1820_Froelich_Virginia.html




        
                               Henriette Frölich
                                 Virginia oder
                            Die Kolonie von Kentucky
                           Mehr Wahrheit als Dichtung
                                   An die Leser
Anders malt mit ihrem Zauberbilde
Anders sich in jedem Kopf die Welt
An dem Indusstrande und am Belt
Schmücken andre Blumen die Gefilde
Andre Regung bringt der Frühlingsmorgen
Andere die düstere Winternacht
Was der Dichter scheinbar frei gedacht
Musste oft von der Umgebung borgen
Zürnt ihr mir Dass ich ein Bild gewählet
Aus der Unglücksjahre wüstem Drang
Wo der Nebel mit dem Lichte rang
Mit der Wahrheit Irrtum sich vermählet
Zürnet nicht ich hab es nicht erfunden
Nur empfangen von der Außenwelt
Und zur Schau im Rahmen aufgestellt
In der Musse launevollen Stunden
Auch die Heldin wollt mir nicht schelten
Die ein ahndungsvoller Tag gebar
Und gespenstge Bilder der Gefahr
Hingescheucht zu fernen fremden Welten
Wo sie irrte fand sie viel Gespielen
In der Zeiten dunklem Labyrinth
Doch ihr Wahn er war der Flammen Kind
Welche in der Menschheit Glorie spielen
Und sie flieht der Selbstsucht harte Bande
Ihre Wahrheit flieht die Heuchelei
Ihren Hochsinn ihre zarte Treu
Rettend in dem fernen Friedenslande
Sendet ihr im frischen Morgenwinde
Mild den Wunsch der euch den Busen dehnt
Dass sie was ihr alle sucht und sehnt
Das verlorne Eden wiederfinde
 
                                  Erster Teil
                                Virginia an Adele
                                                       Am Bord des »Washington«
                                     Im Hafen von Marseille den 20 August 1814
Wie wirst Du erschrocken sein arme Adele als Du mein Zimmer leer fandest Wie
verstohlen und mit immer steigender Angst wirst Du Dich nach mir erkundigt
haben fast mehr fürchtend meine Spur zu finden als sie zu verlieren Glaube
mir diese Vorstellung hat mich sehr gequält Gern hätte ich Dir mein Vorhaben
vertraut Es wäre mir so süß gewesen mich noch einmal scheidend an die Brust zu
legen an der ich oftmals meine stummen Tränen barg Aber wie durft ich wagen
die Last dieses Geheimnisses auf Deine zarte Seele zu wälzen Woher hättest Du
die Fassung genommen Deiner Mutter das gewöhnliche kindlich fröhliche Mädchen
zu zeigen oder mit Unbefangenheit dem Späherblicke Deines Vaters zu begegnen
Nein ich konnte Dir diese Angst nicht ersparen ich glaube vielmehr ich habe
sie abgekürzt Während Du sorglos schliefest dann ahndetest hofftest
zweifeltest trennten uns schon Berge und Täler ach und wenn Du diesen Brief
erhältst liegt das Weltmeer zwischen uns und ich bin außer der Gewalt der
Menschen nur in der Gewalt Gottes und seiner Elemente Ihm dem Allmächtigen
übergebe ich mich nur der Willkür der Menschen widerstrebt mein Herz es hat
zuviel unter ihren rohen Händen gelitten Ihre triumphierenden Blicke könnten
mich bis ins Grab treiben Triumphierend worüber denn Wars ihr Verdienst O
nein Ihre Schlechtigkeit ihre Ränke haben wohl mitgewirkt dessen mögen sie
sich nicht überheben Aber auch die Schlechtigkeit ihrer Gegner die Selbstsucht
aller zufällige Ereignisse  was weiß ich Am Ende Gott Wohl wohl Ohne seine
Zulassung geschieht nichts Aber warum er es zulässt wozu Da liegts Mit der
Beantwortung sind die meisten so fertig da als habe der Ewige mit ihnen darüber
beratschlagt und nur wenige fühlen es lebendig dass Irren das gemeine Los der
Sterblichen ist dass das Warum vielleicht erst halb in künftigen Jahrhunderten
ganz erst in der Ewigkeit begriffen wird Soviel aber ist mir Armen klar dass
alles dies nimmermehr geschah damit die P s und O s wieder in den
Vorsälen der Bourboniden glänzen möchten oder die M s und R s auf ihren
ehemaligen Schlössern wieder schwelgen und Bauern quälen könnten Noch viel
weniger damit die Güter der Montorins und Polignys durch die Hände Deiner
einfachen Virginia und des zierlichen Louis vermählt würden Vergib mir teure
Adele er ist Dein Bruder aber hat er Dein Herz Und wenn selbst  nimmer
nimmer Und wohnte auch in meiner Seele kein fremdes Bild  nimmer nimmer Er
ist nicht der Sohn meines Vaterlandes wie wollte er mein Gefühl verstehen wie
das schonen können was er verdammt O mein armes verratenes zerrissenes
verlassenes Vaterland auch Virginia muss dich verlassen mit blutendem Herzen
verlassen Wäre sie ein Mann sie würde bleiben und kämpfen vielleicht könnte
sie dir noch etwas nützen und wärs auch nur mit ihrem Blute Aber ein Weib
ein unterjochtes Weib Qualvolles nutzloses Leben dazustehen im Kampf der
Parteien beobachtet in jeder Miene gemisshandelt um jeder unfreiwilligen Träne
beargwohnt um jedes Wort am meisten beim duldenden Schweigen Nein Vaterland
ich muss dich verlassen Schweigen könnte ich Aber nein ich soll reden reden
in ihrem Sinne Nicht genug Eine Bekehrungsgeschichte meines Innern müsste ich
erlügen verdammend anklagen meine angeborenen Gefühle abschwörend dartun die
ererbten Ansichten meines trefflichen Vaters Unglückliches Weib Der Mann
kämpft für seine Meinung und macht sich Bahn das Weib soll keine Meinung haben
 Wie oft fröhliche Adele habe ich Dich beneidet dass Deine Gedanken nur den
engen Raum zwischen der letzten Oper und dem nächsten Ball durchliefen und doch
strafte mich sogleich ein wie mir schien besseres Selbstgefühl Du begriffst
mich nicht wenn Du meine Wange erblassen mein Auge weinen sahst doch liebten
wir uns so herzlich Du mit dem kindlich unbekümmerten Gemüt ich mit der
Erkenntnis dass nur zufällige Umstände uns so verschieden gebildet und Liebe und
Güte selbst das Ungleichste binden können Oh meine Adele noch immer seh ich
Dich als Du zum erstenmal übers Meer herübergekommen warst und an der Hand
Deiner Mutter in unser Zimmer tratest ein freundliches engelschönes Kind kaum
acht Jahre alt Wie flog mein Herz Dir da entgegen der jüngeren lieblichen
Schwester wie dankte ich dem Vater dass er Euch durch seinen rastlosen Eifer
die Rückkehr bewirkt Oh wäret Ihr doch nimmer wieder geschieden Dann hättest
Du mich ganz verstehen lernen mit zunehmenden Jahren und spätere Ereignisse
wären Dir nicht unbekannt So aber riss die Lebenswoge uns schon wieder
auseinander als Du kaum das zwölfte Jahr vollendet und dem seltenen
gefährlichen Briefwechsel war nichts Bedeutendes zu vertrauen weniger noch dem
stets beobachteten Gespräch in den letzten Monden unserer Wiedervereinigung Und
doch treibt mich ein unwiderstehlicher Drang Dir mein ganzes Innerstes zu
zeigen Ich folge ihm die Einsamkeit einer Seereise gibt mir volle Musse
    Ja eine Seereise Und weit sehr weit In das Land der Freiheit schiffe ich
hinüber Wo mein Vater als Jüngling kämpfte unter dem Panier der Freiheit wo
mein hochherziger Oheim für sie blutend starb da ist mein zweites Vaterland
Amerika Amerika Schon erhebt sich ein frischer Ostwind alles eilt an Bord So
lebe denn wohl Adele Dieser Brief muss ans Land Ach zum letzten Male sehe ich
den mütterlichen Boden der mich gebar seine freundlichen Rebenhügel das frohe
Treiben im Hafen von Marseille Zum letzten Male schallen die munteren Lieder der
Fischer zu mir herüber Oh es ist schwer von der Heimat zu scheiden Schwer
wie das Sterben Sterben ist ja auch nur eine Reise nach unbekannter Küste ohne
Wiederkehr Lebe wohl Adele Lebe wohl mein Frankreich
 
                              Dieselbe an dieselbe
                                                      Auf der Höhe von Gibraltar
Die Sonne taucht freundlich aus den Fluten herauf Sie beleuchtet meinen Blicken
zum letzten Male das dämmernde Europa Tränen benetzen meine Wangen
unwillkürlich strecke ich meine Arme nach dem heimischen Gestade aus ach es
schwindet von Minute zu Minute weiter zurück Ich weine ja Adele ich weine
Die Weiblichkeit behauptet ihre vollen Rechte und drängt den männlichen Mut in
den Hintergrund  Ich habe mich auf einige Augenblicke in die Kajüte
geflüchtet um mich in der Einsamkeit recht auszuweinen Große Schmerzen
beruhigt der Mensch nur durch sich selbst er erhebt sich nur durch eigne Kraft
Die mitleidigen Tröster welche sich auf dem Verdeck um mich her versammelten
taten mir nur weher Wie kann man so ins allgemeine hin zusprechen wo man die
feinsten Ursachen der Rührung nicht kennt wohl selbst ausgesprochen nicht
kennen würde Wie will man den verwandten Ton treffen um diesen Missklang in
Einklang aufzulösen Sogar der freundliche Kapitän verwies mich nur an mich
selbst als er mir mit seiner schönen Stimme voll Rührung sagte »Liebe schöne
Miss Sie verlassen ein Land voll Unruhe und Verwirrung mein Vaterland das
heilige Land der Freiheit wird Sie als Tochter aufnehmen und diese bangen
Tränen trocknen Betrachten Sie mich als Ihren Bruder und gebieten Sie über
alles was dieser Bruder sein nennt« Guter Mann es ist nicht das Gefühl des
Verlassenseins was mich beklemmt In den Sälen der Tuilerien würde ich mir viel
verwaister erscheinen
    Siehe meine Tränen sind während des Schreibens getrocknet und mein Mut
kehrt zurück Ich muss wieder hinauf damit der lange Aufenthalt in dem
verschlossenen Raume mir nicht nachteilig werde Ich will nicht seekrank werden
wenn es irgend zu vermeiden ist Krankheit wirkt auf den Geist aber der Geist
beherrscht mehr noch den Körper Der meinige soll sich aufheitern und stark
sein Nur noch einen Abschiedsblick nach der Wiege meiner Kindheit nach den
Gräbern meiner Lieben dann teilnehmend gelebt mit der Gegenwart und die
Vergangenheit noch einmal wiederholt für meine Adele
Unser Leben gleicht des Jägers Träumen
Der am waldbekränzten Hügel ruht
Er entschlief am milden Strahl der Sonne
Von der Liebe von der Jagden Wonne
Und erwachet in der Stürme Wut
Sohn des Hügels morgen wirst du fragen
Was verlöscht Ronkatlins hellen Schein
Hat das Meer den glühenden Stern verschlungen
Selmas Bardenharfen sind verklungen
Toskars Tochter klaget dort allein
Ach Malwina wandelt zu der Halle
Staubumschleiert lehnen Schild und Speer
Es empfängt sie geisterhaftes Grausen
Kleiner Menschen Söhne drinnen hausen
Ihre Helden findet sie nicht mehr
Bald auch kehren Lutas sanfte Mädchen
Ohne die Gespielin von der Jagd
Wenden ihren Tränenblick voll Trauern
Nach Torlutas moosbewachsnen Mauern
Wo der Eichen Flamme nicht mehr lacht
Du siehst liebe Adele dass Ossian mein treuer Begleiter ist Wie hätte ich den
vergessen er ist ja ein Geschenk von Dir Immer schon war er mein
Lieblingsdichter und jetzt ist er mir über alles teuer das liebste Gut
welches ich aus dem Schiffbruche gerettet Erst jetzt verstehe ich ihn ganz und
bei seinen Klaggesängen schweigt mir das Leid im Busen Oft stehe ich noch
abends einsam am Maste gelehnt und betrachte die Gewölke welche der
untergegangenen Sonne nachziehen Dann will michs oft bedünken als lagerten
die Helden vergangener Zeiten auf ihrem rötlichen Saum Teure Gestalten ihr
begleitet Virginia nach dem Lande wo sie einst ruhen wird unter dem moosigen
Steine den die Hand eines Fremdlings mitleidvoll auf ihren Hügel legt Doch
nicht von meinem Grabe wollte ich mit Dir reden traute Adele als ich dieses
neue Blatt anfing sondern von meinem Eintritt in das Leben und wie ich das
wurde was ich bin
Meinen Vater hast Du gekannt den schönen herrlichen Mann Du erinnerst Dich
noch seines hohen männlichen Wuchses seiner stolzen Stirn seiner Adlernase
der sanften großen blauen Augen des freundlichen Mundes Du weißt noch wie
ernst und fest wie wild und freundlich er zu gleicher Zeit war Als jüngerer
Sohn des Ritters von Montorin für die Rechtsgelehrsamkeit bestimmt studierte er
auf dem Kollegium zu Aix  als der Freiheitskampf in Amerika alle Herzen der
europäischen Jugend in Bewegung setzte Sein älterer Bruder schon früher im
Militär angestellt wusste es dahin zu bringen dass er zu einem Regimente
versetzt wurde welches im Laufe des Krieges zur Verstärkung der französischen
Hülfstruppen eingeschifft werden sollte Lange hatte sich ein Oheim dessen Erbe
er war diesem Wunsche auf das lebhafteste widersetzt Der jugendliche
Enthusiasmus siegte Vor seiner Einschiffung wünschte der ältere den jüngeren
Bruder noch zu sehen und nahm einen kleinen Umweg über Aix Hier ergriff nun
meinen Vater das unwiderstehliche Verlangen den geliebten Bruder in diesen
ehrenvollen Kampf zu begleiten Plutarch und Xenophon hatten den kaum erst
sechzehnjährigen Jüngling zum Manne gereift Er raffte zusammen was sich ohne
Aufsehen fortbringen ließ und folgte heimlich dem Bruder um als Freiwilliger
den Feldzug mitzumachen Sie erreichten glücklich den Hafen von Marseille wo
die Flotte bereitlag sie aufzunehmen Mit leichtem Herzen verließen sie
Frankreich Dieselben Wellen die immer hin und wieder kehren auf deren Rücken
unser »Washington« dahintanzt dieselben trugen sie fröhlich zu dem ersehnten
Ziele
    Mit hochklopfendem Busen landeten die Jünglinge und begannen den Kampf gegen
die Macht des stolzen Englands Drei Jahre fochten sie nebeneinander mit
wechselndem Glücke doch umschwebte meistens der Sieg ihre Fahnen Ihre
Heldenherzen rissen sie zu jeder schwierigen Unternehmung voran Wo die Gefahr
war fochten die Brüder Bei Eutaw wankte das Bataillon welches der ältere als
Oberst kommandierte auf einen Augenblick Ein mörderisches Kartätschenfeuer der
Engländer trennte die Glieder da entriss mein Oheim dem weichenden Fähnrich das
Panier »Wer mich liebt und die Ehre« rief er »der folge mir Freiheit und
Sieg Freiheit und Sieg« Mit diesen Worten stürmte er im raschen Laufe gegen
die feindliche Batterie vor »Freiheit und Sieg« rief mein Vater »Freiheit
Sieg und unser Oberst« tönte es durch alle Glieder Man stürmte ihm nach Die
Batterie war genommen aber tödlich verwundet erreichte mein edler Oheim das
Ziel seiner Anstrengung Ein Schuss in die Brust hatte ihn schon im halben Laufe
getroffen Er hielt die linke Hand fest auf die Wunde gedrückt um das fliessende
Blut noch einige Augenblicke aufzuhalten pflanzte mit bebender Rechten die
flatternde Fahne neben dem feindlichen Geschütz auf und sank dann sterbend
nieder »Mein Wunsch ist erfüllt« sagte er mit schwacher Stimme »der Sieg ist
unser Freiheit und Menschenrechte habe ich diesem dereinst glücklichen Lande
erkämpfen helfen Weine nicht mein Bruder weinet nicht Kameraden ich sterbe
den schönsten Tod« Mit diesen Worten hauchte der jugendliche Held in den Armen
des Bruders seine große Seele aus Nur ein einfacher kleiner Hügel konnte über
seine irdischen Reste errichtet werden aber sein Panteon ist der Ort wo er
fiel und mit heiliger Ehrfurcht wie die Spartanerin zu dem Passe von
Termopylä werde ich dahin wallen Er kämpfte nicht den zweideutigen Kampf für
Land und Besitztum er focht für fremdes Glück für die Menschheit für den Gott
im Busen In den Jahren des Genusses ließ er ein glänzendes Los daheim und hohe
Erwartungen trug in Wüsten alle Beschwerden und Mühseligkeiten des Krieges um
für ein fremdes gedrücktes Volk zu kämpfen Indem ich mir ihn so
vergegenwärtige fühle ich was Ahnenstolz ist und wie er entspringt Ja ich
bin stolz auf ihn auf den edlen nicht auf den adeligen Menschen Ursprünglich
waren beide Worte nur eins Wehe dass man in der Folge Zeichen und Sache trennen
musste
    Nach dem Frieden kehrte mein Vater nach Frankreich zurück Er fand den alten
Herzog seinen Oheim tief gebeugt über den Verlust seines Lieblings wurde
aber als nunmehriger Erbe mit allen Zeichen der Wertschätzung empfangen bei
Hofe vorgestellt bewundert und mit Schmeicheleien überhäuft Die Frauen fanden
ihn unbeschreiblich schön den Männern gebot er Ehrfurcht ein Teil der jüngeren
nicht sehr begünstigten schloss sich mit Begeisterung an ihn an Der Oheim tat
zweckmässige Schritte und erhielt die sehr nahe Aussicht zu einer ansehnlichen
Hofbedienung für ihn Mein Vater liebte aber den Hof nicht sowenig man auch
hinter seinem gefälligen zarten Benehmen welches der Abdruck seines
menschenfreundlichen Herzens war seine Abneigung ahndete Der Oheim war höchst
unangenehm überrascht als ihm mein Vater mit Festigkeit erklärte er werde sich
niemals an den Hof fesseln Nun bestand der Oheim darauf ihm ein Regiment zu
kaufen Mein Vater unterdrückte die Äußerungen seiner Gedanken über dieses
unrechtmässige Verfahren und weigerte sich gleichfalls scheinbar aus dem Grunde
weil er den Soldatenstand nicht liebe Man fand diese Abneigung höchst ungereimt
an einem jungen Helden der nur eben mit frischen Lorbeern heimgekehrt war Mein
Vater aber erwiderte es sei ganz ein anderes für Freiheit und Menschenrecht in
den Kampf zu ziehen als auf Paraden zu glänzen und als Söldling völlig fremden
Zwecken zu dienen Man verstand einander fast gar nicht Der Neffe wünschte zu
seinen Studien zurückzukehren und mit seinen geliebten Griechen und Römern zu
leben der Oheim nannte dies Pedanterie und Verkehrtheit wodurch er eben für
die höhere Welt und seine glänzenden Entwürfe verdorben worden und dem feinern
Leben immer mehr entfremdet würde Die Spannung stieg zwischen beiden sosehr
mein Vater sich auch Mühe gab durch kindliche Zuvorkommenheit diese
Unzufriedenheit zu bekämpfen Endlich erhielt mein Vater die Einwilligung auf
einige Zeit ein kleines Gut in der Provence besuchen zu dürfen welches er von
seiner Mutter geerbt und seit seiner ersten Kindheit nicht gesehen hatte Er
verließ in den ersten Frühlingstagen das geräuschvolle Paris wie der Vogel den
Käfig Er hatte dort wohl Freunde gefunden aber die Luft welche sie
gemeinschaftlich umfangen hielt war so schwül dass sie das freie Aufatmen gar
sehr erschwerte Jetzt sog er wieder die junge Brust voll frischer Lebenslust
und frohen Mut
    Du hast Chaumerive gesehen am nördlichen Ufer der Durance diesen schönen
Schauplatz meiner frohen Jugend Gewiss gedenkst Du noch des blumigen Tales das
sich mit Rebenhügeln umkränzt längs den Ufern dahinzieht Vor allem aber des
dunklen Flusses der vor unsrer Wohnung strömt von zahllosen Fischerbarken
bedeckt denn gewiss ist Dir die kühne Wallfahrt noch im Gedächtnis welche wir
beide eines Nachmittags auf seinem grünen Uferwall unternahmen um seinen
Ausfluss in die Rhône zu sehen Wir gelangten dahin aber schon begann die Sonne
zu sinken als wir gefesselt von dem großen Schauspiel an die Rückkehr
dachten wo Dir dann Dunkelheit und Ermüdung manche Träne auspressten Hierher
begab sich mein Vater Freilich war es damals bei weitem nicht so reizend als
Du es gefunden Seit länger als zwölf Jahren von dem Besitzer vernachlässigt
waren die Gebäude verfallen die Gärten verwildert die Felder und Weinberge nur
für den augenblicklichen Nutzen bestellt Mangel und Schmutz blickten aus den
einzelnen Hütten hervor und blassgelbe Gestalten in Lumpen gehüllt
verrichteten träge die nötigen Fronarbeiten Doch die Natur war gleich üppig
Die wilde Durance tanzte ebenso trotzig daher Die dunkeln Oliven schattierten
ebenso anmutig mit der frischen Zitrone und Tymian und Lavendel dufteten
selbst von öden Triften
    Es bedurfte nur festen Willen Einsicht und Geschmack um mit geringen
Aufopferungen ein Paradies zu schaffen welches späterhin jedes Auge entzückte
Mein Vater hatte schon im Augenblicke der Ankunft seinen Entschluss gefasst Er
entließ den reichgewordenen Pächter mit einer angemessenen Vergütung verteilte
den größten Teil des Ackers unter seine Bauern gegen eine jährliche geringe
von ihnen selbst bestimmte Pacht und hob alle Zeichen der Dienstbarkeit auf Er
stellte sich den erstaunten Menschen nur als ihren Freund und Ratgeber dar und
gewann alle Herzen Jedermann griff mutig zur Arbeit und die entworfene
Verbesserung rückte mit Riesenschritten vor Der Weinbau wurde ganz auf die
Hügel beschränkt dort aber um so sorgfältiger betrieben Es wurden für die
Kelter nur gleichzeitig reifende Gewächse von verwandten Eigenschaften
gepflanzt Der Ölbaum wurde nur sparsam zwischen den Reben geduldet und
bekränzte meist nur den Rücken der Höhen und die nördliche Seite Die Ebenen
wurden mit Weizen besäet und sorgfältig von den schattenden Bäumen und dem
wuchernden Gesträuche gereinigt Die sumpfigen Wiesen und Triften längs dem
Fluße wurden durch zweckmässige Gräben trockengelegt und durch Ausrottungen ein
sehr großer Teil Acker für den fast unbekannten Kartoffelbau gewonnen Auf dem
magersten Teil des Landes wurden Maulbeerpflanzungen angelegt und Pomeranzen
Zitronen und alle übrigen Obstarten in den Gärten mit großer Sorgfalt gezogen
So wurde durch kluge Sonderung dieses mannigfaltigen sonst
durcheinandergeworfenen Anbaues derselben Grundfläche ein zehnfacher Ertrag
abgewonnen Üppig wallte der goldne Weizen wo ihn sonst der Maulbeerbaum und
das Gesträuch erstickte und der freie Weinstock lieferte den köstlichsten Wein
Die entwässerten Triften nährten zahlreiche und kräftige Herden wo sonst nur
einige magere Kühe des Pächters weideten Jetzt nahm der Landmann durch
Vorschüsse meines Vaters unterstützt an allem teil und Wohlstand kehrte in
seine reinliche Hütte zurück Gesundheit und Kraft sprach sich in seiner
regsamen Gestalt aus und jene liebenswürdige Fröhlichkeit welche den guten
Provenzalen so eigentümlich ist Oh wie wurde aber auch mein Vater von seinen
treuen Untertanen geliebt Seine Aussprüche waren Orakel seine Felder und Berge
wurden am besten bearbeitet seine Bauten unglaublich schnell ausgeführt und
bei den Auszahlungen entstand nur Streit darüber dass er zuviel geben und der
Arbeiter zuwenig nehmen wollte
    Welche hohe Zinsen trugen die kleinen anfangs gemachten Aufopferungen Wie
wurde ihm seine Leutseligkeit in der Folge mit Wucher vergolten Wie rührend
aber war es auch den edlen Mann im Kreise seiner Untertanen zu erblicken Doch
liebte er diese Benennung nicht er nannte sie nur seine Freunde »Ich bin ärmer
als sie« pflegte er zu sagen »ich bedarf ihrer Hilfe mehr als sie der
meinigen denn ich bin weniger abgehärtet und mir sind so viele Bedürfnisse
anerzogen deren Entbehrung sie gar nicht gewahr werden« Der fein gebildete
Mann dessen geistreiche Unterhaltung von Höflingen bewundert wurde war mit
diesen Kindern der Natur so einfach als sie Er stimmte seine Begriffe zu den
ihrigen herab um diese zu lenken legte oft gesellig Hand an bei ihren
Arbeiten mischte sich in ihre Spiele und erfreute sich herzlich bei ihren
fröhlichen Scherzen Bei jedem traurigen ja nur rührenden Anlass füllte sich
augenblicklich sein blaues Auge mit Tränen welche er jedoch sorgfältig zu
verbergen suchte Er half wo er konnte und tröstete wo keine Hilfe war So
trat er wie ein Halbgott unter diese gedrückten vernachlässigten Menschen und
ein neuer Morgen brach an für dieses kleine freundliche Tal Dem Vater selbst
schien ein schönerer Lebensmorgen aufgegangen Im lieblichsten Wechsel flogen
die Tage flogen Sommer und Herbst dahin Die Musen besuchten ihn am
winterlichen Kamine dessen Gesimse es nie an frischen Blumen gebrach Hier
ahmte er denn oft Anakreons Lieder nach beim schäumenden Becher voll süßen
feurigen Mostes öfter noch die heimischen Gesänge der alten Troubadours So
durch Einsamkeit und Dichtkunst zur Liebe vorbereitet fanden ihn die ersten
entzückenden Tage des neuen Frühlings Man hatte in Paris vergebens auf seine
Rückkunft gewartet der Herzog hatte vergebens schriftlich darauf gedrungen
mein sich zu glücklich fühlender Vater hatte immer auszuweichen gewusst indem er
seine Gegenwart als notwendig zur Vollendung der begonnenen Bauten darstellte
Diese schilderte er so pomphaft dass der Herzog von Ehrgeiz ergriffen
unaufgefordert große Summen überschickte damit Provence und Languedoc von der
Pracht seines Hauses reden möchten Wie weit aber war das was mein Vater
ausführte von diesen stolzen Ansichten entfernt Zwar höchst geschmackvoll
waren die neuen Schöpfungen aber auch ebenso einfach die Wohnung von mäßiger
Größe war nur für eine häuslich glückliche Familie berechnet in den Gärten
Schönheit mit Nützlichkeit gepaart Die ersparten Summen kamen ihm gut
zustatten seinen ländlichen Freunden aufzuhelfen und seinem neuen
Wirtschaftsysteme Schwung zu geben Gegen das Ende des Karnevals hatten seine
Pariser Freunde bestimmt auf seine Gegenwart gerechnet und ihm vielfältig ihre
Erfindungen für die letzten Maskenbälle mitgeteilt woran er teilnehmen sollte
Er lehnte ihre Einladungen ab doch veranlassten sie ihn zu dem Einfall zum
Fastnachtabend nach Aix zu reisen um der dortigen Maskerade beizuwohnen Mit
innigem Vergnügen betrat er diese Stadt wieder wo sein Geist die erste Nahrung
erhalten und wo noch so viele seiner Jugendgespielen lebten Mancher von ihnen
der sonst mit ihm in einer Klasse gewetteifert hatte riss jetzt auf der
Rednerbühne des Parlaments durch seine feurige Beredsamkeit hin Einer derselben
 ich nenne ihn bei seinem Vornamen Victor  der Sohn eines Kaufmannes jetzt
Parlamentsadvokat ein feuriger unternehmender Kopf dessen Herz für alles
Große schlug und der mit Aufopferung seiner selbst für das Recht kämpfte war
außer sich vor Freuden seinen Leo wiederzusehn und lud ihn für die Nacht in
das Haus seines Vaters ein Zuvor wollten sich beide Freunde noch auf dem
Orbitello treffen und sich des Maskengetümmels freuen Lust und Leben empfing
meinen Vater auf diesem entzückenden Korso mit welchem sich kaum die Boulevards
von Paris messen können Die Bäume blühten die Fontänen sprangen und bei jedem
Schritt umringten ihn hüpfende kleine Mädchen reichten ihm duftende Sträusse und
baten um Zuckerwerk für die Schwalbe Er ging fröhlich auf diese altgriechische
Lust ein und füllte und leerte unaufhörlich seine Taschen für diese lieblichen
kleinen Geschöpfe So gelangte er zur mittleren Fontäne wo er schon in der
Entfernung seinen Freund erkannte an seinem Arme hing ein Mädchen in der Tracht
der Bäuerinnen von Arles dieser fast griechischen Kleidung welche so schön
steht Das kurze Unterkleid war aus blassroter Seide und das Drolet oder
Oberkleid aus dunkelgrünem Samt um die dunklen Locken wand sich ein Tuch in
gleicher Farbe mit Gold durchwirkt Schuhschnallen und Armspangen waren mit den
schönsten Edelsteinen besetzt und um den blendendweissen Hals hingen blassrote
Korallen So erschien diese Nymphengestalt zum ersten Male den entzückten Augen
meines Vaters Sie ward meine Mutter Du verzeihst mir gewiss dass ich bei dieser
Veranlassung etwas umständlicher erzähle als es wohl nötig ist Dieser Moment
entschied ja über das Leben zweier mir so unendlich teuren Personen und über
mein Dasein Mein Vater war als Troubadour gekleidet und Victor stellte ihn
seiner Schwester vor Der Eindruck den beide aufeinander machten war
überraschend und als man sich in der Morgenfrühe trennte waren beide von dem
Gefühl durchdrungen dass Leben ohneeinander Tod sei
Die Liebe diese Blütezeit des Lebens dieser Silberblick auf seines Stromes
Wellen ist nirgend mächtiger als unter dem schönen provenzalischen Himmel dem
Vaterlande der Lieder Hier nur vereinigt sie Feuer und Zartheit in gleichem
Masse hier nur ist sie die einzige große Angelegenheit des Lebens Auch meine
Eltern fühlten sie vom ersten Augenblick als solche Leo atmete nur für seine
Klara und Klara dachte nur ihn Victor war hocherfreut über das Bündnis zweier
ihm so teuren Wesen und seine siegende Beredsamkeit riss den Vater mit sich
fort der wohl anfangs etwas von Standesunterschied bemerkte Der Zeitgeist
entfaltete schon seine Schwingen und fand besonders in den beiden Freunden
begeisterte Herolde Sie hatten früher nur in der idealen Welt der Alten gelebt
und sich von je Abkömmlinge altgriechischer Kolonien geträumt Leo hatte in
Amerika den Standesunterschied welcher seinem sanften Herzen niemals zugesagt
als unbedeutend ansehen lernen und Victors stolzes Selbstgefühl wurde davon
beleidigt So stand der Verlobung der beiden Liebenden kein Hindernis weiter im
Wege und Leo eilte auf Flügeln der Liebe nach Chaumerive um die nötigen
Anstalten zum Empfange seiner jungen Gattin zu treffen Er schrieb seinem Oheime
mit aller kindlichen Zärtlichkeit eines Sohnes und dem Entzücken eines
glücklichen Bräutigams und bat um seinen Segen Er sah für den schlimmsten
Fall wohl einer Unzufriedenheit einer Missbilligung des stolzen Herzogs
entgegen doch hielt er dieses für kein Hindernis seines Glücks da er die
Volljährigkeit erreicht hatte und Chaumerive sein unbestrittenes Eigentum war
Mochte doch der Herzog ihm die Erbschaft seines Namens und seiner Güter
entziehen sie waren niemals das Ziel seiner Wünsche gewesen Wie befremdet aber
war er als ihm ein Kurier die Antwort des Herzogs überbrachte der ihn im
ungemessensten Zorn einen Niederträchtigen nannte der die Ehre seines Hauses
beschimpfe ihm befahl sogleich diese entehrende Verbindung für immer
aufzugeben und sich zu ihm nach Paris zu verfügen Mein Vater war empört über
diesen Befehl Er fühlte sich Mann und ward wie ein Knabe gescholten Dass er
dies nicht sei beschloss er zu zeigen Er reiste ungesäumt nach Aix und
beschleunigte die Anstalten zu seiner Vermählung Er fühlte zu zart um seiner
Klara und ihrer Familie durch Mitteilung des erhaltenen Schreibens trübe
Stunden zu verursachen Er gedachte Klaren künftig nach und nach mit der
Spannung oder dem Bruche zwischen ihm und dem Oheime bekannt zu machen da er
annahm sie werde davon bei dieser Entfernung von Paris in ihrem kleinen
Paradiese wohl nicht berührt werden Am Ende sieht der Oheim auch wohl die
Sache wenn sie geschehen anders an dachte er als jetzt wo er sie noch zu
hintertreiben hofft und so überließ sich der glückliche Leo ohne Sorge der
Seligkeit seines neuen Standes Wenig Tage nach der Vermählung führte er die
geliebte Klara in seine Heimat Die Bewohner von Chaumerive empfingen ihre
schöne Frau wie sie sie nannten gleich einer Königin und die freundliche
Klara besaß schon in den ersten Tagen alle Herzen ebenso unumschränkt als ihr
Leo Du hast meine geliebte Freundin noch nach vielen Jahren gesehen wie
dieses edle Paar geliebt wurde Jeder Tag erhöhte ihr Glück denn an jedem Tage
entdeckte einer an dem andern mehr liebenswürdige Eigenschaften Schöne selige
Zeit die nur zu bald endete und nie in dieser Reinheit wiederkehrte
Kaum waren einige Monde wie ebensoviel glückliche Augenblicke geschwunden als
in einer rauen Novembernacht ein starkes Geräusch meinen Vater aus den Armen
seiner Gattin aufschreckte Fackeln erleuchteten den Hof er sieht im Schein
derselben einen verschlossenen Wagen halten und in demselben Augenblick treten
Polizeibeamte zu ihm ein Man zeigt ihm einen lettre de cachet vor und
bemächtigt sich seiner Person Kaum vergönnte man dem überraschten Unglücklichen
Zeit seine Lippen noch einmal auf den Mund seiner ohnmächtigen Gattin zu
drücken Man reißt ihn mit Räubereile hinunter Am Wagen haben sich einige
wenige seiner erwachten Leute gesammelt Sie wollen den geliebten Herrn mit
ihrem letzten Blutstropfen verteidigen man donnert sie im Namen des Königs
zurück der Wagen wird verschlossen und dahin rollt er unaufhaltsam der
furchtbaren Bastille zu Mein Vater mein armer betäubter Vater allein und für
den Augenblick ohne Aussicht auf Rettung Aber er hatte eine männliche Seele
und diese verzweifelt nie Der Mann wagt auch den misslichsten Kampf mit dem
Schicksal und gibt die Hoffnung des Sieges nur mit dem letzten Lebensfunken auf
Wer vermöchte aber wohl die Verzweiflung seiner unglücklichen Klara zu
schildern als sie von ihrer tiefen Ohnmacht erwachte Noch nach späten Jahren
geriet sie außer sich wenn sie von dieser fürchterlichen Nacht sprach Sie
umklammerte dann unwillkürlich meinen Vater mit krampfhafter Stärke als fürchte
sie ihn aufs neue zu verlieren und Tränen und Küsse überströmten sein Gesicht
Damals fehlte der Unglücklichen sogar die Wohltat der Tränen Stumm gleich
einem Marmorbilde saß sie da Ihre Kammerfrau handelte an ihrer Statt und
sandte einen treuen Boten zu Pferde nach Aix Victor schäumte vor Wut er
übersah mit einem Blick den ganzen Zusammenhang und zugleich fühlte er in
seinem Busen Kraft zu helfen und selbst mit den Machtabern in die Schranken zu
treten Er versah sich mit Geld und Wechseln nahm Kurierpferde und flog zu
seiner angebeteten Schwester Hier erschien er wie ein rettender Engel An
seiner hohen Kraft richtete sich die Trostlose mühsam auf Er hauchte ihr einen
Teil seiner Hoffnung ein und begab sich ungesäumt mit ihr nach Paris
    Jede zurückgelegte Station belebte den Mut der unglücklichen Frau sie kam
ja dem Geliebten näher und schon allein in den Ringmauern derselben Stadt mit
ihm zu leben schien ihr ein Glück gegen jene schreckliche Entfernung Victor
hoffte noch zuversichtlicher Die Notabeln waren versammelt alle Deputierte
seiner Provinz waren ihm bekannt und befreundet er durfte auf ihre kräftigste
Unterstützung rechnen Seine Angelegenheit schien ihm die Sache der ganzen
Menschheit wie konnte man ihm Gerechtigkeit versagen In dieser Stimmung kam
das Geschwisterpaar in Paris an Klara verlangte durchaus in einem Gasthofe der
Bastille so nahe als möglich zu wohnen denn es schien ihr unbezweifelt gewiss
dass ihr Gemahl sich in derselben befinde Victor fand es freilich sehr möglich
dass er nach einem anderen weit entfernten festen Schloss gebracht worden sei
doch widersprach er der Trauernden nicht und gewährte ihr gern den schwachen
Trost Er selbst fing seine Nachforschungen mit rastlosem Eifer an Er sprach
mit seinen Freunden ging nach Versailles um den Grafen von Mirabeau einen
alten Freund seines Hauses aufzusuchen Überall fand er die herzlichste
Teilnahme und den besten Willen zu helfen doch war die Sache so leicht nicht
als er gewähnt Alles kam darauf an zu erfahren wohin der Gefangene gebracht
worden und hierüber gelangte man durchaus nicht zur Gewissheit Zwar hatte man
von Chaumerive den Weg nach Paris genommen soviel hatte man in der
Nachbarschaft erfahren ob man aber nicht späterhin diese Straße verlassen wer
konnte das verbürgen Der Herzog welcher am ersten Auskunft zu geben vermochte
war fast unzugänglich Er weigerte sich durchaus Victor zu sehen ließ ihn
jederzeit abweisen sooft er auch die Versuche ihn zu sprechen erneuerte
Nicht glücklicher waren die Bemühungen derer welche ihr Rang in seine Zirkel
führte Der alte Hofmann stellte sich völlig unwissend Nach vielen misslungenen
Schritten brachte es Mirabeau dahin dass Victor eine geheime Audienz beim Könige
erhielt Der Monarch schien zwar gerührt bei der lebhaften Schilderung des
jungen Mannes doch meinte er man müsse die Ansichten eines herzoglichen Hauses
auch berücksichtigen dessen Haupt einer seiner ältesten und treusten Diener
sei Alles was man zuletzt erhielt war ein Befehl an den Gouverneur der
Bastille dass wenn sich ein Gefangener dieses Namens in seinem Gewahrsam
befinde diesem unter gehöriger Vorsicht eine Zusammenkunft mit seiner Gattin
und seinem Schwager zu gestatten Mit diesem teuren Papier eilten die
Hoffnungsvollen in die finsteren Mauern Klarens Herz schlug laut vor ungestümer
Freude Aber o Schrecken dem Gouverneur war dieser Name gänzlich unbekannt Er
schlug nach vielen Weigerungen die Register vom Monat November auf doch
vergebens Victor entdeckte zwar bei einer raschen Wendung dass um diese Zeit
ein junger Mann eingebracht worden aber Name und Wohnort trafen nicht zu Klara
verlangte voll ahndenden Gefühls diesen Unbekannten zu sehen aber der
Gouverneur schlug es mit Festigkeit ab Der Befehl laute nur auf eine bestimmte
Person alles übrige sei gegen seine Pflicht Hart von Natur und mehr noch
durch Gewohnheit weigerte er sich auch nur die mindeste Auskunft über diesen
Unbekannten zu geben So verließ man diesen Ort des Schreckens völlig
unverrichtetersache Klara mit der festen Überzeugung der Unbekannte sei ihr
Gemahl Victor zweifelhaft Neue Versuche neue Hindernisse Dem Könige war
schwieriger beizukommen Er hielt es für unmöglich dass jemand unter fremdem
Namen gefangensässe und verweigerte eine Erlaubnis diesen Fremden zu sehen weil
Staatsgeheimnisse dabei gefährdet werden könnten Am Ende gab er einen ähnlichen
Befehl für SaintVicenz und die Geschwister reisten dahin obwohl Klara keinen
Erfolg davon hoffte Die Nachforschungen waren wieder vergeblich So ging der
Winter und der größte Teil des Frühlings vorüber Meine arme Mutter rückte ihrer
Entbindung immer näher und versank immer tiefer in Gram Ihre einzige Erholung
war auf dem Platze vor der Bastille auf und nieder zu gehen und die düstern
Mauern anzublicken die ihr alles umschlossen Ihr Bruder konnte sie zu keinem
andern Spaziergange mehr bereden Man kannte sie hier schon und nannte sie nur
die schöne Trauernde jedermann betrachtete sie mit Teilnahme Ihr Bruder traf
jetzt nur auf lebhaft beschäftigte und bewegte Gemüter die Spannung zwischen
den Notabeln und dem Hofe stieg aufs höchste und die Gärung war allgemein in
ihr ging alles einzelne unter Auch Victor ob er gleich das Schicksal seines
Freundes nie aus den Augen verlor warf sich doch mit Feuer in die öffentlichen
Angelegenheiten Ihm war klar dass eine große Umwälzung der Dinge unvermeidlich
und notwendig sei Die Hoffnung für seinen Leo knüpfte er an das allgemeine
Wohl und rastloser als einer arbeitete er an der neuen Organisation
So kam der Julius heran dieser so oft beschriebene und in der Weltgeschichte
ewig merkwürdige Monat Meine Mutter wurde von all dem Treiben um sie her nur
sehr wenig gewahr ihr tiefer Kummer machte sie unempfänglich für die Außenwelt
Sie hörte es kaum wenn man sie bedauerte und Vorübergehende sie laut ein Opfer
der Tyrannei nannten Tief in sich gekehrt ging sie auch am 14 Julius mittags
auf ihrem gewöhnlichen Spaziergange auf und nieder und es dauerte lange ehe
das Herbeiströmen einer zahllosen Volksmenge sie aufmerksam machte Man umringt
sie Weiber und Mädchen umwinden sie mit dreifarbigen Bändern »Auch du sollst
gerächt werden« rufen sie Das Getümmel nimmt zu Von allen Seiten das
Geschrei »Nieder mit der Bastille nieder« Kanonen werden aufgepflanzt die
Türme vom Zeughause und vom Garten werden eingestossen Löcher in die Mauern
gebrochen Meine Mutter fängt an zu begreifen was vorgeht sie zittert vor
Schreck und Freude sie sinkt auf die Knie und streckt die Arme nach dem
fürchterlichen Gefängnisse aus die Sinne vergehen ihr die mitleidigen
Umstehenden sind kaum imstande sie gegen den gewaltsamen Andrang der Menge auf
einige Augenblicke zu schützen Da arbeitet sich Victor durch das dichteste
Gedränge fasst seine ohnmächtige Schwester in seine Arme drängt sich mit
Riesenkraft rückwärts und trägt sie in ihre Wohnung zurück Sie schlägt die
Augen auf aber in demselben Momente stellen sich auch heftige unbekannte
Schmerzen ein alles verkündigt eine beschleunigte Entbindung Victor ruft um
Hilfe er übergibt sie der Sorgfalt der Frauen spricht ihr Mut ein und selige
Hoffnung und eilt zurück wohin Begeisterung und Pflicht ihn rufen Er legt mit
der Stärke eines Rasenden Hand an er ist der zweite in der Bresche Wütend
packt er einen der Invaliden er muss ihm die Eingänge zu den Gefängnissen
zeigen und ohne auf die übrigen Ereignisse zu achten ist sein einziges
Streben die Türen dieser höllischen Behälter zu öffnen Werkzeuge sind schnell
gefunden auch hülfreiche Arme in Menge Man befreit eine ziemliche Anzahl der
unglücklichen Schlachtopfer tyrannischer Willkür doch findet sich kein Leo
Endlich weicht eine besonders stark befestigte Tür und mein Vater stürzt dem
freudeschwindelnden Victor in die Arme »Freiheit« ist das erste Wort welches
aus beider Brust sich hervordrängt das zweite »Klara«  »Lebt sie« ruft mein
Vater »Sie ist hier« schreit mein Oheim und so machen sich beide fest
umschlungen unaufhaltsam Bahn durch die teilnehmende Menge Sie erreichen fast
atemlos Klaras Wohnung Meine Mutter lag blass und erschöpft im Bette ich ruhte
an ihrer Brust Seit wenig Minuten hatte ich das Licht der Welt erblickt Mein
Vater stürzte kniend an dem Bette nieder In sprachloser Freude hing er an den
Lippen der Geliebten und überströmte ihre Hände mit Tränen und Küssen Dann nahm
er mich in seine Arme und drückte mich gewaltsam schluchzend an sein Herz
Plötzlich hob er mich hoch in die Höhe und rief laut und feierlich
    »Virginia Virginia du teures Pfand der neuen Freiheit Roms Virginia
sprengte durch ihren Tod Roms Bande du verbürgst mir durch den Augenblick
deiner Geburt die Freiheit deines Vaterlandes und knüpfest mich mit tausend
neuen Banden an dasselbe« Er legte mich wieder auf das Bett und seine Rechte
segnend auf meine Stirn Victor kniete tief erschüttert neben ihm und legte
ebenfalls seine Hand wie zum Schwur auf mein Haupt »Freiheit und Vaterland
Freiheit und Gleichheit« sprach er mit hohem Ernste »Vaterland Freiheit und
Gleichheit« sprach mein Vater ihm nach Dann schlugen beide Männer kräftig die
Hände ineinander und umarmten sich Lächelnd und selig sah meine Mutter auf dies
erhabene Schauspiel herab Sieh Adele so wurde ich geboren Könnte ich es
jemals ertragen dass man den 14 Julius mit Schmähungen belegt würden die
Deinen mein Fest jemals mit gutem Herzen feiern wollen Nein Virginia die
erstgeborne Tochter der Freiheit muss in einem freien Lande sterben
Von diesem Zeitpunkt an waren meine Eltern auf immer vereinigt und glücklich
Die Begebenheiten die den Thron erschütterten hatten ihr Glück gegründet
Konnte die dankbare Erinnerung daran sie jemals verlassen konnten sie jemals
vergessen dass die Despotie die ersten frischesten Blüten dieses Glückes
abgestreift  Mein Vater teilte nunmehr seine Zeit zwischen den Freuden seiner
Häuslichkeit und den ernsten Bemühungen für das öffentliche Wohl Er erneuerte
seine früheren Verbindungen und knüpfte neue Sein Einfluss wurde bei den
Beratschlagungen und Entwürfen von segensreichem Nutzen Auch auf seine Familie
wendete er seine zärtlichste Sorge Sein edles Herz mochte nur Böses mit Gutem
vergelten und sein überlegener Verstand flößte ihm gegen die Verkehrteiten der
Menschen mehr Mitleid als Zorn ein Er versuchte den alten Herzog zu sehen und
hoffte ihm in dieser Krisis nützlich zu werden Aber der erbitterte Mann wich
allen seinen Bemühungen aus und war einer der ersten welche die Sache ihres
Vaterlandes und seinen heiligen Boden verließen Nächstdem war meines Vaters
erster Weg zu Deiner Mutter Er hatte diese seine einzige Schwester zwar wenig
gekannt aber er liebte sie mit brüderlichem Herzen Sie war als er nach
Amerika ging noch ein zartes Kind und befand sich schon im Kloster SaintCyr
zur Erziehung Nach seiner Zurückkunft hatte er sie mehrere Male dort besucht
und sich ihrer aufblühenden Schönheit und ihres sanften Wesens gefreut Aber ein
Sprachgitter bleibt immer eine Scheidewand zwischen liebenden Geschwistern
welche wenn auch nicht die Liebe mindert doch die Vertraulichkeit hemmt Mein
Vater war schon in Chaumerive als er erfuhr dass der Herzog Deine Mutter an den
Hof gebracht wo sie vielen Beifall ernte Um die Zeit seiner eigenen
Verheiratung hörte er sie werde sich mit dem Herzog von P vermählen Er
schrieb ihr sie antwortete ihm zwar zärtlich doch sehr schüchtern und deutete
auf den Zorn des Oheims und auf die Beschränkung worein ihre nahe bevorstehende
Verbindung sie zu versetzen drohe Sie pries ihn glücklich als Mann sein
Schicksal einigermaßen selbst bestimmen zu können und wünschte ihm herzlich
Glück doch warnte sie ihn zugleich mit mädchenhafter Furchtsamkeit Zu dieser
geliebten Schwester flog nun mein Vater Sie empfing ihn mit der lebhaftesten
Freude aber ihr Herz beklemmten ängstliche Sorgen Ihr Gemahl hatte ihr wenige
Stunden zuvor angekündigt dass die Prinzen entschlossen wären über die Grenze
zu gehen in Hoffnung dass der größere Teil des Adels ihnen folgen werde und dass
man von dort aus den Anmassungen des dritten Standes vernichtend begegnen könne
Er hatte ihr befohlen sich reisefertig zu halten um ihm zu folgen Sie befand
sich im neunten Monat ihrer Schwangerschaft liebte ihre Umgebung und fürchtete
den unbekannten rauen Norden So sank sie weinend in die Arme ihres bekümmerten
Bruders Der Herzog Dein Vater trat kurz darauf ins Zimmer Die Begrüßung der
beiden Schwäger war kalt und förmlich Mein Vater lenkte sogleich das Gespräch
auf das Interesse der Zeit der Deinige wich ihm mit stolzer Höflichkeit aus
oder sprach mit wegwerfender Anmassung ab Jener beschwor ihn zwar wenigstens
Rücksicht auf seine kränkelnde Gattin zu nehmen fand aber kein Gehör Seine
redlichen Anerbietungen zu sichernden Maßregeln in betreff der Güter für den
schlimmsten Fall wurden mit Misstrauen ja fast mit Hohn zurückgewiesen
Denselben Erfolg hatte sein edler Wille bei seinem Oheim dem Herzog auch er
verspottete jede Äußerung von Besorgnis und wies jede ihm angebotene
Dienstleistung in den beleidigendsten Ausdrücken zurück Dennoch hat mein
Vater diesen Undankbaren in der Folge wider ihren Willen die größten Dienste
geleistet indem er ihre Güter unter Mitwirkung einiger seiner bewährtesten
Freunde durch Scheinkäufe größtenteils rettete und ihnen von Zeit zu Zeit einen
Teil der Einkünfte mit großer persönlicher Gefahr übersendete Für jetzt
konnte er für die geliebte Schwester nichts weiter tun als dass er ihr die
Vergünstigung auswirkte nach England zu gehen wohin er ihr Pässe verschafte
Victor besorgte durch die Handelsverhältnisse seines väterlichen Hauses eine
schnelle und bequeme Überfahrt ebenso Anweisung bedeutender Summen auf Londoner
Häuser So wurde Deine gute Mutter wider ihren Willen und mit einer grausamen
Eile wie die Umstände sie forderten aus ihrem Vaterlande und aus den Armen
ihres kaum wiedergefundenen Bruders gerissen Kaum hatte sie den engländischen
Boden betreten als ihre Niederkunft herannahete und sie Deinen Bruder Louis
gebar
Die Revolution ging nun ihren raschen Gang Mein Vater und sein Freund schwammen
in Seligkeit alle die Träume ihrer früheren Jünglingstage in die Wirklichkeit
heraustreten zu sehen Beschlüsse wurden gefasst Grundsätze wurden aufgestellt
welche die Bewunderung der Welt erregten Europa sah eine herrliche Morgenröte
aufglühen und der größere Teil seiner Bewohner jauchzte ihr entgegen Arme
Sterbliche ihr hättet bedenken sollen was schon die Erfahrung den Landmann
lehrt dass das hochflammende Rot im Osten auf einen schwülen Gewittertag deutet
Das ganze Heer menschlicher Leidenschaften mischte sich ins Spiel und
verfälschte die reine Begeisterung welche das große Werk begonnen Die Edlen
unter den Volksführern befanden sich in der Lage des Sisyphus der Stein rollte
wieder bergab wenn sie ihn bis zur Höhe gewälzt zu haben glaubten und viele
wurden von seinem gewaltsamen Sturz zerschmettert Mein Vater redete und
handelte mutig für seine Überzeugung aber er sah mit Schmerz dass das
begonnene Werk nicht nach seinem sanften edlen Sinne zu beendigen sei Er hatte
in seiner großen Seele der Menschheit einen höheren Grad der Reife zugetraut als
er jetzt fand Mirabeau starb die Jakobiner organisierten sich und die
Parteien fingen an sich zu bekämpfen Der Hof und das Ausland trieben ihr
finsteres Spiel und verwirrten die geheimen Fäden des Gewebes so künstlich dass
man bei den meisten unglaublichen Begebnissen nicht mit Gewissheit sagen konnte
von welcher Seite die wirksamsten Schläge gekommen Sicher hätte
dessenungeachtet mein Vater den Kampf nicht gescheut doch meine Mutter zitterte
für den teuren schon einmal verlorenen Gatten Sie beschwor ihn täglich diesen
unsicheren Schauplatz zu verlassen und sie zurückzuführen in ihre glückliche
Heimat Er konnte auf die Länge ihren Tränen nicht widerstehen auch zog ihn die
Sorge für seine verlassenen Anlagen und für das Wohl seiner Bauern zurück nach
Chaumerive Victor blieb in Paris Sein Feuergeist fand sich am Rande des
Vulkans in seinem Elemente
    In Chaumerive legte nun mein Vater alle Auszeichnungen seines Standes völlig
ab Die Wappen wurden überall abgenommen die Livreen abgeschafft Man richtete
sich bequem aber sehr einfach ein Mein Vater versammelte die sämtlichen
Bewohner nannte sie seine guten Freunde und Nachbarn erklärte sich ganz für
ihresgleichen und bat sie ihn nie mehr gnädiger Herr sondern schlechtweg
Bürger zu nennen Die guten Leute erstaunten doch waren sie schon an einen
hohen Grad von Leutseligkeit und Gleichheitssinn bei meinem Vater gewöhnt und
liebten ihn nun nur um so stärker Sie legten ihm Rechenschaft ab von ihrem
Haushalt während seiner Abwesenheit Sie hatten seine Äcker gleich den ihrigen
bestellt und den Ertrag gewissenhaft bewahrt Mein Vater bezeigte ihnen seine
lebhafte Dankbarkeit und die guten Menschen glaubten sich ihm verpflichtet Es
knüpften sich die schönen Bande der gegenseitigen Liebe und des Vertrauens immer
fester und trotzten allen nachfolgenden Stürmen der Zeit So unruhvoll und
blutig auch die folgenden Jahre für Frankreich gewesen sind mein friedliches
Tal die Wiege meiner Kindheit ist dank der Sinnesart meines guten Vaters
immer so ruhig und glücklich geblieben als läge es auf einer Insel des Stillen
Ozeans
    Der benachbarte Adel nannte ihn anfangs einen Tollhäusler und wich ihm aus
späterhin hielt er ihn für einen Schlaukopf und suchte oft seine Vermittlung
Erkannt haben ihn nur wenige man hielt für Klugheit was nur Vernunft und
Gefühl war
In dieser schönen Umgebung an der Hand der Liebe ging ich meine ersten
Schritte hier wurde mein Geist sich seiner bewusst Meine Eltern machten zu
meiner Erziehung keine künstlichen Anstalten man überließ mich der Natur und
dem guten Beispiele Liebe die zärtlichste aufopferndste Liebe umgab mich und
erzeugte in mir tiefes reges Gefühl Mein Geist bedurfte keines Sporns er
entwickelte sich überaus frühzeitig und schaffte sich Nahrung Ich lernte fast
von selbst lesen in einem Alter wo andere Kinder kaum einige Worte im
Zusammenhange aussprechen Meine Mutter schaffte mir Puppen an und anderes
Spielgerät ich wusste eben nichts damit anzufangen und warf es bald beiseite
traurig fragend »Was soll Virginia nun machen« Meine Mutter begriff diese
Eigenheit nicht und verlor oft die Geduld Mein Vater erhielt durch einen
Zufall ein altes Werk welches meine kindische Aufmerksamkeit auf sich zog Es
war eine Weltgeschichte durchweg in Kupfern bildlich dargestellt der Text
daneben in veraltetem doch kräftigem Stil Ich besah eifrig die wirklich
schönen Kupfer und verlangte ihre Erklärung meine Mutter verstand sich wenig
darauf und fertigte mich mit Auslegungen ab welche sie für mein Alter passend
glaubte die mir aber nicht genügten Ich wendete mich an meinen Vater und
dieser erklärte mir die Bilder einfach aber wahr Ich hing an seinen Lippen und
wollte ihn nimmer wieder lassen aber der gute Vater musste doch oft abwesend
sein und ich blieb dann mit meinem lieben Buche allein »Wenn du erst lesen
kannst« tröstete mich der Vater »dann kannst du dir die Geschichten selbst
erklären« Das war ein Blitzstrahl in meine Seele geworfen Ich übte mich
unermüdet und in kurzem las ich fertig in meiner lieben Geschichte Nun war
meine Beschäftigung gefunden ich fühlte keine Leere mehr Alle Zeit wo ich
nicht im Freien herumsprang oder mit meinen Eltern plauderte saß ich bei dem
Buche Ich las und las wieder Begriffe reihten sich an Begriffe und ich
verstand ich fühlte was ich gelesen Ich kann im eigentlichsten Sinne sagen
ich bin unter den Heroen der Vorwelt herangewachsen Sie waren meine Vorbilder
dienten mir zum Maßstab für die Ereignisse der Gegenwart Unter meinen frühesten
Erinnerungen ist mir eine Szene lebhaft gegenwärtig geblieben welche diese
meine Heroenbilder erregten Ich mochte vier Jahr alt sein und mein geliebter
ach über alles geliebter Emil ein Jahr als Frankreich von den fremden Armeen
hart bedrängt wurde Victor war an die Grenze geeilt das Vaterland zu
verteidigen und mochte meinen Vater wohl aufgefordert haben ein Gleiches zu
tun Wenigstens war ein Brief angekommen dessen Inhalt auf meinen Vater einen
wichtigen Eindruck gemacht zu haben schien Er war unruhig teilte Befehle aus
traf mancherlei Anstalten und schien mit einem großen Vorhaben beschäftigt Das
ganze Haus war in einer ängstlichen Bewegung und niemand wollte und konnte sich
um mich bekümmern Ich flüchtete wie immer in ähnlichen Fällen zu meinem
Buche Zufällig hatte ich eben das Kupfer aufgeblättert wo Leonidas den Pass von
Termopylä verteidigt als mein Vater in den Saal trat und hinter mir
stehenblieb »Sie starben für das Vaterland« sagte er nach einer kleinen Pause
und legte die Hand auf meinen Kopf »dreihundert Helden wehrten der großen
Persermacht den Eintritt in das heilige Land der Freiheit« Ich hatte mich
umgewendet und schaute nach ihm auf Zwei große schwere Tränen hingen in seinen
Augen »Sie taten nur ihre Pflicht« sagte er und fuhr mit der Hand über die
Tränen lächelte mich an und wiederholte »Sie taten was sie mussten« Da kam
meine Mutter herein Emil auf dem Arme Sie war sehr bleich und hatte geweint
Schweigend zog sie den Gatten zum Sofa setzte das Kind auf seinen Schoss und
sich neben ihn Sie umschlang ihn weinte heftig und rief endlich im Ton der
Verzweiflung »Diesen hülflosen Kleinen könntest Du verlassen mich mich« und
sank an seine Schulter Mein Vater umfasste sie mit Zärtlichkeit redete ihr zu
sprach viel von Pflicht und Notwendigkeit Der Knabe lächelte unbefangen drein
und spielte mit des Vaters Locken Mich mochte die Gruppe an das Bild von
Hektors Abschied erinnern ich schlug es auf und sah ernstaft bald auf Hektor
bald auf den Vater Endlich richtete sich meine Mutter wieder auf und blickte
mich an »Virginia« rief sie »umarme die Knie deines Vaters flehe ihn dass er
uns nicht verlasse«  »Die Frau da« antwortete ich in meinem kindischen Sinn
und zeigte auf das Bild »die Frau da weint nicht dass der Vater seine Pflicht
tun muss Sie hält ihn nicht Virginia darf ihn auch nicht halten« 
»Römermädchen« rief mein Vater und riss mich in seinen Arm Aber ein
verzweiflungsvoller Blick meiner Mutter fiel auf mich und in demselben
Augenblick sank sie leblos zu Boden Ich stürzte mich mit Geschrei und Tränen
über sie hin Mein Vater hob sie in seine Arme sie wurde zu Bett gebracht und
ein heftiges Fieber kündigte sich mit den bedenklichsten Zeichen an Ihre
Krankheit dauerte lange und sie wurde nur dadurch am Leben erhalten dass mein
Vater ihr das feierliche Versprechen ablegte sie niemals zu verlassen Meinem
Vater musste es schwer geworden sein sein Pflichtgefühl im Kampf mit der Liebe
zum Schweigen zu bringen Manche seiner späteren unfreiwilligen Äußerungen
deuteten darauf Doch nahm er sich sehr in acht meine Mutter das mindeste davon
merken zu lassen Über Gefühle dieser Art war ich in der Folge seine einzige
Vertraute In dem Herzen meiner Mutter schien sich durch diesen Vorfall eine
leise Abneigung gegen mich festgesetzt zu haben Ich entsinne mich dass man mich
in den ersten Wochen ihrer Krankheit sorgfältig abhielt sie zu sehen und dass
ich viel darüber geweint Auch während ihrer Genesung war sie anfangs nicht so
gütig gegen mich als sonst überhaupt lenkte sich ihre Zärtlichkeit mehr auf
meinen Bruder Ich bemerkte dies wohl aber ohne Neid denn ich selbst liebte
den holden Emil über alles Du hast ihn wenig gekannt den freundlichen herzigen
Knaben Er war immer heiter immer voll Scherz und Fröhlichkeit und dabei so
bieder und treu Wie hätte man ihn nicht lieben sollen Überdies war er ja ein
Knabe und schien mir schon deshalb jedes Vorzugs wert je höher mir nach und
nach die Wirksamkeit und Tatkraft des Mannes erschien Ich weinte nur zuweilen
im stillen darüber dass ich ein Mädchen war eins der unbedeutenden Wesen von
welchen die Geschichte so wenig sagt während die Taten der Männer jedes Blatt
füllen Nur als Opfer werden sie genannt Iphigenia Virginia  nur Opfer für
große Zwecke So glaubte ich leidende Geduld sei die notwendige Eigenschaft des
Weibes aber mein leidenschaftliches Gemüt stand mit dieser Stimmung im ewigen
Widerspruch und störte die Harmonie in meinem Charakter Mein Vater wurde sehr
aufmerksam auf mich und fing an sich mit Ernst um meine Bildung zu bekümmern
Von ihm lernte ich schon früh Englisch späterhin auch etwas Deutsch Ich las
unsere vorzüglichsten Dichter und auch die der Ausländer in ihrer Sprache Mein
Gemüt war früh poetisch gestimmt wozu wohl der provenzalische Himmel vieles
beitrug Doch waren es nicht die leichten Liebeslieder meiner Landsleute woran
ich Geschmack fand mir stellte sich alles zuerst von der erhabenen Seite dar
Eine Ode über den Krieg war meine erste sehr geheimgehaltene Arbeit soweit ich
mich ihrer erinnere freilich sehr fehlerhaft doch durchaus ohne Vorbild
Überhaupt war ich meist sehr ernst und in mich gekehrt worüber mich die kleinen
Mädchen meine Gespielen oft neckten Ich schwärmte wohl mit ihnen umher und
hatte sie alle von Herzen lieb aber ich war doch nie so ganz Kind als sie Es
machte mir Freude Blumen mit ihnen zu pflücken und Kränze zu winden lieber
aber saß ich doch mit meinem Vater abends unter unsern Kastanienbäumen und
blickte nach dem zahllosen Sternenheere des dunkelblauen Himmels auf Da war ich
unerschöpflich an Fragen und mein guter Vater antwortete so gern Er nannte mir
die Sternbilder machte mich aufmerksam auf die Unzählbarkeit der Sonnensysteme
auf die Unendlichkeit des Raumes und der Zeit und knüpfte daran den Begriff von
der überschwenglichen Größe und Erhabenheit des Schöpfers Oft überraschte uns
noch die Mitternacht bei diesen Gesprächen über welche meine Mutter längst
eingeschlafen war Sie liebte diese Unterhaltungen nicht sehr sah auch meine
fortschreitende Ausbildung nicht allzu gern
    Ihre Kindheit hatte sie nach der Sitte der Zeit in einem Kloster verlebt
Weibliche Arbeiten etwas Lesen und Schreiben und häufige Religionsübungen waren
dort alle zu erlangenden Kenntnisse gewesen Mit diesen hatte sie ausgereicht
und nun in meinem Vater das Glück ihres Lebens gefunden daher bildete sie sich
ein alles was darüber sei überflüssig wo nicht gar vom Übel Mein Vater ließ
sich nicht gern mit ihr in Erörterungen über diesen Punkt ein Er liebte sie von
ganzem Herzen und sie verdiente es im hohen Grade Sie war schön und voll
Grazie hatte das beste Herz von der Welt liebte ihn über alles war unermüdet
für seine kleinen Bedürfnisse besorgt eine gute Mutter eine gute Hausfrau
eine Wohltäterin der Dürftigen Was hätte das Herz eines Mannes noch mehr
fordern können Auch fühlte sich das Herz meines Vaters völlig befriedigt Doch
sein philosophischer Geist empfand nach und nach immer mehr das Bedürfnis eines
Wesens das in seine Ideen eingehen mit dem er sich über die Gegenstände
unterhalten könnte die ihm die wichtigsten waren Er hatte oft versucht sie
dafür auszubilden aber mit wenig Erfolg
    In mir drang sich ihm ein bildsamer Stoff ganz von selbst auf und mit
schöpferischer Liebe legte er Hand an ohne auf die Menge der Bedenklichkeiten
Rücksicht zu nehmen welche ihn allenfalls davon hätten abmahnen können Emil
drei Jahre jünger als ich wurde bald mein treuer Spielgefährte wir waren ein
Herz und eine Seele Mein Vater schien seine Zärtlichkeit ganz gleichmäßig
zwischen uns zu teilen so wie seine belehrende Sorgfalt Es war aber sehr
natürlich dass ich einen starken Vorsprung behielt auch war der Knabe immer
mehr in der Sinnenwelt als in der Ideenwelt zu Hause Es gibt Augenblicke wo
ich ihn deshalb glücklich preise Aber ach die Richtung unsrer Seele liegt
außer unsrer Macht geschieht schon ehe wir uns dieser bewusst werden und ist
fast angeboren
    Wir trieben uns fleißig in der umliegenden Gegend umher und spielten manches
verwegene Spiel ich im romantischen Sinne ritterlicher Vorzeit er nach wilder
Knabenart So schaukelten wir uns oft in einem Fischernachen auf der wilden
Durance und arbeiteten uns mit Stangen längs den Uferkrümmungen hin Emil um
seine Kräfte zu messen mit der Gewalt des Stromes oder um ein Entennest
aufzusuchen im Schilfe ich weil ich in Gedanken Kolumbus begleitete eine
neue Welt zu entdecken und in einer unbekannten Bucht zu landen Mein Vater
kaufte nach einigen Jahren die Ländereien eines benachbarten Klosters nachdem
dieses längst aufgehoben und feilgeboten war Der Großvater in Aix war
gestorben und ein Teil des Vermögens meiner Mutter konnte nicht vorteilhafter
genutzt werden Diese fühlte wohl anfangs einige Gewissensskrupel darüber doch
wusste sie der Weltgeistliche unsres Kirchsprengels ein konstitutioneller
Priester zu heben
    Überdies bildete sich bei meiner Mutter der Sinn für Erwerb und Besitz mit
den Jahren immer mehr aus Sie wurde eine äußerst emsige Wirtin und ging in die
geringsten Kleinigkeiten ein Mein Vater ließ sie gewähren sein Glück ruhte
nur auf das Ganze Ihm war nicht darum zu tun was er persönlich gewann sondern
wieviel allgemeiner Wohlstand durch diese oder jene Anlage verbreitet werden
konnte Für diese seine höheren Zwecke aber war er rastlos tätig und sein
vergrösserter Wirkungskreis ließ ihm bald nur wenig Zeit zum Unterricht für uns
übrig daher er sich wiewohl ungern entschloss von seinem lieben Emil sich zu
trennen Er brachte ihn nach Aix zu einem seiner ältesten Schulfreunde welcher
dort Professor am Lyzeum war Meine Mutter war mit dieser Trennung sehr übel
zufrieden es beruhigte sie nur wenig dass ihr Liebling sich in den Händen eines
der rechtschaffensten edelsten Männer seiner Zeit befand und sich in dessen
Familie bald so einheimisch als in unserm Hause fühlte Mir selbst kostete
dieser Abschied unzählige Tränen doch richtete ich mich an dem Gedanken auf
dass es zum Besten meines Bruders sei ja ich beneidete ihn um sein Los Er
sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen und konnte einst die Werke der Alten
in der Ursprache lesen mein höchster Wunsch Für Emil war diese Aussicht nicht
so reizend Er hatte kein gutes Wortgedächtnis und das Erlernen fremder
Sprachen wurde ihm sehr schwer dagegen rechnete er mit Leichtigkeit und machte
Fortschritte in der Mathematik
Mit diesem geliebten Bruder schien der Genius der Freude aus unserem Hause
gewichen Meine Mutter vergrub sich um ihrem Schmerze zu entfliehen nur tiefer
in Geschäfte Sie fing an sehr missfällig zu bemerken dass mir ein ihr gleicher
Sinn für das kleine häusliche Tun und Treiben fehle Sie wollte mich durch
Verweise dazu antreiben es mangelte ihr aber Geduld auch ward sie bei ihrer
raschen Tätigkeit behindert mich durch allmähliche Gewöhnung dazu tüchtig zu
machen Es fehlte mir nicht an gutem Willen aber ich wusste es durchaus nicht
anzustellen und ein harter Vorwurf bei einer kleinen Unbeholfenheit scheuchte
mich auf längere Zeit von den Geschäften Ich flüchtete mich in einen einsamen
Winkel zu meinen Büchern Sie schalt dann zwar heftig auf das Lesen doch
mochte sie es mir nicht ganz verbieten weil mein Vater es in Schutz nahm und
ihren unwilligen Äußerungen immer eine ruhige Freundlichkeit entgegensetzte
»Klärchen liebes Klärchen« pflegte er zu sagen »wolltest du denn dass alle
Bäume deines Gartens nur einerlei Art wären Der Apfelbaum ist nützlich aber
auch die Granate in ihrer Blüte die Zierde des Gartens Lass doch Virginien
gewähren willst du gewaltsam in ihre Eigentümlichkeit eingreifen so zerstörst
du ihre innere Harmonie« Er versuchte nun seinerseits mich in Tätigkeit zu
setzen und mit weit besserem Erfolg Er hatte große Maulbeerpflanzungen
angelegt und richtete einen Teil der Klostergebäude für den Seidenbau ein Alle
Kinder der Landleute auf seinen Besitzungen wurden aufgeboten zur Wartung und
Pflege der Seidenraupen Die Arbeit war leicht und auch die Kleinsten konnten
Blätter sammeln und den Würmern vorlegen Kraftlose Greise und Mütterchen
welchen der Feldbau zu schwer war halfen dabei Der sehr ansehnliche Ertrag
wurde gleichmäßig verteilt und erhöhete den Wohlstand der ganzen Gegend Ich
führte unter Anleitung des Vaters die Oberaufsicht und ganz zu seiner
Zufriedenheit Mit der Morgensonne war ich auf und immer aufmerksam auf den
Gang der Geschäfte behende und geschickt in allen Handgriffen Beim Abhaspeln
der Seide war ich die fertigste und sorgsamste Arbeiterin Mit gleichem Erfolge
stellte er mich bei der Weinlese an wo ich dafür sorgte dass die Beeren
behutsam und eigen von der Traube gekämmt wurden welches unserem Wein einen
großen Vorzug vor allen Weinen der Provinz gab Bei allen solchen Geschäften
welche nur tage oder wochenlang dauerten und in großer Gemeinschaft betrieben
wurden war ich unermüdet tätig und in hohem Grade vergnügt und fröhlich Wir
sangen Romanzen und Rundgesänge erzählten Märchen und Novellen immer brachte
ich neue mit und jung und alt liebte mich herzlich Aber wenn ich wieder
zurücktrat in den alltäglichen Gang des häuslichen Lebens da fühlte ich meine
Tätigkeit plötzlich gelähmt Die kleinen immer wiederkommenden Sorgen des
Haushalts vermochten nicht meine Seele zu füllen und mein Geist kehrte
heisshungrig in die Ideenwelt zurück
    Nicht die Geschichte der vergangenen Zeiten allein war es jetzt was mich
beschäftigte ich nahm an den Begebenheiten unserer Tage den lebhaftesten
Anteil Von meiner frühesten Kindheit an hatte ich mich gewöhnt alles nach den
Mustern der Alten zu beurteilen und so mussten meine Ansichten ganz verschieden
sein von den Ansichten derer welche von einem andern Standpunkt auf die Dinge
sahen Mein Vater schien in demselben Falle gewesen zu sein Als des gutmütigen
Ludwig Haupt unter der Guillotine fiel sah ich ihn tief betrübt »Es ist
traurig« sagte er »dass es bis dahin kommen musste« O hätte der edle König sich
doch gleich anfangs losmachen können von den anerzogenen Begriffen sich mit
Aufrichtigkeit der Sache des Volks angeschlossen  es wäre um vieles anders und
besser geworden Aber es war fast in seiner Lage unmöglich der Einfluss seiner
Umgebungen war zu mächtig die Ränke der Ausgewanderten und ihrer Verbündeten
waren zu eingreifend es konnte fast nicht anders enden Er fiel als ein großes
Opfer der Freiheit ein reines schuldloses Opfer Möge es die unterirdischen
Götter versöhnen Die Nachwelt nennt ihn mit Recht einen Heiligen
    Die Schreckenszeit erfüllte meinen Vater mit Grausen Sie war aber durch die
hohe Erbitterung der verbündeten Mächte fast unvermeidlich herbeigeführt worden
Die Integrität der jungen Republik schien fast nicht anders zu retten als wenn
es sein müsste mit Aufopferung eines großen Teils der gegenwärtigen Generation
Die Umstände trafen schrecklich zusammen und die Menschlichkeit musste der
Vaterlandsliebe weichen Daneben kam so oft die Erhaltung der einzelnen mit der
Erhaltung der Nation in Streit und dieser wird fast niemals ohne Blut
geschlichtet
    Meines Vaters sanftes menschliches Herz litt schmerzlich während dieser
Zeit und er dankte dem Himmel für den Entschluss sich schon früh in die
ländliche Stille geflüchtet zu haben doch tadelte er auch die härteren Naturen
nicht welche es versuchten das mast und steuerlose Schiff des Vaterlandes
durch die schäumende Brandung zu führen Er gedachte oft der beiden Brutus von
welchen der eine seine Söhne hinrichten ließ weil sie einer Verbindung mit dem
verbannten Tarquinius sich schuldig gemacht der andre den Dolch in den Busen
seines Freundes vielleicht seines Vaters stieß als dieser die Republik
vernichten zu wollen strebte Das Schicksal der Girondisten erregte seine
Teilnahme im höchsten Grade Meist waren alle seine Freunde edle Männer voll
redlichen Eifers für das Beste des Vaterlandes und voll Einsicht es fehlte
ihnen aber die Festigkeit ihrer Gegner und sie mussten unterliegen in einem
Zeitpunkte wo Frankreich der Kraftfülle vorzüglich bedurfte Hätten sie sich
dem Vaterlande durch kluges Zurückziehen bis zum Friedensschluss erhalten sie
würden es beglückt haben Mich ergriff besonders das Schicksal der Bürgerin
Roland Oft habe ich in späteren Jahren geweint wenn ich den ewig
unvergesslichen einer Römerin würdigen Brief las welchen sie aus dem
Gefängnisse geschrieben Selbst Charlotte Korday meine gefeierte Heldin
übertraf dieses große Weib an Charakterstärke nicht
    Als Robespierre gestürzt wurde atmete Frankreich freier »Die Menschheit
muss sich seines Todes freuen« sagte mein Vater »sie wird ihm fluchen er war
ein Tyrann und doch glaubte er es zu ihrem Besten zu sein Er war kein
Heuchler nur ein tugendhafter Schwärmer doch seine Tugend war hart und rau«
Waren gleich nach der Katastrophe vom 9 Termidor die Elemente bei weitem
noch nicht beruhigt so hatten doch die fürchterlichsten Ausbrüche des Vulkans
nachgelassen und vertrauter mit ihnen geworden achtete man der nachfolgenden
immer schwächeren Erschütterungen wenig Jedes Auge fast wendete sich dem
Kriegsschauplatze zu wo der Ruhm über den französischen Fahnen schwebte Der
alte kriegerische Geist meines Volkes erwachte in neuer Stärke Galliens
Ritterzeiten kehrten wieder Auch in unsrem friedlichen Tale wurde meistenteils
nur vom Kriege geredet Unsere Knaben warfen Ball und Kreisel beiseite und
spielten Kriegsspiele unsre Mädchen sangen den Marseiller Hymnus Mein Vater
las öfter als sonst die Zeitungen in Gesellschaft seines Freundes unsers
trefflichen Pfarrers und ihre begeisterten Gespräche dauerten bis spät in die
Nacht hinein ich wurde nicht müde ihnen zuzuhören Selbst eine fleißige
Zeitungsleserin geworden stand ich oft schon mit der Sonne auf um dem
Postboten des nächsten Fleckens entgegenzugehn die Blätter schnell zu
durchlaufen und dem Vater schon beim Erwachen eine frohe Siegesnachricht zurufen
zu können Von allen diesen früheren Begebenheiten machte der Übergang über die
Bocchetta den stärksten Eindruck auf mich Hannibal hatte zur Verwunderung der
Römer diese unwegsame Straße betreten kein Heerführer nach ihm es gewagt Nun
war Buonaparte der zweite kühne Sterbliche welcher sich hier Bahn brach Dieses
einzige damals so angestaunte Unternehmen stellte mit einem Schlag den
jugendlichen Helden in Riesengrösse vor meine Phantasie Alle Heroen der Vorwelt
bei deren Taten mein junges Herz gepocht traten jetzt in ein einziges Bild
verschmolzen ins Leben in die Wirklichkeit heraus Meine Einbildungskraft
schmückte dieses herrliche Bild mit allen Reizen männlicher Schönheit und
stellte es als Idol auf den Altar meines Herzens
    Du wirst lachen Adele aber bedenke dass ich in der Provence geboren bin
wo man früher und heißer empfindet als in Deinem kalten England bedenke dass
Gesänge der Troubadours meine Wiegenlieder waren und dass ich in der Ideenwelt
unter Heroenbildern aufwuchs Die Vergötterung meines Helden schallte mir aus
jedem Munde entgegen mein Vater und der Pfarrer waren von Bewunderung für ihn
durchdrungen und dies steigerte meine Neigung bis zur Schwärmerei Ich weiß
Adele nach Deiner leichten Sinnesart spottest Du über diese abenteuerliche
Liebe aber ich erröte nicht Ich ergötze mich noch in diesem Augenblick an den
verblichenen Farben jener Gefühle und würde die ganze Wirklichkeit meines
jetzigen Lebens um die Träume meiner Kindheit geben Ich schäme mich selbst
nicht Dir mein kindisches Opfer zu erzählen dessen Grund ich damals sowie
überhaupt meine Neigung tief verhehlte Als mein Held nach Ägypten ging
erbebte ich noch mehr als unsre Flotte geschlagen und ihm der Rückweg
abgeschnitten schien Da schlich ich mich eines Abends in die entlegene
Waldkapelle und kniete vor dem Altar der Heiligen Jungfrau nieder Es dämmerte
schaurig um mich her die efeuumrankten buntgemalten Fensterscheiben ließ nur
spärlich das Licht der untergehenden Sonne ein Mitten im Gebet schnitt ich
meine langen schönen Locken ab legte sie auf den Altar und sprach laut das
Gelübde aus mein Haar nicht eher wieder wachsen zu lassen es nicht eher wieder
mit Blumen zu schmücken bis er zurückgekehrt sei den ich dem Schutz der
Gebenedeiten und allen Heiligen empfahl Indem ich mich aufrichtete brach ein
Strahl der scheidenden Sonne durch ein Fenster hinter mir und rötete das
Angesicht der Jungfrau welche mir zu lächeln schien Voll freudiger Hoffnung
ging ich nach Hause wo mich alle mit Erstaunen empfingen Hocherrötend gestand
ich mein Haar auf dem Altar der Jungfrau geopfert zu haben und gab stockend
als Grund an einmal gelesen zu haben dass die griechischen Mädchen beim
Austritt aus der Kindheit eine Locke den Grazien zu opfern pflegten Meine
Mutter schalt sehr heftig und konnte sich gar nicht zufriedengeben Mein Vater
schien den Sinn meines Opfers zum Teil zu ahnden Er legte lächelnd die Hand auf
meinen Scheitel »Kleine Schwärmerin« sagte er »vielleicht dachtest du auch an
jene Weiber welche ihr Haar zu Bogensehnen hergaben als Opfer für das
Vaterland« Erglühend küsste ich seine Hand »Beruhige dich« fuhr er fort »die
Gelübde der Unschuld sind gewiss der Gottheit angenehm«
    Um gleich in der Reihefolge dieser Neigung zu bleiben will ich hier
erzählen was sich erst zwei Jahre später begab Ich hatte mein zwölftes Jahr
angetreten unser Emil war seit einigen Wochen von uns geschieden um wie ich
schon früher gesagt in Aix erzogen zu werden Buonaparte war aus Ägypten
zurückgekehrt er hatte das von Faktionen zerrissene Vaterland gerettet die
Flamme des greulichen Bürgerkrieges gelöscht und mit kräftiger Hand das
Steuerruder des Staates gefasst Auf ihn gründeten alle Parteien ihre Hoffnungen
Die Gemässigten hofften feste Ordnung und Gesetzlichkeit  und täuschten sich
nicht die Republikaner Freiheit  man ließ ihnen soviel davon in Form und
Wesen als sich nur mit der Größe des Reichs und dem Grade seiner moralischen
Bildung vertrug die Ausgewanderten Wiederherstellung der alten Zeit und der
Bourbons  sie mussten sich betriegen die Aristokraten die Ehrgeizigen Glanz
und Würde  sie haben davon mehr durchgesetzt als gut war Der Erste Konsul
wurde von ganz Frankreich vergöttert Der kühne Held ging wieder über den
Simplon auf unwegsamen Pfaden sein treues begeistertes Heer trug das Geschütz
auf den Schultern hinüber Der Sieg bei Marengo wurde erfochten und die Völker
Italiens wurden frei Jedes Gemüt welches sich von dem klassischen Boden
angezogen fühlte war leidenschaftlich bewegt man hoffte die Nachkommen der
Griechen und Römer würden aus ihrem langen Schlaf erwachen
    Wir hatten die frühe Weinlese begonnen als der Sieger bei Marengo von
seinem Zuge zurückkehrte Er hatte aus Laune vielleicht auch um diesen
Landstrich näher kennenzulernen die gerade Straße verlassen gedachte bei
Avignon über die Rhône und durch Languedoc erst nach Paris zu gehen Ein Zufall
führte ihn nach Chaumerive Mein Vater beeilte sich dem Ersten Konsul seinen
Glückwunsch zu bringen Er hatte diesen als Jüngling in den ersten Monden der
Revolution kennengelernt und Gelegenheit gehabt ihm einen Dienst zu erweisen
Buonaparte erinnerte sich dessen sogleich als er meinen Vater erblickte und
zeigte sich demselben äußerst verbindlich und liebenswürdig Er unterrichtete
sich über seine ganze Lage und näheren Verhältnisse und pries ihn glücklich in
seinem unbekannten ruhigen Leben »Mir wird es so gut nie werden« setzte er
mit einem tieferen Atemzuge hinzu »ich bin an Ixions Rad gebunden«
    Indem kam ich von den Weinbergen daher Ich hatte die schönsten Trauben und
Pfirsichen welche meine Mutter so sehr liebte in ein Körbchen gesammelt und
für diese mitgebracht Im Vorbeigehn an einem Lorbeergebüsch hatte ich einige
der schönsten Zweige gepflückt sie spielend zu einem vollen Kranze gewunden und
über die Früchte gelegt »Virginia« rief mein Vater mir entgegen »dein
Lieblingswunsch ist erhört Du siehst hier den größten Helden des Jahrhunderts
vor dir« Wie vom Blitze gerührt blieb ich stehen Er war es Er der Gedanke
meiner einsamen Stunden der Traum meiner Nächte Wie ähnlich meinem Bilde und
wie unähnlich zugleich Du hast sein Gemälde von David gesehen es gleicht nur
freundlicher war sein Mund sein Lächeln bezaubernd Ebenso liebenswürdig hatte
meine Phantasie ihn gemalt nur größer die Verhältnisse Aber was sie ihm nicht
zu geben vermocht war die Hoheit seines Auges dieser Herrscherblick welcher
mich im Nu so tief und klein vor ihn stellte dass ich die Augen nicht zu erheben
wagte Ich die geborene Republikanerin und stolz auf Freiheit Gleichheit und
Menschenwert kniete vor ihm nieder ohne zu wissen was ich tat und legte das
Körbchen mit dem Kranze zu seinen Füßen Er hob mich mit einiger Verlegenheit
auf küsste mich auf die Stirn nahm den Korb und dankte in abgerissenen Worten
für die feine Überraschung »Virginia stellte in dem Augenblicke das dankbare
Vaterland dar« sagte mein Vater »Ich bin dem Vaterlande viel größere
Dankbarkeit schuldig« erwiderte der Held indem eine freundliche Neigung gegen
mich den Worten Doppelsinn gab »Wollte der Himmel« setzte er hinzu und nahm
eine Traube »dass meine Lorbeern für dasselbe immer von so süßen Früchten
begleitet sein möchten« Bald darauf reiste er ab indem er meine Gabe
eigenhändig zum Wagen trug aus welchem er mich noch mehrere Male mit Hand und
Blick grüßte Ich blieb in einer sehr veränderten Stimmung zurück Meine
Phantasie schwieg aber ich fühlte mich von einer Ergebenheit durchdrungen
welche ich bei meiner freien Erziehung selbst nicht für meinen Vater
empfunden Dieser war mit der Szene nicht so ganz zufrieden »Die Überreichung
des Lorbeers und der Früchte war ganz hübsch« sagte er »ich hätte sie aber
stehend dargebracht«  »Ich konnte nicht anders« erwiderte ich »eine höhere
Macht warf mich nieder wie vor dem Beherrscher des Erdkreises«
    Der Nachklang jenes Gefühls hat immerfort in meiner Seele leise getönt als
dieser kleine Vorfall in meinem Kreise längst vergessen war und ich selbst
seiner kaum mehr gedachte Überhaupt ist vorherrschende Eigenschaft meines
Gemüts dass es einmal empfangene Eindrücke mit fast starrer Treue bewahrt Ich
kann durchaus nicht wechseln mit Neigung und Abneigung vielleicht mit daher
weil meine Neigung so ganz frei von aller Selbstsucht entsteht Die Welt liebt
und hasst nur nach eigenem Vorteil sie vergöttert was ihr zu frommen scheint
verdammt was ihr schädlich zu werden droht und scheint sie auch einmal für
eine Idee zu handeln gewiss liegen hinter dieser Idee Wohlleben Glanz und Putz
als Grundursachen derselben tief versteckt
Ruhe Wohlstand und Ordnung wurden immer mehr in Frankreich hergestellt und
gesichert Das Volk fühlte sich geehrt und glücklich es wünschte sich den
Schutzgott seines Glücks auf immer zu erhalten und kam den Wünschen Napoleons
entgegen welcher endlich den Kaisertitel annahm und sich mit allem Glanze des
Trones umgab wodurch er sich vielleicht einen sicherern Ehrfurcht gebietenden
Standpunkt gegen das Ausland und seine Ränke zu geben glaubte Gewiss hatte
desselben rastlose Einwirkung den größten Anteil an dieser Katastrophe Die
Ausgewanderten und ihre Verbündeten sahen sich in ihren Erwartungen getäuscht
und schnaubten Rache England fürchtete für seine Alleinherrschaft über die
Meere wenn Frankreich unter der Regierung eines kräftigen Geistes die
Hülfsquellen benutzen lernte welche die Natur ihm verliehen und folglich
wendete es seinen ganzen Einfluss auf dem festen Lande dazu an den gefährlichen
Nebenbuhler niederzudrücken Der Kontinent ist nur zu willig gewesen in seine
Absichten einzugehen und wahrscheinlich wird erst nach einem halben Jahrhundert
einleuchten welche Fehlgriffe man getan
    Mein Vater war über diese neuen Ereignisse betroffen und verstimmt Er hatte
sich für die Idee eines Ersten Konsuls den großen Washington zum Muster
genommen Der Pfarrer redete ihm auf vielfache Weise zu er machte ihn
aufmerksam auf die große Verschiedenheit in der Lage der beiden Reiche »Dort
bildete sich erst ein Staat« sprach er »hier war einer zerstört Amerika war
menschenarm die Geisteskultur dort noch nicht sehr ausgebreitet und die Sitten
waren einfach Welch ein Unterschied in Frankreich wo Übervölkerung
Überbildung und Luxus die höchste Reibung hervorbringen mussten Amerika war
durch Meere gesichert Frankreich rings von scheelsüchtigen schlagfertigen
Nachbarn umgeben es bedurfte eines Heldenarmes zu seiner Aufrechtaltung Aber
dieser Führer durfte nicht dem Wechsel unterworfen bleiben wenn die innere Ruhe
nicht gefährdet werden sollte er musste mit Glanz umgeben werden weil leider
Eitelkeit die Schosssünde meines Volkes ist«
    Soweit der Pfarrer Er ehrte vorzüglich Napoleon weil dieser die Religion
schützte und aufrechtielt auch meine Mutter nahm deshalb lebhaft seine Partei
Mein Vater ehrte die Religion und das höchste Wesen mit der größten Innigkeit
er behauptete aber jene bedürfe keines besonderen Schutzes der herrschende
Kultus sei nur das Kleid nicht das Wesen der Religion Ich schwieg zu allen
diesen Verhandlungen aber meine Überzeugung war auf s des Pfarrers Damals
hatte ich die Geschichte Kaesars und seines Zeitalters fleißiger als je
studiert Ich konnte zwar dem Brutus meine Achtung nicht versagen es leuchtete
mir aber ein dass er von dem neidischen Kassius und seinen Mitverschworenen
irregeleitet worden und dass er über seine grübelnde Philosophie das Studium
seines Volkes und seiner Zeit versäumt habe Eines Kaesars bedurfte Rom es
mordete ihn und fiel in die Hände eines listigen Octavius
    Soviel man aber auch stritt ob Napoleon hätte die Krone annehmen sollen so
hörte ich doch nie einen Zweifel gegen die Rechtmässigkeit des Besitzes Der
Thron war durch den Gesamtwillen des Volkes schon seit fast zehn Jahren
erledigt und der jetzige Inhaber hatte ihn nachdem er das Reich vom Untergange
gerettet mit Zustimmung der Mehrzahl bestiegen Wenige Dynastien werden ihren
Ursprung aus einer besseren Quelle herleiten können Dass der Thron noch
Prätendenten hatte konnte dem Volke kein Hindernis scheinen da es die
Ansprüche dieser nicht anerkannte ja selbst das Ausland konnte nicht ohne
Heuchelei diesen Grund als Ursache seiner Abneigung angeben denn die Geschichte
erhält noch in sehr frischem Andenken dass die Moralität von Europa sich gar
nicht beleidigt fand durch die harte Zurückweisung und Zurücksetzung der
englischen Prätendenten Dass Napoleon aus keiner fürstlichen Familie herstammte
konnte der Mehrzahl des Volkes kein Ärgernis sein Der Freiheitsgeist unterwirft
sich lieber dem Genie als der Geburt nur Neid und Ehrgeiz fragten ganz
insgeheim »Warum nicht ich« Die Fürstenhöfe freilich hatten von ihrem
Standpunkte aus eine andre Ansicht Ihren Dienern und Anhängern ist Moses
Schöpfungsgeschichte bloß deshalb eine Fabel weil nach seiner Erzählung nur
ein Menschenpaar geschaffen wurde Gern möchten sie den Mytos der Schöpfung
dahin ausbilden dass Gott Fürsten Adel Priester Bürger und Bauern jedes als
ein eigenes Geschlecht geschaffen wie Wölfe Füchse Hasen und Schafe Mir hat
immer so geschienen als habe diese Ansicht das Unglück der Welt gemacht
Wirkungen und Rückwirkungen sind einander so unaufhaltsam gefolgt und begegnet
dass die Mitwelt schwerlich ohne Parteilichkeit darüber ein Endurteil sprechen
kann
    Meinem Vater schienen sich nach und nach dieselben Bemerkungen aufzudrängen
Er hatte den Frieden von Amiens benutzt um persönlich beim Ersten Konsul Eure
Rückkehr auszuwirken ein Beweis wie sehr er den mächtigen Mann ehrte keinen
andern hätte er darum gebeten Ihr wurdet von der Liste der Ausgewanderten
gestrichen
    Deine gute Mutter benutzte die erteilte Erlaubnis um ihrer geschwächten
Gesundheit willen und um ihren geliebten Bruder wiederzusehn mit vieler Freude
Dein Vater gab seine Einwilligung wahrscheinlich aus ökonomischen und
politischen Rücksichten und so kamst Du meine geliebte Adele mit Deiner
Mutter zu uns Welch ein Fest gab das in unserem Hause ein neues Leben ging für
uns alle auf Ich war damals vierzehn Du noch nicht viel über acht Jahr alt
aber wie innig schlossen wir uns aneinander Es war nicht der Begriff der
Blutsverwandtschaft allein was mich so an Dich kettete ob wir uns gleich beide
längst im stillen eine Schwester gewünscht und diese nun ineinander fanden
Meine Eigentümlichkeit trug vieles zu unserem zärtlichen Verhältnisse bei Es
war eine Eigenheit an mir dass die Gesellschaft der Mädchen meines Alters mir
selten zusagte viel lieber hörte ich den Gesprächen ernsthafter Männer zu oder
spielte mit den kleineren Mädchen welche sich durch diesen Vorzug sehr
geschmeichelt fühlten und mit anbetender Liebe an mir hingen Alle Kinder in
unsern Dörfern versammelten sich liebkosend um mich her wo ich mich blicken
ließ und ich wurde ihres frohen Getümmels niemals müde nie müde ihre
kindischen Fragen zu beantworten Mit liebender Sorgfalt nahm ich mich ihrer an
belehrte sie schmückte sie und wusste ihnen hunderterlei kleine Freuden zu
bereiten Kurz nächst der Ideenwelt zog mich die Kinderwelt am meisten an
    Nun erschienst Du das schönste Kind welches ich jemals gesehen Dein
blaues Auge Deine goldenen Locken und die zarte weiße Gesichtsfarbe unterschied
Dich von allen unsern provenzalischen Mädchen Der kalte englische Ernst hatte
in Dir die französische Lebhaftigkeit zur sanftesten einnehmendsten Heiterkeit
gemässigt Uns allen kamst Du vor wie ein Engel auf einem Gemälde Deinerseits
fandest Du wieder die höchste Freude an unserm südlichen Leben Dir war wie den
Kindern sein mag welche man lange gewickelt und denen man nun auf einmal ihre
Bande löst Dir schienen wie Deine Mutter sich ausdrückte Flügel gewachsen zu
sein Hättest Du doch immer bei uns bleiben können Aber so waren es nur drei
kurze Jahre welche wir vereint blieben unzertrennlich diese ganze Zeit über
Deine Mutter ging nach Paris und knüpfte dort nach dem Willen Deines Vaters
viele ihrer alten Bekanntschaften wieder an Du bliebst unterdessen in unserm
Hause wo Du ganz als zweite Tochter behandelt und geliebt wurdest Du hast es
kennengelernt unser glückliches Haus Dir brauche ich es nicht zu wiederholen
wie Liebe und Zufriedenheit darin herrschten Du kennst des Vaters freundlichen
Ernst seine belehrenden Gespräche seine launigen Scherze wenn er die oft zu
geschäftige Mutter mit Gutmütigkeit neckte Du weißt wie sorgsam die treue
Mutter war wie sie Dich liebgewann und manche kleine Vernachlässigung nachsah
wenn ich sie um Deinetwillen beging Du hast den herrlichen Emil gesehen wenn
er während der Ferien uns zu besuchen kam Du weißt mit welcher grenzenlosen
Freude er empfangen wurde nachdem er schon mondenlang vorher den Tag fast die
Stunde seiner Ankunft bestimmt hatte Du weißt mit welchem Jubel die
Dienstleute Einwohner und die Kinder des Dorfes herbeieilten um den
Allgeliebten zuerst zu begrüßen Wie war er da unaufhörlich bemüht uns
Vergnügen zu bereiten unsre Spiele und Tänze zu beleben unsre Gesänge mit
seinem rührenden Flötenspiel zu begleiten Er war die Seele unsres jugendlichen
Kreises Du wurdest bald das Ideal seines jungen Herzens und Dein Bild hat ihn
bis zum letzten Schritte begleitet Oh dass das Herrliche und Schöne so schnell
vergänglich ist während das Gemeine und Schlechte alle Stürme überdauert
Treffliche Menschen sind gleich zarten Blumen sie können dem glühenden Strahle
des Mittags und dem eisigen Hauche des Nordens nicht widerstehen Das Unkraut
wuchert fort Welch ein Unkraut muss Deine Virginia sein dass sie den Verlust all
ihrer Lieben überleben konnte Sie steht da wie die einsame Distel auf
Schottlands öder Heide welche der verlassene Sänger der Vorzeit so rührend in
der Nacht seiner Schwermut besingt
Ich kann über jenen Zeitraum sehr kurz hinwegeilen Du hast damals alles
gemeinschaftlich mit mir erlebt auch war es in bezug auf uns nicht viel
Merkwürdiges Unsre Tage flossen gleichförmig und fröhlich dahin unsre Herzen
schlugen ruhig ungeachtet Du anfingst in das jungfräuliche Alter
hinüberzugehn welches ich schon angetreten hatte Dank sei meinem Vater dessen
Sorgfalt unserm Geiste immer einen erhabenen Vorwurf zu geben wusste so wie er
unseren Vergnügungen die Kindlichkeit zu erhalten verstand Deine Mutter kehrte
nach einiger Zeit zu uns zurück sie hatte weder Neigung noch Geschick für die
Plane Deines Vaters zu wirken Sie war in Paris auf das beste empfangen man
gedachte allgemein ihrer Auswanderung nicht weil der Kaiser aus wohlwollender
Rücksicht für meinen Vater es so zu wollen schien Die ehemalige Herzogin von
Rochefoucauld eine ihrer Jugendfreundinnen stellte sie der neuen Kaiserin vor
und die gütige Josephine nahm sie mit all der Liebenswürdigkeit auf welche in
ihrem schönen Gemüte lag Sie war im Herzen tief gerührt von der erfahrnen
zarten Behandlung und äußerte dies in ihren Erzählungen so mannigfaltig Gegen
Deinen Vater hat sie dies aber in ihren Briefen nicht gewagt Sie suchte ihn
nach ihrer Art dadurch zu besänftigen dass sie in seine Vorstellungsart einging
wohl wissend wie sehr es ihn aufbringen würde dass sie seine Zwecke meist
verfehlt Seine Antwort welche erst spät und wegen des wieder ausgebrochenen
Krieges auf Umwegen zu uns gelangte atmete Zorn und Missmut Er befahl Deiner
Mutter unverzüglich mit Dir zurückzukehren Gern hätte die gehorsame Gattin
Folge geleistet aber alle Verbindung mit England war auf das strengste gehemmt
selbst Briefe dahin zu befördern war mit großer Schwierigkeit verknüpft So
verzögerte sich zu unsrer Freude diese gefürchtete so oft angesetzte und
ebensooft vereitelte Abreise bis zum Jahre 1806 wo man endlich wagte den
Rückweg durch Deutschland über Hamburg anzutreten Schmerzhafte Trennung von
allen Seiten Wir zerflossen in Tränen Meine lebhafte Mutter schalt mitten in
ihren Tränen auf den Krieg schmähete den König von England die Ausgewanderten
die Revolution ja selbst den Kaiser Sie warf alles durcheinander und suchte
bei jedem Leiden immer eine nächste Ursache an welcher sie sich ihres heftigen
Gefühls entladen konnte Mein Vater und Deine Mutter hielten sich lange
sprachlos umarmt sie fühlten es war die letzte Umarmung für dieses Leben
Ungeachtet eine Ahndung dieser Art in ihrer Lage recht sehr natürlich war so
konnte doch damals wohl niemand glauben auf welche unwahrscheinliche Weise sie
in Erfüllung gehen sollte
    Eure Abreise ließ lange eine unausfüllbare Lücke in unserm häuslichen Dasein
zurück Vorzüglich litt meine sonst so starke Fassung einen gewaltigen Stoß
Dein Brief welchen Du mir von Hamburg aus schicktest war das erste freudige
Ereignis welchem mein Herz entgegenschlug und doch war dieser Brief selbst so
traurig dass er mir tausend Tränen entlockte Du fühltest die Trennung so sehr
als ich Du hattest Dich in dem fröhlichen Frankreich schon gänzlich
eingebürgert England und Deine früheren Verbindungen waren Dir so fremd
geworden ja es hatte sich sogar eine gewisse Abneigung gegen jenes Inselland in
Dir festgesetzt seit Du in unserm Hause täglich über seinen unredlichen
engherzigen Kaufmannsgeist reden gehört Daneben schildertest Du mir mit den
dunkelsten Farben eines trauernden Gemütes die Szenen des Elends welche Dir auf
Deiner Reise als Folge des Krieges bemerkbar geworden auch hier litt meine
Seele mit Dir Wehe dem Volke über dessen Fluren die blutige Eris hinschwebt
Der Soldat kann der Halmen nicht schonen über welche sein rastloser Fuß
hineilt Die Selbsterhaltung dieses erste Gesetz in der organischen Natur
zwingt ihn in den Naturzustand zurück wo die Güter gemein sind und die Stärke
zuerst Besitz ergreift Hier kann von keiner Moralität die Rede sein Die
Ursache der Kriege kann allein vom Moralisten beurteilt werden gewöhnlich aber
ist sie so verwickelt dass nicht leicht ein bündiges Urteil gesprochen werden
kann
Vorzüglich ist dies mit Frankreichs Kriegen seit dem Ausbruch der Revolution
der Fall Frankreich hatte nichts Feindseliges gegen seine Nachbarn im Sinn es
brach nur das Joch dessen Last ihm je länger desto unerträglicher wurde Es
war bisher von der Willkür einzelner gedrückt worden mithin sehr natürlich
dass wenn dieser Druck aufhören sollte die Willkür dieser einzelnen vernichtet
werden musste Da schrien nun die einzelnen Feuer und die Nachbarn ergriffen die
Gelegenheit mit Begierde in das verschlossene Haus einzudringen unter dem
Vorwande zu löschen Aber mit welchem Rechte Die Bewohner verbrannten nur
einen Teil ihrer durch Krankheit verpesteten Kleidungsstücke und Geräte und
würden schon allein Herr des Feuers geworden sein hätten die unberufenen Helfer
nicht die Türen gesprengt und so durch die Zugluft die Flamme zum wütenden
Ausbruch angefacht Hätten sie doch draußen zur Sicherung ihrer eigenen Gebäude
ihre Löschanstalten nach Belieben in Tätigkeit gesetzt niemand würde es ihnen
verargt haben Aber die Verletzung des Hausrechts empörte die Bewohner sie
warfen die Eindringenden auf die Strafe hinaus und verfolgten sie bis in ihre
eigenen Häuser Wiedervergeltung zu üben Nun war der Dämon des Krieges
losgelassen und keine menschliche Macht vermochte ihn wieder zu fesseln Er
kehrt nicht so gehorsam zurück als der zahme Falke der auf den Ruf des Trägers
ablässt von seiner Beize und sich still wieder mit seiner Nebelkappe bedecken
lässt Darum sollten die Fürsten zittern wenn sie ein Kriegsmanifest
unterschreiben  Die Rachgier der Angreifer wuchs mit jedem Verlust und ihre
Friedensschlüsse von der Erschöpfung herbeigeführt wurden bei der
Unterzeichnung insgeheim von ihnen nur als Waffenstillstände betrachtet England
wusste die Empfindlichkeit der alten Dynastien immer in Atem zu erhalten es
sparte weder Geld noch Vorspiegelungen sie immer zu neuen Anstrengungen zu
reizen und zog allein Nutzen aus der allgemeinen Verblendung Zu spät wird das
Festland beklagen was es diesem Handelsdespoten gegenüber versehen Vergebens
hat die Republik vergebens späterhin oft der Kaiser die Hand zum Frieden
geboten man verweigerte ihn oder schloss ihn mit falschem Herzen Frankreich
musste immer für seine Selbsterhaltung für seine Freiheit fechten um nicht
Gesetze anzunehmen musste es sich in die Lage setzen selbst Gesetze zu geben
seine Eroberungen waren mehr Notwehr als Ehrgeiz Die Fürsten hatten den Streit
begonnen die Fürsten setzten ihn fort aber die Völker empfanden am härtesten
seine blutige Geissel Die Masse gleicht dem Kinde welches den Tisch schlägt
woran es sich stieß und so war es ein leichtes Spiel Frankreich als die
Ursache aller Übel zu verschreien welche die Zeit mit sich führte
    Von diesem Abschnitte meines Lebens an gewöhnte ich mich fast ebensoviel zu
schreiben als ich bisher gelesen Ich war gewohnt Dir alle kleinen mich
betreffenden Ereignisse zu erzählen sogar alles was ich bei dieser und jener
Veranlassung gedacht und empfunden hatte Diese liebe Gewohnheit setzte ich
schriftlich fort und man hätte ein eigenes Paketboot für meine Korrespondenz
einrichten können Da es aber überall keins gab so musste von Zeit zu Zeit ein
großer Teil meiner in Hoffnung geschriebnen Briefe den Flammen geopfert werden
Ich war dann jedesmal sehr traurig aber niemals unwillig Das Kontinentalsystem
leuchtete mir zu sehr ein als dass ich mich nicht gern jeder daraus
entspringenden Unannehmlichkeit unterzogen hätte so empfindlich sie meinem
Herzen auch war Mein Vater nannte diese Maßregeln weise und wohltätig in ihren
späteren Folgen sowohl für Frankreich als für das übrige feste Land wenn man
sie allgemein mit gutem Willen ergreife Meine wirtschaftliche Mutter war sehr
dagegen weil der Preis der Kolonialwaren dadurch in die Höhe ging sie wurde
aber von dem Triumvirate überstimmt welches aus meinem Vater dem guten Pfarrer
und mir bestand Wir waren zu jeder Entsagung bereit und unerschöpflich in
Erfindung von Surrogaten Ich fing an alle dienlich scheinenden Blumen und
aromatischen Blätter bei ihrem zarten Hervortreiben sorgsam zu trocknen und
es gelang mir durch vieles Versuchen und Zusammensetzen eine Mischung zu
treffen welche dem chinesischen Tee sehr nahekam Mein Vater pflanzte
Farbekräuter und legte eine Fabrik von Zucker aus Runkelrüben an mir machte es
große Freude bei dieser Anlage durch Aufsicht mitzuwirken Der Pfarrer legte
sich fleißig auf Bienenzucht und erfand eine Vorrichtung dem Gespinste des
Flachses eine größere Vollkommenheit zu geben So sahen wir ruhig auf die
Isolierung des Kontinents und den Verlust der ehemaligen Kolonien Wir
bekämpften den Erbfeind mit unblutigen Waffen Lehre und Beispiel pflanzten sich
immer weiter fort Nationalindustrie ward überall belebt brachte
Nationalwohlstand hervor und der Sieg war entschieden hätte der allgemeine
Feind nicht unter den andern Völkern verblendete Helfer gefunden Auf mich hatte
dieser kleine Krieg einen ebenso vorteilhaften Einfluss als auf Frankreich er
weckte mich zur Tätigkeit Bis dahin war ich nur unterbrochen körperlich
beschäftigt gewesen von jetzt an war ich rastlos aufmerksam dass alles auf das
beste geschah dass man haushälterisch wirtschaftete das Fehlende ergänzte das
Vorhandene vervollkommnete Ich wendete die Lehre welche die Nation erhielt
auch auf mich als Einzelwesen an dass man nur dadurch sich unabhängig erhält
wenn man alle seine Bedürfnisse selbst befriedigen lernt Alle die mechanischen
Fertigkeiten welche Du jüngst mit einigem Erstaunen an mir wahrgenommen haben
jener Richtung meiner Ansicht ihren Ursprung zu danken Da sich sowenig
Gelegenheit absehen ließ einen ordentlichen Briefwechsel mit Dir anzufangen so
belebte ich wenigstens die schriftlichen Unterhaltungen mit meinem Bruder
welche größtenteils Dich zum Gegenstande hatten Er bewahrte Dein Bild in treuem
Herzen und nährte zugleich die angenehme Hoffnung Dich auf irgendeine Weise
bald wiederzusehen Nächst diesem reichhaltigen Stoffe unterhielt er mich
fleißig von einem Freunde welcher um vier Jahre älter war als er Mucius war
der Sohn seines väterlichen Lehrers Beim Eintritt in das Haus desselben fühlten
sich beide schon sehr zueinander hingezogen doch war damals der Unterschied der
Jahre bei der früher fortgeschrittenen wissenschaftlichen Bildung des Freundes
noch sehr bemerklich aber Emils schönes Gemüt und seine schnell reifende
Vernunft glichen den Abstand nach und nach völlig aus Von seinem Freunde hatte
mein Bruder mir unaufhörlich zu erzählen und es wurde mir bald Gewohnheit am
Schluße meiner Briefe ihm einen Gruß an seinen Pylades aufzutragen Mucius
erwiderte diese Aufmerksamkeit durch einige sehr artige Verse welche er unter
einen Brief meines Bruders schrieb Ich antwortete durch ein kleines
Gegengedicht ebenfalls in einem Briefe an Emil und so entspann sich ein
mittelbarer Briefwechsel welcher mich durch seine romantische Natur unendlich
reizte Die Artigkeit ging in Gefühl über und ein dunkles Sehnen bemächtigte
sich unsrer Herzen
Schon als Du noch bei uns warst freutest Du Dich der Gewohnheit meines Vaters
beim Anfange jedes Frühlings eine kleine Reise mit uns zu machen nach Deiner
Abreise wurden diese Ausflüge in jedem Jahre wiederholt und erweitert Wir
hatten Marseille und Hieres dann Genf und seine schönen Umgebungen besucht Die
Gesundheit meiner Mutter hatte ebensoviel Anteil an diesen Reisen als das
Vergnügen Sie hatte besonders im Winter des Jahres 1808 sehr an Nervenzufällen
gelitten weshalb wir uns früher als gewöhnlich auf den Weg machten um nach
dem Rate der Ärzte nach Montpellier zu gehen Wir nahmen unseren Weg über
Beaucaire und durchschnitten dann die Bergkette gerade auf Bellegarde wo mein
Vater ein Geschäft abzutun hatte Es war in den ersten Tagen des Februars die
Nordseite der Berge war noch hin und wieder mit Schnee bedeckt aber in den
Tälern sprosste schon das üppigste Grün Veilchen und wilde Hyazinten blühten an
den sonnigen Abhängen die majestätischen dunklen Tannen trieben schon ihre
goldgrünen Sprossen Finken und Grasemücken jubelten durch die neubelaubten
Gebüsche Schon waren wir nahe am Ziel unseres nächsten Ruhepunktes man konnte
schon von einer höheren Stelle des Weges die Turmspitze von Bellegarde
erblicken als beim Hinabfahren in einen Hohlweg der Wagen umwarf Wir kamen
zwar fast ohne alle Beschädigung davon aber der Wagen hatte eine desto stärkere
erhalten so dass es schlechterdings unmöglich war sich seiner ferner zu
bedienen Wir mussten uns also entschließen bis zum nächsten Dorfe zu Fuße zu
gehen wobei der Vater und ich meine vor Schreck halb tote Mutter führten Im
Wirtshause war gar kein Aufenthalt möglich aber der Förster welcher am Ende
des Fleckens wohnte nahm uns mit herzlicher Gastfreiheit auf Er bot sogleich
eine Menge Bauern auf unsre Sachen vom Wege zu holen und unseren Wagen bis zur
Schmiede zu schleppen »Ich würde Ihnen zur Fortsetzung Ihrer Reise mein eigenes
Fuhrwerk anbieten« sagte er »wenn ich solches nicht meinem Neffen
entgegengesendet hätte welcher mich heut zu besuchen kommt Sie werden sich
daher ein Nachtlager bei mir gefallen lassen müssen« Mein Vater nahm das in
Hinsicht meiner Mutter dankbar an Er selbst aber entschloss sich ein Postpferd
zu besteigen und so mit dem Postillion noch heute nach Bellegarde zu reiten
von wo er uns am andern Morgen mit einem Wagen abzuholen versprach Ich wurde
mit meiner Mutter auf ein Oberzimmer geführt Sie fühlte sich so angegriffen
dass sie sich sogleich zu Bette legen musste und da ich nach einiger Zeit Neigung
zum Schlaf bei ihr gewahr wurde so ging ich wie sie zu wünschen schien wieder
hinunter ins Wohnzimmer Die Dämmerung war indessen hereingebrochen ohne dass
ich es bei dem Geschwätz der ältesten Tochter des Försters sonderlich bemerkt
hätte Sie machte mich zwar darauf aufmerksam doch setzte sie hinzu »Der Vater
liebt dieses trauliche Feierstündchen und sieht nicht gern wenn wir früh Licht
anzünden« Ein Wagengeräusch im Hofe machte uns aufmerksam »Da kommt der
Vetter« rief das Mädchen und hüpfte aus der Tür Sie kehrte bald mit dem
Förster und einem Fremden zurück dessen Gestalt ich nur sehr schwach in der
Dämmerung unterscheiden konnte Der Förster machte ihn mit meiner Anwesenheit im
Zimmer bekannt und erzählte die Geschichte unseres Missgeschicks worüber mir der
Fremde sein Bedauern in herzlichen Worten und mit einer sehr schönen Stimme
bezeugte Das Gespräch fiel dann auf allgemeinere Gegenstände »Wissen Sie wohl
lieber Oheim« sagte plötzlich der Fremde »dass Sie mich vielleicht zum letzten
Male sehen«  »Wie das« fragte dieser »Ich gehe in einigen Wochen vielleicht
Tagen zur Armee ab und wünschte nur Ihnen Lebewohl zu sagen«  »Du Soldat«
rief der Oheim »das hätte ich nimmer gedacht Also hat dich das fatale Los doch
getroffen nachdem es dir schon zweimal vorübergegangen«  »Ich habe seine
Entscheidung nicht wieder abgewartet« sagte der Fremde »ich habe mich
freiwillig dazu bestimmt«  »Freiwillig« rief der Förster mit Erstaunen
»Unmöglich kannst du nach deiner Lebensweise Neigung zum Soldatenstande
fühlen«  »Wenn auch nicht diese so doch Neigung das Vaterland zu
verteidigen«  »Du mochtest ja niemals meinen Füchsen den Krieg erklären und
wenn ich dich beim Treibjagen aufmerksam auf deinem Posten glaubte fand ich
dich mit dem Virgil in der Hand nachlässig am Baume gelagert die Büchse neben
dir«  »Oder mit Tyrtäus Kriegsliedern Oheim Wollt ihr ewig schlafen den
Schlaf des Feigen weckt euch nimmer der Nachbarn Hahn nimmer der Schwächeren
Mut«  »Aber woher denn so auf einmal diese Änderung Du wirst doch nicht nach
Spanien wollen um von auflauernden Buschkleppern gemordet oder von Weibern
vergiftet zu werden«  »Nein Oheim Ich ahnde den Volkswillen so unklug er
auch sein mag Aber die Kriegsflamme droht schon wieder von s Östreichs
England bläst mit vollen Backen in den immer glimmenden Zunder man glaubt uns
diesmal in einen Hinterhalt fallen zu lassen Napoleon ist in Spanien hinter
seinem Rücken will man Frankreich angreifen welches er sonst mit dem flammenden
Schwerte wie der Engel den Eingang des Paradieses bewacht aber nur zu bald
werden sie das gefürchtete Antlitz des Rächers sehen Unterdessen muss
Frankreichs ganze Heldenjugend sich erheben dass der Führer ein schlagfertiges
Heer finde«
    Der Fremde sprach diese Worte mit einem solchen Nachdruck dass ein freudiger
Schauer durch meine Nerven bebte Des Mädchens Hand zitterte in der meinigen
»Ach« rief sie mit schluchzender Stimme »ihr bösen Männer redet vom Kriege wie
von einem Vogelschiessen ihr denkt nur an den Ruhm ohne an die Tränen zu
denken Was nützt uns Armen des Kaisers Macht und Ruhm noch einmal so lieb
wollte ich ihn haben wenn er friedfertiger wäre und nicht so
eroberungssüchtig«
    »Liebe Marie« sagte der Fremde mit einiger Heftigkeit »du redest wie ein
Weib und verstehst es nicht Napoleons Ruhm ist Frankreichs größte Stärke seine
Macht ist des Vaterlandes Sicherheit Man möchte gern dies freie Land wieder in
die Fesseln des verflossenen Jahrhunderts schmieden welche wir nur vom
Hörensagen kennen da sie fast mit unsrer Geburt zerbrochen wurden«
    »Ich habe sie wohl gekannt« redete der Förster dazwischen »und um sie
abzuwehren wollte ich selbst noch meinen alten Kopf den feindlichen Reihen
gegenüberstellen«  »Um wieviel mehr wir Jünglinge« fuhr der Fremde fort
»welche Elende wären wir wenn wir nicht unser Herzblut hingeben wollten für
unser Vaterland und seine Verfassung unter deren Schatten wir erwuchsen für
den Kaiser der die Wunden der Revolution heilte den Bürgerkrieg endete und den
Ruhm der Nation auf den höchsten Gipfel erhob Jeder Bürger fühlt sich
Teilnehmer dieses Ruhms sollte es nicht auch ein weibliches Herz«
    Diese Apostrophe an mein Geschlecht reizte mich zum Mitgespräch ich drückte
meinen Freiheitssinn und meine glühende Vaterlandsliebe in lebhaften Worten aus
Der Fremde schien mich mit Bewunderung zu hören es waren seine eigenen
Begriffe welche er aus einem fremden Munde vernahm Mir ging es ebenso ich
glaubte mein eigenes Ich zu hören Jeder von uns setzte häufig im Feuer des
Gesprächs die angefangenen Perioden des andern fort genau mit denselben
Worten welche dieser eben laut werden lassen wollte Es war etwas
Übernatürliches in dieser Übereinstimmung Die beiden andern schwiegen voll
Erstaunen still wir beide redeten allein und vergaßen auch dass es außer uns
noch Wesen gab Da wir uns nicht sehen konnten so waren es nur die Geister
welche sich erkannten und eine wie uns schien schon früher geknüpfte
Freundschaft fortsetzten Ich fühlte mich auf eine unbegreifliche und mir bis
dahin völlig unbekannte Weise zu dem Fremden hingezogen Dass er in demselben
Falle sei bewies die immer zunehmende rührende Weichheit seiner Stimme Ich war
aufgestanden und hatte mich unbewusst dem großen Tische genähert welcher mit
einer gewirkten Decke behangen in der Mitte des Zimmers stand der Fremde
hatte von seiner Seite dasselbe getan So mochten wir vielleicht eine Stunde
gegenübergestanden haben für uns gab es keine Zeit Tisch und Dunkelheit
trennten uns wir aber fühlten uns vereint und unsre ineinander verschlungenen
Seelen durchflogen gemeinschaftlich den endlosen Raum der Schöpfung jede
Ansicht aus demselben Punkte in demselben Lichte betrachtend Finster
stockfinster war es geworden für uns war es sonnenhell Da trat endlich die
Försterin mit Licht herein und stellte es auf den Tisch Wir starrten uns
sprachlos eine Sekunde lang an dann hoben wir in demselben Augenblicke die
Arme und »Mucius«  »Virginia« tönte im Nu von beider Lippen Er war es der
Niegesehene ich die von ihm Ungekannte Die Försterfamilie staunte uns an wir
mussten endlich das Rätsel lösen und erzählen Da war nun des Wunderns kein
Aufhören »Wunderbar sind die Wege des Herrn« sagte die Försterin »Ja es ist
Gottes Schickung« lispelte mit einem leisen Seufzer Marie der alte Förster
schüttelte uns treuherzig die Hände »Ihr habt mich ordentlich gerührt mit eurem
Gespräche Kinderchen« sagte er »mir wars als sei ich in der Kirche Nun
Mutter trag auf vom Besten was das Haus vermag ich weiß doch du hast dem
Mucius seine Leibessen bereitet ich will auch den Keller nicht schonen Hätte
ich doch nicht gedacht dass wir ein so vielfaches Fest feiern sollten
Willkommen und Abschieds Freuden und Trauerfest zugleich und wer weiß was
noch für ein Fest nun nun der Herr lenke alles nach seinem Willen dann ist
es auch zu unserm Besten« Er lüftete das lederne Käppchen ein wenig zündete
dann den Wachsstock an nahm den Kellerschlüssel und eilte hinaus Mutter und
Tochter beschickten emsig den Tisch Mucius setzte sich neben mich uns fiel
beiden kein Wort ein über das seltsame Zusammentreffen wir waren alte Bekannte
Wir sprachen viel von Emil in diesem teuren Gegenstande trafen unsre Seelen am
innigsten zusammen Wir wiederholten hundertmal wie sehr wir ihn liebten und
hörten es voneinander mit ebensolchem Entzücken als gälte diese Versicherung
uns Bei Tische erhielt ich meinen Platz zwischen Oheim und Neffen neben Mucius
saß Marie Die arme Marie war die einzige welche nicht so heiter schien als
sie bei meiner Ankunft war doch wurde sie es um etwas mehr nachdem der Vater
öfters auf einen glücklichen Feldzug angestossen und sie darauf ihrem Nachbar
Mucius hatte Bescheid tun müssen Auch auf meine glückliche Reise wurde
getrunken »Ob Sie die Reise nach Montpellier fortsetzen werden ist sehr die
Frage« sagte plötzlich Mucius »Ihr Herr Vater mag das morgen entscheiden« Wir
sahen ihn alle verwundert an und baten um Erklärung »Heute nicht« sagte er
ablehnend »lasst uns die Zukunft still bedecken und des heutigen Abends rein
genießen« Damit stimmte er einen fröhlichen Rundgesang an und der Abend wurde
bis spät in die Nacht verlängert und heiter beschlossen Ich begab mich in einem
geistigen Rausche woran der Wein keinen Anteil hatte zu Bette und schlummerte
erst in der Morgendämmerung zu seligen Träumen ein
Mein Vater war früh angekommen ich fand ihn schon am Bette meiner Mutter als
ich mein Kämmerchen verließ er war ernst und meine Mutter in einiger Unruhe
Ich umarmte beide und eilte hinunter um ihr Gespräch nicht zu stören mehr
noch warum sollte ich es leugnen um Mucius einen guten Morgen zu wünschen Ich
traf ihn im Wohnzimmer und sein Auge strahlte mir entgegen »Der Vater ist so
ernst« sagte ich nach einigen freundlichen Reden »hat er Sie schon gesehen« 
»Jawohl« erwiderte er »meine Nachricht hat ihn ernst gestimmt«  »Welche
Nachricht« rief ich »Sie wird es nicht erschrecken« sagte er indem er
liebkosend meine Hand nahm »Emil begleitet mich ins Feld«  »Oh meine
Mutter« rief ich voll Schrecken »Für diese habe ich gezittert« sagte er
»doch sie wird sich in das Unvermeidliche finden Emil ist sechzehn Jahre das
Los kann ihn in kurzem treffen warum also nicht ein Opfer freiwillig bringen
welches früher oder später doch unabänderlich gebracht werden muss Jetzt geht er
an der Hand der Freundschaft wer weiß ob es ihm späterhin so gut wird auch
ist er unwiderruflich entschlossen und war im Begriff gleich nach meiner
Abreise selbst nach Chaumerive zu gehen um seinen Entschluss kundzutun«  »Wir
müssen zurück« rief ich hastig »Allerdings« sagte er »Ihr Herr Vater
bereitet die Mutter dazu vor«  »Ach meine arme arme Mutter« klagte ich
»wie wird sie es überleben«  »Sie bleiben ihr« sagte Mucius und trocknete mir
sanft die Augen »Er ist ihr Liebling« fuhr ich fort »und verdient es zu
sein«  »Beide verdienen es Beide« rief Mucius indem er meine Hand mit
Heftigkeit an seine Lippen drückte »Glücklicher Emil« setzte er hinzu und
eine Träne glänzte in seinen dunkelbraunen Augen »Glücklicher Emil Engel
weinen um dich ich Unglücklicher habe keine Schwester«  »Ich will auch die
Ihrige sein« sagte ich und meine Tränen flossen stärker »Virginia« rief er
im Ausruf des Entzückens und schlang den Arm um mich ich sank im Übermaß des
Gefühls an seine Brust Unsre Lippen begegneten sich unwillkürlich wir hielten
uns lange in sprachloser Seligkeit umarmt »Oh das Leben ist schön« rief
endlich Mucius »es will mich halten mit all seinem Zauber gerade da ich es
aufs Spiel setzen will entfaltet es mir seine schönsten Blüten Aber nicht dem
Feigen würde dieses holde Auge lächeln nein ich muss kämpfen um so schönen
Preis Wird Virginia den Sieger lieben« fragte er mit Schmeicheltönen »Ewig«
entgegnete ich »Mein«  »Dein« riefen wir beide aus einem Munde und eine
zweite Umarmung besiegelte den Bund für die Ewigkeit
Oh seliges Gefühl wenn zwei Seelen welche der Schöpfer aus einem Lichtfunken
gebildet sich finden und sich verbinden auf ewig Die Gegenwart und ihre
kleinen Verhältnisse verschwinden dem trunkenen Auge es sieht nur aufwärts zum
Quell des Lichts Auch meine Tränen waren plötzlich versiegt und mein Herz
jauchzte insgeheim mitten unter den Äußerungen der allgemeinen Besorgnis Die
Tränen meiner Mutter taten mir wehe ich machte mir Vorwürfe dass ich so
glücklich war aber ich konnte es nicht ändern ich war glücklich
    Es wurde beschlossen dass wir sogleich die Rückreise nach Chaumerive
antreten wollten um den geliebten Emil so bald als möglich an unser Herz zu
schließen Mucius war sogleich entschlossen uns zu begleiten Der Oheim
schüttelte ihm zum Abschiede kräftig die Hand »Du bist ein braver Junge« sagte
er »tu deine Pflicht und Gott sei mit dir Mucius«  »Mit dem Schilde Oheim
oder auf dem Schilde« entgegnete dieser langsam mit Nachdruck »Mucius
Scävola« rief mein Vater und schloss ihn mit feuchten Augen an seine Brust Marie
weinte heftig als er sie zum Abschied küsste dann umarmte sie mich sah mich
einen Augenblick nachdenkend an ein halbes Lächeln schwebte auf ihrem leidenden
Gesichte sie schüttelte leise den Kopf als wollte sie sagen »Keine wird ihn
haben« Sie trocknete mutig ihre Tränen und schmiegte sich sanft resigniert an
ihren Vater
    Unsre Rückreise war nicht erfreulich Meine Mutter war meistens leidend und
in sich gekehrt soviel Mühe sich auch die Männer gaben sie zu beruhigen mein
leuchtendes Auge schien ihr wundes Gefühl oftmals zu verletzen Auf der andern
Seite aber war es mir eine hohe Freude zu bemerken wie mein Vater mit jeder
Minute mehr Gefallen an meinem Geliebten fand Er erzählte ihm seinen
amerikanischen Feldzug und verjüngte sich mitten unter den Bildern seiner
Jugend »Dein Bruder fiel« seufzte meine Mutter »Für seine Überzeugung für
eine gute Sache und von allen seinen Kameraden beweint« rief mein Vater »kann
das längste Leben einen so schönen Tod aufwiegen«  »Auch ein Leben voll Liebe
nicht« fragte meine Mutter und drückte zärtlich seine Hand »Das Leben ist
schön« erwiderte er und umarmte sie »aber der Heldentod des Jünglings ist es
nicht minder«  »Wohl ist er zu beneiden« sagte Mucius »wenn ein schönes Auge
um ihn weint er lebt dann in diesen köstlichen Tränen ein seliges Leben« Eine
dunkle Wolke flog bei diesen Worten durch meine Seele aber mutig scheuchte ich
sie hinweg »Glückliches Geschlecht« sagte ich »das handelnd eingreifen kann
in die großen Weltbegebenheiten«  »Preise das deine glücklich« antwortete
mein Vater »dem ein kleinerer Kreis bezeichnet wurde es hat keine schmerzliche
Wahl kann nicht schwanken zwischen den Pflichten für sein Haus und für sein
Land«  »Ich erkenne es mein Vater« sagte ich seine Hand küssend Ich
verstand recht gut was an seinem Geiste vorüberging
    Wir trafen in Chaumerive fast zugleich mit dem teuren Emil ein Meine Mutter
schloss ihn leidenschaftlich in ihre Arme und schien noch einige Hoffnung zu
hegen ihn zurückzuhalten doch überzeugte sie seine ruhige Haltung und meines
Vaters bestimmte Erklärung sehr bald dass sie sich dem Unvermeidlichen ergeben
müsse Sie tat es mit der besten Fassung von der Welt augenscheinlich in der
Absicht das Herz ihres Lieblings nicht schwer zu machen O Allmacht der
mütterlichen Liebe welche Wunder bringst du hervor Meine arme Mutter sonst so
heftig in den Äußerungen ihres Schmerzes gewann es über sich ihrem Sohn immer
ein heiteres Gesicht zu zeigen während ihr Herz aus tausend Wunden blutete Sie
war rastlos mit seinen kleinen Bedürfnissen beschäftigt und sprach sogar
scherzend von seiner baldigen siegreichen Rückkehr Nur in der Stille des
Morgens hörte ich oft ihr Schluchzen im anstoßenden Kabinett und bemerkte wenn
sie in das Wohnzimmer trat auf ihrer blassern Wange Spuren frischvergossener
Tränen welche sie jedoch sorgfältig zu tilgen suchte wenn die Frühstücksstunde
herannahte Mit zärtlicher Achtsamkeit forschte der Sohn oft auf ihrem lieben
Gesichte und bat dann mit seiner schmeichelnden Stimme»Sei nicht traurig liebe
Mutter« Sie lächelte jedesmal und leugnete es zu sein So flossen uns noch
vierzehn schmerzlichsüße Tage dahin Emil bemerkte bald das zärtliche
Verhältnis zwischen seinem Freunde und mir welches wir auch gar nicht zu
verhehlen strebten Er zog uns beide in seine Arme »Ich halte des Lebens größte
Schätze an meiner Brust« sagte er »Alle« fragte ich schalkhaft »Lebend und
im Bilde« erwiderte er Ich fühlte dass er zugleich mit mir Dein Bild an sich
drückte welches meinem Busen entfallen an meiner rechten Seite hing Im
Übermaß meiner Liebe für den teuren Bruder und im Gefühl meines eigenen Glücks
nahm ich die Kette mit Deinem Bilde von meinem Halse und schlang sie um den
seinigen »Es sei deine Ägide« sagte ich »und schütze dein liebes Herz« Er
war außer sich vor Entzücken und Dankbarkeit »Ein mutiges Herz wird
dagegenschlagen« sagte er »bis es zu klopfen aufhört«  »O nichts vom
Stillstehen dieses Herzens« bat ich von dem Gedanken erschüttert »Nun nun«
sagte er lächelnd »mir flüstert dies oft eine leise Ahndung zu doch gehe ich
darum nicht weniger mutig dem Feinde entgegen Sage einst Adelen« setzte er
ernst hinzu »ich hätte sie geliebt bis zum letzten Hauch geliebt« Seine
Stimme versagte ihm auf einen Augenblick aber plötzlich richtete er sich mit
ruhig freundlichem Gesichte aus meiner Umarmung auf Er schien mir als ich zu
ihm aufsah mit einem Male um ein beträchtliches größer Voll aufgeregter
Ängstlichkeit warf ich mich in Mucius Arme »Flüstert dir die Ahndungsstimme
auch« fragte ich zitternd »Nur Freudiges verkündigt sie mir« sagte er und
umschlang mich »Sei ruhig meine Virginia das Glück ist dem Mutigen hold wir
werden uns alle und freudig wiedersehen« Der Ausspruch des Geliebten ist ja
wie die Stimme von Dodona auch in meine Brust rief sie die Hoffnung zurück
So brach der Abschiedsmorgen heran Zum letzten Male begrüßte die Sonne bei
ihrem Aufgang eine zärtlich vereinte glückliche Familie Mein Vater war weich
und freundlich meine Mutter blasser als je aber anscheinend ruhig und gefasst
Emil betrieb lebhaft die Zurüstungen zur Abreise und lächelte jedem von uns zu
um uns seine Bewegung zu verbergen Mucius nur mit seiner Liebe beschäftigt
wendete die aufmerksamste Sorgfalt an meinen Mut aufrechtzuerhalten Ach ich
bedurfte des Beistandes nur zu sehr In Gefahr die beiden geliebtesten
Gegenstände meiner Zärtlichkeit auf immer zu verlieren verließ mich mein
sonstiger Heldensinn und das liebende Mädchen kämpfte fruchtlos mit seinen
Tränen Mein Vater sah den Kampf in meiner Seele und gütig wie er immer war
wollte er mir einen stützenden Trost geben Zärtlich ergriff er Emils und
Mucius Hände und rief mit bewegter Stimme »Meine beiden Söhne O ich bin ein
reicher Vater ich weihe an einem Tage zwei Söhne dem Vaterlande Seid einer des
anderen Schutzengel bleibt einander treu mit hülfreicher Liebe bleibt euch
treu im Leben und im Tode Das Band der Freundschaft knüpfte schon längst eure
Herzen ich füge in dieser feierlichen Stunde noch ein wo möglich schöneres
hinzu das brüderliche Sobald ihr zurückkehrt werde Mucius Virginiens Gatte«
Wir waren alle überrascht von diesen Worten und jeder äußerte seine Bewegung
auf verschiedene Weise Mucius warf sich mit stürmischer Freude in meines Vaters
Arme ich sank schluchzend zu seinen Füßen Emil umfasste seinen Freund meine
Mutter sah staunend vom Sofa auf die Gruppe und streckte die Hand nach uns aus
Sie hatte einzig mit der Reise ihres Sohnes beschäftigt weniger auf unser
Verhältnis geachtet und es war ihr daher ziemlich fremd geblieben doch hatte
auch sie Mucius liebgewonnen um seiner selbst willen und als Emils Freund Als
wir daher beide vor ihr niederknieten und um ihren Segen baten segnete sie uns
mit der freudigsten Rührung Emil küsste sie dafür kindlich schmeichelnd Da
nahm sie seine Hand legte sie in die seines Freundes und sagte »Ich gab Ihnen
die teure Tochter und Ihren Händen vertraue ich den geliebten Sohn schützen
Sie Ihren Bruder«  »Mit meinem Blute« rief Mucius und presste Emil in seine
Arme »Seien Sie ohne Sorgen verehrte Mutter ich bringe ihn gesund zurück an
seiner Hand oder niemals wieder kehre ich heim« Diese unerwarteten Szenen
hatten uns allen einen heroischen Schwung gegeben welcher uns leichter über die
gefürchtete Abschiedsstunde hinwegtrug Die Pferde standen schon lange bereit
der Postillion hatte schon mehreremal ins Horn gestoßen da ergriff Mucius rasch
die Hand seines Freundes »Wir müssen scheiden« sagte er mutig »Lebt wohl
Vater und Mutter lebe wohl Virginia wir kehren bald zurück« Er küsste uns der
Reihe nach mit Eile und ließ Emilen kaum die Zeit ein Gleiches zu tun Der
arme gute Emil Blässe überzog sein Gesicht doch schwebte noch das gewohnte
Lächeln darauf wir drückten ihn an uns er sagte uns Lebewohl Mit festen
Schritten folgte er dann seinem Freunde welcher ihn rasch mit sich fortriss In
wenigen Minuten waren sie unseren Blicken entschwunden die beiden hohen
Jünglingsgestalten Ach auf immer
    Meine Mutter sah ihnen unverwandt nach und als der Wagen unsern Blicken
nicht mehr sichtbar war sank sie ohnmächtig nieder Die Sorge um sie und ihre
Pflege zogen meinen Vater und mich von unsern eigenen Empfindungen ab Wir taten
alles um sie zu zerstreuen und aufzuheitern aber mit geringem Erfolg Mein
Vater bestand eifrig darauf die unterbrochene Reise wieder anzutreten die
Mutter war aber dazu nicht zu bewegen »Wenn Emil wiederkehrt werde ich von
selbst genesen« sagte sie »kommt er nicht zurück nun dann « sie brach ab
nach einer Pause setzte sie hinzu »Ich würde ja an jedem andern Orte seine
Briefe später erhalten«  Diese Briefe waren von jetzt an die einzige Nahrung
welche die schwache Flamme ihres Lebens erhielt unsre Liebkosungen nahm sie
freundlich auf und erwiderte sie auch aber ihre Tränen flossen selbst in den
Armen ihres geliebten Gatten
Als die Schlacht von Esslingen bekannt wurde stieg die Angst meiner Mutter auf
das höchste Sie sah jede Nacht ihren Sohn verwundet oder tot in ihren
Träumen Umsonst wendete mein Vater alle Vernunftgründe an doch wenn das Herz
heftig leidet dann wird es von den Tröstungen des Verstandes nur beleidigt
»Ich bin keine Römerin« sagte sie mit Heftigkeit »Und hast kein Vaterland«
fragte mein Vater »Möge es doch zertrümmern« rief sie »wenn ich nur meinen
teuren Sohn und euch behalte«  »Klara liebe Klara« sagte mein Vater sanft
verweisend »der Schmerz tobt aus dir du wirst dich wiederfinden Die Pflicht
über alles Kein Gut der Erde tröstet uns wenn diese verletzt wird«
    Ich meinesteils suchte gar nicht sie zu trösten ich weinte mit ihr Mein
armes Herz schwankte zwischen Hoffnung und Furcht ich hätte selbst des Trostes
bedurft aber das Schauspiel des unbegrenzten mütterlichen Schmerzes gab mir
feste Haltung Ich gelobte mir im stillen den etwanigen Schlägen des Schicksals
mit mehr Fassung zu begegnen Endlich nach mancher vergeblichen Bemühung um
Nachricht langte ein Brief von den beiden Geliebten an und gab meiner Mutter
das Leben wieder auch mir und dem Vater sank ein schwerer Stein vom Herzen und
unser Mut erhielt sich auch während der folgenden Zeit Die Freunde waren an
jenem heißen Tage im heftigsten Feuer gewesen und ihre Kameraden rechts und
links gefallen sie jedoch unversehrt geblieben Dies schien uns ein besonderer
Schutz des Himmels zu sein und wir sahen sie als ein paar Geweihete an denen
keine Kugel nahen dürfe Die Mutter war nicht ganz so mutig aber sie hoffte auf
schnellen Frieden und betete inbrünstig zu Gott
    Die Schlacht von Wagram erfuhren wir durch einen Brief von Mucius Er hatte
dem schnellfüssigen Gerüchte doch zuvorzukommen gewusst Mit Begeisterung lobte er
den Mut und die schnelle Geistesgegenwart Emils welcher sogar Gelegenheit
gehabt vom Kaiser bemerkt und gelobt zu werden »Leider aber« hieß es am
Schluss seines Berichts »ist der geliebte Bruder gegen den Ausgang der Schlacht
am Fuße verwundet worden doch ist durchaus keine Gefahr und wir gedenken bald
wieder bei unseren Lieben einzutreffen« Emil selbst fügte einige Zeilen hinzu
worin er uns bat ganz ohne Sorgen zu sein Wir bedauerten den Geliebten doch
waren wir nicht allzu besorgt Eine leichte Fusswunde meinte mein Vater dabei
sei keine Gefahr und meine Mutter dankte Gott aus tief aufatmender Brust dass
er es so gnädig gefügt Auf jeden Fall war nun ihr Liebling geborgen Selbst
wenn gegen alle Wahrscheinlichkeit noch einmal geschlagen wurde er war in
Sicherheit Sie fing an sich sichtlich zu erholen nahm wieder an den
Geschäften den tätigsten Anteil und erheiterte uns alle durch ihre munteren
Einfälle und ihre frohe Laune Schon seit Jahren hatte sie nicht mehr die Laute
berührt aber jetzt ergriff sie oft die meinige und sang uns mit ihrer schönen
Stimme die artigsten Lieder Mein Vater fühlte sich in die ersten Tage seiner
Liebe zurückversetzt und war wieder selig und lebendig wie damals Der gute
Pfarrer und unsre wenigen Hausfreunde freuten sich mit uns Ich selbst schwamm
in einem Meere von Wonne besonders da bald darauf ein zweiter Brief eintraf
welcher schon auf dem Rückmarsch geschrieben war Mucius meldete uns dass er
eine zufällige Unterredung mit dem Kaiser gehabt habe in welcher er ihm über
sich und seinen verwundeten Freund in der Kürze Auskunft gegeben Der Kaiser
habe sich meines Vaters erinnert und ihm eigenhändig für Emil das Kreuz der
Ehrenlegion und den Abschied als Kapitän zugestellt »Was Sie junger Mann
betrifft« hatte er hinzugefügt »Sie können jetzt gehen wohin das Herz Sie
ruft ich bin Ihrer gewiss wenn ich und das Vaterland Ihrer bedürfen so kehren
Sie zum zweiten Male freiwillig unter meine Fahnen zurück«
    Goldne Worte welchen fröhlichen Rausch verbreiteten sie über unser ganzes
Haus Emil schrieb auch seine Wunde war noch nicht heil aber er achtete ihrer
nicht sein liebendes Herz und die Sehnsucht seines Freundes trieben ihn zur
Heimat Sein schönes Herz sprach sich so liebevoll in jeder Zeile aus er freute
sich kindlich über die empfangenen Ehrenzeichen aber mehr um seiner Eltern als
um seinetwillen wohl auch um Deinetwillen denn er fügte triumphierend hinzu
»Die Ägide Virginia hat mein Herz treulich beschützt« Guter herrlicher
Bruder so brav so liebend so treu nur Engel können dir gleichen Engel
jetzt deine Gesellschafter deine tröstenden Gefährten
Meine Mutter war nun geschäftig wie Marta und fröhlich wie die Tochter Jephta
am Tage der Rückkehr Sie schmückte und ordnete das ganze Haus zu dem frohen
Empfange Daneben beschäftigte sie sich mit meiner Ausstattung und scherzte
freundlich mit mir über meinen Brautstand und die nahe Verbindung Ich berührte
kaum die Erde ich schwebte in den Gefilden der Seligen und doch hatte ich nie
die irdischen Geschäfte pünktlicher und sorgsamer verrichtet So werden alle
Fähigkeiten der Seele und ihres Organs des Körpers durch die Liebe und die
Freude erhöhet ja verdoppelt
    Die Zeit der Weinreife rückte heran Ich war schon in den Bergen und ordnete
die verschiedenen Vorbereitungen zur Lese an Die Sonne ging hinter einer
entfernteren Bergspitze nieder und krause rötliche Wölkchen gaben ihr das
Geleite An einem grünen Abhange gelagert blickte ich fröhlich auf die
magischen Beleuchtungen welche einzelne Sonnenstrahlen noch rechts und links
über die schöne Landschaft warfen Ich hatte eben einen Grashalmenkranz geknüpft
auf Mucius Wiederkehr in den nächsten Tagen er war sehr erwünscht und bejahend
ausgefallen In der Fröhlichkeit meines Herzens pflückte ich neben mir die
Blumen welche ich erreichen konnte und reihete sie halbleise eine von
Petrarcas zärtlichen Stanzen singend zum Kranz auf welchen Tränen der Wonne
tropfend niederfielen Da gewahrte ich als ich das Auge wieder über die
Landschaft erhob in der Entfernung einen Landmann welcher einen Botenstab in
der Hand eilig den Weg zum Berge daherschritt Sein Anblick ergriff mich
plötzlich mit einem ahndenden Gefühl mein Herz klopfte voll bangen Schreckens
je näher er mir kam es war als wenn ein grauses Schicksal auf mich zuschritt
Ach nur zu grausend zu entsetzlich war was mir nahte Der Bote reichte mir
einen Brief er war von Mucius Hand von Mucius lieber Hand und dennoch wagte
ich nicht ihn zu öffnen auf so ungewöhnlichem Wege und ich wagte nicht zu
fragen ich war mir selber unbegreiflich Endlich fasste ich in gewaltsamer
Anstrengung den Mut das Siegel mit zitternder Hand zu lösen Schon die ersten
Zeilen dieses Unglückbriefes schmetterten mich zu Boden Noch in diesem
Augenblicke nach fünf Jahren versagt mir die Feder fast den Dienst kaum kann
ich mich entschließen Dir das fürchterliche Wort zu wiederholen welches mich
damals gleich einem Blitzstrahle aus heiterer Luft vernichtete »Emil tot«
Mehr sah ich nicht Eine tiefe Ohnmacht warf mich auf die Blumen nieder Ein
lauter Ruf des erschrockenen Boten hatte meinen Vater herbeigezogen welcher
sich in der Nähe befand Er hatte den mir entfallenen Brief aufgehoben und
erfuhr so unvorbereitet wie ich die schreckliche Nachricht
    Unglücklicher Vater was musst du bei dieser fürchterlichen Botschaft
empfunden haben Dein einziger Sohn dein Stolz In der Blüte zerschmettert die
Hoffnung deines Alters Die Natur hatte sich mitleidig meiner erbarmt und durch
einen totenähnlichen Schlummer meinem Leiden auf einige Minuten Stillstand
geboten Die einzige Ohnmacht meines Lebens Sie mochte lange gedauert haben
denn es fing schon an zu dämmern als ich in den Armen meines Vaters erwachte
Er war sehr blass doch mit Besonnenheit um mich beschäftigt »Emil« rief ich
als das Bewusstsein mir klar zurückkehrte »Emil mein Emil« und ein Strom von
Tränen stürzte aus meinen starren Augen Mein Vater verbarg sein Angesicht doch
fühlte ich an dem Zittern seines Armes wie bewegt er innerlich sein musste Aber
nur einige Minuten lang dann sah er wieder mit Fassung auf mich nieder
»Virginia« sagte er mit liebkosender Stimme »Virginia mein starkes Mädchen
erhole dich Tränen gebühren dem lieben dem edlen Sohn und Bruder aber wir
haben noch lange Zeit ihn zu beweinen jetzt rufen nahe Sorgen unsre ganze
Tatkraft auf«  »Oh meine Mutter« rief ich schmerzlich »Für sie fürchte ich
am meisten« sagte er »Darum fasse dich mein Kind Auch müssen wir ja Mucius
sehen«  »Mucius« fragte ich »wo ist er«  »Hast du nicht seinen Brief
gelesen« erwiderte er »Nichts als die schrecklichen Worte«  »Mache dich mit
seinem ganzen Inhalt bekannt und komme langsam nach ich gehe voran und bereite
alles vor Gott stärke uns«
    Nach diesen Worten ging er langsam den Hügel hinunter und überließ mich
meiner eigenen Kraft Laut brachen meine Tränen meine Klagen aus doch kehrte
mir bald einige Besonnenheit zurück Plötzlich fiel mir wie durch Eingebung
eine Stelle aus »Nathan dem Weisen« in den Sinn Ich hatte Mehreres aus diesem
Lessingischen Meisterwerke zur Übung der deutschen Sprache übersetzt jetzt
sagte ich mir diese Stelle halblaut unwillkürlich vor
»Und doch ist Gott
Doch war auch Gottes Ratschluss das Wohlan
Komm übe was du längst begriffen hast
Was sicherlich zu üben schwerer nicht
Als zu begreifen ist wenn du nur willst«
Schluchzend doch mit Begeisterung streckte ich meine Arme hoch zum Himmel und
rief »Ich will willst Du nur dass ich wolle« Still und gen Himmel blickend
setzte ich diesen Gedanken einige Augenblicke fort und fühlte mich wunderbar
gestärkt und erhoben Der Odem des Ewigen schien mich zu umwehen Da stieg der
Mond in voller Pracht hinter dem Taugewölk empor und verbreitete sanfte
Tageshelle um mich her Mein Blick fiel auf den Brief welcher entfaltet mir zur
Seite lag und durch dessen Blätter der Abendwind flüsterte Ich nahm und las mit
leidlicher Fassung was die Verzweiflung geschrieben  Die zu früh angetretene
Reise in dieser heißen Jahreszeit hatte Emils anscheinend leichte Wunde sehr
verschlimmert Er blieb in Frankfurt am Wundfieber erkrankt Bald gesellte sich
ein bösartiges Nervenfieber hinzu Vergebens wendete Mucius die treueste
Sorgfalt an vergebens rief er die tätigste Hilfe herbei die Ärzte gaben wenig
Hoffnung sie erklärten das noch nicht vollendete starke Wachstum des Kranken
habe verbunden mit den Mühseligkeiten des Feldzugs die Natur zu sehr
erschöpft sie versage die Unterstützung So schlummerte der holde Jüngling
sanft und bewusstlos zu einem schöneren Leben hinüber beklagt und geliebt
selbst von denen welche ihn nur in seiner Krankheit kannten Die Töchter des
Wirtes weinten um den schönen Toten und gelobten Rosen um seinen stillen Hügel
zu pflanzen Mucius hatte die Erlaubnis seines Feldherrn benutzend den Dienst
schon verlassen um seinen Freund zu uns zu geleiten wo ihm die Myrten der
Liebe winkten Jetzt fiel ihm der Gedanke zentnerschwer auf das Herz ohne den
Geliebten den Pflege und Schutzbefohlenen vor der verzweifelnden Mutter zu
erscheinen Es schien ihm unmöglich unsern vereinten Jammer zu tragen Angst
und Verzweiflung trieben ihn bei einem Regimente wieder Dienste zu nehmen
welches durch Frankfurt nach Spanien marschierte Er wollte den Tod suchen
Jetzt schrieb er mir aus einer Entfernung von wenigen Meilen er fühle sich
nicht stark genug mich noch einmal zu sehen auch erlaubten es seine
Dienstverhältnisse nicht Er sagte mir ewiges Lebewohl und fügte nur ganz von
ungefähr hinzu der Marsch gehe über Bellegarde und er hoffe seinen Oheim noch
einmal zu umarmen
    Im Nu verstand ich jetzt was der Vater gemeint »Wir müssen hin« rief ich
und sprang auf »wir müssen hin« und dahin flog ich mit des Windes Eile
unsrer Wohnung zu Im Hofe wurde ein Reisewagen bereitet Ich stürzte hastig ins
Zimmer »Wir müssen hin ja wir müssen hin«  »Freilich« sagte mein Vater
indem er mir ein Zeichen gab und den Finger an die Lippen drückte Ich schwieg
und suchte mich zu sammeln Meine Mutter stand uns abgewandt einige
Kleidungsstücke zusammenlegend sie wandte sich um da sie meine Gegenwart
bemerkte sie war sehr bleich und ihre Glieder zitterten »Weißt du das Unglück
schon« fragte sie Ich schwieg und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen »Wir
müssen hin« fuhr sie fort »vielleicht ist noch Rettung möglich« Ich merkte
mit innerem Beben dass sie das Schrecklichste noch nicht wusste Sie trieb mich
etwas Wäsche zu packen ich gehorchte zum Scheine Nach einer halben Stunde
saßen wir alle drei im Wagen und fuhren der furchtbaren Entwickelung entgegen
Meine Mutter sprach unaufhörlich von der traurigen Lage ihres Sohnes gefährlich
krank so fern von den Seinen ohne zarte weibliche Pflege voll Sehnsucht nach
uns Ich schluchzte und schwieg Dann kam sie auf den Gedanken man habe sie
gleich anfangs über seine Wunde getäuscht es sei viel gefährlicher gewesen er
sei grässlich verstümmelt Ihre Einbildungskraft erhitzte sich und schuf
schreckliche Bilder seines Zustandes Mein Vater widersprach nicht und wies sie
nur sanft auf den Willen des Ewigen hin ohne welchen kein Haar von unserm
Haupte falle Es wollte keine Wirkung tun auf ihren sonst so religiösen Sinn
sie haderte mit Gott und den Menschen »Ein Krüppel auf Lebenszeit« rief sie
heftig »unnütz der Welt sich selber eine Last«  »Freilich« sagte mein
Vater »einem Zustande wie du ihn schilderst wäre der Tod vorzuziehn würde es
in die Wahl des Menschen gestellt« Er malte das Bild der Möglichkeit noch
weiter aus »Nein lieber tot« schrie meine Mutter »lieber tot Herr des
Himmels höre mich kann ich ihn nicht mehr glücklich sehen so nimm ihn mir ich
will ihn lieber missen als dass er leide«  »Klara teure geliebte Klara« bat
mein Vater »gedenke dieses Ausspruchs gedenke deines Gelübdes Das Schicksal
könnte dich mächtig ergreifen« Ich bückte mich auf ihre Knie nieder und
überströmte sie mit meinen Tränen Sie versank in tiefes Schweigen wir
schwiegen alle So fuhren wir den übrigen Teil der Nacht hindurch bis die
Morgenröte hervorbrach Die ersten Strahlen des Lichts regten meine Mutter
wieder zu einigem klaren Bewusstsein auf Sie betrachtete bald die Gegenstände am
Wege mit Aufmerksamkeit bald forschte sie auf unsern Gesichtern Mir wollte das
Herz zerspringen und der Vater musste sich fast immer seitwärts wenden um den
schrecklichen Kampf seines Innern zu verbergen Plötzlich fuhr sie mit dem Kopf
zum Schlage hinaus und sah rückwärts Die Sonne sandte eben ihre ersten
Purpurstrahlen herauf Sie fuhr erschrocken zurück »Wir fahren der Sonne nicht
entgegen« sagte sie fast vernichtet »gegen Abend kann Frankfurt nicht liegen
Wohin führt ihr mich« fragte sie stärker und fasste krampfhaft die Hand meines
Vaters Die Stimme versagte ihm den Dienst »Wohin führt ihr mich Virginia bei
deiner Seligkeit wohin«  »Nach Montameau« stammelte ich leise Sie warf
irre Blicke wechselnd auf uns »Dort kann er nicht sein« stieß sie endlich
hervor »er ist tot«  »Du sagst es« brachte mühsam mein Vater hervor indem
er erschöpft zurücksank und das Gesicht mit seinem Tuche verhüllte Auch mich
lass eine Hülle über diese schreckliche Szene werfen Den höchsten Schmerz vermag
keine Feder zu beschreiben wie ihn kein Pinsel zu malen wagen sollte O Adele
wie leicht trägt sich eigenes Leiden gegen das zerreissende Mitgefühl bei dem
Schmerze geliebter Personen Der Jammer meines eigenen frischblutenden Herzens
wurde in jenen Stunden kaum von mir empfunden
Anfangs wollte die Mutter als sie wieder zu einiger Besinnung kam durchaus
umkehren sie wollte Mucius nicht sehen »Willst du den treuen Pfleger deines
Sohnes nicht an dein Herz schließen« fragte mein Vater sanft verweisend
»willst du den treuen Jüngling nicht hören der dir die letzten Grüße seines
Bruders bringt willst du nicht hören wie er starb« Diese Vorstellungen
wirkten und wir kamen gegen Abend in Montameau an
    Bleicher Schrecken malte sich auf allen Gesichtern als man uns erblickte
Mucius glühete einen Augenblick auf in Freude als er beim Eintritt in das
Zimmer mich erblickte Aber nur einen Augenblick Blässe des Todes scheuchte
den rötlichen Schimmer hinweg er stürzte außer sich zu den Füßen meiner Mutter
und rief in Tönen der Verzweiflung »Ich bringe ihn nicht zurück« Halb
bewusstlos sank die Mutter auf seine Schulter hinab Alles schluchzte und es
verging eine geraume Zeit ehe ein Wort die Grabesstille unterbrach Nach und
nach löste sich dann freilich der starre Schmerz in laute Klagen auf Es wurde
gefragt und erzählt und die Mitternacht rückte heran bei traurigen Gesprächen
Die Natur forderte endlich ihre Rechte und Schlaf sank auf die müde geweinten
Augen herab Die Morgensonne weckte uns zu neuem Jammer Mir insbesondre stand
der herbe Schmerz der Trennung von Mucius bevor Du hast noch nie geliebt meine
Adele Du hast also keine Vorstellung von dem Schmerz dem Geliebten ein ewiges
Lebewohl zu sagen Ach und wir fühlten klar und lebendig es sei das letztemal
für diese Welt dass unsre Herzen aneinanderschlugen unser Ohr die süßen Töne
der geliebten Lippen vernahm Aber das Schicksal das unerbittliche hatte kein
Erbarmen mit unserm Jammer Es musste geschieden sein Mucius musste dem Regimente
nacheilen der Ehre die Liebe weichen er warf sich halb sinnlos auf das Pferd
und war in einem Augenblick für immer verschwunden der leuchtende Stern auf
meiner Lebensbahn für immer erloschen Marie schloss mich laut weinend in ihre
Arme »Unglückliche Marie unglücklichere Virginia« rief sie mit tiefem Jammer
»Wir haben ihn beide verloren« sagte ich und drückte sie an meine Brust Mein
Vater ergriff zärtlich meine Hand »Für Virginia fürchte ich nicht« sagte er
mit Vertrauen »ihr männlicher Geist wird das Unvermeidliche tragen lernen«
Diese einfachen Worte von dem verehrten Munde erhoben meine sinkende Kraft ich
verschloss meinen Gram tief im Busen und vermochte es mich hilfreich und
teilnehmend mit meiner unglücklichen Umgebung zu beschäftigen Viel lernt der
Mensch im Leiden es ist das eigentliche Seelenbad Groß ist die Kraft des
Menschen wenn er nur den Willen hat sie aufzurufen Nicht den Schlägen des
Schicksals erliegt der Mut er wird nur von der eignen Schwäche gelähmt Unsre
Rückreise war jammervoll soviel Beruhigung uns auch die weinende Familie des
guten Försters nachgewünscht Noch trostloser war unsre Ankunft in Chaumerive
in den herzlichen Tränen jedes Einwohners spiegelte sich aufs neue unser
unersetzlicher Verlust Meine Mutter kleidete das ganze Haus in Trauer und ließ
jeden Morgen eine Seelenmesse für den teuren Toten lesen Ach die Ruhe ihrer
eignen Seele stellte keine Messe her Mein Vater ließ sie gewähren so wie er
die ihr anerzogenen Begriffe nie bestritt Er hatte den Grundsatz übersinnliche
Dinge müsse jeder nach seiner Einsicht abmachen Seine eigne Überzeugung hatte
sich immer frei von Menschensatzungen erhalten »Ich wünschte« sagte er mit
leisem Kopfschütteln »der Glaube der Kirche und ihr vorgeschriebenes Zeremonial
könnten dieses liebe gebrochene Herz heilen« Er traf gar keine Anstalten für
seinen Gram aber er gab sich emsiger seinen Geschäften hin und suchte mehr als
je den Wohlstand und die geistige Ausbildung der Gemeinde zu befördern und
allmählich kehrte eine sanfte Heiterkeit in sein Gemüt zurück Nur wenn sein
Auge auf meine Mutter traf trübte sich sein Blick Ich suchte seinem Beispiele
zu folgen auch zwang mich die Lage der Umstände den tiefen stillen Gram zu
zügeln
    Meine Mutter wurde immer schwächer sie nahm an keinem irdischen Geschäfte
mehr teil und lebte nur noch ihren Andachtsübungen Vergebens suchten wir sie
auf alle Weise zu erheitern sie war nicht wieder für das Leben zu gewinnen Mir
lagen nun die Geschäfte des Haushalts ob und unbeschränkt in diesem Kreise
lernte ich mich bald darein finden So schwand mir der Winter trübe aber nicht
allzu langsam vorüber Mucius hatte mehrmals geschrieben er war mit seiner Lage
nicht zufrieden Er achtete die Kraft der Spanier und hasste die Triebfedern
wodurch diese gespannt wurde Dies brachte ihn mit sich selbst in Streit
Sehnlich wünschte er der englischen Macht entgegengeführt zu werden welcher er
mit ungeteiltem Sinn feindlich begegnen würde Übrigens erhob sich sein
jugendliches Herz allmählich wieder zur Hoffnung Er wünschte und rechnete
darauf mich wiederzusehen
Der neue Frühling war hoffnungs und segensreich in Frankreich eingezogen Eine
hohe Nationalfreude belebte jedermann bis zu den Hütten herab begrüßte man
einander mit frohem Jubel Ganz Frankreich jauchzte der jungen schönen
Kaiserbraut entgegen diesem sanften Friedensengel der künftigen Mutter eines
starken Geschlechts
    Auch in unserm kleinen Kreise wurde fast von nichts als von dieser frohen
Begebenheit gesprochen Mein Vater nahm daran all den Anteil den er immer an
dem Wohl seines Landes und dem Ruhm unsers gekrönten Helden zu nehmen pflegte
Meine Mutter aber schien diese Fröhlichkeit nur zu schmerzen »Zu spät« seufzte
sie »musste ich ein so teures Opfer bringen damit der Friede einzöge«  »Oh
Mutter« rief ich im Auflodern meiner alten Begeisterung »Emil starb weil
seine Tage gezählt waren Wäre es aber möglich dass die Gottheit ein
Menschenopfer annähme für Frankreichs Frieden Freiheit und Glück so wollte ich
ja mit tausend Freuden noch heute mein Blut tropfenweise dafür vergießen«
Mein Vater drückte mir schweigend die Hand meine Mutter sah mich mit starren
Blicken an schüttelte dann langsam den Kopf fasste nach ihrem Rosenkranz und
versank wieder in stillen Gram
    Die Tage der allgemeinen Freude wurden uns Tage der Trauer Mitten unter den
Vermählungsfeierlichkeiten starb meine arme gute Mutter in meinen Armen Mein
Vater kämpfte männlich mit seinem herben Schmerz Er küsste den kalten Mund der
Geliebten mit zärtlicher Wehmut »Ruhe sanft holde Klara« sagte er »die
Erdenleiden drücken jetzt dein armes Herz nicht mehr stiller Friede ruht auf
deiner reinen Stirn ich will nicht klagen da du glücklich bist ich will mich
deines Friedens freuen« Auch ich empfand wie er ich weinte um ihren Verlust
aber ich freute mich ihrer Ruhe und schmückte ihren Sarg mit den buntesten
Kindern des Frühlings Ach oft noch wenn ich ihren Hügel mit Rosen umkränzt
habe ich sie glücklich gepriesen dass der Tod sie so früh gegen die Stürme der
Zeit in seine dunkle Wohnung gerettet Ihrer Seele fehlte die ideale Richtung
und der mutige Wille womit man allein so ungeheure Schicksale zu bestehen
vermag
    Einsamer und stiller lebten wir nun fort aber ruhig und heiter Wir
freueten uns des allgemeinen Wohls und strebten nach Kräften es zu fördern
Mucius Briefe blieben im Herbste des Jahres 1810 plötzlich aus und auch die
genauesten Erkundigungen konnten uns keine Nachricht verschaffen Lange schon
war ich auf seinen Verlust vorbereitet doch schmerzte er mich darum nicht
weniger tief Meine Seele wehrte sich lange daran zu glauben bis mehrere
zurückkommende Soldaten seines Regiments uns versicherten sie hätten ihn bei
der Einnahme von Victoria auf der Brücke vordringen und den Adler in der Hand
die Freiwilligen des Korps aufmunternd hinüberführen sehen Auf der Mitte aber
sei er über das niedrige Geländer herabgedrängt und unfehlbar von dem reißenden
Strome verschlungen worden da man ihn nicht wieder gesehen habe Nun war es
entschieden mir blieb nichts zu hoffen nichts zu fürchten übrig so glaubte
ich wenigstens und richtete mich an diesem traurigen Troste gewaltsam auf
»Jetzt bin ich nichts als deine Tochter« rief ich und warf mich um meines
Vaters Hals »Wir bleiben uns« sagte er und drückte mich zärtlich an die Brust
Auch er trauerte schmerzlich über den Verlust des wackeren Jünglings er hatte
ihn als Sohn geliebt Wir redeten oft von den lieben Verlorenen und labten uns
an der Erinnerung ihres irdischen Daseins »Das ist das Los des Schönen auf der
Erde« sagte mein Vater »dass es schnell verblüht«
    So verlebten wir unsere Wintertage Ich spielte die Harfe fleißiger als je
und sang manches neue Lied das für unsere Lage passte und meinen Vater
erfreuete Dieser suchte seine Studien wieder hervor setzte mit mir den
Unterricht in den neueren Sprachen eifrig fort oder übersetzte für mich die
trefflichsten Stellen der Klassiker Das Studium der Geschichte besonders der
älteren füllte regelmäßig unsere Abendstunden wobei es nicht an Vergleichungen
fehlte welche mancher neuerlich aufgestellten Meinung nicht sehr günstig waren
Ich beschäftigte mich daneben aufs emsigste mit künstlicher Stickerei und
Weberei wobei mich mein Vater lächelnd mit Penelope verglich
    Als die Hirtenflöten wieder durch die Täler tönten hüpfte auch ich wieder
kindlich froh über die blumigen Matten Das leichte Blut meiner Heimat
verleugnet sich nicht lange in dem jugendlichen Herzen es wirft die schwarze
trübe Mischung hinaus und hüpft fröhlich durch die Adern so auch bei mir Wenn
ich zum Sternenhimmel aufsah und weinend an meinen Mucius dachte so entzückte
mich doch bald das Flöten der Nachtigallen und der tausendstimmige Chor der
Abendvögel umher Die Balsamdüfte der Blütengebüsche zogen lindernd in meine
Brust und der schmeichelnde Abendwind trocknete mein feuchtes Auge Wenn ich
Blumen pflückte das Grab der Mutter und Emils teures Bildnis zu kränzen so
erfreute mich ihr Farbenschmelz und ich wand mir schon wieder spielend
diejenigen in das Haar deren Anblick den Vater erfreute Seinem Arbeitstische
ließ ich sie nimmer fehlen und bei jeder Mahlzeit schmückte ich sorgsam die
Tafel damit Den Tänzen unserer Dörferinnen entzog ich mich nicht mehr die
Besuche meiner nachbarlichen Gespielinnen erwiderte ich willig und stimmte
heiter in die jugendliche Fröhlichkeit ein Mein Vater freute sich meiner
Heiterkeit Der Mut womit ich den Gram bekämpfte und dem feindseligen Leben
eine freundliche Seite abgewann lag so ganz in seiner eigenen Seele Kein
Wunder ich war ja sein Zögling Wie leicht war es mir damals mich
aufrechtzuerhalten an eine so starke Stütze gelehnt Wie wenig ahndete ich
damals dass das Schicksal mich so bald an meine eigene Kraft verweisen würde
Die feste Gesundheit und die noch jugendliche Kraft meines Vaters gaben mir
kindliche Sicherheit und Ruhe Zufriedenheit und Wohlsein herrschten in dem
ganzen mir bekannten Lebenskreise Hätte ich es denken können dass dies mein
letzter froher Frühling wenigstens der letzte auf meines Frankreichs lieben
Fluren in den blühenden Tälern meiner schönen Provence sein würde Denken
konnte ich es nicht aber meine Seele schien ein dunkles Vorgefühl zu hegen
Denn liebender als je hing ich mich an jeden mir irgend werten Gegenstand als
könnte er mir über Nacht entrissen werden Mit durstigen Zügen trank ich jede
Naturschönheit jede Frühlingslust wie der heitere Sterbende noch begierig den
Duft der Blüten und die Strahlen des Lichts empfängt Selbst da blieb ich noch
lebensfroh als schon mein Vater bisweilen besorgt den Kopf schüttelte Ich
hörte wohl von einem neuen Kriegeszuge gegen Norden aber ich hatte ja dabei
nichts zu verlieren Ich war unter Kriegern aufgewachsen wie Frankreichs ganze
Jugend uns konnte das Wort Krieg nicht in dem Grade erschrecken als es wohl
Völker erschreckt welche lange der Ruhe des Friedens genossen Frankreich war
im Innren glücklich und blickte vertrauend und sicher auf seinen kühnen Helden
Das Heer liebte den Kampf und die jungen Konskribierten ergänzten es im Gefühl
der Nationalehre meistens mit viel gutem Willen Fand sich mitunter eine
Ausnahme so nannte meistenteils die öffentliche Meinung seinen Namen höchst
missbilligend »Frankreichs Sicherheit in seiner Macht« das war seit fast
zwanzig Jahren das Losungswort Die Nachwelt wird richten wenn ein Irrtum dabei
obgewaltet sie wird scheiden was die Umstände was Willkür herbeigeführt was
Ehrgeiz was Notwehr Aber nur erst an ferne Jahrhunderte kann der Unterdrückte
appellieren die Gegenwart hat die Gläser zu stark gefärbt  Mir schien für den
Augenblick das Unternehmen gigantisch und fabelhaft ein neuer Alexanderzug nach
Indien Aber auf welchem Wege mir schauderte wenn ich mir ihn malte tief
hinein nach Norden durch Russlands Schneegefilde durch seine menschenleeren
ewig wüsten Steppen Wie dankte ich Gott dass nicht Mucius nicht Emil diesen
abenteuerlichen Zug begleiten durften welchen ich mir so gefahrvoll und
schrecklich dachte Nichtsdestoweniger wurde meine fruchtbare Einbildungskraft
diesmal noch von der Wirklichkeit übertroffen ein seltener Fall Doch tröstete
ich mich wieder damit dass ganz Deutschland mit uns im Bunde war Diese Nachbarn
des eisigen Nordens waren ja mit seinen Beschwerlichkeiten vertraut wussten
ihnen zu begegnen und konnten unsern Kriegern sehr hilfreich sein
    Sommer und Herbst des Jahres 1812 verstrichen uns abwechselnd unter
Beschäftigungen und Vergnügen Man trank in dem lieblichen Weine der vorigen
Lese die Gesundheit der Heerführer und manches einzelnen Kriegers man hoffte
zuversichtlich sie bald und siegreich wiederzusehn nur mein Vater schien leise
Zweifel zu hegen Er hatte in einem Briefe an Victor welcher jetzt einen hohen
Rang bekleidete seine Besorgnisse ausgesprochen »Bah« antwortete dieser »es
ist ja nicht unser Lehrwerk«  »Die Sehne wird zu lang gedehnt« sagte mein
Vater »der Stützpunkt ist zu fern sie reißt«  »Denken Sie an die Römerzüge
nach dem entfernten Albion« tröstete unser Abendgenosse der freundliche
Pfarrer »Und rechnen Sie Polen welches sich voll Freiheitshoffnung und
Rachgefühl erhebt für nichts Es ist als ein zweiter Stützpunkt anzusehen« 
»Zu schwach« sagte mein Vater »Oh mein Vater« rief ich »in einem Volke dem
dies geboten wurde muss jeder einzelne ein Held werden« Mein armes Polen nicht
erobert nein mitten im Frieden durch einige Federstriche mächtiger Nachbarn
zerteilt zerrissen dann das sträubende Volk gleich einem Rebellenhaufen
behandelt Und gleichwohl beruft man sich auf Moralität und Gerechtigkeit wenn
das Eisen nicht mächtig genug ist
Der Winter trat auch bei uns früher und unfreundlicher ein als gewöhnlich Jedes
raue Lüftchen presste mir einen leisen Seufzer aus Wie kalt mag es im Norden
sein dachte ich Oh dieser unselige Winter Wieviel Tränen hat er Frankreichs
Müttern und Bräuten gekostet Vernichtet das schönste Heer von Europa Die
Nachricht traf wie ein Donnerschlag das ganze Reich Ich erstarrte vor Schrecken
und Graus »Selig sind die Toten« rief ich mit aufgehobnen Armen »sie haben
diese Tage nicht gesehen«  »Wohl sind sie seligzupreisen« sagte mein Vater
und Tränen benetzten sein männliches Auge »Frankreichs Heldenblüte gefallen
sein kriegerischer Ruhm befleckt o Tage des Jammers Aber nichts nützen
weibische Tränen« fuhr er fort sich die Augen trocknend »es muss gehandelt
werden dass wir uns wieder aufrichten von dem tiefen Fall In den Tagen der
Gefahr muss jeder sich um so fester an den Führer schließen nur vereinter
mutiger Wille und aufopfernder Sinn können retten wo Klügeln und Absondern ins
Verderben führen«
    Sein männlicher Sinn wurde bald der allgemeine wenigstens dem Anscheine
nach Der unglückliche Kaiser fand ein treues Volk wieder welches seinen
eigenen Schmerz vergaß um den verehrten Herrscher zu trösten Er hatte nichts
verloren
    Ein neues Heer zog bald dem nahenden Feinde entgegen und in gespannter
Erwartung wendeten sich alle Blicke gen Osten Deutschland fiel ab von dem Bunde
mit uns diese Vormauer gegen den andringenden Koloss des Nordens war nicht mehr
Tief schmerzte dieser Abfall mein Volk Mancher schmähte die tapfern Deutschen
doch ich teilte diese Ansicht nicht Die Deutschen hatten recht sobald sie bloß
den Druck des Augenblicks in Betracht zogen und wie konnten sie anders Die
Last des Krieges hatte jahrelang jeden einzelnen gedrückt sein Ursprung war
vergessen und von der Menge unbeachtet der Sinn für Freiheit und Menschenrecht
allgemeiner und lebhafter geworden Sie fühlten sich gefesselt klagten
Frankreich deshalb an erhoben sich in ihrer Kraft wie einst gegen das Joch der
Römer und siegten wie damals Gebe Gott dass ihre blutige Saat ihnen goldene
Früchte trage Der Volkswille ist mir etwas Ehrenwertes und deshalb achte ich
die daraus entsprungenen Grosstaten der Deutschen wie tief auch die Wunden sind
welche sie mir und meinem Frankreich schlugen Möge das Gefühl ihrer Kraft nie
wieder in ihnen entschlummern so gelingt ihnen vielleicht einst was Frankreich
vergebens gewollt
    Mein Vater sah dem immer näher sich heranwälzenden Ungewitter des Krieges
mit ernsten Blicken entgegen Er traf Vorkehrungen welche ich oft nicht ganz
begriff beschränkte unsere Ausgaben und suchte die Einnahme auf jede Weise zu
erhöhen selbst durch Verkäufe welche nicht völlig den Wert der Dinge
erreichten »Die Zeit wird böse« sagte er »man kann der baren Hülfsquellen
nicht zuviel haben« dabei war er der pünktlichste Zahler jeder öffentlichen
Abgabe der freigebigste bei jedem freiwilligen Beitrage Alle Vergünstigungen
welche er schon längst den Einwohnern auf unsern Besitzungen zugestanden suchte
er gerichtlich auf Kinder und Kindeskinder hinaus sicherzustellen und bewies
darin eine Ängstlichkeit welche mich in Verwunderung setzte Überhaupt handelte
und redete er oft in dem Sinne eines Sterbenden der seine Rechnung mit der Welt
und dem Himmel abschliesst obschon er blühend und in Lebensfülle vor mir stand
Wenn ich ihn dann ängstlich umarmte und ihm fragend ins Auge sah blickte er
mich heiter an »Meine Virginia« sagte er »wird begreifen was not tut wenn
es not tut und wird tragen was Pflicht und Ehre gebieten«  »Oh mein Vater«
rief ich »nach so großem Verlust was kann ich noch verlieren«  »Verliere nur
dich selbst nicht so hast du nichts verloren« sagte er ernst Und ewig hallt
dies Wort in meiner Seele wider
    Es war ein rauer Novembertag der Sturm heulte durch den Säulengang des
Gebäudes und jagte die Blätter der hohen Ulmen an unsern Fenstern vorüber wir
hatten uns zum freundlich leuchtenden Kamine geflüchtet als der Pfarrer früher
und eiliger als gewöhnlich in das Zimmer trat »Wissen Sie« fragte er
ängstlich »Was« fragten wir »Das Gerücht ist böse« sagte er stockend »die
Feinde haben den Rheinübergang gewagt und keinen Widerstand gefunden« Wir
schwiegen in starrer Bestürzung »So erfüllt sie sich denn« brach endlich mein
Vater aus »jene dunkle Ahndung welche ich bisher wie ein formloses
Nachtgespenst auf mich zuschreiten sah welche ich weder mir selbst
klarzumachen noch andern mitzuteilen wagte Jetzt ist es entschieden und jeder
Franzose muss einsehen dass ihm nur eins zu tun übrigbleibt jede Faust muss sich
bewaffnen den Thron zu schützen und den eigenen Herd« Er schwieg und blickte
erwartungsvoll auf uns Mir stockte die Sprache »Und du Virginia« fragte er
nach einer Pause »du äußerst nichts«  »Auch du mein Vater« fragte ich
zitternd »Bin ich nicht des Vaterlandes Sohn« sagte er »Sein edelster« rief
ich und mein Mut kehrte wieder »Ja mein Vater ich sehe was du musst und
keine weibische Träne soll dich hindern Sorge nicht um deine Tochter sie wird
zu sterben wissen«  »Auch zu leben hoffe ich« sagte er und zog mich an seine
Brust »Dem Unglücke durch den Tod entlaufen ist eine feige Flucht sie entehrt
und nur die Schande darf man nicht überleben Versprich mir mutig fortzuwirken
dich an die eigene Kraft zu halten auch wenn die letzte Stütze bricht und dir
selber treu zu bleiben in diesen Zeiten des Verrats«  »Ich schwöre mein
Vater« rief ich schluchzend »ich schwöre deiner wert zu bleiben durch alle
Zeiten«  »Ihr frommer Sinn wird Sie stärken mein Fräulein« sagte der wackre
Pfarrer »Virginia trägt das Göttliche im Busen das über alle Form erhaben
ist« erwiderte mein Vater Gerührt und begeistert hob ich die Hände gen Himmel
und rief »Ich will willst du nur dass ich wolle«
Nun trieb mein Vater eifrig zu seiner Bewaffnung Ein Teil unserer Dienerschaft
und viele der Einwohner folgten seinem Beispiel Man hoffte anfangs eine
allgemeine Landwehr eingerichtet zu sehen sie kam aber wenigstens in unsern
südlichen Provinzen nicht zustande »So müssen wir denn das Heer verstärken«
sagte mein Vater und machte sich zur Abreise bereit »Lass mich mit dir gehen
Vater« flehte ich »Weiber gehören nicht in den Kampf« sagte er »ihre
Teilnahme an kriegerischen Auftritten ist eine Unnatur welche sich nur
entschuldigen lässt wenn sie unfreiwillig dazu gezwungen werden«  »Auch erbebt
mein Inneres vor Blut und Mord« erwiderte ich »aber lass mich dir wenigstens
nahe sein dass ich oft von dir höre du bist ja mein alles auf der Welt«  »Nun
wohl« entgegnete er »wir reisen zusammen zuvörderst nach Paris Dies ist der
Punkt wohin die Feinde streben das Herz des Staats von dort muss auch die
Verteidigung ausgehn Der alte ehrliche Antoine und deine treue Manon sollen uns
begleiten«  Ich traf meine Anstalten und der Vater versah mich reichlich mit
Gelde für eine lange Abwesenheit Am Abend vor unserer Abreise befahl er mir
die Leute zeitig zur Ruhe zu schicken und wenn alles schliefe auf sein Zimmer
zu kommen ich gehorchte Als ich bei ihm eintrat hatte er ein Kästchen offen
auf dem Tische stehen »Siehe Virginia« sagte er »hier ist was ich längst
für Zeiten der Not gespart unsre einfache Lebensweise machte mir es möglich
Hier sind fünftausend Napoleondor und eine gleiche Summe in amerikanischen
Staatspapieren Sollte ich das Ende dieses Kampfes für unsre Unabhängigkeit
nicht erleben und das Vaterland sich in Geldverlegenheit befinden dann hilf du
statt meiner gib dem Kaiser was des Kaisers ist unter der von ihm
hergestellten und geschützten Ordnung wurde es erworben Geht alles was ich
nimmer denken mag geht alles in Trümmer nun so rette dich selbst« Er schloss
das Kästchen lud es schwer tragend auf seine Schulter reichte mir eine
Blendlaterne und Werkzeug und wir gingen schweigend den Weg zur Kapelle Hier
nahmen wir das Marienbild herunter öffneten eine unbemerkbare Höhlung des
Gemäuers schoben das Kästchen hinein schlossen sie ebenso unbemerkbar wieder
und hingen das Bild an seine Stelle Werde ich diese heilige Stätte wiedersehen
fragte leise mein Herz Ich sank kniend auf die Stufen des Altars und betete
»Du Ewiger gib mir Kraft«  »Darum flehe auch ich Du Unerforschlicher« rief
mein Vater und kniete neben mich Der Anblick erschütterte mich tief ich hatte
nie ihn so bewegt gesehen »Oh« fuhr er in seiner betenden Betrachtung fort
»Deine Wege sind dunkel die Frage Warum drängt sich auf jede Lippe und jeder
beantwortet sie nach seiner Einsicht und wie es ihm selbst frommt Ich weiß dass
alle Einsicht nur menschliche und Irren das allgemeine Los der Sterblichen ist
doch bleibt das beste Wissen und der reinste Wille immer die einzig sichre
Richtschnur auch ich folge ihr der Ausgang steht bei Dir Segne mein
Vaterland doch muss es jetzt untergehen zum Wohl künftiger Geschlechter zum
Wohl der ganzen Menschheit so gib uns zur Entsagung Kraft und lass uns edel
fallen«
    Er erhob sich mutig und zog auch mich in seine Arme empor Wir gingen
gestärkt und mit neuem Vertrauen in unsre Wohnung zurück um uns durch Ruhe zu
kräftigen für den schmerzlichen Abschied
    Weinend umringten uns am Morgen die Bewohner der umliegenden Gegend Es war
eine einzige große Familie welche von ihrem Vater Abschied nahm Segenswünsche
erfüllten die Luft die junge Mannschaft welche freiwillig Dienste nehmen
wollte stand ebenfalls bereit sie hatte sich beritten gemacht und wollte uns
begleiten doch nur unter meines Vaters Anführung fechten Die Greise gaben den
Jünglingen kräftige Ermahnungen mit und selbst die Mütter zitterten nicht für
das Leben ihrer Söhne sondern empfahlen ihnen nur Sorgfalt für die Erhaltung
ihres guten Herrn »Beschützet unsern Vater beschirmt ihn mit Gefahr mit
Aufopferung eures Lebens« riefen sie uns noch lange nach Mein Vater war tief
gerührt und meine Tränen flossen reichlich  Der Weg nach Paris war mit
Truppen bedeckt welche aus allen Richtungen zu den Armeen eilten Mein Vater
war lange unschlüssig welcher er sich anschließen sollte indessen setzten wir
unsern Weg fort weil er mich erst in die Hauptstadt als den sichersten
Aufenthalt geleiten wollte Wir langten an einem heitern Tage vor derselben an
Zu jeder anderen Zeit würde mich der Anblick so vieler Pracht und des wogenden
Getümmels mit Entzücken erfüllt haben jetzt aber war meine Seele zwischen
schreckender Gegenwart und banger Ahndung geteilt Doch gewann Paris in
geschichtlicher Hinsicht bald ein Interesse für mich welches mich in etwas von
meiner eignen Gegenwart abzog Alle Erzählungen aus den Tagen meiner Kindheit
vergegenwärtigten sich mir Hier war der Schauplatz jenes großen Trauerspiels
welches ehemals mit seinen Greuelszenen mit seinen Grosstaten mich wechselnd mit
Schauder und mit Freudentränen erfüllte Wie oft hatte ich mich hierher
gewünscht Jetzt war ich da und märchenhaft schien mir die raue Wirklichkeit
Hier hatte die furchtbare Bastille gestanden dort war aber auch wieder die
schreckliche Guillotine permanent tätig gewesen Diesen altertümlichen Dom hatte
man damals zum Tempel der Vernunft geweiht dort erhob sich im großen reinen
Stil das majestätische Panteon Welche Gegenstände den Geist zu beschäftigen
Mich wunderte aber nichts so sehr als dass die Pariser zwischen diesen
Denkmälern so leichtsinnig umherlaufen konnten haschend nach Tand und leeren
Zerstreuungen nach dem Genuss des Augenblicks Mein Erstaunen wuchs als ich
sie in diesen ernsten Tagen der Bedrängnis scherzen und witzeln hörte Es tat
mir wehe mein Herz blutete
Persönliche Bekanntschaft veranlasste meinen Vater sich mit seinen Untergebenen
dem Korps des Marschalls Marmont anzuschließen mehr noch die Sage dass der
Marschall beauftragt sei Paris zu decken Mich hatte er zu der rechtschaffenen
Familie gebracht bei welcher meine Mutter wohnte als sie mich gebar Die
Wirtin war seitdem verwitwet und lebte mit ihren beiden Töchtern meines Alters
still und eingezogen Sie erkannte meinen Vater nach einigen Erläuterungen und
konnte sich nicht genug freuen das kleine Mädchen wiederzusehen welches sie
bei dessen Geburt zuerst auf ihrem Schoße gewiegt »Sie sind an einem
merkwürdigen Tage geboren liebes Kind« sagte sie »noch immer höre ich den
Donner des Geschützes und das Vivatrufen im Augenblick Ihrer Geburt Wahrlich
so wird keine Prinzessin begrüßt Wir andern Weiber schreckten immer zusammen
bei dem Lärmen und als nun Ihr Vater ins Zimmer stürzte und frei war  ach du
mein Gott wir weinten alle wie die Kinder Aber wir liebten auch die schöne
blasse unglückliche Frau von ganzem Herzen Nun wo ist sie denn die gute
Mutter« Uns traten Tränen in die Augen bei dieser zuversichtlichen Frage Die
darauf folgenden Erzählungen dämpften die Freude der ehrlichen Frau gar sehr
und unsre vernarbten Wunden brannten von neuem Mein Vater empfahl mich der
würdigen Matrone zur mütterlichen Aufsicht »Sorgen Sie nicht« sagte sie »sie
soll meine dritte Tochter sein und mein Augapfel Verlassen Sie sich auf mich
und wehren Sie uns nur tapfer den Feind ab Unser armer Kaiser Gott segne ihn
kann sich fast nicht mehr all der Gegner erwehren Ja das ist keine Kunst
viele Hunde sind des Löwen Tod sagt das Sprüchwort« So schwatzte sie
immerfort während sie uns in mein Zimmer führte es war dasselbe in welchem
meine Mutter mich gebar Mit unnennbaren Empfindungen warf ich mich auf das
Bett wo ehemals meine arme Mutter so viele Tränen geweint »Wohl dir« rief ich
aus »dass du jetzt dem Erdenschmerz entnommen bist Was würde dein Herz
erleiden hättest du auch dies noch erlebt«
    Meine gute Wirtin und ihre freundlichen Töchter taten alles mögliche mich
nach der Abreise meines Vaters zu erheitern Manon schloss sich mit ihrer
gewohnten Liebe an mich der ehrliche Antoine ging täglich auf die Feldpost
sich nach Briefen für mich zu erkundigen welche ich auch recht oft erhielt Der
Vater hatte mehreren glücklichen Gefechten beigewohnt und sprach mir viel Mut
ein Die Nachrichten von der Großen Armee lauteten günstig der Kaiser sah sich
wieder stark genug gegen den Rhein vorzurücken man hoffte dass die Feinde ihm
folgen würden und müssten und dass so das Kriegsteater über unsere Grenzen hinaus
verlegt werden würde Eitle menschliche Hoffnung trügliche Berechnungen des
endlichen Verstandes im Buche des Schicksals stand es anders geschrieben als in
den Operationsplanen eines erfahrenen Kriegsrats Der Feind rückte unbekümmert
um seinen gefährdeten Rückzug mit seiner ganzen Macht auf Paris und der
Marschall Marmont musste auf Verteidigung denken er besetzte die feste Stellung
von Montmartre Mein Vater kam bei dieser Gelegenheit noch einmal in die Stadt
mich mit seiner Gegenwart zu erfreuen In seiner Gesellschaft befand sich ein
junger Pole von den Lanziers jetzt Adjoint des Marschalls ein junger schöner
Mann voll Feuer und Mut dem Kaiser von ganzem Herzen ergeben Die natürliche
Leutseligkeit und Zuvorkommenheit meines Vaters machte ihn vorzüglich für Fremde
sehr anziehend welchen er auch seinerseits immer eine besondere Aufmerksamkeit
widmete ein Zug in seinem Charakter welcher mir immer sehr schätzbar gewesen
ist Er liebte gewiss sein Vaterland und seine Mitbürger mit glühender Seele
wovon sein ganzes Leben und sein Tod unwidersprechliche Beweise gegeben haben
Er war stolz ein Franzose zu sein doch war er nicht eitel es zu sein er
erkannte den Wert eines jeden fremden Volkes und konnte diese vornehme
Absonderung durchaus nicht leiden welche viele für Vaterlandsliebe ausgeben
»Wir sind ja alle Kinder eines Vaters« pflegte er zu sagen »und noch immer
zeigt dieser gütige Vater durch seinen gleichverteilten Segen dass wir ihm im
ganzen alle gleich wohlgefällig sind Wir schlagen uns wie unartige Kinder um
das Spielgerät ich hoffe aber wir werden einst vernünftig genug werden um uns
alle mit Bruderliebe zu umfassen Freilich solange die Flegeljahre noch dauern
muss jeder die Partei desjenigen nehmen mit welchem er eine gemeinschaftliche
Mutter hat oder welcher der Schwächere ist oder welcher ihm am meisten recht zu
haben scheint er muss aber nie vergessen dass er mit den Gegnern einen
gemeinschaftlichen Vater hat und ist die Fehde vorüber so eifre jeglicher dem
andern nach im Guten und lege nicht durch Maulen oder kindisches Prahlen neuen
Grund zum Streit Ja hätte ich nur ein einziges Stückchen Brot zu geben ich
würde es dem hungernden Fremden vor allen reichen denn der einheimische
Bruder fände eher eine zweite Hülfsquelle als der welchem des Hauses
Gelegenheit ganz unbekannt ist« So dachte und fühlte mein edler Vater wenige
werden ihm gleichen Oh könnte ich sein schönes Bild malen in der Stunde des
Abschiedes wie er dastand mit dem festen ruhigen Heldenblick Freundlich
trocknete er mir die Augen und strich mir die Locken von der Stirn »Arme
Virginia« sagte er »du bist schlimmer daran als wir wir handeln du musst das
Schicksal leidend erwarten Du hast den meisten Mut vonnöten Schaue jeder
Gefahr standhaft und besonnen entgegen und sie wird kleiner werden Ich lasse
dich in einer Lage zurück wo ich für jedes andere Weib zittern würde für dich
zittre ich nicht du wirst dir selbst treu und Herr deines Schicksals bleiben
Ja mein Freund« sagte er sich gegen den Polen wendend »in dieser
Mädchenseele liegt mehr Römersinn und männliche Stärke als in mancher unsrer
Waffengefährten« Der Fremde verbeugte sich gegen mich mehr ehrfurchtsvoll als
höflich mein Erröten zu verbergen empfahl ich ihm meinen Vater »Sie machen
mich stolz mein Fräulein« sagte der Jüngling und drückte meine Hand an seine
heißen Lippen »nicht des Kaisers Ehre allein wird mich in diesen heißen Tagen
begeistern Virginia sei mein Feldgeschrei Vergönnen Sie Ihrem Ritter Ihre
Farbe zu tragen« Ich erstaunte bei dem Ernst womit er diese Worte aussprach
Lächelnd streifte ich das blaue Band aus meinen Haaren und reichte es ihm er
küsste es mit Begeisterung und schlang es um seinen Hals Dieses kleine
romantische Spiel hatte einige heitere Lichtstrahlen über die düstere
Abschiedsszene geworfen und wehrte das Vorgefühl ab welches sonst mein Herz
zersprengt haben würde Ich trennte mich von beiden fast in der Stimmung mit
welcher in den Liedern unsrer Troubadours ehemals die Damen ihre Ritter zur
Schlacht ziehen sahen Mein besonnener Vater unterhielt freundlich diesen
Scherz doch als er mich zum letztenmal umarmte fühlte ich ein leises Zittern
in seinen Armen welches mich plötzlich wie ein ungeheurer stechender Schmerz
durchbebte Aber sogleich gefasst setzte er den wohltätigen Scherz fort indem
er lächelnd sagte »So lebt wohl mein Fräulein und gedenkt unsrer in Eurem
Gebet« Damit schwang er sich aufs Pferd und verschwand schnell meinen Blicken
Der junge Pole küsste den Zipfel des blauen Bandes neigte sich und folgte ihm
mit Blitzschnelle
Da war ich nun wieder allein unter lieben freundlichen Menschen zwar aber doch
allein Damals war mir dies peinlicher als jetzt Von meiner Kindheit an war mir
wenigstens der Vater geblieben mit welchem ich meine Gedanken austauschen
konnte welcher sie verstand billigte oder befriedigend berichtigte Das sollte
von nun an nicht mehr sein Der kleine Kreis welcher mich umgab vermochte nur
untergeordnete Ansichten zu fassen man berechnete ob die Lebensmittel teurer
werden würden darüber hinaus sehnte ich mich auch nicht denn das leichtsinnige
Rennen und Fahren das Drängen zu Teatern und andern Schauspielen beleidigte
mich für den Augenblick in tiefster Seele Ebenso empörend war es mir wie die
vornehme und reiche Welt scharenweise davoneilte und die Sache ihres Landes
feig verloren gebend nur darauf dachte sich und ihre Schätze in Sicherheit zu
bringen Die Zeichen der Zeit sind böse dachte ich mit Kummer
    Meine häufigsten liebsten Spaziergänge waren die Boulevards aux Italiens
hier war ich dem Montmartre näher ja ich wagte mich zuweilen von Antoine und
meinen Gesellschafterinnen begleitet bis an die Barrieren Nach wenigen Tagen
vernahm ich Kanonendonner erst fern dann näher bald erfüllten kriegerische
Szenen die Vorstadt Montmartre während die eigentliche Stadt ziemlich ruhig
war Dieser Kontrast war mir auffallend wenn wir gingen und kamen Hier eine
geputzte Welt welche nach den Tuilerien nach den Champs Elysées lustwandelte
dort Truppenabteilungen aller Art Proviantwagen Geschütz bewaffnete Bürger
kommend und gehend Marketender zu Fuß und zu Pferde alles eilend lärmend und
zwischen all diesem Geräusch Artilleriesalven von deren Gewalt die Erde zu
beben schien Mir war diese Szene so neu und ich wurde so sonderbar davon
ergriffen dass ich fast meine persönliche Lage darüber vergaß Die Töchter
meiner Wirtin beschworen mich bei allen Heiligen mit ihnen nach Hause zu gehen
sie waren voll Furcht und Schrecken ich aber wie gefesselt an diesen
Schauplatz hätte ihn gern noch weiter hinaus verlegt Ja wenn ich nachgab um
die Forderungen der erschöpften Natur zu befriedigen so fand ich in der
sicheren Wohnung durchaus keine Ruhe es zog mich unwiderstehlich zurück nach
jener Gegend Dachte ich einen Augenblick nach so war ich mir selbst
unerklärlich Krieg und Schlachten hatten sonst nur einen geschichtlichen Reiz
für mich niemals konnte ich die ausführliche Erzählung eines Augenzeugen ohne
inneres Leiden anhören die Beschreibung einer Wunde verursachte mir den
heftigsten Schmerz an dem eigenen unverletzten Gliede und niemals hatte ich
mich entschließen können auch nur eine Taube oder ein Huhn schlachten zu sehen
Und jetzt dem Blutvergießen so nahe oft blutenden Verwundeten begegnend und
ich lebte noch Zu erklären mag es nicht sein doch führe ich es an wie es sich
in der Tat verhielt Die Besorgnis um den Vater regte sich oft lebhaft in meinem
Herzen aber der Eindruck welchen das Ganze auf mich machte die Größe des
Augenblicks ließ sie nie überwiegend werden So ging und kam ich in gespannter
Erwartung teilte den einzelnen Verwundeten meine Tücher und mein Geld mit und
hegte noch immer die Hoffnung eines siegreichen Ausganges als schon das Gerücht
sich verbreitete man habe Kosaken bis dicht an die Barrieren streifen sehen
    Nun war kein Verweilen mehr Man riss mich mit Gewalt fort nach unsrer
Wohnung Jetzt erst da ich daheim war in den eingeschlossenen Zimmern ergriff
mich die quälendste Unruhe Eine plötzliche Stille folgte auf den Donner des
Geschützes die Straßen wurden minder geräuschvoll und öder jeder fragte mit
banger Neugier den Nachbar um Nachrichten diese waren widersprechend und
unsicher Da ließ sich plötzlich Pferdegalopp die Straße hinauf vernehmen
ahndungsvoll stürzte ich an das Fenster Es war der junge Pole welcher mit
Staub bedeckt vom Pferde sprang Ein furchtbares Vorgefühl warf mich regungslos
auf einen Sessel sein Anblick sagte mir das Schrecklichste noch ehe er die
Lippen öffnete Verzweiflung rang in seinen Zügen und Blässe war an die Stelle
seiner Jugendröte getreten Er sank zu meinen Füßen »Verloren« hauchte er
mühsam hervor »Mein Vater« rief ich fast erstickend Er zog ein Portefeuille
mit dem Bildnisse meiner Mutter aus seinem Busen »Das letzte Andenken des Edlen
und sein Lebewohl« sagte er kaum vernehmbar Ich war vernichtet ich hatte
keine Tränen »Ach« fuhr er fort »Ihr Vater starb beneidenswert die Schlacht
sie war noch nicht entschieden und die Hoffnung noch auf unsrer Seite Mit
seinem Leben hoffte er den Ruhm und die Freiheit seines Vaterlandes erkämpft zu
haben Es ist vorbei«
    Ich drückte heftig das blutbefleckte Andenken an meinen Mund und sank vor
Schmerz zusammen Die Frauen eilten mir zu Hilfe Auf ihre Fragen erfuhren wir
ach nur zu früh die ferneren Begebenheiten Man hatte schimpflich kapituliert
Frankreichs Ehre und die Kaiserkrone wankten soviel vernahm ich »Mein
Fräulein« rief der junge Pole und drückte meine kalte Hand an seine Brust »ich
war sehr kühn und hegte eine große Hoffnung Ein Traum er war zu schön ich bin
herabgestürzt aus allen meinen Himmeln Verlassen muss ich die kaum Gefundene zu
ihm ruft mich die Pflicht er bleibt mein Herr ihn wählte ich mir zum Stern
der Tod nur trennt mein Schicksal von dem seinen«
    Ich ermannte mich auf einen Augenblick das Feuer des Jünglings regte meine
Lebenskraft ein wenig auf »Gehen Sie« sagte ich »gehen Sie wohin Pflicht und
Ehre Sie rufen meine Achtung begleitet Sie« Ich neigte mich zu ihm nieder er
drückte mich leidenschaftlich an seine Brust »Ich gehe um Ihrer wert zu
bleiben« rief er »leb wohl für diese Welt«   ich sah ihn nie wieder Matt
und in dumpfer Fühllosigkeit fiel ich in die Arme meiner weinenden Manon zurück
Ich übergehe die zerreissenden Empfindungen der nächsten Stunden sie waren
schrecklich Keine lindernde Träne wollte meinen brennenden Schmerz kühlen mein
Gehirn brachte nur verworrene grässliche Bilder hervor Da erbarmte sich die
Natur die gütige meiner und rettete meine Sinne durch eine betäubende
Krankheit Lange habe ich in Fieberhitze gelegen dem Anscheine nach ein Raub
des Todes und nur allmählich und schwach ordnete sich mein Bewusstsein wieder
In dem Zustande eines Kindes welches die Größe seines Verlustes noch nicht ganz
begreift lernte ich den meinigen fassen und ertragen Er der meines Lebens
Sonne gewesen war nicht mehr Mir grauete in der finsteren Nacht in welcher
ich allein gelassen war Aber wie Kinder plaudern wenn sie sich fürchten so
redete ich leise mit ihm der mir immer gegenwärtig schien Ich hörte viel reden
von den Vorfällen des Tages mein Anteil daran verstärkte sich nur langsam doch
waren meine Beobachtungen genau und meine Ansichten unverändert Man äußerte
sich überall mit der Behutsamkeit an welche man sich seit der Schreckenszeit
gewöhnt hatte doch merkte ich leicht an den seichten Trostgründen womit man
einander das Unabänderliche in ein vorteilhaftes Licht zu stellen suchte wie
sehr man des Trostes bedürfe Ich vermied jede Äußerung über das was mich
nächst meinem persönlichen Verluste so schmerzlich bewegte teils aus
körperlicher Schwäche teils weil ich es für zwecklos hielt da eine ohnmächtige
Weiberstimme zu erheben wo Millionen Männerstimmen schweigen mussten aber mit
dem Geiste meines Vaters setzte ich in Gedanken diese Gespräche fort Die Sache
des Volkes ist verloren sagte ich und die Sache der Fürsten siegt nach
zwanzigjährigem Blutvergießen Dass der große Mann des Jahrhunderts verlästert
wird ist natürlich und liegt schon in seiner Größe Flecken und Mäler
erscheinen an einer Riesenfigur größer und Pygmäen finden den Gulliver
abscheulich Sein größtes Verbrechen aber scheint mir immer zu sein dass er im
Volke geboren sich den Weg zum Throne gebahnt und das Volk ihn darauf bestätigt
hat Wäre er ein geborener Fürst man würde ihn in der Geschichte über alle
Helden der Vorzeit erheben und ihm seine Eroberungen nicht als Verbrechen
anrechnen Dass Regierungen durch solche Besitzergreifungen nicht befleckt
werden beweisen ja noch in den neuesten Zeiten die Eroberungen Russlands gegen
Süden und Osten die Handlungsweise der Engländer in Ostindien und die Teilung
von Polen Der Besiegte trägt sein Schicksal mit Größe und eben dies verbürgt
mir die Stärke seines Geistes ein eitler Ehrgeiziger würde darunter erliegen
doch er in seinem stolzen Selbstgefühl würde sich noch in Fesseln erhaben
dünken und frei
    Mehrere Wochen noch blieb ich durch einen Zustand von Schwäche im Bette
festgehalten und auch dann noch konnte ich nur auf einzelne Stunden im
Wohnzimmer auf einem Sofa dem kleinen Familienkreise unsres Hauses beiwohnen
In demselben hatte sich während meiner Krankheit eine große Veränderung
zugetragen Ein junger deutscher freiwilliger Jäger war bei uns einquartiert und
in kurzem einheimisch geworden Seine Bekanntschaft tat mir wohl und wehe sein
Stand seine Jugend und seine liebenswürdige Sanfteit und Bescheidenheit
erinnerten mich nur zu lebhaft an meinen lieben Emil So würde er jetzt sein
dachte ich und tausend schmerzliche Betrachtungen drängten sich meinem
leidenden Gemüte auf Tränen füllten meine Augen wenn ich den schönen Jüngling
ansah und doch sah ich ihn so gern in seiner edlen Haltung Seine ihn
besuchenden Kameraden waren nicht alle ihm gleich manche kindisch eitel
unbillig anmassend und grossprahlerisch er zeichnete sich durch Geistesbildung
Bescheidenheit und Billigkeit des Urteils aus Dass er ebenso tapfer sei davon
gaben ihm ein roter Streif über der Stirn und ein noch etwas steifer Fuß das
Zeugnis er hatte bei Lützen tapfer gekämpft und zwei Wunden davongetragen Bald
merkte ich dass zwischen dem schönen Freiwilligen und Henrietten der zweiten
Tochter des Hauses sich eine innige Neigung entsponnen hatte Die Älteste
Nancy war mit einem im Zivildienst angestellten Landsmanne versprochen und sah
die wachsende Zuneigung ihrer Schwester mit missbilligenden Augen an Es kam
darüber bald in meiner Gegenwart zu Familienstreitigkeiten »Mein Gott ein
Ketzer« seufzte die gute fromme Mutter »Ist er nicht ein edler Mensch liebes
Mütterchen« sagte ich besänftigend »ist er nicht so brav als menschlich im
Reden und Handeln spricht er nicht von seinen Eltern und Geschwistern mit der
zartesten Ehrfurcht und Liebe und von Gott in zufälligen Äußerungen mit
Vertrauen und Dankbarkeit«  »Alles schön mein Kind alles schön« erwiderte
die gute Alte »es ist ein lieber guter Mensch auch nicht unbemittelt wie man
hört aber er hat doch nicht den rechten Glauben«  »Darüber kann nur Gott
entscheiden« antwortete ich »die Formen sind Menschenwerk« Es kostete mir
viele Mühe das Gewissen der frommen Frau zu beruhigen doch kam ich damit noch
leichter zustande als das leidenschaftliche Vorurteil der heftigen Nancy zu
besiegen »Ein Fremder« rief sie mit Erbitterung »ein Feind«  »Ist er uns
fremd ist er uns feindselig gute Nancy« fragte ich »Mein Himmel wie kannst
du so reden« sagte sie heftig »Kannst du denn wissen ob nicht gerade sein
Gewehr auf die Brust deines Vaters gezielt«  »Und hätte dies wirklich der
Zufall gefügt« erwiderte ich mit einiger Anstrengung »so würde ich ihn darum
nicht weniger schätzen Das Schicksal stellte sie einander gegenüber sie taten
beide ihre Pflicht verfochten beide ihre Meinung und die Sache ihres Fürsten
es war nichts Persönliches in diesem Streit und setzen schon die Gebräuche des
Zweikampfs fest dass sich nach Beendigung desselben Sieger und Besiegte umarmen
so sollte dies noch eher nach beendigten Völkerfehden geschehen Die Deutschen
hatten recht sie fühlten sich gefesselt sprengten die Ketten erhoben sich in
ihrer Kraft bewaffneten sich und besiegten unsre bewaffnete Macht Kannst du
ihnen das verargen Wir hätten dasselbe getan ja wir haben aus Freiheitsdrang
und ängstlicher Besorgnis für unsre Aufrechtaltung noch ganz andre Dinge
getan Nein ich werde die Deutschen immer bewundern und lieben Ich sage noch
mehr wäre unsre männliche Jugend Deutschlands Heldenjugend gleich gewesen es
stände besser um uns Und nun zumal dieser edle Jüngling unser Gastfreund und
wir unkriegerische Weiber«
    So verfocht ich täglich mit Eifer die Sache der Liebenden Der Fremde mochte
manches davon durch Henrietten erfahren haben er bezeugte die zarteste
Teilnahme für das liebe kranke Fräulein wie er mich nannte Späterhin hatte ich
die Freude zu hören dass Henriette ihn in seine Heimat begleiten würde und es
gewährte mir einen großen Trost zu glauben dass ich einigen Anteil an dem
erwünschten Ausgang ihres Schicksals gehabt
Bei dem allen wurde mir der Aufenthalt in Paris unerträglich Das Geräusch
betäubte und die Charakterlosigkeit der Einwohner ärgerte mich Ich sehnte mich
nach der Stille von Chaumerive zurück mit dem täuschenden Trostgefühl als
würde ich dort meine alte Welt wiederfinden meine Schwäche verhinderte mich
aber immer noch Anstalten dazu zu treffen Auch meine Manon sehnte sich im
stillen zu den harmlosen Tänzen unsres Dörfchens zurück Antoine der ehrliche
Antoine welcher schon so lange im Dienste unsers Hauses gewesen und mich noch
auf den Armen getragen hatte betrübte sich herzlich über den Verlust seines
guten Herrn und über meinen Schmerz Er war es welcher plötzlich meinem
Schicksale eine unvorhergesehene Wendung gab Ohne ihn wäre ich in einigen Tagen
abgereist wäre vielleicht noch lange vergessen geblieben und in einer andern
Lage anders beraten würde ich vielleicht einen anderen Plan befolgt haben als
ihn mir die Umstände jetzt aufgedrungen Du weißt liebe Adele wie der ehrliche
Alte in den Tuilerien herumschlendernd Dich und Deine Mutter erblickte die
Schwester seines teuren Herrn Er war außer sich vor Freude Durch ihn erfuhrt
Ihr meine Anwesenheit und wenig Minuten darauf hielt Euer Wagen vor unsrer Tür
Ich in Euren Armen welches Entzücken für mein verwaistes Herz Auch überließ
ich mich demselben anfangs mit Trunkenheit bis sich Wehmut unsrer
gemeinschaftlich bemächtigte Nachdem wir lange miteinander geweint und geklagt
hatten kündigte mir Deine Mutter an dass sie mich am folgenden Morgen abholen
würde und dass ich in ihrem Hotel wohnen sollte Ich versprach bereit zu sein
ob ich gleich eine dunkle Abneigung dagegen in mir spürte Meine guten
Hausgenossen hörten mit Betrübnis von dieser Veränderung Der Glanz Eurer
Erscheinung und der Titel Gräfin unter welchem Deine Mutter von mir zu ihnen
sprach hatte die armen Leute ganz schüchtern gemacht Es kostete mir viele
Mühe sie zu überzeugen dass ich die alte Virginia sei und bleiben wolle Sie
weinten alle recht herzlich als ich am andern Tage mit Deiner Mutter davonfuhr
    Im Hotel angelangt führte mich Deine Mutter in ihr Kabinett und nachdem
sie mich zärtlich umarmt und mir ihre mütterliche Liebe zugesichert hatte
machte sie mir bekannt dass sie mich ihrem Gemahl dem Herzoge vorstellen
werde mit welchem sie schon meinetwegen gesprochen und ihn zu meinem Vorteil
gestimmt habe Ich kann es Dir unmöglich beschreiben welchen widrigen Eindruck
diese fremde vornehme Wendung auf mich machte Wie wurde mir aber erst als sie
fortfuhr »Der Herzog weiß bloß im allgemeinen dass dein Vater tot ist ich muss
dich aber bitten es ihm und jedermann zu verhehlen dass er mit den Waffen in
der Hand die Sache unsers Königs bekämpfend gestorben Es könnte uns nachteilig
sein in der Gunst des Hofes und würde dem Herzog äußerst missfallen« Ich
erstarrte »O mein Vater« brach ich endlich schluchzend aus »kann man von
deiner Tochter verlangen deine Vaterlandsliebe und deine heldenmütige
Aufopferung zu verleugnen«  »Sei vernünftig Virginia« sagte Deine Mutter
»die Dinge haben sich sehr verändert du wirst dich darein finden lernen und die
eingesogenen Vorurteile ablegen Mein guter Bruder war durch Umstände in eine
schlechte Sache verflochten worden Friede sei mit seiner Seele Gern will ich
im stillen mit dir über seinen Verlust weinen aber ich untersage dir mit
mütterlichem Ansehen mich nicht öffentlich in Verlegenheit zu setzen«  »Ich
werde schweigen wenn man mich nicht ausdrücklich fragt« sagte ich entrüstet
und die mit Rührung begonnene Unterredung endete ziemlich lau Sobald gemeldet
wurde dass der Herzog sichtbar sei wurde ich von Deiner Mutter begleitet zu
ihm in den Saal geführt Er empfing mich recht artig stellte sich mir als das
Haupt der Familie durch das Testament des Grossoheims vor und versicherte mich
seines väterlichen Schutzes Er umging jede frühere Beziehung und sagte mir
vieles Schmeichelhafte über sein Vergnügen mich in die große Welt einzuführen
wo ich gewiss mit Erfolg auftreten würde Dann fügte er sich gegen Deine Mutter
wendend mit Bedeutung hinzu »Sie werden Sorge tragen dass unsre Nichte mit all
dem Glanze auftritt welcher ihren Annehmlichkeiten und unserm Range gebührt
Ich liebe die traurigen Farben nicht« fuhr er mit einem Blick auf mich fort
»sie rauben den schönen Wangen alles Feuer« Dann entließ er uns mit einer
höflichen Wendung Ganz betäubt von diesen befremdenden Szenen kam ich auf mein
Zimmer wo Du mir in die Arme flogst Du warst die alte meine herzige Adele
Deine Liebkosungen Deine heiteren Scherze beruhigten mein empörtes Gemüt Dein
Bruder Louis ließ sich melden um die Bekanntschaft seiner schönen Kousine so
schnell als möglich zu machen Du warst Zeuge wie sein Benehmen und seine
Manieren mir auffielen und lachtest mehrmals laut auf über meine verlegene
Befremdung Ja man wirft im Auslande unsern Landsleuten Frivolität und
Leichtsinn vor und wohl leider nicht mit Unrecht wie ich seit meinem
Aufenthalt in Paris mit Unwillen wahrgenommen habe hier aber überbot ein
Ausländer alle Muster welche ich bisher in dieser Art gesehen Wie froh war
ich als ihn seine Vergnügungen von uns rissen ganz gegen seine Neigung wie er
tausendmal schwur Jetzt fing ich an aufzuatmen und mich ein wenig in dieser
neuen fremden Welt zu finden Tausend Stimmen in meinem Innern riefen dass sie
nimmer nimmer die meinige werden könne doch war ich entschlossen sie näher
ins Auge zu fassen und reiflich zu erwägen was mir zu tun vonnöten sei Wir
verlebten nun unsre Tage ganz angenehm unter uns indem wir uns durch Musik und
Lesen aufheiterten Deine Mutter war meistens so gütig und liebreich wie in
jenen schönen Tagen in meiner Provence Mein Herz neigte sich wieder kindlich zu
ihr als Du aber in Deiner schaulustigen Art vorschlugst einen nahen
Spaziergang zu besuchen oder ins Theater zu fahren und sie sich weigerte weil
ich in Trauer sei welches ich anfangs dankbar für zarte Schonung hielt jedoch
sie mir bald darauf mit einer kleinen Verlegenheit den Vorschlag machte ob
ich mich nicht wenigstens weiß kleiden wolle indem die Tracht Aufsehn errege
und ich ihr durch deren Ablegung einen Gefallen erzeigen würde da konnte ich
mich nicht enthalten in größter Leidenschaft mit Hamlet auszurufen »O Himmel
ein vernunftloses Tier würde länger getrauert haben« Deine Mutter schwieg
beschämt Das Vertrauen war wieder vernichtet obschon es mir am andern Tage vor
Augen lag dass sie gegen ihr Gefühl nur nach der Vorschrift Deines Vaters
handle
    Der Herzog vergib mir Adele dass es mir nicht möglich ist Deinen Vater
anders zu nennen er war mir fremd kündigte sich mir als solcher an und wurde
in Eurer Familie selbst fast nicht anders genannt der Herzog welcher mehrere
Tage auswärts gespeist hatte erschien nämlich bei der Mittagstafel Bald
bemerkte ich dass er öfters finstere missfällige Blicke auf mich warf Nach
aufgehobener Tafel näherte er sich mir und nötigte mich in ein Fenster zu
treten »Warum noch immer in dieser Farbe gegen welche ich mich schon anfangs
missbilligend erklärt habe« fragte er mit gebietender Stimme »Die Zeit der
Trauer ist noch nicht vorüber« stotterte ich »Trauer passt nicht für diese
Zeit« sagte er herrisch »wäre auch der Tote erst gestern begraben
Trauerzeichen sind zweideutig und sie sollen wenigstens in meinem Hause nicht
gesehen werden Zudem sollen Sie am Montage der Prinzessin vorgestellt
werden bereiten Sie sich gehörig dazu vor« Ich wollte etwas erwidern er ließ
mich aber nicht zu Worte kommen »Ich meine es gut mit Ihnen Gräfin Nichte«
fuhr er etwas milder fort »aber Sie müssen sich zu fügen wissen« Er entfernte
sich aus dem Zimmer Ich wankte nach dem meinigen Deine Mutter folgte mir und
umarmte mich mit einiger Rührung »Ich hätte es dir gern erspart« sagte sie
»aber du wolltest meine Winke nicht verstehen« Ich brach in Tränen aus
»Beruhige dich liebe Virginia« sagte sie »wir Weiber sind ja einmal zum
Gehorchen geboren gib diesen kleinen Eigensinn auf« Eigensinn o Himmel und
Erde  Du kamst dazu und liebkosetest mich mit Deiner gutmütigen Art redetest
mir so freundlich zu dass ich am Ende Eure Friedensvorschläge annahm mich wenn
ich außerhalb meines Zimmers erschiene bunt zu kleiden und mich öffentlich und
in Gesellschaft mit heiterem Gesichte zu zeigen Oh welch ein Opfer brachte ich
der bittenden Freundschaft und mit welcher Sehnsucht eilte ich in meine
Einsamkeit zurück um meine schwarzen Gewänder anzulegen und mich von ganzer
Seele betrüben zu können Welch ein Wechsel für mich ich die nie den Schein
des Zwanges gefühlt hatte frei aufgewachsen war wie das Reh des Waldes nun
umgarnt mit tausend Netzen und noch keinen Ausgang gewahrend
Für den Augenblick gab ich der Notwendigkeit nach und ließ mich einführen in
diese fremde Welt Ihr alle wart nun voll Besorgnis für mein erstes Auftreten
und eifrig bemüht mir Mut einzusprechen Ich musste innerlich lächeln denn er
fehlte mir nicht Wohl fühlte ich Widerstreben aber keine Ängstlichkeit Was
Euch imponierte ließ mich im Gleichgewicht Auch schien man allgemein
überrascht von meiner ruhigen Besonnenheit Ich war in den spiegelglatten Sälen
des Hofes unter hoffähigen Leuten mit meinem sicheren Gange eine fremde
Erscheinung Aber wie fast immer das Fremde Glück macht so wurde auch ich nicht
ungünstig aufgenommen ja es hätte vielleicht nur bei mir gestanden zu einer
gewissen Berühmteit zu gelangen wenigstens unterhielt mich Dein Bruder
unaufhörlich von dem glänzenden Eindruck welchen ich gemacht mir wurde aber
mein Glück mit jedem Tage unerträglicher Es war mir gleich unmöglich die Maske
der Unterwürfigkeit vorzunehmen oder in Schmähungen gegen die verflossenen
Zeiten einzustimmen Die ewig witzelnde schale Unterhaltung welche in
derselben Viertelstunde vom Ball zur Politik und von der neuesten Mode zur
neuesten Mordtat überspringt war mir in tiefster Seele zuwider
    Es war bei meinem wahrhaftigen Charakter wohl nicht möglich die Eindrücke
ganz zu verbergen welche ich in der Gesellschaft empfing Einige unsrer
Tischgenossen um sich meiner Kälte wegen an mir zu rächen machten sich das
boshafte Vergnügen mich oft in Verlegenheit zu setzen indem sie meine Meinung
über diese und jene der neuesten Begebenheiten zu hören wünschten Ich suchte
mich zwar immer geschickt herauszuwickeln um weder meine eigene Meinung zu
verleugnen noch der fremden wehe zu tun aber meine Mäßigung machte die
Angreifer nur kühner Selbst Dein Bruder gesellte sich nicht selten zu ihnen
Der Herzog warf bei solchen Vorfällen wütende Blicke auf mich und Deine
Mutter hielt mir insgeheim lange Strafreden welche mir wehe taten ohne mich zu
überzeugen Sie ging immer deutlicher mit dem Plane gegen mich heraus welchen
ich schon seit einiger Zeit geahndet hatte mich an Louis zu vermählen »Du
gehörst zu unsrer Familie« sagte sie »und musst deine Gesinnungen ganz nach den
unsrigen zu ändern suchen« Ich fühlte mich empört von diesen anmassenden
Zumutungen und meine Erwiderungen mochten keine große Unterwürfigkeit
ausdrücken Man fing an mich immer häufiger zu schmähen und zu kränken Dein
Bruder nahm ein zuversichtliches herrisches Betragen an Er nannte mich oft
seine schöne Zukünftige und behandelte meine Prostestationen als Scherz Dann
hielt er uns mit altkluger Miene lange Vorlesungen über die Pflichten unsers
Geschlechts als Gattinnen welche mit meinen Begriffen sehr wenig
übereinstimmten Du lachtest ihn geradezu aus brachtest ihn aus der Fassung und
mich zum Lächeln mir war aber das Ganze nichts weniger als lächerlich
    In den Stunden der Einsamkeit fing ich ernstlich an darauf zu denken mich
dieser drückenden Lage zu entziehen Nach Chaumerive zurückzukehren und dort
wenn auch nicht glücklich doch ruhig zu leben fand ich sehr einfach Ich
waffnete mich mit meinem ganzen Mut um diesen Entschluss dem Herzoge bekannt zu
machen nachdem Deine Mutter ihn schon als einen kindischen Einfall aufgenommen
und mir geraten hatte nicht weiter daran zu denken Ich ließ mich förmlich beim
Herzoge melden Ruhig trug ich ihm den Wunsch vor in den nächsten Tagen nach
meiner Heimat abzureisen Er schwieg einen Augenblick betroffen dann antwortete
er an sich haltend »Ich denke Gräfin Sie haben kein andres als mein Haus« 
»Ich werde es mit den dankbarsten Empfindungen verlassen« erwiderte ich »aber
der Aufenthalt meiner Kindheit fordert mich unwiderstehlich zurück«  »Es ist
Zeit diesen romantischen Hang abzulegen« antwortete er »ich werde Sorge
tragen dass Ihr Interesse dort aufs beste wahrgenommen werde ich werde einen
sicheren Geschäftsmann dahin senden welcher alles reguliert und was Sie sich
etwa noch von dorther wünschen haben Sie nur die Güte zu bestimmen« Ich sah
ihn während einer kleinen Pause mit großen Augen an dann sagte ich bescheiden
aber nachdrücklich »Chaumerive und seine nachbarlichen Besitzungen waren meines
Vaters rechtmässiges Eigentum und ich bin mündig«  »Die Töchter großer
Familien sind dies niemals« erwiderte er »und ich bitte nicht zu vergessen
dass ich die Ehre habe das Haupt der Unsrigen zu sein«  »Ihnen meine Achtung
zu bezeugen Herr Herzog legte ich Ihnen meinen Entschluss vor« sagte ich mit
vieler Ruhe »Den Sie auch ohne meine Zustimmung ausführen zu können glauben«
rief er zornig »aber ich sage Ihnen Sie werden es nicht wagen meine trotzige
Republikanerin mein Arm reicht weit und dem Könige muss daran liegen dass der
Glanz seiner Getreuen durch reiche Erbinnen erhöhet werde ich habe deshalb
schon Einleitungen getroffen Ihre Hand ist meinem Sohne bestimmt dieses
Bündnis stellt alle Parteien zufrieden und Ihre Meinung ist darin von keinem
Gewicht Töchter hoher Abkunft werden immer nach den Gesetzen der Konvenienz
vermählt«  »O Gott ich bin nicht von hoher Abkunft« rief ich aus »Man wird
einen Schleier über die Vergangenheit werfen« erwiderte er »Sie werden vom
Hofe nur als die Enkelin des Herzogs von Montorin angesehen werden suchen Sie
sich dieser Gnade würdig zu machen und vor allem scheuen Sie meinen Zorn«
Damit entließ er mich Ich kam ganz verstört in mein Zimmer zurück wo ein
heftiger Tränenstrom meine gepresste Brust erleichterte Deine Mutter erschien
bald darauf »Unglückliche« sagte sie »warum musstest du dir eine so
unangenehme Szene zuziehn und um welcher kindischen Grille willen Hättest du
einen Augenblick nachgedacht so würdest du selber eingesehen haben wie
unschicklich es sei allein nach Chaumerive zu reisen Nach deiner Vermählung
wird Louis gewiss die Gefälligkeit haben dich auf einige Wochen dahin zu
führen«  »Sie setzen da einen Fall liebe Tante« sagte ich »welcher meiner
Seele sehr fremd ist«  »Fremd« rief sie »und warum wenn ich bitten darf
Louis liebt dich das wusstest du längst und worauf könnte sich bei dir eine
Abneigung gegen ihn gründen Er ist jung und liebenswürdig er sichert dir einen
hohen Rang in der Gesellschaft überdies aber ist diese Heirat in der Familie
einmal beschlossen und ich hoffe dass du wenigstens soviel Erziehung haben
wirst um zu wissen dass du deiner Familie Gehorsam schuldig bist«  »Meine
Eltern welche ihn zu fordern ein Recht hatten haben ihn nie an mir vermisst«
antwortete ich gefasst »aber gewiss würden diese teuren Eltern niemals über meine
Hand verfügt haben ohne mein Herz zu Rate zu ziehen«  »Ja ja« sagte sie
»mein Bruder dachte freilich etwas bürgerlich in unserm Stande kann aber davon
die Rede nicht sein Ich will doch nicht hoffen dass dein Herz schon eingenommen
ist etwa für einen kleinen Emporkömmling von ehemals Ich rate dir ihn in der
Stille daraus zu verbannen es könnte ihm leicht ein schlimmes Spiel machen«
Ich schwieg denn ob ich gleich die versteckte Drohung nicht zu fürchten hatte
so war mir Mucius Name und meine Liebe zu heilig um sie hier auszusprechen
Deine Mutter glaubte in meinem fortdauernden Stillschweigen und in meiner
ruhiger werdenden Miene ein günstiges Zeichen zu sehen sie glaubte mich zum
Nachgeben gestimmt und verließ mich mit vieler Zufriedenheit indem sie mich
wiederholt umarmte und mich ihre gute Tochter ihre vernünftige Virginia nannte
 sie irrte sehr In meiner Seele arbeitete sich der Vorsatz empor diese
Fesseln um jeden Preis zu brechen und dieser mutige Gedanke gab mir
Festigkeit und Ruhe
Sobald ich allein war fing ich an über Mittel nachzudenken durch welche ich
zum Ziele gelangen könnte und ich befand mich in einem ziemlichen Labyrinthe
    Sosehr ich auch von der Rechtmässigkeit meiner Forderung und von meinem
Anspruch auf Unabhängigkeit überzeugt war so wusste ich doch nicht wie weit die
Gewalt der Willkür gehen könnte Ich hatte in meiner Kindheit zu viel von
Machtsprüchen und Gewaltstreichen dieser Art gehört und gelesen als dass sich
mir nicht die Möglichkeit hätte aufdringen sollen man werde zu einer Zeit wo
man eifrig danach zu streben schien das Alte ganz wiederherzustellen ohne
Bedenken dazu wieder seine Zuflucht nehmen Auf wessen Schutz konnte ich hoffen
Meine Gegner waren von der siegenden meine Freunde von der unterdrückten
Partei Wen sollte ich mit dem gefahrvollen Amte meiner Verteidigung belasten
Versperrte ich mir nicht bei einem offenbaren Auflehnen im unglücklichen Falle
jeden Weg der Rettung Bald begriff ich mein einziges Heil liege nur in der
Flucht und nur meinem eignen Mute dürfe ich mich vertrauen Sobald ich hierüber
mit mir einig war fühlte ich mich beruhigt und erschien wieder unter Euch mit
meiner gewohnten Heiterkeit wodurch Ihr alle auch über mein Vorhaben getäuscht
worden seid Im stillen fuhr ich jedoch zu beobachten fort und bald wurde mir
klar dass ich fast wie eine Gefangne gehütet werde Man hatte mir eine zweite
Kammerfrau gegeben und meine Manon ziemlich überflüssig zu machen gesucht
Antoine wurde mit Pension entlassen um nach seiner Heimat zurückzukehren und
kam um mir zum Abschiede die Hand zu küssen Deine Mutter war dabei zugegen
Aber vorbereitet darauf drückte ich ihm indem ich ihm einige Goldstücke zum
Andenken schenkte unvermerkt einen kleinen Zettel in die Hand worin ich ihm
befahl bis auf weitere Nachricht auf dem nächsten Dorfe zu verweilen Mit
Behutsamkeit fand ich nun Gelegenheit Manon mein Vorhaben zu entdecken Die
Schlauheit des Mädchens glich ihrer Treue sie war schnell orientiert und
spielte ihre Rolle vortrefflich denn auch sie sehnte sich ebenso nach den
Blumenufern der Durance zurück als ich mich nach Freiheit Reichlich durch mich
mit Geld versehen fing sie ihr Spiel damit an dass sie sich sehr schau und
tanzlustig stellte und mit einigen Bedienten der Nachbarschaft die öffentlichen
Örter besuchte worüber sie einigemal sich meine Missbilligung und ernstliche
Verweise Deiner Mutter zuzog Sobald sie sich in dieses Licht gestellt hatte
nützte sie die angenommene Meinung über ihre Gänge um Antoine aufzusuchen und
alles mit ihm zu verabreden Sie kam oft spät nach Hause wobei sie sich immer
von einem jungen Menschen begleiten ließ und dann dem aufschliessenden Schweizer
schmeichelte damit er ihr spätes Ausbleiben verschweigen solle Ihn zu
beschwichtigen brachte sie ihm mehrere Abende nacheinander ein Fläschchen
Madeira mit welches ihr wie sie sagte ihr Liebhaber verehrt habe der die
Aufsicht über seines Herrn Weinkeller führe der Wein sei ihr zu hitzig meinte
sie der Schweizer fand ihn dagegen sehr nach seinem Geschmack Nachdem sie ihn
so einige Tage sicher gemacht hatte mischte sie eines Abends einen leichten
Schlaftrunk unter den Wein dessen Wirkung schnell aber nur von kurzer Dauer
sein sollte und erquickte beim Nachhausekommen den Wartenden Ich war durch
einige Winke benachrichtiget und lag wachend in meinem Bette Schnell stand ich
auf warf nur eine Unterkleidung über hüllte mich in ein großes Tuch und so
schlichen wir behutsam die Treppe hinab Der Schweizer lag glücklich im tiefsten
Schlaf Manon nahm den Schlüssel öffnete und wir erreichten glücklich die
Gasse An der nächsten Ecke erwartete uns Antoine mit einem Wagen Manon hatte
für Kleider Antoine für einen Pass auf sich und zwei Töchter lautend gesorgt
So kamen wir ohne Hindernis aus den Barrieren und ich atmete tief auf als die
Steinmasse hinter mir lag welche für mich ein Gefängnis gewesen war Vergib
mir teure Adele es tat mir wohl wehe Dich verlassen zu müssen aber das
Gefühl der Freiheit überwog jede andre Empfindung Selbst meinen großen Verlust
und das Unglück meines Vaterlandes fühlte ich in diesen Augenblicken nur
schwach
    Wir eilten schnell vorwärts und gönnten uns kaum die notwendigste Rast Doch
glaubte ich selbst bei diesem Vorüberfluge zu bemerken dass die Stirnen
überall tiefer gefurcht waren als in Paris Dies tat mir einigermaßen wohl denn
hätte ich länger in der Hauptstadt gelebt ich glaube ich hätte mein Volk
hassen gelernt Ich hatte mich sehr davon entwöhnt mich über etwas zu äußern
und beobachtete dies auch während der Reise Doch hörte ich auch einen
Postmeister während des Pferdewechselns ganz ohne Veranlassung sagen »Hier
kam er durch als er von Fréjus kam um das Reich zu retten damals ahndete ich
nicht dass ich ihm noch einmal Pferde geben würde um aus seinem geretteten
Reiche in die Verbannung zu gehen« Die tiefbewegte Stimme des Mannes
erschütterte mich Er stand an der Schwelle des Greisenalters weinend und
schweigend reichte ich ihm die Hand »Oh mein Fräulein« sagte er indem er sie
zwischen den seinigen drückte »ich habe im Kampfe für das Vaterland drei Söhne
verloren wackre Jungen aber ich tröstete mich denn Frankreich war groß und
glücklich Soll all das Blut welches der Freiheit geopfert wurde vergebens
geflossen sein« Ich verbarg schluchzend das Gesicht und zeigte mit der Hand gen
Himmel »Wohl mein Fräulein« sagte er »Gottes Wege sind nicht unsre Wege und
dem Sterblichen geziemt Entsagung«
Hoch schlug mein Herz als ich den Ventoux in weiter Ferne erblickte noch
höher als die weißen Gemäuer von Chaumerive sichtbar wurden Der Wagen fuhr mir
zu langsam ich verließ ihn und flog mit Windeseile auf dem Fusspfade dahin Mir
war als müsste ich all die lieben Verlorenen wiederfinden Ach ich fand sie
nicht Aber ein treues Völkchen fand ich wieder das mich mit ausschweifender
Freude umarmte fragte und hörte und dann teilnehmend mit mir weinte um meinen
Vater und um mein Vaterland Erquickende Tränen welche mein verarmtes Herz
wieder an die Menschheit banden O hätte ich hier bleiben können getrennt von
der übrigen Welt und vergessen Aber dies durfte ich nicht hoffen selbst der
Pfarrer dessen Rat ich einholte fürchtete für die Sicherheit meines
Aufenthalts und sah wenigstens viel Unruhe und Verdruss voraus So musste ich denn
mit schwerem Herzen mich losreißen von der Wiege meiner Kindheit Weinend
besuchte ich noch einmal jedes Plätzchen der Erinnerung kränzte zum letzten
Male das Grab meiner Mutter mit Sommerblumen und verschloss mich dann in mein
Zimmer um meinen Mut in der Einsamkeit zu stärken Mein altes Bilderbuch fiel
mir in die Augen ich nahm es mechanisch heraus und schlug es auf Bald traf ich
auf Szenen wie Atens und Roms Helden ruhig in die Verbannung gingen wie das
ganze Volk der Messenier von dem stolzen Sparta besiegt seine geliebte Heimat
verließ um an Siziliens Küste und unter dem glücklichen Himmel meiner Provence
seine Freiheit und seine Sitten zu retten Klein und unbedeutend erschien mir
mein eigenes Schicksal gegen diese Beispiele ich war wieder die alte besonnen
und ruhig Ich packte das wenige zusammen was ich mit mir zu nehmen gedachte
und ließ eines Abends den Pfarrer bitten mir zu helfen um meine
Angelegenheiten zu ordnen Sobald es finster geworden war ging ich in seiner
und Antoines Begleitung zur Kapelle wo mein Vater im ahndungsvollen Gefühl
der Zukunft jenes Vermächtnis niedergelegt hatte Wir zogen das Kästchen aus
seiner sichern Verborgenheit und der ehrliche Antoine trug es in mein Zimmer
Darauf kniete ich auf den Stufen des Altars nieder schmerzliche Erinnerungen
drangen auf mich ein und meine Standhaftigkeit wollte mich verlassen doch der
ehrwürdige Pfarrer stärkte mich durch die Hinweisung auf eine ewige Vorsicht und
erteilte mir seinen Segen Er führte mich in mein Zimmer zurück und während
Antoine Pferde besorgte und den Wagen packte beauftragte ich ihn mit allen den
Andenken welche ich für meine Getreuen zurückließ dann trennten wir uns
weinend voneinander Er war seit meiner Kindheit ein treuer Freund meines Hauses
gewesen mir war als ob ich in ihm einen zweiten Vater verlöre Aber ihn hielt
die Pflicht seines Amtes zurück mich trieb die Pflicht der Selbsterhaltung
hinweg wenigstens der Erhaltung meines besseren Selbst  In finstrer Nacht
reiste ich ab es wäre mir zu schwer geworden mich von der weinenden Menge zu
trennen ja unerträglich fast die geliebten Gegenden so allmählich entschwinden
zu sehen
    Ich reiste ganz allein mit Antoine welcher mich bis Marseille geleiten
sollte Gern wäre er mir auch weiter gefolgt aber ich mochte ihn nicht von
seinen Kindern trennen so wie ich denn auch meine gute Manon unmöglich ihren
Eltern entziehen konnte und ihr deshalb das Weitere meines Vorhabens verschwieg
Ich ließ ihr eine gute Aussteuer zurück welche sie jedoch bei ihrer
Anhänglichkeit nur wenig getröstet haben wird
    Bei meiner Ankunft in Marseille erkundigte ich mich sogleich im Hafen und
fand ein segelfertiges amerikanisches Schiff welches nur auf den ersten
günstigen Wind wartete um die Anker zu lichten Der Kapitän aus Philadelphia
hatte eine von den einnehmenden Physiognomien welche sogleich Vertrauen
erwecken Ich trug ihm meinen Wunsch vor und er war sogleich bereitwillig mir
einen bequemen Platz in der Kajüte einzuräumen ja er war so lebhaft besorgt für
mich dass er in mich drang sein Schiff sofort zu besteigen um jede Nachfrage
zu vereiteln Ich ließ also meine Sachen an Bord bringen und trennte mich von
meinem treuen Antoine welchem ich ein sorgenfreies Alter zugesichert hatte mit
der schmerzlichsten Rührung und mit der Bitte auf einem weiten Umwege in unsre
Heimat zurückzukehren
Nun war ich allein zum ersten Male ganz allein in fremder Umgebung Kein
Gegenstand kein Gesicht erinnerte mich an eine bekannte Vergangenheit Der
Eindruck war neu und erfüllte mich mit inniger Wehmut Alles was ich verlassen
hatte was mir war entrissen worden verlor ich erst in diesen Augenblicken Ich
bedurfte eines Wesens in dessen treue Brust ich meine Klagen ausströmen konnte
Du warst mir diese geliebte treue Seele Gewiss wirst Du diese Blätter wenn sie
zu Dir gelangen nicht ohne das regeste Mitgefühl lesen Sie enthalten meine
Rechtfertigung wenn ich deren bei Dir bedarf Auch bei Deiner Mutter werden sie
mich entschuldigen wie ich zu hoffen wage Ungern nehme ich ihren Zorn mit in
die Neue Welt hinüber sie wird mir ewig die geliebte Schwester meines teuren
Vaters bleiben Bringe ihr mein zärtlichstes Lebewohl und sage ihr Virginia sei
nur unglücklich nicht undankbar  Was den Herzog betrifft für den bin ich
tot und die Erbschaft meiner Besitzungen wird ihn hoffentlich über mein frühes
Ende trösten Louis hat mich gewiss schon längst vergessen Seine Neigung war
wohl nur ein Kind der Konvenienz er erreicht jetzt seinen Wunsch ohne die
lästige Zugabe welche ihm doch vielleicht oft fühlbar geworden wäre und kann
durch eine neue glänzende Verbindung seinen eigenen Glanz noch um vieles
erhöhen
    Euch gehört nun Chaumerive Ach Adele sei Du der Schutzgeist meiner
verlassenen Freunde Du bist ja auch unter ihnen glücklich gewesen Deiner guten
Mutter empfehle ich sie gleichfalls es waren ja die Kinder die Freunde ihres
wahrhaft edlen Bruders dessen Name noch von den Enkeln mit Liebe genannt werden
wird Oh meine Adele wenn Du in den schönen Sommermonden durch diese
lieblichen Täler wandelst so gedenke meiner Sprich mit meinen Getreuen oft von
mir und bringe ihnen meinen Gruß Wenn Du in der Geissblattlaube ruhest und die
tanzende Durance betrachtest und es lispelt ein leises Lüftchen durch die
Blüten so denke es ist die Stimme Deiner Virginia Ihr Geist wird Dich immer
umschweben ja aus den Gefilden der Seligen würde er noch zu diesen lieben
Gegenden zurückkehren
Diesen langen Brief Dir zu schreiben mein Leben noch einmal an mir vorübergehen
zu lassen war mir Bedürfnis Aber nur in seinen Hauptmomenten habe ich es Dir
dargestellt nur die Grundzüge angegeben Ich habe vermieden manche Gegenstände
und Ereignisse zu berühren weil sie mit fremden Personen in Beziehung standen
In einer Zeit wie die unsrige muss man sehr behutsam sein um niemand der
Verfolgung auszusetzen Nun aber habe ich abgeschlossen mit dem alten Leben ein
neues Dasein beginnt für mich und wie der Sterbende all den irdischen Tand
hinter sich lässt so lasse ich Europas verworrene Angelegenheiten hinter mir
Ich hoffe künftig nur darauf zurückzuschauen wie ein abgeschiedener Geist auf
die Weltändel welche ihn nicht mehr berühren
Über meine Reise will ich Dir nun noch einiges mitteilen  Von dem Schauspiel
welches das Meer gewährt brauche ich Dir nichts zu sagen Du hast von Hamburg
aus einen kleinen Begriff davon obschon das Weltmeer viel ergreifender als die
Nordsee ist Auch die Fahrt auf demselben soll angenehmer sein wie Seefahrer
versichern die Wellen brechen sich nicht so kurz und das Schwanken des
Fahrzeuges ist weniger beschwerlich Diesem Umstande muss ich es wohl mit
zuschreiben dass ich gar nichts von der Seekrankheit empfunden habe welche Du
mir so fürchterlich geschildert hast Auch trat ich ihr mit starkem Willen
entgegen brachte meine ganze Zeit in den ersten Tagen auf dem Verdeck zu
nahm zweckmässige Nahrungsmittel und vermied die von dem Übel ergriffenen
Passagiere zu sehen So blieb ich gesund und erhielt mir den Mut dessen ich nur
zu sehr bedurfte Nach und nach befreundete ich mich mit der Equipage und
jedermann fing an sich für das verlassene Mädchen zu interessieren Der Kapitän
besonders beweist mir die herzlichste Freundschaft die nahe an Zärtlichkeit
grenzt Er heißt Ellison sein Vater ein Kaufmann dieses Namens ist Chef eines
ansehnlichen Handlungshauses in Philadelphia Ellison hat mir das Versprechen
abgewonnen bei seinen Eltern zu wohnen dorthin an dies bekannte Haus kannst
Du Deine Briefe schicken wenn Du es möglich machst mir zu schreiben Ellison
ist groß und schön gebaut sein blaues Auge blitzt von Feuer seine
Muttersprache ist die englische doch spricht er auch fertig französisch in
beiden Sprachen drückt er sich kurz und kräftig aus und ist sehr unterhaltend
und belehrend ohne eben gesprächig zu sein Seine Gesellschaft hilft mir
vorzüglich die Länge der Seereise verkürzen Sooft ich meine Kammer verlasse wo
ich auf das zierlichste eingerichtet bin und täglich einige Stunden mit
Schreiben zubringe hat seine Aufmerksamkeit mir ein kleines Fest bereitet Ein
schmackhaftes Mahl ein Spiel ein Fischfang ein Matrosentanz und mehr
dergleichen wechseln miteinander ab Auch kleine Konzerte geben wir wobei Deine
Freundin mit ihrem Harfenspiel und ihrer Stimme viel unverdiente Ehre
einerntet Unsre Reisegesellschaft besteht aus zwei Kaufleuten aus New York
einem jungen Maler aus der Schweiz und zwei Florentinerinnen Mutter und
Tochter welche dem Manne und Vater nachreisen der sich in der Havanna
etabliert hat alles freisinnige wenigstens tolerante Menschen Während der
ganzen Reise gab es nicht eine einzige politische Streitigkeit unsere Tage
flossen schnell und angenehm dahin Auf Sankt Helena nahmen wir Erfrischungen
ein Ein origineller Felsen mitten in der großen Wasserwüste Ich erging mich in
seinen üppigen Tälern und träumte mir die Möglichkeit mit einer kleinen
auserwählten Gesellschaft von Freunden abgeschieden von der ganzen Welt hier
glücklich zu leben Es möchte wohl tunlich sein die schon schwierige Landung
auf immer unmöglich zu machen
    Unweit dieser Insel hatten wir das erhabene Schauspiel eines Seesturms für
mich höchst wichtig und erwünscht Ich sehe Dich den Kopf schütteln meine
zarte furchtsame Adele aber mir ist nun einmal diese Freude an großen wilden
Naturbegebenheiten angeboren Schon als kleines Kind freute ich mich wenn die
Durance aus ihren Ufern brach und bei jedem Gewitter nahm mich mein Vater mit
hinaus während die Mutter sich ängstlich verbarg Er machte mich aufmerksam auf
die Schönheit wie auf den Segen dieser Erscheinung und zeigte mir die
Zufälligkeit und seltene Gefahr des Blitzes wie er überhaupt mich es als
lächerlich ansehen lehrte immer die Gefahren des Lebens zu bedenken und zu
vermeiden So saß ich als Kind ruhig unter meinem Platanus wenn der Donner über
mir krachte Es stehen ja Hunderte dieser Bäume rings um diesen dachte ich
warum sollte der Strahl gerade ihn treffen und tut er es so war es mir
bestimmt und er könnte mich ebensoleicht im Bette töten  Jetzt freute ich
mich der hochtürmenden Wasserberge des heulenden Orkanes der Behendigkeit
unserer Matrosen des verdoppelten Lebens um mich her und ich legte mich am
Abend so ruhig in meine Hangmatte nieder als sonst zu Bett War ich nicht in der
Hand Gottes wie immer und überall Was zitterst Du Adele bist Du denn
sicherer auf dem festen Lande O nein Ihr alle steht auf einem glutschwangern
Vulkane traue seiner Stille nicht er kann sich in jedem Augenblicke öffnen und
Euch alle in sein Flammenmeer hinunterschlingen Ist ein Schiffbruch
fürchterlicher Verschlänge mich der Ozean so wäre meiner gezählten Tage
letzter abgelaufen Würfe mich eine freundliche Welle an das Ufer so wäre mir
ja der Güter höchstes das Leben und mein frischer Mut gerettet denn glaube
nicht dass ich um die versunkenen Schätze trauern würde Der Inhalt meines
Kästchens ist nicht die Basis meiner Sicherheit mein eigener Inhalt ist es Vier
Sprachen Musik und andre Früchte einer sorgfältigen Bildung sichern mir ein
bequemes Fortkommen in der vornehmen Welt in der bürgerlichen manche
Geschicklichkeit welche außer Europa noch neu sein dürfte als die italienische
Strohflechterei die Perlweberei usw Und für die ländlichen Verhältnisse habe
ich in den letzten Jahren soviel Kenntnisse und Fertigkeiten erworben um
überall wo nicht belehrend doch nützlich zu sein Mehr als dies sichert mich
meine Ansicht von dem Leben und seinen Verhältnissen Für mich gibt es keinen
Standesunterschied und ich kann auf jedem Platze zufrieden leben wo ich nur im
Inneren ich selber bleiben darf
Da sind wir nun bis nahe an das Ziel unsrer Reise gelangt Die Küste der Neuen
Welt liegt schon in blauer Ferne vor uns Ein dünner Nebelschleier ist
darübergebreitet es ist der Schleier meiner Zukunft Mit hochklopfendem Herzen
blicke ich dahin was birgt er mir Zu fürchten habe ich nichts denn ich stehe
allein Wer nichts zu verlieren hat kann nur gewinnen in dem ewigen
Wechselspiele des Lebens
    Aber was ist zu gewinnen wenn man nichts zu wünschen weiß Ellison steht
neben mir auf dem Verdeck und betrachtet mich mit glühenden Blicken doch mein
Auge wechselt ruhig zwischen dem Anblick der blauen Berge und der raschen
Strömung des Delaware an dessen Mündung wir Anker geworfen haben Ein Teil
unsrer Reisegesellschaft wird uns hier verlassen wir aber steuern längs den
Küsten hin um in die Bai zu gelangen welche hinauf nach Philadelphia führt
Von dort her schreibe ich Dir wieder Für jetzt lebe wohl Jetzt will ich ohne
Unterbrechung und Störung die neuen Eindrücke in mir aufnehmen welche mich
umringen und erwarten Psyche landet an Acheron wird sie die Lete finden
Gewiss Und alles will sie hineintauchen in die dunklen Wellen nur nicht die
Bilder ihrer Lieben und nicht Dein Bild meine traute Adele Bewahre Du das
meinige und versuche mir zu schreiben lebe wohl Lebe glücklich Lebt alle
wohl Und Du mein Frankreich sei glücklich Tausend tausend Lebewohl von
Deiner
                                                                       Virginia
 
                                  Zweiter Teil
                                Virginia an Adele
                                                  Philadelphia im Dezember 1814
Sei gegrüßt tausendmal gegrüßt aus der Neuen Welt meine Adele Es ist ein
eigenes Gefühl mit den Einwohnern eines andern Weltteils zu reden und es fällt
mir auf Augenblicke ordentlich schwer aufs Herz dass ich nun bei keiner
Lebensverrichtung mehr denken kann jetzt tut vielleicht Adele dasselbe Wenn
ich von Gegenstand zu Gegenstand betrachtend irre und dabei Deiner gedenke so
schläfst Du und mein Bild begegnet Dir nur in Deinen Träumen Wenn mir die
Sonne strahlend aus dem Meere aufgeht und mich mit neuer Lebenslust durchströmt
rufe ich Dir sanften Schlummer zu und wenn sie sinkt hinter die fernen blauen
Gebirge bringe ich ihr meinen Morgengruß für Dich Oh wie ist alles um uns her
so verschieden und doch denke ich bleiben wir einig und unveränderlich
Göttliche Abkunft der Geister sie sind unabhängig von Raum und Zeit
    Der Anblick meines neuen Vaterlandes ist mir gar fremd und wundersam
gewesen Die Küsten Europas sind meist unbewachsen und bieten fast überall einen
offenen Landstrich dar hier ziehen sich die dunkeln Urwälder noch häufig bis an
das Meer hin die Küsten sind bewachsen buschig der Eindruck romantisch aber
ernst Die Ufer des Delaware sind mit Städten und Ansiedelungen geschmückt und
überall herrscht Fleiß und Tätigkeit doch vermisste ich jene Lebendigkeit sehr
welche mich an meiner heimischen Küste ergetzte
    Philadelphia ist groß und schön und die Regelmäßigkeit seiner Anlagen
spricht sogleich deutlich den Geist der Ordnung und Gesetzlichkeit aus welcher
hier herrscht Ellison hat mich in seine Familie eingeführt in welcher ich mit
patriarchalischem Wohlwollen empfangen wurde Da ich meinen Aufenthalt
wenigstens auf längere Zeit hier zu nehmen gedenke so will ich Dich mit den
Personen bekannt machen mit welchen ich lebe Ellison der Vater ist ein
kleiner hagerer Mann mit klugen Augen ein tätiger Kaufmann und meist nur auf
dem Komptoir einheimisch In Geschäften mag er gern den Charakter als Quäker
behaupten ob er gleich sich sonst in Kleidung und Sitte nicht an ihre
strengen Regeln hält und nur höchst selten ihre Versammlungen besucht Seine
Frau ist eine wohlbeleibte lebendige Matrone welche die herrlichsten weiblichen
Eigenschaften einzig durch eine zu starke Beimischung von Pedanterie verdunkelt
Sie ist wirtschaftlich aber ein zuviel verbrannter Schwefelfaden entflammt
ihren heftigsten Zorn ein zu kurz geputztes Licht ein nicht ganz gerade
gezogenes Rouleau veranlassen ihre Ordnungsliebe zu den längsten Strafpredigten
Ihre Wäsche ist nach löblicher Sitte numeriert aber sie würde lieber nackt
gehen als zu einer Schlafhaube Nr 15 ein Hemde Nr 14 anziehen oder Nr 4 auf
Nr 2 folgen lassen Neulich brach über ihre Tochter ein gewaltiges Ungewitter
los weil es sich entdeckte dass sie in ihrer Tasche Nr 9 ein Schnupftuch Nr
10 trug Sogleich wurde eine Revision ihrer Wäsche verhängt es fand sich nun
dass auch die Strümpfe mit Nr 10 bezeichnet waren Sturm und starker Unwille
brachen aus Die arme Verbrecherin verteidigte sich vergebens damit dass sie
unversehens in eine Pfütze getreten und dabei vor Schreck ihr Tuch habe fallen
lassen Sie hätte sogleich auch das erst vor zwei Stunden angezogene Hemde
wechseln und Tasche Halstuch Schlafhaube usw ungebraucht in die Wäsche
liefern sollen Bei Gelegenheit des Beschmutzens erfolgte eine neue Predigt über
die geziemende Ehrbarkeit da es nicht wohl denkbar sei dass wenn man den Blick
immer fest auf den Boden hefte man eine Pfütze übersehen sollte Das gute
Mädchen die einzige Tochter des Hauses leidet vorzüglich von der Pedanterie
ihrer Mutter Es ist ein liebes frohes Geschöpf von Deinem Alter eine
bildschöne Blonde namens Philippine Sie freut sich am meisten über meine
Anwesenheit welche ihr manche Erleichterung verschafft Ellison der Sohn hat
mich ihr auf das angelegentlichste empfohlen sie liebt ihren Bruder über alles
und er verdient es in der Tat Wenn ich ihn in diesen Umgebungen betrachte so
stellt er sich als eine schöne fremde Erscheinung dar und man bemerkt nur an
der Liebe womit ihn alle umfassen und womit er allen begegnet dass er Sohn des
Hauses ist Die ganze Familie macht die Bemerkung dass er diesmal heiterer als
jemals von seiner Reise heimgekehrt sei und man scheint sich dabei fast mit
einer Art von Dankbarkeit gegen mich zu neigen was mich etwas verlegen macht
Seit einigen Tagen hat sich die Szene um etwas verändert und macht eine eigene
Wirkung auf mich
    Ich fand es nachdem ich gehörig Bescheid zu wissen glaubte für gut eines
Morgens mich mit dem Inhalte des bewussten Kästchens zu Vater Ellison auf das
Komptoir zu begeben um solchen bei seiner Ehrlichkeit und Industrie
unterzubringen Er war überrascht und nahm mich recht wohlbehaglich auf Eine
volle Stunde unterhielt er mich von den verschiedenen Fonds in welchen die
Gelder mit ansehnlichem Vorteil arbeiten könnten Ich bat ihn die
Angelegenheit zwischen uns beruhen zu lassen glaube aber schwerlich dass er
imstande gewesen ist sein Wort pünktlich zu erfüllen Seitdem ist sein
gastfreundlicher Ton viel rücksichtlicher geworden Sein anfängliches Ansehen von
Wohlwollen ist in eine Art von Ehrerbietigkeit übergegangen welches jedem
bemerklich werden muss Mutter Ellison überhäuft mich mit Liebkosungen und ist
gegen ihre Gewohnheit sinnreich mir Zerstreuungen zu verschaffen Sie veranlasst
kleine Spazierfahrten mit ihrem Sohn und ihrer Tochter und fordert die letztere
täglich auf hier und dorthin mit mir zu gehen um mir dies und das zu zeigen
Philippine macht mit Entzücken von dieser neuen Freiheit Gebrauch und liebt mich
aufrichtig als die Schöpferin ihrer Freuden Nur William Ellison ist nicht so
heiter als bisher eine trübe Wolke lagert auf seiner Stirn und ein fremdes
Etwas scheint zwischen uns getreten zu sein Gestern als wir am Ufer des
Delaware spazierenfuhren blickte er lange schweigend dem Fluße entgegen »So
nachdenkend William« sagte ich und legte die Hand auf seinen Arm Er fuhr aus
seinen Träumen auf presste meine Hand und sagte wie erst halb erwacht »Wäre
unser Washington dort untergegangen«  »Schön« rief Philippine lachend »dann
könnten wir uns heute nicht der lieblichen Winterlandschaft erfreuen«  »Doch«
sagte er nach seiner lakonischen Weise »Virginia ist leicht ich schwimme gut«
Wir ließ das Gespräch fallen Guter William dass Virginia mehr gerettet als
das nackte Leben das scheint dir ein Hindernis deiner Wünsche Oh wäre nichts
als das zartsinniger Mann ich würde es freudig in den Fluss werfen und mich in
deinen Arm
    Aber es türmt sich eine andere Scheidewand zwischen uns auf welche du nicht
siehst nicht ahndest die ich selber hinwegschieben möchte die aber nur
stärker wird sooft ich Hand daran legen will Sieh William ist so lieb und
gut ich achte ihn hoch ich habe ihn so gern ich kann mir stundenlang denken
wie glücklich eine Gattin mit ihm leben wird aber wenn mir dann einfällt dass
ich diese Gattin sein könnte dann versinkt plötzlich wie durch einen
Zauberschlag das ganze Gemälde und Mucius Bild erscheint auf derselben Stelle
und droht mir mit wehmütigem Lächeln Ja Mucius ich bin dein du hast recht
»Für die Ewigkeit« so sprachen wir Guter William ich kann nimmer die Deine
sein Wenn ich meine ersten Schwüre bräche welche Bürgschaft hättest du für die
zweiten
    Das Leben hier sagt mir recht wohl zu nur für die Länge mag es in der Stadt
ein wenig langweilig werden Die Gesellschaft der Freunde woraus der größere
Teil der Einwohner besteht sind sehr brave rechtliche Menschen nur etwas zu
pedantisch in ihren Sitten Ich stimme den meisten ihrer Grundsätze und
Einrichtungen mit inniger Überzeugung bei kann aber durchaus nicht begreifen
warum der Geist der Fröhlichkeit damit unvereinbar sein sollte Kann es dem
höchsten Wesen wohlgefällig sein auf lauter ernste oder traurige Gesichter zu
blicken und können Tanz und Spiel der wahren Tugend zuwider sein Dass doch des
Menschen Wahn immer auf Übertreibungen fällt er in seinem geistigen Stolze
nicht auf die Winke seiner Lehrerin der Natur achtet Das höchste Glück
welches ich hier finde ist die völlige Freiheit der Meinungen Niemals hört man
weder einen religiösen noch politischen Streit ein jeder sagt ohne Rückhalt
sein Urteil und hört ruhig ein entgegengesetztes an »Es ist möglich dass du
recht hast« sagt der eine »mir scheint es jedoch so aber ich kann irren« der
andre äußert sich ebenso und kein Tropfen Wermut fällt in den Becher der
Freundschaft Diese Mäßigung ist um so bewundernswürdiger im gegenwärtigen
Augenblick wo der Krieg und die daraus entsprungenen Unglücksfälle die Gemüter
mehr als gewöhnlich spannen Nur unter diesem ruhigen Volke konnte die Freiheit
ihren Sitz aufschlagen ohne dass ihr Weg mit Blut bezeichnet wurde Mir ist als
ob ich hier ausruhte von all dem Weh welches mein armes Herz in den letzten
Jahren unaufhörlich bestürmt hat als ob ich nach langer Pilgerschaft Quarantäne
hielte Diese ist freilich nicht sehr ergetzlich aber sie sichert die
Gesundheit und deshalb sei sie meinem Geiste willkommen Zwar schüttelt er oft
ungeduldig die Schwingen und will mich hinziehen und tragen zu jener erhabenen
Bundesstadt wo sich das neue Kapitolium baut zu Schutz und Hut der köstlichen
Freiheit Aber ach die Goten aus Albion haben Frevlerhände an die entstehenden
Heiligtümer gelegt und weilen noch immer in der Nähe Tief wird dies hier
empfunden doch hofft man bald den Frieden hergestellt zu sehen und die
empfangenen Wunden zu heilen Wie aber auch Europa sich dagegen sträuben mag
die Neue Welt wird in kurzem zur riesenstarken Manneskraft gelangen und wehe
Europa wenn sie jemals den Gedanken fasst die Beleidigungen zu rächen welche
ihre Kindheit erfuhr Nicht der Norden allein ist frei auch im Süden schüttelt
man die überseeischen Ketten ab Wenige Jahre noch und das Panier der Freiheit
weht von der Hudsonsbai bis zur Magellanischen Meerenge und unter seinem
Schatten blühen Wissenschaften und Künste aus allen übrigen Weltgegenden dahin
verpflanzt
Das neue Jahr ist hier mit viel schönen Hoffnungen und tausend guten Wünschen
begonnen worden Ich hatte am ersten Tage desselben eine lange Unterredung mit
William welche unsern unsicheren Standpunkt gegeneinander wieder einigermaßen
festgestellt hat Er schickte mir am Morgen nach der Sitte meines Vaterlandes
einen großen Korb voll der auserlesensten Treibhausfrüchte und Blumen ich hatte
ihm dagegen sowie der übrigen Familie einige künstliche Arbeiten verfertigt
welche hier noch neu waren und viel Bewunderung erregten Sehr natürlich hatte
er das Vorzüglichste erhalten Er kam mir mit vieler Freude zu danken »Es ist
für meine Verbindlichkeit und für meinen guten Willen sehr wenig« sagte ich
ablehnend »ich wollte ich könnte mehr für Sie tun«  »Sie können nicht«
fragte er »Ach Sie könnten unendlich viel gewähren wenn ich nur wünschen
dürfte«  »Hören Sie William« sagte ich »Sie haben sich mir zum Bruder
erboten so lassen Sie uns auch geschwisterliches Vertrauen bewahren« 
»Geschwisterliches« sagte er kleinlaut »Ja« fuhr ich fort »als Schwester
will ich jetzt mit Ihnen reden Alles was ich habe und besitze habe ich durch
Sie gerettet und ich lege nur insofern einigen Wert darauf sonst weiß ich die
Zufälligkeit der Erdengüter zu würdigen und schätze nichts als den Geist Ich
kenne den Ihrigen der meinige ist ihm verwandt« Er rückte mir freudig näher
»Es gibt aber der verwandten Geister mehr« fuhr ich fort »und die ersten Bande
dürfen nicht durch spätere gelöst werden«  »Frühere Bande« rief er
erschrocken »Nein nein unmöglich wie hätten Sie da Ihr Vaterland so willig
verlassen können wie könnten Sie in der Fremde so heiter sein«  »Fremd ist
mir der ganze Erdkreis« sagte ich »meine Heimat ist seit langer Zeit dort
oben«  »Tot« fragte er  »Tot« erwiderte ich und nachdem ich mich etwas
gefasst hatte erzählte ich ihm die Geschichte meines Herzens Er hörte mich mit
Teilnahme an und oft glänzten Tränen in seinen Augen Wir schwiegen beide
lange nachdem ich geendet dann beugte er sich über meine Hand und als er sich
wieder emporrichtete flog ein Schimmer von Freude über sein Gesicht »Mit einem
edlen Toten die Neigung dieses schönen Herzens zu teilen scheint mir ein seliges
Los« sagte er »und in jenen Regionen des Lichts fordert man kein Eigentum
mehr«  »So will es auch mir oft scheinen« antwortete ich »doch widerspricht
ein unerklärliches Gefühl augenblicklich dem Verstande Lassen Sie mir Zeit
lieber William ob vielleicht dieser Zwiespalt in meinem Innern sich löst viel
viel Zeit und mag es ausfallen wie es wolle wir müssen Freunde bleiben fest
und unzertrennlich für dieses Leben« Ich hielt ihm die Hand hin er schlug
versichernd ein Seitdem ist er wieder heiterer er hofft Ich hege keine
Hoffnung aber ich fühle mich erleichtert und darf ganz vertraulich mit ihm
umgehen In meiner Brust herrscht tiefer Friede um die lieben Verlorenen fließt
zwar manche einsame Träne doch trocknet sie das Bewusstsein des Wiedersehens An
die übrige Vergangenheit werde ich nur selten erinnert und meide es fast von
meinem lieben Frankreich zu hören Ach wenn das Vaterhaus abgebrannt ist dann
überfällt uns Grauen die Brandstätte zu sehen und wird schon gleich an
derselben Stelle ein Palast aufgebaut es ist die freundliche Wohnung nicht
mehr woran so schöne Erinnerungen haften Nur von Dir möchte ich so gern
Nachrichten haben und sehne mich vergebens danach der böse Krieg hemmt den
freien Verkehr der Länder gar sehr Sonst wäre auch William schon längst in See
gegangen um mir Kunde von Dir zu verschaffen und dies neben mir liegende
ungeheure Pack Geschriebenes sicher in Deine Hände zu befördern Bis dahin muss
ich schon fortfahren Ein günstiges Geschick wird es wohl zu Deinen Händen
bringen O tätest Du doch ein Gleiches Ich kann mir das Leben und Treiben in
Paris kaum mehr denken es ist bei uns alles so ganz anders Kein Schauspiel
keine Maskeraden wenig kirchliches Gepränge wenig Musik aber viel
Familienfeste viel Teezirkel häufiges Spazierengehen und fahren Die Gegend
ist schön der Winter gemässigt wie in dem südlichsten Frankreich Bald wird er
ganz von uns scheiden und dann muss die Landschaft entzückend sein wenn mit dem
ernsten Grün der Zedern und Tannen sich das helle Laub des Platanus und der
zahllosen Nussbäume mischt Als ich hier ankam hatte das Ganze schon ein falbes
und bräunliches Ansehen Ich freue mich wie ein Kind über das Aufkeimen der
jungen Pflanzenwelt immer war sie es wohin ich mich flüchtete wenn das Leben
mich zu rau berührte Hier duftet mir heilender Balsam für jede Wunde und der
Odem des Friedens haucht durch die zarten Halme und Blüten Überall in der
belebten Natur zeigt sich das widrige Bild der kämpfenden Leidenschaften nur
die Pflanzen blühen friedlich beisammen liebend sich zueinander neigend und
strebend sich mit zarten Ranken zu umarmen Darum sei mir gegrüßt freundliche
Blumenwelt ihr säuselnden Bäume und ihr zarten Halme des Grases zwischen
welchen ich so oft stundenlang lagerte und mit inniger Lust den Wanderungen
kleiner glänzender Käferchen dem Spiel bunter Schmetterlinge zusah und mich und
die übrige Welt vergaß Nirgend auf dem Erdenrund kann Virginia unglücklich
sein wo sie frei und die Natur nur nicht ganz öde ist Der Mensch macht so viel
Anstalten um glücklich zu sein und er bedarf so wenig
Noch keine Nachricht von Dir und der Frühling ist schon in seiner vollen Pracht
bei uns eingezogen Man hat um meinetwillen ein sehr malerisch gelegenes
Landhaus unweit der Stadt bezogen und fast bin ich froh wie einst an der
Durance Den größten Teil des Tages bin ich mit meiner Philippine allein weil
der Vater nicht das Komptoir die geschäftige Mutter nicht das Hauswesen
verlassen mag William besorgt die Befrachtung seines Schiffes mit welchem er
wieder nach Europa zu segeln gedenkt da der Friede so gut als abgeschlossen
ist Nach Tische aber versammelt sich die ganze Familie dann und an Feiertagen
werden köstliche Spazierfahrten am Delaware oder am Schamuny gemacht und Besuche
auf mancher freundlichen Pflanzung Morgens schwärme ich oft mit Philippinen
umher und kehre wenn wir ermüden auf dem Meierhofe eines ehrlichen Quäkers
oder auf der kleinen Besitzung eines Negers ein wo wir ohne Unterschied mit
gleicher Herzlichkeit empfangen werden Die schwarzen Pflanzer stehen an
Betriebsamkeit den Weißen nicht nach und werden ihnen nach fünfzig Jahren
vielleicht an Vermögen ziemlich nahekommen da sie fleißig die Schulen zu
besuchen anfangen und ihre Bildung in der Nähe der Städte merklich
fortschreitet Unfern Paris würde es wohl sehr auffallen zwei junge Mädchen im
Morgenkleide und im Sonnenhute durch Felder und Gehölze streifen zu sehen hier
ist dies Dank sei den schuldlosen Sitten des Landes gar nichts Ungewöhnliches
Die treuherzigen Pennsylvanier grüßen uns überall mit freundlicher
Unbefangenheit und reden uns mit dem vertraulichen Du an welches ich so gern
höre weil ich es in meiner Kindheit so allgemein vernahm Philippine hat sich
mit leidenschaftlicher Liebe an mich gehängt und ich umfasse das holde Mädchen
mit schwesterlicher Zärtlichkeit freilich nicht in dem Sinne wie es die
Familie zu erwarten scheint Überhaupt ist dies die Kehrseite meines sonst so
glücklichen Lebens dass man etwas voraussetzt wovon ich mich noch weit entfernt
fühle Der Vater ist voll Eifer für die Benutzung meines Vermögens macht dabei
so listige Anmerkungen nennt mich oft sein liebes Töchterchen und gibt mir zu
verstehen dass ich einst um das Dreifache reich sein würde Die geschäftige
Mutter schürt noch emsiger zu und spricht oft schon weitläufig über künftige
häusliche Einrichtungen Der arme William ist dabei auf Kohlen und wendet all
seinen Fleiß an solche Gespräche abzubrechen weshalb er manches unwillige
Gesicht von der Mutter erhält wenn er den Fluss ihrer Rede unterbricht Es ist
ein kleiner Sturm zu befürchten
William hat schon erklärt dass er nächstens in See gehe aber man rechnet
darauf er werde zuvor noch eine Verbindung mit mir unauflöslich machen Was
wird man aber sagen wenn man sieht dass dies nicht der Fall ist was wenn man
erfährt dass ich eine große Reise nach Washington und von da zu den Seen und dem
Niagara zu machen gedenke William welcher gern auf alles eingeht was mir
Freude macht hat zu dieser Reise schon im stillen die besten Anstalten
getroffen Er gibt mir seinen eigenen Bedienten mit einen treuen und erfahrenen
Menschen welcher schon einen großen Strich jener Gegenden durchreist ist dann
zwei ehrliche Schwarze auf welche er sich verlassen kann Vater und Sohn Der
Vater John war in seiner früheren Jugend als Sklave in Virginien entlief
damals seinem strengen Herrn und geriet zu den Wilden welche ihn aufnahmen Er
war sechs Jahr unter ihnen und lernte ihre Sprache und ihre Sitten vollkommen
Im Kriege zog der Stamm bei welchem er sich befand den Engländern zu Hilfe
wurde aber in einem Gefechte mit den Amerikanern zerstreut und John geriet auf
seinem Irrwege nach Pennsylvanien wo die menschenfreundliche Begegnung ihm so
wohl gefiel dass er dort seinen Aufenthalt nahm Er fand bald Arbeit erwarb
sich nach und nach ein kleines Eigentum heiratete eine freie Schwarze und ist
jetzt Vater von fünf Kindern drei Söhne und zwei Töchter welche alle
verheiratet sind bis auf die jüngste Tochter welche mich sowie einer ihrer
Brüder ebenfalls begleiten wird Seine Hütte und sein kleines Feld grenzen nahe
an Ellisons Landhaus deshalb kennt ihn William seit seiner frühesten Jugend und
wird von dem Alten fast mehr als seine eigenen Kinder geliebt Überhaupt ist
Anhänglichkeit und unerschütterliche Treue ein vorzüglicher Charakterzug dieser
guten bis jetzt so unterdrückten Menschengattung Wer nur irgend Wohlwollen und
Aufmerksamkeit gegen sie blicken lässt kann ihrer innigen Liebe versichert sein
Ich habe oft auf unsern Morgenstreifereien die kleinen schwarzen Buben geherzt
und mit dem Alten freundlich geredet aber dafür könnte ich auch mit ihm bis zu
den Huronen reisen er würde jede Gefahr von mir abwenden und mich nur mit
seinem letzten Lebenshauche verlassen Zittre daher nicht liebe Adele vor den
Schrecknissen welche diese Reise für mich haben könnte Das Land ist so wüst
nicht mehr als du es vielleicht noch aus früheren Reisebeschreibungen kennst
Es gehen regelmäßig Landkutschen von hier auf Baltimore und Washington
Landstraßen und Wirtshäuser sind nach allen Richtungen angelegt und wo diese in
der Gegend der Seen aufhören da geht für mich der romantische Teil der Reise
erst recht an Ein leichtes Fuhrwerk ist bald gekauft ja selbst für eine
Fussreise habe ich hinreichende Kraft und Lust Wenn Du diesen Brief erhältst
welchen William heilig gelobt hat nach zwei Monaten in Deine Hände zu liefern
dann kannst Du denken dass ich an dem großen Wasserfalle sitze wohin mein Herz
mich mit einer unwiderstehlichen Sehnsucht zieht wie den Wildenwelcher dorthin
geht um den Großen Geist anzubeten
    Vor der Abschiedsstunde graut mir recht von Herzen Soll ich den armen
William ohne Hoffnung ziehen lassen und kann ich ihm Hoffnung geben Soeben war
er hier und meldete mir dass sein Schiff segelfertig liege und der Wind sich
günstig zu wenden scheine Meine Augen wurden feucht der Gedanke den Freund
den Beschützer meines Lebens zu verlieren drang schmerzlich auf mich ein Er
trocknete schnell meine Tränen mit seinem Tuche ab und drückte dies an seine
Lippen »Du sollst mich begleiten und mich stärken« rief er »wenn die
Niedergeschlagenheit zu mächtig werden will«  »Guter William« sagte ich und
meine Tränen flossen stärker »ich wünschte ich könnte Ihnen mehr geben« 
»Sie wünschen es und können nicht« sagte er erblassend »Jetzt noch nicht« 
»Wann aber«  »Wenn wir beide unsre Reise beendigt haben«  »Was kann da
verändert sein«  »Viel o viel lieber William Das Leben steht ja nie still
und in vier fünf Monden verändert sich die Erde so sehr«  »Auch das Herz
auch das Herz Virginia« rief er heftig »O welche Aussicht eröffnen Sie mir«
 »Sie kennen die seltsame Lage meines Herzens« sagte ich »ich habe Ihnen
niemals meine Gefühle verhehlt und auch jetzt mag ich Ihnen einen fast mir
selbst lächerlichen Gedanken nicht bergen Es scheint mir nämlich als könne nur
am Fall des Niagara der Zwiespalt sich lösen welcher in meiner Seele sich
erhoben hat seit ich unter Ihrem Schutze lebe«  »Ach es ist nur der Wunsch
nach weiter Entfernung von mir« sagte er mit traurigem Kopfschütteln »Nein
nein« rief ich »ich verlasse Sie mit Schmerz aber ein unerklärliches Etwas
reißt mich fort Am Niagara tönt es in meinen Träumen und wie andre Pilger
sich gen Osten wenden so scheint mir im Westen die Sonne der Verheißung zu
glänzen Ihr Weg geht dem Osten zu o möchte die freundliche Morgenröte auch
Ihrem Herzen Hoffnung schimmern«  »Ich lasse die Hoffnung hier zurück«
erwiderte er »Ach das Meer zieht mich nicht mehr an wie ehemals mit seinem
ewigen Wechsel Wäre es nicht um Ihnen Nachrichten zu verschaffen ich würde
schon diese Reise nicht mehr unternehmen es wird die letzte sein Der stille
Reiz des heimatlichen Lebens spricht mächtig zu meinem Herzen mein Sinn strebt
nicht mehr in die Weite hinaus Was ist der Lohn des Weltumseglers des
Welteroberers Ruhm kalter Ruhm Aber auch Glück Nein das Glück wird ewig vor
ihm fliehen es wohnt nur in der stillen Hütte wo ein treues Weib ihm lächelt
und muntere Kinder um ihn spielen«  »Wohl wohl« sagte ich gerührt »auch ich
kannte den seligen Frieden der begrenzten Heimat und mein Herz sehnt sich dahin
zurück wie nach dem Paradiese der Unschuldswelt Aber ein feindseliges Geschick
vernichtete mein Eden und wie die Trümmer einer zerstörten Welt muss ich irren
durch den Raum bis ich meinen Pol finde und meine Bahn«  »Sie glaubten hier
die Ruhe zu finden« sagte er mit halbem Vorwurf »Was glaubt was hofft nicht
der Mensch« erwiderte ich »Auch fand ich viel Schon fühle ich mich im Vorhof
des Heiligtums die Balsamdüfte der Paradiesesblüten wehen schon zu mir herüber
o lassen Sie mir Zeit den Eingang zu suchen«  »Ich habe nur Wünsche« sagte
er und verneigte sich mit Entsagung »die ersten und heißesten sind für Ihr
Glück Ich bin auf alles gefasst nur Sie auf immer zu verlieren der Gedanke
übersteigt meine Kraft«  »Auch ich darf ihn nicht denken« rief ich und
ergriff seine Hand »empfangen Sie meinen Schwur dass wie auch unser Verhältnis
sich wende ich mich nicht von Ihrer lieben Nähe trennen will bis der Tod uns
scheidet«  »Oh Virginia« rief er und hob meine Hand zwischen seinen
gefalteten Händen empor »welch einen himmlischen Trost geben Sie mir zum
Reisegefährten Nimmer will ich mehr verlangen wenn Sie es nicht selber
wünschen« Mit freudestrahlendem Gesicht verließ er mich
Er hat der Familie seine Abreise angekündigt die missvergnügten Gesichter aber
augenscheinlich durch den Zusatz aufgehellt dass dies die letzte Fahrt sein
solle und dass er dann eine Lebensart aufgeben werde welche der Vater immer nur
ungern zugelassen hat Dieser hofft ihn für sein Handlungshaus zu gewinnen ich
glaube er trügt sich Williams Sinn strebt nach der Stille des Landlebens ihm
fehlt der spekulative Geist dessen der Kaufmann bedarf
    So muss ich denn diese Blätter schließen und siegeln mögen sie glücklich zu
Dir gelangen meine Adele Mein ganzes Sein haucht Dir aus ihnen entgegen nimm
sie freundlich auf und tausche sie gegen andere von Deiner Hand aus worauf ich
so sehnlich hoffe Gib mir Kunde von den Deinen vorzüglich von Deiner guten
Mutter grüße diese herzlich von mir Schreib mir auch ach nur in wenigen
Worten was mein armes liebes Frankreich macht Glücklich scheint es nicht zu
sein es kommen viel Ausgewanderte hier an Seit einigen Tagen verbreitet sich
ein Gerücht welchem ich aber keinen Glauben beimesse die Schiffernachrichten
sind öfters falsch
    Übermorgen reise ich mit meinem kleinen Gefolge ab Die Mutter schüttelt
zwar sehr den Kopf zu dieser Wallfahrt doch sie ist mit sorglicher
Geschäftigkeit bemüht alles zu ordnen und herbeizuschaffen was ihr zu meiner
Bequemlichkeit nötig scheint Der Vater gibt mir Empfehlungsschreiben nach
Baltimore und Washington mit Philippine weint schon im voraus über die lange
Trennung und tröstet sich nur durch mein Versprechen dass ich dann auf immer bei
ihr bleiben wolle Es wird mir in der Tat schwer mich von diesem Mädchen und
von diesem freundschaftlichen Hause zu trennen aber der Zug nach Westen ist
stärker als die Freundschaft ja selbst stärker als meine Vernunft
    Lebe wohl meine Adele Tausendmal lebe wohl William eilt an Bord und nimmt
Abschied von Deiner
                                                                       Virginia
 
                               Virginia an Adele
                                                                       Baltimore
Glücklich bin ich hier mit meinem Gefolge angelangt und ein Handelsfreund von
Ellison hat sich nicht abhalten lassen mich aufzunehmen Unsre Reise war nur
wenig verschieden von einer Reise in Frankreich so kultiviert ist schon der
Distrikt zwischen hier und Philadelphia nur waldiger ist das Land als dort und
der Baumwuchs üppiger saftvoller auch gibt es mehr Viehzucht und mehr kleine
zerstreute Besitzungen An das Gemisch der verschiedenfarbigen Menschen welches
dem Reisenden anfangs sehr auffällt habe ich mich schon gewöhnt Von hier aus
will ich erst nach Washington um die Nachbildung jenes Kapitols zu sehen wohin
mein Geist so oft mich trug und welches jemals wirklich zu sehen mir nun jede
Hoffnung entschwunden ist Dann kehre ich hierher zurück um von hier aus die
große Wanderung zu den Seen anzutreten Baltimore ist freundlich und um vieles
lebhafter als Philadelphia Es wohnen hier viele Franzosen Meine Wirtsleute
sind noch jung besonders die Frau ein Irländerin voll Lebhaftigkeit und
beweglich wie Quecksilber Sie erzählt mir unaufhörlich schade nur dass ich
mich mit ihr so schlecht verständigen kann denn sie spricht das Englische nach
ihrer vaterländischen Mundart aus und kann wenig Französisch Besonders wünschte
ich mich über einen Teil ihrer Erzählungen vollständig unterrichten zu können
welcher mich seltsam anzieht Sie spricht nämlich oft von den Freiwilligen von
Baltimore welche im vorigen Jahre Washington zu Hilfe gezogen und dass darunter
mehrere Ausländer gewesen Unter diesen erwähnt sie oft eines jungen Franzosen
welcher lange in ihrem Hause gewohnt habe Die Beschreibung scheint mir
wunderbarerweise auf Mucius zu passen auch der Name hat in ihrer Aussprache
einige Ähnlichkeit und so fest ich von der Unmöglichkeit seines Lebens
überzeugt bin so nimmt mein törichtes Herz doch einen Anteil an diesen
Erzählungen der mich mit Unruhe erfüllt Gern möchte ich nun etwas Näheres über
diesen Fremdling erfahren möchte seine ferneren Schicksale seinen jetzigen
Aufenthalt wissen aber entweder weiß die gute Davson nur wenig oder ich
verstehe sie schlecht Ich kann nicht einmal mit Bestimmtheit erfahren ob er
mit den Freiwilligen zurückgekehrt ist sie spricht immer »der gute junge Herr
ist gegangen« Ich entschloss mich mit einer kleinen Schamröte den Mann deshalb
zu befragen »Hat Ihnen meine Frau davon gesagt« fragte er mit einem finsteren
Blick welchen ich noch gar nicht an ihm gesehen hatte »Ich weiß nicht mehr als
Betty« setzte er hinzu »es hat mich nicht interessiert« Und damit brach er
das Gespräch ab welches ich nicht wieder anzuknüpfen wagte
    Der Fremde ist ein Zankapfel zwischen dem Ehepaare gewesen das bemerke ich
wohl Aber weshalb beunruhigt mich das warum ist mir seitdem die Schönheit der
jungen Frau auffallender warum bemerke ich sie mit halbem Neide warum fällt
mir ihre Lebhaftigkeit doppelt auf wenn sie von dem Fremden spricht was geht
das mich an Wahrhaftig Deine Virginia ist recht kindisch lache sie nur
tüchtig aus und schilt sie zugleich Sie scheint eifersüchtig auf einen
Schatten und war es nie auf den lebenden Mucius
    Auf jeden Fall aber wird dieser Umstand meine Abreise nach Washington
beschleunigen Es drängt mich hin zu dem Schauplatze wo der Unbekannte
gekämpft vielleicht geblutet hat Vergib mir William dich konnte das
törichte undankbare Mädchen verlassen und hier jagt es dem Truggebilde einer
kranken Phantasie nach dessen Urbild über den Sternen lebt Guter William ich
fürchte so wird es immer sein
Mein Gefolge ist es sehr wohl zufrieden dass wir bald weiterreisen Meinen
Negern gefällt der städtische Aufenthalt nicht Korally das schwarze Mädchen
kann gar nicht begreifen wie man sich in einen so großen Ort einsperren könne
wo man gar keine Rasenplätze zum Tanzen keine Blütengebüsche vor seiner Haustür
habe Ihr Bruder Ismael horchte auf die Erzählungen seines Vaters von der
Lebensart der Wilden Er hofft immer einigen Stämmen am Ontario oder Erie zu
begegnen und mit eigenen Augen ihr Treiben zu sehen Dann aber sehnt er sich
nach seiner Frau und seinen kleinen Buben zurück Korally hat mir auch ganz
heimlich vertraut dass sie einen jungen Schwarzen gar liebhabe er sei aber arm
müsse noch verdienen und sparen denn Vaters kleines Feld könne keine neue
Familie mehr ernähren Gutes Kind der Natur wie wenig bedarf es dich zu
beglücken Einige Morgen Land eine Hütte ein paar Kühe und daran soll es dir
bei unserer Rückkunft nicht fehlen
                                                                      Washington
So bin ich denn gestern eingezogen in diese Hauptstadt des freien Amerika
vielleicht bestimmt dereinst der Neuen Welt Gesetze Sprache und Sitten zu
geben wie Rom sie vormals der Alten gab Möge sie sich nie zu Roms Üppigkeit
und Übermut erheben um einst zu sinken wie sie Welche Vergleichungen welche
Erinnerungen und Betrachtungen bieten sich hier bei jedem Schritte dar Kühn und
groß ist der Entwurf zu dieser großen Bundesstadt wie überhaupt der Riesenbund
dieser freien Staaten Gebe das Schicksal Gedeihen die Saat ist vollwichtig
die Säemänner sind voll redlichen Eifers und nur der Sonnenschein des Friedens
ist not Das Hagelwetter welches jüngst vorübergeflogen hat vieles zerstört
Prachtvolle Gebäude stehen dachlos und ausgebrannt und der Mond scheint
verwundert in die leeren Räume hinabzublicken Die Säulen des Kapitols sind
beschädigt von dem feindlichen Geschütz aber die Säulen der Republik trotzen
jedem Anfall hier wird sich die Macht des neuen Kartago brechen Unter Kämpfen
ward hier das Riesenkind der Freiheit geboren Kämpfe und Gefahren stärken seine
Kräfte und ziehen es groß wie die junge Eiche mitten unter Stürmen emporwächst
    Mit stiller Ehrfurcht habe ich das noch nicht ganz vollendete Denkmal des
großen Mannes besucht dessen Name durch die Stadt selbst der späten Nachwelt
überliefert wird und dessen Andenken in dem Herzen jedes Amerikaners lebt
Wahrlich ein beneidenswerter Sterblicher den selbst seine Gegner nicht zu
verunglimpfen wagen Die einfachen Sitten seines Landes die ruhige Art der
hiesigen Entwickelung bewahrten ihn vor dem kühnen Auffluge welchen unser
französischer Adler nahm Napoleon übertraf Washington an Geist und Energie
wurde aber von ihm an Mäßigung und stiller Bürgertugend weit übertroffen
Washington war der Cincinnatus des tugendhaften Roms Napoleon der Kaesar des
verderbten Beider Charakter leiden sowenig eine Vergleichung als die Lage ihrer
Umgebungen
Das Gewühl des Hafens und die Tätigkeit womit man die Brandstätte abräumt und
den Schaden zu heilen strebt hat mich mehrere Tage ergetzt und festgehalten
daneben habe ich manche Forschung nach dem Unbekannten angestellt Humphry Dyk
der Bediente von Ellison ist mir dabei sehr nützlich gewesen und ich habe
diesen Menschen recht liebgewonnen seines Diensteifers wegen Aber ach es ist
alles vergebens man weiß hier nichts von einem schwarzlockigen Franzosen
welcher unter den Freiwilligen von Baltimore sich befunden Alle Behörden sind
befragt alle Krankenanstalten besucht worden hier ist er nicht wenn er
überhaupt noch lebt »Was geht es mich an« rufe ich trotzig aus oder verlache
mich selbst mit dieser kindischen Grille aber es hilft wenig ich kann den
Gedanken nicht loswerden Das beste wird sein dass ich mich bald von hier
entferne die Anstalten zu einer Reise und die immer wechselnden Gegenstände
werden mich zerstreuen Wann wird Virginia die Ruhe ihres Herzens wiederfinden
                                                                       Baltimore
Hier bin ich wieder und in voller Geschäftigkeit für meinen großen Zug Wir
haben uns in der Tat wie zu einer Entdeckungsreise gerüstet Humphry hat
fürchterliche Vorstellungen von der Ungastlichkeit der Gegenden wohin wir
gehen ich lasse sie ihm weil mir beiläufig der romantische Gedanke durch
Wildnisse zu irren ein geheimes Vergnügen macht
    Wir haben einen Wagen mit zwei Pferden bespannt gekauft und für den Zweck
zurichten lassen Gegen Regen und Sonne wird er durch eine Art von Zelt
geschützt welches nicht nur an den Seiten in die Höhe gewunden sondern auch
abgenommen und durch Stangen vergrößert werden kann In diesem Wagen sitzen
Korally und ich auf Sitzkasten welche mit Decken und Wäsche angefüllt sind
Außerdem befindet sich ein großer Fächerkorb voll Lebensmittel und ein tüchtiges
Flaschenfutter mit Wein und Rum ein Bratspiess nebst dazugehörender blecherner
Pfanne sechs Teller aus Silberblech ein kleiner kupferner Kessel Messer
Gabeln und Löffel einige leere Korbflaschen einige hörnerne Becher ein Beil
eine Matratze und ein Tragekorb auf demselben Da hast Du unsre ganze wandernde
Haushaltung John hält uns für fürstlich ausgestattet Humphry hätte gern noch
mehr hinzugetan Er und John befinden sich zu unsrer Bedeckung zu Pferde sind
mit guten Flinten bewaffnet und reichlich mit Pulver und Blei versehen Ismael
macht den Kutscher So werden wir nun morgen in aller Frühe unsere Wallfahrt
antreten Ich habe mich mit einem kleinen Reiseschreibzeuge versehen und werde
ein ordentliches an Dich gerichtetes Tagebuch halten welches Du vielleicht
einst erhältst Mir hüpft das Herz vor Freude bei dem Gedanken an diese
Pilgerfahrt Das neue ungekannte Leben reizt mich und ich werde diese Nacht
kaum schlafen können wie die Kinder welchen das ganze Leben meist noch fremd
ist schon vor einer Spazierfahrt nicht schlafen Oh wie ist man so selig wenn
man noch Kind ist da zieht uns nur der Blumenhügel an welchen wir erreichen
können jetzt schließen kaum die blauen Berge und das Meer mein Sehnen ein
                                                                  Den 20 Junius
Wir sind vor Tage aufgebrochen um in der Morgenkühle zu reisen Die Sonnenhitze
in den Mittagsstunden ist jetzt unerträglich wir werden dann an einem
schattigen Orte rasten wo Wasser in der Nähe ist und Weide für unsere Pferde
Heute trafen wir einige artige Meiereien an wo wir uns mit herrlicher Milch und
mit Eiern versahen welche nebst dem frischen Fleisch welches wir aus Baltimore
mitgebracht hatten eine leckere Mahlzeit gaben Zur Nacht haben wir bei dem
Hause eines Pflanzers haltgemacht Mein Gefolge wird draußen bei Vieh und
Gerät Korally und ich werden in dem Hause schlafen Von hier aus möchten wir
wohl nicht oft mehr ein Obdach finden je weiter wir gegen das Gebirge kommen
desto sparsamer werden die Wohnungen und doch habe ich diesen Weg vorgezogen
statt auf Albany zu gehen die Gegend wird hier viel romantischer
    Die Kinder unsres Wirtes sehen mir neugierig zu wie ich beim Schein ihres
Küchenfeuers schreibe »Was machst du da« fragt ein kleiner Knabe »Ich spreche
mit meiner Schwester« erwidere ich »welche da über dem großen Wasser wohnt« 
»Mit den Fingern« sagt er und sieht mich kopfschüttelnd an »Ich zeichne die
Worte auf dies Papier wie du dort ein Pferd mit Kohle auf die Wand gemalt
hast« gebe ich zur Antwort Er blickt hinein und sagt »Du musst an kein Pferd
an keinen Vogel keinen Baum kein Haus gedacht haben ich kenne kein einziges
von deinen Worten«
                                                                  Den 26 Junius
Die Landschaft wird wilder aber unbeschreiblich schön Wir machen nur kleine
Tagereisen um unser Vieh bei der Hitze zu schonen Bis jetzt haben wir noch
immer Wohnungen angetroffen wo wir Geflügel Milch Eier und Früchte kaufen
konnten Diese Nacht brachten wir zum erstenmal im Freien am Saum eines Waldes
zu wo ein klarer Quell uns mit vortrefflichem Wasser versorgte und auch jetzt
indem ich dies schreibe lagern wir am Fuß eines Berges welcher dicht mit Ahorn
und weißen Zedern bewachsen ist hundert Schritte von uns braust ein Waldstrom
durch eine Bergschlucht hinab John und Humphry sind auf die Jagd gegangen und
Ismael dreht den Bratspiess Korally hat Wasser geschöpft in unsern Kessel und
bereitet die Lager ich stehe der kleinen Küche vor die Pferde weiden neben
uns Du glaubst nicht welchen eigentümlichen Reiz dieses Nomadenleben hat
selbst für den kultivierten Menschen ich wundre mich gar nicht dass die
Eingeborenen es nicht verlassen mögen
                                                                  Den 30 Junius
Schon seit vier Tagen irren wir in den Gebirgen umher uns bloß nach der Sonne
und den Gestirnen richtend worauf sich John sehr gut versteht Oft denke ich
mir wie Du Dich ängstigen würdest Du weintest ja ehmals fast jedesmal wenn
auf unsern Spaziergängen die Turmspitze von Chaumerive sich uns versteckte aus
Furcht Dich zu verirren Hier sind wir deshalb ganz unbesorgt denn diese
Wildnisse sind so überraschend schön dass man sie nie wieder verlassen möchte
Die Waldvögel über unsern Häuptern lassen ihre hundertfältigen oft so fremden
und seltsamen Stimmen hören Erdbeeren und die Beeren anderer Rankengewächse
röten den Rasen an den Abhängen der Berge von deren Wipfeln neugierige Gazellen
auf uns herniederblicken Wir leben zum Teil von dem Ertrage der Jagd welche
hier nicht mühsam ist da das Wild sich nicht sehr scheu und furchtsam zeigt
auch die Eier einiger Wasservögel haben wir schon häufig an sumpfigen Stellen
gefunden Ich schlafe unter dem Zelte die Nächte sind kalt aber entzückend
schön durch ihre Klarheit und mit Vergnügen betrachte ich die neuen
Sternbilder welche ich sonst nur auf der Himmelskarte antraf Mein Schlaf ist
vortrefflich ein wenig Rum mit Wasser Ei und Zucker vermischt mein
Frühstück wenn wir mit dem ersten Anbruch der Morgenröte uns auf den Weg
machen
                                                                   Den 5 Julius
Wir haben auf mancherlei Umwegen die südliche Spitze des Eriesees glücklich
erreicht und müssen hier einen Rasttag halten denn unsere Pferde sind ziemlich
erschöpft Das Land war schon in den letzten Tagereisen flach und offen Der See
gewährt einen schönen Anblick die jenseitigen Ufer sind nur in einzelnen
nebeligen Punkten bemerkbar John hat mehrere Wasservögel geschossen welche
unsere Mahlzeiten würzen Er späht überall nach den Wilden umher deren
Wiedersehen ihm sehr am Herzen liegt ich selber bin auf ein solches
Zusammentreffen höchst gespannt
                                                                   Den 8 Julius
Unser Wunsch wurde erfüllt Der Zufall wollte dass grade von dem Stamme mit
welchen John verschwistert ist ein Trupp von sechs Männern und vier Weibern in
ihren Kanots über den See kam um auf die Rehjagd zu gehen welche hier am Fuße
des AlleghanyGebirges sehr ergiebig ist John wurde sehr bald von ihnen als ihr
Bruder erkannt und die Freude war von beiden Seiten unbeschreiblich Er zeigte
ihnen seine Kinder und sie erklärten dass diese auch die ihrigen wären Sie
brachten uns mit großer Gastfreiheit die Beute ihrer Jagd zum Geschenk wir
bewirteten sie dagegen mit Rum und gekochten Speisen und teilten unsern Vorrat
an Reis und Zwieback mit ihnen unsre Männer gaben ihnen den größten Teil ihres
Tabaks Ich schmückte die Weiber mit allem was ich an Glasperlen einfachen
Ringen Bändern und entbehrlichen Tüchern besaß das Freundschaftsbündnis war in
kurzem auf das engste geknüpft Sie lagerten sich in unserer Nähe und geleiteten
uns heute eine ganze Strecke Der Abschied schien ihnen sehr wehe zu tun doch
trösteten sie sich mit der Hoffnung uns bei unserer Rückkunft von dem großen
Wasserfalle wohin wir nach ihrer Meinung wallfahrten um den Großen Geist
anzubeten wiederzusehn Auch John war gerührt bei dem Scheiden von diesen
herzlichen Kindern der Natur und er hat mir nachher wiederholt versichert dass
wenn er nicht Frau und Kinder daheim hätte er der Versuchung kaum würde haben
widerstehen können mit ihnen in ihr Land zurückzukehren Ich begreife leicht
wie anziehend diese ungebundene Lebensart für den sein muss welcher die Sprache
dieser Völker kennt und seine Bedürfnisse noch nicht zu weit über die ihrigen
hinaus gesteigert hat
                                                                  Den 11 Julius
Wir sind heute zu einer mittelmäßigen Meierei gelangt welche an den Ufern eines
kleinen Flusses liegt der sich ungefähr vier Stunden von hier in den Eriesee
ergießt Der Boden ist sehr fruchtbar der Mais steht vortrefflich und
verspricht einen fünfzigfältigen Ertrag Obstbäume umgeben die niedere Wohnung
und verstecken sie fast alle beugen ihre Zweige unter der Last der Früchte
Kirschen Aprikosen Birnen Melonen sind von ganz vorzüglicher Güte die
Pfirsich rötet sich schon und der Zider wird gewiss ebenso trefflich und
reichlich gewonnen werden als im vorigem Herbste Wir trinken jetzt davon und
werden unser fast geleertes Flaschenfutter damit füllen Auch herrliches Gemüse
gibt es hier Kühe weiden umher und an Geflügel fehlt es nicht Die Natur
versorgt diese glückliche Familie mit allem im Überfluss was das physische Leben
angenehm machen kann Wöchentlich bringt der älteste Sohn des Hauses die
Produkte welche man nicht verzehren kann auf einem einspännigen Karren nach
Venago welches fünf Stunden entfernt ist Die Familie besteht samt den
Kindern aus neunzehn Personen worunter zwei deutsche Knechte sich befinden
welche sich auf sechs Jahre vermietet haben dies ist bei dem ärmern Teil der
Ausgewanderten sehr gebräuchlich Nach Ablauf der Dienstzeit erhalten sie eine
Summe Geldes Vieh Getreide und dergleichen um sich anzusiedeln Bis dahin
werden sie völlig zur Familie gerechnet und den Söhnen des Hauses gleich
behandelt genährt und gekleidet Heiterkeit und Frohsinn malt sich auf allen
Gesichtern der hiesigen Hausbewohner und ich muss sie glücklich preisen in ihrer
Abgeschiedenheit welche sie gegen die tausend Plagen der Gesellschaft
sicherstellt Nur selten kehrt hier ein Reisender ein wird aber dann auch mit
der größten Gastfreundschaft empfangen und man gedenkt seiner noch lange Als
etwas Seltenes wurde bemerkt dass in dieser Woche schon zwei Fremde nebst ihrem
Führer hier gewesen welche gleichfalls nach dem Wasserfall wallfahrten Wie es
scheint waren es Maler denn der eine hatte die Landschaft gezeichnet und der
zweiten Tochter ein kleines Stück von seiner Arbeit zum Andenken geschenkt Das
muntere Mädchen lobt deshalb ihn am meisten während ihre ältere Schwester
seinen schwermütigen Gefährten rühmt
    Wir haben uns hier mit einer großen Menge frischer Lebensmittel versehn es
ist mir aber kaum gelungen den guten Leuten den wahren Wert aufzudringen
                                                                  Den 13 Julius
Wir sind nur noch drei Stunden vom Niagara entfernt und hören den Fall wie das
Rollen eines mächtigen Donners Schon gestern den ganzen Tag tönte sein Getöse
in der Ferne und in der Nacht hinderte es mich lange am Schlaf Wir haben hier
haltgemacht weil ich erst morgen zur Stelle kommen will ich habe mir dieses
große Fest zu meinem Geburtstage aufgespart Tausend Erinnerungen und Gefühle
werden da auf mich einstürmen an diesem merkwürdigen Tage wo die Kraft meines
Volkes hochaufschäumte wie diese Flut die türmenden Felsen überwand und dann
auch in den Abgrund fiel Wird dieser mächtigen Welle eine zweite folgen Es
würde mir sehr unlieb sein wenn ich morgen die beiden Reisenden dort fände von
welchen man in Woodhouse erzählte ich wäre gern allein Heute sahen wir in
einer ziemlichen Entfernung einige menschliche Figuren auf einer Hügelspitze
sitzen Ismael dessen Auge am weitesten trägt behauptete sie schrieben wie
ich es oft abends zu tun pflegte wahrscheinlich aber zeichneten sie Mein Herz
fühlte sich zu ihnen hingezogen so mächtig wirkt der Trieb der Geselligkeit im
Menschen überall und doch möchte ich wie gesagt gerade morgen nicht gern mit
ihnen zusammentreffen an einem Tage wo ich so viel abzumachen gedenke mit
meinem eigenen Herzen Mein ganzes Leben wird mit den Bildern aller meiner
Geliebten an mir vorübergehen Hier will ich das Trauerfest feiern um meine
teuren Verlorenen und hier wo der rohe Irokese betet zu dem Großen Geist will
auch ich zu ihm beten dass er mich erleuchte in dem was mir not tut Noch immer
erhält sich in mir die Ahndung als werde hier der Wendepunkt meiner Gefühle
sein kaum werde ich schlafen können vor unruhiger Erwartung Schon jetzt klopft
mein Herz höher und schneller mein Puls  ich bin ein Kind was wirds denn
sein
    Ich muss etwas Kühlendes trinken und mit Korally schwatzen das Schreiben
erhitzt mich Lebe wohl Adele Gedenke Deiner Virginia
                                                                  Den 14 Julius
O Himmel und Erde Adele er ists Wie ist die Welt so anders anders der Mond
die Gestirne anders Er ists meine Ahndung der Unbekannte der Geliebte
alles eins Lass mich zu mir selbst kommen mir schwindelt Ich möchte Dir so
gern mein Glück in seiner ganzen Fülle mitteilen wie bisher meinen Schmerz
aber meine Hand zittert Doch nur eines Namens bedarf es und hundertmal rufe
ich ihn dem Echo der Felsen zu das Echo antwortet als teilte es mein Gefühl
Warum kannst Du mir nicht antworten Adele Auch Dir rufe ich ihn zu »Mucius«
Ja Mucius die Toten kehren wieder O könntet ihr auch wiederkehren mein
Vater mein Emil meine Mutter Aber ich umfasse euch alle in dem lieben
Wiedergefundenen auch Dich Adele er ist mir Vater Bruder Freund Auch mein
Vaterland habe ich wieder wo Mucius atmet ist meine Welt Mein Kopf ist wüst
ich muss einige Stunden ruhen Das höchste Glück ist fast schwerer zu tragen als
der heftigste Schmerz Welch ein Tag der mir zum zweitenmal mein Leben mein
Glück das Ziel meiner Wünsche schenkte Schlafe wohl Adele ich vermag nicht
weiter
                                                              Einige Tage später
Für mich gibt es keine Zeit mehr In meiner Seligkeit vergesse ich zu zählen
wie oft die Sonne auf und untergeht Nur die Kranken berechnen die Stunden und
die Gefangenen zeichnen einen Unglückstag nach dem andern an die Wand ihres
Kerkers auf Gern schreibt der Unglückliche seine Leidensgeschichte der
Glückliche erzählt lieber die Feder teilt seine Wonne zu langsam mit Und doch
muss ich schreiben wenn Du erfahren sollst was ich vor allem gern zu Deiner
Kenntnis brächte ich werde also oft ein Stündchen aufopfern müssen um Dir von
meinem Glücke Kenntnis zu geben an welchem doch niemand so innigen Anteil
nehmen kann als Du Meine Erzählung wird sehr oft unterbrochen werden da jedoch
noch eine ziemliche Weile verlaufen wird ehe Du diese Blätter erhältst so
werden die Bruchstücke sich schon nach und nach zu einem Ganzen gestalten und
so fange ich denn mit jenem wunderreichen Tage des Wiedersehns an
    Wir hatten früh den letzten Ort unseres Nachtlagers verlassen und fuhren bis
zum Fuße der Felsen über welche sich der Niagara stürzt hier ließ wir Vieh
und Gerät unter Ismaels Obhut und John führte uns auf steilen Fusspfaden bis zu
einer Höhe von welcher wir den betäubenden jede Beschreibung übertreffenden
Wassersturz übersehen konnten Wir waren alle ergriffen von diesem einzigen
Schauspiele Donnernd stürzt sich der Strom von Fels zu Fels himmelhoch spritzt
der Schaum empor von der Sonne durchschienen einem Goldregen gleich
hundertfältige Regenbogen bilden sich an dem dichter herabfallenden Gewässer
Die Sprache ist zu mangelhaft den Eindruck wiederzugeben den das Auge kaum im
ganzen aufzufassen vermag Sprachlos standen wir lange und staunten vor uns hin
dann gab ich meiner Dienerschaft durch Winke zu verstehen dass ich bis zu einer
Abstufung des Felsens ohne Begleitung hinuntersteigen wolle wohin ein bequemer
Pfad führte und wo einige Wölbungen einen kühlen Aufenthalt zu bieten schienen
ich wollte ungestört sein Als ich um eine Ecke bog erblickte ich ein
männliches Wesen welches in Gedanken verloren zu sein schien und trat zurück
Der Fremde wurde mich gewahr und machte seinerseits gleichfalls eine Bewegung
um den Ort zu verlassen so dass wir einander nach entgegengesetzten Richtungen
auswichen oft schüchtern rückwärts sehend Nach vielleicht hundert ungewissen
Schritten traten wir beide zugleich auf eine Anhöhe hinauf und standen
Bildsäulen gleich einander gegenüber Welche Gestalt Ich zitterte Der Fremde
beugte sich vorwärts er hob die Arme »Geben die Gräber ihre Toten zurück«
rief eine bekannte Stimme »Mucius oder sein Geist« fragte ich fast zu gleicher
Zeit und lag in seinen Armen verlor an seiner Brust das Bewusstsein Als ich
erwachte befand ich mich im Schatten eines Felsenüberhanges Mucius hielt mich
umfasst Korally kniete zu meinen Füßen und suchte meine kalten Hände mit ihren
Küssen zu erwärmen Erhöhete Lebenskraft und Wärme kehrten durch meinen ganzen
Körper zurück sobald ich die Augen aufschlug ich blickte ja in meinen Himmel
Des Weines bedurfte ich nicht welchen der ehrliche John herbeigeholt hatte
»Miss Virginias Bruder« fragte Humphry etwas befremdet »Ja wohl Bruder Vater
und Vaterland« rief ich und umschlang den Heissgeliebten »Mehr mehr« sagte
Korally mit schlauem Lächeln und Humphry blickte zweifelnd und finster vor sich
hin Mucius bat ihn und John sich nach seinen Gefährten umzusehen welche
tiefer gegen die Wasserwand hinabgestiegen waren und sie hierher zu führen
Korally setzte sich schweigend hinter einen entfernten Stein So waren wir denn
allein und die unermessliche Seligkeit welche uns fast den Busen zersprengte
machte sich in Tränen Worten und Küssen Luft Ich bin unfähig Dir die ganze
Wonne dieser ersten glücklichen Stunden zu schildern Wir hatten nur Sinn für
das ungehoffte Glück des Wiedersehens keine andre Erinnerung trübte unsern
sonnenhellen Himmel Endlich langten unsere Führer und Mucius Freund bei uns
an dieser war die sogenannten Indianerleitern hinuntergestiegen um den
östlichen Wasserfall recht in der Nähe zu sehen während Mucius vorgezogen
hatte hier oben in der Einsamkeit seinen Gedanken Raum zu geben Er wusste es
war mein Fest und hier wollte er es in wehmütiger Erinnerung begehen So
seltsam auf so wunderbarem Wege führte uns die liebende Vorsicht zusammen denn
nimmer kann ich es für den Glückswurf des blinden Zufalls halten
    »Virginia« rief Mucius seinem Freunde entgegen Der bloße Name erklärte
diesem das Ganze er stürzte sich jauchzend an Mucius Brust »Gebenedeiet sei
die Jungfrau und alle Jungfrauen die ihr gleichen« rief er in toller
Lustigkeit »nun wird doch dies Auge wieder lachen und dieser Mund nicht mehr
seufzen wenn ich das Leben preise mit all seinen Launen Tücken und
Fastnachtspossen«
    Der Fremde ein junger Maler aus Bassano im Venezianischen welchen Mucius
in Spanien kennenlernte wo er mit ihm in einem Regimente diente wurde mir
vorgestellt Er hat ein schönes freundliches Gesicht und ist voll unerschöpflich
heiterer Laune Seine treue Freundschaft könnte den Mustern des Altertums an die
Seite gesetzt werden Das Glück seines Freundes war jetzt das seinige er hatte
ihm lange genug die Last des Daseins ertragen helfen Das Geräusch des Falls
fiel seiner Redelust beschwerlich und wir kehrten auf seinen Wunsch zu meinem
Fuhrwerk zurück Hier um ein gutes Mahl gelagert welches Ismael
bereitgehalten erzählten die beiden Freunde sich abwechselnd ihre Schicksale in
französischer Sprache welche ihnen die geläufigste unseren Leuten aber wenig
verständlich war
    Pinelli lernte Mucius in den Tagen der Hoffnung kennen wo dieser sich schon
wieder die rosenfarbigsten Bilder der heimatlichen Zukunft schuf Des Freundes
heitere Laune erhöhete die hellen Farben des schönen Gemäldes und beide fingen
an einander unentbehrlich zu werden Nach einiger Zeit setzte das gänzliche
Ausbleiben meiner Briefe Mucius in große Unruhe Pinelli tröstete nach
Möglichkeit Die Kriegsvorfälle konnten leicht die Ursache sein wie sie es denn
auch wirklich waren aber das leidenschaftliche Gemüt eines Liebenden welcher
schon so viel Trübes erfahren fürchtet leicht das Ärgste Am Morgen jenes
Tages als man sich zum Sturm auf eine spanische Festung anschickte ward Mucius
eines Soldaten gewahr welchen er als Landsmann aus Aix erkannte und welcher
erst vor kurzem bei dem Korps eingetroffen war In seiner Nähe reitend fragte
er ihn ob er den Besitzer von Chaumerive kenne »Freilich kenne ich den guten
Herren er war sonst oft in Aix«  »Weißt du jetzt nichts von ihm« fragte
Mucius zitternd »Als ich durch Avignon ging« entgegnete jener »war ihm vor
einigen Tagen die Tochter gestorben«  »Virginia« schrie Mucius mit Entsetzen
»Den Namen weiß ich nicht« sagte jener »man beklagte jedoch ihrer Güte und
Wohltätigkeit wegen allgemein ihren frühen Hintritt«  »Lebt die Mutter noch«
stammelte Mucius »Ich glaube nein« sprach der Soldat Wenige Sekunden darauf
wurde der Unglückliche von einer Kanonenkugel zerschmettert Mucius Zustand war
halbe Geisteszerrüttung Kurz darauf wurde der Sturmmarsch geschlagen Wie außer
sich sprang Mucius vom Pferde ergriff gewaltsam einen Adler und eilte die
Brücke hinauf aber schwankend und halb bewustlos wurde er bald von der Menge
hinabgedrängt Pinelli war in der größten Unruhe dem Freunde gefolgt er sah
ihn stürzen noch ehe er zu ihm gelangen konnte und nur die Stimme der
Freundschaft hörend warf er sein Pferd herum und jagte am Ufer des reifenden
Flusses entlang Nach einigen Minuten sah er Mucius auftauchen und matt mit den
Wellen kämpfen der Strom schlang ihn immer wieder in seine Strudel Endlich
blieb der schon fast Entseelte mit den Kleidern an einem Gesträuch hangen und
mit der größten Mühe gelang es dem Freunde ihn ans Ufer zu ziehen mit noch
größerer ihn völlig ins Leben zurückzurufen Beide waren weiter als eine
Viertelstunde von der Festung entfernt In dieser Lage wurden sie plötzlich von
einer Abteilung englischer Reiterei umringt und gefangengenommen Mucius fühlte
und begriff wenig von dem was um ihn her vorging er glich einem Seelenlosen
sein Freund musste für ihn denken und handeln
    In diesem Zustande wurden sie bis Lissabon gebracht und von dort mit
mehreren Gefangenen auf einem Transportschiffe nach England geführt Der
Kapitän schien gerührt von der tiefen Niedergeschlagenheit des einen und von der
aufopfernden Freundschaft des andern und behandelte beide Freunde mit einiger
Auszeichnung Pinelli erkundigte sich oft nach dem Schicksale welches ihnen bei
ihrer Ankunft in England bevorstände Die Antwort war allgemein dass sie wie
alle Subalternen nebst den Soldaten auf die Gefangenenschiffe gebracht werden
würden Er hatte von diesen Wassergefängnissen eine so furchtbare Vorstellung
dass er Tag und Nacht darauf sann sich und seinen Freund diesem Elende zu
entziehen Das Glück oder das Schicksal erleichterte sein Vorhaben Die Hitze
oder die Hand eines Frevlers sprengte nach wenigen Tagen die beiden größten
Wasserfässer des Fahrzeuges zugleich trennte ein Windstoß dasselbe von der
Konvoi und trieb es gegen die französische Küste In dieser Verlegenheit zog der
Kapitän die amerikanische Flagge auf und ging auf der Reede von La Rochelle vor
Anker wo eben kein französisches Fahrzeug von Bedeutung lag sich aber zwei
amerikanische Fregatten befanden
    Man hielt sich soweit als möglich von den Batterien entfernt und schickte
die Schaluppe ans Land um einen Vorrat von Wasser einzunehmen Die Amerikaner
kümmerten sich wenig um die Ankömmlinge sondern waren beschäftigt die Anker zu
lichten und die Segel beizusetzen um mit dem eben umsetzenden Winde in See zu
gehen Der Mond war aufgegangen und erhellte wechselnd den wolkigen Himmel die
Freunde waren auf dem Verdeck und betrachteten das eilende Gewölk Da blitzte in
Pinellis Seele ein Gedanke an Rettung auf Unvermerkt ergriff er ein daliegendes
Tau schlang es um seinen Freund und stürzte sich mutig mit ihm über Bord Die
Wellen schlugen hoch auf der kühne Schwimmer arbeitete sich jedoch mächtig
empor und zog den Gefährten mit sich welcher sich bald begriff und ebenfalls
seine Kräfte anstrengte ihm zu folgen Gewölk verdunkelte den Mond und man
ward die Schwimmer vom Schiffe aus nicht gewahr Sie nahmen ihre Richtung den
absegelnden Fregatten zu welche sie auch bald erreichten und von welchen sie
bei einem aufblitzenden Lichtstrahle bemerkt wurden Man warf ihnen ein Tau zu
und brachte sie glücklich an Bord Hier gaben sie Kunde von ihrem Schicksal und
von der falschen Flagge des Engländers ihre Rettung war vollendet Die Fregatte
war in wenigen Minuten außer dem Gesichte des Schiffes welches ohnehin an kein
Verfolgen denken konnte Die Fahrt ging gerade auf Boston wo man ohne alle
Abenteuer einlief Die beiden Freunde waren hinreichend mit Golde versehen und
man richtete sich genügsam ein Pinellis froher Mut und seine Lebenslust halfen
dem schwermütigen Mucius tragen Er brachte zu seiner Zerstreuung eine Reise
ins Innere in Vorschlag und zu den Denkmälern der Vorzeit am Ohio zu den
Wildenvölkern am Missouri und wirklich hatte diese Reise einen günstigen
Einfluss auf Mucius gramvolles Gemüt Noch jetzt spricht er mit Entzücken von
der Schönheit der südlichen Provinzen verliert sich noch in philosophische
Betrachtungen über den Urzustand dieses Weltteils über die untergegangene
Kultur dieser zersprengten Stämme Nach fast zwei Jahren kehrten die Pilger nach
Boston zurück ihre Barschaft war indessen sehr verringert Pinelli suchte seine
Kunst mit vielem Glück geltend zu machen Er führte die auf der Reise
entworfenen Landschaften mit großem Fleiße aus und fand Käufer zu ihnen Auch
die Porträtmalerei übte er wieder und man war entzückt von dem eigentümlichen
Charakter und der Idealisierung welche er seinen Physiognomien bei aller
Ähnlichkeit zu geben wusste Mucius beförderte seine Reise mit seinen
Altertumsforschungen zum Druck und gab daneben Unterricht in alten Sprachen
Mitten unter diesen Beschäftigungen erhielten sie die Nachricht von den großen
Umwälzungen im Vaterlande welche ihnen für immer den Wunsch zur Rückkehr
benahmen Sie betrachteten nunmehr das fremde freie Amerika als ihre Heimat und
eilten zu seiner Verteidigung die Waffen zu ergreifen als es von den
Engländern in seinem Innern bedroht wurde In Baltimore hatte Mucius wirklich im
Hause des Herrn Davson gewohnt wie mein ahndendes Herz es mir damals sagte
Mistress Davson fühlte sich von der sanften freundlichen Schwermut ergriffen
welche den schönen jungen Mann so anziehend machte Herr Davson fing nach und
nach an Eifersucht zu hegen welches die Freunde veranlasste bald nach ihrer
Rückkehr aus der Gegend von Washington eine Reise zu den Wasserfällen zu
unternehmen Sie durchstrichen lange die umliegenden Gegenden Mucius konnte
sich nicht wieder losreißen von dieser wildromantischen Natur und hier wo er
nur Nahrung für seinen Schmerz suchte fand er die Heilung desselben
Laut dankte ich Gott nach Endigung jener Erzählung für seine väterliche
Führung nächst ihm dem treuen Pinelli denn ohne ihn den Schutzgeist meines
Mucius hätte ich diesen nicht wiedergesehen Oh wie unendlich teuer muss dieser
neue Freund mir sein Aber auch ohne diese Rücksicht muss man den Mann
liebgewinnen Er lebt nur für seine Freunde und hegt ein gefühlvolles Herz für
die ganze Welt Seine gute Laune ist unerschöpflich jeder Unannehmlichkeit weiß
er eine heitere Seite abzugewinnen Von unserer Reisegesellschaft wird er
allgemein geliebt Er unterhält sich mit Humphry lässt sich von ihm über Amerika
belehren und bewundert seine Kenntnisse John muss ihm von den wilden Stämmen
erzählen und er schüttelt ihm treuherzig die Hand den ehrlichen Ismael umarmt
er und sagt der kleinen Korally tausend schmeichelhafte Dinge Er will damit
niemand gewinnen es ist der notwendige Ausdruck seines heiteren Herzens seiner
warmen Menschenliebe aber er nimmt jedermann ein Mucius bloß mit seiner Liebe
beschäftigt hat in dem Herzen unserer Reisegefährten nur den zweiten Rang ja
in Humphrys Augen begegne ich sogar zuweilen einem zweideutigen vorwurfsvollen
Blicke Er ist wohl nach und nach von seinem ersten Gedanken zu Korallys
Voraussetzung übergegangen und dies muss dem ehrlichen Kerl wehe tun welcher
sich gewöhnt hatte mich im stillen als die Braut seines Herrn zu betrachten
Sein stummer Vorwurf erinnert mich oft mit einiger Ängstlichkeit an Ellison
welcher jetzt meinetwegen die Meere durchkreuzt Was wird der gute William
sagen wenn er zurückkehrt Zwar spricht mein Gewissen mich frei ich habe ihn
nicht getäuscht aber ich habe nicht jede Hoffnung in ihm niedergeschlagen und
werfe mir jetzt fast die kleinste freundschaftliche Äußerung vor welche mein
dankbares Herz für ihn gezeigt hat auch fürchte ich die unangenehmen
Empfindungen seiner Familie deren Güte ich mit getäuschter Hoffnung lohnen muss
Mein Glück wird nicht eher ganz rein sein als bis bei diesen guten Menschen
wieder Zufriedenheit herrscht Mucius nimmt die Sache leichter wie wohl
meistens die Männer »Konnte William die Vergänglichkeit der Liebe hoffen«
spricht er »begriff er das Herz meiner Virginia so wenig kennt er überhaupt
wohl die wahre Liebe Wer die frühere Neigung eines anderen zu überwinden hofft
muss auch auf die Überwindlichkeit der seinigen schließen Und seine Eltern Du
lohnst ihnen Gastfreundschaft mit Dankbarkeit und kannst jeden Aufwand vergüten
welch ein Recht haben sie zu höheren Forderungen« Wenn der Geliebte so tröstend
spricht kann meine Vernunft nichts dagegen einwenden aber mein Herz hört doch
nicht auf etwas ängstlich zu schlagen und ich sehe es recht gern dass unsere
Reise sich noch länger verzögert
Wir sind bis zum Fort Niagara in kurzen Tagereisen meist zu Fuß gelangt Hier
haben sich Mucius und Pinelli beritten gemacht ihren Führer verabschiedet und
neue Lebensmittel eingehandelt Dann sind wir bis zum See Ontario hinaufgezogen
und haben auf mehreren herrlichen Pflanzungen verweilt Heute sind wir bis
Woodhouse zurückgekehrt wo wir mit lauter Freude empfangen wurden und auf
inständiges Bitten der Familie zwei Rasttage halten werden Diese einzelnen
Niederlassungen haben einen unbeschreiblichen Reiz für uns besonders für
Mucius welcher sich seit den neuesten Umwälzungen in unserem Vaterlande mit
dem Zeitgeiste von Europa entzweiet hat Schon malen wir uns mit wahrer Liebe
das Bild einer einsamen Kolonie aus welche bei aller Geisteskultur der
gebildeten Welt doch die ganze Einfachheit der Sitten des Goldenen Zeitalters
bewahrt Pinelli ist unerschöpflich an neuen Einfällen und Entwürfen für diesen
unsern Lieblingsgedanken welcher leicht in Wirklichkeit verwandelt werden
könnte wenn wir noch einige gleichgestimmte Menschen träfen
    Wir begleiten hier die jüngeren Mitglieder der Familie bei ihren leichten
Arbeiten Heute abend gab uns der gute Vater vom Hause einen ländlichen Ball
wobei er die Geige mit vieler Leichtigkeit spielte Wir tanzten sämtlich auf
einem kurzen ebenen Rasen mit gleicher herzlicher Fröhlichkeit Rümpfe nur das
Näschen immer ein wenig liebe Adele über die Art unsrer Vergnügungen ich
ziehe sie euren glänzenden Hofbällen weit vor Welch ein seliges Gefühl für
mich nichts als Mensch zu sein Ich bin nicht mehr die Gräfin Montorin ich bin
auf ewig nur Virginia
                                                                    Philadelphia
Ich habe Dir lange nicht geschrieben meine Adele Desto öfter denke ich an Dich
und spreche von Dir und unsere Freundschaft leidet nicht darunter dass Du nicht
mehr meines Busens einzige Vertraute bist Gewiss Du freuest Dich mit Deiner
sonst so verlassenen und jetzt so glücklichen so überreichen Virginia
    Wir sind hier nach einigen Umwegen glücklich angekommen Mucius und
Pinelli haben eine Wohnung gemietet und ich würde gern ein Gleiches getan
haben hätte ich nicht Ellisons dadurch noch mehr zu kränken geglaubt Es gibt
hier im Hause veränderte Gesichter vorzüglich von s der Mutter welche
meine offene Erzählung mit einem ungläubigen Kopfschütteln anhörte und mit
spitzen Anmerkungen begleitete Sie hält die Begebenheit für eine offenbare
Fabel und Reise und Zusammentreffen für einen heimlich verabredeten Plan das
schmerzt mich tief Wäre nur erst William hier was wird er dazu sagen wird er
seiner Freundin mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen Hätte ich doch erst
hierüber Gewissheit Nur Philippine ist die alte Sie warf sich mir mit einem
Freudengeschrei in die Arme und als ich ihr Mucius vorstellte hüpfte sie
diesem mit kindlicher Fröhlichkeit entgegen und schüttelte ihm freundlich die
Hand Dieser findet das Mädchen so liebenswürdig als ich und Pinelli schwört
bei allen seinen mytologischen Göttern sie sei die jüngste der Grazien Ich
fürchte sehr er wird künftig keine andere Gestalten mehr malen wollen als ihren
Nymphenwuchs und ihr liebliches griechisches Profil auch Philippinchen sieht
den munteren Jüngling gern »Es ist ein lieber Mensch« sagt sie ganz offen und
ohne Erröten »man sieht ihm durch die klaren Augen bis in die Seele hinein«
Nun wer weiß was mir auch von dieser Seite für Glück erblüht wenn mein
eigenes Schicksal nur erst entschieden sein wird
Ein Brief von Dir Adele und von London Welche Neuigkeiten welche
unerwarteten Begebenheiten Du Arme wieder geflüchtet wieder heimatlos Welch
ein prophetischer Geist sprach aus mir als ich sagte Du ständest auf einem
glimmenden Vulkane
    So habe ich mich doch nicht getäuscht über die Gesinnungen meiner
Landsleute denn was man auch sagen mag und wird mit einigen hundert Mann
erobert man kein Reich in wenigen Tagen Auch werden die Geschichtsforscher
künftiger Jahrhunderte schließen dass wer einen Thron zum zweiten Male
besteigen konnte bloß durch die Macht seines Namens und die Liebe seines
Volkes dieses Trones nicht ganz unwürdig sein könne Millionen irren nicht
leicht über ihr Interesse und ihre Neigung Wird aber der wiederauftretende Held
dem allgemeinen Sturme widerstehen können welcher sich sogleich in seiner Nähe
erheben muss ehe seine Stellung noch Festigkeit gewinnt Ich zweifle sehr und
beklage das unglückliche Frankreich Hier ist man mit den Neuigkeiten sehr
zufrieden England wird dadurch wieder in Europa beschäftigt und lässt uns in
Frieden Ich sage uns denn welches auch immer Frankreichs Schicksal sein mag
ich kehre nimmer dahin zurück Hier ist nunmehr mein Vaterland mit ihm dem
Lande der Freiheit kann sich kein europäischer Staat messen wo dieses große
Wort bedeutungslos ist Alles was Du mir übrigens schreibst macht mir große
Freude Du liebst mich noch das ist die Hauptsache Du hast meinen Brief aus
Marseille erhalten auch den welchen ich einem Kauffahrer am Ausfluss des
Delaware mitgab und hast Dich über mein Schicksal beruhigt Deine gute Mutter
zürnt mir nicht und hat Dir erlaubt mir von London aus zu schreiben Das ist
viel fast mehr als ich hoffte Möge doch Dein Vater lebenslang dieses strenge
Stillschweigen über mich beobachten ich werde ihn niemals an mein Dasein
erinnern Man denkt auf eine Heirat für Dich Möge die Wahl glücklich sein
mögest Du so glücklich werden als ich zu sein hoffe Du gibst mir doppelte
Adresse unter welcher ich Dir schreiben soll Das macht mir unbeschreibliche
Freude und ich danke Dir tausendmal für diese Maßregel Nun scheint es mir als
wären wir gar nicht getrennt höchstens nur durch Meilen durch einige Berge
einige Flüsse Was ist es denn mehr Ein Schnellsegler kann Dir meine Gedanken
in wenigen Wochen überbringen und ebensoschnell kann ich Deine Antwort
erhalten Mucius grüßt Dich aufs herzlichste Er liebt Dich in dem Bilde
welches ich ihm immer von neuem von Dir entwerfen muss und wozu ich jetzt oft
einige Ähnlichkeiten von Philippinen borge welche Dir wirklich in manchen
Stücken verglichen werden kann Auch sind es diese Ähnlichkeiten welche mich
zuerst zu dem lieben Mädchen hinzogen
Wir leben hier ein seliges obwohl erwartungsvolles Leben und sehnen uns von
allen Seiten nach Williams Ankunft die Mutter weil sie für ihn fürchtet wir
andern weil wir auf ihn hoffen Gewiss wird seine Gegenwart die Spannung lösen
welche man jetzt nur zu verbergen sucht Philippine und Pinelli scheinen
heimlich auf seine Verwendung zu rechnen Ihre Wünsche stehen leserlich in ihren
Mienen geschrieben aber die Eltern geben sich das Ansehen sie nicht zu
verstehen zu reden wagt niemand Philippine ist stumm aus Schüchternheit wir
Fremden schweigen aus Mangel an Recht  Die Freunde haben die Bekanntschaft
zweier trefflichen Männer gemacht eines Schweizers und eines Deutschen namens
Stauffach und Walter und auch diese bei uns eingeführt beide gefallen uns
sehr Der erste ist ein junger Apotheker welcher aus leidenschaftlicher Liebe
zur Gewächskunde einen großen Teil der südlichen Provinzen bis Mexiko
durchwandert hat der zweite stammt aus einer hannöverischen Familie und
studierte in Hofwyl die Landwirtschaft wo er mit Stauffach bekannt wurde Seine
Mutter gewann einst in einer englischen Lotterie ansehnliche aber wüste
Ländereien am Ohio Bei der Entfernung und dem langen Kriege waren alle
Nachforschungen fruchtlos Man nannte die Besitzungen scherzend die Güter im
Monde Der Vater war tot der Bruder blieb im Kriege die Mutter folgte ihren
Lieben in kurzem nach und hinterließ ihrem jüngsten Sohne ein kleines Vermögen
nebst den Urkunden über die amerikanischen Ländereien Walter hatte keine nahen
Verwandten und keine lockenden Aussichten in den bedrängten Ländern der Alten
Welt daher nahm er sein ganzes Eigentum zusammen und folgte seinem
schweizerischen Freunde lustig in die Neue Er wurde der unzertrennliche
Gefährte seiner Wanderungen und durchstreifte auf diesen auch seine Besitzungen
Ihre Lage und ihr ergiebiger Boden entzückten ihn Sie wurden unter Aufsicht
der OhioGesellschaft verwaltet doch nur äußerst nachlässig da sich kein
Eigentümer meldete kaum der fünfzigste Teil war urbar und dennoch fand er
diesen schon hinreichend seinen Unterhalt zu sichern Er eilte sich als
rechtmäßigen Besitzer auszuweisen und denkt jetzt darauf sich in den Stand zu
setzen dort angenehm und bequem zu leben Diese Angelegenheit ist eine
Hauptunterhaltung der jungen Männer woran auch ich immer mehr teilnehme Der
Italiener nennt den jungen Mann scherzend bald Fürst Walter bald Walter
Robinson Stauffach und Mucius nennen ihn nur den Penn von Kentucky
                                                            Einige Wochen später
Große Freude gedrängte Neuigkeiten und Begebenheiten Was soll ich Dir zuerst
erzählen und in welcher Reihefolge Doch mit dem was das Herz beschäftigt
fange ich an William ist angekommen und ich habe Deine lieben Briefe erhalten
William ist hier und ich atme aus voller leichter Brust Als die Nachricht aus
dem Hafen einlief der »Washington« gehe vor Anker erblassten wir alle und mein
Herz schlug kaum hörbar Doch als der edle Mensch mit seiner festen Haltung
ins Zimmer trat und sein freundliches Zutrauen forderndes Auge auf mich warf
da war plötzlich meine Ängstlichkeit verschwunden und ich eilte ihm mit
schwesterlicher Zärtlichkeit entgegen Er bewillkommte mich mit seiner alten
Herzlichkeit sein Blick ruhte lange auf mir und überflog dann die kleine
Versammlung »Ich finde Sie so glücklich wieder« sagte er »wie meine
Freundschaft es nur wünschen konnte Ihre Gesundheit scheint auf Ihrer Reise
viel blühender geworden und der Kreis Ihrer Freunde hat sich angenehm
vermehrt«  »Ich habe den ältesten wiedergefunden« erwiderte ich und in
demselben Augenblicke warf sich Mucius an seine Brust und bat mit seiner
rührenden schönen Stimme »O lassen Sie mich auch der ihrige werden edler
Mann« William war betroffen aber bald fragte er »Mucius« 
    »Er ists mein verlorener wiedergefundener Mucius« rief ich Er blickte
von ihm auf mich ein leichter Krampf zuckte um seinen Mund und eine Blässe
überflog plötzlich sein Gesicht doch mit schnellem Übergange schoss der gehemmte
Blutstrom verdoppelt in seine Wangen er schloss uns beide zugleich mit
Heftigkeit in seine Arme und rief »Willkommen an dem Herzen eures Bruders«
Dann grüßte er die übrigen und beantwortete die Fragen seines Vaters mit der
gewohnten Klarheit und Ruhe Die Mutter betrachtete ihn oft unvermerkt von der
Seite und schüttelte heimlich den Kopf doch schien auch sie froh dass der
gefürchtete Augenblick vorüber war Nun ging es an ein Erzählen und Erkundigen
dass die Mitternacht ganz unbemerkt über unsre Versammlung hereinbrach Im ganzen
hörten Mucius und ich nichts Unerwartetes Dass ein einziger Schlag entscheiden
würde hatten wir freilich nicht voraussehn können wenn es aber doch so enden
musste so war es gut für Frankreich dass es schnell endete Der Held des
Trauerspiels wird hier sehr verschieden beurteilt Bei Extremen denke ich
liegt die Wahrheit ziemlich in der Mitte die Zeit das Endurteil zu sprechen
ist noch und lange nicht erschienen Der Ort seines künftigen Aufenthalts
interessiert mich sehr ich kenne die glückliche Insel Oh könnte ich ihm meine
Ruhe geben er würde dort glücklich leben Freilich macht der Gedanke gefangen
zu sein eine Änderung aber auch in Fesseln ist der Weise frei und ein
königlicher Gefangener gebietet seinen Wächtern
Wie sehr die neuesten Begebenheiten Europa erschüttern davon spürt man hier
besonders die Wirkungen an dem Heere der Ausgewanderten welche in den hiesigen
Häfen landen Wie die Möwen beim drohenden Sturme an das Ufer eilen so
verlassen die Menschen den gärenden Weltteil und fliehen zu unseren
Friedensküsten Auch Ellisons Schiff hat interessante Flüchtlinge an Bord
genommen während es in einem niederländischen Hafen ankerte einen deutschen
Mechaniker namens Frank nebst Frau und zwei Schwestern einen Baumeister aus
Verona einen florentinischen Arzt mit seiner Schwester und einen
niederländischen Kunstgärtner mit seiner Frau sämtlich gebildete Menschen jung
und lebensfroh welche hier ein besseres Fortkommen und ein freieres Dasein
suchen Die lange Reise hat sie mit William eng befreundet welchem besonders
die Mädchen mit unschuldiger Freundlichkeit entgegenkommen Er zeichnet darunter
die jüngste der deutschen mit einigem Wohlgefallen aus Philippine ist innig
vergnügt über diesen Zuwachs unserer weiblichen Gesellschaft und macht die
Wirtin mit so vieler Anmut dass die Fremden sich schon ganz einheimisch finden
Seit gestern abend ist unser munterer Kreis etwas verstört durch die
Unpässlichkeit des Vaters Ellison Die Symptome sind bedenklich unser
Florentiner fürchtet das gelbe Fieber und ermahnt uns alle einen andern
Aufenthalt zu wählen er selbst weicht nicht von dem Kranken hat aber um den
Beistand des Hausarztes gebeten Die Gesellschaft versammelt sich jetzt auf dem
Landhause Ich werde die Nacht in der Stadt zubringen um Philippinen abzulösen
welche nebst der Mutter die vorige Nacht durchwacht hat Mucius und William
wollten mich daran verhindern ich stellte ihnen aber vor wie oft der eine den
Schlacht der andere den Seesturm bestanden mit fester Treue in ihrem Beruf
»Des Weibes Beruf ist am Krankenbette Pflege zu leisten« setzte ich hinzu
Die Lage wird gefährlicher Das gelbe Fieber ist nicht mehr zu bezweifeln auch
die Mutter hütet das Bett Das Haus ist gesperrt die Gemeinschaft mit dem
Landhause ist gänzlich aufgehoben wozu ich freiwillig das meiste beigetragen
habe Wie könnte ich Mucius Philippine und William in Gefahr wissen Ich habe
den ersteren in einigen Zeilen beschworen die Geschwister mit Gewalt
zurückzuhalten wie es selbst die Eltern wünschen über mich mag die Vorsicht
walten Sollte mich die Krankheit ergreifen so konnte dies schon bei der ersten
Nachtwache geschehen aber ich hoffe auf meinen Mut und vernachlässige keines
der Mittel welche mir Salvito der Florentiner empfiehlt Dieser hält treulich
mit mir aus Das Studium seiner Kunst verdrängt bei ihm jede andere Rücksicht
mich beseelt Dankbarkeit und Freundschaft ich kann die guten Alten nicht unter
fremden bezahlten Wärtern wissen und teile meine Pflege zwischen ihnen Ihr
zufriedenes Winken sooft sie zum Bewusstsein kommen lohnt mir dafür
Es ist vorüber Dieses Übel endet schnell Armer William arme Philippine
verwaist ganz verwaist mein Herz blutet mit Ach ich habe ihren Schmerz
empfunden Sie sind um vieles glücklicher als ich es war sie trauern
gemeinschaftlich
    Noch immer bin ich die Schaffnerin dieses verödeten Hauses welches kein
fremder Fuß zu betreten wagt Heute in der Stille der Mitternacht werden
Salvito und ich die dichtverschlossenen Särge der verstorbenen Gatten zur Gruft
geleiten Verhüllte scheue Leichenträger werden die einzigen Begleiter sein und
John der treue John welchen nichts abhalten konnte seinen Wohltäter noch
einmal zu sehen William hat auch zu uns gewollt aber man hat es verhindert
Philippine liegt krank wie mir John sagt Gott verhüte dass sie schon von
dieser fürchterlichen Krankheit ergriffen ist deren Ausbreitung die
Gesundheitspolizei mit großer Wachsamkeit zu verhindern strebt Morgen werden
wir auf dem Hofe des Hauses das sämtliche Mobiliar mit Wäsche und
Kleidungsstücken verbrennen Ich werde ein Bad nehmen und mich unmittelbar
darauf in frische Wäsche und Kleider hüllen welche man mir von außen reichen
wird Dann verlasse ich dies traurige Haus des Todes um wieder aufzuleben in
den Armen der Liebe und den leidenden Freunden beizustehn Salvito und John
werden mich begleiten
                                                    Vom Landhause nach 14 Tagen
Alles ist glücklich überstanden Trotz der beobachteten Vorsicht war ich doch
nicht ohne Besorgnis für meine Lieben und näherte mich ihnen nur auf einem
weiten Umwege längs den Ufern des Delaware Aber wir sind sämtlich gesund
geblieben und Philippinens Krankheit war nur eine Wirkung ihres bewegten
Gemüts über welches die Zeit und des Freundes Trost schon einige Macht
gewinnen Wir trauern gemeinschaftlich über den Tod des gastfreundlichen Paares
dessen kleine Schwächen mit der irdischen Hülle abgelegt wurden Glücklich
preisen wir ihr Los dass sie nach langer Vereinigung fast zugleich und so
schnell die Erde verließen Jeder von uns wünscht so dereinst mit dem Gefährten
seines Lebens Hand in Hand die große Reise anzutreten
Wir haben uns hier förmlich miteinander eingerichtet eine kleine freundliche
Kolonie und es ist uns ganz undenkbar uns wieder voneinander zu trennen Der
Plan mit Walter an den Ohio zu ziehen gewinnt immer mehr Festigkeit selbst
Ellison will sein und seiner Schwester Vermögen aus der Handlung nehmen und uns
begleiten Die Männer gedenken noch in diesem Herbst eine Reise dahin zu machen
und das Nötige zu ordnen Wir zärtlichen Dulzineen werden ihre Rückkunft mit
Sehnsucht erwarten denn unsre Herzen stehen sämtlich unter Amors Macht und der
Frühling wird mehr als ein Eheband knüpfen Philippine und Pinelli werden Mucius
und mich zum Altar begleiten wahrscheinlich auch William und die sanfte Marie
Frank Salvito wirbt um Terese Frank und Antonio der Veroneser scheint die
schöne Florentinerin Rosalva zu lieben Noch ein liebendes Paar ist seit
einigen Tagen zu uns gekommen Dupont ein Franzose ist mit seiner jungen
Braut hierher geflüchtet um ein Bündnis zu schließen dem in ihrer Heimat große
Hindernisse im Wege standen Er ist Protestant und die beginnenden Verfolgungen
seiner Glaubensgenossen drohten ihn auf immer von seiner katholischen Geliebten
zu trennen Welch ein Verein von jungen munteren Kolonisten Noch nie ist wohl
ein kleiner Staat unter so günstigen Vorbedeutungen gegründet worden
Die kühlere Herbstluft hat den Fieberstoff zersetzt und die Besorgnis einer
allgemeinen Ansteckung ist verschwunden es zeigt sich keine Spur mehr davon
Unsre Geliebten sind abgereist von John und seinen Söhnen begleitet Humphry
ist zu unsrem Schutze hiergeblieben Wir verlassenen Frauen vertreiben uns die
Zeit so gut es sich tun lässt wir gehen und fahren aus machen Musik und
arbeiten An Stoff zur Unterhaltung fehlt es uns nicht Die furchtsamen Weibchen
zittern vor den Gefahren welche ihre Männer in dem wüsten Lande treffen
könnten und nehmen mit ihren tausend Fragen ihre Zuflucht zu mir ich bin ihre
Heldin die allen Mut zuspricht Ich darf reden meinen sie denn ich habe ja
die Gebirge durchreist habe die Wasserfälle gesehen und die Wilden Gazellen
und Wölfe ja selbst in einiger Entfernung einen Bären und ich lebe noch Was
noch mehr ich sehne mich in die Urwälder zurück in die Freiheit des Goldenen
Zeitalters Meine Beredsamkeit reißt alles mit sich fort man wünscht die Zeit
herbei wo der Völkerzug beginnen soll unfehlbar geschieht dies in den ersten
Frühlingstagen
Es scheint als ob wir auch noch ganz junge Kolonisten mitnehmen sollten Die
junge Frank und Vanhusens niedliches Weibchen sind guter Hoffnung Wir Mädchen
haben uns vereinigt den kleinen Ankömmlingen eine förmliche Aussteuer zu
bereiten und da ist denn ein Wetteifer im Sticken Stricken und Nähen dass es
eine Lust ist unsern emsigen Zirkel zu sehen welcher sich um den flammenden
Kamin bildet oder um den dampfenden Teetisch Hin und her gaukelt das
freundliche Kosen manch neckendes Wort von den Lippen der schalkhaften Weibchen
rötet die Wangen der Mädchen Zephyrine meine junge muntere Landsmännin
vergilt ihnen Arges mit Argem und überflügelt sie oft mit ihrem Witz Dies
liebliche Mädchen hat die Neigung aller im vorzüglichen Masse Sie nennt sich
selbst unser verzogenes Kind spielt tausend kleine Eulenspiegelstreiche und
wir lieben sie darum nur desto mehr Sie gleicht ihrem Namensbruder dem
Westwinde der unter Blumen spielt und Balsamdüfte stiehlt und gibt
Freude über Freude Unsre Ritter sind glücklich zurückgekehrt und haben die
frohesten Nachrichten mitgebracht alles ist vortrefflich gefunden worden
Ellison und Mucius haben noch einen großen Bezirk hinzugekauft wovon der
kultivierte Teil mit Walters Erbschaft zusammenhangt John und seine Söhne sind
zurückgeblieben um über die Arbeiter die Aufsicht zu führen wozu Walter
Tagelöhner aus Louisville gedungen hat Unser Baumeister hat die Risse zu den
vorläufigen Gebäuden entworfen und auch diese werden wir durch den Fleiß
reichlich bezahlter Handwerker fertig finden Dann aber werden wir aller
Aussenhülfe entsagen und die junge Kolonie wird für ihre Bedürfnisse selbst
sorgen Hierzu werden alle nötigen Vorkehrungen getroffen Alles ist voll Leben
und Tätigkeit wir alle sind nur von einem großen Gedanken begeistert Mucius
entwirft den Plan zu einem kleinen Staate in welchem Freiheit und Gleichheit
verwirklicht werden sollen jeder Abschnitt des Entwurfs wird der
Generalversammlung in welcher auch wir Weiber eine halbe Stimme haben
vorgelegt und nach Stimmenmehrheit angenommen oder abgeändert und ich denke
es wird eine Verfassung zustande kommen woran mehrere Menschenalter nichts zu
flicken finden werden Ewig ist am Ende nichts selbst das Sonnensystem bekommt
nach Jahrtausenden einen andern Polarstern
    Unsre jungen Weibchen sind von zwei munteren Knaben entbunden worden Wir
werden den Tag an welchem ihnen Namen beigelegt werden sollen mit der
Vermählung sämtlicher Paare feiern und erwarten dazu nur die gänzliche
Wiederherstellung der Mütter Auch wir haben manches zu beschicken für den neuen
Haushalt welcher zwar sehr einfach aber doch äußerst bequem eingerichtet wird
selbst unsre Kleidung wird gänzlich umgestaltet
    Der Mechanikus ist beschäftigt unter den erfundenen Maschinen die
zweckmässigsten zu wählen denn in einer jungen Kolonie allein ist es von
unbestrittenem Vorteil Menschenkraft und Hände zu ersparen Es wird jetzt von
nichts gesprochen als von Säemaschinen Dreschmaschinen Spinnmaschinen
Webemaschinen usw Auf der andern Seite zieht Walter Erkundigungen ein wo die
besten Arten des Rindviehes der Schafe usw zu haben sind Vanhusen handelt
Sämereien Setzbäume und Pfropfreiser ein Johns ganze Familie meine Korally
ist verheiratet nebst noch zwei Schwägern und ihren Kindern rüsten sich zum
Aufbruch und werden uns begleiten sechzehn Neger und Negerinnen die Kinder
ungerechnet Sie werden ein Dörfchen in der Nähe des unsrigen beziehen und uns
beim Feldbau zur Hand gehen auf welchen sich die meisten vollkommen verstehen
Daneben werden sie hinreichende Ländereien und Vieh erhalten und überhaupt so
gesetzt werden dass sie als wohlhabende Grundbesitzer fast uns gleich leben
können Unter den scharenweise ankommenden deutschen Ausgewanderten haben Walter
und Frank zehn tüchtige und wackere Handwerker ausgewählt welche mit ihren
Familien gleichfalls ein Dorf in unsrer Nähe Landeigentum und vorteilhafte
Bedingungen erhalten Mit ihnen sowohl als mit den Negern sind Verträge auf zehn
Jahre geschlossen und ich hoffe sie werden nach ihrem Ablaufe von beiden
Seiten gern verlängert werden
    Schon scheint die Sonne wärmend auf das junge Jahr die Tulpenbäume in
unsren Gärten treiben mit den Tulpen der Beete um die Wette und die geselligen
Sangvögel kehren aus den wärmeren Zonen unter unsre Zederngebüsche zurück
Morgen ist die große Feier der Hymenäen morgen vereint mich ein öffentlicher
Schwur auf ewig mit meinem Mucius Oh könntest Du uns heute sehen an diesem
Tage der seligen Vorfeier Jedes Auge glänzt noch einmal so hell jede Rede
klingt gleich einer Jubelhymne Die ganze Versammlung scheint ein wenig
närrisch Pinelli und Philippine Dupont und Zephyrine Salvito und Terese
tanzen um die Wette Antonio und Rosalva verstecken und suchen sich durch alle
Lauben während William und seine sanfte Marie Walter und sein Freund der
Schweizer mit einem Paar schöner Mädchen den Jugendgespielinnen Philippinens
sich innerer Seligkeit voll die Hände drücken und schweigend in die blauen
Augen schauen Von mir und Mucius müsste ich eigentlich auch sprechen meinst Du
Je nun liebe Adele uns wird unser Schellenkäppchen auch nicht fehlen wir
bemühen uns nur es mit Anstande zu tragen wie es so alten Liebesleuten
geziemt Die Stürme des Schicksals haben ihr mögliches getan einen Teil des
Blütenstaubes von den Schmetterlingsflügeln unsrer Liebesgötter abzustreifen an
dem Lächeln der Ehepaare sehe ich jedoch dass die losen Buben überall
hervorgucken O könntest Du mir doch den Brautkranz winden meine traute Adele
Mucius übernimmt es an Deiner Statt jeder Verlobte flicht ihn der Verlobten
Lebe wohl Du Freundin meiner Kindheit zum letzten Male schreibt Dir das
Mädchen Virginia das nächste Mal Mucius Gattin
Wir rüsten uns zur Abreise Alle verlassen diese gastliche Gegend ohne die
leiseste Reue An der Hand des Geliebten wandelt man ja freudig zur Unterwelt
um wieviel lieber also einem stillen Paradiese entgegen wie wir es zu finden
hoffen Selbst Walters und Stauffachs Gattinnen Fanny und Lucia verlassen ihre
Verwandten ohne Schmerz In ihren Familien ist diese Trennung nichts mehr als
wenn man bei Euch von Lyon nach Avignon zöge Die Wanderungslust ist hier
überhaupt fast ansteckend Der Amerikaner hangt bei weitem nicht so fest an der
Erdscholle auf welcher er geboren wurde als der Europäer und liebt die
Ortsveränderung Ob dies in allen Kolonien der Fall sein mag oder ob es der
Reichtum des Bodens ist welcher die Ansiedler so mächtig nach dem Innern zieht
Häufig verlassen sie ihre mühsam angebaueten Pflanzungen nach wenig Jahren und
suchen weiterhin einen fetten Erdstrich wo sie mit gleicher Anstrengung einen
neuen Anbau beginnen Selbst die Pflanzer auf unsern nunmehrigen Besitzungen
haben diese mit Freuden verkauft um sich in Louisiana und an dem Missouri
anzusiedeln mitten unter wilden kriegerischen Stämmen Ob dieser Geist sich
auch unsrer jungen Kolonie bemächtigen wird Ich glaube nein Wir werden
glücklicher sein als diese vereinzelten Pflanzer und unsere Kinder werden den
Boden lieben wo sie ihre glückliche Kindheit durchspielten wir werden eine
Verfassung haben und Vorteile genießen welche man außer unsern Grenzen
vergebens suchen würde
Du kennst unsere fröhliche Gesellschaft welche sich in Marsch gesetzt hat
Wahrlich ein Völkerzug Sämtliche Männer zu Pferde die Frauen und das Gerät
Proviant und Maschinen auf sechzehn Wagen die Herden unter Leitung der Neger
Unsere Handwerker bestehen in einem Schmied Stellmacher Zimmermann Tischler
Schuhmacher Töpfer Glasmacher Kupferschmied Leinweber und in einem
Tuchweber sämtlich verheiratet und zum Teil mit halberwachsenen Kindern alles
rüstige Menschen welche auch bei dem Feldbau von Nutzen sein werden Humphry
wollte sich durchaus nicht von seinem Herrn trennen und wird sich bei uns
ansiedeln wo er dann unter einigen hübschen deutschen Mädchen die Wahl haben
wird Wir gehen durch Virginien und am Fuß der Gebirge hin Die Weideplätze für
unser Vieh bestimmen unsern Weg weshalb wir die Städte und auch größtenteils
die Pflanzungen vermeiden wo das Eigentumsrecht uns Streitigkeiten zuziehen
könnte Um frischen Proviant einzuhandeln werden Seitenpatrouillen abgeschickt
das meiste verschafft uns die Jagd Wir lagern unter freiem Himmel welches ich
schon von meiner Reise her sehr gewohnt bin meinen Gefährtinnen aber anfangs
sehr sonderbar vorkam Zephyrine nennt uns nicht anders als die Zigeunerhorde
und Mucius den Hauptmann Sie ist äußerst drollig wenn sie abends um die Feuer
hergaukelt und in ihrem angenommenen Zigeunercharakter uns allen wahrsagt Am
possierlichsten ist es dann wenn sie unter die Deutschen gerät welchen sie
sich nicht verständlich machen kann und von welchen sie kein Wort versteht Oh
wie schön ist hier die Natur Die Tulpenbäume stehen in voller Blüte neben
ihnen die zarte Akazie mit ihren weißen duftenden Blütenbüscheln der
schattende Plantan und sein Bruder der Zuckerahorn schützen uns gegen die
Strahlen der brennend heißen Sonne Jasmin Geissblatt und Rosen bilden Lauben
und Wände und erfüllen die Luft mit Balsamdüften die Höhen sind mit Zedern
Tannen und Eichen bekränzt überall vermählt sich der Norden mit dem heisseren
Süden Wie wird es sein in unserem lauen Tale am schönen Ohio Wir werden auf
Louisville gehen um uns noch mit einigen Bedürfnissen zu versehn dann gehts
nach Eldorado wie wir unsere Landschaft getauft haben um es nimmer wieder zu
verlassen Möchte es doch wie jenes Eldorado des Kandide jedem Fremden
unauffindbar sein Zwar wird er dort keine Goldstücke keine Rubinen zu
entwenden finden aber er würde die Ruhe und den Frieden unterbrechen welche
dort ihren Wohnsitz aufschlagen werden Fern von dem unruhigen Treiben der Welt
werden unsere Tage dahinfliessen wie der Wiesenbach dessen Wellen kein Sturm
empört kein Ehrgeiz kein Gelddurst wird unsre Herzen bewegen welche nur für
die Liebe und die sanften Gefühle der Freundschaft schlagen politische
Meinungen werden uns so fremd sein als Religionsstreitigkeiten keine
Modetorheit wird uns berühren kein Richter Streitigkeiten veranlassen kein
Fürst Befehle erteilen kein Priester unsern Glauben meistern Das goldene
patriarchalische Dasein hebt für uns an wo alle Menschen Brüder waren und
welchen Schatz von Kenntnissen und Fertigkeiten nehmen wir mit in dieses Leben
hinüber Wie doch so anders muss es sich gestalten als in jener Urzeit
menschlicher Kindheit
                                                        Eldorado im Junius 1816
Angelangt sind wir in Edens blühendem Garten Kein erzürnter Engel wehrte uns
den Eingang freundlich wurden wir von dem Grenzgott freundlich von den
friedlichen Laren empfangen Wir mussten den Kentucky hinaufgehen bis fast zu
seinem Ursprung um einen Übergang zu finden in unser Paradies Sehnsüchtig
blickten wir hinüber wie einst die Kinder Israel nach den blauen Bergen welche
sie noch von dem glückseligen Arabien trennten Zephyrine verglich uns
hundertmal mit ihnen und Mucius mit ihrem Führer und Gesetzgeber In ihrer
fröhlichen Laune reich an Anspielungen und Gleichnissen nannte sie Walter und
Stauffach Josua und Kaleb welche uns die goldene Traube gezeigt damit wir
geduldig durch die Wüste folgen möchten wie die Rinder dem salzspendenden
Hirten die Deutschen meinte sie wären die ägyptischen Ziegelstreicher und
Fronknechte welche durch den langen Zug erst geläutert werden müssten und würdig
gemacht zur Gründung der neuen Kolonie Nur bat sie dass die Prüfungszeit nicht
auf vierzig Jahre ausgedehnt werden möge weil sie noch wünsche im Gelobten
Lande um den Bundesaltar zu tanzen ehe sie Runzeln habe und der Krücke bedürfe
    Endlich fuhren wir durch den Fluss und nach einer Tagereise über eine
Hügelkette von ziemlicher Höhe Auf der Spitze des letzten Berges rief Walter
»Wir sind am Ziel« Und zu unsern Füßen lagen weithin die grünen beblümten
Savannen wie ein gestickter Teppich welchen links ein dunkler Urwald rechts
der blaue Kentucky mit seinen Silberpappeln und babylonischen Weiden besäumt
Ein allgemeiner Freudenruf tönte durch die Lüfte wir sprangen alle zu gleicher
Zeit auf und liefen mit ausgebreiteten Armen jauchzend den Berg hinunter Hier
auf der Grenze unsres Gebietes fielen wir alle mit namenlosem Entzücken auf
den heiligen Boden nieder wie vom Sturm verschlagene Seefahrer am Ufer eines
wirtbaren Eilandes Wir umarmten die Pflanzen umarmten einander die Busen
schlugen hochauf und Tränen der süßesten Freude träufelten auf die Blumen
herab Es dauerte lange ehe dieser selige Rausch sich in Betrachtung der neuen
Gegenstände auflöste Selbst die kältern Deutschen selbst die ungebildeten
Schwarzen teilten diese schwärmerische Freude sie umarmten einander und uns
Dieser Augenblick machte uns zu einem Volke aller Unterschied der Farbe der
Heimat der Bildung war vernichtet wir wurden alle Brüder mit gleichen Rechten
und gleichen Pflichten
    Nun ging der fröhliche Zug längs dem Kentucky hin welcher geraume Zeit
unser Wegweiser blieb Erst am folgenden Morgen verließen wir seine reichen
Ufer um durch einen Ahornwald einen nähern Weg zu unsern Wohnungen zu nehmen
welche wir im letzten Schimmer der Abendsonne vor uns liegen sahen Du kannst
daraus auf die Größe unseres Gebietes schließen Es wird gegen Norden vom
Kentucky gegen Westen vom Ohio gegen Süden vom Schawanoe begrenzt im Ostnord
schließt eine Hügelkette an welche sich eine undurchdringliche Waldung lehnt
in welcher noch nie der Schall einer Axt gehört worden und deren Alter
vielleicht bis zur jüngsten Umgestaltung der Erde hinaufreicht Ganze
Baumgeschlechter gingen hier unter und neue wuchsen auf ihren Trümmern stark
und frisch empor Unser Wohnort liegt am Schawanoe unweit seines Einflusses in
den Ohio den schönen welcher mit Recht diesen Namen führt es ist eine
lachende Ebene deren Fruchtbarkeit jede Beschreibung übertrifft Freundliche
Gebüsche wechseln mit den grasreichen Matten und bepflanzte Hügel durchlaufen
die Ährengefilde Jenseits des Ohio erhebt sich ein dichtbewachsener
Gebirgsrücken welcher uns gegen den Nordwestwind schützt und viel zur Milde
unsres Klimas beiträgt Als einzelnes abgetrenntes Überbleibsel dieses Gebirges
lehnt sich ein einzelner Fels an den Schawanoe und reicht bis zu unsern
Wohnungen deren Lage er einen malerischen romantischen Anblick gibt Wir waren
alle davon ergriffen ganz besonders aber Pinelli welcher nicht müde wird die
verschiedenen Ansichten zu zeichnen John und seine Söhne empfingen uns mit
hoher Freude Die notwendigsten Arbeiten waren vollendet und die Arbeiter schon
seit einigen Tagen entlassen worden So sahen wir denn nur lauter wohlbekannte
Gestalten und hatten nichts kennenzulernen als die bleibenden Gegenstände Kein
Abschied soll in diesem glücklichen Erdstrich gehört werden als einst der
Abschied zur Reise in ein noch schöneres Land
Mit freudiger Rührung führten die Männer jede Familie in ihr blütenumranktes
Haus Hier zündeten wir ein kleines Feuer in dem Kamine an warfen Weihrauch in
die gastliche Flamme umarmten uns dankten laut dem Schöpfer der Welten für
dies kleine Asyl und flehten ihn uns hier lange und glücklich vereinigt zu
erhalten Dann traten wir alle aus unsern Hütten und gingen vereinigt zu der
großen Halle welche die gemeinschaftliche Küche und den Versammlungssaal
enthält Auf dem Herde wurde das Feuer entzündet Weihrauch und Mais
hineingestreut und weihend der Herd mit Milch und Wein besprengt Nun wurde das
Mahl gemeinsam bereitet und gemeinsam an der langen mit Blumen bestreueten
Tafel verzehrt Der Mond blickte hell durch die offenen Fenster und leuchtete
uns erst spät zu unsren verschwiegenen Hütten Mit der Sonne dem Lager enteilt
kleidete sich jeder nach Übereinkunft in die gewählte Landestracht Die Männer
tragen lange weite Beinkleider aus baumwollenem Zeuge Weste und Hemdsärmel an
den Füßen kurze Schnürstiefel ohne Strümpfe auf dem Kopf einen leichten
Strohhut Wir Frauen hingegen ein weißes kattunenes Hemd mit offenen Ärmeln
welches bis an die Knöchel reicht und die Brust bis drei Finger breit vom Halse
bedeckt darüber ein farbiges griechisches Gewand ohne Ärmel nur bis über das
Knie herabfallend und unter dem Busen gegürtet das Haar wird geflochten und
gegen die Sonnenstrahlen schützt ein Strohhut die Fussbekleidung ist für beide
Geschlechter gleich Diese einfache Tracht wird unabänderlich die unsre sein und
soll der Mode auf ewige Zeiten den Eingang verwehren Bei Regen oder rauer
Witterung werden beide Geschlechter einen Tuchmantel tragen und bei schmutziger
Arbeit einen Überwurf aus grauer Leinwand Du glaubst nicht wie unbeschreiblich
reizend diese neue griechische Kolonie sich ausnahm als sie durch das rötlich
besonnte Tal mit Blumenkränzen in den Händen zur Tempelweihe zog
    Glänzend in der Morgensonne lag auf einer sanften Anhöhe der heitere Tempel
vor uns Stufen führen ringsum zu ihm hinauf zwölf Säulen tragen die einfache
runde Kuppel keine Wände wehren dem Lichte in der Mitte steht der Altar rund
wie das Gebäude mit der Inschrift Dem Unbegreiflichen Ewigen Einzigen ein
breiter Marmorrand schließt oben die Vertiefung ein wo die Opferflamme lodert
Hier hingen wir unsere Kränze an dem Altar und den Säulen auf Mucius zündete
das Feuer an und sprach »Wir weihen diesen Tempel dem Ewigen dem Schöpfer und
Regierer des Weltalls der in jeder Menschenbrust wohnt Ihm weihen wir unsere
Herzen Wir erkennen dass menschliche Vernunft sich nicht bis zu ihm erheben
kann sowenig als wir uns von der Ewigkeit und Unendlichkeit einen klaren
Begriff zu machen vermögen dass also die verschiedenen Vorstellungen und Myten
der Völker menschliche Erkenntnisse sind und mehr und minder irren dass aber in
allen eine und dieselbe Wahrheit herrscht Er ist unser Schöpfer und Erhalter
der Geber alles Guten ihm sind wir Dankbarkeit und Ergebung schuldig« Wir
knieten alle um die heilige Flamme und im stillen heißen Gebet erhoben sich
unsre Herzen zum Ewigen Fröhlich kehrten wir zurück zum einfachen Frühmahle
Dann durchgingen wir unsere nächsten Umgebungen ein wahres Paradies in welchem
sich fast alle Zonen des Erdkreises zu verbinden scheinen Italiens Orangenbäume
duften dicht neben den deutschen Eichen die Dattelpalme Asiens und der südliche
Kokos verschmähen die Nachbarschaft der nordischen Tanne nicht und Libanons
Zeder prangt neben den heimischen Tulpenbäumen Zypressen Lerchenbäumen und
Pappeln Ahorn Buchen Platanen und die weiße Birke der Sumach und die
Tamarinde Kastanien Nuss und Mandelbäume stehen einzeln und gemischt in
malerischen Gruppen Alle Obstarten der bekannten Welt gedeihen hier in einem
hohen Grade der Veredelung Kirschen Aprikosen Apfelsinen Pfirsichen
Pflaumen Birnen Äpfel Pisang und Bananen gibt es in großer Menge Stauden
und Rankengewächse voll Blüten und Beeren laden alle Sinne zum Genuss Myrten
und Rosengesträuche bilden die Hecken um die umhegten mit Sorgfalt angelegten
Pflanzungen wo Vanhusen die köstlichsten Ananas und Melonen zieht Auch den
Kaffeebaum und die chinesische Teestaude hat der Mühsame hierher verpflanzt und
es ist Hoffnung zu ihrem Gedeihen Der Mais steht mit seinen breiten Blättern in
Manneshöhe da und das wallende Korn neigt die schweren Ähren zu Boden
Kartoffeln und Yams wetteifern an Ergiebigkeit die Baumwollenstaude Lein und
Hanf streiten um den Vorzug auch die feineren Gemüse fehlen nicht und was mich
vor allem entzückt ich habe den Öl und den Maulbeerbaum meiner Provence und
die köstlichsten Rebenhügel wiedergefunden Wir könnten hier ebenso wie Moses
erste Menschen ein Leben ohne Mühe und Arbeit führen für alle unsere
Bedürfnisse hat die überreiche Natur im Überfluss gesorgt Die Dattel der Kokos
die Kartoffel die Yams die Kastanie würden uns nie Mangel leiden lassen die
saftigsten Früchte wachsen ohne Pflege der Zuckerahorn und die Palme bieten
ihren süßen Saft der Schawanoe führt die schmackhaftesten Fische und Krebse
die Herden und das Geflügel suchen und finden leicht ihre Nahrung und die
Wälder wimmeln von Wild
Das wahre Glück kann nur bei den Tätigen wohnen und das wohltuendste Gefühl ist
das Gefühl des erfüllten Berufs Wir haben daher unsre Zeit klüglich zwischen
Arbeit und Erholung und die verschiedenen Zweige der großen gemeinsamen
Haushaltung wieder unter uns geteilt Mucius Walter und Ellison haben die
Besorgung des Ackerbaues übernommen Pinelli Stauffach und Vanhusen warten der
Baumpflanzungen der Gartengewächse und der Rebenhügel Salvito und Dupont
führen die Aufsicht über die Herden und Frank und Antonio sorgen für Wildbret
und Fische Die beiden Mütter haben sich das Küchengeschäft nicht nehmen lassen
die rasche Terese und ich besorgen die Milchkammer Zephyrine und Philippine
den Hühnerhof Rosalva und Fanny sammeln die Früchte ein und die Bereitung der
Baumwolle des Leins und Hanfs steht unter Mariens und Luciens Aufsicht Jeder
ist nach seiner besonderen Neigung und Fähigkeit angewiesen und hüpfend und
singend wird die leichte Arbeit vollbracht Die neuen Maschinen über deren
Verbesserung und Vermehrung Frank Walter und Antonio vieles beraten haben die
meisten Geschäfte weniger beschwerlich gemacht Die verschiedenen Arten der
Pflüge machen die Hacke fast entbehrlich und an Zugstieren haben wir Überfluss
    Mein Milchgewölbe ist in einer Felsengrotte durch welche eine
immersprudelnde Quelle sich ergießt Bei der jetzigen Hitze stellen wir die
Gefäße mit Milch auf vierundzwanzig Stunden in den flachen Bach um dadurch das
zu schnelle Gerinnen zu verhüten An einer tieferen Stelle desselben werden die
leeren Gefäße gespült nachdem sie zuvor in heißem Wasser gereinigt sind Wenige
Schritte davon bildet der Bach einen Wasserfall welchen Frank zur Treibung
eines Rades benutzt hat und dadurch die Buttermaschine in Bewegung setzt In
diesem wird auch die Butter gewaschen dann unter eine Presse gebracht und mit
einem kammähnlichen Instrumente von allen Fasern gesäubert So ist die Mühe
nicht groß mit welcher wir die köstlichste Butter bereiten Auch für das
Käsestellen schöpfen und pressen sind leichte Vorrichtungen erfunden Nichts
gleicht dem Wohlgeschmack unseres Milchwerks und unserer Käse und Terese und
ich freuen uns nicht wenig wenn bei dem Frühstück alle in laute Lobeserhebungen
darüber ausbrechen Die Herden werden von den Negern mit den ihrigen gehütet
und das Milchvieh wird von den Negerinnen gemolken dicht neben der Grotte
Stauffach und Walter versichern dass selbst das Schweizer Vieh der fettesten
Alpen nicht so viele und so gute Milch liefere als das unsere Die Schafmilch
ist ganz vorzüglich und der Ziegenkäse unübertrefflich dabei bedarf das Vieh
das ganze Jahr hindurch keiner Wartung Nach Johns Aussage fiel den Winter
hindurch nicht ein einziges Mal Schnee einige Regentage bildeten den Übergang
der Jahreszeit darauf folgte Reif und ein leichter Frost dessen Spuren jedoch
die Sonne schon nach wenigen Stunden verschwinden ließ Diese Wintertemperatur
dauerte kaum vier Wochen worauf die Bäume neu trieben und das junge Gras unter
dem alten hervorwuchs Wir werden daher auch nur eine Kleinigkeit an Heu
sammeln welches sonst nie geschehen ist um den Tieren zur besseren Erhaltung
ihrer Gesundheit an Regentagen und wenn Reif fällt ein Morgenfutter geben zu
können
    Du solltest uns sehen liebe Adele wie nett uns die Geschäftigkeit kleidet
Wir vergleichen einander oft mit den Mädchen in der »Odyssee« oder mit Labans
Töchtern wenn wir zum Brunnen gehen und schöpfen und der Lorbeer neben uns
säuselt Zephyrine vorzüglich ist reizend in ihrem gefiederten Reiche wenn sie
mit dem Futterkörbchen hineintritt und das ganze Heer sie jubelnd umringt
Täubchen setzen sich ihr auf die Schultern und sie koset mit allen auf das
anmutigste oder tritt mit dem Ansehen einer Königin zwischen kämpfende Hähne um
sie zu trennen Die herzige muntere Philippine erfreut sich an dem Spiel ihrer
reizenden Gefährtin und beide tändeln in Kindesunschuld ihre Stunden hin Die
sanfte Marie und die stille Lucia sondern die Baumwolle wenden den röstenden
Lein und Hanf bringen ihn unter die Klopf Schwing und Hechelmaschinen und
freuen sich schon auf die Zeit wo er als Gewebe unter ihrer Aufsicht bleichen
wird Rosalva und Fanny sammeln in der Morgenfrühe Gemüse und Früchte für die
Küche und gegen Abend für die Vorratsgrotte Die Hausmütterchen bereiten das
Mittagsmahl wobei auch wir ihnen beistehen wenn unsere Geschäfte früh
vollendet sind und sie unser bedürfen Der Mittag versammelt die ganze frohe
Gesellschaft unter den dichtbelaubten Platanen um den steinernen Tisch Die
Geräte sind einfach das Tischzeug fehlt aber die Speisen sind trefflich
bereitet Feine Gemüse saftiges Fleisch herrliche Braten von Geflügel und
Wild Fischspeisen Backwerk aller Art und ein Nachtisch der auserlesensten
Früchte würden auch dem verwöhntesten Schmecker genügen Der Becher geht umher
und belebt den Scherz Jetzt ist er noch vom mitgebrachten Vorrat gefüllt
künftig perlt eigener Wein Palmensekt Birk und Ahornwasser darin jetzo ist
Milch und des Quells Kristall an seiner Stelle gesunder
    Die Nachmittagsstunden gehören der Ruhe und der Erholung Erst wenn die
Sonne tiefer sinkt und ein kühleres Lüftchen weht widmen wir noch eine oder ein
paar Stunden der nötigen Arbeit Mit ihrem Untergange hören die Geschäfte auf
man versammelt sich zur kalten Abendkost welche aus Milch Eiern Butter Käse
Honig und Backwerk besteht Darauf wird Musik gemacht getanzt gespielt bis
der Mond oder die Sterne uns spät zur Ruhe leuchten So fließen unsere Tage
einförmig aber reich an Freuden dahin Die Einrichtung der Deutschen wie der
Neger ist der unsrigen gleich Mucius erwirbt sich um ihre Ausbildung ein hohes
Verdienst er hat einige Tage festgesetzt wo er ihnen unter der Form
freundschaftlicher Betrachtung die zweckmässigsten Lehren gibt Besonders sorgt
er für die Erziehung der Jugend und wird eine eigene Bildungsanstalt gründen in
welcher sie für jetzt allein künftig mit unsern Kindern gemeinschaftlich
Unterricht erhalten wird Der Lehrstunden werden nur wenige sein und jeder der
Männer wird in seinem Lieblingsfache unterrichten Bei den Alten nehmen wir
jetzt selbst in manchen Stunden Unterricht besonders wir Frauen Zum künftigen
Winter werden wir geschickte Weberinnen besitzen Das Material fällt uns fast
von selbst in die Hand die Schafschur ist über alle Erwartung günstig gewesen
die Baumwolle von der besten Gattung der Lein fein und stark Spinnmaschinen
liefern das Garn Die Witterung ist in den Sommermonden so gleich dass die
Seidenraupe im Freien fortkommt der erste Versuch damit ist sehr genügend
ausgefallen wir haben keine andre Mühe damit als die Kokons zu sammeln und sie
unter die Haspelmaschine zu bringen
    Bei allen Arbeiten welche viele Hände auf einmal erfordern helfen Deutsche
und Neger gemeinschaftlich mit solcher Bereitwilligkeit dass wir ihre
Dienstleistungen eher abzulehnen als zu erbitten haben Aber auch wir helfen
ihnen wenn es not tut und wie sie die Güter der Natur mit uns teilen so
benutzen sie auch die Vorteile unserer Maschinen und Mühlenwerke mit demselben
Rechte als wir Wir behandeln sie als Brüder und sie betrachten die Männer fast
wie Väter
    Die Getreideernte ist überreich gewesen Die Dreschmaschinen sind im Gange
und die Kornmühle klappert hoch aufgespeichert liegen die goldenen Kolben des
Mais die Trauben schwellen die Äpfel röten sich und versprechen köstlichen
Zider Wir haben das Erntefest gefeiert und werden noch vor dem Herbstfeste eine
Wanderung längs unserer südlichen Grenze hin unternehmen welche die meisten der
Männer noch nicht kennen Von den Frauen haben nur wenige den Mut uns zu
begleiten aus Scheu vor den Chickasaws und den Irokesen welche unsere
Grenznachbarn sind Zephyrine und Philippine waren die ersten welche sich
erboten mit uns die Gefahr zu bestehen sie wollen ihren Hühnerhof Korallys
Sorgfalt übergeben auch die mutige Rosalva und die sanfte Marie werden sich an
uns anschließen indem die Liebe für ihren William über der letzteren natürliche
Furchtsamkeit siegt Wir werden in einer Barke den Schawanoe hinauffahren so
weit er schiffbar ist um so auf die leichteste Art unsere Lebensmittel
mitzuführen und eine Partie Tabak welcher beiläufig gesagt ganz vortrefflich
geraten ist als Geschenk für die Wilden wenn uns benachbarte Stämme begegnen
sollten Alles ist Leben und Bewegung zu dieser kleinen Ausflucht es wird
gebraten und gebacken als gelte es eine Reise um die Welt und doch werden wir
kaum zehn bis zwölf Meilen machen aber ganz durch Einöden und auf mancherlei
Krümmungen
Unsere Schiffahrt und unsere Wanderung sind glücklich vollendet Ellison war auf
beiden unser Führer Marie blieb mutig an seiner Seite John und Humphry
begleiteten uns Nach einem Wege von anderthalb Meilen floss der Schawanoe durch
einen dichten Wald oder kam vielmehr aus ihm uns entgegen und an einigen
Stellen fassten blühende Wiesen die Ufer ein Als wir gegen Abend an einer
derselben gelandet waren bemerkten wir in dem nahen Gebüsch einige Wilde John
wurde ihnen entgegengeschickt aber die Nacht brach an ohne dass er
zurückkehrte Wir gerieten in die lebhafteste Unruhe schliefen nur abwechselnd
und wenig und erwarteten mit Sehnsucht den Morgen Herrlich ging die Sonne über
der Wildnis auf und vielartige Papageien durchhüpften die Zweige und sonneten
am Morgenstrahl ihr buntes Gefieder für uns Unruhige ging die Schönheit dieses
Schauspiels fast verloren Endlich nach mehrstündigem Harren und nachdem man
den Saum der Gebüsche vergebens durchspäht hatte jauchzte uns der sehnlich
Erwartete aus weiter Entfernung zu Bald wurde er in Begleitung von wohl
zwanzig Wilden sichtbar zu deren einige Meilen entferntem Lager man ihn
gestern abend geführt hatte Die Wilden gehörten zu dem Stamm der Chickasaws
und ihr Oberhaupt befand sich unter ihnen John konnte sich notdürftig mit ihnen
unterreden obgleich ihre Mundart etwas von der des Stammes abwich welcher ihn
unter sich aufgenommen hat Sie hatten die Tätowierung erkannt welche er bei
der Aufnahme erhalten und behandelten ihn als Bruder Wir wurden von ihnen sehr
freundschaftlich begrüßt und sie rauchten mit unseren Männern die Bundespfeife
Von ihnen erfuhren wir dass eine Tagereise jenseits des Flusses sich Salzquellen
befinden aus welchen sie eine Menge Salz gewinnen welches freilich noch
einiger Reinigung bedarf dann aber vortrefflich werden wird Sie schenkten uns
einen Beutel voll und wir gaben ihnen dagegen Tabak Backwerk und einiges
buntes Töpfergerät mit welchem Tausche sie höchst zufrieden schienen Sie
erklärten uns für viel bessere Nachbarn als die welche mit ihnen gegen Süden
grenzen wahrscheinlich die Spanier Von jenen klagten sie wären ihnen die
Pocken mitgeteilt worden welche jährlich so viele ihrer Brüder hinrafften und
ihrem ganzen Geschlechte den Untergang drohten Salvito ließ sich mit ihnen über
diesen Gegenstand mit Johns Hilfe in ein langes Gespräch ein Er suchte ihnen
den Nutzen der Kuhblatternimpfung begreiflich zu machen und ließ sie die Narben
sehen welche wir fast alle davon an den Armen tragen Die Sache schien ihnen am
Ende einzuleuchten und auf Salvitos Zureden entschlossen sich einige der
jüngeren und die Weiber welche diese Krankheit noch nicht gehabt hatten sich
impfen zu lassen Salvito trug aus löblicher Vorsicht ein Gläschen mit Lymphe
und das nötige Impfgerät bei sich Ehe wir Abschied nahmen um den Fluss weiter
hinaufzufahren versprachen wir ihnen auf dem Rückwege hier wieder anzulegen
und ließ uns dagegen das Wort von ihnen geben sich alsdann wieder einzufinden
und sowohl alle Kinder ihres Stammes als auch die Erwachsenen welche die
Krankheit noch nicht gehabt hatten mitbringen zu wollen Auf unsrer Fahrt
belustigte uns der Fischfang einige Stunden auch schossen die Jäger mehrere
Wasservögel um Mittag landeten wir das Mahl zu bereiten und schifften erst in
der Kühle des Abends weiter Nicht lange mehr vermochte am folgenden Tage der
seichter werdende Fluss unsre Barke zu tragen wir verließen sie daher
verteilten die Lebensmittel und wanderten fröhlich neben dem Ufer hin Nach
Eintritt der Nacht machten wir uns das Vergnügen bei Fackelschein Krebse zu
fangen Malerisch schön wirkte die Erleuchtung gegen die dunklen Waldgruppen
und Pinelli konnte sich nicht enthalten das herrliche Nachtstück aufzunehmen
Der nächste Morgen führte uns einen Haufen Irokesen zu welche der Rehjagd wegen
den Grenzwald zu besuchen kommen Ihnen hatte ehemals diese ganze Gegend gehört
und war ihnen späterhin von der OhioGesellschaft abgekauft worden da ihre
Bevölkerung abgenommen hatte Sie kannten noch alle Wege durch den Wald und die
Wechselplätze des Wildes in ihrer Begleitung gingen wir ein beträchtliches
Stück in diese kaum durchdringliche Wildnis hinein
Diese Uramerikaner welche man Wilde nennt sind äußerst gutmütige Menschen und
ihre Sitten beschämen die der Europäer In dem nördlichen Kanada mag die Not und
die rauhere Natur sie wohl gefühlloser und roher machen doch hier trifft man
nur Züge der sanftesten Menschlichkeit In der Kultur sind sie freilich
rückwärtsgegangen wie ihre Sagen und die Denkmäler am Ohio deutlich beweisen
Schauderhafter Gedanke wenn einst Europas Verfeinerung auch so bis auf die
schwächsten Spuren verschwände Und doch liegt in dem ewigen Wechsel der Dinge
nur zu viel was für die Möglichkeit spricht Auch hier lebte vor kaum
dreihundert Jahren ein großes mächtiges Volk welches Städte und Tempel
erbauete und jene befestigte Theater und Künste besaß und selbst schon die
Lapidarschrift kannte und übte Jetzt welch ein Wechsel Von den Europäern und
den Nachbarvölkern verdrängt durch Schwert und Hunger durch die
Pockenkrankheit und den Genuss der berauschenden Getränke bis zu einem
unbedeutenden Häufchen zusammengeschmolzen flüchtet der Überrest wie das
gescheuchte Wild immer tiefer in die nahrungslosen Einöden Rührend sind die
Klagen welche durch die Gesänge durch die Sagen dieser Völker tönen Mit Johns
Hilfe habe ich einiges von ihrer Sprache verstehen lernen Sie erinnerten mich
oft an Ossian mit welchem ich überhaupt auf dieser Reise in diesen ernsten
Wäldern viel gelebt habe Daheim um unsern Wohnsitz spielt das heitere
griechische Kinderleben hier in diesen Einöden herrscht die Trauer um eine
untergegangene Welt Selbst die Vögel der Nacht stöhnen so tiefe
durchdringende fremde Klagetöne aus dass es mir oft wie fernes Grabgeläute
klang und Zephyrine zum Rückweg trieb
    Salvito suchte sich den guten Irokesen auf alle Weise verständlich zu
machen sie über die Pocken und andere Krankheiten zu belehren und sie mit den
Heilkräften in einheimischen Kräutern bekannt zu machen er warnte sie vor dem
Genuss des Branntweins mit allem Ernste und schien sie zu überzeugen Wir selbst
führten keine gebrannten Wasser bei uns sondern nur etwas Wein wovon wir ihnen
zu kosten gaben Sie fanden ihn nicht sehr nach ihrem Geschmack nahmen aber ein
Geschenk an Tabak mit vieler Freude an Salvito impfte einige und gab ihnen
weitläufige Anweisung wie sie nach einer bestimmten Zahl von Tagen den
Impfstoff andern mitteilen auf diese Weise die Lymphe erhalten und ihren Stamm
gegen die Ansteckung der wirklichen Blattern sichern könnten Sie trennten sich
mit vielen Freundschaftsbezeugungen von uns und wir kehrten zu unsrer Barke
zurück Die Fahrt hinab ging nun schneller und bequemer Die Chickasaws warteten
schon am Ankerplatz zahlreicher als das erste Mal Die Impfung hatte guten
Erfolg gehabt sie wurde fortgesetzt und fernerer Unterricht deshalb erteilt
Gegen eine Menge Salz welche jene mitgebracht hatten erhielten sie von uns
alle Lebensmittel deren wir entbehren konnten Es wurde festgesetzt dass
jährlich um diese Zeit einige von unseren Männern hierherkommen und Salz gegen
Tabak und andere Produkte eintauschen sollten Die Chickasaws machten besonders
zur Bedingung dass Salvito welchen sie für einen Halbgott hielten mitkommen
möchte um die später Geborenen zu impfen Wir trennten uns mit wahrhaft
nachbarlichen Gesinnungen
    Am folgenden Abend langten wir fröhlich bei unseren Wohnungen an vor
welchen uns unsere Freundinnen entgegenkamen Wie unendlich schön fanden wir
unsern reizenden Aufenthaltsort bei der Rückkunft aus jenen wilderen Gegenden
und gleichwohl möcht ich um keinen Preis sie nicht gesehen haben Unsere
Hausmütter gaben uns einen festlichen Schmaus dann begrüßten wir noch im
Mondenschein alle die Gegenstände umher welche uns vorzüglich lieb waren Ganz
allein schwärmte ich noch bis zu den Palmen welche den Tempel umgeben und deren
Schatten neben den beleuchteten weißen Säulen wie Geistergestalten wiegten
Freudig sprang ich die Stufen hinauf und umfasste den Altar Worte hatte ich
nicht doch galt was ich fühlte dem Unerforschlichen gewiss für ein heißes
Gebet
    Die Früchte sind eingesammelt die Trauben gekeltert die Bienenkörbe
verschnitten wir haben das Herbstfest gefeiert und dem Ewigen gedankt für
seinen reichen Segen Jetzt machen sich John und Humphry bereit um den Überfluss
unsrer Erzeugnisse den Ohio hinauf nach Louisville zu führen Sie bringen
dagegen die wenigen Bedürfnisse zurück welche uns Anfängern für jetzt noch
fehlen der Überschuss an Geld wird dort in einem Handlungshause niedergelegt Es
ist eins der Grundgesetze unsrer Republik dass im Umkreise ihres Gebietes kein
Geld umläuft Dieses unselige Metall welches drei Vierteile des Erdkreises
verbindet und entzweit soll bei uns keinen Einfluss erlangen Was von Ellisons
und meinem ehmaligen Vermögen übriggeblieben ist steht in der fortgeführten
Handlung des Vaters Ellison welche dem treuen Buchhalter übergeben worden ist
und bleibt wie die Summe welche jährlich sich in Louisville sammeln wird für
ein etwaniges künftiges Bedürfnis der Kolonie unberührt Es ist das Gemeingut
derselben und nur mit Zustimmung aller Mitglieder kann darüber verfügt werden
Möchten doch unsere Kinder und Enkel niemals in den Fall kommen davon Gebrauch
zu machen
    Während diese Reise beraten und eingeleitet wird will ich Dir noch alles
schreiben was Du wohl gern über unser hiesiges Dasein wissen möchtest Humphry
wird das Briefpaket in Louisville unter Umschlag an das Haus Ellison nach
Philadelphia senden tue Du mit Deinen Briefen ein Gleiches Auf diese Art
werden wir jedes Jahr einmal Du von mir ich von Dir Nachricht erhalten die
einzige welche mich aus der europäischen Welt interessiert Die Männer bekommen
auf demselben Wege Kenntnis von den Ereignissen und Begebenheiten auf dem großen
Weltteater im letztverflossenen Jahre und zugleich das Lesenswerteste in allen
Fächern der Wissenschaften wie es scheidend mit dem ehrlichen Handelsherrn
ausgemacht worden Hier ist also Stoff genug für die kurze Winterzeit wo die
Natur selbst noch in ihrem leichten Schlummer schön bleibt Dann werden wir
uns am Abend um den Herd oder um den Kamin versammeln und Erzählungen der
nächsten und der ferneren Vergangenheit werden uns die Stunden kürzen Für diese
Winterzeit sparen wir einzig den Tee und den Kaffee auf auch ist während
derselben den Männern der Genuss der gebrannten Wasser erlaubt welche Stauffach
in großer Vollkommenheit zu bereiten versteht und wie schon erwähnt wird in
dieser Jahreszeit Bier gebrauet und getrunken werden mit dem Frühlinge kehren
wir zur Milch zurück Noch ist beschlossen worden bei dem nächsten Frost Eis
von dem nahen Gebirge zu holen und in der tiefsten Grotte des Felsens einen
Eiskeller anzulegen damit wir in großer Hitze uns an Gefrorenem laben können
Am 14 Julius dieses Jahres wurde mein Geburtstag dadurch gefeiert dass die
Grundgesetze der Kolonie allen Einwohnern der drei Dörfer im Tempel vorgelesen
und dann in einem Behältnisse unter dem Altare niedergelegt wurden In jedem
Jahre sollen sie an diesem Tage aufs neue verlesen und so soll dieser uns allen
merkwürdige mir aber insbesondere beziehungsreiche Tag auf ferne Zeiten hin
geweiht werden Dieser Gesetze oder vielmehr Grundsätze einfach wie unsere
ganze Einrichtung sind nur wenige Sie bestehen in Anerkennung eines einigen
Gottes welchen der menschliche Verstand sich nicht klar darzustellen vermag
sein Dienst ist die Erhebung des Herzens zu ihm die Ergebung in seinen Willen
Vertrauen Dankbarkeit gegen ihn und das Streben gut und menschlich zu handeln
kein Götzendienst kein Symbol soll die erhabene Idee des Einigen entweihen
Seine Propheten und viele der Heiligen waren achtungswerte Menschen deren
Andenken uns teuer bleiben wird In ihnen lebte die reine Idee mehr und minder
klar sie strebten sie dem Volke mitzuteilen welches sie aber nur wenig
verstand und die reine Wahrheit bald wieder mit bunten Zieraten umhing sogar
den Propheten welcher sich ihm zeigte oder dessen Bild höher hielt als den
Geist den niemand darzustellen vermag und so den göttlichen Menschen zum Gott
erhob
    Der Tempel ist der Ort wo jede feierliche Handlung stattfindet Hierher
bringen wir am Frühlingsfeste die schönsten Blumen am Erntefeste die vollsten
Ähren aller Art umhängen damit Säulen und Altar und werfen davon mit Weihrauch
vermischt in die leuchtende Flamme Am Herbstfeste brennen Oliven Kastanien
und Datteln auf dem Altar er wird mit Traubensaft besprengt und am
Neujahrsfeste lodert höher die Flamme von Zweigen aller Art und den
köstlichsten Herzen entzündet Lobgesänge zum Preise des Ewigen werden in
Chören gesungen und um den Altar kniend steigt unser vereintes heißes Gebet
zu dem Allgütigen auf Diese Abschnitte der vier Jahreszeiten und das
Stiftungsfest sind die einzigen verordneten öffentlichen Feste Außerdem steht
es bei jedem einzelnen sooft er hierzu Beruf fühlt den Ewigen anzurufen und zu
ihm zu beten Für die Abteilung der Woche haben wir die Mosaische Einrichtung
beibehalten nach sechs Arbeitstagen folgt ein Ruhetag Sobald am Sonnabende die
letzten Strahlen des Lichts hinter den blauen Gebirgen verschwinden verlässt
jeder sein Tagewerk und trägt sein Arbeitsgerät zu den Säulen des Tempels Hier
lehnt der Pflüger seine Pflugschar und das Joch seiner Stiere an der Schnitter
hängt hier seine Sichel auf die Binderin ihren Rechen Jeder kniet oder setzt
sich auf die Stufen nieder und dankt dem Ewigen für seinen Beistand im stillen
oder lauten Gebet je nachdem er sich allein oder in Gesellschaft befindet Der
Feiertag wird mit Unterhaltungen und Spielen hingebracht kein Geschäft wird
vorgenommen die Wartung des Viehs und die Beschickung des Herdes ausgenommen
wobei wir alle gemeinschaftlich helfen Am Montage holt jeder in aller Frühe
sein Gerät aus der Obhut des Tempels und fängt sein Wochenwerk mit dankbaren
Gedanken an Gottes Schutz und Führung an Kein Priestertum soll je die lautere
Quelle unserer Überzeugung trüben  Du schüttelst misstrauisch den Kopf Adele
Oh ich weiß wohl man glaubt die Lehre des Deismus könne in einer größeren
Gesellschaft nicht Anwendung finden ein Wahn welchen wir einst widerlegen
werden Warum besteht sie denn unter tatarischen Horden bei einem geringen
Grade von Bildung Und das Priestertum Die Pennsylvanier haben keines und sind
so brav und gut dass sie der Welt als Muster aufgestellt werden könnten Von
ihnen haben wir entlehnt oder sind mit ihnen zusammengetroffen nur ihr finstrer
Ernst findet bei uns keinen Eingang Griechenlands kindlicher Frohsinn spielt um
unsren Tempel
» schöne lichte Bilder
schweben selbst um die Notwendigkeit
und das ernste Schicksal blicket milder
durch den Schleier sanfter Menschlichkeit«
Der zweite Grundsatz unserer Verfassung ist völlige Freiheit und Gleichheit der
vereinten Familien nie soll darin ein Oberhaupt herrschen und wäre ein solches
einst zu besonderem Zwecke notwendig so wird es gewählt und dann erlischt
seine Würde mit Erreichung des Zweckes Alle Angelegenheiten werden durch
Stimmenmehrheit entschieden Die Verwaltung der Geschäfte der Kolonie wird
verteilt der Überfluss zu gemeinschaftlichen Zwecken verwendet Am Genuss hat
jeder gleichen Anteil und gleiches Recht Der Gebrauch des Geldes ist im
Umkreise des Staates untersagt auch außer demselben hat niemand Eigentum alles
ist Gemeingut Kein Mitglied darf vor dem vollendeten zwanzigsten Lebensjahre
die Grenzen der Republik verlassen die Kolonie aber nur bis zu einer bestimmten
Anzahl von Einwohnern wachsen übersteigt sie diese so bilden die älteren Söhne
eine neue in dem großem Umfange der Besitzungen Es wird zu diesem Endzweck
jährlich eine Anzahl Morgen von uns urbar gemacht schon jetzt haben wir mehr
als wir bestellen mögen und es wird manches Ackerstück in Ruhe gelegt Die
Töchterkolonien führen eine eigene Ökonomie sind aber im übrigen durch gleiche
Grundsätze und gleiche Vorteile auf das engste mit der Muttergesellschaft
verbunden ihr etwaniger Überschuss fließt zur allgemeinen Kasse Alle Menschen
außer den Grenzen unserer Republik werden als unsere Brüder betrachtet Ihre
Lebensweise passt nicht zu der unsrigen sie haben aber dieselben Rechte über
die ihrige zu entscheiden als wir über die unsere und kein Streit darf je
deshalb zwischen ihnen und uns entstehen Man wird unsere harmlose Friedlichkeit
ehren die Denkart der Nachbaren ist edel Es ist kaum glaublich dass unsre
Männer jemals gezwungen werden sollten unsern rechtmäßig erworbenen Boden mit
den Waffen in der Hand zu verteidigen Geschähe es aber so würde der Sieg
gewiss auf unserer auf der Seite des stengsten Rechtes sein und Mut und
Geschicklichkeit unserer Männer würde ihn zu fesseln wissen Wahrheit und
Gerechtigkeit sind die Hauptgrundsätze unserer einfachen Moral ihre Ausübung
wird durch unsere Lebensweise unseren Kindern so notwendig sein als das
Atemholen Wahrheit und Gerechtigkeit diese einzig sicheren Stützen des
häuslichen und des gesellschaftlichen Glücks können nur unter dem Schutze der
Freiheit vollkommen gedeihen
Sieh meine Adele so denken so leben wir Ihr werdet wohl etwas mitleidig
lächeln wenn Ihr in Gedanken das einfache Gewand unserer Republikanerinnen mit
Euren Modekleidern vergleichet aber wir tauschen nicht unser Klima fordert
nicht mehr und mit welchem geringen Aufwand und mit wie wenig Mühe sind wir
gekleidet Die kunstreiche Nadel ruht darum nicht ganz wir verzieren mit ihrer
Hilfe zuweilen den Saum der Gewänder doch in der Hauptsache darf nichts
geändert werden wir wollen nur keine Kunstfertigkeit untergehen lassen so wie
unsere Männer darauf bedacht sind jede Wissenschaft zu pflegen Wir haben uns
einmal vorgesetzt die große Aufgabe zu lösen Kultur mit Sitteneinfalt auf das
engste zu verbinden wie und ob wir das große Ziel erreichen werden darüber
wird ein künftiges Jahrhundert entscheiden Fest richten wir den Blick auf das
Wohlsein künftiger Geschlechter säen mutig den Samen dazu in den Schoss der
Zeit und Gott sieht gewiss wohlgefällig auf unsern redlichen Willen auf unsern
heiligen Eifer herab
Die Reiseanstalten sind vollendet ich muss diese Blätter schließen So lebe denn
wohl meine traute Adele Der Himmel überschütte Dich mit soviel Glückseligkeit
als Dein gärendes Europa Dein mit sich selbst zerfallenes Frankreich Dir nur
bieten kann Gedenke meiner oft Du Gute Du kannst es ohne Sorgen um mein
Geschick Freundlich lächelt mir die lange Zukunft entgegen wie mich jede
Morgensonne freundlich begrüßt Nur in Kentuckys Hainen säuselt ewiger Friede
nur am Schawanoe herrscht süße Ruhe Oh lebte mein hochherziger Vater lebte
mein guter Emil mit uns unter diesen Palmen kein Seufzer würde jemals meinen
Busen heben Doch sie wandeln unter den himmlischen Palmen und harren freundlich
auf uns Mucius mein teurer Mucius ist mir Ersatz für alles Er grüßt Dich
tausendmal der herrliche Mensch O könnte ich ihn Dir so ganz schildern wie er
ist so groß und hehr so lieb und gut Er trägt das Schicksal einer Welt in
seiner Brust und ist doch nur Gatte nur Freund an Geist vielleicht der Erste
unter unseren Gefährten ist er der Bescheidenste von allen geliebt Und dieser
seltene Mensch ist mein Fühle die Seligkeit welche in dem Gedanken liegt Ich
muss nur schnell siegeln damit Mucius diese Worte nicht liest er ist dem Stolze
so feind dass es ihn schmerzen würde der Gegenstand des meinigen zu sein Lebe
wohl Adele Tausendmal lebe wohl Übers Jahr erhältst Du wieder frohe Botschaft
von Deiner
                                                                       Virginia
                                            Eldorado in Kentucky Im Julius 1817
Sei mir gegrüßt Freundin meines Herzens Du in deren Busen ich ehemals meine
Klagen ergoss nimm jetzt das Überströmen meines Entzückens mit gleicher
Teilnahme auf Der Glückliche bedarf des Ohres eines Freundes mehr als der
Unglückliche denn wohl lässt sich der Schmerz unterdrücken die Freude nicht So
vernimm denn die Wiederholung alles dessen was mich in dem Zeitraume dieses
Jahres beseligte Im ganzen ist mein Leben eine fortlaufende Kette von
glücklichen Tagen nur wenige darunter zeichnen sich durch ein wichtiges
Ereignis aus Unter diesen sind wohl die denkwürdigsten diejenigen wo unserer
Republik junge Bürger geboren wurden Ja meine Adele ich wiege einen
lieblichen Knaben auf meinem Schoße Mucius Ebenbild welcher mit diesem Kinde
zum Kinde wird Aus meinen Armen geht es in die seinigen er forscht in dem
kleinen Gesichte nach Ähnlichkeiten von mir ich will es soll ihm ähneln und
dies gibt die einzige Veranlassung zu kleinen freundlichen Streitigkeiten
zwischen uns Außer unserm Knaben sind noch achtzehn Kinder im Laufe des
Maimonats geboren nämlich vier von den Negern sechs in dem deutschen Dorfe
acht bei uns soviel Knaben als Mädchen unsere Hausmütterchen erwarten in
einigen Monaten ihre zweite Niederkunft Das wird ein Leben werden in der
kleinen Republik Schon jetzt verführen die Väter einen Lärm mit den jungen
Mitbürgern besonders Pinelli dass wir alle lachen müssen und die Wiegenlieder
der Mütter bilden ein ordentliches Konzert
    Vom Klima begünstigt sind wir alle leicht und wohlgemut entbunden worden
Schon am zehnten Tage so wollte es Salvito ging jede der Mütter ihren
Säugling im Arme zum Tempel Hier war der Altar mit Blumen bedeckt die Mutter
legte das Kind auf die Blumen nieder dankte dem Ewigen kniend für das teure
Geschenk und bat um Erhaltung des zarten Lebens Der Vater trat hinzu segnete
das Kind nahm es auf nannte es der Versammlung zeigend laut den Namen
desselben und gab es der Mutter zurück Wir haben unsern Kleinen zum Andenken
an seinen Großvater Leo genannt möchte er ihm ähnlich werden
    Seit dieser Zeit wird oft die Erziehung der Kleinen erwogen Im ganzen wird
sie der allgemeinen Meinung nach sehr einfach sein Liebe und Beispiel sollen
statt aller Strafen und Ermahnungen hinreichen spielend die Kräfte der Kinder
sowohl leiblich als geistig ausgebildet und beide Geschlechter bis zum
zwölften Jahre ganz gleich beschäftigt und unterrichtet werden auch ihre
Kleidung wird dieselbe sein ein farbiger Überwurf nur bis zur Wade reichend
Sie werden klettern ringen fechten wettlaufen tanzen schwimmen und an den
Arbeiten nach ihren Kräften teilnehmen Lesen Schreiben Rechnen lernen sie
dabei als gesellschaftliche Vergnügungen in den Stunden der Musse unter den
schattenden Platanen oder am flammenden Kamin Musik und Zeichnen sollen ebenso
behandelt werden Die Naturbeschreibung wird in Erzählungen vorgetragen oder auf
Spaziergängen welche besonders der leidenschaftliche Botaniker Stauffach dazu
benutzen wird An diese wird sich die Erdbeschreibung jedoch erst später
anschließen Geschichte am spätesten gelehrt werden Mucius wird zu dem Ende
eine kleine Weltgeschichte ausarbeiten und in Philadelphia drucken lassen Sie
wird treu aber aus einem anderen Gesichtspunkte aufgefasst mehr die Geschichte
der Völker als ihrer Führer sein Den Helden werden ihre Lorbeerkränze nicht
entzogen werden aber der Eichenkranz des Bürgers der friedliche Ölzweig werden
eine höhere Bedeutung erhalten der Hauch der Freiheit wird durch das ganze Werk
hinwehen und darin auch angegeben werden wodurch das Menschengeschlecht diese
Himmelstochter von seinen Fluren scheuchte mit ihr das Paradies verlor
    Mit dem zwölften Jahre werden die Mädchen zur Haushaltung und zu künstlichen
Arbeiten mit der Nadel und auf dem Webestuhl angeführt die Knaben lernen die
höheren Wissenschaften und die toten Sprachen die lebenden sich zu eigen zu
machen dazu haben sie täglich von der frühesten Jugend an Gelegenheit denn
Französisch Italienisch Deutsch und Englisch werden abwechselnd bei uns
gesprochen Französisch ist die allgemeine Sprache Englisch wird bei dem Mahle
und am Teetisch geredet aus Liebe für Ellison Lucia und Fanny Italienisch
lassen Rosalva Antonio und Pinelli nicht aussterben sie haben den beiden
Knaben Franks und Vanhusens schon eine Menge liebkosender Worte stammeln
gelehrt mit ihren Spielgefährten einem halben Dutzend deutscher Kinder reden
sie Deutsch Von den höheren Wissenschaften und den gelehrten Sprachen lernt
jeder dann nur wozu seine Neigung ihn treibt oder wozu man entschiedene
Fähigkeiten in ihm entdeckt notwendig sind sie keinem Lehrer ist jeder der
Männer in seinem Lieblingsfache So unterrichtet man jetzt schon spielend die
deutschen Knaben und ein paar muntere Negerbuben künftig werden auch diese mit
den unsrigen gleich erzogen Wie lächerlich wird einst unsern Jünglingen der
Kastengeist erscheinen mit welchem der größte Teil des Erdkreises zu kämpfen
hat
    Die körperliche Erziehung der Knaben wird mit ihren zunehmenden Jahren immer
sorgfältiger fortgesetzt und nichts versäumt werden sie abzuhärten Sie werden
alle Fähigkeiten eines kriegerischen Volkes erlangen ohne es zu wissen
besonnenen Mut Ausdauer und Verachtung der Gefahren werden sie auf den Bären
und Wolfsjagden in den Grenzwaldungen lernen ihre Spiele werden kriegerisch
sein ohne dass sie jemals das Wort Krieg hören und die Regeln der besten Taktik
ihnen als Regeln eines Spiels geläufig werden Sollte jener Dämon jemals bis
durch diese Wälder dringen dann wird er ein waffenfähiges Volk finden welches
den Frieden wie die ganze Welt liebt aber jedes Unrecht abzuwehren wissen wird
selbst unsere starken Mädchen würden den Webestuhl verlassen und mit den Waffen
dem Spielgerät ihrer Kindheit ihre Freiheit und ihre Ehre verteidigen Doch
dahin wird es nicht kommen der Genius der Menschheit wird diese stillen Täler
schützen
Unser Leben unser Treiben ist noch ganz dasselbe wie ich es Dir im vorigen
Jahre schilderte Noch haben wir nirgends eine Lücke bemerkt und ich hoffe als
ein altes Mütterchen werde ich dir nichts anders zu sagen haben als »Wir sind
glücklich«
    In diesem Frühjahre machten wir unsere erste Zuckerernte in den
Ahornwäldern alles legte Hand an selbst die Kinder Der Ertrag ist so
reichlich gewesen dass auch bei verschwenderischem Verbrauch unser Bedarf auf
drei Jahre gesichert sein würde Wir schicken die Hälfte nach Louisville auch
Tabak und Farbekräuter mit deren Erzeugung Stauffach sich emsig beschäftigt er
hat uns schon die schönsten Garne und Gewebe gefärbt Frank erwirbt sich um das
Maschinenwesen unsterbliche Verdienste Antonio hat einen Speicher im rein
antiken Stil erbaut Vanhusen und seine Gehülfen haben uns die seltensten
Früchte und Blumen gezogen die herrlichsten Gruppen von Bäumen auf Bergen und
am Rande der Savannen gepflanzt auch mancherlei Heilkräuter nach Salvitos
Anweisung angebauet Dieser Schutzgott unserer Nachbarn hat seine versprochene
Reise den Schawanoe hinauf gemacht und das von ihm durch Rat und Tat
gestiftete Gute ist nicht zu berechnen Seine chemischen Kenntnisse kommen uns
überall zustatten besonders bei der Kelter Unser Wein verspricht ganz
vorzüglich zu werden selbst der Palmensekt und das Birkwasser sind ziemlich
haltbar
    Die Feldbauer nebst ihren weißen und schwarzen Gehülfen haben Überfluss
erzeugt Maria und Lucia bleichen das schönste Gespinst im Sonnenstrahl und im
Schimmer des Mondes und die Seidenwürmer haben mit uns um die Wette gesponnen
auch von ihrer Arbeit werden Proben nach Louisville gehen Das Vieh gedeihet
herrlich Mein Milchgewölbe hat Überfluss ungeachtet mehr als die Hälfte des
Mutterviehes die Kälber grossgesäugt hat So im Schoße des Überflusses liebend
und geliebt frei und im Frieden mit der ganzen Welt ruhig in die
Vergangenheit heiter in die Zukunft blickend gibt es eine beneidenswertere
Lage als die unsere Oh ich möchte der ganzen gepressten Welt zurufen Flüchtet
euch in die Wildnisse von Amerika Nur am Mississippi am Missouri in den
Wäldern von Louisiana wohnt der Friede lächelt das Glück Aber das Gemüt dafür
muss man mitbringen Kenntnisse und Tätigkeit dann findet man sein Eden hier
oder nirgends
Wir haben erfahren dass ein großer Teil unserer Landsleute nach diesem Weltteil
sich gewendet hat und dass Joseph Napoleon willens ist nahe bei Baltimore eine
Stadt zu gründen Ja ja die Trojaner flohen aus ihren brennenden Mauern nach
mehreren Gegenden hin aber nur Äneas rettete die Heiligtümer aus den
prasselnden Flammen und barg sie in Silvius dunklen nächtlichen Hain Lass mir
den kühnen Gedanken Mucius und seine Freunde sind jener Äneas mit seinen
Gefährten das Schicksal gefällt sich in solcher Wiederholung Hierher in die
Wälder von Kentucky retteten wir unsere Götterbilder werden sie einst wie
Trojas Götter ein großes freies und hochherziges Volk verbinden Oh du Ewiger
über den Sternen wir hoffen es Josephs Stadt wird nie ein Rom werden man wird
darin Schauspielhäuser und Kirchen bauen Kaffeehäuser und Tanzsäle errichten
kokettieren kabalieren scheinen schmeicheln und repräsentieren wie ehemals
Die großen Lehren der Zeit gehen an diesem Geschlechte verloren fern von uns
jede Gemeinschaft mit demselben Selbst Napoleon der bewundernswerte würde in
unserm Freistaate sehr unwillkommen sein einmal vom Taumelkelche der Herrschaft
berauscht taugt schwerlich jemals ein Mensch auf dem Platze des harmlosen
Bürgers Er der Feuergeist war dazu geschaffen ein in wilde Parteien
zerspaltenes Volk zu vereinen und zu halten ja die Erde unter eine
Alleinherrschaft zu bringen in einen wahren Freistaat passt er nicht Vielleicht
hätte er einst den Frieden der Welt und die Vereinigung der Völker auf einem
andern Wege herbeigeführt Lange glaubte ich diesen Plan des Schicksals in dem
Laufe der Dinge zu sehen doch plötzlich verwandelt sich das Weltteater und
noch lässt sich nichts Bestimmtes über den Inhalt des nächsten Akts sagen der
Knoten ist von neuem geschürzt und die Entwickelung weiter hinausgeschoben Aber
meine Wünsche unsere Wünsche sind dieselben geblieben Friede und Freiheit der
Welt Wahrheit und Gerechtigkeit herrschend und das physische Dasein auch dem
Letzten der Sterblichen ohne harte Sorgen und Not gesichert Wir mussten diesen
Wünschen diesen Hoffnungen einen andern Stützpunkt geben um nicht mit
hinabgezogen zu werden in dem allgemeinen Untergang Wir fanden ihn verzeihe
dem kühnen Gedanken wir suchten ihn wenigstens in der Kolonie von Kentucky
Kultur mit Sitteneinfalt im Bunde sollten hier in der Verborgenheit ein
Geschlecht grossziehen welches vielleicht einst den Völkern zum Vorbilde und
Vereinigungspunkte dienen könnte Das mächtige Troja fiel unter den vereinten
Kräften der Griechen aber Äneas rettete die Schutzgötter des Reichs er und
seine jungen Gefährten gründeten Alba und bargen die Heiligtümer in seinen
dichtverwachsenen Hainen Das schwache Häuflein wuchs seine Urenkel erbauten
die Siebenhügelstadt und heilbringend zogen die Götter ihrer Ahnen bei ihnen
ein Solange ihr Dienst noch unentweiht bestand war Rom glücklich und groß
    Wehe auch das große auch das glückliche Rom versank Woran mahnt mich
diese Erinnerung des ewigen Wechsels Wird denn die Entwicklung des
Menschengeschlechts ewig den Kreislauf gehen sein Zustand niemals Dauer
erhalten Werden die Blätter der Geschichte ewig vergebens für uns geschrieben
sein Verzweifeln würde ich müsste ich dies als unwandelbares Gesetz anerkennen
ich kann ich will es nicht denken Eine köstliche Frucht bedarf lange Zeit zu
ihrer Reife Rauhe Stürme streiften ihre Blüten ab lange liegt sie in harter
Schale verborgen mitten in den Ungewittern sie hat die Fröste der Nacht und
den sengenden Strahl des Mittags überdauert aber an der milden Sonne des
Herbstes wird sie die Schale öffnen und der süße Kern dringt gezeitigt hervor
Möge er lange dauern der Herbst
Wir haben gestern ein freundliches Fest gefeiert Humphrys Hochzeit mit einem
sanften deutschen Mädchen Wir führten in feierlichem Aufzuge das mit Myrten
und Rosen gekränzte Brautpaar zum Tempel Sie wechselten am Altar die Ringe und
sprachen laut den Schwur der ewigen Treue die Eltern der Braut segneten sie
und wir alle beteten für ihr Glück Ein frohes Mahl unter den Platanen vereinte
die ganze Kolonie der Becher ging fleißig umher und mancher herzliche
Trinkspruch wurde ausgebracht Wir haben dabei des Heils unsrer europäischen
Brüder nicht vergessen auch auf Deine Gesundheit wurde der Becher geleert Der
Tanz welchen unsre Neger besonders leidenschaftlich lieben dauerte bis spät in
die Nacht und erst gegen Morgen wurden die Neuvermählten trotz Mondenlicht und
Frührotsschimmer mit Fackeln zu ihrer neuen Wohnung geführt Es gewährte einen
eigenen schönen Anblick wie der Zug bei dem hellen Fackelschein durch das
lange Tal wallte und wie das Licht die Baumgruppen erhellte und dann neue
Schatten warf Es ist wieder ein schöner Vorwurf für Pinellis Kunst welche er
fleißig übt Humphrys Wohnung liegt im deutschen Dorfe eine Viertelstunde von
hier Sobald die Vermählten die Kammer betraten wurden die Fackeln an der
Schwelle des Hauses gelöscht man rief »Hymen Hymenäus« und der ganze Zug
ging zu seinen Häusern zurück
    Kindliche Nachahmungen altgriechischer Sitten wie schmeicheln sie die
Phantasie in jenes schöne Zeitalter hinüber wo das Menschliche mit dem
Göttlichen noch verschwistert war wo der dünkelvolle Erdensohn sich noch nicht
losgerissen hatte von dem leitenden Bande seiner Mutter Natur Uns vor allem
Mucius und mich Dupont und Zephyrinen ziehen die griechischen Lebensformen
mächtig an es waren die Sitten unserer Ahnen Abkömmlinge jener Messenier
welche Marseille gründeten wie jeder Provenzale es mit geheimem Stolze rühmt
hat jede Erinnerung an sie einen namenlosen Reiz für uns Es ist unsere
Lieblingsunterhaltung die älteren griechischen Dichter und Prosaisten zu lesen
welche Mucius meisterhaft und aus dem Stegreif übersetzt mit ihnen haben wir
die kurze Zeit des leichten Winters sehr angenehm ausgefüllt Selten kam mein
Ossian an die Reihe obschon die meisten der übrigen ihn besonders lieben weil
sie ihn ohne Auslegung verstehen Auch bei mir steht er noch in hohem Werte
wenngleich meine Stimmung mich seltener zu ihm hinzieht Ossian ist der Sänger
der Schwermut und rings um mich her herrscht heitere Lebensfreude In die Lete
versenkt sind die Bilder der düstern Vergangenheit eine neue Sonne ein neues
Dasein ist für uns alle aufgegangen Mag Europa nun schnitzeln und künsteln an
seinen Formen wir haben sie von uns geworfen mit einem mutigen Wurf und wie
auch die Verwirrung herrsche uns berührt sie nicht Arme Adele könnte ich doch
Dich hierher retten aber auch nur Dich allein Ich fürchte immer auch Du wirst
ein Opfer tyrannischer Willkür Wärst Du nicht in Europa ich würde selten dahin
denken denn ich denke ungern an das dortige Getreibe Alles was ich wieder von
dort vernommen habe ist nicht beruhigend der große Streit ist noch nicht
abgeschlossen lange lange noch nicht er kann noch Menschenalter überdauern
Furchtbare Krämpfe erschütterten die kreissende Welt aber es erfolgte eine
unzeitige Geburt das wirkliche Götterkind liegt noch tief verborgen im Schoße
der Mutter neue stärkere Wehen werden es einst an das Tageslicht fördern Wann
das steht im Buche des mächtigen Schicksals Wehe dem armen Geschlechte welches
als Geburtshelfer um die Kreissende steht aber auch Heil dem welches um die
Wiege des Neugeborenen tanzt Junges kräftiges Leben entwickelt sich aus
Zerstörung und Tod das ist der Trostgedanke für das untergehende Geschlecht
der Blick in die Zukunft kann allein den sinkenden Mut erheben Ach nicht jeder
vermag über die Spanne seiner Zeit und seines Raums hinwegzublicken und der
Sohn des Staubes zerstäubt mit ihm nur der Geist welcher sich eins fühlt mit
dem Unendlichen wird ewig sein mit dem Ewigen er sieht im Heute schon das
Morgen und die kleinlichen Sorgen der Gegenwart berühren nur sein irdisches
Teil hinüber schwingt er sich unter die Palmen des ewigen Friedens
Uns Lieblingen des Schicksals säuseln schon hienieden jene friedlichen Palmen
uns säuselt der delphische Lorbeerhain Oh meine Adele könnte ich Dich
einführen unter ihren erquickenden Schatten Deinen Namen tragen die glatten
Stämme der weißen Birken und Buchen und des blühenden Tulpenbaumes am Ohio am
Kentucky und am Schawanoe Deinen teuren Namen ruft mir stündlich mein zahmer
Papagei zu und lehrt ihn seinen wilden Brüdern wenn er mit mir durch die Haine
hüpft Deinen Namen wird mein Leo stammeln sobald er »Vater« rufen kann Oh
könntest Du meine freundlichen Haine sehen und meinen Knaben segnen Tue es in
der Ferne meine Adele so wie wir Dich segnen mein Mucius und ich Zephyrine
und Philippine grüßen Dich erstere als Landsmännin letztere weil ich sie oft
mit Dir verglich Ellison grüßt Dich vor allen Er hat den Vorteil Dich zu
kennen und stimmt oft in meinen Wunsch ein Du möchtest eine der Unsern werden
Du seist vor allen wert sagt er unser wiedergefundenes Eden zu schmücken
doch wo Du auch lebst Du trägst es in Deiner Brust Lass es Dir nimmer rauben
nimmer Dein besseres Gefühl ertöten vom Pestauche der Selbstsucht und der
kleinlichen Eitelkeit Dein Wahlspruch sei Wahrheit und Gerechtigkeit so bist
Du der Kolonie von Kentucky verbündet
    Lebe wohl im Geräusch Deiner Welt Vergiss nicht die Sorge für die armen
Bewohner von Chaumerive Noch einmal empfehle ich sie dem Herzen Deiner guten
Mutter Lass die Blumen um das Grab der Meinigen nicht ganz ersterben Oh dass
mein Vater dass Emil nicht auch dort unter begrünten Hügeln ruhen Auch ihnen
lege jeden Sommer Kränze der Erinnerung auf der Mutter Grab vielleicht dass
Dir dort mein Geist einmal freundlich begegnet
    Dort wuchs ich auf unter den Heldenbildern der Griechenwelt hier am
Kentucky schließe ich einst lächelnd mein Auge von den Lebensbildern jener
Unschuldswelt umflattert Lebe wohl Lebe wohl meine Adele Friede mit Dir
Friede mit der ganzen Welt
                                                                 Deine Virginia