1829_Fouque_Resignation.html




        
                          Karoline de la Motte Fouqué
                                  Resignation
                                   Ein Roman
                                   Erster Teil
                                 Elise an Sophie
Der redselige Walter hat nicht zuviel gesagt Der erwartete Gast ist wirklich
auf dem Schloss des alten Komtur angekommen Gestern bei unserer Rückkehr von
Ihnen sahen wir während das Schiffchen den Strom hinabglitt die Fenster im
oberen Stockwerk der Burg erleuchtet Dort brannte seit ewigen Zeiten kein Licht
    Mein kleiner Georg der unter dem Vorwande der Müdigkeit sich von mir auf
dem Schoos hätscheln ließ machte mich zuerst aufmerksam darauf denn indem er
die allerliebsten Augen bald zusammen kniff als wollte er schlafen bald von
hunderterlei das um ihn vorging angeregt sie wieder öffnete streckte
plötzlich das Händchen aus und rief »ein großer Stern Mama« Ich musste
lachen als ich der Richtung seiner kleinen Finger folgend den
zusammengezogenen Lichtstrahl hinter den Bäumen entdeckte und mich dabei
Walters Wichtigtun bei Erwähnung des unbekannten Fremden erinnerte der
Gevatterinnen und Gastwirten ein erwünschtes Rätsel sein wird über das ich
schon viele die Köpfe zusammen stecken sehe Nun ich merke ich ich mache es
nicht besser als jene Die Neugier gehört gewiss zu den Erbsünden denn es
teilen sie meist alle Menschen mit einander Und was man gleich für Märchen
zusammen spinnt Unten im Amtofe hat man in vorletzter Nacht eine sechsspännige
Kutsche von mehreren Leuten zu Pferde begleitet vorbei fahren sehen Sie
nahmen die Richtung nach den Bergen zu Höchstwahrscheinlich waren es die
Schlossgäste Denke ich nun an Georgs großen Stern und die geheimen Anstalten auf
der Burg so haben wir das intrikanteste Abenteuer von der Welt ganz in der
Nähe
    Ich schreibe Ihnen das in aller Eile teils um Recht von Ihnen zu behalten
in Bezug unsers gestrigen Streites über des Komtur bizarre Hypochondrie teils
um die Anwesenheit unsers Merkurs des flinken Walters zu benutzen der
stehenden Fußes zu Ihnen hinüber will um seinen neu auf der Frankfurter Messe
erhandelten Kram vor Ihnen auszulegen Beiläufig gesagt solche umherstreifende
Hausirer sind doch bequeme Werkzeuge für den Verkehr auf dem Lande Mit den
Waren tragen sie auch gelegentlich Bestellungen Briefchen und diese und jene
Botschaft zu ihrer Behörde So schaffen sie Teilnehmer für Freude und Leid
    Nach dieser Lobrede auf Walters Beruf die eigentlich ihm selbst und dem
Zufalle galt der mir ihn gerade heute in den Weg wirft will ich denn nun auch
mit dem Bekenntnisse schließen dass mir die Unvorsichtigkeit so spät durch die
Nacht mit dem Kinde über den Fluss gefahren zu sein einen kleinen Verweis von
Eduard zugezogen hat der mich weniger verletzt als ihn verstimmt was denn
immer wie Wolken an meinem Himmel vorübergeht
    Liebe Sophie es wäre noch Manches über das rasche Umschlagen der Laune und
das Aetzende der Übel zu sagen die alles am liebsten aber die Süßigkeit des
Friedens wegzehrt führte das Eine nicht zu vielem Andern was keine Erörterung
erlaubt Leugnen kann ich mir es aber nicht dass ein Instrument welches den Ton
nicht mehr halten kann an dem die Wirbel zu lose wurden um die schlaffen
Saiten wieder straff anzuziehen vergeblich vor jeder Berührung bewahrt wird
die äußere Lebensluft dringt hinein und reißt disharmonische Töne heraus
    Ganz mag das mein langes Aussenbleiben gestern wohl nicht entschuldigen aber
glauben Sie nur zu manchen Zeiten kann der Wind so oder so herkommen es gibt
immer Gewitter Nun auf baldiges gutes Wetter was wir auch in gewöhnlichem
Sinne gebrauchen können denn ich möchte Ihnen wohl auf morgen eine Partie auf
den Burgwall bei der Tannenhäuserin vorschlagen Die Frau hat eine saubere
Wirtschaft und ihre wohleingerichtete Wohnung am See ist vielfach von Gästen
besucht Bedenken Sie den Sonnabend bin ich frei Eduard hat Vortrag und muss
zur Stadt wo er bis zum folgenden Tage bleibt Also  
    Und bringen Sie mit wen Sie werben können Ich meiner Seits werde alles
anordnen Sie denken wohl dass ich mich für die kleine Mühe reichlich durch die
Unterhaltung mit der ehemaligen Schaffnerin des Komtur wieder bezahlt machen
will Merken Sie jetzt die Absicht  Lachen Sie mich immer aus Man lebte nur
halb bekümmerte sich nicht Einer um den Andern und gäbe es nicht Geschwätz und
Geschichten
                                                                              E
N S
    Zur Steuer der Wahrheit kann ich das Blatt nicht ohne Kommentar abschicken
Die sechsspännige Kutsche hat sich in eine offene leere Chaise mit vier Pferden
bespannt verwandelt welcher ein Reuter in einiger Entfernung folgte Ob der
nun zu der Equipage gehörte oder nicht das steht dahin So schrumpft meist
alles zur Unbedeutenheit zusammen was einem Wunder wie wichtig zur Behauptung
einer abenteuerlichen Grille dünkte Adieu liebe Sophie
 
                                    Antwort
Für diesmal muss ich ihre Nachsicht in Anspruch nehmen liebste Elise Briefe
einer älteren Bekannten geben mir heute und morgen zu tun wodurch ich
verhindert werde Ihren Vorschlag anzunehmen
    Mir ist das Letztere doppelt leid da Sie Freude davon erwarteten und ich
in Ihrer Gesellschaft immer die frohesten Stunden verlebe Denn erlaube ich mir
auch manchmal den leichten Mut zu tadeln der Sie liebe angenehme Elise so
schnell über das Hemmende im Leben wegsehen lässt so ist es doch gerade der
helle Blick das Bequeme und Behende in Ihrem Umgange was diesen so anziehend
macht Man kann bei Ihnen niemals an Störung oder Gefahr denken weil Sie nicht
daran glauben Deshalb fiel mir es auch nicht eher ein Ihre letzte
Nachhausefahrt für ein Wagnis zu halten bis Sie mich selbst daran erinnern und
ich gezwungen werde dem verständigen Eduard Recht zu geben und mich zu
schelten ihm diese Unruhe nicht erspart zu haben Wie leicht wäre unser
gegenseitiges Interesse vermittelt worden hätte ich Sie wie es Ihr Plan war
um einige Stunden früher zurückbegleitet und die Nacht in Ihrem schönen
Landhause zugebracht
    Meine beschränkte Stiftswohnung bot Ihnen nicht dieselbe Bequemlichkeit
auch durfte ich Sie nicht bei mir zurückhalten wollen
    Nun künftig werden wir beide verständiger und Eduard nachsichtsvoller
sein
    Wissen Sie dass ich eitel genug bin mir einzubilden Sie werden nun da ich
nicht daran Teil nehmen kann die ganze Partie nach dem Tannenhause für heute
aufgegeben haben Diese Voraussetzung klingt indes schlimmer als sie ist Ich
hänge mich nur deshalb an das Gewicht das den Ausschlag geben soll weil ich
mit allen denen zusammen hänge welche Sie allenfalls zu Ihrer Gesellschaft
gewählt hätten obgleich es mir unmöglich war sie in Zeiten von den Projecten
in Kenntnis zu setzen
    Da nun der Hauptzweck die gesellige Belebung des hübschen Lustortes
wegfällt so entschließen Sie sich vielleicht Eduard nach der Stadt zu
begleiten
    Die wenigen Stunden auf der Chaussee leicht hingerollt geben Ihnen weniger
Beschwerde als dem armen Freunde Erleichterung indem Sie ihm die kranke Laune
tragen helfen Denn glauben Sie zuverlässig ist der Missmut schon für die
Umgebungen ein Druck so ist er eine noch weit schwerere Last für den welcher
daran trägt sich dessen bewusst ist und doch dem Beengenden nirgend Raum zu
schaffen weiß In einem Gespräche zu Zweien lässt man sich leichter einen Teil
der herben Ergüsse gefallen Die Freude einem guten Menschen wohlzutun geht
mildernd darüber hin Man stimmt ihn unwillkürlich nach dem Tone den man in
sich bewahrt das anfänglich Einanderwidersprechende eint sich befriedigend für
beide Teile Vielleicht hatten Sie denselben Gedanken In dem Falle erzählen
Sie mir nächstens was Sie während des kurzen städtischen Aufenthalts den Sie
immer vortrefflich zu benutzen pflegen Interessantes sahen und hörten
    Leben Sie recht wohl beste Elise und vergeben Sie Ihrer Freundin wenn Sie
Ihnen diesmal weniger gefällig als sie es wünscht erscheint
 
                                Elise an Sophie
Was in aller Welt haben Sie vor Mich wollen Sie von hier entfernen Sie selbst
verstecken sich hinter Geschäfte die Sie nicht näher bezeichnen und von dem
Schlossgaste so wie von allem was darauf Bezug hat kein Wort  Wie sonderbar
Ja wie unnatürlich möchte ich sagen da Sie mich kennen und es wissen
sollten dass ich erstaunt leicht Kontrebande spüre
    Ihr Brief ist himmlisch gut voll Geist und Wohlwollen Aber es klingt mir
alles wie hinter einem Vorhange Ich sehe Sie nicht ich höre Sie bloß und
deshalb üben Sie auch keine Gewalt über mich Lassen Sie sichs nun nicht
wundern dass ich von dem was Sie von mir fordern ohne es mir offen zu sagen
auch nicht das Geringste getan habe Erstlich ist Eduard in Gottes Namen allein
nach der Stadt gefahren und zweitens habe ich Milch und Früchte bei der
Tannenhäuserin ohne Sie Eigensinnige gegessen und mir viel von der
gesprächigen Wirtin erzählen lassen Doch in der Hauptsache bin ich so klug wie
vorher Die Frau scheint mir durch mancherlei Erfahrungen gewitzigt sie ist auf
ihrer Hut Über eine gewisse Grenze kommt man mit ihr nicht hinaus Es
unterhielt mich ungemein wie sie meine Fragen so geschickt unterlief und den
Gegenstand von einer ganz andern Seite erfasste Meistens führte sie alles auf
sich selbst zurück wer sie ist was sie leistete und noch jetzt schafft und
erhält das erfuhr ich genau Hier standen wir denn fest und blieben stehen
»Der Gewinn werden Sie sagen war nicht groß« Freilich nicht allein ich hatte
die Familie des Amtmanns mit mir die Frau welche sich nur selten eine Erholung
gönnt und die Kinder eben auch nicht verwöhnen kann sah sich in die Tage
sorgenfreier Jugend versetzt wo sie mit ihren Eltern solche Lustorte besuchen
sich putzen frei von Geschäften bequem lustwandeln die Natur ohne
Nebenbeziehung auf Ertrag und Nutzen bewundern durfte Sie war so recht aus
Grund der Seele froh und sagte was ihr in den Mund kam Ich habe unglaublich
über sie gelacht
    Zuletzt kam noch eine Schüssel mit Backwerk bei der sich meine Raben
gütlich taten Ich stopfte sie tüchtig und spielte dann zu allgemeinem
Entzücken blinde Kuh Katze und Maus und den Dritten abschlagen mit ihnen
    Ich weiß nicht ob Sie den hübschen blumigen Wiesenplan zwischen dem See
und dem Waldsaum kennen Die herrlichen Buchen welche diesen in drei doppelten
Reihen einfassen wölben ihr breites Blätterdach über den Rasen Man hat hier
Schatten Schutz vor dem Winde und dem feuchten Luftauch des Wassers Keinen
bessern Spielplatz gibt es unter der Sonne Die Amtmännin durfte nicht
zurückstehen Auch ging sie gutwillig daran bald gaben wir den Jungen nichts an
Ausgelassenheit nach Das nahm denn aber für mich ein beschämendes Ende Während
dem Hin und Herlaufen hatte sich mir unten am Kleide der Saum abgetrennt Ich
bemerkte es nicht Jetzt verwickelte ich mich bei einer Wendung darin Ich wäre
gefallen hätte ich nicht kurzen Prozess gemacht das Stück abgerissen und
dieses mit samt dem Schuhe um welchen der Streifen geschlungen war von mir
geworfen ein Ausweg der mich auf der Stelle wieder auf die Beine jedoch um
meinen Schuh brachte Dieser war tief in das Gebüsch hineingeflogen Ich teile
dasselbe unter lautem Lachen da steht ein fremder Mann halb von den Zweigen
verdeckt vor mir Er mochte hier schon eine Weile gestanden und unser
ausgelassenes Treiben mit angesehen haben Das verdross mich ich tat als sehe
ich ihn nicht auch trat er sogleich zurück Ehe ich noch zu den Übrigen
gelangte war er verschwunden Ich weiß von dem ganzen Menschen nichts als dass
er blau oder grün angezogen war und eine Flinte auf dem Rücken trug Erst
nachher fiel mir ein was Ihnen Sophie eben auch einfällt Sehen Sie ich kann
von hier aus in Ihren Zügen lesen dass Sie mich ohne Worte verstehen Sie denken
wie ich an den Schlossgast und der war es auch ohne alle Frage obgleich die
Wirtin diesen nicht kennen will die Sache bei Seite wirft den vermeinten
vornehmen Fremden für einen neuen Sekretär des Komtur ausgibt so weiß sie
doch mehr von allen dem und glaublich ist es dass jener bei ihr im Hause war
indes wir uns mit ihr unterhielten Dies mag nun sein wie es will Solche
Dazwischenkunft eines Dritten unterbricht immer und gibt andere Gedanken
Zudem waren wir müde Die Sonne ging unter Gerade über dem See stand die
glühende Scheibe Wir setzten uns am Ufer nieder Es war der köstlichste Abend
Die Kinder pflückten Vergissmeinnicht und gelbe Wasserlilien Zu unsern Füßen
perlte der weiße Wellenschaum Die kleinen Bläschen zerrannen geräuschlos
zwischen Rohr und Kalmus Ich folgte mit den Augen ihrem raschen Verschwinden
Die Amtmännin war still ja andächtig geworden Sie saß mit gefaltenen Händen
neben mir sah in die steigende Dämmerung und gedachte ihrer verstorbenen
Eltern Sie mochten ihr in der Dunkelheit mehr gegenwärtig sein Sie sprach viel
von ihnen Ich hörte ihr mit Innigkeit zu Der Vater besonders schien ihr teuer
gewesen In der Jugend begleitete er als Feldprediger sein Regiment auf manchen
Zügen und wohnte mehr als einer Schlacht bei verlor aber sein Amt wegen einer
unvorsichtigen Trauung zu welcher er sich aus Liebe für einen jungen
leidenschaftlichen Offizier verleiten ließ Nach dem Tode des Fürsten bekam er
zwar den Posten seines Schwiegervaters an der Hofkirche allein die übereilte
Handlung die zum Unglück des Ehepaars ausschlug blieb ihm ein störender
Vorwurf für sein Leben Die Tochter rühmte überall die große Zartheit seines
Gewissens und wusste noch mehrere rührende Züge davon anzuführen
    Anfänglich flossen ihr die Worte nicht ganz natürlich wie das wohl bei
Leuten der Fall ist die von dem gewohnten äußern Treiben in die innere Welt
zurücktreten Ihre Sprache klang wie aus einer Putzstube heraus Aber das währte
nicht lange Gefühle die ihr stets vertraut blieben rissen sie wie alte
Bekannte mit sich fort Ich empfand aufs neue was nur einzig wahre Bildung
gibt Rührt der Genius die Flügel der Seele so hebt er alle Fähigkeit des
Innern mit aufwärts
    Sehen Sie liebe Sophie die Frau die ich mir doch immer nur als Notbehelf
mit auf die Fahrt nahm musste mir so zur Erbauung dienen Ich glaube wir säßen
noch da beisammen und plauderten wären die Kinder nicht müde der Abend dunkel
und die Amtmännin wegen ihres Mannes unruhig geworden
    Ich war bei meiner Nachhausekunft sehr froh keine eheherrliche Kritik
fürchten zu dürfen Georg aß seine Suppe so vergnügt um neun als um sieben und
ich schrieb dies Alles ungestört an Sie
    Hierauf werden Sie nun wohl denken dass ich es nicht bereue von der Fahrt
nach der Stadt zurückgeblieben zu sein
    Aufrichtig gesagt gute Sophie versteh ich nicht was Sie mit dem
Vorschlage wollen Entweder Sie beabsichtigen etwas Verborgenes damit oder Sie
beweisen mir was ich immer schon dachte dass jedes Urteil über Verhältnisse
zu denen man außerhalb steht eben so schwankend ist wie es unmöglich wird
aus der Ferne einen Maßstab für dasjenige zu finden was in solchen
Verhältnissen getan oder unterlassen werden muss Theorien abstrahiren sich wohl
im Allgemeinen aber das Leben steht nicht einen Augenblick still Den
Widerstand oder die Nachhülfe die es auf einer Stelle fordert verwirft es auf
der andern
    Mein Gott was hätte es dem guten Eduard in seiner momentanen Verdrossenheit
geholfen wenn ich an seiner Seite vor Staub und Hitze erstickt wäre und ihn
dadurch gezwungen hätte auf mich zu merken Meinen Sie dass es ihn würde
erheitert haben mich um nichts und wieder nichts gequält zu sehen Ganz im
Gegenteil er wäre außer sich geraten hätte sich tausend Vorwürfe gemacht
sich den unglücklichsten Menschen der Erde geglaubt und sinnreich in eigener
Qual herausgefunden dass er es anfangen möge wie er wolle er beglücke niemand
Leute seiner Art die an völlige Isolation und in ihren Geschäften an etwas
Mechanisches gewöhnt sind werden gleich ungeduldig wenn sie irgend etwas
Fremdes durchkreuzt
    Seit vier Jahren dass wir verheiratet sind habe ich den Sommer immer still
hier verlebt Eduard würde sehr frappirt über den Gedanken gewesen sein ihn auf
seiner Sonnabendsfahrt begleiten zu wollen Das geschah nie Warum jetzt Fühlen
Sie nicht wie der Einsame das zum Gegenstande misstrauender Grübeleien gemacht
hätte
    Nein Sophie Sie heben auch nur Menschen nach vorausgesetzten Annahmen
heraus Das hindert Sie zu sehen was Sie sonst sehen würden
    Ich hoffe Ihre Geschäfte sind beendet und Sie kommen morgen mich zu
versöhnen
 
                                Eduard an Elise
Arbeiten dringender Art zwingen mich meinen hiesigen Aufenthalt um mehrere Tage
zu verlängern Ich ergreife eine schickliche Gelegenheit welche sich mir in der
Amtsreise unsers Justizrats darbietet Dich liebe Elise in Zeiten davon zu
benachrichtigen Sein Weg nach dem Schloss des Komtur geht bei unserm
Landsitze vorbei und so passt sich alles genau zu meinem Zwecke Du wirst noch
diesen Abend von meiner verspäteten Rückkehr unterrichtet bevor Du im mindesten
in Ungewissheit über deren Veranlassung sein kannst Ich nehme diese
Vorsichtsmaassregeln mehr in meiner als in Deiner Seele weil mir der Gedanke
jeder Unbestimmteit zuwider und der tätigen Wirksamkeit so überaus hemmend
ist
    Auch benutze ich diese Veranlassung Dich in ähnlichen Fällen zu derselben
Aufmerksamkeit zu verpflichten Vergebliches Warten hat immer den peinlichsten
Zeitverlust zur Folge und einmal aus dem Gleise in dem man sich bequem fühlt
herausgerissen werden wir zuletzt auch für das stumpf was wir herbei
wünschten und das uns nun in einer gewissen Unordnung der Empfindungen
überrascht ohne doch zu befriedigen Wenn es Dir schwer werden sollte hierin
meinem Beispiele zu folgen so wird Dich vielleicht die Betrachtung williger
dazu machen dass die meisten Verdrießlichkeiten und Missverständnisse im Umgange
aus Mangel rücksichtlicher Beachtung der Lebensordnung herrühren wodurch mit
der einen Störung welche Diesen oder Jenen empfindlicher als Andere trifft
zugleich eine allgemeine Erschütterung und eine ganze Kette häuslicher Unbilden
hervorgeht Mit dem Wunsche Dich und Georg bei meiner Rückkehr wohl zu finden
umarme ich Euch beide zärtlichst
 
                                Elise an Sophie
Können Sie sich denn keinen Augenblick abmüssigen  Ich sitze hier in tausend
Aengsten von Gewissensbissen und Sorgen gemartert Fort kann ich nicht allein
wird mirs zu viel und Sie schweigen und kommen nicht
    Denken Sie nur ums Himmels Villen die gute kleine Amtmannsfrau ist tödlich
erkrankt Erhitzung Erkältung Gott weiß ob on später her oder jetzt erst
veranlasst hat sie mit einem Fieber niedergeworfen das selbst den Arzt für ihr
Leben zittern lässt
    Gestern Abend ward ich hinüber gerufen Die Leute wussten nichts mehr mit dem
Manne anzufangen Ich war im Augenblicke dort Schon von außen hörte ich die
Kranke laut und hell sprechen Mir schlug das Herz die Kniee zitterten mir ich
öffnete zögernd die Türe
    Vorn in der Wohnstube saßen die ältesten Knaben und weinten still in ihrem
Winkelchen Ein allerliebstes kleines Mädchen aß in seliger Unbewussteit unter
Lachen und Kreischen die Abendsuppe Der rüstige starke Amtmann schwankte mit
gefaltenen Händen ganz zusammengebrochen von einer Türe zur andern wollte
Dies und Jenes bestellen holen wusste nicht was er sagte was er tat die
Augen waren ihm von der ungewohnten Tränenflut wie erloschen die Stimme
bebte unaussprechlicher Jammer sprach aus den schlaffen Zügen
    Als er mich gewahr wurde brach er von neuem in Tränen aus Ach stöhnte
er meine Hand in der seinen pressend und sie krampfhaft festhaltend »Wer
hätte das gedacht« Es war alles was er hervorbringen konnte Während dem rief
ihn die Kranke wiederholt Er stürzte an ihr Bett Sie schien unruhig Es waren
aber nur wirtschaftliche Erinnerungen die sie zu machen hatte In diesem
Augenblick war sie gewiss besonnen Es hatte alles Zusammenhang und Hand und
Fuß was sie sagte Ich näherte mich ihr Sie bemerkte es Ganz verständig sagte
sie mir guten Abend Ich drückte bloß ihre Hand die sie mir reichte ohne etwas
zu sagen aus Furcht sie durch fremde Vorstellungen zu verwirren Allein die
Vorsicht war unnütz Mein bloßer Anblick zog sie in ein Zwielicht schwankender
Erinnerungen zurück Sie lächelte sprach von ihrem Vater und sagte dann noch
etwas das mir recht auffiel Es war als rede sie vom Komtur indem sie des
Fremden auf dem Schloss erwähnte und hinzu fügte Jetzt bereuet er alles was
wirds helfen der Bruder ist tot Der junge Mensch   Sie warf den Kopf in
die Höhe so als gehe sie der nicht sonderlich viel an Hernach fragte sie
etwas das ich nicht verstand Das ging alles durch einander Allein jedesmal
wenn ihr die Besonnenheit zurückkehrte war sie mit den Gedanken in ihrer
Wirtschaft und den häuslichen Angelegenheiten Sie hatte recht freundliche
Worte für ihren Mann Der Kinder gedachte sie nur in Hinsicht ihrer Pflege und
Wartung auch Einiges zu erinnern Verfiel sie dann wieder in Phantasien so
hatte sie eine ganz andere Sprache erhöhte Gefühle confuse aber doch
besondere Bilder Es war Vater und Mutter und eine schöne Zeit der Jugend von
der sie mit Liebe träumte
    Sophie in welcher von beiden Welten leben wir denn eigentlich in der
sichtbaren oder unsichtbaren Wenn es gerade umgekehrt wäre und wir hier
träumten und dort wachten
    Die meisten Menschen und wir selbst vielleicht würden es übel nehmen wenn
man zu behaupten wagte wir gingen wie Nachtwandler umher Der Ernst den wir an
unsre kluge Geschäftigkeit setzen bedeute am Ende nicht mehr als der im
Traume worüber wir beim Erwachen so vielen Spaß haben
    Doch was sollen die bizarren Reflexionen hier wo die einfache Wahrnehmung
so traurig ist Wir blieben in großer Spannung über die Kranke Es konnte nichts
für sie geschehen bis der Arzt kam Endlich ward er herbeigeschaft Er trat in
das Haus ohne dass der Amtmann das Herz hatte ihm entgegen zu gehen Ich tat
es an seiner Stelle Sie wissen ich glaube nicht leicht das Schlimmste Ich
zitterte daher nicht vor dem Ausspruche des Einzigen der hier mit der
richtigen Einsicht auch Hilfe bringen konnte Ich beeilte mich nur dem Manne
der mir übrigens fremd und hier in der Familie nur wenig bekannt war eine
allgemeine Übersicht von dem vorliegenden Falle zu verschaffen Er hörte mehr
höflich als beachtend zu zeigte sich eilig nahm von allem Aeusserlichen
obenhin Notiz und flößte mir eher Misstrauen als Glauben an seine Fähigkeit ein
Ich wandte mich daher ab als er sich dem Bette der Kranken nahte Des Amtmanns
ganze Seele hing indes an seinen Blicken Auch die armen Kinder standen
lauschend in der Türe Es war indes auf dem plötzlich ganz Auge und Ohr
gewordenen Gesichte des Arztes nichts als fortgesetztes Forschen aber keine
Spur eines Urteils zu lesen
    Mit demselben Ausdrucke in der Miene stand er jetzt von seinem Platze an
dem Krankenbette auf indem er sehr bestimmt sagte »Nun ich werde etwas
verordnen« worauf er Feder Tinte und Papier forderte rasch zwei Worte
aufschrieb und einen reitenden Boten nach der Stadt sandte dem er Eile
empfahl
    Niemand befragte ihn Er verstand das »Ich kann nichts entscheiden«
äußerte er nach einer stummen Pause Für die kurze Zeit der Krankheit hat sich
das Übel so sehr ausgebildet dass man nicht wissen kann ob es schon ganz da
oder nur der Vorläufer von etwas ist das noch dahinter steckt Er ging von nun
an sogleich zu Fragen und Erkundigungen über und sah es jetzt recht gern dass
ich im Stande war ihm gehörige Auskunft zu geben
    Seine Art fing an mir zu gefallen Erst wollte er sehen und dann hören was
ihm nötig dünkte um weiter vorzudringen Mein rasches Entgegenfahren war ihm
unbequem Er hatte recht Es half ihm zu nichts
    Ich gewinne leicht Achtung für Leute die ihre eigene Art haben und
behaupten Deshalb ward ich auch hier ruhiger und tröstete die Familie die des
Doctors Zurückhaltung peinigend drückte
    Die Nacht ging auf diese Art hin Die Kinder schliefen endlich ein Am
Morgen fanden sich unwillkürlich alle Gemüter mehr im Gleichgewicht Man
hoffte nichts Bestimmtes aber das Gefürchtete stand doch ferner
    Es ist ungefähr noch so Indes fühle ich dem Arzt an er greift behutsam
aber unbefriedigt nach dem unsichtbaren Faden durch dies Labyrinth Wenn die
Frau stürbe Mein Gott die Kinder der Mann  Sophie es ist doch etwas sehr
Tiefsinniges um Familienbande Welch geheimnisvoller Verein Und was heilt den
Riss den hier der Tod machen kann Das Leben  Ja es gleicht äußerlich alles
aus aber die Kinder ohne die Mutter Die Welt ist nicht reich genug die Lücke
zu füllen
    Ein ganzer Tag und eine Nacht ist wieder vorüber Wir stehen auf dem alten
Fleck
    Mir ist so beklommen als läge ein Fels auf meiner Brust
    Was daraus werden wird
    Der Arzt ist jetzt in der Stadt Er kommt erst spät Abends
    Ich bin unaufhörlich auf den Beinen entweder hinunter nach dem Amtofe oder
hierher zurückzugehen Deshalb flüchte ich mich auch nur auf Momente mit der
Feder zu Ihnen Ich täte es gern mit Leib und Seele Allein fort kann ich
nicht von hier so sehr mich auch alles presst und klemmt Ich hielte es nicht in
der Ungewissheit anderwärts aus Die Familie ist zu unglücklich
    Walter war eben hier Er kam von Ihnen Ist es wahr was er behauptet Sie
verreisen Ihre Leute haben es ihm anvertraut und Sie selbst es angedeutet
indem Sie grauen Taffet zu einem Staubmantel und einen grünen Schleier von ihm
kauften
    Was gehen Sie denn für Umwege mit mir Sophie Ein Fremder war bei Ihnen
Ein junger feiner Herr wie Walter versichert Im Hause wusste man seinen Namen
nicht Wenn es der wäre den ich meine
    Es ist mehr als wahrscheinlich Ihr plötzliches Verstummen und Abwehren
führt auf seltsame Schlüsse
    Leben Sie wohl Ich bin betrübt und verdrießlich seit Sie die Geheimnisvolle
gegen mich spielen
 
                                    Antwort
Ziehen Sie keine voreilige Schlüsse liebste Elise Denken Sie auch nicht ich
wähle verborgene Wege um Ihnen zu entgehen
    Bei Ihrer Billigkeit Ihrer freien natürlichen Weise braucht es nichts
als das offene Geständnis dass ich etwas zu verschweigen habe was mir von
Freunden anvertraut ward die meine Teilnahme wie meinen Beistand in Anspruch
nehmen
    Sie sind gewiss weit entfernt nach fremdem Eigentum Verlangen zu tragen
aus demselben Grunde würden Sie auch die Erste sein eine Mitteilung zu
wünschen die ich Ihnen nur auf Kosten Anderer machen könnte
    Lassen Sie sich nicht danach verlangen meine Liebe Es ist eine verjährte
abgestorbene Geschichte in die wie ich fürchte niemals sonderlich viel
gesundes Leben hineinzubringen sein wird
    Das Schlimmste ist ich sehe mich genötigt eine beschwerliche Reise zu
machen zu der ich in keiner Art vorbereitet bin und die mir jetzt doppelt
unwillkommen ist weil ich Sie liebste Elise in trüber Bedrängnis zurück
lasse
    Leider hege ich keine Hoffnung zur Wiederherstellung der guten Kranken Der
Arzt hat sich andern Orts weniger zurückhaltend gezeigt Sein Ausspruch ist eben
nicht tröstlich Es herrschen bösartige Fieber in der Gegend und er fürchtet
hier ein Opfer daran fallen zu sehen
    Sein Sie um alles in der Welt auf Ihrer Hut liebe Elise Solche
Krankheiten teilen sich den Umstehenden mit Sie sind so erregbar so
selbstvergessend und bereit fremde Lasten auf sich zu nehmen Sie werden als
Pflegerin weit mehr tun wie Sie sollten und die Gefahr wird sich gegen Sie
kehren Bedenken Sie Eduard und den Engel Georg Tausendmal umarme ich das liebe
Kind O vergessen Sie es nicht dass Sie seine Mutter sind und sein kleines
Leben genau mit dem Ihrigen zusammenhängt
    Ich bitte Gott Sie beide in seinen Schutz zu nehmen Mein Herz ist schwer
Elise Ich reise recht ungern von hier fort Sein Sie vorsichtig liebe liebe
schöne Seele Weiß der Himmel ich fürchte immer so viel für Sie
    Ist es weil ich Ihnen zu sehr ergeben bin oder stehen Sie wirklich zu
sorglos zu unbewaffnet in der Welt
    Aber Sie können nicht anders Das ist eben meine Angst
    Nun Ihr guter Engel verlasse Sie nicht
 
                                Elise an Sophie
Warum Sie nicht dennoch auf einen Augenblick herüber kommen um Abschied von mir
zu nehmen das liegt am Tage Sie fürchteten trotz aller schönen Worte mich
unbescheiden zu finden und wollten Ihr Geheimnis keiner Gefahr aussetzen Ach
Sie hätten immer kommen können Ich bin nicht begierig das Verborgene zu
enthüllen Wie vieles ist doch über den Menschen verhängt wovon er keine
Ahndung hat Diese Familie  vor acht Tagen noch so glücklich und nun  Ja es
ist vorbei Sie ist tot Ich habe sie in den letzten Tagen nicht mehr gesehen
Seit Eduard wieder hier ist durfte ich nicht das Haus verlassen Er mag recht
haben nach seiner Art Ich hatte es nach der meinigen auch Es ist wahr die
Krankheit teilt sich mit Die Magd und der älteste Knabe klagen sich seitdem
auch
    Wir sollten erst alle nach der Stadt zurück Allein dort ist es noch viel
schlimmer die große Hitze hat da mehr als eine Gattung von Übeln erzeugt
Kinder und Erwachsene sind dort gleich bedroht
    Zu meinem Trost hat der Arzt entschieden dass nur das Leben in freier Luft
ein Gegenmittel gegen Ansteckung sei
    Seitdem treibt mich Eduard schon früh am Morgen zu Fuß oder zu Wagen mit
Georg hinaus Ich lasse mich auch nicht lange dazu nötigen Mir ist wohler im
Freien Sonst fühle ich mich matt und so betrübt dass ich noch zur Zeit an
nichts in der Welt Teil nehmen kann
    Die schönen Buchen am See zogen mich zuerst in ihre Schatten Hier suchte
ich die letzten Spuren der Verstorbenen Wie ich die dunklen Reihen der Bäume
entlang ging glaubte ich die leise etwas schüchterne Frau mit ihren kurzen
eiligen Schritten neben mir gehen zu hören Ich stand still und sah betrübt
umher »Weißt du wohl« sagte Georg indem er wichtig mit dem Köpfchen nickte
Er machte eine so gerührte Miene dazu dass ich mich der Tränen nicht enthalten
konnte Nun fing er auch an zu weinen Ich suchte gar nicht ihn zu beruhigen
Warum soll er nicht frühe das Traurige traurig nehmen Man findet sich nur zu
leicht darin
    Nach einer Weile tröstete er sich ganz von selbst Er sprang umher machte
die erste beste Gerte zum Reitpferd und sagte nur noch einmal während er sein
hölzernes Pferdchen anhielt und flüchtige Erinnerungen in sich zusammen suchte
»Hier haben wir so hübsch gespielt«
    Diese Betrachtung hinderte ihn aber nicht gleich wieder recht hübsch zu
spielen das Vergangene war nun vergangen
    Wir machen es Alle nicht anders liebe Sophie Kinder sind kleine Menschen
Der ganze Unterschied zwischen ihnen und den größeren liegt im Bewusstsein der
Wandelbarkeit des Innern und der Schaam darüber
    Warum schämen wir uns aber Da das Festalten der Gefühle uns doch nur elend
macht Denken Sie selbst was käme dabei heraus wollte man bei dem verweilen
was Einem völlig mit der Gegenwart entzweien müsste In den meisten Fällen ist es
besser mit dem Leben zu gehen als stehen zu bleiben und seinen Lauf
anzuhalten
    Und denn wie jeder kann
    Es ist wahr wir ärgern uns wenn gewisse mit der Seele eins geglaubte
Stimmungen uns plötzlich verklungen scheinen und oft kein Ton mehr davon zu
finden ist Ich glaube wir verwechseln den Beruf zur Ewigkeit mit der
Fähigkeit des Herzens ihr schon diesseits angehören zu können
    Aus der einen Täuschung welche fortgeerbter Wahn heilig spricht geht das
ganze Heer gezierter Selbstbetrügereien hervor die das wahre Gefühl mehr
entweihen als in Ehren halten
    Ich war erst böse als ich gestern den Amtmann zu Pferde bei seinen
Arbeitern sah Ich hatte unrecht Das Leben tritt nach jeder Unterbrechung
wieder in seine alte Ordnung Man muss da mit hinein
    So lange ein Gefürchtetes noch dunkel herannaht stehen wir in lähmender
Spannung auf der Folter der Angst unfähig etwas Anderes zu empfinden Ist der
Schlag geschehen so fallen wir entweder mit oder wir werfen einen wehmütigen
Blick in den Abgrund der das Liebste verschlang verschütten ihn und säen in
der aufgelockerten Erde neue Saaten
    Georgs Wünschelrute hilft einem Jeden über die Trauer hinaus Irgend wo
schlägt sie immer ein wo man Gold oder doch diesem ähnliches Metall findet
    Mir ist Sophie als schüttelten Sie hier zweifelhaft den Kopf Sie freilich
wollen es nicht Wort haben dass man verschmerzen könne was das Herz brach Nun
und dennoch gehen Sie ihren Weg wie alle Menschen und haben noch überdies
etwas das Sie stets auf das Angenehmste begleitet Sehen Sie so verwandelt
sich alles auch der Kummer in sich selbst und nimmt von der Farbe und dem
Lichte der Welt in der wir leben unwillkürlich mehr und mehr an Wir schaffen
uns das Verlorne noch einmal und söhnen uns auf diese Weise mit dem
Geschiedenen aus
    Ich lasse diese Blätter unabgeschickt liegen Sie enthalten zur Zeit wenig
das der Mühe verlohnte sie einen weiten Weg machen zu lassen Ich bin gewöhnt
jeden flüchtigen Gedanken zu Ihnen hinüber zu schicken ich bin jetzt so allein
 Sie fehlen mir an jeder Stelle ich schreibe also wie ich schreiben würde
wären Sie in Ihrem Stift oder wie ich Ihnen gegenüber sprechen würde
    Mit dem Letzteren ist es indes doch etwas anders Es schreibt niemand wie er
redet schon deshalb nicht weil das Alleinsprechen eine weit besonnenere
Verbindung der Sätze ja eine consequentere Gedankenund Wortfolge heischt als
die mündliche Mitteilung welche unwillkührlicher und schöpferischer ihre lose
Fäden auf gut Glück auswirft und ein Ganzes mehr durch die Harmonie des
Zusammenklingens als durch Entwickelung und Abrundung des Einzelnen
hervorbringt
    Mein Gott Sophie wie gelehrt klingt das  Ich glaube das Alleinsein
taugt mir nicht Ich werde eine ganz andere Person So grübelnd und motivirend
Versicherte mich der Arzt nicht ich sei gesund so würde ich mich krank
glauben Es ist mir viel schwerer als sonst Man sagt von gewissen Gegenden und
Orten sie hätten Einfluss auf die Gemütsstimmung Fast möchte ich denken das
Plätzchen unten am See in dem melancholischen Schatten der Buchen so voll
dunkeln geheimen Lebens rege allzu ernste Gedanken in mir auf Ich horche
Stunden lang auf das sonderbare Rauschen über mir in dem hohen Blätterdach und
sehe die grau gestreiften Wellen in immer tieferm Farbenton zwischen den Bäumen
hinfliessen ohne dass ich Lust hätte andere Gesellschaft als die der einsamen
Natur aufzusuchen So etwas ist mir fremd Ich bin nicht für sentimentale
Spiele der Einbildungskraft Sie entzweien mit der Wirklichkeit Auch scheue ich
das wehmütige Dämmerlicht was sie den Gegenständen zurücklassen Und dennoch
übt der Platz unwiderstehliche Gewalt über mich aus Ich werde ihn meiden
müssen Mir taugt das allzu tiefe Hineinsehen in die Verknüpfungen des Daseins
nicht Man sieht doch nur bis auf einen gewissen Punkt und wird unsicher
    Überdies bin ich dort nicht mehr völlig allein Ich habe glaube ich
vergessen Ihnen zu sagen dass der Fremde zuweilen hier umher streift Entweder
er fährt in einem kleinen Kahne pfeilschnell vorüber oder seine Gestalt
erschreckt mich plötzlich zwischen der Umbüschung am Ufer Die Eile mit welcher
er sich entfernt scheint seine unberufene Dazwischenkunft entschuldigen zu
sollen indes fällt mir die Störung immer unbequem um so mehr da Georg
jedesmal ganz verschüchtert zu mir gelaufen kommt und mich mit Fragen quält
wer der unartige Mann sei der so nahe an das Wasser gehe
    Ob ich denselben auch nie anders als aus einer gewissen Ferne sah so
scheint er mir doch für einen gewöhnlichen Sekretär oder Geschäftsführer eine
allzu edle Haltung zu haben ja eine zu vornehme Art die Dinge anzufassen und
zu nehmen So steht er oft so auf gewisse Weise hoch und gebieterisch die Arme
über einander geschlagen den Kopf gehoben in dem Kahn wenn er diesen durch
ein Paar gewaltsame Ruderschläge in das Getriebe der Flut gebracht hat und
ihn nun lässig auf dieser fortschwimmen lässt Die Arme liegen auf dem ruhenden
Holze das er wie einen Stab gegen den Boden des Schiffchens gestemmt aufwärts
hält als gebiete er den Wellen
    Neulich hatte er im Vorüberfahren auf solche Weise stehend das Ruder
weggeworfen und die Jagdflinte auf einen Zug Wasservögel angelegt Er drückte
indes nicht ab Auch sah ich ihn das Gewehr bei Seite legen Vielleicht hatte er
das Kind bemerkt und wollte es nicht erschrecken Ich nahm bei dieser
Gelegenheit indes wahr dass er das Weidwerk weder wie ein Laie noch wie ein Mann
von Metier trieb vielmehr den Anstand vornehmer Spielerei dabei entwickelte
Und trotz alledem wird es doch wohl mit dem subordinirten Sekretärposten seine
Richtigkeit haben Er kennt seine Stellung und sucht mit Leuten gleichen
Standes Bekanntschaft zu machen Den Tag nach der Beerdigung der Amtmännin kam
er spät Abends der Familie einen Besuch zu machen Er trat unerwartet ins Haus
klopfte an die erste beste Türe und eilte als der betrübte Hausherr sein
gastliches »Herein« gesprochen hatte mit so bekümmerter Miene auf diesen zu
als habe er eine nahe Anverwandtin in der Toten zu beweinen Ich bin hier
fremd sagte er indem er des Amtmanns Hand ergriff und sie schüttelte aber
ich habe von Ihrem Unglück gehört und kann Ihnen meine Teilnahme nicht länger
verbergen
    Er schwieg darauf ohne weiter etwas über sich seinen Namen Stand und
Aufenthalt hinzuzusetzen Der Amtmann bat ihn niederzusitzen Er lehnte es
höflich ab Seine Augen suchten die Kinder Der älteste Knabe war nur
gegenwärtig Er legte ihm die Hand mit dem Ausdruck zärtlichen Mitleids auf den
krausen Lockenkopf und sah ihm eine Weile schweigend aber tief in die Augen
Gleicht er der Mutter fragte er darauf Der Vater schüttelte den Kopf
Hervorstürzende Tränen hinderten ihn sogleich Worte zu finden
    »Sie war die Tochter des Hofpredigers S hub der Fremde nach einer Weile
an Ich bin dem Manne viel schuldig« setzte er hinzu Um seine Lippen zuckte es
schmerzlich Er zog die Hand von des Kindes Stirne zurück und ging einigemal in
sichtbarer Bewegung auf und ab Sein ganzes Wesen wie auffallend auch immer
sein Erscheinen sein mochte drückte tiefsinnigen Ernst und weiches Mitempfinden
aus
    Wie er gekommen war so ging er Unvorbereitet schnell Er war fort ehe
man es dachte »Nun wir sehen uns bald wieder« sagte er leichthin grüßend
Und damit war er zur Stube hinaus
    Ich weiß dies Alles von unserm Arzt der unter die Zahl meiner Freunde
gehört und mich oft besucht Er war bei dem seltsamen Auftritte zugegen und
konnte mir den Unbekannten nicht interessant genug beschreiben
    Sophie das Prädicat als Sekretär tut ihm doch einigen Schaden bei mir
Dies klingt schlimmer als es ist Denn wahr bleibt es einmal was hat man von
der Nachbarschaft eines Menschen der nie zu unserer Gesellschaft gehören wird
So lieb mir der Arzt ist so fatal wird mir ein gewisser lauter und roher
Justizrat der mit Eduard Geschäfte hat und mich sehr langweilt Der Mensch
gibt so viel zu verstehen und plaudert so gern aus der Schule dass ich ihm
fast wider meinen Willen aus dem Wege gehen muss um nur keinen Anteil an einer
Indiscretion zu haben die Eduard weder ihm noch mir verzeihen würde Gewiss aber
ist es er hat die Hände mit im Spiele was auf des Komturs Heerde geschmiedet
wird
    Nun werde ich bald mehr erfahren Die Gräfin kommt mit ihrer Familie aus dem
Bade zurück und bezieht noch für die Sommermonate ihren Landsitz Die gewandte
Frau weiß sicher in vier und zwanzig Stunden mehr von dem was hier vorgeht als
wir in einem halben Jahre
 
                                Hugo an Heinrich
Ich bin hier im Schloss des Oheims Das erschöpft eigentlich alles was ich Dir
Interessantes von meinen gegenwärtigen Verhältnissen sagen kann lieber
Heinrich denn es liegt zugleich die Feststellung eines dieser Verhältnisse
überhaupt darin Da es nun einmal dahin gekommen ist so mag es darum sein Mir
lag niemals sonderlich viel daran Ich hätte mir auch so durchgeholfen und wäre
freier geblieben
    Der alte Herr ist ein wunderlicher Heiliger Er steckt so voll Vorurteilen
und verbrauchter Ansichten dass es schwer hält bis zu dem eigentlichen Kern in
ihn zu dringen Dieser ist gut so viel ich davon entdecken konnte aber die
kleinen Poliermesser moralischer Spitzfindigkeiten haben auch schon
erschrecklich daran genagt
    Glaubst Du dass ihm sein früheres Verfahren leid ist Ganz im Gegenteil Er
tut sich etwas darauf zu gut
    Sieh solch ein Sklave ist das Gewissen Es trägt die Livree jeder modernen
Grille die den augenblicklichen Herrn über unsere gesunden Gefühle spielt
    Übrigens einmal so ausstaffirt von der Zeit in der ihm seine Rolle
überkam nimmt sich der Komtur in dem steifen Prunk vornehmer Grundsätze weder
lächerlich noch dürftig aus Er imponirt und zieht wegen der unverkennbaren
Wahrheit einer zweiten angebildeten und angewöhnten Natur wie ein Rätsel aus
dem man klug werden möchte jedweden an Was würde deine psychologische
Spurkraft hier nicht alles von Originalität und bizarren ElementarMischungen
träumen
    Ich für meinen Teil hege einen andern Glauben Originell ist in solchem
Wirrwarr nichts Das sind unverdaute Brocken schlecht gehandhabter Weisheit die
das Leben so lange beschweren bis dieses sie wieder auswirft
    Grundsätze sind nur dann originell wenn sie durch starke eigentümlich
herrschende Gefühle erzeugt eine Rechtfertigung derselben werden Was die ganze
übrige Welt verwirft findet in der anders gestellten Überzeugung Schutz und
deshalb wird diese so trotzig und unbeugsam
    Wenn die sturmgepeitschten Wogen das Schiff krachend gegen ein Eiland
werfen so betrachtet sich die gerettete Mannschaft als Herr des gleichsam
eroberten Bodens und gründet nach eigenen Gesetzen ein neues Reich eine neue
Heimat welcher Not und Willkür den Zauber der ursprünglichen leihen müssen
    Ohne Umsprung des Geschicks ohne Gewitter der Leidenschaft zerfällt
Niemand mit der Ordnung der Natur
    Aus diesem Quell entspringen aber nur sehr selten Abweichungen Es gibt so
selten starke Gefühle wie starke Menschen Das Geschick der Meisten gleicht
sich auf ein Haar Dadurch kommt nichts Neues in das Leben Es ist immer das
Alte das nur dann überrascht wenn es um ein Jahrzehend zurück den vergessenen
Rock zwischen einem modernen Kostüm blicken lässt Da ist es alt
    Der arme Komtur ist übrigens in den verwachsenen Kleidern auch nicht auf
Rosen gegangen Es ist nicht leicht das Unnatürliche mit sich selbst in
Übereinstimmung zu bringen Der Mann weiß heute zur Stunde noch nicht was er
auch sagen mag ob er recht oder unrecht daran getan hat den Bruder aus der
väterlichen Erbfolge auszuschliessen Deshalb mein Besuch hier
    Mir ist die ganze Geschichte fatal Ohne dies Verhältnis zu Emma und die
unruhige Geschäftigkeit ihrer Mutter die sehr geschickt die Musse und den
Verstand einer Stiftsdame zu ihren Zwecken benutzte wäre es niemals dahin
gekommen
    Noch einmal ich bin hier und werde der Erbe eines reichen Mannes auf
Kosten entfernter Vettern die gewiss eine andere Rechnung gemacht hatten
    Meine Ankunft wie mein Aufenthalt ruht eben dieser Vettern wegen unter
einer Art geheimnissvollem Schleier Ich zog in der Nacht hier ein Den Wagen
der mir entgegen geschickt wurde benutzte ich nicht Ich blieb zu Pferde und
ritt bescheiden hinter des Oheims Equipage So ist auch ungefähr mein Benehmen
geblieben Das heißt ich stelle nichts vor und lasse mich vorstellen
    Unsere erste Zusammenkunft war von beiden Teilen steif Das konnte nicht
anders sein Der Komtur ist von Natur ein wenig allzu hoch für einen Sinn wie
der meinige Ich bin immer ich selbst Wir fanden uns gegenseitig nicht
besonders befriedigt Indes hege ich niemals Groll gegen einen Menschen Meine
Brust hat keinen Raum für ein rein gehässiges Gefühl Und Gründe es zu
erzeugen fallen stets durch ruhige Betrachtung des Zusammenhangs feindlicher
Verhältnisse in Nichts zusammen Ich sehe die Dinge wie sie sind Damit hat in
der Regel die Critik ein Ende Ich bin fertig in mir und lasse es gut sein
    Diese ruhige Stimmung macht mich unbefangen Ich streite nicht mit dem alten
Manne Wir nähern uns durch Gewohnheit
    An Emma habe ich geschrieben Das vermittelnde Stiftsfräulein ist zu ihrer
Mutter gereist An dem ganzen Gewebe fehlt nichts mehr als dass es aufgerollt
wird Der Komtur hat schon Hand daran gelegt und ich bin nun mit meinem
Geschick am Ziele
    Das wäre ja wohl ungefähr das Wesentliche was ich von mir zu melden hätte
Historisch betrachtet ganz erstaunt viel Für mich selbst unglaublich wenig
Ich kann Dir nicht sagen wie lächerlich mir zuweilen all die Anstalten für das
Leben erscheinen Dies selbst geht darüber hin Das Lästige bleibt auf den
Schultern liegen Der unbefangene Genuss verflog ehe man ihn kennen durfte
    Ich wünsche Dir Glück zu Deiner Freiheit Halte sie in Ehren Verschleudre
sie um kein Schaugericht Man wird nicht satt davon
 
                                Elise an Sophie
Ihr Geheimnis ist am Tage Es verlohnte nicht der Mühe die Maske anzulegen
Eine Heirat bringt man auch wohl sonst zu Stande War der Roman seinem Ende so
nahe wozu die Aufmerksamkeit durch den Schein des Besondern auf höchst
gewöhnliche Verhältnisse lenken Es hat mich verdrossen dass ich mich anführen
ließ Zuletzt lachte mich die Gräfin mit ihrer gewöhnlichen guten Laune
darüber aus Ich lache mit eigentlich ist es mir aber nicht so ums Herz
    Sie hat richtig wie ichs dachte den ganzen Zusammenhang ausgespürt
    Vorigen Sonnabend ging ich Nachmittags mit Georg den Weg nach der Stadt
Eduard entgegen der früher als sonst von dort zurückzukommen gedachte
    Es währte auch nicht lange so entdeckten wir in der Ferne einen Wagen der
auf uns zukam Ich setzte mich mit dem Kinde auf die Steinbank seitwärts unter
den Kastanien nieder In einer Wolke von Staub gehüllt rasselte die offene
Chaise heran Allein statt Eduards grauem Reisemantel und lederner Schirmmütze
leuchteten mir so viel bunte Bänder flatternde Swahls und modische Sommerhüte
entgegen dass ich nicht länger an meinen ehrbaren Präsidenten in seiner
preoccupirten Vortragslaune denken konnte sondern neugierig den
Vorüberfliegenden nachsah die sich weit aus dem Schlage herauslegten und mich
in ihren lebhaften Begrüßungen meine Nachbarinnen erkennen ließ
    Ich musste lachen wie diese Leute die Residenz mit allem modischen Zwange
auf jedem Fleck der Erde auf Reisen wie in das freie Landleben hinter sich her
schleppen Indes flimmerten die bunten Schmetterlingsflügel doch ganz lustig an
dem melancholischen Abendhimmel vorüber und mit einer Art von Freude fühlte
ich durch ihre Nähe meine Einsamkeit unterbrochen
    Am folgenden Morgen erhielt ich denn auch schon von der Hand der Gräfin in
zwei eben so flüchtigen als verbindlichen Zeilen die Anzeige ihrer Rückkehr
und das Versprechen ihres nahen Besuchs Ich kam diesem zuvor und war gestern
in dem grünen Ulmenstein wo alles lacht der Garten mit seinen hellen Teichen
das Schloss die moderne Einrichtung die eleganten Besitzer die flinke
Dienerschaft bis auf den Papagei im Messingbauer auf der Terrasse
    Die Gräfin war entzückt über die allerliebste Leichtigkeit wie sie sich
ausdrückte mit der ich Rücksichten bei Seite zu schieben und Verhältnisse nach
Gefallen zu handhaben wisse »Sie beschämen und ehren mich zugleich sagte sie
denn indem sie mich aufsuchen lassen sie mich mit meinem Unrecht ihre Nachsicht
empfinden die nur den schmeichelhaften Grund freundschaftlicher Vorliebe haben
kann und sie zum Engel und mich zu ihrer Sklavin macht«
    Ich kenne ihre extravagante Art sich auszudrücken Sie gehört zu ihr Gehe
ich auch nicht in den Ton ein so verstehen wir einander vielleicht darum um so
besser Sie weiß wie ichs nehme und ich wie sie es gibt
    Als sie mein einfaches percale Kleid und den Strohhut mit gelbem Bande wie
ich beides Tag für Tag auf dem Lande trage reizend genannt den Fall der
Locken den Schnitt der Halskrause durch alle Prädicate gelobt hatte gab ich
ihr für so viel unverdienten Beifall durch das ungeheuchelte Erstaunen über die
vorteilhafte Veränderung ihrer beiden Töchter meinen Dank zu erkennen
    In der Tat hätte ich es für unmöglich gehalten dass einzig der Wechsel
äußerer Beziehungen in einem Zeitraume von zwei Monaten diese Umwandlung
hervorbringen könnte Ich musste mir jetzt die bleichen nüchternen Gesichtchen
zurückrufen die so lang und so unbedeutend zwischen dem gescheitelten hellen
Haar hervor sahen die so characterlos schienen dass ich immer Eins mit dem
Andern verwechselte Zwei ganz andere Personen standen in der frischen Toilette
den reich und modisch geordneten Locken in dem besonderen Hauch warm
zurückstrahlender Lebensverhältnisse frei und gefällig vor mir Die schüchtern
gesenkten Augen hoben sich lachend aufwärts Es spiegelte sich Bewusstsein und
Erwartung darin Sie fassten ihren Gegenstand und hatten Farbe und Glanz
    Auch die Lippen blieben nicht länger verschlossen Die Mutter horchte
lächelnd auf das was sie sagten Die Anerkennung der Gesellschaft hatte
augenscheinlich das Maß der ihrigen bestimmt Es war nicht mehr sie allein
sondern sie in den Töchtern welche Aufmerksamkeit und Bewunderung erwartet
    Solch Untergehen einer Persönlichkeit in die andere lässt die Eitelkeit
nichts in den Tagen entbehren wo sie sonst nur empfindliche Kränkungen erfährt
    Die Gräfin schien mir mehr als je mit der Welt zufrieden Überall fasste sie
nur die Lichtseiten derselben auf und wusste so viel Leben und Interesse hinein
zu legen dass sie Nahes und Fernes in einer gewissen gemütlichen
Beweglichkeit durch ihre Unterhaltung fließen ließ
    Hierbei kommen denn auch die Neuigkeiten der Nachbarschaft zur Sprache
»Mein Gott« rief sie plötzlich wie von der Wichtigkeit des Gegenstandes auf
Vorwurfs ähnliche Weise an ein unverzeihliches Vergessen erinnert »Mein Gott
und nicht ein Wort von dem Neffen des Komtur und den geschickten Machinationen
ihrer Freundin Sophie«
    »Von welcher Art sind diese« fragte ich in höchster Unwissenheit alles
dessen was hierauf Bezug hatte
    »O gehen Sie gehen Sie lachte die Gräfin Spielen Sie doch nicht die
Zurückhaltende gegen mich Die Geschichte ist ja die Neuigkeit des Tages« »Bis
zu mir kam sie nicht« versicherte ich sie »Und doch ist Ihr Mann um nichts
Geringes dabei im Spiele versetzte sie spöttisch Wie pflichttreu der ehrliche
Präsident auch sein mag fügte sie hinzu so wird er doch seiner allerliebsten
kleinen Frau nicht die Mitteilung eines sehr besonderen Romans vorenthalten
haben«
    Als ich sie vom Gegenteil auf eine Weise überzeugte die ihr keinen Zweifel
ließ rief sie lachend »Von was in aller Welt spricht denn der ernsthafte Mann
mit Ihnen wenn ihm auch seine Geschäfte nicht Stoff dazu bieten dürfen«
    Ich umging die Antwort durch ein Paar allgemeine Epigramme gegen die
Ehemänner Sie fand das köstlich Agathe und Rosalie wollten sich halb tot
lachen und ich kam wieder auf den Neffen und den Oheim zurück
    »Nun fiel die Gräfin schnell ein mit dem hat es folgende Bewandtnis Sein
Vater als der ältere Bruder unsers Nachbars war der Erbe eines ansehnlichen
Majorats um das er sich durch eine voreilige und heimlich vollzogene Heirat
mit einem protestantischen Fräulein brachte«
    »Heimliche Heirat« unterbrach ich sie Mir fiel die Erzählung der
Amtmännin ein Jetzt verstand ich den wehmütigen Anteil des Schlossgastes an
ihrem Tode Die Gräfin mochte die verwundernde Ausrufung anders deuten »Nun
nun lächelte sie erschrickt Ihre strenge Tugend selbst vor dem gesetzlichen
Auswege aus dem Labyrinth der Leidenschaft wie werden Sie erst den Stab über
diejenigen brechen welche sich auf immer in demselben verirrten«
    »Ich breche über Niemand den Stab entgegnete ich Ich bedauere im
Gegenteil alle welche sich aus Vorliebe für träumerische Einbildungen auf eine
Art täuschen die ihnen Nachteil bringt denn ich glaube nicht an ein
Überschwängliches das den Meister über uns spielen kann die Wirklichkeit
zeigt es uns nur in karikirten Kopien verführerischer Romane aus denen immer
bei weitem mehr Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen als lebendige Wahrheit
spricht«
    »Im Grunde haben Sie vollkommen recht stimmte die Gräfin mir bei aber
sagen Sie was Sie wollen Romane unterhalten außerordentlich und die kleinen
Kopien davon im Leben sind hübsch wie viel Torheit und Selbstbetrug dabei auch
im Spiel sein mag«
    Sie lachte bei diesen Worten wie durch angenehme Erinnerungen erheitert
Die jungen Mädchen lachten mit ihr Ich musste über die Unbefangenheit erstaunen
mit der die allzu jugendlich gebliebene Frau sich in Gegenwart ihrer Töchter
rücksichtslos äußerte
    Allein sie lässt niemand lange auf demselben Fleck stehen Sogleich war sie
wieder bei dem neuen Ankömmling bei den Verwirrungen und Aussöhnungen in seiner
Familie die sie weit mehr beschäftigten als jene Betrachtungen
    »Es bestehen fuhr sie dann fort von den Voreltern des Komtur
testamentliche Verträge nach welchen jeder Majoratserbe bei Verlust seines
Besitztums gezwungen ist sich mit einer katholischen Glaubensverwandtin zu
verbinden Der junge Mann welcher diese Bedingung unbeachtet gelassen hatte
sollte nach seines Vaters Tode in dessen Rechte treten Er hatte nur einen
einzigen Bruder der ihm diese Rechte streitig machen konnte
    Beide Brüder liebten sich auf das Innigste Der Aeltere hegte keinen Zweifel
über die rücksichtslose Zustimmung des Andern Indes sei es aus Vorsicht oder
auch aus Unsicherheit er hielt auch vor ihm die geschlossene Verbindung bei des
Vaters Leben geheim Jetzt stirbt dieser Der neue Gutsherr tritt mit der jungen
Gemahlin einer armen Waise das Pflegkind reicher Anverwandten hervor Er
führt sie zuerst dem Bruder zu in der Hoffnung der besten Aufnahme Allein das
Herz des Letzteren scheint plötzlich gewendet Unerbittlich widersetzt er sich
der Anerkennung der Heirat und lässt dem erstaunten Grafen die Wahl zwischen
dem Opfer der Liebe oder des Erbrechts Dieser willigt in Keines von beiden
Ein Prozess soll entscheiden Es kam nicht dazu Das Gesetz entschied von vorn
herein für den Verlust des Majorats sobald die Gültigkeit der geschlossenen Ehe
bewiesen und behauptet werde Sonderbar genug tat der jüngere Bruder ganz
gegen sein Interesse alles Mögliche um Gründe für die Ungesetzlichkeit einer
Trauung anzuführen die ohne väterliche und oberherrliche Zustimmung vollzogen
worden sei
    Allein der leidenschaftliche Gatte schlug alle diese Einwürfe dadurch
nieder dass er dartat sich nicht eher vermählt zu haben bis der verlangte
Abschied aus fürstlichem Dienst ihm zugekommen und er durch erreichte
Volljährigkeit jedweder Rechenschaft der Art entbunden worden sei Nunmehr blieb
kein Zweifel er musste dem Majorat entsagen und da er zu erbittert und zu
stolz war um selbst den ihm gebührenden Anteil des väterlichen Vermögens
anzunehmen so lebte und starb er in Armut«
    »Und der unnatürliche Bruder unterbrach ich sie ungeduldig tat nichts um
ihn zu versöhnen ließ ihn in Verzweiflung darben«
    »Ja sehen Sie fiel die Gräfin hastig ein aus diesem Bruder kann niemand
klug werden Denken Sie dass er eine sehr zärtliche Neigung aufgab niemals
heiratete in einen geistlichen Orden trat die großen Güter gewissenhaft
verwalten ihren Betrag unberührt ließ und jetzt so lange an der Beweisführung
gearbeitet hat dass der Sohn einer protestantischen Mutter insofern er im
Glauben der wahren Kirche erzogen ward nicht von der Erbfolge ausgeschlossen
ist bis er dem Neffen dem einzigen Sohn des unglücklichen Grafen zum Besitz
eines Vermögens verholfen hat dem er zu seinen Gunsten entsagt Kurz meine
Liebe fuhr die Gräfin mit ungewissem Lächeln fort der Komtur beweist durch
Alles dass er der bizarrste Mensch von der Welt und niemals zu verstehen ist
Bei seinen letzten wohltätigen Absichten war ihm besonders der Präsident Ihr
Mann sehr nützlich Seine große Kenntnis aller Familienurkunden hat es
ermittelt dass wenigstens im Testament dieses besonderen Falles keine Erwähnung
geschieht und dem richterlichen Ausspruch die Freiheit bleibt alle gemachte
Einwendungen aus dem Felde zu schlagen Erst da alles besiegt war ist der
überraschte junge Mann hierher berufen und von seinem Glücke unterrichtet
worden«
    »Von seinem Glücke entgegnete ich Wer sagt denn dass er es so nimmt«
    »Wer fragte die Gräfin Mein Gott liebes Kind er selbst und recht aus
Herzensgrunde denn er benutzt sogleich die günstige Lage seine Hand einem sehr
hübschen Mädchen zu geben Er ist schon abgereist die Tochter der
Oberhofmeisterin desselben Hofes an welchem Fräulein Sophie Hofdame war
heimzuführen Sehen Sie lachte sie bedeutsam so mischen sich die Karten
geschickt in einander«
    Da ich einigermaßen verwundert schwieg rief die Gräfin mutwillig »O ich
könnte Ihnen noch viel mehr erzählen was Sie überraschen würde« »Tun Sie es«
bat ich sie bei der Hand fassend »Nein nein« entgegnete Sie bestimmt »ich
habe auch meine kleinen Geheimnisse«
    Sie stand hier von ihrem Platze neben mir auf als fliehe sie meine
Überredung und eilte einigen ankommenden Gästen aus der Stadt entgegen Im
Weitergehen wandte sie sich noch einmal mit den Worten zurück »Mein
allerliebster geschwätziger Justizrat hat mir das Alles im Vertrauen
gebeichtet«
    Ich sann noch über ihre Mitwirkung in dieser Angelegenheit nach und
beschloss Sophie unverzüglich zu befragen ob sich wirklich alles so verhalte
wie es die Gräfin dem indiscreten Geschäftsführer abgelauscht hatte als zu
meiner nicht geringen Verwunderung die ganze Sache noch einmal in dem
erweiterten Gesellschaftszirkel verhandelt ward
    Die Rückkehr der Gräfin mit ihren ins Licht getretenen schimmernden
Töchtern zog sogleich die elegante Welt der Residenz zu ihrem angenehmen
Landsitz Es ward immer bunter in dem Garten Der Teetisch stand auf einem
hübschen frischen Rasenplatz Agathe schlüpfte behend auf einen bereitstehenden
Sessel den mehrere Herren mit großem Eifer ihrer Bequemlichkeit wegen näher
heran schoben Sie zog die Handschuhe mit einem kleinen Anstrich nicht übel
kleidender Verlegenheit aus entblößte die niedlichen vielleicht allzureich mit
Ringen und Spangen geschmückten Hände und Arme und bewegte diese sehr reizend
in der Bereitung des Tees Rosalie machte sich mit den gerösteten Brödchen den
Melonen die sie zerteilte und anderm Zubehör zu tun wobei sie kurz und
abgebrochen doch mit einer gewissen nachlässigen Extase die vorzüglich in
vielen Worten besteht von dem Badeaufentalt sprach
    Die Mutter schien sehr aufmerksam und begierig auf den Eindruck welchen die
hübschen Mädchen auch hier machen würden und war nur mit halbem Blick und
halbem Wort für alle diejenigen da welche ihr in dieser Beziehung unbedeutend
schienen Doch bald einigermaßen in ihren Erwartungen geschmeichelt hub sie
ungefähr eben so wie kurz zuvor gegen mich an »Nun und unser neuer Nachbar
hat ihn schon Einer aus der Gesellschaft gesehen Er soll ein interessantes
Äußere und viel Verstand haben«
    Es musste mich nach allem Vorhergegangenen mit Recht befremden dass die
Meisten sogleich vollkommen zu Haus waren und Einer sogar den Vornamen des
Unbekannten wissend vom Grafen Hugo wie von einem ganz vertrauten Freunde
sprach
    »Hugo« wiederholte ich gegen meinen Vetter Curd gewendet »man hört den
Namen nicht oft er klingt so tief«
    »Rasend tief« lachte er auf seine leichtfertige neckende Weise »Aber
Kousine was wollen Sie eigentlich damit sagen«
    Ich wusste es ihm nicht auszudrücken
    »Denken Sie sich vielleicht einen melancholischen Sonderling dabei fragte
er Nun da kann was dran sein denn recht richtig ist es mit Keinem der sich
aus einem ungeheuren Vermögen nichts macht wie ein Misantrop in den Wäldern
herumwandert und mit vier und zwanzig Jahren ins Ehejoch kriecht«
    »Alle diese Details wissen Sie schon lieber Rittmeister lachte die Gräfin
O kommen Sie her setzen Sie sich zu mir erzählen Sie mir ein Bischen von dem
mürrischen Menschen Er interessiert durch seine Originalität obgleich eine
kleine coquette Absicht dabei im Spiele sein mag«
    »Gewiss hörte ich sagen Gewiss er fühlt dass er als Emporkömmling oder
adoptirter Erbe vielleicht mancher beschämenden Kritik blosgestellt sein muss
Er will im Voraus imponiren Der Ausweg den er wählt zeigt von Gewandtheit und
List Er muss nicht ganz unerfahren in den Nuancen der Weltverhältnisse sein«
    »Er ist hübsch und elegant Mama rief Agathe ihrer Mutter zu Die Herren
hier haben ihn im Bade zu Aachen im vergangenen Sommer gesehen Er war dort
ausgezeichnet durch seine Figur und große Kühnheit im Reiten und viele andere
Talente«
    »So« entgegnete die Gräfin gespannt und ungeduldig da sie nicht wusste was
sie alles gleich hören sollte »War denn die Braut mit ihrer Mutter auch da«
fragte sie
    Die Herren bejahten es
    »Die Emma soll charmant sein fuhr sie fort indem ihre Blicke unsicher und
gewissermaßen vergleichend an den Töchtern hinfuhren Charmant wiederholte sie
zerstreut und gedehnt Ach die Mutter war wunderschön fügte sie von frühern
Erinnerungen plötzlich fortgerissen hinzu Ich habe sie gekannt ob sie gleich
erstaunt viel älter ist als ich Jetzt höre ich hat sie entsetzlich verloren
Ihre Züge waren immer scharf wie ihre Zunge« setzte sie lächelnd hinzu
    Sehen Sie Sophie so schilderte man mir Ihre Freunde Bewundern Sie es
nicht wie ich so lange bei einem Gegenstande verweilte da das Neue selten
meine Aufmerksamkeit sonderlich erregt Ich glaube es ist auch nur der Anteil
den Sie an diesen Menschen nehmen der mir sie bedeutend macht
    Von Emma spricht niemand Ist nichts von ihr zu sagen Armer Hugo 
    Leben Sie wohl Zeigen Sie mir bald mehr Vertrauen Sophie die Ihrige wie
immer
 
                      Die Oberhofmeisterin an den Komtur
Endlich ist die Entscheidung ganz nahe In wenigen Stunden werden sie getraut
Dann sind die lang gehegten Wünsche erfüllt Die unruhige Sorge findet ihr Ziel
Das Geschick muss seinen Gang gehen
    Zum letztenmale habe ich heute über meine Tochter bestimmt für sie gedacht
gehandelt ihren Willen gelenkt wie es ihrem Vorteile ihrer Zufriedenheit
angemessen war Von jetzt an nimmt ein Anderer mehr oder weniger ein Fremder
das Band an dem ich sie ihr selbst unbewusst leise führte aus meiner Hand
Ich lasse es zu Die Ordnung der Natur will es so Alle Mütter machen spät oder
frühe dieselbe Erfahrung Aber gestehen Sie dass man sehr resignirt sein muss um
sich ohne innere Verzweiflung so gleichsam entfernt zu sehen
    Emma scheint glücklich Ich sage scheint denn was weiß sie ob sie es ist
Mir erregt ihre Heiterkeit die unbezwinglichste Eifersucht Ist es denn etwas
anders als Wankelmut dass sie ihr Heil von einem ungekannten Verhältnisse
erwartet von dem sie sich weit eher abwenden als darauf hinsehen sollte da es
sie von allem was ihr wert und teuer sein muss losreist Vielleicht kann man
es ein Glück nennen dass die Unerfahrne wie mit Blindheit geschlagen nur von
goldenen Ketten träumt und so lange damit spielt bis der Druck der Fessel ihr
zur andern Natur geworden ist
    Wenn ich indes einer Seits diese Täuschung segne so drängt mich auch von
der andern unendlich vieles sie aufzuheben
    Um aufrichtig zu sein Ihr Neffe selbst fordert mich dazu auf Ihre Gunst
hat ihn nicht liebenswürdiger gemacht Jener Anstrich von Wehmut der sich
früher so gut zu seiner Verlassenheit und den anscheinenden Unbilden des
Geschicks passte ist ein stehender Zug seines Temperaments geworden und zu
einer Art schmerzlicher Resignation ausgeartet die ans Beleidigende gränzt
    Alles lässt er geschehen Er selbst bestimmt nichts als dass er Emma sogleich
nach der Trauung auf eine Ausflucht in die Schweiz entführt Denn nur darin
wovon er gewiss sein kann dass es mir wehe tut in dem allein ist er fest und
mit so viel abweisender Kälte unerschütterlich dass ich aus Erbitterung
schweige Er übersieht meine Unzufriedenheit wie er denn überhaupt auch Weniges
zu sehen scheint und in schwärmerische Träume versunken vor dem wirklichen
Leben zurücktritt
    Die glänzenden Brautgeschenke so blendend in ihrer Art als geschmackvoll
in der Wahl lässt er in Emmas Zimmer tragen ohne auch nur durch ein Wort
seinen Anteil daran zu verraten Als das überraschte Kind ihm danken wollte
lächelte er auf seine schwermütige Weise indem er halb spöttisch halb
mitleidig mit sich selber sagte »Ich habe kein anderes Verdienst bei der
Sache als dass ich des Oheims Befehle erfülle indem ich Ihnen seine Gaben
bringe Von mir fügte er hinzu die Hand der Braut inniger als sonst wohl
drückend besitzen Sie nichts als diesen schmalen kleinen Ring zu dessen
Anschaffung meines Vaters Erbe mir die dürftigen Mittel bot  Wollen Sie mir
indes lächelte er angenehm einen Anteil an den Gaben des Reichtums gönnen
so sei es dieser Ihre Freude darüber mitzuempfinden«
    Emma sieht nur das Liebenswürdige an ihm was sie verletzen sollte ist für
sie nicht da
    Soll ich nun noch zweifeln dass sie blind sei
    Sie wissen ich habe diese Heirat nur gelitten nicht gewünscht noch
weniger gesucht und ohne die Dazwischenkunft der vermittelnden Sophie wäre die
damalige Stockung bei Ihres Neffen Werbung wohl ein ewiges Hindernis jeder
denkbaren Annäherung zwischen ihm und mir geblieben
    Sie haben dies Hindernis vielleicht mit mehr großmütiger Eile als
prüfender Besonnenheit gehoben Ob Sie gut daran taten  Es ist nicht mehr
Zeit diese Frage aufzuwerfen Indes regt sie sich unwillkürlich in mir je
unaufhaltsamer der Zeiger meiner Uhr die Stunde näher rückt welche durch
unwiderrufliche Gelübde zwei Menschen an einander knüpfen wird die nicht für
einander geschaffen zu sein scheinen
    Wenn Sie mich über dies Geständnis tadeln so denken Sie zugleich wie groß
meine Unruhe sein muss da ich sie Ihnen nicht verbergen kann
    Sie hätten an diesem Tage nicht unter uns fehlen sollen Ich begreife warum
Sie zurückbleiben Gleichwohl werden Sie dem Kampfe auch in der Ferne nicht
entgehen dem Sie auszuweichen gedenken  Sie gewinnen wenig und schaden viel
Es hat etwas Unschickliches dass der Mann welcher bei Hugo Vaterstelle
vertritt sich in dem wichtigsten Lebensmomente von diesem wegwendet Überdem
hätte Ihre Gegenwart vielleicht dazu gedient den Jüngling aus seiner Traumwelt
herauszureissen Wir verstehen einander zu wenig als dass ich gleichen Einfluss
auf ihn ausüben könnte Sophie ist auch unsicher geworden sie weiß nicht wie
sie diesem besonderen Charakter beikommen soll
    Und die zärtliche Emma würde wo möglich noch unscheinbarer und
anspruchloser zurücktreten um nur keines der tiefsinnigen Gedankenspiele ihres
erhabenen Freundes zu stören
    Wäre ihre Liebe weniger abgöttisch hätte sie mehr Gefühl für ihre eigene
Würde ich könnte ruhiger über die kommenden Tage sein Aber so
    Es schlägt zwei Wir fahren nach dem Lustschlosse der Fürstin hinaus Dort
in der Kapelle werden sie getraut dann besteigen beide den Reisewagen  Es ist
alles so abgerissen so ohne fortgehende innere Begleitung Einer treibt den
Andern Die Fürstin schickte schon zweimal Ihre Gegenwart legt vielen Zwang
auf Vielleicht ist das gut so Ich weiß es nicht Ich weiß nichts 
    Ich lasse Sie jetzt Mir schwirrt es vor den Augen Man läuft hin und her
durch meine Zimmer Leben Sie wohl Ich schließe Nichts mehr für heute  Mir
ist das Herz so voll  Ein Wort noch und es fließt über  Gott befohlen 
N S
    Noch einmal öffne ich den Umschlag Sophie hatte Emma geschmückt Sie sank
zusammen unter der Last der Juwelen welche die Fürstin ihr anzulegen befahl
Der Kopf schmerzte sie sie sah blass aus Ihre Augen waren trübe Ich
betrachtete sie voll unruhiger Teilnahme Sie zitterte im vergeblichen Bemühen
ihre Tränen zurückzuhalten Da öffneten sich die Türen Hugo trat mit einigem
Geräusch herein Aus der Hast mit der er sich nahete sprach die Besorgnis zu
spät zu kommen Er äußerte dies auch Seine schönen Züge waren ungewöhnlich
belebt den Schleier der sich so oft über die dunklen Augen senkte
durchbljetzten rasche und feurige Lichter Er sah sehr ungewöhnlich und imposant
aus in der reichen Uniform des Regiments in welchem er ehemals diente Der
große Orden den ihm der Fürst diesen Morgen sandte glänzte stattlich auf
seiner Brust Emma war wie geblendet Es durchzuckte sie feurige Überraschung
Sie hatte nun kein Kopfweh mehr Leuchtend vor Bewunderung reichte sie ihm die
Hand Alle Unbequemlichkeit des lästigen Putzes ist vergessen Sie sieht nichts
als ihn in der Welt Undankbare  musste dich Leidenschaft so zur Sklavin
machen Warum auch Leidenschaft wo ruhige Neigung genügt und dir die eigene
Selbstständigkeit bewahrt hätte 
    Sie sehen ich zögere in den Wagen zu steigen die letzten Schritte zu tun
die der kurze Raum zwischen jetzt und künftig durchmessen soll Alle warten
selbst die Fürstin Ich halte Alle auf O könnte ich die Zeit aufhalten
 
                                Elise an Sophie
Sie antworten mir nicht Sie schweigen wie eine plötzlich Stummgewordene Warum
das Ich sehe keinen Grund warum Sie über die älteren Freunde jüngere
vergessen
    Mir ist diese Ungleichheit fremd an Ihnen Beschäftigt Sie die Hochzeit der
Gräfin Emma so sehr Lassen Sie das gute Kind ihr Loos erfüllen sie wird früh
genug Maiblumen und Veilchen gegen das Heu getrockneter Herbstblüten
vertauschen müssen
    Ihr seid dort alle sehr eilig die Sache abzumachen und die jungen Leute
aus dem Paradiese des Frühlings hinauszustossen
    Ist es die unruhige Mutter die so das Kind von ihrem Herzen wegschleudert
weiß sie auch wohin es fällt
    Ich ward in diesen Tagen auch ohne Sie durch eine angenehme Bekanntschaft
in den Abendzirkeln der Gräfin von der vollzogenen Heirat jenes besprochenen
Paares unterrichtet
    Ich weiß nicht ob der Mund der es sagte oder das Ereignis an sich meine
Teilnahme erregte genug ich denke unwillkürlich öfter daran als es die
allergewöhnlichste Begebenheit im Leben verdient
    Die halbe Stadt war wieder draußen in Ulmenstein Es ward geschwatzt wie
man immer schwatzt Vernünftiges und Unsinn Auch über Musik Der ewige Streit
neue und alte Komponisten betreffend kam wieder aufs Tapet Sie wissen ich
habe keinen Ton und auch das Gehör öffnet sich mir nur in dem Echo der Seele
Urteil wie man es nennt darf ich mir nicht anmassen wollen Ich hüte mich auch
davor Doch ließ man nicht ab in mich hinein zu reden Beide Parteien zeigten
sich einseitig Ich bekannte zuletzt dass ich von Natur den künstlerisch könne
ich es nicht motiviren mehr zu den vollen erhabenen Meisterwerken der frühern
Schule neige und lieber in Entzücken erbebe als mich durch Anmut und
Tändeleien verstrickt zu sehen Doch anerkennen müsse ich das Liebliche wo es
sich zeige
    »Vortrefflich« rief die Gräfin indem sie beifällig in die Hände klatschte
»das nenne ich sich auf die charmanteste Weise von der Welt aus der Affäre
ziehen So stimmen Sie niemanden bei beleidigen keine Meinung wollen hier ein
Bischen ab dort ein Bischen zugetan haben und bringen ungefähr den ganzen
Streit auf Nichts heraus Allerliebst das sieht Ihnen ganz ähnlich« Ich
fühlte dass man mich so missverstehen konnte Ich hatte es anders gemeint
Erklären mochte ich mich darüber weiter nicht Es wäre auch überflüssig gewesen
Wer mich nicht errät dem kann ich einmal nicht helfen Entwickeln mag ich
nichts Das kommt confus heraus Ich war sehr einfältig in meiner Überklugheit
gewesen Das machte mich verdrießlich und einsam in dem Gewirr
    Die Fräuleins sollten jetzt ein Duett aus einer unserer neuen Opern singen
Man zog sie zu dem Fortepiano Die Flügeltüren des Saales standen nach der
Terrasse hin offen Ich blieb mit Mehreren welche die Zimmerhitze scheuten im
Freien
    Im Hin und Hergehen sahen wir eine sehr glänzende Equipage die Anhöhe
heraufkommen Die Pracht der Livree wie des Geschirrs der Pferde erhielt noch
dadurch etwas Auffallendes dass Schnitt und Formen veraltet waren wie frisch
und neu auch der Stoff selbst war Der Wagen dessen helle Spiegelfenster schon
von fern in der Abendsonne leuchteten ebenfalls mit aufwärts stehenden
Zierraten in reicher Vergoldung eingefasst erinnerte an fürstliche
Staatskutschen aus früherer Zeit
    »Wer in aller Welt« lachte Curd »sitzt in dem verruchten alten Kasten
Schade um die prächtigen Pferde die solche Last ziehen müssen«
    Jetzt nahete und hielt das seltsame Prachtwerk Ein Piqueur sprengte in den
Hof
    »Kousine« flüsterte Curd mir ins Ohr »das ist gewiss ein Abgesandter irgend
eines großen Potentaten der von der Schönheit der beiden Töchter des Hauses
gehört hat und um Eine wenigstens werben soll Gott« rief er sich vor
Vergnügen die Hände reibend »wenn wir doch das der Gräfin einbilden könnten«
    Ehe ich noch Zeit behielt ein Wort hierauf zu erwidern hörte ich unsere
leichtbewegliche Wirtin schon innerhalb ausrufen »Wo denn Wo denn« Im
Augenblick darauf stand sie neben mir auf der Terrasse Sie sah neugierig nach
der Straße hinunter Die Hand schirmend gegen die Augen haltend welche die
scharfen Strahlen der Abendsonne blendeten sagte sie überrascht und enttäuscht
zugleich »Mein Gott der Komtur und in großer Galla Er kommt wohl mir den
neuen Majoratsherrn zu präsentiren«
    Die Reihe des neugierigen Herzueilens kam nun an mehrere Andere aus der
Gesellschaft Auch an mich ich leugne es nicht obgleich ich wissen konnte dass
Hugo nicht in der Nähe war
    Agathe und Rosalie ließ Gesang und Musik im Stich und sahen mit den
niedlichen Köpfchen lauschend aus der Türe
    Jetzt ward der erwartete Gast gemeldet »O viel viel Ehre« rief die Gräfin
dem eintretenden Bedienten entgegen Gleich darauf hielt der Wagen an der andern
Seite des Hauses vor der Haupttüre Unwillkührlich blickten alle Augen auf den
Eingang des Salons »Sie kennen unsern Nachbar« sagte die Gräfin zu mir
gewendet »Ich werde ihn heute zum erstenmale sehen« erwiderte ich
»Unmöglich« versetzte sie »war er denn nie bei dem Präsidenten« Ich wusste
gewiss dass das nicht der Fall gewesen
    »Ach« versicherte sie mit einer Art Respekt in Ton und Miene »da werden
Sie eine interessante Bekanntschaft machen«
    Der von welchem die Rede war stand indes schon mitten im Zimmer Die
Gräfin flog mit allen Zeichen achtungsvoller Berücksichtigung auf ihn zu Beide
begrüßten sich unter mancherlei Hin und Herreden
    Ich behielt Zeit die Anmut und Würde einer Ehrfurcht gebietenden und
rührenden Erscheinung die ich jemals sah ungestört zu bewundern
    Die zwanglose vornehme Art mit welcher der Komtur eingetreten war hatte
nichts von der veralteten Förmlichkeit die seine Umgebungen ankündigten Er
bewies mir dass der feine Ton guter Sitte jedem Zeitmomente angehört
    Agathe hing sich mir während ihre Mutter beschäftigt war an den Arm indem
sie voll Extase flüsterte »Er sieht superbe aus Mein Gott welch elegante
Tournure und die prächtigen Augen Wie schade dass die Haare schon weisslich
schimmern Die Augenbraunen zeichnen sich ganz köstlich gegen die Stirne aus
Sehen Sie ich bitte Sie wenn er sich so gegen Mama herunter beugt mit welcher
einzigen Grazie er dann den Kopf bewegt«
    »Ein Glück« lachte Rosalie welche herzu getreten war »dass der himmlische
Mann nicht zwanzig Jahre jünger ist wir stritten uns beide bis aufs Blut um
ihn«
    »Dann müsste ich mich ja mit ihm schlagen« fiel Curd schnell ein »Ich
könnte ihm doch den Sieg über die beiden schönen Schwestern nicht einräumen
Aber auf Ehre« fügte er hinzu »zu seiner Zeit ein gewandter und gefährlicher
Gegner Was das noch für eine Gestalt ist selbst in dem verwünscht altmodischen
schwarzen Rock Die Taille ist um eine halbe Elle zu breit und zu lang und doch
trägt er sich so hoch und sieht so schlank aus dass man ihn beneiden könnte
Aber welch eine Toilette mir wird angst und bange Der Ordensstern sitzt unter
der Brust statt oben an der Schulter Das Halstuch «
    »O schweigen Sie ich bitte Sie« rief ich ärgerlich »Der Mann ist ja nicht
von heute und gestern das dächte ich sähen Sie«
    »Das ging wohl auf mich Kousine« bemerkte Curd harmlos »Nun bin ich
gleich keine respectable Antique so bin ich doch kein Brudermörder « Ich sah
ihn entsetzt an »Ja auf Ehre« beteuerte er »an dem ist kein gutes Haar Hat
er nicht auf die schändlichste Weise von der Welt den rechtmäßigen Erben um
Alles gebracht«
    »Auf die schändlichste Weise« wiederholte ich als die Gräfin mit dem
Komtur an der Hand zu mir heran trat und dadurch unwillkürlich die kleine
Gruppe teilte
    »Ich stelle Sie einander nicht erst vor« sagte die gewandte Frau »Zwei so
liebenswürdige Nachbarn« lächelte sie verbindlich »sind durch den
beiderseitigen Ruf zu wohl unterrichtet um nicht auf den ersten Blick über
jeden Zweifel hinaus zu sein«
    »Wenn auch Ihre Voraussetzung bei mir zutrifft gnädige Frau« entgegnete
der Komtur indem ein höchst angenehmes Lächeln sein ernstes Gesicht erhellte
»so darf ich mir nicht schmeicheln die Aufmerksamkeit der Jugend und Schönheit
zu verdienen Nennen Sie daher der Dame gütigst meinen unbedeutenden Namen«
    »Er ist mir nicht fremd« versicherte ich in einem unbegreiflichen Gemisch
von Teilnahme und Beklemmung Ich errötete als ich das sagte Mir kam es vor
als habe ich dadurch verraten auf welche nachteilige Weise ich zu seiner
Bekanntschaft gekommen war
    Der Komtur heftete nun forschende Blicke auf mich Sein Gesicht hatte den
Ausdruck schmerzlicher Unruhe Mund und Augen verrieten den Kampf peinlicher
Erinnerung Es tat mir leid denn ob er sich gleich zu lächeln zwang so
glaubte ich doch in allen seinen Mienen etwas zu lesen das dem Bekenntnis
früherer Schuld und dem Tünch eines erkünstelten Gleichmuts ziemlich nahe kam
    Wir blieben mehrere Sekunden stumm einander gegenüber bemüht wie ich
glaube dasjenige zu erraten was wir gegenseitig verschwiegen
    »Ich muss mich doppelt glücklich nennen« hub er zuerst wieder an »heute
auch Ihre Nachsicht gnädige Frau für eine junge Anverwandtin erbitten zu
dürfen deren Ankunft in dieser Gegend ich in Kurzem erwarte Mein Neffe Graf
Hugo verheiratet sich wie ich glaube heute Die jungen Eheleute werden bis
zur Vollendung des neuen Schlosses zu mir in die Burg ziehen Wollen Sie der
Fremden hier völlig Unbekannten eine gütige Beschützerin sein« fragte er mit
einem Tone der zugleich der Eitelkeit schmeichelte und die Teilnahme
unwiderstehlich in Anspruch nahm
    Während ich ziemlich verlegen und in dem Gefühle hiervon wie ich glaube
weniger natürlich als sonst etwas Unbedeutendes sagte rief die Gräfin »Wie
heute ist die Hochzeit des Grafen und Sie sind hier Mein Gott wer soll die
Braut anders zum Altar geleiten als das Haupt der Familie Ich würde an der
kleinen Emma Stelle untröstlich sein gerade Sie unter den Hochzeitsgästen zu
vermissen«
    »Es ist besser ein Fest zu meiden als es zu verderben« entgegnete der
Komtur kurz und entschieden so als werfe er rasch eine lästige Empfindung
bei Seite
    Ich erschrack unwillkürlich vor dem veränderten Tone seiner Stimme Es lag
etwas Schroffes darin das sich zugleich in seiner völlig verfinsterten Miene
zurückspiegelte
    Wie sehr er sich auch gleich darauf bezwang er gewann die vorige freie und
leichte Stimmung nicht wieder und ob er auch mit Gefühl ja mit Wärme von der
nahen Aussicht sprach ein ungehofftes Familienglück in der eigenen Häuslichkeit
aufblühen zu sehen so geschah es doch nicht ohne Anstrengung davon zu
sprechen
    Sonderbar genug er wandte sich fast immer in der Unterhaltung an mich Es
befremdete und verwirrte mich anfangs Ich glaubte er habe mich erraten und
wolle mir eine bessere Meinung von sich geben Nachher aber sagte ich mir es
geschieht weil er mich durch Eduard vom dem Gange der ganzen Verhandlung
unterrichtet glaubt und am leichtesten hier anknüpfen mag
    Sei es so oder so der Mann hat mir ein undeutliches Bild gelassen das mich
anzieht und ängstigt zugleich Ist der Neffe ihm gleich oder nehmen die
Verhältnisse der neuen Familie dieselbe schwankende Farbe an so wird es mit den
nachbarlichen Beziehungen wohl nicht zu einer besonderen Intimität kommen
    Sie sehen Sophie Ihr Schweigen ist so unnütz als betrübend Sie bezwecken
nichts dadurch für Ihre dortigen Freunde und verletzen die hiesigen  Wenn Sie
mich noch liebten wie ehemals hätte ich bereits eine weitläuftige
Hochzeitsrelation Seit Sie so bedenklich und berechnend sind hören Sie auf
verbindlich zu sein Leben Sie wohl
 
                      Der Komtur an die Oberhofmeisterin
Undankbare Dies harte Wort mit dem Sie die Tochter aus Ihren Armen lassen
möchte ich Ihnen zurückgeben
    Ja Undankbare können Sie es vergessen dass Emma dem Leben gehört dem Sie
sie entgegen führen durften Soll sie darum niemals allein stehen weil Ihre
Hand sie noch länger festhalten möchte
    Haben die Jahre Ihnen so viel von der Uneigennützigkeit früherer Liebe
geraubt dass Sie heute anders empfinden wie in jener Stunde da das schwankende
Kind zum erstenmale dem Leitband der Wärterin entlief und ein eigenes freies
kleines Wesen vor Ihnen stand die gewonnene Kraft prüfend
    War sie Ihrem Herzen darum fremd weil sie glücklicher war
    Und jetzt  Gewiss Sie haben Unrecht großes Unrecht
    Wollten Sie es anders weshalb überhaupt die weltlichen Beziehungen Warum
bestimmten Sie die Tochter nicht für das Kloster wenn Sie ihr Herz zu schön für
den Wechseltausch menschlicher Empfindungen nennen
    Aber es schien Ihnen grausam das junge Leben in der Knospe verhüllt zu
lassen Auch jetzt bin ich überzeugt verwerfen Sie mit Abscheu den bloßen
Gedanken daran Nun ich streite darüber nicht Ich habe indes die Überzeugung
dass der Mensch sich immer auf die eine oder die andere Art zum Opfer bringen
muss Tut er es nicht freiwillig so zwingen ihn die Umstände fremdes oder
eigenes Wohl die Ruhe des Gewissens oft auch der Überdruss des Lebens dazu
    Es ist nicht abzusehen welchen von allen diesen Beweggründen die Ansprüche
Ihrer Tochter werden erliegen müssen Doch es gibt überall nur einen Faden
durch das Labyrinth des Lebens und den muss ein jeder selbst finden Fremde
Brillen passen selten Sie trüben nur den Blick
    Deshalb Geduld liebe gnädige Frau Geduld Sie waren früher so eilig das
Verhältnis zwischen beiden jungen Leuten zu begründen lassen Sie ihnen nun
Zeit in Harmonie mit der innern und äußern Welt zu treten
    Ich würde mir selbst anmassend erscheinen wollte ich ein Urteil über meines
Neffen Charakter aussprechen Die Elemente seiner Natur sind mir meistenteils
fremd Auf das erste Empfinden hin scheinen alle zu verflüchtigt um es in ihm
selbst bei der glücklichsten Mischung zu irgend einer vollständigen Gestaltung
der Ideen kommen zu lassen Es zieht das beobachtende Auge in eine unermessliche
Weite hinaus aber man findet keine Ruhestätte um zu verweilen So sage ich
würde das Selbstgefühl das eben kein Echo hier findet sprechen Doch das
Selbstgefühl hat nicht mitzureden wenn ein fremdes Bild in das Bewusstsein
treten soll Außerdem liegt eine schroffe Klippe zwischen uns Er kann sie
überfliegen das traue ich ihm zu allein ob er mich dabei findet ist eine
andere Frage Die Sonne hat bekanntlich allein die Macht den härtesten Stein
aufzulösen So schmilzt auch nur die innere Sonne den Stein des Anstoßes weg Es
ist nicht leicht zu entscheiden ob solche Glut Hugos Seele ausfüllt oder ob
diese nicht leere und kalte Stellen birgt in denen gerade wir beide
zusammentreffen 
    Ich sage Ihnen das gnädige Frau damit Sie bei Zeiten meinen Einfluss auf
Ihres Schwiegersohnes Herz und Gemüt in das rechte Licht stellen und hier
keine Wunder erwarten
    Das ist überhaupt selten von großer Wichtigkeit was ein Mensch vom Andern
augenblicklich erwirbt Und irre ich nicht so wird Hugo in Allem sehr leicht
nachgeben doch nie ein Anderer sein
    Sie haben ihn gekannt gnädige Frau als Sie die Neigung der schönen Emma
billigten Wenn er Ursache gibt Ihre Besorgnisse zu rechtfertigen so bin ich
hierbei doch gewiss außer Schuld
    Aber weshalb auch Besorgnisse Ist es jetzt auch schon Zeit dazu Wir
wollen keine andern hegen als solche die der Wandel alles Zeitlichen dem
Nachdenkenden von selbst aufdringt dann kommt man nie vom rechten Wege
    Es scheint mir gut dass die jungen Leute sogleich eine kurze rasche
Ausflucht in die Schweiz machen Dies heimatlose Hinziehen durch unbekannte
Gegenden das Abreissen von allen Gewohnheitsbanden die Einsamkeit in der Fremde
führt näher zusammen und schafft in dem was die Seele gemeinschaftlich traf
einen eigentümlichen Quell der Erinnerung Man schöpft immer eine Weile daraus
und belebt in der Gegenwart dasjenige was diese anfangs einfarbig und unbequem
erscheinen lässt
    Um indes meinerseits auch nicht ganz müßig zu sein habe ich gesucht Emma
eine heitere Geselligkeit für die immer etwas trüben Herbsttage zu gewinnen
Das Haus der munteren Gräfin von Ulmenstein versammelt eine regsame mitteilende
und empfängliche junge Welt Hier sind die blühenden Töchter des Hauses und mit
ihnen alles was städtischer Verkehr an ihre Schritte bindet Tanz Musik
Konversation Geist und Gefühl kurz das gute und richtige Gemisch
übereinstimmender und widerstreitender Elemente aus denen die Gesellschaft
bestehen muss soll sie überhaupt bestehen Ich warf mich vor einigen Abenden
ganz meiner Gewohnheit entgegen in das bunte Gewühl und ward nicht unangenehm
durch Fremdes und Neues das mir entgegentrat überrascht Vorzüglich gefiel ich
mir in der Unterhaltung mit der jungen Gemahlin unsers Freundes des
Präsidenten Sie wissen wie vielen Dank wir ihm in der Angelegenheit meines
Neffen schuldig sind Den Zutritt in seinem Hause nachzusuchen schien mir daher
für die Neuvermählten eine Pflicht an welche ich gern durch die anziehende
Einfachheit und Grazie der schönen Frau erinnert ward Sie stand in einem Kreise
lachender und schwatzender Modepüppchen unter denen sie sehr vorteilhaft
durch Gestalt und Wesen hervortrat Es war nicht Nachlässigkeit nicht Absicht
in Tracht oder Benehmen zu spüren
    Das frische weiße Kleid ohne entstellende Verzierungen stand sehr wohl zu
dem reichen kastanienbraunen Haare und dem reinen tiefen Blick der schönsten
blauen Augen die je eine lange dunkle Wimper beschattete Als ich mich ihr
nahete trat sie mir zwanglos entgegen empfing meinen Gruß wie eine
Schuldigkeit und würdigte was davon ihrer Anmut galt mit verständigem
Gleichmut Sie hatte von dem jungen Paare das ich ihr zuzuführen um die
Erlaubnis bat gehört sie fragte mit Teilnahme nach beiden und zeigte sich
ohne affectirte Übertreibung des Ausdrucks bereit ihnen den Eintritt in die
fremde Welt zu erleichtern Es liegt Natur und Wärme in ihrem ganzen Wesen das
ein feiner Geist mehr unbewusst begleitet als bewusst beherrscht Wie sie ist
hat sie mir gefallen auch genießt sie allgemeine Achtung die weniger ihrer
Stellung in der Welt als ihrer Person gilt Irre ich nicht so wird Emma in ihr
eine Freundin finden
    Und nun getrost gnädige Frau lassen Sie dem Geschick ohne Zagen seinen
Lauf Es kehrt sich wenig an unsere Launen Auf eine oder die andere Art macht
sichs immer wieder Bahn Zuletzt sind wir mit allem Rennen und Laufen nicht
weiter als zu Anfang und bringen nur müde Füße mit nach Hause Vergeben Sie es
mir wenn ich Sie hier frage ob Sie jemals durch die Ausführung irgend eines
Planes völlig befriedigt wurden oder ob Sie nicht über den Moment des
Erlangens hinaus lieber alles umgeworfen und die Sache von neuem und anders
angefangen hätten Glauben Sie mir Sie sind es nicht allein es ist der Mensch
überhaupt der so empfindet Wir kennen keinen Genuss Was wir so nennen ist nur
das rote Läppchen an der Angel die uns fortzieht Das Ziel täte es und nicht
das Streben danach allein
    Ich küsse Ihre Hände und lege diese auf die Häupter Ihrer Kinder dass Sie
sie in Freudigkeit segnen mögen
                                                                Ganz der Ihrige
 
                                Hugo an Heinrich
Ich will Dich nicht glauben lassen die Flitterwochen vermöchten so viel über
mich dass ich die übrige Welt darüber vergässe Ich bin in meinem Leben nicht
geneigter gewesen da Unterhaltung zu suchen wo sie sich mir bietet als eben
jetzt Ehrlich gestanden dieser Nachhall des ausgesprochenen Ja ist ein wenig
eintönig Was sagt man sich noch wenn alles beantwortet ist Missverstehe mich
nicht Emmas Nähe ist wie der Frühling Sie überkleidet alles mit jenen
Lichtfarben die uns anlächeln und den Sinn in behagliches Empfinden einwiegen
Ich sehe mich leicht auf Minuten so angesprochen Aber  doch genug  Ich
brauche scharfe Schatten und verliere mich gern in die Tiefe zackiger
unförmlicher Schlüfte aus denen der wilde Schrei der Natur meine träumende
Seele wie ein Echo anruft
    Wir sind moderne Reisende Heinrich Wir fahren die gebahnte geebnete
Straße verweilen wo Alle verweilen und bewundern was Alle bewundern Emma
ist entzückt Ich begleite sie willig aber sie kann mir auf meinen einsamen
Wanderungen durch das Labyrinth großartiger Verwilderung nicht folgen
    Man nennt nicht unpassend auch das Leben eine Reise Nenne es wie Du
willst  So viel weiß ich wohl dass man sich auf der einen wie auf der andern
allein am freiesten bewegt
    Wie selten halten zwei Menschen gleichen Schritt Wie jener sich beschränkt
muss dieser sich über Vermögen anstrengen Man mag die Kräfte gegenseitig
abwägen wie man will jede Probe zeigt dass die Berechnung falsch war
    Doch genug wir reisen
    Es war bei alledem gut dass wir aus der Klemme der Hofetiquette und
Familienrücksichten herauskamen Ich war wie zwischen zwei Mühlräder zermalmt
Mir ist in der ganzen Gotteswelt nichts lächerlicher als der Wahn dass ein
Mensch dem Andern eine Gnade zu erweisen denkt Die Gewohnheit ist hierin wie
in so Vielem die größte Gauklerin Sie macht die Fabel zur Historie
    Du kennst indes meine Art Ich mag Niemanden Ärgernis geben Lieber wie
Atlas die Welt tragen als einen Wurm in ihr wissentlich kränken Wer an dem
Spiele seine Freude hat dem spiele ich zu Gefallen mit Überdem die Maske war
einmal angelegt ich musste ihrem Charakter treu bleiben So ließ ich mir ein
Ordensband umhängen und meine Schwiegermutter hierauf Pläne und Hoffnungen für
die Zukunft bauen Sie hat etwas darin getan Pläne zu machen Nun ihr ist es
Bedürfnis Emma ist der Edelstein in ihrer Krone Alles was sie mit Blicken
erreichen kann muss dem Glanze dieses einzigen das Wert für sie hat als Folie
dienen Du kannst Dir vorstellen was sie den übrigen Menschen ist und diese
ihr unter solchen Umständen sein können
    Wir passen wenig für einander Meine Theorie von leben und leben lassen
findet hier keinen Eingang Sie hat sich in mir verrechnet und das verzeiht sie
dem Geschick so wenig als mir
    Ich bin ihr bei alledem gut Mir verschlagen ihre Irrtümer nichts Sie hat
Verstand und wenn auch mehr Leidenschaft als Gefühl dennoch eine
außerordentliche Regsamkeit des Geistes Mit solchen Leuten kommt man immer
zurecht wenn sie uns auch zu schaffen machen
    Unter meine Geduldproben zähle ich die Hochzeitfeier Es war ein
alltägliches Hoffest daraus gemacht worden Zum Glück wissen fürstliche
Personen dergleichen schnell abzumachen Trauung Gratulation Diner
Entlassung alles ging in einer Hetze fort so dass wir uns im Wagen aus der
Stadt auf dem Wege hierher befanden ehe ich noch Zeit behielt das Geschehene
mit Gelassenheit zu überdenken Emma hatte sich mehr betäubt als gefasst aus den
Armen ihrer Mutter gerissen und es vielleicht kaum wahrgenommen dass diese das
Scharfe was ihren Empfindungen etwas Aetzendes gibt ganz auf mich übertrug
Ich war ihr in der Seele zuwider Sie konnte und wollte das auch nicht
verbergen Mir tat es wehe Ich blieb lange auf das Innigste erschüttert
während Emma ruhig ohne sichtbare Gemütsbewegung neben mir saß
    Ich konnte mich nicht erwehren sie von Zeit zu Zeit mit unverhehltem
Erstaunen anzusehen Es schien als entgehe ihr das gänzlich Es lag ein
Ausdruck des Friedens und der innern Einigkeit auf ihrem Gesichte welcher der
abendlichen Stille der Natur zu vergleichen war und auf mich ungefähr denselben
Eindruck machte
    Nach einer Weile bemerkte ich dass sie leise betete und den Beistand eines
höheren Wesens anrief mit welchem sie sich in liebendem natürlichem
Einverständnisse befand
    Seitdem fand ich sie öfters so Gleichwohl kann ich die Spur dieser Richtung
noch nicht völlig klar in ihr auffinden Ich trage auch eine gewisse Scheu vor
jedem erläuternden Schritt Sehr wahrscheinlich weichen unsere Ansichten hier
von einander und die Gewissheit darüber könnte sie stören Mich stört so leicht
Niemand in dem was in mir feststeht aber gegen Formen rennt man an ohne es zu
wissen
    Erst gestern machte ich die Erfahrung Wir krochen am Simplon herum Ich
ließ Emma auf einer bequemen Stelle bei ihren Trägern Sie blickte von hier
ruhig nach den Tälern hinunter indes ich von innerer Unruhe getrieben froh
mir einen Augenblick selbst anzugehören alle Mühseligkeit verachtend die
zackigen Klippen noch um eine bedeutende Strecke hinan klomm und jetzt auf
einem Abhange fast schwebend mit stolzen Erwartungen um mich sah Allein die
Atmosphäre hing von Dünsten verdeckt wie ein wallender Vorhang zwischen der
Stelle wo ich stand und den nächsten hundert Schritten unter mir »Alles ist
anders als man es denkt« rief ich und wollte den Rückweg antreten Es war
indes leicht an dem dumpfen Rauschen und Brausen aus der Ferne die Vorbereitung
einer Explosion der Elemente wahrzunehmen Ich wollte das abwarten und folgte
nun mit steigendem Anteil dem Kampfe der Natur Blauschwarze electrische
Ballen wälzten sich unförmlich und von ihrem eignen Luftzuge gedrängt
übereinander zu einem schauerlichen Chaos Es ward dunkler und dunkler zuletzt
ganz finster die Nacht hielt mich dicht umarmt in ihre Schleier gehüllt Da
fuhr der Stoß einer kreuzenden Luftschicht wie ein langer weißer Strahl in den
aufgetürmten Knäuel und als sollten Himmel und Erde untergehen so fasste und
riss ein Wirbelwind der die Welt aus ihren Fugen zu reißen Miene machte in das
Gewölk Ein Augenblick noch und die gährenden Stoffe stürzten krachend und
schäumend unter Donner und Blitz und Wogenströmen in die Tiefen hinab über mir
ward es hell wie in einer azurnen Kugel Ich blickte überrascht und sprachlos um
mich Die majestätische Gewalt dieses Vorganges fesselte mich unverrückt auf
demselben Fleck Doch ich dachte an Emma und arbeitete mich nun durch das
Unwetter das vor mir herging hindurch zu der Stelle wo ich sie gelassen
hatte Sie war nicht mehr dort Ihre Träger kamen mir indes durch sie
abgeschickt bereits entgegen Ich erfuhr dass eine nahe Hütte ihr Obdach gebe
und eilte nun dahin Es stürmte und regnete noch in einem fort Sie flog mir in
die Arme Der Gedanke dass die zerstörende Macht der Elemente uns plötzlich hier
am Eingange eines neuen Lebens hätte trennen können erschütterte mich
unwillkürlich Ich war bewegt und zeigte es ihr Sie sah mich mit ihrem
stillen festen Blicke an »Ich wusste es wohl« sagte sie »dass Dir nichts
begegnen würde« »Bist Du so zuversichtlich« entgegnete ich vielleicht ein
wenig kühler als zuvor »Ich bin es nur in einer Art« versicherte sie mit
abgewandtem Gesicht indem sie ohne weiter etwas hinzuzusetzen an das kleine
Hüttenfensterchen trat Ich folgte ihr dahin Das Gewitter zog immer tiefer
abwärts Die jenseitige Bergwand färbte sich schon wieder im rötlichen Licht
der Abendsonne ein feiner Sprühregen flimmerte silbern zwischen den Steinen
Eine Heerde weißer Ziegen und buntgefleckter Kühe zog einzeln und lautlos
vorüber Der junge Hirtenknabe folgte ihnen sein Liedchen pfeifend »Sieh«
rief Emma mit einem Lächeln das an Korregio und seine Bilderwelt erinnerte
»Sieh wie schnell Gott den wilden Aufruhr gestillt hat Die Sonnenlichter
drüben gehen wie seine Friedensboten über die Berge« Ich bemerkte indem sie
sprach ein kleines silbernes Cruzifix das sie sonst verborgen an einer Schnur
um den Hals trägt über ihre gefaltenen Hände herabhängen Gewiss hatte sie in
der Angst ihrer Seele ihre Zuflucht dazu genommen
    Ein jeder hat seine Art dachte ich und ließ sie Doch erwiderte ich
»Hier ist Ruhe und Ordnung allein dort oben war es als rolle der feurige Wagen
des zornigen Gottes der Israeliten auf den Wolkenbergen hin und schleudere
seine Wetter auf die Erde Nichts« fuhr ich fort »füllt meine Brust mit so
heiligen Schauern göttlicher Erhabenheit als die großen Erscheinungen der
Natur Das sind lebendige Symbole Sie reden mit andern Zungen als tote
Bilder«
    »Die Natur ist auch ein todtes Bild« meinte sie »ohne das Leben in dem
Glauben des Christen«
    Ich lächelte Sie war ernst geworden Zum erstenmale sah ich den Schatten
einer Wolke auf ihrer Stirne Sie sagte nichts Aber es war ganz klar ich hatte
ihr wehe getan Es wird gewiss nie wieder geschehen Aber da siehst Du es sind
immer nur Formen die zwischen die Herzen treten Das ist der Fluch der
Menschheit
    Lebe wohl Heinrich Was hilft so eine Ausflucht in die Weite Man muss doch
wieder in die gezogenen Schranken zurück
    Nun ich komme auch zurück Bald bin ich wieder heimisch unter den Meinigen
 Den Meinigen Wer sind sie Man hat eine besondere Gewohnheitssprache ohne
viel darüber nachzudenken angenommen und damit die Begriffe gewaltig auf den
Kopf gestellt
    Aber Lebe wohl Lebe wohl
 
                                Sophie an Elise
Sie sollten mir ohne Worte und Gründe verzeihen geliebte Elise die Freude des
Wiedersehens hoffte ich werde meine Verteidigerin sein Alles war vorbereitet
zur Abreise Ich sah schon in Gedanken Ihr liebes gerührtes Lächeln im Kampfe
mit dem kleinen Rest von Empfindlichkeit der mehr und mehr an der Wärme
aufflammender Freundschaft wegschmolz Das alles sind nur Gedankenbilder
geworden Ich werde Sie sehr lange nicht sehen Lassen Sie mich alle
Empfindungen unterdrücken die hierbei in mir laut werden Schelten urteilen
Sie auch nicht ehe Sie es wissen dass ich ein Opfer bringe und dabei leide
    Liebste Elise die Abreise des jungen Paares hat die Mutter in einen Zustand
versetzt von dem nur diejenigen einen Begriff haben welche diese merkwürdige
in allen ihren Eigenschaften so eigentümliche Frau kennen Vielen mag sie
unzusammenhängend vorkommen da sich im Gegenteil alles scheinbar Abweichende
in einer Richtung bei ihr fortbewegt und ein und dasselbe Ziel hat
    Es ist Emma Emma allein welche die Saiten ihres Innern so oder so
anschlägt Der jedesmalige Ton hängt hiervon ab Liebe zu dem Herzen ihres
Herzens bedingt die ungestüme oder verhaltene Pulsschläge desselben Wie die
Außenwelt hierauf einwirkt oder sie diese in der einzigen Lebensbeziehung
die sie kennt umschaffen oder beherrschen will das ist die einzige Aufgabe
ihrer Gedanken und Empfindungen Die Lösung derselben ist schwierig sie gibt
sie vielen Widersprüchen preis
    Jetzt ist das geliebte Kind ihr entrissen Ein Anderer übernimmt das
Geschäft für sie zu denken und zu handeln Ein Dritter nach ihrem Gefühl ein
unberufener Dritter bestimmt über das Wohl und Weh der Teuren  Es ist nicht
Trauer nicht Schmerz  Selbstvernichtung verzehrende Eifersucht Verzweiflung
ist es die ihre hohl gewordene Brust zerreißt Die Wahl der Tochter war nicht
die ihrige Alles widerstrebte ihren Wünschen in dem Manne der auf
unbegreifliche Weise den ruhigen Spiegel der Gefühle in Emma erschüttert und
aus dem verborgenen Grunde der fügsamsten Seele eine so starke und
ausschliessende Neigung heraufgelockt hat dass hier nichts mehr zu unterdrücken
war sondern auf einer oder der andern Seite ein Opfer gebracht werden musste
    Die Mutter hat es gebracht Aber anders ist es mit dem Augenblick der
Begeisterung anders mit dem ruhig fortgehenden Leben Den ersten überfliegt der
Gesammtmensch in uns dem andern erliegt das Menschliche in jeder momentanen
Steigerung empfundener Unbequemlichkeit
    Die kluge Weltfrau hat an dem unerwünschten Geschick ihrer Tochter gedreht
geschoben und gehalten was sie nur daran handhaben konnte allein das
Verschobene gleicht sich nicht aus Sie erkennt das schärfer als Andere Deshalb
ist sie innerlich gebrochen und kann nichts mit Haltung kommen sehen
    Es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben wo sie mir als stärkere und weisere
Gefährtin kräftig zur Seite stand und wenn auch nicht mein Herz zu heilen
doch Ruhe und äußere Verhältnisse der Hoffnungslosen zu bewahren wusste Ich
verdanke ihr die sanfte Ausgleichung unzähliger Widersprüche die Stille und
Freudigkeit meines jetzigen Berufs einen ruhigen Abend und viele selige Träume
vom neuen Tage
    Elise würden Sie es gut heißen wenn ich die Freundin jetzt verliesse wo
ich ihr vergelten kann was sie an mir tat
    Sie würden es nicht gut heißen das darf ich zuversichtlich behaupten Ich
sage Ihnen daher auch ohne alle Furcht vor Missbilligung dass ich den Winter über
nicht nach meinem Stift zurückkehre ja dass ich nicht einmal in Deutschland
bleibe sondern die bekümmerte Frau nach Italien begleite wohin sie in
Aufträgen ihrer Prinzessin reist die wie Sie wissen aus dem toskanischen
Hause entspross
    Ich irre wohl schwerlich wenn ich die Absicht der großmütigen Fürstin in
dieser Sendung zu erkennen glaube Sie will etwas Fremdes in die Seele ihrer
betrübten Dienerin schieben und sie durch andere Gegenstände auf andere
Gedanken bringen Gleichwohl fürchte ich wird sie hiermit ganz ihren Zweck
verfehlen Es gibt Stimmungen in welchen das Ableiten nur heftiger und
unwilliger auf das eigene Interesse zurückdrängt und das Übel ärger macht
    Das Letzte zu verhüten hauptsächlich aber die Reise selbst nur möglich zu
machen was bei dem schlaffen schwankenden Gemütszustand der wahrhaft
Erkrankten sehr schwer halten würde habe ich mich zu ihrer Gesellschafterin
aufgeworfen Die Fürstin billigt ja wünscht es
    So werden wir denn schon in wenigen Tagen auf dem Wege nach Florenz sein
Gott ist überall und ich gehorche seinem Willen hier oder dort
    Dies reicht hin jede andere Frage des Innern abzuweisen Machen Sie es auch
so liebe zärtliche Elise Ich weiß Sie missen mich ungern Sie haben auch
sonst Niemand dem Sie sich in den vielen unbeschäftigten Augenblicken eines
einsamen Tages mitteilen können Allein eben deshalb ist es vielleicht gut
dass ich eine Zeitlang zurücktrete Es bringt Sie wohl dahin Andere aufzusuchen
Es kann Ihnen nicht entgangen sein dass man Sie ohnehin des Hochmuts
beschuldigt und darin etwas Gesuchtes ja Anmassendes finden will Zudem ist
Ihnen Emma in Kurzem nahe Liebe Elise was soll ich Ihnen weiter sagen  Ich
fürchte für dies arme Herz Sie war es die Hugo ihre Hand gab er hat sie
angenommen aber er hält sie so lose so furchtsam möchte ich sagen in der
seinen als ängstige es ihn dass er diese nun nicht besser gebrauchen kann Der
Ernst die Gewalt ihrer Gefühle hat das leichte Spiel jugendlicher Empfindungen
in einem festen Verhältnis gefangen genommen Mir ahndet die Ketten welche sie
arglos um sein wie ihr Geschick legte werden mit dem vollen Gewicht ihrer Last
auf sie allein zurückfallen
    Doch wozu die nutzlosen und trügerischen Blicke in eine ungewisse Zukunft
Liebe liebe Elise sein Sie der Schutzengel der Unerfahrnen Ich lege sie Ihnen
ans Herz Es ist so schön das Störende abwenden oder doch mildern helfen
    Indem ich Ihnen auf solche Weise einen Teil meiner eignen Verpflichtungen
die ich nur gegen andere vertausche zurücklasse und somit mein Andenken auf
die lebendigste Weise bei Ihnen gesichert weiß verlasse ich Sie ruhiger
    Könnten Sie in meinem Herzen lesen Sie würden deutlicher verstehen was ich
kaum anzudeuten vermag
    Sein Sie glücklich beste Elise und machen Sie Alle durch Ihre Nähe so
glücklich wie ich es mehrere Jahre hindurch war
                                                            Auf ewig die Ihrige
 
                      Die Oberhofmeisterin an den Komtur
Sie tun sehr wohl dass Sie Ihren Neffen in Schutz nehmen Ich kenne auch kaum
zwei Menschen die einander so ähnlich wären als Sie beide
    Dies mag Sie befremden Ich glaube es Sie wissen vielleicht selbst nicht
warum Aber ich bitte erlassen Sie mir die Beweisführung Mein Kopf mein
Geist sind so schwach in diesem Augenblick dass es vergebliche Mühe wäre mich
auf etwas Bestimmtes einlassen zu wollen Nur so viel Verschiedene Umstände
bilden dieselben Grundzüge des Charakters hier so dort anders aus Die
Familienähnlichkeit bleibt gleichwohl unverkennbar
    Dass Ihre und Hugos Ansichten von einander abweichen beweist nichts
Systeme macht man die Natur hat man Sie haben beide keine glückliche Ich
empfinde es Mich friert in der lauen Atmosphäre die Sie umgibt Ich könnte
lachen über alles was Sie in die Seele einer Mutter schwatzen hätte ich das
seit Emmas Abreise nicht verlernt Was wissen Sie von den zarten Fäden die von
dem Hauch eines unberufenen Wortes erzittern
    Einsiedler in der Welt wie im Gefühl predigen Sie in der Wüste aber nicht
am Hausaltar liebender Familien dies Heiligtum bleibt Ihnen unzugänglich
    Ihr Trost wird Zurechtweisung Ich forderte den einen nicht und bin wenig
gestimmt die andere zu ertragen
    Mir werfen Sie es vor die Verbindung beschleunigt zu haben welche ich
jetzt ungeschehen wünsche Ich bin sehr unschuldig an dieser Verbindung Das
dächte ich wissen Sie Doch einmal bis auf einen gewissen Punkt gedrängt
wollte ich Licht sehen und machte daher Tag Sie zwangen mich zu handeln das
ist es was Sie meine Ungeduld nennen Sie verstehen nicht wie eine Mutter
auch mit widerstrebendem Herzen an die Erfüllung der Wünsche ihrer Kinder
denken kann
    Aber ich werde ganz krank bei den vielen unnützen Worten die Sie doch
wieder falsch auslegen werden Darum lassen wir es gut sein
    Ich bin auf dem Wege nach Florenz Es ist eine von den vielen Reisen
bestimmt eine Lücke im Leben auszufüllen sonst zwecklos und daher unbequem
    Ich füge mich ohne Widerrede in die Anordnung der Prinzess teils weil sie
es so wollte teils weil ich einen Augenblick glaubte unterwegs mit Emma
zusammenzutreffen Es reizte mich die Vorstellung sie zu überraschen Allein
Hugo hat wie er sich ausdrückt so große Ungeduld die Herbstjagden im
heimatlichen Gebirge mitzumachen und Emma die grünen Wellen des
vaterländischen Stroms in dem Lichte der vollen Septembersonne zu zeigen dass
beid schon auf dem Wege zu Ihnen sind Es mag auch sein Ich lasse mich nun um
so ruhiger fortschieben Doch bin ich ich gestehe es über die Eile Ihres
Neffen verwundert Was zieht ihn denn so mächtig zu Ihnen zurück Der Gedanke
ein Eigentum einen Heerd zu besitzen und dort als freier Mann zu gebieten zu
handeln  Nimmermehr Er dünkte sich wohl freier als jetzt da er Niemanden
verpflichtet war Ist er des Umherstreifens müde Nun so scheut er doch das
Bleiben an einem Orte noch mehr Oder ist es Emmas Begleitung die ihm die
Lust am Reisen verdirbt Unter allem ist gerade das Schlimmste das
Wahrscheinlichste
    Dem Vogel sind die Flügel beschnitten und für den welcher gern den Adler
gespielt auf steilen Höhen gehorstet den freien Flug eifersüchtig bewahrt
hätte für den ist die Rolle des Haushahns im abgegränzten Zwinger anstößig
Mein Gott warum genügten die Luftregionen nicht Möchte er immerhin in seiner
erhabenen Einsamkeit auf starrer Klippe dem Stolz mit prächtigen Träumen
schmeicheln ich hätte nichts dawider gehabt Aber ihm gelüstete nach den
Früchten des Tales Er ließ sich zu ihnen herab Der Traum ist aus das ist
sein Unglück
    Doch da ich daran denke Von Früchten des Tales oder der Welt mir
gleichviel Es kommt mir vor auch Sie haben noch nicht den Geschmack daran
verloren Sonderbar genug ist das einzige Lebendige in Ihrem Briefe die
Schilderung der artigen Frau welche Sie höchst großmütig zu Emmas Freundin
bestimmen Bis auf das weiße Kleid und dessen nachlässige Eleganz zeichnen Sie
die neue Dame Ihrer Gedanken auf das Papier Mein guter Komtur Sie haben nicht
wohl daran getan Wie sie dort steht trägt sie alle Züge der gefeierten
Herrscherin eines engen und flachen Kreises welchen die Gräfin überall um sich
versammelt und den Sie gute Gesellschaft zu nennen belieben Ich weiß es seit
lange dass Männer kein Urteil über Frauen haben und die Grade des geselligen
guten Tones nur nach dem Termometer ihrer Eitelkeit anzugeben wissen Wie der
Ihrigen durch das zuverlässig einfältige Erstaunen der Kleingeister zu
Ulmenstein bei dem unerwarteten Auftreten eines bekannten Sonderlings
geschmeichelt ward ist mir gar nicht zweifelhaft
    Es ist in der Ordnung ich tadle Sie deshalb nicht Aber begreiflich wird es
mir dass die Bizarrerie ganz gewöhnlicher Pretention die auf besonderem Wege
ihrem Ziele nachläuft Sie bestach Der Präsident ist kein gewöhnlicher Mensch
Sein Charakter ist der eines Mannes der seinen Weg bestimmt geht Durch den
Flitter der Mode war der nicht zu erobern eben so wenig führt eine bequeme
Straße zu seinem Herzen Und wenn es vielleicht auch nur um die Hand zu tun
war so musste doch dieses in Beschlag genommen werden In solchem Dylemma wählt
man denn schon einen ungebahnten Pfad auf dem sich die jugendliche Gestalt
ohnehin um so überraschender und in die Augen springender ausnimmt Dergleichen
Koquetterien sind sehr wohlfeil und bei der Leichtgläubigkeit der Männer
außerordentlich belohnend
    Dem sei nun wie ihm wolle ich hege gegen jede ausgezeichnete Art und Weise
der Frauen Argwohn Was echt ist fordert keine besondere Fassung
    Überdem bedaure ich Ihre Mühe für Emma eine Wahl getroffen zu haben Die
wählt selbst Das liegt ja nur zu sehr am Tage
    Leben Sie wohl Haben Sie Mitleid mit mir Ich bin bis in den Tod betrübt
Deshalb vergessen Sie wenn ich heftige und ungleiche Worte sprach Ich weiß
kaum was ich denke und empfinde
    Es ist gut dass Sophie mit mir geht Ihnen verschlägt das wohl weiter nicht
viel und ihr ist es notwendig
    Leben Sie wohl
 
                                Elise an Sophie
Nein ich schelte ich urteile nicht über Sie Es ist zu viel Wehmut in mir
um der Galle Raum zu geben Könnte ich es bis zum Unwillen bringen ich wäre
einer großen Last überhoben Der Kummer schwächt mich Ich habe ungern mit ihm
zu schaffen
    Mein Gott wie hängt Eines am Andern Ich dachte es gleich als Sie
abreisten Es war der erste Riss in dem sanften beruhigenden Gewohnheitsleben
Ich dachte es gleich dabei bleibt es nicht
    Solche Erschütterungen machen gewöhnlich einen Abschnitt in den
Verhältnissen Die unterbrochene Zeit scheidet sich in zwei Stücke Das erste
ist durchlebt es liegt hinter uns Von dem was kommen wird wissen wir nichts
Aber haben Sie schon gesehen dass ein geschürzter Faden keine Spur des Knotens
zurückliesse Geben Sie Acht an dem Absatz oder Höcker im Gewebe geht viel viel
von der bisherigen Übereinstimmung verloren
    Sie haben eine seltene Gabe sich Ihren Freunden unentbehrlich zu machen Es
ist eine Leere um mich entstanden die der ganzen Gegend die unfreundlichste
Kälte gibt Ich weiß nicht wo ich mit mir selber hin soll Werden Sie es
glauben Die Zeit wird mir lang Und das ist mir so neu so unbequem dass ich
aus Schaam und Mitleid mit mir selbst weine
    Kennen Sie wohl die Stimmung wo Einem Musse und Beschäftigung beide gleich
lästig sind Ich kenne und verabscheue sie und doch werde ich sie nicht los
    Es ist nicht allein die Trennung von Ihnen die mich so abspannt weit eher
ist es Ihr Brief Sie rollen in diesem ein Blatt Ihres Innern auf und lassen
mich gleichwohl nichts anders als den rätselhaften Titel eines langen Romans
lesen Ich weiß es jetzt gewiss Sophie eine tiefe noch jetzt fortdauernde
Leidenschaft brachte Sie in die Mauern Ihres Stiftes Die Gräfin gab längst
etwas Ähnliches zu verstehen und ihre Schuld ist es auch wahrhaftig nicht
wenn ich den Gegenstand nicht kenne Ich gestehe Ihnen es war nicht sowohl
Bescheidenheit als unüberwindliche Scheu was mich ihre Mitteilungen vermeiden
ließ Von Ihnen konnte ich nur durch Sie selbst hören Solche verstimmte
Bruchstücke aus der Geschichte eines Herzens sind mir immer ein Gräuel gewesen
    Die Gräfin lachte mich aus Sie glaubte mich von allem unterrichtet und
behauptete ich spiele die Unwissende aus Verschwiegenheit Ich gab das weder
zu noch bestritt ich ihre Meinung »Gehen Sie kleine listige Katze« rief sie
mir mit dem aufgehobenen Finger drohend »Sie haben sich neulich bei dem Besuch
des Komtur verraten«  Ich sah sie überrascht an Das Blut trat mir mit
einem plötzlich aufschliessenden Gedanken in die Wangen Die Gräfin bemerkte es
nicht sobald als sie auf meine verwunderte Frage »bei dem Besuche des
Komtur« vor Entzücken mich ertappt zu haben laut jubelte sich abwandt und
mich stehen ließ
    Sophie auch Ihnen möchte ich wiederholen »bei dem Besuche des Komtur«
Weshalb erwähnen Sie in Ihrem Briefe gar nichts von allem was der meinige
enthielt Warum schweigen Sie jetzt bei dem Namen eines Mannes den Sie
verteidigten wenn ich ihn angriff ohne ihn zu kennen
    Es ist überall solch schwankendes Andeuten jene unselige Allgemeinheit der
Gefühle die mich immer ungeduldig macht in dem was Sie sagen und
verschweigen dass ich schon deshalb nicht anders als unbefriedigt geängstet und
missmutig sein kann
    Georg ist ein Engel Er saß mir gegenüber als ich schrieb und schnitzte
sein hölzernes Pferdchen aus einer Fliedergerte zurecht Ich hatte die Feder in
der Hand und heftete wie ich es öfter tue den Blick auf irgend einen
Gegenstand meiner Gedanken »Warum schreibst Du denn nicht« fragte er während
er Rute und Messer sinken ließ und mich klug und prüfend ansah »Vater
schreibt immer wenn er einmal dabei ist« fuhr er nachsinnend fort Ich
lächelte Er sprang mir schnell auf den Schoss schlang beide Arme heftig und
fest um meinen Hals und fing an zu weinen »Sei nicht so traurig« schluchzte
er »Du siehst so traurig aus warum lachst Du denn nicht Lache doch bitte
lache doch« rief er immer dringender Ich war fast erschrocken Wie hat das
kleine Seelchen so schnell und ahndungsvoll das Gegenbild der meinigen
aufgefasst Denken Sie doch Sophie ich sah ihn ja freundlich an als er zu mir
sprach Und doch und doch Wie anders liest der Knabe in meinen Blicken als 
Doch genug er wenigstens wird mich verstehen und hierin ist unendlicher Trost
    Ich komme von des Amtmanns Gut und habe dort ein Paar angenehme Stunden
zugebracht
    Georg war einmal aus seinem Spiel heraus Die Tränen der Kinder sind an
manchen Tagen schneller erregt als gestillt Der Rührung folgte Unwillen und
ich musste nun ein Übriges tun um ihn aufzuheitern Die Weintrauben drüben am
Spalier dachte ich werden ihn wohl auf andere Gedanken bringen
    Ich gab ihm die Hand nahm das schlanke Pferdchen in die andere so gingen
wir beide immer noch ein wenig verstimmt bis an das grüne Gittertor mit den
weißen Spitzen Es war offen Die Kinder des Amtmanns fuhren auf einem kleinen
Wagen den ein geduldiger Esel zog Körbe mit abgeschnittenen Trauben standen
darauf Der Weg ging nach dem Winzerhause unten am Berge Georg riss sich
sogleich von mir los und fort ging es mit ihm und den Andern in einem Trabe
Ich blieb stehen während ich ihm nicht ohne Besorgnis nachsah und dem
Ältesten der Knaben zurief achtsam auf die Kleinern zu sein »Fürchten Sie
nichts gnädige Frau« sagte eine angenehme Stimme hinter mir »der Wilhelm ist
verständig für seine Jahre man darf ihm trauen« Ich wandte mich um Eine
kleine feine Matrone in einem grauen Röckchen und schwarzem Shwal stand
einige Schritte von der Geisblattlaube aus der sie nun so eben herausgetreten
sein mochte Sie hielt die schmale Hand schirmend gegen die Stirne und sah
unter dem breiten herausgerollten Strich ihrer Haube klug und achtsam auf das
Treiben der Kinder verbeugte sich indes sogleich sehr artig als sie meinem
Blick begegnete Ich eilte auf sie zu Wir begrüßten einander Ihr weißes
sanftes Gesichtchen flößte mir Vertrauen ein »Wäre Ihnen nicht gefällig« sagte
sie mir den Platz auf ihrem gepolsterten Armstuhl anbietend während sie ein
hölzernes Schemelchen für sich heranzog Nichts in der Welt hätte mich dazu
vermocht ihr den bequemen Sessel der ganz zu ihr gehörte und in welchem sie
sich auch nachher vortrefflich ausnahm zu rauben »Bewahre Bewahre« rief ich
und kam jeder Einrede dadurch zuvor dass ich ohne Weiteres das Schemelchen in
Besitz nahm Sie errötete verschämt knixte und wiederholte fast ängstlich
»Darf ich nicht bitten« Doch es blieb dabei und wir saßen einander bald an
einem Tischchen gegenüber das mit glänzender grüner Wachsleinwand überzogen
von einer weißen Leiste eingefasst so fleckenlos und sauber wie sie selbst vor
ihr stand Ein Korb mit Spielzeug und einem Strickstrumpfe neben diesem ein
Deckelglas dessen klares Wasser eine feine Rinde Brod färbte war alles was
sich darauf befand Wir waren einander fremd Es entstand eine Pause Sie wusste
noch nicht sogleich wen sie sich vorstellen sollte Ich dachte hieran nicht
Mir fiel die Luft des Gärtchens die vielen Herbstblumen und die
abgeblätterten gebräunten Sterne der weißen und roten Rosen an den hohen
Stöcken aufs Herz Seit dem Tode der Amtmännin war ich heute zum erstenmale
hier Als wir zuletzt in der Laube saßen blühten die Büsche so voll und
prächtig Sie schnitt mir zum Abschied mit großer Emsigkeit einen Straus der
schönsten Rosen ab Es waren ganz purpurfarbene darunter Ich verglich diese
noch mit ihren Lippen die sich lächelnd teilten und um so frischer gegen die
weißen Zähne abstachen Gute gute hübsche Frau dachte ich wie schnell ist
dein junger Morgen durch eine lange finstere Nacht verhüllt worden
    Mein graues Mütterchen wandte in diesem Augenblicke den Kopf über die
Schulter und sagte heiter zurücksehend mit herzlichem Lächeln »Komm nur
immer hervor Annchen die gnädige Frau tut dir nichts«
    Ich bemerkte erst jetzt das allerliebste Kind das ganz in die Zweige hinein
gekrochen dennoch den Kopf neugierig zwischen den Blättern hervor steckte
    Ich nickte ihr verstohlen zu winkte ihr hervor und ließ Ringe und
Armbänder in der Sonne glänzen um sie anzuziehen Sie kicherte heimlich mit
abgewandtem Gesicht wollte lange von nichts wissen plötzlich stand sie neben
mir und spielte mit den angebotenen Schätzen Ich fasste sie unters Kinn sah
ihr in die scheuen Augen »Wie gleicht sie der Mutter« rief ich überrascht
»Finden Sie das auch« entgegnete meine Nachbarin in einem leisen von Rührung
gedämpften Tone der mir ein gepresstes Herz verriet Mir drängten sich die
Tränen herauf Ich nickte bejahend Sie wischte fast unmerklich ihre feucht
werdenden Augen und die andere Hand auf den Kopf der Kleinen legend sagte sie
»Ja mein Sohn hat einen unersetzlichen Verlust erlitten aber die armen Kinder
sind doch weit übler daran«
    Ich wusste jetzt wer sie war und erwiderte »freilich wohl aber es bleibt
ihnen doch die Großmutter« »Ach was will das sagen« wandte sie kopfschüttelnd
ein »Mangelt es ihnen auch nicht an Pflege und liebe ich sie vielleicht nur zu
sehr es artet sich doch alles anders Der Mut der jugendliche Sinn fehlt dem
sich die Kinder näher verwandt fühlen Wir Alten sind ängstlich wir peinigen
durch stete Vorsicht und glauben die Gefahr abzuwenden wenn wir sie scheuen
Eine Mutter hegt besseres Vertrauen und ist meist immer beglückt durch den
Erfolg überhaupt was soll den Waisen die Mutter ersetzen« seufzte sie in den
Anblick der kleinen Anna verloren Ich fühlte dass sie wahr spreche Mir schlug
das Herz heftiger als rege sich um Georgs willen die Furcht vor dem Tode in
mir Aber es war dies auch wohl nicht Ich weiß nicht welche Bangigkeit mich
befiel Der kleine wilde Trupp stürmte hier wieder in den Garten herein Mit
den stillen Nachgedanken hatte es nun ein Ende Den Knaben war es nicht
anzumerken dass sie irgend etwas in der Welt vermissten und Georg sah auch nicht
aus als ahne ihm nahes Unglück Gleichwohl fand ich die Ersteren roher und
nichtachtender in Worten und Gebehrden wie ehemals
    Ich verstand was die Großmutter vorher sagte Sie kann sie nicht begleiten
in ihrem Sinn sie steht ihnen zu fern und darum fahren sie flüchtig und
unbekümmert über sie weg Es war ein anderes Wesen in der Familie Ich ward
lebhaft davon ergriffen Es schien mir wie nach einer Feuersbrunst Man bauet
sich wohl wieder auf aber die Erinnerungen liegen unter der Asche begraben Die
verständige alte Frau fühlte vielleicht etwas Ähnliches »Solche
Veränderungen« hob sie gleichsam entschuldigend an »lassen immer zerstörende
Spuren zurück Mein Sohn ist auch nicht mehr derselbe Sein Haus ist verödet Er
hält nicht lange darin aus Es ist nicht gut« setzte sie bekümmert hinzu »Die
Wirtschaft stockt Die wilden Jungen bleiben sich selbst überlassen und am
Ende fällt doch die Last der schlimmen Folgen auf seine Schultern zurück« Ich
konnte hierzu nichts sagen »Das macht« fuhr sie fort »er hat die Frau zu sehr
geliebt Seit der frühesten Jugend lag ihm nichts als ihr Besitz im Sinne Wir
waren Nachbarn des Hofpredigers in der Stadt Mein Mann stand im Dienste des
Fürsten Dieser beschützte ihn und seine Kinder Er wollte glückliche Menschen
aus ihnen machen darum gab er dem Ältesten späterhin das Amt hier das seinen
Mann nährt und eine Frau obendrein um die es dem leidenschaftlichen Jünglinge
hauptsächlich zu tun war Alles fügte sich wie von selbst Zufriedenheit und
Wohlstand zogen mit dem jungen Paare ein« Sie schwieg einige Sekunden Ihr
Blick lag am Boden Als sie wieder aufsah rollten Tränen über ihr Gesicht »So
schnell« sagte sie »folgt Nacht auf Tag Ist die Sonne eines Hauses
untergegangen so wird es dunkel und verworren im Innern«
    »Ja« entgegnete ich »das Glück ist nur ein Gast auf Erden« »Oder«
bemerkte sie lächelnd »ein Bote« gnädige Frau »der die Gäste einladen soll«
Die Worte fielen mir auf Ich sann mehrere Augenblicke darüber nach Sie fügte
nichts weiter hinzu Vielleicht dachten wir beide etwas ganz Verschiedenes
dabei Mir ist immer das Glück eine Aufforderung zu größerer Klarheit zu
freierem und erhöhetem Aufschwung der Gedanken gewesen Der Geist scheint
dadurch Flügel zu bekommen Ich verliere mich in Dank und Anbetung In dem Sinne
ergeht wirklich eine Botschaft an mich die ich doppelt froh willkommen heiße
Allein dem flüchtigen Gruß des himmlischen folgt Abschied und Trauer wie aller
Glanz die Dunkelheit noch dunkler macht
    Ich empfand in meiner Welt Sophie Die gute kleine Alte deutete offenbar
nach einer andern hin die mir ein so erhabenes Geheimnis ist dass ich dem Spiel
der Vorstellungen und Begriffe hierüber niemals Raum gebe Doch rührte mich ihr
Auge und der Ausdruck stiller Zuversicht in den gelassenen Mienen Sie ward auch
wieder heiter spielte mit der kleinen Anna und als sie unsern Freund Walter am
Gittertor gewahr ward stand sie geschäftig auf fragte nach diesem und jenem
und zögerte sichtlich nur aus Rücksicht für mich ihn eintreten zu lassen Ich
kam ihrer Unsicherheit zu Hilfe indem ich den Handelsmann der mit geforderten
Waren versehen hierher bestellt war aufs Beste begrüßte worauf er denn auch
unverzüglich näher kam Er packte Kisten und Kästchen aus wir beschauten seine
Schätze Er lobte und pries sie an Wir ließ uns dabei die Neuigkeiten des
Tages erzählen Urteilen Sie ob ich nicht ganz Ohr war als er anhub »Diesen
Morgen trug sich ein Unglück mit dem großen Marktschiffe zu Es schlug um Ein
junges Weib mit zwei Kindern stürzte in die Flut Der Strudel unterhalb dem
Wehr riss sie fort ehe ihnen Hilfe werden konnte«
    »Gott mein Gott« rief ich entsetzt aufspringend »so sind sie rettungslos
umgekommen« »Sie wären es« entgegnete Walter mit Nachdruck »wenn nicht die
Tollkühnheit eines Fremden der sich am Strande zeigte als das Schiff abfahren
wollte Eins nach dem Andern dem Verderben entriss« »Ein Fremder« versetzte
ich seinen Arm mit unruhiger Neugier fassend Er sah mich groß an »Ja wohl«
erwiderte er »oder wissen Sie wer der Mann war« Ich schüttelte den Kopf
ohnerachtet mir es innerlich vorkam als müsse ich ihn kennen »Die Leute« fuhr
Walter lächelnd fort »wollen wohl sagen es sei der junge Herr von der Burg
gewesen Mehrere versichern ihn erkannt zu haben Aber Niemand weiß es gewiss
Denn schnell wie der Blitz hatte er die lästigen Kleider abgeworfen und hinein
sprang er ins Wasser bis ans Kinn ehe sich diejenigen welche herzuliefen und
eine Strecke davon mit den andern Verunglückten zu tun hatten noch besinnen
konnten«
    »Was ward denn nun aber aus der Frau und ihren Kindern« unterbrach ihn des
Amtmanns Mutter Walter entgegnete gelassen indem er seinen Kram auslegte »O
mit denen hatte es nachher keine Not Wie sie ihr Retter ans Land gebracht
hatte so sorgte er denn auch für das Übrige
    Ehe das kleine Häufchen noch das Vorgefallene fassen konnte saßen alle drei
schon in warmen Kleidern bei hellem Feuer droben in einer der
Lachsfängerhütten eine gute Suppe kochte lustig vor ihren Augen sie hatten
was sie brauchten der welchem sie es verdankten war über alle Berge«
    Sophie mir klopfte das Herz vor Freude und Ungeduld Nichts Erhebenderes
als eine kühne und anspruchlose Tat Meine kleine Alte forschte indes
umständlich nach dem Hergange der Sache Walter wusste nur im Allgemeinen
hierüber Auskunft zu geben Der Schiffsraum meinte er sei schon überfüllt
gewesen zuletzt als die Frau mit den Kindern hereintrat wären Alle am
meisten der Schiffer unwillig geworden Scheltend und brummend stieß er vom
Ufer ab Sein Gesicht weissagte nichts Gutes Wir verstanden hierbei nur nicht
weshalb man die Frau einließ wenn Gefahr dabei war
    »Wie es wohl so in der Welt kommt« sagte Walter den Kopf nachlässig
aufwerfend »Es muss sich denn immer alles gerade so fügen wie es sein soll«
    Bewundern Sie nicht liebe Sophie dass dieselbe unabänderliche
Notwendigkeit zu allen Zeiten bei allen Völkern in jeder Glaubenslehre
vorherrscht Die Einen nennen es Geschick oder Verhängnis was den Andern das
gewaltige Schicksal ist Wir wechseln die Worte der Begriff ist derselbe
    Ich hatte nicht lange Zeit hierüber nachzugrübeln Der Amtmann kam von
einem Ritt über Feld zurück und meldete mir dass mehrere Herren und Damen bei
mir angefahren seien
    Ich brach sogleich auf doch hörte ich noch die Begebenheit mit dem
Marktschiff und der Rettung der Verunglückten vom Amtmann bestätigen Er fügte
hinzu das Fahrzeug sei schon losgebunden gewesen und habe bereits über seine
Anzahl Passagiere geladen als jenes junge Weib atemlos ein Kind auf dem Arme
das andere bei der Hand gelaufen kam und mit dem Ton verzweiflungsvoller Angst
den Schiffer anflehte sie aufzunehmen
    Ihr Mann schluchzte sie sei bei einem Bau in der Stadt als Zimmergeselle
angestellt und dort von einer tötlichen Krankheit befallen worden Erst in
diesem Augenblicke komme ihr die Kunde hiervon sie wisse sich nicht vor Angst
zu fassen und bitte und beschwöre die Männer im Kahn wenn sie ein menschliches
Herz in der Brust trügen sie nicht zurückzuweisen Die hastige Zuversicht mit
der sie sich während dem anschickte das Fahrzeug zu besteigen der Schmerz in
ihren Zügen das Schneidende einer gepressten und doch gewissermaßen um Hilfe
schreienden Stimme überraschte die Besonnenheit der Schiffer Sie ließ es
geschehen dass Jene im Schiffe Platz nahm Ward nun dieses wirklich hierdurch
aus dem Gleichgewicht gebracht oder ist das Geschehene einem andern Umstande
zuzuschreiben genug der Erfolg war wie ihn Walter zuerst berichtete Die
leidenschaftliche Heftigkeit mit welcher die Frau ihre Kinder ergriff und sie
zu retten strebte riss sie wahrscheinlich zuerst dem Verderben entgegen Sie
soll sogleich über Bord gestürzt sein Ihr Angstgeschrei »Herr Jesus hilf«
ward noch gehört als man sie schon nicht mehr sah Doch in demselben Augenblick
sprang ein Mann in Jagdkleidung hinter niederm Buschwerk am Ufer hervor und wie
er die Verunglückten errettete und wer er war darüber blieb keinem unter allen
Augenzeugen ein Zweifel
    Voll von den Vorstellungen die sich an das erschütternde Ereignis reiheten
ging ich jetzt nach Hause fest überzeugt meine Gäste könnten Niemand anders
als der Komtur und seine jungen Anverwandten sein Mir schlug das Herz
unwillkürlich vor innerer Bewegung Nennen Sie es Neugierde Sophie oder
Teilnahme ich weiß nicht welcher von beiden Regungen meine Ungeduld
angehörte allein ich ging so schnell dass mich Georg selbst aufmerksam machen
musste wie schwer es ihm werde mir zu folgen Ich erschrack über die unzeitige
Eile Doch urteilen Sie wie doppelt beschämt ich war als ich im Hofe Curds
wunderliches Kabriolet mit den zwei hintereinander gespannten Pferden und neben
diesem die Equipage der Gräfin erblickte »Sie also sind es die mich
erwarten« sagte ich kleinlaut und ging die Anhöhe hinauf Agathe und Rosalie
hatten mich schon von weitem kommen sehen Sie flogen mir entgegen Beide
redeten zugleich Sie waren voll von irgend einer Neuigkeit und brannten vor
Ungeduld mich in aller Eile durch Gruß und Umarmung in soweit abzufertigen dass
sie erzählen konnten und ich hören musste So hing sich mir dann jede an einen
Arm Wir eilten dem Vorsaal zu während beide mir sagten »Wir haben die junge
Emma im Vorbeifahren am Gitter des Tiergartens stehen sehen Sie glauben
nicht wie sie uns in dem Grün unter den hohen Bäumen überraschte Eine
Hirschkuh mit zwei allerliebsten Kälbchen stand vor ihr Sie hielt ihnen
Blätter die sie aus einem Korbe nahm ohne alle Furcht entgegen die Hand
schien allerliebst Ein Jäger mit einem Waldhorn stand neben ihr Er war groß
und sah vornehm aus Mama behauptete es sei der Graf selbst gewesen Wir
grüßten die Gräfin dankte etwas fremd doch mit vielem Anstande Ihrer Haltung
sieht man es gleich an dass sie bei Hofe erzogen ist« »Sie hatte ein schwarzes
Kleid an« fiel Rosalie ein »mit langen weiten Aermeln ich wette es war ihr
Reisekleid und in Wien gearbeitet Es hatte ganz den Schnitt die Taille so
sehr lang die krausen Falten nach unten so breit ausfallend Es saß
allerliebst«
    Mit diesen Worten traten wir in den Salon Die Mutter verwies es den
Töchtern mich mit ihrem Geschwätz aufgehalten zu haben indem sie auf ihre
höfliche Weise hinzusetzte dass sie mit jeder Minute geize die sie meiner
Unterhaltung abstehlen könne »Aber ich weiß schon« fuhr sie fort »Sie sind
auch ein Bischen neugierig auf unsere neue Nachbarin es macht Ihnen Spaß von
ihr zu hören und wirklich lässt ihr erstes Erscheinen einen recht bizarren
Eindruck zurück Die junge Person nahm sich ordentlich pitoresk unter den
uralten Bäumen aus Es ist etwas Dunkles und Fremdes in ihrem Gesichte Sie
hatte den Hut im Schatten der Bäume aus den Augen gerückt Ihr Teint erinnert
an den feinen bräunlichen Farbenton der Italiener Auch ist das Haar ganz
schwarz Sie trägt es gescheitelt wodurch das allerliebste Oval des kleinen
Gesichtchens sehr vorteilhaft bezeichnet wird«
    »Mein Gott« lachte ich unwillkürlich »Sie haben mit dem vorüberfliegenden
Blick die ganze Person aufgefasst Sie steht wie sie lebt und webt vor mir« 
»Wahrhaftig« entgegnete die Gräfin geschmeichelt nun ich bin auch nicht
gerade vorüber geflogen Unter uns gestanden ich wusste dass die jungen Leute
gestern angekommen waren und da ich mich immer was man auch gegen den Komtur
sagen mag für ihn interessire so fühlte ich mich gespannt auf die
Bekanntschaft seiner Hausgenossen Ich ging deshalb den Talweg der an die Burg
hinführt überzeugt bei dem schönen Wetter die Gesellschaft im Park zu finden
Wie Sie sahen ist mir meine kleine List gelungen« lächelte sie
selbstzufrieden
    Ich lächelte auch über die Naivetät mit der die gute Frau den Zweck ihres
Besuches aussprach Sie war indes so voll von dem einen Gegenstande dass sie
ganz arglos blieb und wirklich wie so oft in der Welt mit offenen Karten
spielte ohne eine Ahndung davon zu haben Curd flüsterte mir zu alles dies sei
geschehen um sich sogleich zu überzeugen ob die hübsche Nachbarin wohl den
Sieg über Rosalie und Agathe davon tragen werde  Der Umstand dass jener ein
glänzender Ruf voranging habe die Eitelkeit der Mutter und der Töchter erregt
Er sei bloß mitgefahren um alle drei zur Verzweiflung zu bringen ich möge nun
Acht geben wie ängstlich sie jedes lobende Wort begleiteten und durch welche
Gründe sie sich zu trösten wüssten Ich war gar nicht geneigt ihn in so
hinterlistigen Plänen zu unterstützen Im Gegenteile warf ich den Pfeil auf ihn
selbst dadurch zurück dass ich erklärte er habe seine Begleiterinnen nur
deshalb die steinige Straße geführt weil er hoffte die Aufmerksamkeit der Dame
des Schlosses auf ein so tolles Fuhrwerk zu lenken  »Sie tun ganz recht«
setzte ich hinzu »denn seit es keine Originalität des Charakters mehr gibt
reicht es vollkommen aus die Ordnung umzukehren damit man bizarr erscheine
Wie witzlose Leute gewöhnlich Worte oder Sätze umdrehen um die Lacher zu
flüchtigem Beifall zu zwingen«
    »Kousine« flüsterte Curd halb empfindlich halb gutmütig neckend »ich
räche mich ich kenne auch schon das Werkzeug hierzu Sein Sie gewiss Sie büßen
den Mutwillen über kurz oder lang« Und als wolle er sogleich Wort halten fuhr
er dann lauter redend fort »Wenn Sie mir den Wunsch zutrauen von einer
reizenden Frau beachtet zu werden so bin ich meiner Seits gewiss dass Sie nicht
gleichgültiger gegen die ächte Originalität eines genialen Sonderlings sein
können der aus dem Schlamme unserer verächtlichen Zeit sehr glücklich auf den
Schauplatz der Welt auftaucht Graf Hugo hat seine Probe diesen Morgen gemacht
Er ist es wert den Ritterschlag zu empfangen«
    Mit vielem Patos erzählte Curd jetzt die Begebenheit mit dem Marktschiff
und schloss den Bericht damit dass er versicherte später habe der Graf die Frau
und ihre Kinder selbst in einem kleinen Fischerkahn zur Stadt gerudert und sie
dort bis an das Krankenlager des Mannes begleitet
    Agathe überschrie sich vor Entzücken und Bewunderung Sie hielt das zierlich
gestickte Batisttuch einigemal vor die Augen und wirklich wurden diese auch
feucht Rosalie lachte sie deshalb eben nicht gar zu rücksichtsvoll aus doch
fand auch sie die Begebenheit einzig und den Grafen sehr interessant
    Die Mutter horchte lächelnd auf die Äußerungen der Töchter dann sich zu
mir wendend flüsterte sie »die Kleine ist ganz wie ich das Herz läuft mit dem
Kopf davon ich schwöre Ihnen ich habe Mühe mich der Tränen zu enthalten Es
ist wahr Graf Hugo muss allerliebst sein Es ist so viel Herz in allem was er
tut und so erstaunlich viel originelle Energie Aber ein Bischen bange bin ich
doch dass er zu weit geht in seiner angenommenen Manier Die Welt vergibt eher
das zu Wenig als das zu Viel Man wird das Geniale darin seiner beschränkten
Beziehung und dem Mangel an Kenntnis der Formen zuschreiben Und ehrlich
gesprochen ich glaube dass auch etwas daran ist Aber ums Himmelswillen kein
lautes Wort hierüber Sie fühlen wie ich man muss gewisse Saiten nicht zuerst
anschlagen«
    Sie hatte sie indes angeschlagen und hörbar oder nicht sie klangen bald
hell und schneidend durch einen immer größer werdenden Kreis hinzukommender
Gäste hindurch die der Gräfin auf dem Fuß folgten und meine kleine Villa zu
einem andern Ulmenstein machten
    Curd wiederholte bis zum Ertödten aller Anwesenden Hugos Abenteuer
Sichtlich gefiel er sich das Urteil eines Jeden herauszufordern
    Man wünschte dem Grafen Glück mit einer poetischen Farce aufgetreten zu
sein schmeckte diese gleich nach veralteten Romanen so gab sie doch
Veranlassung von sich sprechen zu machen Es ward wirklich viel gesprochen Ich
aber konnte kein einziges Wort finden Es war nichts in mir was sich an diese
Fäden anknüpfen ließ Das Schlimmste dabei ist dass auch ich über den Menschen
selbst Anfangs confus geworden bin Mein früheres Bild von ihm ist mir
verwischt Unwillkührlich schlüpft so etwas von provinzieller Abenteuerlichkeit
in meine Vorstellung hinein Ich will das weg haben Ich bin ärgerlich und
komme nicht mit mir zurecht
    Nun ich werde ja selbst sehen und urteilen Sie fühlen aber auch aus allem
dem welche Aufgabe Ihre Schützlinge hier zu lösen haben Ich wünsche dass es
Ihnen damit glücken möge
    Leben Sie wohl Sophie und glückliche Reise Ich bin betrübt und verstimmt
ich verlasse Sie um nicht noch trüber zu werden
 
                                Heinrich an Hugo
Man glaubt immer man könne einem Andern etwas Wichtiges für ihn selbst
Bedeutendes sagen Es ist eine Täuschung Entweder weiß er es schon oder er
hört es nicht Das innere Ohr ist eine Sensitive Es verschließt sich so wie
man ihm nahe kommt
    Ich hatte mir in der vergangenen Nacht die ich schlaflos zubrachte
vielerlei ersonnen was ich Dir mitteilen zu müssen glaubte Nun es dazu kommt
lasse ich es lieber Dir hilft es nichts und mich verleitet es vielleicht zu
einer Übereilung
    Hugo wir verstehen uns ohne Worte Aber ich fürchte es kommt für Dich wie
für mich wenig dabei heraus In der Hauptsache macht es uns beide nicht klüger
denn bis auf einen gewissen Punkt bleibt der Mensch dem Menschen immer ein
Rätsel Die Alten kehrten das Inwendige nach Außen Das schöne Ungeheuer die
Sphinx war selbst das Symbol ihrer unaufgelösten Aufgabe Der Kopf wickelt sich
wohl heraus aus der Hölle der Nacht aber bis der Leib aufsteht und sich nach
eignen Gesetzen bewegt bis der Gedanke ein Dasein hat da müssen die Zeiten
ihren Kreislauf vollenden und die gebundenen Gebeine des Oedipus erst frei
werden
    Du bist gefesselt Hugo was klagst Du mehr als ein Anderer
    Im Grunde warst Du doch auch nicht mit Deiner frühern Stellung zufrieden
Hättest Du Dir genügen lassen an dem Besitz der Idee wäre Dir das Eigentum
höherer Freiheit über alles lieb gewesen und könntest Du Deinen ganzen Stolz
darin finden über die Köpfe eines leeren und flachen Geschlechts hinweg mit
den Flügeln des Geistes die Nebel um Dich her zu zerteilen Du lebtest freier
Doch Dir spukt das vornehme Wesen und die Gespenster aus der Nacht alter
Vorurteile auch noch im Blute Du bist auch erst mit halbem Leibe heraus
Trage was Du nicht los werden kannst Du wirst es lernen Am Ende versöhnst Du
Dich doch wohl noch mit der neuen Weise
    Die Ungleichheiten des Lebens verebnen sich eher wenn es etwas gibt die
Zwischenräume auszufüllen und Glanz Reichtum Ansehen und Bequemlichkeit
ändern Vieles
    Wenn Du ein gewöhnlicher nichtiger schlaffer Alltagsmensch würdest
Unmöglich So beschwichtigt sich der heiße Durst der Seele nicht Die Welt gießt
wohl Wasser in die Flamme aber wo das Öl aus dem Mark und Saft des Innern
quillt da belebt sich die Glut durch sich selbst
    Ich erinnere mich jetzt oft einer Äußerung von Dir Du warst noch sehr
jung Wir standen im Begriff die Akademie zu verlassen Die Pläne Deines
Vaters im Betreff Deiner militärischen Laufbahn wollten Dir nicht einleuchten
Du hattest den Gedanken in einem andern Weltteile zu suchen was Du hier nicht
zu finden glaubtest Wir lasen gerade Le Vaillants Reisen in Afrika Dich
stachelte der Trieb das geheimnisvolle Herz dieses fremdgebliebenen Stückes
Erde zu durchdringen Es entstanden Dir wie jedem Jünglinge über alles was er
nicht kennt phantastische Bilder Tritt dergleichen erst in die Anschauung so
hat es auch Leben und Wirklichkeit Man ist davon überzeugt und will es auch
Andern beweisen Deinen Reiseprojecten fehlte nichts als die Ausführung Ich
setzte Dir alles das entgegen was auf Verhältnisse einer abhängigen Lage Bezug
hat Du gingst schweigend im Zimmer auf und ab Nach einer langen Pause bliebst
Du vor mir stehen in einer Hand das Buch haltend worin wir gelesen legtest Du
die andere auf meinen Arm indem Du noch in Nachsinnen vertieft ausriefst »Ich
will Dir etwas sagen entweder man hat einen Zweck oder man hat keinen
    Im letzten Falle lässt man sich beherrschen im ersten bedeuten die
angelegten Ketten wenig
    Konventionelle Verträge sind eben auch nur conventionell Sie sind etwas
insofern sie einer Idee entsprechen geht diese über sie hinaus so zerfallen
sie in sich selbst Deshalb wie unbeweglich der behende Wettläufer auch
dasteht bis das erwartete Zeichen gegeben wird der Fuß ist schon gehoben das
Auge fasst sein Ziel und er misst in schneller Berechnung Raum und Kraft gegen
einander ab Jetzt erschallt der Ruf Im Fluge ist die Ferne durchmessen die
einen Augenblick zuvor unabsehbar schien Glaube mir der Mensch wurzelt nur da
fest wo ihn Trägheit bindet oder Mangel eigener Kraft zum Nachgeben an eine
fremde überwiegende zwingt Der Erdenfleck wo er steht verschlägt hierzu
nichts«
    Diese Worte Hugo sind mir unvergesslich geblieben nicht sowohl ihrer
Bedeutung wegen denn in diesen Jahren nimmt man es damit nicht so genau und
vieles klingt nur weil es schallt allein Dein Gesicht Deine Gestalt machte in
dem Augenblick einen besonderen Eindruck auf mich Die Augen flammten Dir Deine
Stirn glänzte um die Lippen spielte ein geistig Lächeln Du schienst mir
größer ich glaubte der Boden trüge Dich nicht mehr und sah Dich schon in
Gedanken in weiter Ferne über die Berge den Strom und das ganze Festland
wegfliegen Nun bist Du doch wohl eingewurzelt Die Zeit hat Dir wie manchen
andern Freiheitskindern die Flügel beschnitten Dir ahndet selbst so etwas Der
Ton Deiner Briefe ist melancholisch Du hattest immer einen gewissen Hang zu
dieser Richtung der Empfindungen die wie alle Blüten eines schönen Frühlings
die Köpfe neigen wenn der hohe Sommer heraufzieht Bei Dir stand die Sonne
schon sehr frühe in ihrem Culminationspunkte Sonderbar der kalte Norden drängt
die Übergangsperioden alljährlicher Entwickelung fast in einen Zeitmoment
zusammen Wäre auch in Dir mehr Glut als Wärme und der Winter Dir nahe wenn
Du noch Rosen zu brechen gedenkst
    Es waltet eine gewisse laue Ergebung in Allem was Du sagst die mich
ängstigt Sie erinnert eben nicht tröstlich an das Senken der Flügel ehe man
weiß dass diese gebrochen sind Lieber Hugo Dir steht eine fatale Zwischenzeit
bevor und wohin Dich diese auch führe ohne harte Kämpfe kann das nicht
abgehen Rüste Dich immer im Stillen dazu Über Eins bin ich nur unsicher
geworden Hattest Du jemals einen eigentümlichen Lebenszweck und warst Du
völlig im Klaren darüber Sage mir das aufrichtig in Deinem nächsten Briefe Das
Maß der Deutlichkeit unserer Vorstellungen hierüber bestimmt wohl zumeist das
Notwendige oder Zufällige einer Richtung
    Ich bin begierig auf Deine Antwort lieber Hugo Lebe bis dahin recht
glücklich Ganz der Deinige
 
                           Emma an einen Geistlichen
Wenn ich aus Gründen die Sie teuerster Lehrer heller durchschauen als ich
sie angeben darf in den Briefen an meine Mutter nur allgemeine Umrisse der
verflossenen Tage der neuen Verhältnisse der Personen welche diese bilden
hinwerfe so will ich Ihnen in dem Allen mich selbst mit meinen innigsten
Gefühlen mit meinen geheimsten Gedanken ungeteilt geben Sie sollen niemals
aufhören mich in jedem Zuge der Seele in den bangen Regungen wie in der
stillen sichern Befriedigung des empfundenen Daseins zu begleiten Durch Sie
will ich mich und Andere verstehen lernen
    Lieber väterlicher verehrter Freund es ist nicht alles mehr so einig in
mir wie sonst Jeder Schritt vorwärts in das Leben hinein öffnet neue Ansichten
teilt den Blick vervielfältigt die Eindrücke Ich werde nicht irren aber
vielleicht unbillig sein und hierüber bin ich ängstlich
    Erschrecken Sie nicht Es ist nichts vorgefallen es hat sich nichts
verändert ich ich allein muss anders geworden sein
    Das Leben hört auf dasselbe zu bleiben seit die leichten Umrisse sich
plötzlich körperlich gestalten die Dinge zwei Seiten gewannen ein jedes Dasein
für sich wie im Zusammenhange mit Andern betrachtet sein will Meine einfache
Weise es zu nehmen passt nicht mehr Es wird so voll so laut um mich Weder die
innere noch die äußere Stimme reicht aus mich meiner Welt verständlich zu
machen Ich werde in dem Maße sprachloser als mir die rechten Worte fehlen In
dieser Einsamkeit der Seele quält mich ein entsetzlicher Zweifel Ich fürchte
nicht im Einverständnis mit Gott gewünscht gewollt und in der Gebetserhörung
nur eine Prüfung erstürmt zu haben die um so schwerer zu bestehen sein wird
als sie mich nicht allein trifft
    Sehen Sie das ist es das ist es hauptsächlich was mich beugt Ach Gott
und ich kann mich fast nicht länger täuschen dass ich unbewusst zwar doch nicht
unschuldig das Geschick des geliebtesten Menschen verwirrt einen Vorwurf auf
sein großes Herz geladen habe Hugos kühner Gang wird durch mich gehemmt
    So kann und darf ich nicht einmal versuchen seinen Weg zu gehen Ich
erschrecke oft wenn es mir klar wird dass er den Kampf allein hätte ausfechten
ich aber im Verborgenen beschränkt und entsagend für ihn beten sollen ohne
unser beider Geschick in unklare Beziehung zu einander zu stellen
    Vielleicht war ich überhaupt nur für das Kloster geboren In der Dunkelheit
entfaltet sich das Geheimnis des Innern am besten
    Hier unter so verschiedenen Menschen zwischen die entgegengesetztesten
Richtungen geschoben wie kann ich ohne anzustossen mich frei bewegen
    Der Komtur der mir eigentlich eine Stütze sein müsste verletzt mich durch
sichtliche Abgeschlossenheit gegen Hugo Er misstraut diesem und scheint auf der
Hut gegen Angriffe welche gleichwohl nie erfolgen Mich betrachtet er oft
bedenklich Sein ernster hoher Blick wird dann von unverkennbarer Rührung
gemildert er findet immer ein inniges Wort für mich Der Ton der Stimme das
Herabbeugen des stolzen Nackens die stumme Sprache seiner Mienen alles an ihm
atmet in solchem Augenblicke fast unwiderstehliche Wärme ich glaube wir
verstehen uns dann vollkommen allein wir gleiten beide über das hinweg Ich
wüsste nicht wie ich es anfinge ihm gegenüber gewisse Saiten zu berühren die
nur den Misston zwischen Oheim und Neffe noch schärfer herausheben würden Ich
fühle ja ohnehin deutlich genug dass Hugo niemals darin gewilligt haben würde
sich mit dem Urheber so großer Familienstörungen auf eine Weise zu vergleichen
die ihm drückende Verpflichtungen auflegt wäre es nicht in Bezug auf die
Verbindung mit mir geschehen Auch hierin glaube ich ein Werkzeug höheren Willens
zu sein Mit heimlichem Stolze betrachtete ich mich als unverkennbare
Vermittlerin verjährter gehässiger Missverständnisse Allein auch hier diente
ich nur den stumpf gewordenen Stachel tiefer in die alte Wunde zurückzudrücken
Was vergessen oder unbeachtet mit der Zeit seine Schärfe verliert das wetzt
sich an den täglichen unmerklichen Reibungen so schneidend heraus dass jede
Berührung verwundet Ich fühle Hugo etwas Ähnliches an Er wird immer
einsilbiger Auf seinem Gesicht liegen die Schatten unauslöschlicher Schwermut
selbst wenn er lacht verdunkelt sich sein Auge als schelte es die Lippen dass
sie sich so leichtsinnig öffneten
    So gehen wir in sehr verschiedener Seelenstimmung neben einander hin Der
Komtur mag wohl denken die Einsamkeit drücke auf uns Er sinnt daher auf
Veränderung Wir durchstreifen die Gegend um das Schloss nach allen Richtungen
ohne gleichwohl Bekanntschaft zu machen Gestern endlich führte er uns bei einer
Dame der Nachbarschaft ein Ich hatte seit meiner Verheiratung wenig von der
geselligen Welt gesehen Mir fiel jetzt Manches auf woran ich sonst gewöhnt
war Ich kam mir hier sehr einsam vor Der Abend war auf diese Art ziemlich
langweilig hingegangen Wir saßen noch spät im Freien Der Mond stand hell am
Himmel sein liebes ruhiges Licht flimmerte silbern durch die Zweige Ich saß
ganz im Schatten vor mir dehnte sich ein runder Platz über den die breiten
Lichtstreifen ausgegossen lagen Da sehe ich einen Herrn und eine Dame auf uns
zukommen Die Frau des Hauses wird ihrer nicht sobald gewahr als sie mit den
Worten aufsprang »Ach da ist sie ja dennoch Willkommen willkommen liebe
Elise« Meine Aufmerksamkeit wurde sehr natürlich auf diese gerichtet sie ging
mit leichtem freiem Schritt über den erhellten Rasensitz ihre Gestalt schwamm
im Schein des Mondes es war als umfliesse sie ein durchsichtiger Glanz Sie kam
mir außerordentlich schön vor ich betrachtete sie mit großer Überraschung und
als sie anfing zu sprechen klopfte mir das Herz wie beim Tone unsichtbarer
Musik Wir waren einander jetzt ganz nahe Unsere Wirtin stellte uns
gegenseitig vor Ich konnte nichts sagen meine Zunge stockte wie gebunden Die
Fremde blieb unbefangener In ihrem Benehmen lag die reizendste Sorglosigkeit
Sie sah umher und schien jemand zu suchen Hugo stand ihr in demselben
Augenblicke zur Seite Er war durch ihren Anblick eben so sehr überrascht
»Aha« rief sie aus als er ihr genannt ward Beide betrachteten sich
aufmerksam Mich überfiel eine unbegreifliche Angst Es war als müsse ich
zwischen sie und Hugo treten Ich konnte mich auch lange nicht wieder finden
Seitdem bekämpfe ich vergebens ein banges Vorgefühl dass an jener Minute die
Wendung meines Erdengeschicks hänge Ich schelte mich darüber ich verbanne es
als sträflichen Aberglauben aber ich kann es nicht los werden
    Später da wir in die erleuchteten Zimmer des Hauses zurückgingen der
Einfluss geheimnisvoller Dämmerung vor einer bestimmten Klarheit verschwand die
Formen des Herkömmlichen ohnehin den Phantasiespielen ein Ende machten geriet
ich dem allem ohnerachtet in einen hässlichen Widerspruch mit mir selbst als
jene anziehende Erscheinung mich aufsuchte fast vertraut mit mir redete ihre
Freundschaft für das Stiftsfräulein erwähnte sich dadurch in Beziehung zu uns
allen setzte Bekannte und meine Willfährigkeit in Anspruch nahm solches
Entgegenkommen wenigstens in etwas zu beantworten Werden Sie es glauben ich
fühlte mich zugleich hingerissen und erstaunt Mein Auge meine Gedanken mein
Gefühl lag fest wie gebannt durch einen Zauber auf dem Ausdruck des schönsten
ja rührendsten Gesichtes das ich jemals sah Alles spricht darin der Blick
das Lächeln der weiche Ton einer fast durchsichtigen Haut die wechselnden
Mienen die Harmonie vollkommen gebildeter Züge Ich sah mehr als ich hörte
Sie errötete oftmals wie beschämt über mein stummes Anstarren Ich besann mich
Wir sprachen seitdem wie Menschen deren Bekanntschaft durch Anderer
Vermittlung vorbereitet ist Es kam zu Einladungen und Versprechungen baldiger
Besuche Der Komtur zeigte sich galant und liebenswürdig Hugo trat aus seiner
Verschlossenheit hervor Nie sah ich ihn bereitwilliger die Fäden des Gesprächs
aufnehmen zusammenwerfen um Gefühle und Anschauungen daraus hervorgehen zu
lassen Elise war bei der Abendtafel seine Nachbarin Sie weiß mit Anmut einen
leichten Streit geistreich zu führen Sichtlich wollten beide vor einander
glänzen Sie steigerten sich im Laufe der Unterhaltung bis zu einem Punkt der
wirklich blendende Funken über den ganzen Kreis ausstreute Der Wettkampf hatte
sie wie durch eine Reihe electrischer Schläge mit einander in Berührung
gebracht Es lag in ihrem Ton vertraulicher Scherz und Wohlwollen Sie kannten
sich schon von früher Niemand war Sieger geblieben aber keinem von beiden war
es entgangen wie viel ein jedes in die Waagschaale zu legen vermochte Ich
hatte mit gelacht geredet sie durch Widerspruch gestachelt doch es war nicht
unbewusster Trieb es war Stolz Unruhe Furcht hier unbedeutend zu erscheinen
die mir Worte gab mich zur Teilnahme fortriss Sehen Sie und nun ist mir das
unbehaglichste Gefühl eine Art Verlegenheit gegen Elise gegen Hugo ja gegen
die ganze Gesellschaft geblieben die mich zugleich demütigt und erkältet
    Was ist das Ist es Demut Eifersucht Nicht wahr ich ich bin anders
geworden Musste so bald der ruhige Einklang bescheidner Ansprüche an dem
Wechselverkehr des Lebens scheitern Ist es auch denkbar am Hofe erzogen
bringt eine Abendversammlung auf dem Lande mein Gemüt in Verwirrung Ich bin
entschlossen mich selbst für so viele Torheit zu strafen Noch heute will ich
die gefährliche Elise aufsuchen Es ist doch sonderbar dass mich das so viel
kostet
    Wie beneide ich jetzt die Menschen die durch Orden und Gelübde in einer
bezeichneten Gränze gehalten sich selbst treu bleiben Niemals war es mir
begreiflicher dass man der Welt gern entsagt um das Gewissen zu retten Ach
eher ein Glück aufgeben als es unter Vorwurf und Zweifel halb sein nennen
    Sie Sie mein einziger Vertrauter sollen mir helfen mich wieder zu
finden Werden Sie anstehen mir die Wahrheit zu sagen Kann auch die
zärtlichste Schonung zögern Wunden zu schlagen um das Gift aus der Seele zu
ziehen
 
                                Hugo an Heinrich
Ich habe recht sehr über Deinen Brief gelacht Du hast immer noch die alte
Gewohnheit bei einem freundschaftlichen Besuche den Gallarock über das
Hauskleid anzuziehen Wozu der Prunk mit mir Ich kenne die Gelegenheit und
weiß was diese täglichen Redensarten bedeuten Gerade herausgesprochen Du bist
irre an mir geworden und willst wissen woran Du bist
    Ich kann Dir es nicht verdenken wenn Du Dir überhaupt etwas Besonderes bei
mir gedacht hast Lieber Heinrich es geht Freunden wie Eltern und Verwandten
die immer das Außerordentliche von denen erwarten die ihrem Gefühle am nächsten
stehen Selten ist dies aber etwas mehr als schwankende in das Blaue
hineintaumelnde Vorstellung von allgemeiner Berühmteit Ich brauche Dir nicht
zu sagen wie uns da die Eitelkeit ein X für ein U vormacht
    Deine Frage auf die es Dir hauptsächlich ankommt und die eigentlich nichts
anders heißt als ob ich wirklich jemals gewusst habe was ich wollte sagt mir
dass es Dir auch nicht sonderlich klar geworden ist was ich soll
    Wir waren beide einmal jung wie andere Jünglinge Lass es dabei Heinrich
und frage nicht weiter Ich bitte Dich sieh um Dich da lernt man schweigen
und den Narrenspossen den Abschied geben
    Hast Du nicht mehr Achtung für die Idee als dass Du sie abhängig glaubst von
dieser oder jener Stellung im Leben  Sie stirbt nicht da sei Gott vor Er
weiß wenn die Sonne scheinen oder Dünste sie verhüllen sollen Man muss warten
können Doch diese Kunst ist nicht leicht Basta hierüber Worte tuns nicht
Eins ist indes eine gar zu schwache Stelle in Deinem Briefe die muss ich doch
rügen Du tust ja als habe ich mich von meinem Oheim für bequemen Lebensgenuss
erkaufen lassen und ihm meine bessere Überzeugung mit in den Handel gegeben
Wärest Du ohne so viel Umstände geradezu in meine Stube gekommen und hättest
Dich darin umgesehen so würdest Du Bescheid wissen
    Das Verhältnis zu dem Komtur ist Folgendes
    Mein Vater ging seines Erbes aus Ursachen verlustig die Du kennst sein
Bruder trat in seine Rechte Er wird Geistlicher der Zweig ist tot Nun
entsteht die Frage rankt eine Nachbarpflanze an dem Stamme heran oder ist der
junge Schössling der aus der Wurzel heraustreibt durch Saft und Blut mit jenem
eins geblieben und wert erkannt das Ganze zu beleben  Diese Frage entstand
immer einmal Ob nach dem Tode des Oheims oder bei dessen Lebzeiten Der ganze
Unterschied ist der dass sie jetzt schneller entschieden ward
    Kam mir das Erbe zu sollte ich es wegstossen Weshalb wozu Sage doch
glaubst Du dass man Flügel bekommt wenn man dem Glück ein Schnippchen schlägt
und sich in seine Armut hüllt Wem die Flügel gewachsen den tragen sie wohl
wohin er Lust hat Die Metapher hat überdem seit der Geschichte des Ikarus einen
Stoß weg Brauche sie nicht mehr es liegt etwas Lächerliches darin
    Und nun zu andern Dingen
    Es mag Dich unterhalten wie wir hier leben
    Recht erträglich ich versichere es Dich Die schönen Waldungen welche
unmittelbar hinterm Schlossbezirk anheben die Höhen bekränzen spiegelhelle Seen
umschließen und sich bis an den Strom ausbreiten würden hinreichen eine
mannigfaltige Unterhaltung zu geben Ich hause hier Tage lang Wege und Stege
sind mir überall bekannt So manches kleine Abenteuer mit Menschen und Tieren
stößt mir hier auf Jäger Reisende Arbeiter und Bettler alle geben mir Stoff
zu Beobachtungen mit allen gerate ich in Berührung schwatze verkehre mit
ihnen Ich kenne nach gerade ihre Art Es wird mir leicht ihnen in ihrem
Ideengange zu folgen Wir sind sehr eitel Heinrich wenn wir uns einbilden auf
solche Leute herabzusehen Ich weiß man hat das schon oft gesagt aber ich
denke mir vielleicht etwas anders dabei Es ist nicht sowohl dass sie auch
öfters Geist Gemüt Verstand haben wie Andre mir fällt besonders auf dass sie
diesen Verstand so scharf auszubilden so gerade zu richten und so fest zu
halten verstehen Bei größerer Lebensfrische bleibt ihnen auch länger die
gesunde Art des Gebrauches Der Kreis in dem sie sich bewegen ist eng das ist
wahr aber sie sind Herr darin und was hinein fällt verfällt ihrem Urteil
das dann auf energische Weise die Dinge auf beide Füße stellt und sie zeigt
wie sie sind So flach hin sehen sie nichts an bis auf den rohen Frevler fasst
jeder seinen Gegenstand ganz und tüchtig Man kommt auf besondere Resultate im
Umgange mit ihnen Sie sind doch wenigstens etwas Was sind wir Wir werfen
ihnen die Rohheit ihrer Laster vor und nennen deren Quell tierische
Selbstliebe Die Sünde ohne Deckmantel erregt ungefähr das nämliche Entsetzen
als wenn man sich in einem entstellenden Spiegel sieht Es ist die Phisiognomie
es sind die Grundzüge nur durch zufällige Bedingungen verschoben Verfeinerter
Egoismus geht unterhalb der Formen weg ohne diese sichtbar zu erschüttern er
gräbt nach Innen und verwüstet da unmerklich so viel als sein frecher
Zwillingsbruder äußerlich zu Stande bringen kann Menschen aus den unteren
Klassen stehen wie das Wild der Forsten in einer Art Krieg mit der Welt Darum
ist so viel List und Spürkraft in ihnen Ihre Taktik macht meine Bewunderung
aus Nenne diese immerhin beschränkt Wer sieht denn viel rechts und links wenn
er auf etwas Bestimmtes los geht Der Instinkt findet seine Schranken
vorgezeichnet Die Erfahrung muss sie erst ziehen lernen
    Und lieber will ich blind geboren sein als blind werden
    Mein loses Gesindel im Walde hat ich versichere Dich eher die Gabe das
Unsichtbare zu fühlen als wir andern an den Block vornehmer Einseitigkeit
Geschmiedete Die Begriffe der Letzteren die nicht mehr Anschauungen sind
machen sie ganz aberwitzig Ich bin nun einmal auf die Natur jeder Gestalt
angewiesen Es ist so viel Wehmut in ihrer Entstellung Mir erscheint sie oft
wie ein schönes Kind das die Blattern verzerrte Die Augen sind doch wenigstens
geblieben Zuweilen blinkt eine Träne darin und dann spiegelt sich der Himmel
zurück
    Meine gegenwärtige Lage passt auch wohl noch am meisten für mich Ich bin
freier als irgendwo Emma ist das beste Herz Sie lässt mich tun was ich will
Ich danke es ihr und freue mich dass sie eine Unterhaltung in der Gesellschaft
einer artigen Frau der Nachbarschaft gefunden hat ja einer seltenen Frau
Heinrich wie ich glaube Sie ist sehr geistreich und scheint es nicht zu
ahnden Ihr Wesen hat die Farbe der arglosesten Heiterkeit Mir gefällt sie
ungemein Ich kenne nichts Einfacheres als sie Ihr Mann ist eine ziemlich
gewöhnliche Figur nicht ohne Verstand doch auf den ersten Blick hat man das
Zunftmässige an ihm weg Er gehört zu den Leuten deren Meinungen sich den
Verhältnissen so anpassen dass sie bald nicht einen Funken Eigentümlichkeit
mehr haben Zuletzt schrumpfen sie ganz eng zusammen Je trockner sie dann
werden je reifer glaubt man sie Du kennst wohl diese Art Menschen die bis auf
das stumme Lächeln immer ein Urteil aussprechen Ich lasse sie gern bei Seite
Dieser ließ mich aber nicht Wahrscheinlich wollte er sehen ob ich wisse wie
sehr ich ihm verpflichtet Er hat an der Entscheidung meiner Angelegenheit
großen Teil Wir sprachen darüber Ich weiß selten viel zu sagen insbesondere
wenn ein Anderer mich hören will Hier lag mir noch dazu etwas ganz Fremdes im
Sinne Ich suchte mir es deutlich zu machen wie der Mann zu einer solchen Frau
kommen konnte In einem Haare hätte ich laut aufgelacht Man zeichnet keine
ärgeren Karikaturen als die welche Zusammenstellungen aus dem Leben bilden
    Darin liegt der Witz der großen Welt durch den sie sich über sich selbst
lustig macht Wer diese Seite an ihr weg hat der kennt keine Langeweile Ich
fürchte dies Gespenst sonst mehr als die geträumten und sah mit einer Art
heimlichem Grauen auf eine sogenannte allerliebste Partie im Grünen zu der uns
die Gräfin Ulmenstein bei sich einlud Da nun das Grün jetzt schon ziemlich gelb
ist die modernen Gärten mit ihren vielen abgestreiften Pappeln kahl und dürr
aussehen die Gesellschaft mir fremd war unsere Wirtin ohne Jugendreiz den
Mangel an Geist durch viele unruhige Eitelkeit ersetzt welche ihr das Prädikat
die Seele der Gesellschaft erwarb so hegte ich großes Misstrauen gegen den
versprochenen Zauber der Abendversammlung
    Aber siehst Du alles das waren falsche Schlüsse Denn erstlich nahmen sich
die geputzten städtischen Figuren unter dem herbstlichen Blätterdache von
manchem scharfen Windstoß getroffen in ihrer Toilette derangirt und auf diese
achtend so gezwungen so unsicher so sichtlich unbequem aus dass ihre Mühe
sich und Andern hierin zu entgehen allein schon eine komische Unterhaltung bot
Dann belustigte mich auch die Art und Weise der Gräfin ungemein Die Sicherheit
mit der sie das Gewöhnliche für etwas Besonderes ausgibt und wirklich ihren
Zweck erreicht niemals um eine Antwort verlegen ist jede Einwendung
berichtigt Ich sage Dir es ist zum Todtlachen Und Viele lassen sich belehren
obgleich eigentlich kein Sinn und Verstand in allen den angeführten Gründen ist
Wie geht das zu Solche Probleme machen mir sehr viel Spaß Ich bin diesem indes
ziemlich auf der Spur Die Frau rückt gleich mit ganz außerordentlicher
Höflichkeit ins Feld Dadurch stumpft sie von Hause aus die Waffen ihrer
Gegner ab dann wickelt sie die Aufmerksamkeit eines Jeden den sie überzeugen
will mit unglaublicher Behendigkeit auf einen Knäuel in welchem die gemischten
Fäden zusammen laufen Niemand ist im Stande einen einzigen festzuhalten Mit
dem Letzten schürzt sie dann geschwind das Ganze zusammen und wirft den Ball auf
gut Glück in die Luft Man sieht ihn fliegen und lässt es gut sein Sie ist
fertig Die Wenigsten denken daran dass sie es nicht sein können Dadurch
behauptet sie ihren Ruf Selbst der Komtur glaubt einigermaßen an sie Sein
Benehmen drückt eine Berücksichtigung aus die eigentlich nichts rechtfertigen
kann als eben dieser Ruf Überhaupt finde ich die heutigen alten Leute immer
viel leichter bestochen und über die Gegenstände der Anerkennung getäuscht als
unsers Gleichen Dem galanten Manne aus jener Zeit fällt es nicht ein dass eine
Frau von Ton anders als bedeutend sein könne Der Onkel beweist mir übrigens
täglich mehr dass die Abgeschlossenheit in der er so streng verharrt nichts
als ein enger Rock ist der ihn tausendmal kneift und ihn gleichwohl nicht
ablegt weil er einmal der Welt darin bekannt ist Zuweilen knöpft er ihn auf
Dann schlägt sein Herz frei die Worte gehen von selbst über die Lippen er wird
ein anderer Mensch Unsere Nachbarin die schöne Elise gilt viel bei ihm und
er huldigt ganz unverholen dem jugendlichen Reiz ihrer lebendigen geistvollen
Unterhaltung Ich sehe aus allem dem dass wir mit dem Hause des Präsidenten in
ein freundschaftliches Verhältnis treten werden Die wenigen Monate die wir auf
dem Lande noch zuzubringen gedenken mag wie gesagt ganz angenehm für Emma
sein Ich bin wenig dabei interessiert Die hübsche Frau müsste es sonderbar
anfangen wenn sie mich meiner Waldeinsamkeit entrisse Dort geben mir meine
Landstreicher etwas auf zu raten Wenn sie nicht selbst eine besondere Art von
Rätsel ist so würde sie Mühe haben mich zu fesseln Zur Zeit ist mir nichts
an ihr unbegreiflich als ihre Heirat Doch über dies Kapitel kann man bis zum
Wahnsinn grübeln und man kommt damit nicht aufs Reine
    Lebe wohl Solche Gedanken verweht ein rascher scharfer Nachtwind am
besten Ich gehe auf die Jagd Noch einmal Lebe wohl
 
                               Rosalie an Agathe
Warum Du auch gerade in den Paar Tagen die wir in der Stadt zubringen wollen
den fatalen roten Fleck auf die Backe kriegen musstest Er entstellt Dich
eigentlich gar nicht und wer es nicht wüsste hätte es kaum bemerkt Aber Mama
sagte noch unterwegs Eine junge Person könne nicht ängstlich genug sein sich
jeden Augenblick auf das Vorteilhafteste zu zeigen Oft reiche ein einziger
ungünstiger Eindruck hin ihre ganze Zukunft zu untergraben Und darum sei es
recht gut dass Du zurückbleiben und Dich auf dem Lande verstecken könntest
Mama hat in so etwas sehr viel Erfahrung Überhaupt ist sie unglaublich klug
Denke Dir sie hat es richtig dahin gebracht dass ihr gestern der neue englische
Gesandte und seine Frau die erste Visite machen mussten Es war übrigens einmal
wieder so voll in unserem Salon wie mitten im Karnaval Ich hatte das neue
Pariser Linonkleid an und die Haare von Charles arrangirt Du kennst seine
einzige Art Curd sagte ich sähe gerade aus als hätte man mich aus dem
hübschen Wiener Modejournal herausgeschnitten Ich fand dass er Recht hatte
Meine Toilette war äußerst modern und sehr gelungen denn der Lord und die
Lady fixirten mich mehrmals und sagten dann zur Mama ob ich in Paris erzogen
sei Mama lächelte geschmeichelt musste aber die Wahrheit bekennen was ihr
denke ich sehr zur Ehre gereicht da wir doch allein durch sie sind was wir
sind
    Stelle Dir vor der Nachbar der Tante Baron Wildenau ließ sich mit seinem
Sohne melden gerade als die ganze elegante Welt bei uns versammelt war Ich
hatte bald den Tod vor Schreck Erinnerst Du Dich wohl noch den langen dünnen
ungelenken verdrießlichen Leontin der so oft während unsers langweiligen
Aufenthalts bei der guten Tante auf einem abscheulich hässlichen Schimmel
geritten kam einen schiefen Diener machte an der Türe stehen blieb und kein
Wort sagte Mir war die Figur unvergesslich geblieben Es sind vier Jahre her
wir waren beide ziemlich klein aber ich sah uns noch verstohlen hinter der
Gardine so oft die Visite im Anzuge war Nun mache Dir einen Begriff von Mamas
Verlegenheit wie der Name Wildenau genannt ward Sie behielt keine Zeit etwas
zu erwidern die Türen gingen auf Vater und Sohn standen vor uns Es ging
aber Gottlob besser als ich dachte Der Baron sieht am Ende aus wie viele
Leute seines Alters und Leontin hat sich ziemlich ausgebildet seit er von
seinen Reisen zurück ist Mama sagt auch er sei allenfalls zu produciren ob er
gleich außerordentlich zurückhaltend ist auch viel steifes Wesen behalten hat
Ob er sprechen kann weiß ich nicht ich glaube aber damit ist es noch so wie
sonst Im Ganzen nimmt er sich aber ich versichere Dich ganz leidlich aus und
wenn er nur einen ordentlichen Kontretanz in Paris einstudirte so werde ich es
auf dem nächsten Balle nicht ausschlagen mit ihm zu tanzen denn wirst Du es
glauben die Lady beteuerte sie habe den Herrn für einen Engländer gehalten
Ich musste beinahe laut auflachen dachte ich an unsere frühere Bekanntschaft
zurück
    Weißt Du Agathe ich wäre rasend gern eine Lady Es klingt so erstaunt
appart Diese hier ist zwar gar nicht auffallend Ich hätte es ihr nicht
angemerkt dass sie übers Meer kam Ja um aufrichtig zu sein ich würde sie eher
für eine Dame aus der Provinz gehalten haben Sie zieht sich geschmacklos und
doch übertrieben kostbar an sitzt ganz grade und bewegt sich nur selten wenn
sie spricht Es klingt immer als wenn sie blöde und unsicher wäre das schadet
ihr aber alles nicht sie wird doch ausgezeichnet da sie eine Fremde ist Das
tut gar zu viel in der Welt Mein Gott warum kann ich nicht für einen Winter
nur eine Fremde sein
    Der Baron hat Mama gebeten Leontin in der Gesellschaft Zutritt zu
verschaffen Mama warf einen ihrer prüfenden Blicke auf den jungen Menschen als
wenn sie sehen wollte ob es sich der Mühe verlohne Er stand vor ihr ließ den
Vater für sich sprechen setzte nicht eine Sylbe hinzu und wandte sich mit dem
gleichgültigsten Gesicht von der Welt wieder ab als beide aufhörten von der
Sache zu reden Mich betrachtete er ein paarmal ohne indes eine Miene zu
verziehen Curd lachte mich darüber aus ich musste wohl oder übel mit lachen
unser stumme Gast ging eben vorüber Ich hörte wie ihn Curd ziemlich spöttisch
fragte weshalb er nicht die alte Bekanntschaft mit der Tochter des Hauses
erneuere Leontin sah ihn verwundert an indem er kurz und trocken erwiderte
»ich fand noch keine Veranlassung dazu« Findest Du das nicht höchst sonderbar
Mir scheint es unhöflich
    Stelle Dir vor alle Leute sind hier voll von der Schönheit unserer neuen
Nachbarin Man übertreibt wieder einmal auf das Lächerrlichste Mama sagt es
tue ihr leid um die kleine Frau Wenn sie erscheinen werde dann sei es Jeder
schon müde von ihr zu sprechen und sie werde damit enden gar nicht zu
gefallen Hugo hat ganz den Ruf eines interessanten Sonderlings Ich werde von
aller Welt über ihn befragt Es ist wahr er ist der schönste Mann den ich
kenne
    Morgen sind wir auf ein Dejeuner beim russischen Gesandten Der Hof wird
auch da sein Die himmlische Meierei an der Burgwiese ist neu dazu eingerichtet
Ich freue mich unmenschlich darauf Arme Agathe wenn Du doch auch hier wärest
    Ich schicke Dir diesen Boten um Dich zu bitten dass Du mir Deinen
allerliebsten Bastut mit den Veilchen leihen möchtest Tue mir den einzigen
Gefallen liebe Schwester Siehst Du meiner hat auf dem Transport einen Kniff
in der Krempe gekriegt und seit ihn die Nettencourt in die Hände genommen hat
um ihn wieder zurecht zu machen ist er total verdorben Mama schwört dass sie
es absichtlich getan hat aus Ärger über die französische Ware Nicht wahr
Du leihst mir Deinen Ich rechne bestimmt darauf Es wäre auch unglaublich
unfreundlich wenn Du mirs abschlügst Jetzt kannst Du ihn ja doch nicht
gebrauchen Mit dem enormen Fleck auf der Backe würdest Du doch nicht
erscheinen können und Mama gäbe es auch gar nicht zu könnte es um Deinetwillen
nicht zugeben Siehst Du und im Winter ist er aus der Mode dann schenke ich
Dir einen neuen Ich spare schon Geld dazu Vielleicht brauche ich das nicht
einmal zu tun Es kann sich wohl bis dahin Vieles ändern  Weißt Du die Tante
ist sehr krank Baron Wildenau sagte es gestern Wenn sie stirbt sind wir die
reichsten Partien im Lande Dann kriegen wir auch Zobelpelze zu Weihnachten
Das Dümmste wäre nur wenn sich die Krankheit noch lange hinzöge und der Tod
uns die Trauer mitten im Karnaval auflegte Wer will aber so weit vorausdenken
Und nicht wahr Agathe Du schickst mir den Hut
    Adieu liebe Schwester Ich umarme Dich tausendmal
 
                                    Antwort
Du bist unausstehlich mit Deinen ewigen Prätentionen Niemals hast Du was und
doch willst Du immer und ewig mehr als andere Leute vorstellen Den Hut hast Du
Dir ja mutwillig durch das unaufhörliche Aufprobiren verdorben Standest Du
denn nicht den ganzen Morgen vor dem Spiegel und schobst und rücktest daran
und drehtest den Kopf hin und her unter lauter Trillern und Singen dass mir
noch die Ohren davon wehe tun Die Nettencourt sollte ihn heimlich wieder
zurechtmachen Du hast Dich wohl gehütet Mama zu bekennen was eigentlich damit
vorgegangen war und nun muss die arme Person die Schuld auf sich nehmen So
machst Du es immer
    Wenn Du ein gutes Herz hättest so würdest Du wohl daran denken was es mich
kosten muss hier so allein zu sitzen während Du Dich göttlich unterhältst Du
würdest Mitleid mit mir haben und nicht noch eine Gefälligkeit obendrein von
mir fordern Es ist wahrhaftig kein geringes Opfer was ich bringe wenn ich
Deinen Wunsch erfülle Ich tue es aber recht ungern das versichere ich Dich
denn dass ich den Hut niemals wieder werde aufsetzen können davon bin ich
überzeugt Du verdirbst ja gleich alles was Du anfasst Und wiederkaufen kannst
Du mir auch keinen andern Mein Gott Rosalie Dein Taschengeld reicht ja
niemals aus
    Was Du von dem Tode der Tante sagst ist recht sündlich Über dergleichen
muss man niemals leichtsinnig reden Und wer weiß denn auch ob sie so reich ist
    Ein rechter Querstrich wäre es doch bei allem dem wenn mir auch noch die
Wintervergnügungen verdorben würden Wäre dies der Fall ich würde noch mehr
weinen als ich es jetzt schon tue
    Ja gewiss ich schwimme in Tränen während Du Dich mit meinen Sachen
putzest und zu den Festen fährst Morgen bleibe ich gewiss bis Mittag im Bette
Ich will nicht sehen ob es Nacht oder Tag ist
    Mama mag sehr klug sein aber sie ist auch sehr sonderbar Um solche
Kleinigkeit so viel ängstliche Rücksicht Glaube mir mit meiner Figur mit
meinen Augen hätte Niemand auf ein Bischen unruhige Haut gesehen Aber ich weiß
schon   
    Sage mir doch ist noch Niemand in der Stadt angekommen Er wollte doch
schon Ende vorigen Monats dort sein Statt von dem langweiligen Leontin zu
schreiben hättest Du mir etwas Interessanteres mitteilen können
    Verbrenne um Gotteswillen dies Blatt damit es kein Mensch sieht am
wenigsten  Du verstehst mich wohl
    Ich schließe hier der Bote eilt Mein Himmel Du wirst ja doch noch zeitig
genug zu Deinem brillanten Dejeuner fertig werden
    Geh nur geh Du bist nicht halb so gefühlvoll als ich Das ist auch mein
einziger Trost Die Besten müssen immer am meisten leiden Adieu
 
                                Elise an Sophie
Ich schreibe Ihnen mit Bleistift auf einer sehr lustigen Jagdpartie zwei Worte
durch Curd der durch alle erdenkliche Mittel imponiren will in der
Geschwindigkeit eine Reise nach Italien macht und noch diesen Abend dahin
abgeht Er trifft Sie in Florenz und bringt Ihnen mit tausend warmen
zärtlichen Grüssen dies Blatt Mögen Sie lesen können was es enthält Ich
fürchte die Schriftzüge werden ziemlich verwischt zu Ihnen gelangen
    Nun auf gut Glück
    Zuerst was Sie interessiert Ihre jungen Freunde sind hier gefallen beide
sind liebenswürdig und scheinen glücklich Ich bin ihnen von Herzen ergeben
Emma bezwingt mich durch etwas Unwiderstehliches das ich nicht nennen kann Es
ist viel stille geistige Fühlbarkeit in ihr Die dunkeln Augen werden eben so
oft feucht wie der allerliebste Mund lächelt Alles an ihr ist leise
unkörperlich möchte ich sagen
    Der dicht umschlossene ruhig bewegte Waldsee an dem ich hier sitze gibt
mir das beste Bild von ihr So erscheint sie mir
    Dem sonderbaren Hugo fällt das Meiste im Leben von selbst zu Er bemüht sich
nicht darum Er hat es So auch die Aufmerksamkeit die Teilnahme die
Bewunderung der hiesigen Gesellschaft Ich hatte Unrecht getan Absicht bei ihm
vorauszusetzen Was er sagt und tut ist immer unwillkürlich Das
Außerordentliche liegt ihm vielleicht näher als Andern Ich kann nicht eben
finden dass er mich blende Im Gegenteile es ist das Unscheinbare in seiner
Art und Weise wodurch er die Gedanken frei an sich heraustreten und sie in
ihrer Natürlichkeit jedem verwandt empfinden lässt Es liegt hierin eine Magie
das ist wahr Aber der Genius der Natur gibt sie allein Gewöhnliche
Taschenspielerkünste würden es nicht so weit bringen
    Ich gerate zu tief in den Text hinein Das Blatt ist zu Ende Leben Sie
wohl geliebte Ungetreue Sein Sie gewiss Sie fehlen mir gerade jetzt am
meisten
    Apropos Eduard lässt Sie grüßen Auch Georg der allerliebste kleine Junge
Beide trugen es mir schon längst auf Noch einmal leben Sie wohl
 
                             Der Geistliche an Emma
Vor allem meine gnädige Frau empfangen Sie den innigsten Glückwunsch zu Ihrer
Rückkehr in die Heimat Ich weiß Sie gern an dem Ort Ihrer Bestimmung Es ist
mir so gewiss dass Sie dort wo Beruf und Wirksamkeit Ihrer warten auch
Zufriedenheit finden werden dass ich gern noch einen zweiten Brief kommen ließe
ehe ich den ersten beantwortete Gleichwohl scheinen Sie dieser Antwort als
etwas entgegen zu sehen von dem Sie besondere Aufschlüsse über sich und Ihre
Verhältnisse erwarten
    Sie misstrauen Empfindungen bei denen Sie gleichwohl viel zu lange
verweilen wenn Sie Ihnen gefährlich dünken Kurz Sie sind noch von den
Erschütterungen der Reise aufgeregt und wünschen wieder in Ruhe zu kommen
    Liebe gnädige Frau ich war vor einiger Zeit Abends bei einer Augenkranken
Das Zimmer in welchem sie sich befand war so dunkel dass man sich nur mühsam
darin zurecht fand Gleichwohl warf die dichtverhangene Lampe ihren schwachen
Schein auf naheliegende Gegenstände welche bei der leisesten Verrückung scharfe
Lichtstrahlen zurückspiegelten und den Sehenerv schneidend trafen Die Kranke
schrie so oft der Fall eintrat unwillkürlich hell auf besonders übermannte
sie der empfindlichste Schmerz wenn die weisslakirte Türe eines Seitenzimmers
aufging und die Bewegung des hellen Körpers blendend die Nacht umher teilte
Ich litt um so mehr mit der Armen als mein gesundes Auge von dem jähen
durchfahrenden Schimmer afficirt ward Mit der innigsten Teilnahme verließ ich
sie später Ich konnte lange nicht ohne eine gewisse Beklemmung an den Abend
denken Wie groß war deshalb meine Freude als ich nach nicht gar langer Zeit
fast um die nämliche Stunde vor dem Hause vorbeigehe und die Fenster desselben
erleuchtet finde Überrascht bleibe ich stehen betrachte mir die Lage des
Krankenzimmers und kann nicht zweifeln dass ein im Mittelpunkt desselben
angebrachter Kronleuchter seine brennenden Kerzen unverhüllt flammen lasse Ich
eile nun hinauf gewiss das Übel gehoben zu sehen Allein ich fand meine
Erwartung getäuscht Meine arme Freundin saß noch mit dem grünen Augenschirm
unfähig den Blick frei zu bewegen Ihr Zustand war leider ungefähr derselbe
doch mit dem Unterschiede dass sie in einem gleichmässigeren Empfinden des
Schmerzes seiner mehr Herr ward ja in der ruhigen Helle des Gemaches den
wohltuenden Einfluss des Lichts im Allgemeinen genoss ohne den leidenden Teil
dadurch verletzt zu fühlen Ich äußerte ihr meine Verwunderung hierüber
hinzusetzend dass mich eben diese Helle getäuscht habe indem ich sie nicht mit
der Natur ihres Unwohlseins zu vereinigen gewusst hätte
    »Das macht« entgegnete sie »das Licht kommt von oben so ergießt es sich
ohne Abschattung nach allen Seiten ich bin mitten darin wie am Tage unter
freiem Himmel«
    Gnädige Frau Sie empfinden wie ich in diesem Augenblicke empfand Die
Wahrheit ist so einfach dass sie uns auf die einfachste Weise am nächsten liegt
    Lassen Sie das Licht von oben in Ihre Welt hineinfallen Sie werden sich
darin zurechtfinden ohne überall auf Ecken zu stoßen
    Weiter wüsste ich Ihnen für jetzt nichts zu sagen nichts zu raten Alle
Verhältnisse des Lebens sind kraus und bunt Es hilft nicht viel äußerlich
daran zu rücken oder darüber zu klügeln Man muss hindurch Deshalb bewahren Sie
sich Klarheit und Mut Sie haben ich will es glauben mit ungewöhnlichen
Menschen zu tun Lassen Sie sich das nicht irren Bleiben Sie Ihrem Gott und
Ihrem Herzen getreu Auf Ausdauer kommt es zumeist im Leben an Wie viele
ungleiche Wallungen prallen an dem festen Damm unerschütterlicher Gesinnung ab
Der Fels steht wenn die Woge zerrinnt
    Lassen Sie das Licht von oben kommen Sie finden den Pfad durch das
Labyrinth von selbst
    Und so leuchte Ihnen denn die ewige Sonne unverhüllt Das ist das Gebet mit
dem ich Sie einem höheren Schutze empfehle
 
                                 Hugo an Elise
Hier ist das befohlene Buch Ich hätte es Ihnen lieber gebracht als geschickt
Aber Sie wollten mich nicht hören ehe Sie lasen Es ist auch meine Art fremdes
Urteil zu entfernen ehe ich mit dem Gegenstand bekannt werde von dem es sich
handelt Ich bin neugierig wie wir hier zusammentreffen werden Es bleibt doch
morgen bei der Partie nach dem Vogelheerd Heute ist es trauriges Wetter Es
regnet Der Tag ist für mich so gut wie verloren Er fesselt mich unbarmherzig
zu Hause Bedauern Sie mich ein Bischen
    Ganz Ihr untertäniger Hugo
 
                                    Antwort
Der Regen dauert fort Es ist zum verzweifeln Natürlich wird aus dem Frühstücke
im Walde nichts Morgen vielleicht Man sagt das so hin und gibt auf weil man
schon an den Ersatz denkt Was sichert uns diesen
    Ich glaube Ihr Buch hat mich ganz umgestimmt Mir ist etwas davon in der
Seele geblieben das schwer wiegt Fragen Sie mich nicht ob es mir gefällt Das
weiß ich nicht auch ist das eigentlich gar kein Ausdruck für Gefühle und
Zustände des Innern Genug ich habe in einem Zuge fortgelesen bis zu Ende und
bleibe mitten darin Wollen Sie noch ein anderes Urteil Ich kann mich sonst
auf nichts Bestimmteres einlassen Aber so viel ist gewiss die Bücher werden
immer seltener die Einem empfinden lassen dass es noch eine Welt gibt außer
der von heute und gestern Eine andere Frage wäre ob die Welt in die ich mich
hineingelesen habe meine Heimat sein darf oder nicht Ist sie es was fange
ich denn mit dem Aussenleben an
    Ich wollte heute mit Ihnen über das Alles weitläufig sprechen Aber es
regnet  Der Himmel sagt zu Vielem Nein was der Wille anders will Leben Sie
wohl
 
                                 Hugo an Elise
Ich bestreite den letzten Satz Ihres Billets gnädige Frau Der Himmel sagt zu
Wenigem Nein was der Wille recht will Wäre es wirklich Ihre Absicht gewesen
mir mehr mitzuteilen als die flüchtigen Zeilen enthalten Sie hätten die
Sonnenblicke am Mittage zu einer Spatzierfahrt im Walde benutzt Mich waren Sie
gewiss dort zu treffen Auch hatte die Tannenhäuserin Befehl mich sogleich von
Ihrer Ankunft zu benachrichtigen Jetzt ist es zu spät und Sie fürchten morgen
wohl auch die feuchte Luft
    Wäre der Präsident nicht in Geschäften abwesend und ich dreist genug ohne
Emmas Begleitung Ihre Einsamkeit zu unterbrechen Sie würden mich schon frühe
am Tage an Ihrem Gartenpförtchen sehen Allein Sie äußerten einmal Nur unter
Frauen könne zwangloser nachbarlicher Verkehr stattfinden Nun und die meinige
ist am Krankenbette des Onkels gefesselt dem das Podagra viel zu schaffen
macht sonst hätte ich ihre Fürsprache bei Ihnen nachgesucht denn gewiss mich
verlangt mehr über ein Thema zu hören das viele Streitfragen in sich fasst
    Gnädige Frau ich kehre gleich die von Ihnen aufgeworfene um »Was finge ich
mit dem innern Leben an wenn die Welt der Empfindungen nicht meine Heimat
wäre« Sagen Sie selbst hört man nicht auf ein Fremdling zu sein wenn man es
hier ist
 
                                    Antwort
Kommen Sie immer wenn Emma Sie auch leider nicht begleiten kann Ich habe große
Lust mit Ihnen zu streiten
 
                            Emma an den Geistlichen
Sie hatten ganz recht Die Ruhe nach der Reise machte mich krank Wie wünsche
ich mir Glück Niemanden als Ihnen ehrwürdiger Herr meine Schwachheit
anvertraut zu haben Jetzt sehe ich Alles in ganz anderm Lichte Ich weiß nicht
ob dieses von oben kommt Allein es ist überall Tag es ängstigt mich länger
kein trüglicher Schatten ich atme frisch und lebe heiter
    Es war vielleicht ein Glück dass der Oheim seine gewöhnlichen Gichtanfälle
dieses Jahr früher als sonst bekam Wir naheten uns einander dadurch
schneller Seine Bedürftigkeit und mein Wunsch ihn diese weniger empfinden zu
lassen setzten uns über unzählige kleine Zwischenräume hinweg welche der
geordnete Lauf der Dinge erst nach und nach beseitigt
    Mit steigender Freude fühlte ich wie notwendig ihm meine Pflege ward
Hiermit regten sich Kräfte und Wille wie neu beseelt in mir Gottlob es ist so
geblieben Ich bin auf meinem Platz Von da aus sieht es sich klarer bestimmter
auf die Gegenstände hin welche unsere Welt bilden Ich glaube des Oheims Auge
hat auch erst einen Blick für mich gewonnen Er betrachtet mich nicht mehr so
prüfend Wenn er mich ansieht lese ich Vertrauen und wohlwollende Güte in
seiner Miene Es gibt nichts Einfacheres aber auch nichts Friedlicheres als
unser Leben Und wissen Sie wohl wer zumeist den stillen Geist hineingetragen
hat Jene schöne liebe Frau deren erster Anblick auf mich bei weitem nicht den
beschwichtigenden Eindruck machte den sie jetzt nach jeder Zusammenkunft in mir
zurücklässt Von dieser Leichtigkeit des Umganges dieser Seele und Wärme in
jedem Worte können Sie sich keinen Begriff machen Oft überrascht mich ihre Art
und Weise so dass ich sie staunend ansehe ohne zu wissen wie ich das
Unwillkührliche dieses fessellosen Innern mit der steten Berücksichtigung alles
dessen was andere betrifft vereinen soll Sie sieht mich dann wieder an und
die Miene mit der sie fragt »Was ist Ihnen Liebe« hat solchen Zauber
kindlicher Neugier dass jeder Gedanke an Absicht oder Künstelei davor
verschwindet Seit mich des Oheims Kränklichkeit im Schloss fesselt ist sie
täglich wenigstens auf ein paar Stunden hier Sie kommt und geht wie ein
anmutiges Feenkind das durch allerlei Zaubereien die alltägliche Gegenwart
umher verwandelt Immer hat sie etwas zu erzählen Wie unbedeutend das auch sein
mag sie weiß es so eigentümlich vorzutragen dass es nie ohne Interesse bleibt
Der Kranke vergisst Schmerz und Unbequemlichkeit wenn er sie nur sieht
Vorzüglich unterhält es ihn wenn er Hugo mit ihr in Streit verwickeln kann Das
geschieht so oft von der Gesellschaft in Ulmenstein die Rede ist zu deren
Gunsten Elise mancherlei anführt was jener mit Witz und Laune widerspricht Sie
endet häufig damit ihn über sein nichtiges abweisendes Benehmen gegen Fremde
die er weder kennt noch kennen lernen will auszuschelten und ihm Stolz oder
Trägheit vorzuwerfen Der Komtur stimmt hierin mit ein Er reizt und neckt den
Neffen Dieser gibt sich willig her lacht widerspricht ohne sich zu
rechtfertigen erzählt dann schnell ein paar Jagdabenteuer schiebt irgend ein
fremdes anziehendes Bild hinein wodurch er die Teilnahme seiner Gegner anders
lenkt und ihnen entschlüpft Elise bemerkt seine List zu spät Es ärgert sie
doch weiß sie auch dieser Empfindung Grazie zu leihen Sie ist allerliebst wenn
sie zankt Ihr Eifer mit dem es ihr in solchen Augenblicken ganzer Ernst ist
trägt ein eigenes Gepräge von Natur und Wahrheit Ich glaube sie erscheint
vorzüglich deshalb so unendlich liebenswürdig Der Oheim nannte gestern ihren
Unwillen gefährlich Er warnte Hugo ihn zu reizen Ich weiß nicht wie es kam
dass gerade in diesem Moment Hugos Blick dem meinigen begegnete Es lag etwas
Gezwungenes in seinem Lächeln Ich ward unwillkürlich wie mit Blut übergossen
Es war wohl die Erinnerung meiner frühern Schwäche die mich beschämte allein
Hugo Hat er mich schon damals erraten Die unbefangene Elise blieb sich
gleich Sie ist zu großartig um dergleichen heimliche Regungen vorauszusetzen
    Bald darauf nahm sie ohne alle weitere Rücksicht Hugos Arm und hieß ihn
sie zur Strafe dass er sie so lange durch unnütze Worte aufgehalten habe den
Berg hinab zu ihren Wagen führen »Mein armer kleiner Georg« setzte sie fast
erschrocken über die Erinnerung an diesen hinzu »wird gewiss schon recht
ungeduldig über mein Aussenbleiben geworden sein« »Wie« entgegnete ich
überrascht »der Kleine begleitete Sie und Sie ließ ihn die ganze Zeit
draußen in der nasskalten Herbstluft«
    »Ganz so arg« lächelte sie sorglos »habe ich es nicht gemacht Das Kind
ist mir mit samt dem Wagen späterhin gefolgt Ich bin den Fußpfad durch den
Wald gegangen meine Absicht war bloß nach dem Befinden unsers Kranken zu
fragen und dann den Rückweg mit einer Spatzierfahrt zu verbinden Ich habe mich
einmal wieder hier vergessen« fügte sie achselzuckend hinzu »Aber nun auch
keine Minute länger«
    Sie grüßte flüchtig Ehe ich ihr Lebewohl sagen konnte war sie mit Hugo die
Treppe hinunter zum Schloss hinaus Ich trat ans Fenster Es dunkelte schon
Mir schien es gewagt sie und das Kind noch so spät der Gefahr des Umwerfens
auszusetzen Ich sprach das gegen den Oheim aus Er erwiderte nichts Als ich
vom Fenster zurück trat und wieder neben ihm niedersass fand ich ihn den Kopf
in die Hand gelehnt vor sich hinsehend Sein plötzliches Schweigen fiel mir
auf ja es ängstigte mich Litt er körperlich oder war etwas geschehen das ihm
missfiel Mein fragender Blick drückte wohl aus was ich dachte Er richtete den
Kopf in die Höhe doch ohne sich weiter zu erklären sagte er zerstreut und
durch Anderes beschäftigt »Ja ja Sie haben ganz recht es ist zu spät« 
Nachher besann er sich wir redeten über Mancherlei doch unsrer Nachbarin
gedachte er weiter nicht es kam mir sogar vor als vermeide er alles was auf
sie Bezug hatte Weshalb das glaubt er mich unfähig den Wert der seltenen
Frau zu empfinden und hat ihn die flüchtige Äußerung über sie aus meinem
Munde verdrossen  Ich dachte seitdem oft darüber nach Auch würde ich
glauben hierin nicht zu irren machte er es gegen Hugo anders Als dieser nach
mehreren Stunden zurück kam fragte der Oheim weder nach dem was ihn außerhalb
beschäftigte noch wie und wo er seine Dame verlassen habe
    Seine Dame Es ist doch eigentlich seltsam wie die kleinen
Lebensverhältnisse eine Frau augenblicklich in Beziehung zu einem Manne setzen
Dieser kann ihr nicht den Arm bieten ohne sich für ihren Beschützer zu
erklären was immer gegenseitige Verpflichtung bedingt Wie mir dies gerade
hierbei auffällt Ich schäme mich es einzugestehen Allein ich glaube es sind
noch dumpfe Nachklänge des ersten unreinen Tones den Elisens Erscheinen in mir
weckte Ich werde darauf nicht wieder hören Ich verspreche es Ihnen
    Über Eins möchte ich doch Ihre Meinung wissen In einem unserer kleinen
Abendzirkel war von einem Buche die Rede das Hugo sehr lebhaft gegen die
Angriffe unserer Nachbarin in Schutz nahm Diese nannte es hinreißend schön
doch abirrend für die Phantasie welche das Gebiet melancholischer
Schattenbilder vor allem Andern zu meiden habe »Das unbefriedigte Innere«
sagte sie lebhaft »versinkt ohnehin allzu leicht in jene krankhafte
Unbestimmteit die den Besitz des Daseins erschüttert alle schöne Gaben
desselben bleicht und das Herz mit nichtzustillender Wehmut füllt«
    Hugo lächelte indem sich die tiefe Falte auf seiner Stirne finster
zusammenzog »Ist wie Sie es sagen« entgegnete er »dies die unbezwingliche
Neigung der Menschenbrust lockt uns so Vieles und am meisten das eigene Gefühl
in den dunklen Strom unbegriffener Ahndungen hinüber was sperren wir uns gegen
den Andrang der Wogen wenn sie uns einmal bis zum Herzen steigen Was büßen wir
Großes dabei ein wenn nun auch wirklich Alles um uns und in uns in flüchtige
Atome zerflösse Hat das Farbenspiel des Tages die ernsten Schatten der Nacht zu
fürchten dürfen wir es bedauern wenn das Unbeständige erbleicht wer beklagt
den Verlust eingebildeter Güter«
    »Wie« unterbrach ihn Elise »zum trügerischen Gaukelspiel entadeln Sie mir
die frische blühende kräftige Welt in der ich atme und mich wirklich
fühle« 
    »Und dennoch« versetzte Hugo mit neckender Zuversicht indem er das
besprochene Buch vom Tische nehmend es gewichtig auf der flachen Hand ruhen
ließ »Und dennoch geben Sie Ihre Wirklichkeit für solche Träume hin Ich weiß
gewiss« fuhr er lächelnd fort »Sie vergaßen alles Andere während Sie lasen«
    Elise errötete in sichtlicher Verwirrung
    »Von jeher« nahm Hugo das Wort »flüchtete der Mensch mit seinen Gefühlen
in eine andere Heimat als die ihm angewiesene Da war er Herr und Schöpfer
einer unermesslichen Welt In ihr hatte und besaß er was die vergängliche ihm
versagte Aus höherer Naturmystik nannten die Alten die Nacht Mutter der Dinge
Erst wenn sie die Königin im geheimnisvollen Dunkel heraufzieht am Saume
ihres Mantels duftige Träume spielen und Schlaf und Tod aus den schwarzen
Falten hervor treten erst dann gestaltet sich ein Dasein das uns gehört
dessen Herrscher der träumende Gedanke ist« Er sagte das Letzte mit seltsam
erschütternder Melancholie in Ton und Miene Im Sessel zurückgelehnt die Arme
über einander geschlagen wandte er nur das Auge zu seiner Nachbarin die ihn
überrascht wie es schien ungewiss betrachtete
    »Man wirft so oft den Christen vor« unterbrach ich die augenblickliche
Stille »dass sie sich den Genuss des Lebens verkümmern die Schöpfung durch
trübe Betrachtungen über den Wechsel der Dinge ihres Reizes entkleiden ja das
Gemüt durch Abtödtung in unerfreuliches Entsagen zwingen doch so unbarmherzig
in das schwankende Grau der Nacht verweisen sie die geängstete Seele nicht wie
jene Heiden deren Du erwähnst Hugo Sage doch welche andere als traurige
unbestimmte Bilder können der Phantasie in solchen Nebeldünsten entsteigen«
    »Mein liebes Kind« entgegnete er etwas trocken »es ist hier nicht von
Glaubenssätzen verschiedener Religionsansichten die Rede sondern von allgemein
menschlichen Naturzuständen die sich in ihren Bedingungen wie in ihren
Anforderungen von jeher auf ein Haar glichen Immer wollte das Herz was es
nicht hat immer suchte es sich im Unermesslichen zu genügen Die Formen in
welche das mannichfach abgeschattete Streben sich wechselnd kleidete tun zur
Sache wenig«
    »Ich meine doch« entgegnete ich »der Christ denkt nicht allein er fühlt
auch anders wie der Heide« Hugo schwieg Des Oheims Blicke ruhten auf Elisen
Sie schien in sich das Gehörte zu erwägen
    »Wir sollten« hub jener nach einer Pause an »den wüsten Sturm einer
Gigantenbrust nicht zum Maassstabe unsrer Empfindungen machen wollen Dort ist
der Drang des Schrankenlosen in die ringende Verwirrung des Lebens gegeben Der
Fluss sucht erst sein Bett Das Gefühl hat keine Worte Große Natursymbole werden
ihr unwillkührlicher Ausdruck Für uns sind das verbrauchte Spielereien Wir
gefallen uns darin weil es so tönend klingt und über die Ungenügsamkeit
verwöhnter Herzen täuscht Wir schwärmen aus Schwäche und träumen aus Trägheit
Schwermut ist der trübe Schatten entflohener Lebenskraft«
    An Hugos Lippen zuckte ein zweideutiges Lächeln Er öffnete sie als wolle
er etwas sagen doch unterließ er es
    »Deshalb« fuhr der Oheim fort »stimme ich dem Urteil unserer Freundin
bei welches Schriften die dem kranken Zuge der Seele Vorschub leihen abirrend
nennt«
    »Und somit« entgegnete Hugo bedacht und leise »somit wären alle Fäden
zerschnitten durch die unser Sein mit höherer Ahndung zusammen hängt und diese
selbst zum schwerfälligen Phantom dickblütiger Fieberphantasie herabgesunken
Lieber Onkel« fuhr er näher sich zu ihm wendend die Hand freundlich auf
seinen Arm gelegt fort »Sie fühlen es anders Sie haben die Einsamkeit lieb
Sie kennen die Stunden wohl wo der Blick nichts sieht nichts sucht wie in
einem Abgrund versinkt die Brust immer voller wird der Wunsch stockt die
Sehnsucht das All umfasst unbezwingliche Traurigkeit uns fest umklammert wir
uns fühlen und nicht fühlen dann plötzlich reißt der Geist sich aus den Banden
los wir glühen eine nur eine Tat zu tun die das heiße Streben stille
Nein O nein Melancholie ist nicht die Ausgeburt schlaffer Trägheit sie ist
die trauernde Gefährtin des Menschen der ein stets erneuerter Prometeus sich
und seine Schöpferkraft in Ketten geschlagen fühlt«
    Des Komturs Schmerzen kehrten hier heftiger wieder Er hielt zuckend die
Hand gegen den leidenden Fuß indem er mit Anstrengung sagte »Ich verstehe
wohl wie Du es meinst allein auch Prometeus war aus seiner Bahn gewichen und
wenn auch göttlicher Wahnsinn so ist Wahnsinn immer Krankheit Übrigens
täuschen wir uns gern mit prometeischer Schöpferkraft wenn uns das Nächste zu
schlecht dünkt oder zu mühsam es anzufassen«
    »Ja wohl« rief Elise indem sie mit komischem Eifer von ihrem Stuhle
aufsprang und an des Komturs Lager eilte »Während wir hier um des Kaisers Bart
streiten versäumen wir Ihnen die Kissen zurecht zu legen Es ist da etwas das
Sie drückt Wir hätten es gewiss längst bemerkt wären wir nicht so unverzeihlich
mit uns selbst beschäftigt gewesen«
    »Da haben Sie die Moral von der Fabel« sagte sie gegen Hugo gewendet »Das
gesunde Auge wird blind wenn man durch Künstliche sieht«
    Der Oheim küsste ihr die Hand die sich auf leichte und gefällige Weise um
ihn zu tun machte Schafte sie ihm wirklich Erleichterung oder war der
unbequeme Anfall rasch vorüber gegangen Genug er fand seine frohe Stimmung
sogleich wieder er scherzte lachte Hugo aus während er dessen Gegnerin in
der klugen Nutzanwendung des Streites lobte Diesen hatte man fallen lassen Es
blieb soviel mir klar ward Alles unentschieden Auch bei mir Deshalb wünschte
ich Ihre Ansicht darüber zu hören Elise war sie mochte sich dagegen immer
sträuben nicht sowohl durch die Süßigkeit ahndungsvoller Wehmut in sich
zurückgezogen als sie vielmehr Hugos düstere Begeisterung überraschte Sie
fand sich in einer unheimlichen und doch fesselnden Region Der Oheim hat immer
viel Kraft und Selbstüberwindung von sich und Andern gefordert Hierin setzt er
den ganzen Wert des Mannes In Opfern aller Art zeichnete er sich aus Ja man
erzählt er warf alle Lebensansprüche hin zerriss eine Verbindung die im
Begriff vollzogen zu werden seinem Herzen das schönste Glück verhieß weihete
sich stillem Entsagen suchte und fand Trost in der Tätigkeit für Andre Dem
Fehlgriffe seines Bruders hatte er die ganze Strenge gesetzlicher Vollkraft
entgegen gestellt sich selbst dafür zu strafen das Missverhältnis
auszugleichen ward er Geistlicher In diesem Bewusstsein betrachtet er das
Leben wie ein Feld streitender Kräfte auf dem Niemand müde werden darf Am
wenigsten kann er das Vonsichdrängen des Kampfes das Flüchten in die Labyrinthe
müßiger Betrachtungen dulden Er will immer Gewappnete um sich sehen
überzeugt dass jeder Augenblick eine Tat mit sich heraufträgt Genuss kennt er
nicht in sofern dieser Rast und Ruhe bedingt Sehen Sie ehrwürdiger Herr so
gesinnt dünken ihm Hugos Äußerungen lauter Misstöne Ich finde gleichwohl
Harmonie darin Geht doch alles in einen Grundton seiner Seele über diese füllt
heißer ungestillter Durst nach dem was die Welt nicht hat Oft denke ich mir
Gott habe den geliebten Mann durch seine ganze Natur zum Priesterstande
bestimmt Er würde sich in den heiligen Abgrund des Geheimnisses versenkt aus
dem verborgenen Quell geschöpft haben Und doch finden wir nicht auch unter den
Gläubigen dunkle Seher Ist der tiefe Blick nicht oft der trübe Bleibt die
Sonne darum weniger sie selbst weil sie hinter dunkeln Wolken weilt Und eben
so ist Finsternis darum wirklich Finsternis weil wir das Licht nicht sehen
Ich kann mir in einem Menschen alles anders denken als er nach Außen erscheint
Hugo ist mir in manchen Augenblicken so verständlich ich traure nur mit ihm
Ein Glück dass die heitre Elise so viel duftige Farben über das Leben zu
verbreiten weiß ihre Nähe ist uns Allen gewiss recht wohltätig
    Irre ich in meiner Ansicht geehrter Freund so lassen Sie mich recht bald
in Ihrer gütigen Antwort den Irrtum einsehen
 
                                Elise an Sophie
Mit Befremden werden Sie an dem Ortszeichen dieses Briefes meinen verlängerten
Aufenthalt auf dem Lande sehen Die vorgerückte Jahreszeit fand mich niemals
hier Es wäre auch jetzt nicht der Fall hielt eine unvorhergesehene
Geschäftsreise Eduard nicht von uns entfernt wodurch ich Freiheit gewinne über
mein Gehen und Bleiben zu bestimmen Sie wissen liebste Sophie ich reiße mich
immer schwer von dem Orte los wo ich eben bin Im Frühling möchte ich die
Stadt im Herbst den lieben wohnlichen Gartensaal mit seinem Kamine die Blumen
und Fruchtkörbe nicht verlassen Ich kann Ihnen sagen mir ist recht innerlich
wohl so hier zu sitzen als brauche ich gar nicht aufzustehen weder von
Einpacken noch Fortschicken der Wagen noch von Reisen sprechen zu hören und
Stunden und Tage gehen zu lassen ohne der Zukunft zu gedenken Dazu nehmen Sie
noch dass ich im mindesten nichts an fröhlicher Gesellschaft einbüsse Meine
Nachbarn folgen meinem Beispiel Die Eine aus Notwendigkeit die Andere aus
Grille Auf der Burg hält das Podagra den Komtur die Pflicht ihn zu pflegen
die jungen Leute zurück in Ulmenstein erinnerte sich die Gräfin dass man in
England immer erst spät nach der Stadt zurückkehrt zudem ist es pikant sich
erwarten zu lassen Diesen Triumph vorzubereiten bietet sie jedes Mittel auf
dem Rufe ihres Hauses noch an Glanz und erhöheter Fröhlichkeit das
Wünschenswerteste hinzuzusetzen Man jagt in ihrem Park spielt Komödie stellt
lebende Bilder dar sitzt in großen Kreisen und am gastlichen Kamin und erzählt
schauerliche Geistergeschichten bis in die Nacht hinein Von fern und nahe
strömen müßige neugierige oft lebensfrohe Genossen herzu Es ist ich
versichere Sie ein sonderbares konfuses Treiben dort das eben in seiner
Anarchie etwas Berauschendes hat und dem ich mich zu Zeiten gern überlasse
Einen seltsamern Kontrast gibt es nicht als wenn nun Einzelne des ewigen
Wirrwarrs müde nach der ernsten Burg oder mit dessen Bewohnern hierher zu mir
flüchten wir zu zweien oder vieren in einem kleinen geschlossenen Kabinet
sitzen die Welt drüben ganz vergessen nichts wollen als stilles Genügen im
Beisammensein ruhigen Gesprächs warme beseelende Mitteilung Und wie sich
die Brust dann plötzlich erweitert ein rascher Blitz das Gemüt trifft und
schnell ein Funke den andern fasst bis alles hell und durchsichtig um uns ist 
O Liebe  Oft noch spät nach einem durchschwärmten Tage kommen wir Abends so
zusammen Dann ist es als haben die wechselnden Berührungen von Außen die
Saiten in uns nur angeschlagen damit ein lang verhaltenes geheimnisvolles Echo
die Töne schwer aber tief zurückgebe und so das Missgestimmte in Akkorden
zusammenfliesse
    Vor Kurzem wohnten wir zu Ulmenstein einer Vorstellung des schwarzen Mannes
von  bei Eines von jenen Teaterstücken die am häufigsten auf PrivatBühnen
gegeben werden und viel zu schwer für die augenblickliche Belustigung sind Der
junge Leontin Sohn des Baron Wildenau machte die Rolle des spleenkranken
Engländers Agathe hatte man zu seiner Gattin erwählt Sie spielte maniirt war
mehr mit ihrer kleinen Person als mit dem Charakter derjenigen beschäftigt die
sie vorstellen sollte kurz sie war was die meisten Püppchen die man so
figuriren lässt zu sein pflegen Dies stach auffallend und nicht zum Nachteile
Leontins gegen dessen düsteres Spiel ab Es lag erschütternde Wahrheit darin
und wenn er auch wie nicht zu leugnen den Ort den Zweck ja vielleicht den
Gedanken des kleinen Drama ein wenig aus der Acht ließ so weckte er auch dafür
Empfindungen die weit über den flüchtigen Zeitvertreib hinausgingen Ich sah
mir den Mann zum erstenmale genauer an Er hatte sich uns früher mit nachlässiger
Hingebung angeschlossen doch meist nur den stummen Zuhörer bei unserer
Unterhaltung abgegeben Sein Wesen deutet auf Leerheit oder Zurückgezogenheit
Ich schwankte in meinem Urteile doch war ich geneigt von Beiden etwas
anzunehmen Jetzt auf den Brettern schien er plötzlich den Ausdruck seines
verhüllten Selbsts gefunden zu haben Ich ward aufmerksam auf ihn Den folgenden
Abend trafen wir auf der Burg zusammen Er hatte seinen schwarzen Rock nicht
mehr an Der hellfarbige Frack nach englischer Sitte mit weit über die
Handknöchel hervorgezogenem Hemde die künstlich gelegte steife Cravatte das
bauschige Jabot erinnerten an viele unserer maniirten Anglomen und rief mir es
zurück dass man ihn allgemein in diese Kategorie setze Ich hasse ein für
allemal jede Kopie Er musste indes die fremde Manier gut aufgefasst haben wenn
in seinem Spiel nicht eigentümlicher Charakter lag Ich brachte das Gespräch
darauf Hugo persiflirte das Stück Wir sind selten einer Meinung Ich wollte
doch tiefere Anklänge darin finden Leontin sagte wie gewöhnlich nichts Als nun
aber mein ewiger Widersacher mit vieler Laune einwarf dieser Engländer sei wie
die meisten Figuren der Art auf unserer Bühne eine Puppe nach toten Formen
gebildet mit abgerissenen Lappen schlecht abstrahirten Raisonnements
ausgestopft ein Ding das sein Pensum hersage und zuletzt durch eine
unmodivirte Katastrophe zu einem stillen guten Manne aus der bürgerlichen Welt
gemacht werde da wandte ich mich ärgerlich gegen Leontin und rief ihn auf ein
Geschöpf der Phantasie zu verteidigen in das er sich so vollkommen hinein
gedacht das er verwirklicht habe
    Er blickte ein wenig finster auf indem er ruhig erwiderte »Nun mein
Gott der schwarze Mann ist ein Sceptiker der eine Seele hat ohne sie zu
fühlen und plötzlich eine andere findet durch die er zu sich selber kommt«
    Es war augenscheinlich Hugo überraschte die Antwort Er sah mich lächelnd
an War es nun um Recht zu behalten oder wollte er Leontin leise verspotten
er fragte ob er dem Schreckschuss zu guterletzt die Gewalt zutraue eine auf
Grundsätzen basirte Sinnesart so mit einemmale wie Spreu zu zerstäuben Er
seiner Seits wittre hinter dem Knall und Dampf ein Leichenfeld aller Gefühle
und den wahren Tod den man zum Scheintod habe machen wollen
    Leontin entgegnete mit mehr jugendlicher Wärme als ich ihm zugetraut hätte
»Das Leben eines Menschen ist am Ende kein Pappenstiel um es bei einem
geliebten Wesen aufs Spiel gesetzt zu sehen kann wohl erschüttern und auf
Gedanken bringen die man früher nicht hatte«
    Er erzählte hierauf nach einer kleinen Pause wie er im nördlichen England
einem Manne begegnet sei welcher durch völlige Entäusserung alles
selbstbestimmten Handelns den Anstrich des Wahnsinnes bekommen habe ob er
gleich in jeder andern Beziehung einen klaren folgerechten Geist bewährte
»Dieser Sonderling« fuhr der Baron fort »kam und ging wie Jemand der ohne
Zweck des Daseins lebt Er verlangte weder Speise Trank noch Ruhestätte genoss
indes was man ihm bot ohne Widerstand wie ohne Verlangen Im Mittelstande
geboren hatte er sich früher als Rechtsgelehrter sehr ausgezeichnet doch irrte
er schon lange geschäftslos umher Die welke Hingebung seines Wesens der
nachlässige Anzug das Willenlose bis in die geringste Lebensanforderungen
bildete einen rätselhaften Kontrast mit dem großen feurigen Auge einer
blühenden Gesichtsfarbe und raschen oft launigen Ergüssen des Witzes Man war
verlegen ob man den Mann für krank oder absichtlich maniirt halten sollte
Allein weder von dem Einen noch dem Andern ließ sich eine Spur entdecken
    Ich ward« setzte der Baron seine Erzählung fort »durch diese originelle
Erscheinung an der Wirtstafel eines kleinen Städtchens lebhaft angezogen
Täglich sah man hier den Gegenstand so mancher unstattaften Vermutungen in
Gesellschaft eines ihm auf Leib und Leben ergebenen Freundes wiederkehren
Denn Letzterm schien daran gelegen seinen Schützling allmählig in mannigfachen
Beziehungen einzuspinnen woraus er ein Gewebe unbestimmter Anregungen in
Gedanken entstehen und den trüben Wahn des Gemütskranken schwinden sah Er ließ
dies mehr durch sein Benehmen als durch unmittelbare Äußerungen abnehmen Er
vermied im Gegenteil alles fremde Zudringen Man hörte ihn immer nur
ausweichend über den Freund reden Was er indes auch hoffte und wie er die
Erfüllung vorbereitete es sollte anders kommen
    Eines Tages als die Tischgenossen länger wie gewöhnlich beisammen blieben
viel erzählt und viel getrunken ward ohne gerade sonderlich auf ein starkes
Gewitter zu achten das über den Ort hinzog fuhr plötzlich der Blitz nieder
und zündete in seinem unzuberechnenden Laufe an zwei Stellen des leicht aus
Fachwerk erbauten Hauses Dampf und Geschrei das Brausen der Flamme so wie die
Furcht vor ihrer Annäherung jagten die Sorglosen von ihren Plätzen auf Es
stürzten alle durch einander hin Man ergriff fasste was zu retten stand
mindestens sich selbst da bald jeder Einzelne hier bedroht war Den Advokaten
hatte man im ersten Wirrwarr gleich vermisst Sein Freund glaubte jedoch ihn an
seiner Seite zum Hause hinausgehend gesehen zu haben Er rief ihn deshalb mit
lauter Stimme da jener aber keine Antwort gab wandte sich der Erschrockene
wiederum nach der Brandstätte Hier prallte er vor der Glut des
zusammenstürzenden Gebäudes zurück Das ganze Haus lag in schwarze Rauchwirbel
verhüllt zwischen denen Funken und Flammen in wilder Wut prasselten Ein
kürzlich vollendeter Anbau von massivem Mauerwerk in welchem sich das Esszimmer
befand war freilich durch davorstehende Bäume geschützt und bis jetzt ziemlich
außer Gefahr geblieben Allein den Weg von Innen dahin zu betreten lag außer
dem Bereich denkbarer Möglichkeit denn ward auch allenfalls durch den Garten
der schmale Hof erreicht in welchen die Fenster des neuen Flügels hinausgingen
so durchdrang die innere wachsende Hitze doch den engen Raum schon in solchem
Maße dass der Vorrat aufgestapelten Brennholzes welcher sich hier befand
durch ein inneres Knistern und Dampfen das nahe Losbrechen der Flamme nur allzu
furchtbar verkündete weshalb sich denn auch Niemand mehr mit Löschgerät
hierher wagte aus Furcht in dem Dunste zu ersticken Alles dieses hielt indes
den treuen Freund nicht zurück Mit einer niederen Gartenleiter versehen drang
er glücklich bis zu der Fensterbrüstung des Gemaches in welchem er den
Vermissten zu finden hoffte Die Mauer glühete wie eine Feueresse alle Scheiben
waren bereits gesprungen Der heldenmütige Mann glaubte mitten in Flammen zu
stehen Dem ungeachtet gelang es ihm jedem Hindernisse zu trotzen Er war jetzt
mitten im Saale Seiner kaum noch bewusst fiel gleichwohl sein erster Blick auf
den ruhig dasitzenden Advokaten der ihn verwundert anstarrte
    Um Gottes Willen rief der Eintretende was machst Du hier Geschwind
besinne Dich nicht lange Folge mir sonst sind wir beide verloren
    Der Andere winkte abwehrend mit der Hand Geh bat er ohne sich von der
Stelle zu rühren geh ehe es zu spät wird Mich lass hier setzte er hinzu Ich
entfliehe dem Verderben nicht glaube mir am wenigsten wenn ich dabei tätig
sein wollte
    Torheiten« versetzte jener ist es jetzt Zeit albernen Grillen Raum zu
geben
    Mit diesen Worten umschlang er den willenlosen Träumer riss ihn vom Stuhle
auf schleppte ihn zum Fenster und ohne die kreisenden Funkenwirbel zu achten
die jetzt den Hof erfüllten ohne die prasselnden Holzhaufen zu fürchten
bestieg er die Leiter den Advokaten auf dem Rücken tragend Doch kaum hatte er
die ersten Sprossen betreten so fühlte er sich unter seiner Last erliegen er
schwankte die Glut um ihn her raubte ihm die Besinnung er widerstand einem
jähen Schwindel nicht der ihn und den unglücklichen Freund mit einem
fürchterlichen Fall zu Boden stürzte Der Advokat fiel auf seinen Retter Einen
Augenblick harrte jener was nun geschehen würde Da aber der Andere kein
Zeichen des Lebens gab so durchzuckte die entsetzliche Ahndung der Wahrheit den
Kranken Er sprang empor umfasste und trug seinen Wohltäter durch den Garten
über die Straße zu seinem Hause hinein rief Ärzte herbei ordnete mit kluger
Besonnenheit jedes erdenkliche Rettungsmittel an nichts lähmte seinen Eifer
selbst der niederschlagende Ausspruch des Arztes nicht der alle angewandte Mühe
für vergeblich erklärte Noch einmal schlug der treueste der Freunde die Augen
auf ein kurzer Kampf vollendete das Opfer seines Lebens
    Jedweder zitterte nun für das Geschick des Zurückbleibenden Laut weinend
stand dieser am Grabe des Einzigen der ihn so geliebt Als die herabrollende
Erde jetzt die Gruft füllte ein kleiner Hügel die Stelle bezeichnete seufzte
der Advokat tief sein dunkles Auge lag fest am Boden Träumerisch sagte er nach
einer Weile »So oder so Es ist alles Eins Man muss was man soll O« rief er
plötzlich mit dem Ausdruck des bittersten Schmerzes »Sei ruhig lieber Freund
da unten in Deinem Bette ich will ja ich will arbeiten hier auf Erden
vielleicht erliege ich wie Du Unvergesslicher«
    Er hielt in so weit was er versprochen dass man ihn von jetzt seinen
früheren Beruf mit Eifer erfüllen sah Noch in den ersten Tagen heftiger
Erschütterung teilte er mehreren neugewonnenen Bekannten den Grund seiner
frühern Seltsamkeit mit Schon als Kind hörte er seine Wärterin sagen »Was der
anrührt zerbricht« Sie hatte recht deshalb schmerzte es ihn Er ward
ängstlich Spielte er mit den Geschwistern so traf er wohl Diesen unglücklich
mit dem Balle ins Auge oder stieß im Laufen einen Andern dass er fiel und sich
verletzte Bald verlor er die Lust am Spiel Zurückgezogen und einsam lernte er
aus Langweile mehr als die Gefährten Weniger zerstreut als sie vergaß er
selten das Erlernte
    Das blieb nicht unbemerkt allein es diente nur seine Mitschüler zu
beschämen Eifrige und lebhafte Lehrer taten das oft schonungslos Der Träumer
den Niemand leiden mochte ward vollends verhasst So fühlte er nur Qualen in
dem was Andere erfreut hätte
    Als er die Universität von Kambridge bezog war er mit den glänzendsten
Zeugnissen ausgerüstet Er wagte nur schüchtern davon Gebrauch zu machen Die
Art seines Benehmens dabei teilte sogleich die Meinung über ihn Er stellte
sich und stand unbestimmt Spott über den linkischen Neuling konnte nicht
ausbleiben Er ertrug das so lange es zu ertragen war Dann folgten ernste
Händel Er focht sie glänzend aus allein auf Kosten eines bildschönen
Jünglings den er durch einen Hieb übers Gesicht für die Zeit seines Lebens
entstellte Jetzt war es vollends um seinen Ruf getan Man beschuldigte ihn
den Streich absichtlich so geführt zu haben Dies verwundete seine Seele mehr
als Alles Vorhergehende Er verließ Kambridge
    Gleichwohl konnte es bei seinen Kenntnissen nicht fehlen dass er schnell in
seiner Bahn vorrückte und in Amt und Wirksamkeit trat Von der übrigen Welt
zurückgezogen weihete er sich nun ganz seinem Berufe In Kurzem hörte man
seinen Namen bei Lösung verwickelter Rechtshändel mit Achtung nennen Vorzüglich
gewann ihm die Entscheidung eines vieljährigen Prozesses allgemeine
Aufmerksamkeit Allein eben der Ausgang desselben füllte seine Brust mit
Kummer denn indem er dem lang bestrittenen Rechte alle Gültigkeit verschafte
und es siegreich aus dem Labyrinth unzähliger Irrungen hervor hob führte er nur
den Sturz einer angesehenen Familie ja den Selbstmord ihres gesunkenen
Oberhauptes herbei Der Advokat schauderte vor dem Anteil den sein unseliges
Mitwirken in der Sache hatte und als ein Jahr später eine jugendliche
Verbrecherin durch ihn zum Bekenntnis ihrer Schuld gebracht der gerichtlichen
Strafe überliefert ward traten die prophetischen Worte der alten Wärterin »Was
der anfasst zerbricht« wieder in seine Erinnerung
    Er beschloss dem feindlichen Geschick ein Ziel zu setzen So ward er ein
müßiger Grübler zuletzt ein Automat aus Grundsatz Er glaubte abwenden zu
können was überwunden sein will«
    Leontin schwieg Hugo war indes leise mit gesenktem Haupte im Zimmer auf und
abgegangen ohne uns in seinen Mienen den Anteil lesen zu lassen den ihm diese
sonderbare Erzählung einflößte Jetzt stand er still sah auf indem er Leontin
fragte »Und hat er es überwunden«
    »Ich denke ja« war die Antwort Hugo schüttelte den Kopf »Ich fürchte Nein
« entgegnete er »Rufen Sie sich nur zurück was ihm unbewusst am Grabe des
Freundes über die Lippen flog das war die innere Anschauung seiner Bestimmung
Wem die einmal klar ward der ist nicht mehr zu täuschen Der Mann wusste auf ein
Haar was er zu erwarten hatte verlassen Sie sich darauf So oder so Es ist
alles Eins «
    Emma heftete einen sonderbar fragenden Blick auf ihn
    Liebste Sophie vergeben Sie mir meine Offenheit allein diese Frau sieht
zuweilen so verwundert und fremd in Dinge hinein als wäre gar kein Schlüssel in
ihr zu den Rätseln eines großartigen Charakters Ich weiß nicht ob Hugo
dieselbe Empfindung hatte allein er mied jetzt ihr Auge das ihn nicht verließ
Anders war es mit Leontin Dieser saß mit untergeschlagenen Armen der schönen
Frau gegenüber ohne Teilnahme für das was fernerhin gesprochen wurde ganz
versunken in Gedanken welche eine innere Verwandtschaft mit dem haben musste
was Emmas Seele beschäftigte denn ob er gleich nur flüchtig und wie unter
melancholischen Wolken aufsah so verriet doch sein Gesicht was in ihm
vorging Es ist nicht zum erstenmale dass ich diese fliegende Schatten von ihm
zu ihr hinübergleiten sehe Ich weiß nicht weshalb mich das so erschüttert
Auch jetzt Allerlei Gedanken schwirrten mir zugleich durch den Sinn In einer
Art Verlegenheit in die ich wohl gerate wenn das Gespräch plötzlich stockt
trat ich zum Klavier Erst schlug ich auf gut Glück einzelne Töne an dann
spielte ich die Melodie von Götes Fischerliede Hugo setzte sich zu mir Er
hat eine volle schöne Stimme ich höre ihn gern und ließ mir seine Begleitung
gefallen In den Worten
»Sie sprach zu ihm sie sang zu ihm
Da wars um ihn geschehn
Halb zog sie ihn halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn«
lag seine ganze Seele Ich sah eben bei der letzten Strophe zu ihm auf Er war
ungewöhnlich bewegt Mir ward auf einmal klar wie er dürste sich mit einer
unbekannten Gewalt zu messen wie geisterhaft ihn diese locken und was er tun
und leiden könne um sich nur selbst in dem erhöheten Gefühl zu entgehen
    Sophie mich dauert jeder dem man Fesseln anlegt Dieser vor vielen
Andern war es wert frei zu bleiben
    
    Ich schüttelte unwillkürlich den Kopf als das Lied geendet war Er bog
sich näher zu mir indem er leise fragte Ob ich ihn auch missverstehe wie die
Meisten auf deren Gesichter er nichts als tadelnde Verwunderung lese
    »Was kümmert Sie die Meinung Anderer« entgegnete ich rasch »Sie achten
Niemand genug um viel auf ein Urteil zu hören«
    »Sie tun mir wehe« entgegnete er verletzt »Ich bin nicht starr und
dünkelhaft glauben Sie mir Wie ich mich zu den Menschen stelle so stehen
gemeinhin alle ohne es zu wissen Ihr eigentliches Selbst bleibt ein
unentüllbares Geheimnis Der Schleier zerreißt nur durch den zündenden Blitz
zusammenfallender Gefühle Der Blitz«    er hielt inne Ich mochte nicht
weiter in ihn dringen Sein Herz lag ihm schon auf der Zunge Solch ein
Vertrauen das geahndete Missverhältnisse zwischen zwei gleich lieben Menschen
ausspricht ist um so peinlicher wenn wie hier der Druck gerade von der Seite
am stärksten empfunden wird wo mit der größten Kraft auch die Fähigkeit liegt
ihn abzuschütteln In solchen Fällen ist das Wort schon halbe Tat und wenn
diese auch nicht ausbleiben wird so mag ich auf keine Weise Teil daran haben
    Ich war aufgestanden ich wollte fort mir war es entgangen dass Sturm und
Regenwetter die Nacht undurchdringlich machten Ich musste endlich darein
willigen den morgenden Tag auf der Burg abzuwarten Leontin ließ sich indes
nicht zurückhalten Er bestieg trotz des wilden Aufruhrs der Elemente sein
Pferd Wir Alle traten ans Fenster und baten ihn umzukehren Er entgegnete
wenig grüßte und ritt seines Weges Wie er sich so unter dem heftigen Regen
der zwischen den Bäumen herabfiel allmählig in den schwarzen Hintergrund der
Bergwände verlor ließ er mir ein undeutliches unbequemes Gefühl zurück Mir
ward beklommen wie bei einem angekündigten Geheimnis dessen Bedeutung man noch
nicht kennt Ich weiß nicht wie dieser eintönige Mensch so schwere und tiefe
Klänge in der Seele anschlagen kann Alles dies irrt und quält mich in seiner
Nähe und doch möchte ich ihn in unserm Kreise nicht missen
    Den andern Morgen schien die Sonne hell in mein Zimmer Alle träumerischen
Grillen waren wie verflogen Ich lachte mich aus eilte in das Frühstückzimmer
und wollte nun alles Ernstes machen dass ich nach Hause käme Es war indes hier
leer Ich suchte Emma Man wies mich nach dem Tiergarten Ich sah sie schon von
ferne zwischen den entlaubten Bäumen in einen grauen Mantel gehüllt einsam
stehen Gemächlich kamen jetzt zahme Hirsche und Rehe aus dem Dickicht auf sie
zu Sie naheten ihr und standen nun scheu und erwartend da bis sie die Hand
nach einem Gefäß ausstreckte was eben ein Jägerknabe brachte Jetzt drängte das
Wild sich in dichten Rudeln um sie her Sie streute ihnen Futter in kleine zu
dem Ende angebrachte Krippen Der Knabe ging da sein Geschäft abgetan war
Emma blieb an den dunklen Stamm einer Eiche gelehnt allein zurück Sie hatte
noch ihre Lust an den Tieren Doch lag etwas in ihrer Stellung in dem
winterlich verödeten Hain ja in dem Gedanken dass sie hierher ihre Liebe
tragen müsse was mich unbeschreiblich rührte Mir fiel allerlei Trauriges alte
Märchen das Gedicht der Genovefa ein ich flog auf sie zu ich schloss sie in
die Arme mir traten Tränen in die Augen sie verstand meine Rührung nicht ihr
Wesen ist ruhig doch gefühlvoll so drückte sie mir die Hand und ohne mich um
das zu befragen was ihr auffallen musste begleitete sie mich nach dem Schloss
Mit uns zugleich nahete sich Hugo diesem Er kam von der Jagd Mehrere Jäger
folgten ihm Sie gingen den jenseitigen Rand des Burggrabens entlang Als uns
der Graf gewahr ward gab er Flinte und Jagdtasche weg und sprang mit großer
Leichtigkeit über den Graben Emma erschrack die Jäger murmelten beifällig
Hugo lachte als ich ihm vorwarf uns um eine coquette Bizarrerie willen
beunruhigt zu haben Er mochte sich getroffen fühlen denn er ließ es hierbei
bewenden ihm lag etwas Anderes im Sinn Durch Jagdlust und Morgenfrische
angenehm erregt hatten sich ihm allerlei belustigende Bilder erzeugt »Wir
sollten« sagte er »das Leben in Ulmenstein einmal durch phantastische
Zwischenspiele auffrischen Mir ist eingefallen die Neigung der Gräfin fürs
Theater auf andere Weise zu benutzen Wie wäre es wenn sich eine muntere
Gesellschaft vereinte unerkannt unter der Firma einer reisenden
Schauspielertruppe auf dem Schloss Zutritt zu suchen und irgend eine wirkliche
Posse auf das dortige Theater brächte« Mich ergötzte der Einfall ich stimmte
ihm fröhlich bei »Was sagen Sie zu einzelnen Szenen aus dem Sommernachtstraum
von Shakespeare« fragte er ganz mit seinem Plane beschäftigt »Es ist gerade
so viel Spaß dabei um zu belustigen und mehr Tiefsinn als die Seele tragen
kann wenn sie nicht Spott damit treibt«
    Wir waren bald einig Der Morgen verfloss unter Entwürfen Vorkehrungen und
all dem Unterhaltenden was der Verwirklichung eines Projectes vorangeht Wir
hatten beschlossen zuerst die plumpen Gesellen in der Probe des Pyranus und
Tisbe auftreten zu lassen und dann die Elfenscenen zwischen Oberon und Titania
samt der Bezauberung Zettels folgen zu lassen Die Aufgabe war nicht klein
Doch einmal mit dem Gedanken vertraut übernahm ich es die zierlichen Geister
zu suchen und für unsern Zweck zu gewinnen Emma lächelte über meinen Eifer
Darauf fragte sie ob mir nicht etwas unheimlich bei einem Spiele sei das fast
zu schauerlich die Täuschbarkeit des Herzens verhöhne »Weshalb« fiel Hugo
rasch ein »es gibt keinen köstlichern Spiegel als die Ironie Wo alles auf
dem Kopfe steht nimmt man es mit sich selber nicht allzu genau«
    Emma entfärbte sich »Es ist nur ein Glück« hob sie nach einer Weile an
»dass zuletzt ein zärtlicheres Empfinden ausgleicht was mutwillige Neckerei
verwirrte« »Wer weiß« lachte Hugo »hat der schlaue Oberon nicht dennoch einen
trügerischen Frieden geschlossen in dem Falle wäre der letzte Betrug der
ärgste« »Wie meinst Du das« fragte Emma »Nun« entgegnete er »dass im
Gelingen oft das Misslingen liegt« Sie sah eine Weile nachdenkend vor sich
nieder »So gäbe es keinen Faden aus dem Labyrinth der Träume« seufzte sie
»Der eine straft nur den andern Lügen und Wahrheit « »Ist der Stein der
Weisen« ergänzte Hugo ihre Hand ergreifend »wir suchen alle danach mein
Kind « Sie schüttelte den Kopf Nach einigen Augenblicken verließ sie das
Zimmer Mich dünkte ihre Augen waren feucht Es tat mir wehe »Sonderbar«
rief der Graf »Hausfrauen haben jedem luftigen Spinngewebe auch dem der
Phantasie den Tod geschworen Sie stoßen gleich mit einer handwerksmässigen
Waffe dagegen Ihr Nützlichkeitsgefühl leidet gar zu sehr dass sich aus den
Fäden nichts Haltbares drehen und weben lässt«
    »Das ist freilich ein entsetzliches Unrecht in den Augen derer« rief ich
aus »die sich nicht gern halten lassen und so auf den Wechsel gestellt sind
dass ihnen der geordnete Sinn und das beständige Herz untergeordnete Gaben
dünken über die sie lustig hinfahren können« Hugo sah mich überrascht an
»Elise« sagte er leise Es lag etwas Geheimnisvolles in dem gedämpften Laute
seiner Stimme Ich wollte lachen um meine Bewegung zu verbergen aber ein Blick
auf ihn nahm mir den Mut Ich weiß nicht wie ich es nennen soll was aus
seinen Zügen so ängstigend und rührend zugleich sprach Ich mochte nicht dabei
verweilen ich flog zu Emma Die liebe Frau  Gewiss Sophie sie ist bei
alledem ein Engel Wäre ich an ihrer Stelle  Mein Gott welch ein toller
Gedanke 
    Leben Sie wohl Ich will nun den ewig langen Brief schließen Noch einmal
leben Sie wohl liebe Sophie Ich habe oft die lebhafteste Sehnsucht Sie zu
sprechen Wären Sie doch hier Zuweilen komme ich mir ganz verlassen vor Ich
werde verstimmt schwermütig es liegt mir wie eine Schuld auf der Brust und
doch weiß ich nichts was ich mir vorwerfen sollte
    Kommen Sie bald recht bald zurück Sie haben unrecht um einer Einzigen
willen Alle die Sie lieben zu vergessen Erwägen Sie das wohl Sophie
 
                                Sophie an Elise
Die flüchtigen Zeilen welche Sie mir von den Ufern des kleinen Waldsees
schrieben sind richtig in meine Hände gekommen Wollte ich den Inhalt nach der
Zahl der Worte messen liebe Elise so würde ich Ihre Eile anklagen und etwas
eifersüchtig auf das neue Verhältnis zu Ihren jungen Nachbarn drein sehen
müssen Allein Sie dachten an mich Ihr liebes offenes Herz suchte die Entfernte
mitten in dem frohen Aufrufe angenehm bewegter Gefühle Auch dass Sie mit dem
Blättchen zu dem still umgränzten Wasser flüchteten dass Sie hier mit der
Freundin allein sein wollten gerade das Liebste gibt dem Briefchen
unschätzbaren Wert Nur wünschte ich Sie hätten einen andern Boten gewählt
Dieser unstäte Neuigkeitsjäger den die Langweile durch das Leben hetzt der
arglos heißt weil er unbedeutend ist und eine ehrliche Seele genannt wird
weil er zu flach und zu bequem ist sich anders zu zeigen als er ist kurz Ihr
Vetter Curd ist zu keiner guten Stunde hier aufgetreten Erst freuten wir uns
den Landsmann den Bekannten wieder zu sehen Er ward mit Fragen bestürmt
Aufmerksam horchten wir auf jedes seiner Worte wir ließ es uns gefallen dass
er deren mehr machte als nötig war doch der Zügel ward ihm zur Unzeit
gelassen Er schwatzte das Hundertste ins Tausendste Bald wusste er nicht mehr
wo und zu wem er sprach Zweideutige Anspielungen triviale Anekdoten aus
müßiger Beobachtung und geistloser Spottsucht zusammengetragen tauchten erst
versteckt auf wagten sich dann dreister hervor und reichten eben hin die
reizbare Verletzlichkeit meiner lebhaften Freundin auf das Unangenehmste in
Bewegung zu setzen Denn wurden auch nicht Namen genannt so waren doch
Verhältnisse bezeichnet und ohne den Schlüssel zu dieser eigentümlichen
Chiffresprache der Klätscherei zu besitzen ließ sich leicht combiniren was und
wie es gemeint war
    Von jetzt an sieht die Oberhofmeisterin mit gespanntem feurigem Blick in
das innerste Familienleben ihrer Tochter hinein Was sie immer unter wachsendem
Unwillen geahndet wird ihr Gewissheit
    Sie glaubt Emmas Unglück als ausgemacht annehmen zu müssen Für sie ist
länger keine Ruhe hier Zwischen Furcht jenen Argwohn bestätigt zu finden und
dem brennenden Verlangen die Urheber ihrer gescheiterten Hoffnungen zu strafen
treibt sie zur Abreise und zögert mit dieser Indes beschwichtigen Emmas
Briefe die den vollen Frieden ruhiger Übereinstimmung mit sich und der Welt
atmen von Zeit zu Zeit die leidenschaftliche Mutter Allein das sind
Augenblicke die nicht vollwichtig genug sind peinliche Zwischenräume zu
füllen in denen eine stets zu eigener Qual arbeitende Phantasie unbeschäftigt
bleiben könnte
    So bewährt es sich denn aufs Neue dass ein leeres Gefäß welches die
Gelegenheit mit ihren zufälligen Gaben füllte gewöhnlich mehr Gift enthält als
das boshafte Genie aus sich selbst zu erzeugen vermag gewiss Klätscherei ist
eine ärgere Feindin des Familienfriedens als Verleumdung
    Ich gestehe es ich bin bekümmert auch um das was nicht ist und
gleichwohl scheint Der Ruf ist darum so heilig weil er den Weg zu menschlichem
Vertrauen bahnt oder verschließt
    Dass eine Gesinnung wie die des Grafen in Widerspruch mit den Anforderungen
der Gesellschaft geraten musste war von Anfang nicht zu verkennen Vieles davon
musste früh oder spät störend ins Leben treten Ich war darauf gefasst ich
erwartete für Emma nur in sofern Zufriedenheit als ich fest auf die großartige
Selbstentäusserung ihrer frommen frühgereiften Sinnesart baute Allein es ist
etwas außer der allgemeinen Freigeisterei in Hugos Benehmen das über jene
ein zweideutiges Licht wirft und es dahin gestellt sein lässt ob ein kranker
unstäter Sinn ob herzloser Egoismus Unfähigkeit irgend einen Gegenstand ganz
zu umfassen oder kühner jugendlicher Trieb das All sein zu nennen den
größeren Anteil an seinem kalten Entschlüpfen innigerer Bande hat
    Sie sehen liebste Elise das Gift hat mich auch nicht unangefochten
gelassen Ich schäme mich fast keine kräftigere Gegenmittel angewendet zu
haben allein man tue was man wolle es bleibt immer etwas von dem Gehörten
zurück Dann weiß ich auch sehr wohl wie viel ich von dem zu halten habe was
mir Curd im Vertrauen auf ein williges Ohr heimlich zuflüsterte auch kann ich
leicht abnehmen wie Gerüchte entstanden die den geistvollen feingebildeten
Grafen edlere Gesellschaft verschmähen Tage und Nächte bei umhertreibendem
Gesindel in Wäldern und Feldern weilen mit ihnen auf müßige Abenteuer
ausziehen lassen so liegt doch dem Allen die Wahrheit zum Grunde dass Hugo
unbeschäftigt lässig und zwecklos umherstreift die wilden Forsten seiner
Häuslichkeit vorzieht Emma unbeachtet lässt in nichts verrät dass er ernsten
Anteil an der Welt wie an seinem Berufe nimmt Nicht der Bau des neuen
Schlosses auf den angränzenden Gütern noch diese selbst wie unbeschränkt sie
ihm auch schon jetzt als Eigentum überlassen wurden nehmen seine
Aufmerksamkeit in Anspruch Es scheint er habe sich in das ihm unbekannte
Verhältnis ohne Wunsch und Wille hineinziehen lassen und verharre nun auch so
in ihm Was aber füllt sein Inneres womit täuscht er den strebenden Geist
dessen Fittige noch jüngst so unruhig rauschten und höheren Flug verhiessen
    Ich frage Sie liebe Elise da Sie ihn fast täglich wie ich glaube sehen
und sprechen Sie sind unbefangen und offen Ihrem Urteile vertraue ich gern
Sie werden mir sagen wie er Ihnen erscheint Ich bedarf in der Tat einige
Sicherheit um den wechselnden Stimmungen meiner armen Freundin zu begegnen Sie
ist durchaus unfähig ein Bild aus der Ferne festzuhalten Ihre Empfindungen
sind viel zu beweglich um die Phantasie irgend etwas vollenden zu lassen Sie
erträgt die Anschauung des Unglücks nicht und misstrauet dem Geschick zu sehr
um tröstlichen Verheißungen geduldigen Glauben zu schenken Deshalb treibe ich
unablässig zur Rückkehr in die Heimat Es hält uns auch in der Tat nur die
vorgerückte Jahreszeit welche der Gesundheit meiner Gefährtin nachteilig werden
könnte vor der Hand hier fest Wir leben gleichwohl mit unsern Gedanken und
Gefühlen mehr im Vaterlande als an den blühenden Ufern des Arno Denn wo die
Seele ihren Frieden nicht findet wird der Anblick des Schönen nur eine trübe
Mahnung an den Druck der uns so beugt dass wir unempfindlich gegen die vielen
Gaben der Natur und Kunst bleiben Sie begreifen mich vielleicht nicht in dieser
Verstimmung die Ihnen fremd an mir sein muss Ich selbst liebe Elise würde mir
unverständlich werden schöbe ich nicht etwas von so viel Mutlosigkeit auf
Rechnung der stets leidenschaftlich wogenden Unterhaltung mit einer Frau die
mir Mitleid wie peinliche Besorgnis einflößt Und dann  es liegt etwas
Tragisches in dem Gedanken dass kein Opfer das einmal zertrümmerte Glück eines
Hauses wieder herstellen kann Meine schöne junge Freundin wenn Sie mich von
dieser immer wachsenden Überzeugung mehr ergriffen sehen als es sich mit
meinen isolirten Verhältnissen im Leben verträgt so suchen Sie den Grund davon
in der Teilnahme für Andere Diese warme Teilnahme die auch Ihr Geschick
liebend umfasst lässt es nicht zu dass ich ruhig bleibe wenn ich für die Ruhe
allzu sicherer Freunde zittere
    Übersehen Sie das nicht Beste und verzeihen Sie mir wenn ich zu weit
gehe
 
                                Hugo an Heinrich
Wenn Du Dir wie ich nicht zweifle die alte Gewohnheit bewahrt hast lieber
Heinrich mich auf gute Manier auszulachen so biete ich Dir heute die
willkommenste Veranlassung dazu Nichts Lächerrlicheres als ein abgebljetzter
Spaß und keine ärgere Zielscheibe des Witzes als der unglückliche Urheber
desselben
    Siehst Du ich wollte den Leuten zeigen was gesellige Unterhaltung sei
welchen Schwung eine Posse nehmen wie der Geist sich mitten im Wechsel der
Belustigung erheben könne Ich wusste mir etwas mit diesem Plane ich tat groß
damit vor mir und wichtig vor Andern Nun und das Ende war die ganze Sache
fiel platt zu Boden Kein Mensch wusste was ich wollte Niemanden hat es
unterhalten geschweige denn ergötzt der Abend ging auf die miserabelste Weise
hin und das Schlimmste ist Spott und Tadel folgten mir
    Das ist des Menschen Klugheit
    Um Dir den Vorgang zu erklären müsste ich weit ausholen Dich an eine Gräfin
Ulmenstein erinnern deren Nachbarschaft uns von Zeit zu Zeit in ihre bewegliche
Lebensweise hineinzieht Vielleicht besinnst Du Dich auf sie In einem meiner
Briefe glaube ich von ihr gesprochen zu haben anfänglich war mir das Treiben in
ihrem Hause wie sie selbst neu es überraschte mich Manches ich bildete mir
ein neue Fäden des innern Lebenszusammenhanges zu entdecken Nachher war es
damit wie mit dem Meisten nichts Das flache Wesen fing mich an unglaublich zu
langweilen Indes hatte sie mich einmal mit vieler Emphase als ein
ausgezeichnetes Genie gepriesen mich ihrem Kreise so empfohlen Sie und ich
wir mussten Wort halten Deshalb war nicht von ihr loszukommen Die Töchter so
vergnügungssüchtig wie die Mutter ziehen einen Schwarm nüchterner Gecken hinter
sich her Unter gewissen Menschen muss immer etwas vorgenommen werden um die
Langweile zu bannen GesellschaftsTheater bilden sich überall wo man am
bequemsten durch Andere sprechen und antworten kann Eine Weile unterhält das
was aber gemeinhin für die Darstellung ungeübter Dilettanten gewählt wird
gleicht deren alltäglichem Treiben auf ein Haar Es ist immer heute und gestern
macht denselben Effekt lässt denselben Eindruck zurück Man ist damit fertig
sobald die Schminke abgewischt das umgestaltende Kostüm weggeworfen und das
Theater einem andern Schauplatze im Ball oder Speisesaal gewichen ist Ich
hatte das bald weg Mehrere waren eben so klug das Ding fing an matt zu
werden Jetzt stachelte mich die Eitelkeit Mein Plan war gemacht Eine neue
kleine Welt stand mir zu Gebot Die Fee welche mir ihren Beistand lieh rief
Kobolde und Geister von fern und nahe herbei Ein wandernder Schauspielertrupp
verteilten wir uns auf abenteuerliche ausstaffirte Karren und Wagen
versteckten uns hinter Larven und tollen Putz und nahmen so den Weg nach
Ulmenstein Bis dahin ging alles gut Wir lebten in der Posse Witz Humor die
schellenkappige Torheit mit ihrem buntscheckigen Mantel waren unsere
Reisegefährten Plötzlich erhebt sich wie aus heiterem Himmel aus einer
einzigen Wolke der heftigste Sturm den ich je hörte Regenströme stürzten
nieder wir konnten uns kaum bergen die bunten Decken dass übergespannte
Linnen Mäntel Hüte und Schleier nichts widerstand der Wut der Elemente So
übel zugerichtet steuerten wir mit abgetakeltem Fahrzeuge mühsam in den
Schlosshof der Gräfin Hier hatte man vor dem Unwetter Türe und Tore
geschlossen Keine Seele ließ sich an den Fenstern sehen Wir lenkten unter den
Schutz einiger schirmenden Bäume Unser Häufchen drängte sich dicht zusammen
Lange konnte die Prüfung nicht dauern der blaue Himmel schimmerte bereits
zwischen dem zerrissenen Wolkenberg hindurch Indes wog in diesem Zustande jede
Minute schwer Die Nässe hatte einen merklichen Teil des phantastischen Feuers
ausgelöscht Ungeduldig regte sich Dieser und Jener Einige murrten laut Andere
verwünschten im Stillen den ganzen Einfall Ich hätte mich ausschütten mögen
vor Lachen warf ich einen Blick auf die trübseligen Gestalten in der närrischen
Verkappung Indes unterdrückte ich jeden Ausbruch des Mutwillens den mir meine
übelgelaunten Gefährten wohl um so weniger verziehen hätten als sie im Geheim
die Schuld ihrer misslichen Lage auf mich warfen und nun erwarteten ich solle
derselben ein Ende machen Ich säumte denn auch nicht Ein neugieriger
Stallbube der sehr verwundert aus einer Lucke auf die bunten Puppenspieler für
die er den fremden Tross hielt hinstarrte ward sogleich herbeigerufen Ich
übergab ihm eine Botschaft an die Gräfin Als Direktor kündigte ich dieser meine
dramatischen Vorstellungen an bat um die Erlaubnis Szenen aus dem Shakespeare
auf ihrem Theater geben zu dürfen usw Leute von Welt sind selten durch
Fremdartiges oder Ungewöhnliches zu täuschen Das tritt nicht in den Bilderkreis
ihrer Vorstellungen Wenn es ihnen naht suchen sie etwas dahinter gespielten
oder wirklichen Betrug Die Gräfin war sogleich entschlossen Ihre Türen wurden
uns geöffnet sie selbst eilte uns entgegen Doch wie das Bedürftige in der
menschlichen Natur sogleich allem Scherz ein Ende macht so zerstörten auch hier
die nassen Kleider die Furcht vor Erkältung und was es sonst noch alles zu
bedenken gab den letzten Rest mühsam bewahrter Illusion Kurz wir standen
entlarvt da und hatten Niemand als uns selbst gequält Glücklich genug wenn es
damit sein Bewenden gehabt hätte Allein nachdem sich jedweder in seinem
gewohnten Rocke warm und bequem fühlte sollte er diesen wieder abwerfen und
das versprochene Spiel beginnen Ich wich dem Anliegen aus das ich weit mehr
einer gewissen vorschriftsmässigen Höflichkeit als dem Wunsche uns figuriren zu
sehen zuschrieb Wir waren aus dem Charakter gefallen die Stimmung war eine
andere geworden es lag eine Lächerlichkeit darin sich bei völliger
Nüchternheit berauscht zu stellen Doch die Meinung Einiger dass man nicht so
umsonst und um nichts solche Anstrengungen gemacht sich in Unkosten gesteckt
die Gesundheit daran gewagt habe trieb uns am Ende Alle auf die Bretter Jetzt
erst da es zu einer wahrhaften Ausführung meines Entwurfs kam fühlte ich die
ganze Schwierigkeit davon  Denke Dir den Sommernachtstraum  die Rüpel und
Elfenscenen  und unser heutiges Publikum aus den feinen Zirkeln 
Unglücklicherweise hatte die lebhafte schöne Elise unsre liebenswürdige
Nachbarin nur zu schnell meine Gedanken verwirklicht sie war es die ein Paar
schnell aufgeschossenen Knaben die Frauenrollen zierlichen Mädchen die der
Elfen zuteilte junge Leute aus der Nachbarschaft für Zettels Schaar warb ihm
selbst dem Heros aller witzigen Eselsköpfe sein Pensum einstudirte kurz die
Puppen an ihren Drähtchen lenkte und feenartig ein Feenspiel schuf Aber was
wollen die luftigen Wesen auf der ausgebildeten fertig gestalteten Erde  Sie
sind so sehr aus der Mode dass selbst ihre Allegorie abschreckend geworden ist
Lieber Heinrich es gibt ein Feld wo der beste Witz wie taube Nüsse zu Boden
fällt und Niemand ihn aufhebt Nun wir standen mit unsern Bemühungen auf einem
solchen Felde Um uns herum lauter müde und matte Blicke lange Gesichter
gezwungene Aufmerksamkeit ängstliche Wiederholung aller Regeln der guten
Erziehung um nur nicht die tödtliche Langweile blicken zu lassen und nachher
die Ausrufungen »Und wie gespielt Aber wie vollendet« Und Zettel der ist nun
meine ganze Passion Siehst Du Heinrich mein innerer Mensch zuckt vor
abgedroschenen Redensarten zusammen Die Lüge des Hergebrachten presst mir
Angstschweiß auf die Stirn sie nimmt sich so lumpicht aus und macht sich so
breit mit dem abgetragenen Plunder Kennst Du die Empfindung wenn fremde
Dürftigkeit uns zu Boden drückt Ich will nicht den reichen Mann auf Kosten
Anderer spielen Ich will glauben dass der Aufwand mit dem ich aufzutreten
meinte wie veralteter Prunk zu schwer wog auch dass ich unrecht hatte mich
darauf zu stützen allein denken sollte man doch Gold halte immer die Probe
wie lange es auch im Winkel verborgen stand Das ist aber nicht wahr Kein
Mensch glaubt Dir dass es welches ist und Niemand stellt die Probe an Genug
wie dem auch sei ich zog geschlagen aus dem Felde Ich hatte mich verrechnet
das lag am Tage Es blieb auch so eine gewisse verlegene Ängstlichkeit nach
geendigtem Spiele zurück dann sprach man gar nicht mehr davon Es war wie
nicht geschehen ich hatte Zeit Betrachtungen anzustellen
    Nach dem ersten kleinen Verdruss über meine eigene Einfalt machte ich es
wie Du jetzt tun wirst ich lachte den Narren im Menschen aus Mein Dünkel der
Eifer mit dem ich ihn einige Tage gefüttert alle die Mühe und Not ehe es zu
dem Haupteffekt und der Beschämung kam das Nachspiel hinter den Kulissen war
ich versichere Dich sehr drollig Zuletzt sagte ich mir dann aber doch Einiges
zum Trost Unter anderm dass es mit den neuen Anforderungen an die Poesie ein
eigenes Ding sei Sie muss sententiös oder materiell auftreten wenn sie Eingang
finden soll Man will ein Paar schlagende Phrasen mit nach Hause nehmen oder
sich durch illusorische Anschauungen so getäuscht finden dass man wirklich in
China oder Mexico in einem schlechten Gasthofe mit gemeinen Gesellen in der
alten oder unter den Menschenfressern in der neuen Welt zu sein glaubt und
dies alles bloß um zu wissen wie es die Kerls da treiben Die Töne einer
göttlichen Sprache zerrinnen in der unteren Atmosphäre zu Begriffen Davon dass
es eine Region gibt in deren feinen leichten Luftschwingungen die Seele
unwillkürlich gehoben wird so dass sie die Spiegelbilder der Erde nur im
Widerschein aber dafür in jener magischen Beleuchtung eines wärmern und
glänzendern Gestirns der Sonne des Dichters sieht davon redet man wohl aber
man kennt es nicht mehr
    Nein Heinrich man kennt es nicht mehr Auch Du und ich die wir in
einzelnen Augenblicken des tiefsten Schmerzes der innern Verzweiflung des
gänzlichen Zerfallens mit der Welt davon träumen vergessen es wieder müssen
es in einer so gestalteten Welt vergessen Das ist der Widerspruch in dem wir
leben Wir wollen was wir nicht können Begreifst Du wie zerrissen wie
fragmentarisch dies Geschlecht in der Weltgeschichte dastehen wird
    Doch wieder auf mein Abenteuer zu kommen Es hat mich der liebenswürdigen
Elise auf immer zum Freunde gemacht Leichter gutmütiger nimmt keine Frau auf
Erden ähnliche Kränkungen der Eitelkeit auf Ihr klarer milder Sinn fand
sogleich den Gesichtspunkt aus welchem unser Missgeschick natürlich erschien
Sie tadelte weder sich noch Andere »Es passte nicht« sagte sie und damit
behielt jeder sein Recht
    Es passt so Vieles nicht Heinrich Wird darum das was in Übereinstimmung
zu einander tritt nicht unauflöslich Eins werden
    Ich habe einen eigenen Glauben von der Sympatie der Freundschaft Sie
scheint mir gegründeter als die der Liebe Von dem was man so nennt halte ich
überall wenig Das sind Selbsttäuschungen mit denen der Mensch groß von sich
selber tut wenn er am kleinsten ist In der Regel bleibt nach dem poetischen
Wahnsinn eine Armut des Innern zurück die den Rest des Lebens dürftiger als
billig gestaltet während die Freundschaft wie ein mächtiger Strom unzählige
Arme ausbreitend die Steppen und Wüsten des Daseins umfasst den Hauch der
Belebung ausatmet und eine veränderte frische fortbildende Welt schafft
    Ich empfinde das in Elisens Nähe Diese Frau hat einen freien ja männlichen
Geist der mit seltener Kühnheit Verhältnisse durchschaut und lenkt Und dabei so
viel Regsamkeit des Verstehens solche Fülle und Wärme in allen
Lebensbeziehungen Eines Engels Güte eines Helden Mut Niemals lässt sie das
zärtere Geschlecht in sich vergessen und doch fühlst Du ihr gegenüber nur den
Einfluss einer höheren Seele die keinem Geschlechte keinen Bedingungen der Erde
angehört Ich bringe meine liebsten Stunden bei ihr zu Wir reden wir lesen mit
einander Meine Lieblingsschriften sind auch die ihrigen Es peinigt sie wie
mich alles Enge Abgeschlossene Ein freier Flug der Ideen trägt uns oft wie
die reinere Bergesluft ihre nachbarlichen Adlers Gespielen in unermessliche
Fernen aus denen wir inniger verschwistert in die beschränkende Gegenwart
zurückkehren
    Niemand versteht mich wie sie Wenn es wahr ist dass die menschliche
Gesellschaft nur da sei damit Einer den Andern ergänze so ward Elise geboren
alle Lücken und Mängel meiner unvollkommenen Natur durch den Reichtum ihres
schönen Selbsts auszugleichen
    Schade dass sie auf den Einfall kam sich zu verheiraten Sie musste für
sich allein ihre Bahn durchlaufen  Der Begleitung konnte sie entraten Mich
stört der Mann entsetzlich Er kommt jetzt von einer langen Geschäftsreise
zurück Er wird das bisherige zwanglose Sein und Treiben notwendig einengen
Vor der trockenen Gemessenheit mancher Leute kommt kein gesunder Gedanke auf
Elise ist gefällig fügsam ihr verschlägt es nichts sich in die Art und Weise
derer zu schicken denen sie ein Recht über ihren Willen zuschreibt sie ist
immer sie selbst Ich kann nicht so denken nicht so empfinden ich ertrage das
Hofmeistern pedantischer Rechtaberei nicht leicht und wenn ich auch Jedem gern
seine Art lasse so bleibe ich doch da weg wo Vorurteil und Dünkel die Luft
verdicken Zudem ist der Dritte immer zu viel in einem Verhältnisse wo sich
zwei genügen
    Ich sehe daher ruhig zu wie drüben im Hause gepackt geräumt wird man sich
anschickt das Land zu verlassen und nach der Stadt aufzubrechen Ich werde
ihnen nicht folgen Um unsere stillen Abende ist es doch getan Ich werde ein
Paar Wintermonate in den Mauern der Burg verschlafen und aufwachen wenn die
Frühlingssonne hell über den Strom in meine Fenster sieht Lebe bis dahin wohl
lieber Heinrich
 
                         Die Gräfin Ulmenstein an Curd
Es ist äußerst liebenswürdig von Ihnen dass Sie sich meiner in den interessanten
Umgebungen die Sie so richtig zu schätzen wissen erinnern wollten
    Ihr Briefchen mit den italienischen Karricaturen den Zeichnungen den
Nationaltrachten des Mailändischen Doms der Peterskirche und andere
Herrlichkeiten nach deren Anblick meine Seele seit Jahren dürstet haben nicht
allein meine Töchter und mich entzückt sie wurden auch die Quelle unserer
Abendunterhaltung am Teetisch Der junge Leontin Sie sahen ihn vielleicht noch
vor Ihrer Abreise bei mir der sehr unterrichtet und überall gewesen ist
erklärte die flüchtigen Skizzen meines gütigen Korrespondenten Agathe hatte
sich ein geschmackvolles Kostüm für das nächste Maskenfest in der Residenz
ausgesucht Sie bat Leontin es ihr genau in den kleinsten Details zu
bezeichnen Alles dies belebte die Unterhaltung Sie glauben nicht welchen
allerliebsten Abend Sie uns gemacht haben fast so bunt und lustig als wären
Sie mitten unter uns Ich sage Ihnen nicht wie Sie zurückgewünscht werden Ohne
Übertreibung Sie fehlen uns vorzüglich bei demjenigen was wir hier auf dem
Lande vornehmen um die schlechte Jahreszeit so wie die Stadt zu vergessen Die
letztere hat in diesem Augenblick gar keinen Reiz für uns da eine ziemlich
ernste Familientrauer der Tod einer Tante meine Töchter wie mich vom
geselligen Vergnügen ausschliesst Man überdauert solche Prüfungszeit am
bequemsten da wo das Leben unbeachtet ungefähr eben so hingeht wie die
Konvenienz es verbietet öffentlich zu genießen
    Unter dem Anschein völliger Zurückgezogenheit bleibt mein Saal allen
Freunden und Bekannten geöffnet Es geht ich versichere Sie so fröhlich darin
zu als würfe kein schwarzes Kleid einen trüben Schatten auf die lachenden
Gesichter Aufrichtig gestanden die gute alte Person hat mir auch gar nicht
Ursache gegeben ihr Andenken zu ehren Sie war meine nächste Anverwandte die
Schwester meines Vaters kinderlose Wittwe außerordentlich reich und starb
ohne ihren rechtmäßigen Erben einen Pfennig zu hinterlassen Ihr Vermögen
zersplittert sich in Stiftungen und Legate Das Bedeutendste von den letztern
ist aber dem jungen Baron Wildenau zugefallen der sehr in ihrer Gunst stand Es
wäre unbegreiflich weshalb sie den fremden Menschen auf Kosten ihrer
Angehörigen begünstigte hätte sie dabei nicht die unausgesprochene Absicht
gehabt gerade hierdurch ihrer Vorliebe wie den gesetzlichen Verpflichtungen
ein Genüge zu leisten indem sie den jungen Mann in die Lage versetzte einer
meiner Töchter seine Hand anzubieten Eine alte Vertraute der Tante die
Kastellanin des Schlosses welches Leontin bald als Eigentum beziehen wird
eröffnete mir den stillen Wunsch der Verstorbenen im Geheim Es wäre auch
lächerlich wollte ich den tiefen Eindruck nicht bemerken welchen insbesondere
Agathe auf das Herz des Neulings gemacht hat Allein er ist von einer so
lächerlichen Zurückhaltung und ein solcher Misantrop dass er öfters unsern
heitern Zirkel flieht und sich drüben zu dem podagraischen missgelaunten
Komtur und seiner stummen trübseligen Nichte flüchtet um nur nicht zu
verraten was ihm doch sichtlich das Herz abdrückt Mag er sich stellen wie er
will ewig wird er nicht schweigen Doch wünsche ich ihm dass er nicht zu spät
das Wort finde wonach er sucht Es gibt andere Leute die beweglichere Zungen
haben und meine Töchter besitzen ein Teilchen von dem Stolz und dem Eigensinne
ihrer Mutter Die eintönigen Abendunterhaltungen im Kabinet der Burgfrau könnten
dem bedächtigen Freier doch sehr bittere Reue bereiten Übrigens missgönne ich
der armen kleinen Frau die einzige Unterbrechung ihrer langweiligen Existenz
keineswegs Denken Sie sich ihr Mann hat neben hundert andern lächerlichen
Einfällen auch den den ganzen Winter auf dem Lande zubringen zu wollen das
heißt er lässt sein Haus mit Frau und Dienerschaft dort nimmt selbst das
Ansehen als sei er einheimisch während er unaufhörlich hin und hergeht
niemals auf der Burg anzutreffen ist halbe Tage in der Residenz bei seiner
Freundin zubringt diese nur verlässt wenn sie durch ihre Verhältnisse
gezwungen Gesellschaften beiwohnt die nicht von seiner Höhe sind und die er
verschmäht
    Sie sehen das Spiel ist gut berechnet Es geht einen raschen Gang Mir ist
solche Freimütigkeit bei so unerlaubter Intimität in meinem Leben nicht
vorgekommen Die Leute treiben das Alles mit einer Miene als verstehe sich ihr
auffallendes Benehmen von selbst Nach gerade wurde indes die unbegreifliche
Dreistigkeit doch sehr peinlich Man hatte ungefähr das Gefühl dabei als wenn
Jemand durch eine unbewusste Unordnung in der Toilette das Auge Anderer
verletzt und im vollen Gefühl schicklicher Haltung die ungeahndete Indecenz
noch mehr heraushebt Ich bin deshalb froh dass der Präsident zu rechter Zeit
kam seine Frau nach der Stadt zu führen Die geselligen Beziehungen der
Nachbarschaft brachten mich ich versichere Sie in fatale Kollisionen Ganz
offenbar nahm der Graf von dem leichtern bequemern Ton der in meinem Hause
herrscht Veranlassung seinen Absichten hier ein freies Feld zu bahnen In
diesem Sinne mischte er sich in die Anordnung unserer Bühne und brachte ein
plumpes licencieuses Ding zum Vorschein das allenfalls in einer Dorfschenke
von Puppenspielern dargestellt das dortige Publikum ergötzt haben würde für
uns aber ganz unschmackhaft blieb Es soll von dem jetzt oft genannten von
Vielen so gefeierten alten englischen Poeten sein dessen Name ich immer
vergesse weil er mir die Kinnbacken zerbricht wenn ich ihn aussprechen will
Mag indes Teil daran haben wer nur will dieser Mischmasch von platter
Trivialität und bilderreichem Unsinn von langweiligen Tiraden und pöbelhafter
Gemeinheit gehört vor ein anderes Publikum als vor das unserige Auch bin ich
überzeugt der Graf war nicht einen Augenblick im Irrtum über den Wert des
Stückes Seine Wahl fiel nur vorzugsweise deshalb darauf weil es für den
übrigen Plan passte und geschickt war der zwanglosen Gemeinschaft einer
zusammengerafften Bande umherziehender Schauspieler zum Vorwande zu dienen Die
List war ziemlich grob eingefädelt Ich war gleich auf der rechten Spur In
Wahrheit die Leutchen machten ihre Sachen ungeschickt Mit einem bisschen
Vertrauen ließe sich viel übersehen Doch sie sind so stolz und anmassend
beteuere ich Ihnen auf den Schwung ihrer Gefühle dass sie alle Zungen mit
Pfeilen bewaffnen Aus diesem Grunde danke ich es ordentlich der guten Tante
dass sie gerade diesen Zeitpunkt wählte um zu sterben Ihr Tod fesselt mich
hier und setzt mich außer Verbindung mit zwei Familien denen ich gleiche
Rücksichten schuldig bin und die mich demungeachtet beide gezwungen haben
würden öffentlich zu brechen um auch den Schatten von Teilnahme an einem
unerlaubten Handel von mir zu entfernen Eine Mutter kann gar nicht delikat
genug in der Wahl ihrer Gesellschaft sein
    Mich dauert die stille schüchterne Emma ganz außerordentlich Man sagt sie
erwarte ihre Mutter in Kurzem von einer Rückreise aus Italien Nun das wird
hübschen Lärm geben wenn die Oberhofmeisterin hinter des Schwiegersohns geheime
Verbindungen kommt
    Leben Sie wohl bis dahin Wenn etwas des Berichtens wert unter uns
vorfällt rechnen Sie auf die Feder Ihrer bereitwilligen Freundin
 
                            Emma an den Geistlichen
Ihr letzter Brief ehrwürdiger Freund fordert mich mit fast beschämender Güte
auf Ihnen zu jeder Zeit mein Herz offen zu erhalten Alles was darin vorgeht
Ihrer Teilnahme zu vertrauen jeden Zweifel in der freien Mitteilung
aufzuhellen und überall rücksichtslos wahr zu sein
    Ach mein gütiger Lehrer was bliebe Ihnen auch von dem verschwiegen was
ich mir selbst eingestehe Ich glaube ich könnte der Worte entbehren Sie
errieten mich dennoch
    Dem Himmel sei Dank noch scheue ich den Blick nicht der die Tiefen meiner
Seele durchdringt Ich weiß Sie sehen bis auf den Grund und nichts verwirrt
Sie was die Bewegung des Augenblickes undeutlich auf der Oberfläche erscheinen
lässt
    Anders ist das mit meiner Mutter Die ruhige Begleitung eines Freundes der
nichts will als dem Gefährten zur Seite bleiben lässt dessen Gang frei doch
ängstliche Sorge hemmt den Schritt Ich habe es stets so gewissenhaft vermieden
irgend einen leisen Schatten in die Seele meiner Mutter zu werfen Nur in den
stillsten ruhigsten Stimmungen bei allem Frieden der innern und äußern Welt
um mich her schrieb ich meine Briefe an Sie Nie ist mir ein Wort entschlüpft
das sie doppelsinnig deuten könnte warm und zärtlich sprach ich die
Empfindungen meines befriedigten Herzens aus wie kommt es dennoch dass sie dem
allen keinen Glauben schenkt Unwillig bestreitet sie mir meine Ruhe mit
leidenschaftlicher Besorgnis dringt sie auf mich ein und strebt mir ein
Geheimnis zu entreißen das mir fremd ist dessen undeutliche Erwähnung mich
unaussprechlich ängstigt Sie wirft mir Zurückhaltung ja Heuchelei vor und
schwört Licht in der Sache haben zu wollen um einer Verblendung ein Ziel zu
setzen die sie für die Würde ihres Kindes beeinträchtigend hält Von diesem
brennenden Wunsche getrieben nimmt sie ihren Rückweg aus Italien gerade
hierher Sie kommt sie kommt in den nächsten Wochen und wenn mein Herz vor
Freude zittert sie wieder zu sehen so stockt es auch vor Bangigkeit und
Furcht als sei das Ende aller Glückseligkeit ja das Ende meines Lebens nahe
    Die Unnatur solcher Widersprüche macht mich völlig irre an mir selbst an
meinen Verhältnissen ach an den liebsten Menschen Ich frage mich
unzähligemal was ich fürchte für wen ich fürchte Und wenn mir dann eine
ängstigende Antwort nahe tritt und ich sie nicht hören will dann ist es als
sähe ich in ein unabsehbares Gewirre von Missverständnissen hinein von denen ich
den Blick erschrocken abwende
    Mein Gott ich war so ruhig ich genoss die unaussprechliche Freude Hugo
völlig zufrieden und heiter zu sehen Ich empfand dass er den einzigen Wunsch
meines Herzens ihm in keiner Art hemmend in den Weg zu treten erkannte er
genoss seine Freiheit und kehrte lebensfrischer klarer oft wärmer als er
ging zurück Wie hätte ich fürchten sollen dass gerade dasjenige was mir das
Gleichgewicht entgegengesetzter Naturrichtungen zu erhalten schien Hingebung
und Liebe den Samen unseliger Missverhältnisse ausstreuen würde
    Wie ist man nur so eilig Gegenstände zu beurteilen die man nicht kennt
Niemand weiß ja was in der Brust des Andern vorgeht Ich war glücklich ich
versichere Sie seit es stiller um uns ward die Nachbarn die Gegend verließen
oder die misslichen Gebirgsschlüfte mieden Die Einsamkeit auf der Burg ist mir
erwünscht ich liebe das ernste großartige Gebäude überaus Das Gewöhnlichste
im Leben gestaltet sich hier anders Es geht ein Geist durch Häuser und
Gemächer den oft die wechselnden Bewohner nicht bannen Im Gegenteil sieht
man diese wohl unwillkürlich dem verborgenen Einflusse nachgeben Geschmack und
Neigung dem gebietenden Zuge unterwerfen ja sich selbst wie die gewohnte
Weise in eine andere Form fügen
    Hier unter den festgewölbten Bogengängen den kräftigen Sinnbildern
gegenüber findet weder Langweile Raum noch kleinliches Gelüst Eingang Hier
ist alles bleibend ruhig das Gemüt erhebend und wenn ich in Hugos
Abwesenheit in seinem lieben Zimmer sitze mir es so unaussprechlich wohl in den
schönen hohen Räumen ist ich mich in die Kissen seines Sophas schmiege seine
Nähe täuschend empfinde mein Blick dann durch die Glastüren über den Altan
weg in die reizende Landschaft sieht der breite Strom so still und
majestätisch vorüberfliesst die dunklen Talwände hinter ihm riesenhaft
aufsteigen Dörfer und Städte aus ihrem bläulichen Dunst hervortreten dann
fühle ich wie die Seele des kräftigen kühnen Mannes sich da hinaussehnt und
teile seinen Unmut wie sein Streben Ich selbst möchte ihm das Tor öffnen
den Weg bahnen Gedanken die ihn beschäftigen umringen mich ich werde ganz er
selbst fühle wünsche wie er und atme frei wenn ich mich besinne dass er
fern von hier wenigstens auf Stunden und Tage jetzt sich selbst angehört
seinem ungestillten Drange nach Freiheit augenblicklich Genüge tut Lange
lange sitze ich dann so begleite ihn auf Wegen und Stegen bilde mir ein
seinen Schritten zu folgen und während ein zärtlicher Wahn die Zwischenräume
durchmisst bin ich weder allein noch entbehre ich das Glück der Gegenwart
    Nein lassen Sie michs bekennen ich kann mir selbst überlassen weit
ungestörter Hugos Bild betrachten als ihm gegenüber Ja mir steht er fest
rein unberührt von dem was zuweilen die Wirklichkeit umdunkelt Es ist der
wahre Hugo den ich ungeteilt mein nenne den ich liebe den ich liebkose zu
dem ich frei aus dem tiefsten Herzen rede
    O wer mag zweifeln dass ich eben in den Stunden die mir falsches Mitleid
rauben will glücklich bin
    Lieber Freund wenn nur meine Mutter das so wüsste wenn es sie beruhigen
könnte dass mir diese unscheinbare Stellung im Leben lieb ist dass ich sie um
Vieles nicht wechseln möchte dass ich vor jeder Veränderung zittre Manchmal
habe ich ihr ganz rücksichtslos schreiben sie bitten wollen ja an nichts zu
rühren was sich allzuleicht durch fremdes Eingreifen verschiebt Allein wozu
würde es nützen Sie misst mein Glück nach ihrem Empfinden So freilich muss sie
hier unzufrieden sein Und wenn ich mir nun denke wie mit heißer Sehnsucht sie
sich her zu mir wünscht wie ihre unbegränzte Liebe mich nie verließ ich ihr
Alles auf Erden bin sie keinen auch nicht den kleinsten Wunsch hegt der nicht
ihrer Emma Wohl beträfe dann sinkt mir der Mut dann weiß ich nicht wie ich
ihr das Unabänderliche anders darstellen das Mangelnde was allein der Fortgang
des Lebens ergänzt im Augenblicke verhüllen soll
    Auch der Oheim ist nicht ohne Sorge Er sagte mir noch diesen Morgen
»Liebes Kind Ihre Mutter wird nicht mit uns zufrieden sein sie wird sich hier
missfallen Wäre es nicht besser Sie folgten Hugo nach der Residenz und
empfingen sie dort«
    Ich war verlegen was ich ihm erwidern sollte Hugo hat mich nie
aufgefordert ihn nach der Stadt zu begleiten er vermeidet es wohl weil es
nicht das Ansehen haben soll dort einen längeren Aufenthalt zu wählen Seine
Stellung bleibt auf solche Weise freier Er sichert sich das Gehen wie das
Kommen wenn er über Beides nur mit dem Augenblicke zu beraten hat Es wäre mir
nicht möglich ihn gerade hierin hemmen zu wollen Auch bin ich nicht des Oheims
Meinung Aus vielen Gründen ist es mir lieb die Mutter hier auf dem prächtigen
Familiensitze bei mir zu sehen Das Schloss seine Umgebungen der Zuschnitt der
Verhältnisse die ganze Lebensweise werden ihr in gewisser Hinsicht genügen
Der Glanz wenn er nicht blendet ergötzt immer das Auge und macht es williger
Unebenheiten zu übersehen Und dann  gleichförmige Ruhe hält Störungen
entfernt
    Dies alles bei mir überdenkend schwieg ich einige Augenblicke ohne meinen
wohlwollenden Beschützer zu beruhigen
    Er ergriff meine Hand drückte sie fest in der seinen indem er zärtlich
sagte »Machen Sie es wie Sie wollen Ihr klarer Geist gibt Ihnen von selbst
den Faden durch dies Labyrinth in die Hand«
    Er ging O hätte er gewusst in welcher Unsicherheit er mich zurückließ wie
orakelhaft seine Worte klangen was er in mir verworren was er geweckt hat
    Ich sehe es nun wohl die Welt tadelt Hugo beklagt mich erfindet und
spinnt das Erfundene emsig zusammen Wie ich diese müßige Geschäftigkeit hasse
wie mich eine Teilnahme drückt die ohne Herz und Gemüt nur das Fremde an
sich reißen es durchschauen möchte
    Die Menschen wissen nicht wie wehe sie mir tun Ist es denn nicht möglich
anders zu sein als Andere und doch für sich recht zu behalten Ich bin so
ängstlich seitdem der Oheim ging Ich weiß nicht was ich tun oder lassen
soll Der Brief meiner Mutter ist in großer Leidenschaft geschrieben Er klingt
fast drohend Die wenigen Zeilen welche das Stiftsfräulein ins Kouvert
hineinschrieb sollen mich wohl beruhigen allein sie enthalten die
niederschlagende Nachricht dass beide Freundinnen sich auf einem gewissen Punkt
der Reise trennen und während die Eine dieser Gegend zueilt die Andere sich
zurück zu der Fürstin wendet um dieser erwartete Briefe und Berichte zu
überbringen So fehlt mir denn auch die vermittelnde Sophie Von ihr hätte ich
erfahren wer all die Leidenschaft die ängstliche Hast erregt Sie würde mir
geholfen haben mich gegen schmerzliche Angriffe zu waffnen und zugleich die
Zärtlichkeit der liebevollsten Mutter zu schonen Jetzt bin ich ganz allein
Hugo ahndet nicht was mich quält auch ist er nicht anwesend Und wäre ers was
dürfte ich ihm sagen
    Ich lese in Ihrem klaren frommen Auge was ich vergessen zu haben scheine
Sie sehen fast strafend auf die Unruhe meines Herzens Ja ich verstehe ich
verstehe wozu Sie mich anmahnen Ich werde ja auch den Weg nicht verloren
haben auf dem Mut und Besonnenheit zu finden ist Ich bin nur so erschrocken
ich weiß selbst nicht wovor Ich sehe nicht was ich fürchte und doch fühle
ich es Lesen Sie mit Nachsicht diese verworrenen Zeilen denken Sie ich finde
mich so am ersten zurecht wenn ich nach des Lehrers des Freundes Hand greife
wenn ich schwach doch willig mich aufzurichten Ihren Beistand suche   
                                                                    Abends spät
O es ist Alles anders Alles gut Hugo ist hier Er kam in Nacht und Dunkelheit
Er fand mich in seinem Zimmer Es überraschte ihn Er war bewegt als ich ihm
gestand dass mir hier allein wohl sei Sein Auge hatte den schönen tiefen
Blick vor dem meine Seele immer so innerlich bebt Er sah mich mit dem Blicke
an Eine Welt lag darin und ich war mitten in dieser in seiner Welt Jetzt 
was habe ich zu fürchten Meine Mutter wird uns so finden Hugo weiß dass sie
kommt Er freut sich von ganzem Herzen sie hier zu sehen Wir wollen ihr beide
eine Tagreise entgegen fahren Wie anders nun dies Wiedersehen  Wie der Mensch
schwach ist Wie zaghaft wie kleingläubig
    Geehrter Freund soll ich es Ihnen bekennen Sahen Sie nicht etwas Trübes
Unreines im Hintergrunde meiner Angst sich verbergen O guter Gott wie gern
will ich mich eines Gefühls schämen das mich doppelt zerreißt weil es dem
geliebtesten Menschen zu nahe tritt
    Heiterer als ich zu Ihnen kam verlasse ich Sie jetzt Möge mich ihr Segen
aufrecht gegen so schlimme Anfechtungen halten
 
                                Elise an Sophie
Was lag Ihnen im Sinn Liebe dass Sie so aus dem Charakter fallen so
unverzeihlich von dem nüchternen Gerede meines albernen Vetters eingenommen
werden konnten
    Gewiss Sophie ich erkenne Sie nicht in der Heftigkeit mit der sich
Gedanken und Empfindungen auf jenem Blatte jagen Ist die Luft in dem schönen
Italien so entzündbar dass auch der Tau im Kelche einer Lilie aufbraust
    Ihr Blut schien mir bis dahin von anderer Natur als das der übrigen
Menschen Sein milder Lauf verirrte sich nie zu ungleicher Wallung Man empfand
immer dass es nur den einen Weg den zum Herzen kannte dessen sanfter Schlag
wie der Atem der Liebe Sie selbst das was Sie umgab die Welt mit ihren
Verirrungen in Übereinstimmung zu bringen wusste Und jetzt 
    Sophie Entfernung und Trennung sind doch etwas Man sage was man wolle
der Raum trennt die Körper nicht allein Sie hätten mir von Ihrem Stift aus
nicht diesen dürren heftigen Brief geschrieben der Ihren Unwillen ins Blaue
hinein rief und durch nichts verriet dass Sie zu mir sprachen
    Ihre ganze Reise war mir vom Anfange zuwider Jetzt setzen Sie diesem Gefühl
die Krone auf
    Welche Gewalt übt denn diese furchtbare Frau über Sie aus dass sie Sie nicht
allein dem gewohnten Kreise entführt dass sie auch Ihr Inneres umwandelt Und
nun schicken Sie sie uns noch gar hierher Sie droht jeden Tag mit ihrem Besuch
Zum erstenmale bin ich froh in der Stadt zu sein Hier kann ich ihr aus dem
Wege gehen Ich werde es tun denn ich sehe immer ihr Bild auf Emmas
Schreibtisch mit Widerstreben an Es ist etwas in den schönen regelmäßigen
Zügen in den durchdringenden Augen was mich schon darum erbittert weil in dem
Gesicht Ihr ganzer letzter Brief Sophie geschrieben steht So beurteilt so
fasst ein herrschsüchtiges einseitig beziehendes Gemüt Menschen und Handlungen
auf Ich kann mir denken was Sie täglich aus einem Munde hören müssen dessen
schmerzlich verzogene Winkel mehr Unzufriedenheit als Schwermut ausdrücken Wo
sich so viel strenge Absonderung offenbart da kann nichts in natürlichem
Zusammenhange in notwendiger Folge gedacht werden
    Sagen Sie doch wenn Ihre Freundin weniger abhängig von gewissen
Erdenvorteilen war würde sie es übersehen haben dass sich Niemand weniger als
Hugo zu ihrem Schwiegersohn passte Wem wirft sie nun den Missgriff vor dem
Grafen Emma Mein Gott wann war die Jugend frei von Verblendung Und nun da
die Schiefgestellten schief stehen was zeigt sie mit Fingern darauf und macht
die Welt zum Zeugen ihrer Verkehrtheit
    Es ist nicht zu leugnen es ist wahr es ist nicht wie es sein sollte mit
dem ungleich zusammengewürfelten Paare Aber wenn dies Beide fühlen und sich
die peinliche Gemeinschaft Jeder wie er kann erleichtern soll man sie nicht
gewähren lassen Geht die Oberhofmeisterin von dem Grundsatz aus sie könne auch
Gemüter nach ihrem Willen umschaffen so wird sie hier viel Unheil stiften Der
Graf verehrt sie aber er ist unbiegsam gegen ihre Eingriffe
    Sie sehen hieraus liebe Sophie so wie aus frühern Mitteilungen dass ich
mit den Verhältnissen wie mit der Sinnesart Ihrer jungen Freunde sehr vertraut
bin Ich hielt nie mit meinem Urteile zurück Ich verschwieg Ihnen nicht dass
mir Hugo den Eindruck umfassender großartiger Geisteskraft ungewöhnlicher
Tiefe und Klarheit gemacht hat dass ich ihn bewundern verehren und auch da an
ihn glauben muss wo ich ihn nicht immer verstehe Dies sagte ich Ihnen längst
Meine Briefe sind voll von ihm und Emma Noch kürzlich müssen Sie die
ausführlichsten Berichte über jeden Umstand in dem Leben auf der Burg erhalten
haben was sollen nach dem Allen Ihre dringend an mich gerichteten Fragen Was
rufen Sie mich auf unbefangen und offen zu sein Weshalb gedenken Sie meinem
letzten Ausspruche mehr Glauben zu schenken als dem frühern
    Ist denn irgend etwas Verstecktes Zweideutiges in meinen Worten Warum
sucht man bei mir nach etwas Anderm als ich gebe
    Ich werde mir selbst ganz unverständlich Auch Eduard wägt misst und
ergründet was ich tue und sage Er ist von übler Laune seit der letzten
Reise Mein verlängerter Aufenthalt auf dem Lande war ihm nicht recht Und dann
die misslungene Darstellung auf dem Theater zu Ulmenstein Der Schatten einer
Lächerlichkeit reicht hin ihm den Himmel zu trüben Die Gräfin hat ihm den Spaß
ungeschickt vorgetragen ob absichtlich oder durch Zufall ich weiß es nicht
aber gewiss ist es ihre Gunst für mich hat einen Stoß erlitten und in dem Falle
kratzen Leute ihres Schlages wenn sie liebkosen So finden sich denn viele
Unannehmlichkeiten auf meinem Wege denen ich nicht mit der gewohnten Heiterkeit
begegnen kann da es nicht schwer ist abzusehen wo sie hinaus laufen werden
Eduard sucht Ursache an mir um Georg fremder Leitung übergeben zu können Er
hat das längst gewünscht doch traut er nicht damit hervor zu treten Jetzt ist
er unzufrieden mit dem Kinde er findet es vernachlässigt er sucht den Grund
davon in meinem geteilten Leben auf dem Lande
    Ein Geistlicher ist schon gefunden der bei uns einziehen und mir den
Knaben abnehmen soll wie Eduard sich ausdrückt Abnehmen Das Wort konnte nur
ein Geschäftsmann finden dessen lastende Wirksamkeit die Liebe ausschliesst
    Ich habe nichts darauf erwidert ich lasse es geschehen Aber ich weiß dass
mit dem Riss das Leben vollends auseinander fallen wird
    Und in diesem Augenblick Ihr Brief Sophie Sie dachten nicht da Sie ihn
schrieben dass er in schlimmer Stunde bei mir eintreffen würde
    Ich habe seitdem gegen einen fatalen Unwillen in mir gekämpft Es ist nicht
so leicht als es die Philosophie vorschreibt sich verkannt zu wissen und es
großmütig zu übersehen
    Doch jetzt da ich wieder einmal Abschied nehmen soll mein Herz mir wehe
tut ich mich unbeschreiblich nach Ihnen sehne jetzt wird es mir leicht
Sophie ich weiß nichts mehr von Allem wodurch Sie mich kränkten
 
                                Hugo an Heinrich
Du hast mich öfters abergläubisch gehalten weil ich auf gewisse prophetische
Winke in der Natur achte sie in der Erinnerung festalte mit späteren
Ereignissen zusammenfüge und neue Belege für meine Theorie der innern
Verwandtschaften darin suche Unsere Discussionen bekehrten weder Dich noch
mich Du hast keine Vorstellung in Dir von der Herrschaft verborgener Wirkungen
Das Organ dazu fehlt manchem Menschen Ich kann es Dir nicht geben eben so
wenig wie Du mir die Überzeugung von einem Dualismus des Weltregiments
wegraisonniren kannst Mein Gefühl sagt mir es nur zu deutlich dass ich
abwechselnd Sclav und Herrscher bin dass außer meinem Willen noch ein anderer
Wille über mich bestimmt Ob der Streit immer Streit bleiben soll Ob er eine
Vermittlung finden kann und welche das sein wird Mein Teurer das ist die
Region des Unerforschlichen Wir streifen daran aber wir können nicht hinein
In manchen Augenblicken zwar wenn Du ein Wesen so recht so überschwenglich
liebst dann ist dann muss Dir sein als wäre die Vermittlung längst geschehen
Doch lass das lass das
    Ich will Dich auch nicht für meine Ansicht gewinnen ich will Dir nur etwas
erzählen was mir auffiel was mich beschäftigt Vor ein Paar Tagen kehrte ich
Abends allein zu Pferde von einer Ausflucht nach der Stadt zur Burg zurück Es
war noch nicht eben allzu spät doch der Jahreszeit gemäß dunkel Als ich mich
dem Walde durch den mein Weg führt nahte ging wie bestellt der Mond auf Er
stand im bläulichen Nachtdunst voll und feurig auf dem Scheitel hoher
Wolkenberge Ich ritt langsam Die Luft war mild Eine dünne Schneedecke lag am
Boden Unter den Bäumen tiefer ins Dickicht hinein entdeckte ich Spuren von
Wild Ich lenkte einer schmalen Hügelreihe am See der Wall benannt zu Dort
hat sich aus einem einsiedlerischen Plätzchen des Komturs zwischen dichten
Schwarztannen versteckt erst ein Haus dann eine Meierei zuletzt das
Besitztum einer ehemaligen Vertrauten gebildet
    Landleute Reisende auch das benachbarte Jägervolk besuchen von Zeit zu
Zeit die Tannenhäuserin Ich ziehe öfters ohne Umstände mein Pferd dort in den
Stall wenn ich Lust habe mich auf Rehe und Hirsche einige Stunden auf den
Anstand zu stellen So geschah es auch heute
    Als ich über den Hof zurück ging begegnete ich dem Burschen der mit zwei
andern Pferden an mir vorüber tappte Ich rief ihm zu das Meinige gut zu
warten ohne mich um sonst etwas zu bekümmern Nachher fiel mirs wohl ein wer
noch so spät hier angekommen sein möchte aber es beschäftigte mich weiter
nicht Eine Strecke weiter hin ist der Wall wo er das eigentliche Ufer des
Sees bildet mit uralten Buchen besetzt Die dichtgereihten Bäume verschlingen
ihre hochgewölbten Kronen zu einem weiten hallenartigen Dome zusammen Gewisse
Ideenverbindungen legen den Gegenständen oft eine Art Heiligkeit bei Ich bin
hier jedesmal auf unwiderstehliche Weise wie festgebannt Es gibt da eine
Stelle  kurz nach meiner Ankunft in dieser Gegend sah ich hier  genug die
Stelle ist mir lieb Ich suchte sie unvorzüglich auf blieb an einen der
Baumstämme gelehnt und dachte meine Beute kommen zu lassen
    Indes vergaß ich bald Jagd und Wild und was damit zusammen hängt
    Der See lag zwischen den schneeigen Ufern blau und klar vor mir In seinen
leise bewegten Spiegel tauchte der Mond wie eine herabgefallene Feuerkugel
Unwillkührlich suchte der Blick oberhalb nach dem ruhigeren Lichte Die
aufgetürmten Wolkenschichten hatten sich auseinander getan Ein schwarzer
Streif umsäumte die Gränze des Horizonts während leichte Dünste in allerlei
Gestalten zerfliessend den Himmel mit unzähligen Bildern besäeten Es ist nicht
zu glauben was das Auge Alles sieht wenn es sich völlig selbst überlassen
bei einem Gegenstande verweilt
    Heinrich ich ließ so Unsägliches an mir vorübergehen Die duftigen Umrisse
schrieben eine ganze Geschichte auf das blaue Feld über mir nieder
    Wer verlor sich nicht einmal in das Treiben der Wolken Ich hätte
stundenlang so stehen und die Riesenköpfe mit unförmlichem Bart und Nase die
fliegenden Engel mit weit ausgebreiteten mächtigen Fittigen die monstruösen
Tierlarven betrachten belachen bewundern können Gott weiß weshalb mir ein
Ding das wie ein vierrädriger Wagen aussah so besonders auffiel Er rollte
wie aus tiefem Abgrunde hinter den schwarzen Streifen hervor und fuhr von
schneidendem Windzuge getrieben sausend über das leuchtende Firmament an dem
Monde vorüber der zerschnitten und zermalmt unter den Rädern verschwand
    Es war ganz deutlich ein Wagen Ob Pferde oder andere fabelhafte Kreaturen
ihn zogen kann ich Dir nicht sagen allein eine Gestalt mit gehobenem Arme
drohend oder auch nur das Fahrzeug lenkend stand mehr über als in demselben
Es war ein Weib mit lang flatterndem Schleier Je höher das Wolkenbild
heraufzog je mehr dehnten sich die Massen ins Ungeheuere Wagen Schleier und
menschliche Gestalt türmten sich bald zu einem Gebirge zusammen durch dessen
duftige Kuppe der Mond plötzlich wie ein großes gewaltiges Auge hindurch sah
    Mein Blick heftete sich immer fester auf die majestätische Erscheinung
Trieben nun Zufall oder Phantasie ihr Spiel mit mir genug ich glaubte mitten
in dem Dunstknäuel die alten Umrisse des Wagens wieder zu erkennen Aber dieser
war jetzt dunkel und scharf und sah eher wie ein Kasten ja fast wie ein Sarg
aus Ich schauderte unwillkürlich bei dem Gedanken da sagte eine Stimme unter
mir »Um Gottes Willen mache er dass wir anlegen« Zugleich hörte ich den
verdoppelten Schlag nahender Ruderer Nicht lange so rauschte es im Rohr Ein
Kahn ward am Ufer befestigt Ich trat weiter vor Ein Mann mit schwerer Bürde auf
dem Rücken stieg zuerst ans Land Ein keifendes zorniges Weib folgte ihm mit
einiger Schüchternheit »Komme Sie nur getrost alte Marte« sagte der Mann
»Sie sieht wir sind auf dem Trocknen Was will Sie mehr Hier herum ist auch
ein gutes Wirtshaus worin es immer Narren genug gibt denen Sie Ihre
Hexenkünste vormachen kann« »St St« flüsterte das Weib den Kopf in die
Schultern gezogen den Finger drohend gehoben »Bei Leibe nichts von Hexen«
sagte sie heimlich »Den Leuten würde sonst bange vor mir« »Der Name tut es
Ihr nicht Marte« lachte ihr Begleiter indem er den schweren Kasten den er
trug gegen einen Baum stemmte und einen Augenblick ausruhte »Laufen doch so
schon die Kinder wo Sie sich nur sehen lässt drum fliegt Sie auch mit den Eulen
erst Nachts aus« Er kicherte bei den Worten selbstzufrieden »So treffen wir
doch einmal zusammen« entgegnete sie spitz »Es war gut dass Er noch spät bei
den Komtessen in Ulmenstein zu tun hatte Nun machen wir den Weg mit einander«
    »Hat Sie denn der Mutter und den Töchtern aus dem Kaffeegrunde prophezeiht«
fragte der Mann in welchem ich jetzt einen in der Gegend umherstreifenden
Hausirer mit Namen Walter erkannte »Oder« fuhr dieser fort musste Sie ihnen
die Karten legen und die Freier anrücken lassen« »Nichts von allem dem«
brummte jene kopfschüttelnd »Und wärs auch was geht es Ihn an Die Paar alten
Kleider die ich von den hübschen Kindern in den Kauf kriege und spottwohlfeil
wieder verkaufe die tun seinem Verkehr keinen Abbruch«
    »Spottwohlfeil« höhnte sie Walter »Geh Sie doch Alte wir kennen uns
Ihre Schliche sind weltbekannt Aber erzähle Sie einmal hat Sie es nicht
auspunktirt wird aus der Heirat mit dem jungen Baron etwas«
    »Hm« entgegnete Marte in einem Tone als wolle sie sagen dass ich eine
Närrin wäre und es ihm wissen ließe Sie wandte sich zugleich ab und ging ein
Paar Schritte tiefer in den Wald hinein
    »Bleibe Sie doch« rief Walter »Sie weiß ja hier herum keinen Bescheid und
die schmucke feine Tannenhäuserin lässt Sie in dem Aufzuge schwerlich ein wenn
ich Sie nicht begleite«
    Dieser letzte Zusatz machte dass ich die Frau genauer ins Auge fasste Ein
großer Hut und die zunehmende Dunkelheit versteckten ihr Gesicht Doch war dem
Hute selbst mit seinem verbrauchten Putz von bunten Blumen und schlaffen
eingeknickten Federn das widrig Fratzenhafte ihrer ganzen Erscheinung auf den
ersten Blick anzusehen Wahrscheinlich mochte sie die in Ulmenstein erhandelten
Herrlichkeiten nicht bequemer haben fortbringen können als auf dem eigenen
Körper So hatte sie dann den fremden Staat übergeworfen und streckte nun die
nackten gemeinen Hände die auf einem knotigen Bettelstabe ruhten aus Flor
Stoff und anderm farbigen Modetand hervor Eben so ragten ihre schlecht und grob
beschuheten Beine weit unter den kurzen auf zierliche Figürchen angepassten
Röcken heraus Es war ein rasender Anblick Sie blieb auf Walters Ruf stehen Er
schickte sich an ihr zu folgen Ich schlich hinten drein
    Im Stalle drüben wo ich mein Pferd abholen wollte fand ich jetzt noch die
beiden Vorerwähnten »Wer ist von Fremden drinnen im Hause« fragte ich den
Burschen »Der junge Baron von Wildenau« war die Antwort »Der Baron« rief
ich »was will der hier« »O er besucht uns öfter« entgegnete jener »Er macht
es wie der Herr Graf er lässt sein Pferd hier und streift in der Gegend
umher« Sonderbar dachte ich dass wir uns nie begegneten Ich ging mechanisch
nach dem Hause Die Wirtin kam mir entgegen Sie hat immer ein eigenes
Zimmerchen für mich frei Heute waren zwei Gäste darin jener Leontin von
Wildenau und ein Geistlicher Ich begrüßte beide und sagte um etwas zu sagen
»Hier neben im Zimmer befindet sich eine Karricatur wie sie nicht toller
ersonnen wird«
    Das Ungewöhnliche reizt in Jedem die Neugier Der Baron öffnete in demselben
Augenblick die Türe nach der anstoßenden Gaststube Hier saß nun die alte
Marte so buntscheckig ausstaffirt dass ich sie mit lautem Gelächter begrüßte
Auf das Geräusch wandte sie den Kopf nach mir hin Sie sah nur aus einem Auge
mit halb wahnwitzigem halb pfiffigem Blick der Mund war nach einer Seite
verzogen so als lächelte sie schalkhaft während das graue verschrumpfte
Gesicht etwas Weinerliches hatte Ich stand mit unterschlagenen Armen dem
widrigen Geschöpfe gegenüber Sie kam mir wie ein Spuk vor der dem Sarge
entschlüpft mit den Lappen der Narrheit geschmückt von der Welt nicht
loskommen kann
    Leontin hatte sich sogleich mit den trocknen Worten »Ich kenne das« zu dem
Geistlichen zurück gewandt
    
    Der Hausirer näherte sich mir Mein festgewurzelter Blick auf die fremde
Erscheinung mochte ihn zu einer Erklärung über diese auffordern »Es ist zu
Zeiten nicht richtig mit ihr« flüsterte er mir ins Ohr »Eine Liebschaft aus
der nichts ward späterhin Einsperrung und Krankheit haben sie gestört«
    »Wer ist sie« fragte ich eben so leise ohne gleichwohl die Augen von ihr
abzuwenden »Was treibt sie sich Nachts so unstät umher hat sie kein bleibendes
Obdach«
    Walter belehrte mich sie sei eines Gärtners Tochter aus der Residenz habe
Blumen ausgetragen und durch diese und ein hübsches Gesicht Zutritt in
vornehmen Häusern gefunden Was sie dort sah und hörte reizte sie über die
Maassen Reichtum und Glanz dünkten ihr beneidenswerte Güter Sie fing an sich
herauszuputzen Ein Teil ihres Verdienstes ging damit hin Die Eltern verdross
das sie zankten mit ihr Aus Ärger und da sie längst auf ein besseres Glück
hoffte hing sie sich vollends an einen Mann der ihr Kleider Ringe Bänder und
andere Narrenspossen aber nie seine Hand gab Plötzlich war er fort Sie hörte
nichts weiter von ihm Die Eltern hatten aus Schaam über die Tochter Stadt und
Gegend verlassen Marte blieb wie ausgesetzt in die Welt allein zurück
Anfangs suchte sie einen Dienst in guten Familien zu bekommen Ihr
verräterischer Putz von dem sie nicht lassen konnte erweckte Misstrauen die
Türen blieben ihr verschlossen Gram und Not hatten sie angegriffen Sie
wollte sich zu den Eltern hinbetteln Aber sie vermochte es nicht die Kräfte
versagten ihr auch hielten sie die Stadt mit ihrem immer noch lockenden
Geräusch den Kutschen und Pferden prächtigen Häusern und geputzten Leuten
fest Sie wankte wie ein Schatten zwischen dem Allen hin und nährte sich von
Almosen An einem heißen Sommermorgen sank sie erschöpft auf die Stufen eines
kleinen Ladens nieder Eine Jüdin welche Trödelkram führte von Versatz und
Borg lebte verschmitzt war Jegliches zu benutzen wusste und eben eine Magd
brauchte die mit geringem Lohn und kargem Unterhalt zufrieden sein musste hatte
nicht sobald den Fuß auf die Treppe gesetzt und die ohnmächtige Person
erblickt als sie diese aufrüttelte sie angebrannte Federn und Knoblauch
riechen ließ und mit Hilfe eines Handlangers von der Straße in ihre Wohnung
trug
    »Hier« so schloss Walter »ist Marte so lange geblieben bis sie nach dem
Tode der Israelitin deren Gewerbe allein fortführte und obgleich nach jener
Ohnmacht mit verzerrten Gesichtszügen und wirren Gedanken einhergehend hat sie
doch den Ruf einer klugen Frau oder gar Prophetin in solchem Maße behauptet
dass sie von Vornehmen besucht in angesehene Häuser beschieden und oft ihre
List zu geheimen Zwecken benutzt wird«
    »Was macht sie denn so berühmt« fragte ich mit dem Scheine der
Unwissenheit über die verbotenen Künste des Weibes Der Hausirer zuckte die
Achseln Er wiederholte was er dieser schon im Walde vorgeworfen hatte In
einem Anfall guter Laune sagte ich »Nun so kann sie ja gleich ihr Talent
zeigen« Walter sah mich überrascht an »Um Ihren Spaß damit zu haben« lächelte
er »Natürlich« entgegnete ich ob mir gleich der Gedanke an etwas Spasshaftes
ganz unverträglich mit dem Anblick des gespenstigen Wesens dort drüben am Tische
schien
    »Hier geht es aber nicht« raunte mir mein Nachbar zu »So öffentlich darf
sie es nicht treiben Befehlen Sie so will ich sie nach einer Weile in das
kleine Zimmerchen hier neben führen Sie schließen dann die Türe ab und«  
    Es ist ein Kobold in uns Heinrich der lustig aufspringt wenn man ihn von
Außen anruft Der grillenhafte Schelm war gleich in mir bereit Walters
Vorschlag einzugehen Er hatte »Ja« gesagt ehe ich noch die nächsten
Schwierigkeiten überlegte Der Baron und sein Begleiter waren lästige Zeugen bei
dem Possenspiel Entfernen konnte ich sie einmal nicht und sie in mein
Interesse zu ziehen schien mir zu langweilig für die geringe Ausbeute des
Spasses Gleichwohl musste das letzte versucht werden Ich trat daher mit den
Worten zu Leontin »Sie haben ohne Zweifel von den Künsten gehört die der
Närrin drinnen den Ruf einer Prophetin erwarben Ihr verrücktes Wesen ist mir
verdächtig Ich wittre dahinter mehr Absicht als Krankheit Ich wäre neugierig
zu sehen wie sie es anfängt gescheute Leute hinters Licht zu führen Deshalb
habe ich sie hierher zu uns ins Zimmer beschieden Geben Sie Acht wie verblüfft
sie sein wird wenn ihre List nicht glückt«
    Ich hatte kaum geendet so trat Walter mit seiner Begleiterin herein Der
Geistliche schien verlegen Dem Baron war die Sache lästig das sah man ihm an
doch wusste er nicht sogleich loszukommen Indes fragte Marte ziemlich mürrisch
was sie hier solle Ich sagte es ihr Sie lachte Ich bemerkte dass sie unruhig
nach dem Geistlichen hinschielte Dieser sah ernstaft doch nicht unwillig aus
Jetzt stellte ich mich an einen Tisch neben die zaudernde Pytia Sie zog darauf
ein schmutziges Spiel Karten aus der Tasche das sie Mühe hatte mit ihren
dürren krummen Fingern auseinander zu bringen Ich empfand großen Eckel daran
und bat sie das Schicksal auf andere Weise zu befragen Es schien ihr nicht
recht Indes sagte sie auf kurze und abstossende Weise »Gleichviel« worauf sie
ein Ei und ein Glas Wasser forderte Als ihr beides gebracht ward gab sie mir
das Ei hieß mich es gegen das Glas zerschlagen und den Dotter
hineinzuschütten Ich tat wie ich geheißen ward Im Augenblick bildeten sich
allerlei Gestalten im Wasser die mir meine heutigen Himmelsbeobachtungen
lebhaft hervorriefen neugieriger als zuvor was die Sibylle daraus machen
würde sah ich mich forschend nach ihr um Sie war sehr rot im Gesicht eine
finstere hässliche Falte auf der Stirne zog sich immer tiefer zusammen
ungeduldig wischte sie das blitzende wilde Auge sah mich dann zornig an und
sagte halb verwundert halb böse »das sind lauter Teufeleien Was soll das
vorstellen he war das Wasser unrein Oder«  sie stellte die Lichter anders
»Sind das geweihte Kerzen Wollt ihr mich zum Narren haben«
    Walter beruhigte Marte über alle geäusserte Zweifel Sie schüttelte den
Kopf Der Baron war sehr aufmerksam geworden Er trat näher zum Tisch Ich
winkte ihm lachend zu dass sie mit ihrem Latein zu Ende sei Marte bemerkte es
Sie schob mit verbissenem Ingrimm das Glas von sich und machte Miene das
Zimmer zu verlassen
    »So wird es also heute nichts« sagte ich Sie antwortete nicht Ich hielt
ihr einen Taler hin hieß sie einpacken und ihrer Wege gehen
    Sie drückte aber meine Hand und das Geld ärgerlich zurück »Geduld« rief
sie »Ich werde es schon sagen wenns Zeit ist«
    Leontin kämpfte mit Neugier und Unwillen zugleich Der Geistliche blieb ohne
alle Teilnahme Er hatte ein Fenster geöffnet und sah als ob er Jemand
erwarte nach der Straße hinaus Marte räusperte sich jetzt »Nun« lachte sie
triumphierend »da haben wir es ja wollen Sie es hören«
    Sie sah erst Leontin dann mich an Es schien als ob sie uns beide
verwechselte denn ohne dass ich etwas erwiderte fuhr sie ausschließend gegen
mich gewendet fort »Es ist nichts als Unruhe und Wechsel in Ihrem
Schicksalszeichen Nehmen Sie sich in Acht Es steht Ihnen eine große
Veränderung bevor Sie werden das Ihrige über kurz oder lang mit dem Rücken
ansehen und wie Sie mit Kutsch und Pferden früher in ein großes Schloss
einzogen so flüchten Sie dann unstäten Fußes daraus Der Wittwerflor hängt an
Ihrem Hute und doch haben Sie zwei Frauen zugleich Wenn das Gestirn des Wagens
über Ihrem Hause steht dann ist die Entscheidung nahe Die welche Ihnen die
Nächsten sind «
    »Genug« rief ich unangenehm erschüttert »ich will nichts mehr hören« Sie
blickte mürrisch nach mir um runzelte die Stirne sah dann wieder in das Glas
und brummte »Es ist ohnedies vorbei Alles fließt wieder zusammen Ich kann
nichts mehr unterscheiden Aber was gewiss ist bleibt doch gewiss die
Zwietracht sitzt an Ihrem Heerde und wenn Sie die Glocke wieder neun schlagen
hören wie jetzt hat sie Ihnen schon manches Lied gesungen«
    Der Baron hatte seit einer ganzen Weile über die Schultern der Alten weg in
das flockige Gebräue hinein gesehen Sie bemerkte es erst jetzt »Was machen Sie
hier« rief sie scheltend »Sie haben auch wohl Ihre Hände mit im Spiele«
    Ich lachte unwillkürlich über seine Verlegenheit »Lachen Sie nicht«
schrie sie widrig mit einem verwünscht pfiffigen Gesicht
    In dem Augenblick ward eine fremde Stimme im Nebenzimmer laut Der
Geistliche schloss das Fenster und sagte indem er mit freundlicher Verbeugung
an uns vorüber ging »Verzeihen Sie es erwartet mich hier Jemand«
    Marte hatte im Nu ihre Habseligkeiten zusammengepackt meinen Taler
genommen und sich aus dem Staube gemacht
    So blieben Leontin und ich allein Wir waren beide unbequem mit einander Er
ist niemals von vielen Worten und jetzt sichtlich durch meine Gegenwart
gedrückt fehlte es ihm auch an dem Unbedeutendsten Mich hatte sein Anteil an
dem ganzen Vorgange frappirt Ich war begierig den Grund davon herauszubringen
und deshalb auf dem Punkt ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen als ich den
Präsidenten Elisens Gatten dicht nebenan sagen hörte »Hier also Nun lassen
Sie mich ihm meinen Dank abstatten« Somit öffnete er die Türe und stand in
Begleitung des Geistlichen vor mir Meine Anwesenheit mochte ihn überraschen
er grüßte flüchtig fast obenhin wandte sich dann zum Baron gegen den er mit
Wärme eines Dienstes erwähnte welchen ihm dieser so eben geleistet haben musste
Aus dem Verfolg des Gesprächs erfuhr ich sodann dass der Geistliche ein längst
erwarteter Aufseher und Führer von Elisens schönem Knaben Georg war dass
Leontin diesen empfohlen hierher begleitet und dem Präsidenten zugeführt
hatte
    Des Barons Mitwirken in einer Angelegenheit die Elisen Kummer machte fiel
mir gerade in diesem Augenblick um so mehr auf als bis jetzt hiervon nichts
verlautete folglich geheim getrieben ward und ziemlich nach einer
Vertraulichkeit mit dem Manne auf Kosten der Frau schmeckte Mich kümmert
dergleichen sonst sehr wenig Häusliche Angelegenheiten so oder so gestellt
gehören immer zu den Plackereien die getragen sein wollen es verschlägt daher
eben nichts ob die Last um ein Gran schwerer oder leichter wiegt Es war auch
nicht das es waren ich wette die letzten Worte des Weibes die etwas Fremdes
in meine Seele geworfen hatte Ich fühlte dies wie einen Stachel darin stecken
Es brannte mir heiß im Herzen als ich den Vater mit aller Umständlichkeit
eines weitschweifigen Pedanten von dem Knaben sprechen und sein Dasein von dem
der Mutter ablösen hörte
    Ich sage Dir Heinrich es wurden hier Grundsätze der Erziehung entwickelt
die einen Menschen rasend machen können Meine arme Freundin wird darüber
untergehen Ihr zartes Innere durch die materiellen Handhaben abstrakter
Pädagogik verletzt kann dem Gedanken nicht Raum lassen dass je ärger das Joch
presst je schneller rüstige Schultern es abwerfen Sie selbst bewegt sich so
leicht und frei in der hellen Sphäre schuldloser Gefühle ihre Gedanken
schwingen sich zu seltener Höhe nirgends beengt eine der tausend künstlichen
Gränzen den Flug ihres schönen reichen Gemütes und wie sie unbewusst die
angewiesene Bahn verfolgt so lässt sie auch auf die natürlichste Weise von der
Welt das kleine Seelchen ihres Lieblings die heitern Räume mit durchfliegen
Der Knabe ist ein Seraph und so zu ihr gehörig wie das Morgenlüftchen das die
goldene Aurora umspielt Denke Dir nun diese beiden Menschen von den eisernen
Klammern harter Regeln umspannt Denke Dir das abgeschlossene Muss und Soll
gegen den freien Flügelschlag harmloser Willkür Atme nur einen Augenblick in
der Region der Güte und Liebe und siehe dann das Chaos auf einander getürmter
Gebote unter Dir betrachte den finsteren Führer der am harten Strick das müde
Lämmchen durch all die Windungen sich nachzieht höre die tonlosen leiernden
Worte von brechen des Eigenwillens von Demut blindem Gehorsam lass den
Geistlichen noch über das Thema zerknirschter Herzen und Abtödtungen des
Fleisches sein Pensum hersagen und dann begreife wie mich das Alles zur Türe
hinaus unter Gottes freien Himmel jagen die Brust mit Wehmut den Kopf mit
unruhigen Bildern füllen musste In dieser Stimmung stoße ich auf die
Tannenhäuserin die mir vor dem Hause begegnete Sie grüßte fragte nach dem
Befinden des Komturs und setzte hinzu wie ihr der Baron über dasselbe gute
Nachricht gegeben
    »Der Baron war also heute drüben auf der Burg« unterbrach ich sie
»Allerdings« war die Antwort »Und wie ich höre sind der geistliche Herr von
dort in des gnädigen Herrn Begleitung hierher gekommen Die Frau Gräfin haben
denselben empfohlen verschrieben wie ich nicht anders weiß«
    Heinrich mir stieg das Blut nach dem Kopfe Emma dachte ich Hat sie ihre
reinen Hände in dem heimlichen Spiele Wie kommt sie dazu mit Leontin
gemeinschaftlich gegen den Wunsch der armen Elise zu wirken Es sah alles so
abgekartet so versteckt aus Dazu kam das verabredete Zusammentreffen gerade in
dem entlegenen Winkel hier man wollte das Ansehen der Teilnahme vermeiden Der
Präsident musste bei Nacht und Nebel den Aufseher über Frau und Kind auf
geheimnisvolle Weise in Empfang nehmen Ich war dabei ein sehr unberufener ja
unbequemer Zeuge Ging Leontins überraschter Blick etwa hierauf als Marte ihm
vorwarf die Hand in dem verderblichen Spiele zu haben »Hexe« rief ich in mir
indem ich mich verdrießlich aufs Pferd schwang und nach der Burg ritt
    Ich weiß nicht was mir Alles während meines Rittes durch den Wald im Kopf
spukte Genug ich sah zum erstenmale um mich als ich etwa tausend Schritte vom
Schloss am Fuße des Berges anhielt Der breite Weg welcher in
Schlangenwindungen auswärts führt ward scharf vom Mondlichte bezeichnet bis
ihn zuletzt eine dunkle Tannengruppe verdeckt und man seiner erst dicht an der
Terrasse des Gebäudes wieder ansichtig wird Sehr natürlich fiel mein Blick als
auf den hellsten Punkt der Landschaft dahin doch mit seltsamem Schreck fuhr
ich zusammen da gerade in demselben Moment ein Wagen hinter der schwarzen Decke
der Bäume hervorrollte und vor der Burg hielt Ich wusste sogleich wer darin
saß eben deshalb schallten mir Martens Worte »Die Zwietracht sitzt an ihrem
eigenen Heerde« wie ein Echo aus dem Walde zurück Ich raffte mich zusammen
eilte nach Hause fand meine Schwiegermutter und mit ihr ein Heer ängstlicher
Rücksichten kalten Formen und lauernden Anspielungen Ich bin wie gelähmt das
Dach des Schlosses drückt mit Centnerlast auf mich
    Es ist eine Schwüle in den Mauern als müsse die Flamme jeden Augenblick
aufschlagen
    So war es heute und gestern Wer weiß wie es morgen sein wird
    Heinrich Heinrich die Fäden die unser Geschick lenken laufen wahrhaftig
nicht so einzeln durch das Leben
    Lebe wohl ich sehe einem Unwetter entgegen
 
                                 Elise an Hugo
Sagen Sie was Sie wollen Sie waren gestern nicht natürlich Wenn ich vor so
manchem Gesicht eine Maske dulden mag so ist sie mir bei Ihnen unerträglich
    Was wollten Sie mit der erzwungenen Redseligkeit mit der ironischen
frostigen Laune sagen die Niemand am wenigsten die Klugen der Welt täuscht
Für wen spielten Sie Komödie Hugo
    Es hat mich verdrossen Ich wollte mit Ihnen reden Deshalb trat ich zu
Ihnen ins Fenster Sie wichen mir aus Ihr Gehirn war in jener hüpfenden
Bewegung die den Witz überall Seitensprünge machen lässt und das Gespräch in
Brocken zerstückelt Eine Stimmung die zu der meinigen durchaus nicht passte
Fühlten Sie nicht oder wollten Sie es nicht fühlen dass mir etwas auf dem
Herzen lag was herunter musste
    Was ist ein Freund wenn er den Klang der beengten Seele in einem stummen
Luftzuge ohne Echohall zu uns zurückschickt
    Ich habe Kummer Sie sollten es wissen Der dünne blasse stumme Kaplan
der mir wie ein Gespenst nachschleicht und auf den Fersen sitzt sobald sich
Georg zu mir flüchtet Eduards blindes Vertrauen zu ihm die peinlichen
Tischgespräche der Zwang mit dem Menschen meinen Tag zuzubringen seine
Begleitung auf Spatziergängen und Fahrten dulden zu müssen wenn ich das
geängstete Kind nicht martern lassen will dies und noch unendlich Vieles was
damit zusammenhängt was auf die Zukunft hindeutet was mir nur zu gegründete
Sorge gibt sollten Sie von mir hören Ich kann nicht mit Ihnen lachen Sie
hoffte ich würden mit mir denken wie dem frostigen pressenden Einflusse auf
das frohsinnige Kind so wie auf mich entgegen zu wirken sei Aber mit nichts
konnte ich Sie fassen Hugo nicht meine Bitten nicht mein Unwille Wo waren
Sie mit Ihrem Selbst dass ich Sie nicht zu finden wusste Es gibt einmal nichts
Unbequemeres für mich als Besorgnisse hegen zu müssen Mit dem Schmerz nehme
ich es eine Weile auf Entweder ich besiege ihn oder ich ergebe mich darin und
will nichts mehr als die Dinge so gehen lassen wie sie wollen
    Ehe es aber so weit kommt gibt es viele Mittelzustände in denen dem
Menschen allerlei zugemutet wird was er sich nicht gefallen lassen darf
Widersprüche aus Unsinn und Vorurteil erzeugt an denen sich unser Scharfsinn
wie die Kraft des Stärkern prüfen soll Aus diesem Grunde biete ich auch deshalb
alles auf dem Steine auszuweichen den mir das Geschick entgegen rollt und
stoße ich doch darauf so überspringe ich ihn Stehen bleiben und müßig klagen
kann ich nicht Die Überzeugung dass gegen jedwedes Übel ein Mittel zu finden
sein müsse hat es mir noch niemals an einer passenden Auskunft fehlen lassen
Warum bin ich aber jetzt so ganz ohne Zuversicht und Klarheit Den Kaplan
entfernen hieß gegen den Strom im Moment der Brandung schwimmen wollen Ihn
dulden und unschädlich machen dazu gehört ein anderer Charakter als der
meinige Wen ich nicht von selbst gewinne der bleibt für mich verloren
Berechnen kann ich weder mich noch Andere Das Leben gehen lassen ist in vielen
Stücken gut allein hier kann zu Vieles untergehen ehe die Natur ihr stilles
Recht behauptet
    Was ist also zu tun
    Schaffen Sie Rat Hugo Auf Sie zähle ich in meiner Angst Wissen Sie auch
von woher mir der Schlag kam Aus Ihrem Hause Dem Oheim und der Nichte verdanke
ich diese Zugabe meines Hauskreuzes Tadeln Sie indes Niemand Beide handelten
nach bester Überzeugung Ihnen fiel es nicht ein meiner Überzeugung zu nahe
treten zu wollen
    Emma schrieb mir zugleich das hübscheste Briefchen von der Welt über die
Schritte welche in der Sache geschehen waren Ich lege es Ihnen hier bei
hinzusetzend dass es mir übrigens so spät überkam dass für mich nichts mehr zu
tun blieb
    Sehen Sie so sündigt Emma gegen mich ohne eine Ahndung davon zu haben
    Wie Vieles wäre noch darüber wie Vieles über das Nichtverstehen der
Menschen zu sagen Allein ich muss Ihnen ja dies schon schreiben Sie sind nicht
zu erreichen seit Sie den Weltmann in der Stadt und den vornehmen Schlossherrn
auf der Burg spielen Wie Ihnen das schlecht steht und wie fremd Sie mir
erscheinen
    Könnten Sie einen Augenblick finden der Sie in Ihren grauen Mantel
gehüllt unscheinbar und bescheiden zu meiner Türe brächte ich würde glauben
Sie seien wieder Sie selbst um mit Ihnen reden denken überlegen und ruhig
sein zu können wie sonst
    Gute Nacht Ich bin müde ich habe geweint und doch weiß ich ich werde
nicht schlafen Mir liegt Vieles im Sinn
 
                                 Emma an Elise
                      Im vorigen Briefe eingeschlossen
Ich ward verhindert diesen Morgen zu Ihnen zu kommen und Ihnen mitzuteilen
was Sie vor allem Andern wissen sollen
    Liebe Elise es war gestern in den Zimmern des Komtur die Rede von Eduards
Wunsche einen Erzieher für ihren lieben Knaben zu finden Er hatte dem Baron
Wildenau den Auftrag gegeben ihm einen solchen suchen zu helfen Die Wahl
dünkte diesem schwer Der Oheim wandte sich an mich und rief mir einen Mann ins
Gedächtnis der mir von dem Lehrer und Freunde meiner Jugend empfohlen worden
Einen bessern Fürsprecher konnte sich so leicht Niemand rühmen Ich erwog einen
Augenblick in wie fern ihre Anforderungen mit den Leistungen jenes jungen
Geistlichen zusammen treffen möchten fand gleichwohl dass eine edle Geburt
feine Erziehung frühere günstige Stellung zur Welt Bekanntschaft mit dieser
wie mit den Wissenschaften der junge Mann zu Georgs Begleiter sich eigene und
schwerlich ein passenderer in diesem Augenblicke zu finden sei Deshalb nur und
weil der Baron selbst der Überbringer meines Schreibens sein wollte entschloss
ich mich ohne erst Ihre Einwilligung abzuwarten der des Präsidenten war ich
gewiss den Schüler meines alten Lehrers hierher zu bescheiden und es dann Ihrer
Bestimmung zu überlassen auf welche Weise er bei Ihnen eingeführt werden soll
    Bin ich voreilig gewesen so verzeihen Sie es dem Eifer Ihnen und dem
lieben Georg von den wenigen wahrhaften Diensten die in der Gewalt
wohlmeinender Freunde stehen den Wesentlichsten leisten zu wollen
N S
    Eduard war bei mir Er wusste schon Alles durch Leontin und übernimmt es
Ihnen dies Briefchen zuzustellen
 
                                 Hugo an Elise
Sie schelten mich Sie sind unzufrieden mit mir Hier lobt man mich Emmas Auge
strahlt vor Freude sie sieht mit einer Art Triumph von mir zu ihrer Mutter hin
    Wer von Beiden kennt mich nun am besten
    O lassen Sie diese Frage unbeantwortet Es hängen an der einen unzählige
andere die einmal ausgesprochen Herz und Seele mit herausreissen dem Leben
ein Ende machen oder es anders gestalten müssten
    Ich komme nicht zu Ihnen Elise Auch nicht auf Ihr dringendes Gebot
Urteilen Sie danach wie unmöglich es mir sein muss Unmöglich ja ja Belachen
Sie den Ausdruck nicht Ich spreche nicht in Rätseln Noch ein einziger kurzer
Schritt und die Flut treibt mich wohin ich nicht will wohin kein Auge
reicht was kein Maß keine Gränze kennt Elise hörten Sie nie  Gott nein 
Der bodenlose Abgrund verworrener Begriffe liegt tief tief unter der Region in
der Sie atmen Genug ich komme nicht Ich schreibe Ihnen Endlich ist Ruhe um
mich Sie schlafen die mich müde hetzten und mir nicht einmal den Schlaf
lassen können Sie haben ihn mir schon lange lange geraubt
    Es ist tiefe Nacht Sind wir endlich allein Ganz allein Elise dunkle
Schatten liegen wie Wächter um die Freistatt der Gedanken Sind wir auch hier
der Welt und ihren Gesetzen verfallen Gibt es keine Ewigkeit in der Zeit und
kann die Sehnsucht niemals niemals den Kerker sprengen der Geister von
Geistern trennt Wie ertragen wir denn den Tod unserer Lieben was schleichen
wir zu ihren Gräbern und rufen Bilder der Vergangenheit in die Gegenwart zurück
Ist das stille Hinübergleiten von einer Welt in die andere nichts als ein
suptileres Phantom der Einbildungskraft Stoßen wir überall auch in uns nur auf
Täuschungen die den Drang des Innern mit Phantasmen hinhalten wie Kinder in
einer gespielten die erwartete Welt vorausleben
    Sei es ich träume denn also und sehe Sie und rede mit Ihnen im Traum
    Was aber darf ich Ihnen sagen
    Die Nacht verwirrt mich Ich will den Morgen abwarten der Brief soll
unvollendet bleiben
    Er wird kein Ende finden Wo soll ich aufhören Vielleicht hätte ich besser
getan niemals anzufangen Jetzt  Ja so Sie wollten wissen was ich von dem
Kaplan halte Mein Gott lassen Sie den guten Mann nur immer machen Weder
dieser noch ein anderer ich versichere Sie erzieht den Menschen Das sind
alles handwerksmässige Übungen Lehrjahre hat ein Jeder Das muss sein Der
Künstler wird geboren Das Genie gibt und nimmt sich nicht Und was das Wecken
und Ersticken desselben betrifft so halte ich von dem nicht viel das nicht
stärker wäre als ein mechanisches Band  Der Widerspruch lehrt zuerst
sprechen und zugleich denken Gleichviel was augenblicklich für Resultate
daraus entstehen Man muss dabei nicht allzupeinlich verweilen Ein wenig Trotz
hebt Kopf und Nacken in die Höhe Der Blick lernt dieselbe Richtung finden
Zuletzt fällt dann das eigene Maß kurz genug aus wenn man es vergleichend an
Ideale legt Man lernt Andere dulden weil man sich Vieles verzeihen muss Sie
kennen ja meine Theorie über die einzigen Ausgleichungsmittel im Leben Güte und
wohlwollende Achtung für die Freiheit Anderer Ich büsse lieber von der meinigen
ein als jene zu beschränken Machen Sie es auch so In der Regel kann man bis
zu einem gewissen Punkt über Vieles lachen und es gut sein lassen
    Ich lache jetzt oft und deshalb auch letzthin bei unsrer lauernden
Nachbarin Danken Sie mir das Elise Hätte ich dem Ernst sein Recht eingeräumt
jener gewisse Punkt wäre vielleicht nicht unberührt geblieben und dann wäre
mehr als die losen Schlingen des Scherzes zerrissen worden
    Hüten Sie sich schöne arglose Seele aus der Region heiterer Unbewussteit
herauszutreten Noch bewache ich die Gränzen Drängen Sie mich nicht von meiner
Stelle Ich bitte Sie fragen Sie nicht zuviel Ich habe schon mehr erfahren
als gut ist die Binde ist mir von den Augen genommen und kein Gott kann den
Traum seliger Blindheit wieder herstellen
    So weit hatte ich geschrieben Ich wollte Ihnen das Blatt mit dem Frühesten
schicken Die Gelegenheit mit dem Marktschiffe dünkte mir zu langsam Einen
Augenblick hatte ich den Gedanken selbst nach der Stadt zu reiten und den Brief
in Ihrem Hause abzugeben Ich ließ auch wirklich mein Pferd vorführen warf mich
darauf und sprengte davon Doch war ich noch nicht weit gekommen als ein mir
nacheilender Reitknecht ein Billet von Emma überbrachte in welchem sie mir
anzeigt dass gleich nachdem ich die Burg verlassen ein fürstlicher Jäger mit
der Meldung dort eingetroffen sei der Fürst hege den Wunsch in den umliegenden
Forsten zu jagen und sage sich zu dem Ende zu einem Frühstücke auf dem
Schloss an
    Mir blieb natürlich nichts anders übrig als umzukehren und die
erforderlichen Vorkehrungen zu treffen
    Sehen Sie Elise Fesseln die den Menschen zum Sklaven gemacht haben ehe
er es noch einmal recht weiß werden immer durch unabwendbare Verhältnisse
geschmiedet Was diese entstehen lässt was sie durch einander bedingt das liegt
außerhalb menschlicher Berechnung Es hat sich eins auf ungefähre Weise
gebildet und der Ring ist sogleich geschlossen der unsere Freiheit umspannt
    Die Jagd ist nichts als ein Vorwand Der Fürst sucht die Oberhofmeisterin
hier auf weil es nicht das Ansehen persönlicher Beziehung zu ihm haben soll
Und doch existiert diese Beziehung Sie hat etwas vor Sie nimmt den Einfluss des
längst gekannten Freundes in Anspruch Mit mir will sie etwas Ich sehe sie von
Weitem kommen Schon lange dreht sie das Seil Jetzt hofft sie die Schlinge zu
schürzen
    Von hier fort in Tätigkeit will sie mich wissen deshalb die vertrauliche
Annäherung des Fürsten das zwanglose ländliche Beisammensein Der Weg soll
gefunden werden der geradezu auf meine Eitelkeit losgeht In das eigene Netz
will man mich verwickeln Sie hat sich verrechnet Der Springer im Schachspiel
durchkreuzt wohl auch einmal den Gang der Königin Ich weiß das ich fühle mich
und dennoch wenn es zu einer offenen Erklärung käme  wenn ich reden müsste  was
würde da Alles laut werden wohin kann ein Wort das andere führen
    Und Sie werfen mir vor den Weltmann in der Stadt den Schlossherrn auf der
Burg zu spielen Ahnden Sie denn gar nicht was mein Spiel verdeckt und abwehrt
   
    Ein Tag voll unruhigen Umhertreibens voll lästiger Geschäftigkeit ist nun
vorüber Es ist wieder Nacht die Stunden laufen ab die Zeit wechselt das
Leben rückt nicht vor ich stehe auf dem alten Fleck Entsetzliches Bewusstsein
Es jagt mir das Blut mit Höllenangst durch die Adern Wie das noch werden soll
Der Fürst maß mich heute ein Paarmal mit seinem seitwärts fallenden Blick der
bei aller Flüchtigkeit doch auf Kundschaft ausging Welche Spur hat man ihm nur
gegeben dass er so zuversichtlich darauf fortgeht Im Übrigen tat er ganz
unbefangen war gesprächig und ganz auf der Jagd Er ist ein gewandter Schütze
Ich äußerte das mit bescheidenem Lobe Er lächelte »Ja« sagte er darauf »es
war immer mein Lieblingsvergnügen deshalb erlaube ich mir es nur selten Es
kann leicht zur Leidenschaft werden und vor nichts hege ich mehr Furcht als
vor einer solchen Haustyrannin die man am eignen Heerde groß zieht«
    Er schwieg allein hier eben war es wo sein Blick mich suchte Ich tat
als bemerke ich es nicht indem ich den Gegenstand fallen ließ und nur neue
Veranlassung suchte der eingestandenen Neigung Vorschub zu leihen Er ging
einen Augenblick in meinen erweiterten Jagdplan ein doch bald nachher bemerkte
er das führe zu weit Man dürfe nicht so allein an sich denken Oben auf der
Burg erwarteten uns die Damen und der würdige Komtur wir seien ihnen
Rücksichten schuldig er wolle nicht das Ansehen haben solche gering zu achten
Elise ich biss mir in die Lippen so lächerlich war mir der fürstliche
Sittenprediger den man bis unter Gottes freien Himmel an mich abgeschickt
hatte
    Es mochte indes hingehen Wir fuhren nach Hause Unterwegs lobte er den
Wald die Gegend fragte nach dem neuen Bau drüben auf Wehrheim drang deshalb
in mich wollte Alles wissen und schloss dann unter lautem Lachen mit der
Bemerkung dass ich schlecht bei mir selbst zu Hause sei Ich fühlte den Stich
verschmerzte ihn aber da er nichts Wesentliches in mir verletzte So lachte ich
mit ihm vielleicht mehr von Herzen als er Nach und nach rückte er denn heran
sprach von umfassender Tätigkeit öffentlichem Leben dem Interesse an
Staatsverhältnissen nannte das große Lügennetz die Politik das eigentliche
Gewebe des Scharfsinns und meinte der schlaue Jäger finde hier erst ein
geräumiges Feld sein Wild aufs Korn zu nehmen
    Jetzt wusste ich wo man hinaus wollte Zum Glück hielten wir bereits an der
Schlosstreppe Meine Antwort blieb ich ihm schuldig Er wird sie mir schon noch
abfordern Doch sei es wann und wo es wolle die Wahrheit soll er gewiss hören
    Gott behüte mich vor neuen Ketten Als wenn ich nicht schon an den jetzigen
schwer genug zu tragen hätte Meine Schwiegermutter ist seitdem von der besten
Laune Sie geht in Jedes ein was ich sage gibt mir Recht teilt ganz meine
Ansichten Was hat das anders zu bedeuten als dass mein Urteil gesprochen ist
und sie dem harten Ausspruch einen milden bestechlichen Klang einhauchen
möchte Elise geben Sie Acht das ist der Stein an dem Vieles zerschellen
wird
    Ich breche kurz ab Es hat sich ein Bote gezeigt der das Schreiben noch vor
Ihrem Erwachen zur Stadt trägt Ich lag im Fenster Es dämmerte kaum Da hörte
ich schon von ferne die weit ausgreifenden taktmässigen Tritte eines geübten
Fussgängers Nicht lange so ging Jemand dicht an dem Hause entlang Ich beugte
mich vor »Walter« rief ich halblaut Die große gebückte Gestalt für diesen
haltend »Ja« antwortete der Wandrer »was gibts« »Seid Ihrs Walter«
fragte ich noch einmal Dieser nickte mit dem Kopfe ohne etwas zu erwidern
    »Was habt Ihr denn Eiliges hier zu tun« lachte ich ohne mir etwas dabei
zu denken »Hier schläft noch Alles Handel und Wandel wird um diese Stunde
nicht getrieben« »Ist auch nicht meine Absicht« entgegnete der Hausirer »Ich
gebe nur gelegentlich einen Brief an die Frau Gräfin ab Ich komme drüben von
der Tannenhäuserin und gehe hinunter nach Wehrheim um von dort mit dem
Marktschiffe nach der Stadt zu gelangen Das Schreiben ist von dem Herrn Kaplan
er hat es ich weiß nicht wie unsrer Wirtin zur weitern Beförderung zustellen
lassen«
    Walter hatte sich während dem auf einen Stein gesetzt Ich hieß ihn da
warten bis ich hinunter kommen würde Ich habe nun diese Zeilen
niedergeschrieben ich füge nichts hinzu aber  wie ein Zug dunkler Nachtvögel
schwirren widerwärtige verworrene Vermutungen an mir vorüber Emma  der
Kaplan  Der geheimnisvolle Weg ihrer Mitteilung  O die Geistlichen sind so
verschlagen und die Tauben so zahm so zum Abrichten gemacht
    Ich verlasse Sie in einer sonderbaren Stimmung Nein Elise nein ich
verlasse Sie nicht niemals ich bin Ihr Freund mehr als jemals Ich begleite
Sie wie Ihr Schatten Sein Sie ruhig ich bitte Sie Es ist nichts Ich bin bei
Ihnen verlassen Sie sich darauf
    Ich eile zu Walter hinunter Ich werde ihm den Brief vom Kaplan abnehmen
ich will ihn Emma selbst geben Sie ist wahr sie kann  doch leben Sie wohl
Leben Sie wohl Elise
 
                        Die Oberhofmeisterin an Sophie
Wundern Sie sich nicht dass ich mir so viel Zeit ließ ehe ich an Sie schrieb
Nur wenn Sie hier wären würden Sie es verstehen wie ich zu dieser
Enthaltsamkeit kommen konnte
    Es ist nicht leicht Worte zu finden wenn man nicht weiß was man denkt
oder fühlt Sehen Sie jede andere wie ich würde hier ruhig und leidlich
zufrieden sein Ich bin es nicht ich kann es nicht sein ob ich gleich gestehen
muss dass ich Niemand einen Vorwurf zu machen habe noch etwas Bestimmtes tadeln
kann In den ersten Augenblicken nach meiner Ankunft war ich völlig geblendet
Hätte ich Ihnen da geschrieben Sie würden triumphiren Es war Nacht als ich
den Fels hinan zu dem erleuchteten Burghofe einfuhr Die große Ampel über dem
Steinbrunnen die hohen Tannen zwischen denen sie schwebt das Licht selbst so
magisch über die besondere Architektur ausgegossen und Emma endlich schöner
als je unter den gotischen Bogen auf der gewundenen Treppe stehend hinter
ihr der Komtur imposant wie immer durch Gestalt und Haltung ich sage Ihnen
ich war überrascht durch das Neue und Sonderbare des Anblicks Mich selbst und
was mich hierher trieb vergessend rief ich schon ehe man mich hören konnte
»Willkommen willkommen liebe Kinder« Bei dem ersten Laut meiner Stimme füllt
sich der Hof mit Menschen und Lichtern Emma stürzte an den Schlag des Wagens
sprang auf den Tritt desselben und lag in meinen Armen in einer Bewegung die
ihr Sprache und Besinnung raubte Ich fühlte ich hörte die Schläge ihres lieben
Herzens das meinige brach fast vor Entzücken Indes war Hugo auch
herabgekommen er hob mich aus dem Wagen und führte mich und Emma zum Schloss
hinein
    Mit stummer Rührung drückte er unsere Hände in den seinen Es erschütterte
ihn sichtbar uns so einander wiedergegeben zu sehen Er hat an Behutsamkeit an
Feinheit des Betragens gewonnen man fühlt er kennt seine Stellung und dabei
hat er nichts von jenem Besondern verloren das unsre Fürstin die Schwingung
eines tiefen melancholischen Accordes nennt Sie wissen ich bin nicht für
Schwärmereien der Art indes musste ich mir wenn auch widerstrebend
eingestehen dass man Hugo nicht nahet ohne in eine ungewöhnliche denkende und
nachempfindende Stimmung zu versinken So flohen die ersten Stunden hin indes
mich was ich sah und hörte immer mehr erregte immer williger machte die
neuen Eindrücke mit Feuer und Bewunderung aufzunehmen Ich fordere auch
Besonnenere als ich bin auf ungeblendet von dem Reiz des rührendsten
lieblichsten Wesens der einzigen über alles geliebten nach langer Trennung
wiedergefundenen Tochter zu bleiben Sie selbst von Freude strahlend mitten im
Glanz der sonderbarsten erhabensten Umgebung glücklich die Fürstin ihres
Kreises darin gebietend und herrschend mit dem Zauber einer Fee sie so zu
sehen und auf die Plackereien das Gezänk und Gewäsch miserabler Flachheit
zurück zu blicken den Maßstab der Beurteilung von da herzuholen kurz zu
wissen was man früher wollte Ach ich atme nun wie in andrer Luft Ich hätte
schwören können mir wäre nie ein Zweifel über die vollkommene Zufriedenheit
Emmas in den Sinn gekommen
    Der feierliche Ernst des Komtur zu welchem er schon in der Jugend eine
leichte Anlage hatte und der ihm nun zur andern Natur geworden sein mag
stemmte sich zuerst gegen die raschen Ausbrüche meiner sorgenfreien Laune Ich
stieß mich so zu sagen an ihm und in der unangenehmen Empfindung die auf so
etwas folgt sah ich mir den Mann den Ort die Menschen bestimmter an Ich
spürte leicht die Spannung heraus die sich an gewissen Tagen über häusliche
Verhältnisse über Personen und deren Art und Weise verbreitet Emma kam mir
ängstlich Hugo nicht natürlich der Oheim unsicher zwischen beiden vor Es ist
unglaublich wie das leiseste Verrücken des Gesichtspunktes sogleich Blick
Gedanken Gefühl Stimmung in uns anders macht Ich wurde nachdenkend wie der
Komtur Es half diesem wenig dass er gleichgültige Gespräche mit Feinheit und
Anmut zu beleben suchte als sei zwanglose Heiterkeit hier einheimisch ich
hatte es bald weg man war bemüht mich zu unterhalten und jedweder hatte dazu
seinen Festtagsrock angezogen
    Das ist im Ganzen auch so geblieben nur werden wir nach gerade der
Spielereien überdrüssig Hugo sieht manchmal aus wie die stumme Verzweiflung
Emma überbietet sich dann in Gesprächigkeit und launigen Anekdoten sie lacht
und erzählt aber ihr Lachen jagt mir das Blut ins Gesicht ich schäme mich in
ihre Seele dass sie gezwungen ist eine Rolle vor mir zu spielen die ihres
Mannes hölzerne Leblosigkeit sehr schlecht unterstützt Und ich Sophie soll
unschuldig genug sein dahinter nichts anders zu suchen als Eigensinn und
Laune Nein ich spiele mit und gehe wie alle Andere frei hinter den
Kulissen hin und her Es steht da noch Mancher der frühe oder spät in die
Szene treten wird Bis zur Entwickelung sind wir noch nicht gelangt denn die
Fäden der Intrigue laufen kraus durch einander
    Der Intrigue Ja ja ich bin gewiss dass sie existiert dass sie sich unter
Emmas Augen angesponnen und gebildet hat dass sie es sieht es weiß und duldet
um nur den Undankbaren nicht zu stören der unser Aller Elend machen wird Darin
liegt der Schlüssel ihres Betragens deshalb die Anstrengungen unheimlicher
Fröhlichkeit denen weder ihre innere noch äußere Kraft gewachsen ist
    Das ist es Sophie was ich herausfühlte Zu bemerken zu entdecken ist hier
nichts Dazu sind Alle in stillschweigender Übereinkunft zu einig denn sie
wissen dass man demjenigen den man ans Licht ziehen will unter der
künstlichsten Verkappung nachspürt Doch finden sich auch willige Hände die
unversehens den Finger ausstrecken und hinzeigen wo man sehen soll
    Unsere Gräfin in Ulmenstein ist in solchen Fällen von unzuberechnender
Dienstfertigkeit Ich war kaum auf der Burg angekommen so kam sie auch Meine
Laune stimmte schlecht zu solchem Besuch Musste ich hier gleich auf eines der
lästigen Geschöpfe stoßen die in ihrer faden Wichtigkeit schon so breite Plätze
am Hofe und in der Stadt einnehmen Mit der stummen Höflichkeit die Sie mir
unzählige Male vorwarfen parirte ich den Andrang unbequemer Geschwätzigkeit
mit der die bewegliche Frau auf mich zurannte Sie ward nicht einen Augenblick
irre Ohne im Mindesten von ihrem Eifer abzulassen hatte sie mich in Kurzem zu
meiner Strafe und ihrem Triumph in das Netz ihrer Worte verstrickt Ich büsste
jetzt meine frühere Gleichgültigkeit durch die stechendste Neugier Urteilen
Sie nur wie ich aufhorchte als sie unter endlosen Faseleien und ewigem Kichern
auf die spasshafteste Weise von der Welt bemerkte Es sei ein wahres Werk der
Barmherzigkeit dass ich gerade in diesem Augenblicke hierher gekommen sei ihre
Trauer um die arme liebe Tante wie sie mit plötzlich veränderter Miene und
einem kleinen Anflug süsslicher Wehmut hinzusetzte ihre Trauer fessle sie jetzt
als verständige und alles überlegende Frau in Ulmenstein die ganze
Nachbarschaft sei verödet ohne sie die Burg ebenfalls ausgestorben da die
häusliche Emma die Einsamkeit zu sehr liebe um selbst nur ihren Mann nach der
Residenz begleiten zu wollen wohin ihn doch sehr natürlich unzählig kleine und
größere Verpflichtungen alle Augenblicke riefen
    Ihre lächelnde Stimme lief hier in die unangenehmste Feinheit aus Ich
arbeitete an meinem Tapisserie wühlte unter den bunten Knäueln hielt die
Farben zusammen zählte und berechnete Stiche und Fäden während das Blut schon
unruhiger in mir wogte doch hielt ich es zurück ich lächelte ebenfalls und
erwiderte in demselben Tone »Es ist auch sehr schön hier im Schloss ich
begreife dass man sich sehr ungern daraus entfernt«
    »Ja bei Gott sehr schön« rief sie emphatisch aus »Wer weiß das nicht
Aber man muss doch auch ein klein Bischen uneigennützig denken und die übrige
Welt nicht ganz über seine Lieblingsgenüsse vergessen Werden Sie es glauben«
lachte sie hier wieder auf eine schneidende Art »dass die böse kleine Frau über
einen Monat nicht ein einzigesmal bei mir zu Mittag gegessen hat Immer war
entweder der Graf im Begriff abzureisen oder er sollte eben an diesem Tage
wieder kommen und so geizt die zärtliche Gattin mit jeder Minute die sie der
Musse ihres beschäftigten Freundes abstehlen kann dass sie uns andern armen
Leuten auch keine einzige davon aufopfern will«
    »Sie sind sehr gütig« erwiderte ich über meine Arbeit gebeugt und die
Augen auf dieser hin und hergehen lassend um nur die Schwätzerin nicht
anzusehen »Sie sind sehr gütig meine liebe Gräfin sich soviel um die
Undankbare zu bekümmern die nur einer alten bösen Gewohnheit der
Bequemlichkeit nachgibt wenn sie die rücksichtsvolle Ehefrau spielt Wie oft
mag sie dem guten Hugo einen Ritt oder eine Fahrt nach der Stadt andichten um
nur ihre Trägheit zu entschuldigen«
    »Das nicht das nicht« fiel die Gräfin lebhaft ein »O ums Himmels Willen
demütigen Sie mich doch nicht so sehr hier eine bloße Ausflucht zu suchen wo
ich ein besseres Motiv voraussetze das meiner Eitelkeit weniger empfindlich
ist Nein ich weiß die liebenswürdige Emma weicht meinen Einladungen nicht
ohne Grund aus«
    Es blitzte bei diesen Worten so ein gewisses rasches gelbes Licht aus
ihren kleinen beweglichen Augen dass ich unwillkürlich zu ihr aufsehend
davon auf das Unangenehmste überrascht wurde Es war keine Frage sie deutete
auf etwas hin das sie nicht gesonnen war mir verbergen zu wollen Mir lag aber
daran es nicht durch sie zu erfahren deshalb drückte ich meine Hand leise auf
ihren Arm indem ich so wenig trocken als möglich sagte »Ich sehe wohl Ihre
Freundschaft für Emma macht Sie eifersüchtig Sie rechten selbst mit Hugo dem
Sie die Minuten nachzählen welche er in der Gesellschaft seiner Frau verlebt«
    Die Gräfin ward hier sehr rot und half sich mit ihrem gewohnten Lachen
Nach einer Weile trat der Komtur ins Zimmer Die Gräfin war honigsüss mit ihm
Er ließ sich das nicht ungern gefallen Es ist keine Angelrute so abgenutzt
dass nicht die Eitelkeit der gescheutesten Männer zu gewissen Zeiten anbisse
Jetzt wurden wir neu bestürmt in den nächsten Tagen nach Ulmenstein zu kommen
Ich verwahrte mich dagegen wie ich wusste und konnte doch zuletzt musste ich es
geschehen lassen dass die Einladung auf den folgenden Mittag angenommen ward
    Man hat ein Vorgefühl von dem was einem treffen wird Ich hatte es als ich
in den Wagen stieg um die Fahrt zu machen Mir war diese an sich höchst fatal
Ein Diner auf dem Lande gehört zu dem Widersinnigsten was ich kenne Da wo
alle Ostentation entfernt sein sollte erscheint sie doppelt lächerlich Man ist
nicht geneigt sie sich gefallen zu lassen Man will und verlangt etwas anders
und wird verdrießlich immer das Alte zu finden
    Es ließ sich nach der Persönlichkeit der Gräfin auf die Prätentionen ihrer
häuslichen Einrichtung schließen So etwas stößt mich ab Ich legte in keiner
Epoche meines Lebens Wert auf das Vorübergehende und wenn ich übertriebene
Modesucht schon bei der Jugend unnatürlich finde so dünkt sie mir im Alter die
Schminke der Dummheit und Leerheit zu sein
    Ich suchte den Grund meiner Scheu vor dem Besuch in Ulmenstein in dieser
natürlichen Abneigung gegen unpassende Künsteleien Wir saßen auch schon eine
Weile bei Tisch ehe ich mich besinnen konnte und bewusst ward was mich
eigentlich auf unbegreifliche Weise beklemme Zufällig begegnete ich Emmas
Blicken welche mit einem sonderbaren Ausdruck von Befremden bald auf Hugo
bald auf Ihrer Freundin der soviel besprochenen schönen Präsidentin ruhten
Schneller wie der Blitz stand das Gespenst vor mir dessen dunkle Nähe mich
geängstigt hatte Sie war es diese pomphaft angekündigte gepriesene Dame der
Gedanken des Oheims und nur zu wahrscheinlich auch der des Neffen Dieser hatte
seinen Platz weit von ihr auf derselben Seite der Tafel genommen wo ich mich
befand sie saß mir gegenüber Beide hatten noch nicht ein Wort mit einander
gewechselt Emma hingegen überhäufte sie mit Herzlichkeit Was bedeutete das
Alles Was sollten die langen fragenden Blicke jetzt entdecken
    Ich fasste von da den verdächtigen Gegenstand schärfer ins Auge Die Frau
ist schön und fast bis zum Unscheinbaren einfach Sie hatte den Komtur an
ihrer Seite Er unterhielt sie mit großer Lebhaftigkeit ohne gleichwohl ihre
Aufmerksamkeit fesseln zu können Sie schien zerstreut und wie mir es vorkam
in einer nachdenkenden bekümmerten Stimmung Hugo der alle Schleusen seines
witzigen Humors öffnete hatte sich in Kurzem der Unterhaltung bemächtigt Er
beherrschte wie es ihm wohl zuweilen glückt die ganze Gesellschaft und ließ
sie nach Gefallen lachen und sich verwundern Elise sah ein paarmal mit großem
Ernst nach ihm hin Der Ausdruck ihres Gesichts trug die Spuren schmerzlicher
Ungewissheit
    Ich ward immer gespannter Das Herz klopfte mir laut in der Brust Mein
Gesicht verrät augenblicklich was in mir vorgeht Emma hatte schon alles
darauf gelesen ich sah es ihr an auch bemühte sie sich mich anderweitig zu
beschäftigen Ein junger Baron Wildenau dünkte ihr wert von mir beachtet zu
werden Sie verflocht uns in ein Gespräch wozu meine Rückkehr aus Italien und
seine früheren Reisen dahin natürlich Veranlassung gaben Ohne unhöflich zu
sein konnte ich mich dem nicht entziehen Der junge Mensch hat überdem so was
Ungewöhnliches das interessiert Sein dunkles Gesicht zeichnet sich durch
Regelmäßigkeit der Züge und lange schwarze Augenwimpern aus die wie ein
Schleier das ernste Gesicht beschatten und zu der stummen Zurückgezogenheit
seines Wesens passen Er spricht leise bis zur Undeutlichkeit so dass ich mich
ganz zu ihm wenden und anstrengend hinhören musste wollte ich nichts von dem
verlieren was er Gutes und Gescheutes sagte Hierzu kam dass die Gräfin auf
jedes seiner Worte lauschte sie mit Exklamationen der Bewunderung begleitete
und öfters ihre anderswo beschäftigten Töchter zu gleicher Teilnahme aufrief
weshalb denn der bescheidene junge Mann meist den Blick senkte und mehr
allgemeinhin als zu mir redete was der Konversation etwas Drückendes gab
Hierüber hatte ich das was mir eigentlich viel näher lag aus den Augen
verloren
    Die Tafel ward aufgehoben Man zerstreute sich in den Nebenzimmern Die
Gräfin hielt mich bald beim Fortepiano fest Ich sollte ihre Töchter singen
hören Der Baron Wildenau im ganzen Hause auf vertraute Weise Leontin genannt
musste diese begleiten Er hat Kraft und Weichheit der Stimme einen
italienischen Vortrag Sinn und Gefühl so dass ich bei meiner unbegränzten Liebe
für Musik unwillkürlich gefesselt ward Die Gräfin schwelgte in meinem Beifall
Leontin soll ein Stückchen Erbschaft das ihr entgangen auf ihr Haus
übertragen deshalb projectirt sie eine Heirat zwischen ihm und einer ihrer
Töchter So lange er nicht Nein sagt nimmt sie das Ja als entschieden an und
fühlt sich in ihm geschmeichelt Wie immer überbot sie sich auch heute im
Eifer Das Singen nahm kein Ende Zuletzt dachte sie auch an das Talent Anderer
Emma und Elise wurden aufgerufen Die Letztere fehlte in dem Kreise der sich
nach und nach um das Instrument gebildet hatte Emma sprang mit einer Eile auf
sie zu suchen die ich an ihr sonst nicht kenne Verwundert folgte ich ihr mit
den Augen Sie schlüpfte in eine Fenstervertiefung des nächsten Zimmers Hugo
trat eben aus dieser heraus Einige Minuten darauf folgten die beiden Frauen
Die Gräfin warf einen Blick des Einverständnisses auf ihre Töchter alle drei
lächelten verstohlen sie umringten darauf Elise zogen sie zum Klavier und
hießen sie Emma und Hugo accompagniren Mechanisch tat jene was man wollte
Sie war weder verlegen noch bemüht sich zu verbergen Ganz mit sich und was in
ihr vorging beschäftigt ließ sie die Finger Töne anschlagen das Auge Noten
lesen und andere daraus machen was sie wollten Emma stand indes mit
Fieberröte auf den Wangen hinter ihrem Stuhl Hugo etwas weiter vor mehr mit
den umzuschlagenden Blättern als dem Gesange beschäftigt hatte eines der
komischen italienischen Duos aufgesucht das er zu allgemeinem Ergötzen auf das
Lustigste vortrug worin ihn Emma mit einer Selbstverleugnung und Gewandtheit
begleitete die mich einen Augenblick zweifelhaft ließ was ich hier am meisten
bewundern sollte Von allen Seiten ergossen sich Lobsprüche und schmeichelhafte
Ausrufungen Der Graf verzog den Mund zu einem satyrischen Lächeln trat dann
wie Jemand der sein Kunststück gemacht hat und abgefertigt ist von dem
Instrument zurück Leontin hatte nicht aufgesehen Es lag etwas in seiner Miene
zu dem ich wohl den Schlüssel haben möchte
    Von jetzt an war es um meine Ruhe getan Alle Kunst der Gräfin reichte
nicht hin die Verstimmung welche immer ansteckender um sich griff wieder zu
entfernen In den Veilchenaugen der Präsidentin standen Tränen Sie blieb
befangen ich fand sie weder so anziehend noch so ungewöhnlich als sie mir
geschildert ist Ich sagte das der Gräfin als diese mich um mein Urteil über
sie befragte
    »Sie haben recht« entgegnete sie »es ist aber auch eine Veränderung mit
der Frau vorgegangen von der man keine Vorstellung hat Ich glaube« setzte sie
vertraulich hinzu »es sind häusliche Unannehmlichkeiten die jetzt manchen
Sturm veranlassen Der Präsident hat ein Bischen den Herrn gespielt und der
Fahrlosigkeit mit dem einzigen Kinde einem bildschönen aber unleidlich
verzogenen Knaben ein Ziel gesetzt Ein strenger Aufseher für Mama und Sohn ist
angekommen und irre ich nicht so lockt dieser die Tränen aus den schönen
Augen«
    »Ach« entgegnete ich gelangweilt »es sind nicht die Domesticalien einer
fremden Familie die meine Wissbegier reizen ich verweile einzig bei dem was
ich sah darüber darf ich reden das Übrige interessiert mich wenig« »Nun«
versetzte die Gräfin den Stich verschmerzend »ich möchte wohl wetten sie
betrachten die Person nicht so angelegentlich um der bloßen Persönlichkeit
willen man denkt immer noch was hinzu und bei dieser fällt einem Mancherlei
ein«
    Sie begleitete das Letzte wieder mit ihrem gewöhnlichen Lächeln Ich war nur
zu gewiss sie verstanden zu haben
    Elise hatte sich indes entfernt Sie eilte nach der Stadt zurück Auch wir
brachen nun auf Hugo war zu Pferde Ich sah ihn den Abend nicht mehr Er blieb
auf seinem Zimmer doch erfuhr ich dass er mit uns zugleich im Schloss
angekommen war Es ist Bewusstsein und Überlegung in dem Allen und das ist ein
gefährliches Zeichen
    Die Nacht ließ mich schlaflos in meinem Armsessel Sie wissen ich scheue
bei der leisesten Bewegung der Seele das Bett wie eine Marterbank In den
Falten der Vorhänge in den Decken lauern all die hüpfenden beweglichen
Gedanken die immer dichter immer näher gegen mich anrücken und mich zuletzt
ganz toll und verwirrt machen bis ich aufspringe und ein Lager fliehe das
eingebildete und wirkliche Sorgen mit brennenden Nesseln bestreuen
    Unzähligemale rief ich mir zurück was ich heute gesehen und gehört hatte
Ich bemühte mich es ruhig zu betrachten Es konnte sein dass ich auf ohngefähre
Andeutungen zuviel gegeben dass ich Zufälliges in falschen Zusammenhang gebracht
hatte es konnte aber auch anders sein Und was denn Sagen Sie doch Sophie
was denn Ich gestehe Ihnen es öffnet sich dabei ein Abgrund vor meinen Füßen
Vielleicht deshalb vielleicht auch weil mein Gefühl mein Stolz meine ganze
Natur widerstrebt das Demütigendste was es gibt zu denken denke ich es
noch nicht deutlich Aber aber wenn 
    Es ward mir aus Manchem klar dass ich meinen Verdacht hier sorgfältig
verbergen und eben so unbefangen scheinen müsse als man es um mich her zu sein
bemüht ist Denn ein Wort ein einziges Wort reicht hin das ganze Gebäude
künstlicher Harmonie zusammen zu stürzen Und wenn mein Argwohn grundlos wäre
Sophie  Im Stillen arbeiten will ich indes einen möglichen Ausweg zu bahnen
Ich habe an den Fürsten geschrieben Selbst mochte ich ihn nicht in seiner
Residenz aufsuchen Ich werde keinen Schritt tun der in die Augen fallen
könnte Man gibt mir ja in diesem Hause das beste Beispiel rücksichtsvoller
Besonnenheit denn das wenigstens ist gewiss dass Hugo seine ganze Lebensweise
seit ich hier bin verändert hat Denken Sie doch nur nicht ein einzigesmal hat
er das Schloss in dieser ganzen Zeit verlassen Wie kommt er zu dieser
Stätigkeit wenn er mich nicht irre zu machen gedächte
    Wüsste ich nur was er die Nächte über treibt Seine Zimmer sind unter den
meinigen Ich höre ihn stundenlang gehen die Fenster öffnen und schließen
zuweilen sprechen Mit wem spricht er Irre ich nicht so sah ich ihn neulich
über die Brücke dem Walde zuschreiten O die geheimen Wege haben nur ein dunkles
Ziel
                                                            Mehrere Tage darauf
Der Fürst war hier Er ging sehr geschickt in das ein was ich ihm nur andeuten
konnte Eine Jagd in den hiesigen Forsten musste ihm zum Vorwande seines Besuches
dienen So kam er denn Allen unerwartet außer mir Haben Sie eine Vorstellung
meines Schreckens Er weiß er weiß mehr als ich zu ahnden wagte Ja ja
Sophie Ihre Freundin steht entlarvt vor der Welt Jedes Kind kennt ihr
Verhältnis zu Hugo Man lacht darüber wie man immer den pfiffigen Betrug als
einen Gegenstand der Kurzweil betrachtet Alles in mir glüht ich habe die
witzigen Ausfälle des Fürsten bestritten weil ich das Ridicul wohl fühle das
auf mich und Emma dadurch fällt Aber fort muss Hugo von hier Und wäre es auch
nur des Anstandes wegen Der Fürst sieht das ein Der Schlag wird nächstens
geschehen Unvorbereitet soll er Alle treffen Den Komtur denke ich indes zu
schonen Ich bin begierig auf die Unterredung mit ihm
    Dass ich krank bin dass ich Zimmer und Bett hüte denken Sie wohl von selbst
Doch sterben sterben werde ich jetzt nicht das darf nicht sein Tavanelli der
junge Kaplan von dem ich Ihnen einmal schrieb ist hier ist im Hause der
berühmten Circe Emma ist seine Beschützerin Wünschen Sie mir Glück zu dem
Funde Ich will ihn nicht ungenutzt lassen
    Leben Sie wohl Mein Gott wie wird das enden
 
                                 Elise an Hugo
Der Einfall mir durch den Hausirer zu schreiben war recht glücklich Ich
empfing Ihren Brief zu einer Stunde wo ich allein war und Vieles mit mir
abmachen konnte Sie haben recht da wo ich Sie verstehe Allein ich glaube Sie
reden klarer als Sie schreiben Ich kann mir wohl vorstellen dass Sie
geschriebene Auseinandersetzungen scheuen Es wird einem damit unter der Hand
anders als man will für Leute wie Sie und ich die nicht anders als wahr sein
können ist eine solche Künstelei unerträglich Allein halbe Andeutungen können
auch eine Sünde gegen die Wahrheit werden
    Ich bin nicht gewohnt meine Freunde auf Socken um mich herum schleichen zu
sehen Das hilft auch zu nichts Ich höre sie kommen und bin nicht eher ruhig
bis ich weiß was mir naht Sie Hugo treten an manchen Stellen Ihres Briefes
dreist genug hervor Es kann nicht Ihre Absicht sein mir zu entschlüpfen Sie
wollen sich eine Mühe ersparen und ich soll Ihre Aphorismen ergänzen
    Ich verstehe das nicht Mir sind dergleichen Rätsel eine Qual Kurz und
gut sagen Sie in einfacher Prosa ohne Ausrufungen und Phrasen wie die Gefahr
heißt die Sie heranrücken sehen Ist sie mehr als ein Luftbild das in Ihren
Burgnebeln schwimmt so haben Sie unrecht sich nicht bestimmter darüber
auszulassen
    Es ist so viel Fremdes in Ihrer patetischen Beschwörung nicht weiter
forschen zu wollen dass ich mich erst auf Sie besinnen musste ehe ich Sie wieder
erkannte
    Sie waren zu gespannt als Sie schrieben um zu bedenken was Sie forderten
Genügen soll ich mir lassen dass Sie wissen was Sie mir verbergen ohne es
abwehren zu können
    Nun beruhigen Sie sich Ich weiß es und verliere weder Fassung noch Mut
    Konnten Sie glauben man werde mich schonen wenn man überhaupt den Sinn für
Zartheit verläugnet Wo die Fähigkeit des Verstehens fehlt können verletzende
Missgriffe nicht ausbleiben Es ist viel schwerer als man denkt mit gutem
Gewissen durch die Welt zu kommen Die Menschen nehmen an Allem Ärgernis und
ein Herz wie das meine möchte das gern Jedem ersparen Aber das ist vergebene
Mühe
    Ich bin unbefangen und gebe mich so Die Wenigsten wollen das glauben Es
mag auch wohl für alle diejenigen schwer sein welche Zwecke und Absichten
haben Ich hatte niemals andre als mir in jedem Augenblicke treu zu bleiben
das heißt dem innern Gefühle nicht entgegen zu handeln das mich zu Offenheit
und Wahrheit zwingt Ich sagte das gestern bei irgend einer Gelegenheit in des
Kaplans Gegenwart Er sah mich überrascht an ohne etwas zu erwidern »Nun«
fragte ich aus guten Gründen bemüht mich mit ihm zu verständigen »Ich
zweifle« äußerte er bescheiden »dass es uns gerade durch das Gefühl klar werden
könne was das eigentliche Wahre in uns sei«
    »Gerade im Gefühl« entgegnete ich lebhaft »wo dies unverdorben ist hat es
eine Stimme die uns leise und hörbar zuruft du belügst dich selbst hüte
dich« »Wo das Gefühl unverdorben ist« wiederholte der bleiche Tavanelli »Wo
ist das werden unsere Leidenschaften uns nicht auch glauben lassen wir folgen
den Geboten eigentümlicher Wahrheit da es doch nur die Lüge geblendeter Sinne
ist die uns eine andere Natur aufzwingt«
    »Ich halte nicht viel« erwiderte ich kalt »von den zwei Naturen zwischen
denen man uns herumhetzt ohne dass das gequälte Gemüt jemals zur Ruhe kommen
kann Das sind Bilder um die Undeutlichkeit der Begriffe klar zu machen Es
geht damit wie mit allem Bildlichen man hält dieses fest und lässt den
Gedanken fahren« 
    »Wie« unterbrach mich mein Gegner erstaunt »Sie glauben nicht an ein
Doppelwesen in uns dessen wechselndem Regimente wir erliegen würden hätten wir
nicht eine höhere Vermittlung« »Sprechen Sie Ihr Anatema nicht all zu eilig
über mich aus« lächelte ich vertraulich »Ich bin keine so große Ketzerin um
den Einfluss des Bösen und Guten aus der Welt des Menschen wegphilosophiren zu
wollen Allein ich halte dafür beides entspringe aus einer Natur die ihrem
Wesen nach göttlicher Art ist und nur durch falsche Beziehungen des Lebens
verzerrt und entstellt wird« Er schüttelte den Kopf »Wäre es auch so« sagte
er ernst »was sichert uns dass wir unter den unzähligen Trugbildern der Sinne
diese ursprüngliche Natur in uns finden« 
    »Wir drehen uns im Kreise herum« rief ich aus »Ihre Frage ist schon durch
meine erste Annahme beantwortet Jenes instinktartige Gefühl das wir den
himmlischen Teil unsers Selbsts nennen sollten das warnende Wort einer
unsichtbaren Stimme das sichert uns vor aller trügerischen Verwechselung«
    Der Kaplan wollte mich hier unterbrechen allein wir verstummten beide vor
Eduards Dazwischenkunft Ihnen aber Hugo habe ich das mitgeteilt um Ihnen zu
zeigen was mich gegen Angriffe stählt denen Sie nicht sonderlich zu begegnen
wissen Ein Paar schlechte Epigramme aus der Ulmensteiner Klike eine Wolke auf
der Stirne Ihrer Schwiegermutter reichen hin Sie außer Fassung zu setzen Sind
das Ursachen um einer Melancholie Raum zu geben die Sie in der Freundschaft
schwankend in allen andern Verhältnissen schwach und ängstlich erscheinen lässt
Während Sie sich einbilden die Gränzen einer Region bewacht zu haben welche
Sie meinem schwachen Vermögen anweisen vergessen Sie dass Ihr Eifer ziemlich
ins Schrankenlose ausartet und ich viel Mut haben muss um einen Brief zu
beantworten der so auf Schrauben steht und nichts oder zu viel sagt
    Ich wiederhole es Ihnen ich bin unbefangen und gebe mich so Auf dieser
Unbefangenheit beruht mein Vertrauen zu Ihnen mein Verhältnis zu Ihrem Hause
Zeigen Sie sich ängstlich so haben Sie mich nie gekannt
    Deutlicher mag ich hier nicht reden Genug ich wünsche nicht dass auch Sie
dem ganz Natürlichen künstliche Farben anlegen Die häusliche Unzufriedenheit
die Sie jetzt wohl zu Zeiten drückt macht Sie zum Sklaven Ihrer Stimmung Der
Unwille darüber steigert die Empfindlichkeit in Ihnen bis zur Leidenschaft Ich
kann das begreifen und verzeihen Allein so weit dürfen Sie sich nicht
vergessen dass Sie Emmas Weg durchkreuzen Sind Sie unbillig genug ihrer
Freiheit zu nahe zu treten während Sie eifersüchtig über die eigene wachen
    Lassen Sie sie gehen wie sie kann Ich verstehe Ihre Unruhe über einen
Briefwechsel nicht der ganz natürlich auf dem Verhältnis gegenseitiger
Übereinstimmung beruht Wollen Sie den Austausch aller Ansichten hemmen die
nicht die Ihrigen sind wen nennen Sie denn noch Tyrann in Ihrem Geschlechte
wenn Sie es nicht sind Ich habe mich geschämt in Ihre Seele dass Sie eine
Zufälligkeit bloß darum so hoch anschlagen weil sie zu ungewöhnlicher Stunde
Ihre kranke Phantasie erschütterte Wie wenn der hausirende Walter Ihnen heute
Abend meinen Brief eben so unerwartet überbrächte wäre er auf verbotenem Wege
zu Ihnen gelangt
    Emma mag glauben und denken wie sie will sie hat einen hohen Sinn und
kleinliche Machinationen sind Niemand fremder als ihr
    Fürchten Sie übrigens nichts von Tavanelli Leute seiner Art sind entweder
bei näherer Beleuchtung anders als wir sie uns denken oder dieser ist zu weich
und erregbar um sich in strenger Abgeschlossenheit bewahren zu können Er wird
nie meinen Rechten auf Georg zu nahe treten und nicht um die Welt könnte er
mich in dem Knaben verletzen Ich denke wir werden uns wohl verständigen Über
den ersten Schreck hinaus konnte es auch nicht fehlen dass mich ein
ordentlicher Entschluss zu gewünschten Resultaten führen musste Taugte der Mann
nur etwas so ließ sich leicht abnehmen dass wir auf gemeinschaftlichem Wege
einander nicht fremd bleiben würden Und nun ich Sie gescholten und beruhigt
habe mein armer Freund will ich Sie auch bedauern und Ihnen die Last
unvermeidlicher Widersprüche tragen helfen die zu gewissen Zeiten und in
manchen Stimmungen geringeren Widerstand als sonst in uns finden Man kann da mit
Niemanden rechten warum er die Dinge so und nicht anders sieht Es gibt nur
einen Gesichtspunkt für ihn
    Hugo Sie haben sich selbst bei dem Kauf um Ruhe und Frieden gebracht Jetzt
reuet Sie der Handel zumal da man nicht müde werden wird zu fordern und Sie
doch einmal »Halt« rufen müssen
    Das kommt von dem gleichgültigen Geschehen lassen Man wusste es hier gleich
dass der Fürst bei Ihnen war und fabelt davon allerlei Können Sie denn nicht
einen Augenblick stehlen um zu mir zu kommen Ich habe Ihnen tausenderlei zu
sagen was sich nicht schreiben lässt was ich wenigstens nicht weitläuftig
abhandeln mag Oft sind ein Paar mündliche Worte von unermesslichem Werte
Bedenken Sie dieses
 
                                    Antwort
Oft sind ein Paar mündliche Worte von unermesslichem Werte Ja Elise ja ich
habe es bedacht Sie haben recht Es ist allerdings notwendig dass wir uns
sprechen Ich komme Aber nicht zu Ihnen nicht nach der Stadt Ich kann ich
darf nicht Ich werde Ihnen das Alles erklären wenn wir uns sehen Wann wo das
sein wird Morgen Elise morgen bei der Tannenhäuserin eine Spatzierfahrt
gibt Ihnen leicht den Vorwand Ich bitte Sie schlagen Sie Ihrem Freunde den
Wunsch an welchem seine Ruhe hängt nicht ab Nur ein Paar flüchtige Minuten
sollen Sie mir schenken Ich muss hören Sie wohl ich muss mit Ihnen reden Sie
wissen nicht wie es hier steht O wenn Sie meine Freundin sind werden Sie
anstehen es mir zu beweisen Ich zähle auf Sie und zweifle nicht Sie bei dem
milden Frühlingswetter im Walde zu treffen
 
                        Der Kaplan Tavanelli an Leontin
Ihr Schutz mein lieber Herr Baron geleitete mich in dies Haus Ihre
wohlwollende Teilnahme half meine Schüchternheit überwinden Sie sind so gut
ich habe Sie so lieb dass mich mein Herz treibt Ihnen eine Schwäche und meine
Angst darüber zu entdecken Bester Herr Baron was ist es doch mit dem
Menschen dass er nicht eine Stunde seiner selbst gewiss sein darf
    Es war so still in mir Jedes schien auf seinem Platze in einfacher
natürlicher Verbindung nach erkannten Gesetzen zu wirken Ich fühlte mich
leicht mit meinem Gewissen in Ruhe Alle erlittenen Drangsale die Stürme
früher Jugend die unaussprechlichen Kämpfe des schwachen ringenden Innern es
trat mir der ganzen Vergangenheit wie gesunkener Nebel zurück Der frei
gewordene Himmel die milde Klarheit um mich her mein besänftigtes gestilltes
Herz  ich glaubte fest zu sein weil mich nichts erschütterte ich hielt mich
für einen Andern weil mein Auge nur die Bilder der Welt sah in der ich ganz
ausschließend lebte Was ich so vollkommen empfand was so innig Eins mit mir
schien wie sollte ich ihm nicht gleichen Welch ein Wahn täuscht so das
Bewusstsein
    Seit ich diese Schwelle hier betrat bin ich in einer Unruhe die mich von
Widerspruch zu Widerspruch treibt
    Ist es der Dunstkreis dieser einander ganz unähnlichen Menschen der mich
beengt sind es die Reflexe ihrer Seelen die in undeutlichen Umrissen meine
Phantasie quälen Was ists das in der schöpferischen Fortbewegung die wir
Leben nennen plötzlich eine Bilderreihe neuer Ansichten an mir vorüberjagt
oder gibt es ansteckende Einflüsse in der moralischen wie in der physischen
Atmosphäre von denen uns nichts träumt Genug ich fühle es mit Schaam ich bin
nicht mehr derselbe Es steigen Fragen in mir auf Fragen lieber Herr Baron
die mehr an die Hölle als an den Himmel gerichtet sind da sie eine verneinende
Antwort erwarten lassen
    Damals als wir uns in dem Zimmer des Waldhauses befanden der Herr Graf
herein trat und mit der Landstreicherin seinen Spaß hatte ward ich auf eine
Weise beklommen als waffneten sich feindliche Gewalten gegen meine Grundsätze
und Überzeugungen Es regten sich mitten durch den Widerwillen gegen verbotene
Künste heimliche Zweifel über den Grund solches Verbotes in mir Das elende
Geschöpf weckte meinen Zorn wie meine Neugier Ich hörte ihre Worte ohne sie
hören zu wollen Sie dünkten mir Unsinn und doch beschäftigten sie mich Als
nun endlich zu meiner Freude der Herr Präsident erschienen glaubte ich mich
gerettet In seiner Nähe fühlte ich mich ruhiger Ich dankte meinem Gott
aufrichtig als ich neben ihm im Wagen saß Er nahm sogleich das Wort um mir
seine Ansichten zu entwickeln Ich hörte aufmerksam zu und konnte nicht anders
als sie vernünftig finden Allein nach einer Weile bemächtigte sich meiner eine
mir sonst fremde Ungeduld über die Langsamkeit des Fahrens Ich sah erwartend in
der Gegend umher Sie dünkte mir traurig Ich ward es auch Nicht dass ich etwas
vermisst hätte ich wollte es nur anders Bald empfand ich dass es mein neuer
Hausherr war der mich ermüdete Ich ward ganz beschämt vor mir selber Wir
redeten von jetzt an nur noch wenig zusammen Er hatte seine Meinung gesagt ich
hatte sie gehört damit war er zufrieden Der Hochmut flüsterte mir Manches zu
was mir vollends zur Last viel Als wir nun in der Stadt angekommen waren und
ich vor die Mutter meines kleinen Zöglings trat empfing mich diese nicht sowohl
kalt als misstrauisch Das Kind sah mich groß an ich wusste nicht wie ich dieser
gespannten Verwunderung begegnen sollte Mir ward unsäglich bange ums Herz die
Worte versagten mir Wir blieben so Ich hätte den Abend auf meinem Lager in
Tränen zerfließen mögen Des andern Tages sah ich den schönen Knaben nur
flüchtig Die Eltern gar nicht Es schien man wolle sich erst an den Gedanken
gewöhnen mich im Hause zu haben Ich war damit nicht unzufrieden Mir lag
selbst daran das verlorne Gleichgewicht wieder zu finden Ich merkte indes
bald dass dies nicht leicht sein werde Denn gestaltete sich auch späterhin das
gegenseitige Verhältnis nach und nach gefälliger so wuchs gerade daraus der
Samen aller meiner jetzigen Qual
    Die gütige und geistreiche Dame welche von der Natur mit den
bewundrungswürdigsten Gaben beschenkt ward zählt unter diesen als eine der
ersten die liebenswürdigste Aufrichtigkeit Von dieser geleitet eröffnete sie
mir wie sie in Bezug auf mich und meinen Einfluss auf die Erziehung ihres Sohnes
denke Sie hält mit nichts zurück und enthüllt eine Sinnesweise die ich
einerseits verehren und von der andern Seite verdammen muss Das Letztere
ängstigte mich unbeschreiblich da ich ihr Vertrauen nicht verscherzen will
Werden Sie es glauben der Wunsch ihr gefällig zu sein ließ mich meine
Gesinnungen wenn auch nicht verleugnen doch so umhüllen dass sie nichts
geradezu Verletzendes für sie enthielten Seitdem stehen wir nun auf dem Fuße
des gegenseitigen Austausches der Ansichten Aber mein Gott wie fühle ich oft
die meinigen angegriffen erschüttert Mit welcher Todesangst muss ich dann zu
ihrer Wurzel zurück flüchten und mich ganz eng und klein an sie zusammen
krümmen um nur nicht von dem Flug freierer Ideen fortgerissen zu werden Bin
ich in den Zimmern des Herrn Präsidenten so erhole ich mich wohl wieder und
fühle mich mehr als ein bloßes Werkzeug trockener Systematik Doch ihr der
beschwingten Psyche gegenüber im Gespräch mit dem großartigen Ketzer dem
Grafen regen sich die alten Zweifel und meine Brust wird der Kampfplatz
verderblicher Einflüsse
    Es würde mir wenig helfen wollte ich mich meinem würdigen Beschützer dem
geistlichen Herrn in  entdecken Er pflegt zu dergleichen wenig zu sagen
Seine Art die Menschen zu führen besteht vornehmlich darin dass solche selbst
die Wegweiser sind die Richtung gibt er Im Übrigen meint er müsse jeder
sich selbst versuchen Er macht auch nicht viel aus Fehltritten noch sucht er
die Unruhe darüber zu beschwichtigen Meine Bangnisse würden ihm kindisch
dünken Ich sehe ihn gutmütig darüber lächeln Wenn mir das einerseits
Zuversicht geben könnte so macht es mich auch wieder schüchtern Was mir am
Herzen liegt es ganz erfüllt und einnimmt will ich bestritten oder anerkannt
wissen
    Bedächte ich nicht mehr ich gäbe meine gegenwärtige Stellung auf und
entfernte mich unter einem schicklichen Vorwande Es ist zudem so Manches hier
was mich wegtreibt Ich habe auch deshalb schon einmal ganz im Geheim an die
Frau Gräfin auf der Burg geschrieben und sie um ihren Rat gebeten allein sie
macht es entweder wie unser gemeinschaftlicher Lehrer dem sie wohl näher
stehen mag als ich oder sie ist verlegen um der Frau Präsidentin willen und
schweigt Lass ich mir erst lange Zeit so werde ich unwillkürlich in solche
Verbindlichkeiten verstrickt die mir das Gehen unmöglich machen
    Noch heute kam der kleine Georg weinend zu mir und bat mich mit ihm zu
seiner Mutter zu kommen die jetzt immer so betrübt sei und gar nicht spreche
sie werde gewiss wieder vergnügt werden wenn ich ihr eine von den hübschen
Geschichten vorlesen wolle die da vor mir in dem großen Buche ständen Er wies
dabei auf eine Sammlung heiliger Sagen die mit schönen Holzschnitten geziert
eine Quelle angenehmer Unterhaltung für ihn waren Ich wagte nicht des Kleinen
Aufforderung zu folgen Doch als wir nach der Mittagstafel noch eine Weile
versammelt blieben fragte mich die gnädige Frau nach dem Buche von dem ihr
Georg gesprochen hatte Ich holte es auf ihren Befehl herbei Sie blätterte mit
Achtsamkeit darin Darauf schloss sie es wieder und sagte indem sie mir es
zurück gab »es geht ein stiller einfacher Sinn durch diese Gattung von
Dichtungen allein es ist nicht mehr der unsrige Wir werden davon gerührt aber
nicht befriedigt«
    »Dichtungen« rief ich ganz bestürzt »Sie zweifeln an der Aechteit der
Überlieferung«
    »Nun so oder so« entgegnete sie leicht »Ob innerlich oder äußerlich
erlebt es sind Erscheinungen einer Zeit die hinter uns liegt Wir wenden uns
wohl dahin zurück allein das Leben lässt sich nichts aufbinden Es hat seine
eigene Bedingungen man schraubt es nicht zusammen Zum Verweilen findet Niemand
mehr Raum da«
    Ich war so erschrocken und verlegen dass ich sie sprachlos anstarrte
    Sie mochte nicht wissen was sie aus meinem Schweigen machen sollte
    »Glauben Sie mir« fuhr sie vielleicht deshalb lebhafter fort »nur das
Naturgemässe bewegt sich zu freier und erhöheter Entwickelung fort Künstliche
Zustände der Seele lassen uns wie bei gezwungenen Stellungen des Körpers jeden
äußern Anstoß fürchten der dem Spiel ein Ende machen könnte«
    »O« rief ich mit vor Schmerz zusammengefalteten Händen »die Verehrung des
Höchsten und Heiligen das brünstige Hingeben heißer Anbetung ist wahrlich
unabhängig von der Farbe der Zeit und wie die Gemeinschaft der Geister nicht
wechselt und die Liebe nicht altert so hat auch ihre Sprache eine ewige
Jugend sie darf mich heute wie ehemals in den schlichten Worten rufen und wird
mein Ohr offen finden«
    Die Augen meiner schönen Gegnerin ruhten prüfend auf mir Sie schwieg eine
Weile dann sagte sie »Wir reden nächstens mehr hierüber Ich bin heute durch
Vieles befangen Ich fühle wohl was auf Ihre Einwürfe zu antworten wäre allein
ich kann mich nicht zusammenfassen Es fliegt mir so kraus durch den Sinn
Nächstens hören Sie wohl nächstens noch recht viel über diesen Gegenstand«
    Sie sagte dies mit großem Ernst indem sie sich abwandt und mich stehen
ließ Ich war erschrocken über meine Heftigkeit Ich sah ihr verlegen nach
Seitdem kann ich es nicht hindern dass mir mein leidenschaftlicher Eifer
verdächtig scheint Sie war so ruhig so fest Welche von beiden Überzeugungen
ihre oder die meine hat den festesten Grund
    Herr Gott wenn ich ein Gefangener kein Geretteter wäre wenn ich
knechtisch unter das Gesetz flüchtete und nur wähnte in der Wahrheit zu leben
Ich darf sie nicht fragen ich werde ganz irre
    Von jeher haben mir die eignen Gedanken zu schaffen gemacht Ich entschlage
mich ihrer gern Aber hier werden sie so oft und so laut angesprochen dass es
keine Rettung gibt
    Und doch sind es diese Gespräche gerade die mich nötigen zu bleiben Soll
ich verschmähen mir selbst klar zu werden Sagen Sie doch kann ein
Feldflüchtiger Anspruch auf die Siegespalme machen
    Lieber Herr Baron wenn wir einmal wieder zusammen einen Spatziergang durch
den Wald machen könnten Ich bin in diesen Tagen zu der Frau Oberhofmeisterin
auf die Burg beschieden Ich zähle diese vortreffliche Dame unter meine
Beschützerinnen Ihr meine Aufwartung machen zu dürfen gereicht mir zu großer
Ehre Vielleicht bin ich so glücklich Sie mein bester Herr Baron auf dem
Schloss anzutreffen Von welchem Trost würde mir Ihr gütiger beruhigender
Zuspruch sein
 
                            Emma an den Geistlichen
Ich fürchte ehrwürdiger Herr ich bin einer warmen Aufwallung des Herzens
allzurasch gefolgt Mich quält der leise Vorwurf Hugo beunruhigt ihn unsicher
gemacht ein freundliches natürliches Verhältnis gestört zu haben Ich sehe das
Hugo an Er sagt nichts aber seine Traurigkeit lastet schwer auf mir
    Sehen Sie es kam so unwillkürlich An einem von den Abenden an welchen
wir die Ankunft meiner Mutter erwarteten ich gespannt auf jedes Geräusch
horchte mit Anstrengung sprach und zerstreut zuhörte lächelte Hugo über meine
Unruhe »Wer Dich so sieht Emma der muss glauben dass mehr Bangigkeit als
Freude Deine große Unruhe veranlasst« Das Blut stieg mir ins Gesicht Er hatte
den rechten Fleck getroffen Es fuhr ein Stich durch meine Seele Leutselig und
vielleicht die flüchtige Äußerung bereuend fasste mich der gute Mann bei der
Hand indem er in mein Auge sehend auf seine leise und eindringliche Weise
fragte »Was fürchtest Du denn liebe Emma« Ich fiel ihm schweigend um den
Hals Mir ward mit einemmale so beklommen Alles Alles was ich mir selbst
verschwiegen hatte sprach mit schnellen Zungen zugleich in mir Ich war wie
betäubt und weiß auch wahrhaftig nicht wie es kam dass ich zuletzt sagte »Für
Dich Liebster fürchte ich allein«
    Er ließ mich langsam aus seinen Armen gleiten ohne etwas zu erwidern Die
Falte auf seiner Stirn war dunkler Ich erschrack »Nimm es nicht so hoch« bat
ich Er versetzte aber mit großem Ernst »Wodurch gebe ich Dir denn Veranlassung
zur Besorgnis« Ich empfand so sehr in seiner Seele dass ich mich sogleich
selbst anklagte und ihn um Verzeihung bat wenn eine innere Ähnlichkeit mit
meiner Mutter mich zum Voraus erraten lasse was diese tadeln könne »Tadeln«
fragte er scharf »Nun und das wäre« »Großer Gott« rief ich seine Hände
ergreifend »ich erwähne es nicht um Dich zu kränken allein da einmal die
Rede davon ist und mir ein stiller Augenblick das Herz aufschliesst so soll es
wohl so sein dass Dir nichts darin verborgen bleibe«
    Er ward im höchsten Grade aufmerksam Näher zu mir heranrückend sah er mich
an als wolle er mir die Worte von den Lippen lesen Das verwirrte mich Ich
stockte Er lehnte sich nun ganz in den Sessel zurück schlug die Arme über
einander und richtete den kummervollen Blick nach dem Fenster Jetzt da ich
nicht mehr seinem Auge auszuweichen hatte fuhr ich mit mehr Mut fort »Ich
berge Dir es nicht es gibt Stunden in denen ich die glückliche Elise beneide
der es Gott gegeben hat Dich auf leichte und gefällige Weise zu beschäftigen«
Es zuckte hier etwas um seinen Mund das ich nicht Spott nennen möchte es war
wohl überall nur ein Zucken vielleicht aus Verlegenheit »Wenn sich« fuhr ich
fort »solch selbstsüchtiges Gefühl in mir regt lieber Hugo so glaube gewiss
dass es mich beschämt und ich um keinen Preis Deine Freiheit kränken möchte
Allein « ich hielt hier inne Es lag so viel schmerzlicher Ernst in seiner
Miene Tausendmal bereuete ich das Gesagte Allein die Saite war angeschlagen
Sie hatte den Ton verstimmt zurückgegeben So verletzend durfte sie nicht
verklingen »Allein« hub ich wieder an »wenn ich Dich auch weit mehr liebe
als mich selbst und nur froh bin wenn Du es bist so kann ich mir vorstellen
dass meine Mutter«  »Aha« unterbrach mich Hugo indem er vom Stuhle aufstand
und die Hände auf dem Rücken mit gesenktem Kopf im Zimmer auf und abging
    »Missverstehen wir uns denn heute ganz« fragte ich betrübt
    Er trat an meinen Stuhl legte seine Hand auf die meinige und sagte »Sei
ruhig Emma Deine Mutter soll nicht über mich klagen dürfen Ich verspreche Dir
das Kann es Deinen Frieden sichern und ihr eine unwillige Minute ersparen so
meide ich alle andere Gemeinschaft und bleibe wo Ihr mich haben wollt«
    »Du guter Mann« rief ich bewegt »wie kannst Du glauben dass ich ein
solches Opfer von Dir fordere Nein gehe und komme nur «
    »Nur« lächelte er ironisch »Was denn Emma heißt Dein nur bleibe nicht
länger als es uns passend scheint Spare Dir und mir den Nachsatz Meinst Du
ein Vogel habe was davon wenn Du ihm die Türe des Käfigs aufmachst ihn
flattern lässt und doch den Fuß in einer Schlinge hältst und so den Flug
regierest Besser er sitzt still auf seiner Stange und vergisst dass es über
ihm ein Luftmeer gibt und muntere Segler die es behend durchschneiden«
    Ich war wie zermalmt durch die letzten Worte Was hatte ich getan Musste
ich ihn so reizen so das Verborgene aus seiner Brust reißen Ich fühle er
müsse er werde es verwünschen dass ich es war die ihn dazu verleitete sagen
ließ sich in diesem Augenblicke nicht wohl etwas Wir empfanden das Beide Eine
lange ernste Pause zerriss vollends alle Fäden der Mitteilung unter uns Die
schwüle Stille drückte unaussprechlich auf mich Hugo verließ das Zimmer nicht
Er ging darin auf und ab Ich war ebenfalls aufgestanden Es peinigte mich ihn
so zu sehen und nun doch nicht mehr einlenken zu können
    Er brach zuerst das Stillschweigen »Eins sage mir« bat er »kam was Du
eben äussertest ganz aus Dir selbst Emma oder halfen Dir Andere darauf«
    »Über Dich Hugo und was Dich betrifft« entgegnete ich schnell »sei
gewiss traue ich nur meinem Herzen Wenn es eitel ist Dich allein besitzen zu
wollen so vergib ihm diese zärtliche Schwäche«
    »Besitzen besitzen« wiederholte er ein paarmal kopfschüttelnd »Ihr
betrachtet alles wie Eigentum und Ware Ich schlage den Menschen höher an er
ist mir eben soviel als die ganze Welt ich kenne keinen Kaufpreis für ihn
Doch sei ruhig« fügte er hinzu »ich besitze mich zum Glück noch selbst Du
hast Niemand zu beneiden«
    Er wollte hier das Zimmer verlassen »Sage mir ein gütigeres Wort« rief ich
ihm flehend nach »Du solltest mich nicht so verkennen Wenn ich Dir meine
Schwäche bekannte so geschah es nur weil ich sie auch bei Dir voraussetzte
und Dir ersparen wollte dadurch verhetzt zu werden«
    »Ich danke Dir« sagte er einen kurzen Augenblick zu mir zurücksehend »Ich
kann mir denken wie alles steht und werde auf meiner Hut sein Verlass Dich
darauf« Er ging Ich sehe nun wohl dass er sich gerade da gekränkt fühlt wo er
unangefochten zu bleiben verlangt eifersüchtig bewacht er die innere Freiheit
Er hält mich für anmassender als ich bin das gerade verzeiht er mir am
Wenigsten Ich habe dies voreilige Vertrauen schon mit heißen Tränen beweint 
  
                                                          Mehrere Wochen darauf
Seit meine Mutter hier ist lebe ich in einer Spannung die mich innerlich
aufreibt Wo sollte ich anfangen wollte ich Ihnen mein lieber lieber Freund
alle die tausend Übergänge quälender Besorgnis trügerischer Freude und herber
Enttäuschungen aufzählen
    Sie wissen wie ich das Alles voraussehe Aber lieber Gott man sieht doch
nur im Allgemeinen Das Einzelne wird erst durchs Leben geboren
    Je regsamer dies von allen Seiten um mich wird je drängender nahen sich
Gefahren denen nicht mehr auszuweichen ist
    Nein nein es gibt hier keinen Ausweg Ein jeder führt zu dem Opfer meines
Herzens Ich hatte längst diese Überzeugung
    Hugo liebt liebt zum erstenmale Urteilen Sie von welcher Stärke eine
Leidenschaft sein muss die seiner Herr war ehe er sie noch ahndete
    O ich habe es immer gedacht Wenn sich diese Brust einmal einem Einzigen
öffnen könnte es würde eine Sonne darin aufgehen vor der die kleinen Monde der
Erdennacht in sich verdämmern müssten
    Ich kann Ihnen nicht in Ordnung erzählen ehrwürdiger Herr was sich Alles
hier zugetragen hat Es kam nach und nach und war dann mit einemmale da
Anfangs schien meine Mutter ruhig Hugo wich nicht aus der Burg Sie hatte das
Ansehen als genüge ihr das Ich nahm es so Wir glitten beide über unsere wahre
Empfindungen weg Mir war dabei innerlich so unheimlich dass ich es nicht
aussprechen kann Hugos stetes Verweilen drückte mich wie die schwerste Last
Die ausgelassene Laune mit welcher er sich zu Zeiten überbot presste mir im
Geheim Tränen aus Indes entging meiner Mutter nichts Ein Paar unselige
Stunden im Hause der Gräfin Ulmenstein gaben den Ausschlag Bald darauf machte
uns der Fürst einen Besuch auf der Burg Hugo lächelte Er empfand schnell was
dies bedeutete Ich sah ebenfalls meine Mutter von Weitem kommen Uns nahte ein
entscheidender Schlag Indes standen wir Alle wie unter einer Gewitterwolke
stumm gespannt unser Geschick erwartend
    Da trat eines Morgens Hugo mit einem Brief in der Hand zu mir herein Sein
Gesicht kündigte mir etwas Ungewöhnliches an Die Unruhe in welcher ich seither
lebte gab dem Geringfügigsten eine Bedeutung »Was hast Du da« fragte ich
hastig indem ich meine Hand nach dem Brief ausstreckte Ich hatte wohl
unwillkürlich die Farbe gewechselt und mochte ängstlich aussehen Hugos
scharfer Blick setzte mich in Verlegenheit
    »Was ich da habe« sagte er kalt »Ein Bote hat Nachts das Schreiben für
Dich abgegeben«
    Ich hatte keine Ahndung von seinem Inhalte Die Handschrift war mir nicht
sogleich erinnerlich
    »Vom Kaplan Tavanelli« berichtigte Hugo meinen Zweifel da er sah dass ich
die Addresse mehrmals las
    »Von Tavanelli« wiederholte ich indem ich das Siegel erbrach »Was kann
der wollen«
    »Das musst Du wissen« war die etwas spöttische Antwort
    Nicht ohne große Bangigkeit überflog ich die eng geschriebenen Zeilen
Leider ergoss sich der junge Mann in bittere Klagen über das Peinliche seiner
neuen Verhältnisse Er zeichnete mit scharfen Strichen und verweilte
hauptsächlich bei dem verderblichen Einflusse der ansteckenden Freigeisterei von
Seiten der Präsidentin Wie dieser Brief war konnte ich ihn Hugo nicht
mitteilen Ich legte ihn daher mit den Worten bei Seite »Sie verstehen dort
einander noch nicht recht Der Kaplan ist unerfahren und deshalb ängstlich«
    »Sie werden sich niemals verstehen« versetzte Hugo obenhin »Das war zu
denken«
    »Ich meinte es gut« erwiderte ich vielleicht ein wenig empfindlich
    »Du meintest etwas anders« bemerkte Hugo »und dachtest nicht richtig«
    Ich war betroffen durch seinen spitzen Ton »Überhaupt« fuhr er fort
»sind Einmischungen der Art Eingriffe in die Rechte Anderer Es ist Eitelkeit
und Vorwitz das Steuerruder lenken zu wollen wenn das Fahrzeug seine Richtung
schon genommen hat«
    Ich erschrack dass mir die Tränen aus den Augen strömten In demselben
Augenblick wurde Hugo ein grossgesiegelter Brief den ich sogleich für einen
fürstlichen erkannte eingehändigt Er riss ihn auf Dann brach er in lautes
Lachen aus und verließ ohne weiter etwas zu sagen mein Zimmer
    Seitdem sind mehrere Tage verflossen Er beobachtet das tiefste
Stillschweigen Meine Mutter verlässt das Zimmer nicht Mich sieht und spricht
sie nur flüchtig Der Komtur hat allein freien Zutritt bei ihr
    Ich stehe wie auf Kohlen Fragen kann ich Niemand Ich fürchte die Antwort
und von selbst spricht Niemand frei zu mir
    Gott Gott wodurch habe ich Hugos Zutrauen verscherzt Er glaubt mich
gegen ihn verbündet er hält absichtlich mit etwas das ihn ärgert gegen mich
zurück
    Um das Maß meiner Unruhe voll zu machen muss die arme Elise am Hofe eine
Kränkung erfahren haben Die Stadt ist voll davon Hugo und mein Name werden
dabei genannt Der junge Wildenau war hier Ich hörte ihn mit dem Oheim auf
einem Spatziergange im Garten angelegentlich davon reden ohne dass ich das
Nähere deutlich verstehen konnte noch wollte
    Werfen Sie aus Ihrem hellen Himmel einen Blick in meine verworrene Welt und
sagen Sie mir bald wie ich es anfange klar und beruhigend für Andere zu denken
und zu handeln Was hilft es fände ich auch mich selbst ganz und vollständig
wieder kann ich den geliebten Mann nicht zufrieden stellen
 
                                 Elise an Hugo
Nein ich wanke nicht verlassen Sie sich darauf Ich kann Vieles aufgeben nur
mich selbst nicht Was einmal Wurzel in meiner Seele schlug das verwächst mit
ihr und ist ewig wie sie Ich habe keinen Begriff von einer Freundschaft die
den Umständen weicht
    Was ist das ist Die Welt kann davon nichts ab nichts hinzu tun Diese
freilich wird jetzt eine andere für uns
    Wie dem Erdbeben die Bewegung lebloser Körper vorangeht so höre ich um mich
jenes dumpfe Dröhnen das innere Zittern und Anklingen was mit heimlicher
Geschäftigkeit auf Zusammenbrechen der Form hinarbeitet
    Es ist sehr unheimlich in meiner Welt geworden Hugo Sehr unheimlich
    Ich fasse es oft nicht wie der heitre frische Lebensbach mit seinen
hüpfenden leicht bewegten Wellchen plötzlich solch dunkler Strom werden konnte
    Und dabei ist nichts geschehen  Kein Umsturz der Verhältnisse keine
Erschütterung des Daseins hat an dem Bestehenden gerüttelt
    Alles blieb wie es war Nur das Leben das Leben ist auf unbegreifliche
Weise anders geworden
    Sagen Sie mir haben Sie den Schlüssel zum Geheimnis Bin ich denn ganz
verblendet gewesen Bin ich es noch dass ich nicht sehen kann was Andern so
großes Ärgernis gibt Mein Gott liegt denn die Idee innerer Harmonie so tief
dass sie die Leute nicht finden können Müssen sie ihre kleinen geselligen
Bedingungen dem unterlegen was in sich bedingungslos ist
    Wäre ich eine phantastisch Überbildete ich könnte glauben von künstlichen
Netzen umsponnen zu sein Aber meine ganze Natur ist dem fremd Ich atme nur
frei wo ich Wahrheit finde Und gäbe es eine andere Wahrheit für mich wie für
diejenigen welche mich richten
    Man beschuldigt mich einen Raub an Emma begangen Sie dieser entrissen zu
haben Es fehlt nicht viel so wirft man mich mit allen müßigen Törinnen in
eine Klasse und macht Gefallsucht und Eitelkeit zum Hebel eines
Einverständnisses das wahrhaftig ohne Wissen und Willen da war ehe an seine
Existenz gedacht ward
    Gibt es denn auch Klausen und Zellchen für die Geister dass sie einander
nicht nahen dürfen und ist um jedes Hauses Heerd eine geheiligte Schranke
gezogen die selbst des Himmels Macht nicht sprengen soll Es verschlüge mir
wenig Toren darüber schwatzen zu lassen aber auch gute Menschen solche die
mir zugetan sind fällen ein hartes Urteil Sie wissen welche Veranlassung
die Zungen löste Es hat mir wehe getan Und wie Eduard darunter leidet Gott
der Mann dem die Stimme der Welt viel mehr als die des eignen Herzens gilt
wie schwer erträgt er die Überzeugung diese gegen mich zu wissen
    Auch hat er in vielen Stücken recht Es ist nicht gleichgültig wie wir zu
den Menschen stehen Ich fühle das sehr gut Es ist schon eine Weile her da
schrieb mir Sophie diese bedeutungsvollen Worte welche ich damals weit
entfernt war auf mich zu beziehen
    »Der Ruf ist darum so heilig« sagte sie »weil er den Weg zum menschlichen
Vertrauen bahnt oder verschließt« Sehen Sie man mag sich dem Angewöhnenden
gegenüber so oder so stellen man steht nicht mehr unbefangen und frei
    Ich sagte das Eduard Er ist billig genug es einzusehen Zum Glück bot der
erwachende Frühling einen schicklichen Vorwand die Stadt zu verlassen Wir sind
nun hier auf dem Lande Es war eine traurige Rückkehr Hugo Das Haus sieht so
nüchtern aus den unbelaubten kaum erst knospenden Bäumen hervor Die Zimmer
sind unfreundlich der Gartensaal ist noch nicht zu bewohnen Blumen und
Staudengewächse bleiben vor der Hand in den Treibhäusern eingeschlossen Als
wäre aller Schmuck von dem Leben abgestreift gehe ich an den leeren Gestellen
zwischen kahlen Brettern einher und suche den Herbst mit seinen langen
glühenden Abendlichtern dem goldenen Blätterdach und purpurnen Wolkenbergen
Wie reich war die Natur welche Fülle des Daseins strömte die warme lieblich
scheinende Sonne zuletzt noch in unsere frohen Herzen Als ich jetzt hier
eintrat  ich sank in den nächsten Stuhl und weinte weinte ohne aufhören zu
können Ich habe auch meiner Seits versprochen Sie nicht hier zu sehen Hugo
    Welch wahnsinnige Gewalt übt der Missverstand über die Freiheit Anderer aus
Und zu was Ich könnte über die Täuschung lachen dass es nur die Hohlspiegel der
Augen sind die einen Gegenstand sehen Aber ich lache nicht mehr Es bedeutet
mir nichts Gutes Ich lachte im vorigen Herbst so viel und nun hat die junge
Frühlingssonne solchen blassen fahlen Wasserring
    Mein allerliebster Georg kränkelt seit einiger Zeit Er kann den Kaplan
nicht gewohnt werden Der fremde schüchterne Mann ängstigt das arme Kind
unbeschreiblich Wenn er zu ihm gehen bei ihm bleiben soll schlägt das liebe
kleine Herz so bange und heftig dass ich weinen möchte Und doch ist Tavanelli
gut mit dem Knaben Er verzärtelt ihn fast zu sehr Was ist es denn das die
Liebe hier erschreckt und nicht rührt Weshalb zieht sich die unbestochene Natur
davor zurück Ach es bleibt zu wahr auch die himmlischen Mächte reden nur
durch irdische Organe zu uns und was diese bedingt und wie sie uns fremd oder
verwandt berühren davon hängt Verstehen oder Missverstehen ab
                                                             Einige Tage später
Hören Sie Hugo hören Sie was ich Ihnen zu sagen habe Meine Seele ist voll
davon Es war eine erschütternde Stunde fast zu gewaltig für das beschränkte
Erdenleben Aber Ruhe Ruhe Sie sollen Alles wissen Sie vor Allen müssen es
erfahren
    So lassen Sie sich denn erzählen Georg schien mir kränker Er sah erhitzt
aus und war ungewöhnlich aufgeregt Ich erschrack Eine Krankheit geliebter
Menschen steht gleich wie ein Unglück bringendes Gespenst vor mir Ich nahm das
unruhige Kind in meine Arme trug es auf mein Bette suchte es durch
Lieblingsgeschichtchen zum Schweigen vielleicht auch zum Schlafen zu bringen
    Bei zugezogenen Vorhängen bei einer kleinen Lampe setzte ich mich auf den
Rand des Bettes Ich erzählte langsam und flüsternd alte tausendmal
wiederholte Histörchen Es war fast ganz dunkel um uns Der Kleine nahm die
Bilder mit in seine Träume und schlummerte mit halbgeschlossenen Augen eine
Weile fort Allein sein Schlaf war unruhig Er warf sich hin und her sprach
nannte fremde Namen schrie hell »Tavanelli fort fort« lachte dann wohl
dazwischen kurz erfüllte mich mit Todesangst Ich weckte ihn Er blieb in dem
nämlichen Taumel Ich schickte jetzt eilig nach der Stadt zu Eduard zum Arzt
Indes vergingen ein paar Stunden auf dieselbe Weise Den Kaplan hatte ich gleich
anfangs entfernen müssen Seine Nähe reizte den Unwillen des Kindes Neun Uhr
Abends war unter wachsender Besorgnis herbeigekommen Ich lauschte am Fenster
auf den rückkehrenden Boten Da fuhr ein Wagen in den Hof Der Vater dachte
ich mit dem Doktor In der Erwartung öffnete ich leise die Tür und trat in
den Vorsaal Ich hielt die Lampe in der Hand Ihr schwacher Schein erhellte nur
einen kleinen Teil des Gemachs doch gerade den in welchem ich den
Eintretenden entgegen sah Urteilen Sie von meiner Überraschung als Emma mit
schnellen Schritten auf mich zueilte
    Ich weiß nicht war es Verlegenheit oder Überspannung des Geistes dass ich
in demselben Augenblicke ausrief »Wie gut dass Sie kommen Sie finden mich in
großer Bestürzung« Ich habe nachher über die Worte und was ich damit meinte
nachgedacht Als ich sie sagte wusste ich nichts davon Sie gingen mir wie ein
Seufzer über die Lippen
    Emma schloss meine Hände in die ihrigen Weich und seelenvoll wie ein Engel
entgegnete sie »Ich habe es schon draußen gehört Georg ist krank Arme Elise
Und gerade nun sie hier auf dem Lande sind« Ich sagte ihr dass ich nach Hilfe
geschickt hätte Wir waren indes zurück an das Bett des Kleinen getreten Sie
beugte sich über ihn Ich hielt die Lampe so dass sie dem Kinde ins Gesicht
sehen konnte Sie blieb eine Weile in der Stellung darauf erhob sie sich ohne
etwas zu sagen aber ihr Auge fiel mit einem Blick auf mich in welchem ich
deutlich las »So reich bist Du Glückliche und dennoch« Es durchlief mich
heiß vom Scheitel bis zur Zehe
    Wir setzten uns auf einen kleinen Sopha ganz im Winkel nahe bei Georg
    »Ich komme zu einer unbequemen Stunde« brach Emma endlich das Schweigen
»Aber« fuhr sie fort »man muss die Zeit nehmen wie sie sich uns gibt«
    Sie hielt inne Vielleicht erwartete sie meine Antwort Allein mir zog sich
die Brust beklommen zusammen Wir hatten uns lange nicht gesehen Jetzt saßen
wir mit verschlungenen Händen einander so nahe rings um uns die unsichere
Dämmerung In meinem Herzen Sorgen um mein Kind überall ängstliche Erwartung
ich fand keinen deutlichen Gedanken in mir Ich drückte ihr leise die Hand
»Liebe Elise« sagte sie »vielleicht sollte man gewisse Dunkelheiten im Leben
nicht aufklären wollen Man zerreißt mit dem Nebel wohl noch mehr als diesen«
    »O nicht weiter« flüsterte ich ängstlich »Jetzt nicht in diesem
Augenblicke wo ein einziges Gefühl mich mit so großer Bangigkeit erfüllt«
    »Fürchten Sie denn« lächelte Emma sanft »ich wolle etwas anders als uns
Allen Ruhe schaffen Mein Gott ich würde gewiss schweigen aber wir sind in eine
allzugrosse Verwickelung hinein geraten und es hilft wenig dass Jeder heimlich
und allein seinen Weg geht Dadurch werden uns Vertrauen und Zuneigung vollends
getötet«
    »Liebe« unterbrach ich sie »Wäre von Anfang mehr Vertrauen unter uns
gewesen dies könnte jetzt nicht so unbegreiflich erschüttert sein«
    »Ich glaube es selbst« entgegnete sie nachdenkend »Aber was hilft es
darauf zurückzukommen Jetzt müssen wir rasch vorwärts eilen um über die
hemmende Stelle hinwegzuschreiten Ich ich will die Erste sein« sagte sie
leise und schneller als zuvor »die Erste die das entscheidende Wort spricht
Ich weiß es ich weiß es besser dass Sie Hugo liebt dass diese Liebe seine Brust
durchströmt dass er keine Stelle in sich findet wo er verweilen ja nur stille
stehen kann So soll es mit ihm nicht bleiben wir beide dürfen ihn nicht in
Ungewissheit über sich über uns lassen Was ihn reizt und ängstigt das falle
weg meine Ansprüche an ihn Elise die Vorstellung davon wir müssen sie durch
gegenseitiges Einverständnis wegräumen Ich will mein Gott ich will Euren Bund
nicht stören ich nicht dazwischen treten Oeffnet mir Eure Herzen seid frei
und wahr mit mir Ich habe eine Seele Euch zu begleiten stosst mich nicht
zurück zerreißt Euch selbst nicht«
    Sie hatte sich aus der halbliegenden Stellung aufgerichtet Unangelehnt saß
sie fast knieend vor mir die gefaltenen Hände hoben sich während sie sprach
öfters leise in die Höhe die Worte folgten einander mit beschwörender Hast Es
war nicht Leidenschaft es war Seelenangst die aus ihr redete Ich war so
erschüttert dass ich unter einem Strom von Tränen an ihre Brust sank Werden
Sie es glauben Hugo es fehlte mir an aller Fähigkeit ihr zu antworten Sie
missdeutete das sie sah in meinen Tränen das schweigende Bekenntnis dessen was
sie voraussetzte In dem Sinne fuhr sie fort in mich zu dringen Die innere
Qual gab mir endlich Worte »Liebe Gute« rief ich lebhaft »lassen Sie doch
einen Wahn der ja alles Unglück anrichtete nicht so ausschließend über sich
herrschen Es ist nicht wie Sie denken es ist ganz anders Sie sahen es auch
früher so Verwandtes Begegnen Gewohnheit sich gerade auf gewisse Weise
verstanden zu fühlen Ineinanderschlingen des Gedachten und Empfundenen Sie
wissen wie hieraus Vertraulichkeit Teilnahme entsteht Hugo braucht es sich
vielfältig mitzuteilen O könnte die Welt das so sehen hätte sie nichts anders
sehen wollen«
    Emma achtete gespannt auf jedes meiner Worte »Wenn Sie sich nicht täuschen
liebe Elise« lächelte sie fast heiter »so bin ich doch gewiss dass Sie mich
nicht täuschen wollen Es wäre möglich« fuhr sie nach kurzem Besinnen fort
»dass sich Alles verhält wie sie sagen Wir verwickeln uns so oft in Irrtümer
Ich habe es wohl auch schon gedacht Aber«  seufzte sie  »Hugo was drückt ihn
so zu Boden« »Der Despotism des Misstrauens« fiel ich schnell ein »Die engen
Rücksichten in welche ihn dieser hineintreibt er findet hierin eine
unerträgliche Anmassung«
    »Sagte er Ihnen das« fragte sie schwermütig »Ja« entgegnete ich im
Begriff noch mehr hinzuzusetzen als sie ausrief »Weshalb Ihnen wenn er mich
nicht aufgab Erwartet er nur durch Sie den Trost den er bei mir nicht sucht«
»Sie sind ungerecht Emma« fiel ich ein »Vergessen Sie dass er sich durch Sie
missverstanden glaubt« »Hat er auch von mir verstanden sein wollen« fragte sie
»Nein nein so durchaus bloßer Wahn ist es nicht was unsern Frieden stört«
setzte sie eilig hinzu »Deshalb eine Bitte Versprechen Sie nur das Eine kein
Geheimnis in Bezug auf Hugo für mich zu haben Ich fordere auch nicht dass Sie
ihm Eins aus meinem Anliegen machen denn ich bin Willens dasselbe Gesuch an
ihn zu richten Können Sie wollen Sie das so bin ich ruhig und Sie dürfen es
ebenfalls sein wie auch der äußere Gang der Dinge gehen möge«
    Hugo ich habe es versprochen und werde dies Wort nur mit meinem Leben
brechen
    Wir brachten nachdem nur noch wenige stumme Minuten mit einander zu Die
Ankunft des Arztes erinnerte mich erst dass Georg die ganze Zeit sanft
geschlafen hatte dass meine Sorge übertrieben und der Zustand des Kindes nicht
so beunruhigend war als ich fürchtete
    Emmas Anwesenheit versetzte Eduard späterhin der nun auch gekommen war in
die beste Laune und so hat dieser Engel ein Licht zurückgelassen das noch
meine Einsamkeit erhellet Georg ist wieder wohl Ich danke dem Himmel und sehe
still zu wie sich die Erde allmählig vergrünt und der volle Strom des Daseins
durch alle Adern des Lebens quillt
    Hugo die Menschen mögen es anfangen wie sie wollen das Lebendige lebt
fort Was kümmert uns das Übrige
 
                        Die Oberhofmeisterin an Sophie
Was ich wollte ist geschehen Schlag auf Schlag ist gefallen und Alles steht
wie es stand Ich bin erschöpft Eine höhere Hand muss hier Ordnung machen Mein
Einfluss ist zu Ende
    Und wie sie sich betrügen wie Einer den Andern wie jeder sich selbst
täuscht
    Wenn die Leute erst von der Welt in ihrer Brust dem Schwunge und dem
Umfange ihrer Empfindungen faseln dann bin ich gleich fertig Das ist freilich
eine fremde Region Da untersteht sich kein vernünftiger Mensch mit spazieren
zu gehen
    Emma ist so gut in die Höhe geschraubt wie Alles was den bahnlosen
Schwärmern anhängt Ich höre ihr oft mit Staunen zu mit welcher ehrlichen Miene
sie uns die unsinnigsten Lügen auftischt
    Freundschaft Freundschaft das ist hier das dritte Wort und Keiner wette
ich weiß was das Wort in sich fasst
    Die heitre klare unbegehrliche immer empfängliche immer tätige
Gemeinschaft der Seele gleicht diesem hypochondrischen Versinken der
eifersüchtigen Scheu dem schwärmerischen Selbstbespiegeln wie Sonnenschein und
Gewitterluft
    Sie haben sich verständigt heißt es sie sind ruhig Aber das ist eine
Ruhe die an künstliche Einschläfrungsmittel erinnert und nicht eine Spur von
lebendiger Wahrheit in sich trägt
    Die Spannung war auf das Höchste gestiegen Der Knoten zog sich immer enger
zusammen Lange konnte die Absichtlichkeit durch die man mich durch die man
sich selbst zu täuschen bemüht war nicht mehr dauern Da machte ein Antrag des
Fürsten indem er Hugo zum Gesandten an unsern Hof ernannte dem Spiel ein Ende
Unverstellt brach jetzt die Leidenschaft hervor
    Stolz und wegwerfend bezeigte Hugo seine Verwunderung über die lächerliche
Wahl forderte Emma forderte mich durch unerträgliche Sarcasmen heraus riss
mich zu offener Erklärung hin schlug ziemlich trocken das Anerbieten aus und
bewaffnete dadurch Hof und Stadt gegen sich und Ihre Freundin Die Letztere
musste dies am Geburtstage der Fürstin Mutter erfahren Die strenge Frau empfing
sie bei der Morgencour mit beleidigender Verwunderung indem sie sagte Sie habe
erwartet es werde sich ihr an diesem Tage kein trübes Gesicht nahen wollen und
ein heiteres dürften ihr die nicht zeigen über welche soviel schmerzliche
Tränen flössen Sie wandte sich bei diesen Worten ab indem sie sich gegen eine
nahe stehende Dame laut äußerte »Man hört nichts als beunruhigende Neuigkeiten
von dem Schloss des Baron dem alten Komtur Das hat der Mann davon einen
Undankbaren zu sich heraufzuziehen«
    Der Auftritt machte unglaubliches Aufsehen Der Fürst litt in der Seele des
Präsidenten Es tat ihm auch um des äußern Anstandes willen leid Er wollte es
wieder gut machen Er näherte sich Elise Seine Mutter rief ihn in diesem
Augenblicke zu sich Sie sprach lebhaft mit ihm Kurz darauf entließ sie die
Versammlung Die Schwergekränkte hielt standhaft aus Ihre stille und gesammelte
Haltung imponirte für den Augenblick Allen Sie blieb und war die Letzte in den
fürstlichen Sälen Dann entfernte sie sich langsam am Arme ihres Mannes mit
dem man sie gelassen scheinbar gleichgültig sprechen sah Doch diese glückliche
Gegenwart des Geistes hinderte nicht dass der Stab über sie gebrochen und sie
gezwungen ward unter einem schicklichen Vorwand die Stadt zu verlassen
    Sie kennen mich zu gut um nur einen Augenblick glauben zu wollen dass ich
mich an der Kränkung der Unglücklichen weidete Einmal bin ich nichts weniger
als boshaft und wäre ichs auch so müsste ich doch dies Verletzen aller äußern
Sitte schon darum tadeln weil es unpolitisch ist die Meinung teilt das
Mitleid in Anspruch nimmt und denen welche im Recht sind das Ansehen des
Unrechts gibt Emma fühlt dies wie ich Sie verdoppelt ihren Eifer Elise mit
jedem Tage zu verbinden Die Intimität beider Häuser ist völlig hergestellt Der
Präsident sieht darin eine Art Ehrenerklärung für seine Frau wie es überhaupt
das Ansehen hat den ganzen Vorfall bei Hofe den Faseleien einer kindisch
gewordenen alten Dame zuzuschreiben wodurch wir als glückliche Ausbeute bei
dem ganzen Handel die Genugtuung genießen die gefährliche Feindin unserer
Ruhe recht oft hier zu sehen
    So weit sind wir nun  Das sind die Resultate meines Hierseins O Sie haben
recht ganz bestimmt recht zum Laufen hilft nicht schnell sein Am
allerwenigsten bringt man eine Sache ins Klare wenn man darin rührt Ich habe
auch meine Hände zurückgezogen Ich sehe zu Aber Sophie ich sehe ich sehe
Sein Sie gewiss mir entgeht nichts Es wird schon der Tag kommen wo ich werde
hervortreten und sagen können »Das war es wisst Ihrs nun«
                                                             Einige Tage später
Das fehlte noch Emma ist krank nicht bedeutend nicht gefährlich aber immer
genug um mich unsäglich zu beunruhigen
    Dahin musste es kommen wenn ihr Zustand schlimmer würde wenn  wenn  Gott
mein Gott lass mich deine Hand nicht schwerer fühlen als ich tragen kann Sie
werden wieder denken ich übertreibe ich sehe mit leidenschaftlichem Blick
Emma habe vielleicht nur flüchtig geklagt  Nein nein Sie hat gar nicht
geklagt Das ist es ja eben Wüsste sie zu sagen was ihr fehlte man könnte
helfen Aber so Der Arzt meint ein wenig Ruhe stelle das Gleichgewicht wohl
wieder her Ruhe  Ein armes kleines leicht über die Lippen gleitendes
Wörtchen und welche Tiefe und Höhe himmlischer und irdischer Bedingungen fasst
es zugleich in sich
    Wer ist ruhig in dieser Welt des Unbestandes Wer darf sagen er sei es
wenn er nur irgend etwas auf Erden liebt Emma und ruhig sein Wenn sie da
liegt nicht fort kann nicht fragen an nichts außer sich Teil nehmen darf
und er sich im Kahne schaukelt Wasserhühner schießt die Wolken ziehen und den
Abendstern über dem Hause des Präsidenten aufgehen sieht hinüber rudert
zwischen Schilf und Kalmus im Versteck liegt und die schlaue Circe belauscht
die niemals ohne den Knaben und Tavanelli erscheint aus dem sie auch einen
Esel oder noch ein ärgeres Tier gemacht hat Nun Gott sei dem Verstande der
Menschen hier gnädig Ich fürchte auch den meinigen zu verlieren Wüssten Sie
Sophie was ich jetzt weiß Wie es hätte anders kommen können wie glücklich
Emma wie zufrieden ich jetzt wäre wenn der unselige Badeaufentalt uns Hugo
nicht zugeführt hätte 
    Dieser Leontin von dem ich Ihnen schon einmal schrieb der ernste
bescheidene entschlossene junge Mann er liebt ich zweifle nicht einen
Augenblick länger er liebt meine Tochter Eine Mutter ist hierüber selten im
Irrtum und er ist zu arglos zu rein um außer sich selbst noch irgend Jemand
zu täuschen Wie anders bewacht er indes sein Gefühl als Hugo Nur selten
erlaubt er sich den Zutritt in diesem Hause und reitet er auch fast täglich
hier vorüber so lenkt er doch stets nach Ulmenstein hin als folge er nur einem
verwandtlichen Zuge Die Meisten nehmen es auch so doch ich erriet ihn und er
fühlte es
    Gestern war es da kam er in großer Unruhe herauf zu mir Er hatte von
Emmas Unwohlsein gehört Blass erschüttert vom raschen Ritt die feinen Lippen
kaum zu einer bangen Frage geöffnet stammelte er mit abwärtsgewandtem Blicke
erzwungen gleichgültig »Hoffentlich doch Alles unbedeutend  nichts als ein
vorübergehendes Übel  so hörte ich wenigstens« setzte er leiser fast
unverständlich hinzu Ich beruhigte ihn doch ergriff mich der bloße Gedanke an
die Möglichkeit einer Gefahr so unwiderstehlich dass ich mit den Worten »Es
wäre ja auch zu schrecklich« in meinen Sessel zurücksank das Tuch vor die
Augen drückte und in Tränen zerfloss
    Er blieb mir gegenüber lautlos stehen Ein gewisses Wiegen seiner schlanken
Gestalt der zurückgezogene furchtsame auf mich geheftete Blick sagte mir als
ich wieder zu ihm aufsehen konnte dass er meine kummervolle Bewegung in
schmerzlicher Angst begleitete Er äußerte kein Wort weiter allein er blieb so
leise so weich so innerlich sein ganzes Betragen gegen mich trug das Gepräge
eines wehmütigen Geheimnisses Ich ergriff seine Hand mit Herzlichkeit als
könne ich ihm sein Mitgefühl nicht genug danken Er schien überrascht Es flog
wie ein Strahl über seine Stirne die Lippen zuckten allein dabei blieb es Er
ließ meine Hand an der seinen abgleiten er sagte nichts er schien sehr
betroffen eine Träne eine einzige rollte langsam über sein marmorbleiches
Gesicht  O Gott er hätte Emma anders zu würdigen gewusst
    Ich darf das nicht denken Ich mag es auch nicht denken Und doch Der
Mensch hat mir einen sonderbaren Eindruck zurückgelassen Wie er nun nach einer
fast stummen halben Stunde zögernd ging und noch im Hofe eine Weile an dem
Steinbrunnen in sich gekehrt stand dann sein Pferd am Zügel führend in seinen
weißen Mantel gehüllt so groß und schlank und wie fast alle Hochgewachsene
etwas gebeugt den Bergpfad entlang ging erinnerte er mich an Bilder pilgernder
Kreuzritter Die Mühen des Lebens lasteten auf dieser Gestalt aber der Blick
kannte das Ziel und der Fuß ging den Weg mit festem Tritt
    Schlafen Sie wohl Sophie Ich bin von ganzer Seele betrübt was soll ich
Ihnen sonst noch sagen 
 
                             Rosalie an ihre Mutter
Erlaube liebe Mama dass ich Dir diese flüchtigen Zeilen noch vor Deiner Ankunft
in der Stadt entgegenschicke
    Ich war kaum mit unserer guten alten Schweitzerin in das Haus getreten und
hatte wie Du es befohlen einen Blick auf die neue Einrichtung der Zimmer
geworfen deren Beurteilung Du meinem Geschmack anvertrautest als schon eine
Menge Menschen die Licht in den Fenstern sahen herbeirannten und wissen
wollten ob wir angekommen wären Du kannst Dir wohl denken dass ich Niemand
annahm außer Deinen nächsten Bekannten zu denen der gute Hofmarschall ja von
jeher gehört Ich schreibe Dir hauptsächlich seinetwegen denn es drückt mir das
Herz ab was er mir alles in den wenigen Minuten sagte Denke Dir dass die
Fürstin Mutter es so unglaublich vernünftig von uns findet die Trauer so lange
gehalten und nicht eher den ländlichen Aufenthalt verlassen zu haben Sie hat
öffentlich darüber gesprochen Dich als gescheute und pflichtvolle Frau gerühmt
und versichert sie sei im Voraus überzeugt uns vollkommen gut erzogen zu
finden Als der Hofmarschall das bestätigte sagte sie »Es ist nur Schade die
hübschen Kinder werden uns nicht lange bleiben Das Vorzügliche wird immer
gesucht Solche Mädchen verheiraten sich bald Ich möchte sie hier fixiren«
    Und nun stelle Dir vor darauf hat sie den jungen Baron Wildenau genannt
der ihr kürzlich vorgestellt ward indem sie hinzusetzte »Ich hoffe er wird so
viel Verstand haben und mit meinen Augen sehen«
    Du kannst wohl glauben liebe Mama dass ich an so etwas weiter nicht denke
aber lachen würde ich doch wenn der steife unentschlossene Leontin auf diese
Art zu einer Erklärung gezwungen würde
    Apropos von Leontin und was damit zusammenhängt Es ist doch
außerordentlich wie lächerlich die Leute werden wenn sie etwas Besonderes sein
wollen Du kannst Dir nicht vorstellen was man sich hier Alles über die
fortgesetzte Freundschaft der beiden Nachbarhäuser sagt Ich kann es Dich nur
erraten lassen denn es zu wiederholen erlaubt die Schicklichkeit nicht Hätte
sich die gute Präsidentin doch mehr mit ihrer Toilette beschäftigt als mit den
albernen romanhaften Grillen Was helfen der sentimentalen Närrin nun Verstand
und überspannte Gefühle Sie bekommt nie wieder Gewicht in der Gesellschaft Ich
für meinen Teil bin gewiss dass ich nicht in ähnliche Torheiten verfallen
könnte Wer bescheiden von sich denkt der ist leicht befriedigt
    Adieu liebe Mama Ich küsse Dir die Hand Es ist doch fatal dass die Tante
uns nichts vermacht hat Die kleine Französin war heute früh hier Sie hat mir
wunderschöne Ballroben und himmlische Blumen gezeigt Ich verwies sie auf Deine
gränzenlose Güte Wenn Du erst hier bist  nicht wahr sie darf wiederkommen
                                                                  Deine Rosalie
 
                             Der Komtur an Sophie
Sie wollen es von mir hören geliebte Sophie was eigentlich für Ihre und meine
Freunde zu fürchten sei Ach leider Alles denn sie stehen auf einem Krater
und kein warnendes Anzeichen macht sie aufmerksam Möchte das entscheidende Wort
Ihr weiches Herz teure unvergessliche Freundin nicht härter treffen als es
meine Liebe ertragen kann Sie wollten es hören Aus meinem Munde sagten Sie
werde es Ihnen weniger verletzend klingen Glauben Sie das Wie wehe muss es uns
beide tun auf den Trümmern unsers Glückes wieder nur Trümmer aufgeschichtet
zu sehen
    Es ist Niemand dadurch reicher geworden dass ich arm blieb Doch weg mit
den eigennützigen Rückblicken Es reicht hin das Gewissen gerettet die Absicht
einer ehrwürdigen Institution unverletzt erhalten zu haben Erfolge sind nicht
zu berechnen Glauben Sie mir oft muss sich alles vereinigen um einer Handlung
welche die Welt nicht verstand oder verstehen wollte noch in ihren Folgen den
Krieg machen zu können Gehört das zu der speciellen Prüfung des Handelnden
oder liegt es in der Natur des auffallenden Schrittes überhaupt dass jede
Handbreit Weges erkämpft sein will Vielleicht beides zugleich denn eine reine
Tat muss sich vielfach bewähren um mit dem eigenen Bewusstsein zurecht zu
kommen
    Ihnen Sophie mag ich es nicht bergen dass ich große innere Anfechtungen
zu erdulden habe
    Wenn ich die sonderbare Richtung bei Hugo im Widerspruch mit dem
Bestehenden des Lebens so bis zur Unnatur leidenschaftlich losbrechen ihn
rechts und links nur zerstören und nichts an die Stelle setzen sah als
Scherben und Splitter wenn ich es ihm anfühle dass es ihm auch nur um diese
Siegestropheen der Willkür zu tun ist dann sage ich mir das ist der ätzende
Bodensatz bitterer Gährung Der gekränkte Vater die betrübte Mutter das
bewegte Jugendleben das hat den Stolz entflammt den weichen Sinn gehärtet den
ganzen Menschen zu einer Waffe der Selbstverteidigung geformt Hätte ich das
einmal Geschehene seinen Gang gehen es sich mit der Zeit fortbewegen lassen es
ist kein Zweifel diese hätte mit neuen Ansichten auch neue Gründe gefunden das
Verletzte zeitgemäss und natürlich zu ergänzen Mein Bruder wäre im Besitz des
väterlichen Erbes geblieben so lange ich nicht protestirte Er lebte vielleicht
noch und hätte es erlangt sich mit späteren Agnaten über die Stiftungsacte des
Majorats zu vereinen denn es wiegen sich momentane Vorteile sehr schnell gegen
spätere Ansprüche auf Der Mensch der Gegenwart hält es gewöhnlich mit dem
Sprüchwort vom Sperlinge in der Hand und den zehn andern auf dem Dache An
historische Existenz denkt und kann der nicht denken dessen augenblickliche
bedroht ist
    So würde sich dann auf andere Weise gestaltet haben was jetzt auf Umsturz
hinarbeitet und über kurz oder lang zerfallen muss Denn es ist keine Frage was
ich tat einer frivolen selbstsüchtigen gewissenlosen Richtung entgegen zu
wirken hat diese nur gefördert Hugo ist das Kind empörter Elemente Er steht
gewaffnet gegen mich auf und wird das Recht welches die Jugend gegen das Alter
mit so leichter Scheinbarkeit behauptet aufbewahren Meine Tage sind ihrem Ende
nahe der neue Tag der mit ihm beginnt führt keine wohltätige Sonne herauf
Ich ahnde das Ungewitter und die Ausbrüche vulkanischer Gährung die das lang
Bewahrte langsam Geschaffene in raschen Stößen zerstören werden
    Bei dem Allen ist es mein Trost nach innigster Überzeugung festgestanden
und dem gemäß der Gefahr entgegengetreten zu sein
    Es bleibt mein Trost sage ich es ist der wiederkehrende beruhigende
Gedanke wenn tausend Erschütterungen mich von allen Seiten fassen und mein Herz
zerdrücken meine Seele zerreißen
    Sehe ich auf meine nächsten Umgebungen was erblicke ich den Neffen den
Erben meines Namens meiner Güter den Sohn meiner Wahl trocken kalt von
einer Leidenschaft verzehrt welche allen Erwartungen seiner Freunde zu spotten
scheint So geht er an dem Leben hin als habe es keinen Teil an ihm Und Emma
die schöne starke Seele sinkt ermattend in sich zusammen Ruht sie nur aus von
den Kämpfen oder lastet die Erde zu schwer auf ihr und kann sie sich nicht
mehr frei machen von der harten Decke Ist es wirklich vorbei für diese Welt
Sie scheint es zu glauben mit fast an Stumpfheit gränzender Abspannung lässt
sie geschehen was sie allein noch hindern könnte Seit sie schwach und matt das
Zimmer hütet kümmert sie sich wenig um Dinge die außerhalb vorgehen Sie hat
das Ansehen Niemand zu vermissen und bemerkt es kaum dass Hugo ganze Tage außer
dem Hause zubringt Uns Alle ängstigt diese Gleichgültigkeit Die Mutter setzt
sie in Verzweiflung Der Arzt sagt wenig dazu Hugo scheint nicht zu wissen oder
nicht zu glauben dass man anders als vor Alter sterben könne Und kennt er auch
gefährliche Krankheiten so ist ihm doch das Kranksein zu fremd um seine
Bedeutung recht einzusehen
    Kurz es ist unmöglich Ihnen liebste Sophie einen Begriff von den
peinlichen Widersprüchen zu geben die hier einander durchkreuzen Die Spannung
wächst täglich Die einzige Vermittlerin schweigt Umstände und Leidenschaft
werden den entscheidenden Schlag herbeiführen Halten Sie sich bereit geliebte
Freundin uns auf den ersten Ruf zu Hilfe zu eilen Ich bin gewiss dass der
Augenblick nicht mehr fern ist
    Gestern in aller Frühe hat Tavanelli dem Prior drüben bei den
Remonstratensern gebeichtet
    Es war noch dunkel als er sich an dem Klostertor zeigte Der Pförtner
glaubte einen Wahnsinnigen vor sich zu sehen Mit sonderbarer Hast mit
unstätem verwildertem Blick forderte er Einlass Er gab vor ein Kranker
verlange geistlichen Beistand Hierauf wurde ihm geöffnet Nach einer Weile sah
man ihn in Begleitung des Sacristan nach der Kirche gehen Nicht lange so
folgte der Prior Dieser blieb geraume Zeit mit dem Jünglinge im Beichtstuhl
verschlossen als Tavanelli den Rückweg späterhin antrat lagen Bangigkeit und
Zerknirschung auf seinem todtbleichen Gesicht Seitdem ist er schon zweimal an
Emmas wie auch an meiner Türe gewesen ohne gleichwohl Zutritt zu finden Ich
hege eine Scheu vor ihm wie vor allen überspannten Menschen die sich in
Momenten der Exaltation nicht angehören und Worte über ihre Lippen fliegen
lassen die sie vielleicht späterhin mit ihrem Leben zurückkaufen möchten
    Zum Glück hat die Oberhofmeisterin nichts von jenen wiederholten Besuchen
erfahren Sie schlief noch oder war spazieren gefahren als der Geistliche
hier war Ich habe ein Vorgefühl von dem was er uns bringen will Aber wenn es
das ist  wenn das Unglück einmal auf dem Wege zu uns ist werden wir hindern
können dass es irgendwo bei uns eindringt
    Ich schreibe Ihnen mit mehr Unruhe als weise mit mehr Unwillen als recht
ist Ich weiß nicht wen ich bei der allgemeinen Verwirrung eigentlich tadeln
soll und deshalb bin ich mit Niemand zufrieden Auch nicht mit mir Ich
verehre ich bewundere Emma ich beweine ihr Geschick doch kann ich nicht
aufhören mit zärtlicher Hinneigung an Elisen zu denken Ich würde die Hand zu
lähmen wünschen die es versuchte einen Stein gegen sie aufzuheben Und doch
wenn ich die Tränen der Mutter sehe wenn ich an Emmas Bett sitze 
    Gott allein ist hier Richter Wir wollen schweigen und zum Handeln bereit
sein Deshalb meine Sophie lassen Sie Ihren Freund nicht vergebens bitten
Eilen Sie so bald Sie können größerem Übel vorzubeugen Elise bedarf Ihrer
so viel ist ausgemacht Sie kennen ja ihren arglosen Trotz gegen die Meinung der
Welt Was sie in dieser Stimmung zu tun im Stande ist welche Veranlassung sie
müßigen Lauschern geben könnte mit ihr uns Alle zu verderben Beste Liebe
eilen Sie eilen Sie zu uns
 
                              Leontin an Tavanelli
Ich suchte Sie gestern Abend in Ihrem Zimmer auf Sie waren nicht darin Doch
stand es offen Mehrere Papiere flogen mir vom Boden entgegen Über den Stuhl
vor dem Schreibtisch hing ein abgeworfener Rock Hut und Handschuh fand ich hier
und dorthin geschleudert der Spatzierstock lag quer über dem Sopha alles trug
die Spuren einer Unachtsamkeit die ich sonst nie an Ihnen bemerkte Es fiel mir
auf dass die Leute im Hause von Ihrer Abwesenheit nicht unterrichtet waren da
sie mich hierher zu Ihnen gewiesen hatten Die Vermutung Sie vielleicht unten
im Garten zu treffen entstand nun ganz natürlich in mir Ich ging und kam bis
an die Bucht am See ohne einem Menschen begegnet zu sein Hier spielte zu
meiner großen Verwunderung Georg mit einer Ziege die er von seinem kleinen
Wagen losspannte und sie Gras fressen ließ »Wo ist Dein Freund Tavanelli
Kind« fragte ich ahndend dass Sie in der Nähe sein müssten Der Kleine
antwortete erst gar nicht später als ich meine Frage wiederholte sagte er
gleichgültig ohne von seinem Spiele aufzusehen »Tavanelli Ja das weiß ich
nicht Der läuft immer umher« »Und Dich armes Kind« sagte ich »lässt er so
allein Es ist ja fast schon dunkel bekümmert sich denn Niemand um Dich« »Um
mich braucht sich auch Keiner zu bekümmern« entgegnete er zuversichtlich »Ich
ziehe die Liese hier in den Stall und dann gehe ich auch zu Bett Das ist immer
so« »Immer so« wiederholte ich »und Deine Mutter weiß « »Ach« lachte Georg
»die weiß von gar nichts die glaubt der Kaplan ist bei mir aber der denkt
nicht an mich«
    »Komm« sagte ich »wir wollen zu Deiner Mutter gehen« »Da könnten wir
schön laufen ehe wir die fänden« versicherte Georg indem er sich halb
unwillig von mir losmachte »Mutter« fuhr er fort »geht alle Abend am See
spazieren und manchmal fährt sie auch im Kahn auf dem Wasser« »Wer sagt Dir
das« unterbrach ich ihn schnell »Tavanelli« erwiderte er als wenn sich das
von selbst verstände »O der ist manchmal so böse so böse wenn sie gar nicht
wieder nach Hause kommt Er rennt durch alle Zimmer und schilt und ächzt Ich
höre dies bisweilen wohl wenn es auch so aussieht als schliefe ich«
    Ich ließ das Kind nicht weiter die Geheimnisse des Hauses ausschwatzen Ich
mischte mich in sein Spiel ging mit ihm nach dem Stall und blieb so lange bei
ihm bis er schläfrig ward worauf ich ihn dann der Sorgfalt eines Bedienten
überließ der wohl beauftragt war sich seiner anzunehmen
    Aber Sie Unglücklicher wohin führte Sie der eigennützige Wunsch sich
selbst genügen zu wollen Kommt es auf Ihre Ruhe an wenn Sie die Pflicht für
die Ruhe Anderer zu sorgen übernehmen Was gehen Sie fremde Irrtümer an
Genügt es nicht das zarte Gefühl dem Sie Ihr Streben widmeten davor zu
bewahren Und weshalb erschrecken Sie vor Anfechtungen die Ihnen nicht fremd
sind deren Schlingen Sie sehr wohl kennen Glauben Sie ein Heiliger zu sein
Hofften Sie wirklich der bloße Entschluss reiche zur gänzlichen Umwandlung hin
Mit sonderbarem Stolz finden Sie sich durch den Andrang menschlicher
Widersprüche empört Es dünkt Ihnen unbegreiflich dass sich dergleichen bis zu
Ihnen wagen In der verlegenen Entrüstung darüber durchkreuzen Sie den
Kampfplatz mit feiger Scheu ohne einem einzigen Feind ins Gesicht zu sehen
    Ja ich schelte Sie feige denn nur in dieser schlimmsten Krankheit des
Geistes entdecke ich den Grund Ihrer lahmen Willenskraft
    Wo suchen Sie ein Schild fest genug den zaghaft Zitternden zu schützen
    Sie haben es weggeworfen Tavanelli Es lag Ihnen ganz nahe In der Liebe
und Tätigkeit für das Kind das man Ihren Händen anvertraute fanden Sie Ihren
Beruf da da hätten Sie eine Brustwehr gegen jede Gefahr gehabt Jetzt  Sehen
Sie auf das was Sie taten Sie haben Gift in die kleine Seele geworfen Es
wird nachwirken verlassen Sie sich darauf
    In das Kloster zu dem Prior flüchten Sie und beichten Was beichten Sie
denn Auch die Sünde die Sie in dem Augenblick begehen da Sie sich selbst
untreu werden das Kind verlassen die Zunge des Gesindes beflügeln den Ruf der
Mutter preis geben O zurück zurück in Ihre Kammer auf den Knien vor dem der
überall ist der Ihren Mut beflügeln Ihren Willen stählen kann Halten Sie
aus Tavanelli der Friede ist bei Gott Auf Erden ringen seine Streiter Hier
gibt es keine andere Ruhe als in der Zuversicht heiligen Ausganges Ich
wiederhole es Ihnen weichen Sie nicht von Ihrem Platz Es ist die höchste
Pflicht damit nicht noch größeres Unglück geschehe
    Ich weiß nicht welche Unruhe ich dieserhalb hege Ihr Zimmer  das Kind 
der Garten  es hat mir den allerpeinlichsten Eindruck gelassen
    Könnten Sie doch fühlen dass Sie nicht der einzige Unglückliche auf der Welt
sind Es gibt Schmerzen Schmerzen  Aber ich klage nicht Die nächste Stunde
kann die entscheidende sein und diese fordert den ganzen Menschen in all seiner
Kraft Erwägen Sie das und halten Sie aus
 
                                 Elise an Hugo
Wir haben uns wir haben Emma betrogen Ich dulde den Vorwurf nicht in meiner
Seele Ein rasches offenes Geständnis soll die großmütige Frau zu unserer
Richterin machen Durfte ich es mir bekennen dass ich Sie liebe Hugo konnte
ich es Ihnen gestehen so habe ich keine zweite Demütigung zu scheuen Mein
Gott war es möglich trägt das Leben solches Gift in sich dass die
allereinfachsten natürlichsten Beziehungen die harmloseste Mitteilung die
ruhige Freude angenehmen Umganges ein Netz um uns spinnen konnten in dem
Alles bis auf den Willen frei zu sein gefangen ist
    Ich verstehe weder Sie noch mich noch was wir beide empfinden In diesem
dumpfen Schwindel hege ich keinen andern Wunsch als dass Emma wisse wie mir ums
Herz ist Morgen heute kann ich nicht mehr zu ihr dringen morgen liege ich auf
meinen Knien vor ihrem Bette und beschwöre sie mir zu glauben dass ich
unwissend fehlte
    O Hugo Hugo wo ist mein heiterer Mut mein klarer fester Blick Ich bin
gefangen und keine Macht der Erde spricht mich frei
 
                                    Antwort
Übereilen Sie nichts Der Augenblick ist unpassend Emma leidet Die Seele ist
so abhängig vom Körper Warum sie durch unvorgesehene Stürme aufs neue
erschüttern Und wozu Was ist es denn das Sie ihr sagen wollen Fürchten Sie
nicht durch laute bestimmte Worte dem Geheimnis in sich zu nahe zu treten
Zittern Sie nicht die Wahrheit zu verletzen indem Sie durch ihren Schein das
Gewissen hintergehen Können Sie sagen »so ist so war es« ohne zu empfinden
dass es ganz ganz anders war Lässt sich der Hauch des Lebens der Atem der
Seele wie ein Ding fassen das man halten und geben kann wie das Bedürfnis der
Verständigung es fordert  Es ist vergebens Sie werden Emma nichts entdeckt
haben wenn Sie gleich Ihr Herz vor ihr entblössen und sie zwingen das
strafende Auge verletzend darauf zu richten
    O Elise wollen Sie denn gleich den Frost strenger kalter Erörterung auf
die Blüte eines neuen Daseins werfen Ich verstehe Sie ich verstehe Sie
vollkommen Aber Sie täuschen sich Es geht nicht Die Sprache gibt den Begriff
wohl wieder doch das Unbegreifliche durchdringt uns wie der Strahl des Lichts
Er ist überall und weder das Bewusstsein noch irgend eine Kraft des Geistes
vermag das Unaussprechliche unentweiht in die Gränzen der Anschauung zu zwingen
    Warten Sie wenigstens noch einen Tag ehe Sie Ihr Vorhaben ausführen
Überlegen Sie was Sie tun wollen Zähmen Sie den unruhigen Durst sich in
einer ungewöhnlichen Aufopferung zu genügen
    Ich komme Elise Ich bin diesen Abend mit dem Kahn an Ihrem Garten Eilen
Sie eilen Sie dem Geschick die fliehenden lieben Stunden abzustehlen Gegen
acht Uhr Abends bin ich bei Ihnen Gute liebe Elise Verwickeln Sie Ihren
freien Sinn nicht in jene nachschleppenden hinkenden Gedanken die das Gefühl
lähmen und den Wunsch doch nicht töten können Sein Sie auch diesmal die
starke kräftige Frau die sich selbst ihre Bahn zeichnet
 
                              Tavanelli an Leontin
Zu spät Zu spät Ihre Warnung verfliegt in den Wind Ich kann nichts
ungeschehen machen Ich darf es auch nicht Sie wissen nicht was Sie fordern
Sie kennen die Qualen nicht die mich foltern Sie werden es auch nicht fassen
wenn ich Ihnen sage dass um Elise zu retten ich sie verderben musste Ja sie
muss zeitlich untergehen um ewig zu leben Niemand liebt sie wie ich sie liebe
Niemand Ich habe mein Herz mit tausend Pfeilen durchstochen Auch das ihrige
wird bluten Aber Gott weiß es geht nicht anders Meine Füße tragen mich nicht
mehr und doch muss ich unstät umherlaufen bis  Er kommt gewiss Walter bringt
ihm diese Zeilen Heute Abend  o ich zittre an allen Gliedern Gottes Gericht
ist fürchterlich
 
                              Leontin an den Arzt
Säumen Sie nicht eine Sekunde Fliegen Sie wenn Ihnen der Wunsch ein Leben zu
retten Flügel geben kann
    Kaum atmet noch der schöne liebe Knabe Sein guter Engel führte mich ans
Ufer ehe es auf immer um ihn geschehen war
    Aber es ist vielleicht nur das letzte Zucken des Daseins Ewiger Richter im
Himmel lass dies das einzige Opfer sein Ich fürchte auf der Burg wird diese
Nachricht den Ausschlag geben Ja ja finsterer Tavanelli Gottes Gericht ist
fürchterlich
 
                             Der Komtur an Sophie
Bleiben Sie arme Sophie bleiben Sie wo Sie sind Hier können Sie Niemanden
mehr nützen
    Emma hat mit ihrer Mutter die Burg in einem Zustande verlassen der ihr die
Fähigkeit nahm über sich selbst zu bestimmen
    Dahin ist es gekommen Ich tadle Niemand Der Fall war von der Art dass er
ein Gemüt wie das der Oberhofmeisterin zum Äußersten treiben musste
    Was soll ich Ihnen weiter sagen Alles ist entdeckt der Riss geschehen Eine
geschickte Hand könnte wohl zusammenhalten  aber Leben gibt nur Leben und das
ist an der Wurzel erschüttert
    Erlassen Sie mir den peinlichen Bericht des Geschehenen Mir widersteht die
gewaltsame Verwüstung ruhig geordneter Verhältnisse Ich wende mich betrübt
davon ab um soviel als möglich nicht wieder darauf hinzusehen Unser Freund
der Arzt übernimmt es Ihnen alle Umstände eines Vorfalles mitzuteilen bei
welchem sein Beistand von mehr als einer Seite in Anspruch genommen ward Er
rede wenn ich schweigend in mich selbst zurücktrete und hier die Welt aufsuche
in der wir Liebste unzertrennlich bleiben 
    Der Arzt zur Fortsetzung  Am Mittwoch Abend saß ich am Ruhebett der Frau
Gräfin Ich fand ihren Zustand besser Wir redeten von gleichgültigen Dingen
als mir ein Billet mit dem Zusatze eingehändigt wurde der Reitknecht sei
beauftragt mir sein Pferd zu überlassen um mich schneller nach dem Landhause
des Herrn Präsidenten zu bringen woselbst dringende Gefahr meine Gegenwart
notwendig mache
    Ich erschrack um so mehr da mich ein flüchtiger Blick auf die ersten Worte
des Schreibens ein Unglück ahnden ließ Dies und die große Reizbarkeit meiner
teuren Kranken bedenkend bemühte ich mich mit so viel Gleichmut als mir nur
zu Gebot stand meinem schnellen Aufbruch durch die Äußerung dass man drüben
sehr ängstlich sei das Beunruhigende zu nehmen So stand ich noch ein paar
Minuten neben der Frau Gräfin die Finger an ihren Puls gelegt als ich diesen
stocken fühlte und sie die eiskalte Hand losmachend krampfhaft die meinige mit
den Worten umschloss »Ich beschwöre Sie halten Sie sich nicht mit mir auf Ich
bin ja ganz wohl aber dort  Sie werden sehen  es ist gewiss etwas
Entsetzliches vorgefallen«
    Ich wollte ihr das ausreden aber sie ließ mir keine Zeit dazu »Um
Gotteswillen« rief sie indem sie aufstand und mich bis zur Türe begleitete
»verlieren Sie keine Zeit«
    Ich folgte ihrem Befehl Wie ich indes die Türe öffne tritt mir die Frau
Oberhofmeisterin mit ganz verstörtem Gesicht entgegen und lebhaft wie sie ist
auch wohl in dem Gedanken dass ihre Tochter im Hintergrunde des Zimmers nichts
von dem hören könne was hier gesprochen werde flüsterte sie eilig »Bleiben
Sie drüben kommen Sie ohnehin zu spät das Kind ist tot und hier sind Sie
nötig Hugo ist verwundet Gehen Sie zu ihm«
    Ein heller Schrei und ein Fall dicht hinter mir ließ es außer Zweifel
dass die unseligen Worte von der Gräfin gehört wurden Ich befand mich in der
schrecklichsten Verlegenheit Wohin nun zuerst meine Schritte lenken Ich wandte
mich nach dem Zimmer zurück als die gebieterische Dame mit einer Fassung die
mich in Verwunderung setzte schnell entschied »Diese überlassen Sie mir Zu
ihm müssen Sie hinunter und mich sogleich wissen lassen ob Gefahr zu fürchten
ist«
    Ich flog nach des Grafen Kabinett Im Hause herrschte die größte Bestürzung
Aus einzelnen flüchtigen Äußerungen der Leute die sie mir so im Vorbeigehen
zuwarfen fasste ich schnell den traurigen Zusammenhang des ganzen Ereignisses
Ich trat deshalb mit einiger Befangenheit zu dem Verwundeten hinein Er lag in
einem Winkel des Sophas den einen Arm auf mehrere über einander getürmte
Kissen gelegt Er hatte den Rock abgeworfen Das Hemd und ein starkes um den Arm
gebundenes Tuch trieften von Blut Es war Niemand sonst im Zimmer Der
Blutverlust schien mir sehr groß zu sein ich rief daher unwillkürlich
erschrocken »Herr Gott in welchem Zustande finde ich Sie« der Graf fuhr aus
seinem Kissen in die Höhe Er sah entsetzlich bleich aus »Was wollen Sie bei
mir« fragte er unwillig »Mir fehlt nichts Mit dem Ritz da« fuhr er
verächtlich auf den Arm deutend fort »werde ich bald fertig werden« Als ich
gleichwohl Miene machte die Wunde näher zu besichtigen widersetzte er sich
sehr bestimmt versicherte der Dorfbarbier könne das auch heilen ich solle
nicht länger ein Leben auf das Spiel setzen an welchem so unendlich viel liege
Er riss bei diesen Worten in fieberhaftem Zorn den Verband vom Arme und mir in
der Tat nur eine bloße Fleischverletzung zeigend klingelte er um den
berufenen Chirurgus eintreten zu lassen Da ich nun sah dass hier für mich
nichts zu tun war begnügte ich mich die Frau Oberhofmeisterin über den
Zustand des Grafen zu beruhigen und eilte unter tausend bangen Ahndungen zu dem
nachbarlichen Landsitze
    Die Sonne war schon hinter die Berge Das rote Abendlicht durchschnitt den
Himmel in langen Streifen Es war schwül und still in der Luft Man hörte
nichts als das schrillende Säuseln der Ähren in den Kornfeldern und das Gezirp
der Heimchen
    Mir schlug das Herz immer ängstlicher in der beklommenen Brust Einzelne
Arbeiter die auf das Gerücht eines Unfalles ihr Tagewerk verlassen hatten um
zu sehen was es gäbe kamen jetzt zurück Gerät und Kleidungsstücke aus dem
Felde abzuholen Sie sahen betrübt aus und wiederholten Alle dasselbe Das Kind
der Herrschaft drüben sei verunglückt und für tot aus dem Wasser gezogen
worden Es müsse wohl einer daran Schuld sein den man sich nicht zu nennen
getraue Es wäre großer Zank und Streit darüber entstanden und viele wollten
sagen es seien zwei Schüsse gefallen Wer geschossen wisse jedoch Keiner So
kam ich von den unheimlichen Gerüchten gejagt endlich bis zu dem Gehege des
Gartens Es war hier und da eingerissen um den Zudringlichen Bahn zu machen
Diese standen und saßen vom Gaffen und Schwatzen müde auf dem Boden umher
Weiber mit ihren Kindern auf dem Arm jammerten über den kläglichen Anblick des
bläulich angeschwollenen kleinen Leichnams indes Andere mit giftiger Zunge der
Sünde Schuld auf das Gewissen der Mutter warfen und diese mit Schmähreden
überschütteten Ich sprang vom Pferde und mir durch das Gewühl Platz machend
stieß ich auf einen Mann der versicherte in dem Knaben sei noch Leben Er
selbst habe das Herz schlagen fühlen Auch wäre die Rettung zu schnell gekommen
als dass der Tod schon volle Gewalt geübt habe Der brave Herr da unten von
Wildenau sei ja gleich bei der Hand gewesen setzte er hinzu Ich atmete auf
Die Andern mochten es nicht Wort haben dass man irgend Hoffnung hegen dürfe Sie
ließ sich nichts von dem vollen Maße des Entsetzlichen streitig machen Ihr
Widerspruch gab mir Mut Dieser sank gleichwohl als ich in den Gartensaal
trat der erschütternde Eindruck des Jammers der hier so plötzlich Alles
umgewandelt hatte nahm mir alle Fassung
    Gleich der Türe gegenüber lag der bleiche Georg ganz in Betten und Decken
gehüllt so dass nur das seitwärts auf die Brust hängende blonde Lockenköpfchen
sichtbar war Neben ihm saß des Amtmanns Mutter die sanften feuchten Augen auf
die geschlossenen des Kindes gerichtet zu ihren Füßen kniete eine unkenntliche
Gestalt dem Tode ähnlicher als den Lebendigen bewusstlos regungslos
verrieten nur die starken und raschen Atemzüge dass der Schmerz wenigstens
diese arbeitende Brust bewege Es war die schöne unglückliche Präsidentin
    Der bunte Zierrat des Zimmers die hohen Blumenkübel das frische Rot
unzähliger in Körben und Schaalen umher stehender Rosen all der Schmuck
jugendlicher Sinnenlust stach auf das Schneidendste gegen die farblose Gruppe
der tiefsten Trauer ab
    Ich näherte mich leise Der Baron Wildenau kam aus einem Seitenzimmer auf
mich zu Wir drückten einander schweigend die Hände »Ich fürchte« flüsterte
er »ein Schlagfluß hat hier schneller geendet als meine rasche Hilfe es sonst
begreiflich macht Das Kind lag nicht über einige Minuten im Wasser«
    Ich erwiderte nichts Mein Blick lag fest auf dem kleinen Bettchen an
dessen oberstem Rande da wo es die Wange des Schlummernden berührte eine
Feder leise hin und her zu wehen schien Der Baron folgte meinem Blicke Ich bog
mich über das Bett Ich hörte schwache Atemzüge Ohne mich weiter zu bedenken
öffnete ich dem Kind eine Ader Das Blut tropfte erst langsam dann sprang es in
einem Bogen über die weiße Decke auf die gefaltenen Hände der Mutter die mit
einem Schrei aus ihrer Betäubung auffuhr Sie sah irre und verstört umher »Er
hat mich geküsst« flüsterte sie kaum hörbar »Wahrhaftig er hat mich geküsst
Er lebt«
    »Ja« versetzte ich zuversichtlich »Er lebt Aber jetzt erschrecken Sie die
rückkehrende Besinnung nicht Schweigen Sie um Ihres eignen Friedens Willen
nur noch wenige Augenblicke«
    Sie sah mich schüchtern an Auf ihren Zügen lag dumpfe Ungewissheit Doch
tat sie was man ihr sagte Und ob sie gleich nicht von den Knieen aufstand so
schob sie sich doch auf diesen seitwärts in einen Winkel des Zimmers von wo
sie angstvoll zusammengesunken auf Georg sah
    Der Umschwung in dem kleinen Körper war schnell geschehen Von der Betäubung
zum Erwachen brauchte es sobald die Springfedern innerer Tätigkeit in Bewegung
gesetzt waren nur wenige Minuten Ein paar Tropfen Äther der flüchtige Geist
scharfer Essenzen und das Anwehen frischer Luftzüge durch die geöffneten
Fenster vollendeten das Werk völliger Wiederbelebung in Kurzem Das erste
vollständige Zeichen derselben war der anfangs undeutliche dann wiederholte Ruf
nach der Mutter
    Diese schauerte vor dem Tone als komme er aus einer andern Welt Sie hatte
kaum die Kraft sich zu erheben Ich eilte auf sie zu Alle Glieder flogen ihr
wie im stärksten Fieberfrost Sie schwankte die fragenden Augen bittend umher
gesandt nach dem Bette des Kleinen Wie dieser aber jetzt aufsah die Aermchen
matt hob und mit dem rührendsten Tone »Liebe Mutter« sagte da sank sie laut
schluchzend über ihn hin und vielleicht waren es ihre Tränen die seine Brust
vollends erwärmten die Schläge seines Herzens schneller hoben Hier war jetzt
die gestörte Ordnung unter die Gesetze des Daseins zurückgetreten Die Natur
stellte sich durch sich selbst her Des Kindes Rettung beflügelte die Seele der
Mutter Gehoben und gesammelt stand diese nach einer Weile wieder unter uns
Sie schien nichts gelitten nichts empfunden zu haben Mit einer Wärme und
Innigkeit wie sie nur dieser reichbegabten unwiderstehlichen Frau inwohnt
ließ sie uns ihr Entzücken teilen Sie sagte wenig tat nichts aber aus jeder
Miene aus den rührenden Blicken aus dem stillen tiefsinnigen Versinken über
ihr unbegreifliches Glück atmete das schmerzensstille Herz seliges Vergessen
    Leider sollte sie bald an das Vergangene erinnert werden
    Der Präsident stürzte nach einer kurzen Abwesenheit ungestüm ins Zimmer
Die Nachricht von Georgs Rettung war ihm schon von allen Seiten entgegen
gedrungen Die große Erschütterung plötzlicher Freude erhöhte den
leidenschaftlichen Zustand seines Gemüts der heute zum erstenmal in reifern
Jahren aus den Grundsätzen beherrschender Mäßigung in die dammlose Flut
empörter Gefühle hineingeraten war Seine unzusammenhängenden Worte das
Heftige ja Stürmische in ihm erschreckte den Knaben Er ward blöde schwieg
oder weinte und stachelte dadurch die Todtesangst des Vaters ihn zwar lebend
doch krank und leidend wiedergefunden zu haben In seiner unbemeisterten
Besorgnis äußerte dieser das unverhohlen wie er überhaupt ganz im Gegensatz
sonstiger Rücksicht jetzt nur laut dachte und empfand was die Umstehenden in
große Verlegenheit setzte Die Verwirrung stieg auf das Höchste als der
Präsident nachdem ich ihm die vollkommene Wiederherstellung Georgs verheißen
sich ohne die Anwesenheit seiner Gemahlin zu beachten zu der Mutter des
Amtmanns mit den Worten wandte »Nun dann Madame Lindhof so übertrage ich
Ihnen die Sorge für des armen Knaben Gesundheit bis ich von einer unerlässlich
gewordenen Reise zurückkehre« Er nahm hierauf die verlegen dastehende
ängstlich überraschte Frau bei der Hand führte sie in ein anderes Zimmer um
das Nähere seiner Anordnungen zu bestimmen Ich hatte nicht den Mut vom Boden
aufzusehen Der Baron gab mir einen Wink das Zimmer zu verlassen Wir eilten in
den Garten
    »Gott« rief ich hier unter die Last unerträglicher Gefühle gepresst
aufseufzend »muss denn dies Haus zusammen brechen Und ist keine Klarheit nach
dem Gewitter zu hoffen«
    »Keine« entgegnete der Baron der noch bleicher und melancholischer aussah
als sonst
    »O« sagte ich lebhaft »warum wurdest du denn ins Leben zurückgerufen
armes Kind Besser wäre es gewesen du hättest den unnatürlichen Riss häuslicher
Eintracht still verschlafen dein kleines Herz wäre gebrochen ehe Unwille und
Bitterkeit darin keimten«
    Der Baron sah mich schmerzlich an ohne etwas zu erwidern Wir gingen mit
raschen Schritten tiefer in das Gebüsch Meine Seele war voll Kummer Ich sah
nicht wohin uns der Weg führte als mich das zertretene Gras und der Anblick
des Sees plötzlich aufschreckte
    »Hier also« fragte ich stillstehend Mein Begleiter nickte bejahend
während sein betrübtes Auge langsam über die Wellen glitt
    »Wie kam es nur« fragte ich zögernd »und was trug sich sonst noch
Unseliges zu das solche Folgen haben konnte«
    Der Baron schien mit der Antwort zu kämpfen Ich hatte bis jetzt eine Scheu
gehegt deutlicher in die Verwirrung hineinzusehen Die schonungslose Härte des
Präsidenten erschütterte und empörte mich Ich wollte ihn allein schuldig
wissen Die Frage sprang mir über die Lippen
    Was ich von ihm erfuhr war Folgendes Der Präsident kam gegen Abend auf
seinem Landhause unerwartet an fand Niemand dort fragte hierauf seine
Dienstboten scharf und heftig nach seiner Gemahlin und nach Georg aus doch ihre
Antwort nicht erwartend stürzte er eilig dem Garten zu Hier sah man ihn
ungestüm hin und herlaufen hörte ihn laut rufen und bemerkte nicht ohne
Besorgnis dass er in einen Kahn sprang diesen losmachte und nach dem
jenseitigen Ufer des Sees hinüberfuhr Die unmässige Heftigkeit welche
affectlose Menschen zu Zeiten wie mit triumphirender Gewalt befällt musste die
bestürzten Domestiken hier um so mehr mit banger Ahndung erfüllen als das
sorglose Betragen ihrer jungen Gebieterin schon längst an ihr zum Verräter
ward Niemanden unter allen Leuten des Hauses blieb der Zweck jener langen
nach der Wohnung der Tannenhäuserin führenden Spatziergänge ein Geheimnis
Hierher flüchtete die schöne Frau und beruhigte ihr Gewissen wenn der Graf in
seinem schmalen Boot stehend mit ihr redete während sie am Ufer saß und es
das Ansehen hatte dem Freunde zufällig begegnet zu sein Jäger und Fischer
welche Abends des Weges kamen hatten sie oft so gesehen Es ward hier und da
darüber gesprochen Mehrere weissagten längst nichts Gutes davon Jetzt war es
klar dem Präsidenten musste Jemand die Augen geöffnet haben Auf Tavanelli
fielen Alle Er ließ sich seitdem ganze Tage nicht sehen Den Knaben hieß es
habe er mitgenommen Andere wollten versichern dieser spiele im Garten Er sei
mit der Mutter die Allee links hinuntergegangen
    Indem die zusammengetretene Dienerschaft so mit einander verhandelte hörten
sie ein kurzes wiederholtes helles Angstgeschrei von der Seite her wo sie
Georg zuletzt gesehen hatten Es war ein herzzerschneidender Ton den das Echo
über den See gellend zurückschallte »Das Kind das Kind« sagten Alle voller
Entsetzen indem sie dem verzweifelnden Rufe folgten Ehe sie gleichwohl die
Stelle erreichen konnten wo das Unglück geschehen war hatte der Baron
Wildenau von bangem Vorgefühl getrieben und in der Absicht den verstörten
unstäten Tavanelli aufzusuchen sich in den Garten begeben Seine
Entschlossenheit rettete den schönen Knaben Er entriss ihn den Wellen doch trug
er ihn leblos ans Land
    Indes war der fürchterliche Schrei zu dem Vater gedrungen »Georg« sagten
alle Stimmen der Seele zugleich in ihm Er arbeitete sich wie ein Verzweifelnder
nach dem Garten zurück Ungeübt mit dem Kahne zu fahren erreicht er erst das
Ufer als dort schon ein Haufen Klagender und Schreiender durch einander rennt
Sprachlos vor Angst teilt er die Menge Sein erster Blick begegnet der atemlos
herbeistürzenden Mutter die das bleiche Kind an sich reißt es umschlingt
küsst mit Entsetzen in die Höhe gegen das Licht hält und da sie die Augen
geschlossen sieht kein Leben spürt zu den Füßen ihres Mannes sinkt mit der
Hand krampfhaft nach Graf Hugo zeigt und laut ruft »Er und ich «
    Sie vermochte nichts weiter hervor zu bringen Die Zunge versagte ihr Aber
in Blick und Miene lag eine schwerere eine zermalmende Anschuldigung
    Der Präsident blieb einen Augenblick wie eingewurzelt in dumpfer Erstarrung
Er mochte sein Geschick nicht fassen Diese Stille dies Verstummen tiefster
Natur in dem Manne der als Richter hier vor ihr stand löste ihr ganzes Wesen
in leidenschaftliche Verzweiflung auf Sie klagte sich jetzt laut und
fürchterlich an bekannte ihre heiße Liebe für den Grafen gesteht dass um ihn
zu sehen sie das Kind beredet hier im Garten zu spielen während sie die weite
Strecke bis zur Tannenhäuserin in kurzer Zeit zurückzulegen gedachte nannte
sich im Aufruhr aller Sinne des Knaben Mörderin und flehte den strafenden
Himmel nur um die erbarmende Gnade an ihrem sündlichen Leben ein Ende zu
machen
    Diese und noch wildere Klagen flogen in verwirrender Hast über ihre Lippen
ohne dass die Umstehenden es hindern konnten Der Präsident starrte sie lange
ungewiss an Endlich als falle das ganze Gewicht seines Elendes auf ihn nieder
zuckte er zusammen und wandte sich rasch nach dem Grafen hin Der Moment war
entscheidend Jener empfand sogleich worauf es ankam Er trat dem schwer
Beleidigten mit wehmütiger Ruhe entgegen indem er leise sagte »Sie haben
keine Minute zu verlieren um das Leben Ihres Kindes zu retten Das ist jetzt
das Nächste Später wie und wann Sie wollen«
    Die Mahnung an Georgs Gefahr die Furcht ihn vielleicht schon verloren zu
haben drückte für einen Moment den aufflammenden Zorn in dem unglücklichen
Vater nieder Er flog auf den Kleinen zu entriss ihn der Mutter setzte alles in
Bewegung um Hilfe herbei zu holen Er selbst ging und kam klagte schalt
trieb und drängte die geängstigte Dienerschaft hin und her so dass diese es kaum
wusste als er vielleicht in der Absicht selbst ärztlichen Beistand zu suchen
unter den Umstehenden verschwand Jedermann war so betäubt von dem Schreck so
vertieft in dem eifrigen Bemühen den Tod von des Knaben Schläfen zu
verscheuchen dass selbst der nahe Knall zweier Schüsse bei Niemanden Sorge
erweckte und man sich erst besann den Präsidenten vermisst zu haben als dieser
zurückkehrte
    »Es sind« hub Baron Wildenau nachdem er mir soviel mitgeteilt hatte nach
einer Pause wieder an »Es sind hier dunkle Schattenstellen die uns einen Teil
des Zusammenhanges verhüllen Lassen wir sie ohne daran zu rühren Die Zeit
wird Alles aufklären«
    Wir standen beide noch eine Weile in Gedanken verloren als wir durch das
Geräusch eines vorüberrollenden Wagens aufmerksam gemacht uns umsahn Auf das
Höchste überrascht erkannten wir die Equipage der Oberhofmeisterin Die große
Reisekutsche die beiden in dunkelrot und schwarz gekleideten Bedienten auf
dem Bock Es ließ sich nicht verkennen »Mein Gott Emma« rief der Baron beide
Hände wie von einem großen Schreck überwältigt zusammenschlagend »Was ist mit
ihr« fragte ich unruhig »Die Mutter entführt sie gewaltsam« entgegnete er
»Sehen Sie doch nur ihr Wagen schlägt den Weg ein welcher auf die große Straße
führt Sie kehrt nach der Heimat zurück Wie würde sie das tun begleitete sie
die Tochter nicht Nimmermehr würde sie solche jetzt zurücklassen«
    »Bei dem Gesundheitszustand der Gräfin« warf ich ihm ein »Eben deshalb«
versetzte der Baron »Eben diese Schwäche gibt der entschlossenen Mutter volle
Gewalt über sie«
    Aus der Ungewissheit zu kommen eilte ich nach der Burg zurück da mich
länger keine Pflicht an das Lager des Kindes fesselte und mich ohnehin hier
nichts band Ich fand den Komtur einsam in seinem Zimmer Es war geschehen wie
es Baron Wildenau voraussagte Die Betäubung der Gräfin die Verwirrung im
Hause alles bot der Frau Oberhofmeisterin die Mittel zur schnellen heimlichen
Abreise Wie sie die Tochter überrascht wie sie sie überredet hat ist noch ein
Geheimnis Zwei Zeilen an den Grafen sagen weiter nichts als »Wir verlassen
die Burg dass ein Dach uns nicht länger beschirmen kann ist klar Genießen Sie
nun Ihre Freiheit wie Sie können«
    Das Blatt fiel in des Oheims Hände Er zögerte noch es dem Neffen
zuzustellen Dieser lässt Niemand vor sich Ich versuchte vergebens zu ihm zu
dringen
    Weiter wüsste ich dem treuen Bericht in Bezug der unglücklichen
Familienverwirrung beider verehrten Häuser nichts hinzuzufügen
    Der Präsident hat einen langen Urlaub nachgesucht und erhalten Seine
Gemahlin verließ die Gegend Sie soll zu einer fernen Verwandtin gegangen sein
Georg spielt mit den Kindern des Amtmanns Er erzählt jedem der es hören will
seinen Unfall mit dem Zusatze dass er sich aus Furcht vor dem Vater der so
laut und lärmend nach ihm gerufen im Rohr versteckt nachher aber nicht wieder
an derselben Stelle ans Ufer hinauf gekonnt hätte in der Angst ausgegleitet und
ins Wasser gefallen sei
    Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Häuser nach sich gezogen
 
                                 Zweiter Teil
                                 Sophie an Elise
Nicht ohne Bangigkeit richte ich endlich diese Zeilen an Sie liebe arme
Freundin Werden Sie denn aber auch noch etwas von dem hören wollen was unter
den Schauern der Vergangenheit hinter Ihnen liegt Vielleicht legen Sie den
Brief bei Seite dessen Siegel Ihnen verrät von wem er kommt Der Name meines
Stifts ruft zugleich andere schmerzliche Namen zurück Ach meine Gute wie
traurig dass Ihnen diese so wehe tun müssen
    Nein es ist kein Vorwurf was ich hier sage
    Es ist nur eine von den unzähligen Klagen die mir das Geschick der
liebsten besten Menschen auspresst
    Gewiss ich habe kein anderes Gefühl in meiner Brust als Mitleid und
Teilnahme für Sie Alle
    Für Sie Alle Ja glauben Sie es nur Dasselbe Gewebe das Ihr argloses Herz
umspannt hat seine Fäden so weit gezogen so sonderbar verschlungen dass die
schönsten Kräfte dadurch gefesselt die reichsten Gemüter ohnmächtig geworden
sind und statt des bewegten Lebens schwarze Melancholie durch die vereinzelten
Kreise der Freunde zieht
    Wer nach kurzer Abwesenheit hierher zurückkam wer wie ich das Bild warmer
Vertraulichkeit und sanfter Zuneigung im tiefsten Innern festhielt wer den
freien Horizont und die leichte elastische Luft der Heimat wieder zu finden
dachte und nun überall auf verschlossene Häuser auf abgebrochene Verhältnisse
stößt stumme Trauer undurchdringliche Nebel ihn umgeben und schneidende
zusammenpressende Kälte allein ihn erinnert dass er ein Herz hat der könnte
versucht werden an Magie und alte Fabeln von umwandelnden bösen Geistern zu
glauben
    Ich bin wieder in meine Wohnung eingezogen Die Wände der Zimmer das
Gerät die Bäume vor den Fenstern alles ist unverändert aber es macht nur den
Eindruck von Kleidern geliebter Verstorbener Ich fühle mit unsäglichem Kummer
dass der Inhalt verschwunden der lebendige Geist entflohen ist Die Räume sind
leer Der Gedanke verliert sich in die unergänzten Lücken
    Beste Freundin Was waren es für Stunden die wir mit einander zubrachten
so friedliche harmlose Stunden O der Mensch achtet die Stille nicht hoch
genug die ihm zu ruhiger Entfaltung der zarteren feinern Geistesblüten
vergönnt ist Der Frühling innerer Zeitabschnitte zieht oft noch flüchtiger als
der der äußeren an uns vorüber und wir besinnen uns erst nachher wie reich
wir waren wenn die Blütezeit vorüber ist und neue Entwickelungen sich unter
mannigfachen Kämpfen vorbereiten
    Wohin ich jetzt den Fuß setze tönt mir Störendes entgegen Jeder Gegenstand
erinnert an das was nicht mehr ist jeder Besuch ängstigt jede Frage verletzt
mich Auch komme ich zu Niemanden Die Burg bleibt Jedem unzugänglich Der
Komtur fürchtet wie alle Männer durch lebhafte Erschütterungen aus dem
äußern Gleichgewicht zu geraten Er hat mir ein Paar gute treue Worte
geschrieben doch vermeidet er tiefer in den Gegenstand einzugeben den ich nur
leise berühren mochte So verstummt dann die Gegenwart völlig Der einzige
Genuss den ich mir zuweilen erlaube ist der Ihre früheren kleinen Briefchen zu
lesen die der behende Walter mir oft beim Erwachen schon überbrachte Wie
erkenne ich wie höre und sehe ich Sie in jedem Worte wieder liebenswürdige
Elise Ja Sie sind unverändert dieselbe geblieben Wie Sie in Nichts Arges
suchen so rein blieben auch Ihre eignen Gefühle Sie glaubten nie an das Böse
Sie suchten es nicht in sich und treu der Wahrheit die Sie erkannten
heuchelten Sie nicht einen Augenblick vor der Welt seit Gottes Finger die Wolke
teilte Wie viel hiervon dem Bewusstsein wie viel der Natur in Ihnen angehört
möchte wohl schwer zu entscheiden sein Genug Sie konnten nicht anders Wie
sollte ich Sie nun misskennen und tadeln weil das Ihr Unglück gemacht was stets
die Eigentümlichkeit Ihres Wesens begründete Freimütig bis zum
Selbstvergessen ein losgebundenes Kind der Natur spielten Sie mit den Fesseln
die Sie sich abgestreift ohne einen andern Halt zu suchen als Ihr kühnes
Wollen So zeigten Sie sich von je und immer begleitete ich Sie mit Sorgen Wer
aber hätte Sie warnen können wem würden Sie geglaubt haben Göttliche Gewalt
hat nur das Göttliche Erschrecken Sie nicht zu sehr Sie das möchte ich
beschwören finden Ihren Weg wieder Dulden Sie doch die Freundin zur Seite
Lassen Sie mich es wissen wie und wo Sie Trost suchen Was Sie ergriffen wie
Sie leben
    Hier denken Sie wohl erfahre ich nichts von Ihnen Wen dürfte ich deshalb
befragen Zuweilen hatte ich den Gedanken Madame Lindhof einen Besuch zu
machen Aber ich bin nicht im Stande den Weg dahin anzutreten Wie sollte ich
jetzt schon den Anblick Ihres Hauses des Gartens  Nein Elise nein meine
Seele ist zu wund um sie den schneidenden Luftzügen in den ausgekälteten Räumen
so frühe bloszustellen Am Grabe unsrer Freunde finden wir sanfte Tränen am
Grabe ihres Glückes empört sich das Gefühl gegen die Ohnmacht Geschehenes nicht
ungeschehen machen zu können Ich habe so genug mit mir zu tun die ängstigende
Frage immer wieder aufs Neue meinem Gewissen zu beantworten Ob es auch recht
war dass ich die Oberhofmeisterin reisen ließ da ich damals schon ahndete wie
sehr Sie der Freundin bedurfte Es ist nicht immer leicht von zweien Pflichten
die dringendere zu wählen vollends aber wird es denen erschwert die in
unabhängiger Beziehung zur Welt sich selbst im entscheidenden Augenblicke
bestimmen sollen Ich glaubte damals das Unerfreuliche tun zu müssen und
dachte mir in dem Opfer eigener Wünsche zu genügen Vieles wäre wohl
unterblieben willigte ich nicht in den Vorschlag der leidenschaftlichen
Freundin Doch wie ist das Leben zu berechnen durfte ich hoffen es mit einem
so mächtigen Feinde als Ihr eigenes Herz beste Elise aufnehmen zu dürfen
    Sehen Sie aber hieraus wie schwach ich bin und wie wenig es mir einfällt
bei Ihnen die Starke spielen zu wollen Gewiss Beste Sie können mich dreist in
die Falten Ihres Innern sehen lassen ich bin gewiss nur die eignen verborgen
gebliebenen Schattenstellen darin wieder zu erkennen Kann Sie auch das nicht
bewegen mir wieder die liebe vertrauende Elise zu werden
 
                                Elise an Sophie
Gütige Freundin Ja Sie sind die Alte geblieben Sie verläugneten sich nie Das
tut der Mensch überhaupt selten Wir täuschen uns nur über ihn Wie ich der
Welt jetzt erscheine lässt sich denken Jede geschäftige Hand sucht wohl die
dunkelsten Tinten aufzutragen um das Bild wie aus Nacht und Hölle heraussehen
zu lassen Es war sehr albern von mir dass ich denken konnte Sie würden sich
durch solche Karrikatur irre machen lassen und mich verkennend zu erkennen
glauben
    Sie sehen Sophie ich halte nicht mit meinen Bekenntnissen hinter dem
Berge Ich gestehe Ihnen dass ich aus diesem unbilligen Misstrauen nicht an Sie
schrieb und vielleicht auch weniger an Sie dachte Ich habe darunter gelitten
denn nichts tut so wehe als eine kalte Stelle in der Brust die uns
unaufhörlich an den erloschenen Funken erinnert
    Sie haben diesen wieder angehaucht Sophie und ein Verhältnis neu belebt
das ich mit so vielem Andern zerrissen wähnte Tausend tausend Dank treue
feste Freundin die Klarheit Ihrer Empfindungen beschämt mich schon darum weil
sie mir beweist dass Sie das Unvergängliche wahrer Zuneigung in höherem Grade
besitzen als ich zu glauben wagte Und doch beruht anderer Seits mein ganzes
Dasein gerade auf diesem Glauben
    Es ist wohl immer die Folge ungewöhnlicher Zustände dass wir ein wenig
zittern ehe wir uns zu fassen im Stande sind Ich habe große Erschütterungen
erduldet Kein Wunder wenn mir es dunkel vor den Augen ward und ich die
treuesten Menschen undeutlich sah
    Über Eins liebe Sophie kann ich gleichwohl in Ihrem Briefe nicht hinaus
Wie geht es zu dass Sie mich bei so festem ruhigem Auffassen meiner tiefsten
Eigentümlichkeit dennoch in der Hauptsache ganz missverstehen Sie halten mich
nämlich in meiner gegenwärtigen Stellung zur Welt für höchst bedauernswürdig
Sie sehen mein Geschick gebrochen mich in den Staub gebeugt Sie verzweifeln
das Geschehene nicht ungeschehen machen zu können und setzen voraus ich sei
nur durch einen eben so übereilten als gewaltigen Stoß aus dem geordneten Gang
der Natur herausgehoben in den sich mein zerrüttetes Verhältnis zurücksehne
Ja Sophie ja ich bin wie von einem fürchterlichen Schlage getroffen ganz
zusammengeschreckt ganz durchbebt in eine fremde Grauen erregende Wildnis
geworfen Wohin ich blicke zeigt sich mir kein Ausweg Alles ist übereinander
gefallen Selbst der Reichtum des überfüllten Daseins dient nur die Sinne zu
verwirren Aber nicht erst jenes äußerlich umwandelnde Ereignis war es was
mich so stellte das plötzliche Erwachen meiner Seele der jähe Blitz der diese
durchzuckte die Schauer verborgener Wahrheit die ganze Last ihres Gewichts
die hatte mich aus meinem Himmel gerissen Können Sie mir denn zutrauen ich
würde nach der Entdeckung den Selbstbetrug genährt oder einen weit ärgern
geduldet haben Ist es Ihnen möglich an die Dauer solcher Verhältnisse zu
glauben die nur in Unschuld und Vertrauen ihre schwindliche Höhe erreicht
hatten O Sophie das Göttliche im Menschen ist da ohne dass er es weiß Es
kommt ihm im Schlaf er trägt es mit sich in das Leben hinein es wird ihm ein
zweites Leben er selbst erfährt es eben nur dann wenn ihm das Andere entgegen
tritt So ist es auch mit der Liebe Das Paradies bleibt nur Paradies bis die
Schlange das Bewusstsein weckt Ich war bis zum Tode erschrocken als ich
empfand was mir Hugo sei Gleich damals stand es fest in mir den Verrat an
der Treue die Verletzung des gegebenen Wortes durch offenes Geständnis meiner
Schuld zu büßen Ich sagte es Hugo Er hielt mich zurück Er bat mich den
entscheidenden Schritt zu prüfen Wir stritten hin und her Mein schwaches Herz
wankte es gefiel sich einen Augenblick in dem kurzen Aufschub Da schrien
tausend Schmerzensstimmen zugleich auf mich ein Ich zerriss alle Schranken und
vernichtete mich selbst mit dem unseligen Irrtum
    Ich würde es ohnehin getan haben doch später vielleicht zu spät Jetzt
ist nur geschehen was geschehen musste Es ist wahr ich bin für die Welt im
Allgemeinen tot und dies Losreissen wie leicht es gesagt ist vollbringt sich
nie ohne Kampf Die blühende Hülle des Daseins hält den Blick in seinem kühnen
Fluge zur Unendlichkeit freundlich an und zähmt den höchsten Wunsch durch die
Erfüllung unzähliger kleiner Wünsche Ich empfand das sehr frühe Ich liebte
daher die Wirklichkeit in allen ihren streitenden Bedingungen Mich führte mein
leichter Mut ohne Anstoß durch sie hin Es schlang sich hier und da ein Band um
mein Herz ich ließ es damit verwachsen und sah mein Leben mannigfach
verzweigt Jetzt habe ich Abschied genommen von allem was ich liebte von jeder
Hoffnung die ich bis dahin genährt niemals kann sich das völlig Umgestaltete
wieder herstellen Eduard kann nicht verzeihen was er nicht begreift Der Bruch
zwischen ihm und mir geschah mit dem ersten Laut der meiner Gewissensangst
entfuhr Ich habe seine Verachtung mit Wehmut den stummen kalten Abschied
den letzten vernichtenden Blick mit großem Schmerz erduldet was aber schildert
Ihnen mein Gefühl bei der Trennung von dem einzigen von dem über allen Ausdruck
heissgeliebten Kinde O Sophie weg weg von der Erinnerung dieses Augenblicks
Tausendfachen Tod zugleich stirbt das Herz wenn der Mensch gleichwohl noch
lebt  
    Ja ich lebe und ich lebe mit Mut Ich bin ganz aufgestanden von dem
gewaltigen Sturz Ich sehe mir diese strenge Beherrscherin die Willkür achtsam
an Sie trägt Fesseln in den Händen und bindet was sich ihren Gesetzen
entziehen will Soll ich verzweifeln weil mich das Loos mit vielen Andern traf
Kann ich tadeln dass ist was sein muss Der Zusammenhang meines Geschicks liegt
so klar vor mir dass ich diesem rück und vorwärts in allen seinen Verzweigungen
folgen kann Hätte ich nicht immer die unverfälschte Wahrheit des Bewusstseins so
hoch gehalten hätte ich nicht den Trug der Einbildungskraft gefürchtet und
künstliche Spiele gemachter Poesie für ein Verbrechen gegen ihr erhabenes Urbild
angesehen ich würde weniger misstrauisch die innere Stimme in mir beachtet
haben deren prophetischer Ton mich so oft mit unnennbarer Trauer durchbebte
    Aber ich verwarf jede aufsteigende Ahndung über die Natur meiner Gefühle für
Hugo Ich schalt mich selbst romanhaft verlachte die Sucht das Gewöhnliche
ungewöhnlich finden zu wollen mit schonungslosem Spott und errötete zuletzt
beschämt bei dem Vorwurf einer Grille wegen die schöne beseelende
Freundschaft aufopfern zu wollen
    Die kleinen Häckeleien häuslicher und menschlicher Missverständnisse taten
mir nur darum wehe weil sie andern weniger unabhängigen Gemütern zu schaffen
machten Ich sah wohl Störungen voraus doch in mir blieb noch Alles ruhig
    Der Vorfall am Hofe erschreckte mich Es ward mir dadurch klar welche
Wichtigkeit man auf ein Verhältnis legte das sich so von selbst so natürlich
ja so notwendig gemacht hatte Ich sprach mit Eduard darüber Er litt aber er
glaubte mir Wir sahen beide damals die Sache aus demselben Gesichtspunkte an
Die Dazwischenkunft der Oberhofmeisterin musste eine Ehe stören in welche sie
nur widerstrebend willigte Eduards kluge Menschenkenntnis gab mir noch manchen
Aufschluss der mich völlig über mich selbst beruhigte Doch Hugo machte mich
irre Er zeigte sich mir ungleich heftiger Ich zitterte dass seine Phantasie
sich verirrt dass er sich sehr zur Unzeit leidenschaftlich erregt habe
Tavanellis Winke sein zudringliches Einmischen in die innern Angelegenheiten
meines Glaubens störten mich Auf unbegreifliche Weise ward ich mir fremd Ich
flüchtete in dieser Unruhe zu Hugo Ich richtete mich an ihm auf Aber ich
lernte zugleich einsehen dass ich ohne ihn nichts mehr war dass ich nur noch in
ihm dachte und empfand Was von da an geschah was mich traf was noch geschehen
kann es ist unvermeidliche Folge dieses erschreckenden Erkennens
    Ja ich habe aufgehört dieselbe zu sein Und da die Umwandlung nun doch
einmal geschehen ist so konnte ich mich auch länger nicht in erborgter Gestalt
dulden Die einzige Möglichkeit ferner zu existieren liegt darin dass ich mich
selbst verstehe und mich zeige wie ich bin Diese Freiheit hat mir mein
lebendiger Tod genommen Ich werde mich ihrer nicht ganz ungern bewusst Sophie
ich gestehe es wahr sein zu dürfen ist bei dem Wahrheitsliebenden ein
unschätzbares Gut
    So lebe ich denn und liebe in meiner Welt auf meine Weise Niemand ist mir
um ein Haar breit ferner gerückt als er früher zu mir stand Der Gedanke das
Gefühl erreicht jeden Gegenstand mit unermüdeter Innigkeit Hier wo mich nichts
daran erinnert dass es noch ein anderes Dasein gibt als das was ich in mir
trage hier wie in höherer Region findet keine Trennung statt Georg   mein
süßes Kind und du armer guter Eduard  ich darf euch mit dem Freunde
zusammen denken der mich aus euren Armen riss
    Sehen Sie Sophie so gibt es dennoch eine Art Leben für mich um das mich
wenige beneiden werden in welchem ich gleichwohl denke empfinde und handle
    Ich bin wie in frühern Jahren im Hause meiner Tante einer guten
arglosen überaus einfachen vielleicht beschränkten Frau Sie ist gerade was
ich jetzt brauche eine teilnehmende Seele Immer nur das Allernächste mit
empfindend von unbedeutenden aber dafür auch wenigen Worten und tätig im
Hause Vielerlei meist Kleinliches vornehmend und so beschäftigt dass mir viel
Zeit und ihr das Bedauern bleibt mich so wenig genießen zu können Das stille
Dorf der kleine Garten mein Stübchen im Erker liebe Sophie die äußere
Beschränkung hat zu gewissen Zeiten einen eignen Reiz Man ist so eingeschlossen
in sich selbst Es fällt gar nichts Fremdes da hinein
    Ich weiß nicht wie lange die gute Tante mich bei sich behalten kann Sie
erwartet ihren Sohn Curd der von seiner Reise nach Italien zurückkommt Ich
möchte nicht mit ihm zusammentreffen überall ist auch wohl von keinem langen
Verweilen vor der Hand bei mir die Rede Ich bin ja hier erst wieder zu mir
selbst gekommen Noch brauche ich Zeit mich zu besinnen
    Sophie ich bitte Sie nicht meiner zu gedenken Sie werden mich gewiss nicht
vergessen Aber schreiben darum ersuche ich Sie schreiben Sie mir Durch die
gute Lindhof höre ich wöchentlich zweimal von meinem Georg Aber all die
Übrigen  Sophie  sein Sie menschlich schreiben Sie mir von ihm Ich selbst
hatte nicht den Mut ihm zu sagen wo ich mich hinbegäbe Ist denn Emma
wirklich mit ihrer Mutter gegangen War es möglich konnte sie ihn in dem
Augenblick verlassen O diese Mutter übt eine fürchterliche Gewalt über sie aus
    Leben Sie wohl teure großmütige Freundin Ich gehe einen Augenblick
Luft zu schöpfen Hinter dem Garten führt ein Fußweg am grünen Wiesengrunde hin
unter schattige Bäume
    Mittags rasten die Schaafe hier und suchen Schutz vor der Sonne unter den
Ästen einer mächtigen Eiche Da hat sich der Schäfer seinen Sitz von Rasen
gemacht Ich sah des Abends von hier aus die Sonne hinter das freundliche Dorf
niedersinken und wenn die Purpurstrahlen an dem gelben Metallknopf des
Kirchturms widerleuchten die Heerden über die Wiesen ziehen der Hirt ein
frommes Lied auf seiner Schalmei bläst die Abenddünste einen leichten Flor über
die Gipfel der Bäume weben und alles so still wird die Erde in Schlummer sinkt
dann  O dann  Gute Nacht Sophie gute Nacht
 
                                Hugo an Heinrich
Zwei Deiner Briefe liegen vor mir Ich habe den ersten noch nicht gelesen und
würde keinen beantworten fiele mir nicht ein mein Schweigen könne Dir
wunderliche Gedanken machen und Dir den Einfall geben hierher zu kommen und
mich aufzusuchen Tue das nicht Heinrich Bilde Dir auch nichts Besonderes von
mir ein Ich scheue nun noch mehr als sonst das laute Denken Darum rede ich
lieber nichts und mag auch nicht viel hören Ich versichere Dich das Wort ist
sehr roh Hauche ihm die tiefste Seele ein und es gibt Dir von dieser nichts
als die verpuppte Larve Das beschwingte Leben entflieht mit dem Oeffnen der
Lippe Wie dürr wie entkleidet von allem Duft innerer Wärme steht so ein
ausgesprochenes Gefühl da Und wie starrt die Welt es an wie unkenntlich wird
es selbst Dir dessen Innerm es sich in Entzücken oder Schmerz entwandt
    Darum Heinrich höre auf das Senkblei prüfender Fragen in meine Brust
fallen zu lassen
    Du hast ja längst Grund darin gefunden Was willst Du denn sonst noch
wissen Die alte todtgesprochene Geschichte von Emma und Eduards Unglück von
meiner Schuld und dem tragischen Heroismus der schönen Sünderin die musst Du ja
wohl auswendig können Das Historische solcher Haupt und Staatsactionen singen
Dir mit Nächstem die Jungen auf der Straße vor Erlass mir das Sprechen darüber
    Ja ja mein Freund das wäre auch vorbei Die Menschen können das Natürliche
und Wahre nicht natürlich und wahr nehmen Sie zerren so lange daran bis sie
wirklich das Greuelbild daraus machen was sie sich darunter denken Es ist ein
niedriges Gelüst in den Meisten ein Vernichtungstrieb der selbst den
Schwächling kitzelt seinen Fuß zu heben und in den Staub zu treten was ihm
über den Kopf wächst Das ist der gemeine Gang der Dinge Es scheint uns nur
ungewöhnlich wenn wir darunter leiden Gäbe es keine Tyrannei so hätte sich
der Gedanke wohl niemals frei gemacht
    Ich habe viel mit mir zu tun gehabt ehe ich den Zorn überwand der sich
meiner zu bemeistern drohte Mich hatte der Auftritt empört Alles sehe ich
entweiht Das Heiligste und Geheimste Mir widersteht jede Verletzung zarterer
Rücksicht Ich fuhr zurück vor der Verwilderung des Schmerzes und sah mit
Unwillen das Edelste von der dammlosen Flut der Gemeinheit fortgerissen Die
rohen Hände waren gehoben um das Geheimnis zu enthüllen Ich hörte die
schneidenden Töne des Schreckens und Alles selbst die Geliebte ward mir fremd
    Nachher musste ich mich tadeln so einseitig empfunden zu haben Aber wahr
blieb es doch ich hatte die Blüte zerstäuben sehen und konnte die kahlen
Staubfäden nicht wieder mit ihrer duftigen Krone umschließen
    Heinrich ich bin aus meinem Himmel gefallen und das ist von allem das
Schlimmste
    Ich mochte deshalb immer noch nicht an Elisen schreiben Mich dünkt der
natürliche Vermittler unserer Gefühle der Schlüssel zu jener Zeichensprache des
Herzens sei nicht mehr in ihren Händen Ich fürchte ihr nicht ganz verständlich
zu sein Es ist etwas in mir verletzt das ich weder verbergen noch auch angeben
kann Siehst Du wir wurden einen Augenblick jeder in die eigne besondere Welt
zurückgeworfen Der Augenblick ließ eine Lücke Ich bin verlegen bei dieser zu
verweilen oder sie zu überspringen Die Zeit mag sie füllen Die Zeit mag
überhaupt hier walten Ich lasse sie machen    
Wir sind geboren unsere eigene Narren zu sein Da nehme ich dies Blatt nach
mehreren Tagen wieder zur Hand und muss mich gleich in den ersten Zeilen auf
einer gewissen coquettirenden Misantropie ertappen die gar nicht zu meiner
jetzigen Stimmung passt Lieber Heinrich wenn ich mich anders recht verstehe
suchte ich längst eine Veranlassung Dir mit guter Manier Nachricht von mir zu
geben Ich scheute dieses wie ich auch Deine Ankunft scheue und doch Beides
wünsche Was aber vor Allem lächerlich herauskommt ist meine Verachtung gegen
das gesprochene Wort indes ich mehrere als gescheut ist darüber mache
    Du siehst dass ich noch nicht zur Ruhe in mir gekommen bin und von einem
Äußersten zum andern übergehe
    Diese Widersprüche machen mich zuweilen mutlos Ich war auch zeiter nicht
wohl Der Streifschuss am Arm machte mir doch mehr zu schaffen als ich Anfangs
dachte Ich habe gelitten und des Kränkelns ungewohnt geriet ich in einen
gereizten ärgerlichen Zustand aus dem ich noch nicht heraus kann
    Vorzüglich verdross mich die ungeschickte und einfältige Art eine
ernsthafte auf die stille innere Überzeugung des Menschen beruhende
Handlung wie einen brutalen Anfall behandelt zu sehen Das Sühnofer der Ehre
wie diese auch immer verstanden werden mag muss ehrenvoll gefordert und gebracht
werden Es ist denn auch nicht mit einem Bischen Pulverdampf und ein Paar
Blutstropfen abgetan Die Leidenschaft genügt sich schnell Das gekränkte
Selbstgefühl aber muss sich wieder herstellen oder erliegen
    Der außer sich geratene Mann lief mir wie ein Rasender in den Weg drang
mir ein Pistol auf und ganz achtlos gegen Duellgesetze schrie er mir zu in
beliebiger Nähe loszudrücken wenn er es tun würde Ohne einen andern als den
höchsten Zeugen über uns schnell mit mir einverstanden stand ich ihm schoss in
die Luft und erhielt die leichte Wunde Zufällig floss mein Blut rascher und
häufiger als es die unbedeutende Verletzung sonst wohl vermuten ließ Ich
musste in der Tat lachen wie erschrocken und stolz mein Gegner um sich sah Es
fiel augenscheinlich eine Last von seiner Seele während er doch nicht ganz
sicher vor den Folgen schien Ich beruhigte ihn völlig über mich In der
Überraschung die Angelegenheit so schnell beendigt und sich selbst vor der
Welt behauptet zu haben sagte er ziemlich unbewacht »Nun so gehen Sie mein
Herr gehen Sie sich heilen zu lassen Ich will Ihr Leben nicht länger in
Gefahr setzen Ich habe glaube ich gezeigt dass ich nicht zu den Elenden
gehöre die ungestraft mit sich spielen lassen«
    Er ging bei diesen Worten nach seiner Wohnung zurück fragte aber doch noch
einmal ob er mir Jemand zu schnellerm Fortkommen schicken solle Ich dankte
ihm indem ich stehen blieb und ihm unter den seltsamsten Gefühlen nachsah Es
war kein Groll darunter ich versichere Dich Im Gegenteil rührte mich der Mann
in seiner harmlosen Selbstzufriedenheit Mein Blut hatte ihn losgekauft von
Spott und Tadel Alle Stimmen waren für ihn gewonnen Er stand rein gewaschen
vor den eigenen wie vor den Augen der Gesellschaft da Und damit war es gut
Elisens Verlust kann er verschmerzen Seine bisherige glänzende Stellung hat er
gegen eine andere nicht minder ausgezeichnete vertauscht Der Fürst ernannte
ihn zum Gesandten in P  Er wird die beste Aufnahme dort finden Die
Geschichte läuft vor ihm her So ein vom Schicksal Gezeichneter ist sicher
allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen Während man das Anatem über die Werkzeuge
seiner Adversität spricht gebietet die Tugend die Unbilden des trügerischen
Glückes an ihm gut zu machen Zudem ist der Fall von der Art dass selbst unsere
Kirche die Scheidung gestattet Elisens eigene Anklage duldet keinen Zweifel
Eduard kann zu einer zweiten Wahl schreiten Er wird ich bin es gewiss nicht
lange zu wählen brauchen Das Vergangene ist dann in Nacht begraben Niemand
spricht weiter davon Das Meiste in der Welt gleicht sich auf ähnliche Weise
aus Nur wo die innern Saiten zersprangen und die ganze Harmonie mit einem
einzigen Missgriff zerstört ward da flickt und knüpft und zieht man sein
Lebelang dran und nichts als falsche Töne in der Seele   
    Ich komme von einer langen Wanderung durch Feld und Wald zurück Zu den
alten lieben Stellen mochte ich nicht hingehen Es ist noch soviel Krankes in
mir das geschont sein will Ich ging weiter hinauf nach der großen Heerstraße
zu In einiger Entfernung von mir zieht sich die Chaussee an den Bergen hin Ich
folgte dem weißen Streif in seinen Krümmungen und maß die Ferne unter
beengenden Gefühlen Die kleinen Staubwirbel welche die Forteilenden
zurückliessen umhüllten die Wipfel der Pappeln in aschgrauen Schleier während
unterhalb die flache fahle Straße öde da lag Das ist das Leben seufzte ich
So verwischen sich seine Spuren So zerrinnt jede Erinnerung in die große
allgemeine Auflösung der Dinge
    Ich gestehe Dir Heinrich mir schauderte vor dem Gedanken Allein und
losgerissen wie eins dieser schwirrenden Stäubchen fühlte ich mich mehr als je
überflüssig auf der Erde das Leben schien mir unnütz und der Schmerz so
bedeutungslos wie die Freude
    Nenne es Zufall oder wie Du willst dass gerade jetzt der frische Gesang
eines Wanderers aus dem Tale zu mir heraufschallte ein dunkler Zug mir etwas
Bekanntes zurückrief und mich zwang den Ton zu begleiten Was ich hörte war
die Melodie eines unsrer Regimentslieder Ich hatte sie unzähligemal gehört
Jetzt besann ich mich darauf In demselben Augenblick trat auch ein junger
Bursche in der wohlbekannten Dragoneruniform Pallasch und Helm auf der Schulter
tragend aus dem Gebüsch Er trällerte sein Liedchen während er von
ungewohntem Gehen wohl ein wenig ermüdet in lässiger Weile über den Wiesengrund
schlenderte Die Exerzierzeit war nun überstanden das braun gebrannte Gesicht
trug noch die Spuren von Hitze und Anstrengung aber der kriegerische Schmuck
und die scharfe Waffe ruhten friedlich auf dem Nacken der sie doch mit Stolz in
die Heimat zurücktrug Das Metall blinkte hell in der Sonne es war als
tanzten goldne Fünkchen neben dem guten Jungen her ihm die Mühen des Lebens zu
überglänzen
    Ich kann Dir nicht sagen was alles zugleich in mir wach ward Freude das
Alte wieder zu sehen Erinnerung an Gemeinschaft und Verbrüderung an die Zeit
wo all der Sturm und Drang im Innern etwas wollte wo kein Zweifel über die
große Absicht des Daseins entstehen konnte die Brust weit der Wille stark das
Herz offen und frei war Heinrich ich sehe Dich die Freunde mich selbst
jünger besser wieder Ich wurde jung wie damals ich rief den Dragoner an Er
stand stille und sah herauf zu mir Ich nannte ihm meinen Namen Er wusste nichts
von mir Er war nach mir zum Regiment gekommen gleichwohl traten wir
cameradschaftlich zusammen In seinen Augen blitzte angenehme Überraschung
hier Anhang und Schutz zu finden Er betrug sich gegen mich mit ehrfurchtsvoller
Zurückhaltung Ich kann Dich versichern mir war seit lange einmal wieder wohl
Eine Weile gingen wir mit einander dann teilte sich unser Weg Er ist nicht
weit von hier zu Hause Ich beschenkte ihn was er mit jener Beschämung stolzen
Selbstgefühls nicht ohne einiges Erröten und wie er sagte nur von einem
ehemaligen Herrn Offizier seines Regiments annahm Als er nun mit erfrischtem
Mute weiter ging und mehrmals unter wiederholten Begrüßungen nach mir
zurücksah da ward mir als trennte sich ein Bekannter von mir Ich sah ihm
gerührt nach Ist es das fragte ich mich Ruft das Leben aus diesem Ton Will
es mich dahin zurück haben
    Ich fragte mich das seitdem öfter Heinrich wahr ist es Etwas muss der
Mensch doch wollen oder er geht unter Was soll ich aber Und dann  So kann
es doch nicht wieder werden Alles ist dagegen Es passt auch nicht
    Wirst Du mich verstehen Heinrich wenn ich Dir sage dass es Emma ist die
mich hier festhält Sie ist so plötzlich so unnatürlich möchte ich sagen von
mir losgerissen worden So lässt es ihr Herz so lässt es das Leben nicht Ich
weiß das gewiss Ich bleibe deshalb und warte bis sie mir sagt was sie will
was ich soll Erkläre mir wenn Du kannst die unbegreiflichen Widersprüche des
Herzens Ich gehe nie an ihrem Fenster vorüber ohne dass es mich heiß
durchrieselt ohne dass mein nasses Auge sie hinter den Scheiben sucht Heute bei
meiner Heimkehr erschütterte es mich unaussprechlich als ich die Fenster
ausgehoben die Vorhänge aufgeschlagen fand und das tiefe Zimmer so dunkel und
öde nach Außen heraustrat Ich stand lange davor Drüben auf dem Altane saß der
Oheim Er hatte den Kopf in die Hand gelegt und betrachtete mich gedankenvoll
Ich fühlte was in ihm vorging O wäre Emma in diesem Augenblick  nun und was
dann wirst Du fragen Ja dies dann ist eine lange unbestimmte Zukunft und
der Mensch Heinrich ist ein Mensch
    Lebe wohl Ich will morgen zu meinen Dragonern hinüber reiten und mich
wieder jung schwatzen
 
                         Curd an die Gräfin Ulmenstein
Wie beschämen Sie mich gnädige Frau Sie lassen sich herab mir zuerst wieder
zu schreiben mich willkommen zu heißen in der Heimat mir zu sagen dass ich
erwartet werde dass ich nur eilen soll mich der grossmütigsten Beschützerin zu
Füßen zu legen die ihren reichen Vorrat launiger unterhaltender Mitteilungen
für mich in Bereitschaft hält
    Wahrhaftig kann mich etwas mit dem Gedanken versöhnen wieder in unsere
gute alte Stadt zurückzukehren so ist es allein Ihre Gnade Ihre
liebenswürdige Gesellschaft das elegante Haus der einzigen Frau in Deutschland
die Hoffnung den Zirkel dort wieder zu finden der sich allein um solchen
Mittelpunkt versammelt
    Sie Gnädigste könnten den Aufenthalt in Paris allein vergessen machen
Welche Ansprüche auf die Dankbarkeit des deutschen Reisenden haben sie nun
vollends dadurch dass er bei Ihnen nichts von Allem vermisst was er im Auslande
zurückließ Wüsste ich nur was ich tun könnte um mich einigermaßen eines
solchen Glückes würdig zu zeigen die schwachen Beiträge welche ich zu Ihrer
Unterhaltung liefern kann sind nicht von der Art um mir ein Recht auf die mir
so vielfach bewiesene Aufmerksamkeit zu geben Kleine Reiseabenteuer in denen
sich mein unbedeutendes Selbst verflochten findet war ich schon so dreist
Ihnen vorzulegen Leider ist mir aber nichts Bedeutendes begegnet Ehrlich
gesprochen gnädige Gräfin Leute die nichts Besonderes sein wollen erfahren
sehr selten etwas Außerordentliches Die gebildete Gesellschaft duldet nirgends
auffallende Ereignisse Überall gibt es einander ähnlich sehende Gesetze
strenge Polizei geebnete Straßen über die man pfeilschnell hinfliegt große
Städte große Welt und fast nur eine Sprache ob diese französisch englisch
oder deutsch heißt Menschen von Erziehung reden alle aus einem Tone Das
bestätigen uns die neuesten Reisebeschreibungen Sie sagen immer dasselbe wenn
sich nicht so ein guter wandernder Künstler auf die Beine macht und uns sein
Abenteuer zum Besten gibt Ich versichere Sie der Parmesankäse schmeckt in
Parma nicht anders als in unsrer Residenz der ächte Syllerie wird überall nur
echt geschätzt französische Köche an jedem Orte gut bezahlt Trüffeln aus
Perigord so wie Strasburger Pasteten machen die Reise bis nach Neapel der Mann
von Geschmack isst im Norden und Süden gern gut und die Frauen dürfen nur die
Augen in den Spiegel werfen um zu unterscheiden ob eine Pariser Toilette sie
kleide Übrigens wissen Alle was ein hübscher Fuß in der Welt gilt wie er am
zierlichsten beschuhet wie am vorteilhaftesten gesetzt wird Wer sucht der
wird finden heißt es Es suchen die Klügsten dasselbe und Einige finden es
überall Der ganze Unterschied besteht darin dass dies mit mehr oder weniger
Grazie geschieht Indes gute Tanzmeister finden sich dann doch an den meisten
bedeutenden Orten Selbst in Deutschland ist Gott seis gedankt die Erziehung
hierin soweit vorgeschritten dass man dreist eine Komtesse Ulmenstein neben die
gewandtèste Pariserin stellen darf Sie sehen gnädige Frau etwas Neuem
begegnete ich eben nicht Wie sehr muss ich auch hierin gegen Sie zurückstehen
Sie die mir den aller reichhaltigsten Brief voll der bizarrsten Katastrophen
mitzuteilen die Gnade hatten Welch ein Wahnsinn befiel denn Ihre Nachbarn Die
TragiKomödie am See beschreibt Ihre meisterhafte Feder im Styl einer Seriguee
Ich war dadurch so überrascht dass ich Anfangs die ganze Sache für eine Fiction
Ihrer scherzhaften Laune hielt Die außerordentliche Wahrheit mit der Sie das
Gemälde hinstellen konnte mich auch nicht so leicht irre machen da ich wohl
schon öfter Gelegenheit hatte ein Talent zu bewundern das eben so täuschend
trifft als glücklich malt Indes sollte ich in Kurzem durch den Augenschein
über jene Zweifel belehrt werden
    Ja gnädigste Frau durch den Augenschein Die schöne Elise hält sich im
Hause meiner Mutter auf Denken Sie sich die Überraschung als ich hier ankam
und die Verbannte unter einem Dache mit mir fand Es mochte sie wohl nicht
weniger überraschen denn ich eilte dem Briefe der meine Ankunft bestimmt
meldete fast um acht Tage voraus und verhinderte sie so an der Ausführung des
Vorsatzes mir das Feld zu räumen Ich gestehe ich wusste es ihr Dank dass sie
nicht eben begierig auf meinen Anblick war Es setzte mich in große
Verlegenheit ihr gerade an diesem Orte zu begegnen Überhaupt macht man immer
ein einfältiges Gesicht wenn man Jemand nach einem Unfall oder sonstiger
Veränderung seiner Lage wiedersieht Hier war nun vollends etwas Beleidigendes
im Spiel das mir das verwandte Blut ziemlich warm durch die Adern jagte Ich
konnte es weder mir noch meiner Mutter verbergen dass nach der einfältigen
Geschichte Elisens Aufenthalt hier im Hause einen Teil des Ridiculs auf uns
zurückwerfe das sie auf sich lud Ich stritt lange mit der nachsichtsvollen
Frau die zu fern von der Welt lebt um das Gewicht ihres Urteils zu kennen Es
verdross mich gleich beim Wiedersehen gerade hierdurch gestört zu werden Leider
gibt es ohnehin bei jeder Nachhausekunft Störungen die auf der gänzlichen
Verschiedenheit der Verhältnisse beruhen und die noch erhöht werden wenn zu
den eigenen Unannehmlichkeiten fremde hinzukommen
    In solcher totalen Verstimmung machte ich den nächsten Morgen ganz gegen
meine Gewohnheit in aller Frühe einen weiten Spatziergang querfeldein durch
Wald und Wiesen Ich hetzte mich gewissermaßen müde in dem Gedanken zahmer und
williger das Ungemach über mich ergehen zu lassen Es gelang mir auch Die freie
Luft hatte mich um Vieles abgekühlt der Anblick einer ganz hübschen Besitzung
mit angenehmen Aussichten für die Zukunft erfüllt Vorzüglich verhieß der Wald
mit seinen starken lang geschonten Holzungen die letzten Reisekosten zu
decken In Gedanken dieses schnell berechnend nahm ich meinen Rückweg nach
Hause Ich ging rasch wie man unter dem Entwerfen vorteilhafter Pläne geht
ohne rechts und links zu sehen Plötzlich stehe ich vor meiner hübschen Kousine
Sie ruhte ganz idillisch wie man sonst Figuren auf Tassen malte unter einer
Eiche am Wiesenrande vor ihr weideten die Schafe Ein großer Strohhut
beschirmte ihr Gesicht sie lehnte sich seitwärts gegen den aufgestemmten Arm
so dass sie halb liegend den Rasensitz einnahm Sie sah allerliebst aus Ich
blieb eine Weile stehen um sie genauer zu betrachten Als sie mich bemerkte
richtete sie sich schnell in die Höhe Sie sah mich verwundert an »Wie« fragte
sie ohne Verlegenheit oder Affectation ganz in ihrem gewöhnlichen Tone »sind
Sie es Curd So frühe das ist wohl etwas Neues was Sie von Reisen
mitbringen«
    Sie lächelte bei diesen Worten und zeigte zwischen den frischen Lippen die
schönen weißen Zähne die ich so oft an ihr bewunderte
    Weiß der Himmel ich gerate doch sonst nicht leicht aus der Fassung aber
diese unbefangene Art mich zu bespötteln verwirrte mich Sie bemerkte es
»Nun« sagte sie »was stocken Sie denn so Haben Sie es verlernt mit mir zu
reden oder scheuen Sie es etwa«
    »Ich sehe« erwiderte ich schnell gesammelt indem ich Platz neben ihr
nahm »Ich sehe Sie fangen es da wieder mit mir an wo Sie es gelassen haben
Sie machen sich sogleich wieder über mich lustig«
    »Ach mein lieber Curd« seufzte sie mit ganz unveränderter Miene »Es fängt
sich im Leben niemals wie in einem Buche auf der Stelle wieder an wo man
stehen blieb und das Lustigmachen hängt genau mit der Lust zum Lachen zusammen
Aber kommen Sie« fuhr sie fort »wir sind wohl hiermit fertig Sie haben den
Schreck überwunden mich zu sehen Ich habe Ihnen über die Verlegenheit der
ersten Anrede weggeholfen weiter möchten wir doch nicht leicht kommen und Ihre
Mutter will frühstücken«
    Sie stand hier von ihrem Sitze auf band die Hutschleife unter dem Kinn
fester und ging diesen vor dem anhebenden Wind mit der einen Hand haltend so
leicht und frei vor mir her als könne weder Vorwurf noch Kummer ihr etwas
anhaben
    Gerade in solchem Morgenanzuge mit demselben feinen florentinischen Hute
hatte ich sie auf der Jagdpartie am Tage meiner Abreise das Letztemal im vollen
Glanze der glücklichsten Stellung bewundert verehrt gesucht gesehen neben
ihr auf dem Rasen gesessen mit ihr gelacht und alle Ausfälle neckender Laune
über mein Reiseproject erduldet Und nun Ich konnte mich nicht einer Aufwallung
von Mitleid mit der jungen reizenden Frau erwehren Es war mir ganz
unbegreiflich wie gerade sie zu der sentimentalen Schwärmerei kam
    Viel nachsichtiger als zuvor gegen sie gestimmt bot ich ihr den Arm »Ich
danke Ihnen« sagte sie mit kurzem Kopfnicken mehr höflich als freundlich »Sie
wissen wohl von unsern ehemaligen Spatziergängen her« fügte sie hinzu »ich
gehe lieber allein man ist so freier«
    Ich lächelte Sie tat nicht als wenn sie es bemerkte Ihr lag sichtlich
daran eilig nach Hause zu kommen Sie sprang auch eine Strecke vor mir her die
Treppe hinauf Ihre Eile musste meine Mutter befremden die schon im Vorsaale
stand uns zu empfangen Sie machte ein peinliches Gesicht und sah verlegen
nach mir hin als fürchte sie ich könne Elise gekränkt haben Doch diese sah
sich nicht sobald von einem têteàtête mit mir befreit als sie unbefangen an
dem Frühstück Teil nahm und sich von Italien erzählen ließ Man merkte aber
nicht dass sie sich Gewalt antue doch nach einer Weile ward sie zerstreut Sie
rückte sich tiefer in das Sopha hinein schlug die Arme übereinander lehnte den
Kopf zurück ohne länger das Ansehen haben zu wollen als interessire sie was
gesprochen ward Auf eben diese Art wandte sie sich auch während einer Pause
wie plötzlich von einer Empfindung getrieben zu meiner Mutter fasste sie bei
der Hand indem sie gerührt sagte »Liebe Tante es war mein Vorsatz von Anfang
an Sie meinetwegen in keine Verlegenheit zu setzen Deshalb wollte ich Ihr Haus
vor Curds Ankunft verlassen Glauben Sie nur ich weiß genau wie unsicher er
mit mir ist und wie Sie das ängstigt Ich würde mich auch jetzt gleich auf den
Weg machen und nicht so schwankend zwischen Mutter und Sohn bei dem ersten
Wiedersehen nach langer Trennung stehen bleiben Allein ehrlich gesagt weiß
ich nicht recht wohin ich mich sogleich schicklicher Weise wenden könnte und
dann fürchte ich auch Ihnen liebe Tante wehe zu tun«
    Wir hatten vergeblich gesucht sie zu unterbrechen »O« rief sie aus »ich
fühle wohl was Sie mir erwidern müssen was Sie auch in dieser Minute aus
Überzeugung erwidern werden allein das ist doch alles nicht von Bestand Es
können tausend unzuberechnende Zufälligkeiten eintreten von denen eine einzige
hinreicht Verdruss zu erregen Wer Ärgernis gegeben hat darf sich nicht
wundern wenn man sich über ihn ärgert und besonders ein Weltmensch wie Ihr
Sohn liebe Tante der verzeiht nichts so schwer als einen Eclat der nicht
niederzuschlagen ist Ich habe die ganze Nacht die Sache hin und her erwogen
ohne etwas anders auszumitteln als dass wir einander aus gegenseitiger Rücksicht
soviel als möglich aus dem Wege gehen müssen«
    »Um Alles in der Welt Kind« fiel meine Mutter ihr ins Wort »wie verstehst
Du das Soll es von mir heißen ich habe einen Gast in meinem Hause und
vernachlässige meine Schuldigkeit gegen ihn oder wollen mich die Leute glauben
machen Deine Familie habe Dich auch verstoßen weil Du zu gewissenhaft und zu
lebhaft warst da zu schweigen wo es keinen andern Kläger gegen Dich gab als
Dich selbst Einander aus dem Wege gehen auf dem Lande in einem Hause Du
bedenkst die Unmöglichkeit nicht«
    Elise umarmte sie begütigend »Gute beste Tante« sagte sie »missverstehen
Sie mich nicht als wolle ich mich Ihrer Gesellschaft völlig entziehen Bewahre
mich der Himmel vor solcher Undankbarkeit Allein jetzt da Sie bessere
Unterhaltung haben geben Sie nicht allzu genau darauf Acht wenn ich einmal an
Ihrem Tische fehle mein Zimmer Ihnen verschlossen bleibt oder ein langer
Spatziergang mich weiter von hier entfernt als es gewöhnlich geschieht Lassen
Sie mich kommen und gehen ohne Arges dabei zu haben Begegnen wir einander so
verdenken Sie mirs nicht wenn ich zurückbleibe oder nicht Ihren Weg nehme
Denken Sie dann dass ich es scheue Ihnen lästig zu werden und auch unfähig
sei mich gerade jetzt zu beherrschen«
    Ich versicherte sogleich ihre Äußerungen möglichst leicht nehmend dass
sie von mir keine Belästigung zu fürchten habe und da mein Aufenthalt überhaupt
nur von kurzer Dauer sei so hoffe ich solle sie der nicht belästigen Sie sah
bei diesen Worten überrascht und ungewiss zu mir auf Doch ließ sie es dabei Auf
ihrem klugen Gesicht lag allerlei was ich nicht sogleich entziffern konnte
Meine Mutter war nun froh dass sie nicht mehr an die Abreise dachte Sie sagte
ihr in meinem und ihrem Namen jede Bedingung zu worauf sie ein häusliches
Geschäft zu besorgen das Zimmer auf einen Augenblick verließ
    Kaum dass sie sich entfernt hatte so wandte sich Elise rasch zu mir »Hören
Sie Curd« sagte sie in allem ihrem frühern überlegenen Ernst »ich will
annehmen Sie meinen es gut mit mir Es kann ja sein Was hätten Sie auch davon
mich zu kränken Deshalb verderben Sie mir nicht durch wohlfeile Witzeleien und
mageren Spott über sentimentale Bizarrerie meinen Lieblingsplatz unter den
Eichen Lassen Sie mich da machen was ich will und kümmern Sie sich nicht
darum wenn es Ihnen auch lächerlich vorkommt dass ich meine Freude an den
Tieren habe die dort weiden Manch armes Lämmchen das auch keine Mutter hat
wie mein  «
    Sie stand hier von innerer Rührung überwältigt vom Stuhle auf und trat
mir den Rücken wendend ans Fenster Sie weinte bitterlich Mir tat es im
Herzen wehe ich hatte nicht den Mut sie anzureden
    Kurz darauf war sie gefasst genug mich zu fragen ob ich ihr versprechen
wolle auf die vorgeschlagene Weise hier in Frieden mit ihr zu leben ihre Ruhe
zu ehren und nicht den Späher und Critiker gegen sie zu spielen
    Es versteht sich dass ich mir in der Stimmung worin wir gerade waren
keinen unzeitigen Scherz erlaubte ganz ihren Befehlen zu gehorchen versprach
und zum Beweis meiner Willfährigkeit ihr nicht folgte als sie zufrieden mit
meiner Zusage in den Garten ging
    Sie hätte auch wirklich in dem Augenblick von mir fordern können dass ich
sogleich aufbrechen und das elterliche Haus ihretwegen räumen sollte ich wäre
nicht im Stande gewesen »Nein« zu sagen Sie hatte mirs angetan ich war wie
bezaubert von ihr Wahrhaftig ein bisschen Sünde ein bisschen Unglück macht die
Frauen erst reizend begegnet man ihnen nun noch dazu ausgestoßen von der Welt
in irgend einem entlegenen Winkel auf dem Lande wer kommt da nicht auf den
Einfall einem gefallenen Engel wieder aufhelfen zu müssen
    Ihnen gnädige Gräfin darf man dergleichen flüchtige Empfindungen schon
anvertrauen ohne Furcht missverstanden zu werden und so gehe ich denn noch
weiter und bekenne Ihnen dass ich den ganzen Tag eine gewisse unruhige
Verwirrung nicht los werden konnte und noch spät Abends ein Paar Pferde müde
reiten musste ehe ich hoffen durfte es zu Hause auszuhalten Mein heißes Blut
sollte indes durch eine ungeheure Mistification abgekühlt werden Hören Sie nur
gnädige Frau Es war voller Abend als ich endlich zurückkehrte Meinem
Versprechen getreu umritt ich den Anger die Bäume Elisens Ruheplatz in
weitem Kreise Gleichwohl zog es mich zu sehen ob sie wieder da säße Ich
hielt auf einer kleinen Anhöhe Der schöne grüne Teppich lag unter mir ich
wäre vor mein Leben gern darüber weggesprengt zu der lockenden weißen Gestalt
hin die mit raschen kurzen Schritten am Rande der Erlenbüsche auf und abging
zuweilen still stand umhersah und dann wie nach vergeblichem Warten ihren
Spatziergang aufs Neue fortsetzte
    Ich wurde je länger ich dies unstäte Umherwandeln beobachtete immer
gespannter Es fing an zu dunkeln Bald sah ich nichts mehr als Elisens Kleid
durch die schwarzen Nachtschatten hin und wieder gleiten Jetzt mit einemmale
kam mirs vor als verdopple sich dieser Schatten und gehe auf der andern Seite
neben ihr Doch blieb er nicht immer sichtbar Zuweilen verlor er sich im
Gebüsch dann mit einemmale sank er ganz zusammen und schien nur bis an ihre
Kniee zu reichen
    Was ist das fragte ich mich halb und halb meiner Sache gewiss Ein Mann so
wahr Gott lebt ein Mann rief ich gab meinem Pferde die Sporen und war wie
der Blitz bei den Erlen Indem sprang Jemand zwischen den knisternden Zweigen
hindurch Elise eilte pfeilschnell nach dem Garten zurück Dort ereilte ich sie
nachdem ich mich vergeblich bemüht hatte jenen Flüchtling zu erhaschen Er war
wie vom Erdboden verschwunden Das Gartentor musste von der andern Seite ins
Schloss gesprungen sein Elise quälte sich umsonst es zu öffnen als ich vom
Pferde stieg und dieses am Zügel haltend mit den Worten zu ihr trat »Warten
Sie Kousine ich will Ihnen helfen« »Ich danke ich danke Ihnen« entgegnete
sie mit abgebrochener Stimme und schnellem kurzem Atemzuge Ich hatte ihre
Hand beim Drehen am Schloss berührt Sie bebte wie von Fieberfrost geschüttelt
»Mein Gott« rief ich bestürzt »Elise was ist Ihnen«
    »Lassen Sie es gut sein« flehte sie kaum hörbar »halten Sie Wort Curd
forschen Sie nicht es hilft zu nichts mehr Mein Gott« seufzte sie einen
Augenblick auf meinen Arm gestützt »Bin ich doch bis zum Tode erschrocken«
Doch gleich darauf nahm sie sich zusammen »Es ist jetzt ganz vorüber« lächelte
sie »Reiten Sie nun ruhig weiter ich bin ja zu Hause«
    Sie machte sich los und ging hinein Ich sah sie den Abend nicht wieder
Heute Morgen erschien sie auch nicht beim Frühstück Ich höre sie habe Briefe
erhalten Ihre Kammerjungfer versichert die arme Dame bade sich in ihren
Tränen
    Ich bin geheilt Gnädigste Ich weiß was diese Tränen bedeuten Ohne allen
Zweifel war Hugo hier Hätte ich ihn zu der Stunde auf dem Gebiet meiner Mutter
gefasst er wäre nicht lebend von der Stelle gekommen Vergeben Sie Frau Gräfin
dass ich soviel und so Unbedeutendes schwatze Die neuesten Tagsbegebenheiten
selbst aus einem armen Dorfe reißen stets die Feder wie die Gedanken mit sich
fort Überdem greift das hier Vorgefallene in das Gewebe der letzten
Residenzgeschichten mit ein und erhält dadurch einiges Interesse Ich hoffe
deshalb auf Ihre Verzeihung
    Gewähren Sie diese
                                                           Ihrem untertänigsten
                                                                           Curd
 
                             Leontin an den Komtur
Alles vergebens Ich kann sie nicht mehr auffinden Es ist als wären sie von
der Erde verschwunden Bis hierher folgte ich einer Spur die ich für die ihrige
hielt und die mich auch wirklich nicht betrog Es war natürlich meine Richtung
nach der Heimat der Frau Oberhofmeisterin zu nehmen Wir waren hierüber einig
wie Sie sich erinnern werden Ich durfte gleichwohl nicht auf der großen Straße
bleiben gewiss den Reisenden am wenigsten zu begegnen wenn diesen wie es das
Ansehen hatte daran lag Widerspruch und Gegenrede auszuweichen Ich fand auch
bald in Gebirgshütten in versteckten Taldörfern oder in entlegenen Klöstern
Nachricht von einer schönen vornehmen Kranken die in Begleitung ihrer Mutter
schnell und geheimnisvoll durch diese Orte reiste wenige Stunden der Ruhe
gönnte selten nur irgendwo an einem Orte übernachtete Diese Eile die
glänzende Equipage das Incognito alles erregte meine Aufmerksamkeit Die Leute
erzählten gern davon und vielleicht mehr und umständlicher als es im Verfolg
gewohnter Weise auf gewöhnlichem Wege geschehen wäre Ich erkannte indes hierin
die vorgreifende Hand der Oberhofmeisterin die das Wie so oft über das Was in
ihrem leidenschaftlichen Wollen vergisst
    So durchzog ich den Schwarzwald Ich kam eines Abends bis zum Fuße eines der
höchsten Berge Der Weg über denselben war in der Dunkelheit nicht mehr zu
finden Ich kehrte in einem freundlichen Hof bei wackeren Leuten ein Das
geräumige Haus die geordneten Umgebungen ließ auf gastliche Bewohner
schließen Ich konnte nicht zweifeln dass diese an ähnlichen Besuch gewöhnt
niemals durch denselben überrascht oder gestört werden würden Gleichwohl nahm
ich nach dem ersten treuherzigen Gruße einige Befangenheit auf den ehrlichen
Gesichtern wahr die mich verlegen machte Es musste irgend ein besonderer Fall
sie persönlich getroffen ihrer wohlwollenden Offenheit Zwang angelegt haben
Ich ward in ein großes hallenartiges Gemach geführt das eher einem
Vorratsgewölbe als einem Wohnzimmer ähnlich sah Es standen offene und
verschlossene Schränke Kisten und Kasten auch Handwerksgerät und andere
Gegenstände umher Als ich mich ein wenig verwundert hier umsah lächelte der
Wirt der allein bei mir geblieben und ängstlich bemüht war mir
Bequemlichkeiten zu verschaffen welche der zur Aufnahme von Fremden wenig
eingerichtete Raum entbehrte »Wir haben drüben einen Bau vorgenommen« sagte
er indem sein Auge verschämt zu Boden sah »Das Kämmerchen in welchem wir fürs
Erste eingeklemmt sind hat nicht Platz für Gäste« fuhr er mit abgewandtem
Gesicht fort »Wir hätten uns deshalb auch gar nicht unterstanden einem
vornehmen Herrn unser schlechtes Obdach anzubieten wäre es nicht unrecht
irgend Jemand von der Türe zu weisen an die er geklopft hat«
    Er sprach die letzten Worte lauter und zwangloser als die frühern Sie
kamen ihm aus dem Herzen Er hatte dieses nun erleichtert und bezeigte sich
während dem Herzutragen von Stühlen und Tischen Speise und Trank sehr herzlich
und gesprächig
    Nach einer Weile blieb er indes weg Es währte lange ehe die Frau seine
Stelle einnahm Ich behielt Zeit bei mir über aufsteigende Zweifel
nachzudenken welche diese sonderbare Aufnahme bei mir erregten
    Wahr ist es dachte ich ich habe draußen ein Baugerüst und auf der Flur
Leiter Karren Maurer und Zimmergerät bemerkt es mag mit dem Baue seine
Richtigkeit haben allein wenn ich nicht irre so ist die ganze vordere Seite
des Hauses überhaupt neu und dieses Gewölbe im Zusammenhange mit mehreren
andern tiefer hineingehenden Gemächern gehört zu dem eigentlichen
Hauptgebäude das ziemlich geräumig sein und ein wohnlicheres Unterkommen
bieten musste Der redliche Mann stockte auch bei seiner Entschuldigung als
schäme er sich einer Lüge Was steckt nur dahinter verborgen
    Die eintretende Wirtin unterbrach dies Selbstgespräch Sie tat sehr emsig
kehrte und wischte im Zimmer umher ohne meine Fragen in Betreff der jüngst
hier Vorübergereisten sonderlich zu beachten Sie hatte darauf nur allgemeine
Antworten meinte so manch Einer ergehe sich oder werde die Berge hinauf oder
herab getragen spreche bei ihnen ein lasse auch wohl den stillen Hof bei Seite
liegen ohne dass sie es sonderlich wahrnähmen Sie sah dabei gleichgültig die
Zimmerwände an und klagte dass zwischen dem Schnitzwerk über der Türe die
Spinnen Jahr aus Jahr ein ihre Fäden zögen Ich war den hausmütterlichen Blicken
gefolgt der ernste und großartige Charakter meiner Wohnung fiel mir aufs Neue
auf Ich äußerte dies zugleich über den Ursprung und die frühere Bedeutung des
älteren Teils des Hauses Erkundigungen einziehend Die Frau gab keine
befriedigende Auskunft wusste nur Allgemeines von einer ehemaligen Abtei zu
sagen die hier gestanden und über die umliegenden Klöster geherrscht habe
Dies Zimmer solle eine Kapelle gewesen sein Alle die Aecker und Wiesen die
Mühle und das ganze fruchtbare Tal habe dazu gehört Später als die Klöster
zerstört und wieder erbaut worden wäre eine neue Ordnung an die Stelle der
alten getreten die Abtei sei verödet und verfallen an den Meistbietenden
verkauft worden und der Besitz ihrer Familie durch Erbschaft verblieben
    Ich hatte ihr aufmerksam zugehört doch entging mir eine sonderbare Unruhe
im Hofe nicht an welcher auch sie Anteil nahm ohne es merken lassen zu
wollen Im Gegenteil redete sie lauter je achtsamer sie meine Blicke nach dem
Fenster gerichtet sah Ich konnte indes hier nichts entdecken die Nacht war
sehr dunkel oder schien mir doch so da stark hervorspringende Mauerpfeiler und
hohe alte Bäume die nächsten Gegenstände draußen verdeckten
    Es ängstigte mich dies und überhaupt hier wie eingesperrt sitzen zu
müssen Deshalb fragte ich ob mich Niemand späterhin wenn der Mond aufgegangen
sei über den Berg geleiten wolle Die Frau schüttelte den Kopf »Es regnet«
sagte sie »und der unsichere Schimmer hinter dem Gewölk macht die Führer nur
irre« Sie rate mir im Gegenteil dass ich jetzt ein Paar Stunden zu schlafen
versuchen möchte Frühe mit Tagesanbruch da lasse sich denn schon eher ein
Bote finden
    Sie machte sich während dem daran mein Lager zu bereiten Matratzen
Betttücher und Decken fanden sich in den Schränken vor Sie ordnete alles aufs
Beste stellte die Lampe zurecht und wünschte mir mit dem Zusatze eine gute
Nacht dass wenn ich gegen Morgen aufbrechen wolle ich den Schieber dort in der
Mauerblende wegziehen sollte Man sehe unmittelbar einem langen Gang hinunter
der zu ihrer Kammer führe Ich brauche dann nur zu rufen sie oder ihr Mann
würden mich schon hören Sie ging mit diesen Worten zu der gegenüber
befindlichen Türe hinaus die sie hinter sich verschloss
    Ihre behende Eile machte es mir unmöglich sie hieran zu hindern Indes war
mir diese sonderbare Vorsichtsmassregel in dem anscheinend wohlgeordneten
ruhigen Haushalte höchst auffallend ich geriet in allerlei widersprechende
Besorgnisse mit denen ich mich lange quälte ohne an Schlaf zu denken
    So in dem altertümlichen Gemache auf und abgehend fiel mir der Schieber
in der Mauer und die Möglichkeit wieder ein Jemand errufen zu können
Unwillkührlich näherte ich mich der bezeichneten Stelle um einen vorläufigen
Versuch zu machen Es gelang damit auch in so weit als sich wirklich die
Öffnung in der Mauer vorfand durch welche ich einem langen Gang hinuntersah
Allein es war dabei noch nichts sonderlich gewonnen da es ungewiss blieb in
wiefern mich derselbe mit den Hausbewohnern in Verbindung setze Immer war ich
sehr entfernt von den Letzteren denn es zeigte sich nur am äußersten Ende des
Ganges eine einzige Türe und da ich diese eben deshalb weil es die einzige
war genauer betrachtete und der Zugwind sie auf und zuschlug blieb mir kein
Zweifel dass sie nach einem mit Bäumen bewachsenen Vorhof oder Garten führe
    Ich behielt keine Zeit mir selbst in der ersten unangenehmen Empfindung
entdeckter Täuschung recht klar zu werden denn indem ich nachsinnend so stand
fiel ein schwacher Lichtstrahl durch jene Tür Sie ward von Außen völlig
aufgestoßen der Wirt eine Laterne in der Hand haltend trat herein ihm
folgten ein Paar rüstige Männer Sie schoben etwas bei Seite das ich nicht
unterscheiden konnte Dann stellten sie sich dicht zusammen die Laterne ward
höher gehalten ich konnte ihnen ins Gesicht sehen sie lachten und schienen
sich über einen Gegenstand den sie einander zeigten zu freuen Bald hörte ich
dass sie Geld zählten Mir gingen widrige Vorstellungen durch den Kopf Ich hatte
Leute und Wagen auf der nächsten Station zurückgelassen und war wie so oft in
dieser Zeit mit einem Mietpferde die Gegend durchstrichen Bis hierher war mir
nie das geringste Verdächtige aufgestoßen Das Volk umher ist so offen auch die
Leute hier fand ich nicht anders selbst in diesem zweideutigen Augenblick
schüttelten sie sich treuherzig die Hände mit einer Miene die auf nichts
weniger als heimtückischen Raub schließen ließ So trennten sie sich auch Zwei
gingen wieder dahin woher sie gekommen waren Der Hausherr verschwand an der
Stelle wo ich die Seitenwand zu Ende glaubte
    Unschlüssig ob ich gleich jetzt Lärm machen ob ich Jemand herbeirufen und
aufbrechen solle besann ich mich dass bei wirklich böser Absicht diese dadurch
nicht verhindert der Augenblick nur beschleunigt und meine Lage misslicher
werden müsste da sich unfehlbar Alles gegen mich bewaffnen würde Auf jeden
Fall dünkte es mir wäre meiner würdiger den Ausgang ruhig abzuwarten wodurch
ich mir denn auch die Beschämung möglichen Irrtums ersparte
    Es blieb bei allem dem eine peinliche Nacht die ich durchwachte
    Ich saß lange vor einem Tischchen auf welchem die Lampe stand Müde und
doch gespannt kämpfte ich zwischen Schlafen und Wachen schloss und öffnete die
Augen die ich nur unter unsäglicher Anstrengung offen erhielt Oefter musste ich
sie fest auf einen Gegenstand heften um sie nur nicht zufallen zu lassen
    In solchem Moment sehe ich zwei verschlungene Buchstaben die mit scharfer
Nadel in die glatt polirte Tischplatte hinein gezeichnet sind Sichtlich ein
Gedankenspiel das sich mehrmals wiederholte Es war ein E und ein H Es war
Emmas Hand die mechanisch den stummen Gedanken des Herzens hingezeichnet
hatte Weg war jetzt aller Schlaf Ich starrte die wohlbekannten Schriftzüge an
als könnten sie mir die lang gewünschte Auskunft geben
    Hier war sie also gewesen Vor diesem Tischchen hatte sie gesessen
Vielleicht wie ich den Kopf in die eine Hand gestützt während die Andere jene
Zeichen malte Aber wann wann war das Wohl ganz kürzlich erst Wohl gar heute
in dieser Nacht 
    Ein entsetzlicher Gedanke flog an mir vorüber Wenn sie es waren wenn man
sie auf dem gefahrvollen Bergübergange beraubt misshandelt erschlagen  Meine
Sinne verwirrten sich Ich stürzte ans Fenster ich rüttelte an der Türe ich
rief donnernd dem langen unheimlichen Gang hinunter Es währte einige Minuten
ehe man mich vernehmen mochte dann eilten aber von allen Seiten Herr und Frau
und Knechte und Mägde herbei Alle zeigten sich eben so betroffen als besorgt um
mich Einen Augenblick stand ich ihnen verlegen gegenüber Die Todesangst um
Emma riss mich indes in den vorigen Ungestüm zurück Ich fragte gebieterisch was
aus den Reisenden geworden sei die hier verweilt hier gewohnt hätten die erst
kürzlich aufgebrochen seien deren Handschrift deren Namenszug ich hier auf dem
Tischchen wiedergefunden Ich weiß es gewiss setzte ich leidenschaftlicher
hinzu erst in dieser Nacht verließen sie dies Haus Ich habe alles gesehen und
gehört was sich zugetragen hat
    Der Wirt stutzte sah seine Frau an dann lächelte er sorglos legte mir
die Hand auf die Schulter und meinte »Was kann das Alles helfen wahr bleibt
wahr Aber lassen Sie es gut sein Die Herrschaften wollten nicht dass man ihnen
folge Sie haben hier rasten müssen weil die junge Dame nicht weiter
fortkonnte Nun wir räumten ihnen unsere ganze Wohnung ein Das währte so einen
Tag nach dem andern Besser ward es mit der Kranken nicht Da meinte die Mutter
sie wollten in aller Stille ihren Weg fortsetzen Den nächsten Morgen sollte es
geschehen Nun kamen Sie gestern Abend hier an lieber Herr Wegweisen durften
wir Sie nicht Wir brachten Sie darum hierher in die alte Rumpelkammer Es war
uns peinlich genug aber die alte gnädige Frau befahl es so Nachher forschte
sie uns genau über Sie aus Wir mussten ihr Alles sagen Ich weiß nicht was ihr
in der Beschreibung so auffiel dass sie ihrer Tochter ängstlich zuwinkte dann
mit ihr heimlich redete sie leise bat und bestürmte und nach einer Weile
erklärte sie wolle gleich abreisen Ich solle ganz im Geheim für ein Paar
sichere Träger und Boten mit Laternen sorgen Unsere Gegenvorstellungen führten
zu nichts Sie blieb unbeweglich sparte weder Geld noch Überredung und war in
einer Stunde auf und davon Es ging Alles glücklich Ich begleitete sie Jetzt
muss sie schon eine bedeutende Strecke über das Gebirge hinaus sein«
    »Wohin ging ihr Weg« fragte ich innerlich froh ihnen so nahe zu sein Ich
erhielt unbestimmten Bescheid »Es teilen sich dort unten verschiedene Wege«
hieß es man könne nicht wissen welchem die Reisenden gefolgt wären Ich merkte
wohl dass die Oberhofmeisterin Sorge getragen hatte sich der Verschwiegenheit
ihrer redlichen Wirte zu versichern Deshalb eilte ich fortzukommen
    Während mein Pferd gesattelt ward ging ich mit der Wirtin Emmas Zimmer
zu besehen Es trug noch die Spuren ganz neuerlicher Bewohnung Am Boden lagen
getrocknete Blumen Papierschnitzelchen Haarnadeln Ich sammelte was ich in
der Eile bekommen konnte und die Stühle worauf der Koffer gestanden die
übereinandergeworfenen Bettdecken die leeren Tassen ein kleines
Medizinfläschchen mit unbeschreiblicher Rührung anstarrend zerknitterte ich
krampfhaft die in den Händen haltende Papiere als mir einfiel ob keines
derselben mir vielleicht ein hindeutendes Wort verraten könnte Ich trat zum
Fenster ich rollte Eins nach dem Andern auf nur ein einziges war beschrieben
und enthielt folgende Worte
    »So lange Dein Sommer währt  da ja da Wenn aber der Winter kommt die
Natur tot der Boden starr die Luft schneidend wird dürre Halme von Reif
überglast in Deiner Hand zerbrechen Einsamer wie wirst Du frieren wie wird
Dein Herz verschmachten«
    Gibt auch die Treue jemals sich selber auf Ich bin der Gräfin Tag und
Nacht nachgeeilt ehrwürdiger Herr  Niemand weiß von ihr Am Wohnorte der
Oberhofmeisterin ist man so unwissend über sie als ich es bin
    Morgen werde ich Audienz beim Fürsten und seiner Gemahlin erhalten
Vielleicht dass dort
                                                                         Abends
Sie sind über Basel nach der Schweiz gegangen und von da nach Italien Ich
folge ihnen sogleich Gott leite meine Schritte 
 
                         Madame Lindhof an den Amtmann
Du schickst den Fritz allein mit der Kalesche zurück Du kommst also immer noch
nicht nach Hause Mich dünkt lieber Sohn Deine Gegenwart wäre hier sehr
nötig Der Regen hält so lange an Die Arbeit liegt Ohne Dich wissen sich die
Leute nicht zu helfen Ich fürchte Du wirst in diesem Jahre einen großen
Schaden in Deiner Wirtschaft erleiden
    Wenn nur Deine Wünsche bei allem dem noch erfüllt würden und die ungelegene
Reise zu etwas führte Ich gestehe Dir mich ängstigt der verlängerte Aufenthalt
in der Residenz aus tausend Gründen Der Fürst kann leicht Dein Gesuch übel
aufnehmen und es müde werden Dich zu begünstigen Und am Ende ist es doch auch
wohl mehr Unbestand als der Verlust Deiner guten Frau was Dich hier wegtreibt
Lass Dir die offenherzige Bemerkung nicht missfallen lieber Sohn Ich sage es
wie ich denke und denke es weil ich Dich kenne Glaube mir in der Jugend
sucht der Mensch gar zu gerne nach einem Vorwande in sich um das zu wollen was
er gerne wollen möchte Du wirst nun wohl sehen dass es der Ort nicht tut wenn
man den rechten Sinn nicht mitbringt
    Du stützest Dich auf die letzten traurigen Ereignisse und behauptest hier
gehe alles Familienglück zu Grunde Es sei als walte ein finsterer Geist in
unserm Umkreis der bald auf diesen bald auf jenen niederfalle Ich kann
solchen Aberglauben nicht billigen lieber Sohn Gottes Gnade lässt sich nicht
bannen Wer auf sie baut der mag stehen wo er will er steht in seiner Hand
    Es ist wahr es kann einem manchmal erschrecken wie sich das Missgeschick
einnistet und Leid und Trübsal unsere Tisch und Bettgenossen werden man immer
nur traurigen Gesichtern begegnet und selbst die Kinder sich ängstlich umsehen
ob auch kein neues Unglück im Winkel laure Es ist so lieber Sohn wir erfuhren
es Alle und erfahren es wohl noch Allein jedes hat seine Zeit und ich denke
wäre man herzhafter ließe man sich nicht beugen sähe man mehr auf Gott es
würde uns nicht so dunkel vor den Augen und so gepresst ums Herz bleiben
    Was hilft das aber Alles Du hast nun doch einmal Deinen Sinn auf
Veränderung gestellt Du hältst hier nicht aus Ich kann nicht sagen ob Du
recht oder unrecht daran tust Wenn es erst so weit ist wenn man einmal ein
Gefühl ausgesprochen einen Widerwillen eine Besorgnis mitgeteilt hat dann
freilich kommt der rechte Mut nicht wieder Das Missvergnügen ist ansteckend wie
die Furchtsamkeit Ich sagte vorhin auch den Kindern werde es unheimlich hier
Gestern Abend musste ich das wieder erfahren Wenn die Scheu und Bangniss allein
schon ein Übel ist so zieht sie immer noch neue herbei
    Es hatte den ganzen Tag geregnet Die große Stube ist kühl und scheint die
Sonne nicht so machen es die alten Linden trübe und feucht darinnen Kinder
frieren leicht wenn sie einmal nicht draußen im Freien sein können Ich hatte
gegen Abend Feuer ins Kamin machen lassen So lange die Flamme hell brannte war
es eine Lust für die Kleinen Wie sich aber das Holz verkohlte und die Glut
matter und dunkler ward dann die Dämmerung eintrat da drängte sich der kleine
Kreis enger zusammen
    Sie erzählten einander Hexengeschichten und andern tollen Schwank Annchen
saß auf meinem Schoss im Winkel am Kamin Sie hatte das Köpfchen an mich
angelehnt und sah zuweilen mit den klugen Augen blinzelnd in die meinigen Ich
küsste sie indem ich von der Ähnlichkeit mit der Verstorbenen getroffen leise
sagte »Ganz wie die Mutter« Der arme kleine Georg hatte unterdessen sein
Fussbänkchen dicht zu mir herangezogen die Aermchen um meine Kniee geschlungen
das Gesicht hineingedrückt als wolle er schlafen Jetzt hörte ich ihn
schluchzen und da ich sanft seinen Kopf in die Höhe richte bricht es wie ein
Schrei aus dem kleinen gepressten Herzen »Mutter Mutter kommt auch gar nicht
wieder« Mir ging das durch die Seele und vollends als Annchen altklug
versicherte »Mutter ist tot ja gewiss sie ist tot« Georg sah entsetzt auf
seine Tränen stockten Es war als wolle er mir das Ja oder Nein auf den Lippen
lesen Ich hatte Mühe ihm die Bedeutung von Annchens Äußerung begreiflich zu
machen Er seufzte tief kam zu mir herauf und sagte mir leise ins Ohr »Darf
ich denn nicht mehr in unser Haus gehen Ich möchte doch so gern« Er brachte
das Letzte nur unter vielen Tränen stockend heraus »Vater« flüsterte ich eben
so leise »hat den Schlüssel mitgenommen Du weißt ja die Türen sind
verschlossen wir können sie nicht aufmachen«
    »Wir können sie nicht aufmachen« wiederholte er das Köpfchen nachdenkend
in die Höhe richtend »Und Mutter auch nicht wenn sie wiederkommt« setzte er
hinzu Ich küsste ihn mit der Bitte nur bis dahin Geduld zu haben Allein er
wiederholte bittend »aber ich möchte doch so gern so gern in unser Haus gehen
komm doch komm« bis ich ihn zuletzt ermahnen musste artig und folgsam zu sein
Annchen gab hier wie immer ihr Wort dazu und drohte mit dem schwarzen Manne
wenn er noch länger weinen würde Im nämlichen Augenblick stieß der Wind ein
Fenster auf die Kammertür gegenüber sprang aus dem Schloss der Wind fuhr
heulend durchs Zimmer die älteren Kinder flüchteten sich ängstlich ans Kamin
Franz stieß mit dem Fuß die Glut zusammen warf frisches Holz hinein und als
dieses prasselnd aufflackerte und der Schein den nächsten Umkreis erhellte
sagte er es sei was Schwarzes durch die Stube gegangen
    Die Kleinen fingen nun laut an zu schreien Ich schalt ihn töricht rief
die Magd hieß sie Licht bringen und suchte in der Zwischenzeit die
erschrockenen Kinder zu beruhigen
    Allein auch ich sollte ein wenig außer Fassung geraten als wirklich eine
Figur auf mich zuschritt und ich erst nach einer Weile den halb verwirrten
unglücklichen Kaplan erkannte der von der Gartenseite durch die Kammer
hereingekommen war Bei dem ersten Laut seiner Stimme zitterte Georg so heftig
dass ich alle Gastlichkeit bei Seite lassend zuerst das Kind entfernen und es
der Obhut seines alten Dieners einstweilen überlassen musste Als ich zurückkam
war der unstäte Tavanelli schon wieder verschwunden Ich war nahe daran ihn für
einen Spuck zu halten hätte mich Franz nicht versichert er sei wirklich hier
gewesen habe mir und Georg finster nachgesehen und mit Unwillen ausgerufen
»So hassen so fliehen sie mich Alle Ich meinte es gut Sie verstehen es nicht
besser« Worauf er nach der Türe eilte und im Hinausgehen ohne sich
umzusehen hinzufügte »Sagt der Großmutter ich würde wiederkommen ich müsste
sie sprechen«
    Mir machte das Letztere angst und bange Der ganze Abend war mir verdorben
Bei jedem Windstosse bei dem Rascheln der Blätter an den Scheiben bei dem
Knarren der Türe fuhr ich in die Höhe und glaubte jetzt komme er ganz gewiss
Doch eine Stunde nach der andern verging ohne dass er weiter etwas von sich
hören ließ Ich wachte die ganze Nacht aus Furcht Georg könne aufs Neue durch
ungestümes Pochen oder Anrufen des wüsten Menschen gestört werden Der arme
Kleine ist durch all die erschütternden Auftritte so erregt so gespannt dass er
wie im Fieber bis zum Morgen unruhig träumt Ich war nur froh dass gegen Mittag
das Wetter hell ward und ich mit ihm drüben im Schlossgarten umhergehen konnte
Er sprang ganz munter vor mir her und war so freudig dass mir das Herz wehe
tat er mochte glauben heute werde die Mutter kommen Er sah mich öfter so
recht listig forschend an als ahnde er irgend eine heimliche Überraschung
Armes armes Kind um was haben Dich nicht die Menschen gebracht Er merkte dann
wohl dass es mit seinen Erwartungen nichts sei Er ward still und schlich
endlich müde neben mir her Zuletzt kletterte er noch an dem Fenstergesims
hinan klammerte sich mit beiden Händen an das Kreuzholz und bemühte sich
augenscheinlich durch die Spalte der geschlossenen Läden in das Innere des
Hauses hineinzusehen Ich ließ ihn tun was er wollte Nach einer Weile drehte
er das Köpfchen seitwärts zu mir herum indem er mit weinerlichem Verziehen der
Lippen sagte »Hier hat Mutter geschlafen und ich auch Schläft Mutter wieder
hier wenn sie kommt«
    Ich nickte bejahend ohne etwas erwidern zu können Tränen traten mir in
die Augen
    Mein Gott was wird aus dem Knaben werden wenn er es endlich erfährt dass
ihm die Mutter verloren ist Könnte er noch hier unter Bekannten bleiben allein
ich fürchte der Präsident wird ihn abholen sobald er in seinem neuen
Aufentaltsorte eingerichtet ist Dann sterben wohl alle die Erinnerungen und
das liebe weiche sehnsüchtige Kind wird ganz ein anderer Mensch als es
geworden wäre wenn alles natürlich und glücklich blieb
    Siehst Du lieber Sohn aus ähnlichen Gründen habe ich solche Scheu vor der
ruhelosen Sucht an sich und seinem Geschick zu ändern Was man erst viel hin
und herrückt das wird wackeligt Es steht zuletzt nirgend recht fest Und
vollends Kinder Sie gewöhnen sich wohl aber einmal aus ihrem Gange
herausgerissen neigen sie sich hierhin und dorthin Der frische gerade
natürliche Wuchs der Seele der bleibt es doch nicht
    Du weißt was ich sagen will Bedenke was Du tust
    Ich wollte hier schließen Aber ich habe Dir noch etwas zu erzählen was
gewiss recht sonderbar ist Es betrifft den Kaplan
    Glücklicherweise hatte er nicht Wort gehalten Meine Angst war vergeblich
Bis jetzt hörte ich nichts weiter von ihm Nun ich mich sicher glaubte fiel mir
doch ein dass es kindisch gewesen ihm so auszuweichen Vielleicht hatte er mir
wirklich etwas zu sagen Der Präsident konnte ihn geschickt mit irgend einer
Bestellung an mich beauftragt haben meine Eile die erschrockene Hast mit der
ich Georg entfernte verdross ihn wohl deshalb doppelt und aus gerechter
Empfindlichkeit blieb er lieber ganz weg als sich einem ähnlichen Empfange
auszusetzen Mein Gewissen sprach mich nicht ganz frei von Vorwürfen Ich fragte
mich ernstlich weshalb ich denn eigentlich seinen Anblick so scheute Es kam
denn am Ende doch nur auf unheimliches Grauen auf geheimen Widerwillen heraus
den man sich niemals gegen einen Menschen in dem Masse erlauben sollte Mein
strenges Examen gab mir den Mut im Hause nachzufragen ob Herr Tavanelli nicht
wieder hier gewesen oder vielleicht noch drüben im Schloss sei Die Arbeiter
kamen vom Feld als ich diese Erkundigungen einzog Sie hörten es und
versetzten lachend noch vor Sonnenaufgang hätten sie ihn mit großen Schritten
neben der tollen Landstreicherin der einäugigen Marte über die Kalkhöhen der
Talheide zuschreiten sehen Die tiefe dunkle Schlucht versteckte sie bald
darauf allein gegen Mittag sei die Magd unten aus der Mühle herauf gekommen
und die habe erzählt Als sie frühe ihre Ziegen über den Steg am Bache den
Buchen und Erlen entlang trieb da fand sie ganz zufällig den bunten Plunder der
alten Trödlerin auf dem Rasen verstreut Ein aufgerissenes Packet lag daneben
Sie betrachtete einen Augenblick die fremden Dinge und wie sie so Eins und das
Andere in die Hand nimmt findet sie auch noch ein beschriebenes Papier in
welchem etwas eingewickelt war Sie macht es auf ein goldener Ring lag darin
Mein Gott denkt das Mädchen wer lässt hier so etwas liegen Gewissenhaft eilt
sie damit zur Mühle Der Müller ist gerade beschäftigt die Schaufeln zu
stellen Die Frau nimmt ihr den Fund ab besieht den Ring von allen Seiten kann
aber von dem Geschriebenen auf dem Blättchen nichts lesen Sie verschließt
gleichwohl beides und heißt das Mädchen nur wieder gehen Als diese ganz in
Gedanken zurückkehrt und sich nach ihren Ziegen umsieht bemerkt sie zwischen
den Bäumen auf der Höhe etwas Schwarzes das sich eilig durch das Dickicht
windet zugleich lacht Jemand hell auf und kreischt mit Hohn »Sei kein Narr
Kaspar eine Mutter findest Du nicht alle Tage« Es sei die alte Marte gewesen
versicherte das Mädchen sie habe sie wohl erkannt an dem hellen Ton Da sie
solche aber anrufen wollte verlor sie sich schnell immer weiter zwischen den
Bergen Nicht lange darauf stand der Kaplan vor der Mühle Er klopfte ängstlich
an die Türe sah todtenblass aus und zitterte in heftigem Fieberfrost Die
Müllerin ließ ihn sogleich ein Er konnte nicht ein Wort hervorbringen sank
matt und krank auf einen Schemel und liegt noch krank wie im Fieber rasend
    »Ei« sagte ich als ich das hörte »da muss ich gleich hin und sorgen dass
dem Unglücklichen geholfen wird«
    »Was wollen Sie denn noch lange helfen Madame« antwortete mir der alte
Klaus »Der ist reif Lassen Sie ihn immer das Bad ausbaden Hat er es doch
nicht besser gewollt«
    Ich verwies ihm die unbilligen Worte Aber er schüttelte den Kopf und sagte
so viel um mich in dem lang gehegten Verdacht zu bestärken dass ein Brief des
Kaplan vielleicht durch Klaus bestellt den Präsidenten an jenem Unglücksabend
hierher berief Nichts desto weniger hielt ich es doch für meine Pflicht dem
ganz Verlassenen beizustehen Ich fuhr daher sogleich nach der Mühle Allein
lieber Sohn was ich dort hören und sehen musste überstieg weit meine Erwartung
Anfangs war es nur der Kranke der uns Sorge machte Was der in den
Fieberphantasien sprach durfte man eben nicht sonderlich achten Doch nun als
gegen Abend die rohe Stimme der herantobenden Marte sich vernehmen ließ die
Verwilderte mit ihren aufgerafften Lumpen im Arm ungestüm in die Stube trat
mit stotternder Zunge nach dem vermissten Ringe und nach Tavanelli forschte ihn
bald Sohn bald verwünschte Teufelsbrut nannte  ach lieber Franz Du kennst
Deine Mutter Du wirst Dir einbilden wie mich solch widriger Auftritt
ängstigte
    Ich saß erst ganz still in einem Winkel an das Krankenbett gedrückt ohne
Mut zu haben der Frechen den Eintritt zu verwehren Doch wie sie die Türe
endlich halb erstürmte den armen Schlummernden laut anschrie ihren Ring von
ihm forderte da fasste ich mir ein Herz nahm sie beim Arm und führte sie
hinaus indem ich ihr leise zuflüsterte mir zu folgen ich wollte ihr alles
Verlorne wieder zustellen Sie sah mich ungewiss an tat aber was ich ihr
sagte Als die Müllerin das Päckchen aus dem Schranke herausnahm griff Marte
mit hässlicher tierischer Gier danach ihr schiefliegendes Auge blitzte hell
»Da« rief sie mir den Ring und das Blatt hinhaltend »lesen Sie lesen Sie Er
will es nicht glauben Aber es ist so wahr Gott lebt wahr Sein Vater hat mir
die Ehe versprochen Hier steht es und den Ring gab er mir da ich seine  «
    Sie lachte hell auf Ich schlug beschämt die Augen nieder ohne ihr zu
widersprechen Ich glaubte sie fasele Aber lieber Franz sie sprach wahr Sie
ließ nicht ab ich musste die betrügerische Verschreibung lesen Es war
Tavanellis Vater der sie verführt und verlassen hatte Gott weiß durch welche
Künste sie dem Kaplan seinen weltlichen Namen entlockte unter dem sein Vater
vor fünf und zwanzig Jahren als Geschäftsführer in einem großen Handelshause
unserer Residenz lebte Er verschwand dann mit einemmale kehrte nach seinem
Vaterlande dem Voralbergischen zurück wo er heiratete und dem
Bedaurungswerten ein Dasein gab dessen bloße Möglichkeit zu denken Martens
wildem Sinn tausend Flüche entlockte
    Dies und noch viel mehr was meine Feder nicht aufzeichnen kann vertraute
sie mir auf eine rohe stürmische Weise In ihrer Brust stritten Hass und Liebe
für den Sohn des Treulosen Sie gestand unter lautem Lachen dass sie nicht von
ihm lassen könne dass sie ihm seit sie die Entdeckung gemacht zu der die große
Ähnlichkeit mit dem unvergesslichen Geliebten ihr den Weg gezeigt auf Tritt und
Schritt folge und seine Flucht sie heute vor Tagesanbruch durch die Berge
gejagt habe
    Auf meine Versicherung dass er ernstlich vielleicht gefährlich krank sei
ward sie stille Ihre harten Züge milderten sich ihr Auge hatte fast einen
rührenden Ausdruck Sie setzte sich auf die Schwelle der Türe welche zu dem
Kaplan führte Ich bewachte sie sorgsam bis der Arzt kam Sie tat nichts als
von Zeit zu Zeit den Ring besehen ihn an den Finger stecken wieder abziehen
in das Blatt wickeln und beides im Busen verbergen bis sie nach einer Weile
dasselbe Spiel wieder von Neuem anfing Zuletzt schlief sie ein Ich war froh
als unser guter Doctor kam Dem habe ich nun Beide übergeben Er wird Sorge
tragen dass der Kaplan zum Prior in unser Kloster und Marte in eine
Verpflegungsanstalt gebracht wird
    O Franz Franz mir schaudert vor dem was dem übertretenen Gebote folgt
    Ich kann den Anblick der elend gewordenen Frau nicht vergessen So tief so
ganz tief musste sie sinken Ach sie war doch auch einmal ein schuldloses
frohes Mädchen und gewiss auch ein gutes Kind von dem die Mutter Freude und
Segen erwartete Wie oft mag das Lächeln dieses verzerrten Mundes Entzücken in
dem Herzen der Mutter geweckt haben Und jetzt 
    Eins ist mir nachher erst eingefallen Tavanilli klagte in seiner Phantasie
oft und ängstlich über eine Gestorbene Wer kann sie sein Ich finde sie nicht
in meinen Gedanken
    Siehst Du was es ist wenn man einem unbequemen Begegniss in der Welt aus
dem Wege gehen will Hätte ich gestern Georg gezeigt wie man sich überwinden
und bezwingen müsse um Andern nicht wehe zu tun ich hätte Tavanelli gehört
all das Störende wäre wohl unterblieben und mich ängstigten weder Vorwürfe noch
geheime Sorge um die Tote von der ich nichts weiß von der ich mehr zu
erfahren peinlich zittre
    Komm bald lieber Sohn Du siehst es geht hier Alles wunderlich
durcheinander ohne Deine Gegenwart
 
                                Heinrich an Hugo
Endlich ein Brief Ich atme auf Du hältst Dich noch einigermaßen im
Gleichgewicht Du wirst nicht umschlagen Die kleine Liebelei konnte Dich
berühren doch nicht erschüttern Was sollte Dir auch der Roman Das ist nicht
Deine Welt Hugo Glaube nur Dein weitstrebender Sinn überfliegt die Phantasie
einer Frau Jede wird sich in Dir verrechnen Du eine jede überschätzen und sie
dann fallen lassen Dies Geschlecht tändelt nur mit dem Namen Freundschaft um
der Liebe desto freiern Spielraum zu verschaffen Die steten Bebungen
kleinlicher Gefühle dulden keinen ruhigen Widerschein der Idee Es ist
vergebens die weibliche Brust fasst das colossale Bild des Universums niemals
Deshalb Hugo ängstige Dich nicht dass der Rausch verflog und Du etwas
nüchtern um Dich siehst Die Täuschung hält bei Dir nicht lange an Du greifst
zu weit aus um nicht das lose Gespinnst sentimentaler Träume über kurz oder
lang zu zerreißen Deine schöne freigeisterische Amazone Hugo ist doch nur
ein leidenschaftlich bewegtes Weib von weit mehr keckem Trotz als starkem
Mut Am Ende bereuen Alle was sie unvorsichtig wollten und kraftlos halb
vollbrachten Lass sie wie sie ist Kümmere Dich nicht darum dass Du sie Dir
anders dachtest Es war ein Irrtum Wer wird um ein Nichts trauern Man belacht
sich bald wenn man nur erst über sich hinaus ist Und auf dem Wege bist Du
    Ich gestehe Dir dass ich Deine Versöhnung mit Emma wünsche So gewisse lose
Bande kannst Du brauchen um einigermaßen im Gleichgewicht zu bleiben Im
Allgemeinen ist die Ehe ein Unding für Dich Aber die bescheidene Frau die
nichts will als nur nicht gerade einer Andern nachstehen die in allem Übrigen
zurücktritt Dich verehrt und willig gewähren lässt die kannst Du leiten Sie
wird Dir überall folgen ohne Dich zu hindern Und wenn dabei auch nichts anders
herauskommt als dass Dir selbst klarer bewusst wird indem Du Deinen Willen auf
einen Andern übertrügst Schüler Hugo machen erst Meister
    Auch ist man dem Rufe immer etwas schuldig Du kannst nicht wohl aus einem
Bündnis heraustreten dem die verjährte Meinung Heiligkeit beilegt Stösst man
erst die Welt vor den Kopf so entstehen tausend und tausend andere Köpfe die
Arme und Beine und Füße und Hände kriegen und den Weg durch sie hin
unbeschreiblich unbequem machen
    Entschliesse Dich daher schnell Mache Deinen Frieden mit Emma Im Grunde
verlangst Du selbst danach Es wird Dir eben nicht schwer werden Herrschest Du
doch immer noch in dem allzu abhängigen Herzen Deine Überredung bringt die
Mutter ohne Weiteres zum Schweigen daran ist kein Zweifel Und was will denn
diese hoch und stark gesinnte Mutter anders als ihr einziges Kind in seinen
Rechten ungekränkt frei und würdig bewahrt wissen Ich gestehe Dir diese Frau
scheint mir unter denen die Du nennst die Bedeutendere Ist ihr Weg auch ein
ziemlich alltäglicher so ist er doch scharf und bestimmt gezeichnet Sie kann
sich nie um einen Schritt verirren und erreicht sie ihr Ziel nicht so kommt es
ihr gleichwohl nicht aus den Augen Sie wird Deiner Wiedervereinigung mit Emma
nicht hinderlich sein sobald sie nur die Nebenbuhlerin entfernt weiß Dass diese
sich entfernen ließ dass sie Dich aufgab dass der Schrecken sie von dem dreisten
Fluge zurück auf die Erde schleudern konnte dass sie sich da winselnd krümmte 
weg Hugo Weg von dem charakterlosen Wesen das zu der kühnen Luftfahrt alles
nur keine Schwingen mitbrachte
    Eine Besorgnis anderer Art die mich an die Wiederherstellung Deiner frühern
Verhältnisse denken lässt ist die äußere Unabhängigkeit Du weißt lieber Hugo
wie sehr ich Anfangs gegen die Vorschläge des Komtur war wie es mich ärgerte
dass man Dich durch eine veränderte Stellung erhöhen zu können glaubte wie
kindisch mir all der verwickelte Rechtskram dünkte und was ich von solchen
Institutionen halte an welchen Ruhe und Glück eines Menschen scheitern müssen
Du wirst nicht glauben dass ich der zufälligen Form mehr einräume als sie wert
ist Gleichwohl gibt es gewisse Bedingungen zu einem würdigen Dasein die nicht
aus der Acht zu lassen sind Der Oheim lebt noch Hugo denke daran Du wurdest
sein Erbe weil er es wollte Er könnte es auch einmal anders wollen Die
Trennung von Emma die gänzliche Störung des kaum Begründeten muss ihn sehr
verletzen Es ist ein zäher hartnäckiger Sinn in ihm wie Du ihn mir früher
schildertest Nimm Dich in Acht erbittere ihn nicht  Die militärischen
Reminiscenzen und was damit zusammenhängt erschrecken mich aus diesem Grunde
besonders Was willst Du auch damit das sind wohl Anklänge aus Deinem alten
Rittersitz Ich dachte den Wust hättest Du hinter Dir Muss ich Dich noch auf so
rohem Pfade treffen da hellere Bahnen vor Dir offen liegen
    Gehe in Dich Hugo und schreibe mir bald an Emmas Seite dass Du ruhig
weise und Dir selbst zurückgegeben bist
 
                             Sophie an den Komtur
Erlaubt es Ihre Gesundheit lieber Freund so bitte ich Sie kommen Sie heute
noch auf eine Stunde zu mir Es ist sehr notwendig dass ich Sie spreche
 
                                    Antwort
Das Podagra hält mich wieder einmal gefangen beste Sophie Ich bediene mich
selbst für diese Paar Worte einer fremden Hand Scheuen Sie sich aber deshalb
nicht mir Alles zu schreiben was Sie der Mitteilung wert halten Das Auge
Ihres alten Freundes ist so wenig stumpf wie seine Seele Haben Sie Nachricht
aus Italien
 
                                   Von Sophie
                                                                Desselben Tages
Ja ich habe Nachricht aber nicht aus Italien Sie sind nicht bis dahin
gekommen  Lieber Freund was brauche ich noch weiter hinzuzusetzen Sie
ahndeten es immer Das arme Herz ist gebrochen Alle Schmerzen alle Klagen
blieben in ihm verschlossen Wie hätte die innere Qual es nicht zerdrückt Ich
weiß nicht sollen wir es ein Unglück nennen dass es so schnell mit ihr endete
Das Leben wird dem Einsamen sehr lang und die Gewohnheit ist nichts als eine
einschläfernde Begleiterin
    Der Arzt zu dem ich in der Eile schickte bringt Ihnen diese Zeilen Er
wird Alles ergänzen was Sie darin vermissen könnten Ich gestehe ich bin in
einiger Verwirrung Der Tod überrascht auch da wo er laut genug anrückte Der
Riss vom Leben war hier freilich geschehen aber das sinnliche Band verbirgt uns
diesen gern noch eine Weile Und dann die Mutter die Mutter O mein Gott was
senkt sie Alles in dies eine Grab
    Von ihr nicht ein Wort nicht eine Silbe Sie ist bei den Nonnen in dem
Waldkloster unweit Freiburg geblieben Emma starb in den heiligen Mauern Der
dortige Abt hat unserm Nachbar dem Prior der Premonstratenser den Todtesfall
berichtet mit dem Bedeuten mich davon in Kenntnis zu setzen Es ist ein
trockener Bericht den ich Ihnen erspare Schon einige Zeit vorher hatte
Tavanelli hier und da dunkle Winke von dem früh beendeten Geschick der Gräfin
gegeben Man erzählte sich davon doch glaubte Niemand dem unstäten
herumstreichenden Flüchtling der überall war nirgends verweilte und eben so
verworren als vermessen redete Gleichwohl scheint er in einer Art Verkehr mit
den Reisenden gestanden zu haben Es ist sogar wahrscheinlich dass ihn die
Oberhofmeisterin in Aufträgen versandte Vielleicht folgte er ihr auch nur in
seiner Verzweiflung da er hier nicht auszuhalten vermochte Der Zustand in
welchem er sich darauf wieder zeigte die Vorgänge in der Mühle die wilden
Phantasien denen er fast erlag deuteten auf gewaltsame Erschütterungen des
Gemüts die jede seiner Äußerungen verdächtig machen Die Tannenhäuserin sagte
mir zuerst davon auch dass er Hugo im Walde getroffen als dieser mit dem Gewehr
auf dem Rücken den Forst durchstrich erschrocken sei er erst geflohen dem
Grafen jedoch später in den Weg getreten und den Hut abziehend stotterte er
hastig und furchtsam unverständliche Worte vom Tode der Gräfin
    Hugo von unaussprechlichem Schmerz ergriffen stierte dem wahnsinnigen
Tavanelli unbeweglich nach als dieser schnell wie der Blitz davon eilte
Todtenblass sagte mir die Frau sei der Graf zu ihr eingetreten habe ihr den
Vorgang erzählt sogleich aber hinzugesetzt Er wisse wohl was von Faseleien
eines kranken Menschen zu halten sei doch gestehe er könne er des gehabten
Schreckens noch nicht Herr werden
    Es ist hierdurch so viel gewonnen dass die Wahrheit ihn nicht ganz
unvorbereitet trifft Doch wird sie ihn gewaltig fassen Es ist unmöglich dass
seine jetzige Freiheit ihm nicht die Qual solcher Träume gäbe in denen man
fliegt und fliegt und plötzlich fällt und erwacht Ich weiß nicht wie er mit
sich selber steht Was er sich sagen wie er sich beruhigen wird Der erste
Augenblick wird schrecklich sein Doch die Notwendigkeit vor sich zu bestehen
leihet dem Willen sehr vieler Menschen so beruhigende Gründe dass die Phantasie
blass und das Gefühl stumm wird Auch heilen die Schmerzen des Gewissens am
schnellsten weil sie die unbequemsten sind Wer weiß regen sich selbst diese
Schmerzen in ihm Die Umstände müssen Vieles auf sich nehmen was die
verzärtelte Brust nicht tragen kann Der Schreck macht bald genug mattem
Bedauern Platz
    Nein ich will nicht bitter sein Gewiss nicht Doch sonderbar genug
verletzt mich dieser Tod mehr als er mich rührt ihn wie eine Tat nicht wie
eine Schickung betrachtend suche ich seine Urheber außerhalb und ohne irgend
eine Seele anklagen zu wollen zürne ich mit dem Leben dass es solche Lücken
lassen kann
    Ich hatte immer noch gehofft das sehe ich nun wohl Aber dass Sie lieber
Freund Sie allein hierdurch am Tiefsten leiden werden das ists was mich
diese Zeilen so starr und spröde anfangen und jetzt so überwältigt schließen
lässt Kalt wollte ich über das Verlorne reden und tun als sei es längst
eingebüßt aber man fühlt es erst was der leise Hauch zweier warmen Lippen
beleben kann wenn aber das Eis des Todes solche auf ewig geschlossen hat  
Dann doch lassen Sie mich abbrechen Wir ziehen Trauerkleider an wie die Erde
wenn es Winter wird und bis die neue Sonne kommt muss Vieles Vieles in uns
sterben  Ich bin zu unruhig von mehr als einer Seite zu bewegt um Ihnen
jetzt viel sagen zu können Denken Sie doch an Elise  Gemüter wie das ihrige
werden im Unglück höher und stärker aber auch zuversichtlicher und bewusster Es
taugt nicht sich selbst soviel zu verdanken zu haben Wenn sich die beiden
Menschen jetzt auf ihrem Wege begegnen wenn der Schlag der sie
gemeinschaftlich trifft sie zwingt einander zu halten was wird aus Elise
werden wenn sie dann nicht vereinigt bleiben Und denken Sie an die
Möglichkeit dass Hugo zum zweitenmal jetzt  Unmöglich Wie ich ihn kenne
unmöglich
    Ich schreibe Ihnen nächstens wieder lieber Freund Lassen Sie mich durch
den Arzt wissen wie Ihr Gesundheitszustand ist und ob ich hoffen darf Sie in
den warmen Tagen schneller hergestellt hier bei mir zu sehen 
    Werden Sie Hugo sprechen Wollen Sie ihm die erschütternde Nachricht zuerst
mitteilen Wäre es nicht besser der Arzt übernähme die traurige Pflicht oder
ich sagte ihm was er wissen muss Ja schicken Sie ihn mir Ich bin darauf
gefasst Ich will ihn erwarten Sein Sie unbesorgt ich werde ihn in seinem
Schmerz ehren Der Unglückliche ist mir heilig Wie könnte ich ihm gegenüber
daran denken dass er der Toten nicht wert war Ich will es lieber auch so
nicht denken denn wer weiß auch ob es so ist Im Urteil fühlt der Mensch erst
seinen unermesslichen Abstand von dem Allsehenden
    Gute Nacht armer Freund Wie wird Ihr schönes Herz trauern
 
                                Elise an Sophie
Ist es wahr Ist es  O sagen Sie Nein Ich beschwöre Sie Sophie sagen Sie
Nein Ich vergehe vor Angst
    Verstehen Sie mich nicht  Gottlob dann ist es nichts dann hat er nur
gefaselt dann habe ich Vieles Vieles mit dem entsetzlichsten Schrecken
abgebüsst
    Ach Liebe fragen Sie mich nicht Ich kann es Ihnen nicht sagen Es will
nicht über meine Lippen nicht in meine Feder
    Ich weiß nicht mehr was ich tue Erst sollte Ihnen ein fliegender Bote
meinen Brief bringen Ich konnte nicht eilig genug Antwort darauf erhalten
Jetzt zögere ich und zögere Was werden Sie mir denn sagen Sophie
    Wenn es hören Sie Liebe bedenken Sie wohl dass Ihr Ja mich zerschmettern
müsste Es wäre zu schrecklich 
    Mein Gott ich war ja in mein Geschick ergeben Ich tat auf jede
Lebensfreude Verzicht Ganz still ganz verborgen wollte ich ihn nur denken
Die Freistatt des Gedankens die glaubte ich dürfe mir bleiben Ich trat ja
hier Niemanden zu nahe ich war ja so klein so gebeugt weshalb sucht mich mein
unversöhnliches Geschick auf dem engen dürren Fleckchen Erde auf warum schickt
es solche Botschaft an mich
    Jenen Abend werde ich nie vergessen er steht wie ein Blick in die Hölle
schwarz kalt und auch siedend heiß voll unglaublichen Qualen Tag und Nacht
vor mir
    Denken Sie nur ich befand mich ganz allein auf einem abendlichen
Spatziergang Die Sonne war längst untergegangen Dünste stiegen auf Ich sah
die Sterne einen nach dem andern zwischen feinen Wölkchen hervortreten Es war
da oben so weit so erleuchtet Die Lüfte schwirrten wie Fittige über mir ich
glaubte das Schreiten der Geister zu hören ich fühlte den Geist aller Geister
mit unnennbarem mit bebendem Entzücken Hugo war mir nahe wie in den
untergegangenen Tagen Es gab keine Trennung mehr So so dachte ich wird es
sein So ist es schon Was soll erst werden rief ich Hat je die Seele etwas
verloren Kann sie sagen es sei ihr fern was sie liebt Kennt sie eine Zeit
Undankbares Geschlecht so reich bist du ausgestattet und du klagst wenn die
rollenden Stunden ablaufen als behieltest du deine Gegenwart nicht ewig
lebendig in Dir
    Sophie liebe Sophie die freiere Bewegung meiner Brust ließ mich nicht
ruhig auf einer Stelle bleiben Ich ging hin und her Ich ging mit Ihnen mit
Hugo Georg sprang vor mir her Zweifeln Sie dass ich im Himmel war Da mit
einemmale stürzt in der Dunkelheit ein Mensch auf mich zu ohne Hut mit weit
aufgerissenem Kleide er atmet schwer und streckt die Hände nach mir aus als
wolle er mich im Weitergehen aufhalten Ich erschrack dass mirs durch alle
Glieder fuhr und bog schnell von der Seite in ein Gebüsch hinein Doch ehe ich
es erreichte stand Tavanelli neben mir »Was machen Sie hier« fragte ich
entschlossen Mein Herz schlug heftig Mir ahndete ein Unglück Mein erster
Gedanke war Georg »Reden Sie« drang ich unruhig in ihn Er stürzte mir zu
Füßen brach in Tränen aus bekannte dass er an mir zum Verräter ward
vermengte Schuld und Pflicht Gefühl und Reue verlor den Faden seiner Gedanken
und ließ aus dem Wust wahnsinniger Leidenschaft die schreckliche Nachricht in
mein zitterndes Herz fallen
    Ich sah und hörte nichts mehr Mit Entsetzen floh ich vor ihm Ich dachte
der Todesangst zu entrinnen War er nur erst hinter mir dann glaubte ich frei
zu atmen Aber ich kann mich nicht erholen liebe Sophie Ich komme nicht
wieder zu mir selbst Es ist der Schrecken nicht wahr es ist gewiss nur der
Schrecken Wenn wir krank sind sind wir auch schwach voller Einbildungen das
Bewusstsein selbst wird bestochen
    Haben Sie Mitleid mit meinem Zustande Sagen Sie Ihr Nein oder Ja gleich zu
Anfang des Briefes
    Ja wenn es ein Ja wäre Hugo unglückseliger Hugo
 
                                    Antwort
Sie wissen jetzt Alles liebste Elise Die gütige sanfte Madame Lindhof hatte
es schon früher übernommen an Sie zu schreiben ehe noch Ihr Brief zu mir
gelangte Ich danke es ihr Sie würden mir es schwer gemacht haben wahr zu
sein
    Arme Elise so schonungslos musste Sie diese Nachricht treffen Man wird
zuweilen versucht zu denken das Schicksal könnte milder mit dem Menschen
verfahren Aber was weiß man von diesen geheimnisvollen Wegen
    Tavanelli ist wie ein Gewitterstrahl in Ihr Haus gefahren Alles hat er
übereinander geworfen die ganze Ordnung des Lebens gestört Dass das so ein
Mensch kann ohne es zu wissen und zu wollen
    Lieber Gott er dachte jetzt auch nicht an das was er tat Er trägt auch
keine andere Schuld als dass er ist wie er ist Sie beide hätten einander nicht
begegnen müssen Sie rissen ihn aus seiner stillen Welt er hat die Ihrige
verwüstet Seine unwillkommene Erscheinung ward stets von Widerwärtigem für Sie
begleitet
    Aber lassen wir ihn Möge seine Nähe Sie nie wieder ängstigen
    Von Hugo wollte ich mit Ihnen sprechen Seinetwegen müssen Sie jetzt doppelt
leiden Die Ungewissheit was in ihm vorgeht lässt es in Ihnen zu keiner Fassung
kommen
    Er war gestern Morgen bei mir Ich hatte ihn zu sprechen gewünscht Er trat
mit seiner wehmütigen Gelassenheit wie sonst zu mir ein Ich glaubte ihn noch
unwissend über Emmas schnelles Ende Er war es nicht Ich las das nach den
ersten Minuten in seinem Auge Er richtete es mit einem Blick nach mir der zu
sagen schien »Kein Wort kein Wort jetzt Der Toten weiches Flüstern allein
will ich hören Gönnen Sie mir das stille Gespräch«
    Ich sah von ihm weg zu Boden Wir setzten uns Er versank in tiefe Gedanken
Eine ganze Weile ging so schweigend hin Wahrscheinlich vergaß er völlig wo er
sich befand Mechanisch war er gekommen hatte seinen Platz neben mir gefunden
und ließ nun die Seele weiter in ihrem Traume schimmern Ich ergriff endlich
seine Hand Er erschrack »Nun« fragte er näher zu mir rückend Es mochte ihm
einfallen dass Sie mir vielleicht einen Auftrag für ihn gegeben hätten denn er
setzte ins Sopha zurücksinkend betrübt hinzu »Ich kann mir denken was sie
leidet Hat sie Ihnen geschrieben« fragte er hierauf Ich bejahte es
    »Emma hat ihr auch geschrieben« sagte er leise mit bebender von Tränen
erstickter Stimme Sein Schmerz brach gewaltsam ihn ganz mit sich fortreissend
hervor
    Ich begriff wie er diese Erschütterung fürchten wie er sich durch Abwehren
jedes fremden Berührens bis dahin zurückhalten musste Er tat mir
unaussprechlich leid denn der Kampf zitterte durch sein ganzes Wesen
    Ich sagte ihm nichts Er konnte jetzt nur mit sich selber zurecht kommen Er
fasste sich denn auch »Ich werde es mir niemals verzeihen« hub er nach einer
Pause an »dass ich sie von ihrer stillen Bahn auf meinen Weg herüber riss Die
Ordnung der Natur verschmerzt niemals eine Verletzung«
    Ich verstand ihn nur halb unwissend ob er über Sie oder Emma rede Er
meinte eben die Letztere denn er erwähnte die Mutter indem er behauptete
diese allein habe recht gehabt Ihre Abneigung gegen ihn sei aus dem Vorwurf
entsprungen den sie sich der Tochter nachgegeben zu haben gemacht »Ich
erriet dieses bald« seufzte er tief Und das Auge aufwärts gerichtet als sehe
er die von der er sprach sagte er »Das war ein Gestirn das seinen Lichtkreis
unvermischt in ruhiger Klarheit ausgiessen musste Emma war bestimmt einzeln da
zu stehen Sie leuchtete am Saume des Tages wie Abschied und Verkündigung Der
Tag selbst in seiner ruhelosen Arbeit verschlang sie«
    »Die Stunden« entgegnete ich von dem Bilde getroffen »wogen zwischen
Abend und Morgen auf und ab und der liebe Stern ist an jedem Wendepunkt
derselbe«
    Hugo sah mich an ohne etwas zu erwidern »Ja ja« rief er mich auf seine
Weise missverstehend »Sie hat Erwachen und Aufhören in mir ziemlich nahe
gerückt Ich tauge zu nichts mehr Ein Schlag der Art lähmt die beste Kraft
Wozu« lächelte er schmerzlich »lebt man auch Es ergänzt sich die Welt wie
man es träumt Die Besten verkennen einander Sie hat mich auch verkannt«
    Er stand hier von seinem Platze auf und ging mit leisen weit ausgreifenden
Schritten das Zimmer auf und ab ohne das gesenkte Auge aufzuschlagen
    »Emma hätte Sie missverstanden« fragte ich jetzt das Gespräch wieder
anknüpfend
    Er blieb vor mir stehen »Ja ja« erwiderte er mit liebevollem Lächeln
»Gott weiß« fuhr er fort »wie dies auf meinen Tisch kam« Er zog einen Brief
aus dem Busen und gab ihn mir Es war Emmas Hand »Soll ich« fragte ich das
Schreiben aus dem Kouvert ziehend Er nickte bejahend Ich las während er
seinen Gang durchs Zimmer fortsetzte folgende erschütternde Worte die ich
abzuschreiben späterhin von ihm die Erlaubnis erhielt
    »Unbewusst wie ich Dich fand geliebter Mann werde ich Dir entrissen Ich
verließ Dich nicht das glaube mir Ich verlasse Dich auch jetzt nicht Aber die
Erde zieht einen Vorhang zwischen uns Gott lässt ihn niederfallen Du bleibst
diesseits ich bin bestimmt jenseits lange zu warten bis der Tag des Erwachens
kommt Dann werden wir uns ja doch wiederfinden Lieber Hugo das Scheiden wird
mir sehr schwer Ich nehme wohl Dein Bild  Dein ganzes Selbst mit hinüber in
meine Welt aber es ist doch viel viel anders als wenn ich Dich noch sehen und
hören könnte Wenigstens scheint es den sterblichen Sinnen so Die Lebendigen
vergessen so oft wie viel diese warme bewegliche Gemeinschaft des Daseins ist
Ich schaudre doch ein wenig vor der langen langen Trennung  Die Hand wird
vertrocknen die in der Deinen lag das Auge verlöschen das nur im Glanze
Deines lieben Blickes sich spiegeln mochte Hugo  O Gott Es ist eine
sonderbare Empfindung sich das so sagen zu müssen Wir sind recht schwach Sei
Du es nicht Betrübe Dich nicht so sehr Ich weiß dass Du in der ersten Zeit
nicht anders kannst Es ist ja natürlich denn war ich Dir auch wohl oft
hinderlich so ist Dein Herz zu groß um meine Liebe zu verwerfen Der Gedanke
Dich leidend zu wissen durch das leidend was Dir von mir kommt  Lieber
guter Mann es tut mir noch weher als der Abschied von Dir Du wirst es dann
aber auch einsehen wie es doch im Grunde das Beste für uns Beide ist
    Es ist der einzige Weg ewige Trennung zwischen uns zu verhüten Deine Seele
wäre hart die meine schwankend geworden Gott weiß wohin das führen konnte
    In wenig Augenblicken bin ich  Ach Hugo Hugo  Ich starb Dir schon so
lange Darum weine nicht Hörst Du lieber Mann weine nicht um mich Wenn Du
nun frei wirst mein Freund so erschrick weiter nicht Was Dich im Augenblick
mit Schauder erfüllt es war der stille Gedanke Deiner Seele Ihr seid für
einander geschaffen Wolle nicht weiser sein wie der Schöpfer selbst Er hatte
es so bestimmt ich drängte mich zwischen Euch Guter Hugo Du hast recht viel
gelitten Wie werde ich mich freuen wenn ich Dich endlich glücklich weiß
    Ich hätte Dir wohl noch etwas zu sagen Aber es klingt Dir fremd Es ist
Deine Sprache nicht Von mir hättest Du sie auch wohl niemals gelernt Das aber
darf ich Dir vertrauen und weil es wahr ist so wird es auch Dein Herz finden
Ohne meinen Glauben könnte ich Dich nicht ruhig verlassen könnte ich Elise
nicht lieben  Und doch liebe ich Dich schöner Engel der Du bestimmt warst
das Gewebe süßer quälender Täuschungen zu zerreißen Du wusstest was Du
widerstrebend tatest Sei überzeugt meine Elise ich fühle was Dich
beherrschte Ich am wenigsten kann Dich tadeln O sei und mache glücklich mir
raubst Du nichts mehr Höheres wie menschliches Gesetz öffnet Euch die Wege zur
ruhigen Vereinigung  Bleibt Euch treu die Welt wird verzeihen was Gott
beschützt Seinem Schutz empfiehlt Euch mein Gebet  Hugo lieber Hugo Der
Vorhang fällt  vergib Deiner Emma«
    Ich habe keins von den an Sie gerichteten Worten ausgelassen liebe Elise
Hugo wollte es so Ich las sie damals unter heißen Tränen Ihr Freund weinte
nicht Er war sehr ernst Es schien sein Gemüt sammle sich zu einem bestimmten
Entschluss Ich mochte ihn nicht stören Doch er hub selbst mit bleichen
erschütternden Zügen an »Es ist unbegreiflich auf welchem Wege diese Zeilen in
mein Zimmer auf meinen Tisch gelangten Kein Mensch im Schloss weiß eine Silbe
davon«
    Sie kennen seinen Hang an Übernatürliches zu glauben und sagten mir
einmal dass ihn die Möglichkeit geheimnisvoller Gemeinschaft mit der Geisterwelt
unwiderstehlich durchschauere dass eine unverkennbare Sehnsucht danach ihn bei
dem zweifelnden Verstande allerlei Scheingründe von der Phantasie erbetteln
lasse
    Ich las jetzt auf seinem Gesicht irgend eine unheimliche Vermutung der ich
dadurch zu begegnen glaubte dass ich Tavanelli nannte und bemerkte wie wohl
durch ihn die Botschaft an Alle zugleich ergangen sei
    Der Graf schüttelte den Kopf »Unmöglich« sagte er »Ich begegnete dem
Unglücklichen im Walde Die wahnsinnige Weise seines Betragens lässt auf keine
Konsequenz und Besonnenheit irgend einer Art schließen Und weshalb hätte er mir
nicht damals den Brief gegeben wenn er in dessen Besitz war«
    Ich erwiderte Alles das hierauf was so nahe liegt und in ruhiger Stimmung
von Niemanden übersehen werden kann ich führte gerade den gestörten Verstand
des Kaplan als Beweis listiger Geheimhaltung und kindischem Ausplaudern seiner
Aufträge an indem ich mich auf andere Widersprüche seines letztern Benehmens
berief Allein Hugo lag daran das Wunderbare nicht erklärt wissen zu wollen Er
blieb immer bei der Frage wie Tavanelli unbemerkt in sein Zimmer gekommen wie
er hätte wissen können ihn nicht dort zu finden Ich ließ es dahingestellt
sein Wir sprachen nicht weiter davon aber ich dachte wohl an die
Oberhofmeisterin der es nirgends und daher auch hier im Schloss nicht an
verborgenem Anhang fehlt Plötzlich schonungslos fern von menschlicher
Teilnahme hat sie das Herz des verhasstesten aller Menschen treffen es
zermalmen wollen ehe noch irgend Jemand um sein Unglück wusste Es ist Alles
gelungen wenn man das Gelingen nennen kann was eines Andern Pein vermehrt
    Ich besah mit diesen Gedanken beschäftigt den Umschlag des Briefs und
fand unterhalb der Addresse Stunde und Tag bemerkt an welchem die Gräfin
gestorben war so dass diese Nachricht ihrem Gatten zuerst in die Augen fallen
und den Eindruck der Abschiedsworte noch erschütternder machen musste In den
undeutlichen Schriftzügen war die Hand des Schreibers übrigens nicht zu
erkennen
    Hugo bemerkte die Aufmerksamkeit mit welcher ich das Äußere des Briefs
betrachtete Er fragte »Was fällt Ihnen hier auf« »Nichts« lächelte ich als
dass ein geistiger Bote so materieller Bescheinigung nicht bedürfe Und wie viel
sanfter und friedlicher würde das Wehen der scheidenden Seele die Ihrige berührt
haben wenn ein Durchfliegen der Räume möglich wäre«
    Er sah mich ungewiss an »Sie haben wohl recht« hub er tiefsinnig an
»allein es lag etwas Tröstliches darin dass ich an Emmas Nähe in dem Zimmer
das sie so liebte glauben konnte Ich war deshalb an die Burg gefesselt die
sonst auf mich drückt«
    »Warum« fragte ich »wollen Sie die geliebte Nähe da bezweifeln wo Sie sie
warm und lebendig empfinden Die Erinnerung hat beselende Kraft und es gibt
geweihte Plätze an denen sie mächtiger ist als an andern Wenn ich das
Gespenstische bestreite so lasse ich darum dem Geistigen sein volles Recht«
    »Gewiss Gewiss« erwiderte er zerstreut Sein Blick hatte Ihr Miniaturbild
Elise in der Fenstervertiefung entdeckt Es ängstigte ihn augenscheinlich dass
er öfter darauf hinsehen musste Er griff nach seinem Hut »Leben Sie wohl«
sagte er voll Innigkeit Ich reichte ihm die Hand Er schüttelte sie bewegt aber
eilig und ging mit den Worten »Ich komme wieder Bald Morgen vielleicht«
    Er war fort Ich behielt einen undeutlichen Eindruck von ihm Glauben Sie
mir er ist sich selbst nicht klar Die Tannenhäuserin war vor einer Stunde
hier Sie erzählte gestern Abend sei Walter zu ihr gekommen und habe gesagt
Als er ohnlängst am neuen Bau bei Wehrheim vorüber ging die halbaufgeführten
Mauern die Steine am Wasser die großen Quader zur Treppe und was sonst noch an
Material herbeigeschaft war bedauernd ansah und bei sich dachte dass nun
diese Mühe auch umsonst gewesen die großen Anstalten zu nichts führten und
alle gemachten Pläne der Besitzer wie die kurze Ehe und das häusliche Glück in
Stücken umherlägen da sei Jemand durch das alte Tor was noch stehen
geblieben hindurch auf die Baustelle geritten Dort stieg der Reiter vom
Pferde und dieses am Zügel haltend stand er eine Weile vor dem angefangenen
Gebäude als durchlaufe er mit den Augen die Umrisse wie den ganzen Entwurf
desselben
    Walter erkannte trotz der Dämmerung und dem bewölkten Himmel den Grafen
Er wollte ihn nicht stören trat deshalb zurück hinter die Stützen des Gerüstes
Jener glaubte sich allein er machte eine heftige Bewegung mit dem Arm indem er
sich abwandte als wolle er das Nichtige und Vergebliche menschlicher Vorsätze
ausdrücken Der Trauerhandschuh den er abgezogen hatte und nicht fest zwischen
den Fingern hielt flog hierbei seitwärts auf die Spitze einer Stange oben am
Gerüst der Graf sah in die Höhe Die schwarze Hand welche gleichsam in der
Luft zu schweben schien und wie ein Wahrzeichen herabdrohte mochte ihn
erschrecken er warf sich eilig aufs Pferd und sprengte davon
    Walter gestand dass auch ihm die schwarzen herüberhängenden Finger vom
Winde bewegt ein Grauen eingejagt und er sich rasch auf und davon gemacht
hätte
    Beide die Tannenhäuserin und er redeten noch mancherlei über die
Umwandlungen in der gräflichen Familie als es ans Fenster pochte und eine
bekannte Stimme fragte ob der Graf hier sei Die Wirtin öffnete das Haus
Birkner Hugos Kammerdiener war es Einige Schritte weiter hielt dessen
Jagdwagen Er war bepackt und die Laternen angesteckt
    »Ihr Herr ist nicht hier« sagte die Tannenhäuserin »allein mein lieber
Birkner Sie scheinen reisefertig wollen Sie den Grafen nur abholen um ihn von
hieraus auf längerer Fahrt zu begleiten«
    »Das weiß der Himmel« versetzte jener »ob heute endlich etwas daraus wird
Wir packen seit ein Paar Tagen Abends und Morgens und kommen nicht von der
Stelle«
    Es pfiff hier hell durch den Wald »Aha« rief der ungeduldig Wartende »da
ist er nun wollen wir sehen wohin wir unsere Schritte lenken werden«
    Hugo kam langsam von der Seite herbei geritten »Kehre nur um« sagte er
halblaut »Ein andermal Ich reite voraus«
    Er grüßte nach dem Hause zu in welchem er Jemand stehen sah
    »Da haben wirs« flüsterte Birkner mit den Achseln zuckend »Das ist ein
Elend kein Wille und kein Entschluss Wozu denn nur die unnützen Befehle und die
Plackerei Zur Ausführung kommt es doch nicht«
    Hugo wandte hier sein Pferd und kam gerade auf das Haus zu »Sind Sie noch
auf den Beinen« sagte er bei seiner alten Freundin anhaltend »Guten Abend
guten Abend« fügte er leutselig hinzu »Ich konnte doch nicht ohne Gruß
vorüberreiten«
    Es entspann sich nun bald ein Gespräch zwischen Beiden das freilich von
seiner Seite einsilbig wie immer blieb doch veranlassten ihn die Fragen der
dreistgemachten Frau ob er denn wirklich verreisen wolle und wohin was am
Ende aus den schönen Gütern und dem angefangenen Hausbau werden solle ob er es
mit ansehen könne dass Alles unvollendet liegen und Mühe und Arbeit umsonst
bliebe Zu der schmerzlichen Wiederholung der Worte dass Alles unvollendet
liegen bliebe »Ja ja meine gute Frau« setzte er schwermütig hinzu »das
geht im Leben nicht anders Es zerstört unsere Arbeit wie uns selbst Gute
Nacht« sagte er dann weich und im Wegreiten bemerkte er »Ich bin noch nicht
weg Wer weiß Gute Nacht gute Nacht« Und damit ritt er fort
    Liebe Elise das ist Alles was ich Ihnen über Hugo mitzuteilen weiß Ich
habe ihn vor Ihnen sprechen und handeln lassen Sie selbst werden ihn
beurteilen Sagen Sie mir doch nur recht bald wie Sie in sich Ruhe und Mut
wiederfanden Ihr letzter Brief hat mich sehr erschreckt
 
                                 Elise an Hugo
Wenn es möglich wäre dass ein Brief von mir Sie störte wenn ich denken müsste
die Erinnerung an mich sei Ihnen jetzt peinlich ich würde weder Sie noch mich
verstehen
    Man will mir etwas Ähnliches glauben machen Aber ich glaube es nicht
    Ihr Schweigen das jene Mutmaßung rechtfertigen könnte beweist mir nichts
als dass Sie meiner nicht so gewiss sind als ich Ihrer Das ist freilich schlimm
Mein Gott sollten wir uns in dem Augenblick missverstehen wo ein entsetzliches
Unglück uns aus der Welt hinaus stößt und zu gemeinschaftlichem Schmerz
verbindet
    Klügeln wir nicht Hugo die Zeit der Täuschung ist vorbei es hilft nichts
unschuldiger sein zu wollen als das Bewusstsein es erlaubt wir wir tödteten
Emma
    Können Sie noch in ein anderes Auge sehen als das meinige das allein Ihr
Elend und Ihre Reue zurückspiegelt
    Nein wir sind unzertrennlich
    Was Sie auch tun was Sie den Freunden den Nächstgebliebenen auch sagen
mögen es kennt Niemand wie ich den Faden von dessen ersten Verknüpfung
Schlinge in Schlinge sich schürzte bis das ganze unzerreissbare Netz über uns
alle ausgespannt lag
    Wer wird es Ihnen wer wird es mir glauben dass wir unwissend fehlten
    Keiner Keiner ich bin es gewiss
    Mit wem wollen Sie denn sprechen wenn Sie auch den Ton meiner Stimme
scheuen In wessen Herz suchen Sie Antwort auf tausend ängstliche Fragen die
Entsetzen und Schmerz in Ihnen heraufrufen Seit wann fürchten Sie die Liebe
Wissen Sie sonst noch etwas auf der Welt das Sie ihr an Größe und Herrlichkeit
zur Seite stellen könnten Haben wir es denn nicht eben jetzt erst erfahren dass
man aus Liebe sterben doch die nicht missverstehen kann die man liebt
    O Hugo wie sollen wir vereinzelt auf dem schwebenden Erdball stehen der
uns auf und abwärts schnellt Und stehen in sich bestehen will doch der
Mensch Sie wollen es auch Sie sind nur mit der innern Heimat zerfallen
Können Sie den Weg zu ihr nicht wiederfinden
    Dass jener erste Riss uns auseinander hielt das war natürlich Sie hatten
Manches gut zu machen Sie konnten es vielleicht so lange Emma atmete lag der
Friede dieser schönen Seele auf Ihrem Gewissen Sie durften annehmen dass ich
Sie hierin verstand Ich hatte Ihnen auch damals nichts zu sagen denn von dem
Augenblick an da ich mich selber erkannte suchte ich Sie nicht mehr auf dem
betrüglichen Schauplatz wo wir uns beide verirrten Wo ich Sie suchte da
blieben Sie mir unverloren
    Jetzt jetzt ist alles anders Es gibt nichts mehr zu schonen nichts mehr
zu tun Keines Menschen Verzeihung zu gewinnen Jedes Band ist zerrissen Wir
lösen uns auf in Nichts wenn wir nicht aneinander halten
    Das werden Sie mir nicht sagen das werden Sie nicht denken wollen dass
Alles Alles das kurze warme helle Leben Lüge war Und wenn die innige
Zuneigung die zärtliche Verehrung  ach wenn das was ich nicht nennen kann
dies einzig Wahre bleibt in dem schaudervollen Wechsel des Daseins wie dürfen
Sie es verleugnen in dem Wahne die Vollendete dadurch zu beleidigen
    Antworten Sie mir Hugo Sagen Sie mir ob ich auch von Ihnen geträumt habe
Sophie wird mir Ihren Brief zuschicken
 
                                    Antwort
Ich weiß es nicht Elise ob wir beide geträumt haben ich weiß auch nicht ob
ich nicht noch träume Oder jetzt und damals vielleicht nicht
    Vergeben Sie mir wenn es dumpf und öde in mir ist Es bleibt nicht immer
so aber ich halte diese Stimmung fest denn eine andere  
    Haben Sie gelesen Elise die stillen bescheidenen zärtlichen Worte Ja
wohl die Erde zieht einen Vorhang zwischen uns Gott lässt ihn fallen Was
sollte auch der Engel an meiner Seite Ich hatte keinen Sinn für diese einfache
Güte Erkennen musste ich sie wohl doch empfinden  empfinden  wer empfindet
den Andern in seinem geheimnisvollen Selbst
    Die Liebe könnte es Die Liebe Ist mir doch als wäre sie auch ein Traum 
    Ich glaube es ist von allen Seiten ein Vorhang zwischen mir und dem Himmel
gefallen Es fehlt viel sehr viel dass uns die Sonne allgegenwärtig bliebe Es
gibt lange lange Nächte in unserm Leben Wir wissen darin nichts von Licht und
Wärme und sind so eingehüllt in Finsternis so träge so schläfrig dass wir uns
auch nicht einmal danach sehnen
    Lassen Sie mich so liebe Freundin Besser nichts von sich zu wissen als zu
viel
    Sehen Sie wohl ich hatte Ihnen gar nichts Neues zu sagen Darum schwieg ich
auch Sie müssen wissen ich bin ganz mit den Worten überhaupt zerfallen
seitdem ich einsah dass der Mensch ihrer nicht immer Herr ist Sie strafen mich
nun dafür Ich finde selten eins das ich gebrauchen könnte mich verständlich
zu machen Mich dünkt auch Sie Elise sollten ihnen misstrauen Auch in Ihnen
spricht die Seele anders als es die Lippen auszudrücken vermögen Warum ach
warum bleibt Vieles nicht ungesagt  Auch jetzt  Es ergänzt das Gefühl
lieber als dass es den scharfen Klang vernimmt
    Vergeben Sie Mein Inneres ist wund der Hauch des zartesten Grusses verletzt
mich Wie muss doch Alles anders sein denn ehemals  nicht wahr wir verstanden
einander immer
    Ich will hinaus ins Freie gehen Ich will mich besinnen Vielleicht wird es
wieder wie ehemals    
O Elise was haben Sie getan Sie haben gerufen und ich bin dem Tone gefolgt
Nun bin ich elender als vorher
    Ich war bei Ihnen drüben in Ihrem Hause in Ihrem Garten zum erstenmale
seit langer langer Zeit Sonst wenn ich das Dorf von fern liegen sah dann
schreckte mich die Öde drinnen Ich wandte das Auge ab wie man es einst beim
Scheiden von der Welt wenden wird mit sonderbar entzücktem Grauen Was war auch
hier geschehen Was hatte ich nicht erfahren Vom Jüngling alterte ich zum
Greis Hier sah ich mein Glück versinken
    Heute widerstand ich nicht Es lockte mich ich weiß nicht was Ich ging den
Pfad der durch die Wiesen führt der schmale Graben mit seinem grünen Rande und
den tausend Vergissmeinnicht vom Grase halb verdeckt die roten Federnelken
der feuchte Hauch des rinnenden Gewässers es duftete wie an den kühlen Abenden
wo ich Sie von der Burg zurückgeleitete Nun stand ich unter der alten
breitgewipfelten Weide rechts schlängelte sich der Bach jenseits winkten die
Erlen Da ist der kleine Steg noch ein Schritt und ich bin in Ihrem Garten
    Kommen Sie o kommen Sie nie wieder hierher Erst Monate sind es und schon
verwildert verwachsen mit Gestripp überzogen kaum die Wege noch kenntlich wo
Ihr Fuß gewandelt
    So schnell ist das Leben im Zerstören so geschwind verwischen sich Spuren
    Ich war ganz irre geworden Ich bog die Zweige auseinander ich wandt mich
hindurch Da lag das Haus Türen und Laden geschlossen hohes Gras auf der
Terrasse keine Ihrer Blumen mehr zu sehen die Kübel leer Georgs kleine
Giesskanne umgestürzt in einem Winkel unter der Tonne am Giebel Spaden und Hacke
daneben nichts lebte hier als die alte Ziege und der Pfau den man beiden
vergönnte die blumenlosen Beete zu berupfen
    Ausgestorben ausgestorben das war das einzige Wort das mir aus allen
Ecken entgegen schallte Ich setzte mich auf die steinerne Bank vor dem Hause
Ich saß so lange Es ward spät Da hustete etwas und schurrte langsam mit
stolperndem Schritte heran Es war der alte Gartenknecht Karl der so oft das
Tor hinter mir schloss wenn ich Abends spät wegritt Er erschrack da er mich
sah so fremd war ich ihm geworden Das Leben macht die Zeit kurz oder lang
Hier war kein Leben mehr Ich grüßte ihn »Wer hat die Schlüssel zum Hause
lieber Mann« fragte ich Er entgegnete »Sie sind auf dem Amte aber ich
schlafe hier unten und kann durch die Seitentüre hinein und so sind alle
Zimmer zugängig« Er merkte wohl was ich wollte und ich dass er mich
verstanden »Wollt Ihr so gut sein Alter« sagte ich »Gern« erwiderte er
Wir traten in die unteren Gewölbe »Warten Sie« bat er »ich muss erst ein Licht
anzünden oben sind die Laden geschlossen es dunkelt schon und man sieht da
nicht wo man hintritt« So gingen wir die Seitentreppen rechts hinauf jener
voran ich hintendrein Wie unsere Tritte durch das leere Haus schallten wie
jedes gesprochene Wort so hohl klang Er öffnete Ihr kleines Gartencabinett
Elise Das kleine Lichtstümpfchen das wir hineintrugen warf nur fahlen
Schimmer umher »Lass Er« rief ich und drängte den Mann und das Licht hinaus
»Wie Sie befehlen« entgegnete er Ich zog die Türe hinter mir zu Ich war
allein Der Duft Ihrer Blumen Ihre englischen Bücher die bekannten Gegenstände
auf Ihrem Schreibtisch kurz der Atem Ihrer Welt Ihrer lebendigen Nähe wehte
mir entgegen Ich warf mich auf das kleine Sopha am Ofen Die Kissen lagen noch
so zusammengeschoben wie Sie solche zur größeren Bequemlichkeit gewöhnlich
legten
    Was soll ich viel von dem Schmerze reden der mich ganz ganz gefangen nahm
Einen Augenblick vergaß ich Alles Ich wusste nicht ein Wort von der Welt außer
uns Dann kamen andere Gedanken andere Vorstellungen Ich sprang auf Ich
verließ das liebe kleine Gemach mit einer Angst als läge die Hölle auf mir
Der gute alte Mann draußen sah mich halb verwundert halb befremdet an Ich
mochte geweint haben Ich weiß es wahrhaftig nicht Ich gab ihm Geld Wir
schieden Er sagte mir beim Hinausgehen »Wenn Sie sonst wollen das Pförtchen
ist niemals verschlossen auch kommt sonst Niemand hierher« Ich dankte ihm
herzlich
    Nein Elise nein dahin gehe ich nicht wieder Den ganzen Rückweg über
musste ich mir immer wiederholen »Alles tot Alles tot Und Die auch Du hast
sie beide auf deinem Gewissen«
    So ist es gewiss so ist es Wie ward Ihr Geschick so unheilbar zerstört
Und war ich es nicht hatte ich denn Ruhe bis meine unselige Hand den Wahn
zerriss der Ihr Bewusstsein verhüllte Konnte ich noch zweifeln Empfand ich es
nicht was Ihre schönen Lippen mir unter belebendem Entzücken endlich bekannten
O es war doch ein seliger ein unvergesslicher Augenblick  Was wundern wir uns
wenn eine Welt untergeht während eine andere sich Raum schafft Wie Sie liebe
Freundin mir jetzt so deutlich aus der Erinnerung heraufsteigen
»Ungrossmütiger« sagten Sie im ersten Augenblicke zürnend »Sie wussten es
lange Musste Ihnen erst das Opfer meiner Ruhe die Gewissheit besiegeln« Sie
verließen mich voll Unmut Ich war beschämt Sie hatten recht Eine Weile stand
ich verlegen vor mir selber Ich ahndete dass diese Minute viele andere geweiht
hatte die allmählig das Bisherige umgestalten würden Aber ich war zu
glücklich um bereuen zu können So roh ist der Mensch und so läppisch Immer
greift er aus dem Traume heraus und was ihm die innere Offenbarung gibt das
soll das Leben erst wahr machen
    Ja es macht eine Wahrheit daraus Aber eine entsetzliche vor der man den
Verstand verlieren kann
    Nein es taugt mir nicht wenn ich die Burg verlasse Ich kann die Luft
außerhalb nicht mehr ertragen Darum bleibe ich Erst wollte ich gleich fort
Wohin wusste ich freilich nicht Aber der Kranke sucht die Stelle wo er besser
stiller zu liegen glaubt Es kam anders Eine Kleinigkeit vielleicht ein
Zufall gewiss ein Zufall genug ich blieb Der gute Oheim braucht mich doch wohl
noch So lange er lebt baut er seine alten Pläne von Begründung und Forterben
des Begründeten weiter in die Zukunft hinein Nun ich werde ihm bauen helfen
das neue Schloss in Wehrheim darf so nicht liegen bleiben Ich werde Sorge
tragen dass die Arbeit vorwärts geht Was dann daraus wird Mir einerlei An
mich denke ich nicht das sehen Sie wohl da ich bleibe und baue
    Was treiben Sie denn Liebe Wie betrügen Sie die Zeit um ihren trägen Lauf
Sind Sie noch bei der Dame von der Sie einmal sagten »Sie trüge wie eine
Ameise immer ein Stückchen Dasein zum andern und hätte so einen Vorrat von
Brocken Zum Genießen aber bliebe ihr keine Musse«
    Sie sehen ich habe ein gutes Gedächtnis und wiederhole mir gern was ich
von Ihnen hörte
    Seit ich in Ihrem Kabinett saß kommen mir soviel der frühern Gedanken und
Worte Aber hier in der Burg schallt es und es ist zwölf Uhr Mittags die
Glocken läuten eine volle Stunde In der Kapelle liest der Prior Emmas
Todtenmesse 
    Ich versichere Sie unter solchen Klängen kann sich ein Herz tropfenweis
verbluten
 
                                 Elise an Hugo
Ich danke Ihnen lieber Hugo Sie geben mir den alten Glauben wieder Sie sind
nicht kleiner geworden im Unglück Sie verleugnen weder Ihr Herz um dem
Gewissen zu entlaufen noch denken Sie daran beide durch Vergessen auszusöhnen
Sie sind wahr wie immer selbst in der matten Lauheit mit der Sie auf mich
wie auf den Frühling Ihrer Gefühle zurücksehen Wie viel lieber ist mir der
schlummernde Hugo als der klügelnde sich und mich verhöhnende
    Lassen Sie es immer sein dass Ihnen jetzt die Brust so leer scheint Wenn
ein Freund uns verlässt so sehen wir die andern nicht gleich aber begegnen wir
Ihnen so fühlen wir dass die Freundschaft uns immer nahe blieb
    Ihr Brief würde Manchem bange machen Aber mir ist er so wert so teuer
Er ist wie Sie selbst Was Sie berührt das ergreift Sie ganz und Sie fassen es
wieder so Ich habe Sie immer geliebt in dieser Vollständigkeit Ihres
Empfindens Lässt denn am Ende auch die Begeisterung nach spurlos zieht nichts
durch sie hin
    Sie sagen mir dass Sie auf der Burg bleiben Sie dürfen sie auch nicht
verlassen jetzt nicht Könnten Sie wohl den kummervollen Greis dort einsam
wissen und umherziehn ohne Absicht ohne Zweck Was zöge Sie in die Ferne was
reizte Ihre Tätigkeit Ist es dort nicht wie hier und entgehen Sie sich
irgendwo
    Hierin sind Sie zu beneiden Hugo Sie wissen doch wenigstens weshalb Sie
an diesem und an keinem andern Orte sind Ich weiß es nicht Das drückt mich am
schwersten dass ich so zwecklos gehe und komme dieses will und jenes lasse Es
bleibt am Ende ganz einerlei und mir kann es das ebenfalls sein
    Ja ich bin noch bei der guten geschäftigen Tante die immer weiß weshalb
sie aufsteht und niedersjetzt die Schlüssel in die Hand nimmt klingelt
bestellt und abbestellt Die Welt liegt auf ihren Schultern und schwerlich
erwacht der Herrscher großer Staaten am Morgen mit so viel unruhiger Besorgnis
als sie bis ihre Küche bestellt das Erforderliche ausgegeben und die
Besichtigung und Berechnung aller Vorräte geschehen ist Lachen Sie nicht
Hugo Mich rührt die unermüdete Tätigkeit und die eingebildete Größe ihres
Zweckes Glauben Sie mir es liegt viel Beruhigendes in solcher Beschränkung
    Ich spüre das in meiner jetzigen Lage Sie ist eng oft pressend aber man
wird so still darin Vielleicht matt Wozu hilft auch den Frauen die Kraft und
der freie umherschauende Sinn Sie werden doch nur frühe oder spät in ein
Zellchen über oder unter die Erde zurückgeschleudert
    Ich habe hier alle meine Schmerzen verweint und bin darüber eingeschlafen
Das Ableiern tagtäglicher Gewohnheitsworte die Fragen nach Wind und Wetter
nach gutem oder schlechtem Schlaf nach dem Gedeihen der Früchte dem Befinden
nützlicher Hausund Hoftiere die Verwunderung über die Nachlässigkeit eines
Domestiken und was sonst noch das beschränkte Leben hier bietet ich versichere
Sie es lässt wenig Anderes in der Phantasie aufkommen Allmählig nimmt man an
dergleichem Teil man spricht und hört so lange davon bis man sich damit
beschäftigt und es mit einer Art Beruhigung wahrnimmt dass weibliches Tun
nicht mit Unrecht dem Treiben der Bienen verglichen wird Solch Sumsen und
Wirren betäubt für den trügerischen Ruf nach hellern weitern Regionen
    Der Sohn des Hauses war eine Zeitlang hier jener Vetter Curd den Sie in
Ulmenstein und bei mir müssen gesehen haben Vielleicht wissen Sie nichts mehr
von ihm Es ist auch nicht viel von ihm zu wissen er selbst weiß am wenigsten
von sich Nun sehen Sie hier war er Etwas ein Sohn und ein Hausherr Sehr
viele Menschen die sich in der Welt verlieren nehmen ein Wesen und eine
Gestalt an wenn sie in die Umzäunung ihrer Grenze zurücktreten Ich mache nicht
viel aus den Geschöpfen die nur in einem Element atmen können und nirgends
anderwärts existieren indes urteilen Sie wie bescheiden mich mein jetziges
Loos macht ich sah den Vetter Curd nicht ungern hier Sein Anblick rief mir
andere Tage andere Personen andere Verhältnisse zurück und vollends seine
Pferde  Mein armer Georg ritt sogar auf des Vetters Pferde  Jetzt hat das
arme Herz wohl nichts nichts mehr woran sich ein fröhlicher Knabe erfreut
    Sein kleines Gartengerät sahen Sie umherliegen Hugo O sähe ich das
wenigstens Ich würde auch das runde Händchen zu sehen glauben das sich so
dicht um den Reif der Kanne zusammenpresste und doch die Hälfte des Wassers
verschüttete ehe noch die Stelle erreicht war wo es einen künstlichen Graben
füllen oder eingesteckte Reiser geschwind zu großen Bäumen wachsen lassen
wollte  Abgeschnittene Stückchen ohne Wurzeln in den steinigten Boden
verpflanzt waren Deine Wälder armes Kind Du träumtest Dich schon in ihren
Schatten und rittest auf der Haselgerte zwischen ihnen durch Hirsche und Rehe
zu jagen Wird Dein ganzes Dasein so wurzellos auf undankbarem Boden vergehen
    Wie kam es Hugo dass Sie an Georg erinnert ihn nicht aufsuchten Sehen
Sie das dumpfe Träumen in dem verwilderten Garten auf der verlassenen Stätte
im Hause passt nicht für Sie Wie anders könnten Sie der Freundin dienen würden
Sie der gute Engel des Kleinen Ich habe etwas Ähnliches wohl lange im Stillen
gedacht aber da Sie mir nichts zu sagen hatten so konnte ich Ihnen auch nichts
sagen und bat darum Curd zuweilen hinaus nach dem Amtof zu reiten und mir zu
schreiben wie es um das Kind stehe Es wird denn nun freilich an seinen
Berichten nicht viel sein Ich dachte aber immer ist es ein verwandtes Gesicht
nur eine Erinnerung aus der frühern Zeit die dem Verlassenen in dem ungewohnten
Leben Freude machen muss Und kann ich doch sonst nichts mehr für meinen Liebling
tun
    O wie das Kind auf meine Seele drückt Die weiche liebreiche Madame Lindhof
teilt mir Alles mit was ihren Pflegling betrifft allein sie sieht ihn
täglich mit älteren Knaben Georg verliert sich unter diesen Auch ist er stumm
wo er sich fremd fühlt und fremd werden ihm diese Kreise immer bleiben Manches
mag auch als Unart erscheinen was er nur nicht verständlich machen kann was
Niemand dort verstehen wird Es quält mich all den Widerspruch zu denken der
mit Tavanellis Eintritt begann und immer verwirrender fortgehen muss
    Wenn Sie wollten  sehen Sie zu Hugo wie Sie es machen was Sie tun
können
    Wie michs hebt und entzückt Sie und das Kind auf den Bahnen zu denken die
mir verschlossen sind Von Eduard kein Wort Auch an die Lindhof nicht Er weiß
fürchtet diese um deren Briefwechsel mit mir Der Prior kommt zuweilen nach dem
Amt Wenn mir von daher neue Leiden drohten Es ist doch ein Punkt unsers
gegenseitigen Vertrags dass der Knabe bis zum siebenten Jahre seiner jetzigen
Pflegerin verbleibe  Wenn  Umsonst macht der geistliche Herr seine
Spatziergänge nicht so oft durch die Erlen am Bache und in den Amtsgarten Der
Einfluss von daher wäre mir unaussprechlich peinlich Haben Sie ein wachsames
Auge lieber geliebter Hugo Sie der Sie alle Schläge dieses Herzens mit dem
Engel teilen der auch Ihr Liebling war Dulden Sie es nicht dass man dies
helle Gemüt verfinstere den aufrichtigen klaren Sinn zur Versteckteit und
Lüge reize
    Bin ich doch ganz wieder erwacht seit ich an Sie schreibe Regen sich doch
tausend fremdgewordene Wünsche und Gedanken in mir O Herz wie würde Dir sein
dürftest Du Dich nur einmal wieder  
    Aber weg weg mit solchen Bildern Die Tante rasselt mit den Schlüsseln die
Bodentüre knarrt Es regnet und die Wäsche muss trotz der Jahreszeit im Hause
getrocknet werden die Mägde und Weiber jammern beim Hinaufschleppen der Last
Was wird der außerordentliche Fall uns nicht heute alles bei Tisch reden lassen
 
                       Der Justizrat an den Präsidenten
Indem ich die Ehre habe Denenselben die Ausfertigung der Scheidungsakte hiermit
ganz gehorsamst zu übersenden bemerkte ich gleichzeitig dass der Rechtsanwald
Dero gewesenen Frau Gemahlin diese ebenfalls von der gerichtlichen Auflösung
ihrer stattgehabten ehelichen Verbindung in Kenntnis setzte so dass Sie
beiderseits nach Ablauf vorgezeichneter Frist zu einer zweiten Wahl zu
schreiten gesetzlich berechtigt sind
    Die schnelle Beendigung eines jeden Falls störenden Prozesses darf allein
Ihrer großmütigen Aufopferung zugeschrieben werden da diese Alles überging
was Leichtsinn und Unbestand an dem Selbstgefühl des beleidigten Gatten
verschuldeten
    Befriedigt in diesem Bewusstsein werden Sie geehrter Herr Präsident nichts
vermissen was Ihnen eine glänzende Laufbahn die Anerkennung der Welt und die
Verehrung der Bessern in dieser nicht vollwichtig ersetzen könnte In tiefster
Ergebenheit verharrend etc
 
                                 Hugo an Elise
Sorgen Sie nicht Liebe Ich träume nicht mehr Ich habe die einschläfernde
Trauer abgeworfen Der Schmerz ist kein Wahn aber die Klage ist eine Schwäche
Man beklagt Niemand als sich selbst Das Liebkosen der Seele nimmt dem Leid
seinen aufregenden Stachel Unter die Füße mit dem Geschick und frei gehoben
das Auge in die Welt hinaus die unser ist und die der Mensch gestaltet wenn er
sich nicht durch sie gestalten lässt 
    Ich fange wieder an zu leben Elise Der Bau in Wehrheim schreitet zum
Erstaunen vor Er soll beendet sein ehe der Winter uns überfällt Täglich bin
ich dort Die Leute jubeln über meinen Eifer Abends fahre ich auf kleinem
Fischerboot den raschen Strom hinunter Ich durchschneide pfeilschnell die
Flut Komme ich dann an Ihrem Garten vorbei dann lege ich dort an gehe eilig
nach dem Amtofe und hole mir Georg der schon die Stunden bis zu meiner Ankunft
zählt Wir sitzen dann Beide in dem kleinen Kabinett auf dem Sopha der Tisch
mit Baukasten und Soldaten steht vor uns Ich muss ihm erzählen während er das
neue Haus drüben in Wehrheim noch baut Gestern nahm ich ihn mit herüber im
Kahn Er sprang und klopfte vor Freude in die Hände Die ganze Zeit sprach er
von Ihnen und meine Gedanken erratend sagte er seitdem zuversichtlich »Für
Mutter ist das schöne Schloss drüben da will ich zu ihr reisen«
    Sehen Sie Elise das ist es was mich beseelt was meinem Mute Flügel
gibt Verstehen Sie mich Liebe Denken Sie sichs einen Augenblick Sie dort
wohnend das Kind in Ihrer Nähe ich auf der Burg jeder Augenblick unser Ich
komme ich gehe wir gehen mit einander wir besuchen die gute Madame Lindhof
sie besucht Sie wieder Georg mit ihr wie natürlich unsere Gespräche unsere
Beschäftigungen begegnen sich wie ehemals Der Garten in Wehrheim wird ganz Ihre
Schöpfung Sie pflanzen räumen weg was Ihren Plänen entgegen ist Ich helfe
Ihnen bald fassen Blumen ohne Zahl den frischen Rasen ein Springbrunnen
leicht von dem Strom herbeigeleitet nässen den grünen Abhang Hier findet Georg
seinen Spielplatz Sie sitzen vor dem Hause unter schattigen Arcaden und haben
ihn stets unter Augen ich lese Ihnen vor zeichne was Sie Neues in Gedanken
entwarfen Wir sprechen darüber ich werfe Ihnen Dies und Jenes ein Sie
widerlegen meine Gründe der Streit gibt der Unterhaltung neues Leben ich kann
nicht nachgeben und Sie tun doch was Sie wollen denn ich ende damit die
Ausführung in Ihre Hände zu legen
    Oder Sie sind allein Sie erwarten mich Ich bleibe lange aus Ihr liebes
Auge liegt unruhig auf dem silberhellen Fluss Vom jenseitigen Ufer soll ich
herüberkommen Kein dunkler Punkt bewegt sich auf den glänzenden Wellen Sie
sehen und sehen und werden ungeduldig Da macht Sie naher Ruderschlag von der
Seite des Dorfs aufmerksam Sie gehen hinunter bis zum Ufer dort rechts wo die
Birken am Vorsprunge der kleinen Insel ihre wallende Zweige niedersenken
rauscht mein kleines Fahrzeug heran Ich sehe Sie und bin Ihnen nun im
Augenblick ganz nahe Scheltend empfangen Sie den Freund doch müssen Sie ihm
verzeihen denn Sie kennen ihn zu gut Sie wollen ihn auch nicht anders als er
ist ängstigend darf ihn keine Rücksicht befangen und könnte er die Freiheit im
Handeln opfern er wäre nicht mehr derselbe Deshalb war auch die Ungeduld nicht
Zorn gesteigerte Erwartung nenne ich sie lieber und wie nun der Erwartete
kommt ist das Wölkchen verschwunden
    Denken Sie sich das Alles in dem Verhältnis einziger großer umfassender
Zuneigung sehen Sie die tiefe Ahndung solchen Bundes wie wir ihn immer
gedacht wie er uns in unzähligen Gesprächen vorgeschwebt fragen Sie sich ob
irgend eine von den gewöhnlichen Armseligkeiten die den Menschen gefangen
halten dagegen ausreiche
    Sind Sie doch frei Elise Ich weiß es Keine Notwendigkeit bindet Sie an
den Ort Ihres jetzigen Aufenthaltes Und welch ein Aufenthalt Wollen Sie sich
wirklich so hart strafen den edlen klaren Geist an der gemeinen Alltäglichkeit
des Lebens abzustumpfen Geben Sie doch den Torheiten des Vorurteils nicht in
dem groben Irrtume nach als könne die Ertödtung dessen was uns Gott ähnlich
macht Gott gefallen Was heißt denn Busse Fragen Sie einmal die Weisen die
soviel davon reden ob ihnen je der Begriff klar aufgegangen ist
    Glauben Sie mir ich habe in dieser langen gedrückten Zeit viel hierüber
mit mir zu tun gehabt Alles Leere Nichtige Abgerissene und darum
Selbstische büsst der Mensch durch Erfüllung oder Nichterfüllung seiner Wünsche
Beides kann Strafe werden Doch was das Eigentum seiner heiligsten
Überzeugung was sein frei gewordenes Dasein was der Ursprung wie der Zweck
seiner Erdenlaufbahn ist das gibt er nur zum Scheine den Umständen hin Der
Trieb der ihn zum zweitenmale im Bewusstsein erschuf der stirbt nicht den
verhüllt die Gewalt andrängender Ereignisse wohl eine Weile aber was ist das
ist Es lassen sich nur Abkömmnisse mit ihm schließen zu besiegen finden wir im
Kampf der Wahrheit nichts als die Lüge
    Es wäre himmelschreiend wollten Sie sich glauben machen Sie seien von dem
Gott der Ihnen diese Seele einhauchte verdammt sich in die Knechtschaft der
Bedürftigkeit zu schmiegen um es zu büßen dass Sie dachten und empfanden wie
das Kind seiner Gedanken Ich habe Ihren Brief Elise in demselben Zimmer
gelesen auf derselben Stelle wo Sie mir sagten »Ich kann alles hingeben was
man von mir fordert doch die Fähigkeit Sie in Ihrem innern und äußern Tun zu
begleiten die lasse ich mir durch kein Schreckbild des Vorurteils rauben«
    Glauben Sie in der willkührlichen Haft den Gebrauch jener Fähigkeit zu
bewahren
    Elise sein Sie gewiss wie Strick und Band den Gliedern ihre geschmeidige
Beweglichkeit rauben so geht es dem Geist der unterdrückt ist und den Käfig
über sich zufallen lässt
    Und nun noch ein Wort über Georg Das zarte besondere Kind fordert Ihre
ganze Aufmerksamkeit Er ist ich leugne es Ihnen nicht er ist anders geworden
langsam stille abgesondert schließt er sich nur selten und dann heimlich und
nur für Augenblicke auf Sein Anblick machte mir den Eindruck einer fremden
köstlichen Blume die in einen Gemüsgarten verpflanzt die grobe Erde und die
wuchernden Nachbarpflanzen zurückhalten Seine gute treue Pflegerin ist von
jener weichlichen Sorgfalt für ihn die Alles tut aber das Rechte nicht
trifft Sie wacht mit steter Sorgfalt über jeden seiner Schritte er wagt
deshalb selten einen ungewöhnlichen ja ich finde ihn ängstlich die Augen
fragend auf die Großmutter was Madame Lindhof auch für ihn ist gerichtet Als
ich ihm das Erstemal mit dieser begegnete ward er ganz rot tat blöde und
antwortete mir gar nicht Ich überließ ihn sich selbst Nach einer Weile schlich
er um mich herum ging neben mir fasste meine Hand und als es Niemand hörte
fragte er nach Ihnen Ich erwiderte dass ich Sie lange nicht gesehen hätte er
wisse ja Sie seien verreist Ich im Gegenteil wolle von ihm hören wann Sie
wiederkommen würden Ich bereute das Letztere gesagt zu haben denn der arme
Kleine sah zu Boden und blieb eine Strecke hinter uns zurück um unbemerkt
weinen zu können Es musste ihm sehr wehe tun sich wieder einmal in seinen
Erwartungen getäuscht zu finden
    Er tröstete sich aber als wir jetzt in das Haus traten welches er so lange
nicht besuchen durfte weil die gute ängstliche Frau den Eindruck scheute den
das Wiedersehen der geliebten Stätte auf ihn machen könnte Sie hatte ganz
falsch vorausgesehen Das Kind lebte hier auf Es war seine Welt in die es
zurückkehrte Er sprang und jubelte in den Zimmern umher und war nur durch das
Versprechen morgen wieder mit mir hierher zurückzukommen zum Weggehen zu
bewegen
    Liebste Elise können Sie säumen den schönen Knaben aus seiner wunderlichen
Abspannung herauszureissen
Bis hierher hatte ich geschrieben Mir war das Herz warm und bewegt geworden
Ich hielt nicht mit mir allein aus Das Wetter war unfreundlich die Sonne schon
untergegangen ich trat ans Fenster Drüben im andern Flügel brannte der große
Kamin hell in des Oheims Zimmer Der Schatten von Jemand der aufund
niederging verdeckte die Flamme augenblicklich Das ist er dachte ich der
einsam wie du die Stunden an sich hinziehen lässt Ich eilte zu ihm hinüber Er
lächelte angenehm überrascht als ich die Türe öffnete »Guten Abend« sagte er
sehr weich indem er mir die Hand entgegen streckte Er rückte mir selbst den
Armstuhl dem seinigen gegenüber am Kamin zurecht Wir setzten uns »Ich war
heute in Wehrheim« hub er nach einer Weile an »Die Arbeit rückt ja gewaltig
vor Ich freue mich dass Dich das beschäftigt« setzte er hinzu »Nun«
entgegnete ich »es ist eine Aufgabe so lange man sie zu lösen bemüht ist
beschäftigt es freilich«
    »Du hast eine Absicht dabei« sagte er und einen Augenblick innehaltend
fuhr er fort »Ich begreife es sehr wohl dass Du Deiner Neigung gemäß frei und
eigentümlich zu wohnen und zu leben gedenkst Wir werden ja darum doch nicht
geschieden sein« lächelte er mir aufs neue die Hand reichend Ich beugte mich
über die väterliche Hand die mich so schonend in Schmerz und Widerwärtigkeit
berührt hatte ihn fest versichernd dass ich gar nicht daran denke die Burg zu
verlassen und nur beenden wolle was er mir anzufangen erlaubte Er sah mich
überrascht an Wieder im Sessel zurückgelehnt meinte er ich gliche doch oft
meinem seligen Vater außerordentlich
    Er hätte mich an diesen gerade jetzt nicht erinnern sollen Es erkältete
mich unwillkürlich dass er der Ähnlichkeit so nebenbei erwähnen konnte
Wahrscheinlich erriet er mich denn war es nun das Feuer oder trieb ihm das
Blut vom Herzen nach dem Kopfe genug er schien zu erröten da er jetzt die
Hand vor die Augen hielt als schirme er diese vor der Flamme
    »Sage mir doch« bat er hierauf »was ist denn an dem Gerede das unter den
Leuten umherläuft von einer schwarzen Hand die den Vorübergehenden eines
Morgens von dem Gerüste herabgewinkt und sie von der Stelle weggescheucht haben
soll Nach einer stürmischen Gewitternacht setzt man hinzu sei sie sichtbar
geworden so als schleudre sie der Blitz herab was denn für ein drohendes
Zeichen angesehen und dem Bau nichts Gutes geweissagt wird insbesondere da
man Deinen erwachten Eifer ihn zu vollenden für Trotz hält und ihn frech
schilt«
    Ich lachte ob mir gleich die Sache an sich und wie sie sich zugetragen
einen ganz andern Eindruck zurückgelassen hatte »Sie sehen wohl« sagte ich mit
leichtem Achselzucken »dass eine bloße Zufälligkeit dem Verlangen nach
Spukereien Vorschub leisten musste Unsere Geistergeschichten haben einen sehr
materiellen Boden es wird mit aller Mühe nichts Geistiges daraus« Ich erzählte
ihm nun dass mir auf einem nächtlichen Ritte nach Wehrheim bei einer heftigen
Bewegung mit dem Arme der abgezogene lose in der Hand gehaltene schwarze
Handschuh entfahren und auf einer Stange des Gerüstes hängen geblieben sei »Es
ist wahr« fuhr ich fort »es hatte etwas Erschreckendes und ich trug auch
Sorge am folgenden Tage in aller Frühe den Handschuh von der Stange herabnehmen
zu lassen was vielleicht nur dazu diente die Sache unaufgeklärt zu lassen«
    »Ich dachte es wohl« erwiderte der Komtur Aber er ward still und es
fiel mir auf als er nach einer kurzen Pause während welcher wir beide jeder
auf eine eigene Art beschäftigt in das Feuer sahen äußerte »Das
Zusammentreffen offenbarer oder verborgener Umstände hat seine Bedeutung die
der Mensch voraus empfinden will und deshalb übereilt er sich im Urteil oder
quält sich mit Ahndungen«
    Er war hier aufgestanden und ging den Kopf gebeugt die Hände auf dem
Rücken wie Sie seine Art kennen in dem großen hohen grauen Zimmer auf und
ab Ich folgte ihm mit den Augen der Raum den er durchschnitt war mir noch
nie so weit so leer wir beide einsame Menschen nie so vereinzelt vorgekommen
»Wollen wir eine Partie Schach spielen« fragte ich ebenfalls meinen Platz
verlassend
    »Gern sehr gern« war die Antwort Ich suchte den kleinen Tisch mit der
gefächerten Platte an dem wir sonst so oft spielten Er müsse im Nebenzimmer
stehen meinte der Komtur Ich ging dahin fand ihn aber nicht »Ach ich
besinne mich jetzt« rief ich und stutzte unwillkürlich
    In Emmas Zimmer hatten wir das Letztemal gespielt Der Oheim verstand mich
»Lass es« sagte er »ich will  « »Bewahre« versetzte ich beschämt Ich
zündete ein Licht an und eilte durch den Seitengang die kleine Wendeltreppe
hinauf in das vordere Turmzimmer Elise hier saßen wir wenige Tage vor
Emmas Abreise sie lag in dem anstoßenden Kabinett auf ihrem Ruhebette die
Mutter las ihr vor der Arzt und ich führten Krieg auf den schwarzen und weißen
Feldern der Komtur auf und abgehend wie heute begleitete mit klugem Blick
unsre Züge Es war sehr heiß im Zimmer man durfte der feuchten Luft wegen die
Fenster nicht öffnen Ich hörte Emma sagen »nehmen Sie mir den Shawl ab ich
verbrenne«
    Mein Gott die verschlossene Luft war wieder so drückend und gepresst sie
lag zentnerschwer auf meiner Brust Ich sah umher nach dem Tischchen Man hatte
ohnlängst hier geräumt und die Gemächer gereinigt das Gerät stand
zusammengeschoben in den Winkeln Ich fand endlich was mich hierher führte
doch neben Emmas Ruhebett den Shawl jener amarantfarbene den ich ihr
geschenkt und den sie so liebte dass sie ihn immer trug hing über die Kissen
der Rücklehne Das grelle Rot schnitt mir durch die Seele Ich sah das bleiche
Gesichtchen an das sich die Falten des Tuches einst schmiegten ich hörte das
»Ich verbrenne« mit dem Ausdruck des Unvermögens es länger ertragen zu können
wieder und fühlte die Gluten die das beste Herz verzehrt hatten
    Den Shawl über dem Arm das Tischchen in der Hand eilte ich hinunter zum
Oheim Er sah mich erst verwundert an dann wurden seine Züge sehr weich er
umarmte mich ich fühlte seine Tränen auf meiner Wange Leise als scheute er
sich ein Heiligtum zu entweihen berührte er mit den Spitzen der Finger das
traurige Andenken »Es ist dies ein heller Gruß Hugo« sagte er »ein
leuchtender Lebensschmuck und recht ein Gegenstück zu der schwarzen Hand
welche die Leute gerne dem Zorne der Abgeschiedenen zuschreiben möchten« Ich
drückte die seinige als er hinzusetzte »Zorn war nicht in dieser Seele und so
wollen wir denn lieber dem freundlichen als dem drohenden Anzeichen für die
Zukunft trauen«
    Wir hatten eben unser Spiel angefangen als der alte Baron Wildenau gemeldet
ward Der Mann ist von unleidlicher Beschränktheit und Breite Ich hatte ihn in
Ewigkeit nicht gesehen konnte mir denken dass er der Unglücksfälle des Hauses
ungeschickt erwähnen würde stellte mir vor es sei ein Trauerbesuch auf den er
sich seit sechs Monaten bis heute am späten Abend besonnen habe und geriet in
innere Verzweiflung
    Es war aber anders
    Der Baron trat gebeugt mit kummervoller Miene und gesenktem Blick zu uns
ein Gegen seine Gewohnheit in Stiefeln und Überrock zeigte der etwas
vernachlässigte Reiseanzug dass weder die Burg noch ein formeller Besuch der
Zweck seiner späten Abendfahrt sein konnten
    »Ich komme« sagte er nach der ersten Begrüßung neben uns niedersitzend
»zur ungewöhnlichen Stunde und muss recht sehr um Verzeihung bitten wenn ich
beschwerlich falle«
    Er dehnte die letzten Worte und sah unter schiefem Neigen des Kopfes
fragend zu uns auf Ich hatte große Lust zu lachen allein wie er jetzt
fortfuhr und uns eröffnete er sei auf dem Wege zu seinem Sohne der auf einer
Reise von welcher wir vielleicht mehr wüssten als er noch nicht ein Einzigesmal
geschrieben noch schreiben lassen wie er sich eigentlich befinde und ob er
krank oder gesund sei Da verging mir das Lachen Schneller wie der Blitz reihen
sich im Menschen Gedanken an Gedanken Ich sah Leontin ich sah Emma ich dachte
Unzähliges zugleich Der stumme düstere tiefsinnige Leontin wo war er wo
hatte er die niederschlagende Nachricht erhalten Er liebte Emma Er war ihr
gefolgt er sollte sie in des Oheims Namen beschwören zu uns zurückzukommen
Sehen Sie Elise wie Vieles floss da zusammen was für entgegengesetzte Elemente
mischen sich und wir fordern dass das Leben klar und still hinfliessen soll
    Alles das stand vor meiner Seele Ich hatte nicht auf das Gespräch der
beiden Alten gehört da erschütterte mich die klagende Stimme des Barons ich
wandte mich aufmerksam zu ihm er sagte »Ich habe doch nur das einzige Kind
das ich gern glücklich auf der Welt zurückliesse Es ist nicht recht dass er mich
so ganz vergisst Wenn man alt wird so lebt man nur noch in seinen Kindern er
sollte das bedenken aber die Jugend ist jetzt zu verschieden von uns Sie hat
ganz andere Begriffe von Recht und Unrecht Ich verstehe meinen Sohn nicht Er
ist so tugendhaft dass ich oft erschrecke und ihn wie etwas Höheres verehre
Und dann fehlt er doch wieder gegen die natürlichsten Gebote und erscheint mir
sehr tadelnswert«
    Es war Sinn in den Worten sie überraschten mich Ich behielt aber wenig
Zeit darüber nachzudenken denn auf des Oheims begütigende Einwendungen und das
leise Hindeuten dass Leontin vielleicht krank geworden schüttelte der Baron den
Kopf »Das nicht eigentlich« erwiderte er »ich habe wohl soviel
ausgekundschaftet dass er sich im Schwarzwalde in einem Baueroder Meierhofe
aufhält diesen kaufen und dort eine Kapelle bauen will Wenn es auch nicht
Wahnsinn oder Fieberhitze ist die solche Pläne fassen lässt« fuhr er fort »so
ist es doch große Überspannung Wem wäre wohl vordem so etwas eingefallen Er
hat die schöne Erbschaft hier gemacht die prächtigen Güter und will da Geld
und Zeit an eine Grille opfern«
    Er hielt inne Mir fuhrs durch die Seele Ihr baut er die Kapelle auf der
Stelle die ihr Fuß vielleicht betreten Er lebt nur noch in ihrem Andenken 
    »Ich gehe« sagte der Baron »ihn von dem Gedanken abzubringen Ich habe
hier keine Ruhe und kann mir den guten einfachen Leontin gar nicht so
übertrieben und unnatürlich vorstellen«
    Er war aufgestanden redete noch Eins und das Andere mit dem Komtur und
ging in die Nacht hinaus den verlorenen Sohn aufzusuchen Auch der seufzte ich
als ich ihn mit ganz andern Empfindungen wie vorher zum Wagen begleitete
    Auch der Elise Werden sich alle die zerrissenen Stückchen Leben jemals
wieder zusammenfügen Wird etwas Ganzes daraus werden und für wen
    Ein trüber unleidlicher Druck liegt seitdem auf meiner Seele
    Schlafen Sie wohl liebe geliebte Elise
 
                               Agathe an Rosalie
Das sind schöne Geschichten Ich schreibe Dir gleich Alles weil ich weiß dass
Du Dich halb tot freuen wirst Deiner Prinzess etwas erzählen zu können Danke
Du Gott dass Du am Hofe bist und suche Dich da unentbehrlich zu machen denn
hier auf dem Lande bei Mama bis spät in den Winter hinein  Ich sage Dir es
ist zum Sterben Wir haben freilich die schöne Reise gemacht aber ich gestehe
Dir aufrichtig solch Herumreisen und Angaffen von fremden Gegenden hat kein
sonderliches Interesse für mich Und dann glaube ich hat Mama auch nicht in
ihren Plänen reussirt Es ist nichts gegen das Testament der Tante zu tun
Leontin behält die Güter Du kannst denken in welcher Laune wir durch die
Wälder und die üppigen Feldmarken hinfuhren Zuweilen sprachen wir halbe Tage
kein Wort Mama las im Wagen oder schlief und ich wurde von der
fürchterlichsten Langweile geplagt
    Und nun sitzen wir Ende November hier in Ulmenstein Nein Du machst Dir
keinen Begriff von dem Eindruck den so ein Landhaus unter kahlen Bäumen leeren
Blumenbeeten und gelben Terrassen beim ersten Wiedersehen nach langer
Abwesenheit macht Wenn wir sonst aus der Stadt hierher zurückkommen dann ist
alles schon weit vorgerückt mit der Jahreszeit Man denkt an Sommertoiletten und
kleine Spiele auf den Rasenplätzen an Milch und Obst Gesellschaft im Garten
an Ausreiten und Partien zu Wagen Jetzt  Ich möchte wohl wissen an was man
in dem ausgekälteten Salon und dem feuchten Wetter denken sollte
    Es ist unglaublich wie ein Jahr solche Veränderungen machen kann Ich
schwöre Dir die Gegend ist wie ausgestorben Wir haben noch keine Seele
gesehen Und wie glänzend war es im vorigen Herbst
    Bilde Dir nicht ein dass Deine Abwesenheit die Ursache davon ist O nein
mein Kind das ist die dumme Liebesgeschichte die hat alle Leute entzweit Mama
ist sehr gespannt mit dem Komtur und mit Allen die ihm anhängen Das gibt
denn tausend Verdrießlichkeiten ganz unerhörte Klatschereien und die bringen
die Leute auseinander Im Vertrauen zu Dir Mama hat sich wohl manchmal ein
Bischen zu scharf ausgelassen Vorzüglich wie es zur Scheidung kam So was wird
bekannt und Niemand leidet darunter mehr als wir denn das gestehe ich Dir die
Pruderie für alle kleine Intriguen in seinem Salon responsable sein zu wollen
und es darum mit der Gesellschaft zu verderben das muss die Menschen
verscheuchen Wer will denn auch immer einer Kritik ausgesetzt sein wenn man zu
seinem Vergnügen fremde Häuser besucht Jetzt bereut sie es auch Sie möchte
gerne Schritte tun aber sie weiß nur nicht wie sie es anfangen soll
    Denke Dir und das wollte ich Dir eigentlich erzählen das neue Haus in
Wehrheim ist über Hals und Kopf fertig gemacht worden und man sagt die
geschiedene Präsidentin werde mit Nächstem dort einziehen Ich bitte Dich
welch unerhörter Scandal Geschieden ist sie das ist wahr aber wieder
verheiraten kann sie sich nicht ohne Dispensation und dass sie diese nicht
erhält dafür sorgt die Oberhofmeisterin die wieder auf der Szene erschienen
ist und ihre Hände überall im Spiel hat
    Ja ja mein Kind in Wehrheim will sie wohnen die schöne Büssende nachdem
sie in der Wüste auch eben nicht viel Busse getan hat Denn weißt Du nicht die
große Neuigkeit Curd ist zum Sterben in sie verliebt Er hat zwar früher sich
nachteilig über sie geäußert Nachher wollte er es wohl wieder gut machen
lachte sich selbst aus sagte ein Paar Dummheiten und machte sich dadurch
lächerlich und sein erstes Geschäft bei unserm flüchtigen Begegnen auf der
Reise durch die Residenz war alles das Üble was er sich zu schreiben erlaubt
hatte wieder zurückzunehmen und Elise so hitzig so übertrieben zu
verteidigen dass man gleich sah wie ihn die Koquette verstrickt hat
    Mir ist es einerlei Aber es gab doch eine Zeit wo er ganz gewiss ganz
anders fühlte Mama sagt er wäre sehr bornirt und wie ein Blatt Papier auf
das ein Jeder schreiben kann was er will Im Grunde hat sie recht aber sie
fand ihn sonst doch sehr interessant
    Erzähle doch das Alles gelegentlich wenn die Herrschaften bei Laune sind
Der Fürstin Mutter wird es willkommen sein Es ist dies Wasser auf ihre Mühle
denn man sagt sie hasse Elise seitdem sie sich ihretwegen einmal mit dem
regierenden Fürsten nach der bekannten Kour entzweit hat Noch Eins Es sind
immer noch keine Nachrichten von Leontin eingelaufen Der alte Baron kehrte vor
einigen Tagen zurück Man weiß nicht ob er den Sohn aufgefunden hat Er sieht
Niemand Mama erkundigt sich sehr genau nach Allem was hierauf Bezug hat denn
wie Du weißt fällt die Erbschaft der Tante im Fall Leontin ohne Nachkommen
stirbt seinen nächsten Verwandten von mütterlicher Seite zu und das sind wir
denke ich
    Es sollte mir aber doch leid tun um den hübschen jungen Menschen wenn er
stürbe Lieber hätte ich ihn noch geheiratet ob er gleich wie der steinerne
Gast im Don Juan aussieht
    Der Justizrat war eben bei Mama Er behauptet Elise heirate den Grafen
gewiss für den Dispens würde der Komtur schon sorgen dem Alles daran liege
dass der Neffe sich fixire und den Namen der Familie erhalte Mein Gott als wenn
es nicht mehr Partien im Lande gäbe als solch durchaus unschickliche Mama
glaubt auch nicht dass es wahr ist sie behauptet der Komtur besitze zu viel
Delicatesse
    Nun genug da hast Du Stoff aus dem sich in der Stadt etwas machen lässt um
die Konversation zu beleben
    Lebe wohl Du Glückliche Ich vergehe hier vor Langweile
 
                        Der Präsident an den Justizrat
In aller Eile bitte ich Sie geehrter Herr mit dem Verkauf meines Landhauses zu
eilen Ich habe Gründe weshalb ich es sobald als möglich in andern Händen
wissen möchte Nur empfehle ich Ihnen Behutsamkeit und Stille So geheim wie
möglich verstehen Sie wohl Keinen Termin keine öffentliche Anzeige Ein
sichrer Käufer gleichviel wess Standes und Ortes Nur fort damit Und Garten und
Haus mit allen Mobilien ohne Vorbehalt Bis es so weit ist wünsche ich dass der
Gartenknecht verabschiedet und die innere Bewachung Jemanden Ihrer Leute
überlassen bliebe Man sagt mir der fürstliche DomainenAmtmann im Orte suche
eine andere Anstellung Betreiben Sie doch das Gelingen seines Wunsches Sobald
er bestimmte Aussicht dazu hat würden Sie mich durch gefällige Benachrichtigung
deshalb verpflichten
    Die Einlage an den Prior des Premonstratenser Klosters übergebe ich wie
immer Ihren Händen
    Der Kaplan Tavanelli schreibt man mir sei geheilt Ich hielt sein Übel
immer für nichts anders als eine hitzige Krankheit Der Erfolg hat es bewährt
Ein Jahr Erhohlung und Reisen ins Ausland würden ihn völlig herstellen ich darf
sodann nicht anstehen ihn als Gesandschaftsprediger hierher kommen zu lassen
wo er der zweckmässigsten Wirksamkeit gewiss sein kann Was die Zahlungen
betrifft so bleiben sie nach wie vor dieselben Es müsste denn der zu
fürchtende Fall eintreten dann hört natürlich jede fernere Beziehung auf
    Versäumen Sie ja nichts um den gedachten Verkauf zu beschleunigen Ich
ziehe es vor mir eine ehemalige Wohnung verändert als in ihrer frühern
Beschaffenheit und dennoch für mich umgewandelt zu denken
    Meiner steten Dankbarkeit können Sie geehrter Herr im Voraus versichert
sein
 
                                    Antwort
Dem geehrten Auftrage zufolge bin ich so frei Denenselben zu berichten dass es
mir zur Zeit mit dem Verkauf des Landgutes zwar noch nicht gelungen inzwischen
der Geschäftsträger einer italienischen Dame mir Vorschläge in Betreff einer
monatlichen Vermietung der Villa gemacht hat welche annehmlich zu sein
scheinen und immer dem eigentlichen Zweck der Entäusserung nahe kommen würden
Es wünscht die erwähnte Dame Wittwe kinderlos und kränklich für einen Teil
des Jahres einen ruhigen Aufenthalt im nördlichen Deutschland nicht unmittelbar
in einer Stadt doch in der Nähe derselben ärztlichen Beistandes halber
    Bewilligen Dieselben den gemachten Antrag so werde ich um bestimmte Angabe
der Bedingungen untertänigst bitten und den Kontract sofort abschließen
 
                                 Elise an Hugo
Ihre beiden kurzen Briefchen die mir anzeigen dass Alles zu meinem Empfange in
Wehrheim bereit sei die Zimmer im alten Flügel völlig eingerichtet heizbar
trocken nur mich erwarten um auch Sie dort wenigstens für Stunden heimisch
zu sehen die beiden Briefchen liebster Hugo ließ ich bis heute unbeantwortet
weil ich verlegen bin wie ich Ihnen den Zustand meines Gemütes schildern soll
der mich hindert irgend einen Entschluss zu fassen
    Sehen Sie nun es so weit ist und die Koffer gepackt sind der Wagen
herausgezogen besichtigt ausgestäubt und zur Reise in Stand gesetzt ist nun
kann ich nicht gehen nicht bleiben
    Werden Sie nicht unwillig verzweifeln Sie auch nicht gleich an der
Ausführung irgend eines freien und schönen Gedankens wenn sich Ihnen
Hindernisse in den Weg stellen schelten Sie mich vor allen Dingen nicht
undankbar Ich bin es nicht Folgte ich dem raschen leidenschaftlichen Zuge des
Herzens ich wäre trotz Schnee und schlechte Wege vielleicht schon jetzt bei
Ihnen in Wehrheim
    Fragen Sie warum ich diesem unbestochenen einzig wahren Zuge nicht folge
so frage ich Sie wieder darf ich es auch hat er mich nie über mein Ziel hinaus
geführt Ich sehe Ihre ungeduldige missbilligende Miene von hier Sie legen das
Blatt aus der Hand und denken sie ist wie jede Andere Keine wird frei von dem
Leitbande ängstlicher Rücksichten Nun gut Denken Sie es sei so Was hilfe es
Ihnen wenn ich mich losrisse und haltungslos schwankte
    Besser ich gestehe es ein Ja es gibt Rücksichten die wir ehren müssen
nicht unsertwegen doch um der Ruhe Anderer Sagen Sie mir doch was legen Sie
mir Georgs Geschick ans Herz wenn Sie in diesem nur den Knaben nicht den
Jüngling nicht den Mann denken Oder meinen Sie die Welt würde ihm den Maßstab
der Beurteilung nie in die Hand geben Hoffen Sie wirklich Vertrauen könne in
jedem Augenblick vor ängstigendem Zweifel schützen Lassen Sie dem zärtlichen
Kinde die Mutter wie er sie kannte Was ist sie ihm sieht er sie in
verdächtigem Licht
    Kinder stehen der göttlichen Einfalt näher als wir es ahnden Sie haben ein
zartes Empfinden für das Ungehörige Widersprechende im Leben
    Glauben Sie mir ich würde Georgs verschwiegene Fragen erraten und mich
abhärmen sie unbeantwortet lassen zu müssen
    Sind Sie es denn noch nicht inne geworden Lieber dass die innere und äußere
Tat himmelweit von einander unterschieden ist Himmelweit sage ich denn die
Eine ist oft dort oben wenn die Andere hineinfällt in die Region roher Gesetze
Die Erde gestaltet nach ihrer Weise was der Gedanke gestaltet denkt Es ist ein
Unterschied Hugo und hier nichts weiter zu tun als den Schritt nach dem
Gange Anderer freundlich und liebreich einzurichten
    Also Sie bleiben wo Sie sind höre ich Sie fragen
    Lassen Sie mich erst ganz offen sein ehe ich entscheide Sie wissen wie
mich Ihr Vorschlag entzückte wie mich die Vorstellung davon ergriff wie ich es
nicht eilig genug haben konnte Nun sehen Sie ich hatte denn auch keine Ruhe
ich machte meine Anstalten ohne alles Hehl Ich sagte es der Tante dass ich sie
nun endlich von einem unbequemen eigensinnigen Gaste befreien würde der nur
ihre Güte in Anspruch zu nehmen gewusst ohne dieser durch irgend eine angenehme
Leistung zu lohnen Die Tante hörte mich ruhig an drückte dann ihr Bedauern
aufrichtig aus vermied aber da sie mich entschlossen sah für jetzt alle
weitere Einwendung So verging ein Tag nach dem andern Das böse Wetter trat
ein Erst Schnee und Frost dann das Tauwetter Die Posten blieben aus Ihre
Briefe die mich endlich bestimmen sollten kamen nicht wie ich es erwartet
hatte Ich ward unruhig Die Tante bemerkte es »Was ängstigst Du Dich denn so«
fragte sie teilnehmend »Solche Eile wird es ja doch nicht mit der Reise
haben« Ich war verlegen denn im Grunde lag die Ursache der Eile nur in meiner
Ungeduld »Sieh mal Kind« bemerkte sie eindringlich »jetzt kannst Du doch
nicht fort Du machst Dir keinen Begriff hier im Hause wie es draußen auf der
Heerstraße aussieht Leute und Pferde fallen ja in die ausgefahrnen Gründe
hinein dass man denkt sie könnten im Leben nicht wieder aufstehen«  »Sie
stehen aber wieder auf Tantchen« unterbrach ich sie lachend »Nicht alle und
nicht immer« versicherte sie »Und noch dazu bist Du allein mit der Johanna
Was fangt ihr zwei Frauen denn in solcher Not in unbekannter Gegend allein zu
jeder Tagesstunde an Ist es denn weit von hier Kind« fragte sie nach kurzer
Pause »wo Du hin willst« Ich bejahte es noch immer sorglos und mutig in
meinem Innern »Wie heißt denn der Ort« Hugo ich errötete ob aus Freude oder
Scham das weiß ich nicht als ich »Wehrheim« sagte »Wehrheim Wehrheim«
besann sie sich ungewiss »Hast Du mir nicht den Ort genannt Ist es nicht 
Liebes Kind was willst Du da machen« rief sie erschrocken »Ei mein Gott wie
kommst Du dahin Hast Du Niemand in Deiner Familie dem Du vertrauest Musst Du
bei den Leuten Schutz suchen die Dich in so schlimmes Gerede brachten«
    Sie setzte sich hier der Schreck hatte sie übermannt sie sah ganz blass
aus Ich wollte ihre gutmütige Schwäche belächeln aber es war als habe sie
mich angesteckt Ich konnte ihr umwölktes feuchtes Auge nicht sehen mit dem
sie mich zu fragen schien Ist es möglich Hast Du Alles vergessen Sieh Kind
wenn ich es tadle was hoffst Du denn von andern Menschen Ich nahm mich
gleichwohl zusammen ich sagte ihr dass ich in ein leeres unbewohntes Haus
einzöge und eben so gut wie jeder Andere den freigegebenen Raum benutzen dürfe
    »Nicht eben so gut wie jeder Andere« fiel sie ein »Herr Gott mein
Engelchen sage das doch nicht Du weißt ja recht gut dass es in der Welt nicht
ist wie es in Deinem Kopfe aussieht Denke einmal selbst auf dem Gute in der
Abhängigkeit von dem Manne  ach mein Herz Du hast es auch längst eingesehen
dass es unschicklich ist darum verschwiegst Du immer den Namen des Orts«
    Diese Worte Hugo diese Paar Worte trafen mich Sie hatte recht Weshalb
nannte ich früher den Namen nicht der jetzt nur sträubend über meine Lippen
ging
    Unschicklich Unschicklich ich wiederholte den Vorwurf wohl zehnmal bei
mir Sie hatte den Ausdruck ihrer Empfindung nicht bemäntelt er verletzte mich
allein hinter dem Unwillen schimmerte es wie Wahrheit Ich musste mir sagen
freilich es will sich hier nicht Alles wohl in einander schicken Ich sagte das
auch der Tante mit dem Zusatze dass ich meine Abreise noch verschieben und wir
weiter darüber sprechen wollten
    »Nein« rief sie aus fasste meine beiden Hände mit großer Bangigkeit und
sah mir dabei scharf in die Augen »Nein jetzt hier auf der Stelle musst Du es
mir fest geloben dass Du diesen Gedanken aufgiebst« Ich suchte mich ungeduldig
loszumachen »Elise« fuhr sie bittend fort »ich hoffe zu Gott Du bist
unschuldig in Allem was die Welt von Dir sagt aber wenn auch nichts gar
nichts davon wahr ist kannst Du Dich entschließen so kurze Zeit nach dem
betrübten Tode der Gräfin in das Haus ihres Mannes zu ziehen Vergisst Du was Du
dem Andenken der Frau was Du Georgs Vater schuldig bist dessen Namen Du noch
immer trägst Mein lieber Gott Die Ehre kann doch nicht auch aus der Mode
gekommen sein und der Ruf ob man sich darüber wegsetzt oder nicht bezwingt
doch immer zuletzt den Trotz der Frauen«
    »Liebe Tante« erwiderte ich im Innern zitternd und bebend »Sie tun mir
Gewalt an«
    »Das will ich auch« sagte sie fest »Ja das will ich und ehe ich Dich
nach Wehrheim gehen sehe werde ich Dir lieber zu Füßen fallen und Dich so
lange bitten bis Du Deiner alten Tante guten Rat nicht länger verwirfst und
Dir ihre Treue zu Herzen nimmst«
    Hugo ich stand verwirrt vor der umgewandelten Frau Ich fragte mich wer
ist denn das wer spricht so zu mir Ich hatte Mühe die peinliche unsichre
unstäte Tante in dem entschiedenen Benehmen wieder zu erkennen Sie die ein
Regenschauer zur unrechten Zeit bestürzt und eine zerbrochene Fensterscheibe
betrübt macht die nicht weiß darf sie einen Entschluss fassen oder muss sie den
Gedanken daran aufgeben die hundertmal fragt und doch nur schüchtern dem
empfangenen Rate folgt sie wusste mit einemmale was sie wollte was ich sollte
 und behend wie eine gewandte Fee hatte sie die verborgenen Fäden meines
Innern zum Lenkseile ihres Willens gemacht
    Ich brach in Tränen aus Ich war innerlich empört dass mir Jemand seine
Meinung aufzwingen wollte ich stieß diese Meinung von mir sie sollte nicht
Herr über mich werden Sie ward es doch  Ich brach matt in mir zusammen ich
weinte wie ein gescholtenes Kind ich versprach Alles und bin noch hier
    Warum kam auch Ihr Brief nicht zu rechter Zeit Hugo Ich wäre längst von
hier fort gewesen ehe die Aengstliche durch das schlechte Wetter noch
ängstlicher gemacht auf alle die Einwendungen und Fragen verfallen wäre Es
wäre nun geschehen und ich in meiner Unbesonnenheit wohl noch unwissend und
glücklich Nun da mir die Gefahr gezeigt ward fehlt es mir freilich an Mut
sie zu bestehen denn ich bin nicht herzhafter als uns Frauen der Himmel
machte nur blinder wie die Meisten Ich schwanke noch über die Frage ob
kurzsichtiger oder überhinsehender Es ist ein Unglück Hugo wenn Gesichtskreis
und Standpunkt nicht recht für einander passen
    Ich sollte eigentlich hier schweigen und es erwarten dass Sie mich tadeln
ohne weitern Versuch Sie mit meinem Unbestand auszusöhnen Doch Eins will ich
Ihnen noch sagen Hier bleibe ich einmal nicht Das steht fest Ich ertrage den
Widerspruch in mir selbst kaum noch deshalb will ich vor der Hand zuerst mehr
Freiheit gewinnen ehe ich über mich bestimme Bei Sophie denke ich diese zu
finden Sobald das Wetter nur einigermaßen erträglich wird eile ich zu ihr ins
Stift Und dann  und dann  O mein Gott wie schlägt mir das Herz vor
Entzücken glauben Sie mir das Verständigere ist auch am Ende das Beste So wie
es war wäre es doch nicht wieder geworden Die Unbefangenheit ist hin Der
frische Hauch verduftet Im Sommer werden die Schatten auch dichter und die
Natur ernster Die hohen Blumen entwickeln sich langsamer aber sie blühen
länger
    Der Frühling zaubert mit lachendem Übermute seine üppige Welt zu unsern
Füßen Doch Zeit und Menschen gehen rasch darüber hin Der Augenblick der Jugend
muss rauen Übergängen und mühevoller Gestaltung weichen
    Oft bleibt auch diese unvollkommen und der lange Kampf war vergeblich Man
erndtet dann die sparsamen Früchte mit um so größerer Sorgfalt und will keine
verlieren
    Sehen Sie es so an Hugo gleichviel ob das Bild Ihnen passend dünkt Mir
scheint es so
    Bei Sophie also Nicht wahr Sagen Sie mir Ihre Meinung sprechen Sie mit
der Verständigen und schreiben Sie mir bald
    Ich bin ruhiger nun ich Alles vom Herzen habe was mich so unaussprechlich
quälte Im Grunde fürchte ich doch Ihnen dadurch zu missfallen Sie werden es
nicht so einsehen wie es ist Der Widerspruch muss Sie gerade jetzt wo Sie ihn
nicht mehr erwarteten verdrießen Es ist natürlich ich würde auch so
empfinden Mir steht Ihre Miene Ihre Stimmung Ihr trübes Versinken Aufgeben
Zagen und Verachten so deutlich vor der Seele Ich weiß es ja ich weiß es
gewiss Sie verachten die Berücksichtigung die mich leitet Es ängstigt mich mit
jedem Augenblicke mehr da sich die Absendung dieser Zeilen naht Und doch 
Ich kann es ja nicht ändern O sein Sie billig  oder sein Sie nichts als gut
und zärtlich und fühlen Sie dass ich leide
 
                                 Hugo an Elise
Es müssen Briefe verloren gegangen sein Sie antworten mir nicht und doch sagte
ich Ihnen dass ich Sie in den ersten Tagen dieses Monats bestimmt erwarten dass
ich Ihnen in dieser Erwartung entgegenkommen und Sie in Ihre neue Wohnung
einführen würde
    Nun ich bin denn auch wirklich bis zu dem letzten Gebirgsdörfchen zehn
Stunden von hier bei schlechtem Wetter Ihnen entgegen gereist und habe acht
und vierzig Stunden in dem schlechtesten Gasthofe der auf Erden ist unter
Besorgnis und Ungeduld zugebracht Der Sturm welcher auf einer Linie von
mehreren hundert Meilen in Ost und West zugleich wütete machte den Aufenthalt
mitten im Winter in der Waldschlucht zwischen herabrollenden Felsstücken und
zusammenkrachenden Baumstämmen zu dem abenteuerlichsten den ich noch erlebte
Auch blieb ich nicht ohne Abenteuer Das furchtbare Wetter steigerte nur meine
Angst um Sie Ich glaubte Sie so gewiss auf der Reise Ich sah Ihrer Ankunft
jeden Augenblick entgegen Ich hatte nirgends Ruhe Am Tage ging es noch
leidlich man konnte wenigstens um sich sehen die Menschen waren wach
aufmerksam bei der Hand Gegen Abend und der brach hier schon um drei Uhr
Nachmittags völlig ein fielen die ersten Schneeflocken Sie kreisten einzeln in
der Luft ohne den Boden zu berühren jetzt begann ein Brausen über uns als
rollte der Donner unablässig ohne irgend einen Zwischenraum von scharfem Sausen
und ängstlichem Wimmern begleitet Schnee und Regen strichen in horizontaler
Lage über das Tal weg unterhalb in diesem war es ganz stille die Natur
schien hier nicht zu atmen in regungsloser Erstarrung sah sie dem wilden
Aufruhr der Elemente entgegen Allmählig schwankten die äußersten Spitzen der
Föhrenwipfel bald wurde diese Bewegung stärker die Wolken senkten sich und
schneller wie der Gedanke brachen die Bäume krachend in ihren Wurzeln rechts
und links fielen sie nieder große Zweige vom Sturm gehoben flogen in weiten
Strecken umher wie weiße Tücher wallte der Schnee zwischen den Schlüften man
sah nicht einen Schritt vor sich der Stärkste erhielt sich länger nicht auf den
Füßen Alles flüchtete in die Häuser das Vieh wurde unruhig in den Ställen die
Schaafe und Rinder blöckten und brüllten wie während einer Feuersbrunst Pferde
hörte man wild stampfen und fürchterlich als ginge die Welt unter heulten
Haus und Hofhunde Niemand fand sich sicher in der leicht gebauten Wohnung
Dächer wurden abgerissen Sparren und Schieferplatten flogen umher das
Hausgerät bebte es war auch hier nicht auszuhalten Ich warf einen Mantel
über ließ die hindernde Kopfbedeckung zurück und trat hinaus auf die Straße
    »Wo wollen Sie hin« rief mir der Wirt nach »Sie können leicht erschlagen
werden« »Das kann ich hier auch« entgegnete ich auf die wankenden Pfeiler und
zerbrochenen Türen zeigend Ich kehrte mich nicht daran und ging Der Regen
stürzte jetzt nieder als habe der Himmel alle seine Schleusen geöffnet doch
ward der Sturm schwächer
    »Nun auch Wasser in die Häuser« sagte ein Mann der sich umschauend ein
Paar Schritte von einer Anhöhe herunter kam »Der Bach schwillt mit jeder
Minute die Brücke ist weggerissen und die Furt weiterhin auch nicht mehr zu
passieren Gnade Gott dem der heute unterwegs ist Hier kann er sein Grab
finden«
    Elise brauch ich Ihnen zu sagen dass mein Blut still stand und ich einen
Augenblick wie gelähmt den Mann anstarrte
    »Das Lämpchen« fuhr dieser immer nach der verhängnisvollen Stelle
hindeutend fort »das Lämpchen brennt zwar oben am Warnungspfahl in der
Laterne aber die Postillone hier bei uns sind verwegene Kerls bis diese an
Gefahr glauben da muss ihnen schon der Abgrund vor den Füßen liegen Sie stützen
sich auf ihre Erfahrung und trauen der Furt die freilich festen Grund hat
aber heute sollen sie wohl die rechte Stelle suchen Ich bin gewiss« lachte er
zuversichtlich »da liegt Baumstamm auf Baumstamm über einander und Felsstücke
die der Regen vollends von oben herabgerissen hat«
    »Was stehen wir denn hier« rief ich ungeduldig Sie Sie geliebte
Freundin mit allen Stimmen meiner Seele zurückzuweisen zu warnen »Kommen Sie
doch« forderte ich Jenen auf »Lassen Sie uns Acht haben dass Niemand
verunglücke«
    »Acht haben dass Niemand verunglücke« wiederholte jener ein wenig
spöttisch »Wodurch sollten wirs wohl hindern« fragte er zu mir gewendet
»Hinüber auf die andere Seite kann doch Niemand jetzt das sehen Sie ein«
    »Ich sehe es nicht ein« unterbrach ich ihn »Im Kahne und auch so kommt
man durch die Flut und ist drüben auf der Wacht und verhütet dass kein
Anderer sich auf gut Glück wage«
    »Tun Sies« versetzte der Mann gelassen »wenn es Ihnen so leicht dünkt«
Er machte eine Bewegung sich von mir zu entfernen »Aber das muss ich Ihnen noch
sagen« fügte er um ein Paar Schritte näher tretend hinzu »mit dem Bach ist
nicht zu spassen Das Wasser ist verteufelt schnell und vollends heute wo der
Wind die Flut in lauter Wirbel zusammen peitscht wenn Sie nicht Ihrer Sache
sehr gewiss sind «
    »Das bin ich Hören Sie« rief ich ihn beim Arm fassend »Begleiten können
Sie mich doch wenigstens bis ungefähr zu der gefährlichen Stelle und ein Paar
rüstige Bursche mit Laternen werden sich doch auch zusammen bringen lassen die
im Fall der Not zur Hand sind und retten helfen« Ich klingelte mit meiner
Börse und ließ ihn gute Bezahlung voraussehen
    »Es ist nicht darum« sagte er mich recht gut verstehend »denn kann ich
Jemand behilflich sein so tue ich es auch ohne Lohn Aber die Wahrheit zu
gestehen ich glaube ich leiste Ihnen einen schlechten Dienst wenn ich Ihnen
den Willen tue Was geschehen ist das ist geschehen und ein Dummer macht zehn
Andere klug«
    »Was soll das heißen« fuhr ich ungestüm auf ihn zu »Das soll heißen«
beantwortete er meine heftige Frage »dass wenn ich nicht sehr irre vorhin ein
lauter Schrei von dort herüber drang und wer nun drinnen im Wasser liegt doch
nicht wieder heraus kann«
    »Allmächtiger Gott Allmächtiger Gott« schriee ich beide Hände über dem
Kopf zusammenschlagend und fort nach dem Bache stürzend
    Aber es ward mir nicht leicht zu finden wo dieser sein eigentliches Bett
habe Auf funfzig Schritte umher war Alles überschwemmt Ich konnte keine
Uferhöhe unterscheiden ich fand mich nicht in der Richtung nicht in den
nächsten Gegenständen zurecht Luft und Wasser waren so bewegt dass Letzteres
schäumte sich in großen Massen vorüberwälzend wie ein breiter ungeheurer
Strom Ich stand eine Weile sinnend Das Unwetter tobte noch immer doch
vertoste es seinen Ingrimm mehr abwärts und gestattete dem Blick hin und her
die graubleiche Atmosphäre zu durchdringen Zu meiner Linken brannte das Licht
am Pfahl der mitten in den Wellen stand und nur ungefähr andeutete wie weit
ich unter mir Grund suchen könne Rechts eine Strecke hinauf musste die Furt
sein Ich hatte das Auge fest dahin gerichtet als mir vorkam es bewege sich
etwas Weisses über die Wasserfläche empor Vielleicht war Jemand auf einen Baum
oder einen abgebrochenen Stamm geklettert um so ein Zeichen seiner Verlegenheit
zu geben Ich wurde immer achtsamer Jetzt schallte deutlich ein heller Ruf
durch die Windstösse Hinüber Hinüber sagte Alles in mir den Mantel abwerfend
schwamm ich in Gottes Namen dem weißen Schimmer entgegen Es ging leichter als
ich dachte Die innerliche heftige Bewegung gab mir ungewöhnliche Kraft Ich
war drüben Ein sonderbares Rasseln und Schnauben ohnweit der Stelle wo ich auf
das Trockne gelangte zog meine ganze Aufmerksamkeit sogleich dahin Wagen und
Pferde sagte ich mir sind in falscher Richtung der Furt zugelenkt in den
moorigen Tiefen eingesunken oder zwischen Steinen und Baumwurzeln umgeschlagen
zerschellt und vielleicht nur der unvorsichtige Fuhrmann am Leben geblieben
»Wer rief hier um Hilfe« schrie ich aus Leibeskräften
    »Ach Jesus Hilfe Hilfe« entgegnete mir eine Stimme in größter Angst »Wo
wo« rief ich zurück »Hier« war die Antwort Im Augenblick standen wir bei
einander Ich erkannte an den Farben der Bekleidung in Jenem einen Postillon
»Wen hast Du gefahren« fragte ich zitternd »Eine Dame« sagte er in
sichtlicher Angst »dort liegt der Wagen zerbrochen« setzte er eilig hinzu Das
möchte drum sein denn es hat eben Niemand Schaden genommen aber die Pferde
die Pferde die liegen bis an die Bäuche im Schlamm und kein Peitschen kein
Treiben bringt sie heraus Sie können auch nicht so lange sie angesträngt sind
und ich kriege den Blitzkasten nicht in die Höhe der ganz von der Seite
eingeklemmt da liegt«
    »Eine Dame« Weiter brauchte es nichts um mich meiner Sache gewiss zu
machen Ich flog auf den verunglückten Wagen zu Aber noch ehe ich bis dahin
kam sah ich eine weibliche Gestalt ganz zusammengesunken auf einem Stein
sitzen eine Andere die neben ihr stand schien um sie beschäftigt »Elise
Elise« rief ich im Begriff die Erstere zu umfassen Eine fremde Stimme sagte
ItalienischFranzösisch »Mein Herr die Frau Äbtissin ist ohnmächtig vor Nässe
und Kälte in meine Arme gesunken können wir sie nicht bald von hier
fortschaffen so stirbt sie« Die Andere lispelte in demselben Augenblick ein
Paar Worte die ich nicht verstehen konnte so leise wurden sie gesprochen Doch
glaubte ich ein heftiges Zittern und krampfhaftes Klappern der Zähne an der
Unbekannten wahrzunehmen Ob ich nun gleich in meiner Erwartung getäuscht war
so durfte ich dies unter diesen Umständen doch nicht anders als ein Glück
nennen Mit einer Art Dankbarkeit im Herzen Sie geliebte Freundin nicht in
solcher Gefahr zu wissen erbot ich mich die Dame in einem Fischerkahn welchen
ich an einer umgestürzten Weide geknüpft im Schilfe entdeckt hatte hinüber zu
fahren wenn sie sich mir anvertrauen wolle
    Jene stand mit seltsamer Heftigkeit von ihrem Platze auf und ohne etwas zu
sagen versuchte sie dahin zu folgen wohin ich sie geleitete Es zeigte sich
aber bald dass sie unfähig war einen Schritt zu tun ich nahm sie daher auf
meinen Arm und setzte sie sanft in das flache Boot das der Postillon und ein
alter italienischer Diener mit Mäntel und Decken belegt hatten Ich ergriff das
Ruder und stieß mit der Versicherung den Zurückbleibenden bald Hilfe
zuzusenden vom Ufer ab Sonderbarer war nicht leicht eines Menschen Lage
Mitten auf dem unwillig gehorchenden Elemente allein mit einem unbekannten
Wesen das lautlos dicht in Mantel und Schleier gehüllt geisterartig da saß
und durch Nichts ein lebendiges Dasein verriet als durch jenes fieberhafte
Zittern und von Zeit zu Zeit durch einen tief aus dem Herzen gehenden Seufzer
Sie kennen meine Empfänglichkeit für grauenhafte geheimnisvolle Eindrücke Ich
fühlte meine Brust beklemmt und war doppelt froh als ich sah dass mein
Beispiel Mehrere im Ort anfeuerte und man mit Kähnen und Laternen
herbeiruderte die Leute der Dame erreichten uns als wir angelegt hatten Beide
Frauen dankten flüchtiger als es meine Bemühungen wohl verdient hätten Ich
machte nichts daraus zufrieden sie gerettet und in einem abgelegenen
Kämmerchen in Sicherheit zu wissen Des andern Morgens waren sie ehe ich noch
erwachte auf und davon Schmid und Stellmacher mussten die ganze Nacht arbeiten
um den Wagen wieder herzustellen Sie dachten an nichts als nur fortzukommen
    So ist die Welt Jedweder in ihr sieht sich und was ihm eben wichtig dünkt
Elise ich dachte an Sie und vergaß bald das Vorübergehende lohnen Sie mich
für die Prüfungen dieser Stunden durch Ihre baldige Ankunft an einem schönen
sonnenhellen Tage
 
                         Sophie an die Oberhofmeisterin
Sie untersagen mir liebe Freundin den verhaltenen Ton Ihrer Seele auch nur
entfernt anzurühren Und doch schreiben Sie mir und wollen dass ich Ihnen
antworte
    Sie haben im Grunde recht so widersprechend es scheint Kenne ich Sie doch
bis in die kleinste Bewegung Ihres Innern und Sie wissen dass ich Sie so kenne
    Der Ton bedarf keiner Berührung um zu klingen Jeder Laut jeder Atemzug
in Ihnen geht aus ihm hervor
    Doch wozu auch diese Worte
    Sie sind zurückgekehrt an den Hof Sie wollen dort bleiben Es überraschte
mich als ich es erfuhr Sie wollen sein wie Sie sind oder erscheinen wie Sie
sich geben Vielleicht beides Dem sei nun wie ihm wolle so viel
Selbstüberwindung ist erstaunenswert Was mich indes noch mehr überrascht ist
Ihr Interesse an dem was Sie nur schmerzlich bewegen und in die Heiligkeit der
Trauer bittere herbe Empfindungen zu mischen droht
    Ich erschrack fast da ich Ihre Fragen nach Hugo und Elise nach dem
Verhältnis beider und ihren Plänen für die Zukunft las
    Ist das ein Gegenstand der Sie beschäftigen kann Verzeihen Sie mir wenn
ich den Grund dieser Teilnahme nicht sanftern Gefühlen zuschreibe
    Wenn ich vielmehr fürchte es lebe darin noch ganz die leidenschaftliche
Eifersucht fort die keine schönere Sorge mehr rechtfertigt und weniger der
Liebe als dem Hasse angehört
    Ja gestehen Sie sichs nur immer selbst es verlangt Sie von dem
peinlichen ungünstigen Geschick der hart Gedemütigten von Elisens zerstörtem
Frieden ihrer früh gewelkten Jugend von Hugos schwankendem Umhergreifen
seinen Kämpfen und inneren Plagen zu hören
    Was wollen Sie damit Die Überzeugung gewinnen dass hier das Leben nichts
ausgeglichen nichts anders gemacht hätte und der Tod zu segnen sei der das
reinste Opfer auf einen Streich fallen ließ Die Überzeugung hatten Sie lange
Nein Sie wollen nicht ruhiger werden Sie stacheln die unbequemste aller
Regungen die Missgunst in sich wach Vergessen Sie dass Niemand mehr als Sie
selbst darunter leiden
    Und wenn sich nun Alles anders fände als Sie es finden möchten Wenn Hugos
unstäter Trieb nach äußerer Beschäftigung sich in geordneter Wirksamkeit
befriedigte er auf seinem Platze feststehend die Pflichten übte die Welt und
Beruf von ihm fordern Wenn er dem Wohltäter dankbar jeden andern Wunsch
opfernd nun bemüht wäre sein einsames Alter zu erheitern Wenn stille ernste
Trauer jene unfruchtbare Melancholie verscheucht und die unselige Heftigkeit
ungehöriger Liebe sich in Beiden zu ruhig entsagender Freundschaft umgewandelt
hätte Würde es Ihnen genügen würde es Ihnen den Trost geben den es doch geben
sollte dass ein heftiger Stoß Alle wieder ins Gleichgewicht brachte Und in
Wahrheit liebe Freundin es kann so sein es sieht fast danach aus Wenigstens
verhält es sich mit Hugos äusserm Tun wie ich Ihnen sagte Er baut pflanzt
verschönt auf seinen Gütern was diese verbessern und den Ansprüchen an
Veredlung Genüge tun kann Er entfernt sich nur auf kurze Zeit von der Burg
spielt Abends Schach mit dem Oheim besucht die Nachbarn und hat sonst mit
Niemanden Verkehr Elise ist bei ihrer Tante Man weiß nichts von ihr zu sagen
Ganz kürzlich erzählte man für sie sei der Bau in Wehrheim sie werde dort
einziehen Auch das hat sich nicht bestätigt ob man gleich Tag und Stunde ihrer
Ankunft bestimmte sind Wochen vergangen ohne dass sie kam und das Gerücht
schweigt allmählig Selbst ich hatte lange keine Nachricht von ihr Es scheint
sie beschränke sich ganz auf die einförmige Tätigkeit häuslichen Stilllebens
und zeige dass sie kann was sie will
    Wie geringe Ausbeute wird mein Bericht Ihren Nachforschungen geben liebe
Freundin Werden Sie es nicht bereuen sich deshalb an mich gewendet zu haben
    Eins gleichwohl muss ich hier noch erwähnen das in seiner lustigen Naivetät
weit eher geeignet ist Ihren Witz als Ihre Galle zu reizen
    Die bewegliche Gräfin Ulmenstein ist jetzt unsere eifrigste Anhängerin
geworden Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht dem armen guten Komtur in
seiner tödtenden Einsamkeit Gesellschaft zu leisten ihn aufzuheitern sein
Vertrauen mit allen Waffen liebkosender Schmeichelei zu erobern Hugo zu
interessieren und mich zu überraschen Der Eifer mit dem sie dies Vorhaben ins
Werk richtet lässt sie vergessen dass man sie kommen hört und Niemand getäuscht
wird Ich musste lachen als sie gleich nach ihrer verspäteten Ankunft auf dem
Lande zu mir eilte fragte und weinte tröstete und sich hoch und teuer
vermass die unerhörte Bosheit der Welt durch die allerlebhafteste Darstellung
der Wahrheit zu Schanden zu machen Sie entwickelte dabei so viel zärtliches
Mitgefühl so scharfsinnige Billigkeit sie steigerte sich in den vertrauenden
Herzensergiessungen von Moment zu Moment mehr und verließ die Szene mit so viel
Wärme dass sie über sich selbst getäuscht auch mich getäuscht zu haben
glaubte
    Leichter gesellig anziehender hat sie es auf der Burg getrieben wo sie
als gute alte Nachbarin als Frau von gar keinem Gewicht und hinaus über alle
Rücksichten ohne alle Umstände einen Überfall wagen durfte sich fest sprach
Niemand los ließ und damit endete sich die Erlaubnis zu nehmen Nächstens und
nach diesem Nächstens öfter und immer wiederkommen zu dürfen
    Sie war auch in Wehrheim Sie spricht mit Extase von dem neuen Schloss Ein
junger Architekt der sie umherführte ward andern Tages ihr Gast zu Mittage
Sie ging in jede Einzelnheit mit lebhafter Aufmerksamkeit ein Nichts schien ihr
zu gering um es nicht herauszuheben
    Auf der andern Seite wollte sie es indes auch nicht mit dem Präsidenten mit
dem Hofe und ganz besonders mit der Fürstin Mutter verderben deshalb versäumte
sie nicht den kleinen Georg bei seiner Pflegerin aufzusuchen Die Art wie sie
sich über das liebe Kind erweichte es einen Engel nannte dabei bald weinte
bald lachte muss etwas Teatralisches gehabt haben denn die Kinder des Amtmanns
spielen seitdem immer Gräfin Ulmenstein putzen sich auf das Tollste heraus und
verdrehen zum Hauptspass der Erwachsenen Mienen und Gebärden unter dem Sprechen
Was Kinder nicht alles herausfühlen denn geradezu zur Schau hat sich die Gräfin
bei dem Allen nicht gestellt Dazu ist sie in der Welt zu gut zu Hause Es muss
daher in der Unwahrheit liegen die immer ihre Widersacher in dem natürlichen
Menschen findet Weiter reicht mein Neuigkeitsvorrat nicht Wenn ich vielleicht
ungeschickt im Beobachten und Kombiniren bin so lassen Sie michs nicht
entgelten Entziehen Sie mir nicht ganz Ihr Vertrauen
 
                                 Hugo an Elise
Ist es möglich  O es ist mehr als das es ist wirklich
    Sie waren schon völlig entschlossen meine Hoffnungen zu zerstören als ich
deren Erfüllung in der Unschuld des Herzens ganz gewiss zu sein glaubte
    Nein das ist wahr daran hatte ich nicht gedacht dass Sie der Meinung
diesem Vexirspiegel der Vernunft so große Rücksichten schuldig wären Verzeihen
Sie mir dies sehen Sie es liegt wohl daran dass ich keine Tante zur Seite
habe die solche Feenkünste mit mir treibt Es ist zu bewundern wie diese Frau
ihre Gaben versteckt hält Wahrhaftig sie hat Sie ganz bezaubert
    Nur schade dass außerhalb dem geweihten Kreise solche Beschwörungsformeln
leicht etwas Albernes und Triviales bekommen Ich erschrack fast da ich sie
las doch mehr über mich als über die Worte denn ich konnte keinen Sinn darin
finden
    Sie hätten mich vorbereiten sollen In meiner Unbefangenheit war ich nicht
zu bestechen
    O Elise auch Sie auch Sie  Welch unseliger Hang zur Sklaverei liegt
denn im Menschen dass die erste die beste geläufige Weiberzunge Sie aus Ihrer
Überzeugung hinausschwatzen und Ihre klare Festigkeit Ihre Erkenntnis
kleinlichen krausen Irrtümern unterliegen konnte
    Zum zweitenmale opfern Sie aus missverstandener Mutterliebe die heilige
Wahrheit Ihres Herzens und glauben sich einen Sieg abzugewinnen wenn Sie
besiegt werden
    Weshalb ich den Knaben Georg an Ihr Herz und Gewissen legte sonderbare
Frage weil ich ihn liebe weil ich daran denke dass er ein Mann werden und es
nicht begreife wie aus verzärtelter Schonung ein starker Gedanke entspringen
kann
    Was haben Sie denn für das Kind getan als Sie Alles außer der beengenden
Furcht vor des Himmels Strafe vergaßen und diese Furcht die Wortführerin Ihrer
eigenen Anklage sein ließ
    Unseliger Augenblick Sie zerrissen mein Herz wie das Ihrige und des
Knaben Geschick Den Himmel werfen Sie auf die Erde und gönnen dieser ein Ding
nach ihrem Gefallen daraus zu machen Wie hart hat sie die rohen Hände angelegt
und den reinen Hauch zweier Seelen zu einem Schreckbild der Sünde
zusammengeballt
    Nach dieser entscheidenden Stunde war nichts mehr für die Meinung zu tun
die war mit dem Geschehenen zugleich da Zu vernichten ist sie so wenig als
jenes ungeschehen zu machen
    Was erwarten Sie nun von dem Jüngling dem Manne Georg wenn Sie ihn in
kränkliche Vorurteile einwiegen beschränktem Eifer Zeit lassen seinem Auge
die Richtung zu geben auf welcher es Ihnen Elise nicht ohne Befremden
begegnen kann Gesund und hell würde der Kleine noch jetzt gelernt haben die
Dinge zu sehen wie sie Wahrheit und Natur ihm zeigen hätte er die Mutter
wiedergefunden so wiedergefunden wie sie ist nicht wie die armselige Klugheit
des Vorurteils sie umzuschaffen droht
    Ist es möglich wiederhole ich noch einmal liegt gleich die Wirklichkeit
durch Brief und Siegel vor mir Auch Sie also Glauben Sie mir Sie werfen das
ganze Leben Ihr Leben weg Und was geben Ihnen die klugen Freunde dafür
    Es ist eine verbrauchte Art sein unwilliges Erstaunen über irgend eine
Enttäuschung auszudrücken wenn man sagt Ich bin aus allen meinen Himmeln
gefallen Aber Vieles das verbraucht und abgenutzt ist passt dennoch bei
Gelegenheit Ich bin wahrhaftig aus meinem Himmel heraus
    Daher kommt es auch wohl dass ich Ihre jetzige Sprache nicht recht verstehe
und das Bild von Frühling und Sommer von Blüte und Erndte und was Sie von
sparsamen Früchten in Bezug auf die Augenblicke unseres Beisammenseins sagen
nicht recht anzuwenden weiß Ich habe immer die Unart gehabt unvollkommen
gebliebene in den Sand gefallene Früchte unbeachtet liegen zu lassen
vielleicht weil mir die glänzenden goldenen Äpfel des Paradieses vor Augen
schwebten
    Arme Freundin welchen Ersatz bieten Sie sich wie mir Zu dem
Stiftsfräulein ins Kloster nötigen Sie mich Da zwischen den doppelten Mauern
alter und neuer Vorurteile denken Sie den göttlichen Traum freier Gemeinschaft
heiliger umfassender Freundschaft ins Leben zu rufen Da hoffen Sie mich da
hoffen Sie sich wieder zu finden Von den schief hineinfallenden Strahlen der
gesunkenen Sonne sollen wir Lebenswärme betteln O tausendmal lieber das
Vergangene träumen als an dieser entzauberten Wirklichkeit erfrieren
    Alles ist hier entzaubert Alles darum wenn ich Ihnen raten soll bleiben
Sie wo Sie sind Sie würden sich nur herbe Eindrücke bereiten
    Ihr ehemaliges Eigentum finden Sie in fremden Händen Es ist verkauft oder
was sonst mit geschah Genug wie ich neulich vorüber ritt standen die Fenster
offen ich sah überrascht hinein Ein fremdes scharfes Gesicht blickte zu mir
auf Es gehörte einer ältlichen kranken Italienerin Die wohnt hier ließ ich
mir im nächsten Dorfe erzählen Mein alter Freund der Gartenknecht ist
verabschiedet ein kleiner krummer verschmitzter Franzose ist an seiner
Stelle die Gartenwege sind so eben so geschnörkelt dass man gleich sieht
keines Menschen Fuß betritt sie den ganzen Tag
    Ich musste lachen wie ich die Fratzen sah Gibt es eine tollere Ironie auf
die vergangenen Tage als diese neuen Bewohner Ihrer Zimmer Elise
    Ich lache noch darüber und in dieser spasshaften Stimmung kann ich Ihnen
nichts Besseres wünschen als dass Sie es auch nicht schwerer nehmen Es ist eine
Welt danach glauben Sie mir
 
                                    Antwort
Sie sind ein Mann wie Alle Hart wenn ein anderes Empfinden dem Ihrigen
entgegentritt klein und verzweifelnd im Augenblick des Misslingens gefasster
Pläne unfähig Widerspruch zu ertragen noch unfähiger ihn zu verstehen
    Was Sie mir sagen kann wahr sein Wie Sie mirs sagen haben Sie mir auf
unverzeihliche Weise wehe getan
    Ich werde das verzeihen ich weiß es Doch zu vergessen ist solch Misskennen
nicht Wäre das möglich wenn Sie zu lieben wüssten Hatten Sie auch nur große
Worte und enge Gefühle Hugo Ist Freundschaft für Sie wie für Andere nichts
als klingende Schellen und tönendes Erz Wo ist das Vertrauen und die Hingebung
von dem wie wir Beide träumten
    O Sie haben vollkommen recht Besser die Erinnerung zur Gegenwart machen
als der entzauberten Wirklichkeit gegenüberstehen
 
                                 Curd an Elise
Sie haben mich fortgeschickt Klüger verständiger wenigstens hofften Sie
werde mich die Entfernung machen Kousine Sie hofften das nicht Sie wollten
mich nur weit weg wissen um das Übrige kümmern Sie sich wenig
    Ich begreife gar nicht was Ihnen die Vorstellung von mir wie von einem
leichtsinnigen Menschen gibt Weil ich ein sorgenloses Leben lustige
Gesellschaft liebe unnütze Grübeleien hasse die Dinge sehe wie sie sind mir
und Andern nichts vorlüge deshalb werfen Sie mich bei Seite und tun als wenn
ich kein Herz und kein Gefühl in der Brust hätte Wahrhaftig Sie vergessen dass
ich doch auch ein Mensch bin und so gut wie ein Anderer meine Ansprüche auf
Achtung mache
    »Gehen Sie guter Curd« sagten Sie mit dem fatalen Gleichmut der mich
toll machen könnte »Gehen Sie nur wieder zurück nach der Stadt das wird sich
Alles geben«
    Was darin für ein hochmütiges Wegwerfen für eine Anmassung liegt
    Als wenn Sie sich auch jemals die Mühe gegeben hätten zu erfahren wie es
in mir aussieht Sehen Sie darin sind Sie gerade so stolz und vornehm Elise
wie die große Welt die Sie verachten Es nennt keiner dem andern seines
Gleichen der nicht von seiner Farbe ist Ob das uns Weltkindern nun wörtlich
gilt und bei Ihnen figürlich dies kommt auf eins heraus Was haben Sie denn
jetzt wohl Gutes an mir getan dass Sie mich in den Strudel zurückschicken von
dem Sie doch eigentlich so große Gefahr für mich fürchten Glauben Sie wirklich
dass mich jedes Aeusserliche unwiderstehlich fortreisst ist es denn recht mich
dem Preis zu geben Gestehen Sie es nur es wäre ein Triumph für Sie wenn ich
darin umkäme
    O Sie sind härter und egoistischer als die welche Sie verdammen
    Darin haben Sie recht man wird am Bequemsten mit den Leuten fertig wenn
man sie so niedrig stellt dass man über sie wegsieht Aber das können Sie bei
allem dem nicht wahrhaftig nicht Kousine Ich will es Ihnen beweisen Wie
wenn solch ephemeres Geschöpf nur einen einzigen Augenblick den Kopf erhübe
und Sie fragte Ist dein Stolz Würde oder Dünkel müssten Sie nicht antworten
und was würden Sie antworten
    Früher beleidigten Sie mich sehr oft jetzt kränken Sie mich Sie waren
schön ich verzieh Ihnen Sie sind vielleicht noch schöner ich kann Ihnen
nicht mehr verzeihen Was liegt denn auch so Unerhörtes so Vermessenes darin
dass ich mirs einfallen lasse Sie zu lieben dass ich mirs gestehe und bei dem
natürlich vertrauten Umgange unter nahen Verwandten im einsamen ländlichen
Beisammensein Ihnen davon mehr verrate als Sie hören wollen Sagen Sie doch
verdient das Spott Verachtung
    Sie würden unvorsichtig handeln wenn ich wäre wofür Sie mich halten Ich
bin ganz anders Sie tun mir wehe ohne sich zu schaden
    Hier haben Sie immer einmal unrecht Entweder Sie sind so scharfsinnig als
Sie es zu sein glauben dann hören Sie auf consequent zu handeln oder Sie
unterstützen mich und dann läuft Ihre Güte Gefahr verkannt zu werden
    »Ich mache Verstand« werden Sie einmal wieder gelangweilt sagen Es kann
sein Aber wie soll ich denn mit Ihnen sprechen »Gar nicht« höre ich Sie
schnell einfallen Sie lachen dabei und reichen mir gutmütig die Hand Ach
Kousine wenn Sie lachen  Sie wissen der Himmel liegt dann auf Ihrem Antlitz
    Es ist zum Verzweifeln dass ich gerade immer dies Lächeln sehe
    Wäre meine Mutter nicht gewesen Die hat mich zum vollendeten Toren
gemacht Wüssten Sie Elise was die denkt wünscht zu hoffen wagt  Hoffen
Mein Himmel wer das vermöchte
    Sie hätte es nicht aussprechen sollen Solch lautes vollständiges Wort es
kann einem ganz irre machen Man wird es nicht wieder los
    Ich wollte es nicht hören Ich drängte es zurück »Warum denn aber nicht«
fragte die gute liebevolle Frau Kousine dies warum denn aber nicht klingt
mir immerfort in den Ohren es fährt wie ein Ton aus der Luft wenn ich gar
nicht daran denke plötzlich vorüber und scheint immer ernsthafter meine
Vernunft mein Urteil mein Gefühl zu befragen
    Liebe Elise Sie stehen allein Die ganze Welt ist gegen Sie Wer Sie halten
könnte und sollte der verweist Sie auf Ihre eigene Festigkeit und Stärke aber
es ist einer Frau nicht möglich alle die Pfeile abzuwehren die von nahe und
fern auf sie gerichtet sind Sie denken das nicht so Wenn es indes nun noch
dahin käme wenn Sie es nicht länger ertrügen wenn Sie sich vergeblich nach
Hilfe sehnten wenn Sie fliehen und verfolgt erkannt fremden Beistand suchen
müssten Kousine Kousine bedenken Sie es wohl es kann dahin kommen würde
Ihnen meine Hand dann nicht eben so lieb sein wie die eines Andern
 
                                Elise an Sophie
Räumen Sie mir Beste ein Winkelchen in Ihrer Wohnung ein Lassen Sie mich
verborgen heimlich vor aller Welt versteckt da leben bis es aus ist mit dem
Leben bis Alles vorbei oder Alles groß und frei wieder geboren ist Hier kann
ich nicht länger bleiben Auch allein kann ich mich nicht ertragen
    Ich schreibe Ihnen nur dies und dass ich komme Die Tante  Curd  Werden
Sie es glauben Aber hiervon mündlich es ist gerade so viel um das Maß voll
und die Pflegerin unerträglich zu machen
    Doch Hugo Hugo Ich lese den tiefen versteckten Argwohn in seiner Seele 
Er fürchtet  Kann er glauben dass ich ihn wie unsere Bestimmung so verkenne
 Nein hiervon kein Gedanke in meiner Seele Und wenn auch er  es bliebe doch
unmöglich
    Hält er mich eines Kunstgriffs fähig um ihm eine Erklärung abzugewinnen 
Gott mein Gott so niedrig denkt er von mir
    Wenn ich es einrichten kann bin ich in spätestens vierzehn Tagen bei Ihnen
Bis dahin  bis dahin  Was das für Worte sind was da eine Zeit mit allen
ihren Bedingungen darin liegt Ich fürchte jetzt Augenblicke Ein Jeder dehnt
sich und wird an Gewicht inhaltschwerer Und dann das dahin wie doppelsinnig
es zeigt vor und zurück
    Ja wohl dahin dahin
 
                             Sophie an den Komtur
Ich konnte Ihnen gestern Abend nichts mehr über meine Unterredung mit Ihrem
Neffen sagen Sie waren zu eilig die Gräfin zu geschwätzig ich weder
aufgelegt noch unbefangen genug Gelegenheit zu besonderer Mitteilung zu
suchen Sie erfahren ohnehin nicht viel Erwünschtes Es blieb ein verfehltes
Unternehmen Hugo einsilbig und unzugängig wie Sie ihn kennen wenn er etwas
anders im Sinn hat hörte mich nicht kommen und ich durfte mich durch nichts
verraten
    Dass er bei mir war in Ihrem Auftrage mit der Einladung Sie Abends in
Ulmenstein zu treffen gab mir Veranlassung von Ihnen zu sprechen Ich freute
mich Ihres Wohlseins und dass er so liebevoll die Pflege des Oheims übernommen
habe Er lächelte mit halbem Munde ließ mich reden und hub während einer sehr
natürlich eintretenden Pause an »Sagen Sie mir doch wissen Sie nichts Näheres
von den Leuten drüben die in des Präsidenten Hause wohnen«
    »Nicht ein Wort« entgegnete ich Er versank in stummes Nachsinnen »Wie
kommen Sie hierauf« fragte ich überzeugt hier unmittelbar an seine
Gedankenreihe anknüpfen und das Gespräch auf Elise führen zu können
    »Durch eine Zufälligkeit« versetzte er gleichgültig Ich sah ihn ungewiss
an »Ach mein Gott« fuhr er in seiner matten Lauheit fort »Es ist in der Welt
Gottes nichts als der flüchtige Zufall dass ich kürzlich auf ziemlich besondere
Weise jenen Unbekannten begegnet sein könnte«
    Er vermied sich deutlicher zu erklären indem er eilig hinzusetzte »Es war
während dem letzten großen Sturm wo ich Gelegenheit fand Reisenden einen
Dienst zu leisten Ausländer einer vornehmen geistlichen Dame die durch den
Schreck des misslichen Augenblicks oder durch Krankheit in fast abwesender
Gemütsverfassung zu sein schien
    Heute hörte ich drüben sei eine menschenscheue Italienerin eingezogen
welche Nachts und nur bei Mondenlicht ihr Zimmer verlasse und auch dann nur
verschleiert umher gehe Man habe sie nach nördlichen Klimaten geschickt und
mit einem Aufenthalte in hiesiger Gegend angefangen um sie nach und nach an
rauhere Übergänge zu gewöhnen Vor wenigen Tagen sei ein alter Geistlicher dort
gewesen der hierauf zu den Remonstratensern ging mit denen die Dame wohl auch
in Verkehr stehe Ich kombinirte Manches aus der Erinnerung des Reiseabenteuers
und « er zog die Schultern mit einigem Selbstbespötteln in die Höhe »Und«
lächelte er »ward neugierig auf die fremden Gäste« Er schwieg hier ein wenig
düster vor sich hinsehend
    Diese kleine Episode hatte mich völlig von dem eingeschlagenen Wege
abgebracht ich weiß nicht weshalb mir Hugo heute überall finsterer und
befangener als seit langer Zeit vorkam Ist es Elise die ihn beschäftigt
dachte ich so wird er mich verstehen wo nicht so lässt er es gut sein und
denkt nicht weiter daran
    »Das Schloss in Wehrheim« hub ich deshalb ohne sonstige Einleitung an »es
ist nun vollkommen fertig« »Bis auf einige Kleinigkeiten im Innern ja«
entgegnete er »Wissen Sie« sagte ich lachend »dass man Sie schon mit einer
zweiten Gattin dort einziehen sieht« Eine unwillige Falte flog auf seine
Stirne als er mit der Antwort zögernd durch ein kurzes abstossendes »Hm« die
Äußerung bei Seite warf
    »Halten Sie das für so unmöglich« fragte ich hierauf »Unmöglich ganz
unmöglich« entgegnete er bestimmt Er sagte das mit mehr Wärme und Heftigkeit
als er sonst in das gesellige Gespräch hineinträgt Die Ungeduld hatte ihn von
seinem bisherigen Platze aufgejagt Er ging einigemale durch das Zimmer dann
wandte er sich blieb vor mir stehen und meine Hand ergreifend lächelte er ein
wenig scharf wie mich dünkte indem er äußerte Er wolle nicht forschen wie
ich zu der Frage komme doch hätte ich unrecht das möchte ich glauben
    Er ging Ich rief ihm nach sich deutlicher zu erklären ich verstehe ihn
nicht Schon in der Türe trat er ein Paar Schritte zurück »Liebe« bat er
»verhüten Sie dass irgend Jemand an dies verschobene Geschick rühre Ich bin
nicht glücklich zu machen« setzte er ernstaft hinzu »Wie ich es sein könnte
begreift Niemand darum bleibt es ein Ideal Und Ideale« lachte er »das ist ja
schon oft gesagt die passen nicht in die Wirklichkeit«
    Es lag Bitterkeit in seiner Miene wie in dem Ton der Stimme Darum hielt
ich ihn auch nicht länger als er mich ziemlich eilend verließ
    Sie sehen lieber Freund ich bin nicht glücklich in meinem Versuch gewesen
Ich fürchte auch wir dürfen ihn nicht wiederholen wenn wir uns nicht um alles
Vertrauen bei Ihrem Neffen bringen wollen Und ehrlich gesprochen was hoffen
Sie im Grunde Ihrer Seele Ich weiß nicht die Zukunft kann mir bei Hugo niemals
einfallen Es ist als wenn er keine hätte Wenigstens suche ich den Faden
vergebens durch den sich Fortgang und Reife im Leben entwickeln
    Sie wollen hier die Eigentümlichkeit nicht berücksichtigt wissen
Notwendig nennen Sie den Schritt den die voreilige Störung wieder mit
gesetzlicher Ordnung ausgleicht Hugo sei Elisen ein Opfer schuldig Er müsse
sich durch sie vor der Welt herstellen
    Lieber anders denkt der Mann anders fühlt die Frau Glauben Sie mir Elise
passt noch weniger als Emma für ihn und leicht könnte das zweite Ärgernis
durch die Leidenschaftliche schlimmer werden als das erste Ich mag hierin
irren Doch lassen wir der Zeit ihren Lauf Zudem ist für jetzt in der Sache um
so weniger etwas zu tun als ich Ihrem Neffen eine gewisse geheimnisvolle
Unruhe anfühle die ich nicht zu erklären weiß Elise ist es nicht die ihn
beschäftigt Über sie scheint er in sich uneins Er vermeidet von ihr zu
reden vielleicht deutlich über sie zu denken Wir könnten ihn wohl gar von ihr
entfernen indem wir Beide zu vereinen streben
    Wenn ihm aber die augenscheinliche Unruhe nicht durch sie kommt was hat er
denn
 
                                Sophie an Elise
In diesem Augenblick erhalte ich Ihre Zeilen Liebste Beste wie schmerzt es
mich Sie um Aufschub Ihrer Herreise bitten zu müssen Mein Gott Sie werden das
fühlen Ich kann nicht fürchten dass Sie mich missverstehen ja ich sollte es
fordern dürfen dass Sie mir ohne Weiteres vertrauten wenn ich mirs abgewönne
Ihnen zu sagen es sei jetzt kein Zeitpunkt für Ihre Anwesenheit bei mir Doch
Sie würden nur forschen grübeln und sich quälen also  die Oberhofmeisterin
droht mit ihrer Ankunft Sie will  ich weiß nicht was Ich kann ihren Brief
nicht verstehen Er ist dunkel unruhig schroff wie sie selbst Genug aber
sie will kommen zu mir kommen In einem Auftrage wie sie sagt
    Es ist unmöglich dass Sie beide hier zusammen treffen Niemanden wird das
mehr einleuchten als Ihnen Es wäre deshalb auch nicht ein Wort weiter über
meine zurückweisende Antwort Ihres Briefes zu sagen wäre dieser Brief nicht
wie er ist
    Nein in keinem Augenblick Ihres erschütterten Lebens haben Sie mir so ganz
vernichtet so fassungslos so  lassen Sie michs sagen so herabgeworfen von
Ihrer klaren Höhe geschrieben Ist es denn wahr dass auch Ihnen der Mut sinkt
und die Schwungkraft des Geistes weniger dem Sturm als der entnervenden Schwüle
erliegt
    »Es reicht hin das Maß voll und die Pflegerin unerträglich zu machen«
sagen Sie in einem Tone unwilliger Kraftlosigkeit die mich erschreckt
    Liebe Gute wo sind Sie hingeraten mit Ihrem Geschick mit sich mit den
nächsten Freunden Die Tante meinen Sie und Curd und Hugo Sie deuten Alles nur
leise an aber es lässt sich erraten was die einfache redliche Verwandte
wünscht was der beschränkte Sohn möchte  doch Hugo  Nur er hat Sie wohl so
ganz aus dem Gleichgewicht gerissen Mit den beiden Andern dächte ich würden
Sie leicht fertig Wenn er aber  Was wollen Sie denn hier Elise Sind Sie
nicht einig mit dem Freunde so sind Sie es noch weniger mit sich Leicht möchte
dann der unerwünschte Aufschub ein Gewinn sein Betrachten Sie es so Befreien
Sie die befangene Seele von den Banden des Augenblicks Sehen Sie über diesen
weg Sammlen Sie o sammlen Sie den lieben hellen schönen Geist senken Sie
ihn nur einmal in den heiligen Quell zurück von dem er ein armes kleines
Tröpfchen ist das so oft der Erneuerung bedarf
    Meine beste Elise ich sage Ihnen nichts mehr kein Wort aber heiße Tränen
kosten Sie mich Musste denn die heitere Jugend so frühe altern
 
                                    Antwort
Zu spät Ihr Brief trifft mich hier in  wo er mit mehreren andern gemachten
Vorkehrungen zufolge auf der Post meiner Abholung wartete Umkehren jetzt
noch hier Ich kann es unmöglich Würden Sie es können würden Sie Denken Sie
doch nur so nahe bei ihm so nahe bei Georg Nein unmöglich unmöglich
    Dass ich Ihre Gastfreundschaft unter solchen Umständen nicht in Anspruch
nehmen werde versteht sich von selbst Aber wohin sonst Ich sitze hier und
sitze 
    Nein ich sitze nicht einen Augenblick auf einer Stelle Das Blut kocht mir
in den Adern mein Herz schlägt ungestüm Ich laufe im Zimmer umher Gedanken
habe ich nicht Gefühle unaussprechlich beglückende unaussprechlich
ängstigende
    Man fragte mich wohin ich die Postpferde wolle Ja wohin Sagen Sie doch
Sophie wohin Ich weiß wahrhaftig     
                                                                         Abends
Hier bin ich gute liebe einzige Freundin Walter bringt Ihnen wie sonst
diese Zeilen Ich schreibe Ihnen aus dem Schlafkämmerchen der Tannenhäuserin
Hier Hier O mein Gott was dringt hier alles auf mich ein
    Die brave Frau war so gerührt so überrascht bei meinem Anblick Ich hielt
ein Paar hundert Schritt vom Hause Es war finstre Nacht Ich wollte den Wald
die Bäume den fürchterlichen See nicht sehen Der Postillon musste absteigen
die Wirtin herauszurufen Es währte eine Weile ehe sie kam Johanna und ich
saßen währenddem stumm neben einander Das arme Mädchen fürchtete sich Sie
hielt die Leine der Pferde lose und ängstlich in der Hand Es war todtenstill um
uns wir hörten nichts als den schnaubenden Atem und das Schütteln der müden
Gäule in dem lästigen Geschirr Mir wurde immer beklommner immer voller ums
Herz Weinen konnte ich nicht kaum mich regen Indem ritt Jemand schnell
vorüber Ein Anderer der ihm folgte fluchte über das Fuhrwerk das hier mitten
im Wege hielt und gab dem einen Pferde einen Schlag mit der Faust dass es
seitwärts taumelte Johanna schrie jener lachte und sprengte davon Es war die
rohe Stimme und das gemeine Wesen eines Reitknechts aber wer war sein Herr wer
war der flüchtige Reiter der so stürmisch an uns vorüber flog
    O Herz Herz du nanntest ihn und gewiss es war kein Anderer
    Als nun der Postillon mit seiner Begleiterin kam diese die kleine
Handlaterne ein wenig hob um mir ins Gesicht zu sehen zitterte ich und konnte
nicht sprechen nicht aussteigen mich nicht auf den Füßen halten Ich winkte
nur der erschrocknen Frau auch zu schweigen Sie seufzte schwer Mit ihrer und
Johannas Hilfe verließ ich den Wagen
    »Können Sie ein oder zwei Nächte« brachte ich endlich heraus »Lieber Gott
warum denn nicht« erwiderte sie »Aber beste gnädige Frau Sie sind krank
bei mir ist es unruhig Sie werden Ihre Bequemlichkeit nicht haben« bemerkte
sie ängstlich Ich ließ sie reden und ging statt aller Erwiderung auf das
Haus zu
    »Es ist Gesellschaft drinnen« sagte sie und mich behutsam durch die Küche
und einen kleinen Vorhof führend brachte sie mich in ein Zimmer
    »Nur so lange Geduld« bat sie »bis die Gäste auseinander gehen Dann werde
ich für mehr Bequemlichkeit sorgen Es ist heute eben recht voll hier ich habe
Alles bis auf dies Kämmerchen einräumen müssen« lächelte sie im Hinausgehen
    Ich setzte mich in den hintersten Winkel auf ein Schemelchen nieder Der
Lärm wirrte undeutlich aus den anstoßenden Gemächern herüber Ich konnte weder
Worte noch Stimmen unterscheiden Ich hätte sie auch in dem Augenblick nicht
unterschieden Wie viel tausend andere Stimmen schrien jetzt laut in mir auf
    Hier war ich nun also flüchtend versteckt Nacht um mich Nacht in mir
nicht der kürzeste Blick über die nächsten Paar Schritte kenntlich alles dumpf
und dunkel wie im Kerker
    So sitze ich noch so schreibe ich Ihnen bei einem Lämpchen Sie sehen den
Worten wohl den Aufruhr der Seele an Neben mir an braust und tobt es immer
wüster
    Walter der alle Gelegenheiten des Hauses kennt und die Wirtin sprechen
wollte trat vor einer Weile unerwartet hier herein Die Tür war ungeschickt
und nur halb verriegelt so dass sie bei dem Ruck seines starken Armes aufsprang
Ich fuhr erschrocken in die Höhe Er blieb betroffen stehen Dann trat er
schüchtern zurück und zog die Tür leise nach sich Ich schickte Johanna ihn
um die Besorgung eines Schreibens an Sie zu bitten Er zeigte sich sehr
bereitwillig fragte teilnehmend nach mir bat seines unvorsichtigen Eintritts
wegen um Verzeihung mit dem Zusatze dass wenn er hätte ahnden können mich zu
erschrecken er ja lieber dem Kämmerchen auf hundert Schritte nicht genahet
wäre Er lächelte gerührt und wischte sich verstohlen die Augen
    Er also Sophie und vielleicht noch mancher Andere bewahrten mir ein
freundliches Andenken in dieser verödeten umgewandelten Gegend
    Die Tannenhäuserin ist nicht einen Augenblick festzuhalten Noch nicht ein
Wort von Georg Hugos Name wage ich nicht zu nennen
                                                                   In der Nacht
Hören Sie doch Sophie Hören Sie doch es ist nun still im Hause Aber hier
hier in mir ist ein Tumult eine Angst Sie müssen morgen frühe zu mir kommen
Walter wartet auf meinen Brief Er geht so wie der Tag grauet damit zu Ihnen
hinüber
    Johannas Neugier hat allein Schuld Ich dankte Gott nichts von der rohen
Unterhaltung meiner Nachbarn zu verstehen Nun war es vorbei Ich hätte ja taub
sein müssen Sie hatte Langeweile Bald stand sie stille bald ging sie in der
Kammer umher öffnete Fenster Schubladen und Schränke Jetzt zieht sie an einem
rot und weissgewürfelten Vorhange Ein Fenster wird sichtbar es ist mit einem
Laden versetzt Sie macht diesen ein klein wenig auf ihr erster Blick fällt in
das anstossende Gastzimmer Ich gebe nicht Acht auf sie Nun stürzt das
angelehnte eichene Brett das sie aus der Lage gebracht und nicht zu regieren
versteht herab auf den Boden »Mein Himmel Johanna was machst Du« rief ich
unwillig Sie zieht eilig den Vorhang wieder zu und lautlos auf mich zurennend
flüstert sie »St dass sie uns nicht hören Sie sitzen bei Würfeln und Karten
und die Wirtin steht bei einer Bowle Punsch aus der sie ihnen fleißig
einschenkt«
    Die genauere Bezeichnung dessen was neben mir an getrieben ward flößte
mir Widerwillen und Bangigkeit ein Die Scheidewand welche mir bis jetzt
unmittelbare Störungen abhielt war eingefallen das Fensterchen mochte
aufgesprungen sein genug ich unterschied plötzlich des Amtmanns Stimme die
durch Punsch und Spiel gehoben etwas unbeschreiblich Verletzendes hatte Die
Karten schienen ihm unglücklich zu fallen Er stieß mehr als einen Fluch aus
Mir war nicht anders als müsse jeden Augenblick Einer von den wilden Gesellen
zu mir hereintreten Ich wollte fort zu Fuß in den Wald nur hier nicht länger
bleiben Johanna beschwor mich ruhig zu sein Ich stand zitternd an sie
gelehnt als ich den Amtmann zornig auffahren und einen Knaben weinerlich sagen
hörte »Ich wollte Dich ja nur erinnern dass es spät sei Großmutter weint«
»Ach geh zum Teufel mit deiner Großmutter und deinem Erinnern« schrie der
Vater ganz außer sich »Aber wartet nur ich werde dem Dinge ein Ende machen Du
musst mir auf die Schule« fuhr er hitzig fort »Nun der kranke Wurm nicht länger
bei uns bleibt bekommt das Ding so eine Wendung«
    Sophie ich glaubte in die Erde zu sinken Er redete von Georg Krank nannte
er ihn und jämmerlich wie ein Wurm dünkt ihm das blühende Kind Es war das
erstemal dass ich das hörte Niemand hatte mir früher eine Ahndung davon
gegeben
    Gespannt horchte ich als die Fragen der Andere mir mehr Licht zu geben
versprachen Allein der Amtmann war in seiner Punschlaune ganz verwildert er
vermass sich hoch und teuer dass er sein halbes Leben darum schuldig sein wolle
wenn er nie an den vermaledeiten Ort gekommen wäre wo sich das Unglück
einquartirt habe Viele der Anwesenden lachten ihn aus Er schlug aber auf den
Tisch dass die Gläser klirrten indem er schriee »Lacht nur ich weiß doch was
ich weiß« »Nun« fragten Einige »was weißt Du denn« »Das weiß ich«
entgegnete er heftig »dass mit dem Grafen alles Elend über uns gekommen ist Wie
der hier einzog da starb mein Hannchen sie hatte ihn kaum gesehen hernach 
nun das lässt sich ja an den Fingern abzählen« bekräftigte er seine Aussage
ohne weitere Beweise anführen zu wollen »Es wird noch Alles sterben« fuhr der
wilde Mann nach kurzer Pause fort »Alles was er verhext hat Die Eine ist
schon tot die Andere so gut wie gestorben und der arme Junge der hat auch
etwas weg das wird gewiss kein Mensch leugnen«
    Schrecklich Schrecklich wimmerte ich die Hände ringend Ich schrack
zusammen als die Gäste ungestüm nach Punsch und auch nach der Wirtin riefen
    Sie musste einen Augenblick hinausgegangen sein
    »Sie ist dort in der Kammer« sagte Einer »hinter der Gardine schimmert ja
Licht«
    »Holla« rief dieser zwischen dem Fensterflügel hindurch den Vorhang
aufhebend »Ach gehorsamer Diener« setzte er verblüfft und blöde hinzu indem
er mit dem Fuße scharrend eine Verbeugung machte
    Ich verbarg mein Gesicht an Johannas Brust doch hatten sich im Augenblick
Mehrere an das Fenster gedrängt Ich hörte sie zischeln »Es ist die
Präsidentin da wird er auch nicht weit sein« »Nein« meinte ein Anderer »es
ist wegen dem Kleinen der nun fort soll Weiß man doch wie sie ihn liebt«
»Ja ja« flüsterte der Amtmann »und vollends die unversöhnliche Todtfeindin«
    Sophie ich hörte nichts mehr Ich habe wohl eine Stunde in völliger
Betäubung da gesessen Ich bin wie verwirrt Hier kann oder will mir Niemand
Auskunft geben Sie müssen es Ich beschwöre Sie auf meinen Knieen darum Morgen
frühe So bald Sie können Hören Sie wohl Denken Sie dass die Nacht lang dass
jede Minute in der Angst verlebt eine Ewigkeit ist dass ich auf der Folter bin
und Sie mich retten können oder  Nein das wird nicht sein das darf nicht
sein
 
                                 Sophie an Hugo
Ich kann nicht einen Augenblick anstehen Ihren Beistand für Elise in Anspruch
zu nehmen Ein höchst unangenehmer Vorfall hat die nur allzuleicht mit sich
einige immer zum Äußersten entschlossene Frau zu Schritten verleitet die
ärgerliche Folgen haben können Lesen Sie Ihren letzten Brief an mich Ich
schicke Ihnen diesen wie er ist Er allein mag das Folgende erklären
    Es war wohl natürlich dass ich gleich nach Empfang desselben die Arme in
ihrem Versteck aufsuchte Nichts selbst die Gegenwart der Oberhofmeisterin
konnte mich daran verhindern Wer hätte ahnden sollen dass gerade diese Eile die
widrigen Ereignisse beschleunigen die Verwirrung vollständig machen würde
    Noch vor dem Frühstück hatte ich mich in den Wagen geworfen und ohne Ihre
Schwiegermutter zu sprechen mich begnügt ihr sagen zu lassen ein dringendes
Geschäft zwinge mich zu kurzer Abwesenheit gegen Mittag würde ich gleichwohl
unfehlbar zurückgekehrt sein Tausend Sorgen im Herzen komme ich nach dem
Waldhäuschen Ich steige aus ich gehe hinein Niemand begegnet mir Sie ist
krank denke ich Die Wirtin ihre Leute sind um sie beschäftigt Vorsichtig
öffne ich die Tür nach dem hinteren Zimmer »Ach Ihr Gnaden da sind Sie ja
doch noch gekommen« ruft Johanna Die Tannenhäuserin und sie standen zugleich
vor mir und sahen teils verwundert teils bestürzt aus
    Ich fragte ängstlich nach Elisen »Ach mein Gott« entgegnete das
erschrockene Mädchen »Ist denn die gnädige Frau nicht bei Ihnen Sie sagte
doch sie wolle sich bei Wehrheim übersetzen lassen und nach dem Stifte gehen«
    »Wann war das« fragte ich »wann ging sie von hier fort« Beide sahen sich
an und meinten ein Paar Stunden sei es wohl her Da müsste sie ja dachte ich
Weg und Länge der Zeit gegen einander abmessend schon dort gewesen sein ehe
ich noch von Hause ging Doch fiel mir Wehrheim und alles was sich daran
knüpft bei Sie wird sich dort aufhalten den neuen Bau besehen
    Ich beschloss sogleich dahin zu fahren Eilig forschte ich nur noch bei
Johanna wie das Befinden und die Stimmung ihrer Herrschaft gewesen sei Wie sie
die Nacht zugebracht habe Und ob sie nicht geäußert weshalb sie mich nicht
hier abwartete da sie doch gewiss sein konnte ich würde nicht ausbleiben Was
ich erfuhr mehrte nur meine Besorgnis Elise hatte in ungleicher fieberhafter
Überspannung bis zum Morgen geschrieben das Geschriebene zerrissen die
Papierschnitzel verbrannt dann aufs neue und in größerer Lebhaftigkeit ein
Blatt gebrochen ihre Gedanken eilig in großen Schriftzügen darauf hingeworfen
Bis sie es zuletzt zu sich steckte damit zum Fenster trat als warte sie nur
den ab dem sie es anvertrauen dürfe Die Wirtin erbot sich unaufgefordert zu
jeder ihrer Bestellungen Elise sah sie gerührt an »Ich danke« lächelte sie
so weich und schmerzlich dass Jener die Tränen noch jetzt von tiefer Rührung in
die Augen traten Darauf legte sie beide Hände auf der Tannenhäuserin Arm und
zog diese näher zum Fenster Die Hände hätten gebrannt wie Kohlen und die
Stimme sei stockend gewesen als sie sagte »Wissen Sie wohl noch wie wir die
selige Amtmannsfrau und all die Kinder und ich hier Blindekuh spielten« Ich
verband der lieben Seligen die Augen da klagte sie »Nicht so fest nicht so
fest« Ich lachte und neckte sie als könne sie die Finger sehen die ich ihr
vorhalte »Nicht einen Stich« beteuerte sie »es ist so dunkel wie im Grabe um
mich« Elise verzog das Gesicht sonderbar als sie wiederholte »Dunkel wie im
Grabe« und dann hinzusetzte »Nun liegt sie schon lange darin Nachher ward ich
Blindekuh Und « sie drückte das Gesicht gegen die Scheiben Sie weinte aber
nicht doch flog ihr die Brust heftig als unterdrücke sie ihre Tränen
    Nach einer Weile soll sie gesagt haben sie wolle nun gehen Es komme doch
Niemand Johanna bezog das auf mich und entgegnete ich könne ja kaum erst den
Brief haben Elise schüttelte aber den Kopf forderte Mantel und Handschuhe zog
den Schleier über den Hut herunter und verließ mit den Worten das Haus »seid
unbesorgt ich kenne hier Weg und Steg«
    Liebster Hugo ich bin darum so weitläufig in Wiederholung aller dieser
Äußerungen und ihrer begleitenden Nebenumstände um mein damaliges Dafürhalten
zu modiviren dass jenes erwähnte Blatt an Sie gerichtet Elise zu dem Gedanken
gebracht haben könne es Ihnen selbst nach Wehrheim hinzutragen in der
Hoffnung Sie vielleicht dort zu treffen oder doch Gelegenheit zu schnellerer
Besorgung finden zu können
    Wenn man einmal auf einer falschen Spur ist so rennt man blindlings darauf
fort Meine gewonnene Überzeugung jagte mich um so eiliger nach Wehrheim als
ich Elisens Besonnenheit mehr als jemals misstraute Aufs Äußerste betroffen
erfuhr ich indes hier dass weder unsere arme Freundin noch sonst jemand Fremdes
seit mehreren Tagen im Orte gewesen sei
    Sollte sie wirklich bei mir sein dachte ich ganz entsetzt bei der
Vorstellung möglichen Zusammentreffens mit der Oberhofmeisterin
    Es lag soviel Unwahrscheinliches hierin Und doch Ihre Ungeduld Nachricht
zu haben die wachsende Angst der fieberhafte Zustand Ich ging eilig mit
meiner eigenen Meinung streitend am Ufer auf und ab Die Sonne schien warm Es
wehte eine angenehme Luft Einen Augenblick stehe ich stille ich sah umher
Dörfer und Schlösser liegen jenseits des Stromes Das neue Dach von des Amtmanns
Hause leuchtet besonders hell in dem frischen Morgenlicht Des Amtmanns Haus 
Gott wie Schuppen fiel mirs von den Augen Da ist sie nirgends sonst wo In
der Nähe von dem Tannenhause das Kind leidend  Es war unbegreiflich dass es
mir nicht gleich im Augenblick einfiel
    »Zurück zurück« rief ich dem Kutscher zu jetzt doppelt ein unglückliches
Missverstehen und gehässige Eindrücke für Elise fürchtend
    Es war über das Alles später geworden als ich es in der innern Erregung
voraussetzte Die unseligen Irrfahrten die Erkundigungen und Berichte hatten
viel Zeit weggenommen Als ich vor dem Amtofe hielt saß die Familie schon bei
Tisch Madame Lindhof kam mir entgegen Sie sah ungewöhnlich erhitzt aus
Aengstlich vermied sie meinen fragenden Blick »Ist die Frau Präsidentin hier«
flüsterte ich ihr im Aussteigen zu »Nicht mehr« lispelte sie leise »Mein
Gott auch hier nicht mehr« rief ich ungeduldig »Verweilt sie denn nirgend so
lange dass ihre Freunde sie treffen« »Dafür« entgegnete die sanfte Frau mit
bebender Stimme »wissen Andere als Freunde sie zu treffen« Ich fuhr
erschrocken zusammen »Wo« fragte ich zögernd »ist Elise jetzt« »Mit meinem
Sohne nach der Stadt gefahren« war ihre Antwort
    Verwirrte Ahndungen blitzten mir durch die Seele Wir traten in das
Esszimmer Georg sprang auf mich zu »Wissen Sie schon Mama ist wieder hier«
jubelte er die hellen Freudentränen in den Augen »Ich reise nun mit Mama«
plauderte er lebhaft fort »Nicht mit der großen alten Dame die Papa
schickte«
    Ich nahm die gute Lindhof unter dem Arm und sie in ein Nebenzimmer führend
bat ich sie mir ruhig und zusammenhängend zu erzählen was sich hier zugetragen
habe
    Ich erfuhr nun leider dass gerade das was ich verhüten wollte dennoch
geschehen war Elise und die Oberhofmeisterin trafen hier zusammen Die
Letztere die Zeit meiner Abwesenheit auszufüllen fuhr hierher um das Nötige
wegen des Knaben Abholung mit seiner Pflegerin zu bereden Sie fand Elise dort
Wie sich Beide begrüßten was verletztes Muttergefühl Beide sagen ließ wie sie
schieden wozu die Unglückliche jetzt verleitet ward Ich dränge es in die
wenigen Worte zusammen Elise ist auf dem Wege eine Klage gegen Eduard wegen
Bruch des Scheidungsvertrags gerichtlich einzugeben
    Dies Ärgernis muss um jeden Preis hintertrieben werden Ich beschwöre Sie
deshalb die Unbesonnene aus den Händen ihres schlechten Ratgebers des
Amtmanns zu retten sie zur Besinnung zur Güte und Sanftmut zurückzuführen
Sie oder Niemand vermögen es über sie dass sie nur erst stille stehe sich
sammle und betrachte was sie darf wenn sie auch nicht aufhört zu wollen Und
auch Wollen wird sie nichts Unschickliches nichts Gewaltsames da sich wirklich
Alles anders verhält als es sie ihr rasch und heftiges Empfinden erkennen lässt
    Sehen Sie Eduard hat sich nie des Rechts über Georg zu bestimmen
vergeben nur der Mutter Wunsch ihn bis zum siebenten Jahre der freien und
sanften Leitung unserer Nachbarin zu überlassen in soweit bewilligt als dies
nicht zum Nachteil des Kleinen auszuschlagen drohe Jetzt nun da genaue
Erkundigungen den Vater von der wüsten und rohen Lebensweise des Amtmanns in
Kenntnis setzten er hören muss wie in jenem Hause schlechte Gesellschaft ein
und ausgehe und auch Georgs Gesundheit sich nicht wieder herstelle jetzt
entschließt er sich den Knaben zurückzufordern Er schrieb mir deshalb setzte
alle seine Gründe auseinander und bat mich die Mutter darauf vorzubereiten
Ehe ich dies noch vermag entfernt sich Elise von ihrem bisherigen
Aufenthaltsort sie ist schon auf der Reise als die Oberhofmeisterin hier
ankommt Geschäfte den Nachlass ihrer Tochter betreffend führen diese zu mir
Der Präsident genau mit ihren Angelegenheiten bekannt weiß von ihrem Vorhaben
er benutzt die sichere und bequeme Gelegenheit das Kind in eine vortreffliche
auf ihrem Weg gelegene Anstalt zu bringen Sie verspricht es und trifft ihre
Vorkehrungen ohne Elise kränken zu wollen ohne selbst von ihrem geglaubten
Rechte zu wissen
    Ich lege Ihnen natürlich und einfach vor Augen was sich eben so natürlich
und einfach zutrug und nur auf der Oberfläche die gemischte störende Farbe
trägt
    Ich gestehe dass wie die Sache unter dem ungünstigsten Zusammentreffen von
Umständen erscheint Elise Härte und Willkür darin finden kann Allein wäre dem
auch so sie muss es dulden Sie darf durch keine öffentliche Handlung
hervortreten am wenigsten durch einen Schritt gegen Eduard um die Welt nicht
aufs Neue an sich zu erinnern
    Ich weiß nicht ob Sie diese Meinung teilen Das aber darf ich versichert
sein Sie werden das Laute Ungeziemende jeder Handlungsweise missbilligen und
gern behilflich sein kranke Leidenschaftlichkeit in die Gränzen sanften
Widerstandes zurückzuführen
                                    Antwort
Ein Geschäft hielt mich bis jetzt von der Burg entfernt Ich kehre zurück finde
Ihren Brief gütige Sophie und eile unbesonnene Maßregeln zu hintertreiben
 
                               Der Arzt an Sophie
Zu manchen Zeiten sollte man wirklich glauben es mischen sich böse Geister in
unsere verständigsten Absichten um sie zu Schanden und uns Kummer zu machen
    Es geht auch hier so Alle Ihre Vorsicht verehrtes Fräulein hat es nicht
hindern können dass die übereilte Klage wenigstens abgefasst unangenehme Worte
darüber gesprochen feindliche Gesinnungen erregt worden sind In dieser
unseligen Stimmung aufs Höchste gereizt durch die eigennützigen Einflüsterungen
des Amtmanns gestachelt krank in heftiger Fieberwallung verlässt die Frau
Präsidentin die Stadt Es dunkelte bereits Der Abend war lau sie litt durch
innere Hitze So befahl sie den Wagen herunter zu schlagen Noch dünkten ihr
Hut und Schleier genügend Frei und leicht saß sie ohne weitere Verhüllung und
schien selbst dem bösen Einfluss der Nachtluft zu trotzen So kommen sie an die
Brücke die jetzt ausgebessert wird und nur eine schmale Überfahrt gestattet
Wagen die einander begegnen müssen dann anhalten und sich über das Recht des
Vorfahrens vereinen Des Amtmanns Kalesche von zwei Pferden gezogen bleibt
billig bei der Annäherung einer großen sechsspännigen Reisekutsche zurück
Diese rollt nun über die Brücke Neugierig biegt sich ein Kinderköpfchen zum
Schlage heraus »Mama Mama da ist sie ja« ruft eine herzzerschneidende
Stimme Und gleich darauf »O bitte liebe Mama komm doch mit O bitte bitte«
Zerrissen verwirrt von wilden Empfindungen um Bewusstsein und Fassung gebracht
stürzt die unglückliche Mutter zum Wagen heraus dem rasch Vorüberfahrenden
nachschreiend händeringend sinkt sie in die Kniee dicke Staubwirbel und
Georgs Klagen ziehen vor ihr her sonst ist es Nacht um sie Sie sieht nichts
mehr 
    In diesem Zustande trifft sie der Graf welcher auf Ihr Geheiß mein
Fräulein nach der Stadt eilte
    Sie erkannte ihn nicht Seine Verzweiflung wie mir der Amtmann sagte war
unbeschreiblich Er trug die Ohnmächtige in den Wagen und während seine Leute
mich zu holen eilten begleitete er jene nach dem Amtof
    Ich kam in der Nacht hier an Ich fand bedenkliche Anzeichen und darf es
nicht verschweigen dass die Natur wohl einen harten Kampf vorbereitet Der Graf
sitzt stumm an dem Bette der Kranken Er fragt nicht er äußert nicht Angst noch
Sorge Doch wird die Falte zwischen seinen Augen immer tiefer sein Blick immer
finsterer das Gesicht starrer der Schmerz hat all das Fürchterliche bei ihm
was Diejenigen ihm geben die ihn auf Kosten ihrer Existenz in sich erdrücken
und Gewalt gegen Gewalt anrücken lassen
    Hier im Hause herrscht die größte Bestürzung Der Umstand dass die Symptome
der Krankheit sich ungefähr wie bei der verstorbenen Amtmannsfrau äußern ruft
alle schmerzliche Erinnerungen in die Herzen der Umstehenden zurück Man gibt
in der Regel der einmal gemachten Erfahrung bei ähnlicher Veranlassung
unumschränkte Gewalt über die Gefühle Niemand glaubt deshalb an Rettung Alle
beweinen die Kranke schon wie eine Tote man hat dies kein Hehl und selbst die
ruhige gelassene Madame Lindhof durch so viele widrige Ereignisse nicht gleich
so furchtsam kann sich dennoch zu keiner Hoffnung erheben
    Diese lähmende Trostlosigkeit ist indes für Pflege und Aufsicht nachteilig
Ich wage daher Sie mein Fräulein hieherzurufen und hoffe um so mehr auf Sie
als ich nur kluger Umsicht und gefasstem Gemüt fernere Verhaltungsregeln
anvertrauen kann von deren Beobachtung während meiner unaufschieblichen
Rückkehr nach der Stadt sehr viel abhängt
    Unheimlich ist es und ich leugne nicht auch für Stärkere möchte es
peinlich sein dass die Fremde welche hier eingezogen ist und die bei den
Leuten unter dem Namen das graue Nönnchen der Farbe ihrer Kleidung wegen
bekannt ist gerade bei der Ankunft der Kranken ihren nächtlichen Umgang hielt
und bei dem Wagen stehen blieb als dieser vor dem Hofe einen Augenblick hielt
bis die Torflügel geöffnet waren Selbst der Graf soll zusammengezuckt und
ängstlich gestöhnt haben Einige wollen deshalb gar nicht zugeben dass es die
Fremde gewesen sei sie halten die Gestalt für den Geist der verstorbenen
Amtmännin und vermehren dadurch nur die dumpfe Bestürzung
    Alles dies mein bestes Fräulein möge Ihre Ankunft beschleunigen Ich
erwarte Sie in wenigen Stunden
 
                           Der Geistliche an Leontin
Das Vertrauen eines Menschen ist ein unschätzbares Gut Er gibt sich uns in
diesem überströmenden Augenblicke selbst Das will viel sagen Solch Geschenk
kann nicht bescheiden nicht berücksichtigend genug angenommen werden
    Aus diesem Grunde allein mein würdiger und verehrter Herr Baron ließ ich
Ihren schönen rührenden Brief bis heute unbeantwortet Wäre ich unmittelbar
meinem Herzen gefolgt ich hätte Ihnen gleich gesagt was dieses durch und durch
erschütterte Wäre ich späterhin meinem Kopfe gefolgt ich hätte mehr und
anderes gesagt und doch wohl nicht das Rechte
    Heute will ich nun nichts als Ihnen danken Sie um Vergebung bitten und
mich bei Ihnen entschuldigen dass ich lieber schweigen als zur unrechten Zeit
reden mochte Der Grund meiner größeren Zaghaftigkeit lag wohl hauptsächlich
darin dass ich vor nicht allzu geraumer Zeit erst von der Nutzlosigkeit
warnender Worte eine traurige Erfahrung machen musste Wo das Gefühl vorwaltet
verletzt jeder Laut der diesem Gefühl Einhalt tut Es ist gewiss nichts
schwerer als hier den rechten Ton zu treffen
    Eine Äußerung Ihres geehrten Schreibens getraue ich mir gleichwohl
aufzunehmen und was ich darüber denke frei auszusprechen
    Es betrifft die Selbstwahl der Busse und den Loskauf der Sünde durch Opfer
Sie bestätigen Ihre Überzeugung mein Herr Baron durch den Entschluss der
Welt wie dem äußern Wirken in dieser entsagen auf jedes Vorrecht größerer
Freiheit auf häusliches Glück auf Familienfreude verzichten zu wollen Sie
entwerfen den Plan einer heiligen Stiftung Sie denken sich der kleineren enger
erwählten Gemeine anzuschließen und im Verborgenen das heilige Licht der
Verklärung ruhiger und reiner wirken zu lassen
    Es soll gewiss Punkte auf den vielbewegten Planeten geben die dem
aufwärtssteigenden Strahl des Gedankens Schutz der Zusammenziehung der
Lichtstoffe Stille ihrer Rückwirkung auf die Erde Raum sichern Es liegt jedem
ob diesen Punkt nach dem Masse seines Dafürhaltens zu suchen Niemand möchte dem
Andern füglich sagen »Hier ist er« Die innere Freiheit findet demnach ihre
schönste Beglaubigung in dieser Wahl
    Sie mein Herr Baron hoffen gefunden zu haben was Ihrem Streben notwendig
dünkt Die Ertödtung der Wünsche die Abgezogenheit des Blickes die Scheidung
von dem Ehemals und Jetzt
    Nun Schmerz und Verzweiflung waren die Pförtner zu diesem Asyl Möge
sanfter Trost Ihr Begleiter darin bleiben
    Sie erwarten das wohl gewiss Weshalb aber wenn ich fragen darf nennen Sie
denn Busse und Opfer was eher Lohn des 7Sieges und Frucht höheren Genusses
heißen sollte
    Ich denke wenn dies anders in meiner Macht steht mir Ihren Zustand wie
den eines Menschen der auf der großen Heerstraße von Räubern angefallen
geplündert ward diesen entflieht einen verborgenen Pfad entdeckt ihm folgt
ein heimlich stilles Tal erreicht erschöpft auf seine Kniee sinkt und zum
erstenmal aus tiefer Brust ruhig aufatmet »Hier ist Sicherheit« Mit
gehobener dankerfüllter Seele seufzt er dann »Hier will ich leben und
sterben«
    Erschrickt er vielleicht dennoch nachdem er das rasche Wort gesprochen
Bedenkt er dass das Leben lang das Sterben fern sein könne Treten die Bilder
teurer Verlassenen die Erinnerungen alles dessen was dunkle Talwände starre
Felsen dichte Waldungen ihm verdecken vor das innere Auge und empfindet er
das lastende Gewicht voreiliger Entschließung was macht er länger hier Was
bürdet er sich im eitlen Selbstgefühl das willkührliche Opfer auf da er wohl
nur nicht stark genug ist das über ihn Verhängte der Armut und Entbehrung
nach dem Verlust seiner liebsten Güter zu ertragen Denkt er diese Schwäche da
wo ihn nichts demütigt nichts mit falschem Besitz neckt abzubüssen Und
vergisst er die schönere Busse für Andere freudig dulden zu können Was heißt es
überhaupt sich selbst eine Busse auflegen Ich bekenne dies nicht ganz zu
fassen In wessen Dienst steht man auch da Wer den Befehlen seines Herrn
gewärtig bleiben will der macht sich nicht viel unnütz zu schaffen
    Sie fürchten mein junger gewissenhafter Freund die Frau Gräfin allzusehr
geliebt die beherrschende Neigung nicht genug gezügelt zu haben Nun sie ist
nicht mehr unter uns die Sie fliehen Durch sie kommt Ihnen da länger keine
Gefahr Wenn es nun aber gerade das wäre was Sie hinaustriebe Wenn Sie die
verlorne Geliebte ungestörter eigener wiederfänden wohin Sie in schüchterner
Reue zu fliehen gedenken Vergessen Sie denn aber Ihren alten einsamen Vater
den Beruf des Standes das Gebot menschlicher Verhältnisse die Gott geordnet
die der Erlöser alle geheiligt alle geweiht hat
    Einen Orden wollen Sie auf der Stelle stiften die Ihre leidenschaftlichen
Tränen Tag und Nacht fruchtlos benetzen Hier wo Ihnen das Nichtige des
irdischen Daseins so schreckend entgegen trat hier wollen Sie die Bande
brechen die Sie an dies Dasein knüpft Aus der vernichteten Welt soll Ihnen die
neue aufgehen und warnend und beschützend gedenken Sie unerfahrne Jünglinge vor
den Täuschungen zu bewahren denen Sie fast erlegen wären
    Wie sind Sie denn aber eigentlich getäuscht worden Was haben Sie verloren
wenn Sie nichts besitzen konnten
    Mich dünkt eine schöne menschliche Liebe heilige uns die Menschheit aufs
Neue und die Welt zu welcher das teuerste Wesen in unzerreissbaren Beziehungen
stand müsse uns teuer bleiben Sollte man eine Ewigkeit in der Brust tragen
können und überall nur das Endliche empfinden Ich würde für die geträumte
Ewigkeit zittern oder viel für das Endliche hoffen müssen
    Ich erinnere mich eines Ihrer Briefe an Tavanelli Sie ermunterten ihn zur
Tat zur Rückkehr unter die Menschen zur Teilnahme an ihrem geschichtlichen
Fortleben und verhiessen ihm hier zuerst Heilung und Ruhe Damals hegten Sie
eine andere Überzeugung Prüfen Sie doch wenigstens die jetzige Ich möchte
noch aus der eigenen Erfahrung erwähnen das nämlich alles Bittere was uns
trifft ungewöhnlich und wir uns selbst leicht besonders erscheinen So wird
ein Ereignis zum Wunder der Leidende zum Märtirer seine Bestimmung Beruf der
Auserwählten und was er tut und sagt unmittelbare Eingebung Ich habe eine
schöne Seele so auf einem argen Irrwege lassen müssen Das Schlimmste ist dass
man dabei nicht allein irrt sondern viel viel Treffliche in sich entzweit
Mein geehrter Herr Baron ich bin nicht über meine Gränzen hinausgegangen wenn
Ihr Herz mich nicht verkannte Möge es uns zu fernerer Verständigung dienen dass
ich das Ihrige immer zu verstehen streben werde
 
                              Curd an seine Mutter
Nein sagen Sie doch ums Himmelswillen auf und davon Auf Ehre fort Es ist um
zu verzweifeln
    Aber nehmen Sie mirs nicht übel liebe Mutter ein Bischen ist das Ihre
Schuld Wie zum Tausend wäre sie denn auf den Einfall gekommen wenn Sie statt
ihr da viel Vorstellungen zu machen die sie nur erbitterten gar nichts von mir
sagten die Sache gehen ließ und durch allerlei kleine Hemmungen und
Hindernisse ihr den Gedanken an Entfernung und Reise verleideten Eine Frau ist
wie ein Pferd voll Eigensinn und stätisch wenn man auf brutale Weise ihrem
Willen entgegen tritt sie lenken will und sie es merkt Aber langweilen
langweilen durch ewige Wiederholungen ermüden und dann so wie von ungefähr
einen Zügel über den Kopf geworfen dann sind sie schon im halben Traum dann
führt man sie zu dem entscheidenden Punkte heran Ich war ich versichere Sie
auf gutem Wege Ich sagte ihr immer dasselbe zuletzt hätte sie sich an die
Worte gewöhnt die ihr anfangs sehr dreist und lächerlich vorkamen Das
Zweitemal klingt so etwas schon besser und in der Einsamkeit wo kein Anderer
spricht  Nun Eitelkeit bleibt Eitelkeit und wer ihr schmeichelt behält doch
am Ende recht
    Soll ichs Ihnen aufrichtig gestehen so ist es mir um Elise noch mehr leid
als um mich selber dass sie sich wieder in die Welt wagt Sie kann nicht allein
darin bestehen Ich hätte sie wahrhaftig mit Anstand wieder hineingeführt Es
gibt gewisse Beschwörungsworte die die Menschen erstaunt respektiren und die
Urteile und Meinungen ganz merkwürdig im Zaume halten Nun geht die alte
Geschichte wieder los das ist klar und wer wird sie denn öffentlich vertreten
wem gibt sie ein Recht dazu Ganz und gar lächerlich kann man sich doch auch
nicht machen und als ihr Peladin auftreten und eine Lanze für sie brechen Sie
würde es Einem noch dazu schlecht danken und sich einbilden es verdürbe ihren
Handel mit dem Grafen
    Ja der  Nun ich habe den vornehmtuenden abweisenden
unzusammenhängenden kalten Menschen nie leiden können und führt uns der Zufall
einmal an einander ich würde es ihm beweisen was ein ordentlicher
vernünftiger Hass und ein tüchtiger Kerl ist
    Letztin begegnete ich ihm auf der Straße Er grüßte flüchtig Ich dankte
eben so Als ich eine Strecke an ihm vorüber war drehte ich mich um Ich wollte
sehen wohin er hier wo ihn kein Mensch leiden kann seinen Weg nehmen würde
Er war stehen geblieben Ein beissender Zug spielte ihm um den Mund da er meinem
Blick begegnete Ich hatte Lust gleich auf ihn zuzufahren und ihn zur Rede zu
stellen Aber was wäre daraus geworden Nichts in der Welt Gottes Nichts Er
hätte halb freundlich halb verwundert gelächelt getan als wäre ich ihm nicht
auf tausend Meilen in die Gedanken gekommen er würde das höflich und gelassen
erklärt und mich wie einen tölpischen rohen Burschen vor mir selbst rot
gemacht haben Er vermeidet gern Aufsehen und hat es eigentlich Elisen niemals
vergeben dass sie den Lärm veranlasste Wenn es ihm nach ginge so stände noch
Alles wie es stand der Roman spielte sich langsam fort Während er seine
Verpflichtungen gegen die Eine auf leichte Achseln nahm legte er sich keine
neuen für die Andere auf Er hat sich verrechnet und darum sieht er jetzt aus
wie ein Halbgott incognito Die schlechte Laune und das stumme verdrießliche
Wesen das legt er wie altes graues Civilzeug auf Innerlich kitzelt er sich
mit dem Gedanken dass die Welt nicht im Stande ist den großen Mann in ihm zu
erkennen Das Stück hat schon gar zu oft gespielt damit macht er Keinen dumm
    Ich breche hier ab liebe Mutter ohne den Brief zu schließen Mir liegt
eigentlich erschrecklich viel auf dem Herzen Ich schreibe gern Alles gleich
frisch weg herunter Aber die Gräfin Ulmenstein schickt nach mir mit der
dringenden Bitte eilig zu ihr zu kommen Was kann die wollen    
Da haben wirs ich dachte es gleich Es war wegen Elisen Die alte boshafte
Elster musste ja auf der Stelle ausschwatzen was ihr zu Ohren gekommen war 
Verwünscht wie sie das einkleidet so teilnehmend so entschuldigend so
natürlich Und dabei lügt sie wie gedruckt Schon lange war sie davon
unterrichtet dass Elise ihren bisherigen Aufenthalt verlassen hatte Schon
lange Dumme Lüge Erst vor ein Paar Stunden kam die Post hier an Freilich was
zwischen dem Tage der Abreise und heute liegt das mögen ihre Zuträger wohl bald
genug ausgekundschaftet haben Und das eben was dazwischen liegt das ist zum
toll werden
    »Da sind Sie ja« rief mir die Gräfin entgegen Man sah es ihr an sie hatte
auf Kohlen gesessen bis ich wirklich da war und sie ihr Mütchen kühlen
konnte
    »Ich glaubte schon« fuhr sie sogleich fort Sie wären bei Ihrer armen
Kousine« »Bei meiner armen Kousine« fragte ich halb ärgerlich halb
erschrocken da ich nicht wusste ob ich das Beiwort auf vergangenes oder neues
Unglück beziehen sollte
    »Ja wahrhaftig« entgegnete sie indem alle Züge ihres Gesichts herunter
hingen und die Stimme fiel »Sein Sie versichert dass ich den innigsten Anteil
nehme«
    »Gnädige Frau« sagte ich jetzt kaum meiner Ungeduld Herr »ich verstehe
nicht ein Wort von dem was Ihre Güte mir wahrscheinlich nur verbergen will«
    Mutter und Tochter sahen einander hier mit bedeutendem Blick und mitleidigem
Lächeln an
    »Gott er weiß es nicht« bedauerte die Letztere
    »Nein nein« fuhr ich rasch dazwischen »Auf Ehre ich weiß nichts Was ist
denn Neues vorgefallen«
    »Sie wissen es nicht« dehnte die Mutter ihre Frage als besinne sie sich
eines Bessern »Nun dann ist es auch nicht so arg« setzte sie wie ermuntert
und getröstet hinzu »Ich habe einen tötlichen Schreck gehabt man sagte mir
die kleine allerliebste Frau sei wahnsinnig geworden in diesem Zustande zu Fuß
hierher gekommen zu dem Sachwalter des Präsidenten eingedrungen habe von ihm
die Revocation des Scheidungsprozesses gefordert und erklärt sie wolle nicht
geschieden sein und werde deshalb ihrem Manne folgen wo er sich auch befinde«
    Ich unterbrach hier die Gräfin durch lautes Lachen Diese Fabel kam mir doch
zu kindisch vor
    Sie machte ein empfindliches Gesicht »Nun« meinte sie »lächerlich ist bei
der Sache nichts Sie müssten es denn komisch finden dass Ihre Kousine unterwegs
in der fameusen Waldschenke den Ort ihrer früheren Zusammenkünfte einen
ärgerlichen Auftritt mit einer lustigen Punschgesellschaft hatte und höchst
derangirt dort auftrat denn hier ist sie gewesen« beteuerte sie feierlich »
sur cela je vous engage ma parole dhonneur Sie wurde am Ende halb mit Gewalt
nach dem Amtause gebracht nachdem sie auf öffentlicher Landstraße des
histoires dautre monde aufführte Wenn Sie das so sehr amüsirt mein lieber
Rittmeister mache ich Ihnen einen Knix und sage kein Wörtchen mehr«
    Die französischen Floskeln verrieten mir die hämische Absicht und die
zügellose Bosheit mit der mich die Gräfin beleidigen wollte denn sie redet nur
modern wie sie reines Deutsch nennt wenn sie sich bewacht und verbindlich
sein will Ich strich daher einen guten Teil von dem Inhalte ihres Berichtes
Doch auch so musste ich mich zusammennehmen um dem Geschwätz mit Fassung auf den
Grund zu kommen
    Eine Zeitlang spielte die ungezogene Frau die mich eigentlich in der
nächsten Anverwandtin impertinent beleidigt hatte die Empfindliche Sie wollte
mit keiner ihrer tausend Anekdoten von denen ich eigentlich mehr Licht über die
Sache zu erhalten dachte herausrücken Zuletzt brannten sie ihr aber doch auf
der Seele Sie konnte es nicht über sich gewinnen zu schweigen Ich erfuhr
genug um anderwärts nähere Erkundigungen einzuziehen
    Ich kann nur so viel mit Bestimmtheit sagen dass Elise wirklich Schritte
gegen Eduard getan haben soll dass diese aber auf Rechnung einer ausgebrochenen
Krankheit geschoben werden welche sie dem Tode nahe brachte Sie liegt in ihrem
ehemaligen Wohnort im Hause des Amtmanns ohne alle Hoffnung Hugo verlässt sie
keinen Augenblick und die Stiftsdame Sophie wird sie unfehlbar wenn nicht dem
Grabe doch dem Traualtare zuführen
    Das kommt von dieser unseligen Reise die Sie hintertreiben mussten wenn Sie
Ihren Sohn nicht über die verzogene Nichte vergaßen Unsere Hoffnungen gute
Mutter sind nun auf die eine oder die andere Art dahin Noch zittre ich für
Elisens Leben Aber es kann ein Augenblick kommen wo ich sie lieber tot als
in den Armen des verhasstesten aller Menschen wissen möchte Im Grunde meiner
Seele fürchte ich diesen Augenblick am meisten
    Ich sage Ihnen heute ein trauriges Lebewohl Arme Mutter Sie werden sehr
betrübt sein Ich bin es auch
    Ich will hinaus zum Förster Wir jagen zuweilen mit einander vielleicht
erfahre ich da etwas von ihr
    Nächsten Posttag schreibe ich wieder
 
                             Sophie an den Komtur
Ich habe Ihnen lieber Freund heute viel sehr viel zu sagen
    Sie erwarten Nachricht von unserer Kranken Walter wartet darauf sie Ihnen
zu bringen Ich bin hierdurch wie durch die Ungeduld Ihnen Alles mitzuteilen
was mir das Herz erfüllt gedrängt und doch kann ich meiner Gewohnheit nach
nur gesammelt und nach einander meine Berichte machen
    Zügeln Sie also Ihre Ungeduld ein wenig Auch unser flinker Bote muss sich
gedulden
    Ohne dass ichs Ihnen erst melde sehen Sie es diesem Briefe schon an dass
Elise seit dem entscheidenden neunten Tage in der Besserung vorschreitet Sie
hatte wenn auch eine schlaflose doch eine ruhige Nacht
    Allein eben von der Nacht habe ich Ihnen zu erzählen Ich durchwachte sie
mit Hugo im Nebenzimmer Er war wie ein Mensch an dem ein großes Unglück
vorüber gegangen ist weich dankbar inniglich bis auf den Laut der Stimme und
den schwimmenden Glanz des Auges Gang und Sprache Alles war leise Es bebte
noch die heftige Erschütterung hindurch Selige unaussprechliche Stimmung in
der sich der niedergebeugte Geist schüchtern und ehrfurchtsvoll zur Hoffnung
erhebt
    Hugo sah die Welt in anderer Gestalt Die Freude färbte ihm das Leben
heller Auch auf mich trug er einen Teil der größeren Wärme über
    Wir saßen neben einander wir sprachen so tonlos dass kein Wispern und
Flüstern die gereizten Nerven der Kranken berührte Das matte Lämpchen noch
durch einen Schirm geschwächt schimmerte ganz fahl Wir hörten jeden Atemzug
unserer Freundin Er war gleichmäßig und würde uns über ihre Schlaflosigkeit
getäuscht haben wenn das Rascheln der seidenen Decke und die Bewegung der
Gardinen es nicht verraten hätten dass sie wache
    »Sie erkannte Sie gleich als ihr das Bewusstsein wiederkehrte« fragte ich
Hugo Er bejahte es mit sichtbarer Rührung »Was sagte sie denn« hub ich nach
einer Pause wieder an »Sie nannte meinen Namen« entgegnete er »Und « er
stockte einen Augenblick »Dann« fuhr er fort »hob sie beide Arme zum Himmel
hinauf und begleitete diese Bewegung mit einem langen Blick den sie lächelnd
auf mich niederfallen ließ«
    »Ja« erwiderte ich »sie wäre auch wohl nicht erwacht hätte sie Ihr
schmerzlicher Ruf nicht geweckt«
    Er sah lange schweigend vor sich hin »Ich also meinen Sie« nahm er
endlich das Wort »habe sie ins Leben zurückgerufen Wie wird das Leben für sie
aussehen« Er lächelte auf seine schmerzliche Weise Mich erschreckte das Ich
wollte es zu keinem innern Verlieren bei ihm kommen lassen »Sehn wir nicht
weiter« bat ich »als der Augenblick es uns gestattet Wir haben noch keine
Sicherheit für die nächste Zukunft«
    Er sah mich erschrocken an »Wie« fragte er »Sie fürchten noch« Ich
drückte ihm stumm die Hand denn die Kranke schien sich im Bette zu erheben Er
sah unruhig nach ihr hin »Sophie« rief sie schwach Ich eilte zu ihr Sie gab
mir die Hand Ich musste mich auf einen Stuhl neben sie setzen »Er schläft
wohl« fragte sie Ich nickte ihr zu und wendete mich so dass sie Hugo nicht
sehen konnte der in der offenen Türe stehend ängstlich auf jede ihrer
Bewegungen sah
    »Das ist mir lieb« versicherte sie »Ich will ich muss mit Ihnen reden«
»Jetzt nicht« bat ich sie »Sein Sie unbesorgt es ist nötig gewiss liebe
Sophie« fuhr sie dringend fort »ich werde gefasster sterben wenn ich dies vom
Herzen habe« »Sie werden jetzt nicht sterben« unterbrach ich sie von dem
Ernst und der Feierlichkeit ihres Wesens peinlich erschreckt »Es kann sein«
sagte sie »es kann auch anders sein« Sie sah in die Höhe Ihr liebes Auge war
von dem Flor der Krankheit noch nicht befreit es dämmerte so umwölkt und hatte
dadurch etwas unbeschreiblich Zärtliches
    »Schreiben Sie« hub sie gleich darauf an »auf jeden Fall an Eduard
Liebste Sagen Sie ihm dass ich jetzt nichts als seinen gestörten Frieden vor
Augen hätte und Alles darum geben möchte ihn glücklich zu wissen Bitten Sie
ihn mir zu verzeihen dass ich seine Ruhe leichtsinnig durch unsere Verbindung
aufs Spiel setzte Das ist mein größtes Unrecht« seufzte sie »Ich liebte ihn
nicht Guter Gott ich wusste nicht dass es anders sein könnte«
    Sie sank matt auf ihre Kissen zurück Ich wollte nichts mehr hören ich
beschwor sie alle Anstrengung zu vermeiden Sie lächelte »Was sind Sie so
ängstlich« fragte sie »Der Tod ist nicht das Schlimmste was mir droht«
    Ich tat nicht als ob ich sie verstehe Hugo hatte sich indes leise
hereingeschlichen Er stand mit dem Haupt seitwärts gegen den Schirm gelehnt
der das Bett der Kranken teilweise umgab Diese einmal den Gegenstand
berührend der sie wohl meistens beschäftigte achtete nicht auf mein Schweigen
sondern sagte »Denken Sie doch nur Sophie wie jung ich bin drei und zwanzig
Jahr und schon mit dem Leben abgeschlossen Nichts nichts mehr darin was mir
gehört keine Pflichten kein Beruf kaum ein Plätzchen das mir vergönnt den
langen unfruchtbaren Weg ohne Unterbrechung ohne Schatten und Licht kahl und
grau bis ans Ende zu übersehen Und ich war so froh wie Emma« klagte sie »so
recht jugendfroh Was nimmt mir jetzt der Tod Nichts wahrhaftig nichts«
    Ich erinnerte sie an Georg der ihr doch immer bliebe den sie auch aus der
Ferne begleiten könne
    »Aus der Ferne« wiederholte sie schmerzlich »Ja fern fern das passt auf
Alles was mir angehört Es bleibt mir nichts nahe O bitte« rief sie nach
meiner Hand fassend »beziehen Sies nicht auf sich Liebste Denken Sie nicht
ich sei ausgeartet genug um Ihre Freundschaft mit Undank zu lohnen Ich fühle
sie ach ich fühle sie Aber « Sie stockte »Und« fragte ich »Sie haben
auch eine Andere in mir geliebt Sophie als ich bin« erwiderte sie sinnend
»Das ist wohl Vielen so gegangen« setzte sie hinzu »auch Hugo Er hat recht
ich kenne mich selbst nicht mehr«
    Dieser vielleicht mehr durch Elisens klagende Stimme als durch den Sinn
ihrer Worte getroffen mochte einer unwillkührlichen Bewegung nicht Herr sein
Ein leises Geräusch verriet seine Nähe Die Kranke fuhr in die Höhe Sie
fragte Sie rief ihn Er trat zu ihr Tränen bedeckten sein Gesicht Er war
sichtlich in großer Erschütterung So ergriff er ihre Hand so gelobte er mit
leisen heißen Worten sie nie zu verlassen sein Geschick unwiederruflich an
das ihrige zu knüpfen und ihrer Verbindung die Heiligkeit auch äußerlich zu
geben die sie für ihn ewig habe
    Lieber Freund das war es was ich Ihnen in seinem unwillkührlichen Kommen
und Geschehen hinstellen wollte Sie haben es in Ihrer Klarheit begleiten
können Der Eindruck ist frei durch Nichts vorher bestimmt Sie werden in sich
fühlen wie viel Raum wir der Freude geben dürfen
    Beide sind jetzt glücklich Elise ist in der Genesung wie durch einen
Zauberschlag vorgerückt Nur eins hätte mich fast diesen Morgen hierüber irre
gemacht »Sagt mir doch« hob sie nach kurzem Schlafe an »was ist denn das für
ein graues verschleiertes Geschöpf das während meiner Krankheit Nachts immer
durch das Fenster dort herein sah«
    Ich erschrack Ich fürchtete sie rede aufs neue im Fieber Ich entfernte
deshalb jene Vorstellung ohne sie zu bestreiten Sie lachte »Ich weiß wohl
was Sie denken Sophie aber es ist ganz bestimmt wie ich es Ihnen sage«
versicherte sie Ich war verlegen auf welche Weise ich es ihr ausreden sollte
Zum Glück erinnerte mich Madame Lindhof an die Italienerin Ich schwieg davon
doch Johanna wusste hierüber noch manche Anekdote was zu meinem Verdruss Elise
nachdenkend machte Es war wohl die Erinnerung an die fremde Bewohnerin ihres
Hauses denn sie sagte bald darauf »also auch eine ruhelose Unglückliche« Wir
ließ es dabei Sie aber fragte noch mehrmals nach der Unheimlichen
    Nun der Eindruck wird sie weiter nicht stören Sie ist zu glücklich
 
                               Elise an die Tante
Wie soll ich es denn anstellen recht aus dem Herzen recht frei ganz wie ich
bin und denke zu Ihnen meine Wohltäterin meine beste liebste mütterliche
Beschützerin zu reden ohne Sie zu betrüben ohne Ihnen von einer Seite wehe zu
tun wo ich Sie immer mit Besorgnis verletzlich fand Ich weiß wohl dass Sie
himmlisch gut sind dass Sie Ihr eigenes Interesse willig für Andere opfern
Allein gute arme Tante Sie haben nur den einen Sohn Sie dachten Sie hofften
für ihn und machten es wie man es immer tut wenn man hofft Sie waren Ihrer
Sache im Stillen gewiss Es hat mich sehr gequält Sie in dem Irrtum dreister
als Sie es sonst pflegen der Zukunft vorauseilen zu sehen Sie ließ mich es
merken und wenn ich Ihnen widersprach lächelten Sie mit einer Ruhe die so
aussah als hätten Sie Gründe und Mittel meinen Entschluss zu bestimmen die Sie
nur noch geheim hielten Ich wurde ganz irre an mir an Ihnen an meinem
Geschick
    Die Angst liebe Tante hat mich auch aus Ihrem Hause getrieben Nachher bin
ich tötlich krank geworden In der Zeit ist Vieles vorgefallen Jetzt bin ich
mit Hugo verlobt  O sein Sie nicht böse Entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht
Ich bin so glücklich wie könnte ich es bleiben wenn ich Ihren Unwillen zu
fürchten hätte
    Sehen Sie meine beste Tante mit Curd und mir wäre es doch in meinem Leben
zu keiner Verbindung gekommen Wir passen wirklich nicht für einander Ich bin
ihm gut O Gott ja recht herzlich gut Aber  nein  das war unmöglich Ach
Sie sehen das auch im Grunde wohl ein Ich bin zu alt für ihn und dann eine
geschiedene Frau  Sagen Sie was Sie wollen Curd dünkt Ihnen wohl gut genug
für eine bessere die nicht den Tadel der Welt auf sich lud Niemand erst zu
vergessen hat und froh und stolz an seiner Seite in Gesellschaften auftreten
den Blicken der Menschen gern begegnen mag Was hätte er nicht Alles meinetwegen
bekämpfen müssen Und wie peinlich wäre Ihnen das gewesen Sie gute sanfte
Tante Ich darf hoffen dass ähnliche Vorstellungen Ihnen nach und nach kommen
und Sie über meinen Verlust trösten werden Allein es ist noch etwas dabei was
Sie und auch Curd nicht verschmerzen werden das ist der Mann dem ich meine
Hand gebe Sie haben ihn nie leiden mögen und wenn ich späterhin seiner
erwähnte so hörten Sie mir stets mit verbissenem Ärger zu
    Das kommt aber nicht aus Ihrem guten Herzen Sie sind weit entfernt irgend
ein Geschöpf Gottes zu hassen geschweige denn einen Menschen den Sie niemals
mit Augen sahen Ich will es ununtersucht lassen weshalb Sie zum erstenmale in
Ihrem Leben unbillig erscheinen das ist eine kitzliche Frage die zwischen uns
unbeantwortet bleiben muss Allein weil Ihr Herz doch eigentlich von dem
Widerwillen nichts weiß so schmeichle ich mir die Zeit und meine Bitten werden
ihn überwinden Sie werden Ihre arme Elise die soviel litt soviel bei Ihnen
geweint hat die Sie nicht weinen sehen konnten Sie werden ihr keine neuen
Tränen auspressen wollen
    Nun ich will Sie auch nicht bestürmen Ich will geduldig warten bis Sie
mirs endlich einmal sagen »Sei nur ruhig Kind Ich sehe es nun wohl ein er
ist ein braver Mann und ich wünsche Dir aufrichtig Glück zu der Heirat mit
ihm«
    Ach gute Tante wenn Sie das sagen wollten Aber Sie können es jetzt noch
nicht Und darum fürchte ich unbescheiden zu sein wenn ich Ihnen alle Umstände
auseinandersetzen wenn ich Ihnen erzählen wollte wie es eigentlich so anders
so entscheidend gekommen ist Zuweilen ist es mir selbst wie ein Traum
    Was Sie doch einigermaßen beruhigen sollte ist dass der alte würdige
Komtur so aufrichtigen Anteil an unserm Geschick nimmt dass er schon lange den
Wunsch hegte ja selbst ihn aussprach es so versöhnt zu wissen Er und die
Freundin deren Briefe Ihnen gute Tante immer so viel Achtung für die
Schreiberin einflössten die sind es welche jetzt Hugos und meinen Frieden mit
den unversöhnlich Gesinntesten machen Der vortreffliche Oheim hat Eduard
geschrieben ihm in die Seele geredet und mir wenigstens eine verzeihende
Äußerung von ihm gewonnen Auch in der Stadt am Hofe zeigte sich der würdige
Mann unsertwegen Ihm ward eine lange Unterredung mit der Fürstin Mutter in
welcher diese zuletzt eingestand Es sei so viel für die Bewahrung der Sitten
gewonnen dass nun jedes andere Gerücht zum Schweigen gebracht werde Auch hat
sie mich grüßen lassen und geäußert Der Zutritt an Hof stehe mir frei wenn
ich ihn suchen wollte
    Alles dies schreibe ich Ihnen weil es auch Sie vielleicht gütiger stimmt
Werden Sie mir wohl antworten Und sollte ich diese Antwort fürchten müssen
Oder  ich weiß es nicht aber ich denke manchmal mein Glück muss Sie rühren
und am Ende wenn Alle aufhören mich zu schelten wollen Sie die früher Andere
 ihrer Strenge wegen tadelte jetzt erst anfangen es diesen gleich zu tun
    Geben Sie mir Ihre Hand lassen Sie mich sie küssen Sein Sie wie immer die
Gütige die nicht zürnen kann
 
                                 Hugo an Elise
Der Einfall den schönen Frühlingstag in Wehrheim zubringen zu wollen ist
vortrefflich Wissen Sie dass der gestrige warme Regen alle Knospen der
Mandelblüten geöffnet hat Wie ein rotes Wölkchen zieht es sich unten an den
Bergen hin Und am Boden der frische Rasenteppich und darüber den Glanz der
klaren milden Merzsonne Ich sage Ihnen Elise das helle Wehrheim tritt wie
ein Zaubergarten aus den blauen Wellen unsers Stroms herauf
    Nun Sie werden ja sehen Ich kam eben von dort als ich Ihr Billet fand
Wir hatten einen Gedanken Es ist sonderbar sagen Sie mir wie die Natur oft in
so frappantem Zusammenhange mit dem Geschick der Menschen zu stehen scheint
Dieses hat auch seine Abschnitte und nicht selten correspondiren Jahreszeiten
und Lebensepochen höchst wunderbar Ich erinnerte mich auch heute der starren
verwilderten Stimmung in der ich den lieben Ort unter Winterstürmen und
Eisnebeln vor wenigen Monaten durchstrich und freute mich den schönen
Frühling in ruhiger Brust aufnehmen zu können
    Lassen Sie es uns vergessen dass die Stunden zeitlich und auch der Frühling
vergänglich ist Wir wollen heute tun als könne weder ihm noch uns der Wechsel
etwas anhaben
    Sophie begleitet Sie doch Sie gehört so sehr zu uns Der Oheim kommt auch
vielleicht später immer indes vor Abend Sie haben auch die Nachtluft zu
scheuen Ob mir gleich nichts über das Hineindämmern in die geheimnisvollen
Dunstbilder des Taues und die breiter fallenden Schatten geht Könnten wir die
Rückfahrt nicht zu Wasser machen Aber ich besinne mich Nein Nein Sie scheuen
das So fahren Sie mit dem Oheim und ich bringe Ihnen Sophie nach Guten
Morgen Liebe
 
                                 Elise an Hugo
Welch einen Tag haben wir verlebt Ich kann noch nicht schlafen gehen Es ist
Alles wach in mir Haben Sie es denn empfunden wie mir ward als mich der
Komtur die Treppe zum Schloss hinauf führte Und ich nun eintrat nun da war
da sein durfte in der neuen Heimat  Ich hatte früher das nie gedacht nie
geträumt die Empfindung überwältigte mich man ist sich fremd in den ganz neuen
Lebensbeziehungen ich zitterte ob aus Schwäche aus Freude oder einer höheren
Macht die mich bis hierher führte ich weiß es nicht zu sagen Mein sanfter
Begleiter schien mir über alles so wie über die Stufen der Treppe weg und nur
vorwärts helfen zu wollen Dann ließ er mich und trat einige Schritte
seitwärts als wir innerhalb standen und ich gleichsam eingeweiht war und
Besitz von meiner künftigen Wohnung genommen hatte
    Hugo wie ist es denn möglich dass plötzlich alles so anders werden die
Vergangenheit versinken und eine Gegenwart da sein kann die mit dem schon
gelebten Teil des Daseins in keiner äußern Verbindung steht und doch ganz da
ist vollständig bindungslos wie die Ewigkeit ihr unbegreifliches Leben um uns
verbreitet
    Ich habe den ganzen Tag über diese Frage nicht hinausgekonnt Dass ich das
nur fragen musste Es waren überschwengliche Stunden in denen ein Menschenherz
brechen könnte weil es das nicht fasst was es zu reich beseligt
    Sehen Sie wie wir nun nach und nach häuslicher in dem unbewohnten Schloss
wurden wir bei einander saßen das Auge mit allen Gegenständen außer uns
vertraut ward Niemand gerade sprechen mochte der Fluss so eintönig rauschte
als sage er uns seit Jahren dasselbe unsere Hände in einander lagen die Blicke
über die Landschaft hinglitten die Mandelbäume ihre roten Kronen leise
bewegten und das Wasser frische Lüftchen heraufschickte um uns den milden
Blütenduft näher zu bringen ich hätte denken können es sei immer so gewesen
Und dann erschrack ich doch wieder und fragte mich ist es denn nun erlaubt
dass ich hier bin dass ich seine Hand in die meine schließe dass ich es zeige und
sage wie ich ihn liebe Diese innere Ruhe diese Sicherheit ist kein Traum
Hugo lieber Hugo Der Himmel hat mir viel Mut und durch lange Zeit Kraft im
Unglück gegeben aber für das Glück habe ich noch nicht Freiheit nicht Raum
genug in mir Es macht mich schüchtern ich werde so klein vor dieser Großmut
des Himmels ja ich sinke in mir selbst wie in einem engen Winkelchen
zusammen
    Das war es auch wohl was der Komtur meinte als er mir zuflüsterte »Ich
erkenne die heitere Freundin von ehemals nicht wieder Wo hat Elise die
jugendlichen Schwingen gelassen mit denen sie das blaue Luftmeer mutwilliger
Laune so oft durchschiffte«
    Ich drückte seine gute liebe Hand »Fragen Sie nicht« bat ich »Sie müssen
Geduld haben mit einer Genesenden Wenn auch schon die Fähigkeit zur Bewegung da
ist man getraut sich nicht die lang entwöhnten Kräfte zu gebrauchen«
    Er lächelte wohl doch sah er auch ernstaft aus und schien mich erforschen
zu wollen Mag er das Es liegt nichts im Grunde meiner Seele das seinen Blick
scheuen müsste O Liebster fassen Sie doch die Seligkeit dass ich das sagen
darf
    Wissen Sie wohl dass es innere Übereinstimmung allein ist die uns billig
und herzlich gegen andere macht Wäre der brave alte Baron Wildenau zu jeder
andern Zeit so unerwartet an einem Tag wie der heutige hineingefallen wir
würden ihn unwillig und trocken abgewiesen oder bei Seite gelassen haben Nun
empfingen wir ihn bescheidener und fühlten ohne Störung dass unsere Wärme ihn
auch erwärmte und er sein Herz aufschloss Nachher brauchten wir uns nicht
weiter große Gewalt anzutun um ihn zu hören Es interessierte uns wirklich was
er über Leontin sagte dessen letzter Brief merkwürdig genug sein mag wenn man
ihn nur zu lesen bekäme Die wenigen Fragmente in die Sprache des Vaters
übertragen geben nur confusse Vorstellungen Der Gedanke statt eines strengen
Mönchklosters wie es der tiefsinnige Mensch früher gewollt eine weltliche
ErziehungsAnstalt für Knaben zu stiften hat mich besonders gerührt Wunderbar
dass uns gerade heute Nachricht von dem dunkeln ganz aus dem Gesicht verlorenen
Freunde kommen musste
    Gestehen Sie dass ich wenig eitel sein muss um es dem ungalanten Baron nicht
nachzutragen dass er mich erst nach einer ganzen Weile wieder erkannte Ich
fürchte lieber Hugo die Veränderung welche der Oheim nur an meiner Laune zu
finden glaubt wird sich auch wohl auf meine ganze Person erstrecken Armer
Hugo so ist der Herbst des Alters doch wohl vor der Tür und der Frühling der
Jahreszeiten leihet uns nur ein Stückchen von seinem Leben
    Ich will mit dem traurigen Schluss nicht auch den Brief schließen Deshalb
frage ich Sie noch was haben Sie denn mit Sophie angefangen Die kam ja von
ihrer Wasserfahrt so ernst und wortkarg zurück als sei etwas vorgefallen das
ihr die Lust des Tages trübte Ihr habt wohl sehr tiefsinnige Gespräche geführt
und Euch in feierliche Betrachtungen hinein vertieft Mir geht nach gerade die
Sprache aus Gute Nacht Hugo Ich nehme all mein Glück mit mir in den Schlaf
und will davon träumen Gute Nacht gute Nacht
 
                                 Sophie an Hugo
Ich vergaß Sie zu erinnern Elisen unser Begegnen mit der gespenstigen Fremden
nicht zu erzählen Es wirft immer einen Schatten auf den hellen Tag zurück und
sie hat diesen so rein genossen Ich fand sie noch in großer Bewegung am
Schreibtisch Die Augen leuchteten ihr vor Freude als sie die schönen langen
Wimpern zurückschlug und mich halb gerührt halb triumphierend mit einer Miene
ansah die wohl sagen sollte Nun Zweiflerin ist nicht dennoch Alles gut
geworden Bin ich nicht das glücklichste Geschöpf auf Erden
    Wie wenig passt zu dem warmen Rot das in dem Augenblick ihre Wangen färbte
ja wie ein Rosenhauch über sie ausgegossen schien die blasse Trauergestalt die
so einsam in ihrer Gondel aus der buschigen Erdzunge von Wehrheim hinaus fuhr
und zwischen dem säuselnden Schilf hindurch unsere Bahn durchschnitt
Schauerlich sagten Sie sei Ihnen die Nähe dieser Gemütskranken Mir hat ihr
unerwarteter Anblick eine kältende Angst in der Seele gelassen und wirklich muss
ich es ein Glück nennen dass Sie in dem gekrümmten kleinen Fährmann den
Bedienten der Dame erkannten und dadurch alle Gedanken an Geistererscheinung
von vorn herein verscheuchten denn in der Tat dies plötzliche Erscheinen und
an uns Hingleiten dies Fortbewegen auf dem Wasser ohne hörbaren Ruderschlag
das wispernde Rascheln der Rohrhalme es hatte viel Spukhaftes Zudem  ich
wette wurden auch Sie an etwas erinnert das mir die Brust zusammen zog Es war
eine Ähnlichkeit in der Bewegung der Arme in der Art den Schleier rasch
zusammenzuschlagen sich ganz hinein zu wickeln dieselbe Neigung des Kopfes
ein wenig auf die Seite und dann nach vorne gebückt Das nämliche
Zusammenziehen des Körpers so in sich hinein wie Jemand der friert Ich weiß
sie ist leidend aber es trifft mit der Gestalt zusammen und dann der Abend
das Halbdunkel heute gerade Ich wollte die Unerfreuliche verliesse diese
Gegend bald Ich fragte neulich den Arzt nach ihr Elise achtete sehr aufmerksam
darauf
    Er wusste nicht viel von ihr Es behandelt sie ein französischer Doktor Er
ist bei der Legation Er kommt wöchentlich mehrmals aus der Residenz hierher
und geht sodann über das Kloster der frommen Premonstratenser Mönche zurück Er
zeigt nur gleichgültiges Nichtachten bei allen Erkundigungen über die sonderbare
Fremde die ihn wenig zu interessieren scheint und uns so unbequem ist Ich
schelte mich deshalb Allein wenn ich von mir auf Elise schließen darf so
verbergen wir dieser wohl klüglich unser kleines Nachtabenteuer
 
                                 Hugo an Elise
Ich schicke Ihnen Liebste in aller Frühe einen kleinen grünen Papagay der
mir diesen Morgen zum Kauf angeboten ward Es reise ein Mann mit fremden Tieren
hier vorbei sagte mir der kleine braune Knabe in gebrochenem Italienisch
welcher den Vogel herauf brachte Es war ein hübsches Bild das gewandte fremd
gekleidete Kind mit dem bunten Papagay auf der Hand beide wechselsweise
schwatzend sich küssend und einander liebkosende Grüße zurufend Wir wurden
bald Handels eins Ich hatte gezahlt jener ging der Vogel saß auf seiner
Stange sah umher drehte sich hin und wieder und rief mit einemmale hell und
deutlich Georg Ist der Zufall nicht artig dass aller Wahrscheinlichkeit nach
der Knabe so heißt dass ihn das verlassene Tier so ruft und dass ich meiner
Freundin so das Echo eines geliebten Namens zu vertrauter Unterhaltung bieten
darf
    Hier Elise sprechen Sie dem niedlichen Plaudrer immer vor was er sagen
soll und was Niemand sonst zu wissen braucht Schwatzt er auch so verrät er
doch nur halb das Geheimgehaltene Guten Morgen Guten Morgen Liebe
 
                                    Antwort
O weg mit dem Ohngefähr weg mit der Fabel vom braunen Knaben Niemand als Sie
kann so zart fühlen kein Zufall kann mich so in meinem Innern finden den Namen
lehrte das Tier kein Wärter nicht das Bedürfnis nach Futter Er nennt ihn so
weich so sehnsuchtsvoll O den hat ihn die mitempfindende Liebe gelehrt
    Mein bester Hugo wie rührt mich dies Geschenk O bitte verstecken Sie sich
doch nicht hinter das schlecht ersonnene Märchen und lassen Sie das vom Himmel
gekommene Feenkind weg das solche Zauberkünste mit dem Enträtseln geheimer
Wünsche treibt Ich kenne wohl einen Zauberer der tief tief in meiner Seele
liest doch außer ihm Niemand der kleine welsche Elfe weiß nichts von mir
 
                       Hugo durch den rückkehrenden Boten
Ich versichere Sie ich sagte Ihnen die Wahrheit Ich ersinne nichts um nachher
aus meinem Verstand hervorzutreten Gewiss es ist wie ich Ihnen schrieb
    Nehmen Sie es einfach Liebe und freuen Sie sich dass uns jetzt überall das
Angenehme auf halbem Wege entgegenkommt
    In einer Stunde bin ich bei Ihnen Sie werden nicht länger meine Worte
bezweifeln wenn Sie mir in die Augen sehen die Sie nie täuschen konnten
 
                               Die Tante an Elise
Ich antworte Dir gleich liebes Kind damit Du nicht glaubst ich wolle Böses
mit Bösem vergelten denn das ist wahr betrübter bin ich lange nicht gewesen
wie den Tag vor Deiner heimlichen Abreise und hernach wie Dein Brief kam Man
sorgt und quält sich das halbe Leben für seine Kinder und Glück und Frieden
schafft kein Mensch Der arme Curd Ich dachte es nun gewiss und sage was Du
willst es wäre am Ende doch wohl geschehen denn es ist schwer seinen Bitten
zu widerstehen Ach ich weiß das ja am Besten Er kann so niedliche Augen
machen gerade so als er noch klein war und mir was abbettelte Wenn er Dich
so ansah Elischen Du lächeltest auch und warst ihm auch gut der arme Junge
Ich kann nicht ohne Tränen an ihn denken
    Aber das könnten wir am Ende noch verschmerzen wenn es nur der Mühe wert
wäre Nein Ich kann mir es nicht möglich denken dass Du den Mann heiraten
wirst um dessentwillen Du Dich mit dem achtungswerten Präsidenten entzweitest
mit dem Mann der nichts als Kummer und Schimpf über Dich und Deine Familie
verhängte der Dich von Haus und Hof verjagt und Deinen allerliebsten Georg um
die Mutter gebracht hat und der nachher gar nicht tat als wärest Du in der
Welt bis Du Alles Alles vergisst und gerade dahin gehst wo Du gewiss sein
konntest ihn zu treffen
    Siehst Du ich hätte das nicht tun können um alle Schätze der Erde nicht
Niemals würde ichs mir vergeben haben den kalten Menschen sehen zu lassen wie
viel mir an ihm liege Lieber sterben als mein Herz so wegwerfen
    Nun Du wärest ja doch beinahe darüber gestorben Da freilich wie es denn
so weit kam da schlug ihn wohl das Gewissen und er bot Dir seine Hand
    Ich weiß Alles durch Curd der immer in Deiner Nähe blieb wie Du so elend
warst und hernach auch noch Er kennt den Förster aus dem Orte Bei dem hatte
er sich Tag und Nacht einquartirt ohne dass es ein Mensch wusste Der redliche
Junge so wie der Dich liebt Elischen so liebt Dich doch kein Anderer Das
kannst Du gewiss glauben und ich will wünschen dass Du Deine unbesonnene Flucht
aus meinem stillen Hause einmal bereuen mögest Denn sage mal aufrichtig Kind
was kann Dir nun eigentlich alles das helfen Es ist schon gar zu viel Wind über
Eure Liebe hingegangen bei den Männern hat so etwas immer Folgen Der Tod der
Frau kam auch noch dazwischen Er hat sie doch wohl lieb gehabt und sich
hernach im Stillen Vorwürfe genug machen müssen Dir ehrlich gestanden mir
kommt es so vor als wäre sein Antrag nur so ein Angst und Notgeschrei
gewesen Er fürchtete es würde ihm eben so mit Dir gehen und die Welt noch
scheeler dazu sehen als das Erstemal An Deiner Stelle hätte ich gar nicht
darauf geachtet Er war dann beruhigt und über alle Nackenschläge weg Du
konntest Dich wieder selbst respektiren und vor den Menschen da kriegte Alles
ein ganz anderes Ansehen Ich begreife die Leute gar nicht die Du um Dich hast
ob das keiner einsieht oder Dir nur nicht sagen will Die Freude und der Jubel
über solche unschickliche Verbindung ist mir ganz unverständlich Denke Dir mal
selbst die Sache so recht deutlich wie sie sich wirklich begeben hat und dann
frage Dich ob es Dich nicht beleidigen würde wenn Du es bei Andern so zugehen
sähest
    Ich stelle mir manchmal vor der würdige alte Herr und die kluge Stiftsdame
könnten gar nicht im Irrtum sein dazu besitzen sie wohl viel zu viel wahre
Delicatesse Allein der Umstand Elischen dass Du so sehr daran hängst und dass
sie wohl sehen Du willst Dich sonst nicht auf andere Art vor der Welt wieder
herstellen Dir fehle es ganz an Mut und Entschluss Deine Partie zu nehmen
und Deine unbegreifliche Leidenschaft werde Dich noch unzählig viel
unvorsichtige Schritte begehen lassen das macht es dass sie denken lieber ein
Übel als so viel ärgerliches Aufsehen Nun sieh mal bist Du es denn nicht
deren Schwäche sie nachgeben Habe ich unrecht wenn ich jetzt schelte indes
Andere Dich loben Was dabei zu loben ist das kann doch wohl kein gescheuter
Mensch einsehen
    Nein mein Kind darin irrst Du sehr gut geheißen habe ich früher auch
nicht was die Welt tadelte tadeln musste Aber es schien mir barbarisch eine
Gefallene vollends niederzutreten Und dann kam auch damals die Weisheit
hintendrein Doch jetzt ist es noch Zeit Wenn Du wolltest  wahrhaftig ich
schweige ganz von Curd ich will nicht einmal an ihn denken ob ich gleich gewiss
bin er wäre ganz der Mann danach alles Geschehene vergessen zu machen  Doch
Gott bewahre mich Nein ganz abgesehen davon um Dich allein mein Herzchen Du
sonnest Dich jetzt so recht bequem und ruhig in Deinem Glück aber aber Die
Herbstsonne die leihet uns nur ihre Strahlen das hat keine Art mehr Das
Gewölk fliegt drüber hin ehe man es denkt und Sturm und Regen sind da
    Überlege dies liebe Elise Ich meine es gut Du kennst mich aber Dich
selbst kennst Du nicht
 
                                 Elise an Hugo
Stellen Sie sich vor die Gräfin Ulmenstein ließ sich vor einer Stunde bei mir
ansagen eben fährt sie wieder weg
    Was in dieser Stunde alles hier in dem kleinen Zimmerchen geschwatzt worden
ist das möchte ich nicht behalten können und Ihnen auch nicht wiederholen
Doch der große Gegenstand dieses formellen Besuchs war eine Verlobungsanzeige
Curd und Agathe Ich hatte Mühe nicht zu lachen
    Lieber Freund mir ist ein Stein vom Herzen Nun bin ich ihn und die
redliche Mutter los Die weiß noch nicht ein Wort von der Geschichte Sie wird
Augen machen Mag sie sehen was sie mit ihm anfängt
    Ach er ist ein sogenannter guter Mensch Man ist gegen diese Sorte in der
letzten überklugen Zeit oft sehr unbillig gewesen Sophie ist es noch Ich
streite mit ihr darüber Sie behauptet da liege das Gegengewicht alles höheren
Strebens Die plumpe Masse hänge sich unversehens an und ziehe Andere herunter
Ich leugne ihr überall das Wagerecht ab Wer hält die Schaale Man soll nicht so
den Richter spielen Aufgeblasene Leerheit hat freilich etwas Lächerliches Nun
so lache man Ich bin eher hierzu als zum Unwillen gestimmt und wahrhaftig
wenn mir Curd auch lästig war Sophie tut ihm doch zu viel
    Aber wie breit und stolz und wichtig unsere Nachbarin hier vorfuhr Ich
musste mir in die Lippen beißen über diesen Triumphzug
    Der Bräutigam hat sich begnügt mir eine Karte zu schicken Mein Gott
warum dass die Menschen aus Verlegenheit so oft unnatürlich werden Hätte der
gute Vetter seine Blödigkeit überwunden wir würden im Augenblick unser
Verhältnis festgestellt und uns später unvermeidliche Verdrießlichkeiten erspart
haben denn ich kann einmal das stramme Nichtachten und Fremdtun unter
Menschen die sich besser kennen nicht leiden Der Unwille springt mir über die
Lippen und es gibt Auftritte
    Apropos wissen Sie dass unser Rätsel hier in Eduards Hause eine Verwandte
vom  schen Hofe sein soll Man weiß ganz gewiss dass sie in Verbindung mit
diesem steht Die Oberhofmeisterin correspondirt mit der Kammerfrau oder
Gesellschafterin So viel hat Walter ausspionirt Sie ist Äbtissin eines
Florentinischen Klosters Das Geheimnis das sie umgibt soll politische
Ursachen haben so wie ihre Entfernung aus Italien die Gräfin wusste auch davon
und gab zu verstehen eine aufgelöste Heirat aus Familienrücksichten
HofIntriguen Vergiftung und Gott weiß welches romanhafte Quodlibet habe sie
um den Verstand gebracht Ihrer Ähnlichkeit mit der Fürstin von  schreibt
man es zu dass sie stets verschleiert umhergeht
    Ich möchte sie wohl einmal sehen
    Ich meine ich habe Ihnen genug zu Dank geschrieben dass Sie den ganzen Tag
in Geschäften mit Gerichtshalter und Amtleuten zubringen wollen ohne einen
Augenblick für Ihre ungeduldige Freundin abmüssigen zu können
    Wüsste ich es nur über mich zu gewinnen ich hätte auch schweigen und Sie
mit Ihren Acten in so trockner Unterhaltung lassen sollen wie Sie es gestern
für gut fanden uns solche kosten zu lassen
    Nein Hugo einsilbiger habe ich Sie lange nicht gesehen Ums Himmelswillen
macht diese unglückliche Rechtspflege alle Männer hölzern und eingebildet auf
ihre Wichtigkeit Sie zogen auch die Stirne kraus und sahen auf einen Fleck
rechneten und balancirten das Für und Wider mit kaltem Ernst wie gewisse andere
Leute die ich nicht gegen Sie am wenigsten im Schlimmen erwähnen will Aber
Lieber sein Sie weniger respectabel und ein Bischen liebenswürdiger
 
                                    Antwort
Ich sollte Ihnen danken Elise bereuen und Änderung geloben Das kann ich
Alles nicht Im Gegenteil muss ich Sie schelten dass Sie mich kennen und doch so
beobachten als wäre an mir etwas anders als unwillkürlich
    Haben Sie ja Nachsicht mit mir und vor allem lassen Sie sich nicht auf
vieles Erklären und Motiviren ein Sie verderben nur Ihre Zeit denn wahrhaftig
es würde mir schwer werden mich immer selbst zu verstehen
    Machen Sie auch den Geschäften nicht den Krieg Geschäfte sind ein guter
Ableiter in den Gewittertagen der Seele Und in wessen Leben finden sich solche
Tage nicht
    Ich denke der Humor wird bei dem heutigen Gerichtstage nicht erst lange um
Stoff betteln müssen Wills Gott und der witzige Kauz der Actuarius so bringe
ich Ihnen heute Abend eine freie Stirn und einen ganzen Sack voll Anekdoten
mit
 
                         Die Oberhofmeisterin an Sophie
Wie soll ich Sie nennen unbesonnen Das Wort passt niemals auf Sie Treulos Ich
kenne Sie so lange als wahr und zuverlässig Betört also Betört auf
unbegreifliche Weise
    War es möglich Bei Ihnen fand sich das Pärchen zusammen Unter Ihrem Schutz
glich sich alles so glatt und eben aus als habe die Torheit nur die Hand der
Weisheit bedurft um ihr gleich zu werden
    Sophie dazu haben Sie Ja gesagt So wenig ehrten Sie in der Freundin die
tötlich gekränkte Mutter Haben Sie denn kein menschliches Ahndungsvermögen
fiel es Ihnen nicht auf tausend Meilen ein wie es mir in der Seele zuwider sein
musste diese verführerische Schlange mit Hugo verheiratet zu sehen Sie mit dem
Namen nennen zu hören den Emma die Unglückliche Gemarterte mir und der Welt
Entrissene trug Haben Sie gar keine Vorstellung von der Eifersucht einer
Mutter für die Rechte der einzigen angebeteten Tochter Ist es Ihnen wirklich
unmöglich die bittere Kränkung zu bezweifeln die mir aus dieser unwürdigen
Heirat erwächst
    O fragen Sie nicht mit der verwunderten Ruhe die mich zu Zeiten Ihnen
gegenüber um alle Fassung bringt ob ich denn gewollt dass der Graf nie wieder
an eine zweite Ehe denken sollte Ja ja ich habe das gewollt Ich will es
noch Wem darf er seine Hand bieten wenn ihn das sanfte Joch an Emmas Seite
drückte Wem ich frage Sie Und wenn auch das nicht wäre sagen Sie einmal
kann er diese Unruhestifterin diese Störerin seines Familienfriedens diese
doppelte  O lassen Sie mich wegwenden von dem Gedanken dass sie es ist die er
in sein ehrbares Stammhaus führt die ihr entweihtes Wappen an den Schild hängen
darf der sich mit dem meinigen verschlang dass sie da gehen stehen sitzen
wird wo Emma saß dass ihre Stimme frei und keck erschallen wird wo jene
demütig und leise ihr bescheidenes Wort aussprach dass sie  o mein Gott da
lachen wird wo mein armes Kind so viel so heiß weinte
    Gehen Sie Sophie Ihre Klugheit ist dem flachen Spiel empfindsamer
Modetändelei erlegen Während Sie sündliche Tränen trocknen helfen pressen Sie
meinen brennenden Augen gerechte und allzu bittere aus
    Ich wusste nicht sollte ich die Leute Lügen strafen die mir die Geschichte
dieser KomödienVersöhnung erzählten Ein falsches Gerücht nannte ich sie doch
glauben das war mir nicht möglich glauben konnte ich sie nicht
    Nun bestätigen Sie es selbst und verlangen ich soll es gut heißen
    Verblendete mit Ihnen ist nicht zu streiten Aber der Himmel das weiß ich
der Himmel wird Euch die Augen öffnen Das duldet er nicht wie auch Wahn und
Überspannung seine Absicht missverstehe Und sollte und dürfte ich auch nicht
 Nein verlassen Sie sich darauf das wird niemals geschehen
 
                                Hugo an Heinrich
Du bist ein guter Mensch Heinrich aber Du hast das Unglück selten zu wissen
wie Andern zu Mut ist Das kommt von Deinen abgezogenen Begriffen Du gibst
nicht genug auf das Leben Acht Mein liebes Kind das ist ein Proteus das macht
Dir ein X für ein U vor ehe Du Dich versiehst
    Ich hätte Dir längst einmal wieder geschrieben allein ich fürchte mich vor
Deinen hohen Worten Du hast so viel mit Idealen mit Streben usw zu tun
und das Alles schrumpft bei ordentlichem Tageslicht besehen zu solcher Misere
zusammen dass mirs erschrecklich ist wenn man davon viel Lärmens macht
    Soll ich Dich nun auf meine Weise unterhalten so hörst Du nichts
Gescheuteres und glaubst noch dazu es bestreiten zu müssen Tue das ja nicht
Es kommt nichts dabei heraus Es geht doch alles seinen Gang fort Man vermag zu
wenig gegen das Vorurteil Den Feind besiegst Du mit allen Fechterkünsten der
Dialektik nicht
    Es wäre ein Gegenstand zu scharfsinnigen Entdeckungsreisen den verborgenen
Gängen dieses Kobolds nachzuspüren Was der für Sprünge macht wie der die Dinge
in den Köpfen der Menschen unter einander wirft und wie sie geschickt sind
immer das Dümmste und Einfältigste was oben auf liegt zu fassen davon ließe
sich ein drolliges Lustspiel schreiben presste es nur dem Dichter nicht unter
der Arbeit Angstschweiß aus denn es will Einem an die Haut gegangen sein um
die rasenden Mistificationen solcher Teufeleien zu verstehen
    Die Zeitung von meiner zweiten Heirat hast Du wohl schon lieber Heinrich
Tue Dir keine Gewalt an lache dreist ich lache mit Lächerrlicher hat sich
nicht leicht ein Mensch gemacht als ich Die zweite Heirat  Ja ja das ist
so ein Stückchen von dem Einfluss des Vorurteils Was da gesprochen getan
gelitten wird um die einfachste Sache von der Welt confus zu machen Ich sage
Dir kein Mensch denkt über den Augenblick hinaus wenn ihn der gerade packt
Alle stehen in Gedanken darüber aber  aber  Ach es ist eine erbärmliche
Historie die Weltgeschichte
    Ich bin wie Alle gefangen da ich frei sein könnte Ja Heinrich mir ist
gerade als wenn mir ein Ambos an den Füßen hinge Und dazu klatscht man um mich
herum in die Hände vor Entzücken und lacht und freut sich taub und blind in den
Tag hinein
    Ich fürchte das Lachen wird ihnen vergehen mein steinernes Gesicht muss sie
zuletzt doch aus der Fassung bringen
    Du schreiest über Inconsequenz Lieber Heinrich das ist ein Wort das wie
die meisten ohne allen Sinn angewendet oder überhaupt gar nicht verstanden
wird Gerade weil das Unwillkührliche der wahre Mensch in uns sich nur
folgerecht entwickelt und keine andere als falsch ausgelegte Untreuen begehen
kann weil er wohl für Augenblicke etwas mit sich machen lässt doch selbst das
heißt mit Seele und Herz nur das ihm Eigentümliche tut deshalb fällt der
Schein davon nach außen ungleich und beleidigt das Auge durch schillernde
Bewegung
    Siehst Du das ist es Meiner Überzeugung nach sind es die
unbestechlichsten klarsten wahrhaftigsten Gemüter die zumeist der
Treulosigkeit beschuldigt werden
    Was hilft so ein conventionelles Machtgebot wenn sich die ganze menschliche
Natur dagegen empört Glaube mir die Rohheit im Leben die ist es die das
Flüchtige das Behende das Geistige des Daseins bei Einigen zerstört bei
Andern in die tiefsten Winkel der Brust zurückdrückt So wie Dir nun etwas recht
eigen recht heilig ist so fahren rechts und links ungeschickte Hände in Dich
hinein und reißen Dir das Geheimnis aus Licht Da stellen und drehen und
pressen sies so lange bis es in die unpassendste Form hineingezwängt ist und
wenn es ihnen entschlüpft oder Du sagst das ist nicht was mir gehört was Ihr
da habt das ist ein zerrissenes todtes Stück meines Herzens macht damit was
Ihr könnt aber lasst die wunde Stelle in mir heilen und vernarben und quält
mich nicht das Leblose wieder einpassen zu wollen die Natur leidet es nicht
wenn Du das sagst dann fängt das Toben und Schelten an Du bist verfehmt und
kannst sicher sein mit jedem Bösewicht in eine Klasse geworfen zu werden
    Es ist ein Jammer wie die Menschen das Vertrauen unter einander schwächen
Wolltest Du es aussprechen wie Dir zu Mute ist das liebste Wesen würde Dich
nicht hören wollen vielleicht auch nicht hören können
    So ziehe ich meinen Strang in der Welt so lange die Kräfte aushalten Ich
wäre gerne einmal zu Dir gekommen Aber es ist besser ich bleibe hier Es ist
nicht gut die Flügel viel zu rühren wenn man einmal im Käfig sitzt Die Lust
weiter zu fliegen könnte zu verzweifelten Versuchen verleiten
    Und dann  Es ist sonderbar  Ich kann hier nicht weg Es ist etwas in
diesen Mauern in dieser Atmosphäre in  ich weiß nicht soll ich sagen in
dem unsichtbaren Wehen der Luft was mich an diese Gegend bannt Genug ich
möchte nicht einmal anderswo sein wenn es sich auch fügte
    So etwas Tolles setzt sich der Träge der Unsichergewordene in den Kopf Das
Geschick hat uns nicht allein zum Narren es macht uns auch dazu
    Aber das ist doch wahr der Ort an welchem man lange ein innerliches Leben
führte der wandelt sich nach und nach um Er nimmt die Farbe unserer Welt an
die Gegenstände treten in eine Beziehung zu uns die sie beseelt Es ist nicht
mehr der wirkliche Wald der wirkliche Strom in und auf welchem sich Andere
bewegen was uns umgibt das gehört zu der Heimat von welcher Niemand außer
dem verborgenen geheimen Gedankenleben in uns etwas erraten wird
    Und weiß der Himmel es trifft wirklich auch immer so viel zu was den Wahn
nährt So kam vor einiger Zeit eine Fremde in meiner Nachbarschaft an Ich
erzähle Dir wohl einmal mehr von ihr Sie ist krank unglücklich wahnsinnig
weiß der Himmel was nicht alles genug es ist so etwas Verhülltes das mich
fasst mich an sie zieht Du kennst mich ja Moralische Rätsel finden an mir
ihren Mann Je verschlungener der Knoten ist desto erpichter bin ich darauf
den Fäden nachzuspüren Das ist meine Aufgabe Es ist eine unerquickliche
Begleitung nebenher zu laufen Aber das Keimen und Werden eine Hülle nach der
andern abwerfen und immer freier und freier hervortreten 
    Wie das spannt Heinrich Was die Phantasie da arbeitet wie man
vorausschliesst sich irrt die Richtung ganz verliert und dann plötzlich wieder
auf der natürlichsten einfachsten Spur ist Man wird nicht müde man weiß
nichts von der Zeit Gottlob dass einem immer wieder solche Probleme aufstossen
Sie sind der einzige Sporn zum Leben
    Nun die Kranke ist eine solche Aufgabe Ich weiß nicht ist sie jung oder
alt Ihr Gesicht sah Niemand Darüber gibt es nun Fabeln ohne Ende Es ist aber
kein Grund für irgend eine vorhanden darum sind sie alle bodenlos und das ist
es eben was mich dabei stachelt Je mehr die Sache ohne allen Zusammenhang wie
ein Dunstbild in dem weiten Umkreis der Mutmaßungen schwebt desto mehr treibt
sie zur Forschung und spannt die Fähigkeiten des Verstehens Es ist keine
Komödie die sie spielt wenn sie nur bei Nacht aus ihrem Versteck hervor tritt
und ruhelos die Gegend durchstreift Sie ist auch keine Mondsüchtige wie man
anfangs sagte ich bin ihr in der Dunkelheit wie im Sternenlicht begegnet und
beim Himmel wenn sie so am See unter den Weiden in ihrem Garten sitzt und in
der Hoffnung dass sie hier Niemand belauscht laut und herzzerreissend weint
dann spüre ich nichts von Bewusstlosigkeit in ihr diese Tränen presst ein
heißes bitteres Gefühl aus
    Du wirfst es mir vor ihr so unbescheiden zu folgen Ich sage Dir aber ich
suche sie nicht Wir begegnen einander so als wenn es sein müsste Das war schon
früher der Fall auf ihrer Reise in einer fürchterlichen stürmischen Nacht in
einem Augenblick wo eine heiße ungeduldige Erwartung mir kaum den Blick für
etwas Fremdes ließ Und doch und doch Ich meide sie seitdem Zuweilen vergesse
ich sie wie mich bin in meinen eigenen Gedanken und gerade dann eben als
wenn es sein müsste Gewiss ist es irgend eine geheime Beziehung treibt mich dann
den Strom hinauf nach dem See hin der sich in diesen ergisst Und wäre es auch
nur eine unbewusste magnetische Beziehung
Ich sagte das gestern im Scherz zu Elisen Sie lachte mich aus Wir stritten
darüber Es kam nicht viel heraus Sie war zuletzt empfindlich So sind die
Frauen Durch tausend Umwege beziehen sie die Dinge auf sich und vollends wenn
sie ein Recht auf uns zu haben meinen Muss denn Alles rechtskräftig hier auf
Erden sein um Ansprüche auf freie Existenz zu gewinnen Auch die Liebe Wenn
sie doch der nicht das häusliche Matronenkleid über die glänzenden Flügel
ziehen und sie wieder zur Puppe machen wollten was sie war als die Seele
heraustrat    
Es sind aufs neue Wochen hingegangen Ich hatte Dir eben nichts zu sagen Ich
war verdrießlicher als ich es rechtfertigen kann Der Oheim erinnerte so oft
dass es Zeit werde an meine Verbindung mit Elisen zu denken Die Welt sie
selbst erwarte es vielleicht Ich konnte ihm nicht unrecht geben Aber nenne
es wie Du willst erkläre es wie Du kannst mich befiel jedesmal ein Grauen
das mich kalt durchrieselte so oft ich an die entscheidende Minute dachte
Gestern Abend endlich versprach ich mich in den nächsten Tagen ganz in der
Stille trauen zu lassen Ich schreibe hinüber nach dem Kloster Ein Geistlicher
von dort soll die Handlung verrichten und zuvörderst das Aufgebot von der
Kanzel lesen Der Brief geht fort
    Unwohl frierend mit heißem Kopf und klopfender Brust rette ich mich vor
unnützen Nachgedanken ins Bett unter verhüllende Decken Nicht von einem
Traume nicht durch ein Geräusch ich besinne mich keines Tones keiner
deutlichen Empfindung genug aber ich erwachte Es lag mir wie ein Band um die
Brust Kaum kannte ich früher eine ähnliche Angst
    Lange in solchem Zustande auszuhalten ist nicht meine Sache Ich warf mich
hin und her Endlich sprang ich aus dem Bette nahm meinen Mantel um und trat
ans Fenster Es war eine schöne Nacht heller Mondschein Ein Gang durch den
Garten sagte ich mir wird die Nebel verjagen In wenigen Augenblicken war ich
an der Tür Sie war verschlossen Wieder umkehren Jemand wecken aufschließen
lassen war mir zu umständlich Am andern Ende des Koridors führt ein Fenster
nach dem Wildzwinger von da kommt man durch eine Allee in den Park Der
kürzeste Weg der beste dachte ich und bin im Begriff jenes Fenster zu öffnen
 da sitzt  Herr des Himmels ich denke in die Erde zu sinken  da sitzt eine
verschleierte Frau auf Emmas Sitz in der Allee Hirsche und Rehe stehen um sie
eine schneeweiße Hand reicht ihnen ihr Futter die Tiere scheinen sie zu
kennen sie drücken sich dicht an sie Ich stehe wie eingewurzelt dann schlage
ich das Fenster zu und stürze zurück in mein Zimmer
    Es währte lange ehe ich mich fassen konnte Nachher besann ich mich wohl
Es war die Nachtwandlerin die ich gesehen hatte Ich erinnerte mich ihrer
genau Aber was war damit gewonnen Ist so etwas Zufall Traf Alles nur von
ungefähr zusammen Nein Heinrich ich sage Dir das war kein Ungefähr Eine
Warnung war es dafür habe ich es auch genommen und in aller Frühe einen
Widerruf meines gestrigen Schreibens nach dem Kloster geschickt
    Was ich dem Komtur was ich Elisen sagen soll Ich weiß es nicht Aber es
wird mir schon beifallen wenn ich nur erst wieder zu mir selbst komme Ein Ritt
im Freien mag das bewirken Ich will doch sehen ob nichts von der Kranken zu
entdecken ist    
Sie ist fort Abgereist Diesen Morgen Das Haus ist leer keine lebende Seele
darin Warum das Wie so plötzlich Wenn es doch ein Spuk wäre wenn sie es gar
nicht war Ich glaube sie hat mich angesteckt und ich verliere auch den
Verstand
    Unbegreiflich unbegreiflich Die Gegend ist mir wie ausgestorben Wohin sie
nur gegangen sein mag
 
                              Curd an seine Mutter
Nicht wahr das blieb das Klügste was ich tun konnte Was hilft das unnütze
Bestehen auf einer Sache die doch nun vorbei sein musste Es ist mir nahe
gegangen das leugne ich nicht aber einmal mit mir fertig kostet es mich nun
auch keine unruhige Minute mehr
    Geben Sie sich nun immer auch darein gute Mutter Was geschehen ist das
ist geschehen Verheiratet bin ich einmal Agathe ist Ihre Schwiegertochter
und kann sie uns freilich Elise nicht vergessen machen so ist sie doch eine
hübsche elegante Person zieht sich allerliebst an tanzt wie eine Puppe und
ist so wohlerzogen dass sie es gewiss niemals an Aufmerksamkeit gegen Sie wird
fehlen lassen Bis jetzt kann ich nur meinen Entschluss loben Wir werden überall
mit der ausgezeichnetesten Zuvorkommenheit empfangen der Platz den die Gräfin
in der Gesellschaft einnimmt gibt ihrer Tochter wie mir die angenehmste
Stellung Von der Seite muss ich gestehen habe ich Vorteil von dem Tausch bei
meiner Wahl gehabt denn wie man sich auch bemüht aus Achtung für den Komtur
das Urteil über unsere Verwandtin zu mildern so wird sie doch nie wieder eine
Rolle in den ersten Zirkeln spielen Es ist zum Erstaunen wie man gegen sie
eingenommen ist Jetzt da man mich weniger empfindlich dagegen glaubt äußert
man seinen Tadel unverholen und ich habe Gelegenheit zu bemerken dass es einem
Mann von feinem Takt äußerst verletzend gewesen sein müsste sie so vernachlässigt
und isolirt unter Leuten von Ton zu sehen
Sie werden finden dass ich meine Hochzeit sehr beschleunigt habe Ja liebe
Mutter die reine Wahrheit zu sagen so lag mir daran eher verheiratet zu
sein als Elise Es ging damals das Gerücht man eile sich auf der Burg mit den
Anstalten zum Empfange der neuen Gräfin Mir stieg das Blut bei der Nachricht
ins Gesicht Ich mochte nicht aufsehen und als Agathe mich auslachte mich mit
meiner Kousine neckte wusste ich auf meine Ehre nicht ein Wort hervorzubringen
Halt dachte ich nun ist es Zeit Ich muss mich vor ähnlichen Überraschungen
sicher stellen Acht Tage darauf stand ich mit meiner Braut vor dem Altar Ein
Mensch von Willenskraft nimmt bei jeder Gelegenheit seine Partie Elise soll
doch frappirt gewesen sein als sie es hörte Um so mehr da man vom Aufschube
ihrer Verheiratung wieder allerlei murmelt und Hugos Laune unerträglich sein
soll
    Nun wenn er jetzt wieder Ausflüchte suchte wenn er zum zweitenmale die
Ruhe der unglücklichen Elise aufs Spiel setzte so wahr ich lebe alles Andere
bei Seite gesetzt ich zöge ihn zur Rechenschaft und wäre er am Ende der Welt
Noch will ich glauben es haben sich wirklich Hindernisse zwischen seine Pläne
geschoben Es kann sein es muss sein ich darf und will es nicht anders
annehmen doch erfahre ich das Mindeste was einer Treulosigkeit entfernt
ähnlich sieht  er soll mirs sagen er soll mirs dann selbst sagen weshalb er
die Unglückliche täuschte warum er mir mein Glück zertrümmerte das Herz
zerbrach und  doch ich will schweigen Ich werde schweigen bis an mein Ende Es
ist nun auch vorbei ich weiß das recht gut daran braucht mich Niemand zu
erinnern Ich meine nur soviel dass ich nicht umsonst und um nichts ein Opfer
gebracht haben will dass ich mich nicht anführen lasse und Elise doch meine
Kousine bleibt Wenn Alle sie verlassen so gehört ihr immer noch mein Arm und
mein Leben
    Verzeihen Sie gute Mutter ich wollte Ihnen von meiner neuen Wohnung
meiner Einrichtung unserm täglichen Leben von der Aussicht erzählen die mir
eröffnet ist ins Jagddepartement mit Vorteil versetzt zu werden allein wenn
ich einmal im Schreiben oder Sprechen auf dies Kapitel komme dann gehen mir
alle andere Gedanken aus Gott im Himmel weiß auch wie es zugeht dass ich immer
heftiger und zorniger bei der Erinnerung an Elisens verfehltes Leben werde und
meine Seele ordentlich danach dürstet mit dem Grafen anzubinden
    Fürchten Sie indes keine Unbesonnenheit gute Mutter Ich vermeide es
selbst nur nach der Gegend hinauszureiten wo Wehrheim und die Burg liegen Ich
meide die Einsamkeit ich meide mich meine eigenen Gedanken Könnte nur die
Gräfin schweigen und wollte Agathe mich nicht durch hässliche Gesichter
demütigen Es gelingt mir mit vieler Mühe kaum an mich zu halten
    Nun lassen wirs wie es ist Der Himmel verhüte Unglück
 
                                    Antwort
Lieber Sohn Du erschreckst mich Du weißt gar nicht wie sonderbar Dein Brief
lautet
    Mein Gott was ereiferst Du Dich denn über fremde Angelegenheiten Lass doch
den Grafen tun was er will Bist Du denn dazu gesetzt ihn zur Rechenschaft zu
ziehen Was das für Begriffe sind die Du Dir von Dir selbst und von Deinen
Pflichten machst
    Eben erst verheiratet und für eine Andere den Ritter spielen zu wollen Du
darfst gar nicht mehr an Elise denken Stelle Dir einmal vor was Deine Frau
sagen würde wenn ihr solch Gerücht zu Ohren käme
    Nein lieber Sohn jedes Wort was Du mir sagst ist mir durch Mark und Bein
gegangen Ei mein Gott das fehlte noch Und alles das um das Unglückskind die
Elise
    Die arme Seele Ja darin hast Du recht wenn er sie jetzt täuscht wenn er
sie noch einmal ins Verderben brächte  Der Himmel müsste ihn strafen Ich habe
es immer gesagt die erstaunlich klugen Leute die machen ihre Nebenmenschen nur
unglücklich Hat der Graf nun wohl ein Herz und kann es mit ansehen dass die
Person die ihm ihr ganzes zeitliches und wer weiß auch ihr ewiges Glück
aufgeopfert hat sich abhärmt und vor der Welt die Heitere nur darum spielt
damit man ihn nicht tadeln soll Sie hat mir vor ein Paar Tagen einen solchen
sorglosen gleichgültigen kleinen Zettel geschrieben lieber Sohn wie Du wohl
von sonst her noch von ihr kennst Ich lege ihn Dir hier bei Du wirst wohl
gleich fühlen was es damit ist Mir ward recht beklommen seitdem Ich glaube
aber es kommt doch hauptsächlich von Deinem Brief Curd Gib ja auf Dich Acht
Ich weiß nicht Du kommst mir darin ganz anders vor Ich finde Du kriegst jetzt
etwas von Deinem seligen Vater Du hast ihn nicht gekannt und was man so von
ihm erzählt danach kommt er Dir vielleicht ein Bischen laut und wild gar
nicht so vornehm wie die heutige Jugend vor Nun das ist wahr mehr Erziehung
hast Du und von dem modischen Wesen wie jetzt in der Stadt und auf dem Lande
getrieben wird davon hatte seine Seele keine Ahndung Er war immer draußen auf
dem Felde und auf der Jagd und wenn ich es so deutsch ausdrücken soll zuweilen
war er wohl roh zu nennen Feinere Manieren hast Du das ist keine Frage Aber
eine feinere Seele solch zärtlich Gemüt und so gar nicht vergessen können
was er liebte das hattest Du bis jetzt noch nicht gezeigt Ich werde ewig daran
denken wie mein seliges Lottchen starb hat der Mann das wohl je verschmerzen
können Das kleine Bettchen musste immer bei ihm in der Kammer stehen und wenn
er manchmal noch so lärmend von einer missglückten Jagd nach Hause kam und er
hing in der Kammer seine Flinte und Jagdtasche an die Wand dann blieb er wohl
bei der leeren Bettstelle stehen setzte beide Arme in die Seiten bückte den
Kopf und starrte hinein als wollte er das Kind mit Gewalt wieder darin sehen
»Hm« sagte er dann vor sich in Gedanken halb stöhnend halb ungeduldig
schnippte mit den Fingern was er immer sehr laut und schallend zu tun
pflegte und kam ganz still und in sich gekehrt wieder heraus Es währte eine
Weile ehe er dann zu irgend einem Menschen sprach Ja er hatte ein weiches
Herz und ein treues bis in den Tod Aber das ist wahr dem Doktor wurde er
nicht wieder gut seit er ihm das Kind hatte sterben lassen Er sah ihn nachdem
niemals in seinem Hause und wo er wusste und konnte ging er ihm aus dem Wege
Einmal trafen sie gerade bei einer Kindtaufe zusammen Ich mag nicht daran
denken es war ein schlimmer Tag  Daher weiß ich dass er unversöhnlich und
nachtragend war wie Du es jetzt auch zu sein scheinst Das ist aber nicht das
beste Erbstück von Deinem Vater Sei ja auf Deiner Hut Man kann sich da etwas
auf das Gewissen laden und kriegt es dann nachher nicht wieder herunter Nicht
lange nach dem Kindtaufsschmausse starb der Doktor Es glaubten Viele und ich
auch er sei vor Ärger gestorben Dein Vater tat nicht als denke er weiter
daran aber er ist ihm bald gefolgt So zieht Eins das Andere nach sich
    Lebe recht wohl mein lieber Sohn Bedenke Alles was ich Dir gesagt habe
und grüße Deine Frau die ich sehr begierig bin kennen zu lernen
 
                               Elise an die Tante
Sie sind wieder gut und freundlich Ich wusste es wohl Lange konnten Sie auf Ihr
Pflegkind nicht böse sein Nun und der Curd Tantchen der hat eine ganz andere
Frau bekommen als Ihre blasse hagere kränkelnde Elise Ich versichere Sie so
ein zierliches frisches Persönchen so grelle Augen und einen Anzug wie ihn
die Prinzessinnen nicht allerliebster haben können Wenn Beide in Curds
niedlicher Equipage durch die Straßen fahren die braune Muschel das rote
Gestell die schönen englischen Pferde und der Piqueur der so gewandt voraus
reitet  Ihr Mutterherz würde doch vergnügt schlagen nicht wahr
    Sie sind so sorglich in der Nachsendung meiner Sachen beste Tante Es ist
Alles aufs Beste eingepackt hier angekommen Da steht es nun um mich her Auch
die Kisten und Koffer aus meiner ehemaligen Wohnung in der Stadt So eine ganze
Vergangenheit Neulich wollte ich mich einmal putzen Ich ließ ein Paar Paquete
öffnen Ich musste lachen über den zerknitterten Staat von ehemals Und wie mir
die Kleider sitzen Nein Ehre hätten Sie mit mir nicht vor der Welt eingelegt
Da ist Agathe ein anderer Schmuck Ihrer Familie Ich soll recht glänzend an
meinem Hochzeitstage erscheinen Der Oheim will das Er ist feierlich in Allem
und hält viel darauf Nun sehen Sie ich bin eine gute Wirtin ich meinte
unter meinen ehemaligen Hoftoiletten da würde sich wohl genug finden um auf
der Burg die nötige Figur zu machen Ich bin aber sehr unglücklich im Suchen
und dann wie Alle wenn sie nur etwas haben wollen so treffen sie immer das
Unrechte mir ging es eben so Ich fand in einer der Kisten Georgs abgelegte
Kleidchen sein Taufzeug und meinen Brautkranz Ich habe seitdem nicht weiter
gesucht Ich denke kommt Zeit kommt Rat Wir haben auch Zeit Tantchen Die
Erwartung mag leicht das Beste vom Leben sein Wir nehmen es so  Überdem
wissen Sie ja ich lasse gern Andere für mich sorgen Ruhe und Bequemlichkeit
gehen mir über Alles
    Ich wurde hier unterbrochen Ich weiß wahrhaftig nicht mehr was ich noch
sagen wollte Nehmen Sie es für gesagt beste Tante und denken Sie es könne
nichts anders gewesen sein als die erneuerte Versicherung meiner dankbaren
Liebe
 
                                Hugo an Heinrich
Was das noch werden soll Wie das enden wird Ich nehme mich zusammen ich denke
nur was ich denken will ich arbeite angestrengt Eine Menge aritmetischer
Aufgaben liegen um mich her Ich biete Scharfsinn und Kombinationsvermögen auf
mich von jedem fremden Gegenstande abzuziehen Aber wenn mir endlich Nachts die
Augen über der Arbeit zufallen wenn ich träume  Heinrich ein Traum kann unser
Herr werden  schämst Du Dich nicht von der Kraft des Menschen zu sprechen
Immer sitzt sie da da auf demselben Fleck unter ihren Tieren Sie gibt ihnen
das Futter mit der kleinen weißen Hand die gelbe Hirschkuh legt das Köpfchen
an ihre Kniee Die Fremde meine ich O denke nicht ich fasele von dummem Spuk
das abgedroschene Geschwätz aller modernen Tages und Monatsblätter Nein von
ihr von der Fremden rede ich Was übt dies Wesen für eine unbegreifliche Gewalt
über mich aus Siehst Du dies ist viel tiefsinniger viel grauenhafter viel
verzweigter in der geheimnisvollen Verwandtschaft der Seelen als solch
phantasmagorisches Gespenst unbewusst verwandt mit dem melancholisch wimmernden
ruhelos umherstreifenden Weibe Denke es Dir Heinrich was zieht sie mir nach
was brachte sie auf die Stelle was wollte sie da unter den Tieren Ist der Zug
dahin Instinkt und können so willenlos zwei Menschen zu einander gezogen
werden
    Gab es je ein Rätsel meiner Entzifferung wert so ist es dies Aber ich
gestehe Dir auch vor dem ich schüchtern zurücktrete
    Und doch lässt es mich nicht
    Wirst Du es glauben dass ich mich nur mit Mühe zurückhalte ihr nicht zu
folgen Folgen dazu gehört dass ich wüsste wo sie geblieben ist Ja wer das
wüsste Verschwunden sage ich Dir Spurlos und gerade an dem Morgen Gib mir
zu es könnte einem Ruhigern etwas in den Kopf setzen
    Ich bin ein Paar Tage recht krank gewesen Seitdem ist wie durch ein
stillschweigendes Übereinkommen noch nicht wieder die Rede von der Anberaumung
meines Hochzeitstages gewesen Elise  sage mir Heinrich hat sie aufgehört
mich zu verstehen oder will sie es nicht Leicht heiter unbesonnen wie
ehemals schweift sie durch alle Regionen der guten Laune umher neckt reizt
mich bis ein Wort eines von den unwillkührlichen die zuweilen aus uns
herausschreien plötzlich an die bunten Flügel ihres Leichtsinns streichen und
diese wie verbrannt sinken Sie wird dann stumm wir sitzen ängstlich bei
einander bis ich gehe Komme ich andern Tags wieder so scheint das nicht
gewesen Es fängt wie gestern an und endet so
    Freiheit Freiheit  Ich muss es bewundern wie dem Menschen der Begriff kam
da er zum Sklaven einmal bestimmt ist Sieh Dir doch nur seinen innern und
äußern Zustand an und dann prahle mit hohen Vorrechten die nicht Leben nicht
Bestimmung bestätigen Es ist wenig damit getan dass man sagt man lasse jedem
seine Weise Was kommt dabei heraus einmal und gerade wenn Dir am meisten
daran liegt unberührt zu bleiben reiben sich die Freiheitsansprüche gewaltig
an einander Richtungen stoßen gegen Richtungen der Krieg ist da und
conventionelle Aussprüche machen den Frieden Du knirscht mit den Zähnen und
bist nichts als Dein eigener Narr
    Wieder auf aritmetische Aufgaben zu kommen meinst Du es sei der Mühe
wert den Verstand daran zu schärfen wirst Du jemals den Menschen in Dir
berechnen lernen Und kannst Du das nicht was willst Du mit dem Plunder von
Wissenschaft
    In diesem Augenblick berechne ich wann Walter wiederkommen wird Ich habe
ihn ausgeschickt der Kerl ist pfiffig er wird es ermitteln wo sie hinging
    Sie sie Lache nicht Heinrich Ich kann keine Ruhe finden so lange ich
nicht weiß was dieses Wesen an mir hat
    Warum ich nicht selbst Ihr nach Fragst Du Ja wenn es erst dahin mit mir
ist  dann
    Sonderbar Der Oheim lässt sich auf seine feierliche Manier in diesem
Augenblick bei mir ansagen Er muss etwas wollen und seinen Sinn gerade auf
diese Stunde gestellt haben Ich bin doch neugierig
    Heinrich der Onkel hat sich verrechnet Von der Seite fasst er mich nicht
Ich habe hier keine Zugänge
    Das Opfer eines Lebens um einer Chimäre willen Mich lässt das kalt weil ich
den ganzen Gedanken nicht begreife
    Übrigens sagt er mir nichts Neues Ich bin nur neugierig weshalb er mir es
sagt Unnütze Mühe Ich werde ja frühe genug tun was sie wollen
    Nun er trat ein Man sah ihm gleich an dass er nicht ohne Absicht da war
Er fragte nach meinem Befinden Ich musste innerlich lachen Meine Antwort
beruhigte ihn vollkommen Er stand und blätterte in einem Heft Kupferstiche Ich
ging auf und nieder Leicht mochte ichs ihm nicht machen darum schwieg ich
Endlich setzte er sich Ich auch Es begegnet uns oft so eine Weile stumm neben
einander zu sein ohne dass uns dabei etwas auffällt Heute schien es ihm
peinlich Er war in seiner hohen und trockenen Stimmung »Lieber Hugo« brach er
jetzt das Schweigen »Du zwingst mich etwas zu tun was ich sonst nicht leicht
tue von mir selbst zu sprechen«
    Der Eingang schnitt plötzlich ein Ich stutzte und sah verwundert zu ihm
hin
    »Schon lange« fuhr er fort »gehen wir an einander hin ohne dasjenige
berühren zu wollen was zwischen uns liegt«
    So weit dachte ich holt er aus Ich seufzte Er mochte das anders deuten
»Du hast recht« versicherte er »Es ist allein meine Schuld Schiebe das aber
auf eine unüberwindliche Blödigkeit die in meinem Charakter liegt und die mir
es auch jetzt schwer macht mit Dir über diesen Gegenstand zu sprechen«
    Jetzt hatte er mich ganz Er rührte mich Niemals widerstehe ich dem
verschämten Bekenntnisse eigener Schwäche Und hier das Alter der Jugend
gegenüber Wie gesagt ich war sein Er hätte viel mit mir machen können Aber
meine sichtliche Bewegung täuschte ihn über sein Übergewicht Er handelte jetzt
mit mehr Selbstbewusstsein als Klugheit die alte Geschichte mit meinem Vater ab
er entwickelte Grundsätze die nicht die meinigen sind und tat sich etwas
darauf zu gut dass er nicht geheiratet hatte »Wirst Du es mich bereuen
lassen« setzte er dann als Moral von der Fabel hinzu »dass ich auf ein Glück
verzichtete von dem Du doch auch einmal eine lebhafte Vorstellung zu haben
scheinst das Glück erfüllter Liebe« Ich lächelte »Willst Du mich erröten
lassen« sagte er lebhafter »eine teure Gefährtin von mir gewiesen ihr großes
Herz zu stetem Entsagen verdammt zu haben aus Rücksichten die Niemand
anerkannt aus Vorsorge die Eigensinn und Wankelmut zu Schanden machen Soll
die edle Sophie täglich Zeuge von der Nutzlosigkeit einer Entsagung bleiben die
nur zerrissene Verhältnisse zur Folge hatte«
    Ich wollte etwas erwidern »Lass mich ausreden« bat er im Eifer erglühend
»lass mich ausreden Als wir beide das Ordenskreuz auf die Brust hefteten
verdammten wir diese zu immerwährendem Verstummen Wir haben Jahre hindurch
geschwiegen uns gemieden und nur dem Alter ein Paar Sonnenblicke vor dem
Abscheiden gegönnt Ist es recht dass Du auf diese kurzen Stunden noch einen
Schatten wirfst Ich habe geduldig gelitten als auch Du littest Es war ein
schmerzliches doch vielleicht auch unvermeidliches Geschick Ich trug es so
und ließ Dichs nicht empfinden Jetzt aber ein zweitesmal jetzt wo mehr als
Glück mehr als Ehre und gerettetes Bewusstsein auf dem Spiele steht wo die
rechtliche Handlung versöhnen ihre Unterlassung den Namen beflecken muss den
ich der Nachwelt erhalten ihn ihr rein überliefern wollte jetzt wo es
unwiderruflich notwendig wird vor den Menschen zu bestehen oder mit ihnen
mit sich mit dem Himmel zu zerfallen jetzt frage ich Dich zu was bestimmst Du
Dich Es könnte sein« fuhr er mit erhöhter Stimme meiner Antwort begegnend
fort »Du wähltest in Deinem finsteren Unmute das Letzte doch lass mich Dich
erinnern dass sich ein gegebenes Wort niemals einseitig löst dass es sein Recht
durch alle Ewigkeiten erheischt und dass Elise Dir das Deine niemals zurück
geben will darüber ist sie mit sich einig«
    »Darüber ist sie mit sich einig« erwiderte ich fragend
    »Fest« entgegnete der Komtur
    Der letzte Hebel warf das ganze Gebäude über den Haufen Verabredet also
rief eine Stimme in mir Sie trauen dem Herzen nicht das sie künstlich
einsargen und mit Gewalt begraben wollen Was ist aus Elise geworden wenn sie
dazu ihre Hand bietet Ist es wie jene denken  Ungrossmütige wie konntest
du  Ich brauchte Zeit mich zu fassen Der Komtur betrachtete mich staunend
Ich ließ ihn eine kleine Weile Dann sagte ich gelassen »Habe ich doch Elise
nicht um die Rückgabe meines Wortes gebeten wie kommt sie dazu mir im voraus
es zu verweigern« Er errötete ich aber fühlte einen hässlichen Frost durch
meine Adern gehen und setzte deshalb auch kalt hinzu »das Unwiderrufliche
denke ich ja nicht zu widerrufen weshalb drängt man mich denn und zu was«
    »Ich könnte eher fragen« fiel er sich aus seiner liegenden Stellung mehr
als sonst in die Höhe richtend etwas gebieterisch ein »warum Du Dich drängen
lässt Worauf wartest Du denn noch Was soll geschehen um Deine Verpflichtung
unerlässlicher die Lage der gekränkten Frau noch demütigender Dich selbst
endlich entschlossener zu machen«
    »Von allen diesen Fragen« entgegnete ich leise mit halbem Lächeln »kann
nur die letzte an mich gerichtet sein und darauf lieber Onkel gibt es wohl
in mir eine Antwort doch halte ich sie für Andere nicht verständlich darum
vermag ich sie nicht laut werden zu lassen«
    »Du vermagst oder Du willst vielmehr nicht« sagte er empfindlich
    »Was hilft das Eine ohne das Andere« warf ich ihm entgegen
    Er stand auf »Wir sind uns nur selten« hob er gedankenvoll vor sich
hinsehend an »in unsern Meinungen und Urteilen begegnet wir scheinen auch
jetzt sehr verschiedener Ansicht zu sein Verschiedener Ansicht« wiederholte
er um nicht zu sagen Gefühl »Denn ich denke nicht dass Dir das zartere
Empfinden der Ehe in welchem wir notwendig zusammentreffen müssten fremd sein
könnte wenn nicht eine andere Art diese zu betrachten sich zwischen unsern
Gesichtspunkt schöbe«
    »Meine Art« versicherte ich gelassen »ist ganz einfach die mit
möglichster Freiheit das zu tun was geschehen muss Man ist aber nicht jeden
Augenblick frei in sich Bis der rechte kommt bitte ich Sie mich nicht zu
verkennen und sich nicht beunruhigen zu wollen«
    »Und Elise« fragte der Komtur
    »Da wir noch lange einen Weg zu gehen haben« erwiderte ich bestimmt »so
wird sie wohl nicht verschmähen ihren Schritt nach dem meinen zu richten und
sich nicht treiben lassen wenn ich sie bitte länger als es die Welt gut
heißt mit mir still zu stehen«
    Der stolze Mann maß mich mit funkelndem Blick Doch hielt er an sich Er
ging einigemal an mir vorüber im Zimmer auf und ab ohne wie es schien
sogleich ein passendes Wort finden zu können
    »Hugo« sagte er darauf sanft die Hand auf meinen Arm legend »Du bist
sonst weder hart noch herrisch was ist es dass Dich jetzt dazu macht Ich
überlasse Dir den Grund davon zu finden Ich glaube aber wer im Rechten ist
der braucht sich eben nicht gegen weichere Gefühle zu steifen noch kalt zu
tun damit man nur nicht an den Sommer denke und frage wo denn plötzlich das
frühere Leben hingekommen sei Geh nur geh« setzte er hinzu »Du bist in der
Liebe ein Egoist und das kann sie am wenigsten vertragen«
    Er verließ das Zimmer Ich blieb in Gedanken zurück Ich schrieb darauf
Alles das nieder Er hat unrecht ich versichere Dich Es klingt wohl als wäre
es was aber die Menschen verderben es immer dass sie den Menschen in Worte
übersetzen wollen Es fasst sich das gemischte Leben niemals im Einzelnen heraus
und was die ganze Seele füllt davon behält der Andere nur ein Stück in der
Hand
    Ich kann es einmal nicht ertragen dass man der Meinung wegen auch das in
Fesseln schlägt worüber man viel meinen doch schwerlich mehr wissen kann als
sich jedem Einzelnen auf seine Weise offenbart
    Fragt man wie Du es immer hören wirst was denn aus der Welt werden soll
wenn man dieser geheimen Offenbarung vertrauen und fremder Bestimmung kein Recht
darüber gönnen wolle Dann bitte ich mir zu sagen ob man wisse was denn jetzt
daraus wird
    Nein der Onkel hat nicht Recht Ein Egoist ein Egoist Weil ich nicht wie
ein Handschuh auf jede Hand passe
    Und was ist er denn Woran lag ihm zumeist als er jenes viel berühmte
Doppelopfer brachte und bringen ließ Rettete er nicht auf Unkosten des
Mädchens dem er sich verlobte was ihm mehr als das Mädchen galt Neben des
Gesetzes Vollziehung den Ruf für den er ja heute noch allein lebt Ein Egoist
was das gleich Worte sind Der Zehnte weiß nicht was er dabei denkt    
Walter kommt nicht Könnte ich nur die fatale Unruhe los werden Glaubst Du
nicht auch dass der Mensch sehr vom Blute abhängt Ich spüre eine Beklemmung
ein Pochen in den Pulsen alle Gegenstände die ich denke stehen wie hinter
einem dichten Flor Je schärfer ich den Willen darauf richte je deutlicher ich
sehen möchte desto dunkler ballen sich Schatten auf Schatten zuletzt ist es
völlig Nacht in mir Auch sie Ihr Bild geht in dem dunkeln Gewoge unter Heute
wollte ich mirs zurückrufen ich hatte eine ordentliche Unruhe danach Es
plagte mich dass die Erinnerung nicht weichen und ich doch die Anschauung nicht
festhalten konnte Ich strebte mir das Mondlicht den Glanz den es verbreitet
die Bäume die bekannte Stelle das sonderbare kranke Wesen jedes einzeln
recht vorzustellen Umsonst Immer das Hin und Herbewegen vorüberfliegender
Dunstberge Es ist das Blut weiter nichts
    Ich sei abergläubisch beschuldigtest Du mich einmal Denkst Du ich
fürchte die Erscheinung neulich Nachts bedeute mir etwas Ich sage Dir ja ich
erkannte die Fremde wieder Was liegt da weiter für eine Bedeutung verborgen Es
ist mir bloß darum zu wissen wer sie ist
    Es wird wohl das Gescheuteste sein dass ich Walter aufsuche So hetzt Einer
den Andern Alle suchen Was werden wir finden
 
                             Der Komtur an Sophie
Ich war bei Ihnen Liebe Sie sind in der Messe sagte man mir Ich wollte Ihnen
sagen was ich mich nun genötigt sehe Ihnen zu schreiben Es ist mir leid Sie
hätten mich wohl beruhigt und wären sich selbst dadurch klarer geworden statt
dass ich Ihnen nun alles Unangenehme so über den Hals schicken und es dem Himmel
überlassen muss wie Sie damit fertig werden
    Sie brauchen in Ihren Mutmaßungen nicht weit zu gehen um sogleich auf Hugo
zu stoßen Ich weiß wohl dass Sie längst seinetwegen Besorgnisse hegten ohne
diese eingestehen zu wollen Es konnte Ihnen so wenig wie Elisen die Spannung
seines verstörten unstäten Wesens entgehen Er selbst glaubt sich krank Der
Arzt fand sein Blut aufgeregt doch sonst keine Spur gestörter Gesundheit Sein
Kammerdiener Birkner sagte uns darauf sein Herr bringe alle Nächte außer dem
Bette beim Schreibtisch zu soviel er bemerkt bleibe er indes müßig vor
demselben sitzen halte die Feder in der Hand sehe angestrengt bald auf dieses
bald auf jenes beschriebene Blatt scheine aber nichts zu lesen Wenn ihm
endlich die Augen zufielen dann fahre er in die Höhe stürze aus Fenster oder
laufe auch hinunter in den Garten von wo er häufig erst beim Anbruch des Tages
mit allen Zeichen innerer Erschütterung zurückkomme
    Dies nun und Mehreres was ich sonst noch im Hause erfuhr bewies mir dass
etwas Fremdes nicht in sein früheres Geschick Verflochtenes ihn in
unnatürliche Kämpfe verstrickt halte Ich wollte dem auf die Spur kommen
deshalb ging ich zu ihm aufs Zimmer Er mochte eine Ahndung meiner Absicht
haben Verschlossen und mit einer Eisrinde überzogen trat er mir entgegen Wir
hatten eine seltsame Unterredung während welcher er in dem Masse zurückgezogener
ward als ich mich in meinem Eifer fortgerissen fühlte So sagte ich zu viel und
er zu wenig was mich verdross weil ich ihn eigentlich stacheln und zu
Eröffnungen zwingen wollte Ich wäre zu weit gegangen hätte ich mich nicht
gefasst hätte ich nicht dem Verlaufe nachgedacht Da konnte es denn nicht
fehlen dass mir Eins und das Andere in Hugos Worten besonders auffiel und ich
eine fremde Härte eine Sprödigkeit darin wahrnahm die mich auf gänzliches
Verlieren an einen neuen ihn durchaus beherrschenden Gegenstand seines Herzens
oder seiner Phantasie schließen ließ
    Ich erschrack und warf ihm noch eine ernste Warnung ins Gewissen ehe ich
ging Er tat nichts mich eines Bessern zu überzeugen So stolz stand er mir
niemals gegenüber Ich war sehr geneigt dies hochfahrende Benehmen auf Rechnung
eines beunruhigten Gewissens zu schieben und ward hierin bestärkt als ich
erfuhr Hugo habe den schlauen Walter in geheimen Aufträgen versandt Nehmen Sie
hierzu das Umherschweifen bei Nacht rechnen Sie den plötzlichen Aufschub
seiner Heirat mit vielen andern Nebenumständen zusammen und sagen Sie selbst
ob der Verdacht dass eine neue Liebe eine heimliche Verbindung ihn von Elisen
abziehe wie diese ihn früher von Emma abzog etwas Undenkbares sei
    Aber wo den Gegenstand dieser finsteren unseligen Leidenschaft suchen Ich
verlor mich in Mutmaßungen
    Jetzt Sophie ist der Graf seit zwei Tagen fort mit Post abgereist ohne
vorhergegangene Anstalten ohne hinterlassene Befehle ohne irgend eine
Maßregel die auf besonnenen Entschluss deutet und  kaum getraue ich mirs zu
denken geschweige denn auszusprechen Doch auffallend muss es sein dass auch die
Fremde in unserer Nachbarschaft mit einemmale verschwunden ist Ich wage keine
bestimmte Beziehung hier festzustellen allein  wenn es wäre wenn Alles
verabredet wenn die Intrigue vollkommen zu machen der Schein der
Gemütskrankheit eine Komödie wäre  Liebe ich überlasse Ihrem Scharfsinn das
Übrige
    Was meinen Sie aber dass wir Elisen sagen Ich wollte das an diesem Morgen
mit Ihnen verabreden Es war zu einer Stunde in der ich Sie allein zu finden
hoffen durfte da unsere Freundin lange schläft oder doch wenigstens das Bett
erst spät verlässt Es muss ihr auffallen nichts von Hugo zu sehen und zu hören
Was können wir aber gescheuter Weise ersinnen das ihr genügen würde Das Herz
ist in solchen Fällen klüger als der Kopf wenn Verstand verstehen heißt Ich
fürchte die Arme ist nicht lange mehr zu täuschen
    Bestimmen Sie liebe Sophie über mich Ich versichere Sie wie immer
meines Gehorsams
 
                                    Antwort
Sie haben mir die Augen geöffnet Das war es auch O wagen Sie es wagen Sie es
dreist da an eine Beziehung zu glauben wo sie ein Blinder entdecken würde
    Sie wissen ich bin von Natur lebhafter als ich gewöhnlich erscheine Ich
habe es gelernt diese Lebhaftigkeit in dem Masse zu beherrschen als ich der
Gelassenheit bedurfte Vielleicht macht mich das Erworbene zuversichtlicher als
ich es zu sein Ursache habe vielleicht halte ich mich nur für gefasst und
überlegt weil mich Andere dafür halten Ich weiß es nicht genau Ich weiß daher
auch nicht ob mich Leidenschaft oder klare Einsicht in diesem Augenblicke
leitet Aber das weiß ich dass ich den Zusammenhang des unerhörtesten Betrugs
ganz deutlich ganz in seinen Einzelnheiten bedingt schreiend wahr zu erkennen
glaube und es kaum begreife wie erst jetzt die Bedeutung unzählig auffallender
Umstände mir entging
    Ich erinnere Sie hier nur an das Eintreffen der Unbekannten in dieser
Gegend gerade nachdem Hugo von einer mehrtägigen Abwesenheit zurückkehrte von
welcher Niemand den Zweck noch die Veranlassung kannte Dann das stete
unerwartete Zusammentreffen jener mit dem Grafen in Augenblicken wo sie ihn
mit Elisen beschäftigt wusste Trat sie nicht den Abend an den Wagen der
Ohnmächtigen als diese in das Amtaus getragen ward Sah man sie nicht in jener
Nacht vor dem Fenster der Kranken umherschleichen und erlauschen was im Zimmer
vorging während Rührung und überraschtes Mitgefühl Ihrem Neffen das neue
unbesonnene Gelübde entrissen Trafen wir sie nicht Abends bei der
Nachhausefahrt von Wehrheim dicht vor dem Orte im Kahne Und sah ich nicht dass
Hugo die Unruhe die mich so unerklärbar befiel in erhöhetem Masse teilte Soll
ich Ihnen nun noch sagen dass die rätselhafte Verkappung und das Spukhafte in
dem Betragen der Fremden nur dazu diente Unberufene aus ihrer Nähe zu
entfernen ihr aber die Freiheit verschafte Nachts die Gegend zu
durchstreifen den Grafen auf seinen Jagdritten zu treffen ja sich im
Burgbezirk im Schlossgarten im Wildzwinger auf Emmas Bank unter ihren
Lieblingen sehen zu lassen
    Ich schaudre tritt mir Alles in seiner unleugbaren Wirklichkeit vor die
Seele Und nun fort Und auch er
    Unglückliche Elise so dreist so sündhaft wurdest Du betrogen Ja was
sagen wir ihr aber was wir fürchten Ich wage es nicht Denn hege ich gleich
keinen Zweifel über meinen Verdacht so besitzen wir doch nicht hinreichende
Beweise um auf eine Mutmaßung hin ein Herz unbarmherzig zu zerreißen
    Wir müssen sie noch hinhalten Ist es wie ich mirs vorstelle so kann es
kein Geheimnis bleiben Wir sind dann vorbereitet haben uns gesammelt und
können sie besser aufrecht halten als jetzt wo mein Blut kocht und das Gefühl
zwischen bitterer Empörung und heißem Schmerze hin und hergetrieben wird
    Wachsam müssen wir bleiben Keinen Augenblick darf sie ohne mich sein denn
es teilen auch Andere unsern Argwohn und mehr als eine Stimme sagt was wir
noch zu denken zögern Also für jetzt Behutsamkeit und Schweigen lieber Freund
 
                             Der Komtur an Sophie
Zu rechter Zeit Liebste haben Sie es in Zweifel gestellt ob die angeborene
Lebhaftigkeit Sie nicht dennoch öfter übereile als Sie glauben Ich meine wir
haben Beide rascher empfunden als das Rechte gefunden Muss ich auch Sie wie
mich selbst daran erinnern dass die Oberhofmeisterin um die Fremde wusste dass
diese mit ihr und dem Kloster in Verbindung steht dass sie ärztliche Besuche
hatte dass ihr Krankheitszustand folglich anerkannt und mit Sorgfalt beobachtet
wurde Hierin also ist wenigstens keine List zu vermuten und wie diese
einzelne Widerlegung alles andere widerlegt leuchtet Ihnen gewiss so gut ein
wie mir
    Ein Glück daher dass die Freundschaft zaghaft macht und Sie weise handeln
weil Sie zärtlich empfinden Freilich liebe Freundin freilich »Behutsamkeit
und Schweigen« Elise darf nichts von unsern voreiligen Schlüssen ahnden
    Vielleicht hilft uns Hugo bald über alle Zweifel hinaus
    Noch wissen wir nichts von ihm Auch Walter zeigt sich nicht und mir liegt
dazu ob keine Unruhe zu verraten ich muss über die Schritte meines Neffen
vollkommen unterrichtet scheinen Meine Haltung hält ihn in der Meinung
aufrecht Möchte er bald die peinliche Anstrengung enden
 
                                    Antwort
Sie haben recht Und doch  ich weiß nicht wie Alles zusammenhängt aber  er
ist der Fremden gefolgt Sein Sie dessen gewiss Elise weiß es Der alte
Gartenknecht Karl hat es ihr verraten Hugo war bei ihm Er hatte ihn über
jeden kleinen Umstand im Betreff der schleunigen Abreise der Dame befragt Er
soll sehr blass sehr matt und angegriffen dabei ausgesehen haben so als laste
ein schweres Unglück auf ihm Zweimal sagte Karl sei der Graf in einem Wagen
bei ihm gewesen Er durchlief das leere Haus sah sich wild und unstät darin um
und jagte dann mit einem gemieteten Bauernpferde bis zur nächsten Station von
wo er das Pferd zurückschickte Der Bote der es gebracht erzählte der gnädige
Herr habe sich durch denselben Postillon weiter fahren lassen der die Spukdame
gefahren habe Dort im Städtchen spreche man wunderliches Zeug darüber Die alte
Marte der man längst wieder die Freiheit gab saß gerade auf einem Steine vor
dem Postause als der Graf so eilig drängte fortzukommen Sie lachte und
schüttelte den Kopf Nachher hat sie gemeint sie kenne die Dame wohl der er
nachziehe sie seien einander auf ihren Nachtwanderungen begegnet aber sie
dürfe sie gegen Niemand nennen auch wisse sie nicht ob sie lebendig sei
    Urteilen Sie liebster Freund in welchen Zustand dies wüste Geschwätz
zusammengenommen mit dem was wirklich ist die unglückliche Elise versetzt
Einen kurzen Augenblick schien sie mir beherrscht von dem Gewicht ihres
Geschicks Ich fürchtete aufs Neue für ihre Gesundheit Jetzt drückt sie Zweifel
und Sorge hinunter Sie will nichts fürchten oder doch nicht das Ansehen davon
haben Mir dünkt das so unnatürlich dass es mich mehr als laute Verzweiflung
peinigt Die Sache ist ruchtbar geworden Curd schreibt in diesem Augenblick an
mich Der Brief hat einen sehr ernsten gespannten Ton Ich weiß nicht recht
wie ich ihn verstehen soll Kommen Sie heute noch zu uns Sie sollen mir Ihre
Meinung darüber sagen
    Ach kommen Sie ja Wir bedürfen Ihres Beistandes alle Beide
 
                        Agathe an die Gräfin Ulmenstein
Ich bin die glücklichste Person von der Welt liebste Mama Denken Sie doch
eben schickt mir Rosalie durch einen Lakaien von Mariental wo der Hof jetzt
ist zwei in aller Eile mit Bleistift geschriebene Zeilen in denen sie mir
sagt der Fürst habe ihr bei der Tafel aufgetragen mich zu avertiren dass die
KabinetsOrdre so eben ausgefertigt sei durch welche Curd vom Militär ins Civil
versetzt und als Jägermeister mit angemessener Gehaltserhöhung angestellt sei
Ich dachte ich solle närrisch vor Freude werden Gesprungen gejauchzt habe
ich Stellen Sie sich doch nur die enorme Auszeichnung vor Das wird wieder
lange Gesichter anderwärts geben Schade nur dass Curd gerade auf den Einfall
kam einen Abstecher zu seiner Mutter zu machen und nun nicht hier ist dem
Fürsten seine Danksagung zu Füßen zu legen Er setzt mich dadurch in ganz
ungeheure Verlegenheit Was soll ich nun Rosalie antworten da sie mir doch auf
höchsten Befehl die erwiesene Gnade mitgeteilt und ich folglich gegen sie
nicht erwähnen darf dass Curd ohne Urlaub verreiste Noch ein großes Glück dass
ich wenigstens den Vorschlag Curd zu begleiten ablehnte Im Vertrauen die
brave Landdame soll unglaublich langweilig und Ort und Haus sehr einfach sein
deshalb wollte ich meine Visite lieber zur gelegenern Zeit verschieben wenn man
einmal eine Partie mit recht vielen lustigen jungen Leuten aufs Land machen
und sich um jeden Preis amusiren möchte Diese kluge Überlegung bringt mir den
Vorteil die Nachricht weit früher erfahren zu haben um Ihnen beste Mama die
Stafette da es noch Zeit ist Ihren Rat zu benutzen nach Ulmenstein schicken
zu können Sagen Sie mir nun bitte recht genau wie ich nach Mariental
schreiben soll Machen Sie mir lieber den Brief Der Fürst verlangt sicher ihn
zu sehen Er interessiert sich sehr für mich und ich hätte den Tod davon wenn
ich irgend einen Fehler machte und er bemerkte es
    Ich küsse Ihnen die Hand schon im Voraus beste Mama Ihre glückliche
                                                                         Agathe
 
                                    Antwort
Ich erwartete die endliche Erfüllung meiner wiederholten Bitten seit mehreren
Tagen mein Kind Es ist mir sehr lieb dass man nicht länger damit säumte Ich
lief Gefahr compromittirt zu werden Curd hatte viele Mitbewerber Es brauchte
aller meiner Tenacität um mich nicht irre machen zu lassen Ich bin nicht müde
geworden immer dasselbe zu wiederholen und habe Andere so müde gemacht dass
sie aus Verdruss Ja sagten So ist Dein Mann Jägermeister geworden mein
Herzchen Aber das muss ich Dir gestehen eine deplacirtere Aufwallung von
kindlicher Zärtlichkeit habe ich auch in meinem Leben nicht gesehen als die in
einem moment de crise eine Wallfahrt zu dem älterlichen Heerde zu machen Der
gute Curd wusste ja ganz genau wovon es sich handelte und dass die Entscheidung
vor der Tür war Was fiel ihm denn ein Es embarassirt mich wirklich erstaunt
dass er abwesend ist
    Dummes Ding Schreiben darfst Du gar nicht Das wäre sehr ungeschickt Setze
Dich nur gleich in den Wagen und fahre hinaus nach Mariental schütze eine
Krankheit Deines Mannes vor und bitte um die Erlaubnis statt seiner Deinen
Dank an den Tag legen zu dürfen
    Du hast sehr recht ohne mich würdet Ihr Euch nie zu helfen wissen Guten
Abend liebe Agathe Sei ja vorsichtig in Deiner Freude Die Zunge geht so oft
mit Dir durch und nichts ist nötiger als diese zu rechter Zeit zügeln zu
können
    Wann kommt denn Curd zurück
    Weißt Du Leontin war diesen Morgen bei mir Er hat mir recht sehr gefallen
Er sieht unglaublich interessant aus Er hatte immer eine charmante
Phisiognomie aber seitdem ihm die Liebe ce regard voilé gab finde ich ihn
unwiderstehlich
    Lebe wohl mein Kind Ich denke immer noch er und Rosalie werden frühe oder
spät ein Paar Es gibt gewisse Leute mit einem Bischen Verstand und erstaunt
viel Kourage Ich weiß nicht ob Du die Leute kennst und erfahren hast dass sie
nur eine Sache zu denken brauchen um sie auszuführen Adieu kleine Katze
 
                               Die Tante an Elise
Es geht etwas vor liebe Seele Ich weiß nicht was auch nicht wo Aber es wird
so unruhig um mich und wenn ich erst die Leute viel hin und herreisen sehe und
sie nirgend bleiben nirgend ausruhen können dann habe ich schon genug
    Ich bin von Natur ängstlich das ist wahr sehr ängstlich ich kann mich
deshalb auch wohl irren und darum will ich nicht mit Bestimmtheit sagen was
ich fürchte Doch fürchte ich dass es auch Dich mit betrifft
    Sieh mal den Curd kennst Du Er ist wild und störrisch Wenn auch die
feine Welt ihn erst glatt geschliffen und ihm dann ein modisches Wesen angewöhnt
hat so steckt doch der alte Kern in der neuen Schale und der Kern ist fest ja
herbe aber wenn man auf die rechte Stelle kommt da wird er süß ich versichere
Dich recht lieblich Das ist unsers Landes Art so Der Vater war auch von dem
Schlage und viele aus der Familie Nun siehst Du um wieder auf meine
Mutmaßungen zu kommen Ich weiß dass Curd nicht vergessen kann nicht im Guten
nicht im Schlimmen Vor ein Paar Tagen kommt er hier her Mein Gott wie finster
sah er aus Die Falte zwischen der Stirn ward schwarz wenn er in Gedanken vor
sich hin sah Ich kenne das an allen Männern seines Stammes so wie sie über
irgend ein Vorhaben brüten
    »Curd« warnte ich ihn Er wusste gleich was ich sagen wollte »Sein Sie
unbesorgt liebe Mutter« lächelte er Ich war aber nicht ohne Sorge konnte es
auch nicht sein ob er sich gleich zusammen nahm und tat als sei er Geschäfte
halber hierher gekommen die die Wirtschaft angingen Das Ding sah aber anders
aus Der Gerichtshalter musste noch spät des andern Abends kommen nachdem mein
Sohn den ganzen Tag in seinem Zimmer geschrieben hatte
    Er machte sein Testament Ich merkte es recht gut und wusste auch weshalb
Ich ließ aber alles gehen wie es wollte Ich mochte mich in nichts mischen Den
folgenden Morgen war er weggefahren ehe ich erwachte Zu seinem gewesenen
Vormunde dem alten Deichhauptmann ließ er mir sagen Der Förster und der junge
Amtsschreiber waren mit ihm in den Wagen gestiegen
    Es konnte ja sein dass er zum Deichhauptmann fuhr Ich hätte auch nicht
daran gezweifelt wäre so mancherlei nicht vorhergegangen Nun stutzte ich doch
und schwankte in mir
    Die ersten vier und zwanzig Stunden die brachte ich leidlich genug hin Als
aber der zweite Abend kam es acht neun zehn Uhr schlug und die Leute nach
unserer stillen Weise im Hause schlafen gingen wusste ich vor Angst meines
Bleibens nicht Ans Bett konnte ich nicht denken Ich ging aus einer Stube in
die andere Es war kühles Wetter Ich saß endlich in meinem kleinen
Eckkämmerchen vor dem Kamin der treue Waldmann neben mir auf dem Stuhl und die
alte knurrende Mise auf meinem Schoss Katzen und Hunde dachte ich bei mir
lernen sich vertragen und wärmen sich an einem Feuer und das Herz muss mir
wegen zwei vernünftigen Menschen zum Zerspringen schlagen
    Du weißt wohl wenn Einem so recht angst und wehe in der Seele ist dann
hört man in allen Ecken etwas gehen und sprechen Mir kam es so vor als wäre
der ganze Hof voll Leute Ich lief wohl zehnmal ans Fenster Es rührte und regte
sich nichts draußen
    Wieder nicht seufzte ich Denn heute hatte ich meinen Sohn bestimmt zurück
erwartet
    Ich wurde nun auch müde Nun so will ich nur immer auch schlafen gehen nahm
ich mir vor Die silberne Wachsstockscheere hielt ich schon in der Hand da
winselte Waldmann wie er wohl Nachts zu tun pflegt ehe er bellt Mir ward mit
einemmale wieder bange Ich setzte den Wachsstock auf den Tisch ohne ihn
anzustecken Vor dem Hause regte sich etwas Waldmann sprang jetzt vom Stuhl und
schnupperte umher Ich rief ihm zu da schlug er laut und heulend an Es fuhr
mir durch alle Glieder Im Hof sprachen Mehrere leise »Es ist ja noch Licht
drinnen« hörte ich Curd ganz deutlich sagen Gottlob da ist er rief ich und
im selben Augenblick kratzte der ungeduldige Hund auch wie außer sich an die
Tür und kam dann zu mir gelaufen blaffte und sprang wieder zurück kurz
zeigte dass er den Herrn wittre
    Mein Sohn öffnete während dem die Tür Er kam mir so todtenblass vor dass
ich ihn nicht gleich erkannte »Liebe Mutter« sagte er und sah aus als wenn
er spaßhaft sein wollte aber seine Stimme war heiser und zitterte auch »Liebe
Mutter ich habe mich ganz verrechnet Ich dachte nicht daran dass hier die
Leute wieder aufstehen wenn unsereins in der Stadt zu Bette geht In meiner
neuen Wirtschaft bin ichs so gewohnt und da Sie sich wohl vorstellen können
dass ein junger Ehemann immer mit seinen Gedanken da ist wo er sein möchte so
werden Sies schon verzeihen müssen dass ich mir einbildete zu Hause
anzukommen indes ich nun hier doch erst ausschlafen muss«
    »Hm« entgegnete ich und tat als wenn ich ihm glaubte aber ich konnte es
doch nicht lassen ihm fest ins Auge zu sehen Er wurde rot »Komm nur komm«
fuhr ich fort »Du wirst doch noch zu Nacht essen wollen es ist ja erst halb
Eins das ist die rechte Stunde für Euch Weltkinder«
    »Bewahre der Himmel« rief er so recht widerwillig »Ich wäre nicht im
Stande einen Bissen hinunter zu bringen«
    Mich überlief es ganz eisig Mein Gott woher kommt ihm denn der Ekel vor
Speise und Trank dachte ich im Stillen Ihm fehlte soviel ich sah körperlich
nichts Was widerstand ihm denn so bei dem Anerbieten
    Ich hatte oft gehört dass wenn ein Mensch von der Hand eines Andern
gefallen wäre dieser nach der unglücklichen Tat lange nichts genießen könne
was ihn an Fleisch und Blut erinnere
    Das fiel mir jetzt wie Blei auf die Brust Ich blieb in meinem Stuhle
sitzen Ich konnte die Füße nicht heben Ich zitterte an allen Gliedern
    Mein Sohn merkte nicht sehr darauf Er war ganz verstört Nach einer Weile
sagte er dann aber doch »Sie sehen recht angegriffen aus liebe Mutter Gehen
Sie doch ja noch ein Paar Stunden schlafen Ich will mich auch niederlegen«
»Wenn Du nur wirst schlafen können« entgegnete ich und sah ihn scharf an Er
küsste mir die Hand »Ich denke doch« meinte er Er war schon an der Tür als
er noch einmal umkehrte und mit den Fingern leicht gegen die Stirn fahrend
als strafe er sich wegen einer Vergessenheit ausrief »Habe ich doch gar nicht
daran gedacht Sie um ein Nachtlager für meinen Reisegefährten zu bitten der so
todtmüde wie er von der heutigen Jagd zurückkommt nicht daran denken konnte
sich Ihnen vorzustellen Darf ich« fuhr er fort die Tür in der Hand rasch
und ohne mir Zeit zu lassen nach Namen und Stand zu fragen »darf ich draußen
das Nötige besorgen« Und fort war er
    Ein Verwundeter sagte ich leise zu mir Deshalb kamen sie in Nacht und
Dunkelheit deshalb musste der Wagen im Dorfe halten Gewiss wurde der arme Mensch
ganz still ins Haus und hinten nach Curds Zimmer getragen Nun der Himmel
beschütze ihn seufzte ich aus aufrichtigem Herzen Ach Elischen ich war so
froh dass es nur den Curd nicht getroffen hatte
    Wie aber die Freude darüber sich etwas mäßigte dachte ich doch auch an die
Folgen Wenn nun der Unglückliche hier stürbe Mein lieber Gott das wäre doch
auch schrecklich musste ich mir gestehen Und dann siehst Du Kind ich hatte
nur einen einzigen Menschen in den Gedanken mit dem mein Sohn Händel gehabt
haben konnte Und wenn der  ich weiß nicht wie mirs möglich gewesen ist
nicht gleich auf der Stelle im Hause Erkundigungen nach dem Fremden einzuziehen
aber ich glaube ich war zu schüchtern dazu Ich fürchtete wohl die Wahrheit zu
erfahren Und dann wollte ich auch nicht Lärm machen und die gemeinen Leute
früher auf die rechte Spur bringen
    Ich blieb also ganz still in meinem Armstuhle sitzen gab keine Befehle und
machte keine Anordnungen sondern überließ es Curd was er bestellen werde Du
kannst daraus sehen liebe Elise in welchem unnatürlichen Zustande ich in
dieser Nacht war so mein ganzes Hauswesen aus der Acht zu lassen und die Ehre
einer guten sorgsamen Wirtin Kurz ich schlich still zu Bette um nur nichts
mehr zu hören und zu erfahren Kaum liege ich aber ein halbes Stündchen darin
so bläst ein Postillon im Dorfe Ich richte mich in die Höhe Es schmettert
immer fort aber kein Wagen folgt Der Ton kommt näher und näher Ein Pferd
trabt in den Hof Gott eine Stafette schrie ich auf Sie schicken schon nach
Curd Das Duell ist ruchtbar geworden er wird festgesetzt werden man wird ihm
ans Leben gehen
    Ich zog mit Gewalt an der Klingel aber ehe noch Jemand kommen konnte war
ich am Fenster riss es auf und rief hinunter in den Hof »Wer bläst denn da«
»Eine Stafette« war die Antwort »Woher« brachte ich zitternd heraus Wie ward
mir nun als ich hörte »Auf Allerhöchsten Befehl aus der Residenz« das kann
ich keinem Menschen sagen Ich war in einen Stuhl gesunken als Kaspar der
Jäger mit einem Brief in der Hand hereintrat
    »Gebe Er her gebe Er her« befahl ich ihm »Um Verzeihung« sagte er mir
die Addresse hinhaltend »Das Schreiben ist an Jemand den ich nicht kenne und
der sich so viel ich weiß auch hier nicht aufhält«
    Ich wagte einen Blick darauf zu werfen Es war eine kleine kritzliche
Frauenhand und die Aufschrift  dem fürstlichen Jägermeister Herrn Curd von
 Ich atmete auf »Wecke Er meinen Sohn Kaspar« sagte ich »der Brief ist
von seiner Frau ich erkenne es jetzt an dem doppelten Wappen«
    Es war auch so Mein Sohn erwartete schon früher eine Versetzung aus dem
Militär ins Forstdepartement Der Fall war nun eingetreten Die Gräfin und ihre
Tochter fanden es nötig ihn eilig davon zu benachrichtigen um das schneller
zu bewerkstelligen hatten sie auf den Brief geschrieben auf Allerhöchsten
Befehl Das klärte sich nun wohl über Erwarten gut auf Allein das Andere lag
mir immer schwer genug auf der Seele Ich konnte mich deshalb auch nicht über
die Vorteile in Curds neuer Lage freuen Er nahm es nicht viel anders Seine
Miene blieb ernst sein Wesen zerstreut Wir redeten wenig darüber Es schien
ihm sogar verdrießlich dass er seine Abreise so übereilen müsse Da er nun auch
gleich darauf das Anspannen befahl fragte ich ihn ob sein Reisegefährte ihn
begleiten würde
    »Der liebe Mutter« entgegnete Curd »hat sich eben nur so lange hier
aufgehalten um den Amtmann zu vermögen dass er ihm rasche Pferde und Wagen gab
und wieder zurückfahren lasse woher wir kamen Er war schon fort als ich von
Ihnen in mein Zimmer ging«
    »Also nicht tötlich verwundet« seufzte ich »Vielleicht gar nicht einmal
ein Duell«
    »Ein Duell« fragte mein Sohn sich schnell nach mir umwendend »wie kommen
Sie darauf« Ich teilte ihm alle meine Besorgnisse mit Er hörte mir sehr
aufmerksam zu »Nein« sagte er »auf meine Ehre ich komme von keinem
Zweikampf Darüber können Sie in dieser Angelegenheit überhaupt ganz außer Sorge
sein«
    »Gewiss« fragte ich denn mir schien als halte er mit irgend etwas zurück
Sein ganzes Wesen war anders wie sonst bestürzt und traurig zugleich hätte ich
es nennen mögen
    »Gewiss« versicherte er auf eben die verschlossene Weise
    »Nun« sagte ich »dann kann mir schon alles Andere recht sein Allein
wissen möchte ich doch wer der Fremde war der in meinem Hause Obdach suchte
ohne mir auch nur dem Namen nach bekannt zu sein«
    Curd ward verlegen Er nahm mich bei der Hand und suchte mich auf andere
Gedanken zu bringen Da ich aber empfindlich ward entdeckte er mir dass es Hugo
gewesen sei Ich ward blass vor Schrecken glaube ich tat indes als sei es vor
Ärger und äußerte meine Verwunderung dass der Graf es vermeide der nächsten
Verwandtin seiner Braut bekannt zu werden
    »Ach« rief Curd ein wenig ärgerlich »denken Sie doch an dergleichen
Rücksichten jetzt nicht liebe Mutter Sie können sich wohl vorstellen dass
etwas Außerordentliches vorgefallen sein müsse was uns Beide in so gutem
Vernehmen zusammen hierher führte Ich habe kein Recht Ihnen mehr zu sagen Es
ist in keiner Art mein Geheimnis und nur um Sie wegen ferneren Besorgnissen
in Betreff meiner und des Grafen zu beruhigen entdeckte ich Ihnen dass dieser
hier war was denn übrigens alle Welt wissen mag«
    Damit liebes Kind musste ich nun zufrieden sein Curd reiste kurz darauf
ab und mir blieb der Stachel wegen des undurchdringlichen Geheimnisses in der
Brust stecken
    Etwas Außerordentliches sagte er müsse vorgefallen sein was sie Beide in
gutem Vernehmen zusammen führte Das könne ich einsehen Freilich lässt sich das
einsehen Aber was ist dies Außerordentliche Erst glaubte ich Du wärest
gestorben Herzenskind und Curd wolle mir dies nur nicht so plötzlich ohne
alle Vorbereitung sagen Aber er beteuerte das sei es nicht Nun sei es was
es wolle etwas Gutes ist es nicht danach sah Curd nicht aus
    Es quält mich über alle Beschreibung Ich will mir den jungen Amtsschreiber
kommen lassen Er soll mir wenigstens erzählen was er gesehen und gehört hat
Das wird dem doch hoffentlich kein Geheimnis sein
    Begreife es wer es kann Du sollst Alles wissen liebe Elise vielleicht
bringst Du was Zusammenhängendes heraus Erschrick und ärgere Dich auch nicht
Kind wenn Du gewisse Dinge liest die Dir wohl anstößig sein müssen die aber
auch anders sein können als sie auf den ersten Blick scheinen
    Du kennst den Philipp Arendt von klein auf Der Hellste ist er eben nicht
und wenn er nicht mit Curd so zu sagen auferzogen wäre so würde er wohl nicht
den Posten begleiten den ihm dieser verschafft hat Dafür kann sich aber auch
mein Sohn auf seine Treue und Ergebenheit verlassen weshalb er ihn denn
wahrscheinlich mit sich nahm
    »Diese Fahrt« sagte Philipp »ging sechs und dreißig Stunden Tag und Nacht
fort Gleich hier in unserm Städtchen ließ wir Pferde und Wagen stehen
nahmen Extrapost und gönnten uns nicht Schlaf nicht Mittags noch Abends eine
Mahlzeit zu halten Den zweiten Abend unserer Reise kamen wir an ein Gränzdorf
Das Zoll und Mautwesen bringt dem Orte großen Verkehr auch liegt beständig
ein Jägerdetachement hier um die Pässe und Schleichwege durchs Gebirge
abzupatrouilliren Deshalb ist hier ein stattlicher Gasthof seit vielen Jahren
etablirt vor welchem die Reisenden lieber anhalten und die Gränzwächter ihre
Untersuchungen und Abschätzungen in aller Ruhe machen lassen als vor dem
Zollhause hinter der vorgezogenen Kette stundenlang unangenehme Dinge zu
hören«
    Als Curd seine Kalesche dort stehen ließ erzählte Philipp weiter und dem
Wirtshause zuging sah dieser einen schönen großen Mann in demselben
Augenblick langsam auf sie zukommen Er grüßte ohne dass mein Sohn der in
Gedanken vor sich niedersah darauf achtete Philipp machte es ihm bemerklich
Curd blickte auf »Ach da ist er schon« rief er Das Blut stieg ihm dabei ins
Gesicht und die Augen blitzten »Höre« flüsterte er seinem Begleiter zu indem
er die Schritte beeilte »ich habe mit dem Herrn ein Wort zu sprechen Du
verstehst mich Ich habe ihn hierher bestellt Kommt es zu etwas endet es auf
eine oder die andere Art schlimm so nimm hier meine Brieftasche und reise so
geschwind du kannst zu meiner Mutter zurück damit kein voreiliges Gerücht sie
erschrecke«
    Der gute Junge Elischen wie er doch immer zuerst an mich denkt Mich
schauderte bei der Erzählung und doch musste ich vor Freuden weinen
    Aber höre nur weiter Philipp sah nun wie Beide in das Haus die Treppe
hinauf und oben in ein Zimmer gingen das sie hinter sich abschlossen Der arme
Mensch hatte keine Ruhe Er schlich langsam hinterdrein In dem Koridor rechts
waren beide verschwunden Er ließ die Nummer der Tür nicht aus den Augen
Horchen wollte er nicht doch ungefähr beobachten was drinnen vorging Er
hielt also Wache und lehnte mit dem Rücken gegen die Wand so dass er das Schloss
der Tür im Auge behielt während er mehr dem nächstanstossenden Zimmer
zugewendet schien Erst sprachen die Beiden wenig und ganz leise Philipp hörte
sogar ein Paar Mal lachen aber es war nur Einer der lachte Nach und nach
hoben sich denn die Stimmen Es ging Jemand in gemessenen Schritten quer durch
das Zimmer und zählte dabei laut Dann ward einen Augenblick alles ganz stille
Nun rief eine Stimme im Nebenzimmer so weich so zärtlich und so
verzweiflungsvoll »Mein Gott Mein Gott« dass Philipp einen Schritt zurücktrat
Doch kaum waren die Worte halb weinend halb schreiend ausgestoßen so fiel
etwas als wenn Jemand mit einem Stuhl umschlägt und eine andere Stimme stieß
in fremder Sprache laute und ängstliche Töne aus Schneller wie der überraschte
Amtsschreiber es fassen konnte flog die Tür neben ihm auf der fremde Herr und
mein Sohn stürzten heraus rissen das Nebenzimmer mit Gewalt auf ob es gleich
verschlossen war und wie ein Blitz auf ein ohnmächtig daliegendes Frauenzimmer
zufahrend das blasser wie der Tod am Boden ausgestreckt lag sank der
Unbekannte mit einem fürchterlichen Schrei zur Erde und Curd beide Hände über
den Kopf zusammen schlagend rief ebenfalls ganz außer sich »Herr Gott das ist
entsetzlich«
    Was weiter vorging wer das Frauenzimmer war von dem allen weiß der
Amtsschreiber nichts denn mein Sohn gewann hinreichend Besinnung um die Tür
aufs neue fest von Innen zu verriegeln
    Niemand kam heraus Über zwei Stunden währte das so Philipp der nun
nichts mehr für seinen Herrn fürchtete ging ab und zu Oft war es ihm als
würde drinnen viel geweint Eine sehr sanfte Stimme sprach ein paarmal lange
doch immer so leise dass kein Wort zu verstehen war Den Ton sagte mir Philipp
würde er in seinem Leben nicht vergessen Er wäre ihm so ans Herz gegangen dass
ihm die Tränen aus den Augen stürzten
    Schon ganz tief in der Nacht kam endlich mein Sohn herunter bestellte dass
Alles zur Abreise fertig sein sollte ging dann wieder hinauf kehrte alsdann an
des Fremden Arm zurück bestieg mit diesem die Postchaise sie fuhren und fuhren
bis hierher ohne dass ihr Reisegefährte ein Wort sprach außer ein einzigesmal
sagte er halblaut »eine Nonne« Er schüttelte den Kopf und sank dann mit
geschlossenen Augen ganz zusammen als wolle er Alles verschlafen
    Nun sage mir um Gottes Willen Kind was ist das Ich kann nicht klug daraus
werden und wenn ich mir den Kopf zerbreche Hast Du denn eine Ahndung wer die
Person sein kann aus der sie solch Geheimnis machen als gälte es des Reiches
Wohlfahrt
    Gib nur Acht es wird nichts sein als ein dummer Roman der ihnen die
Köpfe verrückt Das ist jetzt Mode Ich beklage Dich armes Kind Du musst es
entgelten Hättest Du den Curd geheiratet wie anders stände es mit Dir
 
                                Hugo an Heinrich
Emma lebt Ich habe sie gesehen gesprochen Fasst Du es Heinrich Ich nicht
»Mein Gott mein Gott« rief sie mit einem Tone  Was das für ein Ton war
Engel mögen so flötend klagen über das Elend der Menschen Elend  ja wohl Nun
bin ich es ganz
    Heinrich wie sie so am Boden lag den Schleier weit zurückgeschlagen das
himmlische Gesicht weißer wie Schnee die Augen geschlossen der Mund voll Güte
und Liebe schmerzlich zum Weinen verzogen beide Hände im tiefsten Jammer
zusammen geschlagen 
    Sieh weg Sieh weg ich bitte Dich Ich verliere den Verstand sehe ich sie
in Gedanken so vor mir liegen
    Wer spricht mir noch von Liebe Wer weiß denn was Lieben ist Niemand das
sage ich Dir Auch sie nicht das ist das Tollste Auch sie nicht bei dem
ganzen Umfange ihres Opfers wusste sie nicht was Liebe ist
    Wie hätte sie sonst die Lüge zwischen uns geschoben und Früchte von solcher
Saat gehofft
    Nun sind die Teufel alle losgebunden und ein zerbrochenes Gelübde erzeugt
den Wunsch die andern auch zu brechen
    Frage sie doch was sie aus mir machen wird und wie sie die rebellischen
Wünsche in der eignen stürmenden Brust zu bändigen gedenkt »Zurück zurück ins
Kloster« klagte sie leise und weinte dabei
    Entsagen wollte sie O hätte sie Geduld mit mir gehabt und nicht größer
sein wollen als die Natur vom Menschen es verlangt
    Siehst Du Heinrich ich sagte es Dir schon einmal die eigentlichen
Gespenster die springen aus dem verhetzten Gehirn der Menschen hervor Den Wahn
gebirt er selbst wie jeden um den er leiden muss
    Sie ist sehr unglücklich das glaube mir Hier hier an diesem Herzen hat
sie alle ihre Seelenangst bekannt Hier an diesem Altar konnte sie beichten So
treibt sie noch der alte Götzendienst zur Abgötterei und sie darf glauben ihn
abgeschworen zu haben
    O hilf mir aus dem Labyrinth heraus in dem ich auch sie verlieren könnte
Glaubst Du ich spreche im Fieber Weißt Du so von gar nichts dass Du nicht
merkest sie sei die Nonne die mich seit Monaten wachend und träumend
begleitet Die Nonne Ja wohl sie ward es und galt für tot Wollte dafür
gelten um mich glücklich zu wissen
    Verstehst Du wohl um mich glücklich zu wissen Du ewiger Himmel wie
schlecht berechnet sich das Glück und wie irrt sich der Mensch wenn er es zu
schaffen gedenkt
    Irren und immer irren das ist das Motto das am Ein und Ausgange unserer
Lebensbahn steht Wir kennen nur die verschlungenen Schriftzüge nicht und
machen Jeder ein beliebiges Wort daraus
    Wie sie sich mir bei allem dem immer nahte wie ich sie zuletzt finden und
den  Nennst Du es Betrug Sage die Täuschung es klingt besser  entdecken
musste
    Ja mein Freund das ist es eben Die Wahrheit ist eine mächtige Gottheit
sie rächt jede Verletzung ihrer Gesetze Es muss dann alles so kommen wie es
kommen soll Wie das Haupt der Medusa schreckt sie das Menschenauge
    O es ist eine weitläuftige Geschichte Ich erzähle sie Dir einmal Einmal
es ist gut seine Vorsätze so ins Ungewisse zu stellen Wer sagt gut für die
Erfüllung
    Wüsste ich nur darüber hinaus dass sie irre an mir werden dass sie mich
aufgeben konnte Ist denn die Liebe nicht die Wahrheit und lehrt sie nicht wahr
sein
    Ach so still wie ein Lamm schlich sie sich abwärts und wollte verloren
heißen damit ich ihr nur nicht begegne und ihr Anblick mich nicht störe Sage
ich bitte Dich ist das nicht dennoch Liebe O hättest Du sie gesehen das
liebe sanfte blasse Leidensgesicht und immer immer schön wie der Friede
    Ich will Dir etwas sagen  doch Nein Du verstehst mich nicht Es versteht
Keiner den Andern Ich werde sie noch um eine Unterredung in ihrem Kloster
bitten Hier in dem nahegelegenen Waldkloster wo man sie begraben sagte da
begrub sie sich auch Da nahm sie den Schleier Unselige Betörung Sie soll mir
sagen was kein Anderer weiß was sie nur oder Niemand beantworten kann warum
 O weg weg tolle rasende Gedanken Wäre sie auch eitel und hätte sie sich
selbst einen Triumph bereitet Abscheulich Die Welt ekelt mich an Überall nur
das EchoWort  Ich Ich und sonst hohler Schall
    Ich komme von ihr Unaussprechlich ich sage Dir Heinrich unaussprechlich
ist der Zauber ihrer sanften Nähe Wie der Hauch von einem Blumenbeet im Tau
der Abendwolken so süße Tränen perlten auf den lilienblassen Wangen
    Und doch hat sie sich von mir losgesagt und doch hat sie das eiserne Gitter
zwischen sich und mir aufgezogen Dahinter steht sie und unerreichbar
unerreichbar Was das für ein entsetzliches Wort ist
    Ich fürchte ich fürchte  Was denn Was soll noch kommen Siehst Du das
ist es Es ist alles aus
 
                      Die Oberhofmeisterin an den Komtur
Das Geheimnis ist also entdeckt Es kam wie ich immer fürchtete Sie hat sich
zuletzt selbst verraten Sein Leben durfte nicht auf dem Spiel stehen Daran
scheiterte ihre geträumte Festigkeit Jetzt ist das ganze Phantom in Nichts
aufgelöst und die nüchterne Wahrheit bringt Alle außer Fassung
    Auch Sie Ihr Gefühl sagen Sie mir empört sich gegen das gewagte Spiel
missverstandener Selbstverleugnung Sie fragen mich wie ich jemals darein
willigen konnte Sie tadeln mich weniger durch das was Sie laut werden lassen
als durch das was Sie verschweigen die Spannung Ihres Briefs verrät wie sehr
Sie sich zu beherrschen streben
    Sein Sie ganz offen Ich kann es ertragen Mein guter Komtur seit ich in
die unselige Verbindung zwischen Emma und Ihrem Neffen willigte handelte es
sich nicht mehr um das was ich zugeben oder hindern wollte die beiden
unglücklich Gepaarten mussten ihr Loos erfüllen
    Sie irren sehr wenn Sie sich einbilden ich habe durch Emmas plötzliche
Entfernung von der Burg dies Alles verschuldet Schon lange war Emma mit sich
einig Hugo frei zu geben Ihr glühendes Herz flammte in lauter feurigen Bildern
auf die von innern Stürmen schnell gejagt eine Wolkendecke über das wirkliche
Leben breiteten Sich für ihn zu opfern das war der Stolz ihrer
verschmachtenden Seele das war das Geschäft ihrer kranken Phantasie Wie wenig
kennen Sie den Menschen wenn Sie wähnen bis dahin dringe fremder Wille
    Es ist wahr nachdem was im Hause des Präsidenten vorging konnte ich an
die Dauer solch schmählich entweihten Ehebundes nicht mehr denken
    Was weiter folgte darüber fordern Sie wohl von mir keine Rechenschaft Das
Kloster im Schwarzwalde war unsere erste Zuflucht Einsamkeit und abgezogenes
Denken gestalten das Gemüt nach anderer Form Es scheint uns in diesem
Augenblicke alles beschlossen und vollendet was heute nur ruhen muss um morgen
weiter leben zu können
    Emma ward schnell in ihrer Begeisterung mit dem fertig was sie allein noch
für Hugo tun konnte Nach kurzer Zeit nahm sie den Schleier und ließ das
Gerücht ihres Todes sie von dem Manne scheiden dem sie ihr Dasein bei weitem
mehr als den Heiligen des Klosters weihte
    Was ich hierbei litt doppelt litt weil ich die Nutzlosigkeit dieses Opfers
längst einsah wie heiß ich das zertrümmerte Geschick die Selbsttäuschung die
unnatürliche Verirrung der einzigen Tochter beweinte wie sie mir anfangs in
ihrer Umwandlung gestorben schien und ich schwankte ob ich sie nicht eben so
gern unter der dichten Hülle des Sarges als hinter diesen Mauern wissen möchte
das Alles sagt sich nicht das fasst mit dem besten Willen Keiner am wenigsten
ein Mann
    Als darauf aber der Wurm in dem Herzen der Unglücklichen stärker nagte sie
vollends hinwelkend wahr zu machen drohte was sie zum Scheine gespielt da
dachte ich darauf durch Versetzung in eine andere geistliche Gemeine ein
wärmeres Klima in ganz veränderte Umgebungen sie mir noch lebend zu erhalten
Durch eine Verwendung meiner Prinzess ward Emma Äbtissin in einem
florentinischen Kloster Sie erschrack heftig bei der Nachricht Ihre Gesundheit
schien den Schmerzen der Trennung aus der Heimat nicht gewachsen Nur einmal
noch auf kurze Zeit wollte sie in der Nähe ihres alten Wohnsitzes atmen
leben dürfen sie forderte dies als das einzige Mittel den letzten Riss der
Vergangenheit zu überwinden Ihr Arzt riet selbst dazu Sie erhielt
unbestimmten Urlaub sie benutzte diesen  und das Aufziehen eines
PistolenSchlosses reichte hin die ganze künstliche Leiter unter ihren Füßen
wegzuziehen
    Ich bin bei weitem hierüber nicht so erschüttert wie Sie Was die Welt
denken und urteilen wird gilt mir in dieser Hinsicht gleich Die hat ihr
Urteil längst ausgesprochen Nun sagt sie es noch einmal anders vielleicht
doch nicht klüger Emma ist außerhalb ihrem Bereich ich gehe ihr aus dem Wege
und Hugo  Nun das verlangen Sie nicht dass mir dessen Geschick wie dessen Ruf
am Herzen liegen solle Was hofften Sie wohl von einer neuen Verbindung für ihn
Was blendet Sie denn jetzt mit einemmale über den glaubensleeren unklaren
unsicheren Klügler dass Sie Ihre Tränen in die seinen mischen 
    Meinen Sie weil ihn das Außerordentliche erschütterte weil ihn der Anblick
der Todtgeglaubten übermannend niederwarf er sei nun für immer in dem Kern des
Daseins gebrochen Er könne das gespaltene Leben nicht wieder ergänzen nur in
bejammernswertem Ringen müssen ihm Tage und Jahre hingehen
    Mein Gott bester Freund tragen Sie doch Ihre Empfindungen nicht auf einen
Menschen über der keines bleibenden Eindrucks fähig ist
    Wie schnell tauschte er ein Gut für das andere ein wie noch schneller warf
er dieses wieder von sich und was wäre es denn jetzt mit ihm gewesen hätte er
auch die Vergessene nicht wiedergefunden Nein glücklich war der niemals zu
machen denn sehen Sie mit allen schimmernden Gaben des Scharfsinns des
Witzes der angenehmen Laune bei dem milden Ausgleichen fremder Schwäche der
duldsamen Gelassenheit und den Aufwallungen liebender Gefühle fehlt Ihrem
Neffen ein innerer Mittelpunkt Er ist wie ein schönes reich ausgestattetes
Haus in dem Sie alles finden nur keinen Heerd drum frieren Sie und hungern
und dursten und werden niemals erquickt wie viele Vorräte auch überall
befindlich sind Der Heerd der ihm im Innern fehlt den verschmähet er auch im
Äußern Naschen will er überall doch gesammelt genießen das kann er nicht
Fürchten Sie doch ja nicht für sein Herz nennen Sie auch nicht die bebenden
confus ineinander gewirrten Fäserchen ein Herz Auf der Stelle mag es sonderbar
bei ihm aussehen
    Vor allem aber schelten Sie Niemand als ihn selbst wenn Sies beklagen
müssen dass von allen Ihren Hoffnungen keine erfüllt ward
    Von der betrogenen Dame seiner Gedanken durfte ich erwarten dass Sie mit mir
nicht reden würden Für sie weiß ich wahrhaftig nichts Besseres als dass sie die
schwierige Aufgabe übernimmt dem Irrstern auf seiner regellosen Bahn zu folgen
Trösten Sie sich lieber Komtur wie Sie können Am Ende haben Sie doch die
größere Hälfte des Lebens zurückgelegt Was wollen wir um die letzten Paar
Stunden noch so viel Aufhebens machen
    Ich bin im Begriff zu Emma zu gehen Die Reise nach Italien wird ihr jetzt
wohl selbst notwendig dünken
    Noch einmal nehmen Sie es nicht zu schwer Hugo ist nicht der Mensch
danach die Seele eines besonnenen Mannes mit Sorgen zu füllen
 
                                    Antwort
Nein niemals hätten Sie sich erlauben sollen über Hugo dies unbillige Urteil
auszusprechen Sie nicht Keine Partei darf die andere richten Ihr Unglück
macht Sie hart  Tadeln Sie Handlungen verwerfen Sie die Tat wenden Sie sich
mit Unwillen von dem ungeliebten Menschen ab doch zerlegen Sie ihn nicht wie
ein Wild das man kunstgerecht durchschneidet und sich etwas damit weiß jeden
einzelnen Teil geschickt von dem andern lösen zu können O hielten wir im
Menschen Gott höher wir würden begreifen dass keiner zu berechnen ist
    Die Mischungen aus denen ein Inneres sich bildet sind gar zu fein für
unser kritisches Auge Ein zärtliches Empfinden unterscheidet sie wohl doch
hinkt der Verstand dem flüchtigen Hauche vergeblich nach bettelt er nicht von
der Seele die Flügel
    Sie haben Hugo nie geliebt Wie können Sie glauben ihn zu verstehen  Ich
war ihm oft sehr bös und schwerlich gibt es noch zwei Menschen einander
unähnlicher in Grundsatz und Richtung Doch er ist meines Bruders Sohn mein
Blut mein nächster mein einziger Verwandter ich kann ihn schelten doch
ungerührt dies Auge weinen sehen in dem sich einst des Vaters ganzes Herz
sonnte es weinen sehen und kalt bedenken die Zeit werde es ja auch trocknen
wie schon manches andere getrocknet worden nein das kann ich nicht und schäme
mich auch nicht es zu bekennen ich mische meine Tränen mit den seinen Wie
wenig dürfen Sie hoffen mit so feindlicher Gesinnung die arme Emma aufrecht zu
erhalten Waren Sie nicht von jeher die Widersacherin des geliebten Mannes Sie
hätten Ihren übereilten Eifer anders geleitet Nur zu bereitwillig nahmen Sie
den Plan der Flucht aus der Burg auf und lassen Sie michs sagen gern schieden
Sie das blühende Kind von der Welt um es nur von dem Feinde Ihrer Ruhe scheiden
zu können Niemals hätten Sie Emma den Gedanken ans Kloster verziehen doch
lieber begruben Sie sie als sie in seinen Armen zu wissen Und noch heute
triumphirt Ihr blutendes Herz über die Schmerzen die Sie so über Hugo
verhängten
    Unversöhnliche Was ist denn zumeist in Ihnen beleidigt das zärtliche oder
das allein herrschende stolze Mutterherz Ich verzeihe Ihnen aber ich beuge
mich nicht Ihrem Urteil
 
                             Sophie an den Komtur
Sie erwarten in jedem Augenblick Hugo schreiben Sie mir Sie denken er werde
endlich von Wehrheim zu Ihnen herüber kommen und wollen ihn nicht verfehlen
Sie besuchen uns deshalb heute nicht und möchten doch wissen ob Elise ihre
feste klare Stimmung bewahrt ob sie noch so einverstanden mit ihrem Geschick
es ruhig trägt ob sie auch nicht körperlich leidet
    Nun ich kann Ihnen sagen dass wir bis jetzt nichts für sie zu fürchten
haben Ja ich finde sie freier mehr sie selbst als in der ganzen letzten
Zeit Ich äußerte ihr dies vorlängst beim Frühstück Sie sann einen Augenblick
nach »Ich glaube Sie haben recht« sagte sie darauf »Wenn der Schlag gefallen
ist so weiß man ob man lebt oder man weiß nichts mehr  Aber die Angst
vorher macht uns kindisch oft verächtlich Ich fürchte« setzte sie nach einer
langen stummen Pause hinzu »Hugos größte Plage hebt von meiner Krankheit an
Er hat mich so schwach gesehen und Gott weiß es diese Schwäche wollte nicht
weichen Ich hatte das Gefühl davon ich schämte mich vor mir selbst vor Hugo
aber es blieb vergeblich ich kann nicht drüber weg Und es ist doch keine
Frage dass nur in meiner Hand sein Glück lag«
    Ich konnte das nur zur Hälfte zugeben Ich führte sie auf die Unfähigkeit
bei Hugo zurück sich irgend eines ruhigen Besitzes freuen zu können auf den
raschen Wechsel seiner Stimmung auf das schnelle Ermatten jedes Gefühls in ihm
    »So ist er nun aber einmal« unterbrach sie mich »Ich wusste es Er war mir
über Alles lieb gerade in seiner Eigentümlichkeit Weshalb hörte ich auf
diese zu ehren da es nichts mehr galt als äußere Rücksichten geltend zu
machen«
    »Wie« fragte ich unangenehm überrascht »Sie bereuen den ganz natürlichen
Wunsch auf die einfachste Weise von der Welt einer ungehörigen Verbindung
sittliche Gültigkeit und göttliche Weihe geben zu dürfen«
    »Ja« erwiderte sie »das bereue ich«
    Mir stieg das Blut ins Gesicht
    »Missverstehen Sie mich nicht« fuhr sie schnell fort »Das bereue ich
überhaupt an die Dauer dieser Verbindung gedacht zu haben seit ich sie zerriss
indem ich ihr Dasein aussprach Hugos tiefste Seele war in dem Augenblick
verletzt unheilbar verletzt und die wunde Stelle blutete so oft er mich
wieder sah Ich war ihm eine Andere geworden die Welt die Zeit die Liebe von
der er nichts als den Vorwurf empfand sie so platt in die breite Gewohnheit
des Lebens hineingeworfen zu sehen«
    »Sie raisonniren über Hugo« lächelte ich »Sie sind kälter und begreifen
jetzt was Ihnen früher die Leidenschaft verbarg«
    »Leidenschaft« seufzte sie gedankenvoll »Ich möchte sie niemals gekannt
haben Es ist ein taumelnder unbewusster Rausch in dem man weder sich noch den
Gegenstand des heißen Wahnsinns besitzt Doch das Feuer muss auch erst ungleich
flackern und flammen ehe die stille Glut sich bildet«
    Wir waren während dem im Garten auf und abgegangen dann hatten wir unter
den Kastanien gesessen und uns später im Gespräch nach dem Rasenplatz gewendet
um den unser Spatziergang führte Die Sonne schien hell Elise sah hinauf zu
ihr »Das ist auch Glut« sagte sie »Ewige Sie dringt bis in den Kern der
Dinge Meinen Sie die Hitze täte es allein Das Licht das Licht« wiederholte
sie mehreremale »Wir vergessen immer das Beste bei Allem auch bei der Liebe«
    Mit großer Lebhaftigkeit fasste hier die bewegte Frau meine Hand »Glauben
Sie mir« sagte sie »es ist ein falscher Schluss wenn man die Gewalt eines
Gefühls von dessen enger Zusammenziehung herleitet Das Leben macht nicht eng
Je weiter der Umfang je kräftiger das Wesen Die Liebe die ihren Gegenstand
denken kann ist göttlicher Art sie erleuchtet was sie berührt«
    Ich empfand wohl sie verteidigte sich gegen den Vorwurf des Kälterwerdens
Ich ließ das auf sich beruhen Mich freute es sie so aufgerichtet so ganz die
Alte zu sehen Ihr Auge hatte einen besonderen Glanz es verweilte mit stillem
Blick auf der entfalteten blühenden Natur Sie wissen wie sie Blumen liebt
Die Rosen sind jetzt in ihrer vollen Pracht Unser Stiftsgarten hat deren viel
und von seltener Schönheit Elise brach einen vollen Strauss davon »Diese
Jahreszeit« lächelte sie anmutig wie im Wetteifer mit den Blumen »diese
Jahreszeit erinnert mich immer zumeist an das entflohene Glück Sehen Sie
Sophie so streut der Himmel seinen farbigen Putz auf unsere Gräber«
    Ich sah gerührt in ihr weiches liebes Gesicht »Wissen Sie noch« fuhr sie
fort »wie es auch überall so schimmerte und duftete als ich mit der seligen
Amtmannsfrau zu der Tannenhäuserin ging Sie uns nicht begleiten wollten und Er
 das erstemal Ich sehe ihn noch zwischen den Büschen stehen auf seine Flinte
gelehnt halb lächelnd halb ernstaft und in sich gekehrt Damals Mein Gott
wie hell wie leicht war das Leben«
    »O bitte« rief sie rasch zu mir gewendet »haben Sie noch meine Briefe von
damals«
    Ich bejahte es »Sophie« sagte sie mit ihrer flehenden Stimme »geben Sie
mir nur auf eine Stunde diese Briefe«
    Ich zögerte »Was ist Ihnen dabei bedenklich« fragte sie »Halten Sie die
Wehmut die uns der Frühling gibt für so störend Gute Sophie schelten Sie
mir die Wehmut nicht«  Lieber Freund sie sagte das so sonderbar so
bedeutungsvoll Ich ging und brachte ihr die Briefe
    Sie setzte sich damit unter die Bäume an den Tisch vor welchem wir
gefrühstückt hatten Ich musste ihr eine Schaale mit Wasser schicken in welche
sie die vielen gepflückten Rosen stellte War es das dunkle Kastanienlaub was
sie so blass machte oder das frische Rot der Blumen genug sie fiel mir in
ihrem weißen Morgenanzuge zwischen dichten Laubschatten hineingedrückt
außerordentlich auf Ich wandte mich mehrmals nach ihr um als ich ins Haus
zurückging Doch sie sah mich nicht Sie war in die Briefe vertieft Einmal da
sie unter dem Lesen in Gedanken eine der vor ihr stehenden Rosen zerpflückte
und die Blüten auf das Papier fielen kamen mir ihre eigene Worte wieder in den
Sinn »Sehen Sie Sophie« hatte sie vor wenigen Minuten gesagt »so streut der
Himmel seinen farbigen Putz auf unsre Gräber« Sie selbst sah aus wie die
bleiche Vergangenheit
    Als ich nach einer Weile wiederkam fand ich sie die Briefe weit von sich
geschoben beide Arme auf den Tisch gestemmt und das Gesicht in die gefaltenen
Hände gedrückt An der Bewegung ihrer Brust sah ich dass sie heftig weinte Ich
wollte mich entfernen Sie hatte mich aber bemerkt »Sophie« rief sie »o
Beste nehmen Sie nehmen Sie alles das wieder zurück Nein man glaubt
wahnsinnig zu werden wenn man sich lachen hört während die geängstigte Seele
um ein Paar lindernde Tränen fleht« Sie wandte das Gesicht ab und trocknete
die nassen Augen Ich packte die zerstreut umher liegenden Heftchen zusammen
Sie ergriff meine Hände »Gott« sagte sie »was haben die Menschen aus der
harmlosesten unbefangensten Zuneigung gemacht Wenn ich so das fröhliche
heitere Leben wieder überblicke wenn ich mich so ohne alles Vorgefühl von
Gefahr mit leichtem sorglosem Schritt vorwärts gehen sehe und Hugos
Wohlgefallen an meinem Umgang das freie Zusammenkommen die nachbarliche
Teilnahme Emmas später gewonnene Freundschaft wenn ich das wiederfinde
fühle und keinen Schatten der Unwahrheit keine Selbsttäuschung darin entdecke
dann empört sich doch mit einigem Recht meine Seele gegen die harte und rohe
Hand der Welt die das Missverstandene so missgestaltete Wie hat diese Hand nicht
auf uns gedrückt was hat sie nicht Alles zerrissen«
    Ich machte sie aufmerksam auf die Arglosigkeit jeder entstehenden Neigung
und erinnerte sie dass stets die Liebenden zu spät bemerkten was Andere längst
vor ihnen gewusst
    Sie nahm das ohne Widerspruch auf und blieb eine Weile still »Hören Sie«
hub sie darauf an »ich will Ihnen einmal etwas sagen Ich glaube Hugo hätte
niemals den Einfall gehabt eine Leidenschaft für mich zu hegen wenn es ihm
Eifersucht und häusliche Häkeleien nicht überredeten«
    Ich sah sie überrascht an Sie stand in großer Erschütterung von ihrem
Platze auf »Sie hatten recht« erinnerte sie sich später »ich wünschte ich
hätte die Briefe nicht gelesen Sie tun mir wehe Es sieht mir darin ganz nach
einer ungeheuren Mistification des Geschicks aus Und ich bin die Angeführte
Denn« rief sie die Hände heftig zusammenschlagend »ich liebe ihn das weiß
Gott mit unsäglichem Schmerz«
    Sie war ein Paar Schritte vorwärts gegangen Ich folgte ihr Das Wetter war
den ganzen Tag so leicht so schön gewesen Ich schlug ihr vor ein wenig
außerhalb des Gartens im angränzenden Waldbruch spazieren zu gehen »Nein«
erwiderte sie »lassen Sie uns nicht jenseits dieses Bezirks den Fuß setzen
Ich bin nur hier ruhig Ich sehe es wohl ich darf selbst in Gedanken nicht
das Ferne heranziehen«
    Es tat mir leid sie so erschüttert zu finden Wir gingen lange umher Wir
sprachen Allerlei Sie war aus dem Gleichgewicht heraus Es fasste nichts Wir
setzten uns zuletzt müde und matt ganz im Freien auf die kleine Erhöhung von
wo man den Strom sieht Ich bemerkte dass sie das Auge unsicher umherschickte
und es mit Bangigkeit senkte »Ist Ihnen nicht wohl« fragte ich besorgt »Ich
gestehe Ihnen« sagte sie beklommen »die sonnenhelle Gegend der blinkende
Wasserspiegel bildet heute einen sonderbaren Kontrast mit meiner Stimmung Ich
kann mich nicht damit vertragen Mir wird nicht wohl hier Kommen Sie wir
wollen nach Hause gehen«
    Ich war ihr gern gefällig Unterwegs äußerte sie plötzlich und ohne nachher
weiter daran zu denken Wenn ihr nur nicht ein neues Unglück drohe Ich ließ das
gänzlich fallen Sie gewann auch späterhin ihre frühere Fassung wieder so dass
ich mich überzeugt hatte ohne meine Unvorsichtigkeit sie jene Briefe lesen zu
lassen wäre ihr der Morgen in stillen Betrachtungen ruhig vergangen Wenn Ihr
Neffe wirklich noch heute zu Ihnen kommt so sagen Sie mir doch wie Sie ihn
fanden
    Ich gestehe Ihnen aber ich zweifle dass er die Burg wieder betritt Man
sagte mir er verlasse die kleine Insel rechts unterhalb des neuen Schlosses
in Wehrheim nur selten Er hatte früher einmal den Gedanken Emma hier ein
Denkmal setzen zu lassen
 
                                 Hugo an Elise
Wissen Sie noch Liebe wenn ich sonst zu Ihnen kam wir neben einander saßen
keines sprach jedes das Seine dachte und dann ein Wort ein launiger Einfall
ein Blitz des Geistes hervorbrach und im Augenblick Eins in dem Andern zu
Hause war Wie die Antwort mir fehlte oft nur eine halbe und doch so ganz
durch und durch verstanden Keine Wolke an dem Himmel Alles helle
durchsichtige Bläue Wir dachten nicht dass das anders werden könnte wir hatten
nichts Arges dabei Und nun  Gott dass man den Tag so deutlich denken kann
wenn es Nacht ist Man ist ein großer Narr wenn man über den Wechsel der äußern
Gestalten im Leben klagt Das beruht auf Naturgesetzen deren Zweck man nach
Belieben vermitteln mag ich an meinem Teil denke mir das Meinige dabei und
lasse es gehen
    Aber dass auch das Innere so willenlos den Tribut der Endlichkeit zollt dass
die Seele in ihrer prahlerischen Gottähnlichkeit nichts wie ein winziges
Flämmchen auf dem irrdischen Heerde ist und noch eher erlischt als dieser
zerbricht Das vollendet das Gaukelspiel und rechtfertigt den Ekel am Leben
    Dies Leben  Wie ein ausgeleerter Becher hohl kalt überflüssig liegt es
zu meinen Füßen Ich stoße es weg da ich aufgehört durstig zu sein Wornach
sollte ich dürsten Ich habe den Atem der Liebe getrunken Er hat mich nicht
gelabt Was gibt es denn auch noch Kräftigeres So matt so matt sinkt zuletzt
der Mensch in sich zusammen
    Ihr beiden lieben armen Frauen Wie habt auch Ihr Euch getäuscht Du
wolltest mich retten Emma Ach hätte sich Niemand mit meinem Geschick befasst
Das Glücklichmachen ist ein arger Missverstand Das Glück macht sich nicht darum
 Aber bereuet nichts Keine von Euch bereue das Geschehene Wir haben gelitten
und gelebt Es lebt sich im Leide und in der Freude wenn das Herz dabei fühlt
und der Geist denkt Doch wenn auch das aufhört wenn die Glut kalt und der
Brand Kohle ist  Sagt doch Ihr beiden schönen rührenden Wesen was finge ich
auch an wenn ich noch lieben könnte Euch lieben müsste Es ist Barmherzigkeit
dass Alles vergeht Selbst der Verstand Wie eine Scheibe dreht er sich Das Weiß
und Schwarz kreist in immer schnelleren immer engeren Ringen um sich herum
zuletzt ist es Eins Alles läuft auf Eins hinaus
    Liebe Elise lassen Sie Georg Mönch werden Er glaubt dann wenigstens zu
wissen wofür er lebt Und das ist sehr viel so lange es währt
    Ich habe mancherlei geträumt Sehen Sie mir tut es das frühe Aufwachen Es
ist Einem so nüchtern so kalt wenn man vor der Zeit von den Träumen lassen
muss Der Faden bleibt abgerissen Die Phantasie eines Wachen ist eine arme
Stümperin glauben Sie mir das
    Mein letzter glücklicher Augenblick war als ich bewusstlos zu Emmas Füßen
stürzte Gott welch eine Welt war da in meiner Brust Ich hätte sie so gern so
gern noch einmal wieder gesehen Allein sie will es nicht Was in der Seele für
Kräfte liegen Wie viel wird sie leiden müssen ehe das Alles stumpf wird Sie
sind schon matter Elise
    Sie bricht wohl ein tüchtiger Sturm über kurz oder lang
    Ade Ade sagen unsre alte Romanzen wenn der Dichter nichts mehr zu sagen
weiß und das Ende nicht finden kann
    Wenn er das Ende nicht finden kann 
    Ade Ade Warum wird mir dabei so traurig so weich so zum Weinen voll ums
Herz Was hat der tändelnde Singsang für Gewalt über mich
    Bin ich vielleicht blödsinnig geworden geht der Geist leise aus und lallt
das sterbende Gefühl kindische Töne
    O dann Ade Ade 
 
                             Sophie an den Komtur
Kaum war mein Brief von heute Morgen an Sie lieber Freund abgeschickt so fuhr
Birkner mit der leeren Jagdkalesche des Grafen in den Hof
    Er glaubte seinen Herrn hier zu finden der ihn schon seit sieben Uhr
Morgens nach dem Walde bestellt hatte worin er Willens gewesen war zu jagen
    »Vielleicht« sagte ich »hat er sich anders besonnen und darüber
vergessen dass Sie ihn erwarten«
    Jener an dergleichen gewöhnt lachte die Achseln leicht zuckend Meine
Gründe mochten ihm einleuchten Er empfahl sich und war schon im Begriff
zurück nach Wehrheim zu fahren als es ihm einfiel es könne sich doch wohl
anders verhalten Der Graf habe doch wohl wirklich die Absicht gehabt auf die
Jagd zu gehen Er sei in aller Frühe bei der Tannenhäuserin gewesen welcher er
einen Brief zu baldiger Besorgung hierher an die Frau Präsidentin eingehändigt
habe Da sich nun keine frühere Gelegenheit hierzu dargeboten so schicke jene
das Schreiben durch ihn
    Ich ließ mir es geben ersuchte Birkner ein wenig zu verziehen und eilte
damit zu Elisen Sie erschrack bei meinem Eintritt »Ist etwas vorgefallen«
rief sie mir hastig entgegen Ich bat sie ruhig zu sein und sich des Freundes
Gruß zu freuen Sie nahm den Brief furchtsam aus meiner Hand Ihn von allen
Seiten gedankenlos betrachtend seufzte sie das Auge zu mir gewandt ohne ihn
zu erbrechen
    »Ich gehe« sagte ich »lesen Sie wenn Sie sich gesammelt haben«
    Als ich das Zimmer verließ eilte sie hinter mir drein und verriegelte die
Tür
    Ich wollte Birkner Anfangs nicht eher fortlassen bis ich erfahren ob Elise
keine Bestellung für ihn habe Es währte ihm indes zu lange Er war ungewiss über
seines Herrn Rückkehr Mir schien er sogar ängstlich Ich musste endlich
nachgeben und ihn ohne Antwort fahren lassen
    Es blieb alles still bei Elise Ich wollte sie nicht stören und doch
trieben mich Teilnahme und Besorgnis immer wieder zu ihrer Tür Ich klopfte
verschiedentlich ganz leise an Sie mochte es nicht beachten Sie öffnete nicht
    Endlich rufe ich sie bei Namen »Ja« erwiderte sie wie aus dem Schlafe
erwachend »Was gibt es«
    Ich bat sie mir aufzumachen »Ja so« hörte ich sie sagen Sie kommt sie
zieht den Riegel weg ich trete ein aber ich glaubte vor Schrecken in die Kniee
zu sinken als ich die todtenbleichen verzerrten Züge der armen Elise
erblickte
    Sprachlos starrte ich sie an »Er hat Abschied genommen« lächelte sie »Er
ist fort Gott weiß wohin« setzte sie langsam hinzu und mir den Brief
hinhaltend sagte sie »da lesen Sie einmal«
    Ich durchflog die Zeilen ich blickte in ein Gewebe verworrener
Verzweiflung in den wüsten Kampf widersprechender Gefühle mir schwindelte mir
bebte es in der Seele doch konnte ich nichts von einem entscheidenden
Entschluss keine Hinweisung auf Abreise und Entfernung herauslesen Ich sagte
das Elisen Sie bestritt es nicht sie äußerte keine Meinung Allein in sich
schien sie nicht im mindesten zu zweifeln Wie ich sie auch zu beruhigen
strebte sie sah mit gebeugtem Haupte und halb geschlossenen Augen vor sich hin
und ein still verzweifelndes »Hm« war alles was sie hervorbrachte
    Wir saßen lange so als Johanna eintrat sich ein Geschäft im Zimmer machte
und indem sie sich vor dem Tischchen auf dem jetzt die am heutigen Morgen
gepflückten Rosen standen bückte um die herabgefallenen Blätter aufzuheben
flüsterte sie mir zu »Birkner ist wieder da Kommen Sie doch einen Augenblick
heraus«
    Ich winkte ihr zu schweigen Und genau beobachtend ob Elise auch nichts
gehört habe sagte ich dieser ich gehe nach Wehrheim zu schicken um ihr
später sagen zu können ob Hugo wirklich abwesend sei Sie nickte mir zu und
folgte mir ängstlich mit den Augen
    Ich fand den treuen Menschen das schäumende Pferd auf welchem er hierher
zurückgesprengt war am Zügel vor dem Hause hin und herführend Er war sehr
erhitzt Seine Miene als er mich erblickte weissagte nichts Gutes
    »Nun« fragte ich kleinlaut Er zuckte die Achseln und machte mit der Hand
eine abwehrende verzweifelnde Bewegung »Nirgend zu finden« flüsterte er mir
zu »Niemand hat ihn gesehen Im Gebüsch auf der Insel liegen Hut und Rock und
die Brieftasche mit Banknoten«
    »Das bedeutet nichts« entgegnete ich schnell »Gar nichts Sie wissen der
Graf badet oft um diese Zeit und bringt dann Stundenlang im Wasser zu Reiten
Sie nur« bat ich »gleich wieder zurück setzen Sie sich in einen Kahn und
fahren Sie zu den Fischern hinüber die werden ihn gewiss irgendwo getroffen
haben«
    Birkner schüttelte ungläubig den Kopf Ich ließ ihn nicht zu Wort kommen
ich trieb ihn fort ich empfahl ihm möglichste Behutsamkeit und vornehmlich
Stille und scheinbaren Gleichmut Ich wollte nicht wissen was er denke denn
ich weiß dass ich nichts Schlimmes glauben kann Deshalb teile ich Ihnen auch
die Vorgänge dieses Tages so umständlich mit Sie sollen nicht unnütz
erschreckt zu keinen voreiligen Maßregeln verleitet werden
    Ich vertraue Ihrer Fassung Ihrer Klugheit völlig Ich glaube wir können
nicht vorsichtig genug zu Werke gehen Aus dem Grunde enthalten Sie sich wohl am
besten aller unmittelbaren Nachforschungen Es darf von hier der Schein nicht
ausgehen als sei das Entsetzlichste denkbar
    Vielleicht sind Sie auch jetzt da ich Ihnen schreibe vollkommen ruhig über
Hugo er ist bei Ihnen wie er es gewollt Die umherliegenden Kleidungsstücke
sagen im Grunde gar nichts Er ist ja so zerstreut Wie leicht dass er vom Baden
zurückgekehrt jene vergessend im Schloss andere anlegte und später zu Ihnen
ging Sind doch außer Birkner nur noch ein Paar Stallleute bei ihm in Wehrheim
und was werden die sonderlich auf ihn Acht gegeben haben
    Elise fragte mich schon ob ich noch keine Nachricht vom Grafen habe Ich
teilte ihr meine Vermutung mit dass er bei Ihnen sei oder Sie ihn wenigstens
gewiss erwartet hätten
    »Erwartet« seufzte sie
    Ich mochte mich weiter nicht auf ein langes Gespräch einlassen Sie mied es
auch Wenn nur Johanna nicht schon etwas hörte Oder doch aus des Kammerdieners
schnellem Wiederkommen Verdacht schöpfte Ich muss Elise genau bewachen denn
ein vorschnelles Wort 
    Herr Gott was es für Augenblicke im Leben gibt
    Schlafen werden Sie diese Nacht nicht der Wunsch einer guten Nacht ist
daher leer und bedeutungslos
    Lassen Sie uns nur den Mut nicht verlieren Ich wette noch es ist Alles
besser wie wir glauben
 
                                    Antwort
Wie könnte ich ruhig sein was soll verborgen bleiben Hugo wird vermisst Die
Anzeichen sind beunruhigend Eine einzige geäusserte Besorgnis reicht hin Jedem
das Schreckliche gewiss zu machen Birkner war eben bei mir Seine Nachfragen
blieben vergeblich Die Fischer wussten keine Auskunft zu geben Ich fuhr noch
spät in der Nacht hinüber nach Wehrheim In der Mittagsstunde ist Hugo dort
gewesen Er trug den hellgrauen Oberrock der am Ufer gefunden ward und hatte
wider seine Gewohnheit diesen und die Weste weit aufgerissen als leide er an
Hitze Den Hut hielt er in der Hand Seine Laune war heiter Er scherzte mit des
armen Zimmermanns Frau und Kinder die er gleich nach seiner Ankunft auf der
Burg aus dem Wasser zog und die Familie dann hinüber nach der Stadt zu dem
todtkranken Vater fuhr Die Leute fanden nachher bei dem Schlossbau ihr Brod sie
sind dem Grafen mit Leib und Seele ergeben vorzüglich die Kleinen die immer
dreist mit ihm taten und sich gern von ihm necken ließ Heute nahm er das
Kleinste auf den Arm und sah ihm lange und tief in die großen klaren Augen
»So kristallhell wie das Wasser dort« sagte er nach dem Fluss zeigend indem er
der Mutter das Kind zurückgab Dieses konnte nicht sogleich von ihm los Es
hatte die Fingerchen in ein blaues Band verwickelt das um Hugos Hals
geschlungen war und in der Unordnung seines Anzugs hervorsah Er riss das Band
entzwei da das Kind weinte und steckte die Enden unter das Hemd indem er vor
sich niedersah und errötete Die Frau hat das bemerkt es fiel ihr auf Er nahm
darauf den Hut den er aus der Hand gelegt hatte vom Boden setzte ihn auf und
soll so eine Weile unschlüssig vor den Leuten gestanden haben als besinne er
sich auf etwas Dann wandte er sich aber kurz von ihnen ab und ging eine
Strecke rechts hinunter nach dem Walde zurück aus dem er gekommen war Doch
kehrte er bald darauf um rief der Frau zu sie möge so gut sein und drinnen im
Schloss sagen er komme zum Essen nicht wieder er speise drüben auf der Burg
    Diesen Vorsatz muss er auch gehabt haben denn er bestellte einen
Geschäftsmann der ihn am Morgen vergeblich erwartete herüber zu mir
    Nachher sah man ihn noch eine ganze Zeit auf der Insel hin und hergehen
Später achtete Niemand auf ihn
    Das ist Alles was ich erfuhr In seinem Zimmer standen und lagen die Sachen
frei da wie das stets seine Art ist Briefe verbrennt er oder verbirgt sie in
einem geheimen Fache seines Schreibtisches Ich mochte an Nichts rühren was
nicht offen für Jedermann geblieben Hieraus war nichts zu ersehen Ich habe
lange mit mir gerungen was ich glauben dürfe Soll ich wahr sein so steigt die
Vermutung in mir auf Hugo wolle uns durch den Schein irre führen Er will für
uns tot sein indes er für immer aus dieser Gegend vielleicht aus diesem
Teile der Welt verschwindet
    O lassen Sie mich hieran festhalten Ich bin nicht im Stande das Andere
das Grauenerregende das Unselige zu denken
 
                             Sophie an den Komtur
Sie haben Recht das ist ein Gedanke den Ihr Neffe hätte haben können Nur weiß
ich nicht weshalb er sein Vorhaben hinter eine so schauerliche List verstecken
sollte da er ohne alle Umstände weggehen konnte und nur nicht wiederzukommen
brauchte Was würde ihn daran gehindert haben Er war schon einmal fort Wir
wussten nicht wohin Niemand rief ihn zurück Niemand erinnerte ihn an verletzte
Pflichten Keiner wollte ihm Fesseln anlegen Er allein brachte sein unstätes
Selbst zu uns zurück Fürchtete er nicht vielleicht sich mehr als Andere Das
sind Vermutungen Schlüsse ins Blaue hinein Ich bin unfähig irgend etwas
Bestimmtes ins Auge zu fassen Ich sehe nichts deutlich Die Angst vor Elisens
Erwachen vor ihren Fragen ihren Blicken benimmt mir alle Fassung Möchte uns
doch dieser Tag irgend eine Beruhigung geben
 
                                    Antwort
Was Sie auch sagen mögen Alles bestärkt mich in meinen Vermutungen Trotz dem
mühseligsten Suchen keine Spur von ihm Verschwunden völlig verschwunden sage
ich Ihnen Keine Bucht keine Stelle von beiden Ufern blieb undurchforscht Mehr
als zwanzig Kähne fuhren den Strom hinauf die ruhige Flut ließ oft bis in den
Grund hinunter sehen Nichts gar nichts war zu entdecken
    Er wollte sich uns entziehen Niemand auf Erden sollte ferner Ansprüche an
ihn haben das war es glauben Sie mir
 
                            Madame Lindhof an Sophie
Im Begriff diese Gegend auf immer zu verlassen da mein Sohn eine Anstellung in
der Residenz erhielt bleibt mir noch eine traurige Pflicht zu erfüllen recht
als solle ich hier enden wie ich anfing nämlich Glück und Hoffnung zu Grabe
tragen zu helfen
    Den Tag da meine Schwiegertochter beerdigt ward traf ich in diesem Hause
ein und ist es auch keine Leichenfeier zu der ich gegenwärtig verpflichtet
bin so ist es doch wohl nicht viel besser
    Ach gnädiges Fräulein die wahrscheinliche Bestätigung von dem was wir
fürchten senkt die Seele in tiefe Trauer Wie schwer wird es mir solche über
Sie zu verhängen Doch darf ich kaum mit dem zurückhalten was ich ohnlängst
erfuhr
    Sehen Ihr Gnaden um Alles im Zusammenhange zu berichten der Umzug einer
Familie der Transport des vielfachen Gerätes macht große Sorge und Unruhe Es
mir zu erleichtern mietete ich einen Raum im Marktschiffe und ließ diesen mit
mancherlei unserer Sachen beladen
    Das Fahrzeug legt gewöhnlich bei Wehrheim an Die gewandte Frau des
Zimmermanns dort die arbeitsam ist und sich gern etwas verdient war mir in
den Tagen des Packens zur Hand gegangen und besorgte auch jetzt das Laden und
die Zusammenstellung der Ballen auf dem Schiffe Passagiere und Fährmann waren
ins Dorf gegangen Die Frau blieb mit ihren Kindern im Schiffe Diese
unterhielten sich nach Kinderart und während die Mutter das Wehr von dem sie
keine zwanzig Schritte entfernt sind gedankenvoll betrachtet es sich
zurückruft wie sie mit demselben Schiffe hier umschlug und der kühne Graf sie
rettete sagte das älteste Töchterchen »Ach wie viel wie viel schöne
Vergissmeinnicht« Und tritt auf den Steg der an das Ufer führt die Blumen zu
pflücken Die andern Kinder folgen »Es ist ganz blau da« sagen sie Die Mutter
geht ihnen nach Sie sieht mit Vergnügen ihrer Arbeit zu »Ein Band ein
blauseidenes Band hängt da an den Vergissmeinnicht« ruft das Mädchen Sie hat es
schon sie zeigt es der Mutter Eine hellbraune Haarlocke leicht mit einem
Fädchen umwunden hängt daran »Gott im Himmel« seufzt die erschrockene Frau
»das ist des Grafen Band er trug es noch den letzten Tag um den Hals«
    Gnädiges Fräulein was soll ich weiter hinzusetzen Sie denken wohl wie
Jene die mir den Vorgang erzählte und wie ich leider auch fürchten muss
    Hier also Bei der schnellen Strömung Er kannte die Stelle wohl Was diese
fasst reißt sie pfeilschnell mit sich fort Leider sagt das Band dass der Graf
hier war und dass er von hier nicht wieder zurück ging
    Fürchtete ich nicht beschwerlich zu fallen so würde ich es mir nicht nehmen
lassen Ihnen das schmerzliche Andenken selbst zu überbringen so habe ich es
dem Kammerdiener Birkner zugestellt um es Ihnen wenn Sie es zu besitzen
befehlen einzuhändigen
    Ich scheide in Tränen wie ich kam wie Vieles habe ich hier untergehen
sehen
    Des Herrn Präsidenten Besitzung ist nun auch verkauft Alles ist anders
geworden Nur meine Gesinnungen für Sie verehrtes Fräulein und die teuren
Personen die Sie wie ich lieben verändern sich nie
 
                            Sophie an Madame Lindhof
Gute treffliche Frau wie sanft haben Sie uns bisher auf rauer Bahn begleitet
die wir zu gehen hatten Ich drücke Ihre Hand und sage Ihnen mit Wehmut
Lebewohl
    Alles scheidet von hier Wie öde wird das Alter Doch es ist nicht an mir
zu klagen Das verblichne Band Liebe ist schon in meinem Besitz Birkner
brachte es mir ganz so wie es gefunden ward in die Blumen verwickelt um die
es die Wellen geschlungen hatten
    Wie es dahin kam  Lassen wir es auf sich beruhen Es liegt ein Dunkel
darauf was wir auch sagen mögen
    Von Elisen wusste ich Ihnen bis jetzt nichts zu schreiben Sie blieb während
zwei Tagen in ihrem Zimmer eingeschlossen ohne Nahrung zu nehmen noch Kleider
zu wechseln Ich hatte ihr von dem was nur aus Vermutungen zu entnehmen war
nichts mitgeteilt Doch muss ich fürchten Johanna ist nicht so behutsam
gewesen Ich befragte sie deshalb brachte aber nur Unzusammenhängendes heraus
Mein Bemühen zu Elisen zu dringen blieb ebenfalls vergeblich Ich geriet in
immer größere Besorgnis Stunden reihten sich an Stunden so durfte es nicht
länger fortgehen das Leben der Unglücklichen schien mir gefährdet und doch
scheute ich sie durch einen Gewaltschritt zu verletzen
    In dieser Nacht nun zog hier und wohl auch bei Ihnen ein starkes Gewitter
herauf Der Sturm welcher es begleitete heulte zwischen dem Donner hindurch
und schien dessen prasselndes Knattern mit wildem Geheul zu unterbrechen
    Die freie Seite nach dem Wasser zu war seinem ängstigenden Andringen
besonders ausgesetzt Die Läden vor dem Fenster zitterten als rüttle sie eine
starke Hand Ich ließ deshalb die meines Schlafzimmers öffnen wodurch die volle
Glut der Blitze blendend herein fiel
    Ich besitze gerade soviel von weiblicher Zaghaftigkeit um
Naturerschütterungen der Art nicht ohne inneres Bangen sehen zu können
Vielleicht strenge ich mich aber deshalb jedesmal um so mehr an den Zug der
Wolken zu beobachten den Grad der Gefahr danach abmessend Vom Fenster kann
ich nicht lange wegbleiben Ich trete immer wieder hinzu wenn mich auch das
starke Wetterleuchten zurückschreckt So stand ich denn auch mit dem Rücken
gegen die Tür das Auge auf einen weisslichen Streif gerichtet von dem ich im
Augenblick nicht wusste ob es der Saum des heller werdenden Horizonts oder der
unruhig gepeitschte Fluss war der höher als sonst zwischen den Gartenhecken
durchschimmerte »Hier kann ich es nicht länger aushalten« sagte Jemand hinter
mir Ich wandte mich schnell um Elise ein Licht in der Hand mehr einem
Schatten als sich selbst ähnlich schwankte nach meinem Bette Sie setzte sich
auf dessen Rand und das Licht noch immer vor sich haltend als könne sie es
nicht hell genug um sich haben sagte sie mit sehr matter Stimme »Wie die
Wellen brausen Wie das Wasser rauscht«
    »Es ist der Regen« erwiderte ich indem ich das Fenster ein wenig öffnete
um sie diesen deutlicher hören zu lassen
    »O Gott bewahre« rief sie empfindlich »Ich kann das wohl unterscheiden«
Sie horchte jetzt gespannt In ihrer Stimme lag etwas Verwildertes und Scheues
was mir tötlichen Schreck einjagte Unglücklicherweise trieb der Sturm die
herabfallenden Güsse immer dichter zusammen so dass die starke Wassermasse in
ihrer heftigen Bewegung wirklich den schäumenden Wogen der Flut ähnlich ward
    Elise war wieder aufgestanden Sie hatte das Licht auf den Boden gestellt
und ging die Hände ringend stumm mit allen Zeichen unaussprechlicher Angst
im Zimmer auf und ab
    Ich wusste nicht was ich sagen sollte wie ihr beizukommen sei die Pein
dieses Augenblicks war schrecklich
    »O wie die Wellen brausen wie die Wellen brausen« wimmerte sie jetzt
»liege still liege still armes Herz« flüsterte sie darauf ganz leise
    Ich zitterte an allen Gliedern »Beste« sagte ich zu ihr herantretend
»denken Sie an Gott beten Sie für ihn für ihn Hören Sie wohl«
    Sie sah mich erst starr an Ich nahm ihre kalten Hände in die meinigen Das
Ungewisse ihrer Gedanken zuckte hin und wieder auf dem schönen entstellten
Gesicht »O Sophie« brach sie jetzt schluchzend aus und stürzte mir an die
Brust »Ist es denn wahr Ist es nun ganz gewiss Liegt er da unten« 
    »Nichts ist gewiss« entgegnete ich schnell »Vermutungen voreilige
Vermutungen sonst in der Welt keine nähere Bestätigung Beste Elise warum
fragten Sie denn nicht mich« setzte ich in der Hoffnung hinzu sie beruhigen zu
können Aber sie sah und hörte nicht Es war als habe ihre erstarrte Seele nur
die Stimme liebender Teilnahme erwartet um sich in Tränen aufzulösen
    Das Gewitter tobte fort Die Nacht ging so in entsetzlicher Bangigkeit hin
»Ich habe es wohl wie im Vorübergehen zuweilen gedacht« sagte sie nachdem
sie stiller geworden und in dumpfem Ermatten eine Weile vor sich hinstarrte
»Ich habe es gedacht und auch nicht denn zu fassen ist so etwas nicht«
    »Nein« unterbrach ich sie Und darum haben wir auch kein Recht es zu
glauben« Sie schien achtsam auf meine Worte
    »Weshalb« fuhr ich fort »sollen äußere Zufälligkeiten hier allein eine
Stimme haben Dürfen wir ihnen die innere Überzeugung nicht entgegen stellen«
    Elise seufzte »Also ist nichts erwiesen« fragte sie Ich versicherte es
ihr »Was wissen Sie denn« hub sie nach einer Pause leise und schüchtern an
Ich teilte ihr jetzt Alles mit überzeugt dass ihr die volle Wahrheit nötig
sei um mit sich und dem was sie glauben dürfe oder müsse einig zu werden
    Sie verlangte das Band zu sehen Ich brachte es ihr Sie starrte es lange
an »Er hat es zerrissen« lächelte sie dann steckte sie es in den Busen Ich
fand sie in diesen Augenblicken mehr dumpf als gefasst Sehr ermattet schlief sie
auf meinem Bett ein Paar Stunden trotz des anhaltenden Gewitters Als sie am
Morgen erwachte es wieder still in der Natur und diese beruhigt war setzte ich
mich zu ihr Wir sprachen lange mit einander Ihre Kenntnis von Hugos Charakter
lässt sie weniger ungewiss über den letzten zweifelhaften Schritt als uns die
erste große Erschütterung abgerechnet glaube ich weiß sie ihn lieber in dem
kühlen Bett als unstät auf der Erde
    Bei allem dem erklärte sie hier nicht bleiben zu können Ich begriff das
ohne Weiteres Wir wollten gleichwohl beide jetzt noch nicht an eine neue
Trennung denken Wir fühlten die Notwendigkeit uns gegenseitig schonen zu
müssen und schwiegen Es entstand eine lange Pause »Arme Emma«  seufzte
jetzt Elise »Nun hat ihn Keine oder es haben ihn Beide«
    »Ist sie noch in ihrem Waldkloster« fragte sie darauf Ich bejahte dies
    Sie versank wieder in tiefes Sinnen Ich ließ sie so und ging Ihnen beste
Madame Lindhof alles das zu schreiben einen Teil von Elisens Dankbarkeit
gegen Sie mit übernehmend indem ich diese gleichsam zu Ihnen sprechen und Sie
in das Innere des beklagenswertesten Herzens blicken lasse
    Sie werden uns nicht vergessen wenn auch für lange alle Beziehungen
zwischen uns zerrissen sein sollten
 
                              Tavanelli an Leontin
Ich habe sie gesehen gesprochen Ich war bei ihr Über eine Stunde durfte ich
ihr zur Seite sitzen Sie sah wenn ich das Auge senkte und nichts wahrzunehmen
schien fragend zu mir auf Ich empfand das Streifen ihres forschenden Blicks
Es war weder Misstrauen Unwillen noch Kälte darin Gütig verweilten ihre
Gedanken bei mir Nicht mich die Zeit da ich auch neben ihr saß die
hingewelkte versunkene Zeit betrachtete sie in mir Selbst die peinvolle
Vergangenheit rührt uns unbeschreiblich Ist doch die Pein vorüber und der
dunkle Hintergrund zeigt zurück auf Gefühle die jetzt etwas Geheimnisvolles
haben
    »Sind Sie nunmehr mit sich einig« fragte sie mich Ich versicherte es ihr
»Und Ihr Glaube war es der sie rettete« fuhr sie ernster werdend fort
    »Was ist auch der Mensch ohne Glauben« entgegnete ich Sie errötete »Wie
kam es denn« fiel sie schnell ein »dass sich der Ihrige nicht besser bewährte«
    »Mich irrten Zweifel« bekannte ich mit gesenktem Blick
    »Und darum« sagte sie klug und scharf in sich hineinsehend »erzwangen Sie
die raue spröde Stimmung den wilden Sinn die harte Abgeschlossenheit und
zerrissen Ihre gute Seele die den Himmel so nicht finden konnte«
    Ich wollte etwas erwidern »Lassen wir das jetzt« bat sie Sie legte die
Hand an die Stirn »Ich begreife das Zuviel und das Zuwenig und wie Eins das
Andere erzeugt Aber ich kann es nicht ausdrücken« klagte sie »Ein andermal
Ein andermal« Ich stand auf »Kommen Sie bald wieder« bat sie »und bringen
Sie Leontin mit Ich habe eine große Sehnsucht nach ihm«
    Ich ging und schrieb Ihnen das
    Fragen Sie nun wie es geschah dass ich vorgelassen ward wie ich es wagte
ihr zu nahen Mein bester Herr Baron Sie wissen dass ich immer noch zögerte
das Kloster zu verlassen dass ich mich nicht entschließen konnte den vielfachen
Aufforderungen des Herrn Präsidenten in Betreff des Amts welches er mir
zudachte Folge zu leisten Sie wissen auch warum Ich gestehe es Ihnen ich
habe die verehrte Frau nie aus den Augen verloren In ihrer Krankheit gelang es
mir einmal Zutritt in dem Amtause zu erhalten Ich glaubte sie sterbend ich
war entschlossen sie in den letzten Augenblicken nicht zu verlassen Die Angst
um ihre Seele ließ mich jede anderweitige Rücksicht hintansetzen Ich entdeckte
mich der gütigen Madame Lindhof ich erklärte ihr meinen festen Willen Sie
hörte mich gelassen an beruhigte mich für den Augenblick und versprach bei
wachsender Gefahr mir in Zeiten Nachricht zu geben
    Ich kehrte jeden Tag nach dem Amte zurück Mein Gebet trug stündlich die
teure Seele der Bewusstlosen zu dem Throne des Höchsten ich flehte um ihre
Rettung Sie genass Vermutlich erfuhr sie späterhin was während dem vorging
Diesen Morgen ließ sie mir sagen zu ihr zu kommen Ich glaubte es nicht recht
zu verstehen Ich folgte indes augenblicklich ihrem Befehl Sie will etwas Dies
ist mir nicht zweifelhaft Ihr Gemüt ist in Unruhe Sie möchte was sie nicht
kann sie greift umher sie denkt an mich Als ich indes nun kam und sie mich
sah ward sie ungewiss Sie vermochte es nicht Vertrauen zu mir zu gewinnen Ein
paarmal hub sie verlegen an »Sie meinen es gewiss gut Sie meinten es immer
gut«  Sie hielt dann inne Weiter kam sie nicht Ich meinerseits wagte kaum
anders als leidend hierbei zu bleiben Es ist so schwer weise zu sein wenn es
einem treibt sich hilfreich und tätig zu zeigen Ich empfand auch dass sie
nur in der Angst des Augenblicks auf mich verfiel Und dann  es ist etwas in
der Art in dem Blick dem Ton der Dame was mich lähmt Fürchten Sie nicht es
könne mich dies aufs Neue unsicher machen Im Gegenteil es zwingt mich zu
denken Aber ich brauche Zeit dem Moment habe ich nicht sogleich Besonnenheit
entgegenzusetzen Deshalb säumen Sie verehrter Herr Baron doch nicht sie
aufzusuchen
    Ach wenn wir diesem schönen Herzen Frieden erflehen könnten
 
                                    Antwort
Unternehmen Sie nichts Tun Sie so wenig als möglich von dem Ihrigen hinzu
Eifer ist selten ohne Hitze und es gibt Menschen welche sich kühl halten
müssen Unter hundertmal gilt es neun und neunzigmal zu schweigen um einmal zu
rechter Zeit zu reden Den Augenblick haben wir zu erwarten Unsere Weisheit
ist hören zu können Um die Antwort wenn es Not tut brauchen wir dann nicht
verlegen zu sein Streiten wir nicht allzuviel über die Wege Wir wissen von
keinem mit Sicherheit ob er der kürzte sei
    Ich selbst kann jetzt nicht kommen Aber ich werde einen andern für mich an
Elise schicken der ihr meine Aufträge bringt Er wird auch Sie besuchen
    Mein Vater begleitet mich auf einer Reise Wir haben ein Geschäft zu
beenden Treten Sie ja zurück wenn Sie fühlen zu rasch zu handeln
 
                              Curd an seine Mutter
Ich könnte mich in Stücke zerreißen und meine Übereilung durch alle ersinnliche
Plagen abbüssen dächte ich nicht dass es so hätte sein sollen Dieser Rest von
Glauben den ich Ihnen gute Mutter verdanke rettet mich jetzt vor
Verzweiflung Denn sonst  sagen Sie selbst wäre ohne mich ohne meinen Hass
gegen Hugo jemals die Entdeckung des unglücklichen Geheimnisses ans Licht
gekommen Presste die Angst für sein Leben der armen Frau nicht den Schrei aus
Und folgt das Übrige nicht wie ein Übel dem andern
    Ich mag gar nicht an Elise denken nicht nach ihr fragen
    Sie erkundigen sich noch ob es denn auch ganz gewiss sei Nun beim Himmel
wenn es das nicht wäre gäbe es denn noch einen erbärmlichern Menschen auf der
weiten Gotteswelt als einen der nicht sterben kann und für Niemand als sich
selbst leben mag
    Nein wie fremd mir auch immer der kalte Philosoph blieb so bin ich ihm
doch nie so gram gewesen um solch arges Misstrauen in ihn zu setzen
    Tot ist er darauf schwöre ich
    Man ersinnt jetzt allerlei dem Dinge einen Mantel umzuhängen Er soll beim
Schwimmen durch einen Krampf unfähig geworden sein dem raschen Strudel beim
Wehr zu widerstehen Wissen kann das Niemand und ist es der Familie ein Trost
es zu glauben so lasse man sie dabei Ich denke aber wie er einmal war hatte
er hier nichts mehr zu tun Das wusste kein Mensch besser als er selbst Solch
verdorbenes Genie Gott verzeihe mirs dass ich das von einem Toten sage aber
wahr ist es solch verdorbenes Genie ist nicht im Himmel nicht auf der Erde zu
Hause und doch hätte ihn nur das Wiedersehen der Frau der erste Schreck bei
ihrem Anblick und dann dass sie Nonne geworden ist nicht so außer aller
Fassung gebracht er wäre am Ende von meiner oder einer andern Kugel im
Zweikampf oder auf dem Schlachtfelde wie ein Mann gefallen der sich vor
nichts auch vor dem Leben nicht fürchtet
    Das aber machte ihn confus Der Fall lag außer seiner Berechnung das
Geschick hatte ihn überlistet Er wusste nicht mehr aus noch ein Ich wette
meinen Kopf gegen die schlechteste Kupfermünze wäre Emma frei gewesen hätte er
sie ohne Schwierigkeit mit sich zurück nach der Burg führen können er würde das
Spiel höchst abgeschmackt und die ganze Geschichte eine tragische Farce genannt
haben die ihm noch dazu die Freiheit ließ von da seinen Weg allein zu gehen
So aber dass er musste was er eigentlich nicht wollte das machte ihm das Dasein
verhasst Er suchte einen andern einen ungewissen Ausweg
    Wohin er nur gekommen sein mag Ich frage mich das hundertmal und dann regt
sich mirs im Gewissen Du hast ihn dahin gebracht Elise wird das auch glauben
Es tut einem doch wehe verkannt zu sein Ich weiß das wohl von sonst her Es
ärgerte mich immer Jetzt  nun es wird sich auch geben Es ist das größte
Glück auf Erden dass sich Alles vergisst Alles verschmerzt Was würde auch sonst
aus der Welt
    Schreiben Sie mir ja gleich liebe Mutter wenn Elise etwas von sich hören
lässt Ich habe keinen Begriff davon wohin sie sich wenden was sie nun mit sich
selbst anfangen wird Die verwünschten Romanenstreiche
 
                                    Antwort
Wie kann es Dir nur einfallen lieber Sohn dass Du an all dem verruchten
Wirrwarr schuld bist
    Du gerechter Gott Mir schwindelt es im Kopfe wenn ich denke dass Menschen
auf dergleichen Abwege geraten
    Ich habe in meinem Leben immer eine große Furcht vor Narren gehabt und bin
gerannt was ich nur konnte wenn ich Einem auf tausend Schritt nahe kam Aber
jetzt ich sollte es wohl nicht sagen denn es klingt vermessen doch mir kommt
es so vor als wäre die ganze Welt wie ein Irrenhaus zu betrachten Was hört man
nicht für Dinge was erlebt man nicht Und wie die Leute unsern Herr Gott immer
im Munde führen von Opfer und Entsagung und weiß der Himmel Alles raisonniren
und nun läuft eine christlich getraute Ehefrau mir nichts dir nichts von ihrem
Manne fort stellt sich tot lässt ihn in dem sündlichen Glauben er dürfe nun
dem Gelüsten seines Herzens nachgehen und kann doch selbst nicht von ihm
lassen windet sich um ihn herum bis es so weit kommt dass er sie wiederfindet
und erfährt wie sie ihn zu einer doppelten Ehe verleiten wollte
    Ei da kann einem wohl die Haut schaudern und der gesunde Menschenverstand
ausgehen Ich bin sonst nicht die Lobrednerin des Grafen aber hier muss ich doch
der Wahrheit die Ehre geben ihm ist schlimm mitgespielt worden
    Über die Art wie er ein Ende genommen hat sollen wir auch nicht richten
Wir tappen hier im Finsteren Viel Kluges habe ich von ihm nie erwartet denn
warum Er glaubte an Nichts Das habe ich Elisen wohl angemerkt Eine Frau singt
immer in dem Ton den ihr Liebster anstimmt Es hat mich Tränen genug gekostet
Von daher also sah ich Gottes Gericht wohl anrücken Aber drüben  von dem
grünen Holze  da war ich mir besserer Früchte gewärtig  Wie das Alles klug
tut und über seine Kräfte hinaus will Ich weiß es am besten man hat in den
engen vier Pfählen auf gerader Diele schlechtweg einen Tag wie den andern
denselben Weg gegangen und hat sich vorzusehen dass man nicht einmal über die
eigenen Füße fällt Und die da wollen die feste Erde gar wegstossen und in der
Schwebe bei Sinn und Verstand bleiben Ja siehst Du wenn das nicht verrückt
sein heißt so weiß ich es nicht
    Kurz und gut soll ich die Menschen nicht mit Krankheit geschlagen nicht
für verwirrt und aberwitzig halten dann kann ich mir gar keinen Begriff von
unserer Zeit machen
    Du Curd darfst auch nicht soviel nach Elisen fragen Das schickt sich
nicht für Dich Ja hättest Du sie nicht heiraten wollen und Dir allerlei
darüber in den Kopf gesetzt In Gottes Namen Du bist ihr Vetter Verwandte
sollen zu einander halten Aber so  Schilt nicht so strenge auf
Romanenstreiche Du möchtest auch Deinen Teil mit dran haben
    Nun will ich Dir dann aber doch sagen ich reise selbst zu Elisen Ich muss
wissen wie es dem armen Kinde geht sie mag daraus abnehmen wie lieb ich sie
habe dass ich mich mit meiner Ängstlichkeit auf einen so weiten Weg mache
alles hinter mir lasse Haus und Hof und Wirtschaft bloß um sie zu sehen sie
da wegzuholen wo ihr so schwer ums Herz sein muss Ja wenn sie auch ganz ganz
anders wie ich und auch nicht so denkt wie sie sollte kann ich dann aufhören
ihr gut zu sein Ich wüsste nicht wie ich es anfinge Lebe wohl lieber Sohn
Von dem Stifte aus schreibe ich Dir wieder
 
                             Sophie an den Komtur
Der Anblick meiner Schriftzüge wird Sie nach gerade unruhig machen Seit lange
hörten Sie nur traurige Berichte durch mich bestätigen oder Sie darauf
vorbereiten Ich eile deshalb um so mehr Sie im Voraus zu beruhigen ja Ihnen
Erfreuliches zu verheißen
    Elise hoffe ich ist ihrer ängstlichen Unsicherheit dem kranken Hin und
Hergreifen der ganzen schmerzlichen Trostlosigkeit in die wir sie mit
Betrübnis kraftlos versinken sahen entrissen oder vielmehr alles dies führte
ihre Rettung herbei Ich sagte Ihnen dass sie Tavanelli kommen ließ auch an
Leontin schrieb dass sie überall hinhörte etwas wollte sich gleichwohl nirgend
verständigen konnte und bald nach dem Austausch innerer Überzeugung verlangte
bald mit dem Seufzer »Er allein hatte meine ganze Seele« davon abstand Eben
so war sie immer im Begriff von hier abzureisen ohne gleichwohl jemals zur
Ausführung ihres Entschlusses gekommen zu sein Kurz sie konnte nicht
schweigen nicht reden nicht bleiben nicht gehen nicht leben nicht sterben
Die Bemühungen ihrer Tante wurden ihr wie Sie lieber berücksichtigender
Freund es selbst mit Pein empfunden unangenehm Die einfache Frau ging gerade
zu Sie glaubte durchaus die Vernunft und das gute Herz ihrer Nichte in Anspruch
nehmen zu müssen Sie begriff gar nicht wie ihre Gründe nicht entscheidend und
andere Vorstellungen dagegen haftend sein könnten Ich hatte viele Mühe mit ihr
und war nur froh dass Curd sie endlich von hier abholte
    Die arme Frau jammerte mich Sie hatte wirklich ein Opfer mit dieser Reise
gebracht Sie war sich dessen bewusst Es tat ihr wehe so vielen guten Willen
nicht erkannt zu sehen denn trug sie Elise auch auf den Händen so ging sie
doch nicht in ihre Vorstellungen ein noch weniger war es ihr möglich der
trefflichen aber ermüdenden Verwandtin in ihre Einsamkeit zu folgen
    Jene gab sie endlich mit heißen Tränen auf und es blieb wie es war
    Diesen Morgen werde ich nun mit der Nachricht geweckt ein Fremder wünsche
mir aufzuwarten Ich frage nach Stand Namen Persönlichkeit Über die beiden
ersten Punkte hatte sich der Angekommene nicht erklärt Über die letztere
erfuhr ich indes dass sie einnehmend sei und dem stattlichen wohlgebildeten
Manne von ungefähr fünfzig Jahren zur Empfehlung diene
    Ich war begierig ihn zu sehen
    Schnell zu dem Empfange eines Gastes bereit trete ich in den Vorsaal Mit
unterdrücktem Freudengeschrei fliegt mir Georg das liebe Kind in die Arme Im
ersten Augenblick sah ich nichts als ihn Ich umarme ihn mit unaussprechlicher
Rührung Ich bitte ihn seine Freude zu mäßigen ich verspreche ihn gleich
doch nicht ohne vorhergegangene Einleitung zur Mutter zu führen Doch jetzt
endlich denke ich an seinen Begleiter Ich sah mich mit Herzklopfen nach ihm
um Ich fürchtete fast Eduard zu begegnen Da tritt mir aus dem Hintergrunde
des Zimmers ein völlig unbekannter Mann von schlichtem offenen Ansehen
entgegen Er begrüßt mich sagt Baron Leontin von Wildenau habe das Vertrauen
zu ihm gehabt dass er den Knaben der Mutter sicher zuführen und dieser auch
wohl noch dies und jenes zur Beruhigung mitteilen werde
    Ich nahm anfänglich keine sonderliche Notiz von ihm und war froh den
Präsidenten nicht hier zu sehen ich meinte in dem Fremden einen gewöhnlichen
guten sichern Menschen einen Beauftragten suchen zu müssen
    Ich wollte ihn eben wieder verlassen um Elise auf das unverhoffte
Wiedersehen ihres Kindes vorzubereiten als jener noch hinzusetzte Auch von
Gräfin Emma habe er Aufträge an mich Ich stutzte sah ihn an plötzlich fiel
mir ein Der Geistliche Emmas Leontins Vertrauter Ich nannte seinen Namen
der Fremde verleugnete ihn nicht bat auch hinter seinem Incognito nichts
Gesuchtes voraussetzen zu wollen Ihm sei in jeder Beziehung große Vorsicht
empfohlen er habe nicht wissen können ob nicht dennoch ein Missverständnis
möglich gewesen er wolle nicht gern durch vorschnelles Zufahren überraschen
überall möchten wir Leontin sein Eindringen beimessen Ich schnitt ihm die Worte
ab Ich ergriff seine Hand mit Innigkeit ich sah ihm in die sanften Augen
»Kommen Sie« bat ich Er folgte mir
    Wir haben einen seligen Morgen verlebt  Elise ist ganz wie man sie mir an
jenem Tage beschrieben da sie Georg tot geglaubt und das Kind die Augen
zuerst wieder öffnete Schüchtern demütig stumm sieht sie den Liebling an
Sie traut ihrem Glück nicht und fährt oft wie vom Schlafe auf wenn die
harmlose Ausgelassenheit des gesunden tüchtigen Jungen alles so natürlich so
wahr erscheinen lässt was ihr unbegreiflich dünkt Und dabei der Geistliche der
Mann der ihr wie ein finstrer Richter seit Tavanellis erstem Auftreten
eigentlich ein Gegenstand des tiefsten Unwillens war er führt die Unterhaltung
an dem Geringfügigsten hin sagt nichts Auffallendes nimmt an Allem Teil ist
durch und durch hell wie Kristall und lässt bis in den Grund des warmen
freundlichen Herzens heitre bewegliche Lichter sehen die nach allen Seiten
ihre Strahlen werfen Gott welch ein Mensch So einfach und so weise Etwas
Ähnliches schwebte Hugo vor der Seele Er hätte so sein mögen Aber es fehlte
eben der Kern
    Von Elisen jetzt noch nichts Sie ist benommen überfüllt ihrer nicht
mächtig Was gleichwohl ihre ganze Aufmerksamkeit fesselt was sie
angelegentlich beschäftigt ist das Bild von Leontins neuer Stiftung das uns
der Geistliche sehr anschaulich in einzelnen bestimmten Zügen entwarf
    »Sie wissen« sagte er »aus des Barons Briefen dass dieser den Meierhof am
Fuße des Schwarzwaldes kaufte und durch die frühere Bestimmung des Gemachs in
welchem er übernachtete auf den Gedanken kam hier ein Mönchskloster zu
stiften und selbst in den Orden zu treten Er unterließ das Eine wie das
Andere bei klarer Prüfung Gleichwohl wünschte er durch einen besonderen Zweck
sein Leben zu erhöhen Er fing damit an sich aufmerksam zu beobachten und
bemerkte dass seine frühere Schwermut die ihm so viel zu leiden gemacht mehr
aus einer gewissen Gebundenheit des Innern als aus wirklichem Missgeschick
entstand In den Kinderjahren kränklich vernachlässigt dann blöde steif
unbeholfen trat er wie verriegelt überall zurück Am Ende fand er durch sich
selbst nach mühseligem Suchen die Richtung auf welcher er fortging Sein
Schritt wurde fest sein Blick bestimmt er aber wie herausgeschnitten aus der
übrigen Welt ein Mensch nach Systemen edel doch bizarr Ihm hatte
Gemeinschaft mit Andern das Leben nicht verständlicher gemacht Er war auf eine
Anhöhe getreten sah nach den verschiedenen Straßen hinunter lernte sie nennen
kannte keine Alle sahen gleich aus alle schienen ihm klein eng in der Irre
umher zu führen er überschaute wohl das Ganze doch durchschaute er es nicht
So« fuhr der Geistliche fort »dachte er darauf nachdem er sich erkannte
Andere vor diesem Umwege zu bewahren Es ward ihm klar dass vielleicht in keinem
Augenblick so sehr als jetzt das Gefühl der Billigkeit durch festere Bande des
Vertrauens durch Gewohnheit und innere Verzweigung des Daseins gestärkt werden
müsse Ein Erziehungsinstitut auf dieses Prinzip gegründet dünkte ihm etwas
Schönes Er beabsichtigt den höheren Freisinn der Eigentümlichkeit bei gleich
erhabenem Zweck in dem Wechselverein junger Herzen lebendig zu erhalten Alle in
einem Glauben durch ein Gesetz zu binden und doch Jeden den eignen Gang mit
Andern gehen zu lehren Ob er es erreicht  so endigte unser Freund Wir müssen
das Gelingen einer höheren Hand überlassen«
    »Und im Schwarzwalde« fragte Elise »soll die Stiftung gegründet werden«
    »Dort ist sie gegründet« erwiderte jener »Das Unternehmen ist mit
merkwürdiger Schnelligkeit ins Werk gerichtet so dass wir schon einige Zöglinge
dort vereinigten zu welchen wir mit Freuden Georg zählen«
    Elise umarmte den Knaben mit unverkennbarer Beschämung Was in dem
Augenblick in ihr vorging war eher zu erraten als auszusprechen
    Georgs Hand in der ihren hub sie nach kurzem Schweigen leise an »Sie
sagten mir mein Herr Sie nähmen auch Teil an dem Erziehungsgeschäft des
Barons«
    »Nun« lächelte der Geistliche »wir Menschen erziehen uns Alle durch
einander und so finde ich wohl meine Aufgabe wie Jeder der sich nicht für zu
weise hält um zu lernen und zu lieblos ist um von seinem Vorrat
mitzuteilen Doch sind meine Pflichten nicht auf das Institut allein
beschränkt Ich möchte das eben nicht Ich bewahre mir gern die freie
Beweglichkeit Allein angeschlossen habe ich mich den Männern die hier zu
wirken hoffen«
    In Elisen entwickelten sich unmittelbar eine Menge neuer Ideen Ihr
lebendiges Gesicht drückte dies sprechend aus Sie ging darauf mit Georg im
Garten umher Ich blieb bei dem Geistlichen zurück Wir vermieden beide von den
letzten Vorfällen zu reden Doch Emma lag uns zu nahe um die Wendung ihres
Geschicks mit Stillschweigen übergehen zu können
    »Glauben Sie mir« sagte der vortreffliche Mann »dies schöne Herz hat mir
von jeher die größte Sorge gemacht Es verstand sich immer nur zur Hälfte und
irrte durch Aberglauben an seinen Eingebungen Die Gräfin« fuhr er fort »stand
von Kindheit an im Widerspruch mit sich und ihren Verhältnissen Mutter und
Tochter hätten sich wie das so oft zwischen Eltern und Kindern der Fall ist
ergänzen können wenn nicht Eine die Andere gerade so hätte haben wollen als
sie selbst war Emma empfand zuerst dass sie die Mutter nicht umschmelzen werde
deshalb zog sie sich um so strenger und wenn ich in dem Sinne so sagen darf
härter im Innern zusammen Sie lernte auf ihre Ansichten bestehen und hielt
fest an dem Satz sie müsse was sie soll Über dies Soll wurde sie indes nie
klar weil sie tief aber einseitig empfand Lesen Sie« setzte der Geistliche
hinzu »aus diesen raschen Zügen die Geschichte ihrer Gefühle wie ihrer
Handlungen heraus Auf sie wirkte man nie unmittelbar und unglücklicher Weise
war sie schneller im Tun als umfassend im Denken Man könnte in gewisser
Beziehung von ihr behaupten sie sei sich selbst nicht gewachsen gewesen denn
wirklich zerfällt sie nicht sowohl in die beiden gewöhnlichen Hälften irrdischer
und himmlischer Natur als in Überzeugung und Gefühl Eins bleibt hinter dem
Andern zurück«
    »Sie enträtseln« entgegnete ich über das Gehörte nachsinnend »vieles im
Benehmen der Gräfin was mich durch seine Inconsequenz verletzte«
    »Ach« rief er aus »wo wollen Sie Zusammenhang finden wenn sich die Natur
zerstört Das Leben zerfasert sich so wie die Fäden ruhigen Fortgehens
künstlich gelegt oder über Vermögen gezerrt werden Emma ist nicht ruhig wenn
sie auch still ist Sie muss wie wir Alle erst Frieden in sich machen lernen
Welch ein Maß des Streites hierzu gehört das ermisst Keiner«
    Lieber Freund Ich habe mir die letzten Worte seitdem oft wiederholt Man
wird gelassener wenn man bedenkt wie viel geschehen muss ehe etwas Bleibendes
erwächst
N S
    Ich hielt dies Blatt bis diesen Morgen zurück Elise ist entschlossen Sie
begleitet Georg nach dem Schwarzwalde Der Geistliche hat ihr von einer kleinen
Villa in einem der Täler erzählt Vielleicht lässt sie sich dort nieder Sie ist
dem geliebten Knaben nahe auch Emma geht nicht nach Italien So wären denn
beide überall zu einer Nachbarschaft bestimmt die Ihnen am Ende unentbehrlich
werden kann
    Wir liebster Freund bleiben in der ausgestorbenen Gegend allein zurück
doch wollen wir nur nicht allein fühlen
 
                                    Antwort
Tavanelli geht mit diesen Zeilen zu Ihnen Er wird Ihnen sagen dass auch er nach
dem Tode der alten Marta welcher er seine Pflege widmete Georg und dem
Geistlichen folgt
    Sophie man wird gelassener wenn man bedenkt wie viel geschehen muss ehe
etwas Bleibendes erwächst Sie sagen es und ich muss es wiederholen
    Auch wir werden lernen Frieden in uns zu machen
 
                              Die Gräfin an Agathe
Lass Deine romanhafte Nachbarsgeschichten Deine kleine coquettirende
Eifersucht lass Elisen lass dem redlichen Curd der alles in der Welt nur nicht
sentimental ist Ruhe und denke an etwas Ernstaftes Leontin hat uns die
Erbschaft der Tante cedirt Dies gibt Dir ein Gewicht was Dein Mann
respektiren muss mir ein Recht mitzusprechen und Deiner Schwester die Wahl
unter ihren Bewerbern Was geht uns alles Übrige an
Hier endet nun ein Briefwechsel dem noch Manches zu ergänzen übrig bleibt
Gleichwohl findet sich nichts als die Nachricht dass Heinrich Hugos Freund
nach mehreren Jahren eine Reise in die Gegend von Wehrheim unternahm Er
besuchte das öde Schloss und die Ufer des verhängnisvollen Stroms Bei dem Wehr
fand er einen Stein aufgerichtet mit Hugos Namen und dem Tag seines
Verschwindens Die Frau des Zimmermanns begleitete Heinrich dahin Sie erwähnte
der schwarzen Hand die sich warnend auf dem Gerüste gezeigt hatte Die Leute im
Dorfe dachten seitdem oft daran Alle liebten den armen Herrn wie sie Hugo
nannten
    Fast um dieselbe Zeit schrieb Elise zwei kurze Zeilen an Sophie die
letzten die sich von ihrer Hand vorfinden
    »Kann ich auch nicht denken wie Andere es wollen so lerne ich doch mit
Andern leben Manches erraten schweigen und warten bis es heller und heller
wird«