1821_JSchopenhauer_Gabriele.html




        
                              Johanna Schopenhauer
                                    Gabriele
                           Ein Roman in drei Teilen
  Du standest an dem Eingang in die Welt
 Die ich betrat mit klösterlichem Zagen
 Sie war von tausend Sonnen aufgehellt
 Ein guter Engel schienst du hingestellt
 Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen
 Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen
 Mein erst Empfinden war des Himmels Glück
 In dein Herz fiel mein erster Blick
                                                                       Schiller
 
                                  Erster Teil
                                     Meinen
                         lieben und treuen Freundinnen
                       der verwittweten Oberkammerherrin
                               Karoline Freifrau
                            von und zu Egloffstein
                            geb Freiin von Aufseess
                            Henrietten von Pogwisch
                      geb Gräfin Henkel von Donnersmark
               Hofdame Ihr Königl Hoheit der Frau Grossherzogin
                   Luise zu SachsenWeimarEisenach etc etc
                                      und
                         Karolinen Gräfin Egloffstein
               Hofdame Ihr Kaiserl Hoheit der Frau Grossfürstin
           Maria Pawlowna von Russland vermählten Erbgrossherzogin zu
                       SachsenWeimarEisenach etc etc
                    zur Erinnerung an froh und traurig
                    aber immer in treuer Liebe durchlebte Tage
                    freundlich gewidmet
                                      von
                                                                der Verfasserin
                                    Vorwort
Der freundliche Empfang welcher den Beschreibungen meiner Reisen durch
mancherlei Städte und Länder wiederfuhr munterte mich auf auch mit einigen
Ansichten hervorzutreten die ich auf der großen Reise durch das Leben sammlete
    Jene Reisebeschreibungen sind Abbildungen nach der Natur mit möglichster
Wahrheit wiedergegeben wie ich sie auffasste Ich möchte sie Landschaftsgemälde
nennen auf denen ich mich bemühte jeden treu kopirten Gegenstand genau an den
Platz hinzustellen wo er in der Wirklichkeit sich befindet indem ich mich wohl
hütete den Regeln der Gruppirung oder dem Zauber des Effekts das kleinste
Opfer zu bringen Diese Blätter hingegen bieten willkührliche Zusammensetzungen
einzelner Studien nach Gegenständen wie sie mir auf dem Lebenswege begegneten
die ich nach Gefallen trennte und vereinte so dass oft zu einer meiner Figuren
mehrere Individuen und Oertlichkeiten beitragen mussten Obgleich diesem nach
keine einzige derselben ein Portrait im strengen Sinne genannt werden darf so
würde es mich doch freuen wenn jede einzelne für ein solches gehalten würde
Denn so wäre mir gelungen wonach jeder Historienmaler streben muss und was
unser großer Meister durch Wahrheit und Dichtung so treffend bezeichnet
    Übrigens fühle ich mich in meinem Gewissen verpflichtet zu bekennen dass
mir die Gabe des Gesanges vom Himmel versagt ward und dass daher die in diesem
Buche entaltnen Gedichte nicht von mir sind Ich danke sie einem Freunde den
ich gern von der Welt nenne Friedrich von Gert stenbergk von dem wir schon so
manches schöne Lied so manche zarte Dichtung mit Dank und Freude empfingen der
Verfasser der »kaledonischen Erzählungen« und der »Phalänen« steuerte meine
Gabriele mit diesem Schmucke aus
Geschrieben zu Weimar am ersten Pfingstfeiertage 1819
                                                           Johanna Schopenhauer
 
»Niemand liebt seine Freunde inniger als ich mein Leben gäbe ich willig für sie
hin aber Unmöglichkeiten darf mir niemand zumuten« Mit diesen Worten verließ
Gräfin Eugenia ziemlich erhitzt den Salon der Gräfin Rosenberg in welchem die
Hauptprobe einer für den folgenden Abend bestimmten Darstellung von Tableaus so
eben gehalten ward und rauschte mit einer leichten Verbeugung an der
eintretenden Aurelia vorüber Flammend vor Zorn blieb die Gräfin Rosenberg auf
ihrem königlichen Throne sitzen Ein reichgestickter Baldachin erhob sich über
ihrem Haupte ein Purpurmantel umwallte in weiten Falten ihre majestätische
Gestalt in ihrem schwarzen Haare funkelte ein Diadem von Brillanten und ihre
Hand hielt das goldne Zepter Vor ihr stand ein mit reichen Teppichen und
Prachtvasen geschmückter Tisch um sie her waren mehrere Herren und Damen in
altrömischer und ägyptischer Kleidung eifrig aber fruchtlos bemüht sie zu
beruhigen Die Szene ging in einer alkovenartigen von einem großen goldnen
Rahmen umfassten Vertiefung der Zimmerwand vor gerade der Türe gegenüber
verborgne Lampen gossen einen magischen Strom von Licht über sie aus im Zimmer
selbst herrschte tiefe Dämmerung doch verriet ein leises Flüstern und Rauschen
die Gegenwart mehrerer Personen
    Sprachlos vor Erstaunen über das ihr unbegreifliche plötzlich
hereingebrochne Unheil blieb Aurelia die Tochter der Gräfin in der eben
geöffneten Türe stehen hinter ihr schmiegte sich furchtsam die sechzehnjährige
Gabriele welche in diesem Moment aus der tiefsten Einsamkeit eines alten
Bergschlosses angelangt war um einige Monate im hause ihrer Tante zuzubringen
Aurelia ihre Kusine hatte sie mit der Versichrung empfangen dass sie zum
Glücke heute ganz unter sich wären und nun stand sie da einen freundlichen
Empfang erwartend und wusste bei dem wunderbaren Anblick der sich ihr darbot
nicht ob sie wache oder träume
    »Tue mir die Liebe« rief die Gräfin Aurelien entgegen so wie sie ihrer
ansichtig ward »tue mir die einzige Liebe und werde morgen krank bleib den
ganzen Tag im Bette ich lasse früh alles absagen mit der Feier deines
Geburtstages ist es vorbei wir haben weder Konzert noch Ball noch Tableaus
Eugeniens prätentiöser Eigensinn vernichtet alles Mit ihrer winzigkleinen
Figur besteht sie darauf an meiner Stelle die Kleopatra vorzustellen und da
ich ihr beweise wie unmöglich dies sei und ihr die Rolle der Dienerin welche
das Schmuckkästchen trägt zuteile eilt sie davon und derangirt mir den ganzen
Plan« »Könnten wir nicht die Dienerin ganz weglassen« stammelte furchtsam ein
junger Mann in römischer Tracht welcher wahrscheinlich den Antonius vorstellte
»Unmöglich« erwiderte Kleopatra »wo soll ich die köstliche Perle hernehmen
wenn das Schmuckkästchen fehlt und überdies ist die Figur unumgänglich
notwendig zur Gruppirung des Ganzen Es ist vorbei« fuhr sie fort indem sie
sich in höchst unmutiger Stellung auf ihrem Throne zurück warf »Eugenia macht
heute Abend und morgen früh gewiss noch funfzig Visiten um ihren Triumph zu
sichern Keine Dame wird an die Stelle treten welche sie verschmähte und alle
Welt ist doch schon von der Darstellung unsrer morgenden Tableaus voll Ottokar
beschleunigt seine Zurückkunft von der Reise um sie zu sehen er trifft morgen
ein und nun ist alles zerstört Ich könnte vor Verdruss weinen« setzte sie
hinzu das Gesicht in beide Hände verbergend
    Aurelia benutzte diese Pause in der heftigen Rede ihrer Mutter um
Gabrielens Ankunft zu melden »Lass die Kusine von Aarheim an Eugeniens Stelle
treten« riet sie indem sie das bange Kind hinter sich hervor zog und vor den
Rahmen hinstellte »Die Kleine« fragte die Gräfin sich emporrichtend und
Gabrielen von oben bis unten mit prüfendem Blicke betrachtend »Nun« fuhr sie
fort »stehen wird sie ja können nötigen Falls stellen wir sie auf eine
Erhöhung Willkommen liebes Kind« Mit diesen Worten zog sie Gabrielen zu sich
in den Rahmen küsste sie auf die Stirn gab ihr ein goldnes Kästchen in die
Hand stellte sie in die gehörige Attitüde und schob sie an den von der Gräfin
Eugenia verlassenen Platz indem sie selbst wieder ihren Thron einnahm Alle
andere zur Gruppe gehörende Personen reihten sich im nämlichen Moment in
gebührender Ordnung um sie her
    »Es geht« rief hocherfreut die ganze Gesellschaft im Zimmer »Aber« setzte
lachend Aurelia hinzu »deliziös sieht es jetzt aus das blasse Gesicht die
roten Augen und das schwarze Kleid mitten in all der bunten Pracht und
Herrlichkeit doch sei nur getrost Gabriele morgen soll es besser werden Wind
und Staub haben dir heut auf der Reise übel mitgespielt das ist morgen vorüber
und ich will dich schon kostümiren« Die arme Gabriele welche bei allen diesen
Vorgängen noch kein Wort hatte aufbringen können flüsterte jetzt halb nur
hörbar und in großer Beklommenheit die Frage was sie denn eigentlich morgen
tun solle »Was du heute tust« war die kurze Antwort »hier einige Minuten
stehen und das Kästchen halten« »In dem tiefen Traueranzug« wandte Gabriele
zur großen Belustigung der Übrigen ein Kaum konnte Aurelia vor Lachen dazu
kommen ihr zu bedeuten dass sie morgen ohnehin auf einen Tag die Trauer ablegen
müsste
    Gabrieleblickte sehr ernst um sich her »Wie« sprach sie »die Trauer um
meine Mutter ablegen ehe die Zeit verflossen ist während welcher die Sitte mir
erlaubt dieses Zeichen meines Schmerzes zu tragen Nein gnädige Tante Das
befehlen Sie mir nicht« setzte sie mit fester Stimme hinzu obgleich dabei zwei
große Tränen die schon lange in ihren dunkeln Augen geschimmert hatten über
ihre jetzt hochrot erglühenden Wangen herab rollten »Nur zwei Monate sind es
seit meine Mutter begraben ward wie könnte ich ihr Andenken nur Eine Stunde
verleugnen Ich kann es nicht ich werde es nicht ich will es nicht« sprach
sie höchst entschieden und hob dabei dennoch wie flehend ihre kleinen zarten
Händchen empor Die Gräfin und Aurelia schwiegen eine Weile vor Erstaunen über
Gabrielens plötzlichen Mut ehe sie begonnen auf das arme Mädchen heftig
einzustürmen Gabriele musste verstummen ängstlich blickte sie wie Beistand
suchend um sich her und erschrak dennoch nicht wenig als ihr dieser höchst
unerwarteter Weise zu Teil ward
    Aus dem dunkelsten Winkel des Zimmers dicht neben dem Rahmen erscholl
mitten durch den Streit eine männliche Stimme »Ich vereinige meine Bitte mit
der des jungen Fräuleins mir dünkt wahrlich sie hat nicht ganz Unrecht«
»Ottokar« rief Aurelia »willkommen so viel früher als wir es erwarteten« die
Gräfin Aller Zwiespalt ward augenblicklich beseitigt und die ganze
Gesellschaft drängte sich freudig um den unbemerkt Hereingetretenen her
Gabriele taumelte fast in freudiger Überraschung sie schlug die Augen nicht
auf sie wagte keinen Blick auf ihren Fürsprecher aber sie wusste dennoch wer
er sei
    Jedermann beeiferte sich nun um die Wette Eugeniens unverantwortliches
Benehmen mit allen seinen entsetzlichen Folgen dem eben Angekommenen auf das
weitläuftigste auseinanderzusetzen Er hörte alle gelassen an und schlug dann an
der Stelle der Dienerin einen Edelknaben vor deren er am folgenden Tage
wenigstens ein Dutzend zur Auswahl in aller Frühe zu stellen versprach Dieser
Ausweg war niemanden von der Gesellschaft eingefallen und die Idee ward mit dem
allgemeinsten Beifall ergriffen
    Kleopatra verließ beruhigt ihren Königssitz den ein herabrollender seidner
Vorhang verhüllte Römer und Aegypter begaben sich in die Nebenzimmer um als
moderne Herren und Damen wiederzukehren die Lichter im Saal wurden angezündet
der Teetisch hereingebracht und alles ordnete sich in friedlicher Eintracht um
ihn her
    Die Gesellschaft bestand größtenteils aus dem engen Ausschusse der
Bekannten der Gräfin aus sogenannten Hausfreunden die sich an freien Abenden
gewöhnlich bei ihr versammelten das Gespräch wogte rasch und lebendig nur
Gabriele blieb stumm Niemand achtete sonderlich auf sie denn ihr erstes
auffallendes Erscheinen war über Ottokars unerwarteten Eintritt gänzlich
vergessen Desto mehr Zeit gewann sie fürs erste Atem zu schöpfen und dann
die neue Welt in die sie versetzt war zu betrachten Zum erstenmal in ihrem
Leben befand sie sich unter so vielen ihr gänzlich fremden Gestalten und das
Gefühl dass auch sie ihnen fremd sei und es wohl lange noch bleiben würde
machte ihr Herz beklommen Der Anblick der Gräfin versetzte sie in immer neues
Erstaunen sie erschien ihr um zwanzig Jahre jünger als sie vor wenig Tagen zum
erstenmal im Schloss ihres Vaters sie gesehen hatte dessen Schwester sie war
Dem mit allen Toilettenkünsten unbekannten Kinde kam diese Verwandlung ganz
unbegreiflich vor ja sie hätte geglaubt dass es gar nicht die Tante sei wäre
Aurelia nicht zugegen gewesen und hätte sie nicht Mutter genannt Aurelien
betrachtete sie mit dem heißen Wunsch sogar mit dem Entschlusse solche zu
lieben dennoch fühlte sie innerlich dass ihr dies nie gelingen würde Der
scharfe Blick der großen dunkelblauen Augen das spöttische Lächeln welches bei
jedem Anlass um die Rosenlippen der schönen Aurelia spielte vernichtete jede
Möglichkeit herzlichen Vertrauens zu ihr
    Endlich wagte es auch Gabriele den Blick zu Ottokarn zu erheben Sie konnte
es unbemerkt er stand hinter Aureliens Stuhl im eifrigen Gespräche mit dieser
Seine hohe schlanke Gestalt die Anmut seiner Bewegungen waren von Gabrielen
schon früher als heute bemerkt worden Sie erkannte ihn jetzt daran auch die
edlen Züge seines Gesichts waren ihr nicht fremd sie erschienen ihr wie die
eines längst Bekannten obgleich sie sie noch nie deutlich erblickt hatte Eine
Fülle hellbrauner Locken kräuselte sich um seine hochgewölbte Stirn die blauen
mutig und kühn um sich her blitzenden Augen hatten bei allem Feuer etwas
unbeschreiblich mildes und freundliches und die dünnen Lippen des
festgeschlossnen Mundes gaben seinem Gesicht einen sehr ernsten fast wehmütigen
Ausdruck der aber beim Sprechen in ein höchst anmutiges Lächeln verschwebte
Sein ganzes Wesen trug das Gepräge kräftiger zum Manne herangereifter
Jugendblüte Er schien etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt
    Es tat Gabrielen heimlich weh dass er sie so gar nicht bemerkte obgleich
sie sich auch freute ihn ungestört ansehen zu können Da stimmte er das
einseitige Gespräch zum Allgemeinen um und sie konnte nun mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit auf jedes seiner Worte horchen Er erzählte von seiner eben
beendigten Reise und seine lebendige Darstellung wusste auch dem
Allergewöhnlichsten Leben und Interesse zu geben dabei entgieng es Gabrielen
nicht dass er dem Gespräch absichtlich diese Wendung gab um nur die ewigen
Spötteleien über die abwesende Eugenia zu beenden und ihr Gefühl wusste es ihm
heimlich Dank Es lag ein eigener aller Herzen sich bemächtigender Zauber in
dem vollen reinen Klange seiner Stimme Gabriele horchte so lange auf diesen
Ton dass sie zuletzt nur ihn hörte wie man einer lieblichen Musik sich
hingibt ohne dabei die Worte des Gesanges zu beachten Alles andere um sich
her vergessend saß sie da als ganz unerwartet ein ältlicher Mann ihr Nachbar
am Tische sie durch eine gleichgültige Frage auf eine unangenehme Weise aus
dieser süßen Selbstverlorenheit riss Erschrocken darüber fuhr sie zusammen
zerbrach beinah ihre Tasse und stammelte endlich hocherrötend eine Antwort die
niemand verstehen konnte Die Augen der ganzen Gesellschaft wandten sich
plötzlich ihr zu und die Verlegenheit des armen Mädchens war entsetzlich sie
stieg bis zur qualvollsten Pein als Aurelia nach ihrer schonungslosen Art laut
ausrief »Ich glaube die Kleine war eingeschlafen kein Wunder sie ist müde von
der Reise« und indem sie aufstehend ihre Hand ergriff hinzusetzte »Komm
Liebchen ich bringe dich zu deiner Bonne die wohl auch mit Schmerzen auf dich
harrt die Abschiedsknixe kannst du übrigens sparen« und damit zog sie das
tiefgekränkte Mädchen zur Türe
    Beinahe weinend vor Schaam und Zorn über Aureliens unfreundliches Benehmen
und ihre eigne Ungeschicklichkeit langte Gabriele bei der guten Frau Dalling
an der Pflegerin ihrer Kindheit und vermochte es kaum über sich ihr die
Begebenheiten dieses Abends nur ganz im Allgemeinen kund zu tun Alles schwamm
in bunter Verworrenheit vor ihrem betäubten Sinn nur Ottokars Gestalt seine
Stimme seine Worte waren ihr deutlich in der Erinnerung geblieben In ihrer
jungen Brust gegen einander ankämpfend wogten tausend nie zuvor gekannte süße
und bittere Empfindungen und machten sie verstummen Freude über Ottokars
Wiederbegegnen Schmerz dass er sie gar nicht bemerkte und dazu das herbe
Gefühl des Alleinseins mitten unter fröhlichen Menschen Noch nie war Gabriele
sich selbst so unbedeutend erschienen nie zuvor hatte sie Demütigung vor
Zeugen Unzufriedenheit mit sich selbst wie heute empfunden und es gelang ihr
nur mit großer Anstrengung sich zum tröstenden Selbstbewusstsein endlich wieder
empor zu ringen und den festen Entschluss zu fassen äußere Zufälligkeiten nicht
höher zu stellen als deren eigentlicher Standpunkt es fordert Eine
unaussprechliche Sehnsucht nach ihrer Mutter ergriff ihr tief verwundetes
Gemüt wie ein müdes Kind weinte sie sich endlich spät in den Schlaf aber alle
die vielen neuen Gestalten des vergangenen Abends umschwirrten sie noch im
ängstlichen Traume und zwischen ihnen hindurch tönte tröstend Ottokars Stimme
mit der er die Worte sprach »Ich bitte für das junge Fräulein sie hat wahrlich
nicht Unrecht«
Ehe wir Gabrielen auf ihrem ferneren Lebenspfade begleiten wird es nötig sein
den Leser zu ihrer früheren Jugendgeschichte zurückzuführen und ihn mit ihren
Eltern bekannt zu machen
    Ihr Vater Baron Aarheim war schon im frühen Jünglingsalter unumschränkter
Gebieter seiner eignen Taten und eines sehr bedeutenden Vermögens geworden Er
verbrachte seine Jugend teils auf Reisen teils an Höfen auswärtiger Fürsten
und fand überall die Aufnahme zu welcher Rang Reichtum und eine ausgezeichnet
vorteilhafte Gestalt ihn berechtigten Durch keinen äußern Zwang
zurückgehalten stürzte er sich in den Strudel des großen Lebens suchte rastlos
alle Genüsse gab sich ohne Maß und Ziel allen Freuden hin welche es bietet
bis er erschöpft und abgestumpft im reifern Alter des ewig wiederkehrenden
Einerleis überdrüssig ward und ihm entsagte um ernstern Plänen zu folgen
Herrschsucht und Ehrgeiz traten jetzt in seinem Gemüt an die Stelle der Sucht
nach ewigem Wechsel des Vergnügens die Gunst des Fürsten an dessen Hofe er
eben lebte zeichnete ihn vor allen andern aus und steigerte seinen Wunsch nach
dem nächsten Platz neben dem Thron bis zur Leidenschaft indem sie ihm ein Recht
darauf zu geben schien Anfänglich war es als ob das Glück sein Streben
begünstigen wollte er erklimmte eine Stufe nach der andern stieg immer höher
und höher aber das Gelingen machte ihn unvorsichtig es schläferte seine
Wachsamkeit ein Feinde die er gar nicht beachtete arbeiteten im Verborgnen
ihm entgegen und so ward auch ihm das Schicksal das schon so viele in seiner
Lage traf er fiel plötzlich als er am sichersten zu stehen glaubte und um so
tiefer je höher er gestiegen war
    Aarheims Fall zerriss die Verbindung mit der Tochter eines großen glänzenden
Hauses wenig Tage vor dem zur Vermählungsfeier bestimmten und als er Besinnung
genug gewann um sich zu schauen sah er sich furchtbar verlassen Kein einziger
Freund war ihm geblieben seine Jugend früh und längst an ihm vorüber
geschwunden den größten Teil seines Vermögens hatten seine frühere Lebensweise
und seine späteren großen Pläne verzehrt seine Gesundheit war zerrüttet er
selbst erkannte in sich nur noch den Schatten von dem was er einst gewesen war
    Sein Gemüt erstarrte in bitterem Hass in tiefer Verachtung aller Menschen
vor allem der Frauen und er schwur sich selbst jeden geselligen Umgang so viel
möglich Zeitlebens zu meiden Von seinen vielen Gütern war ihm nur sein Stammgut
geblieben es lag tief im Gebirge im Gebiet eines andern Fürsten dorthin
beschloss er vor dem Anblick der Welt zu fliehen die ihn so unbarmherzig
gemisshandelt hatte Er raffte die Trümmern seiner übrigen Habe zusammen und
eilte sich in die tiefste Einsamkeit zu vergraben in welcher nur demütige
Diener und zitternde Untertanen seine Umgebung bildeten So lebte er mehrere
Jahre und ward mit jedem Tage härter schroffer und finsterer
    Der Brief eines Verwandten erinnerte ihn endlich einmal an die Außenwelt
die er so gern ganz vergessen hätte es fiel ihm ein dass sein noch immer sehr
beträchtliches Gut Mannlehn war und nach seinem Tode an einen entfernten Vetter
fallen müsse den er allein schon deshalb als seinen ärgsten Feind betrachtete
ohne ihn weiter zu kennen Er war es leider gewohnt worden von allen Menschen
das Aergste zu vermuten und ahnte also auch bei seinem mutmasslichen Erben
das sehnlichste Verlangen nach seinem baldigen Tode vielleicht gar Pläne ihn
zu beschleunigen daher beschloss er plötzlich sich noch im Spätherbst seines
Lebens zu vermählen um seinem Agnaten diese Hoffnung und Freude zu verderben
    Seine Wahl fiel auf Augusten von Rohrbach die elternlos und arm auf einem
kleinen Gute unfern Schloss Aarheim einsam traurige Tage bei einer alten Tante
verlebte Er hatte das Fräulein nie gesehen ehe er um ihre Hand sich bewarb
aber der Ruf ihrer Schönheit und der unermüdeten Geduld mit der sie den Launen
einer höchst wunderlichen Frau sich fügte war bis in seine Einsamkeit
gedrungen und dies hinlänglich ihn für sie zu bestimmen An Liebe glaubte er
nicht und war weit entfernt sie zu fordern ihm genügte Gehorsam von seiner
künftigen Gattin und diesen zweifelte er nicht unter solchen Umständen zu
erlangen oder zu erzwingen
    Auguste von Rohrbach war in frühester Kindheit zur mutterlosen Waise
geworden ihr Vater hatte sie erzogen Sein diplomatischer Beruf erlaubte ihm
keinen festen Wohnsitz sondern trieb ihn rastlos durch fast alle die
glänzendsten Städte Europens doch ließ er sich dadurch nicht hindern seinem
einzigen Kinde die möglichste Sorgfalt zu weihen Überallhin musste Auguste
ihrem Vater folgen und sobald ihr Alter es erlaubte benutzte er alle
Gelegenheiten ihr in jeder Stadt wo sie längere Zeit lebten die besten Lehrer
zu verschaffen um sie in allen ihrem Geschlechte zusagenden Wissenschaften und
Künsten unterrichten zu lassen
    Die freigebige Natur hatte das Kind nicht nur mit einer höchst anmutigen
Gestalt ausgestattet sie begünstigte es auch mit seltenem Talent und schneller
Fassungsgabe Und so geschah es denn gar bald dass Auguste der Stolz ihres
Vaters ward ein Kleinod mit dem er gern bei jeder Gelegenheit prunkte und auf
dessen seltenen Wert er große Pläne für kommende Zeiten erbaute So wie sie
älter ward suchte er alle ihre Vorzüge ins hellste Licht zu stellen kein
Schmuck der ihre schöne Gestalt erheben konnte war ihm zu kostbar überall
musste das junge Mädchen vor den erlesensten Zirkeln ihr musikalisches Talent
üben im einzelnen Tanz oder durch die zu jener Zeit als etwas ganz neues
bewunderten Attitüden der Lady Hamilton die Zuschauer entzücken und auf alle
Weise bestmöglichst glänzen und schimmern
    Bei dieser Erziehung wäre Auguste eine eitle Törin geworden wenn nicht zum
Glück den Kindern auffallende Fehler ihrer Eltern oft zu schützenden Warnern auf
ihrem Lebenswege würden besonders wenn sie sich durch sie in ihrer angeborenen
Eigentümlichkeit behindert fühlen Dies war eben bei Augusten der Fall Bis zur
Furchtsamkeit bescheiden kostete es ihr als ganz jungem Mädchen manche heiße
bittere Träne wenn sie auf Befehl ihres Vaters vor großen Gesellschaften mit
ihren Künsten auftreten musste Späterhin gewann sie freilich durch lange
Gewohnheit mehr Mut aber auch hellern Beobachtungsgeist Das heimliche
neidische Hohnlächeln der Anwesenden und deren leise geflüsterten Anmerkungen
entgingen Augustens Scharfblick nicht obgleich ihr Vater nichts davon ahnte
Diesen blendete der rauschende Beifall welchen alle die Herren und Damen seiner
Tochter um so reichlicher zollten je schärfer sie von ihm unbeachtet die
Geissel der Kritik über sie schwangen Auguste wagte es nicht gegen ihren Vater
ihre Bemerkungen laut werden zu lassen er war zu glücklich in seiner
Verblendung als dass es sie nicht hätte schmerzen sollen ihn daraus zu wecken
aber innerlich fühlte sie sich durch diese Falschheit seiner vorgeblichen
Freunde oft schmerzlich verwundet Sie selbst ward indessen wenigstens dadurch
in der anspruchlosen Bescheidenheit erhalten zu welcher ihr ganzes Wesen sich
ohnehin neigte und ihr tiefes Erröten bei jedem laut ausgesprochnen Lobe
zeigte deutlich wie wenig sie sich bewusst war es zu verdienen
    Ihre reine schöne Natur wäre dennoch vielleicht dem ewigen Entgegenarbeiten
des eitlen Vaters erlegen doch frühe Liebe erhob sich ihr zum Schutzgeist Rein
und innig loderte die stille Flamme heißer Neigung zu einem edelen jungen Manne
in ihrer jungen Brust ihr selbst fast unbekannt und nur im Schmerz der Trennung
sich zuerst ihr ganz offenbarend
    Ihr Geliebter war Sekretär bei der Legation ihres Vaters und in seinem
Hause zum Teil mit Augusten erzogen Er lebte mit ihr unter einem Dache
teilte mit ihr alle ihre Freuden half ihr bei ihren musikalischen Übungen
war am Tische und auf Reisen überall in ihrer Nähe Was konnten beide mehr vom
Schicksal zu erlangen wünschen Sie waren glücklich wie Kinder die sich des
heutigen Tages freuen ohne dabei an morgen zu denken
    Augustens Vater aber dachte nicht nur an heut und morgen sondern auch an
alle diesen folgende Tage und Jahre Ein Zufall entdeckte ihm das Geheimnis der
Liebenden es stimmte nicht zu seinen hohen Plänen mit der einzigen glänzend
erzognen Tochter aber er schwieg dazu weil er das menschliche Herz genug
kannte um zu wissen dass hier mit Einreden wenig abgeändert werden würde Er
handelte lieber wie er es gewohnt war sobald sein Vorteil es heischte kalt
und ruhig besonnen und sicher Eines Morgens erwartete Auguste vergebens ihren
Freund bei ihren musikalischen Übungen bei Tafel vermisste sie sein Kouvert er
war spurlos verschwunden und ihre erbleichende zitternde Lippe vermochte
nicht eine Frage nach ihm auszusprechen Unter dem Vorwand eines geheimen
Auftrags von der äußersten Wichtigkeit war er in der Nacht weit weg versendet
worden am Orte seiner Bestimmung hatte man schon dafür gesorgt dass er in noch
entferntere Länder geschickt wurde und so war er auf ewig von Augusten
geschieden ohne eine Ahnung davon zu empfinden Die Argusaugen seines Gebieters
bewachten ihn zu sorgfältig in jener verhängnisvollen Nacht als dass er nur ein
Wort des Abschieds an Augusten hätte gelangen lassen können überdem glaubte er
auch nur auf wenige Wochen sich von ihr zu trennen Späterhin ward es ihm ganz
unmöglich gemacht einen Brief auf sicherm Wege in ihre Hände zu bringen Beide
hatten keine Vertrauten ihre reine jugendliche Liebe bedurfte deren nicht sie
scheute jede Berührung der Außenwelt wie hätten sie Fremden ein Geheimnis
gestehen können das sie gegen einander selbst kaum in Worten auszusprechen
versucht hatten
    Ganz auf sich zurückgeworfen blieb nun Auguste in der glänzendsten
Gesellschaft einsam wie in einer Wüste Kein Laut des einzigen Wesens in der
Welt zu dem sie allein zu gehören sich bewusst war tönte zu ihr herüber nie
hörte sie mehr den geliebten Namen nennen als wenn sie selbst in stiller
Mitternacht unter heißen langverhaltnen Tränen ihn den stummen Wänden ihres
einsamen Zimmers zurief Ihr Vater wusste in aller Freundlichkeit so
abschreckendschroff vor ihr zu stehen dass das bange Mädchen es kaum wagen
mochte in seiner Gegenwart nur an den Geliebten zu denken Er sah wohl ihre
stille Trauer aber er fragte nie nach der Ursache derselben und hoffte alles
von der Zeit
    Dem Anschein nach verfehlte diese auch nicht ihre gewohnte Macht zu
bewähren Auguste fand allmälig eine wehmütige Freude im Schmerz um das
verlorne Glück in der unaussprechlichen Sehnsucht die jetzt einzig in ihrem
Busen lebte und auch ihr Aeussres wurde von diesem Gefühl verklärt Sie gewöhnte
sich daran ihren Freund unter den Toten zu denken Ihr Vater der es bemerkte
suchte schweigend sie in diesem Glauben zu bestärken und nun wandte sie ihren
Blick einzig nach oben der Heimat ihres Lebens und ihrer Liebe Hier unten
ging sie willig den ihr von ihrem Vater vorgezeichneten Pfad lächelte
freundlich zu allen seinen Wünschen und suchte wenigstens ihn zu erfreuen da
für sie auf der Erde keine Freude mehr blühte
    So verlebte Auguste noch drei Jahre in verschiedenen Ländern und äußern
Umständen ohne eine befreundete Seele um sich zu wissen Selbst des
Mädchenglücks eine gewöhnliche Jugendfreundin zu besitzen hatte sie zeitlebens
entbehrt Sie war selten viel länger als ein Jahr an dem nämlichen Orte
geblieben hatte unzähligemal alle ihre Umgebungen wechseln müssen und nie Zeit
oder Gelegenheit gefunden irgend eine dauernde Verbindung zu knüpfen Die
letzte Stadt in welcher sie mit ihrem Vater längere Zeit verweilte war
Stockholm Auf einer Reise von dort aus erkrankte er plötzlich in einem kleinen
schwedischen Städtchen und starb
    Nie war eine Waise verlassner als die jetzt zwanzigjährige Auguste am Grabe
ihres Vaters Sie harrte dort bis der ihr in den letzten Augenblicken vom
Verstorbnen bestimmte Vormund sie nach Deutschland abzuholen kam Der Nachlass
ihres Vaters war sehr gering eigenes Vermögen hatte er nie besessen und dabei in
der Welt zu glänzend Haus gehalten um beträchtliche Summen für seine Tochter
zurücklegen zu können ihr blieb kaum genug um davon notdürftig zu leben
Willenlos wie sie von jeher war folgte sie jetzt ohne Widerrede dem Rat ihres
Vormunds und ließ sich von ihm zu der einzigen Verwandtin führen die sie ihres
Wissens noch in der Welt hatte und die allein ihrer Jugend einen anständigen
Zufluchtsort bieten konnte
    Unter Entsagungen aller Art unter steten Übungen unbeschreiblicher Geduld
schwanden von nun an Augustens Tage auf dem einsamen Landgute ihrer Tante einer
nach dem andern einer wie der andre So lebte sie mehrere Jahre lang
Erinnerungen der glänzenden Vergangenheit machten ihr die düstere Gegenwart nicht
noch trüber denn sie hatte keine Freude an deren flüchtigem Schimmer gefunden
aber das verklärte Bild des verlorenen Geliebten wohnte noch immer tief verborgen
in ihrem Herzen von ewigem Jugendglanz umflossen wie das Bild eines Heiligen
in einem dunkeln Grabmal das eine nie erlöschende Lampe erleuchtet
    Übrigens war Auguste weder fröhlich noch traurig nur freundlich und still
Die Wenigen welche sie kannten ahneten nicht die ganze Freudenlosigkeit ihres
Daseins aber alle bewunderten ihre Anmut ihr anspruchloses Wesen und priesen
die unerschöpfliche Langmut und engelgleiche Gelassenheit mit denen sie den
wunderlichsten unerträglichsten Launen ihrer Tante gefällig entgegen kam
    Letztere war eine jener scheinheiligen alten Betschwestern die unter dem
Mantel der Frömmelei die abschreckendsten Eigenschaften zu verdecken suchen und
mit dem glattesten herzlosesten Egoism die ganze Welt nur einzig zu ihrer
Bequemlichkeit erschaffen glauben In der schriftlich an sie gerichteten
Bewerbung des Baron Aarheim um Augustens Hand sah sie nur den Finger Gottes
der sie von einer ihr lästigen Hausgenossin befreien wollte und verkündete
daher schonungslos ihrer Nichte das ihr unverdienter Weise zugefallne große
Glück dabei ermangelte sie nicht dieses einzig ihrem eifrigen Gebet für
Augustens Wohlfahrt zuzuschreiben Dieser ihr Leben war jetzt mehr als je ganz
nach Innen gekehrt die Außenwelt kümmerte sie wenig weniger noch ihr eigenes
Schicksal an Glück auf der Erde zu glauben hatte sie längst verlernt und all
ihr Hoffen ging weit über dieses Prüfungsleben hinaus Daher fügte sie sich ohne
Widerstreben dem deutlich ausgesprochnen Willen der Tante wie sie sich früher
dem ihres Vaters gefügt hatte Mit ruhiger Fassung reichte sie dem Baron die
Hand als er sie heimzuführen kam Sie war es sich bei diesem Schritte deutlich
bewusst dass sie nur ein unerfreuliches Dasein mit einem ähnlichen vielleicht
noch unerfreulicherem vertauschte aber sie folgte willenlos dem Winke des
Schicksals
    Fest entschlossen durch Treue Sorgfalt und jede Aufopferung dem Manne
der sie gewählt hatte alles zu werden was sie ihm zu werden vermochte und bei
allen ihren Handlungen einzig sein Glück zu bezwecken betrat sie die dunkle
Schwelle vom Schloss Aarheim Und doch fühlte sich Auguste unendlich glücklicher
wie sie es je zu träumen gewagt hatte als sie nach Jahresfrist Gabrielens
Mutter ward Nun hatte sie ein lebendes Wesen das sie umfassen und beglücken
konnte mit all der bis jetzt tiefverborgnen Liebe die der Grundton ihres
Daseins war Sie lebte nun nicht mehr ohne Plan und Zweck in dieser Welt sie
wusste jetzt für wen sie lebte und trug nicht mehr bloß ergeben sondern freudig
alle andere Zumutungen des ihr im übrigen noch immer nicht freundlicher
gewordnen Geschicks
    Gabriele ward beim Eintritt in das Leben vom Vater nicht freundlich
willkommen geheißen Er hatte auf einen Erben seines alten Namens und seines
Stammgutes gehofft und suchte nicht den Unmut über die getäuschte Erwartung
seiner Gemahlin schonend zu verhehlen Jahre vergingen Gabriele blieb das
einzige Kind und der Vater blickte nie mit Liebe oft mit verbissnem Zorn auf
sie herab
    Augustens unaussprechliche Milde ihre unermüdete allen Wünschen des Barons
zuvorkommende Sorgfalt für ihn siegten doch endlich einigermaßen über sein von
der Welt verwahrlosetes Gemüt Ihm war jetzt zu wohl in seinem Hause geworden
als dass er die Urheberin dieses ihm bis jetzt unbekannt gebliebnen behaglichen
Zustandes nicht hätte von den übrigen Menschen unterscheiden sollen Zwar blieb
er hart und kalt im Leben wie zuvor aber er duldete Augustens stilles Walten
in seinem Schloss sowohl als auf seinem Gute und ließ ihr schweigend die
Freiheit das Schicksal seiner Untertanen auf manigfache Weise zu erleichtern
Allmählig ward sein Vertrauen zu ihr immer größer so dass er ihr zuletzt die
ganze Verwaltung seiner Geschäfte allein übertrug allem menschlichen Umgang
außer mit ihr und den ihn zunächst umgebenden Dienern völlig entsagte und sich
auf den entferntesten Flügel des weitläuftigen Schlosses zurückzog wo er sich
eine von allen übrigen Bewohnern desselben ganz abgesonderte Wohnung einrichten
ließ
    Eine von seinen Vorfahren vor langer Zeit gesammelte Bibliothek war in der
von ihm erwählten gänzlichen Abgeschiedenheit der einzige Zeitvertreib welcher
sich dem Baron gewissermaassen entgegendrängte Zuerst bewog ihn Langeweile die
alten Bücher zu mustern und zu ordnen aus welchen sie bestand bald aber zog
ihn der Inhalt eines Teils derselben unwiderstehlich an Eine sehr vollständige
große Sammlung alter alchymistischer Schriften gedruckt und im Manuskript war
ihm in die Hände gefallen er hatte sie Anfangs nur aus bloßer Neubegier
durchblättert aber diese Blätter fingen bald an ihn immer ernstlicher zu
beschäftigen so dass er zuletzt mit unermüdetem Eifer sie Tag und Nacht studierte
und alles Übrige dabei vergaß bis ihm die Möglichkeit mit der Natur in ihrem
geheimsten Walten zu wetteifern völlig erwiesen schien
    Schon lange hatte er mit einem aus gekränktem Stolz und Mitleid gemischten
bitteren Gefühl auf seine Gemahlin und seine Tochter geblickt wenn er bedachte
dass diese nach seinem Tode Schloss Aarheim verlassen müssten und in einer wenn
auch nicht hülflosen doch gegen jetzt sehr beschränkten Lage zurückbleiben
würden Nun da die Möglichkeit Gold zu machen ihm immer deutlicher ja
zuletzt zur Gewissheit ward regte sein alter eingeschlummerter Ehrgeiz aufs neue
die Flügel Schon sah er im Geist Gabrielen zur reichsten Erbin von Europa
erhoben um deren Hand einst Fürsten werben würden Im voraus genoss er den hohen
Triumph über seine Feinde die ihn in den Staub getreten zu haben wähnten aus
dem er jetzt zu ihrer Beschämung glorreich empor zu steigen hoffte und er
beschloss sein ganzes übriges Leben an dieses große Ziel zu setzen zu dessen
Erreichung ihm nichts zu kostbar schien
    Er ließ dicht neben seinem Zimmer ein eigenes Laboratorium erbauen in
welchem er sich unablässig mit alchymistischen Versuchen beschäftigte wenn er
nicht über den Schriften brütete die ihm jetzt als das Höchste erschienen Den
Seinigen ward er nur bei der Mittagstafel sichtbar und saß selbst dann stumm und
in Gedanken verloren ohne auf irgend etwas zu achten was um ihn her geschah
Niemand im Hause konnte den eigentlichen Zweck seines Strebens nur ahnen denn
er arbeitete immer bei verschlossnen Türen und nahm nur im äußersten Notfall
einen alten Diener zur Hilfe der gar nicht wusste was er tat indem er seinem
Herrn bei alchymistischen Prozessen Handreichung leistete Auguste selbst durfte
nie die Schwelle der Zimmer ihres Gemahls betreten Sie glaubte mit allen
übrigen Hausgenossen dass der Baron sich mit Erfindung neuer Färbestoffe
beschäftige denn er selbst hatte auf eine geschickte Weise diese Meinung zu
veranlassen gewusst Herzlich gern gönnte sie ihm diese harmlose Beschäftigung
ohne weiter darüber zu grübeln und war nur besorgt jede Störung mit
verdoppelter Aufmerksamkeit von ihm abzuwenden
    Auguste erfreute sich jetzt der glücklichsten Zeit ihres Lebens Jede Stunde
des Tages durfte sie ungehindert dem Liebling ihrer Seele weihen nie störte die
Außenwelt sie in dieser süßen Beschäftigung denn kein Besuch betrat jemals das
Schloss und die alte Tante war bald nach ihrer Verheiratung gestorben
    Die kleinen Sorgen für das Hauswesen hatte Frau Dalling anfangs redlich mit
ihr geteilt zuletzt sie deren völlig enthoben Diese wackere nicht
ungebildete Frau war noch vor Gabrielens Geburt in Augustens Dienste getreten
und hatte bald nicht nur Vertrauen sondern auch Achtung und Liebe ihrer
Herrschaft und der übrigen Hausgenossen sich erworben Sogar der finstre
strenge Gebieter Aller bemerkte ihre treuen Dienste nicht ohne Wohlgefallen
Frau Dalling selbst hing mit der treusten Liebe an ihrer freundlichen Herrin und
dem holdseligen Kinde und hätte im Fall der Not ihr Leben für beide willig
geopfert
    Den schwachen Lebensfunken mit welchem Gabriele zur Welt kam konnte nur
Mutterliebe und die sorgsamste Pflege vor frühem völligen Erlöschen bewahren
sehr langsam wuchs sie kräftiger heran und ward endlich ein zwar gesundes aber
kein blühendes Kind Ihre ganze Erscheinung hatte etwas äterisches Wenn das
kleine zierliche Geschöpf durch den Garten hüpfte die vollen goldnen Locken um
den blendend weißen Hals flogen das dunkelbraune Auge fröhlich blitzte und ein
blasses Rot das einer weißen Rosenknospe ähnliche Gesichtchen sanft
überhauchte dann glich es mehr der Elfenkönigin Titania als einem sterblichen
Wesen So blieb Gabriele bis in ihr sechzehntes Jahr dem Ansehen nach völlig
ein Kind Die köstlichsten Blumen zögern ja immer am längsten ehe sie die
schützende Knospe durchbrechen
    Wehmütig bange sah Auguste dem Zeitpunkt entgegen in welchem der goldne
Traum der Kindheit dem ihr vom Himmel zum Trost gesandten Engel entschweben
musste sie suchte ihn so lange als möglich zu entfernen aber das ohne alle
Gespielen ihres Alters einzig bei dieser Mutter aufwachsende Mädchen reifte im
Innern weit früher heran als im Äußern
    Augustens Natur war die reinste alles opfernde Liebe Schüchtern geworden
in der ihr so unfreundlichen Welt hatte sie sich immer tief verborgen gehalten
und nur gestrebt alles was sie berührte unbemerkt zu beglücken bis sie in
Gabrielen ein Wesen fand bei dem es Pflicht ward sich unverschleiert zu
zeigen Nun ward die mütterliche Liebe in ihrem so lange verwaist gebliebenen
Gemüt zur hell lodernden Flamme der Leidenschaft Sie zog Gabrielen mit sich in
ihre schöne innerliche Welt dort lebten Mutter und Tochter ein allen Übrigen
verborgenes engelgleiches Leben in gegenseitigem Verstehen wie diese Erde es
selten birgt Vertrauen auf Gott Mut und Ergebung zum Schutz gegen die
unvermeidlichen Stürme des Lebens wusste Auguste frühe dem jungen Herzen ihrer
Tochter einzuflößen Gabriele lernte von ihr stilles Dulden bei festem
Anhalten an das Rechte als der Frauen höchste Pflicht erkennen aber in
wehmütig vertrauten Stunden lernte sie auch von der Mutter dass nur in der
Brust des Weibes stille durch sich selbst beglückte und beglückende Liebe
wohnt die selten echte Gegenliebe findet und ihrer auch nicht bedarf um des
Lebens höchste schönste Blüte zu sein
    Fröhlich suchte Auguste nun alles wieder hervor was sie früher im Geräusch
der ihr jetzt so fernen Welt erlernt hatte um auch äußerlich ihren Liebling
damit zu schmücken Sie brachte dadurch in ihre düstere Einsamkeit ein
wunderliches Feenleben voll Wechsel und Glanz von dem außer der vertrauten
Frau Dalling niemand etwas ahnen konnte In den ausländischen Sprachen die der
Mutter während ihres langen Aufenthalts in fremden Ländern so geläufig als die
eigne geworden waren lernte Gabriele sich mit Leichtigkeit ausdrücken Musik
und bildende Kunst blieben auch in den trübsten Tagen Augustens freundliche
Tröster jetzt übte sie sie mit Gabrielen und fühlte die reinste entzückendste
Freude bei deren Fortschritten in beiden Sie lehrte sie die unsterblichen
Lieder der Dichter durch den Wohllaut der Stimme zu beleben Übung jeder
schönen Kunst machte aus jedem Tage ihres stillen Beisammenseins ein Fest
Gabriele lernte sogar von der Mutter geleitet sich durch Blumenkränze mit
gemessnem Schritte winden oder mit einem Shawl die reizendsten Stellungen der
Antike nachbilden Auguste sah oft mit wonneglänzendem Auge die kleine Grazie
das Tamburin schwingend im leichten südlichen Tanze auf und niederschweben
sie gedachte dabei der trüben Tage ihrer eignen Jugend in denen sie lächelnd
wenn gleich mit halb gebrochnem Herzen sich auf Befehl ihres Vaters vor
schimmernden Versammlungen so zeigen musste und pries dankbar das Geschick ihres
glücklichen Kindes und seine ungetrübte Freude an der heitern Kunst
    Stunden ernstern Unterrichts wechselten mit diesen dem Schmuck des Lebens
geweihten Auguste selbst hatte eine zu sorgfältige Erziehung genossen als dass
sie nicht ihrer Tochter eine sehr vorzügliche Lehrerin hätte werden können Sie
las mit ihr aufmerksam und nötigen Falls erläuternd das Beste was in unsrer
und in fremden Sprachen für den Unterricht der Jugend geschrieben ward sie
führte sie früh in die Geschichte der Völker ein aber sie öffnete ihr auch früh
das Wunderreich der Poesie Gabrielens leicht bewegliche Fantasie versank in
seinem Zauber und das rege Mutterherz mit ihr
    So geschah es denn dass Gabrielens liebliche Erscheinung allen Reiz kindlich
unbefangener Unschuld mit Kenntnissen und Talenten vereinte welche sonst nur
durch die liberalste Erziehung reicher Eltern in großen Städten erworben werden
können In ihrer tiefen Einsamkeit kam ihr keine Ahnung von dem was sie
eigentlich war alle Mädchen ihres Alters und Standes dachte sie sich weit
unterrichteter kunstreicher liebenswürdiger als sich selbst denn sie hatte
noch nie eines gesehen und fremdes Lob noch nie ihr Ohr berührt Selbst ihr
Vater hatte keine Ahnung von dem was sie wusste und war er sah sie nur bei
Tische wo Frau und Tochter in bangem Schweigen vor ihm erstarrten und er
selbst nur den Mund öffnete um nach Vollziehung früherer Befehle zu fragen
oder neue zu erteilen Gabrielen fiel übrigens der Zwang welchen seine
Gegenwart ihr und der Mutter auflegte nicht im geringsten auf Von Jugend an
dessen gewohnt glaubte sie es sei in allen Familien so könne und dürfe nicht
anders sein und Auguste hütete sich sie in diesem Glauben irre zu machen
    Nie hätte das Band gelöst werden sollen das Mutter und Tochter so
beglückend vereinte ihre Herzen hätten immer zusammen in gleicher Bewegung
schlagen müssen bis von Einem Grabe beide in einer Stunde aufgenommen worden
wären Aber im Buche dort oben war es anders geschrieben Auguste erkrankte
plötzlich und starb Wenige Tage nur hatte das verzehrende Fieber in ihrem
Innern gewütet der Schmerz des Todes war schonend an ihr vorüber gegangen
aber die Krankheit zerstörte gleich anfangs ihr Bewusstsein sie entschlief ohne
auch nur einigermaßen für Gabrielens künftige Verhältnisse sorgen zu können
Das Bild dieser Tochter am Grabe dieser Mutter verdecke ein undurchdringlicher
Schleier wer könnte es unternehmen solch einen Schmerz beschreiben zu wollen
    Baron Aarheim erstarrte vor Schrecken über das so plötzlich über ihn
hereingebrochene Unheil Geliebt hatte er Augusten nicht denn sein
versteinertes Gemüt konnte nicht lieben ihren vollen Wert hatte er nie klar
erkannt nur dumpf empfunden aber schmerzlich fühlte er die durch ihren Tod
entstandne Unbequemlichkeit für sein Haus und sein Kind selbsteigen sorgen zu
müssen Sobald er nur einigermaßen wieder zur Besinnung kam war er ernstlich
darauf bedacht sich dieser Sorgen zu entledigen um nur wieder ungestört seinen
alchymistischen Arbeiten leben zu können von denen er sich hoffnungsreicher als
je den glänzendsten Erfolg ganz nahe versprach Zum erstenmale würdigte er
seine Tochter eines ernstlichen Bemerkens ihre jugendliche Anmut gefiel ihm
Von der seltenen Ausbildung ihres Geistes und ihrer Talente wusste und ahnte er
fortwährend nichts sie blieben ihm verhüllt denn früherer Gewöhnung eingedenk
wagte es das traurige schüchterne Mädchen kaum in seiner Ehrfurcht gebietenden
Nähe zu atmen
    Des Barons eifrigstes Bestreben ging jetzt dahin Gabrielen irgendwo
unterzubringen wo sie alles lernen sollte was ihr seiner Meinung nach noch
fehlte Seine Schwester die Gräfin Rosenberg schien ihm bei reiflichem
Nachsinnen die Einzige an die er sich in dieser Angelegenheit wenden konnte
Sie war mehrere Jahre jünger als er frühe verwitwet und lebte mit ihrer
einzigen Tochter mitten im Geräusch einer drei Tagereisen vom Schloss Aarheim
entfernten großen Stadt in welcher sie eines der glänzendsten Häuser bildete
Hier sollte Gabriele für den ausgezeichneten Platz gebildet werden auf dem sie
wie der Vater fest glaubte in der Welt zu glänzen bestimmt war Seit mehr als
zwanzig Jahren ergriff der Freiherr zum erstenmal wieder die Feder um seiner
Schwester zu schreiben Er machte sie mit seinem Verluste bekannt stellte ihr
die Verlegenheit vor in der er sich wegen der Erziehung seiner einzigen Tochter
befand und wandte alles an um sie zu einem Besuch auf seinem einsamen Schloss
zu bewegen
    Aurelien war diese Einladung höchst unwillkommen ihre Mutter hingegen
ergriff sie mit einer Art von Begeisterung die ihr sogar den Mut gab dem
Willen ihrer Tochter für dieses Mal gerade entgegen zu handeln Eine Wallfahrt
zum Stammhause ihrer Vorfahren welches die Gräfin noch nie besucht hatte
schien ihr so romantisch sie dachte sich die dunkeln hohen Gemächer die
gemalten Fensterscheiben die langen Gallerieen voll alter Bilder ihrer Ahnen so
interessant sie freute sich so sehr auf den neuen Stoff zur geselligen
Unterhaltung dass sie ungeachtet aller Einwendungen Aureliens die Reise so
viel möglich beschleunigte und mehrere Tage früher im Schloss Aarheim eintraf
als der Baron es erwarten konnte
    Doch kaum hatte sie einige Stunden dort verlebt so sehnte sie sich schon
wieder recht herzlich in ihre gewohnten Umgebungen zurück Alles was sie sah
machte auf sie einen weit andern Eindruck als sie erwartet hatte Die tote
Stille in dem großen öden Gebäude ängstigte sie die dunkeln winkligen Gänge und
Säle die viele Ellendicken Mauern schienen sie erdrücken zu wollen vor allen
aber erregte ihr der Anblick ihres Bruders ein nie gefühltes unüberwindliches
Grausen Als einen großen stattlichen Mann hatte sie ihn zum letztenmal
erblickt nach einer langen Reihe von Jahren sah sie ihn jetzt wieder zum
hinfälligen hageren Greise gealtert und suchte vergebens in seinen von
mannigfachen Leidenschaften durchwühlten Zügen in seinen tiefliegenden dunkel
glühenden Augen nach einer Spur von dem was er in frühern Tagen gewesen war
Seine ganze Erscheinung blieb ihr nur eine stete ernste Erinnerung an die
mächtige Gewalt der Zeit die sie so gern für immer vergessen hätte er stand
vor ihr wie ein Gespenst das aus einem schönen Traum sie erweckt und seine
Gegenwart war ihr um so entsetzlicher je mehr sie zu verbergen strebte was sie
dabei empfand
    Auf Aurelien die vier Jahre älter als Gabriele in der höchsten Pracht
völlig erblühter Schönheit strahlte machte der Baron freilich nicht den
Eindruck als auf ihre Mutter dafür aber fühlte sie sich beim ersten Schritt in
das Schloss von der grässlichsten Langeweile ergriffen Besonders aber war sie
ärgerlich über die kleine blasse Kusine der unschuldigen Veranlassung dieser
ihr widerwärtigen Reise Um diesem Zorn Luft zu machen auch wohl um sich doch
auf irgend eine Weise zu amüsiren verfolgte sie die arme Gabriele mit tausend
lustigen Einfällen über das was sie altmodischempfindsames Wesen nannte und
spottete ganz ohne Erbarmen wenn das arme verschüchterte Kind dadurch in
Verlegenheit geriet und sich irgend eine kleine Unbehülflichkeit zu Schulden
kommen ließ In bessern Stunden kramte sie vor ihr alle die Künste aus um
derentwillen man sie in der Stadt unter dem Namen einer zweiten Korinna zu
vergöttern pflegte Gabrielens sprachloses Staunen dabei schien ihr ein großer
Triumph ihr ahnte nicht dass diese nur zu begreifen suchte wie man von
solchen Künsten so viel Wesens machen könne die sie selbst nur gewohnt war als
Erholung von ernstern Beschäftigungen zu üben Noch weniger fiel es ihr ein dass
die unbedeutende Kleine in Manchem wohl nicht ohne Erfolg mit ihr zu wetteifern
fähig wäre denn Gabriele war zu furchtsam und auch zu bescheiden gewöhnt um
auf die entfernteste Weise etwas davon zu äußern
    Es bedurfte nicht Aureliens ungestümes Treiben um die Gräfin zur
möglichsten Abkürzung eines Aufenthalts zu bewegen der ihren Erwartungen so gar
nicht entsprach besonders da der Baron weit entfernt war auf dessen
Verlängerung zu bestehen Die Gräfin versprach ihrem Bruder in allgemeinen
Ausdrücken Gabrielen bis zum Frühlinge zu sich zu nehmen ihr den nämlichen
Unterricht zu verschaffen den die glänzende Aurelia gehabt hatte und sie in
die Welt einzuführen Dies genügte ihm Sie selbst hatte Gabrielen kaum des
Bemerkens würdig geachtet Von ihrer sehr kleinen Gestalt und ihrem ganzen
Ansehen getäuscht hielt sie sie für ein kaum vierzehnjähriges Kind und dies
musste ein jeder der solche zum erstenmale sah und nicht Gelegenheit hatte
ihren weit über ihre sechzehn Jahre hinaus gebildeten Geist zu erkennen
    Am dritten Tage nach ihrer Ankunft rollten beide Damen sehr fröhlich über
die Zugbrücke der alten Burg der Stadt wiederum zu Gabriele atmete erleichtert
auf indem sie ihnen nachsah aber im nämlichen Moment traf sie wie ein
Donnerschlag aus heiterer Luft die Erklärung ihres Vaters dass sie in acht Tagen
den Damen folgen würde um wenigstens bis zum Frühling bei diesen zu verweilen
Dennoch vernahm sie den Befehl ohne eine Einwendung dagegen zu wagen denn die
Möglichkeit mit Blicken oder Worten dem Willen ihres Vaters zu widerstreben
war ihr nie in ihre Seele gekommen
    Es tat ihr sehr weh alle liebe gewohnte durch die einstige Gegenwart
ihrer Mutter geheiligte Umgebungen verlassen zu müssen besonders da sie
vernahm dass Frau Dalling sie zwar begleiten aber gleich nach vollendeter Reise
zurückkehren würde um wie sonst dem Haushalt ihres Vaters vorzustehen Der
schmerz über den Tod ihrer Mutter ergriff sie mit verdoppelter Gewalt sie
fühlte wie trostlos sie in der Stadt unter Fremden sein würde von denen keiner
ihre Mutter gekannt hatte Hier im Schloss war sie es nicht wenn sie auch
weinte der Mutter Geist wehte noch über alles was sie umgab sie setzte
gleichsam unter seinem Schutz das gewohnte Dasein fort und achtete sich nicht
durch das Grab gänzlich von ihrer Mutter geschieden dabei fühlte sie ein
unnennbares Grauen wenn sie sich das künftige Leben mit der Gräfin und Aurelien
lebhaft dachte ein Gefühl das durch die Art wie beide sich in diesen Tagen
gegen sie benommen hatten recht wohl zu entschuldigen war aber sie hatte Kraft
genug ihr innres Widerstreben während der ganzen acht Tage die sie noch im
Schloss ihres Vaters blieb zu verbergen und mit schweigender Ergebung allen
Anstalten zu ihrer Abreise zuzusehen Sie gedachte dabei der Lehren und des
Beispiels ihrer Mutter jeder Tag des Lebens der früh Verklärten war ja auch
durch alle die unzähligen unbemerkten Opfer bezeichnet die das Loos so vieler
Frauen sind welche die nur nach dem Schein urteilende Welt glücklich preist
Gabriele hatte von ihr gelernt sie für die Bestimmung ihres ganzen Geschlechts
zu halten aber auch das Unvermeidliche mit guter Art zu ertragen
    Nur am Abend des letzten Tages im väterlichen Hause ward die Last des
Schmerzes und der Sorge der jungen Brust zu mächtig und zwang ihr laute Klagen
ab Zum letztenmal saß sie mit ihrer lieben Frau Dalling in dem vertrauten
Zimmer wo sie gewohnt hatte seit sie geboren war sie hatte an diesem Tage
alle ihre lieben Plätze in Garten und Wald noch einmal einsam besucht hatte im
Zimmer welches sonst ihre Mutter bewohnte und am stillen Grabe in welchem
diese jetzt ruhte zu ihr wie zu einer Heiligen gebetet auch ihr Vater hatte
ihr schon Lebewohl gesagt und seine ihr ganz ungewohnte Freundlichkeit beim
Abschied war ihr tief ins Herz gedrungen Allen Bedienten im Schloss unter deren
Augen sie aufgewachsen war hatte sie freundlich die Hand gereicht sie zum
letztenmal durch kleine Gaben erfreut und betrübt und ihrer Sorgfalt die
einzigen Spielgefährten ihrer Kindheit aufs dringendste empfohlen Dieses waren
schöne Blumen ihre lieben Zöglinge und viele freundliche zahme Tiere welche
sich jeden Morgen in buntem Gewühl um sie drängten Jetzt ward ihr zu Mute als
wäre sie von ihrem ganzen Jugendleben geschieden und mit einem Strom heißer
langverhaltner Tränen warf sie sich in die treuen Arme der Pflegerin ihrer
Kindheit von der sie auch in wenigen Tagen sich trennen sollte
    Frau Dalling stellte vergebens dem weinenden Mädchen vor dass Tausende an
seiner Stelle sich überglücklich fühlen würden wenn sie das öde Schloss mit dem
glänzenden Hause der Gräfin Rosenberg vertauschen sollten Gabriele aber hatte
keinen Sinn für die Freuden die dort sie erwarten mochten Wie die Tante und
Aurelien so dachte sie sich die Welt in welcher sie künftig leben sollte Aus
deren Benehmen gegen sie schloss sie auf den Empfang welcher sie in der
Gesellschaft erwartete Übersehen oder verspottet zu werden ist eine gar zu
traurige Alternative für ein junges an Liebe gewöhntes Wesen und etwas anders
glaubte sie nicht hoffen zu dürfen Auch der Trost dass der Frühling sie wieder
in ihre Heimat zurückführen würde machte keinen Eindruck auf das tiefbetrübte
Kind Die Bäume begannen eben erst sich herbstlich zu färben acht Monate
mussten wenigstens vergehen ehe sie wieder im Blütenschmuck prangten Im
reifern Alter reihen sich die Tage sehr schnell zu Wochen und Monden sie werden
zu Jahren ehe wir uns dessen versehen aber im sechzehnten Jahre dünken uns
acht Monate eine so unabsehbare Zukunft dass Gabriele sie kaum zu erleben
glaubte
    Mit wahrer Freude sah Baron Aarheim am folgenden Morgen den Wagen in aller
Frühe nach der Schlossbrücke fahren in welchem die trauernde Gabriele neben
ihrer Dalling saß Er atmete dabei hoch auf als sei er einer schweren Sorge
entledigt und verschloss sich sorgsamer und eifriger als je bei seinem Forschen
nach den dunkeln Geheimnissen der Natur fest bestimmt durch keine andern
Geschäfte sich davon abhalten zu lassen Frau Dalling hatte im Lauf von mehr als
sechzehn Jahren sich zu treu bewiesen als dass er ihr nicht bei ihrer baldigen
Rückkehr die Besorgung seiner häuslichen Angelegenheiten ohne Bedenken hätte
überlassen sollen übrigens bekümmerte ihn die Verwaltung seines Gutes jetzt
sehr wenig da er in kurzem der Besitzer unermesslichen Reichtums zu werden
gedachte
    Zum erstenmal überschritt jetzt Gabriele die enge Gränze des kleinen Gebiets
ihres Vaters denn Auguste hatte auch hierin seinen deutlich ausgesprochnen
Willen geehrt und war mit ihrer Tochter gern in den Schranken geblieben welche
er ihr zu setzen für gut hielt Als Gabriele die letzten bekannten Bäume und
Hütten hinter sich gelassen hatte kam ihr alles unheimlich und unabsehbar groß
vor was sie erblickte Das Rasseln der Räder ihres Wagens durch die engen
schmutzigen Straßen des ersten kleinen Städtchens erschreckte und beängstigte
sie die Leute denen sie darin begegnete erregten ihr Grauen denn sie grüßte
sie freundlich wie sie es gewohnt war und sie starrten sie verwundert an ohne
ihren Gruß zu erwidern Endlich mochte sie gar nichts mehr sehen schloss die
Jalusieen des Wagens wickelte sich in ihren Schleier und saß lange in
schweigendem Sinnen verloren bis Frau Dalling dem Wunsch nicht mehr widerstehen
konnte durch liebkosende Fragen ihre junge Reisegefährtin aus ihren Träumereien
zu erwecken
    Sei ruhig gute Dalling entgegnete ihr Gabriele ich dachte jetzt an meine
Mutter und überlegte was ich tun muss um zu sein wie sie es wünschen würde
Der Zeitpunkt ist sehr früh gekommen den sie mir so oft mit schmerzlichem
Vorgefühl andeutete ich trete jetzt in die fremde Welt und ohne sie Aber sie
soll mir nicht gestorben sein ich will wie unter ihren Augen mein Leben
fortsetzen denn hier in meiner Brust fühle ich zu deutlich alles was sie mir
raten würde und die fremden Leute sollen mich nicht darin stören Finde ich
ein Wesen das ich lieben könnte so will ich lieben auch wenn man mich nicht
bemerkt und ich werde glücklich sein denn wer liebt ist glücklich alles
andre was kommen kann werde ich gefasst zu ertragen streben wie meine Mutter
auch tat darum liebe Dalling gräme dich nicht um mich auch wenn du mich in
wenigen Tagen verlassen musst freilich tut mir noch das Herz sehr weh aber
alles soll dennoch gut werden
    Von diesem Moment an ward Gabriele augenscheinlich heiterer Frau Dalling
sah mit einiger Freude wie das junge Kind gegen seine vorige Trostlosigkeit
ankämpfte selbst gegen das Bangen vor dem ersten Eintritt in das gefürchtete
Haus der Tante und in neue unbekannte Verhältnisse Sie ist ganz wie die Mutter
dachte die gute Frau aber doch auch ein wenig wie der Vater
Am Abend des zweiten Tages der Reise langten unsre Wandrer ziemlich früh in dem
ihnen vom Baron bestimmten Nachtquartiere an es war das letzte unterwegs denn
sie gedachten am folgenden Tage noch bei guter Zeit den Ort ihrer Bestimmung zu
erreichen Der Wagen hielt vor der Türe eines großen ansehnlichen Gastofes
mitten auf dem gewühlvollen Marktplatz der ersten bedeutenden Stadt welche
Gabriele sah Viele Fremde füllten die Fenster des Hauses und betrachteten mit
und ohne Brille neugierig die Aussteigenden Diesen kam der auf ihre Ankunft
vorbereitete sehr elegante Gastwirt höflich entgegen Alles war Gabrielen neu
und beängstigte sie nicht wenig sie eilte durch die Schaar der zu ihrem Empfang
geschäftig hin und her laufenden Aufwärter und war herzlich froh so schnell
als möglich in das für sie bereitete Zimmer flüchten zu können Dort fühlte sie
sich vor allen den vielen Augen gerettet und blickte mit Wohlgefallen aus dem
Fenster auf das ihr ganz neue Schauspiel der Kutschen und geputzten Leute die
dem nahen Theater zuwogten
    Lautes Lachen dicht unter ihrem Fenster machte sie aufmerksam sie sah eine
Menge Zuschauer um einen sehr schönen Reisewagen vor der Türe des Gastofes
versammelt aus welchem eben zu Gabrielens Verwunderung ein altes Mütterchen in
der ärmlichsten Bauerntracht gebückt und mühsam heraus kletterte Ein junger
Mann von vornehmem Ansehen unterstützte sie mit seinem Bedienten und geleitete
sie mit großer Sorgfalt in das Haus ohne sich durch die lauten Anmerkungen der
Umstehenden im mindesten dabei stören zu lassen
    Da hat uns der Herr Graf einen angenehmen Gast mitgebracht Herr Lorenz
hörte Gabriele den Kellner zu dem eben wieder hinaustretenden Kammerdiener des
Fremden sagen die Alte sieht ja aus als wäre ihr die Ofengabel unterwegs scheu
geworden und habe sie abgeworfen Viel anders wird es auch wohl nicht sein
erwiderte Herr Lorenz sehr verdrießlich wir fanden sie im ChausseeGraben und
denken sie nur fuhr er fort ich musste wegen des hässlichen Ungetüms aus dem
Wagen und auf den Kutschbock neben den Jäger mich setzen Unerhört rief der
Kellner mit allen Zeichen des höchsten Erstaunens Ach was unerhört antwortete
Herr Lorenz noch verdrießlicher mein Herr macht mir alle Tage ähnliche Streiche
und am Ende fällt der Schimpf immer auf mich wenn wir so wie heute vor den
Leuten zum Spektakel werden denn ihm ist das einerlei Hören Sie lieber Herr
Lorenz sprach beschwichtigend der eben hinaustretende Wirt das verstehen Sie
nur nicht recht der Herr Graf machen den Spleen mit das ist jetzt unter den
jungen Herrn eine ganz neue Mode aus England
    Gabriele mochte nichts weiter hören sie wandte sich vom Fenster konnte
aber das kleine Abenteuer den ganzen übrigen Abend nicht vergessen Der Wunsch
von der wunderlichen Reisegesellschaft mehr zu erfahren überwand zuletzt die
Furcht in dem fremden Hause allein im Zimmer zu bleiben und Frau Dalling musste
sich entschließen ihrem Bitten nachzugeben und auf Erkundigung hinunter zu
gehen Der Name des Fremden war der Wirtin unbekannt obgleich er schon
einigemal ihr Haus besucht hatte Übrigens hörte Frau Dalling erzählen dass der
Fremde wirklich die arme Frau unterwegs halb ohnmächtig im Chausseegraben
liegend gefunden und sie zu sich in den Wagen genommen habe weil sie nicht
weiter gehen konnte und sich auf dem hohen Kutschersitz nicht festzuhalten
vermochte Die gute Alte war vor wenigen Wochen durch den Tod ihrer Tochter
ihrer einzigen Stütze beraubt und wollte jetzt nach Böhmen zu ihrem dort
ansässigen Sohne Mühselig hatte sie sich viele lange Tage auf dem Wege dahin
fortgeschleppt bis sie vor Ermattung nicht weiter konnte und ohne den Beistand
des Fremden wäre ihr wahrscheinlich in der kalten Herbstnacht der Tod geworden
Jetzt war ihr geholfen der Fremde hatte nicht nur für ihre augenblickliche
Erquickung gesorgt sondern sie auch so reichlich beschenkt dass sie den Rest
des Weges fahren konnte ohne deshalb mit ganz leeren Händen bei ihrem Sohne
anzulangen
    Die halbe Nacht hindurch musste Gabriele an den Unbekannten und seine
menschenfreundliche Handlung denken sie träumte sogar von nichts Anderem Nicht
die Tat selbst war es was sie in Bewunderung versetzte diese kam ihr gar
nicht außerordentlich vor denn oft hatte sie ihre Mutter Ähnliches üben
gesehen wohl aber dass ein Mann solchen zarten Mitleids solcher tätigen
Teilnahme an fremden Leiden fähig sei Dieses feinere Gefühl hatte sie bis
jetzt einzig für das Eigentum der Frauen gehalten sie kannte keinen Mann außer
ihrem Vater dessen in Erbitterung erstarrtes Gemüt bei jedem ähnlichen Anlasse
nur zu deutlich sich aussprach Mehr oder weniger ihm ähnlich dachte sie sich
fast alle Männer im wirklichen Leben und Auguste hatte absichtlich diese
Meinung unangefochten gelassen
    Kein Wunder war es demnach dass der Unbekannte Gabrielen wie eine seltene
Erscheinung aus einer andern Welt vorschwebte Gern hätte sie wenigstens die
Züge seines Gesichts deutlich gesehen obgleich sie aber am andern Morgen weit
früher als Frau Dalling erwachte und vom Geräusch Abreisender sich an das
Fenster locken ließ so sah sie doch nur seine Gestalt als er in den Wagen
stieg und hörte seine Stimme indem er der alten Frau noch einige freundliche
Abschiedsworte zurief Etwas ungeduldiger als gewöhnlich fing Gabriele nun an
ihre eigene Abreise zu betreiben im Wagen beschäftigte sie nur der Unbekannte
sie bildete sich tausend Möglichkeiten ihn im Hause der Tante anzutreffen sie
dachte sich allerlei Verhältnisse in welche sie mit ihm geraten könnte und
sprach so lange mit ihrer Reisegefährtin von nichts Anderem bis sie selbst über
ihre kindische Einbildung lächelnd ausrief Was denke ich weiter an ihn er ist
jetzt fern von hier und ich sehe ihn in meinem Leben nicht wieder Aber in ihrem
Herzen behauptete eine dem Wunsch sehr gleichende Ahnung das Gegenteil und
diese traf früher ein als sie hoffen konnte denn der Fremde war Ottokar
Ein ungeheures Lärmen im Hause erweckte Gabrielen am ersten Morgen in ihrem
neuen Aufenthalt Türen wurden auf und zugeschlagen Treppen und Vorsäle
dröhnten von den Tritten der hin und her laufenden Bedienten und Handwerker es
war ein Hämmern ein Fluchen ein Rufen und Schelten als sei eine feindliche
Armee eingerückt und das Haus dem Abendfeste zu Ehren in völligem Aufruhr
    Gabriele schmiegte sich vor dem ungewohnten Getöse wie ein schüchternes
Vögelchen in eine Ecke bis die Stunde schlug in der sie der Tante ihren
Morgenbesuch abstatten musste Mit Erstaunen begegnete sie auf der Treppe dem
wohlbekannten Herrn Lorenz schwer belastet mit einem Korbe voll der
auserlesensten Blumen Seine Erscheinung freute sie als ein Beweis dass sie
nicht irrte indem sie in Ottokarn den Unbekannten aus dem Gasthofe wieder zu
finden glaubte Aber als sie weiterhin ihn selbst durch die halb geöffnete Türe
eines Zimmers erblickte und dadurch die Gewissheit erhielt mit ihm in Einem
Hause zu leben ihn alle Tage zu sehen und zu hören da bemächtigte sich ihrer
ein freudigängstliches Gefühl Es war ein Glück für sie dass die Gräfin zu
beschäftigt mit Anordnungen für den Abend Gabrielens Eintritt kaum bemerkte und
noch weniger ihr höchst befangnes Wesen Kurz aber freundlich entließ die Tante
sie gleich in der ersten Minute und gab ihr nur noch die Weisung mit auf den
Weg sich zu Aurelien zu begeben die sie in ihrem Zimmer finden würde umringt
von Freundinnen welche heut mit einander in Geschenken zu ihrem zwanzigsten
Geburtstage wetteiferten
    Den Geburtstag hatte die arme Gabriele ganz vergessen und ein Geschenk für
die gefürchtete Kusine setzte sie in die höchste Verlegenheit Sie eilte zurück
in ihr Zimmer ergriff ohne große Wahl eine ihrer besten Zeichnungen und betrat
damit atemlos die Schwelle des zierlichen Zimmers in welchem Aurelia in
frischer einfacher Morgentracht schön wie der junge Tag vor einem großen
Tische stand auf dem alles ausgebreitet lag was die Mode in unsern Tagen
köstliches und elegantes zum Schmuck der Jugend erfand Eine Schaar junger
Mädchen half ihr alle die Geschenke bewundern mustern und ordnen mitten unter
ihnen stand Ottokar mit sichtbarer Freude an dem jugendlichen Wesen und Treiben
Die seltensten schönsten Blumen aller Jahreszeiten und Zonen blüheten und
dufteten an Wänden und Fenstern Gabriele erkannte die Blüten auf den ersten
Blick für die nämlichen welche Lorenz vorhin an ihr vorüber trug
    Da kommt unser kleiner Eigensinn von gestern Abend rief Aurelie als sie
Gabrielen erblickte und trat freundlich der Verlegnen entgegen die es kaum
wagen mochte ihr bescheidnes Geschenk neben allen jenen Herrlichkeiten zu
zeigen Das ist ja leibhaftig die Gespensterburg deines Vaters fuhr Aurelia
fort indem sie die Zeichnung besah so nimmt sie sich vortrefflich aus aber
behüte mich der Himmel davor sie in der Wirklichkeit wieder zu sehen Gemalt
sind die alten Schlösser ganz allerliebst auch auf dem Theater oder in Romanen
mag ich sie wohl leiden besonders wenn ganz erschrecklich wundersame
Begebenheiten sich darin zutragen aber sitzt man selbst in solch einem alten
Neste und lebt so allein fort ohne etwas zu erleben dann täte man besser vor
Graun und Langeweile zu sterben Ich wundre mich wirklich dass ich während der
zwei Tage im Schloss Aarheim noch mit dem Leben davon kam Es ist eine betrübte
Existenz danke Gott liebes Kind dass du ihr entronnen und bei uns bist du
wärst dort auch so eine Art von Käuzlein in den krausen alten Türmen geworden
Anlagen hast du dazu sprach sie lächelnd indem sie Gabrielen umarmte und sie
dann allen ihren gegenwärtigen Freundinnen der Reihe nach vorstellte
    Die Menge der Namen rauschte an Gabrielens Ohr vorüber ohne dass sie einen
zu fassen vermochte nur fiel es ihr auf dass auch die Gräfin Eugenia sich unter
den Glück wünschenden Freundinnen befand Diese hier zu sehen hätte sie nach
der Szene des gestrigen Abends nicht erwartet noch weniger in so anscheinend
vertrautem Verhältnis mit Aurelien Alle die jungen Damen waren gegen Gabrielen
sehr zuvorkommend freundlich aber diese blieb verlegen sie hasste sich selbst
in diesem Moment wegen ihrer Unbehülflichkeit die sie doch nicht abzuwerfen
vermochte Ihre Bänglichkeit stieg mit jeder Minute denn sie sah dass Ottokar
ihre Zeichnung aufmerksam betrachtete und als er nun vollends die geistreich
kühne und dennoch vollendete Ausführung derselben lobte und sich mit der Frage
nach dem Namen des Künstlers an sie wendete da konnte Gabriele vor gewaltigem
Herzklopfen kaum ihre eigne Antwort hören dass sie selbst unter Anleitung ihrer
Mutter sie gezeichnet habe Er sprach noch einige lobende Worte und verließ bald
darauf die Gesellschaft
    Gabriele langte bei ihrer Dalling mit dem Gefühl an als sei eine höchst
wichtige Begebenheit vorgefallen etwas ganz Unerhörtes geschehen das sie der
Einzigen kund tun müsse die noch in der Welt Teil an ihrem Schicksal nahm
und dennoch wusste sie nichts zu sagen was sich nicht in der Erzählung höchst
gewöhnlich ausgenommen hätte Eine nie gefühlte Unruhe trieb sie rastlos umher
Wenn sie ihres ungeschickten Benehmens gegen Aureliens Freundinnen gedachte
wenn sie sich errinnerte wie jene von ihrem Äußern und ihrem Betragen irre
geführt sie wie ein Kind behandelt hatten dem man freundlich tut damit es
nur nicht weine dann verging sie fast in der fürchterlichen Qual sich ihrer
selbst zu schämen denn sie konnte es sich nicht verhehlen dass sie
größtenteils durch eigne Schuld in diesem Lichte erschienen war Ottokars Lob
ihrer Zeichnung vermochte nicht sie zu trösten sie glaubte eine Spur
ungläubigen Lächelns an ihm bemerkt zu haben da sie sich selbst nannte als er
nach dem Namen des Künstlers gefragt hatte und dies kränkte sie noch tiefer als
alles übrige Frau Dalling selbst war in diesem Moment über die auf den
folgenden Morgen bestimmte Trennung von dem Liebling ihres Herzens zu betrübt
als dass sie fähig gewesen wäre Gabrielen Trost und Mut einzusprechen sie
verstand sogar den Kummer und das beklommne unruhige Wesen derselben nicht
sondern schrieb alles dem Gefühl zu von dem sie selbst niedergebeugt ward Und
so wusste die gute Frau nichts bessres zu tun als Gabrielen recht mütterlich in
ihre Arme zu schließen und herzlich mit ihr zu weinen da diese von innerem Weh
überwunden zuletzt in heiße bittere Tränen ausbrach
    Gabriele errang auch diesmal ihre gewohnte Fassung zuerst wieder »Ich will
nicht mehr weinen« sprach sie trocknete ihre Augen und richtete sich hoch auf
»Lass mich jetzt von dir Abschied nehmen liebe Dalling« setzte sie hinzu
»jetzt in dieser ruhigen Stunde nicht heute Abend wenn ich erschöpft aus der
Gesellschaft komme nicht morgen früh im Geräusch des Einpackens und der
Abreise Du gehst mit Tagesanbruch von mir geleite dich Gott du meine einzige
Freundin in dieser Welt grüße meine Berge meine Bäume meine Blumen ich war
unter ihnen sehr glücklich aber auch hier werde ich nicht unglücklich sein der
Gedanke an meine Mutter wird mich vor Unrecht behüten und alles andre ist zu
ertragen Noch bin ich hier fremd noch ist mir alles ungewohnt und der Abstand
zwischen jetzt und ehemals ist sehr groß aber ich werde mich eingewöhnen und
lernen was mir noch fehlt um in diesen neuen Verhältnissen mich zurecht zu
finden Mein Vater schickte mich her um mich für die Welt zu bilden sage ihm
dass ich ihm gehorsam sein und alles tun werde seinen Wunsch zu erfüllen so
viel ich es vermag Und nun nimm meinen Dank für deine unaussprechliche Liebe
und Treue Sehnen werde ich mich immer nach dir aber glaube nur ich weiß es
ich finde auch hier ein Wesen das ich lieben kann und bin dann glücklich lass
dies nochmals dir zum Troste gesagt sein wenn du im Schloss Aarheim sorgend
meiner gedenkst«
Bei aller ihrer mühsam errungnen Fassung sah Gabriele dennoch mit Zittern der
Stunde entgegen in welcher sie sich am Abend zur Gesellschaft begeben musste
sie fürchtete neue Verlegenheiten neue Demütigungen ohnerachtet sie sich fest
vorgenommen hatte ihre scheue Blödigkeit so viel möglich zu besiegen Kein
Zureden Aureliens und ihrer Kammerjungfern sogar nicht das Zürnen der Tante
hatten sie bewegen können in ihrer die tiefste Trauer bezeichnenden Kleidung
etwas abzuändern Selbst dem Bitten ihrer lieben Frau Dalling hatte sie
widerstanden die durch die Wichtigkeit welche man der Sache gab in ihrer
eignen Ansicht wankend geworden war »So geh denn eigensinniges Kind«
entschied endlich die Tante des Streitens müde »geh wie du willst und verdanke
dir es selbst wenn du ausgelacht wirst«
    Die vielen Lichter die emsig hin und her laufenden Diener die glänzende
Versammlung in der langen Reihe prächtig dekorirter Zimmer erregten in Gabrielen
jene Art Bangigkeit welche wohl einen Jeden beim ersten Eintritt in die Welt
ergreift der auch nicht so klösterlich aufwuchs wie sie Gibt es doch viele in
der Gesellschaft denen dies Gefühl zeitlebens bleibt selbst aus den höheren
Ständen die für abstoßend stolz gelten während sie nur verlegen sind Wenige
von den Gegenwärtigen bemerkten Gabrielens Eintritt in den Saal aber diese
Wenigen staunten beim Anblick des bleichen der Kindheit kaum entwachsenen
Mädchens im langen schwarzwollnen Trauerkleide dem tief hinunter wallenden
Kreppschleier mit der breiten die Stirne bedeckenden Schneppe unter der sich
nur einige ihrer wie Gold glänzenden reichen Locken hervordrängten Der Tante
Prophezeihung ward nicht erfüllt niemanden fiel es ein zu lachen aber
jedermann wich ihr mit einer Art Ängstlichkeit aus denn diese dunkle
Erscheinung mitten im festlichen Glanze hatte wirklich etwas Geisterartiges
Vergebens blickte Gabriele um sich her und suchte in dem Gewühl ein bekanntes
Gesicht heraus zu finden sie erblickte keines selbst die Gräfin und Aurelia
waren nicht gegenwärtig der Anzug für die Tableaus hielt sie entfernt Eine
schöne Frau mittleren Alters vertrat die Stelle der Frau vom Hause beim Empfang
der Gesellschaft Gabriele fühlte sich mächtig von ihr angezogen sie glaubte
in ihr eine entfernte Ähnlichkeit mit ihrer Mutter zu finden und konnte kaum
den Blick von ihr wenden aber sie kannte sie nicht und wagte es daher auch
nicht sich ihr zu nähern
    So stand Gabriele lange ganz allein sah wie überall Gruppen von Bekannten
sich bildeten wie einzelne Paare einander aufsuchten und sich im eifrigen
Gespräch von den übrigen absonderten Niemand suchte sie niemand hatte ihr
etwas freundliches zu sagen sie war und blieb einsam mitten in der großen
Versammlung und ward darüber recht innerlich betrübt Der Gedanke wie sie
eigentlich eben so verlassen in der ganzen Welt dastehe als hier in der
Gesellschaft fiel mit lastender Schwere auf ihr nach Liebe sich sehnendes
Gemüt Schon war sie im Begriff sich von alle den Glücklichern zurückzuziehn
und in ihr einsames Zimmer zu schleichen als sie ihre Hand ergriffen fühlte Es
war der freundliche ältliche Mann dessen unerwartete Anrede sie am vergangenen
Abende so erschreckt hatte und der ihr jetzt den Arm bot um sie im Gefolge der
übrigen Gesellschaft in das zu den Tableaus bestimmte Zimmer zu führen
    Eine von Haydns herrlichsten Symphonieen verkündete dort das nahe
Aufrauschen des die Darstellung noch verhüllenden Vorhangs Nie zuvor hatte
Gabriele den Einklang vieler Instrumente zugleich gehört er ergriff sie mit
seinem allgewaltigen Zauber vor welchem alles Beengende von ihr abzufallen
schien Die Töne trugen sie weit weg auf unsichtbaren Flügeln in ihr magisches
Reich sie sprachen mit ihr von ihrer Vergangenheit von allem was ehemals sie
beglückt hatte und hauchten ihr neue Freude am Leben und frischen Jugendmut
ein Die Dämmrung in dem nur durch die Lichter der Nebenzimmer
schwacherleuchteten Saal erlaubte es ihr ungehindert sich ihrem Gefühl zu
überlassen ihr Führer war neben ihrem Sitz stehen geblieben mit dankbarem
Vertrauen blickte sie zu ihm auf und entdeckte im nämlichen Moment dicht neben
ihm Ottokars hohe Gestalt der sie begrüssend sich gegen sie verbeugte
    Ein Gruß im gewöhnlichen Gange des Lebens ist gar wenig aber unendlich viel
für den der vereinzelt in einer großen Gesellschaft mit dem Gefühl der
Verlassenheit dasteht dies Zeichen des Bemerktwerdens gerade von ihm gab
Gabrielen ein so tröstendes Selbstbewusstsein dass sie dadurch beruhigt in den
Stand gesetzt ward sich des eben beginnenden Schauspiels wirklich teilnehmend
zu erfreuen
    Tante Kleopatra nahm sich auf ihrem königlichen Thron zum Bewundern gut aus
Mit aller ersinnlichen Grazie hielt sie die reiche Perle über den Becher und
hatte keine Ahnung von den Anmerkungen die links und rechts unter den
Zuschauern hingeflüstert wurden Dreimal senkte sich der Vorhang dreimal musste
er auf lautes Bitten der Anwesenden sich wieder heben die alle behaupteten des
herrlichen Anblicks gar nicht müde werden zu können
    Am entzücktesten stellte sich die Gräfin Eugenia ihr Beifall war der
rauschendste und kannte weder Maß noch Ziel während sie zu gleicher Zeit
tausend witzigboshafte Einfälle über die herbstliche Kleopatra und ihren das
Schmuckkästchen tragenden Edelknaben den jungen Herren zuflüsterte die dicht
zusammengedrängt hinter ihrem Stuhle standen ihr aufs kräftigste applaudiren
halfen und dabei jedes ihrer Worte mit allen Zeichen des Beifalls von ihren
Lippen gierig auffingen Sie saß so nahe bei der von ihr ganz übersehenen
Gabriele dass diese keine Sylbe von dem was sie sprach verlieren konnte auch
manches andre spottende Wort einiger der übrigen Anwesenden traf deren Ohr und
kontrastirte so sehr mit der von allen laut ausgesprochnen Bewunderung dass
Gabriele ein innres Grausen über die Falschheit der Menschen empfand unter
denen sie leben sollte Ihr war zu Mute als sei sie unter gespenstische Larven
gefallen die im nächsten Moment sich umwandeln und in eigentümlicher
fürchterlicher Gestalt dastehen müssten Wie nach Rettung sah sie ängstlich um
sich her
    »Sein sie ruhig liebes Fräulein« flüsterte eine leise Stimme ihr zu« auch
ich sehe und höre was Sie empört aber es ist nicht so böse als Sie in ihrer
Unschuld es glauben« Verwundert blickte Gabriele auf und sah ihren Führer der
noch immer neben ihr stand Seine Gegenwart erschien ihr in diesem Moment wie
ein Trost vom Himmel »Die Welt« fuhr der freundliche Mann mit mildem Lächeln
fort indem er zu ihr sich hinabbeugte »die Welt ist leider lange nicht so gut
als Sie in ihrer Unerfahrenheit es vielleicht noch vor acht Tagen glaubten aber
auch wahrlich lange nicht so arg als sie jetzt Ihnen vorkommen muss Diese
kleinen Bosheiten vor denen Sie sich in diesem Augenblick mit Recht entsetzen
werden Ihnen in kurzem ziemlich harmlos scheinen wenn Sie diese Menschen und
ihr wahres Meinen erst näher kennen denn in der Tat diese Einfälle haben
keinen Zweck und erreichen auch keinen wie den für den Moment als witzig
bewundert zu werden Sie werden sich daran gewöhnen und sie endlich ganz
gleichgültig betrachten« »Nie nie« rief Gabriele so laut dass sie selbst
darüber erschrak besonders da sie gewahr ward dass der noch immer in ihrer Nähe
sich befindende Ottokar dadurch aufmerksam auf ihr Gespräch gemacht ward
»Gewiss« erwiderte ihr Führer leise und beschwichtigend indem er zugleich auf
den sich wieder hebenden Vorhang hinwies
    Mehrere Tableaus folgten dem der Kleopatra alle wurden laut gepriesen und
leise bekrittelt bis ganz zuletzt Aurelia in wahrhaft himmlischer Glorie als
Raphaels Jardiniere erschien Die Kinder standen so anmutig da sie selbst war
in dieser Stellung mit gesenktem Auge so hinreißend schön dass sogar der Neid
verstummen musste Ein einziger Atemzug der Bewunderung säuselte durch die
Stille des glänzenden Kreises und löste sich erst spät in lauten Beifall auf
Gabrielens für Freude glänzendes Auge traf auf Ottokarn Dieser starrte
vorgebeugt wie in Bewunderung verloren noch immer den Vorhang an welcher
schon lange die holde Erscheinung verhüllt hatte Als sich Ottokar endlich
wandte traf sein Blick auf Gabrielen er lächelte ihr in teilnehmendem
Entzücken wie einer Bekannten zu und dieser kleine Zufall durchströmte sie mit
Empfindungen die sie zu verstehen weit entfernt war
    Die Gesellschaft verteilte sich wieder in den Nebenzimmern um dort die
Damen des Hauses nebst den übrigen bei den Tableaus beschäftigt gewesenen
Personen zu erwarten und nochmals mit Bewunderung und Dank zu überschütten
Gabriele blieb mit ihrem Begleiter beinah allein in dem dämmernden Saal und er
benutzte diese Pause um sich ihr als einen Maler zu erkennen zu geben dessen
bedeutender Name im neueren Gebiet der Kunst ihr schon rühmlichst bekannt war
Signor Ernesto hatte man ihn der Landessitte gemäß in Italien genannt wo jeder
Zuname dem Taufnamen weichen muss und diese Benennung blieb ihm auch in der
Gesellschaft seitdem er vor kurzem nach einem viele Jahre langen Aufenthalt in
Rom wieder in sein deutsches Vaterland zurückkehrte
    »Ich war gestern bei Ihrer Ankunft zugegen mein teures Fräulein« sprach
Ernesto weiter zu Gabrielen »ich erkannte in Ihnen beim ersten Blick das
Ebenbild Ihrer Mutter so wie Sie jetzt vor mir stehen so sah ich sie einst in
Rom jugendlich blühend mit glänzendem Auge vor den hohen Wundern der
unsterblichen Kunst Mir ward das seltene Glück ihr Begleiter auf ihren
Wanderungen durch die Königin der Städte ihr erster Lehrer in der bildenden
Kunst zu sein ich werde auch Ihr Lehrer Gabriele ich habe mich schon gestern
bei der Gräfin dazu erboten sobald ich den Zweck Ihres hiesigen Aufenthaltes
vernahm Schlagen Sie es mir nicht ab Sie brauchen einen väterlichen Freund zu
Schutz und Rat der will ich Ihnen werden und ich kann es nur wenn der
Unterricht im Zeichnen mir Gelegenheit verschafft Sie täglich ohne äussre
Störung zu sehen Mir ist bei Ihrem Anblick« fuhr er fort weil Gabriele
schweigend ihm zuhörte »mir ist als hätte ich in Ihnen eine geliebte Tochter
gefunden als wäre der schöne Frühling meines Lebens zurückgekehrt als stünde
Auguste und mit ihr Roms alte Herrlichkeit wieder vor meinem frischen
jugendlichen Sinn Und darum will ich auch väterlich um Sie sorgen Sie leiten
auf dem unbekannten gefährlichen Pfade in der Ihnen so fremden Welt wenn Sie
mich nicht zurückweisen«
    Ernesto hätte noch lange fortsprechen können ohne dass er von ihr
unterbrochen worden wäre sie vermochte sogar kaum ihm zu antworten aber ihr
beredtes Auge sagte ihm alles was in ihrem tiefbewegten Gemüte vorging Nicht
mehr allein und verlassen hatte sie jetzt einen Freund ihrer Mutter zur Seite
der auch ihr wie ein Bekannter aus früheren Tagen erschien Mit Entzücken fühlte
sie dies und alles was sie umgab zeigte sich ihr in einem neuen schöneren
Licht die Tante Aurelia die ganze Gesellschaft zu der sie jetzt von Ernesto
begleitet wie ein fröhliches Kind an der Hand seines Vaters zurückkehrte
    Die Gräfin und Aurelia standen mitten in einem dichten Kreise von
Bewunderern die sie mit den ausschweifendsten Lobsprüchen überströmten Nur
mühsam gelang es Gabrielen bis zu ihnen sich durchzuwinden und ihr Staunen
beim Anblick der rosig blühenden Freude strahlenden Tante war fast noch größer
als gestern Die Gräfin benutzte die Gelegenheit ihre Nichte vielen der eben
anwesenden Damen vorzustellen eine Zeremonie welche noch vor einer Stunde
Gabrielen sehr verlegen gemacht hätte über die sie aber jetzt durch Ernestos
Gegenwart ermutigt mit großer Fassung und leidlichem Anstande hinauskam Die
Reihe traf endlich auch die Dame welche vorhin während der Abwesenheit der
Gräfin die Stelle derselben beim Empfange der Gesellschaft vertreten hatte und
deren Ähnlichkeit mit ihrer Mutter Gabrielen jetzt da sie sie in der Nähe sah
mit einer unendlichen Wehmut erfüllte Die Gräfin Rosenberg nannte sie Frau von
Willnangen eine nahe Verwandte ihres verstorbenen Gemahls Gabriele erstarrte
beinah als sie diesen Namen hier hörte den ihre Mutter ihr nur in Stunden des
engsten Vertrauens als den Namen ihres verlorenen Jugendfreundes genannt hatte
Aengstlich suchte sie wieder in Ernestos Nähe zu gelangen um von ihm zu
erfragen in welchem Verhältnis diese Frau mit Ferdinand von Willnangen
gestanden haben mochte den er gewiss auch gekannt hatte aber ein Chor von Damen
hielt ihn umlagert und machte es ihr unmöglich
    Ein Konzert begann jetzt die letzte Stunde vor der Abendtafel auszufüllen
nach welcher ein Ball die Freuden des Tages beschließen sollte Die rauschende
Symphonie hatte vorhin Gabrielen auf mächtigen Wogen in eine andere Welt
versetzt jetzt versenkte ein Quartett von Meistern meisterhaft durchgeführt
sie ganz in sich selbst die Töne verstummten endlich aber sie hallten noch in
ihrem Innern wieder und sie saß da ihnen lauschend als sie plötzlich von
neuem sich erhoben und eine einzige Stimme voller reiner als alle sie
übertönte Gabriele blickte auf und sah Ottokar neben Aurelien am Pianoforte
stehen Beide sangen mit einander ein italienisches Duett voll Sehnsucht und
Liebe Gabriele kannte es sie hatte es einigemal mit ihrer Mutter gesungen in
ihrem Innern sang sie auch jetzt es mit und ihr ganzes Wesen verschwebte im
süßesten Verein mit Ottokars Tönen Die Verzierungen und Manieren welche nach
der neueren Weise Aurelie der einfachen Melodie anhängte schienen Gabrielen ein
fast frevelhaft störendes Beginnen obgleich sie ihre Kunst so wie ihre sehr
schöne Stimme bewundern musste Ihr Leben hätte sie in der Minute freudig
hingegeben um an Aureliens Stelle so neben Ottokar zu stehen und doch fühlte
sie in der nächsten wie unmöglich es ihr sein würde nur einen Ton
hervorzubringen
    »Leidvoll und freudvoll« eilte Gabriele gleich nach dem Konzert hinauf in
ihr stilles Zimmer zu welchem später wie aus weiter Ferne die frohe Tanzmusik
herüber tönte Ihr Herz war übervoll von allen Ereignissen dieses bangen und
freudigen Abends zu voll zur Mitteilung nur Ernestos Erscheinung blieb ihr
ganz klar und diese war ein großer Trost für die um das Kind ihrer innigsten
Liebe mütterlich besorgte Frau Dalling
Mit schwerem sorgenvollem Herzen war am folgenden Morgen Frau Dalling beim
Anbruch des Tages von ihrer Gabriele geschieden und diese suchte nun mit der
neuen ihr von der Tante zugegebenen Kammerjungfer sich einigermaßen zu
befreunden Es war ihr unmöglich gegen die hübsche zierlicher als sie selbst
geputzte Annette den Ton der Gebieterin anzunehmen und Annette konnte sich auch
nicht sogleich in die freundliche Art ihrer neuen Herrschaft finden die gar
nichts zu ersinnen wusste was sie ihr hätte befehlen können So waren beide ein
Paar Stunden in ziemlicher Verlegenheit einander gegenüber geblieben als
Ernestos früher Besuch der erste den Gabriele je erhielt der Not endlich ein
Ende machte
    »Ich erscheine in dieser unschicklich frühen und deshalb visitenfreien
Stunde um Sie zu zwei Freundinnen zu geleiten die mit offenen Armen und Herzen
Sie erwarten« sprach Ernesto »Frau von Willnangen sendet mich« »Frau von
Willnangen« unterbrach ihn Gabriele aufs neue von dem Namen heftig aufgeregt
»höre ich recht wirklich Willnangen um Gotteswillen wer ist diese Frau die
meiner Mutter so ähnlich sieht Ist sie mit Ferdinand von Willnangen verwandt
Gewiss Sie kannten auch diesen Ferdinand« »Wohl kannte ich auch ihn«
erwiderte Ernesto von trüben Erinnerungen sichtbar bewegt »Frau von
Willnangen« fuhr er fort »ist die Mutter seiner Tochter eines lieben
Mädchens das wohl verdient ihre schwesterliche Freundin zu werden« »O
Auguste meine liebe liebe Mutter« rief tief erschüttert in fast betender
Stellung Gabriele »auch dorthin verfolgt dich unerbittlich dein Geschick Der
selige Geist deines Freundes hat dich auf deinem stillen Lebenswege nicht
schützend umschwebt wie du fromm es wähntest er geleitete dich nicht aus der
bitteren Stunde deines Scheidens zur frohen Ewigkeit die keine Trennung kennt
Ferdinand lebt er war dir nah und vergaß deiner die du wie ein Heiligtum
sein Andenken in treuer Brust bewahrtest So lieben Männer« fuhr sie mit
zürnendem Ernst fort »treue Liebe wohnt nur im Herzen der Frauen und bleibt
dort ihr eigener einziger Lohn So lehrte mich meine Mutter mit Recht wer darf
noch hoffen sie außer sich zu finden wenn diese Frau vergessen werden konnte«
    Mit teilnehmendem Staunen blickte Ernesto auf das schwärmende sich seinem
Gefühl ganz überlassende Mädchen »Ich mag Ihren schönen Glauben von unsern
Erwartungen jenseits nicht stören wenn er auch nicht ganz der meinige ist«
sprach er endlich mit sehr bewegter Stimme indem er ihre gefalteten Hände sanft
ergriff »Erlauben es die Gesetze jenes Landes von dessen dunkeln Gränzen noch
nie ein Wandrer zurückkehrte der uns Kunde brachte so empfing Ferdinands
seliger Geist Augusten beim Scheiden aus dieser Welt so umschwebte er sie
schützend schon lange vorher auf ihrem Lebenspfad denn seit mehreren Jahren
verließ er dieses Leben in welchem sein Geschick ihn rastlos umhertrieb und nur
späte Ruhe ihm vergönnte Ich führe Sie jetzt zu seiner Witwe die gestern
hocherfreut in Ihnen die Tochter der Frau erblickte deren Andenken ohne dass
sie jemals sie sah ihr dennoch heilig ist weil es der Mann den sie liebte
stets im Herzen trug Sie glaubt es nicht besser ehren zu können als indem sie
Gabrielen mütterliche Liebe entgegen trägt doch wähnt sie deshalb nicht ihr
jemals Augustens Verlust ersetzen zu können Das reine stille Gemüt dieser
seltenen Frau war stets zu demütig dies sogar bei Ferdinanden zu hoffen und
ohne alles neidische Streben begnügte sie sich immer damit sein Leben durch
Liebe zu erheitern mit ihm zu trauern wenn Wehmut über verlornes Jugendglück
in ihm erwachte und ihm die Gegenwart trübte Kommen Sie Gabriele« fuhr
Ernesto eifriger fort »folgen Sie mir in das Haus der Frau von Willnangen Sie
werden einen dem Andenken Ihrer Mutter geweihten Tempel betreten Die Blumen
die sie vor allen liebte werden dort noch immer sorgsam gepflegt ihr Bild ist
noch immer der geehrteste Schmuck des Hauses ich malte es heimlich in Rom für
mich und konnte Ferdinands ungestümen Bitten eine Kopie davon nicht versagen
Ferdinands Tochter erhielt bei ihrer Geburt den ihm so teuren Namen Auguste
Glauben Sie mir Sie werden dort heimisch sein wie unter verwandten Freunden
vielleicht auch dort überzeugt werden dass treue Liebe in der stärkeren Brust des
Mannes oft nur um so sichrer wohnt als in dem weicheren Herzen der Frauen«
setzte er lächelnd hinzu
    Was Ernesto von Ferdinands späterem Geschick Gabrielen noch ferner
mitteilte lässt sich in wenig Worte fassen Auf eine ihm unerklärbare Weise von
der Geliebten getrennt währte es beinahe ein Jahr ehe er den ganzen Umfang
seines Unglücks erkannte und tröstende Hoffnungen begleiteten ihn lange von
Land zu Land Augustens Vater leitete fortwährend mit unsichtbarer Hand sein
Geschick er hatte den Zweck erreicht ihn auf immer von seiner Tochter zu
trennen und war übrigens nicht weniger als sonst für das zeitliche Glück seines
ehemaligen Pfleglings besorgt Er glaubte sogar ihm gewissermaassen Ersatz
schuldig zu sein und ebnete deshalb so viel er es konnte Ferdinands Weg auf
der einmal angetretnen Laufbahn seines Strebens ohne dass dieser es ahnte Bis
Konstantinopel hatte er ihn zu bringen gewusst als der Tod ihn in Schweden
übereilte An der südlichsten Gränze von Europa erfuhr Ferdinand sehr spät aus
den Zeitungen die Nachricht von dem Hinscheiden seines ehemaligen Beschützers
und die weite Entfernung in der er sich von jenem nördlichen Lande befand
vernichtete den Erfolg jedes schriftlichen Versuches Augusten die dort
verschwunden war wieder aufzufinden Er eilte selbst nach Schweden sobald
seine Verhältnisse es ihm möglich machten aber vergebens suchte er aufs
ängstlichste eine Spur von ihr In der Residenz war Augustens vorübereilende
Erscheinung längst vergessen in dem kleinen Städtchen in welchem ihr Vater
starb hatte niemand sie gekannt nur wenige erinnerten sich ihrer Existenz
keiner wusste nur von ferne anzudeuten wohin sie sich gewendet haben könne und
in der tiefen Einsamkeit in welcher sie auf dem Landgute ihrer Tante damals
lebte war und blieb sie ihm verloren
    Ferdinand führte von nun an ein trübes unstätes Leben ewig suchend nach
dem Glück seiner Jugend und nimmer es findend bis das Fruchtlose seines
Strebens ihm endlich die Ahnung von Augustens Tod zur Gewissheit machte Jetzt
beschwichtigten allmählich wehmütige Sehnsucht und fromme Hoffnung den
wütenden Schmerz in seinem Innern und wandelten ihn in stille Trauer Seine
äußere Lage befriedigte übrigens alles was er sonst vom Leben noch wünschen
mochte denn er war durch Tätigkeit und Treue im Dienst seines Fürsten zu einer
bedeutenden Stelle in seinem Vaterlande gelangt Still und trübe lebte er seine
Tage hin bis er einst von ungefähr ein Fräulein Rosenberg erblickte dessen
auffallende Ähnlichkeit mit der Verlornen alle alte Wunden in seinem Innern
wieder erneute
    Zuerst fühlte er sich von dieser Ähnlichkeit bald unwiderstehlich
angezogen bald schmerzlich zurückgestoßen Sie war Auguste und war es doch
nicht aber bei näherer Bekanntschaft fand er in ihr ein mildtröstendes Wesen
das einzige dem er je die traurige Geschichte seiner Jugend vertrauen mochte
Des Fräuleins innige Teilnahme an seinem Schmerz ihre demütige Verehrung
Augustens fesselten ihn immer mehr an ihre Nähe sie gab ihm den einzigen Trost
der ihm noch werden konnte und bald kam es dahin dass kein Tag verging ohne
dass er sie zu sehen suchte
    In zarter FrauenBrust wandelt sich die Teilnahme an den Leiden eines
Freundes nur zu leicht in ein glühenderes Gefühl und Ferdinand konnte sich
endlich nicht mehr die Art des Eindrucks verhehlen den er und seine Schmerzen
auf das Herz seiner jungen Freundin gemacht hatten Er fühlte zugleich dass sein
der Liebe erstorbnes Gemüt dennoch des Trostes inniger vertrauensvoller
Freundschaft nicht mehr entbehren konnte nachdem es dessen gewohnt geworden
war und so bat er das Fräulein sein durch tiefen Gram und ewige Sehnsucht
getrübtes Dasein mit ihm zu teilen ohne sie über die Art seiner Empfindungen
für sie zu täuschen indem er ihr seine Hand bot
    Der schöne Verein alles opfernder Liebe und treuer inniger Freundschaft
währte kaum ein Jahr Ferdinand starb und Familienverhältnisse bestimmten seine
Witwe den Ort ihres bisherigen Aufenthalts mit der Stadt zu vertauschen in
welcher fast alle ihre Verwandten wohnten und wo Gabriele sie fand Frau von
Willnangen lebte dort mit ihrer Tochter nicht mitten im Strudel der großen Welt
aber doch auch nicht ganz von ihr abgesondert sie war nicht reich aber ihre
äussre Lage erlaubte ihr sich keinen wirklichen Lebensgenuss zu versagen und
ihre anspruchlose Bildung die milde Würde in ihrem ganzen Wesen zogen bald
einen kleinen Kreis auserwählter Freunde um sie her in dessen Mitte sie sich zu
wohl befand um sich nach rauschendern Freuden zu sehnen Nur selten erschien
sie in größeren Gesellschaften und stets ungern
    Die Gräfin Rosenberg ehrte in ihr die nahe Verwandte ihres verstorbenen
Gemahls lieben konnte sie sie nicht dazu war ihr ganzes Wesen zu sehr von dem
der Frau von Willnangen verschieden und eigentlich sahen beide Damen einander
nur selten Aber da die allgemeine Achtung Frau von Willnangen vor allen Andern
auszeichnete so fühlte die Gräfin sich dadurch bewogen bei jeder öffentlichen
Gelegenheit mit der nahen Verbindung zu prunken in welcher sie sich gegenseitig
befanden Deshalb hatte sie sie auch gebeten bei dem Feste die Honneurs des
Hauses zu machen so lange sie selbst abwesend sein musste und da es Aureliens
Geburtstage zu Ehren angestellt war so mochte ihr Frau von Willnangen diese
Bitte nicht abschlagen
    Gabriele betrat mit hochbewegter Brust an Ernestos Hand das Haus in welchem
alles besonders die Besitzerin desselben sie auf das lebhafteste an ihre
Mutter erinnerte Der freundliche Empfang der ihr ward tat ihrem in den
letzten Tagen so vielfältig verletzten Gemüt unendlich wohl und jede Spur der
scheuen Blödigkeit die im Hause der Tante sie ängstlich beklemmt hatte
verschwand vor ihm Die prunklose aber bequemzierliche Einrichtung der Zimmer
versetzte sie ganz in die frohe Zeit ihrer ersten Jugend zurück alles deutete
darin auf heitern Lebensgenuss auf Fleiß und Kunstliebe der Bewohner alles war
so wie sie es bei ihrer Mutter zu sehen gewohnt gewesen war Ihr ward in diesen
Umgebungen als ob sie nach einer langen Abwesenheit wieder zu Hause angekommen
wäre und mit wahrer kindlichen Freude hörte sie die Einladung recht oft wenn
es möglich wäre täglich zu kommen und jede freie Stunde bei der Frau von
Willnangen und ihrer Tochter in ruhiger Gemütlichkeit zuzubringen
    Der erste Anblick der achtzehnjährigen Auguste eignete sich durchaus nicht
dazu die Herzen mit Sturm zu erobern Ihr Äußeres zeichnete sich nur durch
eine hohe regelmäßig schlanke Gestalt aus und ihr Gesicht war nichts weniger
als schön so lange sie schwieg aber der Geist der es belebte sobald sie
sprach der Ausdruck den die klaren großen Augen dann gewannen gaben ihr
einen ganz eignen Reiz sie fesselten die Herzen wie die Blicke man sah
Augusten eben so gern sprechen als man sie hörte und wurde endlich beinah
verleitet sie schön zu finden Bei dem neuen Gefühl sich von einem jungen ihr
ähnlichen Wesen liebevoll umfangen zu sehen ging Gabrielen in nie zuvor
empfundner Freude das Herz auf ein Vorgefühl jugendlich vertraulicher
Freundschaft bemächtigte sich ihrer und glücklicher als sie es je seit dem
Tode ihrer Mutter gewesen war verließ sie das Haus der Frau von Willnangen mit
dem festen Entschluss sobald als möglich dahin zurückzukehren
Gabrielens Tante war eine der Frauen wie man in großen Städten so viele findet
die mit wahrem Heldenmut allen ihren Neigungen geradezu entgegen handeln
sobald der eben herrschende Ton es gebeut Funfzig Jahre früher geboren hätte
sie schwimmend in Moschus und AmbraDuft mit aller damals üblichen Ziererei
einer französischen petite maitresse über Vapeurs geklagt in Gesellschaft Gold
gezupft oder Trisett gespielt und ihr Haus wäre eine Menagerie von
Schoosshündchen und Papageien gewesen Die Zeiten in denen so etwas galt sind
aber vorüber gezogen und Kunst und Wissenschaft jetzt bei uns an der
Tagesordnung So sah sich die Gräfin gezwungen sich zur eifrigen Beschützerin
derselben aufzuwerfen wenn sie sich in dem Kreise den sie die Welt nannte
geltend machen wollte und die Langeweile nicht zu achten welche sie dabei
empfand
    Im Grunde waren ihr die Figuren in den Modejournälen weit lieber als alle
Raphaele und Kunstgespräche von denen sie nichts verstand die Donaunixe oder
Rochus Pumpernickel ergötzten sie weit mehr auf der Bühne als Göte oder
Schiller bei denen sie immerfort heimlich durch die Nase gähnen musste und
obgleich in ihrem Kabinette alle unsre vorzüglichsten Dichter in goldigem
Einbande hinter Spiegelglas strahlten so griff sie doch ganz in der Stille nur
nach Cramer Spieß und deren Nachfolgern wenn Migräne oder eine seltene einsame
Stunde ihr ein Buch in die Hand spielten Dennoch wusste sie durch stete
Anstrengung geleitet von einem angeborenen Taktgefühl diesen ihr eignen
Geschmack so künstlich zu verbergen dass niemand merken konnte wie sehr alles
wonach sie im Äußern strebte ihr im Innern zuwider war Man konnte lange mit
ihr umgehen und dennoch darauf schwören sie sei geistreich und unterrichtet
Sie wusste sehr gut wenn es im Theater Zeit war den Kopf verächtlich
wegzuwenden oder auch in Extase zu geraten und in ihrem Gespräch vermisste
man keinen technischen Kunstausdruck kein einziges der vielen neuen Worte mit
welchen unsre Poeten und Kunstjünger die deutsche Sprache neuerdings
bereicherten sie hatte sich alle durch den Umgang zu eigen gemacht Es geschah
wohl dann und wann dass sie sich in der Anwendung derselben ein wenig vergriff
aber doch immer selten genug um nicht auffallend zu werden In zweifelhaften
Fällen half sie sich mit einem Ach oder Oh die jedermann auslegen konnte wie
er wollte und übrigens hütete sie sich gar sehr über irgend ein neues
Kunsterzeugniss ihre Meinung voreilig an den Tag zu legen sondern wartete
bescheiden bis jemand aus der Gesellschaft auf dessen Ansicht sie sich
verlassen konnte ihr zu einem sichern Urteil verhalf
    Mit aller dieser Anstrengung war es ihr wirklich gelungen ihren Zweck zu
erreichen Das Haus der Gräfin Rosenberg galt allgemein für das angenehmste in
der Stadt dem alles zuströmte was für geistreich und gebildet geachtet sein
wollte oder auch es wirklich war Es wimmelte bei ihr von fremden Künstlern
Gelehrten und schönen Geistern und eine Addresse an die Gräfin schien den
mehresten dieser Ankömmlinge nicht minder notwendig als ein Reisepass Wer keine
mitbrachte den wusste sie auf andre Weise sich zuführen zu lassen denn sie wäre
untröstlich gewesen wenn ein berühmter Mann das Weichbild der Stadt betreten
hätte ohne über ihre Schwelle zu gehen Freilich schlich sich auch mancher bloß
titulärschöne Geist unter der Menge mit ein denn an Auswahl war hier nicht zu
denken aber alle vereint brachten doch den Reiz einer mannigfaltigern
Unterhaltung eines geistigern Lebens in die Gesellschaft als man in andern
großen Zirkeln zu finden gewohnt ist und selbst sehr ausgezeichnete Männer
besuchten gern den VereinigungsPunkt der ihnen hier geboten ward Überdem
verstand die Gräfin die Kunst eine sehr angenehme Wirtin zu sein Mit
anscheinender Sorglosigkeit überließ sie es jedem nach Gefallen seine
Unterhaltung zu wählen und trachtete nur ganz unmerklich dahin dass es nie an
Stoff dazu mangle Den feinen Takt echter Geselligkeit hatte lange Gewohnheit
ihr zur zweiten Natur gemacht und jedermann fühlte sich in ihrem Hause frei und
behaglich
    Ernesto war der tägliche Gast desselben Früher zog ihn heiterer Hang zu
Geselligkeit dahin später die Sorge um Gabrielen Den Gedanken auch auf
Aurelien vorteilhaft zu wirken den ihre Schönheit zuerst in ihm erregte gab
er auf sobald er mit gewohntem Scharfblick sie und ihre Mutter durchschaute
Sein durchaus rechtliches Benehmen sein heller Geist seine Kenntnisse vor
allem die ihm eigne heitre Unterhaltungsgabe und sein fröhlicher wenn auch
zuweilen etwas kaustischer Witz erwarben ihm allgemeine Achtung und Liebe Fast
immer war er der von Allen gesuchte Mittelpunkt der Gesellschaft um so mehr da
er bei seiner Genügsamkeit und strengen Mäßigkeit sich von jedermann unabhängig
erhielt und sich nie dahin bringen ließ seiner Würde in etwas zu vergeben
    Die Gräfin fühlte den ganzen Wert seiner Gegenwart in ihrem Kreise und
strebte auf alle Weise sich solche zu erhalten obgleich ihr dabei zuweilen
etwas unheimlich zu Mute wurde Ernesto war beinah der einzige Mensch der ihr
imponirte sie fühlte sich gezwungen ihn zu ehren und sich sobald er es
ernstlich wollte seinem Willen in manchen Dingen zu fügen Deshalb wagte sie es
auch nicht ihm zu widersprechen als er sich ziemlich eigenmächtig
gewissermaassen zu Gabrielens Vormund aufwarf Die Gräfin musste es ihm sogar Dank
wissen dass er es unternahm den mannigfaltigen Unterricht zu leiten welchen
Gabriele zufolge des Willens ihres Vaters in der Stadt erhalten sollte denn er
entledigte sie dadurch einer großen Last die sie übereilt sich aufgeladen
hatte ohne die dabei vorwaltenden Schwierigkeiten und Mühn gehörig zu bedenken
Sie bat ihn nur vor allem die ersten Wochen eifrigst zu benutzen in denen
Gabrielens tiefe Trauer welche diese nicht vor der bestimmten Zeit ablegen
wollte deren eigentliche Einführung in die Welt noch verzögerte und überließ
alles übrige recht gern seinem bessern Wissen und Wollen
Erwünschteres konnte für Gabrielen nichts geschehen als dass sie Ernestos
Führung übergeben ward und von ihm geleitet begann ihr Leben bei der Tante sehr
bald sich beruhigend und erfreulich für sie zu ordnen Bei der Gräfin und
Aurelien brach der Tag wenigstens drei Stunden später an als bei ihr Toilette
und Visiten raubten diesen Damen alle übrige Zeit vor der Mittagstafel es
konnte ihnen daher nicht einfallen Gabrielens Lehrstunden und Übungen zu
unterbrechen und diese behielt also die vollkommenste Musse für sie und für
Ernesto der jeden Morgen mehrere Stunden mit Zeichnen und im Gespräch bei ihr
verweilte
    Er sowohl als die Lehrer welche er für sie gewählt hatte staunten nicht
wenig bei der Entdeckung welche Fortschritte Gabriele schon früher bei ihrer
Mutter in alle dem gemacht hatte was sie ihr von den ersten Anfangsgründen an
lehren zu müssen geglaubt hatten und mehrere von ihnen befanden sich wirklich
mit dieser Schülerin in einiger Verlegenheit Im gewöhnlichen Sinn des Wortes
konnte Gabrielens Erziehung wirklich für mehr als vollendet gelten aber die
Gelegenheit zu ferneren Fortschritten und Übung im schon Erlernten war ihr zu
willkommen um sie nicht aufs beste zu benutzen Übrigens gewöhnte sie sich
durch den Umgang mit ihren Lehrern immer mehr an den mit der Welt und diese
hingegen nahmen wieder recht gern den mühelos erworbenen Ruhm an in
unbegreiflich kurzer Zeit ihre Schülerin so weit gebracht zu haben
    Mit allen lebte Gabriele in der vollkommensten gegenseitigen Zufriedenheit
außer mit ihrem Singmeister einem sehr vorzüglichen Künstler der aber von der
neuen italienischen Methode bezaubert war Er bestand darauf ihre ungewöhnlich
reine biegsame Stimme an alle die immer wiederkehrenden Verzierungen und
Manieren zu gewöhnen mit welchen jetzt manche unsrer berühmtesten Sänger und
Sängerinnen auf Kosten der Melodie und des Ausdrucks ihren Gesang oft so
überladen dass der ursprüngliche Gedanke des Komponisten eigentlich ganz dabei
zu Grunde geht und nur noch das Tempo und die Worte eine große Arie von der
andern unterscheiden Gabriele hingegen war von ihrer Mutter nach der älteren
reinern Methode unterrichtet sie suchte nur den echten Sinn des Gesanges
einfach wahr und gefühlvoll so wiederzugeben als der Meister der ihn
niederschrieb ihn sich dachte und wollte sich auf keine Weise zu jenen
künstlichen Schnörkeleien bequemen Dies gab Anlass zu unzähligen ziemlich
lebhaften Zwistigkeiten zwischen ihr und ihrem Lehrer bei welchen aber Gabriele
nie von ihrer Überzeugung abweichen wollte Glauben Sie sprach sie zu ihm dass
Gluck oder Mozart diese krausen Läufer diese Vorschläge und Triller nicht
hätten vorschreiben können und es auch nicht getan haben würden wenn sie sie
für zweckmäßige hielten Niemanden fällt es je beim Vorlesen ein sich an Göten
oder Schillern durch den eigenmächtigen Zusatz nur eines einzigen Wortes zu
versündigen Sollten die Meister der Tonkunst die so klar ohne Worte zu uns zu
sprechen wissen dass wir sie deutlich verstehen uns weniger heilig sein
Vergebens bekämpfte der Musikmeister diese Meinung seiner Schülerin mit allen
nur ersinnlichen Gegengründen keiner derselben schien ihr bedeutend genug um
ihre eigne Überzeugung umzustossen
    Ernesto war zufällig einmal Zeuge eines solchen Zwistes und da der erzürnte
Sänger ihn endlich zum Schiedsrichter aufrief so erklärte dieser sich mit
wenigen Einschränkungen für Gabrielen Dies beendete wenigstens den Streit aber
der Lehrer seufzte doch jedesmal über den Eigensinn seiner sonst so gelehrigen
Schülerin wenn er gezwungen sich ihrem Willen fügen musste
    Eigensinnig So hatten auch die Tante und Aurelie sie mehreremale genannt
und dennoch war sie es nicht Gabriele scheute nur das Unrecht und war in ihrem
Gemüte bei aller ihrer Furchtsamkeit fest genug um sich durch keine
Überredung von dem abwenden zu lassen was sie für das Rechte anerkannte
sobald sie aber ihren Irrtum einsah war auch niemand bereitwilliger ihn
abzulegen und Ernestos welterfahrnem klarem Sinne gelang es immer sie zum
Bessern zu leiten
    Eines Morgens traf sie dieser in sehr lebhaftem Gespräch mit ihrer
Kammerjungfer Er fürchtete in einer wichtigen Toilettenangelegenheit zu
stören und wollte eben bescheiden sich zurückziehn als er zu seiner großen
Verwunderung entdeckte dass die Rede von nichts geringerem sei als von
Alexanders des Großen Zug nach Indien
    »Um Gotteswillen was hat die kleine hübsche Annette mit dem großen
krummhälsigen Alexander zu tun« fragte Ernesto so wie er mit Gabrielen allein
war Lächelnd erzählte ihm diese wie sie das Mädchen bei allen Stunden ihres
eignen Unterrichts habe im Zimmer mit seiner Handarbeit bleiben heißen und wie
es anfangs aus Langeweile endlich mit wirklicher Teilnahme eifrig zugehört
und vieles gelernt und behalten habe In freien Stunden machte es sich Gabriele
jetzt zum angenehmen Geschäft die oberflächlichen Bruchstücke welche Annette
oft nur halb gehört auffasste in ihrem Köpfchen zu ordnen und sie gründlicher
zu unterrichten Jugendliche Freude am Lehren des eben Erlernten mochten an
diesem Unternehmen wohl vielen Teil haben mehr aber noch der Wunsch dem
artigen Mädchen nützlich zu sein das mit großer Liebe an seiner jungen
Gebieterin hing und sich dabei als eine äußerst gelehrige Schülerin bewies
    »Sie glauben da etwas recht Vortreffliches zu stiften liebe Gabriele«
sprach Ernesto zu seiner jungen Freundin »ich aber fürchte Sie bereiten dem
armen Mädchen eine traurige Zukunft Lassen Sie sich freundlich von mir warnen
und an Annettens einstige Bestimmung errinnern Wahrscheinlich wird sie die Frau
eines Handwerkers wenn es hoch kommt eines Krämers oder eines untergeordneten
Beamten höheres darf sie nicht erwarten und heiraten wird sie doch wollen
denn das will jedes Mädchen Und nun denken Sie sich Annetten mit der geistigen
Bildung die Sie ihr zu geben im Begriff stehen ein Paar Kinder um sie her
eine große Wäsche im Hause und auf dem Heerde das Mittagsmahl für ihren Mann
und vielleicht für noch ein Dutzend Gehülfen bei seinem Gewerbe«
    »Und warum sollte ich sie mir so nicht denken können« unterbrach ihn
ziemlich lebhaft Gabriele »warum sollte diese geistige Bildung sie in der
Übung ihrer Pflicht hindern Sagt man mir doch es stünden oft die
geistreichsten Männer in Aemtern welche ihrem Genius gerade entgegen streben
ohne dass weder ihre Pflicht noch ihr Talent darunter leiden«
    »Sie vergessen oder vielmehr Sie wissen noch nicht liebe Gabriele wie
viel günstiger das Loos der Männer als das der Frauen fiel« erwiderte Ernesto
»wie viel Freiheit Jenen außer dem Hause bleibt und wie schneckenartig diese
das ihrige immer mit sich herumtragen müssen wenn Reichtum sie nicht von den
drückendsten Banden befreit Sie kennen den Mittelstand nicht« fuhr er fort
»Ihr vornehmen Leute kennt ihn überhaupt alle nicht bittere Armut das höchste
Elend so wie alle Extreme kann Eure Fantasie Euch allenfalls malen Mitleid
führt Euch auch wohl ein paarmal in Eurem Leben in Hütten aus denen Ihr mit
einer Hand voll Eures überflüssigen Goldes alle Not verbannt aber das
beschränkte Wesen von Menschen welche einen sogenannten kleinen Haushalt führen
müssen bleibt Euch ewig verborgen Ich aber kenne es denn Künstler und
Handwerker sind einander im Leben näher verwandt als unser Hochmut es
eingestehen will Schütteln Sie nicht so vornehm das Köpfchen liebe Gabriele
es bleibt dennoch wahr beide haben gleiche Hilfsmittel und oft gleiche Not
Von dieser bezwungen sinkt der Künstler in unsern Tagen nicht selten zum
Handwerker herab dafür aber erstanden auch in frühern Zeiten viele große
Meister aus der engen Werkstatt des Handwerkers«
    »Aber gerade den Mittelstand dachte ich mir immer als den glücklichsten«
wandte Gabriele das Gespräch wieder zurücklenkend ein »Mann und Frau jeder
auf seine Weise bringen den Tag im emsigen Bemühen für das Wohl der Ihrigen zu
Die Ruhestunden führen sie Abends wieder zusammen sie erzählen einander die
Geschichte ihres wohlgelungenen Tagewerks und vergessen alle Mühe des Lebens
beim gemeinschaftlichen Lesen eines Buchs das ihren Geist aus dem
WerkeltagsStaub wieder erhebt Bei Musik im geistreich erheiternden Gespräch
beim Zauber der Poesie schwinden ihnen die Feierstunden und jedes geht am
folgenden Morgen frisch und fröhlich an die Arbeit und freut sich den ganzen Tag
über auf den Abend«
    »Sie malen da ein Bild das Ihrer Fantasie alle Ehre macht« sprach lächelnd
Ernesto »leider aber ist es im wirklichen Leben ganz anders Wenn Sie die
höhere Klasse des Mittelstandes meinen zu welcher der reiche angesehne große
Kaufmann der wohlhabende auf den ersten Stellen stehende Beamte gehören so
haben sie Recht dort ist es zuweilen so und könnte es immer sein Aber zu den
niedrigern Klassen in welchen Annette einst leben wird passt dieses nicht
Können Sie sich wirklich einen Schneider oder Tischler denken der das Leben
führte welches sie eben geschildert haben und setzen sie selbst den Fall dass
Annette einen untergeordneten Beamten oder einen Landprediger heiratete Was
diese Männer auf Universitäten an geistiger Bildung vielleicht gewannen geht
gewöhnlich in überhäufter Arbeit und Nahrungssorgen wieder zu Grunde was sie
von geistiger Unterhaltung brauchen gewähren ihnen die politischen Weltändel
und Abends verlangt der abgemattete Mann nur nach einer guten Suppe während die
Frau ihrerseits auch froh ist wenn sie die Kinder erst zur Ruhe weiß«
    »Meine arme Annette« rief Gabriele dazwischen »Und nun die Frau Basen die
Frau Gevattern« fuhr Ernesto fort »von diesen Leuten hat ein hochgebornes
Fräulein wie Sie sind keinen Begriff Familienbande sind im eigentlichen
Bürgerstande viel fester und dabei weiter umfassend als in dem Ihrigen Was mit
einander in irgend einem Grad von Verwandtschaft steht muss an Ehrentagen und
bei Kaffeevisiten zusammen kommen da gilt keine Ausnahme Und nun denken Sie
sich die hochgebildete Annette in einer solchen Gesellschaft Die gelehrte Frau
Meisterin welche französisch und italienisch kann von den Griechen und Römern
zu reden weiß und dabei vielleicht einmal den Festkuchen verbrennen ließ wie
würde es ihr ergehen wie müsste ihr selbst in diesen Umgebungen zu Mute werden
und welche Qual wäre es für sie den ewig unbefriedigten Hang zum Höhern zum
geistig Schönen mit sich herum zu tragen während sie den ganzen Tag arbeiten
müsste um ihr Hauswesen zu beschicken und bei noch unerwachsenen Kindern selbst
Nachts auf keine sicher ruhige Stunde rechnen könnte Ihr Mann mag sie noch so
herzlich lieben er mag noch so gut und brav in seiner Art sein er wird doch in
geistiger Hinsicht immer tief unter ihr stehen und oft gar nicht wissen was
sie meint wenn sie von etwas anderm als dem ganz Alltäglichen mit ihm zu
sprechen versucht«
    »So sehe ich denn keine Rettung für meine arme Annette als dass sie immer
bei mir bleibt« rief schmerzlich bewegt Gabriele »Nichts hat je mein innigstes
Mitleid mehr erregt« fuhr sie fort »als wenn ich las wie Jean Paul das
vernähte verwaschne verkochte Leben der armen Weiber schildert die nur einmal
im sonnenhellen kurzen Tage der Liebe ihr Haupt erhoben und dann mit beraubtem
Herzen auf ewig in die Tiefe versinken Ich hoffte es könne in der Wirklichkeit
anders sein Sie Ernesto lehren mich das Gegenteil ich traue Ihrem
erfahrnen weltklugen Sinn aber ich möchte darüber weinen dass der größte Teil
meines Geschlechts so elend sein muss«
    »Sie gehen in Ihrem Eifer wieder zu weit gute Gabriele« sprach Ernesto
»gerade wie an jenem ersten Abend bei den Tableaus Erinnern Sie sich noch wie
Sie um einiger unschuldigboshafter Anmerkungen willen die ganze Gesellschaft
für lauter maskirte Tigerkatzen ansahen und doch haben Sie jetzt schon
gefunden dass ich Recht hatte indem ich Sie versicherte dass jene Leute
wirklich so übel nicht sind und dass sie ihrer Lust am Medisiren unbeschadet
für Unglückliche nicht nur einen Dukaten in der Hand sondern sogar eine Träne
im Auge in Bereitschaft halten wenn man ihnen den Jammer nur recht deutlich zu
machen versteht So wie damals die Verderbnis der Welt so denken Sie sich jetzt
das Unglück sich nicht auf Ihre Weise des Lebens freuen zu können wieder viel
zu groß Und nehmen Sie denn die Mutterfreuden welche eine HandwerkersFrau
eben so gut empfindet als eine Gräfin für gar nichts für nichts das Gelingen
in ihrem Hauswesen die treuherzige ehrliche Liebe eines guten wenn gleich
nicht geistig gebildeten Mannes Selbst bei Ihrem Jean Paul können Sie des
Trostes genug finden gegen die eine Stelle welche Sie anführten will ich
Ihnen zwanzig andere zeigen wo er die Freuden dieser Frauen an schönen neuen
Hauben und Kleidern an festlichen Gastereien an einem wohleingerichteten
Hausstande eben so wahr schildert als ihr mühseliges Alltagsleben Rauben Sie
Ihrer Annette nur nicht die Fähigkeit an dem Glück sich genügen zu lassen das
ihrem Stande gebührt Entbehrt sie die Freuden höherer Bildung so entgeht sie
auch vielen aus ihr entspringenden Schmerzen und es ist noch immer nicht
entschieden wohin die Wage sich neigt«
    »Soll ich sie denn so ganz ohne allen Unterricht lassen« fragte Gabriele
»Lehren Sie sie richtig deutsch schreiben und sprechen« war Ernestos Antwort
»aber um des Himmelswillen keine fremden Sprachen die sie nur dazu bringen
könnten sich über ihres gleichen zu erheben Annette wird in Deutschland leben
und sterben und sollte ein seltenes Geschick sie ins Ausland versetzen so
lehrt Not nicht nur beten sondern auch englisch und französisch Lassen Sie ihr
artiges Stimmchen mit den Waldvögeln um die Wette singen aber wie diese ohne
Noten und ohne Guitarre Mann und Kinder werden sich an ihren Liedern doch
ergötzen Von Alexander dem Großen und seines gleichen braucht sie vollends
keine Sylbe zu wissen um eine tätige freundliche Hausfrau zu werden deshalb
kann sie aber doch Sonntags manches gute Buch beim Strickstrumpf lesen das
ihren literarischen Horizont nicht übersteigt und wenn es sein muss bei
Lafontaines rührenden Geschichten ihr bittersüßes Tränchen weinen obgleich
ich ihr gerade diese am wenigsten anpreisen möchte«
    »Aber Annette hat doch so viel Anlagen« wandte halb besiegt Gabriele ein
    »Sie ist auch hübsch und wohlgewachsen« erwiderte schnell Ernesto »Wollen
Sie sie deshalb in die kostbarsten feinsten Stoffe kleiden die eine schöne
Gestalt am vorteilhaftesten bezeichnen Liebe Gabriele« fuhr er fort »alle
Welt schreit jetzt über den alles entnervenden äußern Luxus in unsrer der
höchsten Kraft bedürftigen Zeit ich aber halte den geistigen Luxus für weit
gefährlicher mir graut weit mehr wenn ich die Töchter unsrer wohlhabenden
Handwerker in französische Schulen als wenn ich ihre Mütter in gestickten
Kleidern gehen sehe Schöne Kleider lassen sich allenfalls erwerben und
bezahlen wie aber setzt man ein durch halbes Wissen verdrehtes Köpfchen wieder
zurechte«
    »Und doch redeten Sie noch gestern Abend bei der Tante allem Luxus gar sehr
das Wort« wandte lächelnd Gabriele ein
    »Das tat ich und werde es immer tun« antwortete Ernesto »aber nur bei
denen welche Zeit und Geld genug dazu haben Alles was wir zu besitzen
streben ohne es zu brauchen ist Luxus aber in unsern Tagen ist vieles
Bedürfnis geworden was noch vor dreißig Jahren Luxus war Auch sprach ich jetzt
gar nicht vom äußeren Luxus denn jedes Kind weiß dass wir ohne ihn wieder zum
eichelnessenden Naturzustande unsrer Vorfahren herabsänken Ich spreche vom
innerlichen geistigen den sollen und müssen die Reichen freilich treiben Was
würde sonst aus Autoren Verlegern und aus Künstlern wenn niemand ein Buch oder
ein Kunstwerk kaufte als wer Freude und Genuss davon hat Sehen Sie nur ihre
Tante an die treibt den rechten geistigen Luxus und ich kann sie darum nicht
genug loben und ehren denn sie hat Geld und Zeit im Überfluss Für sich bedarf
sie weder Bücher noch Kunstwerke weder Gelehrte noch Künstler zum Umgange im
Gegenteil sie sind ihr alle recht lästig dennoch kauft sie die ersteren
bereitet den zweiten ein angenehmes Dasein und ahnt nicht einmal wie viel
Gutes sie damit stiftet Aber eine Frau des arbeitenden Mittelstandes darf ihr
das nicht nachtun Wenn eine solche Bildchen malt Guitarre spielt und Lektüre
treibt so verschwendet sie wenigstens die Zeit welche ihrem Haushalt gehört
und oft köstlicher als Gold ist obendrein bereitet sie sich eine traurige
Existenz weil sie gegen ihren ihr bestimmten Kreis anstrebt von welchem sie
sich doch nicht losreißen kann Darum liebe Gabriele bitte ich Sie nochmals
versuchen Sie es nicht aus einer niedlichen Wiesenblume eine Prachtpflanze zu
ziehen die in dem rauen Klima zu Grunde gehen müsste in welchem sie in ihrem
natürlichen Zustande recht ergötzlich blüht Lehren Sie Annetten weder
französisch noch italienisch und sagen Sie ihr kein Wort mehr von Alexander dem
Großen«
    Gabriele versprach endlich ihrem erfahrnen Freunde zu folgen obgleich mit
innerem Widerstreben denn er hatte nur ihren Verstand aber nicht ihr Gemüt
besiegt obendrein erschwerten ihr sowohl Annettens Eitelkeit als ihre
wirkliche Lust am Lernen diesen Entschluss aber sie blieb ihm treu nicht nur
weil sie es versprochen hatte sondern auch weil sie einsah dass es wirklich so
besser sei
Ottokar blieb noch immer Gabrielens Hausgenosse Als den Sohn eines
entferntlebenden aber mit ihrem Gemahl innigst verbunden gewesenen Freundes
hatte die Gräfin Rosenberg ihn dringend eingeladen in ihrem sehr geräumigen
Hause bei ihr zu wohnen so lange er in der Stadt verweilen musste in welcher er
seine nahe Anstellung zu einem Gesandtschaftsposten erwartete Aus den wenigen
zu seinem dortigen Aufenthalt bestimmt gewesenen Wochen wurden Monate ohne dass
weder er noch seine gastlichen Freundinnen es zu bemerken schienen Ottokar
befand sich zu wohl in ihrer Nähe um über dieses Zögern der Entscheidung seines
Schicksals in Ungeduld zu geraten Die Gräfin sowohl als Aurelia hatten
ebenfalls ihre eignen triftigen Gründe ihn gerne bei sich zu sehen und so
lebten alle drei in großer Zufriedenheit neben einander hin ohne die Tage zu
zählen
    In der ersten Zeit sah Gabriele Ottokarn weit seltener als sie es im Stillen
gehofft und gefürchtet hatte denn der geselligen Abende im Hause ihrer Tante
gab es jetzt sehr wenige
    In großen Städten tritt zwar nie eine gänzliche Ebbe der Vergnügungen ein
aber oft eine alles mit sich fortreissende Flut während welcher Feste an Feste
sich reihen und die Zahl der Tage für alle kaum hinreichen will Solch eine
Flut fiel gerade in die Zeit wo Gabriele noch nicht öffentlich erschien
Bälle große Soupers auffallende teatralische Neuigkeiten zogen die Gräfin und
ihre Tochter an jedem Abende aus dem Hause ohne ihnen Zeit für ihre eignen
Zirkel zu lassen und auch Ottokar ward von dem Strome mit fortgerissen
Gabrielen entging dadurch jede Gelegenheit ihn anders als an der Mittagstafel
zu sehen und auch an dieser vermisste sie ihn oft Sowohl seine persönliche
Liebenswürdigkeit als seine äußern Verhältnisse zogen ihm vielfältige
Einladungen in andern Häusern zu und die Gräfin hielt ihn nie davon zurück
solche anzunehmen Sie blieb auch in Hinsicht seiner ihrem Systeme treu keinen
ihrer Gäste in seiner Freiheit zu beschränken denn Erfahrung hatte sie gelehrt
dass dies der sicherste Weg sei sie immer fester an sich zu binden
    Mit gewaltigem Herzklopfen hörte Gabriele jedesmal die Stunde schlagen
welche sie in den Speisesaal rief ihre sonst ziemlich überwundne ängstliche
Blödigkeit kehrte dann mit verdoppelter Gewalt zurück und nur heimlich wagte es
ihr Blick unter den Anwesenden nach Ottokar zu suchen Stumm und traurig nahm
sie ihren Platz ein wenn er abwesend war die Unterhaltung rauschte unbeachtet
an ihr vorüber und nur Aureliens lustiger Übermut versuchte es zuweilen sie
hinein zu verflechten Die Übrigen mit Stadtgesprächen beschäftigt schienen
fast gar nicht sie zu bemerken Ohnehin war die Gesellschaft nie zahlreich die
Gräfin liebte keine Diners sie schimmerte lieber bei Kerzenschein und auch
Ernesto war ein seltener Gast an ihrem Tische
    Ganz anders aber gestaltete sich die Unterhaltung wenn sie durch Ottokars
Gegenwart belebt ward Mit Entzücken sah dann Gabriele wie alles in seiner Nähe
sich veredelte wenn sie auch dabei bald hochrot erglühte bald blütenweiss
erblasste und ihr Herz sich zitternd in ihrer Brust bewegte Es konnte ihr nicht
entgehen dass Alle strebten sich vor ihm vom Gemeinen entfernt zu halten und
ihn offenbar als den Ersten unter sich anerkannten obgleich er mit der
anspruchlosesten Bescheidenheit sich über keinen zu erheben suchte Sein Platz
an der runden Tafel zwischen der Gräfin und Aurelien war dem von Gabrielen
gerade gegenüber Ihr entging fast kein einziges seiner Worte und wenn er im
Gespräch sich gegen seine Nachbarinnen wendete so konnte sie dem freundlichen
Strahlen seiner Augen dem anmutigen Spiel seiner Gesichtszüge zusehen ohne
dass jemand es bemerkte Oft wünschte sie recht sehnlich dass er auch an sie mit
freundlichen Worten sich wenden möge und wenn er es tat so raubte süßes
Erschrecken ihr den Atem zur Antwort Ottokar konnte nicht umhin ihre ewige
Verlegenheit zu bemerken er sah dass sie auch mit den übrigen Anwesenden nur
dann sprach wenn sie gefragt ward und immer in möglichst wenigen Worten Er
schrieb ihr Benehmen einzig der unüberwindlichen Furchtsamkeit zu die er an
einem so jungen in der tiefsten Einsamkeit erzogenen Mädchen sehr natürlich
fand und begnügte sich endlich aus Mitleid mit ihrer Angst sie nur mit einem
freundlichen Lächeln zu begrüßen ohne sie ferner durch Anreden in Verlegenheit
zu setzen
    Gabriele bemerkte dies ohne zu wissen ob sie sich darüber freue oder
betrübe Immer mehr verstummte sie in seinem Beisein und strebte nur nichts von
dem zu verlieren was er zu den Übrigen sprach Ihr war dabei als ob er
dennoch nur sie damit meine als wenn nur sie den Sinn seiner Rede vollkommen
verstünde weil nur sie so an jedem seiner Worte hing denn die andern konnten
doch manches zuweilen achtlos überhören Jeder seiner Gedanken war wie aus ihrer
tiefsten Seele herausgesprochen bei jedem vorkommenden Gegenstande fühlte sie
im voraus wie er sich darüber äußern würde und doch war und blieb sie die
Einzige zu der er niemals mit Worten sich wendete
    Träfe er mich nur einmal im Zimmer allein dann müsste er doch zu mir reden
ich hätte gewiss dann auch den Mut ihm zu antworten und alles wäre anders So
dachte sie oft während alles blieb wie es war
    Auch wusste sie nicht was denn eigentlich anders werden solle Ihre Wünsche
ihre Hoffnungen schwammen formlos vor ihrem sonst so klaren Sinn aber tief in
ihrem Gemüt herrschte eine unaussprechliche Sehnsucht nach jenem seligen
Moment ohne dass ihr nur von ferne der Gedanke kam ihn auf irgend eine Weise
herbeiführen zu wollen
    Keiner von denen welche sie kannte schien ihr würdig an Ottokars Seite zu
stehen selbst Ernesto nicht in dessen hellem scharfem Blick sie die milde Güte
oft vermisste durch welche Ottokar ihr vor Allen liebenswert erschien und so
stieg dieser nach jedem Wiedersehen immer höher in ihrer Verehrung und ihr
Anerkennen seines seltenen Wertes ward immer demütiger
    In ihrem einsamen Zimmer rief sie sich jedes seiner Worte jede seiner
Bewegungen zurück aber sie vermochte es nie vor andern seinen Namen zu nennen
selbst nicht vor der sich immer fester an sie schliessenden Auguste von
Willnangen Es betrübte sie sie schalt sich undankbar wenn es ihr unmöglich
war das herzliche Vertrauen im gleichen Maß zu erwidern mit welchem diese
mädchenhaft traulich sie auf den tiefsten Grund ihres Herzens blicken ließ
Aber sie war an das Leben mit einem Wesen gewöhnt das ohne Worte sie verstand
und dessen jetzt ruhendes Herz sonst mit dem ihrigen in stetem Einklange schlug
wie zwei gleichgestimmte Saiten die nur eines Hauches bedürfen um zugleich im
nämlichen Tone zu erbeben Es blieb ihr unbegreiflich dass nicht Ernesto Frau
von Willnangen deren Tochter dass nicht alle nur von Ottokar sprachen dass sie
ihn nicht alle als den Einzigen Seltnen laut anerkannten wie er ihr schon beim
ersten Anblick auf der Reise erschienen war Aber da jedermann schwieg so
verstummte auch sie
    Nur in der stillen Nacht ergoss sich ihr volles Herz in dem Tagebuche
welches sie schon früh zu führen gewöhnt worden war und in welchem sie von
jeher alles Merkwürdige aus ihrem äußern und innern Leben oft nur in kurzen
Sätzen niederschrieb Oft glaubte sie bei dieser einsamen Beschäftigung die
beseligende Nähe des Geistes ihrer Mutter zu fühlen der ihrer Überzeugung
nach als schützender Engel sie umschwebte Dann redete sie die Mutter als noch
lebend an ihr und den Blättern ihres Tagebuchs vertraute sie allein das
glühende Gefühl welches sie jetzt allmächtig beherrschte dem sie immer
wehrloser sich hingab weil sie es nicht erkannte Ottokar ward gar bald durch
das Schreiben von ihm zum Geschöpf ihrer jugendlichen Fantasie zu einem
himmlischen Gebilde er stand in einer Glorie vor ihrem Sinne zu welcher sie
ihm selbst die Strahlen lieh ohne sich dessen bewusst zu werden
    Alles was wir in der Einsamkeit dem Papier vertrauen übt dadurch
tausendfache Gewalt an uns Liebe Freude vor allem der Schmerz Wir selbst
schärfen bei dieser stillen Beschäftigung jeden Stachel des Lebens wir drücken
ihn immer tiefer in das wunde Herz während wir uns alles verhehlen was ihn
sänftigen könnte Und so kommen wir bald dahin in fruchtlosem Mitleid mit uns
selbst zu vergehen und kein Strahl aus der helleren Wirklichkeit erleuchtet
mehr die sternlose Nacht die wir selbst immer dichter und dichter um uns und
unser Geschick ziehen
    So war es auch mit Gabrielen aber keiner von den Wenigen die an ihr Teil
nahmen konnte vor dieser Gefahr sie warnen denn allen blieb sogar das Dasein
ihres Tagebuchs ein Geheimnis und musste seiner Natur nach es bleiben
Alle Abende an denen Feste und Lustbarkeiten ihre Hausgenossen entfernt
hielten brachte Gabriele bei der Frau von Willnangen zu Das Gefühl mit
welchem die edle Frau zuerst der Tochter Augustens entgegen kam hatte sich bald
in wahrhaft mütterliche Liebe zu dem verwaisten Mädchen umgewandelt und oft
betrachtete sie es mit ängstlicher Sorge Ihrem tief eindringenden Blick entging
es nicht dass Gabriele von einer einzigen vielleicht ihr ganzes künftiges
Dasein bestimmenden Empfindung beherrscht ward aber vergebens strebte sie den
Gegenstand ihrer jugendlichen Neigung zu entdecken denn bis jetzt hatte sie in
Ottokars Gegenwart sie fast nie gesehen auch kannte Frau von Willnangen
Letzteren ohnehin nur oberflächlich da er so ganz zu den nächsten Umgebungen der
Gräfin Rosenberg gehörte Ahnendes Vorgefühl ließ sie wenig Erfreuliches für
Gabrielens Zukunft hoffen desto fester aber begründete sich der Vorsatz in
ihrem Gemüt dieses so vereinzelt und hilflos dastehende anmutige Wesen in
keinem des Trostes bedürfenden Moment zu verlassen und bei Gabrielen wie
ehemals bei Ferdinand an die Stelle der früh verklärten Auguste zu treten so
viel die Möglichkeit dies erlaubte
    Im nähern Umgang mit ihrer welterfahrnen Freundin ward Gabrielens Blick in
das Leben allmählich immer mehr erweitert Blieb sie allein mit ihr und
Augusten so verlebte sie Abende während welchen sie sich in ihre frühere Zeit
auf Schloss Aarheim wieder versetzt glaubte Musik gemeinschaftliches Lesen
vertraulich heitres Gespräch und Übung mancher weiblichen Kunst liehen den
Stunden dann Flügel Oft aber erweiterte sich auch der kleine Kreis durch das
Hinzukommen mehrerer Freunde der Frau von Willnangen und freie frohe
Mitteilung belebte dann die kleine Gesellschaft Gabriele fühlte sich in ihr
weit heimischer als im Hause ihrer Tante aber sie vermochte es doch noch nicht
ihr zurückhaltendes Wesen im Beisein Mehrerer ganz abzulegen und blieb darum
gewöhnlich nur eine stumme wenn gleich fröhlich teilnehmende Zuhörerin
    So verging der Anfang des Winters immer näher kam das neue Jahr welches
bestimmt war Gabrielen diesen stilleren Freuden zu entreißen um sie in größere
Zirkel einzuführen Sie sah ihm deshalb mit bangem Widerstreben entgegen
    Eines Abends ward die Gesellschaft weit größer und glänzender als
gewöhnlich viele die sonst mitten im Geräusch lebten und selten Frau von
Willnangen besuchten traten nach und nach in ihr Zimmer denn ein ungewöhnlich
spät anfangender Ball ließ ihnen zufällig den Abend frei und sie benutzten
diese Gelegenheit sich vorher hier zu versammeln wo sie die Frau vom Hause
immer zu finden gewiss waren Unter mehreren Personen welche Gabriele schon im
Hause ihrer Tante gesehen hatte erkannte diese vorzüglich die Gräfin Eugenia
und den jungen Mann welcher den Antonius vorgestellt hatte ganz zuletzt kam
auch Ernesto hinzu und mit ihm Ottokar
    Frau von Willnangen wurde Gabrielens Erschrecken bei Ottokars Eintritt ihr
hohes Erröten und eben so plötzliches Erbleichen gewahr und das bis dahin
vergebens gesuchte Geheimnis des jungen Herzens lag nun entschleiert vor ihrem
Blick Ihre Ansicht von Gabrielens Zukunft klärte sich auf denn ohne Ottokarn
genau zu kennen wusste sie doch genug von ihm um ihn günstig zu beurteilen
Zum erstenmal fiel es ihr ein dass er und Gabriele in einem Hause lebten dass
die ihr eigne Liebenswürdigkeit bei diesem steten Zusammensein sich ihm
offenbaren müsse und dass auch er von ihr sich bald mächtig angezogen fühlen
würde schien ihr gewiss Sie beschloss daher von nun an Ottokarn genauer zu
beobachten und keine Gelegenheit dazu entschlüpfen zu lassen Der Gedanke
Gabrielen recht bald unter dem Schutz am liebenden Herzen eines edlen Mannes zu
sehen war ihr zu tröstend zu erfreulich als dass sie sich nicht hätte geneigt
fühlen sollen auf das Tätigste dazu mitzuwirken sobald die Gelegenheit sich
darbot Fürs erste aber wollte sie sich auf bloßes Bemerken beschränken
    Das Gespräch wandte sich diesen Abend sehr bald wieder auf die Tableaus bei
der Gräfin Rosenberg Als die ersten und bis jetzt einzigen welche man hier
gesehen hatte waren diese Darstellungen noch unvergesslich und in den
Gesellschaften ward viel herüber und hinüber preisend und tadelnd darüber
gesprochen Gräfin Eugenia fand es seit jenem Feste für gut überall so wie
hier als die erklärteste Widersacherin dieses neuen geselligen Vergnügens
aufzutreten »Ich war herzlich froh« sprach sie »als ich einen schicklichen
Vorwand ersonnen hatte mich von der Teilnahme davon loszumachen Nie hätte ich
es ausgehalten mich bewegungslos von mehr als hundert Augen anstarren zu
lassen dazu gehört ein Grad von Mut welchen ich mich wenigstens nicht rühmen
darf zu besitzen«
    »Und doch waren Sie so gütig uns auf unserm Privatteater recht oft durch
ihre Erscheinung zu entzücken« wandte mit einer höflichen Verbeugung der
Antonius jenes Abends ein »Das ist ja ganz etwas anderes« erwiderte Eugenia
»dort auf den Bretern bin ich nicht mehr ich die Dichtung die Kunst reißen
mich hin ich sehe die Zuschauer und ihre Blicke nicht mehr Überdem gehört ein
gewisses Talent dazu um auf der Bühne aufzutreten aber schön geputzt einige
Minuten bewegungslos dastehen kann jedes Gänschen vom Lande wenn es nur hübsch
ist«
    »Vor allen Dingen ist der hohe Grad von Eitelkeit und Leichtsinn wohl zu
erwägen welcher dazu gehört sich in fantastischer oft unanständiger ja sogar
heidnischer Kleidung zur allgemeinen Bewunderung hinzustellen« sprach langsam
bedächtig ein Fräulein Silberhain Diese junge Dame stand schon seit einiger
Zeit auf der zweiten Gränze ihres Lebensfrühlings Früher war sie eine
Naturphilosophin jetzt wandte sie sich zur Frömmigkeit weil diese moderner
ist aber sie hatte Schelling und Thomas a Kempis in ihrem Köpfchen noch nicht
recht zu einigen gewusst und warf daher Redensarten aus beiden im Gespräch
verwirrt und wunderlich durcheinander Übrigens hing ein fein gearbeites
Kruzifix an einer goldenen Kette von ihrem Halse herab ein zweites krümmte sich
sehr widerwärtig zu einem Ringe an ihrer Hand und ihre gemessenen Worte
drängten sich mühsam durch die kaum geöffneten fast regungslosen Lippen
    »Ich begreife nicht wie man um so nichtigen Zweck seine Identität zu opfern
vermag« fuhr Fräulein Silberhain in ihrer Rede fort »wie kann ein in seinen
tiefsten Tiefen vom Höchsten erfülltes Gemüt so ganz dieses vergessen und dem
prunkenden Schimmer irrdischer Vergänglichkeit huldigen Die Stille des Gemüts
das beseligende Gefühl dessen was unser Eins und Alles sein soll müssen ja in
der aus Tand und flüchtigen Glanz entstehenden Verblendung auf lange von uns
weichen und der verirrte Sinn braucht vielleicht viele Monate ehe er wieder
zur anschauenden Klarheit gelangt«
    »Hätte ich nur einen recht schönen türkischen Shawl gehabt ich wäre für
mein Leben gern dabei gewesen wenn ich auch nur ein ganz unbedeutendes
Nebenpersönchen hätte vorstellen sollen und was wetten wir mein frommes
gelehrtes Schwesterchen würde sich unter dieser Bedingung auch wohl dazu haben
bewegen lassen« rief überlaut das sehr junge Fräulein Fanny Silberhain indem
es sich lachend hinter Gabrielen vor den zürnenden Blicken der viel älteren
Schwester verbarg
    »Allerdings« sprach ein ansehnlicher schwarz gekleideter Mann »allerdings
wüsste ich wenigstens keine bessere Gelegenheit um sowohl jene kostbaren Hüllen
als überhaupt alle Pracht der Gewänder und auch körperliche Vorzüge ins schönste
Licht zu stellen als solche Tableaus Bei Maskeraden verlieren die
ausgesuchtesten Masken sich im Gewühl und obendrein verhüllen die hässlichen
Larven das Gesicht hier aber wird uns der ungestörteste Genuss der Anschauung
des Schönen verbunden mit der aestetischen Freude an dem Kunstwerk welches
gleichsam ins Leben gerufen vor uns tritt«
    »Echte Freude an der Kunst ist allemal religiös hier aber Herr Professor
sehe ich nur die traurige Erscheinung ungebändigten Weltsinns und unverhüllter
Eitelkeit« sprach sanftmütig zürnend das Fräulein mit dem Kruzifix
    »Erlauben Sie indessen meine Gnädige« erwiderte der Professor »dass ich
Sie daran erinnere wie untrennbar die Neigung zur Eitelkeit von jeder höheren
Natur ist die man die organische zu nennen pflegt bemerkt man sie doch sogar
an einigen der edleren Tiergattungen Sie ganz ausrotten zu wollen wäre eben
so vergeblich als schädlich so wie alles was gegen die Natur anstrebt Es ist
vielleicht unschicklich hier den nackten Wilden als Beweis wie tief der Hang
zum Putz in unserem Wesen liegt anzuführen der sich tattowirt und mit grellen
Farben bemalt um sich zu verschönern aber blicken Sie nur um sich her Sie
finden bei Reichen und Armen dasselbe nur anders gestaltet Dass man sich schön
geschmückt auch Andern gerne zeigt ist ebenfalls natürlich und war es vom
Anbeginn der Welt Damals als Weichlichkeit und Prachtliebe das alte Rom seinem
Untergange näher führten war es unter den vornehmen Römerinnen gebräuchlich
sich wenn sie einander besuchten nicht nur auf das herrlichste zu schmücken
sondern sich auch durch ihre Sklavinnen mehrere reiche Gewänder und Schmuck
nachtragen zu lassen die sie im Hause der den Besuch empfangenden Dame alsdann
sich anlegen ließ wie Sie alle meine Gnädigen aus der weltberühmten
Anekdote der Mutter der Grachen längst wissen werden Man behauptet dass diese
Sitte auch unter den allen männlichen Augen verborgen lebenden vornehmen
Frauen des Orients noch heut zu Tage im Schwange sei Aber wie ärmlich wie
unbequem wie ungraziös selbst erscheint diese Art von Schaustellung gegen eine
Reihe von Tableaus welche die glücklichste Wahl unter den Kostüms aller Völker
aller Jahrhunderte frei lassen Die Pracht der Steine und der Gewänder erscheint
in ihnen nur als das begleitende Attribut der Schönheit des geistreichen
Ausdrucks und der anmutigsten Stellungen und wir können es in der Tat der
Gräfin Rosenberg nicht genug verdanken dass sie mit diesem erhöhten Genuss uns
bekannt machte«
    »In welchen wunderlichen Zeiten leben wir ein Professor muss gegen Damen die
Eitelkeit in Schutz nehmen« rief ein alter Herr
    »Mich dünkt wir leben in einer in dieser Hinsicht recht verständigen Zeit
in welcher man endlich einmal aufhört die Frauen allein eines Fehlers zu
beschuldigen den ich am liebsten eine Tugend nennen möchte« erwiderte schnell
Ottokar »Wir Männer mögen uns noch so weise anstellen« fuhr er lächelnd fort
»wir sind eben so wenig frei von ihm als die Frauen und ich danke Gott dafür
Der Hang zum Gefallen erscheint mir als die Würze des geselligen Lebens als die
Wurzel aller seiner Freuden und Tugenden die ohne ihn zu Grunde gehen müssten
Man täte ja am besten in Höhlen und Wälder zu ziehen wenn niemand mehr das
Bestreben zeigen wollte liebenswürdig zu erscheinen und sogar durch den bloßen
Anblick zu gefallen«
    »Sollte denn aus diesen Tableaus über welche wir so viel streiten nicht
auch für die Kunst manches Gute entstehen können« fragte Auguste von
Willnangen
    »Dochwohl nur indem sie mehr Teilnahme an ihr und ihren Erzeugnissen
aufregen« erwiderte Ottokar »sonst glaube ich nicht dass sie in dieser
Hinsicht von großem Nutzen sind Sie bleiben doch nur die Kopie einer Kopie der
Natur und zwar eine unvollkommne denn vieles muss aus jedem Gemälde hier
wegbleiben das doch durchaus dazu gehört die Hintergründe die Architekturen
die Landschaften das Gewölk«
    »Eine angenehme gesellige Unterhaltung zur Abwechselung mit den ewigen
Charaden und Sprichwörtern scheinen sie mir doch wenigstens zu bieten« sprach
Frau von Willnangen »auch hoffe ich sollen sie dazu beitragen die unseligen
Jeux desprit aus der Gesellschaft zu verbannen in welchen der arme Geist so
gemartert wird um zu erscheinen dass er sich endlich ganz in Langeweile
auflöst Nur tut es mir leid dass die Vorbereitungen zu Tableaus für die kurze
Dauer ihrer Erscheinung zu viel Zeit und Mühe kosten«
    »Alles lässt sich vereinfachen« erwiderte Ernesto »und ich getraue mir mit
sehr wenigen Vorrichtungen ganz aus dem Stegreif dennoch manches Ergötzliche
in dieser Art Ihnen vorzuführen Wir brauchen zum Beispiel nur diese Flügeltür
auszuheben einen Vorhang vorzuhängen eine große spanische Wand dahinter zu
stellen und wir haben das Lokal dazu Einige große Lampen oder ein Paar
Dutzend zu einer Fackel vereinigte Wachslichter und die Beleuchtung ist fertig
Schminke und etliche falsche Bärte für die Herren sind bald herbeigeschaft und
wenn die Damen ihre schönen Schawls zur Garderobe herleihen wollen so lässt sich
mit diesen wenigen Requisiten schon manch guter und glänzender Effekt
hervorbringen Auch für die Kunst selbst könnte auf diese Weise Bedeutendes
geschehen wenn die Gesellschaft einem Künstler erlaubte mit ihrer Hilfe nicht
bloß schon vorhandene Gemälde nachzubilden sondern seine eignen Gedanken die
oft noch beinah formlos ihm vorschweben auszuführen Manches erfreuliche
Kunstwerk könnte diesem Spiele seine Entstehung verdanken wenn ein talentvoller
Künstler auf diese Weise gleichsam ein Vorbild von dem sähe was er auszuführen
Willens ist der Zufall würde manches ordnen manches in ihm erwecken an das er
außerdem nie gedacht hätte und der aus solchen Proben für die Kunst entstehende
Gewinn könnte leicht unschätzbar werden«
    Kaum hatte Ernesto geendet als schon Auguste von Willnangen und Fanny
Silberhain fröhlich aufsprangen und ihn mit Bitten bestürmten gleich auf der
Stelle eine solche Darstellung anzuordnen Ottokar Antonius und der größte
Teil der Gesellschaft selbst Frau von Willnangen nicht ausgenommen
vereinigten ihre Bitten mit jenen und Ernesto musste dem allgemeinen Wunsche
nachgeben nur tat er es mit der Bedingung dass es ihm erlaubt sei seine
Figuranten selbst zu wählen Fanny sammelte sogleich aufs eifrigste alle Shawls
ein und wählte dabei in Gedanken den glänzendsten unter ihnen für sich aus
Auguste besorgte aufs schnellste alles übrige und trug noch eine Menge
zweckdienliche Sachen herbei die von frühern Maskenanzügen und kleinen
theatralischen Vorstellungen her sich noch in der Garderobe vorfanden In
weniger als einer halben Stunde war alles zum Anfangen der Vorstellungen in
Bereitschaft Mehrere Tableaus folgten nun einander ernste und heitere im
mannigfaltigen Wechsel denn Ernesto war unerschöpflich im Erfinden und Ottokar
sowohl als der Professor standen ihm bei der Anordnung treulich bei Die ganze
Gesellschaft geriet in eine so fröhliche Stimmung dass Alle die Wagen
überhörten welche allmählich herbeirasselten um sie zu einem glänzenderen
Feste abzuholen Nur Fräulein Silberhain saß ernst in sich gekehrt und wies im
voraus alle Einladungen zur tätigen Teilnahme unerbittlich ab ehe noch eine
an sie gelangte Gräfin Eugenia hingegen hatte eine Weile zugesehen da es aber
Ernesto nicht einfallen wollte ihr eine Rolle anzubieten winkte sie Antonius
herbei der eben müßig dastand Leise flüsterte sie ihm den Auftrag zu Ernesto
auf nicht auffallende Weise an sie zu erinnern und ihm zu verstehen zu geben
dass sie in einem so kleinen aus lauter Freunden bestehenden Zirkel ihren
Widerwillen wohl überwinden werde und nötigen Falles sich entschließen könne
etwa als Grazie oder Muse aufzutreten Antonius erklärte ihr sein Entzücken über
diesen Auftrag versicherte nicht mit Worten ausdrücken zu können wie geehrt
er sich durch dieses holde Vertrauen in seine Geschicklichkeit fühle und flog
in das Nebenzimmer um ihren Befehl zu vollbringen Leider aber gelang es ihm
durchaus nicht Ernesto nur auf eine Minute allein habhaft zu werden es kam ihm
sogar vor als ob dieser ihm geflissentlich ausweiche Vielleicht hatte Ernesto
wirklich von dem ausgesprochenen Wunsch der Gräfin etwas gemerkt und vermied
mit Vorbedacht die Gelegenheit ihn an sich kommen zu lassen vielleicht lag
aber auch die Schuld an der gar zu höflichen Unbeholfenheit des Abgesandten
genug Eugenia blieb den ganzen Abend unangefochten als Zuschauerin und war die
erste welche die laute Bemerkung machte dass die zum Anfange des Balls
bestimmte Stunde schon längst geschlagen habe
    Gedankenvoll saß Frau von Willnangen dicht neben Gabrielen in der fernsten
Ecke des Zimmers Sie sah wie jene jedem Tone Ottokars lauschte wie ihr Auge
entzückt auf ihm ruhte so oft er in den Tableaus erschien und das unruhige
fast hörbare Klopfen des jungen Herzens erregte so tiefes Mitgefühl so bange
Sorge in ihrem Gemüt dass sie fast eben so sehr als Gabriele selbst erschrak
als Ernesto plötzlich vor beiden stand und sie zur tätigen Teilnahme an dem
Tableau aufforderte welches für heute die Reihe derselben beschließen sollte
Doch bald fasste sie sich wieder und stand mit gewohnter Freundlichkeit auf um
ihm mit ihrer jungen Freundin in das Nebenzimmer zu folgen Gabrielens Hand
zuckte in der ihrigen ihr Blick bat sie frei zu lassen doch er ward nicht
erhört und Ernesto erinnerte sie mit komischer Feierlichkeit an das ihm
zugestandne Recht seine Figuranten nach Belieben wählen zu dürfen
    Das Tableau stellte die Nacht vor die ihren dunkelblauen Sternenschleier
über ihre Kinder den Schlaf und den Tod ausgebreitet hält Der Frau von
Willnangen hohe Gestalt der ruhige milde Ausdruck ihres noch immer schönen
Gesichts eignete sich ganz zum Bilde einer stillen heitern Sommernacht Zu
ihren Füßen schlummerten zwei liebliche blonde Genien der eine war mit
Mohnblumen geschmückt der andre mit der ausgelöschten Fackel trug einen Kranz
von Zypressen Bunte fantastische Traumgestalten drängten sich hinter ihr
unter ihnen stand Gabriele als ein trüber Unheil verkündender Traum in ihren
langen schwarzen Schleier gehüllt unter welchem die goldglänzenden Locken tief
herabrollten Beim Lampenlicht mitten unter rosenwangigen schimmernden
Gestalten schien sie ohne alle Schminke noch blässer als sonst Sie glich
Pygmalions Meisterwerk bei der ersten Regung des erwachenden Lebens So glühend
strahlte ihr dunkles Auge aus dem Marmorgesicht denn ihr Blick traf auf
Ottokarn der in einiger Entfernung in ihrem Anschaun verloren stand
    Alle Anwesende erklärten einstimmig dieses Tableau für die Krone von allen
welche dieser genussreiche Abend an ihnen vorüber geführt hatte
    »Ich stimme gern mit Ihnen ein« sprach Ernesto »denn die Erfindung dieser
Gruppe ist nicht mein ich habe nur die Träume hinzugefügt Ich bildete sie nach
einer Zeichnung meines leider viel zu früh unter der Pyramide des Cestus zur
Ruhe gegangenen Freundes Karstens« fuhr er mit bewegter Stimme fort »Lange
fesselte ihn ein trübes Missgeschick das wie ein böser Zauber auf seinem Leben
ruhte und ihn verhinderte aus dem Reich der Formen in das der Farben zu
dringen Und da es endlich überwunden war da sein hoher Genuss die Flügel freier
zu regen begann da entschwand er uns ganz Die Kunst wird ewig um ihren
Liebling trauern um so mehr da jetzt ein dem seinen ganz entgegen gesetztes
verderbliches Streben unter ihren Jüngern täglich herrschender wird«
    Die Gesellschaft musste nun ernstlich zum Aufbruch eilen denn das Stampfen
der Pferde unter den Fenstern mahnte sie immer lauter In dem dadurch
entstehenden Gewimmel fand sich Gabriele plötzlich neben Ottokar Er beugte sich
freundlich zu ihr herab und ergriff ihre zitternde Hand »Ich fürchte keine
bösen Träume mehr« flüsterte er ihr zu »seit ich die Vorbedeutung des Unglücks
so anmutig erscheinen sah« Der fortwogende Strom der Gesellschaft riss ihn im
nämlichen Moment fort ohne dass Gabriele zur Antwort Zeit gewann
                           Aus Gabrielens Tagebuche
Ich fürchte keinen bösen Traum mehr seit mir die Vorbedeutung des Unglücks so
anmutig erschien Sprach er nicht so Warum musste ich auch dieses Mal nur
stumm mich verneigend vor ihm stehen und vermochte nicht ihm zu antworten
Ach weil ich bin was ich zu sein schien weil mein ganzes Dasein ein schwerer
banger Traum ist Immer ringe ich nach dem Erwachen bin ich einst erwacht
dann Ottokar dann werde ich zu dir sprechen dich fragen dir antworten
können und gewiss du wirst mich verstehen
Wie oft versuchte ich es schon sein Bild auf dem Papier fest zu halten aber
ich ermüde im fruchtlosen Streben Ja wenn ich mit den Zügen seines Gesichts
auch die unbeschreibliche Harmonie in seinem ganzen Wesen wiederzugeben
vermöchte Er ist immer er selbst ganz und ungeteilt er selbst in jeder
seiner Bewegungen in jedem seiner Worte im Scherz wie im Ernst Nur er einzig
er kann so dastehen so sprechen so aussehen und doch ist es nicht seine
Gestalt allein die ihn vor allen auszeichnet es ist der Einklang die
Übereinstimmung in seiner ganzen Erscheinung Wo lebt der Künstler der diese
darzustellen vermöge Ohne sie bleiben meine Bilder leblos und starr bei aller
übrigen Ähnlichkeit gleichen sie Wachsbildern die das Leben ungeschickt
nachäffen wollen und ich muss sie vernichten denn sie erregen mir Grauen
Nichts wollen nichts wissen nichts wünschen als Lieben sich selbst vergessen
im Glück des geliebten Wesens ohne Erwiderung zu hoffen oder zu wünschen
stellt uns den Engeln gleich ist Vorgefühl himmlischen Glücks So lehrtest du
mich meine Mutter Warum bin ich denn nicht glücklich Warum treibt
unerklärliche Unruhe mich rastlos umher Warum beklemmt meine Brust ein
Wünschen ein etwas Erwarten von der nächsten Minute für das ich sogar nicht
einen Namen habe Könnte ich nur einmal recht Großes recht Schweres für ihn
vollbringen ohne dass er ahnte von wo es aus ginge Könnte ich ungesehen von
ihm ein trübes Geschick ein großes Unheil von seinem geliebten Haupte auf das
meinige lenken und dann in mich geschmiegt und still aus meinem Dunkel hinauf
zu ihm blicken und mich in seinem freudigen Lächeln sonnen Dann dünkt mich
wäre ich ruhig und glücklich für mein ganzes übriges Leben
Nie werde ich mich darüber trösten dass meine Mutter starb ohne ihn gesehen zu
haben Ach hättest du Verklärte ihn gekannt wie lieb wäre er dir geworden Wie
glücklich ich im Anschaun von euch geliebten Beiden
Arme Pflanzen die sie verstiess weil ihr verblüht seid wie will ich euch
pflegen und lieben Ich fand sie heute alle im Vorsaal die schönen Blumen
welche Ottokar Aurelien an ihrem Geburtstage schenkte verdorrt losgerissen von
ihren Stäben mit Staub bedeckt erkannte ich sie kaum »Sie taugen nur noch zum
Wegwerfen« sprach Aurelia »sie sind verblüht« »Ja« setzte sie mit komischem
Patos hinzu »sieh hier gutes Kind das Bild der Vergänglichkeit aller Dinge
und nimm dir ein Beispiel daran Alles Fleisch vergeht wie Heu singt die
christliche Gemeine darum verträume deine Blütezeit nicht sie kehrt dir so
wenig wieder als diesen armen Sträuchen die Anton alsobald wegschaffen soll«
»Liebe Aurelia« erwiderte ich »mit uns ist es wie es ist aber diese Blumen
können wirklich wieder blühen nimm sie nur wieder in dein Zimmer trage sie an
die Sonne begiesse sie«  »Allerliebste Gabriele tu du das selbst ich
schenke sie dir« unterbrach mich Aurelia und machte mir nach ihrer lustigen
Art einen tiefen Knicks Ich erschrak »aber du hast sie von Ottokar« stammelte
ich und fühlte dabei wie ich rot ward weiß ich doch nicht ob vor Freuden
über die Blumen oder vor Verdruss dass ich Aurelien an ihren Geber erinnern
musste »Mag er mir frische Blumen schicken wenn er will dass sein Andenken bei
mir grüne und blühe« antwortete sie lächelnd »seit ich nicht mehr vierzehn
Jahre alt bin bewahre ich nichts länger auf als es des Bewahrens wert ist
Damals freilich da hatte ich auch ein Heumagazin von gedörrten Rosen
Vergissmeinnicht und sonst noch allerlei Grünlichkeiten so gut wie eine von euch
zarten Seelen wie ich aber einmal gewahr ward dass ich alle das Zeug sogar
nicht zum Kräuterkissen bei Zahnweh brauchen konnte warf ich es zum Fenster
hinaus«
Ottokar weiß dass ich seine Blumen besitze er hat Aurelien meine Zeichnung
dafür geraubt und auf sein Zimmer getragen gewiss nur im Scherz gewiss er gibt
sie ihr wieder Warum hat mich denn Annettens Erzählung dieses unbedeutenden
Umstandes so erschreckt Warum strebe ich jetzt so ängstlich mir diese
Zeichnung Zug für Zug recht deutlich zu denken Er wird sie ja doch nicht
behalten
Wenn er unglücklich würde Nein diese Möglichkeit kann ich mir nicht denken
Nicht einmal die dass ich oder andre es in seiner Nähe sein könnten Ihm
gegenüber seinem freundlich hellen Blick gegenüber muss ja das Unglück eine so
stille rührende Gestalt annehmen dass es zur schmerzlich süßen Freude sich
darüber umwandelt
Sonst nannte Frau von Willnangen nie Ottokars Namen jetzt höre ich ihn täglich
aus dem Munde der geliebten Frau und lausche mit Freuden seinem Lobe Während
Gewohnheit und Arbeit mich zu Hause in meinem Zimmer festhalten bringt er die
Morgen bei ihr und Augusten zu Meine Freundinnen streben auf vielfache Weise
mich zu einem Besuche zur nämlichen Zeit zu veranlassen ohne jedoch mich
geradezu einzuladen und oft regt sich auch in mir der Wunsch ihren Winken
folgen zu dürfen aber ein innres Widerstreben hält dennoch mich zurück
Abends singt mir Auguste die Lieder welche er ihr brachte ihre Mutter gibt
mir fast wörtlich den Inhalt ihrer Gespräche mit ihm Ich bewundre die Freiheit
des Geistes welche es ihr möglich macht sich mit ihm so in Rede und Gegenrede
zu verständigen denn in seiner Nähe wird mein ganzes Wesen nur ein Spiegel des
seinen
Ich wollte ich könnte dichten oder komponiren oft ist es mir als müsse ich
beides können aber vergebens suche ich Worte oder Töne für das was ich so
gerne singen oder sagen möchte Auch in meinen Büchern in meinen Dichtern
finde ich nicht was ich suche nirgends was auf ihn passte Alle Gestalten
welche sie mir vorführen sind nicht wie er mild und hoch kräftig und
bescheiden
Er hat meine Zeichnung behalten sie hängt über seinem Schreibtisch freilich
als ein Geschenk Aureliens Ernesto sah sie bei ihm Ich bin darüber froh wie
ein Kind ich möchte sagen ich fühle mich geehrt so wie sonst wenn die
geliebte Mutter irgend eine Arbeit von mir sich zum Gebrauch aneignete Wenn er
die Zeichnung ansieht muss er nicht zuweilen meiner gedenken
Heute Abend war ich zeitiger als gewöhnlich zu Frau von Willnangen gegangen ich
fand die liebe Frau allein mit Augusten trübe und traurig schien ein
schmerzliches Andenken schwerer als sonst auf ihrem Gemüte zu lasten Sie bat
uns etwas zu singen und wir wählten das himmlische Duett aus Pärs Sargino das
mir von jeher wie die Sprache klingt in welcher Engel einander sagen wie sie
sich lieben Dolce dell anima fing ich an speme e diletto di questo cor und
meine Seele schwebte auf den süßen Tönen himmelan Da erscholl es dicht hinter
mir dolce dell anima es war nicht Augustens Stimme es war seine seine
unbemerkt von mir war er ins Zimmer und an Augustens Stelle getreten Ich wagte
nicht mich umzusehen aber ich hatte den unbegreiflichen Mut fortzusingen la
pura fiamma che marde in petto Ich fühlte mir das Herz in der Brust jeden
Puls meines Lebens erzittern aber meine Stimme bebte nicht ich wusste kaum dass
ich sang die Töne strömten unwillkürlich aus meiner tiefsten Brust aus dem
Herzen meines Herzens und ich hörte mich selbst wie die Stimme eines Dritten
Atemlos bewustlos sogar stand ich da als das Duett geendet war und konnte
nichts als mich tiefer und immer tiefer vor Ottokar neigen während er zu mir
sprach Auguste sagt er habe viel zum Lobe meiner Stimme meines einfachen
Vortrags gesagt ich weiß es nicht ich habe sogar nicht gesehen wie er sich
bald darauf entfernte Als er fort war schloss mich Frau von Willnangen mit
verdoppelter Zärtlichkeit in ihre Arme Augustens schönes Auge blitzte freudig
beide waren den ganzen Abend unerschöpflich in seinem Lobe in Erzählungen
kleiner Züge von ihm Zu jeder andern Zeit hätte diese Unterhaltung mich sehr
glücklich gemacht jetzt konnte ich kaum darauf achten Ja Musik ist die Sprache
seliger Geister das weiß ich jetzt mit Überzeugung in Tönen konnte ich ihm
singen wofür ich nimmer Worte fände und der Nachhall dieser Stunde wird mein
ganzes kommendes Leben durchtönen
Einmal nur einmal möchte ich doch Aurelia sein neben ihm sitzen ihn ansehen
und mit ihm sprechen können wie sie
Es war mein Stolz und meine Freude mit Ottokar wenn gleich ihm unbewusst ein
Geheimnis zu teilen etwas allen andern Verborgnes von ihm zu wissen daher
vertraute ich keiner lebenden Seele die Geschichte unsers ersten
Zusammentreffens So lange ich allein darum wusste wähnte ich sie sei ein
unsichtbares Band das mich allein vor allen andern mit ihm vereinte Nun ist es
zerrissen Woran ich Wochen und Monde hindurch in der Stille mich freute ist
die Neuigkeit des Tages geworden und geht entstellt von Mund zu Mund Die ganze
ungewöhnlich zahlreiche Gesellschaft Aurelien an der Spitze strömte mir heut
entgegen so wie ich den Speisesaal betrat nur Ottokar blieb in der Ferne Mein
Blick sucht immer ihn zuerst ich bemerkte einen leisen Zug des Unmuts auf
seinem Gesicht ein vielleicht nur meinem Auge sichtbares schnell wieder
verfliegendes zorniges Erröten Erstarrt blieb ich in der Türe stehen
Aurelia und alle Übrige mochten lange mit Fragen und Redensarten in mich
hineingestürmt haben ehe ich nur begriff wovon eigentlich die Rede sei Ich
sah nur Ottokar in dieser mir unerklärlichen Bewegung Ernesto der sonst um
diese Stunde ein seltener Gast bei uns ist kam mir zu Hilfe Seit meinem ersten
Eintritt in dieses Haus ist er mir immer nah so bald ich seiner bedarf Wie er
es anfing weiß ich nicht ich war zu aufgeregt um es zu bemerken aber der
ganze gesellige Knäuel drehte sich bald von uns ab um Aurelien her und ich
stand mit Ernesto allein im Fenster Hier erfuhr ich von ihm dass Ottokars
Kammerdiener Aureliens Kammerjungfer erzählt habe wie sein Herr eine arme alte
Frau unterwegs in den Wagen genommen habe auch dass ich damals mit ihnen in
einem Gasthofe wohnend die Geschichte mit großer Teilnahme gehört und durch
Frau Dalling mich näher danach erkundigt habe denn obgleich Lorenz mich nicht
zu Gesichte bekam so hatte er diese doch dort gesehen und hier wiedererkannt
Die Jungfer hatte nichts angelegentlicheres zu tun als ihrer Gebieterin bei
der nächsten Gelegenheit diese Anekdote wieder zuzutragen »Sie können denken«
fuhr Ernesto fort »wie willkommen ein solcher Stoff Aurelien sein muss um ihren
nie zu ermüdenden Mutwillen daran auszulassen Gönnen Sie ihr die Freude
folgen Sie Ottokars Beispiel und lachen Sie mit anstatt sich darüber zu ärgern
Die Tante trat zu uns anscheinend recht fröhlich aber in ihren Augen zuckte
doch eine gewisse Unruhe sie vermochte nicht ganz die Furcht zu verbergen dass
Aurelia den Scherz zu weit treiben könne der lustige Tumult in dieser und
Ottokars Nähe ward immer größer und lauter die Tante immer ängstlicher und
freundlicher und mir ward das Herz schwer und schwerer mit jeder Minute
Mehrere Spottbilder mit erklärenden Knittelversen alle von Aurelien selbst
nur zu geistreich erfunden und ausgeführt hatten bisher die Gesellschaft
ergötzt endlich gelangten sie auch zu uns Ottokar war darauf als Don Quixotte
dargestellt wie er seine durch Zauberkünste in die Gestalt einer alten
hässlichen Frau verkappte Dulcinea von Toloso in eine Schenke bringt die er für
ein Kastell ansieht Auf einem andern Blatt erscheint er als ein Schäfer der
eine zur Bettlerin verwandelte Fee vom Tode befreit und gleich darneben wie er
zum Danke dafür in einen wunderschönen Prinzen mit Krone und Szepter verwandelt
wird Dann sahen wir ihn auch in Hofgalla die Bettlerin am Arm und mich im
Hintergrunde ganz in Extase vor Rührung und Bewunderung neben mir eine ganze
Reihe nassgeweinter Schnupftücher auf einer Leine zum Trocknen aufgehängt
Ottokar selbst näherte sich uns und betrachtete diese Ergiessungen einer nichts
schonenden übermütigen Laune mit beifälligem Lächeln »Wir sind diesesmal
Leidensgefährten liebes Fräulein« sprach er indem er sich freundlich zu mir
neigte während ich errötend vor Zorn und Verlegenheit nicht wusste wohin ich
die Blicke wenden sollte »Sie sehen so ernstaft aus tun Sie das nicht
nehmen Sie einen geselligen Scherz nicht höher auf als er aufgenommen sein
will« setzte er leiser fast bittend hinzu Alles schwamm vor meinen Augen bei
dem unerwarteten Glück einen von ihm ausgesprochnen Wunsch erfüllen zu können
Ich hätte Aurelien auf die ich eben erst zürnte jetzt mit Freuden an mein Herz
gedrückt weil sie die Veranlassung dazu lieh und ich hoffe dass jede Spur des
Unmuts in diesem Moment eben so von meiner Stirne schwand wie aus meinem
Herzen Um meiner Zufriedenheit die Krone aufzusetzen sammelte Ernesto die
Zeichnungen alle sorgfältig zusammen und legte sie in seine Schreibetafel mit
der Erklärung dass er sie als das gelungenste Werk seiner Schülerin aufbewahren
wolle und weder die Bitten der Gesellschaft noch Aureliens Zürnen konnten ihn
bewegen sie wieder herauszugeben
    Der einmal angestimmte Ton wollte bei Tische noch nicht gleich verhallen
aber Ernesto und Ottokar bemeisterten sich des Gesprächs die Tante unterstützte
sie auf das kräftigste und so nahm es bald eine für mich erfreulichere Wendung
die ich mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgte Ottokars Blick gleitete
wärend dem Gespräch oft von dem neben mir sitzenden Ernesto auf mich herab ich
sah es nicht denn meine Augen senken sich immer vor den seinen aber ich fühlte
seinen Blick wie einen Sonnenstrahl in meinem Innern
    Jetzt bin ich allein und das durch Ottokars Nähe unterdrückte bittere Gefühl
regt sich von neuem in meiner Brust Ach ich fürchte die Spottsucht die flache
Charakterlosigkeit der Gesellschaft um mich her wird auch mich noch ergreifen
Am besten wär es wohl für mich ich ginge Aber wohin Arme Gabriele wohin Wo
er nicht ist Freilich werden Tage kommen an denen ich ihn nicht sehe
vielleicht ein Tag der von ihm auf dieses ganze Leben mich scheidet aber soll
ich denn schon jetzt dem Licht der Sonne mich entziehn weil vielleicht bald die
Nacht herein brechen wird
Mit dem neuen Jahre war endlich der Zeitpunkt erschienen der eine gänzliche
Umänderung in Gabrielens ihr allmählich lieb gewordnen Lebensweise
hervorbrachte Von nun an ward sie die beständige Begleiterin ihrer Tante durch
die ganze lange bunte Reihe von Lustbarkeiten welche das Karneval in der
großen lebenslustigen Stadt herbeiführte Bälle Soirees Schauspiele aller Art
raubten ihr jeden Abend und die Zurüstungen zu diesen verkümmerten ihr manche
Morgenstunde die sie sonst andern Beschäftigungen zu widmen gewohnt war
    Mit aller Kraft ihres Geistes suchte sie jetzt die ängstliche Blödigkeit zu
überwinden welche ihre ersten Schritte in der Gesellschaft so unsicher gemacht
hatte Es gelang ihr nach und nach Das Blendende der Erscheinungen das
betäubende Geräusch verloren allmählich die Gewalt ihr zu imponiren ihre
Existenz in der Welt ward mit jedem Tage angenehmer und obgleich sie sich oft
nach den stillen genussreichen Abenden sehnte welche sie sonst bei Frau von
Willnangen zu verleben gewohnt war so gab es doch auch oft Stunden in denen
sie sich recht jugendlich heiter an dem bunten Leben ergötzte
    Dennoch war ihre Erscheinung in demselben nichts weniger als brilliant Als
eine nahe Verwandte der von allen gefeierten Gräfin Rosenberg in deren
Begleitung sie überall erschien verfehlte man zwar nicht ihr die
Aufmerksamkeit zu erzeigen zu welcher dieses Verhältnis sie berechtigte aber
eigentlich betrachtete man sie doch noch immer als ein halbes Kind und sie
hätte gewiss an manchem Abend die Reihe der ungestört gähnenden Opfer der
Sozietät vermehrt welche man in allen SalonsEcken sitzen sieht wäre nicht
Ernesto ihr treuer Beschützer geblieben und hätte nicht Frau von Willnangen
diesen Winter der gewohnten Ruhe weit öftrer als sonst entsagt um ihren
Liebling in so ungewohnten Verhältnissen nicht ganz verlassen zu wissen
    Ottokar sah Gabrielen jetzt täglich ohne dass beide einander deswegen viel
näher gekommen wären Er zeichnete sie nicht minder als Aurelien aus durch
tausend kleine Aufmerksamkeiten die er als der Gast der Gräfin ihnen vor
andern schuldig zu sein glaubte übrigens aber blieb ihr gegenseitiges
Verhältnis fremd und abgemessen wie zuvor
    Nur selten besonders aber am Neujahrsabende bei ihrem Eintritt in die
große Welt hatte er ihr einige Teilnahme gezeigt Die Gräfin feierte den
Schluss des festlichen Tages mit einem Ball den sie den jüngeren Bekannten
Aureliens gab Einsam und vergessen saß Gabriele lange in einer Ecke des
Tanzsaales Sie gedachte der Neujahrsabende welche sie als fröhliches Kind an
der Hand der Mutter in den hohen düstern Sälen von Schloss Aarheim verlebt
hatte Die Tanzmusik tönte nur wie aus weiter Ferne in ihre Träume als Ottokar
plötzlich vor ihr stand und ihr seine Hand bot um auch sie den fröhlichen
Reihen zuzuführen Es war der erste festliche Tanz ihres Lebens ihr
schwindelte noch ehe sie den Tanzplatz betrat Ottokar merkte ihr Schwanken
schrieb es ihrer gewohnten Furchtsamkeit zu und umfasste sie nur um so fester
um sie vor jedem möglichen Zufall zu sichern Gabriele fühlte den Druck seines
Arms das Säuseln feines Atems in ihren Locken sie sah sein freundliches Auge
ganz nahe auf sie herabblitzen und schwebte an ihn gelehnt wie auf geflügelten
Sohlen durch den weiten Saal so leicht so anmutig dass selbst die Tante ihr
freundlich Beifall zunickte Mit ihm so durch das Leben Der Gedanke flog zum
ersten Mal wie ein Pfeil in stechendem Schmerz durch ihr Inneres ein unendlich
betrübendes Gefühl bewegte sie fast bis zum Weinen und noch nie hatte sie sich
so vereinzelt so ganz verlassen gefühlt als da Ottokar nach beendigtem Walzer
sie zu einem Sitz führte und sie dann mit einer stummen Verbeugung verließ um
sich eine andre Tänzerin zu wählen
Eines Abends in einer großen Gesellschaft wandte sich das Gespräch auf den
echt spanischen Fandango Aurelie war eben in sehr glänzender Laune und so
bedurfte es nicht großer Überredungskraft um sie zu bewegen ihn zu tanzen
obgleich die musikalische Begleitung außer dem Tambourin und den Kastagnetten
nur noch aus einem Pianoforte bestehen konnte und an einen Mittänzer gar nicht
zu denken war
    »Du kennst die Figuren des Fandango ich weiß es vom Tanzmeister« sprach
Aurelia zu Gabrielen indem sie die sich vergeblich Sträubende in die Mitte des
Saales mit sich fortzog »übrigens« setzte sie noch wie ihr zum Troste hinzu
indem sie ihr die Kastagnetten aufzwang »übrigens hat es wenig zu bedeuten wer
neben mirherhüpft«
    Die mehresten der Anwesenden sogar die Gräfin blickten mit mitleidiger
Besorgnis auf die arme Gabriele die beinahe zitternd mit niedergeschlagnen
Augen dastand während ein dichter Kreis von Zuschauern sich um sie und ihre
Kusine bildete Endlich sah sie auf ihr erster Blick fiel auf Ottokar der
neben Ernesto stand und sie mit ängstlicher Teilnahme betrachtete Unfern von
beiden winkte ihr Frau von Willnangen Mut zu und nie war diese Gabrielen der
verlorenen Mutter so täuschend ähnlich erschienen Der Anblick der befreundeten
Gestalten die ersten Takte der ihr bekannten Musik aus welcher ihr
Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit wiederhallten begeisterten sie die
Gewalt mit der sie ihre Ängstlichkeit niederzukämpfen suchte verknüpft mit
dem lebhaften Wunsche die durch ihr Gelingen zu erfreuen welche ihr
wohlwollten versetzten sie in eine Art von Extase Wider alles Erwarten gelang
es ihr mit unnachahmlicher Grazie auch den künstlichsten Wendungen Aureliens zu
folgen die jetzt in vollem Ernst mit der eben Verachteten zu wetteifern begann
    Wie ein weißer Schmetterling die prachtvoll erblühte Centifolie umflattert
so schwebte die kleine Silfidengestalt um die hohe schöne Aurelia her Der
Anblick war wirklich entzückend lauter rauschender Beifall übertönte fast das
Pianoforte nach beendetem Tanze drängte sich alles um beide mit Lob und
Danksprüchen zu überschütten vorzüglich aber Gabrielen denn ein unerwartet neu
entdecktes Talent gilt immer mehr als ein längst bekanntes Frau von Willnangen
Ernesto Ottokar sogar erhoben Gabrielen bis in die Wolken andre folgten
diesen anerkannten Koriphäen des guten Geschmacks sogar die Gräfin erklärte
sich für stolz auf ihre liebe Nichte und umarmte sie mit großer Zärtlichkeit So
ward das Unerhörte herbei geführt dass Aurelia wirklich zu ihrem eignen höchsten
Erstaunen ein paar Minuten lang um der kleinen Kusine willen vergessen und
verlassen dastand und diese Erfahrung war ihr nicht weniger neu als Gabrielen
die der allgemeinen laut ausgesprochnen Bewunderung
Mit dem Scharfblick besorgter Mutterliebe bewachte Frau von Willnangen Ottokars
Benehmen gegen Gabrielen bei jeder sich bietenden Gelegenheit Nichts war ihrem
genauen Aufmerken entgangen weder jenes festere Umfangen ihres Lieblings beim
ersten Tanze in der Neujahrsnacht noch sein Besorgtsein um Gabrielen als
Aurelia sie zum Fandango hinzog Freudig hatte sie gesehen mit welchem
Entzücken er hierauf jeden ihrer Schritte mit den Augen verfolgte zuletzt in
laute Bewunderung ausbrach und sich allen Andern vordrängte um der Erste zu
sein der ihr für das Allen gewährte Vergnügen seinen Dank aussprach
    Auch in Ottokars übrigem Betragen gegen Gabrielen glaubte sie wenn gleich
nicht leidenschaftliche Liebe doch ein stilles Hinneigen zu ihr zu erblicken
denn Wunsch und Hoffnung sind zu nahe verwandt als dass sie im Laufe des Lebens
nicht oft sollten eins für das andere gehalten werden Frau von Willnangen
gewöhnte sich nach und nach alle die kleinen Aufmerksamkeiten mit in ihre Waage
zu legen durch welche Ottokar die Hausgenossin die nahe Verwandte seiner
Gastfreundin vor andern auszeichnete Sie sah mit welcher zarten Schonung und
zugleich mit welcher Gewandtheit er so manche kleine Gabrielen drohende
Verlegenheit von dieser abzuwenden wusste sie legte alles zum Vorteil ihrer
Wünsche aus und wahrhaft mütterliche Liebe verleitete sie endlich zu
Missgriffen welche bei der welterfahrnen klugen Frau sich nur durch dieses
vorherrschende Gefühl entschuldigen lassen
    Zu diesen Missgriffen gehörte dass sie nicht nur es nie vermied mit
Gabrielen über alle jene ihr bedeutend dünkenden Zufälligkeiten in Ottokars
Benehmen gegen sie zu sprechen sondern sie sogar aufmerksam darauf machte und
sie ihr aus einem Gesichtspunkt zeigte der für Gabrielens Ruhe durchaus
gefährlich werden musste Augustens ewig heitre Fantasie ihre warme
Anhänglichkeit an Gabrielen verleiteten auch diese das Gemälde einer Zukunft
vollends auszumalen welche keine von ihnen mit deutlichen Worten zu nennen
wagte die aber Mutter und Tochter für jedes andere Gemüt als Gabrielens
dennoch nur zu deutlich bezeichnet haben würden Diese zu wenig vertraut mit
allem was auf das wirkliche Leben Bezug hat verlor sich nur mit süßer
Schwärmerei in die von ihren Freundinnen ihr geöffnete helldunkle Aussicht In
ruhigen einsamen Stunden strebte sie freilich zu ihrer ehemaligen Resignazion
wieder zu gelangen und war es sich sogar nicht bewusst wie weit sie von ihr
gewichen sei Ottokarn zu werden was er ihr war diese Möglichkeit hatte sie
noch nie mit klaren Worten sich gedacht aber noch weniger die dass eine Andre
so über alles von ihm geliebt werden könne So verwirrten sich ihre Wünsche
ihre Hoffnungen immer mehr sie vermied sogar zur Klarheit über sie zu
gelangen und ihr Tagebuch enthielt von nun an nur die Ergiessungen eines
leidenschaftlich aufgeregten Gemüts das sich scheut ein Dunkel zu
durchdringen in welches es sich vor sich selbst verhüllt
Der Winter zog allmählig fort die Tage wurden länger und im wärmeren
Sonnenstrahl erglänzten schon die schwellenden Knospen der Bäume An Gabrielens
Rückkehr nach Schloss Aarheim ward indessen nicht gedacht obgleich der
anfänglich dazu bestimmte Zeitpunkt nicht mehr fern war Der Baron welcher mit
jedem Tage seinem großen Ziele sich zu nähern glaubte und deshalb ungestört zu
bleiben wünschte hatte schon früher die Gräfin schriftlich um die Erlaubnis
gebeten den Aufenthalt seiner Tochter bei ihr auf unbestimmte Zeit verlängern
zu dürfen und Gabriele war zu sehr von der Gegenwart befangen als dass sie den
Wechsel der Zeiten hätte bemerken können Tage und Monden gingen an ihr vorüber
ohne dass sie an die Möglichkeit einer Abänderung in ihren Verhältnissen
gedachte
    Indessen konnte eine um diese Zeit entstehende geheimnisvolle Bewegung im
Hause ihrer Tante ihr doch nicht verborgen bleiben welche auch außer ihr
jedermann bemerkte und niemand verstand sogar Ernesto nicht denn die Gräfin
pflegte nach Art aller Frauen die in der großen Welt eine Rolle zu spielen
gewohnt sind ihr eigenes Geheimnis sicher zu bewahren sobald sie es wollte Sie
selbst blieb still und freundlich wie jemand der dem Gelingen großer Pläne mit
Zuversicht entgegen sieht dabei konnte sie indessen es doch nicht lassen sich
zuweilen mit halbverhüllten Winken an Gabrielen zu wenden von denen es schien
als wollten sie dieser eine große Freude ja sogar ein hohes Glück verkünden
    Aurelia erschien in dieser Zeit strahlender und übermütiger als je zuvor
Ottokar war mehr in sich gekehrt und man bemerkte eine ihm sonst nicht
gewöhnliche Ungleichheit der Gemütsstimmung in seinem Betragen Unter der
Dienerschaft herrschte ein immerwährendes leises Treiben die Gräfin selbst
leitete es es sah aus wie Zubereitungen zu einem prächtigen Feste oder zu
einer großen Reise oder zu beiden niemand von den dabei Beschäftigten wusste es
zu erklären und alle zerbrachen sich darüber die Köpfe
    Gabriele bemerkte wohl dass alle diese Erscheinungen auch auf sie Bezug
haben müssten sie sann über ihre Bedeutung nach bis sie von der allgemeinen
dumpfen Unruhe quälend ergriffen wurde und war nach jedem so in vergeblichem
Aufmerken verlebten Tage herzlich froh wenn der Abend hereinbrach und der
gewohnte Kreis sich in den Zimmern der Gräfin versammelte welcher jetzt nach
den vorübergezognen Zerstreuungen des Karnevals wieder in seine alten Rechte
getreten war
    Eines Tages schien die allgemeine Spannung der Hauptpersonen des Hauses auf
das höchste gestiegen noch nie waren die Gräfin so geheimnisvoll Ottokar so
ernst in sich gekehrt Aurelia so übertrieben lustig gewesen Allen welche
diesen Tag an der Mittagstafel der Gräfin Teil nahmen fiel dieses unheimliche
Wesen bis zum Aengstlichwerden auf Nichts konnte ihnen daher Erwünschteres
kommen als der für den Abend verheissne Besuch eines berühmten Deklamators denn
er versprach nicht nur Schutz gegen die bei dieser Stimmung der Gesellschaft zu
befürchtenden Langeweile sondern auch gegen etwannige Ausbrüche einer innern
Aufgeregteit der Gemüter von der sich jedes ergriffen fühlte Unter allen
aber freute sich Gabriele darüber noch nie war ihr Gelegenheit geworden einen
Künstler dieser Art zu hören sie hatte überhaupt keinen Begriff wie man das
was sie als Deklamation kannte zum Hauptzweck seines Lebens machen könne und
erwartete daher etwas ganz außerordentliches von einem sich einzig diesem Zwecke
weihenden Künstler Alles was sie jemals von Improvisatoren von Troubadours
von Barden die als überall willkommne Gäste mit ihren Liedern durch die Länder
zogen ja sogar vom Wanderleben Homers gehört und gelesen hatte kam ihr wieder
ins Gedächtnis Sie erwartete nicht viel Geringeres als alles dies zusammen und
war daher nicht wenig verwundert als der Erwartete in Gestalt eines hageren
kleinen schwarzgekleideten sehr jungen Männchens hereintrat und der Gräfin
vorgestellt ward Seine Ungeduld sich hören zu lassen schien nicht minder
groß als die der Anwesenden ihn zu hören Er ergriff die erste Gelegenheit
sich anscheinend nachlässig in einen Lehnstuhl zu werfen und begann mit nicht
auffallend angenehmem Sprachton seine Rezitationen
    Es war wunderlich anzusehen wie er sich ängstlich abmühete zu deklamiren
ohne dabei zu agiren Mit der unteren Hälfte des Körpers gelang es ihm er saß
mit kreuzweis über einander geschlagnen Beinen wie angebunden auf seinem Sessel
aber die Züge seines Gesichts Arme und Hände waren gleichsam wider seinen
Willen in ewiger teatralischer Bewegung Er hatte kein Buch nehmen wollen weil
er behauptete sich vollkommen auf sein Gedächtnis verlassen zu können dies
aber vermehrte die Verlegenheit in welche ihn die Haltung seiner Hände
augenscheinlich versetzte Freilich hätte er auch eine ganze Bibliothek
herbeischaffen müssen so viele ganz heterogene Dichtungen der heterogensten
Dichter ließ er im schnellsten Wechsel auf einander folgen Endlich kam auch
Macbets bekannter Monolog an die Reihe Schauerliches Schweigen herrschte im
Saal alles horchte seinen dumpfen geisterartigen Tönen »Ist das ein Dolch«
rief er mit Macbets stierem Blick und einem plötzlichen Griff auf den vor ihm
stehenden Tisch »Es ist nur die Lichtschere« flüsterte Aurelia laut genug um
von den nahe Stehenden wahrscheinlich auch vom Deklamator selbst gehört zu
werden denn sobald dieser den Monolog beendet hatte erinnerte er sich eines
Versprechens noch diesen Abend in einer andern Gesellschaft zu erscheinen und
eilte davon
    »Shakespear ach Shakespear« rief die Gräfin indem sie sich entzückt auf
dem Sopha zurück lehnte und so es vermied ihr Urteil über den Deklamator zu
frühe zu äußern Beim Shakespeare war sie ihrer Sache gewiss nicht so bei jenem
obgleich dem in allen Zeitungen Gepriesenen in jeder Pause seines Vortrags von
einem großen Teil der Anwesenden lauter Beifall gezollt worden war »Wie groß
erscheint Shakespear wo man auch immer ihn antrifft« fuhr die Gräfin fort
»wie sogar nicht zu ertödten Welch eine Höhe und welche Tiefe Wie treten
seine Gebilde hinaus in die Wirklichkeit« »Ich bin nur froh dass der Deklamator
endlich zum Saal hinaus getreten ist« sprach Ernesto ganz gelassen Erstaunt
sah die Gräfin ihn an und war doppelt froh sich an Shakespeare gehalten zu
haben da nun auch der Professor anfing Klopstocks Ode Teone zu rezitiren
Still auf dem Blatt ruht das Lied noch erschrocken
Von dem Getös des Rhapsoden der es herlas
Unbekannt mit der sanfteren Stimme
Laut und dem volleren Ton
»Die armen Lieder« sprach lächelnd Auguste »sie haben nicht einmal ein Blatt
auf dem sie ruhen könnten er sagte sie auswendig her und mir ist daher noch
immer als fühle ich die heimatlosen Geister mich ängstlich umschwirren«
Antonius wollte wenigstens das große Gedächtnis des Deklamators bewundert
wissen konnte aber nicht damit zu Stande kommen denn Ernesto verdammte gerade
dies aus dem KopfeHersagen als einen der ärgsten Missgriffe welche sich der
Deklamator hatte zu Schulden kommen lassen und der Professor trat ihm treulich
bei »Wodurch wird das Lied zum Liede« sprach dieser »durch den Rhythmus den
Versbau die Wahl des Ausdrucks nicht durch die poetische Idee allein Mit der
strengsten Auswahl wägt der Poet jedes Wort jede Silbe überall sucht er den
Geist und die Harmonie aufs genauste zu vereinen und Gott weiß wie schwer ihm
dieses in unsrer an guten Reimen so armen Sprache oft wird Verzweifeln müsste
er wenn er es anhörte wie solch ein Deklamator alle seine Mühe vernichtet und
die auswendig gelernten Lieder misshandelt »Das ists ja eben« setzte Ernesto
hinzu »die Herren haben es nur auswendig und nicht inwendig sonst müssten sie
fühlen was sie zerstören wenn sie hier ein fremdes Wort einschalten weil das
rechte ihrem untreuen Gedächtnis entschlüpfte dort einen falschen Akzent
anbringen oder ein kurzes Wort dehnen weil sie vom vorhergehenden eine Silbe
verschluckten und nun mit dem Versmaass nicht auskommen Auch das beste
Gedächtnis sichert vor dergleichen nicht Auf dem Theater verdecken Spiel und
teatralische Täuschungsmittel diese Mängel so ziemlich auch Sängern und
Sängerinnen will ich es allenfalls nachsehen wenn sie unsre Dichter
verstümmeln man versteht sie ohnehin nur selten und wird es also nicht gewahr
aber der Deklamator der uns den vollkommensten Genuss eines poetischen Werkes
verspricht müsste sich nie in den Fall setzen so fehlen zu können«
    »Ich wünschte fast es gäbe gar keine Deklamatoren in der Welt« sprach Frau
von Willnangen »wenigstens fühle ich immer das innigste Mitleid wenn ich einen
jungen Menschen sehe der von falschverstandner Kunstliebe sich verleiten ließ
diesen Weg zu wählen um darauf durch die Welt zu kommen«
    »Denen jungen Herren die weder Lust zum Graben noch zum Erlernen
gründlicher Kenntnisse haben scheint dieser Weg aber sehr lustig und bequem«
erwiderte der Professor »sie denken noch obendrein etwas Ungemeines für die
Kunst zu tun wenn sie von Stadt zu Stadt gehen und pathetisch hersagen was
andre Leute gedichtet haben und was jeder seit der Erfindung der
Buchdruckerkunst in seinem Kabinet lesen und sich dabei das gerade für ihn
Passende auswählen kann«
    »dabei sind sie gewöhnlich in offenbarem Zwiespalt mit sich selbst« setzte
Ernesto hinzu Deklamiren mit Aktion oder ohne Aktion das ist die Frage die
sie nie lösen können Ersteres mitten im Zimmer auf plattem Boden hat denn doch
immer etwas komisches abgerechnet dass es auch dem eigentlichen Begriffe des
Deklamirens ganz entgegen steht Und sich beim Deklamiren im übrigen ganz ruhig
zu verhalten ist fast unmöglich oder wird es erzwungen so kann niemand sich
an dem Anblick freuen Eigentliches Deklamiren möchte ich ganz auf das Theater
oder auf die Bühne der Volksredner verweisen wenn es deren noch außer den
Kanzeln welche gäbe zur gesellschaftlichen Unterhaltung aber würde ich bloßes
Vorlesen mit Ausdruck und Präzision allen Deklamatorien vorziehen«
    Es ward über diesen Gegenstand noch viel hin und hergestritten bis Ernesto
Gabrielen aufforderte den Streit zu beenden und der Gesellschaft zu zeigen was
er mit Vorlesen eigentlich meine Er kannte ihr schönes sorgfältig von der
Mutter gebildetes Talent und ergriff gern diese wie jede Gelegenheit seine
junge Freundin nicht sowohl an das Licht zu ziehen als vielmehr sie von der
ängstlichen Befangenheit gänzlich zu befreien von welcher sie noch zuweilen
befallen ward Auch diesesmal gewährte sie nur mit innerem Zagen seinen Wunsch
überflog schnell mit den Augen ein Blatt welches Ernesto ihr reichte während
die Lichter gerückt wurden und der Kreis der Anwesenden sich um sie her ordnete
Sie las zuerst etwas zaghaft dann aber mit immer steigendem Affekt immer
eindringender immer wahrer in Ton und Ausdruck ganz sich und alle um sich her
vergessend wie an jenem Abende als sie in Ottokars Gegenwart sang la pura
fiamma che m arde in petto Kein Hauch regte sich alle waren an ihren Vortrag
wie gebannt denn man hörte was sie las war der innigste Ausdruck ihres
eigensten Gefühls und sie bezwang alle Herzen mit der Wahrheit Gewalt Sie
hatte das Gedicht welches sie vorlas zuvor nie gesehen es war das neueste
Erzeugniss eines jungen Poeten von Ernestos Bekanntschaft
    Hier ist es
O lasst mich ruhn an dieser lieben Stelle
Nur einen kurzen stillen Augenblick
Hier zog mein Tag herauf so licht so helle
O lasst mich ruhn an dieser lieben Stelle
Vergönnet mir dies arme einzge Glück
Ich will nicht um mich schaun lasst mich vergessen
Dass eine Zukunft ist dass Morgen kommt
Was über heute liegt ist unermessen
Und über Nacht zu denken ist vermessen
Mit Sonst zu sprechen meinem Herzen frommt
Wenn es der Welt noch einmal tagt umdichten
Mich Gram und Nacht Dein Bild kann nur allein
Die Nacht zur Dämmrung eines Traumes lichten
Und wie ein Traum musst du vorüberflüchten
Geflügelt Glück dein bin ich du nicht mein
Der hat ein süßes hold Geschick empfangen
Wer dich du zartes Bild nur einmal sah
Mich hat dies Glück für immerdar umfangen
Bist du auch Klara weit von mir gegangen
Mein Herz bringt ewig deine Fernen nah
In meiner tiefsten Seele stillen Tiefen
Stehn deine Worte rufen nach und nach
 Wie Glockentöne die am Tage schliefen
Vom Abend aufgeweckt zur Vesper riefen 
Das Heiligste in meiner Brust mir wach
Und diese Augen sollten wiedersehen
Was nicht zu dir gehört was du nicht bist
Es sollten andre Töne mich umwehen
Und deine liebe Stimme mir vergehen
Gibt es solch Auferstehn was Grab nur ist
Wer hörte dich und darf noch Unglück denken
Noch an das Böse glauben und dich sehn
Dein liebend Auge könnte Sonnen lenken
Und meinen Stern den könntest du versenken
In ewger Trennung namenlose Wehn
Es muss die Zeit hinab zur Zeit wohl gehen
Doch meine Liebe nicht und nicht mein Schmerz
Selbst dieser Schmerz darf nicht die Lieb umstehen
Gewaltsam rau er soll wie Frühlingswehen
Wachrufen Blumen gleich ein sehnend Herz
Und wenn der Winter schlafen legt die Blumen alle
Und Herz und Sehnsucht starrt in Grabesfrost
Wenn todtgekühlt die Blumen Herzen alle
Dann seh ich dich allein aus meiner Halle
Noch diamantenstrahlend hoch im Ost
Bis dahin lasst an dieser lieben Stelle
Mich ruhen meines Lebens Augenblick
Hier kam mein Tag hier bleibt die Nacht mir helle
O lasst mich ruhn an dieser lieben Stelle
Euch sei die ganze Welt mit ihrem Glück
Während des Lesens waren Gabrielen schon bei der Stelle
»Es sollten andre Töne mich umwehen
Und deine liebe Stimme mir vergehen«
einzelne Tränen in die Augen getreten sie ward im Fortfahren immer bewegter
und bewegter Bei den Worten
»Hier kam mein Tag hier bleibt die Nacht mir helle«
versagte ihr die Stimme und sie strebte vergebens die beiden letzten Strophen
des Liedes zu geben dieses zu beenden Erbleichend verstummend stand sie
endlich auf bedeckte das Gesicht mit ihrem Tuche und eilte zum Zimmer hinaus
jede Begleitung durch eine bittende Bewegung der Hand von sich ablehnend
    Ottokar der zunächst der Türe sich befand war dennoch unbemerkt bis in
den Vorsaal ihr gefolgt dann fasste er ihre Hand und führte sie zu einem Sitz im
Fenster während er die Bedienten fortschickte um Annetten herbei zu rufen
Gabriele erbebte sichtbarlich als sie ihn erkannte ein Strom von Tränen
schaffte ihrem gepressten Herzen Luft während er den sorgenden Blick auf sie
geheftet vor ihr stand »Fräulein« sprach er indem er noch immer ihre Hand
hielt »liebes Fräulein Sie haben uns allen einen so hohen Genuss gewährt wir
alle müssen ihnen so dankbar dafür sein was ist es denn das jetzt Sie so
gewaltsam niederdrückt Zürnen Sie mir nicht« fuhr er fort da es ihm schien
als wolle Gabriele sich von ihm loswinden »zürnen Sie mir nicht dass ich Ihrem
Winke nicht gehorchte und Ihnen hierher folgte dass ich die Besorgnis mit der
ich Ihren schwankenden Schritt bemerkte nicht unterdrückte Als ihr Hausgenosse
glaubte ich dies wagen zu dürfen und vielleicht hoffentlich sogar geben mir
die nächsten Tage vielleicht der morgende schon das schöne Vorrecht an allem
was Sie betrifft recht innigen Anteil zu nehmen«
    Gabriele horchte bebend auf seine Worte sie war unfähig ihm zu antworten
und fühlte sich zum erstenmal in ihrem Leben einer Ohnmacht nah Ottokar konnte
nichts als sie unterstützen bis die erschrockne Annette kam und sie in ihr
Zimmer geleitete
Die Nacht verging Gabrielen unter lautem Herzklopfen unter tausend wechselnden
Ahnungen Gedanken halb verstandnen Wünschen Jedes Wort das Ottokar am
vergangenen Abend zu ihr gesprochen hatte tönte unaufhörlich in ihrem Innern
wieder jedes war ihr ein Rätsel dessen Lösung sie mit Entzücken und Grauen
suchte und nicht fand bis sie ermattet spät gegen den Morgen in unerquickliche
Bewusstlosigkeit versank
    Ihr Erwachen zu einer ungewöhnlich späten Stunde glich ganz dem ersten im
Hause ihrer Tante So wie an jenem Morgen durchtoseten auch heute Bediente und
Handwerker das Haus mit Zurüstungen zu einem Feste Weder Aurelia noch die
Gräfin waren den ganzen Morgen über sichtbar selbst die Bedienten taten
geheimnisvoll wenn sie einander auf der Treppe begegneten Gabriele saß in
ängstlicher Spannung unfähig zu jeder sonst gewohnten Beschäftigung lauschte
sie auf jeden Fußtritt auf jedes Knarren der Türen in zitternder Unruhe Sie
ahnte das Herannahen einer für ihr ganzes Leben entscheidenden Stunde sie
ahnte einen Zusammenhang zwischen dieser Stunde und dem was Ottokar am
gestrigen Abende zu ihr gesprochen hatte ohne doch begreifen zu können wie
dieses möglicher Weise sein könne Gegen Mittag ließ die Gräfin ihr sagen dass
sie und Aurelia allein in ihrem Zimmer speisen würden zugleich schickte sie ihr
einen sehr glänzenden Anzug für den Abend Alles dieses so ganz Ungewohnte
vermehrte Gabrielens peinliche Unruhe sie begann weit früher als sonst sich
anzukleiden und zählte hernach jeden Pendelschlag ihrer Uhr
    Endlich strahlten die Kronleuchter Equipagen rollten herbei und schon
durchrauschten die Tritte vieler herannahenden Gäste Treppe und Vorsaal ehe
Gabriele sich wirklich entschließen konnte den VersammlungsSaal zu betreten
und eine immer steigende Angst hemmte jeden ihrer Schritte Unter lautem
Herzklopfen blieb sie unfern der Türe stehen wie durch einen dichten Flor
zeigte sich ihr die ganze glänzende Versammlung welche längs den Wänden des
Zimmers einen weiten Kreis bildete Alle nahe und entferntere Verwandte der
Gräfin alle ihre vornehmsten Bekannten waren gegenwärtig nur Frau von
Willnangen fehlte weil eine plötzliche Unpässlichkeit Augustens sie zu Hause
hielt und weder Ernesto noch irgend einer der Künstler und Gelehrten welche
sonst das Haus besuchten waren zugegen Am obersten Ende des Kreises stand die
Gräfin reich und festlich gekleidet neben ihr Aurelia im weiß und silbernen
Kleide diamantne Sterne im dunkeln mit Perlen durchflochtnem Haar ihr großes
blaues Auge überschaute die ganze Gesellschaft so wie etwa eine Königin ihren
Hofstaat übersieht ob niemand fehle und als sie Gabrielen an der Türe
gewahrte winkte sie sie zu sich heran Übrigens herrschte tiefe Stille in der
Versammlung man konnte das Picken der Uhren hören so regungslos erwartend
stand alles da Da trat Ottokar in völliger Hofkleidung aus einem Seitenzimmer
in der Nähe der Gräfin herein zum erstenmal sah Gabriele ihn von einem breiten
Ordensband umschlungen und einen blitzenden Stern auf seiner Brust Mit
freundlichem Ernst etwas bleicher als sonst näherte er sich der Gräfin die
seine und Aureliens Hand ergreifend mit würdevollem Anstande beide einige
Schritte vorwärts gegen die Mitte des Kreises führte und Ottokarn als Aureliens
verlobten Bräutigam der Gesellschaft vorstellte
    Die Gräfin schien sich zu dieser Festlichkeit eine kleine Rede ausgesonnen
zu haben die sie zwischen Ottokar und Aurelien stehend mit dem Anstande der
Fürstin von Messina an die Anwesenden richtete »Der Wunsch ihrer Väter« sagte
sie unter andern »der Wunsch ihrer Väter wenn gleich nicht ihr unabänderlicher
Wille bestimmte dieses Paar schon seit Aureliens Geburt für einander doch
blieb dieses meinem Willen gemäß beiden ein Geheimnis bis ich überzeugt sein
konnte dass kein innres oder äussres Hindernis sich ihrer Verbindung
entgegenstelle Die Gnade des Fürsten hat auch das letzte beseitigt indem sie
den Grafen in den Stand setzt seiner Braut mit seiner Hand auch einen meinen
Wünschen angemessnen Rang in der Gesellschaft zu bieten Ottokar erhielt heute
seine Ernennung zum Gesandten in Rom und Aurelia folgt ihm entzückt in das
schöne Land zu welchem schon längst sie wie jeden Gebildeten die Sehnsucht
zog Auch ich werde sie dorthin begleiten und da Graf Ottokars Bestimmung die
schnellste Ausführung des längst Vorbereiteten fordert so wird uns leider das
schöne Fest des heutigen Tages durch den Schmerz des Abschiednehmens von so
werten Freunden getrübt Schon morgen verlassen wir die Stadt in wenig Tagen
wird das hochzeitliche Band auf meinem Landgute ganz in der Stille geknüpft und
in weniger als einem Monat eilen wir Italien zu wohin Pflicht Liebe und
Sehnsucht uns rufen In Jahr und Tag hoffe ich indessen Sie alle hier wieder zu
sehen ich kehre dann mit der festen Überzeugung des Glücks meiner Kinder
zurück und hoffe in Erinnerung und Gegenwart mit meinen Freunden frohe Tage zu
verleben Auch meine Nichte Gabriele von Aarheim wird mich begleiten Ich habe
dich von deinem Vater dazu erbeten« sprach sie in ihrem natürlichen Ton sich
plötzlich zu Gabrielen wendend »du sollst auch Italien sehen freue dich recht
Kleine und wünsche deiner Kusine und ihrem Bräutigam Glück« setzte sie hinzu
indem sie ihr näher zu treten winkte
    Gabriele welche schon früher auf Aureliens ersten Wink sich genähert hatte
drängte sich jetzt mit wunderbarem Ungestüm durch die Versammlung welche sich
in dem Moment auch in Bewegung setzte um Aurelien ebenfalls ihre Glückwünsche
zu bringen Gabriele wankte als sie der Tante näher kam im Begriff zu sinken
umfasste sie unwillkürlich das Knie der Gräfin um sich aufrecht zu halten
»Wunderliches Kind wie stürmisch ist deine Freude Hier hier bringe deinen
Glückwunsch an« sprach lächelnd die Gräfin indem sie sie umarmte und dann zu
Aurelien und Ottokar wendete »Glück Glück« rief Gabriele atemlos und wie
verwildert sie konnte in augenscheinlicher Bewusstlosigkeit kein anderes Wort
hervorbringen als dieses eine das sie mehreremale schnell wiederholte Die
Gräfin welche auch in der höchsten Bewegung die feingezogne Linie des
hergebracht Schicklichen nie aus den Augen verlor wurde von dem Aufsehen
beunruhigt welches Gabrielens sonderbares Benehmen unter den Zunächststehenden
schon zu erregen begann Sie schob sie daher mit sanfter Gewalt der Türe zu
durch welche Ottokar hereingetreten war »Dorthin dorthin« flüsterte sie ihr
leise ins Ohr »erhole dich erst von deiner ausgelassnen Freude und dann kehre
wieder«
    Gabriele ging der Weisung der Tante gehorsam sie ging und ging einen
endlosen Weg wie es ihr schien die Kronleuchter drehten sich in einem
wunderlichen Tanz um sie her die Tapeten und Fussteppiche hoben und senkten
sich sie sah alles und erkannte nichts bis sie am äußersten Ende der
erleuchteten Reihe von Zimmern in einem nur von einer Dämmrungslampe erhellten
Kabinet auf den Divan sank
Über eine Stunde mochte wohl verflossen sein seit Gabriele sich von der
Gesellschaft entfernte im freudigen Tumult hatte weiter niemand an sie gedacht
selbst die Gräfin nicht welche jetzt nachdem die Gratulationen vorüber waren
alle Aufmerksamkeit darauf verwandte die Spieltische zu Jedermanns
Zufriedenheit zu ordnen Aurelia zog sich indessen mit ihren jüngeren Freundinnen
in ihr Zimmer zurück Ottokars prächtige Brautgeschenke mit ihnen zu mustern und
zu bewundern und so entstand für diesen eine Pause in der geselligen
Unterhaltung die ihm in seiner jetzigen Stimmung höchst willkommen war Er
fühlte dringend das Bedürfnis einiger einsamen ruhigen Minuten um sich selbst
wieder zu finden Jede auffallende Abänderung des Gewohnten und sei sie noch so
erwünscht führt ihre eignen Schauer mit sich die uns mit unwillkommner Gewalt
ergreifen oft im Momente wo wir es sogar als Pflicht fühlen nur Freude äußern
zu dürfen Sogar das höchste Entzücken unverhofften Wiedersehens geliebter
Freunde ist im ersten Augenblick ein Schmerz wir müssen mit jedem Glück erst
Bekanntschaft machen ehe wir uns dessen recht erfreuen können und wir
erschrecken sogar vor unsern eignen Wünschen wenn sie plötzlich in Erfüllung
treten
    So ging es auch Ottokar Ihn schauerte als er sich nun wirklich an dem
Wendepunkt seines Lebens sah den er doch seit Monden zu erreichen strebte Oft
hatte er den bittersten Unmut empfunden über den langsamen Kabinetsgang der
seine Anstellung verzögerte und jetzt schien ihm alles überraschend schnell
gekommen zu sein Er konnte es sich nicht verhehlen dass das leichte luftige
freie Schmetterlingsleben durch den heutigen Tag beendet werde Bande aller Art
ehrenvolle Tätigkeit ernste Pflichten im häuslichen Leben erwarteten ihn
tausend Rücksichten mussten seinem bisherigen harmlosen Umherschweifen jetzt ein
Ende machen die Blütezeit seines Jugendlebens war dahin und er vermochte es
nicht ohne Schmerz von ihr zu scheiden
    Leise hatte er sich die hellerleuchteten Säle entlang neben den eben
besetzten Spieltischen durchgeschlichen ohne dass jemand es bemerkte außer der
Gräfin die auch heute wie immer ihm Freiheit ließ zu gehen und zu kommen Er
öffnete vorsichtig die Türe des Kabinets in welches Gabriele sich geflüchtet
hatte und fuhr fast wie vor einer Geistererscheinung zurück da er sie beim
Schein der schwach leuchtenden Alabasterlampe erblickte wie sie sich bleich und
langsam bei seinem Eintritt vom Divan erhob und ihm ein paar Schritte entgegen
trat
    »Sie sind es Sie sind es wirklich Ottokar« redete sie ihn an »Sie sind
es wirklich ich sehe Sie noch einmal und kann von Ihnen Abschied nehmen ich
darf einmal im Leben zu Ihnen noch sprechen ehe ich auf immer scheide Nun so
ward doch ein heißer Wunsch im Leben mir gewährt«
    Ottokar erschrak vor dem zitternd bewegten Ton ihrer Stimme vor der
heftigen Spannung in der augenscheinlich ihr ganzes Wesen sich befand Er
näherte sich ihr indem er beschwichtigend ihre bebende Hand ergriff und sie
wieder zum Divan zurückführte »Sie reden vom Scheiden vom Abschiednehmen«
sprach er »liebe teure Gabriele  mit dieser vertraulichen Benennung darf ich
jetzt doch Sie anreden  liebe liebe Gabriele an Scheiden an Trennen ist nun
gar nicht zu denken Verstehen Sie jetzt meine Worte von gestern Abend« fuhr er
fort indem er recht vertraulich sich neben sie setzte »Gibt der heutige Tag
mir nicht ein Recht an allem was Sie betrifft innigen warmen Anteil zu
nehmen«
    Gabriele schwieg ihre Hand zitterte noch immer in der seinen schwere
Tropfen fielen einzeln aus ihren gesenkten Augen
    »Morgen gehen wir zusammen auf das Land« fuhr Ottokar etwas verlegen fort
da es ihm gar nicht gelingen wollte sie zur Gegenrede zu bringen »Morgen auf
das Land und wenig Tage später durch den blühenden Frühling nach Italien Wie
wird diese liebliche weiße Rosenknospe in jenem schönen Garten hold erblühen«
sprach er indem er sich zurückbeugte und Gabrielen mit Wohlgefallen
betrachtete Welche Freude wird es sein dort in der Heimat der Kunst alle die
Anlagen die Talente sich bis zur Vollkommenheit entfalten zu sehen die Ihre zu
große Bescheidenheit uns jetzt kaum erraten lässt Wird es mir dort vielleicht
gelingen Ihr Zutrauen zu erwerben ich ahne schon lange dass Sie nicht
glücklich sind liebe Gabriele« sprach er ihre Hand fester fassend »oft wenn
Sie von mir sich unbemerkt glaubend am Tisch mir gegenüber saßen sah ich den
Schmerz auf Ihren Lippen beben Ich weiß es wohl Ihnen fehlt das höchste Glück
der Jugend eine liebende Mutter Geschwister Nehmen Sie mich liebe Gabriele
nehmen Sie mich zu ihrem Bruder an jetzt da ohnehin Verwandtschaftsbande uns
vereinen werden geben Sie mir ein Recht mit liebender Sorgfalt um Sie
geschäftig zu walten In dem fremden Lande wohin wir gehen so schön es ist
werden wir doch unter uns unbekannten Menschen allein zusammen stehen die
vielleicht gar nicht zu uns passen aber wir werden uns dafür auch desto fester
an einander schließen und einander um so näher angehören je isolirter wir sind
Darum adoptiren Sie mich zum Bruder ehe die Not Sie dazu treibt gewiss ich
will ein recht guter Bruder sein« setzte er fast scherzend hinzu
    Er schwieg ihre Antwort erwartend während sie sichtbar nach Fassung nach
Atem rang plötzlich richtete sie sich auf und legte auch ihre zweite Hand auf
die seinige Er blickte verwundert voll Erwartung sie an
    »Ich danke Ihnen Ottokar« sprach sie »ich danke Ihnen herzlich Sie
wollen ein krankes Kind mit erfreulichen Bildern zur Ruhe einlullen aber ich
bin nicht krank ich bin auch kein Kind ich darf es ja nicht sein von jetzt an
nicht mehr Ach wäre ich es und läge tief gebettet bei meiner Mutter« rief sie
schmerzlich ermannte sich aber gleich wieder »Sie zeigen mir eine entzückend
schöne Aussicht in die Zukunft Ottokar« fuhr sie fort »Noch gestern hätte der
Gedanke an die Möglichkeit derselben mir ein Traum vom Himmel gedünkt aber in
dieser Stunde fühle ich dass ich selbst mir diesen Himmel verschließen muss
Ottokar ich nehme hier an dieser Stelle in dieser Stunde Abschied von Ihnen
ich kann nicht mit Ihnen gehen Fragen Sie mich nicht warum« setzte sie mit
bittender Stimme hinzu »fragen Sie mich nicht warum Es ist mir selbst nicht
deutlich ich vermag nicht es in klaren Worten vor mir selbst auszusprechen
aber eine Stimme in meinem Herzen ruft laut dass wir uns hier trennen müssen
und ich darf ihr nicht widerstreben Ich danke Gott dass mir vor dem Scheiden
der Augenblick wird nach dem ich Monden lang mich sehne und auch Mut und
Fassung ihn festzuhalten So scheide ich doch nicht von Ihnen als eine ganz
Unbekannte so nehme ich doch das Bewusstsein Ihrer Teilnahme an meinem Dasein
mit mir Sie werden in dem schönen Lande wohin Sie ziehen der armen Gabriele
nicht vergessen die hier immer Ihrer gedenken wird auch wenn mächtige Gewässer
und himmelhohe Alpen zwischen uns liegen«
    In immer steigender Bewegung hörte und sah sie Ottokar so lange sie sprach
immer fester hielt er ihre Hand immer näher suchte sein Auge das ihre während
die zarte Gestalt im Schmerz des Scheidens aufgelöst das müde Haupt an seine
Brust lehnte und mit der arglosen Sicherheit eines Kindes verstummend neben
ihm saß Ihm war als schwände vor seinen Augen ein dichter Nebel der ihn bis
jetzt verhindert hatte ein Juweel nach welchem er lange überall vergebens
suchte dicht neben sich glänzen zu sehen »Wie war es möglich« rief er
endlich »dass Sie so lange fast unbemerkt neben mir standen Ja ich ahnte Ihren
höheren Wert wann ich Sie so jung so allein so schweigend mitten im Wirrwar
der ungeselligsten Geselligkeit stehen sah welche unselige Verblendung welche
eitle Verknüpfung unbedeutender Zufälligkeiten hielt mich ab Sie näher kennen
zu lernen und sollen wir jetzt da wir uns eben fanden den herben Schmerz des
Scheidens mutwillig auf uns laden mit dem das Geschick uns dennoch freundlich
verschont Nein Gabriele Sie irren es muss nicht sein wir dürfen uns nicht
trennen Ich bin Ihr Bruder Sie selbst mir die geliebteste Schwester denn Sie
können mich nicht verschmähen und auch Aurelia wird der Gegenwart einer
liebenden Freundin aus der Heimat in dem fremden Lande doppelt bedürfen
    »Aurelia« rief beinahe schreiend Gabriele und verhüllte einen Augenblick
ihr Gesicht Dann hob sie gefasster die schönen durch Tränen lächelnden Augen
zu Ottokar auf
    »Nach dieser Stunde darf nichts halbes in unserm Verhältnis mehr bleiben«
sprach sie »ganz verhüllt oder ganz erkannt muss ich von Ihnen scheiden So
bringe ich denn mein Herz Ihnen offen dar und fürchte kein Missverstehen Seit
ich zuerst Sie sah Ottokar sind Sie ein Teil meines Daseins Ihr Glück ist
das meine Sie legen jetzt Ihr Geschick in Aureliens Hände  du liebst Aurelien
 o liebe sie recht innig recht treu  treue innige Liebe alles sich selbst
sogar opfernde Liebe bringt uns den Himmel wenn auch das Herz darüber bricht
 Auch Aurelia liebt Sie« fuhr Gabriele nach einer kurzen Pause fort »Sie
liebt Sie aber jeder Einzelne hat wohl seine eigne Liebe ihre Weise ist nicht
die meine ich würde nie sie verstehen so wenig wie sie mich jemals verstand
Darum muss ich fort ich würde in ewiger unendlicher Sorge um dich in deiner Nähe
vergehen ich würde dich mit mir herabziehn zu meinen ängstlichen Zweifeln Ach
schon jetzt suche ich vergebens Worte um auszusprechen was doch so klar vor
meiner Seele steht meine Reden verwirren sich unwillkürlich so würde ich auch
in euer Leben nur Verworrenheit bringen Darum muss ich zurück in meine
Einsamkeit meine Nähe wäre euch nur unheilbringend Ich bedarf Ihrer Gegenwart
nicht zu meinem Glücke Ottokar Sie sind doch immer mit mir und diese an
Tränen und Freuden so reiche Stunde bleibt ewig der hellschimmernde Lichtpunkt
meines Lebens er kann nie verlöschen«
    »O Gabriele« rief Ottokar mit leuchtenden Augen und tiefbewegter Stimme
»Gabriele warum schlug diese Stunde uns nicht früher wie anders könnte alles
sein«  »Sprich diesen Gedanken nicht aus hüte dich ihn nur auszudenken rein
und treu musst du bleiben wenn ich nicht im Schmerz um dich vergehen soll«
unterbrach ihn Gabriele in heftiger Bewegung
    »Ich bleibe rein ich bleibe treu« erwiderte Ottokar »aber noch bin ich
nicht gebunden noch hat die Kirche nicht«  »Ottokar Ottokar ich flehe zu
dir« rief Gabriele in höchster Angst mit gefaltnen Händen indem sie vom
Divan hinabgleitend fast zu seinen Füßen hinsank
    Ottokar fasste sie schnell in seinen Armen auf beide saßen einige Minuten
sprachlos mit hochpochenden Herzen Hand in Hand neben einander »So lass uns
wenigstens in dieser entscheidenden Stunde unsers Lebens nichts übereilen«
sprach er endlich mit mühsam errungner Fassung »höre auch mich an und dann
entscheide du selbst ich lege willenlos mein Geschick in deine Hände du kannst
kein Unrecht wollen du reiner Engel des Himmels Liebe war der süße Traum
meiner Jugend ich trat früh in die Welt ich suchte sie ich fand sie nicht
und so gab ich ihn als unerreichbar auf den schönen Traum und bereitete mich
mit freiem Herzen bei der Wahl einer Gemahlin dem Wunsch meines Vaters zu
folgen Fern vom Geräusch der Welt lebt er in tiefer Einsamkeit Mit der
starren Anhänglichkeit des Alters klammert er sich an die Vergangenheit die er
so gern wieder zurückbrächte und der Gedanke mich mit der Tochter seines
Jugendfreundes verbunden zu sehen war immer der einzige Plan für die Zukunft
den er fassen mochte Doch liebt er mich zu sehr um das Opfer meiner Ruhe zu
fordern Sehen sollte ich sie Monden lang in ihrer Nähe leben ehe ich mich
erklärte nur eigenes Wollen sollte mich binden darum sandte er mich hierher
Ich sah sie Gabriele wen sollte diese hohe Schönheit nicht blenden dieser
heitre immer spielende Geist dieses Talent für alles was das Leben verschönt
ich glaubte sie zu lieben ja ich liebte sie wirklich wenn unaussprechliches
Wohlgefallen an einem reizenden Wesen Liebe genannt werden kann Wenn mich wie
oft geschah etwas Befremdendes in ihrem Benehmen auf Augenblicke von ihr
zurückscheuchte wenn ein Ahnen ein Sehnen höheren Empfindens mich beschlich so
gedachte ich meines guten alten Vaters und entfernte alles was mir die
Erfüllung seines Wunsches hätte erschweren können So lebte ich Monate neben dem
reizenden Mädchen War auch sie vom Wunsch unsrer Väter unterrichtet
beobachtete auch sie mich im Stillen ich wusste es nicht auch galt es gleich
In jedem Fall war sie zu stolz mich täuschen zu wollen sie zeigte sich mir
immer wie sie ist und achtete es nicht wenn sie es auch bemerkte dass sie mir
deshalb nicht in jeder Stunde gleich liebenswert erschien Vor einigen Wochen
brachte mein Vater  Ach auf mein Bitten  das frühere Versprechen ihres
Gatten bei der Gräfin Rosenberg wieder in Anregung Sie weigerte sich nicht es
zu erneuern doch unter der Bedingung dass ich nur dann gegen Aurelien mich
erklären dürfe wenn ich ihr zugleich den Rang den Glanz bieten könne der
ihren Vorzügen gebühre Bis dahin achtete die Gräfin weder ihre Tochter noch
mich durch dieses Versprechen gebunden und verhehlte es auch nicht dass mehrere
Männer sich um die Hand derselben bewürben Jetzt Gabriele jetzt da ich die
Gefahr sah Aurelien zu verlieren jetzt erst fühlte ich mich mächtig zu ihr
gezogen Denn Eifersucht gleicht der Liebe obgleich jene nicht immer diese
begleitet sie ist gar oft nur das Kind gekränkter Eitelkeit Die von den
ausgezeichnetsten Männern gefeierte Aurelia konnte mein werden wenn ich sie zu
fesseln verstand dies bannte mich an jeden ihrer Schritte während ihr
Leichtsinn ihre auch mich nicht schonende Spottlust mich auf die Folter
spannten Endlich vor einigen Tagen kam mit der Gewissheit meiner Ernennung zu
der GesandtenStelle auch der Tag meiner Erklärung gegen Aurelien Kalt
gemütlos spottend beinahe gab sie mir das Versprechen die meine zu werden
und alle Lust am Leben schwand mir in der Minute dahin Ich fühlte mit
Bewusstsein dass dieses kalte über alles lachende mit allem seinen Spott
treibende Wesen nie lieben kann Sie wird mir treu sein sie wird mich
vielleicht freundlich behandeln ich will es glauben aber mehr darf ich nie von
ihr hoffen und alle die schönen Ahnungen häuslichen Glücks denen ich doch nie
ganz hoffnungslos entsagen konnte sinken mir an ihrer Seite in das Reich der
Unmöglichkeit Mir zum Troste suchte ich mich zu bereden dass was ich wünsche
zu schön für dieses Werkeltagsleben nur in andern Welten heimisch sei Ich war
gefasst eine gewöhnliche KonvenienzHeirat einzugehen und weder mehr noch
minder glücklich zu sein als alle die Tausende um mich her und nun in der
letzten Minute da ich mit halber Freiheit noch atme kommst du wie eine
himmlische Erscheinung du wunderbares Wesen und zeigst mir ein Glück das mir
Verblendeten bis heute noch erreichbar war Und wäre es denn wirklich zu spät
nein mein guter Engel sandte dich ich habe dich gefunden ich gehöre zu dir
und bin noch nicht ganz gefesselt Gabriele sprich nicht zu rasch unser
Urteil ein Wink von dir und meine Fesseln reißen und«  »Ottokar Ottokar«
rief Gabriele erbleichend und trat einige Schritte von ihm zurück  gefasster
näherte sie sich indessen ihm bald wieder »Wie du mich erschreckst« sprach
sie »wie du mich erschreckst mit einer mir so fremden Ansicht unserer Zukunft
dass ich es nicht fasse wie sie dir kommen konnte dir dessen Gedanken ich
sonst stets lange vorher wusste ehe du sie aussprachst Auch ist das was du
sagtest nicht die wahre Meinung deines Herzens« fuhr sie fort »du kannst
nicht wortbrüchig werden weil kein Schwur dich bindet du kannst deinem guten
Vater nicht die nahe Erfüllung seines letzten Wunsches vorspiegeln und dann
grausam ihn täuschen du kannst nicht meiner Tante mit der Schmach ihrer Tochter
heimtückisch dafür lohnen dass sie ihr Haus zu dem deinen machte und dir
vertraute Ottokar ich brauche nicht zu entscheiden du selbst hast entschieden
in der rechten Tiefe deines Gemüts du weißt es wohl was geschehen muss«
setzte sie mit sanftem Weinen hinzu »Aber ist es denn wirklich so müssen wir
scheiden auf ewig und du du Arme was wird aus dir in den Wüsten des Lebens«
rief Ottokar »Ich bin beglückt« sprach Gabriele kraftlos auf den Divan
hinsinkend »lass mir nur die Hoffnung dass du streben willst mit Aurelien
glücklich zu sein« »Ich will es Gabriele ich will alles was du willst Guter
Gott wie soll ich es aber anfangen dich zu vergessen« erwiderte Ottokar
»Vergiss mich nicht« bat Gabriele »lass mich mit dir leben wie du ewig mit mir
leben wirst vielleicht sehen wir einst uns hier noch wieder nach langen
langen Jahren dort finden wir uns gewiss dorthin wende den Blick« sprach sie
mit aufgehobnen Händen und sank sogleich wieder zurück
    »Und kein Andenken dieser Stunde gewährst du mir« sprach Ottokar »Du hast
meine Zeichnung von Schloss Aarheim betrachte die alten düstern Mauern in denen
ich von nun an leben werde denke dass dein Bild sie mir erhellt und nun lebe
wohl meine Kräfte reichen nicht weiter« sprach Gabriele mit erlöschender
Stimme
    Ottokar kniete vor ihr hin mit heißen Tränen netzte er die Hände der jetzt
beinahe ganz Bewusstlosen als eine Tapetentüre sich öffnete Erschrocken fuhr
er auf es war Annette Von einer unerklärlichen Angst getrieben hatte sie das
ganze Haus durchstreift um ihre junge Gebieterin zu suchen nachdem sie
vergeblich sich in der Gesellschaft nach ihr umgesehen hatte Angst leitete ihre
Schritte auch in das an die Gesellschaftssäle anstossende Kabinet und der
Zustand in welchem sie ihre geliebte Herrin dort fand erschreckte sie so sehr
dass sie kaum Ottokars Gegenwart noch weniger die an Verzweiflung grenzende
Bewegung bemerkte in welcher er sogleich nach ihrem Eintritt das Kabinet
verließ Es gelang ihm auf der bis jetzt ihm unbekannt gebliebnen verborgenen
Treppe welche Annetten herbei geführt hatte sein Zimmer zu erreichen ohne dass
ihn jemand bemerkte Eben erhaltne Briefe von höchster Wichtigkeit mussten für
diesen Abend sein Nichtwiedererscheinen bei der Gesellschaft entschuldigen
während Gabriele sanft und schweigend sich von Annetten in ihr Zimmer führen
ließ Der starre Blick das wunderliche Lächeln das ununterbrochne Schweigen
Gabrielens trieben die arme Annette unerachtet der dunkeln Nacht auf die
Straße hinaus um Frau von Willnangen zu Hilfe zu rufen denn im Hause war alles
zu beschäftigt um auf ihr Bitten zu hören und glücklicher Weise Augustens
Übelbefinden zu unbedeutend als dass es Gabrielens mütterliche Freundin hätte
abhalten sollen dem Kinde ihres Herzens zu Hilfe zu eilen
Schon am zweiten Tage nach diesen Ereignissen war alles Leben aus dem sonst so
geräuschvollen Hause der Gräfin Rosenberg gewichen Nur in Gabrielens Zimmer
waltete und flüsterte bange Sorge am Bette der zum Tode Erkrankten Durch die
übrigen verödeten Gemächer schlichen nur noch ein paar halb invalider Diener um
die Vorhänge an den Fenstern herabzulassen und das kostbare Hausgeräte gegen
den Staub sorgfältig zu bewahren Bald war auch dieses getan und die ehemals
glänzende Wohnung gewann nach und nach ganz das Ansehen jener verlassenen
Schlösser die man auf Reisen so oft besehen muss die wie verzauberte Palläste
in einem Feenmährchen dastehen und einen unbeschreiblich traurigen Eindruck
machen weil sie mit allem versehen sind dessen das üppigste Leben nur bedarf
ohne dass eine fröhliche lebende Seele zwischen den reichgeschmückten Wänden
atmet
    Kaum hatte die Gräfin am Morgen der Verlobung ihrer Tochter die Nachricht
von Gabrielens plötzlichem Erkranken vernommen so ahnte sie mit der ihr in
solchen Fällen gewöhnlichen Lebhaftigkeit ein bösartiges Nervenfieber in dieser
Krankheit Der Arzt wagte es nicht sogleich für oder wider ihre Mutmaassung zu
entscheiden Frau von Willnangen hingegen wünschte die Pflege ihrer jungen
Freundin ganz ungehindert übernehmen zu können und bemühte sich daher nicht
sonderlich der Gräfin die Furcht vor einer möglichen Gefahr der Ansteckung
auszureden Halb tot vor Angst konnte diese von dem Momente an keinen andern
Gedanken fassen als wie die Stunde ihrer Abreise auf das Land möglichst zu
beschleunigen wäre Alles dazu Nötige war ohnehin schon lange vorbereitet und
es gelang ihr deshalb ohne zu große Anstrengung sich noch im Laufe des
Vormittags begleitet von Ottokar Aurelien und Eugenien auf dem Wege nach
ihrem Landgute Rosenhain zu sehen
    Frauen wie die Gräfin pflegen aus angebornem Instinkt genau zu wissen was
sie zu verhehlen was sie bekannt zu machen haben Dieses Gefühl leitete sie
daher auch diesesmal ganz richtig indem es sie bestimmte der Krankheit ihrer
Nichte gegen Ottokar nicht zu erwähnen Nichts in der Welt hätte diesen dazu
bringen können seine Braut und ihre Mutter zu begleiten wenn er nur eine
Ahnung von der Todesgefahr gehabt hätte in welcher die ihm eben so schnell
Verlorne als Gefundne im Augenblick seiner Abreise schwebte Indem er seinen
Reisewagen bestieg dachte er nur an sie und die unausweichbare Trennung von
ihr Selbst in dem Unwahrscheinlichen des Vorwandes mit welchem die Gräfin das
Zuhausebleiben ihrer Nichte gegen ihn zu beschönigen suchte wähnte er Gabrielen
selbst zu erkennen In der ungeschickten Art mit welcher man ihn täuschen
wollte sah er nur ihre reine jeder Unwahrheit widerstrebende Natur er ergab
sich und schien alles zu glauben was man ihn glauben machen wollte weil er
dadurch ihrem Willen gemäß zu handeln sich bewusst war
    Aurelia würde vielleicht gar nicht nach Gabrielen gefragt haben wenn sie
nicht zu ihrer großen Freude bemerkt hätte dass ein Windspiel welches sie seit
zwei Tagen leidenschaftlich liebte weit bequemern Platz auf dem Rücksitz des
Wagens fand als sie gehofft hatte Mit halbem Ohr hörte sie auf die Ursachen
die wegen Gabrielens Zurückbleiben angegeben wurden und hatte diese wie ihre
Kusine selbst längst vergessen ehe sie noch über die Vorstadt hinaus war
Mehrere lange Tage und längere Nächte lag Gabriele ruhig da im dumpfen
bewusstlosen Schlummer wenn nicht fieberhafte Träume ihre innere Welt aufregten
und mit verworrenen wechselnden Bildern vor ihrem Geiste spielten Frau von
Willnangen hatte diese ganze Zeit über an dem Bette der geliebten Kranken in
banger Besorgnis gewacht und gebetet nur wenn die höchste Erschöpfung aller
ihrer Kräfte es gebot wagte sie es sich einem kurzen unruhigen Schlummer zu
überlassen Auguste und die treue Annette traten dann mit verdoppelter Sorgfalt
an ihren Platz vor dem Krankenbette von welchem sie ohnehin fast nie sich
entfernten
    Dankbar wenn gleich tiefbetrübt erkannte es Frau von Willnangen als eine
besonders gütige Fügung der ewigen Vorsicht dass lauter freundliche Gestalten
das kranke Haupt der oft sanft Lächelnden umschwebten dass keine
Schreckensträume dem Sterbekissen ihrer geliebten Gabriele nahen durften und
die vielleicht nicht entfernte Stunde ihres Scheidens mild und ruhig wie ihr
ganzes übriges Leben vorüber zu gehen versprach Sie belauschte mit der
angespanntesten Aufmerksamkeit alle Bilder welche Gabrielens exaltirte Fantasie
dieser vorüberführte sie horchte auf jedes verständliche Wort von den in wilder
Fieberhitze glühenden Lippen Bald führte diese innige vertraute Gespräche mit
der ihr nun zum Schutzgeist gewordnen verklärten Mutter bald dünkte es ihr als
sei sie wieder ein fröhliches Kind im Schloss Aarheim spiele mit freundlichen
Engeln in ihrem eignen Gärtchen unter hohen wunderschönen Blumen Oft sagte sie
ganze Stellen aus Schillers Wallenstein her besonders aus der AbschiedsSzene
zwischen Max und Tekla Dann sah sie Ottokar wie von einer langen Reise
heimkehrend und nannte ihn Max und eilte ihm freudig entgegen
    Unter diesen Zuständen war endlich die bange über Tod und Leben
entscheidende Nacht herangekommen Ernst und schweigend saß der Arzt am Haupte
des Bettes auf welchem Gabriele glühend in schwerem Schlummer und völlig
bewusstlos lag Neben ihm horchte Frau von Willnangen auf jeden Atemzug der
Kranken und erbleichte vor Entsetzen wenn die Pulse schneller auf einander
folgten oder zuweilen gänzlich auszubleiben schienen Die arme Annette lag auf
dem Fußboden neben dem Bette und betete in höchster Angst ganz leise vor sich
hin sie war fest überzeugt dass auch sie mit ihrem Fräulein aus Jammer über
dasselbe sterben müsse Ernesto und Auguste saßen schweigend neben einander auf
dem Sopha sie zählten jede Sekunde an dem Picken der Uhr und wagten es nicht
einander anzublicken um nicht eines in des andern Gesichte die starren Züge
innrer steigender Hoffnungslosigkeit zu gewahren
    Jetzt schlug die erste Stunde nach Mitternacht Der Arzt beugte sich mit
forschendem Blick über Gabrielen hin weil er einer fast unmerklichen Änderung
in ihrem Atmen gewahr ward Annette richtete sich im nämlichen Moment auf
ihren Knieen von der Erde auf und blickte starr nach dem Fenster »Dort fliegt
er hin dort fliegt er hin« flüsterte sie so innerlich leise dass sie kaum die
Lippen dabei regte und zupfte Frau von Willnangen am Kleide und zeigte dabei
auf das Fenster »Sie ist gerettet« sprach sie darauf in fast unhörbarem Tone
zu ihr die im bängsten Erwarten kaum noch atmete »Sehen Sie dort« setzte sie
hinzu immer auf das Fenster zeigend »dort hoch über dem Turme den kleinen
weißen Wolken am Monde vorüber Ach Gott dort senkt er sich wieder« rief sie
einen Augenblick später und verhüllte schluchzend ihr Gesicht
    Eine bange ängstliche Stille herrschte jetzt um Gabrielen man hörte das
Summen der Fliegen im Nebenzimmer den Schwung der Flügel eines
Nachtschmetterlings der um die Lampe flatterte Da schlug Gabriele plötzlich
groß und hell die Augen auf »Sind sie schon so früh da liebe mütterliche
Frau« sprach sie zur Frau von Willnangen die sie zum erstenmal seit sie krank
ward wieder erkannte »Ich habe wohl lange geschlafen und bin doch noch müde«
setzte sie hinzu Ein mattes Lächeln glitt über ihr Gesicht von neuem schlief
sie ein aber die krampfhafte Anspannung in ihren Zügen die Fieberröte auf
ihren Wangen waren verschwunden sie lag bleich und schön gleich einem
Marmorbilde jetzt da und atmete zwar matt aber ruhig Noch ehe die Sonne
aufging wagte es der Arzt für die Erhaltung ihres Lebens zu bürgen wenn man
seinen Vorschriften pünktlich Folge zu leisten verspräche
    Ein Arzt der solch ein Wort mit fester Zuversicht aussprechen darf wenn
von der Rettung eines heiß geliebten Wesens die Rede ist steht in dem Momente
wie ein göttergleiches Wesen vor uns da Auch bedarf es wohl solcher
Augenblicke um ihn für die vielen bitteren Stunden zu trösten in welchen er die
Ohnmacht alles menschlichen Wissens anerkennen muss und die dennoch von seinem
wohltätigen hohen Beruf sich nicht trennen lassen Ernesto und Frau von
Willnangen Auguste und Annette alle drängten sich im freudigsten Tumult um den
Retter Gabrielens alle wussten ihrem Dank ihrem Entzücken keine Worte zu geben
Es war als habe er jedem von ihnen neues Leben geschenkt indem er jene
tröstenden Worte aussprach Ihr unaussprechliches Glück kennt nur wer in einem
einzigen entzückenden Momente den unausweichlich geglaubten Verlust eines über
alles geliebten Wesens von sich abgewendet sah« »Ach wenn ich nur dies einemal
nicht träume« rief zwischendurch Annette »aber es ist doch gewiss wahr ich sah
ihn fortfliegen gewiss ich sah es« setzte sie dann ganz leise vor sich hinzu
gleichsam um sich selbst zu beruhigen »Was sahst du denn fortfliegen
Annettchen« fragte Ernesto aber sie erwiderte ihm »dass es in dieser Stunde
noch nicht gut sei davon zu sprechen Er ist noch nicht weit« setzte sie
betrübt und vorsichtig um sich her blickend hinzu »ich sah ihn auf das Haus
der Frau von Felsberg sich senken deren Kinder so krank sind« Und damit nahm
sie wieder ihren Platz auf der Erde neben dem Bette ein legte das Gesicht auf
Gabrielens Decke und wandte kein Auge mehr von ihr ab
    Viele Tage vergingen ehe Gabriele ihren Freunden anders als mit
unaussprechlich freundlichen Blicken ihre liebevolle Pflege verdanken konnte
Wochen schwanden hin ehe sie es vermochte sich nur wenige Stunden außer dem
Bette zu halten
    In den Armen der Liebe von einer schweren Krankheit zu genesen ist eine
unbeschreiblich rührende heilige Freude die für alle erlittene Schmerzen
reichlich Entschädigung beut Das Gefühl des neu erwachenden Lebens verschönt
alle Gegenwart und jeder alte Schmerz wird wenigstens fürs erste
zurückgeschoben dass wir nicht gleich seiner gedenken Wir selbst sind
liebender als im gewöhnlichen Gange des Lebens und auch von unsern Freunden
mehr geliebt Die nahe Gefahr des Verlustes der furchtbare Gedanke des
Scheidens für das ganze irdische Dasein hat uns ihnen teurer gemacht ihnen ist
zu Mute als hätten sie zuvor unsern Wert nicht genugsam anerkannt als hätten
sie deshalb ein Unrecht gegen uns gut zu machen und müssten sich dankbar dafür
erweisen dass wir noch länger unter ihnen weilen wollen Wir hingegen mit
Sinnen in der Einsamkeit des Krankenzimmers neugestärkt wir wissen nicht wie
wir genugsam ihrer großen Liebe uns erkenntlich beweisen sollen und jeder
kleine Dienst den sie in unsrer Schwäche uns leisten hat als Zeuge ihrer
treusten Anhänglichkeit für uns unschätzbaren Wert
    Und so war es auch mit Gabrielen Sie fühlte sich durch die liebevolle
Pflege ihrer Freunde höchst beglückt und die Ereignisse welche sie auf das
Krankenlager geworfen hatten waren in der ersten Zeit ihres Genesens fast
spurlos aus ihrem Gemüte verlöscht Nur mit der allmähligen Erneuerung ihrer
Kräfte regte sich eben so allmählig der alte Schmerz wieder auf und verflocht
sich in den Gang ihres Lebens jemehr sich dieses der Außenwelt wieder
zuwendete
    Allmählig war es jetzt völlig Frühling geworden Draußen im Garten
schwärmten die Vögelchen schon gar lustig zwischen rötlichen Blüten ihren
kleinen Haushalt beschickend und die Sonne schien warm und lockend durch die
immer blühenden Rosen auf Gabrielens Fenster Auch Ottokars Pflanzen trieben
wieder Knospen und Gabriele stand oft vor ihnen versunken in stilles
Nachdenken aus welchem nur die angestrengtesten Bemühungen ihrer Freunde sie zu
ziehen vermochten
    Eines Morgens hatte sie bis zur Erschöpfung ihrer wenigen Kräfte bei ihnen
verweilt und sank darauf in den tiefen Schlummer der Ermattung Ernesto mit
Augusten welche eben zugegen waren zogen sich in das Nebenzimmer zurück um
sie nicht durch ihre Gegenwart im Schlafe zu stören Auch Annette musste mit
denn das treue Kind war durch ihre große Liebe zu Gabrielen allen wert
geworden und wurde mehr wie ein zur Familie gehörendes Mitglied derselben als
wie eine um Lohn dienende Kammerjungfer betrachtet
    »Jetzt ist es heller lichter Tag und für dein Fräulein ist Gottlob alle
Gefahr verschwunden« sing Ernesto an »jetzt sage uns liebe Annette was sahst
du fliegen in jener ängstlichen und frohen Nacht die wir mit dem Arzte
durchwachten« Feuerrot warf Annette einen ängstlichen Blick auf das Fenster
und flüsterte dann schnell und leise »Wen anders als den Todesengel«
    »Den Todesengel« erwiderte Ernesto lächelnd »den sahst du fliegen und
wie sah er denn aus dieser Schreckensengel«
    »Ach schrecklich genug« antwortete Annette »mir graust es noch wenn ich
daran denke wie er aussah und doch war er so sehr schön wie ich noch nichts
gesehen habe kein Mensch auf Erden kann so aussehen Er ist kein Kind wie die
andern Engel die in der Kirche und in der gnädigen Gräfin ihrem Zimmer abgemalt
sind Er sah aus wie eine sehr schöne Frau die pechschwarzen Locken hingen ihm
zu beiden Seiten des todtenbleichen Gesichts lang herab dabei sah er recht
grässlich recht grausam ernstaft aus und über alle maßen traurig und herzlich
betrübt und doch war es auch als ob er mitleidig wäre und sich recht gerne
tröstlich bezeugen wolle So flog er mit den breiten dunkeln Flügeln über das
Bette meines Fräuleins bald in weiten Kreisen rings darum her bald zwischen
den Vorhängen unter dem Bettimmel durch Ich wollte immer die Vorhänge
zuziehen aber dann dachte ich er kommt doch wohl hindurch und ich sähe nicht
wie er sie zu Tode küsse denn im Kusse hätte er ihre Seele genommen das weiß
ich gewiss«
    »Liebe Annette mir schaudert jetzt am hellen Tage bei deiner Erzählung
unmöglich kannst du das gesehen haben du musstest ja vor Angst und Schrecken bei
dem Anblicke von Sinnen kommen« wandte Auguste ein
    »Ich wäre auch gewiss dabei von Sinnen gekommen« erwiderte Annette »wenn
nicht die weit größere Angst um mein Fräulein mich aufrecht erhalten hätte Er
flog ihr immer näher und näher zuletzt schwebte er so dicht über sie hin dass
ich jeden Augenblick dachte jetzt wird er sie küssen und dann ist sie tot
Ich lag auf der Erde neben ihr und rückte recht mit Bedacht mein Gesicht dicht
neben ihrem Gesicht und dachte immer daran wie ich es so machen könne dass er
mich an der Stelle meines Fräuleins küssen solle oder doch wenigstens mit ihr
zugleich Herr Gott ich begreife gar nicht wie Sie alle ihn nur nicht gesehen
haben wie Sie alle nur nicht das ängstliche Schwirren in der Luft hörten wenn
er so über meinem armen Fräulein hin und her flog«
    »Und wo blieb er denn zuletzt wo flog er hin« fragte Ernesto »Er flog
durch das Fenster hinaus« war die Antwort »wie er durch die Scheiben kam kann
ich nicht beschreiben er drang hindurch wie der Mondschein und schwebte noch
lange von außen um die Fenster her Endlich Gottlob endlich flog er ganz fort
Hoch durch die Luft dicht neben dem Monde hin ich sah es recht deutlich wie
die dunkeln Flügel durch die weißen Wolken neben dem Monde wie durch einen
Silberflor hindurch schimmerten Auf einmal senkte er sich nieder mir stand das
Herz still vor Angst aber er flog weiter und ließ sich zuletzt auf dem Hause
der Frau von Felsberg herab Sehen sie wohl dort das grüne Türmchen mit dem
weißen Balkon rings herum man sieht es fast in der ganzen Stadt Das Türmchen
steht oben auf dem Hause der Frau von Felsberg Ach Gott und ihre lieben
kranken Kinderchen sind auch beide in derselben Nacht gestorben Ich habe schon
so viel um sie geweint« setzte Annette schluchzend hinzu indem die hellen
Tränen ihr über die Wangen liefen
    Eine lange Pause entstand Auguste vermochte es nicht vor Grausen ein Wort
aufzubringen und auch Ernesto fühlte von der treuherzigen Erzählung der jungen
Engelseherin sich befangner als ihm lieb zu sein schien Endlich wollte er
einiges über die ängstliche Wallung sagen in der sie sich alle während jener
Nacht befunden dann sprach er davon dass Annette aufgeregter und überwachter
sein musste als jeder von ihnen weil sie allein vom Anfange der Krankheit
Gabrielens an bis zu jenem entscheidenden Moment sich keine Stunde ruhigen
Schlummers gewährt hatte Auch versuchte er von den wunderlichen Bildern zu
sprechen die unsre Fantasie uns schon auf nächtlichen Reisen oft vorspiegelt
besonders wenn wir mehrere Nächte hindurch fahren ohne auszuruhen aber die
Worte standen ihm nicht so zu Gebote wie wohl sonst »Am besten ist es« sagte
er endlich »wir danken Gott dass der Furchtbare diesmal vorüberzog sei es auf
welche Weise es sei sichtbar oder unsichtbar grübeln wir weiter nicht darüber
und hüten wir uns davon zu sprechen denn solche Gespräche taugen überall
nichts Vor allen Dingen aber wünsche ich dass unsre Kranke nie etwas von dieser
Erscheinung erfahre«
So wie sich Gabriele stark genug dazu fühlte trug man Sorge sie aus ihrer
verödeten Wohnung hinweg in das Haus der Frau von Willnangen zu bringen wo sie
ihre völlige Genesung bequemer abwarten konnte Ottokars Name war seit seiner
Abreise noch von keinem von ihnen genannt worden und Frau von Willnangen sah
nicht ohne Besorgnis dem Augenblick entgegen wo dieses zum erstenmal geschehen
würde Bei aller Überzeugung dass Gabrielens Krankheit mit der unerwarteten
Erklärung der nahen Vermählung Ottokars Zusammenhang habe war sie doch weit
entfernt nur eine Silbe von der wunderbaren Zusammenkunft zu ahnen welche an
jenem Abend zwischen beiden statt gefunden hatte Sie wusste daher gar nicht wie
sie sich über Ottokar zu äußern habe um Gabrielen nicht weh zu tun Sie war
uneins mit sich selbst wie jeder der es sich nicht verhehlen kann dass er von
der rechten Bahn abwich und nun gern wieder gut machen möchte was er sich
gestehen muss verdorben zu haben wenn es auch in der besten Absicht geschah Die
Verblendung in welcher sie Gabrielens Neigung stets mehr entflammt hatte statt
sie zu mäßigen war ihr jetzt unerklärlich Sie begriff es nicht wie ihre im
Laufe eines langen Lebens erworbne Welterfahrenheit sie diesesmal so irre gehen
ließ aber eben so wenig begriff sie noch immer wie Ottokar Aurelien wählen
konnte da Gabriele neben dieser stand »Habe ich gefehlt« sagte sie sich
endlich selbst zum Trost »so stürzte die herzlichste Liebe zu dem
liebenswürdigen Kinde mich in den Irrtum mag denn diese Liebe so lang ich
lebe auch streben wieder gut zu machen was sie übel gemacht hat«
    Gabrielens Kräfte nahmen unter der treuen Pflege ihrer Freunde beinahe mit
jedem Tage sichtbar zu Ihre Jugend ihr stilles von jedem innren Vorwurf
freies Gemüt und auch des Frühlings allbelebende Kraft waren des Arztes
mächtige Gehülfen Es hatte fast den Anschein als ob ihre physische Natur
dieses heftigen Stosses bedurft habe um zur völligen Entwickelung zu gelangen
so auffallend war die Veränderung welche jetzt in ihrem Äußern vorging und
sie fast bis zum Unkenntlichwerden verschönte Das kindlich runde Gesichtchen
gewann jetzt den hohen edlen Ausdruck vollendeter Jungfräulichkeit ohne
dadurch an jugendlichem Reize zu verlieren ihre mit jedem Tage höher
erscheinende Gestalt entwickelte sich zu der edelsten Form und ihrem ganzen
Wesen fehlte nur noch der Glanz blühender Jugendfrische um aller Augen zu
entzücken
    Mit Gabrielens wiederkehrender Gesundheit nahm aber auch der schweigende
kalte Ernst zu mit welchem sie jetzt alles um sich her zu betrachten schien
Eine nachdenkliche unteilnehmende Stille in ihrem ganzen Benehmen beängstigte
Frau von Willnangen weit mehr als wenn sie sie traurig gesehen hätte Ihr
verging dabei völlig der Mut endlich eine Erklärung des Vergangnen
herbeizuführen deren Notwendigkeit sie anerkannte obgleich sie vor den
möglichen Folgen derselben zitterte Sie wusste ja nicht welche Art von
Schmerzen sich mit dieser in dem armen getäuschten Herzen ihres Lieblings wieder
aufs neue vielleicht zerstörend regen würden Vom ersten Moment der Krankheit
an hatte sie ihren Pflegling vor allen fremden Besuchen gehütet nicht allein
aus Rücksicht auf ärztliche Vorschrift sondern auch weil sie es gern vermeiden
wollte Ottokars gefürchteten Namen vor unberufnen Zeugen zum erstenmal in
Gabrielens Gegenwart nennen zu hören Im Anfange ward ihr dieses nicht schwer
gemacht Die übereilte einer Flucht ähnliche Abreise der Gräfin Rosenberg hatte
das Gerücht von der in ihrem Hause obwaltenden Gefahr der Ansteckung bis zum
Ungeheuern vergrößert Sogar ihre genausten Bekannten hüteten sich ihm vorüber
zu gehen und wählten lieber Umwege um nur nicht die verrufne Straße zu
betreten Doch mit der Zeit verschwand auch diese Furcht und da Gabriele
späterhin im Hause der Frau von Willnangen sich befand so drängte sich bald die
gewöhnliche Schaar von Besuchenden herbei welche jedes Krankenzimmer für einen
erwünschten Vereinigungspunkt anzusehen pflegt Keiner von diesen gelangte
indessen bis zu Gabrielen Auguste machte in einem Nebenzimmer die Honneurs und
entschuldigte ihre Freundin mit dem ausdrücklich gegen Annahme aller Besuche
gerichteten Verbote des Arztes Man ließ diese Entschuldigung um so lieber
gelten ohne etwas dagegen einzuwenden da sich eigentlich niemand für das Leben
oder Sterben des jungen Mädchens wirklich interessierte das bis jetzt eine so
wenig bedeutende Rolle in der Gesellschaft gespielt hatte
Nach vielen in ihrem Krankenzimmer still verlebten Wochen wagte es Gabriele
endlich zum erstenmal ihre Freundinnen an einem warmen Frühlingsmorgen im
eignen Wohnzimmer zu überraschen Freudig erschrocken fuhren beide vom Sopha
auf als sie die schöne Gestalt am Arme Annettens hereinschweben sahen Frau von
Willnangen hätte sie kaum erkannt so verändert stand Gabriele jetzt zum
erstenmal außer dem Halbdunkel des Krankenzimmers im hellsten Strahl der
Morgensonne vor ihr da Das schöne Gesicht mit den blassroten Wangen sah
wunderlieblich aus dem feinen Spitzenhäubchen hervor unter welchem die
lichtellen Locken sich einzeln um die blütenweisse Stirn hervordrängten Die
dunkeln Augen strahlten in erneutem Jugendglanz und das in den wenigen Wochen
merklich zu kurz gewordne blendend weiße Morgenkleid zeigte die
allerzierlichsten Füßchen »Mein Kind mein liebliches schönes Kind« rief Frau
von Willnangen hingerissen von der himmlischen Erscheinung und drückte unter
freudigen Tränen sie an ihre Brust während Auguste sie zum Sopha hinzog und
beide hernach in der Freude ihres Herzens tausend einander widersprechende
Anstalten trafen um es dem lieben Gast nur recht wohl und bequem zu machen
Endlich saßen sie in traulicher Gemütlichkeit neben einander als plötzlich die
Türe aufging und Gräfin Eugenia mit dem ältesten Fräulein Silberhain
unangemeldet hereintraten
    »Nun da sieht man die liebe Kranke doch wieder Und wie groß geworden wie
schön man möchte bald verleitet werden sich ein Fieber von solchen Folgen zu
wünschen Sie sehen ja in der Tat aus als könnten sie uns die neueste Kunde
aus dem Lande der Seeligen bringen« rief Gräfin Eugenia indem sie die zu ihrem
Empfange aufgestandne Gabriele umarmte
    »Auch war meine Gabriele der Himmelstüre nahe genug Ein Glück für uns dass
sie bei Zeiten wieder umkehrte um noch bei uns zu weilen« erwiderte lächelnd
Auguste
    »Achten Sie es wirklich für ein Glück wenn der Engel zum Fluge in die ewige
Heimat schon die Flügel entfaltet hat und dann aufs neue gefesselt von
irdischen Banden sie wieder zusammen legen muss« fragte Fräulein Silberhain
»ach wir wissen vielleicht nicht welch ein Unrecht wir tun« fuhr sie fort
»wenn wir uns der anscheinenden Genesung unsrer Freunde freuen Was ist denn
längeres Leben anders als längeres Harren«
    »Liebe Silberhain« fiel Eugenia ein »Gabriele und wahrscheinlich die
mehresten Leute harren doch recht gern so lange als möglich denn in den
himmlischen Freudensaal kommen wir alle zeitig genug Aber einer Reise nach
Italien entsagen zu müssen wenn schon beinahe der Wagen vor der Türe steht
das ist ein Unglück von dem ich gar nicht begreife wie man es überlebt ohne
wenigstens vor Verdruss darüber den Verstand zu verlieren Armes armes Kind
warum mussten Sie auch so ganz zur unrechten Zeit von dem bösen Fieber befallen
werden Sie dauern mich ungeheuer ach und hätten Sie nur wie ich die
Glücklichen abfahren gesehen Ehegestern ging es fort gleich am frühen Morgen
nach dem Hochzeittage Das junge Ehepaar fuhr allein in einem ganz neuen
delizieusen englischen Wagen den Platz in der Batarde der Gräfin der Ihnen
bestimmt war nahm Aureliens Bella ein Das ist pikant nicht wahr gewiss
niemand darf es Ihnen verdenken wenn sie ein wenig mit dem Schicksal grollen
es spielt Ihnen warlich diesmal übel mit«
    »Soll ich dich nicht auf dein Zimmer führen« fragte ängstlich Auguste aber
Gabriele bestand darauf da zu bleiben versicherte sich sehr wohl zu befinden
und bat die Gräfin Eugenia um nähere Nachricht von der Tante und Aurelien
    »Von beiden bringe ich Ihnen tausend Abschiedsgrüsse« sprach Eugenia »ich
kam erst gestern Abend von Rosenhain wieder zu Hause denn einem alten
gegenseitigen Versprechen zu Folge musste ich Aurelien als Brautführerin zum
Altar geleiten Es war recht gut dass ich gleich mitreisen konnte da Sie zu
Hause bleiben mussten liebe Gabriele Die Gräfin und Aurelia hätten sich sonst
in Rosenhain vielleicht zu oft allein gefühlt denn Ottokar machte sich sehr
selten Geschäfte und Reiseanstalten hielten ihn fern von uns sagte man
Überhaupt hat er meiner Meinung nach als Bräutigam an Amabilität nicht
gewonnen vielleicht kommt das im Ehestande nach So lange ich jetzt in
Rosenhain mit ihm zusammen lebte war er wenigstens  maussader als je  möchte
ich sagen wenn ich mich nicht hier vor den strafenden Blicken der Mamma
Willnangen fürchtete die von jeher diesem ihrem lieben Schoosskinde in allen
seinen Arten und Unarten gefälligst nachzusehen gewohnt ist«
    »Schelten Sie den Grafen nicht weil er nicht leichtsinnig den wichtigsten
Schritt seines Lebens vollbrachte« sprach Fräulein Silberhain »Ach wer müsste
nicht in einem solchen Zeitpunkte sich und sein Gemüt in der tiefsten Stille zu
heiligen suchen Lehrt uns nicht die schöne Geschichte vom jungen Tobias«   
    »Ob Ottokar so fromm ist wie der junge Tobias oder wie Sie liebe
Silberhain ihn sich denken weiß ich nicht« unterbrach Eugenia das Fräulein
»aber langweilig genug war er wenigstens Ich schiebe alles dies einzig auf die
Luft die um jene Zeit im Rosenbergschen Hause höchst perniziös gewesen sein
muss Unsre liebe kleine Gabriele erkrankte ja auch am VerlobungsAbend und
Ottokar muss ebenfalls zur nämlichen Stunde von einem besonderen Schwindel
ergriffen worden sein denn er plantirte beim Soupé nicht nur die Gesellschaft
 das hätte noch hingehen mögen aber auch die zärtliche Braut die neben einem
leeren Stuhl sitzen musste Sein Lorenz erschien zwar wie wir uns schon an der
Tafel rangirten mit einer sehr lahmen Entschuldigung seines Herrn der
plötzlich höchstwichtige Briefe erhalten haben sollte aber der naseweise Mensch
schnitt zu dieser Entschuldigung ein so pfiffig hämisches Gesicht dass alle
merken mussten woran sie waren selbst die welche nicht wie ich daran dachten
dass Mittwochs keine einzige Post hier eintrifft«
    Frau von Willnangen verging fast vor Angst um Gabrielen bei diesem Gespräch
vergebens bemühte sie sich ihm eine andere Wendung zu geben oder doch
wenigstens Gabrielen zum Fortgehen zu bewegen Diese wollte keinen ihrer sie
dazu einladenden Winke verstehen und sowohl Fräulein Silberhains Lust am
Fragen als Eugeniens Lust am Antworten ließ die Unterhaltung nicht fallen
welcher Gabriele mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte
    »Nie in meinem Leben habe ich eine einer wandelnden Leiche so ähnliche
Gestalt gesehen als Ottokar beim Antritt der Reise nach Rosenhain« sprach
Eugenia weiter »Gewiss er war sehr krank denn solche Todtenblässe solche
trübe zugeschwollne Augen solche Veränderung in allen Zügen finden sich über
Nacht bei keinem Gesunden ein Auch in Rosenhain wankte er so schattenähnlich
umher dass ich jeden Morgen zu hören fürchtete er sei in der Nacht zum Tode
erkrankt Die Gräfin war deshalb in nicht geringerer Besorgnis als ich allein
er hielt sich aufrecht Übrigens wie gesagt war er am Tage kaum sichtbar
wichtige Arbeiten fesselten ihn in seinem Kabinete wie es hieß obgleich ich
nicht begreife was sein Hof jetzt gerade mit Italien wohin er gesendet wird
so wichtiges zu verhandeln haben kann Auch die Gräfin wunderte sich gewiss im
Stillen darüber aber sie kennen ihre Art sich zu verbergen und immer dasselbe
Gesicht zu behalten Mir schien es die Wahrheit zu sagen als ob die Depeschen
welche ihn so beschäftigten von hier oder doch sehr aus der Nähe kämen denn an
Botentagen kam er gar nicht vom Fenster weg bis er die grün lederne Brieftasche
erblickte und eilte immer der Erste zu sein der sie aufschloss um sein
Päckchen herauszunehmen Ich erkannte sogar einmal kurz vor der Hochzeit
Ernestos Hand auf der Adresse eines seiner Briefe« »Und Aurelia« fragte
Gabriele
    »Von der lässt sich wenig sagen« erwiderte Eugenia »Sie kennen ja das
fröhliche Geschöpf Sie sah nichts sie merkte nichts sogar nicht dass der
Hochzeittag von Woche zu Woche endlich einen ganzen Monat hinaus verschoben
ward Über die Freude einige Offiziere die in der Nachbarschaft einquartirt
waren zu erobern und auszulachen und über die noch größere ein paar
Landjunker zu mistifiziren vergaß sie Italien und die Hochzeit mit samt dem
Bräutigam«
    »Sie behandeln das junge Paar zu strenge« sprach endlich Frau von
Willnangen »ich hoffe sie lieben einander und wenn gleich keine heftige
Leidenschaft«  
    »Wer leugnet denn dass sie einander lieben« unterbrach sie Eugenia ziemlich
eifrig »keines von beiden ließ es an Beweisen davon fehlen Aurelia neckte
ihren Ottokar so wie sie seiner ansichtig ward und Sie wissen es ja nach dem
alten Sprichwort liebt sich was sich neckt Ottokar gab hingegen seine
Zärtlichkeit für seine Braut auf modernere Art zu erkennen Es war als ob er
alle Modisten Blumisten und Juweliere auf zwanzig Meilen in die Runde mit
einem Zauberstabe regiere so unerschöpflich war der Reichtum mannigfaltiger
Geschenke mit welchem er sie überschüttete Jeder Morgen brachte ihr irgend
eine elegante oft sehr kostbare Kleinigkeit von ihm Abends überraschte er sie
durch Nachtmusiken Feuerwerke kleine ländliche Feten Welche andere Beweise
seiner Liebe konnte Aurelia sich wünschen zum Glück besitzt Graf Ottokar ein
unerschöpfliches Genie für die Anordnung dergleichen Dinge an seinem Lorenz
aber gut war es doch dass endlich der Hochzeittag dem allen ein Ende machte
denn die Erfindungen des Kammerdieners wollten doch nicht mehr recht zureichen
um die geistigen und körperlichen Abwesenheiten seines Herrn zu bedecken«
    So plauderte Eugenia ungestört fort Frau von Willnangen sowohl als
Auguste hatten es aufgeben müssen sie unterbrechen zu wollen Ihnen blieb
nichts weiter übrig als den Eindruck zu beobachten welchen ihre Erzählung auf
Gabrielen machte besonders da die Erzählerin vom Fräulein Silberhain durch noch
dringendere Fragen angeregt sich anschickte die eigentliche Hochzeitfeier auf
das Umständlichste zu beschreiben
    »Die Trauung geschah in der Dorfkirche und zwar sehr früh am Morgen Beinah
mit Sonnenaufgang denn so hatte es Ottokar gewollt« sprach Eugenia »Und da er
zum erstenmal etwas wollte« fügte sie hinzu »so staunte man zwar ein wenig
über dieses Ansinnen ließ es aber dennoch gelten obgleich Aurelia hoch und
teuer versicherte dass sie und wir alle die abscheulichste Migräne vom frühen
Aufstehen davon tragen würden«
    Nun ließ sich Eugenia auf eine sehr genaue Beschreibung des prächtigen
Negligees von Brüssler Spitzen ein welches die Braut an dem festlichen Morgen
getragen hatte auch der kleinsten Garnierung desselben geschah ehrenvolle
Erwähnung ehe das Betragen des Brautpaars während der Trauung zur Sprache
kommen konnte Eugenia lobte Aureliens sich durchaus gleichbleibende Fassung und
ihren vornehmen man möchte sagen königlichen Anstand während der Zeremonie
indessen Ottokar bei der endlosen langweiligen VorbereitungsRede des Pfarres
totenbleich hin und herschwankte bis der Moment kam das feierliche Ja
auszusprechen Da war es denn doch« erzählte Eugenia weiter »als ob es ihm
einfiel dass sein Benehmen nicht ganz das eines Menschen sei der sich am Ziele
lang ersehnter Wünsche sieht und dass es deshalb allen Gegenwärtigen als höchst
befremdend auffallen müsse Er nahm sich ordentlich mit einem Ruck zusammen«
sprach sie »stand plötzlich aufrecht da und sein Gesicht belebte sich zu einem
Ausdruck den wir so lange er in Rosenhain war an ihm vermisst hatten Ich muss
gestehen es gab einen Augenblick während welchem er wieder recht schön war
als er mit glänzenden himmelwärts gewendeten Augen zum Gewölbe der Kirche
aufblickte und dann nach einer fast unmerklich kleinen Pause das
verhängnisvolle Ja laut und vernehmlich von sich hören ließ Aber dies Wörtchen
musste auch wie ein Zauberspruch auf ihn gewirkt haben denn auf dem Wege aus der
Kirche war der steinerne Mann mit einemmal wieder lebendig geworden So wie wir
zu Hause angelangt waren drückte er zum erstenmal seine Braut an seine Brust
wenigstens sahen wir es zum erstenmal »Aurelia« fing er höchst feierlich ich
glaube gar mit Tränen in den Augen an und hätte wahrscheinlich ein Supplement
zu des Pfarrers Rede geliefert aber Aurelia machte sich bei Zeiten los
versicherte todtmüde zu sein und eilte in ihr Zimmer Gleich darauf schickte
sie uns ihre Jungfer mit dem Bedeuten dass sie nicht eher als bei der Tafel
sichtbar werden könne weil sie durchaus vom frühen Aufstehen ruhen müsse um
nicht den ganzen Tag unwohl zu sein Ich gestehe es wir sowohl als der eben
aufgetaute Bräutigam blieben bei dieser Erklärung mit recht langen Gesichtern
stehen
    »Und wie äußerte sich denn der Bräutigam bei dieser Laune seiner Braut«
fragte jetzt Frau von Willnangen
    »Er sagte das klügste was sich unter solchen Umständen sagen ließ nämlich
gar nichts kein einziges Wörtchen« antwortete Eugenia »Die Gräfin die sich
immer zu helfen weiß ergriff gleich seinen Arm um mit ihm die Anstalten zur
Bewirtung einiger hundert Bauern aus der Umgegend zu besehen denn der
festliche Tag sollte bloß durch ein Volksfest gefeiert werden da man am
folgenden Morgen sehr früh abzureisen beschlossen hatte Ottokar ging ganz in
die Ideen seiner neuen Schwiegermutter ein und nahm sich des Empfanges und der
Unterhaltung seiner ländlichen Gäste mit großem Eifer an bis später kurz vor
der Tafel die holde Braut ungerufen erschien und mit ihm im vollen Schmuck
unter dem Vivatrufen der Bauern durch ihre Reihen zog
»Sehen Sie mich nicht so unruhig nicht so bekümmert an liebe teure Frau«
sprach Gabriele zur Frau von Willnangen sobald Eugenia endlich mit ihrer
Erzählung zugleich ihren Besuch beendet und das Zimmer verlassen hatte »Auch
du meine Auguste sei getrost Was ängstigt euch denn ihr lieben Beide«
setzte sie hinzu indem sie ihre vereinten Hände an ihre Brust drückte und mit
den klaren treuen Augen zu ihnen aufblickte Beide umarmten sie schweigend und
Gabriele fuhr fort zu reden
    »Wonach ich lange im Stillen mich sehnte ist mir in dieser Stunde
geworden« sprach sie gleichsam zu sich selbst »Ich habe Nachricht von ihm von
seinem Leben seit wir uns trennten vom Vollbringen dessen was geschehen
musste alles ist vorbei  alles alles ist vorbei« wiederholte sie und sank in
die Kissen des Sophas zurück Doch ermannte sie sich sogleich wieder und
richtete sich auf mit der in solchen Momenten ihr eigentümlichen Kraft Frau
von Willnangen vermochte es nicht ihr etwas zweckmässiges oder auch nur
zusammenhängendes zu erwidern nicht allein weil sie in zu heftiger Bewegung
sich befand auch ihre Ansichten von Gabrielens Geschick schwebten noch immer in
zu verworrener Gestaltung ihr vor In der Verlegenheit doch etwas sagen zu
müssen stammelte sie einige Worte von unbegreiflichen Täuschungen von
unerklärlichem Benehmen doch schnell unterbrach sie Gabriele »Glauben Sie
mir« sprach diese »keine Täuschung nichts Unerklärliches liegt zwischen mir
und Ottokar um uns ist alles hell und klar wie das Sonnenlicht Zwar werden wir
auf Erden uns schwerlich wieder sehen aber dennoch halten wir fest im Glauben
an einander Wir haben uns einmal gefunden wir haben uns einmal verstanden und
das genügt uns um nie in keinem Moment des Lebens an einander irre werden zu
können«
    Die Lebhaftigkeit mit welcher Gabriele diese Worte sprach versetzte Frau
von Willnangen in die höchste Besorgnis um sie Sie hatte den Moment von dem
sie so vieles aufgeklärt zu sehen hoffte das bis jetzt ihr dunkel geblieben
war schon lange im Verborgnen herbeigesehnt Jetzt war er unerwartet ihr
erschienen und sie wünschte beinah noch weit sehnlicher ihn verschieben zu
können wär es auch auf immer Das stürmische Pulsiren des jungen Herzens das
wie Ruhe suchend sich im Laufe des Gesprächs an ihre Brust gelehnt hatte
erfüllte sie mit Angst um die kaum Genesene Sie sah mit Entsetzen wie alles
Blut aus diesem armen Herzen in einem Moment auf Gabrielens Wange glühte im
nächsten in dessen Tiefen zurückströmte und nur die bleiche Farbe des Grams auf
dem holden Gesichte zurück blieb Aber alle Versuche die ihr jetzt so furchtbar
scheinende Unterredung abzubrechen waren vergeblich
    »Lassen Sie mich jetzt die Brust mir frei sprechen« erwiderte Gabriele
ihren Einwendungen »fürchten Sie nicht dass mir die Kräfte dazu fehlen ich
fühle mich und weiß dass ich in dieser Stunde es vermag Es ist mir ein Trost
denn schon lange sehne ich mich Ihre unsägliche Liebe durch eben so ungemessnes
kindliches Vertrauen zu erwidern Hernach will ich ruhen und Sie werden gewiss
mit dem kranken Kinde nachsichtig umgehen Ja ich liebe Ottokar und er weiß
es denn in der höchsten Stunde meines Lebens die mir ewig allein dastehen
wird in Freude und Schmerz habe ich es ihm gesagt Wovor erschreckt ihr denn
wieder Gott kennt ja meine Liebe ich schämte mich ihrer nicht vor ihm warum
sollte ich sie denn dem einzigen Wesen verbergen das gewiss nach seinem Willen
zu mir gehört wenn wir gleich durch irdische Verhängnisse eingezwängt jedes
seinen eignen Weg fern von einander gehen müssen Auch Ottokar liebt mich wir
fanden uns in seligen Schmerzen in trüber Wonne nur einen Moment um uns
gleich wieder zu trennen und nun ist es gut  Es ist alles sehr gut«
wiederholte sie nach einer kleinen Pause und drückte sanft weinend Mutter und
Tochter fester an sich Beide weinten verstummend mit ihr
    »Wir sollten eigentlich nicht weinen« sprach Gabriele bald darauf »ich bin
ja nicht unglücklich ich bin ja nicht beklagenswert warum weinen wir denn
ich habe gelebt und geliebt Beut mir die Zukunft keine Freude mehr so brauche
ich auch dafür sie nicht mehr zu scheuen Wohin Sie liebe Mutter durch Jahre
voll Schmerz hingelangten dahin bin ich in früher Jugend in einer kurzen
Stunde gekommen ich bin in ihr alt geworden und kann nun ohne Furcht überall
hintreten meine Ruhe ist gesichert Ein zweiter Schmerz wie dieser droht mir
nicht wieder denn das Herz liebt nur einmal wie es nur einmal bricht Es war
ein artiges Spiel des Zufalls dass unter den Blumen die ich von Ottokar
erhielt auch die Eine sich befindet welche nur einmal um Mitternacht eine
Stunde lang blüht und dann auf immer sich schließt Ich erhielt in dieser Blume
ein Vorbild meines Geschicks und von ihm«
    »Gabriele wüsstest du wie diese deine kalte Verzweiflung mich quält« rief
Frau von Willnangen was soll was kann ich tun um dich davon zu retten ach
ich selbst ich Unbesonnene war es ja welche in deinem jungen Gemüte Wünsche
und Hoffnungen immer mehr entflammte die ich hätte unterdrücken sollen die nun
dein Verderben sind Jetzt weiß ich dies aber damals blendete ich mich selbst
Ich wollte an die Erfüllung jener Wünsche und Hoffnungen glauben weil auch ich
sie im Herzen hegte und du gehst nun an ihnen zu Grunde«
    »Wie Sie mich missverstehen teure Frau« erwiderte mit wehmütigem Lächeln
Gabriele »Ich bin ja fern von Verzweiflung glauben Sie mir ich bin sogar
nicht unglücklich denn wehmütige Erinnerungen tiefgefühlte Sehnsucht sind ja
nicht Unglück Verstehen Sie doch alles wörtlich wie ich es Ihnen sage ich
flehe darum denn wie ich es meine spreche ich es aus immer in einfacher
Wahrheit Nie hegte ich die Wünsche die Hoffnungen auf welche Sie mit Winken
hindeuteten die ich jetzt erst verstehe Nie sogar habe ich mit Bewusstsein mir
ihre Möglichkeit gedacht nie sie empfunden Ich liebte Ottokar wie ich atme
wie ich die Sonne das Leben liebte Ich vergaß bei ihm der Vergangenheit und
gedachte keiner Zukunft ich war glücklich und unglücklich in der Gegenwart
ohne mich weiter um etwas zu kümmern Ja ich will Ihnen nichts verhehlen nur
wie ich Aurelien als seine Braut sah da erst fiel es mir ein dass auch auf mich
seine Wahl hätte fallen können da erst liebe Mutter und legen Sie es mir
nicht als Unwahrheit aus wenn ich sage ich hätte eingewilligt wenn er mich
gewählt hätte wie ich in alles willigen müsste was er so recht aus der Tiefe
seines Gemüts wollen könnte aber es wäre ein Opfer gewesen das ich seinem
Wollen brachte Neidlos sehe ich Aureliens Geschick ich habe es nie für mich
gewünscht glauben Sie es mir segnen will ich sie sie lieben wie ihn wenn sie
ihn so glücklich macht wie er es durch eine solche heilige Verbindung werden
könnte«
    Mit diesen Worten und der Bitte den Tag ganz allein bleiben zu dürfen zog
Gabriele sich in ihr Zimmer zurück Dort in der Einsamkeit ließ allmählig die
Spannung nach in welche Eugeniens Erzählung und das darauf folgende Gespräch
mit ihren Freundinnen sie versetzt hatten Sie versank in tiefes Nachdenken
jedes Wort jede noch so leise Andeutung Eugeniens gingen nochmals ihrem Geiste
vorüber alle waren ihr ein unerschöpflicher Quell von Freude und Schmerz von
dem sie zu fühlen glaubte dass er ihr ganzes Leben hindurch nicht versiegen
könne
    Aus dem von Eugenien nur ganz obenhin erwähnten Umstande dass sie Ernestos
Hand auf einem Briefe an ihn bemerkt habe ahnte Gabriele was wirklich
geschehen war Ottokar war auf irgend eine Weise von ihrem Erkranken
benachrichtiget worden er hatte alle Qualen der bängsten zur Hilfe
ohnmächtigen Sorge um sie gelitten er hatte in martervoller Todesangst um sie
gebebt während sie an den Pforten des Todes in süßer Bewusstlosigkeit lag und
wahrscheinlich so hinüber geschlummert wäre ohne Schmerzen zu fühlen Durch
Ernesto hatte er gewusst bestimmte Nachricht von ihr zu erhalten ohne ihn
dennoch zum Vertrauten der Art des Anteils zu machen den Gabriele in ihm
erregte Als ob Ottokar selbst es ihr gestanden habe so bestimmt wusste Gabriele
jetzt dass nur Besorgnis um ihr Leben seinen auffallenden Trübsinn veranlasste
über den Eugenia sich so spottend geäußert hatte dass nur diese Sorge ihn bewog
den Tag seiner Vermählung immer weiter hinaus zu schieben und dass nur die
Überzeugung sie sei genesen ihn ermutigen konnte das unvermeidliche Opfer
endlich zu bringen welches für das ganze Leben ihn von ihr trennte und ihn
sogar aus der Luft verbannte in welcher sie atmete
    Aureliens und ihrer sich immer gleichbleibenden Art sich gegen Ottokar zu
benehmen gedachte Gabriele nur mit tiefem Schmerz denn alles überzeugte sie
dass diese kalte lieblose spottende Natur sich nie an seiner Seite erwärmen
nie ihn liebend beglücken könne Daher vermied sie den Gedanken an sie oder
versuchte wenigstens sich selbst durch die Hoffnung zu täuschen dass es am Ende
ihm doch wohl gelingen könne die bösen Geister die sein Glück verhinderten
durch die seiner höheren Natur eigne Güte zu bannen und die Gefährtin seines
Lebens für sich zu gewinnen Wenn alles fehl schlägt so bleibt ihm der Trost
an den auch ich mich halte die Überzeugung das Rechte gewollt und vollbracht
zu haben und mein Andenken setzte sie ganz leise sich zur Beruhigung hinzu
Noch während dem Laufe des Winters hatte Frau von Willnangen den Entschluss
gefasst den größten Teil des Sommers in den böhmischen Bädern zuzubringen
Durch Gabrielens Krankheit war die Ausführung dieses Plans einstweilen in
Vergessenheit geraten nun sie aber wieder genas kam er aufs neue zur Sprache
Der Arzt drang sogar darauf ihn baldmöglichst und zwar in Gabrielens
Begleitung auszuführen er hoffte viel Erfreuliches für ihre völlige
Herstellung nicht sowohl von den Heilquellen als von den Zerstreuungen welche
stets im Gefolge einer solchen Reise sind
    Es war durchaus notwendig die Erlaubnis des Baron Aarheim zu dieser Reise
seiner Tochter einzuholen und Frau von Willnangen übernahm es sehr gern ihn
schriftlich darum zu ersuchen Seine Einwilligung erfolgte sogleich und in den
verbindlichsten Ausdrücken nur war die einzige Bedingung beigefügt dass
Gabriele jede Stunde bereit sein müsse zu ihrem Vater zu eilen sobald er ihre
Gegenwart verlange
    Nicht ohne Schrecken hatte der Baron die Nachricht vernommen dass Gabriele
mit der Tante nicht hatte nach Italien reisen können denn er fürchtete nun
jeden Augenblick sie in seinem alten Bergschlosse eintreffen zu sehen Diese
schickliche Gelegenheit sie noch einige Zeit von sich entfernt zu halten
überhob ihn einstweilen jener Sorge und ward deshalb freudig von ihm ergriffen
Dennoch war er jetzt sehr zufrieden dass nicht die Alpen zwischen ihm und seiner
Tochter als Scheidewand dastünden weil er seit einigen Tagen dem Ziel seines
Strebens ganz nahe zu sein dachte so dass er oft die völlige Entschleierung des
großen Geheimnisses von der nächsten Sekunde erwartete
    Seit er so ganz allein fern von jeder äußern Störung in Schloss Aarheims
düstern Mauern hauste hatte er sich mit rastloser Leidenschaft ja bis zur
Erschöpfung aller seiner Kräfte jenen geheimnisvollen Arbeiten hingegeben Kein
freundliches lebendes Wesen durfte ihm nahen der Wechsel der Jahreszeiten ging
unbemerkt an ihm vorüber er wusste nicht ob die Bäume grünten oder ob Schnee
sie bedeckte er sah sogar nicht das Licht der Sonne denn die schweigenden
Nächte sagten seinem dunklen Treiben am besten zu Deshalb schlief er wenn
alles wachte und während jedes glückliche Geschöpf nach des Tages Last und Lust
Ruhe sucht begann sein ängstliches Wirken im dunkeln Kreise der finsteren
Mächte die kein Sterblicher ungestraft ruft wenn gleich vielleicht keiner je
von ihnen Antwort erhielt
    So verkehrte er die Ordnung der Zeiten Dennoch verhehlte er sich nicht die
bei dieser unnatürlichen Lebensweise für seine Gesundheit obwaltende Gefahr Er
wusste bestimmt dass er auf keine lange Reihe von Jahren mehr rechnen dürfe in
denen er die Früchte seiner Arbeit zu genießen hoffen könne aber er achtete
dieses nicht denn er strebte nach keinem dauernden Genuss In nie gesehnem Glanz
aus dem Dunkel seiner Ahnenburg hervortreten sein uraltes Geschlecht aufs neue
in seiner Tochter erstehen sehen aufs neue für kommende Jahrhunderte der
Stifter desselben werden seine alten Feinde knirschend vor Neid in
ohnmächtiger Wut erbleichen sehen und dann sich hinlegen und sterben das war
es was er vom Geschick zu erzwingen dachte und nur der Gedanke dass irgend
einer von denen welche er hasste vor dem Gelingen seines großen Werkes dieses
Leben verlassen könne machte ihn beben
    Nicht weniger als dieses rastlose Treiben ängstigte ihn ein ewiges
Überlegen wie er sein Geheimnis auf das schnellste und vorteilhafteste
benutzen könne sobald es ihm gelungen wäre es ganz zu entschleiern Sollte er
seine Tochter zur Erbin seines durch mühseliges unablässiges Forschen und
tausendfache Opfer erworbnen Wissens einsetzen sollte er sich daran genügen
lassen ihr noch bei seinem Leben unermessliche Schätze zuzuwenden und sein
Geheimnis mit sich in die Gruft seiner Ahnen hinabzunehmen Diese Zweifel
erregten einen nie zu stillenden Zwiespalt in seinem Innern der zerstörender
als Wachen und Arbeit ihn langsam verzehrte Es war ihm unmöglich einem
weiblichen Wesen den Mut die Klugheit ja selbst die Verschwiegenheit
zuzutrauen welche unumgänglich dazu gehören ein solches Geheimnis nicht nur zu
verwalten sondern auch zu verbergen Die Gefahren welche jedem drohen den die
Gewaltgen dieser Erde im Besitz solcher Kenntnisse wähnen waren ihm nur zu
bekannt und das Geschick Böttchers des unglücklichen Erfinders des sächsischen
Porzellans trat oft warnend vor seinen Geist Alle diese Überlegungen machten
ihn geneigt sein Geheimnis mit sich sterben zu lassen dann aber ergriff ihn
der Gedanke wie groß es sei die Erbin seines Namens mit dieser mächtigsten
aller irdischen Gewalten ausgerüstet zurück zu lassen Ihn schwindelte ein
neuer Kampf entstand in seinem Gemüt und so konnte der unglückliche Greis
nimmer zur Ruhe gelangen Rastlos schwankte er ewig in banger Sorge von einem
Entschlusse zum andern und verwachte die langen endlosen Stunden des Tages auf
seinem Lager bis die Abendsonne die Zinnen seiner Burg rötete und ihn mahnte
aufzustehen um sein nächtliches Tagewerk zu beginnen
Frau von Willnangen zögerte keinen Augenblick die Erlaubnis des Barons zu
benutzen und die Reise in das Bad anzutreten denn der Sommer war indessen schon
ziemlich weit vorgerückt und da der Herbst dem rauheren Klima der Gebirge
selten günstig ist so hatte sie keine Zeit zu verlieren
    Ernesto suchte und erhielt sehr leicht die Erlaubnis sich der kleinen
Karavane seiner Freundinnen anschließen zu dürfen welche ihrerseits froh waren
ihn zum Beschützer auf der Reise zu haben Nicht Furcht vor der während der
schönen Jahreszeit mit jedem Tag überhandnehmenden Öde der Stadt hatte ihn zu
diesem Entschlusse bewogen wie Auguste im fröhlichen Mute ihm oft Schuld gab
sondern wahrhaft väterliche treue Liebe für die verwaisete Tochter der Frau
deren Andenken ihm noch immer wie ein hell leuchtender Stern am fernen Horizont
seiner längst hinter ihm zurück gebliebnen Jugend strahlte Gabrielens Geschick
und der Zustand ihres Gemüts waren dem treuen beobachtenden Freunde nicht
verborgen geblieben obgleich ihm niemand darüber etwas anvertraut hatte
    Zwischen ihm Frau von Willnangen und auch Gabrielen war sogar eine Art von
stillschweigender Übereinkunft darüber entstanden man behandelte ihn als
wisse er alles ohne doch je ausdrücklich irgend eines näheren Umstandes zu
erwähnen Er der lebenskundige Mann sah Gabrielens Zustand in weit hellerem
Licht als Frau von Willnangen Er glaubte Gabrielens Ruhe nicht für immer
zerstört er hielt sie sogar in diesem Augenblick nicht für unglücklich Er
wusste wie der Zauber der Jugend alles selbst den Schmerz zu verschönern
vermag und ihn zuletzt in das süßeste aller Spiele umwandelt das aber zugleich
auch das gefährlichste ist weil es dem Gemüte die Kraft entzieht für den Ernst
des Lebens in später kommenden Jahren Die Tränen jener nie wiederkehrenden
Frühlingszeit gleichen den TauTropfen auf der Rosenknospe sie verhauchen in
süßen Düften so lange der Morgen frisch atmet aber wenn die glühenden
Strahlen der Mittagssonne sie noch finden so brennen sie sie ätzend zu
unzerstörbaren Flecken ein die entstellten früh welkenden Blätter bleiben
geschlossen und vermögen es nie sich in der ihnen von der Natur bestimmten
Herrlichkeit zu entfalten
    Übrigens wusste Ernesto auch dass der Frauen Herz ewig jung bleibt wenn
gleich ihre Locken unter der Hand der Zeit erbleichen dass sie immer geneigt
bleiben mit ihren jüngeren Freundinnen sich aufs neue den Wonnen und Schmerzen
hinzugeben welche einst auch ihren Frühling erhellten und trübten und die der
Machtspruch des späteren Alters nur entschlummern hieß aber nicht vernichten
konnte Deshalb fürchtete er Frau von Willnangens zu weiche Teilnahme für
Gabrielen jetzt da diese an dem ihre ganze Zukunft bestimmenden Wendepunkt
ihres Lebens stand und achtete es für Pflicht in ihrer Nähe zu bleiben um sie
mit starker väterlicher Hand zu fassen zu stützen zu leiten sobald es Not
täte
Die kleine Reise ward in wenigen Tagen und ohne alle Abenteuer zurückgelegt
Gabrielens stille Heiterkeit während derselben hatte zwar oft einen höchst
wehmütigen Ausdruck der aber nie in wilderen Schmerz in tiefere Trauer
ausartete
    Die Reisegesellschaft kam über Eger nach Karlsbad und die Gegend in der
Nähe dieses ersten Ziels ihrer Reise besonders aber die mit keinem andern
Badeorte zu vergleichende Einfahrt in das Städtchen selbst entzückte sie alle
»Warlich« rief Auguste »es verlohnt sich der Mühe alle Jahre nach Karlsbad zu
reisen einzig um darin anzukommen Ich wollte ich könnte so lange wir hier
bleiben wenigstens jede Woche einmal die Freude haben mich so lustig vom
Türmer anblasen zu hören während ich am Fuß dieser prächtigen Felsen unter den
wilden Rosenbüschen hinrolle und ihre Wälder ihre schimmernde Kreuze ihre
Pyramidenzacken hoch über mir sehe«
    Gabriele lehnte indessen schweigend zum Wagen hinaus ihr Blick ruhte auf
den Felsen ihre Gedanken flogen der Heimat zu So ja eben so umstarrte hohes
Gebirge das alte Schloss in welchem sie das Licht der Sonne zuerst erblickt
hatte Nicht so geschmückt mit jeder Anmut der Kultur und einer üppigen
Vegetation aber doch diesem ähnlich nur beinah enger noch und tiefer war das
stille Tal in welchem sie an der Hand ihrer Mutter zu wandeln pflegte Seit
sie Schloss Aarheim verließ war sie immer in der Ebne geblieben nur ganz von
Ferne hatte sie mit der allen im Gebirge geborenen eignen Sehnsucht ihre lieben
blauen Berge zu sich herüber schimmern gesehen Beinahe ein Jahr war
vorübergezogen seit sie von ihnen schied Ihr war als kehre sie in diesem
Augenblick wieder heim zu ihnen aus der fernen Welt welche sie mit so wenig
Erwartungen betreten hatte in der sie so unendlich viel fand was nur noch in
der Erinnerung ihr gehörte und von der sie ohnerachtet ihrer Jugend jetzt zu
wissen glaubte dass sie ihr nichts weiter mehr zu bieten habe als ein Grab
    Der wirkliche Eintritt in Karlsbad und in ihre freundliche Wohnung riss sie
aus ihren trüben Träumen und Augustens herzliche Freude an allen neuen
Umgebungen erweckte auch sie zur Teilnahme Bald gewahrte sie sich selbst in
einer neuen Welt Die geputzten Brunnengäste welche an dem wunderschönen lauen
Sommerabend unter ihrem Fenster auf und abgingen schienen ihr unzählbar so
dass die große lebensreiche Stadt welche sie eben verlassen hatte ihr wie tot
dünkte gegen diesen kleinen einem Ameisenhaufen ähnlichen Fleck Erde und sie
sich an dem ungewohnten Schauspiel fast eben so sehr ergötzte als Auguste
Der Julimonat und mit ihm die Zeit während welcher Karlsbad am glänzendsten
erscheint war über die Hälfte vorübergezogen als Frau von Willnangen mit ihren
Begleitern dort anlangte Einige fürstliche Personen die bisher einen kleinen
Hof gebildet hatten welcher den vornehmern Brunnengästen einen alle übrige
ausschliessenden Vereinigungspunkt gewährte hatten sich schon zur Nachkur in
andere Bäder begeben Täglich sah man lange Reihen mit Koffern hochgepackter
großer Berlinen über die Wiese ziehen in welchen vornehme Familien ihnen
nacheilten Dennoch blieb die Gesellschaft noch immer zahlreich genug um keine
Lücke merkbar werden zu lassen und neue Ankömmlinge ersetzten täglich die
Stelle der Abreisenden
    Frau von Willnangen besaß unter vielen angenehmen Eigenschaften auch die
sich überall wohin sie kam leicht anzusiedeln und heimisch zu werden Auf
Reisen wusste sie dem aller ungemütlichsten Gastofszimmer in wenigen Minuten
ein wohnliches Ansehen zu geben ohne dass man sonderlich bemerken konnte was
sie darin verändert habe Wo sie an fremden Orten längere Zeit blieb da
gewannen alle ihre Umgebungen bald einen so behaglichhäuslichen Anstrich dass
jedem wohl darin ward dem es erlaubt war sich ihr zu nahen
    Darum sammelte sich auch in Karlsbad wie überall ein sehr angenehmer Kreis
der Liebenswürdigsten und Gebildetsten um sie her Es war als ob sie durch einen
Zauberspruch alle an sich zöge die zu diesen gezählt werden durften oder als
ob sie ein Zeichen an sich trüge an dem die Gleichgestimmten sie erkannten
Dennoch wunderte sich jeder der sie zum erstenmal sah wie diese einfache
weder durch jugendlichen Reiz noch glänzenden Witz ausgezeichnete Frau dazu
gekommen sei der Mittelpunkt der Gesellschaft zu werden so anspruchlos und
zuvorkommend war sie in ihrem Betragen gegen Alle
    Gabrielen hatte der Arzt nur ein paar Gläser des Teresienbrunnens als des
schwächsten von allen zu trinken erlaubt damit sie sich doch auch mit Ehren in
die Reihe der Brunnengäste stellen dürfe denn es ist nichts unangenehmer als
bei einem Allen gemeinschaftlichen Zweck allein ausgeschlossen zu bleiben
Frühes Aufstehen Bewegung in der vom Duft der Bergkräuter und frischem
Waldeshauch erfüllten Luft und vor allem Rückkehr zu der regelmäßigen
Lebensart deren sie während dieses Winters sich hatte entwöhnen müssen waren
die eigentlich ihr vom Arzt verordnete Kur und der Erfolg bewies dass er in der
Wahl nicht geirrt hatte Gabriele die jetzt eben ihr siebzehntes Jahr
vollendete blühte von Tage zu Tage schöner auf Der Rosenglanz der Gesundheit
gab ihr einen neuen Reiz ohne den fast äterischen Ausdruck zu zerstören der
von ihrer frühsten Jugend an sie ausgezeichnet und ihr das Ansehen einer
Bewohnerin andrer Welten gegeben hatte dabei lag in ihrem
freundlichanspruchlosen Wesen etwas so unaussprechlich liebliches dass jedermann
sich zu ihr gezogen fühlen musste obgleich der stille Ernst mit dem sie das
Leben nur als Zuschauerin zu betrachten schien niemanden zu näherer
Vertraulichkeit aufforderte
Unter den Reisegesellschaftern der Frau von Willnangen war Ernesto der Einzige
der mit dem Ton und überhaupt dem Leben in Karlsbad nicht recht zufrieden sein
wollte Sie selbst war zu oft sowohl hier als an ähnlichen Orten gewesen um
mehr von ihnen zu fordern als sie ihrer jetzigen Einrichtung nach leisten
können Augustens heitre Natur befand sich in ihrer Mutter und Gabrielens
Gesellschaft überall wohl und diese freute sich zwar der herrlichen Umgegend
war aber in ihrer innern Welt noch zu befangen um sonst noch Ansprüche irgend
einer Art an die äussre zu machen
    Anders aber verhielt es sich mit Ernesto Dieser hatte noch nie zuvor einen
Brunnenort besucht denn zu der Zeit da er im frühen Jünglingsalter Deutschland
verließ um die Ausbildung seines Talents in Italien zu suchen war es noch
nicht wie jetzt Gebrauch die Bäder als Erholungsorte zu betrachten Eine
Badereise betrachtete man damals als einen großen Entschluss und fast immer nur
als den letzten Versuch zu genesen ja der Ausspruch des Arztes welcher die
Kranken dorthin verwies klang den mehresten von ihnen wie ein halbes
Todesurteil Daher kannte sie Ernesto nur aus lobpreisenden Aufsätzen in
Zeitschriften und hochtönenden an Ort und Stelle verfertigten Beschreibungen
die ihn freilich weit mehr erwarten ließ als er fand
    »Wir sitzen hier ganz vortrefflich« sprach er einst in halb unmutiger
halb zufriedner Stimmung zu der Gesellschaft die sich an einem warmen
Nachmittag im Schatten der schönen Bäume vor dem böhmischen Saal recht häuslich
niedergelassen hatte »Wir sitzen hier ganz vortrefflich Frau von Willnangen
macht die angenehme Wirtin als wäre sie zu Hause die übrigen Damen arbeiten
an allerliebsten Kleinigkeiten und wir Männer führen weise Gespräche Uns ist
wohl aber wir bilden doch einen Staat im Staate und das ist hier nicht recht
Mir wenigstens tut mitten in meiner Glückseligkeit das Herz weh wenn ich die
einzelnen Paare ansehe die dort auf der Wiese und hier in den Alleen langweilig
und langsam neben einander herschlendern Da Gott hier für alle und jede seinen
Segen in den Quellen fließen lässt so sollten auch wir niemanden von unsern
Vergnügungen ausschließen und alle zusammen danach streben dass allgemeine
Freude die ganze Brunnengesellschaft zu einer Familie vereine«
    Die Gesellschaft an welche Ernesto diese Worte richtete bestand außer den
Hausgenossen der Frau von Willnangen noch aus der im nördlichen Deutschland
einheimischen Familie des Baron Wallburg Dieser bewohnte mit seiner Frau zwei
Töchtern und einem Sohne den oberen Stock des nämlichen Hauses von welchem Frau
v Willnangen die erste Etage inne hatte Nicht sowohl diese nahe Nachbarschaft
als vielmehr eine gewisse Übereinstimmung in ihrer Lebensweise hatte beide
Familien zuerst einander näher gebracht Gegenseitiges Gefallen besonders des
jüngeren Teils derselben machte sie in kurzer Zeit zu unzertrennlichen
Gefährten in allen der Geselligkeit geweihten Stunden
    General Lichtenfels ein heiterer Greis und sein Neffe Adelbert gehörten als
frühere Bekannte des Barons Wallburg mit zu dem kleinen Kreise in welchem
Adelbert der einzige bedeutend Kranke war Ehrenvoll im Kriege erhaltene aber
übel geheilte Wunden hatten diesen nach Karlsbad geführt um Genesung oder doch
wenigstens Linderung zu suchen Im Innern schien er noch schmerzlicher verletzt
zu sein als im Äußern denn alle seine Züge trugen tiefe Spuren eines
verzehrenden Kummers Gewöhnlich nahm er nur schweigenden Anteil an der
Gesellschaft und schien gern in Gabrielens Nähe sich zu halten deren ebenfalls
nicht fröhliche Stimmung der seinen am besten zusagte Sein ihn väterlich
liebender und von ihm kindlich verehrter Oheim war einzig ihn zu begleiten nach
Karlsbad gekommen und es gewährte einen eignen rührenden Anblick wenn der alte
eisgraue aber noch immer rüstige Krieger die schöne hohe Gestalt des jüngeren
unterstützte der von einer Fusswunde gelähmt sich nur mühsam und gebeugt
fortbewegen konnte Allwill ein junger Dichter und Wollmer ein
ausgezeichneter Tonkünstler hatten sich auch diesmal wie gewöhnlich der
Gesellschaft angeschlossen Beide waren wegen ihrer Talente und ihres angenehmen
Humors immer höchst willkommen
    Ernestos Klage über den Mangel allgemeiner Geselligkeit regte sogleich alle
Mitglieder des Kreises zum lebhaftesten Widerspruch auf denn sie befanden sich
in dieser Abgeschlossenheit von den übrigen nicht minder behäglich als im Grunde
Ernesto selbst und nahmen sie deshalb gern gegen ihn in Schutz Auguste und
Rosalie von Wallburg überhäuften den italienisirten Signor wie sie ihn spottend
nannten mit Vorwürfen über seinen Wankelmut der ihn verleite sich nach
andrer Gesellschaft zu sehnen und die kleine zwölfjährige Luzie Wallburg sprang
gar von der Stelle neben ihm auf wo sie als seine erklärte Geliebte gewöhnlich
zu sitzen pflegte indem sie versicherte von einem so ungetreuen Liebhaber
wollte sie nichts weiter wissen
    Friede und Ruhe wurden indessen bald wieder hergestellt und Frau von
Willnangen nahm den Faden des Gesprächs wieder auf indem sie Karlsbad gegen
Ernestos Tadel verteidigte »Kommen Sie nur nach Töplitz Wiesbaden oder
überall hin« sprach sie »wo nur gebadet wird und nicht getrunken Dort wo
Morgens kein Brunnen Gelegenheit zum Bekanntschaftenmachen bietet dort mag es
Ihnen allenfalls erlaubt sein über Isolirung der Einzelnen und alle die tausend
Schwierigkeiten zu klagen die sich jeder nur einigermaßen allgemeineren
Geselligkeit entgegenstellen«
    
    »Damit dass es anderswo noch ärger ist wird aber dem nicht abgeholfen was
ich hier als mangelhaft schelte« erwiderte Ernesto »Ich bleibe dabei dass der
größte Teil der Brunnengäste sich in Karlsbad noch immer mehr langweilt als
recht und billig ist oder selbst bei einem solchen Zusammenfluss von Leuten
möglich sein sollte die alle nichts zu tun haben als sich zu belustigen«
    »Ich muss hier auf Ernestos Seite treten« nahm der Kapellmeister Wollmer das
Wort »Blicken Sie nur um sich her die Sonne beginnt zu sinken längstens in
einer Stunde verweiset der Ärzte strenges Gebot uns alle aus der Abendluft
unter Dach und Fach und dennoch werden dann noch vor Schlafengehen ein paar
Abendstündchen übrig bleiben die wohl jedermann gern auf angenehme Weise in
Gesellschaft zubrächte Sehen sie indessen nur wie sich schon alles vereinzelt
und nach seiner vielleicht ziemlich unbequemen Wohnung hinzieht während beide
Säle leer bleiben in denen man sich doch recht bequem noch zum erheiternden
Gespräch versammeln könnte«
    Leo von Wallburg meinte wenigstens der Bälle lobend erwähnen zu dürfen die
zweimal die Woche einen allgemeinen Vereinigungspunkt bieten ward aber von
Ernesto schnell unterbrochen »Geht mir« sprach dieser »mit euren Bällen auf
welchen niemand tanzt als wer seine Mittänzer gleich mitbringt Diese beweisen
gerade wie sehr der KotterieGeist hier herrschend ist Tanzte wohl am
verwichnen Sonntag im sächsischen Saal noch irgend eine Seele außer den
verwünscht hübschen Polinnen und auch sie nur mit den Herren welche sie auf
den Ball geführt hatten Freilich schweben diese Sarmatinnen wie Grazien einher
aber ringsum an den Wänden des Saals saßen auch deutsche und andre Grazien die
Menge in langen Reihen da ohne dass es einem von den vielen jungen Herren
eingefallen wäre sie zum Tanz aufzufordern
    »Eigentlich« nahm der General wieder das Wort »eigentlich fehlt es uns
hier nur an jemanden der Aufopferung Geschicklichkeit und Ansehen genug
besäße um sich an die Spitze aller übrigen stellen zu können und nicht nur bei
Festen und Bällen sondern überall als Wirt die Honneurs zu machen Ohne einen
solchen Mittelpunkt gedeiht bei uns keine Geselligkeit Wir Deutsche sind nun
einmal bei solchen Gelegenheiten nicht sowohl träge als unbehülflich Genau wie
die Kinder die wenn sie zum erstenmal zusammen kommen um mit einander zu
spielen lange verschämt dastehen einander kaum ansehen und dabei tun als
läge ihnen im mindesten nichts am Spiel während sie sich vor innerlicher
Ungeduld danach nicht zu lassen wissen Da muss durchaus jemand eintreten der
jedem zeigt was es zu tun hat um sich zu belustigen und alle mit linder
Gewalt an einander treibt sonst bleibt jeder für sich und ärgert sich dabei
über den Nachbar der nicht den ersten Schritt tun will«
    »Tun Sie diesen ersten Schritt und machen Sie der allgemeinen Not ein
Ende lieber Herr General« sprach lächelnd Frau von Willnangen »in jeder
Hinsicht eignet sich niemand zu unserm Anführer besser als Sie und ich bin im
voraus überzeugt dass jedermann dies dankbar anerkennen wird«
    Der General verbeugte sich und fuhr fort zu reden »In jüngeren Jahren habe
ich oft aus eigenem Antrieb es versucht den Ehrenposten zu bekleiden den Sie
meine gütige Freundin mir jetzt wieder zuteilen möchten dem ich mich aber um
keinen Preis wieder unterziehen würde In Bädern in Garnisonen oder wo sonst
der Zufall eine ungewohnte Zahl Menschen aus den Ständen zusammenführt welchen
geselliges Vergnügen Bedürfnis ist bin ich oft von eigener Lebenslust verleitet
worden mich zum maitre des plaisirs aufzuwerfen aber lag es an meiner
Ungeschicklichkeit oder an etwas anderm ich weiß nur es ist mir jedesmal so
schlecht bekommen dass ich noch jetzt nicht ohne Ärger daran denken kann
    »In der Tat« sprach Baron Wallburg »das Amt eines Zeremonien oder wenn
sie wollen Vergnügen ist eines der anerkannt mühseligsten und unbelohnendsten
am Hofe wie in der Stadt vor allem aber in einer Republik wie doch jeder
Brunnenort eine ist und ich begreife nicht wie man anders als durch den Drang
der Umstände dazu gezwungen sich ihm unterziehen mag«
    »Sollten Sie mich auch wieder der Anglomanie beschuldigen lieber Vater«
sprach Leo »ich muss hier doch bemerken dass das Talent der Britten überall das
komfortabelste zu erfinden sich auch in dem vorliegenden Fall bewährt Bei
ihrer jeder geselligen Verbindung mit Unbekannten noch weit mehr als wir
Deutschen widerstrebenden Nation trafen sie dennoch den rechten Weg alle
zufrieden zu stellen In jedem bedeutenden Brunnenort wählen die Badegäste einen
Zeremonienmeister dessen Anordnungen jeder gern Folge leistet und der um einen
anständigen Ehrensold für die gesellige Unterhaltung Aller wie jedes Einzelnen
unermüdlich besorgt ist So darf dort niemand über Vernachlässigung oder
Langeweile klagen der dies nicht selbst durch sein Betragen verschuldet«
    »Dacht ichs doch dass die große Erfindung auf etwas Fabrikmässiges hinaus
laufen würde« sprach Baron Wallburg »denn hoffentlich hat dieser
Zeremonienmeister auch Gehülfen die ihm vorarbeiten und der Fremde der
amüsirt werden soll geht dabei aus einer Hand in die andre wie ein englischer
Knopf«
    »Haben sie nicht auch aus Holz und Stahl vortrefflich gearbeitete Herrn und
Damen die eingeschoben werden wenn es an lebendigen Tänzern fehlt« fragte
Ernesto
    Die Idee solcher unermüdlichen Tänzer erweckte großes Vergnügen bei dem
jüngeren Teil der Gesellschaft Vor allem äußerte die kleine Luzie den
sehnlichen Wunsch dass auf dem nächsten Ball deren ein halbes Dutzend wo
möglich in Husarenuniform erscheinen möchten Dann meinte sie käme auch wohl
einmal die Reihe an sie mit so einem hölzernen Husaren zu tanzen denn die
großen Mädchen nähmen ihr die lebendigen Tänzer alle weg
    »Auch ich kenne die Badekönige denn so pflegt man in England sie zu
nennen« nahm endlich der Kapellmeister das Wort »und ich habe mich während
meines vieljährigen Aufenthalts in jenem Lande zu wohl unter ihrem sanften
Szepter befunden als dass ich mich nicht laut für sie erklären sollte Aus
Reisebeschreibungen ist zwar jedermann von den Statuten ihres Reichs
unterrichtet aber den ganzen wohltätigen Einfluss derselben auf das Badeleben
kann nur der ermessen der wie ich einst zu ihren Untertanen gezählt ward«
    Noch vieles sprach man bald lobend bald tadelnd über diese englische
Einrichtung deren Einzelheiten selbst dabei sehr umständlich zur Sprache kamen
»Leo hatte in der Tat Recht« entschied endlich der General »und ich wünsche
herzlich recht bald solche Könige auf deutschem Grund und Boden zu begrüßen
Ernestos fromme Wünsche können wahrscheinlich nur durch ihre Einführung bei uns
in Erfüllung gehen aber ich fürchte aus mancherlei Gründen dass sich unendliche
Schwierigkeiten ihr entgegen stellen würden Indessen käme es auf einen Versuch
an und wäre die Brunnenzeit nicht ihrem Ende so nahe so möchte ich sie wohl
wenigstens als Probestück auf einige Wochen in Vorschlag bringen obgleich ich
nicht weiß wo ich sogleich einen würdigen Kandidaten zu diesem sehr schweren
Posten finden würde« »Ein Mann von Stande könnte sich doch unmöglich dazu
entschließen« meinte Frau von Wallburg »Und warum denn nicht meine gnädige
Frau« erwiderte ihr schnell Ernesto »Ich halte die Stelle eines solchen
Königs für recht ehrenvoll und um so mehr da nicht gemeine Eigenschaften dazu
gehören sie mit Würde zu bekleiden« »Glauben Sie vielleicht dass die Stelle
eines Banquiers am PharaoTische die so mancher Sprössling eines sehr edlen
Stammes ausfüllt für ehrenvoller gelten dürfe« setzte der General lächelnd
hinzu
    Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne mahnten jetzt die Gesellschaft zum
Aufbruch doch traf man noch vorher die Verabredung es an einem der nächsten
Abende zu versuchen ob nicht der größere Teil der in Karlsbad gegenwärtigen
Fremden zu einer zahlreicheren Versammlung in einem der Säle zu veranlassen sei
um so vielleicht den Grund zu künftiger allgemeinerer Geselligkeit zu legen
Niemand wandte gegen diesen Plan etwas ein außer Frau von Wallburg »Ich weiß
nicht« sprach sie »warum wir uns um die Übrigen die sich um uns nicht
bekümmern so viel Mühe geben wollen da wir ihrer doch nicht bedürfen um uns
recht wohl zu befinden Unser Zirkel genügt uns er ist groß genug um uns zu
amüsiren und wir werden uns da eine Menge Bekanntschaften aufladen unter denen
sich gewiss Leute befinden die gar nicht zu uns passen und die uns in Zukunft
vielleicht recht lästig und beschwerlich in unserm eignen Hause werden können«
    Herr von Wallburg tröstete indessen seine Frau mit der Versicherung dass
Badebekanntschaften sich nie über die wenigen Wochen hinaus erstrecken dürfen
die man mit einander verlebt und dass es anerkannt herkömmlich sei auch die
genausten dieser Art in seiner Heimat zu ignoriren sobald man nicht durch
eigne Beweggründe sich veranlasst finde sie fortzusetzen und so wanderte sie
beruhigt mit der übrigen Gesellschaft ihrer Wohnung zu
    Die letzten auf eine eigne gleichsam etwas bezeichnen sollende Weise
betonten Worte des Baron Wallburg machten indessen auf Frau von Willnangen einen
nichts weniger als angenehmen Eindruck Sie hörte sie mit dem prophezeienden
Vorgefühl mit welchem der kundige Schiffer bei sonst heiterem Himmel das kleine
dunkle Wölkchen am fernsten Horizonte erblickt welches ihm den nahenden Orkan
verkündigt Überhaupt wohnt in vielen Frauen ein Vorahnen dessen was sie von
denen welchen sie auf ihrem Lebenspfade begegnen zu erwarten haben sei es
Freude sei es Schmerz Liebe oder Feindseligkeit sie empfinden beide lange im
Voraus ehe sich noch die Person ihrer bewusst wird in deren Brust diese
Empfindungen später erwachen Von diesem wunderbaren Gefühl geleitet würde Frau
von Willnangen den Umgang mit dem Baron Wallburg und seiner Frau vielleicht
gänzlich vermieden haben aber sie hielt es für unbillig und töricht auf eine
Ahnung zu achten für welche sich durchaus kein vernünftiger Grund erdenken
ließ und überdem erschien ihr der jüngere Teil dieser Familie so
liebenswürdig dass sie um seinetwillen manches ihr minder Angenehme gern
übersehen mochte
    Nicht ohne Wohlgefallen hatte sie das Aufkeimen einer Neigung Leos von
Wallburg zu ihrer Tochter bemerkt deren Erwiderung von Augustens Seite ihr
durchaus nicht unerwünscht gekommen wäre Leo zeichnete sich in der Tat auf
eine vorteilhafte Weise vor andern jungen Männern aus Mit einem sehr
gebildeten Geist und einem angenehmen Äußern verband er die schätzenswertesten
Eigenschaften des Gemüts die sich auf das Unverkennbarste bei jeder
Gelegenheit besonders aber im Umgang mit den Seinen äußerten Und so war es
wohl sehr verzeihlich wenn Frau von Willnangen sich bisweilen süßen allmählig
zu Wünschen und Hoffnungen ausartenden Träumen vom künftigen Glück ihrer Tochter
überließ besonders da der einstigen Erfüllung derselben sich auch im Äußern
nichts entgegen zu stellen schien Dennoch hütete sie sich wohl mit Augusten
darüber zu sprechen sie ließ das Herz ihrer Tochter ungestört seinen stillen
Gang gehen der Reue Schmerzen die sie noch immer bei Gabrielens Anblick
empfand lehrten sie jetzt Vorsicht üben da es vielleicht der ganzen Zukunft
ihres geliebten einzigen Kindes galt
    Das vom Baron Wallburg über die BadeBekanntschaften ausgesprochene Urteil
wäre vielleicht von ihr unbeachtet geblieben hätte es sie nicht plötzlich an
ein Gespräch erinnert welches sie mit dem General auf einem einsamen
Spaziergange am nämlichen Morgen gehalten hatte Er der immer offen zu Werke
zu gehen gewohnt war hatte mit einer höchst auffallenden Absichtlichkeit die
Gelegenheit gesucht vom Baron Wallburg und dessen Gemahlin zu sprechen Beide
wurden zwar als sehr vorzüglich in jeder Hinsicht von ihm gepriesen dabei aber
zu wiederholten Malen und fast warnend des Ahnenstolzes erwähnt der in ihrem
Vaterland überall mehr als in irgend einem andern Teile Deutschlands
vorherrsche Auch dieses sonst so liberal gesinnte Paar sollte nach des
Generals Versicherung in dieser Hinsicht mit unüberwindlichen Vorurteilen
erfüllt sein nur feine Sitte verhindre es diese auch im gewöhnlichen Leben
laut werden zu lassen
    Die Dazwischenkunft des Barons selbst und die übrigen Zerstreuungen des
Tages hatten Frau von Willnangen abgehalten dieses Gespräch mit dem Ernst zu
würdigen zu welchem es augenscheinlich des Generals Absicht war sie zu
stimmen Jetzt aber stand jedes Wort desselben plötzlich wieder vor ihrem Geist
und dabei fiel der Gedanke ihr mit Zentnerschwere auf das Herz dass Augustens
Stammbaum wirklich nicht von der Art sei um vor strengen Richtern als gültig zu
bestehen Ihr Vater war der Sohn eines sehr angesehenen aber bürgerlichen
Hauses seinen später erworbnen Adel verdankte er nur seinen Verdiensten und dem
Range den er bekleidete Die lange Reihe von Ahnen welche Frau v Willnangen
als eine geborene Rosenberg zählte vermochte es leider nicht die ihm fehlenden
zu ersetzen
    Frau von Willnangen fühlte sich bei ihrer Zuhausekunft von diesen Gedanken
so verstimmt dass sie es ausschlug noch wie sonst gewöhnlich ein paar Stunden
bei der Gesellschaft zu bleiben und sich vielmehr mit den Ihrigen in ihr Zimmer
zurückzog Diese Verstimmung teilte sich auch den Übrigen mit alle
vereinzelten sich und der Abend nach diesem so fröhlich begonnenen Nachmittag
der eine allgemeine Geselligkeit einzuführen bestimmt schien war der erste an
dem jedermann sich bestmöglichst zu isoliren strebte
Ein wunderschöner wenn gleich schwüler Morgen folgte diesem Abend Die ganze
durch das Hinzutreten mehrerer entfernteren Bekannten sehr vergrößerte
Gesellschaft beschloss deshalb einen längst entworfnen Plan auszuführen Das
Frühstück sollte auf dem höchsten der über dem schönen Tal tronenden Berge
eingenommen werden neben den drei Kreuzen die dessen Gipfel bezeichnen Auch
Frau von Willnangen hatte sich mit ihrer Tochter von dem allgemeinen Vergnügen
nicht ausschließen mögen Ernesto mit der fröhlichen Luzie waren als Heerführer
an die Spitze der kleinen Schaar gestellt die singend und jubelnd vom Brunnen
weg durch den blinkenden Morgentau hinzog Allwill hatte einen eignen
Rundgesang für diese Wallfahrt gedichtet der Kapellmeister erfand auf der
Stelle eine Melodie dazu dies erhöhte die laute Freude mit der alle sich auf
den Weg machten
    Nur Adelbert und Gabriele blieben einsam zurück Mit seinem gelähmten Fuß
konnte ersterer gar nicht daran denken eine solche Wanderung zu unternehmen
und Gabriele durfte es auch noch nicht wagen sich der Ermüdung eines so weiten
Spazierganges auszusetzen Nach dem Scheiden der fröhlichen Gesellschaft
begleitete Adelbert Gabrielen schweigend und langsam zu Hause aber der Morgen
war zu schön um ihn ganz ungenossen vergehen zu lassen und so wandten sie sich
daher bald den lieblichen Schattengängen zu die das anmutige Tal von allen
Seiten bekränzen
    Nie zuvor hatten beide Gelegenheit gehabt so ganz allein mit einander zu
sein Adelbert fühlte sich zwar vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an
durch die stille sanfte Schwermut zu ihr hingezogen die wie ein Schleier über
Gabrielens ganzes Wesen sich verbreitete und der milde Strahl ihres schönen
dunkeln Auges war oft wie ein erwärmendes Licht in seine wunde Brust gedrungen
aber die reine Güte ihres Gemüts und selbst ihre hohe geistige Bildung konnten
ihm dennoch nie zuvor wie jetzt im ungestörten Gespräch mit ihr in dieser
Klarheit sichtbar werden Auch hatte sie sich ihm noch nie so unaussprechlich
freundlich und vertrauend gezeigt
    Beide waren heute durch ähnliche Leiden von der allgemeinen Freude
ausgeschlossen geblieben und Gabriele fühlte sich dadurch Adelberten
gewissermaassen schwesterlich verwandt Sie neigte sich deshalb zu ihm und sprach
mit ihm wie eine liebende Schwester mit ihrem kranken leidenden Bruder sprechen
könnte Ein wahrhaft und tief verwundetes Gemüt erkennt das andre ohne Worte
daher wusste Gabriele recht wohl dass Adelbert freundlicher Teilnahme weit
bedürftiger sei als es selbst seine im Äußern zerstörte Jugendblüte vermuten
ließ und dass vielleicht nur diese ihn von völligem Untergang in Tiefsinn und
Schwermut erretten könne Sie wandte sich deshalb unendlich mitleidig zu ihm
alles was sie sagte und tat drückte das Bestreben aus ihm tröstlich zu
werden Ihre ohnehin sanfte melodische Stimme klang wie das Flöten einer
Nachtigall denn sie suchte sie noch mehr zu mildern indem sie zu ihm sprach
und Adelberten ging dabei in lange nicht empfundner Seligkeit das Herz auf
    So in ernstes und vertrauliches Gespräch verloren wanderten beide langsam
neben einander hin länger und weiter als sie selbst es bemerkten An sich
unbedeutende Anhöhen die Adelberten aber noch gestern unübersteiglich
geschienen hatten ging er jetzt seiner Krücke nicht gedenkend an Gabrielens
Seite hinauf und hinab ohne es zu gewahren An den Stellen welche ihr am
schwierigsten dünkten bot sie ihm hilfreich die kleine weiße Hand und indem er
sie berührte war ihm als ob unsichtbare Engel ihn mit ihren Flügeln
unterstützten Zwar dachte Gabriele nicht ohne Sorge an den Rückweg indem sie
neben ihm herging aber sie vermochte es nicht über sich zu gewinnen ihn aus
dem augenblicklichen Vergessen seines traurigen Zustandes zu erwecken und
verschwieg daher ihre Besorgnisse
    Endlich erreichten sie den kleinen Tempel welcher den Namen des Lords
Finlater des Verschönerers dieser Gegend trägt und mit ihm die beinahe
äußerste Gränze der eigentlichen Promenaden Bei ihrer ihnen jetzt erst recht
fühlbar werdenden Ermüdung und der ungewöhnlichen Schwüle des Tages war ihnen
dieser Ruhepunkt höchst willkommen Sie setzten sich traulich neben einander und
fuhren in dem Gespräche fort dessen Interesse sie so unvermerkt bis zu diesem
von ihrer Wohnung ziemlich weit abgelegnen Platz hingeführt hatte
    Die Unterhaltung war zuerst von der Poesie und dem verschiedenen Wert der
neuesten Erzeugnisse unsrer Dichter ausgegangen unmerklich aber hatte sie sich
der Liebe und ihren Leiden und Freuden zugewendet Gabrielens beredtes Auge
hatte Adelberten längst eine unglückliche Liebe als das stille Geheimnis ihres
Herzens verraten obgleich sie auch nicht auf die leiseste Art darauf
hindeutete Er strebte daher mit der zartesten Schonung alles zu vermeiden was
ihm das Ansehen geben konnte als suche er ihr Vertrauen zu erschleichen oder
wolle die nähern Umstände eines Geschicks erspähen das er nicht umhin konnte
sich dem eigenen ähnlich zu denken Der Anblick des unaussprechlich anmutigen
und doch so tief verletzten Wesens an seiner Seite stimmte ihn dabei immer
wehmütiger indem er doch zugleich über seine eignen Schmerzen für den
Augenblick sich beruhigter fühlte
    »Nur eines kann ich mir denken wogegen kein Trost zu finden wäre« sprach
Gabriele im Verlauf des Gesprächs zu Adelbert »Trennung Tod des Geliebten
sind zwar ein unnennbares Weh das schwache Herz möchte darüber brechen wenn
nicht die Liebe selbst und der schöne Hoffnungsstrahl von jenseits es hielten
aber dieser Schmerz reicht doch nicht an jenen alle Hoffnung sogar jeden
Wunsch nach Trost vernichtenden für dessen Möglichkeit ich zurückbebe  Er
heißt Unwert des Geliebten Verachten dessen was wir dennoch lieben müssen 
Nein die menschliche Natur kann dies Entsetzliche nicht ertragen«
    Todtenblässe überzog bei diesen Worten Adelberts Gesicht das er im nächsten
Moment krampfhaft zitternd mit beiden Händen verhüllte »Und doch mein
Fräulein und doch« stammelte er fast unhörbar »Sie haben in zwei Worten die
traurige Bestimmung meines Daseins ausgesprochen Lieben und Verachten Die
menschliche Natur erträgt es wohl Sie sehen ich lebe noch«
    Gabriele hätte vor Reue darüber vergehen mögen dass sie ihn den sie
beruhigen und trösten zu wollen sich bewusst war so unvorsichtig verletzt hatte
Sie fand und suchte kein Wort zu ihrer Entschuldigung aber Adelbert hob den
getrübten Blick zu ihr auf und las in ihrem schimmernden Auge innigere
Teilnahme schmerzlichere Reue als sie mit aller Beredtsamkeit ihm hätte
ausdrücken können Sein Herz öffnete sich zum erstenmal wieder nach langer Zeit
im Ergusse des reinsten Vertrauens auch sie fand allmählig herzliche
beschwichtigende Worte für ihn und bald vernahm sie die Geschichte seiner
glücklich verlebten früheren Zeit und die Ursache des jetzt ihn zerstörenden
Kummers die er mit der allen Unglücklichen eignen Umständlichkeit ihr
vertrauend mitteilte
Früh verwaiset wuchs Adelbert im Schloss seines edlen Oheims auf der das
hoffnungsvolle Kind mit wahrhaft väterlicher Liebe erzog Zwei Knaben und ein
jüngeres Mädchen Herminie genannt teilten mit ihm die Stunden des Unterrichts
wie die der Erholung Sie waren die Kinder einer benachbarten Familie welche
durch enge Bande der Freundschaft mit seinem Oheim von jeher vereinigt fast
immer in seiner Nähe lebte Adelberts Auge strahlte noch einmal im Wiederschein
der untergegangnen Sonne seines Frühlingslebens als er jetzt erwähnte wie
schon in früher Jugend die innigste Liebe zu Herminien ihn zu allem Guten
entstammte wie er stets sich auszuzeichnen strebte um ihr zu gefallen und wie
auch sie mit unverkennbarer Zärtlichkeit an ihm hing Sein Oheim und Herminiens
Eltern blickten lächelnd auf die frühe Liebe ihrer Kinder und bauten darauf
goldne Pläne für ihre Zukunft »O wäre ich damals gestorben« rief Adelbert mit
schimmernden Augen »damals in der Morgenröte des Lebens die den herrlichsten
aller Tage schien verkünden zu wollen der jetzt mir untergegangen ist in Nacht
und Graus«
    Die Kinder wuchsen zum Jünglingsalter heran mit diesem erschienen Jahre der
Trennung aber diese sollte ja den Zeitpunkt ewiger Vereinigung herbeiführen
Adelbert fühlte die Notwendigkeit sich erst für das Leben zu rüsten sich
Eigenschaften zu erwerben die ihn einst berechtigen könnten nach dem Preise zu
streben der in rosiger Glorie vor ihm stand Auch lockte ihn den in der
Einsamkeit erzognen Jüngling die ferne bunte Welt mit alle dem magischen Reiz
durch welchen sie jeden Unerfahrnen blendet und so bestieg er ziemlich gefasst
den Reisewagen der ihn nach einer entfernten Universität führen sollte während
Herminie in wildem Schmerz zu vergehen glaubte Ein Briefwechsel mit dem
Geliebten zu welchem Eltern und Oheim nach der feierlichen Verlobung des
jungen Paars ihre Einwilligung gegeben hatten blieb ihr einziger Trost
    So vergingen drei Jahre Adelbert verlebte sie unter Arbeit Sehnsucht und
Hoffnung Herminiens Andenken hielt ihn hoch über den Strudel wüster
Verwilderung in welchem viele seiner jugendlichen Genossen neben ihm versanken
Herminiens Briefe zu beantworten sein ganzes Herz ihr offen darzulegen war die
höchste Wonne seines Lebens Er fühlte ganz den hohen Zauber mit der diese Art
uns das Geliebte zu vergegenwärtigen zuweilen sogar das Glück der wirklichen
Gegenwart besiegt Auge in Auge macht die Lippen verstummen aber in der
einsamen Beschäftigung mit einem geliebten Wesen reihen sich die Worte zum
Ausdruck unsrer innigsten Gefühle von selbst an einander und wir vermögen zu
schreiben was wir nimmermehr sagen könnten
    Dennoch nannte Herminie Adelberts Briefe oft kalt und liebeleer und
obgleich sie von allem was ihn nur auf die entfernteste Weise berührte
unterrichtet zu werden verlangte so konnte sie doch auch oft darüber zürnen
dass er fähig wäre irgend etwas anders zu erwähnen als seine Liebe »Du kannst
Mannigfaltigkeit in deine Briefe bringen« schrieb sie ihm »du bist ein Mann
du lebst in der Welt Ich Einsame lebe nur in dir ich kann nichts denken als
dich darum vergib wenn ich langweilig dir nur von dir schreibe du bist ja
meine Welt von der ich jetzt nur träumen darf«
    Endlich war der Zeitpunkt ganz nahe in welchem Adelbert zu seinem Oheim
zurückkehren sollte um wenige Wochen später mit Herminien auf ewig vereint zu
werden Mit kaum zu mässigender Ungeduld sah er dem unfernen Tage seiner Abreise
von der Universität entgegen als ganz unerwartet ein vom General abgesandter
Eilbote erschien mit dem Auftrage ihn zur möglichsten Beschleunigung seiner
Rückkehr in die Heimat zu mahnen Dieser an sich höchst willkommne Befehl
seines Oheims überraschte dennoch Adelberten besonders da der in höchster Eil
abgesandte Bote ihn durchaus nichts näheres darüber zu sagen wusste Adelbert
eilte rastlos Tag und Nacht bis er das Schloss seines Oheims erreichte Dort
fand er den edlen Greis gerüstet um in den Kampf gegen die Feinde zu ziehen
deren Horden damals aufs neue unser Vaterland zerstörend zu überschwemmen
drohten Ob Adelbert ihn auf diesem Zuge begleiten würde blieb nicht die Frage
eines einzigen Augenblicks der General hatte schon alles dazu vorbereitet der
nächste Morgen war zur Abreise bestimmt und beiden Liebenden blieb nur dieser
einzige Abend zum Wiedersehen und zum Scheiden
    Schweigend betrachteten sie einander in der Stunde des Wiedersehns Mit
süßem Erröten schlug Herminie die langen seidenen Augenwimpern nieder vor den
liebeglühenden Blicken des hoch und schön vor ihr stehenden zum Mann
heranblühenden Jünglings während dieser verloren in Entzücken den
unbegreiflichen Zauber anstaunte welchen drei kurze Jahre hier geübt hatten
Die Stunde der Trennung schlug unter den heiligsten Schwüren ewiger Liebe in
Not und Tod Bewusstlos sank Herminie aus Adelberts Armen in die ihrer Mutter
während er die glänzenden Augen seitwärts wendete indem er sein Ross bestieg
damit keiner der alten Krieger die mit ihm und seinem Oheim auszogen die still
über seine Wange hinrollende Träne gewahren möge
    Von neuem begann der Briefwechsel der Liebenden Herminie lebte nur mit der
Feder in der Hand Adelbert verwandte für sie jede freie Minute bis die immer
steigenden Unruhen des Krieges alle Möglichkeit einer freien Mitteilung
vernichteten Unglück häufte sich auf Unglück Jammer auf Jammer
    Nach der Schlacht bei E blieb Adelbert unter den Toten liegen und
ward nur durch ein halbes Wunder vom lebendig Begrabenwerden gerettet Als
Kriegsgefangner wurde er in ein Hospital gebracht Seine Jugendkraft ließ ihn
die Behandlung der französischen Wundärzte überleben Nach abgeschlossnem Frieden
erschien sein Oheim selbst ihn abzuholen Traurig wandten sich beide der
Heimat zu aber die Hoffnung Herminien dort zu finden glänzte wie ein heller
Stern dem alten wie dem jungen Krieger durch die dunkle Nacht der Trauer die
jede andre Hoffnung ihnen verhüllte »Herminiens sanfte Hand wird unsre Wunden
heilen sie wird künftig dich führen dich stützen armer Adelbert« sprach der
General wenn er den Gelähmten sich mühsam an Krücken fortelfen sah »Jetzt in
einer Stunde sehen wir sie wieder« sprach er endlich
    Aber sie fanden sie nicht Ihr Schloss war öde und leer ihre Eltern waren
mit ihr aus Furcht vor den auf dem flachen Lande sich immer weiter
verbreitenden Unruhen des Krieges in eine ziemlich entfernte Residenz gezogen
man wusste nicht ob und wenn sie wiederkehren würden
    Nach wenigen der notwendigen Erholung vergönnten Stunden saßen Adelbert
und der General wieder im Wagen auf dem Wege zu ihr Kein Zweifel an Herminiens
Treue kam in ihnen auf Adelbert dachte nur ihre Freude ihn lebend wieder zu
sehen Dass der Arm den er noch in der Binde trug der gelähmte Fuß das bleiche
Gesicht die nach der langen Krankheit nur spärlich es umwehenden Locken
Herminien von ihm zurückscheuchen könnten fiel ihm nicht ein »Sie wird dich um
so mehr lieben jemehr du ihrer Hilfe bedarfst« sprach der General »denn die
Weiber sind alle Engel des Trostes in Menschengestalt sie sind am
glücklichsten wenn sie etwas zu pflegen und zu heilen haben«
    Sie kamen an Wie wenig glich dieses Wiedersehen dem vorigen Herminie
erbebte sichtbar erschrocken über Adelberts Anblick sie wollte sich
überwinden man sah deutlich wie sie sich deshalb Gewalt antat aber sie
vermochte es doch nicht den Entstellten anders als mit heißen Tränen mit
bitteren Klagen über dieses Geschick zu empfangen und keine Sylbe verriet ein
frohes Gefühl über sein wunderbar gerettetes Leben Auch Adelbert fand Herminien
verändert Zwar stand sie im sorgsam gewählten schimmernden Putz fast reizender
noch vor ihm als da er sie verließ aber ihre Erscheinung hatte etwas
fremdartiges etwas teatralisches angenommen wovon bei dem einfachen
Landmädchen sonst keine Spur zu finden gewesen war und TanzmeisterKünste
suchten die Stelle der natürlichen alle Herzen gewinnenden Anmut zu ersetzen
welche ehedem jede ihrer Bewegungen begleitet hatte
    Adelbert ward tief betrübt über diese in so kurzer Zeit aus dem Geräusch
des Stadtlebens hervorgegangnen Verwandlung der Vielgeliebten aber er blieb
doch noch immer ihr eigen und tröstete sich mit schönen Hoffnungen von der
Zukunft »Gewiss sie kehrt zurück gewiss sie wird wieder was sie war wenn wir
erst dem Gewühl glücklich entgangen sind welches jetzt durch seine Neuheit sie
betäubt« Mit diesen Worten suchte er oft sich und seinen Oheim zufrieden zu
sprechen Plötzlich aber zerstörte Herminiens Mutter jede Hoffnung indem sie
mit der Erklärung hervortrat dass ihre Pflicht ihr nicht erlaube die junge
schöne Herminie für ihre ganze Lebenszeit zur Krankenwärterin auf einem Dorfe zu
verurteilen dass Herminie selbst ihre Kraft einem solchen Opfer nicht gewachsen
fühle und dass sie deshalb sich gezwungen sähe das früher unter günstigern
Aussichten gegebne Versprechen zurückzunehmen Adelbert verlor bei dieser
Erklärung alle Besinnung aber der General bestand darauf sie von Herminien
selbst bekräftigen zu hören und als dies obgleich unter Tränenströmen und mit
vielen schönen Worten dennoch wirklich geschah da blieb dem edlen Greise
nichts weiter übrig als seinen unglücklichen Adelbert an seine väterliche Brust
zu nehmen und mit ihm hinaus zu fahren in die Welt Wenige Wochen darauf kam die
Nachricht dass Herminie einem der Angesehensten aus Napoleons Gefolge ihre Hand
gegeben habe und sich mit ihm auf dem Wege nach Paris befinde
Nicht in so zusammengedrängter Kürze sondern in wechselndem Gespräch belebt
durch mehrere Nebenumstände die hier wegbleiben mussten hatte Adelbert die
Geschichte seiner Leiden Gabrielen anvertraut Vertieft in klagender und
tröstender Rede und Gegenrede mochten beide wohl lange neben einander gesessen
haben ohne den Blick ins Freie zu wenden als ein heftiger Donnerschlag sie
plötzlich aufschreckte Ein schweres Gewitter war mit der in Gebirgen nicht
ungewöhnlichen Schnelle von ihnen unbemerkt heraufgezogen und entlud sich
jetzt gerade über ihren Häuptern in schmetternden Donnerschlägen in unzähligen
einander durchkreuzenden gelben zischenden Blitzen Heulender Sturm
durchtosete die Wipfel der Bäume laut krachte der Fall einzelner Tannen durch
den Wiederhall des Donners bis endlich gleich einem Wolkenbruch mit wildem
Brausen herabströmender Regen den allgemeinen lauten Aufruhr der Natur allmählig
beschwichtigte
    »Und unsre Freunde oben auf dem Gipfel des unwirtbaren Berges ohne alles
Obdach dem Zorn der Elemente ausgesetzt« rief klagend Gabriele »Gewiss sind
sie längst im Schutz einer Bauerhütte am Fuße des Berges« erwiderte tröstend
Adelbert »das Gewitter konnte sie auf der Höhe auf welcher sie sich befanden
nicht so hinterrücks überschleichen als uns In der Tat« setzte er nach einem
Blick auf seine Uhr etwas verlegen hinzu  »in der Tat obgleich ich die
Möglichkeit davon nicht begreife aber ich muss glauben dass alle längst zu Hause
angelangt sind und nun um uns in der größten Sorge schweben denn die
Mittagsstunde ist eigentlich schon lange vorüber Die engelgleiche Güte mit der
Sie mein Fräulein einem Unglücklichen den Trost freundlicher Teilnahme
gewährten hat uns die Stunde vergessen lassen Wir sind viel länger hier
geblieben als wir es dachten oder eigentlich sollten«
    Gabriele blickte ängstlich hinaus ins Freie der Regen strömte zwar minder
heftig aber um so eindringender Wege und Fusspfade glichen rieselnden Bächen
Sie sprach kein Wort aber Adelbert bemerkte nur zu deutlich wie der Gedanke an
Frau von Willnangen und Augusten sie mit banger Sorge erfüllte »Was fangen wir
nun an« seufzte sie endlich mit einem Blick auf ihre seidenen Schuhe »Der Arzt
hat mich besonders vor aller Erkältung gewarnt« »Ach wie fröhlich wie leicht
liebes Fräulein hätte ich Sie ehemals auf meinen Armen hinunter getragen« rief
Adelbert und blickte traurig und finster auf seine Krücke »Jetzt ich muss es
Ihnen leider gestehen jetzt könnte ich Sie auf diesen schlüpfrig gewordnen
Pfaden ohne eine festere Stütze als diese nicht einmal hinunter begleiten
selbst wenn der Regen nachliesse Hätte ich es ahnen können dass ich noch heute
die erste Stunde des Trostes seit ich alles verlor so bitter bereuen würde
Aber so will es das jammervolle Loos das mir zu Teil ward« setzte er im
finstersten Unmut hinzu
    »Briccone maledetto Verwünschter Taschenspieler Damnd Juggler« erscholl
es in diesem Augenblick dicht neben ihnen und eine wunderliche ganz durchnässte
Gestalt schlüpfte in den Tempel hinein ohne die schon Anwesenden sogleich zu
bemerken warf dann einen ungewöhnlich dicken keulenartigen Stock von sich und
arbeitete darauf mit Zähnen und Nägeln an dem Knoten eines Bandes welches ein
kleines braunes Päckchen zusammen hielt dabei schimpfte der neue Ankömmling in
einem weg und in verschiedenen Sprachen bald auf den Knoten bald auf den Regen
    Adelbert und Gabriele betrachteten höchst verwundert die sonderbare
Gestalt Nach seinem Äußern zu urteilen hätte man den Fremden für einen
Taschenspieler oder für den Pagliasso einer herumziehenden Seiltänzerbande
halten können und doch lag etwas in der Art mit der er Adelbert und Gabrielen
ihrer gewahr werdend begrüßte das eine feinere Bildung verriet Seine vom
Regen triefende Kleidung bestand aus einer kurzen Jacke und weiten wunderlichen
Pantalons von weißem buntstreifigem Leinenzeuge in Schuhen von gelbbraunem
Leder Kamaschen von Nanking und einem großen Strohhut mit breitem Rande und
flachem Kopf Eigentlich war er ziemlich treu nach Ebels Vorschrift für Reisende
in der Schweiz gekleidet was aber hier in Böhmen und zu seiner kurzen
gedrängten Gestalt sich sehr lächerlich ausnahm besonders da er wenigstens
funfzig Jahre alt zu sein schien
    Eines der gewöhnlichen Gespräche wie man sie in ähnlichen Fällen zu führen
pflegt entspann sich jetzt zwischen Adelbert und dem Fremden der dabei
unermüdet aber mit allen Zeichen der höchsten Ungeduld daran arbeitete den
Knoten zu lösen welchen er dabei immerfort und in allen möglichen europäischen
Sprachen halb laut vermaledeite
    »Mercè di Dio« rief er endlich denn der Knoten war plötzlich aufgegangen
»Mais voyez monsieur sehen Sie nur ob es nicht zum Verzweifeln war« sprach
er zu Adelberten der verwundert auf den Inhalt des Päckchens blickte »
Vraiement cétoit fait pour enrager Gestern lasse ich mir von einem
herumreisenden Physiker im Alexandersbad lehren einen Knoten zu schlingen der
fester als alle Schlösser ist weil er nur der Hand des mit dem Geheimnis
Bekannten weicht ich knüpfe meinen Regenmantel my Patent cloak den ich immer
mit mir trage auf diese Weise zu und jetzt da mich der Platzregen überrascht
habe ich Unglückseliger die Lösung des Knotens vergessen Ich habe einen Mantel
in der Hand mit dem ich unter dem Staubbach hingehen könnte ohne dass mir ein
Tropfen Wassers an die Haut käme und muss mich durchregnen lassen No it is too
bad too bad es ist zu toll«
    Während der Zeit zog er den Regenmantel von dünnem durchsichtigem
Wachstaffet an setzte eine gleiche von allen Seiten herabhängende Kapuze auf
den Kopf und sah in dieser Vermummung noch viel abenteuerlicher aus als zuvor
fast wie ein in Bernstein inkrustirter Käfer »Könnte ich mich nur auf das
Geheimnis des heillosen Knotens wieder besinnen« murmelte der Fremde vor sich
hin ich muss es doch zufällig getroffen haben weil er aufsprang« dabei
arbeitete er wieder aufs emsigste und mit großer Anstrengung an dem dicken
Stock den er beim Eintritt weggeworfen hernach aber wieder hervorgesucht
hatte bis es ihm gelang ihn auseinander zu schrauben und in mehrere Stücke zu
zerlegen »Oseroisje Madame Ihnen diesen Patent Umbrello zum Heimgehen
anzubieten« sprach er zu Gabrielen indem er ihr einen sehr zerbrechlichen
Regenschirm ebenfalls mit Wachstaffet überzogen darreichte den er aus einem
Teil seines Stocks zusammengesetzt hatte »Avouez que cest l invention la
plus belle la plus commode enfin es gibt nichts bequemers« sprach er weiter
indem er aus vier dünnen Messingstäbchen und einem Stückchen Leinen eine Art von
kleinem Feldstuhl zusammenfügte und Gabrielen nötigte sich darauf zu setzen
»Sehen Sie« sprach er mit sehr großer Selbstzufriedenheit »so trage ich in
diesem Stock gleichsam ein kleines Haus mit mir das mir selbst auf den höchsten
Bergen Schutz gegen die Witterung und einen bequemen Ruhesitz gewährt Das
Futteral welches Schirm und Sessel beherbergt dient mir obendrein nicht nur
zum Wanderstab sondern auch zum Fernrohr wenn ich die dazu gehörigen Gläser
hineinschraube und ich denke nur noch auf eine Vorrichtung um diesen Stuhl zu
einem vollständigen Fauteuil zu vervollkommnen«
    Der Regen hörte endlich auf und der wunderliche Fremde erbot sich auf die
gutmütigste Weise Adelberten auf dem Wege nach Karlsbad zum Führer zu dienen
dabei bedauerte er nur dass diesem nicht das gelähmte Bein bis an das Knie
abgenommen sei ohnerachtet ihm Adelbert wiederholt versicherte dass er hoffe
nicht zeitlebens lahm zu bleiben »N importe« sprach der Fremde »ich könnte
Ihnen ein ganz vortreffliches hölzernes Bein verschaffen Sie sollten damit
gehen reiten sogar tanzen können il n y a rien de plus beau et de plus
commode au monde indessen kommen Sie nur ich will Sie gewiss nicht fallen
lassen« Adelbert dankte ihm lächelnd und äußerte zugleich die Besorgnis dass
seine Begleiterin in ihren seidenen Schuhen wohl schwerlich würde den Weg zu Fuß
machen können »Ah Kospetto di bacco« rief der Fremde »warum habe ich nicht
ein einzigs Paar der Pattens der Dutchess of Devonshire bei mir Auf diesen
zierlichen Koturnen könnte das Fräulein gerade durch einen Bach gehen ohne nass
zu werden sie sind die allervortrefflichste Erfindung«  »Ich erkenne höchst
dankbar Ihre Güte mit der Sie wünschen mir helfen zu können« unterbrach ihn
Gabriele »Da es indessen auf diese Weise nicht möglich ist so wage ich es Sie
zu bitten die Meinigen bald möglichst zu beruhigen die gewiss um mich in der
größten Besorgnis sind Haben Sie die Gefälligkeit Frau von Willnangen im
steinernen Hause auf der Wiese aufzusuchen und ihr zu sagen dass Gabriele von
Aarheim« 
    »Aarheim Sie sind ein Fräulein von Aarheim Aarheim von Schloss Aarheim«
rief im größten Entzücken der Fremde »mais permettez que je vous embrasse mon
aimable petite Kousine ich bin Ihr Vetter Ihr nächster Verwandter Moritz von
Aarheim Ihr Vater und ich sind Kousins à la mode de Bretagne Ihr AelterVater
war der Bruder meines Großvaters Haben Sie denn nie von mir sprechen gehört«
    »Mein Vater lebt so fern von der Welt« stotterte Gabriele etwas
erschrocken »Es ist wahr das tut er« erwiderte Moritz von Aarheim »ich
habe ihm einmal vor vielen langen Jahren geschrieben er hat mich aber keiner
Antwort gewürdigt Mais je ne lui porte pas rancune seine Tochter ist die Krone
unsers alten Geschlechts and I forgive him Ich will ihn besuchen den alten
Herrn ich habe mich schon nach ihm erkundigt ich höre er beschäftigt sich mit
alchymistischen Untersuchungen der Färbestoffe Ich habe die göttlichsten
Vorschriften zum Färben aus England mitgebracht auch aus der Türkei habe ich
deren mir zu verschaffen gewusst er soll sie alle haben er hat zwar auf meinen
Brief nicht geantwortet but I do not care for it er soll sie doch haben«
    So schwatzte Moritz von Aarheim noch lange fort und legte dabei seine
Freude über Gabrielen in fast allen lebendigen Sprachen an den Tag bis ihm
plötzlich der Nachteil einfiel der aus diesem langen Verweilen in der feuchten
Luft für Gabrielens Gesundheit entstehen konnte So schnell als möglich eilte er
nun fort auch währte es nicht lange bis der General Lichtenfels und Ernesto
mit einer Sänfte für Gabrielen im Tempel anlangten um das dorthin vom Sturm
verschlagne Paar heim zu geleiten
Gabriele fand bei ihrer Nachhausekunft den neuen Vetter so eingewohnt als wäre
er Zeit seines Lebens der vertrauteste Freund der Frau von Willnangen gewesen
Alle Tische und Stühle in ihrem Zimmer waren mit kleinen Modellen und
Zeichnungen von neuen Erfindungen belastet deren Erklärung und Nutzen er dem
älteren Herrn von Wallburg auf das eifrigste zu demonstriren suchte Die Damen
und Leo hielten sich dabei in einiger Entfernung um nicht an dem Streite Teil
zu nehmen der sich zwischen jenen beiden schon entsponnen hatte denn Herr von
Wallburg war der abgesagteste Feind aller Neuerungen Gabrielens Erscheinung
machte indessen dem Zwist ein Ende Moritz von Aarheim ließ alles im Stich um
seiner neugefundenen Kusine unter einem halben Dutzend Fläschchen mit
Präservativen gegen Erkältung die Auswahl anzubieten und suchte auf alle Weise
sie zu bewegen wenigstens aus einem derselben ein paar Tropfen zu nehmen Sein
zudringliches Bitten hatte zwar etwas ungemein Lästiges so wie im Grunde auch
sein ganzes übriges Betragen aber es lag auch wieder etwas so ausgezeichnet
Gutmütiges selbst in dieser Zudringlichkeit dass es Gabrielen wirklich schwer
ward ihm seinen Wunsch nicht zu gewähren
    Mehr aber als alles übrige war ihr der vertrauliche Ton unangenehm zu
welchem er als ein naher Verwandter gegen sie berechtigt zu sein glaubte und es
ward ihr beinah unmöglich sich daran zu gewöhnen noch unmöglicher ihn zu
erwidern Nie zuvor war es ihr eingefallen dass sie außer der Gräfin Rosenberg
und Aurelien noch Blutsverwandte in der Welt haben könne nie hatte sie solche
nennen hören und nun kam gerade eine der lächerlichsten Erscheinungen und
wollte Familienverbindungen geltend machen welche sie kaum im Stande war zu
begreifen
    Den durchnässten Schweizeranzug hatte Herr von Aarheim zwar abgelegt und
alles was er jetzt trug war wirklich so neu und elegant als möglich aber er
sah deshalb nicht minder abenteuerlich aus Seine Kleidung war wie seine
Sprache allen Nationen abgeborgt kein Stück seines Anzugs passte zu den
übrigen alle aber verdankten der aller neuesten und dabei barocksten Erfindung
ihren Ursprung Auch seine Bewegungen hatten etwas unstätes das mit seinen
grauen Haaren und seiner ganzen Gestalt auf eine widerliche Weise kontrastirte
Übrigens waren die Züge seines Gesichts nicht unangenehm und wurden zuweilen
durch einen gewissen Ausdruck von treuherzigem Wohlwollen sogar recht leidlich
Da er im Gespräch immer von einem Gegenstand zu dem andern überging ohne sich
und andern zum gehörigen Auffassen eines einzigen Zeit zu lassen so war sein
Umgang höchst ermüdend und der ganze Kreis wäre seiner gewiss sehr überdrüssig
geworden wenn er längere Zeit in Karlsbad verweilt hätte Aber er eilte schon
am dritten Tage zum kunstliebenden Scharfrichter nach Eger den er durchaus
sprechen zu müssen behauptete obgleich er sich augenscheinlich höchst ungern so
schnell von Gabrielen trennen mochte Er verließ sie mit der Erklärung dass er
sie auf Schloss Aarheim wieder zu sehen gedenke und wollte sich durchaus nicht
daran kehren dass ihr Vater keinen Besuch annähme Er war auf jeden Fall
überzeugt dass er ihm mit den englischen und türkischen Farbengeheimnissen
willkommen wäre wenn jener auch ihre nahe Verwandtschaft bei der Annahme seines
Besuchs nicht in Betracht ziehen wollte Übrigens hielt ihn ein innres
Zartgefühl ab Gabrielen zu gestehen dass er des Freiherrn nächster Agnat und
der künftige Besitzer von Schloss Aarheim sei der als solcher doch einigermaßen
sich berechtigt glauben konnte bei seinem Verwandten den er nie beleidigt
hatte vorgelassen zu werden
Ganz nahe den die GesellschaftsSäle von Karlsbad umgebenden Alleen steht eine
der Madonna geweihte kleine Kapelle zwischen hohen Bäumen und dichtem Gebüsch
Die Mädchen und Frauen der Umgegend schmücken das in ihr wohnende freundliche
Muttergottesbild mit dem Schönsten was sie nur aufzubringen wissen Nie mangelt
es ihm an strahlenden Flittern an schönen Bändern und Perlen Frische
Blumensträusse duften jeden Morgen auf dem kleinen Altar so lange die Jahreszeit
dies vergönnt und an jedem Abend werden helle Kerzen vor dem Bilde angezündet
von denen oft ein funkelnder Strahl durch das dichte Laub bis mitten in die
fröhlichen Kreise der vornehmen Welt den Weg findet und auch da manches stille
fromme Herz mit heiliger Sehnsucht erfüllt Sobald der Abend hereinbricht
bevölkert sich der kleine Betstuhl vor dem Bilde mit Andächtigen größtenteils
sind es Weiber und Mädchen aus den umliegenden Dörfern die von der Arbeit
kommen und zuvor an dieser heiligen Stätte ihr Abendgebet verrichten ehe sie
heimkehren
    Auch Gabriele weilte oft und gern bei der kleinen Kapelle Wenn frühere
Schmerzen sich wieder regten wenn Ergebung Hoffnung und die schwer errungne
Ruhe des Gemüts im Geräusch ihr fremder werden wollten dann flüchtete sie sich
hierher und kehrte nach kurzem Verweilen immer mit einer Brust voll Frieden zu
ihren Umgebungen zurück Die unerwartete Ankunft ihres Vetters die unruhige
Bewegung in welche alles um sie her während der Zeit seines Dableibens geriet
und nun zuletzt noch sein sehr tumultuarischer Abschied und seine Abreise
machten ihr am Abende nach letzterer eine einsame Stunde höchst wünschenswert
Ohnehin waren diesmal die Stunden nach Sonnenuntergang zu der jüngstin
verabredeten allgemeinen Versammlung in einem der Säle bestimmt und Gabriele
wusste wohl dass sie alle ihre Freunde beunruhigen und betrüben würde wenn sie
nicht dabei erschien Daher flüchtete sie sich eben als die Sonne hinter die
Felsen zu sinken begann zu dem Ort an welchem sie schon oft Trost und
Beruhigung fand um sich für das Geräusch der nächsten Stunden in ruhiger Stille
zu erholen zu stärken und zu sammeln Sie traf nur eine einzige auf ihren
Knien in tiefer Andacht hingesunkene Beterin in der Kapelle und schlich sich
leise an die andre äussre Ecke des Betstuhls um durch ihre Gegenwart so wenig
als möglich störend zu werden
    Lange hatte sie sich nicht so durchaus beklommen so recht innerlich betrübt
gefühlt als heute Durch Adelberts Erzählung seines unwürdigen trüben Geschicks
war nicht nur ihr wärmstes Mitgefühl in Anspruch genommen worden es hatte
solche auch alle ihre eignen Schmerzen und Sorgen wieder angeregt Ottokars Bild
stand seitdem lebendiger als je wieder vor ihrem Geist begleitet von einer
düstern bangen Ahnung die ihr weder Rast noch Ruhe ließ und sie um so mehr
beängstigte je undeutlicher und verworrner die Vorstellungen waren durch
welche ihr aufgeregtes Gemüt sich mit Grausen erfüllte
    In der Kapelle ward ihr indessen bald ruhiger zu Mute Die Stille des Orts
die Abendsonne welche zwischen dem hohen Gezweige der ihn umgebenden Bäume
hindurch ihre goldnen Lichter auf das Marienbild streute stimmten sie zu süßer
seliger Wehmut Bald erleichterten Tränen ihr gepresstes Herz sie weinte recht
herzlich ohne doch eigentlich zu wissen wem ihre Tränen flossen aber sie
fühlte dass sie ihr unendlich wohl taten
    »Gelobt sei Jesus Christus« Mit dieser in Karlsbad gewöhnlichen Begrüßung
hörte sie sich plötzlich von der Frau angeredet die vorhin in der Kapelle
gebetet hatte und jetzt dicht neben ihr stand »In Ewigkeit« erwiderte
Gabriele und stand auf um sie an sich vorbei gehen zu lassen aber die Frau
ging nicht sondern begrüßte Gabrielen nochmals mit dem zweiten in Karlsbad
üblichen Gruß »Gott schenk Euer Gnaden die Gesundheit«
    »Ich danke euch gute Frau« sprach Gabriele und blickte etwas verwundert
auf Ihr Auge traf in das fromme stille halb erloschne Auge eines uralten
ärmlich aber höchst reinlich gekleideten Mütterchens mit schneeweißen glatt
gekämmten Haaren das mit unaussprechlicher Freundlichkeit sie betrachtete »Ihr
habt recht andächtig gebetet fromme alte Mutter euch muss Gott erhören gedenkt
auch meiner künftig in eurem Gebete« mit diesen Worten reichte Gabriele der
Alten eine Gabe
    »Das will ich« antwortete die Frau in einer diesen Gegenden fremden
Mundart »recht herzlich will ich für Sie beten aber nicht um ihres Geschenks
willen Doch nehme ich es gern Sie sind reich und gut und ich will meinen
Urenkelchen eine Freude damit machen«
    
    »Für diese Urenkelchen habt ihr auch wohl hier gebetet« fragte Gabriele
    »Alle Tage bete ich für sie und segne sie« war die Antwort »aber nicht
hier hier bete ich weder für mich noch die Meinen nur für Einen den ich nicht
einmal zu nennen weiß Aber Gott kennt ihn und hat den Nahmen in sein Buch
geschrieben Er weiß wen ich in meiner Einfalt meine und wird mich wohl
erhören Liebes gnädiges Fräulein« fuhr die Alte fort indem sie sich neben
Gabrielen setzte »halten Sie mirs zu gut Als ich Sie vorhin so jung so schön
so vornehm und so reich und doch so herzlich betrübt weinen sah da konnte ich
nicht anders ich musste mich zu Ihnen stellen und mit Ihnen zu reden suchen
Glauben Sie mir nur Gott wird seinen Engel senden Sie zu trösten wenn es Zeit
ist bleiben Sie nur in der Geduld und in der Hoffnung Hat er ihn doch auch mir
gesendet als meine Margarete gestorben war und ich deshalb zu meinem Sohn nach
Böhmen wandern musste Da blieb ich in einem wild fremden Lande von aller Welt
verlassen in Todesnöten auf freiem Felde liegen rings um war es Nacht und
kalt ich konnte die Lippen nicht mehr regen und betete nur noch innerlich
»Vater unser der du bist im Himmel« und er hörte mich doch und sandte den
Retter«
    Freudiges Schrecken durchrieselte Gabrielen bei diesen Worten sie fragte
die Frau antwortete und bald fand es sich dass es so sei wie sie es geahnt
hatte Es war die nämliche alte Mutter welche Ottokar vor ungefähr Jahresfrist
vom Verschmachten gerettet hatte Mit heißen FreudenTränen fiel Gabriele ihr
um den Hals
    »Er ist Ihnen wohl nahe verwandt« fragte die Frau
    »Ja wohl verwandt nahe verwandt« erwiderte Gabriele« die nassen Augen
gen Himmel gerichtet
    »Das hätte ich gleich sehen können dass Sie Schwester und Bruder sind Sie
sind beide so gut und so schön Sagen Sie Ihrem Bruder doch wenn Sie ihn sehen
wie seine Wohltat mir Segen gebracht hat ich denke es muss ihn freuen wenn er
es hört Überall fand ich weiterhin gute Seelen die sich einer armen alten
Mutter annahmen und so habe ich von seinem Gelde so viel erübrigt dass ich
meinem Aloys eine Kuh kaufen konnte Und nun lebe ich bei ihm und meinen Enkeln
und Urenkeln dort unten im Dorfe Aber alle Abende steige ich hier herauf
sobald es Vesperzeit wird im Winter und Sommer im Regen im Schnee im
Sonnenschein nichts hält mich ab denn ich habe ein Gelübde getan und das will
ich halten so lange Gott mir die Kräfte verleiht Hier bete ich immer einen
Rosenkranz für meinen Erretter und empfehle ihn dem Schutz aller lieben
Heiligen besonders der heiligen Jungfrau denn so habe ich es gelobt Lieber
Gott denke ich er ist zwar ein Engel an Güte aber doch ein junger reicher
vornehmer Herr Da kann es wohl geschehen dass solch ein junges Blut mitten im
Vergnügen einmal das Beten vergisst und mein einfältiges Gebet kommt doch aus
treuem Herzen das muss ihm frommen wo er auch sein mag«
    »Wo er auch sein mag wo er auch sein mag O gute Mutter vergiss ja nie dein
Gelübde und gedenke auch meiner wenn du für ihn den Himmel anrufst« Mit
diesen in hoher Bewegung ausgesprochnen Worten drückte Gabriele der Alten ihr
Taschenbuch mit Bankzetteln in die Hand und eilte mit verhülltem Gesicht ihrer
Wohnung zu
    Jetzt war es ihr unmöglich geworden noch heute den Abendzirkel zu besuchen
und Frau von Willnangen der sie mit wenigen Worten das Vorgefallne mitteilte
war auch sehr bereit sie zu entschuldigen Allein in ihrem Zimmer gab sie sich
ganz den Erinnerungen hin welche der Anblick jener Frau aufs neue belebt hatte
Jede in Ottokars Nähe verlebte Stunde ging in ihrem Geiste vorüber vor allen
die erste in der sie ihn sah ohne ihn nennen zu können und dann die letzte
entscheidende
    Die Sonne war untergegangen tiefe Dämmerung gemildert durch das Licht des
eben aufsteigenden Mondes erfüllte das Zimmer noch immer saß Gabriele sinnend
und im Äußern regungslos da obgleich sie innerlich bei jedem auch noch so
leisem Geräusch zusammenzuckte denn ihr war als dürfe sie jetzt auch ihn
erwarten ja als müsse Ottokar in der nächsten Sekunde hereintreten so sehr
hatte die Erscheinung der Alten ihr die Vergangenheit zur Gegenwart gemacht
Annette die schon lange aus dem Nebenzimmer jede Bewegung ihrer jungen Herrin
beobachtet hatte wagte es endlich sich ihr zu nahen mit bittender Gebärde
legte sie ihr die Harfe in den Arm und kniete dann neben ihr hin
    »Gutes Kind dein Herz sagt dir was mir frommt« sprach Gabriele indem sie
liebkosend ihre Locken berührte Dann stimmte sie die Harfe und sang ein Lied
welches Allwill ihr einst auf ihre Veranlassung gedichtet hatte
Sie sieht mich nicht
Ich sehe ewig Sie
Und wenn auch meine Augen einst erblinden
Mein Geist wird dieses teure Bild doch finden
Auch wenn ich dahin flieh
Wo ausglimmt alles Licht
Sie hört mich nicht
Ich höre ewig Sie
Von süßen Lippen flossen GeisterWorte
Die mich ergriffen leise Mollakkorde
Der Ton erstirbt mir nie
Wenn auch kein Laut mehr spricht
Beklagt mich nicht
Dass ferne ferne Sie
Bin ich nicht glücklich ewig Sie zu lieben
Mein war Sie mein für immer ist geblieben
Was Leben mir verlieh
Und auch der Tod nicht bricht
Da öffnete sich leise die Türe und eine im Dunkel kaum erkennbare weibliche
Gestalt trat herein ein paar Schritte brachten sie näher »Erschrick nicht vor
mir meine Gabriele« sprach eine liebe bekannte Stimme ein paar Arme breiteten
sich aus und Gabriele sank mit einem freudigen Schrei an das treue Herz ihrer
Dalling
    »Kehrt denn alles alles heute wieder was früher mich beglückte auch du
auch du« rief sie im frohen Taumel des Wiedersehens während Frau Dalling mit
Erstaunen die unglaubliche Veränderung bemerkte die in der kurzen Zeit mit
Gabrielen vorgegangen war Statt des kaum der Kindheit entwachsenen bleichen
Mädchens welches sie verlassen hatte fand sie jetzt Augustens ihrer Mutter
verklärtes verschönertes Bild in der Pracht eben erblühender Jungfräulichkeit
und wusste kaum wie sie es anfangen solle um Gabrielen mit aller der
mütterlichen Liebe zu umfangen die sie im Busen trug ohne doch die Ehrfurcht
zu verletzen welche diese hohe schöne Erscheinung von ihr zu fordern
berechtigt schien
Während die beiden wieder Vereinten im ersten freudigen Taumel ein fast
unverständliches Gespräch mit einander führten und Fragen und Antworten auf die
wunderlichste Weise durch einander wirrten kehrten auch Ernesto Frau v
Willnangen und Auguste aus der Gesellschaft wieder nach Hause
    Niemand hatte an diesem Abende sonderliche Freuden gefunden Was der General
vorher gesagt hatte war zum Teil eingetroffen überall hatte es an jemanden
gefehlt der es übernehmen wollte durch innern Zusammenhang diese Versammlung
zu einer Gesellschaft zu bilden Einige der Anwesenden waren in stummer
Unbehülflichkeit neben einander stehen geblieben andre hatten sich mit ihren
Bekannten flüsternd beraten was denn eigentlich hier vorgehen solle nur
wenigen war der feinere geselligere Zweck dieser Zusammenkunft klar geworden
und diese wenigen hatten sich sogleich dem eigentlichen Kreise der Frau von
Willnangen anzuschließen gesucht ohne sich um die weiter zu bekümmern welche
sich in verlegner oder stolzer Entfernung hielten Ungeduld trieb endlich den
Kapellmeister an das verstimmte Fortepiano Allwill brachte in der Not
gesellige Spiele in Vorschlag zuletzt wurden glücklicherweise die Musikanten
von der ungewohnten Erleuchtung herbeigezogen und spielten ein paar Walzer auf
mit denen die geselligen Freuden dieses Abends sich endigten
    Jubelnd und fröhlich wie ein Kind führte Gabriele die sorgsame treue
Pflegerin ihrer ersten Jugend ihren Freunden zu und war nun doppelt froh bei
jenem verunglückten Versuche zur Beförderung der Geselligkeit nicht gegenwärtig
gewesen zu sein
    Ein Unglück weissagendes Gefühl ergriff Frau von Willnangen als sie Frau
Dalling erblickte aber sie schwieg davon denn sie sah deutlich wie es
Gabrielen noch gar nicht eingefallen war dass diese ihr so liebe Erscheinung ihr
dennoch unheilbringend sein könne Auch Frau Dalling schien über das Wiedersehen
ihres teuren Kindes den eigentlichen Zweck ihrer Sendung ganz vergessen zu
haben Sie konnte kein Auge von Gabrielen wenden In der einen Minute schalt sie
sich dass sie die zu ihrer Gebieterin herangewachsene Jungfrau noch immer wie
ein Kind behandle in der nächsten nahm sie sie wieder liebkosend an ihr Herz
und nannte sie mit allen den tändelnden Namen die sie ihr sonst gegeben hatte
als sie sie noch auf ihren Armen trug So verging die übrige Abendzeit Frau
Dalling ward späterhin sichtbar ernst wie jemand dem etwas trauriges das er
vergaß plötzlich wieder einfällt aber ein bittender Wink der Frau von
Willnangen bestimmte sie ihren Liebling noch diese Nacht dem ungestörten
Schlummer zu überlassen dessen Gabriele nach den mannigfaltigen Begegnissen des
Tages augenscheinlich höchst bedürftig war Erst nachdem diese mit Augusten das
Zimmer verlassen hatte um sich zur Ruhe zu begeben kam der eigentliche Zweck
zur Sprache welcher Frau Dalling nach Karlsbad geführt hatte Frau v
Willnangen hatte in ihren Vermutungen nicht geirrt sie kam um Gabrielen auf
das schleunigste zu ihrem Vater zu geleiten der ohne eigentlich gefährlich
krank zu sein doch höchst ängstlich nach seiner Tochter verlangte
Kurze Zeit vor der Ankunft der Frau Dalling in Karlsbad saß der Baron Aarheim um
Mitternacht ganz allein in seinem Laboratorium so wie er es seit vielen Jahren
gewohnt war Sein starrer Blick ruhte bald auf den Retorten Gläsern und
Tiegeln welche im Ofen am Feuer standen bald auf magokabbalistischen Figuren
die er an der Wand gezeichnet hatte und aus denen er den Stand der Sterne und
ob es an der Zeit sei ersehen zu können glaubte Alles sagte ihm es sei an der
Zeit die Stunde der Vollendung sei gekommen und ein leises Flüstern und
Knistern um ihn her bestärkte ihn in diesem Glauben während es sein zitterndes
Erwarten fast bis zur Bewusstlosigkeit steigerte
    Nur nichts vergessen nur nichts vergessen musste er immerfort innerlich mit
wahrer Todesangst wiederholen während er mit bebenden Lippen unverständliche
Formeln stammelte durch welche er die ElementarGeister zu bändigen oder zu
gewinnen gedachte Unverwandt blickte er jetzt die Glut im Ofen an die Flammen
regten sich lustig er sah wunderliche Gestalten in ihnen spielen Langbärtige
Menschengesichter nickten ihm aus dem Feuer zu und verzogen sich dann grinsend
zur grässlichsten Unform bis sie in Dampf sich auflösten glänzend geringelte
blaue und grüne Schlangen wanden sich hoch empor und reckten die langen
feuerroten dreigespjetzten Zungen nach allen Seiten aus immer höher und höher
Aber über alles sah er ein einziges riesig großes Greisenhaupt sich erheben
mit einem langen schneeweißen Bart und einer wie Rubin glühenden Krone So wie
der Baron diese Gestalt gewahrte ward es ihm unmöglich den Blick von ihr
abzuwenden sein Haar sträubte sich in der Angst mit welcher er sich bemühte
an alles für diese Stunde in seinen Büchern Vorgeschriebne sich zu erinnern
während es ihm immerfort warnend in die Ohren dröhnte Nur nichts vergessen nur
nichts vergessen Das Riesenhaupt dehnte sich über den Herd des Ofens hinaus er
sah es wie ihn begrüssend sich neigen er sah ganz in der Nähe das grässliche
Durcheinanderflimmern aller Züge desselben und nun folgte dem Haupte die ganze
Gestalt Der weite wie aus Feuernebel gewobene Mantel welcher sie in große
bauschende Falten verhüllte quoll weit über den Herd hinaus und begann
allmählig sich im ganzen Gemache zu verbreiten Der Baron raffte sich mit aller
Kraft zusammen um das Grausen zu überwinden was ihn ergriffen hatte und ward
wirklich wieder auf einen Augenblick Meister seiner Gedanken Er warf einen
Blick auf den Herd und gewahrte dass die Flamme dort zu mächtig lodre er wollte
sie dämpfen aber er vermochte nicht dies allein zu vollbringen Jetzt breitete
sich das FeuernebelGewand des riesenhaften Greises immer weiter aus der Baron
glaubte ihn immer zürnender auf sich blicken zu sehen es war als ob er ihn in
die Falten seines Mantels einwickeln und ersticken wolle er versuchte sich
davon loszuwinden aber der unkörperliche Stoff ließ sich mit Händen nicht
erfassen obgleich er schwer auf ihn drückte
    In der höchsten Not sucht der Mensch immer den Menschen auch ohne Hoffnung
auf Hilfe und diese hatte der Baron doch noch nicht aufgegeben Entschlossen
riss er die ins Vorgemach führende Türe auf »Franz« rief er mit donnernder
Stimme »Franz« so hieß der alte Bediente der einzige welcher mit ihm diesen
Flügel des Schlosses bewohnte und zuweilen bei seinen Arbeiten ihm Handreichung
leistete Keine Antwort erfolgte Der Baron durchschritt mit festem Tritte das
Zimmer Als er an der andern Türe desselben stand blickte er sich um und sah
mit Entsetzen das feuerrote Gewand des Greises ihm durch die Türe des
Laboratoriums nachquellen Pfeilschnell stürzte er durch das zweite Zimmer Ein
Blick rückwärts verriet ihm abermals dass das Grässliche ihm immer langsam
nachfolge Er floh in das dritte Zimmer dort lag Franz auf einem Ruhebette der
Baron erfasste ihn wollte ihn wach schütteln umsonst der siebenzigjährige
treue Diener lag starr und kalt ob durch einen Schlagfluß plötzlich entseelt
ob nur ohnmächtig oder in tiefem Schlaf begraben der Baron hatte nicht Zeit
dieses zu untersuchen Ein furchtbarer Knall schien den Felsen auf welchem
Schloss Aarheim steht bis in den Grund zu spalten die alten Mauern erbebten
als stürzten sie zusammen Der Baron sah das Feuergewand mit Macht
hervorquellen die blauen und grünen Schlangen waren riesengross geworden und
wanden sich dazwischen hin und streckten die feuerroten Zungen nach ihm als
wollten sie ihn durchbohren Da öffnete er im wahnsinnigen Entsetzen auch die
äussre Tür floh auf Flügeln der Angst pfeilschnell hinab in den Hof und sah
nun den ganzen Teil des Gebäudes den er bewohnt hatte rettungslos flammend
gen Himmel lodern
    Des Barons erste Bewegung war ein Versuch in wilder Verzweiflung das eigne
Leben auf diesem Scheiterhaufen seines Glücks und seiner Hoffnungen zu opfern
aber er fühlte sich von starken Händen gehalten Alle Einwohner des Schlosses
waren von der heftigen Explosion im nämlichen Augenblick erweckt worden und
hatten sogleich im ersten Schreck sich in den Hof geflüchtet Diese seine
Diener von welchen viele ihren Herrn in diesem Moment zum erstenmal erblickten
verhinderten ihn jetzt den grässlichen Tod in den Flammen zu suchen welchen der
alte Franz vielleicht im nämlichen Moment hoffentlich bewusstlos starb
    Regungslos und ohne alle Besinnung stand nun der Baron anscheinend ruhig
und blickte wieder in die zischenden prasselnden Flammen Im Rauch im
Feuerdampf sah er noch immer das weite erglühende Gewand des Greises und hoch
über sich dessen drohendes Haupt der weiße nebelgleiche Bart wehte wie der
Schweif eines Kometen weit hin durch die Nacht im Sturmwinde den die Flammen
erregten An Rettung des brennenden Flügels war nicht zu denken es war als ob
er an allen Ecken zugleich sich entzündet habe er sank in weniger als einer
Stunde in sich selbst zusammen nur die aus Felsen für eine Ewigkeit
aufgetürmten Aussenmauern widerstanden alles Innere verzehrte die wütende
Feuersbrunst Nichts blieb von allem worauf der Baron Schwindel erregende
Hoffnungen erbaut hatte und auch die Gebeine des armen alten Franz verglühten
mit im allgemeinen Untergang und seine Asche fand ihr Grab in den Trümmern
    Mit Anstrengung aller ihrer Kräfte gelang es den Bedienten und den Bewohnern
des Dorfs das Hauptgebäude des Schlosses vom Untergange zu retten aber der
Baron schien ihr Bemühen und ihre Anstalten gar nicht zu bemerken Ganz still
stand er und sah in das Feuer bis der letzte Balken einstürzte und alles
Zerstörbare vernichtet war Dann wandte er sich und ging mit feierlichem
Schritt begleitet von seinen vornehmsten Dienern die große Treppe im
Mittelgebäude hinauf in das ehemalige Zimmer seiner Gemahlin das er seit dem
Tage ihres Todes nicht wieder betreten hatte Dort setzte er sich an ein
Fenster der dampfenden Brandstätte gegenüber und schlug nach kurzem Besinnen
ein so furchtbar gellendes Gelächter auf dass alle die ihn umgaben sich fast
bis zum Wahnsinn davon erschüttert fühlten
    Dieser entsetzliche Zustand währte mehrere Stunden kein Arzt war in der
Nähe der ihn zu mildern versuchen konnte Das Gesicht des unglücklichen Greises
verzerrte sich im furchtbarsten Krampfe seine ermattete Brust hob sich immer
gewaltsamer während das herzzerreissende unaufhaltsame Lachen immer forttönte
bis die erschöpfte Natur sich endlich seiner erbarmte und ihn nach und nach in
ohnmächtiges Erstarren hinsinken ließ das sich später in tiefen Schlaf
auflöste
    Erst als am Abende dieses Tages die Sonne sank erwachte der Baron aber
unglaublich verändert Die ohnehin tiefen Züge seines Gesichts waren ganz
eingesunken keine Spur mehr von krampfhafter Anstrengung Er war still und
gelassen jedermann durfte zu ihm kommen aber er sprach mit niemanden Ganz in
sich gekehrt saß er da aß und trank was ihm gereicht ward und eben nur genug
um das Leben zu fristen forderte aber nichts Die Türe seines Zimmers blieb
offen stehen seine Bedienten seine Bauern Fremde die des Wegs vorbei kamen
alles strömte teils aus Neugier teils aus Teilnahme herbei alles wanderte
ungehindert bei ihm aus und ein er aber achtete auf niemand obgleich er auch
niemand zurückscheuchte Seine ganze Haltung war die des tiefsten Nachsinnens
über einen höchst wichtigen Gegenstand Endlich um Mitternacht rief er Frau
Dalling herbei und befahl ihr in möglichster Eile nach Karlsbad zu reisen um
Gabrielen abzuholen und sie zu ihm zu führen Nach diesem deutlich und bestimmt
ausgesprochenen Befehl versank er wieder in sein voriges Schweigen
Frau Dalling konnte den teilnehmenden Freunden Gabrielens nur den heftigen
Schreck über die unglückliche Feuersbrunst als die Ursache von des Barons
traurigem Zustande angeben aus welchem der Wunsch Gabrielen zu sehen
natürlicherweise entspringen musste Denn von dessen lange gehegten und jetzt so
furchtbar zertrümmerten Hoffnungen hatte sie noch immer keinen Begriff Frau von
Willnangen und Ernesto hingegen blickten tiefer Aus dem was sie von des Barons
Äußerungen und seinem entsetzlichen Anfall nach dem Brande hörten
durchschauerte sie die Ahnung eines Geheimnisses das ihre Angst Gabrielen in
solchen Händen zu wissen noch um vieles vermehrte Der Schmerz der Frau von
Willnangen über die plötzliche Trennung von ihrem Lieblinge leidet keine
Beschreibung er überstieg alle Gränzen wenn sie an das Schicksal dachte
welches die arme Gabriele im Schloss ihres Vaters erwartete und dabei keine
Möglichkeit sah es zu mildern Ihre gewohnte Fassung hatte sie gänzlich
verlassen »Was wird aus dem weichen liebebedürfenden Gemüt in jener starren
Umgebung werden« rief sie mit Augen voll Tränen »Welche Opfer wird der Mann
der das Herz ihrer Mutter mit kalter Hand zerdrücken konnte nicht von diesem
seiner Willkür ganz preisgegebnen Geschöpf fordern das wir schutz und wehrlos
ihm ausliefern müssen«
    »Das müssen wir nicht und werden es auch nicht« erwiderte plötzlich nach
einigem Sinnen Ernesto »denn ich begleite Gabrielen Das Schicksal und mein
Herz haben mich einmal zu Gabrielens Vormund zu ihrem Beschützer erkoren ich
will es bleiben solange dieses nur irgend ausführbar ist ich reise mit ihr
    Beide Frauen hörten mit hoher Freude diese Erklärung Ernestos nur wagte
Frau Dalling einige Zweifel wegen der Aufnahme die Ernesto im Schloss Aarheim
finden würde »Vielleicht« sprach sie »hat sich der Baron während meiner
Abwesenheit völlig erholt und dann kehrt er gewiss zu seiner gewohnten
Abgeschiedenheit von allen Menschen zurück«
    »Weiß ich es doch selbst nicht ob ich mich werde Gabrielens Vater zeigen
wollen oder nicht« erwiderte Ernesto »das mögen die Umstände bestimmen Ich
bleibe auf jedem Fall in ihrer Nähe ihr Schutz ihr Freund ja ich kann sagen
ihr eigentlicher Vater wenn väterliche Liebe zu diesem Namen berechtigen kann
Sorgen Sie nur dass Gabriele morgen früh ihre Bestimmung auf die schonendste
Weise erfährt und dass sie dann wo möglich in der nämlichen Stunde abreisen
kann Verkürzen Sie ihr die bitteren Stunden des Scheidens ein langer Abschied
ist eine lange Qual die wir ihren Kräften nicht zumuten dürfen sie wird sie
nötiger brauchen«
    »Lassen Sie uns übrigens das beste hoffen« sprach Ernesto zur Frau von
Willnangen sobald er mit dieser allein war »Nach dem was ich von des Barons
eigentlichem Geschick ahne und nach dem was Frau Dalling von der plötzlichen
Veränderung in seinem ganzen Wesen erzählt achte ich ihn seiner letzten Stunde
sehr nahe und leider ist der herbste Verlust für ein glückliches Kind unsrer
armen Gabriele der höchste Gewinn Sie die schon Mutterlose kann nur glücklich
werden wenn sie auch vaterlos ist Ich wiederhole es Ihnen ich bleibe in
Schloss Aarheims Nähe und so wie eine günstige Veränderung in Gabrielens Lage
eintritt so wie sie der Fesseln entledigt ist die jetzt sie drücken nehme ich
sie auf und bringe sie in Ihre schützenden Arme an Ihr mütterliches Herz Bis
dahin wache ich über sie ohne zu wanken oder zu weichen«
    »Haben Sie Dank guter edler Ernesto« erwiderte Frau von Willnangen »Sie
wollen mir Trost geben indem Sie mir die Aussicht für meine Gabriele zu
erheitern suchen aber mein ahnendes Herz will sich nicht zufrieden sprechen
lassen Sie auch künftig in Gabrielens Nähe zu wissen ist freilich viel es ist
das Einzige woran ich in dieser trüben Stunde mich noch halte Möge ein
freundlich Geschick Ihr wohlmeinendes Streben begünstigen Ich bete mit Inbrunst
darum aber ich fürchte sie ist dennoch von nun an verloren verloren uns und
verloren sich selbst«
Mit dem Gefühl mit welchem ein halb Erwachter sich völlig von den Fesseln eines
ängstigenden Traumes loszuwinden strebt saß Gabriele schon am folgenden
Vormittage im Wagen Unverwandt haftete ihr Blick auf dem raschen Umschwunge der
Räder welche sie einer Bestimmung entgegen führten von der sie noch vor
wenigen Stunden keine Ahnung gehabt hatte Keiner ihrer Begleiter unterbrach
auch nur mit einem einzigen Worte die im Wagen herrschende Stille Ernesto
kannte zu gut das weiche aber auch starke Gemüt seiner Schülerin um nicht
überzeugt zu sein dass sie gewiss aus dem schweren Kampf zwischen ihrem Herzen
und ihrem Pflichtgefühl als Siegerin hervorgehen würde wenn man sie nur
ungestört sich selbst überließ Frau Dalling schwieg weil unaussprechliches
Mitleid mit ihrem geliebten Kinde ihr die Sprache hemmte und die arme Annette
hatte genug mit ihrem eignen Schmerz zu tun sie weinte ganz in der Stille über
sich sowohl als über ihre Herrin
    Der Erfolg rechtfertigte Ernestos Erwartungen von Gabrielen Nach wenigen
Stunden richtete sie sich rasch und mutig auf wie schon oft in ähnlichen
Fällen und suchte von nun an ihre alte Freundin recht liebkosend und hold für
das bisherige unteilnehmende Verhalten zu entschädigen Aber der Geist der
Freude blieb dennoch fern von der kleinen Reisegesellschaft Bei aller
gegenseitiger Freundlichkeit saß doch jedes Mitglied derselben trübe und in sich
gekehrt da Keines vermochte sich des Zieles der Reise zu freuen während alle
sich bestrebten die eignen Besorgnisse den übrigen so viel es nur möglich war
zu verhehlen
    So kam allmählig der letzte Tag der Reise heran Der Wagen hielt zur
Mittagszeit vor einem Eisenhammer der schon zu den Besitzungen des Baron
Aarheims gehörte
    Das vom ewigen Rauch und Kohlendampf geschwärzte Gebäude steht in einem von
öden Felsen eingeengten Tal oder vielmehr in einer wilden Schlucht durch
deren Mitte ein schäumender Bach über moosbewachsne Steine hinrauscht Wenn
Mittags die Sonne von ihrem höchsten Standpunkt einige erwärmende Strahlen in
diesen einem Grabe ähnlichen Winkel der Erde herabsendet dann werfen ein paar
halb verdorrte Fichten ihren spärlichen Schatten auf die schwarzen Wellen und
auf das moosbedeckte Ufer die übrige Zeit des Tages liegt alles farbelos und
erstorben da Nichts belebt diese schauerliche Einöde als das einförmige
unaufhörliche Klopfen des Hammers das Schwirren und Tosen der Räder Wände und
Fußboden der engen dunkeln Gemächer des zu dem Eisenhammer gehörenden Hauses
dröhnen und zittern immerwährend Gabriele und Ernesto eilten deshalb sobald als
möglich hinaus ins Freie um diesem ängstlichen Aufenthalt zu entgehen Frau
Dalling aber blieb zurück um sich bei den Bewohnern desselben nach dem
gegenwärtigen Befinden des Barons zu erkundigen
    Gleich beim ersten Schritte außer dem Hause erinnerte sich Gabriele in
früher Kindheit einmal mit ihrer Mutter hier gewesen zu sein Am Bach stand noch
die alte halb verfallne Bank wo sie damals an ihrer Seite mit Epheukränzen
gespielt hatte und zum erstenmal auf dieser Reise bemächtigte sich ihrer ein
heimatliches Gefühl Mit wehmütiger Freude ergriff sie Ernestos Hand führte
ihn zu dem Plätzchen welches die ehemalige Gegenwart der Mutter ihr zum Tempel
geheiligt hatte und setzte sich dort recht vertraulich neben ihn hin
    »Ich fürchte guter Ernesto« hob sie in großer Bewegung an »ich fürchte
wir werden sobald nicht wieder eines so traulichen ungestörten Beisammenseins
uns erfreuen können Umsonst streben wir es uns zu verbergen wir müssen
scheiden heute oder morgen gleichviel Ich muss mich auch von Ihnen trennen
wie ich mich schon von meiner ewig teuren Willnangen von meiner geliebten
Auguste von  ach von so Vielem trennen musste für das mein künftiges Leben
mir nie Ersatz bieten kann Vergebens suchten Sie es mir durch ihre Begleitung
auf dieser traurigen Reise zu verbergen wie ich so ganz verlassen von meinen
Freunden künftig sein werde Aber ich danke es Ihnen doch mit dem innigsten
Gefühl dass Sie es mir mitleidig verbergen wollten Guter sorgsamer Freund
treuer Beschützer meiner verwaisten Jugend ich danke Ihnen mehr kann ich
nicht«
    »Wollen Sie mich denn fortschicken liebe Gabriele« fragte Ernesto mit
etwas gezwungnem Lächeln »Ich bin noch gar nicht gesonnen so bald zu gehen
Meine Meinung war noch recht lange in ihrer Nähe zu verweilen oder Sie recht
bald in Ihre eigentliche Heimat zu Frau von Willnangen zurück zu begleiten«
    »Guter Ernesto was hilfe es wenn ich Sie täuschte und mir selbst
Hoffnungen erregte die doch nie in Erfüllung gehen können« erwiderte
Gabriele »Ich weiß es ich stehe hier an der Schwelle eines sehr dunkeln sehr
einförmigen und in den Augen der Welt sehr freudenlosen Lebens Ich muss Sie
darauf vorbereiten ehe Sie die wenigen Stunden zwischen hier und Schloss Aarheim
zurücklegen dass kein Fremder sogar kein Freund dort gastlich aufgenommen wird
Mein Vater flieht die Menschen bittere Erfahrungen haben ihn sogar ihren Anblick
hassen gelehrt« 
    »Ich weiß es« unterbrach sie Ernesto »und habe auch nie darauf gerechnet
von ihm freundlich empfangen zu werden Dennoch bin ich entschlossen Sie bis zu
ihm zu begleiten Mein Herz sehnt sich nach dem Orte wo der Stern meiner Jugend
unterging Ich feiere dort ein teures Andenken und kehre gleich darauf in
dieses Tal zurück Ich denke im Försterhause das dort in der Felsenecke so
malerisch liegt mich häuslich niederzulassen und Frau Dalling bemüht sich
diesen Augenblick mit meinem künftigen Hausherrn die deshalb nötigen
Verabredungen zu treffen Ich bleibe so recht sehr in ihrer Nähe liebe
Gabriele denn wie ich höre führt ein Fußsteig in weniger als einer Stunde von
hier nach Ihrer Burg während wir auf dem Fahrwege wohl viermal so viel Zeit
brauchen werden wie das zwischen Bergen so oft der Fall ist«
    »Hier wollten Sie bleiben Hier in dieser grässlichen Wüste Guter Gott
Ernesto wie kann ich je eines solchen Opfers mich wert achten« rief Gabriele
    »Wie leid ist es mir dass ich diese bewundernden Ausrufungen nicht
verdiene« sprach Ernesto in seinem gewöhnlichen humoristischen Ton »denn ich
bin leider nicht halb so edelmütig als Sie es sich denken Schon längst
wünschte ich die mir oft gerühmte wilde Pracht dieses Gebirges kennen zu lernen
Ich will hier Studien für meinen Johannes in der Wüste nach der Natur malen den
ich wie Sie wissen schon längst im Sinne trage Farben Leinwand alles habe
ich mitgebracht vielleicht fange ich morgen schon an denn seit ich diese
Felsengegend sah bin ich überzeugt dass ich in der Welt keine bessere Einöde für
meinen Heiligen finden kann«
    »Sie sollen ihren edlen Willen haben Ernesto ich will tun als merkte ich
nicht wie Sie meinem Dank ausweichen wollen« sprach Gabriele und neigte sich
kindlich über Ernestos Hand die sie an ihr Herz drückte »Aber« fuhr sie
fort und sah mit ihren klaren Augen recht treuherzig zu ihm auf »nehmen Sie
auch die Beruhigung an die ich mit aller Aufrichtigkeit Ihnen zu geben im
Stande bin Glauben Sie meiner Versicherung dass ich auch die abgeschiedenste
Einsamkeit zu der mein Vater mich bestimmen kann für kein Unglück halte Vor
Langeweile haben Sie und meine Mutter mich durch die Sorgfalt geschützt mit
der beide für meinen Unterricht sorgten meinem Herzen bleibt Erinnerung und
Liebe die lassen niemand einsam Über alles tröstend aber ist mir das Gefühl
dass ich hier auf dem einzigen Punkte stehe auf welchen ich in der Welt
hingehöre Das einzige Kind eines greisen kränkelnden Vaters darf ja keine
andre Freude suchen und kennen als ihn zu pflegen und die trüben Stunden seines
Abends zu erheitern«
    »Mein Heldenmädchen« rief Ernesto und strebte vergebens die tiefe Rührung
von der er sich ergriffen fühlte unter heiterem Lächeln zu verbergen »Ich weiß
Gabriele was Sie zu tragen vermögen« setzte er sehr ernst hinzu »und darum
fürchte ich so sehr die edle jugendliche Lust die Sie verleiten kann das
Schwerste zu wählen weil es das Schwerste ist Wer weiß zu welchen unerhörten
Opfern man Sie in jener finsteren Burg auffordern wird Das in langer Einsamkeit
unter der Last eines freudenlosen Alters verhärtete Gemüt Ihres Vaters wird es
sich an Ihrem milden Wesen erwärmen wird es sich daran nur erfreuen Gabriele
eine mir selbst unerklärliche Angst verleitet mich in diesem Augenblick es zu
vergessen dass ich zu der Tochter von ihrem Vater spreche aber ich kann nicht
anders ich muss Sie bittend warnen Hier auf dem kalten Boden wo Ihre Mutter
einsam und verlassen vor der Zeit hinwelken musste wird es hier ihrem zarten
jugendlichen Ebenbilde das sie uns hinterließ besser ergehen«
    »Was fürchten Sie denn eigentlich für mich von meinem Vater lieber
Ernesto« erwiderte Gabriele Welches Opfer kann er denn von mir fordern doch
keines als das der geselligen Freuden und meiner Zeit die ich ohnehin von nun
an einzig ihm weihen muss ich habe ja nichts anders das ich ihm darbringen
könnte Beruhigen Sie sich Das hohe Beispiel meiner Mutter leuchtet mir vor auf
der Bahn die ich betrete Sie sagen ich gleiche ihr O lassen Sie mich in
Allem ihr immer ähnlicher werden selbst in ihrem Geschick wenn es sein muss
denn was kann ich Höheres wünschen als zu sein wie sie war«
    »Nun so segne dich Gott du reines Wesen und behüte dich vor gar zu großer
Versuchung dich selbst zu vergessen« rief Ernesto und drückte zum erstenmal
Gabrielen an seine Brust »Nur noch den einzigen Trost gewähren Sie mir um den
ich jetzt Sie bitte und ich will ruhig sein« setzte er hinzu »Versprechen Sie
mir feierlich ohne meinen Rat ohne mein Mitwissen keinen Ihre Zukunft
bestimmenden Schritt zu tun Versprechen Sie es mir Gabriele wenn Sie
wirklich glauben dass ich irgend Dank um Sie verdiene versprechen Sie es mir
ich muss ich muss dieses Versprechen von Ihnen erflehen erzwingen genug ich muss
es erhalten«
    »Ich begreife Sie nicht Ernesto warlich ich glaube diese dunkeln
Umgebungen diese schwarzen Felsen erfüllen ihre Einbildungskraft mit
grauenvollen Bildern« sprach freundlich Gabriele indem sie ihre Rechte in
Ernestos dargebotne Hand legte »Hier haben Sie mein feierliches Versprechen
wie Sie es wünschen Es bedurfte dessen nicht denn wie könnte ich ohne den Rat
meines einzig treuen erfahrnen Freundes irgend etwas wichtiges für mich
entscheiden sobald ich so glücklich bin ihn in meiner Nähe zu wissen Ich ehre
und liebe meinen Vater wie es die Pflicht dem Kinde gebeut aber ich kenne ihn
wenig ich habe mich nie in meinem Leben vertrauend ihm genaht Sein ernstes
Ehrfurcht und Gehorsam gebietendes Ansehen schreckte mich stets von ihm zurück
und dieser Eindruck ist bleibend Aber deshalb rührt es mich eben so
unbeschreiblich dass er gerade jetzt da ein Unheil ihn traf sich meiner
erinnert und meine Gegenwart verlangt Wenn ich mir denke dass er gestorben sein
könnte ohne mich wieder gesehen zu haben dann Ernesto dann fühle ich erst
lebendig das Glück noch für ihn tätig sein zu können ich erkaufe es mit
keinem Opfer zu teuer Das Gefühl eines Kindes welches nicht mit dem
Bewusstsein am Grabe der Eltern steht nach Kräften alles für sie getan zu
haben muss entsetzlich sein«
    Schweigend reichte Ernesto ihr die Hand um sich mit ihr dem Eisenhammer
wieder zuzuwenden wo schon alles zu ihrer Abfahrt bereit war
Zu Gabrielens großer Verwunderung war der neu gefundne Vetter Moritz von
Aarheim der Erste der ihr in der dunkeln Vorhalle ihres väterlichen Schlosses
entgegen kam Er bewillkommte sie mit einem Wortschwall der sich sogar beim
babylonischen Turmbau hätte füglich hören lassen können auch Ernesto ward mit
ungeheuchelter Freude von ihm empfangen und überhaupt zeigte sein ganzes
Benehmen wie höchst erwünscht ihm die endliche Ankunft der Erwarteten sei
Dennoch fiel es deshalb diesen nicht weniger auf ihn hier und zwar in der
Eigenschaft eines gebietenden Herrn zu finden Als solcher beeiferte er sich
Ernesto ein Zimmer anzuweisen und lud ihn dringend ein doch ja recht lange zu
verweilen Besonders setzte er Frau Dalling die ihn gar nicht kannte in
Erstaunen und in Verlegenheit
    Seine Gegenwart im Schloss des Barons war indessen auf sehr gewöhnlichem
Wege herbeigeführt worden Nächst seiner Vorliebe für fremde Sprachen und neue
Erfindungen beschäftigte er sich sehr gern mit Nachforschungen über die
ursprüngliche Bildung der Erde und besaß in der Tat nicht gemeine geologische
Kenntnisse Er hatte sich längst vorgenommen das Gebirge in dessen Mitte
Schloss Aarheim liegt mit Hinsicht auf dieses sein Lieblingsfach zu bereisen
und wollte auch bei der Gelegenheit seinen Verwandten einen Besuch abstatten
das zufällige Zusammentreffen mit Gabrielen in Karlsbad bestimmte ihn diesen
Plan sogleich auszuführen Nach einem Aufenthalt von 139nur wenigen Stunden in
Eger155 eilte er sich in die Nähe von Schloss Aarheim zu begeben und sein
wissenschaftliches Forschen hatte ihn in nicht gar zu große Entfernung von der
Burg seiner Ahnen geführt als ihm die Kunde von dem Brande daselbst zu Ohren
kam und zwar durch das Gerücht bis ins Ungeheure vergrößert Er musste fürchten
dort keinen Stein mehr auf dem andern zu finden es war also ganz natürlich dass
er so schnell als möglich sich hinbegab teils um dem Baron beizustehen teils
um zu retten was noch zu retten sei und wenigstens raubbegierigen Händen das
zu entreißen was die Flammen übrig gelassen haben mochten
    Frau Dalling war schon auf dem Wege nach Karlsbad als Moritz von Aarheim im
Schloss anlangte Er fand die Zugbrücke heruntergelassen das äußere Tor so
wie auch alle innere Türen des Gebäudes standen weit offen und ein Schwall von
Menschen drängte sich durch dieselben und auf den Treppen hinaus und hinein
hinauf und hinab Niemand schien den Neuangekommnen zu bemerken er folgte dem
Schwarm der Hineinströmenden und gelangte so in das Zimmer des Barons
    Schweigend saß dort die hohe düstere Greisengestalt auf einem großen
altvätrischen Lehnstuhl dicht am Fenster den starren Blick auf die Brandstätte
fest geheftet kaum noch einem lebenden Wesen mehr ähnlich Ein paar alte
Diener schweigend wie ihr Gebieter schienen bei ihm Wache zu halten Der Baron
bemerkte Moritzens Eintritt eben so wenig als er die Menge unverschämter
Neugieriger zu bemerken schien die unablässig bei ihm aus und eingingen Er
saß immer gleich finster und gleich regungslos da wie die alten grauen
Standbilder auf den Gräbern seiner Ahnen
    Des Barons nächster Verwandter musste bei diesem Anblick die Verbindlichkeit
fühlen hier tätig einzutreten Sein erstes Tun war sich dessen Dienern zu
erkennen zu geben mit ihrer Hilfe die fremden Zudringlichen auszutreiben einen
Boten nach einem geschickten Arzt in das nächste Städtchen zu senden und dann
die Tore zu schließen Dieses vollbracht begann er sich der Pflege und
Wartung des Barons selbst eifrig anzunehmen wobei seine Vorliebe für neue
Erfindungen wieder eine glänzende Gelegenheit fand sich zu zeigen Diese und
seine den Bedienten beinahe ganz unverständliche Art sich auszudrücken führten
freilich manchen Missgriff manches lächerliche Missverständnis herbei doch die
baldige Ankunft des Arztes verhinderte wenigstens jedes Unheil welches hätte
entstehen können
    Ruhe Stille und stärkende Mittel verhalfen dem Baron in unglaublich kurzer
Zeit zur völligen Besonnenheit Verwundert erblickte er bei seinem Erwachen den
ihm so lange ganz unbekannt gebliebenen Verwandten und obendrein mit einer Art
Autorität um ihn geschäftig welche sich von selbst auf dessen früheres
Nichtbemerktwerden gegründet hatte
    Der Baron fand in dem sonst so bitter Gehassten jetzt den einzigen Menschen
welcher sich seiner angenommen hatte während er unfähig war sich selbst zu
helfen Alle seine übrigen Umgebungen waren ihm fast nicht minder fremd als
dieser neue Ankömmling denn seit Jahren hatte er mit keinem von seinen Dienern
gesprochen ausgenommen mit Frau Dalling und Franz Jene war abwesend dieser
tot Moritz von Aarheim überhob ihn jeder Notwendigkeit irgend eines Verkehrs
mit andern Menschen der Baron fühlte dies als wohltätig und bequem gern wenn
gleich nicht dankbar ließ er es sich schweigend gefallen und sein Agnat
behielt die Freiheit von ihm ungestört alles im Hause einstweilen nach eigener
Ansicht zu ordnen Nur als dieser durch schweigende Nachsicht dreist gemacht
einst dem Baron einen Plan zum Wiederaufbau des zerstörten Flügels vorlegen
wollte da geriet der Greis in eine furchtbare Aufwallung Seine zürnenden
Augen schienen Feuer zu sprühen seine grauen Locken sich zu sträuben seine
ohnehin sehr hohe Gestalt dehnte sich zu fast übermenschlicher Größe während er
laut und mit donnernder Stimme in ganz unverständliche Flüche und Verwünschungen
ausbrach Halb tot vor Schrecken vor Angst packte Moritz seine Pläne
zusammen suchte den Baron durch das Versprechen zu beruhigen diesen Punkt nie
wieder zu berühren und tröstete sich im Stillen mit der sichern Aussicht
spätstens in wenigen Jahren hier bauen und einreissen zu können ohne irgend
jemand darum zuvor befragen zu müssen
    Während Moritz sogleich nach der Ankunft der Reisenden den armen Ernesto mit
einem unerträglichen Wortschwall in dem ihm angewiesnen Zimmer peinigte schlich
die zitternde Gabriele am Arm ihrer Dalling bis an die Türe des Gemachs in
welchem ihr Vater sich befand Frau Dalling trat allein zu dem Baron herein um
vom Erfolg der Reise ihm Rechenschaft abzulegen und ihn auf Gabrielens Ankunft
vorzubereiten doch er ließ sie nicht zum Worte kommen »Gabriele« rief er mit
gebietendem Ton »Gabriele« Bebend mit ausgebreiteten Armen überschritt diese
auf den Ruf die Schwelle Ein grässlicher Schrei des Barons fesselte sie an der
Stelle auf welcher sie stand »Du« rief er »du was willst du von mir« »Sie
befahlen ja das Fräulein Gabriele« sprach leise und zitternd Frau Dalling Der
Baron atmete tief auf »es ist Gabriele« sprach er sich selbst beruhigend
und blickte nach der Türe wo diese noch immer bleich und bebend in höchster
Unentschlossenheit stand Aber sein Blick war scheu die Hand zitterte mit der
er ihr winkte näher zu treten und seine Lippe bebte indem er sie zu sich rief
Gabriele eilte herbei und kniete neben ihm hin »Steh auf du bist wohl
erschrocken« sprach der Baron und bemühte sich mild zu erscheinen »Steh auf
ich erkannte dich nicht gleich Ich glaubte du wärst  ich hielt dich für  für
etwas  für jemand anders Steh auf gib mir die Hand  Du bist gewachsen wie
es mir scheint du bist  du gleichst sehr deiner Mutter ruhe aus geh zu
Bette morgen wenn ich aufgestanden bin gleich nach dem Frühstück lasse ich
dich rufen Dann sprechen wir uns jetzt geh Geh mein Kind« sprach er endlich
und wollte lächeln aber die starren Muskeln versagten ihm den Dienst und sein
Gesicht verzog sich wunderlich
Am andern Tage war Gabriele schon mit Sonnenaufgang bereit vor ihrem Vater zu
erscheinen aber der Nachmittag ging vorüber der Abend näherte sich und noch
immer ward sie nicht zu ihm gerufen Seit er wieder zum Bewusstsein gekommen war
blieb er älterer Gewohnheit getreu und lebte nur in der Nacht
    Gabriele hatte volle Musse an Ernestos Hand das ganze Schloss zu
durchwandern und auch außer demselben alle die Plätze im Garten und Wald
aufzusuchen von welchen ihr vor kaum Jahresfrist das Scheiden so schmerzlich
gewesen Alles war wie damals Die Blätter der Bäume begannen sich rot gelb
und braun zu färben ihre wohlgepflegten Blumen blühten in bunter herbstlicher
Pracht Ihr zahmes Reh sprang ihr entgegen sie fand ihre Tauben ihre Vögel
ihre Hündchen alle ihre freundlichen lieben Tiere wieder die treue
Anhänglichkeit der Leute im Schloss hatte für sie alles gepflegt und ihr
aufbewahrt Alles war wie damals nur sie selbst war es nicht Ihr waren die
Freuden ihrer Kindheit im Gewirre des Lebens verloren gegangen abgeschiedne
Geister mögen so in Wehmut den Schauplatz ihres irdischen Lebens betrachten
wie Gabriele den ihres viel zu früh entschwundenen Frühlings Auch Ernesto
wandelte stumm und in sich gekehrt an ihrer Seite trübe Erinnerungen drückten
auch ihn nieder
    »Am besten ist es ich gehe heute ich gehe jetzt gleich und suche meine
Einsiedelei zwischen den Felsen auf« sprach plötzlich Ernesto indem er mit
Gabrielen vor der Schlossbrücke stand »Ich bedarf der Ruhe« fuhr er fort »ich
bedarf der Arbeit hier komme ich zu keinem von beiden Auch kann ich es nicht
leugnen dieser Vetter Moritz wird mir allmählig so lästig dass ich fürchte
mich einst gegen ihn auf eine Art zu vergessen die dieses bei aller
Lächerlichkeit doch höchst gutmütige Wesen nicht verdient Und so leben Sie
wohl Gabriele gedenken Sie Ihres Versprechens Ich verlasse Sie jetzt
unbesorgt denn meine Entfernung von Ihnen ist zu gering um irgend einer
Befürchtung Raum zu geben Auch werde ich schwerlich einen Tag vorübergehen
lassen ohne Sie zu sehen«
    Eine unbeschreibliche Traurigkeit ergriff Gabrielen indem Ernesto sich zum
Weggehen wandte obgleich sie gewiss war ihn morgen wieder zu sehen In ihm
verlor sie den letzten ihrer Freunde gleichsam den Repräsentanten aller ihrer
Lieben Ohne je Ottokars Namen vor ihm ausgesprochen zu haben wusste sie doch
dass sie durch ihn und allein durch ihn von dem Fernen Kunde erhalten könne
sobald sie es wolle Die furchtbare Macht des Augenblicks die sie in ihrem
kurzen Leben schon mehrmals erfahren hatte fiel ihr schwer aufs Herz indem sie
Ernesto schon tiefer unten am Schlossberge wandeln sah
    »Wenn ich ihn nie wieder sähe wenn er diese Nacht stürbe und mit ihm jede
Hoffnung von Ottokar Kunde zu erhalten« Kaum in Worte gefasst erfüllte sie
dieser Gedanke mit unaussprechlicher Angst von einer unsichtbaren Gewalt
getrieben rief sie winkte sie Ernesto sah noch einmal sich nach ihr um sie
flog den Felsen hinab er eilte wieder hinauf ihr entgegen und beide trafen an
einem uralten steinernen Ruhesitz auf der Hälfte des Schlossberges wieder
zusammen
    »Ich möchte in meiner Einsamkeit gern aller meiner Freunde recht lebhaft
gedenken« sprach atemlos und tief errötend Gabriele »Die Tante« fuhr sie in
großer Verwirrung fort »Aurelia  und  Ernesto haben Sie keine Nachricht aus
Rom«
    »Den Tag ehe wir Karlsbad verließen erhielt ich Briefe von dort«
erwiderte Ernesto und vermied es Gabrielen anzusehen um ihre Verwirrung nicht
zu steigern »Aurelia kränkelt oder glaubt zu kränkeln die Luft in Rom sagt ihr
nicht zu Sie wird mit ihrer Mutter den Winter in Neapel zubringen wo es
freilich lustiger hergeht als in jenem der Nemesis und der Vergangenheit
geweihten großen Tempel in der heiligen Roma deren Andenken mich noch immer
schmerzlich und freudig bewegt Ottokar führt dort ein schönes ernstes der
Erinnerung geweihtes Leben unter den Trümmern versunkner Größe unter den
Wundern der Kunst Ihn umgeben die ausgezeichnetsten Künstler welche er
gastfrei um sich zu versammlen weiß Für jetzt hindern ihn Geschäfte daran die
Damen zu begleiten vielleicht folgt er ihnen später nach wenn das neue Jahr in
jenen glücklichen Zonen den Frühling weckt
    Annettens Stimme erscholl jetzt sehr ängstlich sie rufte Gabrielen zu dem
Vater und ersparte dieser dadurch die Verlegenheit einer Antwort auf Ernestos
Erzählung Den widerstrebendsten Gefühlen hingegeben stieg sie auf Annettens
Arm gestützt stumm und langsam den Felsen hinauf während Ernesto sich
gedankenvoll abwärts wandte
    Noch schüchterner beklommen als in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes bei
der Gräfin Rosenberg betrat Gabriele das Zimmer in welchem ihr Vater sie
erwartete Zu ihrem Erstaunen fand sie ihn von allen ihren Mappen umgeben Ihre
Stickereien ihre Zeichnungen ihre geschriebnen Auszüge aus Büchern ihre
Musikalien alles lag auf einem großen Tische ausgebreitet vor ihm da Auch ihre
Laute ihre Harfe und ein schönes Fortepiano welches einst ihrer Mutter
angehörte waren gestimmt und bereit Auf des Barons Befehl hatte Frau Dalling
alle diese Dinge müssen herbei schaffen lassen während Gabriele mit Ernesto
sich außer dem Schloss befand
    Jetzt begann ein förmliches Examen in welchem der Baron mit großer
Aufmerksamkeit und Sachkenntniss Gabrielen prüfte Von allem was sie früher und
später erlernt hatte musste sie ihm Rechenschaft ablegen von allem verlangte er
Proben Sie musste auf sein Geheiß in fremden Sprachen ihm vorlesen und mit ihm
sprechen sie musste singen und auf den verschiedenen Instrumenten sich hören
lassen welche eben zur Hand waren Ihre Zeichnungen und andre künstliche
Arbeiten betrachtete und beurteilte er sehr verständig und erforschte auch
wie weit ihr Unterricht in andrer wissenschaftlicher Hinsicht gereicht haben
mochte
    Zuerst wagte es Gabriele nur zitternd auf seine Fragen zu antworten doch
allmählig gewann sie mehr Mut Der Baron äußerte zwar keineswegs durch Worte
seine Zufriedenheit mit dem was sie leisten konnte aber der Eifer mit welchem
er sie prüfte die Aufmerksamkeit deren er sie würdigte bewiesen ihr solche
    Vier Stunden waren auf diese Weise hingebracht worden Mitternacht war nicht
mehr fern und Gabriele konnte sich vor Erschöpfung kaum noch aufrecht erhalten
oder die Lippen regen während ihr Vater noch immer unermüdet schien »Nun ist
es genug« sprach er endlich und machte mit der Hand eine verabschiedende
Bewegung »Ich weiß jetzt dass du deine Zeit in der Stadt nicht schlecht
angewendet hast du hast viel und vieles gelernt Ich bin zufrieden mit dir
Ruhe aus morgen um die nämliche Stunde lasse ich dich wieder rufen bis dahin
tue was dir gefällt«
    Gabriele vermochte es nicht sich sogleich zu entfernen sie blieb stehen
als erwarte sie von ihm noch ein freundliches Wort während er in Gedanken
verloren vor sich hinstarrte Auf ein kleines Geräusch vor der Türe sah er
sich um und ward Gabrielen gewahr die mit bittendem Blicke noch dastand »Warum
gehst du nicht« fragte er »du musst die Nächte schlafen deine Jugend verlangt
dies meine Zeitordnung ist nicht für dich Und nun genug« sprach er nochmals
mit gebietendem Ton und winkte wieder mit der Hand so dass Gabriele sich auf
das schnellste entfernte um ihm nicht widerspenstig zu erscheinen An der Türe
begegnete ihr Moritz von Aarheim der auf des Barons Einladung kam um jetzt
gegen Mitternacht bei dessen Mittagsessen gegenwärtig zu sein
Ohnerachtet seines unruhigen Hanges zur Tätigkeit und seiner unermüdlichen
Sprechlust saß Moritz von Aarheim dennoch während der ganzen Mahlzeit
schweigend und stumm dem Baron gegenüber und wartete nur auf eine Frage von
diesem um alsdann durch Antworten ein Gespräch herbei zu führen das er so ohne
alle Veranlassung nicht zu beginnen wagte Des Barons gespenstisches finsteres
Wesen kam ihm unbeschreiblich grauenvoll vor Und besonders seit jener heftigen
Szene die er bei Erwähnung eines künftigen Schlossbaues mit ihm gehabt hatte
ging er ihm gern überall aus dem Wege Längst wäre er abgereist wenn er nicht
Gabrielens Ankunft hätte abwarten wollen um das Eigentum seines Verwandten
doch nicht wieder ohne alle Aufsicht der Willkür der Bedienten zu überlassen
Seit Gabriele und Frau Dalling in dieser Hinsicht seine Gegenwart überflüssig
machten hatte er nur auf eine Gelegenheit geharrt sich beim Baron zu
beurlauben um dann sogleich abzureisen Er hoffte die Einladung für diesen
Abend die erste die er erhielt dazu zu benutzen und war fest entschlossen
gleich am andern Tage einem Aufenthalt zu entfliehen der ihm höchst peinlich zu
werden begann
    Unter gegenseitigem Schweigen ward die Mahlzeit sehr schnell beendet Der
Baron stand auf ein Wink von ihm entfernte auf das eiligste die Bedienten Auch
Moritz erhob sich und nahte sich dem Baron um Abschied zu nehmen aber dieser
schritt feierlich dem Fenster zu nahm wieder in seinem tronartigen Lehnsessel
Platz und heftete wie gewöhnlich den starren Blick auf die dunkeln ihm
gegenüberliegenden Trümmer der Brandstätte Der Mond war hinter ihnen
aufgegangen sein Licht blinkte durch die hohlen ausgebrannten Fensterlücken
während die in Schatten gehüllten halb zerstörten Mauern scharf und schwarz sich
auf dem von leichten Silberwölkchen überzognen Himmel zeichneten
    In höchster Verlegenheit stand Moritz da und wusste nicht wie er es
anfangen solle um die Aufmerksamkeit des Barons auf sich zu ziehen als dieser
von selbst sich nach ihm umwandte »Bleibt« rief er ihm zu indem er gewahrte
dass jener sich abschiednehmend verbeugte »bleibt ich habe mit Euch zu reden
Vetter setzt Euch zu mir Ich will mein Haus bestellen und dann zur Ruhe denn
ich bin müde« Moritz setzte sich erwartungsvoll auf ein Taburett dem Baron
gegenüber das jener ihm anwies
    »Ihr seid mein erster Agnat darum muss ich an Euch mich wenden« sprach der
Baron weiter »Unterbrecht mich nicht ich habe mit Euch zu reden Ihr könnt mir
nichts zu sagen haben antwortet nur wenn ich frage Ihr seht dort die
Brandstätte das weite Grab Wisst Ihr was dort begraben liegt wisst Ihr es
Schweigt Antwortet nicht Wie kämt Ihr zu dieser Wissenschaft  Doch was Ihr
fassen könnt sollt Ihr erfahren  Wenn ich tot bin sind diese Burg diese
Güter Euer Eigentum Ich hinterlasse nichts weiter Was sonst noch mein war
liegt auch dort unter jenem Schuttaufen begraben begraben Gabriele behält
nichts«
    Mit hastiger Gutmütigkeit und einem Schwall einund ausländischer Worte
beeilte sich Moritz von Aarheim den Baron über das künftige Schicksal seiner
Tochter zu beruhigen versprach wie ein liebender Bruder für sie zu sorgen sie
in Schloss Aarheim oder wo sie sonst wolle wohnen zu lassen und würde noch
lange fortgesprochen haben wenn nicht ein Blick auf den Baron ihm plötzlich die
Zunge gelähmt hätte Schrecklich wie damals als Moritz des Schlossbaues erwähnt
hatte stand der Alte vor ihm da sichtbar kämpfend mit innerlichem Zorn der
konvulsivisch seine Gesichtszüge verzog und ihm die Sprache hemmte
    »Frecher eingebildeter Tor« brach endlich der Baron mit donnernder Stimme
los »Meint Ihr der Freiherr Aarheim von Schloss Aarheim bettle bei Euch für
seine Tochter Meint Ihr der letzte echte Spross des uralten Hauptstamms zu
dessen Nebenzweigen Ihr die Ehre habt Euch rechnen zu dürfen könne von Euch
Almosen nehmen«
    Bleich und zitternd stand Moritz von seinem Sitze auf der Baron war in
dieser Minute wirklich furchtbar doch schien er sich bald wieder zu
besänftigen »Ich sehe« sprach er gelassner »Ihr habt nicht bedacht was und zu
wem Ihr redetet auch habe ich nicht mehr Zeit zum Zorn« Mit diesen Worten nahm
er wieder seinen Lehnstuhl ein und deutete mit einer Bewegung der Hand dem immer
noch bebenden Moritz an sich ebenfalls wieder zu setzen
    »Ihr wisst jetzt dass ich Euch nicht zu mir forderte um von Euch etwas zu
bitten Ihr habt begriffen dass dies nie der Fall sein kann« fragte der Baron
Moritz bejahete es mit einer stummen Verbeugung » Ich bin es der Euch
beschenken will« fuhr der Baron fort »ich biete Euch eine köstlich hohe Gabe
vor wenigen Wochen noch hielt ich sie wohl der Hand eines Fürsten wert und
eigentlich ist sie es noch Ich biete Euch Gabrielen sie sei Eure Gemahlin
Antwortet noch nicht Hört mich aus ehe Ihr redet Gleich vielen deutschen
Fürstentöchtern bringt Gabriele ihrem Gemahl keine Aussteuer Mögen Krämer die
bequeme Versorgung ihrer Töchter mit Golde aufwiegen das reine edle Blut das
in Gabrielens Adern fließt überhebt sie und ihres gleichen diesem elenden
Zoll«
    Jetzt schwieg der Baron und gab seinem Verwandten ein Zeichen nun ebenfalls
das Wort zu nehmen
    Moritz versuchte es in allen Sprachen Gabrielens Reize ihre Talente und
sein Glück bis zu den Sternen zu erheben Dann aber wagte er es auch einige
bescheidne Zweifel über sich selbst und sein Wertsein eines solchen Glücks zu
äußern Er erwähnte mit der größten Gutmütigkeit sein Alter und seine Gestalt
als welche zu solchen Hoffnungen ihn keinesweges berechtigen könnten und
ermutigte sich endlich sogar zu der Erklärung das ihm dargebotne Glück so
reizend es sei dennoch dem Zwange nicht verdanken zu wollen
    »Niemand wird gezwungen nicht Ihr nicht Gabriele« erwiderte der Baron
»Dass Gabriele schön ist weiß ich ich sah in der Welt wenige die in dieser
Hinsicht mit ihr sich messen dürften keine sah ich die an Geist Talent
Bildung ihr nahe käme Jetzt nach vierzig Jahren bei eurer hochgepriesnen
Kultur mag das nun wohl anders sein Auch gebe ich Euch Gabrielens Hand nur als
Ersatz für etwas das ich von Euch fordern will die Freiherren von Aarheim
waren immer gewohnt kleine Leistungen groß zu lohnen Gabriele wird nur unter
der Bedingung die Eure dass Ihr mir bei Eurer Ehre versprecht das zu erfüllen
was ich im Moment da sie für Euch sich erklärt verlangen werde Ihr dürft es
ohne Sorgen Unrechtes Entehrendes forderte noch kein Freiherr von Aarheim
Wollt Ihr diese Bedingung eingehen« Moritz verbeugte sich abermals schweigend
denn aus Furcht zu beleidigen wagte er es nicht den Mund zu öffnen
    Der Baron ward jetzt sichtbarlich heiterer es war als beginne die Eisrinde
um seine Brust sich zu lösen »Vetter von Euch kann ich nichts bitten und
nichts annehmen das seht Ihr wohl ein und doch muss mein Wunsch erfüllt
werden« sprach er gewissermaßen mit behaglichem Zutrauen »Es liegt mir mehr
daran als Ihr und die Welt zu fassen vermögen Darum biete ich Euch den
höchsten Lohn den ich zu gewähren habe Ihr werdet mein Sohn und unser alter
Stamm blüht vielleicht glorreich wieder auf Um Gabrielens Versorgung willen
tue ich nichts für sie wäre auch ohne Euch gesorgt selbst wenn sie Euch
verschmäht selbst dann« Hier versank der Baron aufs neue in tiefes Nachsinnen
er blickte unverwandt auf die jetzt vom Monde hell beleuchtete Brandstätte und
ward wieder zusehends düstrer
    »Habt Ihr nie vom Virginius gehört vom Römer Virginius« fragte er nach
einer ziemlich langen Pause plötzlich mit wunderlich heimlichem Ton
    Moritz von Aarheim eilte auf diese Frage bejahend zu antworten und
verbreitete sich darauf sehr weitläuftig in Lobpreisungen der Heldentat des
Römers die er höchlich bewunderte1 »Ultimo pegno d amor ricevi  libertade e
morte« rief er endlich aus
    »Ich sehe Vetter Ihr habt Euren Alfieri recht gut inne« sprach der Baron
pegno d amor  libertade e morte Freiheit und Tod haltet Ihr die wirklich für
Liebespfänder wie Alfieri es dem Virginius in den Mund legt« Mit diesen Worten
zog der Baron ein ganz kleines hermetisch versiegeltes Fläschchen hervor das
er an einer goldnen Kette um den Hals hangen hatte »Libertade e morte« rief
er und hielt das Fläschchen von geschliffnem Krystall hoch gegen das Licht so
dass es in bunten Farben blitzte und funkelte »Kennt Ihr den diesen Gotteiten
geweihten Lorbeer hier seht Ihr ihn die Gelehrsamkeit verleumdet ihn zwar und
nennt ihn falsch Er ist der echte wer ihn errungen hat und ihn zu brauchen
weiß kümmert sich weder um Kronen noch Kränze und trotzt dem Geschick wie den
Gebietern der Welt Virginius war ein Tor sein blutiger Dolch erregt
Entsetzen Hier bedarf es nur eines balsamisch duftenden Hauches und Gabriele
tritt schmerzlos mit mir die Reise nach jenem Lande der Freiheit an Nicht
blutig nicht entstellt ihre Hülle bleibt die Zierde der Welt so lange das
Licht des Tages sie bescheint die Oberfläche der Erde sie trägt«
    Mit einem Schrei des Entsetzens warf Moritz von Aarheim sich unwillkürlich
auf den Baron und strebte das Fläschchen ihm zu entreißen doch dieser hielt ihn
mit starkem Arm ferne von sich
    »Was wollt Ihr« sprach er mit blitzenden Augen »Ihr habt es ja selbst
ausgesprochen Libertade c morte ultimo pegno d amor O ihr armen Toren Was
steht Ihr denn entzückt vor Bildern was preist ihr Taten was prahlt Ihr mit
Gesinnungen die Euch mit Entsetzen erfüllen wenn Ihr sie ins wirkliche Leben
treten seht Seid ruhig ich gäbe Euch gern dieses Fläschchen denn ich habe
mehr dergleichen wenn so etwas Euch nur anvertraut werden dürfte Seid ruhig
Eure Person ist sicher mit Euch hat kein Lorbeer etwas zu schaffen Erfüllt
meinen Willen Gabriele wird die Eure obgleich es mir leid um sie tut Ihr
wäre besser sie ginge mit mir ohne zu wissen wohin die Hand des Vaters sie
führt Ein Hauch und es wäre vorbei mit aller Not und aller Langeweile die
sie bei Euch erwarten Doch lebt wohl beruhigt Euch wir sehen uns morgen
wieder und nun geht«
Bleich wie ein Todter bebend vor innerem Grausen durcheilte Moritz von Aarheim
die langen düstern Gänge welche zu seinem Zimmer führten Kein Schlaf kam die
ganze lange Nacht hindurch in seine Augen Er blieb angekleidet Unruhig
wandelte er auf und ab und trat jeden Augenblick an das Fenster um zu sehen ob
der Tag noch nicht zu grauen beginne In dieser Minute blickte er auf zu
Gabrielens Zimmer und sah wie der ruhige Schimmer ihrer Nachtlampe das Fenster
schwach erhellte in der nächsten horchte er wieder hinaus ob nicht etwa das
Verderben herumschleiche ob nicht leise Tritte hörbar würden doch alles blieb
stille und ruhig
    Endlich begann der Himmel sich zu röten Moritz schlich sich auf die andre
Seite des Schlosses und sah nach den Zimmern des Barons Dort erloschen nach und
nach alle Lichter zum Zeichen dass für jenen jetzt auch die Zeit der Ruhe
herbei käme Nochmals lauschte Moritz und da alles immerwährend ruhig blieb
eilte er in den Stall sattelte selbst sein Pferd und pochte schon beim Aufgang
der Sonne an die Türe von Ernestos bescheidener Wohnung
    Ernestos erstes Empfinden beim Anblick des frühen Besuchs war Zorn über die
Zudringlichkeit des Lästigen doch als er ihn näher betrachtete und Unruhe und
banges Entsetzen in seinen entstellten bleichen Zügen las fühlte er sich selbst
von gleichem Gefühle vorahnend ergriffen
    Moritz begann sogleich das zwischen ihm und dem Baron Vorgegangne zu
erzählen aber so verworren so weitschweifig so seltsam in Form und Ausdruck
dass Ernesto dabei in tödtlicher Ungeduld zu vergehen glaubte Und doch musste er
sich fast jeden Umstand des Gesprächs zwischen Moritzen und dem Baron
mehreremale wiederholen lassen denn was er vernahm schien ihm so unglaublich
dass er immer meinte den Erzähler falsch verstanden zu haben
    Recht ehrlich und treuherzig bat Moritz ihn endlich nach vollendeter
Erzählung um Beistand mit Rat und Tat zu Gabrielens Errettung »Ich wäre der
glücklichste Mensch wenn sie mich heiraten wollte« setzte er in seiner
gewöhnlichen Art zu reden hinzu »Ich wollte sie recht gut halten alles wollte
ich aufbieten was ihr Vergnügen machen könnte Sie ist es wert sie ist wie
Miltons Eva all softness and sweet attractive grace Ich will auch nicht dass
sie mich wie einen jungen amoroso lieben soll ils sont passé ces jours de fêtes
 wo ich dergleichen Prätensionen machen konnte ich weiß es wohl Aber gut sein
müsste sie mir und mir vor allen Ich könnte es nicht ertragen wenn sie als
meine Frau jemanden lieber hätte als mich Auch müsste ich sie zufrieden und
heiter sehen Eine empfindsame Dame mit ewigen Tränen in den Augen eine
pleureuse éternelle will ich nicht um mich haben Sagen Sie ihr das alles
Signor Ernesto und fühlt sie dann keine Abneigung gegen mich so biete ich ihr
mit wahrer Liebe die Hand Unglücklich aber will ich uns beide nicht machen
Schlägt sie mich aus  Eh bien je m en consolerai  Doch will ich auch dann
für sie noch wie für eine nahe werte Verwandte sorgen sie soll nicht Not
leiden Aber wie retten wir sie vor der Wut ihres Vaters wenn sie mich
ausschlägt Komment la sauver des mains dun fanatique cruel qui l immolera a
ses fantaisies Wollen wir Gabrielen die grausame Gefahr entdecken in welcher
sie von Seiten des eignen Vaters schwebt Signor Ernesto reden Sie schaffen
Sie Rat ich vergehe vor Angst«
    »Lassen Sie mir Zeit das ganz Unerwartete nur zu fassen« sprach Ernesto
»ich hoffe einen Ausweg zu finden«
    »What shall we do What shall we do was fangen wir an« rief Moritz in
höchster Angst und lief die Hände ringend auf und ab »Ich bitte sprechen
Sie ich muss zu Hause der Baron könnte erwachen und  oh Dio ich will gleich
fort ich will sie hüten ihre Türe sie selbst nicht aus den Augen lassen
Sagen Sie mir nur noch mit einem einzigen Wort was ich tun soll«
    »Halten Sie zu jeder Stunde Pferde und Wagen bereit und nun eilen Sie Ich
folge Ihnen sogleich und gelange auf dem Fusssteige vielleicht noch früher hin
als Sie« sprach endlich Ernesto »Eilen Sie und hüten Sie sich Gabrielen
etwas zu verraten am besten ist es Sie vermeiden es sogar mit ihr zu
sprechen Sie können sie und die Zugänge zu ihr doch im Auge behalten«
    »Addio« rief Moritz und eilte in vollem Galopp davon von Herzen froh
einen Auftrag erhalten zu haben der ihn in Tätigkeit setzte und seinem
ängstlichen fruchtlosen Sinnen ein Ende machte Während dessen durchwanderte
Ernesto nachdenkend und langsam sein dunkles Tal um den Felsensteig zu
erreichen welcher in gerader Linie zum Schloss hinaufführt
    Unwillkürlich verweilte er einige Minuten an der alten moosbedeckten Bank
wo er beim ersten Eintritt in diese düstere Einöde mit Gabrielen gesessen hatte
Alles was damals in schweren trüben Ahnungen vor seinem Geiste schwebte und
ihn so ungewöhnlich niederdrückte lag jetzt im hellsten Licht der nahen
Wirklichkeit vor ihm und weit furchtbarer als er es sich hatte denken können
Frau von Willnangens Worte »Sie ist verloren sich verloren uns« tönten
unaufhörlich in seinem Innern während er doch mit aller Anstrengung seines
Geistes darauf sinnen musste Gabrielen wo möglich noch zu retten Die Gefahr
welche ihrem Leben drohte schien ihm bei weitem nicht so nah und nicht so groß
als Moritz im ersten Schrecken sie ihm geschildert hatte Ihm kam sogar der
Gedanke nicht unwahrscheinlich vor dass der halb wahnsinnige Greis in einer bei
seiner Gemütsstimmung nicht ungewöhnlichen boshaftfröhlichen Laune sich eine
Lust daraus gemacht haben könne den armen Moritz auf diese Weise in Angst zu
setzen Desto entsetzlicher aber war ihm die Gefahr Gabrielen mit einem bei
manchen achtenswerten Eigenschaften dennoch höchst widrigen lächerlichen
Wesen auf lebenslang verbunden zu sehen Und doch begriff er nicht wie sie
dieser Verbindung würde entgehen können Woher sollte ihr frommes Gemüt die
Kraft gewinnen dem Befehle vielleicht gar dem Bitten eines Vaters zu
widerstehen den sie von jeher gewohnt war als den unumschränkten Gebieter ihres
Daseins zu betrachten Keine Hoffnung sogar kein Wunsch einer glücklichen
Zukunft konnten ihren Mut dazu stählen sie achtete ihre Rechnung mit dem
irdischen Leben für geschlossen denn sie hatte geliebt Ernesto hatte Gabrielen
zu genau beobachtet um an dieser ihrer Überzeugung zu zweifeln Der Gedanke
dass es mit Bitten Raten Warnen ihm doch vielleicht gelingen könne sie zur
bessern Ansicht des wirklich Rechten und Wahren zu bringen und sie dadurch zur
standhaften Weigerung zu ermutigen gewährte ihm ebenfalls wenig Trost denn
wie schauderhaft wurde alsdann doch vielleicht vom eignen Vater ihr Leben
bedroht
    Flucht schnelle Flucht blieb der einzige Weg Aber wie die Tochter
bewegen ihren alten Vater wider seinen Willen zu verlassen und vielleicht
seinen Fluch auf sich zu laden Sollte Erneste ihr entdecken in welcher
entsetzlichen Gefahr ihr Leben bei ihm schwebte Wahrscheinlich würde sie ihm
nicht Glauben beimessen und gelänge es ihm sie von der traurigen Wahrheit zu
überzeugen so musste der Gedanke an solche Gräuel ihre ganze Zukunft trüben Wer
bürgte ihm dafür dass Gabriele nicht in einem durch das Gefühl ihres Unglücks
exaltirten Augenblick den Tod von Vatershänden ohne Widerstreben annähme
Ernesto kannte den Geist unsrer jedem überspannten Gefühl günstigen Zeit
welcher der Jugend statt froher Tätigkeit bloß leidende schmerzliche Sehnsucht
als Zweck eines Daseins zeigt dem das innige Wohlbehagen die reine Freude am
Leben mit jedem Tage sich mehr entfremden
    In diese Überlegungen vertieft war Ernesto dem Schloss schon ganz nahe
gekommen ohne eine andre Auskunft gefunden zu haben als die welche sich im
ersten Augenblick ihm dargeboten hatte die er als zu eigenmächtig verwarf und
welche zuletzt doch ergreifen zu müssen er jetzt befürchtete Er nahm sich
indessen vor erst die Überzeugung zu gewinnen dass alles wirklich so sei wie
Moritz es ihm vorgestellt hatte ehe er Anstalten traf Gabrielen im äußersten
Notfall ohne ihr Vorwissen und ihre Einwilligung vom väterlichen Schloss
fortzubringen Moritzen sollte alsdann die Sorge bleiben den Wahnsinn seines
Verwandten gesetzlich anerkennen zu lassen und ihn dadurch unschädlich zu
machen
    Ernesto konnte und mochte es sich nicht verbergen wie viel er durch diesen
Eingriff in Gabrielens Schicksal auf das Spiel setzte aber er sah keine andre
Möglichkeit ihr zu helfen und musste sogar davor zittern dass Zufälligkeiten
ihm auch diese vereiteln könnten
Moritz von Aarheim war bei Ernestos Ankunft noch eifrig bemüht sein dampfendes
Pferd im Schlosshofe herumführen zu lassen und dem Jokei dabei in eigener Person
unter lautem Demonstriren zu zeigen wie man in England diesen Tieren nach
jeder Erhitzung den Kopf und die Ohren mit einem Tuche abreibe »Sie sehen wie
beschäftigt ich bin« flüsterte er geheimnisvoll dem eben Angekommnen zu
»sobald ich nur eine Minute Zeit gewinne besorge ich die verlangten Pferde und
Wagen Übrigens schläft der Baron hoffentlich noch mehrere Stunden und die
Kusine finden Sie mit ihrer Kameriera im Blumengarten«
    Schön und heiter wie der Morgen trat Gabriele schon an der Türe des Gartens
ihrem Freunde entgegen Sie trug eine Vase voll malerisch geordneter bunter
Herbstblumen Mit der Linken drückte sie die Vase fester an sich um sie nicht
fallen zu lassen während sie ihm die Rechte zum Willkommen freundlich entgegen
reichte Die frische Herbstluft hatte ihre Wangen höher gerötet ihr Auge
strahlte glänzender Ernesto glaubte sie noch nie so reizend gesehen zu haben
Beim Anblick des holden Geschöpfs das arglos wie ein Kind am Rande des
Verderbens noch lächelnd mit Blumen spielte ergriff ihn ein unaussprechlich
mitleidiges Gefühl Woher sollte er Mut gewinnen den rührenden Frieden dieses
schuldlosen Wesens durch seine Warnung zu stören den milden Glanz dieses hellen
Auges zu trüben Es ward ihm als sei er selbst im Begriff eine frevelhafte
Tat zu üben als würde er mitschuldig an ihrem Untergange wenn er jetzt
spräche Vor ihrem ruhig schönen Anblick verlor er selbst für den Moment den
Glauben an die obwaltende Gefahr und seine sonst so klare Besonnenheit musste
der mächtigen Sprache seines Herzens einstweilen weichen
    Seit sie von Frau von Willnangen sich getrennt hatte war Gabriele noch
nicht so fröhlich gewesen Ihr Herz schwamm in Wonne bei der Erinnerung an die
teilnehmende Art mit der ihr Vater am gestrigen Abend sich mit ihr beschäftigt
hatte Sie war entzückt wenn sie seiner deutlich ausgesprochnen Zufriedenheit
mit ihrem bisherigen Streben gedachte Freude macht geschwätzig wortreicher als
jemals erzählte daher Gabriele ihrem Freunde jeden kleinen Umstand des
vergangenen Abends und suchte auch ihm ihre eigne Überzeugung mitzuteilen dass
sie von nun an immer höher in der Gunst ihres Vaters steigen ihm immer
notwendiger werden müsse und würde
    Ernesto hingegen ward immer mutloser immer unfähiger ihr das Entsetzliche
zu verkünden je länger er den fröhlichen Ergiessungen ihres reinen Herzens
zuhörte Er litt unbeschreibliche Qual bei dem Gedanken sie aus ihren Träumen
von einem heissersehnten Glücke zum Elend erwecken zu müssen Schonend sie und
sich verschob er es von Stunde zu Stunde denn jede Minute während welcher er
noch schwieg war seiner Überzeugung nach ihrer künftigen traurigen Zukunft
abgewonnen
    So kam die Zeit des Mittagsmahls heran Der Gerichtsdirektor war diesmal
dabei gegenwärtig denn der Baron hatte ihn zum heutigen Abend auf das Schloss
einladen lassen Und auch ohne diesen würde das Beisein der Bedienten und selbst
Moritzens Gegenwart jede freie Mitteilung während der Mahlzeit unmöglich
gemacht haben
    So ganz widerwärtig wie heute an dem kleinen Tische dicht neben Gabrielen
war Moritz noch nie ihrem Freunde erschienen sein läppisches verstecktes
Winken sein geheimnisvoll sein sollendes Fragen seine Anspielungen mit denen
er Ernesto so lange die Mahlzeit währte zu verfolgen nicht aufhörte machten
ihn ganz unerträglich und dieser war deshalb herzlich froh als endlich die
Tafel aufgehoben ward und er mit Gabrielen sich wieder allein sah
    Die herbstliche Sonne senkte sich schon dem Felsen zu die Stunde der früh
eintretenden Dämmerung nahte heran und Ernesto fühlte mit bitterem Schmerz dass
es jetzt nicht möglich sei länger zu schweigen Um Gabrielen zu schonen auch
wohl um selbst Mut zu gewinnen wendete er zuerst das Gespräch auf Gabrielens
Verhältnis zu Moritz von Aarheim als Lehnerbe ihres Vaters und machte gleich
die Entdeckung dass sie durchaus keinen Begriff davon habe Alles was er ihr
darüber zu sagen für gut fand machte auch weiter keinen Eindruck auf sie als
dass es sie an die Zeit erinnerte in welcher ihr Vater nicht mehr sein würde
und sie deshalb ernster und trüber stimmte
    »Behalte ich doch Sie meine Willnangen und meine Auguste wenn Gott meinen
Vater zu sich ruft dazu Genügsamkeit und Freude an wohlgeordneter Tätigkeit
diese Güter kann kein Gesetz mir rauben« sprach endlich Gabriele »Möge mir das
Glück meinen Vater zu pflegen recht lange gegönnt werden kommt aber die Zeit
wo ich ihn zu verlieren bestimmt bin so weiß ich dass meine Freunde sich um
mein künftiges Fortkommen auf dem Lebenswege weit mehr kümmern werden als ich
selbst«
    »Auch ich wäre um Ihre Zukunft unbesorgt teure Gabriele wenn nicht die
Pläne Ihres Vaters mich beängstigten« erwiderte Ernesto »vielleicht entdeckt
er sie Ihnen heute noch«  Ein eintretender Diener unterbrach ihn mit der
Nachricht dass der Baron Gabrielen sogleich zu sprechen verlange Ernesto ward
bleich wie ein Sterbender
    »Beinahe zwei Stunden früher als gestern Sehen Sie wie er allmählig meine
Gesellschaft lieb gewinnt« rief frohlockend Gabriele und bemerkte nicht in
welcher Todesangst ihr Freund vor ihr stand bis sie im Forteilen sich von ihm
fest gehalten fühlte
    »O Gabriele« rief er »Sie wissen nicht armes unglückliches Kind Sie
wissen nicht wem Sie entgegen gehen was Sie erwartet Worauf ich langsam Sie
vorbereiten wollte muss ich jetzt Ihnen ohne Milderung eilend zurufen Ihr Vater
will Sie vermählen er will das Unglaublichste er will an Moritz von Aarheim
Sie vermählen gerade wegen jener Familienverhältnisse die ich eben Ihnen zu
erklären begann Moritz selbst entdeckte mir dies er gab mir den Auftrag Sie
vorzubereiten er ist zu gutmütig um Sie dem Zwange verdanken zu wollen«
    Gabriele ward bleich sie zitterte sie verstummte einige Minuten lang doch
wusste sie sich bald wieder zu fassen »Dank Dank Ihnen Ernesto für Ihre
Warnung« sprach sie »jetzt aber lassen Sie mich ich darf meinen Vater nicht
länger auf mich warten lassen Ich hoffe diese Gefahr soll an mir vorüber
gehen ich werde meinen Vater gewinnen er soll ohne mich nicht leben können er
soll mich lieben lernen dann wird er mich nicht verstoßen wollen« »Gabriele«
rief Ernesto in höchster Angst und eilte neben ihr her die schnell die langen
Gallerieen durchstreifte um zu den Zimmern ihres Vaters zu gelangen 
»Gabriele nur einige Worte noch Gedenken Sie Ihres Versprechens im Felsental
ehren Sie diesmal meinen Rat Erzürnen Sie Ihren Vater nicht durch Weigerung
wenn er Ihnen seinen Willen kund tut um Gotteswillen nicht Bitten Sie um
Bedenkzeit hören Sie mich um Bedenkzeit Geloben Sie es mir um Bedenkzeit zu
bitten ohne irgend eine Abneigung gegen seinen Willen zu äußern oder ich
dringe mit Ihnen in sein Zimmer werde dann weiter daraus was da wolle« setzte
er wie außer sich hinzu
    »Ernesto wie fürchterlich sind Sie« rief Gabriele und stand einen
Augenblick still ihn betrachtend Sie sah Tränen in seinen Augen glänzen sie
gewahrte den Ausdruck des ängstlichsten Mitleids der höchsten Unruhe in allen
seinen Zügen »Ich sehe es« sprach sie tief bewegt »ich sehe es Ihrer Angst
um mich liegt noch ein Geheimnis zum Grunde das Sie mir nicht entdecken wollen
So bleibe es mir dann verborgen ich ehre Ihre Gründe es mir zu verschweigen
und traue Ihrer Freundschaft Ich gelobe Ihrem Rate zu folgen meinen Vater
nicht durch Widerspruch zu reizen ihn um Bedenkzeit zu bitten Darf ich nun
hoffen Sie beruhigt zu haben«
    Ernesto vermochte vor innrer Bewegung nicht ihr zu antworten Die dunkeln
Mauern von Schloss Aarheim übten ohnehin an ihm eine Zaubermacht aus welche
seine Geisteskraft lähmte Er wähnte dort noch Augustens Seufzer zu atmen die
einst ungehört hier verwehten ferne Töne umschwirrten ihn wie der Wiederhall
ihrer längst verklungnen Stimme und ihre holde Gestalt schien ihm aus jeder
Ecke entgegentreten zu wollen Bei dem schwachen Schimmer einer einsamen Lampe
in der hochgewölbten düstern Gallerie in welcher Gabriele mit ihm sich befand
war es ihm als sähe er plötzlich neben ihr den Geist ihrer Mutter er bebte
ergriffen zurück im nämlichen Augenblick öffnete sich die Türe vom Vorzimmer
des Barons in deren Nähe sich beide befanden und schlug klingend hinter
Gabrielen zu sobald diese die Schwelle überschritten hatte
    Ernesto wollte ihr nach um wenigstens wenn auch durch eine zweite Türe
von ihr getrennt in ihrer Nähe zu bleiben aber er hörte die Stimme des Barons
der seiner Tochter gebot ihm in sein Zimmer zu folgen und dann den innern
Riegel vorschob Auf Flügeln der Angst durcheilte Ernesto jetzt wieder die
Gallerieen um Frau Dalling aufzusuchen ihr alles zu entdecken und dann wo
möglich mit ihrer Hilfe ein Mittel zu finden der gefürchteten Unterredung
zwischen Vater und Tochter ungesehen beizuwohnen
Festlich gekleidet geschmückt mit allen Zeichen ehemaliger Würden und Ehren
war der Baron seiner Tochter bis an die Türe des Vorzimmers entgegen gekommen
die er wie schon erwähnt ward hinter ihr verriegelte Dann schritt er
feierlich vor ihr her nahm seinen gewöhnlichen Platz im Lehnstuhl am Fenster
ein und winkte ihr schweigend sich auf ein Taburet ihm gegenüber zu setzen
    Der Eindruck welchen seine ganze Gestalt auf sie machte war heute noch
imponirender als ehemals der Baron schien sogar größer als sonst und der
versteinerte Ernst aller seiner Züge beklemmte ihre Brust und raubte ihr den
Atem
    »Ich wiederhole die schon gestern dir erteilte Zusicherung meiner
Zufriedenheit mit deinen in der Stadt erworbnen Kenntnissen« hob der Baron nach
einer ziemlich langen Pause an »sie haben mein Erwarten übertroffen Wer so
fleißig war wie du hatte wahrscheinlich nicht Zeit Torheiten zu begehen
Daher hoffe ich dass kein innres Hindernis dich abhalten wird meine Wünsche zu
erfüllen und dass du auch neben so vielem anderm gelernt hast kindlichen
Gehorsam zu üben Ich bin entschlossen dich meinem Lehnserben Moritz von
Aarheim zu vermählen doch habe ich ihm versprechen müssen es dir frei zu
stellen seine Hand auszuschlagen Entscheide also ohne Zwang ob du meinem
Willen folgen willst oder nicht so wie du glaubst dass es recht sei«
    Der Baron schwieg und Gabriele strebte vergebens ihre zitternden Lippen
zur Antwort zu bewegen Einige Minuten vergingen im schweigenden Kampf mit ihrer
innern Angst »Entscheide«  rief endlich der Baron mit flammenden Augen und
richtete sich hoch in die Höhe
    »Mein Vater« stammelte Gabriele »wie kann ich so schnell  ich flehe nur
um Bedenkzeit«
    »Bedenkzeit« wiederholte der Baron und ließ sich langsam wieder nieder
»Bedenkzeit Toren Schwächlinge bedenken sich Der Tapfre der Weise wissen
gleich was sie wollen oder müssen Doch du bist ein Mädchen und diese
Alfanzerei war schon vor vierzig Jahren unter euch Mode wunderbarbar dass sie
in der langen Zeit nicht wieder abkam Nun es sei  du hast Bedenkzeit bleib
sitzen bedenke dich«
    Seiner Gewohnheit gemäß wandte sich der Baron nach der Brandstätte eine
bange Viertelstunde verging während welcher Gabriele es nicht wagte sich zu
regen Endlich kehrte sich der Baron mit fragendem ernstem Blick ihr wieder zu
    »Vater« rief sie und hob flehend die Augen voll erstarrter Tränen zu ihm
auf »Vater ich brauche keine Bedenkzeit Bei Ihnen will ich bleiben Ihnen
allein widme ich mein Leben Sie pflegen will ich Ihnen dienen keine andre
Pflicht erkennen als jedem Ihrer Wünsche zuvorzukommen«
    »Und weigerst dich dennoch den ersten welchen ich aussprach zu erfüllen«
erwiderte der Baron und durchbohrte sie fast mit seinen glühenden Augen
    »Nein o nein mein Vater« erwiderte schnell Gabriele »ich bitte Sie nur
mich nicht zu verstoßen So lange ich lebe ist Ihnen mein Dasein geweiht Ich
kann mich nicht entschließen einem Andern anzugehören als meinem Vater ich
fühle einzig den Beruf um Sie zu sein so lange mir Gott Ihr Leben erhält was
später aus mir wird macht mir keine Sorge«
    »Auch mir sollte es keine machen  besser wäre es wenn«  murmelte der
Baron nur halb hörbar vor sich hin dann versank er wieder in tiefes Nachdenken
Abermals vergingen einige stumme Minuten dann wandte er sich plötzlich wieder
zu Gabrielen
    »Höre mir aufmerksam zu« sprach er »So viel du davon zu fassen vermagst
will ich dir die Gründe entwickeln welche mich bestimmen diese Verbindung zu
wünschen Hernach entscheide Forderst du dann noch längere Bedenkzeit so sei
sie dir im Voraus gewährt Höre mich jetzt
    Unermüdetes Forschen Streben Arbeiten war mein Leben so lange du atmest
die Nacht mir Tag Ich habe Schrecken getrotzt Gefahren bei deren bloßem Namen
dein jugendliches Blut in den Adern erstarren müsste Meine Umgebungen waren 
Mein Umgang war  Nein ich will deine Sinne nicht durch die Namen jener
Schrecklichen verwirren ich will dich nicht dem Wahnsinn zuführen Ich schweige
von dem was ich tat was ich litt was ich überwand Für dich Gabriele für
dich dich wollte ich erheben dich erhöhen zur Glorreichsten unseres alten
Geschlechts hoch über alle jene edlen Frauen deiner Ahnen deren lange Reihe
der edelste Schmuck unsers Hauses ist«
    Hier schwieg der Baron wieder einige Minuten lang Gabriele wagte es nicht
sich zu regen Dann fuhr er mit fast tonloser Stimme fort »Die doppelte
schuppige Schlange deren gekröntes Haupt in roter Erde sich birgt war mein
die Königin ruhte in ihrer Kammer der Rabe wandelte sich zum hochfliegenden
Aar und ernährte den in ihrem Schoss schlummernden grünen Löwen es nahte sich
der Alte der zwischen den Bergen geht die rote und die weiße Lilie prangten
in seinen Händen  Da  da  fort mit der Erinnerung wie alles vernichtet
ward« rief der Baron jetzt laut und fürchterlich »fort  es ward vernichtet
Weh mir ich vergaß den Fluch der auf der fünften Zahl ruht feindliche dunkle
Mächte auf mein Verderben lauernd irrten mich  Freundliche zürnten mir 
Verloren  verloren  verloren  ist das große Spiel«
    Mit geschlossnen Augen lehnte sich der Baron jetzt in seinen Lehnstuhl zurück
und lag regungslos da Gabriele war vor ihm auf die Knie hingesunken sie
blickte in sein farbloses Antlitz auf seine grauen Haare welche spärlich die
eingefallnen Schläfe umgaben sie sah die tiefliegenden geschlossnen Augen in
ihren weiten Höhlen von den überhängenden schneeweißen Augenbraunen beschattet
Er glich so ganz einem Toten dass der Gedanke sie grausend überfiel er könne
in diesem Moment gestorben sein
    »Mein Vater mein Vater« rief sie und wagte es leise seine Hand zu
berühren da richtete er gleich einem Erwachenden sich wieder auf
    »Du weinst« sprach er »du zitterst weißt du warum wovor« Dann blickte
er sie eine Weile starr an »Ich lese in deiner Seele« fuhr er fort »du
glaubst ich sei wahnsinnig weil du meine Reden nicht verstehst Du irrst hohe
Weisheit liegt hinter diesen Bildern aber ihr hört nur und vernehmt nicht
eure Sinne hält Wahn befangen Die Vergangenheit enthüllte ich dir so weit ich
es durfte Die Gegenwart  tritt her zu mir ans Fenster blicke hinaus dort
liegt sie dort in Trümmern Was diese decken bleibe ewig verborgen Fluch der
Hand die es wagt diesen Schuttaufen zu berühren« rief er mit furchtbarem
Ton in hoher aufrechter Stellung mit flammenden Augen wie ein Begeisterter
»Fluch dem der dem Unheil das dort im dunkeln tiefen Gewölbe sicher ruht den
Weg bahnt zum Licht Niemand darf dort den Faden finden ihn wieder aufnehmen
der meiner starken Hand entfiel denn niemanden darf gelingen was mir misslang«
    »Moritz von Aarheim gebietet hier nach meinem Tode« sprach der Baron nach
einer kleinen Pause während welcher er sich mit Anstrengung zu besänftigen
schien »Sein erstes Tun wird sein dort zu graben zu bauen zu wühlen er
selbst hat mir es ins Angesicht gestanden Du allein kannst mir die Sicherheit
jenes Heiligtums auf ewige Zeiten erkaufen und erkauft muss sie werden Es gilt
der Ruhe meiner Todesstunde es gilt dem ruhigen Schlaf meiner Gebeine im
stillen Grabe weit weit auf Jahrhunderte hinaus Gabriele du darfst jetzt
nicht ohnmächtig werden fasse dich du darfst jetzt nicht die Besinnung
verlieren du musst mich aushören denn nie darf ich wieder wie in dieser Stunde
zu dir reden«
    Mit leisem wunderlichheimlichem Tone fuhr der Baron nach kurzem Schweigen
in seiner Rede weiter fort »Kennst du die Geheimnisse der Unterwelt Wie
solltest du Ich aber wagte es mit dieser Hand ihren Schleier zu lüften Nicht
alle meine Tochter nicht alle die hier entschliefen ruhen dort in Frieden
Furchtbare Vorhöfe führen zum finsteren Reich dort in Tophet und Scheol weilen
rastlos die Seelen derer die beunruhigt über die Zukunft dessen hinübergingen
was sie hier erstrebten Jede Mitternacht ruft sie herauf gespenstisch
umwandern sie den Gegenstand ihrer Sorge in banger Qual bis der Morgenhauch sie
wieder zur kalten düstern Tiefe scheucht  jede Nacht sehe ich dort drüben den
alten Franz Sorge um mich lässt ihn nicht ruhen er hebt das bleiche Haupt aus
der Asche mit langem Todtenfinger winkt er mir zu sich zu sich zur
jammervollen Wache um das dort Verborgne«
    »Ich habe vollendet du weißt jetzt genug Ruhe oder Verzweiflung deines
Vaters in der letzten Stunde und im Grabe sei das Werk deiner freien Wahl
Bedenk es wohl es gilt nicht einer Hand voll Tage die ihr ein Leben nennt es
gilt der Ewigkeit Meine Todesstunde kann jetzt schlagen in dieser Minute aber
du hast Bedenkzeit Willige ein verwirf bringe durch törichtes Zögern das
Unheil über mich ich breche mein gegebnes Wort nicht du bist frei du hast
auch Bedenkzeit«
    »Vater Vater« rief Gabriele »kann denn mein Leben nicht das Opfer sein«
    Hastig griff der Baron an seine Brust dann ließ er die Hand wieder sinken
»Nein« sprach er halb leise und blickte milder als vorher Gabrielen an
    »Nun denn ich will nicht ängstlich berechnen was ich meinem Vater opfre
hier bin ich Ihr Kind mein Schicksal lege ich in Ihre Hand und murre nicht«
    Erschöpft an allen Kräften doch nicht bewusstlos sank sie mit diesen Worten
vor ihm hin
    »Ich danke dir« sprach der Baron und ließ einen Moment seine Hand auf
ihrem schön gelockten Haupte wie segnend ruhen dann hob er Gabrielen sorgsam
auf und setzte sie in seinen Lehnstuhl »Ermanne dich fasse Mut du hast
entschieden wie es recht war Übrigens geschehe gleich was geschehen muss
alles ist vorbereitet Zögern ist Qual ist Gefahr und ich bin müde und will
zur Ruhe«
    Mit diesen Worten zog er die Schelle und ging in das Vorzimmer um die Türe
zu öffnen Atemlos stürzte dort Frau Dalling ihm entgegen ein lauter Schrei
des Schreckens als sie Gabrielen bleich und regungslos im Lehnstuhl erblickte
verriet dass Ernesto ihr alles vertraut habe was er wusste Der Baron achtete
nicht darauf »Führen Sie Ihr Fräulein auf ihr Zimmer« sprach er »schmücken
Sie die Braut mit dem Hausschmuck den seit Jahrhunderten jede Braut von Schloss
Aarheim an ihrem Ehrentage trägt« fügte er hinzu indem er ihr ein uraltes
Kästchen mit einem goldnen Schlüssel übergab »In einer Stunde kommt der
Bräutigam sie zur Trauung abzuholen«
    Matt zum Tode aber fromm lächelnd wie ein seliger Engel neigte sich
Gabriele vor ihrem Vater dann wankte sie am Arm der Frau die einst an der
Schwelle des Lebens sie empfing still hinaus Ernesto eilte schon im Vorzimmer
ihr entgegen Ein Strom lindernder Tränen machte beim Anblick des treuen
Freundes dem armen gepressten Herzen Luft »Sie hatten Recht« flüsterte Gabriele
ihm zu und lehnte das schöne bleiche Köpfchen auf seine Schulter indem sie
erschöpft auf einen Stuhl sank Frau Dalling und Ernesto knieten vor ihr hin
sie zu unterstützen
    »Noch ist Rettung möglich« sprach Ernesto ängstlich und schnell »Fliehen
Sie alles ist bereit Frau Dalling begleitet uns Moritz selbst befördert und
beschützt unsre Flucht er will Sie nicht dem Zwange verdanken Keine Pflicht
bindet Sie den Willen eines verwirrten Sinnes zu erfüllen wenn es dem Glücke
Ihres ganzen künftigen Lebens gilt Kommen Sie verlieren Sie keine Zeit Pferde
und Wagen stehen unten am Schlossberge jede Minute ist kostbar Moritz selbst
will hier uns vertreten wir eilen zur Frau von Willnangen«
    »Der Rat kam nicht aus Ihrer Seele Ernesto« erwiderte Gabriele sehr
ernst und trocknete ihre Tränen »Wohin könnten Sie mich führen dass nicht der
Fluch meines Vaters mich erreichte dass nicht die Schrecken der eben durchlebten
Stunde mich verfolgten nicht die Angst um einen sterbenden Vater dem ich den
Trost verweigerte welchen zu geben in meiner Macht stand Ernesto« setzte sie
hinzu und blickte ihn zutrauend an indem sie seine beiden Hände fasste »können
Sie mir wirklich raten jetzt zu fliehen«
    »Nein ich kann es nicht und du bist verloren« rief Ernesto »dort in der
Freiheit würde Reue dich verzehren ich fühle es So gehe denn gefasst dem
entgegen was du reine Seele als Pflicht anerkennst Damals als du diesen
fürchterlichen Mauern zueiltest in denen alles Gute und Schöne untergehen muss
damals hätten wir deine Freunde dich zurückhalten dich nicht so unbedacht der
Gewalt eines Wahnsinnigen ausliefern wir hätten seinen Zustand vorher erkunden
sollen Jetzt ist es zu spät« setzte er mit verhülltem Gesicht hinzu
Die zum Schmuck der Braut vom Baron bestimmte Stunde war vorüber Bleich wie ein
Marmorbild keine Spur von Lebenswärme auf Wangen und Lippen saß Gabriele auf
ihrem Sopha und schauderte bei jedem Geräusch Nur ihr schwimmendes Auge die
zitternde Bewegung ihres hochklopfenden Herzens von welcher der diamantne
Blumenstrauß an ihrer Brust erbebte verrieten innres Leben und innern Kampf
Schweigend aber vergebens strebte sie wie sonst dem Unvermeidlichen wenigstens
äußerlich gefasst entgegen zu treten ihr unwillkürliches Zittern ihre
Unfähigkeit sich aufrecht zu erhalten vermochte sie nicht zu überwinden
    Ernesto stand bleich wie sie selbst neben ihr sein Blick ruhte auf den vor
alter Zeit in wunderliche Schnörkel gefassten Diamanten die zum Brautkranz
zusammengefügt Gabrielens blonde Locken niederdrückten Plötzlich ergriff ihn
der Gedanke dass dieser nämliche Kranz wahrscheinlich auch an Augustens
Opfertage in ihren Haaren geschimmert hatte und die Ironie des Zufalls der
hier den kalten schweren Stein statt der weichen lieblichen Myrte erwählte
erhöhte den bitteren Schmerz der ihn den sonst so ruhigen Mann in diesem
Augenblick der Verzweiflung nahe führte
    »Alle Liebe erstirbt in diesen Mauern« rief er aus »darum ist auch ihr
Symbol daraus verbannt und spitziger Steine flimmernder Glanz muss dessen Stelle
ersetzen O Gabriele mögen Sie nie auf Ihrem Lebenswege die Myrte vermissen
die jetzt auch Ihrem Schmucke fehlt und nie ihr begegnen Dies ist der einzige
Segen den ich heute Ihnen geben kann und es klingt wie ein Fluch«
    »Ich denke Sie zu verstehen guter Ernesto und möchte gern Sie trösten
wenn Sie mir nur glauben wollten« erwiderte sanft und gelassen Gabriele »Mein
Leben ist vorüber wenn Lieben Leben ist Andern mag Hoffnung strahlen mein
Stern ist Erinnerung Erinnerung an eine kurze Stunde voll Wonne und Schmerz
die nie mir wiederkehren kann und dennoch ewig mich beglückt In meinem Herzen
ist der Sturm beschwichtigt um nie wieder zu erwachen ich weiß es seit
gestern da ich es vermochte vor Ihnen den Namen auszusprechen den ich nie
wieder nennen werde obgleich ich es dürfte denn mein Empfinden ist ruhig und
schuldlos Das Opfer welches ich meinem Vater bringe ist daher nicht so groß
als Sie es sich wohl denken Ich opfre keine Hoffnungen denn ich hatte keine
kein Glück der Zukunft denn mir blüht keins als in der Liebe meiner Freunde
und die bleibt mir Für die Freiheit weniger Jahre gewinne ich meines Vaters
Ruhe seinen Segen und Frieden mit mir selbst Es werden der Jahre sehr wenige
sein mir sagt es mein ahnendes Herz und warum sollte ich um so hohen Preis mit
einer Hand voll Tage noch geizen«
    Die Türe öffnete sich Moritz von Aarheim trat herein Gabriele zuckte bei
seinem Anblick krampfhaft zusammen doch erholte sie bald sich wieder und ging
gestützt auf ihre Dalling ihm einige Schritte entgegen »Haben Sie den Wunsch
meines Vaters erfüllt« fragte sie leise und zitternd
    »Ich habe es In allen Formen wie er es verlangte habe ich gerichtlich
mich und meine Nachkommen auf ewige Zeiten verbindlich gemacht keinen Stein in
Schloss Aarheim zu verrücken weder zu bauen noch einzureissen« erwiderte Moritz
in ungewohnter Kürze denn innere Bewegung und Gabrielens überirdischer Anblick
hemmten den gewohnten Fluss seiner Rede
    »Wollen Sie auch mir eine Bitte gewähren« fragte Gabriele Moritz
antwortete schweigend mit einer bejahenden Verbeugung »Nun so versprechen Sie
mir mich nie von meinem Vater zu trennen solange mir Gott sein Leben erhält«
bat Gabriele mit unendlich weicher rührender Stimme und Gebärde
    »Ich verheisse es Ihnen« erwiderte Moritz »gewähren Sie mir dagegen die
Versicherung dass Sie freiwillig und ohne Zwang mir die Hand reichen«
    »Freiwillig ohne Zwang« wiederholte Gabriele kaum hörbar
    »Der Baron erwartet uns« sprach Moritz ebenfalls sehr leise
    Gabriele wankte indem sie hinausschreiten wollte Ernesto bot zur rechten
Zeit ihr den Arm um sie vor dem Fall zu schützen auf ihn gelehnt betrat sie
die an das Zimmer ihres Vaters grenzende Kapelle des Schlosses
    Dort stand der Baron neben dem Priester am hellerleuchteten Altar nur die
Bewohner des Schlosses und der Gerichtsdirektor waren als Zeugen gegenwärtig
bange Grabesstille herrschte unter allen Anwesenden Feierlich schritt der Baron
dem langsam herannahenden Paare entgegen er nahm die zitternde Hand der Braut
die so lange auf Ernestos Arm geruht hatte und schien dabei diesen in der
Zerstreuung nicht zu bemerken
    Todesbleiche wechselte mit der Purpurröte des Zorns in Ernestos Gesicht
während dieses geschah sein Herz pochte hoch sein Auge flammte seine Hand
ballte sich wie zum Kampf Ungehindert hatte indessen die Zeremonie begonnen
welche Gabrielens Schicksal unwiderruflich bestimmte
    Sie ward beendet alles blieb still kein fröhliches Getümmel
Glückwünschender drängte sich um die Neuvermählten und wie bewusstlos schwankte
Gabriele am Arm ihres Vaters in sein Zimmer Ernesto folgte mit Moritz von
Aarheim zuletzt Frau Dalling und Annette Alle übrigen blieben in der Kapelle
zurück die Türe derselben welche in des Barons Zimmer führt ward
geschlossen
    Der Baron trat in seinem Zimmer an das Fenster und blickte hinüber zur
Brandstätte wütender Sturm durchtobte heulend die schwarzen Trümmer »Dort ist
Aufruhr hier endlich Ruhe« sprach der Baron und setzte sich auf seinen
gewohnten Platz Gabriele unfähig sich aufrecht zu erhalten kniete vor ihm
hin »Dir danke ich diese Ruhe Gabriele auch deine Mutter hat viel für mich
getan« sprach der Baron »Ich segne dich nochmals mein Kind« setzte er
höchst feierlich hinzu indem er ihre Stirn mit seiner Hand berührte »auch dich
segne ich mein Sohn Moritz von Aarheim halte das Kleinod hoch das ich dir
übergab« Es lag etwas besonders mildes in dem Ton mit welchem der Baron diese
Worte sprach Ungewohnte Ruhe ebnete die harten Züge seines Gesichts und machte
sie fast unkenntlich »Jetzt ist mein Haus bestellt Lebt wohl ich bin müde und
gehe zur Ruhe« sprach er noch und winkte verabschiedend wie gewöhnlich
    Halb getragen von Annetten und ihrer Dalling schritt Gabriele langsam der
Türe zu Moritz und Ernesto folgte ihr kaum aber hatten sie die Mitte des sehr
geräumigen Zimmers erreicht als Ernesto den Baron in seinem Lehnstuhl
zusammensinken sah zugleich verbreitete sich ein betäubender mandelartiger
Geruch Alle wandten sich plötzlich wieder dem Baron zu An seinem Halse hing
das kristallne Fläschchen erbrochen an der goldnen Kette herab er selbst lag
regungslos in seinem Lehnstuhl kein Zweifel war möglich Im Geiste des
Kirschlorbeers hatte er den schnellen schmerzlosen Tod eingeatmet welchen er
einst Gabrielen bestimmte die einzige Frucht seines jahrelangen mühseligen
alchymistischen Forschens
    In tiefer Ohnmacht sank Gabriele neben der entseelten Hülle ihres Vaters zu
Boden
 
                                 Zweiter Teil
Wie dem Blitz der Donner so schnell war bei der Entscheidung von Gabrielens
Geschick die Erfüllung dem ersten Drohen der Gefahr auf dem Fuße gefolgt
    Ernesto hatte im Drange der Begebenheiten keinen ruhigen Augenblick
gefunden um Frau von Willnangen auf die Möglichkeit des fast Unglaublichen
vorzubereiten und selbst nachdem schon alles entschieden war währete es noch
mehrere Tage ehe er Mut und Ruhe des Geistes genug gewinnen konnte um ihr zu
schreiben Überdies stand er nach dem Tode des Barons wirklich ganz allein in
der alten grausenvollen Burg mitten unter einem Haufen verschüchterter
hülfloser Menschen die alle zu ihm aufblickten die von ihm beraten und in
Tätigkeit gesetzt zu werden verlangten um nur dadurch ihren eignen Gedanken zu
entgehen
    Moritz war zufolge seiner armen schwachen an tausend Kleinigkeiten sich
anklammernden Natur im ersten Schrecken ganz unfähig geworden nur einen
einzigen Gedanken klar zu fassen noch weniger vermochte er einigermaßen
zweckdienliche Anstalten zu treffen wie sie die Umstände heischten Seine
unglaubliche Unbeholfenheit Gabrielens bewusstloser Zustand selbst die
ängstliche müßige Neugier der Bedienten alles vereinigte sich die ganze
Tätigkeit des einzigen hellen Geistes in Anspruch zu nehmen der mitten in
diesem Wirrwarr fähig geblieben war für die Übrigen zu denken
    Ernestos erste Sorge musste das feierliche Leichenbegängnis des Barons sein
dessen selbst gewählte Todesart er um Gabrielens Ruhe willen möglichst zu
verheimlichen suchte Der Übung dieser traurigen Pflicht folgte des neuen
Besitzers festliche Übernahme der Güter und dem zunächst die Untersuchung der
bisherigen sehr nachlässig betriebnen Verwaltung derselben Ernesto übernahm
gern jedes Geschäft teils um Gabrielens willen teils weil er wirklich
unausgesetzter Tätigkeit bedurfte um sich selbst aufrecht zu halten
    Moritz wendete indessen seine Aufmerksamkeit auf unzählige unbedeutende
Kleinigkeiten die aber alle mit der höchsten Wichtigkeit von ihm betrieben
wurden
    Ruhig keiner Erdennot sich bewusst aber krank zum Tode lag während der
Zeit Gabriele in tiefer Betäubung auf ihrem Bette bis sie nach mehreren Tagen
wieder zur Besinnung und ins Leben zurückgerufen ward Ihr Erwachen glich dem
eines Kindes das nach einer Nacht voll ängstlicher Träume beim ersten
Aufschlagen der Augen in das milde treue Antlitz der Mutter blickt Ihr war als
fände sie sich wieder im Hause der Frau von Willnangen wie bei ihrer ersten
Krankheit Wie damals sah sie Ernesto und Annette neben ihrem Bette freundlich
reichte sie beiden die Hand und begrüßte mit mildem Lächeln den tiefblauen
Himmel voll goldner Herbstwolken in den sie durch ein großes Fenster ihrem
Bette gegenüber blicken konnte
    »Ich bin wohl wieder krank gewesen« sprach sie »ich habe euch wohl wieder
recht viel Sorge gemacht mir ist auch als sei ein großes Unglück geschehen
aber ich weiß nicht welches und so habe ich doch wohl nur davon geträumt« Da
ging die Türe auf Moritz trat herein sein Anblick seine laute wunderliche
Freude über ihre Besserung riefen sie plötzlich in helles Bewusstsein zurück
Alles alles was geschehen war stand in einem fürchterlichen Momente vor ihr
klar wie der Tag die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Zukunft alle Schrecken der
nächsten Vergangenheit Sie verbarg das Gesicht in die Kissen ihre Augen
schlossen sich wieder sehnlich betete sie in ihrem Herzen um neuen Schlummer
ohne Erwachen aber sie ward nicht erhört ihre Jugendkraft siegte und jeder Tag
führte sie von nun an näher der völligen Genesung
    Der Tod ihres Vaters war das einzige Ereignis dessen Gabriele sich nicht
deutlich erinnerte Sie selbst hatte ja fast im nämlichen Momente als er
zusammensank ebenfalls das Bewusstsein verloren und so konnte es Ernestos
sorgsamer Freundschaft gelingen sie nach und nach auf diese traurige
Begebenheit vorzubereiten und vor allem ihr das Entsetzen über die Todesart des
Barons zu ersparen
    Heiss und bitter quollen Gabrielens Tränen als sie endlich vernahm dass sie
ihrem Vater mit allem was sie ihm opferte nur ein paar ruhige Minuten hatte
erkaufen können Alle ihre auf dieses Opfer gegründete Hoffnungen von seiner
zufriedenen Zukunft seinem heitern Alter seiner Wiederkehr zu den Menschen und
zu milderm Gefühle waren nun verschwunden auf immer alles woran sie unter der
ungeheuren Last der übernommenen Pflichten sich zu halten gehofft war nun mit
ihm zu Grabe getragen Gabrielen blieb kein Trost als das Bewusstsein der
heiligen Stimme in ihrem Innern gefolgt zu sein
    Nach langem Zögern ergriff Ernesto endlich die Feder um Frau von Willnangen
die traurige Geschichte der im Schloss Aarheim verlebten Tage kund zu tun Das
grausenvolle Gespräch zwischen Vater und Tochter durch welches zuletzt
Gabrielens traurige Bestimmung entschieden ward konnte er ihr fast wörtlich
mitteilen Denn als sich der Baron mit seiner Tochter eingeschlossen hatte
Ernesto in der höchsten Angst seine Zuflucht zu Frau Dalling genommen Zwar war
diese nicht im Stande gewesen ihn in das fest verriegelte Vorzimmer zu bringen
aber sie hatte ihn auf verborgenen Wegen und Treppen zu einem kleinen Behältnis
neben dem Kamine des Barons geführt von wo aus beide alles deutlich vernehmen
konnten was im Zimmer gesprochen ward Nachdem Ernesto Gabrielens mütterliche
Freundin mit jedem auch dem kleinsten Umstande bekannt gemacht hatte der zur
Entscheidung ihres Geschickes beitrug fuhr er in seinem Briefe also weiter
fort
    »Alle die Bilder und Rätsel mit denen der Baron Gabrielen betäubte der
grüne Löwe die schlummernde Königin alle bestätigen es mir dass Forschen nach
übermenschlichen Kenntnissen besonders nach dem Stein der Weisen ihn dem
Untergange zuführte In dem zunächst vergangenen Jahrhundert verfielen manche an
Geist ausgezeichnete bedeutende Männer in den nämlichen Irrtum und gingen
unter wie der Baron Auch in unsern jedem verjährten Unsinn jeder Schwärmerei
so günstigen Tagen fällt dem Streben nach sogenanntem verborgnem Wissen manches
beklagenswerte Opfer ohne dass die Welt viel davon erfährt
    Ich bin zufällig mit der Tendenz und dem Ton der in jenes Fach
einschlagenden Schriften wohl bekannt Mir fiel ein staubiger Wust
magokabbalistischer und teosophischer Bücher einst in Italien beim Aufräumen
einer alten Bibliothek in die Hände Neugierig durchblätterte ich sie und
vieles ist mir aus ihnen im Gedächtnis geblieben was mir jetzt das Betragen von
Gabrielens Vater erklärt Unter andern entsinne ich mich einer sehr feierlichen
Warnung vor der fünften Wiederholung eines chemischen Prozesses der viermal
geübt jedesmal die Kraft des Steines der Weisen verdoppelt aber dem der ihn
zum fünftenmal wagt unwiderrufliches Verderben bringt Diese Warnung erklärt
mir des Barons Verzweiflung beim Ausbruch der Flamme sein späteres Klagen über
das Vergessen der fünften Zahl durch die er wahrscheinlich das Unheil sich
selbst zugezogen zu haben wähnte Ich glaube auch die Angst zu verstehen mit
der sein in Wahn versunkner Geist kämpfend zwischen Sehnsucht und Grausen der
Todesstunde entgegen sah Wer sich solchen Träumereien überlässt wie dieser
unglückliche Greis es tat der ist auch jeder quälenden Einwirkung des
Aberglaubens und vor allem dem Grauen der Gespensterwelt verfallen welchem auch
wohl hellere Geister in dunkeln Momenten nicht immer glücklich entgegenstreben
    Unter der vor Jahrhunderten schon erbauten Burg Aarheim erstrecken sich
unabsehbare in den Fels selbst hineingehauene feuerfeste Gewölbe Ich habe sie
untersucht so weit ich vordringen konnte Nach allen Richtungen hin bilden sich
zwei Reihen unter und über einander in bedeutender Tiefe viele sind
verschüttet viele von den jetzigen Burgbewohnern nie besucht einige werden von
ihnen noch als Keller benutzt Ich habe erfahren dass der verstorbene Baron oft
Stunden lang in den Gewölben unter dem jetzt abgebrannten Flügel des Schlosses
verweilte Vermutlich ruht dort manches ihm wichtige Geheimnis manches
Resultat seiner ängstlichen mühsamen Arbeit auch wohl manche Schrift die auf
seiner dunkeln Bahn ihn leitete Was dort liegt entzog der schützende Fels
wahrscheinlich den Flammen aber der Zugang dazu ist beim Einsturz des Gebäudes
durch hohe Schuttaufen durch zertrümmerte Mauern und schwere Steine
unzugänglich gemacht Des Barons Blick ruhte stets auf diesen Trümmern sein
Sinnen und Trachten ging nur dahin jede dort begrabene Spur seines Hoffens und
Misslingens der Welt zu verbergen Es war ihm unmöglich nur einen Augenblick
seine Gedanken von diesem Wunsche abzuziehen der dadurch bei ihm zur fixen Idee
geworden Kein Wunder daher dass ihm vor der Möglichkeit grausthe dort noch
nach Jahrhunderten gespenstisch Wache zu halten im Fall er ohne die Gewissheit
der Erfüllung dieses seines einzigen Wunsches von der Oberwelt scheiden musste
Seine Bücher konnten ihn nur in dieser Angst bestärken ich erinnere mich in
einer solchen Schrift sogar eine förmliche Abbildung des Aufenthalts unseliger
Geister gesehen zu haben die wie jene Schwärmer lehren ihn allnächtlich mit
der Oberwelt vertauschen müssen bis der letzte Wunsch erfüllt ist der sterbend
sie beunruhigte
    Es wird Ihnen unglaublich scheinen liebe Frau von Willnangen dass ein Mann
der wie der Baron durch Geist Bildung und Verstand sich einst in der Welt
auszeichnete bis zu dem Glauben an solchen Unsinn sinken konnte aber
Einsamkeit Ehrgeiz und durch diesen erregtes stetes Hinstreben nach einem
Punkte haben wohl noch hellere Geister verdüstert Übrigens fiel des Barons
Jugend in die herzlose trostlose jedes höhere Gefühl austrocknende Zeit von
Voltaire und Konsorten und glauben Sie mir wer in seiner Jugend sich über den
bon Dieu mockiren lernte der kommt im späteren Alter leicht dahin vor dem
Teufel zu zittern
    Unerachtet seiner jammervollen Ansicht von unsrer Zukunft jenseits peinigte
den Baron dennoch ein unsäglicher Überdruss am Leben eine ewige Sehnsucht nach
der Stunde des Scheidens aus dieser Welt in welcher alle sein Hoffen zerstört
war Ich danke Gott dass Gabriele die unselige Verknüpfung ihres Geschicks nicht
ganz zu übersehen vermag Wüsste sie dass sie selbst ihrem Vater das längst
erwartete Signal gab die Bürde des Lebens getrost abzuwerfen unter deren Last
er längst seufzte wüsste sie dass sie sein Todesurteil sprach während sie Ruhe
und Freude für den Spätherbst seines Lebens ihm erkaufen wollte ich glaube sie
überlebte diese Entdeckung nicht Nur einmal wagte ich die Äußerung gegen sie
dass vielleicht lebhafte Freude über die Erfüllung seiner Wünsche ihm den
Schlagfluß zuzog an dem sie glaubt dass er gestorben sei und ich bereute es
bitter als ich sah wie gewaltsam erschütternd dieser Gedanke ihr Gemüt
ergriff
    Und so habe ich denn das Verderben des liebenswürdigsten Wesens vor meinen
Augen bereiten sehen und durfte es nicht abwenden Vergebens war meine
ängstliche Sorge vergebens dass ich wie Argus sie bewachte Wie schwach ist die
Hand der Freundschaft um gegen das Schicksal anzukämpfen Ich sah alles und
durfte nichts ändern um Gabrielens willen durfte ich es nicht Ich danke meinem
guten Genius dass er mich mit unsichtbarer Hand im Augenblick der Ausführung von
einem Plan zurückhielt den die Verzweiflung mir eingegeben hatte dass ich
Gabrielen nicht gewaltsam entführte wie ich es Willens war als ich jeden
andern Weg der Rettung mir versperrt sah Umsonst hätte sie den Schmerz gefühlt
mich einer solchen Tat fähig zu wissen Nichts als offenbare Gewalt hätte sie
abhalten können zu ihrem Vater zurück zu gehen und seinem Willen sich zu
unterwerfen ich selbst hätte sie ihm ausliefern oder sie gefangen halten
müssen Ihre Achtung ihr Vertrauen jede Möglichkeit ihr in Zukunft als treuer
Freund zur Seite zu stehen hätte ich auf ewig und nutzlos verloren Wir beide
teure Freundin wir beide kannten bis jetzt noch nicht die Tiefe und Festigkeit
dieses Gemüts nicht die seltene Kraft mit der dieses sonst so zarte Geschöpf
alles zu tragen allem zu widerstehen weiß nur nicht dem innern Vorwurf des
Unrechts oder auch nur versäumter Pflicht Bei aller unbeschreiblichen
Ähnlichkeit mit dem Engel der ihr zur Mutter gegeben ward trägt Gabrielens
Wesen doch auch starke Züge von dem felsenfesten Sinne ihres Vaters dessen
angestammte Geistesgrösse ich trotz seiner Verfinsterung anerkennen musste
    Unerachtet des unaussprechlichsten Mitleids beobachte ich jetzt mit
Bewunderung wie Gabriele den furchtbaren Kampf mit sich selbst besteht Sie
geht gewiss als Siegerin hervor aber vielleicht sterbend Schweigend muss ich es
sehen wie sie die Einsamkeit ihres Krankenzimmers benutzt um mit ihrem armen
wunden Herzen fertig zu werden und sich auf den Weg vorzubereiten welchen sie
künftig zu gehen hat Ich darf und kann ihr weder einreden noch raten beides
darf man überhaupt so selten gerade wenn es der Mühe wert wäre Und so ergriff
ich heute den ersten besten Anlass als ich sie eben heiterer als sonst sah den
Wunsch zu äußern nächstens meine Einsiedelei im Felsental aufsuchen zu dürfen
Ich gab vor diese letzten schönen Tage des Späterbstes zu Studien für meinen
Johannes benutzen zu wollen aber ich sah deutlich wie wenig dieses Vorgeben
sie täuschte
    Lange ruhte ihr schönes dunkles Auge auf mir ehe sie mir antwortete dann
reichte sie lächelnd unter Tränen mir die Hand Wo lebt noch ein Freund der
wie Sie zu kommen und zu gehen und alles zu erraten weiß was gut wäre und
nützlich sprach sie Gehen Sie lieber Ernesto weil Sie es wollen setzte sie
hinzu gehen Sie morgen um wo möglich täglich wieder zu kehren Es ist freilich
nötig dass ich mich gewöhne allein zu stehen aber nur allmählig wie es die
Kinder lernen darum lassen Sie mich nicht mit einemmale ganz ohne Stütze
    Es blieb mir nicht verborgen wie die Gewissheit dass ich nicht mehr
stündlicher Augenzeuge von den Lächerrlichkeiten Moritzens sein werde Gabrielen
über meine Entfernung tröstet obgleich ich mir keine Anmerkung mehr über ihn
erlaubte seit jenes unselige Band geknüpft ward
    Arme arme Gabriele Gibt es ein härteres Frauenloos als das sich des
Mannes schämen zu müssen dem man alles aufopferte Oft ist mir als wäre
Augustens Geschick neben ihrem harten starren Gebieter doch noch dem ihrer
unglücklichen Tochter weit vorzuziehen gewesen
    Dieser Moritz den ich nie mich werde entschließen können Gabrielens Gemahl
zu nennen dieser Moritz geht umher wie einer der nicht weiß ob ihm ein
Königreich zufiel oder ob ihm nur davon träume Noch wage ich es nicht von
seinem Benehmen gegen Gabrielen eine Meinung zu fassen mich dünkt es sei
unstät und wechselnd wie seine ganze Erscheinung bis auf die Sprache sogar
Meine Überzeugung dass er wirklich zu gutmütig ist um einem lebenden Geschöpf
wissentlich wehe zu tun gibt mir zuweilen einigen Trost aber leider schmerzt
jede unversehens erhaltne Wunde deshalb nicht weniger weil sie uns
ungeschickter Weise und ohne Vorbedacht versetzt ward Am beunruhigendsten ist
mir eine Spur von misstrauischem Wesen das ich leider an ihm bemerke
vermutlich ist es das dumpfe Gefühl eigener Unliebenswürdigkeit was ihn
argwöhnisch macht aber ich fürchte davon die schlimmsten Einwirkungen auf
Gabrielens künftige Ruhe«
Der gesellige Kreis zu welchem Frau von Willnangen und Auguste gehörten weilte
noch immer in Karlsbad obgleich die Brunnenzeit beinahe vorüber war und die
Zahl der übrigen Fremden mit jedem Tag merklich abnahm Alle den Kapellmeister
und den Dichter mit eingeschlossen hatten dem General Lichtenfels versprechen
müssen ihn auf sein nur wenige Tagereisen entferntes Gut zu begleiten um dort
die letzten schönen Tage des Späterbstes mit ihm zuzubringen Man harrte nur
auf bestimmte Nachricht von Gabrielen von der man noch nichts als ihre Ankunft
in Schloss Aarheim erfahren hatte um dann sogleich die kleine Reise
gemeinschaftlich anzutreten
    Frau von Willnangen hätte sich eigentlich gern davon ausgeschlossen da sie
vernahm dass auch die Familie Wallburg mit von der Partie sein würde aber sie
wusste nicht wie sie dieses anfangen solle ohne den General durch eine
abschlägige Antwort zu kränken auch fürchtete sie durch gewaltsames Eingreifen
dem Glück ihrer Tochter vielleicht in den Weg zu treten
    Augustens sich stets gleichbleibende Heiterkeit mit der sie Leos
augenscheinliche Huldigung sich gefallen ließ ohne ihn weder geflissentlich
anzuziehen noch zurückzustossen beruhigte sie ebenfalls nicht wenig Das
fröhliche Mädchen nahm augenscheinlich das Leben noch zu leicht als dass man
ihrer Zukunft wegen hätte ernsten Besorgnissen Raum geben müssen Mit echt
jungfräulicher Grazie wusste sie den Ernst zum Spiel das Spiel zum Ernst zu
wandeln und gleich entfernt von Leidenschaftlichkeit und Ziererei nichts zu
gewähren und dennoch gefällig zu erscheinen Auch verstand es niemand besser als
sie sich herzlich zu bezeigen ohne doch zur Vertraulichkeit herabzusinken
    Ernestos lange erwarteter Brief langte endlich in Karlsbad an Der Schmerz
der Frau von Willnangen und ihrer Tochter lässt sich mit Worten nicht ausdrücken
als sie nun die Lösung von Gabrielens Geschick vernahmen Sie lasen den Brief
wieder und immer wieder und trauten dabei ihren Sinnen nicht denn was
geschehen war ließ alles was sie im Augenblick des Scheidens gefürchtet
hatten so weit hinter sich zurück dass es ihnen fast unmöglich ward an solche
abenteuerliche und fabelhaft erscheinende Ereignisse zu glauben
    Auguste zerfloss beinah in Tränen als ihr endlich jedes Bestreben länger
an Gabrielens Unglück zu zweifeln misslang »Ach wäre sie doch damals in unsern
Armen gestorben« rief sie »schmerzlicher als jetzt hätte ich nicht um sie
weinen können und ihr liebes Bild würde zeitlebens wie ein tröstender Engel mich
umschwebt haben In jeder frohen wie in jeder trüben Stunde hätte ich sie in
himmlischer seliger Glorie mir gedacht Jetzt wenn ich wieder froh werden
sollte muss ich doch mitten in der Freude mich betrüben so oft es mir einfällt
welch ein Leben sie indessen an der Seite jenes verhassten lächerlichen Menschen
führt und jeder Schmerz der mich trifft wird mir doppelt wehe tun weil ich
immer denken werde Gabriele ist doch noch tausendmal unglücklicher als ich es
je werden kann«
    »Frevle nicht mit dem Schicksal mein armes Kind« sprach Frau von
Willnangen indem sie die weinende Tochter in ihre Arme schloss »Du weißt eben
so wenig welche Pfeile es für dich aufbewahren mag als du im Stande bist den
ganzen Umfang von Gabrielens Elend zu übersehen So drückend ihr häusliches
Leben an der Seite des ungeliebten sogar widerwärtigen Mannes auch
wahrscheinlich sein wird es ist doch nicht der höchste Punkt ihres Unglücks
Jedes stille heimliche Opfer lässt sich bringen das fast Unleidliche lässt sich
ertragen wenn wir es nur den Augen der Welt verheimlichen können Shakspeares »
Smiling at grief«2 ist mehr oder weniger das Loos und die Tugend der besten
unsers ganzen Geschlechts wir sind dazu geboren Nur das Mitleid der Welt ist
eine fast unerträgliche Last und doch wird unsre arme Gabriele diese Last
tragen müssen wenn sie sich nicht in Einsamkeit begraben will oder kann«
    »Mit Moritz von Aarheim in der Einsamkeit« rief Auguste
    »Es ist furchtbar ich gebe es zu« erwiderte Frau von Willnangen »aber
immer doch noch besser als das Mitleid der guten Freundinnen die von nun an
sich alle berufen fühlen werden zu Gabrielen stets wie zu einer Kranken zu
sprechen und sich einbilden die Stimme immer ein paar Töne höher nehmen zu
müssen um mit recht kläglichem Laut und Blick zu fragen wie sie sich denn
befinde Und denke dir Gabrielens Gefühl in der Gesellschaft wenn sie bei jeder
Platteit des Menschen zu dem sie doch nun einmal gehört unaufhörlich erröten
muss denke dir wie ihr sein wird wenn sie das heimliche verlegne Lächeln der
Anwesenden und die ängstlich ungeschickte Sorgfalt sich nicht verbergen kann
mit der die Bessern um ihrer willen sich stellen werden als hätten sie nichts
bemerkt Ich weiß nichts traurigeres als solch ein Loos«
    »Und was fängt Gabriele nun mit Ottokars Bild in ihrem Herzen an« rief
Auguste
    »Ich hoffe sie soll es heilig und treu bewahren in reiner Brust« erwiderte
Frau von Willnangen »Möge sie es immer in der Strahlenglorie sehen in welcher
es ihrem jugendlich erwachenden Blicke zuerst erschien so bleibt es der
Schutzgeist ihres Lebens auf einer sehr gefahrvollen Bahn Meine arme Gabriele
ist sehr jung sehr unerfahren um in der Welt als Gattin eines Mannes
dazustehen den sie nicht einmal zu lieben vorgeben kann ohne abgeschmackt oder
als Heuchlerin zu erscheinen Und doch fürchte ich nicht wegen dessen für sie
was die Welt ihr etwa anhaben könnte ich fürchte nur ihr Herz wenn es erwacht
Möge Ottokars Angedenken es behüten«
    Sobald Frau von Willnangen nur Fassung dazu erringen konnte eilte sie die
traurige Entscheidung von Gabrielens Schicksal der Gesellschaft mitzuteilen
Alle hörten sie zuerst mit Entsetzen und bald mit der innigsten Teilnahme
obgleich mancher Nebenumstand im Betragen des Barons und auch die Art seines
Todes ihnen um Gabrielens willen verschwiegen ward Zorn über die Bestimmung des
liebenswürdigen Wesens war bei dem älteren Teil der Gesellschaft das
überwiegende Gefühl während Leo und seine Schwestern recht innig mit Augusten
trauerten Herr von Wallburg behauptete es dem Novitätenkrämer wie er Moritz
von Aarheim nannte gleich angesehen zu haben dass sein Erscheinen nichts Gutes
bedeuten könne der General ging schweigend aber heftig bewegt im Zimmer auf
und ab und stand dann vor Adelbert still der wie vernichtet bleich und stumm
allein in der fernsten Ecke des Zimmers saß
    »Armer Adelbert« sprach der General und strich liebkosend ihm über die
dunklen Locken hin »ich hoffte freilich es solle anders kommen«
    Mit höchst schmerzlicher Gebärde ergriff Adelbert seines Oheims Hand
drückte sie an seine brennenden Augen an sein hochschlagendes Herz »Vater«
sprach er »mein gütiger Vater ich hoffte nichts ich wünschte nichts ach ich
kenne mich ja zu gut was kann ein Unglücklicher wie ich noch hoffen oder
wünschen Aber ich erfreute mich ihrer Nähe ihres Anblicks wie ich der Sterne
mich freue ohne sie zu mir herabziehen zu wollen Sie war so gut so tröstend
gegen mich wie ein Engel des Himmels und eben weil sie es war musste sie
untergehen Ich bin es ich der sie dem Verderben entgegenführte die
Überzeugung davon vernichtet mich und doch ist es so Nie hätte Moritz von
Aarheim nur ihr Dasein geahnt wenn sie nicht mitleidig dort im Tempel neben
mir verweilte Er wäre den nämlichen Abend abgereist wie er es sich
vorgenommen hatte er wäre nimmer bei Lebzeiten des Barons nach Schloss Aarheim
gekommen nur um meinetwillen durfte das Verderben sie überschleichen Ich bin
vom Schicksal geächtet niemand darf freundlich mir nahen« Mit verhülltem
Gesicht verließ Adelbert nach diesen Worten das Zimmer nur Allwill wagte es ihm
zu folgen dessen weiche Natur sich von ihm stets angezogen fühlte
    Der General sandte noch den nämlichen Abend einen Eilboten nach Schloss
Aarheim um die Bewohner desselben nebst Ernesto auf das dringendste zu sich
einzuladen Am folgenden Morgen eilte die ganze Gesellschaft Karlsbad zu
verlassen wo sie nichts mehr fesselte
    Ob Herr von Aarheim die Einladung des Generals annehmen wie er sie
aufnehmen würde war die ganze Reise über der Gegenstand der allgemeinen
Unterhaltung Viele von der Gesellschaft glaubten nach diesem ersten Schritte
sein ganzes künftiges Betragen gegen Gabrielen in voraus beurteilen zu können
sie bedachten nicht die Unmöglichkeit bei diesem wankenden formlosen Charakter
auch nur von der jetzigen Minute auf die zunächst folgende schließen zu können
Alle blieben indessen voll Erwartung und die welchen Gabriele am teuersten
war zitterten heimlich vor dem Gedanken an die erste Stunde des Wiedersehens
so sehnlich sie auch diese herbei wünschen mochten
Das bequeme heitre Schloss des Generals die schönen Umgebungen im bunten
herbstlichen Schmuck vor allem aber des Eigentümers ungezwungne edle
Gastfreundlichkeit verfehlten nicht am Ziel der Reise auf die Ankommenden den
angenehmsten Eindruck zu machen Ein möglichst freier Lebensplan der jedermann
zufrieden stellen sollte kam bald zur Sprache und ward förmlich angenommen Die
Männer beschlossen den Morgen den Freuden der Jagd zu weihen während es den
Frauen überlassen blieb sich einzeln in ihren Zimmern oder versammelt im
gemeinschaftlichen Gesellschaftssaal nach eigener Wahl zu beschäftigen bis die
späte Stunde der Mittagstafel Damen und Jäger vereinte Gesellige Freuden
Spiel Tanz Musik gemeinschaftliches Lesen sollten die Abendstunden ausfüllen
und geladne Gäste aus der nächsten Umgegend zuweilen Mannigfaltigkeit und
Abwechselung in die Gesellschaft bringen
    Unter Allwills und des Kapellmeisters Leitung vergingen die ersten Tage
größtenteils in Anordnungen geselliger Feste und in Proben kleiner
teatralischer Kunstleistungen die gewöhnlich mehr Freude gewähren als die
Aufführung selbst Letztere ward bis zu Gabrielens Ankunft verschoben denn der
General wünschte Herrn von Aarheim glauben zu lassen dass alles einzig zu
Gabrielens und ihres Gemahls Empfang veranstaltet worden sei Herrn von Aarheims
dadurch geschmeichelte Eitelkeit hoffte er würde ihn dann freundlicher
stimmen und ihn bewegen Gabrielen recht lange im Kreise ihrer Freunde zu
lassen
    Weder die Gemütsstimmung noch die Gesundheit Adelberts erlaubte diesem an
dem edlen Waidwerk Teil zu nehmen welchem die Herren den Morgen über alles
andre ausschließend oblagen Angezogen von Frau von Willnangens Güte und
Augustens traulicher Freundlichkeit gewöhnte er sich daher gar bald die
Stunden des Vormittags größtenteils im Zimmer dieser Damen gewöhnlich mit
ihnen allein zu verleben Oft war Gabriele der Gegenstand ihres Gesprächs und
Adelbert konnte dann nie aufhören den Unstern anzuklagen welcher ihn wenn
gleich schuldlos zur ersten Veranlassung ihres traurigen Geschicks machte
    »Mutter« sprach eines Morgens Auguste da er eben niedergeschlagener als
gewöhnlich sich bezeigte »liebe Mutter der Rittmeister verdient unser ganzes
Vertrauen ich kann es nicht länger tragen ihn so sich quälen zu sehen Ich
bitte dich erlaube dass ich ihm alles sage was wir aus Ernestos Briefe von den
Umständen wissen die Gabrielens Vermählung begleiteten Was du allen andern mit
Recht verhehlst darf er erfahren denn gewiss er ist jeder Unbesonnenheit
unfähig die Gabrielens Ruhe gefährden könnte«
    Adelbert blickte verwundert auf Augusten wie sie mit blitzenden Augen und
glühenden Wangen bei ihrer Mutter für ihn sich verwendete »Fräulein« sprach er
endlich halb lächelnd halb gerührt »Sie wünschen mir Trost zu geben Sie
nehmen Teil an meinem Kummer o hüten Sie sich auch Sie sind liebenswürdig
jung ein Engel an Güte wie ihre Freundin auch Sie ergreift das Verderben
wenn Sie mit Wohlwollen sich mir nahen«
    »Ich wage es darauf« erwiderte lächelnd Auguste »denn Sie retteten meiner
Gabriele das Leben Ja das taten Sie Herr Rittmeister und eben so unbewusst
als Sie dem unseligen Moritz sie auslieferten Wollen Sie über das letzte
verzweifeln so müssen Sie auch des ersteren sich rühmen Sagen Sie mir nicht
dass es vielleicht besser sei Gabriele wäre gestorben im ersten Schmerz dachte
ich das auch aber eigentlich halte ich doch viel vom Leben Im Leben ist
Hoffnung wer weiß welche Freuden es Gabrielen noch aufbewahrt die sie alle
dann Ihnen verdanken muss«
    Frau von Willnangen hatte indessen Ernestos Brief hervorgesucht »Ich wage
es auf Augustens Verantwortung« sprach sie indem sie ein Blatt desselben
Adelberten hinreichte »Ja ich will Ihnen vertrauen was aus tausend Gründen
jedem Andern ein Geheimnis bleiben muss Der Anteil den sie an meiner Gabriele
nehmen ist zu innig als dass ich nicht wünschen sollte Sie von der
unverschuldeten Qual zu erlösen Wissen Sie denn der eigne Vater hatte
Gabrielen dem Tode geweiht gekränkter Hochmut brachte den wahnsinnig
Verzweiflenden zu dem entsetzlichen Entschlusse sie der er keine ihrer Geburt
gemässe Existenz zu sichern wusste mit sich hinabzuziehen in das Grab Darum ließ
er so plötzlich sie zu sich entbieten und nur durch Moritzens unerwartete
Ankunft ward sie gerettet ohne selbst die entsetzliche Gefahr zu ahnen in
welcher sie geschwebt hatte Der Baron fand in der Vermählung des letzten Zweigs
des Hauptstammes seines Geschlechts mit dem Erben der Vorrechte desselben den
einzig möglichen ehrenvollen Ausweg Gabriele wurde dem Leben erhalten während
der verfinsterte Geist ihres Vaters allein freiwillig hinabstieg ins Reich der
Schatten Lesen Sie hier die Bestätigung des Unglaublichen«
    Adelbert las das lebhafteste Entsetzen malte sich während dessen in seinen
Zügen
    »Sind Sie nun überzeugt« fragte Auguste als er schweigend das Blatt
zurückgab »oder werden Sie noch ferner fortfahren sich selbst mit fruchtloser
Reue zu peinigen«
    »Das sollten wir überhaupt nie« sprach Frau von Willnangen »denn wie wenig
wissen wir was wir tun wenn es auf den Erfolg unsrer Taten ankommt Wie
selten hilft uns unsre Klugheit Was half es denn dass Ernesto Gabrielen
begleitete Vermochte er es sie zu beschützen Das Leben geht mit uns seinen
gemessenen Gang wir werden mitgezogen unsre besten überdachtesten Plane
scheitern heute am Zufall unsre Unbesonnenheiten schlagen morgen uns und andern
zum Glück aus Was hilft es darüber zu klügeln Lasst uns nur immer das Gute
ernstlich wollen und üben und uns darein ergeben wenn es anders wird als wir
dachten oder wenn aus unseren an sich gleichgültigen Handlungen ein
unvorhergesehenes Übel entspringt Der Zukunft vorgreifen wollen ist
vermessen Nicht umsonst bietet uns die Vorzeit so manches Beispiel von Orakeln
die gerade das angedrohte Unheil herbeiführten weil die Menschen zu ängstlich
strebten ihm auszuweichen«
Der Eilbote welchen der General nach Schloss Aarheim gesandt hatte kehrte zur
rechten Zeit zurück und zwar mit einem Danksagungsschreiben des Herrn von
Aarheim sehr zierlich auf goldnem Papier mit himmelblauer Tinte geschrieben
in welchem dieser bedauerte dass Geschäfte tiefe Familientrauer und die noch
immer schwankende Gesundheit seiner jungen Gemahlin es ihm unmöglich machten
die an ihn ergangne Einladung anzunehmen
    Alle fühlten sich durch diese abschlägige Antwort verstimmt und da
unbefriedigte Neugier keinen kleinen Anteil an dieser Verstimmung haben mochte
so sah man sich wenige Tage später durch die ganz unerwartete Ankunft Ernestos
um so freudiger überrascht
    Die ganze Gesellschaft eilte ihm entgegen drängte sich an ihn mit tausend
Fragen und Erkundigungen nach allem was Gabrielen betraf und es bedurfte
seiner ganzen bekannten Geistesgewandheit um dem überlästigen Forschen
schicklich auszuweichen nicht bald hier zu viel bald dort zu wenig zu sagen
Mit Not und Mühe gelang es ihm endlich eine ruhige Stunde zu erringen in
welcher er vor seinen und Gabrielens innigsten Freundinnen sein volles Herz
ungestört ausschütten konnte Der Schmerz über alles was vorgegangen war seit
sie sich zum letztenmal sahen erneute sich auf das lebhafteste in dieser
traulichen Zusammenkunft und es währte ziemlich lange ehe Ernesto dazu kommen
konnte von Gabrielens jetziger Lage Bericht zu geben
    »Das unerträglichste bei Gabrielens Geschick dünkt mir ist dessen
Farblosigkeit« sprach Ernesto »Ihr Leben gleicht einem jener grauen Tage wo
es weder friert noch regnet sondern alles in einem dicken handgreiflichen Nebel
eingehüllt ist der erkältend jedes Leben erstarren lässt ohne es eben zu
töten Blumen und Blätter sind nicht erfroren nicht verwelkt nicht erstorben
aber sie sehen aus als wären sie das alles Ein rechtschaffner Orkan in
welchem die Welt zittert und splittert wäre mir tausendmal lieber«
    »Moritz ist gut« fuhr er im Laufe des Gesprächs fort »aber es ist nicht
die rechte warme menschliche Güte die ihn beseelt nicht jene Güte die zum
Herzen geht weil sie recht aus dem Grunde des Herzens kommt und bei der
jedermann wohl wird Er ist gut weil er nicht böse ist er ist nicht böse weil
es sich nicht schicken will weil nichts dabei herauskommt weil  ich weiß Sie
werden mich nicht missverstehen wenn ich es ausspreche  weil er nicht den Mut
dazu hat wenn gleichwohl zuweilen die Neigung Er ist feig wie alle Narren
seiner Art obwohl ihn dann und wann der Moment hinreisst wie damals als er dem
Baron das Fläschchen mit Kirschlorbeergeist entwinden wollte Dies scheint
indessen die größte Heldentat seines Lebens gewesen zu sein denn er hörte
nicht auf davon zu sprechen wenn er mit mir allein war Ich halte diese Feigheit
Moritzens für dessen gefährlichste Eigenschaft denn in ihr ruht der Keim zu
tausend andern als da sind Misstrauen Eifersucht Unwahrheit Kleinlichkeit
Eigensinn« 
    »O genug genug von ihm« rief Auguste »sprechen Sie uns von unsrer
Gabriele«
    »Die ist ein Engel von dem sich eben nichts weiter sagen lässt wenn man den
Erdenklumpen nicht erwähnen darf an den diese Psyche leider gefesselt ist« war
Ernestos Antwort »Woher das junge Kind den Mut die Geduld ja sogar die
Lebensklugheit hernimmt die sie bei jeder Gelegenheit an den Tag legt ist mir
unbegreiflich Wahrlich ja ich fange an in ihren kindlichen Glauben einzugehen
dass der Mutter verklärter Geist unsichtbar sie umschwebe und sie leite Sie
erinnern sich wie nach der Trennung von Ottokar sich ihr ganzes Wesen so
gewaltsam emporrang dass nach überstandner Lebensgefahr die Genesene obgleich
immer dieselbe uns damals wie in einem verklärten erhöhten Zustande erschien
Jetzt ist sie von jeder Hoffnung auf eine glückliche Zukunft geschieden wie
damals von dem Gegenstande ihrer stillen Liebe und zum zweitenmal hat die
nämliche Veränderung mit ihr sich zugetragen denn zum zweitenmal fühlt sie
sich erhoben und gekräftigt durch das Bewusstsein des schweren Siegs über sich
selbst So hoch die Gabriele welche in Karlsbad von Ihnen schied über dem
furchtsamen blassen zitternden Kinde steht das bei den Tableaus der Gräfin
Rosenberg zuerst erschien so hoch erhebt sich die jetzige Gabriele über jene
die Sie verlassen musste Auch im Äußern ist sie verändert Sie ist größer
lieblicher schöner als je Bescheiden demütig sogar vereint sie mit dem
Ausdruck sichrer stiller Ruhe im Gemüt eine Würde einen edlen Anstand der
sogar mir imponirt und den armen Moritz oft dahin bringt dass er ärger als je
alle Sprachen durcheinander jagt um das rechte Wort zu finden besonders wenn
er ihr etwas anzukündigen hat von dem er ahnt dass es ihren Wünschen nicht
zusagen möchte wie zum Beispiel das Ablehnen der Einladung des Generals«
    »War es denn nicht möglich ihn zu bewegen diese anzunehmen« fragte
Auguste
    »Ich glaube es wäre Gabrielen möglich gewesen aber sie scheint sich
VerhaltungsRegeln vorgeschrieben zu haben denen ich nicht einzureden wage«
war die Antwort »Ihre ersten Schritte auf der neuen Lebensbahn sind so
bestimmt so sicher dabei so eigen dass es Pflicht ist sie ungestört gehen zu
lassen Ihr eigenes Vergnügen jeden Genuss opfert sie Moritzen auf sobald er den
Wunsch davon nur äußert ohne es der Mühe wert zu achten ihm merken zu lassen
dass sie ihm ein Opfer bringt Im Gegenteil sie ist gerade in solchen Momenten
noch freundlicher gegen ihn als sonst Zu Bitten erniedrigt sie sich nie denn
wen man nicht liebt oder wenigstens achtet von dem kann ein edler Sinn nichts
für sich erbitten wollen Gilt es aber ihrem Gefühle von Recht und Unrecht dann
erklärt sie ihre Meinung ruhig und bescheiden und hält sie fest und lässt sich
nicht irren ohne sich weiter mit ihm darüber zu streiten Freilich habe ich
dieses nur einmal erlebt aber sie ist ja auch noch nicht viel über einen Monat
ihm vermählt Herr von Aarheim machte Anstalt sie von Annetten zu trennen die
er bei Frau Dalling in Schloss Aarheim lassen wollte Er war im Begriffe für
Gabrielen eine Pariser und eine Londoner Kammerfrau zu verschreiben und
kündigte ihr dieses mit großem Triumf als einen Beweis seiner ungemeinen
Sorgfalt für sie an Gabriele erklärte ihm mit wenigen Worten dass Annette ihr
zu große Beweise der liebevollsten Treue gegeben habe als dass sie je sie von
sich lassen könnte Die fremde Bedienung verbat sie sich gänzlich weil
dergleichen zu einem deutschen Haushalt nicht passe Moritz redete sich Stunden
lang außer Atem um die Kunstfertigkeit und Vortrefflichkeit der ausländischen
Kammerfrauen zu beweisen Gabriele gab alles zu behauptete aber ganz gelassen
nichts von diesen Talenten nötig zu haben und Annette bleibt bei ihr nach wie
vor«
    »Raubt er ihr denn alle Zeit zum Briefwechsel mit ihren Freunden zur Übung
ihrer Talente zum Genuss ihrer selbst« fragte Frau von Willnangen
    »Gottlob nein« sprach Ernesto »wenigstens nicht für jetzt so lange die
Marotte vorhält die er sich in den Kopf gesetzt hat seinen Ehestand auf
englische Weise zu führen Gabriele gewinnt dadurch unendlich an Freiheit und
fühlt sich obendrein sehr glücklich dass diese Art zu leben sie einer Menge
lästiger Vertraulichkeiten überhebt So fällt es ihnen zum Beispiel gar nicht
ein einander mit Du anzureden Er nennt sie Madame oder Frau von Aarheim sie
ihn Herr von Aarheim Da er wie alle Nachahmer die englische Sitte karikirt so
würde er es höchst unschicklich finden wenn ein Fremder an ihrer Art mit
einander umzugehen merken könnte dass sie ein verheiratetes Paar sind und er
beeifert sich deshalb besonders vor Leuten einer oft höchst lächerlichen
formellen Höflichkeit gegen sie die ihn immer drei Schritte von ihr entfernt
hält Bei Tische steht sie nach englischem Gebrauch früher auf als er um sich
in ihr Zimmer zu begeben Er bleibt dann noch ein Stündchen allein sitzen
knackt Nüsse auf und da er kein Trinker ist so lässt er seinen Wein vor sich
stehen und verrauchen dabei langweilt er sich fürchterlich ohne es zu achten
denn es geschieht à langloise Durch diese Lebensweise gewinnt Gabriele den
größten Teil des Tages für sich den sie in ihrem Zimmer bei gewohnten
Beschäftigungen zubringt ohne dass es Herrn von Aarheim oft einfiele sie durch
seine Gegenwart zu unterbrechen Er ist zufrieden wenn sie nur bei den
Mahlzeiten die Honneurs macht mehr fordert man ja auch in England von keiner
Lady Leider aber hat diese Nachahmung englischer Sitte uns auch um ihre
Gegenwart hier im Schloss gebracht Moritz behauptet ein neuvermähltes Paar
dürfe wohl gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen was leider Gabrielens
Gesundheit nicht erlaubt hat aber während der Flitterwochen sich in
Gesellschaft zu zeigen wäre unschicklich undelikat und gemein und eigentlich
müsse er sich wundern wie man ihm nur habe so etwas zumuten können Ich glaube
aber der Ursache seiner Weigerung besser auf den Grund zu sehen sie heißt
Eifersucht Eifersucht ohne bestimmten Gegenstand und deshalb um so
gefährlicher Herr von Aarheim möchte alle Welt von Gabrielen entfernt halten
eigentlich mehr aus Misstrauen in sich als in sie Seine englischen Grundsätze
welche dem Mädchen jede der Frau keine gesellige Freiheit erlauben kommen ihm
dabei trefflich zu statten Vor jetzt schwebt indessen obendrein Adelberts Bild
trotz der Narben und des lahmen Fußes ihm als das eines höchst gefährlichen
Nebenbuhlers vor Unaufhörlich suchte er mich und Gabrielen auf das ängstlichste
über ihn auszuforschen nannte ihn alle Augenblicke und beobachtete dabei
Gabrielens Mienen auf eine wirklich lächerliche Art Übrigens aber glaube ich
tut er auch mir die Ehre an mich für gefährlich zu halten da er mit Gabrielen
nach seinen Gütern am Rheine gegangen ist wo er den Winter zubringen will ohne
mich einzuladen sie zu begleiten oder auch nur späterhin zu besuchen Im
Gegenteil nahm er es als ganz bekannt an dass ich hieher gehen müsste«
Die Abende wurden immer länger Graue Nebel verhüllten Tage lang die Sonne und
trieben die eifrigsten Waidmänner bei ungewohnt früher Zeit dem warmen
kerzenhellen VersammlungsSaale zu wo die gesellige Freude in steter
Abwechselung an jedem Abende lebendiger sich regte
    Seit es entschieden war dass die zur Königin der Feste bestimmte Gabriele
nicht erscheinen würde hatte alles einen raschen lebendigen Gang genommen Zwar
war sie weder vergessen noch war der Anteil gesunken welchen Freunde und
Bekannte an ihrem Geschick nahmen aber man hatte sich darüber ausgesprochen und
wandte nun gerne seine Aufmerksamkeit andern Gegenständen zu
    Jeder Eindruck verlischt der nicht täglich erneut wird vergebens sucht man
ihn festzuhalten vergebens strebt man sich länger zu freuen oder zu betrüben
sobald die Zeit ihre Rechte geltend zu machen beginnt Selbst Auguste ließ oft
vom fröhlichen Taumel sich hinreißen obschon sie gleich darauf sich
leichtsinnig schalt so fröhlich gewesen zu sein während ihre freudenarme
Gabriele einsamtraurige Stunden verlebte
    »Sie versündigen sich an der Natur und an sich selbst« erwiderte ihr einst
Ernesto auf eine ähnliche Äußerung welche sie über ihre jugendliche
Fröhlichkeit tat »Wie könnten wir nicht nur den Schmerz sondern auch die
Freude tragen bliebe ihr Empfinden immer sich gleich Glauben Sie mir Niemand
von uns überlebte das zwanzigste Jahr wenn uns nicht die alles ebnende alles
erleichternde Gewöhnung zur tröstenden Begleiterin auf dem Lebenswege gegeben
wäre lebenssatt oder mit gebrochnem Herzen sänken wir alle lange vor der Zeit
in das Grab«
    Im übrigen Schloss ging es unterdessen gar fröhlich her und je bunter und
lauter das Leben von den aus der ganzen Umgegend herbeiströmenden Gästen
betrieben wurde je zufriedner bezeigte sich der General Mit der
zuvorkommendsten Gastfreiheit bot er zu allem die Hand munterte zur Ausführung
jedes Einfalls auf den irgend einer seiner Gäste zum allgemeinen Vergnügen
angab und ward dabei selbst mit jedem Tage heiterer Auch die Freude über
Adelberts sichtbares Genesen verjüngte augenscheinlich den liebenswürdigen
Greis der mit mehr als väterlicher Liebe an diesem hing Seine Augen glänzten
wenn sie auf der Gestalt des geliebten Pflegesohns ruhten dessen Wange in der
Farbe der Gesundheit wieder zu erblühen begann und dessen ganzes Wesen von
neuem in frischer lebendiger Teilnahme an der Außenwelt erwachte
    Adelberts Wunden heilten wie durch ein Wunder der Arm blieb freilich steif
obgleich fast unmerklich aber der gelähmte Fuß erlaubte ihm schon an Augustens
Seite im PolonoisenTakte den Saal zu durchwandern und sei es nun die oft
belobte Nachwirkung der Brunnenkur oder die Wirkung des gegenwärtigen heitren
Lebens Adelbert behielt bald nicht mehr vom Ansehen eines Kranken als er
bedurfte um von allen Fräuleins drei Meilen in der Runde für höchst interessant
erklärt zu werden
    Die Zeit welche man ursprünglich im Schloss des Generals zu verweilen
beschlossen hatte war unbemerkt längst vorübergezogen und der mit starken
Schritten herannahende Winter bestimmte jetzt die Gesellschaft sehr ernstlich
an den Abschied von ihrem freundlichen Wirte zu denken sich zur Heimreise zu
rüsten
    Die Ungewissheit der Frau von Willnangen in Hinsicht auf Leo und Augusten
machte dieser indessen manche Sorge Vergebens hatte sie fortwährend Beide mit
der größten Aufmerksamkeit beobachtet Leos Benehmen und Augustens Herz wurden
ihr mit jedem Tage rätselhafter und sie selbst immer unentschiedener ob es
nicht die Pflicht der Mutter heische Augusten um ihr Verhältnis zu dem jungen
Manne zu befragen dessen auffallende Weise sie allen andern vorzuziehen von
der ganzen Gesellschaft als ein Beweis gegenseitigen Verstehens angesehen wurde
    »Wecken Sie keinen Nachtwandler indem Sie ihn beim Namen rufen« sprach
Ernesto den sie deshalb zu Rate zog »Sie geraten in Gefahr ihn eben dadurch
in den Abgrund zu stürzen wodurch Sie ihn warnen wollten Leo ist ein ganz
guter Mensch aber leider gehört er zu jener Legion von Kurmachern die in der
Mädchenwelt so viel Unheil stiften Zum Glück ist Auguste mit ihrer
gegenwärtigen Lage zufrieden genug um keine Veränderung ihres Zustandes herbei
zu sehnen Ich bin überzeugt dass Leo keinen tiefen Eindruck auf sie gemacht
haben kann obgleich sie seine Huldigungen sich recht gern gefallen lässt Bei
alle dem wäre es aber dennoch möglich dass sie eine Zeitlang sich einbildete
ihn zu lieben wenn man durch unnütze Fragen sie auf diese Gedanken brächte sie
könnte in diesem Glauben sogar dahin kommen ihm ihre Hand zu reichen wenn er
sich erklärte und sich für unglücklich zu halten wenn er es unterliesse was aus
Furcht vor dem gnädigen Papa und der gnädigen Mama wahrscheinlich geschehen
wird«
    »Glauben Sie in der Tat nicht dass Leo Augusten genug liebt um wenigstens
einen Versuch zu wagen die Beistimmung seiner Eltern zu einer Verbindung mit
ihr zu erhalten« fragte Frau von Willnangen
    »Ich glaube es nicht« erwiderte Ernesto »denn was konnte ihn bestimmen
fast bis zum Abschiedstage damit zu zögern Mir scheint es er gehört zu der
Zahl junger Leute welche wie im Traume umherwandeln ohne eigentlich zu wissen
was sie wollen Sie seufzen sie werfen mit zärtlichen Blicken um sich sie tun
bedeutend alles ohne Plan und Zweck dabei sind sie wetterwendisch wie eine
Kokette aus dem vorigen Jahrhundert Heute glühend morgen kalt wie Eis
scheinen sie die gestern zur Huldgöttin Erhobene kaum noch zu kennen und sehen
gelassen und eigentlich nicht ohne heimliches Behagen drein wenn es ihnen
gelingt ein helles Auge zu trüben eine jugendliche Wange erbleichen oder
erröten zu machen und ein unerfahrnes junges Herz in schmerzliche Unruhe zu
versetzen«
    »Welch ein Bild« rief Frau von Willnangen »Ist es möglich dass Sie Leo von
Wallburg dadurch bezeichnen wollen der noch vor wenigen Wochen in Karlsbad so
viel bei Ihnen galt«
    »Was er mir galt gilt er noch bis auf einen gewissen Punkt« erwiderte
Ernesto »Seit ich hier bin habe ich um Augusten willen ihn genauer beobachtet
und ihn auf mancher der Ungleichheiten betroffen welche ich eben rügte Ich
hätte deren wahrscheinlich noch mehrere an ihm erlebt wenn Augusten von dieser
Seite nur etwas anzuhaben gewesen wäre sie blieb aber in vollkommener Ruhe
wenigstens äußerlich und da musste er das Spiel freilich aufgeben Übrigens
streite ich ihm keine der vorzüglichen Eigenschaften ab um derentwillen ich ihn
sonst schätzte Er ist hübsch artig gewandt unterrichtet als Sohn und Bruder
lobenswert wahrscheinlich wird er auch einmal ein Ehemann mit dem eine Frau
die mit ihrer Glückseligkeit nicht gar zu hoch hinaus will ein zufriednes Leben
führen kann Aber sein Betragen gegen Augusten erkläre ich deshalb doch für
unmännlich und unwürdig Es kann ihm nicht verborgen sein dass der Ahnenstolz
seiner Eltern sich einer Verbindung mit ihr stets auf das ernstlichste entgegen
stellen wird er fühlt dass es ihm an Mut Kraft und Liebe gebricht dieses
Hindernis zu bekämpfen er wagt nicht einmal einen Versuch dazu und dennoch
strebt er Augustens Herz zu gewinnen und sogar indirekt der Welt weis zu machen
es sei gewonnen ohne doch sich selbst auf irgend eine Weise verbindlich zu
machen Das ist es was mich an ihm empört denn solche Künste sind verächtlich
Gilt das einfach gegebne Wort dem rechtlichen Manne so viel als ein Eid so
sollte ihm auch jede absichtlich erregte Erwartung so viel gelten als ein
Versprechen«
    »Das was Sie über den jungen Wallburg jetzt aussprachen habe ich mir immer
dunkel gedacht« erwiderte Frau von Willnangen »aber dabei blieb ich stets in
der Ungewissheit was ich tun könne Oft glaubte ich den General bitten zu
müssen dass er den jungen Mann geradezu über sein Verhältnis zu Augusten zur
Rede stellen möge denn als Mutter dies selbst zu übernehmen dazu fehlte es mir
an Mut oder an Demut«
    »An beiden wahrscheinlich und das ist ein rechtes Glück« erwiderte
Ernesto »Aus solchem Einmischen dritter Personen kommt selten etwas gescheutes
heraus wenn gleich zuweilen eine Heirat die mich denn immer an Molieres
mariage forçé erinnert und bei welcher beide Teile sich gewöhnlich sehr
schlecht befinden«
    »Aber wie meinen Sie dass ich mich jetzt benehme sowohl gegen Leo als
Augusten« fragte Frau von Willnangen
    »Am besten Sie benehmen sich gar nicht sondern lassen alles gehen wie es
geht« war die Antwort »Gönnen Sie Augusten noch die paar Tage hindurch die
Freude sich von Leo adoriren zu lassen die Trennung kann wohl einen halb
erstickten Seufzer kosten vielleicht wird auch beim Abschied ein Tränchen mit
den Augenwimpern zerdrückt werden müssen aber dabei bleibt es gewiss In vier
Wochen gedenkt sie Leos nur noch als eines vortrefflichen Partners bei Tanz und
Spiel und vermisst ihn höchstens wenn sie auf der Promenade ihren Shawl selbst
tragen muss Auguste steht zu hoch über den gewöhnlichen Mädchen als dass Leos
Koketterie wirklich hätte Eindruck auf ihr Herz machen können und schon ihre
ungetrübte Heiterkeit muss Sie hievon überzeugen Aber wäre dies auch wider
Vermuten geschehen so wird dieser Eindruck nur um so leichter schwinden wenn
sie niemanden hat mit dem sie darüber sprechen kann Glauben Sie mir die
Vertrauten sind oft der Ruhe gefährlicher als die Liebhaber selbst Eine
ermahnende Mutter ist auch eine Art von Vertraute sie nennt doch wenigstens den
teuren Namen und der süße Klang verfehlt selten die Töchter über das Tadeln
der Mutter zu trösten«
    »Wenn ich Sie nicht kennte wie ich Sie kenne Freund Ernesto« sprach Frau
von Willnangen »so müsste ich Sie nach diesen Äußerungen nicht nur für höchst
frivol sondern auch für herzlos und gemütlos halten Sind das Ihre Ansichten
der Liebe«
    »Der Liebelei« erwiderte Ernesto »des kalten chinesischen Feuerwerks von
ausgeschnittenem Papier hinter denen man Lämpchen stellt womit die Jugend so
groß tut Glauben Sie mir nur Wenige sind berufen den göttlichen Funken in
reiner Brust zu hegen welcher der Ursprung der heiligsten Gefühle und alles
Großen und Herrlichen ist Wem dieser einmal sich entzündet dem verlischt er
nie auch nicht im Sturme des Lebens auch nicht im Grabesdunkel der Trennung
auch nicht unter dem Schnee des Alters Aber es gibt auch luftige Irrlichter
für die Menge welche ihnen nachjagt Man läuft man fällt man verirrt sich
verlockt andre aber am Ende kommt doch alles in eine Art von Ordnung und
wenigstens stirbt die Welt dabei nicht aus«
Am vorletzten Abend des Abschiedstages sollte die schon längst angekündigte
Aufführung eines Lustspiels sein Allwill war dessen Verfasser und das Stück
bestimmt die lange Reihe der in dem gastlichen Schloss des Generals genossnen
Freuden würdig zu beschließen Zuschauer und Schauspieler sahen dieser
Darstellung mit der gespanntesten Erwartung entgegen welche freilich die vielen
Proben und andre Vorkehrungen erregen mussten mit denen Allwill die ganze Zeit
über gestrebt hatte die Erscheinung seines Stücks so vollkommen als möglich
vorzubereiten
    Zum erstenmal in seinem Leben wenn gleich nur auf einem Privatteater
sollte dem Dichter die Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches werden er sollte
die Schöpfung seiner Fantasie auf den magischen Bretern ins plastische Leben
gerufen sehen Mit welchem Entusiasm er daher bei der Anordnung dieses Festes zu
Werke ging ist leicht zu erachten Jahrelang hatte er gestrebt bis zur
lampenhellen Bühne durchzudringen ohne dass es ihm trotz der Klagen über Mangel
an guten neuen Komödien gelungen wäre Ein Schicksal welches fast alle Dichter
mit ihm teilen die ihre theatralischen Arbeiten nicht eher schwarz auf weiß
dem Urteil der Welt ausliefern mögen als bis sie sich von der Wirkung
überzeugt haben welche dieselben an dem Platz machen für welchen sie bestimmt
wurden
    Das Ausland ist in dieser Hinsicht billiger als wir selten erscheint dort
ein Schauspiel gedruckt das nicht vorher auf der Bühne die große Probe
überstand Aber unsre Teaterdirekzionen bedenken nicht dass es eben so
unmöglich ist vor der Aufführung über den theatralischen Wert eines Stücks ein
ganz genügendes Urteil zu fällen als ohne gehörige Beleuchtung über den Effekt
eines Gemäldes zu entscheiden Schwerlich wird ein Dichter zur möglichsten
Ausbildung seines Talents gelangen können dem diese praktische Erfahrung
versagt ward und der heutige Mangel an guten für das Theater passenden neuen
Schauspielen ist vielleicht größten Teils nur den Schwierigkeiten
zuzuschreiben die sich zu diesem Zweck dem Dichter überall entgegenstellen
    Bei Privatbühnen sind die Proben bei weitem das Ergötzlichste für die
Mitspielenden das weiß jedermann Auch Allwill erfuhr es denn er wollte oft
über die gute Laune seiner Schauspieler verzweifeln Dafür erklärten ihn diese
für den wunderlichsten krittlichsten herrsüchtigsten aller Teaterdirektoren
und zuletzt galt es für ausgemacht dass zwei Allwills im Schloss hauseten
feindliche Zwillingsbrüder die nie zusammen erschienen der eine der Dichter
die Liebenswürdigkeit selbst der andre aber der Teaterkönig ein Despot ohne
Gleichen ein heftiger mürrischer Kautz mit dem eben kein Auskommen sei
    Des armen Allwills gute Laune war indessen schon bei der Austeilung der
Rollen auf fürchterliche Proben gesetzt worden Es gab dabei unendliche zum
Teil sehr lächerliche Schwierigkeiten die er aber sich nur zu sehr zu Herzen
nahm Wenigstens dreimal so viel Schauspieler und Schauspielerinnen als man
bedurfte hatten anfangs sich mit großem Eifer gemeldet und zuletzt kostete es
dennoch nicht geringe Mühe nur so viele zusammenzubringen als man notwendig
brauchte um alle Rollen des Stücks gehörig zu besetzen An ersten Liebhabern
und Liebhaberinnen fehlte es freilich nicht aber ein redseliges altes Fräulein
und einen etwas rauen invaliden Papa wollte niemand übernehmen Einer der
besten Freunde des Generals welcher schon vor dreißig Jahren den Major Tellheim
mit dem größten Beifall gespielt hatte fuhr im Zorn auf und davon weil Allwill
durchaus den ersten Liebhaber von niemand anders als Leo von Wallburg spielen
lassen wollte Andre die ebenfalls mit den ihnen zugeteilten Rollen nicht
zufrieden waren folgten dem ehemaligen Tellheim indem sie sich ganz in der
Stille fortschlichen und Allwill war wirklich in Gefahr die Aufführung seines
Stücks hier eben so gut als wäre es ein öffentliches Theater an Rollenneid
scheitern zu sehen
    Endlich ließ Frau von Grünborn die Nichte jenes Tellheims sich durch
unablässiges Bitten und Zureden der übrigen Gesellschaft bewegen die alte Tante
zu übernehmen ihrem Beispiele folgten andre und so kam das Ganze zur
allgemeinen Freude allmählig in anscheinende Ordnung Frau von Grünborn brütete
indessen ganz im Stillen noch über einen großen Plan denn so ganz gutwillig
konnte sie sich doch nicht entschließen in einer ihrer Meinung nach
undankbaren Rolle aufzutreten und bei dem ersten einsamen Spaziergang mit
Augusten den sie herbeizuführen wusste nahm sie Gelegenheit zu versuchen ob
es ihr nicht gelingen könne diese ihren Wünschen günstig zu stimmen
    »Sie dauern mich unbeschreiblich liebes Fräulein von Willnangen« wendete
sie das Gespräch nach unendlichen Liebkosungen gegen Augusten sobald sie weit
genug vom Hause entfernt waren um keine Lauscher fürchten zu müssen »Sie dauern
mich Allwills Eigensinn zwingt Sie die Elise zu spielen und ich fühle recht
gut wie entsetzlich es Ihnen sein muss vor aller Welt mit Leo von Wallburg
zärtlich zu tun Gewiss der Gedanke an die Aufführung des Stücks ist Ihnen
deshalb recht peinlich es kann nicht anders sein und ich habe es Ihnen schon
lange angesehen Sie wissen nicht wie sehr ich Sie liebe teure Auguste um
Ihnen einen Beweis davon zu geben habe ich ganz in der Stille Ihre Rolle neben
der meinen gelernt und bin nun im Stande Ihnen einen Tausch anzubieten Das
hätten Sie wohl von Ihrer Nanny nicht erwartet« setzte sie hinzu indem sie
Augusten feurig umarmte
    Mit dem allergrössten Erstaunen hörte Auguste den absurdesten Vorschlag von
der Welt aus dem Munde einer Frau die alt genug war um ihre Mutter zu sein
und die nun schalkhaft lächelnd in jugendlicher Verschämteit vor ihr stand
Die Anspielung auf ein näheres Verhältnis zum jungen Wallburg war ihr freilich
so unangenehm als unerwartet und eine leichte zornige Regung rötete dabei ihre
Wangen bald aber siegte das unbeschreiblich Lächerliche in der ganzen Zumutung
ihrer neuen Freundin und lächelnd gab sie ihr Gehör als diese mit der
selbstzufriedensten Redseligkeit fortfuhr ihren Plan weiter aus einander zu
setzen
    »Vor allen Dingen« sprach Frau von Grünborn »müssen wir unsern
Rollentausch aller Welt verschweigen bis zur Stunde der Ausführung sonst gibt
ihn Allwill nimmermehr zu er hat es sich zu fest in den Kopf gesetzt dass wir
alle seinen Befehlen folgen müssen steckt er aber erst in seinem
Souffleurkasten so muss er sich schon alles gefallen lassen was über seinem
Haupte auf der Oberwelt vorgeht Ich habe mir in den Proben Ihr Spiel genau
gemerkt wenn Sie die Rolle noch ein paar Mal mit mir durchgehen so wird Herr
von Wallburg keinen Unterschied finden und des Beifalls der Gesellschaft können
wir gewiss sein Auguste ward dem Vorschlage immer geneigter je länger sie ihm
zuhörte Der Gedanke wie komisch Leos Verwunderung und Allwills zorniges
Schrecken sich ausnehmen müssten gewann immer mehr lockendes so dass sie
zuletzt in einem Anfall von Übermut sich wirklich entschloss in den Tausch zu
willigen und nun nicht minder eifrig als Frau von Grünborn selbst sich
bemühte alles darauf vorzubereiten
    Der lustige Erfolg übertraf bei weitem Augustens Erwartung Beide Damen
fanden mit leichter Mühe einen Vorwand bis zum Aufrollen des Vorhangs in ihrem
Ankleidezimmer allein zu bleiben
    Leo der mit einem Monolog zuerst die Bühne betrat erstarrte über den
Anblick der Frau von Grünborn wie Hamlet indem er den Geist seines Vaters
erblickt Allwill reckte sich lang aus seinem Souffleurkasten empor und machte
Miene ganz auf das Theater heraufsteigen zu wollen um wegen des Rollenwechsels
Rechenschaft zu fordern ja selbst die Zuschauer begannen sehr lebhaft zu
werden Frau von Grünborn ließ sich indessen von allem was vorging nicht im
mindesten anfechten Sie hatte ihre Rolle zu gut gelernt um der Eingebungen des
Souffleurs zu bedürfen und besaß auch überdem ziemliche Gewandheit und
teatralische Übung An Schminke und jugendlichem Putz hatte sie ebenfalls
nichts gespart man sah deutlich wie sie in großer Herzensfreudigkeit sich
selbst Illusion machte und so war denn die Gesellschaft endlich gutmütig
genug sich diese ebenfalls gefallen zu lassen und dem Wagestück ward von allen
Seiten applaudirt
    Doch dieser gemässigte Beifall verwandelte sich in ein laut donnerndes
BravoRufen in ein ganz unerhörtes Händeklatschen wie man es in einem
Privatteater gar nicht für möglich halten sollte als Auguste erschien Die
altmodische Tracht erteilt jungen Personen immer durch den Kontrast des
Scheinenwollen mit dem wirklichen Sein einen eignen unbeschreiblichen Reiz Das
gepuderte Touppée die zu beiden Seiten des jugendlichen Gesichtchens tief
hineingehende altmodische Dormeuse aus der die wunderschönen hellen Augen
schalkhaft herausbljetzten die schlanke Taille welche das lange Korsett erst
recht versichtbarte die netten Füßchen in ihren spitzen Hackenschuhen die man
bei der hochaufgeschürzten altfränkischen Zirkassienne deutlich sah alles
dieses verlieh Augustens Erscheinung eine wunderbare Anmut von der niemand
eine Ahnung haben konnte der sie nur im gewöhnlichen Leben zu sehen gewohnt
war Ihr mit der heitersten Laune aufgefasstes und durchgeführtes Spiel ließ den
Taumel der Bewunderung den ihr Anblick erregt hatte gar nicht enden Alles
ward dadurch versöhnt Leo konnte über den Streich welchen sie ihm gespielt
hatte nicht länger zürnen Allwill setzte sich getröstet wieder auf seinem
unterirdischen Ehrenposten zurecht Frau von Grünborn umarmte sie mit
anscheinendem Entzücken sobald sie wieder zwischen die Kulissen trat und pries
überlaut die eigne Selbstverleugnung mit der sie Augusten die interessanteste
Rolle im Stück freiwillig abgetreten haben wollte
Je lauter die Freude im Schauspielsaale sich äußerte je trüber ward Adelbert
Kaum vermochte er es über sich das Ende eines kleinen Liederspiels abzuwarten
in welchem die scheidenden Gäste unter der Leitung des Kapellmeisters dem
gastfreien Hausherren zuletzt ihren Dank brachten Schmerzlich bewegt verließ er
den Saal sobald er es unbemerkt tun zu können glaubte und erschrak nicht
wenig als mit ihm zugleich auch Auguste durch eine andre Türe in ein an das
Theater stossendes Nebenzimmer trat
    Verlegen wie sonst nie standen sie da und keines wagte das andre
anzublicken bis der Abschied zur Sprache kam der beiden das Herz
zusammenpresste
    »Sie gehen« sprach Adelbert »und in diesem Moment fühle ich erst wie sehr
Ihre Nähe das Element meines Lebens ward Erinnerung ist alles was mir nun
übrig bleibt ich weiß um wie viel reicher durch diese mein Dasein geworden
ist aber wenn mich nun die Sehnsucht ergreift wie werde ich diese überwinden
Und wenn ich ihr nachgebe wenn ich über Berg und Tal hineile um wieder einmal
in den Strahlen ihrer lieben gütigen Augen mein Herz zu erwärmen ach Auguste
wie werde ich dann Sie finden«
    »Ich hoffe wie jetzt« erwiderte Auguste sehr freundlich »hier nehmen Sie
meine Hand darauf Sie finden mich wie jetzt und kämen Sie auch erst nach
langen Jahren dann vielleicht um so gewisser genau so« setzte sie lächelnd
mit einem Blick auf ihre TheaterKleidung hinzu
    »Zwingen Sie mich nicht mich selbst zu täuschen« sprach Adelbert und
drückte mit trübem Blick ihre ihm dargebotene Hand an seine hochbewegte Brust
»Mein tröstender Engel betrat mit Ihnen die Schwelle dieses Hauses mit Ihnen
verlässt er es wieder ich weiß es Diese Hand welche jetzt in der meinen ruht
wird in wenigen Tagen einem Glücklichern gereicht Leo  doch ich missbrauche
ihre Nachsicht verzeihen Sie mir ich fühle beschämt wie unbescheiden ich
ward«
    »Leo« rief Auguste und ward dabei feuerrot »Leo Nun der zieht übermorgen
jen Norden während wir dem Süden uns zuwenden und fast möchte ich wetten dass
ich Sie früher wieder sähe als ihn«
    »Fräulein wäre es möglich verstehe ich Sie« fragte Adelbert sehr bewegt
»Ach ich weiß nicht welch ein böser Dämon mich in dieser Stunde zwingt immer
auszusprechen was ich eigentlich verschweigen müsste« Es ist wohl Ihr fremdes
Ansehen was so mich verwirrt« fuhr er mit trübem Lächeln sie betrachtend
fort »Sie sind Sie selbst und sind es auch nicht Gewiss wäre es sündlich
vermessen zu wünschen Sie wären wirklich was sie diesen Abend scheinen
wollen aber ich kann den Gedanken daran nicht los werden und einem armen
Invaliden ist er wohl zu verzeihen der so Ihnen näher zu stehen wähnen dürfte
Sie sind so reich dass Sie dennoch bleiben was Sie sind wenn gleich diese Rosen
verblüht wären«
    »Hat es wohl je in der Welt einen jungen Mann gegeben der einem artigen
Mädchen dreißig Jahre mehr und dazu ein gepudertes Touppée wünscht bloß um ihr
etwas schönes zu sagen« rief Auguste ein wenig gezwungen lächelnd und wandte
sich der Türe zu in welcher der General ihr plötzlich entgegentrat um sie zur
Gesellschaft abzuholen
    Bei Spiel und Tanz schwärmte man noch bis tief in die Nacht hinein Es war
als ob die Freude jetzt so nahe vor dem Scheiden erst recht lebendig werden
wollte Nur Leo irrte verdrießlich und abgesondert von den übrigen durch die
lange Reihe der Zimmer Seit mehr als einer Stunde vermisste er Augusten ohne
sie eigentlich suchen zu mögen als Frau von Grünborn zu ihm trat und unter der
Behauptung sie habe Augusten zu einer Quadrille höchst nötig lachend seinen
Arm ergriff um mit ihm das ganze Schloss nach ihr zu durchstreifen
    Beide gelangten auf ihrer Wanderung an das Vorzimmer der Frau von
Willnangen es ward darin gesprochen das hörte man deutlich die Türe war nur
angelehnt neugierig blickte Frau von Grünborn durch die Spalte und fuhr im
nämlichen Moment mit einem ganz eigenen Gesicht zurück um in großer Hast ihren
Begleiter an ihre Stelle zu schieben
    Leo traute seinen Augen nicht er erblickte Augusten in Adelberts Armen und
neben dieser Gruppe Frau von Willnangen und den General Eingewurzelt wäre er
stehen geblieben hätte nicht Frau von Grünborn ihn wieder mit sich fort zur
Gesellschaft gezogen wo sie jedem der ihr in den Weg kam die eben gemachte
Entdeckung im strengsten Vertrauen zuflüsterte
    Bald wurden aller Blicke forschend dem armen Leo zugewendet der von der
allgemeinen Aufmerksamkeit gedrückt verstimmt erschrocken sogar es dennoch
nicht wagen mochte sich früher zu entfernen als die übrigen um niemanden Raum
zu lauten Bemerkungen hinter seinem Rücken zu geben Doch da der General sich
unter dem Vorwand eines ihm plötzlich überkommenen Geschäfts entschuldigen ließ
so zerstreute sich bald darauf die ganze Gesellschaft
    Tausend unangenehme einander widerstrebende Empfindungen bemächtigten sich
Leos sobald er in seinem Zimmer allein sich befand und raubten ihm für diese
Nacht den Schlummer So wenig es ihm in den Sinn gekommen sein mochte sich
ernstlich um Augusten zu bewerben so schien sie ihm doch in diesem Moment
unendlich reizend und ihr Besitz höchst wünschenswert gerade weil er ihm
unerreichbar geworden war Am meisten aber peinigte ihn Reue über sein
bisheriges Streben sich vor der Welt den Anschein eines innigern Verhältnisses
mit Augusten zu geben und die Eitelkeit welche ihn dazu angetrieben hatte
ward jetzt seine empfindlichste Strafe Wie oft hatte er nicht Augusten die
gleichgültigsten Dinge absichtlich mit einem höchst wichtigen Gesicht
zugeflüstert wie oft sich bemüht dankbar gerührt auszusehen während sie mit
ihm vom Wetter sprach Unzähligemal hatte er den unbedeutendsten gegenseitigen
Gefälligkeiten ein geheimnisvolles Ansehen zu geben gesucht und gewusst Alle
diese Veranstaltungen die er mit so großer Mühe ersonnen und ausgeführt hatte
halfen jetzt zu nichts als ihm in den Augen der Gesellschaft das Ansehen eines
Abgewiesenen Zurückgesetzten zu geben Augustens Charakter stand zu hoch als
dass selbst der Neid es hätte wagen mögen ihn in ein zweideutiges Licht zu
stellen Leo begriff bei so gestellten Dingen dass ihm keine andere Wahl blieb
als entweder morgen demütig wie ein Verstossener das öffentliche Mitleid und
den heimlichen Spott der Anwesenden zu ertragen oder in der Stille sich zu
entfernen ehe es im Schloss Tag ward Ein innerer Widerwille den glücklichen
Adelbert zu sehen trug viel bei ihn zu der Wahl des letztern zu bestimmen er
hatte die Flamme zu nahe umgaukelt um nicht jetzt sich von ihr ergriffen zu
fühlen und fürchtete daher vor den Augen des glücklichen Paars etwas trübselig
dazustehen Nach vorher genommener Rücksprache mit seinen Eltern machte er sich
daher in aller Frühe auf den Weg Die Überzeugung dass er aus einem Lande und
von Menschen scheide welche nie wieder zu sehen in seiner Macht stand und dass
kein spöttisches Wort aus dieser Ferne in seiner Heimat ihn erreichen könne
war das einzig Tröstliche was er mit sich nahm
Strahlend in einer Freudenglorie als wäre er selbst der beglückte Bräutigam
stellte der General am folgenden Morgen die Braut seines Adelberts der
Gesellschaft vor Die herzlichste Teilnahme aller Anwesenden empfing sie mit
lauten Glückwünschen nur Herr und Frau von Wallburg machten hierin eine
Ausnahme und was sie anscheinend Freundliches sich nicht entbrechen konnten dem
Brautpaar zu sagen war augenscheinlich nur ein Opfer mit kalten Lippen aus
kaltem Herzen der Konvenienz gebracht Es mag wunderlich scheinen dass sie die
eine Verbindung Augustens mit ihrem Sohne zwar zuweilen fürchteten aber nie
wünschten und gewiss nur gezwungen sie zugelassen haben würden sich jetzt
beleidigt fühlten weil man es nicht in ihre Macht gestellt hatte solche
auszuschlagen Sie bildeten sich ein Augustens Verlobung als ein gegen Leo
begangenes Unrecht ansehen zu müssen eigentlich aber verstimmte sie nur die
angeborene Unart mancher Naturen welche nicht ohne heimlichneidische Regung
einen Andern im Besitz dessen glücklich sehen können was sie selbst
verschmähten Unter dem Vorwande dringender Geschäfte welche ihren Sohn schon
gezwungen hätten bei Tagesanbruch ohne Abschied fortzureisen beurlaubten auch
sie sich noch in der nämlichen Stunde und eine allgemeine Erkältung wie man
sie vor weniger Zeit noch nimmer hätte vermuten können begleitete ihren
Abschied
    Der übrige Teil der Gesellschaft ließ sich gerne bewegen noch einige Tage
beisammen zu verweilen um sich des neuen Ereignisses zu erfreuen dessen
unerwartetes und schnelles Entstehen zu mancher abgesonderten Unterhaltung den
Stoff hergeben musste
    Adelberts und Augustens gegenseitiges Wohlgefallen hatte sich indessen weit
früher als Andere und sogar sie selbst es vermuteten in eine herzliche innige
Neigung verwandelt Verlassen verraten an schweren Wunden geistig und
körperlich erkrankt war Adelbert früher nur durch seines Oheims väterliche
Liebe über dem Abgrund der Verzweiflung gehalten worden der jedem sich öffnet
welcher aus goldenen Jugendträumen plötzlich in einer Welt voll höhnender
treuloser verächtlicher Larven zu erwachen glaubt Herminiens Angedenken ließ
nicht ab ihn zu verfolgen es war zu innig mit seinem Dasein verwoben er hatte
nur sie gekannt einzig sie Zu Hause war sie die Sonne seines Frühlings
gewesen auf der Universität beflügelte die nahe Hoffnung auf ihren Besitz
seinen Fleiß im Kriege hatte diese Hoffnung ihm Elend Wunden tiefgefühlten
Schmerz über sein zerrüttetes Vaterland ertragen helfen Sie schwand und mit ihr
der leitende Stern seines Lebens Er blickte auf die kurze Laufbahn die er
zurückgelegt hatte Überall seit er ins tätige Leben trat starrte
mannichfaches Unrecht Elend und Verrat ihm entgegen seine Jugend fiel in eine
sehr trostarme Zeit in der auch die Zukunft sich immer düsterer verhüllte Was
blieb ihm daher anders als jene ungemessene Sehnsucht zu sterben welche so
leicht die Jugend zu ergreifen und in trübe Untätigkeit zu versenken pflegt Da
strahlte plötzlich Gabrielens mildes Licht in die trübe Nacht seiner Schwermut
er sah wie fromm wie ergeben wie freundlich sie einen großen Schmerz trug
dessen Dasein zwar keine Klage verriet aber ihr ganzes Wesen bezeugte Er
blickte zu ihr auf wie zu einem höheren Wesen wie zu einer Heiligen der man
nur in demütiger Ferne nachzustreben wagt Ihr Mitleid ihre Teilnahme an
seinem Geschick nahm er als einen unverdienten Beweis ihrer Huld bis sie ihm
entschwand und Auguste an ihre Stelle trat Auch diese war freundlich mild
teilnehmend und voll zarter Schonung Weniger überirrdisch als ihre Freundin
schien sie in ihrem fröhlichen Jugendglanz ihm näher zu stehen Ihr
anscheinendes Verhältnis zu Leo von Wallburg beunruhigte ihn nicht er wähnte
sich auf ewig von jedem Anspruch in Liebe und Glück ausgeschlossen um so
getroster überließ er sich der süßen Gewohnheit nur in Augustens Nähe zu leben
Tausend Zufälligkeiten banden mit unsichtbaren Fäden ihn immer fester an sie
jeder Tag brachte ihm neue Beweise ihrer zarten Teilnahme an allem was ihn
betraf besonders rührte ihn ihr Bestreben die Angst um Gabrielens Geschick
das er veranlasst zu haben glaubte von seiner Seele zu nehmen So lebten beide
über zwei Monate lang im wechselndem aber stets freundlichem Verhältnisse neben
einander Auguste freute sich am Gelingen ihres Strebens das verfinsterte
Gemüt eines edlen Menschen zu erheitern ihn der Welt und dem Leben wieder zu
geben die so viel Ansprüche an ihn hatten sie gewann ihn lieb wie Frauen
alles lieb gewinnen dessen sie mit treuer Pflege sich annehmen Jeder Tag
lehrte sie Adelberts schönen reinen Sinn besser kennen und Leos wechselndes
Benehmen fing an sie immer weniger zu interessieren So nahte die Zeit der
Trennung und Adelbert wie Auguste gewahrten erst jetzt wie viel sie indessen
einander geworden waren Der General hatte ohne es zu wollen ihrer Unterredung
nach dem Schauspiel zugehört längst bemerkte er mit innigem Wohlgefallen aber
ganz in der Stille das Heranblühen der Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches
und der jetzige Moment schien ihm günstig durch sein Hinzutreten alles zu
ordnen und mit klarem Sinn dem jungen Paare in der eignen Erkenntnis seiner
selbst zurecht zu helfen
    Und so geschah es denn bald dass liebend und freudig Auguste ihre Hand
abermals in Adelberts legte um sie ihm nie zu entziehen Entzückt drückte
dieser das liebliche Wesen an seine Brust das ihm zum Lohn für den Kampf um
Vaterland und Ehre die mit Rosen der Liebe durchflochtene Bürgerkrone
häuslichen Glücks bot Zwar fühlte er nicht die flammende Glut welche in einem
ähnlichen Momente an Herminiens Seite ihn Sinnenverwirrend zu einer Zeit
ergriffen hatte von welcher er jetzt gern den Blick abwandte ohne sie doch
ganz vergessen zu können Er fühlte sich aber um so glücklicher je ruhiger er
war denn diese Ruhe nahm er als das Pfand einer heitern segensreichen Zukunft
die aus Augustens seelenvollem Auge ihm lächelnd winkte Auguste war zu
glücklich um der unlängst verflossenen Tage oft zu gedenken in welcher Leo sie
umflattert hatte und geschah es ja zuweilen so erschienen sie ihr wie ein
jugendliches Spiel aus dem zu ihrem eigenen großen Glück nicht Ernst geworden
war
    Von Frau von Willnangen mütterlicher Freude von Ernestos Triumph über den
Scharfblick mit dem er Augustens Herz durchschaut hatte schweigen wir In
Adelberts Begleitung traten beide mit Augusten froh und hoffnungsreich den Weg
in ihre Heimat an wohin ihnen der General noch vor Ende des Winters zum
Hochzeitfeste zu folgen versprach
Ein langer Brief von Gabrielen der erste ausführliche begrüßte Frau von
Willnangen bei ihrer Ankunft zu Hause
    »Ich weiß es« schrieb Gabriele »ich weiß Ihr mütterlich liebendes Herz
sehnt sich schon lange nach genauer Kunde vom Geschick des armen verwaisten
Wesens das Ihnen so viel ach so unendlich viel verdankt aber ich weiß auch
Sie lassen statt aller Entschuldigungen meines bisherigen Schweigens die bloße
Versicherung Ihrer Gabriele gelten dass sie nicht schrieb weil sie es nicht
konnte weil sie nichts zu schreiben wusste so sonderbar dieses auch klingen
mag
    Den äußern Gang meines Geschicks meldete Ihnen Ernesto er der
teilnehmende Augenzeuge vermochte dies weit besser als ich Schwindelnd
beinahe bewusstlos den widerstrebendsten Gefühlen zum Raube war ich vom Wirbel
des Lebens fortgerissen worden Jede schicksalsschwere Minute übergab mich der
ihr folgenden ich konnte kaum die Gegenstände erkennen an denen ich
vorübergeschleudert ward bis zur unabänderlichen Entscheidung meiner Zukunft
während jene Minuten sich zu weniger als vier und zwanzig Stunden an
einanderreihten
    Sie wissen es ich tat was ich musste ich duldete was keine irrdische
Macht von mir abzuwenden vermochte doch am Ziele schwand meine Kraft Ich ward
krank liebe gütige Frau sehr krank Aus der Betäubung während welcher meine
physischen Kräfte sich wieder gesammelt hatten erwachte ich zum tiefsten
Schmerz über den Tod meines Vaters ich blickte in meinem Jammer um mich her
nach Trost ich erkannte den treuen Freund Ernesto und Annetten alles andere
aber war mir fremd wildfremd ich selbst sogar ich und meine künftige
Bestimmung Das Fremde aber soll man nie beurteilen bis es zum Bekannten
geworden ist damit später keine Ungerechtigkeit uns zu Schulden komme Darum
musste Ihre Gabriele wohl schweigen es währte lange ehe ihr alles klar ward
    Nun bin ich genesen bin meiner selbst wieder mächtig Ich erkenne mich
wieder mein Gefühl mein Sein mein Leben alles was mich umgibt ist mir
deutlich geworden so dass ich es nun wagen darf Ihnen von allem Rechenschaft
abzulegen Vorahnend sehe ich wie bei Lesung dieser Stelle meines Briefs Ihr
Herz höher schlägt wie Furcht vor der nächsten Zeile sie ergreift und Sie
Klagen erwarten lässt welche alle Ihre Güte und Liebe nicht zu stillen vermögen
Nein geliebte mütterliche Frau beruhigen Sie sich Ihre Gabriele klagt um
nichts als um den Tod ihres Vaters Der lebensmüde Greis ruht im Grabe sanft
und still von einem Dasein aus das er ich bin dessen überzeugt um keinen
Preis wieder aufnähme Gern und schnell entfloh sein entfesselter Geist zu
Regionen des Friedens darum sollte ich nicht trauern Aber ich bin eigennützig
und in den Tiefen meines Herzens regt sich der Glaube dass es meinem Streben
gelungen sein würde ihm auch dieses irrdische Dasein wieder lieb zu machen
wäre er mir nur nicht sobald entschwunden Es dünkt mich oft hart dass kaum ein
einziger Augenblick seiner Zufriedenheit mir zum Lohne meines Gehorsams ward
und oft muss ich gewaltsam mich zusammennehmen um mich daran zu erinnern dass
ich ja mein eigenes Heil bereitete indem ich ihm gehorchte dass ein qualvolles
Dasein innere unauslöschliche Vorwürfe mein Loos geworden wären wenn er in
Unfrieden mit mir dieses Leben verlassen hätte
    Und hast du denn Heil dir bereitet bist du glücklich Gabriele So höre ich
Sie fragen Glücklich meine teure Freundin glücklich ist undenkbar viel Wer
ist denn glücklich Die Kinder sind es auch ich war es da ich ein Kind war
Ich war es auch noch in einem einzigen Tränenund Wonnenreichen Moment an der
ersten Grenze der Jugend die jetzt in meinem kaum angetretenen achtzehnten Jahr
mir schon so fern zu liegen scheint Und später als die segnende Hand meines
Vaters meine Stirn berührte sein Dank bis in die tiefste Tiefe meines Gemüts
erklang war ich da nicht auch glücklich Ja ich erkenne es dankbar ich war es
wenn gleich nur in seligen Momenten Mir wurden Lichtpunkte im Leben wie
Wenigen und damit darf das Kind Ihrer Wahl sich zufrieden gestellt dünken
»Gabriele du weichst der Wahrheit aus du sprichst von der Vergangenheit und
verhehlst mir die Gegenwart« Nein geliebteste Frau ich weiche nicht aus
ehrlich und offen wie immer will ich Wahrheit Ihnen geben
    Ich bin zufrieden denn ich bin resignirt möchte ich sagen wenn Sie diesen
fremdartigen Ausdruck für den ich aber in unserer Sprache keinen Ersatz zu
finden weiß nicht in zu trübem Sinne nehmen wollen Friede mit mir selbst aus
reinem Bewusstsein entsprossen gibt meinen Tagen Heiterkeit und meinen Nächten
Schlaf Was darf ich mehr wollen Alle jene Übungen jene süßen
Beschäftigungen die ich sonst unter Ihren Augen trieb füllen auch jetzt in der
Einsamkeit meine Stunden vergnüglich aus mir bleibt Zeit für alles was sonst
auch mir lieb war Meine äußern Umgebungen lassen mir nichts zu wünschen übrig
Eine reiche Kupferstichsammlung mehrere vorzügliche Gemälde plastische
Kunstwerke eine in frühern günstigern Jahren gesammelte reiche Bibliothek sind
der Schmuck unseres Hauses und stehen mir stündlich zu Gebot Wir wohnen in
einer entzückenden Gegend mit unaussprechlicher Sehnsucht male ich mir des
Frühlings Erwachen in diesen wunderherrlichen Tälern auf diesen Rebenhügeln
wenn um sie die grünen Wogen des von Eisesbanden befreiten Stromes den
fröhlichen Tanz wieder beginnen werden
    Herr von Aarheim er selbst wünscht es dass ich stets so ihn nenne Herr von
Aarheim begünstigt freundlich und nachsichtig alle meine kleinen Liebhabereien
er ist wohlwollend aufmerksam und gütig gegen mich Ob er manche Sonderbarkeit
die uns bei seinem ersten Anblick von ihm auffiel teilweise abgelegt hat oder
ob Gewohnheit sie mir weniger auffallend macht wage ich nicht zu entscheiden
so viel ist gewiss dass diese seine Angewöhnungen sehr selten störend in unser
häusliches Leben eintreten und wo sie es könnten fühle ich die Verpflichtung
jeden Misston schonend und zuvorkommend abzuwenden so viel dies in meiner Macht
steht Auch ohne das Band durch welches mein Vater in seinen letzten Stunden
mich Herrn von Aarheim vereinte wäre er als mein nächster Verwandter zugleich
der natürliche Vormund und Beschützer meiner Jugend gewesen und als solcher
berechtigt Achtung und Fügung in seinen Willen von mir zu fordern Meine
jetzige Verbindung mit ihm macht mir beides zur heiligsten Pflicht ich übe sie
gern und seine wohlwollende nachsichtige Art mir zu begegnen erleichtert mir
vieles
    Wahr ist es wir leben sehr einsam die Nachbarschaft ist wie ausgestorben
alles nun dem Winter auf dem Lande ausgewichen dem lustigen Leben in den
Städten zugezogen nur wir allein von allen Güterbesitzern der Gegend sind hier
geblieben Doch Sie wissen Einsamkeit war von jeher die Freundin meiner Jugend
und jetzt bedarf ich ihrer doppelt Denn ich hatte und habe noch manches mit mir
allein abzumachen wozu ich vieler Zeit bedarf Herr von Aarheim glaubt auch es
wäre gut wenn ich ehe ich in die Welt gehe mich erst in häuslicher Stille an
meine jetzigen Pflichten gewöhne und lerne was künftig mir obliegen wird zu
verwalten Ich fühle wie sehr er Recht hat und selbst wenn ich seinen Gründen
etwas entgegen zu setzen wüsste würde ich aus Wahl vermeiden es zu tun denn
das stille Familienleben auf dem Lande hat auch im Winter für mich großen Reiz
Sehnte ich mich nur nicht so unaussprechlich und oft nach Ihrer und Augustens
lieber Gegenwart Vermisste ich nur nicht so schmerzlich den heitern belehrenden
Umgang Ernestos des treuen vielerfahrnen Freundes
    Herr von Aarheim gedenkt im nächsten Spätjahre eine Reise nach Italien zu
unternehmen Vielleicht gelingt es mir dann während der Zeit seiner Abwesenheit
mich in Ihrer geliebten Nähe für die lange Trennung von Ihnen zu entschädigen
Oft wenn mich gar zu sehr nach Ihnen bangt beschwichtige ich mich selbst mit
dieser lieben Aussicht Es wird mir ja hoffentlich nicht schwer werden Herrn
von Aarheims Zustimmung zu einem Besuche bei Ihnen zu erhalten Zwar liegt es in
seinem Reiseplan dass ich ihn begleiten soll aber ich bin entschlossen dieses
nicht zu hun und ich werde zu Hause bleiben weil ich es für besser achte
jetzt noch Ottokars Nähe zu meiden
    Ottokar Da steht er der Name den ich je wieder zu nennen mir einst auf
ewig verbieten zu müssen glaubte und meine Hand zitterte nicht indem ich ihn
jetzt niederschrieb Dass er dasteht sei Ihnen Bürge meines innern Friedens es
ist der Name des Schutzgeistes meiner jetzigen Ruhe und der ganzen Zukunft
meines Lebens Jetzt erst verstehe ich die wahre Meinung meiner verewigten
Mutter wenn sie mich lehrte Liebe ist der Quell unaussprechlicher Seligkeit
durch sich allein ohne Hoffnung ohne Erwiderung ohne Wunsch sogar Ja
wahrlich in dieser höchsten Reinheit muss sie die Seligkeit der Engel sein die
von uns unerkannt schützend uns umschweben
    Ich denke Ottokar und bin versöhnt mit allen Ereignissen die in einer Welt
mich treffen können in welcher auch er lebt um seinetwillen liebe und ertrage
ich alle Menschen die mich in meinem Wirkungskreis berühren die guten wie die
bösen die freundlichen wie die widerwärtigen Er ist mir fern und nie
vielleicht sehe ich ihn wieder aber er lebt lebt wirklich ist nicht das
Geschöpf meiner Fantasie Dass ich dieses mit Überzeugung weiß beseligt mein
Gemüt mit unnennbarem Frieden In mir regt sich auch nicht der leiseste Wunsch
dass etwas in unserem gegenseitigen Verhältnisse anders wäre als es ist Darum
reise ich nicht nach Italien denn alles muss so bleiben Der Schmerz der
Trennung ist vorüber und nun halte ich mich an die Seligkeit ihn gefunden zu
haben Meine Liebe ist ja nur Freude an seinem schönen Dasein und diese wird
mich begleiten bis an mein Grab sie wird mich bewahren rein und treu mich
schützen vor jeder zerstörenden Leidenschaft sie kann nicht vergehen so lange
ich lebe und sie zu erhalten braucht es keines Wiedersehens
    Gewiss meine liebevolle zweite Mutter Sie zittern nicht für Ihr Kind bei
diesem Bekenntnis Zittern Sie nicht Ohne Erröten darf ich sogar in Herrn von
Aarheims Gegenwart Ottokars gedenken ich dürfte es wäre der Mann dem mein
Vater mich verband zugleich der Gegenstand meiner freien Wahl Ich kenne den
ganzen Umfang der heiligen ernsten Pflicht die mir auferlegt ward aber mein
Herz schlägt ruhig und zeiht mich keiner Untreue Vor dem Altare gelobte ich
Treue dem Gemahl gefällige Achtung Ergebenheit und liebevolle Teilnahme an
allem was ihn berührt in Freude und Leid mehr kann niemand geloben und ich
werde halten was ich versprach Was aber hat dieses Geloben mit dem Gefühl zu
tun das mein inneres Dasein mit Ottokar aufs innigste verwebt Dieses ist
nicht von dieser Welt hat mit ihr so ganz und gar keinen Zusammenhang dass jede
ihrer Einrichtungen es nur enteiligen könnte Wozu jemals geloben Ottokar ewig
zu lieben Gelobt man denn zu leben zu atmen Das kommt ja alles von selbst
und die Liebe die ich meine ist ja nur reines äterisches Leben ohne Absicht
ohne Wollen entstanden und kann nie vergehen Wie ich Ottokars so trug meine
Mutter Ferdinands Bild in reiner treuer Brust und sie war das Muster der
Frauen
    Sie sehen demnach meine teure zweite Mutter Sie können ruhig sein um Ihr
entferntes Kind Ich bin zufrieden Im Äußern nichts das tief mich verletzen
könnte im Innern Kraft und Mut Liebe und Frieden Was darf der arme Mensch
vom Schicksal Höheres fordern Ich wende den Blick hinab auf die Tausende die
neidend zu mir heraufblicken und schaue nicht hinauf zu jenen denen ein
vollerer Freudenkranz von wenigern Dornen durchflochten gereicht ward als
mir«
Wer einer Feuersbrunst oder der Raubsucht plündernder Feinde alle seine Habe
hingegeben sah der nimmt was unverhofft ihm gerettet ward so dankbar auf als
wäre es ein Geschenk In der ersten Freude über das schon verloren Geglaubte
dünkt man sich anfangs mit dem zehnten Teil seines Eigentums beinah reicher
als vorher im Besitz des ganzen und nur allmählig gewöhnt man sich wieder ein
jedes gehörig zu würdigen
    Gleich einem solchen dem Feuer oder den Feinden entrissnem Kleinode
betrachteten Gabrielens Freundinnen diesen ihren ersten Brief seit ihrer
Vermählung Mit innerem Zagen und mit widerstrebender Hand hatte Frau von
Willnangen ihn entsiegelt sie fürchtete in herzzerschneidenden Klagen ihres
Lieblings die traurige Bestätigung aller der trüben Ahnungen lesen zu müssen
welche Gabrielens Geschick ihr in den dunkelsten Farben vorspiegelten Was sie
von ihr las übertraf daher so ganz ihre Erwartung dass wenig daran fehlte sie
hätte sich dadurch verleiten lassen sie glücklich zu preisen Freilich schwand
dieser erste Freudentaumel früh genug aber der tröstende Eindruck konnte
dennoch nicht gänzlich verlöschen Allen den lieben Sorgen allen den
mannigfaltigen Beschäftigungen welche Augustens Ausstattung und Vermählung
notwendig machten unterzog sich Frau von Willnangen von nun an mit weit
leichterem Herzen und auch die junge Braut gab an Adelberts Seite sich dem
Glück unbefangener hin als zuvor Gabrielens trauernde Gestalt war in manchen
Momenten oft wie ein stiller Vorwurf zwischen Augusten und die Freude getreten
Die Überzeugung dass die geliebte Freundin weit weniger beklagenswert sei als
sie es sich gedacht hatte schien ihr jetzt erst die rechte Erlaubnis zu geben
es sich selbst zu gestehen wie glücklich sie sich fühle
    Der General Lichtenfels und Adelbert teilten freudig die Hoffnungen
welchen Frau von Willnangen und ihre Tochter sich so unbedingt überließen nur
Ernesto ward sichtbar trübe und verstimmt nach Lesung des Briefes der alle
andern beruhigt hatte Verstummend gab er ihn in die Hände der Frau von
Willnangen zurück und antwortete nur mit einem halberstickten Seufzer und
abgewandtem Blicke ihren um Bestätigung des eignen frohen Gefühls bittenden
Augen
    Nicht Gabrielens gegenwärtige Lage beängstigte so den treuen Beschützer
ihrer Jugend Er kannte die Elastizität ihres Gemüts dessen Kraft zum Guten
durch Übung auch der schwersten Tugend nur erhöht nicht gemindert werden
konnte und baute fest darauf Aber seit er Gabrielens Brief gelesen hatte
vermochte er es nicht ein banges Vorgefühl künftigen Unheils von sich
abzuschütteln Er zitterte vor dem Gedanken sie einst vielleicht bald die
tiefe Einsamkeit verlassen zu sehen in welcher ihr jetzt alle ihre Tage in
steter Dämmerung von lieben Erinnerungen umgaukelt hinschwanden Denn Ruhe
ungestörte einförmige Ruhe dieses trübe Surrogat des Glücks waren seiner
Überzeugung nach alles was die Freunde der armen Gabriele dieser von nun an
noch wünschen konnten damit nichts sie völlig aus dem schönen Traume erwecken
möge den sie wie er fürchtete schon halb erwacht sich noch fortzuträumen
bemühte
Es hatte wirklich den Anschein als ob Ernestos fromme Wünsche für Gabrielens
Ruhe auf das pünktlichste in Erfüllung gehen sollten denn sie lebte lange Zeit
am schönen Ufer des Rheins in abgeschiedener beinahe klösterlicher Einsamkeit
Nie sah man sie außerhalb des Bezirks der zu ihrem Schloss gehörenden
Gartenanlagen als in Herrn von Aarheims Gesellschaft höchstens mochte sie es
zuweilen an schönen Abenden wagen allein oder nur von Annetten begleitet in
ihrer Gondel auf den goldig grünen Wellen des Stroms hinzugleiten Argwohn und
Eifersucht hatten ihrem Gemahle gelehrt sie von allen Seiten so schlau
einzuengen dass es gar keines ausdrücklichen Verbots von ihm bedurfte um
Gabrielen jede Verbindung mit der Außenwelt unmöglich zu machen Dass man in
seinem Schloss nach englischer Sitte die Tageszeiten einteilte die
Frühstücksstunde auf den Mittag die Mittagsstunde auf den Abend verlegte damit
war schon ein großer Schritt zur Absonderung von der ganzen Nachbarschaft
geschehen der größte aber dadurch dass Moritz bei seiner Ankunft unterließ mit
seiner jungen Gemahlin die gewohnten Besuche zu machen um sie vorzustellen
    Nichts wird strenger und sichrer geahndet als eine solche absichtliche
Verletzung der allgemein hergebrachten Sitte besonders in kleinen Städten oder
in einem nachbarlichen Kreise auf dem Lande Man erklärt sich dadurch selbst in
die Acht und alle die mit denen nicht sein zu wollen wir bezeigen halten sich
durch unser Verfahren berechtigt wider uns zu sein
    Die arme Gabriele würde dieses schwer empfunden haben hätte ihre natürliche
Anspruchslosigkeit sie nicht verhindert zu bemerken wie man bei allen
Gelegenheiten sogar ihre Existenz zu ignoriren beflissen war Auch das aller
unbedeutendste Geschöpf kann nicht so total übersehen werden als sie es wurde
so oft ein seltener Zufall sie in die Nähe derer brachte welche Herr von Aarheim
ohne ihr Zutun beleidigt hatte Dieser fühlte das zu seiner großen Kränkung
sehr deutlich und strebte durch tausend kleine Künste es Gabrielen zu
verbergen aber er hätte diese Mühe füglich sparen können denn Gabriele schien
in ihrer Lebensweise nicht die mindeste Abweichung vom allgemein Üblichen zu
finden Briefe welche sie von den Freunden ihrer Jugend empfing oder an sie
schrieb waren in ihrem gleichförmigstillen Leben die einzige Auszeichnung
eines Tages vor dem andern und eine unbestimmte süße Sehnsucht bemächtigte sich
ihrer allmählig in dieser ungestörten Einsamkeit Oft saß sie Stundenlang
allein das blühende Lockenköpfchen auf die weiße Hand gestützt in dämmernden
Träumen verloren Hell und einzeln perlten Tränen unter den langen seidenen
Augenwimpern hervor und fielen langsam herab wie wenn der West eine
tropfenschwere Rose wiegt Ein namenloses süßes Weh durchzuckte schmerzlich und
freudig ihr volles Herz dann nannte sie leise Ottokars Namen und blickte
verwundert gleichsam sie zählend auf die Tränen die ihrem Auge entquollen
sie wusste nicht warum Zum Glück wurde Frau von Willnangen und Ernesto durch den
Ton der in Gabrielens Briefen vorzuherrschen begann auf die jetzige Stimmung
ihres Lieblings sehr bald aufmerksam gemacht und ihre warnende Stimme kam nicht
zu spät um die Träumerin zu erwecken
    Gabriele riss sich mit gewohnter Kraft plötzlich empor Die Gefahr bei diesem
süßen Verlieren in sich selbst entging von nun an ihrem klaren Blicke nicht
noch weniger die Notwendigkeit in nützlicher Tätigkeit Schutz gegen jene
Lähmung des Geistes zu suchen deren leises Heranschleichen sie jetzt deutlich
erkannte Ein würdiger Gegenstand dieser Tätigkeit zeigte sich ihr so wie sie
nur Gewalt genug über sich gewann den Blick auf das ihr Zunächstliegende zu
wenden
    Seit Moritz so einsam auf dem Lande lebte hatte er sich mit seiner
gewohnten Oberflächlichkeit auf die praktische Oekonomie geworfen Und sie bot
seiner Vorliebe für neue Erfindungen ein unübersehbares Feld Täglich ward etwas
Neues unternommen sein unruhiges in sich selbst sich zersplitterndes Wesen
erlaubte ihm aber nicht irgend etwas vollenden zu lassen Was gestern erbaut
ward musste heute wieder eingerissen werden Menschen und Tiere wurden
stündlich von den notwendigsten Feldarbeiten abgerufen um zur Fröhnung irgend
einer momentanen Laune ihres Gebieters ihre Kräfte herzuleihen Die alten treuen
Arbeiter welche an dem Boden den ihre Urgrossväter schon im Schweiße ihres
Angesichts gebaut hatten sich eine Art von Anrecht erworben zu haben glaubten
sträubten sich vergebens gegen dieses Verfahren vergebens verteidigten sie
ihre alte Art das Land zu bauen mit dem dem Landmann eignen Widerwillen gegen
alle Neuerungen Die Starrsinnigen wurden des Dienstes entlassen und Fügsamere
traten an ihre Stelle Pflüge und Pflüger Hirten und Heerden Pflanzen und
Gärtner wurden mit unendlichen Kosten aus dem Auslande verschrieben aus
England aus der Schweiz aus Spanien sogar Die Umgegend füllte sich mit
fremdartigen Gestalten Abenteurer aller Art drängten sich herbei welche Herrn
von Aarheim mit den niedrigsten Schmeicheleien zu gewinnen wussten und die ganze
Nachbarschaft sah in stiller Schadenfreude zu wie er der sich das Ansehen gab
klüger sein zu wollen als alle auf das gröbste hintergangen ward
    Alle diese Missbräuche konnten Gabrielen nicht entgehen sobald sie mit Ernst
um sich blickte und indem sie solche gewahrte musste sie zugleich die
Verpflichtung fühlen die gutmütige Schwäche ihres Gemahls nicht länger als
untätige Zuschauerin missbrauchen und verspotten zu lassen Das Beispiel ihrer
Mutter schwebte ihr vor die mit sanfter Hand und klugem Auge der Verwaltung der
Güter von Schloss Aarheim vorgestanden hatte und das Gefühl wie unendlich viel
zur Erreichung dieses Vorbilds ihr noch mangle durfte Augustens Tochter nicht
abschrecken ihm wenigstens von ferne nachzustreben Zum Glück fand Gabrielens
Unerfahrenheit bald einen verständigen und treuen Beistand in einem alten
Wirtschaftsbeamten dem einzigen aus der vorigen Zeit der unter einem wüsten
Haufen aus allen Teilen Europens zusammen gelaufnen Gesindels noch da stand
Eine Art von Scheu vor seiner durch lange Dienstjahre bewährten Treue hatte
Herrn von Aarheim abgehalten ihn gleich den übrigen alten Dienern zu
entlassen
    Die Gärten waren der erste Gegenstand welchen Gabriele unter ihre besondere
Obhut nahm Dies schöne Gebiet gehört ohnehin wenigstens zur Hälfte in das
Reich der Frauen und Herr von Aarheim trug freudig seiner Gemahlin alle vom
Gartenbau handelnde Bücher aus seiner Bibliothek selbst herbei sobald sie nur
den Wunsch äußerte sich mit der Oberaufsicht desselben zu beschäftigen Der
Gedanke dass Gabriele beginne an seinen Verbesserungsplanen Teil zu nehmen
entzückte ihn um so mehr da seiner Meinung nach gerade der Teil derselben
welchen sie erwählte sie immer mehr von der Außenwelt trennen und in die Nähe
des Schlosses bannen musste
    Sie begann ihr neues Geschäft mit dem größten Eifer zu treiben Die Tische
in ihrem Zimmer waren bald mit Plänen zu Gartengebäuden Anlagen und
Treibhäusern aller Art bedeckt sie kamen nach und nach unter ihren durch
vieles Zeichnen geübten Augen ins Dasein und der große Garten ward unter ihrer
Leitung sehr bald ein Paradies voll Duft und Blumen und Früchte Herr von
Aarheim im Entzücken über das Gedeihen der exotischen Pflanzen welche er mit
großen Kosten aus fremden Ländern hatte kommen lassen übersah es gern dass
Gabriele deshalb auch die Einheimischen nicht verbannte und Weinstöcken und
Obstbäumen nicht minder die ihnen zukommende Pflege angedeihen ließ als dem
Pisang oder der Ananas
    So verging das erste Jahr ihrer Ehe Übung vermehrte Gabrielens Kraft und
Moritz bemerkte mit Erstaunen die ernste Tätigkeit seiner jungen Gemahlin Die
Gewandtheit die Sicherheit die Ruhe mit der sie alles vollbrachte was sie
unternahm erregten seine Bewunderung während ihr ganzes Betragen ihm eine
Achtung einflößte vor der das ängstliche Misstrauen mit welchem er sie bisher
bewacht hatte es wenigstens nicht wagte sich zu zeigen Seine innere Unruhe
die ihn von jeher rastlos in der Welt nach Neuigkeiten herumjagte erwachte so
wie er in Hinsicht auf Gabrielen ruhiger zu werden begann und unwiderstehlicher
als je fühlte er in sich den Wunsch ihr nachgeben zu dürfen Des ökonomischen
Steckenpferdes so wie der ländlichen Einsamkeit war er eigentlich längst
überdrüssig geworden nichts konnte ihm daher erwünschteres kommen als dass
Gabriele späterhin ihre Neigung erklärte sich nicht allein der Gärten sondern
auch der ganzen Verwaltung des Gutes anzunehmen Er fand die Bereitwilligkeit zu
bequem mit der sie ihn so mancher ihm jetzt höchst lästigen Sorge überhob als
dass er sie sich nicht recht gern hätte gefallen lassen sollen um so mehr da er
sich dabei das Ansehen geben konnte als erzöge er sich in seiner Gemahlin eine
Schülerin seiner außerordentlichen ökonomischen Kenntnisse Vielleicht war er
auch eitel genug sich dieses selbst einzubilden während Gabriele nach dem
Rate ihres redlichen Inspektors allmählig alle schädliche Neuerungen abstellte
welche Herr von Aarheim eingeführt hatte und nur die bessern beibehielt ohne
dass dieser irgend eine Veränderung bemerkt hätte Immer sorgloser fasste er
endlich gar den Mut Gabrielen erst auf Tage sodann auf Wochen sich selbst zu
überlassen und zuletzt sie zur unumschränkten Regentin seines Gutes und seines
Hauswesens zu machen während er in den naheliegenden Städten umherzog oder
sich auf kleinen mineralogischen Reisen in das Gebirge vertiefte
    Bald unter dem Vorwande des Heimwehs bald ganz ohne Abschied in der Stille
verschwanden nun auch nach und nach die fremden Abenteurer welche Herr von
Aarheim früher um sich her versammelt hatte eigentlich wohl weil keiner von
ihnen unter der Oberaufsicht des alten Inspektors mehr seine Rechnung fand Die
alten von ihnen vertriebenen deutschen Gesichter erschienen wieder doch Herr
von Aarheim nahm von allen diesem keine Notiz Wenn er zuweilen eine Säemaschine
oder einen neuerfundenen Pflug in Aktivität erblickte war er vollkommen
zufrieden gab sich das Ansehen als sei er überzeugt dass alles noch nach
seiner Vorschrift betrieben werde und vermied jede Aufklärung oder Rechenschaft
welche Gabriele ihm zu geben stets bereit war Sein ewig wechselnder Sinn hatte
ihn eigentlich dem Himmel zugeführt indem er ihn der Erde abwendete und es war
nicht sowohl Vertrauen in Gabrielens Kenntnisse als Überdruss und Eckel an
seiner ehemaligen Lieblingsbeschäftigung was zu diesem Benehmen ihn bewog
Quadranten Globen Ferngläser aller Art gaben jetzt seinen Zimmern das Ansehen
eines Observatoriums aus welchem Fellenberg Taer und Arthur Young völlig
verbannt wurden denn Astronomie war für dem Augenblick sein Lieblingsstudium
geworden Diese neue Leidenschaft begann endlich ihn so mächtig zu beherrschen
dass er der früher die Reise nach Italien aufgegeben hatte um Gabrielen nicht
zu verlassen sich jetzt mitten im Kriege nach England schlich einzig um in
Slowe auf Herrschels hohem Sessel in den Lüften zu schweben mit einem Fernglase
in dessen kolossalen Tubus zu kuken und dessen neuerfundenen Kometenjäger zu
bewundern
So waren drei Jahre verstrichen und Gabriele hatte in steter Einsamkeit fern
von den Freunden ihrer Jugend ihr zwanzigstes Jahr vollendet doch war sie
durch einen ununterbrochenen Briefwechsel mit Ernesto Augusten Frau von
Willnangen sogar mit der guten alten Frau Dalling die rege Teilnehmerin an
allen ihren Leiden und Freuden geblieben Ja dieser war es eigentlich welcher
noch Abwechselung und Bewegung in den Lauf ihres Lebens zu bringen vermochte
denn ihre eigene Existenz glitt so einförmig an ihr vorüber dass das Schwinden
der Tage ihr nur durch den Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar werden konnte Die
Zeit welche sie bei ihrer Tante verlebt hatte die Tage voll Schmerz und Lust
im Hause der Frau von Willnangen ja selbst Ottokars Bild schwebten nur noch in
dämmerndem Scheine vor ihrer Seele wie die Tage der Kindheit vor dem innern
Auge des lebensmüden Greises schweben der liebend noch an ihnen hängt obgleich
er es nicht mehr vermag sie noch deutlich aus der weiten Ferne zu erkennen Im
ruhigen Bewusstsein erfüllter Pflicht aufrecht erhalten durch rege Tätigkeit
konnte Gabriele nicht in dumpfe Apathie versinken Der Anblick der Natur das
Gelingen ihres Strebens ließ sie nicht unergötzt aber kein frohes glückliches
Empfinden rötete je ihre Wangen höher strahlte in ihrem Blick oder
beschleunigte das ruhige Pulsiren ihres Herzens zu rascheren Schlägen Sie war
ruhig so ruhig dass sie fast keinen Wunsch mehr kannte und dieses Gefühl
teilte sie in ihren Briefen ihren Freunden mit Ernesto selbst musste endlich
aufhören für ihre Zukunft besorgt zu sein
    So lange Gabrielens Gemahl in England verweilte setzte sie die eingezogene
Lebensweise fort Gewohnheit hatte sie ihr täglich werter gemacht und bei
Moritzens Heimkehr überraschten diesen überall Beweise ihres unermüdeten
stillen wohlgeordneten Wirkens Was er noch von seiner ehemaligen
Eifersüchtelei beibehalten haben mochte verschwand wie Eis an der Sonne vor
dem ruhigen Blick und der über das ganze Wesen der schönen Frau ergossenen
Würde mit der sie freundlich doch nicht heuchelnd ihm entgegen trat und ihn
willkommen hieß Die englische Manie hatte er ohnehin in England verloren er
kehrte heim fest entschlossen einen neuen Lebensplan zu ergreifen nur
schwankte er noch in der Wahl desselben als bei Gabrielens Anblick ihn ein
freudiger Übermut ergriff Er fühlte plötzlich eine Art von Sehnsucht vor
aller Welt mit dem Glück glänzen zu können dessen eigentlichen Wert zu
würdigen er doch weit entfernt war Sein alter Hang von einem Extrem zum andern
zu eilen ward mächtiger in ihm als je zuvor und er der noch vor kurzem sogar
den Sonnenstrahlen den Anblick seiner Gemahlin gern verwehrt hätte begann jetzt
sehr ernstlich darauf zu denken wie er sie bereden könne den kommenden Winter
in Paris mitten im Strudel der großen Welt mit ihm zu verleben
    Alle seine Gespräche gingen von nun an einzig darauf hinaus ihren
Widerwillen gegen eine solche Veränderung ihres Wohnorts zu bekämpfen und je
inniger sie an ihrer Einsamkeit zu hängen schien je eifriger bezeigte er sich
sie ihr zu entreißen und sie den rauschendsten Vergnügungen wieder zuzuführen
    Inzwischen wurde Herr von Aarheim in England nicht nur der englischen
Lebensweise untreu sondern auch seiner neueren Leidenschaft der Sternkunde Der
Landwirtschaft mochte er sich nicht wieder zuwenden und so schwebte er
wirklich vakant wie nach einem alten Glauben die Seelen der ungetauft
gestorbenen Kinder zwischen Himmel und Erde in tödtlicher Langeweile welche
das ewige Disputiren mit Gabrielen über ihren künftigen Winteraufentalt doch
nicht ganz zu bannen vermochte Ein Zufall brachte ihn endlich auf den Gedanken
die Sorge für Requisitionen Einquartirungen und andere Kriegsübel welche mit
jedem Tage in der Gegend sich häuften in eigener Person zu übernehmen und darin
einen Zeitvertreib zu suchen
    Wie durch ein Wunderwerk lag bis jetzt sein Schloss gleich einer
glücklichen Insel mitten in einem stürmischen Meer Gabriele welche die
Gränzen der nächsten Umgebungen ihrer Wohnung selten zu überschreiten pflegte
hatte noch nie einen der Feinde erblickt die ringsum wenn gleich nicht den
Krieg selbst doch manches Unheil und manche der Unruhen herbeiführten welche
diesen zu begleiten pflegen Sie verdankte diese Schonung den wohlgetroffenen
Maßregeln ihres Wirtschaftsinspektors der als Elsasser der französischen
Sprache kundig genug war um jede Verhandlung übernehmen zu können welche das
Ausheben der Konscribirten der Durchmarsch der Armeen und ähnliche Kriegslasten
notwendig machten Er hatte überdem ein sehr artiges Jagdhaus zum Empfang der
Einquartirungen einrichten lassen es lag nahe am Schloss doch außer dem
Gesichtskreis desselben Dort nahm er einstweilen selbst seine Wohnung und wusste
bald durch freundliches Zuvorkommen bald durch ernstes gefasstes Betragen jeden
Unfug abzuwenden welchen der Übermut der ungeladenen Gäste hätte stiften
können
    Herr von Aarheim seiner alten Weise getreu alles besser wissen zu wollen
war weit davon entfernt zu begreifen wie nützlich diese Einrichtung ihm bis
jetzt gewesen sei Unter dem Vorwande dass die Gegenwart des Inspektors anderswo
nötiger wäre vertrieb er diesen aus dem Jagdschlosse schlug dann selbst seine
Wohnung darin auf und schuf sich ein eigenes System zur Erleichterung der
Kriegslasten sowohl für die Armee als den Landeigentümer Dieses mochte
seltsam genug ausgefallen sein wenigstens war niemand mit den neuen
Einrichtungen zufrieden deren Ausführung Herr von Aarheim persönlich übernahm
und Unmut und Streit traten an die Stelle des ehemaligen gegenseitig guten
Vernehmens Endlich kam es sogar so weit dass Gabriele durch ihr plötzliches
Dazwischentreten ihren Gemahl einst von Misshandlungen retten musste die er
anfangs durch Knickerei und Übermut dann durch feiges ängstliches Betragen
sich selbst zugezogen hatte Ihre unerwartete glänzende Erscheinung machte zwar
aller Fehde gleich ein Ende und Moritz war herzlich froh seine Persönlichkeit
unverletzt gerettet zu sehen aber ihn überlief dabei doch wieder ein kleiner
eifersüchtelnder Schauer Um den neugestifteten Frieden dauerhaft zu gründen
sah Gabriele sich genötigt die fremden Offiziere jetzt in das Schloss selbst
einzuladen Sie folgten ihr mit allen Zeichen der höchsten Verehrung kamen mit
aller Galanterie ihrer Nation jedem Winke der schönen Frau zuvor leisteten
anscheinend jeder ihrer Äußerungen den pünktlichsten Gehorsam fanden es aber
auch zugleich höchst nötig das Schloss des Herrn von Aarheim zum Mittelpunkt zu
machen von wo aus sie ihre Geschäfte in der Umgegend dirigirten und alle ihre
Anstalten deuteten auf einen recht langen Aufenthalt in demselben
    Moritz war zu feig um gegen diese Einrichtung etwas einzuwenden aber ihm
war dennoch gar nicht wohl dabei zu Mute Vor allem quälte seine arme schwache
Seele sich mit der Furcht dass Gabriele bei dieser Gelegenheit sich leicht eine
Herrschaft über ihren Gemahl anmassen könne welche in ruhigern Zeiten ihr wieder
zu entreißen ihm schwer werden möchte Unfähig länger diese Besorgnisse zu
tragen kam er endlich auf den Gedanken ihr die er jetzt nicht mehr nach Paris
zu führen verlangte einen Besuch bei der Frau von Willnangen vorzuschlagen
Eine freudige Aufwallung färbte zum erstenmal seit langer Zeit Gabrielens Wangen
und ihre Augen leuchteten vor Entzücken als sie diesen Vorschlag vernahm
Dankbar ergriff sie ihn mit der gewohnten ruhigen Einsamkeit hatte der
Aufenthalt am Rhein ohnehin seinen höchsten Reiz für sie verloren die Anstalten
zur Reise wurden daher so schnell als möglich getroffen das Gut der
Barmherzigkeit des Himmels und der Aufsicht des treuen Inspektors empfohlen und
kurze Zeit darauf feierte Gabriele im Arme ihrer Freundinnen eine höchst selige
Stunde des Wiedersehens
Nicht in der Stadt in welcher Frau von Willnangen früher lebte und wo Ottokars
Bild Gabrielen auf jedem Schritt entgegen getreten wäre wurde dieses
Wiedersehen gefeiert Die Gestaltung der Zeit welche Gabrielen von den schönen
Ufern des Rheins verbannte hatte auch ihre Freundin bewogen sich mit ihren
Kindern auf das Gut des Generals Lichtenfels zurückzuziehen und Ernesto den
dringenden Bitten seine Freunde zu begleiten nicht widerstehen können So
lebten alle auf dem schönen Schloss im fröhlichsten Verein doch nicht wie
sonst in rauschenden Festen
    Mit freudestrahlendem Blicke wenn gleich noch ein wenig bleich hielt
Auguste von dem Sopha auf welchem sie ruhte eine kleine wenige Tage alte
Gabriele der Freundin auf ihrem Arme entgegen Neben ihr lag ein fünfzehn Monate
älterer rosenwangiger Adelbert und jauchzte laut im lustigen Spiel mit dem
Vater Ein einziger Blick auf die häuslich frohe Gruppe verkündete Gabrielen das
stille Glück dieser Menschen Und als nun Auguste nach dem ersten freudigen
Verstummen des Wiedersehens mit froher Redseligkeit die Ähnlichkeit der
kleinen Gabriele mit der großen zu beweisen suchte als Adelbert seinen Knaben
tanzen lachen und einzelne Töne stammeln ließ um Gabrielen alle
erstaunenswürdige Künste desselben gleich in der ersten Stunde zu zeigen da
perlte eine helle Träne Gabrielen im Auge und ein leiser Seufzer hob langsam
ihren Busen an welchen sie Augusten fester drückte
    Mitleidig betrachtete Frau von Willnangen ihre Gabriele in diesem Moment
doch bald erglühte sie fast zornig bei Moritzens Eintritt der gleich nach der
ersten Begrüßung die Kleidung der Kinder zu untersuchen und zu tadeln begann
dann eine lange Rede über die neuesten Arten derselben hielt welcher niemand
zuhören mochte Zuletzt verlangte er alle in das Schloss gehörende Hunde zu
sehen um einen heraus zu finden der Genie genug besäße zu lernen wie er
vermittelst eines Rades die Wiege des Neugeborenen in Bewegung setzen könne »Er
ist noch wie sonst« seufzte Ernesto leise vor sich hin und hütete sich
schonend Gabrielens Blicken zu begegnen
    Keine Sylbe über ihr gegenwärtiges Verhältnis viel weniger eine Klage
entschlüpfte beim längeren Beisammensein Gabrielens Lippen selbst im
vertrautesten Gespräch mit ihren Freunden Nur überflog zuweilen ein dunkleres
Rot ihre Wangen wenn Herrn von Aarheims Eigenheiten in zu grellem Lichte sich
zeigten und ihre Worte folgten dann schneller wie gewöhnlich auf einander in
dem Bestreben dem Gespräche in welchem er zu unvorteilhaft erschien eine
andere Wendung zu geben Selten misslang ihr dieses und ihre Freunde fühlten sich
oft bewogen es zu bewundern wie künstlich sie dann gerade die wenigen
Gegenstände zur Sprache zu bringen wusste über welche ihr Gemahl mit
erträglicher Sachkenntniss sich zu äußern fähig war Übrigens erschien sie ihnen
in ihrem ganzen Betragen völlig unverändert obgleich alle die Unmöglichkeit
fühlten zu fragen was sie nicht von selbst gestand und was alle sich doch
sehnten zu erfahren Nicht weil sie in geheimnisvolles Dunkel sich hüllte
verloren ihre Freunde den Mut dazu sondern im Gegenteil weil ihr ganzes
Wesen so krystallhell vor ihnen stand dass man keine Nachforschung wagen mochte
um es nicht zu trüben
    Endlich brach Gabriele selbst zuerst dieses Schweigen Es war an einem jener
dunkelhellen warmen Herbstabende wo alles zur wehmütigen Feier einer lieben
Vergangenheit uns auffordert Langsam von keinem Lüftchen berührt sinken die
purpurfarbenen und goldenen Blätter einzeln von den Bäumen herab und ein
seltsames Rauschen flüstert in den Wipfeln während unten auf der Erde die
tiefste Stille herrscht Die Menschen rücken dann näher zusammen und haben
einander lieber als sonst denn alle fühlen ahnungsvoll die Gewissheit des
vielleicht nahen Scheidens und der Vergänglichkeit aller Blüte und aller
Pracht
    Gabriele Frau von Willnangen Auguste und Ernesto saßen in der Dämmerung
allein unter den Säulen vor dem Hause Der General und Adelbert hatten mit dem
überlästigen Moritz schon am frühen Morgen zu einer Jagdpartie sich begeben
wie sie oft taten um den Frauen ein ungestörtes Beisammensein zu gewähren
Vieles aus der Vergangenheit war unter den Daheimgebliebenen schon den Tag über
leise zur Sprache gekommen und aller Gemüt weicher gestimmt Da fragte Gabriele
plötzlich wie an jenem verhängnisvollen Abend vor ihrer Vermählung »Ernesto
haben Sie keine Briefe aus Rom Weiß Ottokar welchen Gang das Geschick mit mir
nahm« setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu
    »Er weiß es er nimmt Teil an Gabrielen wie Gabriele an ihm In wenigen
Jahren vielleicht noch früher hofft er uns alle wiedersehen zu dürfen«
erwiderte Ernesto in einiger Bewegung über die unerwartete Frage Doch fuhr er
bald mit festerer Stimme fort von Ottokars Lage zu sprechen und von dem
Einflusse des gegenwärtigen Ganges der Welt auf diese Er erzählte wie Ottokar
fortwährend in Rom lebe doch für den Augenblick fern von allen öffentlichen
Geschäften und Verbindungen wie er seine Zeit einzig seiner Neigung zur Kunst
widme und der fröhlichen Sorge für einen lieblichen Knaben seinem einzigen
Kinde
    Die sichtbare Bewegung in welche Gabriele bei dieser Nachricht geriet
bestimmte Frau von Willnangen eine Frage nach Aurelien hinzuwerfen um ihrer
jungen Freundin Zeit zu geben sich zu fassen »Aurelia« erwiderte Ernesto
»ist ihrem Gemahl als Mutter seines Sohnes viel werter geworden ohne dass er
deshalb größere Ansprüche an sie machte Er erlaubt ihr gern ihren Launen zu
folgen ihren Aufenthalt nach Belieben zu wählen wenn sie nur zuweilen zu ihm
zurückkehrt Dieses tut sie und ist dann freundlich und angenehm da sie bei
Ottokar keinen Widerspruch antrifft Im übrigen ist sie sich völlig gleich
geblieben Sie erklärt Rom für ein weites ödes Grab in dem die Gespenster
füglich bei hellem Tage herumwandeln könnten und behauptet die Lüneburger
Heide sei in Anmut der römischen Kampagna bei weitem vorzuziehen Deshalb lebt
sie bald in Neapel bald in Florenz oder Venedig Einen Sommer brachte sie in
der Schweiz zu einen Winter in Paris wo die Gräfin Rosenberg nach einem kurzen
Besuch in Deutschland sich für immer niedergelassen zu haben scheint«
    Es ward noch vieles über Ottokars Leben in Rom gesprochen von welchem
Ernesto manche angenehme Einzelheiten zu erzählen wusste Im ferneren Laufe des
Gesprächs bemerkte Frau von Willnangen bedauernd wie wenig Aurelia doch
eigentlich beitrage dieses Leben zu verschönern
    »Sie irren teure Frau« erwiderte schnell Gabriele »oder vielmehr Sie
vergessen wie liebenswürdig Aurelia erscheinen kann sobald sie es will und
bei Ottokar diesem nachsichtigsten aller Menschen muss sie immer es wollen
Gewiss bemerkt er ihre kleinen Schwächen nur um durch sie ihr Freude zu bereiten
und ist dann zwiefach glücklich in ihrem Ergötzen« Alle hefteten bei diesen
Worten aufmerksam und gerührt den Blick auf Gabrielen Sie bemerkte es und fuhr
mit glänzenden Augen weiter fort »Ich danke Gott dass keine neidische Regung je
in meinem Gemüte Raum fand auch danke ich Ihnen Ernesto dass Sie das
freundliche Bild Ottokars mit seinem Knaben mir zum Troste hinstellten an meinen
einsamen Lebenspfad dessen einziger Schmuck Mitgefühl ist und Erinnerung Jetzt
weiß ich dass alles was ich je liebte glücklich ist dort oben oder hier Um
mich her hat der Sturm ausgetobt es ist und bleibt jetzt stille Was kann ich
mehr wollen In meinem Gemüt regt sich kein Wunsch zu einem andern Glück ich
glaube sogar dass ich keines andern fähig wäre selbst nicht an Ottokars Seite
Darum bitte ich Euch alle meine Lieben seid in Zukunft ruhig um mich ich
wandle zwar einsam meinen Pfad aber ich blicke von ihm in die hellerleuchteten
Häuser meiner Freunde in Rom und hier und auch dort hinauf« sprach sie mit
einem zu dem eben aufgehenden Abendstern gehobenen Blicke »Und so« fuhr sie
nach einer kleinen Pause fort »und so fühle ich mich weder allein noch betrübt
und verlassen« Ruhe des Himmels leuchtete bei diesen Worten aus Gabrielens
Zügen und alle fühlten sich näher zu ihr hingezogen Auguste schmiegte mit ihrem
Knaben sich an sie während Frau von Willnangen unter Tränen sie umarmte und
Ernesto ihre Hand ergriff und liebend und bewundernd mit glänzenden Augen sie
betrachtete
    Moritzens lärmende Ankunft scheuchte die Gruppe auseinander seine Stirne
umwölkte sich so wie er sie erblickte und noch am nämlichen Abend kündigte er
den dritten Tag nach diesem als den zur Abreise unwiderruflich bestimmten an Es
war nicht Eifersucht was zu diesem plötzlichen Entschluss ihn bewog aber er
vermochte es nicht die bittere Empfindung niederzukämpfen welche sich allemal
seiner bemächtigte wenn er Gabrielen im kleinen stillen Kreise ihrer Freunde
erblickte in Liebe sie umfassend und von ihnen umfangen Ein dumpfes
Bewusstsein wie fremd und fern er selbst ihr bleiben müsse obgleich es ihm
vergönnt war sie die Seine zu nennen regte ihn stets zu einer Art Ingrimm
gegen diese Freunde auf und unerachtet der Gefälligkeit und Güte mit der man
ihm entgegenkam ergriff er freudig die erste Veranlassung ihnen mit Gabrielen
zu entfliehen
Am Morgen ihrer Abreise stand Ernesto vor dem Schloss unter den nämlichen
Säulen wo sie vor zwei Abenden noch alle im herzlichen Vereine versammelt
waren Sinnend blickte er dem Wagen nach in welchem Moritz triumfirend über
Gabrielens Freunde sie ihnen entführte bis auch die letzte Staubwolke seinem
Blick entschwand Dann wandte er sich schmerzlich aufseufzend und gewahrte
dicht neben sich Frau von Willnangen die forschend ihn betrachtete
    »Sie sind betrübt« sprach sie »und ich bin es mit Ihnen denn seit ich
Gabrielens liebe Gestalt in diesen Räumen einmal erblickte werde ich sie immer
um so schmerzlicher vermissen Da wir aber scheiden mussten so gereicht es mir
doch zum Troste dass sie nicht mehr allein mit dem langweiligsten Narren der
Welt in jenem alten Raubschloss am Rhein hausen wird Sie geht wenn gleich nicht
einer glücklichen doch einer heiterern Existenz entgegen wie ihre Jugend sie
fordert Sie scheinen meiner Meinung nicht zu sein Ernesto Sie der
Geselligste Lebensfrohste unter uns Ich glaube fast Sie fürchten den
Eindruck welchen die Vergnügungen der Residenz auf Gabrielen machen könnten
und ich gestehe es Ihnen ich begreife weder Sie noch Ihre Sorgen Was kann die
große Welt einem so erprobten Gemüte wie das von Gabrielen ist anhaben Ach
leider wissen wir es ja es gibt für sie weder Hoffnung noch Gefahr der kurze
Frühling meines armen Kindes ist dahin und wird nie wieder erwachen«
    Schweigend stand Ernesto eine Weile da dann nahm er nach seiner gewohnten
Art zu einem Gleichniss seine Zuflucht »Hörten Sie nie« sprach er zu seiner
Freundin »hörten Sie nie von jenem Baume dessen beim ersten warmen
Frühlingshauch erscheinende Blüten mit allen Wundern des frühen Lenzes sich
befreunden mit Schneeglöckchen und Krokus mit Himmelsschlüsseln und Veilchen
und dann verschwinden wenn die Sonne höher steigt Der Sommer findet von ihnen
keine Spur mehr aber neue Blüten entstehen dann an der Stelle der
Verschwundenen sie sind weniger glänzend werden aber zu Früchten zu süßen
oder herben je nachdem Sonne und Zeit dem Baum es gewähren der so nach dem
gauckelnden Spiele seines Frühlings die Bestimmung seines Daseins erreicht«
    »Das Bild nimmt sich recht artig aus« erwiderte Frau von Willnangen »aber
entweder ist das Gleichniss unpassend oder ich verstehe es eben so wenig als Ihre
jetzige Sorge Sie selbst verwiesen mich ja tröstend auf Gabrielens Liebe zu
Ottokar Sie nannten sie den Schutzgeist welcher durch die Wüsten und Steppen
ihres Lebenspfades sie begleiten würde Wie haben Sie denn nun plötzlich diesen
Glauben verloren Was fürchten Sie für Gabrielens Ruhe selbst wenn Zeit und
Entfernung ihr Gefühl für Ottokar gemildert hätten Kann man denn zweimal
lieben wie Ihr Gleichniss es andeuten zu wollen scheint und wenn Andere es
könnten kann es ein Wesen wie Gabriele«
    »Nein warlich nein« rief Ernesto »Ward Ottokar einst wahrhaft geliebt von
Gabrielen so liebt sie ihn bis zum letzten Hauch ihres Lebens und ist durch
diese reine Liebe gesichert gegen Schmerz und Reue Aber so sehr ich auch
dagegen mich sträube immer von neuem ergreift mich der Gedanke den ich früher
nur leise anzudeuten wagte dass dies Gefühl für Ottokar nur des erwachenden
geistigen Lebens erstes jugendliches SichLoswinden aus den Banden der Kindheit
war Was wir in früher Jugend die erste Liebe nennen ist es selten oder nie
Ist doch auch die Morgenröte in aller ihrer Pracht noch nicht die Sonne
welche unsern ganzen Lebenstag erleuchten und erwärmen soll«
    Vergebens bestritt Frau von Willnangen diesen Gedanken Ernestos mit allen
Gründen welche ihr Herz und ihr Verstand ihr nur anzugeben vermochten »Blicken
Sie um sich« erwiderte er ihr »wie viele der zum Glück nicht zahlreichen Ehen
welche einer sogenannten ersten Liebe ihr Dasein verdankten sind wahrhaft
glücklich zu nennen Könnte dies sein wie es denn unleugbar ist wenn nicht
hier Täuschung Missverstehen seiner selbst so leicht ja fast unausweichbar
wären Lassen Sie es uns zum trüben Trost dienen dass Gabriele vielleicht in
Zukunft nicht glücklicher geworden wäre als sie jetzt es ist wenn ein
anscheinend günstigeres Geschick sie an Aureliens Platz gestellt hätte Ich
verkenne nicht Ottokars seltenen Wert aber die Strahlenglorie musste im Laufe
des Lebens vor Gabrielens Blick dennoch schwinden mit der sie selbst sein
geliebtes Haupt sich zur Anbetung schmückte Und wenn sie nun vollends vor dem
mächtigern Glanz einer höheren Gabrielen näher verwandten Erscheinung hätte
erbleichen müssen und wenn nun diese Erscheinung ihr jetzt auf ihrem neuen
Pfade begegnete Ach Frau von Willnangen ich bin nicht Herr über die bange
Vorempfindung welche mich ergreift Warum warum musste Gabriele ihrer sichern
Einsamkeit entrissen werden«
Gabriele verlebte von nun an einige Jahre getrennt von ihren Freunden den
Winter in einer großen lebensreichen Residenz den Sommer in den besuchtesten
Bädern Sobald Moritzens verschrobner Sinn nur den Gedanken aufgefasst hatte dass
alle Huldigungen welche die Gesellschaft seiner Gemahlin darbringen mochte auf
ihn zurückfallen müssten dass jeder ihrer Verehrer nur seinen Triumfzug
verherrlichen könne weil sie ihm allein angehöre so hatte er weder Ruhe noch
Rast bis er Gabrielen auf eine Höhe gestellt hatte von der sie seiner
Überzeugung nach alles überstrahlen musste Überall wo er länger sich
aufhielt war es seine erste Sorge ein großes glänzendes Haus einzurichten
Gabriele musste die Honneurs desselben machen und Moritz tanzte vor Freude und
rieb sich die Hände wund wenn ihre Vorzüge recht blendend hervortraten In
allen Sprachen posaunte er das Lob seiner Frau sogar in ihrem Beisein ohne es
zu achten dass die peinlichste Verlegenheit sie in solchen Momenten fast zu
Boden drückte Alles Bitten und Ermahnen von ihrer Seite war an dem eitlen
Toren verschwendet er blieb bei seiner Weise mit all dem starren Eigensinn
eines beschränkten Geistes und Gabriele fand endlich keinen andern Ausweg als
dem Willen ihres Gemahls zu folgen und nur dabei durch noch einfachere
Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit den verhassten Schein eitler Gefallsucht von
sich abzuwenden Es gelang ihr sogar die Frauen hassten sie nicht während alle
Männer ihr huldigten und ihr Talent für die Welt bildete sich immer glänzender
aus je länger sie in dieser lebte Von jener Blödigkeit mit der sie im Hause
der Tante erschien konnte nicht die Rede sein noch weniger aber von jenem
dreisten Blick jenem arroganten Auftreten die so oft die Stelle früher
übertriebener Zurückgezogenheit ausfüllen In kleinen gewählten Zirkeln wusste
Gabriele durch ihr Gespräch mit der hinreissendsten Grazie die Aufmerksamkeit zu
fesseln doch besonders liebenswürdig war sie wenn sie erzählte dann lauschte
ihr jedes Ohr und Aller Blicke hingen an dem lebendigen Ausdrucke des schönen
Gesichts Aber sie wusste auch ihre glänzenderen Talente vor der Menge geltend zu
machen sobald es erforderlich war Sie sang spielte tanzte erschien sogar
auf Privatbühnen gewöhnlich weil Herr von Aarheim es wollte zuweilen aber auch
aus wahrer Lust an dem fröhlichen geselligen Treiben das ihr die Tage ihres
frühern Zusammenlebens mit Ottokarn zurückrief Moritz genoss bei alle diesem die
Gewissheit der Gemahl der brillantesten Frau in der Residenz zu sein mit dem
aller behaglichsten Gefühl während Gabriele da stand als ahne sie nichts von
der Höhe zu welcher die allgemeine Bewunderung sie erhob Auch wagte es
niemand sie unbescheiden darauf aufmerksam zu machen Bei aller Frische des
Jugendglanzes der sie umstrahlte gab die seltene Würde ihres Anstandes ihr
etwas matronenhaftes und so wie man in ihrem sechszehnten Jahr sie überall für
noch weit jünger ansah so schien jedermann jetzt in ihrem vier und zwanzigsten
Jahre geneigt sie für älter zu halten als sie war Oder vielmehr man dachte
weder an Alter noch Jugend bei der nicht weniger Achtung als Liebe einflössenden
Erscheinung für die es wie für die himmlischen keine Zeitrechnung zu geben
schien
Der Winter war vorüber überall zeigten sich schon die ersten Vorboten des
Frühlings Bei der Unmöglichkeit den vielfältigen Einladungen des Generals
Lichtenfels schicklicher Weise länger auszuweichen hatte sich Moritz endlich
entschlossen mit Gabrielen den Besuch auf dem Landgute desselben zu
wiederholen als Gabrielens Tante die Gräfin Rosenberg ganz unerwartet in der
Residenz eintraf Napoleons weit aussehende Plane vertrieben sie aus Paris
indem sie letzteres verödeten In ihrem ehemaligen Wohnorte fand sie ihr Haus
von fremden Gästen eingenommen und ihre ehemaligen Zirkel zerstört Beinah alle
ihre Bekannten waren ausgewandert und ihr blieb also keine andere Wahl als sich
einstweilen in einer Stadt niederzulassen die ihr bei allen Annehmlichkeiten
des geselligen Lebens die vollkommenste Ruhe und Sicherheit bot
    Die Wahl einer Wohnung in welcher sie im gewohnten Glanze auftreten konnte
war gleich nach ihrer Ankunft in der Residenz die erste Sorge der Gräfin
gewesen ihr zweiter Wunsch war sich bei Hofe und in der Gesellschaft auf eine
auszeichnende Weise eingeführt zu sehen Rang und Reichtum diese mächtigsten
Talismane auf Erden verhalfen ihr zu beiden in unglaublich kurzer Zeit und
kaum waren vierzehn Tage verstrichen als sich schon in einem der schönsten
Hotels alles was nur auf Eleganz Ton und Talent Anspruch machte um sie und
ihre Begleiterin die junge schöne Markise dAubincourt versammelte Von Paris
aus wo sie einander kennen lernten waren diese beiden Damen unzertrennliche
Reisegefährtinnen geblieben und gedachten jetzt mit vereinten Kräften ein
glänzendes Haus zu bilden das bei ihrem Vermögen und ihren Talenten alle andern
in der Residenz zu verdunkeln drohte
    Gegenseitiges Bedürfen hatte gar bald das lockere Band bloßer Bekanntschaft
enger zusammengezogen welches anfangs die Gräfin und die Markise vereinte Es
ward eine jener Liaisons daraus wie die Welt deren so manche aufzuweisen hat
Sie mit dem Namen der Freundschaft zu bezeichnen wäre Entweihung Es kann weder
von Liebe noch Achtung bei diesen Vereinen die Rede sein aber sie trotzen doch
oft Jahre lang manchem Stosse von außen ja selbst der langsam auflösenden Gewalt
der Zeit und erhalten dadurch bei aller ihrer Frivolität einen Anstrich von
Ehrwürdigkeit den sie mit allem Dauernden gemein haben
    Die Gräfin hatte bei ihrer Rückkehr aus Rom nach Deutschland und auch
später in Paris es sich nicht verbergen können wie sie unerachtet aller ihrer
noch immer anerkannten geselligen Vorzüge dennoch mit Aurelien einen großen
Teil jener Zaubermacht verloren habe durch welche sie sonst alles in ihre Nähe
zog und fest bannte Ihr feiner Takt kam ihr bei dieser Entdeckung mächtig zu
Statten und weit entfernt sich durch dieselbe gedehmütiget zu fühlen suchte
sie von der nämlichen Stunde an wo sie solche gemacht hatte nach einem Wesen
das fähig war jene Lücke in ihrer Umgebung auszufüllen
    Die Markise dAubincourt eine junge blendend schöne Frau war in Paris zur
nämlichen Zeit ebenfalls aus ihrer gewohnten Sphäre getrieben ihr Gemahl musste
sie verlassen um seinem Kaiser in weit entfernte Länder zu folgen und da die
französische Sitte die strengste Wächterin des äußern Scheines ist so blieb ihr
bei ihrer Jugend keine andere Wahl als sich entweder während der Abwesenheit
des Markis der Welt gänzlich zu entziehen oder sich unter den Schutz einer
älteren Frau von Rang und unbescholtenem Ruf zu begeben in deren Begleitung es
ihr allerdings erlaubt war überall öffentlich zu erscheinen Was konnte daher
diesen beiden Damen wohl erwünschteres kommen als ihr Zusammentreffen zur Zeit
gegenseitiger völlig ähnlicher Not Der Bund zwischen ihnen war bald
geschlossen und da späterhin Langeweile beide aus Paris vertrieb so erwarb die
Markise noch den Anstrich einer exemplarischen Treue indem sie sich den
Mühseligkeiten der langen Reise aussetzte einzig um wie sie versicherte
ihrem bei den Eisbären hausenden Gemahle in Deutschland näher zu sein
In allen Zirkeln aus Aller Munde vernahmen die Gräfin und die Markise so bald
sie ein wenig einheimisch geworden waren den Namen Gabriele von Aarheim
überall erscholl ihr Lob Männer und Frauen klagten über ihre Abwesenheit Die
Markise begann die Deutschen etwas langweilig zu finden welche in Gegenwart
einer schönen Frau es wagten einer zweiten auf diese Weise zu erwähnen während
die Gräfin die ganze Familie Aarheim in ihrem Gedächtnis die Revue passieren
ließ um diese berühmte Gabriele aufzufinden
    »Unmöglich« sprach sie sehr bedenklich »unmöglich kann es meine kleine
Nichte mit dem blassen Mondscheinsgesichte sein In seinem sechzehnten Jahre
wusste das arme Kind kaum drei zu zählen so entwickelt kann sie sich nicht
haben und doch gibt es meines Wissens keine andere Gabriele in meiner Familie
Vor fünf bis sechs Jahren ward mir die Nachricht ihrer Vermählung mit dem
halbverrückten Erben unserer Mannlehngüter mitgeteilt es ist unmöglich dass
sie es sei«
    »Ach Gott sie wird es wohl sein« rief kläglich Graf Hippolit der
gegenwärtige Verehrer der Markise »sie wird es sein die Mondscheinsdame sie
wird zu allgemein gepriesen als dass wir viel von ihr erwarten könnten« »Also
Ihre Kusine liebe Rosenberg nun ich sterbe vor Neugier wenn ich nicht bald
dieses Wunder der Welt zu Gesichte bekomme« fiel halb jähnend die Markise ein
    »Ach wie gerne täte ich das auch« rief lustig Hippolit »aber mir sind
leider schon in der Welt zu viele dergleichen Wunder vorgekommen die
entschleiert eigentlich alle sehr gewöhnlich und natürlich dastanden Es ist
immer das alte Buch mit einem neuen Titel das nämliche Rätsel in ein anderes
Gewand eingekleidet was man uns da zu studieren gibt Bei alle dem bleibt es
aber doch ein Studium dessen man nie überdrüssig wird besonders wenn uns wie
hier jede Stunde mit einer neuen ganz unerhörten Kaprize beglückt« Indem er
dies hinzusetzte wollte er die Hand der Markise an seine Lippen drücken sie
entzog sie ihm aber heftig und unwillig sich sträubend »Schöne Dame« rief
Hippolit in seinem Übermut »indem Sie zürnen beweisen Sie dass ich Recht
habe die kleine Wut steht Ihnen so allerliebst dass ich dadurch leicht
verleitet werden könnte Sie alle Tage halb tot zu ärgern Die Versöhnungen
die doch auch nicht zu verachten sind hätte ich dann für meine Mühe noch
obendrein«
    Die Markise begann recht ernstlich sich zu erzürnen doch nicht auf lange
die Gräfin warf sich zur Vermittlerin auf und der Friede war bald geschlossen
    Der glänzende Graf Hippolit entsprossen aus einem der edelsten Geschlechter
in Ungarn schön wie Apoll kaum zwanzig Jahre alt und dabei schon
unumschränkter Herr großer Reichtümer war allerdings eine Eroberung welche
eine Frau wie die Markise sich auf alle Weise zu erhalten streben musste Auch
war es ihr seit dem Moment gelungen da er in Paris als ein weitläufiger
Verwandter der Gräfin ihr vorgestellt ward Ihre seltene Schönheit ihr leichter
Sinn vor allem eine gewisse pickante Ungleichheit in ihrem Betragen entzückte
ihn und Gewohnheit Überdruss am Wechsel hatten bis jetzt ihn fest gehalten
    Als die Damen Paris verließen wusste er eben nichts besseres zu tun als
ihnen nach Deutschland zu folgen und bei dieser Gelegenheit späterhin einen
Besuch in seinem Vaterlande und auf seinen Gütern abzustatten Vor jetzt war er
der tägliche Gast in ihrem Hause ihr steter Begleiter außer demselben aber die
Strenge mit welcher die Gräfin über die Gesetze des Anstandes zu wachen gewohnt
war hatte ihn veranlasst sich eine von ihnen abgesonderte eigene Wohnung zu
wählen
    Ungeachtet seiner frivolen Außenseite war Hippolit von Natur zu allem
Großen und Edlen geeignet aber das Schicksal welches sein äußeres Leben mit
jedem Vorzuge reichlich ausstattete hatte ihn schon früh im Innern tief
verletzt und sein Entwickeln verhindert Von einer leichtsinnigen Mutter als
fünfjähriger Knabe verlassen von einem durch das Betragen seiner Gattin mit der
Welt und dem Leben entzweiten verbitterten Vater erzogen war der arme Hippolit
um jenes Vertrauen in die Menschen gebracht worden ohne welches keine
Jugendblüte fröhlich gedeiht Sein ganzes Wesen widerstrebte der strengen
klösterlichen Zucht in welcher er bis in sein funfzehntes Jahr gehalten ward
er fühlte zur Freude sich geboren aber jede Jugendlust wie jede sanftere
Regung ward von der Strenge seiner Zuchtmeister niedergedrückt Er war zu
stolz die Hilfe der in ihm ihren künftigen Herrn schmeichelnden Diener
anzunehmen und seinen Vater zu betrügen um wenigstens Stundenlang seinem
Kerker zu entgehen aber in ihm wogte ein verzehrendes Feuer das weit entfernt
sein Herz zu erwärmen es nur immer enger zusammenzog während seine Fantasie
ihm das Glück künftiger Freiheit in den glühendsten Farben mahlte Das jedem
gutgearteten Kinde eigene Sehnen nach Liebe sprach zwar auch mächtig in seiner
Brust aber er drückte es als seiner unwürdig nieder denn wen sollte er
lieben Rings um sich sah er nur fühllose Strenge oder erbärmliche Kriecherei
Künftiger Genuss ward ihm die Loosung des Lebens Worin dieser bestehen sollte
wusste er nicht deutlich sich zu sagen aber einstweilen gedachte er die
freudenlose Zeit welche er jetzt verlebte durch eifriges Bestreben nach Wissen
als vorbereitend zu benutzen Mit dem größten Eifer verfolgte er daher den Gang
der ihm von seinem Vater vorgeschriebenen Studien jede Stunde bereicherte
seinen Geist aber in seinem Gemüt ward es immer ärmer immer mehr erstorben
bis der Zufall den einzigen Bruder seines Vaters in seine Nähe führte Hippolit
war jetzt fünfzehn Jahr alt und zum erstenmal seit seiner frühesten Kindheit
hörte er nun wieder mit milden Worten sich anreden Da brach die Eisrinde in
welcher sein Herz beinahe erstarrt war Mit der kindlichsten Liebe mit der
innigsten Treue eines jugendlichen Gemüts hing er sich nun an den Oheim der
wie eine himmlische Erscheinung in die Nacht seines Daseins strahlte und sogar
auch die düstere Stimmung seines Vaters milderte als letzterer plötzlich
erkrankte Ein seit langen Jahren allmählig heranschleichendes Übel warf den
alten Grafen wenig Monate nach der Ankunft seines Bruders auf das Sterbebette
Bleich und bebend kniete Hippolit neben demselben als der Vater zum erstenmal
liebend und segnend die schwere kalte Todtenhand auf sein lockiges Haupt legte
in den rührendsten Ausdrücken den zum Jüngling heranreifenden Knaben der
Vorsorge seines Oheims empfahl und dann getröstet durch dessen heiligstes
Versprechen ihn wie seinen eigenen Sohn zu betrachten die müden Augen auf ewig
schloss
    Der weinende tief erschütterte Knabe folgte nun dem vom Vater ihm gegebenen
Beschützer seiner Jugend auf dessen Güter von wo er in Jahresfrist begleitet
von einem Hofmeister auf eine von seinem Vaterlande Ungarn weit entfernte
Universität gesandt ward Während er dort von heißem Durst nach Wissen
getrieben jede Stunde auf das gewissenhafteste anwendete erhob sein Oheim in
seiner Abwesenheit einen Prozess gegen ihn der ihn um sein väterliches Erbe
bringen sollte Aller seiner dem sterbenden Bruder mit in die Ewigkeit
gegebenen Versprechen vergessend jedem menschlichen Gefühl entsagend benutzte
der Eigennützige den Leichtsinn der Mutter des Jünglings dem er Vater zu sein
geschworen hatte um die Aechteit seiner Geburt anzugreifen und dann seinen
eigenen Söhnen die beträchtlichen Güter desselben zuzuwenden Der Versuch
misslang er hatte nur die Folge dass Hippolit etwas früher als gewöhnlich für
mündig erklärt ward Empört bis in den tiefsten Grund seiner Seele überzeugter
als je von der Erbärmlichkeit der Menschen ging dieser nun nach vollendeten
Studien auf Reisen die Zeit des Genusses schien ihm gekommen er war
entschlossen sie zu benutzen Sein Rang sein Reichtum seine glänzende
Persönlichkeit öffneten ihm Herzen und Türen er taumelte von einem Vergnügen
zum andern und übertäubte so den alten bitteren Unmut in seinem Gemüt der
aber dennoch stets von neuem sich regte Er sah wie man ihn mit Schmeicheleien
überhäufte um ihn um so sicherer zu elenden Zwecken zu missbrauchen aber er
verachtete die Menschen und in einzelnen schrecklichen Momenten sich selbst zu
sehr um es der Mühe wert zu achten dem plumpen Netz entgehen zu wollen das
man ihm stellte Es genügte ihm seine sogenannten Freunde zuweilen in wilder
Lustigkeit mit bitteren Hohn zu misshandeln und dann mit Ekel sich von den
ängstlichen Windungen wegzuwenden in welchen sie strebten ihn nicht zu
verstehen um nur auf guten Fuß mit ihm bleiben zu dürfen
    Auch Frauen kamen überall dem schönen reichen Jünglinge entgegen kämpften
unter einander um ihn mit allen Waffen der Schönheit und Kunst suchten überall
mit Blumen ihn zu fesseln und gern vergaß er bei ihrer lieblichen Erscheinung
alles was ihn hätte warnen können Noch einmal überließ er sich Träumen
himmlischer Seligkeit er glaubte sogar zu lieben aber er ward grausam erweckt
Ohne zu bedenken wie so ganz ohne Umsicht er sich hingegeben hatte klagte er
jetzt das ganze Geschlecht des Verrats der Einzelnen an und schwur sich selbst
nie wieder die Maske für Wahrheit zu nehmen Dem trostlosesten Unglauben zum
Raube vermochte er aber doch nicht der Freude zu entsagen sich wissentlich
täuschen zu lassen so lange dies irgend nur möglich war Bitter lachendes
Spotten seiner selbst übertönte dann oft nur mühsam das Weinen in seiner Brust
wenn ein schöner Traum den er lange festgehalten hatte in Nichts zerrann aber
er achtete dessen nicht auch nicht der bitteren Schmerzen mit denen er jede
Regung des Bessern gewaltsam in sich erstickte um zu sein wie die Andern
Dennoch sank er nie zum Gemeinen herab so achtlos er auch dem Treiben der Welt
sich hingeben mochte Was ihn blenden und verführen konnte musste wenigstens den
Anstrich des Reinen und Sittlichen zu erhalten streben denn seine bessere Natur
und Reminiszenzen der früher bei seinem Vater ihm eingeprägten strengern
Grundsätze hielten ihn noch immer über den Abgrund empor
»Das Wunder der Welt ist endlich angelangt wie ich sehe« rief Hippolit freudig
aus indem er die Visitenkarten auf dem Tisch der Gräfin musterte und Gabrielens
Karte hoch in die Höhe hielt »Da steht der geheimnisvolle Name des Erzengels
und mein törigtes Herz erbebt sogar ein wenig bei seinem Anblick Ich bitte
Sie teuerste Gräfin« fuhr er mit komischen Patos fort »ist es die
Mondscheinskusine sagen Sie nein ich flehe darum«
    »Dass sie die Gabriele ist die ich meine weiß ich jetzt gewiss« erwiderte
die Gräfin »obgleich ich sie noch nicht gesehen habe wir verfehlten einander
bei unsern gegenseitigen Besuchen und so bleibt uns nichts übrig als die
Soirée zu erwarten mit der wir wie Sie wissen morgen hier debütiren wollen«
    »Also morgen morgen ist der große der entscheidende Tag« rief Hippolit
und wendete sich gleich darauf zur Markise mit der Bitte um den zweiten Tanz
»Den ersten« setzte er hinzu »bin ich so gut als versagt den tanze ich mit
der Wunderdame meine Ehre duldet es nicht anders ich muss der erste sein mit
dem sie auftritt«
    »Ich überlasse Sie ihr mit Vergnügen auf den ersten den zweiten den
dritten und alle folgende Tänze ich tanze morgen gar nicht entweder ich habe
Migräne oder ich habe mir den Fuß verrenkt ich bin noch nicht entschlossen
welches von beiden« erwiderte die Markise ein wenig pickirt
    Hippolit blickte lang schweigend und verwundernd sie an »Wahrhaftig
Markise ich erkenne Sie nicht mehr« sprach er endlich »Zum erstenmal sehe
ich dass auch Sie etwas schwerfällig nehmen können doch hoffe ich Sie werden
sich eines bessern besinnen und allen Erzengeln und Erzengelinnen zum Trotz
morgen tanzen wie immer«
    »Diessmal beliebt es wohl dem Herrn Grafen selbst sich etwas schwerfällig zu
zeigen denn um des Himmels willen wer denkt denn an Ihre Erzengelin«
erwiderte spottend die Markise »Schon in Paris nahm ich mir vor morgen krank
zu sein sehen Sie hier den Beweis davon« fuhr sie fort indem sie einer
Kammerfrau ein Kleid welches diese eben durch das Zimmer trug vom Arme nahm
und vor dem Grafen entfaltete
    Mit dem größten Erstaunen erblickte dieser ein ganz einfaches blendend
weißes Gewand fein und durchsichtig wie aus Äther gewoben doch schien es für
eine Riesin bestimmt es musste wenn die Markise es trug nicht nur hinten
sondern auch vorne und von allen Seiten mehrere Ellen lang ihr auf dem Fußboden
nachschleppen »Aber wie in aller Welt wollen Sie es anfangen in diesem Gewande
nur zwei Schritte zu gehen« rief er endlich
    »Gehen« erwiderte die Markise und lachte jetzt wirklich recht herzlich
»gehen Aber lieber Graf Sie werden immer schwerfälliger Wer geht denn wenn
man krank ist«
    »Ach Gott« seufzte Hippolit »eigentlich fängt es an mir leid zu tun dass
diese Gabriele morgen erscheint abwesend gab sie zu so manchem guten Einfall
zu so manchem pickanten Scherze Anlass und ihre Gegenwart wird gewiss nichts
weniger als pickant oder amüsant sein Ich sehe sie schon im Geiste vor mir mit
dem Mondscheinsgesichte wie sie an der Seite ihres alten Gecken die gestrenge
Penelopeia mitten unter den übermütigen Freiern zu spielen bemüht ist Die
Maske ist übrigens schon etwas verbraucht indessen wenn sie ihr nur halb so gut
steht als die Leute es behaupten so mag es drum sein Ich fürchte aber der
morgende Triumf unserer schönen Freundin wird kaum der Mühe des Erkämpfens wert
sein obgleich ich diese sehr gering anschlage«
Der Abend kam Die glänzende Reihe kerzenheller Säle füllte sich nach und nach
und die Gräfin bemühte sich mit gewohnter Liebenswürdigkeit die Abwesenheit der
Markise mit einer heftigen Migräne zu entschuldigen welche aber hoffentlich
späterhin zur gewohnten Stunde nachlassen und ihr erlauben würde die
Gesellschaft in kleinere Partien geteilt in ihrem Zimmer wenigstens auf
Minuten zu sehen Hippolit wich beim Empfange der Gäste der Gräfin nicht von der
Seite Mit dem Bedeuten er müsse sie erraten hatte diese es abgeschlagen ihm
Gabrielen gleich bei deren Eintritt bemerkbar zu machen daher hielt er es für
das sicherste auf diese Weise seinen Willen durchzusetzen Indessen war es spät
geworden die Erwartete fehlte noch immer Graf Hippolit begann aus Verdruss
darüber der Gräfin allerlei witzigbittere Mutmaßungen über die Abwesende
zuzuflüstern als ein Kreis seiner Bekannten ihn einen Augenblick festhielt und
dadurch ihn von der Gräfin trennte ohne dass er solches bemerkte
    Ein lächerlich modern gekleideter dicker Mann stand mitten im Kreise der
jungen Leute sprach alle Sprachen zugleich und erzählte heftig gestikulirend
und im völligen Ernste die Geschichte einer heftigen Leidenschaft welche vor
einigen Jahren eine Nepotessa des Papstes für ihn gefühlt hatte dabei erwähnte
er der mannichfachen Gefahren deren er sich ausgesetzt gesehen um ihr und den
Verfolgungen ihrer mächtigen Verwandten in Rom zu entgehen Die jungen Herren um
ihn her stürmten mit Fragen auf ihn ein er wusste für alle eine Antwort löste
alle Zweifel die man ihm in den Weg warf das Lachen der Lärmen wurden bald
lauter als man es in einer solchen Assemblée hätte erwarten sollen Hippolit
nahm recht herzlichen Anteil daran als plötzlich erst ein leises Geflüster
dann ein allmähliges Verstummen in dem Kreise entstand Die so den lebhaftesten
Anteil an den Neckereien genommen welche man an dem alten Herrn ausgeübt
hatte begannen sich leise davon zu schleichen die übrigen nahmen sich
sichtbar zusammen und standen dann in etwas feierlich verlegener Fassung alles
verkündete den Eintritt einer allgemein geachteten Person Hippolit suchte mit
den Augen den Gegenstand der diese plötzliche Umstimmung des Tones verursacht
haben mochte und erblickte die Gräfin welche eben eine Dame hereinführte deren
anmutige und doch würdevolle Haltung und seltene Schönheit ihm gleich in ihr die
lang Erwartete erraten ließ Vor dem Zauberton ihrer Stimme in dem sie einige
ihr nahestehende Bekannte anredete war plötzlich jede Spur wilder Lustigkeit
verschwunden Selbst als der alte dicke Herr mit dem Ausruf »ma femme ma
petite femme vous voilà« auf sie lossprang um sie zu begrüßen wagte es
niemand den Mund zu einem spöttischen Lächeln zu verziehen »Die ist es«
flüsterte Hippolit der Gräfin zu und diese beantwortete seine Frage indem sie
ihn erst Gabrielen vorstellte und dann ihn mit Adelberten bekannt machte
welcher Geschäfte halber Gabrielen und Herrn von Aarheim in die Residenz
begleitet hatte
    Hippolit vermochte von nun an nicht sein Auge von Gabrielen zu verwenden
er sah wie mehrere Bekannte Männer und Frauen herbeieilten um die lang
Entbehrte zu begrüßen wie alles um sie sich drängte als sei mit ihr die Seele
der Gesellschaft heimgekehrt
    Moritz wich nicht von der Seite Gabrielens rieb immerfort freudig die Hände
an einander und brach in tausenderlei Redensarten aus auf welche niemand
achtete obgleich die meisten mit ma femme dit oder ma femme sait anfingen
Der leise Schmerz der dabei in Gabrielens Lippen fast unmerkbar zuckte die
ängstliche Röte welche schnell entstehend und entschwindend ihr Wange Hals
und Busen überhauchte entgingen Hippolitens Späherblick nicht Eine wunderbar
fremde Regung des Mitleids überschlich ihn dabei und er begann mit einer Art
Ängstlichkeit darauf zu sinnen wie der Lästige auf gute Art aus Gabrielens
Kreise zu entfernen sei um diese in ungestörter Anmut sich bewegen zu sehen
als sie ihren Gemahl mit wenigen leicht hingeworfenen Worten auf einige Vasen
von seltener Schönheit aus kostbaren Steinarten geformt aufmerksam machte Der
Tisch auf welchem diese Vasen standen war mit farbigem Marmor aller Art
ausgelegt und Moritz fand und benutzte hier ein reiches Feld auf welchem er
mit der einzigen Wissenschaft welche er wirklich besaß glänzen konnte Bald
gesellten mehrere Sachkundige aus der Gesellschaft sich zu ihm ein lebhaftes
Gespräch entstand und Gabriele wendete sich sichtbar heiterer ab um in den
Nebenzimmern die übrige Gesellschaft aufzusuchen
    Sinnend folgte ihr Hippolit mit immer regerem Bemerken So hatte er sie sich
nicht gedacht nicht so fein nicht so gewandt nicht so heiter Die Melodie
ihrer Worte die Harmonie in allen ihren Bewegungen zogen ihn noch
unwiderstehlicher an als ihre Schönheit
    »Es ist doch nur eine Maske wie sie alle« dachte er »aber diese steht ihr
vortrefflich und ist so herrlich angepasst dass schon der Versuch sie zu lüften
Belohnung verdient« Er versuchte es hierauf Gabrielen anzureden aber es war
als ob eine ihm fremde Gewalt den gewohnten Fluss seiner Worte hemmte Gabrielens
gerader kalter Blick brachte ihn aus der Fassung zum erstenmale fühlte er sich
verlegen und war froh als die Gräfin mit der Bitte erschien Gabriele möge sie
zur Markise begleiten welche eben etwas besser sich fühle und den Augenblick
kaum erwarten könne in dem es ihr vergönnt würde die geliebte Nichte ihrer
Freundin zu umarmen
    Der kleine Zug der zu diesem Besuch Auserwählten welchem auch Hippolit sich
anschloss folgte der Gräfin durch die ganze lange Enfilade prächtiger Säle
welche wie es in Paris gebräuchlich ist mit dem Schlafkabinet der Markise
endeten
    Ein reicher seidner Vorhang verhüllte noch den Tempel nachdem schon die
Flügeltüren sich geöffnet hatten aber der berauschende Duft der auserlesensten
Aromas des Orients verkündete die Nähe der Göttin Auch der Vorhang wurde
beseitigt und selbst der verwöhnte Hippolit stand jetzt geblendet von dem
unerwarteten Anblick
    Auf einer Estrade zu welcher einige mit prächtigen Teppichen belegte
Stufen hinaufführten stand schimmernd von Gold und Elfenbein das der
edelsten antiken Form nachgebildete Bette Eine purpurrote mit goldner
Stickerei und goldnen Franzen geschmückte Decke war darüber hingebreitet auf
welcher die Markise in der anmutigsten Stellung hingegossen ruhte Ein großer
Spiegel an der Hinterwand desselben ein anderer an der Decke des Baldachins
über ihrem Haupte und mehrere anscheinend vom Ungefähr aber eigentlich mit
sorgfältiger Wahl im Zimmer geordnete große Ankleidespiegel vervielfältigten die
schöne Erscheinung indem sie sie von allen Seiten zeigten Der Genius des
Schweigens von Bronze den Finger auf die Lippen gedrückt schien den leicht vom
Baldachin herabrollenden Schleier zu heben der sie zu ver hüllen drohte und
blühende Rosenbüsche Orangenbäumchen Jasminsträuche in köstlichen Vasen zu
beiden Seiten auf den Stufen der Estrade gaben der Nische in welcher das Bette
stand das Ansehen einer Laube aus dem Paradiese der Muhamedaner
Alabasterlampen verbreiteten den zauberhaften Schimmer einer mondhellen Nacht
und kleine bläuliche Wölkchen kräuselten sich aus Kassoletten aufsteigend in
welchen das ausgesuchteste Räucherwerk brannte Das Auge irrte geblendet auf
alle dem mannichfaltigen Geräte von köstlichen Hölzern von Krystall von
Marmor und Bronze welches das Schlafzimmer einer eleganten Pariserin zum
glänzendsten Prunkzimmer des Hauses macht
    Mitten in alle dieser Pracht lag die Markise ganz einfach gekleidet und
dennoch alles überstrahlend Der wohl berechnete Überfluss des früher erwähnten
weißen langen Gewandes in große malerische Falten von Künstlerhänden geordnet
umschwebte ihre Gestalt ohne sie neidisch zu verhüllen die schönen Formen
schimmerten hindurch wie der Mond durch Silberwölkchen die an ihn sich
heranzudrängen scheinen Unter der Brust hielt ein großer strahlender Rubin das
Gewand zusammen der eine der weiten Ärmel wie von ungefähr zurückfallend
enthüllte einen wunderschönen Arm auf dem gestützt das reizende Köpfchen im
lieblichsten Ausdruck der Ermattung ruhte Eine um den Arm geschmiedete goldne
Sentimentskette und einige Perlenschnuren schienen sich abstreifen zu wollen
Den andern Arm bedeckte der Ärmel bis zu den zierlichen Fingerspitzen die dem
Kopfweh zu Ehren ein Riechfläschchen hielten Um die hohe Stirne schwebten die
glänzendschwarzen Locken in zierlicher Unordnung nur ein einfaches Band hielt
sie und die reichen Flechten zusammen welche den ganzen Kopfschmuck bildeten
Die Markise war unbeschreiblich reizend in diesen Umgebungen auch fesselte
stummes Erstaunen alles bei ihrem Anblick nur Hippolit wagte es sich in ihre
Nähe zu schleichen und ihr ein leises »Bravo« zuzuflüstern
    Gabriele ward mit der entzückendsten Freundlichkeit von ihr empfangen sie
zog sie liebkosend zu sich herab um sie zu umarmen und als die hohe schlanke
Gestalt sich zu der auf dem Bette Ruhenden niederbeugte umschwebte ihr goldnes
Haar die dunkeln Locken der Markise wie mit einer Strahlenglorie während diese
mit beiden Lilienarmen den stolzen Marmornacken der geliebten Nichte ihrer
Freundin umschlang und ihr Entzücken darüber in den schmeichelhaftesten
Ausdrücken laut verkündete
    Nichts kann einander ungleicher sein als beide Frauen in diesem Augenblick
Farbe Augen Haare Ausdruck des Gesichts nichts von alle dem hatten sie mit
einander gemein und doch war es unmöglich zu entscheiden welcher von ihnen die
Palme der Schönheit gebühre
    Zu matt für eine fortgesetzte Konversation bat die Markise eine wie durch
Zufall gegenwärtige berühmte Künstlerin die Gesellschaft für ihre kranke
Langweiligkeit durch die Zaubertöne ihrer Harfe zu entschädigen Die Dame ließ
sich dazu willig finden denn eigentlich war sie nach Pariser Sitte der die
Markise in Deutschland treu blieb um eine bedeutende Summe von letzterer für
den Abend erkauft Ein griechischer Sessel ward für sie zu den Füßen des
Ruhebettes auf die Estrade gestellt die große goldige Harfe strahlte in ihren
Armen und kaum hatte die Virtuosin mit prüfenden Akkorden die Saiten berührt
als mehrere wunderschöne fast idealisch gekleidete Kinder aus dem Nebenzimmer
herbeieilten und sich in malerischen Gruppen zwischen den Rosen und
Orangenbäumchen ordneten Als große Lieblinge der Markise hatten sie in deren
Wohnzimmer gespielt und waren von den Tönen der Harfe herbeigelockt worden So
wenigstens suchte ihre Beschützerin das unerwartete Erscheinen mit lächelndem
Zorne darüber zu entschuldigen aber es bedurfte keiner Entschuldigung denn
jedermann fühlte sich von dem wirklich feenhaften Anblick hingerissen den die
Estrade in diesem Augenblick gewährte es war als sähe man die Liebesgöttin von
Amorinen umflattert
    Endlich ward Ruhe Der Zirkel war allmählig größer geworden Mehrere die
nicht mit der Gräfin gekommen waren hatten nach und nach sich vor und in dem
Kabinette selbst versammelt dessen Türen jetzt weit offen standen Allgemein
herrschte die tiefste Stille einer zur Bewunderung bereiten Erwartung aber kaum
hatte die Künstlerin in leisen Akkorden begonnen als ein wunderliches
fortwährendes Klirren sie wieder verstummen machte
    Zürnend blickten alle in die Ecke aus welcher das störende Geräusch zu
kommen schien Dort stand Adelbert totenbleich den stieren Blick auf die
Markise geheftet An allen Gliedern heftig bebend hielt er sich anscheinend
völlig bewusstlos an einem Gestelle fest welches in einer Ecke des Zimmers mit
Porzellan beladen stand sein Zittern teilte sich denen darauf befindlichen
Prunkvasen und Tassen mit alles stieß tönend aneinander ohne dass Adelbert
weder dieses noch die daraus entstehende Störung gewahr ward Seine Seele war
in seinen Augen sein Herz klopfte in ängstlichen Schlägen gegen seine Brust
als wollte es sie zersprengen denn mit dem ersten Blick auf die Markise hatte
er in ihr Herminien erkannt
    »Adelbert« rief Gabriele und sprang erschrocken von ihrem Sessel auf dem
Freunde den sie plötzlich erkrankt glaubte zu Hilfe zu eilen
    Ein allgemeiner Aufruhr entstand die Damen drängten sich um die Markise
her welche vor Schreck ohnmächtig zu werden drohte die Herren führten
Adelberten in ein Nebenzimmer der noch immer bewusstlos mit erstorbnen Augen
jedermann anstarrte Alle umstanden ihn unschlüssig auch Gabriele die im
ersten Schrecken jede konventionelle Regel vergessend ihm gefolgt war
Plötzlich erkannte er diese und mit einem erstickten Schrei des Schmerzes
ergriff er ihre Hände drückte sie an seine Augen unter fast konvulsivischem
Beben während einzelne Tropfen kalt und schwer ihm über die Wangen rollten
    »Um Gotteswillen einen Wagen einen Arzt der Rittmeister ist sehr krank«
rief Gabriele wie außer sich »er muss gleich zu Hause gebracht werden«
    »Liebe Nichte das ist ja ein entsetzlicher Zufall« sprach die Gräfin
welche als Frau vom Hause eben hinzutrat »doch beruhigen Sie sich mein Wagen
wird angespannt der Arzt wird gleich hier sein den Herrn von Lichtenfels zu
begleiten und nun bitte ich folgen Sie mir zu den übrigen Damen beruhigen Sie
sich bitte ich nochmals für alles nötige wird gesorgt«
    Gabriele war indessen zu aufgeregt um auf alle diese Redensarten zu achten
sie schien im Gegenteil völlig entschlossen den Rittmeister der in ihrem
Hause wohnte zu begleiten Die Gräfin stand in peinlicher Verlegenheit und
sogar von ihrem Betragen etwas beleidigt dabei als plötzlich Moritz mit dem
Geschrei ma che cosa che cosa whats the matter ihr zum Trost erschien
gerade im Momente als das Bereitsein des Wagens gemeldet ward
    Die Gräfin beeiferte sich Gabrielens Gemahl den Vorgang zu erklären »Herr
von Lichtenfels ist von einem plötzlichen Schwindel ergriffen« sprach sie »er
braucht schnelle Hilfe gewiss werden Sie ihn begleiten und unsre Gabriele wird
sich beruhigen uns ihre Gesellschaft nicht entziehen wenn sie ihn unter Ihrer
Vorsorge weiß«
    »Certainement« erwiderte Moritz und begann in der Kürze die Reichtümer
seiner Hausapoteke anzupreisen die seltensten arcana die kostbarsten
Wunderessenzen gegen Schlagfluß Schwindel und bösen schnellen Tod »Sie stehen
ihm alle zu Diensten« rief er »ich freue mich der Gelegenheit ihre Kräfte
einmal erproben zu können Vous resterez ma chère« setzte er gegen Gabrielen
gewendet etwas scharf und schneidend hinzu da er bemerkte wie sie dennoch
Miene machte ihn begleiten zu wollen
    Hippolit hatte bis jetzt ganz ohne alle äussre Teilnahme den prüfenden
Blick auf Gabrielen geheftet dagestanden doch jetzt als er sie besonders bei
Erwähnung der Hausapoteke ängstlich noch bleicher werden sah konnte er einer
mitleidigen Regung sich nicht erwehren Er nahte sich ihr unbemerkt »Vertrauen
Sie mir« flüsterte er ihr zu »ich begleite ihn auch und verlasse ihn nur
unter der Aufsicht des Arztes Sobald er meiner Gegenwart nicht mehr bedarf
bringe ich Ihnen Nachricht von ihm von dem Glücklichen der so Ihre Teilnahme
zu gewinnen wusste« Mit einer leichten Wendung kehrte er sich nach diesen wie im
Fluge gesprochnen Worten gegen Adelberten der sich eben etwas erhohlte um ihn
die Treppe hinunter zu führen Moritz folgte Beiden immerfort seine
Wunderessenzen anpreisend
Die Markise hatte es indessen für gut befunden den leichten Schreck bald zu
überwinden und als Gabriele am Arme der Gräfin zu ihr zurückkehrte fand sie
zwar sie noch immer in der Lage einer Kranken aber voll Lust und Leben voll
Witz und Laune
    Ein in Paris auf das höchste gebildeter Instinkt lehrte sie jedesmal den
Ton der Unterhaltung der Neigung derer anzupassen welche sie gewinnen wollte
und eigentlich wollte sie das gewöhnlich ohne Unterschied bei allen Daher war
sie witzig trübe oder auch gefühlvoll wie es die Umstände erforderten oft
alles dieses in einer Stunde Was sie sprach war selten bedeutend aber es
gewann in ihrem Munde einen eignen Reitz bei der höchsten Frivolität verstand
sie entweder mit der Naivetät eines Kindes den Schein der unbefangensten
Unschuld beizubehalten oder auch mit glücklicher Keckheit bis an die äußerste
Grenze weiblicher Zartheit zu treten ohne dennoch diese je zu verletzen und so
gefiel sie Allen weil sie Allen Alles zu sein wusste
    Indessen misslang es ihr diesesmal dennoch Gabrielen an sich zu ziehen
obgleich sie sehr wünschte durch sie etwas näheres von Adelberts gegenwärtiger
Lage zu erfahren Sie hatte ihn auf den ersten Blick eben so wohl wiedererkannt
als er sie aber aus mancherlei Gründen wünschte sie die frühere Bekanntschaft
mit ihm zu verschweigen und suchte daher nur ganz von weitem Gabrielen zu
einem Gespräch über ihn zu bewegen Doch diese blieb einsilbig sichtbar
befangen bis endlich Herr von Aarheim und Hippolit mit der Nachricht von
Adelberts besserem Befinden anlangten Ihr Blick erheiterte sich jetzt sie
vermochte es nicht Hippoliten den Tanz zu versagen den dieser von Moritzen
unterstützt als Botenlohn für die günstige Nachricht von ihr erbat Triumfirend
führte er sie in den Saal und alles strömte dem schönen Paare nach um es walzen
zu sehen
    Mit unverstellter Verwunderung sah die Markise sich allmählig von allen
verlassen außer von einigen Fräulein die durch traurige Erfahrungen
gewitzigt den Tanzsaal gern mieden Zu diesen gesellten sich noch ein paar alte
Damen welche die gute Gelegenheit sich nicht entgehen lassen wollten jedes
einzelne Stück des Ameublements im Kabinette recht ungestört zu betrachten und
nach den Preisen sich zu erkundigen Von Männern war nur Moritz von Aarheim
dageblieben Dieser unterhielt die Gesellschaft sehr lang und breit von
Adelberts glücklicher Ehe von Gabrielens innigem Verhältnis zu dessen Gemahlin
und zur Frau von Willnangen und wie gewöhnlich hörte niemand auf ihn sogar die
Markise nicht obgleich sie dies Gespräch selbst veranlasst hatte
    Tausend Sorgen beschäftigten diese ihr so künstlich ersonnenes
Krankenkostüm begann sie in die peinlichste Verlegenheit zu setzen sie hätte
in diesem Augenblick gern alles darum gegeben es wieder los zu sein um die
Vorgänge im Ballsaal mit eignen Augen beobachten zu können aber sie sah doch
keine Möglichkeit es abzuändern ohne sich lächerlich zu machen Auch das
Zusammentreffen mit Adelberten den sie nie wieder zu sehen gehofft hatte
beunruhigte sie Allen sogar der Gräfin Rosenberg hatte sie den Glauben
wenigstens gelassen dass sie eine geborene Französin aus einem großen Hause sei
die Entdeckung des Gegenteils das konnte sie sich nicht verhehlen musste ihr
das Ansehen einer Abenteurerin geben vor allem aber fürchtete sie das
Bekanntwerden ihrer früheren Verbindung mit Adelberten Diesen schnell wieder zu
gewinnen das schien ihr der sicherste Weg um allen möglichen Unannehmlichkeiten
vorzubeugen und seine äussre Erscheinung konnte sie diesem Plan nur geneigter
machen besonders in diesem Augenblick da sie Hippolits Benehmen gegen
Gabrielen als für sich höchst beleidigend empfand Zu ihrem großen Verdrusse
blieb ihr volle Musse allen diesen Betrachtungen nachzuhängen denn auch die
alten Damen hatten sich nach richtig aufgenommenem Verzeichnisse der im
Kabinette entaltenen Kostbarkeiten den Spielzimmern zugewendet Moritz aber
war dem Ballsaal zugeeilt um seinen Teil an dem Triumfe seiner Gemahlin sich
zu holen Nur die verlassenen Fräulein waren da geblieben und die Markise fühlte
sich auf eine kränkende Weise mit ihnen auf gleichen Fuß gestellt Hippolit der
sonst außer ihrem Kreise keine gesellige Freude anerkennen wollte ließ sich
nicht wieder blicken vermutlich huldigte er wie alle andere in diesem
Augenblick nur jener Gabriele die ihr immer verhasster ward
    Endlich vermochte es die Markise nicht länger der peinigenden Ungewissheit
zu widerstehen Bei der Unmöglichkeit gekleidet wie sie war bis in den
Ballsaal zu gehen schickte sie die Fräulein auf Kundschaft dorthin aus aber
die armen Kinder kamen nach kurzer Zeit mit dem betrübten Geständnis zurück
nichts gesehen zu haben Es war ihnen unmöglich gewesen den dichten Kreis von
Zuschauern zu durchdringen in dessen Mitte wie sie gehört hatten Gabriele mit
dem Grafen Hippolit eben die Gavotte tanzte Niemand hatte auf ihre Bitten
durchgelassen zu werden geachtet denn alle waren zu eifrig mit dem Schauspiele
beschäftigt welches wie überlaute bis in das Kabinett dringende
Beifallszeichen jetzt verkündeten so eben beendet ward
    Allmählig kamen jetzt auch mehrere Herren und Damen herbei alle schilderten
den eben gehabten Genuss in den lebhaftesten Farben und bedauerten zwiefach die
unselige Krankheit welche die Markise um den schönsten einzigsten Anblick in
der Welt gebracht habe Da riss dieser endlich der letzte schwache Geduldsfaden
besonders als noch immer weder Gabriele noch Hippolit sich blicken ließ Die
Migräne kehrte plötzlich wieder und ward bald so unleidlich dass die
Gesellschaft verabschiedet und die Türe des Kabinetts wieder verschlossen
werden musste Innerlich hoffte die Markise dass ihr Ungetreuer durch diese
Maßregeln beunruhigt in banger Besorgnis herbeieilen würde Sie blieb sogar
noch in der einmal gewählten Attitüde so lästig ihr diese auch zu werden
begann aber umsonst der Erwartete kam nicht
    Längst schon hatte dieser sich in seine Wohnung zurückgezogen während die
Markise noch immer auf ihn harrte Dort saß er in wortlosem Sinnen verloren und
horchte in die Nacht hinaus auf das ferne Rollen einzelner Wagen wie es
allmählig in den erstorbenen Straßen verhallte »Morgen Morgen Wir werden ja
sehen« sprach er endlich leise vor sich hin und befahl dann seinem
Kammerdiener ihn früh zu wecken denn ihm war als stünde ihm in dem morgenden
schon anbrechenden Tage etwas höchst Wichtiges bevor
    Die Nacht verging ihm zwischen Schlaf und Wachen immer noch schwebte
Gabrielens Gestalt jede ihrer anmutigen Bewegungen jedes ihrer noch
anmutigeren Worte ihm vor In fast nie gefühlter Wonne war er an ihrer Seite
durch den Saal geschwebt mit ungeheuchelter Bewunderung hatte er in der Gavotte
jede malerische Wendung ihrer eleganten Gestalt den Ausdruck des schönen
Gesichts das Spiel der zierlichsten Füßchen unverwendeten Blickes verfolgt und
da sie späterhin alles Tanzen verweigerte hatte er bis sie die Gesellschaft
verließ den Platz hinter ihrem Stuhle behauptet Dort lauschte er auf jedes
ihrer Worte und ihr Geist entzückte ihn nicht minder als ihre Schönheit Leicht
und unbefangen gleich entfernt von Übermut und Ziererei sah er sie die
Lobsprüche annehmen und ablehnen mit denen man von allen Seiten sie
überströmte Er fand sogar keine Spur von dem sentimentalen steifen Tugendbilde
das seiner Fantasie vorgeschwebt keine von der Maske die er abzuziehen sich
bereitet hatte »Sie ist ganz Leben ganz Natur Geist und Wahrheit« flüsterte
er noch im Lauf des Abends der Gräfin zu die ihrerseits auch anfing auf ihre
Nichte stolz zu werden mit großem Selbstbehagen ihn um seine Meinung von ihr
fragte und ihm erzählte wie Gabriele von Kindheit an unter ihrer Aufsicht in
ihrem Hause erzogen worden sei
    »Dass sie jenen glückseligen Adelbert liebt« sprach Hippolit weiter »nun
Honny soit qui mal y pense Wer kann es ihr verargen der die in Eselshaut
gebundne Enzyklopädie aller Künste und Wissenschaften sieht welche der Himmel
er selbst mag es verantworten warum ihr zum Gemahl erkohr Mir ist sie durch
diese Liebe nur um so verehrlicher und herrlicher Ein Weib ohne Liebe ist ein
Weib ohne Seele Sogar die Hässliche wird leidlich wenn sie liebt die Schöne
wird dadurch zum Engel verklärt Und dass diese Gabriele es unter ihrer Würde
hält ihre Liebe zu verheimlichen gefällt mir nun gar über die Massen sie
heuchelt doch wenigstens nicht wie alle ihres Geschlechts die etwas zu
verschweigen haben was der Mühe verlohnt Die Gräfin war ähnlicher Äußerungen
ihres jungen Schützlings zu gewohnt um sich ernstlich darüber zu erzürnen
Ermahnungen aber achtete er nicht sondern entging ihnen gewöhnlich und auch
diesesmal durch schnelle Flucht Wir werden ja sehen ob es sich mit dem lahmen
Helden nicht aufnehmen lässt dachte er dabei in seinem Herzen
Alle alte Schmerzen regten sich indessen von neuem in Adelberts Brust Hass
Liebe Verachtung im furchtbarsten Kampf Vergebens strebte er das
verführerische Bild der Markise aus seiner Fantasie zu verbannen vergebens rief
er zu Augusten wie zu einer Heiligen Herminia schwebte die ganze Nacht hindurch
in all ihrer blendenden SchönheitsPracht vor seinen aufgeregten Sinnen So
hatte er nie sie gesehen nie geahnt dass sie so über allen Ausdruck entzückend
ihm erscheinen könne Er bemühte sich ihres Leichtsinns ihrer Treulosigkeit
der unverantwortlichen Art mit der sie ihn verstiess zu gedenken er glaubte sie
zu hassen er wähnte sie zu verachten und doch sah er noch immer die lockende
Gestalt gelagert unter Rosen von Liebesgöttern umschwärmt Er gedachte der
Möglichkeit sie wieder zu sehen und eine unbeschreibliche Angst bemächtigte
sich seiner bei dem Gedanken Sehnsucht zog ihn zu ihr Erinnerung in einem
blutig zerrissnen Herzen hielt ihn zurück Dieser Zustand erreichte eine so
peinliche Höhe dass er endlich um ihm zu entgehen den Entschluss fasste zu
fliehen ohne jeden andern Verlust weiter zu achten der aus dieser Flucht im
Laufe der Geschäfte welche ihn hergeführt hatten für ihn entstehen konnte
    Herzlich froh endlich der peinigenden Ungewissheit entgangen zu sein
beschloss er nur die schickliche Stunde abzuwarten um Gabrielen Lebewohl zu
sagen und dann zu eilen um in Augustens Armen gegen sich selbst Schutz zu
finden doch graute ihm innerlich mit diesem Entschluss in der Seele allein und
müßig zu bleiben Er rief mit Tages Anbruch deshalb seinen Bedienten gab ihm
mehrere auf die nahe Abreise Bezug habende Aufträge fing selbst an Papiere zu
ordnen und einzupacken um nur in erzwungner Tätigkeit sein Gefühl nicht zur
Sprache kommen zu lassen als plötzlich er begriff selbst nicht recht wie eine
der gestrigen Amorinen in Gestalt eines artigen kleinen Mädchens von etwa zehn
Jahren ihm ein rosenduftendes Zettelchen in die Hand schob bei dessen Anblick
ihm beinahe wie gestern beim Anblick der Schreiberin desselben die Sinne
vergingen Das Briefchen war nicht versiegelt es war nur zusammengedreht genau
wie jene Zettelchen die Herminia sonst ihm heimlich zuzustecken pflegte als
den Liebenden noch der ganze Tag den sie im Hause ihrer Eltern mit einander
verlebten zu kurz war für alles was sie sich zu sagen hatten Gedankenlos
öffnete er das duftende Papier ohne bestimmt zu wissen was er tat Hier der
Inhalt desselben
    »Ich will nicht Vergebung ich will nicht Mitleid ich will nicht einmal
andeuten dass ich zu beiden wohl berechtigt wäre Ich verbanne mich auf ewig aus
meinem Vaterlande die nächste Stunde trifft mich nicht mehr hier Der verhasste
Anblick der armen Herminia soll nicht mehr den Abscheu des Mannes erregen der 
genug ich reise Doch einmal einmal noch möchte ich zum Abschiede die Hand
ergreifen die einst bestimmt war mich durch das Leben zu geleiten einmal
noch ehe ich auf immer gehe Ich weiß es dieser Wunsch wird mir nicht gewährt
werden aber ich spreche ihn aus ich fürchte nicht den Schmerz einer
Verweigerung denn ich fürchte keine Schmerzen mehr Marion würde ungesehen
unbemerkt den Weg zu mir zu leiten wissen ich wage es nicht noch eine Sylbe
hinzuzufügen Bitten klingt ja wie Hoffnung Herminia hat seit gestern keine
mehr«
    Unschlüssig starrte Adelbert die lange nicht erblickten wohlbekannten
Schriftzüge an dann hob er mechanisch den Blick zur Türe dort stand Marion
mit einem schlauen echt französischen Kindergesichtchen Sie machte einen
kleinen Knix schob die nur angelehnte Türe auf und trippelte den Blick
rückwärts ihm zugewendet die Treppe des Seitengebäudes hinab auf welcher sie
zu Adelberts Zimmer gelangt war Gedankenlos schritt Adelbert ihr nach über den
Hof auf der Straße erwachte er zwar wieder und war im Begriffe umzukehren aber
er bildete sich ein sich der Feigheit einer solchen Flucht vor der Gefahr
schämen zu müssen und dieses Gefühl trieb ihn vorwärts
Hippolit hatte indessen die Stunde sehr ungeduldig erwartet in welcher er
Gabrielens Wohnung aufsuchen konnte um bei Adelberten einen Krankenbesuch
abzustatten und vernahm mit nicht weniger Unmut als Erstaunen dass der
welchen er von Aerzten umgeben im Bette zu finden geglaubt hatte schon am
frühen Morgen ausgegangen sei Niemand wusste wohin Hippolit hatte bei diesem
Besuche auf irgend einen günstigen Zufall gerechnet der ihn bedeutender als
eine bloße zeremonielle Visite bei Gabrielen Zutritt verschaffen sollte und
verweilte jetzt unschlüssig auf der Treppe darüber nachsinnend ob es geratner
sei schon jetzt sich bei ihr melden zu lassen oder später wiederzukehren als
Moritz ihm begegnend seinen Bedenklichkeiten ein Ende machte indem er ihn
erst auf das freundlichste begrüßte und dann sogleich an das Ziel seiner Wünsche
führte Mit unendlichem Bedauern verließ der Baron dort aus Mangel an Zeit
Hippolit nachdem er diesen für den Mittag eingeladen denn noch am nämlichen
Morgen hatte er der Auktion eines Naturalienkabinetts einer Vorlesung über die
Möglichkeit den Luftballon zu regieren und einer Opernprobe beizuwohnen
Schöner noch als im festlichen Schmuck des gestrigen Abends trat Gabriele
Hippoliten im zierlich einfachen Morgenkleide entgegen Ihr helles Auge ruhte
mit sichtbarem Wohlgefallen auf ihm ihr schöner Mund lächelte ihn freundlich
an während sie mit ihrer süßen melodischen Stimme für die ihrem Gastfreunde
geleistete Hilfe ihm nochmals dankte Er sonst so vorlaut aller Frauen Gunst
so sicher stand dabei fast unbehülflich da und suchte vergeblich nach einer
passenden Antwort er fürchtete Gabrielen etwas zu erwidern weil er sie dann
nicht mehr hören würde und fühlte dabei doch mit innerer Angst das Lächerliche
seines fortwährenden Schweigens Endlich suchte er gewaltsam den Zauber zu
zerreißen der seine Zunge fesselte er strebte wieder in den gewohnten Ton zu
gelangen mit dem er bis jetzt noch immer bei den Frauen Glück gemacht hatte
und ward zuletzt aus bloßer Verlegenheit zuerst vorlaut und endlich beinahe
unverschämt Mit erzwungner Bedeutung brachte er ziemlich ungeschickt einige
witzig sein sollende Anspielungen auf den Kranken an der solcher Teilnahme
sich erfreuen könne sprach dann von der Verpflichtung aller Männer einem so
ausgezeichneten Günstling des Glücks zu dienen wenn gleich sie eben dieser
Auszeichnung wegen ihn alle tötlich hassen müssten Das Unziemende solcher
verbrauchten Scherzreden Gabrielen gegenüber fiel ihm selbst auf und vermehrte
seine Verlegenheit er wollte es mildern und geriet immer tiefer hinein bis
sie ihn endlich unterbrach nachdem sie ihm lange genug zuletzt recht mitleidig
ernstaft zugehört hatte
    »Ich könnte mich stellen als verstünde ich Sie nicht« sprach sie »oder
ich könnte Sie auch verstehen und dann mit gutem Fug und Recht mich erzürnen
und eigentlich sollte ich dieses auch wohl aber Ihr ganzes Wesen vor allem
Ihre Jugend lassen mich hoffen dass Sie mir eben eine Lection hersagten die Ihr
Kopf in der Welt in der Sie bis jetzt lebten auswendig lernte von der aber in
Ihrem Herzen keine Sylbe steht Ich freue mich um so mehr der Aussicht Sie oft
und lange in unserm Kreise zu sehen dem es vielleicht gelingen wird Ihnen das
Leben und auch die Frauen aus einem andern Gesichtspunkt zu zeigen« Hier
schwieg sie gleichsam eine Antwort erwartend doch Hippolit hochrot vor Zorn
und Scham vermochte kein Wörtchen aufzubringen und suchte nur in seinem Äußern
noch das sonst gewohnte dreiste Selbstbewusstsein auszudrücken »Stehen Sie nicht
so wie ein zürnender Heros vor mir« setzte daher nach einer kleinen Pause
Gabriele lächelnd hinzu »nehmen Sie lieber meine Äußerungen wenn sie Ihnen
auch nicht ganz gefallen sollten so auf wie ich die Ihrigen das heißt mit
Duldung«
    Gleich nach diesem suchte sie dem Gespräch eine leichtere gleichgültigere
Wendung zu geben aber es misslang ihr Hippolit war zu sehr aus dem
Gleichgewicht gekommen um es sogleich wieder zu finden und ergriff deshalb den
ersten schicklichen Augenblick um seinen Besuch zu beenden
    Von Gabrielen entfernt fühlte er mit tiefer Beschämung dass er wie ein
ausgescholtener Schulbube vor ihr dagestanden vor ihr die ohne den geringsten
Versuch ihm seine vorgefasste Meinung von dem Verhältnis zwischen ihr und
Adelbert zu benehmen dennoch wie völlig gerechtfertigt stolz und klar sich
erhob und zugleich eine Art Herrschaft über ihn übte zu welcher er sich nicht
bewusst war sie berechtigt zu haben
    Aergerlich und mit dem festen Vorsatze kalt und unbefangen aufzutreten
stellte er zur Zeit der Mittagstafel zum zweitenmale sich in Gabrielens Zimmer
ein aber er konnte sich die Mühe sparen denn sie begrüßte ihn nur mit einer
leichten Verbeugung und setzte dann sehr lebhaft ihr Gespräch mit einem Fremden
fort der eben aus Rom kam und Ottokarn dort gesehen hatte Moritz hingegen der
seit gestern eine ganz eigene Zärtlichkeit für Hippoliten gefasst zu haben
schien bemächtigte sich sogleich seiner um ihm eine Sammlung von Missgeburten
zu zeigen welche er am nämlichen Morgen in der Auktion gekauft hatte So ward
im einzelnen Gespräch beinahe eine Stunde von der nur aus acht oder neun
Personen bestehenden Gesellschaft hingebracht Gabriele blickte oft auf die Uhr
man erwartete sichtbar noch jemanden Blas und verstört trat endlich Adelbert
herein beantwortete sehr in der Kürze alle Fragen nach seinem Befinden schob
einige unverständliche Entschuldigungen seines späten Erscheinens dazwischen
und versicherte dann wieder nur der Blumenduft einzig der Blumenduft im
Kabinett der Markise habe ihm gestern den Zufall zugezogen von dem er sich
jetzt völlig hergestellt fühle
    Hippolit fand an der Tafel neben dem Herrn des Hauses seinen Platz
Gabrielen und Adelberten gegenüber Letzterer blieb sichtbar verstimmt und
Gabriele betrachtete ihn mit augenscheinlicher Besorgnis Dann aber wendete sie
sogleich alle ihre Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu Jeden und jedes wusste sie
an seinen Platz zu stellen hatte Allen einzeln etwas angenehmes zu sagen oder
zu erzeigen und das auf so natürliche Weise als müsste es so und nicht anders
sein Sie war die Seele der Unterhaltung ohne damit prunken zu wollen im
Gegenteil es war als ob der Abglanz ihrer Anmut sich auf die verbreitete
welche sie umgaben Wer ihr nahte gewann an Liebenswürdigkeit an Geist Witz
Verstand denn sie wusste jeden lichten Funken hervorzulocken und seit sie in
der großen Welt lebte war außer Hippoliten vielleicht noch nie jemand anders
als höchst zufrieden mit sich selbst von ihr geschieden
    Adelbert versank inzwischen in immer trüberes Nachsinnen aus welchem er
sichtbar sich zusammennehmend auffuhr wenn man ihn anredete Moritz hingegen
war seelenvergnügt und eine Albernheit jagte die andere aus seinem Munde
Vergebens strebte diesmal Gabriele das Gespräch abzuändern Hippolit sah wie
sie alle Kraft ihres Geistes anwendete um die Schwäche des Mannes dem sie
angehörte zu verdecken und die Nachtseite des Geschicks der schönen anmutigen
Frau trat plötzlich in all ihrem hoffnungslosen Dunkel vor seine Seele »So«
dachte er »so muss das holde Wesen unablässig arbeiten sich anstrengen sich
quälen lebenslänglich und warum Um der Welt zu verbergen was sie leidet Um
fremden Augen das Unwürdige der Fesseln zu entziehen die sie zu Boden drücken
und welche nur der Tod lösen kann
    Von unsäglichem Mitleide hingerissen bemühte er sich von nun an ihr zu
helfen und gewandt wie er war gelang es ihm wirklich den Faden der
Unterhaltung behend zu ergreifen ein Gespräch aufzubringen welches unter
seiner Leitung interessant genug ward um selbst Moritzen zum Zuhören zu
bewegen Gabrielens dankbare Zufriedenheit die er in ihren Augen las lohnte
ihn überreich besonders da Moritz ihn einlud morgen und an jedem Tage so oft
es ihm bequem sei wiederzukehren eine Erlaubnis welche er sich vornahm recht
oft zu benutzen
Mehrere Tage vergingen während denen Adelbert und Hippolit die Rollen getauscht
zu haben schienen Ersterer war nur selten und nie in Gabrielens Nähe zu
finden wenn er vermuten konnte mit ihr allein zu sein Er verließ mit dem
frühesten das Haus und kehrte nur selten und spät wieder heim während
Hippolit dort fast jede Stunde des Tages verlebte und die Markise nie anders
als umringt von fremden Zeugen im geselligen Kreise sah Er hatte sein
Verhältnis zu ihr nie bindend gefühlt und auch sie konnte nach der
stillschweigenden Übereinkunft der Welt in der sie zu leben gewohnt war sich
hierüber keine Illusion machen Jetzt war das Band welches ihn ihr verknüpfte
nicht gelöst es war zergangen vor Gabrielens Erscheinung wie Sommerwölkchen
vor der Sonne in Nichts sich auflösen und er achtete übrigens die Markise zu
wenig um ferner nach ihr noch den Verbindungen zu fragen die sie jetzt zu
schließen für gut finden mochte
    Nicht listig absichtlich sondern vom ehrlichen Wunsche geleitet Gabrielens
Geschick zu erleichtern hatte Hippolit sich in kurzer Zeit ihrem schwachen
Gemahl so lieb und wert zu machen gewusst dass dieser ihn ungern von der Seite
ließ und ihn mit Einladungen bestürmte sein Haus als das seinige anzusehen Je
länger er Gabrielen sah je deutlicher ward es ihm dass diese Frau von allen
die er bis jetzt gekannt hatte sich himmelweit unterschied und so konnte es
ihm nie einfallen auf gewöhnlichem Wege sie zu gewinnen Auch dachte er nie
daran planlos lebte er in ihrer Nähe fort strebte auf jede Weise sich dort zu
erhalten und sann nie darüber nach warum er ihr nach und nach seine liebsten
Gewohnheiten und Neigungen opferte warum sie mit mächtiger Allgewalt ihn zu
beherrschen beginne es war ihm als müsse alles dies so und nicht anders sein
    Gabrielen konnte es indessen nicht entgehen wie zart und schonend der
übrigens in allem so rücksichtslos handelnde Jüngling es vermied die
Lächerrlichkeiten eines Mannes zu bemerken der alt genug war um sein Vater sein
zu können Sie sah wie oft er gegen die Spottlust der übrigen jungen Leute ihn
in Schutz nahm und ihre holdeste Freundlichkeit lohnte ihm ein Betragen
welches sie für den untrüglichsten Beweis reiner Herzensgüte nahm Der frühern
jugendlichen Unbesonnenheit mit welcher er in der ersten Stunde ihrer
Bekanntschaft es gewagt hatte sie zu beleidigen wurde nicht mehr gedacht oder
wenn es geschah so schämte Gabriele sich des Ernstes mit dem sie eine
kindische nichts bedeutende Ungezogenheit gerügt hatte So gewöhnte jeder Tag
sie immer mehr an die Gegenwart Hippolits den sie zuletzt oft im Scherz ihren
Edelknaben nannte
    Adelbert hingegen verlebte diese Zeit in stetem Schwanken zwischen Himmel
und Hölle bald in der wollustatmenden Nähe der Markise alles außer ihr
vergessend bald niedergeschmettert von Reue und Selbstverachtung wenn ein
sorgender Blick aus Gabrielens Augen wie ein Strahl aus der schuldlosen
seligen Heimat ihn traf Herminia hatte als er von Marion geführt ihr Zimmer
betrat mit unwiderstehlichem Zauber den ganzen vollen Freudenkranz ihrer Beider
Jugend neubelebt in Himmelsfarben glühend ihm zu zeigen gewusst Ohne die
frühere Schuld welche diesen Kranz zerriss wegleugnen zu wollen aber auch ohne
Reue darüber in Worten auszudrücken hatte sie vor dem Beleidigten sich nicht
gebeugt Aber während sie vorgab ihm Lebewohl auf ewig zu sagen musste er
wähnen in ein von Liebe Reue Schmerz zerrissenes Gemüt zu blicken das in
kalter Selbstverleugnung sich verloren gab und nur bedacht schien sich und
seine Qualen ihm zu entziehen Entschlossen die Treubrüchige mit kalter
wortarmer Vergebung verachtend niederzuschmettern war er gekommen nur wenige
Minuten vergingen und er lag zu ihren Füßen sie entschuldigend gegen ihre
eignen Anklagen sie in Schutz nehmend die jetzt erst laut zu werden begannen
Diese ihre erste Zusammenkunft endete von seiner Seite mit dem feierlichen
Versprechen noch am nämlichen Abend wiederzukehren um dann gefasster mit
Bewusstsein den Augenblick ewiger Trennung zu feiern und so in Zukunft sein Bild
liebend vergebend und mild in ihrer Erinnerung leben zu lassen
    Zur unglücklichsten Stunde hielt Adelbert sein Wort Der vereinte Zauber
früherer Unschuld und jetziger blendend strahlender Schönheit in Reue in
Verzweiflung in aller Glut der hingebendsten Liebe riss ihn hin er vergaß
alles auch die Augusten geschworne Treue Ihr bescheidnes Bild trat weit zurück
in den verborgensten Winkel seines Herzens schmerzlich fühlte er es dort ohne
es sich selbst zu bekennen
    In bitterer Selbstverachtung gab er von nun an jede Hoffnung der möglichen
Rückkehr zum Bessern auf Er wollte nur Betäubung und fand sie er sah und hörte
nur Herminien wie sie einzig in seiner Liebe leben und atmen zu können schwur
ihre Versicherungen ihn nie ganz vergessen zu haben ihr Geloben künftiger
ewiger Treue er glaubte Alles und Nichts Im Wahnsinn äußern Sinnenrausches
gefoltert von innern Vorwürfen in jeder Minute helleren Selbstbewusstseins mied
er aufs geflissentlichste alles was ihn zu diesem bringen konnte vor allen
Gabrielen
    Herminia hatte bei Adelberts Wiedersehen wirklich eine Regung jener Gefühle
empfunden die einst ihre Jugend beglückten Sie sah ihn zum edlen stolzen Manne
herangereift sogar die Narbe über der Stirn welche früher ihr so entsetzlich
dünkte erhob jetzt sein Gesicht weit davon entfernt es zu entstellen zu dem
eines Helden Seine Erschütterung bei ihrem Anblick verriet ihr die Gewalt
welche sie noch immer über ihn üben konnte und Gabrielens unverhohlne
Teilnahme an seinem anscheinend plötzlichen Übelbefinden ließ sie sogleich
in dieser eine wahrscheinlich beglückte Nebenbuhlerin ahnen Gabrielens von
allen gefeierter Name erregte schon ihre Eifersucht ehe sie selbst sie noch sah
jetzt da Hippolit ihr um jener willen untreu zu werden drohte ward sie ihr ganz
unerträglich Sechs in den gefährlichsten Umgebungen verlebte Jahre hatten
Herminien sehr tief herabgezogen Wechsel und Intrigue waren in dieser Zeit
ihrem leidenschaftlichen Wesen zum Bedürfnis geworden und unbekannt mit jeder
bessern Regung beurteilte sie alle und somit auch Gabrielen nach sich Sie
glaubte daher sich nicht besser an dieser rächen zu können als indem sie
Adelberten von ihr abzuwenden und wieder in die alten Fesseln zu ziehen suchte
Zugleich hoffte sie dadurch Hippolits Eifersucht rege zu machen und so auch ihn
wieder zu gewinnen den sie ohne ihn zu lieben dennoch nicht freigeben wollte
besonders nicht an Gabrielen Alles dieses vereint bestimmte sie zuerst zu jener
mühevollen Vorstellung mit der sie Adelberten umgarnte aber es ging ihr bald
mit dieser Rolle wie jeder guten Schauspielerin mit der ihrigen sie gewann sie
lieb so dass sie selbst nicht mehr Täuschung und Wahrheit von einander zu
unterscheiden wusste und das Spiel immer weiter trieb zuletzt hauptsächlich nur
um des Spieles willen
    Nicht mit jener quälenden Empfindung welche Herminia in ihr erregen wollte
aber doch schmerzlich besorgt sah Gabriele Adelberten sich täglich ihr mehr
entfremden Sie sah die Angst die ihn in ihrer Nähe ergriff sie bemerkte wie
geflissentlich er jedes Gespräch mit ihr vermied ohne erraten zu können
wodurch sie sein Zutrauen verscherzt habe Auch zeigte er sich ihr durchaus
nicht feindselig aber ihr Beisein übte über ihn eine sichtlich vernichtende
Gewalt Das Geschäft welches ihn in die Residenz geführt hatte vernachlässigte
er durchaus und brachte dennoch fast alle seine Zeit außer dem Hause zu Sie
begriff nicht wo und womit Bei der Markise traf sie ihn selten denn sie
besuchte diese nur wenn sich dort Gesellschaft versammelte und dann pflegte
Adelbert gewöhnlich zu fehlen Tausend Vermutungen drängten sich Gabrielen
entgegen doch keine brachte sie der Wahrheit nahe und ihr Gefühl widerstrebte
jedem heimlichen Nachforschen aber dieses unerklärliche Betragen des Gemahls
ihrer Auguste lastete recht schwer auf ihrem Gemüte
    Zwischen der Markise und der Gräfin Rosenberg war indessen seit Gabrielens
Ankunft eine Spannung entstanden welche und vielleicht bald in einen
förmlichen Riss auszuarten drohte Herminie hasste Gabrielen zu sehr um diesen
Hass nicht auch der Gräfin sichtbar werden zu lassen besonders seit es mit jedem
Tage ihr entschiedner wurde dass Hippolit um jener willen ihr unwiederbringlich
verloren sei Die Gräfin hingegen nahm Gabrielen stets in Schutz sie hatte sie
auf ihre Art lieb gewonnen sie wusste sich nicht wenig damit dass eine so
glänzende Erscheinung aus ihrem Hause ausgegangen unter ihren Augen gebildet
sei Nichts konnte ihr ein beifälligeres Lächeln ablocken als wenn man Züge von
Ähnlichkeit zwischen der Tante und der Nichte entdeckt haben wollte auch
konnte sie Gabrielen nicht entbehren ihre stete Gegenwart machte die geselligen
Abende der Gräfin zu den gesuchtesten und glänzendsten der Stadt unerachtet
schwache Nerven jetzt sehr oft das Nichterscheinen der Markise entschuldigen
mussten zum Teil weil diese die Abendstunden lieber mit Adelberten allein
zubrachte mehr aber noch weil sie das Rivalisiren mit Gabrielen scheute
Außer sich wäre sie gewesen wenn sie gewusst hätte wie wenig die Gesellschaft
im Salon der Gräfin ihre Gegenwart vermisste Ihr erstes blendendes Auftreten war
zwar nicht vergessen aber man gedachte dessen nur als eines angenehmen und
zugleich fremden Schauspiels welches sich indessen seiner Art nach doch nicht
ganz mit deutschem Sinn und deutscher Sitte vereinen ließ während Gabrielens
sich stets gleichbleibende anspruchslose Liebenswürdigkeit auf Geist Sinn und
Herz immerwährend wohltuend wirkte
Unerachtet der tausend Schwachheiten zu welchen ungemessne Eigenliebe und Lust
zu glänzen die Gräfin Rosenberg verführen mochten hielt dennoch niemand fester
als sie an das was sie ihre Grundsätze nannte Achtung vor äusserem Anstande
Sitte und guten Ruf diese KardinalTugend vornehmer Leute besaß sie in hohem
Grade sie war eine abgesagte Feindin alles offenbaren Unrechts und Adelberts
Verhältnis zu Herminien musste ihr großes Missfallen erregen sobald sie es für
das erkannte was es war Hippolits jetziges Benehmen gegen die Markise machte
sie zuerst aufmerksam darauf Sie sah wie er der sonst nur in den Blicken der
Markise dAubincourt zu leben schien ihr jetzt mit unverkennbarer Kälte
begegnete wie zuvorkommend er Adelberten jedesmal wenn beide bei ihr
zusammentrafen den Platz neben ihr einräumte und sie hatte selbst zu lange und
in zu mannigfaltigen Verhältnissen in und mit der Welt gelebt um nicht wenn
gleich diesesmal ungerechter Weise den Grund einer so auffallenden Veränderung
im Betragen ihrer Hausgenossin zu suchen Die dunkle Seite desselben blieb ihrem
Scharfblick nicht lange verborgen und gränzenloser Zorn ergriff sie bei der
Entdeckung dass die Markise es wage unter ihren Augen in ihrem Hause und
gleichsam unter ihrem Schutze mit dem Gemahl einer ihrer nächsten Verwandtinnen
ein solches Verständnis zu unterhalten Hätte die Gräfin Rosenberg den ersten
Regungen ihres empörten Gemüts zu folgen gewagt so wäre die Markise in der
nächsten Stunde durch öffentliche Kundmachung ihres Betragens vor der Welt auf
das beschämendste bestraft worden aber sie war von jeher gewohnt nur mit der
äußersten Umsicht vorzuschreiten und jedes nicht durch Bewunderung erregte
Aufsehen zu scheuen wie den Tod Der Familienstolz welcher einst den Baron von
Aarheim so mächtig beherrschte war auch der Brust seiner Schwester nicht fremd
und das Bekenntnis dass Auguste ihre Verwandtin um einer andern willen
verlassen werden konnte schien ihr unwürdig und entehrend Schmerzlich vermisste
sie jetzt Ernestos gewohnte leitende Hand doch dieser Freund war fern auf dem
Wege nach Italien wohin Ottokars wiederholte Einladungen ihn zogen und so
blieb der Gräfin nichts übrig als an seiner Stelle Gabrielen zu Rat und
Mitwirkung aufzufordern um mit ihrer Hilfe die Markise ohne äußeres Aufsehen zu
entlarven zu entfernen und hernach Adelberten reuig und gebessert Augusten
wieder zuzuführen
    Gabriele stritt lange und heftig mit unglaublichem Erstaunen für Adelberten
gegen die Beschuldigungen der Gräfin ehe sie sich entschließen konnte solche
als Wahrheit anzuerkennen und selbst dann bemühte sie sich noch sein Vergehen
in gemildertem Lichte zu sehen Weder sie noch ihre Tante hatten die leiseste
Ahnung davon dass er in der Markise dAubincourt Herminien wieder gefunden habe
um so auffallender musste ihnen diese plötzlich entstandne Leidenschaft
erscheinen aber auch um so leichter die Möglichkeit solche zu besiegen
Adelberts schleunige Entfernung von der gefährlichen Zauberin welche ihn
umstrickt hielt schien beiden Frauen nach langem Beraten das einzige Mittel
ihn wieder zu sich selbst zu Augusten zurückzuführen und der innigste Wunsch
dieser wo möglich die über dem Glück ihres Lebens schwebende Gefahr gänzlich zu
verbergen bestimmte Gabrielen sich an Frau von Willnangen zu wenden um durch
diese Adelberts schleunige Zurückberufung zu bewirken Denn so sehr sie auch den
freundlichen Greis Adelberts Oheim liebte und ehrte so wusste sie dennoch
nicht in wie weit man in einer für Augustens Zukunft so wichtigen Sache auf
dessen Leitung sich verlassen könne und durfte demnach es nicht wagen das
Muttergefühl der geliebten Freundin zu schonen
    Mildernd begütigend aber doch eindringend und ernst machte Gabriele sie
mit Adelberts trauriger Verirrung so schonend als möglich bekannt Die Markise
zeigte sie ihr so wie sie ihr selbst erschien als ein für den ersten
Augenblick höchst einnehmendes blendendes Geschöpf reich an allem was reizt
gefällt und verführt aber eigentlich doch arm an innerem Werte mit keiner
einzigen der Eigenschaften begabt die einst Augusten das Herz ihres Gatten
gewannen Auguste wird ihn wieder gewinnen setzte Gabriele dieser Beschreibung
hinzu Sie muss ihn wieder gewinnen um auf ewig ihn zu halten sobald es uns nur
gelingt ihn dem magischen Kreise dieser neuen Armida zu entrücken deren Nähe
ihn allen seinen Freunden und sich selbst zum Unkenntlichen verwandelt Um nicht
zu ängstlich bei diesem Hauptzweck ihres Briefes allein zu verweilen versuchte
es weiterhin Gabriele der Frau von Willnangen ein heiteres lebendiges Bild
ihres jetzigen Lebens und des glänzenden Horizonts zu geben an welchem sie
selbst ein Stern erster Größe war »Sie sehen« schrieb sie ferner »aus ihrer
sonst so furchtsamen Gabriele ist nach und nach ein ziemliches Weltkind
geworden doch fürchten Sie nicht zu viel für meinen häuslichen Sinn Ach liebe
liebe Mutter ich sehne mich oft so dass mir die Tränen in die Augen treten
nach einer einzigen Stunde wie ich deren so unzählig viele bei Ihnen mit
Ihnen mit Augusten mit Ernesto verlebt habe Wissen Sie noch den Abend wo wir
sangen Dolce dell anima speme del mio cor Wie laut wie töricht flatterte
damals dies Herz das jetzt so leise sich regt Alles ist anders wie in jenen
Tagen und doch im Grunde dasselbe Was je mir teuer war ist noch das Leben
meines Lebens jede Freude jedes Gelingen jeden guten Vorsatz knüpfe ich an
ein liebes Bild aber dies Bild glänzt weit weit von mir in meinem Jugendlande
Ich träume davon wie schlafende Kinder mit Engelbildern spielen aus einer
fernen goldnen himmlischen Heimat und wenn ich erwache lächelt der Abglanz
des Morgenrotes meines Lebens noch immer freundlich in meinen Werkeltag hinein
    Wirklich ich komme mit meinen vierundzwanzig Jahren mir oft recht alt
recht matronenhaft vor und ich glaube ich erscheine auch Andern so meinem
Zöglinge wenigstens gewiss denn ich muss es nur bekennen ich gebe mich jetzt mit
der Erziehung ab und zwar bei einem recht verwarloseten Kinde das ich dem
Untergange entreißen will Freilich ist es schon einundzwanzig Jahre alt aber
erschrecken Sie nicht darüber mein Zögling geberdet sich gewöhnlich als zähle
er deren kaum sieben er ist unbändig ungehorsam und wieder lenksam folgsam
und gut wie es kommt Er verbindet alle Arten und Unarten eines Kindes mit jeder
glänzenden Eigenschaft der reifern Jugend Denken Sie sich ihn hoch schlank
schön wie Achill schmiegsam biegsam fast kindliche Grazie in jeder Bewegung
mit dunkeln Locken und schwarzen blitzenden Augen wie Mignon So wunderlich wie
in seinem Äußern eint sich der Widerspruch auch in seinem Innern Er ist
stolz auch wohl hochmütig verachtend eitel argwöhnisch
suffisantausgelassen und oft recht von Herzen betrübt Alles das teils durch
das Leben welches er bis jetzt lebte und durch die Leute mit denen er in
Verbindung geriet mehr aber noch wie er mir nicht vertraute aber erraten
ließ durch früh erlittenen Verrat Misshandlung und Betrug von Seiten derer
welchen es Pflicht war ihn zu lieben Von Natur ist er mild bescheiden
heiter vertrauend jeder Aufopferung fähig aber diese edleren Eigenschaften
treten nur zuweilen hervor und werden oft verdüstert Er ist sehr unterrichtet
sogar gelehrt wie es mich dünkt Er weiß von Kunst zu reden bläst die Flöte
zeichnet skizzenhaft aber geistreich Doch alles dies ist ihm nur ein
Erlerntes er weiß es nicht zu brauchen er weiß nur damit zu glänzen Er geht
umher wie ein Nachtwandler in eines Königs Pallast man muss ihn bei Namen rufen
damit er die Herrlichkeit gewahr werde die ihn umgibt aber man muss ihn dabei
auch recht sorglich festhalten um ihn vor dem Falle zu schützen und auf rechte
Bahn zu bringen
    Dies zu versuchen habe ich mir nun vorgenommen Ich fand ihn am
Scheidewege oder vielmehr dass ich es nur gestehe ich fand ihn schon eine
ziemliche Strecke über die Gränze hinaus verlockt Ein wunderliches Begegnen
brachte ihn mir nahe zuerst war er ungezogen ich schalt wie billig er schämte
sich etwas ungeschickt vielleicht zum erstenmale in seinem Leben bei solchem
Anlasse und mitten durch alles dieses blickte so viel Gutes ja selbst Edles
hervor dass er mein innigstes Bedauern erregte und ich den Wunsch fühlen musste
ihm wieder zurecht zu helfen Die Frauen mögen an seinem Verderben nicht wenig
Schuld sein Nun es sei gewagt Vielleicht gelingt es mir wieder zu erbauen
was Andere meines Geschlechts zerstörten Hippolit scheint Vertrauen zu mir
gefasst zu haben und das ist schon viel
    Möge es Ihnen ein Beweis seiner Herzensgüte sein dass er zu meinem eignen
Erstaunen das Wohlwollen meines Gemahls sich in so hohem Grade zu erwerben
gewusst hat dass dieser ihn immer um sich haben möchte und Hippolit deshalb
beinah wie einer unserer Hausgenossen anzusehen ist nur dass er nicht bei uns
wohnt Manche kleine körperliche Schwäche des Alters beginnt früh wie mich
dünkt Herrn von Aarheims Dasein zu trüben ohne dass ich deshalb ernstlich um
ihn besorgt zu sein Ursache hätte Er wäre gewiss weit öfterer leidend und
grämlich als er es ist doch Hippolit macht ihm vieles vergessen denn er
umspielt ihn in Jugendlust und heiterer Lebensfülle Der allmählig zum Greise
heranalternde Mann scheint oft zu wähnen er habe in ihm einen lieben Sohn
wieder gefunden der seine grauen Locken ehrt und seine kleinen Schwachheiten
schonend erträgt Wie sehr ich dabei an häuslicher Ruhe und Lebensfreiheit
gewinne werden Sie die Sie uns so genau kennen leicht ermessen und sich
nicht darüber wundern dass Hippolit in diesem freundlichen Verhältnis zu uns
mir selbst ein Verwandter zu sein dünkt der Anspruch hat an mich dass ich für
ihn tue was ich kann«
Einige Wochen waren nach Absendung dieses Briefes vergangen und Gabriele sah
längst der Antwort entgegen als eines Abends sich ein kleiner gewählter Kreis
zum musikalischen Verein in ihrem Zimmer versammelt hatte
    Umflossen von Licht Glanz und Schönheit saß die Markise auf dem Divan unter
einer strahlenden Girandole von Kristall Vor ihr stand die reich geschmückte
große Pariser Harfe hinter ihr über sie hingebeugt Hippolit dessen Flöte die
Töne begleitete welche sie mit Meisterhand dem goldnen Saitengewebe entlockte
Die ganze Gesellschaft im Saal war in der Andacht des Zuhörens und des Anschauns
versunken Nur Adelbert saß einsam und abgewendet in der fernsten Ecke
desselben Mit den so eben verklungenen einfachen Tönen eines alten oft gehörten
Liedes hatte Gabriele eine Welt von Schmerz und Sehnsucht in seinem Busen
aufgeregt Die Melodie des Liedes war eine von jenen welche wie Töne aus der
Heimat in uns wiederklingen und den Worten so fest sich anschließen dass es
unmöglich wird jene ohne diese oder diese ohne jene zu denken Hier ist das
Lied
Noch einmal muss ich vor Dir stehen
Noch einmal in Dein Auge sehen
So lieb und klar
Die Hand so fest und wahr
Noch einmal fassen inniglich
Die liebe Hand und Dich  und Dich
Drum wenn ich nur erst bei Dir wär
Dann wär schon alles recht
Und wenn ich nur erst bei Dir wär
Wies Gott dann schicken möcht
Ich muss Dir sagen noch einmal
All meine Freud all meine Qual
Du kennst sie beid
Mein Glück und auch mein Leid
Doch ich muss sagen Dir aufs neu
All meiner Seele Lieb und Treu
Drum wenn ich nur erst bei Dir wär
Dann wär schon alles recht
Und wenn ich nur erst bei Dir wär
Wies Gott dann schicken möcht
Muss hören noch ein einzigmal
Den süßen vollen Glockenschall
Von deiner Stimm
Denn  gings mir noch so schlimm 
Wenn sie von deinen Lippen weht
Wird meine Klage still Gebet
Drum wenn ich nur erst bei Dir wär
Dann wär schon alles recht
Und wenn ich nur erst bei Dir wär
Wies Gott dann schicken möcht
Will rufen all mein schmerzlich Glück
Mir noch ein einzigmal zurück
Will lauschen sacht
Wie du an mich gedacht
Noch einmal muss auf Erden mein
Nur einmal noch der Himmel sein
Drum wenn ich nur erst bei Dir wär
Dann wär schon alles recht
Und wenn ich nur erst bei Dir wär
Wies Gott dann schicken möcht
Diesen Worten diesen Tönen hatte Adelbert unzähligemal im innigsten Gefühl
seines Glücks an Augustens Seite zugehorcht wenn Gabriele wie eben jetzt mit
ihrer süßen rührenden Stimme sie sang und nun erfüllten sie das Gemüt des
einsam Verirrten mit einer unendlichen Sehnsucht nach dem häuslichen glücklichen
Heerd dabei ward ihm als trennten weite Meere unüberwindliche Klüfte ihn von
den Seinen als werde er nimmer und nimmer sie wiedersehen Allmählig versank er
so in immer trostlosere Wehmut und beachtete weder das Spiel der Markise noch
alles was ihn umgab Ein leises Oeffnen der Türe bewog ihn endlich mechanisch
die Augen zu erheben und zu seinem unsäglichen Schrecken erblickte er dicht vor
sich die ehrwürdige Gestalt seines viele Meilen weit entfernt geglaubten
Oheims des Generals Lichtenfels Blitzschnell fuhr Adelbert bei dem
unerwarteten Anblick in die Höhe er wollte ihn begrüßen aber die Stimme
versagte ihm den Dienst bleich wie entgeistert blieb er auf seinem Platze
regungslos stehen den stieren Blick auf den eben Eingetretenen geheftet der
ihn indessen eben so wenig bemerkte als er selbst von der ganz der Musik
zugewendeten Gesellschaft bemerkt ward
    Leise auftretend durchschritt der General das Zimmer der Länge nach bis er
dicht vor der Markise still stand nur durch die Harfe von ihr geschieden Mit
immer zorniger werdendem Ernste betrachtete er sie jede Sekunde überzeugte ihn
immer fester sie sei wirklich die für welche er sie im ersten Augenblicke
erkannt hatte bis endlich eine Pause in der Musik entstand Die Markise welche
bis dahin ihr Harfenspiel ganz unbefangen fortgesetzt hatte wendete sich jetzt
gegen ihre Zuhörer um in ihren Augen die dankbarste Bewunderung zu lesen und
ihr erster Blick fiel auf die hohe drohende Gestalt die ganz nahe vor ihr
über die Harfe weg sie anstarrte Gelähmt vom Schrecken bei der unerwarteten
Erscheinung die auch sie nur zu wohl wieder erkannte fühlte sie dennoch die
dringende Notwendigkeit hier ruhig und besonnen zu bleiben Sogar ein Gedanke
der Möglichkeit unerkannt durchzuschlüpfen fuhr ihr durch den Kopf wenn sie
Fassung genug behielt ferner für eine Französin zu gelten deren große
Ähnlichkeit mit der ehemaligen Braut seines Neffen den General verwirre Aber
ein Seitenblick auf Adelbert der wie vernichtet da stand brach ihr den Mut
und als nun vollends der General die wohlbekannte Stimme donnernd erhob sank
sie erbleichend auf dem Divan zurück und vermochte es kaum noch auf ihrem Sitz
sich aufrecht zu erhalten
    Erzürnt tief empört vom Augenblick hingerissen vergaß der General alle
ihm sonst eigne Milde und Schonung und begann eine laute lange Strafpredigt Der
ganze Zusammenhang von Adelberts Verirrung war ihm klar geworden wie der Tag so
wie er in der Markise Herminien wieder fand und er überströmte die ihm jetzt
zwiefach strafbar Erscheinende mit Fragen mit Vorwürfen mit Anklagen welche
den dabei Gegenwärtigen ihre früheren und jetzigen Verhältnisse in dem
allerungünstigsten Licht offenbaren mussten Die duldende Verlegenheit der
Markise galt bei Allen für das vollkommenste Eingestehen jeder Beschuldigung
besonders da sie in der Angst der früheren Verstellung vergaß und plötzlich in
sehr reinem geläufigem Deutsch ihren Widersacher zu besänftigen und manche
Anklage von sich abzuwenden suchte Die Szene ward immer verwirrender und
Gabriele die wenn sie gleich auf diese Art es nicht gewollt hatte sich doch
bewusst war sie veranlasst zu haben geriet in immer drückendere Verlegenheit
Denn jetzt erhob sich auch die Gräfin um die Angeklagte vollends zu
zerschmettern
    Mit richtendem Ernst stolz und hoch wie eine Königin betrachtete sie sie
einige Sekunden dann wandte sie sich an Gabrielen mit der laut ausgesprochnen
Bitte ihr zu verzeihen dass sie auf beispiellose Art getäuscht sich durch
ihre gewohnte arglose Gefälligkeit habe verleiten lassen eine Dame bei ihr
einzuführen mit deren Verhältnissen sie wie sie jetzt gewahr werde dazu nicht
bekannt genug gewesen sei Mit einer verbeugenden Bewegung welche die nämliche
Bitte auch den übrigen Anwesenden wiederholte verließ sie alsdann das Zimmer
nur begrüßte sie noch vorher die Markise mit einem nachlässig vornehmen Madame
Jai lhonneur de Vous saluer und umarmte nochmals ihre verlegen dastehende
Nichte
    Auch Adelbert hatte sich früher ohne bemerkt zu werden entfernt
    Jedes Bestreben dem General Einhalt zu tun war vergeblich Mitleidig
versuchte es endlich Gabriele der Markise wenigstens den Weg zur Flucht zu
bahnen aber dieser war nicht zu helfen sie saß regungslos auf dem Divan von
der einen Seite durch die große Harfe eingeengt von der andern durch den
General der sich selbst immer zorniger sprach und seinen Anschuldigungen immer
schonungslosere Worte gab Hippolit hatte indessen sich lange fruchtlos bemüht
die bei diesem widerwärtigen Vorgange nicht persönlich interessirten Zuschauer
zum Weggehen zu bewegen alle bildeten aber einen neugierigen Kreis und niemand
hatte die mindeste Lust zu wanken oder zu weichen Doch jetzt da die Gräfin das
Beispiel gab konnte man sich nicht mehr anständig weigern ihr zu folgen Die
Gesellschaft brach also mit ihr auf und Hippolit ergriff nun das einzige
Mittel das ihm übrig blieb um diese unangenehme Szene gänzlich zu beenden Er
nahte sich der Markise schob die schwere Harfe bei Seite und unerachtet der
General den er nicht kannte noch immer fort sprach bot er ihr den Arm um sie
an ihren Wagen zu geleiten Doch es schien als ob das Regen der Gesellschaft um
sie her sie plötzlich aus ihrer Bewusstlosigkeit erwecke sie stand auf wiess
mit einer verachtenden Bewegung Hippolits dargebotnen Arm von sich und wandte
sich dann gegen den General der nun seiner Seits auch über das Unerwartete wie
verwundert verstummte
    »Ihr Alter Herr General gibt Ihnen das Privilegium unartig zu sein
daher verzeihe ich Ihnen« sprach Herminia sehr vernehmlich »Ob Sie aber Ihr
heutiges Betragen sich selbst und denen welche Sie dazu aufreizten werden
verzeihen können das mögen Sie bei kälterem Blute selbst entscheiden Morgen
wenn Sie das Fieber verschlafen haben in welches die Ermüdung der Reise Sie
versetzt hat werden bei hellerem Bewusstsein Ihnen vielleicht die Gründe klar
werden welche diese Dame und diesen Herrn veranlasst haben können Sie zu einer
Szene zu verschreiben deren Herbeiführung freilich den Forschungsgeist und das
savoir faire derselben in der skandalösen Kronick der Stadt rühmlichst verewigen
muss« Mit einem höhnischen Lächeln verbeugte sie sich bei diesen Worten gegen
Hippolit und Gabrielen und verließ dann das Zimmer Hippolit folgte ihr dennoch
um sie sicher bis an den Wagen zu geleiten während Gabriele beim General blieb
der zornbleich und von der heftigen Gemütsbewegung erschöpft in einen Armsessel
gesunken war aus dem er aber mit dem Ausdruck eines schreckhaften Sichbesinnens
bald wieder auffuhr
    »Auguste« rief er »Auguste Dass ich diese vergessen konnte Aber wie war
es möglich ein solches Zusammentreffen vorauszusehen Wir meinten es gut Frau
von Willnangen und ich ungern mochte ich Adelberten vor Beendigung seines
Geschäftes von hier abrufen Augustens Wiedersehen so hofften wir sollte
schnell die Fesseln der Buhlerin lösen Wer konnte die Möglichkeit denken in
der Markise dAubincourt Herminien zu finden«
    »Um Gotteswillen wo ist Auguste« rief Gabriele
    »Die Arme« erwiderte der General der noch immer seine gewöhnliche Fassung
nicht wieder gewonnen hatte »die Arme Sie weiß von nichts Auf mein Bitten
begleitete sie mich Adelberten wie sie glaubt zu seinem heutigen Geburtstage
durch ihre Gegenwart freudig zu überraschen Wir vernahmen beim Aussteigen aus
dem Wagen hier sei Konzert Gott weiß ich ahnte nichts von der Szene die nun
erfolgt ist Ich glaubte nicht die Markise in dieser Gesellschaft zu finden Gut
nur dass Auguste sich nicht in Reisekleidern zeigen mochte«
    »Wo ist sie wo ist sie« fragte Gabriele noch ängstlicher und zog hastig
die Klingelschnur um Annetten herbei zu rufen
    »In Adelberts Zimmer« erwiderte der General »sie wollte eiligst sich
umkleiden«
    Pfeilschnell flog jetzt Gabriele die Freundin aufzusuchen der General
folgte ihr unten von der Treppe herauf hörten sie unterwegs Hippolits und
Adelberts Stimmen wie im heftigen Wortwechsel ertönen und auch der Markise
Stimme ward vernehmbar
    Zu jeder andern Zeit würde dies alles Gabrielen sehr beunruhigt haben jetzt
achtete sie kaum darauf und dachte nur an Augusten Sie fand sie wirklich in
Adelberts Zimmer allein zwar mit allem Geschehenen unbekannt aber doch
zitternd vor einem namenlosen Unglück das ihr um so furchtbarer erschien je
weniger sie im Stande war ihm eine Gestaltung zu geben
    Adelbert war vor einigen Minuten heftig bewegt und wie sie meinte freudig
über ihren unvermuteten Besuch in das Zimmer gestürzt Mit offenen Armen war sie
ihm entgegen getreten er aber hatte mit vorgestreckten Händen sie von sich
abgewehrt hatte furchtbar sie angestarrt und war dann davon geflohen wie ein
Verzweifelnder Auguste war ihm gefolgt aber er in dem ihr fremden Hause
schnell ihr aus dem Gesicht geschwunden Mit Mühe hatte sie sich in das Zimmer
zurück gefunden und dann versucht sich zu erholen um Gabrielen aufsuchen zu
können als diese mit dem General zu ihr eintrat
Gabriele kannte das zutrauensvolle Gemüt ihrer Freundin sie wusste dass diese
liebende neidlose Brust keinen Funken Eifersucht verbarg und blickte mit um so
herzlicherem Mitgefühl auf die Arme die nur vor einem ihr unbekannten äußern
Unglück zitterte welches ihren Adelbert betroffen zu haben schien während sie
gar nicht daran dachte dass sie anders als in ihm beklagenswert sein könne
Gabrielens erste Sorge war Augusten unter einem Vorwande aus dem Zimmer zu
entfernen in welchem Adelbert selbst jeden Augenblick überraschend eintreten
konnte Dann suchte sie die schwere Aufgabe zu lösen Augusten so schonend als
möglich mit Adelberts und Herminiens zufälligem Zusammentreffen und dessen
Folgen bekannt zu machen Die Natur hatte Augusten mit Lebensmut und mit
heiterem alles ebnendem Sinn diesen zum Glück des Lebens notwendigsten Gaben
reichlich ausgestattet und so wäre es der sorgenden Freundschaft wohl gelungen
die Bitterkeit des Kelches wenigstens zu mildern den sie nicht mehr an ihr
vorüber führen durfte doch Moritzens unseliger Unbedacht vereitelte ihr
Bemühen
    Unbekannt mit allem früher Vorgefallnen kehrte er von einem späten
Männerdiner zurück und gewahrte mit großer Verwunderung den ungewohnt zeitigen
Aufbruch der bei Gabrielen versammelt gewesenen Gesellschaft deren Wagen sich
eben von seinem Hause aus in alle vier Winde verstreuten Mit noch größerem
Erstaunen fand er in der Vorhalle die Markise Adelbert und Hippoliten in
heftigem Wortwechsel begriffen Ohne dessen Entstehen zu kennen bemühte er
sich ihn zu schlichten und stürzte da dieses misslang ganz verstört in
Gabrielens Zimmer ohne die Anwesenheit des Generals und Augustens zu bemerken
    »Sono ammazato sie sind tot oder vielmehr so gut als tot alle beide Sie
schlagen sich mit Tagesanbruch auf Pistolen der Rittmeister und Hippolit« rief
er aus und lief wie ein Verrückter im Zimmer umher Vergebens bemühten sich der
General und Gabriele ihn zum Schweigen oder zu einer bestimmten Erzählung des
Vorganges den er andeutete zu bewegen er fuhr nach seiner unverständigen
Weise fort die bängsten Befürchtungen zu erregen ohne sich deutlicher erklären
zu wollen bis Auguste freilich bebend und bleich sich erhob und des Generals
Arm ergriff
    »Kommen Sie Vater« sprach sie »zu ihm führen Sie mich«
    »Bravissimo« rief plötzlich sehr freudig Moritz von Aarheim »das ist ein
herrlicher Einfall mein Wagen steht zum Glück noch angespannt und ich selbst
will Sie zur Frau Markise begleiten Dort ist er die gute Dame zog ihn beinahe
gewaltsam mit in ihren Wagen gewiss hält sie ihn bei sich fest to keep him out
of harms way«
    »Er folgte Herminien« rief wie außer sich der General und wütender als je
flammte sein Zorn auf »Ja ich nehme Ihren Wagen ich will den Ehrlosen bei der
Ehrlosen finden«
    Auguste sank an Gabrielens Busen »Herminia Und du verschwiegst es mir«
sprach sie leise und fiel dann nicht ohnmächtig aber wie zerbrochen an allen
Gliedern auf den Sopha zurück
    »What shall we do what shall we do« wimmerte Moritz in einem fort nach
seiner gewohnten Art in jeder Angst Der General war indessen zum Zimmer
hinausgestürmt eben rollte der Wagen fort in welchem er zur Markise fuhr
Moritz kam glücklicher Weise auf den Gedanken sich ebenfalls aufzumachen um
seinerseits den Grafen Hippolit aufzusuchen und so erhielt Gabriele endlich
eine ruhige Stunde um mit der innigsten Liebe Augustens Sorge und Schmerz zu
beschwichtigen
    Die Zeit verging im trüben Gespräche es ward Mitternacht schlaflos
horchten die Freundinnen auf jeden durch die immer einsamer werdenden Straßen
hinrollenden Wagen unzählige mal musste die treue Annette hinaus auf den Balkon
um nachzusehen ob niemand käme Vergebens Draußen blieb alles ruhig und in
ihnen ward es immer trostloser und bänger
    Schonend um ihn trauernd ihn vertretend wie nur der Schutzengel seines
Lebens vor dem ewigen Richter es könnte hatte indessen Gabriele versucht
Adelberts Verirrung zu entschuldigen und Hoffnungen einer glücklichern Zukunft
zu erregen Sie hatte es mit einem Herzen zu tun das ohnehin so bereit war zu
vergeben und der Sieg über die Vergangenheit ward ihr in dieser Hinsicht nicht
schwer Desto bänger aber zitterte Auguste den nächsten Morgenstunden entgegen
die sie Unheil weissagend den Himmel schon röten sah Gabriele war hier
weniger besorgt und bemühte sich eifrig der Freundin den Glauben beizubringen
den sie selbst so gern festhielt dass Herr von Aarheim sich geirrt habe und von
gar keinem Streit der einen blutigen Ausgang drohe die Rede gewesen sein
könne
    Von jeher war sie fern von allen Stadtsagen und aller Anekdotenjägerei
geblieben ihr ganzes Wesen schlug jeden Versuch nieder sie mit irgend etwas
diesen schmutzigen Quellen Entfliessendem bekannt zu machen Daher war Hippolits
früheres Verhältnis zur Markise ihr ein Geheimnis geblieben und sie begriff
wirklich nicht wie und warum Adelbert mit ihm gerade in diesem Momente so
heftig an einander hätte geraten sollen Die beleidigenden Worte mit welchen
die Markise das Zimmer verließ hatte sie als Ausbrüche ohnmächtiger Wut zu
wenig geachtet um sich die Mühe zu geben sie verstehen zu wollen Doch während
sie auf diese Weise ihre zitternde Freundin zu beruhigen suchte erhob plötzlich
Annette ihre Stimme aus dem dunkeln Winkel in welchem sie neben Augustens
Ruhebette saß und gab beiden Frauen eine Gewissheit welche diese so gern
entbehrt hätten
    Das treue Mädchen war der Liebling ihrer Herrin geblieben und hatte als
solcher so manches kleines Vorrecht unter andern das an Konzertabenden in
einem Nebenzimmer der Musik lauschen zu dürfen Auch an diesem Abende hatte sie
diese Erlaubnis benutzt Aengstlich über die ihr so ganz ungewohnte Szene
welche die Freuden desselben unterbrach wollte sie die große Treppe hinab der
unerwartet schnelle Aufbruch der Gesellschaft hielt sie auf und so kam sie in
der Vorhalle des Hauses an als eben der Zwist zwischen Hippolit und Adelberten
begann
    »Liebe gnädige Frauen« sprach Annette »es schmerzt mich in der Seele
Ihnen Ihren Trost zu benehmen aber Wahrheit bleibt doch immer das Beste und so
denke ich muss ich sie Ihnen gestehen da ich sie weiß Die beiden gnädigen
Herren sind freilich leider in gefährlichem Zwist geraten«
    Gabriele erschrack nicht weniger über dieses Geständnis als über Augustens
Gegenwart dabei und suchte so viel sie unbemerkt es konnte Annetten zum
Schweigen zu bringen aber vergebens Ein unglücklicher Stern schien heute über
diesem Hause aufgegangen der jede Schonung vernichtete und Auguste drang mit
so heftigen ungeduldigen Fragen in das Mädchen dass Gabrielen nichts übrig
blieb als sie gewähren zu lassen
    »Die Frau Markise« erzählte Annette »ging eben ganz hochtrabend durch die
Halle und der junge Herr Graf hinter ihr drein sie sah sich aber gar nicht nach
ihm um sondern nur immer mit steifem Nacken gerade aus als der Herr
Rittmeister neben mir die Treppe hinabstürmte Er war so totenbleich und so
zerstört dass ich ohne die Uniform gar nicht gewusst hätte er sei es So wollte
er neben der Frau Markise zur Türe hinaus aber sie hielt ihn am Arme fest
trat dicht vor ihm und sah ihm starr und fest in die Augen Da ward er immer
bleicher und zitterte so und sah aus wie an dem Abende als er aus der ersten
Gesellschaft bei der Frau Gräfin kam Die Frau Markise sprach französisch zu
ihm und weinte dabei und lehnte den Kopf an seine Schulter vor allen
Bedienten Ich glaubte es nicht wenn ich es nicht gesehen hätte«
    »Und er und er« fragte ängstlich leise Auguste
    »Nun der Herr Rittmeister stand da und regte sich nicht« war die Antwort
»er trat sogar ein kleines bisschen zurück wie mir dünkt aber es half ihm
nichts Die böse Dame Gott verzeih es mir aber das ist sie fasste ihn und
drehte ihn plötzlich gegen den jungen Herrn Grafen Danken Sie diesem Herrn
sprach sie auf einmal auf deutsch dass er zur Besserung des unartigen Knaben den
Herrn Onkel kommen ließ und dann gehen Sie herauf bitten Sie ab küssen Sie
die Hand die Sie straft man wird Ihnen am Ende vergeben und Sie werden auf Ihre
Art glücklich sein Was aus mir wird aus meiner gemordeten Ehre gilt Dir
gleich und so auch mir Ja wahrhaftig sie hat ihn geduzt und dann weinte sie
und lehnte sich wieder an ihn Da trat der junge Herr Graf heran kommen Sie
gnädige Frau sprach er Sie geben hier ein Schauspiel dessen Sie morgen sich
schämen werden und so nahm er ihren Arm und wollte sie an den Wagen führen
aber sie riss sich los Soll ich vor Ihren Augen um Ihrerwillen mich misshandeln
lassen rief sie dem Herrn Rittmeister zu Soll ich den Befehlen dieses Menschen
gehorchen durch dessen Künste ich morgen das Märchen der Stadt sein werde und
Sie um den alles dieses geschieht sehen gelassen zu Da ward der Herr
Rittmeister so feuerrot als er vorher bleich gewesen war auch Graf Hippolit
ward heftig und unser gnädiger Herr der eben zur Türe hereintrat sprach auch
darein und wollte sie besänftigen auf spanisch und italienisch aber es wollte
alles nichts helfen Der Streit ward immer heftiger und mir wurde so angst
dabei dass ich zuletzt auch nicht mehr vernahm was sie auf deutsch zu einander
sagten bis der junge Herr Graf endlich gelassener wurde und sich verständlich
machen konnte Herr Rittmeister sagte er lassen Sie uns eine Szene enden die
schon zu lange gewährt hat und hier doch nicht entschieden werden kann Morgen
bin ich zu jeder Erläuterung bereit Gut dann morgen erwiderte der
Rittmeister und trat ganz nah zu ihm heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr
worauf der Herr Graf eine bejahende Verbeugung machte als wolle er sagen ich
bins zufrieden und dann fortging Die Frau Markise tat nun ganz ohnmächtig und
der Herr Rittmeister musste sie begleiten damit sie nicht allein im Wagen wäre
So wurde dann Ruhe aber gewiss es war nur zu deutlich zu sehen die beiden
Herren haben so leise nichts gutes mit einander abgemacht«
    »Komm« rief Auguste mit erzwungner Ruhe »jetzt muss ich zu ihm und wäre er
auch bei ihr ich muss ihn sehen Ihr Auge flammte ihre Bewegungen waren
fieberhaft und Gabriele kämpfte der Ausführung dieses Gedankens mit aller Macht
entgegen Sie stellte ihr vor wie misslich und zweckwidrig jedes Einmischen der
Frauen bei Männerstreitigkeiten in der Regel auszufallen pflege aber sie hätte
schwerlich gesiegt wenn nicht das Rollen eines Wagens in den Hof hinein
Augusten wenigstens für den Augenblick zurückgehalten hätte
    Es war der General der so ganz mit dem Ausdrucke einer guten Botschaft zu
den Frauen hineintrat dass sie alles geschlichtet und jede Besorgnis für
überwunden achten mussten Doch was den Oheim so freudig machte war nur die
Gewissheit dass weder Bitten noch Drohen weder Tränen noch Gründe Adelberten
hätten bewegen können die Markise weiter als bis an die Türe ihrer Wohnung zu
begleiten Die Gräfin Rosenberg bei welcher der General spät wie es war
Zutritt suchte und die freundlichste Aufnahme fand hatte als Augenzeugin ihn
dessen versichert überdem war sein Zorn gegen Adelberten durch diese Dame um
vieles gemildert worden Mit ihrer gewohnten Klugheit hatte sie dem Oheim alle
Künste und Lockungen auf das lebhafteste geschildert mit welcher Herminia fast
unwiderstehlich den Arglosen anzog und festhielt Die seltene Schönheit der
verführerischen Frau des Neffen früheres Verhältnis zu ihr Augustens
Abwesenheit wurde ebenfalls in Anschlag gebracht und so gelang es ihr den
Oheim halbversöhnt mit dem Liebling seines Herzens wieder heimzusenden
    »Die Tante ist eine Frau vor welcher ich alle Achtung habe« sprach er zu
Gabrielen »Welt und Erfahrung haben sie mild und verständig gemacht Sie kennt
das Leben und weiß dass Adams Söhne aus gröberem Stoffe geformt wurden als ihr
die ihr doch immer den Engeln näher verwandt seid als uns nämlich wenn ihr
einmal etwas taugt Die Herminien nehme ich aus die gehören zu den gefallenen
Engeln vor welchen jeder gute Christ ein Kreuz schlägt Getrost liebe Nichte
Jugend ist freilich ein strengerer Richter als das Alter aber ich hoffe doch
der Sünder Adelbert soll Gnade finden wenn er heimkehrt Und somit gute Nacht
Der heutige Tag hat der Plage genug gehabt lasst uns Kräfte sammeln für den
morgenden ehe er uns hier überrascht«
    »Und Adelbert wo ist er« fragte Gabriele mitleidsvoll denn Auguste saß da
und vermochte keinen Laut aufzubringen
    »Das weiß ich nicht« erwiderte der General »wie ich höre hat er weder
Freunde noch Bekannte bei denen man ihn vermuten könnte und nachdem ich die
Gräfin verlassen bin ich nach allen Gastöfen herumgefahren ihn zu suchen ich
habe schlaftrunkne Portiers und Hausknechte die Menge ins Verhör genommen aber
niemand wollte von ihm etwas wissen Und wenn ich ihn auch gefunden hätte was
hätte es geholfen Liebe Frauen ich will es zugeben es mag um die Gesetze
unsrer Ehre ein barbarisches Ding sein aber sie sind fürs erste nicht zu
ändern Übrigens hat er es wie ich höre mit einem braven edlen Gegner zu
tun lasst das euren Trost sein wie er der meinige ist An das Leben geht es
nicht gleich und ein kleines Andenken an diese Geschichte kann ihm für die
Zukunft ganz gesund sein wenn es nicht zu arg kommt«
    Die weichen liebenden Herzen der Frauen konnten dieser Ansicht nicht
beipflichten sie schlugen ängstlich und ahnungsvoll in immer wachsender
Besorgnis als auch Moritz bei jetzt ganz hellem Tage heimkehrte
    Der Arme bebte im Fieberfrost und musste sogleich zu Bette gebracht werden
Seine Nachforschungen waren nicht glücklicher gewesen als die des Generals
Vergebens hatte er Hippoliten in dessen Wohnung aufgesucht vergebens war er von
Haus zu Haus gefahren wo er nur eine Spur von ihm zu finden hoffen konnte
Endlich war er bis an die Sternwarte gekommen wo eben der Professor der
Astronomie den er kannte hinaufstieg um eine beim Aufgang der Sonne sich
ereignende Finsternis zu beobachten So wie die Vorliebe für die Astronomie von
Moritz gewichen war hatte er auch solchen Beobachtungen entsagt aber es kam
ihm der große Gedanke so wie der Tag anbräche mit Hilfe eines Teleskops alle
Tore der Stadt zu bewachen um zu entdecken nach welcher Seite Hippolit und
Adelbert sich wenden würden ihr feindseliges Vorhaben auszuführen denn er
vermutete mit großer Wahrscheinlichkeit dass sie weder in der Stadt noch bei
Nacht ihren Zwist ausfechten könnten Mit heldenmütiger Standhaftigkeit begann
er auf dem Balkon des Observatoriums seine Beobachtungen der Wege so wie der Tag
graute aber der kalte Morgentau und die oben herrschende Zugluft griffen ihn
nach der durchwachten Nacht und der vorhergegangenen Ermüdung so an dass er bald
seinen Plan aufgeben und mit einem bedeutenden Erkältungsfieber sich nach Hause
bringen lassen musste
Gleich einer sorglichen Mutter pflegt die Natur ihre leidenden Kinder gern dem
allberuhigenden Schlafe in die Arme zu legen wenn sie sich ausgeweint haben
und auch Auguste war endlich in den schweren todtähnlichen Schlummer völliger
Erschöpfung gesunken Trüb und gedankenschwer blickte die neben ihrem Bette
wachende Gabriele in den draußen hellleuchtenden Morgen hinaus als Annette
leise die Türe öffnete geheimnisvoll und schweigend ihr winkte und gleich
darauf leicht und unhörbar wie eine Elfe auf den Fußspitzen über den Teppich
hineilte und den Platz neben Augusten einnahm denn ihre Herrin eben verlassen
hatte Gabriele schwankte einen Augenblick erschrocken an der Türe mit
fragendem Blick sah sie das Mädchen an aber an dem ängstlichen Klopfen ihres
eignen Herzens fühlte sie die Unmöglichkeit lautlos die traurige Nachricht zu
vernehmen die sie zu hören befürchten musste und so eilte sie zitternd und
stumm die Treppe hinab
    In ihrem Wohnzimmer fand sie Adelberten Mit dem Ausdrucke der Verzweiflung
sank er vor ihr hin so wie sie hereintrat und umfasste tief zur Erde gebeugt
ihre Knie Sie bebte bei seinem Anblick unwillkürlich zurück eine Ahnung der
sie nicht Worte zu geben sich getraute drückte ihr Herz bis zum Stillstehen
zusammen ängstlich blickte sie auf den Trostlosen der noch immer vor ihr lag
und hatte kaum Kräfte genug ihn aufstehen zu heißen
    »Hier zu den Füßen des Schutzengels dessen Trost dessen Hilfe ich auf ewig
entsagen muss lege ich meinen Abschied von jedem Glück nieder von jeder Freude
von mir selbst Ich gehe gleichviel wohin ich suche das Elend ich finde es
überall fern von Augusten fern von meinen Kindern« sprach kaum verständlich
Adelbert Dann sprang er auf trat einige Schritte von Gabrielen zurück und rief
mit wildem Blick und heftig gerungenen Händen »Nein nein es ist nicht
möglich Ich träume ich will erwachen ich muss erwachen Es ist nicht möglich
dass ich selbst mir meinen eignen Himmel so schnöde verschlossen habe Er war ja
mein er ist es noch ich will erwachen ich muss erwachen«
    »Sie sind erwacht Gottlob Sie sind es« sprach jetzt Gabriele mild und
gefasst »Hoffen Sie haben Sie Vertrauen zu denen die Sie lieben Das ärgste ist
doch nicht geschehen« setzte Sie mit unsichrer Stimme hinzu »Kein Blut hoffe
ich  Hippolit« 
    »O hoffen Sie nichts gutes mehr von mir« unterbrach sie Adelbert mit vor
dem Gesicht gefalteten Händen
    Grausen ergriff Gabrielen bei diesen Worten abgewendeten Blicks wankte sie
der Türe zu doch er warf sich sie aufhaltend ihr in den Weg
    »Nein ein Mörder bin ich nicht« rief er »doch ist es nicht mein Verdienst
dass ich es nicht bin Augustens guter Engel bewahrte mich der meine nicht der
hat auf ewig sich von mir gewendet«
    »So lebt Hippolit Sie schlugen sich nicht« fragte Gabriele
    »Sein Blut floss es floss von meiner Hand ich Rasender Aber er lebt er
wird leben« rief Adelbert »Um Augustens Willen wird er leben«
    Lange noch fuhr er fort sich bald zu verdammen bald sein Geschick
anzuklagen während Gabriele jetzt selbst beruhigter sich abmühte in dem
armen umdunkelten Geiste ihres Freundes einen Strahl tröstender Hoffnung zu
leiten
    »O bewahren Sie alle Ihre Milde alle Ihren Trost für Augusten mich
überlassen Sie dem Untergange« rief er »Lieben und Verachten Bezeichnete ich
so nicht einst den höchsten Schmerz Wie wird Auguste ihn tragen Muss ich denn
wünschen sie möge mein vergessen«
    Gabrielens sanfte Stimme beschwigtigte indessen doch allmählig seine wilde
Leidenschaftlichkeit Sein Herz erwarmte sein altes Vertrauen erwachte vor
ihrer holdseligen Anmut und so gelangte er bald dahin ihr alles zu bekennen
Und wer erst dazu gekommen ist vor einem Zweiten sich laut anklagen zu können
der beginnt im nämlichen Moment halbausgesöhnt mit sich selbst im eignen
Herzen sich leise zu entschuldigen
Bittre Beschämung Reue unaussprechliche Sehnsucht nach seinem ehemaligen
glücklichen Leben hatten ihn aus dem Salon hinaus ins Freie getrieben bekannte
Stimmen welche auf der Straße ihm entgegen kamen bewogen ihn wieder
umzukehren und die stillere Einsamkeit seines abgelegenen Zimmers aufzusuchen
Dort überraschte ihn geisterhaft Augustens nicht geahnete Gegenwart mit seinem
ganzen Dasein sogar mit seinen Sinnen zerfallen wusste er nicht zu
unterscheiden ob die beschämende Wirklichkeit ihn quäle oder ob Scheinbilder
durch innres Bewusstsein ins Dasein gerufen ihn irrten Er floh halb wahnsinnig
mit der Hast des wildesten Entsetzens die Treppe wieder hinab und am Fuße
derselben empfingen ihn Herminiens ungebändigter Zorn ihre schonungslosen
Vorwürfe Ach er glaubte in jenem Augenblick diese alle zu verdienen denn sein
Herz lag wie Eis in der wildbewegten Brust die Täuschung der Sinne war
geschwunden und er fühlte sich zwiefach meineidig gegen sie wie gegen Augusten
Er hätte die ganze Welt am liebsten sich selbst in diesem Moment vernichten
mögen in welchem mitten durch den Sturm seines Gemüts noch der zitternde
Klagelaut bebte mit dem Augustens Erscheinung ihm entschwunden war Hippolits
besonnene Klarheit die sichere Ruhe mit welcher dieser die schleunige
Entfernung der Markise als das zunächst Notwendigste betrieb erbitterten den
Aufgebrachten noch mehr In seiner leidenschaftlichen Verworrenheit war ihm
alles willkommen was sich ihm bot um seiner innern Verzweifelung in
verzweiflendem Tun Luft zu machen Und so ergriff er mit Freuden die jedes
Missverstehn ausgleichen sollenden Worte Hippolits als eine förmliche
Ausforderung die ihm Gelegenheit geben konnte alle Schuld gegen Herminien wie
gegen Augusten mit Blut zu sühnen
    Im Wagen neben Herminien befiel ihn ein unaussprechliches Grauen vor ihr wie
vor dem Dämon seines Lebens vergebens sprach sie ihm zu er hörte ihre Stimme
ohne ihre Worte zu vernehmen floh von einem dumpfen Instinkt geleitet und
ließ sich nicht halten so wie sie die Türe ihres Hauses erreicht hatten
Gequält vom ängstlichen Bewusstsein verdienter Verlassenheit in wilder Hoffnung
auf den folgenden Morgen irrte er nun heimatlos die ganze Nacht hindurch im
Freien umher und strebte nur Hippolits Bild als das eines Feindes festzuhalten
Gleich zerstört von innen und außen mit jenem Trotz welcher das innere
Bewusstsein eines Unrechts das man nicht anzuerkennen fest entschlossen ist
allemal begleitet betrat er zur bestimmten Stunde um fünf Uhr des Morgens das
Zimmer Hippolits der ruhig und heiter dem Erwarteten entgegen kam
    Ganz anders als der arme Adelbert hatte dieser die Nacht zugebracht Zwar
war auch sein Blut bei der gestrigen Szene in Wallung geraten und er hatte
deshalb vom Zorn überwältigt nicht widersprochen da sein Erbieten zu jeder
Erläuterung ganz anders aufgenommen wurde als er es eigentlich gemeint hatte
doch in der ruhigen Einsamkeit seines Kabinetts ward er bald Herr seines leicht
aufbrausenden Sinnes Der pünktliche Gehorsam seines Kammerdieners hatte diese
Einsamkeit gegen jeden Angriff besonders gegen Moritzens Nachfragen zu sichern
gewusst und so war Hippolit ungestört im ernsten Kampfe mit sich selbst fähig
geworden dem feindselig zu ihm Eintretenden freundlichernst die Hand entgegen
zu reichen
    Adelbert stutzte einen Augenblick bei diesem unerwarteten Empfang dennoch
war er weit von dem Gedanken entfernt die dargebotne Hand zu ergreifen die er
mit erzwungner Kälte doch nicht auf beleidigende Art ablehnte
    »Herr Graf« sprach er so ruhig als es ihm möglich war »haben Sie die Güte
auch für mich ein Pferd sattlen zu lassen denn Sie begreifen wohl dass ich
jetzt das meinige nicht aus Herrn von Aarheims Stall holen lassen kann
    »Alle meine Pferde stehen zu Ihrem Befehl Sie sollen die Wahl haben es
sind schöne Tiere darunter die Ihnen gewiss gefallen werden« war Hippolits
sehr höfliche Antwort »Doch wäre es nicht besser den schönen Morgen erst nach
der Erläuterung zu genießen zu welcher ich gestern mich erbot«
    »Ihr kalter Hohn soll mich nicht aus der Fassung bringen« rief jetzt
Adelbert beinahe schäumend vor Wut »Kommen Sie dann zu Fuß wenn Sie Ihre
Pferde schonen wollen doch ohne Säumen bitte ich mich verlangt nach Ihrer
sogenannten Erläuterung mit der schönen Natur halten Sie es späterhin nach
Belieben«
    In Hippolits Angesicht flammte bei diesen Worten die glühende Röte des
Zorns auf doch gelang es ihm schnell die vorige Fassung wieder zu gewinnen
»Eben deshalb weil auch ich keine Zeit zu verlieren wünsche bitte ich den
Ritt bis nach der Erläuterung die ich Ihnen versprach zu verschieben«
erwiderte er gelassen »Nirgend kann ich bequemer sie Ihnen geben als hier«
    »Hier« rief Adelbert mit wildem zornigem Lachen »nun meinetwegen auch
Das Zimmer geht nach dem Hofe zu in dem engen Raume kommen wir vielleicht um so
eher zum Zweck Nun es sei auch hier Wo sind Ihre Pistolen Ich habe keine
mitgebracht mein rechter Arm vermag zwar nicht mehr den Säbel zu führen mit
dem linken aber nehm ich es im Schießen mit jedem auf«
    »Hier sind zwei Paar Pistolen sie sind alle geladen« sprach Hippolit
indem er sie auf den Tisch legte dann ging er zur Türe schloss ab und steckte
den Schlüssel zu sich »Sie sehen meine Bereitwilligkeit alle Ihre Forderungen
zu erfüllen Herr Rittmeister nur eine muss ich bestimmt Ihnen versagen ich
schieße nicht auf Sie Sie hören mich denn zuvor an Dann tun Sie was Ihnen
recht deucht Lassen Sie mich vollenden was ich zu sagen habe« rief er mit
erhobener Stimme da Adelbert heftig gegen ihn anfuhr »nur wenige Augenblicke
erbitte ich mir dann können Sie ich wiederhole es tun was Sie wollen Einer
Dame zu Gefallen wie die Markise dAubincourt ist schlagen sich Männer wie wir
beide nicht dass dem so sei liegt in der Erläuterung die ich Ihnen versprach
klar zu Tage Und sollten wir uns schlagen um unsre Tapferkeit zu beweisen
Ihre ehrenwerten Narben Herr Rittmeister überheben Sie dieser Mühe und
obgleich ich leider keine ähnlichen aufzuweisen habe so verkündet das Gerücht
doch zu viel solcher Heldentaten von mir wie die ist zu der Sie mich jetzt
auffordern als dass ich fürchten müsste in der Welt für feig zu gelten weil ich
erkläre mich diesmal nicht schlagen zu wollen«
    »Genug genug der Worte« unterbrach ihn Adelbert »Die Zeit entflieht und
meine Geduld mit ihr Haben Sie mich gestern gefordert warum wollen Sie mir
heute nicht Rede stehen Und war Ihr Versprechen einer Erläuterung keine
Ausforderung nun so fordere ich Sie jetzt weil Sie es wagen eine Dame zu
lästern die zu schützen mir besonders seit dem gestrigen Abend Pflicht ist
Ihnen gehört jetzt der erste Schuss ich bin bereit wählen Sie hier sind die
Pistolen«
    
    »Nicht eher« rief Hippolit »bis Sie den Inhalt des Taschenbuchs untersucht
haben welches dort neben den Pistolen liegt es enthält die versprochnen
Erläuterungen Und auch dann ich will Sie nicht betrügen ich bleibe auf jeden
Fall meiner ersten Erklärung treu ich schieße nicht auf Sie ich habe Gründe
es nicht zu tun«
    Mit immer steigender rasender Wut drang nun Adelbert auf ihn ein ohne auf
ihn zu hören und wollte ihm ein Pistol aufzwingen doch Hippolit wehrte ihn ab
indem er bei seiner Erklärung blieb
    »Tun Sie was Sie wollen« sprach er endlich »bleiben Sie meinetwegen
dabei wenn Sie es für Recht halten meine gestrigen Worte als eine Forderung zu
nehmen der Glaube es sei so brachte Sie ja hieher und ich stelle mich Ihnen
schießen Sie Nur geben Sie mir Ihr Ehrenwort das Zimmer nicht zu verlassen
ehe Sie jenes Taschenbuch untersucht haben und dann geloben Sie mir den Inhalt
desselben vor jedermann auf ewig zu verschweigen Gewähren Sie mir das«
    Adelbert vor Zorn bewusstlos spannte das Pistol Hippolit stand ihm
gegenüber in aufrechter Stellung am Fenster während Jener der Türe zuflog
Sein Mund sprach unverständliche Worte sein Herz klopfte hörbar bewegt vom
wildkochenden Blute Feuerflammen tanzten vor seinen Augen »Sie wollen es Sie
wollen es« schrie er wie einer der nicht weiß dass er spricht und ohne zu
zielen drückte er ab
    Hippolit wankte erbleichend und sank dann in einem neben ihm stehenden
Sessel »Sie halten Ihr durch die Tat abgelegtes Versprechen Sie können nicht
eher hinaus ich habe den Schlüssel und Sie werden keinen Wehrlosen berauben
wollen« sprach er mit leiser Stimme und hob den linken Arm gegen den Tisch
der rechte überquellend von Blut hing bewegungslos herab
    Adelbert stand da wie ein Starrsüchtiger Fast noch bleicher als der
blutende Hippolit staunte er mit dem Ausdruck völligen Unbewusstseins ihn an
und hielt dabei das unglückliche Pistol noch immer in drohender Stellung in die
Höhe
    »Fassen Sie sich erfüllen Sie was ich von Ihnen erbat Sie sehen ich
blute sehr und mir kann eher keine Hilfe werden« sprach Hippolit
    Adelbert schien zu erwachen Mit einem unterdrückten Schrei des Entsetzens
flog er auf den Verwundeten zu
    »Dorthin das Taschenbuch« stammelte dieser fast unverständlich und wies
immerfort nach dem Tische hin »lassen Sie mich nicht verbluten«
    In wilder Hast flog jetzt Adelbert an den Tisch mit zitternden Händen und
unstätem Blicke öffnete er das Buch das Bild Herminiens fiel zuerst ihm
entgegen dann einige Porträte junger Männer unter ihnen sein eigenes das er
ihr gab als er die Universität bezog auch Briefe quollen den Bildern nach doch
alles flimmerte vor seinen Augen und draußen wurden Hippolits Diener immer
lauter vor der verschlossenen Türe denn der Knall des Pistols hatte sie
herbeigezogen
    »Lassen Sie mich öffnen« rief endlich bittend Adelbert »ich kann nicht
lesen in dieser Angst ich will es ich gelobe es ich will eher nichts anders
unternehmen aber lassen Sie mich jetzt öffnen« Hippolit willigte ein
    »Ein Spiel ein dummes Spiel wir wussten nicht dass sie geladen seien«
stammelte er den erschrocken Eindringenden entgegen und sank dann vom
Blutverlust erschöpft ohnmächtig hin
    Sein Kammerdiener der zum Glück zugleich Wundarzt war begann jetzt die
Wunde zu untersuchen und Adelbert erwartete in stummer Angst mit gesenkten
Blicken seinen Ausspruch Die Verletzung war schmerzhaft bedeutend doch nicht
gefährlich die Kugel war in den Oberarm gedrungen aber nur der starke
Blutverlust konnte Besorgnis erregen Die Schmerzen des ersten Verbandes
erweckten den Verwundeten aus seiner Ohnmacht ohne reden zu können reichte er
Adelberten die linke Hand zeigte abermals nach dem Tisch auf welchem das
Taschenbuch lag und schloss dann ermattet die Augen wieder
    Adelbert versuchte zu halten was er versprochen hatte er ergriff das Buch
aber die Luft im Zimmer der Anblick Hippolits der mit geschlossnen Augen wie
ein Todter auf dem Ruhebett lag beraubten ihn aller Besinnung in zitternder
Hast ohne eigentlich zu wissen was er tat raffte er Buch Gemälde Briefe
alles zusammen und floh damit hinaus zum Zimmer zum Hause zur Stadt hinaus
Erst in der lautlosen Einsamkeit eines abgelegnen um diese Tageszeit ganz
unbesuchten Lustwäldchens fand er sich wieder
    Der gestrige Abend die darauf zum Teil an dieser nämlichen Stelle
durchwachte lange Nacht und die eben durchlebten wildbewegten Morgenstunden
gingen nach und nach heller werdend an ihm vorüber ihn hatte alles ein wüster
Traum gedünkt nur das Taschenbuch gegen welches sein Herz in heftiger Bewegung
anschlug war ihm ein beängstender Zeuge der Wahrheit Abermals ergriff und
öffnete er das Buch eine heiße Träne entfiel seinem Auge als er sein
Jugendbild betrachtete dessen reine von keiner Leidenschaft entstellten Züge
ihn mit kindlicher Himmelsseligkeit anlächelten Es war so wenig ihm noch
ähnlich dass Hippolit ihn wahrscheinlich nie darin wieder erkannt hatte
    »Ja so war ich Auch sie war so« seufzte er und verhüllte die brennenden
Augen im tauigen Grase und weinte laut Er gedachte jener Zeit da er fast
noch ein Knabe dies Bild heimlich malen ließ er gedachte der Freude mit der
Herminia es empfing und wie sie gelobte allen fremden Augen verborgen es ewig
auf ihrem Herzen zu tragen Endlich ermannte er sich wieder und begann nun
ernstlich die im Taschenbuch vorgefundnen Briefe zu untersuchen
    Der erste der ihm in die Hände fiel war von Herminien an Hippolit Er
hatte das Geschenk sämmtlicher Porträte das von Adelbert mit eingeschlossen
begleitet Sie wollte schrieb sie durch dieses Opfer Hippoliten dem Einzigen
den sie geliebt habe und lieben könne jeden Argwohn benehmen als ob sie noch
in irgend einer Art von Verbindung mit einem jener Männer wäre die sie freilich
einst ehe sie Ihn erblickt zu lieben geglaubt habe Mit echt französischer
Leichtigkeit unübertrefflichem Witz und hinreissender Lebendigkeit gab sie ihm
die Schilderung der moralischen Eigenschaften und Eigenheiten der Originale als
Zugabe zu jenen Porträten Vor allem aber hielt sie sich lange bei der
Geschichte ihrer ersten Liebe auf Ohne ihn zu nennen malte sie Adelberten
recht ausgelassen mutwillig zuerst als eine Art von zärtlichem Jocrise im
langen Kinderrock hernach als sentimentalen invaliden Bramarbas Auch sich
selbst vergaß sie nicht und spottend schilderte sie sich in ihrer damaligen
ländlichen Naivität und Einfalt Sie wusste dabei doch sehr geschickt sich durch
manche liebenswürdige Schwäche durch manches reizende Detail interessant zu
zeigen während sie sich das Ansehen gab sich über sich selbst lustig machen zu
wollen Versicherungen ihrer unwandelbaren ewigen Liebe fast in den nämlichen
zärtlichen Worten in den nämlichen Wendungen deren sie unzähligemal auch
gegen Adelberten sich bedient hatte Eifersüchtleien Klagen tausend Neckereien
füllten viele Seiten der übrigen Briefe an Hippoliten an Andre waren von den
Originalen jener Porträte mit denen sie ehemals in zärtlichem Verhältnis
gestanden die sie mit den Bildnissen zugleich Hippoliten überliefert hatte
Alle waren so viel Beweise eines sehr frivolen ja man möchte sagen eines
zügellosen Lebens
    Adelbert mochte bald nicht weiter lesen Das Unwahre in Herminiens Wesen
eckelte ihn unbeschreiblich an die Torheit des ungeheueren Opfers welches er
dieser Unwürdigen gebracht hatte fiel mit Zentnerlast ihm aufs Herz Er fühlte
sich plötzlich von ihr losgerissen frei auf ewig Aber das Gefühl dieser
Freiheit glich dem des Gefangenen der dem Kerker entlassen vor der Türe
desselben steht ohne Heimat ohne Freund ohne in der ganzen weiten Welt eine
menschliche Seele zu wissen zu der er sagen dürfe nimm mich auf denn ich
gehöre dir an Leidenschaftlich in allem auch in der Reue glaubte er im
Übermaass derselben dass sein Hauch nie wieder mit der reinen Luft sich einen
dürfe in der Auguste in der seine Kinder atmeten Er beschloss in seiner
Verzweiflung auf immer aus ihrer Nähe sich zu verbannen nie wieder sollte der
Klang seiner Stimme Augustens Ohr verwunden nie ihr Auge mit Abscheu von seinem
Anblicke sich wenden müssen Doch so ganz ohne Spur zu verschwinden ohne alles
Lebewohl ohne allen Segen in die Wüsten des Lebens hinaus zu gehen diese
Aufgabe ward seinem liebegewohntem Herzen doch zu schwer und dies Gefühl hatte
ihn mit allen seinen Klagen zu Gabrielens Füßen geführt
    Noch immer bekämpfte diese seinen wilden Schmerz und wandte wenn gleich
fast hoffnungslos alles an ihn von dem Vorsatz zur Flucht abzubringen als der
General Lichtenfels zu ihnen hereintrat Ernst wenn gleich nicht zürnend ruhte
sein Blick eine stumme Minute lang auf Adelberten der vor dem Gefürchteten sich
gern in den Mittelpunkt der Erde verborgen hätte dann aber trat ein feuchter
Schimmer in das milder werdende Auge des edlen Greises »Komm« sprach er und
schloss den beinahe Widerstrebenden fest an seine Brust »Komm hier trug ich den
Knaben hier ruhtest Du wundenmatt nach ehrenvollem Kampf dem Tode nah Hier
weintest Du im schönen Schmerz um die gesunknen Hoffnungen Deiner Jugend hier
ist auch jetzt noch Dein Platz Du warst ja immer das Kind meines Herzens
welcher Vater wird sein Kind von sich stoßen weil es fiel Komm ich helfe Dir
auf und dann wollen wir beide frisch ans Werk um zu retten zu bessern wieder
herzustellen Gott wird uns helfen«
    Vergebens strebte Adelbert in den Armen des Generals sein übervolles Herz in
verständlichen Worten vor ihm auszuschütten »Sei ruhig« sprach dieser »ich
weiß alles Du hast mir nichts zu bekennen Ich komme von Deinem edlen Gegner
er leidet viel doch hoffentlich ohne Gefahr Nur der heftige Blutverlust kann
seine Heilung verzögern die Kugel hat eine Ader zerrissen und er blieb lange
ohne Hilfe«
    Adelbert versuchte abermals zu reden doch der General verhinderte es indem
er nochmals versicherte die Gräfin Rosenberg und Hippolit hätten ihm alles
erklärt »Ich kenne den ganzen Umfang Deiner Schuld« sprach er »aber ich weiß
auch was sie mildert Der Graf wollte freilich anfangs auch mir wie seinen
Leuten aus eurem Duell ein Geheimnis machen« 
    »Duell« unterbrach jetzt Adelbert den General »Duell nennt er es meine
Tat ist Mord meuchelmörderisch überfiel ich ihn der wehrlos vor mir stand« 
    »Lass das« erwiderte der General »Du wusstest diesen Morgen eben so wenig
was Du tatest als ich gestern Abend wusste was ich tat Zorn und Überraschung
sind gefährliche Feinde die uns auf das Mildeste genommen zu wenigstens
dummen Streichen verleiten deren man hernach Zeitlebens sich zu schämen hat
Das haben wir beide erfahren ich gestern Du heute Jetzt stehe ich aber als
Abgesandter des Grafen vor Dir durch mich fordert er zurück was er Deiner Ehre
vertraute und erinnert Dich nochmals an das heilige Versprechen ewigen
Schweigens über diesen Gegenstand Ich lese in Deinen und Frau von Aarheims
Blicken dass Du es bei ihr schon jetzt vergessen hast« sprach nach einer
kleinen Pause der General beide mit prüfendem Blick betrachtend »Es ist nicht
recht aber auch diesmal noch mag der Zustand Deines Gemüts Dich entschuldigen
Unsere edle Freundin ist unfähig ihre Kenntnis eines solchen Geheimnisses zu
missbrauchen darum übergieb ihr jetzt getrost das Buch so kommt es am
sichersten in die Hände seines Eigentümers Gabriele wird gewiss nicht den
reinen Blick mit dessen leidigen Inhalt besudeln wollen Und nun komm alles ist
bereit wir gehen mit einander auf Reisen Unsere hollsteinischen Güter
entbehren schon lange unsrer Gegenwart dort wollen wir hin Es ist gut dass Du
jetzt Augusten noch nicht wieder siehst eigentlich verdienst Du es auch noch
nicht also ohne Abschied Gabriele und Deine Kinder werden Dich indessen schon
bei ihr vertreten und Deine Fürsprecher sein«
    Gabriele versuchte es hierin dem General einzureden doch er verhinderte
sie daran mit sanfter Gewalt »Schöne gute Frau« sprach er »ich weiß im
Grunde Ihres Herzens billigen Sie mein Vorhaben warum denn versuchen gegen
Ihre eigne Überzeugung mich eines andern überreden zu wollen Wir sollten das
nie es kommt davon so vieles Üble in der Welt und dennoch lassen sich auch
die Besten und Klügsten unter uns nur zu oft von ihrem Gefühl dazu hinreißen
Von Ihnen aber weiß ich dass Sie über diese Schwäche erhaben sind sobald Sie
sich nur recht besinnen wollen Jetzt lege ich Augustens armes wundes Herz an
das Ihrige und reise in dieser Hinsicht getrost Sie werden es zu heilen
wissen wenn es geheilt werden kann Ich komme von ihr sie schläft noch Armes
Kind Körper und Geist sind totmüde denn wir sind zwei Nächte hinter einander
durchreiset ich und ihre Liebe ließ ihr keine Rast und so wollen wir ihr die
Erholung gönnen welche die Natur gütig ihr gewährt Morgen bringt eine
Staffette Ihnen die erste Nachricht von uns Auguste wird sich um Adelberts
Geschick beruhigen wenn sie ihn bei mir weiß Übrigens reisen wir Tag und
Nacht bis wir über die Gränze hinaus sind denn die Polizei könnte doch wohl
Lust bekommen sich nach dem von ungefähr losgegangnen Pistol zu erkundigen
darum fort fort wir haben keine Zeit zu verlieren«
    Mit diesen Worten zog er Adelberten sich nach der wie im bewusstlosen Traume
ihm folgte Gabriele blieb einsam zurück Beinahe nicht minder betäubt als er
starrte sie gedankenlos vor sich hin bis Annette sie mit der Nachricht ins
tätige Leben zurückrief dass Auguste erwacht sei und sehnlichst nach ihr
verlange
In stiller Ergebung betrachtete Auguste ihr Geschick so wie allmählig die Hand
der Freundschaft den Schleier sorgsam lüftete der so lange nur in verworrner
Gestaltung es ihr gezeigt hatte Dann aber begann sie auch recht innig in ihre
ländliche Einsamkeit zu ihrer Mutter zu ihren Kindern sich zurück zu sehnen
Sie hatte noch immer manchen harten Kampf mit ihrem Herzen zu bestehen so fern
auch alle Bitterkeit ihr war und blieb Mit dem Glauben an Adelberts
unerschütterliche Liebe an seine felsenfeste Treue war ihr auch die Ruhe
verloren gegangen mit der sie bis dahin der süßen Gewohnheit glücklich zu
sein sich hingegeben hatte ohne weder über ihr Glück noch über die
Möglichkeit dass es anders werden könne nachzudenken Es konnte noch alles gut
werden das fühlte sie das hoffte sie darum betete sie mit Inbrunst doch wie
konnte es so werden wie es gewesen war Und dies Gefühl musste ihr Gemüt mit
einer Sehnsucht einer stillen Trauer erfüllen welche nur der Anblick ihrer
Kinder zu mildern vermochte In ihnen lebte ja noch der Adelbert den ihr Herz
trotz alles Gegenstrebens ihres Verstandes dennoch verloren geben musste
    Adelberts Briefe voll des Ausdrucks der tiefsten Reue betrübten ihr Gemüt
statt es zu trösten Die glühende Leidenschaftlichkeit mit der er Augusten zu
einem engelgleichen Wesen erhob von dem er in tiefer Selbstzerknirschung nur
Mitleid erflehte während er sich ihrer Liebe und ihrer Achtung auf ewig für
unwert erklärte konnte ihre Aussicht in die Zukunft nicht erheitern Nur des
Generals Ansicht ihrer und Adelberts Lage die er in seinen Briefen ihr offen
mitteilte gewährten ihr einigen Trost Sein Ermuntern zum Rechten Vorstellen
dessen was ihr oblag zu dulden und zu vollbringen stälten ihren Mut Ihr
Blick erheiterte sich wenn sie las wie kräftig er Adelberts durch frühen
Schmerz entnervtes Gemüt aufzurichten strebe wie er durch Tätigkeit ihn zu
zerstreuen und aus seiner jetzigen trostlosen Versunkenheit wieder empor zu
richten suche und wie er alles anwende um ihm nur wieder zum Vertrauen in sich
selbst zu verhelfen
    »Der Zustand unsrer hiesigen durch unsre jahrelange Abwesenheit sehr
verwahrloseten Besitzungen gewähren ein weites fast unabsehbares Feld zur
Arbeit« schrieb ihr der General »und somit lasse ich unsern Adelbert vor
lauter Tätigkeit kaum zu Atem kommen Morgens mit Sonnenaufgang ziehen wir
hinaus in Feld und Wald Abends gibts zu richten und zu schlichten
nachzurechnen Papiere zu ordnen bis in die sinkende Nacht Da müssen die
Grillen ihm verschwinden denn ihm bleibt keine Zeit weder sie zu fangen noch zu
pflegen Mutig liebe Auguste lass Du mich nur gewähren sobald es Zeit ist
bringe ich ihn gesund und geheilt von innen und außen zu Deinen Füßen hin
und Du gute weiche Seele wirst ihn dann wieder an Deinen Busen nehmen das weiß
ich und fürchte nicht Deine Strenge sondern nur Deine Milde die mir ihn
wieder verderben könnte«
    Augusten nach Lichtenfels zu begleiten wäre Gabrielens sehnlichster Wunsch
gewesen als endlich der Tag der Trennung herbeikam doch Herrn von Aarheims
fortdauernde Kränklichkeit erforderte ihre stete Gegenwart Seit jener auf der
Sternwarte töricht durchwachten Nacht plagten ihn Rheumatism und alle Übel
welche diesen Unhold in tausendfacher Gestalt zu begleiten pflegen Gabrielens
mitleidige Geduld vermochte es kaum alle die mannigfaltigen Wunderlichkeiten
und Launen zu ertragen mit denen der grämlichste und unleidlichste aller
Kranken zu jeder Stunde des Tages zuweilen auch der Nacht sie quälte Die
Besuche welche anfangs über manche lange Schmerzensstunde ihr hinüberhalfen
blieben nach und nach aus denn sein böser Humor verscheuchte alle die nicht
wie Gabriele durch Pflichtgefühl gebunden bei ihm ausharren mussten Hippolit
der Einzige der die Langeweile von der Moritz sich hauptsächlich geplagt
fühlte hätte verscheuchen können befand sich selbst noch leidend Mehrere
Wochen waren seit dem Vorgange zwischen ihm und Adelberten vergangen und noch
immer durfte er das Zimmer nicht verlassen Gabriele hatte noch in keiner Lage
ihres Lebens sich so ganz auf sich selbst zurückgewiesen gefühlt selbst nicht
am Rhein wo frische lebendige Tätigkeit ihre tiefe Einsamkeit erheiterte
Sogar die Tante hatte sie verlassen um der Markise auszuweichen war sie am
Tage nach der KonzertSzene nach einem nicht weit entfernten Badeorte gereist
obgleich noch vor der eigentlichen glänzenden Kurzeit Ein kaltes höfliches
Billet hatte einstweilen Herminien deren Anteil an der gemeinschaftlichen
Wohnung aufgekündigt denn diese war nur im Namen der Gräfin Rosenberg dem
Eigner abgemietet worden
    Die Markise aber eilte sich eben nicht von dieser Aufkündigung Notitz zu
nehmen sondern verweilte noch mehrere Wochen als einzige Bewohnerin des Hauses
in anscheinend vollkommener Ruhe Sie zeigte während dieser Zeit sich weit öftrer
als sonst im Theater und bei andern öffentlichen Vergnügungen auch suchte sie
auf andre Weise durch vielfältig ausgesendete Einladungen zu glänzenden Festen
die öffentliche Meinung irre zu leiten oder auch zu braviren doch gelang ihr
dieses nur bei sehr wenigen Mitgliedern der Gesellschaft Obendrein gehörten
diese wenigen nicht zu denen deren Beispiel auf die übrigen Einfluss haben
konnte Nie hatte es so viel Migränen und Katarrhe in der Residenz gegeben als
an den Abenden wo die Markise einen recht glänzenden Kreis um sich her zu
versammeln gedachte So musste Sie es bald müde werden in ihren hell
erleuchteten aber spärlich bevölkerten Sälen ihre kleinen Koketterien zu üben
und Unmut und Überdruss bewogen sie endlich Paris den einzigen Schauplatz
wieder aufzusuchen auf dem ihre glänzende Erscheinung gehörig gewürdigt werden
konnte Kein sehnender Blick folgte ihr dorthin wo sie wie ein strahlendes
Meteor wieder in den Strudel versank dem sie weder sich noch Andern zum Heil
auf kurze Zeit entstiegen war
Müde und erschöpft von einer zum größten Teil am Schmerzenslager ihres Gemahls
durchwachten Nacht saß Gabriele nach kurzem unerfreulichen Schlummer in der
JelängerjelieberLaube des kleinen Gartens am Hause dem einzigen Orte wo es
ihr jetzt vergönnt war des im höchsten Schmucke prangenden Frühlings sich zu
erfreuen Alles um sie her funkelte und blitzte im Sonnenstrahl von Diamanten
die ein warmer Frühregen verschwenderisch gestreut hatte ihre Rosen flammten in
höchster Blütenpracht fast sichtbar stieg der Opferduft von den Lilien und
tausend andern Blumen die in üppiger Fülle ihre Beete schmückten zum Himmel
auf und mischte sich in den noch berauschendern Wohlgeruch der hohen
Orangenbäume die auf dem Rasenplatz vor der Laube lichte Schatten streuten
Endlich einmal entronnen der ängstlich beklommenen Atmosphäre des dunkeln
Zimmers in der sie jetzt den größten Teil des Tages unter dem ungeduldigen
Klagen ihres Kranken verleben musste atmete hier die arme Gabriele mit vollen
Zügen neues Leben und Erquickung Allmählig überschlich sie jene stille
Sehnsucht jener wonnige Frühlingsschmerz der das Auge mit süßen Tränen füllt
und das Herz rascher pulsiren macht Sie gedachte ihrer ersten Jugend ferne
Gestalten gingen an ihr vorüber und sie versank in immer lieberes Träumen von
ihrer Mutter von Ernesto von Ottokar Dann gedachte sie auch des jungen
Freundes der so keck das Leben daran gesetzt hatte und alle Vorurteile seiner
Jugend seines Standes ja das eigne Gemüt mit eigensinniger Entsagung
überwand um einen ihm fast fremden Mann aus einem gefährlichen Traume zu
erwecken Diese Tat Hippolits war ihr immer im romantischen Licht eines
Heldenmuts erschienen den sie sehr geneigt war übertrieben zu nennen und
dessen Äußerung gerade auf diese Weise in dem feurigen sonst alle Schranken so
gern durchbrechenden Jüngling ihr unerklärlich blieb so oft sie auch schon
darüber nachgedacht haben mochte Seit seiner Verwundung hatte sie ihn nicht
wieder gesehen doch ließ sie täglich mehreremale Nachricht von ihm einziehen
denn Moritz sehnte sich stündlich nach seiner erheiternden Gegenwart und auch
sie vermisste oft ihren Edelknaben
    Ein leichtes Geräusch weckte endlich die Träumerin aus ihrem fast wortlosen
Sinnen sie blickte auf und an einer großen Zipresse gelehnt stand dicht vor
der Laube Hippolit selbst die dunkeln blitzenden Augen auf sie geheftet Das
selige Lächeln eines Verklärten umspielte die bleichen Lippen und der Ausdruck
langer körperlicher Leiden gaben der sonst so lebenskräftigen jugendlichen
Gestalt etwas unbeschreiblich Rührendes Ihn erblicken und mit einem hellen
freudigen Ausruf ihm entgegen treten war das Werk des ersten Moments während
er wie überwältigt von der Seligkeit desselben vor ihr auf das Knie sank und
die Hand welche sie ihm bewillkommend gereicht hatte mit Feuerküssen bedeckte
    »So so begrüsse ich das neue Leben Hier begrüsse ich die Sonne die ich so
lange entbehrte« rief Hippolit wie außer sich vor Entzücken
    »Unvorsichtiger« schalt freundlich und bewegt Gabriele »Sie sind noch
krank Ihre Lippen brennen heiß wie konnten Sie in diesem Zustande sich
auswagen Wahrlich Sie sind im Fieber Ihr ganzes Wesen ist so unnatürlich
gereizt ruhen Sie ich bitte ruhen Sie aus« sprach sie beinahe ängstlich
werdend und bemühte sich ihm aufzuhelfen
    »Mir ist wohl mir ist unnennbar wohl freilich meinem Arzt entsprungen und
 mir ist unaussprechlich wohl« stammelte Hippolit ward immer bleicher und
sank endlich mit geschlossnen Augen in den Sessel aus welchem Gabriele bei
seinem Eintritt aufgesprungen war Sie wollte fort sie wollte Hilfe
herbeirufen doch er hielt mit übernatürlicher Kraft ihre Hand fest umschlossen
auch öffnete er nach wenigen Sekunden die Augen wieder und atmete hoch auf
sichtbar sich erholend
    »Zürnen Sie nicht schelten Sie nicht« bat er »dass ich die schöne warme
Sonne den blauen Himmel nicht länger nur aus dem Fenster ansehen mochte Ihre
Pappeln dort am Bassin sind Schuld Ganz in der Ferne sehe ich von meinem Zimmer
aus ihre Wipfel das einzige Grün weit umher Stundenlang habe ich während
meiner Krankheit sie betrachtet sie allein verkündeten mir den Sommer und wenn
der Wind in den schlanken Zweigen spielte war mir als ob sie von Ihnen mir
erzählen wollten Heute heute regten sie sich und nickten und winkten so sehr
und die Nachtigall vor meinem Fenster sang so schmerzliche Sehnsucht es war
nicht länger zu ertragen ich öffnete ihr den Käfig und sie und ich wir flogen
beide auf und davon Hier werde ich genesen glauben Sie mir es nur hier atme
ich Lebensluft«
    Gabriele waltete ämsig und arglos geschäftig um ihn her während er so sich
zu entschuldigen suchte recht wie ein sorgliches Mütterchen um ihr liebes
krankes Kind Sie breitete ihren Shawl an den Zweigen der Laube aus um ihn
gegen das Sommerlüftchen zu schützen das draußen sanft und linde die Blumen
und Blüten umspielte aus einem Körbchen mit Orangen welches zufällig neben
ihr stand wählte und bereitete sie zu seiner Erquickung die süßeste Frucht
dann brachte sie ihm die schönsten Rosen herbei es war als wolle sie ihn in
diesem Moment für alle Entbehrungen der schönen Tage entschädigen die der Arme
im dumpfen Zimmer eingekerkert hatte verleben müssen Nach Frauen Art vergaß
sie in ihrer Geschäftigkeit beinahe wer der Gegenstand ihrer sorgsamen Pflege
eigentlich sei und Hippolit saß still und selig da ließ sich alles gefallen und
hütete sich wohl diese schönen Augenblicke durch ein unbedachtes Wort sich zu
verkümmern
    Inzwischen war unter ihnen beiden doch eine Art von zusammenhängendem
Gespräch aufgekommen Gabriele erzählte von Augustens jetzigem Leben und wie
alle Hoffnung da sei dass Adelbert in Liebe und Tätigkeit wieder genesen und zu
sich selbst kommen werde
    »Das alles danken wir Ihnen Ihrem uns Allen unbegreiflichen Heldenmute
Sie sind ein Kronenwerter Sieger« sprach sie und blickte mit unbeschreiblicher
Freundlichkeit ihn an »Den schwersten aller Siege den über sich selbst haben
Sie errungen Doch gestehen Sie mir was konnte Sie bewegen des Mannes der mit
so unerträglichem Trotz Sie zu beleidigen suchte mit so fast eigensinnigem
Unbedacht zu schonen und Ihr eigenes Leben einem Rasenden wehrlos in die Hände zu
geben Adelbert war Ihnen kaum ein Bekannter und für einen solchen wagten und
ertrugen Sie das Unglaubliche das fast Unmögliche um ihn sich und den Seinen
die Sie noch weniger kannten als ihn am Rande des Unterganges zu retten Die
Welt wird diese Tat eben so wenig zu würdigen wissen als wir Ihre Freunde
sie verstehen obgleich wir sie bewundern wärs auch nur der Seltenheit wegen
Gestehen Sie es mir im Vertrauen lieber Hippolit was bewog Sie zu diesem
ungeheueren unglaublichen Opfer«
    »Sie fragen im Ernst« erwiderte gelassen Hippolit »Konnte ich denn anders
Sie selbst schwebten ja immer zwischen ihm und mir da musste er ja wohl sicher
sein Wie hätte ich nach dem Leben des Gemahls einer Frau zielen können die
Gabrielen so wert ist deren Leiden und Freuden sie wie die eignen empfindet
Wäre er gefallen hätte ich ja Sie betrübt«
    Eine schöne Perl stieg bei dieser unerwarteten Erklärung in Gabrielens
helles Auge Sie wollte sprechen aber der Atem versagte ihrer bewegten Brust
Lächelnd durch Tränen wie ein seliger Engel trat sie endlich ganz nah vor
Hippoliten hin strich mit sanfter Hand ihm die dunklen Locken zurück und
hauchte einen leisen kaum fühlbaren Kuss ihm auf die Stirne Ihre Lippen
bewegten sich im Begriff ihm etwas recht freundliches zu sagen aber sie bebte
erschrocken zurück da sie ihn ansah Sein eben noch so bleiches Gesicht flammte
in dunkler Purpurröte seine Augen blitzten wie verzehrendes Feuer er machte
eine Bewegung als wolle er sie umfassen sie an seine ungestüm wogende Brust
drücken und riss sich im nämlichen Moment mit sichtbarer Gewalt von ihr los und
floh bis in die fernste Ecke der Laube Dort warf er sich auf die Knie nieder
sich selbst unbewusst hatte er den verwundeten Arm aus der ihn stützenden Binde
gezogen und hob nun in flehender Stellung beide Hände zu ihr auf
    »Nein nein« rief er wie außer sich »dies Übermaass von Wonne und Schmerz
erträgt keine menschliche Brust« Und nun ergoss sich sein übervolles Herz im
glühendsten Ausbruch einer Leidenschaft die in diesem Moment der seligsten
Pein in wütenden verzehrenden Flammen hell aufloderte und sich nicht mehr
bändigen lassen wollte
    Zitternd vor Schrecken blickte ihn Gabriele eine Weile an ehe sie Fassung
genug gewann ihm zu antworten »Stehen Sie auf Graf Hippolit« sprach sie
endlich sehr ernst »vergessen Sie den kranken Arm nicht wahrlich ich sehe
immer mehr wie Unrecht Sie taten schon heut das Haus zu verlassen Kehren Sie
heim armer Kranker« setzte sie nach einer kleinen Pause etwas milder hinzu
»ich will es nicht verbergen Sie haben mich erschreckt doch das ist schon
vorüber die Ruhe wird Ihnen wohltun es soll sogleich eine Sänfte geholt
werden«
    »Gabriele Gabriele wenn Sie jetzt mich fortschicken werde ich Sie nie
wieder sehen dürfen ich ahne es« rief Hippolit »ich verdiene Ihren Zorn
lange lange habe ich geschwiegen weil ich ihn fürchtete Glauben Sie mir ich
habe mich bekämpft ich wollte ewig schweigen kein Hauch kein Wink sollte das
Geheimnis meines Lebens verraten damit Sie nur ferner mich um sich dulden
möchten damit ich nur ferner Ihre süße Stimme hören im Strahl Ihrer lieben
Augen den Himmel erblicken könne ich erlaubte mir ja keinen größeren Wunsch Ich
wollte ja nichts hoffen nichts erflehen das wilde Toben hier sollte sich Ihnen
nie zeigen Ein einziger unbewachter Augenblick hat mich verraten und nun darf
ich nie wieder vor Ihnen erscheinen ich weiß es wohl ich bin verbannt«
    Gabriele sprach in milden Worten zu ihm er hörte sie wohl doch er verstand
sie nicht er konnte nur den Gedanken fassen sie beleidigt ihren Zorn erregt
zu haben
    »Wie werde ich künftig leben können« rief er »Entfernung von Gabrielen ist
Tod ist Hölle das fühlte ich jeden Abend in meiner Einsamkeit wenn ich Ihre
Schwelle verlassen hatte Und nun gehe ich ganz hoffnungslos kein Morgen kommt
wo ich mir sagen kann ich werde Sie wieder sehen O Gabriele O gnädige Frau
muss es denn sein ich will ja ewig schweigen ich will ja nichts als was Sie
dem Würmchen dort auf dem Grashalm der Mücke hier in der Luft auch gewähren
nur sehen nur dulden sollen Sie mich und wenn gleich nicht freundlich wie
sonst nur ohne Zorn
    Endlich gewann Gabriele einen Augenblick sich verständlich zu machen »Graf
Hippolit« sprach sie sehr ruhig gefasst »Sie verkennen sich und mich und Ihr
eigenes Gefühl Dass Sie dieses bald selbst einsehen werden weiß ich gewiss Für
jetzt bitte ich Sie ernstlich beruhigen Sie sich ich zürne nicht ich vergesse
von heut an die wilden Ausbrüche zu welchen gereizte Fantasie den Kranken
verleitete ich wünsche dass auch Sie dieses tun mögen nur so allein kann unser
ruhiges freundliches Verstehen ungetrübt bleiben Kehren Sie jetzt heim und
lassen Sie Ihre völlige Widerherstellung einstweilen Ihre erste größte Sorge
sein Leben Sie wohl«
    »Sagen Sie nur dass ich Sie wieder sehen werde« flehte Hippolit in
demütiger Entfernung
    »Darf ich denn mit meinem jungen Freunde so streng ins Gericht gehen kann
ich es denn vergessen dass Sie für das Glück meiner Auguste Ihr Leben wagten«
erwiderte ihm Gabriele
    Ein Bedienter unterbrach sie er kam um Hippoliten zu Herrn von Aarheim zu
rufen Dieser hatte bei seinem Erwachen dessen Anwesenheit im Garten erfahren
und drang nun mit kränklicher Hast darauf ihn augenblicklich bei sich zu sehen
    »Jetzt jetzt in dieser Minute Nimmermehr jetzt nicht jetzt kann ich
nicht zu ihm« rief Hippolit bald erglühend bald erbleichend
    »Nein Sie können und dürfen es auch Ihrer Gesundheit wegen nicht und ich
selbst will dieses ihm erklären« erwiderte Gabriele gab dann schnell dem
Bedienten Befehl den Grafen in einer Sänfte nach Hause zu geleiten und ergriff
die Gelegenheit mit leichtem Gruß an ihm vorüber zu eilen um Moritzen über
sein Nichterscheinen zu beruhigen
    Sie verschwand bald unter den Säulen der Vorhalle und Hippolit starrte noch
immer ihr nach Er fühlte nicht dass die Binde wieder um den verwundeten Arm
gelegt ward er merkte kaum dass man dem Ausgange des Gartens ihn zuführte Nur
als er zu Hause in seinem eignen Zimmer aus den Fenstern desselben Gabrielens
Pappeln wieder ganz in der Ferne erblickte nur da kam ein lichter Gedanke an
die zunächst vergangne Stunde in ihm auf Ein schnell aufsteigendes Wetter
türmte sich schwarz und drohend hinter Gabrielens Garten am Himmel empor schon
fielen einzelne große Regentropfen schwer herab und die schlanken Wipfel der
Pappeln beugten sich tief vor dem plötzlich sich erhebenden Gewittersturm Mit
bangem vorahnenden Herzen starrte Hippolit in den Aufruhr der Natur der über
Gabrielens Wohnung herein brechen zu wollen schien als die Sonne die Wolken
zerriss Die Regentropfen wandelten sich in glänzend flüssiges Silber und hoch
über den Pappeln wölbte sich prächtig der leichte Farbenbogen des Friedens und
der Hoffnung
Mit so anscheinender Kälte Gabriele auch immer die unerwartete Erklärung ihres
jungen Freundes aufgenommen haben mochte in ihrem Innern fühlte sie sich doch
dabei von Mitleid Schrecken und zürnendem Erstaunen bewegt Vergebens versuchte
sie das ganze unangenehme Ereignis zu vergessen sie konnte sich nicht enthalten
in der Einsamkeit darüber nachzudenken Seit Jahren hatte nichts ihre Ruhe in
dem Gräde erschüttert es war ihr als laste seit jener Minute ein innrer Vorwurf
auf ihrem Gemüte und doch war es ihr unmöglich zu entdecken wo und wie sie
gefehlt habe
    Missmütig über dieses beängstigende Empfinden ergriff sie endlich die
Feder um sich gegen Frau von Willnangen über den Vorgang auszusprechen der es
veranlasste und so vielleicht auch mit sich selbst darüber ins Reine zu kommen
Doch kaum hatte sie einige Zeilen geschrieben als sie mit unwilligem Lächeln
alles von sich schob und ihren Schreibtisch wieder zuschloss
    »Bin ich nicht töricht« sprach sie bei sich selbst »Müsste Frau von
Willnangen nicht laut auflachen wenn sie läse wie ich eifrig ernstaft gleich
einem sechszehnjährigen Mädchen ihr in großer Herzensangst die Liebeserklärung
eines kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings mitteile und sie bitte in
dieser entsetzlichen Not mir zu raten Nein wahrlich nein so großen Lärmen
wollen wir über ein solches Flackerfeuer nicht anstellen Ihre Wangen erglühten
in tiefer Beschämung Wie war es mir möglich die brausenden Ausbrüche eines
exaltirten jugendlichen Sinnes so zu missverstehen« dachte sie während sie den
angefangnen Brief wieder aus dem Schreibtisch nahm und vernichtete Weichheit
des eben Genesenden Frühlingsfreude nach langem Entbehren ließ ihn sich
selbst verkennen warum denn nicht auch mich Er wird froh sein wenn ich zu
vergessen scheine was ich nur vergessend verzeihen kann und was er gewiss nie
wieder wagen wird in Anregung zu bringen Höchstens könnte nur durch Widerspruch
erregter Eigensinn ihn zur Beharrlichkeit bewegen und das muss vermieden
werden«
Herrn von Aarheims Arzt erschien am folgenden Morgen um Hippoliten die
Erlaubnis zu erbitten ihn am Abend besuchen zu dürfen Moritz suchte seinen
Jubel darüber in allen Sprachen deren er mächtig war auszudrücken und
versicherte nun ebenfalls in den nächsten Tagen wieder ausgehen zu können
    »Wir wollen uns damit denn doch nicht übereilen« erwiderte der Arzt zu
Gabrielen gewendet Auch dem jungen Grafen wäre es sehr gesund wenn er noch
einige Tage daheim bleiben wollte aber er lässt sich nicht halten und so ist es
geratner wenn wir ihm das Ausgehen mit gehöriger Sorgfalt erlauben als dass er
uns wie gestern geschah entspringt und unnützer Weise in Angst versetzt Ich
fand ihn Nachmittags in heftiger fieberhafter Bewegung auch seine Wunde schien
sich wieder entzünden zu wollen und doch war er augenscheinlich mehr exaltirt
als krank Ich wusste nicht was ich aus dem wunderbaren Zustand machen sollte
und war schon im Begriff ihn im Verdacht eines bedeutenden Vergehens gegen die
ihm vorgeschriebene Diät zu halten als ich erfuhr dass er in der Sonnenhitze
von einem Ende der Stadt bis zum andern gelaufen sei«
    Hippolit erschien gegen Abend Gabriele war absichtlich bei seiner Ankunft
in Moritzens Zimmer zugegen Er errötete erbleichte und kam bei ihrem Anblick
sichtbar außer Fassung doch Moritzens ausgelassene Freude über das Wiedersehen
seines Lieblings überstimmte alles und verbarg auch die kleine Verlegenheit
deren Gabriele im ersten Augenblick sich doch nicht gänzlich erwehren konnte
Moritz war an diesem Abend vielleicht zum erstenmal in seinem Leben die Seele
des kleinen Vereins er scherzte lachte über seine eignen Einfälle und ließ
übrigens niemanden zum Worte kommen Hippolit bemühte sich zwar wie sonst
munter und unterhaltend zu erscheinen aber der Zwang den er sich dabei antat
konnte nur einem Beobachter wie Moritz war entgehen Gabriele ward dessen wohl
gewahr sie nahm ihn als Beweis des beschämenden Gefühls mit dem er des
gestrigen Morgens gedenken mochte und strebte nur durch möglichste
Unbefangenheit das Andenken einer Szene zu vernichten die sie am liebsten ganz
in Vergessenheit begraben hätte
    Vierzehn Tage vergingen während welchen Hippolit Gabrielen täglich doch
nie alleine sah Er selbst schien dieses zu vermeiden und hütete seine Blicke
wie seine Worte so dass sie wiederum gegen ihn sie wusste selbst kaum wie in
ihren gewohnten zutraulichen Ton geraten konnte Seine Genesung vollendete sich
in dieser Zeit und auch Moritz erholte sich genugsam um Tagelang mit Planen
für den Rest des Sommers sich zu beschäftigen Jeden Tag wurde eine andere Reise
in Vorschlag gebracht alle Beschreibungen großer und kleiner Bäder in der Nähe
und Ferne wurden herbeigeschaft aber es fanden sich immer am Morgen triftige
Gründe das gestern Abend Gewählte wieder zu verwerfen
    Gabriele hatte allen diesen Beratschlagungen immer sehr gelassen und
gleichgültig beigewohnt bis Moritz eines Morgens mit ganz ungewohnt adeligen
und ritterlichen Gesinnungen aufstand sich zum Frühstück bei ihr melden ließ
und ihr dabei sehr feierlich erklärte dass er jeden Edelmann für einen Toren
achte der ohne Not ferne von dem Sitz seiner Ahnen im bunten Gewühl der
Menge sich herumstossen lasse und dass er deshalb gesonnen sei sich mit ihr
innerhalb zweier Tage nach Schloss Aarheim zu begeben um dort wenigstens bis zum
nächsten Winter zu residiren
    Schloss Aarheim wieder zu sehen Tausend widersprechende Gefühle wechselten
in Gabrielens Gemüt bei diesem Gedanken Es ward ihr als harre ihrer in den
heiligen Mauern irgend etwas Unerwartetes etwas Unerhörtes Nicht um die Welt
hätte sie eine Sylbe gesprochen und Moritzens Entschluss wankend gemacht aber
sie bebte in ängstlicher Freude vor dessen Ausführung
    Mit den altritterlichen Gesinnungen überkam dem Baron auch ein Anflug von
altritterlicher Gastfreiheit Rechts und links lud er nun Freunde und Bekannte
ein Wochen ja Monate lang in der Burg seiner Ahnen bei ihm zu weilen Auch
Gabriele musste an Frau von Willnangen schreiben und sie bitten mit Augusten und
den Kindern die noch übrige Zeit bis zur Heimkehr Adelberts und des Generals bei
ihr zuzubringen Während sie mit diesem Briefe sich beschäftigte trat Hippolit
in ihr Zimmer und zum erstenmal seit dem Morgen in der Laube sah sie sich mit
ihm allein
    Niemand hätte in dem bange und beklommen in augenscheinlicher Verlegenheit
Dastehenden die vorlaute Zierde der elegantesten Zirkel den dreisten Liebling
der glänzendsten Damen wieder zu erkennen vermocht Er hatte recht ehrlich mit
sich gekämpft ob er nicht die Reise nach Aarheim als Anlass ergreifen solle um
sich wenigstens auf einige Zeit von dem Gegenstand einer Leidenschaft zu
entfernen deren Hoffnungslosigkeit sowohl als deren Unbezwingbarkeit ihm mit
jedem Tage fühlbarer wurde Schon glaubte er sich Sieger als Moritzens
Einladung ihn von der geträumten Stufe herunterriss So lange er noch an der
Möglichkeit zweifeln konnte in Gabrielens Nähe unter ihrem Dache in der
glücklichen Zwangslosigkeit eines ländlichen Aufenthalts selige Tage zu
verleben so lange schien es ihm als könne er entsagen doch jetzt da dieses
Glück ihm wirklich so nahe geboten ward dass er es beinahe ohne Unschicklichkeit
nicht von sich weisen durfte jetzt musste er es ergreifen und sollte er darüber
zu Grunde gehen Er dachte gar nicht mehr daran freiwillig darauf resigniren zu
können und nur der Zweifel marterte ihn ob Gabriele ihm erlauben werde die
Einladung anzunehmen
    »Herr von Aarheim hatte die Güte mich einzuladen« flüsterte er ängstlich
und kaum vernehmbar 
    »Und Sie fürchten die Burggeister und möchten uns lieber nicht begleiten«
unterbrach ihn Gabriele mit etwas erzwungner guter Laune denn Hippolits
Verlegenheit steckte auch sie an »Wenn ich Ihnen raten darf« fuhr sie
lächelnd weiter fort »so überwinden Sie Ihre Geisterfurcht und begleiten uns
finden Sie dort nicht das Gewohnte so finden Sie dafür das Ihnen Neue Die
ehrwürdige Burg das wilde schöne Tal die Felsen und Höhlen ja selbst die
tiefe Einsamkeit Ähnliches ist Ihnen vielleicht im Leben noch nicht
vorgekommen An geselliger Abwechselung wird es uns ebenfalls nicht gänzlich
fehlen viele unserer hiesigen Freunde versprachen auf ihrer Rückkehr aus den
böhmischen Bädern einige Tage bei uns zuzubringen und den kurzen Umweg weniger
Meilen nicht zu scheuen Und um Sie nicht ganz mit der Zukunft vertrösten zu
müssen so habe ich auch Hoffnung mir Ida und Bella von Schöneck von ihrer
Mutter zur Begleitung zu erbitten Die kaum zwei Tagereisen entfernte große
Stadt wo ich bei meiner Tante zuerst in der Welt erschien wird uns hoffentlich
ebenfalls manchen angenehmen Besuch früherer Bekannten zusenden« setzte sie
hinzu da Hippolit noch immer schwieg
    »Wie über allen Ausdruck gütig ist es dass Sie sich das Ansehen geben
wollen als wünschten Sie mich zum Mitgehen zu bereden während ich in Demut
Ihrer Entscheidung harre ob ich Sie begleiten darf« sprach er endlich
sichtbar erleichtert »Doch darf ich es gestehen Dass die Aussicht von so viel
gleichgültigen Besuchern umschwärmt «
    »Es wird damit so gar arg nicht werden als Sie es sich denken« unterbrach
ihn Gabriele »wir werden genug der Tage vielleicht sogar der Wochen frei
behalten um unsre alten Übungen wieder vorzunehmen ich wette es tut damit
Not denn Sie sind gewiss während Ihrer Krankheit nicht fleißig gewesen eben so
wenig als ich bei der meines Gemahls es sein konnte Das müssen wir wieder
einbringen Für Ihr Landschaftzeichnen bietet mein Tal Ihnen bei jedem Schritt
die herrlichsten Punkte Auch unsere musikalischen Übungen und vor allem unser
Studium der Kunstgeschichte wollen wir mit Eifer wieder vornehmen So wie wir
uns in Schloss Aarheim nur ein wenig eingerichtet haben sollen Winkelmann und
der alte Vasari wieder an die Reihe kommen Ida und Bella werden gern an alle
diesem tätigen Anteil nehmen«
    Ziemlich gegen ihre sonstige Art hatte Gabriele rasch hinter einander weg
gesprochen als ob sie eine Indiskrezion von Hippoliten befürchtete und ihn
deshalb lieber gar nicht zu Worte kommen lassen wollte Er selbst hingegen war
während der Zeit seiner innern Bewegung Meister geworden und so nahm von nun an
das Gespräch eine ruhigere Wendung während dessen beide vereint eine Auswahl
unter Büchern Musikalien und allerlei Kunstgerät trafen die sie mit nach
Schloss Aarheim nehmen wollten Hippolit schwamm dabei in einem Meer von Wonne
doch hütete er sich gar sehr vor jeder auch der unmerklichsten Äußerung seines
Empfindens
    Gabriele hatte sich bis jetzt täglich unzähligemal wiederholt dass nichts
lächerlicher sein könne als wenn sie jene Erklärung Hippolits für etwas mehr
nehmen wolle als für jugendliche Übereilung in einem durch Zufälligkeiten bis
zur Überspannung gereizten Zustande Auch war sie von der Wahrheit dieser
Ansicht fest überzeugt vielleicht weil sie es sein wollte denn wer vermag zu
unterscheiden was ihr selbst immer dunkel blieb Eine Art ängstlicher
Übereilung im Gespräch die ihr nicht eigen zu sein pflegte schien freilich
oft wie eben auch jetzt geheimes Fürchten einer Aufklärung anzudeuten das
denn doch ihr selbst unbewusst in einem Winkel ihres Herzens lauschen musste
den sie aus verzeihlicher Zaghaftigkeit vielleicht zu ergründen nicht wagen
mochte
    Fern von Allen welche sie liebte in der trostlosen Umgebung zu der das
Schicksal sie verurteilte hatte sie in Hippoliten endlich eine für ihr Gemüt
wie für ihren Geist gleich wohltuende Erscheinung gefunden Sie konnte nicht
ohne die reinste Freude nicht ohne inniges Wohlwollen den glücklichen Einfluss
bemerken den ihre Leitung und warum sollte sie es sich nicht aussprechen den
ihre Nähe an ihm übten Jemehr angeborenen Edelsinn unglaubliche Güte und
andere glänzende Eigenschaften des Geistes und Gemüts er im Umgange mit ihr
entfaltete je deutlicher sah sie mit Schaudern wie nahe er bei alle diesem dem
Untergehen in Eitelkeit Unglauben und Lieblosigkeit gewesen war Nie unter
keinen Umständen hätte sie ohne den tiefsten Schmerz ihn wieder loslassen nie
ihn dem eitelsten Treiben wieder übergeben können dem er an ihrer Hand so
tapfer sich entwunden hatte Und nun nach seinem an Adelberten geübten Edelmut
fühlte sie noch durch das heilige Band inniger Dankbarkeit sich ihm
verpflichtet Daher fiel es ihr nicht ein ihm eine strenge Richterin werden zu
wollen daher sah sie so gern in der Unruhe die ihn in ihrer Nähe ergriff nur
das Bestreben jedes Erinnern an ein Betragen zu verhüten dessen er ihrer
Meinung nach sich jetzt herzlich schämen musste Und wer mag sie deshalb tadeln
Wer mag es verdammen dass ihrem reinen Gemüte nie der Gedanke kam um einer dem
Irrtum verfallnen Minute willen ihn dem Verderben Preis zu geben Gabriele war
zu rein tugendhaft um je daran zu denken es sein zu wollen daher konnte ihr
der Gedanke gar nicht kommen dass sie hier vielleicht ein Opfer zu bringen habe
Ida und Bella von Schöneck waren ein paar gute liebe und schöne Kinder deren
harmlose Gesellschaft nur dazu dienen konnte das Einerlei eines zu kleinen
Kreises zu unterbrechen ohne durch großes Übergewicht störend zu werden Bei
ihrer in sehr beschränkten Umständen lebenden Mutter hatten sie nur einsame Tage
gesehen bis Gabriele der armen lebenslustigen Mädchen sich annahm und ihnen zu
mancher ihrem Alter und ihrem Range angemessenen Freude verhalf nach der sie
bis jetzt sich um so heißer gesehnt hatten je ferner sie ihnen geblieben waren
    Alles neue war ihnen willkommen daher fanden sie sich am Tage der Abreise
mit frohen erwartungsvollen Gesichtern bei Gabrielen ein um sie nach Schloss
Aarheim zu begleiten Sie fuhren in Gabrielens Wagen Moritz hatte seinem jungen
Freunde einen Platz neben sich in seiner nach ganz eigener Erfindung erbauten
Batarde bestimmt doch dieser zog es gewöhnlich vor auf einem der schönen
Pferde die er sich nachführen ließ bald Gabrielens Wagen zu umschwärmen bald
Morgens einige Stunden früher aufzubrechen um die Übrigen im
gemeinschaftlichen Absteigequartier zu empfangen
    Den beiden jungen Mädchen zu Gefallen deren Fantasie sich aus Romanen und
Beschreibungen ein himmlisch schönes Bild von den Freuden des Badelebens
zusammen gesetzt hatte war der Umweg über Karlsbad beschlossen worden Mit dem
Gefühle des frommen Wallfahrers an heiliger Stätte sah Gabriele sich zum
zweiten Mal auf diesem Wege der sie vor sieben Jahren zu dem Wendepunkte ihres
Lebens geführt hatte von welchem die lange Reihe der strengen Entsagungen und
der den schwersten Opfern geweihten Tage ausging die sie seitdem verlebte
    In Karlsbad selbst knüpfte sich eine oder die andere frohe oder bittere
Erinnerung an jeden ihrer Schritte in stiller Wehmut suchte sie jedes
Plätzchen auf das irgend ein ihr merkwürdiges Ereignis bezeichnete vor allem
aber versäumte sie es nicht in einer stillen feierlichen Abendstunde zur
kleinen Marienkapelle im Walde einsam zu wallfahrten während ihre
Begleiterinnen unter Moritzens Schutze sich im sächsischen Saal im lustigen
Wirbeltanz drehten
    Es war am Vorabend eines heiligen Festes Die Betstühle waren leer nur ein
Kind lag in einem Winkel der Kapelle auf den Knien während der Sakristan den
Altar abstäubte den morgenden Festputz des MuttergottesBildes zurecht legte
und die welken Blumen und Kränze wegnahm um sie durch neue zu ersetzen
    Gabriele sah dem einfältigfrommen Treiben eine Weile zu ehe sie ihrer
Stimme Festigkeit genug zutraute um nach der armen alten Frau zu fragen die
sonst um diese Stunde hier zu beten pflegte und die sie jetzt mit trübem
Vorahnen vermisste
    »Die ist bei Gott« erwiderte der Sakristan »ich kannte sie wohl sie war
eine fromme Frau dort unten aus dem Dorfe sie hatte ein Gelübde getan und
hielt es redlich bei Frost und Hitze im Sonnenschein und Regen Und so ist sie
zum Lohne hier an heiliger Stätte vor drei Monaten sanft und selig entschlafen
Wir wollten sie wecken da es dunkel ward und sie noch immer auf den Knien wie
betend lag aber sie erwachte nimmermehr auf Erden«
    Gabriele zerfloss in Tränen der innigsten Rührung während der Sakristan so
sprach Ottokars Bild stand vor ihr und jedes entschlummerte Gefühl in ihrem
Herzen regte sich mächtig und laut ihr war als seien die Jahre zwischen jetzt
und jenem Abend wo sie an dieser nämlichen Stelle gestanden hatte ganz aus
der Reihe der Zeiten getilgt als sei alles noch wie damals
    Indessen hatte das Kind sich ihnen genähert und wollte mit schüchternem
Gruße vorüber als der Sakristan es anhielt »Das ist ein Urenkelchen der alten
frommen Mutter Ihr Gnaden« sprach er und klopfte freundlich die vollen
blühenden Wangen des Mädchens »Nun schäme dich nicht« fuhr er fort »du bist
ein frommes Kind Gott und die Heiligen werden deinen Vater und deine Mutter
dafür segnen denn das Gebet frommer Kinder dringt durch die Wolken«
    »Ich hab nicht für Vater und Mutter gebetet« sprach das Kind
    »Nicht für Vater und Mutter für wen denn« fragte der Sakristan
    »Weiß nicht« war die Antwort »aber die heilge Jungfrau wird schon
verstehen wem es angeht sprach Aeltermutter selige und weil Mutter es ihr
einmal versprochen hat da sie krank war so geht immer Eins von uns zur
Vesperzeit hieher und betet wie Aeltermutter sonst da sie noch lebte«
    Gabriele sank auf der Stelle wo das Kind gebetet hatte in stiller Rührung
hin der Sakristan und das Kind reichlich von ihr beschenkt entfernten sich
schweigend und ehrfurchtsvoll Ihr Auge schwamm in süßen Tränen ihr Herz in
seliger Wehmut War es Gebet war es Erinnerung war es Hoffnung was ihren
Busen in lange nicht gefühlter Wonne hob sie wusste es nicht zu unterscheiden
aber sie lag da auf den Knien in Andacht und Freude verloren bis die fast zur
Dunkelheit gewordne Dämmerung sie erweckte Langsam erhob sie sich und sah dicht
hinter sich Hippoliten in ihrem Anblick versunken Sie wickelte sich als sie ihn
gewahrte fester in ihren großen Shawl den sie wie einen Schleier über den Kopf
nahm als solle er gegen die Abendkühle sie schützen
    Hippolit verstand diese Bewegung stumm und ehrfurchtsvoll zog er sich
zurück während sie an ihm vorüberging und wagte es nicht ihr den Arm zu bieten
Er drückte nur die zurückflatternde Ecke ihres Shawls demütig an seine Lippen
ohne dass sie dieses bemerkte und folgte dann von ferne um sie auf dem Wege nach
ihrer Wohnung zu beschützen
    Wenig Tage darauf verließen sie Karlsbad
                                 Dritter Teil
 Ihn musst ich lieben weil mit ihm mein Leben
 Zum Leben ward wie ich es nie gekannt
                                                                          Göte
Karlsbad im Rücken ging die Reise schnell vorwärts Bald waren die beiden
schroff und zackig emporstrebenden Felsen erreicht die einander
gegenüberstehend von dieser Seite die Gränze der zu Schloss Aarheim gehörenden
Ländereien bezeichnen und den einem Riesentor ähnlichen Eingang zu dem
schauerlichen Felsentale bilden in welchem der Eisenhammer liegt
    Im ärmlichen Gepränge so gut sie es vermochten mit ihren dürftigen
Festkleidern geschmückt harrten dort die Einwohner des Tals um die
Gutsherrschaft vor allen andern zuerst in ihrem Eigentum zu begrüßen Die
Kinder streuten Blumen die Alten riefen ein Lebehoch und Gabrielens
überwallendes Herz erlaubte ihr kaum im Wagen zu bleiben während Moritz mit
echt spanischer Grandezza da saß und sich allen möglichen Zwang antat um sich
nicht an seiner Würde durch zu freundlichen Dank etwas zu vergeben zu dem seine
angeborene Gutmütigkeit ihn dennoch trieb Denn wunderlich genug war es ihm
plötzlich in den Sinn gekommen sich hier das stolze Betragen seines Vorfahren
des alten Barons Aarheim zum Muster zu nehmen Gabriele hingegen rief viele der
Landleute welche sie erkannte bei Namen erkundigte sich nach ihrem Ergehen
liebkoste die Kinder und schickte endlich alle beschenkt und glücklich in ihre
armen schwarzgeräucherten Hütten zurück Dann eilte sie fort aus dem frohen
dankbaren Gedränge um in dem Hause des Försters Ernestos ehemalige Wohnung
aufzusuchen Ida und Bella begleiteten sie ihrer gutartigen Neubegier war alles
interessant Moritz folgte ihnen etwas langsamer mit Hippoliten
    Im Gedränge des Lebens unter ewigen Zerstreuungen hatte Moritz sich der
Gewohnheit hingegeben Gabrielen die Seine zu nennen ohne weiter daran zu
denken wie sie es ward hier aber rief ihm alles Szenen zurück bei deren
erneuertem Andenken sein Blut noch erstarrte Das Knarren der elenden hölzernen
Treppe des armseligen Hauses erinnerte ihn auf das lebhafteste wie er am Morgen
seines schauerlichen Vermählungstages Erneston hier aufsuchte um von ihm Rat
und Trost zu erflehen Ohnerachtet eines gewissen innern Grauens kam ihm doch
jene stolze Freude an die der armseligste Tor am lebhaftesten empfindet der
ein merkwürdiges oder gar gefahrvolles Ereignis erzählen kann in welchem ihm
eine Hauptrolle ward Eben wandte er sich an Hippolit mit einem recht wichtigen
Gesicht und allerlei geheimnissreichen Redensarten die deutlich den Wunsch
befragt zu werden verrieten als Ida oben im Hause an das offene Fenster trat
und die Herren antrieb eilends hinauf zu kommen weil oben viel Schönes zu
sehen sei
    Hippolits Aufmerksamkeit beim Eintritt in Ernestos kleinem Stübchen zogen
zuerst die weißen Wände an auf denen er mit kunstreicher Hand allerlei Skizzen
von Felsen Baumgruppen und Gesträuch höchst geistreich mit der Kohle entworfen
hatte Die Fräulein beschäftigten sich indessen mit einer großen Mappe voll
Zeichnungen welche wahrscheinlich aus Vergessenheit in der Schublade des
Tisches zurückgelassen worden war und Gabriele das schöne Haupt gedankenvoll
auf die Hand gestützt schaute hinaus auf die dunkeln Felsenspitzen rings umher
    »Mein Gott welche Ähnlichkeit« rief plötzlich Ida überlaut Moritz und
Hippolit näherten sich die Zeichnung welche ihr diesen Ausruf abgelockt hatte
zu betrachten und ihre Äußerungen die eher Tadel als Lob anzudeuten schienen
machten auch Gabrielen darauf aufmerksam Sie trat zu den Übrigen an den Tisch
doch kaum hatte sie einen Blick auf das Blatt geworfen so bebte sie mit einem
Schrei des Entsetzens zurück Sie sah sich selbst Unverkennbar ähnlich war sie
hier als Virginia dargestellt über deren schuldlosem Herzen der Vater eben den
Dolch gezückt hielt Icilius eilte aus der Ferne herbei näher ein alter Römer
im sichtbaren Bestreben den Streich abzuwenden unten standen die Worte
Libertade e morte ultimo pegno damor Die Zeichnung war sehr ausgeführt fast
ganz vollendet Virginius trug unverkennbar die Züge des verstorbnen Freiherrn
Aarheim der zur Hilfe herbeieilende Alte glich Erneston selbst Icilius war
sehr in der Ferne gehalten doch glaubte Gabriele in ihm eine Ähnlichkeit mit
Ottokar zu entdecken
    »Welch eine Darstellung Wie konnte Ernesto sie ersinnen rief Gabriele fast
zürnend aus und wendete den Blick mit Grausen von dem Bilde ab bald aber fasste
sie es wieder und betrachtete es mit immer grössrer Teilnahme Obgleich sie mit
der eigentlichen Veranlassung desselben unbekannt geblieben war so erkannte sie
darin doch eine Allegorie auf ihr Leben die sie schmerzlich berühren musste
Eine stille Träne stieg ihr ins Auge als sie Ottokars nur undeutlich wie aus
einem Nebel hervortretende Gestalt erblickte Dann betrachtete sie Ernestos
Bild und die in seinen Zügen ausgedrückte schmerzliche Angst erinnerte sie auf
das lebhafteste an seine ihr von jeher bewiesene Liebe und Treue Es fiel ihr
ein dass er wohl nie daran gedacht habe der Zufall könne ihr die Zeichnung
entgegen führen und sie ward ihr jetzt zur wortlosen Klage des fernen Freundes
Immer tiefer sah sie sich hinein und kaum vermochte sie es den Blick wieder
davon abzuwenden
    »Die Ähnlichkeit der Gesichter ist unverkennbar aber eine weit größere
innere Ähnlichkeit liegt zum Grunde von der Gabriele nichts ahnt« flüsterte
Moritz Hippoliten ziemlich hörbar zu Gabriele vernahm die Bemerkung die sie
aus Moritzens Munde zu hören nie erwartet hätte Unwillkührlich suchte ihn ihr
Blick er stand dicht vor ihr und sah sie mit einem so eignen zweideutigen
Ausdruck an dass sie darüber erschrack Mit zitternden Händen packte sie die
Zeichnung nebst allen übrigen schnell in die Mappe die sie mit nach Schloss
Aarheim nehmen wollte um sie dort dem Eigentümer sichrer aufzubewahren dann
eilte sie das Haus und so bald als möglich auch das Tal zu verlassen
    Durch die Zeichnung sowohl als durch Moritzens rätselhafte Äußerungen auf
das Höchste gespannt konnte Hippolit den Augenblick kaum erwarten wo er mit
Herrn von Aarheim im Wagen allein sein würde um diesen mit Fragen und
Nachforschungen zu bestürmen Doch Moritzens ungemeine Redseligkeit ließ es
nicht dazu kommen Über allen Ausdruck vergnügt die Hände in einander reibend
begann er sobald er sich bequem zurecht gesetzt hatte von sich zu erzählen Er
redete von sich und immer von sich und war selig in diesem Bewusstsein ohne im
mindesten auf den Eindruck zu achten welchen seine Worte auf seinen Zuhörer
machten
    Hippolit ward in diesem Gespräch von allem unterrichtet was er längst zu
erfahren so sehnlich gewünscht hatte von Gabrielens früherm Geschick und durch
welche sonderbare Verknüpfung der Zufälligkeiten sie eben die Gemahlin der
Lächerrlichsten und Lästigsten aller Karrikaturen geworden war Von Grausen und
unaussprechlichem Mitleid im Innersten der Seele erschüttert hörte er die
seltsame Erzählung an Es ward ihm nicht ganz klar welche Mittel der furchtbare
Wahnsinnige angewandt haben mochte um Gabrielen in Moritzens Arme zu treiben
denn Gabrielens Gemahl hatte nie die nähren Umstände von dem letzten alles
entscheidenden Gespräch zwischen Vater und Tochter erfahren dürfen Hippolit
fühlte aber mit fester Überzeugung dass ein unausweichbares Geschick hier
gewaltet habe über welches nachzudenken er schaudernd vermied um seiner Sinne
mächtig zu bleiben Plötzlich ergriff ihn der Gedanke dass Moritz in seiner
jetzigen offenherzigen Laune auch Gabrielen hier an Ort und Stelle zur
Vertrauten dessen machen könne was ihr ewig verborgen bleiben musste Er fühlte
im eignen Herzen mit unaussprechlicher Angst dass sie diesen Moment vielleicht
nicht überleben werde und begann nun all seinen Einfluss zu erschöpfen um
ihren Gemahl zum Geloben ewigen unverbrüchlichen Schweigens über diesen
Gegenstand zu bewegen Er ging sogar so weit ihm nicht undeutlich zu verstehen
zu geben wie man doch so ganz eigentlich nicht wissen könne auf welche Weise
der alte Baron im Geisterreiche dem er doch lebend schon halb angehört habe
eine Indiskrezion über diesen Punkt aufnehmen dürfe
    Dieser Bewegungsgrund wirkte mehr als alle übrigen Moritz erbleichte und
blickte sehr bedenklich zu den grauen alten Türmen und zackigen Mauern hinauf
welche wie aus dem Felsen der sie trug hervorgewachsen bei einer Biegung des
Weges jetzt zum erstenmal sichtbar wurden
    Auch auf Hippoliten machte der Anblick des alten Gebäudes einen tiefen
Eindruck das ihm wie von einer unersteiglichen Höhe entgegenstarrte Und als
er nun vollends Gabrielens Wagen vor sich in der alle Gegenstände verwirrenden
Dämmerung auf dem steilen Wege sich hinaufwinden und dann zum düstern Aussentor
hineinfahren sah da ward ihm als versänke sie in einem offenen Grabe
    In der hochgewölbten Eintrittshalle beleuchtet vom schwankenden Schimmer
vieler Fackeln hatten sich die verlebten Gestalten der einst hier im Dienst von
Gabrielens Vater ergrauten alten Diener zum Empfange versammelt In ihren nach
der Farbe des Wappens auf das strengste gewählten altmodischen GallaLivreen
standen sie ehrfurchtsvoll in eine Reihe geordnet Frau Dalling an ihrer Spitze
Auch das Haar dieser war weiß geworden und ihre Gestalt hatte sich gebeugt
    Gabriele schwang sich so wie sie ihrer gewahr ward ganz allein aus dem
Wagen beinahe ehe er noch hielt warf sich der geliebten mütterlichen Frau in
die Arme und begrüßte sie mit tausend sonst gewohnten kindlichen
Schmeichelnamen Dann wandte sie sich an die alten Diener mit den
allerfreundlichsten Worten sie reichte ihnen die Hände und alle drängten sich
zum Teil knieend um sie her und küssten unter verworrnen freudigen Ausrufungen
bald ihren Shawl bald den Saum ihres Kleides
    Moritz trat mit dem erhabensten Anstande den er aufzubringen wusste herein
aber die freudige Gruppe ward seiner nicht gewahr Hippolit schauderte zurück
da er Gabrielen von alle den greisen bleichen Gestalten umgeben sah die kaum
noch dem Leben anzugehören schienen er glaubte die geliebte Gestalt schon im
Gebiete der Unterirrdischen zu erblicken während Ida und Bella in einiger
Beklommenheit seinen Arm ergriffen als würde es ihnen so besser gelingen das
Grausen zu bekämpfen welches der erste Eintritt in das alte wunderlichdunkle
Schloss in ihnen erregte
Unter Gabrielens sorgfältiger Leitung ward indessen gar bald alles zu Jedermanns
Zufriedenheit geordnet Die Fräulein kamen unter den Schutz der Frau Dalling
und vergaßen dort alles Grauen obgleich das Schloss Ubaldo und andre
Reminiszensen aus ihren Romanen ihnen oft genug in den Sinn kamen Gabriele
bezog wieder die einfachen Zimmer welche sie von jeher im Schloss bewohnt
hatte Gute Geister von denen einst ihre harmlose Kindheit beschützt worden
umwehten sie auch jetzt dort und hauchten in seligen Träumen ihr Ruhe und
Hoffnung in die jetzt nicht weniger als damals schuldlose Brust
    Auch Hippolit war mit seiner Wohnung zufrieden denn aus einer Fensterecke
derselben konnte er zu Gabrielen hinüber sehen und Abends zuweilen ihren
Schatten belauschen wenn dieser an den heruntergelassnen Vorhängen
vorüberstreifte
    Nur Moritz befand sich in einer trübseligen Lage Er hatte es seiner Würde
angemessen erachtet die alten Prunkgemächer zu beziehen welche von seinem
Vorfahren zuletzt bewohnt worden waren und nun ergriff ihn jedesmal eine
unüberwindliche Gespensterfurcht wenn er besonders Nachts sich dort allein
fand Überall vernahm er ein geisterartiges Rauschen und Rascheln von den
Ruinen der Brandstätte tönten wunderliche Klänge zu ihm herüber und ein paarmal
glaubte er sogar im hellen Dämmerlichte der Sommernacht den alten Baron auf
seinem gewohnten Platz im Lehnstuhl am Fenster den Ruinen gegenüber zu
erblicken
    Wie alle die mit sich nicht im Klaren sind war auch Moritz ein
wunderliches Gemisch von Freigeisterei Vernünftelei und ganz gemeinem
Aberglauben Vergeblich strebte er diesen wegzuspötteln und wegzuraisonniren
immer und ehe er sich dessen versah übte derselbe seine Gewalt über ihn aus
aber um aller Güter der Welt willen hätte er dieses nicht eingestanden Deshalb
konnte er sich auch nicht entschließen die ihm so furchtbaren Zimmer mit andern
zu vertauschen obgleich er beinahe in keiner Nacht eines ruhigen Schlafs sich
in ihnen erfreute
    Am Tage ging es nicht viel besser denn da marterte ihn der Anblick der
seinen Fenstern gegenüberliegenden Brandstelle Die Lust etwas ganz Unerhörtes
nie Gesehenes hier aus der Asche entstehen zu lassen regte sich um so
unwiderstehlicher je enger ihm in dieser Hinsicht die Hände gebunden waren
Sogenannte Nachbarn von der Neugier meilenweit zu ihm geführt machten ihm
durch ihre Aufforderungen und Vorschläge zum Bauen die Entsagung noch schwerer
denn er mochte nicht gestehen was ihn eigentlich zurückhielt Unzähligemal nahm
er den Bauriss der einst des alten Barons Zorn so heftig erregt zur Hand
betrachtete ihn mit sehnsuchtsvollen Blicken und legte ihn mit ängstlichem
Frösteln wieder hin Endlich kam es so weit dass er sogar Gabrielen fast nie
ohne eine geheime widerwärtige Regung anblicken mochte denn alles erinnerte ihn
daran dass er ohne sie hier als unumschränkter Gebieter nach Belieben würde
schalten und walten einreissen und bauen dürfen Gleich allen erklärten
Günstlingen des Glücks war es ihm unmöglich nicht gerade das Einzige was ihm
versagt war für das Allerwünschenswerteste zu achten Dieses ärgerliche
Empfinden verleitete ihn nicht selten zu Ungleichheiten im Betragen und
ungeduldigen Ausfällen wie er sich früher deren nie gegen seine Gemahlin
erlaubt hatte Gabriele wusste indessen diesem allen mit so edler Gelassenheit zu
begegnen ohne sich ihrer Würde im mindesten dabei zu vergeben dass Moritz
gewöhnlich im nächsten Moment über seine eigne Unart erschrak und sich sichtbar
schämte doch ohne es anerkennen zu wollen
    Niemand beschreibt den wilden Schmerz Hippolits bei solchen Anlässen Seit
er als Hausgenosse Gabrielen in ihren häuslichen Verhältnissen genauer
beobachten konnte stieg sein Gefühl für sie bis zur Anbetung er hätte sein
Leben hinbluten mögen um ihr einen frohen Augenblick zu erkaufen Keins der
unzähligen Opfer welche sie ihrer Pflicht täglich brachte entging seinem
Scharfblick Und wenn sie dann mit ihrem schuldlosen Lächeln in milder
Heiterkeit vor ihm stand mit Leichtigkeit und Sorgfalt nur auf das Vergnügen
ihrer nächsten Umgebungen bedacht schien so hätte er vor ihr in den Staub
sinken mögen wie vor einer himmlischen Erscheinung
    »Nein sie ist nicht von dieser Welt« rief er oft in die schweigende Nacht
wenn er mit sich allein den eben verlebten Tag überdachte »sie gehört nicht zu
uns Sie ist ein Engel der uns zum Vorbild einige Zeit unter uns wandeln muss
weder Wonne noch Schmerzen wie wir sie empfinden können das Gemüt dieser
Heiligen berühren«
    Aengstlicher als je zuvor bewachte er den Sturm in seiner Brust kein Wort
kein Blick durfte ihn verraten Nur wenn er ganz unbeachtet sich glaubte wagte
er es zuweilen ihr Kleid zu berühren eine Blume aufzunehmen welche sie
achtlos liegen ließ oder an den Platz sich hinzuwerfen den sie eben verlassen
hatte Wenn sie auf Spaziergängen ihren Schawl ihm anvertraute oder wenn er
vollends ihren Gesang mit seiner Flöte begleitete und ihr Hauch an seiner Wange
streifte dann erbebte er in Seligkeit aber er schwieg und wagte nicht die
Augen zu erheben damit sie nicht an ihm zu Verrätern würden
    So vergingen einige Wochen Am Ende derselben sah Gabriele sich mit ihren
beiden jungen Gesellschafterinnen und Hippoliten fast immer allein denn Moritz
der noch nie eine der unzähligen Torheiten seines Lebens so schmerzlich bereut
hatte als den Entschluss nach Schloss Aarheim zu gehen schämte sich doch durch
seine Abreise vor der dazu bestimmten Zeit dieses einzugestehen Er wählte
lieber einen Mittelweg der seiner Schwäche besser zusagte Er war nie zu Hause
machte Besuche zehn Meilen in die Runde suchte die in der Umgegend wohnenden
Mineralogen auf und unternahm mit ihnen kleine Reisen denn für dieses
Lieblingsfach seines Wissens blieb seine Vorliebe beständig sich gleich
Hippolit begleitete ihn selten seine Unwissenheit im mineralogischen Fache
diente ihm meistens zur Entschuldigung und da Moritz die gewohnte Erheiterung
in seiner Gesellschaft jetzt weder suchte noch fand so erlaubte er ihm recht
gern zum Schutz und Zeitvertreib der Damen zu Hause zu bleiben Er tat sich
noch dabei auf seinen Scharfblick etwas zu gute der ihm eine entstehende
Leidenschaft Hippolits zu der schönen Ida entdecken ließ In besonders
aufgeweckten Momenten ermangelte er auch nicht seinen jungen Freund mit dieser
Vermutung zu necken und dessen aus andern Gründen sehr verlegnes Läugnen
bestärkte ihn in dem Glauben daran statt ihm denselben zu rauben
Ruhig von innen und außen sah Gabriele den Herbst herannahen Moritzens
Gegenwart trat jetzt sehr selten störend ein und sie zählte wirklich Tage und
Wochen die ihr ein recht anmutiges Bild der früher an der Hand der Mutter
verlebten glücklichen Jugend gewährten Das Schloss war voll Reliquien jener
Zeit Zeichnungen Bücher Musikalien was nur die geliebte Verklärte berührt
hatte ward von Gabrielen zusammengetragen aufbewahrt in ihrem Geiste benutzt
Musikalische Übungen gemeinschaftliches Zeichnen geistige Beschäftigungen
aller Art ließ dem kleinen Kreise keine rauschendern Freuden vermissen
    Ida und Bella wurden gar nicht gewahr in welcher fast gänzlichen Einsamkeit
sie sich eigentlich befanden Ihre Begriffe ihr Wissen ihre Ansichten von der
Welt und über das Leben erweiterten sich mit jedem Tage sie wussten nicht wie
Denn sie erhielten keinen eigentlichen Unterricht der in der Stadt im Hause
ihrer Mutter sie oft bis zum Sterben langweilte Auch Hippolit obgleich er im
eigentlichen geordneten Wissen sich über Gabrielen erheben durfte fühlte
dennoch wie im Umgange mit ihr alles was er jemals gelernt hatte ihm erst zur
Wahrheit wurde weil es in das wirkliche Leben verflochten ward statt dass es
sonst nur kalt und tot ihm eben zur Hand gewesen war wie etwa ein Lexikon in
welchem man aufsucht was man für den Augenblick braucht
    Hätte Gabriele jemals ahnen können wie schwer der junge Freund an dessen
geistigem Entwickeln sie so innig sich freute für jede selig mit ihr verlebte
Stunde in der Einsamkeit unter den wütendsten Qualen glühender hoffnungsloser
Leidenschaft büßen musste Aber ihrem unbefangnen Sinn kam nie ein solcher
Gedanke Sein durchaus vorsichtiges Benehmen hatte längst jede Erinnerung an
jenen unbewachten Augenblick in der Laube verlöscht und wenn auch in seltenen
Momenten ein Wort ein Blick ihm entschlüpfte der sie daran hätte erinnern
können so war Gabriele weder eitel noch argwöhnisch genug dieses zu bemerken
Er ward ihr mit jedem Tage lieber wie aller Frauen wird was sie sorgsam
pflegen und erziehen Die sichtbare Veredlung seines Wesens sein eigentliches
Selbst war ihr Werk das musste sie mit freudigem Stolz sich gestehen und dabei
pries sie dankbar die Gelegenheit die ihr ward ihm so zu vergelten
    Freilich vergingen Tage in denen auch Hippolit der Gegenwart sich hingab
wie ein Kind ihm genügte dann sie zu sehen zu hören von ihr angelächelt zu
werden Aber wenn nun Moritz nach einiger Abwesenheit zu Hause kam wenn dieser
es wagte Gabrielen vertraulich zu begrüßen und nun plötzlich der Dämon der
tollsten Eifersucht Hippoliten zuflüsterte sie ist sein des missgeschaffnen
lächerlichen Alten sein ganz sein auf immer Dann stürmte er fort hinaus in
den Wald in Klüfte zwischen Felsen wie ein gejagter Hirsch der den Pfeil in
der wunden Brust mit sich trägt Oft irrte er in tiefer Nacht zwischen den
Ruinen der Brandstelle kletterte mit Lebensgefahr über die morschen Mauern und
suchte die verschütteten Eingänge zu den Gewölben Ganz verwilderten Sinnes
wollte er schlechterdings die ihm oft beschriebne Riesengestalt des alten Barons
dort erblicken
    »Steig herauf« rief er in halbem Wahnsinn »steig herauf aus Deinem
Steinhaufen dem Du die Tochter opfertest Libertade e morte Gib uns Leben und
Freiheit im Tode Zieh uns beide hinab Was soll sie hier mit leerer kalter
Brust länger einsam umherwandeln Dort wird sie lieben dort drüben auf ihren
heimatlichen Sternen Mich wird sie lieben sie muss es denn ich gehöre zu ihr
Mein ganzes Dasein ist ein Strahl ein Abglanz ihrer Herrlichkeit den sie ins
Dasein rief der ohne sie auf ewig verlosch«
    Moritz hörte ihn oft und verwachte dann eine Angstnacht die ihn gewöhnlich
bewog mit Sonnenaufgang wieder von dannen zu ziehen
    Einst hatte Hippolit die halbe Nacht so in fast wahnwitziger Raserei
vertobt Es war weit nach Mitternacht An allen Kräften erschöpft sank er
zwischen dem Gemäuer der Brandstelle hin seine Wildheit löste sich plötzlich in
unsägliche Weichheit auf ihm war als zerflösse sein Dasein in diesem stillen
Weh er mochte sich nicht regen sondern überließ sich fast gedankenlos dem
angenehmen Gefühl gänzlicher Ermattung bis ihm die Sinne schwanden und der
Schlaf ihn überschlich
    Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erweckten ihn wieder der kühle
Morgenhauch wehte beruhigend ihn an er starrte auf seine wunderliche Ruhestätte
hin und begriff nicht sogleich was ihn hieher gebracht haben könne Dann
begann er wie immer bei kühlerem Bewusstsein sich seines leidenschaftlichen
Unmuts recht herzlich zu schämen nannte ihn unmännlich und versprach sich
selbst sich künftig Gabrielens würdiger zu betragen
    Noch nie hatte Hippolit sich zu so früher Tageszeit zwischen den Ruinen
befunden Er blickte um sich und ihn ergötzte das Spiel der fast noch
horizontal fallenden Sonnenstrahlen die hin und wieder durch Lücken und
Mauerspalten dringend in einzelnen feurigen Lichtern durch das tiefste Dunkel
auf den vom Rauch geschwärzten Mauern glänzten Er stand in dem Teil des
Flügels der zur Zeit des Brandes um das Hauptgebäude zu schützen
größtenteils eingerissen ward dicht vor einem der gewölbten Eingänge welche
einst zu den Souterrains führten Einige ziemlich erhaltene steinerne Stufen
führten noch in die Tiefe des kellerartigen Gewölbes hinab doch nur wenige
Schritte weiterhin war alles verschüttet Hippolit blickte in die Tiefe wo ein
bläulich glänzender Punkt seine Aufmerksamkeit erregte es war als ob der Reflex
eines einzelnen Sonnenstrahls dort von einer metallnen Fläche zurückgeworfen
würde Je länger er hinsah je wunderlicher schien ihm das seltsame Blinken
Endlich bahnte er sich nicht ohne Gefahr den Weg zum Gegenstand seiner
Neugier und stand bald vor einer in den Fels welcher dem Gebäude zur
Grundlage gedient hatte eingehauenen kleinen Vertiefung Spuren einer eisernen
Türe die einst sie verschlossen haben mochte waren noch sichtbar Unter
Überbleibseln zerbrochner Gläser vermoderter Schriften und Pergamente welche
die Vertiefung anfüllten glänzte noch immer der Schein hervor und Hippolit zog
endlich eine kleine Kapsel von weißem Metall aus dem Wuste Schmutz und Staub
verhinderten ihn die darauf eingegrabnen Charaktere zu lesen bis er in seinem
Zimmer angelangt den sonderbaren Fund bequemer untersuchen konnte
    Das Metall aus welchem die Kapsel bestand erkannte er für Platina
Liberorum Salus stand darauf eingegraben Von sonderbarem Schaudern ergriffen
schob er sie weit von sich weg aber die Neugier siegte er ergriff sie wieder
und ruhte nicht bis es seinem Bestreben gelang sie zu öffnen Ein ganz
kleines hermetisch verschlossnes Fläschchen von Bergkrystall funkelte ihm aus
dem schwarzen Sammt mit dem die Kapsel gefüttert war entgegen es war wit
wenigen ganz hellen Wassertropfen angefüllt Sein Haar sträubte sich bei dem
Anblick Alles was Moritz ihm auf dem Wege vom Eisenhammer nach dem Schloss
vertraut hatte trat plötzlich in furchtbarer Lebendigkeit vor seine Seele Ihm
war zu Mute als stände der beunruhigte Geist hinter ihm den er im wilden Wahn
so oft zur nächtlichen Stunde herbeirief als beuge die Riesengestalt sich über
ihm weg um ihm hohnlachend ins Antlitz zu starren Mit abgewandtem Blick schloss
er die Kapsel wieder vergrub sie tief im verborgensten Fach seines
Schreibtisches unter Papieren und eilte dann hinaus als folge das Verderben
ihm auf dem Fuße
Alles in Schloss Aarheim gewann eine andre Gestalt so wie der Herbst näher
herankam Gabrielens Zeitordnung ward verstört zwischen den alten Mauern
wimmelte es von modernen geputzten Herren und Damen lustige Tanzmusik wirbelte
Abends durch die hochgewölbten Säle und laute Freude hallte durch alle Gemächer
Die rückkehrenden Brunnengäste aus Böhmen stellten sich weit zahlreicher ein als
man es erwartet hatte jeder Tag führte neue Besuche herbei während die früher
Angekommnen sich wieder entfernten Auch ältre Bekannte Gabrielens aus der
nächsten Stadt fanden sich ein Es war ein Leben ein Treiben ein Lachen eine
Lustigkeit unter den Leuten über die Hippolit zuweilen von Sinnen hätte kommen
mögen der er aber auch in andern Stunden sich wieder recht
jugendlichteilnehmend hingab
    Auch Moritz war mit der neuen Gestaltung der Dinge in seinem Schloss wohl
zufrieden Wo es so geräuschvoll herging meinte er hätten die Geister wohl
wenigstens fürs erste ihre Macht verloren und so wagte er es wieder mehr zu
Hause zu sein um seine Gäste zu empfangen und zu unterhalten
    Ein glänzendes Fest welches auf einem ein paar Meilen weit entferntem Gute
gefeiert werden sollte hatte am Vorabende desselben eine ungewöhnlich
zahlreiche Gesellschaft auf Schloss Aarheim versammelt die von dort aus in
Begleitung der Bewohner desselben sich mit dem frühesten auf den Weg zum
bestimmten Versammlungsorte machen wollte Gräfin Eugenia der Professor und der
sogenannte Antonius lauter alte Bekannte aus dem Hause der Gräfin Rosenberg
kamen spät Abends noch ganz unerwartet an Eugenia warf sich mit lauten
freudigen Ausrufungen in Gabrielens Arme und beteuerte seit sie der Letzteren
Ankunft auf Schloss Aarheim erfahren habe sie ihrem Gemahl keine ruhige Stunde
gegönnt bis sie ihn bewogen sie zu ihr zu führen Dann stellte sie den wie
gewöhnlich verlegen lächelnden Antonius in dieser Qualität vor Dieser fing mit
vielem Anstand eine schöne Rede an in der er aber unglücklicher Weise sich so
verwickelte dass er zuletzt nicht mehr wusste wie er daran war und mitten in
einem Paragraphen endete ohne zu schließen Gabriele achtete nicht sonderlich
darauf und begrüßte indessen mit recht herzlicher Freundlichkeit den Professor
den sie schon im Hause ihrer Tante ausgezeichnet hatte Moritz bemächtigte sich
des Antonius als eines alten Bekannten um ihm Gott weiß welche Raritäten zu
zeigen Einige der Anwesenden folgten ihnen andre unter ihnen Eugenia
ordneten sich in einem geräumigen Pavillon von neuem um den geselligen
Teetisch
    Gegen ihre Gewohnheit sah sich indessen Gabriele bald darauf genötigt ihr
wirtliches Amt an diesem Tische an Fräulein Ida abzutreten und die Gesellschaft
auf eine kleine Weile zu verlassen Die Zahl der Fremden im Schloss war nämlich
durch den neuen Zuwachs so groß geworden dass die gute Frau Dalling trotz der
vielen Zimmer in dem weitläufigen Gebäude sich dennoch ohne den Rat ihrer
Herrin nicht zu helfen wusste um jedermann anständig und würdig für die Nacht
unterzubringen Mit leichtem Schritt eilte Gabriele ihrem Rufe folgend durch
den hohen Lindengang der vom Pavillon zum Schloss führt und die
Zurückgebliebnen blickten ihr mit heiterem Wohlgefallen nach An der Türe des
Pavillons stand Hippolit die blitzenden Augen in sprachlosem Entzücken auf die
schöne Gestalt geheftet die leicht wie eine Silfide vor ihm hinschwebte Ihr
weißes Gewand ward durch das Dunkel des hochgewölbten Bogenganges erhoben die
hie und da durch die Blätter dringenden Sonnenstrahlen bestreuten es mit
einzelnen in Rosenglanz brennenden Sternen die lichten blonden Locken goldig
im Abendrot schimmernd umgaben ihr Haupt mit der Glorie einer Heiligen
Zuweilen verschwand sie im tieferen Dunkel vor den sie verfolgenden Blicken und
bald darauf glänzte sie wieder im vollen Sonnenschein wie eine Verklärte bis
sie sich endlich in der düstern Vorhalle des Schlosses völlig verlor
    »Aus Kindern werden Leute das habe ich lange schon gewusst« rief jetzt
Gräfin Eugenia »und doch« fuhr sie fort »würde es mir nie einfallen die
kleine blasse zimperliche etwas alberne Gabriele der Gräfin Rosenberg in
dieser schönen eleganten Frau von Aarheim wieder zu erkennen wenn nicht die
unwidersprechlichsten Beweise mich überzeugten dass sie es wirklich ist Wie die
Frau sich ausgebildet hat so etwas ist mir noch in meinem Leben nicht
vorgekommen es gränzt an Wunder Erinnern Sie sich noch lieber Professor wie
sie vor sieben oder acht Jahren zitternd und knixend und halbweinend dazu bei
der Gräfin Rosenberg erschien Sie fiel gerade in die famose Tableaugeschichte
hinein die Sie unmöglich können vergessen haben«
    »Ja wohl erinnere ich mich dessen genau« erwiderte der Professor auch kann
ich noch immer nicht ohne Bewunderung des Muts gedenken mit dem das sonst so
übermäßig blöde Kind sich erdreistete das ihm Heilige gegen alle Angriffe
standhaft zu verteidigen ich meine die Trauer um die jüngst verstorbne
Mutter«
    »Der lange schwarze Schlepp die Pleureusen die hässliche Schneppe und der
Schleier mit dem sie aussah wie eine Nachteule das war ja eben der Gipfel
aller Abgeschmackteit« antwortete lachend Eugenia
    »Alle zivilisirten Völker legen um ihre verstorbnen Verwandten Trauer an«
sprach der Professor »und sogar unter den Wilden finden sich Spuren dieses
Gebrauches der denn doch wohl eines tieferen Ursprungs sein mag als bloß der
Mode Doch davon ist hier nicht die Rede Gabriele soll in der Sache selbst
Unrecht gehabt haben ihr Wollen war dennoch rein Ich behaupte nur dass so wie
sie damals stand ihre Weigerung das eigne Gefühl des Schicklichen dem Willen
der Tante zum Opfer zu bringen eine Heldentat war deren Wert aber vielleicht
nur der ganz zu übersehen vermag der einst wie sie ängstlich beklommen und
allein in die ihm fremde Welt geworfen ward«
    Die Neugier der Gesellschaft war rege geworden und Eugenia musste erzählen
was sie selbst nur vom Hörensagen kannte denn sie war bei Gabrielens Ankunft im
Zimmer der Tante nicht mehr gegenwärtig gewesen wohl aber der Professor der
als strenger Censor über die Erzählerin wachte und jede Übertreibung oder
Unwahrheit ohne Gnade rügte und berichtigte Hippolit hörte Beiden mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit zu
    »Nun wohl Sie mögen Recht haben« schloss endlich Eugenia des Streitens
müde »Sie mögen Recht haben und Gabriele äußerte schon damals Spuren jener
Festigkeit überhaupt jenes vernünftigen Überlegens das sie später bewiess als
sie drei Monate nachdem sie aus Schmerz über die Trennung von einem gewissen
Herrn hatte sterben wollen sich plötzlich eines andern bedachte der
Auszehrung in die sie zu verfallen drohte und überhaupt der ganzen traurigen
Liebesgeschichte den Abschied gab und kurz und gut diesen etwas possirlichen
Herrn Vetter heiratete der sie bei alle dem zur reichsten Frau im Lande
machte und auch sonst wie ich höre sich ziemlich lenken lässt«
    »Gräfin Gräfin« unterbrach sie unwillig der Professor
    »Stille stille lieber Freund« erwiderte Eugenia und drückte ihre Hand auf
seine Lippen »ich weiß was ich weiß und behaupte nichts als was ich mit
Beweisen belegen kann Ich war mit dem Rosenbergischen Hause zu genau liirt als
dass mir diese Geschichte hätte verborgen bleiben können«
    Gabrielens Rückkehr zur Gesellschaft zwang Eugenien mitten im Strome ihrer
Rede zu verstummen Alles brach auf um die letzten Stunden des milden
Herbstabends noch im Freien zu genießen Doch mochte das was Eugenia noch etwa
zu erzählen haben konnte nicht für alle verloren gehen denn einige der im
Pavillon gegenwärtig gewesnen Damen bemächtigten sich ihrer mit ungemeinem
Eifer um ihr noch bei Mondenschein die Schönheiten des altvätrischen
Schlossgartens zu zeigen
    Auf Hippoliten hatte niemand geachtet außer sich vor Zorn über die
Erzählerin deren unverkennbare Bosheit seine ganze Verachtung erregte unfähig
ihr zu glauben und doch von ihr tief in der Seele verwundet war er auf seinem
Platze stehen geblieben bis der Professor der letzte welcher den Pavillon
verließ an ihm vorüberging Mit einem freudigen Auffahren ergriff er diesen am
Arm und zog ihn mit sich fort ins Schloss hinein Ein Blick in Hippolits
bittendes Auge und einzelne abgebrochene Worte bewogen den freundlichen Mann
sich ihm unbedingt hinzugeben und freilich etwas verwundert über sein
seltsames Benehmen ihm zu folgen wohin er ihn führen möchte
So wie sie in Hippolits Zimmer angelangt waren begann dieser noch atemlos von
äußerer und innerer Bewegung dieses sein unziemend erscheinendes Betragen gegen
seinen Gast so gut er es vermochte zu entschuldigen »Es war mir unmöglich«
sprach er »eine Frau welche die Anbetung der ganzen Welt verdient so lästern
zu hören« 
    »Dann bedürfen Sie bei mir keiner Entschuldigung Herr Graf« unterbrach ihn
der Professor »konnte ich selbst es doch auch nicht und ließ mich wie Sie
werden bemerkt haben dadurch verleiten mitten unter mir ganz Unbekannten als
ihr Verteidiger aufzutreten Und doch habe ich sie nur als ein halbes Kind
gekannt Jetzt stehe ich wirklich geblendet vor ihr«
    »O könnten Sie jetzt erst sie recht kennen lernen Würde es Ihnen vergönnt
wie mir ein Augenzeuge ihres Lebens zu sein« rief Hippolit von seinem Gefühl
hingerissen und der eben aufgehende Mond spiegelte sich in seinem glänzenden
himmelwärts gerichtetem Auge
    Es entstand eine kleine Pause während welcher der Professor Hippoliten
aufmerksam und mit Wohlgefallen betrachtete Dann nahm dieser gefasster wieder
das Wort
    »Mag denn die freudige Empfindung mit der ich Ihnen zuhörte mir und meinem
Ungestüm das Wort reden« sprach er »und mich auch entschuldigen dass ich Sie
mit dem ich so zusammentraf nicht gleich wieder verlassen kann dass ich sogar
es wage Sie als einen längst gekannten Freund zu betrachten und mit vielleicht
zu jugendlicher Zutraulichkeit Sie um die Gewährung einer Bitte zu ersuchen«
    »Es sollte mich in Erstaunen setzen wenn ich im Stande wäre Ihnen eine zu
gewähren Herr Graf obgleich ich fühle dass ich Ihnen schwerlich eine
abschlagen könnte« erwiderte der Professor indem er Hippoliten freundlich die
Hand bot
    »Die Macht der Verleumdung ist groß« sprach Hippolit verwirrt nach Worten
suchend und mit abgewendetem Gesicht »sie ist darum so über allen Ausdruck
entsetzlich weil sie unser Heiligstes untergräbt ohne dass es möglich wäre ihr
entgegen zu arbeiten Man glaubt ihr nicht man bauet fest auf seinen Freund
man stößt mit Abscheu jeden aufkeimenden Verdacht von sich und doch bleibt ein
geheimer Stachel tief im Verborgensten der Brust zurück und gräbt und gräbt
leis und unmerklich bis das alte Vertrauen wankt« 
    »Versteh ich Sie Herr Graf« unterbrach ihn der Professor und sah mit
weniger freundlichem Blick ihn forschend an »Wäre es möglich Sie Wie Sie
der Sie Gabrielen genau zu kennen vorgeben Sie könnten die Möglichkeit sich
denken dass elendes Berechnen von Rang und Vermögen sie dahin bringen konnte
sich diesem Herrn von Aarheim zu verkaufen«
    »O sprechen Sie das entsetzliche Wort nicht aus« rief Hippolit »schon dies
allein ist ein Verbrechen gegen jenes himmlisch reine Wesen Wie konnten Sie
mich so missverstehen Ich der ich und vielleicht besser als sie selbst den
schauerlichdunkeln Weg kenne den das Schicksal mit Gabrielen nahm um sie in
dieses Elend zu führen ich «
    »Ich weiß nichts von den nähern Umständen die bei der Vermählung der Frau
von Aarheim sich zugetragen haben mögen auf die Sie anzuspielen scheinen und
verlange auch nichts davon zu wissen« unterbrach der Professor ihn abermals
noch immer halb erzürnt »Ich bedarf nichts von alle dem um überzeugt zu sein
dass dieses verächtliche sich selbst Wegwerfen ihr unmöglich war denn Liebe
schützte sie damals vor jeder Erniedrigung ihrer edleren Natur eben jene Liebe
welche die Frau Gräfin Eugenia in so unwürdigem Lichte zu zeigen sich abmühte«
    Ein unartikulirter Ausruf Hippolits den er bei diesen Worten nur halb zu
unterdrücken vermochte wurde vom Professor nicht beachtet der hingerissen von
dem Vergnügen Gabrielen zu verteidigen im Feuer seiner Rede fortfuhr
    »Ich war freilich bei Gabrielens Ankunft und bei jener Tableauscene zugegen
dessen die Gräfin Eugenia so spöttisch erwähnte Ich pflegte damals immer gern
die mir zur Erholung gegönnten Stunden in dem gastfreien Hause und in dem
geistreichen Kreise der Gräfin Rosenberg zuzubringen Die kindliche Grazie das
unglaublich schüchterne Wesen des jungen Mädchens bei dem Geiste der unter den
dunkeln Wimpern hervorbljetzte so wie die über ihr ganzes Wesen ergossene
unverkennbare Traurigkeit machten sie mir gleich in der ersten Stunde höchst
interessant Die gänzliche Verlassenheit in der sie bald darauf oft mitten in
den größten Gesellschaften furchtsam in sich gekehrt dastand erregte mein
innigstes Mitleid schon wollte ich als väterlicher Freund ihr mich nähern aber
da entdeckte ich dass ein Andrer mir zuvorgekommen sei der in jeder Hinsicht
sich freilich besser zu ihrem Beschützer eignete als ich ein bedeutender
Künstler und wie ich späterhin vernahm ein alter Freund ihrer Mutter«
    Hippolit der bei Erwähnung dieses Freundes sehr aufmerksam geworden war
atmete bei den letzten Worten des Professors hoch auf mit sichtbar
erleichterter Brust und jener fuhr fort
    »So begnügte ich mich denn dem Entfalten dieser lieblichen Blume von
weitem ohne tätige Teilnahme zuzusehen Mit unaussprechlichem Vergnügen
beobachtete ich das erste Erwachen des reinsten Herzens das vielleicht je in
einer Mädchenbrust geschlagen hat Es zu erwecken war einem Manne beschieden
den ich vor allen andern dieses hohen Glücks wert achten musste Wie oft
betrachtete ich mit wahrer Freude das schöne Paar wenn beide der Zufall neben
einander gestellt hatte Er das Bild männlicher Hoheit sie ganz weibliche
Anmut und Bescheidenheit«
    »Er ist tot Er starb« fragte Hippolit beinahe atemlos
    »Nicht dass ich wüsste« erwiderte der Professor er hat mit letzter Post mir
geschrieben Aber seit Jahren sind sie getrennt und so viel man menschlicher
Weise die Zukunft berechnen kann sind sie getrennt auf immer O hätten Sie
Gabrielen damals gesehen Zwar ihre sterbliche Hülle wäre dem Schmerz der
Trennung beinahe erlegen doch Psyche hob die glänzenden Flügel und schwebt
noch immer in ewiger Klarheit Darum mein junger Freund trägt diese seltene
Frau alles so leicht was andre erdrücken würde sie hat ja das Schwerste früher
überwunden«
    Schweigend erhob sich Hippolit von seinem Sitze und beantwortete des
Professors Bitte dieses Gesprächs gegen niemanden zu gedenken nur mit einem
Händedruck Dieser blickte abermals verwundert ihn an und eine leise Ahnung dass
er hier wohl Unheil gestiftet haben könne während er durch Gabrielens
Verteidigung gegen jeden Argwohn Gutes zu stiften gedachte flog ihm durch den
Sinn doch blieb ihm zu keiner Äußerung hierüber Zeit Es ward zur Abendtafel
geläutet und Hippolit eilte noch immer in düsterem Schweigen versunken an
seinem Arm dem jetzt hell erleuchteten Pavillon zu wo die Gesellschaft eben im
Begriff war an mehrein kleinen Tischen sich zu ordnen
    Gabriele die den Professor schon längst vermisst hatte trat ihm an der
Türe entgegen um ihm in ihrer Nähe seinen Platz anzuweisen und Hippolit nahm
diesen Augenblick wahr um sich von jedermann unbemerkt in das dichte wilde
Gebüsch neben dem Pavillon zu stürzen
    Unfähig jetzt Gabrielens Anblick zu ertragen irrte er planlos umher Auf
ungebahntem Wege zwischen Felsentrümmern gelangte er in der tiefen Dunkelheit
zum Eisenhammer über wüstes Gestein am Rande tiefer Abgründe hin hatte er den
Weg gefunden ohne ihn zu suchen Die Stille der Nacht verdoppelte das dröhende
Tosen der Räder das Klopfen des Hammers Die Glut im hohen Ofen um welche
schwarze wie der Unterwelt entstiegene Gestalten sich bewegten leuchtete mit
rotem Schein fernhin durch die Einöde die verdorrten Tannen die wunderlichen
Felsenzacken schienen im flackernden Licht zu gespenstischen Erscheinungen sich
umzuwandeln und in seltsamem Tanze auf und abzuschweben Jede rege Phantasie
musste hier mit grausenvollen Bildern sich erfüllen Hippolit fühlte den
Eindruck ohne sich dessen deutlich bewusst werden zu können Ermattet an Seele
und Leib warf er sich auf die alte steinerne Bank neben dem Felsbach hin und
überließ sich dumpfen ängstlichen Träumen Weit nach Mitternacht traf ihn dort
der Förster welcher mit seinen Hunden in den Wald wollte um nächtlichem
Holzfrevel zu wehren Er erkannte ihn und führte ihn auf dem kürzesten Wege
nach seiner Wohnung wo er ihn einlud in Ernestos Stübchen bis zum Morgen zu
verweilen denn es war zu spät geworden als dass Hippolit noch in das Schloss
hätte gelangen können ohne die Hälfte von dessen Bewohnern aus dem Schlaf zu
stören Hippolit ließ sich schweigend alles gefallen
In der stillen Einsamkeit der einfachen engen vier Wände zu denen nur aus der
Ferne das Dröhnen des Hammers das Rauschen der Wasserbäche herüber tönte kam
Hippolit bald wieder zu einigem Besinnen Doch mit diesem erwachte auch das
ganze volle Gefühl des Schmerzes der sein Inneres zerreissend durch Nacht und
Wald ihn bis hieher gejagt hatte
    Sie hatte geliebt Sie liebte vielleicht noch Diese Überzeugung ward der
Untergang seiner bis zu diesem Augenblicke mühsam errungnen und erhaltnen
Herrschaft über sich selbst Gabriele die er sonst gleich einer über jede
Leidenschaft erhabenen Heiligen verehrt hatte ward ihm jetzt nur zum schönen
liebeglühenden irrdischen Weibe die Höhe auf der sie bis jetzt hoch über ihm
stand war eingesunken und alle Qualen verzehrender Eifersucht alle Flammen der
glühendsten Liebe schlugen hochauflodernd jeder Mäßigung spottend über seinem
Haupte zusammen In dem engen Raum der ihn umgab wandelte er rastlos auf und
ab bis er vom Schwindel ergriffen auf das Lager sank Kein Schlaf kam in
seine Augen kein einziger Augenblick Ruhe in die wildbewegte Brust Er wollte
fort er wollte zu ihr er wollte hinaus in die weite Welt ganz mit sich selbst
zerfallen arbeitete er sich planlos und vergebens ab einen festen Zweck des
innern und äußern Strebens zu finden
    Der Morgen graute indessen die Sonne ging auf sie stieg immer höher ohne
dass er von alle dem etwas bemerkt hätte bis die Frau des Försters mit
freundlichem Morgengruß hereintrat um ihm ein Frühstück zu bringen Wie ein
gefangner Vogel dem der Käfig geöffnet wird rauschte er da ohne sie
anzusehen durch die von ihr offen gelassene Türe hinaus zum Zimmer zum Hause
hinaus
    Erst auf der Hälfte des steilen Weges der zum Schloss führt ward es
Hippoliten klar was ihn so schnell fort und hieher getrieben habe es war der
plötzlich gefasste Entschluss den Professor zu sprechen und von ihm durch Bitten
oder mit Gewalt Namen und Aufenthalt des Mannes zu erpressen den Gabriele
liebte
    Mit diesem Vorhaben beschäftigt kam er im Schlosshofe an und fand dort alles
in ganz ungewohnter Öde und Stille Nirgends ließ ein Einziger von der Schaar
von Dienern sich erblicken die sonst immer dort ämsig hin und wieder lief Die
Pferdeställe die Wagenremisen standen alle offen und leer das ganze Schloss
schien wie ausgestorben
    »Wo kommen der gnädige Herr denn so spät noch her Die Herrschaften sind
schon seit mehr als zwei Stunden nach der Rotenburg gefahren sie dachten alle
Euer Gnaden wären längst vorausgeritten« rief Hippoliten endlich der Gärtner
zu der mit einem großen Korbe voll Herbstblumen aus dem Garten kam
    Hippolit hatte der heutigen Lustpartie gar nicht weiter gedacht um
derentwillen sich am vergangenen Abend eine so große Gesellschaft im Schloss
versammelt hatte Jetzt beschloss er freilich mit einigem Widerwillen den
Professor in der Rotenburg selbst aufzusuchen doch während er sich dazu
anschickte fiel ihm plötzlich ein dass auch Eugenia dort sein dass er auch
Gabrielen dort finden werde Er fühlte mit unwidersprechlicher Gewissheit dass es
ihm unmöglich sei sie mit diesem Sturm in der Brust wieder zu sehen ohne vor
all den neugierigen Blicken ja vor der Frau die er als ihre grimmige Feindin
betrachtete das heiligste Geheimnis seines Herzens Preis zu geben Ein neuer
Kampf begann in seinem Innern den endlich der Entschluss endete statt nach der
Rotenburg nach der Stadt zu reisen den Professor dort in seiner Wohnung zu
erwarten und sobald er von ihm erfahren was er wissen wollte hinaus zu ziehen
in die Welt um den Mann aufzusuchen dessen Dasein ihn mit unerhörten Qualen
peinigte Ihn finden wollte er ihn sehen von Angesicht zu Angesicht Was dann
aber noch ferner geschehen was aus dieser Zusammenkunft entstehen sollte dies
schwebte ihm nur in dunkeln Bildern vor die er gar nicht zu beleuchten wagte
    So wie er über seine nächste Zukunft mit sich im Reinen war glaubte er sich
ruhiger zu fühlen körperliche Ermattung nach der wilddurchtobten Nacht schien
ihm jetzt Fassung zu sein Er bedachte die Ungewissheit seiner Wiederkehr und
begann manches aufzuräumen und einzupacken was er fremden Augen zu entziehen
wünschte Briefe Gedichte glühende Ergüsse der ihn verzehrenden Leidenschaft
die er dem Papier anvertraut hatte alles suchte er zusammen und mitten unter
dieser Beschäftigung rollte ihm die längst vergessne Kapsel von Platina entgegen
welche er einst unter den Ruinen der Brandstätte gefunden hatte
    Kalte Schrecken durchrieselten ihn mit Todesschauern bei diesem Anblick
Sein Herz stand einige Sekunden und große Schweißtropfen perlten auf seiner
Stirne wie auf der Stirne eines Sterbenden Er sank vor seinem Schreibtisch auf
die Knie hin das stiere Auge haftete an der Kapsel er las die Inschrift »
Liberorum Salus« Rettung der Freien Er musste sie immer wieder lesen und
vermochte nicht den Blick abzuwenden Zischende Lichter die er seitwärts sah
ohne das Haupt zu wenden blitzten um ihn her über sich hörte er ein Rauschen
wie von mächtigen Flügeln es war das seine Adern durchrieselnde Entsetzen mit
dem das junge Leben sich gegen den furchtbaren Gedanken sträubte der in diesem
Moment ihn mit Riesenstärke ergriff Und dabei musste er innerlich doch immer
wiederholen Liberorum Salus
    Dieser Zustand währte indessen nur wenige Minuten dann stand er auf fasste
und öffnete die Kapsel mit fester Hand und hob das funkelnde Fläschchen gen
Himmel »Ich danke dir« rief er »wie durch ein Wunder zeigst du mir die rechte
Bahn so sei es denn« Von diesem Momente stand die Überzeugung fest gegründet
in seinem Gemüt dass nur der selbstgewählte Tod ihm einen Ausweg öffnen könne
Was sollte er ohne Ruhe und Rast die Welt durchirren um ein Wesen zu suchen
dessen Dasein ihn in Verzweiflung setzte Wenn er ihn nun gefunden hätte Nur
blutig konnte dies enden »Nein Gabriele soll um ihn nicht weinen mir mir
gehören ihre Tränen wenn gleich ihm ihre Liebe« rief er »Uns beiden zugleich
kann diese Sonne nicht länger scheinen so wähle ich denn für sie den kleineren
Schmerz und lege ihrer Ruhe mein Leben willig zum Opfer hin«
    Mit dem feierlichen Wesen welches die Jugend im Schmerz so gern annimmt
fuhr er nun fort Papiere zu vernichten andre zu versiegeln und an entfernte
Verwandte zu addressiren Er versuchte es mehreremale an Gabrielen zu schreiben
doch dieses überstieg seine Kräfte Allmählig überschlich ihn ein unnennbares
Mitleid mit sich selbst mit tiefer Betrübnis feierte er den Abschied vom
schönen heitern Sonnenlicht Sein eigener Entschluss erschien ihm als eine
unabänderliche äussre Bestimmung er vergaß ganz dass es nur von ihm abhing sie
abzuwenden Er hatte ausgetobt seit dem vergangenen Tage hatten weder Schlaf
noch Nahrung ihn erquickt Er fühlte kein Bedürfen aber er war einer völligen
Erschöpfung aller seiner Kräfte nah und so gab er sich ohne Widerstreben
sanftern Gefühlen hin Traurig aber mit festem Willen beschloss er die Bande
langsam zu lösen die ihn noch an das Leben fesselten
    Feierlich und still durchzog er das ganze Schloss er suchte noch einmal alle
die Platze auf wo er sie gesehen auf jedem Schritte drängten tausend süße und
bittere Erinnerungen sich ihm entgegen Rings um ihn her herrschte das tiefste
Schweigen kein neugieriges Auge kein geschäftiger Tritt belästigte ihn
störend denn der Teil der Dienerschaft welchen die Herrschaft zurückgelassen
hatte benutzte den seltenen freien Tag um sich außerhalb des Schlosses zu
vergnügen
    Hippolit gelangte endlich an die Türe zu Gabrielens Zimmern er fand sie
verschlossen und sank von seinem Gefühl überwältigt auf der Schwelle nieder
Alle Furien der Verzweiflung erwachten aufs neue in seiner Brust er ergriff das
Fläschchen im Begriff es hier zu öffnen aber der Gedanke an Gabrielen an
ihren Schrecken an den Abscheu mit dem sie gerade hier vielleicht von seiner
entstellten Hülle sich wenden würde hielt ihn zurück Er riss sich wieder empor
eilte vor sich selbst fliehend eine in der Nähe befindliche Treppe hinab und
fand sich erst in einem abgelegnen Seitenhofe wieder vor dem äußern Eingange
zur Kapelle welche von der andern Seite an die Reihe von Zimmern stieß die
einst der alte Baron und jetzt der gegenwärtige Besitzer des Schlosses bewohnte
Ohne sich dessen deutlich bewusst zu sein stieg er die Treppe hinauf die Türe
der Kapelle stand offen
    Es war zur herbstlichen Zeit des immer merklicher werdenden Abnehmens der
Tage und die Sonne neigte sich schon dem Untergange zu obgleich es noch gar
nicht spät war Ihr Strahl brach sich in den mannigfaltigen gleich reichen
Edelsteinen glänzenden Farben der alten Heiligenbilder und Familienwappen
welche bunt und kunstreich gemalt die Fenster schmückten Purpurrote
Dämmerung mit tiefdunkeln Schatten wechselnd erfüllte das hohe Gewölbe als
Hippolit in die Kapelle trat Der Altar hinter welchem die Türe sich öffnete
schien erleuchtet Langsam von der Feierlichkeit des Ortes besänftigt und
erhoben schritt Hippolit vorwärts und erblickte  und traute seinen Augen nicht
 und glaubte einer überirdischen Erscheinung gewürdigt zu sein  denn auf den
Stufen des Altars lag Gabriele betend in Andacht versunken
    Langsam erhob sie sich vom Geräusche seiner Tritte aus ihren Himmeln zurück
gerufen Ein langes schwarzseidnes Gewand breitete in reichen Falten sich weit
um sie her sie war ungewöhnlich bleich aber ein Schimmer überirdischer
Seligkeit umleuchtete sie als sie die tränenschweren Wimper hob und in der
Dämmerung ihn nicht gleich erkennend ihm einige Schritte entgegentrat
    »Sie sind es Hippolit« rief sie erschrocken aus »Was führt so schnell Sie
von der Rotenburg zurück Ist meinem Gemahl oder sonst jemanden von meinen
Freunden dort ein Unglück widerfahren Ihr zerstörtes Ansehen lässt mich alles
befürchten Um Gotteswillen was ist es Ich kann alles eher ertragen als diese
Ungewissheit darum bitte ich sprechen Sie«
    Hippolit völlig unfähig nur eine Sylbe zu erwidern zitterte so dass er
sich an einen der den Altar umgebenden Pfeiler festhalten musste um nicht zu
Boden zu sinken
    »Reden Sie reden Sie« bat Gabriele mit vor Angst fast unhörbarer Stimme
und immer bleicher werdend
    »In der Rotenburg ist hoffentlich alles wohl ich war nicht dort«
antwortete ihr endlich leise und bebend Hippolit Dann stürzte er von seinem
Gefühl hingerissen plötzlich vor sie hin rief laut ihren Namen verhüllte sein
Gesicht in den Saum ihres Kleides und das Fläschchen welches er bis dahin noch
immer krampfhaft festgehalten hatte entfiel ihm jedoch ohne zu zerbrechen Mit
lautem schrillenden Tone rollte es über den Marmorboden hin
    Ein Schrei Gabrielens schreckte Hippoliten auf er sah sie im Begriffe zu
sinken und umschlang sie mit seinen Armen sein Herz pochte hörbar seine Augen
glühten gleich verzehrenden Flammen seine zitternden Lippen berührten ihren
Schleier und die goldnen Locken er drückte sie fest und immer fester an seine
schweratmende Brust Sie bemerkte nichts von dem allen ihre Blicke hafteten
mit dem Ausdruck des Entsetzens auf dem blinkenden Krystalle der zu ihren Füßen
die Strahlen der Altarlichter zurückwarf
    »Allmächtiger Gott was ist das« rief sie mit zusammengeschlagnen Händen
indem sie sich aus Hippolits Armen wand ohne sich dessen bewusst zu sein »Ich
kenne dieses Fläschchen  und doch weiß ich nicht  mir ist als hätte ich einmal
davon geträumt einen fürchterlichen Traum  oder mein Vater  Heiliger Gott
mein Vater« rief sie mit so wildem Tone dass Hippolit davon zusammenschauderte
an allen Gliedern bebend sie los ließ und mit gesträubtem Haar in die tiefe
Dunkelheit am andern Ende der Kapelle hinstarrte als erwarte er dort dessen
düstern Schatten emporsteigen zu sehen
    »Guter Hippolit ich habe Sie erschreckt« sprach jetzt Gabriele indem sie
sich erholte und sichtbar nach Fassung rang »ich wollte es nicht aber Sie
selbst sind Schuld daran« Sie setzte sich ermattet auf die Stufen des Altars
nieder das Auge noch immer starr auf das Fläschchen geheftet Ihn sah sie nicht
an der verzehrendes Feuer im Blick wie im Kampfe zwischen Himmel und Hölle
über ihr hing
    »Ich kann meine Augen nicht von dort wenden« sprach sie ernst nachdenkend
»irgend eine entsetzliche Erinnerung knüpft sich an diesen Gegenstand und doch
schwebt mir alles so undeutlich vor so verworren wie aus einem frühern Dasein
in einer andern Welt O rühren Sie es nicht an« rief sie heftig und stand auf
und fasste Hippolits Arm als dieser sich bückte um das Fläschchen aufzunehmen
»Rühren Sie es ja nicht an ich bin wohl schwach und kindisch aber mir ist als
müsse irgend ein entsetzliches Unglück hereinbrechen wenn Sie es berühren  als
wäre der Tod darin verborgen Der Tod  Mein Gott mein Gott wie ist mir denn
 Wo habe ich es früher gesehen Wo kommt es jetzt denn her« Bei diesen Worten
hob sie den Blick zu Hippoliten auf In der scheuen Zerstörung die aus seinen
Augen aus seinem ganzen Wesen hervorleuchtete schien ihr mit einemmale ein
Strahl der Wahrheit aufzugehen
    »Hippolit« rief sie »es ist Gift und Sie brachten es hieher Sagen Sie
nein Sehen Sie meine Angst um Sie um Gotteswillen sagen Sie nein«
    Verstummend sank er vor ihr hin und verhüllte sein Gesicht
    »Um Gotteswillen sagen Sie nein« wiederholte sie an allen Gliedern
bebend »diese Stunde dieser Ort Ihr Zurückbleiben von der Gesellschaft der
Ausdruck Ihrer ganzen Gestalt  Was ist Ihnen denn geschehen Was konnte Sie
bewegen Reden Sie mit mir vertrauen Sie mir O Hippolit Das konnten Sie mir
tun« rief sie endlich und brach in Tränen aus »Reden Sie mit mir« bat sie
immer heftiger weinend indem sie mit aller Kraft den Gebeugten aufzurichten
strebte ihre Tränen fielen auf ihn sie benetzten seine Hände sein Gesicht
indem sie ihn zum Aufstehen zu bewegen sich vergeblich bemühte
    »O Gabriele« rief er »Du weinst um mich Nach dieser Seligkeit gibts
keine mehr für mich in dieser Welt Vergieb mir ich wollte Dich nicht betrüben
Segne mich und verlasse mich dann lass mich zur Ruhe gelangen ich unterliege
dem schweren Kampf aber ich habe ihn redlich gekämpft«
    Der Schleier der bis dahin Gabrielen die Wahrheit verhüllt hatte fiel bei
diesen Worten Hippolits von ihren Augen Sein Anblick die tödtliche Heftigkeit
in seinem Wesen vereint mit der Erinnerung an tausend bis dahin von ihr
unbeachtete Züge traten plötzlich als unwiderrufliche Beweise seiner
Leidenschaft vor ihre Seele Sie gedachte dabei ihrer ersten Jugendzeit sie
gedachte Ottokars sie gedachte der eignen frühern Schmerzen und fühlte
unaussprechliches Mitleid für den vom Unglück nie gebeugten Jüngling der dem
wilden Kampf gegen ein Geschick zu unterliegen im Begriff war welches das
sanftre Mädchen in stiller Duldung zu tragen gewusst hatte
    »Hippolit« sprach sie mit unendlich weicher Stimme »Hippolit wenn es wahr
ist wenn wirklich ein unseliges Gefühl dem ich bis jetzt so gern allen Glauben
versagte Ihre Brust erfüllt wie war es Ihnen möglich mich so betrüben zu
wollen Fiel es Ihnen denn gar nicht ein was aus mir werden solle nach solchem
Erleben«
    Ein Tränenstrom erleichterte jetzt auch Hippolits Brust ihm war als lüfte
sich damit ein eisernes Band das bis dahin sie zusammengepresst hielt Gabrielen
zu antworten vermochte er noch nicht doch er gab nach da sie abermals ihn
aufzurichten strebte und setzte sich ihrem Winke gehorchend neben sie auf
die Stufen des Altars Das Fläschchen blinkte immerfort zu ihrer beiden Füßen
    Der Heiligkeit des Orts und seinem edlen Sein vertrauend wendete sich
Gabriele jetzt ganz zu ihm und fasste seine beiden Hände sie blickte ihn mit dem
vollen Ausdrucke des unendlichen Mitleids der unsäglichen Besorglichkeit für
ihn an die in diesem Moment bis zum Zerspringen ihre Brust bewegten
    »Sie glauben mich zu lieben« sprach sie »Ach was ist Liebe wohl anders
als der innigste Wunsch das Geliebte zu beglücken sei es auch auf Kosten des
Teuersten was wir in dieser Welt besitzen Und ist denn dieses irdische Dasein
das Höchste was wir opfern können Ist Leben nicht oft so unendlich schwerer
als der Tod«
    Nach diesen Worten erhob sie sich langsam bückte sich und fasste das
Fläschchen obgleich sie schaudernd zusammenfuhr indem sie es berührte
Schweigend stand sie einen Moment das betende Auge fromm zum Altar erhoben und
es war als ob sie hiermit wieder die Fassung errungen habe welche immer zur
Zeit der Not aus ihrem Tun hervorleuchtete Sie wendete sich mit hohem Ernste
zu Hippoliten und überreichte ihm das Fläschchen
    »Ich weiß dass ich dieses jetzt Ihnen anvertrauen darf« sprach sie »ich
lege das Glück die Ruhe meiner künftigen Tage hiemit in Ihre Hände Und nun
geleiten Sie mich ins Schloss wir sind beide erschöpft und die Natur fordert
ihre Rechte Morgen seh ich Sie wieder morgen soll alles Verworrene sich lösen
Die Nacht ist düster und schwer aber die kommende Sonne wird uns Kraft Mut
und Entschluss in die Seele strahlen«
    Sie ergriff seine Hand und führte ihn wie ein Kind durch die Kapelle zur
Türe hin die in ihres verstorbnen Vaters Zimmer sich öffnete und durch die
sie einst von Ernesto geleitet zum Traualtar hinwankte Im Zimmer selbst
harrten ihrer Frau Dalling und Annette
    »Ich bringe Dir einen Kranken den ich Deiner sorgsamsten Pflege empfehle
liebe Dalling« sprach sie mit der Geistesgegenwart die sie in schweren
Momenten sich immer zu erhalten wusste »Mich soll Annette auf mein Zimmer
begleiten denn auch ich bin der Ruhe höchst bedürftig« Hierauf wendete sie
sich zu Hippoliten reichte ihm nochmals die Hand und blickte mit ihren klaren
treuen Augen ihm Hoffnung und Frieden in das hart verwundete Gemüt »Gute
Nacht« sprach sie »gedenken Sie meiner in Ihrem Gebet ich werde Ihrer
gedenken Ich werde den Geist meiner Mutter für Sie anrufen der an diesem Tage
an welchem er mich einst verwaist in der Welt zurückließ gewiss noch
freundlicher als sonst mich umschwebt Ich werde die Verklärte bitten dass sie
meinen jungen Freund wie mich in diesen dunkeln Stunden vor nächtlichem Grauen
und jedem Unheil behüte Morgen sehen wir uns wieder«
    Und so schieden sie
Mit sich allein in der ungestörten Ruhe ihres Zimmers fühlte Gabriele erst die
zerstörende Gewalt der eben durchlebten erschütternden Stunde In stiller
Betrachtung in frommen Gebete hatte sie ganz einsam diesen Tag zugebracht an
dem vor acht Jahren der erste Schmerz ihr kindliches Gemüt mit
unaussprechlichem Jammer erfüllte Der verklärte Geist ihrer Mutter war damals
von irdischen Fesseln befreit zu höherem Leben gerufen worden und was auch
Gabriele seitdem Trübes und Schmerzliches erfuhr so hatte doch nichts den
Eindruck dieses ersten Verlustes zu verlöschen vermocht Immer hatte sie sich
gesehnt nur einmal noch den Sterbetag ihrer Mutter in den durch das stille
Walten der Verklärten geheiligten Räumen zu feiern und der ihr so selten
freundliche Zufall schien diesesmal den frommen Wunsch zu begünstigen Er ließ
gerade auf diesen Tag das glänzende Verlobungsfest eines jungen Paares aus der
Nachbarschaft fallen und Schloss Aarheim sowohl als alle Schlösser in der Nähe
standen während der zwei Tage verödet da die auf Schloss Rotenburg in allen
erdenklichen Lustbarkeiten dem Brautpaar zu Ehren zugebracht wurden
    Gabriele gehörte nicht zu den Frauen die mit ihren Empfindungen vor den
Augen der Welt Prunk zu treiben suchen Still und geheim mochte sie das was ihr
heilig war vor jedem kalten fremden Auge gern bewahren Daher hatte sie gegen
niemanden geäußert welche ernste Feier an diesem Tage sie von dem
Verlobungsfeste entfernt halten würde Unter dem Vorwande einer leichten
Unpässlichkeit ward es ihr im letzten Augenblicke nicht schwer bei Herrn von
Aarheim ihr Zuhausebleiben zu entschuldigen Von den übrigen der Gesellschaft
ward sie im geräuschvollen Moment der Abreise wo eine große Anzahl Wagen und
Pferde den Hof anfüllten nicht vermisst Denn jeder der sie in seiner Nähe
nicht erblickte vermutete sie bei den Andern Auch den zurückgelassenen
Bedienten blieb die Anwesenheit ihrer Herrin verborgen denn Frau Dalling hatte
sie um die ungestörte Einsamkeit Gabrielens zu sichern alle aus dem Schloss zu
entfernen gewusst Und so herrschte denn an diesem Tage die feierliche Stille
einer Kartause wo sonst alles vom lebendigsten Treiben der Geselligkeit
wiederhallte
    Ihrerseits hatte Gabriele mit sich und ihrem Gemüt beschäftigt eben so
wenig daran gezweifelt dass Hippolit mit dem Strome der Gesellschaft nach der
Rotenburg gezogen sei als sie am vergangenen Abend sein Wegbleiben von der
Gesellschaft bemerkt hatte Sie war zu gewohnt ihn völlig als ihren
Hausgenossen zu betrachten um bei solchen Gelegenheiten mit besondrer Rücksicht
sich seiner zu erinnern und da an diesem Abend die ungewöhnlich zahlreichen
Gäste an mehreren kleinen Tischen soupirten so konnte es ihr um so weniger
auffallen dass sie in ihrer Nähe seiner nicht gewahr ward
    Um so mehr war es bewundernswert dass Gabriele das Schrecken welches sein
Erscheinen in der Kapelle ihr erregen musste so ertragen konnte ohne auch nur
für einen Augenblick ihm zu erliegen besonders da sie sich geistig und
körperlich von der ernsten Feier des Tages höchst angegriffen fühlte Aus dem
Sterbezimmer ihrer Mutter wo sie den ganzen Tag zugebracht hatte war sie erst
gegen Abend begleitet von der treuen Pflegerin ihrer Kindheit zu der unter der
Kapelle befindlichen Familiengruft herabgestiegen um an den Särgen ihrer
Eltern zu beten die sich hier der langen Reihe derer ihrer Ahnherren
anschlossen Den Rückweg nahm sie durch die Kapelle dort wollte sie noch in
stiller Andacht vor dem Altare harren bis die Sonne welche diesem
tränenvollen und hoffnungsseligen Tage geleuchtet hatte hinter den Felsen sich
neigte und gerade in dieser Stunde war es wo Hippolits düstere Erscheinung sie
so gewaltsam zwang sich der Erde und dem Leben auf ihr wieder zuzuwenden
    Mitternacht war längst vorüber und noch immer zitterten Schrecken und
Schmerz in den Nerven der armen Gabriele Vergebens bemühte sie sich auf das
morgende entscheidende Gespräch mit Hippoliten sich vorzubereiten es war ihr
unmöglich irgend etwas darüber zu beschließen
    »Wahr und treu und schonend will ich sein und das Übrige Dem überlassen
der heut mich würdigte wie durch ein Wunder Hippoliten als Retterin vom
Untergange zu erscheinen« sprach sie endlich sich zum Troste
    Immer musste sie indessen des Fläschchens noch gedenken und wohin sie auch
die Augen wenden mochte glaubte sie es sich entgegen blinken zu sehen Ihr
schauderte davor und doch konnte sie es nicht lassen mit Nachdenken und
Forschen sich zu quälen wo sie es früher gesehen haben könne Glücklicherweise
ohne Erfolg Denn hätte sie sich darauf besonnen dass gerade ein solches
Fläschchen in der Todesstunde ihres Vaters an einer goldnen Kette von seinem
Nacken geöffnet herabhing so wäre ihr auch mit einemmale die Art seines Todes
klar geworden und mit dieser Klarheit ein ewig nagender Schmerz in ihr kindlich
frommes Gemüt gedrungen Vielleicht hatte das Bild dieses Fläschchens sich ihr
in jenem Moment eingeprägt wo sie von Schmerz Schrecken und Angst auch wohl
von dem durch das ganze Zimmer sich verbreitenden betäubenden Duft des
Kirschlorbeers ergriffen zu den Füßen ihres sterbenden Vaters ohnmächtig
hinsank Vielleicht war auch die Ahnung einer Vergiftung damals in ihrer Seele
entstanden war in bewusstlosem Zustande in welchem sie sich während ihrer
gleich darauf folgenden langen Krankheit befand wieder verloschen und jetzt
durch den Anblick des Fläschchens aufs neue in ihr rege geworden Vielleicht
aber auch hatte der verklärte Geist dessen Nähe sie den ganzen Tag über
erfleht und zu empfinden geglaubt diese Ahnung ihr in die Seele gegeben um
Hippoliten zu retten und ihr das Glück zu gewähren ihn gerettet zu haben Wer
vermag es hier zu entscheiden und wer der es könnte möchte hart genug sein
diesen frommen Glauben den Gabriele endlich freudig ergriff als törichten
Wahn zu verdammen oder zu verspotten
Hippolits Erwachen aus schwerem betäubendem Schlummer glich am andern Morgen
dem Erwachen aus Grabesdunkel in einer andern Welt Die ganze Vergangenheit war
ihm entschwunden und nur in ängstlichen Traumbildern schwebten die zuletzt
verlebten Stunden vor seiner Seele Als er allmählig zur vollen Besinnung
gelangte wünschte er nun wieder einzuschlafen um von neuem alles zu vergessen
Mit unendlichem Grausen ergriff es ihn wie alles jetzt so ganz anders sein
könne hätte nicht Gabriele ihn wunderbar vor sich selbst errettet Er bebte mit
Entsetzen vor dem geheimnissreichen Schleier der Ewigkeit zurück den er gestern
im verzweiflungsvollem Erdreisten mit kecker Hand zu lüften im Begriffe stand
Dann wendete er den Blick zur Erde Er sah sich selbst bleich regungslos
erkaltet entstellt vielleicht zum Unkenntlichen ein Grausen nicht Wehmut
erregender Todter von dem Layen und Geistliche sich fromm bekreuzend den Blick
abwandten Fern Allen zum Graus in ungeweihte Erde gebettet hob kein
beträntes Auge von dem niedrigen Hügel sich mit tröstender Hoffnung gen Himmel
Freunde und Verwandte konnten nur den Wunsch hegen ihn sobald als möglich der
Vergessenheit zu übergeben darum durfte kein Stein mit seinem Namen den Ort
bezeichnen wo man ihn hinlegte
    Hippolit hatte den Tod nie gescheut oft in jugendlichem Unmut ihn herbei
gerufen wenn das Leben sich in frühern Zeiten seinen Wünschen nicht fügen
wollte Späterhin war er ihm oft dreist entgegen gegangen wenn er aus keckem
Übermut oder um das Lächeln einer schönen Frau oder wegen ein paar unbedacht
hingeworfener Worte seiner Jugendgesellen das Leben wagte als wäre es eine
Seifenblase Doch vor der abschreckenden Gestalt in welcher der Tod jetzt
seiner Fantasie vorschwebte konnte er nur schaudernd sich abwenden Das Blinken
des krystallnen Fläschchens das noch auf seinem Tische lag verwundete ihn mit
stechendem Schmerz und er eilte es wieder tief und sorgsam zu bewahren um nur
das Entsetzliche nicht mehr zu sehen Dann bereitete er sich zu der gewünschten
und gefürchteten Zusammenkunft die ihm in den nächsten Morgenstunden
bevorstand Es gelang ihm eine ruhigere Stimmung zu erringen und nun begann
er seiner gestrigen Verzweiflung sich herzlich zu schämen Wie damals als er
zwischen den Ruinen der Brandstätte erwacht war schalt er auch jetzt sich
unmännlich feig und fühlte mit tiefer Reue wie grausam und unwürdig er im
Begriff gewesen war auch Gabrielens Frieden auf immer zu zerstören den
geringen Anteil häuslichen Glücks der ihr ward zu vernichten und vielleicht
selbst ihre Ehre vor der Welt unheilbar zu verwunden
    Endlich ward er zu Gabrielen gerufen Er wagte es nicht die Augen zu ihr zu
erheben bis er ihre sanfte rührende Stimme hörte mit der sie freundlich ihn
begrüßte nach seinem körperlichen Befinden sich erkundigte Doch als er sie
anblickte wär er beinah in ehrfurchtsvoller Anbetung vor ihr hingesunken So
glaubte er noch nie sie gesehen zu haben Hoch und hehr bei aller gewohnten
Einfachheit stand sie vor ihm wie eine Königin ihr Auge stralte in ungewohntem
Glanz ihre Wange war höher gerötet und alle Züge ihres schönen Gesichts trugen
den Ausdruck festen wenn gleich durch innere Güte gemilderten Ernstes Hippolit
fühlte in diesem Moment alle seine Wünsche in Demut und Ergebung untergehen
Mit einer anmutigen wenn gleich etwas feierlichen Bewegung der Hand wies sie
ihm seinen Platz ihr gegenüber an einige Minuten vergingen und keines von
ihnen sprach ein Wort doch Gabrielens Fassung überwand gar bald dieses verlegne
Verstummen
    »Ich habe in vergangner Nacht recht viel recht besorgt um Sie Ihrer
gedacht lieber Hippolit« sprach sie zu ihm »Ich möchte so gern dazu
beitragen Sie in ungetrübtem Jugendmute Ihrem eignen klaren Bewusstsein wieder
zu geben Dann wäre alles gut Denn ein düstrer unverstandner Wahn hat
wunderlich Sie betäubt Sie verkennen sich die Welt und das Leben Es wäre wohl
die Pflicht der älteren erfahrneren Freundin Ihnen wieder zurecht zu helfen
wüsste ich nur wo zu beginnen«
    »O Gabriele ich bin Ihrer Sorge nicht wert Gefühle Leidenschaft
Erinnerungen deren Vorstellungen Ihnen ewig fremd bleiben müssen nagen an mir
reißen mich hin zu wildem verworrenem Tun geben Sie mich auf mir ist nicht
zu helfen« erwiderte schmerzlich Hippolit
    »Wie Sie mich betrüben« rief Gabriele »nach dem gestrigen Abend« 
    »Erwähnen Sie ihn nicht aus Mitleid nicht ich flehe darum« unterbrach
Hippolit sie in heftiger Bewegung »Die Hälfte meines Lebens gäbe ich willig um
ihn zurückzukaufen Wüssten Sie welche wunderbare Verknüpfung unendlicher
Zufälligkeiten bis zu diesem Wahnsinn mich trieb Doch warum mit der trüben
Erzählung Sie behelligen Vergeben Sie dem Unglücklichen wenn es möglich ist
so vergessen Sie Fürchten Sie nicht Ähnliches von mir so lange ich meiner
Besinnung mächtig bleibe Ich werde harren ich brauche dem Untergange nicht zu
rufen ich weiß er wird mich früh genug ereilen«
    »An diesem Morgen des neugeschenkten Lebens hoffte ich Sie anders gestimmt
zu finden Doch gebe ich darum die Hoffnung noch nicht auf Sie besänftigend zum
Bessern zu leiten« erwiderte Gabriele »Geduld ist die Pflicht der Frauen und
der Freunde ich will gern sie üben aber üben Sie sie auch lieber Hippolit
Hören Sie mich an und ohne Widerstreben ohne eigenwillig Ihr Gemüt gegen
meine Stimme zu verhärten«
    Hippolit unterbrach hier zwar Gabrielen mit lauten leidenschaftlichen
Ausrufungen doch sie achtete dessen nicht Ein halb bittender halb befehlender
Blick machte ihn wieder verstummen und sie fuhr fort zu reden
    »In meiner Sorge um Sie in meinem Gebet um Erleuchtung wie Ihnen zu helfen
wäre kam mir plötzlich der Gedanke Ihnen mit meiner Erfahrung zu nützen Die
Klippen die ein Freund vor uns bezeichnete sind leicht vermieden und der
Sieg den Andre vor unsern Augen errungen scheint uns nicht mehr unmöglich
Darum will ich allen Bedenklichkeiten entsagen ich will Ihnen vertrauen was ich
noch keinem sterblichen Wesen so in Worte gefasst bekannte Ich gebe Ihnen das
teuerste Geheimnis meines Lebens in der Geschichte meines eignen Herzens Sie
sehen ich achte Sie noch Sie sind mir noch immer wert was ich kann gebe ich
Ihnen Hippolit und mehr dürfen und werden Sie nicht wünschen« setzte sie ihm
freundlich die Hand bietend hinzu
    Mit hohem Erröten begann sie nun von jener Zeit zu sprechen da sie früh
verwaist in eine ihr ganz fremde Welt versetzt mit beklommnen Herzen
vereinzelt dastand Doch Blick und Ton wurden immer lebendiger als sie deren
erwähnte welche ihr so freundlich entgegen traten Ernestos der Frau von
Willnangen und ihrer Auguste Hippolit ihr gegenübersitzend blickte mit
stummen Entzücken in ihr seelenvolles Gesicht in ihre klaren Augen die
während sie sprach oft mit dem Ausdrucke herzlichen Wohlwollens auf ihm ruhten
    »Ohne Ansprüche geliebt zu werden betrat ich die Welt« sprach Gabriele
»doch bereit mit inniger Liebe zu umfassen was Liebenswertes und Edles mir
nahen werde Denn ächte edle Liebe ist die Blüte des Lebens sie bedarf keiner
Gegenliebe um zu beglücken sie ist sich selbst ihr eigener hoher Lohn So hatte
meine Mutter mich gelehrt«
    Dann erwähnte Gabriele mit glänzenden Augen Ottokars erstes Erscheinen Ohne
ihn zu nennen oder sonst auf kenntliche Weise zu bezeichnen beschrieb sie ihn
wie er ihr damals erschienen war und noch immer in ihrer Erinnerung lebte Mit
hinreissender Einfachheit und jungfräulichem Erröten bekannte sie wie sie
zuerst in Demut neben ihm gestanden hatte und all ihr Wünschen einzig darauf
hinausgegangen war nur einmal so wie die Andern mit ihm sprechen zu können wie
sie zuletzt in ihrem Gemüt doch zu der Überzeugung gelangt wäre dass sie
allein zu ihm gehöre dass nur sie ihn ganz verstehe obgleich er nie im Gespräch
sich an sie gewendet habe und wie dies völlig von ihm Übersehenwerden in
verborgenen schweigenden Nächten oft schmerzlich von ihr beweint worden sei
Dann kam sie zur Beschreibung jener einzigen Stunde die in aller Seligkeit des
Himmels und allem herzzerreissenden Schmerz des Erdenlebens beide auf ewig
vereinte indem sie für das ganze Erdenleben sie trennte
    »Und so ist es noch jetzt« setzte Gabriele nach einem kurzen deutungsvollen
Schweigen hinzu »Sieben Jahre sind seit jener Stunde vorübergezogen Wir sind
für dieses Leben so ganz von einander geschieden dass in all dieser langen Zeit
kein Gruß kein Blättchen von uns mit unserm Namen bezeichnet über die Kluft
hinschwebte die das Geschick und unser eigenes Gefühl des Rechten zwischen uns
zog Wir sind mit unserm Loose zufrieden Der irdische Schmerz ist
niedergekämpft und nur die reine Freude einander gefunden zu haben ist uns
geblieben Bei jeder Erdennot jedem Zweifel der im Gewühle des Lebens sich an
mich drängt hebt und hält mich das Bewusstsein dass er lebt dass er kein Gebilde
meiner Fantasie ist Und auch ich  ich bin dessen überzeugt  auch ich
erscheine ihm zum Trost wenn er es bedarf Weiter haben wir für dieses Leben
keine Wünsche mehr sogar der einander hier noch einmal wieder zu sehen
verstummte allmählig Doch will ich meinem jungen Freunde nicht bergen dass die
Ruhe welche jetzt mich beseligt nur im schweren Kampfe errungen ward
Hippolit auch Sie sind zu diesem Kampfe berufen und werden siegen«
    »Nimmermehr« rief Hippolit in leidenschaftlichem Schmerz »Wie könnte ich
je dahin gelangen wo Gabriele in der Glorie einer Heiligen strahlt Seliger
Engel warum bliebst du nicht in deinen Himmeln Warum musstest du in dieser
entzückenden Gestalt herabschweben uns zu verderben«
    »Hippolit ich wiederhole es Sie betrüben mich mit diesem wilden
leidenschaftlichen Wesen Sie ängstigen mich und es ist wohl besser ich ende
dieses Gespräch um schriftlich einen vielleicht günstigern Moment zu treffen«
sprach Gabriele sehr ernst als wolle sie aufstehen und das Zimmer verlassen
doch Hippolits Verzeihung erflehender Blick und sein sichtbares Bestreben sich
zu mäßigen bewogen sie noch zu bleiben
    »Verzeihen Sie mir die Behauptung« sprach endlich Hippolit »Gabriele
schönes engelreines Wesen was Sie Liebe nennen ist es nicht So lieben nicht
sterbliche Menschen wie Sie jenen namenlosen Glücklichen lieben so lieben
selige Geister« 
    »So lieben Frauen« unterbrach ihn Gabriele und ihrem Augen leuchteten in
verdoppeltem Glanze
    »Wie gern stimmte ich in kindlicher Demut diesem Ausspruche bei« rief
Hippolit und wagte errötend kaum die Augen aufzuschlagen aber ich darf gegen
Sie nicht falsch sein« fuhr er fort »Ich muss es bekennen ein feindliches
Geschick hat schon früh mich mit der Kehrseite des Lebens bekannt gemacht Aus
Erfahrung deren ich jetzt nur in tiefer Beschämung gedenke weiß ich wie
einsam Gabriele auf der Höhe steht die über ihr Geschlecht sie erhebt wie ohne
alle Ahnung dessen« 
    Ein zürnender Ausruf Gabrielens unterbrach ihn »Fürchten Sie nichts« fuhr
er bittend fort »kein kühn ausgesprochnes Wort soll Sie beleidigen möge der
Himmel mich noch elender machen als ich es bin wenn je die hohe Ehrfurcht mich
verlässt die in Ihrer Nähe mich immer ergreift Doch wenn Sie je  wenn jemals 
ach wie fange ich es an um Ihnen gegenüber das was ich denke was ich fühle
in Worte zu fassen Wie soll ich Sie erbitten es nicht Lästerung zu nennen
wenn ich bekenne dass ich jetzt von Ihrem holden Vertrauen beruhigt ihn nicht
mehr beneide dessen nie zuvor geahnetes Dasein schon gestern die Bosheit Ihrer
Feindin und die unbedachte Vertraulichkeit Ihres Freundes mir verrieten In nie
gefühlten Qualen der Eifersucht jagte es mich in Wahnsinn und Tod«
    »Sie sollen ihn auch nicht beneiden Sie sollen neidlos ihm nacheifern Sie
sind es wert neben ihm zu stehen« sprach Gabriele mit begütigendem Tone doch
Hippolit fuhr fort wie nachdenkend vor sich hin weiter zu sprechen
    »Dies ruhige Gefühl wäre Liebe Nein ich wiederhole es Gabriele hat nie
die Liebe gekannt O  kennten Sie dieses verzehrende Feuer dies Wünschen ohne
Namen und Ziel diese Unmöglichkeit anders wo zu atmen als in der Nähe des
Geliebten  O Gabriele was soll aus mir werden Was soll mich schützen vor
Wahnsinn und Verzweiflung« rief er von seinem Schmerz aufs neue überwältigt
»was kann mich retten«
    »Was auch mich und meinen Freund vor Untergang und Unwürdigkeit schützte«
erwiderte Gabriele fest und mild Sie fasste die Hand mit welcher er im wildem
Unmute sein Gesicht verhüllte »Blicken Sie mich an« sprach sie »glauben Sie
dass diese Augen nie weinten Dass nicht auch meine Brust in schlaflosen Nächten
nach Trost nach Hoffnung nach Beruhigung schmerzlich rang dass nicht auch er
 o Hippolit ich fordre ja nichts Unmögliches nur was ich und er auch taten
und trugen«
    »Entfernung ist Tod« rief Hippolit alle Mäßigung vergessend im wilden
Schmerze
    »Und Sie glauben mich zu lieben Kennt Liebe denn Trennung Ist sie nicht
ewige Nähe Gibt es für sie Raum oder Zeit« erwiderte ihm Gabriele
    Lange kämpfte sie mit ihm erschöpfte Gründe und Bitten um ihn zu einem
Schritt zu bewegen den sie im Fall seines unüberwindlichen Widerstandes
entschlossen war selbst zu tun Mit der Überzeugung von Hippolits wirklich
leidenschaftlicher Liebe war ihr auch die Notwendigkeit klar geworden ihn aus
ihrer Nähe zu entfernen Sie fühlte unendliches Mitleid mit ihm in ihrem Herzen
es betrübte sie unsäglich ihn wieder ganz allein seiner leidenschaftlichen
Natur überlassen zu müssen ihn Ratund Hülflos in die ihm so gefährliche Welt
hinauszustossen Auch dachte sie nicht ohne ein sehr schmerzliches Gefühl für
sich selbst an die Trennung von ihm sie war seiner Gegenwart so gewohnt worden
dass sie kaum wusste wie sie es anfangen solle um sich von ihm loszureißen Der
schönste Schmuck ihres jetzigen Lebens ging ihr mit ihm verloren das konnte sie
sich nicht verhehlen und gestand es auch ihm offen und wahr Ihr Mitgefühl
milderte die Wildheit seines Schmerzes und machte ihn fähig Bitten und Gründen
seine Aufmerksamkeit zu schenken Mit der größten Zartheit lenkte Gabriele auch
seine Blicke auf ihre eigne häusliche Lage die er nur zu genau kannte auf die
Gefahr in welche er in unbedachten Augenblicken sie stürzen könnte dieses
Schattenbild von häuslicher Ruhe zu verlieren das sie bisher mühsam erkämpft
mit unzähligen Opfern sich erhalten hatte Selbst auf das Urteil der Welt das
man ehren muss ohne es achten zu können machte sie in leisen Andeutungen ihn
aufmerksam Hippolit war es gewohnt sie beinahe ohne Worte zu verstehen Er
konnte sich die Wahrheit dessen nicht verhehlen was sie ihn mehr erraten ließ
als dass sie es ausgesprochen hätte und der Gedanke ihrer Ruhe dies große Opfer
zu bringen ermutigte ihn Ihre bittenden Blicke besiegten ihn mehr als ihre
Gründe der gebietenden Herrin hätte er vielleicht noch lange Widerstand
geleistet der mit ihm fühlenden Freundin musste er nachgeben Und so gelangte er
denn endlich zu dem Entschlusse zuerst in Ungarn Freunde und Verwandte zu
besuchen seine Güter zu bereisen und dann nach Italien zu gehen In Jahresfrist
sollte er selbst entscheiden ob er dann siegreich genug aus dem schweren Kampfe
mit seinem Herzen hervorgegangen sei um zu verdienen wieder in Gabrielens Nähe
zu leben
    »Was ich mir und meinem fernen Freunde versagen musste darf ich Ihnen
erlauben« sprach sie zu ihm »Ich bitte Sie sogar mir wöchentlich zu
schreiben Ich will an allem teilnehmen was Ihnen begegnet und auch Sie
sollen von mir zuweilen Kunde erhalten obgleich ich nicht versprechen kann
jeden Ihrer Briefe regelmäßig zu beantworten Der Reisende hat immer leichter
schreiben als der welcher zu Hause bleibt doch will ich gern freundlich und
ratend Ihnen auch aus der Ferne die Hand reichen Übrigens vertraue ich Ihrem
eignen Gefühle ich bin gewiss Sie werden nur schreiben was ich lesen darf Sie
werden nie mich zwingen einen Ihrer Briefe ganz unbeantwortet zu lassen oder
wohl gar alle zuletzt uneröffnet zurücksenden zu müssen Hippolit wird so das
Gemüt der Frau nicht verwunden die ihn so gern und freudig ihren Edelknaben
nannte« setzte Gabriele lächelnd unter Tränen hinzu indem sie ihm
freundlich die Hand reichte um so den vielleicht zu streng erscheinenden Ernst
zu mildern mit welchem sie diesen Ausspruch tat
    Hippolits endlicher Abschied von der hochgeliebten Frau duldet keine
Beschreibung Schon in der nächsten Stunde saß er auf seinem prächtigen stolzen
Araber denn er wollte nach seinen eignen und Gabrielens Wünschen die noch am
nämlichen Abend von der Rotenburg zurückkehrende Gesellschaft vermeiden Als
er über den Schlosshof sprengte sah er noch einmal zu Gabrielens Fenster auf
sie stand da und winkte ihm das letzte Lebewohl zu Sein Herz zuckte als wolle
es brechen da er sie erblickte Er vermochte es nicht ihren Gruß zu erwidern
sondern spornte sein edles Ross so dass es hoch auf sich bäumte und dann wie vom
Sturmwind getrieben mit ihm zum Schlosstor hinaus den steilen Felsweg
hinunterflog Die ihm am Tore nachsehenden Bedienten schrien alle vor Schrecken
darüber laut auf Gabriele lauschte bebend am Fenster bis die Ruhe mit welcher
sie Alle sich dem Schloss zuwenden sah sie überzeugte dass jede Gefahr vorüber
sei und kein Unfall ihren jungen Freund betroffen habe
    Dann wandte sie sich langsam vom Fenster ab in stille Trauer und in
wehmütigem Andenken versunken
Sowohl Gabriele als Hippolit waren gleich bei der Ankunft auf der Rotenburg von
der Gesellschaft vermisst worden und obgleich Herr von Aarheim seine Gemahlin
durch die ihr plötzlich zugestossne Unpässlichkeit sehr umständlich zu
entschuldigen suchte so fehlte es dennoch nicht an mannigfaltigen Mutmaßungen
über den sonderbaren Zufall der zugleich auch Hippolits Abwesenheit veranlasst
habe Eugenia mehr vielleicht aus Gewohnheit als aus böser Absicht trug
redlich dazu bei die Aufmerksamkeit der Gesellschaft so lange als möglich mit
diesem Problem zu beschäftigen Moritz selbst ward zuletzt dadurch angeregt
doch da niemand in seinem Beisein ganz verständlich sich auszudrücken wagte so
begriff er nicht recht mas man eigentlich meinen mochte und die ganze
Geschichte machte keinen großen Eindruck auf ihn Anders wurde es als er wenig
Stunden nach Hippolits Abreise wieder zu Hause angelangt war Hier vernahm er
dass sein junger Freund durch dringende Ursachen bestimmt plötzlich nach Ungarn
gereist sei ohne sich vorher bei ihm zu beurlauben Das halbverstandne
Geflüster und Gezische auf der Rotenburg kam ihm wieder in den Sinn und
brachte ihn jetzt auf den albernen Gedanken seine Gemahlin könne aus
wunderlicher Eifersucht den Augenblick benutzt haben um den einzigen Menschen
dessen Gesellschaft ihn ergötzte von ihm zu entfernen So lächerlich diese
Vermutung auch war so ermangelte er doch nicht Gabrielen deshalb anzuklagen
und ihr dadurch manche böse Stunde zu machen
    Der Verlust Hippolits und die Verpflichtung die Fräulein Schöneck wieder in
die Arme ihrer Mutter zu geleiten mussten ihm jetzt zum Vorwande dienen die
Rückreise nach der Residenz zu beschleunigen
    Ida und Bella gingen mit eben der fröhlichen Erwartung dem Geräusch der
Stadt entgegen mit der sie auf die romantische Einsamkeit der alten Burg sich
gefreuet hatten Mit nassem Auge und manchem unterdrückten Seufzer trennte sich
Gabriele von dem geliebten Aufenthalte Moritz hingegen vermaass sich hoch und
teuer in seinem Herzen die Schwelle des alten verwünschten Schlosses nie
wieder zu betreten er fand jedoch für gut diesen Vorsatz nicht laut werden zu
lassen
    Mit einem sehr unbehaglichen Gefühle zu welchem die jetzige Gestaltung
ihres häuslichen Verhältnisses nicht wenig beitragen mochte betrat Gabriele in
der Residenz abermals die gewohnte Bahn im geselligen Leben der großen Welt Nie
war ihr diese freudenarmer und uninteressanter erschienen und dennoch durfte
sie ihr um ihres Gemahls willen nicht entsagen Letzterer ward mit jedem Tage
mürrischer und unleidlicher Gegen die Freude an Gabrielens glänzender
Erscheinung in der Welt hatte die Zeit ihn abgestumpft er bildete sich nicht
mehr ein die Bewunderung welche sie überall erregte mit ihr zu teilen und
sein ewiges Ausposaunen ihrer Vortrefflichkeit quälte sie nicht wie wohl
ehemals Dafür machte ihn aber die fürchterlichste Langeweile zum
unerträglichsten Gesellschafter bis er durch irgend eine schnell aufgefasste
Lieblingsidee wieder angeregt und in Tätigkeit gesetzt ward Doch als er diese
endlich am Spieltisch gefunden hatte gewährte sie ihm nur neue Anreizung zum
ärgerlichsten Missmute Sein Verlust an demselben konnte bei seinem großen
Vermögen zwar nicht in Anschlag gebracht werden aber leider bildete er sich
ein das Geheimnis erfunden zu haben den Gang des Spiels im Voraus aus
mancherlei Nebenumständen berechnen zu können und das öftere Misslingen seiner
mühsamen Kalkulazionen versetzte ihn beinahe an jedem Abende in den
allerwiderwärtigsten Humor
    Der Briefwechsel mit ihren entfernten Freunden gewährte Gabrielen wenig
Erheiterung ihres jetzigen trüben Lebens Ernesto ließ aus Italien selten von
sich hören und Frau von Willnangen mit ihrer Auguste waren selbst des Trostes
bedürftig Denn der General fand für gut Adelberten noch immer entfernt zu
halten und beide Frauen führten auf dem Lande in Sehnsucht und banger
Erwartung ein sehr einförmiges Leben Gabriele hatte ihrer Freundin die
Ereignisse nicht mitgeteilt welche Hippolits Entfernung aus ihrer Nähe
herbeiführten denn sie achtete sich nicht berechtigt das Geheimnis ihres
Freundes ohne Not zu verraten Indessen hatte sich doch eine Art Zwang in den
Briefwechsel der Freundinnen durch dieses Verschweigen eingeschlichen den beide
fühlten ohne sich ihn zu gestehen Stille Trauer über den Jüngling den sie
gezwungen hinaus in die Verbannung gestoßen waltete noch immer in Gabrielens
Gemüt überall vermisste sie ihn und seine Briefe eigentlich das Tagebuch
seines Lebens waren fast die einzige Unterbrechung ihres bis zum Überdruss
einförmigen Umhertreibens mitten im Geräusche
»Ich muss fort« schrieb Hippolit Gabrielen wenige Wochen nach seiner Ankunft im
Vaterlande »ich muss fort ich halte es so nicht länger aus Ruhe zu hoffen
wäre lächerlich so will ich denn Betäubung suchen Betäubung andrer Art als mir
die glänzenden Feste die großen Jagdpartien geben welche meine Verwandten mir
zu Ehren hier anstellen Wenn sich Abends von unzähligen Fackeln beleuchtet
unsere oft aus zwanzig und mehr Wagen bestehenden Karavanen von dem Schloss
eines Verwandten wo wir einige Tage oder Wochen lang hauseten zu dem Gute
eines andern begeben wo wir uns wieder im nämlichen Kreise von Lustbarkeiten
umherzutreiben gedenken dann kommt mir unser Zug dem die Landleute bewundernd
nachstaunen oft wie ein prächtiges Leichenbegängnis vor Ich hörte einmal ein
altes einfaches Lied singen sein Anfang war«
»Mein Herz das ist begraben
Tief und gar weit von hier«
Mein Gedächtnis hat von dem Liede nichts aufbewahrt als diese wenigen Worte
aber ich kann sie nicht wieder los werden Oft möchte ich meine Verwunderung
laut darüber ausdrücken dass man so viel Umstände mit mir macht um mich zu
ergötzen aber die guten Leute wissen nicht dass es eben sowohl Scheinlebende
als Scheintodte gibt Sie ahnen nicht dass ich mit kalter hohler Brust unter
ihnen herumwandle weil ich ungefähr eben so aussehe wie alle andere Menschen
aber  Mein Herz das ist begraben tief und gar weit von hier
    Eine freudige Regung einen Strahl jugendlichen Lebens hat mir denn doch
das Wiedersehen oder ich sollte lieber sagen das Widerfinden eines ehemaligen
Jugendgefährten hier gewährt Auf einer jener glänzenden Familienreisen führte
unser Weg dicht neben dem Schloss meines Oheims vorbei dem ich als ein
Unmündiger vom sterbenden Vater anvertraut ward und der mich zum Lohne dieses
Vertrauens für einen der Familie aufgedrungnen Bastard erklären lassen wollte
um mein reiches Erbteil seinem eignen Sohne zuzuwenden Seit einem halben Jahre
ist der Oheim tot aber ich mochte selbst den Ort nicht wiedersehen wo er mit
heuchlerischer Freundlichkeit mich umfing und mich Sohn nannte während er im
Herzen den Plan mich zu verderben umhertrug
    Sein Sohn mein ehemaliger Spielgefährte bewohnt jetzt das Gut ich schlug
indessen das Frühstück aus das uns bei ihm erwartete und bestand darauf
weiter zu fahren Ich mochte die Brut des heuchlerischen Alten nicht sehen die
durch meinen Raub hatte bereichert werden sollen und äußerte dieses ganz
unverholen Heute früh stand Vetter Max vor mir in meinem eignen Zimmer ehe ich
mich dessen versah und bot mir die Hand zur Versöhnung Ein einziger Blick in
sein ehrliches treuherziges Gesicht entwaffnete mich und nun höre und sehe ich
zu meiner unsäglichen Beschämung was Max alles für mich getan hat Selbst mit
Vernachlässigung seiner eignen Geschäfte hat er Tag und Nacht nur dahin
getrachtet die Ordnung auf meinen Gütern wieder herzustellen und dass ich
unerachtet der sinnlosen Verschwendung meiner frühern Jugend dennoch jetzt weit
reicher bin als ich es je zu sein glaubte verdanke ich einzig ihm
    Schweigt davon nur ganz stille antwortete mir der gute Max als ich meinem
Danke Worte geben wollte ich tat wohl etwas um Euch mehr aber noch um des
Vaters willen Ich meine wenn ich jetzt gut zu machen versuche was er schlecht
machen wollte so soll das seiner armen Seele vielleicht besser frommen als
etliche Dutzend Seelenmessen die wir indessen auch nicht versäumen Euch aber
Vetter wenn ich Euch wirklich einen Gefallen tat bitte ich übrigens da Ihr
doch meines Vaters nicht im Guten gedenken könnt so tut mir die Liebe und
denkt gar nicht an ihn Er war doch mein Vater und hatte mich lieb zu lieb und
das mag leicht sein größter Fehler gewesen sein
    Morgen soll ich ganz allein mit Max herüber reiten seine Frau und sein Kind
zu sehen er ist einige Jahre älter als ich und schon Hausvater«
                                                   Am Abend des folgenden Tages
»Maxens Kind heißt Gabriele Gabriele rief ich Gabriele und riss das kleine
zweijährige Mädchen vom Arme der Mutter so wie sie es mir genannt hatte Ich
konnte es nicht lassen ich bedeckte es mit tausend glühenden Küssen es
streckte die Aermchen nach mir aus es lächelte mich an es wollte mich
liebkosen und ich  Nein ich darf in diesem Momente nicht weiter schreiben 
Gabriele Gabriele welch ein Zauber liegt in diesem Namen Er ruft den Himmel
und die Hölle in meinem Busen wach«
                                               Einige Wochen später geschrieben
»Max ruhte nicht ich musste ihm hieher folgen zum uralten hochgetürmten Sitze
meiner Ahnen am Fuße der Karpaten Er meinte wo ich eigentlich zu Hause sei
und hingehöre müsse doch endlich jener Trübsinn weichen der in meiner Nähe
sogar ihn den immer Lebensfrohen wie ein böser Geist ergreift und ihn oft so
seltsam beängstigt dass er das Vorgefühl einer nahen schweren Krankheit zu
empfinden glaubt Und dennoch will der gute treue Freund nicht von mir lassen
mag er denn immerhin meinen einstweiligen Aufenthalt wählen ich bin froh
dieser Mühe überhoben zu sein ich gebe mich seiner Leitung hin und um so
lieber da ich mit ihm allein endlich einmal freier atmen kann
    Ehegestern langten wir ziemlich spät gegen Abend hier an Aus Hütten und
Bauerhöfen strömte Jung und Alt uns schon auf dem Wege entgegen mit Kränzen
mit grünen Zweigen und endlosen gutgemeinten lateinischen Reden Hörner und
Trompeten lärmten dazwischen und der Wiederhall aus den nahen Bergen sandte uns
das luftige Losknallen der Feuergewehre zum fernen Donner umgewandelt zurück
    Max suchte mit seelenvergnügter Erwartung Freude über seine wohlgetroffnen
Anstalten in meinen Augen zu lesen während die trostloseste Erinnerung an
unsern Einzug in Schloss Aarheim mir das Herz zerriss
    An unsern Einzug Gabriele an unsern Wie war es möglich dass dieser
Ausdruck jetzt mir entschlüpfen konnte Unser Die Seligkeit des Himmels umfasste
sonst für mich dies kleine Wort ich suchte tausendfältige Gelegenheit es
auszusprechen Jetzt ists damit vorbei Ich darf ja mit Gabrielen nichts mehr
gemein haben als das Tageslicht Doch still davon
    Ich stand denn ehegestern eine ziemliche Weile unter den hohen Bäumen vor
dem Schloss und war himmelweit von allen jenen Regungen entfernt die Max in
mir zu wecken gehofft hatte Noch nie hatte ich so verwaist mich gefühlt als
eben hier in dem von meinen Vätern mir vererbten Eigentume noch nie war es
mir so schwer aufs Herz gefallen wie ich doch nirgend und zu niemanden mehr
hingehöre seit der Stern meines Lebens mir nicht mehr leuchtet
    Alle diese Menschen blicken hoffend zu mir auf alle dünken sich zu mir zu
gehören sie sind bereit ihr Wünschen und Klagen und Bitten mir zu vertrauen
und ich will gern geben was ich kann doch das was sie eigentlich und mit Recht
von mir fordern vermag ich doch nicht ihnen zu gewähren Ich stehe in Sitte
Kleidung und Sprache ein Fremder in meinem Vaterlande mitten unter meinem
Volke
    Warum ließ mein Vater den mutterlosen Knaben nicht hier aufwachsen in diesen
alten Mauern unter diesen Menschen die so große Ansprüche an ihn haben Ich
wäre dann einfachen Sinnes und doch treu und brav wie mein Vetter Max ich
nähme wie er das Leben arglos hin ohne große Ansprüche wie es gerade käme
Es stände dann gewiss viel besser um meine Ruhe und doch ergreift mich ein
Schauder wie vor dem Gedanken ewiger Vernichtung wenn ich es mir recht
ausmale wie es mit mir sein könnte wenn Gabriele mir nicht erschienen wäre
wenn Kunst Wissen und jeder verfeinerte Schmuck des Lebens für mich gar nicht
existirten wenn ich versunken in farblose Apathie so hinlebte von einem Tage
zum andern und die Jahre über mir hinrollten ohne dass ich es anders als an
meinen ergrauenden Haaren gewahr würde Nein nein ich will fühlen dass ich
bin sei es auch nur durch den Schmerz Doch zurück zu meiner Erzählung unsrer
Ankunft Sie wollen ja ich soll erzählen
    Immer peinlicher ward das beängstende Gefühl das unter meinen jubelnden
Untertanen mich ergriffen hatte Immer unmöglicher ward es mir ihrer Freude
die mit jedem Augenblicke lauter sich aussprach wenigstens auf halbem Wege zu
begegnen Ich weiß was ich gesollt hätte ich fühlte recht gut welche
Erwiderung die rührende Anhänglichkeit dieser Menschen wenn auch nur an meinem
durch die Zeit ihnen heilig gewordnen Namen von mir fordern durfte und doch
fürchte ich teure Gabriele ich fürchte ich habe mich nicht benommen wie ich
sollte Ich konnte es nicht weder mich zu freuen noch Freude zu heucheln
vermag ich und so kam es denn wohl nicht ohne mein Zutun dass das muntere
Getöse um mich her allmählig verstummte Alles begann nach und nach sich mit
scheuem Blick mit unsicherm Verneigen aus meiner Nähe zurück zu ziehen und
endlich sich zu zerstreuen ehe noch völlige Dämmerung eintrat
    Max hat recht ernstlich mein Benehmen getadelt ich stand beschämt vor ihm
und wusste zuletzt nur körperliches Übelbefinden zu meiner Entschuldigung
anzuführen Er meint es so gut und obgleich er mich oft eigensinnig schilt ist
doch sein Herz voll Mitleid mit mir aber wie könnte er je Wunden schonend
behandeln deren Möglichkeit er nie begreifen wird Ich bat ihn also nur bei
einem Feste das ich allen meinen Untertanen zu geben Willens bin mich als
Wirt zu vertreten Dies stellte die treue Seele völlig zufrieden nur musste ich
ihm noch versprechen dabei zu erscheinen sei es auch nur auf wenige Minuten
    Morgen also Von Morgen an wird laute Freude drei Tage lang unten durch die
weiten Hallen meiner Burg tosend dröhnen Für mich hoffe ich indessen ein
stilles Plätzchen zu finden wohin kein Ton von dorther dringen kann wo ich
allein sein mag mit meinen lieben Gedanken an ehemals an Gabrielen
»Sie tanzen sie singen sie lachen wie das ferne Brausen des Meeres tönt es
selbst zu dem kleinen runden Eckturm herüber in welchen ich mich vor alle dem
Lärmen geflüchtet habe Ist das Freude Die ungebändigste Lustigkeit eines
Bauerngelages so wie die ausgesuchtesten Feste der vornehmen Welt was sind sie
im Grunde anders als Schlachtmusik die der arme Mensch sich macht um nur nicht
zu sehen und zu hören wie der vernichtende Arm der Zeit die Sichel führt«
»Schon beim ersten Eintritte in dieses Schloss kam alles so bekannt mir vor Das
altmodisch gestickte goldne Laubwerk auf den schweren rotsammtnen Gardinen
meines Bettes die vergoldeten Löwenköpfe welche meinen Schreibtisch tragen
die hohen geschnitzten Stühle die kolossalen unbeweglichen Tische Mir war als
hätte ich vor langer Zeit das alles schon gesehen und doch hatte ich dieses
Schloss kaum jemals nennen gehört mein Vater besuchte es nie so lange ich
denken konnte obgleich es unser Stammhaus ist Von Unruhe getrieben durchzog
ich heute die lange Reihe unbewohnter Zimmer die noch in ihrer altertümlichen
verbleichenden Pracht genau so wie schon vor hundert Jahren dastehen Ein großer
Saal am Ende derselben hielt mich endlich fest Von seinen Wänden schienen die
Bilder meiner Vorfahren aus ihren breiten kunstreich geschnitzten Rahmen auf
mich den letzten trüben Sohn ihres Stammes mitleidig herabzublicken und ich
betrachtete sie der Reihe nach Zuletzt stand ich beim Bilde meines Vaters
still sein trauriges Alter und die Tage meiner nicht freudiger bei ihm
verlebten Kindheit traten mir vor die Seele Ich versank in immer tieferes
Sinnen so dass ich über die Stimme des alten Kastellans wirklich zusammenfuhr
der von mir unbemerkt hereingetreten war
    Er ist ein alter fast kindischer Greis der hier wo er sein ganzes Leben
hinbrachte in spielender Geschäftigkeit den Tod erwartet Mit der Redseligkeit
des Alters begann er mir die Geschichte aller Feste und großen Jagden welche
er zu meines Großvaters Zeiten hier erlebt hatte herzuerzählen bis ich um ihn
zu unterbrechen nach einem Bilde fragte von dessen Existenz der leere Raum
neben dem meines Vaters zeugte und das augenscheinlich aus der Reihe
weggenommen war Der Alte wiegte bedächtig das schneeweiße Haupt ich habs
gerettet flüsterte er mir endlich zu und öffnete dann eine verborgne
Tapetentüre in einer Ecke des Saals Beklemmend schlug mir die schwüle
eingeschlossne Luft das wohl seit vielen Jahren nicht geöffneten dunkeln Zimmers
entgegen doch trat ich hinein eigentlich ohne Neugier und ohne zu wissen
warum Der Alte öffnete die Fensterladen und ich sah mich in dem Kabinette einer
Dame aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Auf dem mit Spitzen auf
verblichner rosenfarbner Seide umkleideten Nachttische schimmerten noch die
silbernen mit getriebner Arbeit gezierten Putzkästchen ein dicht zugezogner
Schleier von altmodischen Spizzen verhüllte den kleinen ebenfalls in silberne
Schnörkel eingefassten Spiegel und seitwärts stand eine reich mit Perlmutter und
Elfenbein geschmückte Wiege auf deren seidner Decke wohl längst zerfallne Hände
mit mühsamer Kunst eine Grafenkrone gestickt hatten
    In ganz eigener Bewegung betrachtete ich die kleine Schlafstätte und die
prunkenden Anstalten welche Mutterliebe und Eitelkeit zum Empfange des
hülflosen kleinen Erdenbürgers hier getroffen hatten den das Schicksal
späterhin wohl schwerlich wieder so weich gebettet haben wird ehe er zu jener
Ruhestätte gelangte die der spanische Dichter die zweite umgekehrte Wiege
nennt und die uns noch tieferen ruhigern Schlaf verheisst Der Alte machte mich
jetzt auf das über der Wiege hängende Bild einer jugendlich schönen Frau
aufmerksam Sie lächelte mit so bekannten Zügen mich an dass ich den Blick nicht
wieder zu wenden vermochte Plötzlich fiel es wie ein Schleier mir von den
Augen ich stand vor dem Bilde meiner Mutter ich erkannte dies Kabinett in
welchem ich ein glückliches Kind bis in mein fünftes Jahr neben ihrem dicht
daranstossenden Zimmer gewohnt habe Ich bin in diesem Schloss geboren teure
Gabriele ich wusste es nur nicht aber der Greis sagte es mir jetzt Es war
meine Wiege an der ich stand in der auch mein Vater vielleicht mein Großvater
einst ruhten denn seit einem Jahrhundert wenigstens ist hier nichts verändert
worden Die Morgensonne meines Lebens ging mir plötzlich wieder auf und
leuchtete um mich her so klar dass ich alles was mich umgab in ihrem rosigen
Abglanz wieder erkannte Ich blickte auf zum Bilde meiner Mutter in ihren Augen
schienen mir jetzt Tränen zu glänzen wie in jener Nacht da ich halb erweckt
von ihren heißen Küssen sie weinen sah und mit ihr weinend wieder einschlief
Am Morgen nach dieser Nacht erwachte ich das erstemal zum Schmerz der Trennung
der bängsten Sehnsucht nach einem geliebten entschwundnen Wesen
    Die Fenster des Kabinetts gehen in einen kleinen Nebenhof ich erkannte
jetzt auch in ihm die Stelle wo vor beinahe zwanzig Jahren der Wagen hielt in
welchen ich von ganz fremden Leuten getragen ward und dann still weinend und
bänglich neben dem ernsten schweigenden Vater sitzend von allen Freuden meiner
Kindheit Abschied nahm Ich habe seit jener Nacht meine Mutter nicht wieder
gesehen nie hat man wieder mit mir von ihr gesprochen und die unglückliche
Ursache unsrer Trennung ist mir nie recht deutlich geworden Ich weinte lange
der Mutter nach endlich vergaß ich sie doch nach Kinderart Die Liebe blieb
aber dennoch in meinem Herzen und hielt ihr Bild darin fest darum erkannte ich
es in dem Gemälde gleich wieder so wie dieses mir vor die Augen trat Es ist
das Einzige was von ihr übrig ist Dank sei es dem alten treuen Kastellan der
es heimlich gerettet Alle andere sie darstellenden Gemälde die sich im
Schloss befanden wurden nach der Entdeckung ihrer Flucht von uns auf Befehl
meines erzürnten Vaters verbrannt Der Unglückliche Das Eine Bild in seinem
Herzen vermochte er doch nicht zu vertilgen das wie ein unheilbringender Dämon
ihn überall hin verfolgte alle seine Tage trübte ihn in Lebenshass und
Bitterkeit erstarren ließ War es Schuld meiner Mutter oder ihr Unstern der
hier vorwaltete Fern von mir sei es hierüber forschen zu wollen Sie hat mich
einst geliebt sie hat um mich geweint dies genügt meinem Herzen Ich beziehe
noch heut mein ehemaliges Kabinett vielleicht senkt in der Wohnung meiner
harmlosen Kindheit sich mir ein Strahl ehemaligen Friedens wieder in das wunde
Herz«
»Es ist vergebens Auch hier wo ich zuerst atmete wohnt für mich keine Ruhe
Gabriele hörten Sie je das Märchen von jenem Unglückseligen erzählen der seit
langen Jahrhunderten rastlos umher wandert ohne den Tod zu finden von den
Menschen geflohen in deren Mitte auch ihm grimmiges Schauern erkältend bis tief
in das innerste Herz dringt und dem müden Fuße keine Ruhestätte gönnt Ich
dachte lange nicht mehr daran aber hier in diesem Zimmer wo ich als Kind mit
ängstlichem Behagen darauf horchte und es mir immer wieder und wieder erzählen
ließ hier fällt es mir oft recht grausenhaft ein Von jeher dünkte mir das
Geschick dieses Rastlosen ganz über allen Ausdruck entsetzlich und nun wandre
auch ich so ohne Ruhe und Rast und wohin ich mich wende verstöre auch ich
jedes glückliche Geschöpf Lachen und Freude verstummen im Dorfe so wie ich
mich zeige meine Bedienten schleichen leise wie Gespenster um mich her wenn
ihr Dienst oder der Zufall sie in meine Nähe bringt die alten Leute welche
meinen Großvater der stets hier gewohnt noch gekannt haben sehen meiner
bleichen trüben Gestalt bedenklich nach und flüstern einander mitleidige
Bemerkungen oder abenteuerliche Vermutungen über mich zu wenn sie bei meinen
einsamen Spaziergängen mir begegnen Glauben Sie mir es Gabriele ich möchte
gern Ihrem Willen folgen ich möchte mich wenigstens zwingen auszusehen als
nähme ich das Leben wie andre Leute tun doch kann ich dafür dass alles was
ich ergreifen müsste um zu sein wie jene mir so schaal so abgeschmackt
vorkommt«
»Jede Not und jede Freude jede Tugend und jedes Vergehen der Bewohner meiner
Herrschaft während der ganzen Zeit dass diese mein ist möchte Max mir jetzt ans
Herz legen und quält mich dabei unaufhörlich zu entscheiden ob ich mit dieser
oder jener seiner Einrichtungen zufrieden sei Dazu wimmelt das Schloss von
Nachbarn und Verwandten die Max zwar allein besucht hat weil er mit aller
freundlichen Gewalt die er über mich übt es doch nicht vermochte mich mit sich
zehn Meilen in die Runde umher zu schleppen Doch da er mein Hiersein nicht
verschweigen konnte hat er mein Nichtkommen durch den üblen Zustand meiner
Gesundheit zu entschuldigen gesucht und nun strömt alles in freundlicher
Teilnahme herbei den Kranken zu besuchen Fremde nie gesehne Gestalten
umschwärmen mich deren Namen ich zu meiner großen Beschämung alle Augenblicke
verwechsele und die doch durch Bande der Verwandtschaft oder des früheren nahen
Umgangs mit meinen Eltern bedeutende Ansprüche an mein Vertrauen und meine Zeit
zu haben glauben Nein wenn es denn so sein muss wenn ich denn im Geräusche
leben soll so will ich es doch lieber in einer großen lebensreichen Stadt wo
ich mitten im Getümmel mit meinem tiefen Herzeleid einsam und unbeachtet
dastehen kann und niemand fragt was fehlt Dir warum blickst Du so trübe Ich
folge den Einladungen meiner Verwandten ich ziehe mit ihnen in ihren gewohnten
WinterAufenthalt  Und wenn ich nun dort sein werde was denn«
    Aus Hippolits Briefen auf der Reise durch Deutschland nach der Schweiz
»Die Sonne geht auf die Tage sind so lang Gottlob sage ich Abends nun wird
es Nacht aber die Nacht frommt mir nicht denn nur die Glücklichen schlafen
Vor der Morgenröte wecke ich meinen Bedienten das ganze Haus kommt in Allarm
Pferde müssen herbeigeschaft werden ein Kourier vorauf ich habe Eile fort
fort nur immer rasch vorwärts Aber wohin Die Wege das Wetter sind
entsetzlich aber nur fort und wohin Weiß ich es denn Gabriele musste es denn
sein mussten Sie mich denn verbannen
    Ich will nicht klagen ich unterwerfe mich Ihrem Willen und wenn ich nur
den Gedanken so recht innig so recht lebendig zu fassen vermag dass ich durch
diese Unterwerfung vielleicht Ihnen einige trübe Minuten erspare dann segne ich
mein Elend
    Ja unsre Altväter hatten Recht welche die Fremde das Elend nannten das
fühle ich Ich bin in der Fremde ausgestoßen aus meiner süßen Heimat zu der
ich nie wiederkehren werde und wie elend«
»Nun habe ich es erjagt Ich habe Ihren Brief noch nicht gelesen ich kann das
Siegel nicht brechen ich muss Ihnen erst danken ich habe sie ich halte sie
die unschätzbaren Züge die Gabrielens Hand für mich niederschrieb Dieses
Papier hat sie berührt ihr Atem wehte drüber hin ihr Auge ruhte darauf nein
ich kann noch nicht lesen das Gefühl dieser Seligkeit duldet es nicht«
»Ich wusste dass ich hier das einzige Glück meines jetzigen Lebens zu finden
hoffen durfte ich warf mich auf das schnellste meiner Pferde die ich
vorausgeschickt hatte so wie ich die wohl bekannten Türme von  erblickte
So sprengte ich zum Tor hinein die Straße hinauf vor das Postaus ich kenne
die Stadt noch von vorigen Zeiten her Am Ziel ergriff es mich mit tödtlicher
Angst als wäre kein Brief an mich da Eiseskälte in allen Gliedern vermochte
ich es kaum eine Karte mit meinem Namen aus meinem Taschenbuch zu nehmen und
hinzureichen Da  da  o Gabriele ich erkannte gleich das rosenfarbne Kuvert
Segen über Sie tausendfältigen dass Sie es wählten Welche Masse von Seligkeit
ruft dieses gefärbte Papier mir zurück Es war Regenwetter gewesen mehrere Tage
lang und Ida und Bella und ich wir mussten artig sein und uns neben Ihnen
sitzend mit nützlichem Fleiße beschäftigen Ich Ungeschickter ich konnte nichts
brauchbares hervorbringen als diese Briefkuverts und ward von den Mädchen
verhöhnt von Ihnen in Schutz genommen und o Gabriele Sie haben die armen
bunten Papierschnizzelchen nicht verworfen Sie haben sie mit sich genommen und
nun fliegt eines davon zu mir herüber von Ihnen gesandt ein stummer Bote des
Friedens und des Entzückens
    Ihr Brief ist ernst er ist mehr als das würde ich sagen durchwehte ihn
nicht bei aller anscheinender Strenge die himmlische Güte und Milde die Sie
niemalen verlässt Ich hätte bei meinen Verwandten noch verweilen ich hätte
überall im Winter nicht reisen sollen so war Ihr Wille Teure Gabriele hätte
ich ihn gekannt ich hätte ihn erfüllt und wäre ich auch zu Grunde darüber
gegangen So habe ich in meiner Unwissenheit von meinem Gefühl mich hinreißen
lassen und wäre untröstlich ohne die Überzeugung dass Sie mir selbst würden
geheißen haben fortzureisen wenn Sie mich und meine Umgebungen in der Nähe
gesehen hätten Nein mit diesem wunden Herzen konnte Gabriele ihren armen
Edelknaben nicht in den wildesten Strudel der Faschingslustbarkeiten stürzen
wollen nicht in jenes Tosen wo der Schmerz am einsamsten sich fühlt wo alle
Wunden bluten mit glühenden Krallen unnennbares Weh uns packt und hält und
nicht loslässt und fremdes Lachen um uns zum Larvenartigen Grinsen wird das uns
in stummer Angst von Ort zu Ort treibt aus wüsten Träumen uns wach schmettert
bis der fürchterliche Kontrast zwischen Außen und Innen uns zu wahnsinnigem Tun
treibt in welchem wir Betäubung suchen weil es keine Ruhe mehr auf Erden
gibt«
»Gottlob der Winter ist überlebt die Bäume knospen die Natur erwacht Alte
liebe Bekannte suchen den armen Verbannten auch in der Fremde auf die
Nachtigallen singen mir auch hier den einen einen Namen zu der alle Harmonie
der Welt in seinen süßen Tönen vereint Und die Pappeln sie wiegen die grünlich
goldigen Häupter hoch in der blauen Luft und flüstern mit einander wie jene am
Bassin im kleinen Gärtchen  o Gabriele Gabriele wie selig und wie elend macht
mich Erinnerung  Verzeihung ich wage keine Sylbe mehr Aber zu Fuße will ich
ganz allein die Schweiz durchstreifen fortwandern bis ich Abends in
todtähnlicher Ermüdung hinsinke und mir im betäubenden Schlummer vielleicht
Vergessenheit wird auf wenige Stunden So will ich das Ziel meiner Verbannung
erreichen Sie wollen es es sei Das Meer und mächtige Ströme und himmelhohe
Alpen sollen zwischen uns treten ich soll sogar der Luft des Landes entsagen
in dem Sie atmen und leben sogar den mir so lieb gewordenen Tönen Ihrer
Sprache Es sei Aber Gabriele es hilft Ihnen nichts Nachts leuchten mir und
Ihnen dieselben Sterne und wenn ich die Augen schließe stehen zwei dunkele
blitzende Sonnen vor mir und strahlen mild und warm mir bis ins innerste Herz
Sehnsucht spottet des Meers und der Ströme und der Alpen und zaubert ein
unaussprechlich anmutiges Bild auf allen meinen Wegen mir vor Freilich
schwindet es bald wieder und ach in welche dunkle hoffnungslose Nacht«
                           Aus Konstanz am Bodensee
»Mir war diesen Morgen so still so ruhig zu Mute aller Jammer der Welt schien
sich mir in sanfte Liebesklage auflösen zu wollen Gewiss teure Gabriele auch
Sie erlebten solche Stunden wo jeder Schmerz eine Zeitlang verstummt wo es wie
Feiertag in uns wird und wir beschwichtiget und still in immer lieberes Träumen
versinken So lag auch ich heute früh in eine Ecke meines Wagens gedrückt
rollte viele Stunden weit über Berg und Tal ich weiß selbst nicht wie lange
aber ich mochte mich nicht regen es war als ob flüsternde Engelstimmchen mir
leise zusängen Bleibe still sieh dich nicht um öffne die Augen nicht draußen
steht der Schmerz drum bleibe in dir selbst verhüllt
    Endlich hielt der Wagen Mag er immerhin halten dachte ich und strebte in
meiner süßen Abgeschiedenheit von der Außenwelt zu verharren aber die
überlauten bewundernden Ausrufungen meines Kammerdieners rissen mich wider
Willen auf Ich blickte um mich her und fand mich zu meinem Erstaunen nur in
den allergewöhnlichsten Umgebungen mitten auf dem Marktplatze eines kleinen
schwäbischen Landstädtchens Verdrüsslich sprang ich zum Wagen heraus ging
einige Schritte vorwärts und glaubte nun von neuem zu träumen denn eine
Zauberwelt wie durch Feengunst mir aufgeschlossen lag blühend und duftend im
Morgenrote vor meinen geblendeten Augen Die ganze unabsehbare Reihe der hohen
SchweizerGebirge bis zu den TyrolerAlpen hinauf stand in schimmernder Ferne
vor mir gleich himmelstürmenden Riesengebilden in einen weiten feierlichen
Halbkreis geordnet Ihr Diadem aus ewigem Eise strahlte hell im Sonnenglanz zu
mir herüber während der Morgenschein noch die niedrigen Felsengipfel rötete
An den Seiten der Berge wo sie den menschlichen Wohnungen sich zuneigen
glaubte ich sogar die grünen Alpenmatten zu entdecken so nahe schienen mir mit
einemmale die Wunder jenes Landes entgegengerückt dem Ihr Wollen mich zusendet
In Andacht und Bewunderung verloren ward mir als wandle ich in einem heiligen
Tempel Gabriele ich war recht fromm in dieser Stunde ich dachte Sie und mich
und meine stille trübe Zukunft Die Brust ward mir weit in hoher Zuversicht auf
Den dessen mächtige Hand diese Berge pflanzte und hält Ich fühlte Mut und
Kraft in mir sich neu beleben und war in dem Momente gerüstet jeder Bestimmung
meines Lebens hoffend und vertrauensvoll entgegen zu treten sei sie auch
düstere Verborgenheit und ewiges Schweigen
    O Gabriele warum konnte diese Stimmung meines Gemüts nicht dauernd
bleiben warum musste sie verschwinden wie der Tau der Wiese vor der höher
steigenden Sonne Ach nichts ist dauernd und treu als der Schmerz und die
Sehnsucht das fühle ich mehr und mehr mit jedem Tage
    Ich war allmählig in ein offenstehendes duftendes Blütengärtchen seitwärts
dicht neben der Stadt hineingeraten ich wusste selbst nicht wie Von hier aus
übersah ich ganz das tiefe tiefe Tal das zwischen mir und jenen glänzenden
TitanenGestalten noch eine weite Kluft bildete Und welch ein Tal ist dies
Gleich einem herrlich glänzenden Kleinode schimmerte zwischen Wald Obstainen
und Weinbergen der prächtige Bodensee zu mir herauf überall blitzten im
Sonnenschein Städtchen Klöster Dörfer einzelne Wohnungen durch das üppigste
Grün Nie und nirgend sah ich so das Anmutigste neben dem Erhabnen im
zauberhaften Verein als hier in dem fast unbekannten Städtchen Heiligenberg
    Rechts dicht neben demselben tront ein ansehnliches weit in die Ferne hin
leuchtendes Schloss auf hohem fast senkrecht aus der Tiefe aufsteigendem
Felsen es steht unbewohnt da der Eigentümer desselben sucht die Freude in
London oder Rom oder Paris genug in der weiten Welt wo sie so selten sich
treffen lässt O Gabriele hier mit einem einzigen geliebten Wesen zu wohnen
einsam wie die Götter im Angesicht aller dieser Pracht Mir schwindelt und die
Sinne vergehen mir wenn ich mir recht ausmale wie das sein müsste Und wenn ich
mir denke dass ein solches Leben möglich ist dass es vielleicht schon einmal
hier an dieser nämlichen Stelle heimisch war Nein diese Last von Seligkeit
wäre doch zu viel für ein sterbliches Dasein nur in Verzweiflung würde es
enden denn was kann der Himmel unserem beschränkten Geiste Höheres verheißen
nach einem solchen Leben auf Erden Was könnte über solches Scheiden trösten
    Unten am Ufer des Sees gestaltete sich alles zur höchsten idyllischen
Anmut was oben so herrlich so prachtvoll mir erschienen war In einem
kleinen von einem einzigen Fischerknaben geführten Nachen schiffte ich einsam
über dem Wasser hin und überließ meinen Leuten die lärmende Sorge für das
Herüberbringen der Pferde und Wagen Der See war spiegelglatt nur hie und da
tauchten einzelne Wellen auf spielten ein paar Sekunden lang im Sonnenschein
und verschwanden dann schnell wieder Die Insel Meinau das Ziel meiner
Schifffahrt schwamm bald in dem grünen Frühlingsschmuck ganz nahe vor mir auf
der silberhellen Flut das kleine Eiland liegt so still vertraut im leuchtenden
See und in immer lichterer Klarheit schwebte Gabrielens schönes Bild vor mir
hin auf den Wogen Ich glaubte in seliger Wehmut zu vergehen
    Plötzlich sang es hell und wunderfremd über mir in der Luft und halb
flatternd halb taumelnd sank ein Vögelchen mit müden hängenden Flügeln zu
meinen Füßen in den Kahn hin Ich nahm das arme kleine Geschöpf auf zu meiner
Verwunderung war es ein Kanarienvogel zahm und furchtlos wie Ihr kleiner
Liebling Gabriele der mir so oft den guten Morgen entgegen sang Damals ach
damals  Hat auch Dich der Ausflug in die fremde Welt schon ermüdet und Du
sehnst Dich zurück in die warme Heimat fragte ich ihn Das arme Ding neigte
das Köpfchen zur Seite und blickte so klug aus den schwarzen Korallenäuglein
mich an als verstände es mich Wir haben ein langes Gespräch mit einander
geführt Ihr Edelknabe teure Gabriele war wieder einmal recht kindisch aber
ich weiß Sie schelten ihn deshalb nicht
    Wir landeten an der Insel und ich wendete mich den kleinen Reisegefährten
auf der Hand den nahen schattenden Bäumen zu da regte er sich zwitscherte und
flog plötzlich auf und davon Ich blickte besorgt ihm nach und sah jetzt alle
Zweige von unzähligen Vögeln seiner Art belebt sie hatten ihre Nester dort
erbaut und waren völlig wie daheim leider zerstörte ungebeten ein
vorübergehendes Mädchen die schöne Illusion des Augenblicks die mich in andre
Zonen versetzte Sie erzählte mir die Vögel würden Winters in einem nahen Hause
verpflegt zur Sommerzeit aber ließe man sie frei auf der Insel herumfliegen da
ihre schwachen Flügel es doch nicht vermöchten sie über den breiten See der
Insel fortzutragen Ich blickte nach dieser Erläuterung mit wahrer Betrübnis die
armen kleinen Fremdlinge an die in ihrer Beschränktheit die ganze Welt sich zu
Gebote wähnen Ach Gabriele ist es denn mit uns anders Auch uns halten
unsichtbare Bande und wehe uns wenn wir den kühnen Flug über sie hinaus wagen
wollen Mit gelähmtem Fittig sinken auch wir dann nur zu bald dem lauernden
Abgrunde zu wenn nicht ein seltnes Wunder bei Zeiten uns rettet wie jenen
armen Vogel den ein glücklicher Zufall über meinen Nachen wegführte
    Ich wandelte immer weiter und vermied sorgsam die menschlichen Wohnungen
dieses kleinen Eilandes Die hellen Mauern des Schlosses einer ehemaligen
Komturei des Malteserordens schimmerten noch durch die Bäume ich wandte mich
ab Lange war mir es nicht sowohl ums Herz gewesen An der meinem
Landungsplatze entgegengesetzten Seite der Insel warf ich mich ins hohe
Ufergras Niedern Wellen gleich schlug es über mich zusammen ich sah nicht
Himmel nicht Erde nur grüne dichte Dämmerung um mich und leise schlich es
über den Wellen zu meinem Ohr heran wie fernes Hörnertönen Ich lauschte ihm
mit stillem Entzücken
    O Gabriele da ward dies Tönen immer lauter und lauter Und Lachen und
helles Jauchzen und kurzes abgerissnes Singen scholl dazwischen Ich sah auf
Eine ganze Flotte von Kähnen zeigte sich dicht neben meinem Ruheplätzchen fast
schon im Begriffe zu landen Es war ein hochzeitlicher Zug gewiss gewiss ich
erkannte den Nachen der die Braut trug an den Blumenkränzen die ihn
schmückten an den bunten fliegenden Wimpeln Ich sah sie selbst Arm in Arm mit
dem Geliebten
    Da erwachte der Schmerz und riss mich fort wie die Furien von Orest Ich
floh gemartert verwildert vor den freudigen Tönen In furchtsamer Hast als
folge das Verderben mir auf den Fersen nach suchte ich nach einem Auswege um
dem Anblicke der Glücklichen zu entkommen ich fand ihn in einer Entfernung von
wenigen Schritten wo ein sehr langer schwankender Stieg mich über den dort
schmäleren See zum festen Lande führte Dort folgte ich dem ersten Wege der
sich mir bot Nur fort nur fort weiter dachte ich nichts aber kalte Tränen
der Verzweiflung füllten mein Auge So gelangte ich nach Konstanz ohne es zu
wollen oder zu wissen
    Gabriele Sie behaupteten einst dass der Schmerz edlere Naturen noch mehr
veredelt und erhebt sie noch milder und gütiger macht und wer der Sie und ihr
Geschick kennt möchte daran zweifeln Warum denn o warum musste mich der
Anblick jener Beglückten so schmerzlich verletzen Warum jenen Ingrimm in mir
erregen den der gefangene Verbrecher fühlt wenn er aus dem Gitterfenster
seines kalten Kerkers auf die Glücklichen schaut die in der warmen blühenden
Welt in Freiheit sich ergehen Neid Hass und alles diesem Verwandte waren
meinem Herzen sonst so fremd O Gabriele soll ich auch noch mich verlieren da
ich alles verloren habe was mich beglückte Ich flehe lassen Sie mich nicht in
mir selbst untergehen Sie retteten mich von einem furchtbaren Abgrund lassen
Sie mich jetzt nicht wieder sinken wahrlich nur die Gewissheit dass Sie Ihre
Hand nicht ganz von mir abziehen dass Sie mich noch Ihrer Sorge wert achten
kann mich noch oben erhalten
    Düster und einsam sitze ich jetzt in dieser düstern öden Stadt Ich bin noch
einmal an den See hinausgegangen ich blickte hinüber zu jenen jetzt in Nebel
verhüllten Bergen die diesen Morgen mir im Sonnenstrahl so freudig entgegen
glänzten Jetzt konnte ich sie nur als die Scheidewand betrachten die sich von
morgen an zwischen mir und dem glücklichen Lande erhebt wo Gabriele atmet
Morgen ergreife ich den Wanderstab die Schweiz zu durchziehen Auf einem andern
Wege soll mein Wagen mir folgen ich gehe zu Fuß Die Entfernung zwischen mir
und Ihnen wächst von nun an mir fühlbarer mit jedem Schritte den ich tue Ich
könnte darüber verzweiflen doch ich befolge auf das Pünktlichste Ihren Willen
der Gedanke daran ist ja alles was mir übrig blieb Selbst in dem Schmerze der
mir die Seele zerreißt finde ich eine wilde Freude denn Sie waren es Sie
Gabriele die ihn mir auferlegte«
                                Auf der Grimsel
»Ich stand heut wo die Aar die dunkeln Wellen von grässlicher Höhe hinabstürzt
Felsen und Tannen erbeben rings umher die Axe der Erde schien unter mir sich
dröhnend umzuwälzen Wie der Eingang zur Hölle so schwarz und fürchterlich
gähnt der entsetzliche Schlund am Fuße des Felsen der die in Schaum in Staub
aufgelöste tobende Wassermasse aufnimmt Von noch höherer senkrechter Höhe
stürzt sich der Erlebach der Aar nach rasch wie die Verzweiflung hinab hinab
in den nämlichen Abgrund den er in Miriaden schimmernder Tropfen zertrümmert
zuletzt erreicht Den Kampf der Fluten dort unten verhüllen Dampfwolken jedem
sterblichen Auge aber tausendstimmige Donner verkünden ihn laut den zitternden
Felsen rings umher Ergrimmt fasst der mächtige Strom endlich den überwundnen
Bach und schleudert in rasender Wut die weißen Wogen wieder hinaus aus seiner
Grotte an die gegenüberstehende Felsenwand und höher hinauf den Wolken zu Sie
zerstäuben und sinken in ewigen Nebeldämpfen nieder gepeitscht vom heulenden
Sturm der nie ablässt hier zu wüten Das laute ängstliche Geschrei meiner
Führer da ich vielleicht ein wenig zu verwegen auf den überhängenden Felsen
hinkletterte verhallte in diesem Aufruhr der Natur gleich dem Zirpen einer
Heuschrecke Anbetend wortlos sank ich hin ich ein Atom ein Nichts in
diesen alle Sinne betäubenden Schrecknissen und doch fühlte ich selbst
Angesichts ihrer Kraft und Mut im glühenden Herzen mich überselig gleich
jenem neidenswerten Edelknaben von dem des Dichters unsterbliches Lied uns
singt hinabzustürzen und wie er den grässlichen Kampf auf Tod und Leben mit
dem empörten Element dort in der Tiefe zu bestehen würde nur auch mir der hohe
Preis geboten den zu erringen jener endlich unterging«
                                  Aus Mailand
»Ein Strahl des Trostes ist mir hier geworden hier wo ich ihn nimmer erwartet
hätte Ich bin nicht mehr so ganz verlassen allein denn ich höre Gabrielens
geliebten Namen auch von andern Lippen als den meinigen
    Noch einmal an dem zu meiner Abreise von hier bestimmten Tage suchte ich
das DominikanerKloster neben der Kirche S Maria delle Grazie auf ich wollte
von Leonardos Meisterwerk den letzten Abschied nehmen wie von einem Freunde
eigentlich war er mir der einzige den ich hier hatte und der mit jedem Tage mir
immer lieber ward Ich fliehe in meiner jetzigen Stimmung jede nähere
Bekanntschaft mit Menschen das zwecklose unteilnehmende Umhertreiben in ihrer
Mitte verletzt mich auf tausendfache Weise und ist mir entsetzlich Aber im
stillen Gebiete der freien Natur im noch stilleren der Kunst da finde ich
Vertraute und von der stummen Leinwand von der verblichnen durch Kerzendampf
geschwärzten Wand blickt es oft tröstend mich an Dann dünkt es mich als
umwehe mich mit lindem Fittig der stille Geist in seinem Heiligtum der einst
hier schaffend waltete und darüber eine Welt voll Unruhe und Entbehrung gern
vergaß als hauche er mir Ergebung und höheres Hoffen in die wild bewegte Brust
Ach und wie oft sehe ich mit Entzücken auch von der Leinwand einzelne Züge des
Bildes mir entgegenstrahlen was in unerreichbaren Farben ewig vor meinem innern
Sinne schwebt
    Diessmal fand ich das Refektorium der guten Mönche nicht unbesucht wie ich es
gehofft und gewünscht ein junger Mensch saß vor dem wundervollen Bilde des
heiligen Abendmahls ämsig bemüht seiner Mappe eine Kontur desselben
einzuverleiben Nun ist mir aber nichts verhasster als wenn ich dem ängstlichen
nüchternen Streben zusehen muss das was mich erhebt begeistert entzückt
schwarz auf weiß nach Hause zu tragen damit man es sicher bei der Hand habe
und es sich haushälterisch auftrocknen und aufbewahren könne zu künftigem
beliebigem Gebrauch Mag meine jede Anstrengung hassende Ungeduld die Sie so
oft an mir tadelten Schuld daran sein und mich ungerecht machen ich muss es
doch bekennen mich ärgert es immer wenn die Herren und Damen denen ich auf
Reisen begegne vor den hohen Wundern der Natur wo sie anbeten oder doch
wenigstens genießen sollten sich mit einem Blättchen Papier und einem Stückchen
Kreide zurecht setzen um schülerhaft zu krizeln was sie in jedem Bilderladen
tausendmal besser kaufen können als ihre arme Kunst es hervorzubringen vermag
Auch begreife ich nie wie der vom ächten Geiste belebte Schüler der Kunst
dadurch zum Künstler gebildet werden soll dass er die Linien welche die längst
in Staub versunkne Hand des hohen Meisters einst zog mühsam nachzuzirkeln sich
abmüht Mir dünkt es wäre ihm geratner wenn er das Ganze im Geist aufzufassen
strebte dann demütig und doch freudig nach Hause ginge und im Gefühl der
Schöpferkraft die dem reich begabten Menschen von der Gottheit gegeben ward
selbst versuchte jenen hohen Vorbildern sich zu nahen ohne knechtisch sie
nachzuahmen
    Voll von diesem Gefühl und dazu halb ärgerlich hier nicht wie ich es
gehofft hatte allein zu sein näherte ich mich dem Zeichnenden und sah
ziemlich verächtlich ich will es nur gestehen ihm über die Schulter auf seine
Zeichnung Eigentlich war ich nicht übel geneigt meinem Verdrusse beim
mindesten Anlasse dazu Luft zu machen als ich ihn deutsch reden hörte mit
seinem neben ihm stehenden Begleiter einem ältlichen Manne von edler
einnehmenden Gestalt den ich jetzt erst bemerkte
    Seid doch froh sprach dieser zu dem jungen Künstler der sich wohl über den
leider wirklich sehr traurigen Zustand des Gemäldes beklagt haben mochte seid
doch froh dass die Zeichnung und die Anordnung des Ganzen uns erhalten ward
haltet euch an den Geist des Schöpfers der ja noch immer hier in seinem
edelsten Werke waltet wenn gleich das Körperliche desselben fast nicht minder
dahin geschwunden ist als die Hand die es schuf O wie fällt alle Farbenpracht
weg gegen dieses alte edle schmucklose Werk Nie und nirgend außer Rafael hat
einer diese Einfalt des Herzens mit der hohen apostolischen Würde so zu einen
gewusst setzte er halblaut hinzu in tiefe Betrachtung des Gemäldes verloren
Nach einer kleinen Pause redete er weiter nicht vor sich nicht zu uns
gleichsam nur laut denkend wie man wohl auch laut liest was uns entzückt wenn
gleich niemand uns zuhört Er sprach von der glücklichen Wahl des dargestellten
Augenblicks der Handlung durch welche die Einförmigkeit der Anordnung von
dreizehn Personen hinter einer langen Tafel glücklich und schicklich vermieden
ward Mild mit ruhigem Ernst spricht der Herr das bedeutende schwere Wort
Einer von denen so mit mir sind wird mich verraten Er sieht vor sich nieder
um keinen seiner Jünger mit dem Blicke zufällig zu bezeichnen aber alle fahren
wie von einem Wetterstrahl getroffen bei diesem Ausspruch ihres Meisters in die
Höhe alle werden in Handlung gesetzt einige der von ihm am entferntesten
Sitzenden suchen sich ihm zu nähern und bilden so die mannigfaltigsten Gruppen
Gesicht Stellung Gebärde bezeugen die Reinheit und Unschuld eines jeden unter
ihnen doch nur mit sich beschäftigt bemerkt keiner den wilden trüben Blick
des schreckhaft zurückfahrenden Judas Nur dem dicht hinter diesem sitzenden
Apostel scheint ein vorahnender Gedanke wie ein Blitz durch die Seele zu fahren
    Je länger der Fremde so sprach je mehr fühlte ich von ihm mich angezogen
Ich wagte es endlich ihm einiges zu erwidern und so gelang es mir ein Gespräch
mit ihm anzuknüpfen Von einem Apostel zum andern übergehend gab er mir in
wenigen treffenden Worten eine kurze Charakteristik eines jeden derselben Nie
zuvor habe ich jemanden über ein Kunstwerk und über die Kunst selbst so klar so
bedeutsam und bei so tiefer Kenntnis so anspruchslos reden gehört Immer
lebendiger stieg in mir eine freudige wenn gleich dunkle Ahnung auf er kam mir
so bekannt vor mir war als sei in ihm ein alter lang entbehrter Freund mir
begegnet von dem ich nichts vergessen hatte als den Namen Nennt ihn Ihr Herz
Ihnen nicht Gabriele Der immerfort ämsig Zeichnende nannte ihn endlich
obgleich er deutsch mit ihm sprach Signor Ernesto
    Mit einem lauten Freudenschrei hätte ich mich gern in seine Arme gedrängt
als ich mit diesem Namen ihn nennen hörte doch bei aller Freundlichkeit liegt
in seinem klugen dunkelblauen Auge in einem scharfen Zuge seines Mundes
besonders wenn er halblächelnd spricht etwas das gebietet in seiner Gegenwart
sich zu bemeistern Und so nahm ich mich denn zusammen zog mein Taschenbuch
hervor und überreichte ihm die Karte mit welcher Ihre Güte mich für den Fall
eines Zusammentreffens mit ihm ausrüstete O Gabriele wie hängt alles ewig an
Ihnen was einmal Sie erkannte Hätten Sie den freudigen Strahl gesehen der
über das Gesicht des strengen ernsten Mannes sich verbreitete während er die
wenigen von Ihrer Hand an ihn gerichteten Zeilen las Es war als ob ein heller
Abglanz Ihrer eignen Anmut von der kleinen Karte ausginge und die scharf
gezognen Züge des würdigen von Silberlocken umgebnen Antlitzes verklärte
    Als sei auch ihm ein längst vermisster Liebling seines Herzens unverhofft
wiedergekehrt so freudig begrüßte Ernesto mich nun Er ergriff meinen Arm
beurlaubte sich leichthin von dem Zeichnenden mit dem er wie ich jetzt sah in
keiner genauern Verbindung stand und begleitete mich in meinen Gasthof wo
sogleich die Pferde wieder abgesagt und alle Anstalten zum längeren Verweilen in
Mailand getroffen wurden
    Mir traten die Tränen ins Auge als er mit mir allein auf meinem Zimmer
sich nun recht teilnehmend nach Plan und Zweck meiner jetzigen Reise zu
erkundigen begann freilich nicht eher als bis er mich über Sie Ihr Leben
Ihre nähern Verhältnisse Ihre Gesundheit Ihr Aussehen recht inquisitorisch
abgehört hatte So väterlich wie er hat noch keiner zu mir gesprochen stets
war ich Elternlos von meiner ersten Jugend an wenn gleich nicht verwaiset
durch den Tod In diesem Augenblick fühlte ich recht lebendig welch ein Glück
ich so lange entbehrte ohne je es gekannt zu haben Mein Herz schloss sich auf
im wahrhaft kindlichen Vertrauen zu dem weiseren wohlmeinenden Freunde Sie
werden es verzeihen Gabriele Sie müssen es verzeihen wenn indem ich von
Ihnen sprach Auge und Ton ihm vielleicht mehr als meine Worte gestanden Wie
wäre es möglich gewesen diesen hellen Blick zu täuschen der mir fühlbar bis in
das tiefste Herz drang Seit langen Monden zum erstenmal hörte ich Ihren Namen
und wie o Gabriele Wie ward er ausgesprochen Jedes Wort Ernestos war der
Nachhall meines eignen Gefühls
    Noch hatte ich keine Stunde mit ihm verlebt als ich schon vor der
Möglichkeit zu zittern begann dass er den ich nie wieder zu lassen sehnlichst
wünschte vielleicht auf der Rückreise wäre nach Deutschland zu Ihnen 
Gabriele zu Ihnen Doch meine Furcht war vergebens das zeigte sich bald Ein
bedeutendes Geschäft das er für einen Freund hier abzumachen versprach hatte
ihn nach Mailand geführt es war jetzt vollendet und er im Begriffe nach Florenz
zu gehen wo er den größten Teil des Sommers zu verleben gedachte
    Nun habe ich mir ihn gewonnen Ich habe mich fest an ihn geklammert und er
stößt mich nicht zurück denn Gabrielens Name ist der Talisman der ihn mir
verbindet
    Langsam will er mit mir noch einmal Italien durchziehen vielleicht wandern
wir bis Syrakus ehe er mir Rom zeigt Wahrscheinlich komme ich erst im folgenden
Jahre dorthin gegen die Zeit der großen kirchlichen Feste welche die Ostertage
herbeiführen
    So habe ich denn wieder eine Bestimmung der ich entgegen gehe Ernesto
leitet mich wie er will er nimmt meiner sich an weil ich von Ihnen gesendet
ihm scheine Er hängt an Ihnen mit Jünglingsfeuer und somit auch an allem was
nur auf die entfernteste Weise Ihnen angehört Wie besorgt ist er um Ihr Wohl
So wie die seine denke ich mir die Liebe eines Schutzgeistes Er ist ein
seltener Mensch aber trüge er auch keine Spur seines hohen ungewöhnlichen
Wertes so müsste ich dennoch seinen Schritten folgen denn ich kann mit ihm von
Gabrielen sprechen und fürchte weder Hohn noch Missverstehen«
                                  Aus Florenz
»Nun weiß ich wie es dem Schweizer ist den fern vom geliebten Vaterlande ein
Ton aus seinen heimatlichen Bergen traf und alle Qualen des Heimwehs über ihn
rief Ich stand an Ernestos Seite im Garten des Pallastes Boboli oben auf der
höchsten Terrasse Die Sonne ging unter als wäre der Aetna umgestürzt und
schütte alle seine Gluten aus so flammte es in Westen und zwischen diesem
Abendgolde und dem Aeterblau prangte der Horizont im herrlichsten
durchsichtigen Grün wie ich noch nie es sah Die fernen Appeninen glühten
dunkelviolet zu uns herüber zu unsern Füßen glänzte die Stadt das Schloss der
Garten und das ganze reiche herrliche Tal welches der Arno durchströmt alles
wie verklärt im Lichte der brennenden Himmelspracht Nur einen solchen Abend
hier an Ihrer Seite ich konnte den Wunsch dem Freunde nicht verhehlen er
teilte ihn mit mir und ein liebes beruhigendes Gespräch das nach Schloss
Aarheim uns versetzte hatte sich zwischen uns beiden entsponnen als plötzlich
der Ton Ihrer Stimme Ihrer Stimme Gabriele mein Ohr traf Was ich rief was
ich tat weiß ich nicht nur dass Ernesto mich beim Arm ergriff und sehr ernst
mich zur Ruhe ermahnte Dies brachte mich wieder in leidliche äussre Fassung
obgleich ich seine Worte nur halb verstand
    Eine Gesellschaft Herren und Damen lustwandelnd wie wir näherte sich uns
vom Pavillon her unter lautem Lachen und Gespräch und immer tönte noch der
Klang der süßen Stimme in ihrer Mitte Ich zitterte und als ich aufmerksamer
hinblickte glaubte ich zu vergehen Sie waren es Sie selbst Gabriele Sie
traten hervor Sie eilten auf uns zu Signor Ernesto riefen Sie in so bekanntem
Ton und doch waren Sie es nicht Nein wo hatte ich meine Augen gehabt Sobald
man die Gestalt genauer betrachtete war außer dem Ton der Sprache kein Zug von
Ähnlichkeit zwischen Ihnen und der blendendschönen Frau die jetzt dicht vor
mir stand Diese dunkle Lockenpracht dies weitgeöffnete hohe blaue Auge voller
Blitze wie verschieden von der lichten Strahlenglorie die Gabrielens schönes
Haupt umwallt von dem sanften Mondlicht der frommen braunen Augen die gleich
lieben freundlichen Sternen süssberuhigend uns leuchten Und dennoch hatte diese
Ihnen so ganz entfremdete Erscheinung auch etwas in ihren Bewegungen dem ich
unverwendeten Blicks zusehen musste weil es eben wie der Ton ihrer Stimme mir
Gabrielen vor die Sinne zauberte Es zog mich an und stieß mich zurück
entzückte und betrübte mich hundertmal in wenigen Minuten
    Nachdem die Dame ziemlich lange mit Ernesto geplaudert und ich weiß nicht
welche Vernachlässigungen ihm mit scherzhaftem Tone vorgeworfen hatte wandte
sie den fragenden Blick mir zu und Ernesto konnte es nun nicht vermeiden mich
ihr vorzustellen Er tat es mit einer Art von Verlegenheit die ich bis jetzt
noch nie an ihm bemerkt hatte und ich mir nicht zu erklären weiß Nach
italienischer Sitte nannte er sie mir nur Signora Aurelia und erst da wir wieder
allein waren erfuhr ich dass sie die Tochter der Gräfin Rosenberg und Ihnen
nahe verwandt sei So war mir denn der Zauber der Ähnlichkeit zwischen ihnen
beiden durch dieses Familienband erklärt Ihre Kusine ist im Begriffe mit einer
englischen Familie eine Reise nach Griechenland anzutreten weil ihr in Italien
das Klima nicht zusagt Ihr Gemahl lebt in Rom »Haben Sie ihn jemals gesehen
Ernesto vermeidet von ihm zu sprechen es muss eine eigne Bewandtnis mit diesem
Menschen haben«
»Was Ernesto durch Gründe Bitten Zureden nicht erhalten konnte hat Aurelia
ohne ein Wort darüber zu verlieren bewirkt Ich gehe wieder in die Welt die ich
ewig meiden wollte besuche Soiréen Akademien Konversaziones denn nur da kann
ich ungestört in irgend einem Winkel sitzend mich mit verschlossnen Augen der
süßesten Täuschung hingeben während Aurelia zu den Andern spricht Ihr selbst
mich zu nahen vermeide ich soviel ich es schicklicher Weise kann weil sie
stets von Gabrielen mit mir sprechen will Letztin hat sie einen ganzen Abend
hindurch mich über Sie ausgefragt Ausgefragt das ist das rechte Wort  für
dieses neugierige unteilnehmende Auskundschaften Mir war dabei zu Mute als
spräche jene Eugenia die einst mit ähnlichen Redensarten mich dem Abgrunde
entgegentrieb von welchem nur die Hand eines Engels mich retten konnte
    Und doch hat diese Aurelia eine gewisse mir so liebe Art den Kopf ein
wenig vorzubeugen und dann seitwärts aufzublicken Im Gespräch hebt sie oft die
zarte wunderschöne Hand deren gleichen es nur noch einmal in der Welt gibt
und regt die rosigen Fingerchen so dass ich nicht müde werden kann ihr
zuzusehen Oft höre ich ihrer Stimme zu und strenge mich an auf ihre Worte
nicht zu merken dann träume ich mir ein böser Zauber habe Gabrielen in diese
Gestalt gebannt und die Zeit desselben wäre nun um ich blicke auf zu ihr und
bei jeder Ihnen abgestohlnen Bewegung wähne ich jetzt müsse die fremde Gestalt
verschwinden und meine Sonne mir aufgehen«
»Was man so in der Welt liebenswürdig nennt ist diese Aurelia sobald sie es
sein will in hohem Grade Zu ihrer Ehre sei es gesagt dass dieses oft der Fall
ist und doch gibt es Momente in welchen sie mir sogar hassenswert vorkommt
weil sie nicht Gabriele ist und sich doch unterfängt ihr ähnlich zu scheinen
Dann graust mir vor ihr wie vor einem Leben heuchelnden Wachsbilde
    Aber ist es nicht wunderbar dass Ernesto außer der Stimme welche er
allenfalls noch zugibt mir jede weitre Ähnlichkeit Aureliens mit Ihnen
durchaus abläugnet Er sucht sogar und oft ziemlich auffallend mich von ihr
fern zu halten als fürchte er für mich in ihrer gefährlichen Nähe Ahnet er
denn gar nicht dass es nur der Schatten von Gabrielens Schatten ist was zu ihr
mich zieht«
          Aus gleichzeitigen Briefen Ernestos an Frau von Willnangen
»Ich weiß es teure Freundin Sie lachen über meine Bedenklichkeiten und
Besorgnisse aber ich lasse es mir gefallen und gebe ohne Widerstreben Ihrem
gutmütigen Spotte mich Preis wenn ich nur nach gewohnter Art Ihnen vertrauen
darf was Herz und Sinne mir trübt Und dies ist jetzt Aureliens blendendschöne
Erscheinung ungeachtet ihres zuvorkommenden Betragens gegen mich und des
schmeichelnden Klanges ihrer Worte Ich kann mich nun einmal des peinlichsten
Gefühls in ihrer Nähe nicht erwehren und seit ein Zufall den ich durchaus
boshaft und unheilbrütend nennen muss uns hier in Florenz ihr entgegen warf
habe ich innerlich weder Ruhe noch Rast
    Schon seit sie aufhörte ein Kind zu sein spürte ich bei ihr etwas
Unheimliches das meinen Unmut erregte obgleich ihre äußere Liebenswürdigkeit
mir oft recht hinreißend erschien Jetzt wird dieses Gefühl lauter in mir als
je ihr Lachen ihr Scherzen klingen mir wie bitterer dem Leben gesprochner
Hohn der sich nur in erzwungne Lustigkeit zu verkleiden sucht und ihr ganzes
Wesen hat in meinen Augen etwas so verstörtes unheilweissagendes dass ich weder
mich selbst noch die welche ich liebe in ihrer Nähe wissen mag Vor allem
änstigt es mich wenn ich Hippoliten verloren in ihrem Anschauen und in dem
Klange ihrer Worte neben ihr sitzen sehe dann drängt es mich ihn von ihr
fortzureissen und müsste ich auch mit meinem geliebten Zöglinge von irgend einem
Felsen herabspringen wie einst der weise Mentor mit dem Sohne des Odysseus Dass
es übrigens mit dem Einflusse dieser neuen Kalypso bei meinem Telemach keine
große Gefahr hat weiß ich gottlob sie wird ihn mir weder bezaubern noch
verhexen obgleich sie zu beiden wohl Lust und auch Talent hätte denn er steht
zum Glücke unter höherem Schutze Wäre mir dies auch früher nicht schon klar
geworden so hätte mir es ein Lied gesagt welches er sich schrieb mitten in
einer rauschenden Gesellschaft wo Aurelia und andre schöne Frauen ihn
aufforderten mehr Teil an der Geselligkeit zu nehmen Es war an dem Ufer eines
kleinen Flusses wo er sich unter überhängende Pinien setzte und in seine
Schreibtafel die Worte aufzeichnete die er mir beim Nachhausegehen als Antwort
auf die Aufforderung der Damen stumm überreichte die ich ihm wortlos zurückgab
und die ich ihn seitdem oft nach einer Melodie singen höre welche er dazu fand
Ich schließe die einfachen Worte diesem Briefe bei
    Trotz alle dem suche ich doch absichtlich aber unmerklich die Gelegenheiten
zu entfernen wo Hippolit mit Aurelien zusammentreffen kann denn der Umgang mit
Wesen ihrer Art bringt nichts Gutes macht Niemanden besser und darum soll man
ihn nach meiner Überzeugung meiden so viel man nur immer kann«
                                Hippolits Lied
Lasst mich ob ich auch still verglüh
Lasst mich nur stille gehen
Sie seh ich spät Sie seh ich früh
Und ewig vor mir stehen
Was ladet ihr zur Ruh mich ein
Sie nahm die Ruh mir fort
Und wo Sie ist da muss ich sein
Hier sei es oder dort
Zürnt diesem armen Herzen nicht
Es hat nur einen Fehl
Treu muss es schlagen bis es bricht
Und hat dess nimmer Hehl
Lasst mich ich denke doch nur Sie
In Ihr nur denke ich
Ja ohne Sie wär ich einst nie
Bei Engeln ewiglich
Im Leben denn und auch im Tod
Im Himmel so wie hier
Im Glück und in der Trennung Not
Gehör ich einzig Ihr
     Fortsetzung von Auszügen aus Briefen Ernestos an Frau von Willnangen
»Ich fange an recht tiefes Mitleid für diese Aurelia zu empfinden die denn
doch vielleicht etwas vorzügliches und glückliches hätte werden können wäre ihr
Gemüt minder verwarloset von Jugend an Allein dieses Mitleid ist nicht jenes
schöne erwärmende Gefühl mit dem ich Gabrielens gedenke Schauder und
Widerwillen mischen sich darein und ich möchte auf immer von einem Wesen mich
abwenden können welches so ganz hoffnungslos in sich zerfallen ist dass kein
Gott und kein Sterblicher hier mehr rechten dauernden Trost gewähren kann
    Mit kalter Brust mit einem Herzen das nie weder Liebe noch Hass empfand
das von frühester Jugend an nur mit der unersättlichsten Eigenliebe erfüllt war
stand Aurelia stets in hoher Selbstzufriedenheit da auf eine Tugend gestützt
die bei ihr so wie sie einmal ist kaum noch den Namen derselben verdient Wer
ihr nahte huldigte ihrem Geiste ihrer Schönheit auch wohl oft nur dem
Standpunkte auf welchen das Schicksal und ihre in Eitelkeit versunkne Mutter
sie gestellt hatten und der Stolzen schien die Welt zu Füßen zu liegen So sind
bis jetzt die Jahre eines nach dem andern an ihr vorübergezogen von ihr
unbemerkt Doch jetzt ist die Zeit des Erwachens endlich gekommen und das woran
sie früher in ihrem Leben nicht gedacht hatte erfüllt sie mit ängstlichem
Grausen vor einer Zukunft der sie doch nicht auszuweichen vermag Unter dem
triumphirenden Lächeln das sie noch immer beibehält sehe ich deutlich ihre
innere Herzensangst hervorblicken Und wissen Sie wem diese Angst gilt Dem
dreissigsten Geburtstage dem fürchterlichen der als Schreckbild am Lebenspfade
aller Frauen steht die Aurelien gleichen Er naht unaufhaltsam mit schnellen
Schritten dieser entsetzliche Tag denn Aurelia zählt wenigstens volle vier
Jahre mehr als unsre Gabriele und sie beneidet ihr gewiss keinen der übrigen
Vorzüge so ganz von Herzen als diesen flüchtigsten von allen
    Im Grunde quält sie sich viel zu früh denn nie war ihre äussre Erscheinung
brillanter Auch ist die Klippe die sie scheut eigentlich nur im gewöhnlichen
bürgerlichen Kreise des Frauenlebens recht gefährlich wo es Tanten und Basen
gibt die über alle Familienereignisse Buch und Rechnung halten und alle Data
nachzuweisen wissen In der Welt in welcher Aurelia lebt gleitet man über
alles leichter hin man ist toleranter man gewinnt kaum Zeit an sich selbst zu
denken geschweige an Andre und jeden der sich nur geschickt zu benehmen weiß
lässt man gern für das gelten wofür er sich geben will Geist Witz
Leichtigkeit und Vielseitigkeit im Umgange werden über alles geschätzt darum
trifft auch die glänzendste Periode im Leben berühmter schöner Frauen der großen
Welt sehr selten mit ihrer ersten Jugendblüte zusammen denn man muss gelebt
haben wenn man sich aufs Leben genugsam verstehen will um es wie ein Kunstwerk
behandeln zu können Aurelia weiß dieses alles so gut und besser als ich aber
sie denkt nicht daran oder achtet es für einen traurigen Trost Sie ist noch
immer von einer bewundernden Schar demütiger Verehrer umgeben über die sie
nach Lust und Laune unumschränkt gebietet aber sie fühlt dennoch ihren Thron
unter sich wanken und ich sehe deutlich wie das trübe Vorgefühl einer dunkeln
freudenarmen Zeit sie Tag und Nacht unablässig quält und nagt Mit ängstlicher
Hast wirft sie sich nun auf alles wovon sie noch in späteren Jahren Glanz und
Bewunderung sich versprechen zu können glaubt auf Musik Literatur
Kunststudium sogar Chemie und Astronomie hat sie eine Zeitlang getrieben weil
diese Wissenschaften einmal zufälliger Weise Mode wurden Ihr mangelt wie Sie
wissen weder Geist noch Talent zu allem was sie unternehmen möchte aber sie
ist unfähig irgend etwas sich selbst zum Trost fest zu halten Ihre rastlose
Natur trieb sie von jeher immer von einem zum andern und erlaubt ihr jetzt sogar
kaum länger als einige Monate an dem nämlichen Orte zu verweilen Dass sie in
manchen Stunden die Unzulänglichkeit eines so zerstückelten Strebens tief
empfindet vermehrt noch ihr Unglück auf jede Weise denn dieses an sich
peinigende Gefühl reizt und erbittert sie innerlich mehr und mehr und treibt
sie zu seltsamen ihrem Zwecke ganz entgegenarbeitenden Launen
    Manche ihrer Anbeter welche ihre wirklich zuweilen unwürdigen Misshandlungen
nicht ertragen mögen ziehen sich allmählig zurück und dadurch wird das Übel
immer ärger Sie muss mit ungewohnter Anstrengung die so Verlornen durch neue
Eroberungen wieder zu ersetzen suchen und sie treibt dies mit einem Eifer
einer Ungeduld die deutlich beweisen wie anschaulich ihr jetzt mit einemmale
die Flüchtigkeit der Zeit geworden ist Die arme Frau gerät dabei oft außer
Atem und Tackt obgleich nicht jedermann dies gewahr wird
    Dass mein glänzender Hippolit gleich auf ihre Liste kam brauche ich Ihnen
wohl nicht zu sagen Bei seiner Jugend musste sie ihn für einen vollkommenen
Neuling in der Welt ansehen und bei dem sichtbaren Eindrucke den ihr erstes
Erscheinen auf ihn machte hielt sie seine Eroberung für ein leichtes
Kinderspiel Um so größer war ihr Erstaunen als sie alle ihre kleinen Künste an
ihm abgleiten sah Ich bin überzeugt dass sie bis diese Stunde noch nicht weiß
wie sie eigentlich mit ihm daran ist doch eben dieser Zweifel gibt ihm in
ihren Augen ein erhöhtes seltnes Interesse
    Ich sehe zuweilen mit wahrem Vergnügen dem kleinen Kriege zwischen beiden
zu Allen den haarfeinen Schlingen die Aurelia mit unendlicher Klugheit und
tiefer Berechnung ihm legt weiß mein junger Held mit so unbefangnem Gesicht und
so gewandt aus dem Wege zu gehen dass es mir oft schwer wird meinen innern
Triumf darüber zu verbergen Wenn ich ihn aber wiederum in den Assembléen hinter
ihrem Sessel stehen sehe wie er jede ihrer Bewegungen belauscht jedes ihrer
nicht zu ihm gesprochnen Worte von ihren Lippen wegzuhaschen sucht und dabei
immer tiefer in sich selbst sich verliert so dass zuletzt außer Aurelien nichts
mehr für ihn zu existieren scheint dann werde ich wieder irre auf Augenblicke
wenigstens Zwar weiß ich Aureliens Zaubergewalt über Hippoliten liegt nur in
einer nie zuvor von mir bemerkten Familienähnlichkeit mit Gabrielen die sich
erst später entwickelt haben muss und über die er im Stande ist Stundenlang in
Extase zu geraten aber solche Aehnlichkeiten haben doch auch ihre Gefahren
und ich wollte wir oder Aurelia hätten die Terrasse des Gartens Boboli nie
gesehen«
»Wünschen Sie mir Glück liebe Frau von Willnangen ich atme freier Aurelia
hat heute in aller Frühe Florenz verlassen um die große lange beabsichtigte
Reise durch Sizilien nach Griechenland endlich anzutreten und es scheint mir
als ob Hippolit das trügerische Schattenbild Gabrielens das in der letzten Zeit
ihn wohl öftrer betrübt als erfreut haben mag nicht ungern endlich schwinden
sah Ein kleiner Missgriff zu welchem Aurelien ihre Unsicherheit in Hinsicht
seiner wohl verleitet haben kann ist wahrscheinlich die nächste Veranlassung
dieses plötzlichen Aufbruches gewesen Vermutlich ward sie ungeduldig über
seine anscheinende Blödigkeit die ihn wie sie meinte verhinderte eine Bitte
auszusprechen welche sie ihm oft genug so nahe legte dass ich kaum begreife wie
er ihr ausweichen konnte nämlich die sie auf der Reise nach Griechenland
begleiten zu dürfen Ihre Ungeduld brachte sie dahin ihm anzubieten was sie
freilich lieber seinen dringenden Bitten zögernd gewährt hätte und nun stellen
Sie sich das bittere Erstaunen vor mit dem sie den so furchtsam gehaltenen
Jüngling das Anerbieten von sich weisen sah und zwar auf die feinste aber auch
bestimmteste Weise Ich gestehe Ihnen ich selbst muss dieses feste Entsagen
bewundern denn sowohl die Reise als die Reisegesellschaft können schwerlich
reizender erdacht werden
    Dass Aurelia nach der ersten bittren Sekunde die sie benutzte um sich von
ihrem Erstaunen zu erholen genug Fassung behielt um aus dem ganzen Anerbieten
einen gar nichts sagen wollenden Scherz zu machen war ihr wohl zuzutrauen doch
scheint sie den Verdruss über Hippolitens Benehmen recht tief empfunden zu haben
Dies schließe ich unter andern auch aus der Eile mit der plötzlich alle so
lange vernachlässigte Reiseanstalten betrieben wurden und aus ihren
wiederholten Versicherungen dass sie die englische Familie mit der sie schon
längst diese Reise verabredet hatte unmöglich länger auf sich warten lassen
könne In der Tat hatte sie diese unter allerlei nichtigen Vorwänden von
einer Woche zur andern hingehalten und ich musste schon längst die Geduld der
guten Leute im Stillen bewundern
    Genug die Wagen wurden gepackt und sie ist fort So fahre sie denn hin
Recht glücklich  aber  wenn es sein kann auch recht weit und auf recht lange
von uns und auch von meinem Ottokar auf dessen Frieden ihre Gegenwart doch
störender wirkt als er es sich selbst vielleicht gestehen mag
    Ist es aber nicht entsetzlich dass dieses durch so viele seltene herrliche
Gaben ausgezeichnete Wesen weder glücklich ist noch glücklich macht Wie weit
steht Aurelia in dieser Hinsicht hinter ihrer Mutter der Gräfin Rosenberg
zurück so weit als diese wohl von jeher selbst in ihren blühendsten Zeiten
in jeder andern Hinsicht hinter dem zurückgestanden haben mag was Aurelia ist
und war Und doch ist die Mutter selbst jetzt noch schwerlich weniger
gefallsüchtig und eitel als die Tochter nur äußert sich diese ihre Gefallsucht
auf andre Weise Die Gräfin wollte von jeher nicht sowohl bewundert als gesucht
sein nicht sowohl blendend erscheinen als liebenswert und dies gibt ihr bei
allen ihren übrigen Schwächen einen Anstrich von Gutmütigkeit welche jedem
wohltut der ihr nahen darf Aurelien hingegen beten selbst ihre
alleruntertänigsten Sklaven nur mit Furcht und Zittern an Sie reizt sie
entzückt aber wohl ist noch Keinem bei ihr geworden Sie fahre hin«
»Wunderbar Dieses Zusammentreffen mit der gefährlichen Dame das mir so viel
Sorge ohne Not machte hat meinen Hippolit mir nur noch inniger verbunden
statt mir ihn zu entfremden Ich glaubte je länger ich darüber dachte seine
Verweigerung Aureliens Einladung zu folgen zum Teil auf meine eigne Rechnung
setzen zu dürfen denn ich war nicht ausdrücklich darin mit einbegriffen
gewesen Ich wollte ihm darüber etwas freundliches sagen und da gesteht er mir
mit der liebenswürdigsten Offenheit dass ich gar keinen Anteil an dieser seiner
Entsagung habe dass ich sie ihm überhaupt viel zu hoch anrechne weil durch eine
frühere Reise mit einer französischen Dame ihm jede ähnliche auf Lebenszeit
verleidet sei Mein Erstaunen über diese unerwartete Entdeckung brachte die
Geschichte seines frühern Lebens zur Sprache Guter Gott in welches Labirint
von Gefahren und Verirrungen haben Unbedacht Eitelkeit jugendlicher Übermut
den zu früh sich selbst Überlassnen geführt Welch ein Glück dass die Folgen
einer frühern streng tugendhaften Erziehung seine im Grunde doch sehr edle
reine Natur mitten in all der Verworrenheit bei Kräften erhielt dass es nur
einer hülfreichen Hand von außen bedurfte um ihn aus dem Sumpfe von Torheit zu
erretten an dessen Rande er in jugendlicher Unvorsichtigkeit und kindischem
Mutwillen herumgauckelte«
Dass Gabriele dieser rettende Engel gewesen sei brauchte Hippolit seinem
weltklugen Freunde nicht zu vertrauen um ihn davon zu überzeugen Auch
schwiegen beide über diesen Punkt aber es entstand zwischen ihnen jenes zarte
wortlose Verstehen das einem wunden Gemüte so wohl tut Ernesto machte es
sich von nun an zur heiligsten Pflicht durch ernste Vorstellungen und
anhaltendes Beschäftigen mit einem großen Gegenstande den ihm mit jedem Tage
werter gewordnen Jüngling dem mutlosen Schmerz der trübsinnigen Verworrenheit
zu entreißen in die er nur zu oft noch versank Der klassische Boden den sie
jetzt langsam durchzogen bot ihnen Anlass und Stoff zu geisterhebender
Betrachtung einer kolossalen Vorwelt und Ernesto benutzte alles um seinen
Liebling auf das gründlichste und vielseitigste auszubilden Es währte nicht
lange so entdeckte er in ihm einen jener Seltenen von der Natur
Hochbegünstigten denen das Schwere leicht wird denen das unerreichbar
Scheinende von selbst zufällt und die ohne Anstrengung ja beinahe ohne Fleiß
alles Wissenswerte nicht sowohl erlernen als es sich aneignen mit Kraft und
Geist dabei bemerkte er abermals mit großem Wohlgefallen wie ihm Hippolits
erste fast gelehrte Erziehung kräftig vorgearbeitet habe Bei jedem Anlass dazu
entwickelte dieser Kenntnisse von deren Besitz er kurz vorher kaum selbst eine
Ahnung gehabt haben mochte weil sie in ihm geschlummert und nun durch den
Zufall geweckt wie neu gewonnen ihm erschienen So knüpfte jede mit einander
verlebte Stunde beide fester an einander und Ernestos Blick ruhte oft mit
wahrhaft väterlichem Stolz auf dem geliebten Zögling der ihn dafür wie ein
liebender Sohn treu und innig verehrte
Moritz zog indessen von einem Bade in das andre um seine neuerfundene Theorie
des Spieles zu vervollkommnen jedoch ohne dabei auf Gabrielens Begleitung
Ansprüche zu machen eine Schonung die sie ihm um so herzlicher verdankte da
sie dadurch zu der lange gewünschten Reise zu ihren Freundinnen in Lichtenfels
Zeit gewann Der kleine Kreis in dessen Mitte sie einst so schöne Tage
verlebte fand sich dort wieder ungetrennt beisammen denn der General hatte
Adelberten mit dem Anfange des Frühlings den Seinigen wieder gegeben
    Alle empfingen Gabrielen wie man ein lang vermisstes Glück empfängt und das
Leben ging im Äußern wieder den lieben gewohnten Gang doch im Innern war es
anders geworden
    Adelbert und Auguste wandelten so still mit so ängstlicher Schonung neben
einander her als wären sie von Todtkranken umgeben Die Liebe war geblieben
aber das Vertrauen war entflohen und eben weil es entflohen war strebten sie
sich zutraulicher als je zuvor gegen einander zu bezeigen um nur keinem
geliebten Herzen wehe zu tun Nur der von allen gleich verehrte Greis der
General Lichtenfels trat mit gewohnter Sicherheit fröhlich und nichts ahnend
unter ihnen auf Weil keine Klage laut ward weil aller Blicke ihm lächelten
glaubte er jede Wunde geheilt Und wenn er auch zuweilen das ehemalige rege
Leben unter ihnen vermisste so schob er dieses auf die zu große Einförmigkeit
in der sie so lange Zeit hingebracht hatten Gastfrei wie in glücklichern
Tagen suchte er diesem bald abzuhelfen er öffnete von neuem sein Haus Freunde
und Bekannte strömten wieder herbei und aufs neue wurde das frühere gesellige
Treiben in Gang gebracht das einst Augusten und Adelberten zusammenführte
Alles zeigte sich ihm heiter und fröhlich wie damals und so glaubte er gern an
ein Glück das er so innig wünschte und so angelegentlich herbeizuführen sich
bemühte
    In stiller Wehmut betrachtete indessen Gabriele das zerstörte Lebensglück
ihrer Freunde obgleich man ihre Ehe nicht eigentlich unglücklich nennen konnte
Nie ward ein Zwiespalt zwischen ihnen laut vielmehr suchte jedes von ihnen dem
unausgesprochnen Wunsche des andern mit geschäftiger Aemsigkeit zuvorzukommen
Mit ängstlicher Sorgfalt vermied Auguste jedes Wort jede Miene die in ihrem
Gemahl den leisesten Argwohn erregen konnten als gedenke sie noch jener
Verirrung die er so schmerzlich bereute und so streng zu büßen im Begriff
gewesen Adelbert war seinerseits ebenfalls lauter Liebe und Aufmerksamkeit und
beide erschienen in der Gesellschaft als Muster des schönsten ehelichen
Verhältnisses Nur das scharfblickende Auge inniger Freundschaft konnte hier
ahnen dass jenes sonst sie beseligende Empfinden gegenseitigen Glücks jenes
Leben des einen in dem andern den laut Gepriesnen auf ewig entschwunden sei
Sie liebten sich noch aber wie Verstossene aus dem Paradiese einer Unschuldswelt
sich lieben können Das stille ruhige vertrauensvolle Gefühl war zu einer Art
Leidenschaft umgewandelt die in Momenten des glühendsten Aufwallens oft in der
Tiefe ihres Gemütes einem verbissenen Hassen glich Trotz aller Anstrengung
konnte Adelbert nie vergessen dass Auguste ihm vergeben habe so wie sie stets
daran denken musste dass sie ihm etwas zu vergeben gehabt habe Beide fühlten den
Zwang auf etwas achten zu müssen was ihnen sonst nie in den Sinn gekommen war
auf ihr Benehmen gegen einander Und so geschah es denn oft dass sie mit
ausbrechender Wehmut sich von einander abwandten wenn der Zufall sie ohne
Zeugen einmal zusammen führte und sich dann mit wilder Hast mitten im Strudel
der Gesellschaft vor dem eignen Herzen zu retten suchten welches ihnen ihre
ehemalige Seligkeit und ihr jetziges Elend laut zurief
    Frau von Willnangen sah anfangs tief bekümmert dem Verhältnisse ihrer Kinder
zu dessen trübe Seite ihr nicht entgehen konnte Bald aber bewährte sich von
neuem ihr glückliches Talent stets das Beste zu hoffen sie gedachte ihrer
eignen Ehe an der Seite eines über alles geliebten Gatten dem sie mit Freuden
ihr Leben weihte und dadurch unendlich beglückt war obgleich er ihre glühende
Liebe nicht in eben dem Maß zu erwidern vermochte Ihre Fantasie spiegelte ihr
in dem jetzigen Verhältnisse ihrer Auguste eine trügerische Ähnlichkeit mit dem
eignen früheren vor und so kam sie nach und nach zu der beruhigenden
Überzeugung dass Zeit und Liebe zu den mit jedem Tage sich anmutiger
entwickelnden beiden Kindern alles bald wieder auf das Schönste ordnen und
beruhigen werde Sie versuchte es auch Gabrielen ihren heitern Glauben an die
Zukunft mitzuteilen und diese ließ ihr gern den beruhigenden Irrtum dem sie
selbst sich hinzugeben nicht vermochte
    Gabriele durchschaute zu klar die tiefe nie wieder herzustellende
Zerrüttung eines einst seltenen Verhältnisses das so wie die Dinge jetzt
standen sich höchstens nur noch zu etwas sehr Gewöhnlichem gestalten konnte zu
einer leidlichen Ehe in der man aus Gewohnheit und um der Kinder willen
einander gegenseitig erträgt Ihr Herz blutete für Augusten deren gegenwärtiges
Loos ihr sogar trauriger als das eigne dünkte weil der zur Armut
herabgesunkene Reiche weit beklagenswerter ist als der in Dürftigkeit Geborne
Aber sie hütete sich eben so sehr das Herz ihrer mütterlichen Freundin durch
diese ihre eigne Ansicht zu verwunden als sie jedes Gespräch mit Augusten
sorgfältig vermied das zu irgend einer Erklärung über diesen Gegenstand führen
konnte Gabriele wusste aus eigener Erfahrung dass es Seiten im menschlichen
Herzen und Verhältnisse im Leben gibt welche selbst die zarteste innigste
Freundschaft nicht mit einem Hauche zu berühren wagen darf
Den Schmerz um ihre Freunde abgerechnet erfreute Gabriele sich indessen doch
eines Zustandes der mit den letzt vergangenen unruhvollen Jahren sehr angenehm
kontrastirte Augustens Kinder waren die Freude ihres Lebens mit ihnen und in
der stillen Beschäftigung mit sich selbst welche ihr durch das zerstreute Leben
in der Residenz so erschwert worden war brachte sie die erste Hälfte des Tages
in der ruhigen Einsamkeit ihres Zimmers zu Der Abend wurde ihren Freunden
geschenkt besonders der Erheiterung des freundlichen Oheims den sie seit sie
ihn näher kennen gelernt hatte gleich einer liebenden Tochter verehrte Die
Verlängerung von Moritzens Reise die sich auf unbestimmte Zeit über den Winter
hinaus ausdehnte erlaubte ihr den Bitten ihrer Freunde nachzugeben und bis zu
seiner Rückkehr bei ihnen zu verweilen Sie tat dieses um so lieber da sie
wohl einsah wie erfreulich ihre Gegenwart den armen Verstörten wenigstens
momentan den Schein vergangner Glückseligkeit zurückgab
    Hippolits Tagebuchähnliche Briefe waren ihr jedesmal wie ein lieber Besuch
dem sie immer zur bestimmten Zeit mit froher Erwartung entgegen sah und auch
wenn er nicht schrieb gedachte sie seiner mit einer eignen Rührung Nie konnte
ihr dankbares Gemüt des hochherzigen Jünglings zarte Aufopferung vergessen mit
der er ertragen hatte was seiner kühnen Natur das Unerträglichste sein musste
um nur sie nicht in ihrer Freundin zu betrüben Für die wilde
Leidenschaftlichkeit der er sich bis zur höchsten Verblendung überlassen hatte
fand ihre nachsichtsvolle alles gern ausgleichende Natur von jeher tausend
Entschuldigungen und seine jetzigen Briefe bekräftigten diese Aus jedem
derselben leuchtete die höhere Entwickelung seines Geistes unter Ernestos
Leitung hervor Sie sah aus ihnen wie der bis jetzt nur in seinen Gefühlen
lebende Jüngling heranreifte zum festen edlen Manne der mit hellem Blicke die
Welt anschaut und aufhört sich und sein Herz für den Mittelpunkt derselben zu
halten Ihr selbst unbemerkt regte sich dabei oft der Wunsch baldigen ruhigen
Wiedersehens in ihrem Gemüt und ward allmählig zur süßen Sehnsucht die ihrem
Leben neuen Wert gab Das Gefühl dessen Bekenntnis Hippolits Entfernung
veranlasst hatte schimmerte zwar noch fortwährend aus seinen Äußerungen hervor
aber es glich einem goldnen Faden der das ganze Gewebe seiner jetzigen Existenz
zusammenhielt und es schien als sähe er es doch als seiner und ihrer unwürdig
an ihr länger nur von sich und seinen Empfindungen zu schreiben dabei waren
seine Bemerkungen über Natur und Kunst über Welt und Leben von einer Tiefe und
Originalität über die sie oft in freudiges Erstaunen geriet
    Ernestos Briefe bestärkten von Zeit zu Zeit ihr frohes Hoffen von der
Zukunft ihres jungen Freundes »Sie sind noch immer die hohe Dame seiner
Gedanken an der er mit der tiefen Verehrung eines ächten Chevaliers der
Tafelrunde hängt« schrieb er ihr einst »Leugnen Sie mir nicht ab obgleich ich
auch nicht fordre dass Sie es mir gestehen sollen dass ich Ihnen hiemit nichts
neues verkünde Machen Sie es wie er geben Sie es mir schweigend zu Weiß ich
doch nicht ob er mehr als ein solches schweigendes Geständnis auch gegen Sie
jemals gewagt hat obgleich ich es aus dem Stottern wohl schließen könnte das
ihn allemal befällt wenn ich der nächsten Veranlassung seiner Reise nach
Italien nachforschen will Nicht minder aus einer gewissen reuigen Wehmut die
ihn leicht bis zu Tränen bewegt wenn er der letzten Tage gedenkt die er in
Schloss Aarheim verlebte Dem sei wie ihm wolle ich danke den Göttern für ihn
und mich dass wir einander fanden Was ich für ihn tue ist alles und nichts
das hohe Gelingen lohnt mir tausendfältig Schön und traurig wie ein Antinous
stand er vor mir bei unserm ersten Zusammentreffen und erregte schon durch
seine äussre Erscheinung das lebhafteste Interesse aber sein Festalten an mir
da er mich erkannte sein Ergeben in meinen Rat in meine Leitung gewann bald
bei dieser seiner rüstigen Jugendkraft etwas so unaussprechlich Rührendes dass
ich mich seiner hätte annehmen müssen und hätte es mich auch das höchste Opfer
gekostet Und so entstand denn eine Verbindung die mir jetzt gegen das Ende
meiner irdischen Laufbahn die höchste Freude gewährt Denn was kann belohnender
sein als der Anblick einer edlen kräftigen Natur die aus geistiger und
irdischer Verirrung mancherlei Art sich tapfer loswindet und dabei das selige
Bewusstsein ihr hilfreich und schützend zur Seite zu stehen Sie Gabriele mögen
immer das schöne Gefühl mit mir teilen Sie haben mir kräftig vorgearbeitet so
kräftig dass ich oft Sie zu sehen und zu hören glaube wenn er recht aus dem
Herzen spricht oder handelt Und so ist es billig dass auch Sie sich Ihres Werks
erfreuen mögen«
Still und ruhig hatte Ottokar indessen seit mehreren Jahren in Rom gelebt in
selbsterwählter Zurückgezogenheit von öffentlichen Geschäften und
Ehrenbezeugungen nur mit sich seinem Knaben der Natur der Kunst und wenigen
auserwählten Freunden Tausend sehr ernste Erfahrungen hatten ihn endlich
überzeugt dass nur in der Kunst entsagen zu können der ächte Stein der Weisen
verborgen liegt An Aureliens marmorglatter und kalter Natur waren alle seine
Versuche fruchtlos abgeglitten sie sich und dem ächten Genuss des Lebens zu
gewinnen So hatte er sie denn endlich aufgegeben und begnügte sich damit
seine Gemahlin nach der von ihr selbst gewählten Weise das Glück suchen zu
lassen indem er ihr Geld und Freiheit gab so viel sie bedurfte oder verlangte
Ersteres machte sein großes Vermögen und eigne Genügsamkeit ihm möglich und dass
Aurelia ihre unumschränkte Freiheit nie auf eine seine Ehre verletzende Weise
missbrauchen könne dafür bürgte ihm ihr Stolz auf die einzige Frauentugend die
sie eigentlich anerkannte und zu deren strenger Richterin sie sich überall
aufwarf Der kleine Herrmann Ottokars sehr anmutig heranwachsender Knabe
gewährte ihm wenigstens einen Teil des häuslichen Glücks nach dem er sich
stets gesehnt und das er leider an Aureliens Seite nie hatte finden können In
der Freude über ihn vergaß er gern alles was die Welt sonst noch ihm versagt
hatte Er näherte sich jetzt dem Alter in welchem die Stürme in der Brust
denen er früher mit Mut und Kraft entgegen kämpfen musste allmählig von selbst
sich beschwichtigen Seine Jugend lag hinter ihm wie ein halb schöner halb
ängstlicher Traum aus dem Gabrielens kurze Erscheinung gleich einem hellen
Sterne hervorleuchtete Er gedachte ihrer wie einer himmlischen Gestalt die
auf irdischem Pfade ihm einst segnend vorüberschwebte und von höheren Sfären
Kunde und Gewissheit verlieh
    Von ihrem fernen Leben auf Erden seit jener Stunde wusste er nur wenig
Ernesto hatte immer vermieden ihm genaueren Bericht davon zu geben er wollte
gern dem ohnehin auf mancherlei Weise Verletzten unnütze Schmerzen ersparen und
konnte es schweigend nur da er ihm so wenig Erfreuliches zu melden hatte
Ottokar wusste nur dass Gabriele vermählt sei dass sie mit diesem Schritte ihrem
Vater und ihrer Pflicht ein schweres Opfer freudig und willig gebracht Dies war
ja einst sein eigenes Loos auch gewesen und nach der ihn dafür beseligenden Ruhe
seines eignen Bewusstseins musste er auch sie für beglückt halten Freilich vergaß
er dabei der Verschiedenheit des Verhältnisses welches den Frauen das als eine
sehr schwere drückende Last aufbürdet was das freie glücklichere Loos der
Männer diesen auf tausendfache Weise erleichtert
    So fand ihn Ernesto als er gegen Weihnachten mit seinem jungen Freunde in
Rom anlangte Denn die Reise nach Sizilien war aus mehreren bewegenden Gründen
einstweilen aufgegeben Bis jetzt hatte Ernesto sich von innerem Bangen immer
abhalten lassen Hippoliten mit Ottokar bekannt zu machen Von diesem Gefühle
geleitet hatte er sogar die Reise nach Rom so weit hinausgeschoben und Ottokars
nur immer in sehr allgemeinen Redensarten gedacht Eigentlich fürchtete er dass
Gabrielens Name zur Unzeit genannt bei Beiden Gefühle und Erinnerungen
aufregen ja vielleicht Szenen herbeiführen könne die wenigstens ihrer mühsam
errungenen Ruhe neue Gefahr brächten Doch jetzt musste er sich endlich
entschließen den Schritt zu wagen den er nicht länger schicklicher Weise zu
vermeiden wusste Er führte beide einander zu und hoffte dabei weil er es
wünschte dass jeder von ihnen das heiligste Geheimnis seiner Brust wohl zu
bewahren wissen werde
    Hippolit fühlte sich gleich in den ersten Minuten ihres Beisammenseins von
Ottokars Erscheinung mächtig ergriffen Kein sterbliches Wesen selbst Gabriele
nicht hatte sein Herz mit so unaussprechlicher Ergebung mit so ganz
rücksichtsloser reiner Neigung beim ersten Anblick erfüllt als der schöne
ernste und dabei so unsäglich milde Mann aus dessen hell leuchtendem Auge
jugendliche Kraft und Wärme sprach während er ausgerüstet mit aller Würde und
allen Vorzügen des reifern Alters vor ihm stand
    Auch Ottokar ward von Hippolits liebenswürdigem und bescheidnem Wesen
angezogen dieser kam ihm wie ein jüngerer Bruder vor zu dessen vollendeter
Bildung mitzuwirken er mit der lebendigsten Teilnahme sich verpflichtet
fühlte Und so erbot er sich mit Ernesto sein steter Begleiter zu allen jenen
Wundern der Vorwelt zu werden welche keine feindliche Macht dem heiligen Boden
entführen konnte der eine lange Reihe von Jahrhunderten hindurch sie treu
aufbewahrte und aufbewahren wird Innigst erfreut über Hippolits reges und
richtiges Gefühl schwelgte er an seiner Seite im frohen Nachempfinden jener
Tage in denen er selbst zuerst dies klassische Land betrat Dafür teilte
Hippolit Ottokars Freude an dem kleinen Herrmann der sich sehr schnell
gewöhnte ihn als seinen liebsten Spielgefährten zu betrachten So ordnete sich
bald ein für Alle sehr genussreiches Zusammenleben nur Ottokars Nähe schien
Hippoliten noch gefehlt zu haben um ihn ganz auf die Stufe der Bildung zu
heben für welche seine Natur ihn bestimmte bei ihm fand er im glücklichsten
Verein den würdevollen Ernst des vollendeten Mannes mit fast weiblich weichem
Zartgefühl auf das innigste verbunden und während Ernesto Hippolits Geist
dessen Verstand und Wissen mit alle dem Reichtum ausstattete den er selbst in
so hohem Grade besaß würkte Ottokar nicht minder wohltätig auf sein Gemüt Er
verhalf ihm zu jener Klarheit in seinem Empfinden welche er selbst mühsam
errungen hatte und weihte ihn dadurch zu jedem Opfer jeder Entsagung welche
das Leben im Laufe einer wahrscheinlich sehr langen Zukunft von ihm ferner noch
heischen mochte
So waren mehrere Wochen vergangen während welchen sich Hippolit immer fester an
Ottokar anschloss als dieser zufällig von einer leichten Unpässlichkeit gezwungen
ward einige Tage zu Hause zu bleiben Hippolit eilte auf die erste Nachricht
davon herbei und fand ihn allein in einem abgelegnen Kabinett zu welchem sonst
jedermann der Zutritt versagt ward und das auch selbst er noch nie vorher
betrat
    Eine einzige Zeichnung über dem Schreibtisch schmückte die mit grüner Seide
ganz einfach bekleideten Wände des kleinen traulichen Gemachs sie musste dem
Eintretenden gleich in die Augen fallen und erstarrt bleich wie ein Sterbender
blieb Hippolit wie eingewurzelt vor Gabrielens Abbildung ihrer väterlichen Burg
stehen dem einzigen Angedenken von ihr das Ottokar vor jedem fremden Blick
hier wie ein Heiligtum aufbewahrte
    Ottokar fuhr über den Zustand seines Freundes erschrocken vom Divan auf
auf welchem er lag Er musste ihn von einem plötzlichem Übel befallen glauben
und wollte ihm zur Hilfe eilen als dieser in aller früheren mühsam bekämpften
Heftigkeit seines Wesens in seine Arme sich warf und ihn fest umklammerte
    »Ja Du bist es« rief er und das Weh eines ganzen Lebens lag in dem
schmerzlichen Ton dieser Worte »Du bist es Wer anders konnte es sein als Du
Wie war es möglich dass ich Dich nicht gleich erkannte Nun ist mir alles klar
ja nur Dich nur Dich konnte Gabriele lieben und nur Du konntest ihr entsagen
O ich Verblendeter Dass ich erst jetzt dieses weiß«
    Auch Ottokar erstarrte als er diesen Namen von diesen Lippen so nennen
hörte »Gabriele« rief er »kennst Du Gabrielen Kennst Du dies Schloss«
    »Ob ich es kenne ob ich Gabrielen ob ich Schloss Aarheim kenne« antwortete
Hippolit seine Augen blitzten und alles Blut aus seinem Herzen färbte die
erblichnen Wangen in Purpurglut Er sprang auf und riss sein Taschenbuch hervor
in welchem er eine kleine Kopie von Ernestos Virginia aufbewahrte die er auf
Schloss Aarheim heimlich zu zeichnen Gelegenheit gefunden hatte »Sieh her« rief
er »blick her und Du Du bist ja Icilius unverkennbar mein Gott wie gehen
mir jetzt erst die Augen auf«
    Ottokar betrachtete das Blatt auch er erbleichte tief erschüttert und
kaum vermochte die zitternde Hand es fest zu halten denn eine Ahnung des ganzen
Umfanges von Gabrielens traurigem Geschick ging ihm zum erstenmal aus diesen
Zügen auf Mit einer Art Beschämung fühlte er plötzlich wie vergleichungsweise
glücklich er diese Reihe von Jahren verlebt hatte während sie den bittersten
Kampf mit dem Leben bestand Schweigend standen beide einige Minuten einander
gegenüber doch dem geprüften festeren Manne gelang es eher Fassung zu erringen
als dem wild bewegten sturmvollen Herzen des Jünglings Ottokar nahm ihn an
seine Brust wie ein Vater sein liebes verwundetes Kind er zog ihn zu sich er
sprach ihm liebkosend zu mit seiner sanften beruhigenden Stimme Hippolit
erkannte die Töne die einst auch in Gabrielens Herzen wiederhallten er konnte
ihrem Zauber nicht widerstehen sie beschwichtigten allmählig das Toben in
seinem Innern und nun begann zwischen beiden edlen Menschen eine Szene des
innigsten Vertrauens Ihre Seelen alle ihre Gedanken ergossen sich in einander
was nie über ihre Lippen gekommen war gestanden sie sich hier offen wahr
ohne Rückhalt alles tief im Herzen Verborgne kam zur Sprache und diese Stunde
die bei minder Vorzüglichen vielleicht eine ewige Trennung bewirkt hätte
verband sie einander für Zeit und Ewigkeit
    Den ganzen Tag hindurch ließ Ottokar den jetzt ganz Gewonnenen nicht von
seiner Seite Ernesto kam hinzu es war unmöglich ihm was vorgegangen zu
verhehlen und er sah mit freudiger Rührung neues ihm unerwartetes Heil aus
einer Entdeckung entstehen die er nur deshalb so ängstlich abzuwenden gesucht
hatte weil die Erfahrung eines langen Lebens unter den Menschen ihn um den
Glauben an die hohe Reinheit des Gemüts gebracht hatte die ihm doch hier fast
am Ende seiner Laufbahn aus der Brust seiner Lieblinge so hell entgegen
strahlte
Ottokar nachzustreben in allem nur Erreichbaren war von nun an Hippolits
felsenfester Entschluss
    »Sie hat ihn geliebt und er konnte ihr entsagen« sprach er in einer ernsten
Stunde des reinsten Vertrauens zu Ernesto »Auch ich entsage ich der
Ungeliebte der hoffnungsloser als je doch ewig ihr Bild im Herzen tragen muss
Ich kann sie nie gewinnen nun so sei all mein Streben ihrer wert zu werden
wie Ottokar es ist Kein Laut kein Blick verrate von nun an meinen stillen
Schmerz auch Sie Ernesto ich flehe darum ehren ihn durch Schweigen«
    Andre Pläne andre Hoffnungen reiften indessen in Ottokars edler Brust Erst
jetzt durch die Zeichnung Ernestos zur Sprache gebracht hatte er von diesem
treuen Freunde vernommen welche lange Reihe von Entsagungen und Opfern jeden
Tag in Gabrielens Leben bis zu dieser Stunde bezeichnete Seine reuige Wehmut
wenn er den Abstand zwischen seinem und ihrem Geschick betrachtete steigerte
sich zu einer ängstlich drückenden Höhe ihm war als habe auch er ihr Unglück
mit verschuldet und müsse jetzt nur suchen sie zu erretten In aller
unerträglichen Lächerlichkeit und Widerwärtigkeit sah er Moritz neben Gabrielen
unablässig wie ein Schreckbild stand dieser vor seiner Fantasie Er vermochte es
nicht sich von ihm abzuwenden im Gegenteil ward er nicht müde Ernesto über
seine Persönlichkeit auszufragen als hoffe er dennoch endlich etwas zu
vernehmen das ihm Trost zu geben vermöchte Und zuletzt blitzte wirklich
während eines solchen Gesprächs wenigstens ein Hoffnung verheissender Strahl in
ihm auf
    »Nein« sprach er endlich sich selbst zum Troste »die Natur wird nicht
ungerecht sein sie wird nicht die Lebenszeit des kränklichen Greises bis an die
äußerste Gränze des menschlichen Lebens hinaus rücken um die Qual jenes
himmlischen Wesens zu verlängern Gabriele wird frei vielleicht bald und wer
wäre dann des Glücks würdiger die trübe Erfahrung ihres Lebens auszugleichen
jede qualvolle Erinnerung zu verlöschen als dieser seltene Hippolit mit seiner
unendlichen Liebe An sich selbst dachte Ottokar nicht dabei von jeher glich
sein Gefühl für Gabrielen mehr der anbetenden Bewunderung als irdischer Liebe
Jugendlich schön fast noch in holder Kindlichkeit wie sie in jener einzigen
unvergesslichen Stunde ihm erschienen war um schnell wieder zu verschwinden
schwebte ihr Bild noch immer unverändert vor seinem inneren Sinn es konnte ihm
nicht einfallen sich selbst des Glücks noch würdig zu halten ihr alle ihre
Leiden zu lohnen sogar wenn ein unerwartetes Geschick die Bande zerreißen
sollte die ihn an Aurelien fesselten und die er selbst nie eigenmächtig zu
lösen längst entschlossen war Die bedeutende Reihe von Jahren die er vor
Gabrielen vorauszählte hatte ihn jener Zeit zugeführt wo jedes
jugendlichwildaufbrausende Gefühl in milderes Empfinden übergegangen ist
Gabrielen noch dereinst glücklich zu wissen mit dem Bewusstsein selbst zu ihrem
Glück beigetragen zu haben ward ihm jetzt zum vorherrschenden Wunsch der immer
und überall ihn verfolgte Hippolits unveränderte mit jedem Tage steigernde
Liebe zu ihm die ganze Liebenswürdigkeit seiner Natur zogen ihn immer mehr an
er gewöhnte sich ihn nur mit Hinsicht auf Gabrielen zu betrachten Bald kam er
dahin sich Beide schon jetzt als Eins zu denken und so machte er es sich zum
angelegentlichsten Geschäfte ihm überall zur Seite zu stehen Gabrielens Name
ward nach jenen ersten Stunden heiligen Vertrauens nie wieder unter ihnen
genannt doch beide lasen ihn oft eins in des andern Blicken Auch Ernesto
schwieg und beruhigt durch Hippolits Herrschaft über sich selbst gab er sich
heiterer wie zuvor der Freude an den Fortschritten seines Zöglings in allem
Edlen Guten und Schönen hin ohne weder über die Vergangenheit noch über die
Zukunft ängstlich zu grübeln
An der Seite seiner edlen Freunde angeregt und ermutigt durch Ottokars Nähe
und Ernestos klaren welterfahrnen Sinn gelangte Hippolit zu immer sicherer
Gewalt über sich selbst Das Jahr neigte sich zu Ende und er fühlte jetzt im
gerechten Vertrauen auf sich dass er es wagen dürfe Gabrielen um die Erlaubnis
zur Rückkehr zu bitten Sie hatte sie ihm beim Scheiden unter Bedingungen
versprochen deren Erfüllung ihm zwar noch schwer aber doch nicht mehr
unmöglich dünkte
    So schmerzlich auch Ottokar die Trennung fühlen mochte bestärkte dieser ihn
doch durch seine Zustimmung in diesem Entschluss und so wagte es Hippolit denn
endlich ihn gegen Gabrielen auszusprechen
    »Fürchten Sie keinen neuen Ausbruch jener vernichtenden Leidenschaftlichkeit
mehr von mir deren ich jetzt nur noch mit einem sehr beschämenden Gefühl
gedenken mag« schrieb er ihr »Sie werden Ihren wilden Edelknaben in nichts
wieder erkennen als in der treusten Anhänglichkeit und unbedingten Ergebung in
Ihren Willen Mögen Sie ihn zum zweitenmal und auf immer verbannen wenn je ein
Wort ein Blick ein Atemzug jene trüben Tage Ihnen zurückruft in denen er mit
umdüsterten befangnem Sinn alles vergaß was er Gott sich selbst und Ihnen
schuldig ist Gabriele sein Sie wieder mild und gütig wie Sie es immer waren
Sie können es ohne Sorge ich will ja nichts als in Ihrer Nähe sein Sie sehen
Sie hören Sie selbst sollen bestimmen wie oft wie lange Und wenn Sie mir nur
eine Stunde ja nur wenige Minuten des Tages vergönnen ich will nicht murren
gegen Ihr Gebot das ich dankbar verehre«
Wenige Wochen nach dem Empfange dieses Briefes stand Hippolit selbst vor
Gabrielen
    Er fand sie allein in ihrem stillen Zimmer in der Residenz wohin sie von
Lichtenfels zur Pflege ihres Gemahls zurückkehren musste der vor einigen Monaten
sehr krank von seinen ermüdenden Streifereien zu Hause angelangt war Hippolit
wankte zwar als er Gabrielen zuerst wieder erblickte doch half ihm die
Bewegung in die sie selbst in diesem Momente geriet dies zu verbergen Ihr
Auge strahlte mit ungewohntem Feuer ein blühenderes Rot färbte ihre Wangen
ihre Gestalt schien noch äterischer als sonst die Zeit hatte ihrer Schönheit
höheren Glanz verliehen und mit der ersten Blüte früher Jugend ihr keinen Reiz
geraubt So erhob sie sich bei seinem Eintritte von ihrem Sessel und suchte
vergebens nach freundlichen Worten ihn damit zu begrüßen Er wagte es nicht
die Hand zu berühren die sie wie unwillkürlich ihm halb entgegenreichte aber
sein Herz sprach laut aus seinem gesenkten Blicke aus der edlen und doch so
demütigen Stellung in der er vor ihr wie vor einem Götterbilde sich
ehrerbietig neigte Der Edelknabe war zum Manne geworden zum männlichschönsten
den ihr Auge je erblickte aus dessen edlen rein harmonischen Zügen jede Spur
jenes wilden Feuers verschwunden war von dem sie sonst so oft erschreckt
worden So hatte Ottokar ihren Jugendträumen vorgeschwebt jetzt erblickte sie
das Traumbild ins Leben gerufen aber veredelt verklärt wie sie selbst in
ihren fantasiereichsten Stunden es nie sich gedacht hatte
    Beide schwiegen in den ersten Momenten Hippolit fand zuerst den Mut dies
Schweigen zu brechen Er brachte Briefe Zeichnungen Kameen Pasten kleine
Mosaiken die Ernesto ihm für Gabrielen mitgegeben hatte und kramte alle die
glänzenden Gaben in liebenswürdiger Geschäftigkeit vor ihr auf dem Tische aus
    Von ihnen wendete sich das Gespräch auf sein Leben und seine Reisen in
Italien Er sprach viel von Ernesto endlich wagte er es sogar Ottokars Namen
zu nennen und Gabrielen manches Angenehme von dessen jetzigem Leben
mitzuteilen Er tat es mit etwas unsichrer Stimme und gesenktem Blick ohne
jedoch Ottokars in irgend einer genauern Beziehung zu Gabrielen zu erwähnen Er
sprach von ihm nur als von einem ihm sehr teueren Freunde dem er unendlich
viel verdanke Es war das letzte schwerste Erproben seiner Standhaftigkeit das
er sich selbst auferlegt Er hatte darin bestanden aber jetzt vermochte er auch
nicht mehr Er erhob sich um Abschied zu nehmen und bat nur noch um die
Erlaubnis zu einer gelegenen Stunde auch Moritzen begrüßen zu dürfen
    Hippolit hatte während seines Besuchs beinah allein gesprochen denn
Gabriele vermochte es kaum über sich dann und wann einige Worte der
Schicklichkeit zu Liebe einzuschieben sie war ganz Auge ganz Ohr hingerissen
vom lebhaftesten Erstaunen über die unglaubliche Veränderung die in weniger
als zwei Jahren wie durch ein Wunder bewirkt ihr hier entgegenleuchtete
    In tiefem Nachsinnen und doch fast ohne Worte für ihre Gedanken blieb
Gabriele lange wie in sich verloren War das der Hippolit welcher einst so keck
und vorlaut an dieser nämlichen Stelle auftrat War das der wilde rohe Jüngling
dessen ungebändigten Sinn sie unlängst mit so ernster Strenge zurecht zu weisen
gezwungen war Ihr Herz regte sich laut in ungestümen Schlägen ihre Wangen
glühten vor Freude meinte sie über diese glückliche Verwandlung Eine ihr
unerklärliche Unruhe hielt sie mitten in diesem frohen Gefühle befangen die bei
dem Gedanken ihn am Abend wieder zu sehen in ihr ein Bangen erregte wie sie
kaum damals es empfunden hatte als sie ein Neuling in der Welt zwischen
Fürchten und Hoffen Ottokars Gegenwart im Salon ihrer Tante entgegenging
    Endlich am Abend erschien Hippolit in Moritzens Zimmer Der mürrische Kranke
empfing ihn mit bitteren Vorwürfen über seine plötzliche Abreise von Schloss
Aarheim die Hippolit mit vieler Sanftmut ertrug Bald fühlte sich Moritz
wieder von dem gewohnten Zauber hingerissen den die Gegenwart seines ehemaligen
Lieblings stets an ihm übte Er wurde immer freundlicher zuletzt war alles
Unangenehme so weit vergessen dass er nur aufs neue mit Bitten in ihn drang
sein Haus wie ehemals als sein eigenes zu betrachten Der ihm nun wieder ganz
zugeneigte Alte trug ihm sogar eine Wohnung in demselben an er drang sie ihm
fast auf und Hippolit bedurfte aller seiner Gewandheit im Leben um dies
Anerbieten bescheiden von sich abzuweisen Er tat es ohne dabei den Blick zu
Gabrielen zu erheben die hocherrötend und schweigend der Verhandlung zuhörte
ohne die mindeste Äußerung über sie zu wagen Sie schämte sich innerlich ihrer
Verlegenheit dabei denn sie glaubte nun fest überzeugt sein zu können dass in
Hippolits Gemüt keine Spur von jenem Gefühl mehr lebe das sie einst zwang ihn
zu verbannen und doch vermochte sie es nicht über sich diese wunderbare ihr
selbst unerklärliche Befangenheit zu besiegen
Von nun an war Hippolit aufs neue Gabrielens täglicher Gast Sein Betragen blieb
sich immer gleich Immer erschien er gelassen sanft freundlich gegen Moritzen
voll inniger Teilnahme und ungeheuchelter Ehrfurcht gegen Gabrielen Zuweilen
fand er sie allein öfter am Krankensessel ihres Gemahls der von einem
unheilbaren Astma ergriffen in manchen Augenblicken Todespein litt von der er
sich aber stets nach einigen qualvollen Minuten schnell wieder erholte Zufolge
des Ausspruchs der Ärzte konnte er noch viele Jahre lang mit diesem Übel
kämpfen ehe es ihn überwältigte
    Einst nicht lange nach seiner Ankunft überraschte Hippolit Gabrielen eben
da sie zitternd vor Frost in der unfreundlichsten Jahreszeit bei
weitgeöffneten Türen und Fenstern den atemlosen Kranken unterstützte der für
seine gequälte Brust nur in der fürchterlichsten Zugluft einige Erleichterung
fand und sie dabei in seinem bewusstlosen Zustand fest umklammert hielt Der
Anfall ging vorüber und Hippolit gewann Zeit und Kraft Gabrielen zu betrachten
welche mitleidige Tränen im schönen Auge erschöpft hinsank
    Sein Herz stand still vor Entsetzen da ihm in diesem Momente die Gefahr
plötzlich entgegenstarrte der sich dieses zarte Wesen täglich aussetzte Und
für wen
    Die auf ihren vorher so bleichen Wangen schnell erblühende tiefe Röte das
ungewohnte Strahlen ihrer Augen bezeichnete sie seinem vorahnenden Herzen auf
einmal als eines jener Opfer welche der langsam heranschleichende Tod erst mit
überirdischer Schönheit schmückt ehe er sie früh und auf immer erbleichen lässt
    Von ungeheurer Angst getrieben ergriff er nun die erste einsame Stunde mit
ihr um sie um Schonung für sich selbst anzuflehen Es war die erste Bitte die
er seit seiner Rückkehr aus Italien an sie wagte wenn sie sie ihm gewährte
sollte es auch die letzte sein dies gelobte er auf das Heiligste Gabriele
konnte sie ihm weder versagen noch gewähren und Hippolit sah sich dadurch
gezwungen sie von nun an gleich einem teuren Kleinod argwöhnisch zu bewachen
Er beschloss so viel Zeit als möglich in ihrem Hause zuzubringen entstehe
daraus was da wolle um nur gleich zur Stelle zu sein wenn der Kranke so
gefahrvollen Beistand verlange Denn eigensinnig wie immer erklärte dieser ihn
nur von seiner Gemahlin oder Hippoliten annehmen zu wollen
    Die Welt eigentlicher was man in großen Städten die Welt zu nennen pflegt
begann freilich hier und da des glänzenden Fremdlings stete Anwesenheit im
Aarheimischen Hause zum Ziel ihrer Bemerkungen zu machen doch in der
Abgeschiedenheit in welcher Gabriele jetzt lebte vernahm diese wenig davon
Weniger noch Hippolit Denn sowohl sein Äußeres als die Erinnerung an sein
Betragen gegen Adelberten waren ganz dazu geeignet jedermann den Mut zu einem
unziemenden Scherze gegen ihn zu benehmen
    Und so war Hippolit jetzt glücklicher als er es je zu werden gehofft hatte
er war es in der Überzeugung dass es ihm wirklich gelänge zur Erhaltung und
Erleichterung des geliebten Wesens beizutragen für das er mit Freuden sein
Leben hingegeben hätte Ein freundlicher Stern schien dabei sein Bemühen zu
begünstigen denn Moritz ward bald darauf scheinbar besser wie das bei Kranken
seiner Art zuweilen wohl auf kurze Zeit geschieht und er ermangelte nicht dies
einzig der treuen Pflege seines jungen Freundes zuzuschreiben Seine
beängstenden Anfälle verließen ihn einstweilen fast gänzlich dafür aber stellte
sich seine alte Feindin die Langeweile wieder ein und er machte jetzt weit
stärkere Ansprüche als je zuvor auf Hippolits und Gabrielens Gesellschaft in den
Abendstunden
    Um der Unterhaltung eine leidliche Wendung zu geben trug Hippolit allmählig
alle seine in Italien gesammelten Kunstschätze herbei Gemälde Zeichnungen
Kupferstiche kleine Antiken gaben Moritzens Zimmer gar bald das Ansehen eines
Museums Wunderbarer Weise bildete dieser sich mit einemmale ein ein großer
Kunstkenner geworden zu sein da indessen seine Redseligkeit durch sein Übel
sehr gehemmt ward so war er weit weniger störend als sonst und blieb
gewöhnlich nur ein größtenteils stummer Zuhörer von dem was Hippolit und
Gabriele mit einander sprachen Er behauptete indessen sehr ernstlich diese
Unterhaltungen besonders Hippolits Erzählungen ungemein ergötzlich zu finden
spielte aber dabei doch mit sich ganz allein eine Schachpartie nach der andern
wie Philadelphia sie in seinem Schachbuche vorschreibt samt allen Abänderungen
jedes einzelnen Spieles Triumfirend rief er sein »Matt« aus wenn die Weißen
gewannen die er nach seines Meisters Beispiel der die Schwarzen gewöhnlich
schlecht spielen lässt in besonderen Schutz genommen hatte dabei glaubte er
steif und fest sich den ganzen Abend über einzig mit der Kunst beschäftigt zu
haben
    Hippolits und Gabrielens Unterhaltung gewann durch dieses sonderbare
Beisammensein einen ganz eignen Reiz eine fast größere Freiheit als wären sie
ganz ohne Zeugen gewesen Moritz vertiefte sich immer mehr in sein Studium des
Schachspiels und mischte sich immer weniger in ihr Gespräch Die Kunstwerke um
sie her und Hippolits in Italien unter Ernestos Leitung sehr ausführlich
geschriebnes Tagebuch gaben ihnen stets neuen unendlichen Stoff
    Gabriele ward in mancher Hinsicht jetzt wirklich die Schülerin ihres
Freundes anstatt dass er sonst in Schloss Aarheim von ihr lernte Lächelnd
erwähnte sie einst gegen ihn dieser seltenen Umwandlung
    »Bin ich nicht alles durch Sie« erwiderte er ihr »Sie allein erweckten
mich ja zu diesem neuen erhöhten Leben Sie öffneten mir ja zuerst das Reich der
Kunst und führten mich zur beseligenden Erkenntnis der ewigen Schönheit O
Gabriele wüssten Sie mit welchem Wonnegefühl ich mir täglich zurückrufe was
ich Ihnen alles verdanke Möge nur ein günstiges Geschick mir erlauben Ihnen
stets zur Seite zu stehen wie jetzt um mit jedem Atemzuge Ihnen zu beweisen
dass ich nur für Sie lebe für Sie die mich allein dem Sonnenlichte und der
Hoffnung erhielt«
    Ein Monat nach dem andern verging auf diese Weise und Hippolit fühlte mit
immer tiefrer Überzeugung dass weder Zeit noch Veränderung des Ortes seinem
Gemüt in Hinsicht auf Gabrielen eine andre Richtung gegeben habe noch geben
könne Sie nur tronte gleich einem Götterbilde in seinem Herzen und die
Einsamkeit war noch oft Zeuge seines Schmerzes Unendliches Mitleid mit ihr mit
sich und auch mit Ottokar hielt manche bange lange Nacht hindurch den Schlummer
fern von seinem Lager Doch er hatte gelobt sich zu beherrschen und er führte
es mit bewundernswerter Standhaftigkeit aus Er kam und ging und kein Wort
kein Blick durfte sein Geheimnis verraten Er dachte wohl daran dass Gabriele
auf diese Weise setne frühere Liebe zu ihr als erloschen und in ruhige
Freundschaft umgewandelt betrachten würde aber er war bereit auch dieses zu
tragen um nur den innern Himmelsfrieden der hochgeliebten Frau nie wieder zu
trüben
Aechte Liebe und Bescheidenheit gehen stets Hand in Hand Deshalb kam in
Hippolits Seele keine Ahnung von dem was in qualvoller Seligkeit ihn vielleicht
zum Wahnsinn getrieben hätte wäre es von ihm erkannt worden Ach jener
Himmelsfriede den er schonen wollte war längst aus Gabrielens Brust gewichen
und entfremdete sich ihr immer mehr und mehr mit jedem Tage den Hippolit in
ihrer Nähe verlebte Während die unablässige Sorgfalt mit der er in Gabrielens
Gegenwart stets über sich selbst wachte ihm keine Zeit ließ sie anders als in
Hinsicht auf ihre Zufriedenheit mit ihm zu beobachten entzückte ihn zwar die
holde Freundlichkeit mit der sie ihn gewöhnlich behandelte aber er dachte
dabei nur daran sich dieses sein gegenwärtiges Glück zu erhalten und war weit
davon entfernt zu kühnern Hoffnungen den Blick zu erheben
    Auch Gabriele blieb Wochen und Mondenlang sich selbst ein Rätsel dessen
Auflösung sie ohne sich dessen bewusst zu sein immer weiter hinaus schob Vom
Rückblick auf das frühere von ihrer Seite so ruhige reine Verhältnis zu
Hippoliten geblendet glaubte sie es sei noch wie ehemals Sie ahnte nicht
was alles Blut ihres Herzens in heißen tobenden Strömen ihren Wangen zutrieb
wenn sie aus fast unhörbarer Ferne den Ton seiner Stimme das Nahen seiner
Schritte vernahm Neues nie zuvor geahnetes Leben war ihr aufgegangen doch sie
erkannte weder dessen Ursprung noch das Stürmen und Wogen welches ihre Brust
mit süßem Schmerz beklemmte himmelweit abweichend von jedem früheren Gefühl
Früh wenn sie erwachte war Hippolit ihr erster Gedanke Sehnsucht ihn wieder
zu sehen ihr erstes Empfinden und dennoch erschrak sie und hätte es gern
abgewendet wenn sein Besuch ihr gemeldet ward War er aber erst da dann begann
ein hohes genussreiches Leben Seine Worte seine Äußerungen entwickelten ihr
täglich eine zuvor nicht gekannte Liebenswürdigkeit eine neue höhere Achtung
fordernde Eigenschaft an dem edlen schönen Manne der dabei in ungeheuchelter
Verehrung sich und jede seiner Handlungen ihrem Willen unterwarf Sie hing an
seinen Blicken an jeder seiner Bewegungen alles andre vergessend bis irgend
ein unbedeutender Zufall sie aufschreckte Verlegen wandte sie sich dann von ihm
ab floh aus seiner Nähe oder suchte ihre ihr selbst unbegreifliche tiefe
Beschämung hinter irgend einem kleinen Geschäft das sie plötzlich unternahm zu
verbergen Zwanzigmal des Tages fühlte sie sich auf diese Weise von ihm
angezogen und fortgetrieben Sie war von einer Unruhe einer Unbestimmteit
ergriffen die sie mit Angst erfüllten die ihr nicht erlaubten irgend etwas zu
unternehmen oder gar zu vollenden als nur in Bezug auf Hippolit Jene ihr
eigenes Wesen wie die Welt hellüberschauende Klarheit war für den Moment
gänzlich von ihr gewichen Gedanken Empfindungen stiegen in ihr auf ihr so
fremd dass sie oft sich überredete das Herannahen einer bedeutenden Krankheit
vorzuempfinden Ein Zufall musste sie über sich selbst klar werden lassen wenn
gleich auf schmerzliche Weise
Unerachtet ihres jetzt sehr merklich herannahenden höheren Alters hing
Gabrielens Tante die Gräfin Rosenberg noch immer mit gewohnter
Leidenschaftlichkeit an der Welt an deren Freuden und war keinesweges
gesonnen den Platz aufzugeben den sie in ihr so lange ehrenvoll behauptet
hatte Mehr als je zuvor beruhte jetzt ihr Glück auf Glanz und Geräusch denn
sie bedurfte beides um manchem ernsteren Gedanken zu entweichen der sich
zuweilen doch ungerufen ihr entgegendrängte Ein einziger unbesuchter
Assembleeabend in ihrem Hause hätte ihr den Tod geben können Dies fühlend und
treu ihren früheren Grundsätzen suchte sie daher bei Zeiten in dem sie
umgebenden Kreise nach einem jungen liebenswürdigen Wesen das fähig wäre
Gabrielens Alle herbeizaubernde Gegenwart ihr einigermaßen zu ersetzen Denn
sie musste leider diesen Winter über in ihrem Salon Gabrielen vermissen weil die
Pflicht diese an das Krankenzimmer des Gemahls gefesselt hielt
    Der Gräfin gewohnter Scharfblick fand gar leicht den geselligen Magnet
welchen sie suchte in der im üppigsten Jugendreiz eben aufblühenden Ida von
Schöneck Gabrielens ehemaliger Begleiterin nach Schloss Aarheim Seltne
Schönheit und manches angenehme Talent hatten sich seit jener Zeit auf das
schnellste und liebenswürdigste in diesem jungen Mädchen entwickelt Die Gräfin
konnte keine glücklichere Wahl treffen denn der ewige Kampf zwischen einem
unbegränzten Hange zum Vergnügen und sehr beschränkten häuslichen Verhältnissen
machten die arme Ida zur Gefälligkeit selbst was auch immer von ihr gefordert
werden mochte Sie verließ das Haus ihrer Mutter und bezog ein Zimmer im Hotel
ihrer neuen Beschützerin
    Alle Stunden welche Toilette und Gesellschaft ihr übrig ließ wurden dort
mit unermüdetem Eifer auf den Unterricht gewendet den ihr die Gräfin in Musik
Tanz und allen jenen Künsten geben ließ welche in unsern verfeinerten Tagen den
höchsten Schmuck der darüber selbst zur Kunst gewordnen Geselligkeit ausmachen
Von Eitelkeit gespornt ersetzte der angestrengteste Fleiß was hie und da die
Natur versagt haben mochte und die einmal der Dunkelheit entrissne vor kurzem
noch so unbedeutende Ida trat ganz unerwartet als eine leuchtende Sonne hervor
deren Glanz alle ihre Umgebungen überstrahlte Der Gräfin Rosenberg Haus ward
durch Ida wieder was es stets gewesen war der Mittelpunkt aller guten
Gesellschaft in der Residenz sie selbst schwamm in Seligkeit und vergötterte
beinahe die kleine Zauberin welche alle diese Wunder bewirkte
    Zwar war Ida himmelweit davon entfernt Gabriele zu sein ihre Talente ihr
Wissen waren nur ein oberflächlich Erlerntes auf den LichtEffekt berechnet
aber eben diese LichtEffekte hatte sie meisterhaft studiert Dazu besaß sie den
Reiz der Neuheit der frischesten Jugend und obendrein eine seltene Fähigkeit
fremde Liebenswürdigkeit sich anzueignen Sogar das Mondenlange Zusammenleben
mit Gabrielen hatte sie wenigstens für das Äußere vorteilhaft zu benutzen
gewusst und nichts bezeichnet sie besser als das französische Wort je ne suis
pas la Rose mais jai habité avec elle
    Begleitet von diesem ihrem jungen glänzenden Lieblinge trat nun die Gräfin
eines Abends ganz unerwartet in Gabrielens Zimmer ein um ihre vielgeliebte
Nichte einmal wieder zu sehen nach der sie sich ihrer Versicherung nach
Mondenlang vergebens gesehnt hatte Sie erklärte den ganzen Abend bei ihr
bleiben zu wollen und etablirte sich förmlich mit ihrer KnötchenArbeit auf dem
Sopha um dieses zu beweisen denn der heutige Tag war eben ein allgemeiner
Busstag gewesen der ohnehin still und mitunter auch wohl langweilig selbst von
denen zugebracht werden musste die wie die Gräfin und Ida im ewigen Wechsel des
Vergnügens sich herumzudrehen gewohnt sind Der seltene Besuch der Tante ward von
Gabrielen mit gewohnter Holdseligkeit empfangen und auch Idas beinahe ungestüme
Liebkosungen wurden so von ihr erwidert Wie entzückt warf sich diese ihr in
die Arme und ward nicht müde ihrer Freude über dieses lang ersehnte
Wiedersehen Worte zu geben
    Mit innigem Wohlgefallen und stiller Bewunderung betrachtete indessen
Gabriele das alle frühere Erwartungen weit hinter sich lassende Erblühen des
jugendlichen Wesens das noch in diesem Moment durch ein bei Hippolits Anblick
aufleuchtendes freudiges Strahlen der schönen Augen unendlich reizender ward
Sie ließ Ida lächelnd gewähren wie man einem artig spielenden Kinde den Willen
tut als diese nun mit anmutiger Geschäftigkeit sich der Verwaltung des
Teetisches bemächtigte dabei die in Schloss Aarheim selig verlebten Tage pries
und überhaupt alle ihre kleinen Künste spielen ließ um sich so interessant und
liebenswürdig als möglich zu zeigen In Gabrielens reine Seele kam noch immer
keine Ahnung von diesen Künsten unerachtet ihre genaue Bekanntschaft mit der
Welt sie in dieser Hinsicht wohl hätte einsichtiger machen können Sie aber war
zu wahr geblieben um an das Falsche oder Schlechte zu glauben ehe Tatsachen
davon sie unwidersprechlich überzeugten Und so wie sie als sechszehnjähriges
Kind die jugendliche frische Farbe ihrer schon damals mehr als vierzigjährigen
Tante bewundert hatte eben so ließ sie sich auch jetzt zehn Jahre später von
der gutgespielten kindlichen Naivetät eines achtzehnjährigen Mädchens blenden
ohne in ihr die geübte Schauspielerin zu erkennen Das Vergnügen mit dem sie
dem anmutigen Wesen zusah stieg mit jeder Minute ihr Auge suchte endlich
Hippoliten auf um auch ihn zur Teilnahme daran aufzufordern doch sie ward
gewahr dass es dessen nicht bedürfe Fest gebannt alle seine Aufmerksamkeit
ausschließend dem reizenden Geschöpfe zugewendet sah sie ihn hinter Idas Stuhl
stehen die glänzenden Augen nur auf diese geheftet und ein ganz eigenes
stechendes Weh durchbebte in dem Momente ihre Brust
    Ida ward immer lebendiger in ihren Bewegungen und im Gespräche Die ihr ganz
eigne Grazie in all ihrem Tun wurde immer sichtbarer und Hippolit geriet
dadurch nach und nach in eine ihm jetzt seltene fröhliche Laune Unter dem
Vorwande ihr wie wohl ehemals in Schloss Aarheim geschah bei ihrem Geschäfte
helfen zu wollen rückte er sich einen Stuhl dicht neben den ihrigen verwirrte
lachend und schäckernd die Tassen reichte ihr den Rum statt des Rahms warf
Zucker in die Tassen die dessen nicht bedurften ließ sich von ihr ausschelten
ohne sich deshalb zu bessern und trieb tausend kindische Possen worüber sie
herzlich lachen musste was ihr über die Massen wohl stand und ihn zu immer neuen
lustigen Einfällen hinriss
    Die Gräfin sah dem artigen Spiele des schönen jungen Paars mit unverhehltem
Vergnügen darüber zu und begann nach Art älternder Frauen auf diese Stunde
Pläne für ihre Ida zu bauen die sie durch manchen heimlichen Wink auch
Gabrielen mitzuteilen versuchte doch diese war nicht gestimmt sie zu
verstehen
    Mit nie empfundner Angst fühlte sie in ihren Augen aufsteigende Tränen sie
wollte nach dem Beispiel der Andern den heimlichen Schmerz weglachen aber es
war ihr unmöglich Je lustiger jene wurden je ernster ward sie Zum ersten mal
in ihrem Leben dünkte sie sich launig verdrießlich zu sein sie strebte ihre
Verstimmung wenigstens zu verbergen da sie nicht vermochte sie zu unterdrücken
und zuletzt hielt sie dieses sogar für überflüssig denn sie glaubte zu
bemerken dass niemand sie beachte Hippolit wie die Tante hatten nur Augen für
Ida die ihren Mutwillen immer höher trieb und dabei immer reizender ward
während Gabriele in immer steigender Angst den Abstand ihres innern Missmuts mit
der allgemeinen Stimmung empfand
    Es ist Besorgnis um Moritzen was so mich quält dachte sie endlich er ist
so verlassen vielleicht schmerzlich leidend in seinem einsamen Zimmer Sie
wünschte Hippoliten an ihn zu erinnern aber ein wunderliches Schämen hemmte
ihre Worte Sie dachte darauf sich selbst auf einige Minuten bei der Tante zu
beurlauben um nach ihm zu sehen aber auch dazu fehlte ihr Entschlossenheit So
kämpfte sie eine ziemliche Weile mit sich selbst und ward immer ernster als der
vermeinte Gegenstand ihrer Sorge ihrer Überlegung ein ganz unerwartetes Ende
brachte denn Moritz selbst trat in ihr Zimmer was er lange nicht gewagt hatte
    Heiter und wohl wie er es seit Monden nicht gewesen wollte er seine
Gemahlin durch diesen Besuch angenehm überraschen und ward selbst durch das
lustige Treiben überrascht in das er hier ganz unerwarteter Weise
hineingeriet und das ihm in diesem seinen Anflug von guter Laune höchst
willkommen war
    Die Stunden flogen der Abend verging ehe man es dachte Idas naiver Witz
zeigte sich unerschöpflich ihre Fröhlichkeit unverwüstlich so dass Moritz nach
ihrer Entfernung nicht aufhören konnte sie und den angenehmen Abend den sie
ihm gewährt hatte zu preisen Er erinnerte sich mit einemmale schon in Schloss
Aarheim eine stille Neigung Hippolits zu dem reizenden Mädchen bemerkt zu haben
alle jene alten Neckereien und Anspielungen mit denen er seinen jungen Freund
dort oft genug gelangweilt hatte wurden wieder hervorgeholt und mit ernsten
Ermahnungen begleitet das Glück ja zu ergreifen und festzuhalten so lange es
ihm lächle
    Hippolit erwiderte wenig er stand da in ängstlicher Verlegenheit die
Moritzens Vermutungen zu bestätigen schien und dachte nicht daran sich gegen
Angriffe zu verteidigen die er kaum vernahm Denn er sah Gabrielen bleich und
leidend im Sofa hingesunken ohne sichtbare Teilnahme an dem Geschwätz in
welches Moritzens lange nicht geübte Redseligkeit überströmend von
Albernheiten sich ergoss All sein Sinnen und Denken ging nur dahin den
überlästigen Schwätzer auf eine schickliche Art zu entfernen um ihr die er
krank glauben musste endlich die nötige Ruhe zu verschaffen Es gelang ihm
zuletzt ihn auf sein Zimmer geleiten zu dürfen aber noch in der Türe wandte
Moritz sich um »Allons Madame« rief er Gabrielen laut lachend zu »ne faites
pas la sainte Nitouche Mustern Sie nur morgen mit Sonnenaufgang Ihre Mirten
und Rosen zum Brautkranze ersinnen Sie ein recht elegantes HochzeitsKadeau
vous en aurez besoin sehen Sie nicht hier das leibhafte Bräutigamsgesicht Wie
trübselig der arme Teufel da steht Kourage mon ami La petite non sarà
crudele Kourage faint heart never won fair Lady«
Ein langer mühsam verhaltner Strom heißer bitterer Tränen machte Gabrielens
gepresstem Herzen Luft sobald sie sich allein sah Ernsteres Nachdenken folgte
diesem während einer unendlich langen schlaflosen Nacht bis hell und klar wie
die eben aufgehende Sonne der Abgrund von Unglück vor ihr lag an dessen Rande
sie bebte ohne die Möglichkeit sich abzuwenden
    Ja sie musste es sich endlich ohnerachtet alles innern Widerstrebens
selbst gestehen es war Liebe was sie empfand heiße glühende Liebe die sie
jetzt nur an ihren Qualen erkannte und o wie himmelweit verschieden von jenem
Ideale mit welchem ihre sanfte der unbedingtesten Hingebung geweihte Mutter
schon in früher Kindheit ihr junges Herz erfüllt hatte Wie fern stand ihr jetzt
jener kindliche Glaube dass Liebe in sich beglücke und nur das unbedingte Glück
des Geliebten fordere um dieses irdische Leben zum seligen der Engel zu
erheben Ihr ungestüm pochendes Herz sie konnte es sich nicht ableugnen es
forderte Gegenliebe Treue Nähe des Geliebten ihr Auge verlor sich in
undurchdringliches Dunkel im welchem all ihr Wünschen ihr Sehnen ihr Hoffen
unausgesprochen und unaussprechlich verschwebte
    Reuevoll mit schmerzlich gerungenen Händen warf sie sich vor dem wehmütig
lächelnden Bilde ihrer Mutter hin wie vor dem einer Heiligen und betete zur
ihr um Mut um Kraft und Beistand sich aus den mächtigen Zauberbanden
loszuwinden die sie umstrickt hielten Sie überdachte alles früher mit
Hippoliten Erlebte sein erstes Auftreten bei ihr die Szene im Gärtchen die
spätere in der Kapelle vergebens Aus dem Ideal von Hoheit und Schöne das
jetzt vor ihr stand war jede Spur jenes wilden unbesonnenen Knaben gewichen
ihn konnte sie zurückstossen doch dieses musste sie lieben mit all der
schwärmerischen Anbetung die ihr sonst nur als Dichtertraum erschienen war
    Um sich zu retten rief sie Ottokars Andenken herauf aus ihrem Herzen es
sollte ihr helfen zum Sieg über eine Leidenschaft deren verzehrende Glut sie
mit Schrecken erfüllte Alle frühere Erinnerungen ihrer Jugend wurden von ihr
hervorgesucht vor allem jenes Tagebuch dessen Blätter auch das flüchtigste
Empfinden ihres Gemüts während jener Zeit die sie mit Ottokar verlebte treu
aufbewahrten Sie wollte sich der Untreue gegen ihn anklagen sie las und sah
mit Erstaunen je weiter sie las dass sie dem ersten geliebten Freunde ihres
neuen jugendlichen Herzens nicht untreu sei Was er ihr gewesen war er ihr noch
immer der Stern ihres Lebens zu dem sie ohne Wunsch hinaufblickte in Freude
und Leid dessen bloßes Dasein sie tröstete in allem Zweifel allem Bangen
allem Überdrusse ihres freudenarmen Lebens Zu ihm allein hätte sie sich mit
allen ihren Schmerzen flüchten mögen ohne Furcht ihn zu beleidigen in aller
Zuversicht des reinsten Vertrauens um von ihm zu lernen wie man über sich
selbst Macht gewinnt
    Immer klarer ward sie je weiter sie in ihrem Tagebuche las sie gewann es
über sich ihr ganzes Ich als ein Fremdes deutlich zu erkennen so wie auch den
Unterschied zwischen Jetzt und Damals als sie in eine fremde Welt gestoßen
ward noch halb ein Kind mit jugendlichneuen Sinnen das Herz voll Sehnsucht
nach Liebe welche die nur in ihrer Ideenwelt lebende Mutter viel zu früh in ihr
erweckt hatte Verlassen unbemerkt auch wohl verspottet stand sie damals da
ohne Schutz ohne Sicherheit in furchtsamer Verlegenheit mitten unter fremden
Gestalten die kalt und achtlos an ihr vorüber rauschten bis er erschien Er
Ottokar so hoch über alle jene Figuranten erhaben dass sie in ihrer
Unerfahrenheit ihn wie eine göttergleiche Erscheinung nur aus der Ferne
bewundernd verehrt hätte wär er ihr nicht zugleich auch der erste Mann
gewesen den sie mild und gütig sah und hätte sie nicht einzig deshalb sich ihm
näher als Alle verwandt wähnen müssen Ihr durch den Tod einer angebeteten
Mutter tief verwundetes Gemüt bedurfte eines Gegenstandes für die ängstlich
suchende verwaiste Liebe von der es überfloss und wo war ein würdigerer zu
finden als Ottokar Sie nahte ihm in fast kindlicher Verehrung sie wagte es
ihn zu lieben  so wie sie ihre Mutter geliebt hatte und wähnte ihre Bestimmung
erfüllt Sie kannte ja keine andre Liebe und konnte keine kennen als aus ihren
Dichtern deren Gebilde von ihrer Mutter gewarnt sie weit entfernt war in der
Wirklichkeit zu suchen Aber auch er schien achtlos an ihr vorüberzugehen wie
die übrigen der Schmerz darüber täuschte ihr Bewusstsein und führte endlich
jene feierliche Stunde voll Wonne und Schmerzen herbei deren Andenken sie bis
jetzt in einem schönen Irrtum über sich selbst erhalten hatte
    Und nun Zu neuem nie geahnetem Leben war sie erwacht zu nie gedachten
Schmerzen und Wonnen Jetzt erst verstand sie ihre Dichter jetzt erst die Natur
um sich her Eine neue Sprache neue Begriffe und Ansichten waren mit diesem
neuen Leben ihr gewonnen ihr war als erhöbe sie sich aus langem traumbewegten
Schlummer zum Licht Mit richterlichem Ernst überblickte sie ihre Vergangenheit
sie wollte sich schuldig finden aber sie konnte nie ungerecht sein auch nicht
gegen sich selbst Ihr heller Geist hatte endlich den rechten Standpunkt
gefunden und sie gestand sich einer Gefahr erlegen zu sein die sie nicht
erkannt hatte und ihrer Natur nach nicht erkennen konnte Sie fühlte sich
schuldlos an dem Irrtum ihres reinen nichts ahnenden Gemüts sie fühlte dass
schon ein Grad von Verderbteit dazu gehört um ewig sich selbst zu bewachen und
Gefahren zu fliehen deren Möglichkeit wahre Unschuld nie sich denken kann und
ihre unbedachte Sicherheit die sie nicht verdammen konnte obgleich sie sie als
den Quell ihres Unglücks betrachten musste flößte ihr Mitleid mit sich selbst
ein
    Dies reine Bewusstsein ermutigte sie endlich wieder zu der Festigkeit und
Kraft des Gemüts die schon so oft in ihrem Leben ihr aus jener schmerzlichen
Versunkenheit emporhalf in welcher Schwächere untergehen
    »Herr meines Empfindens bin ich nicht und kann es nicht sein doch Herr
meiner Handlungen will ich sein« sprach sie und fühlte sich in dem Momente
erhaben über sich und ihr Geschick
    Den ganzen langen Tag den sie unter dem Vorwande eines leichten
Übelbefindens ganz einsam in ihrem Zimmer verlebte verwendete sie zum ernsten
Überdenken wie das Unabänderliche würdig zu bestehen sei Hippoliten abermals
von sich zu entfernen Wütender unaussprechlicher Schmerz durchzuckte sie bei
dem bloßen Gedanken an dieses Opfer das ihr schwerer als der Tod dünkte aber
sie hielt ihn fest Doch wie wie sollte sie ihn entfernen unter welchem
Vorwande ihn der durch sein Betragen sie auch nicht auf die entfernteste Weise
zu einem solchen Schritte berechtigte der in inniger ehrfurchtsvoller Ergebung
nichts wollte als in ihrer Nähe atmen der keine Aufopferung scheute ihr
dieses zu beweisen und daneben ihr trübes Leben auf tausendfältige Weise zu
schmücken Wahrscheinlich hatte er jene jugendliche leidenschaftliche Aufwallung
längst auf ewig besiegt wohl gar vergessen die er einst für die Bestimmung
seines Lebens hielt und von deren Dasein seit seiner Rückkehr aus Rom jede
Spur in seinem Betragen gegen sie verschwunden war So verwandelt wie sein
ganzes Wesen war vielleicht auch sein Herz und nur Mitleid Dankbarkeit und
hoher Edelmut fesselten ihn noch an sie Ihre Liebe die einst das höchste
Ideal von Seligkeit ihm schien würde jetzt vielleicht nur in wehmütiger Trauer
über ihre Schwäche ihn niederdrücken und wenn gerade ihre Bitte sich zu
entfernen ihm ihr Geheimnis verriete wenn er dadurch entdeckte  Gabriele
vermochte es nicht den Gedanken zu vollenden mit hohem Erröten mit dem
ängstlichsten Gefühle der tiefsten Beschämung verhüllte sie sich vor dem Lichte
des Tages vor sich selbst und träumte dabei doch eine Minute lang von der
Himmelsseligkeit ihm einmal nur sagen zu dürfen »dich habe ich geliebt« und
dann zu sterben
    Schaudernd wie vor einem Verbrechen eilte sie von diesem Gedanken sich
loszureißen Sie wusste es sie musste leben sie war bestimmt den blutigen Pfeil
im Busen zu tragen und gleichgültig dazu lächelnd ihren Weg zu gehen wenn er
gleich zum Untergange führte
    Mit möglichster Gelassenheit begann sie jetzt über ihr künftiges Verhalten
gegen Hippoliten nachzudenken sie wollte eine Richtschnur ihres Lebens in
seiner gefahrvollen Nähe ersinnen und sah bald ein dass beinah alles bleiben
musste wie es war wenn sie nicht in ihm und vielleicht auch in ihrem Gemahle
Aufmerksamkeit sogar Argwohn erregen wollte Im Äußern war so wenig
abzuändern und in ihrem Innern das fühlte sie mit Überzeugung konnte es nie
anders werden Trennung von ihm konnte sie zwar vor Verrat ihres heiligsten
Geheimnisses bewahren aber sein Bild stand auf ewig in unverlöschlichen Zügen
ihrem Herzen eingegraben und Abwesenheit oder Gegenwart galten hier gleich
    Schnell wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie plötzlich der Gedanke wie wenn
auch ihn heilige Pflichten bänden wenn er glücklich an der Seite eines
geliebten Wesens von selbst sich nach und nach entfernte und beseligt durch
alle die süßesten Bande des häuslichen Lebens nun immer seltener käme zuletzt
ganz ausbliebe Tausendmal schöner und reizender als sie gestern Ida gesehen
hatte schwebte diese ihrem Geiste vorüber abermals sah sie Hippolit in
Bewunderung des anmutigen Wesens verloren der ganze Abend des vergangenen
Tages selbst Moritzens plumpe Scherze und Anspielungen kehrten ihr zurück und
alle Schmerzen der fürchterlichen Nacht die darauf folgte wurden wieder in
ihrem Busen wach Ida ward das Gebilde ihrer Fantasie das sie zu ihrer eignen
Qual mit jedem Liebreize verschwenderisch sich schmückte Je länger sie es
betrachtete je überzeugter ward sie dass nur dieses jugendlich schöne Wesen
wert sei den Gegenstand ihrer eignen glühenden Liebe zu beglücken dass es für
ihn geschaffen einzig bestimmt von ihm geliebt zu sein Ein neuer schwerer
Kampf erhob sich in ihrem Gemüte aber auch aus diesem trat ihr besseres Selbst
bald wieder siegreich hervor Edlen Seelen gilt die schwerste Pflicht oft für
die Einzige daher ward auch bald in Gabrielens Gemüte der Entschluss fest
Hippoliten selbst zu einem Schritt aufzufordern zu welchem ihre Einwilligung zu
erbitten ihm vielleicht der Mut gebrechen möchte Ihr Gefühl bei dem Gedanken
an die Ausführung dieses Entschlusses lässt sich nicht in Worten aussprechen
aber sie schwelgte in ihrem Schmerz ohne Linderung zu suchen als in dem
Bewusstsein das Rechte erwählt zu haben für sich und für ihn
Eine zweite wenn gleich minder stürmisch doch nicht minder schmerzlich
durchwachte Nacht führte endlich den Morgen herbei den Gabriele dem höchsten
Opfer geweiht hatte das sie der Pflicht und dem Glück des Hochgeliebten bringen
zu müssen glaubte
    Die bängste Sorge um sie die er ernstlich krank glaubte trieb indessen
Hippoliten lange vor der sonst gewohnten Stunde an Gabrielens Türe Er war die
ganze Nacht hindurch bis zum grauenden Morgen vor ihrem Hause auf und
abgegangen hatte zu ihren Fenstern hinaufgeblickt und diese mit
unaussprechlicher Angst von einem weit helleren Licht erleuchtet gesehen als
die verschleierte nächtliche Lampe geben konnte deren schwachen Schimmer er in
ruhigen Nächten so oft von dieser Stelle aus beobachtet hatte Er sah an den
herabgelassenen grünseidenen Rouleaus Gabrielens Schatten einigemal
vorüberschweben er hielt ihn für den ihrer um sie beschäftigten Frauen und
dachte vor ungeduldiger Sorge dabei zu vergehen Um so freudiger überraschte ihn
jetzt die kaum gehoffte Erlaubnis sie sehen zu dürfen denn die kurze Trennung
eines einzigen Tages dünkte dem Verwöhnten schon unerträglich lange gewährt zu
haben
    Anfangs stockte das Gespräch Gabriele schwieg oft und lange sie schien
bleich und erschöpft Hippolit glaubte sie noch immer körperlich leidend und
verhielt sich ebenfalls still und in bescheidner Entfernung um ihr nicht lästig
zu werden er war ja zufrieden sie nur zu sehen
    Mit der äußersten Anstrengung ihrer geistigen Kraft begann Gabriele endlich
das was in ihr so stürmisch wogte ruhig zur Sprache zu bringen Idas Name
glitt zuerst fast unverständlich über ihre Lippen doch nach und nach ermutigte
sie sich Immer lebhafter werdend sprach sie endlich von ihr ihrer Schönheit
ihrer Anmut ihren geistigen Vorzügen wie eine Begeisterte auch war sie es in
diesem Moment durch das Bewusstsein des mit fast übermenschlicher Kraft errungnen
Sieges über sich selbst
    Hippolit hörte ihr indessen mit lächelndem Beifall zu wie man etwa die
geistreiche Beschreibung eines schönen Gemäldes anhört Er war so himmelweit
davon entfernt nur eine Ahnung von dem zu haben was Gabriele mit ihren Worten
eigentlich meinte dass er sogar nur jetzt erst durch sie wieder an Idas
liebliche Erscheinung erinnert ward die ihn zwar während eines flüchtigen
Moments recht angenehm beschäftigen konnte die aber samt den Ereignissen des
mit ihr verlebten Abends über der Besorgnis um Gabrielen von ihm gänzlich
vergessen worden war Die unerwartete Gegenwart der Gräfin Rosenberg hatte ihn
damals wie immer sehr unangenehm berührt denn er ward durch sie stets an
Herminien und an einen Abschnitt in seinem Leben erinnert dessen er nie ohne
tiefe Beschämung und Reue gedenken konnte Bewacht von ihren scharfen stehenden
Augen die ihn immer verfolgten als wollten sie seine geheimsten Gedanken
erspähen mochte er es in ihrem Beisein kaum wagen Gabrielen anzusehen doch da
er gern unbefangen und heiter erscheinen wollte so war er darüber in jenen ihm
sonst fremden Ton geraten in welchen Ida so meisterhaft einzufallen wusste dass
sie ihn viel weiter mit sich fortriss als er es anfangs gemeint hatte
    Jeder von uns hat ja wohl im Leben erfahren wie leicht man gerade in recht
trüber Stimmung um diese zu verbergen sich den Schein ungewohnter Lustigkeit
zu geben sucht die dann leicht in ein wildes freudenloses Toben ausartet und
späterhin in nur noch herberen Schmerz sich auflöst
    Gabriele durch Hippolits schweigende Aufmerksamkeit in ihrer Ansicht immer
mehr bestärkt begann indessen immer deutlicher das anzudeuten was sie meinte
ohne dass Hippolit sie verstand Und als er endlich denn doch aufmerksam ward
Gabrielen einiges erwiderte und ihre Antworten ihn immer mehr ins Klare
setzten da suchte er nur den Zweck eines Scherzes aufzufinden der so ganz dem
bittersten Ernste glich und den er dafür zu nehmen sich doch unmöglich
entschließen konnte Zum erstenmal erschien Gabriele ihm fremd und
unbegreiflich er geriet dadurch in eine peinliche Spannung die sie ebenfalls
verkannte weil auch sie vom Gange ihrer eignen Ideen hingerissen ihn nicht
mehr verstand Seine immer steigende Verwirrung seine unzusammenhängenden Reden
schienen ihr ein Bekenntnis das ihm sie fühlte dies in seiner Seele freilich
schwer werden musste vor ihr auszusprechen Ihr Herz brach dabei aber ihre
Stimme ihre Blicke blieben fest ihre Augen trocken als sie nun endlich in
deutlichen Worten sich erbot selbst für ihn bei Ida zu sprechen
    Als wäre aus blauer Luft ein Blitzstrahl vor ihm niedergeschmettert so von
bleichen Schrecken ergriffen fuhr Hippolit jetzt von seinem Sessel auf sie
sank völlig erschöpft zurück und eine bange Pause entstand während welcher
kein Laut den bebenden Lippen beider sich zu entringen vermochte
    »Ist es möglich« rief endlich Hippolit mit unendlich schmerzlichem Ton und
Blick »Gabriele was habe ich verbrochen dass Sie so mich strafen Jetzt erst
verstehe ich Ihre Meinung ich werde zum zweitenmal verbannt Doch weshalb und
warum so O Gabriele und warum eben so Wie ist es möglich dass ich so ganz und
gar keiner Schuld mir bewusst bin und doch schwer genug gefehlt habe um dieses
zu verdienen Ich sehe es wohl gnädige Frau ich habe Ihre Achtung mein
einziges Glück verscherzt denn Sie Sie sonst so wahr und offen gegen
jedermann Sie sind es nicht mehr gegen mich«
    Vom Schmerz überwältigt wandte sich hier Hippolit mit verhülltem Gesicht
von Gabrielen ab während sie vergebens nach Atem rang zu beruhigenden
tröstenden Worten
    »Gnädige Frau« begann Hippolit wieder mit einem ganz eignen an
Verzweiflung gränzenden Ausdrucke »ich flehe« rief er halb knieend »ich flehe
darum wie ein Schwerverwundeter um den Tod sagen Sie mir ich sei unwürdig in
Ihrer Nähe zu atmen sagen Sie mir ich soll fort ich soll aus der Welt ich
will nicht mehr fragen warum denn sie können nicht ungerecht sein aber sagen
Sie es mir nur unumwunden geben Sie es mir nur nicht so zu verstehen nur nicht
so O mein Gott nur nicht so«
    »Ich wollte  ich will Ihr Glück« hauchte Gabriele fast unhörbar
    »Mein Glück« erwiderte Hippolit »Sie wollten mein Glück und zeigen mir
deshalb dass es noch ein höheres Unglück für mich gibt als das von Ihnen
verbannt zu sein ein Unglück dessen Möglichkeit ich vor einer Stunde noch
nicht ahnen konnte Gabriele achtet mich nicht mehr ihrer Befehle würdig sie
will mich nicht ausdrücklich verbannen sie will mich vertreiben Dagegen
freilich ist Verbannung Seligkeit« rief er wie außer sich Doch mitten im
höchsten Sturme seines empörten Gemüts fiel ein Strahl aus Gabrielens jetzt
überquellenden Augen auf ihn und er verstummte Gefasster näherte er sich ihr
nach einigen Augenblicken und betrachtete sie mit immer steigender Wehmut
    »Oder wäre es möglich konnten Sie wirklich wähnen« fragte er jetzt so
sanft und leise als er es nur vermochte »konnten Sie es Nein es ist unmöglich
eben so unmöglich als dass Sie zu einer Ehe ohne Liebe mich führen mich zum
Heuchler zum Meineidigen herabwürdigen wollten Verzeihung dass ich in dieser
Trostlosigkeit einen Gedanken nur zu berühren wage der Ihnen so fern steht
Einmal nur noch würdigen Sie mich Ihres Vertrauens um meine Zweifel zu lösen«
setzte er bittend hinzu »Ihr Schweigen treibt mich sonst dem Wahnsinn entgegen
ich flehe darum erklären Sie mir was meine schwachen Sinne zu begreifen nicht
vermögen«
    Gabriele sammelte jetzt alle ihre Kraft um ihm mild und begütigend die
zitternde Hand wie zur Versöhnung zu reichen Er hielt sie doch wagte er es
nicht sie an seine Lippen zu drücken sein Auge ruhte in angstvoller Erwartung
auf dem ihrigen »Ich wollte Ihr Glück« wiederholte sie endlich »ich will es
stets ich werde es immer wollen möge dies Ihnen genügen forschen Sie nicht
weiter«
    »Mein Glück« rief er sehr bewegt »Und wo ist es außer bei Gabrielen O
lassen Sie es stets nur bleiben wie es war ich verlange ja nichts Höheres
Lassen Sie mich nur in Ihrer Nähe nur täglich Sie sehen mehr will ich nicht
doch hieran hängt mein Leben«
    »Gabriele« fuhr er nach einer kleinen Pause fort »Sie sind bewegt
erschöpft und alles in dieser Stunde Vorgegangne ist mir so unbegreiflich doch
ich frage nicht ich forsche nicht Nur ein Blick ein Wink sage mir dass auch
Sie des Gegenstandes dieser Unterredung nie wieder erwähnen wollen nur dies
gewähren Sie mir und ich bin wieder ruhig«
    Mit schmerzlichem Lächeln hob Gabriele das trübe Auge zu Hippoliten auf und
senkte hocherrötend schnell es wieder
    Ein Blick drückte Hippolits Dank aus Ruhiger setzte er dann hinzu »Ich
sehe es aus Ihrem Schmerze ich fühle es in meiner Brust es war nicht Gabriele
selbst die vorhin jene entsetzlichen Worte zu mir sprach aus dieser reinen
Seele konnten sie nicht kommen Ich ahne fremde Einwirkung vielleicht war es
Ihr Gemahl vielleicht sogar  nein ich frage ich forsche nicht weiter« setzte
er schnell hinzu da er Gabrielens Bewegung bei diesen Worten bemerkte »ich
will sogar jetzt Sie der Ruhe überlassen deren Sie so sichtlich bedürfen ich
gehe freudig denn ich darf zur glücklichen Stunde wieder kommen und bin nicht
verbannt«
Der Zustand in welchem Gabriele nach Hippolits Entfernung allein zurückblieb
lässt sich kaum in Worte fassen Lange ruhte sie in jener stillen wehmütigen
Ermattung der treuen tröstenden Nachfolgerin zerreissender Schmerzen in der wir
es nicht wagen uns zu regen kaum zu atmen und nur ganz leise leise uns
sagen es ist überstanden
    Vieles war in der Tat überstanden Die Qualen gehässiger dem Neide und dem
Misstrauen doch immer nah verwandter Eifersucht waren aus Gabrielens reiner Brust
gewichen das Opfer welches sie der Pflicht und dem Glücke des Geliebten mit
brechendem Herzen zu bringen bereit gewesen wurde nicht von ihr gefordert und
er war unwandelbar derselbe geblieben in verschwiegner Liebe stiller Ergebung
und fester Treue Das freudige Gefühl gänzlich niederzukämpfen das bei diesem
Bewusstsein unter Schmerzen und Wonnen in ihr rege werden musste überstiege wohl
jede menschliche Kraft
    Doch allmählig gelangte sie zu hellerem Überdenken dessen was die so ganz
veränderte Ansicht ihres Verhältnisses und selbst der nächste Moment von ihr
fordern mochten Sie rief sich mit aller möglichsten Treue ihr Betragen und
jedes ihrer Worte während der eben durchlebten erschütternden Szene zurück und
gewann wirklich die beruhigende Überzeugung sich und ihr Geheimnis Hippoliten
auf keine Weise verraten zu haben So konnte sie denn mit der Vergangenheit
zufrieden sein für die Zukunft blieb ihr kein Ausweg als nach Hippolits
Beispiel ihr Inneres fest zu verschleiern und übrigens getreu der Tugend und
ihrem eignen innern Gefühl des Rechten mutig und getrost auf der gewohnten
Bahn fortzugehen Ihr klarer Sinn erkannte zu gut den Unterschied zwischen
Schuld und Unschuld zwischen Pflicht und überspannter Unnatur als dass sie bei
diesem Entschlusse sich der Unwahrheit gegen Hippoliten oder ihren Gemahl hätte
zeihen können Und so war sie denn abermals bereit ihrer eignen Überzeugung
gefassten Sinnes zu folgen
Jene innere Feigheit die uns verleitet einem unausweichbarem Schmerze so lange
als möglich aus dem Wege zu gehen war Gabrielens entschlossnem Gemüt stets fern
geblieben daher gewann sie es auch diesesmal über sich Hippoliten noch am
Abend des nämlichen Tages in Moritzens Beisein wieder zu sehen Er fand sie wie
sonst freundlich und mild wenn gleich übrigens ermattet und bleich und war zu
glücklich im Gefühle des alten unzerstörten Verhältnisses zu ihr als dass er
sich beobachtenden Mutmaßungen über die nächste Vergangenheit hätte hingeben
mögen Beide wandelten eine Weile neben einander so hin er ohne Hoffen fast
ohne Wunsch weil jeder seinem der innigsten Ergebung geweihten Gemüte anmassend
dünkte Sie in aller Wonne des Bewusstseins so geliebt zu sein in aller Qual
eines ewigen fruchtlosen Kampfes mit sich selbst in ewiger Anstrengung jeden
ihrer Blicke jedes ihrer Worte zu bewachen um nicht zu verraten was ihre
bewegte Brust oft bis zum Zerspringen erfüllte
    Das Letztere gelang ihr so dass in Hippolits Seele keine Ahnung dessen kam
was sie ihm verbergen wollte ihr Geist siegte unter dem heiligen Schutze der
Tugend doch ihre körperliche Kraft erlag der ungeheueren Anstrengung Moritzens
höchst beschwerliche Pflege während seiner langen Krankheit mochte ohnehin ihre
sonst so blühende Gesundheit untergraben haben sie erkrankte und die
herbeigerufnen Ärzte erklärten ihr Übel für um so bedeutender da man sogar
nicht einen Namen dafür sogleich aufzufinden wusste
    Fast zu gleicher Zeit kehrte auch Moritzens peinliches Leiden mit
verdoppelter Heftigkeit zurück und Hippolit sah sich zwischen beiden
Krankenzimmern in einer ganz unbeschreiblichen Lage Während Herr von Aarheim
durch alle die vielen Ansprüche an ihn seine Geduld aufs äußerste brachte hätte
Hippolit jede Minute mit einem Tage seines künftigen Lebens erkaufen mögen in
der es ihm vergönnt gewesen wäre Gabrielen nur aus der Ferne zu sehen Aber das
Herkommen das man so gern strenge Sitte nennt hielt unerbittlich Wache an
ihrer Türe und übergab die angebetete Frau der Pflege gemieteter Hände
Gabriele in deren Bewunderung sich sonst alles erschöpfte wenn sie von Glanz
und Pracht umgeben sich zeigte sie der sonst überall die innigsten
Freundschaftsversicherungen entgegenstürmten sie fand jetzt in der ganzen
großen volkreichen Stadt keine einzige liebende Seele die sich ihrer Pflege
angenommen hätte Dass der Tante längst bekannte Scheu vor Krankenzimmern diese
und auch Ida von diesem ebenfalls entfernt hielt versteht sich von selbst aber
auch die treue Annette war nicht zugegen denn sie lebte jetzt in Lichtenfels
wo sie an einen der dortigen Beamten recht glücklich verheiratet war
    Hippolit schrieb in seiner Todesangst an Ottokar an Ernesto an Frau von
Willnangen die er gar nicht kannte er hätte mit einem einzigen Schrei die
ganze Welt zu Hilfe rufen mögen und musste sich begnügen an der Türe ängstlich
zu lauschen bis der Arzt oder jemand von Gabrielens Bedienung heraustrat und
ihm versicherte dass sie noch atme Die Ärzte wichen ihm aus wo sie nur
konnten denn er quälte sie mit Fragen und Bitten denen sie nichts bestimmtes
entgegen zu setzen hatten Oft wenn es ihm im Hause zu enge ward lief er hinaus
auf die Straße und starrte hinauf zu denen verödeten Fenstern aus welchen so
manches freundliche Grüssen und Winken ihm sonst entgegengelächelt hatte bis die
vorübergehenden Leute stille standen und ihn verwundert angafften Dann erschrak
er beschämt über seine Unvorsichtigkeit eilte fort und nahm sich von neuem vor
so lange Gabriele atme strenge zu halten was er ihr gelobte
    Endlich kam ihm Trost denn noch ehe die Antwort auf Hippolits Brief zu
erwarten gewesen wäre erschien Frau von Willnangen selbst Sie hatte sich
gleich nach dem Empfang desselben in ihren Wagen geworfen Hippolit empfing sie
wie man einen Rettung und Heil verkündenden Engel empfängt er hätte gern
dankbar ihre Knie umfasst da sie ihm entgegentrat »Nun wird alles alles gut
und Gabriele uns wiedergeschenkt« rief er beinahe jubelnd aus während er sie
bis zur Türe des Zimmers der geliebten Kranken mehr trug als geleitete
    Hippolit hatte mit prophetischem Geist gesprochen Freude über das
unverhoffte Wiedersehen der teuren Beschützerin ihrer Jugend vielleicht auch
sorgsamere Pflege von der Hand der Freundschaft übten an Gabrielen eine höchst
wohltätige Wunderkraft aus so dass die Ärzte sie nach wenigen Tagen für
gerettet erklären konnten Freilich vergingen von nun an noch Wochen bis sie
völlig hergestellt das Zimmer verließ doch Hippoliten war es unter dem Schutze
der Frau von Willnangen jetzt zuweilen erlaubt sie zu sehen und mehr bedurfte
es nicht um ihm das Leben wieder liebzumachen
    Der Tag an dem sie am Arme ihrer Freundin zum erstenmal aus ihrem Zimmer
hervorging war ihm ein heiliges Fest Unwillkürlich beugte er das Knie als die
rührende Gestalt leicht und äterisch wie eine Auferstandne ihm
entgegenschwebte Sie wollte ein paar freundliche Worte ihm lächelnd sagen aber
der Atem fehlte ihr nur ein leises Rot wie der Abglanz den die vollblühende
Zentifolie auf die neben ihr stehende silberweisse Lilie wirft überflog mit
einem flüchtigen Hauche das schöne Gesicht während Hippolit ebenfalls
schweigend die Hand der Frau von Willnangen dankbar an seine Lippen drückte und
nur den feuchten glänzenden Blick zu Gabrielen erhob
Gabriele fand ihren Gemahl mit Anstalten zu einer großen Reise vollauf
beschäftigt Die Bäder von Pisa und die wärmeren italienischen Lüfte waren ihm
als einziges Rettungs und Linderungsmittel verordnet worden und er hatte
Gabrielens Herstellung bis jetzt mit der größten Ungeduld erwartet weil er auf
ihre Begleitung rechnete Doch ihre fortdauernde Schwäche schien die Möglichkeit
derselben auf viele Monate hinausschieben zu wollen und er der wenig Zeit zu
verlieren hatte sah sich deshalb durch den Ausspruch der Ärzte genötigt
einstweilen wenn gleich ungern darauf zu verzichten Ein geschickter
angehender Arzt der gerne diese Gelegenheit benutzte Italien zu sehen erbot
sich indessen während der Reise die Pflege des Kranken zu übernehmen und sein
Erbieten wurde um so lieber angenommen da ihn Moritz schon seit geraumer Zeit
als einen vorzüglich heitern Gesellschafter und ausgezeichnetguten
Schachspieler kannte
    Nach der Abreise ihres Gemahls blieb Gabriele in so wunderbarschwankendem
Zustande zurück dass Frau von Willnangen es gar nicht wagen mochte ihre
Rückreise nach Lichtenfels zu den Ihrigen nur zu erwähnen Zwar war Gabriele
eigentlich nicht mehr krank zu nennen denn kein merkliches Fieber kein
entschiedenschmerzhaftes Empfinden quälte sie am Tage oder raubte ihren Nächten
den Schlaf Ihr Auge strahlte heller als je ihr ganzes Wesen zeugte von
erhöhtem innern Leben aber eine unerhörte Mattigkeit lähmte und hemmte jede
noch so wenig anstrengende Äußerung desselben und zwang sie oft Stundenlang
nur mit den Augen zu ihren Lieben zu sprechen Jeder Tag schien sanft und linde
die Lösung eines nahen Bandes der gefesselten Psyche zu beginnen die schon
jetzt freier sich bewegte und halb der ewigen Heimat zugewendet dem
schwindenden Erdenleben noch wie zu guter Letzt alle Liebe und Teilnahme
zeigte die sie ihm noch zuzuwenden vermochte
    Abends sank Gabriele oft wie halb vernichtet hin wenn die fragelustige
Schar gewöhnlicher Besuche an ihr vorübergerauscht war denen sie jetzt während
der Entfernung ihres Gemahls wenigstens auf ein paar Stunden des Tages ihre
Türe öffnen musste wollte sie um der Welt willen sie nicht auch zugleich
Hippoliten verschließen
    Die Kunst der berühmtesten Ärzte der Residenz wurde aufgeboten Frau von
Willnangen wachte mit unermüdlicher Sorgfalt über die geliebte Tochter ihres
Herzens und war nur bedacht Unangenehmes oder Schädliches von ihr zu
entfernen Hippolit brachte alles herbei war es noch so selten noch so schwer
zu erhalten was er nur irgend zur Erquickung oder Pflege der geliebten
Leidenden ersinnen konnte doch ihr Zustand blieb immer und unabänderlich
derselbe Früh beim ersten Morgengrusse fand Frau von Willnangen sie oft in
wehmütigem Nachdenken versunken aber so wie die Freundin sich zeigte
erglänzte ihr Blick wie gewöhnlich sie winkte sie zu sich und lehnte
schmeichelnd das Haupt voll lichter Locken an ihre Brust ein liebseliges
Lächeln glitt über dem bleichen Gesichte hin wie ein winterlicher Sonnenstrahl
über ein Schneegefilde und die durchsichtig zarte blendende Hand strich
freundlich unter beruhigenden Schmeichelworten jede sorgliche Falte von der
Stirne der geliebten mütterlichen Frau So blieb Gabriele gewöhnlich den ganzen
Tag über bis sie Abends gänzlich erschöpft dem Schlummer sich zuneigte stets
liebevoll freundlich und ihren Freunden in heiterer Aufmerksamkeit zugewendet
Nur wenn ihr Blick auf Hippoliten von ihm ungesehen ruhen konnte dann zuckte
zuweilen ein schmerzliches dem Weinen nahverwandtes Lächeln um die
sanftgeschlossnen Lippen Eine ängstlich unbestimmte Ahnung ergriff dann oft das
Herz der Frau von Willnangen denn ihrem stets wachen Blicke durfte auch nicht
die kleinste Bewegung ihres Lieblings entgehen Zuweilen stiegen aber auch in
solchen Momenten freudigere Hoffnungen in ihr auf ähnlich denen welche Ottokar
sich zum Troste ersann Ernestos frühere Briefe aus Italien hatten die edle Frau
längst zur Vertrauten Hippolits gemacht ohne dass dieser es ahnte und sie
bemerkte jetzt in schweigender Bewunderung wie treu er seine glühende Liebe und
seine bange Sorge mit gleicher Anstrengung und wie sie glaubte auch mit
gleichem Glücke Gabrielen zu verbergen suchte Nur wenn der Zufall die Freundin
der Heissgeliebten mit ihm allein zusammenbrachte dann rief ein einziger
zitternder Druck seiner Hand ein einziger schmerzenvoller Blick ihr seine
innere Qual weit deutlicher zu als Worte es vermocht hätten Doch blieb jede
laute Klage fern von ihm denn wo hätte er anfangen sollen und wo enden Aber
das weiche Herz der Frau von Willnangen zerfloss dennoch in Mitleid mit dem
Armen »Lassen Sie uns auf den Frühling hoffen guter Graf Hippolit« sprach sie
in solchen Stunden ihm oft zum Troste »Im Frühlinge richten alle Blumen sich
wieder auf auch unsre schöne Freudenblume wird in ihm wieder erblühen lassen
Sie uns nur getrost die nahe Zeit erwarten«
    Der Frühling kam mit seiner Herrlichkeit mit seinem milden belebenden
Hauche Überall sprossten neue Blumen überall erwachte das schlummernde Leben
aber Gabrielens Zustand blieb sich gleich ohne alle merkliche Abänderung weder
zum Schlimmern noch zum Guten und die bange ängstliche Besorgnis ihrer Freunde
stieg peinlicher mit jedem Tage
Endlich kam es dahin dass den Aerzten nichts übrig blieb als die gewöhnliche
Zuflucht in Fällen wo ihre Kunst sie verlässt der Rat Heil und Genesung in
einem ruhig ländlichen Aufenthalte und in frischer Waldesluft zu suchen
    »Ja auf dem Lande« rief als sie dieses vernahm Gabriele mit ungewohnter
Lebendigkeit »Ja auf dem Lande da werde ich genesen in Schloss Aarheim wo ich
geboren ward Dorthin liebe Frau von Willnangen dorthin bringen Sie mich dort
wird es mit mir besser werden ich weiß es In den Armen meiner zweiten Mutter
werde ich in Schloss Aarheim alles Weh schwinden sehen und ein neues Leben
beginnen«
    Eine eigne Bangigkeit bemächtigte sich der Frau von Willnangen bei diesen
in fast prophetischer Begeisterung ausgesprochnen Worten so tröstlich sie
übrigens klangen und auch Hippolit der eben zugegen war fühlte sich sonderbar
dabei ergriffen Gabriele bemerkte es und strebte durch erheiterndes Gespräch
den Eindruck wieder zu verlöschen den sie unwillkürlich bei ihren Lieben
erregt hatte Sie sprach viel von der wilden ernsten Pracht ihres Gebürges und
von dem ehrwürdigen Ansehen und Alter ihrer Burg
    »Sie können mich jetzt doch nicht verlassen« setzte sie hinzu den
bittenden Blick zur Frau von Willnangen erhoben »Sie müssen ja die Wiege ihres
Kindes sehen und den Ort wo meine Mutter lebte ach wie werden meine armen
alten Burgbewohner sich wundern und freuen wenn sie die Nievergessene in ihrem
hochverehrten Ebenbilde wieder unter sich wandeln zu sehen glauben werden«
    »Mein Kind mein herzliebes Kind meine Gabriele« rief Frau von Willnangen
und nahm sie recht liebend in ihre Arme »wie könnte ich jetzt von Dir gehen so
lange Du meiner Pflege noch bedarfst Mögen die Meinigen noch immer mich ein
Weilchen entbehren Auguste hat ihre Kinder und den Oheim die geben ihr Freude
und Beschäftigung wenn gleich Adelbert von mancherlei Geschäften behindert
jetzt wenig daheim ist Ich weiß sie selbst würde mich schelten wenn ich ohne
die Gewissheit deiner völligen Genesung zurück käme«
    Beide Frauen vertieften sich nun im Gespräche über die Vorkehrungen zu
dieser kleinen Reise die sie von Gabrielens sehnsüchtiger Ungeduld getrieben
gleich in den nächsten Tagen anzutreten beschlossen Hippolit blieb dabei ein
stummer Zuhörer während Gabrielens hochklopfendes Herz ihr nicht erlaubte ihm
nur einen Blick vielweniger ein Wort zuzuwenden In banger Ungewissheit sprach
sie immer fort sie wusste kaum was bis Frau von Willnangen die nur zu gut sie
verstand sie aus dieser Verlegenheit zog
    »Und Sie Graf Hippolit wo bleiben Sie« fragte diese den freundlichen
Blick ihm zugewendet da Gabriele eben von der Wahl des Fuhrwerks sprach
    »Und ich« erwiderte er mit einem Ton in welchem all sein Wünschen sein
Hoffen sein sehnendes Erwarten lag
    Gabriele fühlte in den tiefsten Tiefen ihres Herzens diesen Ton
wiederhallen »Mag Frau von Willnangen entscheiden ob wir in Abwesenheit meines
Gemahls den Grafen nach Schloss Aarheim einladen dürfen« fiel sie hoch errötend
ein und wagte es nicht die Augen dabei aufzuschlagen um durch keinen Blick den
Ausspruch der Freundin zu leiten
    »Ich sehe nicht recht ein warum wir es nicht dürften« erwiderte nach sehr
kurzem Bedenken Frau von Willnangen mit möglichster Gleichgültigkeit und
blickte dabei recht ämsig auf ihre Arbeit um beide zu schonen doch niemand
antwortete ihr Es entstand eine für den Moment recht drückende Pause der Frau
von Willnangen nur dadurch ein Ende zu machen wusste dass sie begann etwas
umständlich ihre Meinung von dem quen diraton und von der Nachgiebigkeit
die man ihm schuldig ist aus einander zu setzen
    »Diese sogenannte Welt« sprach sie »der wir von Kind auf so manches
schwere Opfer bringen müssen ist doch beim Lichte besehen ein sehr
schwankendes Kameleonartiges Wesen jeder von uns hat seine eigne die Hofdame
wie die Schneidersfrau so wie man sagt dass auch jeder seinen eignen Regenbogen
hat jeder ehrt nur die seine und ignorirt alle übrigen und am Ende läuft es
mit allen diesen ideellen Welten wie mit dem Regenbogen auch nur auf eine
optische Täuschung hinaus Millionen Regentropfen von denen ein einzelner doch
nur sehr wenig ist setzen vor unsern Augen das stattliche Fantom zusammen das
im kühnen Bogen die halbe Erde zu umfassen scheint und wenn wir die einzelnen
Glieder der Menge betrachten deren gesammtes Urteil uns so bedeutend dünkt
dass wir es zur Richtschnur unsrer Handlungen erheben so möchte die Mehrzahl
derselben wohl auch nicht viel größeren inneren Gehalt haben als solch ein
kleiner farbloser fader Wassertropfen«
    »Sie sprechen aus meiner Seele« rief Hippolit mit ungewohnter
Lebhaftigkeit »Warlich ja Sie haben recht Wir brauchen nur die Einzelnen
recht ernstlich ins Auge zu fassen die wir in unsrer Idee zu einem Ganzen
versammelt als Richter über Glück und Unglück anzusehen uns gewöhnten um
verachtend und über unsre bisherige Verblendung lachend aus der schimpflichen
Knechtschaft zu scheiden«
    »Sachte sachte junger Freund« erwiderte freundlich wenn gleich mit
aufgehobnem drohendem Zeigefinger Frau von Willnangen »Was ich andeuten wollte
war nicht ganz so gemeint wie Sie es nehmen Nie soll man ohne die äußerste
Not der öffentlichen Meinung den Krieg ankündigen Eine große Masse sie sei
zusammengesetzt wie sie wolle ist immer etwas Furchtbares und hat Ansprüche auf
unser Nachgeben in billigen Dingen sie rächt sich schwer und sicher wenn wir
es ihr versagen Indessen muss ich mich aber doch zu dem Glauben bekennen dass es
Fälle geben kann in welchen es erlaubt sogar billig ist einmal eine Ausnahme
von der großen Regel zu machen und sich nicht viel um das zu kümmern was die
andern etwa sagen möchten Zum Glück aber sind diese Fälle obendrein gewöhnlich
solche bei denen gerade diese aus Leuten zusammengesetzte Welt trotz ihrer
gewohnten Kälte und ziemlicher Absurdität dennoch zuletzt sich bewogen findet
uns beizustimmen«
    Frau von Willnangen schwieg hier doch da niemand das Gespräch fortzusetzen
den Mut bezeigte nahm sie nach einer kleinen Pause es wieder auf »Ich
glaube« sprach sie »dass die Frage ob der Graf uns nach Schloss Aarheim
begleiten soll oder nicht gerade zu jenen Fällen gehört deren ich eben
erwähnte Man hat sich seit langem schon gewöhnt ihn als zu uns gehörend zu
betrachten man hat sich schon tausend mal darüber so müde gesprochen und
gewundert dass man vielleicht sogar recht erfreut wäre durch sein Hierblieben
während wir fortgehen neuen Anlass zur Verwunderung und zu Mutmaßungen zu
erhalten Überdem bin ich überzeugt dass das was man über seinen Besuch auf
Schloss Aarheim sagen könnte so wenig von dem verschieden sein wird was man bis
jetzt wahrscheinlich schon gesagt hat dass es deshalb wohl schwerlich der Mühe
verlohnen möchte uns ein Entbehren aufzulegen welches wir alle Drei doch
schmerzlich empfinden müssten«
    »Ich bitte lassen Sie uns in dieser Stunde noch nichts entscheiden« nahm
jetzt Gabriele das Wort »Morgen sind wir ruhiger dann sehen wir alle heller
was zu tun ist was nicht Ich würde es dann vielleicht am liebsten Hippolits
eigener Entscheidung überlassen ob er sogleich in diesen Tagen uns begleiten
will oder ob er es für besser hält später meiner Einladung zu folgen wenn «
eine kleine augenblickliche Schwäche verhinderte sie hier zu vollenden und zwang
sie Ruhe zu suchen
Ernestos höchst unerwartete erfreuliche Erscheinung machte am folgenden Tage
allem Zweifel und allem Beraten über diesen Gegenstand ein Ende Er stand
plötzlich in der Mitte seiner Freunde ohne dass einer von ihnen seine nahe
Ankunft nur geahnt hatte denn der Brief der sie Hippoliten verkünden sollte
war verspätet oder vielleicht verloren ein gar nicht ungewöhnlicher Fall auf
den italienischen Posten Hippolits beängstende Darstellungen von Gabrielens
Zustand vereint mit Ottokars dadurch veranlasster und mit jedem Tage wachsender
Besorgnis um sie hatten ihn aus seinem geliebten Rom getrieben Er wollte
selbst sehen helfen retten trösten wo es Not tat und nun schien bei seinem
lange entbehrtem Anblicke Gabrielen neues Leben zu durchströmen Sie eilte auf
die erste Nachricht seiner Ankunft ihm entgegen fröhlich und leicht fast wie
ehemals ihre bleichen Wangen rötete die Freude und ihr ganzes Wesen schien mit
einemmale alle bange Besorgnisse ihrer Freunde vernichten zu wollen
    Ernesto und Frau von Willnangen erklärten scherzend den Anstand für völlig
abgefunden jetzt da die Damen nicht mehr nur einen sondern zwei Männer des
Glückes würdigten sie begleiten zu dürfen und Gabriele hatte ihre eignen
stillen Gründe ihren Freunden hierin nicht zu widersprechen
    Die Reise ging vor sich wenige Tage nach Ernestos Ankunft und unter den
frohesten Hoffnungen zu denen Gabrielens fortwährendes Wohlbefinden Alle zu
berechtigen schien Die Luft ihres Geburtsortes die Ruhe die Stille der
balsamische Waldeshauch bewirkten augenscheinlich ein Wunder dessen Anblick
alle Bewohner der Burg mit unbeschreiblicher Freude erfüllte Nur Ernesto hatte
dem kleinen Kreise dieser durch die innigsten Bande vereinigten Menschen noch
gefehlt mit ihm war erst das rechte Leben unter sie gekommen im ernsten
Scherze und frohem Ernste in ewig rascher Teilnahme und stetem unterhaltendem
Wechsel der sie aufregenden Gegenstände Ihnen selbst schien ihr Glück
unermesslich Doch leider sank es nur zu bald wieder wie alles Glück dieser
Erde
    Gabriele vermochte nur kurze Zeit alle den Wonnen und Schmerzen zu
widerstehen die stärker als je zuvor heimlich auf sie einstürmten Ihre Kräfte
schwanden eben so schnell als sie wiedergekehrt waren und ihre Lieben begannen
von neuem sie und einander mit immer hoffnungsloserem Blicke zu betrachten
besonders Ernesto Er allein las deutlich in Gabrielens Herzen alles
unausgesprochne Weh unter dessen Last es erlag und sein eigenes drohte vor
Schmerz und Reue zu zerspringen wenn er daran dachte dass er Jahre vorher mit
prophetischem Geiste alles vorhergesagt habe was jetzt in trauriger Erfüllung
ihn der Verzweiflung nahe brachte und dass er doch dabei verblendet genug
gewesen sei um nicht Hippolits Rückkehr zu Gabrielen aus allen Kräften zu
verhindern Er begriff es nicht wie es ihm möglich gewesen später die Gefahr
zu übersehen welche die Nähe des schönen liebenswerten Mannes verbunden mit
seiner heißen edlen alles opfernden Liebe ihrem Frieden ja ihrem Leben
bringen musste Die drei Jahre welche wie er wusste Gabriele mehr zählte als
Hippolit hatten freilich aus der Ferne ihm ihr Verhältnis zu diesem verschoben
und ihn einem Irrtum zugeführt den Gabriele mit ihm teilte bis auch sie zu
spät ihn erkannte Das Einzige woran er sich noch aufrecht zu halten vermochte
waren jetzt Ottokars auf Moritzens baldigen Tod gebaute Hoffnungen die er
diesem bis jetzt aus Schonung des Freundes nur halb zugegeben hatte
Indessen ward in dieser Zeit das Leben in Schloss Aarheim das rührendste und
erfreulichste das schmerzlichste und seligste das man zu erdenken vermag
Gabriele wandelte unter ihren Lieben wie ein schöner verklärter Geist der
schmerzensfrei nur die Seligkeit empfindet welche die Gegenwart der
geliebtesten Freunde zu gewähren vermag Niemand wagte es in ihrem Beisein nur
durch einen Blick den bangen vorahnenden Schmerz auszusprechen der allen am
Herzen nagte ja sie vergaßen ihn oft in ihrer erhebenden Nähe Es war als ob
Gabriele jetzt am Rande des Grabes noch die Quintessenz des Lebens genießen
wollte denn sie sammlete alles was jemals es ihr verschönt hatte mit zartem
Sinn und fern von aller Ziererei um sich her erheiterndes Gespräch bildende
Kunst Poesie und Gesang Sie nahm an allem Teil mit ewig frischem jugendlichem
Geist nichts was Trauer bezeichnet keine noch so ferne Andeutung von
Scheiden von Trennung durfte ihr nahen Ihre innere Heiterkeit stieg mit jedem
Tage je tiefer ihre körperlichen Kräfte sanken ihr ganzes Wesen bezeichnete
nur die innigste Liebe zu ihren Freunden und die reinste Freude an dieser
schönen Welt Ihre Blumen ihre Vögel alles was schon ihre Kindheit beglückt
hatte musste wieder um sie her gestellt werden und sie liebte das alles und
pflegte es soviel es ihr möglich war wie sonst So genoss sie lächelnd wie zur
Zeit ihrer herrlichsten Blüte jede kleinere Freude welche die Natur beut und
verlor sich in bewunderndem Entzücken vor der höheren Pracht die mit
unendlichem Reichtum in den wilden Umgebungen ihres Wohnortes sich täglich neu
entfaltete
    Hippolit ertrug den Schmerz den keine Sprache nennen kann mit
unbeschreiblicher Gewalt über sich selbst Er ging ganz in den Geist der
Hochgeliebten ein lebte nur in ihr lächelte wenn sie lächelte und schien nur
von dem Licht ihrer Augen Worte und Bewegung zu empfangen Nie wich er von ihrer
Seite so lange es ihm vergönnt war bei ihr zu weilen Ihr nahe vermochte er
es sein Herz zusammen zu drücken und seinen unaussprechlichen Schmerz wie
seine glühende Liebe zu beherrschen denn Gabrielens heilige Gegenwart erhob ihn
über Tod Trennung und Grab Keine Klage kam über seine Lippen keine Träne in
seine Augen bis die Nacht ihn und seinen ausbrechenden Jammer verhüllte
    Gabriele bewachte minder ängstlich als sonst ihr Benehmen gegen ihn und
suchte nicht mehr ganz so wie ehemals ihm den Grund ihres Gemüts zu
verschleiern Manche Ahnung des ganzen Umfangs der unnennbaren Seligkeit die
ihm hier vor seinen Augen unterging durchschauerte den Armen mit allen Freuden
des Himmels und versenkte ihn in selige Träume aus denen er leider mit dem
Gefühl des Unglücklichen wieder auffuhr der im Schlafe den Himmel offen sah
und aufgerüttelt zu jahrelanger Pein im Kerker wieder erwacht
    Nicht minder unaussprechlich als Hippolits Schmerz war auch das tiefe
unsägliche Mitleid welches Gabriele für ihn empfand denn sie fühlte für ihn
den unendlichen Jammer seines treuen liebenden Herzens Sie selbst war beglückt
in der seligsten Hoffnung und die nahe Trennung deren Gewissheit ihr an jedem
Morgen deutlicher entgegentrat erschien ihr nur als ein Schritt aus dem Dunkel
zum Lichte zur sicheren ewigen Vereinigung deren nahe Seligkeit sie schon
hier vorempfand Abends wenn wieder einer ihrer Tage zur Ewigkeit hinabsank
wiederholte sie jetzt in der unbelauschten Einsamkeit ihres Zimmers oft die
einfachen Worte eines Liedes welches sie unter den Papieren ihrer verehrten
Mutter gefunden hatte Hier ist es
                             Gabrielens Abendlied
Zur letzten TagesStunde
Flammt goldner noch das Licht
Spricht mit dem PurpurMunde
»Ich gehe schlafen nicht
Unsichtbar zu dem Osten
Zieh ich den SternenPfad
Auch Du sollst Äther kosten
Den frisch der Morgen hat«
Wenn all die Welten schlafen
So ists die Lieb die wacht
Und landet sie im Hafen
Sagt sie »Welt gute Nacht«
Ich musste still verschließen
Was Schmerzreich mich entzückt
Was tötlich mich beglückt
In tiefster Brust verschließen
Ich musst im Dunkel gehen
Als hell es draußen war
Nun Schatten mich umwehen
Nun wird es licht und klar
Aus Sonnenschein gewoben
Mein ÄtherKleid so blank
Die Sprache bald Gesang
In blauen Sfären droben
Wo mich der EngelFlügel
Leicht trägt auf lichtem Steg
Wo Sonnen sind mein Weg
Fern von der Erde Hügel
Ich möchte mehr noch singen
Aus meiner tiefsten Brust
Was Niemand war bewusst
Es solltens Töne klingen
Es möchte mehr noch sagen
Die Lippe treu und bleich
Doch sieh es will schon tagen
Herauf aus lichtrem Reich
Denn wenn die Welt geht schlafen
Ists Liebe noch die wacht
Mein Herz erblickt den Hafen
Zu tausend gute Nacht
Früher schon verdankte Gabriele diesem Liede oft wehmütigen Trost und
erleichternde Tränen jetzt klangen sie in ihrem Innern wie Jubelgesang wenn
gleich die atemlose Brust ihm nur leise Töne noch zu leihen vermochte
    So lebte sie hin in stiller Freundlichkeit Nur wenn sie Hippolits gedachte
des Verlassenen dann wollte ihr das Herz brechen bei dem Gedanken an den
langen einsamen freudenarmen Lebensweg der von nun an öde und düster sich vor
dem Freunde durch eine unabsehbare Wüste hoffnungslos ausdehnen musste und all
ihr Streben ging nun dahin seine Zukunft ihm wenigstens mit frohen Erinnerungen
auszustatten zu schmücken Daher zeigte sie sich Hippoliten wie seine stille
Ergebung es glorreich verdiente Sie war ihm die liebendste Schwester die
innigste teilnehmendste Freundin und jeder Tag brachte ihm neue rührende
Beweise des reinsten von keinem irdischen Hauche befleckten Vertrauens
Die Tage schwanden der Sommer flog vorüber immer tiefer senkte sich die Sonne
und der Wald schmückte sich abermals mit Purpur und Gold Wieder ging der
Sterbetag von Gabrielens Mutter auf doch diesmal feierte sie ihn in frommer
stiller Heiterkeit gleich einem Feste der Auferstehung nicht des Todes Der
kalte Stein der die geliebte Hülle bedeckte ward nach ihrer Angabe mit einer
Fülle reicher Blumenkränze geschmückt statt der Zypressen die sie einst mit
frommer Hand gewunden hatte Von ihr selbst blieben ebenfalls alle ihr sonst an
diesem Tage gewohnten äußern Zeichen der Trauer entfernt und kein langes
schwarzes Gewand kein dichter Kreppschleier verhüllte sie Wie immer in
blendendes Weiß gekleidet saß sie am Abend des festlichen Tages an ihrem
gewohnten Platze in einem großen Bogenfenster die seitwärts in das Eckzimmer
fallenden letzten Strahlen der untergehenden Sonne verklärten ihre blonden
Locken zur himmlischen Glorie genau wie an jenem für Hippolit unvergesslichen
Abende da dieser fast an der nämlichen Stelle bewundernd ihr nachsah als sie
den dunkeln Lindengang hinabschwebte Sie blickte hinaus in die herbstliche
Wolkenpracht die rosig und golden im tiefblauen Äther verglühte
überirdisches Lächeln schwebte auf dem verklärten Angesicht ihr
dunkelstrahlendes Auge haftete mit dem Ausdrucke des unaussprechlichsten
Entzückens auf der schimmernden Ferne als schwebe aus ihr eine geliebte Gestalt
herbei und ihre Lippe regte sich unhörbar leise wie im Gebet
    Ernesto und Frau von Willnangen hatten es nicht vermocht der heitern Feier
dieses Tages länger zuzusehen deren Deutung sie nur zu wohl verstanden sie
hatten beide sich entfernt um in gegenseitigen Klagen neue Kraft zu suchen und
niemand war bei Gabrielen geblieben als Hippolit Schweigend betrachtete er sie
und wagte es kaum zu atmen um sie nicht zu wecken Auch er ahnte von ihrem
Gefühl durchdrungen welche Gebilde ihrem Auge jetzt vorüberschweben mochten
ihm war als empfinde auch er die Nähe der an diesem Tage zur ewigen Freude
eingegangnen Mutter der halb schon Verklärten und kalt und geheimnisvoll
hauchten Schauer aus einer andern Welt ihn den Lebenden an
    Wie ein Engel der vom Himmel herabschwebt um Sterblichen von seinen
Freuden Kunde und Gewissheit zu geben wandte Gabriele sich dem geliebten Freunde
endlich wieder zu sein Herz erwärmte sich an ihrem Blick es war als wolle sie
zu ihm sprechen als wolle sie irgend etwas wichtiges ihm vertrauen doch schien
sie bald wieder anders entschlossen und bat ihn nur mit den Augen ihr die
Harfe zu reichen die seit mehreren Tagen von ihr unberührt in einer Ecke
lehnte Hippolit gehorchte wie immer ihrem Winken und nun begann unter ihren
schwachen zarten Händen leise und langsam ein fremdartiges Tönen gleich dem
Nachhall himmlischer Lieder Endlich erhob sich auch ihre süße Stimme
lieblicher herzdurchdringender als Hippolit sie jemals gehört hatte wenn
gleich unendlich zart und leise Es war gleichsam ein innerliches Singen ein
wunderbarergreifendes Heraufklingen aus der Tiefe ihres Herzens
    In kurzen abgerissenen Sätzen oft unterbrochen von Harfenklängen die der
Erdensprache erst Bedeutung gebend wie zur Erläuterung forttönten wenn diese
wortarm verstummen musste sang Gabriele ein regelloses Lied von der
Begeisterung des Augenblicks eingegeben
    Nie hatten ihre Freunde diese Gabe der Dichtkunst in ihr vermutet die
jetzt erst neu in ihr erwacht der halb schon dem irdischen Leben Entschwebten
eine nie zuvor von ihr geübte Sprache lieh Gleich dem Schwane der nur dann zum
erstenmale mit süßen Klängen die Sterne begrüßt wenn sie zum letztenmale die
stille Flut ihm versilbern auf welcher er sterbend wogt
    Gabrielens Lied sang alles Hoffen Sehnen Erwarten ihrer in Himmelswonne
vergehenden Brust Es waren Worte es waren Töne welche der Unsterblichkeit
angehören und der schwache Hauch des Erdenlebens wiederzugeben nicht vermag
    Sie sang bis sie erbleichend verstummend in ihren Lehnstuhl erschöpft
zurückfiel Noch eine Weile flüsterten die Harfentöne endlich verstummten auch
sie Die zarten Lilienfinger entglitten matt den goldnen Saiten und Gabrielens
Auge schloss sich einige Minuten lang wie im Schlummer doch bald öffnete es sich
wieder und suchte Ihn der zum erstenmal in ihrer Gegenwart vom Schmerz
überwältigt in einer Ecke des Zimmers in der trostlosesten Stellung hingesunken
war
    »Mein Freund mein teurer herzlich lieber Freund warum so« sprach sie zu
ihm »Ich dachte Mut und Hoffnung in Ihre Seele zu singen denn ich selbst bin
sehr freudig sehr hoffnungsreich in meinem Gemüte Das Leben ist nicht minder
kurz als schön darum sollten wir nie die köstlichen Stunden der Gegenwart in
voreiliger Trauer über eine vielleicht nahe dunklere Zukunft verschwenden
Denken Sie daran dass ohne Trennung kein Wiedersehen möglich wäre Und welches
Wiedersehen erwartet uns dort über jenen glänzenden Welten die durch unsre
kurze Erdendämmerung leuchten«
    Es war zum erstenmale dass Gabriele auf die Nähe ihres Scheidens so
hindeutete Hippolit glaubte dabei in neuem nie gefühltem Schmerze zu vergehen
denn das ausgesprochne unheilverkündende Wort ist weit furchtbarer als unsre
trübesten Gedanken es sein können Doch übte er auch in dieser bangen Stunde die
gewohnte Kraft über sich selbst Er erhob sich und nahete ihr mit Ergebung in
seinen Zügen
    »Das Singen hat mich ein wenig angegriffen weit mehr als ich es
vermutete« sprach Gabriele sehr freundlich »Und doch sind wir so ungestört
so traulich beisammen ich möchte die Zeit nützen recht gern recht viel mit
Ihnen reden auch wohl etwas von Ihnen erbitten ich werde ganz leise flüstern
müssen Doch das tut nichts setzen Sie sich nur recht nahe zu mir damit Sie
mich verstehen recht nahe ich bitte«
    Hippolit schauerte vor innerer ihm selbst unerklärlicher Angst denn er
hatte Gabrielen schon weit ermatteter gesehen als sie es in diesem Augenblicke
zu sein schien aber er nahm sich zusammen zog ein Taburett aus dem Fenster
herbei und setzte sich dicht zu ihren Füßen Sein Auge ruhte in ihrem ihre Hand
lag kalt und regungslos in der seinen während sie mit der ihm so bekannten
anmutigen Beugung des schönen Hauptes sich gegen ihn hinneigte und ganz leise
und vertraulich zu ihm sprach
    »Sehen Sie wie das Abendrot sich noch so glänzend dort in den Fenstern der
Kapelle spiegelt Ist es nicht genau so wie heute vor vier Jahren «
    »Guter Gott teure Gabriele an welche Stunde erinnern Sie mich in diesem
Momente« rief Hippolit erbleichend aus von unwiderstehlichem Grauen und
Schrecken ergriffen
    »Ruhig ruhig mein Freund« erwiderte ihn beschwichtigend Gabriele »Sie
können ja jener Stunde immer nur mit Dank und Rührung gedenken so wie ich es
auch tue Gott würdigte mich damals des Glücks Sie von einer großen Gefahr zu
erretten« setzte sie mit einem durch die Wolken hindurch leuchtenden zum
Himmel gerichteten Blick hinzu Dann wandte sie sich wieder an ihn der mit
seinem Gefühle sichtbar kämpfend jetzt wieder ruhiger da saß »Die Vorsehung
führte Sie damals vom Rande des furchtbarsten Abgrundes in den wir Verblendete
versinken können hin auf den Weg der zum neuen erhöhten Dasein Sie gelangen
ließ Gottes Führungen sind unbegreiflich und gütig wie er selbst Wer hat das
anschaulicher erfahren als wir beide Darum lieber Hippolit wollen wir auch
nie uns Eigenmächtigkeit oder Widerstand erlauben Wir wollen immer vertrauen
immer immer auch wenn es recht dunkel um uns wird jeder Nacht folgt ein hell
leuchtender Tag der alles Grauen verscheucht«
    Sie schwieg einige Minuten dann begann sie von neuem »Vergeben Sie wenn
ich Ihnen wehe tat durch die Erinnerung an jenen großen Wendepunkt ihrer
Existenz von dem alles Gute und Edle und Schöne ausgeht das Sie seitdem sich
aneigneten  Ich wollte es nicht doch was ich von Ihnen bitten wollte hängt
zu genau damit zusammen und ich bin verlegen und weiß nicht wie ich es
aussprechen soll  Jenes Fläschchen jener Kristall der damals Ihren Händen
entsank den ich wenige Minuten später Ihrer Bewahrung anvertraute bewahren Sie
ihn noch und wo«
    »Ich bewahre ihn auf meinem Herzen« erwiderte nach kurzem Schweigen
Hippolit mit fast unhörbarem klanglosem Tone
    »Hippolit« rief Gabriele mit ungewohnter Kraft und richtete sich plötzlich
hoch und ernst in ihrem Sessel empor »Sie tragen das Entsetzliche auf ihrem
Herzen und seit wenn«
    »Seit  seit den letzten Wochen unsers Hierseins« entgegnete Hippolit und
verhüllte sein Gesicht in die weiten Falten ihres herabhängenden Shawls
    »Mut armer Freund und Friede Ihrem bangem Herzen« sprach Gabriele ihre
schwachen Hände strebten ihn aufzurichten und eine warme Träne sank auf seine
Stirne »Ach Hippolit« sprach sie mit unendlich sanfter Stimme weiter wie oft
vergessen wir auf den Himmel zu bauen wenn uns das Leben hier unter die ernste
dunkle Seite zuwendet Darum sollten wir es wo möglich nie in unsere Macht
stellen der gefährlichen Wirkung des Augenblicks folgen zu können Wir Schwache
sollten schon von Ferne der Gefahr ausweichen die ein einziger unbewachter
Moment über unser Haupt rufen kann  Der Tod« fuhr sie nach einer kleinen
Pause fort »der Tod ist immer unserm Herzen nah warum lieber Hippolit warum
ihn noch auf demselben tragen«
    Hippolit vermochte nicht ihr zu antworten Nach einigem Schweigen fuhr sie
fort zu reden
    »Jenes furchtbare Fläschchen ich habe viel darüber nachgedacht und weiß
jetzt dass es ein Eigentum meines Vaters war Sie fanden es dort in den Ruinen
die seinem letzten Wunsch gemäß in sich selbst versinken müssen mit allem was
sie bedecken ist es nicht so«
    Hippolit bejahte die Frage mit einer stummen Neigung des Hauptes
    »Nichts von allem was dort auf ewig begraben ward darf das Licht des Tages
wieder bescheinen so wollte es mein sterbender Vater« fuhr Gabriele fort
»Darum bitte ich Sie mein Freund ich bitte recht ernstlich recht dringend
geben Sie der Finsternis wieder was ihr geweiht ward Tragen Sie noch heute
noch diesen Abend Ihren schauerlichen Fund zurück zu jenem geheimnisvollen
Gemäuer versenken Sie ihn dort in tiefe selbst Ihnen unzugängliche Kluft Dort
mag er ruhen in dem weiten Grabe wo so vieles ruht Wollen Sie es Wollen Sie
mir die Freude gönnen den letzten Wunsch meines Vaters auch im kleinsten Punkt
erfüllt zu sehen«
    »Noch heute noch in dieser Stunde« erwiderte Hippolit und drückte seine
brennenden Augen auf ihre liebe Hand »Wie könnte ich je Ihrem ausgesprochnen
Willen widerstreben«
    »Dank Ihnen innigen Dank« erwiderte Gabriele mit einem fast unfühlbaren
Händedruck »Sie haben Nachsicht mit meiner Schwäche« setzte sie matt lächelnd
hinzu »Sie spotten nicht einer vielleicht kindischen Ehrfurcht gegen den Willen
der Toten Aber das Zuviel ist hier in unserm Dunkel doch noch immer dem
Zuwenig vorzuziehen nicht wahr lieber Hippolit«
    »Gabriele himmlisches Wesen nicht diese Engelmilde gegen mich wenn ich
nicht ganz vernichtet werden soll« rief Hippolit tief erschüttert »Ich fühle
alles was Sie mir verbergen und andeuten vergebens suchen Sie es mir zu
verschleiern um auch nur die Idee eines Vorwurfes von Ihnen mir zu ersparen
Jene noch immer rot schimmernden Fenster der Kapelle Ihre eigne verklärte
Gestalt sogar die Dämmerung um uns her rufen mir die Vergangenheit zurück
Alles ist wie es war alles heute wie damals Und doch wie ist es auch so
furchtbar anders Kindischer Tor der ich war dass ich damals schon das Unglück
zu kennen wähnte«
    »Sie kannten es damals nicht« fiel Gabriele ein »und glauben Sie mir es
kommt ein Tag wo alles was Ihr Herz heut so schwer belastet Ihnen eben so
erscheinen wird als jetzt jener Schmerz der damals Sie in Tod und Verzweiflung
jagte Ihnen erscheint O mein teurer Hippolit es kommt eine Stunde in
welcher die Erde mit all ihrem Weh unter uns zusammen sinkt und der Himmel mit
seinen Freuden sich uns öffnet Wie leicht wie klein sehen wir dann alles was
uns vor kurzem noch so schwer so unübersteiglich groß dünkte Geloben Sie mir
mein geliebter Freund geloben Sie mir diese meine Worte nie zu vergessen
Lieber lieber Hippolit sie nicht zu vergessen in keiner noch so dunkeln
schweren Stunde Ihres Lebens Ach Sterben ist oft so viel leichter als Leben
Wer würfe nicht gern alles was uns belastet von sich um einer geliebten
entschwebenden Seele durch alle Himmel zu folgen Doch mein edler Freund wird
das Schwerere wählen und es tragen so lange die ewige Vorsicht es will«
Gabriele streckte ihre rechte Hand gegen ihn aus doch er legte nicht
versichernd die seine hinein Dunkel fast verzweifelnd starrte sein Blick
hinaus in die Dämmerung durch welche die Fenster der Kapelle noch immer im
Abendschimmer rötlich erglänzten
    »Undurchdringliche Nacht verhüllt uns das Jenseits« sprach jetzt mit
bewegter Stimme Gabriele wir ahnen seine Schrecken wie seine Seligkeit und es
ist verwegen mit sterblicher Zunge von Göttlichem stammeln zu wollen Doch den
Rand des Grabes vergoldet ein purpurner Schein der den ewigen herrlichen Ost
uns verkündet er heißt Hoffnung des Wiedersehens Ach und doch wäre es möglich
dass eigenmächtiges Eingreifen in den Willen der Vorsicht eine Kluft risse die
dieses Hoffen vielleicht vernichtet vielleicht auf Jahrtausende hinausschiebt
Längre Prüfung in andern Welten erwartet vielleicht den der ungerufen diese
verlässt  Schrecklich schrecklich muss es sein furchtbar über alle
Beschreibung« sprach sie lauter und heftiger »es würde mir den Tod erst zum
Tode machen wenn ich entschlummern müsste ohne die beruhigende Zuversicht dass
alle die ich liebe vertrauend wenn gleich weinend mir nachblicken werden und
dass keines von ihnen sich vom Schmerz zu einem Schritt verleiten lassen wird
der mein Hoffen eines nahen seligen Wiedersehens in der ungemessenen Ewigkeit
vernichten könnte«
    An allen Kräften erschöpft bleich leblos beinah sank Gabriele mit diesen
Worten in ihren Sessel zurück aber ihr bittendes Auge haftete noch immer mit
unaussprechlichem Ausdruck auf Hippoliten
    »Heilige Verklärte« rief jetzt dieser außer sich vor unaussprechlicher
Angst und warf sich ihre Knie umfassend vor ihr nieder »O entschwebe mir
noch nicht Nimm mein Gelübde mit dass ich Deinen Willen erfülle sei es noch so
schwer dass ich keine Kluft ewiger Trennung zwischen uns reißen will Ja ich
will noch leben weil Du es gebeutst ich will noch leben und atmen so lange
ich kann auch wenn Du « Tränen erstickten seine Worte Gabriele vermochte es
nicht ihm zu antworten aber ihre Hände ruhten segnend auf seinem Haupte ein
dankbares Lächeln umspielte ihre Lippen und ihr gen Himmel gerichtetes
glänzendes Auge erhob sich betend für ihn
Bange leise wehmütig einander zulächelnd und doch unfähig jeder
ausgesprochnen Mitteilung ihres Gefühls wandelten in den nächstfolgenden Tagen
Gabrielens Freunde neben einander her Im Schloss herrschte eine bange schwüle
Stille wie vor einem Gewitter und auch draußen war es so in der Natur Alle
Gipfel ruhten kein Lüftchen spielte in den goldigen Blättern sie fielen von
selbst leise und langsam man hörte das flüsternde Rieseln ihres Niedersinkens
weil kein stärkerer Ton durch den schweigenden Wald rauschte
    Gabriele blickte täglich aus ihrem Bogenfenster hinaus in die herbstliche
Pracht denn weiter zu gehen verstattete ihr ihre große wenn gleich schmerzlose
Mattigkeit nicht mehr Mit jeder Stunde beinah sahen ihre Freunde die schöne
Blume bleicher und immer bleicher sich neigen aber ihr Geist loderte immer
sichrer und heller auf ihre Teilnahme an dem Leben ihrer Freunde entwickelte
sich immer freudiger Diese durften sie jetzt fast gar nicht mehr verlassen
denn sie schien mit jeder Minute des Beisammenseins noch geizen zu wollen und
wendete alle ihr noch immer zu Gebote stehende Liebenswürdigkeit daran sie alle
so lange als möglich in ihrer Nähe festzuhalten Ihr Auge wandte sich in dem
kleinen Kreise mit unaussprechlicher Liebe von einem zum andern Lächelnd suchte
es den treuen Ernesto der liebenden Freundin Mut und Licht in die Seele zu
strahlen dann ruhte es wehmütig auf Hippoliten der ganz in sich verloren
sich und den Schmerz und jede Klage selbst Zukunft und Vergangenheit in ihrem
Anblick vergaß während Frau von Willnangen und Ernesto nur mit der mühsamsten
Anstrengung aller ihrer Kräfte ihrem tiefen Schmerz gebieten konnten
    Gabriele redete in diesen Tagen ungewöhnlich viel von Ottokar und von einer
frohen Ahnung seines nahen Wiedersehens nach so langer Trennung »Ernesto war
nur sein Vorläufer gebt Acht unversehens ist er da« sprach sie mit einer
eignen Art von Gewissheit für die sie doch selbst keinen rechten Grund anzugeben
wusste denn er hatte nur kürzlich geschrieben und den Willen Rom zu verlassen
auf keine Weise geäußert
Am dritten Morgen nach dem Todestage ihrer Mutter ließ Gabriele etwas früher als
gewöhnlich Hippoliten zu sich entbieten Er eilte herbei Alles im Zimmer hatte
ein eigenes festliches Ansehen Wölkchen von Wohlgerüchen durchkräuselten es in
bläulichem Duft Gabriele schien auf ihrem gewohnten Sessel im Fenster wie in
einer Blumenlaube zu ruhen denn aller Schmuck des sinkenden Jahres stand in
schönen Vasen zierlich um sie her geordnet und Blumen und Früchte fügten sich im
gefälligsten Vereine um ihre Umgebung zu verherrlichen Die durch die
herabgelassnen roten Vorhänge gemilderten Sonnenstrahlen verbreiteten ein
lieblichrosiges Scheinen im ganzen Gemach und liehen auch der bleichen Gabriele
noch einmal den flüchtigen Schimmer der Gesundheit Sie selbst hatte mit mehr
als gewohnter Sorgfalt wie zu einem Feste sich schmücken lassen ihre reichen
Zöpfe waren zierlicher aufgeflochten ihre Locken umkräuselten die schöne Stirn
in gewählterer Form und ein weiter kostbarer Shawl von himmelblauer Farbe
umwallte in reichen Falten die im zierlichsten weißen Morgenkleide ruhende
schlanke Gestalt Nie war Gabriele schöner gewesen als in diesem Moment doch
war ihre Schönheit nicht mehr von dieser Welt
    Freundlich winkte sie dem Eintretenden näher zu kommen Er tat es und sank
unwillkürlich zu ihren Füßen hin in Anbetung und Liebe verloren Eine eigne
Freudigkeit des Herzens hatte sich seiner bei ihrem Anblick bemächtigt sie
leuchtete aus seinen Augen während er bewundernd die Hochgeliebte betrachtete
»Hippolit« flüsterte sie leise »teurer geliebter Hippolit ja ich fühle es
Sie werden durch ungestümen Schmerz die heiligste schönste Stunde meines Lebens
mir nicht stören sie ist die Krone unsers Daseins ihr darf keine andre folgen
Auch gehöre ich den Lebenden nicht mehr an  erschrick nicht so über dieses
Wort erschrick nicht dass ich gewiss weiß ich werde die Sonne die jetzt uns
leuchtet nicht mehr sinken sehen«
    Mit einem kaum unterdrückten Schrei fuhr Hippolit in die Höhe der Türe zu
als wolle er Beistand Hilfe herbei rufen oder suchen doch ihre sanfte Gewalt
ihr flehendes Auge und die innere Überzeugung dass jeder Versuch zu helfen
hier nur quälend misslingen könne zogen ihn wieder zu ihren Füßen hin Sein
starrendes Auge sein Beben sein tödtliches Erbleichen machten ihn einem
Sterbenden weit ähnlicher als Gabriele es war
    »Erwache o erwache« rief sie »geliebtester aller Menschen erwache und
segne mit mir diese Stunde die den lange gehegten einzigen Wunsch meines
Herzens den Lohn alles meines Strebens mir gewährt Die Sterbende darf
gestehen was der Lebenden strenge Pflicht war tief in der Brust unter
unsäglichen Schmerzen zu vergraben«
    Ihr Auge strahlte von neuem himmlischen Feuer ihre Wangen färbten sich
alle ihre Züge verklärten sich zu unaussprechlicher Schönheit »Ja Dich Dich
habe ich geliebt« sprach sie mit vor Entzücken bebender Stimme »Dich liebe
ich Dich allein Du Einziger Geliebtester Du mein Hippolit nur Dich ich
liebe Dich wie Du mich liebst und lange schon trage ich Dein Bild im Herzen
Ich sterbe weil ich Dich liebte ich sterbe beglückt dass ich nur einmal mein
Herz Dir öffnen darf entzückt beglückt und nun lass mich enden Die Erde beut
mir nichts mehr nach dieser Stunde die alle meine Fesseln zerreißt Ich darf
dem Leben nicht mehr angehören aber ich gehöre Dein Dein von nun an und an
diesen Moment gränzt eine wonnevolle Ewigkeit«
    Das seligste Entzücken der zerreissendste Schmerz Gabrielens geliebte
Stimme rief Hippolit schnell wieder zu klarem Bewusstsein in Tränen Seufzern
Blicken mehr noch als in Worten tauschten die Liebenden alles Weh und alle
Wonnen ihres Daseins gegen einander aus Die Stunde die sie so mit einander
zubrachten gehört nicht ins irdische Leben keine Vergangenheit keine Zukunft
begränzt sie sie steht da einzig für sich allein gleich der Ewigkeit jedem
Versuch sie zu schildern unerreichbar
Es war stille im Zimmer geworden ganz still Ernesto trat leise herein ihm
folgte Frau von Willnangen Die Geschichte eines großen unverhofften frohen
Ereignisses glänzte in Beider Augen schwebte sichtbar auf Beider Lippen Sie
fanden Hippoliten auf dem Taburett neben Gabrielens Sessel knieend ihr Haupt
ruhte an seiner Brust einer ihrer Arme hielt ihn umschlungen die Hand des
andern hielt er in der seinen ein liebes Lächeln umspielte ihre Lippen sie
schlummerte tief und süß Hippolit regte sich nicht beim Eintritt seiner
Freunde Sie winkten ihm sie riefen leise seinen Namen er achtete nicht darauf
oder ward es nicht gewahr Endlich nahte sich ihm Frau von Willnangen leise und
behutsam »Sie schläft« flüsterte sie »wie sanft wie fest doch auch wie
unbequem sehen Sie wie ihr Arm ihre Wange gedrückt werden« Mit diesen Worten
versuchte sie es Gabrielen mit großer Sorgfalt wie ein unter Spielen
eingeschlummertes Kind zurück in die Kissen zu legen Es gelang Hippolit ließ
es ohne Widerstand geschehen und Gabriele erwachte nicht
    Ernesto nahte und zog Hippoliten in die fernste Ecke des Zimmers Frau von
Willnangen blieb gleich einer über die Wiege ihres kranken Kindes gebeugten
Mutter neben Gabrielen stehen und bewachte ihren Schlummer Hippolit folgte
gelassen dem Freunde wohin er ihn führen wollte
    »Gabrielen steht beim Erwachen eine große Erschütterung bevor« flüsterte
Ernesto Hippoliten mit freudig glänzenden Augen zu »Da gilt es Vorsicht und die
sorgsamste Behutsamkeit Lieber Hippolit weiß ich doch kaum wie ich Dir es
entdecken soll Gabrielens Prophezeihung ist eingetroffen Ottokar ist wirklich
da und harrt der Erlaubnis ihr zu nahen Was er bringt wird sie weit später
nach und nach erfahren müssen es ist ein Glück aber es wird ihr sanftes Gemüt
doch verwunden Ottokar kommt von Pisa Lieber Hippolit Moritz ist gestorben
ach nun kann alles noch sehr gut werden und «
    »Gabriele ist tot« schrie Frau von Willnangen mit dem klanglosen Tone des
wildesten Schreckens und sank neben ihr hin
Was lässt sich von den Überlebenden ferner sagen Allein von niemanden gesehen
verweilte Ottokar eine Weile neben der geliebten Toten der untergesunknen
Sonne seiner Jugend dann schloss er den unglücklichen Freund in seine Arme der
bewusstlos und starr ohne Tränen ohne einen Laut kaum noch dem Leben
anzugehören schien Seinen mit ihm gekommnen Sohn übergab Ottokar dem treuen
Ernesto und bat ihn den armen mit den Weinenden ängstlich weinenden Knaben
zurück nach Rom zu begleiten dort seiner Zurückkunft zu harren Er selbst nahm
den durchaus in nichts widerstrebenden Hippolit an seine Brust führte ihn in
den noch dastehenden Reisewagen in welchem er eben gekommen war und fuhr mit
ihm fort gleichviel wohin
    Man sagt Ottokar sei nach etwas mehr als Jahresfrist traurig und ganz
allein wieder in seinem Hause in Rom angelangt eben noch früh genug um den
treuen Ernesto zur Piramide des Cestius zu geleiten
 
                                    Fußnoten
1 Nimm das letzte Pfand meiner Liebe 
Freiheit und Tod
                                          Aus Virginia Trauerspiel von Alfieri
2 Dem Schmerze lächeln