Ludwig Tieck
Der junge Tischlermeister
Novelle in sieben Abschnitten
Erster Teil
Vorwort
Es ist ein bekanntes Sprichwort dass auch Bücher größere wie kleinere ihre
Schicksale haben So waren es nur unvermutete Hindernisse Störungen und
Zufälle welche veranlassten dass gegenwärtige Novelle nicht schon vor vielen
Jahren den Lesern mitgeteilt wurde Der Plan zu dieser Erzählung ist geradezu
einer meiner frühesten Entwürfe denn er entstand schon im Frühjahr 1795 Der
Wunsch klare und bestimmte Ausschnitte unsers echten deutschen Lebens seiner
Verhältnisse und Aussichten wahrhaft zu zeichnen regte sich lebhaft in mir
Cervantes Novellen hatten mich schon damals begeistert Manche andere Entwürfe
wurden ausgeführt und drängten diese Novelle welche meine früheste war und
den Anlass zu den späteren gab zurück Erst im Jahre 1811 begann ich die
Ausarbeitung die jetzt sich mehr ausdehnte und bunter ausfiel als es im ersten
Entwurfe lag Rasch schritt ich vor und damals wenn das Werk geendigt worden
war mancher Gedanke über Zünfte Bürgerlichkeit und dergleichen mehr an der
Tagesordnung vieles gewissermaßen neu und noch unbesprochen Die Ruhe aber fand
sich nicht um die Aufgabe zu vollenden doch wurde schon im Jahre 1819 das was
geschrieben war der Presse übergeben und ich hoffte mit dem Sommer meinem
befreundeten Verleger das ganze Werk dessen Druck er sogleich begann übersenden
zu können Diese Erfüllung ist aber jetzt erst eingetreten und so bietet sich
nun die Erfindung so früh begonnen so oft verzögert und so spät vollendet dem
Wohlwollen des Lesers
Ein ähnliches Schicksal traf »den Aufruhr in den Cevennen« Er wäre jetzt
statt dieses Werkes erschienen wenn mich nicht diese Laune aus meiner Jugend zu
lebhaft angeregt hätte sie fortzusetzen und zu beschließen Da zu jenem
unterbrochenen Werke längst alles vorbereitet ist so darf ich hoffen auch dies
dem Publikum nächstens übergeben zu können
Wenn die jüngere ungestüme Welt mich jetzt so oft aufruft und schilt ich
soll lernen erfahren mitgehen verstehen und fassen und ich werfe einmal
Blicke in diese Produkte meiner neuesten und frischesten Zeitgenossen so kann
ich mich des Lächelns nicht erwehren weil so viele großen Entdeckungen und
Wahrheiten schon längst in meinen Schriften zum Teil den frühesten stehen Ich
darf mir wohl das Zeugnis geben dass ich immerdar forsche und mehr lerne je
älter ich werde aber wie Goethe auch schon einmal das veraltete Sprichwort
auf sich anwendet man soll oft erfahren und über das erstaunen als über
wichtige Entdeckung was man schon längst an den Schuhsohlen abgelaufen hat
Oberflächliche Allseitigkeit war mir immer verhasst Nur in seinem wahren Beruf
kann der Mensch stark sein irgendwo muss er ganz zu Hause sein und fest stehen
ich aber glaube nicht dass ich mir willkührlich meine Kreise zu enge gezogen
habe
Es ist wohl nicht unbillig von Rezensierenden die mich tiefsinnig tadeln
wollen zu erwarten dass sie meine Schriften gelesen haben Da ich die Form der
Novelle auch dazu geeignet halte manches in konventioneller oder echter Sitte
und Moral Hergebrachte überschreiten zu dürfen wodurch sie auch vom Roman und
dem Drama sich bestimmt unterscheidet so mache ich in dieser Beziehung nur auf
jene Andeutung aufmerksam welche die Vorrede zum eilften Bande meiner
gesammelten Schriften beschliesst
Dresden im AprilMonat
L Tieck
Erster Abschnitt
Leonhard der junge Tischlermeister lehnte sich aus dem Fenster schaute in den
alten Nussbaum hinauf und übersah dann seinen Hof Der Dunst von den Brettern
welche zum Trocknen aufgestapelt waren das Zwitschern der Schwalben die auf
und ab von und zu ihren Nestern flogen ein ferner Gesang aus einem
Dachstübchen der nächsten Straße herüber der rote Schimmer der untergehenden
Sonne der im Wipfel des Baumes sich bewegte dessen Geräusch mit dem Abendliede
einzustimmen schien alles bewegte des jungen Mannes Herz auf eine seltsame
Weise und er fühlte sich beklemmt als die Schatten sich überall verbreiteten
so dass er im Nachsinnen seine junge Frau nicht bemerkte die neben ihn getreten
war und ihn jetzt mit einem sanften Schlage aus seiner Träumerei erweckte »Wo
warst du mit deinen Gedanken« fragte sie ihn freundlich Er küsste sie herzlich
und sagte »Ich weiß es selbst nicht liebe Friederike ich dachte wohl
eigentlich nichts und jetzt erst da du mich zur Besinnung gebracht hast ist
es mir möglich von meinen Empfindungen etwas zu wissen Du erinnerst dich mit
welcher Sehnsucht wir im vorigen Winter das Frühjahr erwarteten mit ihm die
neue Einrichtung den Ankauf der Hölzer den Aufhau der Schuppen die
Erweiterung meines Gewerbes und alles ist nun da besser reicher
wohlhabender wie ich es nur wünschen konnte und indem ich nun jetzt so über
meinen Besitzstand hinblickte in der Ferne die Gesellen arbeiten hörte und mir
aus allen diesen Brettern gleichsam schon alle die Mobilien entgegentraten die
daraus gefertigt werden können und mir war als hörte ich das Geld klingen das
mir dafür gezahlt würde um wieder Bretter einzukaufen und so immer fort
wurde mir so bänglich zu Sinne dass ich aus Wehmut auf das Zwitschern der
Schwalben hörte und fast weinen musste als das Abendlied der alten
Wollspinnerin von drüben herübertönte So ist es aber was es ist kann ich
selbst nicht sagen«
»Nichts ist es« sagte Friederike lachend »als dass du ein wunderlicher Kauz
bist und bleibst Aber darum lieb ich dich nur um so mehr dass du nicht bist wie
alle Menschen In der Kindheit konnte mich wohl auch solche Furcht anwandeln
mitten unter meinen Befreundeten eine unaussprechliche Bangigkeit So hatte mein
Oheim sein Haus fertig gebaut und das Hintergebäude war beinah auch schon
vollendet Wir Kinder hatten vor dem Oheim den allergrössten Respekt die
Bauanstalt kam uns sehr ehrwürdig vor alles was wir sahen sprach davon wie
von etwas höchst Wichtigem und alle die Maurer Tischler Zimmerleute und
Anstreicher schienen mir mit ihrem Klappern Tünchen und Hämmern das Erhabenste
was man in dieser Welt erleben könne Einen Feierabend spielten wir zwischen den
Spänen im Nebengebäude wir entdeckten da tausend kindische Schätze und indem
ich durch eine Tür krieche die mit Gerüsten verbaut war um aus einem anderen
Zimmer Klötzchen Stücke Blech und Hobelspäne in meiner Schürze zu sammeln
überfiel mich in der dämmernden Einsamkeit unter den stummen Geräten und
Gestellen die sonderbarste Angst eine Furcht vor etwas Unbekanntem und dabei
ein fast lächerliches Gefühl als wenn der reiche Oheim und sein Bau und alle
seine Arbeiten und Anstalten etwas durchaus Albernes Läppisches und Unnützes
seien so dass ich mich mit schreiendem Gesang zu meinen Gespielen
zurückarbeitete und mir den ganzen Abend auch bei den Lichtern war als könne
ich die vorige Welt nicht wiederfinden Eine alte Magd der ich beim
Schlafengehen meine Empfindungen mitteilen wollte meinte ich würde wohl den
Baugeist gesehen oder gehört haben Der Abend ist mir nachher noch oft
eingefallen und freilich muss ich manchmal lachen wenn ich den übertriebenen
Ernst so vieler Menschen sehe und ihre ängstliche Geschäftigkeit und dass alles
doch wieder vergeht und wenn man über dies dunkle Wesen ängstlich werden
möchte so nenne ich es immer mit meiner alten Magd den Baugeist und bin
beruhigt Es ist doch immer so lustig und schön wenn die Menschen brav
arbeiten«
»Lass uns sehen was Franz macht« antwortete Leonhard und sie gingen beide
in ein anderes Zimmer wo der Knabe neben seinem Lehrer saß und eifrig die
Landkarte betrachtete Deutschland war aufgeschlagen und der alte Magister
suchte ihm die Einteilung der Kreise den Lauf der Flüsse und den Zusammenhang
der Gebirge deutlich zu machen »Recht in der Mitte Germaniae« sagte er eben
»liegt allhier das alte Noricum oder Nürnberg welches darum billigerweise die
Hauptstadt des deutschen Reichskörpers sein sollte« Leonhard beugte sich über
den Knaben und sah mit in die Karte »Ein herrliches Land ist Franken« fing er
an »und vor allen das Bambergische und die Ufer des Mains« »Sind wohl dorten
gewesen« fragte der Magister »Lange Zeit« antwortete der Meister »und
wunderbar war alles dort nebeneinander so verschieden und doch so schön
vereinigt Nürnberg in der Mitte als der Sitz der Kunst und des Gewerbfleisses
eine alte ehrwürdige Stadt mit ihren Denkmälern das lustige Anspach das schöne
Bayreut mit dem nahen finsteren Fichtelgebirge das sandige Erlangen und nicht
fern davon die herrlichen Täler von Streitberg und Muggendorf mit ihren Ruinen
und Naturwundern seitwärts das warme helle liebliche Bamberg mit der
unendlich schönen Aussicht von seinem zerstörten Schloss mit seinem
ehrwürdigen Dom dann die schönen Wälder bei Ebrach und bald dahinter das
Weinland Würzburg und die schönen Wildnisse des Spessart nicht fern das
reizende Bischoffsheim hinten Mergenteim Heilbronn und die Schlösser an der
Jaxt der Tauber und dem Neckar die Pfalz hinunter«
»Wo wir aber schon die Grenze Franconiae überschritten haben« sagte der
Magister »Gewiss« antwortete Leonhard »nur rissen mich die
Jugenderinnerungen hin« Er seufzte und verfolgte auf der Landkarte den Lauf
der Ströme »Herr Leonhard« fuhr der Magister fort »könnten selber den Sohn in
Geographia unterrichten da Sie alles oder das meiste gesehen haben es würde
ihm zweifelsohne deutlicher werden da die eigene Anschauung sich leichter
mitteilt freilich müsste ich wohl wenn er erwachsener ist wieder in das Mittel
treten um ihm die ältere LänderEinteilung und was Austrasia und Neustria
gewesen historisch zu erklären«
Man wollte sich zum Abendessen in das größere Zimmer begeben als der
Altgeselle des Gewerkes mit seinem Spruch hereintrat und ankündigte dass zwei
Fremde eingewandert wären die Leonhard nachdem er auf die herkömmliche Weise
geantwortet hatte annahm weil sich sein Gewerbe mit jeder Woche vergrößerte
Die Fremden sollten am folgenden Tage einziehen und der Meister seine Frau und
der Magister nebst Franz gingen in die andere Stube die schon erleuchtet war
und wo vier Gesellen und drei Lehrburschen ihrer warteten Leonhard setzte sich
zu seiner Linken der Magister und neben diesen die Frau welcher der Knabe
folgte an einen runden Tisch neben dem Knaben standen die Bursche und rechts
vom Meister saßen die Gesellen in der Ordnung in der sie früher oder später in
sein Haus gekommen waren Ein kurzes Tischgebet wurde gesprochen und die
Mahlzeit unter fröhlichen Reden vollendet Die Gesellen erzählten von dem einen
Fremden welchen sie schon kannten und mit dem der älteste in Augsburg
gearbeitet hatte man rühmte ihn als geschickt tadelte aber sein unordentliches
Wesen und seine Liebe zum Trunk wodurch er zu nichts kommen könne und
ohnerachtet seines guten Verdienstets immer nur schlecht in Kleidern einhergehe
Leonhard erzählte manche unglückliche Beispiele ähnlicher Art und beklagte dass
durch Leichtsinn und schlechte Gewohnheit sich nur zu oft die geschicktesten und
sonst fleissigsten Menschen ein trauriges Alter zubereiteten Der Magister sprach
nur selten und wenn es geschahe meist in lateinischen Sprüchen wobei er
jedesmal den jüngsten der Gesellen scharf ansah weil dieser ihn zuweilen
lächelnd von der Seite betrachtete und der Alte Spott in seinen Blicken zu
lesen glaubte Auch war es zu entschuldigen wenn die Gestalt des Magisters
komisch auffiel und besonders jüngeren Leuten Veranlassung zum Lachen gab Sein
altes Gesicht war feierlich und voll Runzeln und verriet mehr Jahre als er
wirklich verlebt hatte er trug noch was schon anfing selten zu werden eine
Perücke die aber niemals gepudert war oft ungekämmt und zerzaust schien und
fast nie gerade saß zwei Schleifen eines engen Halstuches hingen ihm über der
Brust die Weste prangte mit schwarzen Knöpfen von Gagat am langschössigen Rock
aber trug er Schleifen nach Art der Wiedertäufer und zinnerne ziemlich große
Schnallen glänzten von seinen Füßen In allen seinen Gebärden suchte er den
Gelehrten darzustellen und um nicht in den Anstand und die Sprache der
Handwerker zu verfallen die ihm wohl gemein dünken mochten wurde er
hochfahrend und steif nicht selten linkisch und verlegen und stieß Gläser und
Teller um obgleich er sich immer beobachtete Er war in Wittenberg auf der
Schule gewesen und hatte dort studiert und promoviert hatte nie Glück gehabt
weil es ihm an jedem Talent fehlte sich in die Welt und seine Umgebung zu
schicken und war nun hieher in Leonhards Geburtsstadt geraten wo er Kindern
und jungen Leuten in Sprachen und den Anfängen der Wissenschaft Unterricht gab
sich aber immer höchst armselig behelfen musste weil er zu jenen gutmütigen
Wesen gehörte welche alles ohne zu rechnen wegschenken und wenn sie einmal
etwas zurückgelegt haben sich bestehlen lassen sich aber auch darüber nicht
verwundern oder Vorkehrungen dagegen treffen weil sie die Meinung hegen es
müsse so und könne nicht anders sein er wenigstens hätte lieber selber
gebettelt als einen Dieb beim Gericht belangt wenn er ihn auch kannte oder
erriet
Nächst der Leidenschaft des Trunkes war es die des Spieles über welche die
Tischgesellschaft sprach und welche Leonhard fast noch gefährlicher schilderte
weil sie schneller zur Armut führt und den Charakter der Menschen untergräbt so
dass nicht selten derjenige der als ein ehrlicher Mann begann als Betrüger und
Dieb endigen muss
»Es ist eine sonderbare Frage« fuhr Leonhard fort »Ob der Mensch immer
stark genug ist den Leidenschaften widerstehen zu können oder ob nicht
vielleicht mancher doch früher oder später erliegen muss und seinem Schicksale
nicht entgehen kann er mag mit noch so vieler Kunst und Festigkeit nach dieser
oder jener Seite ausbeugen«
»Est problema periculosissimum« sagte der Magister »denn axioma est quod
voluntas nostra libera sit« Martin der jüngste Gesell lächelte wieder »Das
heißt« fuhr der Magister mit erhöhter Stimme fort »damit Er es verstehe mein
guter Juvenis Martin es ist ein Grundsatz dass unser Wille durchaus frei ist«
»Mir fällt diese Frage nur ein« sagte Leonhard »weil ich mich eines
sonderbaren Falles erinnere den ich selber erlebt habe Als ich noch in der
Lehre stand kannte ich schon einen alten Gesellen der hier arbeitete Er war
katholischer Religion und sehr fromm auch war er eitel darauf dass man ihn in
der Jugend zum Geistlichen bestimmt hatte Bei aller Frömmigkeit aber war er
nicht stark genug dem Getränk Widerstand zu leisten so dass man ihn gewöhnlich
Sonntags berauscht sah Zwar trank er nicht viel aber da er sehr lebhaft und
von hitziger Einbildung war stiegen ihm wenige Gläser gleich so in den Kopf
dass er fast nichts von sich wusste und was das Schlimmste war so befiel ihn
alsdann eine so große Begier zu prahlen und aufzuschneiden dass er seinen
wöchentlichen Verdienst mit vollen Händen ausstreute mochte das Geld nehmen wer
wollte Daher fanden sich immer einige lüderliche Brüder die wenn er in dieser
Stimmung war mit ihm Karte oder Würfel spielten und ihn rein ausplünderten fiel
es ihm zuweilen ein zu zanken weil er doch Unrecht merken mochte so trug er
zum Überfluss des Unglücks noch Schläge davon Am andern Tage war derselbe Mensch
dann der demütigste bescheidenste und leutseligste ja er hätte vor Scham
vergehen mögen dass er sich so hatte betragen können und fing doch den nächsten
Sonntag wieder an dieselbe Rolle zu spielen Diese Art aber zwischen den
beiden Äußersten hin und her zu schwanken hatte ihm alle Kraft und Festigkeit
genommen so dass er auch niemals den Entschluss fassen konnte in irgendeiner
Stadt das Meisterrecht nachzusuchen sondern sich lieber so alt er auch schon
wurde als Gesell durch alle Länder umtrieb Nach vielen Jahren als mich der
Zufall auf meiner Wanderschaft nach Triest verschlagen hatte traf ich diesen
alten Menschen wieder Aber wie war ich erstaunt da ich ihn ganz verwandelt
fand Er trank nie einen Tropfen starken Getränkes mochte er müde noch so
durstig oder erschöpft sein und auf mein Befragen erzählte er mir dass er vor
zwei Jahren sich im Trunke so weit vergessen dass er einen Geistlichen der ihn
zu ermahnen gesucht gemisshandelt habe worüber er im Nüchternwerden so
erschrocken sei dass er von diesem Augenblick an das Gelübde getan habe nie
auch bei der dringendsten Veranlassung und selbst auf Festen und Hochzeiten
etwas anderes als Wasser zu genießen Dieses Gelübde hielt er auch so strenge
dass ich die Kraft seines Willens bewundern musste«
»Ecce« rief der Magister »das leuchtendste Exemplum dass der Wille des
Menschen allerdings frei sei und alles vermöge«
»Wenn er nur in der Tat durch diese Sinnesänderung gewonnen hätte« fuhr
Leonhard ruhig fort »Der Pater hatte dem reuigen Sünder ich weiß nicht welches
Erbauungsbuch gegeben das zum Unglück eins von denen war die man die
mystischen nennt in welchen dem Menschen außer der Vernunft und dem Glauben
noch ein neuer Sinn aufgeschlossen werden soll durch welchen er Gott und dessen
Wesen erkennen mag und durch die Anstrengung der Liebe und eines
geheimnisvollen Willens fähig werden das unbegreifliche Wesen in sich selbst
vertraulich und fortdauernd aufzunehmen Diese Vorstellungsart so wenig er auch
die meisten Bücher dieser Gattung begreifen mochte hatte sich des schon
gläubigen Menschen so bemeistert dass er in Musse und Arbeitsstunden las und
Luteraner und Katholiken zu seiner Meinung bekehren wollte alles Geld was er
erarbeiten konnte wandte er dazu an mehr und mehr Bücher dieser Art zu kaufen
er las in den Nächten er predigte in der Einsamkeit des Feldes er glaubte sich
zum Apostel berufen so dass es schien sein Lebenslauf sollte nicht eben und
gerade ausgehn sondern durch Leidenschaft und Phantasie verwickelt und gestört
werden War er in frühern Zeiten ausschweifend und töricht so musste man ihn
jetzt wenn man es auch noch so gut mit ihm meinte geradezu einen Narren
heißen«
»Schwärmer oder Mystiker wäre richtiger gewesen« warf der Magister ein »an
dergleichen Irrlehrern hat die reine christliche Kirche von jeher viel zu leiden
gehabt«
»Jetzt war sein Seelenrausch ununterbrochen« erzählte der junge Meister
weiter »Ich gedachte durch das Krain und Kärnten durch Tirol hinauf nach
Augsburg zu gehen mehr um die herrlichen Gebirge zu sehen als der Arbeit wegen
denn ich hatte Geld zur Reise zurückgelegt Der Alte bot sich zu meinem
Begleiter an Es war im Spätsommer das Wetter das vortrefflichste die
Gegenden durch die wir zogen die allerwunderbarsten und zauberreichsten die
ich noch gesehen hatte aber der Arme war nicht mehr fähig die Schönheit der
Schöpfung zu genießen er sah in den erhabenen Berg und Felsenmassen nur das
Werk der bösen Geister einen Trotz gegen den Himmel er redete sie manchmal in
seinem Eifer an und schalt sie wilde Riesen und Empörer gegen Gott Den Verdruss
hatte ich auf dem ganzen Wege und mich gereuete oft dass ich mit ihm gegangen
war Dazu kam dass er unter der Last seiner Bücher keuchen und schwitzen musste
und doch konnte er nicht unterlassen in jedem Städtchen sich nach andern Werken
dieser Art umzusehn und zu kaufen wenn er etwas fand das ihm erständig war
So übel ich auch auf seine Besessenheit zu sprechen war so trug ich ihm doch
den größten Teil seines Gepäckes und bedung mir nur aus dass er mir in den
Ruhestunden nicht vorlesen durfte worüber er wehmütig die Achseln zuckte Wir
kamen bei Botzen heraus Nie werde ich dies herrliche Tal vergessen und den
wundervollen Weg nach Brixen Es ging schon gegen die Weinlese allenthalben
konnten wir uns mit Trauben erquicken Es war eine Vollmondnacht und wir hatten
beschlossen von Brixen auszuwandern die kühle helle Nacht hindurch und am
anderen Mittag irgendwo stille zu liegen weil die Hitze in den Bergen dort auch
um jene Jahreszeit in den Mittagsstunden drückend war War mein Gefährte am Tage
begeistert so schien der Mondschein noch stärker auf ihn zu wirken seine
Schilderungen waren so grausenhaft dass ich mich selbst wenn der Mond hinter
eine Wolke trat zuweilen eines kleinen Schauders nicht erwehren konnte In der
Hölle besonders war er wie zu Hause und genau beschrieb er die vielen
Heerscharen auch ihre verschiedenen Physiognomien und Gebärden die von dort
täglich und nächtlich auszögen um seine arme Seele zu bestricken bald durch
Zweifel bald durch Hochmut ein anderes Mal durch falsche Gesichte oder auch
durch ängstigende Herzensleere bis dann im anhaltenden Gebet der Brunnen des
Lebens wieder springe und von innen heraus alle seine Kräfte tränke und
erfrische So mochte es Mitternacht geworden sein als wir zwischen Brixen und
Sterzingen einen Hügel hinanstiegen die Gegend war ganz einsam kein Dorf in
der Nähe rechts ab vom Wege schienen in ziemlicher Entfernung einige Hütten zu
liegen doch mochten es auch Steine sein denn nichts war im rätselhaften
Schimmer des Mondlichtes genau zu unterscheiden Sowie wir höher stiegen hörten
wir ein seltsames Rascheln oder Rauschen und es war nicht anders als wenn
jemand eine große Tonne mit Wasser schüttelt um sie auszuspülen Dies war es
denn auch zu meinem größten Befremden denn als wir oben waren sahen wir mitten
auf der Landstraße eine ziemlich beleibte aber kleine menschliche Figur die
mit der größten Behendigkeit ein großes Fass hin und her bewegte Mein Gefährte
drängte sich dicht an mich mir war gesteh ich etwas unheimlich diese
sonderbare Beschäftigung hier im einsamen Gebirge in der stillen Mitternacht
keine menschliche Wohnung in der Nähe Um dem nächtlichen Arbeiter
vorbeizukommen mussten wir im Wege etwas ausbeugen und mit einer etwas
ängstlichen Stimme sprachen wir beide den Gruß der in Tirol gebräuchlich ist
Gelobt sei Jesus Christi worauf das Nachtmännlein ohne sich in seiner
Beschäftigung stören zu lassen mit einer schnarrenden näselnden fast kindisch
quäkenden Stimme antwortete in Ewigkeit Wir gingen stumm weiter schneller
sahen uns nach einigen hundert Schritten bei einer Felsenecke um und indem
wieder eine Wolke dem Monde vorüberzog war alles verschwunden Hast du ihn
gesehen fragte mein Gefährte mit zitternder Angst Den Ich wagte nicht ihm
zu antworten er nannte den Arbeiter immer nur ihn und schien sich viel dabei
zu denken auch ich weiß noch jetzt mir das Abenteuer nicht zu deuten so
natürlich es vielleicht zusammenhängen mag«
»Im besten Falle« sagte der Magister »ist es immer exzentrisch auf hohem
Gebirge in stiller Nacht sich mit Fässern zu tun zu machen die Nacht macht
alles zum Schreck«
»So war es auch mit meinem Freunde« fuhr der Erzählende fort »der nur noch
eines letzten Anstoßes bedurfte um völlig in die Irre zu geraten Wir kamen
nach Sterzingen Zum Essen kam der Alte nicht und als wir ihn suchten fanden
wir ihn endlich in einem abgelegenen Winkel im eifrigsten Gebet Er sagte mir
er hätte danken müssen dass der Himmel ihm seinen Verstand habe erhalten wollen
Ich suchte ihn zu erheitern und drehte die Sache zum Scherz aber da er böse
wurde brach ich ab Wir blieben diese Nacht in der Stadt weil ich mit dem
Unglücklichen nicht wieder eine nächtliche Wanderung unternehmen mochte in der
Nacht schlief er sehr unruhig ich hörte ihn oft ächzen und beten schauderhaft
war es dass er wohl hundertmal die Worte in Ewigkeit wiederholte und zwar
genau den seltsamen nicht kindischen und nicht männlichen nicht kreischenden
und auch nicht heisern Ton der nächtlichen Erscheinung zu treffen suchte Bald
darauf erreichten wir Inspruck wo wir Arbeit annahmen Nach acht Tagen gehe ich
mit meinem Gefährten des Sonntags in die Kapuzinerkirche Hier ist das schöne
Grabmal des Kaisers Maximilian hier ruht die berühmte Philippine Welserin hier
stehen die lebensgrossen erznen Bildnisse von merkwürdigen Menschen der Vorzeit
und ich war in Betrachtung dieser Denkmäler vertieft als ich plötzlich unter
den Worten des Predigers einen lauten Aufschrei höre alles läuft zusammen man
bestrebt sich jemand aus der Kirche zu tragen ich trete hinzu er ist es der
Unglückliche der in Krämpfen heult Draußen erzählt er dass die Kirche voller
bösen Geister sei dass der Fußboden sich unter Flammen aufgetan dass die
grässlichsten Gebilde zu ihm emporgestiegen Im Wahnsinn quält er sich noch acht
Tage nachdem er unzähligemal das in Ewigkeit mit jenem widerlichen Tone
wiederholt hatte Er liegt dort begraben«
Nach einem kurzen Stillschweigen wünschten die Arbeiter gute Nacht und
entfernten sich indem der vorschnelle Martin schon in der Tür zu seinen
Begleitern auf sprichwörtliche Art sagte »Unser junger Meister hat in seinem
kleinen Finger mehr Verstand als im ganzen alten Magister steckt« Dieser
überhörte es aber Leonhard nahm sich vor am folgenden Morgen dem jungen
Menschen einen Verweis zu geben Der Knabe wurde zu Bett gebracht und der
Magister nahm ebenfalls seinen Hut doch Leonhard wandte sich zu ihm und bat
»Erzeigen Sie uns die Ehre werter Herr Magister noch ein Gläschen Wein mit uns
zu trinken« Indem trat auch ein anderer Freund des Hauses ein Tischlermeister
ein kleines rundes Männchen herein der sich den Schweiß abtrocknete und
ausrief »Immer noch brav heiß als wenn es schon mitten im Sommer wäre Guten
Abend« fuhr er fort »ja wenn man zu euch kommt Leute so sind alle Stuben wie
die Putzstuben und je mehr ich zu Hause aufräume je wilder sieht die
Wirtschaft aus ich habe nicht Glück und Segen in den Händen hier ist einem
immer zumute als wenn man bei vornehmen Leuten wäre« Man setzte sich nun um
einen kleinen Tisch und die Hausfrau schenkte von dem guten Frankenweine ein
den alle stark und wohlschmeckend fanden Der Magister legte seine feierliche
Miene ab und fing an heiterer zu werden wozu vorzüglich die Gespräche und
Erzählungen des Meisters Krummschuh beitrugen über den er sich ohne allen
Rückhalt erhaben fühlte Es wurde an die Tür geklopft und ein Bedienter trat
herein der dem Leonhard ein zusammengelegtes Blatt übergab Er hatte kaum die
Aufschrift angesehen als er rot vor Freude ward und sich sehr heiter mit den
Worten zum Diener wandte »Es wird mir eine große Ehre sein ich bin morgen den
ganzen Tag zu Hause« Der Diener entfernte sich und Leonhard sagte »Der Baron
ist wieder in der Stadt und von seiner Reise zurückgekommen er wird mich morgen
besuchen wenn ich nicht schon früh zu ihm gehe« »Ich hatte es dir nur zu
melden vergessen« sagte die junge Frau »er war schon heut nachmittag hier und
suchte dich« »Wie kannt du das nur vergessen« rief Leonhard aus »Es ist
ja noch Zeit genug dass du es erfährst« erwiderte sie etwas unwillig »er hat
Projekte mit dir er will dich auf eine Reise mitnehmen du sollst ihm ein
Schloss einrichten helfen und was dergleichen mehr ist was mir gar nicht
sonderlich hat gefallen wollen er ist überhaupt fatal mit seinem herablassenden
vertrauten Wesen und hindert dich nur ich kann es gar nicht leiden dass er
mich immer liebe kleine Frau nennt« »Du bist unbillig« antwortete der Mann
»er will gegen uns nicht den Vornehmen spielen ich kenne ihn seit lange wir
waren Schulkameraden« »Ich bin aber nie sein Schulkamerad gewesen« erwiderte
sie etwas spitzig »und wie klein bin ich denn doch groß genug dass er mit mir
etwas mehr Umstände machen könnte ich kann es nicht leiden wenn die Vornehmen
gar zu bürgerlich tun wollen ich fürchte nur du lässest dich beschwatzen weil
ich deine Lust am Reisen kenne«
»Ja das muss wahr sein« rief Krummschuh aus »in meinem Leben hab ich noch
keinen Menschen gesehen der so versessen auf das Wandern ist Er konnte es nie
satt werden und ich werde zeitlebens an das Jahr gedenken in dem ich mich mit
ihm herumgetrieben habe Wenn andere Menschen müd und matt in die Herberge
kommen so richten sie sich ein sehen nach der Küche bestellen sich ein Essen
setzen oder legen sich nieder nicht so er Gleich fragt er nach den
Merkwürdigkeiten der Stadt und der Gegend meistens kennt er sie auch schon oft
besser als die Leute selbst und da ist nun entweder ein alter Turm den er
besehen und auf die Spitze mit Lebensgefahr hinaufklettern muss oder Mauerwerk
von einem Schloss oder Kloster ist eine halbe Meile davon dahin wird nun
gewandert ohne fast nur einen Trunk Bier getan zu haben Und was hat er nachher
von dem allen Ich begreife es jetzt selbst nicht wie er mich damals durch
seinen Umgang so hat behexen können dass ich alle die Torheiten mitmachte«
Alle lachten und der Erzähler fuhr fort »Jetzt ist es mir selber
lächerlich aber damals war ich oft verdrießlich genug Weißt du noch Gevatter
wie wir miteinander das Fichtelgebirge durchstrichen In der Ebene war er noch
erträglich und ziemlich vernünftig aber sowie er nur in Berge geriet war er
wie wahnwitzig und ich glaube auch dass es eine Krankheit in ihm gewesen ist
die jetzt wohl ausgetobt hat Da musste immer noch ein Berg erstiegen werden und
dann noch ein höherer und wieder ein anderer und das hatte dann niemals ein
Ende dabei konnte er unsereinen so schön persuadieren dass man immer
nachkletterte er konnte wunder was versprechen goldne Berge und Luftschlösser
es blieben aber immer nur neue Felsenberge Ich hatte von frühester Kindheit die
Anlage einen Bauch zu kriegen wie es denn auch jetzt geschieht seit ich
denken kann ist mir beim Bücken das Blut ins Gesicht gestiegen und ich kann
nichts tun ohne in starken Schweiß zu geraten Aus dieser Komplexion ergibt
sich nun von selbst dass ich kein sonderlicher Fußgänger bin was er bei seiner
schlanken Statur niemals begreifen wollte sondern meinen Widerwillen nur für
Faulheit erklärte Da liegt in Franken ein finsteres Nest Wunsiedel genannt
unter dem Fichtelgebirge eine halbe Meile oder Meile davon sind im Buschwerk
die wunderlichsten tollsten Felsenmassen über unter und durcheinander
geworfen wie man es nur im Traum sich vorstellen kann da musst ich nun hin und
springen kriechen klettern und stöhnen um das Wunderwerk in Augenschein zu
nehmen Der höchste und verwirrteste Punkt dieser Gegend wo man verrückt werden
möchte heißt die Luchsburg Von hier sieht man aus der schwärzesten
TannenEinsamkeit rund umher in die Zerstörung hinaus von allen Seiten nur
Wälder und wilde Steinklumpen unter sich Waldrauschen und wildes Vogelschreien
alles zum Entsetzen Da war er nun glücklich und wie betrunken vor Freude Wir
mussten aber weiter wir sollten auf den Gipfel des Gebirgs gelangen den sie
dort den Ochsenkopf nennen Er wusste meine Ambition so in Tätigkeit zu setzen
dass ich richtig mitging den Abend vorher hatte ich geschworen es nicht zu tun
Es liegt ein tiefer langer Morast unten am Gebirge über welchen Stangen gelegt
sind um nur festen Fuß fassen zu können da hinüber mussten wir uns quälen Dann
ging es in den dicksten Wald neben großen Steinwänden Eichen und Tannen
vorbei er hatte sich den Weg genau beschreiben lassen und glaubte nicht fehlen
zu können Aber es geriet uns dennoch anders denn nachdem wir einige Stunden
bergauf gewandert waren hatten wir jede Spur eines Weges verloren Nach vielem
Hin und Hertappen gerieten wir auf eine alte Straße die aber seit lange schon
musste verlassen gelegen haben nämlich auf eine Art von Knütteldamm über
morastigen Boden Hier war es Kunst zu wandern Oft brach der Baum indem man
auftrat oder tauchte unter und man musste behende auf den zweiten steigen wo
es oft noch schlimmer ging an vielen Stellen fehlten die Bäume ganz und wir
mussten zum Springen unsere Zuflucht nehmen wobei es doch nicht zu vermeiden
war dass wir nicht einmal ums andere tief in den Sumpf hineinfielen Ich fing an
zu heulen und zu weinen der böse Mensch aber war so weit voraus dass er es gar
nicht einmal hören konnte Was halfs ich musste ihm nach Wie dieser
vermaledeite Weg zu Ende war hatte wir zwar festen Boden unter uns aber wir
waren darum um nichts gebessert Die ehemalige Straße mochte mit Bäumen und
Gebüschen verwachsen sein und so mussten wir uns bequemen eine Art von
Treppenstiege hinanzukommen welche die Wasser in den Felsen gerissen hatten
Dieser Weg dauerte wieder einige Stunden zog sich steiler und immer steiler
hinan und oft waren die Felsblöcke so hoch dass mein Verführer sich mir
unterstemmen musste um mich nur hinauszuwinden Die Geier in den himmlischen
Lüften müssen über unsere Wanderung verwundert gewesen sein Schon fing es an
Abend zu werden und wir hatten bei unsern Strapazen seit dem frühesten Morgen
nichts genossen Aber was stand uns bevor Unsere Felsentreppe endigte endlich
auf einem kleinen runden Wiesenfleck den von allen Seiten hohe dichte Bäume
und hinter diesen die steilsten Felsenwände umschlossen Kein Ausgang war zu
entdecken wir waren hier wie in einer verzauberten Gegend eingefangen indem
die Sonne unterging Er verlor nicht den Mut sondern schnitt sich mit seinem
großen Messer einen Ausgang durch den Wald und kletterte wie eine Gemse auf
eine Klippe hinaus Jeder Fußtritt jedes leise gesprochene Wort jedes
Aufstossen mit dem Stock schallte in dieser Einsamkeit furchtbarlich wieder Ich
fing in der Verzweiflung an das kurze nicht saftige Gras zu kosten Mit dem
schlechtesten Troste kam unser Freund zurück es zeigten sich nach seiner
Aussage von dort nichts als rundum die schwindlichsten Abgründe die Sonne ist
untergegangen fuhr er fort zurück können wir auch nicht und fänden
wahrscheinlich unsern unrichtigen Weg so wenig wie den richtigen hier ist es
trocken die Nacht wird nicht eben kalt werden der Himmel ist heiter was
bleibt uns übrig als hier auf dieser Stelle unser Quartier aufzuschlagen kommt
ja doch wie man sagt guter Rat über Nacht Wir mussten aus der Not eine Tugend
machen und ich wäre wohl zum Einschlafen müde genug gewesen wenn mich die Qual
des Hungers nur zur Ruhe hätte kommen lassen Als es finster wurde fing der
unglückliche Mensch an mir wie er sagte zum Zeitvertreib die
allerfürchterlichsten Gespenstergeschichten zu erzählen und dazu heulte der
Wind oder was es sonst war in den Klüften unter uns so entsetzlich über uns
war oft in der Luft ein Geschwirre und Krächzen die Bäume schüttelten sich oft
so plötzlich und in der Dunkelheit sahen die Felsenzacken mit so grässlichen
Schnauzen und Bärten zu uns herüber dass ich den Verstand zu verlieren glaubte
doch war meine Müdigkeit stärker als alles andere und ich erwachte wirklich
erst nachdem die Sonne schon aufgegangen war Der Abenteurer hatte auch wie er
mir sagte gut geschlafen und wir befanden uns insoweit wohl außer dass wir vor
Hunger und Mattigkeit kaum die Beine bewegen konnten Er war auch wie ich
merkte abgekühlt denn er war von der sogenannten Natur nicht so begeistert wie
gewöhnlich wir trafen über den schwindlichten Felsenspitzen einen kleinen
grünen Vorsprung der sich längs dem Abgrunde hinzog von hier gerieten wir nun
in eine fast ebene Waldstrecke und nach Verlauf von dreien Stunden in denen
wir ununterbrochen gekeucht und gestöhnt hatten fanden wir endlich zu unserer
größten Freude wieder einen Waldweg der uns auch wirklich bald zu einer
einsamen kleinen Hütte führte Die Frau eines Bergmannes die hier wohnte war
verwundert uns von dort kommen zu sehen sie erquickte uns mit Brot und Butter
das wir im Freien genossen Das rechte Steigen sagte sie fängt erst von hier
bis zum Ochsenkopf hinauf an Ich machte mich seufzend auf den Marsch sah aber
bald dass die gute Frau nicht mit bei unserer bisherigen Wanderschaft gewesen
war denn ob es gleich beschwerlich ausfiel so war alles doch nur Kinderei
gegen das was wir überstanden hatten Ich legte mich oben nieder wieder
auszuruhen und weiß nicht was man von so hohen Orten sieht als eine tüchtige
Strecke Luft und ein weitläufiges Nichts in dem hie und da einzelne Stifte Von
Kirchtürmen oder ein Fleckchen was eine entfernte Stadt ist hervorschimmert
Wir kletterten dann nach Bischofsgrün hinunter und ich war froh wieder unter
Menschen und in die Ebene zu geraten«
»Und du kannst es wirklich für nichts halten« fiel Leonhard ein »von oben
den ganzen Zusammenhang eines großen Gebirges zu überschauen Wie auf einer
Insel unter sich die blauen Wogen der Berge und Hügel zu sehen alle im Glanze
der Luft auf das lieblichste aufgelöst und zerschmolzen Es gibt nur den
zwiefachen Anblick der Unendlichkeit entweder die Aussicht über das Meer
hinüber oder vom höchsten Punkt eines Gebirges Mir war freilich der
Fichtelberg noch nicht hoch genug«
»Redensarten Redensarten« sagte der kleine Freund »die verschiedenen
Wahrzeichen in den Städten sind mir immer lieber gewesen um die du dich fast
nie bekümmert hast«
Der Magister fing hierauf an »Dieselben müssen aber schon lange verheiratet
sein da Ihr Sohn schon ziemlich erwachsen ist und doch erscheinen Sie mir noch
so jung wenn ich vollends die Jahre der Reisen hinzurechne«
»Das ist ja nur ein angenommenes Kind« rief der kleine Freund aus »mit den
Kindern will es unserm Leonhard nicht so wie mit anderen Dingen gelingen«
»So So« antwortete der Magister »ist aber sehr schön dass sich Dieselben
ganz als Eltern gerieren höchst erbaulich und wahrhaft christlich an den
Kleinen so viel zu wenden der auch ein gutes Ingenium verspüren lässt«
»Der kleine Franz« sagte die Frau »ist das Vermächtnis einer Nachbarin die
arm starb und nicht wusste wo sie die Waise unterbringen sollte auf dem
Todbette habe ich ihr versprochen mich seiner anzunehmen Ich bin erst seit
anderthalb Jahren verheiratet Nicht wahr Leonhard jetzt werden es achtzehn
Monate sein«
»Du bist eine genaue Rechnerin« sagte der Mann »mit dem gestrigen Tage war
dieser Zeitraum verflossen«
Der Magister trank mit nachdenklicher Miene ein Glas Wein aus dann sagte
er »Da kommt mir ein Gedanke der zweifelsohne ein richtiger ist Es werden
jetzt acht Monate sein dass ich sehr schwer krank darnieder lag in meiner Armut
war keine Hilfe aber ich erhielt täglich gesunde Brühe stärkenden Wein und
Geflügel auch Arznei die ich nötig hatte und kein Mensch wollte sich melden
mir die Wohltat erzeigt zu haben aber gestehen Dieselben nur dass Sie es
gewesen sind«
»Lieber Herr Magister« sagte die Frau »Sie sind ja unser Freund mein Mann
wünschte Sie wieder gesund zu sehen sind wir das nicht alle unserm Nächsten
schuldig«
»Ei Ei« fuhr der Magister gerührt fort »nun auf Dero Wohlsein« indem er
anstieß und ein neues Glas ausleerte »das hätte ich mir damals nicht träumen
lassen Hab ich nicht der krummen gnädigen Frau drüben auf der andern Gasse so
viele Danksagungen deshalb abgestattet die sie auch alle angenommen hat denn
ich meinte durchaus eine so edle Unterstützung müsse aus vornehmen Händen
erfolgen und ich hätte mir doch damals schon sagen können dass Sie Frau
Leonhard ein Engel von Frau sind«
Leonhard der die Verlegenheit und Rührung des Magisters sah wollte gern
dem Gespräch eine andere Wendung geben er fing an zu erzählen wie ihn sein
Vater in früher Jugend eigentlich zum Studieren bestimmt habe und wie er selber
lange geglaubt diesen Trieb in sich zu spüren »Nur zweierlei verdarb mir die
Lust daran« fuhr er fort »unser oberster Lehrer auf der Schule der es nie müde
werden konnte uns lateinische Aufsätze schreiben zu lassen weil er selber ein
guter Lateiner war Nun hatte ich zwar Sinn für die Sprachen und las die Autoren
gern aber es war mir unmöglich in einer fremden Sprache Gedanken aufzufinden
und diese in die gehörigen Worte und Wendungen zu kleiden auch merkte ich bald
dass diejenigen meiner Mitschüler die sich in diesen Übungen auszeichneten nur
mit bekannten Phrasen spielten die sie sich aus den Autoren gesammelt hatten
und Rede und Zusammenhang sich diesen Erinnerungen mehr oder weniger fügen
mussten«
»Richtig« rief der Magister »das ist der Weg den wir Gelehrten alle im
Anfange haben gehen müssen man muss wohl in jeglicher fremden Sprache so
beginnen wenn man sich des Ausdrucks bemeistern will«
»Dazu aber« antwortete Leonhard »habe ich mich nie entschließen können
denn es schien mir fast wie Lüge Die zweite Störung meines Studiums war die
Betrachtung dass ich auf diesem Wege meiner Leidenschaft zu reisen vielleicht
nie Genüge tun könne und doch war mir der Gedanke wenigstens nicht mein
Vaterland in seinen verschiedenen Richtungen kennen zu lernen unerträglich
Dazu kam noch dass ich an allem Mechanischen an eigentlicher Arbeit und
Zusammensetzung ein unendliches Vergnügen fand Wie erstaunte daher mein Vater
als ich ihm einmal plötzlich ein kunstreiches Kästchen mit vielen Schubfächern
und sauber gearbeiteten Abteilungen das ich heimlich in vielen Abendstunden
verfertigt und das jedem Tischler Ehre gemacht hätte überreichte und ihm
dabei fest erklärte dass ich gesonnen sei seine Hantierung fortzusetzen Nun
fühlte ich mich im Abmessen Zirkeln Sägen Einfugen und Ausrechnen aller Teile
in meinem Elemente wobei aber das Lateinische und Ton dapameibomenon und die
vielen Verse die mir waren geläufig worden nicht vergessen werden durften und
so danke ich es meinen Schulstudien dass ich noch jetzt den Homer auf meine Art
im Original lesen kann«
»Vielleicht lesen Sie auch« fragte der Magister lebhaft »die Mutter aller
Sprachen die hebräische«
»Angefangen habe ich es wohl« versetzte der junge Meister »bin aber nie
über die ersten Anfangsgründe hinübergekommen«
»Schadet nichts« rief der eifernde Gelehrte »ich bin und bleibe darum doch
ein Monstrum horrendum ein widerwärtiger erbärmlicher Mensch« indem er sich
heftig vor die Stirn schlug »ja ja du hochmütiger unwissender eitler
törichter Block du gib nur der Wahrheit die Ehre und gestehe laut von welcher
grege du bist Abgeschmacktester«
»Was fehlt Ihnen Magisterchen« sagte teilnehmend der kleine Freund »sind
Sie krank«
»Ja an der Seele« fuhr jener erhitzt fort »am Herzen an allen
Eingeweiden Könnt ihrs mir glauben meine verehrten Freunde dass ich es erst
höchlich übelnahm als mir ein Bekannter den Antrag tat hier im Hause
Unterricht zu geben Wie sagte ich zu mir selbst bei einem Tischler bei
einem Professionisten Ich wollte es ausschlagen da ich mich aber dermalen wie
jederzeit in kläglichen Umständen befand so nahm ich die Stunden an setzte
mir aber vor mit gebührlichem gelehrtem Hochmut einzutreten und Sie Herr
Leonhard immer nur per Er zu traktieren Sie hochgeehrtesten meinen teuersten
Wohltäter Sie denen Ton dapameibomenon und nephelegereta Zeus und Integer
vitae und Bereschid bara nichts Fremdes ist Sie Können Sie mir diese
Niederträchtigkeit vergeben o Sie englische schöne Madam«
Man suchte den eifernden alten Mann zu beruhigen er hörte aber auf nichts
sondern stand auf und riss plötzlich die Perücke vom Kopf »Ja auch extra muros
gibt es Menschen« rief er aus indem er den Haarschmuck zu Boden warf und mit
den Füßen darauf trat »auch hinter dem Berge wohnen Leute nicht die Perücke
allein macht den würdigen Mann sieh mit Füßen trete ich dich« und er tanzte
dabei lebhaft auf der zerzausten herum »dass du mich zum Hochmut verleitet dass
du mein Gemüt verdorben hast dass ich alle Menschen die nicht solches alte
verschrumpfte eingepuderte eingeschmierte Wesen auf dem Sitz ihrer
unsterblichen Seele trugen für eine geringere Kaste hielt und das sidera
feriam sublime vertice nur verstehen konnte von denen die Perücken aufhaben
Nicht wahr Menschenkinder ich bin ein ordinärer alter Esel«
Er fing von neuem an zu wüten aber der Kleine und Leonhard fassten ihn unter
den Armen der fremde Meister setzte ihm seinen misshandelten Schmuck wieder auf
und sagte »Nehmt Vernunft an Phantast es liegt nicht an der Perücke«
»Ja« rief der Magister »nichts ist gleichgültig was der Mensch trägt von
außen es ist wie ein Zauber wie eine Schleife ein Hut ein Degen ein Orden
und Perücke auf ihn wirken sie machen ihn gut oder schlecht in Stiefeln denkt
man anders als in Schuhen in Seide anders als in Tuch das menschliche Herz ist
wie eine Motte der man immer ansehen kann aus welchem Gespinste sie
ausgekrochen ist« Er fing an zu weinen gab Leonhard und der Frau die Hand und
sagte schluchzend »Sie vergeben mir meine großmütigen Freunde das weiß ich
aber ich bitte Sie demütig in dieser Stunde in der ich mich freilich sehr
vergessen habe mir den Gedanken der sich mir schon zudrängen will zu
entfernen dass Sie mich nur aus Barmherzigkeit und ohne alles Bedürfnis zum
Lehrer des Knaben angenommen haben Nicht wahr es ist nicht so Ich müsste vor
Scham und vor Trauer über mich selber vergehen«
Beide versicherten ihn das Gegenteil und wie sie sich gefreut hätten dass
ein gelehrter Mann die Mühe habe über sich nehmen wollen ihr Pflegekind zu
unterrichten wodurch er sich endlich beruhigte und von den beiden Männern nach
seiner ziemlich entfernten Wohnung begleiten ließ
Am Morgen ging Leonhard mit dem festen Entschlusse zu seinem Freunde dem jungen
Baron ihm seine Begleitung auf der Reise und die Arbeit für ihn abzuschlagen
denn er hatte es in dieser Nacht seiner Frau nach einem zärtlichen Streite
versprechen müssen sich nicht aus der Stadt zu entfernen Er fand den jungen
Elsheim der heftig in seinem Zimmer auf und nieder ging und in sich
hineinlachte Sie begrüßten sich herzlich und der Tischlermeister musste sich zu
einem Glase alten Weines niedersetzen »Ich bin sehr vergnügt« sagte der Baron
»denn nachdem ich dreiviertel Jahr sehr ernstaft und gesetzt habe leben müssen
habe ich den unumstösslichen Entschluss gefasst zur Abwechselung wieder irgend
etwas Lustiges oder Dummes zu treiben und dazu sollst du mir behilflich sein
denn die gesetzten Leute geben dergleichen Dingen erst Haltung und Geschick wer
sich ohne sie in solche Geschichten einlassen will wird auf dem halben Wege zur
Vernunft zurückkehren müssen«
»Lieber Baron« sagte Leonhard freundlich »ich bin gekommen Ihnen zu
sagen dass Sie auf mich weder im Guten noch im Bösen rechnen sollen ich werde
zu alt ich kann jetzt überhaupt nicht abkommen«
»Aha« sagte jener indem er sich vor ihm mit beiden Armen auf den Tisch
stemmte und ihm dann die braunen Locken von der Stirne strich »du bist heut
auf deinem feierlichen Ton du hast alle unsere ehemaligen Bedingungen
vergessen oder willst nicht daran denken aber ich weiß dass du es bereuest
wenn du mir diesmal nicht folgst«
»Ich kann nicht« sagte Leonhard schmerzlich »meine Wirtschaft vergrößert
sich meine Frau ist nicht ganz wohl meinen Leuten darf ich nicht trauen und
noch dazu habe ich wichtige Bestellungen bekommen wo mein Auge allenthalben
selbst zugegen sein muss«
»Und das Wichtigste nennst du gar nicht einmal« sagte Elsheim »dass nämlich
alles dies geradezu gelogen ist Noch neulich schriebst du mir deine
Einrichtung sei so gut der älteste Gesell so brav dass es dir nie auf einige
Wochen ankommen könne deine Frau wie ich gesehen habe ist so gesund wie sie
nur sein kann aber der Ehemann mein Schatz hat sich dir so eingelernt dass du
auch ohne Souffleur deine Rolle ohne Anstoß hersagst nur fehlt noch die
richtige Mimik um den Zuschauer zu überzeugen So lebe denn wohl mein Freund
da deine Frau ein so strenges Regiment führt ich muss also ohne dich reisen ich
muss einen andern gescheiten oder geschickten Mann aufsuchen ich muss vielleicht
die Bestellung den Bau die Torheit die Lust aufgeben und bloß den Bauern auf
dem Gute guten Tag und Lebewohl sagen«
»Welche Freude können Sie nur in jener nördlichen traurigen Gegend finden«
sagte Leonhard »dass Sie sie so oft besuchen Und welche Lust können Sie sich
jetzt dort versprechen«
»Narr« sagte sein Freund »dahin reise ich diesmal nicht ich übernehme
jenes andere Gut auf welchem meine Mutter bis jetzt gelebt hat das an der
fränkischen Grenze Nur freilich mag dies ernstaft gesprochen dir zu weit
entlegen sein«
»Dahin nach der fränkischen Grenze zu« fragte Leonhard lächelnd und
überrascht Dann ward er auf einmal nachdenkend und fuhr nach einer Pause fort
»Nun so teilen Sie mir wenigstens mit wozu Sie dort meinen Beistand hätten
brauchen können«
»Tausenderlei hatt ich mir vorgenommen« sagte der Freund verdrießlich »was
nun alles zu Wasser wird ich wollte dort von dir ein Theater in einem mächtig
großen Rittersaale einrichten lassen du solltest mitspielen gute Freunde
herrliche und langweilige Menschen sind schon gebeten und kommen hin Weiber und
Mädchen ich hatte Lust mich einmal so recht zu verlieben vielleicht gar zu
heiraten meine ganze Jugend wollte ich mit dir wiederholen und alles was wir
auf der Schule träumten und wünschten einmal zu erleben suchen meine alte Lust
wollte ich büßen und den Götz von Berlichingen den ich schon bearbeitet habe
einmal wirklich darstellen helfen«
»Götz Berlichingen« rief Leonhard aus indem er hastig seinen Freund
umarmte »ja ich reise mit alles kann liegenbleiben es geht recht gut ohne
mich und die Frau muss sich darin finden«
»Recht so« sagte Elsheim »aber wie wird dir nun so plötzlich diese
Einsicht«
»Kommt nicht alles von Neigung und Erinnerung zusammen« rief Leonhard aus
»um einen übrigens vernünftigen Entschluss umzustossen Die Freundschaft zu dir
die Erinnerung unserer Jugend und ihrer mannigfaltigen Träume die Nähe meines
geliebten Frankenlandes und dann der Zauber des Gelüstes einmal ein Talent zu
prüfen dem ich einmal in einer törichten Periode mein Leben widmen wollte
vorzüglich aber noch der Name jenes Lieblingswerkes meiner Kindheit und Jugend
alle die Lebensmelodien die in diesem herrlich grünenden Baume wehen und
singen«
»Trink mein Freund« sagte der Baron »so gefällst du mir und so solltest
du immer sein Lass uns einmal wieder in unser sechszehntes Jahr zurückgehen und
einige heitere Wochen ganz so genießen wie wir damals in unserm Vermögen
hatten und wie man es leider mit jedem Jahre immer mehr verlernt Nun erzähle
einmal wieder wie du sonst so oft tatest«
Leonhard dem jetzt von neuem die frühesten Erinnerungen lebendig wurden
folgte dieser Aufforderung und fuhr also fort »Die Kunst lesen zu lernen von
der Begier zu erfahren was in den Büchern stehe unterstützt ward mir so
leicht dass ich schon in der allerfrühesten Jugend ein fertiger Leser war An
Büchern fehlte es mir anfangs nicht denn ich las alles doch merkte ich halb
den Unterschied zwischen denen von welchen ich etwas verstand und jenen die
mir durchaus fremde Wildnis blieben Mein Vater hielt nur wenige Bücher aber
die er besaß waren ihm desto lieber unter diesen befand sich auch der
Nachdruck des damals kürzlich erschienenen Götz von Berlichingen Ich las ihn
und noch nie hatte ich ein Buch so verstanden noch keines hatte mich mit
solchem Zauber umsponnen in keinem waren mir selbst die Stellen die ich nicht
begriff und von denen ich mir oft die wunderlichsten Vorstellungen machte so
lieb und teuer und in ihrer Dunkelheit so magisch Ich erwuchs mit dem Gedichte
ja meine Phantasie und mein Wesen wuchsen hinein Jedes Wort wusste ich
auswendig in Gedanken ließ ich alle Figuren in allen Verhältnissen in allen
Trachten mit allen Mienen und Gefühlen mir vorübergehn auch die hässlichsten
und grausendsten hatten meine Liebe mit Kartenblättern mit unscheinbaren
Stückchen Papier spielte ich das Stück wer weiß wie oft durch und blieb immer
gerührt und erbaut Die Überschriften der Szenen selbst die kleine Vignette
vorn gehörten mir zur Poesie und erregten mir die lieblichsten Empfindungen
Welche Tränen vergoss ich um den biederen Götz den edlen weichen Weislingen
vorzüglich über den herrlichen Georg So waren Jahre vergangen und dieses Werk
war mir so notwendig wie die Luft die ich atmete wie mein Leben selbst es
war mir daher nie eingefallen nach dem Autor zu fragen obgleich er auf dem
vielgelesenen Titel genannt war ja mich dünkte dieses Buch müsse so ewig sein
wie die Natur und Erde selbst und mein Erstaunen meine Wehmut mein
unnennbares Gefühl lässt sich nicht beschreiben als ich nun den erwachsenen
Jahren schon näher erfuhr dass es wirklich von einem Verfasser herrühre der
noch lebe und auch andere Sachen geschrieben habe In welchem Dämmerlichte
erschienen mir Klavigo Klaudine Erwin Stella gleichsam wie von kranker Natur
gegen jene Fülle herrlicher Gesundheit und ich dachte mir ihren Verfasser lange
Zeit als melancholisch und im Sterben Auch das geliebte Frankenland wurde mir
zuerst durch dieses Gedicht teuer und im schönsten Sonnenglanze schwebten die
Maingegenden Jaxtausen und Bamberg vor meinen Augen«
»Wir sind also einig« fragte der Baron Leonhard gab ihm die Hand und
sagte »Ja« »So reisen wir also morgen früh« »Schon morgen« »Es kann
nicht anders sein ich muss an einem gewissen Tage dort eintreffen um das Gut zu
übernehmen alle Gerichtspersonen sind schon eingeladen« »So sei es denn«
sagte der Tischler und entfernte sich mit schwerem Herzen weil er noch nicht
einsah auf welche Weise er seinen veränderten Entschluss seiner Gattin vortragen
solle Er traf sie geschäftig in ihrer Wirtschaft er half ihr eintragen und
einrichten und war mit der größten Freundlichkeit um sie bemüht Sie ließ ihn
bald dieses bald jenes holen und er konnte den Augenblick nicht finden ihr
sein Vorhaben anzubringen Endlich nahm sie ihm ein Stück Silber aus der Hand
stellte es in den Schrank stemmte die beiden Hände auf Leonhards Schultern und
sah ihm freundlich lachend ins Gesicht »Was ist dir« fragte er »Mir nicht«
antwortete sie »aber was ist dir Warum bist du denn so freundlich und zutätig
und mengst dich in Dinge die dich gar nichts angehen Also ist es denn
beschlossen du machst dich wieder auf und davon« »Woher weißt du es denn«
fuhr er fort zu fragen »Sowie du in die Haustüre tratest wusste ich es schon
Gingst du auf deine Stube und maultest etwa ein wenig mit mir worauf ich mich
schon gefasst gemacht hatte und was ich billig fand so wusste ich dass du
bliebst und dass du mir dein Hierbleiben hoch anrechnen wolltest Wie ich aber
sah wie sacht du hereintratest wie leise du die Haustür wieder anlehntest dass
sich kaum die Klingel hören ließ wie freundlich beinahe demütig du mich
grüsstest da erkannte ich auch dein böses Gewissen Je nun ich fordere auch
vielleicht zu viel dass du deine Leidenschaft so ganz bezwingen sollst reise
denn in Gottes Namen und komme wenigstens so bald als möglich wieder«
Dem jungen Gatten war durch diese Rede das Herz erleichtert er umarmte die
freundliche Frau auf das innigste und küsste sie zärtlich »Mache nur« sagte
sie »dem Altgesellen deine Abwesenheit recht dringend damit du nicht die
Autorität bei den Leuten verlierest vielleicht kannst du auch unterwegs einige
vorteilhafte Holzankäufe schließen und deine Arbeit dort wird dir doch wohl so
viel einbringen als du hier versäumst Ist es dir nicht überhaupt wunderlich
wenn du daran denkst dass du ein Familienvater bist vor dem eine eigensinnige
Frau ein Pflegesohn vier Gesellen und fünf Lehrbursche Respekt haben sollen«
Das Essen war aufgetragen und man wollte sich zu Tische setzen Indem trat
ein fremder alter Mann mit schlichtem bräunlichen und greisen Haar herein in
schwarzem Oberrock schwarzen Strümpfen und zugebundenen Schuhen Leonhard ging
ihm entgegen um zu fragen was zu seinem Befehl sei als er zu seinem Erstaunen
den Magister erkannte Die übrigen waren nicht weniger verwundert Er verbeugte
sich anständig und grüßte alle dann gab er dem Meister die Hand und sagte »Ich
will fortan ein Mensch anstatt eines Magisters sein und mir die citationes aus
denen autoribus classicis wo möglich ganz abgewöhnen Die Sünde der Hoffart
ist mit Gottes Hilfe und durch Ihr Beispiel von mir gewichen«
Man setzte sich und der junge Martin erlaubte sich heute keine lachenden
Blicke und Mienen alle selbst Leonhard und seine Gattin schienen zu ihrem
alten Freunde in ein neues Verhältnis gesetzt er sprach dreister und weniger
verwickelt und man verwunderte sich über seine verständige Gesprächigkeit
Früher als sonst erhob man sich vom Tische weil Leonhard noch mancherlei
Einrichtungen zu besorgen hatte er nahm seinen ältesten Arbeiter beiseite und
unterrichtete ihn wie er es in seiner Abwesenheit mit den Bestellungen und noch
zu fertigenden Arbeiten zu halten habe er bezahlte einige Rechnungen und ging
dann zu seinem kleinen Freunde dem Tischlermeister der nach seiner Wirtschaft
sehen und unvorhergesehene Fälle schlichten sollte Mit diesem kam er am Abend
zurück und der Magister war wieder von der Gesellschaft
»Wir wollen heute noch einmal recht vergnügt sein« fing Leonhard an »denn
es ist möglich dass einige Wochen vergehen ehe ich wiederkomme« »Werde mich
aber hüten müssen« sagte der Magister »wie gestern im Enthusiasmus so viel
von dem starken Weine zu trinken Fürchte schöne Frau Leonhard dass ich in
Ihrer Achtung ein merkliches verloren denn ob ich es gleich gut meinte so
habe ich mich doch narrenhaft bezeigt«
Die Frau versicherte das Gegenteil und dass ein Mann wie er nur immer
Achtung einflößen müsse »Rührung Erhebung der Seele und Wein meine
Freunde« fuhr der Magister fort »können sich nicht zusammen vertragen jedes
davon ist schon geeignet den Menschen zu berauschen und so billig ja
liebevoll wir gegen den Rausch der erhobenen Seele und des Mitleids oder
Entusiasmi sind so hart urteilen wir vom Zorn oder Weinrausch und meinen
dass der Mensch darin zum Tiere hinabsteige doch sind je zuweilen die Zustände
so konfundiert dass wenn das kalte Bewusstsein einmal in die Hinterhand geraten
man beim Blindekuh nicht wissen könnte ob man beim Zutappen Vieh oder Engel aus
unsereinem herausgreifen würde«
Krummschuh sagte hierauf »Ein Vieh Herr Magister wird der Mensch nur
wenn er sich täglich um seinen Verstand säuft sonst aber tut man unrecht viel
aus einem Rausch zu machen was auch unsre Vorfahren wohl einsahn wer gar
nichts von Wein versteht und noch niemals berauscht gewesen ist ist kein
deutscher Mann wer in seinem Leben noch nie ein Narr gewesen ist ist gewiss
auch noch nicht gescheit«
»Desipere in loco« sagte der Magister »doch nein fort mit dieser Torheit
da sie nicht an ihrer Stelle ist ich wollte sagen zu passenden Zeiten der
Torheit nachgeben ist eines Weisen nicht unwürdig«
Der Baron trat unvermutet in die Gesellschaft alle erhoben sich der
Magister verbeugte sich tief doch Elsheim sagte »Ich muss recht sehr bitten
sich nicht stören zu lassen« Er setzte sich ohne Umstände mit an den runden
Tisch zwischen Krummschuh und Friederiken an die er sich sehr freundlich
wandte »Sie werden mir böse sein schöne liebenswürdige Frau dass ich Ihnen
Ihren Mann auf einige Wochen entführe« »Gewiss nicht« erwiderte sie ebenso
zuvorkommend »denn wenn ich es weiß dass es meinem Leonhard Vergnügen macht
wie könnt ich anders als Zufriedenheit darüber empfinden«
»Ihr Wohlsein« indem er anstieß und trank »gewiss ich preise meinen Freund
glücklich eine so heitere sanfte und liebenswürdige Gefährtin gefunden zu
haben«
»Herr Baron« sagte sie »machen Sie in unserm kleinen Zirkel Ihr Talent zu
schmeicheln nicht geltend und glauben Sie meinem offenen Geständnis dass ich
mich täglich bestrebe meines Leonhard werter zu werden denn er ist besser
verständiger und liebenswürdiger als ich«
»Nicht also« fiel der Magister ein »man soll sich selbst nicht rühmen
aber ebensowenig erniedrigen und Sie müssen keine Unwahrheit sagen schönste
Madam der Halbblinde fühlt dass Sie schön sind der Gefühllose begreift dass
Sie liebenswürdig sind und die beiden Eheleute sind gut redlich und dem Herrn
wohlgefällig«
Beide Eheleute waren rot geworden »Sie haben recht Herr Magister« sagte
der Baron »und dieser jugendliche Eifer macht Ihnen Ehre es ist als wenn Sie
für die Dame Ihres Herzens den Handschuh hinwerfen wollten«
Bei diesen Worten wurde der Magister bis in die Schläfen rot er hustete er
wollte antworten und verwirrte sich »ich habe niemals« sagte er endlich
»niemals eine Herzensdame gehabt Mit jener Geschichte in Jessen hatte es eine
andere Bewandtnis«
»Ei ei« sagte Krummschuh »so muss man nicht sprechen das ist dieselbe
Sache wie mit dem Rausch einmal muss jeder Mann einen Schatz gehabt haben
einmal wenigstens muss jeder redliche Mensch verliebt gewesen sein sonst kommt
er bei grauen Haaren in die Schlingen des bösen Geistes Ja Frau Leonhard Ihr
lieber guter Mann könnte glaub ich darüber mitsprechen der ist damals wohl in
allerhand Versuchungen gewesen denn Weiber und Mädchen waren ihm immer
gewogen«
»Stille von solchen Geschichten« sagte der Baron »das heißt ja nur unsere
liebe Wirtin ohne Not eifersüchtig machen Sie scheinen das menschliche Herz
wenig zu kennen Meister«
»Darüber kann ich nicht eifersüchtig sein« sagte Friederike »Leonhard hat
mich früh gekannt ebenso ich ihn er hat mich frei gewählt und andern
vorgezogen auch möchte ich keinen Mann haben den mir nicht hie und da eine
beneidete und der nicht sonst schon einmal andern hübschen Mädchen gefallen
hätte«
»Nun dann sind Sie ja gerade an den Rechten gekommen« rief der kleine
Dicke »denn ich sage Ihnen er hat Nachstellungen gehabt dass man eine
Geschichte davon machen könnte und wenn er nicht so halsstarrig gewesen wäre
wer weiß wer weiß «
Leonhard schien verlegen und Elsheim unterbrach den Schwatzenden indem er
sich an den Magister wandte »Sie sagten vorher werter Herr Magister die
Geschichte mit Jessen habe eine ganz andere Beschaffenheit Was ist das für eine
Geschichte Sie haben also wirklich niemals geliebt«
»Nein mein hochverehrter Herr Baron« antwortete der Magister »das kann
ich wohl vor jedem Gericht mit einem teuren Eide erhärten denn immer war mir
aes triplex circa pectus und ein sonderbares Geschick hat mich stets vor diesen
Leiden und Verwirrungen bewahrt obgleich man aus einem Verhältnisse das sich
in meinen Studierjahren in Jessen angesponnen hatte mir ein Liebesaventure hat
andichten wollen«
»Und wollten Sie uns nicht vielleicht gefälligst diese Erzählung mitteilen«
fragte der junge Edelmann indem er die Hand des alten Mannes nahm
»Wenn es nur Ihnen und meinen werten Freunden nicht beschwerlich fällt«
äußerte der Magister Da alle vorzüglich Friederike das Gegenteil versicherten
so fuhr er hierauf mit folgenden Worten fort »Um etwas Verständliches über
jenes Gerücht beibringen zu können muss mir etwas früher auszuholen erlaubt
sein Mein Vater seliger war Prediger auf einem kleinen Dörfchen er brachte
mich früh auf die Stadtschule und mein Ehrgeiz und ziemlich gutes Ingenium
trieben mich schnell die Klassen hinauf O meine Werten ich kann es Ihnen nicht
aussprechen welche Verehrung ja welche Anbetung ich vor dem Stande eines
Gelehrten immer in meinem Herzen trug ein Buch zu schreiben den Ornat eines
Predigers zu tragen schien mir groß vor allem aber den Titel eines Magistri zu
erringen fast den menschlichen Kräften unerschwinglich und die höchste Stufe
der Seligkeit hienieden Nicht wahr Sie lächeln so wie ich zum Lächeln
gezwungen werde da ich nun schon seit lange derselbe Mann bin und doch nur
weniges von jener geträumten Größe in diesem Besitze gefunden habe Wie gesagt
die Schule wäre mir ein Paradies gewesen denn das Lateinische und Griechische
entzückte mich Hebräisch war meine Wonne wenn nicht einiges mich gestört
hätte Wir hatten viele Stunden in Matesi worauf gehalten wurde und wir alle
sollten darin Fortschritte machen aber ich nehme die Götter zu Zeugen lag
es an mir oder am Lehrer oder an der Wissenschaft selbst ich habe nie auch
nur das Allergeringste davon beim besten Willen begreifen können Diese
Demonstrationes die axiomata die Drei und Vierecke und Circula haben mir in
vielen Stunden das Gehirn schwindlig gemacht und ich habe mich nie einer
Verachtung gegen diese anmassliche scientia erwehren können Noch schlimmer aber
war dass ein Neologe der viel auf alle Arten von Schwärmereien hielt den
Rektor einen weichherzigen nachgiebigen Mann überredet hatte einen
Zeichenmeister anzunehmen Dacht ich nicht der Schlag müsse mich treffen als
das erstemal der Gaukler seine Bude in unserm ehrwürdigen Auditorio aufschlug
Ich zitterte vor Unwillen und rief Wahrlich nun fehlt nur noch um uns völlig
abscheulich zu machen ein Tanzmeister Und in der Tat woraus man sehen kann
wie stark die Imagination wirkt träumte mir selbige Nacht der Rektor habe
einen Tanzmeister angenommen und wir müssten vor dem Katheder den Bachstelzen
nicht unähnlich herumhüpfen Ich erwachte zum Glück bald und fühlte Zittern
und einen kalten Schweiß Also der Kram wurde ausgelegt und denken Sie Werte
mir als einem schon meritierten Primaner wurde die Wahl gelassen ob ich ein
Häuslein mit einem Bäumchen oder eine Blume oder gar einen Pferdekopf oder
dumme krumme Striche die man menschliche Nase und Mund nannte nachreissen und
mit Rotsteinbleifeder abfärben wollte Ich äußerte fest und bestimmt dass ich
allen Arten von Elaborationen mich nimmermehr entziehen wolle doch dass ich mit
dem Rötelwesen und jenen Hahnenfüssen oder Bauerwohnungen Pferdeschnauzen und
Blumengeckereien niemals mich oder mein Papier beschmutzen werde Himmel sagt
ich wir den Musen Eigene zur Lehre des göttlichen Worts oder zu Galene und
Karpzove bestimmte Tironen sollen wie die StubenAnstreicher oder jene
Unseligen die die kleinen Tassenköpfchen anfärben uns in solchen Pinseleien
vertiefen Damit zerriss ich einen daliegenden Hammel der nach der Meinung des
Phantasten ein unschätzbares Werk eines abgestorbenen Gaukelmannes sein sollte
und da der Kunstzeichner selbst ein Entusiast für seine Klexerei war so warf
er mir nicht ohne Empfindung meinerseits ein großes Reissbrett an den Kopf
nannte mich Ignoranten und Barbaren und wollte mich endlich gar mit Gewalt aus
meiner eignen Klasse entfernen Zwei Freunde die sich gleichfalls der Theologie
widmen wollten standen mir redlich bei die übrige Jugend aber ihrer Würde
uneingedenk nicht achtend dass wir für sie nur kämpften konnte es über sich
gewinnen uns laut und schallenderweise auszulachen Der Rektor kam dazu und
ich hatte vielen Verdruss Doch überwand ich alles und bezog die Universität
Wittenberg von einem kleinen Stipendio unterstützt Mein Vater war nicht
Magister und nach dieser Würde war mein Tichten in der Nacht wie bei Tage um
mich und ihn damit zu ehren Steil war der Weg aber die Möglichkeit zur Höhe
hinaufzugelangen wurde mir doch mit jedem Tage einleuchtender und
wahrscheinlicher
Vier Stunden westlich von Wittenberg liegt ein kleines offenes Örtchen
Jessen genannt mir immer wenn davon die Rede gewesen war wegen des biblischen
Tones ein erwünschter Name Dahin reiste ich mit einigen Freunden zu Fuß in den
Herbstferien denn der eine Begleiter war aus dem Orte in welchem sein Vater
eine Stelle bekleidete Wir wurden von dem alten Mann gut aufgenommen der sich
mit mir in ein Gespräch über die Klassiker einließ und vortreffliche Kenntnisse
besaß Er achtete meine Meinung doch erstaunte er mich so unbewandert in
deutscher Poesia anzutreffen in der er Opitzii und einige andere Werke besaß
doch vermisste er mit Leidwesen den Gryphium dessen Horribilicribrifax wie er
sagte in seiner Jugend seine Seelenweide gewesen sei und dem alle Aus und
Einländer alte sowohl wie neue durchaus nicht zu vergleichen wären Hier sah
ich nun auch in demselben Zimmer meine Verehrtesten jenes Frauenbild die
Tochter des Hauses deren helleuchtende Augen oft auf meinem Angesichte ruhten
Ob ich gleichsam hübsch gewesen kann ich nicht melden doch war ich jung und
weiß und rot war anständig in allen Gebärden hielt Hände und Füße ruhig und
schaute viel vor mir nieder Wo sie die Hedwig stand war mir immer als wenn
ein rötliches Licht fast wie Morgenrot in der Stube brannte und was
bemerkenswert ist ich konnte wissen ob sie im Zimmer zugegen sei oder nicht
ich mochte die Augen auch ganz woanders haben und etwa mit dem Alten sprechen
ich fühlte es gleich wann sie wegging und wann sie wiederkam es war als wenn
in mir Finsternis und Helligkeit wechselten und wenn sie weg war sprach ich
verwirrt und hatte Bangigkeit auf der Brust so dass ich nicht genau wusste ob
ich eben zornig oder betrübt war«
»Das war ja die klare helle Verliebteit Herr Magister« sagte Krummschuh
»Nicht also« erwiderte der Gelehrte »es war eine Art von Sympatia denn
ihr ist es gleicherweise so ergangen wie sie mir nachher gestanden hat Wir
wechselten Reden die andern rauchten mit dem Vater da ich nun immer dieses
Kraut der Wilden verabscheut habe so ging ich vor die Tür mich umschauen und
sie stand schon im Sonnenschein draußen Ob ich sie zu ihrer Freundin der
Försterin begleiten wolle erging an mich die Frage Ich konnte mir nichts
Besseres wünschen und wir gingen den schmalen Steig ganz nahe aneinander
Gesprochen wurde wenig denn ich fürchtete Dinge zu sagen die ihr nicht
gefallen möchten sie aber sah mich je zuweilen lächelnd von der Seite an
worüber ich nur in Angst geriet weil ich fürchtete an den Haaren oder der
Halskrause bemerkte sie irgend etwas Ungeziemliches Abseits unter einigen
Bäumen lag das Häuschen des Oberförsters wir traten in die dämmernde Stube ein
und niemand war zugegen Meine Freundin muss ausgegangen sein sagte sie und wir
stellten uns beide vor den Spiegel der an der Mittelwand hing Sind wir nicht
von einer Größe sprach sie weiter indem sie sich an mir maß Da war das Antlitz
mir nun ganz nahe vor dem meinigen und mir fiel ein was ich wohl gehört auch
in Autoren gelesen dass ein Kuss von besonderer Lieblichkeit sei Ich konnte mir
aber das Herz nicht fassen so standen und gingen wir beide stumm nebeneinander
Noch einmal stellte sie sich vor mich und sagte Sie sind doch etwas größer
stand auf den Zehen und fasste mit beiden Händen meinen Kopf in der Gegend der
Ohren und indem sich mir die Stube rundum drehte gab sie mir einen rechten
lieben zärtlichen Kuss Wie ich hinauskam weil ich nicht es war fast dunkel
geworden und wir gingen zurück ich hörte und sah nicht und die Menschen in
ihren Gesprächen und Gestikulationen kamen mir alle so wild und unbängig vor
und ich sehnte mich nach der Ruhe Doch schlief ich in der Nacht nur halb der
Spiegel die Bäume die weißen Hände und Arme und der Kuss waren immer vor mir
und in mir
Am Morgen war eine neue Welt um mich her Auf nichts konnte ich mit Verstand
Rede und Antwort geben meine Augen suchten die ihrigen und schlugen sich doch
nieder wenn sie sich begegneten Am Nachmittage ging ein Teil der Gesellschaft
in einen nahen kleinen Weinberg der der Familie zugehörte Die Tochter ein
Bruder und ich saßen oben in dem kleinen Gartenhäuschen sahen umher auf die
sandige Gegend und das Städtlein unter uns und tranken von dem selbstgezogenen
säuerlichen Wein und dem besser schmeckenden Most Bald verließ uns auch der
Bruder Da konnten wir uns nun recht ungestört unser Herz ausschütten wenn wir
nur erst die Rede hätten finden mögen welches aber geraume Zeit nicht geschah
und noch dazu musste sie den ersten Anfang machen Wir erfuhren in diesem
Gespräch dass wir einander heiraten wollten sowie ich Magister geworden und
eine Stelle als Pfarrer oder Lehrer an einer Schule erhalten hätte
Vergnügt kehrte ich nach einigen Tagen nach Wittenberg zurück ich war von
neuem Eifer zu meinen Studien durchdrungen auch erhielt ich etliche kleine
Schreiben von der Person die ich jetzt im stillen für meine Braut ansah
obgleich noch nichts davon laut werden durfte So ging der Winter ganz
erfreulich hin Um Pfingsten ging ich wieder hinaus zu Fuß und allein für
meinen künftigen alten Schwiegervater hatte ich den Gryphius und seinen
Horribilicribrifax in meiner Tasche
O wie schön war das Wetter Mein Weg führte mich an den schönen Buchen und
Eichen beim Lutersbrunn hinüber Ich sprach mir vor die Ode Horatii Integer
vitae welche mit Lalagen schließt dulce loquentem dulce ridentem Dieses
verstand ich nun erst wie manches andere in meinen autoribus Das war damals in
der Tat ein Frühling welcher sich sehen lassen durfte diesen auserwählten Mai
konnte man nicht schimpfen denn es war nicht anders als wenn jedem rauen
Winde das Maul zugehalten wurde und nur die artigsten Spielgesellen der
Sommerkönigin unter Läubern und Blumen wie wohlgezogene Kindlein herumgaukelten
Auf halbem Wege gelangt man durch das Dorf Elster welches an der Elbe liegt
Schön dünkte mir der Strom und die Schiffmühlen darauf der weite Blick die
Frische des Wassers und dessen Geräusch Nachher kommt man durch ein kleines
stilles Dörflein welches ich immer nur meine Sabbatsdörflein nannte weil die
Straße hinter den kleinen Häusern fortläuft so dass man niemand gewahr wird und
von beiden Seiten Fruchtbäume die Hütten beschatten Nachher kurz vor Jessen
wandelt man durch ein Gehölz wo ein Bach von einer Anhöhe herunterrieselt und
dann sieht man das zerstreute Städtlein vor sich in welchem die Wohnungen
einzeln liegen und die weißen sandigen Weinhügel mit den kleinen roten Häuschen
und den vielen Nebenstöcken umher
Ich trat in die Tür verehrte Freunde grüßte und ward freundlich begrüßt
und überlieferte dem Alten mein Geschenk Ich konnte mit meiner Braut nicht
sprechen denn gleich musst ich dem künftigen Schwiegervater sein Lieblingsstück
vorlesen dass er wie mit einer heiligen Heiterkeit erwartete über welches ich
aber nicht lachen konnte sei es nun dass ich niemals in meinem Leben sehr für
das Lachen gestimmt gewesen oder weil andere Gedanken mir meinen Kopf
beunruhigten Aber denkwürdig ist es vielleicht dass ich kaum dreimal in meinem
Leben begriffen habe dass es etwas Belachenswertes geben könne seh ich von den
Menschen die Gebärden des Lachens veranstalten so möchte ich immer fragen Cur
Ebenbild Gottes warum zergrinsest du also mit aufgesperrtem Hals und faltigem
Gesicht dein Aushängeschild der Unsterblichkeit Lächeln ist gar lieblich an
Kindern und Mägdlein aber Lachen und dabei knaustern und prusten und
schnarren absit Nicht wahr meine Edelsten«
»Sie haben vollkommen recht« sagte der Baron mit verhaltenem Lachen »aber
was urteilen Sie vom Weinen«
»Da es mehr« erwiderte der Magister »mit dem Schnupfen und dem inwendigen
Kitzeln der Nase zusammenhängt so ist es verzeihlicher doch auf jeden Fall
unmännliche Schwäche Auch bricht bei den meisten Menschen die lamentatio
ebenfalls in gar widerlichen Gebärden aus so dass es mir fast immer hat
unanständig bedünken wollen Jedennoch ist freilich mehr Not als Lust mehr
Jammer als Freude auf dieser Welt und es regen sich wenn der vernünftige Blick
in das mannigfaltige verschlungene Elend der Welt geworfen wird besonders wenn
man selbst im Unglücke laboriert so gar sonderbarwehmütige Zuckungen in allen
Eingeweiden dass ich gestehe ich inklinierte oft und leicht zu
Tränenergiessungen die auch wohl stattgefunden haben würden wenn die Scham sie
nicht zurückgehalten hätte«
»Sie sind ein allzu strenger Mann Magister« sagte Krummschuh »aber wie
wurde es weiter mit Ihrer Liebesgeschichte«
»Ich erinnere noch einmal« sagte der Alte »dass es keine solche gewesen
wie man sehr bald aus dem Verlauf der Historie ersehen wird Ich sprach nachher
meine Lalage ich erzählte ihr von meiner Aussicht bald Magister zu werden und
sie teilte meine Freunde darüber es war die Rede davon dass ich im Orte selbst
die Predigerstelle annehmen könnte die gewiss bald erlediget würde Auch der
Vater und die Mutter redeten über diese Aussicht und mir schien als wenn alle
ohne es Wort haben zu wollen um mein Vorhaben wüssten Diese Zeit war in der Tat
die Freudenzeit meines Lebens ich hörte mich schon mit dem Titel Magister
begrüßen ich sah mich auf der Kanzel und meine Frau und Schwiegereltern unter
meinen andächtigen Zuhörern ich betrachtete Stadt und Feld als meine Heimat
und unter herzlichen Küssen und Umarmungen deren ich mich jetzt nicht mehr zu
schämen brauchte ging ich fort und kam glücklich und wohlbehalten freudiger
Seele und gesunden Körpers wieder zum Sitze der Musen zurück um mich zur
Disputation vorzubereiten und der hohen Würde fähig zu machen
In vierzehn Tagen sollte diese große Feierlichkeit vollzogen werden und ich
ging im Herbste wiederum hinaus um meine Teure aus dem Stamme Jesse noch einmal
zu sehen Ich hatte mich in der letzten Woche recht angestrengt und war gar
nicht aus meinem Zimmer gekommen um so mehr freute ich mich auf meinen Gang in
das Feld hinaus Aber ich kann es nicht beschreiben werte Herren wie mir ward
als ich aus der Stadt kam Schon die hohen grünen Wälle sahen mich so finster
an draußen wurde es noch schlimmer die Bäume die Wiesen alles war voll
Schauer und Angst Was ist mit mir geworden dachte ich denn wie bei grässlichen
Geistergeschichten richtete sich mir das Haar empor war mir doch als sei alles
tot in mir und außer mir Der Fluss die Schiffmühlen rauschten Totengesang und
Schrecken der Vergänglichkeit die kalten Winde sprangen recht mit Lust im
Sonnenschein umher als wenn sie rufen wollten Alles alles ist eitel Das
Sabbatdörfchen war wie ein stilles Totengewölbe O entsetzlich ich nahm mit
Schrecken wahr dass mir heute sogar die Aussicht auf meine Magisterwürde keine
Freude gewähren könne Wie komme ich zu dieser Melancholia rief ich aus ohne
Zweifel hat mir mein übermässiges Studieren eine Hypochondriam zugezogen die
mich sehr krank machen könnte Da freute ich mich bei meiner Lalage gegen
diesen gelehrten Krankheitsanstoss Trost und Schutz zu suchen und bald von ihren
Küssen in denen Venus das Fünfteil ihrer Wonne gelegt mich heilen zu lassen
So die Tristitia bezwingend trat ich in die Stadt ein und fand niemand zu Hause
indem die Magd mir sagte alles sei im Weinberg Ich schritt dahin und meine
Herzensbangigkeit kam wieder Aus dem Lustäuschen herunter hörte ich schon von
fern ein Kichern und Lachen wie ich es unanständig nenne und als ich oben war
und die Tür öffnete war sie es auch wirklich die eben wieder mit verzerrtem
Angesicht lachte und neben ihr saß in einem blanken Reitabit mit hohen
Stiefeln und großen Sporen auch Gold auf den Schultern ein lustiger Bruder
wie ich sie wohl manchmal aus Halle oder Jena wahrgenommen hatte Ich setzte
mich schweigend grüßte mit leisem Wort und da mich der junge Nimrodähnliche
Mensch lange ansah und fragte wer ich sei so sagte sie kaltsinnig und fremd
Der Herr ist ein Bekannter meines Bruders der ihn einmal zu uns gebracht hat
Sie befinden sich doch noch wohl wandte sie die Frage an mich Mir war aber
als wenn ich etliche gordische Knoten im Innern des Halses hätte die sich mit
keinen Worten wollten auflösen lassen Wenn wir also fuhr das junge Genie fort
unsere Kömödie die Nebenbuhler noch spielen liebste Hedwig wie wir abgeredet
haben so kann der junge Herr hier wohl der Junker Ackerland sein Ich Junker
Ackerland ich als Histrio als Mimus Zu meinem Widerwillen gegen den
Stiefelmann gesellte sich nun noch die tiefste Verachtung da ich hörte dass er
sich also entwürdige in der Larva aufzutreten Die unbereuende Sünderin
bestrebte sich mich niemals anzusehen und tat überhaupt als wenn ich ein
fremder Elefant oder umziehendes Tier wäre Sie schenkte mir ein und spritzte
unversehens einige Tropfen auf die hirschledernen Beine des Gewaltigen Er
lachte und goss ihr den Rest seines Glases auf das Kleid indem er sie handfest
anpackte und wie ein Satyr lachte Nun habe ich es wettgemacht rief er aus und
sie lachte ebenfalls als wenn sie auf ewig ihr ehemaliges edles Antlitz unter
das neue tierische unterschieben und verbergen wollte Die Eltern kamen nun und
begrüßten mich kalt und gleichgültig Betäubt wie ich war ging ich mit in die
Stadt zurück und setzte mich in ihrer Gesellschaft zu Tische Die beiden Lacher
saßen nebeneinander Da hörte ich denn dass er in kurzem weil er reich sei und
beschützt eine Stelle in einem andern Städtchen erhalten würde man trank auf
seine und der Braut Gesundheit Ich glaubte dunkles Blut hinunterzutrinken Der
seelsorgende Greis war wirklich seitdem gestorben aber ich dachte jetzt nicht
daran um diese Stelle nachzusuchen die man mir mehrmals schon versprochen
hatte Noch in der Nacht ging ich zurück Mich dünkt ich habe hin und wieder
auf dem Wege geweint
O werte Gesellschaft es war ein höchst betrübter Tag an welchem ich die
akademische Würde erlangte Ich disputierte ich ließ mir die Haare scheren und
setzte zum erstenmal eine Perücke auf mein Haupt Aber die Lust daran war dahin
Ich ging zu meinem Vater und wollte mich ihm adjungieren lassen aber ich
erhielt seine Stelle nach seinem Tode nicht weil man mir sagte dass ich gegen
den Patron immer sehr grob gewesen sei obgleich ich mich äußerst bestrebt
hatte mich mit der submissesten Ergebenheit zu betragen Überhaupt war es
traurig dass sich in der Zeit als ich nun den für mich höchsten Gipfel
erstiegen hatte die Welt schon in die Verwandlung zu begeben anfing die sie
seitdem immer mehr und mehr entstellt hat Ich hatte schon früher bemerkt dass
manche Magister ohne Perücke gingen dass die Neologie und Heterodoxie die alte
wahre Lehre und die gründlichen Studien zu verdrängen anfingen ich glaubte was
Rechtschaffenes gelernt zu haben aber wohin ich kam hieß es ich sei mit allen
meinen Kenntnissen um funfzig Jahre zurück nirgend konnte man mich brauchen
nirgend fand sich eine Stelle für mich allenthalben Achselzucken oder höhnische
Reden über meine Pedanterie wie man es nannte und so fand ich mich endlich
darein nur hier und da der christlichen Jugend noch auf gutgemeinte und
gottgefällige Weise nützlich zu sein und so bin ich auch nach mancherlei
Wanderungen endlich in diese liebe Stadt und zu meinen verehrtesten Freunden
allhier gelangt
Lange nachher kam ich einmal durch die Stadt nach welcher sich meine
Ungetreue hin verheiratet hatte Ich ging vor ihrem Hause vorbei und sie
schaute aus dem Fenster Lieber Gott ich war älter seitdem aber sie war
hässlich geworden Ich weiß nicht ob sie mich wiedererkannt hat da war doch
nichts von dem Mutwillen Lust und Scherzhaftigkeit geblieben Sie sah mich an
und mochte sich in ihrem Sinn verwundern warum ich also fleißig dort gehe und
sie beschaue es war als wenn die Not der Jammer der Welt der schon seit
uralten Zeiten die Menschen bedrängt als wenn alle Trübsal von der ich
gelesen mich aus ihren Blicken betrachtete ich bin kein abergläubischer Mann
aber ich floh denn mir dünkte mir sei ein Gespenst erschienen Sie lebte
unzufrieden mit ihrem Mann der sich dem Trunk ergeben hatte und sie hatten
keine Kinder
Dieses ist jene Geschichte Verehrte die ich mich nicht habe ermässigen
können mit Ihrer Erlaubnis vorzutragen damit Sie sehen dass obwohl ich
gleichsam fast versprochen war und ein Recht hatte über dieses gebrochene Wort
zu trauern ich dennoch nie verliebt gewesen und jener Leidenschaft glücklich
entronnen bin von der so viele Menschen so viel zu erzählen wissen«
Alle waren gerührt die junge Frau tief bewegt und es entstand eine Pause
im Gespräch Endlich nahm der Baron sein Glas und rief »Alles was wir geliebt
haben lieben und lieben werden« Der Magister und Leonhard stießen heftig an
Friederike zögernd vielleicht wegen des letzten Zusatzes und Krummschuh lachte
laut indem er sagte »Zeit wär es dass es bei mir einträfe denn bis jetzt habe
ich darüber keine Erfahrungen machen können« Es war schon spät und man trennte
sich indem alle mehr nachdenkend geworden waren als sie erwartet hatten
Zweiter Abschnitt
Ein heller Sommerglanz war an dem Morgen verbreitet an welchem Elsheim und
Leonhard die Stadt verlassend über das grünende Gefilde fuhren Beide waren
eine Zeitlang stumm wie es gewöhnlich beim Anfang einer Reise zu sein pflegt
nach einiger Zeit sagte der Baron »Dein alter Magister mein Freund hat mich
gestern innig gerührt und ich habe viel an ihn denken müssen es scheint mir in
ihm ein schönes Gemüt zugrunde gegangen zu ein wie in so manchen Menschen wenn
sie ihren Beruf verfehlen ich fing damit an über ihn zu lachen und endigte
ihn zu lieben und innerlich zu beweinen Wie bist du an ihn gekommen«
»Ich hörte von ihm reden« antwortete Leonhard »und suchte ihn auf wo ich
ihn in einer Gesellschaft von Bürgern traf die sich über ihn lustig machten
Von meinem wackeren Vater habe ich das Mitleid geerbt das er vorzüglich mit
verarmten Gelehrten und Künstlern hatte und deshalb zog ich ihn in mein Haus
so dass er nun sorgenfreier und anständiger leben kann«
»Fühlst du denn auch wohl« fuhr der Baron fort »welchen köstlichen Schatz
du an deiner Frau besitzest Wahrlich gestern habe ich sie näher kennen und
wahrhaft lieben und verehren gelernt Ein Weib das ihren Widerwillen und
Verdruss den sie doch über deine Reise notwendig empfindet nicht nur zähmen
kann sondern diese Freundlichkeit Sanftmut und Liebe so ungezwungen darstellt
ist eine der größten Seltenheiten Denn selbst die liebenswürdigsten dieses
Geschlechts können unangenehm werden wenn sie über verletzte und unerkannte
Liebe schmollen sie scheinen oft der Meinung zu sein dass sie ihr Herz in
lauter Verdriesslichkeit und epigrammatischen Grimm gekleidet dann nicht genug
zur Schau tragen können«
»Mir ist es sonderbar mit ihr ergangen« erwiderte Leonhard »Ich stand auf
der Grenze zwischen Knaben und Jüngling als ich sie kennenlernte Der
erwachende Sinn für Schönheit und Reiz ist in diesen Jahren gewöhnlich
ungebildet aber von desto größerer Schärfe und so erschien mir ihr Angesicht
ihre Farbe ihre einfache Kleidung die blauen oder roten seidenen Bänder die
ihren Gürtel umflatterten alles wie vom hellesten Glanze verklärt Sie schien
mich bald auszuzeichnen und da sie Vermögen besaß sah mein Vater dies
Verhältnis nicht ungern ihr Oheim begünstigte mich ebenfalls Von diesem
Augenblick an vermied ich sie aus übergrosser kindischer Delikatesse mit einem
gewissen störrigen Eigensinn gemischt denn es verdross mich dass die Alten
unsere frohe Heiterkeit und jene reizende jugendliche Neigung die kaum an
morgen denken will schon für unser bürgerliches Fortkommen berechnen und nützen
wollten Oft war ich recht sehnsüchtig verliebt oft mit ihr entzweit die über
mich lachte oft versöhnten wir uns In der Entfernung war mein Herz in manchen
Stunden wie krank aus Liebe dann konnte ich sie wieder auf Wochen vergessen
ein andermal überredete ich mich dass wir niemals füreinander gepasst hätten Als
ich zurückkam fand ich sie mit freudiger Überraschung noch unverheiratet unser
früheres Verhältnis knüpfte sich wieder an als wenn es nie wäre zerrissen
gewesen und so wurden wir verbunden und glücklich ohne dass wir eigentlich eine
Leidenschaft füreinander gefühlt hatten«
»Vielleicht« sagte der Freund »sind diese Ehen auf die Dauer die
glücklichsten weil beide Teilnehmer keine unmöglichen Erwartungen mitbringen
und darum möchte ich fast den Entschluss fassen gar nicht zu heiraten denn die
Sehnsucht die Anbetung die Leidenschaft der Liebe ist es doch nur das fühle
ich innig was ich am heißesten wünschen und was mich allein glücklich machen
könnte«
Beide Freunde sahen sich stumm an und es entstand wieder eine Pause im
Gespräch Ihr Blick haftete auf den Wäldern und schön geschwungenen Hügeln die
sie umgaben sie folgten dem Fluße der abwechsend durch die Lücken des Waldes
mit seinen Krümmungen erglänzte Das heitere Lied der Lerche und der Gesang der
Nachtigall aus der Ferne stimmten das Gemüt zu sanfter Fröhlichkeit Nach
einiger Zeit sagte Elsheim »Ich habe mich immer verwundert mein Freund dass du
dir bei deinen offenen Sinnen und vielfältigen Kenntnissen bei deiner Lust an
allem Gebildeten nicht lieber den Stand eines Künstlers erwählt hast da es dir
doch gewiss nicht hätte fehlen können dich auszuzeichnen Ist denn dein Beruf
nicht vielleicht auch ein verfehlter«
»Gewiss nicht« antwortete Leonhard »und ich bin schon früh mit mir über
diese Punkte aufrichtig umgegangen Dass ich nicht zum Gelehrten passte sah ich
früh ein weil Sachen mich mehr als Gedanken Worte und Formen interessierten
Zum Künstler fehlt mir ganz jener Enthusiasmus jener strebende fliegende
Geist der alles neben sich vernachlässigen und vergessen kann und darf der in
fremden Welten aber nicht in der hiesigen einheimisch ist mein Gemüt im
Gegenteil ist beschränkt und wahrhaft bürgerlich mein Eifer für Arbeit
Nützlichkeit meine Lust an Dingen die brauchbar sind und fest stehen alles
dies überzeugte mich früh dass ich zum Handwerker bestimmt sei und zwar zu der
Beschäftigung welche ich erwählt habe Doch gibt es jetzt Augenblicke in
welchen ich mit meinem Stande ja fast mit dem ganzen Leben unzufrieden bin«
»Das sieht deiner Heiterkeit und Gesundheit wenig ähnlich« sagte der
Freund »du musst dich hierüber deutlicher erklären«
»Noch in meiner Kindheit« antwortete jener »in früheren Zeiten aber weit
mehr stand der Tischler zwischen dem Künstler und Handwerker und dies
bestimmte mich hauptsächlich mich diesem Berufe zu widmen Schon früh dachte
ich darüber nach wie edel im Menschen der Trieb sei alles was sein Bedürfnis
fordert neben dem Notwendigen noch mit einer gewissen Zugabe von Schönheit zu
umhängen so dass der Reichere und Gebildetere keinen Hausrat haben mochte der
nicht durch hinzugefügten Zierat in etwas Höheres verwandelt war Dieser
Schönheits und Kunsttrieb ist es den wir allenthalben mit Rührung und Liebe
wahrnehmen der die Welt zu jenem angenehmen Rätsel macht welches so viele
nicht zu begreifen scheinen Denn wenn die höhere Kunst frei wie im reinsten
Äther schweben darf sich selber genug und nur durch Schönheit und Entzückung
in die edelsten und geheimsten Kräfte des Menschen eingreift und dadurch
mittelbar in das was die Welt lenken und erheben soll so gibt es gleichsam von
dieser eine verstossene geringgeachtete Schwester die sich unmittelbar der Not
der Trauer des Lebens annimmt und uns mit stiller Heiterkeit über alles trösten
will was uns betrübt oder beschwert Diese immer mehr verschwindende Lust ist
es die unsern Vorfahren so unentbehrlich war die sich in ihren ländlichen
Festen oft als Kinderei und Torheit äußerte über welche unsere neuere Vernunft
lächelt und sie auch gänzlich abzustellen sucht dieser Trieb ist es der in
vielen Gegenden den Pflug mit Bildwerk ausschnjetzt in Franken das Stirnjoch der
Rinder mit bunten Farben bemalt der den Schäfer antreibt seinen hölzernen
Becher und Stock mit Laubwerk zu verzieren der zu gewissen Zeiten des Jahrs die
Stuben mit Maien oder Tannenreisern schmückt dieser unschuldige liebenswürdige
Trieb ist es der mir immer so recht rein menschlich im Gegensatz des
Philosophen des Herrschers des Reichen oder jener affektierten Kunstmenschen
erschien die ihren nachgemachten Enthusiasmus nur von Hörensagen haben und
diesen Bildungstrieb nie anerkennen und verstehen wollen der sich doch als
Erdboden Wasser und Luft der eigentlichen Kunst unterlegen muss damit ihr
Keimen und Wachstum möglich sei«
»Du wendest diesen Gedanken« sagte Elsheim »der mir nicht fremd ist auf
eine neue Art«
»So schien es mir« fuhr Leonhard fort »dass alles Leere verkleidet alles
was das bloße Bedürfnis ausdrückt verwandelt und die bloße Notwendigkeit daran
so verschwiegen werden müsse als sei sie bloß des Zierates wegen da Aus den
Beobachtungen im Leben setzte ich mir auch früh eine Art von Theorie zusammen
die diese Vorliebe erklären und rechtfertigen sollte Die gerade Linie weil sie
immer den kürzesten Weg geht weil sie so scharf und bestimmt ist schien mir
das Bedürfnis die erste prosaische Grundbasis des Lebens auszudrücken die
krumme die als Zirkel Ellipse im Bogenausschnitt und in unendlichen
Schwingungen sich bewegen kann war mir die Unerschöpflichkeit des Spieles der
Zier der sanften Liebe die sich um den strengen mürrischen und
melancholischen Gatten in allen erdenklichen Umarmungen windet und ihn tröstend
und liebkosend umschließt«
»Fahre fort mein Freund« sagte Elsheim »ich bin begierig wie du endigen
wirst«
»Die Baukunst« sagte Leonhard »deren eigentliches Wesen in diesen geraden
Linien und Ecken zu bestehen scheint gefällt sich doch auch in
kühngeschwungenen Bogen und gewölbten Kuppeln so das Koliseum und Panteon
sowie die ungeheure Peterskirche Aber die herrliche altdeutsche Baukunst in den
Wunderwerken zu Strassburg Köln und Wien hat am liebevollsten und innigsten
diesem Triebe gehuldigt und das innere Wesen dieser Gebäude ist Lieblichkeit
so dass es nur neueren Zeiten möglich war hier Schauer trübe Melancholie und
Lebensüberdruss aufzufinden«
»Ja wohl« sagte der Freund »wir können den neuesten Bemühungen edler
Deutschen nicht dankbar genug sein die uns diesen lange missverstandenen
lieblichen Traum wieder auf die rechte Art zu deuten suchen Dergleichen
bereichert den Menschen wahrhaft und so kann auch manche versunken geglaubte
Atlantis unsers Gemüts wiederentdeckt werden Nur scheinst du mir den Tischler
aus den Augen zu verlieren«
»Doch nicht so ganz« erwiderte Leonhard »denn alles trifft hier ebenso zu
nur in kleineren Verhältnissen Haben wir nicht selbst die Chorstühle in der
alten Kirche unserer Geburtsstadt bewundern müssen die noch von katholischer
Zeit her dort stehen Wie fest wie bequem wie schön geschwungen mit welcher
Fülle von Laub Früchten und Figuren verziert Wie manches wunderwürdige
Treppengeländer habe ich in alten Reichsstädten auf Ratäusern und bei
Vornehmen gesehen und wie manche Arbeit dieser Art auch kunstreiche
Balustraden in Stein habe ich aus Laune oder augenblicklicher Bequemlichkeit
weil sich die Stangen zu einer armseligen Illumination nicht gleich fügen
konnten wegbrechen und vernichten sehen ohne dass es nur irgend jemand
bedauerte sondern alle die neue gerade Linie viel schöner und anständiger
fanden so dass ich über diesen Hussitensinn und die bilderstürmende Roheit
unserer Tage Tränen hätte vergießen mögen«
»Dieser jakobinische Zerstörungssinn« sagte der Edelmann »hat sich
freilich unserer Zeit übermäßig bemächtigt und hängt genau mit einer gewissen
Aufklärung und unbedingten Verfechtung des Bürgerstandes zusammen Wir reißen
Monumente der Ehre unsers Vaterlandes ein und bauen mit selbstgefälligem
Lächeln Kartenhäuserchen an die Stelle Der Schwank von jenem Affen der an des
Malers Buffalmacco Stelle auf seine Weise malte wenn jener sich entfernt hatte
und mit seinem Werke sehr zufrieden schien ist die Kunstgeschichte unserer
Tage«
»Diese Verwandtschaft zur Kunst« fuhr Leonhard fort »ohne doch Kunst sein
zu wollen war es was mich zu meinem Handwerke zog ich legte mich daher mit
unermüdlichem Eifer auf das Zeichnen und glaube darin auch nicht ungeschickt
geblieben zu sein Immer schwebten mir edle und wohlgefällige Figuren von
Tischen und Sesseln vor und ich suchte im Sinn unserer Vorfahren entweder mit
Blumen und Laubgewinden oder mit leichten Figuren die an die Arabeske
grenzten die harte gerade Linie und das Vierkantige zu verkleiden Es ergötzte
mich unendlich die Kunst der Lackierer zu lernen und weiß himmelblau rötlich
und alle Farben recht rein und dauernd hervorzubringen noch mehr erfreute mich
die Vergoldung wodurch Frohsinn und Heiterkeit wie von selbst in unser Leben
hineinlacht Die Politur der Hölzer war mir ebenso wichtig jede Baumart wurde
mir eine liebe Bekanntschaft die ich wie einen Freund mit seinen Eigenheiten
und Vorzügen behandelte die schöne Pappel die sich wie in Silber oder weißen
Atlas verwandeln lässt der rötliche Pflaumen oder dunkle Nussbaum das
gediegene reichaderige Eichenholz die weiche Else die Geschicklichkeit den
Maser bunt und sonderbar anzubringen oder mit dem fremden Ebenholz fein und
zierlich einzufassen und zu umlegen alle diese Dinge wandte ich in meiner
Phantasie hin und her und mit inniger Freude erinnere ich mich älterer
Mobilien deren ich auch noch einige in fremden Ländern gesehen habe die das
Leben des Menschen wirklich mit Lust und Zier umstellten ihn durch Gold und
Farben erheiterten und in schön geschwungenen Zirkellinien Stuhl Sessel Tisch
und Schrank auch ohne Hinsicht des Gebrauchs zu angenehmen Gegenständen der
Betrachtung machten«
»Ich merke schon mein Freund« sagte Elsheim »dass du in deiner Hantierung
nur ungern mit dem Zeitalter fortgeschritten bist aber ich glaube doch nicht
dass du alle jene Schnörkel und krummen Linien die man sonst auf die
geschmackloseste Weise an Tischen oder andern Gegenständen angebracht wirst
rechtfertigen wollen«
»Gewiss nicht« sagte Leonhard »denn aus dem richtigen Gefühl war durch
Übertreibung in einer gewissen Zeit etwas Unsinniges gemacht worden Besonders
hatten die Franzosen ein Muschel und Schnörkelwesen aus lauter willkürlich
geworfenen Bogen und Zirkelschnitten gemacht in welchen weder gerade Linie
noch Brauchbarkeit sichtbar blieben Diese Dinge gehören in die Reihe jener
Buchdruckerstöcke die um eine gewisse Zeit Mode waren über die man wenn man
sie genau betrachten wollte verrückt werden möchte wie uns denn alles ganz
Willkürliche Unzusammenhängende Unzweckmässige diese Empfindung erregt es ist
das was wir das Abgeschmackte nennen müssen weil es geradezu dem Geschmack
entgegensteht und ihn auf immer unmöglich macht der Nicht oder Ungeschmack
sich aber noch immer erziehen und bilden lässt Dieser letzte aber ist es der
uns von England aus in unsern Bedürfnissen des Lebens immer mehr und mehr
überschleicht eine Art von Puritanismus die geradezu alle Zier alles was
nicht strenge Notdurft ist als Ketzerei ansieht Es tut mir weh diese
reinkantigen schroffen wie aus Erz und Eisen gegossenen Formen arbeiten zu
müssen die um so mehr gefallen je gerader und strenger die Linien sind so dass
wahrscheinlich kunstreichere Nachkommen einmal diese vollendete Barbarei einer
Zeit mit Verwunderung betrachten werden die so viel und zu viel über Kunst
gesprochen hat Dazu das traurigmontone und dunkle Mahagoniholz das nur im
nächsten Blick Goldäderchen oder Schimmer entdeckt dessen Wirkung im
allgemeinen aber immer trübselig ist Nun vergleiche man mit unbefangenen Sinnen
ein Zimmer von heutzutage mit einem jetzt altfränkisch genannten Im ersten die
kahlen Kalkwände mit einer Malerei die freilich oft Prätension genug macht ein
paar große Spiegel mit finsteren Rahmen ohne Figur und Zier ebenso Tische und
Stühle alles hart herbe und kunstlos Dagegen versetze man sich in ein
geschmücktes Zimmer wie es vordem gebräuchlich war die Wände mit rotem Damast
oder gelber und blauer Seide bekleidet von goldnen Leisten eingefasst der
heiterste und behaglichste Anblick alle Sessel und Schränke von hellem Glanz
und kunstreicher Arbeit mit vergoldeten schön geschnitzten Figuren wo man
Schlösser oder Erzarbeit wahrnimmt ist alles auch in Gestalt Laub Blume
aufgelöst wohin das Auge sich nur wendet lächelt die Kunst entgegen Die
höchst unbequemen Ruhebetten die ich fertigen muss und die immer unfertig
aussehen noch mehr die Sekretäre wie man sie nennt oder SchreibeBüreaus
nötigen mir mit ihrem Mangel an Verhältnis und kleinen Spiegeln und Säulen
oder abgeschmackten Grotten inwendig oft ein Lächeln ab und in dieser Hinsicht
ist mein Schicksal dem des Magisters nicht unähnlich dass ich mit meinem
Geschmack auch um fünfzig oder siebzig Jahre zu spät komme«
»Man fängt ja jetzt wieder an« sagte Elsheim »das Gold bei bronzierten
Sachen anzubringen«
»Ja« antwortete Leonhard »wieder auf verkehrte Weise denn Holz soll nun
wieder Erz und Bronze nachahmen und diese Greifenfüsse Sphinxe und dergleichen
plump gearbeitete Figuren die einen großen Stil haben sollen sehen eben erst
recht barbarisch aus Die ganze Kunst unserer Tage hat sich in die Töpferarbeit
Wedgwoods geflüchtet in der man wirklich angenehme und leichte Formen erfunden
und den Alten nachgeahmt hat Von dem traurigen Porzellan mit seiner
Affektation kostbaren Vergoldung und Malerei Landschaften und Korreggios und
wer weiß was alles so teuer dass oft auf einem Ecktisch oder in einem Schrank
der Wert von Tausenden enthalten ist für die man erfreuliche Kunstwerke haben
könnte mag ich gar nicht sprechen Hier drängt man Malerei und Kunst einer
geringfügigen Materie auf in der alles kleinlich erscheinen muss und entfernt
vom Metall dem Silber und Golde alle Anmut stellt die nackten Formen des
Bedürfnisses hin wo Zier und Schmuck so bedeutend werden kann um recht
dazutun wie verkehrt wir in allen Dingen geworden sind«
»Du hast mir jetzt vielerlei erzählt mein Freund« sagte der Baron »aber
wie verbindest du denn in deinem eigenen Leben so manchen phantastischen Hang
wie zB den der dich einmal fast überwältigte Schauspieler zu werden mit
diesem soliden Streben mit deiner Bürgerlichkeit mit deiner Gründlichkeit und
Ruhe«
Nach einigem Nachdenken antwortete der junge Meister »Ich glaube dass alle
oder doch die meisten Menschen aus Widersprüchen zusammengesetzt sind diese nun
auf gelinde gewissermaßen kunstreiche Art zu lösen ist die Aufgabe des Lebens
Gewaltsame Leidenschaften erschreckendes Unglück tolle Ausschweifung sind
wohl sehr oft Mangel an Geschick und Kunstsinn zu nennen Ist es nicht wieder in
anderer Gestalt die gebildete Vereinigung der geraden und krummen Linie der
notwendige Zierat der dem nackten Leben zur schmückenden Umkleidung gegeben
wird Was sich zu widersprechen scheint vereinigt sich gelinde und schön
gerade das was überflüssig und unvernünftig aussieht ist es was dem Wahren
Festen und Richtigen Gehalt und Schönheit gibt Vielleicht sind wir gegen
unsere Vorfahren gehalten hierin ebenso zurück wie im Hausrat wenngleich
mancher unter uns mit jenen Buchdruckerstöcken oder Schnörkelfiguren zu
vergleichen ist welche die geschweifte Linie gleichsam toll gemacht hat Die
Ausschweifung an sich selbst soll nicht dasein dürfen«
»Lieber Freund« sagte Elsheim »du scheinst mir da einen ebenso sonderbaren
als wahren Gedanken ausgesprochen zu haben der mir vieles in ein verständliches
Licht rückt was sich mir oft als Rätsel hat aufdrängen wollen«
Es war ein heißer Tag geworden und beide Reisenden sehnten sich nach
Erquickung »Haben wir noch weit zur Station« fragte Elsheim den Fuhrmann »und
treffen wir dort ein gutes Wirtshaus« Der junge Mensch wandte vom Bock sein
freundliches Gesicht in den Wagen hinein und sagte »Dort hinter dem Walde kommt
das Städtchen schon hervor und der Gasthof ist der beste von der Welt die
Wirtin besonders ist ein wahrer Engel durch sie wird der Mann reich denn alle
Fuhrleute kehren seitdem in der goldnen Traube ein so dass das Haus weit im
Lande berühmt ist«
Schon befanden sie sich unter einem hohen Lindengange der in das Städtchen
führte das heiter aussah und ziemlich volkreich war Sie hielten vor einem
großen Hause und da beide Freunde es liebten auf einige Stunden unter den
übrigen Gästen verschiedener Stände zuzubringen so begaben sie sich unten in
das große Wirtszimmer Eine schon bejahrte Frau schoss ihnen in übertriebener
Hast mit schreiender Stimme entgegen »Wollen Sie sichs bequem machen meine
Herren« und da sie sah dass die Fremden wie scheu zurückfuhren sagte sie
milder und gesetzt »Wenn Sie kein eigenes Zimmer befehlen Ihr Gnaden so sein
Sie nur so gut hier hereinzuspazieren« Beide Freunde verwunderten sich
stillschweigend dass diese Figur dieselbe Wirtin sein sollte die ihr Fuhrmann
ihnen als Engel bezeichnet hatte Sie fanden in dem großen Saale
verschiedenartige Menschen In der Nähe der Küche saß der korpulente und
phlegmatische Wirt und verzehrte sein Mittagsessen ohne sich um seine Gäste zu
bekümmern nicht weit von ihm waren zwei Männer die Geistliche zu sein
schienen in den Zeitungen und politischen Gesprächen darüber vertieft diese
hatten nur Wein vor sich stehen an einem großen Tisch fiel eine bunte
Gesellschaft in die Augen einige Weiber und Mädchen mit Bändern und Seide auf
unpassende Art geschmückt und einige Männer dazwischen in abgetragenen
Kleidern alle sehr lärmend und heftig begehrend welche wie man nachher
erfuhr eine Gesellschaft von reisenden Schauspielern waren ganz einsam in eine
Ecke gekrümmt saß ein Jude der still sein kleines Frühstück verzehrte und auf
alle Gegenwärtige ein wachsames Auge hatte die übrigen im Zimmer waren jüngere
und ältere Fuhrleute und Kärrner Elsheim bestellte ein Mittagsessen und Wein
und mit der größten Schnelligkeit ließ die Wirtin das weisseste Tischzeug auf
einen kleinen Tisch legen den sie so zu stellen wusste dass niemand im Saal den
beiden Reisenden beschwerlich fallen konnte von einer reinlichen Magd wurde
sauberes Fayencegeschirr und blanke Gläser nebst Silberzeug hingelegt und bald
erschien die Suppe Die Wirtin wurde zu den Schauspielern gerufen wo sich ein
lauter Streit über den Anteil erhoben hatte den die Mitglieder an der Rechnung
haben wollten oder zu haben leugneten ihre durchdringende Stimme Überredung
und einiger Scherz wusste bald die Ruhe wiederherzustellen Ein stiller Blick des
Juden lud sie ein sie ging in seine Ecke stellte sich nahe zu ihm und rechnete
heimlich mit ihm Er schien zufrieden und zog ohne Widerrede ein ledernes
Beutelchen bezahlte sie sie dankte ihm freundlich und geleitete ihn so wenig
er auch verzehrt hatte bis zur Tür hinaus offenbar in der guten Absicht ihn
vor den Spässen oder Angriffen der rohen Fuhrmannsbursche sicherzustellen Unsern
beiden Freunden entging diese Behendigkeit und Vielseitigkeit nicht und sie
teilten sich heimlich ihre Bemerkungen über die Menschenkenntnis der Frau sowie
über die Ordnung des Hauses mit Indem saß sie wieder bei einem alten
verdrießlichen Fuhrmann dem sie zärtlich die runzlichten Wangen streichelte und
unter Erzählungen von der Vortrefflichkeit seiner verstorbenen Frau die Rechnung
mit ihm ins reine brachte Dann kam sie zu einem jungen Burschen der weil er
vielleicht im Hause noch fremd war und die Weise der Frau nicht kennen mochte
sich indem sie ihn ebenfalls freundlich anfasste Freiheiten nehmen wollte aber
auch mit der größten Schnelligkeit eine nicht unsanfte Ohrfeige empfing worüber
alle Anwesenden hauptsächlich des Barons junger Fuhrmann ein lautes Gelächter
aufschlugen Dieselbe Frau indem sie jetzt von einem andern Kärrner der an der
Reihe zu sein schien herbeigewinkt ward änderte jetzt ihre stille Weise mit
diesem Zänker und fing ein solches Geschrei an dass man meinte es müsse zu
Gewalttätigkeiten kommen so laut die Stimme des Mannes war so übertönte sie
ihn doch so grob und anzüglich seine Ausdrücke lauteten so hatte sie doch noch
gröbere und beissendere in Bereitschaft so dass er endlich beschämt und grimmig
bezahlte was sie verlangte Mit der ruhigsten Art setzte sie sich nun zu den
Geistlichen nieder und nahm da sie ihr bekannt schienen alsbald an ihrem
Gespräche teil und bedauerte dass es manchmal im gemeinschaftlichen Zimmer
dergleichen Störungen geben müsse Die Suppe war verzehrt und mit einer
anständigen Verbeugung nahm sie unsern Fremden die Teller weg und trug sie in
die Küche um ihnen eine andere Speise zu senden »Ein Kapitalweib« sagte der
grimmige Fuhrmann zu einem andern indem sie hinausgingen »sie macht doch auch
die Rechnung nie um einen Groschen höher um sich abhandeln zu lassen ob sie
gleich meine Art wohl kennt wie es alle die andern dummen Weiber in den übrigen
Gastöfen machen« Die Frau kam zurück und fragte wie den Herrn der Wein
vorkäme und freute sich da sie ihn loben hörte Bei aller dieser Tätigkeit
dem vielfachen Getümmel und Geschrei saß der Wirt indes fast unbeweglich in
seinem ledernen Stuhl ohne die Augen von seiner Schüssel oder seinem Glase
aufzuheben
»Deutschland« sagte Elsheim »ist vielleicht das einzige Land wo in
mancherlei Gewerben die Frau so oft den müßigen Mann ernähren muss« Sie wollten
dieses Gespräch eben fortsetzen als sie durch eine sonderbare Erscheinung
unterbrochen wurden die ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog Stolpernd und
schreiend trat eine große Figur herein ein ziemlich starker Mann in grünem
Rock und Weste beide mit schmalen Tressen besetzt mit großen Stiefeln angetan
er trug einen Zopf und zwei Locken im frisierten Haar von welchem man nicht
unterscheiden konnte ob es vom Puder oder von Natur weiß sei sein Gesicht war
rot und aufgelaufen das Haupt bedeckte ein kleiner dreieckiger Hut Mit lautem
Freudengeschrei bewillkommte ihn sogleich die Wirtin »Ei bester Herr
Wassermann sind Sie schon zurück« »Ja Alte« schrie der Fremde und gab ihr
einen starken Schlag auf den Rücken »ei« indem er sich gegen die Schauspieler
wandte »da treff ich ja das lustige Gesindel auch wieder Gelt liebes Volk
wir sind neulich vergnügt gewesen« Alle antworteten dem fröhlichen Herrn nur
wie sie ihn nannten mit einem lauten Gelächter er aber riss die Türe schon
wieder auf und schrie hinaus »Nur hier herein hier herein meine Freunde«
worauf eine Bande Bergmusikanten in das Zimmer brach »Nicht wahr meine
Herren« wandte er sich an die Gesellschaft »wir lassen eins aufmachen und
wenn Sie es auch nicht mögen so bin ich wohl Manns genug allein zu bezahlen
Komm Dicke« indem er die Wirtin unter den Arm fasste »und nun einen Walzer
aber lustig«
Sogleich bewegte sich bei betäubender Musik der Wirrwarr aus allen Ecken und
drehte sich durch den Umfang des Saales der fröhliche Herr tanzte mit der
Wirtin vor die Komödianten flogen sich in die Arme einige Mädchen die
übrigblieben winkten die jüngsten der Fuhrleute herbei und unter Schreien
Stampfen Händeklatschen und Gelächter wälzte sich der Tumult immer wilder und
wilder doch wusste es die Wirtin so geschickt zu machen dass keiner ihrer Gäste
am wenigsten unsere Reisenden die sie als die Vornehmsten behandelte gestört
wurden aber das Springen und die Schnelligkeit des Walzers wurde so heftig dass
sie bald das Tuch vom Kopf verlor und jetzt mit aufgelöstem Haar einem wilden
Gespenste in toller Bewegung glich Indem sich der Alte einmal umdrehte rannte
sie die durch das Schiebefenster in der Küche eine Unordnung bemerkt hatte in
diese hinein stieß und schalt die Mägde am Feuer zurecht kam zurück setzte
ihren Kopfputz wieder auf und bald hatten die Wut und der lärmende Tanz ihr
Ende erreicht Sie setzte sich wieder zu den Geistlichen nieder um in aller
Ehrbarkeit weiter am Gespräch teilzunehmen und der Fremde nahm seinen kleinen
Hut ab um sich den Schweiß abzutrocknen »Es macht warm meine Herren« sagte
er keuchend indem er sich zu Elsheim und Leonhard wandte »aber so unvermutet
und plötzlich macht es auch das größte Vergnügen Wenige Menschen dem Himmel
seis geklagt wissen das Lebens zu genießen und die Freude gleichsam im Fluge
zu haschen wohin ich gekommen bin bin ich noch immer an Geist und Munterkeit
der Jüngste gewesen denn unsere jetzige Jugend ist wo man nur hinsieht
trübsinnig und schwerfällig und ich muss wie ein alter Anakreon die Bursche
beschämen«
Es wurde dem Baron sehr schwer nicht laut aufzulachen aber dennoch bezwang
er sich und sagte »Gewiss wären alle Menschen von Ihrer Fröhlichkeit so würde
das Leben noch einmal so leicht und anmutig sein«
»Wer zweifelt daran« erwiderte jener und setzte sich ohne zu fragen nahe
zu den beiden Freunden nieder so dass Leonhard dem der Mensch verhasst war
etwas von der Seite rückte »Inkommodieren Sie sich nicht« rief der Tänzer
»ich sitze schon gut hier ich habe Platz genug«
Es ergötzte den Baron seinen Freund in dieser verdrießlichen Stimmung zu
sehen er wandte sich daher zum Fremden und sagte »Sind Sie aber zu allen Zeiten
so vergnügten Humors« »Fast immer« erwiderte jener mit Selbstzufriedenheit
»nichts ist mir widerwärtiger als Kopfhängen und Kalmäuserei oder das
duckmäuserische Pietisten und Herrnhuterwesen in meinem Hause muss alles alert
sein ich schreie vom frühen Morgen was ich aus der Kehle bringen mag und da
ich selten zu Hause ganz meine Lust büßen kann so besuche ich Freunde die
ebenso heiter sind als ich und regelmäßig treffen wir des Abends im Wirtshause
zusammen Herr ich versichere Sie unser Brüllen Singen und Schreien hört man
oft über das ganze Städtchen weg und jedes Kind weiß davon zu erzählen was ich
für ein lustiger Mann bin«
»Wie glücklich sind Sie« sagte der Edelmann »ein solcher Humor ist ein
unschätzbares Kleinod und ich wollte nur Sie könnten meinem jungen Freunde
etwas von Ihrem Lebensmute mitteilen der wie Sie wohl bemerken werden an der
Melancholie leidet«
Wassermann packte gewaltsam des jungen Tischlers Hand schüttelte sie
kräftig und sagte »Ach was da was da wer wollte melancholisch sein solange
einem Essen und Trinken schmeckt und man nur halbweg gesund ist« Leonhard wurde
immer mehr verstimmt aber der Baron fuhr fort »Ja Herr Wassermann denn so
heißen Sie wie ich gehört habe es gibt aber doch Leiden die ungeachtet
aller Lebensphilosophie in der Sie sehr stark zu sein scheinen das Herz zu
sehr angreifen zum Beispiel die Leiden einer unglücklichen Liebe an welchen
mein Freund eben ohne Hoffnung darniederliegt«
»Das ist ja eben zum Totlachen« sagte die widerwärtige Figur »die Liebe
ist auch eine neuerfundene Modekrankheit Dass man die Weibsen gerne hat ist
wohl sehr natürlich und wo ich nur hinkomme bin ich in alt und jung in schön
und hässlich verliebt Ihr wisst auch davon zu sagen lustiges Gesindel« schrie
er zu dem weiblichen Teil der Schauspielergesellschaft hinüber »Aber meine
Herren sich grämen seufzen krank werden ist eines Mannes unwürdig und davon
weiß ein anakreontischer Liebhaber nichts Ich bin Bräutigam gewesen ich war
verheiratet aber ich blieb einen Tag wie alle Tage Ja meine Herren ich bin
jetzt wieder mit einem recht schönen Mädchen das zwar nicht so ganz jung mehr
ist versprochen aber ich wäre wohl ein Narr wenn mir nicht unterwegs auch
andere gefielen nein nichts gereut einen in späteren Jahren so sehr als ein
Kuss den man nicht appliziert hat wenn sich die Gelegenheit dazu anbot« Mit
diesen Worten sprang er auf küsste erst die Wirtin und dann die übrigen
Frauenzimmer nach der Reihe ohne die Mägde zu übergehen die das Zimmer
aufzuräumen hereingetreten waren dann lief er hinaus um nach seinem Reitpferde
zu sehen
»Ein gottloser Mensch« nahm die Wirtin das Wort »er kommt jetzt mit einer
ansehnlichen Erbschaft zurück die ihm ein Vetter auf seinem Sterbebette
vermacht hat Dadurch ist sein eigenes Vermögen um so größer und je
wohlhabender er wird je toller wird er auch«
»Wer ist denn der Unhold« fragte Leonhard heftig »wo hat er denn seine
Scharfrichterei und welches weibliche Wesen kann denn so ganz ohne Empfindung
sein sich mit einem Tollhäusler zu verbinden«
»Ei bewahre Ihr Gnaden« sagte die Wirtin scheu indem sie sich etwas
zurücksetzte »behüte Gott dass Herr Wassermann das hören sollte Er ist ein
reicher Mann aus dem Würzburgischen wo er viele Weinberge hat sein meister
Handel ist auch mit Wein darum bereist er oft diese Gegend Und warum sollte
denn auch ein Frauenzimmer wenn sie nur irgend solide denkt einen ehrlichen
wohlhabenden Mann nicht heiraten können Sie soll arm sein er hat keine Kinder
und so kommt sie gleich in einen guten Hausstand Ei ei freilich sind das wohl
so von den melancholischen Reden wie der gnädige Herr hier vorhin zu sagen
beliebten«
Indem kam Wassermann lärmend wieder hereingetreten er stellte sich vor
Leonhard hin rückte den Hut ein wenig und sagte »Herr Patron sollten Sie
vielleicht einmal in das Würzburgische Städtchen kommen« indem er den Namen
nannte »so bitte ich es mir aus dass Sie bei mir einsprechen und der Teufel
soll mich holen wenn ich Sie nicht von aller Liebe und Melancholie kuriere«
Da Elsheim sah dass der verstimmte Leonhard im Begriff sei loszubrechen hielt
er es für Zeit den Spaß zu endigen indem er dem Schreier die Hand gab und
sagte »Ich hoffe mein lebensfroher Herr Wassermann dass wir uns in diesem
Leben nicht zum letzten Male gesehen haben« Er berichtigte schnell die
Rechnung und stieg mit Leonhard wieder in den Wagen da der junge Fuhrmann sie
schon eine Weile erwartet hatte
»Ich kenne dich nicht wieder« fing der Baron an als sie die Stadt hinter
sich hatten »diese kränkliche Verwundbarkeit habe ich noch niemals an dir
bemerkt Wie hat dich ein solcher Narr nur verletzen können«
»Mein Freund« antwortete Leonhard »diese heftige Verstimmung mag seltsam
und unnatürlich scheinen aber dieses Wesen hat mich von neuem darin bestätigt
das zu glauben und dem zu folgen was man sonst Sympatie und Antipathie genannt
hat Sowie dieser Mensch nur zur Tür hereintrat fühlte ich einen gewissen Hass
in meinem Busen sich regen den ich nicht bemeistern konnte Zuletzt
überwältigte mich der Gedanke wie vielleicht ein armes hülfloses Mädchen von
Eltern und Verwandten bestürmt um sich nur vor den nächsten Blutsfreunden ja
wohl die nach ihrem Blute lüstern sind Ruhe zu schaffen sich einem solchen
Wüterich aufopfert um eine lange qualvolle Lebenszeit hindurch zu bereuen dass
sie in einer Viertelstunde schwach genug war ihre Einwilligung zu geben«
»Die Braut« sagte Elsheim »soll aber über die erste Jugend hinüber sein
so dass dies nicht zu besorgen steht«
»Immer schwebt mir doch« fuhr Leonhard fort »das grässliche Bild solcher
Ehe vor Augen was von den meisten Menschen auf Erden so genannt wird Jenes
fürchterliche Verhältnis ohne Liebe und Achtung und aus welchem auch die letzte
Spur von Heiligkeit verschwunden ist gegen welches mir jenes der Orientalen mit
ihren Sklavinnen als ehrwürdig und unschuldig erscheint Ist es schon traurig
genug dass Liebe und gegenseitige Leidenschaft nicht immer zum Glücke führen so
ist es gegenüber wahrhaft fürchterlich dass Staat und Religion ein gegenseitiges
Ermorden sanktionieren können«
»Wenn ich dir auch recht gebe wie ich muss« sagte Elsheim »so wirst du
mir trotz deines Eifers nicht angeben können wie es denn sein müsste um
besser zu werden wenn wir nicht geradezu die treffliche goldne Zeit oder das
belobte tausendjährige Reich herbeirufen wollen Gewinnt dir denn aber dieser
neue liebe Anakreon und seine Lebensphilosophie kein Lachen ab«
»Ich vermag es nicht« sagte der junge Meister völlig verstimmt »denn ich
fürchte dass das was uns hier als Karikatur erschienen ist nur das wahre Bild
eines großen Teils der Welt sei Mir war es als würde dieser Abgesandte ihrer
Trübsal Nichtigkeit und Niedrigkeit umhergeschickt um recht zu verkündigen
wie verderbt und armselig sie sei und statt zu lachen wären mir in diesem
grässlichen Getümmel und den springenden Larven und Gespenstern die Tränen fast
aus den Augen gebrochen«
»O so bist du ja unheilbar« sagte der Baron nicht ohne Lachen »ich sehe
dass du Anlage zur Hypochondrie hast immer hat es solche missverstandene Phrasen
in lebendiger Figur gegeben und die Erde wäre ohne diese grellen Toren viel
ärmer und dunkler Ich hoffe also du nimmst seine freundliche Einladung an ihn
zu besuchen damit er dich von deiner Melancholie heile« Er wandte sich zu
seinem jungen Kutscher und sagte »Ihr habt recht gehabt mit der Wirtin im
Hause sie ist eins der liebenswürdigsten Weiber die ich noch gesehen habe«
»Sagt ichs nicht vorher« rief der junge Mensch erfreut aus »Ihr Gnaden
glauben nicht was das für eine große Kunst ist mit so vielen Menschen
tagtäglich umzugehen und es allen recht zu machen Alle Kärrner und Fuhrleute
aus dem Reich kennen sie auch und machen lieber eine Meile mehr um nur in
diesem Hause auszuspannen und diese Art Leute die täglich und immer mit vielen
Pferden kommen und selber viel verzehren sind für einen Gasthof die
einträglichsten Wenige Menschen wissen auch mit ihnen recht umzugehen der eine
will lachen der andere schwatzen der dritte klagt gerne noch ein anderer ist
nur froh im Zank und wenn man ihm grob begegnet und mit allen trifft sie es
genau verabsäumt keinen und zieht keinen vor ist allenthalben wie durch ein
Wunderwerk schießt zugleich durch Küche Keller und Boden umher wie ein Drache
mit einem Wort sie ist ein Engel von Frau und ohne sie würde der gute dicke
Melchior verhungern müssen«
Die Freunde saßen eine Zeitlang stumm nebeneinander denn Leonhard war
verstimmt und Elsheim wusste nicht recht wie er den Faden der Unterhaltung
anknüpfen oder welchen Gegenstand er berühren solle um die Misslaune seines
Gefährten nicht zu vermehren Endlich sagte er »Du hast dich nun mein lieber
Jugendfreund und hoffentlich auch Freund meines Alters meinen Bitten und
meiner Liebe gefügt dass du mich nie anders als mit dem vertraulichen Du
anredest ich hoffe dass du es auch nie und in keiner Gesellschaft
unterlässest und du würdest mich empfindlich kränken wenn du es je wieder aus
der Acht ließest«
»Du willst es« sagte Leonhard »und es sei also Aber die Deinigen deine
Gäste so wie alle Fremden dort werden diese nach den hergebrachten Meinungen
der Welt ein solches Verhältnis nicht unbegreiflich finden«
»Sie sind von mir das Ungewohnte gewohnt« antwortete Elsheim »auch siehst
du dass ich keinen Bedienten mit mir genommen habe damit wir unterwegs um so
freier sein können und so hindert dich und mich auch nichts dich dort bei mir
als Baron Professor Architekten reisenden Maler oder was du sonst willst
vorzustellen«
Leonhard schwieg erst ein Weilchen still um seine ganze Empfindlichkeit zu
sammeln dann brach er los »Früher hättest du es mir sagen sollen dass du dich
in deinem erlauchten Zirkel schämst mich als deinen Freund und den aufzuführen
der ich wirklich bin so wär ich dir nicht vergeblich bis hierher gefolgt und
wir beide hätten nicht nötig gehabt eine Rolle zu übernehmen die unserer
unwürdig ist Es ist aber doch noch gut dass du mir die Entdeckung zeitig genug
gemacht hast um umkehren zu können und künftig werde ich den Warnungen und
Vorstellungen meiner verständigen Friederike eine bessere Folge leisten«
»Sprich und zürne dich nur aus« sagte Elsheim »denn endlich ist zur
rechten oder unrechten Zeit gesagt was ich gestern dir zu sagen verabsäumte
das ist doch beim Licht besehn mein ganzes Verbrechen in deiner frohen Laune
damals hättest du den Scherz als Scherz betrachtet und nur gefühlt wie sehr
ich dich liebe um dich da draußen unter narrenhaften Menschen recht wahr und
ungestört zu besitzen du würdest eingesehen haben dass man das Komödienspielen
nicht besser einleiten kann als wenn man gleich in einer Rolle auftritt dann
wäre es dir wohl etwas nähergerückt dass es keine so ungeheure Forderung sei
dem Freunde dies kleine Opfer zu bringen der wenn es die Gelegenheit fordert
sich mit dem größten nicht wird saumselig finden lassen und mit einem Wort
mein Geliebter du wärst in deiner Ansicht jugendlich gewesen und es hätte dir
nicht so widerwärtig gedünkt mit den Weisen weise und mit den Törichten
töricht zu sein«
Leonhard konnte sich nicht enthalten seinem Freunde die Hand zu geben doch
fügte er hinzu »Alles zugegeben und vorausgesetzt dass ich mich deiner Laune
füge wer steht mir denn dafür dass diese Maskerade sich nicht mit meiner
Erniedrigung endigen wird Dir ist es bequem wenn ich mich füge aber wie soll
ich mit meinen bessern Gefühlen die Rechnung abschließen«
»Liebster Freund« sagte der Baron »lass uns aufrichtig zu Werke gehen Ist
es dir auf deinen Reisen oder auch sonst nie begegnet dass man dich in deiner
guten Kleidung mit deinem feinen Anstand in irgendeiner öffentlichen
Gesellschaft für etwas genommen hat was man so im Leben etwas Höheres nennt
und hat dir dieses Gefühl noch kein einzigesmal wohlgetan hast du die Täuschung
auch kein einzigesmal stillschweigend oder mit freigebigerm Bezahlen und
herrschenderm Ton befördert Hast du sie jedesmal vorsätzlich zerstört Ich kann
von mir dergleichen nicht rühmen auch weiß ich nicht einmal ob es etwas
Besseres sei was wir täglich ausüben dass wir unter Unbekannten für
vortrefflicher und weiser gelten wollen als wir unserm Bewusstsein nach sind
Wir kommen an ich gebe dich für gar nichts aus ich nenne dich meinen Freund
der mir in den Einrichtungen des Hauses und des Theaters helfen will das alles
ist die strengste Wahrheit ich gebe dir keinen fremden Namen und keine Würde
die dir nicht zukömmt nur führe ich dich der Schwachen wegen nicht geradezu als
Tischlermeister auf weil ich hoffe du bist wirklich immer noch mehr mein
Leonhard als Schreiner durch diese ganz unschuldige List wenn wir es noch so
nennen wollen gehst du mit allen frei und wie mit deinesgleichen um da es eine
unbillige Forderung wäre dass jene Fremden sich aus allen ihren anerzogenen
angewöhnten und mit ihnen verwachsenen Vorurteilen heraussetzen sollten um dich
als Mensch sich selbst gleichzustellen Durch diese einzige stumme
Nachgiebigkeit vergibst du dir gar nichts und schenkst mir unendlich viel
indem durch diese Kleinigkeit mir das Leben mit dir dort möglich wird was mich
einzig zu dieser Reise bestimmt hat Und käme es zum Äußersten würde ich dich
verlassen nicht deine Liebe höher als alle kindische Rücksichten schätzen Bei
der kleinsten Veranlassung die dich nur beschämen könnte trete ich für dich
auf und nehme alle Verantwortung über mich«
»Wenn alles dies« sagte Leonhard »auch nur Sophistereien sind auf die
sich noch vieles erwidern ließe so mag diesmal die Freundschaft für dich alles
überwiegen und übertönen Es mag als Maskerade gelten die einen unschuldigen
Endzweck hat du wirst auf jeden Fall mir das Zeugnis geben müssen dass ich mich
dir und deinen Masken nicht aufgedrängt habe«
»Wunderlicher Geist« sagte der Baron »der du noch so jung bist und einer
solchen Kleinigkeit wegen schon so viele Skrupel haben kannst Und wie lange
wird es denn währen so sehe ich dich ein großes Magazin von Möbeln einrichten
Meister unter dir arbeiten denen du nur Zeichnungen und Bestellungen gibst und
Kommissionsrat oder wie sonst heißen deinem Vermögen nach und da es der Ton
des Tages so mit sich bringt könntest du das auch gleich tun«
»Das geschieht niemals« rief Leonhard lebhaft aus »dann erst würde ich es
auf immer bereuen mich meinem Berufe gewidmet zu haben wenn ich ein solches
totes und tötendes Fabrikleben führen sollte wenn mir die Freude am Material
die ich mit meinen tätigen Gehülfen teile die Lust das bestimmte Wesen nach
und nach immer reiner und ausgebildeter hervortreten zu sehen das Gefühl dass
ich als Vater und Lehrer für meine Mitarbeiter sorge und ihnen weiterhelfe die
Bewegung des Lebens wenn mir alles das unter den Händen absterben sollte um so
oder so zu heißen Meister zu drücken und von ihrer Geschicklichkeit und ihrem
Schweiße zu prassen mich der Tätigkeit zu schämen und durch die Auslage des
Geldes mir ein Recht zu erwerben wähnte dass ich andere despotisieren und quälen
dürfe und so weit ich reichen kann Leben Heiterkeit und Wohlstand zerstören«
»Du siehst es von der finstersten Seite« sagte der Baron »es hat doch
immer mehr den Anschein dass die Zünfte und alle Einrichtungen die damit
zusammenhängen eingehen werden«
»Leider« fuhr Leonhard fort »es gewinnt aber auch immer mehr den Anschein
dass der wahre Bürgerstand der Kern und das Mark aller Staaten verschwinden
muss Ich will der Willkür nicht einmal gedenken dass plötzlich Privilegien
aufgehoben werden die der Bürger der allgemeinen Sicherheit vertrauend hat
bezahlen müssen und für welche Auslagen die bedeutend genug sind ihm vom
Staate keine Entschädigung wird ich will darauf kein Gewicht legen dass nur
dieser Gewähr vertrauend der Mann seine Jugend und wohl auch ein Kapital
eingelegt hat um geschirmt von vernünftigen und billigen Einschränkungen ein
Mitglied dieses geschlossenen Standes zu werden sondern ich frage nur ob man
denn wirklich bei denen Gewerben bei denen die fabrikmässige Einrichtung schon
lange hat stattfinden können oder in jenen Ländern wo es Fabrikstädte gibt
das Glück finde das uns reizen könne alles umzustossen um auch dergleichen bei
uns zu haben Statt vieler wohlhabenden Menschen einige reiche Leute und einen
Haufen armen verkümmerten und lüderlichen Gesindels immer in der peinigendsten
Abhängigkeit von seinem Broterrn und dessen quälenden und mageren Vorschüssen
ohne Lebenslust ohne Fähigkeit Tugend und Liebe kränkliche Kinder zu
erziehen bei einem ganz mechanischen und seelenlosen Geschäfte verdummend und
dadurch angetrieben Genuss den der Mensch einmal nicht entbehren kann und will
bei schlechten berauschenden Getränken zu suchen früh absterbend ohne gelebt
zu haben verzweifelnd und sich selbst verachtend zu allen niedrigen Streichen
aufgelegt und nicht fähig Glück und Unglück zu erleben oder zu ertragen So
habe ich viele Hunderte schlimmer als Sklaven in berühmten Fabriken
verschmachten sehen und über die zunehmende Kultur wie anwachsende Barbarei die
Schultern gezuckt dass wir es in unsern Tabellen für Gewinn halten Menschen
die höchsten Staatskräfte aufzuopfern um die Ware wohlfeiler zu liefern«
Als der Baron lächelnd und ungläubig den Kopf schüttelte fuhr Leonhard
ohne seinen Eifer dämpfen zu lassen in seiner heftigen Rede so fort »Ich
verlange nicht dass alles ohne Ausnahme auf die alte Weise geschehen soll
auch sind ja Fabriken und die gepriesene Verteilung der Arbeit schon eine alte
Erfindung gewisse unbedeutende Dinge wie Nadeln Nägel und dergleichen können
nicht schnell und wohlfeil genug geliefert werden bei vielen scheinbaren
Kunstzusammensetzungen hat sich früh dies Handwerk und die Kunst in eine
Fabrikanstalt umgesetzt und ob selbst dabei der Nutzen so groß ist dass jetzt
jedermann eine schlechte unbrauchbare Uhr in der Tasche tragen kann lasse ich
dahingestellt sein da die wahrhaft guten Werke in London und Paris auch jetzt
teurer verkauft werden als nur immer in den ersten Zeiten der Erfindung Aber
weh muss es mir tun dass der deutsche Handwerker der sich so schön mehr oder
minder dem Künstler anschloss der mit den Seinigen und den einheimischen und
fremden Gehülfen wahrhaft patriarchalisch lebte jetzt untergehn und die
ehrwürdige Zunft neuen Modeeinrichtungen weichen soll Mit diesem seelenvollen
Leben war eine ganz andere bürgerliche Ehre verknüpft als herablassende
Vornehme oder Geschäftsleute uns jetzt zuwerfen oder der jüngere Handwerker
durch Umtreiben auf Kaffeehäusern und leichtfertiges Tavernengeschwätz im
halbmodischen Frack sich erringen kann Und wenn ich nur die philosophische
Seite des neuen Systems begreifen könnte Ohne den Namen finde ich alles in der
Welt so umschlossen und mit Recht Der Staat lässt mich nicht auf gutes Glück
und ob ich es vielleicht treffe und Beifall finde in seine Geschäfte pfuschen
weil seine Diener auf Schulen und Universitäten oder als subalterne Arbeiter
ihre Lehrjahre überstehen müssen sie werden geprüft und rücken nur langsam und
nach vielfacher Überlegung in die offenen höheren Stellen ein Derselbe Fall ist
es mit den Geistlichen sowenig man sie auch von Seiten des Staats wichtig
nimmt Ebenso mit den Schulen und Universitäten und ich darf nicht abenteuernd
herumziehen und die Bude meines Unterrichts und meiner Vorlesungen aufschlagen
wollen Alle diese Stände legen dem Staate ein Kapital von Zeit Studien Arbeit
und Lehrjahren ein und rechnen darauf in späteren Jahren geschützt zu werden
Ebenso ist es beim Kaufmann ja wenn ich mich zur Grundlage des Staats zum
Bauernstande wende finde ich dieselbe Beschlossenheit denn das Grundeigentum
ist doch in gewisse bestimmte Güter geteilt deren Anzahl ebensowenig wie sonst
die der Handwerker in Städten überschritten wird und der Sohn oder der Fremde
muss sich erst vom Knechte zum Bauern hinaufdienen Die wahren Missbräuche des
Zunftwesens die sich durch die Länge der Zeit eingeschlichen hatten und nicht
zu leugnen sind konnten abgeschafft werden ohne die ehrwürdige Stiftung
selbst der wir Künste Wohlstand und Freiheit zum Teil zu verdanken haben zu
Boden zu reißen In melancholischen Stimmungen möchte ich aber manchmal glauben
dass wir alle gern einer allgemeinen Knechtschaft entgegengehen und dass man uns
vorpredigt nur Geld zu erwerben zu suchen um in Luxus Ausschweifung und
Sklavenhochmut Ketten wie Freiheit verlachen zu können«
»Nun nun« sagte Elsheim »du fällst ja in den wahren Prophetenton soll
man dich einen Obskuranten oder Revolutionsmann nennen«
»Weder so noch so« sagte Leonhard »denn die Menschen die man wirklich mit
Vernunft so nennen kann sind mir beiderseitig gleich verhasst Aber ich kann es
mir doch nicht ableugnen dass wir so ziemlich in der Anarchie schon befangen
sind wenn die Menschheit und die Staaten doch aus Ständen vereinigt sein
sollen Die Geistlichen waren schon seit lange erst einer stillen dann einer
öffentlichen Proskription ausgesetzt die Freude über ihre Besiegung dieses
Staates im Staate wie man alles nannte was nicht unmittelbar dem Einen und
unbedingt unterworfen war sprach sich allgemein aus doch wurde ebenso der
Einfluss und die Selbständigkeit des Adels gebrochen dem Bürgerstand und seiner
Beschlossenheit erklärte man aus philosophischen Prinzipien öffentlich den
Krieg und den Bauern die man eigentlich schützen will fällt man wenigstens
mit einer engherzigen ebenso albernen als unpassenden Erziehung und mit einem
unnützen Tabellenwesen zur Last«
»Ja die Tabellen« rief der Baron aus »sie gehören recht zu den Surrogaten
und dem Geiste der Zeit den die Gesetzgeber sich auch nur in Tabellen strömend
vorstellen können«
»Seit diese Mode des Bewusstseins« fuhr Leonhard nicht ohne Bitterkeit fort
»die Staateneinrichter wie ein Schnupfen befallen hat der eigentlich umgekehrt
ein dumpfes Unbewusstsein hervorbringt geschieht ordentlich mit Gewissen und
frommer Lust die Zertrümmerung der edelsten Überlieferungen über die ein
abergläubisches Schaf wie ich das eine Wasserscheu vor diesem Strome der Zeit
hat weinen möchte Doch du hast recht es ziemt mir besser meinen Sinn von
diesen großen Weltfortschritten abzulenken und wenn du noch einige Geduld übrig
hast so möchte ich wohl noch einmal zu meinen Zünften zurückkehren«
»Sprich dich nur aus« sagte der Edelmann »der Wagen geht auch ganz sanft
im Sande wir sitzen hier auf unserm eigenen Grund und Boden und dürfen denken
was wir wollen«
»Muss ich nicht wieder« sprach der Meister »auf meine frühere Ansicht
kommen an die ich mich so gewöhnt habe dass sie mir bei allen Dingen
vorschwebt Die gerade und die krumme Linie ist es deren Umspielung oder innige
Durchdringung alle Formen hervorbringt Ist es nicht sonderbar dass die neueren
Gesetzgeber schon seit lange den Menschen als ein Vernunftwesen betrachten und
um so mehr je mehr er im niedrigern Stande lebt der ohne Leidenschaften ist
oder die man ihm aberziehen und ihn zu allen vernünftigen Tugenden des Fleißes
des Gelderwerbes der unermüdlichen Arbeitsamkeit hinaufbilden soll wo sie etwa
fehlen möchten Die Gesetzgeber behalten sich und ihresgleichen stillschweigend
vielen Zeitvertreib und Zeitverderb vor wovon sie das Anständigste unter die
Rubrik Bildung schieben die der Gemeinere freilich entraten kann Die Weisheit
der alten Welt aber sah ein dass Leidenschaften Torheiten Spiel Scherz Lust
und Genuss die Elemente sind die kämpfend und sich verbindend in der Menschheit
ringen und dass die Vernunft nur das Gleichgewicht sein kann welches dieses
unsichtbare Feuer Luft Wasser und Erde schwebend trägt damit eins nicht das
andere vernichte dass Begeisterung zum Guten und Bösen die Sturmwinde sind die
zertrümmern und die Atmosphäre reinigen und die hülflose Vernunft an sich
selber noch nie etwas in Wirkung und Wirklichkeit hat setzen können Ihr
Bestreben war daher nicht der Menschheit die Menschheit abzugewöhnen sondern
sie waren Kinder mit den Kindern und Toren mit den Toren und fühlten wohl
welcher heilige Ernst in dieser Kindlichkeit aus der Tiefe heraufspiele weil es
edler und frommer ist jeden Trieb in uns auszubilden als ihn zu vernichten
und dass jenes neumodige Entwöhnen in der keiner seine Lust sättigen und büßen
soll nur zum moralischen Tode und zur kalten Verzweiflung führt Ihnen waren
daher alte überkommene Spiele Lieder Scherz und Trunk selbst Ausgelassenheit
ehrwürdig und wenn die neuere Welt dergleichen auch nicht so unmittelbar wie
die alte zum Gottesdienst rechnete so nahm sie doch alles dieser Art in ihren
Schutz Volksfeste Aufzüge Prozessionen Musik und Tanz öffentlich bei
feierlichen Gelegenheiten die Verwandlung des gemeinen Lebens in ein poetisches
Schauspiel alle diese innigsten Bedürfnisse suchte sie zu befriedigen ließ das
Bestehende und Überlieferte verbesserte fügte hinzu erhöhte den glänzenden
Schein und edle Greise Väter des Volks Geistliche und Fürsten hielten es
nicht unter ihrer Würde ganz mit vollem Herzen in den Jubel einzustimmen und
die gute Vernunft daheim unter alten Reflexionen kramen zu lassen Denn nicht
will der Mensch bloß Mensch sein sooft dies auch vor einigen Jahren von
Aufklärern ist geprediget worden er will auch nicht bloß nützlich und
erwerbend und Bürger sein sondern zuzeiten etwas anders außer sich vorstellen
Dieser Trieb uns außer uns zu versetzen ist einer der gewaltigsten und
unbezwinglichsten weil er wohl gerade die tiefste Eigentümlichkeit in uns
entbindet So waren im Kreise des Staats tausend kleinere Kreise die sich in
und durcheinander bewegten selbstständig spielten und doch dem größeren dienten
an jeden Menschen kam seine Stunde und sein Tag und öfter im Jahr oder im
Monat wo er dazu autorisiert etwas Fremdes vorstellen durfte und dem Adel
der Geistlichkeit schlossen sich hier schön die Zünfte an die vielfach in
Scherz und Ernst Aufzüge Spiele Repräsentationen aller Art allegorisch oder
komisch gaben oder auch nur zur Verherrlichung ihres Handwerks und des
Bürgerstandes auftraten Der Meister konnte Vorsteher seiner Innung und
Brüderschaft werden der Gesell Vortänzer und Vorfechter Sprecher und
Schauspieler ja bis zum lernenden Burschen hinunter gab es Gelegenheit dass
dieser sich wieder unter seinesgleichen geltend machen durfte Neu gestärkt
gesunder und lebensfroher kehrte der Mensch dann zu seinem gewöhnlichen Beruf
zurück ja getröstet über diesen und mit der nahen Aussicht das JungbrunnenBad
bald wieder gebrauchen zu können Bleibt der Stoiker ganz fest auf seinem
Standpunkte der Vernunft stehen oder sagt zur Freude du bist toll so kann er
doch den Gedanken wenigstens nicht als Lüge abweisen dass dieses Dehnen Recken
und Gähnen der Schläfrigkeit wofür er dies Torenspiel ausgeben würde die
Lungen stärkt und hebt und das vollkommene Erwachen wie die Munterkeit
befördert«
»Ein medizinischer Statistiker könnte dir auch in deiner Schilderung recht
geben« fügte Elsheim hinzu »wenn er sagte alle jene unnützen Zeitvertreibe
ja reelle Narrheiten seien vielleicht notwendig um aus der Menschheit eine
Menge Laster und DummheitsAnlagen abzuführen damit Weisheit und Tugend Raum
gewinnen Ich gebe dir ohne alle Bedingung recht und füge nur noch hinzu dass
wir in neueren Zeiten kaum noch einen Menschen finden der repräsentieren kann
selbst die Diplomatiker die es verstehen werden immer seltener vom Höchsten
bis zum Geringsten trägt jeder eine Art von Scham mit sich herum dass er noch
etwas anders als ein Mensch sein soll daher das linkische verlegene
stotternde Benehmen unserer Großen die militärische Haltung in der Uniform und
im Dienst ist die einzige die geblieben ist und in die sich alle übrige
Repräsentation zurückgezogen hat«
»Dein Mediziner den du eben erwähntest« fing Leonhard wieder an »hat nach
meiner Meinung ebenfalls recht nur möchte ich die Sache etwas anders
ausdrücken Ich glaube in der Tat dass die Masse der übertriebenen und
krankhaften Eitelkeit unserer Tage die Sucht eine lügenhafte Rolle vor der
Welt und vor sich zu spielen dieses Heucheln von süsslicher Bildung unechter
Frömmigkeit affektierter Liebe zur Natur und dergleichen mehr nur möglich
geworden ist seitdem es dem Menschen untersagt ist eine Rolle von Staats wegen
zu spielen seitdem er so ganz auf die Haushaltung in seinen vier Pfählen und
auf sein Herz in seinem sogenannten Innern angewiesen ist denn ich fühle es
dass der Trieb sich zu entfliehen sich selbst fremd zu werden und als ein
anderes Wesen wieder anzutreffen mächtig in uns ist«
»Es ist sonderbar« antwortete der Baron »dass ein Gespräch das empfindlich
anfängt gewöhnlich auch so fortgeführt und geendigt wird wie man den ganzen
Tag hindurch auch in der Wärme den Wind spürt wenn es am Morgen gestürmt hat
Übrigens hat uns unsere lehrreiche Unterhaltung gehindert die Schönheit der
Gegend zu genießen und dort liegt wahrlich schon der Hafen die Stadt mit ihrem
Gasthofe vor uns«
So war es auch sie stiegen aus bestellten Zimmer und ein Abendessen Schon
auf der letzten Viertelmeile war ihnen ein schmächtiger Mensch aufgefallen der
neben dem Wagen hertrippelte und der jetzt fast mit ihnen zugleich in das
Wirtshaus eintrat Er forderte Wein und fing mit den beiden Reisenden die
unten noch die Einrichtung ihres Zimmers abwarten wollten ein Gespräch an »Also
Sie haben die armseligen Wracks der elenden gescheiterten Truppe angetroffen«
fuhr er fort als er gehört dass der Baron im letzten Städtchen einige
Schauspieler gesehen hatte »nicht wahr mein Herr es sind unwürdige Subjekte
die den Wert ihrer Kunst nicht einsehen und des Enthusiasmus nicht fähig sind
Als das letztemal der benachbarte König die Gnade hatte mit mir zu
sprechen« deklamierte er laut indem er sich vornehm und breit niedersetzte und
den dienstfertigen Wirt kalt ansah der ihn mit noch größeren Augen anstarrte
»fragte er mich wie es denn komme dass wir noch immer kein solches Schauspiel
besässen wie es eine so edle poetische und kräftige Nation doch ohne Zweifel
verdiene Geruhen Ew Majestät zu bemerken erwiderte ich denn da ich ihn öfter
sehe so kann ich ziemlich dreist und ohne Umstände mit ihm sprechen« der
Wirt warf schnell die baumwollene Mütze in einen Winkel die er bisher zwischen
der Achsel eingeklemmt hielt »dass es nicht an der Nation an den Dichtern oder
an irgend etwas anderm liegt sondern lediglich an den verächtlichen Menschen
wie es die meisten sind die sich diesem hohen Berufe widmen Diese Armseligen
die ihre Kunst nur wie eine jämmerliche Zunft wie ein seelenloses Handwerk
treiben wollen und können diese sind es die den freien Adel dieser edlen
Ausübung immer noch hindern«
»Sie lieben die Kunst sehr wie es scheint« sagte der Baron »Ich bete
sie an« rief der Fremde »sie ist das Leben selbst und alles übrige ist nur
Schein Flachheit trüber Nebel Darum eben habe ich mich mit jenem elenden
Direktor entzweit der außerdem dass er fast nie richtig bezahlte mir auch
meine Rollen schmälerte und dieselben Darstellungen von Stümpern verhunzen
ließ in denen ich den allgemeinsten Beifall einzuernten gewohnt war Herr
Wirt der Wein ist aber sauer«
»So« sagte dieser der durch die Stube ging ohne sich umzusehen und seine
Mütze schon wieder hoch auf dem Kopfe trug
»Ja« fuhr der Künstler fort »ich zeige ihm nun schon seit geraumer Zeit
dass ich auch ohne ihn leben kann und meine gnädige Herren ich bitte um die
Vergünstigung und die Ehre dass ich denenselben eine kleine Probe meiner Kunst
und meines wahren Talents zeigen darf ich würde untröstlich sein wenn so
ausgezeichnete Männer von diesen Kenntnissen und der hohen Bildung diese meine
dargebotene Huldigung verweigern würden da es doch bekannt ist wie sehr
dieselben die Künste lieben und selbst von den Musen begünstigt sind«
Ohne eine Antwort abzuwarten schob er eiligst einige Tische und Stühle
beiseit rannte in des Wirts Schlafkammer brachte ohne Umstände etwas in seinen
Armen Verdecktes heraus welches er auf den Tisch stellte und mit einem weißen
Kleide verhüllte Mit untergeschlagenen Armen folgte ihm die Wirtin in höchster
Verwunderung um zu sehen was aus diesen sonderbaren Anstalten sich ergeben
solle Er setzte eilig sich gegenüber den beiden Reisenden wie dem Wirt und
dessen Frau Stühle hin räusperte sich machte eine Verbeugung und fing an
»Hochzuverehrende ich werde jetzt die Kunstdarstellung wagen das berühmte
Stück unsers Dichters Menschenhass und Reue mit geringen Änderungen und den
notwendigsten Abkürzungen ganz allein darzustellen und ich bin überzeugt dass
die Wirkung dieselbe ergreifende tieferschütternde sein wird wie sie nur immer
das versammelte Personale der vorzüglichsten Bühne hervorbringen kann« Er fing
hierauf an zu gestikulieren und die hauptsächlichsten Rollen mit großem Eifer
herzusagen indem er alles soviel es sich tun ließ in Monologe verwandelte Wo
dies unmöglich war ließ er die Stimme grell wechseln und sprang behende von
einer zur andern Seite als aber Eulalia auftreten sollte riss er schnell die
Verhüllung weg und es zeigte sich der Haubenkopf der Wirtin mit schwarzen Augen
und dunkelroten Wangen mit einer Mütze der Eigentümerin geschmückt An diese
Repräsentantin wandt er als Bittermann und Major seine Reden und antwortete in
ihrem Namen und sooft sie abgehen sollte warf er das Gewand wieder über So
näherte er sich der patetischen Erkennung und die rührende letzte Versöhnung
schloss damit dass er wirklich weinend und schluchzend den Haubenkopf in die Arme
nahm laut rief »Ich vergebe dir« und ihn dann wieder an seine Stelle in das
Schlafzimmer trug
Den beiden Reisenden hatte der Scherz schon zu lange gewährt der Wirt
schüttelte bei jeder Szene den Kopf und war immer nur über diese Anstalten und
die Unermüdlichkeit des Künstlers verwundert die Wirtin aber war heftig bewegt
und weinte laut Der erhitzte Deklamator kam zurück und da er die Rührung der
Frau sah nahm er ihre Hand und küsste sie zärtlich »Dies ist der schönste Lohn
des Künstlers« sagte er selber gerührt »Ja« schluchzte die korpulente Frau
»es ist wirklich gar zu trübselig dass ein Mann der so reputierlich einhergeht
sich so sauer sein bisschen Brot verdienen muss« »Darüber« fragte der
Schauspieler empfindlich »haben Sie geweint« »Worüber denn sonst« antwortete
sie »sehen Sie nur selbst wie heiß Sie geworden sind« Der Künstler wandte sich
unwillig von ihr und sagte zu Leonhard gewandt »Auf diese Art kann ich die
berühmtesten Meisterwerke der deutschen Bühne darstellen ohne alle andere
Beihilfe besonders bequem lassen sich die Räuber so spielen vorzüglich nach
der ersten Ausgabe in welcher die Brüder nicht zusammenkommen auch Macbet und
die Braut von Messina die Iphigenia macht etwas mehr Schwierigkeit«
»Es ist ein erfreulicher Anblick« sagte der Baron »wie unser deutsches
Theater sich immer mehr in seine wahren und ursprüglichen Bestandteile auflöst
ehemals hatte wir nur Melo und Monodramen aber jetzt sehen wir so häufig ein
epigrammatisches Stück von zwei oder drittehalb Personen mit leichtem Witz über
Eitelkeit Eifersucht Schwachheit der Männer und Weiber der Fall Adams kann
man wetten kommt in jedem vor und es lässt sich danach an dass wir auch
derlei schönbeschränkte epigrammatische eng zusammengezogene Tragödien erhalten
werden wozu wenigstens schon ein löblicher Anfang gemacht ist in welchem ein
Messer ein Nagel oder eine Uhr eine große Rolle spielen müssen Noch
erfreulicher aber ist es dass selbst große Meister oft auf dem Theater oder in
Musiksälen die sogenannten Deklamatorien geben und was sonst nur Schüler zur
Übung in Schulen taten eine Fabel oder ein erzählendes Gedicht hersagen oder
ablesen Wird Musik dazwischen gemacht etwa gar eine Symphonie so ist der
Genuss einzig und das sonderbar Widersprechende des scheinbar Läppischen ist es
gerade was in unschuldigen und kindlichen Menschen eine ganz vorzügliche
Ergötzung und Rührung hervorbringt«
»Sie sprechen ganz wie ein Kenner mein gnädiger Herr« sagte der Kunstmann
und empfing von Leonhard vorzüglich aber vom Baron weit mehr als er für seine
Bemühung erwartet hatte Nach einer zu tiefen Verbeugung sagte er »Wahrlich
meine gnädigen Herren Sie übertreffen noch meinen großmütigen Patron und Mäzen
der im Reiche sich und der Heiterkeit lebt den lebensfrohen Liebling der Musen
und der Scherze den liebenswürdigen Wassermann« Er empfahl sich um zu essen
und sich niederzulegen die beiden Freunde begaben sich auch auf ihr Zimmer und
der Baron sagte »Wir dürfen stolz sein mit diesem wie ich sehe berühmten
Sokrates in eine Klasse gestellt zu werden in welchen sich eben der benachbarte
König am Schluss des Stückes verwandelt hat« »Der Mensch hat mich völlig
verstimmt« sagte Leonhard »Vielleicht« fragte der Baron »weil er nicht
zünftig ist Weil sich dir so herrlich die freie ungebundene Kunst in ihm
dargestellt hat Ich bin vergnügt denn ich gestehe dir ich habe die Eulalia
fast noch nie so würdig dargestellt gesehen als seine Gehülfin sie uns zeigte
diese Milde und Ruhe im vollen großen Auge dieser gehaltene Ernst diese stille
Würde selbst bei einigen sehr anzüglichen Redensarten die sie anhören musste
und es ist nur zu bedauern dass dieses grosszügige fast antike Spiel in keinem
der TheaterAlmanache psychologisch und künstlerisch wird gepriesen und
entwickelt werden aber ich kann nur soviel sagen mir ist dadurch über diesen
Charakter ein neues Verständnis aufgegangen und ihr unbegreiflicher Fall ihre
Reue und Besserung sowie die Versöhnung erscheinen mir jetzt recht sehr
begreiflich«
Man scherzte beim Abendessen und Wein dann trennten sich die Freunde und
jeder begab sich in sein Zimmer und zur Ruhe
Die Freunde hatten von der letzten Stadt aus Post genommen um schneller zu
reisen und befanden sich am dritten Tage schon in Bergen und anmutigen Wäldern
mit frisch grünen Talen und rinnenden Quellen aus bemoostem Gestein Sie waren
erfreut über die wechselnden Aussichten sie unterhielten sich von der
Lieblichkeit der Natur und der Baron erzählte vieles von seinen Reisen Diese
Geschichten erweckten auch in Leonhards Seele die frohesten Erinnerungen und so
entschwanden ihnen die Stunden die Meilen Dörfer und Städte Berge und Wälder
glitten ihnen vorüber wie im lieblichen Traum
Von einem der höchsten Punkte des Gebirges den sie am vierten oder fünften
Tage ihrer Reise erreichten entdeckten sie ganz in der Ferne die fränkischen
Berge »Dort liegt mein geliebtes Land« rief Leonhard aus »das ich eine lange
Zeit wie mein Vaterland geliebt habe wo ich einst zu wohnen träumte und das
mir mit einem unerklärlichen Zauber an die Seele geheftet ist obgleich ich
seitdem wunderbarere reichere und schönere Gegenden gesehen habe«
»Es ist« sagte Elsheim »mit der Liebe zur Natur und zu Gegenden wie mit
jeder Liebe sie hat etwas Unerklärliches dergleichen kann und soll auch nie
begriffen werden denn im Geheimnis liegt ein höheres Verständnis Auch gibt es
gewiss zur Natur Sympatien und Antipatien und mir stehen die schönen Gegenden
geradeso individuell vor meiner Seele wie verschiedene liebe Menschen und
befreundete Wesen«
»Das ist eine sehr richtige Beschreibung« sagte Leonhard »und jede schöne
Gegend der wir uns mit Rührung erinnern zieht uns mit einer ganz
eigentümlichen Sehnsucht an die bei mir so stark werden kann dass ich in der
Einsamkeit über Landkarten Bildern oder Beschreibungen in gewissen bewegten
Stunden Tränen vergiesse Es ist als zieht mich dieses Tal jener Berg ein
altes Schloss die Höhe mit der wundervollen Aussicht wie mit Gewalt zu sich
und ich bin gerührt wenn ich mir denke dass ich diese Freunde wohl nie
wiedersehe«
»Mit Kunstwerken« sagte Elsheim »geht es uns ebenso wie oft stehe ich mit
meinem Geiste auf meinen Lieblingsstellen in den Galerien sehe ich diese dann
einmal wieder so empfängt mich auch dort eine gewisse Heiligkeit ein alter
Gruß wie das vertrauliche Reichen der Hand von einem Geiste O mein Freund was
könnte der Mensch außer sich und in sich für ein edles gediegenes verklärtes
Leben führen wenn er nicht so viel der Zerstreuung dem Leichtsinn dem
Zeitverderb und leerem Müssiggange opferte«
»Lieber« sagte der junge Meister und fasste des Freundes Hand »wie teuer
wirst du mir mit solchen Worten Warum bist du denn selbst oft auf gewisse Weise
leichtsinnig dass du mir gleichsam den edleren Geist in dir zu verhöhnen
scheinst«
Elsheim errötete leicht und sagte »Bester du kennst die Geschichte mit der
Katze die in eine schöne Prinzess verwandelt ward sich aber in ihrer
erhabensten Umgebung vergaß wenn sie eine Maus laufen sah So geht es leider
mir nach den schönsten Stunden ja während denselben und lieber springe ich
denn doch den Mäusen nach als dass ich mein ehemaliges Katzenwesen in mir durch
Heuchelei überkleidete Diese ist überhaupt das Laster welches ich am meisten
hasse vielleicht übertreibe ich zuweilen meine geringere Natur in Gegenwart von
Heuchlern um ihnen nur nicht gleich zu werden Und wie jede Frucht ihre Reife
nur zur rechten Zeit erlangt so auch im Menschen meine Stunde hat noch nicht
geschlagen die rechte Mittagssonne hat mich noch nicht getroffen soll es sein
so wird sie mich schon auch zu rechter Zeit finden«
»Wir sollen aber immer ernstaft wollen« sagte Leonhard »dasein in uns
gesammelt damit uns diese Sonne treffen und durchwürzen könne«
»Liebster Bester« rief Elsheim halb scherzend halb im Eifer »nur
verlange ums Himmels willen nicht von mir diese steifen rechtwinkligen und
aufgezimmerten Zurüstungen zur Bildung mit denen sich so viele unserer
gutmeinenden Landsleute abquälen und munter wie die Eichhörnchen in dem
Sparrwesen auf und nieder klettern Oder sie holen wie die Kanarienvögel an
der Kette selbst ihren Glasbecher mit Wasser und Hanfsamen abgerichtet herauf
oder picken wechselnd religiöse Stimmung und Geschichtsansicht heraus und
saufen dazu ein Schlückchen Poesie und Mystik und recken den Hals in die Höhe
um es hinterzubringen wetzen dann scharrend den Schnabel am Draht um in
Scharfsinn und Kritik nicht zurückzubleiben und knuspern an Festtagen mit
besonderm Bewusstsein am Zucker der Liebe Das Schauspiel ist aber nur für den
der es ansieht auf einige Minuten spaßhaft nicht für den gelangweilten Vogel
selbst Nein Lieber dieser Schnupfen der Zeit der nichts tut als sich im
wohlriechenden Tuch der Bildung mit Zierlichkeit schneuzen und selbst das
Unsichtbarste Fernste und Glücklichste das dem Sterblichen nur in blitzenden
Momenten der Entzückung wie eine sondre Gabe der Göttin gegönnt ist als Nektar
den sie im Obermut herunterschütten und wovon man wohl einmal indem man fast
dumm in den blauen Frühlingshimmel schaut ein Mäulchen aufschnappt diese
Dumpfheit wie gesagt dass sie auch diese Lebensmomente im Eisenkäfig ihres
Bewusstseins auffangen und festhalten wollen dieses missverstandene Wesen wolle
mir nicht ankurieren wenn ich dich nicht für einen Wunderdoktor halten soll«
»Wer spricht davon« sagte Leonhard lachend »nur«
»Ich verstehe dich« rief der andere aus »und freilich bei alledem indes
denn wenn und so weiter mein Freund die wahren MinisterVertröstungen der
Altklugheit wenn sie nichts geben mag und sich abzuschlagen scheut um nicht an
Ansehen einzubüssen Bist du imstande ein Butterbrot zu essen und in jedem
Augenblicke zu wissen jetzt schmeck ich die Butter jetzt wieder das Brot so
will ich dir vollkommen recht geben Und nun gar Braten hinaufgelegt Bester
wie kompliziert verwickelt geheimnisvoll ist dann das Wesen und keiner
Auseinandersetzung fähig Käue schluck rufe ich nur und es wird dir bekommen
beim Grübeln möchte es gar in die unrechte Kehle fallen und ein erschreckliches
moralisches Husten veranlassen« Sie lachten und damit war das Gespräch
geendigt
Nach einer Pause fing Elsheim wieder an »Du siehst also dass ich in
Hoffnung stehe bald Früchte zu tragen oder ein solider Mann zu werden welches
eben deshalb sehr wahrscheinlich ist weil ich bisher meinem Leichtsinn etwas zu
viel nachgegeben habe aber wie ist es denn mit dir mein Bester der du schon
seit so vielen Jahren in dem Wagen des Ernstes und gründlicher Bürgerlichkeit
ziehst Wirst Du denn nicht vielleicht zur Abwechselung einmal ausspannen und
ohne Zügel und Zaum nackt ins Feld laufen um vorn und hinten auszuschlagen Es
ist dieselbe Wahrscheinlichkeit wie bei mir da dies Umändern die natürlichste
Sache von der Welt ist Überhaupt du Gründlicher hast du noch nie in deinem
Leben einen recht eigentlich dummen Streich gemacht«
»Was wollen wir so nennen« fragte Leonhard
»Die Definition ist schwierig« sagte der Baron »jeder Stand jedes Alter
jeder Mensch denkt sich etwas anders dabei Der Vornehme wenn jemand eine
Mesalliance schließt der Bürgerliche wenn einer sich ohne großes Vermögen
adeln lässt der Geistliche wenn ein Kandidat früher Vater als Pfarrer und
Ehemann wird und der Bauer wenn ein Sohn ungezwungen unter die Soldaten geht
Den einzelnen Menschen charakterisiert es sehr was er damit bezeichnen will er
sucht gegenüber die verständigen Streiche auszuführen wie der Wucherer der
jemand ohne Zinsen Geld leihen einen ausgemacht dummen Streich nennt Gehen wir
also lieber zu den tollen Streichen über zu den recht bizarren wunderlichen
auffallenden und frage dein Gewissen denn das Wort dumm ist wirklich ein
dummes Wort und man wird dumm wenn man sich etwas dabei denken will«
»Ich kann mich nichts entsinnen« sagte Leonhard »sosehr ich auch suche
der Gedanke kommt mir wirklich heut zum ersten Male dass man in eine solche
Gefahr geraten könne wie sehr ich alles auch das Seltsamtste an Fremden
begreiflich und verzeihlich fand so wäre mir alles der Art an mir unbegreiflich
und unverzeihlich vorgekommen«
»So bist du hierin wieder viel besser als ich denn ich habe lange an mir
mit diesem tollen Egoismus kämpfen müssen dass ich vieles Auffallende und
Unregelmässige an Fremden unverzeihlich fand und mir selbst die widersinnigsten
Dinge in Gedanken für erlaubt und sogar edel hielt weil ich mir so viel besser
als die andern vorkam So wollte ich einmal für einen Bekannten einem schlechten
Mann seine Frau entführen ein andermal wollte ich mich sogar mit der Tochter
eines stolzen adligen Hauses verheiraten um mich gleich wieder scheiden zu
lassen und sie einem verliebten Freunde abtreten zu können aber es kam nicht
zur Ausführung der Tollheiten die jedoch die größten Plane sind zu denen ich
mich verstiegen habe«
»Ich kann von mir nichts anführen« sprach Leonhard »als dass ich in meiner
Jugend ohne bestimmtes Talent dazu einmal Schauspieler werden wollte«
»Das ist mehr eine Kinderei gewesen« sagte der Baron »So sitzen also«
fuhr er mit ernster Stimme und bedenklicher Miene fort in diesem kleinen Wagen
zwei der vernünftigsten Männer des deutschen Reichs welche ungeachtet sie
noch jung sind doch dem ehrbaren Wandel tugendhafter Altvordern nachgeahmt und
nachgeschritten nur hält man es für möglich dass gerade jetzt das Schicksal mit
einem Blicke herunterschaut welchem Kenner eine gewisse Ironie zuschreiben
wollen und daraus schließen möchten aber vielleicht voreilig dass sie jetzt
auf der Wallfahrt nach Mekka begriffen sind die jeder gute Muselman wenigstens
einmal getan haben muss um sich auch mit der grünen Binde schmücken zu dürfen
und wie andere von wunderbaren Dingen erzählen zu können Ja wenn uns nun gar
jener TollheitsGeist erschiene um uns mit dem verfluchten Versprechen
anzuschnauzen »Bei Philippi wirst du mich wiedersehen« möchten wir ihm so
kaltblütig wie Brutus antworten »Nun so werde ich dich wiedersehen«
»Wahrlich Freund« rief Leonhard »dein ängstlich gesuchter Scherz könnte
mich ängstlich machen dass uns so was bevorstehen möchte wenn ich nicht an
meinen guten Dämon glaubte«
»Wie wenn derselbe nun« fuhr Elsheim fort »nur auf ein Stündchen etwa zu
den Ätiopen den frömmsten der Menschen wanderte um sich auch einmal einen
guten Tag zu machen Doch ernstaft gesprochen findest du es denn nicht auch
der alles Alte verteidigt von unsern Vorfahren gut und recht getan dass sie
beizeiten zugriffen um nicht das erste Feuer verrauchen zu lassen und in
früher Jugend ihre tollen oder dummen oder Narrenstreiche abzumachen Wozu
auch vernünftig gesprochen das Zaudern das Hin und Hertreten das unnütze
Händereiben und zweifelnde Umschauen Da gilts kein Bartwischen opfre dein
schwaches Selbst so ruft die Pflicht dem hohen Beruf lass fahren die falsche
Scham zu früh weise sein zu wollen stirb wie Kodrus für dein Vaterland und
komm bist du in den Strom gesprungen der dich mit seinen Wirbeln einzieht
besser richtiger und verständiger jenseit wieder zum Vorschein Das heißt doch
noch Haushaltung und Sparsamkeit statt dass wir jetzt die Sache auf den Kopf
stellen«
»Wenn es sein müsste« sagte Leonhard »so lass unser Bestreben sein uns auch
darin mit Anstand zu fügen ich glaube aber für mich an keine Gefahr doch
scheint mir unter deiner Warnung davor eine Lust danach verborgen zu liegen«
»Nein mein Lieber« rief der scherzende Freund »ich käme ebensogern wie
jedes Mädchen mit Ehren unter die Haube um dann mit Seelenruhe unter den
Pantoffel zu kommen aber in der gestrigen Nacht schien mir eine so seltsame
Konstellation am Himmel dass ich wenigstens auf alles gefasst bin Doch schau
umher wie wunderbar diese Bäume und Felsen unser Geschwätz anhören wie
lächelnd die fernen Berge herüberschauen und wie heilig der Glanz der
Landschaft uns dräut dass wir dem Tempel nicht mit würdigern Gedanken huldigen
O verzeiht uns meine Freunde ihr habt freilich den Terenz nicht gelesen und
könnt daher auch nicht sprechen Homo sum humani nil a me alienum esse puto
eine Stelle die mancher Affe oder Hund seitdem sehr gemissbraucht und abgenutzt
hat«
»Wie kommst du nur zu dieser seltsamen ausgelassenen Laune« fragte
Leonhard
»Vielleicht« rief der Freund »weil wir uns schon mehr und mehr den
Weinländern nähern und weil durch dieses Schütteln und Rütteln auf den Steinen
dieses holprigen Weges mir so manche Erinnerung manche Empfindung losgemacht
wird die ich ganz vergessen hatte weil sie schon so fest eingewachsen war und
die nun wieder in mein Gedächtnis und meinen Wörtervorrat hineinfällt Außerdem
habe ich heute morgen des guten Weines etwas viel genossen der jetzt erst
nachwirkt Doch auch dieser Moment geht vorüber in dem mir wohl war und ich
sehe schon immer deutlicher und wie im Zusammenhange eines Gemäldes die
herrliche Landschaft vor mir Du musst damals so ziemlich diesen nämlichen Weg
gemacht haben als du das erstemal Franken besuchtest in jener Zeit nachdem du
so kürzlich erst über die Schwelle des Jünglings geschritten warst hätte ich
wohl mit dir sein mögen da du vorher noch gar keine Gebirge kanntest um deine
Entzückungen mit dir zu teilen«
»Die erste Reise« erwiderte Leonhard »hat viele Ähnlichkeit mit der ersten
Liebe und um im Bilde zu bleiben so geschah in den gesegneten Fluren Frankens
das Geständnis zwischen mir und der Natur Man reist auch nachher wieder man
ist wieder entzückt man sieht und lernt und kann wahrhaft glücklich sein aber
jener erste Jugendzauber ist doch auf immer entflogen Ich hatte manches über
Deutschland und seine schönen Gegenden vorher gelesen vorzüglich hatte ich mich
mit den alten Bergschlössern und ihren Schicksalen bekannt gemacht aber am
gewaltigsten trieb mich wie du es weißt der Götz von Berlichingen um sein
Bamberg ja töricht genug Weislingens Schloss und Götzens Heimat aufzusuchen
Bei Eisenach auf der Wartburg erschien mir zuerst die hohe Jungfrauengestalt der
vaterländischen Naturschönheit Dieser Blick in die grüne Taleinsamkeit in die
Unendlichkeit der Eichen und Buchenwälder diese schöngeschwungenen hohen
Hügel vom tiefen Fenstersitz oben im alten Zimmer rief mir alle Erinnerungen
und Rührungen zurück ich horchte auf die Legende von der Elisabet und
besuchte ihren Brunnen unten am Berge auch Luthers Zimmer was mich aber nicht
so erfreute weil er mir in keinem poetischen Lichte erscheinen konnte dort in
der Umgebung der alten Ritterwelt Zwar war ich ein eifriger Luteraner und
mein Vater der es noch mehr war hatte für den Doktor die ungemessenste
Hochachtung aber eine desto größere Geringschätzung gegen den Teufel so dass er
seinem Patron den nachgiebigen Glauben an diesen nie vergeben konnte und gern
die oft erzählte Geschichte mit dem Dintenfasse ganz aus dessen Leben gestrichen
hätte Daher sah ich den schwarzen Fleck an der Wand auch ohne alle Andacht
Aber in Rausch der Entzückung versetzte mich die Höhe des Thüringer Waldes mit
seinen herrlichen Tannen die von oben wie unübersehbar sich immer weiter und
höher auf dem herrlichen Bergrücken ausbreiten So kam ich durch Hildburghausen
und Koburg und näherte mich nun dem vielgeliebten Bamberg
Herz und Brust wurden mir erweitert als ich die langersehnte Grenze betrat
Die Gläubigen die zum heiligen Grabe wallfahrten müssen eine ähnliche
Empfindung haben wenn sie sich dem geweihten Boden nähern Es war kurz vor dem
Frohnleichnamsfeste als ich in die katholische Stadt eintrat die unter ihrem
geistlichen Fürsten einen ganz andern Charakter wie die sie umgebende Welt
hatte Mein gutmeinender Vater hatte mich vor meiner Reise ermahnt ja nicht bei
Gelegenheit der Feste in katholischen Städten zu lachen weil ihm dies als
einem reinverständigen Mann der seinen Anteil an der damals entstehenden
Aufklärung schon frühe genommen hatte nicht unnatürlich vorkam Es war aber
gut dass er nicht zugegen sein konnte denn gewiss hätte er über meine Rührung
und Erhebung bei den Prozessionen der Musik den Posaunen und den singenden
Chören bei diesen auf den Straßen geschmückten Altären bei der betenden
Volksmenge welches alles mich bis zu Tränen begeisterte seinen Zorn gegen
diesen Götzendienst wie er dergleichen nannte und noch mehr gegen mich
ausgelassen Ich nahm Arbeit in dieser Stadt und blieb lange dort denn die
Menschen die Gegend die alte Ruine der Dom die Spaziergänge umher alles
gefiel mir so sehr umgab mich mit solcher eignen Rührung und Anmut dass ich
manchmal wünschte mein Leben dort zu beschließen«
»Wie dir Bamberg« sagte Elsheim »so ist mir Heidelberg eine der liebsten
Erinnerungen meiner Reisen Es gibt Gegenden bei denen uns ist als hätten sie
schon seit Jahren mit rechter sehnsüchtiger Liebe auf uns gewartet oder als sei
seit lange unser Geist schon dort einheimisch gewesen so bekannt so lieb ist
uns alles dieser schöne Ort mit seiner herrlichen Ruine BadenBaden und die
Neckartäler vorzüglich die Gegend um Hornberg sind nächst den Rheinufern das
Lieblichste was ich in Deutschland kenne denn auch das warme Klima gehört
dazu um eine Gegend wahrhaft schön zu machen«
»Ja wohl die Neckartäler« sagte Leonhard »denen ich meines geliebten Götz
wegen nachreisete wohl sind sie so poetisch wechselnd so schön geschwungen so
lieblich von dem herrlichen Strome durchfrischt dass man dort so recht von süßen
Empfindungen und Erinnerungen eingewiegt und eingesungen wird Erinnerst du dich
gleich hinter Heidelberg der schönen Täler bei Neckarelz mit ihren kleinen
Wasserfällen und rinnenden Bächen des sonderbaren Dilsberg am Neckar hinunter
kommt man dann nach Hirschhorn einem sehr alten Schloss und Eheheim dann
nach Hornberg wo der alte treuherzige Götz eigentlich lebte und in dessen
Ruine die noch leidlich erhalten ist ich mich einige Tage aufhielt man hätte
damals mit wenigem Geld das alte Haus gegen Wind und Wetter bedecken können
Hier herum sind herrliche Wälder auf der einen Seite nach dem Fluße die
Weinberge von da ging ich nach Heilbronn wo ich den Saal des Ratauses anders
fand als ich mir ihn vorgestellt hatte ich sah und las dort einige Briefe des
Ritters die er dem Rat mit seiner linken Hand geschrieben hat und die freilich
anders lauten als unser Dichter ihn mit diesen Herren sprechen lässt Von hier
ging ich über Mergenteim und suchte an den zerrissenen kiesigen Ufern der
Jagst das unten beschränkt liegende Jagstausen auf wohin Goethe die
vorzüglichsten Szenen seines Gedichtes verlegt hat obgleich der Ritter nur in
seiner frühen Jugend dort lebte Hier sah ich seine eiserne Hand die in einem
neuen Hause seine Nachkommen aufbewahren Das Kloster Schöntal hat eine frische
grüne Einsamkeit um sich her und im Kreuzgange steht auf dem Grabe des Ritters
sein ungeschickt ausgehauenes Bildnis nach welchem wenn es irgend treu ist
sein Gesicht ein ziemlich unbedeutendes muss gewesen sein«
»So sonderbar oder rührend schaurig oder sehnsüchtig« sagte der Baron
»uns die Eindrücke der Landschaften auch bleiben mögen und so individuell wie
du vorher sagtest wie wirkliche Menschen so sind die Gegenden doch wohl mit
dem schönsten Glanz umgossen sehen am meisten mit winkenden Blicken nach uns
zurück wo ein kleines Abenteuer eine Szene der Zärtlichkeit eine anmutige
Bekanntschaft oder ein freundlicher Kuss uns begegnet sind Hast du diese
Bemerkung nicht auch gemacht«
Leonhard wurde rot und wollte antworten aber sein Freund fuhr fort »Gewiss
mein Freund denn alsdann ist es als stiege die Seele der Landschaft sichtbar
zu uns empor und ich kann mir vorstellen dass wenn ich einmal wahrhaft liebte
mir jeder Strauch jeder Baum jedes Gräschen eine heilige Stelle ein ewiger
Frühling ein Orient und Land der Wunder und der Religion werden würde Fast du
Zurückhaltender muss ich glauben dass in oder bei Bamberg wenn auch nichts
Leidenschaftliches doch etwas recht Zärtliches vorgefallen ist Erzähle es ist
eine so schöne heitre Beichtstunde und es kann sein dass mir nachher auch
etwas beifällt«
Leonhard sagte nach einigem Zaudern »Warum sollte ich es dir verschweigen
da diese Erinnerung meiner Jugend mir so wohltut ohne mich zu beschämen Schon
am Tage der FrohnleichnamsProzession fiel mir eine junge weibliche Gestalt auf
von einer Schönheit wie man sie wohl zuweilen auf alten Gemälden zu sehen
pflegt Sie war groß und stark aber doch schlank gewachsen ihr Gesicht oval
ihr Haar dunkelbond von einem rötlichen Goldschimmer durchzogen die Augen groß
und dunkelblau und die Farbe von der durchsichtigsten Zartheit Sie war unter
dem betenden und singenden Volke und ging neben einem bejahrten Mann und einer
ältlichen Frau die Handwerker oder Landleute und ihre Eltern zu sein schienen
Ihre Andacht und Rührung hatte etwas so Mildes das so lieblich gegen die
meisten Gesichter umher auffiel dass ich mit dem Zuge ging und meine Augen sie
unfreiwillig immer wieder aufsuchten Einigemal schien mich ihr heller Blick zu
treffen Ich folgte ihr in den großen Dom Hier ergriff mich die Musik noch
gewaltiger die Messe und der Pomp der Priester dünkten mir etwas sehr
Ehrwürdiges ich stand in ihrer Nähe Wundersam ergriffen ward ich hier von
ihren Augen und meine Gedanken wurden Gebet und Liebe die Gemeine kniete
nieder sie sank in einer himmlischen Stellung demütig hin und ein streifender
Blick glitt an mir vorüber der mich ebenfalls niederzog Ich war erschüttere
Plötzlich reichte sie mir einen Rosenkranz indem sie unten das Kreuz küsste
weil sie meine Hände leer sah und ich beschämt und unwissend verstand nur ihre
freundliche Meinung aber nicht den Zeremonien auf die gehörige Art zu folgen
Als der Gottesdienst zu Ende war ging ich mit dem Strom des Volks aus der
Kirche aber in dem Wellenschlag des Gedränges verlor ich sie aus den Augen und
als ich auf die Straße trat war sie nirgend mehr zu sehen Es war mir als wenn
mir plötzlich alles fehlte ich suchte sie in allen Gassen vor den Toren in
den Kirchen wo ich nur Leute wahrnahm oder vermuten konnte aber sie war mir
entschwunden«
»Und der Rosenkranz des frommen Kindes« sagte Elsheim
»Blieb natürlich in meinen Händen« antwortete Leonhard »ich konnte ihn
nicht ohne Rührung betrachten und ließ ihn niemals von mir kommen« Er
öffnete ein kleines geheimes Fach seiner Brieftasche und überreichte ihn seinem
Freunde »Dieser nämliche« sagte er lächelnd »ist es mein Friedrich«
»Dieser« sagte Elsheim »und den trägst du noch jetzt nach zwölf oder
dreizehn Jahren bei dir Du bist zum Sammler geboren Sonderbar Aber die
Geschichte ist doch damit noch nicht zu Ende«
»Freilich nicht« fuhr Leonhard fort »denn sonst hätte ich doch den
Paternoster schwerlich so sorgfältig aufgehoben Es waren wohl sechs Wochen
verflossen als ich an einem Sonntage durch die einsame Gegend streifte In der
Nähe des kleinen Flusses von schönen Hügeln umgeben liegt ein Dörfchen aus
dem ich gegen Abend Tanzmusik herschallen hörte Ich folgte dem Ton und fand
eine frohe Gesellschaft von Landleuten und die Jugend um die Linde im Tanz sich
schwingend Schon wollte ich mich vom Getöse wieder entfernen als ein Gezänk
mich aufmerksam machte ein halbtrunkner junger Mensch stritt nämlich mit einem
andern um die Tänzerin auf welche jeder Ansprüche machte der Gegner war
schwächer und blöder und der Trunkene schien stark und von den Anwesenden
gefürchtet mit einer heftigen Gewaltsamkeit stieß er den zweiten Tänzer zurück
und fuhr auf das Mädchen schreiend los die ihm auswich Jetzt erst erkannte ich
sie wieder sie war es selbst die ich so lange vergeblich gesucht hatte Fast
ohne zu wissen was ich tat sprang ich in den Kreis und riss den Störenden
zurück der nicht wenig verwundert sich zur Wehre setzte Wir rangen
miteinander und er bot im Zorne alle seine Kräfte auf aber da ich gewandter
war gelang es mir endlich ihn niederzuwerfen worauf denn der Friede so
geschlossen wurde dass er die Gesellschaft verlassen musste Wir sind Euch sagte
der alte Vater des Mädchens großen Dank schuldig junger Mann dass Ihr Euch als
ein Unbekannter meiner Tochter so wacker angenommen habt und der Raufer wird
nun gedemütigt sein dass er doch endlich seinen Stärkern gefunden hat da er uns
mit seiner Unverschämtheit jedes Fest und jeden Tanz verstört Ich war ermüdet
und man reichte mir Getränk das Kunigunde so hieß die Tochter mir selber
freundlich einschenkte Nachher ward ich mit in den Tanz gezogen und die
übrigen Bursche schienen mir ohne Neid das schöne Mädchen zur Gefährtin zu
überlassen weil ich mich durch die Besiegung jenes Zänkers bei allen in Achtung
gesetzt hatte
Ich schwatzte nachher in der Dämmerung und Finsternis mit den Alten das
junge Volk fing ein Pfänderspiel an Kunigunde wusste es so zu machen dass wie
ich auch die übrigen Mädchen herzte ich doch niemals einen Kuss von ihr erhielt
Ich war empfindlich und sie lachte mich aus Die Nacht trennte uns und sie
begleitete mich auf den Weg Kennt Ihr mich noch wieder fragte sie Ich
erwiderte dass ich sie nicht vergessen hätte und nur froh sei dass ich ihr
nicht ganz fremd erschiene Sie hatte meine Empfindlichkeit bemerkt und sagte
Lieber Freund was kann man nur in der Gesellschaft bei dem dummen Herumküssen
an einem Kusse haben besonders von jemanden dem man etwas gut ist Liegt Euch
daran so gebt mir jetzt da wir allein sind einen recht lieben Kuss und ich
will so Abschied von Euch nehmen Ich drückte zitternd meine Lippen auf den
vollen roten Mund und verließ sie mit schwerem Herzen indem ich nachdenkend
durch die Finsternis langsam zur Stadt zurückging
Jetzt schwebte mir immer die tanzende Gestalt vor den Augen denn noch nie
hatte ich so lebendige zierliche Bewegungen gesehen eine solche Freude die
sich oft bis zum Mutwilligen erhob und plötzlich dann wieder zum stillen Ernst
und sanfter Milde zurücksank Ich besuchte das Dörfchen wieder und wurde bald
mit den Eltern welches gute Leute waren vertraut Die Tochter behandelte mich
wie einen Bruder oder längstgekannten Freund Dass du nicht zu unserer Religion
gehörtest sagte sie zu mir an einem Nachmittage hättest du mir nicht zu sagen
brauchen denn ich bemerkte es schon in der Kirche deine Andacht war zu neu und
still ich sah dass du alles unrecht machtest und nichts von der Messe
verstandest und weil um dich her Leute standen die sich für gar zu fromm
hielten und an deiner Unwissenheit Anstoß nahmen reichte ich dir den
Rosenkranz um dich mit ihnen mehr zu befreunden Behalt ihn zu meinem
Angedenken Hier schildern uns viele fuhr sie fort die Fremden aus den andern
Ländern die sie Ketzer nennen als erschreckliche Menschen ich habe nie daran
glauben können und seit ich dein stilles frommes Gesicht kenne noch weniger
Meine Eltern aber so gut sie dir sind werden traurig sooft sie daran denken
dass du kein Katholik bist und also verlorengehen musst Wie können die Menschen
nur so viel Liebe und Hass zugleich in ihrem Herzen haben
Es schien bald dass wir beide einander unentbehrlich wurden und auch die
Eltern gewöhnten sich an meine Gegenwart Ich achtete ihre Gebete und Sitten und
störte sie durch keine fremde Äußerung sonst vermieden wir alle das Gespräch
über Religion Mein Zustand war sonderbar dunkel und heftig ich konnte oft den
Augenblick nicht erwarten bis ich wieder bei ihr in der Stube neben dem
Spinnrade oder in der Laube saß oder sie in den Garten begleitete und die
kleinen Geschäfte des Früchtesammelns Blumenanbindens und dergleichen mit ihr
teilte Oft genügte mir doch diese stille Gegenwart nicht und ich forderte Kuss
und Umarmung ihre Schönheit ihr großer Blick aus den hellen Augen ihr
Händedruck beängstigten mich ja ich konnte wohl zuweilen meine Entfernung
beschleunigen sosehr ich auch nachher beklagte nicht in ihrer Nähe zu sein
Ich fühlte dass sie mich liebte aber von diesem sonderbaren Zauberbann von
dieser Angst und Verwirrung war sie gänzlich befreit ihr war so recht herzlich
wohl wenn ich bei ihr war ihr herrliches Gemüt und ihre schöne Ruhe forderten
nichts weiter Es tat ihr wohl mit mir über alles sprechen zu können und
mancherlei Kenntnisse und Gedanken zu sammeln die sie in ihrer Umgebung
vermisste dabei empfand sie so ihre reine Hingebung in mein Wesen dass sie
nichts vermisste Sie sagte mir oft wie glücklich sie sei seit sie mich
kennengelernt habe wie sie sich jetzt ihres Herzens und ihres Verstandes bewusst
werde und selbst ihre Religion ihr in höherm Glanz erscheine So verging der
Sommer mir in schönem Glück und freundlichen Stunden doch war es uns
aufbehalten auch Schmerz und Unlust kennenzulernen
Jener wilde Mensch der bis dahin die Rolle eines Unbesiegbaren gespielt
hatte der sich alles erlaubte und dem nur selten jemand widersprach konnte mir
mein Glück oder meine größere Stärke nicht vergeben Er hatte geschworen Rache
an mir zu nehmen und Kunigunde warnte mich oft vor ihm Der unbändige Mensch
trank viel und war im Rausche furchtbar weil er dann jede Rücksicht vergaß um
nur seiner Wut genugzutun In dieser Stimmung hatte er sich mit einem Knittel
bewaffnet um mir im Eichenwalde auf dem Fusssteige aufzulauern an einem Tage
an dem er wusste dass ich hinauskommen wollte Kunigunde war mir entgegengeeilt
damit ich ihm auf einem andern Wege entgehen könne der Wilde aber hatte sie
gesehen und ihren Vorsatz geahndet Welche Szene bot sich mir dar als ich auf
dem wohlbekannten Pfad aus dem Walde trat um den Fluss hinunterzugehn Sie rang
mit dem Wahnsinnigen der ein tierisches Gebrüll außstieß und sie in seinen
starken Armen hielt sie hatte das Tuch verloren und der blendende von mir so
heilig geachtete Busen glänzte jugendlich in dem ungewohnten Licht der Bösewicht
suchte sie nach dem Fluße zu schleppen ihre Haare flogen aufgelöst ihre
Kleider waren zerrissen sie stemmte sich besonnen seiner Übermacht entgegen
hätte aber wahrscheinlich seinen Kräften erliegen müssen Ich stürze auf ihn
los befreie sie und er in grimmiger Freude den Gegenstand seines Hasses vor
sich zu sehen fällt mich wie ein Rasender an Ich suchte seinen Schlägen
auszuweichen und endlich gelang es mir ihn zu unterlaufen und ihn fest in
meine Arme zu pressen Er biss er brüllte er wandte alles an sich loszumachen
oder mich zu verletzen Aber ich warf ihn nieder und er war so ermattet und
zerschlagen worden weil ich mich im Zorne über seine Misshandlungen völlig
vergessen hatte dass ihn zwei vorüberfahrende Fischer in ihren Kahn aufnahmen
und nach seinem Hause zu bringen versprachen
Alles dies war so schnell geschehen dass ich mich kaum hatte besinnen
können Jetzt fand ich sie auf der Anhöhe auf dem Rasen im Schatten der Bäume
sitzend wie sie bemüht war Tuch und Kleider wieder in Ordnung zu bringen Ich
hatte noch nicht gewusst wie schön sie sei und als ich jetzt zu ihren Füßen
kniete und der erste Sonnenstrahl an diesem trüben Tage durch die Wolken brach
Wald Berg und Fluss vergoldete am herrlichsten aber auf ihrem himmlischen
Gesicht erglänzte da dünkte ich mir im Paradiese zu sein
Sie sank mir mit Tränen in die Arme und indem wir uns eng umschlossen
hielten und ich alles andere vergaß wandte sie ihr lockiges Haupt ein wenig von
meinem Gesichte weg und sagte Ja ich bin dein es gibt keine Macht auf Erden
die unsere Herzen trennen könnte ich kann dir nun nicht widerstreben tue mit
mir mein Liebster was dir recht dünkt und dein Gewissen dir erlaubt ich kann
zu nichts mehr nein sagen Nur bedenke dass ich dir nie nach deinem Lande folgen
kann das wäre der Tod meiner Eltern mich in der irrgläubigen Fremde zu wissen
Du kannst und willst nicht hierbleiben wie ich von dir weiß am wenigsten aber
die Gemeinschaft meiner Kirche suchen Wir sind also für die Einrichtungen der
Welt getrennt aber in Liebe bin ich dein was dich glücklich macht vollbringe
oder lasse mein Herz soll nur die Stimme des deinigen widerhallen
Es gibt Augenblicke im Leben die seltensten wo alles verschwindet was wir
noch eben wünschten und begehrten ja wo sich alles in uns umwandelt und in
unsern Sinn wie ich es ausdrücken möchte eine Geistererscheinung steigt die
so unser Gemüt und Herz anfüllt und überfüllt dass wir fühlen als wolle es vor
Seligkeit brechen weh ist uns vor Freude und doch ist es nichts was wir
nennen könnten was uns beseligt es ist kein Besitz kein Errungenes nur die
seligste Ruhe im Aufruhr und der Vernichtung aller unserer Kräfte Dies erlebte
ich jetzt Ich wandte mein Auge in ihres und traf in einen Blick der in einer
überirdischen Wonne glänzte Ich musste weinen und konnte erst nach einiger Zeit
in diese Worte ausbrechen Geliebteste mit diesen Worten hast du mir mehr als
alles geschenkt denn auch das Höchste die innigste Gunst ist ja auch nur ein
Zeichen der Ergebung der Vereinigung ich will dich und mich nach diesem
heiligen Augenblicke nicht den Verwirrungen der Welt übergeben und vielleicht
ein dunkles Schicksal aufregen dass wir einst beide diese himmlische Minute
hassen müssten Ich begleitete sie nach Hause nahm Abschied trug ihr die
herzlichsten Grüße an ihre Eltern auf und verließ die Stadt ohne sie
wiederzusehn«
Elsheim sah den Freund mit einem langen Blicke an nach welchem sich eine
leichte Röte auf seinem Gesicht zeigte »Ich bewundere dich« sagte er endlich
»ich wäre dessen nicht fähig gewesen«
»Schätze mich nicht« sagte jener »um eine Tugend die ich nicht besaß
wäre es ein Opfer gewesen das ich hätte bringen sollen so wäre ich vielleicht
erlegen aber ich hatte nichts zu bekämpfen sondern das Gefühl dass sie mir so
ganz und unbedingt gehöre dass sie möcht ich sagen mit Seele und Körper in
meinem Herzen sei verlöschte alle Wünsche Ich kann dir nicht aussprechen wie
seltsam und wunderlich mir nach diesem Augenblick Welt und Menschen Liebe und
Sehnsucht Leib und Geist vorkamen Es war als sei ich auf eine Minute vom
Leben erwacht und als wirke in dem neuen Traum die Erinnerung der Wahrheit noch
eine Zeitlang fort«
»Ich verstehe dich nicht ganz« sagte Friedrich »manches muss man wohl
erlebt haben um es zu begreifen Es gibt aber Menschen die das was mich in
deiner Erzählung rührt nur lächerlich finden würden«
»Mögen sie doch« seufzte Leonhard »die Erde hält sie eben zu gewaltsam
fest ich bin ihnen immer aus dem Wege gegangen«
»Aufrichtig Freund« fing Elsheim wieder an »hat dich selbst niemals
dieser verlorne Augenblick gereut«
»Bin ich was anders als ein Mensch« antwortete jener »wenn aber die
Disputiersucht unserer Leidenschaften manchmal die Oberhand über mein Herz
gewann so habe ich mich nachher um so mehr verachtet«
Das Gespräch wurde hier geendigt denn der Fuhrmann der anfangs ebenso
rasch als vorsichtig gefahren war hatte sich da er die Reisenden in so
tiefsinniger Unterhaltung sah dem Schlummer ergeben und so fuhr er jetzt mit
einem Ruck an einen Prellstein dass der Wagen heftig erschüttert wurde und die
Achse zerbrach Man stieg ab der Postillion schüttelte den Kopf besah den
Wagen von allen Seiten noch mehr den Stein mit zornigen Augen fluchte und tat
nicht anders als wenn Weg Pferde Wagen und die Reisenden oder ein
unbegreifliches Verhängnis auf keinen Fall aber er selbst an diesem Ereignis
schuld wären
»Ich lasse ihn gewähren« sagte Elsheim beiseite zu unserm Freunde »ich mag
ihn in dieser Fuhrmannsreligion nicht unterbrechen Nennen doch die meisten
Menschen auch das Schicksal was sie mit einiger Achtsamkeit vermeiden konnten
und den unnützen Zorn den ich gewöhnlich bei dergleichen Gelegenheiten
wahrnehme habe ich nie begreifen können Wir hätten ihn nicht sollen
einschlafen lassen«
Der Fuhrmann band und flickte so gut es sich tun ließ und Elsheim
ermunterte ihn freundlich und half um nur den Wagen wieder von der Stelle zu
bringen »Am meisten verdriesst es mich« sagte er endlich »dass wir wenigstens
heute in dem Städtchen hier liegenbleiben müssen das mir immer unausstehlich
gewesen ist Es leben hier verschiedene Adlige und reiche Bürgerliche die in
der Einsamkeit der Provinz den langweiligsten und unerträglichsten kleinen Hof
mit einer lächerlichen Etiquette haben einrichten wollen Sie selbst sind die
Langeweile gewohnt und sie gibt ihnen eine gewisse Haltung aber ein Fremder
der unter sie gerät ist verloren weil weder Talent noch Witz noch
Geselligkeit oder wirklich feines Betragen hier Eingang findet«
Die Stadt war nicht mehr weit alle drei gingen zu Fuß und der Wagen ward
hineingeschleift den der Fuhrmann unter lautem Schimpfen in den Torweg des
Gastofes zog und gleich fortging um Stellmacher und Schmied aufzusuchen
Gleich am Tor war den Freunden ein großer Zettel aufgefallen welcher ein
Konzert auf heute ankündigte In der großen und eleganten Wirtsstube fanden sie
die Tochter des Hauses ein Mädchen von achtzehn oder neunzehn Jahren die beim
Klavier saß und eben zu spielen aufhörte nach der ersten Begrüßung gab sie
Leonhard sogleich die Einladung zum Konzert welches sie als höchst merkwürdig
rühmte »Wir freuen uns alle hier in der Stadt« beschloss sie ihre Rede »auf
den heutigen genussreichen Abend besonders diejenigen die etwas von der Musik
verstehen« Mit den letzten Worten machte sie ihr Notenbuch ernstaft zu
»Sie haben freilich hier wenig Gelegenheit Musik zu hören« sagte Elsheim
Dergleichen Virtuosen wie heute auftreten freilich nicht antwortete das
Mädchen »aber sonst sind wir nicht so ganz barbarisch als Sie vielleicht
glauben denn seit einigen Jahren herrscht ein besserer Geist hier so dass wir
uns alle bestreben mit der Zeit fortzugehen Es ist im adligen Zirkel ein
concert spirituel eingerichtet und wir haben dasselbe getan wöchentlich kommen
wir einmal zusammen und musizieren oder deklamieren ein andermal lesen wir gute
Schauspiele indem jeder eine einzelne Rolle rezitiert oder üben uns in kleinen
Aufsätzen die wir uns mitteilen«
Der Vater kam hinzu und freute sich dass seine Tochter die Fremden so
anständig unterhalte Als beide wieder hinausgegangen waren rief Elsheim aus
»Ich wette dass wir heute das elendeste Abendessen genießen müssen wenn wir es
uns nicht vielleicht beim Klavier und Mozart versüßen lassen Wie es mich immer
ärgert dass die Menschen nach und nach alle ihren Beruf verlassen und sich
dessen schämen Sahst du wohl wie unentschlossen sie war den Mägden und dem
Hausknecht zu befehlen Zu gut zur Wirtin und zu schlecht zur Dame liegt sie
unaufhörlich auf Prokrustes Bett und wird in dieser Minute schmerzhaft
verlängert und in der nächsten noch qualvoller verkürzt Es gibt nichts so
Schreckliches und was dem Menschen so alle Haltung raubt als dies verletzbare
Leben der Eitelkeit Wie freue ich mich jedesmal wenn ich noch irgendwo die
Reste der Bürgerlichkeit finde Zufrieden mit seinem Stande stolz auf seine
Arbeit und feststehend auf seiner Stelle im Leben hat ein solcher Mensch
Ehrfurcht vor dem Höhern das er nicht kennt seis vornehme Welt Religion oder
Gelehrsamkeit beneidet keinen sondern weiß dass er auch seine notwendige
Stelle füllt und am Abend ein verständiges Gespräch eine heitere Erzählung
beim Glase Wein ja Schwänke und anstössige Späße und plumper Scherz von denen
die Ergötzungsbücher unserer Vorfahren so viel und zu viel enthalten sind mir
ehrwürdig gegen dieses Aufwimmern falscher Bildung und ich kann mich wohl zu
jenen setzen wenn ich dieser verbleichten Lüge die sich nicht einmal mehr der
Unwahrheit bewusst ist auch Meilen entfliehen möchte«
»Nun bist du menschenfeindlich und kränklich verstimmt wie du mir neulich
vorwarfest« sagte Leonhard
»Ich weiß nicht« sagte jener »ob es das ist oder ob ich oder die Welt so
sehr irren Aber so wie es in alten Zeiten und selbst nahe bis an unsere
jetzigen hinan die Aufgabe aller Gesetzgeber und Religionen war die Menschen
zu mildern und zu zähmen ihnen Sanftmut Ruhe und Ergebung annehmlich zu
machen da alles nur gegeneinander tobte und sich biss und schlug so möchte
jetzt ein Lykurg nötig sein um sie nur wieder zum Leben zu zwingen sie
gegeneinander zu empören ihre Leidenschaften aufzureizen und sie bei
Verbannungs und Todesstrafe für Lustigkeit empfänglich zu machen Wo hört man
jetzt noch wie ehemals Leute auf den Tisch schlagen und ineinander
hineinjubeln und schreien Wenn sich zwei Bauerbursche einmal bei der Kirms
prügeln so möchten sie sechs Meilen rundum den Moses vom Sinai herunterrufen
um das ungeheure Wesen unter fünfzig neuen Gesetztafeln zu begraben Denn auch
bei dem Bauer der unmittelbar an der Natur wohnt und Leid und Lust aus der
ersten Hand empfangen soll möchten sie die große Cur einführen und ihm die
vornehm sittige Langweile anbilden die keine Hand mehr rührt ohne auf den
Effekt zu denken den es auswärts macht Wenn unsre Bauerweiber erst an
Nervenschwäche leiden dann steht wohl jenes gepriesene goldene Alter echter
Humanität an der Ecke lauernd auf welches wartend die Herren nun schon lange
aus dem Fenster geguckt haben«
Die Tochter kam jetzt herein mit Blumen auf dem Kopfe und übertriebenem
Putze um in das Konzert zu gehen sie verneigte sich sehr zierlich und wandelte
am Arm eines jungen Menschen der beständig auf seine seidenen Strümpfe und
Schnallen hinuntersah um zu beobachten ob alles noch in gehöriger Ordnung sei
»Wirst du nicht auch hingehen« fragte Elsheim
»Nein mein Freund« antwortete Leonhard »obgleich ich eigentlich noch
nicht weiß wie ich meine Zeit zubringen werde denn mir sind die meisten
musikalischen Unterhaltungen dieser Art so abscheulich dass ich ihnen jede
Langweile vorziehe Sie haben eine Kraft mir den Kopf zu verwirren und mich auf
lange für Geschäfte und Gedanken unfähig zu machen aber wahrlich nicht dadurch
dass sie mich zu sehr über dieses Leben erheben«
»Kindereien« unterbrach ihn der Baron »und vorzüglich heute passt deine
Furcht nicht da du Gelegenheit haben wirst einen der vorzüglichsten
Klavierspieler einen wahrhaften Virtuosen zu hören sowie die Stimme eines
ausgezeichneten Sängers Wir mögen in manchen Dingen den Alten nachstehen aber
die Wunder der Instrumentalmusik gehören ausdrücklich unserm Zeitalter an Man
soll sich nicht eigensinnig gegen das Edle und Wundervolle verschließen weil
es wie so vieles vom Haufen gemissbraucht wird und der Eitelkeit dient«
Er zog den Freund mit sich Die Versammlung war in einem geräumigen Saal
aus welchem man sogleich in den Garten kommen konnte Da es hoher Sommer war
hatte man zwar die Lichter aufgesteckt sie brannten aber noch nicht Die
Gesellschaft war schon ziemlich zahlreich vorn prangten die edleren Damen der
Stadt unter diesen ein untersetzter Mann mit einem Stern den alle mit großer
Devotion Exzellenz nannten hinter diesem saß der Bürgermeister die Hände über
den Bauch gefaltet und auf jede Bewegung des Mannes vor ihm aufmerksam der
ehemals in Diensten eines benachbarten Staates gestanden und sich hieher
zurückgezogen hatte um als der Vornehmste verehrt zu werden Elsheim
beobachtete mit Leonhard die Eintretenden Unter den Damen fehlte es nicht an
reizenden auch musste man gestehen dass die meisten die neueren Moden kannten
aber zugleich war eine gewisse Übertreibung bei allen sichtbar und eine steife
Ängstlichkeit denn jede trat mit dem Bewusstsein herein sie sei auf die rechte
Art geschmückt jede sitzende musterte sogleich kritisch die wandelnde und
verbeugende und diese betrachtete nach dem Gruß sich selbst um Vergleichungen
mit den schon anwesenden anzustellen so dass es fast scheinen konnte die feinen
und reichen Kleider führten mehr ihre Besitzer herum als dass sie von diesen
getragen würden In dieser Kunstausstellung war die Tochter des Wirtes die
abseits an einem Fenster saß denn freilich nur ein kleines Blumenstück aus der
niederländischen Schule das in der Nähe der großen Altarblätter kaum bemerkt
wurde Noch unscheinbarer verschwand ihr Begleiter der sich abwechselnd an
andere junge Leute machte laut sprach und sich zum Lachen zwang und dann mit
steifer Leichtigkeit zu seiner Dame zurückkehrte Ein Elegant näherte sich
beschützend ihrem Fenster und sie blühte sichtbar auf wechselte aber um so
auffallender mit verlegener Blässe als dieser auf einen befremdenden Blick
vornehmer Damen die hereinrauschten sich etwas zu schnell gehorchend von ihr
entfernte
»O des Elends« flüsterte Elsheim »unsre gute Adelaide Selma oder welchen
idealischen Namen sie führen mag möchte vor Neid Missbehagen und Eitelkeit
vergehen Sei wechselt im Herzen mit einer übertriebenen Ehrfurcht vor diesen
geputzten Herrschaften und einer erzwungenen Verachtung aller höheren Stände sie
schämt sich ihres Daseins und im Ringen dieser Verzweiflung wird die Musenkunst
umsonst der matten Seele aufhelfen wollen Wie wenn sie nun daheim wie ihre
guten Voreltern behaglich bei der Insel Felsenburg säße oder beim lustigen
Besuch von Verwandten und Bürgermädchen jene alten Lieder singend oder sich in
wohlgemutem Tanze umschwenkend mit Dirnen flüsternd und dem Liebsten winkend
wie höher würden ihre Lebenspulse schlagen« Er verließ die Mitte des Saales
und setzte sich vertraulich schwatzend zu der Verlassenen was einige der Damen
als ein Wunder bestaunten und dann verhöhnten die ihm wegen seines Kreuzes
schon unter den vordersten Sesseln einen Platz zugedacht hatten
Leonhard stand im Haufen neben zwei Männern die schon seine und die
Aufmerksamkeit vieler in der Gesellschaft auf sich gezogen hatten Sie fielen
auf da sie in gelblichen Überröcken und bestaubten Stiefeln nicht nur die
Fremden sondern selbst Kosmopoliten etwas zu gleichgültig darstellten die den
Putz der übrigen Gesellschaft sowie die ängstlich feinen Sitten nicht
beachteten oder vielmehr geringschätzten denn anstatt sich im Hintergrunde
bescheiden und still zu verhalten waren sie gleich vorgedrungen und hatten das
große Wort geführt indem sie nach den Virtuosen der Stunde des Anfangs und
dergleichen die vornehmsten Nachbaren rechts und links ohne Unterschied gefragt
hatten Der Minister hatte sich bei dem Geräusch erhoben sie mit kurzem Blick
gemustert und sich ernst wieder niedergesetzt und der Bürgermeister von diesem
stillen Missfallen belehrt hatte durch einen Bekannten den anstössigen Fremden
eine gedruckte Ankündigung des Konzerts übersandt um dem zu lauten Schwatzen
und Fragen nur ein Ende zu machen Jetzt aber nahmen diese den Zettel und lasen
ihn nicht nur laut ab sondern kritisierten auch unter Lachen und Spott jedes
Wort »Ist es nicht zu arg« fing der eine an der weil er blond war ein etwas
sanfteres Ansehen hatte »dass in Deutschland Menschen die sich für Virtuosen
ausgeben nicht eine Zeile richtig in ihrer Muttersprache schreiben können«
»Weil sie« erwiderte der Braune dem dicke schwarze Haare tief in seine dunklen
Augen hingen »in Faulheit nichts lernen und genug zu tun glauben wenn sie die
Finger behende rühren können« »Und solches Volk« fing der andere wieder an
»will einen solchen Zirkel gebildeter und feiner Menschen wie ich hier
versammelt sehe nicht nur unterhalten sondern ihren Geist erheben und alle zu
den höchsten Genüssen der Entzückung und Andacht stimmen da sie selbst wie der
gemeine Mann zu sagen pflegt weder lesen noch beten können«
Bei diesem lauten Gespräche waren die Damen enger zusammengerückt um sich
so viel als möglich von der verdächtigen Nähe zu entfernen der untersetzte
Minister hätte gern alles ignoriert wenn man nicht zu laut gesprochen hätte er
flüsterte daher seiner Umgebung von rohen und gemeinen Menschen zu und der noch
dickere Bürgermeister erhob sich um den Fremden einen drohenden Blick zu
senden
»Sehen Sie nur mein Freund« fing der Schwarzköpfige wieder an »wie
unruhig die verehrungswürdige Gesellschaft schon wird alles sieht umher kein
Mensch kann begreifen wo die Kerle nur bleiben die gewiss wo in einem Weinhause
sitzen und doch steht hier der Anfang präzise um sechs Uhr aber die dummen
Teufel glauben gewiss präzise heißt auf deutsch eine Stunde nachher Und doch
sollten sie ja eilen die armen Schlucker um so viel als möglich Wachslichter
zu sparen«
Der andre sagte hierauf mit verhaltnem Zorn »Wir müssen hier alle wie die
Narren warten als wenn wir nicht mehr zu tun hätten mich gereut schon mein
gutes Geld das ich den Windbeuteln draußen habe erlegen müssen«
»Wer mag nur der Krüppel sein« sagte der Schwarzäugige »der so genau
unsere Taler besah als wenn wir falsche Münzer wären Wohl gar das gute Schaf
von Komponisten selbst der dem Gelde die Stimme probiert ob es den gehörigen
Diskant singt«
»Meine Herren die ich nicht zu titulieren weiß da ich nicht die Ehre ihrer
Bekanntschaft habe« fing hierauf der Bürgermeister der sich nicht länger
halten konnte fast stotternd vor Ärger an »der brave Mann der Ihnen die
Billette gegeben hat ist unser Kassierer vom Ratause der sich aus reiner
Liebe zur Kunst und um die beste Ordnung zu erhalten diesem Geschäfte
unterzogen hat Man muss ihm dafür danken und er ist nichts weniger als ein
Krüppel Ich habe die Ehre hier Bürgermeister zu sein und ich sowohl wie der
ganze Magistrat können einen solchen Ausdruck übel empfinden«
»Wir wollen ihm nicht weiter zu nahe treten« sagte der Schwarze »aber über
die Schlingel von Musikanten dürfen wir uns doch ärgern die für ihr Geld das
sie uns ablocken die Stunde nicht besser in acht nehmen Wir haben mehr zu tun
als hier zu warten«
Lange hatten die Damen schon gezischelt um die ungezogenen Fremden war ein
leerer Raum entstanden und mit einer Protektionsmiene gegen seine Umgebung da
der Bürgermeister das Eis schon gebrochen hatte erhob sich nun der Mann mit dem
Sterne und sagte »Es scheint Ihnen zu entgehen meine Herren vielleicht weil
Sie bisher nur wenige Gesellschaft frequentiert haben in welcher man sich etwas
genieren muss dass Sie diese Damen und uns alle mit beleidigen indem Sie so ohne
Rücksicht auf die beiden Künstler schelten die heute unsere Stadt beglücken
wollen Der Ruhm dieser Männer ist über jede Lästerung erhaben und da Sie weder
warten wollen noch auch Kenner und Freunde der Musik zu sein scheinen so war
Ihre Bemühung in diesen Saal ein kleiner Irrtum«
»Es sind halt doch nur Musikanten« rief der Blonde unwillig aus »und wenn
ich nicht die Ehre hätte mein Herr Baron oder Graf dadurch mit Ihnen in
Gespräch und Bekanntschaft zu geraten so würde ich glauben dass alles was Sie
sagen diese nachlässigen Menschen zu entschuldigen unpassend sei«
»Ja wohl« rief sein Gefährte mit mehr Ungestüm »für unser Geld sind wir
hier die ganze Gesellschaft hier in Ehren und ich mache jedem mein Kompliment
aber die Musikanten denn wir sind doch hier alle gleich erkläre ich für wahre
Taugenichtse«
»Und der Herr Graf von hat uns hier nichts zu befehlen und wir können es
sehr übelnehmen dass er uns zu verstehen gibt wir wären hier nicht an unserer
Stelle ja uns gleichsam die Türe weiset« fuhr sein Begleiter fort
»Es ist unter mir« sagte der angesehene Mann unwillig und setzte sich sehr
heftig nieder »mit Menschen zu sprechen die nur der schlechten Gesellschaft
gewohnt sind«
»Gesellschaft ist Gesellschaft« riefen die Fremden »vollends wenn man
bezahlt und dies Betragen schickt sich nicht«
So fuhren sie fort laut zu schelten auf die Umgebung auf die Art mit ihnen
zu sprechen vorzüglich aber über die Verzögerung des Konzertes aus welchem
nichts würde und das sie gern genossen hätten da sie doch vielleicht die
einzigen wahren Kenner in dem kleinen unbedeutenden Orte wären so dass man umher
murmelte schalt sie drängte von Ungezogenheit und Pöbel sprach indessen sie
sich mit Gewalt Platz zu machen suchten und bald mit Zorn bald mit Lachen
antworteten bis sich endlich der Bürgermeister der indessen mit seinem Gönner
heimlich gesprochen hatte in aller Würde erhob und laut sagte »Meine Herren
Sie mögen Kenntnisse besitzen oder nicht so muss ich jetzt das deutlich
wiederholen was Sr Exzellenz aus übertriebener Gute und Humanität Ihnen nur zu
verstehen gegeben hat sich nämlich aus diesem Zirkel zu entfernen der offenbar
nicht mit Ihrer Art und Weise sympatisieren kann«
»Herr Bürgermeister denn der sind Sie wie ich höre« sagte der
blondhaarige Fremde »Sie wollen also zwei Leute die Sie nicht kennen zweien
musikalischen Vagabunden aufopfern denn derentwegen ist ja nur unser Streit
ich sehe aber gar nicht ein wie Sie das Recht haben uns mit solchen recht
empfindlichen Reden von hier zu entfernen«
»Ohne Umstände« rief ein alter Hauptmann der sich dienstfertig
herbeigemacht hatte um auch als ein Vorsteher der Stadt seine Rolle zu spielen
»Sie machen sich davon oder man wird Ihnen etwas anderes zeigen«
Im Eifer fasste er den Schwarzkopf derb an der ohne auf seine Würde zu
achten ihn so kräftig zurückstiess dass der Offizier gegen ein paar junge Herren
flog und der Puder seiner Frisur den halben Saal anfüllte »Wache« rief der
Hauptmann »Man ist seines Lebens nicht sicher« schrien die Damen »Das ist ein
Skandal« ächzte der Bürgermeister Bei dem Getümmel war der Kassierer
herbeigekommen und diesem wurde von dem besternten Manne dem alles Platz
machte die Weisung gegeben Wache herbeizuschaffen die die Friedensstörer und
Arrestanten denn das verdienten sie zu sein abführen könnte
»Wenn es denn Ernst ist« sagte der Fremde mit den blonden Haaren »so
müssen wir uns wohl dareinfinden aber es ist doch hart dass wir unser gutes
Geld darüber einbüßen sollen«
»Hier mein Herr« sagte der kleine Kassierer »empfangen Sie Ihre zwei
Taler zurück denn die berühmten großen Virtuosen werden lieber die Gesellschaft
nach Ohren als nach Talern zählen«
»In die Wache« fragte der Schwarzgelockte »So ist Ihr Schicksal«
antwortete der Hauptmann »Woraus besteht diese« »Für jetzt aus Invaliden
aber künftigen Winter bekommen wir wieder wirkliches Militär« »Gut« rief
jener »so hör ich auf der Wachstube vielleicht alte edle Volkslieder oder
biedre Liebesgesänge und kann dem musikalischen Charivari hier mit gutem
Gewissen den Rücken wenden Wir weichen der Gewalt Aber wie ist man doch in
diesem kleinen traurigen Städtchen noch zurück Wie ist man doch in den Winkeln
der Provinz so gar nicht mit dem Geiste der Zeit fortgeschritten Wir arretiert
zu Invaliden geschickt weil wir aus Enthusiasmus die Künstler verwünschen die
uns den Genuss ihrer Kunst so lange vorenthalten Diese beklagenswürdige Barbarei
verdient dass Sie alle hier nie einen guten Sänger oder Komponisten hören dass
Sie heut umsonst und vergeblich auf jene Tausendkünstler warten die uns diesen
Verdruss zuziehen dass Sie immer in der barbarischen Dunkelheit und dem
skytischen Nebel verharren denn Orpheus selbst würde hier alle seine
Harmonieen vergeblich anwenden« Das letzte sagten sie schon draußen teils
fortgedrängt und abgeführt und teils freiwillig den Saal verlassend »Meine
Damen und Herren« sagte hierauf der Mann mit dem Sterne in großer Bewegung
»ich nehme Sie alle zu Zeugen dass es keinesweges Barbarei oder Mangel an
Humanität ist was uns zu diesem Betragen gegen diese fremden Gesellen gezwungen
hat auch ist der Vorwurf dieser Ruhestörer gewiss ebenso ungegründet dass wir
zurückgeblieben und mit der Zeit nicht fortgeschritten wären Geschähe in allen
Teilen des deutschen Reiches für Kunst und Bildung so viel wie in diesen
friedlichen Gegenden so würden wir bald noch schönere Früchte gewahr werden
dies unbestochene Zeugnis war ich dieser Stadt und Ihnen schuldig«
Alle verneigten sich am tiefsten der Bürgermeister Die gewöhnliche ruhige
Verfassung einer Gesellschaft die Musik erwartet hatte hatte sich völlig
aufgelöst denn dieser Vorfall war zu außerordentlich um nicht allen Zuhörern
eine ungewöhnliche Stimmung zu geben selbst die akkompagnierenden Musiker ja
sogar die Lichterputzer hatten sich unter die Gesellschaft des Saales gemischt
um zu hören oder zu erzählen Meinungen zu vernehmen oder Vermutungen
mitzuteilen So meinten einige die unruhigen Fremden wären Bauern und
Holzhändler von dem nicht zu entfernten großen Strome die auch einmal ein
geistiges Vergnügen an sich hätten versuchen wollen und daran gescheitert wären
einige wollten Matrosen in ihnen erkennen und andere waren noch unbilliger und
hatten in ihnen Mitglieder einer Räuberbande entdeckt die damals im südlichen
Deutschland viel von sich sprechen machte Nur nach und nach beruhigte sich das
tobende Meer und man hatte im Eifer der Verhandlung nicht bemerkt dass es
darüber in der Tat schon spät geworden sei dass es schon dämmerte und dass der
Fluch der Fremden in Erfüllung zu gehen drohe
Die Ruhe und das feinere Gespräch hatte sich indessen wieder hergestellt
als man wegen der Dunkelheit gezwungen war die Lichter anzuzünden und nun fiel
es der Gesellschaft vorzüglich den Damen auf wie lange sie schon vergeblich
gewartet hatten Einige der Herren die spazierengegangen waren kamen auch aus
dem Garten zurück und wunderten sich dass die Sache noch immer nicht
vorgeschritten war am ungeduldigsten aber waren die begleitenden Musiker
welche laut murrten und wegzugehen drohten In dieser Verfassung zog der
Bürgermeister Nachrichten ein und es ergab sich dass keiner im Saale wusste wo
die Virtuosen abgestiegen waren dass keiner sie noch gesehen denn sie hatten
nur schriftlich um die Erlaubnis nachgesucht und da sehr viele schon längst
ihre Augen auf den unbefangenen heitern Elsheim geworfen hatten der obgleich
ein Edelmann das Ärgernis gegeben sich zur Tochter des Gastwirtes zu setzen
und sie zu unterhalten noch mehr aber dadurch dass er bei dem lauten Streite
gelacht und gewissermaßen die Partei der Fremden genommen hatte sich auch jetzt
unverhohlen freute dass man so spaßhaft und trocken wieder auseinandergehen
müsse so fand der Einfall eines witzigen Kopfes sogleich den größten Beifall
dass dieser fremde junge Herr vielleicht die Bitte um Erlaubnis geschrieben dann
die Ankündigungen habe drucken lassen und dann selbst angekommen sei um die
Verwirrung und den Verdruss der Kunstfreunde schadenfroh zu genießen
Diese Meinung lief bald durch den ganzen Saal alles erhob sich um
verachtende oder zornige Blicke auf den Unschuldigen zu werfen es schien als
wolle man einen Sprecher wählen der die Vorwürfe der beleidigten Versammlung in
einer lauten Rede vortragen solle und Leonhard fing an um seinen Freund
dessen heftige Reizbarkeit er kannte besorgt zu werden als man einen Invaliden
sich eifrig durch den Saal drängen sah der den Hauptmann aufsuchte um ihm
etwas in das Ohr zu raunen Der Hauptmann sah mit einer sehr wichtigen Miene
empor schüttelte den Kopf winkte dem Bürgermeister und begab sich mit
feierlichem Anstande zu diesem Nachdem beide eine Weile leise miteinander
gesprochen nahm mit einem tiefen Seufzer der Amtsbürde und mit hoher Röte der
Bürgermeister Hut und Stock und sagte »Ew Exzellenz und meine Damen und Herren
verzeihen wenn ich mich auf einige Zeit entferne die beiden Arrestanten lassen
mich dringend und eilig auf die Hauptwache zitieren indem sie mir sehr wichtige
und notwendige Dinge in großer Eile zu eröffnen hätten Vielleicht ist dies für
unsere Stadt ein hochwichtiger Tag denn mir ahndet dass Entdeckungen unterwegs
sind die wohl zum Glück des ganzen Landes gereichen mögen«
Ein Beifallsmurmeln begleitete den Patrioten die größte Neugier und
Spannung hatte sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt es schien nun vorzüglich
den Damen ausgemacht die Gefangenen könnten nur Mörder und Strassenräuber sein
und gewiss die Anführer der Bande denen das Gewissen plötzlich erwacht sei um
die ausserordentlichsten Entdeckungen zu machen Die Scharfsinnigsten hielten
zugleich ein wachsames Auge auf Leonhard und Elsheim damit diese sich nicht
unvermerkt entfernen könnten und man sprach laut von Verkleidungen und
vielfältigen Masken unter denen sich so oft die größten Bösewichter unkenntlich
in die beste Gesellschaft zu schleichen suchten Diejenigen die in der
Literatur der Räuberromane bewandert waren führten davon merkwürdige Beispiele
an und einige von den Mädchen rückten näher aneinander sahen scheu nach der
Tür oder auf Leonhard und Elsheim in der bangen Erwartung dass plötzlich ein
grauses Wunder unter dem Signal von Pistolenschüssen sich entwickeln oder die
Befreiung der Gefangenen unter Aufruhr und Brand erfolgen werde Die Tochter des
Bürgermeisters weinte unverhohlen Tränen weil sie ihren Vater schon verloren
gab als dieser zur Befriedigung ihrer und aller keuchend zurückkam und mit
verdrüsslichem Kopfschütteln alle stummen und lauten Frager die sich an ihn
drängten zurückwies bis er wieder zu seinem Sitze gelangt war »Exzellenz«
stotterte er »es war ungegründet aber die Musik wird vor sich gehen«
Und zugleich traten zum allgemeinen Staunen durch die Tür gegenüber zwischen
Notenpulte und Musiker mit etwas veränderter Kleidung die beiden arretierten
Fremden herein näherten sich anständig der vorderen Reihe der Zuhörer und
wollten eine Entschuldigung stammeln doch ließ sie die Ausrufungen der
Verwunderung das Aufstehen das Fragen und Sprechen der Zuhörer untereinander
nicht zu Worte kommen und Elsheim der jetzt wieder unter den vorderen stand
sich an der Verlegenheit der Gesellschaft und der Schadenfreude der Virtuosen
ergötzend fing laut an zu applaudieren und alle die beim Erscheinen von
Künstlern dieses Geräusch zu erregen schon gewohnt waren folgten ihm nach so
dass ein lautes Beifallklatschen wie ein durchbrechender Strom alle anderen Töne
in sich aufnahm und verschlang indessen nur der Graf mit hoher Röte vor sich
niedersah und beschämt und missbilligend das Haupt schüttelte Da dies die
bemerkten die ihm am nächsten waren so hörten sie auf und so verlor sich das
Applaudieren wieder decrescendo welches Elsheim einsam endigen musste indem
sich jeder zugleich besann wie unpassend man hier den Beifall Leuten erteilte
die jedermann nicht auf die feinste Art zum besten gehabt hatten
Eine der schönsten Symphonieen erhob sich jetzt mit ihrem Flügelschlage und
nahm alle Empfindungen mit sich dann spielte der blonde Virtuose ein
Klavierkonzert mit einer Fertigkeit und einem Ausdruck wie man es dort noch
nicht gehört hatte der Sänger eine Bassstimme sang unvergleichlich und man
wechselte noch mit einigen Musikstücken die allgemeinen Beifall verdienten und
das Publikum in der Tat entzückten doch schämte man sich seinen Beifall zu
bezeigen und hörte alles stillschweigend an
Es war spät geworden ehe die musikalische Unterhaltung beendigt war der
kleine Kassierer der das empfindlichste Gemüt haben mochte war schon lange vor
dem Schluße nach Hause gegangen nachdem er durch einen Violinisten den
Reisenden die Einnahme übersandt hatte Diese bezahlten sehr freigebig die
begleitenden Instrumente die Gesellschaft ging selbst nicht wissend ob ihre
Zufriedenheit oder ihr Missvergnügen überwiege auseinander und Elsheim bat die
Fremden mit ihm in seinem Gasthofe zu essen die seine Einladung auch mit
heiterer Gleichgültigkeit annahmen
Der Wirt hatte von seiner Tochter schon das Abenteuer vernommen und er ging
den Fremden mit einem Gefühl aus Bewunderung und einem gewissen Entsetzen
gemischt entgegen dass sie es gewagt hatten die Häupter der Stadt die ihm die
der Welt waren zu närren und sie doch zugleich die berühmten großen Virtuosen
waren die zu solchem Wagestück den kecken Mut in sich hatten finden können Die
Tafel ward bereitet und die gebildete Tochter sowie der Wirt selbst mussten auf
Elsheims Ersuchen Platz daran nehmen bei welcher der gute Wein das
vorzüglichste Gericht ausmachte weil die Speisen in der Tat schlecht zubereitet
waren
Als der Wein heiter und vertraulich gemacht hatte erzählte der Komponist
wie sie dem Bürgermeister entdeckt hätten dass man sie wenn das Konzert noch
zustande kommen solle frei machen müsse und wie dieser ihnen nur Glauben
beigemessen habe als sie Briefe vorgewiesen die an sie gerichtet gewesen
»Wie kamen Sie nur auf diesen sonderbaren Einfall« fragte Elsheim
»Man hört ja« erwiderte der Komponist »von Künstlern erzählen die aus
entusiastischer Zerstreuung während des Spieles vom Instrument aufgesprungen
sind um aus der Ferne die Wirkung ihrer eigenen Musik zu erfahren und so kamen
wir neulich auf den Gedanken dies hier in dem kleinen Städtchen auf eine
ähnliche Art versuchen zu wollen ob wir uns gleich den Ausgang des Abenteuers
nicht so gedacht hatten«
»Mich wundert« sagte Leonhard »dass Sie nicht verlegen waren ich hätte um
alles nicht Ihre Rolle durchführen mögen«
»Sie sind auch wahrscheinlich kein Schauspieler« antwortete der
dunkelhaarige Bassist »mir wurde erst etwas beklommen als das unmässige
Applaudieren entstand und gewiss man hätte uns nicht mehr beschämen und
bestrafen können als wenn dieser laute Beifall sich wiederholt bei jedem
Musikstücke hätte hören lassen«
»Sie müssen freilich« fiel der Wirt ein »in Ihrem Stande mehr abgehärtet
sein als andere Menschen denn es kommen wohl oft Fälle vor in denen Sie Ihre
ganze Fassung nötig haben«
Der Sänger sah hierauf den vorlauten Wirt mit einem Blicke an wie ihn ein
siegesstolzer Student etwa einem sogenannten Philister zuwirft wenn dieser über
Händel oder DuellAngelegenheiten sein Wort abgeben will Ohne den Wirt zu
berücksichtigen richtete der Schauspieler seine Worte wieder an den Edelmann
indem er so fortfuhr »Es ist wahr wer es in unserm Stande nicht lernt Fassung
zu gewinnen unvermuteten Störungen oder Kabalen und Grobheiten mit einer
gewissen festen Unverschämtheit entgegenzutreten der wird diese Tugenden
niemals erringen Mir und meinem Freunde hier ist aber das Talent angeboren mit
dergleichen Fährlichkeiten zu spielen sie aufzusuchen und im wildesten Sturm
und Drang den Kopf niemals zu verlieren«
Elsheim erwiderte »Ich kann mich wohl wenn ich es näher überlege in Ihre
Stimmung hineindenken Geht es einem beim Reiten wenn man ein wildes Pferd
versucht doch auf ähnliche Art Indem man alle Kunst mit Bewusstsein anwendet
gerät man doch zugleich in einen Taumel und so wilde Unbesonnenheit dass man
sich der Gefahr erfreut und vielleicht das wilde trotzige Ross nur durch diese
Vereinigung von Tollheit und Vernunft gebändigt wird Noch öfter tritt dieser
lüsterne Zustand beim Fahren ein wenn wir etwa vier kräftige Hengste regieren
sollen Es erwacht ein Heldensinn in diesem Taumel und der Mensch ist nahe
daran die Gefahr herauszufordern Vielleicht dass wem von diesem verlockenden
Reize gar nichts beiwohnt ein solcher nie etwas Großes tun kann er müsste denn
wie Fabius der Zauderer durch seine unerschütterliche Kälte Verderben und
Gefahr von sich und den Seinigen abwenden Wie heroisch braucht Egmont dies als
Gleichnis um seinen Lebenslauf zu bezeichnen Wie von unsichtbaren Geistern
gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen
durch und uns bleibt nichts als mutig gefasst die Zügel festzuhalten und bald
rechts bald links vom Steine hier vom Sturze da die Räder wegzulenken Wohin
es geht wer weiß es Erinnert man sich doch kaum woher er kam«
»Geehrter Herr« sagte der Klavierspieler »alles Talent ist nur auf diesem
Wege möglich Noch keiner hat das Wunder was mit diesem Worte ausgesprochen
ist erklären oder nur begreifen können Das ist ja das Rätsel wie sich in uns
der Zustand den wir unser Bewusstsein nennen so innigst mit seinem
anscheinenden Widerspruch dem Nichtbewusstsein vermählen kann und aus dieser
Vereinigung erst unser höchstes seelenvollstes Leben hervorgehen muss Ich habe
mehr als einmal einer Anzahl trefflicher Sänger akkompagnieren müssen
plötzlich unvorbereitet nach einer Partitur einer Oper die mir noch niemals
vorgekommen war und mein Auge und Sinn fand sich so schnell und sicher in
dieser schwierigen Aufgabe zurecht dass alles gelang und dieses tollkühne
Improvisieren zu den genussreichsten Stunden meines Lebens gehört«
»Wie oft« fiel der Sänger ein »habe ich etwas ähnlich Halsbrechendes
unternommen die schwierigsten mir fremden Sachen vom Blatte zu singen Es ist
eine Energie in uns eine Allgegenwart des Geistes eine Gabe der Prophezeiung
die nur alsdann hervortritt Und sonderbar wenn diese Zustände des
Seelenrausches vorüber sind bemerken wir dass auch alles Zeitmass in uns
aufgehört hat denn wir wüssten nicht zu sagen wie viele Stunden uns in dieser
Anstrengung verschwunden sind weil sie uns nur wie Augenblicke erschienen«
»Ebenso ist es aber auch« fiel Leonhard bescheiden ein »wenn wir ein
Kunstwerk genießen und wahrhaft verstehen Die knechtische Abhängigkeit von der
Zeit verschwindet alsdann jedesmal«
Die beiden übermütigen Künstler hatten sich bis jetzt nur wenig um den
jungen Meister gekümmert sie sahen ihn jetzt mit großen Augen an und suchten an
seinen Blicken zu erforschen ob er ebenfalls zu ihrer Zunft gehöre oder
vielleicht Maler oder Dichter sei Doch Leonhard schlug seine Augen nieder und
schien es zu bereuen dass er an diesem verwegenen Gespräche teilgenommen hatte
sein Freund aber nahm das Wort auf und bemerkte »Wenn es also wahr sein mag
dass dieser unbeschreibbare Doppelzustand zu unsern allerbesten Lebensäusserungen
gehört sei es um zu genießen oder hervorzubringen so dürfte die Frage sehr
wichtig sein wie weit man nun um jener höheren Kraft Raum zu geben Bewusstsein
und Nüchternheit einengen und wieviel Herrschaft jene bacchische Begeisterung
ausüben dürfe«
»Dafür oder dagegen« rief der Sänger heftig aus »kann und darf es keine
Gesetze geben Soll das Gebet aus jener Nüchternheit hervorgehen die ja eben
durch den Gott vernichtet werden soll Glauben Sie mir alle großen Genien der
Menschheit seien es Helden Dichter oder Künstler haben ihre Schöpfungen nur
von diesem Taumel erst angerührt und dann beherrscht hervorbringen können
Welche unbändigen Höllengeister waren es denn mit lichten Engeln geschart die
unser Mozart vor seinen Siegeswagen spannte um ein zweiter Dionysos seinen
Triumphzug nach dem fernen gottgeweihten Indien dem Land der Fabel und der
Poesie zu feiern von tanzenden Nymphen gaukelnden Amoretten lächerlichen
Faunen rasenden Mänaden und selig liebenden ewig trunkenen Lieblingen der
Aphrodite und des Eros begleitet So stürmt sein Don Juan sein siegprangendes
Meisterwerk dahin In dieser heiligen Raserei haben alle Genien gedichtet und
erschaffen Ja erschaffen wie der Herr aus dem Nichts Dies ist das Unbewusste
der Schlaf der Tod in uns wie es die blöden Menschenkinder nennen Hier ist
das Zeughaus der Phantasie die geheimnisvolle Werkstätte des unsterblichen
Geistes Wer hier das pflegt und nährt was späterhin als Gedanke Ton Bild und
Gedicht in die Schöpfung heraustreten soll wer kann diese Ammen nennen oder
bezeichnen Was ist dieses Nichts dieses unbekannte Unerkannte dieses
Namenlose aus dem aller Glanz und alle Kraft sich entwickelt O ihr Törichten
die ihr euer Leben damit zubringt immer Unterschiede zu entdecken und diesen
mit nüchterner Weisheit einen Taufnamen zu geben Stürzt euch ihr von den Musen
Begabten von der Gottheit Begeisterten ohne zu forschen und zu zweifeln in den
Strom des bewegten Lebens opfert wie es das Geheimnis fordert eure Vernunft
und Nüchternheit die Ordnung und Sitte jenen unterirdischen Geistern und
Dämonen die wenn ihr dieses Entschlusses nicht fähig seid euch sonst die
Schönheit selbst entreißen mit eurem Herzblut wie Vampiren die Begeisterung
wegzechen so dass ihr nach kurzem Taumel zu Qualm des Ekels und der altklugen
Langweile erwacht Der Weinrausch ist ein Symbol dieses göttlich begeisterten
Lebens in der Wollust spricht mit Entzücken und Wahnsinn jener Tod uns an der
das echte Leben ist hohnlachend und in süssester Wehmut wird hier jenes
Bewusstsein begraben das die meisten Menschen für das Leben halten Wer sich
also als echter Künstler dem Taumel weiht der darf nicht rechts nicht links
nicht rückwärts schauen nur vor ihm liegt die Bahn und Glück Gefahr und Leben
und Tod sind eins«
Auf einen stillen bedeutsamen Wink des Wirtes hatte die junge Tochter das
Zimmer schon verlassen weil es dem Vater wohl unziemlich dünken mochte dass ein
weibliches Wesen diese wunderlichen Lebensregeln mit anhören sollte Leonhard
sagte nach einer kleinen Pause »Aber meine Herren Sebastian Bach Gluck
Palestrina «
»Still« entgegnete der Sänger »ich weiß wo Sie hinauswollen Ausnahmen
gibt es und wer weiß man soll den alten Bach unsern Vater und Meister
nicht lästern aber jener stürmische Geist ging ihm wohl ab der unsere neue
Kunstwelt treibt Und Palestrina wir wissen so wenig von ihm aber erzählte
er nicht dass er die eine seiner berühmtesten Kompositionen Note für Note
vollständig von einer Schar von Engeln vernommen und die überirdische selige
Musik nur als mechanischer Kopist niedergeschrieben habe In der Musik strömt
ein Geist der stärker als in allen anderen Künsten ihren Bekenner der
Besonnenheit entebt Der Sänger mehr fast noch der Virtuos eines Instrumentes
der Kapellmeister wie der Komponist alle leben dem Augenblick ohne an morgen
zu denken Der Genuss der Kunst so gut wie des Weins und der Liebe reißt sie
über Zeit Sorge und Ordnung hinweg denn in keiner andern Kunst ist das
unmittelbare Gelingen das Improvisieren so notwendig Maler Dichter und
Bildhauer mögen sich bedenken wenn der Musiker es wollte so wäre der
auflodernde Augenblick schon entflogen Der Grübler nun gar müsste auf
lächerliche Weise zuschanden werden Darum meine ich muss man in der
sogenannten Moral auch beim Musiker einen ganz andern Maßstab anlegen wenn der
Sittenprediger nicht gegen ihn ungerecht ja grausam werden soll Mozart steht
höher als seine Sittenrichter«
Der musikalische Freund bekräftigte alles und so nachdem man noch manche
paradoxe Sätze ausgesprochen die den munteren Elsheim sehr ergötzten begaben
sich alle auf ihr Lager als der Morgen schon graute
In der heitern Landschaft fühlte sich Leonhard wieder frei und wurde
fröhlich Elsheim hatte die Verstimmung wohl bemerkt die seinen Freund am Abend
quälte und sagte jetzt nachdem sie lange stumm nebeneinander gesessen hatten
»Warum Freund bist du oft so schwerfällig und widerstrebst der Laune die mich
mit sich nimmt Man kann nicht immer weise sein und dein Gemüt ist selbst oft
zur Fröhlichkeit gestimmt ja ich habe selbst gesehen wie Albernheiten und
Kinderein dich ergötzen können«
»Schilt mich nur« antwortete Leonhard »denn freilich ist es wohl eine
Anlage zur Pedanterie die mich in manchen Stunden so missmütig und mürrisch
macht Der ganze gestrige Tag war mir nicht recht Dass der Wagen zerbrach
machte mich erst ganz verdrießlich Nun gar das verwünschte Konzert Ich begriff
deine ausgelassene Heiterkeit nicht Das ganze Wesen Zuhörer Vornehme
Bürgermeister Männer Frauen und Mädchen alles war melancholisch Diese
Ungezogenheit der Musiker war wunderlich genug aber auch dieser Vorfall konnte
mich nicht ergötzen Wir haben uns mit den andern närren lassen weil wir eben
nichts Besseres zu tun hatten Und das mag wohl oft auch im Leben der bessern
Menschen eintreten dass solche Lückenbüsser und Ausgeburten der Langeweile für
Ergötzung gelten müssen Es sind die Butterküchlein aus Wasser der Schildbürger
Und nun gar das HymnenGespräch am Abend bei den schlechten Speisen Die haben
mir erst Magen und Geist verdorben«
»Ei du Allerweltskrittler« rief Elsheim überlaut und erhob sich vor
Erstaunen etwas vom Sitze um seinem Freunde in die Augen sehen zu können »
das ist mir denn doch neu dass diese erquicklichen gedachten und phantasierten
Gespräche dir auch zuwider sein können Mir haben sie so sehr gefallen dass ich
die beiden landstreichenden Musiker dringend auf mein Schloss eingeladen habe
und ich hoffe dass sie recht bald dort als mir sehr liebe Gäste erscheinen
werden«
»In dein Wesen« sagte Leonhard etwas empfindlich »mag diese übertriebene
Genialität nicht so zerstörend hineinreissen wie in meine Brust Erinnerst du
dich denn nicht dass mir dergleichen von früher Jugend zuwider war und ich es
immer zu bekämpfen suchte«
»O ja« sagte Elsheim »und oft mit einer andern Genialität sogar die
manchen Nüchternen wohl auch erschrecken durfte Weiß ich doch dass der eine
unserer Lehrer dich oft mit seltsamer Scheu als wärest du ein Gottloser
betrachtete«
»Lassen wir das« unterbrach ihn Leonhard »es ist gar zu betrübt dass sich
so oft selbst die allernächsten Freunde in den wichtigsten Angelegenheiten nicht
verstehen«
»Besonders« sagte der Edelmann »wenn der eine oder der andere von einer
Stimmung regiert wird und dieser zu viel nachgibt Stimmungen können niemals
über Gedanken und Ansichten ein richtiges Urteil fällen«
»Diese Stimmungen aber« widersprach der Freund eifernd »wenn sie nicht
Grillen und eigensinnige Launen sind entspringen ja nur aus dem wahren
Charakter und der Tiefe des Gemüts sie sind es ja die der Mensch nicht
vernichten kann und soll denn sie sind der Boden in welchem Überzeugung Tat
und Leben aufwachsen«
»Nun meinetwegen« sagte der Baron »so sprich denn aus was dich quält oder
stört denn freilich zu viel sollen wir auch nicht an uns selber mäkeln oder
uns das peinvoll abgewöhnen was mit unserm innersten Selbst verwachsen ist und
wodurch wir erst Individuen werden«
»Liebster Friedrich« sagte der junge Meister jetzt ganz weich »alles was
uns reizt belehrt fördert und begeistert ist immer nur unter Bedingungen und
bis zu einer gewissen Grenze hin wahr überschreite ich beide so wird das Beste
nur Torheit und die höchste Weisheit Wahnsinn Deshalb ist die
Konsequenzmacherei zu fürchten der logische Zwang der uns so oft veranlasst
alle Lücken zu überspringen oder nicht zu erkennen die zwischen den Wahrheiten
liegen oder die geistige unsichtbare Scheidelinie zu überschreiten auf
welcher unser Geist in den eigentlichen tiefsinnigen Untersuchungen wandeln muss
wenn er nicht immer wieder aus dem Wahren und Unsichtbaren in die rohe Materie
oder die abergläubige Schwärmerei stürzen soll«
»Ich glaube dich zu verstehen« sagte Elsheim
»So versteht sich aber jener Musiker nicht« fuhr der Freund fort »der uns
gestern seine bacchantische Begeisterung vortrug Er schwärmte ganz von jenem
Grunde der Wahrheit ab auf welchem seine Wahrnehmung zuerst wandelte und
geriet in das Reich der Träume und der Willkür Geht nicht Ordnung Ruhe
Selbstbeobachtung und nüchterner Zweifel mit jenen taumelnden Rossen so gibt es
auch keine Kraft diese zu lenken und auf dem richtigen Wege zu erhalten Gewiss
hat auch unser Liebling Mozart diese Kräfte nicht verleugnet Denn das ist eben
der Hauptirrtum dass diese Bacchanten nicht sehen oder nicht sehen wollen dass
in der Mäßigkeit Ruhe in dem stillen Haushalt unserer einsamen Seele in den
Schranken der Ordnung und Notwendigkeit kurz in der scheinbaren Prosa die man
so oft voreilig der Poesie entgegenstellt ebenfalls im gesänftigten Raum jene
Himmelsblumen emporwachsen und Begeisterung und Tatkraft auch aus diesen
stillen Winkeln hervorschreiten mögen Wie die alten Himmelsstürmer oder jene
Erschaffenen bestellt gewesen sein mögen die vor aller Geschichte auf unserer
Erde hausten wissen wir nicht seitdem aber der uns bekannte und verständliche
Mensch Regent ist müssen wir einsehen dass in diesem die doppelte Natur des
Riesen und des sanft Gehorchenden des Herrschers und des gern und freudig
Unterwürfigen erst die Natur in ihm ausbildet durch welche er ein Recht hat
nach Blumen Lorbeeren Palmen und Sternen zu greifen Der Rausch ist auch oft
nüchterner als wir uns gestehen mögen Palestrina der beseligte sollte jemals
haben rasen können Und unser Sebastian Bach wie beschränkt wie bürgerlich
wie so ganz Ordnung biedere Alltäglichkeit im Leben wie klein ruhig und
unbemerkt in der Gesellschaft und unter den Schwätzern und wie groß eben
dadurch in seiner Wissenschaft und Kunst«
Elsheim nahm die Hand seines Gefährten und drückte sie recht herzlich dann
aber überließ er sich einem so lauten und ausgelassenen Lachen dass der
bescheidene Fuhrmann sich einigemal umsah um zu entdecken was wohl dieses
schallende Gelächter habe veranlassen können Leonhard war sehr über diesen
unerwarteten Ausbruch von Lustigkeit befremdet und erwartete mit einiger
Spannung die Erklärung dieser Explosion Endlich nachdem er sich beruhigt
hatte sagte der Freund »Siehe das ist nun auch meine Eigentümlichkeit und
Stimmung die du mir nicht zu sehr kritisieren darfst Deine Vorliebe für das
Zunftwesen dein Handwerksgeist geht in allen deinen Gedanken mit auf Und du
magst doch recht haben Auch in der Kunst in der geistigsten Beschäftigung muss
wohl neben Begeisterung und Anschauen nun auch das Handwerk mit seiner
bürgerlichen Ordnung eintreten um durch Regel und Beschränktheit dem Geist erst
seine wahre Freiheit im Schaffen zu erringen Du hast recht ohne Widersprüche
die sich aufzuheben scheinen und ohne Vermittlung dieser Widersprüche ist nicht
Mensch Kunst Wissenschaft Geist Darum zeigt sich auch eine überraschend
ähnliche Ohnmacht in den Gebilden des ganz phantastischen Schwärmers und des
philisterhaft Nüchternen der bloß mit Anstrengung Regel und Bewusstsein ein
Kunstwerk hervorbringen will«
Die Hitze war so drückend geworden dass sie es vorzogen in einem kleinen
Dorfe das abseits von der großen Straße lag haltzumachen als sich mit
ermüdeten Pferden noch nach dem großen Gasthofe der kleinen Stadt hinzuquälen
Der Stall war für die Pferde groß genug und sie setzen sich unter der
schattigen Linde in eine Art von Vorsaal der durch den Baum vor dem Hause
gebildet wurde Während die Mahlzeit zubereitet ward erquickten sie sich am
Duft der Blätter und Blüten und Elsheim sagte »Sieh einmal mein Freund wie
gescheit unsere Vorfahren in einer Sache waren die viele des jetzigen
Geschlechtes nur lächerlich finden Dadurch dass man diese schöne alte Linde
oben so stark und regelmäßig beschneidet entsteht hier unten dieser kühl
dämmernde dunkelnd grüne poetische Saal Dieser gibt eine so liebliche duftende
Kühle wie sie kein Zimmer mit Vorhängen und Kunstanstalten hervorbringen kann
auch keine Gartenlaube ist so wohnlich und vertraulich Man sieht von hier in
das Haus und auf die Straße und ist von beiden ganz ungestört Oben damit die
Stuben nicht verfinstert und selbst feucht werden durch die Nähe des Baums sind
alle Zweige weggeschnitten soweit die Zimmer reichen Nun hat man in den
höheren Zimmern mit dem ersten Frühlinge eine grüne duftende Decke unter sich
ohne von den Ästen gestört zu werden und die Stuben sind hell und frei Der
schöne Baum ist freilich verdorben dafür hat dieser Bauer aber auch einen
grünen Sommersaal wie kein Fürst mit allem seinem Prunke ihn aufweisen kann«
Leonhard erwiderte »Auch in Städten habe ich oft diese Art die Linden zu
behandeln wahrgenommen Dort ist diese Erfindung womöglich noch zauberischer
als hier auf dem Lande weil dieser unten entstehende Saal und die gerade Linie
der grünen Wand oben auf welche man aus den Fenstern niedersieht im
erfreulichen Kontrast mit den Häusern sowie dem gewöhnlichen bürgerlichen
Verkehr auf der Straße stehen Unsere Vorfahren liebten es überhaupt Bäume
aller Art in ihren Städten zu pflegen und sie zieren oft eine hässliche Gasse
und geben ihr ein wahrhaft trostreiches Ansehen die Neueren fangen an diese
Anstalt als etwas Abgeschmacktes zu verlästern Es hat etwas Wunderbares wie
der Baum sich erziehen und verziehen lässt vor allen Buche und Linde Das
Gedicht des Wandsbecker Boten gegen diesen Schneiderscherz wie er es nennt ist
recht getreu und biederherzig aber es wird mir die Schönheit dieses
Sommersaales oder gar den Zauberreiz eines echten großartigen französischen
Gartens niemals aus der Seele singen können«
Ein großer Mann von mittleren Jahren war schon einigemal durch die Haustür
aus und eingegangen Er trug ein großes Buch unter dem Arm welches eine Bibel
zu sein schien Er setzte sich an einen anderen Tisch und fing an zu lesen
verschloss aber den Band gleich wieder und ging durch die Haustür in den Garten
Jetzt kam er wieder herein sah sich scheu um und legte sein Buch auf den Tisch
der Reisenden indem er mit heiserer Stimme fragte »Meine Herren lesen Sie
auch wohl die Bibel«
»O ja« sagte Leonhard
»Und welches Buch« fragte er weiter »ist Ihnen in diesem großen heiligen
Werke das allerliebste«
»Das lässt sich wohl nicht so schnell entscheiden« erwiderte Elsheim »bald
wird unsere Seele von diesem bald von jenem mehr gereizt und es hat mir immer
wohlgefallen wenn manche Geistliche es nur als ein einziges innig
zusammenhangendes Buch haben ansehen wollen«
Der Bauer schüttelte so heftig mit dem Kopf dass ihm die blonden Haare in
das Gesicht fielen Er nahm den messingenen Kamm und strich sie wieder nach
hinten hinüber indem sich plötzlich in seinem finsteren Gesicht ein helles
aber ironisches Lächeln auftat »Da sind Sie noch nicht weit gekommen« sagte er
dann »Die verhüllte Wahrheit sucht sich vorsätzlich in manchen der Bücher zu
verbergen die versteht man nur und findet das Korn der Weisheit heraus wenn
man das rechte Buch aufgefunden hat und Tag und Nacht in diesem studiert Für
jeden Menschen in welchem nämlich das Licht aufgeht ist es aber ein apartes
denn unsere Sinnesarten sind sehr verschieden Gott steht allenthalben einer
darf ihn aber nur schräg der andere von der Seite und manche nur ganz von
weitem ansehen Wechseln sie nun ihre Stellung und kommen sie in eine
unrichtige so können sie gar nichts von ihm verstehen Denn unser Herr ist ein
wunderliches Wesen er ist liebreich und sanft in seiner Allmacht und Hoheit
aber er macht sich nicht gemein Wir reden ihn alle mit du an und das verlangt
er sogar aber mit Grobheit und so von ungefähr angesprochen lässt er sich nicht
antreffen sondern immer verleugnen«
Ein hoher Greis trat jetzt zu ihnen eine von jenen mächtigen Gestalten die
sich in welchem Stande sie auch sein mögen eine unwillkürliche Achtung
erzwingen »Sohn Daniel« sagte er mit tönender Stimme »du fällst ja den
fremden Herren zur Last«
»Gewiss nicht« rief Elsheim aber der Sohn entfernte sich schnell mit jenem
scheuen Blick im zugedrückten Auge der den Reisenden gleich anfangs aufgefallen
war »Verzeihen Sie« sagte der alte Vater ich kann es nicht immer verhindern
»dass mein unglücklicher Sohn fremden Leuten beschwerlich fällt Er meint es gut
und es ist kein Arg in ihm aber wer ihn nicht kennt trägt wohl Scheu oder
fürchtet sich vor ihm«
Da Elsheim neugierig geworden war lud er den alten Bauer ein sich zu ihnen
zu setzen und dieser willfahrte ohne Verlegenheit als ein Mann dem Menschen
und Welt nicht unbekannt waren Er erzählte von sich seinen Schicksalen und
seiner Familie Er hatte sonderbar verschlagen einen Feldzug in fernen
Weltteilen mitgemacht hatte bei seiner Rückkehr unvermutet einige wohlhabende
Verwandte beerbt und war nun durch Tätigkeit und dass er seine Grundstücke zu
verbessern verstand zu einem gewissen Reichtum gelangt »Ich bin« fuhr er
fort da er sah dass sich seine Zuhörer für seine Rede interessierten »wohl ein
glücklicher Mann zu nennen wenn ich so um mich her die meisten meiner
Nebenmenschen betrachte Wir leben hier in einer angenehmen Gegend ich erzeuge
selbst meinen Wein und was ich sonst noch brauche mein Garten liefert mir den
Bedarf für meinen Haushalt und ich baue so alt ich geworden bin noch selbst
mit Freuden meinen Acker und halte meine große Wirtschaft in Ordnung Drüben
wohnt mein ältester Sohn der schon seit lange Schulze dort ist und durch den
ich schon seit lange Großvater und nun seit kurzem auch Urgroßvater bin Mein
Martin und Friedrich werden nächstens heiraten meine Tochter ist auch versorgt
in einem anderen Dorfe und so kann ich mich als den Stammvater eines
zahlreichen gesunden und lebensfrohen Geschlechtes ansehen«
»Und dieser Sohn der eben von uns ging« fragte Elsheim
»Ja meine Herren« fing der Alte wieder an »in diesem Sohne könnte ich
mich auch unglücklich nennen denn in jeder großen Haushaltung muss etwas sein
das mit dem übrigen nicht aufgeht Der Mensch muss eben auch immer etwas zu
klagen haben Als Kind war mein Daniel so klug wie es niemals einer meiner
anderen Söhne gewesen ist Er lernte fast von selbst lesen er sprach sehr früh
und zwar ganz vernünftig Er war gern allein und lautes Geschwätz wie es denn
doch oft Bauersleuten vorfällt war ihm zuwider Weil das Kind nun gern tätig
war so half er so klein er war allenthalben Es machte ihm große Freude den
Hirten zu begleiten wenn dieser meine Schafe austrieb Wenn er am Abend nach
Hause kam hielt er manchmal recht nachdenkliche Reden über alles das was er da
draußen im Freien beobachtet hatte Bald erzählte er von den Wolken von
wunderlichen Tönen im Walde auch wohl von der Geschicklichkeit und Klugheit des
Schäferhundes den er ganz wie einen verständigen Menschen schilderte Da das
Kind so was Apartes hatte so ließ die Mutter und ich ihn gern gewähren und
seine Geschwister hörten nicht viel auf ihn hin weil sie ihn nicht verstanden
Als die Zeit seiner Einsegnung herankam ließ er sich oft mit unserm Priester
und Schulmeister in Disputationen ein weil er die Bibelstellen anders wollte
erklärt haben So was können die geistlichen Herren immer nicht leiden ob es
uns gleich den Luterischen wie wir es hier noch alle sind aufgegeben ist in
der Schrift zu forschen Das Forschen aber und soweit haben die Priesterleute
recht ist ein missliches Ding und ich habe darum von je an alles unserm lieben
Gott anheimgestellt und bin ruhig dabei geblieben Es traf sich dass unser
Schafhirt plötzlich erkrankte und Daniel bot sich nun eifrig an seinen Dienst
zu versehen bis sich ein anderer tüchtiger Knecht wieder gefunden habe Und nun
konnte er im einsamen Felde so recht ungestört seinen Grübeleien nachhangen und
brauchte keinen Menschen Red und Antwort zu geben So ging der Sommer hin Im
Herbst kam er eines Abends ganz zerstört und verwirrt nach Hause er trieb die
Schafe nicht ein er lief in den Garten und sprach laut mit sich selbst in der
Nacht legte er sich nicht zu Bette sondern rannte wieder nach dem Walde hinaus
und als der Morgen da war kümmerte er sich gar nicht um seine kleine Herde und
war gar nicht einmal da als wir alle zum Frühstück zusammenkamen Als das Haus
leer war und ich schon ausgehen wollte um ihn zu suchen kam er ohne Hut und
mit fliegenden Haaren von seiner Wanderung zurück Sowie ich ihn nur ins Auge
fasste sah ich auch schon dass er ein verwirrter Mensch war Er stotterte und
war ganz außer sich und als er endlich die Rede wiedergewann erzählte er mir
dass er im Felde bei den Schafen Bekanntschaft mit Engeln gemacht hätte die so
gütig gewesen wären sich zu ihm herabzulassen Diese hätten ihm die Schrift und
die schwersten Stellen in derselben ganz zur Genüge erklärt und er wisse nun
mehr als alle Schriftgelehrten im Lande Von nun an war der liebe Junge ein
verlorener Mensch und der Doktor den wir aus der Stadt hatten kommen lassen
sagte auch ihm sei nicht zu helfen denn er habe auf zeitlebens den Verstand
verloren und würde ihn auch bis zum Tode nicht wiederfinden Nun lag er Tag und
Nacht über dem Bibelbuche er schlief wenig und in den Nächten las er laut und
predigte mit heftiger Stimme so dass er oft am folgenden Tage ganz heiser war
Weil er Daniel heißt so studierte er auf seine Art den Propheten Daniel am
meisten und bezog dabei alles auf sich Er sagte oft dieser Prophet sei der
größte und Ezechiel vorzüglich aber die Offenbarung Johannis seien nur
missverstandene Übertreibungen das wahre Wort und Geheimnis sei im Daniel
ausgesprochen Dieser sei auch wichtiger als das ganze Neue Testament und wer
diesen Propheten recht innehabe könne die späteren Bücher und die Lehre Christi
entbehren Bei diesen Meinungen wollte er auch nicht mehr unsere Kirche drüben
im großen Dorfe besuchen und wenn er ja einmal mit uns ging so saß er während
der Predigt murrend da und schüttelte zu allem was der Priester sagte den
Kopf so dass er oft großen Anstoß gab Da er hie und da welche aus der Gemeine
hatte bekehren wollen und sich gegen diese nicht undeutlich merken lassen er
sei selber der Heiland und der wahre Erlöser in unserer neuesten Zeit so
verklagte der Pfarrer den Unglücklichen beim Konsistorium in der Stadt Die
Sache machte viel Aufsehen und etliche eifernde Geistliche wollten ihn mit
Gewalt zum Widerruf Pranger und Zuchthaus verdammt wissen Der
menschenfreundliche Arzt nahm sich aber der Sache an Der Mann ging selbst zum
Minister und die Billigeren von der Geistlichkeit sahen nun auch wohl ein wo
es meinem armen Daniel fehle So sprachen sie ihn denn los als einen
Blödsinnigen der über seine Reden nicht zur Verantwortung gezogen werden könne
und gaben ihm nur auf sich alles Predigens und Bekehrens zu enthalten Das nahm
mein Daniel anfangs sehr übel und noch mehr als er erfuhr dass sie ihn seit
seinem Prozess hier und in der Umgegend nur den Dummen nannten Doch forschte er
so lange im Daniel und in den Briefen der Apostel bis er sich überzeugte ein
solcher Ausgang wäre ihm schon vor allen Zeiten prophezeit worden So treibt er
nun sein unschuldiges Wesen und ich kann ruhig wegen meines Todes sein denn
die Brüder lieben ja ehren ihn so sehr dass sie gern einmal seinen Unterhalt
und seine Verpflegung übernehmen werden«
Elsheim und Leonhard hörten dem Alten mit Vergnügen zu und der Baron sagte
»Es ist nicht ohne Grund dass uns eine Art von sonderbarer Achtung in der Nähe
solcher Wesen beschleicht wir fühlen die gestörte Harmonie und vermuten dabei
dass irgendeine Geisteskraft wenigstens für Augenblicke um so höher gesteigert
werde«
»Das kann wohl sein« sagte der Alte »denn wirklich spricht der Kranke so
in seinen Abwesenheiten manchmal recht nachdenkliche Sachen Wenn er am Abend an
seinem Tisch sitzt und liest und wir sprechen dies und das vom Ackerbau von
Einrichtung und Verbesserung der und jener Sache oder von
Familienangelegenheiten wir alle glauben er hört gar nicht hin und mit
einemmal wirft er dann ein paar Worte nur so hinein und alle Schwierigkeiten
sind gelöst über die wir uns den Kopf zerbrechen«
»Hat er nie Lust bekommen sich zu verheiraten« fragte Elsheim
»Niemals« erwiderte der alte Bauer »er hält im Gegenteil alle Weiber und
Mädchen für viel geringere Wesen als die Männer und lässt sich auch nur ungern
in Gespräche mit ihnen ein So ist er denn nun für unsere Feldarbeit und den
Haushalt ein verlorner Mensch das Wohl und Weh der Familie kümmert ihn nicht
er scheint auch alles vergessen zu haben was er in der Jugend gelernt hat Nur
eine sehr merkwürdige Gabe hat sich seitdem an ihm gezeigt Wir hatten vor
vielen Jahren nur wenige Bienen jetzt bauen wir außerordentlich viel Honig und
verkaufen ihn und das Wachs vorteilhaft Diesen ungewissen Teil der
Landwirtschaft verwaltet er nun ganz allein er hat sich der Sache bemächtigt
und sie in Flor gebracht ohne gegen uns nur ein einziges Wort darüber zu
verlieren Und wunderbar ist er für diese Verrichtung begabt Noch niemals hat
ihn eine Biene gestochen und doch zieht er weder Handschuhe an noch trägt er
die Kappe vor dem Gesicht Die kleinen klugen Tierchen haben Vertrauen und Liebe
zu ihm und er kann alles mit ihnen anfangen was er nur will Er kann in den
Körben hantieren nach Herzenslust sie lassen ihn gewähren beim Ausnehmen des
Honigs bei allem was er tut stören sie ihn nie Fast wunderbar ist es wie
sie ihm folgen wenn sie schwärmen Er kann sogleich jeden Schwarm der sich
verflogen hat wiederfinden und sie kehren mit ihm wie gehorsame Kinder zurück
wohin er sie haben will Das wissen auch alle unsere Nachbaren und die
Bienenwirte auf den anderen Dörfern Sie kommen sehr oft und sprechen seine
Hilfe an und er schafft ihnen immer die Wegläufer wieder In diesem Tun ist er
auch unermüdlich und großmütig dabei denn er nimmt von den Fremden nie was für
seine Arbeit wenn er auch Tage und Nächte darauf verwendet die verschwärmten
Bienen zu finden und einzufangen unsern Honig verkaufen wir und er fordert nie
etwas davon wenn wir es ihm nicht freiwillig geben«
Als der Greis sich wieder entfernt hatte und den Freunden ein einfaches
kräftiges Mahl aufgetragen war sagte Elsheim nach einer Weile »Ist dieser
Bauer nun in seiner Umgebung und Bestimmung nicht so glücklich als der Mensch
es nur sein kann Es gibt viel Unglück auf Erden wer zweifelt daran aber
die Hälfte davon zimmern sich doch die Menschen selbst mit großer Mühe
zusammen«
»Gewiss« sagte Leonhard »durch ihre stachelnden Leidenschaften aber doch
sind uns diese wieder vom Schicksal verliehen wir können und dürfen ohne sie
nicht sein und so dreht man sich doch wieder im Zirkel denn von diesen
Unglückstiftern rührt doch auch das Große und Edle her«
»Masshalten« rief Elsheim »freilich das ist die oberflächliche Weisheit
und Tugend die so schwer zu finden ist«
Als die größte Mittagshitze vorüber war kam der alte Bauer wieder und
sagte »Wollen die Herren vielleicht den Kaffee oder noch ein Glas Wein jetzt
auf der andern Seite des Hauses nach dem Garten zu trinken«
Die Sonne war in der Tat näher gerückt und hatte die zauberhafte Dämmerung
etwas gelichtet Sie gingen durch das große Haus und der Wirt sagte als sie im
Garten standen »Die Einrichtung mit meiner Linde hat Ihnen dort wohl gefallen
dass ich Ihnen noch diesen zweiten alten Lindenbaum zeigen will Hier auf dieser
Seite ist es nachmittags am kühlsten und anmutigsten Ich habe den Baum so
künstlich verschnitten dass er oben eine große dichte Blätterlaube macht Nun
gehen wir hier eine ziemlich hohe Treppe hinauf und sitzen oben im Schatten und
sehen über den Garten weg in die weite Landschaft hinaus«
Oben war eine große Tenne von glatten Brettern gefugt der Baum schützte
gegen Regen Luft und Wind und der Blick nach den fernen Gebirgen Wäldern und
dem nahen Fluße war reizend Der Alte freute sich dass die Gäste überrascht und
von der bequemen Anstalt sowie von der Landschaft entzückt waren »Ja ja«
sagte der Alte lächelnd »wir gemeinen Leute haben denn auch unsere Einfälle und
sozusagen besonderen Prachtanstalten Sie glauben nicht meine Herren wie gern
ich von hier aus die Sonne untergehen sehe sooft ich mich abmüssigen kann sitze
ich alsdann hier gegen Abend in meinem hölzernen alten Lehnstuhl Nun ist es
rührend wenn nach und nach die Abendröte verschwindet und ein Sterngebild nach
dem andern aus dem dunkeln Himmel heraustritt Da fällt mir vielerlei ein
Rührendes und Erfreuliches Absonderlich ist es wenn es nun immer stiller wird
und sie drin im Hause die Lichter anzünden Zwischen den grünen Weinranken
nehmen diese sich nun von hier und die helle Stube hinter dem Laub und die
Schatten von meinen Kindern die auf und abgehen recht wunderbar aus Ich habe
manchmal gewünscht ich könnte das mir alles so abmalen«
Es gibt eine stille Passivität die ohne zu beobachten und ohne sich des
Eindrucks bewusst zu werden in manchen Stunden die Natur wohl am würdigsten
genießt Der Weihe dieses Quietismus ergaben sich die Freunde als der redselige
Alte sie wieder verlassen hatte Endlich besann sich Elsheim zuerst wieder und
sagte »Was hindert mich denn diese bäuerliche Erfindung auf meinem Gute
nachzuahmen Mögen die Entusiasten der englischen Gartenkunst die Nase rümpfen
soviel sie immer wollen ich werde es ganz gewiss tun Hier sitzen wir wie Vögel
in einem größeren Nest und ein Liebster mit seiner Braut Mann und Frau eine
einträchtige Familie für diese und poetisch gestimmte Menschen ist das ja ein
himmlischer Platz Und für zwei junge Freunde wie wir hier vorstellen ja
wahrhaftig auch Mir ist hier zumute als wenn wir die Figuren aus einem
dichterischen Märchen wären Ich erinnere mich dunkel einmal gelesen zu haben
dass eine trauernde Schöne den Leichnam ihres jungen Geliebten auf einer Linde
hegt und betrauert da muss sich der Dichter doch wohl einen solchen Luftsaal
gedacht haben«
»Welch Entzücken« sagte Leonhard »würde wohl mancher ausrufen um eine
solche Alltäglichkeit Denn diese Anstalten mein poetischer Freund sind
wirklich bei Bauern und Bürgern nicht so selten als du zu glauben scheinst Ihr
vornehmen gebildeten Leute beachtet nur so was selten und in den
Reisebeschreibungen steht es nicht verzeichnet«
In der besten Laune fuhren sie bei eintretender Kühlung jetzt weiter Der
alte Bauer nahm einen so herzlichen Abschied von ihnen als wenn er sie schon
seit Jahren gekannt hätte und die jungen Leute konnten sich auch bei dem
Gedanken diese Stelle vielleicht nie wiederzusehen einer gewissen Rührung
nicht erwehren
»Nun« fing Leonhard an »müssen wir doch wohl nach meiner Rechnung bald auf
deinem Gute anlangen«
»Noch heut abend« sagte der Freiherr »laufen wir in den Hafen ein wenn
wir nicht noch vorher Schiffbruch leiden«
»Der Himmel verhüte böse Vorbedeutungen« sagte Leonhard lachend »aber
freilich wer kann wissen was uns bevorsteht und besonders mir da ich in ein
fremdes Haus und unter lauter Unbekannte trete Ich bin so gar nicht daran
gewöhnt mit fremden Menschen zu verkehren dass es mir sehr schwer ankommen
wird meine Verlegenheit zu überwinden«
»Sobald du dir vertraust« antwortete Elsheim »sobald weißt du zu leben
damit spricht eigentlich dieser gewandte Geist das ganze Geheimnis aus Die
Menschen fürchtet nur wer sie nicht kennt und wer sie meidet wird sie bald
verkennen Dies lehrt uns auch unser Dichter bei einer anderen Gelegenheit
und es wäre unbegreiflich wie die Menschen diese so naheliegenden Überzeugungen
so oft nicht finden wenn wir nicht wüssten dass das Allernächste gerade das ist
was so oft nicht erkannt wird«
»Wen find ich nun dort« forschte Leonhard weiter
»Zuerst meine Mutter« antwortete Elsheim »eine stille behagliche Frau
die dich in nichts genieren und hindern wird Dann aber einen lieben
Jugendfreund der nur etwas älter ist als ich den Baron Mannlich Sein kleines
Gut liegt nur eine Stunde von dem meinigen und er war kurz zuvor ehe ich die
Universität besuchte mein täglicher Gesellschafter ja in einem gewissen Sinne
mein Lehrer Mir ist es immer sehr merkwürdig gewesen von Bekannten sowie von
berühmten Männern verschiedener Nationen diejenigen ihrer Freunde
kennenzulernen mit denen sie sich in der Jugend verbrüderten Jeder
Jugendfreund auch wenn er jenen Bekannten völlig unähnlich erscheint ist doch
wie ein Glied von ihnen anzusehen und keiner ist noch gewesen der sich von dem
Einfluss dieser Umgebungen hätte lossagen können Die Erinnerung an das Wesen
dieser Freunde an ihre Gesinnungen und Meinungen wirkt noch spät fort und sie
bleiben ein Maßstab um vieles Ungekannte Seltsame oder Lehrreiche zu
erproben Darum ist auch wohl schlechte Gesellschaft in der Jugend so
gefährlich weil es auch dem starken Charakter kaum möglich ist alle Eindrücke
die sich in solcher Umgebung bilden wieder auszutilgen«
»Auf mich« unterbrach ihn Leonhard »kann diese Beschreibung nicht passen
Denn nachdem ich die Schule und die Lehrjahre überstanden hatte trieb mich
mein Beruf und die Neigung in die Fremde und auf Reisen So knüpfte ich
allenthalben nur wandelbare Bekanntschaften und Freundschaften an und nur
wenige junge Gesellen meines Standes sind mir so lieb geworden dass ich mich
noch jetzt ihrer gern erinnern sollte«
»Ist es mir denn nicht auf ähnliche Art ergangen« sagte Elsheim »auf der
Universität fand ich nur selten einen Jüngling zu welchem ich Zutrauen fassen
konnte und als ich bald darauf meine Reisen antrat erging sich mein flüchtiges
Leben wie aus einem Schauspielsaal in den andern Ich bin nachher nie wieder mit
jemand so vertraut geworden wie ich es mit dir auf der Schule war Darum suchte
ich dich auch gleich wieder auf als ich von meinen Reisen zurückkam um mich
wahrhaft an deiner Jugend zu erwärmen da mein Herz in den vielen vornehmen
Zirkeln wie erfroren war Deshalb müssen wir auch immer in wahrer Freundschaft
vereinigt bleiben«
»Mir kann oft bange werden« erwiderte Leonhard »wenn ich in meiner kurzen
Erfahrung so oft gesehen habe wie engverbundene Menschen sich trennen selbst
hassen zuweilen um Kleinigkeiten oder weil sie Klätschereien zu leichtgläubig
ihr Ohr liehen«
»Da kommen wir auf den Punkt« fiel der Baron lebhaft ein »dass es nur so
wenige selbständige Menschen gibt Zu diesen schwachen wollen wir aber nicht
gehören Dieser Baron Mannlich von dem ich dir sagte ist eine schöne
schlanke Gestalt sein Blick ist frei sein Betragen edel er hat in einem
gewissen Zeitraum den allergrössten Einfluss auf mein Wesen und meine Bildung
gehabt Wenn ich oft verwirrt mich umtrieb so zeigte er sich immer klar und
fest In meinen Ansichten über Literatur und Kunst hat er mir vorzüglich
fortgeholfen und mich in meiner Liebe zur Poesie gekräftigt Denn oft ist ein
Fingerzeig eines stärkeren Geistes hinreichend um uns auf lange Zeit in der
richtigen Bahn fortzuhelfen«
»Wohl dem« sagte Leonhard etwas kleinlaut »dem das Schicksal solche
Freunde zuführt es kann nichts Kläglicheres geben als in seiner Umgebung immer
der Klügste zu sein und leider war das unter meinen Zunftgenossen nur zu oft
mit mir der Fall Man lernt auch wohl einmal vom Geringsten aber das Schulgeld
ist dann zu teuer Der Verlust an Zeit und Stimmung in schlechter und
mittelmässiger Gesellschaft ist ein Kapital welches die meisten Menschen viel zu
gering anschlagen«
»Auf meinen Mannlich« fing Elsheim wieder an »habe ich bei unserm
Komödienspiel am allermeisten gerechnet Er besitzt ein herrliches Talent zur
Darstellung und seine Stimme ist die schönste die ich jemals gehört habe
darum ist er auch der beste Vorleser den man finden kann und die kleine
Eitelkeit ist ihm zu verzeihen dass er nicht leicht wenn er zugegen ist jemand
anders in der Gesellschaft etwas laut vortragen oder deklamieren lässt Von den
übrigen Menschen die du wirst kennenlernen will ich dir jetzt noch keine
Beschreibung machen du wirst sie selber zu würdigen wissen Zwei schöne Mädchen
finden wir die Fräulein Charlotte Fleming und Albertine Fernow die letzte
wirklich wie ihr Name etwas albern Sie sind uns weitläufig verwandt und
wohnen im Sommer mit einer alten Tante oft bei meiner Mutter Diese Albertine
so wünscht meine Familie habe ich schon im vorigen Jahre heiraten sollen und
man ist mir böse dass ich so bestimmt ausgewichen bin O über die Ehen und über
die Sucht so vieler guten Menschen sie zu stiften Wer einem andern zu einer
misslichen Spekulation riete und jener scheiterte daran und würde bankerott der
würde es bereuen und sich Vorwürfe machen darum hüten sich die Klügern hierin
zu überreden aber zu dem noch größeren Wagestück die Menschen in die Ehe
hineinzuschwatzen sind so viele besonders ältere Frauen unermüdlich«
Als es Abend geworden war rief Elsheim plötzlich »Nun siehst du Kind da
liegt das Nest vor uns in dem ich geboren bin und die ersten Kinderspiele
trieb«
Leonhard sah ein großes Gebäude vor sich das mit großen Linden umgeben war
aus welchen die einzelnen Teile hervorschienen Waldbekränzte Hügel zeigten sich
in der Nähe die Häuser der Bauern waren geräumig und Reinlichkeit schien
Wohlstand zu verkünden Man hielt an Bediente öffneten den Wagen und ein
kleiner alter Mann mit entblösstem weissgepudertem Kopf folgte ihnen er war in
grauem Rock schwarzseidenen Unterkleidern und weißen seidenen Strümpfen die
zierlichen Manschetten hoben die Feinheit der kleinen Händchen noch auffallender
hervor Er verbeugte sich tief als der Baron ausgestiegen war und Leonhard
der nach dem Freunde den Wagen schnell verließ erwiderte die Begrüßung mit
einer ebenso tiefen Verneigung »Ja« sagte Elsheim »das ist mein guter Joseph
ein altes liebes Inventarienstück unseres Hauses der Kammerdiener meiner
Mutter« Leonhard folgte mit einiger Beschämung weil er den netten geputzten
Alten für einen Baron oder Grafen gehalten hatte
Dritter Abschnitt
Leonhard saß am anderen Morgen angekleidet am Fenster und schaute über den
Garten hinaus in das grüne Feld und zu den benachbarten Hügeln hinauf Er war
früh erwacht und fühlte sich wohl und erheitert den erquickenden Duft des
Morgens einzuatmen Es freute ihn einmal so ganz auf dem Lande einige Wochen
zubringen zu können und indem er nach dem nahen Franken hinüberblickte
erwachten alle seine jugendlichen Erinnerungen mit frischer Kraft und alle
Jahre welche dazwischen lagen entschwanden seinem Gedächtnis
Er ging dann in dem geräumigen hohen Zimmer gedankenvoll auf und ab als der
alte Joseph zwar im Oberrock aber doch nett frisiert und mit der frischesten
Wäsche hereintrat um ihn zu fragen ob er das Frühstück auf sein Zimmer
befehle aber ob er es in Gesellschaft der gnädigen Frau und des jungen Barons
einzunehmen gedenke Leonhard entschied sich für das letzte und Joseph empfahl
sich mit einer tiefen Verbeugung indem er sagte dass man den Herrn Professor
also unten in einer Viertelstunde erwarten werde Leonhard war wieder so wie
gestern abend beim ersten Eintritt in das Haus rot geworden Sein junger Freund
störte die beschämenden Betrachtungen denen er sich eben hingeben wollte indem
er ihn umarmte und sich teilnehmend und herzlich nach seiner Nachtruhe und
seinem Befinden erkundigte »Meine teure Mutter« sagte er dann »darf dich auf
keine Weise genieren sie ist die beste Frau von der Welt gönnt jedem alles
Gute und liebt ihren Nächsten ohne Ausnahme von ganzem Herzen In ihrer Achtung
Hochachtung Verehrung und Ehrfurcht macht sie jedoch natürlich verschiedene
Abteilungen aber nur wenn es die Not und Etikette erfordert Ich kann dich
versichern Geliebter dass du gestern beim Abendessen schon ihr ganzes Herz
gewonnen hast Und es ist wahr ich habe mich selbst darüber gewundert wie du
mit deiner stillen Bescheidenheit diese ungesuchte Aufmerksamkeit mit deiner
natürlichen Weise diesen feinen Ton verbinden konntest Wir bilden uns so oft
törichterweise ein so etwas werde nur in unsern oft so langweiligen Zirkeln
errungen«
»Ich hoffe« erwiderte Leonhard »dass mich bald diese ängstigende
Verlegenheit verlassen wird und ich mich in allen diesen Torheiten freier
bewegen lerne«
»Lass nur erst« sagte Elsheim »den Schwarm die Gesellschaft die Weiber
kommen so wirst du es so gewohnt dass die Einsamkeit dir nachher vielleicht
drückend wird«
Sie gingen hinab und fanden die Mutter welche sie freundlich aber mit
einer gewissen Feierlichkeit begrüßte Indem rief der Baron »Ei wer kommt da
herangesprengt Was ist das für ein dicker Mann«
»Kennst du denn deinen intimen Freund nicht mehr« erwiderte die Mutter »er
hat sich zwar in den fünf Jahren dass du ihn nicht sahst etwas verändert aber
er ist doch nicht unkenntlich geworden«
»Ist es möglich« rief der erstaunte Sohn aus »ja ja er ist es Aber wie
ist der Mann stark geworden Er ist ganz verwandelt und nur mit Mühe
wiederzuerkennen« Der Baron war schnell vom Pferde gestiegen und sowie der
große wohlbeleibte Mannlich in die Türe trat flog Elsheim in seine Umarmung und
rief »Oh mein Adolph sehen wir uns endlich nach so manchem Jahre wieder«
Der Baron Mannlich als der ältere erwiderte die Begrüßung mit
Herzlichkeit aber gelassener und beide Freunde betrachteten sich stumm dann
fragten und sprachen sie allerlei Unbedeutendes durcheinander wie es bei
dergleichen Szenen des Wiedersehens wohl zu geschehen pflegt Es wollte in
ziemlich langer Zeit kein eigentliches Gespräch in den Gang kommen Mannlich
redete dann die Mutter an und begrüßte auch den Fremden mit Teilnahe welcher
auch ihm als Architekt und Professor Leonhard vorgestellt wurde
Leonhard begab sich so bald als möglich nach dem großen Rittersaal um ihn
genau auszumessen und seinen Plan zu entwerfen wie er am besten zu einem
Theater eingerichtet werden möchte Seine ehemalige Leidenschaft für das Theater
kam ihm Jetzt sehr zustatten da er so manche Bühne gemustert ausgemessen und
sich alle Erfordernisse derselben genau eingeprägt hatte
Als er aus dem Fenster sehend die beiden Freunde im Garten erblickte ging
er hinab zu ihnen und sie wandelten in den belaubten Gängen unter heiteren
Gesprächen lange auf und ab Der Mittag war gekommen und man setzte sich in
behaglicher Stimmung an die Tafel Man war noch beim Nachtisch als Besuch in
mehreren Wagen ankam Ein Mann von mittleren Jahren half einer alten und zwei
jungen Damen aus einem offenen Wagen und begab sich nachdem er mit Anstand
seinen Dienst verrichtet hatte zu dem zweiten Wagen um auch dort zu helfen
Vom zweiten Fuhrwerk hüpfte ein ganz junges übermütiges Mädchen lachend herab
indem sie die Hand des Helfenden zurückstiess ihr folgte ein Kammermädchen und
nach diesem ein ältlicher schlanker Herr der sehr vorsichtig prüfend auf den
Tritt und von dort zur Erde sich begab indem er die angebotene Hilfe des
Hülfreichen so sehr in Anspruch nahm dass er sich von diesem fast mehr heben und
tragen ließ als dass er mit eigener Anstrengung auf den Boden gelangt wäre
»Da hätten wir ja fast unsere ganze Komödie beisammen« rief Baron Mannlich
der ihnen entgegengeeilt war
Nachdem die Begrüßungen im Saale mit förmlicher Freundlichkeit oder
kürzeren Redensarten nach der Eigenheit der Charaktere vorüber waren und alle
Platz genommen hatten begann der wohlbeleibte Mannlich mit einiger
Feierlichkeit »Vereinigt sind nun die Hauptstützen oder die Träger unsers
beabsichtigten Schauspiels des Lieblingsstückes meines Freundes Elsheim mit
welchem er sich schon seit vielen Jahren beschäftigt hat Er hat es für uns
eingerichtet und ich werde noch einige Verbesserungen für die bequemere
Aufführung vorschlagen aber zugleich erbitte ich mir die Erlaubnis es den
Teilnehmern nachher in seiner originalen Gestaltung vortragen zu dürfen Denn es
ist natürlich dass in unserer Umgestaltung und Abkürzung manche Motive
Andeutungen Charakterzüge und dergleichen mangeln die der Darsteller sich
einprägen muss um nicht vielleicht völlig in die Irre zu geraten Wir haben
nicht gewagt aus eigener Erfindung dem großen Dichter etwas zuzusetzen und es
ist daher um so nötiger sich mit dem Original recht vertraut zu machen um
nicht vielleicht aus Unwissenheit der Absicht des Poeten geradezu
entgegenzuarbeiten«
Er sah mit seinen großen blauen Augen im Kreise umher der ältliche
umständliche Herr nickte ihm sehr lebhaft Beifall zu die Damen schlugen die
Augen nieder und jener Hülfreiche der Mann von mittleren Jahren ein Herr
Emmerich fragte mit kurzem und bestimmtem Ton »Und wie besetzen Sie das Stück
da Sie doch der Direktor der Anstalt zu sein scheinen«
»Wir haben manche Rolle« erwiderte Mannlich »wie Olearius Liebetraut den
Abt von Fulda ausgestrichen«
»O ewig schade« rief das kleine mutwillige Mädchen »so fehlt ja gerade
gleich das Beste im ganzen Stück«
»Es lässt sich nicht alles was wir etwa wünschen vereinigen« erwiderte
Mannlich sehr gesetzt »Wunder genug dass wir die Sache nur auf unsere Art
zustande gebracht haben es gehörte der ganze Enthusiasmus unseres Freundes
dazu die ungeheure Unternehmung möglich zu machen In jeder großen Bestrebung
die sich vom Alltäglichen losreisst muss man gleich bei der Ausführung derselben
auf einen gewissen Abfall rechnen auf Späne die indem sie das Brett formen
dieses auch dünner und schwächer machen«
»Sie meinen gewiss« sagte der alte dürre Herr »die Hobelspäne und somit
ist Ihre Beobachtung eine sehr richtige«
»So ist es mein Herr Graf von Bitterfeld« antwortete Mannlich mit einer
fast geringschätzenden Miene
»Wenn uns alle Bildung feiner macht« sagte in seiner trockenen Weise jener
Hülftätige »Professor Emmrich so müssen wir freilich gehobelt werden aber
was zu wünschen ist von geschickter Hand damit nicht unsere Stärke selbst mit
in die Späne geht Die Ausbildung so vieler besteht darin dass sie ganz aus der
Menschheit hinausgebildet werden wie dort das kleine zu fein gedrechselte
Wandschränkchen an das man nur drücken dürfte um es völlig zu vernichten«
Leonhard sah mit prüfendem Auge nach dem Möbel und da er ihm ziemlich nahe
saß konnte er es nicht unterlassen aufzustehen um es ganz in der Nähe zu
untersuchen indes Mannlich etwas hochfahrend antwortete »Der Herr Professor
Emmrich kann es doch nie unterlassen witzig zu sein Brechen wir aber diese
TischlerGleichnisse ab in die wir geraten sind ich weiß nicht wie«
Bei dem Worte Tischler eilte Leonhard indem er sein Erröten fühlte zu
seinem Sitze zurück Mannlich der seine Schlussworte mit einem belobenden
Lächeln begleitete indem er sich zum Professor wendete fuhr nun so fort »Man
hat mir die Ehre erzeigt anzunehmen dass mein schwaches Talent für die
Darstellung des Götz des Hauptcharakters nicht ganz ungeeignet sei Mein
Jugendfreund Baron Elsheim wird nach unserem Übereinkommen die schwierige
Rolle des Weislingen übernehmen ich bin überzeugt sein schönes Talent sein
edles Sprachorgan sein Gefühl werden diese Darstellung zu etwas
Ausserordentlichem erhöhen«
»Rühme mich nicht vor der Zeit mein Freund« rief Elsheim aus »du möchtest
sonst die Rechnung machen ohne den Wirt«
»Weil ich dich kenne spreche ich so« erwiderte Mannlich »Die höchst
schwierige aber auch reizende Rolle der Adelheid haben wir in unserm Rat für
das liebenswürdige Fräulein Charlotte Fleming bestimmt«
Charlotte erhob das edle blasse Antlitz und sah den Sprechenden mit ihrem
feurigen dunkeln Auge fragend an Leonhard hatte sie bis jetzt kaum bemerkt
aber in diesem Moment erschien sie ihm großartig und schön und er verwunderte
sich darüber wie man diese Schweigsame nicht mehr beachte Er vernahm nicht
genau was sie bescheiden einwendete noch wie sie der Schauspieldirektor
beschwichtigte weil er den Bewegungen ihrer Mienen den Gebärden ihrer Hände
folgte und den einfarbigen aber angenehmen Ton ihrer Stimme als Klang an sich
selbst so eindringlich fand dass er den Inhalt der Rede überhörte Er wurde aus
dieser Zerstreuung durch die lebhafte Rede Albertinens des zweiten Fräuleins
geweckt die mit Scherz und Ernst gegen ihre Rolle der Maria protestieren
wollte der Ton ihrer Stimme war hell und silberrein die Zunge schnell ohne
doch die Worte zu übereilen so bestimmt sie sich ausdrückte so fühlte man in
der Weichheit des Akzents doch dass sie sich überreden lassen würde und nicht
ungern es herrschte mit einem Wort jene Anmut in ihrem eifernden Protest die
den kleinen Verstellungen und unschädlichen Unwahrheiten der edleren Geselligkeit
einen so großen Reiz verleihen
»Und nun« fing die kleine mutwillige Dorotea an »die größte
Schauspielerin mich übersehen Sie so ganz kunstreicher Baron Ich hatte mir
auf die Adelheid Rechnung gemacht und dachte das ausbündige Laster so recht
glänzend darzustellen dass alle Welt die Tugend nicht mehr achten sollte aber
Sie «
»Gedulden Sie sich Fräulein von Selten« sagte Mannlich »für diesmal
können Sie nur mit einer Zigeunerin abgefertigt werden wenn Sie nicht
vielleicht die höchst schwierige Aufgabe des Franz übernehmen möchten«
»Nein« rief die Kleine aus »den verdrehten Entusiasten der von Anfang zu
Ende außer sich ist will ich auf keinen Fall den hat ja auch schon der Bruder
Albertinen der Kadet folglich bleibt mir die Zigeunerin wenn man mir nicht
vielleicht ihr Gegenteil die höchst ehrbare Elisabet anvertrauen will«
»Aber wo bekommen wir diese edle hochherzige Elisabet her« fragte jetzt
lebhaft Albertine
Da erhob sich Mannlich und ging mit edlem Anstand zur alten Dame die mit
den beiden Fräulein gekommen war und sagte »Aus dieser Not Fräulein rettet
uns Ihre liebenswürdige vortreffliche Tante«
»Wie ich« rief die Tante mit dem höchsten Erstaunen aus
»Sie selbst Verehrungswürdige und keine andere« antwortete Mannlich »Ich
weiß auch Sie werden sich dem nicht entziehen ich kenne Ihr Talent und ebenso
Ihre Gutmütigkeit die es nicht über sich gewinnen kann anderen eine Freude zu
verderben«
»Lieber Baron« sagte die alte Dame in einiger Verwirrung »vor zehn oder
zwölf Jahren hätte ich Ihren Vorschlag vielleicht nicht so ganz unannehmlich
gefunden denn Sie wissen wohl noch dass ich mich damals verleiten ließ mit
einigen Befreundeten allerhand Stücke die damals in der Mode waren aufführen
zu helfen aber seitdem bin ich aus der Übung ich habe den Mut oder Übermut
der dazu gehört völlig verloren Und hätten Sie mir wenigstens von Ihrer
sonderbaren Zumutung etwas geschrieben damit ich mich hätte vorbereiten
können«
»So wären Sie uns gewiss gar nicht gekommen Vortrefflichste« erwiderte
Mannlich »und daher bediente ich mich dieser kleinen Kriegslist und dieses
Überfalles um Sie für uns zu gewinnen Ich habe in früheren Zeiten Ihr Talent
kennengelernt Sie werden Ihr Gedächtnis nicht ganz verloren haben und wenn Sie
erwägen dass ohne Ihre gütige Beihilfe alle unsere Anstalten zusammenbrechen
müssen so werden Sie sich uns gewiss nicht entziehen«
Da die beiden Nichten auch schmeichelnd und liebkosend ihre Bitten
vortrugen so ergab sich endlich die freundliche Tante darein die Rolle der
Elisabet zu übernehmen
»Und was« fragte der Professor Emmrich »haben Sie mir bestimmt«
»Sie sind Sickingen Professor« erwiderte Mannlich »und wenn Sie Ihrem
edlen Gesicht einen etwas freundlichern Ausdruck geben so wird der brave
Rittersmann sich in Ihrer Darstellung uns sehr lebhaft vergegenwärtigen«
»Ich will das mögliche tun« antwortete der Professor »aber nun fehlt noch
Selbitz Lerse und eine große Anzahl von Nebenpersonen«
»Es ist nicht zu vermeiden« antwortete Mannlich »dass mancher von unserer
ungeübten Gesellschaft in diesem so reichen Lebensschauspiel wird zwei
vielleicht sogar drei Rollen übernehmen wie es ja auch wohl früher mit diesem
Stücke auf unseren großen gut eingerichteten Teatern geschah Unser Professor
Lorenz hier zum Beispiel «
»Wen meinst du« fragte Elsheim
»Deinen jungen Freund den du unserm Zirkel zugeführt hast den
Architekten«
»Ah Du meinst meinen Freund Leonhard«
»Nun also« fuhr Mannlich fort »dieser junge treffliche Mann eignet sich
ganz zum Lerse auch bin ich überzeugt dass er den Bruder Martin vortrefflich
geben wird So spielte ja auch der große Schröder vor jetzt ungefähr dreißig
Jahren als er das Stück in Hamburg auf die Bühne brachte diese beiden Personen
und den Abt von Fulda obenein«
»Sehen Sie« rief Dorotea »dass Schröder die hübschen Geschichten und Späße
mit Liebetraut Olearius und dem Abte nicht ausgelassen hat Der verstand die
Sache Wir kriegen gewiss nach Herrn von Elsheims Abkürzungen nur das Erbärmliche
der Geschichte und das Lustige geht uns verloren«
»Geben Sie sich zufrieden Fräulein« sagte Elsheim »wir können die Szene
noch einschieben wenn Sie uns den dicken Abt darstellen wollen«
Fräulein Dorotea lachte und meinte wenn es sein müsse wolle sie sich doch
lieber in den anständigen Bischof von Bamberg hineinstudieren
»Nein« sagte Mannlich ganz ernstaft »das ist der Teil der unserm
würdigen Freunde da dem Grafen Bitterfeld zugefallen ist und der ihn auch
gewiss würdig repräsentieren wird«
»Ein Priester« rief der Graf aus »so ein abergläubischer Pfaffe Es ist
eigentlich gegen meine Grundsätze indessen da er doch ein Bischof ist und
soviel ich mich erinnere nicht vielen katholischen Fanatismus auskramt so will
ich mich für diesmal zu diesem Opfer bequemen Nur bitte ich soll es mir zu
keinem Präjudiz gereichen als wenn ich etwa wie so manche guten Köpfe unserer
Tage zum Katholizismus hinüberneigte«
»Sie können ja noch den Anführer der Reichsarmee übernehmen oder den Kaiser
Maximilian um jenen Verstoss gegen die Rechtgläubigkeit wiedergutzumachen«
sagte Elsheim
»Va es gilt« rief der Graf »ich bitte mir aber lieber den milden
menschenfreundlichen Kaiser aus der meinem Gemüte mehr zusagt«
»Es passt zum Stück« sagte Mannlich sehr vergnügt »und Sie können gewiss
auch noch eine Gerichtsperson von Heilbronn übernehmen denn solche Talente wie
die Ihrigen müssen wir recht gewaltig in Requisition setzen«
»Nun fehlt aber immer noch der bedeutende Selbitz« warf Emmrich ein
»Still Professor« erwiderte Mannlich mit schlauer Miene »es ist für alles
gesorgt Wir haben im nächsten Dorf einen Schulmeister der früher Korporal war
und dem im Kriege das linke Bein weggeschossen wurde Dieser wenn er sich
seiner ehemaligen Husarenlaune nur etwas erinnert wird uns den rauen Kerl ganz
herrlich hinstellen wozu noch der Vorteil und Verzug kommt dass er ein echtes
wahrhaftiges hölzernes Bein mit sich führt Den Zigeunerhauptmann lieber
Elsheim wird dein alter treuherziger nussbrauner Förster vorstellen und zum
Gesindel den Reichstruppen Knechten und so weiter müssen wir dann freilich
noch die Klügsten der Dienerschaft aussuchen denn so ein Privatteater macht
mehr noch als die Revolution alle Stände und Menschen gleich«
Man lachte und die Frau des Hauses die Mutter des Barons Elsheim
entfernte sich jetzt weil sie der Vorlesung des Stückes nicht beiwohnen wollte
Da es ihr ganz unbekannt war zog sie es vor sich durch die Darstellung
überraschen zu lassen und der Neugier und Spannung freien Raum zu geben
Die Vorlesung währte länger als drei Stunden Der Rezitierende hatte viele
Not Wasser Zitronen und Zucker einzurichten um in den Pausen seine ermüdete
Stimme neu zu beleben Als er geendigt hatte nahm der Graf Bitterfeld den
jungen Elsheim beiseit und sagte »Es ist ein außerordentlicher Mann mit den
wunderbarsten Gaben Es ist kaum möglich mehr Talente in sich zu vereinigen
Hat er uns nicht das ganze große ungeheure Stück so in einem Anlauf vorgelesen
dass man erst recht fühlt wie das Ganze ein einziger Guss ein mannigfaltiges
vielstimmiges Konzert in schönster Harmonie ist Wie groß allein die körperliche
Anstrengung und was muss nun erst in seiner Seele alles vorgehen Solche Männer
wie unser Baron sollte der Staat benutzen Aber daran denkt niemand«
Elsheim gab dem redseligen Manne vollkommen recht und nach einem so
bewegten Abend begaben sich alle zur Ruhe
Doch konnte Leonhard lange nicht einschlafen so lebhaft bewegten sich vor
seiner Seele die mannigfaltigen Bilder und Erinnerungen von dem was er am Tage
gesehen und erlebt hatte Und wie es zu geschehen pflegt dass von
verschiedenartigen zerstreuenden Eindrücken von allerlei Vorfällen und Reden
die wir nicht vergessen können überwältigt wir uns selbst verlieren so
geschah es Leonhard dass er sich sein Gemüt und Wesen und seine längst
eingewohnten Überzeugungen nicht wiederfinden konnte So nahe war er in seinem
bisherigen Lebenslauf den höheren Ständen noch niemals gekommen so frei und
ungezwungen hatten die Menschen dieser Art ihre Gesinnungen noch niemals vor ihm
entfaltet Sollte er seine Gefühle Lügner schelten oder sollte er seine
Beobachtung sich selber ableugnen Die wunderlichsten Traumgestalten erlösten
ihn endlich von diesen quälenden Betrachtungen
Als man sich am folgenden Tage an die Tafel begeben wollte sagte der Baron
Mannlich zu Elsheim »Freund welchen Schatz hast du an diesem Architekten
Leonhard in dein Haus geführt Mir ist noch niemand vorgekommen der einen so
auf das halbe Wort verstände Das Theater gerät durch seine Einsicht ganz
vortrefflich und wir werden acht Tage früher fertig werden als ich es dachte
denn er scheut sich nicht selber mit Hand anzulegen wenn deine dörflichen
Tischler sich oft sehr ungeschickt benehmen Der Mann hat gewiss Italien mit
großem Nutzen besucht Aber warum vermeidet er Französisch zu reden obgleich
sein Akzent nicht der schlechteste ist Ich würde bei seinen Talenten und
Kenntnissen in meinem Benehmen und Sprechen nicht so schüchtern und bescheiden
sein«
Elsheim war bei Tische sehr vergnügt und neckte sich mit der munteren
Dorotea neben welcher er seinen Platz genommen hatte Leonhard saß neben
Fräulein Charlotte und war erstaunt und ergriffen sooft sie sich in die
Gespräche mischte und laut eine Meinung äußerte Denn meistenteils saß sie
schweigsam und in sich gesammelt und schien kaum das zu beachten was in ihrer
Nähe vorging oder gesprochen wurde Wenn sie aber in die Rede einfiel oder
einen Gedanken mitteilte so schien dem verwunderten Leonhard alles so originell
und von der gewöhnlichen Art und Weise abweichend dass er es nicht begriff wie
diese Art zu denken nicht weit mehr Aufsehen erregte und als etwas Merkwürdiges
von allen beachtet wurde
Man sprach natürlich viel vom Theater von den Einrichtungen desselben den
Proben und von der Wirkung welche man von allen den Anstrengungen zu erwarten
berechtigt sei Es ward manches Glas auf das glückliche Gelingen des Abenteuers
geleert und Elsheim der schon heiter gestimmt war fing an ausgelassen zu
werden »Ihr Freund« sagte Charlotte zu Leonhard »ist heut in einem Humor der
ihm fremd sein muss weil er sich so sehr von ihm hinreißen lässt und in seinen
Scherzen übertreibt«
»Ich versichere Sie mein Fräulein« antwortete Leonhard »dass ich ihn schon
sehr oft in dieser Manier gesehen habe selbst in ganz nüchternem Mute Diese
poetische Trunkenheit bemeistert sich seiner in vielen Stunden so dass er leicht
von Altklugen oder Moralisierenden missverstanden wird«
»So sollte er immerdar so sein« erwiderte Charlotte »denn dies Wesen
kleidet ihn viel besser als jene Altklugheit mit der er sonst auf andere
Sterbliche herniedersieht«
»Ist das Ihr Ernst Fräulein halten Sie ihn für hochmütig«
»Für zu weise wenigstens Ich habe gestern beobachtet dass er auf einige
allerliebste Torheiten gar nicht einging ja sie nicht zu bemerken schien Und
wie behandelt er meine Muhme Albertine Er lässt es zu sehr heraus dass er sie
für ein Gänschen hält und dass er in diesen Irrtum hat fallen können beweist
eben wie wenig Menschenkenntnis er besitzt«
Leonhard erinnerte sich der Geständnisse seines Freundes und da ihm
deutlich war weshalb diesem Albertine unangenehm erschien konnte er auch im
Augenblick diesen Tadel und Vorwurf nicht beantworten oder widerlegen Charlotte
sah ihn von der Seite an und lächelte etwas boshaft »Ich wette« sagte sie
dann »ich weiß was Sie jetzt denken«
»Dass Sie eine Zauberin sind« antwortete Leonhard »braucht mir nicht erst
daraus klarzuwerden Doch erzählen Sie mir meine Gedanken weil ich so
vielleicht erfahre wie ich denken sollte«
»Sie denken im stillen« flüsterte Charlotte »die Frauenzimmer halten gut
zusammen und stehen sich redlich bei wenn beide ihren Verstand so gegenseitig
vertreten so bilden sie eine Assekuranz die doch am Ende wenn Misswachs zu oft
eintritt bankerott machen muss«
»Sie sind sehr unbillig« antwortete Leonhard »und Sie halten mich auch
weder für so boshaft noch so einfältig dass Sie im Ernst so törichte Gedanken
in mir argwöhnen könnten«
»Denken Sie nichts Schlimmeres von mir« erwiderte sie etwas scharf »so
werde ich mit Ihnen sehr zufrieden sein O die Männer die Männer Liegt nicht
in jedem Blick eine Satire auf unser Geschlecht und in jeder Schmeichelei eine
Verachtung unserer Schwäche«
»Woher in dieser Jugend diese feindselige Gesinnung« fragte Leonhard »und
woher bei so viel Schönheit solcher Mangel an Selbstvertrauen« fügte er etwas
schüchtern hinzu
Sie wandte schnell das Haupt und er blickte ihr in die dunkeln Augen »Ihr
Ansehen« sagte sie dann »ist recht ernstlich wenn Ihr Blick auch wie bei den
meisten Unwahrheit wäre so hätten Sie es in der Verstellung weit gebracht«
Leonhard wusste nicht recht was er aus dieser Rede machen sollte Es war ihm
fast angenehm dass man sich jetzt vom Tische erhob obgleich ihn seine Nachbarin
anzog und ihr Wesen ihm wunderbar und rätselhaft erschien Elsheim war so
ausgelassen dass er alle seine Gäste die älteren und jungen Damen keine
ausgenommen umarmte und küsste Seine Mutter die ihm warnende Vorstellungen
machen wollte drückte er mit so starker Herzlichkeit an sich dass sie sich
lachend und klagend von seinem Ungestüm befreite Die Tante und die jungen
Nichten sowie Dorotea gingen auf ihr Zimmer Mannlich schloss sich ein um
seine Rolle zu studieren die übrigen Herren fuhren spazieren und Leonhard
eilte mit seinem Freunde Elsheim in den Garten um sich mit ihm in einer kühlen
einsamen Laube in Gesprächen zu ergötzen
»Nun« fragte Elsheim nach einer Pause in welcher er den jungen Meister
etwas schelmisch angeblickt hatte » wie gefällt es dir denn bei uns Du siehst
oft so nachdenklich aus«
»Gesteh ich es dir nur« erwiderte Leonhard »ich bin verwirrt zerstreut
ich kann mich gar nicht so fassen bin nicht so sicher und ruhig wie es mir zu
Hause so natürlich war Ich mache Erfahrungen auf die ich nicht vorbereitet
sein konnte ich werde irre an meinen nächsten Überzeugungen ich schwanke so
hin und her dass ich fürchte ich möchte dir und mir unrecht tun wenn ich in
diesem Zustande etwas sagen oder behaupten wollte«
»Schon jetzt bist du so konfus« rief Elsheim »ich dachte das alles sollte
erst viel später kommen Aber um so besser deine Ruhe und Sicherheit können
also auch früher wieder eintreten Aber was kann denn deinen Sinn so
erschüttern«
»Ich kann es dir jetzt noch nicht sagen lieber Freund um dich nicht zu
erzürnen Vielleicht findet sich bald eine Stunde zu meinen Bekenntnissen Ich
habe wohl schon erlebt dass aus einfachen Missverständnissen und Irrtümern sich
Entzweiung selbst Feindschaft entwickelte Sprechen wir von anderen Dingen«
Alles dies sagte Leonhard fast wie verstimmt und furchtsam
»Und ich lasse dich nicht« rief Elsheim laut lachend »diese Stunde ist zu
schön wir sind hier auf lange ungestört Und wenn ich fast errate was dir im
Herzen steckt oder wo dich der Schuh drückt wie kannst du denn so lange auf
dem Anstand bleiben und nur zielen und zielen ohne loszudrücken«
»So sei es denn gewagt« sagte Leonhard mit einem komischen Seufzer »Du
sprachst mir unterwegs fast begeistert von einem Freund der auf deine Bildung
eingewirkt der dir in Sachen des Geschmacks zur Richtschnur gedient der dir
beinahe als Ideal erschien dessen Stimme du rühmtest seinen Vortrag
bewundertest der«
Eslheim sprang auf und umarmte den Redenden heftig indem er wieder laut
lachte »Über diesen liebster allerliebster Junge und verehrungswürdigster
Freund geniere dich gar nicht Rezensiere ihn brich über ihn den Stab Er soll
dir völlig preisgegeben sein denn wie du über ihn scherzest oder ihn ernstaft
verurteilst das kann mich nicht im mindesten beleidigen«
Er hatte sich wieder an seinen Platz gesetzt und Leonhard sagte etwas
empfindlich »Der Wein hat dich heut so stürmisch und ausgelassen gemacht dass
mir bange wird So schonungslos du diesen alten Freund jetzt aufopferst so
kannst du mich auch vielleicht in einer ähnlichen Laune irgendeinmal wegwerfen«
»Sei gescheit« rief Elsheim »sei nicht kindisch verständiger
Aufgeklärter Das ist ein ganz anderer Fall Ich werfe ja diesen trefflichen
Mannlich nicht so unbedingt weg ich kann aber mit einem wahren Freunde wie du
es mir bist wohl frei über einen jugendlichen Irrtum sprechen und dreist
bekennen dass damals ein Star auf den Augen meiner Seele gelegen haben muss eine
blendende Kraft ich habe den Brill gehabt wie es unsere guten Vorfahren
nannten Das begegnet ja wohl in der heftigen Jugend dass man sich irrt man
sieht dies und jenes am sogenannten Freunde das uns stört man hält es aber für
gottlos es in Rechnung zu stellen ja es selbst zu bemerken So taumelt man hin
in einer sonderbaren Selbsttäuschung bis man denn später erwacht«
»Gewiss« sagte Leonhard »soll man aber seine Freunde nicht kritisieren hat
man aber auf Treu und Glauben jemand in Zeiten in denen man noch nicht
beobachten kann als Freund angenommen so ist es auch nichts Unerlaubtes wenn
man in reiferen Jahren Vertrauen und Liebe beschränkt oder zurückzieht«
»Sehr gesetzt gesprochen« antwortete Elsheim »und so will ich dir denn
gern gestehen dass ich in meinem Leben noch nicht so getäuscht worden bin als
in dem Augenblick in welchem ich diesen meinen Mannlich wiedersah Ich möchte
sagen dass er seit lange schon seine Natur und sein Wesen ausgezogen und
irgendwohin wie alte unbrauchbare Kleider verkauft hat so hat er sich nun
eine Maske angeschafft die sein Wesen vorstellen soll eine treuherzige
Biederkeit die tapfer und gutmütig aussehen muss eine Herablassung wie wenn er
alles am besten wisse und den andern nicht immerdar beschämen wollte Man fühlt
es ihm an dass er nur mit Leuten umgeht unter denen er stets der Klügste ist
oder es sich wenigstens zu sein dünkt Nichts verdirbt den Mann so sehr und
erniedrigt ihn nach und nach zum alltäglichsten Philister Da hören wir nur
lauter Phrasen umständlich ausgesprochen Dinge die sich von selbst verstehen
oder die als ausgemachte Wahrheiten mit kalter Unumstösslichkeit gesagt werden
aber erst tausendfache Erörterungen verlangen ehe sie uns für wahr oder
verständlich gelten können Enfin er ist ziemlich unausstehlich«
Leonhard musste lachen »Wie mundet dir denn sein Vorlesen« fragte er dann
»Du hast vollkommen recht« fiel Elsheim schnell ein »wenn du diese Art
vorzutragen völlig unausstehlich nennst Diese hohle gemachte Stimme die in
trockener Affektation das Edle und Natürliche ausdrücken will Er schenkt uns
keine auch der allerkürzesten Silben er dehnt sie vielmehr auf fühlbare Weise
Unser sogenanntes stummes E wird zwar dadurch nicht beredt aber wenigstens
vorschreiend und langweilig So entsteht indem freilich nichts verlorengeht
oder dunkel bleibt eine so entsetzliche Deutlichkeit des Vortrags dass von
leisen oder geistigen Übergängen von einem feinen zarten Schwinden und
Abfallen der Silben in Wehmut und Schmerz nicht mehr die Rede sein kann So hat
ja auch seine Vorlesung gegen vier Stunden gedauert«
»Und wie wird erst sein Spiel ausfallen« sagte Leonhard »wenn seine
Gebärden ebenso umständlich sind wie seine Aussprache Dann muss diese hohle
Feierlichkeit einen merkwürdigen Effekt machen Und so dürfte denn unser
Lieblingsgedicht zu einer Parodie herabgewürdigt werden«
»Man muss ihn nun schon gewähren lassen« antwortete Elsheim »es geht ja oft
so im Leben dass entusiastische Plane zum Lächerlichen ausschlagen«
»Nur« fing Leonhard nach einer Pause wieder an »hättest du an mir nicht
einen kleinen Verrat begehen sollen und mich ihm gewissermaßen opfern da du
selbst ihn ganz anders ansiehst als vor einigen Jahren«
»Was kannst du meinen lieber Leonhard«
»Er weiß ja dass ich ein Tischler bin und von wem kann er es erfahren
haben als von dir«
»Er weiß es sagst du «
»Nun ja denn er sprach gestern höhnisch von Tischlergleichnissen und
dergleichen«
»O mein Freund« rief Elsheim aus »deute nur nicht gleich jede Zufälligkeit
so wie einer der kein gutes Gewissen hat Ich schwöre dir er lässt sich
dergleichen von dir nicht träumen er bewundert dich im Gegenteil als einen
außerordentlichen Architekten und gelehrten Professor Er hat dich höchlich
gelobt und erstaunt nur darüber dass du selbst mit dem Hobel so gut umzugehen
weißt Die eigentliche Handarbeit solltest du daher auch lieber unterlassen«
»Du kannst es dir nicht denken« erwiderte Leonhard »wie es einem tüchtigen
Arbeiter in die Hände fährt wenn er diese Meister vom Dorfe und diese Gesellen
aus den kleinen Städten so ganz ungeschickt hantieren sieht Man kann nicht
lassen zuzugreifen und dem linkischen Volk einige Griffe zu zeigen Die Glieder
sind bei vielen Menschen ebenso dumm wie der Kopf Gibt es denn aber mein
Freund viele solcher vornehmen Leute wie dieser Graf Bitterfeld einer zu sein
scheint«
»Guter Leonhard« erwiderte der Baron »dieser Mann ist eigentlich der wahre
einfache Typus unserer Klasse und was drüber oder drunter ist ist nur als
Abweichung zu betrachten Von allem etwas wissen und von nichts etwas
Gründliches Gründlichkeit und Tiefsinn wo sie sich zeigen zu verlachen und in
demselben Augenblick eine ernste Miene ja eine andächtige der Verehrung ziehen
zu können wenn man merkt dass ein Höherer oder Fürst diese Eigenschaften an
diesem und jenem hochschätzt Spricht er dann in seiner Familie oder zu den
Vertrautesten über den Fürsten so ist die Achtung welche er jenen Kenntnissen
zollt nur als Krankheit anzusehen darüber sind denn auch alle Genossen einig
und zwar mit der festesten und kältesten Sicherheit Alles ist ihm nur
Erscheinung vorübergehend aus Mode außer dem Begriff des Adels der Etikette
an den Höfen der Uniformen und des Ranges den jeder bei Tafel oder in den
Assembleen einzunehmen hat Alle Mesalliance bei Heiraten vertrauter Umgang mit
Bürgerlichen Studium einer Wissenschaft Absonderung und Meiden der großen
Gesellschaft alles dies erscheint ihm ebenso als Schwärmerei und Fanatismus
wie die Sekte der Wiedertäufer oder Adamiten«
»Und doch lässt er sich herab Komödie zu spielen« warf Leonhard ein
»Wenn du erfährst« antwortete Elsheim »dass einer der berühmten Kaunitze
ein Kobenzl ein entusiastischer Komödiant war der sich mehr als einmal durch
diese Leidenschaft lächerlich machte wenn du dich erinnerst dass die
unglückliche Königin von Frankreich und der Komte dArtois auch gern Komödie
spielten den Herzog von Orleans und den Duc Konti nicht einmal gerechnet so
wird deine Verwunderung aufhören Es ist seitdem als die Schwäche und
Herablassung großer Charaktere anzusehen Darum wird er auch auf dem Theater mit
dem geringsten Spielenden freundlich und fast vertraut umgehen denn
Bühnenverhältnisse lösen noch mehr als Badebekanntschaften die Fesseln der
Etikette«
Leonhard fuhr fort »Wenn sich mir deine Beschreibung des Baron Mannlich
nicht bestätigte so bin ich noch mehr an jener in Ansehung des Fräuleins
Albertine irre geworden«
»Wieso«
»Sie ist ja so liebenswürdig innig und kindlich freundlich dass deine
Schilderung gar nicht auf sie passt Und ihre Stimme ohne ihre anderen Vorzüge
Ich habe noch nicht leicht einen Ton gehört der so unmittelbar zum Herzen
spricht Man braucht nicht einmal auf den Inhalt ihrer Rede hinzuhorchen so
erweckt der Silberklang dieses schönen Organs auch ohne weiteres poetische
Vorstellungen in unserm Gemüt eine anmutige Rührung eine schöne Erhebung
unsers Geistes«
»Still mein Freund« rief Elsheim »du bist ganz nahe daran dich in dieses
Gesichtchen und die klaren blauen Augen zu verlieben wenn es nicht schon
geschehen ist Nun was werde ich über Charlotten hören«
»Verliebt« rief Leonhard »sieh Freund dies ist eins von den Worten die
in der Welt am allermeisten gemissbraucht werden Ich werde einer solchen Gefahr
nicht unterliegen Nun Charlotte diese ist eins von den Wesen so scheint es
mir nach kurzer Bekanntschaft und Beobachtung über welche es unendlich schwer
vielleicht unmöglich ist ein wahres Urteil zu fällen Sie ist ein tiefes
poetisches Gemüt schweigsam weil ihr der gewöhnliche hergebrachte Ausdruck
nicht genügt weil der gemeine Gegenstand der meisten Reden und Gespräche ihr
wohl zu gering sein mag Sie scheint ganz Leidenschaft und Enthusiasmus In
ihrer Nähe und von ihren Worten berührt ist mir gewesen wie in der schönsten
ganz poetischen Einsamkeit Wald und Fluss sprechen dann auch aber in gereizter
und erhobener Stimmung so innigst dass jeder der rätselhaften Laute ebensosehr
zum Schmerz als zur Wonne wird«
»Du bist in einer fatalen hyperpoetischen Stimmung« antwortete Elsheim
»Auf solchen Wegen wirst du die Menschen niemals kennenlernen Ich sage dir
deine vergeistigte Albertine ist ein albernes Gänschen und diese deine
wundersame Charlotte eine recht eigentliche Kokette nur auf ihre eigentümliche
etwas seltsame Art Dich haben gewiss in früher Jugend auch jene Sterne Sonnen
und Blumen erfreut die man aus dunkelroter oder rubinfarbener himmelblauer
und glänzend grüner Folie und dünnen Blechen schneidet Diese Zieraten waren
einmal sehr Mode Wie matt sieht gegen diese funkelnden Stücke jede Malerei aus
Selbst die Natur kann in Laub und Blumen nicht mit diesen Prachtstücken
wetteifern Aber nur ein kindischer Sinn wird davon geblendet der Maler kann
diese Effekte weder hervorbringen noch will er es Die heilige Zartheit der
Natur zieht sich vor jedem Wettstreit mit diesen Dekorationen zurück Zu diesen
zauberischen Prunkflittern diesen dunkelglänzenden Folieblumen gehört eben
Charlotte«
»Du nennst sie Kokette« sagte Leonhard »ist sie es so muss man sie
hassen«
»Warum das« fragte der Freund »nur nicht Natur Gesinnung Gemüt und
Wahrheit in ihr sehen wollen oder die Begeisterung und Freude von ihr erwarten
die uns ein Kunstwerk zuführt«
»Du bist deiner Sache auch vielleicht zu gewiss« erwiderte Leonhard etwas
empfindlich »vielleicht wäre die Verbindung mit Albertinen du sagtest mir
dass deine Verwandten sie wünschten dein Glück«
»Wie bist du nur« rief Elsheim aus »ich kenne dich heut nicht wieder du
solltest doch deine Freude die du an diesen törichten Mädchen hast nicht mir
anzwingen wollen Suche jeder sein Glück auf seinem eigenen Wege«
Leonhard wollte eben antworten als sie durch einen Bedienten unterbrochen
wurden der weil er den jungen Baron schon allenthalben gesucht hatte keuchend
in die Laube trat »Was gibts« fragte dieser
»Ach gnädiger Herr« sagte der Diener »hier ist der alte Förster Rudolf
der im Hause und im ganzen Garten herumläuft heulend und schluchzend und der
Sie mit aller Gewalt sprechen will«
Elsheim ging dem alten Jäger entgegen und dieser lief schon mit den Zeichen
des größten Schmerzes auf ihn zu die Hände ringend und dann wieder mit seinem
Tuch die Augen trocknend
»Alter um Gottes willen« rief der junge Edelmann aus »was ist Euch für
ein Unglück begegnet Fasst Euch alter Mann« Mit den Worten ergriff er die Hand
des Alten und suchte ihn zu beruhigen erschrocken wie er selber war
»Oh gnädiger Herr« klagte der Alte »dass mir noch in meinen allerletzten
Tagen dergleichen begegnen muss Ich dachte nun bald mit Ehren in die Grube zu
fahren und soll noch solchen Schimpf vor meinem seligen Ende erleben«
»Aber was ist Euch zugestoßen«
»Man sagt ja« rief der Förster »dass Sie es durchaus wollen junger Herr
Der Heinrich ist zu mir gelaufen gekommen ich soll einen Komödianten abgeben
und wenn es noch Kaiser König oder eine Art Herzog wäre den ich aufführen
soll Nein geradezu einen Spitzbuben einen Mordbrenner Und auch das würde ich
mir noch gefallen lassen wenn der Mensch noch ein ehrlicher ordinärer
Spitzbube wäre Aber einen Zigeuner soll ich agieren Ich werde vor allen meinen
Jägerburschen zu Schimpf und Schanden denn es sind noch nicht zehn Jahre her
als sie drüben jenseits über der Grenze einen solchen verruchten Zigeuner
aufknüpfen taten wie er es auch verdiente Damals ist die ganze Landschaft von
hier und ich selber mit hinübergelaufen um den Skandal anzusehen Und nun
soll ich einen solchen giftigen heidnischen Hund vor meiner Herrschaft und allen
Dienern und den Fremden vorstellen Das überleb ich nicht«
Elsheim nahm den alten Mann der ganz außer sich schien beiseit und ging in
der Lindenallee lange mit ihm auf und ab um ihn durch gütliches Zureden zu
beschwichtigen Leonhard beobachtete aus der Ferne ihr lebhaftes Gespräch und
als sich die Freunde am Abend wieder trafen sagte der Baron »Nun fängt das
Leiden der Komödie auch schon an dass die Menschen nicht mit ihren Rollen
zufrieden sind«
Es vergingen nun mehrere Tage unter mancherlei Zerstreuungen und verschiedenen
Arbeiten Das Theater war unter Anleitung Leonhards und des Barons Mannlich
schon bedeutend vorgeschritten man hatte die Leseprobe gehalten zu unendlicher
Ergötzlichkeit der kleinen mutwilligen Dorotea Denn bei Abschrift und
Austeilung der Rollen hatte es sich erst erwiesen dass man eine der
hauptsächlichsten bis dahin völlig vergessen hatte den munteren herrlichen
treuen Georg nämlich Nun bat man dringend und freundlich dass Dorotea diesen
statt ihrer Zigeunerin übernehmen möge und sie ließ es sich endlich gefallen
in der Tracht eines Knaben aufzutreten Beim Lesen ihrer Rolle wendete sie
manche Stellen höchst mutwillig so dass es wie Verspottung der zerstreuten und
vergesslichen Direktoren klang
»Da flog das Meislein auf ein Haus und lacht den dummen Buben aus« klang
von ihrem Gelächter akzentuiert und durch ihre Blicke kommentiert für den Baron
Mannlich fast etwas zu anzüglich Indessen ließ sich seine ehrenfeste Haltung
von dem kleinen Schadenfroh wenn auch einige mitlachten nicht aus der
gesetzten künstlerischen Fassung bringen
Leonhard hatte auch schon einen Brief von seiner Frau durch seinen Freund
erhalten nachdem er ihr sogleich nach seiner Ankunft auf dem Gute geschrieben
hatte In seinem Hause stand alles gut und so war er jeder Sorge enthoben
Ein Teil der Gesellschaft hatte sich bei dem schönen Wetter auf die Reise
begeben um einige teatralische Vorstellungen in einer namhaften Stadt wo sich
derzeit eine gute Schauspielertruppe befand anzusehen Der Ort war zwar eine
ganze Tagereise entfernt indessen bestand diese Sommergesellschaft die sich
auf dem Landhause versammelt hatte aus Menschen die mit der Zeit etwas
großmütig umgehen konnten weil sie Leonhard abgerechnet alle ohne Beruf und
Beschäftigung waren Elsheim vorzüglich betrieb diese Reise da er sich von der
Langeweile und Anstrengung erholen wollte die ihm die gerichtliche Übergabe des
Gutes verursacht hatte wobei die Förmlichkeiten die Gerichtspersonen das
Zeremoniell und alles was zu dergleichen Akten gehört ihn wirklich sehr
verstimmten und ihm in diesen Tagen für sein Theater und die poetischen
Ergötzlichkeiten keine Zeit übrigliessen
Als die jungen Leute nach vier Tagen etwas ermüdet zurückkamen so wendeten
sie sich wieder zu ihren theatralischen Belustigungen Es war jetzt auffallend
wie oft man Leonhard mit Charlotten im eifrigen Gespräche sah und wie die
Schweigsame eilig in Fragen und Antworten war Elsheim beobachtete sie lächelnd
aus der Ferne und wendete sich zuweilen an Dorotea um mit dieser über das
Bündnis zu scherzen welches jene beiden auf dieser Reise geschlossen zu haben
schienen Dorotea selbst aber war unterwegs der schwermütigen Albertine viel
nähergekommen und es bildete sich schnell eine vertraute Freundschaft unter den
beiden jungen Mädchen von denen jedermann bisher geurteilt hatte da ihre Art
und Weise so völlig verschieden war dass sie sich niemals einander nähern würden
Unter den Männern verbanden sich sowie Elsheim den Baron Mannlich mehr
vernachlässigte dieser und Graf Bitterfeld mit jedem Tage inniger Der Graf
bewunderte die ausgebreiteten Kenntnisse seines neuen Freundes so wie er
immerdar von seiner Biederkeit gerührt wurde Mannlich war gegen diese
Anerkennung sehr dankbar und übersah mit Freundlichkeit die Unwissenheit seines
Genossen dessen edles Herz und Menschenkenntnis er um so höher stellte
Am einsamsten schien sich der Professor Emmrich in diesem bunten Zirkel zu
befinden Er studierte viel in seiner Gartenwohnung die ihm Elsheim weil er
des Freundes Launen kannte gern eingeräumt hatte In diesem abgelegenen Pavillon
sah die Dienerschaft noch oft Licht wenn im Schloss schon längst alles zur
Ruhe gegangen war Emmrich hatte es sich schon früh angewöhnt in der Nacht fast
mehr als am Tage zu leben er bedurfte nur wenigen Schlafs und weniger Nahrung
und hielt in seiner bizarren Laune das meiste von dem was andere Menschen
Naturbedürfnisse nannten nur für Angewöhnung und Nachgiebigkeit gegen
Schwächen So konnte er lange fasten viele Meilen dabei zu Fuß gehen ohne sich
ermattet zu fühlen und er gestand dass er fast niemals Hunger oder Durst
empfinde und sich ebenso ohne Anreiz nur mit willkürlichem Vorsatz an die Tafel
begebe wie er sich zum Schlafe endlich niederlege ohne sich jemals überwacht
zu fühlen Diese seltsame Lebensweise war auch die Ursache dass sich viele
Menschen vor ihm fürchteten welche unheimliche Furcht sein klarer Verstand und
unbestechliches Urteil noch vermehrten Denn viele Menschen mögen mit sich
selbst und ihren sogenannten Freunden nur in einer gewissen Dämmerung leben wo
nichts bestimmt gesehen und unterschieden wo nichts scharf ausgesprochen wird
Um so schlimmer wenn diese einmal aus ihrem Schlaf erwachen Darum erregt es
dem Menschenkenner kein Erstaunen wenn so oft Freundschaften die innig
schienen sich um eine Kleinigkeit lösen und zuweilen sogar in bitteren Hass
verwandeln Am meisten war Emmrich mit der verständigen Tante in Gesellschaft
und es war sichtlich dass auch er Albertinen welche von der Tante vorzüglich
geliebt wurde den übrigen jungen Frauenzimmern vorzog
»Du wirst krank werden Albertine« sagte Dorotea indem sie die Freundin
liebkoste Die beiden Mädchen hatten sich von der Abendgesellschaft
zurückgezogen und saßen in traulicher Dämmerung plaudernd und erzählend einsam
im Zimmer der Tante »Wie ich dich kennenlernte« fuhr Dorotea fort »warst du
so heiter sahst so klar aus den Augen sprachst so richtige Vernunft dass es
eine Freude war dich zu hören und zu sehen Und auch noch jüngst als wir
hieher reisten wie heiter und selbst fröhlich warst du und jetzt verfällt
dein Gemüt von Tage zu Tage mehr Unsere Herzen sind sich auf der Reise so schön
begegnet so gestehe mir nun auch was dich so traurig machen kann«
»Ich weiß es selbst nicht« erwiderte Albertine indem sie weinend die
Freundin umarmte »Es ist ja so schwer das was uns oft ängstigt in Worte zu
fassen Du bist immer heiter und unbesorgt dich ängstigt das Leben noch nicht
und darum hüte dich dass du nicht auch einmal in diese Stimmung gerätst Sieh
mein Herz das Leben selbst ist es was mich so wehmütig stimmt denn ich wüsste
mich für meine eigene Person über nichts zu beklagen Wie schnell ist der
Frühling vergangen wie bald wird der Sommer vorüber sein Wie hinfällig ist
alles wie vorübergehend und in den Händen verwelkend worüber wir uns freuen
möchten Alles verschwindet ehe wir es genossen haben und jeder folgende Tag
straft uns Lügen dass wir uns gestern auf ihn freuen konnten«
»Das kann ich dir alles nicht glauben« erwiderte Dorotea »ich habe zwar
noch nicht so gar viele Erfahrung aber ich denke denn doch alle diese
Weichmütigkeiten kommen uns erst wenn irgend was Wirkliches ein wahres Leid
unser Herz belästigt Dich drückt etwas du geliebtes Wesen und du willst es
mir entweder nicht bekennen oder weißt es noch selber nicht recht wie denn das
auch wohl zuweilen der Fall sein mag«
»Nein Geliebte« erwiderte das trauernde Mädchen »mir ist wohl mir selbst
tritt nichts feindlich entgegen es ist eine allgemeine Trauer die sich meiner
bemeistert hat eine Wehmut möcht ich doch sagen über alles Geschaffene Du
bist jetzt meine Freundin weiß ich wie lange du es sein kannst und wirst ob
du mir nicht einmal vielleicht bald feindlich gesinnt bist Wie wandelbar wie
schwach ist das menschliche Gemüt Ich habe ja dergleichen auch schon in meinem
jungen Leben erfahren«
Jetzt wurde auch die muntere Dorotea betrübt und sagte »Nein so weit muss
deine Schwermut nicht gehen dass du deinen Freunden unrecht tust du versündigst
dich damit Man muss dich schwer verletzt haben dass es dir möglich ist so
unbillig zu sein«
»Nein nein« rief Albertine heftig »du irrst dich mein Herz und so lass
uns denn lieber von anderen Dingen sprechen Wie hast du dich auf dieser Reise
unterhalten«
»Angenehm genug« erwiderte die Kleine »denn erstlich haben wir einander
näher kennengelernt dann habe ich viel Neues gesehen eine Oper die mir fremd
war und ein neues Lustspiel das Museum die vielen Gemälde die große
Wachtparade und was dann noch außerdem an der zahlreichen table dhôte im
eleganten Gasthofe vorfiel«
»Ja ja viel Neues« sagte Albertine seufzend »wären die Sachen nur auch
löblich wahrhaft aufregend gewesen Diese armselige Oper und diese neue Sorte
von Teaterstücken wie kann man nur Interesse an ihnen nehmen«
»Doch wenn man jung ist Sind wir denn nicht überhaupt dazu da immerdar
etwas zu lernen«
So sprach Dorotea und Albertine sah sie forschend an und fuhr dann fort
»Sieh mein Kind ich verstehe die Menschen gar nicht mehr Nicht wahr mein
Vetter der junge Elsheim wird von allen Leuten für einen sehr angenehmen
Menschen gehalten Man nennt ihn geistreich wohlgebildet fein witzig
wohlwollend selbst gelehrt und wer weiß was nicht sonst noch alles Und doch
sind wenige Männer vielleicht gibt es keinen einzigen der mir in jeder Minute
ja fast in jedem Augenblick wenn ich in seiner Gesellschaft bin einen so
lebhaften Unwillen ja einen tief empfindlichen Schmerz erregt Wie ist es dir
denn in seiner Gegenwart«
»Mir« fragte Dorotea »wahrlich mir ist es noch gar nicht einmal
eingefallen mir diese Frage zu stellen Er gefällt mir übrigens ganz wohl und
kommt mir vor wie die meisten Männer«
»O du unschuldiges Kind« rief Albertine aus »du siehst also nicht wie in
diesem jungen hübschen hochfahrenden Mann die ganze Verkehrtheit unsers
Zeitalters so recht sichtlich dargestellt ist Wie ist er mit sich selbst
zufrieden wie belehrt und hofmeistert er oft andere über Dinge die diese doch
viel besser wissen Er ist freundlich gegen alle ohne Ausnahme aber in diesem
Wohlwollen ist so viel bewusste und absichtliche Herablassung dass es den
Unschuldigen dem er sich auf diese Weise nähern will weit mehr verletzen als
erfreuen muss Und sein Lachen sein höhnisches Lachen meist über Dinge die
ihm nur deswegen komisch vorkommen weil er sie nicht versteht Ist nicht ein
recht hochadliger Hochmut in seiner Art wie er mit seinem bürgerlichen Freunde
Leonhard umgeht der ihn doch sogar in Gesellschaft du nennen darf«
»Kind« sagte Dorotea »du tust dem Vetter unrecht Er ist ein ganz
gutmütiger und wenn ich es recht überlege ein allerliebster Mensch So
gefällig so nachgiebig der beste Wirt gegen seine Mutter die er doch so sehr
übersieht so ganz kindlich so dass er es sie nie merken und empfinden lässt
wenn sie manchmal in seiner Gegenwart so ganz einfältig spricht Er muss dich
einmal eigen beleidigt haben oder ein Fremder hat dich gegen ihn aufgebracht
sonst ist mir alles dies unerklärlich«
»Sind doch andere Männer« fuhr Albertine fort »ganz anders beschaffen
Betrachte nur diesen bescheidenen wahrhaft verständigen Leonhard Möchte ich
diesen doch das Muster eines gebildeten Mannes nennen so ruhig und fest steht
er auf sich selbst und bedarf keiner Bestätigung von außen oder von andern Er
hat auch gar nicht das männlich Männliche was mir schon als Kind so anstößig
und ärgerlich war«
»Ich verstehe dich wieder gar nicht« sagte Dorotea
»Das ist ja mein Leid« fuhr Albertine fort »dass ich so ganz anders
empfinde und nichts davon noch dazutun kann Ist es dir denn nicht schon
einmal im Leben recht empfindlich zuwider gewesen wenn Männer beisammen sind
und etwa im Preisen einer Pastete oder eines delikaten Weines sich ergehn Hast
du denn noch niemals bemerkt dass dann dieser und jener auf eine recht
widerliche Art den Mund verzerrt schielt und lächelt und mit den Augen
blinzelt Mag das Gespräch vorher gewesen sein welches es wolle von Religion
Natur oder Kunst wobei sie sich oft recht erhaben vorkommen nun wird dieser
Ton angeschlagen und das Tier das gleichsam künstlich untergeschoben an den
Ketten der Förmlichkeit und Heuchelei festgebunden lag springt nun plötzlich
hervor Viele finden dergleichen an solchen Männern liebenswürdig und ich
schwöre dir mir ist schon oft ein Grausen darüber angekommen Und wenn ich mir
dann denke dieser der bei Erinnerung an einen sinnlichen Genuss so widerwärtig
grinsen kann so garstig lachen dieser soll sich irgendeinmal einbilden er
könne lieben oder werde es einem armen getäuschten weiblichen Wesen vorlügen
oder gar ich selbst könnte seiner Falschheit unterliegen so muss ich schaudern
Siehst du Dorotea nun bist du selbst nachdenklich geworden«
Es war wirklich so Die Kleine hatte den Kopf in die Hand gestützt und
machte eine Miene wie sie Albertine noch niemals an ihr bemerkt hatte »Du hast
wohl nicht unrecht« sagte sie nach einer Pause recht schwermütig »es kann oft
im besten Menschen etwas sein was eigentlich wenn man es genau nimmt recht
unmenschlich ist Ich habe nur niemals darauf achtgegeben oder wenn ich es
einmal bemerkte und es mir widerlich auffiel habe ich es nicht so wichtig
genommen«
»Und nun gar« fuhr Albertine mit unterdrückter Stimme fort »wenn sie von
Mädchen und Frauen sprechen und man ohne es zu wollen ihre Erzählung zufällig
anhört wie sich wo unversehens eine Schulter oder ein Busen enthüllt oder gar
ein Knie entblößt hat plötzlich dann jene SatyrLarven jenes
FaunenGelächter an dem sich die Brüderschaft erkennt und ohne Worte sich
zuruft Lassen wir die Maske fallen zwingen wir uns nicht da wir uns doch alle
gegenseitig als Tiere und Vieh längst kennen«
Die Mädchen sanken sich weinend in die Arme »Ja ich bin krank« sagte
Albertine dann »am Leben krank und der Tod ist vielleicht meine Heilung Wie
oft träumte ich in meinem kindischen Sinn dass der echte Mann zugleich das Wesen
einer Jungfrau haben müsse«
»Manche von uns« erwiderte Dorotea kleinlaut »sind aber auch nicht viel
besser Und viele Bücher in Prosa wie in Versen suchen ja auch alles das
worüber wir hier klagen lächerlich zu machen Ach ja man muss sich eben um
leben zu können in alles finden«
»Ich will aber nicht« rief Albertine mit der größten Lebhaftigkeit »
hörst Du ich will es nicht Und sieh der Elsheim den du vorher so verteidigen
und loben wolltest ist in allen diesen Punkten einer der Schlimmsten Nicht
wahr ich werde den meisten rasend vorkommen wenn ich verlange dass Mann und
Frau Vater und Mutter auch in der Ehe noch unschuldig bleiben sollen dass den
Geliebten nach dem höchsten Genuss ein Händedruck seines Mädchens noch so
beglücken soll wie beim ersten scheuen Begrüssen«
»Ach Liebe Liebe« sagte Dorotea und schmiegte sich an die Freundin »du
sprichst da etwas Göttliches aus worüber wir vielleicht alle unsere schönen
Träume haben Wörtlich sagt dasselbe auch Novalis was du eben aussprachst«
»Novalis«
»Dieses herrliche Buch will ich dir geben du musst es lesen es ist erst
ganz kürzlich herausgekommen« antwortete Dorotea
»Ach Kind« fuhr Albertine fort »du wirst mich für ganz töricht halten
Erzähle wenigstens keinem Menschen auch der Tante nicht von dem was ich dir
eben anvertraut habe Ist mir Elsheim gleich zuwider so kann ich ihn doch nicht
hassen Oh seine Blicke sind oft fürchterlich In der Gemäldegalerie dort in
der Stadt und noch mehr unter den Antiken und Abgüssen wusste ich mich von
seiner Gegenwart geängstigt gar nicht zu lassen Die Unschuld selbst das
Heilige und die Größe der Kunst wird anstößig und zum Frechen wenn er erst
diese nackten Bilder und dann dich mit jenem kritischen forschenden Auge
mustert Ich hätte mich so gern dort unter den Götterbildern recht ergangen und
mein Gemüt in dieser Schönheit erhoben aber diese Säle wurden mir durch seine
schuldvollen Blicke ein Aufenthalt der Sünde O welche Verschiedenheit unter den
Männern Dieser Leonhard mit seinen redlichen unschuldigen Augen könnte selbst
dem Zweideutigen Reinheit geben Er war in diesen beklemmenden Stunden mein
einziger Trost Mit ihm könnt ich allenthalben sein ohne mich gestört zu
fühlen In seinem Wesen herrscht das vor was ich das Weibliche das
Jungfräuliche nennen möchte Wie glücklich muss die Gattin und die Geliebte sein
die er sich auserwählt Ich bilde mir ein dass es nur wenige Männer gibt wie
diesen«
»O mein Kind mein armes Kind« rief jetzt Dorotea aus »dachte ich es
doch dass dein Leidwesen aus einer ganz andern Gegend herstammen müsse Wie soll
das endigen Was soll daraus werden«
»Nun« fragte jene erstaunt »und was ist es denn das mir fehlt«
»Du hast dich« war die Antwort »in diesen fremden Menschen in diesen
Leonhard sterblich verliebt Oh du Unglückselige mich dünkt ich habe gehört
er sei schon verheiratet«
Die beiden Mädchen waren jetzt aufgestanden »Verliebt« sagte Albertine
nachdenkend »und in Leonhard Nein liebste Freundin das kann ich doch
unmöglich glauben«
»Alle Merkmale sind da« sagte Dorotea seufzend »es ist so klar dass du es
nur nicht mehr leugnen solltest«
Es war ganz finster geworden und ein Bedienter welcher sie schon
allenthalben gesucht hatte rief sie zur Gesellschaft ab die sich im
Komödiensaal versammelt hatte um die eben fertig gewordene Walddekoration zu
betrachten die dort aufgestellt war Sie gingen hinüber und fanden die Freunde
und Bekannten die bei angezündeten Lampen das neue Kunstwerk beurteilten und
sich daran freuten Am lautesten sprach der Maler selbst ein kleiner dicker
Mann der in einem nahe gelegenen Städtchen ansässig war Er setzte die
Richtigkeit die Perspektive und die Schönheit aller einzelnen Teile weitläufig
auseinander und der Professor Emmrich schien ihm mit der größten Aufmerksamkeit
zuzuhören Die Wand sowie die Kulissen waren ziemlich grell gefärbt und es war
augenscheinlich nur guter Wille der Anschauenden wenn sie dem Lobredner in
keiner seiner Behauptungen widersprachen Als sich der Künstler entfernt hatte
sagte Emmrich »Es ist für mich fast rührend einen schwachen Handwerker dieser
Art zu sehen wenn er in seiner Mittelmässigkeit meint ein Meisterwerk
verfertigt zu haben Wer könnte so grausam sein den von seiner Kunst Entzückten
auch mit dem gegründetsten Tadel zu Boden zu schlagen Lassen wir ihm das Glück
seiner Einbildung denn für das was uns sein Machwerk nutzen oder bedeuten
kann ist es immer gut genug Grün ist der Wald wenigstens das kann niemand
leugnen und das können manche wirkliche Wälder in der Mark und auch anderswo
nicht zu allen Zeiten von sich rühmen«
»Als wenn er es besser machen könnte« sagte Graf Bitterfeld zu Elsheim und
Leonhard die etwas entfernt standen »Der gute Mann« fuhr der Graf fort »will
in allen Dingen den Kenner spielen und das ist recht bequem und leicht wenn
einer wie der Professor kein eigenes bestimmtes Fach hat in welchem er sich
auszeichnen könnte«
Als der Graf sich entfernt hatte sagte Elsheim zu Leonhard »Mit diesem
Emmrich musst du nähere Bekanntschaft machen Er ist ein tüchtiger Mann ein
Original wie sie immer seltener bei uns werden selbständig bis zum Eigensinn
dabei aber billig und freundlich Er ist hart und tadelt oft scharf diejenigen
als Schwächlinge die sich beim Frost zu sehr beklagen und verachtet geradezu
alle die in der Hitze verschmachten wollen Und doch ist kein Mensch auf Erden
in einem Punkt so schwach ja lächerlich empfindlich als er selbst Dieser
Punkt betrifft den Zug Er kann heftig bis zur Grobheit werden ja selbst
tyrannisch wenn irgendwer durch übereilte Öffnung eines Fensters oder einer Tür
plötzlich Zugwind erregt Er behauptet dieser sei eigentlich das gefährlichste
Gift in der Welt und Tausende von Menschen stürben an diesem Arsenik doch sei
für einen solchen offenbaren Giftmischer in den Gesetzen keine Strafe
festgestellt was eine Barbarei der Zeit beweise und eine gefühllose
Unachtsamkeit der meisten Menschen die doch sonst für Leben und Gesundheit so
übermäßig ängstlich besorgt wären Die Ärzte schilt er was diesen Punkt
betrifft Ignoranten und er ist fest überzeugt dass alle diejenigen die sich
dem Zuge aussetzen und auch in scheinbarer Gesundheit keinen Nachteil spüren es
in Zukunft durch Schmerz und Krankheit abbüssen müssen Doch sieh nun geht die
Tür auf jemand hat das Fenster geöffnet ich bin überzeugt er fühlt nichts
davon aber aus Vorurteil aus Vorsatz wird er dennoch totenblass Lass uns näher
treten er spricht nicht mehr leise mit der Tante sondern hat sich erhoben und
mit zorniger Gebärde Fenster und Tür wieder verschlossen«
»Ist Ihnen wieder besser lieber Herr Emmrich« fragte die Tante mit dem
freundlichsten Ton
»Gewiss meine gnädige Frau« antwortete der Professor »dergleichen geht
schnell vorüber wenn man nur sogleich die Ursach aus dem Wege räumen kann«
»Sie werden sich aber der Luft zu sehr entwöhnen« sagte der Graf der
ebenfalls hinzugetreten war
»Luft und Zug« antwortete Emmrich »sind zwei ganz verschiedene Dinge Und
dann auch diese Luft Was nennen wir denn so Wir haben ja keine Instrumente
die fein und geistig genug wären um die Qualitäten die Eigenheiten die
sublimierten Essenzen dieses höchst wunderbaren Elements zu wägen zu messen
oder gar zu prüfen und zu analysieren Unser armer Körper ist nur da um durch
Leid Schmerz und Krankheit von den unsichtbaren Eigenschaften dieser Luft
Zeugnis zu geben Man mutet niemand zu so simpel hin ein Getränk gut zu finden
das in bösen Gegenden erzeugt oder in den Kneipen als Wein ausgeschenkt und
gebraut wird Ist der Wein nicht ein edles Gewächs Stärkt er nicht Leib und
Seele Erheitert er nicht das Gemüt Gewiss Aber das ist nicht Wein was rot
weiß und gelb bitter süß und sauer oft dem unkundigen Gaumen geboten wird um
Kolik Ekel und verdorbenen Magen hervorzubringen Hat man nun wohl wenn man im
Jammer liegt die Gottheit des Bacchus in sich Den Lete möchte man aussaufen
um diesen Acheron nur wieder aus dem Leibe zu spülen und zu vergessen Ein
heiterer Frühlingsmorgen wie balsamisch Wie wird unser Wesen gekräftigt und
geläutert Man schwelgt in den kühlenden lieblichen Wogen und fühlt dass auch
unsere Lunge ein Organ ist um geistig sinnliche Wollust zu empfinden Aber das
Zeug was sich so oft im November Februar oder nach vielen nassen Tagen und in
der Nähe von Sümpfen draußen im Freien herumtreibt ist das Unwesen denn wohl
noch Luft zu nennen Mag der Doktor es vor den Geistern der Blumen und der
Dichter verantworten der seine Opfer in die HöllenAtmosphäre hinausschickt um
sich in ihr Gesundheit zu erwandeln oft in einem Hexenwetter wo der Cerberus
sich in sein Hundehaus verkriecht und weder dem Befehl des Pluto gehorcht noch
dem Locken der Proserpina nachgibt so weit dass er nur die Schnauze aus der
Höhle steckte Und hat denn die Luft nicht gewiss auch Krankheiten wie Wein und
Wasser und Gesundheitskrisen und Umsetzungen Und dennoch wer draußen wandelt
oder reitet ist doch noch in einem Krieg gegen das Unwetter begriffen ein
Element kämpft dann gegen das andere und in diesem zornigen Anstrengen kann
sich die menschliche Gesundheit noch etwas wahren aber wenn die Menschen im
Spätherbst oder in schnöder Märzluft oft draußen sitzen um so recht
phlegmatisch das zerstörende Gift einzuschlürfen so stehen oder sitzen sie noch
unter den Tieren die der Instinkt beschützt den diese Luftschnapper in sich
ertötet haben«
Die Tante sagte lachend »Ich sehe Sie tragen in Ihrem Busen einen
erhabenen Zorn gegen das was so viele zu ihrer Erholung und Erquickung tun Es
scheint Sie haben die Luft so recht nach ihren verschiedenen Qualitäten
ausgekostet und viele derselben verabscheuen gelernt«
»Die Luft« fuhr Emmrich fort »ist Leben und Tod Schaffen und Vernichten
aus ihr strömt alles Gedeihen herab und sie zieht wieder alle Lebenskraft an
sich sie ist abwechselnd das Edelste und Schlechteste Heil und Unheil und in
sich selbst ein Rätsel Wir verlassen ein Landhaus Türen Fenster Läden
alles wird dicht fast hermetisch verschlossen kein Sonnenstrahl kein Luftzug
fällt in den verfinsterten Saal treten wir nun nach Jahren in dieses Gemach
so befällt eine beklemmende Angst unsere Brust ein schwermütiger Lebensüberdruss
bedrückt uns wir fühlen wir atmen eine tote Luft ein ein verwesetes Element
Und woher kommt nun der fusshohe Staub der auf dem Boden und auf allen Tischen
so widerwärtig liegt Wie hat dieser sich erzeugt In jedem Gemach welches
lange verschlossen war empfinden wir in geringerem Grade etwas Ähnliches Man
weicht vor pestilenzialischen Gerüchen mit Abscheu zurück aber weil das
Ungesunde der Luft weder Auge noch Nase so deutlich empfindet vertrauen wir uns
ihr oft mit tadelnswürdigem Leichtsinn«
»Sie könnten uns ganz ängstlich machen« sagte die Tante wieder »unmöglich
kann man so genau auf sich achtgeben«
»Und soll es auch wohl nicht immerdar« fuhr der Professor fort »wer aber
so fein oder so krankhaft organisiert ist dass er diese Unterschiede dunkler
oder deutlicher fühlt dem soll man diese Krankheit nicht abstreiten oder ihn
gar davon bekehren wollen Und nun noch der feine giftige arsenikalische
Zugwind Von dem gewöhnlichen der den meisten Sinnen fühlbar ist will ich
jetzt gar nicht einmal sprechen Aber wer hat es nicht einmal in der Krankheit
wenigstens erlebt dass aus einer dicken festen Mauer eine Luftzug strömt
fühlbar unverkennbar Man hat es zuvor an dieser Stelle nie gespürt auch
scheine es dort unmöglich Es muss Strömungen der Atmosphäre geben die auf
unbegreifliche Weise auch durch feste Mauern dringen oder die Luft reflektiert
zuweilen auf ähnliche Art wie Licht und Sonnenstrahlen der Stoß und Widerstoss
erzeugt sich plötzlich aus Ursachen die wir nicht entdecken können Man hat
mich oft verspotten wollen indem meine Freunde mich fragten ob ich keinen Zug
verspüre indem ein Schrank oder eine Schieblade geöffnet wird Ich scheue mich
gar nicht zu behaupten dass ich allerdings etwas Ähnliches empfinde es ist die
abgestorbene Luftmasse die sich mit der Zimmerluft plötzlich mischt wenn der
Schrank leer ist und wenn es ein Behältnis der Wäsche ist so quillt aus der
feinsten und reinsten eine widerwärtig erkältende Strömung der ähnlich
freilich nur im geringen Grade die uns so trostlos befällt wenn wir einem
Trockenplatze vorübergehen«
Der Graf sagte »Darin ist aber etwas Wahres sosehr unser Herr Professor
auch übertreibt darum muss man auch wie ich es halte immer Wohlgerüche
zwischen die Wäsche legen und sie selbst im Sommer vor dem Ankleiden wärmen und
durchräuchern«
Nun fingen die Damen die jüngeren wie die älteren an sich lebhaft in das
Gespräch zu mischen plötzlich aber sprang Albertine eilig auf und rannte mit
einem Freudengeschrei einem hübschen aber noch sehr jungen Manne in die Arme
Dieser war ihr Bruder der Kadet der von der entfernten großen Stadt gekommen
war um an den ländlichen Festen und Teaterspielen teilzunehmen
Es war natürlich dass die Freunde das Gedicht vom Berlichingen sehr
zusammengezogen verschiedene Szenen verlegt und vereinigt und alles so
eingerichtet hatten dass es mit nicht gar vielen Dekorationen und einer
bescheidenen Anzahl von Mitspielern dargestellt werden konnte Es ist übrigens
nicht unbekannt dass bei Liebhaberkomödien die Proben eigentlich das
ergötzlichste sind Alle erstaunten mit welcher Wahrheit und innigen Rührung
Albertine die Maria spielte und sprach in der Sterbeszene Weislingens war sie
und Elsheim so tief erschüttert dass beide mit lautem Schluchzen den Auftritt
endigten und das Fräulein sich nachher unwohl fühlte Am meisten war der alte
Schulmeister der invalide Husar welcher mit großer Freude den Selbitz
auswendig gelernt hatte beseligt dass er mit hohen Herrschaften durch diese
Kunstübung in ein so vertrautes Verhältnis trat Es war ein Glück dass dieser
Raubgesell keine Szene mit dem edlen Bischof von Bamberg hatte denn Graf
Bitterfeld der Vertreter des geistlichen Herrn nahm es dem jungen Baron doch
sehr übel dass er diesen Invaliden aus einem fremden Dorfe herübergeholt hatte
um in Goethes Dichtung mitzuwirken Dass des Barons Förster und andere
Dienstleute in kleinen unbedeutenden Rollen auftraten verzieh er und fand es
zulässig weil er auch dafür entschuldigende Beispiele in der Teatergeschichte
hoher Aristokratie fand aber ein unheimischer Diener war ihm unerträglich Dazu
kam dass dieser Selbitz sich sehr breit machte und sich mehr hervordrängte als
es seine Rolle eigentlich zuließ so dass selbst Mannlich als Götz etwas
empfindlich wurde und nun um jenen zu strafen und zurückzustellen in den
Szenen mit ihm noch gedehnter langsamer und akzentuierter sprach woraus aber
der lahme Selbitz den Vorteil zog dass man sein Spiel besser und natürlicher
fand als das der Hauptperson Mannlich war aber auch glücklich da er in jeder
Probe seine tapfere Gesinnung und seine Biederkeit so recht breit und sicher
nicht gestört zu werden auseinanderwickeln konnte Indem er nun den Platz der
Szene ganz allein einzunehmen strebte kam es dass er auf die mit ihm
Sprechenden kaum hinhörte und in die Weise wie er diese anblickte eine
unendliche Verachtung legte Dies geschah aber nicht vorsätzlich sondern
unbewusst und in aller Unschuld denn nicht allein seinen Gegner Weislingen
sondern Frau und Schwägerin sowie Georg behandelte er ebenso bloß von dem
Gefühl geleitet welches er über sich selbst und seinen hohen Wert empfand
Elsheim sah dies alles mit einer gewissen Schadenfreude an und vergaß darüber
ganz dass er bedeutende Kosten Zeit und Anstrengung darauf verwandt hatte das
herrliche Werk seines hochverehrten Dichters zu parodieren und in ein komisches
Licht zu stellen
Leonhard war in jedem Augenblick hinter der Szene mit Einrichtungen
Verbesserungen und Ratgeben so beschäftigt dabei von seinen eigenen Rollen so
hingerissen dass er von diesen Nebensachen wie von wichtigern Vorfällen wenig
bemerkte Er spielte wirklich den Bruder Martin und in den späteren Akten den
Lerse Wenn ihn etwas zerstreute so war es die Aufmerksamkeit welche er
selbst wider seinen Willen Charlotten widmen musste In jeder Bewegung in der
Art zu sprechen in der Manier mit welcher sie oft aus der Rezitation ihrer
Rolle in die gewöhnliche Sprache um etwas zu fragen oder anzuordnen überging
fand er neue Reize Er begriff es jetzt nicht mehr warum sie nicht jene
Lebhaftigkeit und vornehme ja höchst edle Schalkheit mit welcher sie die
Adelheid so meisterhaft vortrug auch in ihrem wirklichen Leben annehme denn
ihm schien als wäre ihr diese Sprechweise und ihre Gebärde viel natürlicher
als jene schweigsame Ruhe und fast tonlose Kälte der Rede Indem nun alle sich
mehr oder minder mit ihren Rollen abmühten verschwand ihnen in diesen Tagen ihr
eigenes wirkliches Leben fast gänzlich und jeder ertappte sich darauf dass er
auch in den Freistunden seine angelernte Rolle fortspielte
Diese Selbsttäuschung erreichte beim Grafen Bitterfeld einen so hohen Grad
dass er sich es jetzt erst lebhaft zu Herzen nahm dass man im letzten
Friedensschluss die Bistümer Bamberg und Würzburg säkularisiert habe Er fasste so
lebhaft Partei für die geistlichen Fürsten dass er sich mit dem Baron Mannlich
den er verehrte fast ernstaft verfeindete weil dieser seiner Rolle als Götz
getreu den Despotismus die Heuchelei und den Geiz der Kirchenfürsten heftig
schalt und mit den grellsten Farben ausmalte und selbst nicht hinhörte als
Emmrich um ihn zu beruhigen erinnern wollte dass dieser Tadel die letzten
milden und großmütigen Bischöfe nicht treffen könne Der Schulmeister Selbitz
als Mitglied der Kirche sowie der Ritterschafe war dreist genug in diesem
Streit auch seine Meinung abzugeben auf die der hochgestellte Bischof aber gar
nicht achtete und die Götz mit den lautesten Worten und Redensarten als ganz
ungehörig abwies Als Husar war Selbitz ganz der freibeuterischen Gesinnung des
lahmen Kämpen beigetreten konnte sich aber als Schulmeister obgleich er
Protestant war eines gewissen Respekts vor der Würde eines Bischofs nicht
erwehren So war denn also seine Meinung schwankend und ungewiss und wurde
deshalb auch bald aus dem Felde geschlagen
Alle mussten über das Talent des blutjungen Kadeten erstaunen Er spielte
seinen Franz mit einer solchen wahren Leidenschaftlichkeit dass er in jeder
Szene von allen Anwesenden große Lobsprüche einerntete Charlotte lächelte über
diese lebhaften Liebeserklärungen und Albertine wurde um ihren Bruder besorgt
Die kleine Dorotea erregte in ihrer Rolle des Georg Freude und Gelächter weil
sie alles neckisch und doch tief empfunden zu sagen wusste so sehr dass sich
alle um so mehr ohne es sich zu gestehen über den ganz hölzernen
hochfahrenden Götz ärgerten
Der einzige Unglückliche war der alte Förster mit seinem Zigeunerhauptmann
Denn soviel ihm auch Elsheim zugeredet hatte sosehr er ihm den Scherz aus dem
richtigen Gesichtspunkte vorzustellen versuchte so gelang es ihm doch nicht
die Schwermut des Alten zu bekämpfen
An einem Nachmittage als Leonhard sich in den Garten begeben hatte um die
Kühlung aufzusuchen traf er Charlotten in jener abgelegenen Laube in welcher
er neulich sich lange mit dem jungen Baron unterhalten hatte Sie war ganz
allein und schien völlig in Lesung eines Buchs vertieft doch bemerkte sie ihn
und erwiderte seinen Gruß mit freundlicher Höflichkeit Auf ihre Einladung nahm
er Platz an ihrer Seite und indem er sie betrachtete schien ihm das blasse
schöne Angesicht in der Dämmerung der grünen Blätter noch schöner und erhabener
Ihr Auge war schwermütig und indem sie das Buch aus der Hand legte sagte sie
mit ihrem silberklingenden vollen Ton »Es ist wundersam wie man sich immer
wieder mit Vorsatz und Kunst diese tiefen Schmerzen bereitet Ich weiß es nun
stets voraus wie tief mich dieser Werter bis in den Grund meiner Seele
erschüttert und dennoch muss ich immer wieder selbst wenn ich nur etwa in dem
Buche blättern will die ganze so furchtbar schöne Dichtung durchlesen«
»Es ist ein Buch an sich selbst« sagte Leonhard »man vergisst völlig dass
es von einem Autor herrührt Ich kann niemals ohne den Schauer einer Andacht
diese geweihten Blätter aufschlagen Will man von Natur Liebe Leidenschaft
Lebenslust und Todessehnsucht von der erhabenen Verzweiflung an sich und allem
Geschaffenen von Kinderweisheit und dem Wahnsinn des gebrochenen Herzens etwas
Ewiges vernehmen so sind hier die Orakelsprüche die jedem verständlich tönen
der nur Herz und Gemüt zum Tempel mitbringt«
Sie sah ihn durchdringend an »Sie sprechen« sagte sie dann »als wenn Sie
alles dies erlebt hätten«
»Mit diesem Dichter« erwiderte Leonhard »erlebt man alles was er uns sagt
und singt Es ist kein vergängliches Wort kein gefärbter Schatten der
vorüberfährt sondern die Wahrheit selbst das Leben der Herzens Wer diesen
Dichter nur lesen will wie etwa anmutige Lieblingsautoren wer nicht ganz in ihm
sich verliert und mit allen Gesinnungen in ihm aufgeht wer dies nicht kann der
tut besser ihn aus der Hand zu legen«
»O Sie Prophet« sagte Charlotte » warum ist es mir nicht so gut geworden
Sie viel früher kennenzulernen« Sie gab ihm die Hand und drückte sie ihm so
herzlich dass es ihm durch alle Sinne zuckte Es kam Gesellschaft mit der sich
jetzt beide schweigend vereinigten
Am Vorabend der Aufführung waren die meisten Mitglieder der Gesellschaft im
Gartensaal versammelt Auch die Mutter Elsheims war zugegen und man ging noch
einmal die Liste der Gäste durch welche man zu der Feierlichkeit gebeten hatte
Denn Elsheim hatte seinen Willen nicht durchsetzen können dass nur vor der
Mutter und den Bauern des Gutes gespielt werden sollte Einige Künstler
äußerten dass es sich nur lohne vor Freunden und Kennern sich so wie sie
täten anzustrengen und die alte Baronesse wollte durch ihre Einladung einige
vornehme Damen sich verbinden die sich seit einiger Zeit da sie ihnen lange
nicht geschrieben für vernachlässigt halten konnten Alles war mehr oder minder
in Spannung und viele träumten schon von den Siegen die sie am folgenden Abend
erringen würden
Ein Bedienter übergab der alten Dame einen Brief bei dessen Anblick diese
ausrief »Was ist denn das Was soll ich denn damit Er ist nicht an mich und
auch nicht an meinen Sohn An den Meister Leonhard abzugeben auf dem Schloss
bei Meister Was heißt denn das«
»Meister« wiederholte die Tante Mannlich und am lautesten der Graf
Bitterfeld Indem trat Elsheim mit seinem jungen Freunde herein Er hörte den
Ausruf sah den Brief und bemerkte wie Leonhard rot geworden war auf den sich
aller Augen sogleich prüfend richteten Er ging schnell zu seiner Mutter nahm
den Brief ihr aus der Hand und sagte »Ach ich wette Leonhard das kommt von
deiner großen Beschützerin der italienischen Gräfin Manfredoni Du erlaubst mir
doch das Schreiben zu erbrechen Richtig sie mahnt dich ziemlich dringend an
die versprochenen Baurisse zu ihrem Sommerpalais höre nur mein saumseliger
Freund wie dringend sie es macht« Er las
»Mio caro Maestro
Ich habe Ihm schon ehrenwerter Professore und auch großer Maestro in
Architettura vorgen Jahreszeit sehr ersucht und angeflehentlich erbeten mich
zu helfen von wegen meiner BauEntousiasme für mein schön Gartenhaus Aber Ihr
sehr angebeteter Maestro scheint Dolce far niente zu sehr zu exercire auf
Unkost meiner Gartenanlagenheit Karo amico bedenk Du doch dass ich sehr alt
Weib bin eine Donna von die sechsundsechzig und habe nicht mehr viel Zeit zu
verpasse und Maul aufzusperre denn die Dringlichkeit will wenn nicht vorher in
mein Erbgräbnis spatzir soll dass Er Maestro Meister oder Professore schnell
mach und auch geschwind und cito citissime weil ich in die andre Welt dort
nichts von Ihm kann baue lasse denn warum ist nichts dort von Zimmerleut und
Mauermann anzutreffen als die armselig Totengräber Hat Er also Karissimo
christlich commiseratione und amore zu mich oder amico mir verbleiben will so
tu Euer Hochgeborn Professore und Meister sich über eine alte Person erbarmen
Eure Riss haben mir die Er mir dargestellt sehr wohlgefallen tu mir nun
liebster Mann die complaisance mit Ausführung nachzukommen Wenn aber kleine
Landstreicher wird ein vagabundo so kann freilich Architettura in mein Garte
nicht gedeihe Will Ihm nur sagen Meister dass meine türkische Generation von
die bunte hübsche Ente die Er so gerne füttern tat abgestorben und verschieden
sind konnte Klima hier und Kultus nicht vertrage das nun mit mein Alter
zugleich und auch Schmerze in die Hüfte so da genannt und tituliert wird
Sciatica hat mich denn auch an mein selig Ende erinnert Die ich übrigens
verharre con lestimazione wie sich dem Meister auf deutsch auf mein besser
Sprach Maestro gebührt
lamica sua Kontessa Karolina Elisabeta Manfredoni
Post Scriptum Bitte mir gute Bleistift von Seiner Reise mitzubringen hier
brechen alle ab wenn sie schreiben sollen Sonst lebt hier noch alles und ist
bis auf mich ziemlich gesund«
Die Zuhörer erfreuten sich dieses verwirrten Briefes und Leonhard war beschämt
denn er wusste wohl dass sein Freund diesen halbdeutschen Galimatias nur
improvisiert hatte um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen Mannlich erging sich
in weitläufigen Beweisen wie sich eine verwöhnte italienische Dame auch in
solchem kleinen Briefe nicht verleugnen könne und wie die Fremden doch niemals
wenn sie auch noch so lange in unserm Vaterlande wohnten zu Deutschen würden
Indem nun dieses Kapitel erörtert ward zog sich Leonhard mit seinem Briefe
nachdenklich auf sein Zimmer zurück und las dort unter mancherlei
widersprechenden Empfindungen den wirklichen Brief seiner Frau
Lieber Leonhard
Ich sehe dass es Dir gut geht und wünsche dass dies so bleiben möge Mir bleibt
es noch ungewohnt Dich nicht hier in unsern Stuben zu sehen Alles ist mir so
öde und unser kleiner Franz kommt sich auch so verwaiset vor Der Meister
Krummschuh kommt öfter zu uns und gibt mir und Deinem ältesten Gesellen dem
Hannoveraner guten Rat Ich kann dem kleinen dicken Mann unmöglich böse sein
denn er meint es so gut mit uns wenn er immerfort auf dich stichelt und
sagt Du würdest noch ganz zum Edelmann werden in Deiner hochadligen
Gesellschaft denn Du hättest Dich schon als wandernder Handwerksgeselle mit
Deinesgleichen nicht viel eingelassen Du wärest immer zu stolz und hochmütig
gewesen und dergleichen mehr Er hat so gut er ist doch immer einen kleinen
Neid auf Dich dass Du Dich ansehnlicher ausnimmst und in jeder Gesellschaft
Deine Person so ziemlich vorzustellen weißt Denn das muss wahr sein guter
lieber Wilhelm dass ich Dich noch fast nie mit den Vornehmen so verlegen gesehen
habe und so linkisch oder grosstuerisch wie so manche Bürgersleute die dann
auch oft so kuriose Redensarten gebrauchen dass die Ausgelernten heimlich oder
auch öffentlich darüber lachen Der Hannoveraner hat einen großen künstlichen
Schrank für den Herrn von Heimbüttel übernehmen müssen der die Arbeit eilig
eilig haben will Krummschuh tat sich damit groß dass er Rat geben musste er
schmunzelte viel wurde aber dunkelrot wie er das an sich hat bis in seinen
fetten Nacken hinein wo ihm dann wie Du weißt die Ader so dick aufschwillt
Er war nämlich so verlegen und wusste eigentlich nicht links nicht rechts so
dass es ihm unser Hannoveraner Gottfried immer wieder anders auseinandersetzen
musste der das Ding gleich weghatte während der Kleine es doch nicht wollte
merken lassen wie er es nicht recht begriffe Das ist mit Euch Handwerksleuten
doch etwas recht Besonderes dass der eine so viel Einsicht und Verständnis hat
und ihm das Geraten sozusagen in die Hände läuft und andere sich placken und
quälen und es doch immer nicht recht zustande bringen Doch das ist wohl in
allen Ständen mit Gelehrten und Beamten und selbst Generalen und Fürsten
ebenso Das ist die große große Ungleichheit im Reiche der Geister und dann
wollen die Menschen doch oft noch die völligste Gleichheit unter den Menschen
Aber darin versteht der kleine Krummschuh keinen Spaß er will allen Adel
abgeschafft haben und auch die Fürsten und Minister jeder soll sich selber
regieren meint er und keiner sich um den andern kümmern und wenn er dann
recht in Eifer gerät so schilt und zankt er auch auf Dich besonders weil Du
mit einem Edelmann so mir nichts dir nichts fortgereiset bist Das wäre mir
alles nicht so ganz wichtig aber mit unserem alten Magister geht es viel
ernsthafter her Der wunderliche greise Mann tritt ganz über die Stränge Ich
fürchte er bleibt uns ganz aus so gewaltig hat er sich verändert und der
kleine Franz sagt auch er könne gar nichts mehr von ihm lernen weil er immer
so konfuse spreche und einmal hat er so wunderlich hantiert und sich ohne Not
ereifert dass das Kind ihm weinend fortgelaufen ist und mir seine Not geklagt
hat Der alte Mann hat wie ich in die Stube ging was hergefaselt was ich
nicht habe begreifen können Er hat mir auch einen Brief geschrieben ziemlich
umständlich aus dem ich mich auch nicht habe finden können Das ist entweder
recht dummes Zeug oder recht tiefsinnig vielleicht beides So tut es mir also
recht weh und bang Liebster dass Du nicht hier bist und mir das alles recht
auseinandersetzen kannst Denn ohne Dich bin ich doch in vielen Sachen gar zu
einfältig und so ärgert es mich jetzt eben auch dass ich mit der
Briefschreiberei nicht so recht fortkann mir däucht mit der Zunge und mit dem
Sprechen geht es um vieles besser So ist auch der König der benachbarte hier
durchgekommen dem sind sie hier nicht grün und gewogen aber sie hatten ihm
doch etliche Ehrenpforten und Latten und Leinwand aufgebaut und alles dann recht
hübsch überpinselt Wie sie denn mit Pinseln jetzt alles machen Am Abend hatten
sie auch Lampen hineingehängt von allen Farben Jetzt ist alles wieder
abgerissen Sie sagen jetzt Stadt und Bürgermeister hätten zuviel getan
indessen hat unser Fürst doch gewiss um diese Herrlichkeiten gewusst und sie
gebilligt Neulich hätte fast ein großes Unglück entstehen können Unsere große
Cyperkatze saß ganz ruhig vor unserer Tür in der Sonne Da kommt der junge Herr
von Wermut vorbei mit seinen zwei großen grimmigen Jagdhunden Und wie die
jungen Barons oft sind hetzt der junge Mensch seine Hunde auf die arme
friedfertige Katze die an so was nicht gewöhnt ist Anfangs will sie sich dann
wehren und macht die Anstalten wie die Katzen tun aber die Hunde ließ sich
nicht abhalten Franz lag im Fenster und weinte und schrie Ich will
hinausrennen aber sowie ich die Stubentür aufmache rennt unsere Katze ohne
sich umzusehen denn sie konnte nur in die Stube treten mir in der Angst vorbei
und in unseren Hof hinein von dem die Tür gerade offen stand Ich denke sie
wird sich auf den alten Nussbaum hinaufretten wie das die Katzen pflegen Aber
in ihren Nöten vergisst sie alles Vernünftige und springt zu unserm Phylax
unserm großen Kettenhund in sein Hundehaus hinein Nun dacht ich doch wirklich
die arme Kreatur wäre aus dem Regen in die Traufe gekommen denn Du weiße es ja
dass sie den Phylax und er sie nicht leiden konnte Aber wie ein galanter
Ritter von denen man liest stellt sich der dickköpfige ramassierte Hund vor
sein Hundehaus hin und treibt so grimmigen Spektakel dass er die beiden großen
Bestien wegbeisst und fortbellt Schon wie sie weg waren räsonnierte das Tier in
seiner Sprache noch lange über diesen unverschämten Bruch des Burgfriedens Der
junge Herr wollte mir mit seiner höflichen Galanterie einige Entschuldigungen
sagen ich aber antwortete ihm ganz schnippisch und empfindlich der Hund wäre
diesmal galanter als er gewesen denn dieser hätte wie ein Ritter die Katze
als Dame die er eigentlich nicht leiden könne verteidigt Er lachte und ging
ab Nun ist das nur das Wunderbare dass seitdem der Hund und die Katze die
allerbesten Freunde sind Sie besucht ihn oft sie darf mit ihm speisen und
wenn er von der Kette los ist sieht man sie manchmal beide im Sonnenschein im
Hofe liegen und wie sie ihren Kopf an den seinigen lehnt und ihn so vertraulich
mit den zugekniffenen Augen ansieht Auch spinnt sie in seiner Nähe worüber
wie Franz versichert sich der Phylax gewaltig soll verwundert haben als er das
zum erstenmal gehört hat Seitdem hat auch Franz mit dem Phylax vor dem er sich
sonst immer fürchtete einen zärtlichen Freundschaftsbund geschlossen und so
sieht man jetzt die drei lieben ungleichen Kreaturen oft auf dem Hofe spielen
So wäre das denn alles Wichtige und Unwichtige was ich Dir erzählen könnte am
meisten liegt mir der Magister auf dem Herzen Ich schicke diesmal den Brief
gerade an Dich und nicht wie wir ausgemacht hatten durch Einschluss an Deinen
Baron denn aufrichtig gesagt ich traue dem jungen Herrn nicht so recht
Vielleicht liest er heimlich mein Geschreibe um darüber zu lachen oder er
liefert es nicht gehörig ab weil ich Dich vielleicht antreibe recht bald bald
zurückzukommen und das tu ich denn auch hiemit denn mir wird oft so bänglich
dass Du nicht da bist Ich gehe oft aus einer Stube in die andere als wenn ich
was suchte und wenn ich mich dann besinne ist es bloß dass Du mir fehlst Ja
wo der Hausherr nicht ist da ist das ganze Haus verödet Ach Liebster es ist
ja auch gut und hübsch hier Aber freilich treibe dort nur Dein Geschäft zu
Ende freue Dich an der Reise und mit Deinem Freunde nur denke auch hübsch oft
an mich und bleibe mir gut dort unter allen den wildfremden Menschen die es
doch niemals so gut mit Dir meinen können wie sie sich auch anstellen mögen
als ich
Deine getreue Friederike
Dieses Blatt versetzte den jungen Meister unmittelbar in die rührende
Beschränktheit seines bürgerlichen Verhältnisses Er sah sein Hinterstübchen vor
sich den Hofraum die aufgeschichteten Bretter den duftenden alten Nussbaum in
dessen Blättern die Abendröte spielte er vernahm das Geräusch seiner
arbeitenden Gesellen und den rührenden herzlichen und heitern Ton seiner
Friederike Er musste sich fragen wie er denn in diese Umgebung gekommen sei
und was er hier wolle Plötzlich mit allen seinen Gefühlen aus dem Taumel
herausgerissen der ihn bis jetzt umkreiset hatte erinnerte er sich mancher
wunderbaren Erzählung wie ein Mensch verzaubert und gebannt sein könne dass er
sich trotz seines bessern Willens den ihn fesselnden Kreisen nicht zu
entziehen vermöge So gemahnte er sich Er ging unwillig unbestimmt im Zimmer
auf und ab setzte sich an das Fenster öffnete dies schaute über den Garten
hinweg in das Feld hinaus und suchte eigentlich nach Gedanken um diesen
verwirrenden Empfindungen zu entgehen
So traf ihn Elsheim der ihn aufsuchte und besorgt forschte ob jener Brief
auch keine betrübenden Nachrichten enthalte »Nein Liebster« sagte Leonhard
»aber wie sehr ich mich beschämt fühlte als du mit deiner Geistesgegenwart
jenen italienischen Brief improvisiertest damit ich nur nicht als
Tischlermeister in eurer Mitte stände kann ich dir nicht ausdrücken Seh ich
nun Säge Hobel die Gerätschaften dort im Saale an so ist jeder Ruck des
Instruments jeder Aufschrei desselben für mich wie ein höhnender Vorwurf«
»Du hast meiner Freundschaft dich und deine Zeit aufgeopfert« sagte
Elsheim ihn begütigend »Du hattest selbst Lust an dieser Reise deine
Maskerade ist jetzt nicht mehr aufzuheben und du kannst mir nur danken dass ich
dich nicht für einen Reichsgrafen ausgegeben Als solchen würden dich die alten
Mütterchen und Bitterfeld so in Untersuchung und ins Gebet nehmen dass deine
Unwissenheit in Genealogie und Stammbäumen bald an das Tageslicht käme in der
Architektur kannst du es aber hier gewiss mit allen aufnehmen«
»Und morgen also«
»Ja morgen Freund Leonhard läuft nun das große gewaltige Kriegsschiff vom
Stapel Ich habe mit meiner Mutter noch viele Kämpfe gehabt Da hat sie die
Schwester meines Vaters einladen müssen die zwölf Meilen von ihrem Kloster
herkommt wo sie protestantische Äbtissin ist Diese Dame hat eine Zeitlang in
Paris gelebt sie hat in der Jugend am Hofe eines Fürsten Racines Andromaque
französisch deklamiert und gespielt zum Erstaunen wie man erzählt aller
Menschen Wird also in ihrer Familie Komödie gespielt so würde sie wie meine
Mutter sagt es für die allergrösste Beleidigung halten wenn man sie als
Kennerin und ausgemachte Künstlerin nicht dazu beriefe Sie bringt nun gar noch
eine Fürstin mit eine alte Dame die wenigstens den Titel Durchlaucht verlangt
Diese furchtbare Fee geniert selbst meine Mutter Ein MinisterResident des
benachbarten Hofes hat sich auch melden lassen so dass wir da das Haus schon
besetzt ist fast in Verlegenheit kommen wo wir alle diese vornehmen Gäste
einquartieren sollen Ich hatte es mir anfangs so schön ausgedacht dass wir alle
diese Späße so ganz unter uns treiben sollten von allen Kritikern fern und
unbeachtet und nun drängen sich Auge und Nase aus den Zeiten Louis quatorze in
unsern Saal«
»Und dabei die Darstellung selbst« erwiderte Leonhard »wie weit sind wir
doch von unserer Absicht weg verschlagen Wenn Goethe während der Aufführung in
den Saal träte müssten wir uns nicht schämen Ist es doch als habe man aus
Bosheit sein Werk in das Komische übersetzen wollen«
»Ich gebe es zu« erwiderte Elsheim verdrießlich »dass es durch meine Schuld
geschehen ist gehen wir aber auch nicht zu weit Die Hauptperson abgerechnet
macht sich das übrige sehr gut manches sogar über meine Erwartung«
Aber eben die Hauptperson meinte Leonhard um die sich doch das ganze
Gedicht drehe wenn diese so völlig von aller Natur und allem Menschlichen
abweiche so müsse ja möchten die andern tun was sie wollten die Darstellung
zur Farce herabsinken
»Lassen wir der Galeere ihren Lauf« erwiderte Elsheim »mag sie sehen wie
sie mit Wind und Wellen zurechtkommt«
Indem fuhren mehrere Equipagen vor es waren die vornehmen Gäste und
Elsheim eilte hinunter um sie zu empfangen und zu bewillkommnen Im Gartensaal
war nun große Verwirrung und viel Durcheinanderlaufen von Herrschaften und
Domestiken Emmrich Leonhard und die jungen Mädchen hatten sich entfernt um
die Unruhe nicht zu vermehren und um ihre Rollen für den morgenden Abend noch
einmal genau durchzugehen Als man unten im Saal etwas beruhigt und zum Sitzen
gekommen war sagte die Äbtissin zur Wirtin des Hauses »Ja ma chère soeur so
sehen wir uns doch noch einmal wieder und zwar führen uns die Musen selbst
zusammen Aber Liebe wie ich auch in der Littérature dramatique bewandert zu
sein glaube von diesem Götz eines gewissen Herrn von Berlichingen habe ich noch
niemals etwas vernommen«
»Er ist mir auch ganz unbekannt« antwortete die Mutter »und ich habe mich
auch jetzt nicht weiter um die Sache bekümmert weil mir alles neu bleiben soll
und ich mich gern überraschen lasse«
»Da es keine Tragédie ist« sagte die Äbtissin »so hast du nicht ganz
unrecht ma soeur«
»Die Berlichingen« fing der Reichsgraf an »sind eigentlich soviel ich
weiß ein fränkisches Geschlecht Es sind aber auch Berlichingen im
östereichischen Dienst Vielleicht rührt also das Gedicht von einem jungen
Wiener Poeten her«
»Sie haben recht Graf« fiel die Äbtissin bei »ein anderer
österreichischer Kavalier der zwar jetzt nicht mehr jung sein kann gab uns ja
damals den Postzug oder die noblen Passionen Der große Friedrich von Preußen
erklärt diese Produktion für das beste deutsche Teaterstück Dieses Urteil
machte dazumal dem Kavalier dem Herrn von Ayrenhof sehr viele Ehre«
»Gnädige Tante« antwortete Elsheim »das Stück selbst heißt Götz von
Berlichingen und Goethe ist der Verfasser desselben«
»Dank mon neveu« erwiderte sie »nun orientieren Sie mich einigermaßen Ah
ciel wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz täuscht so wird dieser Monsieur
Goethe auch in derselben Schrift des höchstseligen Königs erwähnt O ma soeur
da wirst du ein monstre zu sehen bekommen ein ganz geschmackwidriges Ungeheuer
Da sind alle Einheiten verletzt und keine Kunst und keine Schönheit zu hoffen
O mon neveu dass die Jugend so gern von der Regel abweicht denn Sie haben ja
das Ding eingerichtet«
»Wenn ich nur überrascht werde« sagte die Mutter »so frage ich nach den
sogenannten Regeln nicht so gar viel«
»Und verwechseln Sie nicht Gnädigste« fiel der Reichsgraf ein »diesen mir
unbekannten Dichter Gota mit jenem Engländer Shakespeare gegen den wie ich
mich etwas dunkel erinnere der Zorn des Monarchen sich vorzüglich wendete«
»Kann sein« antwortete die Dame »denn ich bin seit lange der critique und
den belles lettres etwas fremd geworden«
An diesem Abend speiseten die Fremden die spät angekommen waren mit dem
älteren Teil der Gesellschaft und begaben sich früh zur Ruhe die künstlerischen
Personen legten sich mit einiger Besorgnis nieder wie das unternommene
Wagestück morgen gelingen und ausfallen werde nur Baron Mannlich war völlig
sicher und sorglos weil er seinem Talent unbedingt vertraute
Aurora führte nun auch diesen wichtigen Tag herauf und wenn man die
Künstler beobachtete so war es nicht zu verkennen dass die meisten in einer
großen Aufregung sich befanden Sie aßen an der Mittagstafel nur wenig und
verfügten sich eilig in ihre Zimmer die Umkleidung zu bewerkstelligen Schon in
den letzten Tagen war mit Schneidern und Näherinnen vielfach verhandelt worden
jetzt wurden noch die letzten Verbesserungen vorgenommen Endlich wurden auch
nach und nach die Lampen angezündet und man hörte schon hinter dem Vorhange das
Wogen und Rauschen der Eintretenden und wie verschwimmende Laute das
mannigfaltige Gespräch
In reichen seidenen Armsesseln saßen vorn die Baronesse Elsheim und die
Äbtissin sowie die Fürstin und der Reichsgraf auf gewöhnlichen Stühlen einige
geladene Gäste aus der Nachbarschaft etwas von den Herrschaften entfernt die
Dienerschaft des Schlosses und Landleute Untertanen des Barons denen Elsheim
diese Freude gönnen wollte Von den Gerichtspersonen die vor einiger Zeit bei
der Übergabe des Gutes an Elsheim waren beteiligt gewesen hatten sich einige
auch die Erlaubnis ausgebeten an diesem Abend sich wieder einfinden zu dürfen
So war der große Saal ziemlich angefüllt und so ruhig sich auch aus Respekt
vor den Herrschaften die Landleute hielten so vernahm man doch in halblauten
Gesprächen wie sie alle die wohl noch nie ein Schauspiel gesehen hatten auf
das Heben des Vorhanges und die Entwickelung der Darstellung neugierig und
gespannt waren
Mannlich als Regisseur stand schon mit seiner Klingel in der Hand bereit
Das Theater war leer und Leonhard hatte eben mit Lachen die kleine Dorotea
betrachten müssen die sich in dem zu großen Kürass des Hans komisch aber
allerliebst ausnahm Die erste Szene in der Schenke blieb weg und das Stück
sollte sogleich mit dem Monologe des Götz beginnen Die Szene war daher Wald
und vorn als Seiteneinsatz das Wirtshaus Aus dem offenen Fenster desselben in
der Kulisse stehend lehnte jetzt Leonhard als Mönch gekleidet Er erschrak
fast da jetzt von gegenüber Charlotte als Adelheid hereintrat im weißen
Atlaskleide im vollen braunen Haar einen leichten Kranz von Myrten und weißen
Rosen Hals Schultern und ein Teil des schön gewölbten Busens frei Leonhard
hatte nie geglaubt dass weibliche Schönheit so groß und glänzend so bezaubernd
einhertreten könne Wie schalt er jetzt auf sich dass er sonst oftmals auf
geschminkte Weiber im moralischen Zorne gescholten hatte Denn nur mittelst der
Schminke konnten beim Schein der Lichter diese dunkeln Augen so überirdisch
glänzen nur gegen aufgetragenes Rot Stirn und Augenbraunen von den Wangen durch
reinen Glanz so abstechen Um so mehr leuchteten dadurch Busen und Schultern
Während er noch diese Betrachtungen anstellte trat sie zu ihm stellte sich an
das Fenster und sagte indem sie ihm das Buch reichte »Ach lieber Leonhard
ich bin so ängstlich überhören Sie mir schnell noch einmal die ersten Reden
meiner Rolle ob ich auch sicher bin« Er nahm das Buch und sie stand nur
durch die leinene Wand von ihm getrennt dicht neben ihm sie sah mit in das
Buch das er ihr hinhielt und so kam von selbst die Hand welche die Blätter
hielt auf den schönen festen Busen zu liegen Sie sagte die Worte her und er
half ein »Nun die Stelle« rief sie »wo ich immer am unsichersten bin« Sie
zeigte mit den Fingern etwas mehr umgewendet in die Schrift und so drückte
sie seine zitternde Hand fester auf den Busen Er konnte die Stelle die sie
suchte nicht finden sie sah vom Buche auf und ihn lächelnd an doch indem sie
den Mund öffnete um zu sprechen erscholl die Klingel des Regisseurs und sie
schlüpfte hinter die Szene Nach einer kurzen Musik hob sich der Vorhang
Leonhard verließ träumend und seltsam bewegt seinen Standpunkt um hinter dem
Walde wegzugehen damit er als Mönch von der anderen Seite hereinkommen könne
Er hörte nichts von dem zu laut gesprochenen Monolog des Götz er sah den
kleinen liebenswürdigen Georg nicht bei dessen Erscheinen der ganze Saal von
lautem Gelächter erscholl er dachte einzig an die unbillige Rüge seines
Freundes der Charlotten mit jenen grell funkelnden Kunstblumen verglichen
hatte die aus der Folie geschlagen werden Er musste sich sagen dass Gold
Demant und Edelstein Blume und alles was im Lichte schimmert und glänzt vor
dem hellen Leuchten eines schönen weiblichen Körpers erblindet Diese
Betrachtungen waren ihm jetzt die natürlichsten sie rissen seine Seele ganz in
diese Anschauung und Fühlung hinein und es kostete ihm einen harten und
beschwerlichen Kampf um auf sein Stichwort zu achten welches nun bald ertönte
und das den ganz Zerstreuten auf die Bühne und vor die Blicke aller Zuschauenden
hinrief
Es war ihm schwer sich zu sammeln und seine ersten Worte zitterten doch
fand er die Fassung wieder und sprach die Szene nun um nicht in jenes
undeutliche Lallen wieder zu geraten zu stark Als er an die Rede kam »Und
eure Weiber Ihr habt doch eins Und doch war das Weib die Krone der
Schöpfung« sprach er mit einem unbilligen Enthusiasmus Er war froh als er
seine Szene geendigt hatte und sich nun in das angewiesene Zimmer begeben
konnte um sich zum Lerse neu anzukleiden und anders zu schminken
Elsheim als Weislingen erschien sehr liebenswürdig Sein weicher Ton seine
schlanke Gestalt und sein edles Antlitz imponierten den Zuschauern und rührten
sie zugleich Bei seinem Auftreten verschwand Mannlich als Götz völlig in ein
Nichts Dessen rohe Art mit der er die Sprache behandelte sein ungeschicktes
Benehmen und die stets zu weit ausgreifende Gebärde fielen nun erst recht als
unziemlich ins Auge Die Tante als Elisabet und Albertine als Marie waren zu
loben ein hübsches Kindchen hatten die Frauen zum Karl gut abgerichtet und so
ging der erste Akt zum Wohlgefallen der meisten Zuschauer zu Ende
Weislingen hatte schon während des Spieles ein lautes störendes Schluchzen
welches zwischen den Kulissen hervortönte und das er zu kennen glaubte zu
seinem Verdrusse vernommen Sowie also der Vorhang fiel ging er zu dem alten
Förster von dem diese Klagelaute herrührten und der händeringend und stark
weinend hinter dem Theater herumirrte Der Alte gewährte in seinem
Zigeunerkostüme und in seiner Verzweiflung einen fratzenhaften Anblick Da er
sich gar nicht zufriedenstellen wollte und Elsheim einsah wie die Sache sich
im letzten Augenblick nicht einrichten ließe er auch eine lächerliche Störung
befürchtete so gab er den Alten frei der auch sogleich mit heulenden Jubel
davonrannte Weislingen nahm sich vor nach seinem Tode selbst noch die kleine
Rolle des Zigeunerhauptmanns auszuführen Doch eine weit schlimmere Störung kam
von einer ganz anderen Seite denn das Schicksal hatte beschlossen dass diese
Sorgen Elsheims für heute anderen Platz machen sollten
Beim Umkleiden sagte Leonhard zu sich selbst Wie ist mir denn Ich komme
mir wie ein Knabe vor Ist dies das erste Mädchen welches mir jemals seine
Gunst zu erkennen gab Es ist ja auch möglich dass alles nur Zufall war und ohne
Absicht geschah Doch war ihr Blick von einer Freundlichkeit mit der ihr Auge
mich noch niemals angeschaut hat Auch irre ich wohl nicht wenn ich Schalkheit
in diesem lächelnden Auge zu lesen glaubte
Er eilte um so wenig als möglich die Szenen zu versäumen in welchen
Adelheid auftrat Sie kam ihm bewundernswürdig vor und immer tiefer wuchs
dieses zauberhafte Wesen in sein Herz hinein
Es schien fast als wenn Elsheim ungern seine Szenen mit Albertinen spielte
und als nun der überaus treuherzige etwas rohe Selbitz auftrat vernahm man im
ganzen Saal eine Bewegung und das Summen eines ungeteilten Beifalls Die
Dienerschaft und die Landleute glaubten einen aus ihrer Mitte zu vernehmen und
dieser Charakter war ihnen um so lieber weil sie den Darsteller den
Schulmeister persönlich kannten und oft in der Schenke oder in ihren Häusern
ganz vertraut mit ihm umgingen Die höchsten Herrschaften aber die den
Schauspieler nicht kannten kamen darin überein dass er der beste von allen sei
und wahrscheinlich als ein vollendeter Künstler von irgendeiner großen Bühne
vom jungen Elsheim für dieses Spiel sei verschrieben worden »Warum« sagte die
Fürstin »hat man diesem Manne nicht die Hauptrolle übertragen« Der
Reichsgraf flüsterte der Fürstin und Äbtissin zu »Aber bemerken Durchlaucht die
unendliche Kunst des Mannes mit welcher er seine Maske angeordnet hat Wie hat
er nur diesen unvergleichlichen Stelzfuss zustande gebracht Sollte man nicht
schwören das Bein sei ihm unterhalb des Knies wirklich abgenommen worden Und
wie er mit dem scheinbaren oder wirklichen Holze stampfen kann wenn er in Zorn
gerät Ich vermute fast dieser Selbitz ist der berühmte Iffland selbst der
nach Aussage von Kennern so einzig die Kunst sich zu maskieren versteht«
»Wäre das Stück nur nicht« erwiderte die Erlauchte »so ganz vom gemeinsten
Charakter Das Dekorum und der Anstand sind doch nicht im allermindesten
beobachtet Wo hat der Autor diese Menschen nur aufzufinden gemeint denn sie
handeln und sprechen in einer Weise die ganz an das Unmögliche grenzt«
»Wir Deutschen« bemerkte der Reichsgraf »sind noch zu sehr in Bildung und
Kritik zurück Und vollends jetzt Man hat wie ich höre die französischen
Muster die uns noch zur Richtschnur dienen konnten völlig verlassen und will
nun mit Sitten des gemeinen Mannes mit Sprichwörtern und Provinzialismen mit
der ärmsten Bürgerlichkeit und der Roheit der ungebildeten Stände ein deutsches
Wesen etablieren das nun ebenso national werden soll wie Racine und Korneille
bei den Franzosen So hat mich wenigstens ein gelehrter Freund versichern
wollen Und dies Ding was wir hier vor uns sehen ist offenbar jenem
Shakespeare nachgeahmt der auch Welt und Menschen nicht kannte und in der
Roheit seine Originalität suchte und fand«
»Sehr wahr« erwiderte die Äbtissin »und man sieht wohl dass mein guter
Neveu auch aus dieser seltsamen Schule herkommt Aber er sieht hübsch aus in
seinem Kostüme nicht wahr ma soeur«
»Ich verstehe den Zusammenhang von der ganzen Sache nicht recht« erwiderte
die Mutter »es ist weder eine Konspiration noch eine Liebesgeschichte man
erfährt immer wieder etwas Neues und muss darüber das vorige vergessen Am
meisten gefällt mir Albertinchen ich wollte die weiche Personage wäre die
Hauptperson denn sie hat mich schon ein paarmal recht herzlich gerührt Mein
Sohn das fürchte ich immer mehr wird sich schlecht gegen sie betragen und
sich in die Stadtdame vergaffen«
»Die Adelheid oder wie sie heißt« fing die Erlauchte wieder an »müsste
sich aber ganz anders betragen denn sie ist bei weitem nicht vornehm genug«
»Ja wohl« sagte die Äbtissin »Ah das verstand die Klairon die ich noch
in meiner allerfrühsten Jugend gesehen habe ganz anders Sie ist diese junge
Charlotte hier viel zu liebenswürdig für ihre Rolle«
So war der zweite Akt vorübergegangen und als der Vorhang wieder fiel
lobten sich die Spielenden untereinander und Adelheids Benehmen und ihr Ton
wurden von allen bewundert »Aber dass wir nur nicht unsere liebe herrliche
Dorotea darüber vergessen« rief Elsheim aus »was sind wir nicht diesem
allerliebsten Fräulein für ihre Gefälligkeit schuldig Ohne ihre
Bereitwilligkeit war das Stück unmöglich und welch ein schönes Talent hat sie
entwickelt Ich halte diesen Georg für eine der wichtigsten Personen im Stück
und für eine der schönsten Charakterzeichnungen die uns der große Dichter nur
jemals gegeben hat«
»Nun aber« sagte Mannlich »entwickelt sich erst im dritten Akt am meisten
der heroische Charakter des Götz Auch Georg tritt dreister auf und der alte
Selbitz hat die herrliche Szene wo er verwundet unten am Turm liegt in dessen
Luke der Knecht hinaufsteigt Da müssen wir uns recht angreifen Wie schade dass
ich nicht zu Pferde kommen kann wie es im Original vorgeschrieben ist«
»Ha was Pferde« schrie der Schulmeister indem er seine Krücke schwang
»die können wir entbehren Ich und der Baron Mannlich wir wollen beide schon
selbst so bestialisch wettern und rumoren dass man keine andere Kreatur
vermissen soll«
Mannlich sah den Alten der zu sehr begeistert war von der Seite an und
wusste nicht was er ihm antworten sollte Er eilte von der Bühne um
nachzusehen ob alle Verwandlungen und Umkleidungen vorbereitet seien damit man
so bald als möglich den dritten Akt beginnen könne
In diesem Akt hatte Elsheim am meisten zusammenziehen müssen weil die
Szenen im Original zu schnell wechseln und eine ganz wörtliche Aufführung
unmöglich machen doch hatte er mit großer Sorgfalt jeden charakteristischen
Zug jede schöne Rede beibehalten nur waren die Reichstruppen und Götzens Leute
mehr in ihren Szenen beisammen und Elsheim hoffte dass in dieser
Zusammenziehung seine kleine Bühne so ziemlich schicklich das Gedicht darstellen
würde
Da man in der Anordnung den Wechsel der Szenen mehr andeutete als ihn
wirklich ausführte und ein vorgeschobener oder weggezogener Busch eine andere
Landschaft vorstellte so konnte man rasch vorschreiten und vereinigen ohne dass
der ursprünglichen Form des Gedichts zu sehr Gewalt angetan wurde Selbst
Mannlich hingerissen von der Bewegung spielte und sprach schneller als in den
vorigen Akten Der Auftritt in welchem Selbitz verwundet herbeigeführt wird
ward mit Präzision gegeben und fand vielen Beifall über die Reichstruppen wurde
gelacht und Götz hatte den vollständigsten Sieg davongetragen Leonhard hatte
sich wieder gesammelt und gab seinen Lerse mit der einfachen Biederkeit die
ihm selbst so natürlich war so dass er gegen Mannlich der immer mit vollem
Munde predigte lebhaft kontrastierte Früher schon hatten Adelheid und der
Kadet als Franz ihre Szene vortrefflich gespielt und Sickingen der Professor
war in allen Auftritten so gehalten und ruhig wie es sein Charakter erforderte
Georg erschien allen als unverbesserlich und darum noch mehr zu loben weil man
ganz vergaß dass ein junges Mädchen diesen heroisch munteren Knaben spielte
Nun aber waren die bis dahin glücklichen Kämpfer in ihrer Burg
eingeschlossen Mannlichs Brust hob sich stärker als gewöhnlich und man sah es
ihm an dass er einen großen Moment einen auffallenden Effekt präparierte Er
hatte schon von Sickingen und seiner Schwester Abschied genommen und nun
vernahm er von außen die Trompete und die Aufforderung sich auf Gnade und
Ungnade zu ergeben Mannlich hatte durch seine tapfre und mutige Haltung jetzt
die Meinung aller gewonnen selbst die hohen Herrschaften auf ihren Sesseln
schwatzten nicht mehr und hatten sich einer gewissen Täuschung ergeben als
jetzt der Ritter dem Trompeter jene ungezogene Antwort gibt die er freilich in
seiner Lebensgeschichte aufgeschrieben und die auch Goethe in den ersten
Auflagen des Gedichtes beibehalten nachher aber weggestrichen und bloß
angedeutet hat Mannlich aber um dem echten Original und der Wahrhaftigkeit der
Geschichte nichts zu vergeben sprach mit der lautesten Stimme und in noch
langsamerem Tempo als sonst noch gehaltener und jedes Wort und jede Silbe
akzentuierend die ganze Ungezogenheit schreiend aus
Es ist nicht leicht zu beschreiben welche Wirkung diese deklamierte Stelle
im ganzen großen mit Menschen überfüllten Saale hervorbrachte Es ist keine
Übertreibung wenn man behauptet dass noch niemals ein dargestelltes
Teaterstück so ungeheuer drastisch gewirkt habe Die Bauern ergaben sich dem
unmässigsten Gelächter die Dienstleute erschraken denn alle waren überzeugt
die Stelle sei vom Baron extemporiert es sei irgend etwas auf dem Theater
vorgefallen und er richte sie im Zorn und in der Wut an jemand anders als an
den Trompeter Die Gerichtsleute schmunzelten und bedeckten in der Verlegenheit
ihre Gesichter mit dem Taschentuch Wahrhaft furchtbar aber traf der Schlag in
das Parterre noble Die Erlauchte schrie laut auf und lag in Ohnmacht die
Äbtissin bekam ihre Krämpfe und rief nach ihrem Kammermädchen und um Hilfe die
Mutter selbst einer Ohnmacht nahe bemühte sich um die Freundinnen und rettete
in lautes Weinen und Schluchzen ihre Besinnung der Reichsgraf rief scheltend
nach Bedienten und Weislingen der selbst erschreckt aus den Kulissen diesen
ungeheueren Aufruhr sah der sich unten im ganzen Saal erhob denn alles war
aufgestanden und lief durcheinander sprang schnell über das Orchester hinweg
vom Theater herunter zu seiner Mutter und der hilfsbedürftigen Gruppe um welche
sich alles drängte Dort war Schreien Weinen Krampf Ohnmacht und Schelten
und Elsheim wusste nicht was er zuerst tun wie er am besten raten sollte
Mannlich hatte sich erstaunt und mit offenem Munde vorn an das Proszenium
gestellt denn auch auf dem Theater war ein Stillstand des Entsetzens
eingetreten als Weislingen von unten zur Bühne hinaufrief dass man den Vorhang
niederlassen solle Dies geschah und so war im allgemeinen Tumult ohne Epilog
oder Entschuldigung das historische Schauspiel vom Götz von Berlichingen für
diesen Abend zu Ende und beschlossen
Bediente Kammermädchen Läufer der Haushofmeister alles hatte sich
herbeigemacht um die alten Damen zu führen zu heben und aus dem Saal zu
tragen Man begab sich nach einem anderen Zimmer Sofas und Lehnstühle wurden
für die Kranken und Leidenden herbeigeschoben und geordnet sowie die
Hausapoteke in Anspruch genommen Als die Damen sich etwas erholt hatten
ergossen sich alle unter Vortritt und Vorspruch des Reichsgrafen in
unerschöpfliche Vorwürfe gegen Elsheim der in sein Haus einen Mann eingeführt
und als seinen Freund dargestellt habe welcher uneingedenk seines Standes und
was er der Gesellschaft schuldig sei sich so ungeheure Sottisen erlaube
»Jawohl jawohl« unterbrach sie die Mutter weinend » ach wer hätte so
was in dem Manne gesucht Ja wohl war das eine Überraschung die mir zubereitet
wurde Um den Schlag zu kriegen«
»Er ist zu sehr unter mir« rief der Reichsgraf »sonst würde ich diesen
Herrn von Mannlich auf Ritterweise darüber zur Rechenschaft ziehen dass er frech
und roh es gewagt hat uns der Durchlaucht der Frau Äbtissin und mir so was
in Gegenwart von Bauern und Domestiken laut zuzurufen«
»Wie« sagte Elsheim erstaunt »Sie meinen gar wenn ich Sie nicht
missverstehe «
»Ja ja« rief die Erlauchte die sich jetzt etwas erholt hatte »das leidet
gar keinen Zweifel Er sah schon immer in den vorigen Szenen so giftig nach uns
hin Er war darüber erbost dass wir uns einige Zweifel erlaubten«
»Wohl« fuhr der Reichsgraf zornig fort »er mochte merken dass wir dem
echten großen Schauspieler dem Selbitz den Vorzug gaben wir sprachen laut er
hat es wahrscheinlich oben gehört und nun stellt er sich vorn an die Lampen
sieht uns starr und höhnisch grinsend an und schreit uns uns diese
niederträchtige Grobheit ärger als es ein Sackträger schlimmer als es ein
Stallknecht tun könnte entgegen winkt und dreht dabei mit den Händen und Augen
noch so wunderlich «
»Ja recht absonderlich« rief jetzt die Äbtissin »Ich hätte wenn ich es
nicht erlebte dergleichen niemals für möglich gehalten«
»Was hat sich der Mann nur dabei gedacht« sagte die Mutter »den wir immer
so freundlich aufgenommen haben«
»Verehrte« sagte jetzt Elsheim etwas ungeduldig »fern sei es von mir die
Ungezogenheit des Barons auch nur irgend entschuldigen zu wollen die Roheit ist
zu auffallend aber ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre Ihr unbegreiflicher
Argwohn wenigstens ist ganz ungegründet Diese anstössigen gemeinen Worte sind in
der Tat im Stück sie sind so gedruckt nur hat sie später der Verfasser selbst
als unziemlich wieder weggestrichen Höchst tadelnswert ist Mannlich dass er die
alte abgesetzte Leseart so willkürlich wieder aufgenommen hat In den Proben
ließ er sich nichts davon merken dass er sie sprechen und wie sprechen würde«
»Und wie« wiederholte der Reichsgraf »uns so starr dabei ansehen so mit
den Händen gegen uns fechten und wie ein Zahnbrecher schreien«
»Also« sagte die Äbtissin »in dieser deutschen Tragédie findet sich
wirklich diese ganz unzüchtige und obszöne Tirade Und ein solches Stück Neveu
suchen Sie aus und studieren es ein Das also ist die neue deutsche Bildung und
der jetzige Geschmack«
»Es war Ihre Pflicht Herr Baron« sagte die Erlauchte mit starkem Ton »uns
davon in Kenntnis zu setzen dass es eine Parade sei die Sie uns zum besten
geben wollten hätten wir dieses erfahren so hätten wir uns gewiss nicht
hieherbemüht«
»Parade« nahm die Äbtissin das Wort auf »ungezogene und skandalöse Paraden
wurden wohl früherhin auch in den Palästen der Herzoge von Orleans und Konti
gespielt aber auf meine Ehre niemals hörte man doch so pöbelhafte Grobheiten
die ohne Witz und Bedeutung bloß niederträchtig sind«
»Ich kann den Baron jetzt nicht und noch lange nicht wiedersehen« sagte die
Mutter »bedeute ihm nur dies das bitte ich mir aus von dir mein Sohn Er hat
mich und uns alle zu gröblich beleidigt«
»Und wir verlassen das Haus morgen mit dem frühesten« sagte die Erlauchte
»Eine Art von Glück dass das edle deutsche Schauspiel so endigen musste denn wer
weiß was uns nach diesem échantillon noch alles bevorstand«
Ohnerachtet der dringenden Bitten der Mutter wollten die Damen nicht länger
verweilen weil man sie zu tief und schonungslos verletzt habe und der
Reichsgraf der durchaus ihren Zorn billigte und teilte gab ihnen in allen
ihren Beschwerden und Äußerungen recht Auch die Mutter war so aufgebracht dass
sie sehr leicht dem Ersuchen der Äbtissin nachgab sie alle nach der Residenz zu
begleiten wo sie wenigstens acht Tage hindurch in Konzerten Opern
Schauspielen und Assembleen wie in einem Gesundbrunnen dieses ungeheure
Erlebnis von sich abwaschen und die Verwundung des Herzens heilen wollten
Auf dem Theater zu welchem Elsheim jetzt zurückkehrte herrschte noch
größere Verwirrung Alle Mitspielenden hatten den Baron Mannlich bestürmt
gefragt getadelt und gescholten wie er sich so sehr habe vergessen können auf
so skandalöse Weise das Schauspiel zu beschließen als wenn das letzte Epigramm
gleichsam die moralische Nutzanwendung des ganzen Gedichtes hätte vorstellen
sollen Er wehrte sich so gut er konnte doch ließ man ihn nur wenig zu Worte
und da einige der Nebenpersonen am meisten aber der husarische Schulmeister
mit etwas empfindlichen Vorstellungen in ihn drangen der Graf Bitterfeld aber
beinahe beleidigend wurde so fürchtete Emmrich schon dass er den Ausdruck des
klassischen Dichters oder wenigstens einen ähnlichen in seiner eignen
Angelegenheit wiederholen möchte Elsheim kam gerade zur rechten Zeit um die
streitenden Parteien wenn auch nicht zu versöhnen so doch einander
näherzubringen Er beruhigte also den zu ungestümen Schulmeister lobte und
beschwichtigte den eifernden Kadeten der außer sich war dass er seine schöne
Rolle nicht hatte zu Ende spielen können in welcher ihm noch Umarmung und
herzlicher Kuss der vergötterten Adelheid bevorstanden die er nicht so obenhin
und nur andeutend zu spielen gedachte wie es ihm in den Proben war
vorgeschrieben worden Die Damen wie empfindlich sie auch natürlich waren
äußerten sich billiger und so gelang es Elsheim und dem Professor Emmrich die
Sache nach und nach mehr in das Komische zu lenken
»Wie durft ich glauben« rief Mannlich nachdem es etwas ruhiger geworden
war »dass eine Tirade freilich aus dem gemeinen Leben aber doch aus der
wirklichen Geschichte des treuherzigen Götz genommen von unserm größten Dichter
geweiht und geheiligt ein solches Ärgernis erregen könnte Ist die
Ungezogenheit oder Roheit wenn wir es so nennen wollen nicht ganz deutsch und
bei uns national Der Franzose drückt sich anders aus ebenso der Engländer und
Spanier und diese besitzen soviel ich weiß diesen oder einen ähnlichen
Ausdruck des geringschätzenden Zornes gar nicht Der Deutsche also zum
Deutschen der Rittersmann der kein Hofmann sein will und darf dieser sollte
in einer altertümlichen Zeit wo allerdings Roheit und Grobheit auch manchmal in
besserer Gesellschaft herrschten sich dieses Sprichwortes nicht bedienen
dürfen«
»Aber Satan von einem Menschen« rief Elsheim ungeduldig »vor Damen die am
Hofe gelebt die in Racines Tragödien gespielt haben Und die Stelle war ja doch
gestrichen du hast sie nie in der Probe gesagt«
»Ich wollte eben überraschen« rief ihm Mannlich entgegen »ich wollte diese
nichtssagenden Striche der neueren Editionen zur alten richtigen Lesart
zurückführen Diese Schattierung diese Eigentümlichkeit ist nach meiner
Überzeugung dem originellen Dichterwerke unentbehrlich«
Alle lachten und Emmrich sagte »Man hat mir erzählt doch kann ich die
Wahrheit der Anekdote nicht verbürgen dass als der grossherzige Fürst von Weimar
mit seinem Freunde Goethe auf einer Reise sich in Frankfurt aufhielt sie in
Sachsenhausen wohin sie spaziert waren von einem groben Sachsenhäuser der
sich mit den Nachbarn zankte diesen nationalen Ausdruck wie ihn der Baron
nennt vernahm« Der Herzog sagte hierauf ganz ernstaft zu Goethe »Es muss dir
doch wohltun zu erleben wie deine Dichtungen mit dem Volke verwachsen und in
ihm Wurzel schlagen Hast du gehört wie dieser ganz gemeine Mann soeben eine
Stelle aus deinen Werken zitiert hat«
Die übrigen lachten doch Mannlich blieb verdrießlich und wurde es noch mehr
als er hörte dass die Dame des Hauses sich für jetzt seine Besuche verbeten
habe Er ritt zornig fort und schwur sich und seine Zeit niemals wieder für
Freunde und für die Kunst aufzuopfern
Zweiter Teil
Vierter Abschnitt
Schon am frühen Morgen war alles im Schloss lebendig Die Herrschaften wollten
eine starke Tagesreise machen und deshalb brachen sie so zeitig auf Noch beim
Abschiede sagte die Mutter zu Elsheim »Es kann sein mein Sohn dass ich zwei
Wochen ausbleibe um einmal wieder nach langer Zeit mit meiner Schwägerin zu
leben und mich mit ihr zu verständigen Auch bin ich es ihr und der Fürstin
schuldig deutlich zu zeigen dass ich mit dieser deiner Extravaganz nicht
einverstanden war Wie die jetzige junge Welt denken mag ist mir freilich
unbekannt geblieben aber wir müssen dir wenigstens so viel zeigen dass man mit
uns der älteren Generation welche bessere Zeiten gewohnt war nicht so umgehen
darf«
Elsheim kehrte verdrießlich und verstimmt auf sein Zimmer zurück So war das
Fest geendigt Die Erhebung des Gemütes die Erneuung seiner Jugend alles
worauf er sich seit Jahren gefreut hatte nun eine solche Wendung genommen die
ihn demütigte und ihm alle Laune raubte Er zürnte auf sich dass er der Mutter
darin nachgegeben hatte diese übervornehmen und versteinerten Gäste einzuladen
nicht minder aber auf jenen älteren Jugendgenossen der ihnen allen aus barockem
Eigensinn und pedantischer Roheit die Freude verdorben hatte Dieser hatte sich
erzürnt auf sein Gut begeben indem er der alle verletzt und beleidigt hatte
den Gekränkten spielte Die Mutter die in ihrer Verwandten und den hohen Gästen
tief verletzt war verließ in ihrem vorgerückten Alter ihre behagliche Wohnung
um jenen Hochfahrenden eine Art von Genugtuung zu geben Elsheim schloss sich
ein und wollte wenigstens vor dem Mittagstische niemand sehen und sprechen
Der alte Joseph brachte dem jungen Tischler das Frühstück auf sein Zimmer
was nur selten geschehen war aber jedesmal als ein Zeichen diente dass der
Baron auf irgendeine Weise abgehalten sei und allein sein wolle oder schon im
Freien umherwandle Joseph war schon frisiert und im Frack und die
Spitzenmanschetten fielen länger über die dürren Hände hinunter als an anderen
Tagen »Bei der frühen Abreise« sagte er feierlich »musste ich mich schon
beizeiten schmücken weil ich mit eigenen Händen den Damen sowie dem Herrn
Reichsgrafen in ihre Wagen half«
»Ach bester Herr Professor« sagte er nach einiger Zeit »ich habe diese
Nacht nicht viel schlafen können denn ich habe viel weinen müssen Glauben Sie
mir nur diese Begebenheit wird im ganzen Lande eine ungeheure Sensation machen
Die Herrschaften lassen es sich nicht ausreden dass die abscheuliche Tirade
allein auf sie gemünzt gewesen sei und nun scheint es ihnen eine ausgemachte
Sache dass der Herr Baron Mannlich ein giftiger eingefleischter Jakobiner sei
der durch dieses Motto oder diesen UnsittenSpruch den ganzen Adel habe
beschimpfen und erniedrigen wollen Die skandalöse Anekdote kommt nun an den
Höfen herum und wird sehr verschiedentlich ausgelegt werden Zwar sind in unsern
Jahren die Jakobiner völlig abgeschafft und man will sagen sie seien völlig
eingegangen aber um so schlimmer wenn man nun auf die Vermutung kommt dass sie
in unserer Familie ganz von neuem wieder aufschiessen Nein dergleichen hätte
unser junger lieber Herr vermeiden sollen Ach der alte selige Herr Vater Wenn
er hätte voraussehen können dass dergleichen hier in seinem alten ehrwürdigen
Schloss sich zutragen sollte Sehen Sie lieber Herr Professor das war so
recht ein Mann nach dem Herzen Gottes In seinen letzten Jahren wollten sie ihm
nachsagen er neige zu den Herrnhutern hin es war aber wohl nur weil er über
alles in der Welt Ruhe Anstand und Ordnung liebte Still musste es hergehen
alles Geräusch war ihm fatal außer es musste denn unentbehrlich notwendig sein
Kein raues Wort wurde im ganzen Hause gehört noch weniger Schimpfen und
Fluchen das Gemeine Triviale und Pöbelhafte war ihm in der innersten Seele
verhasst So kam es denn dass sich alle Dienstleute mehr oder minder nach ihm
bildeten und figurierten wie das wohl in allen Häusern geschieht wo die
Dienenden nicht oft gewechselt werden Ich schwöre Ihnen beim Himmel seit
funfzig bis sechszig Jahren ist selbst im Stalle oder bei unsern Viehhirten jene
liberale Sentenz nicht gehört worden die der Herr Baron im Rittersaal in
Gegenwart der vornehmsten Damen sich zu erlauben beliebten Ich habe es oftmals
bedenket und nachher auch bedacht und bin endlich überzeugt worden dass wir
höchst traurigen Zeiten und Begebenheiten entgegengehen Aber was hilfts Der
Himmel lenkt am Ende doch alles selbst mit eigener Hand«
Der Alte gleich allen Dienern des Hauses hatte großes Vertrauen zu
Leonhard und deshalb hatte er sich auch während seiner langen Rede zu ihm
gesetzt was Leonhard sich schon vorlängst als ein Zeichen des Wohlwollens vom
Alten erbeten hatte »Ja« fuhr er jetzt fort »können Sie durch Ihren Einfluss
unsern jungen Baron dahin stimmen dass dergleichen nicht wieder geschieht dass
er von solchem neumodigen Treiben ablässt so werden Sie sich einen Gotteslohn um
ihn und uns alle verdienen Er ist gut aber er hat zu wenig vom seligen Herrn
Zwar wurden vor vielen vielen Jahren auch hier im Schloss einige kleine Proverbes
gespielt Hausherr und Gemahlin spielten auch selbst mit das war aber alles so
fein und manierlich dass es eine Lust war mit anzusehen ja dass es beinahe zu
einer Erbauung gereichen konnte Ich habe es vielfach durchdenket und auch
durchdacht dass es ein großes Unglück für die Weltgeschichte ist dass es in den
damaligen Zuständen und Verfassungen nicht hat bleiben können das war alles
sicher und begründet Sitten Feste Religion Adel Bürger Handwerker alles
was man nur nennen kann hing wie in einer gutgeordneten Bildergalerie jedes
in seinem schönen festen Rahmen zu jeder Gesinnung gab es im Katalog gleich
Nummer und Erklärung Aber jetzt ist die ganze Galerie durcheinandergeworfen
die Rahmen sind abgerissen viele Bilder stehen auf dem Kopf die besten sind
umgekehrt an die Wand gelehnt dass kein Mensch sie finden kann und der Dummkopf
und rohe ungebildete Mensch lässt sich nun von den Meisterwerken nicht mehr
imponieren er weiß sie nicht zu achten weil die glänzenden Rahmen fehlen und
alles wie Kraut und Rüben durcheinanderliegt«
Leonhard ergötzte sich an diesem Geschwätz und um den Alten noch näher
kennenzulernen sagte er jetzt »Lieber Herr Haushofmeister schon neulich wollte
ich Sie darum befragen aber wir wurden gestört was machen Sie für einen
Unterschied wenn Sie sagen Ich habe es gedenket und gedacht«
»Haben Sie das bemerkt« sagte der Alte schmunzelnd und mit dem Ausdruck der
liebenswürdigsten Freundlichkeit »Werter Herr Professor ich bin kein
Gelehrter Schriftsteller oder Sprachforscher aber ich habe denn doch auch wie
der beste meine eigenen Grillen und mir auf meinem Wege so manches
herausgegrübelt Wir gehen mit unserer lieben deutschen Sprache barbarisch um
machen nirgend Unterschiede oder unterdrücken sie gar da wo sie sich schon
finden Bedenken Erdenken Denken und bedenklich hängt genau zusammen die
Sache ist noch nicht fertig und darum sage ich Ich bedenkete es ist bedenket
Aber wenn es nun fertig ist und unwiderruflich dann heißt es Es ist bedacht
Merken Sie wohl Fertig ist es und ein Dach darüber gegen Sturm und Regen nun
kann es nicht wieder verdorben werden Ein Gedachtes Bedachtes kann niemals
wieder etwas Bedenkliches werden So ist es auch mit unsern Reimen Sie würden
uns niemals wohlgefallen die ganze Dichterei hätte sich niemals auf diesen
Widerton und den angenehmen Gleichlaut begründen können wenn nicht ein geheimer
Zusammenhang in Klang und Gedank wäre so wie in Ranken Schwanken Danken
Wanken Gedanken Erkranken Sanken Banken«
Leonhard lächelte und sagte »Auch Gestank und Gedank reimt«
»Richtig« fuhr der Alte fort ohne sich irremachen zu lassen »es lässt sich
auch oft mit Gedanken so lange hantieren und wirrwarren bis das an sich
Richtige endlich zum Widerwärtigen ausschlägt Das erleben wir ja alle Tage«
Leonhard war über den kleinen alten Mann in Verwunderung dem er so viel
Eigenheit und seltsame Philosophie nicht zugetraut hatte Der Kammerdiener
erriet seine Gedanken und sagte sehr freundlich indem er in sein runzelvolles
Gesicht noch mehr Falten hineinzog »Ja mein junger Herr Professor wir haben
so unser eigenes Wesen und mancherlei Vorstellungen Man kann das Denken nicht
immer unterlassen wenn man auch sonst kein Wohlgefallen daran hat Man ist oft
allein man ist krank und Krankheit ist der allerbeste Schulmeister und auch so
geduldig und so unermüdlich Von jungen Leuten habe ich wohl manchmal gehört
wenn sie so die eigentliche Schulphilosophie studierten Ja unser Meister sein
Werk sein System klärt uns doch über alles auf über das ganze Leben und es
kann nichts vorkommen was uns nach diesem herrlichen System nicht durchaus
verständlich wäre Wissen Sie wie mir das vorgekommen ist Sehen Sie einmal
die hübsche Fussdecke an hier die vielen Vierecke Rosetten Bogen Punkte wenn
man so nachdenklich sitzt so kann man sich alle diese Figuren bald in größere
bald in kleinere Verbindungen und Verhältnisse setzen Nun mache ich ein
Dreieck jetzt ein Viereck ein Achteck einen Kreis oder was ich will Auch
kreuzweis rechts links oben unten kann meine Phantasie eine regelmäßige
Gestaltung herausschneiden und immer passt alles und immer wieder wird etwas
anderes daraus Man kommt damit niemals zu Ende wenn man sich Zeit dazu nehmen
will So kann man sich denn auch einbilden alle möglichen Verhältnisse und
Gestaltungen der Welt sind hier mit ihrem ganzen Verständnis niedergelegt und
eingewirkt worden Es ist wenn man krankhaft gestimmt ist kein unebenes
Spielwerk Man kann auch über dem Einmaleins ebenso schwärmen und alle Rätsel
und alle Auflösungen derselben in diesen Zahlenverhältnissen sehen Ja aber
dann wieder die echte Philosophie wie ich sie mir in meiner Unwissenheit
vorstelle so dass ich kein nachbetender Schüler werde oder die Gestalten lege
die von selbst im Teppich in tausendfachen Verhältnissen sein müssen wenn ihm
geregelte Figuren eingewebt sind sondern wahrhaft denken lernen das Dunkel
in mir hell die aufdämmernden Lichter zu Gedanken machen aus dem Denken und
Bedenken zum Ge und Bedachten kommen das muss freilich ganz etwas anderes
sein«
»Sie sind ein lieber kluger Mann« sagte Leonhard »und geschickt Ich habe
Sie neulich belauscht als Sie dort in Ihrem Zimmer so lustig und wohlgemut die
Geige spielten Auch das Talent hat mich überrascht denn ich hatte früher noch
nie etwas davon vermerkt«
»So« sagte der Alte lachend »ich treibe es auch nur für mich selber zu
meiner eignen Vergnüglichkeit Zuhörer habe ich noch niemals gewünscht Ja
Freundchen diese liebe schöne Violine von Amati und ein Buch aus dem
Spanischen in das Französische schon vor vielen Jahren übersetzt machen meine
Freude aus Sie kennen die Geschichte wohl sie heißt Don Quichotte und mag im
Spanischen wohl noch lieblicher sein Ach Mann in dem herrlichen Buche finde
ich für mich alles mögliche erklärt und abgehandelt aller Aufschluss des Lebens
liegt vor mir da hell und klar und auf die lieblichste Weise in Schmerz und
Ernst verkörpert und vernatürlicht Ich fange mit Lachen und Freude an wenn ich
in dem Buch lese und bin wenn ich ein Weilchen innehalte in die geistigen
fernen Regionen in Moral und Weltgeschichte versetzt und sehe und verstehe
alles vollkommen und mir ist in der Freude so wohl so selig möcht ich sagen
dass ich diesem Manne dem Herrn Cervantes die hellsten Lichtblicke meines
Lebens zu verdanken habe«
»Sie verstehen zu lesen Freund« sagte Leonhard freudig überrascht »ich
kenne und liebe Ihren Autor und wenn ich ihn wieder lese und vielleicht mit
mehr Applikation so werde ich dabei an Sie denken und Ihnen danken«
»Sehen Sie« rief der Alte »Denken Danken ist mehr ein Gleichlaut und kein
Reim und hängt doch auch zusammen Ach Herr Leonhard was sind wir arme
gedrückte schwache Menschen doch für Wesen Und wie hat uns Gottes Güte so
wunderbarlich erschaffen Wenn ich so meine Geliebte wie ich sie immer nur
nenne meine Geige in den Arm nehme und das liebe Ding lacht und weint und
plaudert so anmutig unter meinem Bogenstrich so bin ich im Himmel und weiß
nicht mehr ob ich die Violine spiele oder ob sie mich spielt Es jauchzen und
winseln im schäkernden Lächeln Gefühle und Worte aus mir heraus die ich auf
keine andere Weise sprechen Gedanken die ich nur so finden kann und die doch
ohne alle Vernunft höher als die Gedanken stehen Glauben Sie mir das ist die
seltsamste Freude was Unaussprechliches sich so selbst zu finden sich selbst
so in Tönen und in Begeisterung die von sich doch nichts wissen
kennenzulernen«
»Bester Herr Joseph« rief Leonhard »Sie glauben nicht wie sehr Sie aus
meinem Herzen sprechen Ich kann Sie versichern unsere Geister sind sich nahe
verwandt Ich verstehe Sie ganz«
»Kann wohl sein« sagte Joseph und gab dem jüngeren Freunde die Hand
»Fühlen Sie einmal« fuhr er fort »die erhöhte starke Hornhaut an diesen meinen
Fingerkuppen das kommt von meinem stetigen Violinspielen Hart wie Horn die
fein gehobenen Nervenpünktchen in welchen die andern Menschen ihr leisestes
Anfühlen zu haben glauben und mit diesen Verhärtungen fühle ich auf den Saiten
um ein Atom das Höhere und Niedere ohne zu irren Hier hinein vibriert der
Klang und wird von hier und mit dem toten Bogen zu dem seelenvollen Ausdruck
erhoben zu der Weiche und Innigkeit wie kein menschliches Organ es vermag Ist
es eigentlich nicht wunderbar«
»Aber von welchem Meister« fragte Leonhard »waren nur die ganz wunderbaren
Passagen die ich Sie neulich mit der ungeheuersten Anstrengung spielen hörte
Eben vorgestern als ich Sie belauschte und Sie mir nachher verdrießlich
schienen«
Joseph schwieg still wandte sich ab und ging im Zimmer auf und nieder Er
schien verlegen und Leonhard bemerkte dass sein Antlitz röter war als
gewöhnlich Dann stellte er sich vor Leonhard hin sah diesen bedenklich an und
sagte »Sosehr ich Ihnen auch vertraue kann ich Ihnen doch was diese
musikalische Phantasie betrifft keine Antwort geben«
»Aber ich bitte« sagte Leonhard »die Sache wird mir um so wichtiger da
Sie zögern und wie in Verlegenheit erscheinen Ich bin überzeugt ich werde Sie
verstehen so wie mir alles was Sie mir jetzt gesagt haben nicht fremd und
unverständlich ist«
»Mags sein« rief der Alte nach einer Pause mit dem Ausdruck einer
komischen Resignation »was gehts mich am Ende an wie Sie von mir denken
mögen Wir sind alle Toren und gebrechliche Menschen stellen wir uns auch wie
wir wollen Ich gestehe dass ich oft im Mondschein oder am Frühlingsabend auf
meiner Geige phantasiere Die Melodien kommen mir dann von selbst und ich habe
mich auch wohl darüber betroffen dass ich Tränen vergießen musste Vom Abt Vogler
erzählt man dass er sich zuweilen sein Fortepiano auf eine Bildergalerie hat
nachtragen lassen um in seinen Tönen den Ausdruck und die Bedeutung von schönen
Gemälden wiederzugeben Ich kann mir das wohl denken obgleich man unter diesen
Umständen und bei so vielen Vorbereitungen seiner Stimmung nicht gewiss sein
kann Ich möchte wenigstens vor Menschen und Zuhörern dergleichen nicht
versuchen Das sind aber Phantasien der innerlichen Wollust und des
Wohlgefallens Doch ist der Mensch oft wie gepeinigt er weiß nicht wovon es
quält ihn etwas er weiß nicht was Als wenn hier in diesem Teppich unter den
geregelten Figuren krumme schiefe willkürliche unterliefen die mit diesen
Sternen Kreuzen Rosen und Vierecken in gar keinem Zusammenhang ständen und
man peinigte sich vergeblich und immer wieder umsonst auch diese tollen
ausschweifenden Linien und Fratzen in jene wohltuende und besänftigende Tabelle
mit aufgehen zu machen Es gibt so Stunden in unserm Leben die dies Gleichnis
nur etwas erklärt«
»Gewiss« sagte Leonhard »und der geordnete Geist leidet vielleicht am
stärksten von diesen Verstimmungen wenn auch nur selten«
»Meinen Sie« fuhr Joseph fort Also denn Tollheit mit Tollheit erklärt und
vertrieben Beelzebub durch Satan Warum sind wir denn auch so gebaut Was
freilich noch weiter getrieben auch jeder Verbrecher für sich anführen könnte
wovor uns Gott bewahren möge Hier muss nun freilich der christliche Glaube Hand
anlegen und eine starke Es regieren oft die kleinen Teufelchen in uns
aberwitzige unheimliche und die lassen sich durch Narretei beschwören und
vertreiben Auf meinem Zimmer habe ich einen sehr hübschen Tisch die Platte ist
ganz von Masern Noch ein Geschenk vom Großvater des jungen Herrn also uralt
Sehen Sie in solchem Maser laufen nun lauter tolle Linien ohne alle Vernunft
und Ordnung kreuz und quer durcheinander Die Tugend und der Wert einer solchen
Maserplatte besteht eben darin dass kein Verstand in der Kuriosität sondern
Willkür und Aberwitz herrschen Doch warum beschreiben Was werden Sie denn ein
solch gemasertes Wesen nicht kennen
»Gewiss kenne ich es« erwiderte Leonhard »ich sehe den Tisch leibhaftig vor
mir«
Der Alte sah ihn von der Seite an und lächelte dann sprach er in seinem
Eifer »Also denn wenn die Besessenheit mich ergreift und gar nicht wieder
loslässt so stelle ich mich dann mit meiner Geige vor diesen Masertisch
begeistere mich und spiele in tausend Variationen und rasenden Passagen alle die
vermaledeiten krummen und zackigen Linien ab als wenn es Noten wären Immer
fällt mir was Neues ein und ich rassele und wüte so heftig arbeite mich so ab
dass ich oft wie im Schweissbade bin So kleide ich mich um setze mich in den
Sofa lache recht von Herzen über mich und die Welt fühle mich so recht
behaglich und in meinem Innern wieder wie zu Hause und habe dann auf lange Ruhe
Sehen Sie Bester das war es was Sie neulich mit angehört haben Es war gewiss
recht sonderbares Zeug«
Leonhard war zuletzt sehr nachdenklich geworden und sagte endlich »Ihre
Erzählung und dieses Heilmittel erinnert mich an so vieles was ich in mir
selbst so oft habe bekämpfen müssen Wohl dem der in seiner geliebten Violine
einen solchen Ableiter findet«
»Jeder vielleicht auf seine eigene Weise« antwortete Joseph »Es ließe sich
viel darüber sagen Wenn ich so von den alten Mänaden und den bacchantischen
Festen der Griechen gelesen habe so dachte ich oft diese und ähnliche
Anstalten haben auch die tollen Geister in uns bändigen und austreiben sollen
Christliche fromme Männer haben es vielleicht durch ihre Geisselungen Fasten und
Kasteiungen versuchen wollen Mancher tobt sich auf der Jagd aus und in der
Jugend fühlen wir es ganz deutlich wie Springen Laufen Ringen und Balgen
unserm Leben völlig unentbehrlich sind Wer in meine Masern verfällt oder sich
gar freiwillig hineinversenkt ohne sich mit der Violine wieder herauszuspielen
der wird wohl eben ein Schwärmer und Fanatiker wovor uns denn alle der Himmel
behüten wolle« Mit diesen Worten empfahl sich der Alte und Leonhard blieb
noch lange auf seinem Zimmer um alle die Gedanken näher zu erwägen und zu
bewältigen die ihm jenes sonderbare Gespräch auf unerwartete Weise erweckt und
zurückgelassen hatte
Als man sich bei Tische versammelt hatte sagte Emmrich Sollte es nicht Zeit
sein diese allgemeine Verstimmung müsste es selbst durch ein gewaltsames Mittel
geschehen wieder in die rechte Bahn zu lenken Ich bin der Meinung da wir
jetzt unter uns sind und niemand unser Vorhaben übel deuten wird dass wir
unseren Götz noch einmal aufführen und ihn dann wie es sich gebührt zu Ende
spielen Wozu haben wir die Mühe gehabt und uns in so manchen Proben gequält
Wir sind es uns selbst schuldig das unternommene Werk nicht so als ein
schmähliches Fragment liegenzulassen Es ist nicht billig dass wir alle büßen
was nur einer der Teilnehmenden gesündigt hat
»Ich wäre einverstanden« sagte Elsheim »wenn Mannlich im Zorn nicht sein
Ehrenwort darauf verpfändet hätte den Götz nie wieder zu spielen Es ist
vergebene Mühe ihn überreden zu wollen«
»Es muss ohne ihn möglich sein« erwiderte Emmrich »er bleibe fürs erste ein
Märtyrer seines Wortes und alter Lesearten Meine Rolle des Sickingen kann
leicht ein anderer übernehmen und ich habe längst wieviel mehr seit unseren
Proben die Rolle des Götz genau in meinem Gedächtnis Nur rate ich wenn wir es
noch unternehmen dass wir dazutun bevor die Baronesse zurückkommt die es übel
empfinden dürfte wenn sie sähe dass wir den gescheiterten Wrack wieder zum
Segeln bringen wollten«
Alle waren über den Vorschlag erfreut am meisten der junge Kadet der in
Verzweiflung darüber gewesen war dass er seine interessante Rolle des
leidenschaftlichen Franz nicht hatte zu Ende führen können Auch Charlotte
sowenig sie es wollte merken lassen war sehr zufrieden die Adelheid zu Ende zu
spielen Albertine war willig selbst die Tante ließ sich bewegen sich noch
einmal in der häuslichen Tugend der Elisabet zu zeigen und Dorotea lachte
laut auf dass sie noch einmal als Georg mit ihren kecken Reden auftreten sollte
Der Graf Bitterfeld war leicht umgestimmt und der Schulmeister triumphierte
als er am Abend vernahm dass sein Selbitz noch einmal zu Ehren kommen sollte
Ein junger Verwalter eines benachbarten Gutes ein verständiger Mann war leicht
in den Charakter des Sickingen eingelernt und die Bauern der Schulze und die
Dienerschaft sahen mit Spannung und Neugier der wiederholten Aufführung des
nationalen Schauspiels entgegen Elsheim musste sich aber wirklich gefallen
lassen noch außer dem Weislingen den Zigeunerhauptmann zu übernehmen weil der
Förster taub gegen alle Bitten und Vorstellungen blieb
Schon nach einigen Tagen war das große Werk zur allgemeinen Zufriedenheit
vollendet worden Alle gestanden laut dass durch die bessere Darstellung des
Götz das Gedicht in der Wiederholung ein ganz anderes geworden war als es sich
im ersten Versuch gezeigt hatte War vorher Götz ruhmredig erschienen prahlend
und rechtaberisch hatte er durch eine fürchterliche Deutlichkeit der
Aussprache den biederherzigen Mann langweilig und anmassend hingestellt so waren
jetzt alle von der Liebenswürdigkeit des Ritters ergriffen durch seinen Edelmut
gerührt und von seinem tragischen Schicksal und Lebensende tief erschüttert
In Weislingens Sterbeszene war Maria so hingerissen und in Rührung
aufgelöset dass sie kaum die wenigen übrigen Szenen noch spielen konnte und als
der Vorhang zum letztenmal fiel begab sie sich sogleich zur Ruhe ohne an der
Abendtafel zu erscheinen
An dieser erschien der junge Kadet der nach der Anstrengung den Wein nicht
geschont hatte ganz ausgelassen besonders da er von der älteren Schwester
Albertine nicht beobachtet und gezügelt werden konnte In seinem Rausch
verhehlte er es nicht wie sehr er Charlotten verehre und da seine Ausdrücke
immer poetischer sowie seine Erklärungen immer deutlicher wurden so wurde
Leonhard zu seiner Beschämung und seinem Schrecken inne dass er eine stechende
Eifersucht empfinde Es war ihm daher sehr erwünscht als Elsheim auf eine milde
Art den jungen Menschen zurechtwies und Adelheid Charlotten von seinem
Ungestüm erlöste die sich um diese erwachende Leidenschaft nicht zu kümmern
schien indem sie alle hyperpoetischen Reden des Kadetten nur mit heiterem Lachen
beantwortete
Am anderen Morgen war Elsheim sehr durch den unvermuteten Besuch Mannlichs
überrascht »Ja ja« sagte dieser zum erstaunten Freunde »ihr wollt mich nicht
und denkt ich habe mich selbst wer weiß auf wie lange verbannt aber so ist
es nicht gemeint ich war böse bin aber jetzt wieder gut ja ich war selbst
gestern incognito im Parterre und habe euer Spiel mit angesehen Ich hätte fast
Lust einen dramaturgischen Aufsatz über diese eure Aufführung zu schreiben
Lieber Himmel wie wenig ist doch eigentlich dem Dichter sein Recht widerfahren
Der Götz war ohne Kraft und Nachdruck kein Wort konnte mich in die alte Zeit
versetzen alles wurde so schnell und natürlich gesprochen wie es heutzutage
auch geschehen kann gerührt war er ein paarmal wo er sich gerade als Held
zeigen sollte Dein Spiel als Weislingen war im ganzen vortrefflich doch nicht
ohne bedeutende Fehler in der Sterbeszene drücktest du zu wenig die Wirkungen
des Giftes aus was doch gewiss Krümmungen Auffahren und Konvulsionen erregen
muss Von Albertinen weiß ich nichts zu sagen denn sie spielte so als wenn es
gar keine Rolle wäre sie sprach wie sie immer spricht und deshalb hat mich
auch die Tante nicht befriedigt die bei weitem nicht erhaben genug war
Unerträglich war dein Freund der Professor Leonhard als Mönch so weinerlich
und gelassen und als Lerse so plump gar kein vornehmer poetischer Ton Die
kleine Dorotea war allerliebst neckisch und komisch dabei nicht ohne Natur
wie sie denn überhaupt ein Naturkind ist Über alles Lob erhaben war Charlotte
In ihr sah man doch einmal eine Dame und wie verführerisch wie reizend Ich
habe es wohl bemerkt dass sie dich mehr als einmal in Verlegenheit setzte denn
sie ist wirklich gar zu liebenswürdig Der Graf Bitterfeld zeigte sich als ein
denkender Schauspieler er wird nichts was er unternimmt ganz verderben aber
der Schulmeister und der Kadet Es ist doch nichts unerträglicher als wenn
Menschen die gar keine Anlage haben sich in einem Talent zeigen wollen was
ihnen so ganz und völlig versagt Diese Szenen waren unleidlich Dann störte es
auch die Illusion zu sehr dass du zuletzt noch als Zigeuner wiederkamst Du
hattest dich zwar wundervoll entstellt und verkleidet es half dir aber nichts
denn ich kannte dich doch wieder«
Viele von der Gesellschaft waren auf Spaziergängen zerstreut die
freundliche Dorotea war bei Albertinen die sich unwohl fühlte und welche von
der Kleinen liebkosend gepflegt und getröstet wurde »Liebchen« sagte sie jetzt
eben »lass nur die Tante nichts von diesen deinen Empfindungen merken denn so
gut sie ist so würde es dir doch Verdruss machen und nicht ohne Beschämung
abgehen können«
»Du irrst dich« sagte Albertine eifrig »du irrst dich völlig Mir ist
überhaupt nicht wohl und das Spiel gestern hat mich übermäßig angegriffen Das
Gedicht selbst ist ja von einer Kraft und so herzzerreissender Wehmut dass diese
Worte schneidend durch Mark und Gebein gehen Ich begreife die andern nicht die
nachher noch heiter ja lustig sein können Unsern Elsheim verstehe ich gar
nicht denn ich hatte ihm diesen Leichtsinn nicht zugetraut Selbst in den
Zwischenszenen konnte er mit Charlotten lachen und scherzen Sie freilich die
niemals fühlt die mit dem ganzen Leben und mit allen Empfindungen nur ein
Spielwerk treibt sie hat ihre Freude daran nur alle zu ärgern und zu kränken
Ihre Gefallsucht ist so unersättlich dass sie jeden Mann durch ihre Künste in
ihr Netz zieht selbst den Knaben meinen Bruder verschmäht sie nicht Hast du
es nicht bemerkt wie sie sogar den Stelzfuss den alten Schulmeister freundlich
anlacht«
»Sei nicht bitter Kindchen« erwiderte Dorotea freundlich »du weißt ja
wie über diese wunderlichen Launen selbst die Tante niemals etwas vermocht hat
Es ist doch eine poetische und fast wieder unschuldige Koketterie wenn diese
Charlotte allen Männern ohne Ausnahme gefallen will und wenn es ihr Spaß macht
jeden indem sie seine Schwächen kennt und benutze auf eine Zeitlang zu ihren
Füßen zu sehen So war sie immer und sie wird sich jetzt nicht ändern Du bist
ihr böse weil sie auch schon unsern Leonhard verblendet hat Es ist nur zu
sichtlich wie schmachtend er an ihren schönen Augen hängt«
»Auch Leonhard meinst du« erwiderte Albertine »das hatte ich bis jetzt
noch nicht bemerkt mir schien es die habe es in diesen Tagen allein auf unsern
Elsheim angelegt Mag sie doch was kümmert es mich Und mögen alle Männer
dieser gleissenden Herzlosen folgen und sie vergöttern ist es doch einmal das
Schicksal der Besseren immerdar verkannt zu werden« Sie weinte von neuem
trocknete dann in heftiger Eile die Augen und warf sich an Doroteens Busen
Auch die stets heitere Dorotea weinte jetzt »O dass dich diese Leidenschaft
hat ergreifen müssen du armes Kind« sagte sie dann »gerade zu diesem fremden
Manne der uns allen unbekannt ist Es richtet dich zugrunde denn er scheint
dir weniger als den andern zugetan er ist wahrscheinlich längst vermählt hat
Kinder und wohnt weit von hier ist ein Bürgerlicher schwerlich reich sowenig
als wir Was kommt da alles zusammen um dich zu quälen um dein Leben durch und
durch zu vergiften Und immer noch willst du mir diese Liebe ableugnen du
zwingst dich zur Verstellung und dennoch muss ich fürchten dass schon mancher
andere deine Leidenschaft bemerkt und erkannt hat denn du kannst deinen Gram
besonders in seiner Nähe zu wenig bemeistern«
»Du machst dass ich wider Willen lächeln muss« antwortete Albertine »dein
Misstrauen und deine Teilnahme irren durchaus irren sie mein Herz ist frei und
mein Gemüt wird von ganz anderm Kummer gedrückt Aber dieser Leonhard Es wäre
doch schade um ihn wenn er sich auch von den Augen Charlottens bestricken
ließe Dieses treue redliche braune Auge aus welchem ein edles weiches Gemüt
so zuversichtlich schaut dass der bessere Mensch ihm vertrauen und ihn lieben
muss Ja lieben aber nicht wie du es irrig meinst Hast du wohl recht auf sein
Spiel geachtet Wie edel er alles vortrug und doch so einfach ganz dem
Charakter angemessen Vielleicht hätte er den Weislingen besser als der Vetter
dargestellt und doch sprach der Leichtsinnige auch manches Wort so dass es aus
dem Herzen zu kommen schien Wie hat er mich gerührt mit diesen weichen
einschmeichelnden Tönen Ich fragte mich dann Ist es möglich dass man so
sprechen kann ohne wirklich zu empfinden Das ist das Sonderbare und
Fürchterliche dass es der Lüge möglich ist so ganz den Schein der Wahrheit
anzunehmen«
»Närrisches Mädchen« sagte Dorotea lachend »es war ja auch nur eine
Komödie welche er spielte«
Hier wurden sie unterbrochen denn die Tante trat in ihr Zimmer
Leonhard hatte sich in den nahe gelegenen schönen Buchenwald begeben und kam
jetzt durch den Garten von seinem langen Spaziergange zurück Sowie er durch die
Pforte in die Lindenallee trat stand Charlotte im ganzen Reiz ihrer Schönheit
vor ihm lächelnd ihm entgegentretend als wenn sie ihn erwartet hätte »Sie
werden uns ungetreu« sagte sie dann »wenn uns die Komödie nicht vereinigte so
würden Sie immer in Feld und Wald umstreifen«
»Konnt ich glauben« erwiderte er »dass man mich vermissen möchte und dass
gerade Sie mir diesen freundlichen Vorwurf machen würden«
»Artige Worte« erwiderte sie lachend »der ewige Text um den sich die
Unterhaltung der Gesellschaften dreht die Auslegung ganz willkürlich so oder
so und meist ohne Ernst und Wahrheit Gespräch um zu sprechen so wie oft
Noten zu Dichtern entstehen bloß um Noten zu machen Aber wie waren Sie mit
der gestrigen Darstellung zufrieden«
»Von Ihnen will ich nicht sprechen« antwortete Leonhard »denn Sie würden
mich doch nur als einen Schmeichler abweisen und wenn man entzückt ist ist man
nicht gerade in der Stimmung um ein Urteil zu fällen Aber haben Sie nicht auch
die Darstellung Emmrichs bewundert Er war unter uns Männern doch eigentlich
allein nur der Meister Dieses Verwirklichen aller Empfindung so ohne
Anstrengung jede Szene so gegeben als könnte es eben nicht anderes sein so
dass jeder Zuschauer der Meinung sein musste er selbst würde es gerade eben auch
so und nicht anders gemacht haben«
»Ein Spiel« sagte Charlotte »so wie Sie es beschreiben ist gewiss der
Triumph der Schauspielkunst Wohl versteht es unser Emmrich ganz anders als der
Baron Mannlich Indessen wollte ich doch man hätte ein anderes Stück gewählt«
»Das wünschen gerade Sie« sagte Leonhard mit einigem Erstaunen »wo möchten
Sie einen Charakter antreffen in welchem Sie so allen Zauber der Lieblichkeit
des Reizes der Verführung und des feinen Anstandes entwickeln könnten«
»Sie geraten doch in jene Schmeichelei« bemerkte sie »der Sie ausweichen
wollten Das Stück aber hat auf keine Weise meinen Beifall Der Götz geht zu
schmählich unter und man begreift nicht weshalb die innere Notwendigkeit
tritt nicht deutlich genug hervor«
»Wie« sagte Leonhard »fühlen wir diese nicht in jedem Wort Sehen wir sie
nicht in jeder Szene Die bessere Zeit geht unter und mit ihr der brave Götz
ihr Repräsentant sie wird verdrängt oder erdrückt von einer anderen die uns
als die der List und Verstellung der Unwahrheit und Treulosigkeit gemahnt ihre
Repräsentanten Adelheid und Weislingen gehen aber ebenfalls in dem Sturm der
Begebenheiten zugrunde den sie erregt haben den sie aber nicht bewältigen
können«
»Und dann« sagte Charlotte »tritt ein anderes Zeitalter auf das für uns
jetzt Lebende auch schon ein längst veraltetes ist dieses verspielt sich wieder
an einem einbrechenden welches als das schwächere und schlechtere erscheint
und so geht es immer fort und das ist die Täuschung der Geschichte die so
vorgetragen vielleicht kein wahres Wort enthält«
Leonhard ward nachdenklich und sagte dann »Die Zeitalter wechseln wohl in
Güte und Schlechtigkeit bald tritt diese bald jene Vortrefflichkeit mehr und
deutlicher hervor und die Aufgabe ist an diesen Zeichen die Zeit zu erkennen«
»Gut« sagte sie »mögen das die Gelehrten und Denker tun unsereins
versteht nur das was ewig wiederkehrt nie wandelt weil es selbst der Wandel
ist«
»Und das wäre«
»Ei nun jene Schwäche der menschlichen Natur die auch den rührenden und
interessanten Teil unseres Schauspiels bildet dieser Weislingen der so
meisterhaft geschildert ist in welchem sich die menschliche Natur selbst und
das eigentliche Wesen der Männer so unvergleichlich präsentiert«
»Sie meinen also «
»Jawohl« fiel sie schnell ein »der Weislingen ist der Mann selbst das
heißt der wirkliche der interessante von dem es sich zu sprechen lohnt Denn
was wäre die Welt wenn alle Männer so bieder treu unerschütterlich wären wie
dieser alte Freibeuter der Berlichingen Und was würde in aller Welt das Stück
selbst für eine triste Physiognomie haben wenn Weislingen und Adelheid nicht
Leben und Frische hineinbrächten Und so war es gewiss immer und zu allen Zeiten
Und Götz selbst fällt er nicht fast ohne Ursache von seiner Treue ab um der
Anführer der rebellischen Bauern zu werden Dies Gelüst war seine neue Geliebte
die ihn zur Treulosigkeit verführte und er muss wie Weislingen nur seinen
eigenen Fehler büßen Alle Hochachtung vor Tugend und Wahrheit aber herrschten
sie allein in der Welt so gäbe es wenigstens keine Poesie«
Leonhard musste über diese Ketzerei lachen und wusste doch im Augenblick
dieser seltsamen Behauptung nichts entgegenzusetzen »Können Sie mir unrecht
geben« fuhr sie nach einiger Zeit fort »in der römischen Geschichte stehen
Antonius und seine Kleopatra ebenso glänzend und unglücklich da und wo sich
mein Auge hinwendet schon von der Iliade an bis zu unserem Wieland und Klavigo
und der Stella ist immer die weiche liebe interessante Verführbarkeit des
Mannes der Gegenstand der schönsten Gemälde und anziehendsten Verwicklungen
Jene festen unerschütterlichen dem Reiz und der Schönheit unzugänglichen sind
eben keine echten Männer sondern nur Larven und widerwärtige wenigstens
gleichgültige Gespenster«
Leonhard war während dieser Rede nach und nach ernstaft geworden »Nicht
wahr« fuhr sie fort »wer gar nicht gar nicht wanken könnte den dürfte man
doch eigentlich auch nicht treu nennen Seine Natur ohne weiteres wäre einmal so
eingerichtet und Schönheit und Reiz und mit ihnen Versuchung fänden keinen
Eingang bei einem solchen Liebe so sprechen die Menschen und was ist sie
denn Ist sie denn nicht auch Talent Und wenn das erfordert sie nicht Übung
Erfahrung Und wenn sie ein Lebendiges ist eine Wirklichkeit kein totes Wort
muss sie sich nicht in jedem Wesen anders gestalten Die Leute schelten jetzt auf
die Stella aber das ist es was Goethe so deutlich empfunden und dargestellt
hat Kann Ferdinand die ältere Gattin so lieben ja auch früher so geliebt
haben wie jene wunderbare Stella die ihn mit ihren tiefen Empfindungen an sich
gerissen hat Und dieses Gedicht der Treulosigkeit nannte unser Goethe damals
beim Erscheinen ein Schauspiel für Liebende Und mit Recht denn nur derjenige
der die Liebe empfunden und erlebt hat kann es wissen wie das Herz wohl so
gestimmt sein kann dass es die neue höhere Liebe nur fühlt und rein in ihr
lebt wenn eine andere auch echte Zärtlichkeit ihr fast schwesterlich
Gesellschaft leistet Ich spreche von Männern denn bei Frauen äußert sich das
geheimnisvolle Leben dieser Gefühle gewiss auf verschiedene Weise«
Sie traten jetzt wieder in jene abgelegene kühle Laube deren grüner
duftender Schatten sie zum Sitzen einlud »Darin« fuhr sie fort als sich beide
gesetzt hatten »ist auch Goethe so groß und einzig dass bei ihm jedes
Verhältnis der Liebe so etwas Eigenes und Individuelles hat wie bei keinem
andern Dichter und diese Verhältnisse die er schildert sind wieder unter sich
so abgesondert und eigen gehalten dass man jegliches selbst mitzuerleben glaubt
Der Frühling ist freilich immer und allenthalben schön er ist stets Frühling
aber er blüht mir doch anders am Genfersee als in der Mark entgegen und so muss
Liebe obgleich sie innere Bezauberung bleibt doch in jedem andern Wesen mit
eigener Süßigkeit und Frische in ganz verschiedenen Traumgestalten sich
aussingen und dichten Und das lieber Leonhard sollte nicht zur sogenannten
Untreue verlocken sollte diese nicht selbst zu einem höchst poetischen Gewerbe
machen«
Sie sah ihn fragend mit den schönen dunkeln Augen an Er reichte ihr die
Hand und sagte nur ganz kurz »Ich muss Ihnen recht geben« Sie drückte seine
Hand mit inniger Zärtlichkeit und sagte seufzend »O du Du Lieber« Sie
neigten sich zueinander und ein heftiger langer Kuss brannte auf ihren vollen
Lippen den sie erwiderte Dann sahen sie sich an Hand in Hand ohne zu
sprechen bloß ganz leise sagte Leonhard »Lottchen Du Süße« Als sie nach
einer Weile aufsahen stand Elsheim vor ihnen welcher sagte »Ich suche Sie
allenthalben denn es ist Tischzeit« »So schon« sagte sie ganz
gleichgültig und stand auf Elsheims angebotenen Arm anzunehmen Leonhard war
hastig und in großer Verlegenheit aufgesprungen Er wusste nicht wie lange der
Freund schon zugegen gewesen ob er den Kuss bemerkt habe was er denken möchte
Alle diese Vorstellungen ängstigten ihn und er folgte den beiden fast träumend
Es war ihm lieb als sie Albertinen und Dorotea im Garten trafen Indem sie
über eine Brücke gingen nahm Albertine die jetzt sehr heiter und freundlich
schien Leonhards Arm um sich auf ihn zu stützen Sie sah ihn dabei so hell und
fast zärtlich an dass er sich einbildete sie drücke im Gehen seinen Arm und er
konnte sich nicht erwehren durch einen Gegendruck diese Freundlichkeit zu
erwidern Dorotea welche voranlief stand plötzlich still und sah sich
bedeutsam nach ihnen beiden um Es war auffallend dass Albertine in diesem
Augenblick errötete und Leonhard musste in seinem Gemüt die auffallende
Schönheit seiner Begleiterin sowie ihr holdseliges Wesen erwägen In sich
selbst sah er wie in eine dunkle Tiefe hinein und die Frage drängte sich ihm
lästig auf Was will ich denn Bin ich von jener gefangen und soll hier auch an
dieser Schönheit stranden Welcher Unterschied zwischen den beiden reizenden
Wesen Wie zwei verschiedene Welten Ja wohl ist unser Herz unersättlich und es
fordert Kraft und Tugend diesem Durst zu widerstehen doch matt ist unser
Gefühl indem wir unsere Stärke üben Und was erfolgt wenn dies nicht
geschieht Bitteres Erwachen aus süßen Träumen
Sie traten jetzt in den Saal und auch Elsheim schien zerstreut fast
übellaunig bis Wein und Speise und mannigfaltige laute Gespräche alle in den
Strom der geselligen Heiterkeit hineinzogen Elsheim saß neben Charlotten und
sprach sehr eifrig mit ihr Leonhard hatte neben Albertinen Platz gefunden und
diese blieb während der Mahlzeit heiter
Auch den Dienstleuten hatte Elsheim an diesem Tage ein kleines Fest gegeben
Die Schulzen waren zugegen sowie alle diejenigen die als Knappen Knechte
oder Zigeuner ausgeholfen hatten und selbst der Förster der den
Zigeunerhauptmann nicht hatte spielen wollen ließ sich jetzt seinen Anteil am
Schmause nicht nehmen Obenan aber prangte der Schulmeister durch seine
gelungene und vielgepriesene Darstellung des lahmen Selbitz verherrlicht Er war
so beglückt und von dem Beifall den er allgemein erlangt hatte so berauscht
dass er an der ziemlich langen Tafel fast niemand zu Worte kommen ließ und
wenigstens die andern alle mit seiner tönenden Stimme überschrie »Habt ihr es
wohl gesehen und bemerkt« sagte er jetzt mit kräftigem Ton »wie meine Rolle
dieser Selbitz eigentlich wenn man die Vernunft zu Hilfe nimmt die
Hauptperson im ganzen Stück ist Ohne ihn kann der Götz nichts machen gar
nichts gleich muss zu dem Lahmen geschickt werden der auch zehnmal klüger ist
als der Herr Berlichingen selbst Er traut gleich dem Weislingen nicht er weiß
dass an dem höfischen Gesellen kein gutes Haar ist Und wäre ihm nur der Götz
immer gefolgt so würde alles besser gegangen sein Er schlägt und siegt und ist
sich und seiner Sache immerdar treu und unerschütterlich Nun wird er aber im
vollen Siege verwundet er wird vom Schlachtfelde getragen da zeigt er sich
noch einmal in seiner ganzen Pracht denn gewiss ist dieser Auftritt der schönste
im ganzen Stück Er kann aber nicht mehr mitfechten er muss nach Hause um sich
kurieren zu lassen und nun ist es eigentlich auch mit dem Herrn Götz zu Ende
denn von nun an geht alles mit ihm abwärts er muss sich gefangen geben und
selbst der hochmütige Sickingen kann ihm im wesentlichen nichts nutzen Auch
nachher nicht und noch viel weniger der armselige Zigeunerhauptmann der auch
so große Worte in den Mund nimmt und Blut und Leben für ihn lassen will Was
können nun Lerse Maria selbst Weislingen für ihn tun So gut wie nichts der
arme Mensch muss zugrunde gehen weil er seinen tüchtigen Selbitz nicht mehr hat
der wahrscheinlich an seinen Wunden gestorben ist weil er gar nichts mehr von
sich sehen und hören lässt Seht Kinder so liegt eine sehr schöne Moral in
dieser Sache dass so oft unansehnliche Männer die nur in einem kleinen
Wirkungskreise leben doch die allerwichtigsten im ganzen Staate sind wie denn
das auch der Kaiser Maximilian wohl eingesehen hat der diesen Selbitz gar zu
gern zu seinem Feldherrn gemacht hätte Es hätten eigentlich alle Schulkinder
dies Meisterwerk mit ansehen müssen hätte es nicht an Platz gemangelt Ja
Freunde wenn der verständige Selbitz noch gelebt hätte so würde sich unser
etwas bornierter Götz niemals mit dem dummen Bauernvolk eingelassen haben«
Hier erhob sich plötzlich der Schulze in grossartigem Zorn »Schimpft nicht«
Schulmeister rief er aus »wenn Euch nicht dies Weinglas an den Kopf fliegen
soll Weil Ihr den lahmbeinigen Reitersmann gespielt habt als Komödiant dürft
Ihr darum unsersgleichen nicht verachten und niederträchtig machen«
»Ich schimpfe nicht Mann« schrie der Schulmeister dagegen »die Leute
dort versteht sind ja keine verständigen Bauersmänner sondern im Gegenteil
nur Rebellen und Mordbrenner«
»Sie mögen auch nicht unrecht gehabt haben« rief der Schulze laut aber
doch etwas besänftigt »wir hören ja auch im Stück dass ihre Herrschaften ihnen
das Fell über die Ohren gezogen haben und das ist mein Seel keine angenehme
Empfindung«
»Ihr sprecht in der Art ganz vernünftig« sagte der Schulmeister denn Ihr
seid einer der verständigsten Männer die mir vorgekommen sind Aber die
Bauersleute gingen gleich über die Grenze aller Billigkeit folgten den
schlechtesten Ratschlägen und wurden Mörder und Kannibalen schlachteten
Schuldige und Unschuldige und verbrannten und beschädigten wie Ihr es ja
gesehen habt den Bauernstand selber Und das ist denn auch wieder moralisch und
auferbaulich wenn man sieht wie ein solcher Aufstand immer wieder gegen sich
selber wüten muss Und darum hätte sich Götz der doch einen ehrlichen Mann
vorstellen will nicht mit ihnen einlassen sollen Aber es bekommt ihm auch
schlecht wie ihr alle gesehen habt Seinen Feinden die ihn stürzen und die dem
so ziemlich rechtlichen Manne gegenüber ganz niederträchtig sind geht es aber
noch elender und das ist nun eben die große und eindringliche Moral von dieser
Sache die sich jeder wohl zu Herzen nehmen soll Wie überhaupt das ganze
Komödienstück eine der allermoralischsten Arbeiten ist die nur in der ganzen
Welt zu finden sein mögen Alle die Schlechten gehen unter und auch diejenigen
die sich haben verleiten lassen und nur die ganz Schuldlosen bleiben übrig wie
die Elisabet Maria und Lerse
»Aber der Georg muss doch auch daran glauben« sagte der alte Förster »und
der hat doch kein Wasser getrübt und war seinem Herrn so treu und ergeben und
Euer Selbitz mit dem Ihr so hoch hinauswollt hat doch auch so viel abgekriegt
dass er wohl gar verendet hat oder sich nicht wiedersehen lassen kann weil er
zu miserabel ist Denn wenn der Stelzfuss wieder gesund und stark wäre und ließe
sich doch nicht wiedersehen weil die Sachen etwa jetzt zu misslich ständen so
wäre der Schreihals mein Seel gegen seinen alten Kumpan den Götz nur wie ein
Lumpenhund«
»Forstmann« rief der Schulmeister »so quer müsst Ihr um des Himmel willen
die Sachen nicht nehmen das ist ja ein ganz falscher Gesichtspunkt Der Dichter
muss es am besten wissen warum er den tüchtigen Stelzbein nicht wieder auftreten
lässt Dass wir ihn nicht wiedersehen dass wir gar nichts weiter von ihm hören als
ganz zuletzt ein einziges Wort scheint mir eben der größte Fehler des Stücks zu
sein Er konnte wie bei Weislingens Bund den Götz vom Bauernkriege abraten er
konnte zum alten Kaiser reiten und dem die ganze Kabale aufdecken er musste den
versunkenen Karren wieder aus dem Schlamme ziehen und selber dem übermütigen
Sickingen helfen So ist es aber oft die Dichter legen einen Charakter gut und
richtig an sie wissen aber nicht den gehörigen Vorteil aus ihm zu ziehen und
so müssen sie ihn denn am Ende gar nolens volens ganz fallenlassen«
»Das ist immer ein schlechter NolenzVolenz« bemerkte der Schulz »Hat Euch
aber der Baron als Götz nicht viel besser gefallen als gestern der Professor«
»Ohne Frage« rief der Schulmeister und alle Genossen am Tische
bekräftigten diesen Ausspruch »Wie dieser fremde Professor kann eigentlich
jeder Mensch spielen denn es war um es geradeheraus zu sagen gar nicht
gespielt So schlicht weg alles so schlank hin gar nicht einmal wie auswendig
gelernt was ist denn darin für Kunst Unser Baron nahm den Mund so hübsch
voll ließ sich so recht Zeit zu allem stampfte so gravitätisch umher glotzte
seine Mitsprechenden so künstlicher Weise an und plötzlich ohne dass es ein
Mensch vermuten konnte schrie er so laut und zerarbeitete sich so fürchterlich
dass man wirklich erschrak Nein so leicht wird dem Manne das keiner wieder
nachmachen Ich habe in alten Büchern oft von den ungeheueren Effekten gelesen
die die Trauerspiele bei den Griechen auf die Zuschauer machten so dass
schwangere Weiber zu früh in die Wochen kamen dass andere Krämpfe kriegten und
dergleichen mehr was ich immer nicht glauben konnte bis ich nun erlebte dass
durch den Baron Mannlich hier bei uns ganz dasselbe hervorgebracht ist«
»Effekte« rief der Schulze »was sind das für Dinger«
»Man kann es auch Wirkungen nennen« belehrte der Schulmeister »aber Effekt
ist der eigentliche Ausdruck der in der Kunst angewendet werden muss wenn man
sich verständlich machen will Es ist nämlich der Eindruck welchen die
Zuschauer an sich verspüren ob sie sich wohl ob sie sich übel befinden wie
stark sie erschrecken weinen oder lachen gespannt sind und sich verwundern
alles dies was in der Seele des Zuschauers und Hörers so durcheinander vorgeht
nennen wir Gelehrten die Effekte Nun also Freunde Kinder Nachbaren
verständige Männer habt ihr es ja alle selbst gesehen und erlebt wie auf ganz
ähnliche Weise wie im alten Athen unser Baron Mannlich den ungeheuersten
Effekt hervorbrachte Zwar ist keine von den Damen plötzlich in die Wochen
gekommen denn dazu waren sie zu alt aber Krämpfe hat es doch gegeben Krämpfe
aller Art und gefährliche Ohnmacht so dass das Stück nicht einmal zu Ende
gespielt werden konnte Es war auf jeden Fall ein großer ein merkwürdiger ein
erhabener Moment«
»Lari fari« rief der Schulze welcher verdrießlich war dass der Schulmeister
so lange das Wort führte »die Weibsen erschraken über die Grobheit die dem
Baron in der Bosheit aus dem Munde fuhr Effekte Wenn ich mit einem Male dem
Kaiser und Reich so ganz unscheniert dasselbe sagen wollte wenn ich so zum
Superintendenten spräche oder dem Landrat das böte mein Seel so würde ich
auch Effekte machen und hervorbringen und das kann auch ein jeder solange er
diese seine vaterländische grobe Muttersprache spricht Ich kriegte auch von dem
lieben Effekt etwas ab denn ich musste laut lachen wie sich der Baron so
vergessen konnte«
»Einfältiger Mensch« rief der Schulmeister »das anstössige Wort war ja kein
Einfall von ihm es stand ja die Redensart ganz so in seiner Rolle ich kann es
Euch gedruckt im Buche zeigen Und würde denn nach dem ordinären Wort das wir
ja auch zuweilen in unseren Dörfern hören diese ungeheuere Wirkung der
erhabene einzige Effekt sich gezeigt haben wenn die Gemüter durch das
großartige Spiel nicht schon längst darauf wären vorbereitet worden diese
Sentenz wie sie nun einmal ist so aufzunehmen wie wir es alle gesehen haben
Wie herrlich wäre es wenn der Baron Elsheim sein Theater bestehen ließe dass
wir zum Unterricht und zur Besserung der Gemeine nur sechs oder siebenmal im
Jahre so klassische patriotische Schauspiele aufführten wir würden bald den
Nutzen davon gewahr werden«
»Es war aber doch gut« sagte der Schulze »dass gestern der Professor die
anstössige Rede wegliess«
»Verdorben hat er den Text« sagte der Schulmeister eifernd »Er aber er
kann sich hängen lassen Wie matt nichtssagend Es wird immer schwer wenn
nicht unmöglich sein einem großen Dichter eine seiner Tiraden zu rauben und
eine andere an die Stelle zu setzen«
Spät erhoben sich die Gesellschaften sowohl diese bäuerliche als jene
vornehmere von der Tafel denn man hatte sich an beiden so gut unterhalten dass
man den Verlauf der Stunden nicht bemerkte
Die Gesellschaft war in Bewegung und hin und wieder sprach man davon dass
vielleicht in kurzem ein zweites Stück würde aufgeführt werden Da das Theater
einmal errichtet war und man Dekorationen gemalt sowie mancherlei Kleidung und
andere Dinge zu dieser Ergötzlichkeit mit bedeutenden Kosten angeschafft hatte
so war es an sich nicht unwahrscheinlich dass diejenigen welche sich Talent
zutrauten auch wohl Lust haben könnten den Scherz weiter fortzuführen Man war
daher auf etwas Ähnliches vorbereitet als der Professor Emmrich schon am
folgenden Tage alle Bewohner des Schlosses in den Gesellschaftssaal beschied um
ihnen etwas vorzutragen Mannlich der zu Pferde wieder von seinem Gute
eingetroffen war befand sich auch zugegen
»Meine Damen und Herren« fing der Professor Emmrich mit einiger
Feierlichkeit an die seiner Laune sehr gut stand ohne eigentlich in das
Komische zu fallen »das Leben ist kurz der Sommer noch kürzer wir sind
beisammen das Theater ist errichtet wir sind meist jung keiner veraltet und
morose was hindert uns den Spaß weiter fortzutreiben Baron Mannlich und
Elsheim waren gleichsam die Direktoren und Anstifter der vorigen Aufführung ich
wage mit Zuversicht auf Ihrer aller Freundschaft die einfache Frage ob Sie sich
für die zweite Darstellung meiner Leitung aber freilich unbedingt anvertrauen
wollen«
Die Redlichen und Frohherzigen gaben sogleich ihre Zustimmung und um nicht
aufzufallen musste Baron Mannlich dasselbe tun ob er sich gleich durch diese
Einleitung da er sich für den ersten Kenner hielt verletzt fühlte »Sind wir
darüber einig« fuhr der Professor fort »so wollen wir einmal einen andern
Versuch machen der dem vorigen gewissermaßen ganz entgegengesetzt ist Denn
meine verehrten Freunde wie groß Goethe auch als Dichter sei und wie sehr ich
ihn verehre brauche ich nicht zu wiederholen so ist er doch keinesweges
teatralisch Dieses erste und in einem gewissen Sinne größte und herrlichste
Werk des Genius gab der Jüngling damals hin ganz unbekümmert um seine Wirkung
und noch viel weniger darüber wie es auf unserm deutschen Theater zur
wirklichen Erscheinung gebracht werden könnte Er der die Bühne liebte hat sie
doch eigentlich niemals geachtet und noch weniger studiert Sein Götz welcher
im Widerspruch gegen alle Gesinnung seiner Zeit war ein Krieg gegen moderne
Altklugheit und das Verkennen einer grossherzigen Vorzeit hänselte gleichsam das
bestehende Theater der Nation auf welchem man mit puritanischer Ängstlichkeit
und zugleich oft roher Ungeschicklichkeit Zeit und Raum nach den überkommenen
französischen Regeln beobachten wollte Der frohe Übermut spielte mit den
sogenannten Verwandlungen legte auch in diese Überschriften Poesie und zwang
diese Zufälligkeit in seinem heroischen Werke mitzuspielen und durch das Hin
und Her Eile und Verwirrung auszudrücken Ein solches Werk welches ganz aus
Liebe hervorgegangen ist ist durch sich selbst vollendet denn diese echte
Begeisterung irrt niemals und erschafft sich selbst ihre Regel In diesem
Gedicht stehen wir also nicht vor dem Theater wir sehen keine Dekoration
sondern indem wir lesen sind wir selber mit im Gedicht wir fühlen den Duft
des Bergwaldes wir kommen aus der Mühle im Tal wir hören das Geklirr des
wirklichen Fensters welches Götz in kräftigem Unwillen zuwirft und so gehört
uns und unserm Empfinden eine jede dieser Überschriften von Schenke Feld und
Lager Sehen wir nun Kulissen und die Veränderungen unserer Bühne so wird uns
statt der Wahrheit eine hergebrachte künstliche und konventionelle Täuschung
untergeschoben Dadurch allein schon erlahmt das Werk sein Organismus aber wird
völlig zerstört wenn wir Szenen auslassen zwei oder drei in eine
zusammenziehen und jener Bühne an welche der Dichter bei der Komposition in
keinem Augenblicke dachte zu Gefallen leben uns vor ihr neigen und demütigen
und darüber das Gedicht in Grund und Boden verderben Denn nicht eine Zeile
nicht ein Wort auch nicht jene Ungezogenheiten lassen sich diesem wunderbaren
Werke abhandeln ohne seinem innersten Leben zu nahe zu tun Sie müssen dies bei
der Aufführung alle selbst mehr oder minder empfunden haben Teatralisch
nach unsern Begriffen ist also dieses Kunstwerk gewiss nicht Soll ich sagen
dass dieser Vorwurf selbst zu groß dass er ungerecht sei Ungern denn weder das
echte poetische Theater noch unser konventionelles hat unser Dichter jemals
finden können auch nachher nicht als er es suchte und sich darum bemühte
Nehmen wir also diesen Götz so wie er eben da ist als ein kanonisches Werk in
dem keine Zeile geändert oder gekürzt werden darf Eine untergehende edle Zeit
malt sich in diesem Gedicht welche neueren Bestrebungen weichen muss Der
Repräsentant der alten Freiheit ist grossherzig bieder und rüstig aber wir
sehen keine Tat von ihm die ihn eigentlich zum Helden eines Schauspiels
stempelt Zustände Situationen Verhältnisse Weisheit in Scherz und Ernst
vernehmen wir unser Gemüt ist bewegt unsere Aufmerksamkeit rege Bild drängt
sich auf Bild aber kein Drama keine Handlung eines Schauspiels bereitet sich
vor und entwickelt sich Die große Begebenheit des Bauernkrieges erscheint nur
als Episode die noch größere der Reformation wird kaum angedeutet Der Kaiser
ist eine Nebenfigur des Hintergrundes und so geschichtlich alles behandelt
ist so wird die Historie der Zeit doch gleichsam verschwiegen Und dennoch
bleibt dieses Werk für uns Deutsche wie für den Ausländer ein einziges mit
welchem sich kein anderes messen kann selbst nicht der Egmont desselben Autors
Sonderbar dass Goethe selbst sich die überflüssige Mühe gegeben hat seinen Götz
für die Bühne völlig umzuarbeiten ich war kürzlich in Weimar und sah diese
Erscheinung auf welche man als auf eine Neuigkeit gespannt war Jener
zufälligen Bühne für welche sein Werk nicht passt hat er nun die größten
Schönheiten aufgeopfert und doch ist das Gedicht ohne alle dramatische Wirkung
einige Szenen abgerechnet in welchen er einen beinahe melodramatischen Effekt
beabsichtigt hat Dazu wird der Tod der Adelheid benutzt eine Mummerei tritt
ein der Hauptmann der Reichstruppen ist Karikatur Franz spricht
epigrammatische Reime und Karlchen welches fast an unsern Kotzebue erinnert
will Weislingen den Gefangenen recht rührend mit dem Vater versöhnen Selten
habe ich wie damals mit so widrigen Empfindungen das Theater verlassen und
ich kann das durchaus Störende nicht beschreiben wie meine Kritik mit meiner
Liebe zu dem Manne der meine unbegrenzte Verehrung hat in Hader geriet Dort
in dem Wohnsitz der Kunst durfte ich meine Empfindungen nicht laut werden
lassen«
» Ich habe mir diese Darstellung« fiel Elsheim ein »von Freunden des
Dichters schildern lassen und muss sie nach diesen Berichten auch für eine
merkwürdige Verirrung halten«
»Unser Theater« fuhr Emmrich fort »hat diesem Dichter und darin hatte er
wohl recht niemals genügt aber er der so viel Zeit mit Einstudieren und
Einrichten so mancher unbedeutenden Stücke zubringt oder verliert hat doch
niemals die Bühne selbst reformieren oder revolutionieren wollen sondern er
meint mit Mäßigung richtiger Deklamation Deutlichkeit und dergleichen auch
löblichen Dingen sei alles getan Prüfen wir alle dramatischen Werke Goethes so
werden wir finden dass ihnen jene Wirkung mangelt die auch der feinsinnigste
Kunstkenner der sich nicht durch den Stoff bestechen lässt verlangen muss So
stehen in dem herrlichen Egmont alle an sich trefflichen Szenen still die
dramatische Strömung die alles in Bewegung setzt fehlt«
»Früh« sagte Elsheim »hatte sich der Dichter daran gewöhnt jede Frage
kritische wie moralische in Dialog zu denken und zu setzen Diese scheinbare
Verwandlung eines jeden Gegenstandes in einen dramatischen hat wohl sein Auge
irregeführt Denn nicht alles Interessante und Wichtige eignet sich zum Drama
sowenig wie jede Geschichte eine historische Malerei werden kann Dass man den
Roman schon früh in die Bühnendarstellung hat ziehen wollen scheint mir einer
der größten Missgriffe und hat die schlimmsten Verwirrungen herbeigeführt«
»Also denn meine verehrten Freunde wollen wir auf meinen Rat diese Bahn
verlassen und unter meiner Leitung eine neue versuchen und einschlagen Baron
Elsheim und Mannlich haben ihr Gelüst an dem Lieblingswerk ihrer Jugend
befriedigt und ich werde jetzt die Gesellschaft in Anspruch nehmen meiner
Krankheit denselben Dienst zu leisten um durch diese Bemühung vielleicht
geheilt zu werden Seit lange habe ich nämlich darüber gedacht wie man das
Gedicht von Shakespeare den DreiKönigsAbend oder Was ihr wollt durch eine
Aufführung ganz klarmachen und in das gehörige Licht stellen könne Ich setze
voraus Ihnen allen ist das Gedicht bekannt sollte ich mich aber irren so
bitte ich diejenigen welchen es fremd ist diesen Halbkreis zu verlassen und
sich dort in die Gegend des Sofas zu begeben«
»Wem wird dies Meisterstück fremd sein« rief Mannlich aus aber er brach
ab indem er sah dass sich Graf Bitterfeld still nach jenem Sofa verfügte
»Und die Rollen« fragte Elsheim
»Ich glaube ja ich bin fast überzeugt dass wir mit diesen Mitgliedern die
poetische Komödie vortrefflich ausführen können Auch kann sich hier das Talent
viel sicherer entfalten und es wird sich zeigen ob wir was mehr als
Naturalisten sind da wir den Götz doch mehr oder minder als Dilettanten
gespielt haben«
»Sehr wahr« sagte Mannlich und sah jeden im Kreise mit festem Auge an
»Diese ganz dichterische Komödie« fuhr Emmrich fort »zwingt uns wenn wir
sie nicht ganz verderben wollen aus uns herauszutreten und doch fordert die
Zartheit und der rasche Wechsel indem der Dichter nirgend schwerfällig
verweilt dass der Darsteller ebenfalls rasch sein muss und gehalten nirgend
Karikatur und stillstehende Grimasse Die Aufgabe wird nun sein dass das
Wichtige auf die rechte Art hervortritt und jede Person wie es die Gelegenheit
fordert auch wieder in den Hintergrund tritt um nicht den Sinn des Gedichtes
zu stören oder selbst zu vernichten Diese notwendige Kunst sich zur rechten
Zeit zurückzuziehen und unbemerkt zu bleiben fehlt oft den besten Schauspielern
vom Metier die sich nur zu leicht verwöhnen das ganze Stück und alle Szenen
immerdar beherrschen zu wollen Alle Töne klingen in diesem einzigen Werke an
Posse und Spaß werden nicht verschmäht das Niedrige selbst berührt und
angedeutet aber ebenso das Poetische die Sehnsucht die Töne der Liebe und
dabei so viel dichterischer Eigensinn Tollheit Weisheit feiner Scherz und
tiefsinnige Gedanken in der Gaukelei dass das Poem wie ein großer vielfarbiger
Schmetterling durch reine blaue Luft flattert der Sonne und den buntfarbigen
Blumen seinen goldenen Glanz entgegenspiegelt und wer ihn haschen will um ihn
näher zu betrachten hüte sich nur vom leichten Duft des zartesten
Blütenstaubes etwas abzustreifen weil der kleinste Verlust die wie in Luft
hingehauchte Schönheit schon verdirbt«
»Das ist es« fiel Elsheim ein »warum so wenige Leser die sonst den großen
Dichter zu verstehen glauben und ihn wenigstens bewundern mit diesen seinen
Lustspielen etwas anzufangen wissen«
»Wie glücklich sind wir Deutsche« begann Emmrich wieder »dass unser
Schlegel uns diese und andere Werke des Briten so durchaus meisterhaft übersetzt
hat Man sagt nicht zuviel wenn man behauptet der Umwandler habe sich hierin
als wahrer Dichter gezeigt«
»Nun aber« fiel Mannlich ein »zur Hauptsache und wie Freund Elsheim
schon fragte wie steht es mit den Rollen«
»Über einige Nebenrollen bin ich noch ungewiss« sagte Emmrich »doch müssen
Sie mir alle wie Sie mir versprachen in den Hauptsachen Folge leisten Das
Gelingen oder Fehlschlagen habe ich dann auch allein zu verantworten Um mit den
Damen anzufangen so wird sich Fräulein Charlotte nicht weigern die reizende
kapriziöse Olivia mit allen ihren poetischen Launen darzustellen In ihrer
tiefen Trauer die sie willkürlich verlängert und doch mit Teilnahme den Narren
anhört ja sogar mit einiger Schadenfreude wenn er ihren sehr würdigen
Haushofmeister verspottet so wunderbar im scheinbaren Widerspruch mit sich
selbst sie die gegen den Fürsten fast unartig ist und sich dann sogleich in
einen kleinen naseweisen jungen Menschen verliebt der sie durchaus nicht mit
Hochachtung behandelt Von ihrem gestorbenen Bruder ist nun nicht mehr die Rede
und sie ergibt sich ganz dieser Leidenschaft«
Mit einer besorglichen Miene fragte jetzt Albertine »Und Viola«
»Freilich müssen Sie schönes Fräulein diese geben« erwiderte mit
kaltblütiger Ruhe Emmrich »Und sein Sie unbekümmert ihr Anzug soll so dezent
und zugleich artig ausfallen dass auch die Prüderie selbst nicht darüber soll
murren können Und ist Ihnen nicht unser Fräulein Dorotea so lobenswert und
ohne alle Ängstlichkeit oder Ziererei mit dem Beispiel als Knabe Georg
vorangegangen Der Übermut den Viola so willkürlich annimmt und anfangs
übertreibt um nur nicht als Mädchen erkannt zu werden wird Sie trotz Ihrem
Hange zur Schwermut allerliebst kleiden Die herzlichen Töne des Gemütes werden
dann süß in den Empfindungen der Liebe anklingen und mit einem Wort Sie werden
so hübsch und reizend sein dass sich alle Welt in Sie verliebt Und welch Glück
dass Ihr Brüderchen zu uns gekommen ist dieser angenehme junge Kadet der sich
schon im Franz so ausgezeichnet hat Er ist ohne Frage in Anstand und Gesicht
seiner Schwester Albertine ähnlich Sind beide gleich gekleidet so müssen sie
wirklich zum Verwechseln sein Dieses Vorzugs kann sich nicht leicht ein Theater
rühmen und wir müssen diesen Glücksfall auch benutzen«
»Nicht wahr« rief Dorotea »mir fällt gewiss das kleine schnippische
Kammermädchen zu«
»So ist es sind Sie damit einverstanden«
»Herrlich will ich sie spielen« rief die Übermütige »vorzüglich wenn sie
den überklugen Malvolio zum besten hat«
»Diesen« sprach Emmrich weiter »habe ich mir freilich selbst vorbehalten
Den Herzog wird Baron Elsheim darstellen und den lieben treuen edlen Antonio
dessen kleine Rolle so hinreißend und eigen interessant ist wird Herr Leonhard
gewiss schön mit seinem weichen und doch kräftig männlichen Tenor sprechen«
»Alles gut« sagte Mannlich »aber ich begreife nicht wozu Sie mich noch
brauchen könnten da alle Rollen schon besetzt sind«
»Unentbehrlich sind Sie uns teurer verehrter Baron« rief Emmrich lebhaft
aus »Ihre unvergleichliche Laune gepaart mit der edlen Sitte der Erziehung
Ihre tiefe Stimme die Sie so wunderbar in Ihrer Gewalt haben Ihr Scherz der
sich alles erlauben darf und doch niemals sich bis zum Unziemlichen oder gar
Niedrigen vergisst alles dies stempelt Sie dazu uns den Oheim der Olivia den
bei allen Schwächen liebenswürdigen Tobias darzustellen«
»Wie den Schlemmer den Trunkenbold« rief Mannlich verwundert aus
»Denselben aber auch« sagte Emmrich »der den hochmütigen Malvolio so
geistreich neckt der fähig ist sich in das hübsche witzige Kammermädchen zu
verlieben und sie sogar zu heiraten denselben endlich der mit so vieler Laune
den Bleichenwang foppt und wiewohl er ein Trunkenbold ist doch immer ein Mann
von Stande bleibt«
»Nun es sei einmal versucht« sagte Mannlich der sich durch die Rede
geschmeichelt fühlte lächelnd »der Seltenheit wegen und weil ich auch schon
früher mein Wort gab Ihnen unbedingt zu gehorchen Aber wem haben Sie diesen
Christoph zugeteilt«
»Diesen Andreas Fieberwange oder Christoph Bleichenwang wie ihn Schlegel
umtauft wird unser Graf Bitterfeld gewiss mit aller Grazie und Feinheit geben
welche diese sehr schwere Rolle erfordert«
»Wie gesagt ich kenne das Gedicht nicht« bemerkte der Graf indem er sich
vom Sofa erhob »ich vertraue Ihrer Einsicht aber unbedingt und werde mich für
den Mann stellen Schaffen Sie mir nur bald die Rolle weil ich nur langsam
lerne«
»In dem Verwalter« fing Emmrich wieder an »welcher sich neulich so schnell
als Sickingen versuchen musste habe ich ein schönes Talent entdeckt fast die
lieblichste Tenorstimme nämlich die mein Ohr jemals vernommen hat dabei kann
er wie ich öfter bemerkt habe unter seinesgleichen recht kalt und ruhig
scherzen seine Späße gleiten so rund und mit solcher Glätte von seinen Lippen
dass ich ihm die Rolle bestimmt habe die ich für die schwerste im Stück halte
er soll nämlich den allerliebsten Narren spielen und ich bin fast jetzt schon
überzeugt dass es ihm mit einiger Zurechtweisung vollkommen gelingen wird«
»Ich muss mir auch Ihre gütige Unterweisung ausbitten« sagte Mannlich »denn
soviel ich auch gespielt oder vorgelesen habe so habe ich mich doch noch
niemals im Komischen versucht«
»Um so erwünschter muss es Ihnen sein« sagte Emmrich »sich selber auch in
dieser noch fremden Gegend kennenzulernen und sich zu überzeugen dass dem
Hochbegabten nichts unerreichbar ist wohin er sich auch versteigen mag«
Man trennte sich und Leonhard und Elsheim waren diejenigen welche am
meisten nachdenkend schienen ob über die neue Aufgabe die sie zu lösen hatten
war nicht zu entscheiden In diesem Grübeln war es dem jungen Tischler lieb dass
ihn der Professor schon am Nachmittage auf den Rittersaal bestellte wo wie
jener ihm vertraut hatte an der dort aufgeschlagenen Bühne viele und
wesentliche Veränderungen vorgenommen werden müssten
Im Vorsaal begegneten sich nach dem Mittagsessen Leonhard und Elsheim
Schweigend sahen sich die Freunde beide lange an endlich sagte der Tischler
»Ich weiß nicht Teuerster wie es ist aber du scheinst mir seit einigen Tagen
wenigstens auf Stunden lang so verstimmt dass ich dir gegenüber meine
Unbefangenheit verliere Oft überrascht mich das Gefühl ich möchte dich
gekränkt oder verletzt haben und doch wüsste ich nicht zu sagen wodurch Soviel
ist aber gewiss jene heitere Laune die dich auf unserer Herreise begeisterte
ist verschwunden«
»Und sagst du das« antwortete Elsheim »so möchte ich dasselbe von dir
behaupten Oh Liebster man hat sich nicht immer so in der Gewalt wie man es
wohl möchte Unsere Stimmungen hängen nur zu oft von einem unsichtbaren einem
gar nicht zu bezeichnenden Umstande ab Aprilwetter ist manchmal in uns dagegen
ist nichts zu tun und man bleibt ein Kind werde man auch noch so alt Du weißt
es dass ich mich seit Jahren darauf freute hier dies Gut zu übernehmen und mit
ihm die Übersicht meines Vermögens zu bekommen meine gute Mutter ganz zur Ruhe
zu setzen und sie aller Sorgen zu enteben einmal das Lieblingsgedicht meiner
Jugend aufzuführen und selbst im Darstellen desselben mitzuhandeln so ist nun
alles auch geworden wie ich wollte und das Ende davon ist ich habe meine
Mutter tief beleidigt und ihre alten Freunde gekränkt sie hat sich entfernt und
verzeiht mir jene Übereilung vielleicht niemals ganz nun geht auch die Komödie
fort der ich mich unmöglich entziehen kann und ich bin dadurch gezwungen mit
dieser Albertine in ein näheres Verhältnis zu treten welches mich mehr als
alles peinigt jetzt kann ich meinen frühern Leichtsinn nicht wiederfinden der
ehemals alles dies und noch ernstere Dinge wie Staub würde von sich geschüttelt
haben«
Leonhard entfernte sich und zwar mit dem Gefühl als ob sein Freund nicht
ganz aufrichtig gegen ihn gewesen wäre Er begab sich nach dem Rittersaal wo
der stets rüstige Emmrich schon seiner wartete
Er war sehr verwundert dass Emmrich ihm sogleich mit dem Vorschlag
entgegentrat das Theater umzustellen und es in die volle Länge des Saales zu
legen statt dass es jetzt die Hälfte des oblongen Raumes einnahm »Wir gewinnen
damit« sagte der Professor »dass die Zuschauer alle uns viel näher sitzen und
dass wir ein viel breiteres Proszenium bekommen Die Tiefe der Bühne geht
freilich dadurch verloren aber die Tiefe ist es auch die mich bei jedem andern
Theater ärgert und die dem guten Schauspieler das Spiel unendlich erschwert
Goethe sagt einmal im Meister es wäre zu wünschen die Spielenden bewegten sich
auf dem schmalen Streifen einer Leine Gewiss kommen sie dem Ziele bedeutend
näher wenn wir die unnütze Tiefe unserer Bühnen abschaffen Freilich kann dann
nicht mehr von einem unglücklichen Krönungszug die Rede sein der um das ganze
tiefe Viereck der Bühne marschiert um dann im Hintergrund in das zu niedrige
Portal einer mächtigen Kathedrale hineinzukriechen Dergleichen Züge wenn sie
denn einmal sein sollen müssen dann vorn aus der ersten oder zweiten Kulisse im
Profil nach der gegenüberliegenden Öffnung sich begeben und nur auf diese Weise
kann es mit Verstand und kunstmässig geschehen wie wir ja auch wenn wir die
Wahl haben jene Fenster mieten denen ein wirklicher Aufzug oder eine
Prozession auf diese Weise vorübergeht«
Mit Hilfe der Arbeiter wurde die Erhöhung der Bühne sogleich nach ihren
Teilen so aneinandergeschoben dass sie den Raum einnahm welchen Emmrich
bestimmt hatte
»Wir haben hierbei außerdem den Vorteil« sagte der Professor »dass wir die
Tür in der Mitte die aus dem Saal in die Kabinete dort führt benutzen und
hinter der Bühne die Ankleidezimmer einrichten können rechts und links sind
ebenfalls Ausgänge so dass das ganze Theater bequem zum Spiel kann gebraucht
werden« Hierauf gab er dem aufmerksamen Leonhard eine Zeichnung nach welcher
in der Mitte der Bühne nur wenige Fuß von der letzten Linie des Proszeniums
zwei Säulen aufgerichtet werden sollten die oben bei zehn Fuß Höhe einen
ziemlich breiten Altan tragen sollten Die Säulen standen auf drei breiten
Stufen die die Tiefe des Proszeniums noch mehr verengten »Sie sehen« sagte
Emmrich »wie mein Streben dahin geht die Spielenden ganz in den Vordergrund
in die Nähe der Zuschauer zu drängen Diese drei Stufen führen zu einer inneren
kleinen Bühne hinauf die zuweilen mit einem Vorhang verdeckt zuweilen offen
ist sie stellt nach Gelegenheit Feld Höhle oder Zimmer vor in unserm Stück
ist sie erst die Stube wo die Trunkenbolde lärmen und nachher die Gartenlaube
in welcher die Neckenden den tollen Monolog des Malvolio behorchen Den oberen
Altan brauchen wir in unserm Lustspiel nicht wenn er gleich dem Shakespeare und
seinen Zeitgenossen unentbehrlich war zu ihm führen rechts und links ziemlich
breite Stufen hinauf Auf diesen saßen die Ratsversammlungen und Parlamente und
mit wenigen Figuren erschien die Bühne doch angefüllt weil der Raum rechts und
links beschränkt war und man sich so die Bänke erweitert denken konnte Auf den
Stufen vorn und an den Seiten fielen die Sterbenden hin und lagen natürlich viel
malerischer als auf unsern Teatern an die freien Säulen lehnten sich die
Melancholischen oder Nachdenkenden die Stufen rechts oder links schritt
Macbet hinauf sowie Falstaff in den lustigen Weibern auf dem oberen Balkon
standen die Bürger und parlamentierten mit dem Könige Johann und Philipp August
hier unten von den Stufen erhöht saßen König und Königin im Hamlet hier war
Macbets Tafel wo Banquo erschien Ohne weitläuftige Belehrung ergibt sich der
Vorteil dieser Bühneneinrichtung Rechts und links auf dem Proszenium konnten
zwei sich deutlich absondernde Gruppen stehen stand die eine etwas zurück so
war die Fiktion sehr natürlich dass jene gegenüber sie nicht mehr bemerkte mit
zwei einzelnen Personen war die Sache noch natürlicher Eine dritte Gruppe stand
oder saß hier höher auf der innern kleineren Bühne die aber doch durch diese
Einrichtung den Zuschauern ganz nahe stand Keine Person deckte die andere alle
waren frei und gleichsam in Rahmen eingefasst wodurch das Bildliche und
Malerische noch deutlicher hervortrat War es nun nötig wie etwa in
historischen Stücken so zeigten sich oben auf dem Altan handelnde und
sprechende Figuren in Heinrich dem Achten waren die Treppen rechts und links
vom Parlament besetzt auf der Stufe in der Mitte saß Wolsei und über ihm auf
der innern Bühne der König Heinrich So war in allen Umständen mochte das Bild
aus vielen oder wenigen Figuren bestehen die Gruppierung immer ungefähr so wie
Raffael und die guten Maler ihre Gemälde ordnen Auf diese Weise war die Bühne
für die wesentlichen Forderungen ungefähr in ähnlicher Art wie die des Sophokles
beschaffen doch behaupte ich man kann im Shakespeare und seinen Zeitgenossen
nicht alles verstehen manches bleibt unklar wenn man nicht soviel Kenntnis von
der Sache hat um jene echte europäische oder wenigstens englische Bühne sich zu
vergegenwärtigen Frankreich Deutschland sogar ebenso Spanien hatten anfangs
auch eine ähnliche Einrichtung als die Franzosen scheinbar aufgeklärt ihre
Dramen nach dem Muster der Alten wie sie sich einbildeten formten errichteten
sie die neuere Bühne welche den Tragödien und Lustspielen in welchen nur
wenige Personen sprechen in welchen sich niemals Gruppen zu stellen brauchen
wo keine Volksaufläufe Belagerungen und dergleichen sich gestalten auch
vollkommen angemessen ist Wir Deutschen haben jetzt dieses konventionelle eng
begrenzte Schauspiel wieder aufgegeben nun passt uns die angenommene Bühne
nicht diese alte englische oder europäische Form ist vergessen und wir quälen
uns daher höchst unkünstlerisch mit Dekorationen bauen in den Zwischenakten
Hügel und Festungen auf Galerieen und Terrassen und fühlen wie Text und
Theater sich gegenseitig hindern miteinander streiten alles schwierig
zeitraubend ungeschickt herauskommt und der Regisseur sich erleichtert fühlt
wenn er einmal wieder ein Drama einrichtet in welchem ohne Holzböcke und
aufgelegte Bretter ohne Balcons und Festungswälle gespielt werden kann Dieses
ältere Theater aber welches wir hier im kleinen nachahmen spielt in jeder
Szene selber mit es darf sogar zu den Hauptpersonen gerechnet werden es
erleichtert auch jedem Auftretenden sein Spiel es hilft ihm es unterstützt
ihn er steht nicht verlassen in einem wüsten leeren Viereck sondern kann sich
geistig und körperlich allenthalben anlehnen und wie ein Gemälde in seinen
Rahmen treten Wollen wir den Shakespeare nun wirklich aufführen ohne ihn zu
entstellen so müssen wir damit anfangen uns ein Theater einzurichten das dem
seinigen ähnlich ist«
»So sind uns jene Dekorationen die kürzlich gemalt sind auch ganz
überflüssig« sagte Leonhard
Emmrich antwortete »Wenn wir die Räume anständig bekleiden und verzieren
wenn die Vorhänge die die innere Bühne verdecken mit Schicklichkeit sich
schließen und öffnen wenn in diesem kleineren Theater die Hinterwand wieder aus
Seide oder Tuch besteht so sind sie uns freilich überflüssig Indessen können
wir einzelne Stücke von Wald Feld und Garten drinnen aufstellen um manche
Szenen noch bestimmter anzudeuten«
»Ein sehr viel breiterer Vorhang als jener wird aber notwendig sein«
sagte Leonhard
»Wir brauchen gar keinen der vorn die ganze Bühne schlösse« antwortete
Emmrich »wie Shakespeare auch keinen solchen auf seinem Theater hatte Sorgen
wir nur dass durch Verzierung die Bühne sich geschmackvoll und nicht allzu
störend mit dem übrigen Saal verbindet Bei den Engländern war das ganze Gebäude
eine Rotunde oder ein Viereck und die Logenreihen standen in Verhältnis mit dem
Balcon hier dieser war fast nur eine Fortsetzung derselben so dass die Bühne in
sich selbst ein schön geordnetes Ganzes war und die Zuschauenden dadurch
gleichsam zu den Mitspielenden gehörten ganz ähnlich dem griechischen Theater
Bei uns ist der grelle Abschnitt der Bühne vom Schauspielhause völlig
unkünstlerisch und barbarisch schon vorher besonders aber wenn der Vorhang
aufgezogen ist sieht das Haus nicht anders aus als wenn die eine Hälfte
weggeworfen wäre Wir setzen gerade darin den Vorzug dass Bühne und Zuschauer in
gar keiner Verbindung sein sollen«
Leonhard entfernte sich mit der Zeichnung um danach eine genauere
auszuarbeiten damit gleich am folgenden Tage der Anfang gemacht werden könne
die Bühne nach dieser neuen Ansicht einzurichten Indem er fleißig arbeitete und
rechnete fielen ihm die Szenen in Romeo und Otello ein in Heinrich dem
Sechsten und der Sommernacht die sich anständig ja selbst möglich nur in
dieser Bühneneinrichtung gestalteten Als er mit seiner Zeichnung schon ziemlich
weit gediehen war kam Emmrich hinzu und beide arbeiteten nun gemeinschaftlich
Der Professor sagte »Es gefällt mir an Ihnen werter Herr Leonhard dass Sie so
leicht die fast angeborenen Vorurteile anderer Architekten haben ablegen können
denn diesen schweben in der Regel wenn von einem Theater die Rede ist gleich
alle die Kindereien und hergebrachten Torheiten vor die ich für unnütz oder
schädlich halte«
»Wenn wir etwas Neues lernen« sagte Leonhard »müssen wir uns diesem gleich
ganz hingeben können damit nicht eine widernatürliche Vermischung zweier
entgegengesetzten Dinge entstehe die schlimmer als alles ist«
»Sehr wahr« sagte Emmrich »und doch glauben oft kluge Menschen durch eine
solche Vermittlung wie sie es nennen allen Forderungen zu genügen«
»Weil so wenige Menschen bedenken« sagte Leonhard »dass das Rechte und
Tüchtige in sich vollständig sein und aus einem Stücke bestehen muss Mäkeln denn
nicht so viele auch geistreiche an Meisterwerken Ist es denn nicht in der
Regel das Einzelne Unzusammenhängende was die Menschen entzückt Die meisten
sind viel zu kraftlos um den Glauben und die Demut zu finden die unerlasslich
sind um ein echtes Kunstwerk zu verstehen«
»Das gefällt mir« erwiderte Emmrich »dass Sie behaupten aus Kraft gehe die
echte Demut hervor Nichts ist so unbändig als die Schwäche und Geistesohnmacht
Sie widerstrebt allem Großen und Vollendeten besonders in der Kunst sie will
keine Autoritäten anerkennen um sich sklavisch vor dem ersten besten Scharlatan
zu erniedrigen der die geringe Kunst des Taschenspielers besitzt diesen
hochfahrenden Mittelmässigen zu imponieren«
»Auch jene trockene Altklugheit« fuhr Leonhard fort »ist Schwäche Diese
echten Philister meinen in ihrem Innern das höchste Ideal zu besitzen und nun
gehen sie sich gar nicht einmal mehr die Mühe in ein Kunstwerk einzudringen
sondern sie bleiben recht mit Vorsatz außerhalb vor demselben stehen und schauen
nun mit blödem Auge an der Poesie und dem Gemälde umher um nur schnell die
Mängel zu finden die nach ihrer Aussage zum Ideal noch fehlen«
»Wie Sie schon früher bemerkten« sagte Emmrich »so ist eben jedes echte
Werk das der wahren Kunst angehört in sich selbst begrenzt und vollendet Aber
von jenem ganz verwerflichen Eklektizismus eines Mengs der die Vorzüge eines
Raffael Tizian und Korreggio vereinigen wollte können sich selbst in unsern
Tagen manche hochbegabte Geister nicht losmachen die für Stimmführer der
bessern Zeit und Einsicht gelten wollen«
Hier wurden sie unterbrochen indem Elsheim hereintrat welchem der
Schulmeister folgte
»Ich bringe hier einen Supplikanten« sagte Elsheim lachend »der sich
durchaus nicht will abweisen lassen«
»Ja wohl« sagte der Schulmeister »ich habe nämlich gehört dass wieder eine
Komödie im Werk ist und nun sagt mir der Herr Baron dass Sie Herr Professor
das Ding diesmal unumschränkt dirigieren dass er nichts dabei zu befehlen habe
dass ich aber keine Rolle darin bekommen soll da ich mich doch bei der vorigen
Aufführung gewiss zu meinem Vorteil ausgezeichnet habe«
»Lieber Mann« sagte Emmrich »Sie haben gewiss recht wacker agiert aber
unser Herr Baron wünschte doch deswegen hauptsächlich Ihren Beistand weil
Selbitz mit einem Stelzfuss auftreten muss dieser qualifizierte Sie gleichsam von
Natur zu jener Rolle in dem Lustspiel aber welches wir jetzt geben wollen
erscheint kein Mann mit dieser Verstümmelung«
»Lassen Sie sich dienen« erwiderte der Schulmeister mit der größten
Lebhaftigkeit »Unser junger Herr Baron hat das Stück vom Götz recht sehr hübsch
eingerichtet abgekürzt und umgearbeitet damit wir es auf dem Theater spielen
konnten Das muss so höre ich und habe es auch gelesen immerdar mit so
widerhaarigen Dingen geschehen die in unsern Zeiten da wir viel feiner sind
erst eine anständige Frisur erhalten müssen Mit dem britannischen wunderlichen
Poeten ist das aber am allernötigsten und geschieht auch immer von einsichtigen
Leuten Ich habe mir nun das Buch geben lassen und das schnurrige Ding gelesen
Es ist freilich nicht viel dran es ist sehr leichte und lose Ware indessen da
Sie geehrter Herr Professor einmal eine Vorliebe für die schnakische Komödie
haben so bin ich gekommen Ihnen einen recht akzeptablen Vorschlag zu tun der
Ihnen auch Ehre bringen wird Als der Häscher oder Gerichtsfron nämlich den
alten Antonio den Seecapitain seinem jungen Herzoge als Gefangenen vorstellt
sagt er unter andern Worten auch ungefähr so Das ist der Antonio der den
Phönix enterte wo Euer junger Neff ein Bein verlor Die Rede ist mir gleich
aufgefallen Setzen wir statt dessen wo Euer alter Ohm ein Bein verlor und
bringen Sie so verehrter Herr Professor mir und der Komödie zuliebe einen
alten tüchtigen tapferen und welterfahrenen Mann in das Stück der wieder wie
Selbitz einen Stelzfuss haben kann und muss Begreifen Sie nur Herr Professor
dass es überhaupt in dem Stück an einem verständigen Manne fehlt denn die
meisten sind wirkliche Narren Dieser Oheim kann also klüger sein als alle er
kann gewissermaßen die Politik des Herzogs lenken er ist auch gegen das
Heiratsprojekt mit der abenteuerlichen Olivia er möchte überhaupt gern Ruhe und
Ordnung an dem verwirrten Hofe herstellen und nur die phantastischen Launen des
jungen Fürsten arbeiten ihm immer entgegen Wie er seinen ehemaligen Feind den
biederherzigen Antonio wiederfindet ihm Gerechtigkeit widerfahren lässt den
alten Groll aufgibt und sich mit ihm versöhnt welche herrliche rührende
Szene könnte das geben Wie edler fiele das Ganze aus wenn sich die
schwärmerische Viola gleich von Anfang diesem biederen Alten vertraute und er
da er ein persönlicher Freund ihres Vaters gewesen ist ihr mit Rat und Tat
beistände so die Entwicklung und den Schluss viel vernünftiger machte und ihm
einen Teil des Abenteuerlichen nähme welches so gehäuft ist dass es den
Gebildeten verletzen muss Werter Herr Professor dichten Sie diese Szenen hinzu
und schieben Sie sie ein und Sie werden sehen was das Ganze dadurch gewinnen
wird Ich aber bleibe Ihnen ewig dankbar denn Sie haben mir eine herrliche
Rolle erschaffen«
Emmrich konnte es nicht unterlassen Leonhard schalkhaft lächelnd anzusehen
worauf er sich aber gleich mit der größten Ernsthaftigkeit zum Stelzfuss wandte
indem er sagte »Lieber Mann es ist mir nicht möglich Ihnen in der Kürze
deutlich zu machen wie Ihr abenteuerlicher Vorschlag auf keine Weise anzunehmen
ist weil auf diese Weise das ganze Gedicht zerstört würde Sie scheinen es ganz
vergessen zu haben dass wir uns auch beim Götz dergleichen gewaltsame Zusätze
nicht erlaubten ja wenn man so freibeuten wollte könnte man auch recht bequem
den Selbitz und Sickingen zu einer Person vereinigen Nein mein Freund bei
diesem Stück können wir durchaus Ihre Unterstützung nicht brauchen«
»Nun meinethalben« rief der Schulmeister erbost »Sie mögen es also haben
mit Ihrer Aufführung eines barbarischen Werks Das ist nun also mein Dank dass
ich mir vorher die Mühe gegeben und zweimal als Selbitz so allgemeinen Beifall
eingeerntet habe Auch die höchsten und allerhöchsten Herrschaften haben mein
Spiel gelobt und sehr gelobt ich habe es wohl wieder erfahren und bin dadurch
außerordentlich aufgemuntert worden Ja ja aber Neid Missgunst Wo sich einmal
Talent bei einem armen sonst unbemerkten Manne zeigt da ist es gleich diesem
und jenem nicht recht da fürchtet gleich der und der er leide Schaden dabei
er werde verdunkelt man könne den armen ungelehrten bürgerlichen Kauz wohl
gar ihm vorziehen der ist gut genug das Vieh zu hüten und die ungezogene
Dorfjugend zu prügeln Und dass nun mein Stelzfuss zum Vorwand dienen muss mein
abgenommenes Bein das ich vor dem Feinde und im Dienst des Vaterlandes verloren
habe das ist allzu hart das möchte den Stein in der Erde erbarmen das ist
«
Er war in ein heftiges Weinen geraten und schluchzte jetzt so stark dass er
nicht weitersprechen konnte Emmrich war verstimmt verdrießlich und dennoch
beinahe über diese Torheit und Leidenschaft des alten Mannes etwas gerührt
»Geben Sie sich zufrieden« sagte er dann und legte ihm die Hand auf die
Schulter »wenn Sie mir eins versprechen und Ihr Wort halten können so will ich
Ihnen eine Rolle wenn auch keine große anvertrauen«
Der Schulmeister trocknete schnell seine Augen und seine trübselige Miene
ging in ein heiteres Lachen über »Sie haben« fuhr Emmrich fort »Ihren Selbitz
recht brav und mit Einsicht gespielt nur drängte er sich zuviel vor und Sie
sprachen jedes Wort auch das unbedeutendste zu laut und gewichtig Wollen Sie
also meiner Anweisung folgen und sich gehörig mäßigen ganz natürlich und
einfach sprechen so sollen Sie den Fabio oder Fabian spielen zwar keine große
Rolle aber einen von den wenigen verständigen Menschen im Stück den der
Dichter sich für die letzte Hälfte aufbewahrt hat Er kann von mittlerem Alter
sein und der Stelzfuss wird nicht sehr hindern«
Der Schulmeister küsste im Rausche der Dankbarkeit und Freude die Hand des
Professors und eilte in Begeisterung fort um sogleich seine Rolle
abzuschreiben und sie auswendig zu lernen Ȇber die beiden so verschiedenen
Narren« sagte Elsheim »der eine weinte neulich weil er mitspielen sollte und
dieser heult weil man ihm eine Rolle verweigert Aber schlimm lieber
Professor haben Sie sich gebettet denn nach Ihrer Anordnung kommt nun der Graf
Bitterfeld in unmittelbare Berührung mit diesem Schulmeister und dem Verwalter«
»Wie schwer ist es« sagte Emmrich »das Regiment zu führen und wie
verwickelt sind alle Regierungsverhältnisse«
Die neue Einrichtung des Theaters war da man eilte und die Gehülfen fleißig
waren in wenigen Tagen beendigt Emmrich sagte zu Elsheim »Da nun wie Sie mir
mitteilten Ihre Mutter bald zurückkommt und gleich nachher ihr Geburtstag
einfällt so denke ich feiern wir diesen mit der Aufführung unseres Stücks und
Sie erlauben mir wohl einen kleinen Epilog hinzuzufügen um der alten Dame
einige Artigkeiten zu sagen Ich hoffe sie soll sich dadurch mit unserm Theater
wieder versöhnen«
»Mir ist es auch schon eingefallen« erwiderte Elsheim »und ich danke Ihnen
für Ihre Aufmerksamkeit« Jetzt verfügte man sich in den Saal wo die übrige
Gesellschaft schon versammelt war und der Professor las allen Mitspielenden das
Lustspiel vor weil er ihnen so am besten andeuten konnte in welchem Sinne jede
Rolle gefasst und in welcher Spiel und Tonart sie gesprochen und dargestellt
werden müsse Elsheim der die Komödie genau kannte und liebte fühlte sich doch
überrascht weil ihm jetzt zum erstenmal die harmonische Einheit die hohe
Vollendung dieses Kunstwerks deutlich wurde Als Emmrich geendigt hatte sagte
er »mitteilen So schön dieses Gedicht in sanften Reden von Liebe Sehnsucht und
poetischen Träumen duftet so weht doch durch den ganzen Blumenstrauß ein leiser
Zephyr ebenso anmutig in feiner Ironie und er ist es eben der die
Blütenkränze anregend ihnen diesen süßen Atem entlockt Es scheint in unserer
Zeit wenigstens den meisten Poesiefreunden zu schwer zum Teil unmöglich sich
diese Lieblichkeit und Fülle im Vortrage dieses leichten und doch bedeutsamen
Scherzes anzueignen Unsere Bildung hat etwas Prunkendes Schwerfälliges und
die sich für leichtfertig oder für freigeistige Libertins geben hantieren in
ihrem traurigen Gewerbe ebenso steif und altklug indem sie alles Ernste und
Poetische mit grobem Hohn von sich abweisen Jene Zeiten die wir in unserm
Dünkel gern barbarisch schelten möchten waren in dieser Hinsicht feiner
gestimmt denn sonst hätte dieses Stück sowie die Sommernacht der Liebe Müh
und Wie es euch gefällt nicht zu Lieblingsstücken werden können Hat auch kein
anderer Zeitgenoss außer Shakespeare diese himmelreine äterische Höhe
erstiegen so grenzt doch manches Werk jener Tage an die seinigen und wenn auch
die Zuschauer diesen Lebenswein nicht mit vollem Bewusstsein einschlürften um
genau zu wissen was sie tranken so ist doch der Instinkt das Gefühl und die
reine Luft sehr hochzustellen mit der sie diese Kunstwerke vielleicht ohne
alle Kritik genossen«
»Ein wahres Publikum« sagte Elsheim »sollte wohl immer so sein wie Sie es
da eben beschreiben der echte Dichter könnte sich wenigstens kein besseres
wünschen Sind noch einige wahre Kenner in diesem Parterre die diese Gefühle
erläutern anstatt sie irrezuführen so ist eigentlich eine wahre Kunstzeit
repräsentiert«
»Das Stück heißt« fuhr Emmrich fort »ein DreiKönigsAbend oder eigentlich
bloß Twelfnight Ein alter Gebrauch hatte an diesem Abend eine Menge Späße
Scherze Verkleidungen ländlicher mitunter etwas roher und bäuerlicher Feste
erlaubt aber für diese Stunden auch alle HazardSpiele welche sonst streng
verboten waren Selbst am Hofe huldigte man der alten Sitte und Freiheit An
diesem Abend wurde also vielleicht auch dieses sonderbare Lustspiel welches
lauter Glücksfälle enthält zuerst gespielt es war also die Lust eines
DreiKönigsAbends an welchem auch der Bohnenkönig durch Lotterie erwählt oder
gefunden ward eine solche heitere Torheit losgebundener Laune sollte es
vorstellen oder setzt der Dichter mit heiterem Leichtsinn hinzu Was ihr
sonst wollt nennt es wie es euch gut dünkt Sogleich im Anbeginn sehen wir
einen phantastischen jungen Fürsten der mit der Leidenschaft der Liebe spielt
und gewaltsam das Herz einer jungen Schönheit die außerdem eine reiche Erbin
ist zu gewinnen trachtet Sie will nichts von ihm wissen und trauert in der
Einsamkeit um ihren Bruder Sie erheitert aber den Schmerz mit welchem sie auch
poetisch spielt mit dem Kammermädchen und dem Geschwätz ihres Narren und in
Sehnsucht nach wahrer Liebe weil sie an die des Herzogs nicht glaubt überlässt
sie sich einem leidenschaftlichen Gefühl für einen schönen vermeinten Jüngling
Diese Person aus einem guten Hause stammend aber ohne Vermögen ist mit dem
ebenso schönen Bruder leichthin auf Abenteuer ausgereiset und beide wollen
Glück machen oder es suchen Es gelingt auch beiden über Erwartung sie fesselt
den jungen Fürsten in den sie sich verliebt hat und er trägt weil er durch
die Ähnlichkeit mit seiner Schwester verwechselt wird die reiche Erbin davon
deren große Güter doch vielleicht in der Liebe des Fürsten am meisten den
Ausschlag gaben Ein reicher Freier der auch um Olivien wirbt wird von allen
gefoppt am meisten von einem launigen tollen und Wein liebenden Oheim der
obenein Geld von ihm zieht indem er seine Albernheit und komische Feigheit in
Tätigkeit setzt Diesen erobert noch das kleine witzige Kammermädchen und wird
durch diese Verbindung mit ihrer Gebieterin verwandt Die meisten gewinnen fast
ohne Bemühung durch Leichtsinn und ohne tiefen Plan oder angestrengten Verstand
ein großes bedeutendes Los und nur der hochmütige grollende Malvolio der
seiner Überzeugung nach schon die Bohne gefunden hat und also unbedingt der
oberste Herrscher und König des Festes ist geht ganz leer aus und wird zum
Gegenstand des allgemeinen Gespöttes Wie mancher Dichter und wir haben
dergleichen Werke von großen ausgezeichneten Talenten würde nun mit scharfer
Bitterkeit alle diese Absichten dem Zuschauer so recht nahe vors Auge gerückt
haben um in der Anklage menschlicher Schwächen und Torheiten einen herben
unerfreulichen Witz zu entwickeln ein solches Lustspiel aber wenn man auch den
Verstand des Verfassers bewundert kränkt und demütigt mehr als dass es
erheitern und erheben könnte Shakespeare lässt in seinem äterischen Gewebe
alles dies mehr ahnden höchstens erraten Daher wie gesagt geschieht es denn
auch dass ein solches Gewirk welches von Feenhand gewoben ist seiner Feinheit
wegen für unbedeutend gehalten wird«
»So mag es wohl sein« rief jetzt der Schulmeister der sich nicht länger
zurückhalten konnte » und ich bitte ab Wenn man nur öfter dazu Gelegenheit
hätte dass einem solche Lichter aufgesteckt würden«
Alle sahen den aufgeregten Husaren mit einiger Verwunderung an er ließ sich
aber nicht irremachen sondern schmunzelte lächelnd wie in sich selbst hinein
und rieb fröhlich die Hände
»Am liebenswürdigsten« fing Emmrich wieder an »ist dieser poetische
Leichtsinn der im ganzen Stücke vorherrscht in der herrlichen Viola
gezeichnet Sie jammert um den Bruder der nach ihrer Meinung ertrunken ist Ach
armer Bruder und unmittelbar darauf heiter und lebensmutig Vielleicht entkam
er doch Sie erkennt Oliviens Leidenschaft zu ihr indem sie beklagt dass sie
selbst den Herzog liebt für den sie werben muss Wie soll das werden sagt sie
und gleich hernach O Zeit du selbst entwirre dies nicht ich Der redliche
alte erfahrene Antonio hat eine solche poetische Freundschaft für den jungen
Burschen Sebastian gefasst dass er ihm in die feindliche Stadt mit Gefahr seines
Lebens folgt und erscheint hierin leichtsinnig gleich den übrigen Aber ein
praktischer verständiger Mann sieht auf alles dies Getreibe mit Lebensweisheit
und echter Ironie hinab jeden benutzend um zu erwerben und seinen Besitz zu
vermehren und dieser Gründliche Erfahrene ist der Narr des Stocks der
freilich auch weiß der Himmel aus welchem poetischen Gelüste weggelaufen war
und in Gefahr stand seinen bequemen und einträglichen Dienst zu verlieren«
Nachdem man sich getrennt hatte nahm der eifrige Emmrich den Schulmeister
mit auf sein Zimmer um ihm die Rolle des Fabio einzustudieren
Als ihm Elsheim nachher im Garten begegnete und ihn der nicht mehr jung
war mit seiner Unermüdlichkeit scherzend neckte sagte der Professor »Lieber
Freund brauche ich es Ihnen denn auseinanderzusetzen dass man nichts im Leben
mit solchem Ernst und Eifer treiben müsse als die sogenannten Spiele Bei
wahren Geschäften und Amtsverrichtungen dem Richter und Geistlichen mag hie und
da ein Nachlass erlaubt sein es kann selbst Wohltat werden dies und jenes was
notwendig schien fallenzulassen aber was bleibt vom Spiel übrig wenn wir es
mit Leichtsinn und obenhin treiben und es dadurch zerstören Hier muss die Regel
beobachtet werden auch das Kleinste darf man nicht nachlassen und fragt man
erst Wozu fruchtets Welchen Schaden bringt die Vernachlässigung so ist es
viel besser die ganze Sache gleich aufzugeben Jetzt geh ich dem Grafen und
dem Baron Mannlich ihre Rollen beizubringen«
Elsheim begleitete ihn in den kleinen Saal wo die beiden Herren schon
seiner warteten Elsheim setzte sich nieder indem er sagte »Ich will keine
Störung machen lieben Freunde sondern auch bei dieser Gelegenheit von unserm
Professor etwas lernen«
Mannlich und der Graf begannen ihre Rollen beide sprachen und gebärdeten
sich mit einigen Modifikationen so wie sie es gewöhnlich im Leben taten und
Emmrich sagte »Sie haben Baron Mannlich ganz meine Meinung gefasst Dieser
Tobias ist ein wackerer Edelmann aus gutem Hause er ist brav mutig und kann
den Kavalier nicht verleugnen Nur hat er sich aus Bequemlichkeit gehen und
dabei etwas sinken lassen er ist in schlechte Gesellschaft geraten und war in
dieser immer der Klügste und Anständigste Im Hause seiner reichen Nichte hat er
für nichts zu sorgen und da er ohne Beschäftigung und ein alter Junggesell ist
so hat er sich dem Schlemmen doch auf eine unschuldige Weise ergeben In den
Anfällen seiner Trunkenheit ist er wie die meisten Berauschten kurz angebunden
und grob aber zur Besinnung gekommen liebt er Witz und Heiterkeit so sehr dass
er aus Dankbarkeit für die Unterhaltung welche ihm Maria mit Malvolio
verschafft hat dies Kammermädchen heiratet Es wäre also unrecht und ganz
falsch wollte man aus diesem Mann eine Karikatur machen oder ihn in das
niedrige Element hinabziehen
Dass Sie Baron ihn nicht allzu würdig oder gar tragisch nehmen werden
dafür bürgt mir Ihr gesunder Sinn«
Graf Bitterfeld sagte »Nun Professor machen Sie mir das noch etwas
deutlicher was Sie mir neulich schon über meine Rolle auseinandergesetzt haben
die ich wahrlich bloß Ihnen und der Gesellschaft zuliebe übernommen habe«
Emmrich sagte »Verehrter Herr Graf ist es nicht die schönste Humanität und
die feinste Urbanität wenn man nicht nur die Scherze einer liebenswürdigen
Gesellschaft ausführen hilft sondern selbst etwas von seinem eigenen Wesen
preisgibt um über sich selbst auf eine gelinde Art spotten zu lassen Und so
wünsche ich dass Sie in dieser fein komischen Rolle nicht das Gebildete Ihres
Standes noch die Finesse Ihrer Persönlichkeit und die Gewandtheit Ihres
geselligen Umgangs fallenlassen Denn die sind eben die unerträglichen Malvolios
in der Gesellschaft die immer über sich wachen sich bei jedem Scherz beleidigt
wähnen die sich immer in Positur setzen um ihre Würde zu behaupten
Bleichenwang oder Fieberwange ist ein guter Mensch und auch von guter Familie
er kann schon über die dreißig sein sind die jungen Leute geschminkt und von
lebhafter Farbe ist Tobias vom vielen Trinken übermäßig rot so deutet sein
Name schon an dass er ziemlich blass oder mit einem gelblichen Teint erscheint
Er ist schlank und wohlgebaut neigt aber etwas zur Magerkeit hin denn er
beneidet den Narren um seine Waden Dieser reiche unabhängige Mann ist dadurch
so liebenswürdig dass er so unendlich bescheiden ist was wohl die wenigsten in
seiner Stellung sein würden Wie der alte Antonio den jungen Sebastian fast
vergöttert so hängt er beinahe mit derselben Leidenschaft an seinem Freund
Tobias dieser ist sein Vorbild beinahe sein Ideal wie man sich jetzt
ausdrücken würde er hat kein Arg daraus dass dieser ihn foppt und plündert er
spricht ihm alles nach er tut was dieser wünscht er will gern ebenso
erscheinen wie jener dabei seine wahrhaft edle Liebe zur Musik sein freier
künstlerischer Sinn dass er am Narren die schöne Stimme und den Gesang zu
schätzen weiß Es entdeckt sich freilich nachher dass er kein Freund von
Zweikämpfen ist und sich in den Waffen und im Kriege niemals auszeichnen wird
indessen ist er auch in dieser Furchtsamkeit so gutmütig und niemals unedel so
dass ihm der Zuschauer seine Liebe nicht versagen kann Sie sehen also Herr
Graf wie sehr ich recht habe wenn ich wünsche dass Sie diese feine Zeichnung
nicht als Karikatur behandeln mögen nein im Gegenteil lassen Sie sich ganz
ruhig gehen spielen und sprechen Sie fast so wie Sie es gewohnt sind und
immerdar erscheinen Ihr feiner Takt Ihr eigener Witz wird Ihnen die Nuancen
zeigen Ihr Gefühl aber wird jene geistigen Modulationen Sie finden lehren die
sich einem gewöhnlichen Menschen niemals andeuten lassen und die einem Geiste
auseinanderzusetzen wie der Ihrige durchaus überflüssig ist«
Als Elsheim mit dem Professor durch den Garten ging sagte er »Verzeihen
Sie wenn ich Ihre Auseinandersetzung dieser Charaktere für Sophisterei halte«
»So« sagte Emmrich ruhig »geben Sie nur acht der Erfolg wird mich
rechtfertigen«
Leonhard war fast bekümmert als der neue Teaterbau vollendet war Er war
übermäßig fleißig gewesen er hatte allenthalben selbst Hand angelegt er hatte
sich meistenteils bis zur Ermüdung angestrengt und seine Freunde wie die
Handarbeiter hatten ihm mit Erstaunen zugesehen weil es ihnen ein ganz neues
Schauspiel war dass ein Professor der Architektur den Hobel Bohrer und die Säge
so wenig scheue War er dann gegen den Untergang der Sonne so durch und durch
ermüdet dass er den Augenblick des Schlafengehens mit Ungeduld erwartete so war
ihm unaussprechlich wohl denn er konnte in dieser Ermüdung die Bilder und
Gedanken auf Augenblicke vergessen die ihn immerdar verfolgten
Mit sich unzufrieden und dennoch von süßen Vorstellungen trunken war er am
Morgen in den Garten gegangen Die Frühsonne glänzte so lieblich durch die
Linden und sein Schritt trug ihn nach jener geheimnisvollen Laube in welcher
er schon zweimal an Charlottens Seite so selig gewesen war Er leugnete es sich
ab dass er diese verführerische Schönheit aufsuche er musste sich aber sein
Gelüst bekennen als er völlig verstimmt wieder aus der leeren Laube trat So
ist der schwache Mensch sagte er zu sich selber was suchst du hier und was
hättest du wenn du sie fändest Soll dich diese Torheit denn immerdar quälen
und dir jede Stunde verbittern Nein ich bin ein Mann und bleibe meinen
besseren Gefühlen getreu Mit einem Ausruf der Freude betrat er den
sonnenbeglänzten Gang denn Fräulein Charlotte hüpfte ihm dort vom Schloss her
entgegen
»So irrte ich mich doch nicht Leonhard« sagte sie mit ihrer Silberstimme
»wenn ich Sie im Garten wahrzunehmen glaubte Nicht wahr dieser Tag ist ein
schöner ein auserlesener Und diese Frühstunden sind so balsamisch sie wirken
so wohltätig auf alle unsere Gefühle dass unsere Seele so wohlgemut aufblüht
wie die Rosenknospe«
»Ich war in dieser Laube« sagte Leonhard »und wähnte Sie hier zu finden
da meine Hoffnung mich trog wollte ich das Angedenken jener süßen Augenblicke
feiern die ich dort genoss«
»Kommen Sie mit mir« rief sie lebhaft aus »ins Freie es gibt Zeiten und
Stimmungen in welchen uns auch der schönste Garten ängstigen kann«
Sie ließ das eiserne Gattertor hinter sich zufallen und standen jetzt im
Felde »Wie herrlich die Ähren wogen« sagte sie »nicht lange mehr so wird die
Sichel in das Korn gehen und der schönste Teil des Sommers ist dann vorüber
Alles Liebliche ist so flüchtig alles Schöne hält uns nicht stand und wir
besitzen nichts als nur wie in einem süßen Traum gefesselt wenn wir erwachen
hat uns die nüchterne Wirklichkeit um alle unsere Schätze betrogen«
»Gibt es kein Mittel« antwortete Leonhard »auch die Wirklichkeit zum Traum
zu erhöhen Können wir nicht so viele Blumen mit verständiger und sorglicher
Hand in unser Leben hineinpflanzen dass einige immerdar blühen«
»Nein nein« rief sie fast heftig aus »in der Wahrheit im eigentlichen
wirklichen Leben gibt es kein Glück nur in der Täuschung glühen die Morgen und
Abendfarben die die Nacht und der klare Tag vertreiben Wenn wir entzückt und
berauscht taumeln wie im heftigen Tanz so halten wir Takt mit der
begeisternden Musik und schwingen uns harmonisch in ihrem wilden Rhythmus
wollten wir dasselbe mit nüchternem Bewusstsein tun es würde uns ewig nicht
gelingen«
Sie bogen in einen Fußsteig der durch das hohe Korn führte »Dort am Saum
des Buchenwaldes« sagte sie »wohnt die Schwiegertochter des alten Försters
ihr Mann ist im vorigen Jahr gestorben und ich habe mich mit dem artigen jungen
Weibchen befreundet Dort wollen wir ausruhen«
Die einsame Hütte war reinlich und anmutig die frische Kühle die vom Walde
hereinwehte war erquickend Die junge Frau kam der reizenden Besucherin
freundlich entgegen und sie begrüßten sich als Bekannte Sie stellte auf den
Tisch von Nussbaumholz zwei Gläser Milch zur Erfrischung und entschuldigte sich
dann dass sie nicht unbedeutender Geschäfte halber zu ihrem alten Vater hinüber
müsse So saßen die beiden in der kühlen Dämmerung und es schien als könne
keines von beiden das erste Wort finden um ein Gespräch in den Gang zu bringen
Leonhard blickte sinnend umher und es schien ihm als wenn das Eintreten in das
kleine Haus sowie die Entfernung der jungen Frau etwas Abgeredetes sei
welches der Zufall nicht so herbeigeführt haben könne Warum ihn dieser Argwohn
oder diese Entdeckung statt ihn fröhlich zu machen schwermütig stimme begriff
er selber nicht Charlotte stand auf und sah aus dem Fenster dann setzte sie
sich wieder zu ihm und näher als zuvor sah ihn mit ihrem süßen verführerischen
Lächeln an und von den vollen roten Lippen sprang nur die einzige Silbe »Nun«
»Wie glücklich bin ich« sagte er nach einer kleinen Pause »mich so an Ihrer
Seite in dieser seligen Einsamkeit zu finden«
»So« sagte sie indem sie ihm mit der flachen Hand vor die Stirn schlug
»warum sind denn diese Augen so leuchtend und schön warum ist denn diese Stirn
so sinnend und gedankenreich wenn Euer Wohlgeboren nichts Besseres zu sagen
wissen in einer Minute auf welche ich mich schon seit lange gefreut habe O
du Böser Abscheulicher Wie klang neulich das vertrauliche Du so süß von deinen
Lippen«
Sie stand auf umschlang ihn mit ihren Armen und küsste ihn lebhaft »Ist es
dir so recht Anmassender Dankst du es mir nun dass ich dich so unendlich
liebhabe dass ich dich anbeten muss O nein du bist nicht wie die andern
Männer«
»O Lottchen« rief Leonhard begeistert aus »wie habe ich dich hier finden
müssen dich du einziges Wesen Die Sinne vergehen mir und die Welt
verschwindet wenn ich dich so in meinen Armen halte«
Die zärtlichsten Küsse unterbrachen und hemmten das Gespräch Sie duldete
seine Liebkosungen und freute sich der entzückten Worte die er im Taumel über
ihre Schönheit aussprach »Ist das nicht ein Leben« rief sie endlich »doch
wohl besser als euer einfältiges Komödiespielen So hin und her schlendern so
stammeln in Empfindungen die auswendig gelernt sind Worte die sich selber
nicht verstehen Nicht wahr ein Händedruck ein Blick aus dem innersten Auge
und gar ein Kuss ein herzinniger in welchem die ganze Seele aufblüht das ist
ganz etwas anderes«
»Geliebteste« sagte Leonhard »freilich ist alles vergänglich und muss es
sein aber ein solcher Moment wiegt Jahre auf«
»O wie kann man wie kann man ohne Liebe leben« erwiderte sie »sie ist das
Licht und die Sonne unseres Daseins An jedem Morgen denke ich zuerst an dich
ich warte auf dein Auge treten wir in den Saal so suche ich dich unter den
anderen ich hasse den der zwischen uns tritt und dich meinem Auge verdeckt
Dann hör ich deine Stimme und was ist mir Musik gegen diese Töne aus denen
deine ganze Seele spricht Du erzählst du streitest mit andern dein Blick
trifft den meinigen der dich schon lange gesucht hat du redest mich an mein
Herz zittert du lächelst das fällt in meine Brust wie der Frühlingsregen in
die Blumen du gehst alles ist Schatten Es wird Nacht Ich sehe dich vor mir
ich halte dich in meinen Armen ich träume von dir Und nun der neue Morgen
und mit jedem Tage mit jeder Stunde kommt man sich näher man wird sich
unentbehrlicher Gemüt Launen Blicke Akzente versteht man inniger o mein
Teurer den Tod nachher wenn das vorüber ist denn wozu noch leben O Himmel
wie dürr wie elend war mein Gemüt und Herz ehe ich dich kennenlernte Mit dir
in dir bin ich erst geworden Kannst du mich denn lieben du Treuer Einziger«
»In diesem Kusse« erwiderte er »in dieser Umarmung musst du es fühlen Wer
bin ich dass du dich meiner so angenommen hast was kann ich dir sein dir die
du so reich begabt bist«
»Schlage den hellen Blick nicht so nieder« lispelte sie »Du warst mir
fremd und doch liebe ich dich du wirst uns wieder verlassen müssen und ich
werde nicht aufhören dich zu lieben Ich weiß von dir nichts weiter will
nichts wissen als dass du mein bist Du bist vielleicht in deiner Heimat
versprochen wohl gar vermählt kann sein damals war dir mein Herz noch nicht
zugewendet du kanntest mich noch nicht Diese Stunden hier gehören uns und
sollen uns heilig sein Du weißt ja auch nicht ob mein Herz nicht schon früher
einmal verloren war welch Recht hast du danach zu forschen Nur die Gegenwart
ist unser«
Es gibt Momente im Leben in welchen ein Glück selbst ein begehrtes
ängstigt und quält Das Herz ist dann in seinen Gefühlen zerrissen und
zerspalten der Geist und Wille können sich nicht aneignen was doch schon ihr
Eigentum ist In dieser sonderbaren Stimmung war Leonhard jetzt so Wunderbares
erlebte er in diesen Stunden An diesem schönen Busen von diesen reizenden
Armen umschlossen so herzlich geküsst und mit Sehnsucht der Liebe angeblickt
fühlte er sich von einzigem Glücke von hoher Wonne so mächtig umrauscht dass
seine Geister auf jeden Atemzug lauschend gleichsam betäubt wurden Er
wünschte diese Momente der Seligkeit schon überlebt zu haben um sich nur
wieder besinnen zu können
Es war als wenn sie in seiner Seele läse denn sie schmollte mit ihm und
sagte aufgeregt »Aber nicht eifersüchtig eifersüchtig lass mich nicht werden
dies Gefühl ist das unerträglichste welches der Mensch erleben kann Du blickst
Albertinen stets so freundlich so lächelnd an du lauschest auf jedes ihrer
Worte oh Liebster quäle mich damit nicht denn dieses Wesen so nahe sie mir
verwandt ist so verhasst ist sie mir in allem was sie tut und treibt Sie hat
es ganz verlernt natürlich zu sein sie denkt immer nur an sich und kann
niemand lieben Diese Prüderie und Selbstsucht ist meinem Gefühl unerträglich
Sei du aber auch nicht eifersüchtig wenn ich einmal diesem oder jenem
freundlich bin wie ich es doch nicht vermeiden kann«
Die hölzerne Uhr an der Wand hatte schon wiederholentlich geschlagen jetzt
schien Charlotte bedenklich zu werden sie wand sich aus den Armen Leonhards
stand schnell auf drückte ihm noch einen eiligen Kuss auf den Mund und ging vor
den Spiegel um Hut und Locken zu ordnen »Die junge Frau wird mich draußen
erwarten« sagte sie dann »sie begleitet mich zurück bleibe du aber noch hier
oder nimm einen andern Weg nach dem Schloss zurück damit niemand auf den
Argwohn fällt als ob wir so lange beisammen gewesen wären«
Sie nahmen Abschied und Leonhard sah der schönen Gestalt nach wie sie
leichten Schrittes mit der jungen Frau dahinwandelte beide in lebhaftem
Gespräch Er verließ nun das Haus und eilte sogleich in den nahen Wald sprang
über den Graben der an der Straße hinlief und vertiefte sich weit hinein wo
die Bäume am dichtesten standen wo kein Fußsteig hinführte und wo er hoffen
durfte von keinem menschlichen Wesen aufgefunden und gestört zu werden Er warf
sich nieder und verbarg sein Haupt in das Gras ein Tränenstrom floss aus seinen
Augen und sein Herz klopfte so ungestüm als wenn es ihm die Brust zersprengen
wollte Wer bin ich dachte er in diesen aufgeregten Schmerzen was will ich
Bin ich denn glücklich oder in ein tiefes tiefes Elend versunken Noch
niemals niemals hat mein gieriges trunkenes Auge solche Schönheit gesehen
Seine Einbildung wiederholte ihm in Glut und Leben alles Reizende alles
Verführerische seiner Geliebten Schon in meiner Jugend dachte er dann
weiter dort und hie in Städten und auf dem Lande war mir manche Schöne
freundlich manche reiche Witwe kam mir fragend entgegen ich entzog mich
allen ich verlor mein Herz nicht und muss jetzt nach Jahren im reifen Alter
so knabenhaft untergehen Sie ist mir Adelheid und ich bin fast der betörte
Franz Lieb ich sie denn Könnt ich denn wünschen dass sie meine Gattin sein
dürfte Nein beim Himmel nicht Wenn ich an Friederiken denke wie bin ich
beschäme Wie erscheine mir Kunigunde wie ein großes mächtiges Heiligenbild
von einem alten Künstler auf Goldgrund gemalt Jetzt versteh ich die alten
wunderlichen Märchen die ich wohl vormals habe erzählen hören wie ein Mensch
in den Venusberg gerät und dort für immer verloren ist von bösen Geistern
festgehalten die ihn in der Gestalt blendender Reize und verlockender Lüste
umgeben Die alte Fabel von den Sirenen hat einen tiefen Sinn Ja lieben
vergöttern muss man sie man kann in Leidenschaft ihr Blut und Leben opfern aber
man kann ihr nicht vertrauen Und ist jene Ehrfurcht die ich hier nicht fühlen
kann nicht vielleicht das welches das goldene Gespinst zerreißt in welchem
uns diese echte lüsterne Liebe gefangenhält Wozu jene Achtung und Verehrung
die fast an Freundschaft für die Matrone grenzt Und wagst du es Elender
Undankbarer dies ausgelassene üppige Mädchen diese köstlichste Frucht der
Natur die zum Schwelgen einlädt nicht zu achten weil sie vielleicht niemals
die Talente einer Hausfrau und ehrbaren Gattin entwickeln wird So schön so
vornehm so edel erzogen und mir so entgegenkommend Das du Eitler ist auch
ein Teil des Zaubers der dich bestrickt Wenn ich jetzt an meine Arbeit zu
Hause dort denke an unsere kühle Wohnstube den alten Nussbaum die Bretter
meinen Magister und unser alltägliches Treiben wie unbehaglich beklemmend
nüchtern und fast niedrig alles Und doch selbst in diesem prosaisch
niedergedrückten Gefühl welche paradiesische Heimseligkeit
So verschwammen Gegenwart und Vergangenheit Freude Lust und Schmerz in
seinem Gemüt er suchte in seinem Innern und konnte nirgend die geistige Kraft
entdecken alles dies mit einem kühnen Entschluss zu durchreissen und wieder der
alte zu werden
So war die Zeit vergangen er wusste nicht wieviel Er stand auf und war so
betäubt dass er sich nicht erinnern konnte nach welcher Gegend er gehen sollte
um wieder aus dem Walde zu finden Indem er sich durch Bäume und Gebüsche
drängte fiel er wieder in den Zulauf und das Getümmel seiner Gedanken und
Vorstellungen Diese feine geistige Sehnsucht diese Fülle von Erscheinungen
sagte er wieder zu sich dies Ahnden und die Entzückungen alles dies auf unser
Irdisches geimpft und durch dessen Kraft so herrlich blühend es muss sich also
in jene Vernichtung stürzen wie es die höchste Befriedigung sucht und der
Mensch muss mit dem Tiere am meisten in Verwandtschaft treten wenn er sich am
sichersten zum Engel berufen glaubt O vieldeutiges Rätsel unsers Lebens Wie
steht die Sphinx mit lauernden lüsternen Augen vor uns und droht uns zu
verschlingen wenn wir uns keck an die Auflösung wagen
Er konnte wirklich den Weg aus dem Walde nicht wiederfinden und verstrickte
sich immer mehr in den Gebüschen Ihm schien nach dem Stande der Sonne als wenn
Mittag längst vorüber sein müsse und nachdem er noch länger ohne Erfolg durch
die verwachsene Wildnis gestrebt hatte fühlte er sich matt und erschöpft Als
er sich ermüdet an den dicken Stamm einer alten Eiche lehnte glaubte er in
einiger Entfernung menschliche Stimmen zu vernehmen Er ging der Richtung nach
und schrie laut man antwortete und nach einigen Minuten schimmerten sich
bewegende Gestalten aus dem Grün der Bäume hervor Nun drängte er sich durch und
gelangte auf einen kleinen freien Waldplatz wo er den Förster antraf der
seinen Gehülfen einige Bäume zum Fällen anwies Der Alte war sehr verwundert
den Gast seines Herrn dort und fast mit zerrissenen Kleidern zu finden denn
Leonhard hatte besonders zuletzt auf die Hemmungen der Gesträuche und Dornen
nicht geachtet indem er sie durchbrechend seinen Weg verfolgte
Der alte Förster ging jetzt mit ihm indem er sagte »Ei ei Herr Leonhard
Sie sind hier wenigstens anderthalb Stunden vom Schloss entfernt Ich will Sie
begleiten damit Sie sich nicht wieder verirren auch habe ich dem Herrn Baron
einen notwendigen Rapport abzustatten«
Sie gingen den Waldweg hinunter und als sie in das Freie kamen sah
Leonhard dass er im Wald die ganz falsche Richtung eingeschlagen und sich immer
weiter vom Schloss entfernt hatte »Sie sind« fing der Alte nach manchem
andern Gespräche an »ein recht tüchtiger Komödienspieler und ich wundere mich
nur darüber wo Sie das alles sowie auch unser junger Baron gelernt haben
können denn auf den Schulen wird einem dergleichen doch wohl nicht beigebracht
Von dem Herrn Professor Emmrich ist es nicht zu verwundern denn der soll schon
einmal Komödiant gewesen sein und ein Direktor dazu auch von den Weibsleuten
nicht denn denen ist dergleichen angeboren Ich tauge nicht dazu weil ich
vielleicht zu redlich und aufrichtig bin denn um was recht Großes in dem Wesen
zu leisten muss man gewiss schon recht früh ein Tausendsasa gewesen sein«
Auf dem Felde begegnete ihnen der junge Baron der von einem Diener
begleitet spazierengeritten war Er stieg ab und ließ den Reitknecht die Pferde
nach Hause bringen um mit dem Förster zu sprechen der ihm Geschäftliches zu
melden hatte Nachdem dies erledigt war und der Förster sich dann entfernt
hatte nahm der Baron seinen ermüdeten Freund unter dem Arm um ihn so nach dem
Schloss zu führen »Ei ei« sagte er im Gehen »welche Abenteuer hast du denn
zu bestehen dass du sogar das Mittagessen versäumst und wie siehst du aus
Matt erschöpft das Halstuch zerrissen Kleid und Weste voll Moos und Dornen
Wir ängstigten uns schon alle an der Tafel die Weiber am meisten Alles
forschte nach dir Bediente wurden ausgeschickt um dich zu suchen Hat dich
eine Fee entführt Bist du unter Räubern gewesen Hast du eine geraubte
Prinzessin verteidigt und erlöst Denn bei Gott du siehst so der
Alltäglichkeit entrückt so völlig verabenteuert aus dass dir durchaus etwas
höchst Seltsames muss begegnet sein«
Leonhard war ziemlich verlegen und sein Lachen mit welchem er diese Fragen
beantwortete hatte etwas Erzwungenes Er war noch immer zerstreut sammelte
sich aber und erzählte dem Freunde dass er sich auf einem einfachen Spaziergange
im Walde verirrt dort ermüdet einige Zeit geschlafen habe nachher ganz betäubt
in eine falsche Richtung geraten und von Dornen und Gestrüpp so zerkratzt und
zerrissen worden sei Sie standen jetzt vor dem Eingange am Dorf der Seite
gegenüber wo der Garten lag man hatte von hier den Blick auf die Hauptfaçade
des Schlosses Der Baron sah seinen Freund mit scharf prüfendem fast
misstrauischem Blicke an den Leonhard nicht zu ertragen vermochte »Setze dich
hier in den Schatten dieser Linde« sagte Elsheim dann »wir wollen es noch
dämmernder werden lassen damit dich dort oben nicht alle Welt examiniert dann
kleidest du dich um und holst an der Abendtafel wieder ein was du am Mittag
versäumt hast Auch bin ich selbst müde genug um gern in diesem duftenden
Schatten auszuruhen«
Sie setzten sich und hatten jetzt abseits von der Landstraße und ziemlich
verborgen die Aussicht auf diese sowie auf das Schloss »Du wirst es mir nicht
ausreden« fing Elsheim wieder an »dass dir heut nicht etwas Außerordentliches
begegnet wäre denn so ganz träumerisch und verstimmt habe ich dich noch niemals
gesehen Du willst mich aber nicht zu deinem Vertrauten machen Und vielleicht
wäre es doch gut und möglich dass es dir manchen Kampf ersparte«
»Du quälst mich Freund« rief Leonhard aus »und ganz ohne Not denn mir
ist wahrlich nichts widerfahren das nur des Erwähnens würdig wäre«
»Verschlossenheit und gegen den Freund« sagte Elsheim wieder »ist
himmelweit von Diskretion verschieden Ich habe viel in dieser Zeit über deine
weise Theorie nachdenken müssen die du mir so schön unterwegs entwickeltest
von der geraden und krummen Linie Die Sache verdient gewiss bedacht zu werden
Suche nur die krumme Linie künstlich wieder zurechtzuführen wenn auch freilich
so mancher Schnörkel und willkürliche Ausbeugung und Schwankung sich nicht in
Regel und Zahlenverhältnis auflösen lässt«
Leonhard wollte verdrießlich werden und in seiner sonderbaren Stimmung
erschien es ihm fast als wenn sein Freund Händel an ihm suche Er wollte
antworten aber seine Aufmerksamkeit sowie die des Freundes wurde auf das
große und ansehnliche Gasthaus des Dorfes gelenkt vor welchem jetzt ein
eleganter Reisewagen hielt aus welchem zwei Männer stiegen Sie sprachen mit
dem Kutscher und dem Wirt der Schenke schüttelten lachend ihre Kleider zurecht
und kamen dann Arm in Arm die breite Landstraße herauf anscheinend um das
Schloss in der Dämmerung welche bereits einbrach in Augenschein zu nehmen Als
sie näher kamen hörten die Freunde wie einer von beiden mit überaus
wohlklingender voller Stimme sagte »Ja wohl ist es besser sich nach dem langen
Fahren erst die Füße etwas zu vertreten als gleich dort in der Schenke Platz zu
nehmen die freilich für eine Dorfherberge reputierlich genug aussieht«
»Aber halt« rief der andere indem sie jetzt der Bank unter der Linde ganz
nahe gekommen waren » sieh Freund von hier nimmt sich das Schloss am besten
aus Es kann nicht so ganz neu sein denn es ist noch in einem guten Stil
gebaut«
»Ja wohl« sagte der erste »es ist so vollständig solide und würdig Das
Verhältnis der Fenster zu den Mauern grenzt noch nicht an unsere Treib und
Sommerhäuser«
»Und der Giebel« rief der zweite »so stark und vorragend die beiden
viereckigen Türme an den beiden Seiten die gewiss auch zu Treppen dienen der
große breite Eingang in dem die Tür doch nicht zu hoch ist alles sieht so
sicher aus Das Tor für die Einfahrt der Equipagen ist gewiss auf der andern
Seite im eigentlichen Hofe«
Und mit diesem fuhr der erste fort »muss dann unmittelbar der Garten
verbunden sein wenn Verstand in der Sache sein soll«
»Nein« sagte jener »sieh noch verständiger ist der Eingang zum Garten
gleich rechts vom Hause wenn mein scharfes Auge mich nicht trügt Das
Wichtigste aber Kamerad ist dass das ganze Haus mit seinem Apparat so
aussieht als wenn dort hinter den Fenstern und Mauern etwas recht Wunderbares
Apartes und Närrisches vorgehen müsste nicht wahr Freund«
»Du hast recht Bruder« sagte der erste lachend »wie habe ich das nur
übersehen können Es quillt ja aus allen Wänden und duftet in der ganzen
Atmosphäre hier so als wäre der Steinklumpen bloß deswegen so hübsch und
reputierlich ausgeführt worden damit Schnurren poetische Schwänke Albertäten
Konfusionen und Liebesgeschichten dort ausgesponnen würden Ja wohl flüstern die
schönen Linden dort am Schloss nicht vergeblich den Fenstern zu Und wenn die
verteufelten Nachtigallen erst so rechts und links schlagen um alle ihre
zackigen und kugligen Passagen abzuorgeln so muss die Verrückteit dort hinter
den Mauern wenn nur irgend junges Blut in den Stuben wohnt nicht zum
Aushalten viel weniger zum Haushalten sein«
Elsheim hatte die beiden Schwätzer schon erkannt und ging jetzt lachend auf
sie zu »Sein Sie mir gegrüßt meine Herren Musiker erinnern Sie sich meiner
noch aus jener kleinen Stadt in welcher Sie sich aus Mutwillen arretieren
ließ statt ein Konzert zu geben«
»Ei Baron« riefen die Fremden und umarmten lachend den schnell
Wiedererkannten »Dies Haus ist mein« fuhr Elsheim fort »und passt es irgend zu
Ihrem Geschäft und Ihrer Reiseabsicht mir ein paar Tage zu schenken so werden
Sie mich sehr glücklich machen«
»Wir sind so frei jetzt wie die Fliege in der Luft« sagte der Sänger »wir
kriechen also gern bei Ihnen unter«
»So werde ich Ordre geben« sagte Elsheim »dass Ihre Koffer nebst Ihrem
Wagen bei mir untergebracht werden nur ist mein Haus sehr überfüllt und es
frägt sich daher ob es Ihnen nicht zuwider sei beide ein einziges großes
Zimmer mit einem geräumigen Alkoven zu bewohnen«
»Nicht im mindesten« antwortete der Klavierspieler »denn das sind wir
gewohnt Wenn zwei vertraute Freunde im fremden Hause beisammen sind so ist das
der Einsamkeit die oft lästig werden kann sehr vorzuziehen«
Die beiden Fremden begleiteten Elsheim und Leonhard sogleich in das Schloss
Dieser eilte auf sein Zimmer kleidete sich schnell um und kam dann zum
Abendessen in den Saal zurück
Hier waren die fremden Musiker schon wie einheimisch sie sprachen mit
jedem am meisten jedoch mit Emmrich dem sie schon seit früheren Jahren bekannt
waren Als man sich an der Tafel ordnete gelang es Leonhard nicht neben
Charlotten seinen Platz zu finden sie vermied ihn beinahe auffallend und es
schien ihm als wenn sie überhaupt kalt und fremd gegen ihn sei Er kam also in
die Nähe Elsheims und Albertinens und sah es nicht ohne Eifersucht wie
freundlich Charlotte mit dem neu angekommenen Sänger sprach Dadurch verstimmt
unterhielt er sich um so eifriger mit Albertinen die ihn gern anzuhören schien
Elsheim war sehr vergnügt über die eingefangenen Virtuosen und sagte zu
Emmrich »Erst jetzt fällt es mir bei wie wenig ich bei meinen
leidenschaftlichen Teaterversuchen meiner guten Mutter und ihres Enthusiasmus
für die Musik gedachte Wie wird sie sich freuen wenn sie wiederkommt und wir
ihr Konzerte geben vielleicht gar Belmont und Konstanze teilweise oder ganz
aufführen können Dann erst wird sie mit unserm Teaterbau ganz zufrieden sein«
Man machte schon allerhand Projekte und Leonhard stand zwar gesättigt und
gestärkt vom Tische auf dennoch fühlte er dass er der Ruhe bedürfe um im
Schlaf wo möglich alles das zu vergessen was er an diesem Tage erlebt hatte
Fünfter Abschnitt
Die alte Baronesse war wieder eingetroffen und heiterer als es der Sohn
erwartet hatte Sie hatte in der Residenz fröhliche Tage verlebt und ihre
Begleiter und Verwandten mussten dort auch ihre Klagen über die eingebildete
Beleidigung aufgeben da sie auf Erkundigung von allen Seiten vernahmen dass
Goethe ein vornehmer Mann und großer Dichter sei Sie nahm es also mit
Heiterkeit auf als ihr Sohn ihr sagte dass er auf morgen zu ihrem Geburtstage
ein Lustspiel von Shakspeare aufführen würde
Emmrich hatte das Kostüm so angeordnet dass es geschmackvoll war ohne
irgend auf Gelehrsamkeit oder Genauigkeit Anspruch zu machen Er hatte sich
schon früher ungefähr so geäußert »Der Dichter hat diesmal nicht wie so oft
die Szene nach Italien gelegt Italien galt ihm und den Zeitgenossen auch nur
für ein Land der Poesie und Abenteuer Die vielen kleinen sich ungleichen
Staaten dort die Welt von Novellen die die Engländer sehr genau kannten die
vielen Reisen dahin hatten ihnen Florenz Mailand Venedig und Verona sowie
andere Städte und ihre Namen sehr geläufig gemacht In diesem poetischen Scherz
von Zufällen und Seltsamkeiten aber wollte der Dichter die Sache noch weiter ab
in eine fast unbekannte Region verlegen Wollten wir nun die Bücher
nachschlagen oder aus älteren Gemälden die Trachten jener Illyrier uns
versinnlichen so könnte man in Gefahr geraten dass unser verliebter
feingebildeter Fürst unserem Auge als ein Spassmacher oder komischer Charakter
erschiene dessen Anzug uns zum Lachen stimmte Der dramatische Dichter
vorzüglich im Lustspiel kann nur Kraft gewinnen und die Zuschauer täuschen und
überzeugen wenn er Anspielungen Sitten und Gesinnungen aus seiner Zeit nimmt
Dies haben die Engländer vorzüglich Shakespeare immer beobachtet Denn dem so
ist so könnte leicht die Poesie mit dem sogenannten Kostüm im Widerspruch
stehen und in Krieg geraten Es ist also besser eine allgemeine poetische
Kleidung anzunehmen die auf alle jene Zeiten und Stücke passt die sich in einem
dichterischen Elemente bewegen«
Man hatte also die hergebrachte ältere italienische Tracht angenommen Der
Herzog ging in weißen Unterkleidern und in saffrangelbem seidenem Mantel
Malvolio schwarz Tobias mit einem roten Mantel und Andreas ledergelb Viola
ohne Mantel in einem kurzen himmelblauen unter den Knieen zusammenschlagenden
Überrock Krause sowie den Aufschlag an den Schultern weiß einen roten Gütel
eng um die Hüften in welchem ein feiner Degen hing Ebenso trug sich ihr
Bruder Olivia anfangs in Schleiern und in tiefer Trauer gegen das Ende des
Stücks in rosafarbnem Atlas
Der festliche Tag war nun erschienen Für die Mutter des Gutsherrn war
wieder ein eigener Sessel vorn ziemlich nahe an die Bühne hingestellt welche
etwa nur um drei Fuß erhöht war Die Dienstleute und Dorfbewohner waren wieder
zugegen auch die Gerichtshalter und einige Justizpersonen sowie verschiedene
Beamte und Verwalter aus der Umgegend hatten sich eingefunden Die Baronesse war
anfangs überrascht dass der Saal anders eingerichtet und das Theater in die
Länge verlegt war Die Bühne selbst machte einen angenehmen und heitern
Eindruck und kündigte ersichtlich an dass sie zu einer Festlichkeit bestimmt
sei Der obere Balcon oder Altan wurde von den freistehenden Säulen getragen
deren ionische Kapitäler zierlich vergoldet waren Unten war die kleinere
Innenbühne mit rotseidenem Vorhang verdeckt Auch die Treppen waren mit farbigen
Decken verkleidet so dass die Bühne an sich selbst sein konnte was man wollte
Und wo spielt denn diese erste Szene im Original Im Zimmer Saal Vorhof Die
Bühne um sich nicht zu oft in poetischen Werken zu widersprechen müsste eben
fast immer nichts als die Bühne sein wollen ohne dass ihr der Zuschauer die
Rechenschaft abforderte welchen zufälligen Raum sie eben darstelle So war es
bei den früheren Engländern eigentlich auch bei den Franzosen zu Korneilles und
Molières Zeiten Selbst im Holberg finden wir noch diese unbestimmte
Allgemeinheit
Als sich die Zuschauer geordnet hatten und die Ruhe hergestellt worden
vernahm man einen Tusch von Trompeten und Pauken Er erscholl von dem oberen
Altan wo man viele Musiker in heiterer und bunter Tracht versammelt sah Eine
allgemeine feierliche Stille folgte dem Trompetengeschmetter Alsbald trat aus
der Gruppe der fremde Sänger festlich geschmückt hervor und sprach einen Prolog
den Elsheim gedichtet hatte in welchem der Mutter Glück gewünscht wurde dass
dies Spiel sie erheitern möge und wie sie es ebenfalls nehmen dürfe für was
sie wolle wie der Titel sage dass sie aber nicht verkennen solle wie sehr
nächst ihrem Sohne alle Verwandte Freunde Bekannte und Untertanen sie liebten
und verehrten Nun trat im Schmuck seiner Rolle Elsheim vor nebst der Tante
Charlotte Albertine und Dorotea und von der Musik begleitet sangen sie ein
glückwünschendes Chor bei dessen Schluss sie sich alle gegen die Baronesse
verneigten Die alte Frau war von dieser Aufmerksamkeit ebenso gerührt als
erfreut Hierauf zogen sich die Schauspieler zurück und die Tante trat unten
zur Tür des Saales herein um ihren Sessel neben der Baronesse als Zuschauerin
einzunehmen
Sodann führten die Musiker oben auf dem Balcon unter der Direktion des
fremden Virtuosen die Ouvertüre zu Belmont und Konstanze vortrefflich aus Auch
dies rührte die Mutter dass der Sohn ihr Lieblingswerk zur Einleitung spielen
ließ Als die Symphonie zu Ende war trat unten Elsheim auf von Pagen
begleitet denen einige Musiker folgten Auf verschiedenen BlaseInstrumenten
trugen diese zart und lieblich die Introduktion zu der Arie des Belmont vor
»Hier werd ich sie nun sehen« Diese Melodie phantasierte süß und sehnsüchtig
eine geraume Zeit wurde auf den Wunsch des Herzogs noch einmal wiederholt und
dann plötzlich von seiner Ungeduld unterbrochen In den kurzen Pausen der Musik
war es von sehr guter Wirkung dass oben ein Waldhorn der unten gespielten
Melodie wie ein Echo antwortete Als der Herzog mit seinem Gefolge abgegangen
war zog sich der rote Vorhang unten von der kleineren Bühne zurück und man
erblickte drinnen im beschränkten Rahmen ein Bild das eine Aussicht auf Feld
und See gab klar und täuschend von Lampen erleuchtet die seitwärts und
unsichtbar in der Tiefe angebracht waren Aus dieser inneren Bühne trat nun
Viola mit dem Kapitain des Schiffes die drei Stufen hinunter und sprach vom
Lande wo sie sich befanden die Art wie sie nach dem jungen Fürsten fragte
von dem sie schon im voraus wusste dass er noch unvermählt sei ließ es merken
dass sie irgendeinen Plan auf ihn und seine Geliebte habe Wie sie abgehen zieht
sich der Vorhang der kleineren Bühne wieder zu und in irgendeinem Zimmer oder
Saal treffen Tobias und die kleine Maria zusammen Andreas Fieberwange tritt zu
ihnen und die erste der komischen Szenen entwickelt sich Dass Dorotea dieses
schnippische und witzige Mädchen gut spielen würde hatten alle erwartet aber
die Mitspieler auf der Bühne und am meisten Elsheim erstaunten mit welcher
Haltung und sicherm Humor Mannlich und Graf Bitterfeld ihre komischen Charaktere
anlegten und auszuführen verhiessen Wenn Andreas fragt Was ist pourquoi so
bedeutet das nicht dass er ganz unwissend sei denn er spricht späterhin einige
Worte französisch ganz richtig sondern er will nur sagen Was meint ihr
weshalb sagt ihr jetzt noch pourquoi Alles dies wurde so herzlich albern und
mit so süßer bescheidener Anmassung gespielt und gesprochen dass sich Eslheim
gestehen musste dass er erst jetzt so ausgeführt diese Person und ihre Späße
ganz verstehe
Nun erschien Viola höchst reizend in ihrer männlichen Tracht Sie wird zur
Olivia als Liebesunterhändler gesendet Dort im Hause tritt nun die kleine Maria
auf und neckt sich mit dem Narren des Hauses Nach der Anweisung Emmrichs war
dieser in lange dicht anschliessende Pantalons von streifigem Zeuge gekleidet
ebenso bunt war sein Wams über welches er einen ganz kurzen dünnen Mantel trug
von gelber Farbe Eine kleine eng anschliessende Kappe bedeckte seinen Kopf
doch ohne Schellen oder andere sonst gebräuchliche Abzeichen des privilegierten
Lustigmachers Um die Schulter hing eine kleine Trommel fast wie man sie den
Kindern schenkt um den Hals trug er an einer Schnur eine kleine Flöte oder ein
Flageolet und indem er eintrat rührte er die Trommel und spielte mit der
andern Hand eine Melodie auf seiner Pfeife Nun erschien nach einer kleinen
Szene Malvolio mit Olivien Emmrich zeigte seine Kunst und Übung in der
Darstellung dieses hochmütigen Murrkopfs und halb wahnsinnigen von sich selbst
berauschten Haushofmeisters Über die unbedeutenden Worte »Kammermädchen das
Fräulein ruft« mit denen er abgeht erhob sich ein lautes und allgemeines
Gelächter so komisch charakteristisch wusste er jedes auch das Unscheinbare
vorzutragen Viola als naseweiser übermütiger Page bezauberte alle und es
erschien natürlich dass sich Olivia in diese frische Keckheit die mit so
leuchtender Grazie umgossen war vergaffen durfte Es machte sich gut dass
unmittelbar nach ihr Sebastian in ganz ähnlichen Kleidern auftrat denn da keine
Verwandlungen nötig waren wurde das Stück in einem Zuge ohne Unterbrechung
gespielt Der junge Kadet war der verkleideten Schwester in Gesicht Wuchs
Betragen und Stimme so ähnlich dass eine Verwechselung beider gar nicht
unnatürlich erschien Man hatte wieder die innere Bühne geöffnet und die
frühere Aussicht auf Feld und Meer zeigte sich von neuem
Die kleine Zwischenszene in welcher dieser Vorhang sich wieder zuzog
diente dazu Tische und Stühle während des Gespräches hinter diesen zu stellen
und auf diese Sessel setzten sich Tobias und Andreas sogleich indem sie die
drei Stufen hinaufstiegen und waren nun mit dem Narren der zu ihnen trat wie
in einem behaglichen Zimmer Diese Hauptszene der tobenden Verwirrung wurde mit
ausserdordentlichem Humor durchgeführt Das tolle Lied welches der Narr singt
hatte der Virtuos für die schöne Stimme des Verwalters gesetzt und es machte
wieder einen guten Effekt wenn in den Pausen zwei Waldhörner oben auf dem
Balcon die Melodie wie ein Echo nachtönen ließ Als aber der schreiende Kanon
von den drei Toren mit brüllenden Stimmen gesungen wurde fiel von Zeit zu Zeit
die vollständige Musik oben auf dem Balcon ein und vermehrte so den Lärm
wunderlich von der Trommel und Pfeife des Narren begleitet und erhöht Drauf
Malvolio feierlich die drei Stufen hinanschreitend und die Lärmer scheltend
die ihn aber verhöhnen Wieder wird ihm entgegengesungen und die Tollheit
steigert sich immer mehr bis Malvolio wütend und gekränkt die aberwitzige
Gesellschaft verlässt über welche sein erhabener Zorn und seine falsche Majestät
nichts vermögen Es war sehr lächerlich mit welcher Feierlichkeit in
unterdrückter Wut dieser Malvolio die drei Stufen hinabschritt und sich noch
einmal nur mit halbem Blicke umsah bis sein Profil das in seinem steifen Ernst
Verachtung ausdrücken sollte vorn im Seiteneingang verschwand
Dieser Szene tollen Übermuts und wilden Lärmens folgt die zart poetische
zwischen dem Herzog und der verliebten Viola die in zweideutigen Worten die
der Fürst nicht fasst diesem ihre Liebe bekennt Die Vergänglichkeit der
Schönheit wird in wenigen Worten beklagt und wie Viola die schnell schwindende
Rosenblüte der Jungfrauen bestätigt schien sie bei den Worten
So sind sie auch Ach muss ihr Los so sein
Zu sterben grad im herrlichsten Gedeihn
ihre Tränen nicht zurückhalten können Den mutwilligsten Kontrast bildet jetzt
der Narr der eben erst seinen Kumpanen verrückte Liedchen gesungen hat indem
er nun im Gegenteil mit schöner Stimme dem sehnsuchtkranken Herzoge ein
rührendes Gedicht vorträgt Der Verwalter Lenz hatte sich selbst dieses Gedicht
komponiert der fremde Virtuos verwarf aber diese Arbeit und setzte eine neue
einfache aber ergreifende Melodie zu diesem einzig schönen Klaggesange Man
hörte gleichsam den Sänger weinen der bedeutsame Rhythmus der eigentlich schon
für das feine Ohr und die gebildete Stimme die Melodie ausspricht war im
Wesentlichen beibehalten und der tiefsinnige Amphimacer in dem sich die
ersten Verse bewegen ließ den nahe liegenden Anapästen in »Lass mich frei«
ergreifend wechseln und gerade wirkte der Rhythmus dadurch so außerordentlich
dass weder Amphimacer noch Anapäst zu steif und regelrecht im Takt festgehalten
wurden sondern die biegsame Stimme sich wie zwischen beiden in den süßesten
Klagetönen schwärmend durchschmiegte Und dann der Übergang in Jamben und
Spondeen »Mit Rosmarin« »Treu hält es« war wie einer der aus Tränen und
Schluchzen sich zur Resignation oder erzwungenen Heiterkeit erheben will und in
diesem Aufschwung nur noch tieferen Schmerz ausdrückt In der zweiten Strophe
die nach derselben Melodie gesungen wurde ließ der verständige Lenz nach
Anweisung des Komponisten die Stimme mehr wie etwas ermüdet sinken und am
Schluss zog er die Töne und Verse verhallend so ineinander als wenn ihm keine
Sprache und kein Wort in der Erschöpfung der Trauer noch übrig oder möglich
wäre Dieses schöne Gedicht das Schlegel so meisterhaft und einfach übersetzt
hat sang Lenz ohne alle Begleitung nur am Beginn und in den Pausen klang oben
auf dem Balcon eine einsame Flöte nach und ganz fern und unsichtbar ein
gedämpftes Waldhorn Die Rührung war so stark dass alle Zuschauer weinten und
es war wie notwendig dass der Narr durch etwas Spaß diese starke Wirkung wieder
störte und den Hörer zerstreute auch um auf den schönen Schluss der Szene mit
Viola und dem Fürsten wieder hinüberzuleiten Wie schön sprach Albertine die
berühmte Stelle von der liebenden im Gram aufgelöseten Schwester Und als nun
der Herzog fragt »Starb deine Schwester denn an ihrer Liebe« war sie wie
verwirrt und fast in eigener Rührung gefangen ihr fällt der ertrunkene Bruder
ein und wieder beinahe weinend sagt sie nach einer kleinen Pause »Ich bin was
aus des Vaters Haus von Töchtern und auch von Brüdern blieb« und geht sich
selbst gewaltsam aufraffend mit scheinbarer Heiterkeit zu Olivien
Elsheim als er vom Theater zurücktrat war erstaunt den Professor Emmrich
der gleich wieder als Malvolio auftreten sollte in der tiefsten Rührung und in
Tränen zu finden »Noch nie« sagte er »habe ich die Kunst dieses Werkes das
Überirdische dieser Szene die ganz in Poesie Sehnsucht und Mutwillen getaucht
ist so empfunden wie heut Gelingt eine Darstellung eines so großen Kunstwerks
nur irgend so fördert sie Schönheiten deutlicher an das Licht die außerdem
auch dem Kenner von halbem Nebel verdeckt bleiben Ich kann mich kaum zu meiner
Hauptszene sammeln« Er musste sich Gewalt antun denn Maria war schon zu
Andreas Fabian und Tobias getreten der Brief wurde hingeworfen und die Männer
versteckten sich Schon beim Abgang des Herzogs war die innere kleine Bühne
wieder geöffnet zu dieser stiegen die Lauscher empor Die letzte Hinterwand der
kleineren Bühne war grün wie Gesträuch und Baum hier standen sie von den
freien Säulen verdeckt und noch mehr von einzelnem Gebüsch und dünnen Bäumchen
die sie selbst fast unvermerkt hinter den Säulen hervorziehen konnten Durch
diese Einrichtung war es nicht nur möglich dass sie gesehen wurden sooft ihr
Stichwort es erforderte sondern es tat auch eine sehr komische Wirkung wenn
die zornigen und lauernden Gesichter auf Augenblicke sich zeigten und dann
wieder hinter dem Grün verschwanden indessen etwas tiefer unten aber ihnen
nahe Malvolio gestikulierte und keinen Argwohn hegte dass man ihn in dieser
Nähe beobachtete In dieser Szene musste Emmrich seine Meisterschaft zeigen Den
Übermut und die verrückte Eitelkeit des ältlichen Mannes die bis an die Grenze
des Unmöglichen gesteigert wird wusste er so natürlich darzustellen der
zunehmende Aberwitz mit und nach dem Lesen des Briefes war so überzeugend dass
alle Zuschauer sich getäuscht dem behaglichsten Lachen überlassen konnten
Jetzt trat die Leidenschaft der schönen Olivia mehr heraus Andreas selbst
wird eifersüchtig und lässt sich von dem hänselnden Tobias bereden dem jungen
Cesario eine alberne Ausforderung zu senden So löst ein Scherz den andern ab
wenn der vorige seinem Verblühen nahe ist und das Lustspiel bleibt immer neu
und frisch Nun kommt Malvolio als beglückter Liebender in seiner neuen Tracht
Seine Vertraulichkeit sein Abspringen von grimassierter Freundlichkeit und
lachenden Liebesmienen zu grobem Ernst und Stolz seine Anspielungen auf den
Brief sein Übermut nachher gegen Tobias lassen ihn jetzt als ganz wahnwitzig
erscheinen Selbst Oliviens Reden enttäuschen ihn nicht als ihr Gemahl als
künftiger Herrscher legt er alles so unmöglich dies scheint zu seinem Vorteil
aus Die safrangelben Strümpfe zu der übrigens schwarzen Tracht vollenden das
Bild Die Kniegürtel kreuzweis gebunden waren nicht so wie wir es wohl auf
dem Kupferstich in der Shakespearegalerie sehen können wo der Törichte Bänder
oberhalb des Knies so auf dem Schenkel trägt wie sich wohl ehemals die Jockeis
zeigten sondern ein Kniegürtel mit Gold auf blauem Grunde hing fast vorn über
das Schienbein so steif und fest in Form eines wirklichen Kreuzes herab dass
durch diese Affektation die Erscheinung des Mannes noch abenteuerlicher wurde
Mit seiner Einsperrung geht seine eigentliche Rolle seine Tätigkeit zu Ende
Nun erfolgt aber das ergötzliche Duell und die Gefangennehmung Antonios Im
Kleide des Pfarrers nahm sich der Narr wieder sehr gut aus vorzüglich weil Lenz
die Gabe besaß den vorgeblichen Geistlichen mit ganz veränderter Stimme zu
sprechen und dann plötzlich in jenen Ton zurückzufallen den er als Narr
angenommen hatte
Gegen das Ende des Stücks erschien nun Olivia in dem roten seidenen
Prachtkleide alles entwickelte sich auch der misshandelte Malvolio trat noch
einmal im Schmuck der gelben Strümpfe auf und das Ganze schloss zur allgemeinen
Zufriedenheit
Als alle abgegangen waren hielt der Narr eine Art von Epilog er sang
nämlich jenes launige Lied spielte auf der Trommel und pfiff dazu indem er
auch einige komische Tänzersprünge nach jeder Strophe anbrachte nach der
Anweisung die ihm Emmrich gegeben um ganz dem Dichter seiner Art und Weise zu
seiner Zeit zu genügen
Elsheim Olivia und Albertine hatten sich in ihren Teaterkleidern sogleich
in das Parterre begeben um der alten sehr zufriedenen Baronesse ihre
Glückwünsche zu ihrem Geburtstage darzubringen auch Mannlich war den Damen
gefolgt um sich mit der gnädigen Frau wieder auszusöhnen die ihn auch sehr
freundlich empfing Jetzt zogen sich auf dem Theater jene Vorhänge zurück
welche die Treppen bedeckten und man sah alle Stufen mit Kindern besetzt
welche Genien vorstellen sollten Alle hatten Blumenkränze und bunte Girlanden
in den Händen und so schwebten sie herab stellten sich vorn auf die Bühne und
bildeten mit den Blumen den Namenszug der Baronesse Die größeren standen auf
den Stufen und trugen auf den Händen und Schultern die kleineren Kinder Jetzt
sprangen diese von den Schultern herunter die andern verließen die Stufen die
innere kleine Bühne war plötzlich frei und auf einem Altar prangte das
wohlgetroffene Bildnis der Besitzerin des Schlosses Genien umhängten das
Portrait mit grünen und farbigen Laub und BlumenGewinden Ein glückwünschender
Chor ließ sich bei einer sanften Musik vernehmen Indem alle noch mit gespannter
Aufmerksamkeit auf dieses unerwartete Schauspiel hinblickten öffnete sich der
Vorhang des höheren Balcons den man zugezogen hatte und dort zeigte sich im
glänzendsten Transparent der Name der Besitzerin und Rosen Sterne und
Blumengeflechte bewegten sich kreisend im buntesten und hellsten chinesischen
Feuer um die Namenszüge Auch hier standen Genien und diese verschiedenen
Kindergruppen auf der oberen und unteren inneren Bühne sowie die Gestalten auf
den Stufen seitwärts bildeten einen anmutigen Anblick da sie zierlich und mit
Geschmack geordnet waren Eine sanfte Musik erklang die verschiedenen Vorhänge
wurden wieder zugezogen und das ganze Schauspiel war beendigt und beschlossen
Elsheim fühlte sich dem Professor Emmrich und den übrigen Freunden
verpflichtet dass sie die Festlichkeit auf diese Weise ergänzend ihn selbst
mit diesem anmutigen Schauspiel überrascht hatten denn Emmrich hatte die Kinder
heimlich eingeübt und alles ohne des Barons Mitwissen veranstaltet Die
Baronesse war so vergnügt und zufrieden wie sie es seit Jahren nicht gewesen
war und wie der Mensch in der Regel in solcher Stimmung auch am
liebenswürdigsten ist so zeigte sich die alte Dame an diesem frohen Abend so
einnehmend wie der Sohn sie fast noch niemals gesehen hatte
Da die Aufführung dieser Komödie die so ganz außerhalb der Linie hergebrachter
Forderungen und Gewöhnungen liegt so außerordentlich gut gelungen war so
beschloss man sich recht bald diesen Genuss zu erneuern Elsheim der Emmrich im
Garten antraf sagte zu diesem »Ich kann noch von meinem Erstaunen darüber
nicht zurückkommen mit welcher Vortrefflichkeit Mannlich und der Graf ihre
Rollen gespielt haben Ich bekenne Sie hatten recht Professor ob ich gleich
die Richtigkeit Ihrer Ansicht der Anweisung die Sie den beiden Herren gaben
nichtsdestoweniger mehr und mehr bezweifeln möchte«
Emmrich lachte dann sagte er »Ich wundere mich dennoch Freund dass Sie
mich und meine Absicht nicht gleich verstanden haben Die beiden Männer waren
nur dadurch gute Komödianten dass sie einmal Gelegenheit hatten sich selbst
ohne es zu wissen und zu wollen ganz darzustellen Sie sind selbst so wie sie
jetzt gespielt haben was sie aber niemals eingestehen werden ja selbst nicht
einmal erfahren dürfen wenn es ein andermal wieder gelingen soll Glauben Sie
mir könnte man mit den wirklichen Komödianten zuweilen ein ähnliches Experiment
machen so würden wir uns zuzeiten vortrefflicher komischer Darstellungen zu
erfreuen haben Wie mancher bewunderte tragische Held würde einen Zettel in der
Sommernacht von Shakespeare meisterhaft geben wenn man ihm insinuieren dürfte
Vortrefflichster erobern Sie durch Ihre Talente diesem so lange verkannten
Manne seine Würde wieder Er ist ja ein großes ja einziges Talent wofür ihn
seine Genossen die Bürgersleute auch anerkennen Die Probe die er als Tyrann
deklamiert ist ja ein vortreffliches Gedicht und muss nun ebenso etwa wie Sie
schon sonst den Macbet oder Otto von Wittelsbach gespielt haben deklamiert und
gespielt werden Der schadenfrohe Puck ein bösartiger Kobold heftet diesem
Manne nachher einen Eselskopf an Soll dies etwas beweisen Soll der schlechte
Spaß wodurch man von je die größten Männer verunglimpft hat ein kritisches
Urteil enthalten Die zarte Titania beweist es ja dass sie trotz dieser
Entstellung seinen hohen Wert wohl zu schätzen weiß Nachher wird sein
herrliches großes Spiel vom Fürsten und den Aristokraten verlacht und bitter
getadelt Ist es nicht unbegreiflich dass hier noch niemals ein feiner Sinn die
wahre Meinung des großen Dichters geahndet oder gewittert hat Diese Lysander
und Demetrius die Hochmütigen die sich soeben im Walde noch wie Toren und
Rasende betragen haben diese haben wohl viel Ehre mitzusprechen Dass solche
Junker und Despoten den hohen Kunstwert eines Zettels nicht verstehen ist eben
sein größtes Lob Verschliessen diese doch in der Regel gegen alles Herrliche
Auge und Ohr Zweifeln Sie dennoch dass wenn sich der Held so bearbeiten
ließe und er diese Überzeugung in sich aufnähme er diesen Zettel nicht viel
besser und ergötzlicher als seinen Macbet und Otto spielen würde«
Elsheim sagte »Ja ich gestehe ich habe den Schalk in Ihnen nicht
erkannt«
»Einige Wahrheit« fuhr der Professor fort »ist aber auch außerdem in
dieser Übertreibung Denn selbst gute komische Schauspieler in Deutschland und
wie viel mehr in England verfehlen es darin dass sie zuviel tun Sie meinen
sie müssen sich zu dem Toren den sie abschildern sollen allzu tief
hinablassen Sie grimassieren sie kleiden sich zu einem Scheusal um sie
verstellen ihre Stimme und grunzen und näseln nun etwas daher indem sie jedes
Wort hervorheben den nächsten Spaß durch Augenwinken und Körperverdrehungen
ankündigen dass in ihrem Bilde kaum die Menschheit wiederzuerkennen ist Ich
habe über keinen Schauspieler noch so wie über unsern großen Schröder lachen
können und wie ließ er auch durch die lächerrlichste Figur sein edles Individuum
durchschimmern und erreichte das Höchste ebenso wie in seinem tragischen Spiel
immer mit wenigen Mitteln Freilich ist das Lachen viel verschiedener und
mannigfaltiger als das Weinen der Menschen Im Lachen verrät sich oft in der
Gesellschaft der Gemeine und Rohe der sich lange mit Glück maskieren konnte
Ich bin schon oft melancholisch geworden wenn ein ganzes Schauspielhaus kein
Ende des Gelächters finden konnte Es gibt viele Menschen besonders in den
höheren Ständen die nur über den Menschen lachen können und mögen den sie
zugleich verachten Für solche hat Shakespeare weder geschrieben noch Schröder
gespielt Aber wie gern geben sich so viele Schauspieler mit Freuden hin bis
unter die tiefste Staffel des Menschlichen hinabzusteigen um dieses für den
Gebildeten trostlose Gelächter zu erregen«
»Sehr wahr« sagte Elsheim »Diese Empfindungsweise hängt noch mit einer
andern sonderbaren Eitelkeit unserer Tage zusammen die ich fast an jedem
Menschen selbst gebildeten wahrgenommen habe Man gibt diesem und jenem
ausgezeichneten Talente gern zu dass es komische Sachen Charaktere und
Lustspiele gut zu lesen und vorzutragen verstehe aber nicht so in Ansehung des
Ernstaften Schönen Rührenden und Tragischen Selbst über Sie Freund habe
ich oft dergleichen Urteile gehört Die meisten wenn Sie eine Tragödie oder
die poetischen Szenen unsers Goethe oder Schiller lesen meinen im stillen
unser Freund tut zu wenig ist zu natürlich bleibt allzusehr in dem Ton der
Konversation und dergleichen mehr Je stümperhafter heulender und singender ein
solcher diese Gedichte vorträgt um so schärfer tadelt er Sie«
»Weil wie unser Mannlich« antwortete der Professor »die Leute glauben
der sogenannte Ernst und was sie Empfindung nennen müsse den Mund voll nehmen
und gleich damit anfangen sich von der Natur und Wahrheit loszureißen«
Man ging zur Gesellschaft und es ward beschlossen noch an diesem Abend die
heitere Vorstellung zu wiederholen Da die Baronesse mit dem Inhalt schon
bekannt war ward sie von dieser zweiten Aufführung noch mehr als von der
ersten ergötzt Es waren diesmal weniger Zuschauer zugegen und auch dieser
Umstand trug zur Heiterkeit der alten Dame bei weil sie sich das erste Mal
etwas befangen und bedrängt gefühlt hatte auch damals in Angst stand es möchte
wieder irgendeine Ungezogenheit vorfallen die der freigeistige Sohn etwa
billigen möchte Da man nun weder Prolog noch Epilog hatte so wurden zwei
Ruhepunkte im Stücke angebracht um beim Anfang und in den beiden Pausen einige
Musikstücke aufzuführen welche die Baronesse vorzüglich liebte Emmrich
behauptete zwar dass das Stück darunter leide weil diese flüchtige leichte
Handlung auch dadurch hinreisse dass der Zuschauer eben nicht zur Ruhe und
Besinnung komme doch gab er den Wünschen des jüngeren Freundes nach der seiner
Mutter gern ihre heitere Laune in welcher sie das Kunstwerk liebgewonnen hatte
erhalten wollte
Indem Antonio neben Olivien stand um wieder zum letztenmal aufzutreten sah
er wie sie ein Billet aus dem Busen zog das sie ihm heimlich zustecken wollte
Er griff danach aber so in Hast und übertriebener Eile dass er an Charlottens
Hand stieß und der Brief auf das Theater flog Elsheim als Herzog erstaunte
über diesen Vorfall und sah den Brief an und es schien fast als sollte die
Vorstellung jetzt einen Gegensatz zu dem Schreiben liefern welches Malvolio in
so seltsamer Begeisterung ablieset doch ließ Elsheim das Blatt liegen Antonio
trat heraus der Baron spielte zerstreut Olivia erschien und bevor sie noch
sprach nahm sie den Brief vom Boden auf und sendete dem verwirrten Leonhard
einen sprechenden vieldeutigen Blick zu So ging das Stück zu Ende Leonhard
fühlte sich beschämt Elsheim war zerstreut und nur Charlotte behielt eine so
ruhige Fassung als wenn gar nichts vorgefallen wäre Doch war es ihr nicht
möglich jenen Brief der Behörde an welche er gerichtet schien abzuliefern
denn Elsheim verfolgte sie mit so aufmerksamen Blicken dass Charlotte sich auf
ihr Zimmer zurückzog nachdem Leonhard gleich nach dem Schluss der Aufführung
seine Ruhestätte aufgesucht hatte
Am folgenden Tage wurde verabredet zum Ergötzen der Mutter ein großes
Konzert zu veranstalten in welchem außer den beiden fremden Virtuosen auch
alle diejenigen welche von der Gesellschaft musikalisch waren sich sollten
hören lassen Charlotte sang vortrefflich Elsheim angenehm und so gab man mit
Hilfe des Verwalters Lenz fast die wichtigsten und meisten Partien aus Belmonte
und Konstanze So wenig die alte Baronesse mit der neueren Poesie fortgeschritten
war so dass sie fast unwissend erscheinen konnte so sehr war sie in die
Kompositionen des großen Mozart verliebt weil sie diese gerade in ihrer frühen
lugend indem ihr Bewusstsein erwachte hatte kennenlernen Bei vielen Menschen
werden die Bildung ja selbst der Charakter und ihre Vorliebe und Vorurteile
auf die ganze Lebenszeit durch solche Zufälligkeiten begründet
Die junge Witwe des verstorbenen Unterförsters ließ sich an diesem Tage bei
Elsheim melden Da sich die beiden Leute schon seit frühester Jugend gekannt
hatten so nahm sich die noch hübsche Frau manches bei dem jungen Gutsherrn
heraus was sie sonst wohl bei einem älteren Herrn nicht gewagt haben würde Ihr
Anspruch war nichts geringeres als dass sie nun auch einmal irgendeine Rolle auf
dem freiherrlichen Theater zu spielen wünsche Elsheim war mit der Frau die so
dreist fast verwegen ihre seltsamen Wünsche vortrug in einiger Verlegenheit
Er suchte sie zu beschwichtigen und ihr das Ungehörige ihrer Forderung deutlich
zu machen aber alle seine Bemühungen waren umsonst denn sie war von ihrem
Talent so überzeugt dass sie meinte sie dürfe weder vor Charlotten noch
Albertinen zurückweichen deren Spiel sie gesehen hatte »Oh mein junger lieber
Herr« sagte sie »Sie scheinen es ganz vergessen zu haben wie früh wir schon
miteinander bekannt waren und wie freundlich Sie mir damals begegneten als ich
noch nicht mit meinem Manne verheiratet war Nachher kamen Sie freilich in
langer Zeit nicht zu uns und haben mich und uns alle hier ganz aus der Acht
gelassen In der Zeit ehe ich mich verheiratete bin ich ein Jahr in der nah
gelegenen Stadt gewesen bei einem sehr geschickten Fräulein die auch eine
Dichterin war Diese behandelte mich mehr wie eine Freundin als wie eine
Gesellschafterin und da habe ich oft helfen Komödie spielen Was denken Sie
Ich habe die Agnes Bernauer ich habe die Amalia in den Räubern mit Beifall
dargestellt auch die Orsina und bei manchem großen Kapitalstück habe ich
geholfen«
Elsheim war nicht gestimmt das Geschwätz länger anzuhören und
verabschiedete sie mit einem halben Versprechen bei dem nächsten theatralischen
Ereignis an sie und ihr Talent zu denken Und warum nicht sagte er nachher zu
sich selber es wird die Verwirrung in der wir uns befinden nur um weniges
erhöhen Wohin geraten wir alle Kann ich es mir noch leugnen dass ich von
Eifersucht gepeinigt werde dass mich gleich Blitzstrahlen Momente des Unmuts
ja fast des Hasses gegen meinen frühesten meinen innigsten Freund den
redlichsten aller Menschen schmerzlich durchzucken Freilich sollte er nicht so
schwach sein Aber bin ich denn stärker Und schwerlich nein gewiss nicht
schätzt er sie die uns entzweien könnte so gering als ich Glaubte ich doch
meiner so sicher zu sein als ich hieher kam und nun spielt mir ein
schadenfrohes Verhängnis so launenhaft mit dass ich da in Leidenschaft
entbrenne wo ich ja ich muss es so nennen wo ich verachte Man möchte an
die alten Sagen von Liebestränken glauben Dieses leidenschaftliche Gefühl ist
ein Zauber der zerrissen werden muss Aber wie auf dass er im Herzen und meinem
Leben nicht so verderblich reiße dass eine schmerzhafte Lücke bleibt Ist es
möglich dass die Leidenschaft um so stärker zu flammen vermag je weniger sie
von Achtung und Ehrfurcht genährt wird
Indem er diesen sonderbaren Gefühlen weiter nachzuträumen sich gezwungen
fühlte trat Emmrich in sein Zimmer Diese Störung war ihm lieb und unangenehm
zugleich denn seine Vorstellungen ängstigten ihn und doch fühlte er sich in
der Gesellschaft des verständigen Mannes verlegen weil es ihm unmöglich schien
jetzt seine Gedanken gehörig zu ordnen
»Schon seit einiger Zeit« begann Emmrich »ist es mir Bedürfnis ja es
erscheint mir als Pflicht mit Ihnen ernstaft über einen Gegenstand zu
sprechen der mir schwer auf dem Herzen liegt«
Elsheim war gespannt und überrascht ja fast über diese Einleitung
erschrocken Die Männer setzten sich und der ältere fuhr so fort »Glauben Sie
mir nur geliebter Freund ich habe mir selbst längst alles gesagt was Sie mir
erwidern oder was mir gar ein feindlich Gesinnter bitter entgegnen könnte Ich
sage mir selbst nämlich Was drängst du dich in diese Verhältnisse Wer fordert
dich dazu auf Verletzest du nicht vielleicht alle Delikatesse und ziehst dir
den Unwillen eines jungen Mannes zu den du hochachtest und der dir bis jetzt
immer Liebe bewiesen hat Kann ein freigelassenes Wort eine Enthüllung die bis
jetzt im Dunkel ruhte und nun an das Licht gerissen wird nicht Unheil stiften
Wenn man aber wie es mir geschieht von seinem Gewissen getrieben wird so
müssen alle diese feineren und kleineren Rücksichten zu Boden fallen«
Elsheim war durch diese Einleitung noch ängstlicher geworden und da jetzt
Emmrich seine Hand ergriff und sie zärtlich drückte dann mit dem Ausdruck
innigster Freundschaft den jungen Mann umarmte so steigerte sich dessen
Verlegenheit so sehr dass der Ausdruck derselben fast komisch wurde Emmrich
schien eine Ahndung davon zu haben denn er setzte sich plötzlich wieder nieder
und suchte nach Worten »Es sei« sagte er nach einer kleinen Pause »Sie
bemerken es also nicht oder wollen es vorsätzlich nicht sehen wie Sie eins der
edelsten Wesen zugrunde richten wie Sie die liebenswürdige Albertine
umbringen«
Elsheim sprang von seinem Sitze auf stand verwundert still und blickte
starr den Redenden an setzte sich dann wieder nieder und sagte endlich mit dem
Ausdruck der höchsten Verwunderung nichts weiter als »Wie«
»So ist es« fuhr Emmrich fort »Seit lange schon glaubte ich diese
Leidenschaft in dem edlen Wesen zu bemerken ich wollte aber früher meiner
Kenntnis des menschlichen Herzens nicht trauen bis mich nun unsere Aufführung
des Shakespeareschen Dramas auf das vollkommenste überzeugt und alle meine
Beobachtungen bestätigt hat«
»Albertine« rief Elsheim aus »Sie sagen mir da etwas das ich nimmermehr
glauben kann Wie diese Kalte Schweigsame immer Zurückgezogene sollte eines
Gefühls und gar für mich fähig sein Wenn Sie mir dergleichen von Charlotten
sagten könnte ich es vielleicht eher glauben«
»Von Charlotten« erwiderte Emmrich kalt »würde ich es nicht glauben und
wenn das Fräulein es mir selbst versicherte Wie wunderbar hat die Natur dieses
schöne Wesen mit Gaben und Reizen ausgestattet und bei diesen vielfachen
Geschenken das Herz vergessen ohne welches alle anderen Eigenschaften ihren
eigentlichen Kern verlieren Ich bin überzeugt diese gaukelnde Fee wird niemals
lieben können sie sucht ihr Glück darin alle Männer zu bezaubern und leichte
Abenteuer anzuknüpfen und zu lösen Leidenschaft zu erregen ist ihr Spiel sie
will aber keine fühlen So hat sie sich zur reizendsten und gefährlichsten
Kokette ausgebildet Sie hat in der Residenz schon wunderbare Abenteuer
durchgespielt und die verständige Tante bemerkt entweder alles nicht oder
sieht als eine kluge Frau durch die Finger wo sie nichts ändern kann
Vielleicht muss es solche Wesen geben und Charlotte entwickelt sich nur so
indem sie einer innern Notwendigkeit nachgibt aber zu bedauern ist es doch dass
diese schöne Erscheinung ohne Seele bleiben soll Dagegen Albertine welcher
Adel bei diesem Liebreiz Sie ist lauter Seele und Gemüt und in dieser reinsten
Unschuld und wahrhaft göttlichen Unbefangenheit voll des tiefsten Gefühls für
alles Schöne und Große Wem sich dieses Herz widmen kann der sollte sich wohl
so beseligt fühlen dass er sich den Göttern des Olymps gleich dünkte«
»Halten Sie inne« rief Elsheim »damit ich zu mir komme damit ich überlegen
kann wie das möglich sei was Sie mir da sagen oder Gründe und Worte finde um
Ihre irrige Meinung zu widerlegen Albertine«
»Ich muss mich über Ihre Verwunderung verwundern« antwortete Emmrich »und
zugleich das Schlimmste abbitten was ich von Ihnen dachte denn ich glaube Sie
wüssten um diese Neigung und verschmähten die Unglückliche absichtlich«
»Abgesehen von allem übrigen« fragte Elsheim »was verlangen Sie von mir«
»Was Sie leicht gewähren können und müssen« erwiderte der Professor »dass
Sie die Arme nicht verhöhnen ihr nicht geflissentlich mit kalter Grausamkeit
begegnen«
»Ach« rief Elsheim aus »mir ist das was Sie mir da eröffnen noch immer
so neu so überraschend dass ich daran zu glauben nicht vermag«
»Lassen Sie mich fortfahren da ich mich Ihnen einmal anvertraut habe«
sagte Emmrich »dass ich mit Albertinen niemals über diesen Gegenstand gesprochen
habe werden Sie mir ohne Versicherung glauben da Sie mich kennen Dass sie mir
Aufträge gegeben oder mir zuerst sich mitgeteilt haben sollte dem zu
widersprechen ist vollends überflüssig Seit lange war mir die Melancholie und
die abwechselnd erzwungene Heiterkeit des schönen Wesens aufgefallen Als ich
sie im Götz beobachtete wurde meine Vermutung zur Gewissheit Aber mit größtem
Schmerz fand ich im Lustspiel meine Überzeugung bestätigt Ich habe schon sonst
die Erfahrung gemacht dass ein schöner Tenor nur dadurch in seinen geistigsten
Tönen die Menschen bezauberte weil aus ihnen der Tod schon die bald entwickelte
Schwindsucht sang Oh mein Freund als Viola sprach die zarte Freundin so
weiche überirdische Töne in so himmlische Lieblichkeit getaucht und wie im
geistigen Äther hinklingend dass die Laute mir durch das Herz schnitten denn in
jedem klang ein Lebensjahr mit hinaus So hatte ihr Auge den überirdischen Glanz
eines verklärt Sterbenden Ja Freund sie geht zugrunde ihr Herz bricht und
Sie werden sich nachher den Vorwurf machen müssen dass Sie es verschuldet
haben«
Elsheim war nachdenkend geworden und sagte dann nach einer Pause »Und was
verlangen Sie nun dass ich tun soll«
»Nur weniges« erwiderte Emmrich »nur das was Ihnen die Urbanität von
selbst ohne meinen Rat vorschreibt Zeigen Sie der Armen nicht so
geflissentlich Ihre Geringschätzung Ihren Widerwillen Warum so plötzlich oft
im unschuldigsten Gespräch dieser höhnische Witz diese bitteren Bemerkungen
über die Schwächen der Weiber Sie sind gegen alle Menschen selbst gegen rohe
die es nicht verdienen sanft und mild dies zarte Wesen aber ist nur da damit
Sie an ihr den Übermut des Mannes üben und die giftigen Pfeile der
Geringschätzung und Verachtung schärfen Sie sind ein Mann aber wenn jemand
den Sie liebten Sie auf diese Weise behandelte Sie würden verzweifeln«
Elsheim fasste die Hand des älteren Freundes und sagte bewegt »Ich danke
Ihnen dass Sie mich mit dieser Offenheit auf meine Ungezogenheit aufmerksam
gemacht haben Ich bin vollkommen im Unrecht und weiß nichts zu meiner
Entschuldigung zu sagen als dass ich mein widerwärtiges Betragen bereue Es ist
nur zu wahr dass wir oft mit aller unserer vornehmen Kultur und Bildung mit der
wir uns brüsten roh ja selbst gemein werden können Sie ist mein Gast mir
verwandt und so ist mein Vergehen noch weniger zu verzeihen Ich werde mich
jetzt bestreben schonend und anständig ihr gegenüber zu erscheinen«
»Ich wusste« sagte Emmrich »dass Sie meine offenherzige Freundschaft so
aufnehmen würden Fügen Sie nun noch das ebenso Nötige hinzu in Gegenwart der
Kranken dieser Charlotte nicht so geflissentlich den Hof zu machen diese mit
Artigkeiten zu überschütten so eifrig um ihre Gunst zu werben als ob von
dieser das Glück Ihres Lebens abhinge«
»Freund« rief Elsheim bewegt aus »man ist und bleibt ein Tor und sollte
jeden Morgen an seinen Schützgeist ein ganz besonderes Gebet richten dass er uns
vor recht ausdrücklichen Dummheiten vor diesen wenigstens behüten möge Schon
seit anderthalb Jahren quält mich meine gute Mutter in ihren Briefen dass ich
heiraten soll und zwar diese ihre Albertine die sie für das Muster aller
weiblichen Wesen hält So trieb mich ein schadenfroher Dämon in den Widerspruch
hinein und ich konnte in meiner Einfalt gegen diese frommen Wünsche nur
widerspenstig sein indem ich ungezogen wurde Ich wollte meine Mutter nur
bescheiden sozusagen auf erlaubte Weise ärgern Albertinchen diese Gedanken
die meine redselige Mutter ihr gewiss schon eingeflößt hat aus dem Sinn bringen
und habe wie ein stümperhafter Komödiant statt Schröders feinen Klingsberg zu
meiner Beschämung einen ungehobelten Landjunker dargestellt Auch dieses
scheinbare Verliebtsein oder wie nenne ich es in die Olivia in diese allzu
geniale Charlotte war ja nur ursprünglich ein Spiel um meine Mutter
irrezuführen und die projektierte Heirat völlig scheitern zu machen Ich
handelte nur so in den Tag hinein weil ich nicht als Pedant einen feinen und
durchdachten Plan entwerfen wollte und darüber ist wie Sie mir jetzt
verkünden die Arme zum Opfer geworden Sei es nun aber mein Vorurteil oder
Eigensinn oder sei es eine wirkliche Antipathie unserer Naturen meinem Gefühl
ist diese Albertine und ihr Wesen und Treiben zuwider Darum war es mir auch
peinlich dass ich in unsern beiden Stücken so viel mit ihr verkehren musste Von
jetzt an aber werden Sie sehen dass ich in der Vernunft und den Gesetzen der
Lebensart Folge leiste durch mich soll mein Mühmchen nicht wieder gekränkt
werden«
Die Freunde trennten sich und Elsheim irrte gedankenvoll im Garten umher
Es ist uns nicht gegönnt dachte er bei sich so im Leichtsinn in welchem wir
uns so poetisch fühlen dahinzutaumeln Dies Gelüst wenn wir ihm nachgeben
wird vom Ernst des Lebens fast immer und oft zu hart gestraft Darum ist etwas
so Berauschendes und Entzückendes in der ersten Jugendblüte Jene ReiseMomente
Stunden und Tage wo ich unbekannt in einsamen Gegenden irrte und spielte alle
jene Scherze und vorübergehenden Figuren und Bekanntschaften jene Neckereien
halbe Liebe und Tollheiten könnt ihr denn niemals wiederkehren und nur in der
Erinnerung mich erfreuen Damals fiel es niemand ein mich wegen dieses Scherzes
oder jener Ausgelassenheit zur Rechenschaft zu ziehen jetzt muss ich mich
verantworten mein Betragen entschuldigen für die Folgen einstehen Freilich
bin ich auch älter geworden lebe nicht in der Fremde in einem Städtchen oder
Schloss das ich jetzt betrete und übermorgen verlasse sondern in meinem
angestammten Eigentum wo ich der verehrliche Gutsherr bin und für allen
Schaden der geschehen kann einstehen muss Und die anbrüchigen Herzen sind
leider nicht assekuriert und was in meinem Besitztum verlorengeht soll ich
bezahlen
»Tolle tolle Welt« rief er aus und setzte sich in jene abgelegene Laube
um recht ungestört mit den Menschen der Gesellschaft und ihren Einrichtungen
schmollen zu können Da hüpfte die kleine Dorotea vorbei und da Elsheim wusste
wie vertraut diese seit einiger Zeit mit Albertinen war so stand er auf ging
ihr entgegen und bat sie auf einige Zeit bei ihm zu verweilen weil er sie über
etwas das ihm sehr wichtig sei befragen wolle
»Mein liebes Mühmchen« fing er an »ich weiß dass Sie stets seit Jahren
schon für mich die freundlichsten Gesinnungen hegten Jetzt können Sie mich
wahrhaft glücklich machen wenn Sie einmal ganz aufrichtig gegen mich sind Aber
freimütig offenherzig Liebe müssen Sie gegen mich sein und ich schwöre
Ihnen was Sie mir demnächst anvertrauen werden soll in meiner Brust wie im
Grabe verschlossen bleiben«
Die kleine verständige Dorotea sah ihn misstrausich mit ihren klaren blauen
Augen an und sagte dann »Aber was verlangen Sie von mir liebster Vetter Sie
machen mir bange Alles was möglich ist will ich Ihnen beantworten«
»Möglich« sagte Elsheim freundlich und in seiner gewohnten Weise » ist
denn nicht alles Mögliche möglich Aber nicht bloß meinetwegen um mich zu
beruhigen oder zu warnen sollen Sie aufrichtig sein sondern hauptsächlich zum
Besten einer geliebten Freundin Und ich schwöre Ihnen dass Sie deren Wohl nur
dadurch fördern können wenn Sie jetzt ganz ohne Rückhalt sprechen Sind Sie
aber verschlossen und zweideutig so schreiben Sie sich künftig selbst alles
Unheil zu was aus diesem Betragen nur irgend entstehen kann«
Dorotea war bei diesen Beschwörungen ganz ernstaft geworden und sagte
jetzt fast gerührt »Nun so fragen Sie und soweit es nur irgend mein Gewissen
zulässt werde ich Ihnen wahrhaft antworten«
»Englische Kousine« rief Elsheim und fasste ihre Hände »ich kenne ja Ihr
Herz und Ihre treue Freundschaft Ich weiß für gewiss glauben Sie mir nur ich
habe die untrüglichsten Beweise und Nachrichten dass Albertine am Abgrund
steht und jetzt nahe daran ist durch eine unglückselige Leidenschaft
vernichtet zu werden Was können wir tun um diesem Elende vorzubeugen«
Dorotea senkte das Köpfchen spielte mit den Fingern auf dem steineren
Tisch sah lange vor sich nieder und blickte nach einer stummen Pause zu den
Augen des Barons ratlos und fragend hinauf »Woher wissen Sie dergleichen«
sagte sie dann mit schwankendem Ton
»Mein Kind« sagte Elsheim dringend »treten Sie nicht zurück stellen Sie
sich nicht unwissend sondern antworten Sie frei und frank als wenn Sie neben
Ihrem Beichtvater oder Ihrem Arzte säßen denn nur dadurch kann das Unglück
vermindert oder vielleicht kann ihm sogar ganz abgeholfen werden«
»Ach lieber Freund« sagte Dorotea tief seufzend und eine Träne trat in
das große klare Auge » die Sache ist leider wahr ich habe es zuerst bemerkt
und sie gewarnt aber ohne Erfolg Was können wir nun noch tun Durch
Entfernung dass er vielleicht bald abreiset dass er es nie erfährt das alles
ist vielleicht noch die einzige Hilfe das Rettungsmittel wenn auch ein
unzuverlässiges«
»So« sagte Elsheim erstaunt » ich dachte immer also er weiß es nicht«
»Gewiss nicht« antwortete Dorotea mit herzlicher Vertraulichkeit » wer
sollte es ihm gesagt haben Und ein Glück dass er es nicht selbst erraten hat
da sie in ihrer Natürlichkeit allzuwenig die Kunst versteht sich zu verstellen
Nein wenn er es auch nur ahndete wäre sein Betragen unverzeihlich Aber er ist
zu fein zu gut zu menschlich und edel um dergleichen vorsätzlich zu tun und
daraus ersehe ich eben deutlich dass er von den Seelenleiden der armen Albertine
auch nicht die kleinste Vermutung hat Nein er könnte nicht so geflissentlich
den Liebhaber der Charlotte spielen und dieser alle seine Aufmerksamkeit
widmen«
»Ja wohl« sagte Elsheim mit einiger Verwirrung »er ist immer noch zu gut
als dass er dergleichen aus schadenfroher Absicht tun könnte Der Sünder der
Sie Liebste kennen Sie ihn denn auch etwas näher Hat er Ihnen nicht
vielleicht schon den Hof gemacht«
»Nein« sagte Dorotea ganz ernstaft »denn ob ich ihn gleich sehr
liebenswürdig finde so habe ich doch weder Gelegenheit gehabt noch gesucht
ihn im Vertrauen zu sprechen«
»Aber er ist gefährlich nicht wahr« fuhr Elsheim fort
»Das sehe ich an meiner armen Freundin« erwiderte sie »denn wenn sie etwas
loben will sei es männliche Schönheit oder Liebenswürdigkeit oder Treue oder
ein Wesen dem man sein unbedingtes Zutrauen schenken könnte dem die Herzen
zufliegen müssten kurz wenn sie das Muster eines Mannes bezeichnen will so
nennt sie dieses seltene Wesen Leonhard«
»Leonhard« fuhr Elsheim ganz mechanisch aber doch überrascht heraus indem
er sich zwang sein Erstaunen zu verbergen und Dorotea war von ihrem
Gegenstande zu erfüllt um es zu vermerken dass Elsheim ein boshaftes Lächeln
nur mit Mühe unterdrückte »Leonhard« fuhr Elsheim nach einer Pause fort »ja
dieser junge gefährliche Mann den ich in aller Unschuld hieher gebracht habe
verdreht allen unseren Weibsleuten den schwachen Kopf Hätte ich das Elend nur
ahnden können das er hier anrichten würde so hätte ich ihn dort in seiner
Stadt gelassen diesen Verführer Denn sehen Sie liebste Doris das ist er im
eigentlichen Sinne so wacker er übrigens auch sein mag Wo er aber ein Mädchen
oder eine Frau betrügen kann wo er mit seiner Tugendmiene sie verderben mag da
ist er schlimmer als Don Juan Ja Liebste an diesem Felsenherzen ist unsere
Albertine völlig verloren und sie mag noch dem Himmel danken dass der Bösewicht
sich nicht um sie beworben hat denn da er so unwiderstehlich ist wie ihr es
alle selbst bekennt so wäre sie völlig zugrunde gerichtet Solche gefährliche
Menschen sollte man nicht im Lande dulden oder sie schon im siebenzehnten Jahre
verheiraten damit sie nur recht früh langweilige Ehemänner und unausstehliche
Hausväter würden Aber was würde auch dieses extreme Mittel eben fruchten Denn
dieser gottlose Bösewicht ist schon seit Jahren und zwar an eine sehr hübsche
junge Frau verheiratet aber dennoch macht er uns nun hier die ganze Provinz
rebellisch Sagen Sie selbst tugendhaftes Kindchen müssten die Gesetzgeber
nicht ganz neue unerhörte Strafen für dergleichen neumodige Waldfrevler
aussinnen«
Dorotea sah ihn groß an denn auf dieses Geschwätz war sie nach jener
feierlichen Einleitung nicht gefasst »Sie wollten helfen raten dem Unglück
vorbeugen« sagte sie endlich nachdem sie ihn lange betrachtet hatte »und nun
scheinen Sie doch nur rechte Schadenfreude zu empfinden und die Sache macht
Ihnen so kommt es mir vor mehr Spaß als dass Sie sie sich zu Herzen nehmen
sollten«
»Ja so« rief Elsheim aus »Sie haben ganz recht geliebtes Mühmchen ich
falle immer wieder so gerührt ich auch eigentlich bin in meinen leichtsinnigen
Ton Aber ernstaft gesprochen ich glaube dass die Zeit ganz nahe sein wird
in welcher der gefährliche Mensch wieder nach Hause reisen muss dann ist ja
hoffentlich der Zauber gebrochen Dorchen da Sie einmal in der aufrichtigen
Stimmung sind wie denkt denn Albertine von mir«
»Ganz so wie Sie es verdienen« versetzte Dorotea mit einem schnippischen
Ton »wenn von Leonhard die Rede ist werden Sie gewöhnlich auch genannt aber
nur des Kontrastes wegen Wie jener die höchste Liebenswürdigkeit des Mannes
ausdrückt so stellt sich in Ihnen alles dar was am männlichen Geschlechte
fatal und widerwärtig ist Sie sind das Ungewisse Leichtsinnige was kein
Vertrauen einflößen kann der zweideutige jesuitische Mensch der weder Liebe
sucht noch verdient der kurz der der Sie wirklich sind So erkennt Sie
Albertine und wenn Sie auch auf einen Augenblick hinterlistig mein Vertrauen
erschlichen haben so bereue ich doch diese Viertelstunde recht von Herzen«
Sie sprang auf und rannte davon Elsheim aber blieb auf der Gartenbank
sitzen und lachte so herzlich und so laut dass einige Freunde die ihn suchten
sich nach der Laube wandten so wie der Bediente der sich im Garten nach ihm
umgesehen hatte hereintrat um ihm Briefe zu überreichen
Die beiden fremden Musiker Mannlich und Leonhard traten mit dem Diener
zugleich in die geräumige Laube Elsheim legte die Briefe nachdem er sie
obenhin betrachtet hatte vor sich auf den Steintisch und sagte dann mit
lachender Miene »Meine Herren ist unter Ihnen vielleicht ein Menschenkenner«
»Menschenkenner« sagte der brünette Bassist »mich dünkt diese Sorte hat
man seit einigen Jahren ganz abgeschafft Vormals spukten sie in allen Komödien
und Romanen auch gab es wohl Menschen die wie die Viehhändler auf das
Gewerbe reisten um die verfeinerten und bessern Menschenraçen anzutreffen
allein seit man eingesehen hat dass der grobschürige Hammel auf die Dauer doch
der einträglichste ist hat man die Finte und Finesse wieder aufgegeben«
»Und man hat klug daran getan« sagte Elsheim lachend »denn niemals muss der
gute Landwirt zu oft und zu fein scheren wollen Ist nun das Blöken das man
beim Scheren vernimmt lauter Selbstgeständnis Bekenntnis und Anklage oder
Lästerung auf den Scherenden Nicht wahr der Anatom der die Menschen so
schlechtin aufschneidet dürfte sich eigentlich wohl für den gründlichsten
Menschenkenner ausgeben Und dann das sogenannte Herz«
»Ich meine« sagte der Klavierspieler »die Alten taten besser alle
Herzensempfindungen mehr in die Leber zu verlegen Sie ist eigentlich das
gekräftigte Leben wovon sie auch ihren Namen Leber hat das männliche R statt
des weiblichen N das spornklirrende Schwertwesen statt des sangreichen
minniglichen Herz ist zu sehr mit Erz Harz und Erde verwachsen um den
Inbegriff der Liebesgeheimnisse andeuten zu können wenn auch Schmerz und Scherz
da wieder hineinlaufen«
Mannlich sagte trocken und ernstaft »Ich habe mich immer für einen
Menschenkenner gehalten auch für einen Mann der das Herz besonders das
weibliche erforscht hat Es gibt auch gewiss nichts Interessanteres als sich
mit diesem Studium zu beschäftigen Das weibliche Gemüt ist vielleicht reicher
als das männliche aber dennoch leichter zu ergründen Hat man nur erst die
Physiognomie des Geistes erfasst so findet man leicht die Art und Weise der
Gemütsgaben der Regungen und was nur igend mit dem geheimnisvolleren Bau der
Seele zusammenhängt So zum Beispiel unsere reizende Freundin das Fräulein
Charlotte Ich kann mir denken dass sie manchem der sich auch einen Beobachter
nennt für ein Rätsel gelten mag wer es aber weghat dass ihr inneres Wesen
eigentlich das einer Nonne ist der versteht nun auch sogleich was sich
außerdem zu widersprechen scheint Darum nur ist es ihr möglich die Adelheid
und Olivia so schön und vollendet darzustellen weil ihr inneres Wesen reine
Religiosität ist und sie daher dasjenige was ihr am schärfsten am
widerwärtigsten entgegensteht am sichersten auffassen und am überzeugendsten
spielen und äußerlich hinstellen kann Diese feinen Seelen entfliehen gleichsam
zuzeiten sich selbst und in das feindlichste Element hinein um sich ihrer
ganzen Kraft Tugend und Reinheit von neuem bewusst zu werden Ach meine
Freunde das führt uns eigentlich dahin dass wir gegen manche Genien besonders
Musiker toleranter sein sollten die sich manchmal in ein scheinbar niedriges
Element zurückziehen mehr um sich auszuruhen als um zu genießen«
»Richtig« sagte der Bassist laut lachend »und das niedrigste tiefste
Element wird immer der Keller sein in welchem in vielen Städten die
Weinschenken und jene Italiener hausen die uns Austern Kaviar Lachs und
Seefische anbieten um uns an diesen Naturgewächsen zu zerstreuen Kennst du
die dunkeln Stufen die uns so lockend rufen Dahin dahin « so schloss mit
einem Gesang der Übermütige
»Nehmen Sie sich in acht« meine Herren sagte der Klavierspieler »dass Sie
nicht stolpern und fallen indem Sie zu diesem dunkeln erfreulichen Element
hinabsteigen Man muss schon wissen wie beim Denken wohin man gelangen will um
mit Sicherheit hinzukommen«
Indem hatte Elsheim die drei großen Briefe geöffnet sie mit dem Ausdruck
des Unwillens und Erstaunens überlesen und warf sie jetzt zornig hin indem er
ausrief »Das fehlte noch«
Leonhard fragte »Darf man vielleicht wissen lieber Freund was sie
enthalten«
»Oh« rief Elsheim »sie können laut gelesen werden und wenn du es willst
trage diesen ersten gleich selber vor«
Leonhard las » Übrigens verehrter Herr Baron «
»Eine sonderbare Anrede« sagte der Bassist
»Dennoch will ich mich mäßigen« las Leonhard
»Kurios« sagte der Komponist »nach welcher Logik stellt dieser
Briefsteller seine Gedanken Nun also«
»Dennoch will ich mich mäßigen indem ich wohl einsehe dass ich unrecht
habe Sollte das nicht der Fall sein so müsste ich mich freilich außerordentlich
schämen«
»Ich verstehe weder Vordersatz noch Schlussfolge« sagte Mannlich
Leonhard las »Zugegeben also dass wir Nachbaren und auch Gevattern sind
wie es bei jedem Zweifel das Kirchenbuch ausweisen wird so ist mein
dienstliches Ersuchen dergleichen geistliche und weltliche Verknüpfung nicht
weiter in Frage zu stellen sondern die Überzeugung von diesen wie größeren
Sachen dem anheimzustellen der alles nach seiner Weisheit nicht nur regiert
sondern auch reguliert«
Leonhard hielt inne um zu lachen »Das muss ein kurioser Menschenverstand
sein« bemerkte der Bassist
»Vielleicht« sagte der Musiker »ein so tiefsinniger Philosoph aus der
allerobersten Klasse dass unsere Einfalt ihn nur nicht begreift«
Leonhard las weiter »Und so hätte ich denn zwar fein aber doch deutlich
den Punkt berührt über welchen ich Klage zu führen Ursache habe«
»Wieso« sagte Mannlich »ich kapiere noch nichts von der ganzen Epistel«
Leonhard las »Denn wenn ich auch nur drei Söhne habe so brauchen die gewiss
die Bildung ebenso nötig als wenn es dreiunddreissig wären da die
Zahlenprogression sei sie geometrisch oder auch nur perspektivisch bei
Seelenverbesserung unmöglich in Anschlag kommen kann«
»Das ist eine unumstössliche Wahrheit« sagte der Sänger »und der Mann fängt
jetzt an klar zu werden«
Leonhard fuhr fort »So also praemissis praemittendis bin ich sehr
verwundert gewesen dass Ew Hochwohlgeboren obgleich Dieselben um vieles jünger
sind uns dennoch nicht zusammen oder einzeln oder in pleno eingeladen haben
weil es freilich nicht geschehen ist Es trug sich nicht zu und ich hoffe die
Erneuung einer neuen Verwirklichung wird um so bessere Früchte tragen da ich
jetzt in dieser Hinsicht nicht mehr der Unwissenheit beschuldigt werden kann da
es nämlich der Herr Baron alleweil und jetzund erfahren Christlich angesehen
wenn auch gar nicht nachbarlich wo sollen denn meine drei Jungen die nun alle
schon heiraten könnten Bildung herkriegen hier auf dem Lande wenn die höchsten
Potenzen und die allernatürlichste Nähe ihnen in der ausdrücklichsten
Möglichkeit ja selbst Wirklichkeit nicht gereicht werden Ist es zu verwundern
wenn sie dumm bleiben könnten Und wer hätte nachher die Verantwortung dieser
wie so mancher andern Dummheit auf sich als mein Herr Baron Nein der Löwe
kann wohl einmal eine Maus aus ihrem Netze beißen bitte darum die hochmögende
Nachbarschaft sich nicht zu Feinden zu machen wie wir gewiss alle in obszöne und
stupröse Gehässigkeit uns verwandeln müssten trotz den Emanzipationen eines
bessern Gewissens Spielen Sie also wieder ein Trauerstück so darf ich hoffen
mit meiner Familie in dieses wie in Ihr Wohlgefallen abendlich oder nächtlich
eintreten zu dürfen Sans rancune übrigens und sans adieu das heißt in
Hoffnung und Erwartung dass uns der Herr Gevatter zum nächsten Theater
menschenfreundlich invitieren wird beharre ich ungeachtet meiner zu
vernachlässigenden aber alsdann schon vergesslichen Obliegenheit
Meines hochgeehrten Herrn Barons ergebenster Diener Baron Bellmann und zugleich
seine Söhne nämlich alle drei«
Man lachte über diesen kauderwelschen Brief und Elsheim sagte »Was hätte
dieser Mann nun nebst seinen drei Söhnen mit unserm DreiKönigsAbend anfangen
sollen Und er wird wüten wie er hier zu verstehen gibt wenn er nicht
nächstens eingeladen wird Und sollten wir selbst niemals wieder spielen wird
er doch seinen Zorn nicht aufgeben«
»Ist es erlaubt« sagte der Sänger »den zweiten Brief vorzutragen der
vielleicht von demselben Inhalt und ähnlicher Weisheit ist« Und schon hatte er
das Blatt aufgeschlagen und las
»Hochverehrter insonders tief bewunderter
Herr Nachbar und Baron
Wohl weiß ich es und mein Schicksal hat mich insoweit gehörig unterrichtet dass
ich es nur verdiene auf dem Boden zu kriechen vor jedem den das Schicksal und
eine gütige aber doch etwas parteiische Vorsehung in Geistesgaben Witz
Beredsamkeit und Bildung höher gestellt hat als mich die demütige Magd die
auch in dieser Züchtigung die Hand des Himmels erkennt und da nur anbetet wo
mancher andere grollen möchte Doch auch hierin zeichnet sich der Edle aus wenn
er sich göttlicher beträgt als der gewöhnliche Mensch So war mein Vorsatz
demgemäss ich auch jetzt handeln wollte und deshalb schwieg ich und duldete
still und noch mehr meine Töchter die als stille Witwen und Matronen bei mir
leben Alles erträgt der Mensch der wie ich an Leiden und Zurücksetzung
gewöhnt ist nur nicht wenn man sein liebendes schwärmendes Herz mit Füßen
tritt und vernichtet und dieses haben Sie gegenwärtig getan Herr Baron
weshalb sich der Wurm nun auch im Staube krümmt und gleichsam wimmert Nein
Hochgeehrter wo die Musen singen wo überirdische geistige Genüsse ausgespendet
werden da darf ich auch wohl hoffen wie der gemeinste Mann beim Krönungsfeste
in Frankfurt von dem öffentlich aussprudelnden Wein und dem gebratenen Ochsen
etwas zu erhalten So denkt auch meine dritte Tochter die von ihrem Manne
geschiedene und verwaisete Welchen Trost gewährt die edle Dichtkunst allen
Frauen die sich in dergleichen Drangsal und Misshelligkeit befinden Sie
verschließen uns aber den Durstenden diesen Quell doch hoffentlich eröffnen
Sie denselben als ein Moses in der Wüste bei der nächsten Aufführung dass ich
mit den drei Töchtern den lechzenden Gaumen erquicken kann Unangesehen den
großen Genuss werden Sie uns auch zu der gerührtesten Dankbarkeit verpflichten
denn es wäre zu traurig wenn wir uns gegenseitig als Feinde betrachten sollten
die sich doch immer schaden können mehr oder minder So erharrend dass uns ein
günstiges Los und keine Niete fallen wird verbleibe ich usw «
»Es ist zu toll« sagte Mannlich »dass sich diese Menschen in unsern
gebildeten Zirkel drängen wollen und Kunstwerke genießen da sie doch alles
Kunstsinns gänzlich entbehren Soll ich dir nun auch noch diesen dritten Brief
vorlesen«
»Meinetwegen« sagte Elsheim verdrießlich »weiß ich doch schon was er
enthält«
Mannlich las »Donnerwetter Herr Nachbar Ich habe Sie erst neulich auf die
Sauenjagd so freundlich und pflichtschuldigst eingeladen aber Sie sind nicht
gekommen weil Sie vielleicht an Sauen und mir und der Jagd kein Interesse
haben Sie jagen lieber als Komödiant und jeder so sage ich nach seinem
Geschmack Aber das Dings mit den Zigeunern und dem lahmen Kerl wovon mir der
verrückte Schulmeister erzählt hat hätte ich doch gar zu gern mit angesehen
Und mein Freund der Oberforstmeister Retzer der diesen Sommer bei mir wohnt
ist ganz des Teufels darüber dass man uns nicht gebeten hat Der alte Amtmann
aus dem Fränkischen drüben der auch jetzt bei mir hauset hat auch die Ansicht
dass es Ihre Schuldigkeit als Nachbar und Freund gewesen wäre uns einzuladen
denn es sieht doch meiner Seele geradeso aus als wenn Sie uns alle recht mit
Vorsatz hätten vor den Kopf stoßen wollen was wir wie sich von selbst
versteht nicht vertragen können und wollen und Sie wissen wohl selbst was
sich Nachbaren schikanieren und einander dämpfen und Knüppel in den Weg legen
können wenn sie erst einmal auf dergleichen ausgehen denn Wurst wider Wurst
sagt der Deutsche und Ohrfeige um Ohrfeige Zahn um Zahn Also nicht wahr
Männchen bei der nächsten Komödianterei laden Sie uns ein uns Männer die wir
doch wahrhaftig auch nicht hinter dem Zaun aufgewachsen sind und einem jeden
wenn es not tut die Zähne weisen können Also eingeschlagen und damit guten
Tag und guten Weg und auf erneute getreue Nachbarschaft Ihr Wohlsein das wir
drei hier um den Tisch eben cordialiter trinken wollen als
Ihre wohlgesinnten Freunde Freiherr von Dülmen im Namen der übrigen«
»Das klingt fast« sagte der Musiker lachend »wie eine Ausforderung«
»Ja wohl« sagte der Sänger »und dabei erinnert mich der Ton des Briefes an
die trefflichen Bücher unsers verehrten Cramer nach welchem dieser kriegerische
Freiherr wahrscheinlich seine Schreibart gebildet hat«
»Ich weiß nicht was ich anfangen soll« sagte Elsheim ganz verstimmt »da
drängen sich neue ganz widerwärtige Figuren auf und lassen sich nicht abweisen
Unsere Diener und Bauern haben mich nicht gestört aber diese würden mir jede
Laune nehmen denn immer erfordert die Aufführung eines poestischen Scherzes
Vertrauen sonst erscheint man sich selbst in den bunten Jacken als gedungener
und missglückter Harlekin«
»Ja wohl« sagte Mannlich seufzend »erst zwang unserm heitern Spiel die
gute Baronesse fast verschimmelte überbildete Menschen auf die aus einer
längst vergessenen Zeit noch herüberschielten wie Revenants nun drängen sich
umgekehrt ganz Rohe und Ungebildete in unsern Zirkel Das muss notwendig ein
allgemeines Missbehagen hervorbringen«
»Man sollte ihnen« sagte der Sänger »den Tasso von Goethe aufführen und
sie würden glaub ich hinfallen wie die Fliegen im Spätherbst ich wette sie
kämen niemals wieder selbst wenn sie eingeladen würden«
»Oder man improvisierte« fuhr der Musiker fort »ein fürchterliches
tobendes Melodrama wo alle Instrumente losgelassen würden und man eigentlich
im Charivari nichts vernähme Man könnte ja alle Mitspielenden die aber nur
Unsinn aus sich selbst sprächen umkommen lassen Es würde erbaulich genug
ausfallen«
Der Diener trat wieder in die Laube und sagte »Da ist ein wunderlicher
Mann der sich gar nicht will abweisen lassen er nennt sich Ehrenberg und
behauptet er müsse den Herrn Baron durchaus sprechen Er wäre auch schon mit
Ihnen bekannt und Sie würden sich gewiss freuen ihn wiederzusehen«
»Ehrenberg« wiederholte Elsheim »ich kann mich seiner nicht erinnern
indessen da er so dringend ist so bringe ihn nur zu mir«
Nach einiger Zeit hüpfte ein schlanker nicht gar großer Mann in mittleren
Jahren in schlechtem hellbraunem Rocke dem Bedienten voran in die Laube
hinein Elsheim und Leonhard erkannten ihn sogleich als jenen wandernden
Schauspieler wieder der ihnen im Gasthofe Menschenhass und Reue ganz allein
ohne Beihilfe anderer Personen aufgeführt hatte »Ich weiß höchstverehrter
Herr Baron« rief der Angekommene »dass Sie meine Huldigung da Sie so höchst
gebildet sind nicht verwerfen werden Sie haben Besuch auf Ihrem Schloss und
so wird meine Bemühung die erhabenen Gäste zu unterhalten vielleicht
willkommen sein Ja ich bin davon überzeugt dass Sie mich nicht als ein
überflüssiges Monstrum werden abweisen lassen«
»Gewiss nicht« sagte Elsheim erfreut »im Gegenteil Sie überraschen mich
auf eine angenehme Weise und befreien mich aus einer großen Verlegenheit Es
tut mir nur leid dass ich Sie im Schloss selbst nicht logieren kann denn alle
Zimmer sind besetzt Sie werden aber im Hause meines Pächters ein bequemes
Unterkommen finden«
Der Künstler verneigte sich dankbar und zufrieden und der Baron gab dem
Diener Anweisung für den Wandernden zu sorgen der sich auch sogleich mit dem
Diener entfernte
Elsheim sagte lachend »So erbarmt sich denn ein gütiges Schicksal meiner
und sendet freundlich diesen Tausendkünstler der jenen Kennern die sich selbst
eingeladen haben etwas Genügendes vorspielen wird Er hat nämlich die große
Gabe ganze Teaterstücke allein vorzutragen und so spielt er Franz und Karl
Moor in den Räubern und verwandelt künstlich genug die Tragödie in ein
Monodram«
»Soll es aber erlaubt sein« sagte Leonhard bescheiden »dies Werk unsers
geliebten Dichters wenn es auch sein frühestes ist so zu entstellen«
»Du weißt es« unterbrach ihn Elsheim »wie ich gerade mein Leonhard
dieses kecke verwegene zum Teil freche Gedicht liebe mehr als die meisten
meiner Landsleute die Schiller verehren
Es ist ein übertrotziges Titanenwerk eines wahrhaft mächtigen Geistes und
ich finde nicht nur schon ganz den künftigen großen Dichter darin sondern
glaube sogar Vortrefflichkeiten und Schönheiten in ihm zu entdecken
Ankündigungen die unser geliebter Landsmann nicht so erfüllt hat wie wir es
nach diesem ersten Aufschwung erwarten durften Ist denn aber das wunderbare
Werk nicht schon populär genug geworden und oft genug auf guten und schlechten
Bühnen als Entstellung und wilde Torheit aufgeführt Wir geben Ehrenberg
Gelegenheit sich in seiner ganzen Größe zu zeigen und jene Besuchenden die
uns mit ihrem Zorne drohen gehen ohne Zweifel begütigt und dankbar nach Hause
Wir sehen zu oder halten uns entfernt und kümmern uns um das Unwesen nicht
weiter«
»Nicht also Herr Baron« sagte der Bassist in launiger Anregung »jene
Liebhaber werden sich niemals mit einem einzigen Opfer zufriedenstellen und
wenn es in zehn verschiedenen blutdürstigen Personnagen aufträte Wenn Sie
Baron auch jenen Kennern und Sau und Jagdliebhabern sich nicht preisgeben
wollen so will ich wenigstens helfen und ich zähle dabei auf den Beistand
einiger Freunde Vor Jahren forderte mich ein bankerotter Schauspieldirektor
ein Jugendgenosse auf ihn vom Untergange zu retten Er saß mitten in den
Bergen und was konnte ich ihm helfen da seine Oper schon fortgelaufen war Ich
reiste aber doch zu ihm denn er war wirklich ohne mich verloren Sein Personal
reichte eben noch hin die Räuber zu geben ich der ich niemals im Schauspiel
aufgetreten war lernte den Karl Moor auswendig und um das Ding neu
aufzuputzen legte ich für meine Stimme Gesänge ein die ich selber dichtete und
komponierte Lieder die den Wert des Geldes priesen den Raub halb komisch
entschuldigten die reichen Geizhälse schalten und dergleichen mehr Wir machten
mit unserer Extravaganz Fureur wie man es nennt Der Zulauf war so ungeheuer
aus der Stadt und der ganzen Umgegend dass wir das Stück zwölfmal hintereinander
bei überfülltem Hause und doppelten Preisen geben konnten Mein bankerotter
Gesell war gerettet hatte bedeutenden Überschuss und konnte da ich für meinen
Spaß nichts begehrte seine Truppe wieder erneuern und verbessern Nun sei es
fern von mir meinem größeren Rival seinen Karl Moor zu nehmen aber den
Spiegelberg will ich so recht con amore darstellen und ihn was eigentlich
besser passt alle diese Lieder und Arietten singen lassen«
»Recht so« sagte der Komponist »ich helfe bei der Einrichtung mit
Instrumenten und Musik dass das Gedicht Ein freies Leben führen wir welches
zum Studentenliede erhoben ist recht infernalisch kann gebrüllt werden
Waldhörner und Räubermusik müssen noch öfter vorkommen als Karl Moor sie
fordert und eine große wirkliche Schlacht mit Schießen und Hauen muss den
zweiten Akt beschließen Dazu können wir diese neue Einrichtung des Theaters
und seine Stufen Treppen und Balcone vortrefflich benutzen Das soll ein Toben
geben dass den Leuten das Herz im Leibe lacht Da können wir einmal recht unsere
Lust büßen Ich spiele mit Vergnügen den Roller oder den Bastard Hermann oder
wenn es sein muss alle beide«
»Vortrefflich« rief Elsheim »und unsern Schulmeister machen wir glücklich
wenn wir ihm den biederen Schweizer geben« »Auch ich« sagte Mannlich »trage
gern zum allgemeinen Almosen bei denn ich habe schon sonst den alten Grafen mit
Beifall gespielt diese Rolle kann ich sogleich wieder übernehmen«
Sie standen auf doch Leonhard hielt sie noch zurück und sagte »Wir haben
die Hauptsache vergessen Keine von unseren Damen wird sich zur Amalie hergeben
wollen«
Elsheim lachte und antwortete »Schadet nicht ich denke diese Heldin werde
ich schaffen können Ja das Trauerspiel muss so aufgeführt werden wie wir es
beschlossen haben ich lade morgen höflich alle diese Bittsteller ein und in
drei oder vier Tagen geben wir die Räuber und wenn ich selbst die Amalie
spielen sollte«
Es war in des jungen Barons Weise dass nachdem er sich entschlossen hatte sich
und seinen Freunden wo möglich durch den wandernden Komödianten einen Scherz
zu bereiten er auch für ihn zu sorgen sich verpflichtet fühlte Schon auf der
Reise war ihm das kleine Bündel aufgefallen mit welchem sich der Eilende trug
sein Gewand war noch dasselbe nur etwas abgetragener er dachte also darauf
ihn ingeheim so auszustatten dass er sich mit Anstand in der Gesellschaft zeigen
könne Er lud ihn daher auf sein Zimmer wo er ihm selbst zwei noch gute Kleider
nebst Wäsche und Zubehör in einen Koffer gepackt hatte und als er dem Künstler
das Geschenk übergeben ließ er es von dem Gärtnerburschen als ob es eben
angekommenes Gepäck des Reisenden wäre in das Haus des Pachters tragen Dieses
Geschenk war um so besser angebracht da der Fremde ungefähr denselben Wuchs und
die Größe des jungen Barons hatte
Leonhard war seit einigen Tagen in einer mehr als unruhigen Stimmung Er
fühlte dass sein Freund irgend etwas gegen ihn habe ja er ahndete selbst die
Ursache ihres gegenseitigen Zwiespalts und dennoch konnte er den Moment nicht
finden den Entschluss nicht fassen offenherzig den Gegenstand zu besprechen
Auffallend war es dass Elsheim seinen unruhigen Freund gewissermaßen bewachte
Dieser sah jenen oft ganz unvermutet neben sich wenn er ihn weit entfernt
glaubte Sein prüfendes Auge lauschte und Leonhard war oft verlegen ohne sich
sagen zu können warum Auch erschien in der Heiterkeit dem Lachen und Gespräch
des jungen Barons etwas Erzwungenes und Übertriebenes so dass Leonhard
vielfältig wünschte die Stunde seiner Abreise möge schon herbeigekommen sein
Es war ihm bisher unmöglich gewesen sooft sich auch dazu die Gelegenheit zu
bieten schien mit Charlotten allein zu sprechen Sie hatte ihm zuweilen einen
Wink gegeben aber Elsheims lauernde Gewandtheit hatte jedes Verständnis jedes
vertraute Gespräch zu hindern gewusst Auch Charlotte machte ihn irre und
ängstlich denn sie behandelte ihn da sie ihn nur in Gesellschaft sah mit
auffallender Kälte aber noch sichtlicher entfernte sie sich von Elsheim Und so
trieben sich die noch vor kurzem so heiter Gestimmten in Verwirrung und
Ängstlichkeit um jeder den andern vermeidend und suchend nach Frohsinn
ringend fast immer zerstreut so dass das Gespräch oft plötzlich unterbrochen
wurde und die beiden Freunde gewannen durch diese Lästigkeit und den Druck der
Gegenwart die Überzeugung dass es notwendig sei zu einer deutlichen Erklärung
zu kommen
Leonhard hatte im Teatersaal ein Buch liegenlassen und ging hin es war
noch früh am Morgen es zu suchen Er fand es nachdem er eine Weile
herumgekramt hatte und indem er sich an die Säule lehnte stand plötzlich
Charlotte vor ihm Er war bei diesem Anblick tief bewegt ja fast erschrocken
Es schien als sei sie schnell die Treppe heraufgestiegen denn ihr Atem war
kurz und eine wallende Röte hatte ihre Wangen überflogen »Sehen wir uns
endlich einmal allein« flüsterte sie »Böser wie habe ich dich erwartet und
du kamst immer nicht« »Kann ich« antwortete er schnell »bin ich nicht fast
wie ein Gefangener« »Ich habe dir geschrieben Geliebter« sagte sie und
blickte ihn sehnsüchtig mit forschendem erwartendem Auge an Plötzlich
umschlang sie ihn und küsste ihn heftig Er gerührt und überrascht wollte die
Arme um den schönen Nacken schlingen als er sich gewaltsam ja wie mit
Entsetzen zurückgestoßen fühlte »Es ist unrecht« sagte sie dann kalt »dass Sie
mir neulich das Buch hier wegnahmen ohne es mir vorher zu sagen ich habe es
allenthalben im Hause und Garten vergeblich gesucht« Der erstaunte Leonhard
wollte antworten als er jetzt erst bemerkte dass Elsheim hinter ihm stand
»Ei Baron« sagte jetzt Charlotte »wo kommen Sie denn her Ich wollte eben zum
Frühstück kommen und suchte nur hier mein Buch das ich verloren hatte Wissen
Sie dass Sie mir heut morgen die vierhändige Sonate spielen wollten«
»Meine Mutter erwartet Sie schon« sagte Elsheim freundlich »nachher aber
mein Fräulein bin ich sogleich zu Ihren Diensten«
»Auf Wiedersehen also meine Freunde« sagte Charlotte mit einer höchst
anmutigen Verbeugung »und lassen Sie uns nicht zu lange beim Frühstück warten
denn die Mama hat gern wenn sie so heiter ist wie jetzt alle ihre geliebten
Häupter beisammen«
Sie verschwand mit jener zierlichen Eile und dem trippelnden Hüpfen welches
ihr so wohl stand wie sie es denn wohl wusste dass sie in allen ihren Bewegungen
reizend war Die Freunde standen sich jetzt allein gegenüber Sie sahen sich
bedenklich an beide verlegen doch lachte endlich Elsheim laut auf »Was ist
dir« fragte Leonhard
»Du weißt doch« sagte der Baron »wie unser gelehrter Professor uns neulich
so hübsch die Vorzüge dieses seines altfränkischen Theaters auseinandersetzte
Eine Bequemlichkeit hob er besonders heraus dass nämlich eine dritte Person so
ganz ungeniert zugegen sein könne ohne dass zwei andere sie wahrnähmen und wie
dies durch diese Säulen Stufen Mittelbühne und dergleichen so ganz natürlich
zugehe Der Mann ist doch in allen Dingen gerecht und zuverlässig Ist es denn
aber wahr und wirklich eine wirkliche Wahrheit«
»Und was soll wahr sein«
»Dass du als Papageno angestellt bist Sie sagen du habest dir einen
ungeheuren Käfig angeschafft in den wollest du alle unsere Mädchen und
Frauenzimmer einsperren dir das ungeheure Ding als einen portativen Harem auf
den Rücken schnallen und alle die Weibsen als dein rechtmässiges Eigentum
fortnehmen«
»Ich verstehe deinen Spaß nicht« sagte Leonhard ganz verlegen
»Es wäre ein hübsches romantisches Gegenstück« fuhr Elsheim fort »zu jenem
weltbekannten Kinderund Rattenfänger von Hameln Das Schloss des Papageno hast
du wenigstens schon seit lange am Munde und darum weil ich dies sehe muss ich
fürs erste auch die andere Nachricht glauben«
Jetzt trat der Professor mit einigen andern herein und der Künstler
Ehrenberg folgte dem das Theater gezeigt wurde über welches er in das höchste
Erstaunen geriet Elsheim fasste freundlich zärtlich den Arm Leonhards in den
seinigen und sagte »Folge mir auf mein Zimmer wir wollen hier die Herren nicht
stören«
Als sie dort angelangt waren setzten sie sich schweigend nieder »Ich habe
einen Brief an dich« sagte dann der Baron
»Von Hause« fragte Leonhard mit einiger Beschämung
»Bewahre« antwortete Elsheim mit schadenfrohem Blick »Es ist ja erst ganz
kürzlich ein Brief angekommen Wer wird so oft schreiben Nein mein Lieber der
Brief den ich für dich habe ist ohne alle Adresse aber dennoch weiß ich dass
er an dich gerichtet ist«
Er hielt ihm ein versiegeltes Blatt hin welches Leonhard ungewiss und
zaudernd betrachtete »Du siehst« sagte er dann »das Siegel ist unverletzt
sosehr ich in Versuchung gekommen bin von dem Inhalt etwas zu erfahren ein
böser Charakter hätte frisch aufgebrochen da mit keiner Silbe hier gesagt ist
wer diesen weißen unschuldigen Brief lesen soll«
»So sei es« rief Leonhard in einer fast komischen Verzweiflung aus »der
Brief ist von Charlotten«
»Ohne Zweifel« sagte Elsheim »und «
»Mein Freund« fuhr Leonhard bewegt fort » ich oh wenn du wüsstest
wenn du nur ahnden könntest «
»Ich begreife alles alles nur zu sehr« unterbrach ihn Elsheim »Auch weiß
ich mehr von dir als du denkst ich weiß es wie lange und ganz allein ihr
neulich bei der kleinen Försterin gewesen seid neulich als du wie ein armes
verirrtes Lamm so viel Wolle in den Dornen gelassen hattest Diesen Brief hat
dir die kleine Vermittlerin auch geben sollen in welchem dich die allzu
reizende Sirene wieder bestellt und wohl dann auf mehr Liebe hofft als du ihr
neulich magst bewiesen haben Alles dies hat mir die leichtsinnige Witwe
freiwillig verraten in Rührung und Entzückung weil ich ihr die Rolle der
Amalia in den Räubern zugesichert habe Aber freiwillig hat sie mir alles
bekannt ich gebe dir mein Ehrenwort darauf nein ich wollte sie gar nicht
ausfragen ich wollte gar nichts von ihr wissen Und darum lies du deinen Brief
tu was sie von dir verlangt sei so glücklich als sie dich machen kann und
lass alsdann dies Gespräch welches wir jetzt geführt haben völlig und auf ewig
vergessen sein Aber schwöre mir nur dass diese Charlotte unsere Freundschaft
nicht stören dass sie unsere Gemüter nicht entfremden oder erkälten soll«
Leonhard hatte wohl bemerkt wie bewegt sein Freund war sosehr er auch Ruhe
und seine gewöhnliche Haltung zu erzwingen suchte »Nein« rief er aus »nein
Elsheim unsere Freundschaft muss wahrer stärker sein als eine abenteuernde
Leidenschaft sei der Reiz die Verführung des Augenblicks und der Gelegenheit
auch noch so gewaltig Liebster du hast Erwartungen Absichten dich bezaubert
dies schöne Wesen und so gebe ich dir hier wenn auch mit Kampf und Leid das
heilige Versprechen sie nicht mehr allein zu sehen sie zu vergessen und bald
abzureisen«
Kaum hatte Leonhard diese Worte geendigt als sich Elsheim schon an seinen
Busen stürzte und ein heftiger Tränenstrom ihm die Brust erleichterte Leonhard
erschrak über den gewaltigen Ausbruch einer kaum geahndeten Leidenschaft und
indem er den Freund trösten und beruhigen wollte hob dieser ihn in seinen
starken Armen vom Boden auf und trug ihn laut lachend im Zimmer herum setzte
ihn nachdem er so eine Weile gejubelt hatte in das Sofa nieder und stellte
sich dann sein Lachen noch vom Schluchzen des Weinens unterbrochen vor den
ganz erstaunten Leonhard und deklamierte pathetisch »Ich habe es immer gesagt
Den Tischler wollte die Natur zu ihrem Meisterstücke machen aber sie vergriff
sich im Tone sie nahm ihn zu fein«
Diese Rede Odoardos zwang Leonhard so ernstaft er auch gestimmt war
ebenfalls zu lautem Lachen Nun setzte sich Elsheim zu ihm nahm seine beiden
Hände und drückte sie an seine Brust »Sieh mein Bruder« sagte er wieder
innig gerührt »ich weiß dass ich ein Tor bin ich weiß dass ich in einem Jahre
vielleicht noch früher diesen meinen jetzigen Zustand belächeln werde aber
betrachte auch den Menschen in seiner ganzen Nacktheit in seiner unverhüllten
Schwäche denn ich will vor dir nicht besser und stärker erscheinen als ich
bin Seit Wochen quält mich eine tödliche giftige Eifersucht und ringt und
zankt mit meiner Liebe zu dir Und wer ist es der uns so auseinanderzureissen
droht O spreche man mir nicht von Moral und Tugend Ehrfurcht und Ideal wenn
das unbändige das riesenhafte Rätsel in unserm Innern aufwacht und zur
Auflösung ringt Konnte ich glauben dass ich dies in meinen reiferen Jahren
erleben sollte und dass in diesem Zauber in dieser Verblendung mein Sinn und
mein Gefühl so klar und unbestechlich bleiben konnten Wie sah ich ehemals mit
verachtender Erbarmung auf jene Elenden hinab die Vermögen Leben Ehre Glück
der Familie und der Eltern Kreaturen preisgeben deren Untreue Eigennutz und
Lügenhaftigkeit sie kannten Oh jetzt verstehe ich diese unglückselige
Zerrissenheit und dies vergebliche Ankämpfen gegen eine bessere Überzeugung
Glaubst du dass ich die Zauberin verehre oder nur achte Wenn ich dies Gefühl
in mir erwecken will so erwacht vielmehr das entgegengesetzte Was aber hat
dies Gefühl auch mit dem Rausch und dem Wahnsinn zu tun der mich wie den
Rinaldo mit Blumenketten zu den Füßen dieser Armida bindet Ist es nicht als
wenn man fragen wollte was die Jo oder Leda des Korreggio wohl noch an diesem
Tage speisen würde Oh Liebster da du sie aufgibst so kann ich die übrigen
umher mit Geringschätzung betrachten Und glaube nur ich weiß das Opfer zu
würdigen welches du mir bringst das größte das wundervollste den Genuss den
die schwelgende Phantasie nicht glänzend genug ausmalen kann Wie hätte ich
ahnden können als wir hieherkamen und ich dir von diesem Mädchen sprach dass
die Sünderin mich so verstricken sollte Damit du aber siehst dass du sie in
keinem Sinne verrätst dass du nichts Ehrloses nichts Grausames an einem Weibe
begehst so lies diese zärtlichen Billete die sie mir in derselben Zeit
geschrieben hat als sie auch dich zu fangen trachtete«
Leonhard las und war verwundert denn das hatte er doch nicht erwartet »Nun
lies aber auch ihren neusten Brief an mich« sagte er dann Elsheim fand dass er
wirklich eine Bestellung auf einen gewissen Tag in das Waldhäuschen der
Försterin enthielt wo sie so ungestörter verweilen könnten weil an diesem Tage
Elsheim mit seiner Mutter und der Tante zum Besuch über Land sein würde Außer
den Zärtlichkeiten enthielt das Blatt Anklagen gegen Elsheim der sich
aufdränge der die Liebe störe der sie wohl argwöhnen möge und dergleichen
mehr Leonhard erstaunte über diese tiefe Treulosigkeit und so sicher wandelnde
Unwahrhaftigkeit »Sollen wir es beklagen« sagte er dann »aß ein so schönes
Wesen sich diese Falschheit aneignen konnte oder sollen wir annehmen dass sie
so sein muss und nicht anders kann Wäre sie ohne diese arge Zweideutigkeit
weniger reizend Konnte sie das was uns bezaubert nur in ihrem jetzigen
Charakter entwickeln«
»Nun Geliebter« fing Elsheim wieder an »lass mich gewähren Du sollst
nicht im mindesten kompromittiert werden als wenn du mir dies Blatt
überantwortet hättest oder irgendeine Abrede zwischen uns stattfände Meine
Leidenschaft soll das Wort führen und sie die so hinterlistig verfährt muss es
ja entschuldigen dass ich der jungen Försterin das Geheimnis abgeschwatzt ihr
das Blatt entrissen und den Brief ohne dass du etwas davon weißt gelesen habe
Nach ihrem System muss sie es mir Dank wissen dass meine Liebe alle Rücksichten
auch gegen dich fallenlässt und ihre Gunst mir das Höchste und Einzige auf
Erden ist So werde ich an deine Stelle treten und ohne Zweifel glücklich sein
Nun ist also der Schatten vom hellen Sonnenlicht verscheucht der sich
zwischen unsere Freundschaft zu legen und düster anzuwachsen drohte Aber
Geliebter du ließest vorher ein Wort fallen von deiner nahen baldigen Abreise
Diese Drohung nimm zurück Ich habe schon mit unserm Professor allerhand
verabredet Er schwärmt dafür uns nächstens das Lustspiel Shakespeares Wie es
euch gefällt aufzuführen und wir alle sind schon darin übereingekommen dass es
in der ganzen Welt keinen solchen Orlando geben kann als wie du ihn spielen
würdest Auch hättest du nicht zu besorgen wieder mit Charlotten in einen
Liebesstreit zu geraten denn Albertine würde deine Rosalinde darstellen und
die kleine Dorotea Celia ihr Mühmchen Darum gib noch eine Woche oder zehn
Tage nach jenen Räubern zu die uns nun so nahe bevorstehen dann «
»Nein nein mein Geliebtester« unterbrach ihn Leonhard sehr lebhaft »nur
dies dies fordere nicht von mir Alle Gefühle zwischen uns alle möglichen
Missverständnisse mein teurer Freund sind nun geschlichtet wagen wir es nicht
darauf ob sich neue erzeugen könnten Du weißt was dich zu dieser Reise
begeisterte du erinnerst dich was mich verführte dich zu begleiten Sieh nun
wie sich alles anders gewendet hat als wir es damals erwarteten Statt unserer
kindlichen Liebe zu Goethe hat sich eine ganz andere unseres Herzens und mit
störender Leidenschaft und Heftigkeit bemeistert Nein mein Freund jener Tag
der dich an meiner Statt nach jener dämmernden Waldhütte führt sei auch der Tag
meiner Abreise Für einen schlichten Bürger dächte ich hätte ich der Abenteuer
genug bestanden So weit mag es sich vielleicht entschuldigen lassen wollte ich
aber irgend einem Gelüste länger nachgeben so müsste ich mich vor mir selber
schämen Und welche Rechenschaft könnte ich meinem Haushalt meiner Frau meinen
Handwerksfreunden und Genossen ablegen Ich muss nach Haus und um kein
Taugenichts zu werden in meine alte Ordnung zurückkehren Noch ist es Zeit und
du selbst wenn du mich liebst solltest mich forttreiben denn jetzt vernarbt
sich wohl noch die seltsame Wunde die ich mit mir nehme«
Sie trennten sich und Leonhard fühlte sich beruhigt doch war ihm als wenn
er einen unendlichen Verlust erlitten hätte Elsheim war ganz heiter und konnte
froh an der Gesellschaft teilnehmen seine Gäste unterhalten und seinen
phantastischen Plan mit Charlotten verfolgen Als er nachher mit dem
Schauspieler Ehrenberg der schon in den bessern Kleidern umherging sich im
Garten traf sagte er zu diesem »Nur nicht mein Lieber diese übertriebene
Dankbarkeit und zu weit getriebene Höflichkeit Lassen Sie es sich bei mir und
den Meinigen in diesen Tagen wohlsein spielen Sie Ihre Rollen und sein Sie so
frei und unbefangen wie nur irgend möglich denn nur dadurch werden Sie mir am
besten danken«
Der alte Förster der so laut damals geklagt hatte als man ihm die Rolle
des Zigeuners zugemutet hatte begab sich diesmal fast freiwillig unter die
Komödiantentruppe und zwar um keine sehr dankbare Rolle den Schufterle
nämlich zu spielen Er übernahm diese Partie als die kleinste und
unbedeutendste im Stück und zur Teilnahme hatten ihn vorzüglich zwei Dinge
vermocht erstlich dass seine Tochter eine so wichtige und glänzende Rolle
übernehmen sollte und dann dass ihn der ausgelassene Bassist überredet hatte
alle seine Jagdhunde mitzubringen und mitspielen zu lassen Denn da Karl Moor im
zweiten Akt ausdrücklich sagt »Auch müssen alle Hunde los und in ihre Glieder
gehetzt werden dass sie sich trennen zerstreuen und euch in den Schuss laufen«
so schien es beiden mehr als unbillig den guten so oft geplagten Geschöpfen
die einzige Gelegenheit zu rauben sich auch einmal auf der Bühne und in einer
künstlerischen Mitwirkung zu zeigen
Alles war bereit Der Kadet hatte den Kosinsky eingelernt der Komponist
hatte es möglich gemacht Roller und den Bastard Hermann zu übernehmen Franz
Moor erdrosselte sich und erwachte nicht wieder zum Leben daher war es dem
kühnen Ehrenberg etwas Leichtes beide feindliche Brüder darzustellen und der
Schulze hatte sich vom Schulmeister verführen lassen den alten Diener Daniel
einzuüben Bauern Knechte Diener des Hauses und der Gärtner mit seinen
Gehülfen sowie die Jägerburschen waren in den Proben als Soldaten Räuber und
andere Helfershelfer abgerichtet worden
So war denn der große Tag erschienen an welchem dieses gewaltige Werk die
Zuschauer entzücken sollte Elsheim hatte seine Mutter beredet an diesem Abend
nicht im Schauspiel zugegen zu sein weil sie welches sie nach seiner
Schilderung begriff an der Grausamkeit des Gegenstandes und dem übertriebenen
lauten Getümmel keine Freude haben könne sie zog sich auch um so lieber unter
dem Vorwand der Unpässlichkeit zurück weil jene Zuschauer die sich für diesen
Abend zugedrängt und die des Sohnes Einladung mit Freuden angenommen hatten
ihrem Sinn auf keine Weise zusagten Es ward beliebt dass die Tante Charlotte
und Albertine sowie Dorotea ihr Gesellschaft leisten und sie auf ihrem weit
abgelegenen Zimmer mit Musik unterhalten sollten Dort also ward gesungen und
gespielt indes Elsheim seine Gäste empfing ihnen ihre Plätze anwies die
Mutter und die Damen entschuldigte und in Gesellschaft des Professors mit allen
sprach freundlich zuhörte und die Honneurs des Hauses machte so gut und
schlimm er es vermochte Auch Leonhard war im Teatersaal zugegen um die
Fremden zu unterhalten
Zuerst erschien die alte Frau von Brommen mit ihren veralteten Töchtern
Ihre Dankbarkeit und die übertriebenen höflichen Redensarten wären unerträglich
gewesen wenn Emmrich nicht die Geschicklichkeit besessen hätte das Gespräch
sogleich auf andere Gegenstände zu lenken Von dem lärmenden und laut
schreienden Bellmann wurden sie dann unterbrochen der mit seinen drei Söhnen
immerdar fragend und die Antwort nicht abwartend in den Saal brach Alle
staunten da sie gar keinen Begriff von einem Theater hatten und waren darum in
gespannter Erwartung um so begieriger Jetzt erschien auch der dicke Jäger mit
seinen Begleitern und alle saßen schnaubend und fast schnarchend auf ihren
Plätzen indessen die drei Bewirter die schwere Aufgabe zu lösen hatten auf
alle ihre sonderbaren Fragen ihnen genugzutun »Wissen Sie wohl« sagte der
unbeholfene Dülmen schnarchend und schnaubend »was ich schon auf unserm
neulichen Landtage meinen Kollegen und dem Herrn Präsidenten habe vorschlagen
wollen Man hört so viel jetzt von allen Menschenfreunden gegen die Todesstrafen
und die öffentlichen Hinrichtungen reden sie meinen es sei nicht recht
schicklich und anständig für gebildete Nationen wie wir sind und dergleichen
Nun habe ich mir sagen lassen dass in Trauerstücken oft viele Personen auf dem
Theater umkommen die sich zum Teil selbst entleiben zum Teil von andern
erstochen werden So wäre es also vielleicht recht erspriesslich wenn man die
ausgemachten Malefikanten und Verbrecher Mordbrenner und solch Volk diese
Tragödienstücke aufführen ließe damit ihnen dort mit Geschmack und Anstand vom
Brote geholfen werden könnte«
»O mein Himmel« rief eine von den Witwen »das wäre ja noch grausamer und
blutiger als die spanischen Stiergefechte Nein dem ist unser edler deutscher
Sinn unser weiches Gemüt zu sehr entgegen«
»Warum edles Gemüt« rief Dülmen der Jagdfreund »hätte mich je etwas
bewegen können mal nach dem bigotten Lande hinüberzureisen so wären es gerade
diese superben Stierhetzen gewesen eine so noble Erfindung dass man sie einem
so rohen unwissenden Volke gar nicht zutrauen sollte Teufel noch einmal so
ein wilder Ochs so ein wütiger Kerl der gar keine Raison annimmt Und nun die
lieben Hunde und der dreiste Mensch der ihm den Fang gibt Und Tausende von
Menschen umher Vornehme Fürsten geputzte Frauenzimmer und das Bürgervolk und
alles ruft und klatscht Beifall Nein meine gnädige Frau bitte tausendmal um
Vergebung das muss ja etwas wahrhaft Paradiesisches sein«
Bellmann sagte »Schauen s so war auch ehemals die berühmte Bärenhatz in
Wien Aber alles Gute geht zugrunde Ich bedauere nur unsere Nachkommen die es
noch schlimmer haben werden«
Jetzt begann die Musik Der Komponist hatte zwei Orchester angeordnet eins
oben auf dem Balcon ein anderes vorn unmittelbar vor dem Theater Jedes spielte
erst einzeln und vereinigte sich dann um ein rechtes tobendes Gewirr von Tönen
in die Schlacht zu führen
Da Ehrenberg sich gar nicht darüber hatte zufriedengeben wollen dass kein
großer breiter Vorhang vorn die Bühne von den Zuschauern trennte Emmrich auch
einsah dass ein modernes Stück dessen nicht gut entraten könne so hatte er zwei
große Gardinen besorgt die vorn sich in der Mitte berührten und wenn der Akt
anheben sollte durch zwei Schnüre zurückgezogen wurden so dass sie auf beiden
Seiten verschwanden
Jetzt trat Franz Moor auf mit seinem Vater dem alten Grafen Mannlich
sprach diesen in seiner tragischen Weise breit stark langsam mit
angeschwollenen Wangen und hervorgedrehten Augen Franz war aber in der Kunst
Gesichter zu schneiden viel geübter denn wenn Mannlich beinahe nur immer
denselben Ausdruck anbrachte so lief über das Gesicht des verstockten
Bösewichts Franz das Mienenspiel wie ein Zickzack mit Blitzschnelle Die
Zuschauer die vornehmen sowohl wie die Bauern welche man zugelassen hatte
waren ganz hingerissen von Erstaunen und Bewunderung So was sei noch niemals
gesehen worden so etwas könne sich kein Mensch träumen lassen darin kamen alle
überein Aber Ehrenbergs Monolog Jetzt enthüllte sich erst der ganze Bösewicht
an dessen Schändlichkeit man bis dahin immer noch etwas hätte zweifeln können
Es wäre grausig und könnte einem im Traum wieder vorkommen so äußerten sich die
Söhne des Baron Bellmann Jetzt trat Amalie auf Die Bauern welche sie
kannten waren in der größten Freude die sie um die Damen zu begrüßen mit
einem lauten wiehernden Gelächter äußerten Sogleich erhoben sich Bellmann und
Dülmen von ihren Sitzen kehrten sich um indem sie majestätisch umhersahn und
riefen »Stille das da ist ein Trauerspiel gutes Volk« Lene des Försters
Tochter war vortrefflich in ihrer Rolle so sicher und frei so ohne
Verlegenheit dass selbst Elsheim über ihre zu große Keckheit erstaunen musste
Diese Dreistigkeit tadelten auch an ihr die alte Dame und ihre Töchter die
jungen Bellmann aber und die Forstleute lobten sie um so mehr wegen dieser
majestätischen Sicherheit Wärend ihres Monologs kleidete sich Franz mit
Blitzschnelle zum Karl um warf die rote Perücke ab und setzte eine andere
auf mit schönen herabfallenden Locken die wie schwarze Troddeln über Stirn und
Wangen fielen Gleich in seiner ersten Szene brachte Spiegelberg zwei von seinen
kräftigen Liedern an die auch von der besten Wirkung waren »Jetzt dürfte man
vielleicht lachen« sagte Dülmen ziemlich laut und die Bauern die seinen
Ausspruch gehört hatten bedienten sich dieser Erlaubnis Moor stürzt ab und
Spiegelberg ermuntert die Kameraden sich mit ihm zu einer Räuberbande zu
verbinden Wieder ein Lied und der Forstrat sagte »Bei Gott eigentlich wird
das Spitzbubenhandwerk von dem schönen großen Manne da doch gar zu appetitlich
abgeschildert Wenn uns da das Gesindel in die Wälder läuft und das Wild
wegpirscht so ist es nicht mehr zu verwundern«
»Wahr Herr Nachbar« rief Bellmann »gefährliche Äußerungen unter diesen
Umständen Nur werden sie eingesteckt und kriegen Prügel was denn auch wieder
nicht sehr appetitlich ist«
Moor kam wieder in der ungeheuersten Verzweiflung Dem Ausbruch ungemessener
Wut folgte sein Entschluss Räuber und Mörder zu werden Seine Genossen schwören
ihm Treue und alle stürzen tumultuarisch ab
Die Bellmann Dülmen und seine Begleiter die fremden Damen alle konnten
nicht Worte finden um die Bewunderung für diesen Schauspieler genügend
auszudrücken welcher mit so großem Kraftaufwande den Räuber Moor spielte Aber
welch Erstaunen ergriff sie insgesamt als ihnen Elsheim vertraute dass dieser
Mann der ein wirklicher Bühnenkünstler und kein bloßer Liebhaber sei Kunst und
Kraft genug übrigbehalte um neben diesem edlen Bösewicht auch noch jenen ganz
verworfenen hämischen Franz zu spielen Anfangs erstarb ihnen das Wort im
Munde dann aber begannen alle zu zweifeln und meinten der junge Baron treibe
nur seinen Scherz mit ihnen bis nach wiederholten Beteuerungen Elsheims ihr
starrer Zweifel brach um die Flut einer ungemessenen Bewunderung ausströmen zu
lassen »Den Mann müssen wir sehen« riefen die Bellmann wie aus einem Munde
»Führen Sie uns auf das Theater« schrie Dülmen und seine Gefährten
akkompagnierten Die Damen begnügten sich ihre Bewunderung in Tränen des
Entzückens auszudrücken da sie die Hoffnung nährten nach geendigtem Schauspiel
den Wundermann auch persönlich kennenzulernen Stampfend und mit den Sporen
klirrend folgte der männliche Chor dem anführenden Elsheim der sie seitwärts
durch einige Zimmer geleitete um sie von der hinteren Seite auf das Theater zu
bringen Dort hatte sich Ehrenberg schon wieder zum Franz umgewandelt und als
jetzt die lärmende Gesellschaft hereinstolperte und Dülmen schrie »Karl Moor
wo ist Karl Moor« lief ihm der rothaarige Franz verwundert entgegen »Mensch«
schrie der alte Bellmann »wo ist dein Bruder Karl Moor« »Meine Herren«
sagte Ehrenberg »sollten Sie es nicht wissen dass ich es bin der beide
Charaktere gibt« »Ist ja wahr« schrie Dülmen auf »man wird ganz dumm bei
solchem Wunderwerke« Er drückte den Künstler so heftig an seine Brust dass
dieser laut hätte schreien mögen Bellmann umarmte ihn ebenfalls »Großer
Mensch« sagte er dann »wir und meine Söhne müssen uns näher kennenlernen Sie
müssen zu uns hinüberkommen können Sie meine Kinder da wohl unterrichten dass
sie auch so was lernen« »Gewiss« sagte Ehrenberg »und ich werde glücklich
dadurch sein« »Zu mir auch auch zu mir müssen Sie kommen« jubelte Dülmen
» wir sind alle Menschen ist es nicht wahr Bellmann« »Man sollte es doch
glauben« antwortete dieser Alle drängten sich gaffend fragend schreiend
lachend ihn anrührend um den großen Wundertäter so dass Elsheim anfing besorgt
zu werden das Männchen möchte in dieser großen Popularität Schaden nehmen oder
gar verhindert werden seine Rolle von der noch bei weitem das meiste zurück
war fortzuspielen Er schaffte also mit Redekünsten die stürmischen Bewunderer
wieder von der Bühne die es ganz vergessen zu haben schienen dass sie noch vier
lange Akte zu erwarten hatten Sie entfernten sich endlich ungern zwar wandten
noch oft die Blicke rückwärts und erzählten den wissbegierigen gespannten Damen
im Parterre nun von der roten Perücke die sie wirklich angerührt hätten ihn
aber umarmt und seine Hände gedrückt und dass er ungeachtet seines ungeheueren
Talents ein Mensch wie andere auch zu sein schiene Indem teilte sich der
Vorhang wieder und der zweite Akt begann
Jetzt wurde der boshafte Franz und seine Kunst das Gesicht zu verziehen
noch weit mehr als vorher bewundert da man ihn näher kannte und wusste wer er
war In der Szene des scheinbaren Todes zeigte sich Mannlich groß Jetzt trat
auch der Komponist als Hermann auf wie er sich schon im vorigen Akt als Roller
gezeigt hatte Der Alte war nun tot und beseitigt und Franz Gebieter Es folgten
hierauf die Szenen im Walde die der Bassist ohne Hilfe Ehrenbergs
eingerichtet hatte und in denen er seinem Übermut am meisten den Zügel wollte
schießen lassen Gleich beim Eintreten trug er wieder einen jener tollen Gesänge
vor worin er den ganzen Umfang und die Tiefe seiner vortrefflichen Stimme hören
lassen konnte Er hatte alles aus der ersten Edition des Werkes herübergenommen
und nur die Erzählung von der Plünderung des Nonnenklosters ausgelassen In
seiner tollen Laune hatte er viele von den Domestiken oder Knechten auf die
lächerrlichste Weise herausgeputzt als diejenigen Spitzbuben die er Spiegelberg
selbst angeworben hatte Indem er nun die Geschichten seiner List und
Menschenkenntnis erzählte holte er diese Kumpane einen nach dem andern näher
an das Licht hervor und die seltsamsten Fratzen zeigten sich zum Ergötzen der
Zuschauer dies und die musterhaft launige Erzählung die der Dichter seinem
Spiegelberg in den Mund legt mussten Freude und Jubel hervorbringen Das
Gelächter war unauslöschlich und selbst Elsheim und der Professor mussten den
Humor des Sängers bewundern Nun erscheint die übrige Bande mit dem befreiten
Roller Das Getümmel war gut arrangiert und alle diese Räuberszenen wurden bis
auf die Rolle des Karl Moor wirklich vortrefflich gegeben doch wurde dieser am
meisten bewundert Der Schulmeister war als Schweizer unbeschreiblich glücklich
denn er durfte so laut und stark spielen wie er nur immer wollte Der Kommissar
oder Pater erscheint und nun vernimmt man schon Trompeten und die Musik der
Soldaten Jetzt stürzen alle Räuber im Getümmel ab und das Gefecht beginnt
Dieses hatte der Sänger vielmals mit allen Gehülfen eingeübt um das
Allertollste hervorzubringen wie man es sonst nur in dem Zirkus der Kunstreiter
zu sehen gewohnt ist Die Szene nahm sich gut aus und passte vortrefflich auch zu
dieser törichten Aufgabe Man hatte die freien Säulen mit bemalten Baumstämmen
verhängt so war die innere Bühne nun wie eine Felsengrotte die Stufen von
grünen Gebüschen umstellt erschienen wie Gebirgssteige Schluchten oder
Hohlwege der Balcon oben zeigte sich als eine Berghöhe Die Räuber nahmen nun
nachdem Moor und andere hinweggestürmt waren unter Geschrei und wilder Musik
alle diese Posten ein Soldaten erschienen sodann unten um solche wieder mit
Gewalt zu erobern Man schoss man kämpfte mit dem Säbel und Bajonett alles
schrie Hörner und Trompeten schmetterten nah und fern auch hörte man in den
Pausen das Schießen und Kämpfen in der Weite Als die Räuber fast schon gesiegt
hatten viele Soldaten tot und andere entflohen waren erschien von der rechten
Seite der Räuber Moor mit seiner Schar wieder als wenn er von der Übermacht des
Militärs zurückgedrängt wäre Neue fechtende Gruppen bilden sich wieder auf dem
Proscenio sowie auf der innern Bühne das Schießen wird noch viel gewaltiger
die größte Verwirrung und Zerstörung stellt sich dar Jetzt bricht heulend und
bellend die ganze Koppel der Jagdhunde herein alles schreit lärmt Trompeten
schmettern Waldhörner tönen Büchsen Gewehre und Pistolen knallen dazwischen
die Hunde und die Anhetzenden toben was sie nur vermögen so dass der alte
Förster genötigt ist von der Wahrheit abzuweichen und als Schufterle trotz
seines schimpflichen Abschiedes wieder aufzutreten um seine Hunde nur gehörig zu
führen und in Ordnung zu halten Die Doggen so abgerichtet reißen viele
Soldaten von hinten nieder die Bullenbeisser rennen die Stufen hinan um die
Krieger anzupacken und als diese mehr als babylonische Verwirrung das Zeter
und Spektakel eine geraume Zeit gewährt hat fliehen die Soldaten und die
siegenden Räuber stürzen jubelnd nach Den Boden die innere Bühne und die
verschiedenen Stufen rechts und links bedecken die Leiber getöteter und
verwundeter Krieger alle wie auch Leonhard und der Professor zugaben in
höchst malerischen Stellungen worüber der letzte nicht wenig erfreut war da
nur durch seine angepriesene neue oder vielmehr veraltete Bühneneinrichtung
dieser Effekt erreicht werden konnte Nun schlossen sich die Vorhänge und
verdeckten alles
Diesem Ungestüm folgte eine allgemeine tiefe Stille denn die Bewunderung
und das Entzücken der Zuschauer war so groß dass sie anfangs keine Worte und
keinen Ausdruck finden konnten Endlich vereinigte sich der Ausspruch der Damen
sowohl wie der fremden Herren dahin dass dieses Schauspiel erhaben sublim und
einzig zu nennen sei dass man niemals sich vorgestellt habe dass die dramatische
Kunst so ungeheure Wirkungen hervorbringen könne und dass das ganze Land dem
Baron Elsheim zum innigsten Danke verpflichtet sei dass er als ein echter
Patriot mit großen Unkosten zur Bildung und Erhebung aller Zuschauenden diese
Prachteinrichtung auf seinem Schloss stattfinden lasse Dülmen der alte
Bellmann und seine Söhne der Forstmeister und der Amtmann reichten abwechselnd
dem jungen Baron die Hände und drückten die seinigen überschütteten ihn mit Lob
und Dank auch die Witwen erhoben ihren Gesang zwischen den derben männlichen
Tönen so dass Elsheim wenngleich seine Freunde abwehren halfen vor Verdruss und
Langeweile ermüdete bis ihn endlich der Anfang des dritten Aktes von diesen
lästigen Artigkeiten befreite
Dieser Aufzug wirkte nur wenig weil sich soeben das Interessanteste
gleichsam erschöpft hatte Nur die starke nachdrückliche und laut schallende
nicht geheuchelte oder angedeutete Ohrfeige welche Franz von der rüstigen
Amalie empfing erweckte die Zuschauer aus ihrem Schlummer und erregte ein
lautes und allgemeines Gelächter »Es geschieht dem bösen Kerl ganz recht«
sagte ein Bauer laut sprechend »so sollten nur alle mit ihm umgehen so würde
er schon zu Kreuze kriechen müssen« In der zweiten Szene hatten sich die Räuber
wieder malerisch gelagert und Elsheim freute sich wieder dieses Anblicks indem
er sich erinnerte wie unbedeutend unbestimmt und nicht kenntlich ja gemein
und platt sich dieses Herumliegen von Menschengestalten auf unsern
gebräuchlichen deutschen Teatern immer ausnimmt Der Kadet als Kosinsky hatte
Beifall doch schien dieser Aufzug gegen den vorigen gehalten nur matt und
unbedeutend
Der vierte Akt war wieder um desto glänzender Franz und Karl erheben sich
hier schon zur höchsten Leidenschaft und obgleich Ehrenberg hinter der Szene
alles bereitgelegt hatte was zur Umkleidung und Verstellung notwendig war
obgleich ihm der gewandte Bassist die schnellste und aufrichtigste Hilfe
leistete auch noch einige Diener eben dazu angewiesen waren so erstaunten alle
Zuschauer dennoch über die fast an Wunder grenzende Schnelligkeit mit welcher
sich Ehrenberg fast unter ihren Augen und doch so unbegreiflich in das Gegenteil
von der Person verwandelte als welche er nur soeben erschienen war
»Ja« rief Dülmen immer wieder von neuem aus das ist der echte Hokuspokus
der in der Kunst so notwendig ist ein ungebildeter Mensch könnte an Zauberei
oder gar an ein Bündnis mit dem Teufel glauben So gelangte man denn zu der
großen nächtlichen Szene am Turm Die beiden Virtuosen hatten wieder eine schöne
Hörnermusik besorgt die sich in der Dämmerung sehr gut ausnahm Auch jetzt
bewährte sich die Bühne als sehr bequem und brauchbar denn man hatte die Säulen
durch gemaltes Mauerwerk verhängt eine scheinbar mächtige Eisentür verschloss
die innere kleine Bühne aus dieser kam nun nachdem Karl Moor den Turm geöffnet
hatte der alte Graf wie ein Gespenst hervor und Anrede Antwort und
Beschwörung des Greises alles dies konnte gleich natürlich und verständlich im
nahen Vorgrunde allen bemerklich geschehen und das Zurückfahren des
Entsetzens das stumme Spiel des Räubers die Ohnmacht des Alten alles dies
brauchte nicht erst aus dem Hintergrunde hervorgezogen zu werden Diese
gewaltigen Szenen üben ihr Vollgewicht auch ohne Genie dargestellt aus
wieviel mehr auf diese Zuschauer die den besten Willen sich täuschen zu
lassen besaßen und dem Hauptschauspieler schon im voraus ihre Bewunderung
entgegentrugen
Im letzten Akt fühlte sich Leonhard völlig verstimmt indem jener Traum des
Franz den er zu dem Sublimsten rechnete was die Poesie je hervorgebracht hat
von dem Stümper so völlig entstellt ja vernichtet wurde Dieser war nur
bestrebt stets erneuten Schrecken zu heucheln Schwindel und Ohnmacht
anzudeuten und alle jene kleinen Künste und Zufälligkeiten anzuwenden die
völlig verschwinden müssen wenn das Gewaltige und Übermenschliche eintreten
soll Nun stürmten die Räuber Geschrei Heulen Fackeln Schießen kurz alles
fand sich wieder zur Genugtuung der Kunstfreunde in Überfülle Franz
erdrosselt Schweizer erschiesst sich und die letzte Szene und der Schluss nahten
heran sowohl zur Zufriedenheit der entzückten als der völlig ermüdeten
Zuschauer zu denen vorzüglich Elsheim gehörte dem es aber so erschöpft er
auch sein mochte nun noch oblag als Wirt den wesentlichsten Teil seiner Rolle
zu übernehmen
Seit die Mutter zurückgekommen war hatte er da die Gesellschaft zu
zahlreich war zwei Tafeln eingerichtet An der zweiten an welcher er selber
oft sowie eine der Damen sich niederließ um keinen Rangstreit oder
Empfindlichkeit zu veranlassen war auch Ehrenberg seit seiner Ankunft eingefügt
worden Die Virtuosen hatten sich auch abwechselnd gern dort eingefunden weil
der Ton hier freier und das Wort lauter sein durfte Als man sich daher
umgekleidet hatte und man sich ordnen wollte dachte er auch diesmal den
Künstler in jenes Zimmer zu verpflanzen die alte Freiherrin aber die mit ihren
drei Töchtern auf Elsheims Bitte heut die Funktion der Wirtin übernommen hatte
bestand darauf dass der Schauspieler neben ihr obenan als König der Tafel sitzen
müsse Noch lauter verlangte dies die Familie Bellmann und der alte Dülmen mit
seinen Begleitern Schulz und Schulmeister nebst einigen aus der Gemeine der
Gärtner nebst dem Förster sowie dessen Tochter ergötzten sich also an jenem
zweiten Tisch zu welchem sich auch freiwillig die beiden Virtuosen verfügten
sowie der Professor Emmrich der sich wohl schon hinlänglich an den
Kunstgesprächen und Kenntnissen jener fremden Gäste erbaut haben mochte
Man war an beiden Tischen sehr fröhlich diesmal aber am vornehmeren ohne
Vergleich am lautesten Als der Wein die Zungen beredt machte sprudelten die
Herren von Einfällen und Bemerkungen über Man trank des Künstlers Gesundheit
unter Anklingen Jubel und Geschrei Er dankte und zeigte sich sehr verbindlich
und artig vorzüglich gegen die Damen Ernestine die zweite Tochter wandte
kein Auge von ihm ab so sehr war sie auch von seiner Persönlichkeit bezaubert
Der derbe Forstmann war der erste der schon halb berauscht fast unter
Freudentränen mit Ehrenberg auf altdeutsche Weise Brüderschaft trank seinem
Beispiel folgte der dicke Amtmann und endlich auch der korpulente Dülmen Es
war ein Jubel von Biederherzigkeit und deutscher Gesinnung Der älteste
Bellmann von dieser Hochherzigkeit begeistert stand ebenfalls auf um in
derselben Weise mit Ehrenberg anzustossen doch der Vater der es noch zur
rechten Zeit bemerkte zog ihn gelinde am Rockschoss zurück und nötigte ihn
wieder auf seinen Platz indem er leise sagte »Nicht also Freund Bastian
Unterschied der Stände und Geschlechter muss sein und bleiben sich so zu
verduzen auch mit dem allerbesten Künstler geziemt unsereinern nicht Trink du
Schmollis und auf Duz mit Kammerherren Gutsherren und deinesgleichen so viel
du willst bis du unter den Tisch fällst und dich vier Bediente nach Hause
tragen müssen dagegen werde ich als leiblicher Vater nichts einwenden aber
nicht mit Musikanten und solchen Leuten denn siehst du wenn sie nun einmal
wieder mit dem Teller herumgehen so bist du doch völlig blamiert und in
Kadenzierung«
Trotz dieser Warnung aber ward Ehrenberg auf sein Gut eingeladen ebenso wie
zu der Freifrau und dem Baron Dülmen Sie nahmen sich vor auch in ihren Häusern
dieselbe oder ähnliche Komödien aufzuführen und Ehrenberg sollte die Sache
anordnen und die Söhne des alten Bellmann zu solchen Künsten abrichten Die
alten Damen sahen sich schon in zärtlichen und erhabenen Rollen in glänzenden
Schleppkleidern auf dem erleuchteten Theater
»Sie bewundern mich zuviel« sagte der vom Lobe berauschte Ehrenberg in
einer Pause »und vorzüglich auch deswegen weil es mir vielleicht gelang diese
beiden großen und wichtigen Rollen bedeutsam zu spielen was aber sagen Sie zu
jenem Wagestück dass ich mehr als einmal das ganze ungeheure Schauspiel ganz
allein aufgeführt habe«
»Ganz allein Mann Bruder« schrie Dülmen beinah erschreckt »ganz allein
du Herzensjunge Tausend Sapperment das nenn ich Kunst Und mit den Weibsen und
den Liedern und dem Schießen und all den Hunden und den verfluchten
Bullenbeissern Du bist ein großer Mann und mehr als wir alle aber das kann ich
doch zeitlebens nicht begreifen«
Es war jetzt nicht Zeit und Gelegenheit begreiflich zu machen unter
welchen Einschränkungen und Bedingungen die Sache etwa nur möglich sei denn die
Fähigkeit zu verstehen war so ziemlich auch zum Teil die zu hören erloschen
Diese dityrambische Verwirrung benutzte Bellmann um seinen Söhnen noch in
später Nachtzeit durch sein Exempel ein heilsame Lehre einzuprägen er erhob
sich mit seinem Glase taumelnd und lallend die drei Söhne mussten ihm folgen
einer hinter dem andern so kam das Geschwader zu Elsheim Der Alte hielt eine
kurze unsinnige Anrede und so sah sich Elsheim durch den symbolischen Akt des
Trinkens und Umarmens um vier Brüder bereichert die ihm wenn er an Leonhard
dachte in seine nur kleine Sammlung nicht zu passen schienen
Übermüdet stand man auf indem fast schon der Morgen graute Die Fremden
fuhren nachdem sie noch einmal ihr Herz gegen Elsheim in den stärksten
Danksagungen ergossen hatten nach Hause Elsheim Leonhard und der Professor
konnten lange den Schlaf nicht finden so verstimmt fühlten sie sich Das
nämliche fast begegnete Ehrenberg den aber der Schlummer floh weil die
Entzückung nicht weichen wollte So viel er auch schon erlebt haben mochte so
war er doch noch niemals so verehrt und sein Talent noch niemals in gleichem
Grade anerkannt worden
Nur wenige im Hause hatten in dieser Nacht ruhig geschlafen Selbst die Frauen
die nur in der Ferne das Schießen Schreien und Toben der Schlacht die
Trompeten und das Hundegebell gehört hatten waren dadurch so aufgeregt worden
dass sie auch späterhin die erquickliche Ruhe nicht finden konnten Die alte
Baronesse sagte »Es ist mit der Kunst eine sonderbare Sache dass zuweilen
solche fast greuliche Explosionen stattfinden die dem ruhigen Menschen ein
Grauen vor der ganzen Erfindung beibringen könnten In meiner Jugend hatte man
von dergleichen keine Vorstellung Ich fürchte nur mein Sohn setzt sich in
diesen Extravaganzen fest und trägt in seinem Kreise auch dazu bei die schon
verwirrte Zeit immer mehr zu verwirren«
Beim Frühstück welches heute viel später als gewöhnlich eingenommen wurde
verabredete man eine Spazierfahrt auf morgen an welchem Tage die alte Dame eine
Familie in der Nachbarschaft in Gesellschaft der Tante besuchen wollte Alle
waren erstaunt und zum Teil betrübt als Elsheim erklärte dass er die Mutter
nicht begleiten könne weil er seinen Freund Leonhard eine halbe Tagreise
bringen wolle der morgen schon von Briefen aus der Heimat gedrängt das Schloss
verlassen würde Die Mutter beklagte den Verlust des freundlichen jungen Mannes
dessen stilles sicheres Wesen ihr immer so wohlgetan habe
Bei Tische war die Unterhaltung weniger belebt als sonst da mancher zum
Teil noch die Ermüdung des vorigen Tages fühlte andere aber einer gewissen
Wehmut sich nicht erwehren konnten weil der von allen geliebte Leonhard jetzt
aus ihrem Kreise scheiden sollte Nach Tische beurlaubte sich dieser bei der
Mutter welche ihn sehr freundlich entließ Charlotte war gegen ihn ganz heiter
und unbefangen auch so gesprächig als wenn kein anderes Verständnis je
zwischen ihnen obgewaltet hätte Sie drückte ihm wiederholt die Hand lachte
blickte ihn mit hellen Augen an und wünschte ihm alles Glück indem sie hoffte
dass sie sich späterhin wiederfinden würden Albertine saß abseits im tiefen
Fenster und trocknete unbemerkt einige Tränen Als er zu ihr ging sagte sie
ohne dass es die fern Sitzenden hören konnten sehr gerührt zu ihm »Mir ist als
wenn mit Ihnen unser guter Genius von uns schiede besonders verlässt unsern
Elsheim mit Ihnen sein Schutzgeist Ihnen muss es immer gut gehen denn sie sind
selbst so gut Ich kann mir kein besseres Glück denken als Sie bis zum hohen
Alter hinauf zum Freunde zu haben denn Sie sind echt und treu in jeder Lage
des Lebens kann man sich auf Sie verlassen Sie werden uns hoffe ich so wenig
als wir Sie vergessen«
Leonhard war gerührt und küsste innig bewegt ihre schöne Hand Es war ihm
als müsse er ihr die Versicherung geben dass sie sich gewiss künftig noch öfter
sehen würden doch unterdrückte er diese ungehörige Prophezeihung indem er mehr
wie je von der fast überirdischen Schönheit dieses edelen Wesens ergriffen wurde
In diesem Augenblick erschienen ihm Charlottens verführerische Reize gegen diese
adelige Klarheit wie verdunkelt und zwar um so mehr da er beim Umblicken auf
den Lippen jener ein halb boshaftes Lächeln wahrzunehmen glaubte
Bei den übrigen beurlaubte er sich kürzer Mannlich war nicht zugegen auch
Graf Bitterfeld nicht der nachdem ihn eine Unpässlichkeit einige Tage auf
seinem Zimmer festgehalten heute den Künstler Ehrenberg zu seinem Freunde dem
Baron Dülmen begleitet hatte Die Virtuosen nahmen von ihm einen
leichtfertigen heitern Abschied denn sie waren des bewegten Lebens zu gewohnt
als dass irgend etwas sie hätte ernster stimmen können Nur die kleine Dorotea
sparte sich noch einen Augenblick auf dem einsamen Korridor auf um ihm recht
herzlich zu seiner Reise Glück zu wünschen Die Kleine konnte sich der Tränen
nicht enthalten weil sie mit großer Rührung dabei ihrer Freundin Albertine
gedachte
Späterhin ging Leonhard auf das Zimmer seines Freundes Vielfache Gespräche
wurden noch gewechselt mancherlei Erinnerungen geweckt »Wir scheiden noch
nicht« sagte Elsheim endlich »denn ich begleite dich morgen noch einige
Meilen Im Winter sehen wir uns dann aber in deiner Stadt wieder Nicht wahr
diese Zeit hier ist für uns beide eine sonderbare Schule gewesen«
»Das Bewusstsein dass ich etwas gelernt habe« antwortete Leonhard »muss sich
wohl erst später bei mir melden denn jetzt bin ich noch zu betäubt um das nahe
Vergangene das eben Erlebte fassen zu können«
Leonhard stand auf als wolle er gehen kehrte aber wieder zurück Elsheim
hatte wohl im Lauf des Gesprächs gefühlt dass sein Freund von irgend etwas
gehemmt und gedrückt werde und doch scheute er sich den Namen Charlotte zu
nennen weil es ihm schien als wolle Leonhard ihm etwas mitteilen über sie
Endlich fasste sich dieser ein Herz nahm einige Briefe aus seiner Tasche und
sagte hastig »Erzeige mir die Freundschaft diese drei Briefe in jeder Woche
einen in mein Haus zu senden ich habe sie geschrieben als wenn ich noch bei
dir wäre Ich ahnde dass ich diese reizenden Fluren nie wiedersehen werde daher
will ich mich noch einige Tage in diesen Gegenden die ich immer so sehr geliebt
habe ergehen und mag nicht von der Landstraße wie ein Umstreifer nach Hause
schreiben Sollten von dort Briefe ankommen wie ich nicht glaube so hebe sie
mir auf bis ich dir melde wohin du sie schicken kannst«
Elsheim konnte es nicht unterlassen seinen Freund mit einiger Verwunderung
zu betrachten dieser entfernte sich in sichtbarer Verlegenheit und als sich
der Baron allein sah sagte er zu sich Man lernt einen Menschen doch niemals
völlig kennen und dieser gar ist einer der verwunderlichsten Wie ernstaft und
dringend kündigte er mir ganz neulich das Wesen und Treiben hier auf sein
Handwerk seine Pflicht seine Gattin alles rief ihn gebietend und schnell in
seine Heimat und nun ohne meine Verführung wie er es nennt geht er gar auf
eigne Hand aus um weiß der Himmel welche Abenteuer zu suchen und zu erleben Es
ist wohl etwas in uns ein starker Magnet der unwiderstehlich zu einem
unsichtbaren aber mächtigen Magnetberge hingezogen wird
Indem sich Leonhard auf sein Zimmer begeben wollte lief ihm der Professor
Emmrich der lange geschlafen hatte und auch nicht am Mittagstisch erschienen
war entgegen »Sie reisen« rief er und umarmte ihn herzlich »das beste Glück
begleite Sie auf allen Ihren Wegen denn Sie verdienen es Ich hoffe künftigen
Winter in Ihrer Heimat zuzubringen vielleicht immer dort zu wohnen und in
diesem Fall gehört es zu meinen besten Wünschen dass aus unserer Bekanntschaft
hier sich eine wahre Freundschaft bilden möge Ich habe es Ihnen wohl angemerkt
dass Sie nicht so ganz in das etwas wüste Getreibe hier passen Ihre Seele ist zu
ruhig Ihr Geist zu ernst als dass er sich lange in der Unruhe gefallen könnte«
Auf sein Zimmer angelangt fühlte Leonhard jene Beklommenheit die uns immer
anwandelt wenn eine Periode unsers Lebens beschlossen wird und eine neue
anhebt Jene trübe Angst quälte ihn indem er nun den Ort und wohl auf immer
wieder verlassen sollte in welchem er sich fast wie in eine Heimat eingelebt
hatte Sein Geist durchwanderte mit Wehmut die Säle und Zimmer die sich ihm nun
auf immerdar verschlossen die hinter ihm wie in ein Nichts verschwanden Er
erinnerte sich des Abends an welchem er angekommen war wie sonderbar die
starken Mauern der Eingang der Vorplatz ihn begrüßt hatten wo das große
weite Zimmer ihn empfing welches oft zum Speisesaal benutzt wurde und hinter
diesem der weite viereckige Gartensaal in welchem sich bei schönem Wetter die
Gesellschaft fast immer versammelte Rechts und links die vertraulichern
Kabinete und weiter entfernt die Wohnzimmer der Mutter die es gern vermied
die Treppen so breit und bequem sie auch waren zu besteigen Oben waren die
verschiedenen Gastzimmer und der weite ausgedehnte Rittersaal der bevor
Leonhard das Theater darin aufgeschlagen hatte so wüst und leer so öde und
schauerlich aussah Er gedachte auch des fern liegenden Zimmers welches neben
den Gemächern der Domestiken der alte Joseph bewohnte und das dieser so
sonderbar und altertümlich ausgeschmückt hatte als eben der freundliche stets
zierlich gekleidete Greis selber zu ihm trat »Ich lasse es mir nicht nehmen«
rief er aus »Ihnen packen zu helfen denn das übrige Volk hier ist zu solcher
Arbeit zu ungeduldig und viel zu ungeschickt So ein recht anständig gefüllter
Koffer oder Mantelsack muss ganz wie ein vollständiger Mensch sein jedes an
seiner Stelle Es ist nicht genug dass die Sachen darin liegen oder nicht
verderben man muss auch leicht alles finden können und Herz muss nicht mit Kopf
Magen mit Hand und Fuß in Widerstreit geraten« Er lächelte und bemächtigte
sich sogleich indem er keine Widerrede gestattete des Mantelsacks Auch zeigte
er sich als Meister indem er mit Sicherheit alles ohne Kleidern und Wäsche
Gewalt anzutun einzufügen wusste »Ja lieber Herr Leonhard« sagte er dann
selbstgenügsam »sehen Sie nur zu und merken Sie es sich denn Sie können so
geschickt Sie auch sein mögen hier noch etwas lernen Seit funfzig Jahren und
länger habe ich bei allen Reisen für die Baronin den seligen Herrn und schon
dessen Vater das Einpacken besorgt weil man es mir am sichersten anvertrauen
durfte Bei keinem Geschäft in der Welt ist die Langsamkeit so sehr die wahre
Eile als bei diesem Sie sehen mein Plan ist vorher gemacht und nun muss sich
auch alles wie von selber schicken«
Leonhard musste die Sicherheit bewundern mit welcher der kleine behende Mann
hantierte ohne dass er je nötig hatte ein Stück anders zu legen als er es
gleich bestimmt hatte So schloss sich bequem der Mantelsack und Joseph sagte
dann »So sollte es freilich mit allen Geschäften in der Welt sein aber das ist
denn doch nicht möglich In der Wissenschaft mag es sein wie im Staat in der
Regierung wie im Denken es ist allenthalben ein Überlei bei wichtigen Dingen
das sich nicht so bequem will einpressen und quetschen lassen Ja ja die
größte Kunst ist dann wohl Ausbeugen Gutmachen oft fünfe gerade sein lassen
wo die gerade Zahl doch auch nicht zum Ziele führt«
»Leben Sie denn wohl lieber Herr Joseph« sagte Leonhard »ich danke Ihnen
für alles auch für diese Ihre gütige freiwillige Hilfe« Der Alte gab ihm die
Hand und sowie er jetzt in das feine redliche Gesicht des berührigen Greises
schaute in diese immer noch so klaren Augen konnte er es nicht unterlassen
den alten Diener recht herzlich zu umarmen Joseph schien gerührt und sagte
dann »Mann Sie sind ein ganzer Mann Bleiben Sie so in dieser edlen noblen
Manier und lassen Sie sich in Zukunft nicht wieder für einen Professor
ausgeben«
»Wie meinen Sie« fragte Leonhard erstaunt
»Was ist denn auch ein Professor so Großes« schwatzte jener weiter »aber
ich kenne darin unsern jungen leichtfertigen Herrn der die Leute gar zu gern
zum besten hat Ich vermutete gleich so was als Sie mir den tiefen Diener beim
Aussteigen machten wo Sie mich für meine Herrschaft hielten Waren Sie vornehm
als Professor der schon viel mit Adeligen gelebt hatte so warteten Sie falls
ich wirklich Graf oder Marquis war geduldig bis Sie sich mir vom Baron erst
hatten vorstellen lassen Und als ich Sie nun beim Teaterbau so rüstig und
tätig sah wie Sie bei allem selbst Hand anlegten wie geschickt Sie ohne erst
mal zu probieren den Hobel führten was ein schweres Ding ist wie ich es aus
eigener Erfahrung und Stümperei weiß wie Sie mir dann ein paarmal die Hand
gaben da hatte ich es mit aller Sicherheit weg dass Sie ein Professionist und
zwar ein Tischler sind Ja Männchen die Hände die sonst hübsch sind und gut
gebaut müssen Sie einem jeden Kenner verraten Denn Bein Wuchs Kopf Mund
alles kann Anstand und Feinheit gewinnen aber die harten um ein weniges zu
großen Hände können Sie so wenig als ich die Hornhaut auf meinen Fingerkuppen
loswerden Und wozu auch Ich habe mich um so mehr an Ihnen gefreut und keinem
Menschen von meiner Entdeckung gesagt Ach die Vornehmen sie müssen ja immer
mehr und mehr das Regiment in unserer verwirrten Welt verspielen Nicht wahr
dieser Graf Bitterfeld und gar diese Herren Dülmen Bellmann und wie sie alle
heißen mögen diese werden viel ausrichten Die Figuren hier auf dem Teppich
diese Sterne nicht wahr sie machen das Muster Gewiss und jedes Auge sieht sie
auch gleich dafür an Der Grund wird nur beachtet weil er diese Formationen
welche die größeren und kleineren Sterne bilden hervortreibt Aber ist es nicht
derselbe Faden der Grund und Stern macht das Bemerkte und Unbemerkte Das hat
die vornehme Welt schon seit zu lange vergessen Nun veralten verbleichen die
Sterne die Fäden reißen ab und der dunkle Grund wird die Hauptsache Glauben
Sie mir wir sind an der Zeit und zwar ganz nahe dass viele Handwerker so fein
klug und gebildet sein werden wie eben Sie So wie der gemeine Mann sich mehr
fühlt und seine unnütze Verlegenheit vor den Höheren ablegt so ist er durch
sich selbst schon gescheiter So dachten sie aber die Armen da man ihnen so
vieles von ihrem früheren Recht genommen hatte sie müssten sich krümmen und
bücken und wenn sie unter sich wären grob und ungeschliffen sein Darein
setzten sie dann ihre Freiheit Sind erst viele so wie Sie Mann und gewiss
gibt es schon viele und sie werden noch wachsen so darf das Volk auch wieder
mitreden Überhaupt Herr Leonhard es müssen andere Zeiten kommen die Welt hat
sich abgenutzt sind Sie nicht auch der Meinung Der Malvolio wird gehänselt und
abgesetzt aber der Narr so viel hübsche Einfälle er auch hat wird doch
hoffentlich auch nicht zur Regierung kommen«
Mit diesen Worten entfernte sich der redselige Alte
Sechster Abschnitt
Frühmorgens fuhr Leonhard mit Elsheim vom Schloss ab Alles schien noch im
Hause zu schlafen nur Joseph begleitete die beiden Freunde bis an den Wagen
» So wäre denn« fing Leonhard an »diese sonderbare Lebensepoche für mich
beschlossen Wie hat sich alles so anders gestaltet als wir es uns beim
Ausreisen vorbildeten Wann sehe ich dich wieder«
»Ich hoffe« antwortete der Freund » ich möchte sagen ich weiß es gewiss
im Winter Dein Leben hier sagst du sei beschlossen das meinige freilich noch
nicht«
Sie sahen jetzt in der Ferne rechts vom Wege jene Waldhütte liegen die
ihnen beiden so merkwürdig war »Ich verstehe deine Blicke Freund rief der
Baron aus und ich erkenne die Größe deiner Freundschaft auch darin dass sie mir
dies Opfer hat bringen können«
»Nenne es nicht so« sagte Leonhard ernst »in gewissem Sinn ist unser
ganzes Leben eine Aufopferung Wie wenige unserer wahren Wünsche können sich
erfüllen und diejenigen Träume welche eintreffen sind in Wirklichkeit
verwandelt oft sich unähnlich nicht wiederzuerkennen Und so tragen dulden
zweifeln und genießen wir im wechselnden Taumel und trauriger Nüchternheit Die
Jugend fällt von uns ab selbst das Heiterste dünkt uns töricht man setzt sich
an die Tafel um zu schwelgen und steht darbend und ernüchtert auf weil uns
die früheren Gelüste anwidern«
»Sei nicht so melancholisch« rief Elsheim »sonst verdirbst du mir meine
eigene Lust«
Der Wald empfing sie und der Anblick des Schlosses entschwand ihnen »Ja
wohl« sagte Elsheim »entschwindet uns die heitere Unbefangenheit der Jugend
auch mich drückt dieses Gefühl Man wird nicht klüger sondern nur zweifelnder
und träger Aber eben darum wollen wir die Neige dieses Götterweins behaglich
und schlürfend genießen Sieh« sagte er mit erhöhter Stimme »jetzt sind wir
schon in Franken«
Leonhard sah um sich und Elsheim fuhr fort »Da du es mir gestanden hast
dass du dein teures Nürnberg in heiliger Andacht wie ein Wallfahrer besuchen
willst so bist du auch wohl so gefällig diesen Brief dort abzugeben Er eilt
gerade nicht darum kannst du ihn nach deiner Bequemlichkeit bestellen aber
vergessen wirst du ihn nicht«
»Gewiss nicht« sagte Leonhard und legte das Blatt sorgfältig in seine
Brieftasche Im nächsten Städtchen machten sie halt erquickten sich und nahmen
Abschied Leonhard war ganz träumerisch und hörte nur wenig von dem was ihm
der Freund noch sagte So schieden sie und auch Elsheim war zerstreut weil
seine Phantasie schon in jenem Waldhäuschen war wo er jetzt nach wenigen
Stunden die reizende Charlotte zu finden hoffte
Im Städtchen nahm Leonhard einen andern Wagen um eine Seitenstrasse
einzuschlagen welche ihn in wenigen Tagen nach seinem geliebten Nürnberg
bringen sollte Während er so einsam weiterfuhr spürte er seiner Verstimmung
nach und suchte die Ursache dieses quälenden Missgefühls zu entdecken Er musste
es sich gestehen dass er seinem Freunde mit einem gewissen Neide nachgeblickt
hatte indem ihm in frischem Glanz die Schönheit seiner lieblichen Feindin
vorschwebte Auch die sichtbare Eile und Zerstreuung Elsheims beim Abschiede
hatten ihn verletzt Aber noch eine Empfindung traf er an die er sich erst
ableugnen wollte und die dennoch immer wieder emportauchte Er hatte seinem
Freunde und dessen Liebhaberei sosehr er selbst dabei ergötzt war doch eine
bedeutende Zeit geopfert er war selber oft sehr tätig gewesen und hatte bis
zur Ermattung gearbeitet Alles dies wusste Elsheim und war selbst oftmals Zeuge
davon gewesen Er hatte also erwartet dass ihm der Freund beim Abschiede
irgendeine Summe würde aufdringen wollen die er abzulehnen und nicht anzunehmen
fest beschlossen hatte Noch in der Nacht hatte er sich die Reden und Gründe
wiederholt die er dem Baron entgegenhalten wollte um sein Verweigern auf jede
Weise zu rechtfertigen Dieser Wettstreit der Freundschaft und Großmut war nun
nicht eingetreten und sagte Leonhard zu sich selbst sollte mir das nicht
erwünscht sein statt mich zu kränken und zu betrüben Ich war so fest
entschlossen seine großen Ausgaben die sein Leichtsinn wohl bis zum
Unverhältnis steigern mag nicht zu vermehren aber unser törichtes Herz ist
aus so seltsamen und feinen Fasern gewebt die uns oft lange verborgen bleiben
wie es eben jetzt meiner Eitelkeit wehe tut dass meine beabsichtigte Aufopferung
und freundschaftliche Großmut gar nicht zu seiner Kenntnis gelangt ist
Es fiel ihm bei dass er dennoch nicht mit leeren Händen nach Hause
zurückkomme Es war nämlich eine alte Verwandte gestorben die ihm gegen alles
Vermuten zweitausend Taler vermacht welche Nachricht er vor einigen Tagen
erhalten hatte Er nahm sich nun vor seine Rückreise über die Stadt wo sie
gewohnt zu nehmen um die Summe einzukassieren Diese sagte er zu sich kann
ich dann meiner Friedrike als meinen hiesigen Erwerb vorweisen damit sie sich
über die Versäumnis zufriedenstellt Aber freilich ein Verheimlichen zieht das
andere eine Unwahrheit die zweite nach sich Ist der gerade Weg des
alltäglichen Lebens einmal verloren so ist es schwer die rechte Straße
wiederzufinden
Am Abend kehrte er in den Gasthof eines anmutigen Dorfes ein Er ging noch
spät spazieren und fragte sich warum ihn jetzt die Schönheit der Natur nicht so
rühre wie es meistenteils sonst geschah da er sich auf der Wanderschaft
befand
Er begab sich erst in das Haus zurück als es ganz finster war und überlas
noch einmal den letzten Brief seiner Friedrike »Ich lege dir« sagte sie am
Schluss »den sonderbaren Brief unsers Magisters bei von dem ich dir schon
früher einmal schrieb vielleicht bist du imstande einen Sinn aus dem Wirrsal
herauszulesen das meinen Verstand nur konfus macht« Leonhard hatte in den
letzten Tagen auf dem Schloss nicht die Zeit gefunden das Schreiben mit
Besonnenheit durchzugehen er las die Blätter jetzt in der stillen Nacht Sie
lauteten also
Meine vielverehrte und noch mehr liebe
Madame Leonhard
Man kann nicht immer schweigen wie es doch vielleicht geschehen sollte weil
das Wort wenn es aus dem Gewahrsam des Innern springt oft wie ein ungezogenes
Kindlein Schaden stiftet und auch die im Tumult verletzt die es hegen und
pflegen lieben und verehren möchte Weil Dieselben aber wie mein irdisches
Auge wie mehr mein inneres wohl bemerkt hat durch meine Gebärden geängstet
werden mein hastig Reden mein ganzer Mensch sozusogen Sie erschreckt
irritiert und an meinem Wesen konfus gemacht hat so hasardiere ich dennoch die
gefährliche Rede und zwar nicht um zu sprechen denn was sollen Worte was
können sie wo Stummsein alles Unaussprechliche sagt sondern um zu lallen zu
seufzen zu weinen und die Rede soll nur in Gebärdung andeuten weshalb sie
denn in Ohnmacht fällt
O wundersame Frau und Inbegriff aller meiner Gedanken warum sind Sie denn
eine Frau und warum hat mich der Herr als einen Mann erschaffen dass ich der
bin der ich bin und Sie selbst diejenige als welche Sie im irdischen Wesen
erscheinen und sind Konnte es denn nicht anders sein und musste es durchaus
also ausfallen Ich vierzig und mehr Jahr älter als Sie O du mein ewiger
Schöpfer wo was waren denn meine Gedanken und Fühlungen vorher in der Zeit
die doch die längste meines Lebens muss gewesen sein bevor ich Sie kannte oder
Sie gesehen harte War doch damals kein Du in der Welt und ich das ewig einsame
unglückseligste Ich Einsam allein können Sie wohl nachfühlen wie
erschrecklich das ist O Du mein Du wo bleibt denn so frage ich alle Engel und
Geister wo bleibt denn mein Ich wenn ich an Dich denke oder Dir gar in das
Auge schaue O nein ich schaue dann nicht mehr es ist kein Actus meines
Selbst ich werde geschaut und bin selig darin dass ich in diesem Geblicktwerden
zugleich geschaffen und vernichtet bin So finde ich mich nachher auch wieder
und frage immer Wie kann das Ich der scheinbare Alte der in der Entzückung
untergegangen war tot dahin wie kann er ein Ich noch sein und bleiben um
sich der auf immer fort war zu finden und anzutreffen Wer ist was der
Findende wer was der Verlorne Hiebei dreht sich mein ganzes inneres Wesen um
und wird zum Schwindel und auch mein äußerer Verstand mein alltägliches kaltes
Bewusstsein will zu einem Geheimnis meines innersten unsichtbaren im
Todesschlafe träumenden Wesens werden Ja Frau Wesen Ewigkeit Du Du darin
liegt alle Unschuld und im Ich die Sünde und Anklage Warst Du nicht vor
langen langen Zeiten ich Ich Du Eins und im Einen die Wonne dass Du die
Seele meiner Seele die Seligkeit warst nach der ich sehnte und deren
Anschauung mir in der Andacht ward
Ach ja es ist wohl die Spiegelung von einer fernen Spiegelung die nur hier
hereinfällt in unsere dermalige Schöpfung und den wunderlichen Schlummer den
wir unser Leben nennen und so kam die Liebe und die Wollust in die Welt Wie
unmündige Kinder die sich weit weit im gründunkeln Walde verloren haben und
keiner hört ihr verirrtes Angstwimmern und das Abbuchstabieren ihres
Klageliedes Und so freilich was kann ich alter abgelebter Magister wünschen
fordern oder begehren Es hat sich alles nur in unsere verhärtete zu Eis
gefrorene Welt hereingeschoben dass er als Schaugericht lockt und reizt und uns
dann wie jenem übermütigen Magister oder Doktor dem Tantalus versagt wird
Trachtet nicht nach dem Unmöglichen Gut gesagt und leicht gesprochen du
durchlauchtiges Vernunft und Naturgesetz Du hast immer recht weil du immerdar
Unsinn aussagst Wir können ja nichts anderes begehren und wünschen als das
Unmögliche das Mögliche Verständige besitzen wir ja immerdar und wir haben es
ja nur weil wir gar nichts darum und davon wissen und wir achten es auch
deshalb nicht und können es nicht achten wenn wir auch wollten Schon in
frühen alten Zeiten hat man die sogenannten Giganten darüber bitter kritisiert
und hämisch rezensiert dass sie haben den Himmel erstürmen wollen Über solche
Kritikaster möchte man laut lachen wenn es sich mit der Bescheidenheit
vertrüge denn was will denn jeder Wille anders der ein Wille ist Und wenn er
es nicht will fällt er invalide und tot darnieder und weiß nicht mehr links
und rechts aus und ein Ich war wohl oft andächtig und verlor auch mein Ich in
der Andacht Wo war ich dann wenn ich noch war als nur im Himmel So ergeht es
mir auch wohl bei einem schönen Gedicht Die Seele oder Ich oder wie sollen
wir es nennen wir Dummen Stummen Sprachlosen streckt alle viere von sich
dehnt sich erwächst zu einem Briareus mit hundert Armen um zu fassen und zu
umarmen und plötzlich um überselig zu werden vergeht sie verschwindet und
wird ein Nichts Der Jupiter hat die Himmelstürmende in den Abgrund
geschleudert und eben das war ihre höchste Wonne Nun liegt sie unten von
Felsen und Gebirgen erdrückt selbst versteinert das heißt auf deutsch sie
lebt nun wieder sieht sich in der sogenannten Wirklichkeit besitzt wieder was
ihr vergönnt und erlaubt ist das Vernünftige Mögliche das heißt ein mit
vielen törichten Phrasen weitläufig umschriebenes Nichts
Ja freilich wusste ich dies alles nicht bevor ich Dero Bekanntschaft
gemacht Die dummen Geister der Natur und Notwendigkeit logen mir vor ich sei
schon über sechszig Jahr alt da ich doch noch gar nicht einmal war geboren
worden Und so Verehrteste bin ich freilich annoch zu jung für Sie was wieder
ein schlimmer Umstand ist und wieder zu jener göttlichen glorreichen
Unmöglichkeit gehört die wir alle erstreben wenn wir bei Sinnen geschweige
gar in der Andacht sind Zeit Wo ist sie Wer kennt sie Sie ist entweder ein
Nichts oder ein allmächtiges Wesen In der Andacht im Anschaun im Lieben ist
sie nicht Nein da kennen sehen fühlen wir sie nicht Sie gehört gewiss zu
jener dummen Notwendigkeit zu dem was uns vergönnt ist Aber freilich in ihr
fühlen denken sehen und träumen wir alles im Pulsschlag und Zeitmass aber
doch nur um im Ewigen im Nichts wenn wir dort im Entzücken angelangt sind
diese Zeit zu vernichten So Raum Alberner Schwacher Nichtiger und doch so
Allmächtiger
Nichtsnutziger Staub warum schwatzest du also Nämlich ich wollte eine
Epistel schreiben So fließen denn auch aus Feder und Tinte die Buchstaben
Silben und Worte zusammen die Linien das Blatt wird voll und abermals so
schwarz mit Strichen überzogen ja wohl das ist das Leben Das Wort kann nicht
ohne Regel ohne eine kalte tote Bedeutung sein Die Bedeutung eben bedeutet
nichts das ist das Feine und auch ganz Grobe von der Sache Du hast mir einmal
die Hand gedrückt Das war Rede und A und O in einem Pulsschlag Dein Auge Gott
hat viel mit dem Auge ausdrücken wollen doch die Menschen brauchen es nur zum
Nähen und Stricken Freilich auch das Notwendige und Erreichbare Aber wäre es
denn so etwas Unnützes wenn ein Magister dem die Silben und Worte mehr zu
Gebote ständen als mir Unwissenden über einen einzigen Blick einen dicken
Folianten schriebe Und beim Himmel es gibt Blicke wo er doch noch nicht zu
Ende kommen und seine Materie wie man sagt hier ist es aber Gottheit Liebe
All doch nicht erschöpfen würde Und dass mir noch dies Anschauen vor meinem
Tode hat werden sollen das ist es sosehr ich auch leide und mich winde wofür
ich meinem Schöpfer den allerbrünstigsten Dank sage
Nimm es das Blatt Du mein Du Du mein wahres inniges Ich das I meines
Ich oder der Geisterlaut unsers deutschen Ch welcher das I krönt nimm Du Du
des Dus Du das heißt nach Menschensprache und möglicher sittlicher
Schicklichkeit staubwärts übersetzt nehmen Dieselben verehrte liebwerteste
schönste Madame Leonhard nehmen Sie diesen Unsinn und sehen Sie ihn mit diesem
Blick an mit dem Blick der so oft aus Ihrer Seele kommt und selbst Seele ist
dann wird das schwarze Gekritzel auf diesem Lumpenpapier auch mein ewiges
unsterbliches Ich sein das dadurch magisch und mystisch zur göttlichsten
Vermählung in Ihre Seele steigt dann hast Du mich aufgetrunken aufgesaugt und
aufgeblickt und ich bin Du und gar nicht mehr
Dero ergebenster Fülletreu
Magister
Mit sonderbarer Bewegung las Leonhard diesen Brief Er glaubte ihn zu verstehen
und legte ihn seufzend wieder in die Brieftasche Es war ja nur in anderen
Worten was die Gedichte und Reime spielend und springend sagen wollen Erst
spät konnte er den Schlaf auf seinem Lager finden
Als am andern Morgen Leonhard gestärkt erwachte musste er sich erst besinnen um
sich ermuntert zurechtzufinden Ihm fiel das enge niedere Gemach auf er
fühlte wie er sich in dieser Zeit in jenen hohen weiten Räumen verwöhnt habe
und er pries in Gedanken die Reichen und Großen dass es ihnen vergönnt sei sich
immerdar in geräumigen Zimmern und Sälen zu bewegen wo kein niederes Dach
keine eng aneinanderrückenden Wände ihre Gedanken bedrängen und ihre Gefühle
ängstigen Als er den Gasthof verlassen hatte war ihm aber so wohl und heiter
er fühlte sich wieder so ahndungsreich und frisch wie in jener Jugendzeit die
er schon auf immer entschwunden glaubte Jetzt waren es ungefähr zehn Jahre dass
er in diesen Gegenden gewandelt Zwischen der Gegenwart und jener vergangenen
Zeit lag es wie eine unermessliche Kluft und doch trat ihm ein Gefühl ganz nahe
als wenn er jene wundervollen Tage noch mit der Hand abreichen könne
Jetzt musste er über seine Empfindlichkeit von gestern lächeln Sein Freund
so reich er war und wie sich sein Vermögen auch seit kurzem vermehrt hatte war
so freigebig und gutmütig hatte zu seinen abenteuerlichen Festen so viele Gäste
in sein Haus geladen dass er es sehr natürlich fand wenn dieser durch Geschenke
an einen wohlhabenden Freund seine Ausgaben nicht noch vermehrte Auch das Bild
der Schönen und jener dämmernden Stube in der Hütte am Saume des Buchenwaldes
war schon in eine Ferne hinabgesunken die zwar noch in Farben schimmerte aber
doch schon der Schattenwelt angehörte
Ein anderer Vorwurf den er sich selber machte überschlich ihn jetzt in der
schönen Einsamkeit Konntest du nicht sagte er zu sich selber schon vor Wochen
hier in dieser schönen Natur leben und wandeln Ja wohl hättest du jenen Zauber
früher zerreißen sollen der dich dort an goldenen Banden festhielt Hier
durchwandre ich das schöne Buch in welchem ich meine Jugend noch einmal lese
Als er am folgenden Tage weiterfuhr erschien es ihm wie ein Traum dass er
schon an diesem Abend in Nürnberg eintreffen solle Die Sonne fing schon an zu
sinken als er neben seinem Wagen einen jungen Mann wandeln sah der ihm sehr
ermüdet schien Die Straße war beschwerlich und da es Leonhard schien als ob
der Reisende auch zur Stadt wolle so lud er ihn ein sich zu ihm zu setzen
weil er auf diese Weise sicherer und schneller sein Ziel erreichen könne
welches Anerbieten mit Dank angenommen wurde
Es begann schon zu dämmern und da die Straße eben durch einen Wald führte
so konnten beide ihre Gesichtszüge nicht mehr genug unterscheiden um in nähere
Bekanntschaft zu treten Die Schatten der Bäume streiften wechselnd über sie
hin indem jetzt der Wagen wieder auf einige Zeit langsamer und ruhiger ging
begann der Fremde »Sie wissen es wohl schwerlich mein Herr wen Sie jetzt eben
so freundlich in Ihr Fuhrwerk aufgenommen haben«
»Nein« sagte Leonhard »denn ich habe Sie ja zuvor nie gesehen«
»Wenn ich nun ein Räuber und Mörder wäre«
»Ich bin vom Gegenteil überzeugt denn Ihr ganzes Wesen scheint friedlich
und wacker Sie wollen mich vielleicht bei zunehmender Dunkelheit erschrecken
aber ich bin nicht eben furchtsam«
»Sie können auch ganz ruhig sein« fuhr der Fremde lächelnd fort »ein
Räuber geht nicht leicht mit solchem kleinen bescheidenen Bündel wie ich hier
neben mir liegen habe Aber bei alledem sitzt ein sehr merkwürdiges Individuum
an Ihrer Seite«
»So«
»Ja mein Herr und Ihre Miene die ich zwar nicht mehr genau unerscheiden
kann da Sie vielleicht eben eine ziemlich höhnische machen aber zugleich Ihr
Wesen Ihre Sprache alles flösst Vertrauen ein und so gestehe ich Ihnen denn
unter dem Siegel der Verschwiegenheit dass ich der einzige und zwar rechtmäßige
Sohn von Friedrich dem Großen bin«
Leonhard war überrascht Er machte den Versuch sich etwas von der Seite des
Fremden zu entfernen aber der enge Sitz des Wagens zwang ihn in seiner
vertraulichen Stellung zu verharren »Sie wundern sich gewiss« sagte der
Unbekannte »ich merke es an Ihrem Fortrücken ja es ist sonderbar genug und
Sie können sich nun Ihr ganzes Lebelang rühmen dass Sie mit mir so unverhofft
zusammengetroffen sind Aber Sie sind so stumm«
»Ich begreife die Möglichkeit nicht Der preußische Friedrich starb wenn
ich nicht irre im Jahre 1786 und Sie selbst scheinen mir soviel ich sehen
kann ungefähr von meinem Alter mithin hätte der große König Sie noch in hohen
Jahren und nach dem siebenjährigen Krieg in die Welt gesetzt«
»Richtig« rief jener »ich bin jetzt dreißig Jahr und 1772 geboren und
zwar von der rechtmäßigen Gemahlin des großen Regenten Und unmöglich finden Sie
dergleichen Lieber unbekannter Herr was ist denn wohl einem solchen Geiste
einem so ungeheuer großen Monarchen unmöglich einem Könige der in seinem
Reiche völlig unumschränkt herrscht und keinem Menschen auf Erden von seinem
Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen hat Ja Herr es kommen sonderbare
Schicksale in der Welt zum Vorschein Wer viel reist erfährt auch viel und so
geht es Ihnen jetzt Und darum ist es eben recht verdrießlich wenn die
Ofensitzer alles besser wissen wollen Nicht wahr«
»Allerdings« sagte Leonhard der nun schon nicht mehr zweifelte mit wem er
es zu tun habe
»Sie wissen es gewiss« erzählte der Fremde mit der größten Ruhe weiter
»welche Faktionen sich in den letzten Jahren des großen Königs schon am Hofe und
im Lande gebildet hatten Mit Drohungen wurde der armen Königin so zugesetzt
dass sie die Geburt des rechtmäßigen Prinzen verschwieg Der vorige König
beherrschte nun als nächster Tronerbe bis etwa vor vier Jahren das Land und
ich gönne auch dem jetzigen Herrn seine Würde und sein Glück denn er ist wacker
und tugendhaft und überhaupt wenn ich auch mit meinen Ansprüchen hervortreten
wollte so hat jene Kabale es leider so fein angezettelt dass ich wohl schweigen
muss«
»Aber wie haben Sie da man Sie in Windeln raubte erfahren können dass Sie
der Geburt nach der rechtmäßige König sind«
Der Fremde schwieg eine Weile als dächte er dieser Frage nach »Wenn Sie
die Kupferstiche vom großen Friedrich ansehen« sagte er dann »und betrachten
morgen beim Sonnenlicht meine Physiognomie so wird Ihnen gar kein Zweifel
übrigbleiben Und nachher habe ich darüber sehr autentische und wichtige
Papiere die mir von Männern die aber unbekannt bleiben wollen zugefertigt
sind Die Sache leidet wirklich keinen Zweifel auch bin ich ganz fest davon
überzeugt Im Jahre 1792 als die Koalition geschlossen war und die deutschen
Heere gegen Frankreich marschierten o mein Herr da war in meinem Leben ein
großer ein einziger Moment Die Republikaner nämlich und Dumouriez und die
Begeisterung in Deutschland und La Fayette und der NationalKonvent ja durch
heimliche Emissäre der König von Frankreich selbst alle forderten mich dazumal
auf mich zu erklären öffentlich aufzutreten um durch mein Wort alle jene
Rüstungen zu entwaffnen als großer deutscher Fürst dann die gute verkannte
Sache zu vertreten und so mit Lorbeeren und unsterblichem Ruhme mein
jugendliches Haupt zu schmücken«
»Ei« sagte Leonhard »diese einzige Gelegenheit und große Aufforderung
hätten Sie doch benutzen sollen«
»Glauben Sie denn« sprach der Fremde mit bewegter Stimme »dass mein Ehrgeiz
damals nicht rege genug gewesen wäre um durch diesen Gedanken mein jugendliches
Blut zu erhitzen Aber die jesuitische Klugheit jener Kabale hatte ja alles für
alle Zeiten unmöglich gemacht Hätte man mich entführt und irgendeinem
Handwerker übergeben in fremde Länder oder nach Amerika gesendet ja hätte man
mich an die Zigeuner verkauft so war es möglich mit Ehren hervorzutreten ja
der letzte Umstand hätte der Sache wohl gar eine romantische Farbe gegeben aber
so hatten die Bösewichter mich unter die Juden gesteckt Ja sehen Sie Sie
lachen Sie können nicht anders und das ist die Ohnmacht die mich lähmt die
mir jede Unternehmung unmöglich macht denn das Lächerliche ist so allgewaltig
so unüberwindlich dass alles was es nur erreicht sich vor ihm beugen muss
Hätte ich nun damals den Anforderungen genügen und auftreten wollen und man
hätte in Europa plötzlich vernommen der echte König von Preußen ist erschienen
die ganze Gestalt der Dinge muss sich verändern in ihm wirkt der Geist des
großen unsterblichen Friedrich und nun fragte Europa Wer ist dieser junge
Held und vernähme die Antwort Ein Judenjunge so würde ja ganz Europa nur
in ein lautes Lachen ausgebrochen sein so wie Sie jetzt selber lauter und
lauter lachen was mich eigentlich beleidigen sollte wenn die Sache nicht
wirklich so überaus komisch wäre Lachen Sie also nur zur Genüge mein Herr
ich finde Ihre Lustigkeit ganz natürlich«
Leonhard zwang sich wieder ernstaft zu werden um den Unglücklichen nicht
zu kränken weil die Erlaubnis zum Auslachen doch vielleicht nicht ganz aus
seinem Herzen gekommen war »Seitdem« fuhr dieser dann fort »sind nun wieder
zehn Jahre vorübergegangen und ich habe mich immer ruhig verhalten welches die
hohen Potentaten würdigen und mir zugute schreiben sollten Das ist aber nicht
der Fall denn man lässt mich immer in meiner Armut bleiben ohne sich um mich zu
kümmern Eins aber könnte man tun da ich ja keine weiten Länderstrecken oder
großen politischen Einfluss verlange mir nämlich das liebe gute Nürnberg
schenken welches ich so außerordentlich hochschätze Das Städtchen hat wirklich
was Allerliebstes und wer Sinn hat für das Heimische Altdeutsche so
Altfränkische der wird auch ebenso in das niedliche Nürnberg vernarrt sein wie
ich Wäre das aber den Regierenden immer noch zuviel so sollten sie mir doch
wenigstens die SebaldKirche als mein Eigentum überlassen«
»Da Sie aber zu der israelitischen Gemeine gehören« sagte Leonhard »was
wollten Sie mit dieser christlichen Kirche anfangen«
»Erstens« antwortete jener »wünsche ich sie mir weil ich sie so
unaussprechlich liebhabe Das ist ein Kirche sehen Sie wie man wohl sagen
möchte Gerade so muss eine Kirche sein Lorenz ist auch nicht übel kommt aber
nicht gegen meinen Sebald Und verstehen Sie denn nicht Ich hätte ja immer
noch den größten Vorteil davon Die Nürnberger gehen sehr gern in ihre Kirche
sie ist immer gedrängt voll So vermietete ich denn meine Kirche an die
andächtige Gemeine dass die Leute doch auch ihre Freude am Gottesdienste
bezahlen müssten Ich habe auch wirklich Lust mich nächstens dem Könige von
Preußen persönlich vorstellen zu lassen und ihm das Geheimnis zu eröffnen Dann
werden wir ja sehen wozu er sich herbeilassen wird Denn ganz umsonst darf er
es doch auch nicht haben dass ich ihm so ungestört Krone und Szepter gönne«
Es wurde Leonhard peinlich länger das Geschwätz des Törichten anzuhören er
fragte also um abzubrechen wo man wohl in der Stadt am besten einkehre und
der Plauderer sagte »O ja nirgend anders als im goldnen RadBrunnen Da sind
zwei alte prächtige Leute und ich bin auch viel da und ein junger Freund ein
frommer stiller Mann der Braueigner Lamprecht Wir bilden dort oft ein sehr
geistreiches Konvivium Im roten Ross ist es auch immer noch gut aber viel
teurer denn der Gasthof bleibt bisher noch der erste in der Stadt Aber beim
RadBrunnen wollen wir absteigen es ist ja auch sehr möglich dass mein Freund
Lamprecht Sie bei dieser Gelegenheit gleich bekehrt denn Sie sind doch gewiss
noch ein Weltkind das habe ich vorher wohl an Ihrem Lachen bemerkt Und der
Lamprecht hat eine außerordentliche Force im Bekehren ehe man sichs versieht
ist man fromm geworden Es ist eine wahre Lust wie es ihm von der Hand geht
Ja ja das wird einen rechten Spaß geben wenn Sie so in sich schlagen und
einen ganz neuen Menschen anziehen Haben Sies wohl schon mal probiert Es wird
einem dabei ganz schnurrig zumute Aber nachher die unendliche
Seelenbefriedigung und unserm Herrgott so viel näher zu rücken durch solche
Protektion das ist doch auch mitzunehmen«
So ging es wieder unermüdet fort nachdem er diese neue Straße eingeschlagen
hatte Leonhard hörte wenig mehr hin und freute sich als sie in das Tor
hineinfuhren Es war schon später Abend und aus allen Fenstern schienen ihnen
die goldenen Lichter entgegen als sie durch die große Stadt und die herrlichen
Gassen zwischen den hohen Häusern hinrollten In diesen Augenblicken fühlte sich
Leonhard sehr glücklich sich als ein ganz Einsamer und Unbekannter in der
Fremde zu befinden sich seiner Jugend zu erinnern und die damals empfangenen
Eindrücke zu erneuern Man hielt wirklich jetzt vor dem RadBrunnen und die
Diener kamen den Reisenden freundlich entgegen »Ei Herr Franke kommen Sie
auch schon wieder« riefen sie und begrüßten so mit Handschlag und Lachen den
Törichten
Dieser dankte nur kurz und obenhin seinem Reisegefährten um sich eifrig
nach Lamprecht zu erkundigen Man wies ihn nach einem entlegenen Stübchen in
welchem dieser Freund schon seiner harre obgleich man geglaubt der Reisende
könne erst morgen kommen Als Leonhard die freundlichen Wirtsleute begrüßt und
sein Zimmer in Augenschein genommen hatte trat er mit hoch klopfendem Herzen
seine Wanderung durch die geliebte ihm so bekannte und doch jetzt fremd
gewordene Stadt an Wie feierlich begrüßten ihn die hohen Kirchen rätselhaft
aus der dunkeln Nacht hervortretend Er stieg die kleine Anhöhe bei Sebald
hinauf wo er auch ehemals so oft gestanden hatte und sah wieder die
erleuchteten Häuser gegenüber Dann ging er nach der Lorenzkirche stand bei dem
künstlichen Brunnen still und hörte andächtig dem Geplätscher und Plaudern
seiner feinen Wasserstrahlen zu Er kehrte um ging die Straße hinauf und unten
an der einsamen stillen Burg vorüber Er freute sich dass er selbst in der
Nacht das Haus wiedererkannte in welchem Albrecht Dürer gewohnt so fleißig
gearbeitet und so viele Schmerzen erlitten hatte Er fühlte sich wunderbar
gerührt und jedes Wort Vorübergehender im bekannten fränkischen Dialekt
gesprochen ging durch sein Herz So kehrte er um und zauderte noch den Gasthof
zu betreten um diese poetische Stimmung nicht zu vernichten Wie glücklich
sagte er zu sich selbst eine solche alte edle Stadt als seinen Geburtsort zu
kennen in ihr zu erwachsen und sich mit jedem Denkmal jedem merkwürdigen Stein
vertraut zu befreunden Alles Große Edle Wunderliche gehört dem Eingebornen
er erlebt es täglich von neuem jeder Gedanke und jede Vorstellung wächst mit
den früheren Jahrhunderten und ihren Begebenheiten zusammen jeder Vorsatz jede
Arbeit klingt wie ein nötiger schöner Ton in das vollstimmige Konzert hinein
das immerfort musiziert und so alles was entsteht und sich neu erzeugt in
seine wohltätige Regel und ihren Wohlklang zart und mütterlich aufnimmt
Als er in den Gasthof trat fand er nur wenige Menschen an der Tafel eine
stille Gesellschaft die seine Gedanken und Gefühle nicht störte In der Nacht
schlief er gut in seinem ruhigen Zimmer und erwachte erquickt und neu gestärkt
mit der Frühe des Morgens
Es war Sonntag und indem er die Glocken schlagen und läuten hörte war es
ihm so heimisch so bang schaurig und so heiter und still sehnsüchtig wie in
der frühesten Kindheit Er ließ diese Sabbatstille in seinem Herzen gewähren
und die Gestalten und Gefühle ruhig beseligt walten die aus seinem Innern wie
aus unsichtbarer lautloser ferner Gegend emporquollen und ihn anlächelten
Wie sonderbar dünkte es ihm dass gar viele hochbegabte Menschen einer
Absonderung von den übrigen einer Sekte und in dieser wieder der Redensarten
der willkürlichen Zeichen bedürften um sich fromm zu fühlen Welche Süßigkeit
des Himmels entfaltet sich so oft und verbreitet sich durch unser ganzes
Innere wenn wir den Engel nur gewähren lassen der mit melodischem Flügelschlag
den Teich anrührt dass seine bewegten zitternden Wogen mit heilender und
heiligender Gesundheit emporrauschen
Bei diesen Worten kam der alte Joseph und dessen Grillen über Sprache in
seine Gedanken und um nicht ganz sich in Träumerei zu versenken ging er in das
gemeinsame Zimmer um sein Frühstück zu genießen Der törichte Franke lief jetzt
durch die Stube indem er einen schönen jungen Mann an der Hand herzuführte in
dessen frommer Miene und stillem Wesen Leonhard jenen Lamprecht den ihm der
Unkluge geschildert hatte zu erkennen vermeinte Sie begrüßten sich gegenseitig
und verabredeten mittags an der Wirtstafel sich wiederzufinden Leonhard eilte
in die Sebaldkirche und die vollen Orgeltöne begrüßten ihn Durch die gemalten
bunten Fenster schien die Sonne und brach den scharfen Strahl in den
schimmernden hellen und lieblichen Farben Als wenn durchsichtige leuchtende
Decken in Farbenpracht vom hohen Gewölbe niederhingen so harmonisch verbanden
sich die schönen Fenster mit dem ehrwürdigen schattenreichen Gebäude das sie
sanft erhellten Die Kanzel Sebalds schönes Grabmal die merkwürdigen Bilder
sah er jetzt nur aus der Ferne um den Gottesdienst nicht zu stören Auf die
Predigt konnte er nicht eben achten denn seine Träume übertönten das lehrende
Wort des gutmeinenden Priesters Er entfernte sich wieder still um auch die
schöne Lorenzkirche in dieser Stimmung zu besuchen deren leichtere Bauart und
schlankere Säulen fast fröhlich gegen des SebaldusDoms ernsteren Charakter
abstechen Er ließ seinen Genius gewähren der heut in seinem Innern waltete
und den Vorhang vom Allerheiligsten zurückschlug Wer diese TempelEmpfindung
niemals gefühlt und erlebt hat der wird es schwerlich begreifen dass Leonhard
sich in einen Winkel verbarg um seine Tränen unbemerkt strömen zu lassen
Als er sich an diesem wollüstigen Weinen ersättiget hatte wandelte er
wieder bei sonntäglicher Stille durch die herrliche Stadt Wieder erfreute er
sich wie vor Jahren der Blicke auf den Brücken über das Wasser hin und die
wundersamen hölzernen Galerien die geschnitzt bemalt häusliche Arbeiter
zeigten oder spielende Kinder oder sinnende Menschen die sich über das
Geländer lehnten Er trauerte über jede Veränderung die er wahrnahm und die
die Einwohner wohl eine Verbesserung nennen mochten Viele der wunderlichen
Gemälde hatte man ausgelöscht so die Riesen in der Nähe des roten Rosses
welche Otnit Hildebrand Dietrich von Bern und andere Helden der alten
deutschen Gedichte vorstellen sollten Viele Häuser waren mit jenem aufgeklärten
Weiß oder Hellgelb überzogen an welchen vormals Engel und schwebende Marien
prangten manche neue Gebäude zierten sich mit jenem negativen Stil der neueren
Architektur und nahmen sich in Leonhards Augen neben den echten alten
Bürgerhäusern nur widerwärtig aus So geteilt in Zorn und Freude kehrte er in
seinen Gasthof zurück
Aber welch unangenehmes Gefühl überraschte und störte ihn als ihm aus dem
Esszimmer ein rohes Geschrei entgegentönte und er in der Ferne die fratzenhafte
Figur jenes Wassermann unterschied der ihm schon auf der Reise damals so
verletzend entgegengetreten war Er konnte es nicht über sich gewinnen sich an
derselben Tafel niederzulassen weil ihm der Gedanke unerträglich war von dem
widerwärtigen Menschen wohl gar wiedererkannt zu werden Er ließ sich also von
dem willigen Kellner seine Speisen in das Nebenzimmer bringen wo er weniger
gestört das laute Schreien des Übermütigen nur wie aus der Ferne vernahm
Sowie die Tür geöffnet wurde vernahm Leonhard die Worte des laut
Sprechenden deutlich und um so mehr da die übrigen nur wenig und leise
sprachen Nach und nach gewöhnte sich der Einsame mehr an das Geräusch weil ihn
seine gerührte Stimmung vom Wein erheitert und gestärkt nach und nach verließ
und einer alltäglicheren Fröhlichkeit Platz machte So war ihm endlich in dieser
sichern Ferne der Herr Wassermann weniger verdrießlich und er konnte auf sein
Geschwätz und seine Prahlereien ohne sich zu ärgern hinhören Da vernahm er
denn wie der Schreier von seiner nahe bevorstehenden Heirat erzählte und wie
er dann wohl zum zweitenmal vermählt sich mehr zur Ruhe setzen würde und
weniger in den benachbarten Ländern umherreisen Er kenne die Welt und habe sie
gehörig genossen daher sei ihm auch die Neugierde die den jungen Gimpeln so
eigen sei völlig vergangen
Leonhard musste lächeln denn diese Äußerung traf ihn selbst am meisten der
diesen ganzen Vormittag in der Stimmung eines Jünglings geschwelgt hatte der
zum erstenmal seine eingewohnte Heimat verlässt So fuhr nun Wassermann fort
seine Lebensansichten und seine Gedanken über Liebe und Ehe auszusprechen War
ihm die Liebe schon lächerlich so war nach ihm die Eifersucht gar das
Verächtlichste wozu der Mann nur hinabsinken könne Er verlangte für beide
Geschlechter völlig dieselben Rechte und Befugnisse und da keinem Richter und
Gesetz das Recht zustehe den Mann zu beschränken wenn er nicht öffentlichen
Skandal mache so dürfe die Frau auch nicht wie eine Sultanin behandelt und
eingesperrt werden Wenn der Mann freilich Unrat merke oder gar hinter eine
Liebschaft komme so sei es ihm natürlich erlaubt und geziemend mit einem
tüchtigen Stock vorzüglich an der Frau seine Genugtuung zu nehmen Mehr als
barbarisch aber völlig abgeschmackt sei es zu forschen fragen zanken über
das was vor der Ehe sich begeben haben könne Eine europäische Narrheit sei es
von dem Mädchen und der Braut zu verlangen dass sie keinen Mann vorher gekannt
oder geliebt oder sich ihm ergeben habe da es doch abgeschmackt herauskommen
würde wenn man den Bräutigam ob jung oder alt darüber examinieren oder
erkommunizieren wolle »Wahrlich« rief er endlich »auch hierin hat sich Moses
als der größte Denker und Gesetzgeber erwiesen denn bei den Juden darf nach dem
mosaischen Recht kein Ehemann das verlangen was die anderen Religionen in ihrer
Torheit so hoch stellen«
»Was wissen Sie vom mosaischen Recht« rief jetzt eine Stimme die gegen
jene des Wassermann nur dünn klang und in welcher Leonhard seinen gestrigen
Reisegefährten wiedererkannte »Gewiss mehr wie Sie« schrie Wassermann »denn
ich bin ein ausgebildeter Mensch« »Ein Ignorant« rief der andere »ein
Inhumaner denn das charakterisiert die deutsche Roheit sich ewig und immer
wieder an den Juden reiben zu wollen die wohl mehr Genie Geist und
Gelehrsamkeit zeigen als die meisten jener eingefleischten Christen«
»HimmelTausendSakerment« schrie jetzt Wassermann und man hörte einen Wurf
Sturz und Aufschrei dann ein lautes Getümmel wie von einer Schlägerei
Als Leonhard die Tür öffnete sah er auch schon das vollständige
Handgemenge Wassermann hatte nämlich ohne nur zu rufen »Vorgesehen« dem
törichten Franke der die Juden nicht wollte schmähen lassen eine Weinflasche
an den Kopf geworfen und so richtig gezielt dass dieser verwundet und betäubt
sogleich unter die Tafel stürzte Sein Freund Lamprecht war mit dem Ohnmächtigen
beschäftigt Wirt und Wirtin standen entsetzt beiseite und rangen die Hände
indes Wassermann sich gegen vier andere Männer als ein Held ebenso rüstig als
gewandt verteidigte denn dem einen der der Angesehenste schien hatte er mit
seinem Stuhle eine bedeutende Wunde an der Stirn beigebracht so dass von dieser
das Blut herniederströmte Die anderen drei nebst zwei Aufwärtern hatten sich
endlich des trunknen und wütenden Wassermann bemächtigt hielten ihn fest und
banden ihm Hände und Füße mit Servietten und Schnupftüchern
»Mein Herr« rief jetzt der Verwundete »nun sollen Sie erfahren was das
auf sich hat in einer angesehenen Stadt in anständiger Gesellschaft solchen
Skandal aus Mutwillen anzufangen und mich einen Polizeibeamten der den
Frieden herstellen will tätlich einem wilden Tiere gleich anzufallen Dieser
Rausch und diese Roheit wird Ihnen teuer zu stehen kommen«
»Ist der Jude da tot« fragte Wassermann auf der Erde liegend und
festgebunden
»Gottlob nicht« rief Lamprecht aus
»Nun so wird die Dummheit nicht viel zu bedeuten haben« sagte Wassermann
»lasst mich nur wieder los und ich gebe mein Ehrenwort mich an keinem Menschen
mehr tätlich zu vergreifen«
»Ihr Ehrenwort« rief der Polizeibeamte »ich möchte lachen wenn mir die
Wunde am Kopfe nicht so unbequem fiele wie solche Menschen nur noch das Wort
Ehre in ihren Mund nehmen können«
Einer der Aufwärter war indessen nach der Wache gegangen Der Beamte befahl
den Übeltäter nachdem ihm die Beine waren frei gemacht worden mit gebundenen
Händen zum Gefängnis abzuführen indessen er sich selbst in einem Wagen nach
seiner Wohnung bringen ließ Der verwundete Franke ward zu Bett gebracht
»O mein werter Herr« sprach der Wirt in einem flehenden Tone »rechnen Sie
es uns ja nicht an dass dergleichen in unserm stillen Hause hat vorfallen
dürfen Wie gern hätten wir dem furchtbaren Herrn Wassermann das Losement
verweigert weil er fast immer betrunken ist aber er hat uns guten Wein
geliefert und die letzte Rechnung ist noch nicht bezahlt so dass wir ihn
wirklich nicht abweisen konnten ohne uns selbst Schaden und Verdruss zuzuziehen
Aber es ist ein gottloser Mensch und ich hoffe sie werden ihn nun diesmal
recht ordentlich schröpfen so dass er endlich Mores lernt und seine
Nebenmenschen nicht mehr auf so schändliche Art molestiert«
Jetzt trat auch der hübsche stille Lamprecht in das Zimmer und sagte »Der
Wundarzt versichert die Wunde habe an sich selbst nicht viel zu bedeuten und
nach ein paar Tagen wenn der Kranke nämlich die gehörige Ruhe genossen sei
alles wieder in Ordnung«
Sehr erleichtert verließen der alte Wirt und die Wirtin das Zimmer und
Leonhard sagte indem er sich zum stillen Lamprecht wandte »Ihr Freund der
Verwundete hat mir schon viel von Ihnen gesagt und ich wünschte nur wir
hätten ohne diese fatale Geschichte unsere Bekanntschaft machen können«
»Der Herr« erwiderte Lamprecht »führt einen jeden auf eine eigene und
manchen auf eine wunderliche Weise Schlägt es nur zum Heil aus so ist es
immerdar zu loben«
»Gut« versetzte Leonhard »aber war es wenigstens nicht unvorsichtig von
dem jungen Israeliten sich in diesen unnützen Streit mit einem Trunkenbold
einzulassen Zwar ist der Arme auch an sich selbst gestört und seiner Vernunft
nicht mächtig«
»Ach lieber fremder Herr« sagte jener seufzend und mit frommer weicher
Stimme »es ist gar nicht so Sie kennen Ihren Reisegefährten allzu wenig«
»Wieso«
»Er ist nichts weniger als ein Jude er ist ein ordinärer getaufter Christ
wie wir es alle sind er ist nur seit wenigen Tagen ein Jude oder bildet sich
ein dass er einen solchen vorstelle«
»Ist es möglich«
»Lassen Sie sich dienen« fuhr Lamprecht fort »ist Ihnen noch niemals die
Erfahrung geworden dass gewisse Menschen zu manchen Zeiten oft alljährlich
ihren ordinären guten Verstand einbüßen und auf einige Zeit zu Narren werden«
Leonhard sah den Sprechenden misstrauisch an und sagte dann »Lieber Mann
das begegnet uns wohl allen«
»Ich meine es nicht so« erwiderte jener »denn das möchte wohl nur das
allgemeine Menschenschicksal sein dem nicht auszuweichen ist Nein mein lieber
Herr es gibt gewisse Temperamente die sei es im Frühling Herbst oder
Sommer geradezu überschnappen in den Wahnsinn oder ins Delirium geraten und
zu diesen sonderbaren Wesen gehört mein Freund Franke Wie sollte er denn ein
Jude sein da er hier in der Stadt geboren und erzogen ist Aber alljährlich
und zwar immer zu derselben Zeit wird er unsinnig und bildet sich bald diese
bald jene Narrenposse ein Einmal ist er Katze oder Hund oder Fledermaus ein
andermal hat er einen Mord begangen und soll hingerichtet werden oder er ist in
eine Prinzessin verliebt und dergleichen mehr Seine alten Eltern wohnen vier
Meilen von hier dahin war er gewandert und da ich wusste dass gestern sein
kritischer Tag war so wurde ich sehr besorgt um meinen Freund weil er länger
ausblieb und unter diesen Umständen auf dem Wege leicht Schaden nehmen konnte
Ich war nun begierig mit welcher Narrheit er durch das Tor schreiten würde
und siehe da er ist uns diesmal als Jude und Prätendent des preußischen
Trones wiedergekommen«
»Sonderbar« sagte Leonhard »und doch hat er mir so umständlich die Sache
erzählt«
»Ganz recht« sagte Lamprecht »in diesen Krankheitsumständen ist er immer
sehr redselig und von seiner Ansicht so überzeugt dass er wie heute solche bis
aufs Blut verteidigt Was gehen ihn die Juden und ihre Meinungen an Was
brauchte er sich ihrer so lebhaft anzunehmen«
»Was Sie mir da eröffnet haben teurer Mann« begann Leonhard wieder
»erfüllt mich mit dem höchsten Erstaunen Ein Kranker aus diesem sonderbaren
Spital ist mir bis jetzt noch niemals vorgekommen Und es sollte noch mehr
solcher Patienten geben«
»Wer zweifelt daran« antwortete Lamprecht »ich muss mich bloß über Ihre
Verwunderung verwundern Wenn in uns allen wohl etwas ist das den Organismus
oder unser Leben stören will und das die Natur vielleicht im Ärger oder
Schnupfen oder einer Leidenschaft oder Prügelei oder wie sonst hinwegschaft
damit der Mensch in seinem gewohnten Gleise bleibe so gibt es auch immerdar so
geformte Wesen bei denen ungefähr wie beim Mondsüchtigen eine zeitgemässe
kürzere oder längere Verrückteit eintreten muss damit sie nachher nur ihrem
Amte als sterblicher Mensch gehörig vorstehen können So schütteln sie die
Schlacken ab und sind nachher so reputierlich wie zuvor So lebt in einer
großen Stadt nicht gar weit von hier ein sehr gelehrter Mann dieser wird von
hoch und niedrig besucht und verehrt er steht mit andern herrlichen Geistern in
Korrespondenz und man nennt ihn oft den Stolz seines Vaterlandes Dieser
Gelehrte fällt in jedem Jahr im Herbst wenn die Tag und Nacht gleiche
eintritt in einen sonderbaren Zustand Er reißt nämlich alsdann seinen
Kachelofen ein wirft die Kacheln umher und arbeitet dabei ohne Rock und Weste
im Hemde so eifrig dass ihm der klare Schweiß von der Stirne trieft Nun nimmt
er den Lehm und Ton mit welchem der Ofen ausgefüttert ist mischt diesen und
weicht ihn höchst mühsam auf mit Wasser bis er in seinen früheren bildsamen
Zustand zurückgekehrt ist Dann formt und backt er aus diesem Ton Kugeln von
mäßiger Größe und beschenkt wenn die eigentliche Raserei vorüber ist jeden
seiner Freunde auch jeden Vornehmen selbst die Damen die ihn verehren mit
einer dieser Kugeln als einer untrüglichen Universalmedizin gegen alle Übel und
Krankheiten Im ersten Monat wenn die Wut schon ganz vorüber ist geht er nie
aus ohne einige dieser Pillen bei sich zu tragen um der leidenden Menschheit
unter die Arme zu greifen In jedem Jahr kommt der Töpfermeister von selbst und
ungefordert in sein Logis weil er schon weiß welche Arbeit er dort zu tun
findet und nachher ist derselbe Mann so gelehrt und weise als er es nur jemals
war«
»Wohl dem« fügte Leonhard hinzu »an dem der Aberwitz dieser Vampyr nur so
genügsam zehrt und ihn dann wieder freilässt Diejenigen die sich ohne alles
Talent für große Dichter Staatsmänner oder Weltweise halten sind auf jeden
Fall viel schlimmer daran«
»So gibt es wieder andere« erzählte der sinnige Lamprecht weiter »die
ergreift in ganz unbestimmten Zeiten bald nach längeren bald nach kürzeren
Fristen der böse Geist Es kommt über sie wie ein Gewitter aus heiterem
wolkenlosem Himmel
Wehe denjenigen die alsdann in ihre Nähe kommen Ein solcher Mann befindet
sich als Mitgleid in unserer stillen Gemeine das frommste liebevollste Gemüt
wohltätig menschenfreundlich nachgebend so sanft dass ein Kind ihn
einschüchtern könnte aber wenn er vom Satan besessen ist so ist kein
Auskommen mit ihm dann fürchtet er weder Himmel noch Hölle dann achtet er
weder Gott noch Menschen Und auch bei diesem Subjekt hat das Schicksal einen
artigen Ausweg gefunden so dass alle die ihn kennen ihm an solchem Tage aus
dem Wege zu treten vermögen Er geht im Hause für alltäglich in einem einfachen
Überrocke ergreift ihn aber jener höllische Geist so empfindet er schon indem
er aus dem Bette steigt ein sonderbares Gelüst einen uralten feuerfarbenen
Schlafrock den er sonst niemals trägt anzuziehen So sitzt er denn wie ein
altes Gespenst in seinem Zimmer und ihm ist es selber ganz recht wenn an
diesem Tage Freund und Bekannter seine Nähe vermeidet«
Jetzt brach Lamprecht auf um nach seinem kranken Freunde zu sehen Leonhard
aber konnte es nicht müde werden seine vielgeliebte Stadt zu durchwandern Er
mochte nicht aus dem Tore gehen um die poetische Täuschung in welcher er
befangen war nicht aufzulösen weil er von ehemals wusste dass die Natur und
Gegend um Nürnberg her nichts Erfreuliches bieten Er segnete eine Stadt wie es
freilich nur wenige gibt deren Steine Mauern und Türme den Wanderer so fesseln
können dass er keine Sehnsucht empfindet die ihn hinaus in das Freie treibt
Leonhard hatte versprochen am Abend weil es Sonntag war einer heiligen
Versammlung beizuwohnen welche zweimal in der Woche bei dem Brauer Lamprecht zu
einer gottesdienstlichen Feier sich verband Die Mitglieder dieser Gemeinschaft
versäumten zwar die Kirchen nicht um nicht aufzufallen und kein Ärgernis zu
erregen sie hielten aber den öffentlichen Gottesdienst für etwas sehr
Gleichgültiges und sparten ihren Eifer und die wahre Andacht für diese fast
heimlichen Zusammenkünfte Leonhard bereute sein Versprechen und begriff jetzt
selbst nicht wie er es zu geben sich hatte verleiten lassen indessen wollte er
sein Wort nicht brechen und begab sich in das Zimmer wo die übrigen schon
versammelt waren Er fand dort den Vorsteher den Braueigner Lamprecht und den
eingebildeten Juden Franke der mit verbundenem Kopfe blass und seufzend dasaß
Einige ältere und jüngere Männer waren noch zugegen und Leonhard ließ sich
denjenigen vom Vorsteher bezeichnen welcher zuzeiten den feuerfarbenen
Schlafrock anlege um Freund und Feind zu schrecken Er war offenbar der Älteste
der Gesellschaft ein blasser Greis mit schlichtem weißem Haar einer
andächtigen sanften Miene und mit dem Ausdruck stiller Frömmigkeit im Auge
»Unmöglich« sagte Leonhard »dieser ist nicht fähig auch nur ein Tier zu
kränken oder ihm wehe zu tun«
»Lieber Bruder« sagte Lamprecht »in uns allen liegt der Löwe nur an
Ketten und springt brüllend auf sowie er sich frei fühlt Ohne Gnade von oben
und festen Willen von uns selbst sind wir dem wilden Wahnwitz immerdar
preisgegeben Keiner halte sich für den Sichern denn dieses Trotzen auf unsere
Sicherheit ist eben unsere allergrösste Sünde Wer sich bescheiden fürchtet und
an seinen Kräften zweifelt wird der Versuchung viel weniger unterliegen«
Man hörte die Glocke schlagen und alsbald schwiegen alle und vereinigten
sich zu einem stillen Gebet Nun stand Lamprecht auf und hielt eine lange Rede
bei welcher Leonhard wohl einsah und fühlte dass sie eigentlich zunächst auf
seine Bekehrung abzwecke Der junge Mann trug nicht ohne Beredsamkeit und
Begeisterung den Gedanken vor dass sich die Andacht jedes einzelnen die oft den
zerstreuten Weltmenschen sogar besuche an dem Glauben und der Erhebung des
zweiten Bruders stärken und kräftigen müsse Nur so bewähre sich die Gnade und
werde sichtbar die sonst nur flüchtig wie Sonnenglanz bei stürmischem Wetter
vorüberfahre und das Herz vielleicht nur leerer und dürrer ausschöpfe als es
sich vorher gefühlt habe So sei das Bedürfnis der Gemeine früh empfunden
worden und darauf habe sich die Kirche begründet In solcher Gemeinsamkeit wehe
gleichsam ein Geist in allen Gliedern und jeder sei zugleich Laie und Priester
Priester im schönsten Sinn des Wortes sei jeder dessen Seele sich vom Anhauche
Gottes erregt fühle so sei es im Anbeginn der Christenheit gewesen und dieses
Vorrecht der Erleuchtung habe die Reformation auch wieder reklamiert Nur habe
sich leider schon sehr früh die Priesterherrschaft in anderer Gestaltung
wieder eingeführt welche ein Monopol mit Gnade und Glauben treiben wolle Dies
zwinge begeisterte Gemüter zu einer engeren aber stillen Verbindung die sich
der Öffentlichkeit entziehe und nur in der Verborgenheit stark und segensreich
bleiben könne Dieses freie Christentum vom Staate nicht sanktioniert durch
keine erteilte Priesterwürde gerechtfertigt sei eben dadurch das wahre
ursprüngliche welches die Apostel gegründet hätten und welches auch alsbald
seine Weihe und Wahrheit verloren sowie ihm öffentliche Anerkennung und ein
Privilegium geworden sei In diesen Gemeinen aber die nur das bewegte Herz und
das Bedürfnis des Glaubens zusammenführe sei nach der Verheißung der Heiland
wahrhaft gegenwärtig er segne sie durch seine unmittelbare Liebe die sich
allen mitteile und in diesem Überschwung der Liebe in dieser Einverleibteit
mit ihm sei die Vergebung aller Sünden und der Genuss der Gnade sowie seiner
persönlichen Gegenwart und die Begeisterten bedürften also keines Symbols oder
einer körperlichen sichtbaren Überzeugung
Es war nicht zu verkennen dass der Redner eine Erschütterung Leonhards
erwartet hatte die mit dem Bekenntnis und Entschluss endigen würde dass er ein
Mitglied dieser Sekte werden wolle Als diese Entwickelung nicht erfolgte war
Lamprecht erst etwas verlegen dann entschloss man sich gewöhlichere Gespräche
zu führen die das alltägliche Leben betrafen Nach und nach entfernter sich die
übrigen Mitglieder und nur Leonhard Lamprecht und jener stille Greis welcher
sich Alfert nannte blieben beisammen um bei vertraulichen Gesprächen ein
leichtes Abendessen einzunehmen
Leonhard erzählte von sich und seinem Haushalt daheim seiner Frau und
seinem Pflegesohn wie sich sein Geschäft ausgebreitet habe und wie er als
junger Gesell vor etwa zehn Jahren Franken Schwaben die Rheinländer und noch
andere Gegenden durchstreift habe Da jetzt nicht mehr von religiösen
Gegenständen die Rede war und seine Genossen den Anschlag auf ihn aufgegeben
hatten so wurde er um so redseliger als er seit lange schon nicht mit solchen
Menschen umgegangen war die dasselbe bürgerliche Interesse am Leben hatten als
er
So hatte er auch des alten Magisters erwähnt welcher seinen Pflegesohn
unterrichte Seit er jenen sonderbaren Brief gelesen hatte war ihm die Gestalt
des alten Mannes immerdar vor Augen »Ei ei« sagte der greise Alfert nach
einiger Zeit »gar wundersam und gleichsam dem Märchenhaften nicht ganz
unähnlich Dieser alte Mensch wie Sie ihn beschreiben ist öfter in dem
Landstädtchen Jessen gewesen er hat in Wittenberg studiert und promoviert ja
ja es wird schon mein lieber guter Fülletreu sein Nicht wahr das ist der Name
jener alten Perücke«
»Allerdings« sagte Leonhard »ich sehe also wohl jemand vor mir der ihn
ebenfalls kennt oder gekannt hat«
Der Alte stand mit Feierlichkeit auf trocknete sich eine Träne vom Auge
und sagte dann mit vor Rührung zitternder Stimme »Mein Herr Leonhard nehmen
Sie diesen Handschlag und Druck in die ich mein ganzes Herz und meine Jugend
lege und bringen Sie das der lieben guten frommen demütigen Kreatur von
Menschen der allerbesten die Gott erschaffen oder die ich wenigstens habe
kennen lernen«
Er setzte sich hierauf wieder an seinen Platz und forderte Leonhard auf
ihm alles zu erzählen was er nur irgend von dem alten Magister wisse Dieser
konnte fast nichts mehr mitteilen als was er selbst an jenem Abend erfuhr als
der alte Mann zufällig in Elsheims Gesellschaft ein Fragment seines Lebens zum
besten gab Nachdem er geendigt hatte sagte der greise Alfert »Ei du mein
lieber alter Fülletreu du Schulkamerad und Universitätsfreund eine Zeitlang
sogar mein Stubenbursche Ach wo seid ihr hingeschwunden ihr schönen Zeiten
in denen wir uns im Disputieren und in der Latinität übten Ja mein werter
Herr ich bin derselbige Bruder mit welchem er damals jene Wallfahrt zum Hause
meines Vaters nach Jessen anstellte Ich war auch nachher beim Disputieren sein
Hauptopponent und ich machte es der armen Seele recht sauer Denn ob wir gleich
vertraute Freunde waren so war uns doch die Wahrheit und Gelehrsamkeit mehr
als unsere Liebe Ich wusste damals auch nicht dass er sich in meine Schwester so
vergafft habe Ja die ist nun auch schon längst gestorben und auch ihr
versoffener unglückseliger Mann Ich bin durch mancherlei Schicksale hieher
verschlagen worden und habe endlich in dieser Stadt ein kleines Ämtchen
errungen Ich war in meiner Jugend ein froher leichtsinniger Bursche ganz das
Gegenteil von meinem stillen Freunde dem Fülletreu Diese freundliche Seele war
das Muster eines christlichen Jünglings so sanft treu fromm unschuldig und
harmlos wie das Lamm das der Mutter zum erstenmal zur Weide folgt Ach lieber
Gott ich habe noch das Buch den Andreas Gryphius in meinem Besitz in welches
er damals seinen Namen hineingeschrieben hat als er es meinem alten Vater zum
Präsent brachte So ein Buch so ein Schriftzug dauert länger als der Mensch
Aber die Nachkommen die Fremden die es dann in die Hand nehmen wissen nichts
von den Schicksalen der Besitzer von ihren Gefühlen und ihrem Unglück und
können sich also auch nichts dabei denken«
Der Alte war so weich geworden und fühlte sich so ermüdet dass er alsbald
aufbrach nachdem er noch einmal mit vieler Rührung von Leonhard Abschied
genommen und ihm viele Grüße an den alten Magister aufgetragen hatte Als
Leonhard und Lamprecht allein waren fing dieser noch einmal an vom Zweck ihrer
religiösen Gesellschaft zu sprechen und wie gut und nötig es sei dass gute
Menschen wie Leonhard sich ihr anschlössen Leonhard erwiderte ihm dass ihm
jene öffentliche Gemeinschaft und protestantische Kirche genüge und dass in ihr
dasselbe obwalte was er an seiner abgesonderten rühme Auch müsse nach seiner
Überzeugung die Religion und die sie begründende Theologie die Spekulation und
Auslegung der Schrift nur Geschäft und Beruf des Priesterstandes sein dieser
sei also als dirigierend belehrend dennoch notwendig obgleich beim
Gottesdienst selbst jeder andächtige Teilnehmer Priester sei und sein dürfe
Diese Absonderung aber indem jeder Teilnehmer immerdar nach Eingebung und
Begeisterung strebe führe in der Regel zur Schwärmerei und zum Aberglauben
zugleich aber was erst wiedersprechend erscheine oft auch zur freigeisternden
Ketzerei und unchristlichem Wandel
»Schwärmerei« rief Lamprecht aus »ja das ist euer beliebtes Wort ihr
Weltlichen womit ihr alles Geistige und Übersinnliche niederschlagen wollt
Euch graut immerdar vor dem Geheimnis und wenn ihr könnt tut ihr alles in den
Bann als Ketzerei was eurem törichten Schwanken und allen den ungöttlichen
Negationen in den Weg tritt damit ihr nur für andere Zweifel schwärmen könnt
Für diese für das Nichts seid ihr fanatisch und verdammt den Bruder der euch
die blinden Augen öffnen möchte Ist dies nicht sophistische Gleissnerei«
»Lieber Freund« sagte Leonhard »ich bin viel zu unwissend um mit Ihnen
über so hohe Gegenstände disputieren zu können Lassen Sie mich in meiner Bahn
fortwandeln und ich will Sie auf der Ihrigen nicht stören Sollte es nicht
viele Wege zum Himmelreiche geben«
»Es ist uns so verheißen« antwortete Lamprecht »nur kommt es darauf an
wie wir dieses höchst wichtige Versprechen erklären damit es nicht selbst der
Sünder zu seiner Rechtfertigung brauche denn das Böse in uns ist gar listig
und versteht es sich mit Redekünsten und hell schimmernden Trügnissen zu
waffnen Sie mögen werter Freund am Ende nicht unseres Bündnisses bedürfen
aber ich der Schwache Hinfällige würde ohne dasselbe alles Trostes aller
Stütze beraubt Ach lieber Mann Sie nannten als Sie uns von Ihren Reisen
erzählten auch Tirol mein vielgeliebtes Vaterland Nach jenen schönen Bergen
sieht das Auge meines Geistes immerdar zurück und selbst Religion und Schrift
können mir in manchen Stunden keinen Trost darüber geben dass ich diesen
unersetzlichen Verlust habe erleiden müssen Ich begreife die Menschen nicht
deren es doch so viele gibt die freiwillig ihr Vaterland verlassen und nachher
in der Fremde nichts vermissen Oh wenn ich nur wenigstens einmal als
durchwandernder Gast dahin wieder kommen mit Tränen und nassen Augen nur einmal
meinen Abschied nehmen und es anblicken dürfte«
»Wie kommt es denn« sagte Leonhard
»Ich habe Vertrauen zu Ihnen« fuhr jener fort »und so mögen Sie denn
erfahren was ich sonst immer verschweige denn ich weiß dass Sie mein Geheimnis
nicht verraten werden da wenn es bekannt wird ich noch jetzt vielen Verdruss
ja wohl Unglück dadurch erleiden würde Ja freilich drückt mich ein Verbrechen
oder nennen wir es wenn wir milde sein wollen Leichtsinn aber einen
bösartigen der übermütigen Jugend In einer der schönsten Gebirgsgegenden von
Tirol bin ich geboren und erzogen natürlich in der katholischen Religion Meine
Eltern waren in jener Stadt reich zu nennen und starben früh so kam ich als
Mündel zu einem sehr redlichen Vetter der meine Erziehung und die Verwaltung
meines Vermögens übernahm Ich konnte dort recht glücklich sein im Besitz
meiner Acker und Weinberge in den Wäldern auf der Höhe der Berge jagend mich
der Natur erfreuend von Verwandten und vielen Menschen geliebt und geachtet
Und warum erfüllte sich diese Hoffnung nicht Weil ein Zwerg in demselben
Städtchen lebte eine sonderbare Kreatur die um zweier Sachen wegen merkwürdig
war Das erste war seine Riesenstärke Darum half er Weinschrötern und
Weinhändlern und war bei diesen Leuten sehr gern gesehen die ihn für die
Hilfe die er leistete gern beköstigten und kleideten denn mit Geld wusste er
nichts anzufangen so blödsinnig wie er war Es war zum Erstaunen und man
traute seinen eigenen Augen nicht wenn man dabeistand wie der ganz kleine
Knirps der nicht höher als vier Fuß war ein ziemlich großes Fass voll Wein was
zwei Männer mit Mühe und Kunst aus dem Keller und auf den Wagen schroten mussten
so mir nichts dir nichts auf seine Schultern nahm damit die Treppe hinaufstieg
es auf den Wagen legte oder wenn es sein musste es über die Straße nach einem
andern Hause hintrug Deswegen nannte man das Kerlchen auch nur den kleinen
Simson Sonderbar aber dass er diesen Namen der doch ein Lob war durchaus
nicht leiden konnte und hiebei sowie bei vielen andern Dingen zeigte sich die
zweite Merkwürdigkeit des kleinen Wesens nämlich eine außerordentliche Bosheit
und Schadenfreude Darum ging ihm auch jeder gern aus dem Wege und ein alter
Priester in unserer Stadt war der Meinung ein böser Geist regiere und hantiere
in dem kleinen Unhold Rief ihm nun ein Bursche nach Simson oder ein anderes
Wort das er nicht leiden konnte so stellte er sich ganz ruhig hin als wie im
Traum oder in Dummheit kehrte sich dann schnell wie der Blitz um griff den
Bengel und zerarbeitete ihn mit seinen Riesenkräften ganz unbarmherzig Übrigens
schien der Verwahrlosete fast gar nichts zu begreifen es war auch als wenn er
nicht sprechen könne denn er redete nur sehr selten und wenn es geschah immer
nur wenige Worte die oft gar keinen Zusammenhang miteinander hatten Seine
Stimme war von einer Art dass ich sie nicht beschreiben kann so widerlich durch
die Nase so geklemmt und fein gurgelnd so schnarzend oder wie soll ich es
nennen dass es wirklich keine Freude war ihm zuzuhören wenn er einmal zu reden
anfing Da der böse Zwerg schon einigemal junge Leute beschädigt und ihnen recht
schlimme Verletzungen beigebracht hatte so war es natürlich dass die Jugend des
Ortes fast ohne Abrede ein Bündnis gegen den kleinen Simson geschlossen hatte
und ihm so viele Possen spielte als sie nur ersinnen konnte Wie nun aber in
dem Zwerge überhaupt keine Vernunft war so hatte er sich auch ein ganz
unsinniges Spielwerk ausgedacht Er schlief fast gar nicht sobald Mondschein
eintrat war er noch mehr alert und auf den Beinen Dann schleppte er alte
Fässer auf die Höhe des Berges hinauf trug Wasser hin und scheuerte und
hantierte die ganze Nacht dass ihm der Schweiß vom Gesichte triefte und er müde
und ermattet dann zurückhumpelte worauf er in einen festen Schlaf fiel Es kann
wohl sein dass sein Körper dieser Anstrengung bedurfte denn nachher war er
besonders vergnügt So trieb er es fast immer solange der Mond schien und die
Eigentümer ließ ihn auch in seiner Dummheit gewähren weil er ihnen die Tonnen
immer wiederbrachte Einstmals kam ich von einer Kirmes mit einem Schwarm
junger Leute wir alle waren fröhlich und ausgelassen Da treffen wir in der
Nacht den kleinen Simson bei seinen Fässern Sogleich geht das Necken los das
Schimpfen und Lachen aber er ergreift den einen von uns und schlägt ihn mit
solcher Wut zu Boden dass dieser sofort die Besinnung verliert und für tot
daliegt Der Zwerg wird auch wacker durchgedroschen wehrt sich aber wie ein
Held und wir alle hatten lange Zeit Flecken aufzuweisen die wir uns in dieser
Schlacht geholt hatten Der arme Kaspar aber wurde niemals wieder ein gesunder
Mensch und blieb zu aller Arbeit untüchtig So wurde denn der Zwerg vor Gericht
angeklagt und weil der Kaspar wirklich ein verkrüppelter Mensch geworden so
tat man den wütigen Zwerg zur Strafe in ein Narrenhaus Wie es aber so geht am
Ende hatte sich der Kleine doch nur seiner Haut gewehrt Spaß und Schlag lassen
sich nicht auf der Goldwaage wiegen Ein mitleidiger Arzt bewies dass der
Unkluge bei dieser Einsperrung seine Gesundheit zusetze und dass er auch
friedfertig sein würde wenn ihn die bösen Buben in Ruhe ließ was nicht zu
leugnen war Man ließ den Simson wieder frei und uns jungen Menschen wurde von
Obrigkeits wegen bedeutet den Armen der wegen seiner Statur und des Mangels
der Vernunft schon unglücklich genug sei nicht ferner zu molestieren und ihn
nicht in Wut zu setzen Alles vernünftig nur meinten wir jungen Leute in unserm
Dünkel uns sei ein himmelschreiendes Unrecht geschehen besonders weil unser
Kamerad sein trauriges Leben in Abzehrung hinschmachtete Indessen fügten wir
uns und hielten uns still um nicht Verdruss zu haben Wir gingen der boshaften
Kröte aus dem Wege der als ob er es gewusst dass wir eine Nase gekriegt hätten
immer laut und höhnisch hinter uns drein lachte Nach Verlauf mehrerer Monate
gab es ein Hochzeitsfest dem viele von uns beiwohnten andere hatten den Gemsen
aufgelauert Wir alle nun heiter von der Hochzeitfeier und vom Wein ermuntert
an nichts weniger als den dummen Simson denkend ziehen Alpenlieder singend über
das Gebirge zum Unglück aber führt uns der Weg wieder vor seinem Tonnenmagazin
da oben vorbei Diesmal ist er es der zuerst angreift er stürzt sich unter
uns und schlägt einen der Hochzeiter nieder der sich eben drüben im Dorf nach
dem Tanz verliebt und verlobt hatte Der arme Junge liegt zu Boden schreit und
wir merken dass ihm zwei Rippen zerbrochen sind Nun alles her über den
Übeltäter und sie sind nicht übel willens ihn gar totzuschlagen Da möcht ich
sagen springt der böse Geist der den Zwerg immer beherrscht hat in mich
hinein und ich rufe Haltet euch zurück Freunde tut ihm nichts Lasst uns das
Ungeziefer in die große Tonne hier sperren den Boden wieder verspunden und das
Teufelsgezücht so den hohen Berg in den Abgrund hinunterrollen und laufen
lassen Gesagt getan Mit lautem Lachen wirft sich der ganze Schwarm auf den
Zwerg sein Sträuben nutzt ihm nicht seine Kraft ist ohnmächtig denn es sind
zu viele die sich seiner bemächtigen Man tut den Armen in das Fass und lässt
dies den Berg abwärts rollen den Abhang hinunter der ziemlich steil und gewiss
eine Stunde Weges sich erstreckte
Sonderbar bei meinen Rat den ich gab war ich ganz heiter mein Gewissen
war stumm und meldete sich nicht Nun erschrak ich vor mir selber und dem
Unheil das ich angerichtet hatte Wir besorgten erst den Beschädigten und als
dieser unter Dach und Fach war eröffnete ich meinen Kameraden dass ich
entschlossen sei auszutreten denn wir hätten etwas Heilloses begangen und
würden in schwere Verantwortung fallen Sie lachten erst und wollten mir nicht
glauben dann wurden sie still und ratschlagten einige gingen hinunter und
wollte sehen was aus dem in der Tonne geworden sei Ich ging noch diese Nacht
in ein anderes Tal und von dort lief ich in eine mir ganz fremde Gegend Hier
eröffnete ich mich einem Priester der mich aber nicht lossprechen wollte indem
er sagte der Fall sei zu wichtig und er müsse die Sünde erst dem Bischof
melden Das verdross mich denn auch So lief ich immer weiter und kam endlich in
protestantische Länder Mein Vormund und alle meine Verwandten handelten sehr
brav an mir man schaffte heimlich und listig mein Vermögen mir zu denn die
Obrigkeit wollte mich strafen natürlich hatte man unten den Zwerg nur als
Leiche wiedergefunden Alle jene lustigen Kameraden wurden gestraft ich allein
sah mich geborgen Mehr beglückt war ich aber als mein Geist erleuchtet ward
und ich meinen religösen Irrtümern entsagte um mein Gewissen und meine Seele
frei zu machen Sie meinen zwar Herr ich sei nun von neuem gebunden aber
meine Seele bedarf dieser Fesseln vielleicht vorzüglich infolge jener
Begebenheit die ich noch nicht verschmerzen und die Vorwürfe darüber immer
noch nicht beschwichtigen kann die mich in vielen Stunden peinigen Jetzt habe
ich Ihnen lieber Mann mein ganzes Herz eröffnet«
Leonhard dankte dem biederherzigen Manne und erzählte ihm dann unter
welchen Umständen er jenen Zwerg auch in einer Mondscheinnacht vor Jahren
angetroffen habe worauf Lamprecht sagte »Also hat er doch jenen Gesellen mit
welchem Sie damals wanderten auch ruiniert ja man kann sagen umgebracht was
er freilich ohne Absicht tat Mein Unglück sowie das manches jungen Menschen
hat er auch veranlasst Es ist immer denkwürdig wie ich schon sagte aus welchen
Fäden sich so oft unsere Schicksale spinnen«
Es war spät in der Nacht und jeder ging eines andern Weges um seine
Ruhestätte zu suchen
Am folgenden Tage gab Leonhard den Brief seines Freundes im Hause des
Banquiers ab Man wies ihn sogleich in ein anderes Zimmer zum alten Herrn
selbst der ihn sehr höflich empfing und sogleich zum Sitzen nötigte Nach
kurzem Gespräch trat der Kassierer herein und zählte dem verwunderten Leonhard
eine bedeutende Summe in glänzenden Goldstücken hin worauf der alte Mann sagte
»Ich habe Ordre Ihnen dieses einzuhändigen mein Herr und Ihnen zugleich
diesen Brief zu übergeben« Leonhard nahm ihn die Aufschrift war von
unbekannter Hand und er war jetzt überzeugt dass dieses die Erbschaft sei die
ihm überliefert werde obgleich er nicht begriff wie die Exekutoren des
Testaments hätten wissen können dass er nach Nürnberg kommen würde doch war die
Summe diejenige die er von dort erwarten durfte
Er ging auf sein Zimmer zurück um die Summe Goldes wegzuschliessen und
erbrach nun neugierig den Brief Sowie er ihn öffnete war er beschämt über
seine Einfalt denn er erkannte sogleich Elsheims bekannte Schriftzüge Der
Brief lautete so »Da ich Dich mein Geliebter und Deine Wunderlichkeiten
kenne so habe ich es vorgezogen auf diese Weise einen Teil meiner Schuld gegen
dich abzutragen Und wahrhaft ernstlich würdest du mich erzürnen wenn du diese
Summe ausschlagen wolltest und mich dadurch so beschämen dass ich niemals
wieder deine Freundschaft oder Hülfleistung in Anspruch nehmen dürfte Du
bedarfst des Geldes bei deinem Geschäft ich bin die Veranlassung dass du dieses
versäumtest wie könnte ich deiner Friedrike die ich mir doch zur Freundin
wünsche wieder in die klaren Augen sehen wenn ich so ganz sündhaft in deiner
Schuld bliebe ich der Reiche wenn andere die es nicht verdienen von mir
erhielten und ich durch meinen Egoismus Dich um den verdienten Lohn brächte
Und sonderbare Freundschaft wäre es die sich nicht wollte bezahlen ihre
Auslagen wiedererstatten lassen Die falsche Großmut sieht aber Dir nicht
unähnlich darum usw«
Er kann sich nie verleugnen sagte Leonhard und freute sich dass er seiner
Friedrike nun die Wahrheit wenn er zurückgekommen sagen könne doch erhoben
sich neue Zweifel indem er alles bei sich überlegte Pläne spannen sich an
diese und so in tiefen Gedanken sitzend fand ihn Lamprecht Man hatte gestern
schon beschlossen dem greisen Alfert einen Besuch zu machen und beide begaben
sich jetzt nach dessen abgelegener Wohnung Als sie in dem stillen Hause die
Treppen hinangestiegen waren und Lamprecht die Stubentür öffnete fuhr er mit
einem Schrei zurück und lief eilig die Treppe wieder hinunter Leonhard war
über dies Beginnen erstaunt und trat in das geöffnete kleine Zimmer in welchem
er den greisen Mann in einem seltsamen Anzuge auf und nieder wandeln sah Er
trug nämlich jenen alten weiten feuerfarbenen Schlafrock und auf dem Haupt
eine hohe Mütze von derselben Farbe unter welcher im seltsamen Abstich die
ganz weißen Locken herunterfielen Die Flucht Lamprechts war ihm nun erklärlich
denn nach diesem KriegesKostüm war heut der Tag der Besessenheit des Alten
Auch war dieser mit dem vorigen Tage verglichen ein ganz verwandeltes Wesen
Seine Augen funkelten zornig die lange Nase war rot und aufgelaufen zwei
blutrote Flecke glühten auf den beiden Wangen und sowie er Leonhard eintreten
sah drehte er sich straff herum sah diesem mit wildem Blick in die Augen und
schrie mehr als er sprach »Was will Er hier Was hat Er überhaupt bei uns und
in unserer Stadt zu suchen Die Tagediebe die unnützen Da schwänzeln sie
herum schnüffeln in den Häusern in den Kirchen wo sie nur ihren empfindsamen
Zeitvertreib antreffen können wie die Trüffelhunde umher graben das schwarze
Zeug das ihnen lecker dünkt aus dem Boden und meinen sich noch damit zu des
lieben Herrgotts Dienern und Hundejungen zu machen Und Er nun gar Nicht wahr
nun rennt der hochmütige Müßiggänger auch noch in die sogenannte Natur hinaus
kostet leckert liebelt und pfiffelt da auch herum in Abendröte und
Morgenschein hinein und macht ein Affengesicht dazu als wenn alles nun erst
seine Bestimmung und seinen Wert erhielte weil er die Nase hineinsteckt das
Maul dumm aufsperrt und Gottes Schöpfung approbiert Er denkt Gott Vater kuckt
oben zum Fenster hinaus und sagt zu einigen Engeln indem er sich die Hände vor
Freuden reibt Ach seht Kinder nun schaut mein Leonhardchen alles an was ich
so sauber da unten hingestellt habe die Berge das Wasser alle die Waldung
ja ja darauf habe ich lange gewartet was das Männchen dazu sagen würde Ei
seht er billigt alles er ist mit meinen Bemühungen ganz kontent er nickt mit
dem lieben Köpfchen so ist doch meine Schöpfung nicht umsonst Nun und die
Weibsen Denen läuft Er Dummerjan doch gewiss am meisten nach hat wohl schon
manchem dummen Gänschen das Gehirn verwirrt hat sich von andern an der Nase
führen lassen Wenn ich nun mein spanisches Rohr dort aus dem Winkel hervornähme
und kuranzte Ihn hier in meiner Stube herum dass Er wie ein Bär tanzen müsste
könnt Er sich darüber wundern habe ich Ihn eingeladen zu mir zu kommen Er
also hält sich zu Hause einen alten Narren der Ihm Spaß machen muss so einen
verschimmelten Magister Ist Er denn nicht Narr genug für seine Haushaltung Ich
denke immer der Flaps könnte noch seine Nachbaren mit versorgen Der
verteufelte Hochmut in dem Gesindel Aber es wird euch gewiss noch einmal zu
Hause kommen euer Komödienspielen in dem ihr ganz verlernt was Leben und
Wahrheit ist Halunken ihr Marsch fort da ist die Tür Ich will Sein dummes
Gesicht nicht länger vor mir sehen Er sieht aus wie ein Gimpel die kann ich
nicht leiden«
Leonhard wollte ohnehin hier nicht länger verweilen und verließ den
törichten Alten dessen Grobheiten ihn nicht beleidigen konnten Er besuchte
alle die Orte der Stadt die ihm in der Erinnerung lieb geblieben waren und
richtete sich dann ein am folgenden Tage Nürnberg zu verlassen
Als er am Abend schon ziemlich ermüdet an die Ruhe dachte kam noch der
fromme Lamprecht zu ihm und brachte ihm Abbitte und Entschuldigung vom
Besessenen Der Anfall war diesmal schneller als sonst vorübergegangen und er
war nun zerknirscht und saß weinend und bereuend auf seinem Zimmer »Er hat
nicht den Mut« sagte Lamprecht »sich vor Ihnen sehen zu lassen gegen den er
sich so abscheulich betragen hat er schwört aber er hätte alle die Grobheiten
ausstoßen müssen ein innerer mächtiger Geist habe ihn dazu gezwungen Da Sie
sich für den Magister seinen alten Schulfreund so sehr interessieren so
schickt er Ihnen zum Andenken jenes Exemplar des Gryphius Sie möchten dabei
bittet er an seine besseren Stunden denken«
Leonhard nahm das Buch dankte und ließ dem Alten freundlichen Gruß und
Vergessenheit des Vorgefallenen zusagen »Den abscheulichen Wassermann« sagte
dann Lamprecht »werden sie wohl wie ich gehört habe auf drei Wochen streng
und bei schmaler Kost einsperren auch hat er Abbitte tun müssen und wird noch
in eine große Geldstrafe kondemniert die dem Armenhause zum Besten kommen
soll«
»Und was macht Ihr Franke« fragte Leonhard
»Er bessert sich körperlich« antwortete jener »aber geistig habe ich jetzt
viel mit ihm zu tun«
»Wie das Sie schienen ja so einig«
»Sonst immer aber jetzt muss ich ihm predigen und predigen dass ich ihm nur
sein Judentum wieder aus dem Kopfe bringe«
»Sie sagten mir ja aber dass in jedem Jahr diese Verrückteit an einem
bestimmten Tage komme und ebenso wieder verschwinde also wird ja mit der
Gesundheit sein Christentum von selbst wieder in ihn zurückfluten«
»Gut gesagt aber kann man es denn gewiss wissen Es ist darum doch wahrlich
keine verlorene Mühe unterdes an ihm zu arbeiten damit er auch während seiner
Verrückheit an die Wahrheit kräftig erinnert werde Auch kann es ja sein dass
jener Wurf mit der Bouteille diese unnütze Phantasterei tiefer in sein Gehirn
eingekeilt hat so dass sie nicht so leicht sich ablöset wie sonst und deshalb
fühle ich mich berufen jetzt bei ihm gewissermaßen die Rolle eines Missionars
oder Heidenbekehrers zu spielen Ist doch aller Irrwahn nur partielle
Verrückteit«
Sie nahmen freundlichen Abschied Da er wieder allein war wollte es
Leonhard bedünken als habe Lamprecht so gut wie Franke und Alfert seinen Teil
von jenem anlockenden Gerichte gekostet das auf die Sterblichen betäubend
wirkt Er suchte in sich selbst jene Gegend zu entdecken wo auch ein kleiner
schadenfroher Dämon seinen Küchengarten angelegt haben könne Dann betrachtete
er nicht ohne Rührung das alte Buch und las die Zeilen die der damals junge
Magister seinem vermeintlichen Schwiegervater hineingeschrieben hatte »Wie
rund wie ängstlich« sagte er »wie hoffnungsreich und jugendlich ahndend ist
jeder Buchstabe Welche Zeit Not Erfahrung Jammer zwischen der verblassten
Tinte und seinem letzten Brief Nun ängstet er sich nicht mehr um die Schrift
er zerreißt keck die Lettern er will nicht sich und die andern mehr mit der
Zierlichkeit bestechen Ach ja auch in der Handschrift des Menschen liegt oft
und erzählt sich eine Geschichte auch eine furchtbar tragische zuweilen
Armer Mensch arme Menschheit«
Noch von diesen Betrachtungen angefüllt wollte er durch eine der
Hauptstrassen dem Tore zuschreiten Neben ihm ritt ein schlanker junger Offizier
der vor einem großen Hause vor welchem ein Soldat schilderte abstieg und dem
schläfrigen Reitknecht welcher ihm gefolgt war sein Ross übergab
Wahrscheinlich hatte der junge Krieger im Hause seinem Vorgesetzten etwas zu
melden Der Bediente desselben hielt nun faul und halb schlafend das mutige
Pferd das nur ungern sich langsam auf und ab führen ließ Indem erhob sich in
der nächsten Straße ein Getümmel und eine Menschenmasse die aufgeregt lärmte
zeigte sich bald Leonhard konnte dem Strome nicht ausweichen wie er es gern
getan hätte denn Wassermann war wieder der Held dieses Triumphzuges Man führte
ihn vom Verhör zurück und er war erhitzt und trunken Die Polizei wollte ihn
jetzt in sein Gefängnis zurückbringen da er sich aber unterwegs schwach und
ohnmächtig angestellt hatte so waren die Diener des Gerichtes nachgebend genug
gewesen mit dem Klagenden in ein Weinhaus einzukehren damit er sich nach dem
Verdruss und der Erschöpfung wieder etwas stärken möge Diese ungehörige
Freundlichkeit hatte der Zornige aber in Übermut und Hast so gemissbraucht dass
er jetzt völlig berauscht indem er bald schrie bald lallte durch die Straßen
geführt werden musste
Jetzt sah er Leonhard der sich an die Mauer drängte um seinen Blicken zu
entgehen »Patron da« schrie Wassermann »sehen wir uns doch einmal wieder Oh
ich habe ein gutes Gedächtnis Eure Physiognomie ist mir bekannt Jetzt haben
mich freilich die Philister unter und ich bin in Banden Lasst mich ihr
Häscher oder was ihr seid ein Wörtchen mit meinem vertrauten Freunde da
meinem Intimus sprechen Er ist eine verliebte melancholische Seele und kann
hier an meiner Standhaftigkeit sich ein Exempel nehmen«
So drängte er sich zu Leonhard hin auf welchen jetzt alle Blicke gerichtet
waren Indem dieser noch überlegte wie er sich dem Tollen gegenüber vor so
vielen Zuschauern benehmen solle ward er auf eine sonderbare Weise von dieser
Verlegenheit befreit Mit Blitzschnelle riss Wassermann dem träumenden
Reitknecht die Zügel aus der Hand und schwang sich so trunken er war kräftig
und mit Sicherheit auf das Pferd des Offiziers Sowie er im Sattel saß schrie
er laut und trieb das Ross zur Eile das auch sogleich mit ihm durch die
Menschenmasse brach und im gestreckten Galopp die Straße mit dem Jauchzenden
hinunterrannte Einen Augenblick war alles in Erstaunen aber bald sammelten
sich die Polizeidiener und einer von diesen bestieg das Pferd des Reitknechts
um dem Flüchtigen nachzueilen Die Jugend und alle Menschen welche Neugier
versammelt hatte stürmten nun dort in die Straße hinein dem Flüchtigen nach
»Er ist verrückt« sagte ein anderer Polizeidiener »wo kann er hin wollen«
Indem trat der junge Offizier wieder aus dem großen Hause und war nicht wenig
verwundert keins von seinen beiden Pferden mehr anzutreffen Die Erzählung des
schläfrigen Reichtknechtes verhallte in dem Getümmel und dem Geschrei der
Nachlaufenden Fragenden und neu Hinzukommenden »Ihm nach nach« schrien
diejenigen die mit der Polizei in die andere Gasse liefen »Wer ist es Was«
andere »Ein großer Räuber ist angekommen« rief ein Bürgersmann dazwischen
»und den wollen sie jetzt fangen er hat aber den Vorsprung Wenn sie nur die
Tore zumachen« Von einer anderen Seite hörte man rufen »Ein fremder Kourier
Was der wohl Neues bringe mag Es muss sehr wichtig sein denn er reitet ja wie
toll und besessen«
Leonhard war mit den übrigen nachgegangen das Getümmel und Schreien tönte
nur noch aus der Ferne aber das ganze Stadtviertel war in tumultuarischer
Bewegung Nun ward es stiller und nach einiger Zeit sah man jenen
Polizeioffizianten zu Pferde welcher das Ross des Lieutenants führte Auf die
Anfrage sagte dieser »Er hat richtig den Hals gebrochen der tolle Bösewicht
den Abhang dort hinunter wo er im Karriere niedersprengte ist er mit dem
Pferde auf dem glatten Pflaster schrecklich hingestürzt den Kopf gegen die
Mauer geschmettert und ist gleich tot geblieben das sind die Folgen vom
Saufen Es ist nur abscheulich dass wir noch Verdruss wegen des Übeltäters haben
werden Er konnte aber so schön bitten und so malade und elend tun«
Man hatte dort in ziemlicher Entferung den Toten in ein Haus gebracht und
bei der Untersuchung erklärte der Arzt dass alle Hilfe vergebens sei Der
Offizier war sehr erzürnt auf seinen Diener denn bei dem gewaltigen Sturze
hatte sein schönes Pferd auch Schaden genommen und man konnte nicht sogleich
wissen ob es nicht außer an den Knieen welche bluteten auch innerlich
verletzt sei
Viel später also als er erwartet verließ jetzt Leonhard die ihm teure
Stadt in welcher er so mancherlei erfahren und erlebt hatte worauf er nicht
vorbereitet war
Nach zwei Tagen befand sich Leonhard in der Nähe von Bamberg War er in Nürnberg
immer gerührt gewesen so war seine Stimmung jetzt mehr erhoben und ihm selber
rätselhaft Ihm bangte bei jedem Schritte mit dem er sich den Plätzen näherte
an welche sich so überaus teure Erinnerungen hefteten Lebt sie noch sprach er
zu sich selber und wie Ist sie verheiratet hat sie Kinder wird sie noch in
Schönheit blühen oder finde ich eine alte abgelebte Frau in ihr In diesem
Stande verschwindet ja die Jugend meist noch viel schneller als bei jenen die
sich schonen können die nicht der harten Arbeit unterworfen sind Wenn sie noch
lebt und die Ihrigen so sind sie wahrscheinlich arm und so kann ich dem Glücke
danken dass es mich gerade jetzt so sehr gesegnet hat um ihnen helfen zu
können
Mit diesen Empfindungen trat er in die alte schöne Stadt ein Er besuchte
sogleich den ehrwürdigen Dom dann zunächst die Plätze die seine Phantasie
geweiht hatte Sodann verließ er die Stadt um nach jenem Dorfe zu wallfahrten
denselben Weg den er vor Jahren so oft betreten hatte Er sah den kleinen Fluss
wieder und als er in die Gegend kam wo er damals Kunigunden von jenem Rasenden
befreite als er dieselbe Anhöhe seitwärts im Walde entdeckte wo er Abschied
von ihr genommen hatte fühlte er sich so bewegt zitterte er in Erschöpfung so
heftig dass er sich in dem Walde verbarg und sich weinend auf dieselbe Stelle
niedersetzte »Wie oft mag ihre Stimme hier ertönt sein« sagte er »hier mag
sie geruht haben um meiner in tiefer Wehmut zu gedenken« Die Blätter dufteten
wie damals und nach lauem Regen quoll wie damals ein Walddunst von unten empor
die stillen Bäume säuselten im sanften Winde an ihren Stämmen glänzte gebrochen
und geteilt der Schein der Sonne und auf das falbe Laub des Bodens fiel der
bewegte Schatten der Blätter der ein Gatter bildete
»Es muss sein« rief Leonhard nach einer lange Pause und raffte sich
gewaltsam auf »Ich muss dort die Zauberlinde sehen unter welcher sie tanzte
das ganz abgelegene Wohnhaus rundum von Busch und Baum umgeben den ländlichen
Garten wo ich mit ihr Blumen aufband und Früchte pflückte ich muss von ihr
erfahren und mein Herz dem eindringenden Schmerz eröffnen«
Er wandelte weiter der Linde sowie einigen Hütten vorüber kein Mensch
begegnete ihm Jetzt bog er seitwärts noch funfzig Schritt da sah er das Haus
Alles war still Die Gattertür vorn war offen und nur angelehnt auch dort
blühten Malven Astern und einige andere Herbstgewächse Die Haustüre war nicht
verschlossen aber innen alles still wie ausgestorben Dann klinkte er die Tür
auf und war nun wieder in jener alten so wohlbekannten Stube er um so viel
älter geworden Das dämmernde Licht die kleinen Fenster das Spinnrad in der
Ecke der hölzerne Tisch alles noch wie damals nichts verändert aber die
Menschen waren fort es war wie ein Totenhaus Er warf sich in den ledernen
Armstuhl in welchem der Alte immer zu sitzen pflegte und überließ sich ganz
seinen Träumen Plötzlich sah er auf und eine große edle Gestalt trat durch
die Tür sie trug auf dem Kopf den Wasserkrug und musste sich neigen als sie
hereinschritt »Mein Gott« rief Leonhard »ist es möglich Kunigunde«
»O Leonhard mein Leonhard« rief sie mit dem freudigsten Ton und beide
stürzten einander in die Arme lange ruhte Brust an Brust Als sie sich geküsst
geweint gedrückt und wieder geküsst hatten traten sie voneinander und beide
sahen sich verwundernd lächelnd beseligt an »Himmel« sagte Leonhard »du
bist schöner und größer geworden voller und im Ausdruck edler wie eine Göttin
der alten Fabelzeit stehst du vor mir es ist ein Wunder mit dir geschehen denn
du bist nicht älter geworden unter Tausenden hätte ich dich gleich wieder
gekannt«
Sie lachte und sagte »Älter ja viel älter bin ich geworden das versteht
sich Du siehst aber vornehmer aus als damals und noch verständiger Ei mein
Leonhard wie glücklich bin ich dass du nun endlich einmal wieder da bist Ich
habe lange auf dich gewartet aber ich wusste und wusste es ganz gewiss dass du
kommen jetzt bald kommen musstest kurz vor meinem Tode und da bist du ja nun
auch wirklich«
»Du sterben« erwiderte Leonhard »in dieser Fülle und Kraft der
Gesundheit«
»Ja ja mein Leonhard« sagte sie mit freundlichem Lachen »und es ist
recht gut dass es so ist Dafür und für alles danke ich dem Himmel Kannst du
denn eine Weile bei mir bleiben«
»Einige Tage gewiss« erwiderte er »vielleicht eine Woche wenn es dir nur
möglich ist wenn dich nichts hindert«
»Komm in den Garten« rief sie lebhaft »dort setzen wir uns wieder hin wo
damals die Rosen so schön blühten jene Zeit ist jetzt vorüber aber diese Tage
in welchen du nun bei mir bleiben kannst sind meine Rosenzeit und dann das
Grab«
Sie gingen in den heitern einsamen Garten hinaus und setzten sich an jene
Stelle »Zehn Jahr« sagte sie dann »habe ich auf dich gewartet kann ich dir
jetzt nur zehn Stunden in die lieben Augen sehen und den Ton deiner Stimme
hören ach so war die Zeit der Hoffnung ja nicht zu lang so ist mein Leben
ja doch ein schönes gewesen«
Er sah sie jetzt im Tagesschein und ihm dünkte es sei in ihrer Schöne
etwas Überirdisches Verklärtes Wie er ihr in das Auge sah ward dessen Bläue
wie vergeistigt und er fuhr zurück vor dem Überschwang der Liebe der ihn aus
diesen Sternen anblickte
»Ja du bleibst vielleicht mehr als zehn Stunden« sprach sie dann
nachdenklich »bis er kommt der uns trennt«
»Wen meinst du« fragte Leonhard
»Weißt du es denn nicht o gewiss dass ich Braut bin Mein künftiger Mann
der Schreckliche Ach Liebster bei alledem ist das menschliche Leben
fürchterlich«
Sie sank laut weinend an seine Brust »Oh meine Eltern« sagte sie dann
»haben seitdem viel Elend überstanden sie sind ganz arm geworden diesem Leiden
trat noch eine schmerzhafte Krankheit des Vaters hinzu Seit ich dich
kennengelernt wollte ich gar nicht heiraten und das brachte meine Eltern zur
Verzweiflung denn es hatten sich manche junge und reiche Leute gemeldet die
über unser Elend hinwegsehen wollten Ach Leonhard du kannst dir nicht denken
du Glücklicher wie es das Herz zerreißt wenn man den Jammer sieht die Sorge
die Angst der Alten um jeden Groschen der geschafft oder verwandt werden soll
Daneben die lauten und noch schlimmer die stummen Vorwürfe die Blicke einer
Mutter die nach Hilfe schmachten Und nun hat man es in der Hand mit einem
Wort mit einer einzigen kleinen Silbe zu helfen dieselben Eltern wieder
glücklich zu machen die Blut und Leben in der Kindheit für uns hingegeben
hätten nun fallen einem alle die Blicke und Küsse ein die teure Sorgfalt in
Krankheit wie oft sie sich selbst am Munde absparten um dem Kinde Freude zu
machen um ihm Arzenei zu verschaffen um ihm ein Spielzeug zu kaufen Und
ebenso war es schon vorher lange vorher ehe man denken und sich erinnern kann
dieser mütterliche Busen der jetzt nach einem Labsal schmachtet hat uns
gesäugt das tränende Auge hat über uns gewacht sieh Liebster man lässt sich
endlich von Angst und Not Liebe und Verzweiflung und von der Stimme eines
Engels der dazwischenspricht bereden und sagt dann das Ja worüber die Alten
aufjubeln und einem danken als wenn man sie vom Tode gerettet hätte wie es
denn hier auch der Fall war aber Leonhard ich hätte um ihr Elend zu enden
nicht einen jener hübschen jungen Männer nehmen können nicht wahr das hätte
dich noch mehr gekränkt Und weiß ich doch nicht ob du nicht auch schon längst
verheiratet bist«
Leonhard sah trübe vor sich nieder und fragte dann »Und wer ist dieser
Auserwählte«
»Du kennst ihn wohl« sagte sie »ein Mensch der dich hasst der dich damals
ermorden wollte« Als er wieder Witwer war machte er sich an uns und bot seine
Hilfe an weil er reich ist Er setzte etwas darin mich nicht aufzugeben und
so habe ich mich drein ergeben müssen Jener hässliche Mensch ist es mit dem du
den Kampf damals ausfochtest
»Der« sagte Leonhard »und er ist hier«
»Ach nein er ist auf Reisen wie öfter und das ist ein Glück In acht
Tagen etwa wird er zurückkommen Er hat seitdem vielerlei Begebenheiten erlebt
und späterhin auch einen andern Namen angenommen seitdem ihn ein reicher Vetter
in der Stadt zu sich nahm und ihn zum Erben einsetzte Dann ist er in
Deutschland und auch auswärts herumgereiset und hat viele Weinberge und große
Häuser drüben in einer benachbarten Stadt Er hat meinen Eltern das größte
bequemste Haus im Dorfe hier verschrieben und vermacht auch Weinberge
Wiesewachs und Fluren und Triften Ach meine Alten sind seitdem so glücklich
Oben am Ende des Dorfes wohnen sie auch in dem großen Hause Hier habe ich mir
in der lieben alten Häuslichkeit meine Wohnung aufbewahrt bis dahin wo das
Schreckliche geschieht und der Wassermann zurückkommt«
»Wassermann« rief Leonhard höchst überrascht aus » o der der kommt niemals
wieder« Er erzählte der Erstaunten nun was sich in Nürnberg begeben hatte
»Das ändert freilich alles« sagte sie nach langem Stillschweigen Sie
gingen hierauf nachdem beide sich mehr gesammelt und Freude und Rührung
überwunden hatten nach dem großen Hause zu den Eltern Kunigundens Alles
geriet hier über die Nachricht von Wassermanns Tode in Bewegung Man fragte dies
und jenes man verstand sich nicht die Alten die so lange vom Elend waren
verfolgt worden fürchteten von neuem unglücklich zu werden und dass man ihnen
den kürzlich gewonnenen Besitz wieder entreißen könne Leonhard tröstete und
beruhigte sie Er fühlte was in solchen Bedrängnissen ein verständiger Freund
den Unerfahrenen sein wie hilfreich er ihnen werden könne Jetzt war es ihm von
neuem tröstlich eine bedeutende Summe bei sich zu haben weil ihm ahndete dass
er des baren Geldes um die Lage dieser Armen zu sichern wohl bedürfen würde
Statt der schönen Ruhe von welcher er geträumt hatte wurde er in eine
unerwartete Tätigkeit geworfen In Bamberg suchte er einen tüchtigen
Rechtsgelehrten auf Wassermann hatte nur wenige und sehr entfernte Verwandte
Diese wohnten in der Würzburgischen Stadt in welcher Wassermann seine Häuser
besessen hatte In Bamberg war ein Testament niedergelegt in welchem der reiche
Wüstling Kunigunden und ihren Eltern und Verwandten sein ganzes Vermögen
vermachte Die Ehe aber war nicht vollzogen worden Leonhard reiste mit dem
wackeren Rechtsgelehrten der sich der Sache mit großem Eifer annahm nach jenem
Städtchen Die Nachrichten und Beweise von Wassermanns Tode waren seitdem auch
vom Nürnberger Magistrate eingesendet worden Mit den Verwandten welche gar
nichts von dem Vermögen des entfernten Vetters erwartet hatten war bald ein
billiger Vergleich geschlossen und alle waren zufriedengestellt So konnte der
größte Teil der Verlassenschaft Kunigunden und den Ihrigen zugesprochen werden
was um so erwünschter war da nun eine jüngere Schwester ihren Bräutigam
heiraten und mit diesem eine Wirtschaft anfangen konnte Kunigunde hatte auch
noch die Freude dass ein Bruder von seiner vieljährigen Wanderschaft zurückkam
Diesem war sie mehrere Meilen in der Freude ihres Herzens als die Nachricht
eintraf heftig wie sie war entgegengegangen Dies begab sich in den Tagen
als Leonhard nach jener Würzburgischen Stadt gereist war Dieser junge brave
Mann konnte sich nun als Schmied in Bamberg oder auf einem Dorfe niederlassen
Die Alten im Gefühl ihres Glücks waren voll Freude und Dankbarkeit gegen
Leonhard der ihnen mit Aufopferung von Zeit Geld und Mühe hauptsächlich zu
diesen Herrlichkeiten verholfen hatte Mit welchen Augen die glückliche
Kunigunde ihren Liebling betrachtete ist leicht zu ermessen Und wie
glücklich und unglücklich war er selbst in diesen Tagen die so reich an
Begebenheiten Freuden und Schmerzen waren
Siebenter Abschnitt
Die ersten schönen Frühlingstage waren wieder gekommen Mehr als zwei Jahre
waren verflossen seitdem Leonhard in seine Heimat zurückgekehrt war Immer
hatte er auf seinen Freund Elsheim gehofft dieser aber ward durch eine
unerwartet eingetretene bedeutende Krankheit seiner Mutter auf jenem fern
liegenden Gute zurückgehalten Es schien dem jungen Mann Sünde die letzten
Lebenstage seiner teuren Mutter deren einziges Glück er war nicht zu
erheitern und so war es natürlich da sich keine Hoffnung zur Genesung zeigte
dass er ihren Tod abwartete der erst bei der Annäherung des Frühlungs erfolgte
Er hatte ihr noch die Freude machen können ihren längst gehegten Wunsch zu
erfüllen dass er sich nämlich mit Albertinen vermählte Ein Enkelchen einen
Knaben hatte die alte Frau auch noch vor ihrem Hinscheiden gesehen und so
starb sie denn froh und zufrieden da sie den einzigen Sohn glücklich wusste
Elsheim hatte in dem langen Zeitraume nur selten geschrieben auch waren
seine Briefe nur kurz und flüchtig so dass Leonhard diese Vorfälle nur
summarisch erfahren hatte ohne die Motive und Veranlassungen näher zu kennen
Jetzt aber war Elsheim mit Frau und Kind angekommen Dorotea die sich von
ihrer innigst geliebten Freundin nicht trennen wollte war mit ihnen der Knabe
welcher zu Ehren Leonhards Wilhelm getauft worden war befand sich wohl und
munter und so waren alle zugegen die Leonhard als Taufzeugen für sein
Töchterchen schon ziemlich lange erwartet hatte
Elsheim welcher einige Tage früher ankam war nicht wenig erfreut und
überrascht seinen Freund so glücklich und heiter zu finden jenes sinnige
Nachdenken das ihn sonst oft in den heitersten Stunden überraschte und welches
zuweilen in ein finsteres Träumen ausartete schien völlig von ihm gewichen zu
sein Er war so natürlich froh so ganz in sich befriedigt so völlig Mann
geworden dass Elsheim im wahren und festgegründeten Glücke seines Freundes sich
selber glücklich fühlte So war auch seine Gattin Friedrike noch
selbständiger als ehemals Da man die Taufe bis zur Ankunft der Freunde
aufgeschoben so konnte die junge Mutter schon wieder aus dem Bette sein Es war
natürlich dass die beiden Eheleute denen jetzt zum erstenmal ein Kind geschenkt
war sich liebender erwiesen dass der Mann der Frau zärtlich und schonend
begegnete aber der scharfsichtige Elsheim erblickte in dieser wechselseitigen
Hingebung noch etwas Innigeres welches er nicht ganz verstand jedoch bald
einmal die Erklärung desselben von seinem Freunde zu hören hoffte
War Elsheim verwundert so erstaunte Leonhard in einem weit höheren Grade
über die Verwandlung des Barons Jene Munterkeit die ihn so liebenswürdig
machte war ihm geblieben ja man konnte sagen sie war erhöht aber
gewissermaßen geläutert und verklärt denn jenes Schroffe und Herbe was den
Freund in manchen Augenblicken der Übertreibung wegen gestört hatte war
Leichtigkeit und Anmut geworden Wenn Leonhard es hätte beschreiben sollen
würde er vielleicht gesagt haben das Wesen seines glücklichen Freundes sei
jungfräulicher unschuldiger geworden denn dass er glücklich sei zeigte sich
in jedem Blick und jeder Miene Friedrike war sehr vergnügt darüber die Freunde
nach einem so langen Zwischenraum wiedervereinigt zu sehen und zeigte nichts
von jener Empfindlichkeit oder Eifersucht durch welche Leonhard in früherer
Zeit sich wohl verletzt fühlen mochte
Das Fest der Taufe war heiter und alle erfreuten sich der schönen Aussicht
welche die Zukunft verhieß Albertine nach welcher das Töchterchen genannt
wurde hielt es bei der religiösen Zeremonie Elsheim war zugegen sowie der
Professor Emmrich der sich schon seit einem Jahr in dieser Stadt niedergelassen
hatte Zugleich war der kleine Tischlermeister Krummschuh eingeladen der sich
sehr geehrt fühlte dass er mit so vornehmen Leuten an dem Feste teilnehmen
sollte Die kleine fröhliche Dorotea war zurückgeblieben um dem kleinen
Wilhelm Gesellschaft zu leisten der obgleich erst ein Jahr alt schon redete
und gern mit seiner Freundin spielte und scherzte
Beim Mahle war man herzlich froh und Albertine und Friedrike sagten sich
die freundlichsten Worte Es war vorauszusehen dass sie in Zukunft vertraut und
einander unentbehrlich sein würden Froher als gewöhnlich zeigte sich der
Professor denn er sah Albertinen schöner als je alle seine Wunsche für sie
waren in Erfüllung gegangen Auch er fand den jungen Baron ernster aber edler
und man sprach viel darüber wie man im schönsten Freundesverein den Sommer
zubringen wie man sich im Winter gemeinsam beschäftigen wolle was man
miteinander lesen welche Spaziergänge man machen könne Elsheim gab selbst der
Hoffnung Raum dass sein Freund mit Frau und Kind doch noch einmal sein Gut an
der fränkischen Grenze wieder besuchen könne
Friedrike begab sich da sie sich etwas angegriffen fühlte früher zur Ruhe
und Emmrich geleitete Albertinen nach Hause froh und dankbar verließ Krummschuh
die Gesellschaft und Leonhard und Elsheim befanden sich nun allein miteinander
in jener Stube und an dem runden Tisch an welchem ihnen vor beinahe drei Jahren
der alte Magister seine Geschichte erzählt hatte
Die beiden jungen rüstigen Männer reichten sich die Hände und sahen sich
mit dem Blick der reinen und festen Freundschaft an »Liebster Bruder« fing
Leonhard an »du bist wahrhaft glücklich nicht zum Beneiden wie man sich immer
ausdrückt denn ich glaube ich bin es nicht weniger aber noch immer begreife
ich es nicht wie du dahin gelangt bist Deiner Briefe waren so wenige immer
nur einige Zeilen anfangs verdrießlich dann zurückhaltend dann blieben sie
einmal ganz aus dann ward mir kurz deine Vermählung und nach zehn oder elf
Monaten die Geburt deines Kindes gemeldet und so bin ich mit dir ohne
historischen Zusammenhang unsere Herzen sind eins aber ich habe dich und dein
Schicksal nicht begriffen Vielleicht kannst du mir jetzt in dieser traulichen
Stunde hierüber näheren Aufschluss geben«
Elsheim lachte herzlich und sagte »Liebster wenn ich verdrießlich bin
schreibe ich ungern Briefe noch viel weniger aber wenn ich mich recht
glücklich fühle Ach und in jenen Tagen da sich mir das Paradies der Liebe
öffnete wie hätte ich da Worte suchen mögen wo hätte ich sie auch finden
können dir meine Seligkeit mitzuteilen Sehen wir uns sprechen wir uns doch
jetzt warst du es doch selbst der zuerst den seltenen hohen Wert Albertinens
erkannte als ich noch in meiner Verblendung herumlief und nach Wolkenschatten
haschte«
Er wurde ernst und fuhr fort »Immerdar habe ich an jene Gespräche denken
müssen die wir auf der Reise miteinander führten Wer kennt das Leben wer
sich oder andere Menschen Auch wer klar zu sein glaubt fällt wiederum in das
Trübe Widersprechende und Unzusammenhängende und diese Verirrung war
vielleicht notwendig damit man sich jenseits vollständiger wieder antreffen
möchte Es gibt so viele Romane und Erzählungen vieles ist geistreich manches
davon gehört zu den Kunstwerken aber so viel ich nun auch weiß ist jenes
Thema noch niemals oder mit wahrer Menschenkenntnis durchgeführt worden Ja
Freund dieser Rausch und diese seltsame Leidenschaft für jene reizende
Charlotte die mich eine Zeitlang mir selbst entführte war zu meinem Leben die
Befriedigung derselben zu meiner Ruhe und meinem Glücke notwendig Wie schön
jenes Wesen ist welche Gewalt sie über die Sinne und den taumelnden Geist
ausüben kann hast du ja selbst erfahren Die Menschen brauchen immer das Wort
Liebe und sie wissen selbst nicht was sie damit ausdrücken wollen Jene
Idealisten nun gar die sie ohne Gestalt und Farbe malen wollen und nur die
Vernichtung des Gemüts und der Leidenschaft darstellen können In jedem
Menschen in jeder Situation in jeder Rede und jedem Blick ist die Liebe wenn
sie wirklich da ist ein anderes Wesen ein neues originelles Individuum und
darum ist dies Thema für den Dichter so unerschöpflich wenn er ein echter
Dichter ist So liebt ich Charlotten ungestüm fast wahnsinnig und ich habe dir
schon damals gestanden wie mich die Eifersucht peinigte neben dem sonderbaren
Kontrast dass ich dies verführerische Wesen nicht achten und noch weniger ehren
konnte Sah ich doch täglich ihre Unwahrheit und Verstellung wie sie nur dem
Augenblick lebte und selbst wenn sie gewollt hätte unfähig war im Geliebten
den edlen Menschen zu achten Und doch war diese ewige Lüge ihrem Leben und
selbständigen Geiste keine Unwahrheit denn nur so wie sie war war ihr Witz
ihre Schalkheit ihr Beherrschen der Menschen möglich Dass alles Ehrbare Echte
wahrhaft Menschliche und Treue ihr unzugänglich war goss diesen wundersamen
Zauber über sie welcher unsere noch jugendlich frischen Herzen so sonderbar
berauschte Hätte man sie achten können oder ehren müssen so konnte man sie
nicht mehr lieben Aber auch einzig sie konnte diesen Wollustrausch diesen
feinen und seelenbetäubenden Wonnedurst erregen und befriedigen Du hast dies
ebenfalls erlebt ein anderer würde mich vielleicht nicht verstehen
Als meine Seele und meine Sinne nun befriedigt worden als ich das Glück
genossen hatte welches mir damals das höchste wenigstens ein unerlassliches
erschien wie war nun mein Gefühl Meine erste Besonnenheit war dass ich dich
Geliebtester unendlich vermisste ich klagte es buchstäblich den Wäldern und
Fluren dass ich dich jetzt schon hatte abreisen lassen obgleich mich damals
dein Abschied erfreute und deine Reise mir einen Stein vom Herzen nahm Noch zu
einigen Zusammenkünften fand ich mich ein in jenem einsamen Häuschen dort am
Buchenwalde aber der Zauber der mich so golden umsponnen hatte war zerbrochen
und zerrissen wie von Armida oder Alcinda war die Täuschung abgefallen und
wenn man unter diesen Gefühlen erwacht so ist die Wirklichkeit gar zu arm und
nüchtern weil der Traum zu wonnereich war
Emmrich hatte es durch seinen Enthusiasmus dennoch möglich gemacht dass wir
Shakespeare Wie es euch gefällt aufführen konnten Statt deiner wie er es erst
willens war musste ich nun jenen kindlichen ungebildeten und in seiner
Natürlichkeit so braven und edlen Orlando spielen In den Liebeszenen welche
Albertine so heiter und lieblich gab fiel es mir jetzt erst auf wie schön dies
Wesen sei wie edel gebaut welche Töne in ihrer Brust wohnten mit welchem
Gefühl sie sprach Da wirkte eine frühere Ermahnung Emmrichs nach und seine
Worte fielen mit neuer Kraft auf mein Herz wie ich mich eine Zeitlang wirklich
ungezogen gegen sie betragen hatte Ich erschien mir wie ein alberner Knabe dass
ich um meiner guten Mutter nur zu widersprechen mich so willkürlich gegen alle
Vorzüge dieses Mädchens verblendet hatte Ich kam ihr näher war freundlicher
redete sie nach beendigtem Stück fast mit Zärtlichkeit an und niemals niemals
werde ich den Blick vergessen können mit welchem sie mich ansah Wie soll wie
kann ich ihn beschreiben Er drang mir durch Mark und Bein Ein zarter holder
Vorwurf lag darin ein unendliches Mitleid mit mir dass ich sie habe verkennen
mögen und doch ein unsäglicher Schmerz ihres eignen Herzens es war als wenn
der Blick sagen und mit holdseliger Bitterkeit fragen wollte Endlich Sie
wendete sich dann plötzlich ab und eilte in ihr Zimmer um sich umzukleiden
Von dieser Stunde an folgte ich ihren Schritten und hatte jetzt im
buchstäblichen Verstande Charlotten völlig vergessen Diese trieb schon seit
einigen Tagen ihr Wesen mit den Virtuosen was mich gar nicht mehr
interessierte aber unser kleiner Kadet wollte wahnsinnig werden und es war
hohe Zeit ihn in seine Anstalt zurückzusenden Meine Sehnsucht nach Albertinen
meine Bewunderung ihrer Schönheit dass ich sie immerdar vermisste und ihre
Gegenwart suchte alles dies wuchs mit jedem Tage In einer schlaflosen Nacht
musste ich es mir bekennen dass es Liebe sei was mich so quäle und doch
peinigend beselige Sonderbar ich hatte nicht den Mut ihr dies Gefühl zu
gestehen obgleich ich jetzt schon Emmrichs Worten glaubte dass die Holdseligste
eine Leidenschaft für mich empfinde Endlich in jener abgelegenen Gartenlaube
wo ich sie einmal allein antraf wagte ich es Wie Vetter rief sie aus und
ihre wunderschöne Stimme zitterte im klingenden Silber vor tiefer Bewegung dies
sagen Sie mir Und es kann Ihr Ernst sein Woran soll ich das erkennen
An diesen stürzenden Tränen rief ich indem ich zu ihren Füßen niedersank
Stehen Sie auf sagte sie ängstlich es könnte uns jemand überraschen Ich
setzte mich zu ihr sprach bewies forderte wünschte und flehte sie aber sah
schweigend vor sich nieder und erhob nur von Zeit zu Zeit das schöne Haupt um
mir scharf in die Augen zu sehen Sie schien mit sich zu kämpfen sie sann über
Gedanken die sie aussprechen möchte sie stritt mit Gefühlen endlich sagte
sie Und wenn ich nun an Ihre Liebe glaube wie Sie es nennen Die Leidenschaft
nehme ich wahr stammt diese aber auch aus jenem Quell den ich Liebe nennen
möchte Und selbst wenn ich Ihnen glauben wollte kann ich Ihnen jetzt noch
keine Antwort geben Doch ich erscheine Ihnen der Sie ganz andere Forderungen
machen vielleicht altklug oder gar prude Nur eins versprechen Sie mir sagen
Sie von dem was Sie jetzt so heftig zu wünschen scheinen auch kein Wort Ihrer
Mutter Sie wissen wohl welche Pläne sie einst hatte und ich möchte in dieser
Sache von niemand auch dem Besten nicht überredet werden Vieles ach vieles
muss überdies noch anders werden Mit diesen Worten entfernte sie sich nachdem
ich ihre Hand die sie mir freundlich überließ heftig geküsst hatte
Man wird oft schlimmer indem man besser wird Mein Gemüt war erhoben ich
hatte vieles in mir überwunden was ich jetzt niedrig nennen musste und doch
nahm ich jetzt planvoll zur List meine Zuflucht die ich noch vor wenigen Wochen
würde verachtet haben Ich suchte mir nämlich die kleine Dorotea zu gewinnen
und dieser ein unbedingtes Zutrauen einzuflößen Das war bei dem guten lieben
Kinde nicht gar schwer obgleich sie mich oft gescholten oder mir auch
empfindliche Wahrheiten gesagt hatte mein neckender Ton war ihr oft zuwider
gewesen und sie hatte sehr oft geäußert kein Mensch könne Zutrauen zu mir
fassen Wie es mir also gelang sie recht treuherzig zu machen entdeckte ich
ihr den Zustand meines Gemüts und da sie überzeugt war es sei mein Ernst
versprach sie mir alle Hilfe und wiederholte mir manche Gespräche die sie mit
Albertinen geführt hatte und was diese an mir den Leichtsinn eine gewisse
Frechheit von der ich nichts wusste und dergleichen mehr aussetzte Bei dieser
Gelegenheit Freund wurde nun dein Lob in allen Tönen gesungen Du warst
Albertinen das Muster eines Mannes diese Kindlichkeit fehlte mir sowie diese
Unschuld eine gewisse Redlichkeit und dergleichen Haupttugenden mehr so dass
die Kleine auch früher den irrigen Glauben gehegt hatte Albertine sei sterblich
in dich verliebt Jetzt teilte sie Emmrichs Meinung dass sie von einer
Leidenschaft gegen einen Undankbaren schon früher sei verzehrt worden dessen
Unart und Frivolität dessen Verliebteit in Charlotten sowie manche
Tollheiten sie immerdar tief verletzten
Wie gern wollte ich ihr jetzt alle diese Leiden vergüten Aber sie wich mir
aus sie vermied mich soviel sie es irgend konnte Oft musste ich glauben dass
ihr mein Wesen wirklich unerträglich sei und dies brachte mich in meiner
überspannten Empfindung gar oft der Verzweiflung nahe In manchen Stunden fiel
mir ein ich wollte fortreisen und in fernen Ländern unter anderm
Himmelsstrich mein Gemüt und meine Heiterkeit wiederzufinden suchen Ein Blick
der etwas freundlicher schien bannte mich dann wieder in ihre Nähe und
versöhnte mich auf lange mit mir selbst Doch wozu die Freuden und Leiden
die Schwankungen meines Gefühls dir schildern Ich sah wohl wie aufmerksam
sie mich prüfte wie scharf sie mich aus der Ferne auch wenn sie mit andern
lebhaft sprach beobachtete Selbst Dorotea machte mir von Zeit zu Zeit einige
Hoffnungen sie meine ich werde geliebt nur klagte sie darüber dass die sonst
so zärtliche Freundin sich seit einiger Zeit auch von ihr zurückzöge und gegen
sie verschlossener sei als jemals
Wir hatten an einem der schönen Herbsttage einen gemeinschaftlichen
Spaziergang in jenen schönen Buchenwald gemacht in welchem du dich auch einmal
verirrtest Ich führte Albertinen Emmrich ging mit Doroteen der begünstigte
Bassist mit Charlotten Dieser zündete mitten im Walde ein Feuer an und
Dorotea kochte mit Hilfe Charlottens den Kaffee in der grünen Wildnis sie
hatten spassend die Geschirre und allen Bedarf in ihren Körbchen mitgenommen So
veranstaltete sich unvermutet ein kleines ländliches Fest und es nahm sich
artig aus wie die rote Flamme die in dem dürren Reisig hoch aufloderte die
Stämme und die belaubten Zweige der Buchen färbte Nachher spazierte man noch
weit vom Wege ab rechts und links Endlich waren wir denn auch völlig verirrt
denn keiner hatte in seinen lebhaften Gesprächen auf den Weg geachtet Der
Bassist schrie laut aber vergeblich von nirgendher eine Antwort Wir
fürchteten endlich die Nacht könne uns überraschen und wie es in solchen
Fällen wohl zu geschehen pflegt alle strengten sich an um etwas zu ersinnen
dessen Gelingen immer noch misslich blieb Emmrich lief mit Dorotea fort um
Menschen aufzusuchen der Bassist und Charlotte in derselben Absicht nach einer
andern Richtung Diese fingierten den Rettungsversuch vielleicht nur um sich
noch mehr zu verirren Man hörte die vier verschiedenen Stimmen noch ein
Weilchen endlich verhallten alle und ich war mit der schüchternen Albertine
ganz allein Es war einer der seligen Augenblicke unsers Daseins denn jetzt
bekannte sie mir ihre schon längst gehegte Liebe Den ersten heiligen Kuss den
ich auf ihre Lippen drückte erwiderte sie herzinnig So erschüttert
begeistert zitternd wagte ich es damit sie mich ganz kenne das Geständnis
dass ich mich von Charlotten habe verleiten lassen meinem bessern Gefühl der
Heiligkeit der Liebe ungetreu zu werden O Leonhard da lächelte sie über meine
Heftigkeit oder Übereilung wie soll ich es nennen so milde so lieblich und
herzerobernd und sagte O Liebster diese deine Sünde ist mir längst bekannt
ohne dass ich es begehrte hat mir die plauderhafte Lene dies alles schon damals
erzählt als du noch nach jener Hütte eiltest O Herzensfreund wie war ich
gedemütigt und entzückt zugleich denn niemals in keinem Augenblick hat sie
dieser Charlotte ihren Zorn oder nur ihre Unzufriedenheit merken lassen
sowenig sie ihr gefallen konnte sosehr jene sie auch verletzte und kränkte Ja
an einem Tage als Charlotte an Migraine litt und alle Dorotea die Tante und
meine Mutter über Land gefahren waren hat sie sie christlich gepflegt ihr
vorgelesen sie gewartet und niemals das kleinste Zeichen gegeben dass sie von
ihr mehr wüsste oder von ihr gekränkt sei Oh wie tief war ich gedemütigt wie
grausam beschämt Aber wie wuchs auch seit diesem Augenblick meine Liebe und
Verehrung zu diesem einzigen Wesen
Ja es ist mir so gut geworden wie ich es mir immer wünschte Diese stille
Laube dieser Platz im wilden Walde jede Stelle wo ich mit ihr wandelte die
Bäume an denen ich stand und sie erwartete alle diese Plätze sind mir
Heiligtümer geworden und werden mich noch im hohen Alter prophetisch anreden
und mich mit unsterblichem Zauber locken Dort also ist mein Orient und mein
Wunderland Und glaubst du wohl Freund dass seit Albertine meine Gattin ist
ich in gewissem Sinn verliebter binn als vorher Aber Eros hat mir auch ein
neues Herz in meinem Busen geschaffen in bin ein anderer Mensch geworden
Doch Liebster warum haben wir den alten Magister heut nicht gesehen«
»Morgen lass uns darüber sprechen« sagte Leonhard »es ist spät« Und die
beiden Freunde trennten sich
Am folgenden Tage aß Leonhard zu Mittag bei seinem Freunde Elsheim obgleich
erst einiger Streit vorangegangen war weil Leonhard nur höchst ungern seine
Lebensweise selbst dem Freunde zu Gefallen änderte Elsheim hatte keine
anderen Gäste und als sich Albertine entfernt hatte begann zwischen den beiden
Freunden wieder folgendes Gespräch die vormaligen Begebenheiten betreffend
»Du bist mir gestern noch manches schuldig geblieben« fing Leonhard an
»und so will ich denn auch gegen dich Geliebter keine Scheu tragen und frage
dreist Was ist aus Charlotten geworden«
»Ja ja« antwortete der Baron »es ist ganz recht von uns und geziemt
unserer Dankbarkeit dass wir einer solchen Schönheit nicht vergessen Dieses
wunderbare Wesen ja Freund sie ist noch immer schön aber sie hat ihre Bahn
die ihr vielleicht am besten geziemte auf eine seltsame Weise verlassen
Mochte sie es überdrüssig sein so allein und einzeln zu bleiben da sie
alles um sie her sich verheiraten sah hatten die Virtuosen die nun abgereiset
waren ihre letzten Liebhaber als leichtsinnige Musiker ihr Verdruss gemacht
und vielleicht ihrem Ruf geschadet genug sie nahm sich vor sich ebenfalls zu
verheiraten um als ehrsame Frau unter dem Schilde ihres Eheherrn alle
Verleumdungen und nachteiligen Gerüchte niederzuschlagen und da ihr nichts
missrät was sie ernstaft will so war sie denn auch schon nach vier Wochen zum
Erstaunen der ganzen Nachbarschaft eine ehrbare und unbescholtene Hausfrau«
»Und wen hat sie geehlicht« fragte Leonhard in gespannter Erwartung
Elsheim antwortete lächelnd »Der gute Mannlich ist von ihr geheiratet
worden denn einen Monat vorher war es ihm wohl noch nicht als möglich
erschienen dass ihn dies Schicksal betreffen könne Aber er ist glücklich mit
ihr sie ist es mit ihm und wer kann dann noch etwas Erhebliches gegen diese
Verbindung sagen Seit zwei Monaten ist er auch Vater eines Knaben und er weiß
es schon jetzt genau wie er diesen erziehen will und welche Talente sich in
dem Kinde entwickeln werden Sie ist völlig umgewandelt wenn man den Ausdruck
von einem Wesen brauchen darf welches niemals einen Charakter hatte Sie hat
sich nämlich der Frömmigkeit ergeben Mannlich hat nachfolgen müssen und steht
jetzt mit den MissionsGesellschaften und anderen frommchristlichen
Brüderschaften in Korrespondenz und enger Verbindung Er ist von ihr
angetrieben so eifrig geworden dass er oft auf seinem Gute fromme Konventikeln
hält er predigt sie singt Bauern und Dienstboten helfen und sein eigener
Kutscher schreit bei offenen Fenstern so laut dass sie es oft wenn der Wind so
steht auf dem nächsten Gut vernehmen«
»Und das Komödienspiel Und Berlichingen Und Goethe« fragte Leonhard
»Alles das« sagte Elsheim »ist jetzt die allergrösste Sünde und Bosheit
die der Teufel in persönlicher Gestalt auf der Erde eingeführt hat Alle Poesie
die geistliche abgerechnet ist abscheulich alle die sich daran erfreuen sind
ewig verdammt und kommen mit Shakespeare Raffael Lessing vorzüglich aber mit
Goethe wenn der einmal stirbt in ein und denselben Schwefelpfuhl«
»Ist es möglich« rief Leonhard im höchsten Erstaunen »dass diese Menschen
gerade diese sich von ihrer ersten Bahn so weitab verirren konnten«
Elsheim sagte »Gerade diese am ersten Freund denn in ihnen ist kein
Widerhalt keine Sperrung und kein Hemmschuh der dem Laufe abwärts irgend
entgegenwirkte Ich sagte ihr einmal Schöne Frau Sie sind noch viel zu jung
und reizend um jetzt schon mit dem Heiland zu kokettieren der bleibt Ihnen für
alle Zukunft gewiss nehmen Sie doch fürs erste noch einige junge Fäntchen in
Anspruch die nichts Besseres wünschen als von Ihnen aus dem Groben gebildet zu
werden aber ich wurde mit meiner Sündhaftigkeit falschem Witz Arroganz
und Übermut von der Frommen schön abgeführt und zur Ruhe verwiesen so dass ich
es nicht zum zweitenmal wagte sie in ihrem Glauben irremachen zu wollen«
Leonhard war nachdenklich geworden dann sagte er »Erinnerst du dich der
schönen bedeutenden Worte Otellos als er schon alle Schandtaten seiner Frau
erfahren hat und sie glaubt als er schon ihren Tod beschlossen hat wie er immer
wieder von seiner Liebe und ihrer Schönheit überwältigt ausruft Aber es ist
doch schade Jago es ist schade Wie soll man die Schönheit künftig anbeten
da auch diese ein solches Ende genommen hat«
»Ja wohl« antwortete Elsheim »denn sie war schön und ist es noch Lange
noch wird sie es bleiben und man muss sich nur darüber am meisten verwundern
dass diejenige die sonst das Netz nach allen Männern auswarf nun so prüde und
zurückgezogen lebt und so strenge ist dass sie auch nicht den unschuldigsten
Scherz auch die harmloseste Leichtfertigkeit nicht duldet Albertine ist jetzt
mit ihr verglichen ein ausgelassener Freigeist«
»War dies denn nun auch« sagte Leonhard »im Buch des Schicksals so
niedergeschrieben oder ist es eine willkürliche Sündhaftigkeit schlimmer als
die vorige«
»Mag es sein wie es will« erwiderte Elsheim »ich habe wenigstens dazu
beigetragen meinen ehemaligen Freund und Ausbildner in diese Lage zu versetzen
Sein Gut ist jetzt schuldenfrei er kann anständig leben Sorgen werden ihn
nicht quälen wenn er nicht auf eine wahnsinnige Art wirtschaftet und die
Summe die ich ihm dazu vorgeschossen habe werde ich niemals zurückverlangen«
»Billigst du es nicht auch« warf Leonhard schnell ein »da ich jetzt eine
Tochter habe und die Aussicht auf mehrere Kinder wahrscheinlich ist dass wir
unserm Franz damit er auch wenn wir sterben sollten seine Laufbahn machen
kann ein kleines Kapital niedergelegt haben Friedrike war sehr erfreut als
sie mir diesen Gedanken vortrug dass ich ihn sogleich billigte und auch von dem
Meinigen dem hinzufügte was sie von ihrem Vermögen dazu bestimmt hatte«
»Brav mein Leonhard« rief Elsheim »und ihr erlaubt mir auch gewiss diesen
Fond noch etwas durch meinen Betrag zu vergrößern«
»Aber wo sind die Virtuosen geblieben« fragte Leonhard nachdem er seinem
freigebigen Freunde gedankt hatte
»Sie reisten von mir nach England« sagte dieser »und sind dort beide zu
früh gestorben Kein Wunder übrigens da sie gar zu leicht lebten und weder
sich noch ihr schönes Talent irgend schonten Überhaupt aber Freund ich
möchte mir wegen der Konfusion Vorwürfe machen die wir durch unser
Komödienspielen dort in der Gegend wo bis dahin dergleichen nie war erhört
worden angerichtet haben Du hast es noch mit angesehen wie jener Ehrenberg
von den Dummköpfen bewundert wurde Was aber wirst du sagen wenn ich dir
erzähle dass er jetzt ein Gutsbesitzer und wohlhabender Mann ist Er richtete
auf den Gütern von Dülmen und Bellmann ein schönes Nationalteater ein man gab
die brillantesten Stücke und von den Weibern spielten die ergrauenden Töchter
der Witwe die Hauptrollen Plötzlich wollte die eine von diesen mit aller Gewalt
den Ehrenberg heiraten Widerspruch von allen Seiten Aber er kam zu spät die
Liebenden hatten im festen Vertrauen auf ihr Glück ein Hausmittel angewendet so
dass die Mutter wohl ihre freiwillige Zustimmung geben musste wenn sie nicht den
Ruf ihrer Tochter preisgeben wollte wie denn die Unvermählten immer im
hoffnungslosesten Zustande gerade dann leben wenn sie recht guter Hoffnung
sind Die Teaterwut hatte so überhandgenommen dass Bellmann und selbst Dülmen
von Zeit zu Zeit mitspielten die jungen Bellmänner die von Natur Entusiasten
waren nicht einmal zu nennen Aber auch aus dieser Begeisterung hat sich eine
Mesalliance entsponnen die ebenfalls schon ihre guten Früchte das heißt
Kinder getragen hat Da die Lene immer zur Aushülfe herbeigeholt wurde ja
offene große Rollen übernehmen musste so hat in einigen der älteste Sohn Bellmann
sie so reizend gefunden dass er sie in einer mondhellen Nacht entführte und sie
nach zwei Tagen als angetraute Gattin in das Haus seines Vaters zurückbrachte
Der verwilderte Schulmeister hat seitdem immer die allerwichtigsten Rollen
gespielt und erkennt kaum den großen Ehrenberg für seinen Nebenbuhler Er hat
sich Stiefeln machen lassen von solcher Künstlichkeit dass man jetzt sein
hölzernes Stelzbein gar nicht mehr gewahr wird und so hat er zum Erstaunen der
Welt den Kaspar den Torringer sowie den Otto von Wittelsbach und selbst den
König Philipp im Don Karlos dargestellt Die Edelleute die ihn beschützen und
bewundern sind in den Narren so vernarrt dass er jetzt wie ein Bruder mit ihnen
lebt Da er sein Schulamt ganz versäumte bekam er anfangs oft Verweise manches
Mal selbst scharfe dann Drohungen und endlich weil nichts fruchtete hat man
ihn abgesetzt Der Adel der Provinz hat aber für den großen Mann eine
Subskription eröffnet so dass er sich jetzt viel besser als bei seiner Schule
steht Nun dirigiert er mit Ehrenberg bei Dülmen Bellmann der Freifrau und
einigen anderen Edelleuten das Theater und unterrichtet die wissbegierige Jugend
im Spiel Auch der Verwalter Lenz hat voll Begeisterung die Ökonomie
aufgegeben und ist seiner schönen Stimme wegen jetzt Tenorist bei einem großen
namhaften Theater Ich wünsche diesem lieben Mann von Herzen Glück und eine
fernere Ausbildung seines schönen Talentes«
»Freilich« sagte Leonhard »ist dein gutgemeinter Scherz zu einer
ziemlichen Verwilderung ausgeartet So geht es aber oft im Leben und es ist
eine gute Andeutung oder Allegorie für die Geschichte der deutschen Kunst Es
wäre eigentlich nicht uneben wenn ein guter Kopf die Historie unserer
wirklichen deutschen Bühne beschriebe und uns zeigte dass es dort eigentlich
ebenso hergegangen sei Zettel hat ja doch eigentlich bei uns über Sommernacht
Elfen Fürsten und Herren und die ganze anmassliche Aristokratie den Sieg
davongetragen«
»Er ist aber selbst Aristokrat« wandte Elsheim lachend ein »und seine
Kameraden erkennen ihn als den besten müsste er nur nicht eigentlich von dem
ganz unfähigen Mondschein verdrängt werden
Nun aber« fing Elsheim nach einer Pause wieder an »habe ich dir so viel
gebeichtet und deiner Neugierde genuggetan doch du wie ist es dir denn
ergangen Wo bist du damals geblieben Wie kommt es dass ich dich so verändert
und zu deinem Vorteil verwandelt wiedertreffe Nun sprich auch einige gescheite
Worte um mich darüber aufzuklären«
»Wie gern« sagte Leonhard »Du musstest um der Liebe zu Albertinen fähig zu
werden dich in Charlotten vergaffen und so war es notwendig dass ich ein
anderes poetisches Abenteuer bestehen eine alte Sehnsucht meines Herzens sich
erfüllen musste um jetzt ohne Resignation ohne Gefühl eines Mangels mit meiner
Friedrike ganz und auf meine Lebenszeit glücklich zu sein Ich nannte dir damals
jene Kunigunde die ich in der Nähe von Bamberg hatte kennen lernen du
erinnerst dich vielleicht noch was mir mit ihr begegnete «
»Wohl erinnere ich mich« sagte Elsheim »es ist eine Geschichte die sich
nicht so leicht vergisst«
»Ich ging wieder von Nürnberg nach Bamberg« fuhr Leonhard fort »man kann
nicht andächtiger sein als ich es auf meiner Wallfahrt war Die Eltern lebten
noch und waren durch die Großmut eines künftigen Eidams nach dem Elend vieler
Jahre wohlhabend geworden Kunigunde voll frisch schöner als je lebte noch
in dem letzt leeren Hause in dem Gärtchen unter den alten Geräten und hatte
mich mit der größten Sicherheit erwartet«
»Dich erwartet« rief Elsheim im größten Erstaunen
»So ist es« antwortete Leonhard »ich traf sie in dieser ruhigen
GeisterStimmung Unser Erkennen war als wenn wir uns gestern getrennt hätten
Was soll ich dir sagen mein Bruder Ich blieb dort im Hause beinahe drei
Wochen und habe in ihrer teuren Nähe alle Seligkeit ausgenossen die dem
sterblichen Menschen nur vergönnt sein mag Ich wusste nämlich dass ihr
bestimmter Bräutigam in dieser Zeit nicht kommen könne denn ich hatte es in
Nürnberg mit angesehen wie der Berauschte und Wütende dort mit einem Pferde
stürzte und umkam und dieser ganz Abscheuliche war niemand anders als jener
edle Wassermann«
»Wassermann« rief Elsheim
»Kein anderer« sagte Leonhard »und wie recht hatte daher meine Antipathie
die sich so lebhaft regte als dieser Widerwärtige sich uns zum erstenmal
zeigte Sonderbar genug war es auch dasselbe Untier mit welchem ich schon
damals kämpfte und aus dessen Händen ich Kunigunden erlöste er hatte sich
seitdem aber so in aller Hinsicht verändert dass ich ihn anfangs nicht
wiedererkannte«
»Die Sache ist aber ganz mytisch« sagte Elsheim
»Höre weiter« fuhr Leonhard ganz ernstaft fort »Sie glaubte fest an ihren
nahen Tod Ich blieb in der stillen Hütte dort sah die Eltern und führte das
Geschäft ihrer Erbschaft zu aller Zufriedenheit dann wieder von aller Welt
vergessen von niemand bemerkt jede Stunde Minute in ihrer Nähe in ihren
Armen stets Gespräche und Küsse wechselnd nichts wünschend und vermissend war
ich dort in so manchen Stunden wie auf einer menschenleeren fernen und
unentdeckten Insel im Ozean«
»Eine Feengeschichte« sagte Elsheim »oder sie war mehr eine Kalypso eine
verborgene Göttin und du ihr Odysseus nur mit dem Unterschiede dass du dich
nicht mit Tränen nach der Heimat zurücksehntest«
»In ihrer Seligkeit« sprach Leonhard weiter fühlte ich mich am meisten
beseligt »O Freund welch tiefes unergründliches Wesen ist das menschliche
Herz Welch ein WunderRätsel unverstanden und doch so einfach die Liebe des
Weibes In einer unserer schönen Stunden gestand sie mir dass ich sie nur einmal
im Leben gekränkt habe an jenem Nachmittag da ich sie von dem Ruchlosen
erlöst sie mir ihre ganze Liebe angeboten und ich diese süßeste Vereinigung um
das Schicksal nicht herauszufordern verschmäht hatte«
»Mich dünkt« sagte Elsheim »auch Sigune klagt im Titurel auf eine ähnliche
Weise als sie vor dem Leichnam ihres Geliebten in tiefer Trauer sitzt Auch
hierin ist deine Geschichte Legende und grenzt an das Wunderbare Früher
verschmähtest du diese Liebe und ihren Triumph um ihn jetzt nach so manchem
Jahr zu feiern damals flohst du aus ihrer Nähe und jetzt nach langer Frist
machtest du einen Weg von funfzig oder sechszig Meilen um deinen alten Fehler
wiedergutzumachen und dir die Schöne zu versöhnen Sonderbar«
»Was auch sonderbar ist« sagte Leonhard »dass ich damals in meinem Glück
durch keinen Vorwurf gestört wurde wir fühlten uns beide nur befriedigt Auch
nachher auch seit diesen zwei Jahren habe ich jene schönen Wochen nicht
bereuen können Aber als ich nun zurückkam war es wie ein Traum oder wie eine
Sehnsucht oder wie soll ich es nennen von mir genommen jetzt erschien mir
meine Friedrike erst im klarsten Licht meine Liebe zu ihr lebte im schönsten
Bewusstsein und auch sie fühlte dass ich inniger herzlicher zu ihr
zurückkehrte als ich ausgereiset war sie sah dass mein Glück dasselbe blieb
und von keiner Laune mehr gestört ward Und so wird es nun bleiben bis in unser
Alter hinauf«
»Und jene lebt noch« fragte Elsheim
»Ach Freund« sagte Leonhard tief erseufzend »ihr Wesen war so
geisterhaft überirdisch sie sprach mit solcher Sicherheit von ihrem nahen
Tode dass ich oft in der Wonne ihrer Nähe schaudern musste In ihren
Angelegenheiten reiste ich in das Würzburgische Sie erwartete einen Bruder
der lange außer Landes gewesen war Wie ich zurückkomme finde ich die Familie
in Tränen Sie war dem Bruder zwei Meilen entgegengegangen sie hatte sich wie
die Eltern sagten so erhitzt dass sie seitdem bettlägerig war Sie starb
lächelnd in meinen Armen und machte die Prophezeiung von ihrem nahen Tode
wahr«
»Weißt du denn auch« sagte Elsheim »dass alles dies eine wundersame
Geschichte ausmacht Mein Himmel da fehlt ja nur wenig zu einem phantastischen
Märchen Und doch ist der Grundstoff davon wieder so alltäglich Aber nun
Freund bleibt uns noch übrig dass du mir etwas von deinem alten Magister
erzählst«
»Heute nicht« sagte Leonhard sehr gerührt »es möchte nur das Phantastische
noch vermehren Nimm diesen Brief fürs erste mit und lies ihn aufmerksam in
deinem Hause Morgen sprechen wir dann weiter«
Mit einer herzlichen Umarmung trennten sich die beiden Freunde beide
gerührt und beide nachdenkend
Dorotea die nur erst wenig in der Stadt gelebt hatte war über alles erfreut
was sie sah und hörte Auch nahm sie großen Anteil an den mechanischen
Anstalten Fabriken und Arbeiten aller Art Darum besuchte sie auch gern in
Emmrichs oder Leonhards Begleitung dessen Tischlerwerkstätte und sah den
Arbeitern zu indem sie sich daran ergötzte zu lernen wie aus dem rohen
vierkantigen Brett durch vielfache Behandlung und mannigfaltige Instrumente nach
und nach ein zierliches Gerät hervorgeht in welchem man nur durch anstrengende
Erinnerung seine erste ursprüngliche Gestalt wiedererkennt »Und doch ist jenes
erste Brett« sagte sie »schon von der künstlichen Sägemühle bearbeitet die es
vom Baumstamm so sicher und glatt abschneidet« In dieser Freude und Liebhaberei
traf sie ganz mit Friedriken zusammen die auch so große Lust an der
verständigen menschlichen Tätigkeit hatte Diese meinte oft die Welt sei nur
dazu geschaffen dass sich alles auf ihr rühre und bewege und je mehr Maschinen
klapperten und spännen Mühlen rauschten und Eisenhämmer tobten die Webestühle
sausten und Bauleute Maurer Bergmänner klopften rutschten und hämmerten um
so glücklicher sei das Menschengeschlecht Deshalb war sie oft in hoher Freude
wenn sie von den Werkstätten ihres Mannes her die Arbeit rauschen und raspeln
hörte die an manchen Tagen in das lauteste Toben ausartete Sie pflegte zu
sagen »Dadurch hat die Stille des Sonntags erst einen Sinn dass sie einen so
schönen und heiligen Gegensatz mit dem alltäglichen Lärmen macht« Leonhard
sosehr er mit Leib und Seele Handwerker war widersprach dem oft und es gab
Stunden in denen ihm das Geräusch seiner Arbeitssäle nicht wohlgefiel Heut war
Dorotea mit Elsheim gekommen und nachdem sie sich lange an der Tätigkeit
erfreut hatte ging sie zu Friedriken die nun sehr mit ihr darüber lachte dass
ihr Mann auf des Barons Schloss für einen berühmten Professor der Baukunst
gegolten habe Die heitere Friedrike ergötzte sich sehr an den vielen kleinen
Anekdoten und Lächerrlichkeiten die dort vorgefallen waren doch hütete sich das
kluge Mädchen viel von Charlotten und deren verführerischer Schönheit zu
erzählen
Elsheim ging mit Leonhard über den Hof zu dessen abgelegenem Stübchen wo
sie vor den Fenstern den alten Nussbaum sahen und nichts von dem Geräusch der
Tätigkeit vernahmen Elsheim gab dem Freunde den Brief des Magisters zurück und
sagte »Mein Leonhard man dünkt sich klug und erfahren man meint Gedanken und
Schicksale erlebt zu haben und dennoch möcht ich mich nicht unterfangen zu
sagen dass ich diese seltsame Epistel ganz verstanden habe Aber ebensowenig
möcht ich behaupten sie sei Unsinn und enthalte gar kein Verständnis Wenn ich
mich so ausdrücken darf so gibt es wohl eine Staffel der Verrückteit oder des
Wahnsinus die durch das Überschreiten der Vernunftgrenze eine gewisse
Heiligkeit und Weihe erhalten hat So sahen es oft die Alten an und im Orient
herrscht noch dieser Glaube Manche alten Einsiedler und religiösen
Erscheinungen vieles was wir so geradehin Schwärmerei nennen muss wohl aus
diesem Standpunkt angesehen werden nur dass diese Überschreitung oder
Freimachung des Geistes von der Vernunft aus einer anderen Ursache herrührte
Und doch war es auch die Liebe welche eine heilige Terese und ähnliche
Gemüter wie die seltsame Guyon und so viele andere erregte vor deren
Schriften wir jetzt wenn wir nicht unbillig sein wollen mit jener stummen
Ehrfurcht stehen bei der uns das was wir begreifen mit Entzücken erfüllt und
die mit einer Art von Gespensterfurcht gemischt ist«
Leonhard billigte diesen Ausspruch und erzählte dann wie er die näheren
sonderbaren Umstände von der Verwirrung des Magisters erst bei seiner
Zurückkunft von Friedriken erfahren habe »Diesen Brief« fuhr Leonhard fort
»schickte sie mir weil sie ihn gar nicht verstand Der alte Mann blieb aber
immer wunderlich und in einem solchen Zustand poetischer Aufregung dass ihn
Friedrike vermied und noch weniger mit ihm allein sein mochte weil seine
sonderbaren Reden sie ängstigten und der kleine Franz sie einmal weinend bat
sie möchte ihm einen andern Lehrer geben denn bei diesem könne er nichts mehr
lernen da der Alte selber alles vergesse Ober und Niedersachsen Schwaben und
Pommern miteinander verwechsle und ihm die Grammatik so wunderlich erkläre dass
er selber auch ganz verwirrt werden müsse Vom Einmaleins und dem Rechnen wolle
er gar nichts mehr hören denn der verwirrte Mann behauptete zwei mal zwei
mache gar nicht vier es gäbe keine Zwei und es sei Sünde und Bosheit von
dieser Zwei nur zu sprechen Das Kind selbst war außer sich und unter dem
Vorwand dass Franz krank sei und sich jetzt nicht anstrengen könne ließ sie
wenigstens fürs erste die Stunden aufhören Der Alte aber kam nach wie vor
alltäglich in unser Haus aß am Tisch und schien wenn sich Menschen zugegen
fanden so wie sonst nur dass er viel schweigsamer war vor sich hin grübelte
und nur selten an den Reden der andern teilnahm An einem Nachmittage als der
Alte geblieben war fasste sich Friedrike ein Herz und sagte zu ihm Lieber Herr
Magister warum wollen Sie nicht wieder so werden wie Sie ehemals waren man
verkennt Sie ganz und dadurch wird man sich fremd Sie verdienen aber unser
bestes Vertrauen Schöne Frau fing der Alte an es kann geschehen wenn wir
ein Paktum aufrichten und wenn Sie dies halten und erfüllen so kann ich wohl
wieder ein solcher Mensch werden wie ich vordem war Und was verlangen Sie
fragte Friedrike Wir kennen uns nun schon seit lange sagte er feierlich
aber die Freundschaftsbezeigung haben Sie noch nie an mich gewendet dass Sie mir
einen Kuss gegeben hätten wie Sie doch manchmal sogar an den kleinen Krummschuh
verschwendeten Erlauben Sie mir einen einzigen Kuss und ich bin wieder der der
ich war Die Frau erstaunte erst über diese Forderung sie sagte aber
freundlich gleich gesammelt Recht gern lieber alter Freund wenn das Ihnen
helfen kann Sie bot ihm den Mund und er drückte mit zitternden Lippen einen
langen Kuss auf die ihrigen ging dann weinend aus der Tür ohne noch ein Wort zu
sprechen und erschien am folgenden Tage nicht sowenig wie am dritten Erst am
vierten erhielt nun Friedrike diesen zweiten seltsamen Brief nimm ihn hin
Freund und lies ihn selbst«
Elsheim las für sich indes ihn Leonhard auf kurze Zeit verließ um nach
seinen Gesellen im Vorhause zu sehen Der Brief lautete so
Werte Frau
Vielleicht will es das Schicksal so dass der Mensch nur Mensch sein kann und
darf indem er zugleich Vieh ist Ist das wie die meisten stillschweigend
glauben so liegen sich Mensch und Vieh immerdar in den Haaren und katzbalgen
miteinander bald dieses bald jener oben und unten Denn es ist so Wie oben
oder vielmehr wehe dem der korrigieren wollte Als Peter der Grausame von
Kastilien von seinem Bruder Heinrich umgebracht wurde konnte dies nur
geschehen indem ein dabeistehender Ritter den Heinrich welcher schon unten lag
und gewiss geliefert war bei den Beinen hervorzog und ihn auf den Peter legte
Nun konnte dieser erst vom Bruder erstochen werden Artlich ist es in einer
nicht unebenen Komödie wenn ein sicherer Stefano auch bei den Beinen den
Trinkulo unter dem Mantel eines Mondkalbes hervorzieht und ihn so als Menschen
und Bekannten erklärt und autorisiert Aber in beiden Fällen weiß ich nicht so
ganz gewiss ob Vieh oder Mensch gewonnen habe denn Peter hatte bei seinem
Schlimmen viel Gutes und Trastamar bei manchem Guten viel Schlimmes und noch
gefährlicher stellt sich die Frage ob Trinkulo oder Kaliban das dummere Tier
ist Bei solchen starken Fällen hat die Weltgeschichte noch nie etwas gewonnen
Kehren wir es aber ganz um und setzen wie viele getan statt Menschen Engel o
so hebt die konfuseste aller Konfusionen nun erst an Muss ein Engel wie der
Finger des lebendigen Direktors in Körper und Kopf seines hölzernen Polichinell
puppenspielend arbeitet der Engel eine erniedrigte Seele ebenso in dem
Gehäuse von Fleisch und Bein und Blut und Schleim und Gehirn und Schmutz
hantieren kann alles was man in uns das Göttliche Edle Unsterbliche nennt
nur so sichtbar und handgreiflich und bewundernswert ausfallen so möchte ich
mir künftig einmal die Freiheit nehmen meinen Schöpfer zu fragen ob denn das
Satire sein solle uns so gar gröblich den Esel zu bohren es rieche und
schmecke etwas nach einem schlechten Scherz Jedes gute oder schlechte Werk
rezensiert sich selbst Darum hauen stechen und schießen sie in unsern
vielbeliebten Kriegen ineinander hinein darum rauben sie und morden uns Geld
und Gut darum treten sie einander hohnlachend mit Füßen und alles mit Recht
denn wahrlich wahrlich die Kreatur ist nichts wert und man kann sich an ihr
nicht versündigen
O Du mein Heiland Du großes Du Du hast es freilich anders gepredigt Die
Liebe hätte ja keinen Sinn Erbarmen und Mitleid wären ja nur Aberwitz wenn vom
höchsten Gott bis zum lahmen ärmsten Bettler hinab sie sich nicht des tiefer
Gefallenen des Verirrten des Leidenden und Presshaften des Hungernden des an
der Liebe Verzweifelnden der Seele die sich im Schlamm wie der Regenwurm
ringelt und ängstigt erbarmten sie emporhöben sie wie jene Heiligen den
Aussätzigen an ihre Brust nähmen und erwärmten Und was hätte denn diese
göttlichste Liebe zu tun wenn nicht dieses Wäre nichts Schlechtes
Verächtliches Armseliges da so hätte sie ja kein Handwerkzeug um damit zu
arbeiten und aus dem elenden kantigen Brett das teure kostbare vergoldete
Schränkchen in dem nachher Goldpokale stehen zu hobeln und fein und mit recht
mitleidigem Erbarmen zu schnitzeln
So nimmt der Mensch er selbst Materie Schleim Schmutz Lehm Knochen und
Erde die sogenannte Materie nicht bloß in der Gestaltung seines Bruders und
dass er diesen nährt und kleidet in Schutz Durch Arbeit Tätigkeit und Schweiß
ist diese Anstrengung eine fortwährende Erlösung des Staubes vom Tode Des
Unendlichen Allgegenwart wird kenntlicher und durch den Hammer und Meissel
Pinsel Pflugschar und Sense Federkiel Druckerpresse und Nadel drückt der
Mensch allem Unlebendigen den Bruderkuss auf und spricht wie der Schaffende
ehemals »Habe eine Seele«
Aber so denkst Du gar nicht und darum hommt mir wieder das Zittern an da
ich zufällig von Kuss spreche O welcher Augenblick Gewiss ist in diesem Moment
durch die Magie meines Innern irgendwo ein Geist jung oder geboren worden und
schläft noch in einer Blume Deines kleinen Gartens und indem Du nun vorbeigehst
und meinst Du erfreuest Dich nur etwas mehr an der hellen Färbung und
lieblichen Düftung ist die leichte Wonne Dir entstanden weil dieser
aufkeimende Geist in Dich schlüpft und nun Dein nächstes liebes Kind wird das
wohl schon im Embryo in Dir die Wohnung dem kleinen unsichtbaren Sohn meiner
Entzückung zubereitet hat So steht es wahrscheinlich um die sogenannte Ehe und
Treue Diese Magie der Liebe ist allmächtig Und so wäre ich neulich fast
gestorben aber Du fühltest Du wusstest nichts davon Liegen wir doch auch so in
unserer närrischen Blätterknospe und ich dehne mich nun schon siebenundsechszig
Jahre in meiner Hülse und schlage bald dieses bald jenes Blättchen um um mit
meinen blöden Augen hinauszuschauen und irgend etwas zu ergattern was mir über
die Bedeutung meines rätselhaften Gefängnisses recht eigentlich einen Aufschluss
geben könnte aber immer vergebens Ein entzückter Kuss eines Seraphs der sich
verlobte und der die Magisterwürde eines Cherubims erhielt hat mich Seele
nämlich so freudiglich und magisch erzeugt und nun muss ich immer noch auf das
dumme Paar warten das jenen Embryo in ihrer Ehe pflanzt und die dann
vorüberwandeln mich loben damit ich in die neue keimende Frucht schlüpfe um
hier endlich sterben zu können und dann in einem neuen Leben weiterzuleben
Du verstehst mich aber gar nicht Du willst mich auch nicht verstehen das
habe ich wohl in Deinem Kuss neulich gefühlt Und warum Du nicht mein Du Nicht
Es wäre mehr als entsetzlich denn es gibt für mich kein anderes in allen Erd
und Himmelsräumen
Ja jetzt das weiß ich nun ganz gewiss liebe ich Das ist die Liebe die ich
erlebt habe Warum lebt sie mich nicht aus und schält mich weg aus dieser leeren
Hülse Allentalben habe ich Rat und Trost gesucht und habe auch jetzt bei den
Dichtern meinen dürren Eimer in den Brunnen hinuntergetaucht um meinen
brennenden Durst zu löschen Fast alle reden von Liebe aber immer nur spielend
dahlend ohne Gewissen und innerlichste Erlebung Der Reiz begeistert sie der
farbige Saum der Abendwolke der fast erlischt indem man sich daran freut Ja
ja es ist so die Menschen auch in der scheinbaren Begeisterung können nicht
über das Ich hinaus und geraten zeitlebens nicht an das Du Den Ovidium den
ich niemals in meiner Jugend gelesen habe wollte ich mir zu Hilfe rufen denn
er hat einen eigenen berühmten Traktat unter dem Titel Remedium amoris
elaboriert Da kam ich gut an Nicht einmal mein Sinn geschweige mein Herz
mochte das Zeug gutschmeckend finden Das Vieh was des Abends in den Stall
getrieben wird sagt mir mehr und Lieberes Alter Narr mit der langen Nase wie
hast du nur die Zeit an diese vielen unnützen Verse wenden können Vielleicht
geschah dir kein großes Unrecht dass sie dich verbannten Alle diese Lateiner
nur fatal und fatal Sie kannten dich nicht sie wussten vom Christentum nichts
Ja Saus und Braus Wohlleben Trunk Zerstreuung Kuss und Wollust wenn das
Leben ein Bacchanal ist und sein soll dann sind sie im Recht Aber die Leiden
des jungen Werter Ja das ist empfundene und erlebte wahre Liebe Aber grausam
wird das Herz erschüttert und zermalmt Er war jung und der Dichter vielleicht
jung und ich Greis habe dieses Büchlein wie eine Offenbarung gefasst und
verstanden Ach werte Madame hättest Du das Büchlein nur einmal gelesen Doch
was hilft s wenn Deine Seele nur nach dem Notwendigen und Vernünftigen
dürstet Das Salz ist nicht dumm geworden aber Zunge und Gaumen haben nicht
Geschmacksorgane Warum soll ich denn noch weiter faseln Es wird nicht anders
Madame ich bin und bleibe
Dero verrückter Fülletreu denn mit dem
Magister ist es auch vorbei
Leonhard war zurückgekommen und Elsheim sagte »Eine sonderbare Korrespondenz
doch ist dieses zweite Schreiben schon gemässigter und etwas besonnener es
deutet die nahe Genesung an«
»Wollen wir jetzt den alten Mann besuchen« fragte Leonhard Elsheim war
willig und sie gingen durch die Stadt »Wo führst du mich hin« sagte Elsheim
endlich als Leonhard stillstand und in ein großes Haus hineintreten wollte
»dies ist ja das Narrenspital«
»Nicht anders« erwiderte Leonhard »aber folge mir getrost es wird dich
kein trauriger Anblick peinigen« Sie stiegen die große Treppe hinan und
seitwärts öffnete sich jetzt ein ziemlich großes und helles Zimmer dessen freie
und unvergitterte Fenster auf den Garten führten Elsheim hatte Mühe beim
ersten Anblick den alten Magister wiederzuerkennen Sein blasses Gesicht von
schneeweißen Locken geziert erschien ihm viel edler als damals sein Blick war
sanft und wie verklärt in seinem stillen Lächeln schien der Ausdruck eines
außerordentlichen Glücks und einer wohltuenden Beruhigung zu schweben Um ihn
her am Tische saßen Knaben und Mädchen auch Franz der Pflegesohn Leonhards
Alle erhoben sich als der Baron eingetreten war und dieser rief »Ich muss
nicht stören geehrter Freund sonst entferne ich mich wieder« Der Alte reichte
ihm mit dem Ausdruck anständiger Vertraulichkeit die Hand und sagte »Keine
Störung Herr Baron die Stunde war eben beschlossen« Die Kinder erhoben sich
alle nahmen Abschied verneigten sich vor dem Alten und einige küssten ihm die
Hand Jetzt setzten sich die Freunde zu dem Greise nieder und Elsheim sagte
dass er sich freue ihn in so schöner Gesundheit und Munterkeit ja fast
verwandelt nach einem Zeitraum von einigen Jahren wiederzufinden
»Etwas wundern Sie sich auch gewiss« sagte der Alte freundlich lächelnd
»mich allhier in dieser Behausung anzutreffen«
»Ich kann es nicht leugnen« erwiderte der Baron mit einiger Verlegenheit
»ich vermutete nicht dass Sie gerade hier wohnten«
»Dies eben« sagte der Magister »ist vor dem Grabe mein letztes Asyl
Werter Herr Baron ich bin noch einmal in meinen allerletzten Tagen auf einer
hohen Schule gewesen und habe mich vor unserer werten Frau Leonhard als Doktor
habilitiert und prostituiert So habe ich mich denn in die Reihe der wahren
Menschen inskribieren lassen nachdem ich mein letztes Examen bestanden
aufweisen kann ich die Testimonia dass ich viele recht bedeutende Narrheiten
durchgemacht habe und erbötig bin wenn es die Not erfordert mich auch künftig
nicht saumselig finden zu lassen Doch hat man mich auch vielleicht pro emerito
erklärt und mir alle Geschäfte abgenommen Sie werden erfahren haben dass mich
damals der Genius erfasste der tief in unserm Innersten unsichtbar als Regulator
sitzt Nur in seiner Unsichtbarkeit kann er regieren Wenn es so kopfüber geht
dass keiner seiner Befehle die aus seinem Kabinete ausgehen respektiert wird
wenn er sich selbst und sein majestätisches Angesicht zeigen muss so erzittern
alle Kräfte und angestellten Diener so vor seinen furchtbar mächtigen Augen dass
sie ganz ohnmächtig erlahmen und niemals wieder zu brauchen sind So wird der
Mensch was seine Nebengeschöpfe toll und rasend nennen In der Jugend sendet
dann jener Regulator oft Zorn Verdruss Reisen Arbeit Ermüdung Reiten toller
Pferde Leidenschaft und Genuss der Liebe um die meuterischen Kräfte zu
bändigen sie durch ein Spielwerk zu zerstreuen und ihren Blick nach außen zu
richten damit er unvermerkt die Herrschaft wieder an sich nehme Bei dem jungen
Werter misslang aber auch alles und so steht es denn auch mit einem Alten sehr
schlimm der schwach und einsam auf seinem Stübchen zwischen wenigen Büchern den
Spektakel in sich erleben soll So schlug ich denn damals als ich meinen Brief
eingegeben um mich ich wollte mich ermorden ob ich gleich in diesem Geschäft
als ein frommer Christ gar keine Übung hatte kurz ich nahm keine Raison an
denn jenes Haupt des Unsichtbaren war mir wirklich sichtbar erschienen Aber ein
verständiger und menschenfreundlicher Doktor welcher auch in der Psychologie
nicht unerfahren war brachte mich hieher und als er durch Härte und
Freundlichkeit meine Tobsucht überwunden bin ich denn nun durch ihn und Gottes
Beistand und Güte so taliter qualiter hergestellt und gesund Weil wieder
Sanftmut und Demut in mir die Oberhand gewonnen hatten so wurde ich hier
einquartiert als ein stiller friedlicher Revenant der aus jener Gegend wo die
Räuber hausen und morden zwar geplündert und geschlagen aber doch lebend
wiederkehrte zwar recht mürbe gemacht und matt gar nicht kampflustig mehr
aber gesammelt und in sich gekehrt Und so hat man mir denn auch erlaubt meine
Lieblingsbeschäftigung wieder vorzunehmen und die lieben Kleinen im Schreiben
Rechnen in der Grammatik und im Lesen zu unterrichten Sie ahnden nicht meine
Herren welche Wonne das ist so mit Kindern umzugehen die Fragen zu hören und
zu beantworten die Neugier zu sehen ihre Innigkeit und Freundschaft zu mir
Glauben Sie mir meine Freunde allnächtlich werden die guten Kindlein die
nämlich die nicht mutwillig von ihren Eltern verdorben werden von zarten und
kleinen Engeln besucht die ihnen in den Träumen Saft und Gewürz von den
Früchten des Paradieses einflößen und einträufeln und so duftet mir aus Rede
und Gesinnung ihrer Seelen Ruch des Paradieses entgegen Dass ich wieder
Unterricht in unserer heiligen Religion gebe hat man mir nicht bewilligen
wollen und ich kann diese Einschränkung nicht tadeln denn da mein Geist eine
Zeitlang abgefallen war und rebellierte so ziemt es sich nicht dass ich vom
Ewigen und seiner Offenbarung spreche und lehre es sei genug dass ich ihn still
anbete und um Vergebung bitte«
Elsheim betrachtete und hörte den alten Mann mit Verwunderung Ein so
friedliches Genügen ein so behaglicher ruhseliger Ausdruck war ihm noch in
keiner Physiognomie erschienen »Sie kommen also jetzt nicht zu unserm Freunde
Leonhard« sagt er dann um nur etwas zu sprechen
»Nein mein verehrter Herr Baron« erwiderte der Alte »Ich glaube jetzt
endlich ein gesetzter Man geworden zu sein aber wer kann wissen ob ich in
einem unseligen Augenblick doch nicht noch einmal über die Stränge schlüge denn
jene Kobolde die unser Leben stören wollen sind unermüdlich in ihrer
Geschäftigkeit und blasen selbst aus der toten Asche geschweige wo sie noch
Kohlen merken das Feuer auf Ich weiß auch jetzt dass die Frau Leonhard
deswegen so liebenswürdig ist und dass ich sie auch deswegen so innigst geliebt
habe weil sie mich und mein Wesen vollends mein philosophisches Delirium nicht
verstanden hat und niemals verstehen wird Oh über das Verstehen Was ist es
denn Wo hebt es an wo hört es auf Wenn mir eine Frucht die ich speise
gedeihen soll so muss sie mir nicht gerade widerstehen sie reizt mein Auge sie
ist meinem Gaumen wohlschmeckend nun wirke sie kühlend und stärkend auf meine
inneren Organe und wieviel wird noch erfordert gearbeitet gekämpft und
abgesondert bis sie wahrhaft verdaut ist und echter Nahrungsstoff geworden
Wenn wir sie gleich im allerersten Augenblick verständen und sie uns gleich
Kraft und Nahrung gäbe was hätten wir daran zu verdauen um sie uns durch
dieses künstliche und geheimnisvolle Manöver anzueignen Auch als Unsterbliche
werden wir ewig lernen und niemals damit zu Ende kommen Oh es ist eine
unendliche Wonne immerdar in sich etwas Neues zu erfahren und zum erst
Begriffenen hinzuzulernen Hat man eine weite Bahn durchlaufen so kehrt man oft
mit Erstaunen zum allerersten Anfang zurück und freut sich wenn sich an
diesem wieder Neues entdecken lässt Sie wird mich in jenem Geisterleben näher
kennenlernen und mich allgemach verstehen und ich werde dann ihr hiesiges
Nichtverstehen immer mehr begreifen und dabei lernen dass in dieser Unfähigkeit
doch wieder ein tieferes Geheimnis lag als ich ergründet zu haben glaubte Denn
nur das Ungleiche kann sich verstehen und lieben Sie ist mir freundlich
gesinnt täglich lässt sie mich durch Franz grüßen der ihr meinen Gruß
zurückbringt dieses genügt Diesen lieben Knaben werden Sie freilich jetzt auf
das Gymnasium senden was auch notwendig ist er wird mich aber doch noch
zuweilen besuchen können«
»Gewiss« sagte Leonhard »und Sie wissen es ja ich selbst komme auch von
Zeit zu Zeit gern zu Ihnen und freue mich wenn es Ihnen wohlgeht und Sie mit
Ihrer Lage zufrieden sind«
»Ich kenne Ihre Freundschaft« sagte der Alte indem er Leonhard die Hand
gab »ich weiß auch dass es Ihnen was Bedeutendes kostet dass Sie mich alten
Verliebten als eine merkwürdige Rarität hier hinein gestiftet haben Da sitze
ich nun als ein Denkmal vom Zorne Amors dessen Herrschaft ich in der Jugend
stets verlachte«
»Ich möchte Ihnen wohl etwas zeigen« fing Leonhard wieder an »aber als ich
Ihnen vor einiger Zeit einmal erzählte dass ich in Nürnberg den alten Alfert
Ihren Jugendfreund gefunden habe wurden Sie so traurig und bewegt dass ich
jenes sonderbaren Zusammentreffens niemals wieder erwähnt habe«
»Damals war ich noch etwas unwirsch« sagte der Magister »aber nun müssen
Sie mir recht bald alles aufs umständlichste erzählen was Ihnen mit dem lieben
Menschen begegnet ist Ei was war das ein munterer Bursche Was man einen
Springinsfeld nennt Doch was wollten Sie mir zeigen«
»Sehen Sie« sagte Leonhard »dieses alte Exemplar des alten Andreas
Gryphius was Sie damals in Ihrer frohen Zeit nach Jessen mitnahmen um es dem
Vater zu schenken«
Der Alte griff hastig nach dem Buche und schlug es auf Dann betrachtete er
lange die Zeilen seiner jugendlichen Handschrift und seinen zierlich
unterzeichneten Namen
»Wollen Sie es behalten« fragte Leonhard »als ein Andenken jenes
Jugendfreundes«
»Nein« sagte der Magister »er hat es Ihnen verehrt und wenn Sie so mein
Freund sind wie ich es mir wünsche macht Ihnen dies Buch als eine Kuriosität
aus meinem Lebenslauf gewiss mehr Freude als mir selber Ich war dazumal zu
sehr betört Den Poeten selber möchte ich auch nicht lesen denn Sie haben mich
seitdem durch Ihren Bücherschatz allzusehr verwöhnt Ja Schiller und Goethe
sind deutsche Poeten und der Shakespeare ein echter Mann und dass unser lieber
Schiller so vor ganz kurzer Zeit nachdem ich seine Werke erst hatte kennen
lernen so früh hat sterben müssen hat mich innigst betrübt«
»Aber lieber alter Herr« sagte Elsheim »werden Sie mich denn nicht einmal
besuchen da ich Sie so innig hochachte und liebe«
»Verzeihen Sie mir Herr Baron« entgegnete der Alte »wenn ich Ihnen mit
einem bestimmten Nein entgegne Ich überschreite ebensowenig meinen Bannoder
Burgfrieden wie jener Götz von Berlichingen welchen Sie neulich auf Ihrem
Schlossteater aufgeführt haben«
»Aber gehen Sie gar nicht aus« fragte der Edelmann »genießen Sie die Luft
gar nicht«
»Doch doch« antwortete jener »hier in diesem Garten lustwandele ich
sooft ich nur will denn ich bin frei und an keine Stunden wie die übrigen
gebunden Aber ich gehe auch oft mit diesen und sehen Sie mein Herr Baron
jetzt ist ihre festgesetzte Zeit da wandeln die seltsamen Philosophen schon auf
den sonnigen Plätzen und in den Baumgängen«
Elsheim warf einen Blick in den Garten und sagte dann »Aber Liebster
diese da Kranke Elende und Törichte «
»Nun freilich« sagte der Magister laut lachend »sterbliche Menschen wie
unser Falstaff sagt sterbliche Menschen Die Brüderschaft können wir doch
nicht verleugnen Kommen Sie manchmal hieher zu mir Herr Baron wenn Sie mich
liebhaben Sie sehen mein Stübchen ist hübsch und vom Gebäude dort entfernt
und wenn Sie jene Spekulanten nicht selber aufsuchen sollen Sie hier niemals
von ihnen gestört werden«
Sie nahmen Abschied und unterwegs sagte Leonhard »Nun Ist der Alte nicht
auf seine Weise glücklich«
»Gewiss« erwiderte der Freund »er musste wohl auch diesen sonderbaren Umweg
machen«
»Ja wohl« sagte Leonhard »eben er der damals so herzhaft an meinem Tische
seinen unbedingten freien Willen verteidigte«
»Sonderbar immer« sagte Elsheim »dass er noch Kinder unterrichtet und dass
du den Franz hieher geschickt hast«
»Kann es denn schaden« erwiderte Leonhard »wenn der Knabe es schon in
früher Jugend lernt dass ein achtungswürdiger Mann den er lieben muss hier
beherbergt ist«
Sie standen jetzt auf dem großen Platz »Ich habe eine Bitte an dich« sagte
Elsheim »lass mich heut mittag mit dir essen ganz wie du alltäglich lebst mit
deiner Familie«
Leonhard sah ihn ernstaft an und sagte dann »Lieber ich weiß in der Tat
nicht ob dir das passen wird Du denkst vielleicht ich bin allein mit Frau und
Kind Nein ich habe es nie über mich gewinnen können wie ich sehe dass es
jetzt andere wohlhabende Meister eingeführt haben dass sie ihre Gesellen und
Lehrburschen außerhalb des Hauses essen lassen oder ihnen doch in einem anderen
Zimmer für sie allein den Tisch decken Nein beim Mittagstisch lebe ich ganz
mit meinen Leuten ganz als Bürger und ihresgleichen Sie genießen mit mir aus
einer Schüssel und nur des Abends lasse ich sie meist allein für sich selbst
Darum nahm ich auch neulich deine Einladung nur ungern an mit dir zu essen um
meine Hausordnung nicht zu stören Du wurdest also die Gesellen bei mir sitzen
finden und ob sie mich gleich respektieren so spricht doch jeder mit so wie
es ihm gut dünkt wir reden von den Arbeiten sie erzählen oft von ihren
Schicksalen und Erfahrungen Neuigkeiten des Handwerks die sie auf der Herberge
hören Ich suche ohne den Altklugen zu spielen ihre Gedanken zu berichtigen
und immer bei ihnen das Ehrgefühl zu wecken das richtige welches dem Charakter
des echten Bürgers zum Grunde liegen muss Darum lieben sie mich aber auch und
würden das weiß ich ihr Leben für mich wagen Auch hält kein Liederlicher oder
Unordentlicher lange bei mir aus Die Lehrburschen dürfen nicht sitzen auch
dürfen sie nur antworten wenn sie gefragt werden Du würdest auch Lieber
keinen Wein erhalten denn diesen trinken wir an unserm Tische nur an Festtagen
und keiner weder ich noch die Frau oder Franz wenn nicht eins krank ist
dürfen etwas genießen was uns die andern beneideten oder wodurch sie sich
zurückgesetzt fühlten Nach Tische in meiner Stube oder auf dem Hofe können
wir uns am Weine laben«
»Das ist ja gerade alles so wie ich es wünsche« sagte Elsheim »Es ist
sehr schädlich dass seit lange die sogenannten höheren Stände so völlig
abgesondert vom Bürger und Handwerker leben dass sie diesen nun gar nicht
kennen und auch das Vermögen verlieren ihn kennenzulernen Nicht nur geht das
schöne Vertrauen verloren wodurch sich Höhere und Niedere verbinden und
einfügen würden welches eben aus dieser Kenntnis Stärke und Kraft erwirkte
sondern der Vornehmere kommt nun auf den törichten Wahn dass seine Art und Weise
des Haushalts die nichtssagende Etikette die er einführt sein nüchternes
Leben mit den Bedienten und Domestiken ein besseres anständigeres sei und
diese Torheit verdirbt nachher den Bürgerstand Nicht nur der Gelehrte sondern
auch der wohlhabende Handwerker will nun die adlige Nüchternheit bei sich
einführen die kalte Entfernung von der dienenden Menschenklasse den leeren
Schein der in Bequemlichkeit wahrem Genuss und frischem Leben immerdar die
Wirklichkeit vertreten muss Ja es kommt dahin dass der Bürger sich alles dessen
schämt was wenn er seine Stellung begreift reelle Vorzüge sind um die ihn
der verständige Adlige beneiden möchte«
»Wenn du so denkst so folge mir« beschloss Leonhard »unserm Emmrich hat es
schon einigemal bei uns recht wohlgefallen«
Sie setzten sich um den runden Tisch Die Frau saß links neben dem Meister
und bei dieser Elsheim der heute Franzens Stelle einnahm Rechts beim Meister
saß der älteste Gesell der Hannoveraner der heitere Martin war seitdem
hinaufgerückt und der zweite geworden dann folgten noch vier Gesellen Beim
letzten stand der älteste schon hochgewachsene Lehrbursche welcher in der
künftigen Woche zum Gesellen gesprochen werden sollte und neben diesem standen
fünf kleinere deren letzter demnach an der Tafelrunde der Nachbar des kleinen
Franz wurde der als der Sohn des Hauses auf seinem Stuhle saß Eine reinliche
Magd gab das Geschirr und wechselte die Teller die Meisterin legte vor aber
den Braten zerschnitt der Meister Elsheim ergötzte sich an diesen
Einrichtungen und unterhielt sich bei seiner fröhlichen Sinnesart besser wie
in mancher vornehmen Gesellschaft
Es war nahe daran dass der Hannoveraner seinen Abschied nehmen und in seine
Vaterstadt zurückkehren wollte um sich dort als Meister zu setzen darum
behandelte ihn Leonhard schon im voraus mit mehr Achtung »Ich erzählte dir
damals ehe ich abreisete mein Gottfried« sagte Leonhard »von jener
sonderbaren Erscheinung oben im tirolischen Gebirge welche ein Zwerg oder
was es war durch Wirtschaften mit Tonnen und Fässern einen alten Gesellen mit
welchem ich wanderte völlig um seinen Verstand brachte«
»Ich weiß Meister« sagte Gottfried »Sie sagten noch Sie wussten sich das
Ding nicht zu erklären«
»Seitdem« fuhr Leonhard fort »habe ich die Erklärung gefunden und ich
will sie dir und Martin der damals auch zugegen war mitteilen damit ihr nicht
doch etwa meint es könne ein Spuk gewesen sein«
Martin sagte »Unser Magister stritt an dem Tage noch viel mit dem Meister
und behauptete immer es gäbe keine solche Gewalt in uns die auch den Menschen
solchergestalt beherrsche dass er nichts dagegen vermöge So meinte der
Meister der Alte aber bestand fest auf seinem freien Willen und dass man alles
könne was man wolle Nachher als sie ihm die Zwangsjacke anzogen muss er doch
wohl gefühlt haben dass er im Irrtum war«
»Das war unchristlich Martin« sagte der Meister »und war selber rot
geworden Da Elsheim der die Geschichte nicht kannte danach fragte so trug
sie Leonhard noch einmal ganz im Zusammenhange wie damals vor und erzählte
nachher den Schluss und die Auflösung ohne jedoch den frommen Lamprecht zu
nennen wie er sie in Nürnberg erfahren hatte«
Man stand vom Tische auf und Leonhard ging mit der Frau die bei dem
schönen Wetter jetzt schon ein Stündchen im Freien sein durfte in den Hof
Elsheim folgte Hier setzten sie sich unter dem schönen Nussbaum der Kaffee ward
gebracht und eine Flasche guten Frankenweins Nicht lange so ward durch
Dorotea und Emmrich die heitere Gesellschaft vermehrt
»Setze dich Gevatter Elsheim« rief Leonhard in fröhlicher Laune »du
siehst gewiss dass man auch auf unsere beschränkte Weise ein glückliches Leben
führen kann«
»Wer möchte daran zweifeln lieber teurer Gevatter« erwiderte Elsheim
»Wir sind Freunde und Brüder und in der Hauptsache immer derselben Meinung«
»Warum« fing Friedrike an »verteidigtest du heute mittag deine Meinung gar
nicht dass im Menschen oft ein Wunsch eine Narrheit oder dergleichen sei die
stärker wirken als dass er dagegen mit Glück und Erfolg arbeiten könne«
Elsheim nahm das Wort da Leonhard fast verlegen schien und sagte »Schöne
Frau und angenehme Gevatterin ich habe seitdem leider nur zu sehr die Erfahrung
gemacht und die Überzeugung gewonnen wie sehr Ihr Mann im Recht ist wenn er
auch jetzt nicht mehr seinen Satz verteidigen und mit Disputieren hindurchführen
will Wir sind schwache Wesen Vielleicht entdeckt in dieser Schwäche eine edle
uneigennützige Liebe unsere Stärke Möglich dass wir uns selbst unsere
Eigentümlichkeiten nur finden können indem wir sie scheinbar auf eine kurze
Zeit verlieren«
»Das mag alles so sein« sagte Friedrike »für mich aber ist es zu gelehrt
Das Umständliche und Künstliche ist vielleicht nie das Rechte das Nächste
wenigstens gewiss nicht«
»Vieles« sagte Emmrich »worüber wir jetzt sprechen und was sich so ganz
in das Unbestimmte im Reden verliert würde vielleicht in einer Erzählung
vorgetragen ein anderes Denn das ist der große Zauber der Kunst dass in ihrer
Form in Gestalt und Bildung auch das Dämmernde Sophistische und Unsichtbare
dadurch dass es in sichtliche Gestalt tritt ebensowohl philosophisch
begreiflich wird als es sich poetisch fasslich darstellt«
»Wenn ein echter Philosoph und ein wahrer Poet es auffasst« sagte Elsheim
»oder Gemüter die fähig sind oft ohne es zu wissen beides zu werden«
»Still« rief Dorotea »mir gefällt am meisten dies Hobeln Lärmen und
Hämmern aus der Ferne Wie hübsch ist das Gefühl hier dass ein jeder Schlag den
ich vernehme etwas einbringt dass der Gewinn wieder das Gewerbe vergrößert dass
alles was gesprochen und gedacht wird in jenes Kapital hineinströmt das die
Wohlhabenheit befördert die wieder das Glück und die Zukunft der Untergebenen
begründet damit sie dereinst in dieselbe Stelle treten können«
»Recht hübsch« sagte Emmrich »viele Leute würden aber glauben dass das
was Sie eben gesagt haben aller Poesie geradezu entgegenstrebe und diese
durchaus vernichten müsse«
»Poesie« rief Dorotea »ei so müssten denn auch einmal Dichter kommen die
uns zeigten dass auch alles dies unter gewissen Bedingungen poetisch sein
könnte«
Die neuen Bretter dufteten der Nussbaum bewegte sich in seinen Zweigen von
einem leisen Winde angerührt die Werkstätte klapperte und rauschte der
Kettenhund Mufti schmiegte sich zu Friedrikens Füßen und die große Cyperkatze
saß auf Franzens Schoss welcher das Tier streichelte Frühlingsschwalben flogen
hin und wider jetzt hörte man den Gesang der Wollenspinnerin aus ihrem
Dachstübchen von der andern Straße herüber die jenseit des kleinen Gartens lag
und Friedrike sagte indem sie sich an das Ohr Leonhards neigte »Sieh Mann
heut ist alles ebenso wie damals als ich dich aus deinen Träumen weckte aber
du bist anders und darum ist auch der Nachmittag jetzt anders und du hast
deine Freunde alte und neue und bist Vater und mein trauter Gatte und
fröhlich und in deinem Gott vergnügt in täglicher Arbeit und Ruhe und jenes
Gespenst jener Baugeist ist nun auch verschwunden Nicht wahr«
Sie ging in ihr Zimmer indem sie Albertinen die über den Hof schritt
herzlich umarmte Diese folgte ihr und die Freunde blieben noch unter heitern
Gesprächen beisammen