbeit wir wollen Euch bessern Lohn dafür geben und Eure Kinder sollen
Schule bekommen und nur vier Stunden des Tages arbeiten  aber wer von Euch
nicht zu Hause geht den wollen wir bestrafen lassen wie es recht ist Komm
Vater komm folge nur dies Mal Deinem Kinde«
    »Du bist irre geworden  ich folge keiner Närrin«
    »Vater was hat es denn genützt wenn Du dem Rat der Menschen folgtest die
Alles nur weise berechnen wollten Nur ein Mal wage mit mir den Versuch Was
willst Du tun Eine Schlägerei anfangen zwischen diesen rohen Meschen Dann sie
mit Soldaten zur Arbeit hetzen lassen Warum Gewalt wo Du Alles in Güte kannst
Sie werden Dich segnen  oder Dir fluchen Dir und uns Allen  Ach Vater es
ist hart den Fluch so Vieler durch ein ganzes Leben mit sich schleppen zu
müssen  und vielleicht noch über das Leben hinaus«
    Überwältigt von ihrer Angst von der Wichtigkeit seiner Entscheidung fiel
sie ihm zu Füßen und umklammerte seine Kniee  da klangen von draußen die
Stimmen wieder lauter ein freches Spottlied singend mit pfeifenden und
jauchzenden Lauten begleitet
    Der Fabrikherr wie er das hörte stieß sein Mädchen mit dem Fuße zurück und
machte sich los »Für diese freche Bande kann ein sittsames Mädchen bitten Musst
Du nicht bei ihren schlechten Liedern erröten  Draußen führen sie eine
wahnsinnige Posse auf und Du willst mit Deinem Vater auch Komödie spielen  geh
und besinne Dich Ich hätte Dir mehr weibliches Zartgefühl zugetraut«
    »Vater« rief sie außer sich »ich erröte nicht mehr über die grobe
Gemeinheit schlechter Worte als darüber dass es solche verwilderte Menschen
noch gibt  und über uns die wir Schuld sind an dieser Entsittlichung Vater 
hast Du schon um militairische Hilfe gebeten«
    »Ja  sie kann schon diese Nacht kommen wenn sie nicht langsam sind«
    Sie wollte zur Türe hinaus
    »Wo willst Du hin« rief er und hielt sie fest
    »Ich will es den Leuten sagen dass sie ruhig werden ehe man auf ihre
Verzweiflung mit Waffen antwortet«
    »Das fehlte noch« schrie Felchner vor Unmut blass und bebend während seine
kleinen Augen unheimlich funkelten »Das fehlte noch dass auch mein Kind gegen
mich rebellirte  Geh hinauf in Deine Stube«
    Er führte sie bis an die Treppe sie ging schweigend hinauf von Friedericken
gefolgt
    Wie er hörte dass Beide oben waren lief er selbst nach schloss sie leise
ein zog den Schlüssel ab und steckte ihn zu sich
 
                                  IX Ein Plan
 »Wird der Retter ihm erscheinen
 Bricht er dann das Joch entzwei«
                                                                        K Beck
Am Morgen nach dem Waldowschen Fest kam Gustav Talheim nach Hohental um
Abschied zu nehmen Am Abend wollte er abreisen
    Die Gräfin Mutter war unwohl von der Gesellschaft und nicht zu sprechen der
Graf war auf die Jagd gegangen und so empfing Elisabet Talheim allein Sie
sah sehr blass aus und ihre Augen waren matt wie von einer durchwachten Nacht und
von Tränen Sie trat ihm freundlich entgegen und sprach ihre Freude darüber
aus dass er noch ein Mal komme um Abschied zu nehmen Aber auch bei ihrem
Lächeln entging es ihm nicht dass sie im Innersten schmerzlichst bewegt war
    Um ihm das eigne Weh im Herzen zu verbergen und es bei sich selbst nicht
quälender aufkommen zu lassen begann sie von Fremden zu sprechen  und zwar von
Paulinen
    »Seitdem ich weiß was Liebe ist« begann sie mit einem unterdrückten
Seufzer »kann mich Paulinens Schicksal auf das Tiefste bekümmern  was auch ihr
Loos sein mag glücklich wird sie niemals werden können«
    »Und fühlt sie das selbst schon oder sprechen Sie nur aus der Erfahrung
teilnehmender Freundschaft«
    »Ich habe sie plötzlich besser selbst verstehen lernen als sie sich
versteht  weil ich zum Bewusstsein der Liebe gekommen bin  sie ists vielleicht
noch nicht«
    »So wissen Sie Alles  und bestätigen die Ahnungen meines Bruders«
    »Ja  ich habe es erraten  Und was wird ihr Loos sein«
    »Sich dem Herkommen zu fügen  und die grauen Haare eines zärtlichen Vaters
zu ehren«
    »Eines Tyrannen dem sie eben deshalb gehorcht weil sie ihn weder achtet
noch liebt  und er ihr doch das Leben gegeben hat Und was hat Pauline mit dem
andern Tyrannen  mit dem Herkommen zu tun Sie lebt hier still und
abgeschlossen von der Welt sie hat keinen Umgang mit ihr  die Leute wissen
nur dass der reiche Felchner ein Töchterlein hat  das wieder einen Reichen
freien muss  Und so soll ihr Leben ein lächerliches Opfer sein für gar Nichts
gebracht während wenn sie ihrem Herzen folgte sie Hunderte beglücken könnte«
    »Elisabet  bevor die Erde kein Paradies ist sind die Gefühle unsrer
Herzen nicht immer zu verwirklichen Prüfen Sie die Sache besser Pauline gibt
vielleicht einem Fabrikherrn den sie achtet die Hand und lässt es die Aufgabe
ihres Lebens sein indem sie ihn zur Milde und Menschenliebe stimmt
Einrichtungen zu verwirklichen welche auch Tausende beglücken oder wenigstens
ihr Loos verbessern«
    »Und Ihr Bruder«
    »Mein Bruder ist ein armer Arbeiter  und für einen solchen ist es schon
eine Genugtuung wenn das Weib das er vor Allen hochstellte ihr Leben dem
Wohl seiner Kameraden weiht«
    »Sie sind Brüder  ich habe mich gefragt Wenn Sie um Paulinen geworben
wenn sie ihren Vater mit Bitten bestürmt hätte  vielleicht würde er sich haben
erweichen lassen denn er will sie im Grunde doch nur glücklich machen  aber
auf seine Weise  aber Ihr Bruder ist ein armer Arbeiter  ist sein Sklave  er
muss aufhören das zu sein«
    »Was meinen Sie«
    »Befreien Sie ihn aus dieser unwürdigen Lage« sie stand auf und gab ihm ein
versiegeltes Papier unter seiner Adresse »Hier ist Geld unnütz für mich
nützlich für ihn wovon er leben kann bis er eine andre Stellung sich erworben
Ich habe die Bücher gelesen die er geschrieben  er hat Talente die ihm weiter
helfen können  dann kommt er vielleicht in Jahren wieder wie Sie  Pauline ist
ihm treu geblieben  Felchner vielleicht tot  dem bescheidenen Mann der mit
der Feder sein Brod verdient darf sie ihre Hand reichen vor den Augen der Welt
 nur dem armen Proletarier nicht  und dann o dann wird aus den Schöpfungen
dieser beiden Menschen ein Utopien aufblühen «
    Er nahm das Geld und ihre Hand zugleich »Ihr großes schwärmendes Herz«
rief er »macht mich selbst mit schwärmen  ja Und ist es ein Irrtum  einem
schönen und edelen sich hinzugeben ist auch kein verlorenes Gefühl  Wenn man
verzagen will im Glauben an die Menschheit und findet noch Herzen wie Sie und
Pauline da richtet man wieder begeistrungsmutig sich auf«
    »Diese Herzen danken Ihnen was Sie jetzt an Ihnen rühmen wollen « und sie
sah innig zu ihm auf
    In diesem Augenblick trat ein Diener ein und übergab ihr ein kleines
Päcktchen welches mit der Post gekommen war und die Bemerkung trug »sogleich
zu eröffnen«
    Sie bat um Entschuldigung und öffnete  es enthielt ein großes goldenes
Medaillon Auf einer beigefügten Karte stand nur
    »Ich wünsche Ihnen zu ihrer Verbindung Glück und übergebe das Bild das ich
bisher an meinem Halse trug dem Herzen das jetzt dem Original vertraut 
Bella«
    Sie öffnete das Medaillon  es war Jaromirs Bild
    Durch die rückhaltlose Unterredung über die Freundin war jetzt auf ein Mal
das Band des Vertrauens innig geknüpft zwischen diesen Beiden darum fasste sie
wieder seine Hand und sagte flehend und stürmisch
    »Von Ihnen allein kann ich einen Rat fordern  mein Vertrauen in Jaromir
war nicht erschüttert  wenn er vor mir geliebt was habe ich davon Rechenschaft
zu fordern  Aber gestern Eduins Worte und nun dieser Brief  Wenn er eine
Andere um mich betrogen hätte  wenn ich daran Schuld wäre Ich hätte es ihm
verbergen sollen dass ich ihn liebte  aber ich wusste es ja selbst nicht eher
bis das Wort ausgesprochen war  Und wenn ich nun die Ursache geworden dass ein
anderes Herz um ihn bräche«
    Er sah vor sich nieder und schwieg  was sollte er auch sagen War Jaromir
dieser vertrauenden Liebe wert  er den eine leichtfertige Schauspielerin
betören konnte Und sollte er ihn verklagen  konnte er es ja durfte gerade er
es War er es nicht der ihm wenn gleich ohne es zu wissen die erste Geliebte
genommen  und sollte er ihm jetzt vielleicht auch die letzte nehmen
    Sein Verstummen erschreckte sie »So habe ich Recht« fragte sie tonlos
    Er besann sich und sagte nun »Sie irren Fällt Ihnen denn der Name nicht
auf  Die Dame von der Eduin sprach und diese welche Ihnen jetzt das Bild
schickt ist nur eine und dieselbe  die Sängerin Bella«
    Da richtete sie sich plötzlich groß auf und sagte »Dank dem Himmel So darf
ich ihn mein nennen so darf ich darauf vertrauen dass meine reine Liebe ihm
vollen Ersatz geben wird für diese die ihn aufgibt und zu der sein
sehnsüchtiges Herz sich verirren konnte«
    Talheim stand auch auf und sah bewundernd zu ihr  vor einer solchen Liebe
begann er plötzlich selbst wieder ihre Allgewalt zu empfinden In diesem
Augenblicke ging Etwas in ihm vor das seinem Herzen eine stumme Sprache zu sich
selbst gab auf die er nicht länger hören mochte
    »Leben Sie wohl und glücklich« sagte er »vergönnen Sie mir einen schnellen
Abschied« Er drückte ihre Hand sanft an seine Lippen  eine Träne fiel darauf
    »Ich scheide heute anders von Ihnen  als das letzte Mal  damals hatte ich
meinen Lehrer verloren  jetzt habe ich einen Freund gefunden  Sie werden mich
auch nicht vergessen und wir werden uns wiedersehen« sagte sie innig bewegt
aber mit edler jungfräulicher Würde
    In diesem Augenblick öffnete sich die Türe und Jaromir trat ein Talheim
ließ Elisabeths Hand los und warf sich erschüttert in seine Arme
    »Graf« rief er »wir haben uns in einer der schwersten Stunden des Lebens
begegnet wo unser Beider Herzen heftiger schlugen als gewöhnlich  es war bei
einem Weibe das nicht wert war dass wir es Beide geliebt hatten  Heute ist
es anders heute schlagen unsere Herzen wieder anders als gewöhnlich  aber der
Himmel hat einen seiner Engel in eine Frauengestalt zu uns gesandt damit ein
Weib Alles sühne was ein Weib verbrach  Graf Der Augenblick wo das
Männerherz vor dem weiblichen Ideal sich neigen darf wiegt Alles auf was man
durch Weiberfalschheit gelitten  streben Sie danach den Engel zu verdienen
der sich Ihnen weiht  enden kann Ihre Liebe niemals das fühl ich jetzt und
Ihre Liebe ist ihre Seligkeit«
    Darauf ließ er den seltsam Überraschten los führte ihn zu Elisabet und
stürzte fort
    Sie lehnte sich innig in Jaromirs Arme und sagte mit in Wonne leise
vergehender Stimme Ja Unsere Herzen sind vereint für ewig«
    Als sie sich aus dieser Umschlingung wieder aufrichteten sah er auf das
Madaillon  er ward bestürzt und blickte sie wieder an
    »Ich kam Dir heute mein Leben zu erzählen  und man hat mir wohl wieder
vorgegriffen« sagte er finster
    Sie lächelte »Und Du siehst was man damit erreicht hat«
    Nun setzten sie sich zusammen und er sagte ihr sein ganzes Leben und sein
ganzes Herz  und sie schwor ihm dazwischen dass nun seine Täuschungen ein Ende
hätten und dass ihn niemals ein Herz geliebt wie das ihrige
    Als ihm auch jetzt Elisabet Alles sagte und er sah welche kleinliche und
niedrige Rache Bellas beleidigte Eitelkeit an ihm hatte nehmen wollen so
endete auch das Gefühl der Freundschaft das in seinem Herzen noch für sie
gesprochen
    Aber während Bella bei andern Liebhabern den Einen zu vergessen strebte
sann die unglückliche Amalie noch in finstrer Missgunst wie sie Jaromirs Glück
verderben wolle
    Seltsame Verirrung des weiblichen Herzens
    Amalie selbst war es ja welche das erste Unrecht begangen an Jaromir als
sie ihm untreu geworden aus törigter Eifersucht aus eitler Grille Sie war es
welche den Glauben an das Schöne und Edle der weiblichen Natur in ihm zerstört
weil sie seiner heiligen ersten Liebe sich unwert zeigte sie hatte Rauch und
Asche in das heilleuchtende reine Feuer seiner Liebe getrieben so dass dann die
Flamme auseinander wehte und lange Zeit vergeblich nach edler Nahrung suchte und
trübe und düster lodernd auf niedrigem Boden dahinkroch Sie hatte ihn
unglücklich gemacht denn ihr Verrat war die Ursache dass er für sein
zertretnes Herzensglück Ersatz suchte bei niedrigen Leidenschaften  Und als
sie darauf nach Jahrelanger Neue über ihr Unrecht eine Neue die mehr Egoismus
als ein edles Gefühl war  ihn wiedersah und erkannte wie er von seinem Schmerz
genesen war und die Zeit gesühnt hatte was sie an ihm verbrochen  da kehrte
ihr Herz sich wieder um und sie hasste ihn nun weil er im Kampfe mit sich
selbst und dem Schmerze Sieger geblieben war Und jetzt  als sie ihn abermals
wieder sah glücklich durch Liebe an der Seite einer schönen bewunderten
Jungfrau  da erwachte all ihre Eitelkeit wieder  sie sah sich verblüht alt
und hässlich geworden und doch hatte sie einst derselbe schöne Mann geliebt der
jetzt eine würdige Wahl war für jenes hohe Mädchen  und er wäre der Ihrige
gewesen wenn sie nicht selbst sich von ihm getrennt hätte Die Schuld zu tragen
an dem eignen vernichteten Lebensglück Wohl mag das hart sein  und eine Frau
wie Amalie ohne höheren Schwung der Seele ohne Größe des Herzens konnte wohl bei
solchem Bewusstsein untergehen von Stufe zu Stufe sinken und endlich noch ein
Recht zu haben meinen die eigne Schuld fremden Menschen oder einem blinden
Schicksal aufzubürden Wer niemals gelernt hat gerade darin einen Stolz zu
setzen größer zu sein als sein Schicksal  der lässt sich in ohnmächtiger
Schwäche von ihm darnieder beugen und nennt das dann noch christliches Dulden
    Amalie hatte dies getan  sie hatte geduldet  nun verlangte sie dafür eine
Genugtuung
    Sie hatte durch ihr Benehmen als sie Jaromir bei Elisabet wieder sah und
wo das Unerwartete sie zu einer niederen Heftigkeit hinriss ihren Zweck verfehlt
das sah und wusste sie Erst hatte sie Jaromirs Briefe aufbewahrt um durch sie
vielleicht einmal sein Liebesglück zu zerstören  dazu waren sie ihr jetzt
nutzlos wenn Elisabet bereits um Jaromirs erste Liebe wusste Von dieser Seite
konnte sie nicht zu ihrem Ziel kommen
    In düstrer Stimmung war sie eines Abends allein zu Hause als ein Herr kam
und den Oberst von Treffurt zu sprechen wünschte
    Als er eintrat standen die Beiden sich betroffen gegenüber und sahen sich
an
    Amalie erkannte in dem Polizeirat Schuhmacher denselben welcher bei ihr
Haussuchung gehalten  und er erkannte sie denn ein Mann bei der geheimen
Polizei hat ein fabelhaftes Gedächtnis für Personen Da er jetzt einige Wochen
von Hohenheim entfernt gewesen war hatte Amalie bisher seiner Aufmerksamkeit
entgehen können Er knüpfte sogleich weitläufige Kombinationen an diese
Begegnung
    Durch ihre Seele schoss es ebenfalls wie ein Blitz um Jemand zu nützen
stellt man keine geheimen Haussuchungen an  dieser Mann hatte also damals
Gefährliches im Sinne gehabt  und er hatte sich gefreut als er Papiere von
Szariny gefunden  vielleicht war es in der Macht dieses geheimnisvollen Mannes
Szariny irgend ein Übel zuzufügen  sie durfte die Gelegenheit nicht
vorübergehen lassen
    Nach den ersten Fragen und Antworten über des Obersten Abwesenheit begann
Amalie
    »Sie wollten einst Auskunft von mir über den Grafen Szarinh«
    »Sie meinten damals Sie hätten mir keine weitere zu geben«
    »Sie fanden mich damals in einer entsetzlichen Stimmung Sie wissen es«
    »O regen Sie Sich durch die Erinnerung nicht auf  wenn Sie damals
verschlossen gegen mich waren so haben Sie allerdings Recht dass jetzt der
Augenblick gekommen ist es auszugleichen«
    »Sie suchten nach Briefen von Szariny die Sie fanden waren Ihnen zu alt 
vielleicht kann ich Ihnen neue geben«
    »Sie würden Sich dadurch ein großes Verdienst erwerben«
    Es kam nun zu einem weitläufigen Hin und Herreden wo Keines dem Andern
seine Absichten verraten wollte man capitulirte förmlich und gelobte sich
Schweigen Endlich sagte Amalie »Wir haben hier mit einigen Familien ein
gemeinschaftliches Portefeuille worein die Briefe kommen welche am andern Tage
zur Stadt gebracht werden sollen Der Oberst macht von diesem kleinen Verein
gewissermaßen den Postrat  das Portefeuille ist hier«  sie holte es »Graf
Szariny hat heute einige Briefe hergeschickt«
    Dem Polizeirat war es doch bedenklich seine Geheimmittel wie man
allwissend wird eine Frau wissen zu lassen Er wiess ihren Vorschlag zurück
    Sie hatte dennoch das Portefeuille geöffnet und hielt ihm einen Brief mit
Szarinys Wappen und Handschrift hin Er war an den Redacteur eines neuen
Volksblattes adressirt welches eine ziemlich radicale Färbung hatte Der
Umstand war bedenklich
    Der Polizeirat wog ihn bedenklich und bemühte sich durch das dünne Kouvert
zu lesen er unterschied die Worte Franz Talheim ein Fabrikarbeiter
    In staatsgefährlichen Zeiten ließ sich am Ende Alles entschuldigen  auch
wenn Amalie nicht schwieg  und sie gelobte Schweigen  ein heissgeglühtes
Federmesser hob mit leichter Mühe das starke Siegel unverletzt ab
    Der Brief enthielt an den befreundeten Redacteur eine Empfehlung Franz
Talheims zum Mitarbeiter da dieser wahrscheinlich sich in Kurzem ganz der
Volksschriftstellerei widmen werde Es hieß darin unter Anderm »Sein Bruder und
ich halten ihn für vollkommen befähigt zu dem neuen Lebensplan welchen jener
für ihn ausgesonnen«
    Der Polizeirat war befriedigt der Brief ward notirt und wieder vorsichtig
versiegelt Amalie erfuhr den Inhalt nicht aber sie las es in seinen Mienen
dass sie einen Schritt zu ihrem Ziel getan Ehe er mit ihr ein neues Verhör über
Gatten und Schwager anstellte fand er es geraten mit Bordenbrücken
Rücksprache zu nehmen Darum ging er
    Von dem Geheimrat erfuhr er alles unterdes Vorgefallene Anton der schon
seit jener ersten Bekantschaft mit Schuhmacher als er den Namen Stiefel
angenommen immer als Aufpasser und Berichterstatter in dessen geheimen Sold
geblieben war hatte angezeigt dass die Brüder Talheim mehrfach lange
Zwiesprache gehabt dass seitdem Franz sie Alle meide immer zur Ruhe und Frieden
rede aber dass hinter dieser Maske jedenfalls die rebellischsten Absichten
steckten Dass ferner durch den Tod einer Frau und ihres Kindes unheimliche
Stimmung entstanden sei Da man sich zuletzt vor Anton hütete so hatte er nicht
mit berichten können was eigentlich wirklich schon Bestimmtes zu fürchten war
    Der Polizeirat hatte seinen Verhaftsbefehl gegen Franz schon mit und so
sollte er denn in morgendlicher Stille benutzt werden
    Am Abend vor diesem Morgen war Gustav Talheim ahnungslos abgereist Er
hatte den Bruder nicht noch ein Mal sprechen können ihm aber seinen Plan
geschrieben und diesen Brief einem gewissenhaften Diener Waldows zur Besorgung
gegeben Das Geld sollte er sich selbst bei Karl von Waldow holen
    Den eröffneten Brief hatte Jaromir auf Elisabeths Bitte geschrieben welche
ihm ihre Unterredung mit Talheim mitgeteilt hatte
 
                                 X Vereinigung
 »Der Zorn dass noch der alte Fluch
 Vom armen Volke nicht gewichen
 Dass aus dem großen Lebensbuch
 Das Wort Despot noch nicht gestrichen
 Dann möge durch Dein Herz wie Glut
 Die Träne Deiner Mutter lodern
 Dann gebe Gott Dir Kraft und Mut
 Die Schuldner vor Gericht zu fodern«
                                                                  Ludwig Köhler
Waldows Diener um den Brief gewissenhaft zu übergeben den er von dem Doctor
Talheim erhalten war auch frühzeitig nach der Fabrik gegangen Er wusste sich
den Tumult nicht zu deuten Als er endlich näher kam und das Entsetzliche gewahr
ward kamen einige Arbeiter auf ihn zu fragten ihn ob er wie sie tun wolle
und gegen die Reichen zu Felde ziehen deren Sklave er ja doch auch nur sei
Andere verhöhnten sein Tressenkleid sagten dass er sich darin wohl gefalle und
noch Staat mache mit seiner Sklaverei Mit Schlägen und Schimpfreden umringten
sie ihn
    Da schrie der Gemisshandelte laut aus Leibeskräften nach Franz Talheim
    Das rettete ihn denn Franz war in der Nähe und nahm ihm den Brief ab Er
bat die Andern den Diener laufen zu lassen er möge es den Leuten immer
erzählen was hier vorgehe verborgen könne es doch nicht bleiben Von Mehreren
wie ein Wild gehetzt entfloh der Befreite
    Unterdes hatte Franz den Brief seines Bruders gelesen  erst leuchteten
seine Augen  denn es war ihm als griffen erbarmungslose Hände in sein Herz und
rissen es in Tausend Stücke  und um die innere Empfindung im Äußern
nachzuahmen zerriss er den Brief und streute die Blättchen rings um sich Noch
gestern  wenn er da den Brief erhalten hätte er seiner Mahnung folgen
fortgehen und irgendwo eine andre Heimat suchen können  für die Kameraden hier
konnt er ja doch Nichts mehr tun sein Werk hatte man ihm zerstört und gewehrt
und die Kameraden liebten ihn und trauten ihm nicht mehr  hier war sein
Geschäft aus
    Aber heute konnte er nicht gehen heute nicht Das wäre feige Flucht
gewesen  Man hatte ihn einkerkern wollen und die Kameraden hatten ihn befreit
das musste er ihnen vergelten Jetzt waren sie aufgestanden in wilder
zerstörender Wut  sie hatten das Entsetzliche getan und jede nächste Stunde
konnte für sie eine entsetzlichere Vergeltung bringen  nun durfte er sie nicht
verlassen in der Stunde der Gefahr da sie ihn nicht verlassen hatten  nun
hatte diese Alle eng verbrüdert Er musste mit ihnen stehen und fallen siegen
und verderben oder sterben Das fühlte er klar Und Pauline Welche Gefahren
konnten ihr jetzt drohen Wer sollte sie schirmen und schützen wenn nicht er
    »Komm August« rief er jetzt indem er auf diesen zueilte »Komm Da ich das
Verderben einmal nicht aufhalten konnte das jetzt hereingebrochen so wollen
wirs auch redlich teilen Nur stellt mich nicht hin zur blinden Zerstörung
ich mag nicht kämpfen mit wehrlosen Dingen Aber wo Gefahr ist da lasst mich
sein  ich gehöre zu Euch denn Ihr habt mich frei gemacht und konnt ich Euch
im Leben nicht mehr nützen  wollte nun nur Gott ich könnts mit meinem Tod«
    Ein Wagen näherte sich der Fabrik und wollte durch ein Gedränge von Männern
Weibern und Kindern nach den Wohnhause zu  aber die Menge fiel den Pferden in
die Zügel zerhieb die Stränge und rief »Auch die Pferde sollen heute frei
sein wenn sies gleich im Leben besser gehabt haben als wir«
    Dann ward der Kutscher verspottet der entsetzt vom Bocke sprang und den
Pferden nachsah Elisabet hatte ihren Wagen geschickt um Pauline zu holen und
so ward er empfangen
    In den nächsten Dörfern hatte man die Bauern aufgeboten herbei zu kommen
und die aufrührerischen Rotten von weitern Zerstörungen abhalten zu helfen Aber
Herr Felchner hatte sonst oft vor Gericht in Streitigkeiten mit ihnen gestanden
er hatte ihre Feldund Gartenfrüchte immer so schlecht als möglich bezahlt und
sie waren in keinem Stück mit ihm in gutem Einvernehmen gewesen So kam es dass
nur Wenige Lust hatten ihm zu Hilfe zu eilen und die Meisten von Denjenigen
welche sich dazu entschlossen waren solche die nur gern bei Raufereien und
Schlägereien waren Sie bewaffneten sich mit Spaten Sensen und Düngergabeln
tranken sich erst Mut und zogen singend und lärmend nach der Fabrik Da kam
ihnen ein Haufe junger Arbeiter entgegen Wilhelm an der Spitze
    »Was wollt Ihr« rief er ihnen zu »Kommt Ihr als unsre Feinde  dann würdet
Ihr verloren sein denn Ihr seid nur eine kleine Schaar und wir sind viel mehr
als Ihr Aber wir können auch nicht glauben dass Ihr so töricht wäret in uns
Eure Feinde zu sehen Wir sind von Natur Eure Freunde und Brüder und nur die
unbarmherzigen Reichen welche elendes Geld aufhäufen um Tausende verhungern zu
lassen sind unsere Gegner Wir wollen nur diesem geizigen Tyrannen hier zeigen
dass seine Reichtümer von Rechtswegen uns gehören müssten und da er uns unser
rechtmässiges Eigentum entzogen hat so wollen wir es uns nehmen Deshalb werdet
Ihr nun uns doch nicht Übles antun wollen weil wir in die Welt ein Bischen
bessere Ordnung bringen mögten Und wer von Euch arm oder dienend ist der ist
unser natürlicher Bundesgenoss und wird uns beistehen gegen diesen geizigen
Tyrannen hier«
    Und so sprach er noch weiter  da stimmten ihm viele von den Bauern bei und
schrien »Ja wir wollen Euch helfen« und mischten sich unter die
Fabrikarbeiter Andere aber welche dies nicht mochten ergriffen die Flucht und
wurden von Steinwürfen und Peitschenhieben wieder zurückgejagt in ihre Dörfer
Einzelne welche sich widersetzten gerieten in ein fürchterliches Handgemenge
und eine blutige entsetzliche Szene folgte auf die andre  aber überall zogen
die Bauern den Kürzern
    Der Fabrikherr ward vor Schrecken noch bleicher als er das hörte  Wo nun
Hilfe finden Das Militär konnte kaum vor dem andern Morgen kommen  und was
konnte nicht Alles geschehen bis dahin Jetzt war es erst Mittag und schon
hatten die Leute fast alle seine Maschinen zerstört und wüteten noch in den
vorderen Fabrikgebäuden Jetzt hatten sie den etwas entfernt liegenden einzeln
in den Felsen gehauenen Keller erbrochen ein Fass Wein heraufgeschroten und
saßen nun um dasselbe herum und tranken die Gesundheit der neuen Zeit und der
armen Leute in dem besten Französischen Weine des Fabrikherrn Sie ruhten dabei
aus von ihrem Zerstörungswerk um sich neue Kräfte und frischen Mut zu trinken
    Nur die Factoren Marktelfer und Kutscher waren dem Fabrikherrn treu
geblieben die Andern waren Alle gegen ihn Helfen konnten diese wenigen
Menschen gegen den überlegenen und wütenden Feind auch nur Weniges 
durchkommen konnte jetzt auch Keiner mehr weder herein noch heraus Georg war
auch ganz wie vernichtet  er hatte nie weiter Etwas gekonnt als rechnen und
schelten  jetzt wusste er nicht mehr was zu tun sei Es blieb Nichts übrig
als auf die militairische Hilfe zu warten die von außen das umzingelte Wohnhaus
der Fabrik gleichsam wie eine Festung entsetzen musste Man musste sich darauf
beschränken dieses zu verschließen und zu verrammeln desgleichen auch den Hof
der es umgab und die nächsten Gebäude welche noch frei waren
    Ein Gewölbe mit Vorräten von Fleisch Butter Kraut und Rüben das sich
neben dem Weinkeller befand war auch eröffnet worden  an einem großen Feuer im
Freien kochten die Weiber davon und die Männer ließ es sich dann mit ihnen
trefflich schmecken so dass jetzt Alles ganz friedlich und gemütlich aussah
War es ja doch eigentlich nur der Hunger welcher die Meisten dieser Armen zum
Aufstand gebracht hatte Denn von communistischen Theorien die sie etwa
verwirklichen wollten wussten sie Nichts die spukten nur in Wilhelms Kopf
welcher sie in unklaren Reden zu verbreiten suchte aus denen Jeder die Sache
nur gerade so verstand wie sie in seinem Gedankenkram passte Darin waren sie
einig dass sie Alle Etwas zu rächen hatten an dem Fabrikherrn Hunger Frost
Blöße Krankheit verstümmelte Glieder Tod oder Elend ihrer Kinder harte
Behandlung und all die Not und Sorge von einem jammervollen Tag zum andern
Ihre leiblichen Bedürfnisse waren es welche jetzt diesen Wutausbruch
hervorgerufen  und wie viel er hier unbefriedigt gelassen und doch hätte
befriedigen können wenn er menschlich gewesen das wussten sie  aber ein
unklarer Instinkt drängte sie in gleicher Weise zur Rache  jener Instinkt
welcher sie hieß für Alles was in ihren und ihrer Kinder Seelen Gutes und
Edles und Bildungsfähiges erstickt und todtgeschlagen worden war durch all ihr
äußeres Elend sich auch dafür zu rächen und eben gerade dadurch dass sie ihrer
Entsittlichung und Verwilderung in ihrer schlimmsten Art und ohne Zügel
verderbensvoll walten ließ
    Der Abend begann schon herein zu dämmern  im Haus des Fabrikanten herrschte
Todtenstille Alles war in banger Erwartung des Kommenden was man tun konnte
war getan Es blieb nichts Anders übrig als zu warten Dieses Warten war
fürchterlich
    Pauline war nicht mehr eingeschlossen in ihrem Zimmer die Vorsicht war
nicht nötig da nun das ganze Haus verrammelt war Aber sie war allein in ihrer
Stube geblieben weil sie bei diesem Ereignis ganz anders dachte und fühlte als
die Andern alle welche mit ihr in dies Haus eingeschlossen waren
    »Das Alles wäre nicht geschehen wenn mein Vater nicht seine Härte und
Unbarmherzigkeit aufs Äußerste getrieben hätte es wäre nicht geschehen wenn
seine Geschäftsführer und Diener auch in den armen Menschen den Menschen geehrt
hätten Und das Verbrechen das jetzt diese armen entehrten gemisshandelten
gequälten Menschen begingen was war es denn anders als ein zweites Verbrechen
um ein erstes zu rächen Was war es denn anders als eine zweite schlechte Tat
die eine erste voraussetzte ohne welche sie nie geschehen konnte und die ihr
Geschehen eben voraussetzte Und selbst diese rohen abscheulichen Töne welche
wie ein tierisches Geheul durch die Luft hallten und doch von Menschen kamen 
was waren sie anders als der Aufschrei der beleidigten menschlichen Natur
welche zum tierischen Stumpfsinn herabgestossen und entwürdigt war  durch
andere Menschen« So sagte sie zu sich  aber sie wollte die grauen Haare ihres
Vaters ehren und nicht jetzt wo er oft in Verzweiflung in sie hineinfuhr um
sie auszuraufen seinen Jammer noch mit ihrer Anklage vermehren sie wollte
nicht zu ihm sprechen »Vater  ich hab es Dir vorausgesagt  wie ein
Strafgericht Gottes kommt es nun über uns  und wir dürfen in der Stunde der
Gefahr und des Entsetzens nicht frei und unschuldig unsere Häupter zu ihm
aufheben wir müssen sie in Demut neigen und still Alles dulden« Sie wollte
ihm das nicht sagen denn das Kind ist nicht berufen zum Richter des Vaters und
sie fühlte es wohl jetzt richtete Gott durch seine geschändeten verstümmelten
Kreaturen  aber vielleicht hätte sie doch auf sein Klagen das mit Beten und
Fluchen abwechselte etwas Hartes erwidert  und darum wich sie ihm aus
    Aber wie sollte sie Ruhe und Sammlung finden selbst allein in ihrem stillen
Zimmer Als sie es zum ersten Mal betreten wo sie kurz vorher die erste Ahnung
von dem Elend der Armut empfangen hatte war sie schon vor der Pracht dieses
Zimmers erschrocken  es war ihr als hänge der Jammer von Hunderten daran  und
nun vollends Sie schauderte vor diesem Überfluss und sie begriff dass die Armen
ein Recht hätten die Reichen nicht nur zu beneiden sondern auch zu verachten
    Zuweilen lief sie dann auf den Oberboden des Hauses um weiter sehen zu
können ob sie vielleicht eine neue Bewegung der Aufrührer erspähen könne  ob
sie vielleicht Franz gewahre Ihn sah sie nicht Aber sie sah wie die Arbeiter
mit den Bauerburschen Manche taumelnd vor Trunk unter sittenlosen Scherzen mit
den Frauen in dem Schutt eines zertrümmerten Gebäudes Steine zusammensuchten 
und schaudernd wendete sich Pauline ab
    Dann lief sie wieder hinunter fragte was weiter geschehen sei Man zuckte
die Achseln  »Die Gefahr und der Pöbel wächst wie eine anschwellende
Wasserflut  wir können noch Grässliches erleben ehe die Hilfe kommt«
    Dann fasste sie wieder Friedericken die ihr das einzige fühlende Wesen
schien welches sie verstehen könne  aber Friedericke jammerte immer nur über
das ganze Unglück und dass Wilhelm auch mit dabei sei  und nun könnten sie sich
im Leben nicht heiraten
    So dämmerte denn der Abend herein
    Pauline lag in ihrem Zimmer auf ihren Knieen und betete still
    Sie hatte kein anderes Gebet als nur die vier Worte »Herr wie Du willst«
    Da war es plötzlich als bebte das ganze Haus von einer ungeheueren
Erschütterung
    Sie fuhr zusammen  durch ihre Seele zuckte eben so plötzlich ein kleiner
Gedanke »Ach möcht es zusammenstürzen dies auf Flüchen erbaute Haus wenn es
nur mich und ihn unter seinen Trümmern begrübe«
    Sie hatte nicht Zeit den Gedanken weiter auszudenken Sie stand auf ruhig
mutig  eine seltsame Klarheit leuchtete auf ihrer Stirn  sie war gefasst denn
sie fühlte dass sie in Gottes Hand stehe Wer einmal in der Stunde der Gefahr
und der bangsten Entscheidung dies Gefühl so recht in seiner tiefsten Allgewalt
empfunden hat der allein begreift wie Paulinens leicht erschrecktes
Mädchenherz jetzt plötzlich ruhig schlagen konnte wie in den stillsten Stunden
    Das Haus war erschüttert worden von dem Wehruf der Hunderte welche jetzt in
den verrammelten Hof gebrochen waren und einen Steinhagel nach dem Hause
schleuderten Pauline ward das gewahr und sah von der Seite durch das Fenster
    Da sah sie wie Franz totenbleich aus der Menge hervorsprang nach einem
gegenüberstehenden Haus sich wandte und laut schrie
    »Hierher Brüder Auf dies Haus Was wollt Ihr dort Ich weiß in diesem
Hause hat er seine besten Schätze aufbewahrt  kommt hierher wir wollen dies
Haus erbrechen«
    Das Haus auf welches er deutete war nicht bewohnt und enthielt nur
Vorräte der Fabrikerzeugnisse  Pauline hatte Franz verstanden  um sie zu
schonen warf er sich auf dies Haus und leitete die Kameraden irre Viele
folgten seinem Wink Wilhelm aber schrie
    »Nein nicht dorthin  hierher komm Franz wir holen uns unser Liebchen«
    Klirrend stürzten von neuen Steinwürfen einige Fenster ein
    Tiefer sank der Abend herab  es ward endlich ganz dunkel
    Die Arbeiter begannen mit ihren Aerten an der Türe zu arbeiten um sie
aufzusprengen
    Da schoss Georg zum Fenster heraus über ihnen eine Flinte ab und rief
    »Wenn Ihr nicht zurückgeht so schießen wir mit Kugeln  es sind Soldaten im
Hause«
    Das kam unerwartet  im ersten Schrecken zogen sich die Arbeiter zurück
    Bald aber rief Wilhelm »Lasst Euch nicht auslachen Lasst Euch nicht belügen
Wie wären Soldaten hereingekommen  Da würden sie uns nicht bloß damit drohen
Kommt wir wollen doch nachsehen wo diese Soldaten stecken  und wer uns
belogen hat den spiessen wir auf«
    »Brüder« rief Franz »ein Menschenleben darfs nicht kosten  wir
wenigstens wollen kein Blut vergießen Die armen Leute müssen barmherzig sein
sonst dürfen sie die Reichen die es nicht waren auch nicht zur Rechenschaft
fordern«
    Mit erneuter Wut drangen nun die wilden Rotten auf das Haus ein  alle
Versuche zur Gegenwehr waren fruchtlos  endlich waren die verrammelten Türen
doch aufgestoßen und ungehindert strömten die rasenden Aufrührer hinein In
blinder Rachewut zertrümmerten sie unter Lachen und Fluchen die Spiegel alle
Meubles und alles Geräte Der roheste Spott ward damit getrieben der
schrecklichste Vandalismus machte sich geltend
    Franz war mit Einer der Ersten die in das Haus gestürmt nicht um mit zu
zerstören sondern um zu retten Da er die Wütenden einmal nicht hatte
zurückhalten können so wollte er wenigstens nun nicht zurückbleiben wo er
vielleicht Paulinen gegen diese Entsetzlichen beschirmen konnte
    Er wusste den Weg zu ihrem Zimmer  er lief hinauf  die Türe war schon
aufgerissen  da stand sie allein vielen rohen Männern gegenüber Zwei von ihnen
waren trunken und wollten sie umfassen August aber hielt die Axt vor sie hin
und schrie
    »Rührt sie nicht an  sie hat uns Nichts zu Leide getan wenn sie gekonnt
hätte wie sie gewollt wir hättens ganz anders gehabt«
    Und ein Anderer sagte »Fürchten Sie Sich nicht Mamsellchen wir tun Ihnen
Nichts denn Sie haben Gutes an unsern Kindern getan  aber kommen Sie mit uns
herunter denn sehen Sie wenn wir das Haus anbrennen müssen Sie erst heraus
sein«
    Da trat Franz ein
    »Franz« rief sie als sie ihn sah  »ich will mit Dir gehen  ich weiß es
dass ich Dir noch trauen darf  aber schütze mich vor diesen «
    Er fasste sie fest in seine Arme und wehrte mit August die Trunkenen zurück
die sie ihm streitig machen wollten So trug er sie die Treppe hinab
    »Franz« rief sie »rette meinen Vater« Und weiter bat sie in höchster
Angst »lass mich Du siehst ich finde immer noch Beschützer wenn ich gleich
ein wehrloses Mädchen bin tun sie mir doch Nichts  aber meinen Vater hassen
sie denn er ist ihnen niemals freundlich gewesen  rette Du ihn rette ihn um
meinetwillen Franz wenn Du mich liebst«
    Da rannte Wilhelm an ihm vorüber »Ha« lachte er »Du hast Dein Mädchen und
das meine ist entwischt«
    »Wo ist Friedericke« fragte Pauline bebend
    »Durch die Hintertüre fort mit dem Herrn Papa« lachte er »aber entgehen
können sie uns nicht«
    »Mein Vater ist geflohen«
    »Ja sie haben ihn laufen sehen  wie eine Maus ist er fortgewischt  aber
ich werd ihn schon finden« Und Wilhelm lief fort
    »Gott sei Dank Er wird ihn ferner schützen« sagte Pauline indes Franz
durch den Hof und das finstre Gedränge lief mit der süßen Bürde
    Sie waren schon aus den Hof heraus auf einen freien Platz gekommen wo Franz
einen Augenblick ruhte in der tiefen Dunkelheit
    »Du bringst mich doch nach Hohental  zu Elisabet« fragte sie O ich
werd es Dir ewig danken«
    »Ach Pauline Du siehst mich mit unter den Schuldigen und Du vergiebst
mir«
    »Ich habe Dir Nichts zu vergeben Du hast es nicht so gewollt  Was kann
Einer wider Hunderte Du hast Dich ihnen nicht widersetzen können wie ich mich
nicht meinem Vater  Du und ich wir Beide haben Nichts verbrochen dass es so
kommen musste«
    »Ach unsere Herzen sagens uns dass wir nur das Beste gewollt haben  aber
das Schicksal ist grausam«
    »Nein klage es nicht an  es hat uns ja auch selbst in diesem Schrecken
zusammenzeführt  Du hast mich gerettet  ich werde Dich dann wieder retten
können wenn die Menschen Dich verklagen wollen«
    In diesem Augenblick kam eine schreiende heulende Bande auf sie zu und die
Beiden befanden sich plötzlich Mitten in dem Getümmel ohne zu wissen woher es
so plötzlich kam
    »Sie kommen Sie kommen Weh uns« schrie es durcheinander von allen Seiten
»Sie kommen  Die Soldaten Die Schützen  weh uns Sie sind schon da«
    Und sie waren da
    Und sie riefen die Aufrührer an dass sie auseinander gehen mögten
    Aber der Ruf ward übertönt von dem Geschrei der Menge
    Und da tönte das Kommando »Feuer«
    Und da knackten die Hähne
    Da wars geschehen
    Wehruf ertönte  das entsetzlichste Geheul schallte zum Himmel auf und
überschallte auch das Röcheln der Sterbenden
    Die Kugel folgt ihrem blinden Lauf und weiß nicht wohin sie trifft  und
die Hand die im Dunkeln und auf Kommando den Hahn abdrückt die Hand weiß auch
nicht dass sie das Herz des Bruders treffen kann
    »Pauline  das traf«
    »Franz  Du auch  Die Kugel steckt in meiner Brust  ach so sind wir
vereint so ists ja gut  der Himmel ruft die vereinten Seelen vereint 
hinauf«
    »Pauline Nun bist Du mein«
    Und sie drückten sich fest aneinander und ließ ihr Blut zusammen strömen
und im heißen Kuss der Liebe flohen die Seelen nach kurzem Erdenkampf aus den
jugendlichen Körpern
 
                                   XI Schluss
Was nun weiter geschah Was solls weiter Man weiß es ja wie das alle Mal kommt
und alle Mal endet Es ist hart so Etwas wieder erzählen zu müssen wieder
erzählen zu hören 
    Im Publikum in den Zeitungen trug man sich mit allerhand abenteuerlichen
Gerüchten voller Unklarheiten und Widersprüche Endlich begnügte man sich mit
dem Vericht der in der Kürze festgestellten Tatsachen
    In der Fabrik des Herrn Felchner hatte lange eine unheimliche Gährung
geherrscht Endlich war es sogar dahin gekommen dass eines Tages die Arbeiter
bewaffnet in die Fabrikgebäude drangen die Maschinen zerstörten und als es
Abend geworden war sogar das Wohngebäude förmlich erstürmten und darin den
barbarischsten Unfug verübten Das aus der nächsten Stadt requirirte Militär
war noch in später Abendstunde auf den Schauplatz dieses unheilvollen
Ereignisses eingetroffen und so war es ihm gelungen noch in derselben Nacht
ziemlich und am andern Tage vollkommen die Ordnung wieder herzustellen 
    Herrn Felchners große Verluste die er durch die sinnlose Wut der Aufrührer
erlitten gab man auf noch unberechenbare Tausende an  als den schrecklichsten
Verlust der ihn betroffen galt natürlich der seiner einzigen Tochter Pauline
welche in jener entsetzlichen Nacht so plötzlich und unbeschützt ums Leben
gekommen war  getötet von den Kugeln derjenigen deren Kommen ihr strenger
Vater mit solcher Ungeduld erwartet hatte  Er hatte wohl nicht daran gedacht
nicht danach gefragt ob unter den Schuldigen denen er die mörderischen Kugeln
entgegenschickte auch Unschuldige sein könnten  und wenn er daran gedacht
hatte so hatte es ihn nicht gekümmert  er litt ja eben jetzt auch unschuldig 
wie er meinte  das Schlimmste  aber da stand er wie vom Donner gerührt als
das eigne unschuldige Kind mit getroffen war von dem blinden Strafgericht das
er den Schuldigen zugedacht hatte 
    Darüber ob in der Fabrik des Herrn Felchner wirklich großer Notstand der
Arbeiter geherrscht habe  ob wirklich communistische Verbindungen unter ihnen
bestanden  und ob die Not  ob communistische Aufhetzereien  ob die Organe
und Vertreter der schlechten Presse die meiste Schuld trügen an all dem Unheil
das so plötzlich hereinzebrochen war darüber waren die Meinungen der
Zeitungsleser sehr geteilt  ein jeder von ihnen bildete sich wohl seine eigene
selbst
    Herr Felchner rauste sich seine grauen Haare an der Leiche seiner
Herzenstochter  aber es war als sei mit ihr sein guter Engel gewichen  er
ward immer misstrauischer immer tyrannischer und überlebte sie nicht lange
    August und Wilhelm kamen ins Zuchthaus Anton erhielt eine Medaille
    Der Geheimrat von Vordenbrücken bekam einen Orden und der Polizeirat
Schuhmacher weil er schon Orden aus allen Klassen hatte eine goldne Dose
    Gustav Talheim und Graf Jaromir von Szariny waren von ihnen als Teilnehmer
an communistischen Verbindungen angeklagt worden Talheim war aber mit Eduin
von Golzenau schon über die Deutsche Grenze als man sich seiner bemächtigen
wollte  so ward ihm nun die Rückreise in das Vaterland verweigert Da gegen
Jaromir der Verdacht noch geringer er ein Graf war und einflussreiche
Verbindungen hatte so begnügte man sich damit die Censoren auf seine Artikel
besonders aufmerksam zu machen 
    Amalie verzweifelte daran sein Glück zu zerstören und schleppte ihr
freudloses überflüssiges Leben dem es weder gelingen wollte Glück noch
Unglück zu verbreiten in stiller Apathie mit sich weiter
    Aurelie gab ihre Hand dem Kammerjunker von Aarens
    Jaromir und Elisabet standen an dem schönen Marmordenkmal über Paulinens
Grab
    »Sie dort oben in Liebe vereint  wir hier unten  wem ist das bessere Teil
geworden«
    »Für ihre Liebe war das nur dort erreichbar  die unsere darf schon auf der
kleinen trauten Erde ihre Freudenfeste feiern«
    So sprachen die Liebenden und hielten sich selig umfangen