Ludwig Achim von Arnim
Die Kronenwächter
Erster Band
Bertolds erstes und zweites Leben
Einleitung
Dichtung und Geschichte
Wieder ein Tag vorüber in der Einsamkeit der Dichtung Die Glocke läutet
Feierabend und die Pflüger ziehen heim mit dem Gespann führen und tragen
behaglich die Kinder die ihnen entgegen gegangen und freuen sich ihrer Mühe in
der Ruhe Der Pflug ruht nicht verlassen auf der letzten Erdscholle die er über
stürzte denn notwendig wie die Sonnenbahn scheint der Bedürftigkeit sein
Furchenzug und ein heilig strenges Gesetz bewacht ihn in der Nacht gegen Frevel
Am Morgen setzt der Pflüger seinen Weg ohne Störung fort misst nach der Länge
seiner Furchen den trüben Morgen wie er die helle Mitte des Tages an seinem
eignen Schatten zu ermessen versteht und teilt nach seinen Morgenwerken die
Erdfläche in festbegrenzte Morgen wie er nach dem Tage werke der Sonne die
unendliche Zeit in Stunden teilt Die Sonne und der Pflüger kennen einander und
tun beide vereint das Ihre zum Gedeihen der Erde Fest fortschreitend von allen
geschätzt und geschützt sehen wir die Tätigkeit die sich zur Erde wendet sie
ist auch dauernd bezeichnet und gründet so lange sie sich selbst treu bleibt
mit unbewusster Weisheit das Rechte das An gemessene im Bau des Ackers wie des
Hauses in der Beugung des Weges wie in der Benutzung des Flusses Die
Zerstörung kommt von der Tätigkeit die sich von der Erde ablenkt und sie noch
zu verstehen meint Aber nach Jahrhunderten der Zerstörung erkennen die
einwandernden Anbauer des Walds mit Teilnahme die Unvergänglichkeit der
Ackerfurchen und Grund mauern untergegangener Dörfer und achten sie als ein
wiedergefundenes Eigentum ihres Geschlechts das der Gaben dieser Erde nie genug
zu haben meint Gleichgültig werden daneben die auf gefundenen Werke des Geistes
früherer Jahrhunderte als unverständlich und unbrauchbar aufgegeben oder mit
sinnloser Verehrung angestaunt Das Rechte will da errungen sein und wie die
eine Zeit ihre geistigen Gaben über alles schätzt und zusammen hält so meint
eine andere alles schon selbst im Überflusse zu besitzen und lässt es zu dass
die Sibylle ihre heiligen Bücher verbrennt um ihr nicht Dank und Lohn geben zu
müssen Wer misst die Arbeit des Geistes auf seinem unsichtbaren Felde Wer
bewacht die Ruhe seiner Arbeit Wer ehrt die Grenzen die er gezogen Wer
erkennt das Ursprüngliche seiner Anschauung Wer kann den Tau des Paradieses von
dem ausgesprjetzten Gifte der Schlange unterscheiden Kein Gesetz bewacht
Geisteswerke gegen Frevel sie tragen kein dauerndes äußeres Zeichen müssen in
sich den Zweifel dulden ob böse oder gute Geister den Samen ins offene Herz
streueten ja die anmassende Frömmigkeit nennt oft böse was aus der Fülle der
Liebe und Einsicht hervorgegangen ist Der Arbeiter auf geistigem Felde fühlt am
Ende seiner Tagewerke nur die eigene Vergänglichkeit in der Mühe und eine Sorge
der Gedanke der ihn so innig beschäftigte den sein Mund nur halb auszusprechen
vermochte sei wohl auch in der geistigen Welt wie für die Zeitgenossen
untergegangen Diese härteste aller Prüfungen öffnet ihm das Tor einer neuen
Welt Indem er diese geistige Welt gleich der umgebenden als nichtig und
vergänglich aufgibt da fühlt er erst dass er nicht hinaus zu treten vermag dass
sein ganzes Wesen nicht nur von ihr umgeschlossen sondern dass sogar außer ihr
nichts vorhanden sei dass kein Wille vernichten könne was der Geist geschaffen
Darum sei uns lieb diese träumende Freude und Sorge aller schaffenden Kräfte als
ein Zeichen der höheren Ewigkeit in die sich der Geist arbeitend versenkt und
der Zeit vergisst die immer nur weniges zu lieben versteht alles aber fürchten
lernt und mit Ängstlichkeit dingt was mitteilbar sei oder was verschwiegen
bleiben müsse Das Verschwiegene ist darum nicht untergegangen töricht ist die
Sorge um das Unvergängliche Aber der Geist liebt seine vergänglichen Werke als
ein Zeichen der Ewigkeit nach der wir vergebens in irdischer Tätigkeit
vergebens in Schlüssen des Verstandes trachten auf die uns der Glaube vergebens
eine Anwartschaft gäbe wenn sie nicht die irdische Tätigkeit lenkte das Spiel
des Verstandes übte und dem Glauben aus der tätigen Erhöhung in Anschauung und
Einsicht beglaubigt entgegen träte Nur das Geistige können wir ganz verstehen
und wo es sich verkörpert da verdunkelt es sich auch Wäre dem Geist die Schule
der Erde überflüssig warum wäre er ihr verkörpert wäre aber das Geistige je
ganz irdisch geworden wer könnte ohne Verzweifelung von der Erde scheiden Dies
sei unserer Zeit ernstlich gesagt die ihr Zeitliches überheiligen möchte mit
vollendeter ewiger Bestimmung mit heiligen Kriegen ewigen Frieden und
Weltuntergang Die Geschicke der Erde Gott wird sie lenken zu einem ewigen
Ziele wir verstehen nur unsere Treue und Liebe in ihnen und nie können sie mit
ihrer Äusserlichkeit den Geist ganz erfüllen Die Erfahrung müsste es wohl endlich
jedem gezeigt haben dass bei dem traurigsten wie beim freudigsten Weltgeschicke
ein mächtigeres Gegengewicht von Trauer und Freude uns selbst verliehen ist dass
sich alles in der Kraft des Geistes überleben lässt und in seiner Schwäche uns
nichts zu halten vermag Es gab zu allen Zeiten eine Heimlichkeit der Welt die
mehr wert in Höhe und Tiefe der Weisheit und Lust als alles was in der
Geschichte laut geworden Sie liegt der Eigenheit des Menschen zu nahe als sie
den Zeitgenossen deutlich würde aber die Geschichte in ihrer höchsten Wahrheit
gibt den Nachkommen ahndungsreiche Bilder und wie die Eindrücke der Finger an
harten Felsen im Volke die Ahndung einer seltsamen Urzeit erwecken so tritt uns
aus jenen Zeichen in der Geschichte das vergessene Wirken der Geister die der
Erde einst menschlich angehörten in einzelnen erleuchteten Betrachtungen nie
in der vollständigen Übersicht eines ganzen Horizonts vor unsre innere
Anschauung Wir nennen diese Einsicht wenn sie sich mitteilen lässt Dichtung
sie ist aus Vergangenheit in Gegenwart aus Geist und Wahrheit geboren Ob mehr
Stoff empfangen als Geist ihn belebt hat lässt sich nicht unterscheiden der
Dichter erscheint ärmer oder reicher als er ist wenn er nur von einer dieser
Seiten betrachtet wird ein irrender Verstand mag ihn der Lüge zeihen in seiner
höchsten Wahrheit wir wissen was wir an ihm haben und dass die Lüge eine schöne
Pflicht des Dichters ist Auch das Wesen der heiligen Dichtungen ist wie die
Liederwonne des Frühlings nie eine Geschichte der Erde gewesen sondern eine
Erinnerung derer die im Geist erwachten von den Träumen die sie hinüber
geleiteten ein Leitfaden für die unruhig schlafenden Erdbewohner von heilig
treuer Liebe dargereicht Dichtungen sind nicht Wahrheit wie wir sie von der
Geschichte und dem Verkehr mit Zeitgenossen fordern sie wären nicht das was
wir suchen was uns sucht wenn sie der Erde in Wirklichkeit ganz gehören
könnten denn sie alle führen die irdisch entfremdete Welt zu ewiger
Gemeinschaft zurück Nennen wir die heiligen Dichter auch Seher und ist das
Dichten ein Sehen höherer Art zu nennen so lässt sich die Geschichte mit der
Kristallkugel im Auge zusammenstellen die nicht selbst sieht aber dem Auge
notwendig ist um die Lichtwirkung zu sammeln und zu vereinen ihr Wesen ist
Klarheit Reinheit und Farbenlosigkeit Wer diese in der Geschichte verletzt
der verdirbt auch Dichtung die aus ihr hervorgehen soll wer die Geschichte zur
Wahrheit läutert schafft auch der Dichtung einen sichern Verkehr mit der Welt
Nur darum werden die eignen unbedeutenden Lebensereignisse gern ein Anlass der
Dichtung weil wir sie mit mehr Wahrheit angeschaut haben als uns an den
größeren Weltbegebenheiten gemeinhin vergönnt ist Das Mittätige und
Selbstergriffene daran ist gewiss mehr hemmend als aufmunternd denn Heftigkeit
des Gefühls unterdrückt sogar die Stimme weil diese sie zum Maß der Zeit
zwingt wie viel weniger mag sie mit der trägen Pflugschar des Dichters mit der
Schreibfeder zurecht kommen Die Leidenschaft gewährt nur das ursprünglich
wahre menschliche Herz gleichsam den wilden Gesang des Menschen zu vernehmen
und darum mag es wohl keinen Dichter ohne Leidenschaft gegeben haben aber die
Leidenschaft macht nicht den Dichter vielmehr hat wohl noch keiner während
ihrer lebendigsten Einwirkung etwas Dauerndes geschaffen und erst nach ihrer
Vollendung mag gern jeder in eigenem oder fremden Namen und Begebenheit sein
Gefühl spiegeln
Waiblingen
Die Geschichten welche hier neben der Karte von Schwaben vor uns liegen
berühren weder unser Leben noch unsere Zeit wohl aber eine frühere in der
sich mit unvorhergesehener Gewalt der spätere und jetzige Zustand geistiger
Bildung in Deutschland entwickelte Das Bemühen diese Zeit in aller Wahrheit
der Geschichte aus Quellen kennen zu lernen entwickelte diese Dichtung die
sich keineswegs für eine geschichtliche Wahrheit gibt sondern für eine
geahndete Füllung der Lücken in der Geschichte für ein Bild im Rahmen der
Geschichte Die Karte von Schwaben wie sie Homanns Erben im Jahre 1734
herausgaben muss noch jetzt nach so vielen Veränderungen wohlgefallen Diese
sinnreichen Nürnberger haben alle Farben ihres weltberühmten Muschelkastens
benutzt die Grenzen der vielen Staaten augenscheinlich zu machen auf dass ein
jeder in dieser Farbenpracht den Bogen der Gnade erkennen möge den Gott über
dieses herrliche Land gestellt hatte als er es nach freier Entwickelung durch
Krieg und Friede mit der Kraft seines heiligen deutschen Reichs für
Jahrhunderte schützte Ein mächtiger Strom die Donau entspringt in Schwaben
begrenzt den Erbfeind der Christenheit den Türken Ein anderer der Rhein
findet erst im Bodensee seinen rechten Boden der ihn zur Größe erzieht wofür
er die Grenze von der er ungern scheidet zu einer Inselwelt durchflicht Der
Bodensee selbst ein sanftes Abbild des Meeres bezeichnet neben den Höhen eine
reiche Tiefe des Landes Wer nennt alle lieblichen Ströme welche das Land
durchrauschen Wer nennt alle Berge von Schlössern gekrönt von denen die Ströme
entspringen von denen die Heldengeschlechter herrschend zu den fernen Ebenen
niedergezogen sind Ganz Schwaben ist dem Reisenden ein aufgeschlagenes
Geschichtbuch hier war der früheste Mittelpunkt deutscher Geschichten und so
seltsam alles umfassend die Deutschen sich später schaffend und zerstörend
geregt haben diese Vollendung in einem gewissen Sinne erreichten sie nicht
wieder und so reibt sich das Bild des Unterganges unmittelbar an den Glanz der
Hohenstaufen Schöner ist das dauernde Steigen eines Landes das in jeder
Einrichtung das ungestörte Erbe der Jahrhunderte aufweisen kann aber menschlich
näher tritt uns als ein Bild des eignen Geschicks diese Berührung mit großen
Hoffnungen aus früheren Tagen in einem Volke das bewahrtem und achtend gegen
seine Vorzeit in Urkunden Erinnerungen und Gebräuchen jedem Dorfe seine
Denkwürdigkeit erhalten hat Suchen wir auf unsrer Karte den Neckarfluss und
gehen wir mit Behagen an seinem Ufer von Reben umgrünt zum Einflusse der Rems
und da hinauf durchs reiche Wiesental nach Waiblingen so befinden wir uns auf
dem Schauplatze unsrer Geschichte Waiblingen versteckt sich jetzt wie wir von
Reisenden hörten ungeachtet es an einem Hügel hinangebaut ist hinter
umgebenden Weinbergen Ehemals ragte am Tore ein hoher Wachtturm hinaus der mit
vier kleinen Türmchen und einem höheren in der Mitte alle fünf mit Schiefer
wohlgedeckt der Stadt schon aus der Ferne ein wehrhaftes Ansehen gab
Dieser Turm ist die Bühne welche den Anfang unsrer Geschichten aus den
engen Verhältnissen eines kleineren Städtleins zum Seltsamen erhebt so verdient
er eine nähere Beschreibung Die vier Türmchen traten an den vier Ecken des
Mauerwerks von Werkstücken heraus auch ein gezähnter Gang zwischen ihnen war
zur bessern Verteidigung hinaus gebaut Unter dem mittleren Turme befand sich
das Wachtzimmer in dessen Mitte eine große Wurfschleuder gegen andringende
Feinde aufgerichtet war während die Wände hinlänglich mit Armbrüsten und
Harnischen behangen waren um bei raschem Angriff gleich eine bedeutende Zahl
Bürger zu rüsten Als Wächter wurde immer ein alter Kriegsmann gelöhnt der des
Schlafes entwöhnt mit den Seinen abwechselnd eine ununterbrochene Wacht
unterhalten musste Auf seinem Büffelhorne zeigte er mit allgemein bekannten
Zeichen an wenn sich Not und Sorge sei es durch Kriegsscharen und Räuber oder
durch Feuer und Wasser dem Stadtgebiete näherten In solchem Fall kamen viel
neugierige Gesellen zum Besuch sonst mied jeder die enge Windeltreppe des
Turms der nicht besondere Freundschaft zu dem Wächter trug Eine Winde im
Wächterzimmer war zu doppeltem Gebrauche eingerichtet sie hob in einem großen
Eimer von der Stadtseite zu bestimmten Stunden seine Lebensmittel empor und
nahm in demselben Eimer von der Landseite nach dem unerbittlichen Torschluss alle
verspätete Sendungen an Rat und Bürger der Stadt gegen mäßigen Lohn auf Bei dem
lebhaften Verkehr dessen sich die Stadt jetzt als Vorratskammer der Neckarweine
für Augsburg durch Gerbereien und Ankauf von Schlachtvieh erfreute war diese
Art Nebengewinn ein Hauptunterhalt des Wächters geworden der nach dem frühen
Torschlusse mit Sehnsucht nach verspäteten Boten auf die Straße von Augsburg
herunter blickte Von Augsburg war das Tor genannt so weit Augsburg davon
entlegen sein mochte Augsburg war damals gleichsam ein heiliger Name weil die
sichtbaren Quellen des Wohlstandes das Geld und die Reisenden die es brachten
von Augsburg entsprangen und nichtimmer wieder dahin zurückkehrten im zweiten
Buche führt uns die Geschichte nach diesem Mittelpunkte des Handels zu den
reichen Geschlechtern die das neu entdeckte Amerika mitzuerobern Schiffe
ausrüsteten und die Kaiser durch Glanz und Erfindung froher Feste sich zu
geselliger Freude verbanden
Erstes Buch
Erste Geschichte
Die Hochzeit auf dem Turme
Der Bürgermeister von Waiblingen Herr Steller und der Vogt des Grafen von
Wirtemberg Herr Brix führten einander in der Neujahrsnacht mit ungewissen
Schritten durch die glatten Gassen nachdem sie einander beim Schlage der
zwölften Stunde vor dem Ratskeller den flockig fallenden Schnee vom Barte geküsst
und alles gute Glück angewünscht hatten Der Wein erweicht des Menschen Herz
dachte der Bürgermeister ich hätte nimmermehr geglaubt dass ich den Vogt so
lieb hätte dann fuhr er fort »Schade dass es so dunkel am Himmel und so weiß
an der Erde ist kein Sternlein ist zu sehen das uns ein Zeichen gäbe vom neuen
Jahre« »Kein Stern« fragte der Vogt mit schwerer Zunge »was sind denn das
für ein Paar rote Sterne am Himmelsrande« »Das sind die Fenster des
Wachtturmes« antwortete Herr Steller lachend »kennt Ihr die nicht aber sie
leuchten heute wohl heller als sonst denn da ist Bettelmanns Hochzeit der neue
Turmwächter der Martin hat heute die Witwe des vorigen geheuratet weil sie
oben zu stark geworden um die enge Windeltreppe herunter zu steigen Wir
konnten doch wahrhaftig der Frau wegen nicht den Turm abbrechen lassen und so
musste sie sich dazu bequemen sonst hätte sie lieber unsern Schreiber den
Bertold geheuratet Der Pfarrer hat sie oben müssen zusammengeben« »Aber um
Gottes willen« fragte der Vogt »wie soll die Frau hinunterkommen wenn sie
erst tot ist da wird ein Mensch doch noch ungeschickter als er bei lebendigem
Leibe war« »Das würde sich finden wies Sterben meinte sie« sprach
Steller »solch armes Volk lebt in die Zeit hinein wies liebe Vieh wenn es
nur Futter hat Gute Nacht Gevatter viel Glück zum neuen Jahre Ihr werdet doch
allein fortkommen« So taumelten sie aus einander der Vogt ging den beiden
roten Sternen nach und der Bürgermeister gab Achtung dass sie ihm im Rücken
blieben und so führte das Glück der Armen die beiden Reichen wie eine
Vorbedeutung in ihre Häuser heim
Auf dem Turme saß der alte trockene Martin der neue Turmwächter im
verschossenen roten Wams den er noch aus dem italienischen Kriege mitgebracht
hatte zwischen Frau Hildegard mit der er heute vermählt war und Bertold dem
Ratsschreiber wie auf dem Felde des Schachbretts zwischen Schwarz und Weiß
denn jene war reinlich in weißem selbstgewebten Leinen dieser sehr anständig
in schwarzem Tuch gekleidet Martin sprach davon wie er sonst auf
Schlachtfeldern zwischen Tod und Teufel und jetzt wie im Schachspiel fröhlich
zwischen Freund und Frau sitze und habe sich das nicht träumen lassen voraus
dabei umfasste er beide und drückte beiden die Köpfe an einander dass sie sich
küssen mussten und trank dann seinen Wein auf die Erinnerung einer Neujahrsnacht
wo er und Bertold auf den Turm stiegen und Frau Hildegard belauschten wie sie
mit ihrer Base Zinn gegossen BERTHOLD »Das war eine schöne Nacht klar und
warm die Witterung wird immer rauer in Waiblingen und die Welt geht endlich
gewiss in Eis unter« MARTIN »Kalt oder warm untergehn muss sie doch bald
wenn nur Hildegard so lange lebt um den Lärmen mit uns zu beschauen Ja in der
Nacht ging mir das Herz auf gegen dich und es zuckte mir in dem Arme was
hilfts verhehlen Gott weiß es doch und schreibt sich alles auf« BERTHOLD
»Du wolltest der guten Frau um den Hals fallen die Sünde vergibt der Küster«
MARTIN »Nein Bertold ihren Mann wollte ich zum Turm hinunterwerfen er stand
auf der Mauer und blies das neue Jahr an er wollte sich recht hören lassen da
tratest du zwischen uns und so wurdest du mein guter Engel und bist es immer
geblieben und hast bei Hildegard für mich geworben Das kam alles vom
Zinngiessen« HILDEGARD »Habe dich damals am Fenster nicht beachtet aber den
Zinnguss habe ich aufgehoben wie ich alles aufhebe seht da drei Kirchtürme im
Zinn was deutet mir das« MARTIN »Der eine bedeutet deinen ersten Mann der
zweite deutet auf mich und der dritte das ist dein dritter Mann Bertold«
HILDEGARD »Der Tod ist der dritte Mann« BERTHOLD »Hör Martin ich mag auf
deinen Tod zu meiner Seligkeit nicht warten dir schadets noch nicht wenn du
ein paar Stunden mit offener Brust im Schneegestöber auf ein Wild lauerst ich
muss mir schon Kopf und Füße warm halten am Schreibtische altert ein Mensch
früher als auf dem Rosse« MARTIN »Mit dem Reiten und Fechten ist es jetzt
aus bin ärgerlichen Gemüts und das gedeiht nicht im Alter kann ich die
Armbrust nicht mehr spannen und keinen Vogel im Fluge sehen und treffen dann
stößt mir der Gram das Herz ab Sieh Bertold so gräm ich mich auch dass wir
von einander ziehen sollen und haben so lange mit einander Haus gehalten ich
sorgte fürs Wildbret und du für die Fische aus dem Ratsweiher Es liegt wenig
daran ob einer in Seide oder nackt wie auf dem Schlachtfelde begraben wird
aber dass wir nicht in alten Tagen einsam leben müssen davor behüte der Himmel
jeden Hör Bertold wir sind heute bei deinem Wein lustig sei künftig auch
vergnügt bei unserer alltäglichen Hausmannskost zieh herauf zu uns Hildegard
wird dir mit keiner doppelten Kreide anschreiben« BERTHOLD »Du kannst meine
Gedanken lesen dachte schon lange daran ob ich mir nicht dort auf der wüsten
Brandstelle ein Haus in eurer Nähe errichten könnte wo wir zusammen aus einer
Kasse lebten und mit einander teilten was wir verdienen« MARTIN »Damit
alles gleich wird teilen wir auch die Frau« HILDEGARD »Sonst bin ich mit
allem zufrieden aber das ist gegen die zehn Gebote« MARTIN »Und er soll
dein Herr sein hat der Pfarrer gesagt und dabei bleibts Bertold schläft
hier du nennst ihn Du wie mich du sorgst für ihn wie für mich und schlägst ihm
nichts ab er wird nichts Ungebührliches von dir fordern Und hier ist deine
Schlafstelle auf der alten Wurfschleuder die doch nimmermehr gebraucht wird
hier ziehen wir eine Wand von Latten und du überziehst sie mit Papier so hast
du dein Haus da drin und dein Fenster und deine Schreibereien liegen da
ungestört und wenn wir Nachts nicht schlafen können so können wir wie bisher
mit einander reden du sagst was du Neues gelesen und ich was ich in jungen
Tagen bei dem Franzosen und Italiener erlebt habe« BERTHOLD »Du sprichst wie
aus himmlischer Eingebung wie kann ich mich widersetzen Seht da kehre ich
meine Tasche um in den Topf das ist meine ganze Habe so tut desgleichen und so
lange der Topf nicht leer ist greife ich dreist in eure Schüsseln« MARTIN
»Halt Bruder du hast schon zuviel voraus gleiche Brüder gleiche Kappen fort
mit den Batzen bis ich auch welche verdient habe und gleich einlegen kann«
BERTHOLD »Hör nur da rufts vor dem Tore da kommt ein reiches Trinkgeld das
setzest du gegen meinen Sparpfennig was der bringt gehört uns auch zusammen«
MARTIN »Das wird nicht viel sein aber du sollst deinen Willen haben rückt
nun den Tisch hebt den Eimer über nun lasst die Winde langsam ablaufen das
musst du alles lernen Bruder Bertold wenn du mit uns im Adlerneste hausen
willst die Krähen werden dir oft genug den Käse vom Brot stehlen«
Bertold hatte das alles schon gelernt und während Martin die Winde in
Ordnung brachte hatte er schon den wohlbeschlagnen Eimer auf die andere Rolle
übergelegt Frau Hildegard erinnerte Martin seinen Schafpelz anzuziehen er
aber lachte und sprach »Hab eher im Schnee geschlafen als wärens Daunen als
ich noch bei den Kronenwächtern diente doch halt davon darf ich nicht
schwatzen ich habs geschworen« Der Reiter unter dem Tore fluchte dass es so
lange daure und Martin wollte ihm eben in alter Kriegsmanier antworten da bat
jener sorglich er möchte den Eimer nicht anstossen lassen es sei zerbrechliche
Ware darin und Martin verschluckte seine Antwort und sprach »Zu meiner Hochzeit
hättet Ihr wohl das Fluchen vergessen können« Der Reiter schrie herauf »Nimm
das was im Eimer liegt zum Hochzeitgeschenk sei eingedenk deines Schwures
kein Turm ist zu hoch kein Grab zu tief für Gottes Richterschwert und für
unsern Pfeil« Martin trat ernst mit dem Kasten ins Zimmer den er aus dem
Eimer genommen setzte ihn in der Zerstreuung auf den Apfelkuchen und brummte
vor sich »Wäre ich nur nie bei den alten Mördern gewesen« Als Frau Hildegard
wegen des Apfelkuchens schalt sagte er »Es ist auch ein Hochzeitgeschenk mit
dir Bertold wird es geteilt vielleicht ists ein feinerer Kuchen macht es
sorglich auf es soll sehr zerbrechlich sein« Frau Hildegard schob den
durchlöcherten Deckel auf hob eine Pelzdecke auf und sah mit großem Erstaunen
einen kleinen Knaben der auf einem Totenschädel halb mit einem weichen Kissen
bedeckt ruhte und schlief »Ha« fuhr Martin bei dem Anblick auf »es hat das
Zeichen« Bei dem Worte sprang er hinaus sah aber nur noch in bedeutender
Entfernung den Reiter auf seinem Schimmel wie sein weißer Mantel im Winde
gleich einem Segel aufbauchte und wie er sich bald gleich einer Schneewolke
unter den stumpfen Weiden der Straße verlor Er kam zurück als Bertold mit
überwundener Sorge sprach »Es ist nicht tot es schläft nur tragts ins Bette
Frau Hildegard aber denkt nicht dass dies liebe Kind euch allein gehört mein
ist die Hälfte Martin hats versprochen« MARTIN »Du sprichst ja wie ein
Versucher dem ich des Kindes Seele verschrieben habe« BERTHOLD »Ich brauche
nicht seine Seele ich brauche nur seine Hand ich wills zum Schreiber
aufziehen« MARTIN »Versuchs nur wenn der Knabe älter wird da merkt er
schon in sich dass er nicht zum Schreibtisch sondern unter den Helm gehört
aber Hildegard ist es dir denn lieb ein Kind zu haben bist ja so still emsig
es einzupacken als ob du es im Federbett ersäufen wolltest« HILDEGARD
»Still hab nie ein schöneres Kind gesehen alle andern sind Holzklötze dagegen
ein feines Bild aus Elfenbein ist dies das muss aus hohem Geschlechte stammen
wenn wir nur reich wären um es fein ordentlich aufzuziehen« MARTIN »Gott
sorgt für die Gemslein auf den Felsenspitzen sieh her Hildegard sieh den
Schatz der bei dem Kinde im Kästchen liegt« BERTHOLD »Fünf Goldgülden alle
mit dem Stempel unsres letzten Schwabenherzogs Konradin die sollen wunderselten
sein die mögen in einer recht alten Sparbüchse gerostet haben bis die grimme
Not die das liebe Kind verstoßen sie in die Welt trieb Der Schatz soll dem
Kinde bleiben ich sorge mit Abschreiben in den Abendstunden für das Kind«
MARTIN »Ich sorge für meine Hälfte sonst hau ich sie mir von dem Kinde ab hab
wohl keine Kinder mehr zu erwarten will mich auch von einem Kinde streicheln
lassen ob ich mir hier ein Kind oder einen Hund futtre das kostet gleich
viel« Das Kind war von dem Streite aufgewacht und forderte schreiend seine
Nahrung die Frau war in großer Sorge was sie ihm geben sollte sie hoffte dass
ein gläubiges Gebet zur heiligen Mutter ihre Brust mit Milch füllen könnte
aber Martin schüttelte mit dem Kopfe und sprach »In unsrer Zeit geschehen keine
Wunder« Frau Hildegard ließ sich aber nicht stören in ihrem Glauben sondern
betete an ihrem kleinen Altare und wie sie noch so betete da hörte sie das Kind
schlucken das ganz allein lag weil die beiden Männer an den Herd gegangen
waren um Feuer zu einem Brei anzuschüren Sie sah sich um und erblickte ihre
große schwarze Ziege die sich aus dem Stall losgerissen und auf das Bette
gesprungen war und das Kindlein sog mit freudiger Begierde an der Ziege
Hildegard richtete sich mit gefaltenen Händen auf und rief die Männer
»Seht seht dem Frommen geschehen alle Tage Wunder« Bertold faltete
gleichfalls verwundert die Hände aber Martin sprach gleichgültig »Es ist doch
gut dass wir heut das Zicklein zum Hochzeitbraten opferten die Ziege wäre sonst
mit keiner Gewalt zum Stillen des Kinds zu zwingen gewesen jetzt drängt es sie
dazu es ist nicht alles Liebe was die Menschen so nennen« Dann nahm er
Bertold bei der Hand und führte ihn an die andere Ecke des Zimmers wo der
Kasten stand und sprach wehmütig und leise »Sieh da das weiße Kind unter dem
gehörnten schwarzen Tiere das dem Teufel ähnlich sieht so kommt die Unschuld
zur Schuld und nährt sich von ihr so soll auch ich das Kind ernähren und bin
nicht wert solcher himmlischen Gnade Ich halts nicht aus Habe so viele
blühende Jünglinge in Feldschlacht und Fehden erschlagen und werde nun zum Narrn
vor Freude dass ich der Welt ein Kind zum Ersatz aufziehe o ich wollte dass ich
bei meinem Vater am Webstuhl ausgeharrt oder dass ich gar nicht gelebt hätte
Wer weiß wem der Schädel gehört der bei dem Kinde liegt er trägt eine schwere
Narbe wie ein Fenster durch welches der Geist zum Himmel geflogen vielleicht
habe ich ihm die geschlagen Ich musste meinen Herren folgen auf den Fehden und
sie fragten mich nicht ob sie ein Recht hätten zum Blutvergießen es hieß nur
hier gilts hier musst du vor Martin Es sind jetzt noch keine sechs Monat da
focht ich mit einem jungen Ritter er wehrte sich entsetzlich da fiel ihm der
Helm ab ich hatte ihm die Schienen durchhauen und mein Schwert drang tief in
sein Haupt er war schön wie eine Jungfrau meinen Hals hätte ich abschlagen
lassen um ihn zu heilen aber der Tod lässt sich nicht wieder gut machen Ich
sagte den Kronenwächtern mit Abscheu meinen Dienst auf sie ließ mich ziehen
Das Kind gleicht dem Ritter sie habens mir geschickt Bertold zieh es zum
Frieden auf es soll für mich beten« Bertold sah verlegen nieder es war ihm
als ob ein anderer als Martin mit ihm rede so weich hatte er ihn nie gekannt
er sah nach dem Schädel und wies auf etwas Blinkendes das darin steckte
MARTIN »Wird wohl ein Splitter von meinem schartigen Doppelschwerte sein oder
ein Helmring lass es stecken so etwas das einem Menschen den Tod brachte muss
vergraben sein ich werds auch bald sein Wenn einst andere Leute so in meinen
Schädel hinein sehen was werden sie darin lesen«
Zweite Geschichte
Die Chronik der Stadt
Die Nacht verging unbemerkt in mancher Besorgung für das Kind am Morgen
bemerkte erst Frau Hildegard eine feine Schrift auf dem Kasten der das Kind
geborgen und Bertold las da den biblischen Spruch auf das Kind angewendet
»Gehet hin und taufet ihn im Namen des Vaters« Frau Hildegard erschrak dass
dies wohl sechs Monat alte Kind noch nicht getauft sei und Bertold nahm es
eilig mit dem Bette in seinen Mantel da Martin von seinem Wachtposten nicht
abkommen konnte Erst lief er zum Bürgermeister und berichtete ihm den seltsamen
Vorgang indem er zugleich den zierlich mit blauer und roter Tinte geschriebenen
Neujahrwunsch abgab Der Bürgermeister war in sehr gnädiger Stimmung dankte
freundlich und sagte dass er dieses Kind wohl zu sich nehmen würde wenn er
verheiratet wäre jetzt könne es aber seinem Rufe bei den Eltern seiner Braut
schaden übrigens werde wohl zuweilen aus der Armenkasse etwas für das Kind zu
erübrigen sein und man müsse inzwischen nachforschen wer des Kindes Eltern
wären Das alles hatte der Schreiber sich längst selbst bedacht nahm es aber
doch wie hohe Weisheit an und entfernte sich demütig Aber die Frühmesse war
inzwischen schon längst zu Ende gegangen als er nach der Pfarrkirche kam Der
Geistliche trat eben hinaus ihn fror sehr und er war nur mit Mühe zu überreden
die Taufe sogleich zu erteilen In der Eile vergaß er sich nach Vor und
Zunamen des Kindes zu erkundigen und fragte während der Handlung wie es heißen
sollte Bertold der es auch nicht bedacht antwortete Bertold und weil der
Pfarrer es für Bertolds Kind hielt so taufte er es Bertold mit Vornamen und
Bertold mit Zunamen so dass es nun Bertold Bertold hieß oder Berchtold
Berchtold wie andere den guten alten Namen schreiben Der Tag durchbrach
siegend die Schneewolken als Bertold im Turme das Kind aus dem warmen Mantel
hob und sich in dessen hellen Augen sonnte Die lahme Elster die in der vorigen
Nacht alles unter dem Bette verschlafen hatte sprang zum Kinde mit Hildegard
und Martin und rief zu ihm »Bertold Bertold« »Sie weiß es schon« rief
Bertold verwundert »das haben ihr gewiss die Sperlinge gesagt die in der
Kirche herumflogen« Martin aber ging ruhig zu seiner Arbeit an der neuen
Lattenwand zurück und brummte vor sich »Nenne ihn wie du willst er wird
seinen rechten Namen doch erhalten wenn seine Stunde schlägt aber sieh hier
wie fleißig ich gewesen bin die Wand ist gleich fertig und nun schaffe Papier
zum Überziehen« »Auch dafür habe ich in der Schreibstube gesorgt« antwortete
Bertold »sieh die schönen großen Bogen habe darauf in jungen Jahren als ich
noch mehr Freude am Schreiben hatte die Chronik von unserm Städtlein
geschrieben der Knabe mag daran buchstabieren lernen« »Schade dass wirs so
zerreißen müssen« sagte Martin »habe oft darüber nachgedacht wie die Leute
auf den närrischen Einfall gekommen sind sich hier niederzulassen obgleich
jedermann lieber in Augsburg wohnen möchte« »Ei« sagte Bertold »du denkst
das Glück hat immer auf dem Fleck wie jetzt gestanden vielmehr rückt es immer
von einem Platze zum andern weil es nie sich festsetzen darf und des Stehens
müde wird Es gab eine Zeit wo Augsburg kaum genannt wurde und da stand hier
eine Stadt die auch niemand mehr zu nennen weiß die war das Haupt von ganz
Schwaben zwei Meilen von hier nach Schorndorf soll noch ein Stück von unsrer
alten Stadtmauer zu sehen sein bei meinen Geschäften ist mir aber die Reise zu
weit um es zu besehen« »Und ich darf vom Turme gar nicht fort« klagte
Martin »Tröste dich mit mir« meinte Hildegard »ich dürfte wohl herunter aber
bei meinem Schwindel darf ich die Windeltreppe nicht ansehen sonst geht alles
mit mir um da sagen denn die bösen Leute in der Stadt dass ich zu stark
geworden sei um die Treppe zu steigen wer weiß ob solche Lügenreden nicht
auch in die alten Geschichten gekommen sind so dass kein Mensch jetzt mehr sagen
kann wo die Lüge aufhört und wo die Wahrheit anfängt« »Aber ich habe es
geschrieben funden auf altem Pergament« rief Bertold »wer würde sich die Mühe
geben Lügen aufzuschreiben In diesem Pergament fand ich auch was hier steht
dass der Attila Gottes Geissel getauft diese Hauptstadt der alten schwäbischen
Herzoge bis auf den Grund ausbrannte und dass wir entweder gar nicht lebten oder
doch keine Waiblinger wären wenn nicht die Frau des Frankenkönigs Klodwig hier
drei Hirsche mit ihrer Armbrust erlegt hätte Seinem Weibe zu Ehren baute der
Frankenkönig die Stadt nannte sie von ihr Waiblingen versteht ihr wohl weil
dort einem Weibe gelingt was sonst kaum ein Mann leisten kann auf der Jagd«
»Und davon kommen wohl die drei Hirschhörner in unserm Stadtwappen« fragte
Martin »Ein schlimmes Zeichen für uns Ehemänner« fuhr er fort »muss nur die
Wand hier recht dicht und fest zukleben« Bertold blätterte weiter und sagte
»Du hast mir ein gut Stück Geschichte zugeklebt da stehe ich schon beim Kaiser
Konrad der so viel auf die Treue seiner Waiblinger hielt dass er es zum
Feldgeschrei der Seinen gegen die verräterischen Welfen machte Hier Waiblinger
hieß es wo es hart herging und mit dem Feldgeschrei siegte er über alle
Feinde Der hörnerne Siegfried war ihr Anführer der seinem Herrn die starke
Braut bezwungen hatte und dafür durch den tückischen Hagen sein Leben einbüsste
nun von dem Märchen singen ja noch die Fiedler auf den Straßen und es wäre wohl
gut dass sie etwas Neues lernten denn es will ihnen niemand mehr zuhören«
»Was haben mir die Italiener von Ghibellinen oder Wibellinen erzählt«
unterbrach ihn Martin »sie schimpften sich noch so obgleich keiner mehr wusste
was es bedeute und da kommt all der Lärmen aus unserm Städtlein« »Ehre
unsere Stadt alter Martin« sagte Bertold »denn sie hat viel mehr Auszeichnung
genossen zur Zeit der schwäbischen Kaiser Vor allem liebte sie der hochberühmte
Friedrich Barbarossa erbaute auch hier einen Palast gleich dem von Gelnhausen
Ich habe ihn oft gesucht dort unter den Trümmern aber ich konnte nicht ohne
Aufsehen über das alte Mauerwerk klettern und die Leute hätten gemeint ich sei
auch so ein Schatzgräber die immer noch bei den alten Häusern welche die große
Feuersbrunst einstürzte nach Gold suchen und Kohlen finden Die Beschreibung
von dem Schloss ist gar sehr prächtig es bestand aus einem Hauptgebäude und
einem Seitenflügel zum Anschauen der Ritterspiele Hinter demselben war ein
seltsamer Garten von fremden Pflanzen Alle Zimmer waren kostbar mit Teppichen
und Waffen des Morgenlandes verziert aber am reichsten die Kapelle zu Ehren der
heiligen drei Könige deren Leichen dort eine Nacht geruhet als sie der Kaiser
von Mailand nach Köln sendete wo sie noch ruhen und große Wunder verrichten In
dem Hause hier sollen die Anhänger des schwäbischen Hauses noch lange Zeit ihre
Zusammenkünfte gehalten haben bis die große Feuersbrunst es mit aller
Herrlichkeit gleich der ärmsten Hütte verzehrt hat« »so gehts auch Eurer
sauberen schön gemalten Handschrift habt sicher nicht gedacht sie so zu
verbrauchen als Ihr Euch dem Schreiben unterzogen« bemerkte hier Martin »Ich
erheiterte mich als Knabe« erwiderte Bertold »mit der gewissen Zuversicht
sie werde sich zum ewigen Andenken wie die alten Schenkbriefe der Stadt von
einem Ratsschreiber zum andern vererben aber der Bürgermeister warf sie neulich
zornig dreinreissend vor die Türe weil er etwas von den Seinen die ich unter
dem Namen nicht erkannt darin gefunden das ihm gar nicht lieb war dass nämlich
eine Jungfrau seines Geschlechts einen Löwen in unsrer Stadt geboren habe Es
hat sich damals ein Löwe hieher verlaufen gehabt der viele Menschen würgte bis
diese Jungfrau ihm entgegentrat der er geduldig den Kopf in den Schoss legte und
sich von ihr mit gemeiner Kost abspeisen ließ Da glaubten schon die Leute sie
sei eine Heilige bald aber kam es heraus dass sie sich ihm vermählt habe als
sie einen Löwen gebar denn da zog der Alte mit seinem jungen Löwen fort sie
aber stürzte sich aus Gram in die Rems« »Sollte die Geschichte also doch wahr
sein« brummte Martin »hab sie den Kronenwächtern nie glauben wollen von dem
Löwen stammten nachher viele Menschen versteht Ihr mich von ihren gelben
lockigen Haaren wurden sie Löwen genannt auch von ihrer Stärke und königlichen
Abkunft Doch das stirbt hier unter uns ich darf davon nicht reden aber Ihr
wisst doch von dem Feinde unsres Barbarossa dass der Heinrich der Löwe hieß kein
Stamm geht unter aber erst wenn feindliche Stämme sich innerlich versöhnen und
verbinden wird der Friede kommen auf Erden« »Aber wie ist mir« rief
Hildegard verließ das schlummernde Kind und trat ans Fenster »es ist als ob
es schon wieder Nacht werden wollte« »Es wird eine Schneewolke sein« meinte
Bertold »Nein nein« seufzte Martin »ich sagte wieder ein Wort zu viel das
geht mir nicht ungestraft hin seht nur die Sonne verliert ihren Glanz dass
jeder sie anschauen kann wie ein verweintes Auge Der schwarze Star deckt sie
immer mehr die wird nicht wieder scheinen seht wie die Vögel in den Tannen
sich verstecken auch unsre Elster geht schon unters Bette zum Schlafen die
Schatten der Bäume verschwinden vom Schneegrund denn ein Schatten deckt alles
ich stehe vor der Sonne dass sie nicht scheinen mag Die Bürger laufen umher und
wissen nicht woher ihnen die Strafe kommt Hört ihrs da unten das brachte ich
euch« »Schweig Martin« unterbrach ihn Bertold »ich muss dir sonst den Mund
zuhalten mir ist nicht wohl in der Dunkelheit und die Bürger läuten der Sonne
die Sterbeglocke jetzt ist sie kaum noch einer Mondensichel zu vergleichen die
am Tage da oben stehen geblieben aber wartet geduldig um einen Menschen geht
die Welt nicht unter Aus meiner Chronik erinnere ich mich einer
Sonnenfinsternis die so dunkel gewesen dass die Arbeiter der großen
Wollenwebereien in Augsburg aus Angst zu den Ihren zu kommen einander tot
drängten und nachher war alle Not verschwunden nur die nicht die sie selbst in
der Angst geschaffen hatten« »Ihr habt recht« sagte Hildegard »mir ist als
ginge die Sonne mitten am Himmel wieder auf als wäre ihr Licht tausendfach
schöner als je wie sich unsre Tauben erschwingen und Kreise um den Turm
ziehen« »Die Bürger lachen ihrer Furcht« fuhr Bertold fort »schämst du
dich nicht Martin« »Wärs mit der Scham abgetan und mit der Furcht« sprach
Martin in sich »ich wollte mich fürchten und meiner Furcht mich schämen und den
Spott der Kinder tragen mir aber ist es mehr als eine Sonnenfinsternis was ich
gesehen vergebens ziehen die Tauben ihre Kreise um mich her sie können mich
nicht schützen«
Dritte Geschichte
Der Palast des Barbarossa
Die Ehe des Turmwächters Martin blieb ohne Segen eigener Kinder um so höher
ehrten die beiden Eheleute den kleinen Bertold und Frau Hildegard hatte
eigentlich keinen Augenblick wo sie ihn vergaß Selbst im Schlafe reichte sie
ihm noch die Hand dass er damit spielen und sie erwecken könnte wenn er einmal
früher aufwachen sollte Die Elster war aber des Kleinen Gespielin die ihm nie
etwas zu leide tat aber durch ihr Geschrei warnte wo das Kind sich einer
Gefahr aussetzte Martin fand sich in seiner schwarzen Seelentiefe durch den
Anblick des Knaben erhellt schnitzte ihm Stöcke und Degen so bunt der Kleine
sie verlangte und Bertold war eifrig beschäftigt dass der Kleine früher als
andere Kinder Buchstaben kennen lernte und bald auch buchstabierte »Das wird
ein Gelehrter« sagte er mit Zuversicht und Martin lächelte aber Bertold ließ
sich dadurch nicht abbringen von seinem Unterrichte Schon im siebenten Jahre
schrieb der Kleine eine feste Hand rechnete schon notdürftig und wäre in der
Schule als ein Wunderkind aufgetreten wenn er sie hätte besuchen dürfen Aber
Bertold setzte seinen Schreiberstolz darin ihn allein weiter zu bringen als
die bequemen Geistlichen in der Stadtschule es mit allen Züchtigungen bei den
Stadtkindern vermochten und Frau Hildegard war es sehr zufrieden weil er sonst
Unarten und Ungeziefer mit annehmen könnte Nur Martin schüttelte mit dem Kopfe
und sagte es werde der Junge zu nichts in der Welt taugen und die beste Zeit
seines Lebens in dieser Einsamkeit verlieren doch sah er ihn zu gern um sich
als dass er ihn mit Ernst entfernt hätte Schon im zehnten Jahre wusste ihn
Bertold mit schriftlichen Aufsätzen aller Art zu beschäftigen indem er ihm
einbildete die Stadt habe ihn als Unterschreiber angenommen Der Kleine
arbeitete sich in alles mit einem Amtseifer hinein dass Bertold schon im
zwölften Jahre des Knaben ihn dem Bürgermeister zuführen konnte Dem
Bürgermeister gefiel seine gute Bildung sein freundliches Auge noch mehr seine
Handschrift in der er selbst dem alten Bertold überlegen war so künstlich
dieser die Anfänge der Kaufbriefe verzieren mochte Der Bürgermeister strich ihm
die langen gescheitelten blonden Haare und versprach ihn mit einem kleinen
Gehalt zur Hilfe des alten Bertolds anzustellen Der junge Bertold dankte dass
er ihn in seiner Stelle wolle fortbestehen lassen und Bertold klärte mit
Selbstzufriedenheit seine List auf wie er dem Knaben durch eine eingebildete
Anstellung Lust zur Arbeit gemacht habe Dem Bürgermeister machte der Einfall
viel Spaß er erzählte ihn seiner Tochter Apollonia die eben eintrat ungefähr
ein Jahr jünger als der junge Bertold und seit dem Tode der Mutter des Vaters
Augapfel während der junge Bertold von tiefer Scham über seine Täuschung immer
heißer erglühte und sich zuletzt des lauten Schluchzens und der Tränen nicht
erwehren konnte Der alte Bertold entschuldigte ihn mit einer ihm angeborenen
Blödigkeit und der Bürgermeister versprach ihm ein Kleid wenn er etwas Altes
ablegte wo dann Jungfrau Apollonia an das grüne Tuch welches vom Ratstische
abgenommen war erinnerte das sich auf der linken Seite noch untadelig gefunden
hätte Der Bürgermeister schenkte es auf ihre Bitte dem Knaben dem es zwischen
den Arm von Apollonien geschoben wurde die er dabei seitwärts durch die Tränen
ganz freundlich ansah und sich dann mit dem Vater fortbewegte
Als der Vater den Knaben in die Ratsstube führte ihm seinen Platz anwies
und wie er die Schriften ordnen sollte da musste der Knabe wieder weinen Als
der Vater nach der Ursache fragte antwortete der Knabe »Ich habe nun schon
seit Jahren etwas zu tun vermeint es war aber lauter Nichts und nur zu meiner
Übung wenn nun das alles was ich hier treiben soll auch nur zu meiner Prüfung
und an sich zu nichts dient« »Vielleicht lieber Sohn« antwortete der Alte
leise »zuweilen überkommt mich so eine tiefere Einsicht und sie erschreckt mich
nicht mehr wie sonst du aber bist ein Kind darum weine dich aus wie ein Kind
wirst immer noch früher wieder lachen als ich wenn ich dich zum
Schneidermeister Fingerling führe und dir das grüne Kleid anmessen lasse was du
mit deinem Schreiben dir verdient hast An dem Kleid magst du erkennen dass
dennoch nichts vergebens ist was der Mensch in gutem Willen tut« Sie gingen zu
Meister Fingerling und der kleine Bertold ward in der Werkstätte vom Meister
nach allen Richtungen gemessen Seltsam war es ihm als er den Arm musste heben
und krümmen wie er es sonst nie getan er meinte in dem neuen Rocke künftig
immer so stehen zu müssen Während der Meister die Umrisse des Kleids auf das
Tuch nach dem Masse kreidete und zuschnitt sah der junge Bertold mit großer
Aufmerksamkeit der Schere nach »Ich sehe es wohl an deiner Neugierde« sprach
Fingerling »dass du Lust zum Handwerk hast und dass du die spöttischen Reden der
andern Gewerke über uns Schneider nicht achtest« Der junge Bertold antwortete
darauf »Ich verstehe nichts von Eurem Gewerke lieber Meister aber
unbarmherzig scheint es mir wie Ihr mit der großen Schere das schön farbige
Tuch zerfetzt mir ists als zerschnittet Ihr mir die Haut so lieb habe ich
diese grüne Wiesenfläche ich hätte mir das Tuch bewahren sollen statt es
zerschneiden zu lassen um das Geschenk der edlen Jungfrau mir auf immer zu
bewahren« »Du musst ein Tuchhändler werden« sagte der fixfingrige Mann ohne
von der geheimnisvollen Bewegung seiner Schere aufzublicken »wenn so ein
Händler mit rechtem eignen Wohlgefallen das Tuch aufrollt und mit der Hand
sanft überfährt als ob er des Käufers ganz vergessen da gibt jeder einige
Kreuzer mehr Ich für mein Teil denke das Tuch wird erst durch meinen Zuschnitt
zu etwas wie der Mensch durch die Erziehung ja ich sehe dann schon im Geiste
die goldne Ehrenkette in dem Wams verdienen und darauf prangen« »Ich würde
lieber ein Tuchhändler« sagte der junge Bertold und empfahl sich dem Meister
mit besonderer Zuneigung Frau Hildegard ehrte den Knaben mit tausend
Zärtlichkeiten und noch mehr Ermahnungen als sie seine neue Würde vernahm nur
Martin schüttelte mit dem Kopfe und brummte vor sich »Sie haben ihn ganz
aufgegeben und vergessen« Der junge Bertold wusste schon dass er um solche
Redensarten den alten Martin nicht befragen durfte daher war auch alle
Neugierde über dergleichen Äußerungen bei ihm verschwunden er meinte das
gehöre so zu einem alten Kriegsmann wie das Fluchen Keiner verlor aber mehr
bei dieser Änderung als der Martin Die Frau war jünger und konnte sich so
nicht in seine Launen fügen wenn sie ihn auch lieb hatte und ihre Liebe selbst
war doch nur seiner Anwartschaft zur Türmerstelle gewesen was konnte da mit den
Jahren viel übrig bleiben außer der guten alltäglichen Gewohnheit alles als
gemeinschaftlich zu betrachten ausgenommen das Herz und die Gedanken
Alle Morgen wenn der junge Bertold vom Ratause kam ging ihm Martin
ungeduldig entgegen sah ihn an und ließ sich berichten was vorgefallen sei
Auf nichts mochte er sonst hören jetzt hatte er mit dem Liebling wieder Auge
und Ohr in die Welt gestreckt und ärgerte sich an dem vielen Unrecht was auf
dem Ratause zur Sprache kam und fluchte vom Jüngsten Tage Der alte Bertold
aber meinte »Das Gute bringen sie nicht zum Rataus so wenig sie ihr Brot auf
die Straße werfen so wissen wir im Ratause nur von den Sünden und auf der
Straße nur von der Unreinlichkeit der Menschen«
Aber Martin wurde immer finsterer seine Augen verdunkelten sich und es
mochte wohl ein Jahr seit der Anstellung des jungen Bertold verflossen sein
als er einmal ungeduldig auf ihn wartete und endlich Frau Hildegard die Wacht
anvertraute um ihm entgegen zu gehen Endlich kam der junge Bertold aber
nicht von der Seite des Ratauses sondern von der Seite der wüsten Brandstätte
»Erst erkannte ich dich nicht« rief ihm Martin entgegen »ist mir doch jetzt
beständig wie damals bei der Sonnenfinsternis die Sonne hat einen Flecken und
alles umher hat auch Flecken nachdem ich hinein gesehen wie kannst du mich so
lange warten lassen ich bin so neugierig wie sich der Streit wegen des alten
Fundaments geendet hat worauf der Nachbar übergebauet hatte« Aber der junge
Bertold hörte nicht auf ihn sondern umarmte ihn voller Seligkeit und rief
wiederholend »Das Haus des Barbarossa« »Was weißt du denn von dem« fragte
Martin »Hab ich nicht täglich davon an der Papierwand von Vater Bertolds
Schlafkammer gelesen habe ich nicht lesen gelernt an der Stelle wo der Palast
in der Chronik steht und habe immer heimlich daran gedacht dass ich ihn finden
müsste und heute habe ich ihn gefunden als mir die alte lahme Elster beim
Heimgehen entlief O sie weiß nun alles was ich denke und so zeigte sie mir
den Weg und ließ mich nahe kommen und hüpfte weiter wenn ich ihr den Finger
hinhielt dass sie darauf springen sollte und so kletterte ich ihr ärgerlich
über drei Mauern nach ohne mich umzusehen da erst sah ich mich um denn sie
rief weit von mir Bertold Bertold und mit freudigem Erschrecken sah ich
mich von den mächtigen Überbleibseln eines wunderbaren Gebäudes umgeben eine
Reihe ritterlicher Steinbilder steht noch fest und würdig zwischen ausgebrannten
Fenstern am Hauptgebäude ich sah auch das Seitengebäude ich sah im
Hintergrunde einen seltsamen dicht verwachsenen Garten und allerlei künstliche
Malerei an der Mauer die ihn umgibt das ist Barbarossas Palast« »So
seltsam rufen sie die Ihren« sagte Martin in sich »so viel Tausende haben als
Kinder unter diesen Mauern gespielt und keinem fiel dies Gebäude auf keiner
dachte des Barbarossa« »Es ist mein« rief der Knabe »ich will es aushauen
und will den Garten reinigen ich weiß schon wo die Mutter wohnen soll Komm
mit Vater sieh es an Du wirst sie alle wieder kennen in den Steinbildern
unsre alten Herzoge und Kaiser von denen du mir so viel erzählt hast«
Bei diesen Worten zog er den alten Martin über die Trümmer der wüsten
Stadtseite fort und Martin folgte ihm willig aber mit Mühe denn in dem
einsamen Wächtergange des Turms hatte er seine Sehnen zum Klettern allzu sehr
erhärtet
Da stand er endlich atemlos in der grünen Wildnis vor den Steinbildern und
rief »Wie sie mit Epheu bewachsen sind und ich erkenne sie doch sieh das ist
Barbarossa es ist mir doch nie so wohl geworden wie an diesem Flecke fänden
wir nur die Kapelle der heiligen drei Könige« »Ich war schon drin« sagte der
Knabe »aber ich kann die Türe nicht wieder finden auch der Alte ist fort der
mich hinführte und je mehr ich sein gedenke desto sonderbarer fällt es mir
auf dass er dem Steinbilde des Barbarossa ähnlich war Seht hier saß ich und
staunte alles an da klopfte er mir auf die Schulter der Alte in dem seltsam
prächtigen Mantel vorn mit einem roten Steine zugeheftelt und fragte mich ob
es mir wohlgefalle dieses Haus in den Trümmern er habe ein steinern Bild wie
es gewesen im kleinen ausgeführt das wolle er mir zeigen so solle ich es
aufbauen und ich würde viel Glück in dem Hause erleben und wenig würde mir von
meinen Wünschen unerfüllt bleiben« »Und du hast es gesehen« fragte Martin
indem er den Knaben auf andre Art als je ansah »Freilich« antwortete der junge
Bertold »und nimmer werde ich das kleine Steinbild vergessen ich könnte es
Euch hier auf dem Boden herzeichnen Könnte ich nur die Türe wieder finden wo
er mich einführte es ist als ob der Alte sie mit Schutt bedeckt hat Hier war
es meine ich da führte er mich in einen gewölbten Gang an dessen Ende er eine
metallne Türe öffnete Wie erschrak ich als wir da eintraten Das ganze
hochgewölbte Zimmer von zwei hängenden Lampen erleuchtet schien mit Gold und
Edelsteinen wie andre Häuser mit Kalk überzogen in der Mitte stand ein Sarg
und darin lagen drei hochehrwürdige Männer mit Kronen und als ich den Sarg näher
betrachtete war es dies Haus schön neu und vollendet und schien mir gewaltig
groß ob ich gleich drüber weg und hinein sehen konnte und als ich die alten
Männer näher betrachtete so sah ich dass der mittlere dem Alten glich der mich
hinein führte Ich sah mich um nach dem Alten es war mir als wäre er es
selbst der da lag mit Königen aber er war fort eine Angst füllte mein Herz
ich weiß nicht warum ich floh aus der Kapelle aus dem Garten über die Mauer
und so fand ich Euch Vater Martin« »Warum flohst du dein bestes Glück
unglücklicher Knabe« rief Martin »Aber so ists mit dem Menschen der bildet
sich viel auf seine Natur ein und meint seine Liebe und sein Hass seine Furcht
und Hoffnung müssen einen wahren Grund und Boden in der Welt haben« Der Knabe
sah den Alten an und verstand ihn nicht sondern fuhr in seiner Rede fort »Mir
ist noch immer so bange ich fürchte der Alte ist ein Geist gewesen« Martin
fuhr eben so in seinen Gedanken fort »Wir schaudern vor den Geistern und gehen
doch lange schon als abgeschiedene Geister umher wenn uns die Lebenden noch für
mitlebend halten Höre nicht auf mich mein Sohn ich bin hier so vergnügt wie
ich lange nicht gewesen und da schwatze ich mit mir selbst Wie die Linden schön
herduften die den Garten schließen mir ist nie so wohlgemut gewesen Gott
führt auf immer neuen Wegen zum Heil unser Leben ist wie ein Märchen das eine
liebe Mutter ihrem unruhigen Kinde erfindet« »Aber wird nicht Mutter
Hildegard mit dem Essen auf uns warten« unterbrach ihn der Knabe »Sie wird
noch öfter auf mich warten« antwortete der Alte »und ich werde nicht kommen
die Treppen des Turms steige ich nicht mehr hinauf und lasse auch das Seil nicht
mehr zur Erde laufen nach täglicher Notdurft sehe mir auch nicht mehr die Augen
aus ob irgend ein Strauchdieb unsern Fuhrleuten auflauert das ist nun alles
aus und ich bin hier eingesetzt dich Bertold den Abkömmling der Hohenstaufen
zu erziehen dir den Gebrauch ritterlicher Waffen zu zeigen und dein Schwert zu
wetzen dass es schneidet wenn du es brauchen sollst« Der Knabe wusste ihm nicht
mehr zu antworten sondern schmiegte sich an ihn als er ihn aber über sich
singen hörte da erschrak er denn so lange er um ihn gewesen hatte Martin nie
gesungen obgleich ihm ein Wächterlied anbefohlen war sondern sich immer am
Gesange geärgert und oft mit Steinen nach Knaben und Handwerksgesellen
geschleudert die singend aus der Stadt zogen Als aber der erste Schreck
vorüber war da hörte er dem Martin gern zu nie hatte er eine so tiefe ernste
Stimme gehört es war ihm als ob er eine ganze Kirche aus der Ferne singen höre
und jedes Wort blieb seinem Gedächtnisse eingeprägt
MARTIN
Im See auf Felsenspitzen
Wird bald dein Schloss die Pfalz
So eckig weiß dir blitzen
Als wärs ein Körnlein Salz
Und rings in dem Kessel von Felsen
Da siedet das Wasser am Grund
Ich rat es euch Wagehälsen
Verbrennet euch nicht den Mund
Es glänzen da sieben Türme
Von sieben Strudeln bewacht
Und wie der Feind sie stürme
Der alte Türmer lacht
Die alten Salme lauern
Auf frische Helden voll Mut
Wenn Heldenbräute trauern
Da füttern sie ihre Brut
Denn sieh die Schiffe kommen
Gerüstet bis zum Schloss
Gar prächtig angeschwommen
Da trifft sie Wirbelstoss
Und wie ein Rad der Mühle
So drehn sie sich geschwind
Als wär es nur zum Spiele
Bis sie verschwunden sind
Doch willst du einen retten
Dem wirft der Türmer dreist
Um den Leib den Haken an Ketten
Und ihn hinüber reißt
Und zeigt ihm des Schlosses Türe
Doch wer nicht fliegen kann
Der braucht der Leitern viere
Eh er zur Türe hinan
Und ist er eingetreten
Da stehen vier eiserne Mann
Die stechen eh er kann beten
Hält sie der Türmer nicht an
Sie scheuen keinen Degen
Und haben doch kein Herz
Stabileren sie bewegen
Sie sind gegossen aus Erz
Und ist er da vorüber
Im grünen ummauerten Platz
Da wird ihm wohler und trüber
Als wär er bei seinem Schatz
Da stehen die Kirschen in Blüten
Und Kaiserkronen in Glanz
Die Nachtigall singet im Brüten
Kein Mädchen führt ihn zum Tanz
Der Türmer nimmer leidet
Ein Mädchen in der Pfalz
Und ist sie als Ritter verkleidet
So kostets ihr den Hals
Doch hat er den Bart gefühlet
Dann lässt er ihn zu dir ein
Zum Schlosshof wo Wasser spielet
Mit buntem Strahlenschein
Da fließt ein Brünnlein helle
Das wie der Himmel rein
Wie auch der See anschwelle
Von irdisch gelbem Schein
Der Blumen stehen da viele
Am schwarzen Gemäuer entlang
Und eine kleine Mühle
Steht mitten in dem Gang
Die Mühle drehet und netzet
Den Schleifstein grau und fein
Ein Alter schleifet und wetzet
Beständig auf dem Stein
Da schleifet er alle Stunden
Ein Heldenschwert am Stein
Und hat nicht Zeit gefunden
Dass alle würden rein
Nun Fremdling geh nur vorüber
Dir springen die Funken ins Aug
Bald wäre es dir viel lieber
Du lägst bei den andern auch
Denn keiner kommt zurücke
Der einmal hier oben war
Es sei denn dass er sich bücke
Und dass ihm gebleicht sein Haar
Die Zimmer des Schlosses sind enge
Gewölbt von DoppelKristall
Und blankes Silbergepränge
Das spielt mit den Strahlen Ball
Da sitzet auf einem Löwen
Des letzten Grafen Sohn
An solchen gefährlichen Höfen
Ist das der sicherste Thron
Er denkt an Vater und Mutter
Und an des Unsterns Nacht
Das ist ein Heldenfutter
Das nährt des Herzens Macht
Da sieht er in die Schrecken
Wie in Alltäglichkeit
Und lässt sich nimmer necken
Von falscher Sorglichkeit
Er ist so sicher in Kräften
So herrlich von Angesicht
So glücklich in allen Geschäften
Des Unsterns achtet er nicht
Ihm scheint der Tag der Sage
Schon freudig durch die Nacht
Die Nacht vorm Jüngsten Tage
Wird schweigend zugebracht
Vierte Geschichte
Schatz und Messer
»Du kannst nicht schweigen« rief eine Stimme aus dem Gebüsche »zum drittenmal
hast du den Schwur gebrochen« »Fluch über euch« antwortete der Alte
ergrimmt »die ihr mein freies Herz an unbesonnene Schwüre gekettet ich breche
die Kette ich fürchte euch nicht mehr« In dem Augenblicke zischte ein Pfeil
neben dem Knaben vorüber in Martins Herz er sah Martins Blut auf spritzen
hörte seine dumpfen Flüche und stürzte besinnungslos über ihn her als wollte er
ihn mit seinem Leibe gegen jedes Wurfgeschütz seiner Feinde sichern aber kein
zweiter Pfeil war nötig Die lahme Elster erweckte den jungen Bertold gar bald
aus seiner Bewusstlosigkeit um ihn von der ernsten Wahrheit seines ersten
großen Verlusts zu überzeugen Sein Gram verwandelte sich in Zorn er forderte
den Mörder auf sich ihm zu stellen allen Schimpf häufte er laut auf ihn aber
gleichgültig hallte die Mauer von seiner Rede und Martins Richter und Feind
schien entweder gleich verschwunden oder gegen die Reden des Knaben
gleichgültig Die Besinnung erwachte weiter in ihm wie er Martin wenn ihm noch
zu helfen wäre über die Mauern die er allein mühsam überstiegen nach der
bewohnten Stadt schaffen könnte Er beschloss eben Menschen herbei zu holen als
der alte Bertold über die Mauern suchend gestiegen kam beim Anblicke Bertolds
frohlockte aber beim Anblicke Martins sich kaum fassen konnte Er hatte beide
vor dem Tore gesucht wo ein Vetter Martins seinen Weinberg liegen hatte Ein
fremder geharnischter Mann den er ansprach hatte ihm den Garten unter der
Brandstätte bezeichnet wo er sie gewiss finden würde da habe er vom Berge einen
Mann im roten Wams mit einem Knaben im grünen Wams stehen sehen So war er auf
den rechten Weg geführt worden seinem lieben Martin die letzte Pflicht zu
erweisen Seiner Verzweifelung ließ er keine Zeit sondern mit rascher Eile
suchte er einen bequemen Eingang und fand auch schnell das Tor wo nur wenige
Steine weggewälzt zu werden brauchten um den Leichnam Martins hindurch zu
schleppen Er und der Knabe trugen ihn nach der Badestube Da ward ein Aufsehen
denn es war ein Sonnabend und alle Handwerker wollten zum Sonntag reinlich
erscheinen die rot angelaufenen Gestalten drangen neugierig aus der dampfenden
Badestube heraus mancher mit Schröpfköpfen besetzt ein andrer mit halb
beschnittenen Haaren und allen tat der alte Martin leid weil er ein stattliches
Ansehen im Tode bewahrte Aber der Bader untersuchte die Wunde und sagte
traurig da vermöge seine Kunst nicht mehr der Schütze der ihn getroffen
müsse das menschliche Herz wohl gekannt haben Nun jammerte erst Bertold und
sein Sohn kaum konnten sie dem eintretenden Bürgermeister Antwort geben der
sie über den Vorfall befragte denn schon hatte das Gerücht sich verbreitet
Bertold habe Martin aus Liebe zu dessen Frau umgebracht Es drohte der
Bürgermeister mit der Folter als ein Bote von den Freigerichten einging welche
durch ein Schreiben an den Bürgermeister erklärten Martin sei schon lange wegen
einer Mordtat verurteilt gewesen aber erst jetzt von ihnen erreicht worden So
kam nun Bertold mit seinem Sohne und seinem Jammer frei und eilte zur Frau
Hildegard die sie gefasst und von allem durch die beredte Hökerfrau am Tore
unterrichtet fanden sie suchte Bertold damit zu trösten dass sie versicherte
Martin hätte bei seinem Husten doch wohl nicht lange mehr leben können Martin
wurde mit Ehren begraben und der am innigsten und längsten ihn betrauerte war
der junge Bertold
Der junge Bertold hatte sich so treu fleißig in dem Jahre seinem Geschäfte
ergeben dass der Bürgermeister ihn jetzt schon brauchbarer als den Alten fand
der sich nur mit Mühe in eine neue Einrichtung versetzen konnte Er gestattete
daher gern dass der Alte vorläufig die Geschäfte des Martin als Türmer besorgte
und dass die Schreibegeschäfte sämtlich dem jungen Bertold übertragen wurden So
hatte nun der junge Bertold viel mehr Freiheit in der Anwendung seines Tages
denn der Alte saß ihm nicht mehr zur Seite und diese Freiheit benutzte er
reichlich den entdeckten Garten sich einzurichten Der Eingang war beim
Heraustragen Martins eröffnet so dass er jetzt vom Ratause zu der wüsten
Marktseite in seine Trümmerburg schnell hinüber gehen konnte wenn er mit
angestrengter Eile seine Schreibereien beendet hatte Er zimmerte sich eine
Gittertüre die den Eingang schloss damit nicht mutwillige Knaben ihm seine
Arbeit verderben könnten doch besser als diese Tür schützte ihn die Furcht vor
geheimen Mächten die jeder nach seiner Art sich dachte die aber seit dem
gewaltsamen Tode Martins sich mit den alten Gerüchten und Sagen gepfropft hatte
Es tat ihm leid dass der Alte ihn nicht wieder besuchte und dass er die Kapelle
der heiligen drei Könige nicht wieder finden konnte allmählich schien es ihm
sogar als sei er etwas eingeschlafen gewesen und ein Traum habe ihn getäuscht
denn die schmerzliche Wirklichkeit von Martins Tode hatte jene Anschauungen in
Schatten gestellt Als er den alten Bertold darüber befragte antwortete ihm
dieser »Wir glauben was etwas ist und wissen was etwas nicht ist wir wissen
nichts wir müssen alles glauben aber der Glaube ist ohne Wissen nichts« Er
verstand das nicht aber er merkte sich es doch auf spätere Tage weil er wohl
ahndete dass etwas darin liegen müsse Übrigens waren des jungen Bertolds
Gartenanlagen verständig Wie er gern auch das Halbverstandene sich lernend
bewahrte so verfuhr er mit dem verwilderten Gartenplane ehe er gewaltsam Bäume
umhieb suchte er sich deutlich zu machen was gepflanzt sei und was wild aus
Samen und Wurzel aufgewachsen Zwar schien manches von dem Gepflanzten
untergegangen und abgestorben aber auch mit diesen Stämmen bezeichnete sich die
Anlage des Gartens Allmählich trat alles an seine rechte Stelle indem das
Überflüssige hinweg genommen war Brunnen und Gänge waren gereinigt die
ausgeschnittenen alten Obstbäume trugen wieder und edler Wein bezog die
sonnigen Mauern Ein wohl erhaltenes gewölbtes Zimmer bewahrte während des
Winters Blumenpflanzen und Sämereien und so war dem jungen Bertold das erste
Jahr mit sichtbaren Zeichen seines Daseins und Wirkens vergangen
Da kam er eines Tages zum Abendessen und fand Frau Hildegard in stiller
Betrübnis aber sie wischte ihm dennoch nach ihrer Gewohnheit den Schweiß von
der Stirn zog ihm die Schuhe aus und die Pantoffeln an und sagte ihm dann erst
dass sie sehr betrübt sei weil sie schon wieder heiraten müsse der
Bürgermeister wolle dem Bertold nicht anders das Türmeramt und ihm den
Ratsschreiberdienst geben »Tut es doch mir zu liebe« sagte Bertold »heiratet
den Vater da brechen wir hier die Wand weg und haben mehr Raum« »Ja wie dus
verstehst« sagte Hildegard »der Martin hats mir wohl prophezeit an unserm
Hochzeittage aus dem Zinnguss aber wenn mein Schwindel nicht wäre dass ich die
Treppe hinunter gehen könnte ich ginge lieber ins Kloster als dass ich wieder
ins Ehebette stiege« »Mutter du musst heiraten« sagte der Sohn »denn ins
Kloster dürfte ich nicht mitgehen und ich kann dich nimmermehr verlassen«
Hildegard drückte den Knaben an ihr Herz der alte Bertold trat vom
Wächtergange herein sie verlobten sich unter vielen Tränen Wirklich setzte es
der Bürgermeister aus Wohlgefallen gegen den alten Bertold bei der Bürgerschaft
durch dass diesmal der Mann von der Feder statt eines Kriegsmanns die
Türmerstelle erhielt als Grund führte er an dass der alte Bertold in früheren
Zeiten doch auch der Stadt mit dem Schwerte bei mehreren Fehden gedient habe
Der junge Bertold wurde nur vorläufig in Eid und Pflicht genommen weil er noch
zu jung war und der Alte behielt immer noch Gehalt und Würde eines
Ratschreibers Die dritte Hochzeit welche Frau Hildegard feierte war die
stillste von allen der alte Bertold gestand mit inniger Rührung dass die Wege
des Himmels unerforschlich wären der ihm nach ruhigem Ausharren im Alter ein
Glück aufdränge wonach er in früheren Jahren vergeblich sich bemüht wenn er es
auch nicht lange mehr genieße so müsse er doch die Fügung des Himmels preisen
»So ist es doch wahr« seufzte der junge Bertold »dass du älter wirst und
gebeugter gehst seltener froh bist und öfter stille in dich versinkst stirb
nur nicht so bald wie Martin dann wären wir ganz verlassen« »Jetzt haben wir
uns noch« sagte der Alte und ging das Wächterlied vom Turm zu blasen
Die mühsame Arbeit des jungen Bertold hatte die Neugierde des
herrschaftlichen Stadtvogts des Herrn Brix auf die Reste des alten Palasts
gewendet und er hielt es jetzt für seine Pflicht da er in demselben ein
Besitztum seines Herrn des Grafen von Wirtemberg erkannte bei demselben
anzufragen was damit anzufangen sei Da nun niemand für diese alten
ehrenwerten Trümmer sprach so wurden sie zum öffentlichen Verkauf bestimmt Der
junge Bertold war untröstlich als sein liebes Eigentum wofür er es so lange
gehalten zum öffentlichen Verkauf an den Meistbietenden ausgerufen wurde er
hätte dem Ausrufer den Mund zuhalten mögen er hoffte die Leute würden nicht
darauf achten Aber bald kamen Bürger der Stadt besahen sich die Gelegenheit
maßen das Gärtchen rund brummten nur immer dass so viel aufzuräumen sonst gäbe
es schon einen artigen Bleichplatz Also nichts was da gewesen nichts was er
gepflanzt sollte bleiben alles sollte für den gemeinsten Gebrauch vernichtet
werden Da fielen ihm die fünf Goldgülden ein die ihm Martin als sein Erbe mit
der Kiste worin der Schädel oftmals gezeigt und ihm wohl eingeprägt hatte das
Geld nur dann zu brauchen wenn er sein ganzes Glück und Geschick damit lenken
könne Aber dies schien ihm zu wenig für die Herrlichkeit seines Lieblingsortes
er kannte niemand im Städtlein so vertraulich dass er ihn hätte um Rat fragen
mögen Von Bertold und von Frau Hildegard fürchtete er Widerspruch er musste
ihnen seinen häufigen Besuch der wüsten Stelle verschweigen denn der Ort gefiel
ihnen nicht Ganz heimlich nahm er an dem Freitage der zur öffentlichen
Versteigerung bestimmt sein Erbteil mit betete in drei Kapellen und war der
erste auf dem Rataussaale wo die Versteigerungen abgehalten wurden Es
versammelten sich viele er glaubte in ihnen Seine ärgsten Feinde zu sehen Es
geschah der erste Ruf und alles schwieg Es geschah der zweite Ruf und er bot
mit trockener fast erdrückter Stimme seine fünf Goldgülden und keiner überbot
ihn Es wurde wieder zum ersten und zweitenmal ausgeboten und keiner überbot
ihn Da geschah das dritte Ausgebot und er glaubte schon den Hammer für sich
niedergeschlagen zu sehen als eine ihm wohlbekannte Stimme einen Gulden mehr
bot Er sah sich erschrocken um erstaunte aber noch mehr als er das Antlitz
des Alten der ihn damals in die Kapelle geführt hinter sich erblickte Und
hätte er auch einen unerschöpflichen Geldbeutel gehabt gegen den hätte er nicht
gewagt zu bieten der Alte zog alle seine Gedanken auf sich und er war
verwundert ihn hier in gewöhnlicher ritterlicher Kleidung wieder zu sehen den
er damals in so seltsamer prächtig alter Tracht erblickt Der Alte trat zu ihm
und fragte ihn leise ob er denn nicht überbieten wolle Der kleine Schreiber
antwortete ihm traurig er habe nicht mehr Geld auch wage er sich nicht gegen
ihn zu bieten Der alte Herr erwiderte aber dass er sich irre wenn er glaube
dass er geboten der Schneider dort wolle sich eine Werkstatt in dem alten
Gemäuer anlegen er möge nur zubieten und auf Gott vertrauen mit dem Bezahlen
werde es sich schon finden Kaum hatte der junge Bertold das Wort gehört so
kam ihm ein Vertrauen ins Herz er bot noch einen Gulden Der Schneider
Fingerling denn der war sein Mitbieter rieb sich die Hände und drückte noch
einen halben Gulden heraus doch Bertold sprach wieder sein Voll aus Aber
gleich fasste ihn hier der Schrecken der andere möchte nicht wieder bieten das
Vertrauen war fort es überzog ihn kalt und die Sinne gingen ihm fast unter als
ihm die Trümmer des Palasts von Barbarossa für sieben Gulden zugeschlagen
wurden Er wollte sich an dem Alten halten und trösten aber der war schon
fortgegangen er fragte nach ihm aber keiner der Nachbarn hatte ihn gekannt
Meister Fingerling ging spöttisch auf den armen Bertold los und sagte ihm »Ihr
müsst viel geerbt haben dass Ihr das große Werk unternehmt den Platz
aufzuräumen und Euch da anzubauen wünsche Euch Glück« Mit den Worten entfernte
er sich und der Stadtdiener welcher den Zuschlag gemacht hatte kündigte
Bertold an dass er sogleich die Hälfte der Kaufsumme und den Rest am andern
Morgen zahlen müsse widrigenfalls die Hälfte verloren sei Bertold reichte
seine fünf Gulden hin mit einem Gefühle als wären sie verloren »Das ist mehr
als die Hälfte« sagte der Mann »Das schadet doch nichts« fragte Bertold »Es
schadet nichts wenn Ihr morgen den Rest bezahlt sonst sind fünfe verloren«
Sie sind verloren dachte er und mein lieber Garten dazu und mit diesen
betrübten Gedanken beladen sollte er bei der Mutter Heiterkeit erzwingen sie
merkte ihm bald etwas Trübes an und er schob es auf ein Kopfweh und ließ sich
alle ihre Hausmittel gefallen Zum Glück hatte der alte Bertold die
Versteigerung ganz vergessen sonst hätte er sich doch wohl verraten Endlich
kam die ersehnte Zeit des Schlafes er schlief nicht aber er konnte doch
unbemerkt seinem Unglücke nachdenken Früh stand er auf sprach von notwendigen
Schreibereien und eilte statt dessen in seinen Garten Er glaubte ihn zum
letztenmal von dem frischen Morgenlichte durchstrahlt zu sehen seine Wehmut
betaute alle geliebten Pflanzen bis endlich die Müdigkeit als er sich noch
einmal in seiner Bohnenlaube ausgestreckt ihn überwältigte Ganz unbemerkt
versank er in eine andre Welt die sich nur ungern mit jener befassen mag in
der wir zu wachen meinen Es träumte ihm manches Vorüberflatternde bis ihm das
rechte Bewusstsein des Traumes aufging Da trat zu ihm dieselbe ehrwürdige
Gestalt die ihn beim Ausgebote zum Mehrbieten aufforderte aber er trug wieder
das alte Kleid mit dem roten Steine zugeheftet Und Bertold klagte ihm seine
Not mit den beiden Gulden die ihm fehlten »Wenn es weiter nichts ist was dich
betrübt« antwortete der Alte lächelnd nahm ihn bei der Hand und führte ihn in
den Gang der alten Linden welche das Gärtchen begrenzten Dort bei einer Linde
scharrte er mit dem Fuße die Erde auf und ein eiserner Kasten voll goldner und
silberner Münzen stand geöffnet vor den freudigen Augen »Nimm so viel du
brauchen kannst von meinem kleinen Hausschatze« sagte der Alte »aber vergiss
nicht dass es nur geliehenes Gut ist und dass alles mein ist was du damit kaufst
und verdienst und dass ich alles zurück fordern kann wenn es mir gut dünkt und
ich es einem andern verleihen will Der Zins ist nicht hart« fuhr er fort als
ihn Bertold bedenklich ansah »ist doch dem Menschen unter gleicher Bedingnis
die Erde geschenkt er nimmt nichts von ihr in jene Welt als die Einsicht und
den Glauben den er auf ihr gewonnen« Bei diesen Worten schien es Bertold als
ob er sich in diese Worte verwandelt habe er wollte ihm antworten aber es war
als ob eine Gewalt seine Stimme zurückdrückte endlich brachte er einen Ton
heraus erweckte sich selbst dadurch und fand sich wie ein erwachender
Nachtwandler verwirrt erschöpft und gleichsam außer sich im Lindengange stehend
wieder Er brach halb bewusstlos einen Zweig vom Baume zählte in Gedanken die
Blätter und fand vierundzwanzig daran warf den Zweig zur Bezeichnung der Stelle
auf den Boden und wankte dann schlaftrunken zurück in sein Frühlingshaus wo ihn
der tiefste Schlaf mehrere Stunden fesselte Als er aufwachte stand die Sonne
schon hoch er sprang auf und sah zu seinem Ärger dass die Gartentüre offen
stand Es kränkte ihn jede mögliche Verletzung seines Gartens sei es durch
eingedrungene Tiere oder Menschen obgleich er des Traumes längst vergessen und
seiner Armut eingedenk den Besitz desselben bald aufzugeben dachte Er übersah
seine Blumenbeete und fand seine Maiblumen ausgeplündert die saftigen Stengel
der Hyazinten weinten noch als ob der Frevel erst begangen Er eilte umher
den Missetäter zu entdecken und sah im Lindengange den Rücken eines Mädchens
das beschäftigt war einen Kranz auf ihrem Schoss zu winden Ohne sich darum zu
kümmern wer es sein könnte rief er mit innigem Verdrusse »Besser tausend
Augen als eine Hand« Da blickte das schöne Kind sich scheu um und er sah in
ein Paar Augen die der Hand wohl einen tausendfach höheren Wert gegeben hätten
als alle denkbare Blumen die sie abpflücken konnte Augen die ihm schon seit
dem Tage wo sie ihm den grünen Wams schenkte wie ein unerreichlich seliger
Sternhimmel erschienen waren Es war Apollonia Steller die er so zornig
angeredet hatte sie stand auf warf ihm den halb vollendeten Kranz auf den Kopf
und erwiderte mit einer innern Kränkung »Behalte Er seine dumme Blumen wenn Er
sie mir nicht gönnt« Der Kranz gleitete aber von seinem Kopf in seine Hände
bleich von Schrecken in unbeschreiblicher Verlegenheit wie er seine Übereilung
gut machen sollte erfror ihm jedes entschuldigende Wort Er drehte den Kranz
als ob er einen Rosenkranz abbetete oder seinen Schaden zählen wollte während
Apollonia den Garten eilig verließ Und immer noch arbeitete er und zählte in
bitteren Gedanken an dem Kranze während dieser auseinander fiel und ihm nur der
Zweig blieb über welchen er gebunden war Und wieder zählte er die Blätter
dieses Zweigs und fand vierundzwanzig daran und bei dieser Zahl ging ihm ein
Blitz durch den Kopf als wärs die Entdeckung einer neuen Welt Sein Traum der
Schatz das Haus der Garten alles war wieder sein auch Apollonia glaubte er
durch diesen Reichtum noch erlangen zu können da fiel ihm erst sorgenvoll ein
dass es doch wohl nur ein zufälliges Zusammentreffen mit dem Traum sein könne
Seine Tätigkeit überwog Gram und Sorge die Schaufel war in seiner Hand er grub
in die Erde dass der Schweiß ihm über Wangen und Rücken lief Jeder Einschnitt
in den schwarzen Boden war ihm ein lohnendes Gefühl dass er näher seiner
Hoffnung endlich klang der Spaten gegen Metall noch ein Abheben der Erde
und er sah die rostige Fläche eines eisernen Deckels Nun ruhte er sich einen
Augenblick sein Schweiß tropfte auf die Fläche des Deckels und er sah schon das
Gold eingelegter Blumen auf demselben Nun hob er den Kasten mit Gebet dass er
ihm nicht entschwinden möge Da stand er aber das Schloss wollte nicht weichen
bis er mit einem derben Steine so kräftige Schläge gegen den vorstehenden Deckel
führte dass das Schloss zersprang und der Deckel aufsprang Das Geld lag nicht
unmittelbar im Kasten sondern erst musste er einen alten ausgenähten ledernen
Beutel aufziehen da stand die Erscheinung des Traumes die Fülle silberner und
goldner Münzen vor ihm Und als er sie in beschaulicher Eile in den Kasten
stürzte so fand er noch im Beutel ein wenig verrostetes Gürtelmesser dessen
Griff in türkischer Art einen Drachenkopf bildete Eilig nahm er zwei Gulden aus
der Menge und steckte sie zu sich wollte eilig zum Ratause den Rest der
Kaufsumme zu zahlen aber nun plagte ihn schon der Reichtum wo sollte er seihen
Schatz verbergen Endlich glaubte er ihn unter Steinen in seinem aufgeräumten
Zimmer ziemlich gesichert zu haben nahm aber doch eine Tasche voll Geld mit um
im Falle unseliger Beraubung nicht alles zu verlieren
Sein Kaufbrief war bald ausgefertigt der Vogt sah ihn an wie einen
seltsamen Toren der sein Geld verschwendet und obenein als verdächtig woher er
das Geld bekommen Beim Bürgermeister erhielt er einige Verweise dass er so spät
gekommen weil dieser zur Feier des Namenstags seiner Tochter noch ein Gedicht
das er anfertigen lassen abgeschrieben wollte haben Da strengte er sich an
jeder Schnörkel mehr an den Buchstaben sollte ihr dartun wie er ihr mit allen
Kräften zu dienen strebte Als er diese Arbeit zur Zufriedenheit des Herrn
Bürgermeisters beendet eilte er von seinem Garten mit einem Kuss den er der
Erde gab Besitz zu nehmen und dann mit furchtbarer Reue alles Blühende zu Ehren
Apolloniens abzumähen Es war ein hoher Tragekorb voll Blumen womit er in das
Haus des Bürgermeisters einrückte die er an Apollonien abzugeben bat Der
Bürgermeister der gerade noch im Zimmer nahm das Geschenk als ein Zeichen
schuldiger Anhänglichkeit an sein hohes Haus im Namen der Tochter wohl auf er
befahl ihn zum Vesperbrot herein zu rufen Da ward ihm gar fröhlich als
Apollonia mit ganz versöhntem freundlichem Blicke ihm ein Glas Wein darbot auf
welchem ein breiter Schnitt Mandelkuchen mit krispelkrauser Oberfläche lag Wie
aber zu dem Dargebotenen zu gelangen da er in der einen Hand sein Barett in
der andern einige Schriften hielt unter welche der Bürgermeister seinen Namen
setzen sollte Nach kurzer Überlegung ließ er beides fallen denn das
dargebotene Glück war zu groß Nun hörte er hinter sich ein feines Lachen
während Apollonia in seiner Seele verlegen die Augen niederschlug Das war
doch schön von ihr wie sie so mit ihm fühlte auch war es gutmütig vom
Bürgermeister dass er einen ernsten Blick gegen die Lachenden aussandte und dem
Bertold vormachte wie er erst die Pergamente hätte in die Tasche stecken das
Barett unter dem Arm einklammern sollen um ruhig zu dem Glase Wein zu gelangen
Bertold tat wie ihm geheißen klemmte aber so heftig an seinem Barett dass das
kleine Eichhörnchen welches er gewöhnlich mit sich herumtrug ihn biss und mit
dem ihm eignen Knurren in der Bosheit hinaus und wie ein Teufelchen im Zimmer
herumsprang während Bertold sein Weinglas zum Teil überschwabbern ließ und
nachher ängstlich mit seinem Fuße den Weinfleck am Boden zu decken suchte Nun
war das Gelächter allgemein und der Bürgermeister verließ das Zimmer um sich
nichts von seinem Ansehen gegen den Schreiber zu vergeben Apollonia suchte ihn
jetzt dreister zu machen schenkte ihm das Glas voll er musste trinken und der
seltene Genuss des edlen Weins und Apolloniens freundliche braune Augen
erheiterten ihn ungemein er kam zu einiger Fassung und sah sich um wer denn
eigentlich so feinstimmig gelacht hatte Da erschrak er aber recht es standen
da zwei Mädchen die ihm ein Paar ausgestopfte Hosen auf dem Kopf zu tragen
schienen Seine Unbekanntschaft mit den neuen Stuttgarter Trachten hatte an
dieser Verwunderung schuld es war eine niederländische Tracht die dort
nachgebildet war und die beiden Mädchen es waren des Vogts Brix heiratslustige
Töchter taten sich nicht wenig darauf zu gute sie waren kürzlich in Stuttgart
gewesen und hofften dass Apollonia sie darum beneiden würde »Was sieht Er
mich so groß an« fragte die eine Babeli mit Namen die gleich jeden in sich
verliebt glaubte »Je Jungfer« sagte Bertold »Sie hat ja ein Paar Hosen auf
dem Kopf« Babeli fand sich sehr gekränkt aber sie rümpfte kaum den Mund und
fragte weiter »Weiß Er denn sonst nichts Neues« »Erzähl Er uns etwas Neues«
fiel gleich die andere Josephine ein Bertold dachte was er erzählen sollte
er wusste nur wenig aus dem Umgange mit Menschen aber alles was ihm einfiel
schien ihm zu schlecht er wollte durchaus nicht wieder lächerlich werden
Endlich betete er heimlich zu Gott dass ihm etwas Neues einfallen möge und da
stands vor seiner Seele was er kürzlich erst gelesen und er sprach »Der
heilige Papst hatte erlaubt dass in unserm Lande wegen Mangel an Fischen und
Baumöl die Milch auch in den Fasten zu genießen sei aber ein Doktor Spenlin
hat sich widersetzt und appelliert vom Papste an das Konzilium er sagt es
seien genug Fische im Lande und statt des Baumöls reines Nussöl Leinöl Rüböl
Mohnöl« Hier lachten schon die Vogtsjungfern hellaut wie es sich wahrlich
nicht schickte und Apollonia sagte ärgerlich dass er sich nicht besser
empfohlen »Lass Er uns Er hat uns schon genug beölt weiß Er denn nichts anders
zu sprechen« Josephine eine rechte Schnatterbüchse sagte ihm vor er müsse
von Turnieren und Fehden sprechen von hochberühmten Frauen und Sängern von
zarter Minne und teuren Gottesdegenen von Blaubärten und Milchbärten von
Fidelern und Fanten »Von Elefanten« sagte er »steht auch was in meinem
Buche« »Ihr müsst Bären anbinden« fuhr Josephine lachend fort »Euren Falben
von einer Felsenspitze zur andern einreiten und Euch endlich vom uralten
Schneemanne in Gegenwart von Rundienen und Galgenschwenglein zum Ritter schlagen
lassen und dabei Gottes Wort in einem Hausbackenbrote verehrt erhalten«
»Meister Fingerling ist garstig dabei zerkratzt worden« sagte Bertold ohne
von dem Vortrage verwundert zu sein »Der Schneider« fragte Babeli »Er ist
wirklicher Katzenritter« fuhr Bertold fort »er hat vor zehn Jahren in der
Zunftstube die angebundene Katze gänzlich verbissen er hat davon viel Ehre
gehabt aber wenn er davon spricht ist ihm noch immer eklig zu Mute« Die
Geschichte machte den Vogtsjungfern viel Freude sie behaupteten er habe mehr
Verstand als man erst glaube sie ließ sich ausführlich von den
Katzenrittern einem damals üblichen Spaß der Handwerksgenossen gegen die
Ritterschaft erzählen Josephine sprach dass Bertold einem Ritter vom
Stuttgarter Hofe ähnlich sehe mit dem sie oft getanzt habe und da versuchte
sie wie Bertold sich im Tanze zeige Bertold sprang höflich mit wie ein
Mensch es macht dem Boden und Wände sich drehen dem es aber doch nicht übel in
den Gliedern tut von weiblichen Händen so geschwenkt zu werden hätte er nur
feinere Schuhe angehabt diese waren abgelegte von Martin mit Nägeln wie
Eulenspiegels Grabeiche beschlagen Der große rotwangige Bursche gefiel den
Vogtstöchtern nicht übel und je lauter er stampfte je mehr Spaß machte es
ihnen er schien ihnen wie den Kindern der Haushund ein Geschöpf vom Himmel
zu jeder Quälerei geschaffen Apollonia wollte sie nicht stören aber das Wesen
gefiel ihr gar nicht Babeli fiel nun darauf dem Bertold Unterricht im Tanzen
geben zu wollen sie stieß gegen seine Beine kniff ihn und stopfte ihm den Mund
mit Kuchen wenn er verdrießlich zu werden schien Bertold kam in dem fremden
Wesen ganz aus seinem Häuschen er meinte mit den Wölfen heulen zu müssen und
als Apollonia mit in das Spiel hineingezogen wurde so wuchs ihm gar der Kamm
er erwiderte was ihm angetan wurde und glaubte Beifall zu ernten und sich
recht geschickt aufzuführen So kam es dass als ihn Babeli kniff er wieder
kniff aber nicht Babeli sondern aus angestammter Neigung Apollonien in die
Backen indem er freundlich um Vergebung bat dass er am Morgen ihr die Blumen
abgejagt Dieses min Verbrechen wurde von den Vogtsjungfern vor Gericht gezesen
und er von den ausgelassenen Mädchen zu drei Streichen ogt seinen eigenen
Pergamenten verdammt weil er die ritterlichen Miinnegesetze verletzt habe nach
welchen die Blumen dem weiblichen Geschlechte gehören Er drohte so oft zu
küssen als er gestrichen würde da machte Josephine gleich Ernst und strich ihn
dreimal mit einer Gerte über die zufällig in der Stube stand Die Streiche
brannten dem Bertold nicht halb so heiß wie seine Neigung er umfasste
Apollonien im Vergeltungsrecht und küsste sie dreimal recht derb ab Josephine
wollte ihn mit Schlägen fortbringen das erbitterte ihn noch mehr er küsste
Apollonien immer mehr Als ob er blind und taub wäre merkte er nicht dass der
Bürgermeister eingetreten war bis dieser ihn mit starker Hand fortriss ihn zur
Stubentüre und weiter bis zur Treppe hinzog und dort mit einem derben Fußtritt
und den Worten herunterförderte »Denk Esel dass dein Huf nicht zum Liebkosen
geschaffen nie lass dich wieder vor meinen Augen sehen Undankbarer mit deinem
Dienste ist es aus«
Bertold lief bewusstlos aus Angewohnheit seinem Garten zu er hätte ebenso
unempfindlich ins Wasser laufen können Was ist menschliches Wünschen der
Himmel straft uns in der Erfüllung unsrer Bitten wenn sie nach dem Irdischen zu
heftig streben was war Bertold jetzt der Garten und der Schatz er glaubte
sich nicht mehr im Paradiese zu finden aber die Äpfel schmeckten ihm noch süß
in der Erinnerung Ihm war so schwer ums Herz selbst nach dem Turme wagte er
nicht aufzublicken der schon in der Dunkelheit leuchtete er hielt das alte
Messer des Schatzes voll Gram in seinen Händen es war ihm in dem Augenblicke
lieber als der Schatz Als er sich aber zufällig damit in die Hand ritzte fand
er es täte weh legte das Messer wieder in den Kasten des Schatzes und begab
sich mit dem Kasten nach dem Turme um sein ganzes Herz Glück und Unglück vor
den treuen Seelen auszuschütten die heut ängstlicher als je seiner harrten
weil allerlei Seltsames vom Hauskauf durch die kreischende Stimme des alten
Hökerweibs zu ihnen hinauf erschollen war
Fünfte Geschichte
Der Bau
Des jungen Bertolds Erzählung wurde von dem Alten und Frau Hildegard ganz
anders aufgenommen als er gefürchtet hatte Sei es der Anblick des Schatzes
das Außerordentliche im Geschick kein einziger Vorwurf traf ihn dass er den
Kauf so heimlich aus geführt Frau Hildegard wischte ihm sorgfältig jede Träne
ab steckte seine Füße in weiche Pantoffeln und der Alte ergoss zum erstenmal
seinen Zorn gegen den Bürgermeister indem er alle einzelnen Verweise aufzählte
die er um Kleinigkeiten erhalten Endlich fahr er auf und sagte »Keinen Schritt
sollst du ihm nachgehen du hast mehr Geld als er und was er hat ist nicht
ehrlich gewonnen mit Gottes Hilfe wollen wir irgend ein ansehnliches Gewerbe
anfangen das uns gut nährt Stände nur erst das Haus auf den alten Trümmern so
gäbe ich die Türmerstelle gleich auf und zöge hinein« »Und ich sollte gar
allein bleiben« sagte Hildegard mit Vorwurf »Ich ließe eine Brücke bauen«
antwortete der Alte »dass du recht bequem heruntergehen könntest oder wir
hingen eine bequeme Sänfte an das Seil und ließ dich herab ich habe schon in
Gedanken für alles gesorgt« »Und ich weiß schon den ganzen Bauplan« seufzte
der junge Bertold »aber wozu soll ich alle die Zimmer erbauen ehe wir wissen
wozu wir sie brauchen sollen und was ich darin unternehme Zum Abschreiben
brauche ich nur ein Kämmerlein und zum täglichen Leben brauchen wir auch nur ein
Zimmer denn wir bleiben gern beisammen« »Was klingelt denn so spät von der
Stadt her und will noch zu uns herauf« fragte der Alte und zog am Draht die
untere Türe auf während der junge Bertold den Schatz unter dem Bette verbarg
Es trat aber zu aller Verwunderung Meister Fingerling herein entschuldigte
seinen Besuch indem er sagte dass Bertold mit seinem Kauf einen Lieblingsplan
gestört habe an welchem er seit vielen Jahren arbeite nun habe er eben im
Ratskeller bei einem Glase Wein vom Gerichtsdiener vernommen dass Bertold
seines Schreiberdienstes entsetzt und ein fahrender Schüler aus der Schweiz ein
Bacchante der seit Jahren schon in den Straßen herumsinge vorläufig an seine
Stelle trete da komme er nun um zu hören ob sich nicht durch verständige
Besprechung alles zwischen ihnen ausrichten lasse Der alte Bertold fragte
neugierig was er denn eigentlich beabsichtige »Ich habe Euren Pflegesohn vom
ersten Anblicke lieb gewonnen« fuhr Fingerling fort »und seine Freude am
schönen Tuche gefiel mir sehr wohl als er damals den grünen Wams sich machen
ließ Nun habe ich mir etwas mit langem Fleiß erspart habe auf meinen
Wanderungen alles kennen gelernt was zur Tuchmacherei gehört und will nicht
länger dulden dass wir unsre Wolle nach Augsburg fahren und unser Tuch aus
Augsburg holen ich kenne Weber und Tuchscherer auch einen Walkmüller die sich
wohl alle hier niederliessen wegen der Wohlfeilheit vieler Lebensmittel wenn
ihnen nur ein Handelshaus Nahrung gäbe und das Handelshaus will ich stiften
und wenn Euer Sohn mir den Bauplatz gibt so soll er einen Anteil am Gewinn
haben und ich nehme ihn an Kindesstatt an da ich bei solchem Unternehmen doch
keine Zeit mehr zum Heiraten behalte Diese meine Absicht ist auch der Grund
gewesen warum ich Euren Sohn nicht weiter überboten habe ich dachte gleich
Nun der denkt dasselbe wie du und will auch eine Tuchhandlung anlegen und es
ist so gut als ob du es selbst hättest« Der alte Bertold und Frau Hildegard
falteten bei dem Vortrage die Hände sie glaubten die höhere Hand noch nie so
sichtbar in ihren Geschicken wahr genommen zu haben und der junge Bertold war
so demütig durch sein Missgeschick geworden dass er es für eine Ehre schätzte
von dem Schneider als Kind angenommen zu werden Der Alte vertraute nun dem
ehrlichen Fingerling die eine Hälfte des Geheimnisses dass nämlich sein
Pflegesohn einen schönen Schatz an barem Gelde habe der aber nach seinem
Vorgeben in der Kiste gelegen mit der er ihn empfangen habe Da sprang
Fingerling vor Vergnügen in die Höhe kein Tag sollte versäumt werden er wolle
gleich morgen ausreisen die Weber aus Augsburg zu holen während Bertold den
Bau eilig fördern müsste Sie kamen die Nacht gar nicht von einander denn
Fingerling war ein unermüdlicher Erzähler und beschrieb von der Dachrinne bis
zur Plinte das neue Haus der Fugger in Augsburg die ebenfalls durch Webereien
ihren Reichtum verdient hätten Was aber mehr als alles den jungen Bertold
tröstete das war die Hoffnung die er ihm erweckte wenn erst die Handlung in
Flor stände so würde ihn der Bürgermeister mit allen zehn Fingern für Apollonia
als Eidam zu sich hinziehen Der Vertrag war vom Alten noch vor Sonnenaufgang
geschrieben unterzeichnet und bei einem Kruzifix Hildegards in welchem ein
heiliger Knochensplitter eingelegt von allen beschworen
Schon am andern Tage hatte Fingerling seine Wanderung angetreten während
der junge Bertold seine Schreibereien dem neuen Schreiber übergab und bei
dieser Gelegenheit zu seinem Leidwesen erfuhr dass sowohl Apollonia als die
beiden Vogtstöchter in das Nonnenkloster der Stadt zur Erziehung gegeben
worden Er hatte aber keine Zeit zur Trauer denn mit rascher Eile gings an den
Bau Ein alter Mauermeister mit Namen Bauer und der Zimmermeister Matis
beide des alten Bertolds Ratskellerbrüder waren sehr erfreut als sie bar Geld
sahen um ihre Gesellen die eben feierten beschäftigen zu können Sie waren
gar verwundert über den jungen Bertold dass der ihnen so geschickt mit Feder
und Lineal auf Papier vorreissen konnte wie der Seitenflügel der als die
kleinere Arbeit zuerst ausgebaut werden sollte eigentlich beschaffen gewesen
aber Bertold hatte sich das alles in der Kapelle genau gemerkt es stand wie
eingegraben vor seinen innern Augen Nichts durfte an Baustoffen an Holz
Steinen und Kalk herbeigeschaft werden das er nicht vorher als trefflich
erkannt hatte und keine Arbeit wurde unternommen von deren Zweck er sich nicht
unterrichtet hätte so dass er bald mit Einsicht über die Vollendung Aufsicht
führen konnte Er sparte kein gutes Wort bei den Gesellen wenn sie zu lange
Zeit mit Messen und mit Essen zubrachten mancher Trunk Wein zur rechten Zeit
sparte ihm viel Geld und der fröhliche Tag des Richtens war schon vor dem
Herbste erreicht und ehe der Winter die Arbeit hemmte alles mit Dach und
Fenstern geschlossen Aber der rachsüchtige Bürgermeister sah die Arbeit mit
Neid an Er mochte wohl vernommen haben dass der alte Bertold laut und
öffentlich gegen ihn zur Verteidigung seines Sohnes rede und wollte sein
Ansehen nicht sinken lassen so brachte er einen Verdacht gegen beide in Umlauf
als ob sie die öffentlichen Truhen möchten heimlich geöffnet haben und jetzt
davon gut bauen hätten aber die beiden Bertolds hörten nichts davon oder
ließ sich dadurch nicht stören Während des Winters kam Fingerling mit seinen
Webern angezogen brachte sie in kleinen Häusern unter die er wohlfeil
erstanden und brachte die Wollenniederlage in das neue Haus Eine verfallene
Mühle an der Rems wurde zum Walken eingerichtet ein Nebengebäude zur Färberei
zu der die Gegend manche Farbestoffe seit lange baute aber sonst weit
verschicken musste Der junge Bertold wollte nicht nachstehen in seinem Fleiß
und benutzte jede Stunde die der Frost ihm frei gab zur innern Einrichtung des
Hauses zum Ankauf und zur Anfuhre der Baumaterialien für das Hauptgebäude Bald
war der Seitenflügel belebt und die Schornsteine rauchten die Wolle wurde da
nach ihrer Güte abgesondert die Wolle zum Spinnen verteilt und wieder
eingenommen und zur Weberei ausgegeben die Gewebe sorgfältig durchsehen
gereinigt späterhin hier auch geschoren Die Bürger sagten von den Bertolds
»Mögen sie das Geld auf welche Art es sei gewonnen haben es bringt der Stadt
mehr Nutzen als der Bürgermeister mit allem Gelde geschaffen das er zu seinen
eingestürzten Bauwerken beigetrieben hat« Der alte Bertold bekam ein neues
Leben seine Feder war unermüdlich er knüpfte überall Verbindungen an die
Städte standen einander gern bei und Fingerling hatte die Freude im Frühling
den ersten Einspännerwagen nach Augsburg mit Tüchern abzusenden ehe noch die
Leute in der Stadt selbst zu dem Tuche ein Zutrauen fassten dass es wie
Augsburger Tuch halten könne Wohl mochte auch der Bürgermeister Schuld haben
denn er setzte in Umlauf die Tücher wären in der Farbe verbrannt aber die
Wahrheit musste bald auch bei den Landleuten sich bewähren und wie der Mut unsrer
Bertolds nicht sank so stieg ihr Glück Gegen den Sommer legte Bertold sein
Türmeramt nieder nachdem die Arbeiter in der Walkmühle eine starke Winde
eingerichtet hatten um Frau Hildegard sicher vom Turme herabzulassen denn er
wusste voraus dass der Bürgermeister ihn mit dem Abzuge gewaltig drängen würde
wenn er seine Dienste aufgekündigt hätte
So traf es auch ein denn schon am nächsten Morgen trat in den Turm mit
großem Gepolter ein alter Reisiger Bastian mit Namen der grimmig fluchte dass
die Sachen des alten Bertolds noch nicht fortgeschaft wären und ihn fragte
was er und die Seinen noch da oben zu suchen hätten Frau Hildegard weinte
heftig dass sie auf solche Art von dem geliebten Turme scheiden sollte auf
welchem sie so ruhig bei geringem Glücke ihre Jugend und zwei Männer überlebt
hatte Der alte Bertold frass seinen Zorn in sich und suchte mit Vernunft dem
alten Würgesel zu begegnen der durchaus auf Streit und Quälerei vom
Bürgermeister angewiesen war Dem jungen Bertold ballte sich die Faust und als
der Kriegsknecht Anstalt machte Betten und Sachen zum Fenster herunter zu
werfen da lief er dem ungeheuren Knochengerüste geschickt zwischen die Beine
dass er zu Boden fiel und sich dabei die Nase zerstiess dass er blutete Nun
fielen alle drei über ihn her banden ihn mit Stricken und hingen ihn mit diesen
an den Haken der Winde nach der Außenseite der Stadt und ließ ihn auf der
Hälfte des Turms wie einen geschossenen Raubvogel als Warnungstafel hängen
Bastian fluchte und wetterte dass er es ihnen gedenken wolle Der alte Bertold
und Frau Hildegard gedachten aber der hohen Abkunft des Sohnes die er so
männlich beurkundet hatte und wie ihnen der Knabe zum Schutz ihrer alten Tage
gedient habe aber sie sprachen nur heimlich davon dass der Junge nicht stolz
würde Nun kamen schon die Arbeiter mit dem sargartigen Kasten für Frau
Hildegard um sie herab zu lassen er wurde an der Winde nach der Stadtseite
befestigt und als sie sich darein gelegt und sich immer noch fürchtete legte
sich der alte Bertold zu ihr als wärs ihr Ehebette der junge Bertold aber
sprang die Treppe hinunter dass der Kasten nicht hart auf das Pflaster stoßen
möchte So sank nun die seltsame Fracht zur Stadt nieder während der hängende
Kriegsknecht durch die natürliche Aufwickelung des Stricks zum Turm erhoben und
von den lachenden Arbeitern frei gemacht wurde Während die beiden unten
glücklich ausstiegen schimpfte der Bastian schon zum Turme herunter weil er
das Horn mit Sägespönen von den Arbeitern gefüllt erhalten und sich den Mund
damit gar unbequem zugepappt hatte So wollte der Himmel gar keine Rührung im
Hause der Bertolds bei diesem wichtigen Ereignis dulden vielleicht um sie
aufmerksam zu machen dass sie wichtigen Begebenheiten größerem Leben entgegen
gingen auf der Höhe des Turms hatte sich ein großes Handelshaus begründet das
sich bald zum Palast ausbaute So gings damals sehr häufig die Welt war noch
nicht so durchwandert und umschifft wie in unsern Tagen es war damals dem
Himmel noch leicht durch einen guten Gedanken einem ehrlichen Kerl unter die
Arme zu greifen und ihn zu erheben Frau Hildegard ward unter dem Zujauchzen
einer Menge Volks die allerlei gutmütigen Scherz aus Neugierde sie zu sehen
ausgehen ließ weil sie so gewaltig dick beschrieben war und sich ganz
verhältnismäßig vorfand so ward sie durch den Bauwust des Hauptgebäudes nach
dem Seitenflügel geführt wo ihr Sohn ein paar schmucke Zimmer eingerichtet
hatte »Gott segne meinen Eingang und Ausgang« das waren ihre einzigen Worte
dann weinte sie und flehte zu Gott dass der junge Bertold immer artig und
anständig bleiben möchte und machte sich geschäftig an die Einrichtung der
Wirtschaft
Der alte Bertold war mit einigen Briefen beschäftigt die ihm ein fremder
langer etwas gebeugter schwarz gekleideter Mann überbracht hatte »Herr«
sagte er »Ihr seid wohl gar selbst der Baumeister des hochberühmten Münsters zu
Strassburg« Er sah ihn bei diesen Worten genauer an der Mann hatte schattige
schwarze Augenbraunen sein Mund schien ein Geheimnis einzukneifen und so
seltsam äußerte er sich auch er sei zwar der Baumeister des Münsters aber er
habe ihn nicht erbaut er sei zwar auf andre Veranlassung gekommen aber es sei
eine Hauptabsicht seiner Reise den Palast des Barbarossa zu sehen nicht eben
was neu auf der Stelle jetzt erbaut worden sondern wie er eigentlich in älterer
Zeit beschaffen gewesen Der alte Bertold erzählte ihm was er wusste aber der
Baumeister wusste schon mehr von dem ganzen Bauplane aus der bloßen Anschauung
als der Alte so dass dieser froh war als der junge Bertold herbei kam Er ließ
ihm diesen zur Gesellschaft als ihn Geschäfte fortriefen und der junge
Bertold führte ihn in den Hof
Der junge Herr wie jetzt der junge Bertold gewöhnlich von den Arbeitern
genannt wurde glaubte sich nie so gut unterhalten zu haben wie mit dem Manne
der jede seiner Bemühungen zu schätzen wusste überall ihm mit Einsicht und gutem
Rat entgegen kam zugleich eine Fülle von Hoffnungen über das allmähliche
Steigen und Befreien der Städte von Fürsten und herrschenden Geschlechtern vor
dem mutigen Herzen des Jünglings ausbreitete Dürfe er sich einst den
Geschlechtern gleich schätzen dachte er so möchte auch wohl Apollonia jeden
Unterschied der Geburt zwischen ihnen vergessen »Herr Baumeister« fragte er
»wie kommts dass die Baumeister gern mit weit aussehenden Dingen sich
beschäftigen unser alter Mauermeister hat auch die Art während sich der
Zimmermann nur mit dem abgibt was eben zu tun not ist« »Brave starke
entschlossene Leute sind die Zimmerleute« erwiderte der Baumeister »haben
richtiges Augenmass wissen Schnur Winkelmass und Senkblei zu brauchen lassen
die scharfe Axt an ihren Beinen mit Sicherheit herum fliegen und fürchten nie
dass sie sich selbst treffen sie sind zu allen Zeiten gerecht doch zornig
gefunden worden Ihr Werk ist aber nicht von langer Arbeit und gewöhnlich mit
dem Jahre angefangen und gerichtet geht rasch empor und sinkt noch schneller in
Asche denn das Feuer ist ihrer Werke unversöhnlicher Feind Wir Maurer arbeiten
daran sie wegen dieser Vergänglichkeit ganz zu vertilgen könnten wir es
leisten so müsste kein Spon Holz an den Gebäuden sein doch hat dies große
Hindernisse und wir müssen uns den Babylonischen Turm noch immer vorwerfen
lassen Was von uns aber ordentlich steht das lässt die Feuerzerstörung wie der
Himmel des Menschen Lästerung über sich hinziehen und wartet dass es wieder
erkannt werde Wir arbeiten mit Erzeugnis der ersten reinen Schöpfung mit
Steinen und gebrannten Erden unsre Arbeit fordert Jahrhunderte wenn sie groß
werden soll sie dauert Jahrtausende Die Axt des Zimmermanns fürchtet den alten
Eichbaum mit mühsamerem Fleiße meisseln wir Eichen zum Tragen der Gewölbe aus
Steinen die wir mit weichem Kalk Eisen und Blei zur festesten Einheit
verbinden Wir lassen uns nicht durch die Erscheinungen des Tages irre machen
manchmal begreift uns das mitlebende Geschlecht gar nicht darum halten wir
unter uns zusammen in den Hütten die zu Jerusalem gestiftet in der
Sophienkirche zu Konstantinopel lange versammelt jetzt im Münster zu Strassburg
ihren Mittelpunkt finden Einzeln sind wir nichts wir müssen verbunden leben
müssen für verschiedene Menschenalter die Lehre des Meisters an Gesellen und
Lehrlingen verbreiten« »Aber die andern Gewerke haben gleiche Stufen
anzusteigen« sagte der junge Herr »Sie haben die Form« fuhr der Baumeister
fort »wir haben das Wesen Wir erkennen einander ehe wir uns den Wert
zuschreiben die Erscheinungen mit sicherer Einsicht bewahren zu können an
welchen die irrende Liebe und der törichte Hass der Lehrlinge meistert Die Länge
und Breite des Baus ist in allem menschlichen Verein durch das Eigentum der
Nachbaren voraus bestimmt die Höhe welche zum Himmel aufsteigt ist darum
nicht willkürlich weil sie frei ist Davon ahndet der Zimmermann nichts nur
die Holzstärke bindet ihn sonst baute er gern in den Himmel Ihr habt hier das
Rechte aus seltener innern Einsicht getroffen es lässt sich aber auch berechnen
der letztere Weg ist lang aber sicher jener ist kurz aber unsicher und
fordert einen Sinn der Erfindung der nicht allen erteilt ist Unsre Kunst ist
ein allgemeines Eigentum wie würde sie sonst von jedem verstanden werden aber
ihre Aufgaben sind durch das Neue im Bedürfnis und in der Bedingung jedesmal neu
zu lösen und da langt keine Berechnung aus Die Regel nutzt nur dem der sie
entbehren kann den aber verdirbt sie der sich in ihr weise glaubt jede Regel
ist ein Rätsel das durch andre Rätsel fortilft Darum müssen wir nicht bloß
das Wissen prüfen wenn wir einen frei sprechen wir müssen die Kraft der
Erfindung in ihm erforscht haben Ich sage Euch lieber Bertold Ihr solltet
Maurer werden« Bertold sah ihn verwundert an und sprach »Hätte ich nur früher
daran gedacht aber jetzt ists zu spät ich bin schon zu weit in der Handlung
doch erzählt mir etwas noch von Euren Bauten« Der Baumeister blickte etwas
finster um sich und sprach »Das eigne Werk und die eigne Kunst gibt Überdruss
jenes wenn es fertig und zu steigender Erfindung verpflichtet diese wenn wir
über sie sprechen sollen Führt mich zum Prior der hier den Bau der
Klosterkirche besorgt er hat mich rufen lassen und harret meiner vielleicht
gibt uns eine andre Stunde mehr Vertraulichkeit dass ich Wortzeichen Gruß und
Handschenke wie sie in unsrer Hütte gebraucht werden Euch mitteilen kann«
Der junge Herr führte ihn nicht ohne Scheu zu der Wohnung des Priors weil er
seit dem unglücklichen Geschicke in der Gesellschaft des Bürgermeisters keine
Gesellschaft besucht hatte Es war ein Seitengebäude des Augustinerklosters wo
sie anklopften und gleich trat ihnen der Prior selbst entgegen ein kleiner
heftiger Mann mit vorstehenden Lippen und Augen welche letztere sich in einem
roten Kreise von Augenlidern wie in einer Abendröte bewegten auch trug der
Prior ein grünes Schiffchen zum Schutze derselben Er hatte kaum ein Wort von
dem Baumeister des Münsters aus Bertolds Munde vernommen so warf er sich
diesem mit tausend Versicherungen der Freundschaft um den Hals Bertold wagte
nicht zu widersprechen und der Baumeister lächelte fein hier war auch kein
Widerspruch angebracht denn der Prior redete ohne sich unterbrechen zu lassen
Er berichtete dass er sich eben wieder heftig mit der Äbtissin des
Nonnenklosters gezankt habe und der Baumeister käme ihm recht gelegen um sie
mit seinem Ansehen zur Ruhe zu bringen »Sie lässt sich nicht überzeugen« sagte
er »dass die Stimmen ihrer Nonnen in dem steinernen Gewölbe noch eben so gut und
besser als sonst unter der Bretterdecke klingen werden sie meint dass der ganze
Sängerruhm ihres Chors dadurch vernichtet werde dass ich den Chor überwölbt
habe Ich sagte ihr umsonst dass sie sich auf mich den baulustigen
Augustinerprior verlassen könnte sie meinte dass ich darauf nicht die Weihe
empfangen hätte und dass der Strassburger Baumeister wohl anders darüber sprechen
würde Nun was meint Ihr« Der Baumeister wollte antworten aber der Prior
fragte Bertold »Was will denn der lange Kerl Wer ist das« Der Irrtum
erklärte sich der Prior fluchte und betete dass ihm der Himmel den Fluch
verzeihe hob sich auf den Zehen in Ungeduld strich den Bauch im Bunde der ihn
umgürtete und fragte Bertold wer er sei Als Bertold seinen Namen nannte
da setzte der Prior seine Brille auf sah ihn an und sprach »Ich finde Euch gar
nicht sonderlich schön die Apollonia erzählt mir immer von Euch Das ist ein
seltsam Kind die kann nie fertig werden mit der Beichte immer ist sie durch
Euer Andenken gestört worden lauf lauf muss ich ihr sagen lauf lieber zum
Teufel als dass ich ewig Beichte sitzen muss Ihr seid mir alle beide lieb wir
wollen mit einander ein gutes Weinchen trinken und von unsern Bauten reden Der
Bertold ist gar kein übler Anfänger ich hab oft schon seine Arbeit belauert
nur schade dass all die schönen Säle zu weltlichem Gerümpel dienen sollen denn
was ist das Kleid des Menschen wert wenn er selbst nur ein Madensack ist Euer
feinstes Tuch ist nur ein Übersack des Madensacks ist der Wein alt genug so
schenken wir ihn ein und in drei Schluck ist das Glas herunter der Wein mag
jämmerlich rufen Setzt ab Da hilft nichts er muss nieder so auch der Mensch
er mag zappeln so viel er will er muss in die Erde dass ihn die Maden fressen«
Bei solchen Worten trank er mächtig und gab dem Baumeister durch Klopfen
Händedrücken Bartstreichen allerlei närrische Zeichen denen Bertold in Demut
zusah und bescheidentlich aus seinem Glase nippte voll des frohen Gefühls dass
es doch nicht in allen Gesellschaften Hiebe und Fußtritte regnete
Unterdessen war im Nonnenkloster seltsame Bewegung Die Äbtissin war eine
alte sehr lebendige dürre Jungfrau von gar unermüdlicher Tätigkeit Sie
freute sich herzlich wenn die Novizen sich schwesterlich an sie anschlossen und
verzieh ihnen jede Unart wenn sie nur fleißig den reichen in Absätzen gebauten
Garten des Klosters mit ihr bearbeiteten mit ihr die gewonnenen Früchte sorgsam
dürrten und in selbst ausgewirktem Honig einmachten auch die Kräuter zur
Armenapoteke die sie für die Stadt bereit hielt vorsichtig trockneten und
klein rieben Mit den frommen Nonnen vertrug sie sich um so schlechter nannte
sie Brigitten und Betschwestern und wurde deswegen ungeachtet ihrer übrigen
Tadellosigkeit sehr verlästert Die Äbtissin lachte über sie durch ihre
Wirtschaftlichkeit hatte sie Geld zusammengebracht um die verfallene
Klosterkirche neu zu erbauen dies war ihr Stolz Apollonia ward ihr Liebling
weil sie in der Wirtschaft schon sehr geübt war diese rief sie zu allem Kummer
und zu allen kleinen Freuden des Klosterlebens Auch heute hatte sie ihr den
neuen heftigen Streit mit dem Prior erzählt und dass ihr nichts so kränkend sein
würde als wenn ihr Kloster den Ruhm der feinsten und stärksten Nonnenstimmen
unter dem Backofen so nannte sie das Kirchengewölbe verlieren sollte
Apollonia meinte es müsse doch erst untersucht werden ob die Stimmen so
unterdrückt würden ehe sie ihre Klage beim Bischof einreichte »Wie sollen
wirs versuchen« klagte die Äbtissin »der Gang zur Kirche ist noch nicht
wieder hergestellt es möchte eine böse Nachrede geben wenn wir in die
ungeweihte neue Kirche gingen um den Gesang zu versuchen« »Und doch muss es
bald geschehen« sprach Babeli Brix »denn der Vater sagte mir dass der berühmte
Baumeister aus Strassburg vom Prior hieher gerufen heute oder morgen ankommen
werde um für ihn ein Zeugnis abzulegen« »Da will er uns mit dem Namen des
Baumeisters ganz unterdrücken« rief die heftige Äbtissin »ehe wir noch wissen
wie sehr unsre Stimmen von dem Gewölbe erdrückt sind wärs nur nicht zu spät
wir gingen noch heute zur Kirche aber ich fürchte die Nachrede der Schwester
Veronika« »Da weiß ich Rat« sagte Babeli listig »die ganze Stadt hat ein
Gerede von einer Nonnenprozession lauter verfluchte Nonnen die Nachts um zwölf
nach der Kirche ziehen und mit einem Kreuzritter sich begrüßen der da begraben
ist aber keiner hat sie gesehen Wir haben auch keine Geister gesehen wir
besprengen uns mit geweihtem Wasser wir sind unsrer viele da fürchten sich die
Geister wir ziehen ganz heimlich mit Laternen die wir unter den Kutten
verbergen um zwölf Uhr nach der Kirche singen eine Mette dann können wir den
Prior zu einer öffentlichen Probe ausfordern er muss zu seinem Schimpf das
Gewölbe abreißen lassen« Die Äbtissin küsste Babeli in heller Freude und hörte
nicht auf Apollonia die ihr das Wagestück ausreden wollte Josephine Brix
brachte eine Nachricht aus dem alten Klosterkalender dass an diesem Tage von je
her um ein Lamm gespielt worden wäre Das Kloster versammelte sich zu diesem
Spiele so ward dieser Abend mit einem Eifer einer Lust gewürzt es gab ein
Zischeln ein Vorbereiten ein Beobachten der alten Nonnen denen man nicht
traute wie es nur unter eingesperrten lebenslustigen Jungfern möglich ist
Endlich war das lebende Gespenst die Mutter Veronika fort gegangen sie hatte
Apollonien das Lamm geschenkt weil sie am schnellsten die geistlichen Sprüche
hersagen konnte nun gings ans Gespensterspiel
Jedes Mädchen nahm etwas zu ihrer Bewaffnung auf die gefährliche Fahrt nur
Apollonia ließ sich an dem Lamm genügen das sie eben gewonnen hatte und mit
halb heiliger Andacht ehrte Wegen ihres frommen Ansehens mit dem Lamm musste sie
den Zug eröffnen die Laternen wurden versteckt sie verließen leise die
schützenden Mauern Ein schwarzes Ringgewölbe schien über die Hälfte des Himmels
gezogen hinter welchem der Mond sich bedenklich bergen mochte die Gassen waren
leer als ob kein Liebhaber sich in diese Gegend mit weltlichem Gesange wagte
nur ein Kind schrie aus der Ferne das vom Alp oder von seiner Amme gedrückt
wurde und Lampenschimmer strahlte aus einem Krankenzimmer streifig nach dem
Zuge hin die Fledermäuse schwirrten in Lüften gar lieblich dufteten die
Nachtviolen des Klostergartens im sanften Winde Die Äbtissin sah das alles
aber sie zitterte so innerlich dass es ihr wenig Freude machte nur spottete sie
leise zu Apollonien über den Turm der freilich erst im Aufsteigen war Aber als
sie der Türe nahe war erschütterte sie die Höhe derselben und die Reihen
betender Gestalten die sie im reifigen Bogen umschwebten Sie konnte die
Schlüssel nicht umdrehen und das schwarze Gewölbe legte sich immer dunkler über
die freie Seite des Himmels Die Jungfrauen drängten sie ängstlich und
ungeduldig zur Türe hin bis sie endlich ein Herz fasste und das Schloss
eröffnete Nun erhoben sich alle Laternen neugierig im ernsten Hause der Gnade
aber das Licht scheute sich noch vor dem widerspenstigen Dunkel Endlich
sammelten sich die Lichter am Altare an dessen Seiten die Chöre sich erhoben
und alle staunten gerührt über die Herrlichkeit Wo sie die drückende Fläche der
Balken sonst mit Ärger im augenerhebenden herzenbefeurenden Gesange angestarrt
hatten da schien jetzt des Himmels Gewölbe mit Sternenglanz und Äterschein
sich erst zu erheben fast schien es ihnen als ob die Kirche oben noch nicht
geschlossen sei Die Äbtissin und alle Jungfrauen blieben lange stumm in
Beschämung und Bewunderung über die Herrlichkeit einer Kunst die sie nie
geahndet hatten Dann stimmte die Äbtissin ein Gloria an und der Schall des
Chors verklärte sich so wunderbar in dem Gewölbe dass sie erschrak als ob noch
ein andrer Chor von obenher einstimme Als sie aber die Herrlichkeit des eignen
Ausdrucks in diesem heiligen Raume erkannt hatten da riss Begeisterung die
ungläubigen Scharen an den Haaren empor dass sie zwischen Himmel und Erde
schwebend ein unerschöpfliches Gloria der heiligen Baukunst erschallen ließ
Sechste Geschichte
Die hohe Fremde und ihr Ritter
Der Baumeister und der Prior saßen der Zeit vergessen bis Mitternacht beim
Weine nur Bertold zählte die Augenblicke weil er die Angst der Mutter bei
seinem späteren Ausbleiben kannte aber er wagte nicht die beiden Herren zu
stören deren Gespräch ihn bezauberte weil er nie zwei Menschen über so hohe
Dinge ausführlich hatte reden hören »Kein Glas mehr« sagte der Baumeister
»sonst finde ich den Weg nach Hause nicht mehr« »Der junge Freund da wird
Euch schon führen« sagte der Prior »er trinkt mäßig und hört lieber zu das
ist eine seltene Tugend bei den jungen Leuten unsrer Zeit Noch ein Glas vom
Besten und dazu singen wir noch einmal das Lied vom Babylonischen Turme
Als der Turm zu Babylon
Mit dem Haupte wankte
Läuft der Meister gleich davon
Der vorher sich zankte
Steckt den Plan in seine Tasche
Saugt sich Mut aus voller Flasche
Lässt sie nicht von seinem Mund
Bis er sieht auf ihren Grund
Lächelnd tritt er in sein Haus
Spricht als rechter Kenner
Diese Rechnung war zu kraus
Zähler ohne Nenner
Mauern ohne Fundamente
Sprache die uns Menschen trennte
Seht der Mond stieß an die Spitz
Da verbrannte sie der Blitz
Gib dem Himmel alle Schuld
Wenn du schlecht bestanden
Und du gehst in eigener Huld
Nimmermehr zu schanden
Ist der Turm dir eingefallen
Diese Dummheit kommt von allen
Wer das Geld hat nach dem Streit
Gilt doch einzeln für gescheit
Es ist doch seltsam« sagte der Prior am Schluße des Liedes »dass bei allen
großen Bauten immer große Streitigkeiten ausgebrochen sind von denen in
Strassburg seid Ihr noch besser als ich unterrichtet und nun bei meinem
kleineren Bau an der Nonnenkirche will es wieder nicht friedlich enden Der Mond
scheint eben hell durch die Wolken ich meine wir besuchen einmal mein Werk
der Mond gibt allen Bauwerken das schönste Licht denn der farbige Flitterstaat
der vergänglichen Welt setzt dann unsre Arbeit am wenigsten zurück« »Das kann
ein Grund sein« sagte der Baumeister »aber die Verhältnisse erscheinen größer
je weniger die bekannten Gegenstände uns deutlich sichtbar werden ich freue
mich auf ein Werk das mir im Plane wohl gefällt« So rüsteten sie sich zum
Fortgehen und Bertold begleitete sie in Ergebenheit indem er vergeblich nach
einem Vorwande suchte heimkehren zu können So kamen sie in die Nähe der Kirche
und der Baumeister lobte scholl die schönen Verhältnisse Vielleicht wären sie
vorüber gegangen wenn nicht eine alte Hebamme mit großer Angst an ihnen vorüber
laufend erzählt hätte es sei der Umgang der Geisternonnen nach der Kirche
gegangen und singe jetzt darin Der Prior wollte sie ausfragen aber sie ließ
sich nicht halten und schrie als ob sie selbst gebären wollte Der Prior
stutzte aber der Baumeister sagte ruhig »So müssen wir uns in die Kirche
begeben wer weiß was da für Unfug getrieben wird den Gesang höre ich
deutlich« Sie gingen beide der Kirche zu während Bertold halb entseelt
ihnen nachschlich und sie doch in seiner Treulichkeit nicht verlassen wollte
Die Türe öffnete sich leise sie standen bald in der Mitte der Kirche und
staunten der lieblichen Erscheinung der schönen Mädchen die entschleiert dem
Altar nahe standen an dessen höchster Stufe Apollonia mit ihrem Lamm von der
Last desselben gedrückt sich niedergelassen hatte Doch dieser Anblick und der
Gesang dauerte nur wenig Augenblicke in seiner Schönheit und Würde nicht
Bertolds feurig erglühende Wangen aber der weiße Mantel des Baumeisters störte
die Versammlung Die mutige Babeli schrie zuerst auf »Der Kreuzritter« und
lief davon ihr folgten die andern mit der Äbtissin nur Apollonia deren Kleid
sich an einen Haken woran der Teppich befestigt werden sollte gehängt hatte
konnte nicht aufkommen Ihr war als halte sie eine Hand aus der Erde
erwachsen endlich riss sie sich los und sprang den andern aller
Beruhigungsworte des Priors ungeachtet wie ein verschüchtert Füllen blind nach
aber er sowohl wie der Baumeister und Bertold folgten ihr Das war auch
nützlich denn an der Tür des nahen Klosters die von den geschreckten
Jungfrauen zu übereilt geschlossen war fanden sie Apollonien in einer Art
Betäubung niedergesunken »Was ratet Ihr jetzt« fragte der Prior »Machen wir
Lärmen an der Türe so öffnen sie diese darum doch nicht in ihrer Furcht und der
Lärmen könnte noch mir und dem Kloster in dieser argwöhnischen geschwätzigen
Zeit eine üble Nachrede machen« Der Baumeister schwieg indem er Apollonien
unterstützte deren Lamm unser guter Bertold sorgfältig auf den Arm genommen
hatte Endlich ermunterte sie sich mit heftigem Weinen indem sie ihren Ruf und
die Liebe ihres Vaters schon als gänzlich verloren betrachtete Umsonst suchte
sie der Baumeister aufzurichten sie sprach immer von der Strenge ihres Vaters
und wie sie im Kloster so glücklich gewesen das ihr nun auf immer verschlossen
Der Prior sah in der Ferne einige Leute er drängte zu einem Entschluss schlug
Bertolds Haus vor aber das lehnte Apollonia mit einem Seufzer ab weil sie
sich mit ihrem Vater auf ewig verfeinden würde Die Tritte der Leute auf den
Pflastersteinen wurden immer hörbarer da führte der Baumeister die Betrübte
fort indem er zum Prior sagte er wolle sie zu einer fremden Frau von gesetztem
Alter bringen die einen Sohn suche und gewiss an dieser Tochter ihre Freude
finden würde es sei dies dieselbe Bürgerin aus Strassburg in deren
Angelegenheit er ebenfalls einen Grund seiner Reise gefunden »Das hätte Euch
gleich einfallen sollen« sagte der Prior ungeduldig »mir ist nie so seltsam
bange gewesen wie in dieser Verwirrung«
Sie gingen schnell und schweigend endlich klopfte der Baumeister bei einem
kleinen Wirtshause an schnell wurde aufgetan und der Prior äußerte sich sehr
überrascht so viele Leute bei großer Erleuchtung in dienender Tätigkeit zu
finden »Sie ist reich diese unsre Mitbürgerin« sagte der Baumeister »auch
fordern die Sitten unsrer Stadt mehr Glanz und Aufsehen als wirkliche
Verschwendung wir tragen schon etwas vom Stempel unsrer Nachbarn der
Franzosen« Der Baumeister ging voran und die andern blieben in einem hell
erleuchteten Vorzimmer Apollonia und Bertold sahen einander angenehm verlegen
an der Prior kneipte ihnen die Backen und fragte »Kinder habt ihr euch denn
nichts zu sagen« Da trat in sehr bescheidner Tracht aber mit edlem festen
Anstande eine Frau in dem Alter ein wo eine gewisse Fülle reicht noch den
verlorenen Reiz erster Jugend ersetzt es war ein so wohlwollendes Gesicht das
jeden aus der Verlegenheit riss Sie hob das Kinn Apolloniens mit ihrer flachen
Hand in die Höhe und sagte ihr »Schweig nur ich weiß alles schon Geheimnisse
sind meine einzige Freude auf Erden und ich weiß lange keine Nacht die sie sich
mir so schön angefangen Wundert Euch nicht Herr Prior wenn ich von der Nacht
wie andre vom Tage rede ein seltsames Gelübde verpflichtet mich den Tag zu
meiden das Antlitz der Sonne nie aus Absicht wieder zu sehen Es war ein sehr
unglücklicher Tag der mir diesen Schwur abzwang ich verlor Mann und Sohn in
einer Stunde durch die verruchten Kronenwächter« »Schweigen wir davon« sagte
der Baumeister ernst »wir sind in der Fremde wir sind nicht mehr im Verbande
treuer Städte und Ihr kennet am besten ihre Kundschafter wo sie herrschen«
»Freilich« sagte die Frau »aber wer kann sich immer bezwingen es fällt mir so
manches ein indem ich die beiden jungen Leute betrachte Du bist recht hübsch
Apollonia bilde dir nichts darauf ein man achtets nur so lange man andern
gefallen will deine Augen sind groß und weit auseinander wie ich es gern habe
der Mund ist fein geschnitten die Nase recht gut gebogen die ganz krummen
Nasen kann ich nicht leiden sie sitzen im Gesicht als ob sie die Veilchen der
Augen absicheln wollten dein Wuchs ist kräftig du wirst noch wachsen ohne
gemein auszusehen könntest du dich aller schweren Arbeit unterziehen Aber
Kind so gut deine Hände gebaut sind waschen musst du dich« »Es kommt von den
Blumen« antwortete Apollonia »mit denen das Lamm bekränzt war und auf die ich
vor dem Kloster mich stützte« »Einerlei« sagte die Frau »du musst dich
waschen ein Waschbecken ihr Leute« Die lebhafte Frau ließ sich nicht
einreden und im Augenblicke trugen ein paar Mädchen ein silbernes Waschbecken
mit wohlriechendem Wasser und ein Handtuch herbei das mit Spitzen besetzt war
Der Baumeister war sichtbar wegen dieser Waschung in Verlegenheit aber er
begnügte sich ans Fenster zu treten als ob er die Adspekten der Sterne belauern
wollte Der Prior trat einen Augenblick zu ihm und sagte »Was ist das für eine
seltsame Frau unter dem groben Kleide sieht ein Hemde von höchster Feinheit
hervor und ist mit einem Diamanten zugesteckt den jeder König in seiner Krone
tragen könnte« »Es ist so der Brauch bei unsern reichen Bürgerfrauen«
antwortete der Baumeister »Ihr müsst der guten Frau in gewissen Dingen nach
sehen ihr Verstand mag wohl von manchem Unglück angegriffen sein aber sie ist
sehr gut und muss mit aller Achtung behandelt werden« »Nun seht« sprach die
Gräfin »Apolloniens schöne länglichte Finger welche weiße weiche Haut nur
darum war es mir zu tun dass jeder die anerkennen sollte wie schön wird sich
auf diesem Finger der Trauring ausnehmen dass er dir nur nichts Trauriges
bedeute« Bei diesen Worten steckte sie gerührt einen goldnen Ring an
Apolloniens Finger und sprach »Den behalt so lange bis dir einer lieber ist
als du dir selbst« Sie ging jetzt zu Bertold über und sagte »Und dieser
Johannes mit dem Lamme will es scheren um daraus feine Tücher für die ganze
Welt zu verfertigen ach Gott den kann ich gar nicht ansehen Ihr wisst
Baumeister den Zug an den Augen diese Hügel zur Stirne herauf das kann ich gar
nicht sehen ohne zu weinen Ihr Leute bringt mein Mitternachtessen wer zu
essen verlangt lasse sich einen Teller geben aber der Prior darf sich nicht so
nahe setzen der arme Mann hat so rote Augen wüsste ich ihn nur zu heilen« »Die
Augen sehen ins Himmelreich davon sind sie rot« sagte der Prior »ins
Himmelreich und ins Glas kann sie nicht mehr rein polieren sie sind dauerhaft
rot angelaufen es ist die Frage obs einer für Geld machen könnte wenns
verlangt würde« »Ihr solltet beständig Brillen mit breiten Rändern tragen
lieber Prior« sagte die Frau »so sähe niemand Eure Augen genauer und Ihr
könntet für einen erträglichen Mann gelten Ihr Leute schafft eine Brille« Das
Essen wurde in prachtvollen silbernen Gefässen gebracht auch silberne Teller
umgereicht und in dem Gedecke ließ sich deutlich ein fürstliches Wappen noch an
der Krone erkennen ungeachtet das Schild ausgeschnitten und ein schön gewebter
Blumenstern eingenäht war Auch eine Brille kam bald die ein Mädchen dem Prior
der sich erst weigerte auf die Nase steckte mit dem Bedeuten die gnädige Frau
könne sonst aus Widerwillen nicht essen Es wurden seltene kostbare Speisen
aufgetragen aber die Frau nahm nur wenig davon Apollonia und ihr Lamm waren zu
ängstlich um etwas zu verlangen die andern hatten das Ihre reichlich genossen
desto lebhafter wurde von allen Seiten über Apolloniens Schicksal beraten Der
Prior sollte am Morgen der Äbtissin die er durch Apolloniens wahren Bericht
ganz in seine Gewalt bekommen von dem Vorgange unterrichten und Apollonia in
der Dunkelheit am folgenden Abend zu der frommen Herde zurückführen Dem
Bürgermeister hingegen sollte alles verschwiegen bleiben da von seiner
störrigen Gemütsart die selbst vom eignen Vorteile nicht zu beschwichtigen war
einiger Skandal für das Kloster und für Apollonien zu besorgen wäre
Der Tisch war aufgehoben alles war besprochen der Prior und Bertold
wollten fortgehen indem der letztere Mut gefasst hatte seiner Eltern zu
erwähnen da hielt der Baumeister beide auf sagte dem Prior dass er ihm mit
Elsässer Weinen eine Antwort auf die Neckarweine schuldig wäre und Bertold
versicherte er dass er schon durch einen Boten des Priors seine Eltern
seinetwegen beruhigt habe sie alle wären der Frau die sie aufgenommen und die
nur bei Nacht Gesellschaft sehen dürfe zu einiger Unterhaltung verpflichtet
»Nun freilich« sagte die Frau »auch ich bin euch dergleichen schuldig die
beide Herren haben ihre Flasche was fang ich aber mit euch beiden jungen Leuten
an Stellt euch einmal an als wäret ihr verliebt es gilt nur für diese Nacht
und morgen ist Apollonia ein kleines angehendes Nönnchen« Apollonia ließ es
sich gefallen ihre Hand Bertold zu geben mehr wurde aber nicht aus der Sache
»Willst du denn wirklich eine Nonne werden« fragte die Fürstin Apollonien
Diese antwortete ihr dass sie erst recht zufrieden im Kloster geworden sie
müsse dahin zurückkehren Die Fürstin seufzte und sprach »Es ist schwer dem
zu entsagen was wir nicht kennen wer aber die Welt mit aller ihrer Freude
kannte und alles verlor der mag da gern absterben suchte ich nicht den
verlorenen Sohn ich hätte mich längst in die Stille der Klostermauern
zurückgezogen
Ich war einst ein recht wildes Mädchen« fuhr sie nach einer Pause fort
»vielleicht merkt ihr davon nichts als eine gewisse Lebhaftigkeit die zuweilen
in schnellen Sprüngen meiner Gedanken sich äußert und die Leute bange macht
weil ich des Übergangs nicht erwähne ich könnte wohl von Sinnen sein unser
guter Baumeister war schon oft in dieser Meinung Mein Vater der keine Söhne
hatte förderte meine Neigung zu männlichen Beschäftigungen weil er mich auf
diese Art beständig um sich sehen und in müßigen Stunden der Jagd sich mit mir
unterhalten konnte Da fabelten wir oft wie der Ritter durch Heldentaten aller
Art ausgezeichnet sein müsste der mein Herz rühren sollte wir musterten alle
junge Fürstenund Grafensöhne Schwabens fanden aber keinen meiner würdig«
Sie ist also doch eine Fürstentochter dachte der Prior wie hätte sie sonst an
solche Freier denken können »Statt aller der kühnen Abenteurer ward mir ein
stiller Spinner und Weber zu Teil« »Ein Mann an der Spindel« fragte der
Prior »Ich kann Euch nicht erklären was mich zu ihm führte« antwortete die
Frau »mich bestimmte ewige Zuneigung die nie erlöschen wird meinen Vater
andre Gründe kurz dieselben Kronenwächter die ihn mir gaben entrissen ihn
mir als er sich von ihrer Tyrannei loszureißen und an den Kaiser anzuschließen
trachtete Nicht Blödsinn oder Schwäche hatte ihn zu weiblichen Arbeiten
herabgewürdigt er war ritterlich geübt in allen Waffen sondern eingeborne Lust
und die vieljährige Einsamkeit im seltsamsten Winkel der Erde hatte ihn
veranlasst bei solchen Beschäftigungen Geduld zu lernen In kunstreich gewirkten
Teppichen hatte er eine besondere Meisterschaft erreicht in einem derselben
den mir der Vater brachte entdeckte er mir seine Neigung Seht hier in diesem
Kasten bewahre ich seine besten Arbeiten als treue Begleiter seht dieses
Geflecht seltsamer Pflanzen das bis zu den Sternen reicht Kinder sitzen in den
Blumenkelchen und blicken sehnlich empor Unter dem Dach dieser Pflanzenwelt
sitzt er selbst einsam am Webstuhle wo mit seltsamer Künstlichkeit sich alle
Wurzeln zu einem Aufzug seiner Arbeit hin vereinen sein Schiff aber welches
den Einschlag trägt ist wie ein Herz gebildet Der Sinn dieses Bildes umfasste
sein reines Dasein Wie konnte er mit diesem Herzen mit dieser freudigen
Anschauung der Welt die finsteren drückenden Erwartungen seines Hauses ertragen
und durchführen Gern hätte er im offenen Kampfe mit dessen Unterdrückern
gestritten aber dieses katzenartige Lauern war ihm unmöglich« Apollonia
bewunderte die Herrlichkeit dieses Gewebes der Prior wollte es durchaus nicht
glauben dass so etwas gewebt werden könne er meinte es sei gemalt »Könntet
Ihr so etwas weben« sagte er zu Bertold »da wollte ich Euer Tuch auch kaufen
und Messgewänder daraus schneiden lassen« »Ich schäme mich unsres Ungeschicks
bei dem Anblick dieser Weberei« sagte Bertold »Lasst Euch nicht irre machen
junger Herr« unterbrach ihn die edle Frau »wenn Ihr mit Lust und Liebe etwas
unternommen habt oft erzählte mir mein Mann dass er wegen einiger Spottreden
der Kronenwächter einmal die Weberei aufgeben wollte und seine Not einem alten
geistlichen Einsiedler klagte Der schüttelte mit dem Kopfe und riet Ihm beim
werke zu bleiben denn sagte er wir Menschen sind Nachtwandler mitten am Tage
nur ein kleiner Kreis unsers Lebens ist zu unsrer Prüfung der freien Wahl
überlassen öfter ist es unsre höchste Tugend dem Gesetze und dem Triebe unsres
Herzens uns mutig zu überlassen wo der Geist nicht widerspricht Kein Werk
ist zu niedrig das mit Liebe getan wird und die Magd welche in emsiger
Häuslichkeit den Stall reinigte wo unser Herr geboren ward tat ihm mehr zu
Liebe als Fürsten und Völker jetzt vermögen die ihm Kirchen zum Himmel
erheben Diese Bemerkung kränkt unsern guten Baumeister darum wende ich mich
zu meiner Geschichte Diese Weberei gewann mein Herz ich musste den sehen von
dem lernen der so etwas schaffen konnte und mein Ritter behauptete immer dass
seine Arbeit ihren Preis und ihren unbewussten Zweck erreicht habe indem sie ihm
meine Neigung gewonnen Meinem Vater war es gleichgültig was uns verband seine
geheime Absichten wollten uns verbinden so sah er es doch gerne dass der Ritter
mir Tage lang auf unserm Jagdschlosse in dieser künstlichen Arbeit Unterricht
gab und lachte wenn ihm die Zofen hinterbrachten dass dies Geschäft zwischen
uns nicht ohne Liebelei ausgehen würde In geselligem Spiele versteckter und
doch nicht geheimer Wünsche webten wir zusammen diesen zweiten Teppich den wir
zusammen erfanden als wärs eine fremde Geschichte indem wir unsre Bilder nur
in Ermangelung andrer anwebten Seht mich als Jägerin auf einem getigerten
Rosse der Falke auf meiner Hand das Jagdhorn über den Rücken eingefangen aber
selbst von einem goldnen Netze in dessen Maschen listige Liebesgötter gaukeln
dort aber den Ritter der nicht darauf Achtung zu geben scheint weil er das
Netz an eine Krone anzustricken und damit zu schließen trachtet«
»Wunderschön« rief der Prior »hier ist weibliche Geschicklichkeit zu
bewundern« »Nein Herr Prior« sagte die Frau »jenes ist als Arbeit
tadelfreier als dies Gewebe hier ist mancher Fehler von mir nur künstlich
durch meinen Meister versteckt worden jenes hättet Ihr mehr bewundern müssen
wenn Ihr mir schmeicheln wolltet das ist fehlerfrei denn es ist von ihm Das
Gewebe machte mir viel unnützen Kummer denn wie ich meinte dass er mich bei
dessen Endigung verstanden habe so war mein Ritter statt dessen mit kurzem
Abschiede von mir fortgeritten ohne sich näher über seine Absicht zu erklären
Zorn trat der verschmähten Liebe nach es war mir unleidlich dem Ritter zu
Ehren so viele liebe Gewohnheit aufgegeben so viele Arbeit unternommen zu
haben ohne von ihm des rechten Danks gewürdigt zu sein Mein Ross und mein Falke
wurden wieder zu Gnaden angenommen ich durchstrich den Wald allein da mein
Vater wie ich zu erzählen vergaß wegen eines Zuges zum Heiligen Grabe noch
immer abwesend war doch nahm ich gern einen Diener des Ritters mit mir der bei
seiner Abreise entlaufen und zu mir gekommen war Einstmals machte mich dieser
auf ein vielstimmiges Vogelgeschrei aufmerksam Ich ritt voll Neugierde nach dem
seltsamen Zauberklange und fand mich von einem goldnen Netze gefangen der
Ritter hatte es über mich geschlagen indem dessen Enden an eine goldne Krone
befestigt waren So hatte sich alles erfüllt mit vielen Küssen erzählte er mir
dass er den Auftrag meines Vaters die lang bewahrte Krone der Hohenstaufen zu
rauben und durch deren Überlieferung seine Versöhnung mit dem Kaiser zu machen
erst erfüllt habe Die Krone sei in seiner Gewalt er habe sein Gelübde erfüllt
und nichts hindre unsre Verbindung Da wendete sich mein Herz ganz zur Freude
der Diener pfiff fröhlich er war immer mit seinem Herrn im Einverständnisse
gewesen Nach dem ersten Freudenergusse berichtete er mir wie ihn das Geschick
begünstigt habe die Krone in seine Gewalt zu bekommen Seht hier das dritte
Gewebe den Glasturm in der Mitte des Wassers und hier den kühnen Schwimmer auf
dem abgerissenen treibenden Holzstamme die Krone auf dem Haupte« Hier hielt
sie inne aber der Prior bat dringend um die Erzählung er habe so oft von der
Burg der Kronenwächter gehört und nimmer den Ort sich deutlich machen können wo
sie zu finden Die edle Frau fuhr dann fort »Ich lass mich heute einmal gehen
ich weiß nicht warum doch ihr seid gute Seelen und werdet mich nicht den
Unerbittlichen verraten die mir den Gemahl raubten Der Ritter hatte durch
seinen früheren Aufenthalt einige Kunde in welcher Richtung das Schloss zu
suchen sei Vierzehn Tage war er einsam mit seiner Liebe zu mir durch Wälder und
Auen hingestrichen ein schmerzlich süßes Leben doch ungewiss seines
Entschlusses es kostete ihm viel den Willen meines Vaters zu erfüllen
Rätselhaftes trostloses Geschick seine Heiligen hat uns der Himmel entzogen
sie wandeln nicht mehr unter uns die Engel verstecken sich den ernsteren Tagen
und die Gewalt der Jahrhunderte fällt wie ein Fels unerwartet oft unerkannt auf
die Brust des Erwachsenen der gegen sie immer nur ein Neugeborner ist und wer
ist der Engel bedürftiger als wir Abkömmlinge großer Begebenheiten«
»Wir« sagte der Prior mit Bedeutung »Aber in so trauriger Welt wiegten
sich dennoch« fuhr die edle Frau fort »alle Liebesgedanken an mich mit den
klingenden Federspielen auf wilden Rosen des Weges die Quelle des Weges glänzte
von dem Heiligenschein den sie der Welt zurückstrahlte nichts entreisst dem
jugendlichen Herzen Hoffnung und Reiselust Endlich wurde ihm der Weg
ungewisser die Hirten seltener die Wälder hörten auf Wolken versteckten ihm
die Gegend sie lagerten sich feucht um ihn her und die Sonne ging über ihm wie
ein trübes Mondlicht in schwankender Bewegung So kam der Abend still und
anteillos als ob er in eine andre Welt übergestiegen es wurde immer kälter
ein Steinbock der über eine nahe Klippe sprang entdeckte ihm dass er an einem
Abgrunde stehe in welchem zwei Geier mit gewaltigem Flügelrauschen sich um ein
zerschmettertes Ziegenlamm mit den Schnäbeln zerzausten dass ihm die Federn ins
Gesicht flogen Hier musste er sich wenden er hoffte auf nahe menschliche
Wohnung weil er diese so lange nicht wahrgenommen musste aber immer weiter von
den Menschen fort immer höher hinauf eine Eisebene ansteigen die jetzt noch
leichter als im Spätsommer zu überschreiten war weil das Tauwasser noch keine
bedeutende Risse darin gesprengt hatte Es war ihm schmerzlich so weglos zu
irren aber die hohe Luft füllte ihn mit einem seligen Mute er müsse seiner
Liebe folgen und die alten Schmerzen seines Hauses enden Da traten über ihm die
Sterne aus blauer Himmelswoge hervor und er war gewiss auch ich müsste in dem
Augenblicke zu ihnen aufblicken und für ihn beten wie er für mich Und als er
so still an einem Eisaltare betete und seine Tränen die er nicht halten konnte
zum Opfer brachte da hörte er jenseits einen Zug geharnischter Männer rasseln
die heftig gegen einen unter ihnen tobten und ihm den Tod schworen weil er auf
der Wacht eingeschlafen sei nun müssten sie darum in der kalten Nacht wie Gemsen
auf den Gletschern herumsuchen wo der Fremdling tot oder lebendig zu finden und
zu fangen sei den ihnen der Hirte beschrieben Ein paar ließ sich den Fremden
beschreiben und der Ritter erkannte sich deutlich an dem Panzerhemde das rot
besetzt sei an dem grünen Barett So furchtbar diese Drohung war so ging ihm
doch ein Licht auf er sei nahe der Kronenburg Er versteckte sich so gut dass
sie ihn nicht erblickten obgleich ihr Atem von der wehenden Luft sichtbar über
ihn hingetrieben wurde dann sprang er freudig auf als sie vorüber schritt
über Eisspalten und kletterte über Felsenstücke die auf der höchsten Bergebene
wie Riesensitze zur Beratung zusammengetragen schienen Und als er auch diese
überschritten hatte da senkte sich das Eisfeld nach der andern Seite Er
schritt um so schneller je leichter es ihm jetzt wurde auch war hier kein
Gletscher mildere Luft wehte ihn an und in der fernen Tiefe glaubte er ein
Städtlein mit brennenden Lichtern zu erblicken das von einem Freudenfeste wach
erhalten worden Er sehnte sich nach Ruhe bald bemerkte er aber dass es der
Widerschein der Sterne gewesen in einem großen Gewässer das unbegrenzt vor ihm
ausgebreitet lag was er für Lichterglanz gehalten bald deckte ein allgemeiner
Nebel die ganze Aussicht er konnte nicht weiter gehen ohne Gefahr auch
übermannte ihn der lange zurückgewiesene Schlaf Ich lag damals schlaflos auf
weichen Betten sein Lager war hart auch weckte ihn zuweilen Hunger ohne dass
er ihn vor Müdigkeit aus seiner Reisetasche befriedigte sondern er schlief
immer wieder zu schnell ein die Kälte mochte dazu mitwirken Endlich wachte er
ganz vom Einstrahlen der Sonne aber er öffnete nur mit Mühe die Augen denn die
Sonne die aus dem Wasser emporgestiegen blendete seine Blicke die über
tausend Wunder wie über Traumbilder ungläubig hinirrten Die beschneiten Wipfel
hinter ihm wie Paradiesesmauern Alpenrosen und Bergtymian blühten neben ihm
ein freudiger wundervoller Teppich wie er ihn oft in seiner Weberei ersonnen
und doch nicht ganz erreicht hatte vor ihm ein endloses Gewässer der Bodensee
der über seine Ufer ausgetreten war und in den noch immer die Wasserfälle mit
ausgerissenen Tannen und Felsenstücken niederdonnerten die Sonne aber schwamm
ruhig auf ihm wie ein Glutschiff Er ging entzückt taumelnd einige Schritte
sah nieder und warf sich erschreckt auf den Boden schloss die Augen und drückte
die Steine an sich wie seinen letzten Halt Über dem Wasser schien er sich zu
schweben und ohne Hoffnung an dem glatten Felsen niederzugleiten der gerundet
ihm die Gefahr versteckt hatte bis er in träumenden Gedanken die Höhe der
Wölbung erreicht hatte und schon zwischen Himmel und Wasser schwebte Sich
selbst aufgebend meiner noch denkend ließ er sich einige Ellen niedergleiten
da stand sein Fuß an einem Vorstoss fest Er blickte hin und sah dass er einen
gehauenen schmalen Felsensteig erreicht hatte der ihm von der Felsenwölbung
versteckt gewesen war er sah jetzt eine Felsenbucht zu seiner Linken die nur
durch diesen Fussgang eingänglich schien das Wasser brauste gewaltig in
Strudeln und in der Mitte dieses Wellenschaums stand fast wie der Schatten
eines Schlosses ein siebentürmiges eckiges Schloss das in seinen Türmen völlig
durchsichtig und von Glasstücken erbaut schien da jeder der Türme einen bunten
Regenbogen auf die entfernte schwarze Wasserfläche der Bucht und auf die
schwarzen Felsen warf Er hatte nie einen so gewaltsamen Anblick erlebt die
Sonne schien dienstbar dem Menschenwerke und gleich stand seine Überzeugung
fest dies sei die Kronenburg die Pfalz der Hohenstaufen Alle Furcht war
verschwunden und Glut durchkochte seine Wangen die Krone zu gewinnen die ihm
durch seine Geburt gehörte Er eilte den Felsenweg nieder sah dass die
kunstreiche eiserne Laufbrücke über das Wasser gespannt war Schon glaubte er
alles gewonnen da sah er vor der Brücke zwölf alte starke geharnischte
Männer ihre Füße blutig als ob sie beim schweren Steigen über Gletscher sich
selbst verwundet hätten um einen Anhalt an der glatten Fläche zu gewinnen Es
waren dieselben die ihn so zornig auf dem Gebirge suchten aber sie schliefen
jetzt wie todmüde Menschen unerwecklich schienen aber nicht willig
eingeschlafen denn sie hielten noch ihre Schwerter als wachten sie bei der
Brücke Da wars als ob der Tod schon hinter ihm mit der Sense gehe als ob die
Engel ihm die Füße vorwärts höben und stellten dass er die Brücke überschreite
so schneidend sauste die Luft hinter ihm als er über die hochschwebende
eiserne Stufenbrücke schritt so sorglich umflogen ihn die Tauben dass er sich
nicht einsam fühle und schwindle Ich kenne euch Regenbogenhälse dachte er
seid ihr heimlich mir nachgeflogen ihr wart meine einzige Gespielen auf
Hohenstock leitet mich ihr treulich Liebenden So gelangte er an den hohen
Eingang und erblickte an jeder Seite zwei eiserne Männer mit großen
Doppelschwertern Er zog sein Schwert dass er nicht ungerächt fiele aber sie
standen still und er sah dass ihr Antlitz von Glockengut bei der Berührung hohl
erklang diese herzlos Gewaltigen waren angekettet weil die Wächter draußen auf
Kundschaft harrten Glorreich in sich betrat er den ersten Platz da sangen die
Vögel in ewigem sichern Frieden und die Blumen schienen keinen Winter zu
kennen die Erde schuf sie in einer Fülle der Kraft wie nirgend sonst
Fruchtbäume an Glasstäben der Glasmauer aufgebunden standen in voller Blüte
große bunte Schmetterlinge flatterten hier wie eine Herde Und er trat weiter
in den zweiten Hof der von Wohnungen umgeben war da stand ein hoher
Schleifstein der von einem rieselnden Wasser wie eine Mühle getrieben wurde und
Schwerter lagen umher die frisch geschliffen waren Nie hatte er solchen
Klingenglanz erblickt er warf sein Schwert fort und wählte sich das schönste
der feine Sand des Mühlsteins war davon noch nicht abgewischt Aber kaum war er
so bewehrt da brüllte ihm ein Löwe entgegen der ein ganz junges Kind als wär
es von ihm geraubt an den Windeln worin es eingeschlagen trug Mitleid mit
dem Kinde unterdrückte jede Rücksicht er trat auf den Löwen zu der das Kind
nun fallen ließ Der Löwe erhob sich auf seine Hintertatzen er durchstach das
gewaltige Ungeheuer Das Kind schrie er hob es auf es schien unversehrt das
Kind war ihm lieb wie die Krone er hatte es erstritten er konnte es nicht
lassen Nun eilte er von einem Turme zum andern die Krone zu finden durch das
Gepränge der Silbergefässe in den engen gewölbten Gängen Nicht schreckten ihn
in doppelten Farbenspiegelungen die gemalten Wächter nicht die Schneckentreppen
in freier Luft nicht die einzelnen Steine auf denen er zur Spitze außerhalb
dem Turme schreiten musste er sah auf das Kind in seinem Arm wenn ihm graute
Endlich auf dem mittelsten höchsten Turme sah er in einer kristallenen matt
geschliffenen Schale die Krone blinken aber noch zwei Stufen waren zu
überwinden die sich um die enge Spitze des Turmes wendeten Auch diese waren
überwunden und schon hielt er die Krone in seinen Händen einen schlechten
goldnen Reifen über einen eisernen Ring geschmiedet da merkte er erst dass er
keinen Augenblick in der Höhe verweilen dürfe sondern unmittelbar sich
zurückwenden müsse weil die obere Stufe zu schmal war um ihn mit beiden Füßen
zu tragen Es gibt Augenblicke die so furchtbar schnell zu einem Entschlusse
drängen dass der höhere Wille keine Zeit hat den rohen Trieb zu bemeistern Dem
Ritter blieb in dem Umwenden scheinbar die Wahl entweder die Krone oder das
Kind in die Wasserflut zu stürzen wenn er nicht mit beiden niederfallen wollte
Dass er aber das Kind herabschleuderte war nicht seine Wahl wie er mir oft
geschworen sondern es geschah ehe er wählte Mit seinem Leben hätte er das
Kind errettet denn was war ihm die Krone Nur als Brautgeschenk um mich zu
erhalten hatte sie ihm einen Wert er hätte mir gern entsagt wenn er das Kind
hätte retten können Nie hat er das Schmerzliche dieses Augenblicks vergessen
und sich oft gewünscht er wäre nachgesprungen in die Flut auch meinte er
immer dass er dafür einen gewaltsamen Tod wohl verdient habe Das Unglück war
geschehen das Kind seiner Hand entschlüpft er wünschte ihm nachzustürzen aber
er kam glücklich mit der Krone zum Schlossplatze nieder Da hörte er die schweren
Wächter über die Brücke kommen ihm blieb kein Ausweg als das Wasser und darum
folgte er dem Wasser der kleinen Mühle setzte die Krone auf sein Haupt warf
Waffen und Kleider fort und senkte sich mit dem Flüsschen am glatten Bauwerke in
den See nieder in welchem eine große Zahl von Stämmen mit ihren unzähligen
Ästen vom Berge niedergestürzt umhertrieben und die Drehung des Wassers
hemmten Auf Hohenstock zur Schwimmerei erzogen half er sich leicht zu einer
Tanne hinüber aber sie war zu klein und sank unter seiner Last doch nutzte er
ihre Hilfe um zu einer größeren sich hintreiben zu lassen die ihn wie ein
sicheres Floss aufnahm Da blickte er um sich sie deckte ihn mit ihren Zweigen
er sah dass die Kronenwächter die des Löwen Tod und den Verlust des Kindes
wahrgenommen umsonst riefen und suchten und schauten sie bemerkten nicht wo
er entkommen er trieb unaufgehalten der breiten Seefläche zu von brütenden
Tauben die ihre Jungen in den Nestern nicht aufgeben wollten in den Ästen
umflattert von namenloser Qual durchbebt sein reines Leben mit dem Morde des
Kindes befleckt zu haben« Hier schwieg die edle Frau indem sie einen Teppich
hervorsuchte der Prior aber flüsterte zum Baumeister »Hält sie mich wirklich
für so einfältig dass ich das Märchen glauben soll ich war so oft am Bodensee
und habe nie von solcher Felsbucht gehört« Der Baumeister lächelte winkte und
strich sich über das Kinn verzog auch den Mund als ob er selbst nicht alles
glaube doch sagte er »Wer kann vor den ärgerlichen Seeräubern da in alle
Felsenschluchten fahren sie unterbrechen allen Handelsverkehr der Städte«
Nach einer Pause fuhr die edle Frau in ihrer Erzählung fort als ob sie das
leise Geflüster gehört hätte »Vielleicht dünkt Euch diese Erzählung des Ritters
ein Traum den er sich ernstlich eingebildet hatte ich fürchtete für seinen
Verstand als ich sie vernahm und suchte ihn um so liebreicher zu trösten je
lieber ich die Geschichte vergessen hätte Ein Blumenkranz den er mir
mitbrachte war mir lieber als die berühmte Krone ich nahm den Schlüssel des
Kastens wo er die Krone eingepackt dass er der verhassten Gedanken sich
entschlüge und zog mit ihm aus dem einsamen Jagdhause zum Schloss meines
Vaters der bald darauf von der Pilgerreise die er wegen der Türken nicht
vollenden konnte mit seinen früheren Planen beschäftigt zurückkehrte Mit
heftiger Freude hörte er die Erzählung des Ritters er schien alles zu glauben
ich musste die Krone bringen er küsste sie wie ein Heiligtum sagte aber sie sei
bei mir sicherer als bei ihm er könne nicht jedem in seiner Umgebung trauen
seine Zeit sei noch nicht reif Unsre Vermählung wurde als Dank für dieses
Brautgeschenk ungesäumt aber heimlich vollzogen und der Ritter schien seinen
Gram vergessen zu haben Doch als ich ihn mit der Hoffnung erfreute Vater zu
werden da trat es ihm schwarz in die Gedanken die Kronenwächter möchten sich
an seinem Kinde rächen wegen des Verlusts des begünstigten Sprösslings Er
beredete mich scheinbar mit ihm zu einem verwandten Hause nach Flandern zu
reisen uns aber im tiefsten Walde meines Vaters als Bauern verkleidet
niederzulassen Mein Vater willigte ungern in den Plan er fühlte sich nahe dem
Tode und hätte sich gern noch die letzte Zeit den Lebenden angeschlossen aber
er fürchtete selbst Gefahr da er zwar noch nicht seine Aussöhnung mit dem
Kaiser durch Überlieferung der Krone abgeschlossen aber in der Unterhandlung
begriffen war Wir lebten ein glückliches halbes Jahr in der Einsamkeit ein
Diener sorgte für unser Bedürfnis wir trieben es in kunstreichen Webereien zur
größten Vollendung und erfreuten den Vater mit unsern Arbeiten indem wir ihn
durch diese Abbilder künstlich in unsre Nähe zauberten Ich wurde von einem
Sohne entbunden genas bald wieder und nichts schien unserm Glücke zu fehlen«
Die Fremde hielt inne drückte ihre Stirn mit der Hand und fuhr fort »Als
wir eines Nachmittags den Huf eines Rosses durch den Wald schallen hörten da
fuhr ich auf wie aus einem Traume und der Ritter erschrak bei dieser
Seltsamkeit denn der Wald war so dicht dass niemand seinen Weg durch denselben
nahm am wenigsten zu Rosse Er griff nach seiner Armbrust aber ich hielt ihn
denn im Augenblicke entdeckte ich es sei ein sehr alter Mann der sich mit
seinem Ross durch die Büsche quälte und mein unseliges Mitleiden raubte mir
alles Der Ritter unterhielt sich mit dem Alten er nannte sich Martin«
»Martin« fragte Bertold halblaut »Martin nannte sich der Alte und seinen
Herrn nannte er den Ritter von Golm der unfern mit seinem Pferde harre sie
hätten sich durch Irrlichter anführen lassen so wären sie schon in der Nacht
von der Straße nach Augsburg abgekommen Der Ritter entschloss sich sie auf die
rechte Straße zu begleiten aber meine Neugierde erwachte etwas Neues von der
Welt zu hören da mein Vater nicht schreiben mochte und der alte Diener zu
einfältig war etwas Neues zu begreifen Der Ritter gab meinem unseligen
Verlangen nach zur Strafe dieser Neugier habe ich ihn verloren und dem
Tageslichte entsagt bis ich meinen Sohn wieder finde Er brachte den fremden
Ritter und seinen Reisigen Martin in unser Haus ich wandte mich mit allerlei
Fragen an den Ritter der alt und grämlich sie nur kurz beantwortete und sich
verwunderte was wir WaldBauerleute uns um die hohen Häuser Schwabens
kümmerten Mein Ritter gab vor wir hätten Sollst beide in einem der Häuser
gedient und hätten uns in die Wildnis geflüchtet weil der Herr unsre Heirat
nicht zugeben wollen Der alte Ritter stellte sich etwas ungläubig und wollte
seine Waffen nicht ablegen auch nichts genießen was wir ihm vorsetzten
vielmehr musste sein alter Martin ihm selbst etwas das er bei sich führte in
der Küche wärmen Der unbequeme Gast verdarb uns schon alle Laune oder wars
die Ahndung des nahen Unglücks dass der Ritter und ich mehrmals mit heimlicher
Trauer einander die Hände drückten So stumm saßen wir drei bei einander als
ein seltsames Knistern und Sausen über uns meinen Ritter aus dem Traume weckte
er riet nicht lange was es sein könne denn Martin stürzte herein und sagte
der Schornstein müsse nicht fest gewesen sein das Sparrwerk des Daches brenne
Ich eilte halb sinnlos nach der Wiege des Kindes und riss es heraus der Ritter
sprang nach dem verdeckten Behältnisse unter dem Bette wo die Krone bewahrt
wurde und nahm die Krone offen in seine Hand Wir eilten mit dem Ritter und
Martin ins Freie und bemerkten dort dass der Brand nur den oberen Teil des
Daches ergriffen und dass wir noch in Sicherheit so manches unsrer Arbeiten und
unseres Gerätes erretten könnten Ich gab mein Kind dem alten Ritter und sprang
ins Haus zurück mein Gemahl folgte dem Beispiele und warf die Krone beiseite
indem er mir folgte Wir brachten manchen seltenen Schrank und unsre Teppiche
hinausgetragen und als wir fertig mit der Rettung unsrer besten Sachen waren
riefen wir nach dem Ritter weil wir ihn nicht gleich sahen Da hörten wir in
einiger Entfernung sein Lachen und seiner Rosse Wiehern Kind und Krone fehlten
wir fühlten und es erstickte unsre Worte dass wir schrecklich betrogen waren
dass dieses Feuer nur angelegt worden um zu entdecken wo die Krone verborgen
sei Ich blieb sinnlos stehen und lehnte mich an einen Baum mein Ritter zog
sein Schwert und eilte den Räubern wie ein Rasender nach Ich hörte
Waffengeklirr ich sah Martin den Reisigen im Gefecht mit meinem Herrn da
sank ich nieder Ich meinte meinen Herrn gesehen zu haben wie er mit blutigem
gespaltenen Haupte zu mir trat vor mir niedersank mich um ein letztes Andenken
bat und wie ich in Erstarrung den goldnen schön geschuppten Trauring in die
Wunde drückte Ists ein Traum gewesen so war er schrecklich deutlich aber
kein andres Bild aus meinem wahnsinnigen Zustande ist mir so deutlich geblieben
Der alte Diener der mich fand konnte von meinem Ritter von dem Kinde von der
Krone nichts entdecken die Gesträuche waren mit Blut bespritzt mein Herz
wusste es sei das Blut des Geliebten mein Verstand unterlag ich fühlte bald
nichts von der Welt deren Ungewissheit mich von ihr losgerissen hatte Der alte
Diener fand mich sinnlos allmählich besann ich mich der Tod des Vaters ging
gleichgültig meinem Ohr vorüber Erst im Hause dieses edlen Baumeisters lernte
ich wieder denken erkannte meine Schuld und brachte zur Sühne meiner Neugierde
das schmerzliche Gelübde das Tageslicht zu meiden bis ich den Sohn oder den
Geliebten wieder finde« »Ihn habe dies Gelübde nicht angeraten« sagte der
Baumeister »wer etwas sucht muss Tag und Nacht danach sich umsehen«
»Vergebens sind meine Reisen gewesen« fahr die Fremde fort »doch was ist
vergebens Seht hier auf diesem Teppich den ich nicht vollenden konnte und den
ein junger Maler Sixt der mich begleitet mit geschicktem Pinsel füllte das
brennende Haus unter welchem wir ein seliges Jahr wohnten dort den tückischen
Ritter mit Kind und Krone den grimmigen Martin den ich aus tiefster Seele
verfluchte und hier den blutigen Ritter der ein Andenken von mir begehrt
Aber was ist Euch junger Herr« fragte sie ängstlich dass sie alle
zusammenfuhren den jungen Bertold »Eure Tränen übermannen Euch Ihr wechselt
die Farbe wie ein Kranker« Mit gebrochener Stimme antwortete Bertold »Mir
wird gewiss wohl wenn ich ins Freie komme erlaubt mir nur wenige Zeit ich
werde mich erholen und Euch etwas überbringen woran jetzt meine ganze Seligkeit
gekettet ist«
Er eilte nach seinem Hause fand Frau Hildegard bei ihrer Lampe sitzen und
beten es tat ihm wehe ihr zu sagen dass er sie wohl nicht mehr lange als seine
einzige liebe Mutter verehren würde er antwortete ihr daher nur unbestimmt auf
die Frage was er suche und sie berichtete ihm während des Suchens dass der
alte Bertold wegen des ausgehängten Turmwächters zum Bürgermeister spät abends
gerufen und noch nicht wieder gekommen sei weswegen die Leute meinten der
Bürgermeister habe ihn einsetzen lassen Diese unangenehme Nachricht ging ohne
tiefen Eindruck an ihm über sie merkte aber den Ärger und die Angst in die er
sich versetzt fühlte als er den Kasten mit dem geliebten Haupte durchaus nicht
an der Stelle finden konnte wo er ihn hingestellt hatte Frau Hildegard konnte
keine Auskunft von ihm erpressen was er suche die Angst das Kennzeichen
seiner Geburt verloren zu haben verwirrte ihn schon er hörte auf nichts und
hätte im unruhigen Durcheinanderwerfen die Kiste gewiss übersehen wenn sie
gleich vor ihm gestanden hätte Endlich sprach Frau Hildegard mitleidig »So ist
nun der Mensch er meint der Teufel habe sein Spiel wenn er irgend eine
Kleinigkeit die er braucht nicht finden kann und einen guten Gedanken den
ihm wohl ein Engel zum Trost der Seinen eingeben könnte verschluckt er darüber
als ginge er nicht verloren wenn er zu spät kommt Lass dein Suchen und rate
mir wie wir uns mit dem Bürgermeister benehmen« Das Wort drang in sein Herz
er fiel der Mutter Hildegard und den Hals er suchte sie zu trösten wegen des
Vaters dann vertraute er ihr die Hoffnungen seines kindlichen Herzens und wie
er nur geschwiegen um ihr die Sorge zu sparen als ob seine Liebe schwächer
werden könnte wenn sie sich teilte Frau Hildegard weinte und segnete die
höheren Wege der Vorsehung wünschte sich aber zurück in die stille Ruhe des
Turmes wie sie der Welt näher gekommen werde sie auch von ihr bewegt dann
zeigte sie auf einen Wandschrank wo unser Bertold das Heiligtum fand Er
drückte den Schädel so heftig an Mund und Herz dass jenes Blinkende was Martin
für einen Helmring angesehen aus der Öffnung des Schädels sprang und über den
Boden rollte »Es ist ein Trauring« sagte Hildegard die ihn aufhob »hier
steht der Tag eingegraben im innern Kreise« Besinnungslos freudig sprang schon
Bertold mit Schädel und Ring die Treppe hinunter zur Wohnung der edlen Fremden
Siebente Geschichte
Der Sturm
Er fand nur Apollonien im Zimmer der edlen Frau sie hatte sich zur Besorgung
einiger Briefe fortbegeben Ohne sich Apollonien erklären zu können drückte er
ihr die Hand und küsste den Schädel Apollonien durchdrang ein Entsetzen sie
weinte denn er schien ihr sinnlos »Beweine nicht mein Glück« antwortete
Bertold »wer keinen Vater keine Mutter kannte und von Fremden so mild und
zärtlich wie ich auferzogen wurde der ahndet erst alle Liebe die eine rechte
Mutter zu ihm trägt und auch dich Apollonia darf ich ohne Scheu anblicken aus
gutem edlen Stamm bin ich entsprossen bin kein Findelkind dessen sich die
Eltern schämten wie mir die bösartigen Knaben der Stadt sonst nachschrien als
ich noch ein armer Schreiber war« »Bist du also vornehm geworden« fragte
Apollonia »dir gönne ichs recht von Herzen und will für dich im Kloster beten
dass kein Glück dich verdirbt« »Du willst wieder ins Kloster« fragte Bertold
traurig »Ich war recht glücklich und zufrieden im Kloster« antwortet
Apollonia
Jetzt trat die edle Fremde ein und ihr erster Blick fiel auf den Ring der
aus der Wunde des Schädels entfallen in Bertolds Hand glänzte sie sah auch
den Schädel und die tiefe Wunde in der er so lange verborgen gelegen sie
glaubte die geliebte Gestalt wieder zu erblicken und es hatte nach so langen
Leiden ihr nichts Schauerliches mehr Mit hastiger Ungeduld der Worte oft nicht
mächtig stammelte Bertold seine Geschichte wie er auf dem Schädel geruht was
Martin oft so bedeutend von ihm gesprochen Nun wusste sie was sie bei seinem
Anblicke gefühlt hatte ihr war alles gewiss sie umhalste ihn mit Tränen
drückte ihn an sich und sprach »So habe ich dich wieder du geliebter Sohn und
keine Macht soll dich mir rauben du bleibst nun an meiner Seite wie eine
Löwin die ihre Jungen schützt so will ich dich mit meinem Blute bewahren
Wie viele Jahre meiner Liebe sind dir verloren denn gut kann der Mensch gegen
jeden sein aber nur das Blut bindet die Liebe unauflöslich so kann dich keine
Mutter lieben wie ich und die heilige Mutter der ich dich so oft in meinem
Gebete empfahl Ach deinetwegen lerne ich die Schrecklichen wieder fürchten in
deren Gewalt dein Geschlecht seit Jahrhunderten zwischen der Hoffnung
unerreichbarer Herrlichkeit und der Furcht eines gewaltsamen Sturzes ohne Boden
ohne Himmel schmachtet Ich darf dich nicht von mir lassen du musst dich
blödsinnig anstellen um vor ihnen sicher zu sein ihre Gaben sind wie des
Teufels Schätze in der Nacht glänzt es wie Gold am Tage sind es Kohlen Was
soll ich dir schenken zu der seligen Stunde bewahre den Ring bis du eine
Jungfrau findest die dir noch über dies teure väterliche Andenken geht
verschenke ihn nicht leichtsinnig« Bertold betrachtete den Ring und blickte
zu Apollonien Die Mutter verstand beide und wollte schon die Ringe wechseln da
blickte die aufgehende Sonne feurig durchs Fenster da fiel die gute Frau auf
ihre Knie nieder und rief inbrünstig »Ich darf dich wieder sehen du scheinst
in zwei Augen die ich zu deinem Licht geboren ruhig wird jetzt die Trauer
meiner Liebe und eine innige Gegenwart mit dem Geliebten die Lerchen steigen
wieder freudig und die Glocken klingen wieder hell und der Verstand sieht mich
nicht mehr ungültig an« Bei den letzten Worten winkte sie dem Baumeister der
ernst über ihr stand und er sprach milde »Der höchste Verstand ist die Güte wo
mir die noch fehlt da bin ich ein unverständiger Geselle diesmal aber meine
ich doch etwas zusammengeführt zu haben mit Verstand dessen sich die höchste
Güte nicht zu schämen brauchte«
Während er noch so wohlgefällig sprach trat der Prior ein und warnte ihn
ängstlich der Bürgermeister lasse das Haus von allen Seiten durch bewaffnete
Bürger umringen Die Fremde meinte es wäre wegen der Tochter aber der
Baumeister schüttelte mit dem Kopfe und der Prior sagte er habe ihn sehr heftig
von einer Frau sprechen hören welche sich für die Erbtochter eines regierenden
Hauses ausgäbe aber von den Verwandten dieses Hauses als eine Betrügerin
verfolgt würde »Ich weiß was sie wollen« seufzte die Fremde »die edlen
Steine aus dem Erbe des Vaters gebt es ihnen ich besitze Diamanten von
reinerem Wasser in den Freudentränen die ich weine Lasst sie ein die
neidischen Seelen sie sollen fühlen dass sie mir nichts nehmen können so lange
ich den geliebten Sohn in meinen Armen halte er ist mein und keine Gewalt
trennt mich von ihm« Der Baumeister trat zwischen und suchte sie zu überzeugen
der Besitz jener Kostbarkeiten könne nur ein Vorwand sein ihr werde der Sohn
von den Unerbittlichen nicht gegönnt um noch in ihr das Vergehen des
unglücklichen Gemahls zu rächen »Ihr wisst ihn jetzt wohlbewahrt reichlich
versorgt« sagte er »Ihr scheidet nicht auf ewig von ihm Euer Gelübde ist
gelöst erfüllt die Wünsche meiner Treue lohnt meinen vieljährigen Dienst Was
ist Euch der fürstliche Name dessen viele Euch wegen der ungleichen Geburt
Eurer Mutter und wegen der Vermählung mit dem unbekannten Ritter für verlustig
achten Als meine Frau kann Euch die freie Stadt Strassburg schützen« Aber die
Fremde hob den Schädel des geliebten Gatten auf und sprach »Alles könnte ich
Euch schenken und lohnte Eure Dienste nur gering und das einzige was Ihr
verlangt mein Herz meine Hand sie beide sind nicht mein von meinem Gatten
von meinem Sohne trennt mich kein Entschluss nur die Gewalt die mich dem Leben
entreisst kann mich von ihnen scheiden Überlasst mich dem Geschicke meines
Himmels«
In diesem Augenblicke stieß der zornige Bürgermeister die Leute der Fremden
die ihn aufhalten wollten ungeduldig von sich und trat ein mit dem Ausrufe »Im
Namen meines Grafen« Aber der Baumeister führte ihm in dem Augenblicke wo er
die Fremde für eine Gefangne erklären wollte die zitternde Apollonia entgegen
Diese unerklärliche Erscheinung brachte den heftigen Mann außer Fassung hätte
er Bertold erblickt so hätte sein Zorn eine Erklärung gefunden aber die
Fremde hielt ihn noch in ihren Armen »Du hier« fragte der Bürgermeister
stammelnd und Apollonia konnte schluchzend nicht antworten Nach kurzer
Besinnung nahm er sie beim Arm Bertold wollte sie zurückhalten aber sie
selbst entzog ihm in der Angst die Hand die er von der Abgewendeten ergriffen
hatte Eine Unbestimmteit hatte alle ergriffen die jeden lähmte und wie
Krankheiten im Menschen solche Vorgefühle von Erschöpfung voranschicken so
schien diesmal ein gewaltsames Ereignis in den Lüften wie eine allgemeine
Krankheit des Gestirns auf alle Bewohner zu wirken Ein Sturm erbebte durch die
Gassen der Stadt den die innerlich Erschütterten bis jetzt überhört hatten Mit
steigender Heftigkeit pochten die Luftadern die fallenden Reihen der
Dachsteine die klirrenden Fenster das Geschrei der Menschen die sich in ihren
wankenden Holzgebäuden nicht mehr sicher glaubten wurden jetzt erst hörbar wo
der Sturmwind ein schlecht verschlossenes Fenster des Zimmers wo sich alle noch
befanden aufschlug Stroh und Baumäste hineinführte und mit allem Beweglichen
im Zimmer sein tolles Spiel forttrieb Von allen Seiten riefen Stimmen nach dem
Bürgermeister es wurde der Befehl von ihm verlangt dass alle Feuer auf den
Herden gelöscht würden damit nicht eine allgemeine Feuersbrunst den Schrecken
erfüllte Der Mann war an so schnelle Entschlüsse wenig gewöhnt er verlangte in
der Verlegenheit nach dem Ratause aber die Tochter ließ er nicht aus der Hand
gleich wie die Fremde den Schädel und den Sohn bei allem Sturm immer fester an
sich drückte So zog nun der Bürgermeister mit der Tochter der grimmige
Schlächter mit dem zerschmetterten Lamm ab über das der sichre Stall
zusammengebrochen war
Nun trat als er geschieden der Prior aus seinem Versteck heraus er hatte
für seinen Namen für sein Amt gebetet dass er nicht als Entführer der Tochter
in Anspruch genommen werden möchte Er benutzte zur Flucht die ersten
Augenblicke wer hätte geglaubt dass ein feurig rotes Antlitz so bleich werden
könnte
Die Fremde allein schien wieder ganz ruhig und gefasst sie sprach zu
Bertold »Das Unglück ging vorüber auch der Sturm hat seine Zeit um so
schöner wird die Stille sein in der jeder erkennt wie viel ihm blieb« »Wir
müssen den Sturm benutzen um fort zu ziehen« sprach der Baumeister nach
einigem Umschauen in den Vorderzimmern »ich habe die Pferde bestellt unsre
Wache ist fortgelaufen jeder zu den Seinen mögen sie mich für einen Zauberer
halten weil ich die Gewalt der Natur als ein gutes Zeichen benutze« Aber die
Fremde erklärte fest dass sie bleiben wolle wenn sie ihren Ansprüchen entsage
werde sie Schutz und ruhigen Aufenthalt bei dem geliebten Sohne finden sie
wolle nicht länger wie das Laub im Sturme von entgegengesetzten Gewalten sich
emportreiben lassen sie wolle ruhen an der Erde und bald auch in der Erde
Der Baumeister machte ihr leise Vorstellungen aber sie lehnte alles ab dann
nahm er mit tiefem Ernst eine Kette vom Halse die er von ihr trug zerriss sie
und gab sie der Fremden zurück Sie reichte ihm die Hand zum Kusse er kniete
längere Zeit still vor ihr Der Wagen rollte vors Haus er verließ Mutter und
Sohn mit Schweigen
Ihm folgten die meisten der Leute welche die Fremde bis dahin als die Ihren
behandelt hatte auch der Maler Sixt dessen Kunst sich ihr oft in Beihilfe
verbunden hatte Sie weinte auf die liebe Fremde als der Wagen im Sturme
rollte »Ich habe einen Freund verloren« sagte sie »dich aber kann ich nicht
verlieren mein Sohn führe mich in dein Haus zu den treuen Seelen die deine
Jugend bewachten der Sturm senkt die Flügel er hat erfüllt was er sollte und
die zerstreuten Wolkenschäflein sammeln sich wieder ruhig aneinander es bedarf
der ganzen Gewalt und Erschütterung des Erdelements um dem Geiste seine
Freiheit zu geben Ich war befangen von innen und äußerlich von meinen Feinden
bewacht der Sturm hat alle Ketten abgeschüttelt und ich danke dem Himmel dass
die Zerstörung in der auch dieses Haus schwankte mir ein neues Vertrauen
geschaffen hat« Bertold bat die heftig bewegte Mutter sich zu beruhigen
das morsche Häuschen zu verlassen und in dem sicheren Hause einzukehren das er
zu irdisch ewiger Dauer begründet und auferbaut habe Sie sprach noch mit ihren
Dienern dann führte er sie hinunter auf die Straße Da flatterte ihm ein
Schleier in die Augen der an einem eisernen Schildhaken hängen geblieben War
es Apolloniens Schleier Vielleicht ihr letzter Gruß der ihm werden sollte Er
wagte es nicht ihn mitzunehmen so sehr es ihn gelüstete denn er war strenge
von Bertold gegen jeden Diebstahl gewarnt worden aber er blickte so lange es
ihm möglich nach dem Schleier um als wäre es die Geliebte und als er dem Auge
ganz verschwunden da stand er schon in der Nähe seines Hauses Und nun beengte
ihn die Sorge wie Frau Hildegard seine Mutter empfangen würde sie vertrug sich
nicht mit andern Frauen und hatte daher keinen Umgang »Sie liebt mich« dachte
er endlich »sie wird auch die Mutter lieben«
»Gottes Segen über dich lieber Sohn« rief Frau Hildegard ihm entgegen
»eben bringt Meister Fingerling die Nachricht dass unser guter alter Turm bei
dem Sturm zusammengestürzt ist eben als ein Wagen mit einem Fremden
hinausgefahren war da wäre ich wie der neue Türmer in meinen Sünden
hingestorben und verdorben wenn du mich nicht in das neue Haus geführt
hättest« »Es gibt Zeichen und Wunder« rief die Fremde »Wen führst du mir
ins Haus« fragte Frau Hildegard »Die Mutter die mich geboren hat« sagte
Bertold »führe ich zur Mutter die mein Leben erhielt umarmt euch ihr lieben
Mütter liebt euch um meinetwillen dass ich euch beide zusammen wie eine Mutter
umfassen lieben ehren kann« Frau Hildegard segnete die Stunde in welcher
jene Bertold geboren die Fremde segnete die Stufen auf denen sie in das Haus
angestiegen das alles was sie auf Erden noch liebe den Sohn und seine treuen
Pfleger umfasse Da sanken beide Frauen einander zärtlich in die Arme und
Bertold drückte beide innig aneinander und freute sich still dieser Einigung
Das Haus und die Treppe waren noch von der Feier des Einzugs mit Blumen
bestreut Apolloniens Lamm war dem Bertold unbemerkt nach gelaufen weil er es
getragen hatte und schloss sich an ihn als wüsste es etwas von seinem Glücke
Die neugierigen Arbeiter die zur Türe hineinsahn nahmen unwillkürlich die
Mützen ab und falteten die Hände sie fanden sich durch diese Zusammenstellung
an ein Gemälde der Waiblinger Kirche erinnert
Zweites Buch
Erste Geschichte
Die wunderbare Heilung
Die Gewohnheiten und der Schmuck des täglichen Lebens verwandeln sich früher in
der zerstörenden und schaffenden Hand der Zeit und des Menschen als das
sonntägliche kirchliche Wesen die Kunst insbesondere versucht sich erst im
Weltleben und über lebt ihre meisten Irrtümer in demselben ehe das Geheiligte
die Verwandlung erfährt ja es scheint dass sie sich zuweilen nach dem
Erreichen einer gewissen Höhe unter dem Einflusse ewiger Ahndungen ganz von dem
heiligen Kreise wendet um mit frischer neu begründeter Kraft sich demselben
von andrer Seite zu nahen Es ist leicht durch den Anblick von älteren Kirchen
uns in die Zeiten Luthers Dürers Raphaels zu versetzen schwerer ists das
häusliche Leben jener Zeit noch irgendwo ungestört erhalten zu finden Der Bau
unsrer Häuser hat sich so gänzlich verändert wie unser Verkehr wir glauben
bequemer zu wohnen im Bau und Schmuck der Kirchen dagegen ist bei allen
verschiedenartigen Glaubensbekennern noch kein wesentlicher Fortschritt gemacht
Hat ein Teil der Christen sich der Kunst in Kirchen geschämt Reformierte so
hat ein andrer durch bedeutungslose Anwendung derselben man vergleiche alle
prachtvolle Jesuiterkirchen sie weder gefördert noch den Dienst verherrlicht
und beides wird vor einer neuen Kunst verschwinden deren Strahlen uns aus der
Dämmerung erwärmen vielleicht wird ungestört fortgearbeitet werden wo Cranach
Dürer und Raphael ihre Pinsel niederlegten wo die edlen Bilder vor den toten
Augen unter Staub oder Kerzendampf verblichen oder wo die blinde Wut sie
herabriss Ehe aber diese Zeit eintreten kann muss Alltägliches und
Sonntägliches muss Haus und Kirche aus einem Stück gebildet sein wie damals
als unser Dürer den heiligen Hieronymus mit seinem Löwen in sein eigenes
Wohnzimmer setzte als Cranach den Melanchton zur Taufe den Luther zur
Kreuzigung Christi führte Das Himmlische war damals noch nicht so weit der Erde
entrückt sondern wohnte vertraulich unter den Wahrhaften der Künstler brauchte
sich nicht in eine andre Welt hinauf zu schrauben er sah die Seinen im erhöhten
Sinn an Wer zu Wittenberg in Luthers Wohnzimmer geblickt hat muss die innige
eigene Entwickelung jener zeit erkennen wie Blatt und Blüte Krone und Wurzel
einer Pflanze auf einander deuten so natürlich fühlt sich jene Zeit von ihrem
innern Reichtum auch äußerlich durchdrungen ohne es selbst zu wissen denn
lebte gleich Luther nach allen Nachrichten prachtlos und einfach so ist doch
das Getäfel der kunstreiche Ofen mit edlen Bildern der Wissenschaften und
Künste geschmückt unendlich besser einiger mit dem Stil des ganzen Gebäudes
als wir jetzt die Zimmer eines Geistlichen finden würden Derselbe Geschmack
herrschte im nördlichen wie im südlichen Teil Deutschlands nur war letzteres
damals durch die Nähe und den Verkehr vieler reichen freien Handelsstädte noch
reichlicher von jeder Art Künstlern befruchtet besucht und geschmückt und da
sich die Kunst erst damals anfing nach Völkern zu trennen auch noch weniger
bloß mechanische Scheinblüten trieb so störte es noch nicht so unangenehm wie
späterhin Niederländer und Italiener neben deutschen Künstlern an der Ausmalung
oder Verzierung desselben Hauses arbeiten zu sehen Manchen dieser Fremden
trieben Staatsverhältnisse nach Deutschland andre der Erwerb noch andre in der
ungebändigten Leidenschaftlichkeit jener Zeit unselig vergossenes Blut und
Familienrache aus gleichem Grunde besuchten auch deutsche Künstler die Fremde
ohne eben mit diesen Reisen nach Bildung und Unterricht zu streben ohne sich
die heutige Narrheit auszusinnen als ob die Kunst nur in Rom ausgeheckt würde
Die deutschen Künstler wussten und konnten alles was von ihnen verlangt wurde
und mehr forderte keiner als sie zu leisten vermochten auch hatte jede Stadt
ihre Künstler lieb weil sie ihr von Gott nicht anders beschert waren und
suchte sie zur Ehre der Stadt zu beschäftigen und hungerten zuweilen auch
damals die Künstler so hungerten sie nicht als Künstler sondern mit der ganzen
Stadt
Auch Bertold hatte sein vollendetes großes Haus von den Steinmetzen
Tischlern und Glasmalern der Stadt einrichten lassen so schön als die guten
Leute vermochten die mit rechter Anstrengung alles zur Dauer durch Wahl der
Stoffe und zur Lust durch künstliche Ausführung eingerichtet hatten er kümmerte
sich nicht darum als Fingerling ihm versicherte es gäbe in Augsburg noch
kunstreichere Männer er suchte seine Waiblinger Künstler und Arbeiter zu
bilden das segnete Gott durch manche kunstreiche Hand die sich unerwartet
hervor tat Selbst den alten Maler Fischer verschmähte er nicht der mit
sterbender Hand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf die Wand über der Haustüre
gemalt und aus Schreck dass er sie so bleich und hinfällig dargestellt
gestorben war Obgleich sich nun mancher durchreisende Maler zur Besserung
dieses verblichenen Bildes gemeldet hatte so wies doch Bertold alle ab denn
er fühlte sich allmählich absterbend dem Fleische und auflebend im Geiste Wie
hat sich der fröhliche Knabe verändert seit Reichtum und Ehre ihn mächtiger
rüsteten wie war er so ohnmächtig und siech geworden und nur in dem engen Raume
seines Zimmers wo die zierlichen Gitterschränke mit seinen Handschriften vom
bunten Glase der beiden Fenster mit wechselnden Strahlen beschienen wurden da
fühlte er sich selig erweitert zur frohen Stimmung seiner Jugendtage Der
Neujahrstag war ihm besonders schmerzlich weil er ihm zugleich den Verlauf
eines neuen Lebensjahres seit dem unbewussten Eintritt auf dem Turme bezeichnete
und weil Frau Hildegard es sich nicht nehmen ließ am Morgen ehe es tagte ihm
mit einem Kuchen die Augen zu blenden um welchen schon mühsam der Wald
vergangener Jahre durch eben so viele kleine brennende bunte Lichter
ausgedrückt war Ach die Jahre brannten tief in sein trauerndes Herz als
wärens unbewusste Sünden und er dachte der vielen verlorenen Zeit der vielen
geleerten Medizinflaschen und wie er weder in Ehre noch Minne gleich seinen
Lieblingen in den Büchern irgend etwas getan obgleich er in seiner Stadt die
höchste Ehre die Stelle als Bürgermeister erreicht hatte Dann sah er alle die
gemalten Briefe durch die er am Jahreswechsel erhalten und wünschte sich die
Zeit zurück als er noch selbst dergleichen für den Bürgermeister Steller mit
demütiger Ehrfurcht geschrieben da flossen seine Tränen häufiger denn er
fühlte die Sehnsucht nach der verschollenen Apollonia wieder erwachen die er
nach einigen Nachrichten nur jenseits der Grenzen dieses Lebens wieder zu sehen
hoffen durfte Unwillig setzte er den Trank den er einnehmen sollte in den
Schrank zurück nahm das Buch von Tristan und Isalde in die Hand und sah
nachdenkend die schönen feinen Bilder an mit denen es durchweg geschmückt war
»Er ist unglücklich wie ich« dachte er »aber er hat doch etwas erfahren und er
starb früher als seine Isalde«
Der Diener trat ein und meldete einen niederländischen Maler Sixt an
Bertold fuhr bei dem Namen aus seiner Träumerei mit offenem Visier dem
Ankommenden entgegen der demütig klein und krummbeinig vor ihm reverenzte
»Seid Ihrs lieber Sixt« sagte Bertold »ja Ihr seids der meiner Mutter
Begleiter gewesen ihr hilfreich in ihren Arbeiten beistand und sie damals vor
etwa dreißig Jahren hier verließ« »Verzeihet es mir Herr Bürgermeister«
antwortete der gekrümmte Maler »ich glaubte mich nicht recht sicher bei der
edlen Gräfin denn die Leute sprachen so verschieden von ihrer Herkunft und der
Baumeister wusste mir immer Arbeit nachzuweisen da hielt ich es für meinen
Unterhalt sicherer mit ihm nach Strassburg zu ziehen Es ist mir aber allda sehr
konträr ergangen weil ich da lange vom leidigen Satanas geplagt wurde die
Leute in kontrafetischen Bildnissen durch ihre seltsamen Züge getreulich
darzustellen die sie nicht gern an sich erblickten also dass sie sich durch
ihre eigne Leiblichkeit denigriert fanden gegen die gute Meinung die sie so
lange von ihren schadhaften Angesichtern bewahrt hatten Jetzt aber bin ich
meine Aberration inne geworden und male die Leute wie sie gern sein möchten und
empfehle mich bestens mit dieser meiner neuen Manier« »Nein alter Freund«
rief der Bürgermeister »nicht in dieser neuen Manier in der alten malt mich
dass ich um so williger sterbe wenn meine Leiche mir schon im Abbild des
Lebenden entgegenfriert« »Hoffe zu kontentieren Eure Exzellenz« rief der
Maler und packte sogleich aus allen Taschen sein Malerbrett seine Staffelei
zum Zusammenlegen seine Farbenscheibe wohl belegt mit allem Farbenreichtum
seine blecherne Büchse mit Pinseln aus und stand jetzt nachdem er sich der Last
entledigt hatte als ein feiner wohl gebildeter nur etwas buckliger Mann vor
dem Bürgermeister »So schnell dachte ich nicht diese Arbeit zu unternehmen«
rief dieser »inzwischen bin ich heute frei von Geschäften und wer weiß ob ich
morgen noch lebe« »Bemerke nur wenig von dem hippokratischen Gesichte an Ihr
Hochunvermögen« sagte der Maler Während der Arbeit erzählten einander beide
was sie während der langen Zwischenzeit betroffen denn Meister Sixt war sehr
neugierig und suchte Neuigkeiten durch Gegenerzählungen zu bezahlen Bertold
brachte ein Gemälde mit dem Gewebe das nach diesem beides aber von der Hand
seiner rechten Mutter gemacht mit einem Seufzer aus dem dunkelsten Schranke
hervor »Damals trug ich noch Farben auf den Wangen Hoffnung im Herzen« sagte
er »seht so kunstreich ist mein Mantel aus Blüten aller Art von der Mutter
erfunden und ausgeführt und ein Kranz von singenden Vögeln schwebt über dem
Haupte das begeistert den Himmel offen und tausend Engelköpfe in der
schimmernden Bläue erblickt die Mutter ist tot die Blüten sind verwelkt wie
meine Wangen und wie mein Herz mit allen Hoffnungen« »Wann starb Eure verehrte
Mutter« fragte der Maler indem er schon mit schneller Hand die Grundfarben in
den Umriss peitschte »Es war am Fronleichnamsfeste vor zwanzig Jahren«
antwortete der Bürgermeister »als sie einen großen Schreck den die Ihren ihr
bereitet nicht überleben konnte« »An dem Tage beliebte auch der Baumeister
zu sterben« sagte der Maler »und mich unredlich in meinem Geschäfte zu
verlassen Es ließe sich viel darüber sagen wenn ich nur Zeit hätte« Aber
Bertold bat ihn sich Zeit zu nehmen er wolle sie ihm bezahlen als ob er
während derselben gemalt habe Sixt berichtete nun dass der Baumeister viel
von dem Tode der Gräfin an jenem Tage mit ihm gesprochen habe dann sei er auf
die Spitze des Münsters auf den Turm zur rechten Hand des Ausgangs der allein
seine Spitze vollendet trägt hinauf gestiegen kletterte zu allem Erstaunen an
den Knopf hinan und warf die Fahne hinunter welche das von ihm auf den Knopf
gesetzte Marienbild festgeschnürt bedeckt hatte Mit der Fahne flatterten
unzählige gedruckte Blätter zur Erde seht Herr eins habe ich immer als ein
teures Andenken bewahrt und trage es bei mir »Leset es ruhig die Augen nach
dem Schranke gerichtet weicht nicht aus der Lage« Bertold las aber laut
vor
Lass o Herr das Werk der Zeiten
Das dein Hauch hat angereget
Heut durch meinen Mund ausdeuten
Großes Wort sich schwer beweget
Schwer und langsam wie die Steine
Die aus rauhem Fels gespalten
Sich erhoben zum Vereine
Und den hohen Turm gestalten
Gott erschuf am zweiten Tage
Der vom Wasser schied die Erde
Zeugen dieser heiligen Sage
Felsen sich zum Opferherde
Erwin sah die heilgen Zeugen
Drüben harrend an dem Rheine
Und im Geiste ward ihm eigen
Was ein jeder sag und meine
Wie sie alle ihm gebieten
Dass er sie hinüber führe
Dass sie heilgen Dienst behüten
Dass die heilge Kunst sie ziere
Dass aus felsenfestem Kerne
Sich erbaue Gottes Kirche
Darum treiben Gottes Sterne
Goldne Adern durchs Gebirge
Seht mit diesem Goldgewinne
Den sie zu dem Rheine senden
Regen sie der Menschen Sinne
Wirken sie in fleissgen Händen
Dass sie große Gaben schenken
Zu der großen Münsterkirche
Die der Erwin will erdenken
Aus den Felsen im Gebirge
Erwin reißt mit schnellem Bleie
Viele Pläne zu dem Baue
Doch es fehlt die rechte Weihe
Dass er auch das Rechte schaue
Zu der Wildnis jener Berge
Dringt er in Verzweiflung weiter
Klagt dass Wahrheit sich verberge
Auf des Schönen Himmelsleiter
Betend kommt er so zur Kirche
Die der erste Christ erbaute
In dem wildesten Gebirge
Dass er seinen Herren schaute
Sieht ein zierlich Bild des Stalles
Wo der Herr einst ward geboren
Und das geht ihm über alles
Und er hat es gleich erkoren
Die Kapell aus Stabgeflechten
Ist mit Blumen reich verzieret
Und was andre bilden möchten
Diesem Plan der Preis gebühret
Nein kein Tempel alter Zeiten
Kann entzücken wie die Hütte
Soll sich Dauerndes bereiten
Steigt es nur aus frommer Sitte
Wo die Krippe einst gestanden
Ist der Altar aufgerichtet
Wo das Kind die Hirten standen
Hat der Morgen ihn umlichtet
Und zwei Türme wo der Tauben
Keusch getrennte Liebe wohnet
Sich erheben wie der Glauben
Der im Geist hoch oben tronet
Unser guter Meister sinnet
Dass der Bau in Stein sich gründet
Bischof Konrads Herz gewinnet
Und der Bau wird weit verkündet
Und Vergebung aller Sünden
Wird zu diesem Bau verliehen
Jedem der sich da wird finden
Treu und mutig im Bemühen
Bischof Konrad wohl beraten
Kommt mit heilgem Öl und Weine
Mit dem Stabe mit dem Spaten
Legt geschickt die Gründungssteine
Ringsum stehen die Arbeitsleute
Alle Geistliche des Landes
Alle Zünfte graben heute
Selbst die Herren edlen Standes
Als die Weihung ist vollendet
Tritt der Bischof still zurücke
Doch ein Streit hat bald geschändet
Dieser Sonne Gnadenblicke
Wohl mit Recht ist lang verkündet
Dass der Teufel sich bestelle
Wo die Kirche wird begründet
Seinem Dienste die Kapelle
Eh der Bischof sie kann trennen
Ist ein Kampf da ausgebrochen
Brüder wild im Kampf entbrennen
Und der eine ist erstochen
»Wer hat diesen Streit entzündet«
Ruft der Bischof mit Entsetzen
»Neu sei dieser Bau begründet
Nicht mit Blut dürft ihr ihn netzen«
Und es sprach der Mordgeselle
»Wo dein heilger Arm gegraben
Von der lieben Gnadenstelle
Stiess er mich wie einen Knaben
Weiß ich hab den Tod verdient
Dass ich Bruderblut vergossen
Doch es sei die Welt versühnet
Ihr zum Heil sei es geflossen
Wisst es fließen hier im Grunde
Zwei versteckte böse Quellen
Stopft ihr nicht die Doppelwunde
Werdet ihr den Turm nicht stellen
Ganz umsonst sind hier die Pfähle
Steine Mörtel ganz vergebens
Wenn ichs nicht zum Grab erwähle
In der Fülle meines Lebens
Eine Quelle will ich laben
Mit des armen Bruders Leiche
Und ein Grab mir selber graben
Dass das Wasser schaudernd weiche
Dann erst ist der Turm begründet
Und das Wasser ist bezwungen
Und die Säulen hoch verbündet
Sind vom Sumpfe nicht verschlungen
Eilet euch ihr starken Hände
Dass ihr euer Grab vollendet
Weh ihr glüht wie Feuerbrände
Erde reinigt was sie schändet
Seid begrüßt ihr Reingungsquellen
Schaudert nicht vor mir zurücke
Ich umspanne eure Wellen
Bin des Heiles feste Brücke«
Und der Bischof sieht zum Heile
Hier das Unheil ausgedeutet
Viele Schuh tief grub in Eile
Dieser Mörder und erstreitet
Sich ein Grab in tiefen Quellen
Die dem Meister sich verbargen
Sicher kann er Mauren stellen
Auf den Leichnam dieses Argen
Wo die Brüder eingegraben
Weiht der Bischof neu die Stelle
Friedlich werden böse Knaben
Nun des heilgen Baues Schwelle
Und der Turm ersteigt in Eile
Ohne Streit die höchste Höhe
Wo ich jetzt zu meinem Heile
Zu der Gnadenmutter flehe
Flehe dass sie mich von hinnen
Zu dem Bau des Himmels nehme
Neue Lehre zu gewinnen
Denn als Meister ich mich schäme
Dass ich diesen Turm verdorben
Weil der Plan schon hier erfüllt
Was vollendet ist gestorben
Und die Sehnsucht nicht mehr stillet
Ja ich fleh um Ungewitter
Flehe um der Blitze Strahlen
Dass sie durch das graue Gitter
Dieser Steine Flammen malen
Dass sie brechen und zerschmettern
Diesen Turm den ich geschlossen
Und schon blick ich zu den Wettern
Fest entschlossen unverdrossen
»Nein« rief Bertold und sprang auf »nein Herr keine Blitzstrahlen sende in
mein Haus obgleich ich des Hauses auch zuweilen überdrüssig bin nun ich es
überall vollendet habe wegen meiner alten Mutter Hildegard schone des Hauses«
»Domine« sagte der Maler betroffen und wischte zitternd ein halbes Dutzend
Farben auf der Scheibe zusammen die nicht zusammen gehörten »was fehlt Euch
Das Poema ist nicht auf Euer Haus sondern auf den Strassburger Münster gemacht
soll ich einen Doktor rufen« »Ich danke Euch« sagte Bertold und setzte sich
wieder in die rechte Lage »der Baumeister hat manche Beziehung auf mich gehabt
ohne ihn hätte ich nie die hohe Liebe einer wahren Mutter kennen gelernt und
hätte nie eine tiefe Einsicht von der Nichtigkeit gewonnen welche die Welt in
ihren Herrschern verehrt wäre in eitlem Sinn in die Absichten der Überklugen
eingegangen welche der Zeit Gewalt antun möchten Lassen wir das erzählt mir
weiter von dem Baumeister« »Es alteriert Euch« sagte der Maler »darum will
ich mich der Kürze befleissigen mit einem Worte der Baumeister kniete oben auf
dem Knopfe vor dem Marienbilde wie ein kleines Figürchen dergleichen am
Eingange stehen in Stein kein Mensch wusste was daraus werden sollte und das
Volk wurde gar sehr ungeduldig Es wurden Schieferdecker und Zimmerleute
aufgefordert von dem Rate den Baumeister herunter zu schaffen aber sie
versicherten alle es sei zu viel gewagt weil er mit der Fahne auch die kleine
Leiter fortgestossen habe welche ganz notwendig sei um auf den Knopf hinauf zu
steigen es scheine dass er nicht zurück verlange Aber der Rat wollte nun
einmal nicht dass er da oben bleibe da erbot sich ein verruchter Mensch für
einen großen Beutel mit Geld hinauf zu steigen und den Baumeister herunter zu
werfen wenn er nicht die Zitation des Rats annehme die ihm sogleich
schriftlich ausgefertigt auch mit dem großen Wachssiegel bedruckt wurde Der
Signor Birbante machte sich auf den Weg aber viel Zeit war über die
Ausfertigung der Zitation vergangen und so hell es vorher war dass wir sehen
konnten wie der Baumeister die Hände rang und beten wollte aber immer wieder
die Hände rang weil er sie nicht falten konnte so wurde es jetzt allmählich
trübe am Himmel die Wolken zogen gegen den Wind es blitzte in der Ferne Der
verruchte Bote ließ sich nicht abhalten der Teufel hatte ihn mit dem Gelde
verblendet Wir sahen ihn noch die Treppen der Schnecken wie ein Wiesel lustig
hinauf rennen eben wollte er hinaus baff da haben wirs schrien alle die
nicht davon liefen« »Was was« rief Bertold »so lasst doch den Pinsel aus
dem Munde oder tuts nachher« »Es sind nur ein paar Härchen die ich
abbeissen muss« antwortete der Maler »nun ist es wieder ganz gut das kann
mancher Mensch nicht mit seinen Zähnen leisten« »Nun erzählt nur weiter was
geschah« rief Bertold und hielt sich am Stuhle fest »ich habe mir in der Zeit
schon dreimal das Genick gebrochen es ist ein schwindelndes Unternehmen aus
der Schnecke heraus zu treten ich kenne sie dort aus dem Risse und kann ihn nur
selten ansehen« »Besonders wenn die Mauer so vom Winde bebt« antwortete der
Maler »da ist das Heraustreten nicht recht praktikabel die Stufen waren auch
glatt vom Regen und ein Mensch der keine Praktik in solchen Klettereien hat
meint schon in den Schnecken er könne wohl ausgleiten und durch die mannshohen
Nasenlöcher der Steinhaube die wie eine Brüsseler Spitze gelöchert ist
hindurch fallen« »Racker« schrie Bertold auf und fasste den Maler am Kragen
»sprichst du noch ein Wort von der Schwindelei so bin ich des Todes was wurde
aus dem Wagehals was wurde aus dem Baumeister sags mit einem Worte«
»Impossibile« sagte der Maler kalt »mit einem Worte kann ich mich nicht
exprimieren Ihr müsst einen Arzt gebrauchen ich erzähle Euch kein Wort mehr von
selbigem Vorgange« »Ihr sollt aber« rief Bertold »sonst friert mir alles
Blut in den Adern« »Nun« antwortete der Maler »auf Eure Gefahr als der
Galgenvogel den einen Fuß hinaussetzte zischte ein Blitzstrahl an ihm vorbei
auf die große Glocke nieder dass diese ganz fein aufschrie da kriegte sein
Cranium auch eine Erderschütterung er ging sacht zurück als ob ers nicht
gewesen wäre und wieder schmetterte ein Blitz hinter ihm auf das Bleidach
zwischen beiden Türmen Da ging mir schon der Regen durchs Hemde ich zog mich
zurück wegen meines Zipperleins und habe erst am andern Tage gehört der bewusste
hochadlige Galgenvogel sei von Blitzen beständig turbieret worden bis er sich
unter dem Münster in dem Wassergewölbe das über den beiden Brüdern steht
geflüchtet sich auf einen Kahn gesetzt und vom Lande gegen des Kirchners Rat
abgestoßen habe Der Bandit ist auch nimmermehr wieder gesehen worden am andern
Morgen schwamm sein Kahn umgekehrt und zerrissen auf dem Rheine so dass wir
erkannten ein Arm des Rheins fliesse unterm Münster und die Kirche musste sich
einen neuen Kahn bauen lassen um jährlich die Gewölbe zu untersuchen« »Und
der Baumeister« fragte Bertold ruhiger »Ja der« antwortete der Maler »der
sah am Morgen so grau aus vor dem Marienbilde als wäre er auch von Stein doch
kniete er noch lange davor und die Leute erzählten er sei wohl zu Asche
verbrannt Allmählich hat ihn der Regen herunter gewaschen es ist nichts mehr
von ihm zu sehen« Bertold wurde jetzt so blass dass der Maler einmal über das
andre rief »Kospetto di bacco ich habe nicht so viel Bleiweiss bei mir ich muss
immer mehr darauf streichen und es will immer noch nicht käseweiss werden wie
Ihr ausseht« Allmählich erholte sich nun wieder Bertold und erzählte dem
Maler dass er diese Kränklichkeit seit jener Zeit schon in sich trage da er ihn
als einen frischen Gesellen bei seiner Mutter gesehen »Ihr wart rot wie ein
Apfel« sagte der Maler »habet Euch vielleicht den Pfeilen des Gottes Amors zu
viel Preis gegeben« »Wär es nur das« antwortete Bertold »so wäre doch
etwas mir geblieben aber nein mein Leben ist mir verkümmert worden ohne dass
ich einen Genuss oder eine höhere Absicht des Himmels darin erraten kann das
Schicksal hat mich zertreten wie der Mensch einen Wurm der ihm zu gering ist
als dass er seinetwegen den Fuß eine Linie weiter setzen sollte Ihr wisst dass
ich damals meine Mutter gefunden hatte ich führte sie in den Seitenflügel der
damals allein noch stand zu meiner Pflegemutter um ihr die Rechte unsrer
Bürgerschaft gegen ihre Verfolger zu sichern Es schien auch für den Augenblick
als ob diese sich beruhigten seitdem sie sich von dem Baumeister losgesagt
hatte Nun müsst Ihr wissen dass mein Pflegevater Bertold damals gefangen saß
wegen einer Kränkung die wir dem neuen Türmer angetan hatten Der Türmer war
aber mit einer Seite des Turmes herabgestürzt es fehlte also der Ankläger Ich
schlich mich heimlich zum Gitter vor dem Gefängnisse des Vaters fragte ihn was
ich tun könne er reichte mir einen Schlüssel zu seinem Schreibtisch wo eine
Anklage gegen den Bürgermeister schon aufgesetzt liege die ich einem
Zunftmeister übergeben sollte Ich eilte nach Hause ich las diese Anklage es
war darin unwiderleglich erwiesen dass der hochmütige Bürgermeister die Bürger
bei öffentlichen Bauten betrogen habe Da stand ich in grässlichem Zweifel ob
ich dem lieben Pflegevater folgen und die einzige Hoffnung meines Herzens in
ihrem Vater von mir stoßen und vernichten sollte Halb tot übergab ich endlich
nach langem Kampfe diese Anklage in die rechten Hände Es wurde eine Versammlung
der Bürger gehalten in den größten Trinkstuben ich fühlte mich so unglücklich
wie ein Verbrecher und mochte niemand um den Ausgang befragen Am Morgen
erzählte mir Fingerling mit großem Triumph der Bürgermeister sei mit seiner
Tochter und seinen kostbarsten Sachen entwichen weil er durch Zuträger
vernommen dass sein Betrug verraten sei und er von der Bürgerschaft in
Untersuchung genommen werde Bleich und zitternd fiel ich dem erschrocknen
Fingerling in die Arme ein Blutsturz machte mir Luft ich lag schwer darnieder
und konnte mich nicht freuen als der Vater in Ehren heimkehrte ich war krank
zum Sterben ich war so vernichtet in meinem Herzen dass ich gern sterben
wollte« »Signor« sagte der Maler »den Kopf etwas höher alles übrige
schadet mir nichts erzählt das belebt die Züge« »Eine kränkliche Schwäche
blieb mir nach der Gefahr« fuhr Bertold fort »die beiden Mütter waren
beständig in liebevoller Sorgfalt bei meinem Bette versammelt ich fühlte mich
zärtlich geliebt aber von der die ich über alles liebte konnte mir niemand
berichten ob sie meiner Hilfe nicht dringend in der Fremde bedürfe Der
Bürgermeister hatte um so mehr Grund sich zu verbergen weil der Vogt aus seinen
Papieren erfahren hatte dass er abwechselnd mit den Kronenwächtern und mit den
Städten heimliche Verbindungen angeknüpft habe um die Stadt reichsfrei zu
machen Auch über Apollonia hatte die Bosheit der Menschen ihr Gift verbreitet
Die Nonnen gaben ihr schuld dass sie wegen heimlicher Liebeshändel dem Kloster
entwichen sei Auf mich häufte sich alle Qual der Stadt im Gespräche der Mütter
endlich auch noch das drückende Geschäft des Bürgermeisters als der Vater
Bertold mehr in der Verlegenheit als aus Überlegung von den Bürgern dazu
erwählt war Auf mich fiel die Arbeit ganz als der Vater durch meine fürstliche
Mutter in eine zeitraubende Frömmigkeit eingeweiht wurde beide beteten Tage
lang mit einander und in der Kirche Auf mir dem jedes Schreiben eine
Anstrengung kostete ruhte das mühsame Geschäft während des Städtekrieges
Als der gute Vater kurz vor dem Tode meiner Mutter an seinem kleinen
Hausaltare tot gefunden worden und mich der Schmerz noch mehr geschwächt hatte
erwählte mich die Bürgerschaft einmütig in seine Stelle und wählte mir zugleich
einen Stellvertreter für alle die Geschäfte denen ich in meiner Kränklichkeit
nicht vorstehen konnte« »Darüber freute sich noch gestern im Ratskeller ein
alter Bürger der es vorgeschlagen« unterbrach ihn der Maler »mit der Stadt
sei es so schön vorwärts gegangen wie mit Eurem Hause und Eurer Weberei und
jedermann wisse jetzt vom Städtlein Waiblingen in der Fremde zu rühmen wie von
Eurem Tuche dass es nicht besser als in Waiblingen zu finden Aber sagt mir
habt Ihr die Mutter sterben sehen« »Nein« antwortete Bertold »ich war
damals so krank dass mir das Unglück lange verschwiegen blieb« »Die Leute«
meinte der Maler »wollen sie vor einiger Zeit im Kloster gesehen haben«
»Torheit des wundersüchtigen Völkchens sie konnte keine Stunde ohne mich
leben« erwiderte Bertold »wie hätte sie mir in so vielen Jahren kein Zeichen
ihres Daseins geben wollen Übrigens könnt Ihr denken lag manches Schmerzliche
für sie in dem Verhältnisse zu meiner guten lieben Mutter Hildegard sie musste
ihr die Hälfte ihres teuersten Rechts auf mich abtreten und Hildegard fühlte
oft nicht wo sie auch jene andre Hälfte tief kränkte oder an sich riss Dieser
Zwiespalt zeigte sich besonders bei neuen Heilmitteln welche mir die eine oder
die andre zubrachte da wollte keine zurücktreten und ich musste verschlucken und
einreiben was der Wahn von Jahrhunderten in den Köpfen der Leute an
Geduldsmitteln für Kranke zusammengebracht hat Seht da alle Flaschen Kruken
und Schachteln Arzneimittel in diesem Schranke die ich während der Jahre
ausgeleert habe ein grässliches Kriegesheer des blassen Todes Auch verheiraten
wollten sie mich mehrmals und stritten sich darüber mich den Schwachen der mit
seinem Polsterstuhle vermählt ist« »Domine« sagte der Maler »in den
Flaschen Kruken und Schachteln steckt Eure ganze Krankheit mein Paracelsus und
mein Doktor Faust aus Kindlingen der jetzt hier ist haben die ganze Heilkunde
transfiguriert sie ätzen schneiden brennen wo die andern leise überstrichen
sie schmeissen den Pinsel gegen das Bild wo keiner fertig malen konnte und
siehe immer treffen sie damit den rechten Fleck ich hole den Doktor Faust Ihr
seid gesund Signor« Bertold lächelte über den eifrigen kleinen Mann und
sprach »Mir hilft keiner ich habe schon so viele von diesen Gelddieben
befragt so viel von vergeblichen Mitteln leiden müssen dass ich seit Jahren
aller vergeblichen Quacksalberei entsagte mag sein weil ich so seltsam
entsprossen bin dass mir die Heilkunde andrer Menschen nicht anschlägt Seht
Meister Sixt ich tat in der Begierde nach Gesundheit noch mehr studierte
selbst die alten Bücher der Ärzte lernte von einem flüchtigen Griechen mit
Namen Laskaris das Altgriechische um den Hippokrates lesen zu können Die
Sprache ist mir ein Trost aber die Heilmittel des alten Arztes haben mir nicht
geholfen Ich meine dass ich für meine inwohnende Kraft seit den heftigen
Blutstürzen zu lang gewachsen bin nur wer mich zusammendrängen könnte der
könnte mich heilen und verjüngen« »Das kann Faust gewisslich« rief Sixt »er
hat mir schon so eine Geschichte erzählt wie er die Konfiguration eines
Menschen kondensiert und konzentriert habe um ihn von dem horrorem vacui zu
heilen ich ruf ihn bester Herr Bürgermeister«
Und ehe noch Bertold seinen Willen drein gegeben hatte war schon Meister
Sixt die Treppe hinunter und Bertold betrachtete sein eigenes Bild das schon in
den wenigen Stunden unter der Hand des fixen vielgeübten Mannes so weit
vorgeschritten war dass jedermann die Ähnlichkeit erkennen konnte Nun hatte
sich Bertold wohl schon im Spiegel mit ganzem Gesichte auch in einem Gemälde
schon so gesehen aber ganz von der Seite wie ihn Sixt nach seiner
unwiderstehlichen Tücke genommen hatte er sich nie erblickt So fehlte ihm
hier was sein Bild sonst erträglich machte der lebendige Blick das Friedliche
und Milde des Ausdrucks im Munde und es graute ihm vor sich selbst er meinte
auf Erden nichts Grässlicheres keinen ärgeren Spuk in mitternächtlicher
Einbildungskraft gesehen zu haben er hätte das Gemälde zerstören mögen aber
noch lieber sich selbst was auch der Tod ihm bringen möchte so meinte er doch
selbst bei der Verwesung nicht übler weg zu kommen Dieser heftigen Bewegung
folgte die Schwäche Frau Hildegard fand ihn bleich und kraftlos auf seinem
Ruhelager als sie eintrat ihn zum Mittagessen zu rufen
Sie hatte ihn am Morgen so wohl nach seiner Art verlassen dass sie über die
schnelle Änderung herzlich erschrak Darum hörte sie mit Freuden von dem Diener
als wärs ein Engel dass sich ein Arzt Doktor Faust ansagen lasse Meister
Sixt begleitete den Wundermann trat aber bescheidentlich wie ein dienendes
Gestirn zurück als das feuerrote dicke Gesicht des Arztes mit weiß blondem
Haar und kahler Platte ausgestattet gleich einem Vollmond in dem Zimmer des
Bürgermeisters aufging Was trug der Doktor für außerordentliche rote
Pluderhosen noch nie hatte Waiblingen so etwas Faltenreiches gesehen die
Bänder hingen daran so reichlich herunter wie an einem Erntekranze zehn
Ehrenketten beschwerten den schwarzen Wams der nicht minder seltsam nach
Venezianer Art geschnitten war seine Finger waren mit unzähligen Ringen voll
Grabsteine bedeckt auch einen prachtvollen türkischen Dolch trug der feurige
Drache einen Kranz mit Amuletten um seine Hüften und sein Diener stellte einen
kleinen Turm voll künstlicher Scheiben Zifferblätter in die Mitte der Stube in
welchem unzählige Räder schnurrten In solchem Aufzuge war noch kein Arzt
erschienen es war als ob eine kleine Welt mit ihm zöge auch war sein Wesen
dermaßen heroisch dass Frau Hildegard die sonst wohl ihren Platz zu behaupten
wusste verlegen an ihren Armen auf und niederstrich als hätte der Beichtvater
sie beim Fluchen über ihre Mägde angetroffen Nun sprach Faust den Kranken
lateinisch an der ihm die Antwort in gleicher Sprache nicht schuldig blieb und
daran hatte Frau Hildegard ihre Freude sie meinte immer ihr Sohn wisse alles
und noch etwas mehr Doktor Faust berechnete nach dem Geburtstage die
Konstellation an der Maschine und den Pulsschlag nach einem Perpendikel den er
schwingen ließ und erklärte dem Bürgermeister er könne ohne Transfusion des
Blutes nicht vierzehn Tage leben »Aber ich habe schon dreißig Jahre so
kränklich fortgelebt warum sollen diese vierzehn Tage mehr über mich vermögen
als dreißig Jahre« fragte Bertold »Die Konstellation ist zu Ende« schrie der
Doktor »es stürzt bald alles zusammen wie an einem Gewölbe dem der
Schlussstein entnommen wird« Die Mutter erkundigte sich was es denn eigentlich
mit dieser Transfusion auf sich habe wie sie gekocht und abgedämpft werde
»Ihr Narrn« sagte Faust »wisst ihr hier in dem Loche noch nichts von meiner
neuen Heilart mit der ich den König von Portugal und die Königin von Neapel
verjüngt habe durch eine große Saugepumpe ziehe ich das alte Blut aus den Adern
des Kranken indem ich junges überkräftiges Blut gleichzeitig durch ein
Druckwerk in dessen Adern ergiesse das Fass ist oft noch gut wenn auch das Bier
verdorben ist so ists auch mit dem Menschen die Kunst des Arztes besteht
darin im alten Menschen einen neuen zu erbauen« »Da soll ich also wieder zum
Kinde werden« rief Bertold »Gewissermassen« fuhr Faust fort »fanget Ihr
ein neues Leben an wie ein Mensch sich neu und frisch fühlt der von einer
Fussreise heimkehrt und weiße Wäsche angelegt hat dreitausend habe ich erneut
und jene Mühle in der die Alten jung werden von der das Volk erzählt die
Auferstehung selbst ist nur als Nachbedeutung meiner wunderbaren Kunst zu
betrachten« »Ich habe sie oftmals mit großer Admiration verifiziert
gefunden« meckerte der Maler »Mein abgelebtes Blut will ich gern opfern«
sprach Bertold »doch niemals möcht ich einem andern sein gesundes junges Blut
für Geld abkaufen noch weniger mag ich tierisches Blut in meinen Adern das
wäre Blutschuld vor der mir graut« »O ha« entgegnete Faust »es leiden und
sterben eben so viele an zu starkem Blute als andre an zu schwachem ich
gleiche aus ich helf mit einem Kunststück beiden und seltsam ist es wo ich
einen Schwachen finde da treff ich immer einen Überstarken als ob zwei Leben
eigentlich gesellt zusammen innerlich gehörten Gleich hier bei Meister Sixt
liegt krank in wilder Phantasei der starke Knabe Anton der ist des Todes
Eigentum so gut wie Ihr wenn ihm kein schwächres Blut kann eingetrichtert
werden wenn Ihr für Euch das große Werk nicht wollt vollbringen so tut es aus
Erbarmen für den schönen Knaben dem alle Welt in Freuden aufgeht Ihr schüttelt
mit dem Kopf Frau Hildegard verflucht ich gehe augenblicklich von hier und
lass den lieben Sohn krepieren seht hier mein großes Zeugenbuch da leset wie
ich in Spanien Frankreich und in Rom geehrt hier sind sie alle abgemalt wie
meine Kranken vor der Kur und nach der Heilung ausgesehn seht diese Bleichheit
Magerkeit und hier die feisten Wangen den dicken Wanst voll wohlgefüllter
Bratwürste wie der so ritterlich turniert der dort vom großen Stuhl sich nicht
erheben konnte« »Hier meine Hand« rief Bertold mutig »ich wags nichts hält
mich ab und eine Kette reiche ich Euch zum Lohne wenn ich ein Ross zum erstenmal
besteige schwerer als irgend ein König sie Euch verehrte« »Ich nehme den
Lohn an« sagte Faust »aber der Ruhm das Glück welches ich verbreite ist
meine Hauptsache mein deutsches Vaterland strahlt durch mich bis zu den Säulen
Herkulis« Frau Hildegard staunte ihn gläubig an und küsste ihm die reich
beringte Hand für die Wohltat die er ihrem Sohne erweisen wolle und Faust hob
das Kinn und zog die Falten der Stirn zur kahlen Platte hinauf als ginge ein
neuer Vorhang zur Freude der Menschen auf dann befahl er Meister Sixt den
kranken Anton herzuführen
Während Meister Sixt fortwippte trat ein Diener mit Flaschen und kalten
Speisen zum Frühstock ein und der alte Fingerling der bei seiner unermüdlichen
Tätigkeit unersättlichen und doch nutzlosen Hunger hatte zog dem Geruche nach
Der machte Augen über den Wundermann glaubte ihn schon längst gesehen zu haben
und wusste nicht wo meinte aber er habe einmal in Bopfingen einen bösen
Gesellen hinrichten sehen durch den Strang der habe ihm auf ein Haar geglichen
der sei wegen eines Bunds mit dem Teufel verrufen gewesen habe auch den Leuten
die Köpfe abgehauen und wieder anheilen können doch einstmals zweie mit
einander verwechselt woraus großer Prozess entstanden Faust schnalzte
verächtlich mit der Zunge und sprach »Das sind Kleinigkeiten ich habe schon
mehr erlebt ich habe alles versucht und das Hängen war nicht die schlechteste
meiner Erfahrungen es kommt nur darauf an den Hals zu schützen und dass man zur
rechten Zeit abgeschnitten wird ich habe dabei sehr viel über den Zusammenhang
zwischen Kopf und Herz gelernt und dies Mittel schon mehrmals mit Erfolg
angewendet« Fingerling saß da wie erstarrt so ein Mensch war ihm nicht
vorgekommen er konnte kein Wort vorbringen und zog sich ohne den Rücken ihm
zuzukehren allmählich zur Türe zurück wo er auf Sixt und dessen dicken Sohn
Anton fiel die leise eintraten Bertold und Frau Hildegard schämten sich zu
erklären was das alles bedeute aber sie fühlten sich immer mehr von Fausts
Allmacht bezwungen sie wagten nicht zu widersprechen »Welch ein prächtiger
Knabe« rief Bertold dem Anton entgegen »aber seine Augen glühen und seine
feurigen Wangen glänzen seine Worte irren und seine Arme winden sich
jammervoll er fasst an sein Haupt es schmerzt ihm und wenn ich stürbe und
hätte dem Knaben das Leben gerettet es sollte mir nicht leid sein« Doktor
Faust legte aber schnell seine Ehrenketten und sein Wams seine Ringe und seinen
Spitzenkragen ab setzte eine große Brille auf die Nase streifte sein Hemde
auf dass seine Muskeln wie Mäuse unter der Haut spielten als er die Pumpe nun
aus dem Planetenkasten hervorhob und in Bewegung brachte sie nach der einen
Seite an Bertolds Arm nach der andern auf des betrübten Antons rechten Arm
anbrachte Nun öffnete er mit einem Schnepper die Adern der beiden wies Sixt
und Fingerling an wo sie das Tretrad der Pumpe bewegen sollten Frau Hildegard
wollte beten er schlug ihr aber auf den Mund und arbeitete wie ein Rasender
indem er nach allem zugleich sah Fingerling meinte er habe doppelte Augäpfel
in diesen Minuten gezeigt Die Hitze des Zimmers mehrte sich so schnell dass die
befrornen Fensterscheiben einen Regen herabtropften und den Lichtstrahlen freien
Durchzug als ob sie auch neugierig würden gestatteten Frau Hildegard bemerkte
zuerst wie der Knabe aus der dumpfen Fieberhitze erwacht fröhlich zum Fenster
blicke und von den bunten Wappen in denselben spreche wahr und richtig wie ein
verständiger Sinn sich ausdrückt dann sah sie mit noch größerer Freude wie
sich die Wangen Bertolds mit dem edlen Lichte des starken Blutes füllten wie
er kräftiger atme und seine Arme unwillkürlich versuche wie ein erstarrter
Vogel die angefrornen Flügel
Endlich schlug eine Glocke unter der Pumpe Faust löste die saugenden
Schläuche von den Armen der Kranken verband die geschlagenen Aderwunden legte
die Kranken bequem auf die wohlgepolsterten Bänke die um das Zimmer liefen
trocknete sich die Stirn zog aus seiner Tasche eine gläserne Flöte und blies so
sanft träumend hinein dass beide Kranke in einen festen Schlummer fielen auch
Frau Hildegard Fingerling und Sixt sich nur mit Mühe des süßen Schlafs
erwehrten Aber im Augenblicke drangen zwei Arbeiter mit Feuergeschrei ins
Zimmer der Schornstein strecke eine feurige Zunge gen Himmel Faust Sixt und
Fingerling auch Frau Hildegard liefen mit den Leuten fort so blieben die
beiden Kranken allein mit den seltsamen Maschinen und Gemälden
Bertold wachte zuerst aus dem Schlafe auf und konnte sich nicht gleich
erinnern was mit ihm vorgegangen er hatte ein Gefühl so frisch wie damals als
sich ihm der Schatz in der Nacht gezeigt hatte den er auch jetzt wieder
erwartete Da fand er den Knaben Anton und blickte ihn wie einen Segen des
Himmels wie einen Schatz an er fühlte ein lebendiges Wohlwollen gegen ihn als
gehörte er zu ihm es ging ihm durchs Herz er müsse ihn an Kindesstatt
annehmen dem er so viel danke ja er meinte einige Ähnlichkeit im Knaben mit
seinem Bilde das daneben stand wahrzunehmen obgleich jener viel stärker an
Muskeln und Knochen gewaltsamer im Ausdruck kraushaarig und dreiahrig aus
großem Überfluss der Natur entsprossen zu sein schien Er weckte ihn mit sanftem
Streicheln seiner Wangen der junge Bullenbeisser wachte brummend auf sprang
heftig empor sah sich um rieb sich die Augen und setzte sich heisshungrig zu
dem Frühstück das Faust auf dem mit herrlichem Teppich bedeckten runden
geschweiften Tische den Adler trugen hatte stehen lassen »Im Himmel ist gut
Leben« sagte der Knabe mit tiefer Stimme dass die Balken brummten »und Ihr
seid ein recht braver Herr Gott wie haben mich die Teufel im Fegfeuer mit
Hunger und Durst geplagt« Ehe der Bürgermeister noch antwortete weil er in
stillem Vergnügen den derben lebenslustigen Bengel beschaute traten Faust und
die Mutter mit Sixt ein und riefen »Das Feuer ist gelöscht« »Recht so«
sagte der Knabe »nun will ich auch meinen Durst löschen« und leerte die
irdene mit Ritterbildern erhaben und bunt überglaste Ehrenkanne Meister Sixt
trieb ihn aber unsanft von dem himmlischen Mahle und der Junge sagte »Wenn Er
mit in den Himmel gekommen ist so wird es schmale Bissen geben und mein ganzer
Spaß ist zu Ende« »Hört Meister« sprach Bertold »über den Knaben will ich
Euch einen Vorschlag machen jetzt muss ich zuerst unserm Retter Erhalter dem
hochverehrten Faust danken indem ich ihm die versprochne Kette umhänge«
»Gebt her den Quark« antwortete Faust »ich will sie als ein Angedenken
schätzen sonst kann ich mir Gold genug machen und feineres als der Bergmann
scheidet ich werde nur freilich etwas stark die chemische Arbeit macht mir
Mühe Übrigens Herr ich rate Ihr wollt den Jungen haben den lasse ich Euch
nicht ich brauch einen zum Kräutersammeln und zum Stehlen der Leichen wenn ich
meine anatomischen Untersuchungen fortsetze« »Ich hätte ihn an Kindesstatt
angenommen« sagte Bertold »aber ich möchte nicht gern Eure unzähligen
Menschen wohltätige Versuche stören« Meister Sixt aber trat zwischen und
sagte »Mit aller Devotion die ich gegen beide Signorias habe kann doch aus
Dero wohlwollenden Desseins nichts werden da gedachter Jovane mir von hoher
Hand anvertraut ist ich denselben auch zum Farbenreiben wegen seiner Force wohl
applizieren kann so ist es mir nicht möglich Euch mit demselben ein Präsent zu
machen« »Wenn Ihr mir den Jungen nicht überlasst« sagte Faust grimmig »so
schicke ich Euch zehn schwere Krankheiten über den Hals Ihr sollt zugleich an
Schwind und Windsucht an Heiss und Wassersucht leiden« Da stellte sich der
Knabe Anton mit drohender Faust vor den Doktor und rief »Noch ein Wort du
alter Zauberer so schlage ich dir die Zähne ein« »Das ist ein böser Bube«
sagte Frau Hildegard »den leide ich nicht im Hause geht ihr Herren mein Sohn
muss sich noch ausruhen« »Ihr habt recht« sprach Faust packte seinen großen
Kasten auf Antons Schultern »den kleinen Bösewicht will ich mir schon zähmen«
So scheltend zogen die dreie fort und jetzt erst konnte die Mutter den Sohn
recht herzlich küssen und ausfragen »Wie ist dir jetzt Wie war dir Glaubst du
dich gesund Wird das lange dauern Ach ich habe kein Zutrauen zu dem grimmigen
Doktor er hatte so etwas Entsetzliches als er den Knaben forderte als wäre er
ein Teufel der die Seele zum Lohn nimmt wer weiß was er noch von dir
fordert« Aber Bertold wurde wieder müde verschlief noch den Tag und wachte
erst am Abend auf beruhigte aber die besorgte Mutter gleich mit dem Ausruf
»Ich fühle gründlichen Schlaf wie einen kräftigen Wein in allen Adern mir
wars im Traume als erhielte ich mit jedem Augenblicke erfreuliche Nachricht
über etwas was mich lange bekümmert auch kam es mir vor als gingen die Uhren
rückwärts so wendeten sich auch die Jahreszeiten in umgekehrter Ordnung um mich
her ich sah schöne Frauen mit Anteil und auch der Schmerz um Apollonien hatte
sich gemindert ich fühle dass ich ganz gesund werde dass meine späteren Jahre
für alles Versäumte mich schadlos halten geben wir Gott die Ehre aber wir sind
dem Faust großen Dank schuldig« Die Mutter war so innig erfreut über seine
veränderte Gesinnung dass sie ihm wieder alle Bräute mit allem was an ihnen zu
loben im Gespräche vorführte auch hörte er ihr diesmal geduldig zu und
bekannte dass eine Heirat ihn sehr glücklich machen könnte wenn er eine zweite
Apollonia auf Erden fände »Sieh nur um dich« sagte die Mutter »wähle welche
du willst es schlägt dir kein Vater seine Tochter ab die reichsten
Geschlechter haben es mir unter der Hand durch arme Witwen sagen lassen du
brauchtest nur anzuklopfen und dir würde aufgetan ich wüsste keinen schöneren
Lohn für mich als wenn ich am Ende meiner Tage ein Kind von dir auf meinen
Armen wiegen könnte«
Der Bürgermeister versprach gerührt das Heiraten in bessere Überlegung als
bisher zu nehmen und Frau Hildegard ging froh von ihm und ließ eine für die
Genesung des Sohnes seit lange angelobte ewige Lampe vor dem Marienbilde am
vorderen Hausgiebel mit frommen Dankgebete anzünden Die Stadt lief bei der
seltsamen Erscheinung zusammen erzählte sich von der Heilung des guten
Bürgermeisters und brachte ihm unter Begleitung der kunstreichen Stadtpfeifer
ein freudiges Lebehoch Bertold war tief gerührt durch die Teilnahme der Menge
er hätte gern zu ihnen gesprochen aber die Mutter Hildegard wollte es aus
Sorge er möchte sich erkälten nicht dulden Es war auch gut denn sonst hätte
er mitten durch den Jubel das Geschrei im Ratskeller gehört was der trunkne
Faust in demselben mit allerlei Katzen und Hunden anstellte die er unter
Gotteslästerungen marterte wie er sich mit dem alten Sixt um Anton zankte und
endlich von diesem zum Keller hinausgeworfen wurde und nun auf allen vieren
weil er sich sonst nicht halten konnte zum Spott der Knaben über das Eis
hinkroch bis ihm einer in einer Seitengasse einen Schweinestall öffnete wo er
mit seinen grunzenden Glaubensgenossen eine selige Nacht verschlief
Zweite Geschichte
Die Reise nach Augsburg
Der Morgen war ein seliges Erwachen für den guten Bertold die Mutter hatte es
ihm schon im Schlafe angesehen dass er sich wohl befinde und war gleich heiter
und gesprächig Beide dachten auf schöne Gaben die sie dem Faust verehren
wollten als die Nachricht kam er habe sich in großem Zorn aus der Stadt
fortbegeben nachdem er am Morgen sein Nachtlager kennen gelernt zugleich
beschuldigten ihn die Leute vieler schändlicher Laster »Wie kann ein Wohltäter
der Menschen mit der höchsten Weisheit und Gnade begabt solch ein Saumatz
sein« seufzte Frau Hildegard Aber Bertold der viel in Römern und Griechen
gelesen hatte suchte ihr deutlich zu machen wie gerade die allgemeine
wissenschaftliche Ansicht wenn sie allein herrschend würde die sittlichen
Grenzen des einzelnen Menschen auslösche er sehe so Mannigfaltiges
Widersprechendes geglaubt und geehrt dass er nur den Geist achte in welchem
alles getrieben würde Frau Hildegard schüttelte mit dem Kopfe und warnte
Bertold gegen die Bücher dass er es nicht auch einmal so treibe wie Faust wenn
er ganz gesund würde
Wirklich hatte schon Bertold am Dreikönigstage einen Lusten zum
Dreikönigsschmaus beim Herrn Brix als die beiden Töchter die noch immer keinen
Mann bekommen hatten ihn besuchten und dazu einluden Sie kamen ihm diesmal
ganz anders vor die frische Luft hatte ihre Gesichter angeregt und es war ihm
als ob der Glanz von Apolloniens Augen noch auf ihnen weilte Hätten die beiden
Jungfrauen durch seine Stirn sehen können sie hätten diese Stimmung gewiss
benutzt denn sie waren nicht freiwillig so einsam in der Welt geblieben Aber
in ihrem ruschligen schwatzhaften Wesen übersahn sie alle Neuigkeiten an dem
reichen Bertold wie er heimlich der einen an den Arm fasste und die andre zu
seinem Schranke hinzerrte wo Zeichnungen von Orden zum Dreikönigsfeste
brauchbar durchsucht wurden Ja er schalt nicht als ihm Babeli einigen
Festkuchen auf die sauberen Pergamentbilder krümelte Schon nahm er sein Barett
als die Mutter eintrat und nach seinem Beginnen fragte Es wurde ihr erzählt
sie sollte auch Teil nehmen »Auf einen Schmaus« rief die Alte »bei allen
Heiligen nein der Schneesturm brächte dir die Krankheit in die Glieder zurück
und heute schon so zu schwärmen hieße Hundshaare auf eine kaum geschlossene
Wunde legen« »Mutter« sagte Bertold »ich bin ganz gesund und was ist
Gesundheit anders als der freie Gebrauch des Lebens« »Nein nein« sagte die
Mutter »du wirst schon unartig und bist kaum ein wenig aus den Windeln daran
sind die beiden Mädchen schuld es ist gar nicht schicklich dass sie so den
jungen Leuten auf die Stube laufen« »Ich bin über vierzig Jahre alt liebe
Mutter« sagte Bertold bedeutend »Ach lieber Gott« riefen die Mädchen »wir
sind noch älter« und trippelten mit Gelächter davon wenn sie es recht bedacht
hätten sie lieber weinen mögen aber sie waren drüber hinaus und längst mehr auf
Zerstreuung und Putz als auf Liebesabenteuer gerichtet
Nun fragte Bertold nach Anton seinem Gesundheitsgenossen aber die Mutter
schimpfte heftig auf den Knaben er habe sich nicht nur recht unbescheiden im
Essen und Trinken aufgeführt sondern auch die Nacht mit Faust im Keller
vertrunken sie habe deswegen schon dem alten Sixt den Kopf gewaschen und dieser
habe ihn zur Strafe nach einem armen Dorfe zum Ausmalen der Kirche geschickt
Bertold wagte nicht seinen Vorschlag laut werden zu lassen ihn ins Haus an
Kindesstatt zu nehmen
Mit Fingerling hatte Bertold ein ganz andres Verhältnis jener glaubte ihm
nie genug Dank für den Reichtum abstatten zu können der durch den Schatz
eigentlich durch seine Anwendung über sie beide gekommen er suchte Bertold an
den Augen abzusehen was ihm Freude mache Seine Lebhaftigkeit gab ihm bei
seinen weißen Haaren etwas Jugendliches er war wie ein alter Bedienter immer in
einer Art Verschwörung mit Bertold gegen die Mutter Nie hätte diese zugegeben
dass Bertold so viel Geld für seltene Handschriften alte Waffenstücke und andre
Altertümer ausgäbe wenn sie die Preise gewusst hätte Aber Fingerling brachte
die Sachen ins Haus als ob sie ihm von Handelsfreunden geschenkt wären und
Frau Hildegard bedauerte nur immer den Raum den sie einnähmen nachdem das Haus
durch die Erbschaft der Gräfin mit Gerät so dicht vollgestopft wäre Bertolds
Wonne war der Waffensaal den er mit Fingerling eingerichtet hatte und den nur
dieser mit ihm betreten durfte Da las er ihm vor aus den Heldenbüchern jeder
Haupteld hatte da seine Rüstung sein eigen benanntes Schwert und der
Rosengarten war eigen künstlich mit gemachten Bäumen und Blumen welche die
natürlichen übertrafen und mit Bildern von Wachs ausgeführt so dass er die Mitte
des Saals einnahm und dass die beiden alten Spielkameraden mit den Figuren
zusammensetzten was sich an Hauptbegebenheiten im Buche zutrug Als Bertold
nun mit jedem Tage an Kraft und Gesundheit zunahm da wurde er an einem
Februarsonntage gar unerwartet für Fingerling traurig Er konnte sich der Tränen
nicht erwehren und Fingerling musste lange in ihn dringen ehe er ihm die
Ursache sagte endlich sprach er »Du musst mich recht verlachen gutes altes
Herz aber unsre Chriemhilde scheint mir nicht mehr so lebendig wie sonst und
Siegfried wird so steif und unbehülflich in seinem Wesen dass ich lieber einmal
selbst ihn vorstellen möchte Besonders verdrießlich erscheinen mir aber unsre
hölzernen Pferde kein gutes Haar ist mehr daran ich möchte gern einmal
selbst reiten aber die Mutter darf es nicht wissen« Fingerling wollte ihn
zur Ruhe ermahnen weil sich das nicht so geheim treiben lasse sonst sei er
selbst obgleich kein schulgerechter doch ein geübter Reiter auf seinen Reisen
geworden Aber Bertold war nicht von der Sache abzubringen »Ich kann mich
nicht mehr beruhigen seit ich Kraft in mir fühle« sprach er »ich möchte
dass mir etwas Ritterliches begegne wie dem Siegfried ich tue in Gedanken
tausend Streiche in die Luft Deine Liebe zu mir ist groß aber du liebtest mich
gewiss noch höher wenn ich erst etwas recht Ritterliches getan hätte Ich möchte
in Verzweiflung aufschreien dass mich die Mutter von allem Reiten Fahren
Ringen Armbrustschiessen Schlittschuhlaufen wie es andre gute Gesellen der
Stadt treiben aus Furcht wegen meiner Gesundheit abgehalten hat und ich muss
mich tot grämen nun ich gesund bin aber des Lebens und seiner Gaben nicht zu
brauchen weiß« Da sah Fingerling dass die Sache ihm ernstlich ans Herz griff
er versprach alles zu tun um diese seine Sehnsucht zu befriedigen schlug ihm
auch vor in einem großen Schafstalle vor der Stadt auf dem Hofe den Bertold
kürzlich gekauft hatte eine Reitbahn für sie beide einzurichten auch ein Paar
gutmütige Pferde zu den ersten Versuchen aus den Ackergespannen auszusuchen
Da fiel ihm Bertold um den Hals und konnte kaum ruhen bis die Sache ausgeführt
war ja er schlug vor gleich nach dem Ratause zu gehen wo von einem
Komödienspiele worin die Waiblinger sehr ausgezeichnet waren ein trojanisches
hölzernes Pferd stehen geblieben um Sitz und Haltung vorläufig zu üben So
taten auch die beiden Freunde schützten Geschäfte vor und verschlossen sich im
Rataussaale wo das hölzerne Pferd stand Fingerling zeigte so gut er es
wusste wie die Zügel und der Steigbügel zum Aufsteigen gefasst sein wolle mit
einem Schwunge saß Bertold oben und freute sich der Höhe »Nun gebt die
Spornen dann gehts fort« rief Fingerling »aber haltet die Zügel dass es
nicht durchgeht nicht zu fest und nicht zu wenig« Auch das tat Bertold
bemerkte aber plötzlich solche Bewegung in dem Rosse dass er die Zügel immer
stärker anzuhalten für nötig fand was aber alles nicht half denn unaufhaltsam
stürzte der stolze von der Sonne ausgetrocknete Holzbau zusammen Bertold an
die Erde und aus dem hohlen Bauche sprang Anton schlaftrunken sich die Augen
reibend hervor Fingerling half erschrocken seinem lieben Bertold auf fragte
ihn sorglich ob er sich Schaden getan dieser aber hörte nicht auf ihn sah
Anton verwundert an und sprach »Ist mirs doch wie ein bedeutsamer Traum dass
du aus meiner verunglückten Ritterfahrt so froh hervorgehst begegnest du mir
vielleicht noch oft Wie kommst du hieher Du bist in der kurzen Zeit recht
gewachsen« Anton antwortete mit der Bitte seinem Vater nichts zu sagen er
habe sich vom Lande heimlich in die Stadt geschlichen um sich einmal bei der
Ratskellerwirtin die ihm sehr gnädig satt zu essen und da sei er nach Tische
im trojanischen Rosse zur Ruhe übergegangen zugleich dankte er dass sie ihn
erweckt hätten er müsse noch sechs Meilen bis zum Dorfe zurückgehen Bertold
schenkte ihm etwas auf den Weg und Anton eilte fort »Wir geben das Reiten auf
nicht wahr« fragte Fingerling »Nein« antwortete Bertold »ich habe gefühlt
dass ich recht dazu geschickt bin denn die Besonnenheit hat mich keinen
Augenblick verlassen aber dieses Vorfalls werde ich oft noch gedenken müssen«
Schon am andern Morgen hatte Fingerling alles zum Reiten auf dem Vorwerke
eingerichtet Der ehrliche alte Meyer war sehr verwundert und erfreut über die
Seltsamkeit des Herrn wusste aber in allem gut zu raten da er in seiner Jugend
ein wackerer Reitersknecht gewesen war und auch die künstlichen Aufzäumungen
und Zügelbewegungen samt der richtigen Anwendung des Sporns wie es die
Rennpferde verlangen wohl verstand und sich darüber mitteilen konnte Als nun
der Bürgermeister zuerst an der Leine im Kreise ritt da meinte er sich
unwiderstehlich nach einer Seite niedergezogen aber er blieb dennoch mutig
sitzen Als er abgestiegen fand er sich in allen Gliedern seltsam zerschlagen
aber er ließ sich nichts merken weder vor dem Freunde noch vor der Mutter
Besonders unbequem war es ihm in den nächsten Tagen wo er heimlich anfing zu
zweifeln ob er zu solchen Beschwerden sich gewöhnen werde Aber der Meyer
machte ihm mit seinem Lobe immer frische Lust er rühmte seinen guten Anstand
er werde sicher ein guter Reiter werden Bald war er seinem Gefährten Fingerling
überlegen auch waren ihm bald die geduldigen Ackerpferde zu gering die
Rennbahn zu enge Es wurden ein Paar schöne Rennpferde von einem verarmten
Ritter gegen einige Stücke Tuch eingetauscht und nun beschlossen durch ein
feierliches Vorbeireiten das Schelten der Mutter zu besänftigen
Demnach tat ihr Fingerling kund dass an einem Sonntage ein fremder Ritter
der sehr viel kaufe bei ihnen eintreffe sie möchte ihm ein Mahl bereiten
lassen Das war alles geordnet und Frau Hildegard nur allein darum ärgerlich
dass ihr Sohn so lange ausbleibe da sah sie einen stattlichen Rittermann in
voller Rüstung auf hohem Ross über den Markt traben und ging ihm feierlich an die
Türe entgegen Der Ritter ließ sein Pferd kunstreich traversieren dass sie
heimlich den Übermut des Menschengeschlechts bejammerte auf glattem Pflaster so
brotlose Künste zu machen dann stieg er ab sie blickt ihm in den offenen
Helm sie stockt in ihrem Gruß es ist ihr lieber Sohn der Bürgermeister der
ihr um den Hals fällt
Nun erst erschrak sie über seine Kühnheit fürchtete er würde ihr in allen
Dingen ausschrammen nachdem er solche gefährliche Kunst heimlich erlernt habe
und suchte ihn mit Scheltworten und Tränen von dieser brotlosen Kunst
abzubringen Aber Bertold hatte das alles voraus gesehen und sprach zu ihr als
er sich an den hochgeschmückten Tisch gesetzt hatte »Seht Mutter so ein Mahl
habt Ihr mir nie bereiten lassen wenn ich auch den ganzen Tag zum Besten der
Stadt gearbeitet hatte so ehret Ihr selbst die brotlosen Künste des Ritters und
wollt mich gegen etwas warnen wozu mein Blut mich bestimmte und woran mich
nur Leibesschwäche so lange hinderte ich habe bisher vor Euch wie ein
umgekehrtes Panzerhemde erscheinen müssen tatenlos und gedankenvoll den Stahl
innerlich die Polster äußerlich meine Welt war die Vorzeit denn was die
Gegenwart brachte konnte mich nur erschrecken da ich sie in keiner Art zu
bestreiten wusste« »Ach« seufzte Frau Hildegard »gewiss ist der verwünschte
Ehrenhalt bei dir gewesen den ich so oft mit Geld und Gaben von dir fortgekauft
habe« »Der Ehrenhalt« fragte Bertold »weiß ich doch nichts von dem Manne
was bringt er was will er mit mir ist er abgesandt von den Kronenwächtern
Seid ruhig Mutter ich diene ihnen nicht die Tränen der Mutter der Tod des
Vaters auch Martins Tod haben mich von ihnen geschieden Meine Wünsche sind
beschränkter ich will nur als ein guter Bürger gerüstet und wehrhaft gegen
Gefahren sein ich will mich selbst um mein Handelsgeschäft kümmern denn unser
guter Fingerling ist zwar munter wie ein junger Geselle aber gar alt er soll
mich in Augsburg mit unsern Handelsfreunden bekannt machen und darum hindert
mich nicht dass ich mit ihm gen Augsburg reite wo der ehrwürdige ritterliche
in allen Künsten versuchte Kaiser Maximilian einen Reichstag ausgeschrieben hat
der alle Handelsleute aus Schwaben zusammenführen wird« Frau Hildegard schlug
in Verzweiflung die Hände über den Kopf zusammen und rief zu Gott um Rat wie
sie sich benehmen solle ob sie den jungen Menschen in solche gefährliche
verführerische Stadt hinziehen lassen dürfe »Die Verführung ist so groß« sagte
sie »so ein junger Mensch ist zutulich und neugierig und wenn die Leute hören
dass er nicht ohne Mittel da drängen sich alle an ihn er wird ausgezogen und
noch wohl gar verlacht« Da trat Fingerling mit kluger Rede zwischen versprach
die Fahrt mitzumachen den Herrn Bürgermeister wie seinen Augapfel zu bewachen
versicherte die Reise sei notwendig weil sonst alle Webstühle still ständen
und trank auf die glückliche Heimkehr So war die Erlaubnis zur Reise der
sorglichen Mutter über den Kopf weggenommen
Als die Zeit nahete verwunderte sie sich dass sie es erlaubt habe dennoch
sorgte sie fleißig für das Reisegerät und packte außer der Wäsche eine ganze
Apotheke und eine halbe Küche in die Mantelsäcke und konnte immer noch nicht
mit ihren Anstalten fertig werden nachdem schon Maximilian mit seinem
prachtvollen Einzuge fertig geworden war Endlich war der Ritt angeordnet der
Bürgermeister hatte einem Ratmann die Geschäfte übertragen der Buchhalter
sorgte für das Haus die Pferde standen bepackt vor dem Hause dennoch ließ sich
Frau Hildegard nicht abhalten dem Sohne noch einmal alle Warnungen einzuprägen
die sie in der ganzen Zeit gesammelt hatte und zum Schluss suchte sie ihn noch
mit der Ahndung zu rühren als ob sie ihn nicht wieder sähe Obgleich er diese
Ahndung schon oft gehört hatte so beschwerte sie doch sein Herz und er ritt die
erste Strecke gar nachdenkend in seinem Reisemantel Endlich wurde es ihm
leichter ums Herz er genoss der ersten Freiheit seines Lebens und der keusche
Frühling blickte mit tausend Blüten wie mit neugierigen Augen in die geheime
Sehnsucht die ihm seit der Genesung jedes artige Jüngferchen zu einer Apollonia
erhob dass er jede ehrfurchtsvoll aber oft anblicken musste Die Gesundheit
hatte das Samenkorn das bis dahin in ihm wie im Sarge geruhet schnell zum
Keimen gebracht es sprengte das Steingewölbe das ihn bisher umgab er war er
fühlte sich frei und zu etwas bestimmt Und wie herrlich glänzte ihm das
Schwabenland überall Züge von Reisenden hier Kaufleute die neben ihren
Frachtwagen einhergingen dort Landsknechte die einen Hauptmann suchten
Pilger die zu dem wundertätigen Bilde der schönen Maria in Regensburg zogen und
Frauen und Männer wie sie gingen und standen mit ihrem Gesange fortrissen
denn es war das erste Bild unter den Deutschen in welchem die geheime Gewalt
des Heiligen mit der offenkundigen der Schönheit verbunden war Hätte Fingerling
nicht Einspruch getan der gute Bertold wäre mit zu dem Bilde gezogen aber der
lebendige Trieb nach lebendiger Schönheit wuchs in dieser Annäherung
In reger Geistestätigkeit von allem angesprochen doch ohne sonderbare
Reisevorfälle kamen die beiden Reisenden in die Nähe Augsburgs hatten schon
mit einiger Beklemmung die weite Stadt mit ihren vielen Türmen von einer Anhöhe
überschaut als Kaiser Maximilian bei der Wertachbrücke der Kurfürst Joachim
von Brandenburg auf der einen Seite auf der andern Markgraf Kasimir der schöne
Verlobte dessen hoher Braut entgegen ritten und dem Bürgermeister den Weg
verrannten Aus dem Gerede der voreilenden Menschen mehr noch aus der
Ähnlichkeit mit vielen Holzschnitten erkannte Bertold den Kaiser schon in der
Ferne und wurde gezwungen ihn recht in der Nähe zu betrachten weil er von der
Menge die nicht weichen wollte an das Geländer der Wertachbrücke angedrängt
wurde Er freute sich wie viel milder der Kaiser aus des höchsten Weltkünstlers
Hand gekommen als aus der Hand der Maler der Kaiser hatte wohl recht einmal
zu sagen »Jeder der eine lange Nase zu pinseln weiß meint er habe mein Bild
gemacht« Der Kaiser trug über seinem mit Gold eingelegten Panzer einen roten
mit großen Perlen und grünen Edelsteinen gestickten Waffenrock auf seinem Helme
den zweiköpfigen Adler der in der Krone wie in einem Neste seine Jungen
ausbrütete ein Zeichen dass er diesmal die Nachfolge im Reiche für seinen Sohn
Karl vermitteln wollte Er ritt ein ganz weißes Ross mit leibfarbenen Nüstern und
Augenwinkeln in goldnem Zaumzeuge ein Panterfell seine Satteldecke das mit
schweren goldnen betroddelten Gitterbändern um den Leib des Pferdes angezogen
war Der Kurfürst Joachim war dagegen einfach in einem Marderpelz gekleidet
sein Ross war schön aber etwas scheu so dass er sich manchmal von der Seite des
Kaisers abwandte Der Bräutigam Herr Kasimir ließ sich in einem leibfarbenen
seidenen mit Hermelin aufgeschlagenen mit Silber gesticktem kurzen Mantel
sehen einen grünen Kranz auf dem Haupte aber seine Schönheit seine
Freudigkeit war sein bester Kranz so dass ihm jeder die schöne Braut gönnte der
das unzählige Volk wogegen alle Hartschierer zu schwach mit Freudengeschrei
entgegen jauchzte sie recht in der Nähe zu sehen
Sie war in ihrem Wagen so nahe an Bertold gedrängt dass er wie einer der
Fürsten zu ihrer Begrüßung entgegen geritten schien Er sah die steigende Röte
ihrer Wangen unter dem Kranze von Edelsteinen das Klopfen ihres Herzens bebte
in dem Blumenstrausse der auf der reichen Silberwoge ihres Busens unterzusinken
schien Bertold hörte deutlich dass sie nach Herrn Kasimir fragte den sie bis
dahin nur im Bilde gesehen das auf ihrem Herzen an goldner Kette hing und
Bertold meinte sie frage ihn und zeigte nach der andern Seite des Wagens der
nach beiden Seiten offen nur oben mit goldnem Teppich gedeckt war »Auf der
andern Seite wartet seine Hoheit« sprach er er wusste es genau denn ein
Nachbar hatte es ihm kurz vorher erzählt »Dank Dank Ihre kurfürstliche
Liebden« sagte die Braut Fräulein Susanna von Bayern die ihn für den
Kurfürsten Joachim hielt und sich jetzt an der Schönheit Kasimirs weidete indem
sie bescheiden die Augen mit einem Wadel von Pfauenfedern deckte Der Bräutigam
beugte vor ihr ein Knie nachdem er vom Pferde gestiegen die Braut reichte ihm
den Mund dann lockte sie der Kaiser auseinander indem er in den Wagen stieg
und ihnen sagte sie würden einander noch lange genug sehen auch sprach er
»Nicht wahr liebe Tochter wir haben gut gewählt wir gedenken heut bei euch
beiden dass wir auch einmal jung waren und freiten und in der Welt wie in einem
Baum voll reifer Kirschen gegen die Sonne gedeckt zu sitzen glaubten aber die
Kirschenzeit ist kurz am Ende beißt man mit stumpfen Zähnen die Kerne auf die
man erst weggeworfen und die Jahre vergehen wie die Tage sonst war mir die
Sonne zu warm und jetzt zu kalt« Er winkte zum Fortfahren und die schöne Braut
reichte Bertold die Hand als einem Verwandten dem sie sich freute verbunden
zu sein Der Kaiser blickte sie befremdet an und fragte »Wäre dies wohl einer
meiner lieben Vettern aus Bayern den ich noch nicht kenne« »Ich meine es
sei Herr Joachim kurfürstliche Gnaden von Brandenburg unser künftiger lieber
Herr Vetter« »Wir irren liebe Tochter« antwortete der Kaiser »dort reiten
Seine Liebden von Brandenburg Wer seid Ihr guter Herr« fragte er Bertold
Und Bertold antwortete noch freundlicher von dem Händedruck erwärmt »Der
glücklichste Bürgermeister aus Waiblingen« »Nun du ehrlicher Schwabe« sprach
Maximilian »Gott segne dir den Händedruck meiner schönen Schwestertochter bei
deiner Frau«
In dem Augenblicke bewegte sich der Wagen fort und Bertold versank in ein
stummes Nachsehen nicht allein weil er gewünscht hätte der Augenblick möchte
immer und ewig währen sondern auch weil es ihn recht kränkte dass er noch
keine Frau besitze Aber kaum waren die sechs Prachtwagen die dreihundert
bayrischen Ritter mit ihren Reisigen und Trabanten vorüber so riss der
unglaubliche Volksstrom den Bürgermeister aus den Gedanken und mit sich fort
nach dem Felde an der Stadt Jedermann wollte der Trauung in der Ulrichskirche
beiwohnen nur Bertold wusste nichts von der Ursache dieser Eile und widersetzte
sich dem Drange um Fingerling zu erwarten der unbemerkt schon früher von ihm
fortgetrieben war Den Fussgängern widerstand er auf seinem starken Rennpferde
aber die Reiter die nachfolgten zogen ihn unwiderstehlich dem Tore zu umsonst
lavierte er von einer Seite zur andern wie ein Schiff das mit halbem Winde
fährt die Volksmenge trieb ihn fort wie ein höheres Geschick Am Tore stieg
der Drang aufs höchste denn die kaiserlichen Trabanten hinderten den Eintritt
damit Julia Peutinger das geehrte vierzehnjährige Kind des Stadtschreibers
ihre lateinische Rede an der Spitze vieler hundert weiß gekleideter Jungfrauen
Augsburgs ungestört vor der Braut halten konnte Kaum war die Rede geendet das
Kind im Wagen der Braut aufgenommen die vornehmsten Jungfrauen in die nächsten
Häuser zur Sicherheit gebracht während der Brautzug hereinfuhr so schloss sich
das Tor mit vieler Gewalt und die neugierige Menge war wie ein Feind
ausgeschlossen Gleich verbreitete sich der gute Rat unter dieser Menge ans
nächste Tor zu eilen um dort noch zur Kirche zu gelangen Da war aber große
Eile wegen des Umweges nötig und um so ärger wuchs das Gedränge Reiter
stürzten Wagen warfen um niemand kümmerte sich darum am schlimmsten ward
einer Schar der weiß bekleideten Jungfrauen mitgespielt die nicht Zeit gehabt
hatten sich in die Stadt zu flüchten auf ihren weißen Kleidern war der Schmutz
der bespritzen Wagen und stampfenden Rosse deutlicher zu erkennen als auf den
dunkelfarbigen oder bunten Mänteln Während der Donner des Geschützes von den
Wällen die übrige Menge immer wilder nach der Mitte des Festes hintrieb fand
Bertold sich immer lebhafter von Mitleid gegen die Verunglückten hingezogen
die um ihre Hoffnungen betrogen Schmerz statt Lust eingetauscht hatten dort
hob er einen Gestürzten aufs Pferd hier half er einem Wagen aus dem Graben
heraus und sah sich dabei nach Fingerling aber vergebens um Bei dieser
Geschäftigkeit hatten sich die Leute verlaufen es wurde ihm tausend Segen
gewünscht aber die Trauung war inzwischen vorüber gegangen das bezeichnete der
neue Donner des Geschützes von den Wällen wie ihm einer mit Bedauern sagte
Verdriesslich seinen Freund nicht finden zu können der in seinem Mantelsack
alle Empfehlungsbriefe an Handelsfreunde trug noch verdrießlicher dass an ein
Unterkommen in Wirtshäusern wie ihm jeder versicherte jetzt gar nicht zu
denken ließ er sein Pferd langsam den Fußstapfen der Menschen nach dem andern
Tore hin folgen Schluchzend weil sie sich einsam glaubte ging da eine hohe
Jungfrau von kräftigem Wuchse und besah mit Trauern ihr Kleid an welchem die
eine Seite ganz zerrissen und beschmutzt wie eine Trauerfahne erschien Bertold
fühlte sich vom Mitleide hingezogen er ließ sein Pferd etwas schneller gehen
dass er fast an ihr vorbeigeritten wäre wenn ihn nicht die schönen blauen Augen
festgehalten hätten die gleich Vergissmeinnicht am Bache ihre äußersten Blätter
eintauchten und mit Tropfen füllten ehe sie ihm beschämt gesehen zu sein die
langen vierfachen Flechten des dichten gelbbraunen sanft gekrausten Haares
zugewendet hatte Jetzt konnte er so recht mit müßiger Lust beschauen die
Wölbung des Nackens die breiten Schultern die schlanken Hüften die weißen
runden Arme vielleicht zum erstenmal der Sonne entblößt während die Hände von
ihren Strahlen gebräunt waren die zierlichen Füße mit hohem Spann den edlen
Gang in der Bewegung aller Falten die gleichsam von einem edlen Tanze
widerhallten Noch saß der Kranz von mancherlei Feldblumen freudenstolz auf dem
Haupte der Betrübten deren Angesicht sich in dem Rosenbusch versteckte welcher
die Mitte des keusch geteilten Busens bezeichnete Da war kein Mangel kein
Überfluss sondern in dem Ebenmass ein rechtes Bild menschlicher Zufriedenheit
alles schien an der hohen Jungfrau fest und beweglich zugleich nirgends Zwang
alles eine schöne Gewohnheit der verhältnisreichen Gestalt Er hätte so gern ihr
Antlitz gesehen und besann sich auf eine Frage aber er fand keine so ritt er
stumm an ihrer Seite wendete sich zu ihr und wieder von ihr ab wie eine
Wetterfahne bei streitendem Winde denn Apollonia fiel ihm ein aber so blass wie
der Mond am Tage gegen diese neue Sonne seines Lebens Er hätte weinen mögen mit
ihr und musste sich freuen denn alles lebte in ihm mit Freude an der Welt in
solchen Augenblicken der Bestimmung zeigt sich Gott in der Herrlichkeit seiner
Welt wie auf dem Throne jedem nach seinem Masse So kam wie eine höhere Gabe
ein Zutrauen in Bertolds Seele dass er mit ernster Stimme zu der Jungfrau
sprach »Ich kann Euch gewiss helfen« Sie sah ihn an schüttelte mit dem Kopfe
und sprach mit Schluchzen das gegen ihren Willen wieder ausbrach »Kein Mensch
kann mir helfen die Leute haben mir im Gedränge das Kleid zerrissen was fange
ich an wir haben es zum heutigen Tage geliehen« Bei diesen Worten sah sie
von neuem den großen Riss und musste wieder weinen und jammerte über die Schläge
die sie von der Mutter erhalten würde obgleich sie keine Schuld bei dem Unfall
hätte es müsse einer im Gedränge mit der Degenschnalle eingehakt sein
Bertold versprach die Mutter zu besänftigen er werde ihr den Drang und die Not
am Tore berichten »Ihr kennt sie nicht« sagte das Mädchen »auch hatte sie mir
alles voraus gesagt aber meine Lust die fürstliche Braut zu sehen war allzu
groß und dass ich sie gesehen habe ist mein einziger Trost bei dem Unglück«
Und nun erzählte sie von dem Einzuge und schien ihr Unglück etwas zu vergessen
bis sie an Häuser kamen und sie dem Bürgermeister das niedrige Dach ihres Hauses
zeigte da wollte sie in Angst keinen Schritt weiter tun sondern sich hinter
dem steinernen Brunnenbecken verstecken
Bertold fasste seinen Entschluss ritt voran nach dem Hause und bat die
Jungfrau langsam nachzukommen indem er sich den Namen der Mutter welche Frau
Zähringer hieß von ihr sagen ließ Er klopfte an das Haus und hörte sie im
Hause schelten wer sie schon wieder stören wolle gleich trat auch eine rüstige
Frau heraus etwas stark doch ohne davon beschwert zu sein und vom Ansehen
jugendlicher als sich bei einer erwachsenen Tochter vermuten ließ Sie hatte
wahrscheinlich am Webstuhle gesessen denn sie hielt noch ein Schiff in Händen
und fragte mit Ungeduld was Bertold wolle Das Ansehen die Stimme noch mehr
erinnerten Bertold an etwas Bekanntes inzwischen achtete er nicht darauf
sondern brachte seine Entschuldigung der langsam sich annähernden Tochter in der
Art vor er sei beim Einzuge auf die Tochter gedrängt worden und habe ihr ohne
bösen Willen mit seinem Sporn das Kleid zerrissen er biete ihr einen Gulden zur
Sühne und diesen Gulden reichte er ihr zugleich dar Der Anblick des Geldstücks
löschte alle Zornglut der Mutter sie schalt die Tochter dass sie sich nicht
mehr in acht genommen sie sagte Bertold dass er nicht hätte reiten sollen
wenn er sein Pferd nicht zu führen verstehe endlich versicherte sie aber doch
weil er sie so höflich angesprochen wolle sie diesmal nicht schmälen doch sei
es zu viel was er ihr biete sie wolle das Stück verwechseln lassen und ihm das
zuviel herausgeben »Vielleicht brauchet Ihr mir nichts wieder zu geben«
sprach Bertold darauf »wenn Ihr eine Bitte von mir erfüllen könntet mich für
heute in Eurem Hause zu beherbergen die Wirtshäuser sind gefüllt und alle
Empfehlungen an Handelsfreunde hat ein Freund von mir bei sich den ich im
Gedränge aus den Augen verloren habe« Die Mutter sah ihn bedenklich an und maß
ihn vom Kopf bis zum Fuße »Ich glaube Euch wohl« sprach sie »dass Ihr in der
Stadt kein Unterkommen finden würdet waren doch schon gestern alle Herbergen
besetzt aber ich kann Euch nicht ins Herz sehen was Ihr für einer seid und in
dieser Zeit ist jeder auf seiner Hut es schwärmt viel loses Gesindel umher und
wir wohnen hier einsam« »Liebe Mutter« sagte die Jungfrau »er meint es
gewiss ehrlich was hätte ihn sonst bewogen meinen Schaden auf sich zu nehmen«
»Ich habe kein Haus das sich zum Herbergen für Mann und Ross eignet« sagte
die Mutter »Im Stall ist wohl noch Platz« sagte die Tochter »so auch in der
Giebelstube« »Aber wer seid Ihr« fragte die Mutter »Ich bin Bertold der
Bürgermeister aus Waiblingen« Bei diesen Worten sah die Mutter ihn genauer an
indem sie die Hand gegen die Sonnenblendung richtete schwieg einige Augenblicke
und sprach »Tretet ein es sollte nun einmal so sein seid willkommen Anna
soll für Euer Ross sorgen ich kann mich schon schützen gegen Euch wenn Ihr
etwas Übles wollt« Bertold dankte aber er gab nicht zu dass die Tochter sein
Pferd führte er selbst führte es sattelte es ab hatte noch etwas Futter bei
sich und füllte ihm die Krippe Dann ging er mit dem Felleisen ins Haus wurde
in das reinliche Wohnzimmer geführt wo zwei Leinenwebstühle standen Er
beschaute in der Verlegenheit die kleinen Bilder an der Wand und fand ein Bild
von Waiblingen in deren Mitte befestigt Die Mutter antwortete nicht auf seine
Frage wie sie zu dem Bilde gekommen sie schien beschäftigt Bald rief sie ihn
zum gedeckten Tische wo ihm die Tochter mit ihren runden Armen die gleichsam
mit weißen Haaren bestäubt waren einen guten Hirsenbrei aufsetzte und eine
hölzerne Kanne mit Bier dabei hinstellte und ihn zum Essen nötigte nachdem die
Mutter den Segen darüber gesprochen hatte
Dritte Geschichte
Der Becher
Das kleine Mahl war längst verzehrt und noch immer wurde von den
Merkwürdigkeiten des Reichstags und von den Festlichkeiten welche die
Vermählung feiern sollten gesprochen Die Jungfrau Anna konnte ihre Vorliebe
für die ritterlichen Spiele für das Gesellenstechen das am andern Tage gegeben
werden sollte nicht verbergen obgleich sie nie etwas der Art gesehen und eben
so wenig von dem Wesen dieser Spiele gehört hatte Da fühlte sich Bertold recht
im Mittelpunkte seiner Kenntnisse Tage lang hatte er an einzelnen kunstreichen
Stücken die von den Stechen erzählt wurden spekuliert sie zu zeichnen sich
bemüht auch alle Gesetze und Gewohnheiten der Turniere mit seinem Freunde
Rüxner gemeinschaftlich gesammelt sein Gedächtnis bewahrte ihm jedes berühmte
Turnier und die Namen derer welche Preise gewonnen hatten Er unterrichtete die
Frauen von dem hohen Altertume der Kampfspiele unter den Deutschen die nicht
wie bei andern Völkern der alten Welt als ein müssiges Schauspiel für die größere
Menschenzahl sondern als eine allgemeine Belustigung aller ritterlichen Männer
geachtet wurden bei welcher nur Frauen als Zuschauer zu beachten waren »Vor
allem war das Rennen mit Spiessen immerdar hochgeehrt« sagte er »und der große
Kaiser Heinrich der Vogler hat zuerst einen großen Reichsverein darin gestiftet
den Adel gegen Verwilderung zu schützen und ihn dem übrigen Volke als Vorbild
aufzustellen Wer gegen den christlichen Glauben Untreue erwiesen gegen des
Reiches Beste gefrevelt Frauen entehrt die Ehe gebrochen hatte wer meineidig
und siegelbrüchig erkannt wer feldflüchtig erfunden aus Feigheit oder Verrat
wer gemordet wer Kirchen Witwen oder Waisen beraubt hatte wer Wein oder
Getreide gegen die Kriegsordnung zerstört wer ohne Grund und Kriegsordnung
befehdet und Strassenräuberei getrieben hatte sollte sein Pferd verlieren und
auf die Schranken des Turnierplatzes gesetzt werden Diesen Gesetzen fügte
Meister Philipsen des Kaisers Schreiber noch zweie hinzu nämlich dass auch die
ausgeschlossen wären die sich mit der Kaufmannschaft abgegeben und die ihren
Adel nicht mit vier Ahnen beweisen könnten« »Bei uns hätten die Reichen dem
Meister Philip die beiden letzten Gesetze nicht zugegeben« meinte Frau
Zähringer »jetzt werden die reichen Fuggers höher geachtet als tausend adlige
Heckenreiter die hier außen in den Vorstädten den Juden ihre Beute verkaufen«
»Meine gute Frau« sagte Bertold »als jene Gesetze angenommen wurden hatten
sie gewiss ihren Grund der Adel durfte sich nicht in fremdartigen Geschäften
zerstreuen der nahen Reichsfeinde gabs zu viele auch musste er sich für ein
geschlossenes Ganze im gewissen Sinne halten sollte er anders der Ehre sich als
Opfer bringen Demnach konnte der Kaiser wohl den Adel verleihen aber erst die
in mehreren Geschlechtern geprüften Abkömmlinge erhielten das volle Recht des
Adels Darauf haben die Zünfte der reichen Städte ähnliche Turniere bei sich
eingerichtet und seit Jahren schon sind die großen Turniere der vier deutschen
Lande ins Aufschieben gekommen So wechselt alles gar seltsam was nicht nach
der Zeit sich richten oder die Zeit überwältigen kann Statt die andern
deutschen Lande wie sie aufblühten in gleiche Rechte mit den früher Geordneten
einzusetzen statt eines freundlichen Verkehrs und Zusammenhaltens mit den
Städten trennte sich alles in herkömmlichem Stolze Wir werden noch mehr
erleben bald meinen die Bauern Fürsten zu sein geben keinem mehr eine
freundliche Antwort man braucht sie nur anzusehen so gehen einem die groben
Knollfinken zu Leibe Der Bundschuh in der Fahne der Speierschen Bauern im
Aufruhr bezeichnete dass sie ihn so hoch ehrten wie eines Ritters Stiefel mit
dem güldnen Sporn dieser Aufruhr ist gewiss nicht der letzte gewesen besonders
in den geistlichen Landen wo die Last doppelt drückt und weltlicher Prunk mit
geistlichem zusammen bestritten werden soll« »Ja« sagte Frau Zähringer
»wenn ich so einen Bettelmönch aus dem Bistum sehe wie er mir mein sauer
verdientes Brot abtrotzt um es nachher für Wein in der Schenke zu verhandeln
da möchte ich ihm mit meinem Bundschuh gern auf die Platte schlagen und mit den
Bauern rufen Was ist das für ein Wesen Vor Mönchen mag keiner genesen«
»Sonst war alles anders« fuhr Bertold fort »das strenge arbeitsame Leben
dieser Mönche befriedigte zu Hause alle ihre Bedürfnisse und nur wenn sie mit
geistlichem Troste zu den Leidenden umher gingen bedurften sie eines geringen
Unterhalts der kaum bemerkt wurde gegen die Fülle höherer Unterhaltung die ihr
Wort verbreitete«
Während dieses Gesprächs war die Tochter die in der vorigen Nacht
arbeitsvoll und erwartungswach nicht zum Schlafe gekommen war auf ihrer Hand
eingeschlummert dem guten Bertold gegenüber der mit scheuem Vergnügen auf die
von Schlaf und Traum lebhaft bewegte heftig atmende Jungfrau hinblickte denn
alles war gut an ihr wie in der Welt nach den Schöpfungstagen »Dass dem lieben
Kinde nur nicht die Hände einschlafen« sagte er endlich in Verlegenheit »sie
liegt damit an der scharfen Kante des Tisches und klemmt ihr Herz ein es
scheint ihr sehr heiß« Die Mutter nahm ein Näpfchen mit Weihwasser sprengte
damit über die Brust des Mädchens dass diese aufschreckte und rief dann dass ihr
der Segen wohl bekommen möge nach dem Schlafe »Ich habe nicht geschlafen«
sagte Anna »ich hörte noch von dem Stechen und wie der fremde Herr
Bürgermeister den Preis und Dank gewonnen hat wie er ihn mir darreichte und wie
ich darüber so glücklich war« Die Mutter verlachte ihre Einbildung aber dem
Bürgermeister war das Blut glühend heiß in die Stirn getreten Anna hatte mit
dem Traume die vieljährige Sehnsucht seines Herzens zu Worte kommen lassen der
er so lange nur heimlich nachgehängt weil sie während seiner Schwäche als
Wahnsinn erschienen wäre Er konnte dem innern Drange dem äußern Rufe zugleich
nicht widerstehen er musste es wieder bestätigen dass jeder Mensch früher oder
später einmal ausrasen muss er rief dass er beim heilgen Georg für die edle
Jungfrau eine Lanze brechen müsse der Himmel werde es fügen dass er den Traum
wahr mache ihr sei der Preis verehrt Nun bedauerte er keine seiner Rüstungen
mitgebracht zu haben aber Anna erzählte ihm von einem Waffenschmidt in der
Nähe der immer dergleichen in Vorrat zum Verleihen habe nur die Mutter warnte
ihn sich in acht zu nehmen es seien geschickte Stecher in Augsburg Die
Warnung befeuerte seinen Mut jetzt erst freute er sich Fingerling aus den
Augen verloren zu haben der hätte ihm Hindernisse in den Weg gelegt was die
Mutter einst dazu sagen würde brachte er aus dem Kopfe und freute sich nur wie
er für Alma sein Leben an das Ungewohnte setze
Schnell beurlaubte er sich von Mutter und Tochter und dachte zum
Waffenschmidt gehend Für einen Reiter der mehr auf dem Pferde als auf der
Erde mehr in der Rüstung als im Schlafrock gelebt hat ist es ein kleiner
Dienst seiner Jungfrau zu Ehren ein Rennen einzugehen etwa nicht mehr als
wenn ich mich anheischig machte ihr ein Liederbüchlein schön abzuschreiben wer
aber wie ich mehr auf der vierbeinigten Bank oder im Krankenbett als auf dem
Ross und auf der Burg gelagert war wer wie ich kein junger Wagehals mehr ist
wer wie ich vieles kennt was ihm lieb und wichtig ist und eine warnende
Mutter stets vor sich sieht der mag sich dieses Dienstes wegen ehren er opfert
ihm alles was ihn so lange betätigte und beengte
So kam er an zwei Läden deren einer mit weiblichen reichen Tanzkleidern in
Gold und Silber der andre mit schwarzen eisernen Harnischen angefüllt war
alles zur Wahl für diese Tage wo Tanz und Stechen mit einander wechselten in
heller Beleuchtung zum Kauf und Leihen ausgestellt Da sah er sich erst
zweifelnd nach beiden um und beide Verkäufer nötigten ihn mit guten Worten
einzutreten indem er bei sich bedachte welches von beiden der Frauenschmuck
oder die Männerwaffen mehr Heil und Ehre mehr Unheil und Schande bereiteten
Er fühlte sich stark genug beides Heil und Unheil zu ertragen ging erst in
den Laden mit kostbaren Tanzkleidern und wählte eins das nach seinen Gedanken
der schönen Anna besonders gut stehen müsse ließ es in eine saubre Schachtel
einpacken zahlte und trat dann zu dem Waffenschmidt Der Meister sah ihn
seltsam an dass er zum Stechen eine Rüstung begehre denn Bertold war wohl von
hohem Wuchse aber in dem Stubensitzen und Kränkeln etwas dünnlich angewachsen
obgleich er jetzt in seiner Art wohl aussah »Es gibt hier starke Renner glaube
kaum eine Rüstung Euch leihen zu können die gut schließt« sagte der Schmidt
Somit rasselte er unter allem alten Vorrat herum der an der Seite auf einem
Haufen lag und schrie endlich »Gefunden ein rechtes Prachtstück in alter Art
mit silbernem Blumenwerk ausgelegt etwas eingerostet zwar aber dafür seht Ihr
eine Merkwürdigkeit an ihr die soll einem Hohenstaufen gehört haben ich
tauschte sie von einem Hohenemser Grafen ein der dafür eine nach neuem
Zuschnitt annahm die fest gegen Büchsenkugeln« Da griff Bertold mit Eifer zu
lieh sie nicht sondern gab gleich den geforderten Preis zog sie an sie passte
und er gelobte heilig seinen Ahnen keine Schande zu machen
Rasselnd in der Rüstung die Schachtel in der Hand während ein Knabe des
Schmidts ihm die Pferderüstung samt dem Speer nachtrug trat er an die kleine
Türe des lieben Häuschens wo er nicht zu klopfen brauchte da Anna aufmerksam
am geöffneten Fenster seiner geharrt hatte Er nahm dem Knaben alles ab und trat
mit freundlichem Gruße zur Frau Zähringer die bei hellem Lampenschein an ihrem
Webstuhl arbeitete »Sollte ich mich doch fast vor Euch fürchten« sagte Frau
Zähringer »erst kamet Ihr friedlich nun in Waffen aber ich habe die Furcht
überstanden habe oft während des Kriegs mein kleines Haus mit den Waffen
schirmen müssen und der selige Mann gab mir manchmal seine Wehr wenn er zu müde
war hinaus zu treten und nach den Fremden zu fragen« »Ich komme wie ein
Kriegsmann der den Frieden erkaufen möchte« sagte Bertold »seht dieses
seltsame Kleid habe ich gekauft versucht doch Anna ob es Euch passt die
welcher ich es verehren werde hat gleichen Wuchs mit Euch« »Gewiss Eure Frau«
fragte Frau Zähringer nahm ihrer Tochter den gefalteten hoch stehenden Kragen
ab zog ihr das Jäckchen aus dass Bertold den schönen vollen Hals und Nacken
und die sanften Umrisse des Rückens mit selig staunendem Blicke wie ein neu
entdecktes Paradies in bekannter Gegend umspannte und die Antwort vergaß »Eure
Frau kann mit dem Kleide zufrieden sein« sagte Frau Zähringer »nie sah ich
schöneren Silberbrokat die Rosen sind recht natürlich darin gewirkt und gar
köstliche Spitzen im Besatz« »Meine Frau« antwortete Bertold aus dem Traum
aufschreckend »ich habe keine Frau ich habe nur eine Mutter der ich es
verehren wollte« »Diese Rosen schicken sich nicht für eine alte Frau« sagte
Frau Zähringer während sie sich über Anna innerlich freute die einer Kaiserin
gleich mit ernst frohem Angesicht in der ungewohnten Pracht auf und nieder
stolzierte als folge ihr ein ganzer Hofstaat zur Vermählung »Es passt mir
gut« sagte Anna »mag es Eurer Mutter eben so gut sitzen« Mit diesen Worten
legte sie es wieder ab wie es ihm schien ohne Neid denn auch das schönste
Kleid war nicht wert so viele kräftige Schönheit zu verstecken die sie so
wenig erkannte als versteckte sondern unbekümmert wie bei ihrer täglichen
Arbeit im knappen Leibchen sich neben dem Geharnischten an den Webstuhl setzte
wo dieser in spielender Freundlichkeit sich anstellte als ob er auch die
Weberei lernen wollte dabei erzählt er wie viele Webstühle er beschäftige
ohne selbst etwas davon zu verstehen und erkundigte sich nach der Gelegenheit
seinem verlorenen Freunde Fingerling am andern Morgen nachzuspüren dem er die
Leitung dieses Geschäfts hauptsächlich danke Frau Zähringer versprach sich
selbst in den Gastäusern und Herbergen am andern Tage nach ihm umzusehen denn
Anna mochte sie in dem Drange nicht dahin schicken und Bertold möchte sich
nicht überall zurecht finden Während dieses Berichts nickte Anna mehrmals auf
Bertolds Schulter ein und fiel gleichsam in einen Kuss gegen seine Wange ohne
dass sie es wollte deswegen trieb Frau Zähringer den Ritter in die Giebelstube
dass alle ihre Ruhe fänden Welche selige Träume senkten ihren vielfarbig
blühenden Mohn über den müden Ritter auch Anna träumte und die Mutter auch die
lange nicht geträumt hatte
Früh war er auf sein Ross tüchtig auszufüttern das an den vielen
Liebkosungen zu merken schien es solle nach langer Abwesenheit wieder einmal
die Rennbahn betreten den Kopf stolz hob und mit den Vorderfüssen arbeitete als
gehe es schon in den Schranken Dann ging er in die nahe Kirche zur Frühmesse
mehr in Erinnerung ritterlicher Gewohnheit als aus Andacht denn seine Gedanken
waren ganz allein auf Anna hingerichtet und obgleich wohlgemeint doch nicht
heilig zu nennen Ob er sie heiraten solle ob sie ihn wolle ob sie nicht zu
jung sei ob er ihr gleich seine Hand anbiete ob er prüfend warte das
schwirrte ihm so im Kopfe umher dass er nicht auf eignen Rat sich verlassen
wollte sondern die Vorsehung anzusprechen beschloss indem er eine Münze für den
Opferstock aus seinem Beutel nahm Er hatte sich dies als Kind schon in
zweifelhaften Fällen angewöhnt er warf die mit einem Kreuz auf der einen Seite
bezeichnete Münze in die Höhe fing sie in der flachen Hand auf und war diese
heilig bezeichnete Seite oben so billigte der Himmel seinen Vorsatz Auch
diesmal erhielt er dreimal das Kreuz hinter einander somit blieb ihm kein
Zweifel dass er um Anna bald anhalten müsse Er ging mutig heim waffnete sich
und ließ sich von Anna einen Kranz auf die Lanze stecken dann ritt er von einem
gemieteten Knecht begleitet nach dem Weinmarkte wo die Schranken eingerichtet
waren Die Grieswärtel machten ihm in dem Gedränge Platz und er ritt hinter die
Seile wo seine Waffen von den Turniervögten untersucht und untadelig gefunden
wurden Dann wurde sein Name aufgezeichnet und er in die innern Schranken
gelassen Die Pracht des Anblicks blendete ihn einen Augenblick nie hatte er
einen solchen Haufen geharnischter Reiter so viele hochgeschmückte Frauen
beisammen gesehen Wie kann ich da siegen dachte er bescheiden in sich aber ich
kann doch zeigen dass ich für Anna alles wage so dachte er weiter Bald ward
unter den Frauen ein stürmisches Bewegen jede suchte sich höher zu stellen das
Stechen verkündete sich durch ein betäubendes Geschmetter aller Trompeten Der
Kaiser ritt jetzt mit geschlossenem Helme durch die Schranken machte aber nur
eine zierliche Wendung gegen Markgraf Kasimir der ihm folgte als ob er sagen
wollte er möchte wohl aber könne nicht stechen und reihete sich dann mit allen
Fürsten und Herren die seinem Beispiele folgten hinter den Schranken der einen
Seite Als nun die Herren das Stechen abgelehnt hatten so begann das
Gesellenstechen auf ein Zeichen des Ehrenhalts nach welchem die Seile welche
die Kämpfer zurückgehalten von den Bahndienern mit scharfem Beil zerhauen
wurden Je sechs und sechs wurden nun immer aufgerufen und ritten gegen
einander Das waren nun meist tüchtige Männer wie sie das Handwerk bildet aber
nur wenig geschickt und ermässigt die meisten gaben mehr auf die Derbheit des
Anlaufs als auf die Richtung und auf die Benutzung der Blöße des Gegners so
dass der Kaiser der in allem Meister war oft herzlich über das Ungeschick
lachen musste wenn gewöhnlich alle zusammenstürzten Die dritte Reihe berief
auch Herrn Bertold in die Schranken er empfahl sich dem Himmel und seiner Anna
und weil er wirklich sein Pferd sehr gut führte sein Pferd auch sehr gut
eingeritten war er sich außerdem die Art des Kaisers wohl gemerkt hatte so
zeichnete er sich gleich vor allen aus die bis dahin erschienen Es geschah
bald seinetwegen Nachfrage unter den Frauen sein Glück aber erreichte den
Gipfel als ein Fleischer mit Namen Kugler in solchem Ungestüm gegen ihn
anrannte dass dessen Spieß abgleitete und der Schwankende ohne große Gewalt von
ihm abgeworfen wurde während er sich unerschüttert hielt und gegen einen
zweiten rannte der schon von einem abgeworfenen Gegner bügellos gemacht war
Auch dieser fiel und da inzwischen die andern einander herunter gestoßen
hatten so war er der erste der als Sieger aus einer Reihe blieb und
aufgezeichnet wurde Von seinem Glücke erfüllt sah und hörte er nicht was
weiter auf der Bahn geschah sein Geschick war entschieden und er konnte ruhig
warten wenn auch einer noch mehrere niederrannte einer der Preise musste ihm
werden Am Schluße des Rennens wurde ihm von der neu vermählten Markgräfin ein
silberner Becher mit silbernen Denkmünzen ausgelegt als Preis überreicht sie
erkannte ihn wieder gab ihm die Hand zum Kuss und sprach »Ei ei hätte ich Euch
doch nicht angesehen dass Ihr ein so starker Renner seid« Kaum hatte er seinen
Dank gesprochen so trat ihn ein Bote des Kaisers an und nötigte ihn zum
Mittagessen An den Schranken war ihm eine neue Freude bereitet hier umhalste
ihn Fingerling der in Kraft der Empfehlungsschreiben bei Fugger die Nacht
geherbergt hatte ihn ausrufen hörte und nun auf ihn wartete Kaum konnte der
gute Alte seinen Jubel mäßigen dass solche Ehre über Bertold gekommen zugleich
berichtete er ihm dass ein Bette für ihn im Hause Fuggers bereitet sei und was
er für Angst ausgestanden seit er ihn im Gedränge aus den Augen verloren hatte
Bertold ging mit ihm auf dieses Zimmer zog dort seine Rüstung aus erfrischte
sich mit Wein erzählte wie gut er aufgenommen sei vertraute Fingerling seine
Liebe und bat ihn mit dem Becher zur schönen Anna zu gehen ihr zu sagen dass
er nur für sie gewonnen sei dass er zu alt wäre um seine Entschlüsse lange
aufzuschieben sie möchte entscheiden wolle sie ihm geneigt sein sie möchte
den Becher ans Fenster stellen damit er vorübergehend sein Glück erkenne und in
ihr Haus eingehe oder im Falle sie ihn meide für immer vorübergehe sich den
Schmerz und ihr die Verlegenheit zu ersparen Zwar wollte Fingerling mit
allerlei Rat auftreten dass Rom nicht in einem Tage erbaut die Welt nicht in
einem Tage erschaffen sei weil Eile mit Weile auch bei Gott und den
Weltgeschicken gelte aber der junge Hohenstaufen sprach aus Bertold mit
heftigem fast befehlenden Drange und Fingerling unterwarf sich als ein
ergebener Schneider So war diese Herzensangelegenheit zu einer Entscheidung
gereift Bertold fühlte sich leichter als wäre etwas abgetan und ging mit
einer frohen Zuversicht nach dem Fuggerischen Saale wo der Kaiser diesmal die
großen Tafeln hatte einrichten lassen
Gleich beim Eintritt als der Ehrenhalt seinen Namen nannte begrüßte ihn
Marx von Treitssauerwein des Kaisers Schreiber in griechischer Sprache er
hatte mit ihm schon längere Zeit über einige Komödien des Menander gebrieft die
damals noch in einem schwäbischen Kloster vorhanden waren aber bald darauf von
einem hypochondrischen Abte verbrannt wurden Es war ein freundlicher
behaglicher Herr wohl beleibt und den Freuden der Tafel ergeben wenn er seine
Geschäfte wohl erfüllt zu haben glaubte Bertold musste sich zu ihm an den Tisch
setzen und sie kamen im Gespräch bald auf den Kaiser beide liebten und ehrten
ihn aber beide hatten genug deutsche Wahrheit in sich durch keine Freude an
Menschen sich blenden zu lassen sondern das Menschliche in allem Gegenwärtigen
zu erkennen und nur aus der Vergangenheit sich Strahlenbilder fleckenloser
Vollendung zum Vorbild dieser Gegenwart aufzustellen Der kaiserliche Schreiber
bedauerte dass das Schauen von unnützen Prachtzügen von Jagden und Fischereien
dem Kaiser so viel Zeit genommen habe es würde sonst mehr fürs Wesentliche
geschehen Bertold gab es zu doch rühmte er es aus seinem Gefühle wie innig
ihn die Nähe des Kaisers bei dem heutigen Spiele mit ihm verbunden habe wenn
die Kaiser so leicht die Ergebenheit der Menschen sich gewinnen könnten so sei
es nicht verlorne Zeit zu schelten die sie darauf verwendeten »Vielleicht«
sagte er »würde der deutsche Adel sich auch viel eher in die gute Ordnung
fügen wenn der Kaiser seine großen Turniere mehr begünstigte sie in seiner
Gegenwart halten ließe« »Falsch« sagte Treitssauerwein »da es unsre geheime
Absicht ist den Bürgerstand empor zu bringen so müssen solche Versammlungen
des Adels gemieden werden Ihr kennt wenig unsern Adel der steht ein paar
Jahrhunderte zurück ich meine den auf dem Lande der denkt noch an die
Kreuzzüge und an die Hohenstaufen meint niemand über sich als Gott und die
Wahrheit was ist damit bei der jetzigen List und Verruchteit in allem Verkehr
anzufangen Die Neuerungen der Landfriede die ihnen jetzt über den Kopf
weggenommen werden weil sie vereinzelt sind alles das ginge zum Teufel wenn
die Kerls mit einander zur Sprache kämen Der Kaiser steht hoch über der Zeit
er hat die Welt kennen gelernt hat sich wie eine Erdbeerpflanze an zehn Stellen
eingewurzelt in Spanien Portugal Ungarn Böhmen und das alles um sich gegen
dies unser verwirrtes übermächtiges deutsches Adelsvolk und die Menge kleiner
Fürsten zu sichern es geht jetzt ins Große der Adel denkt nur ans Kleine
verachtet den Handel statt ihn zu nutzen verachtet das neue Kriegswesen und
kann doch mit seiner Art nur bei kleinen Zügen etwas wirken es möchte noch
jeder als Mensch bestehen während die Geschichte alles zu Nationen
zusammenfegt Was unser Maximilian und wir nicht erleben das kommt seinem Sohne
Karl zu Gute ihm gehört die Welt die Kirche macht er frei vom Papste darum
möchte der Kaiser ihm schon auf diesem Reichstage das Reich sichern Die
widersprechenden Kräfte müssen sich in Neid aufzehren die Fortschritte der
höchsten Gewalt im Auslande werden auch auf Deutschland einwirken und die
stolzen Fürsten Kirchen und Stadtäupter die wir jetzt dem Adel
entgegensetzen werden wie ausgepresste Zitronen in ihre Winkel geworfen wenn
sie unsre Rache gekühlt haben gegen diese übermütige Mittelgewalt die den
Kaiser kaum wie seines Gleichen achtet« Bertold sah verlegen nach dem Boden
und Marx fragte nach der Ursache »Soll ichs Euch sagen« sprach Bertold »der
Kaiser hat immer seine Plane zu weit gemacht so dass sie nirgends recht passen
wollten mit aller seiner Tapferkeit und Weisheit ist er in allen Kriegen
schlecht bestanden wie ist er von den Schweizern vernichtet worden Er kennt zu
viel fremde Sprachen und fremde Lande und hat darüber sein eigenes vergessen
ein Volk mag doch nur von dem glücklich regiert werden der seine Tugenden und
seine Fehler in sich gefühlt hat Der Kaiser sieht aber nur dessen Fehler durch
seinen Landfrieden hat er alle ritterlichen bisher geehrten Verhältnisse für
Strassenraub erklärt Volkssitte lässt sich nicht wie ein Wams umschneidern Der
Kaiser meint wenn der Adel unter sich friedlich lebte so könnte er ihn um so
eher gegen gefürchtete Fürsten aufhetzen aber die sich erst an ein
Zuhausesitzen wie die Bauern gewöhnt lassen sich eher von dem brauchen der
ihrem Hause am nächsten als von dem überall weit entfernten fremden Kaiser
Der Kaiser will sich ein unabhängiges Heer in den Landsknechten erziehen dass er
der Lehnsfolge entbehren kann er mag aber wohl bedenken dass er einen Haufen
ohne anders Vaterland als das wo es Geld gilt sich bildet und dass dieses
Heer jedem dienen wird auch dem Welschen wenn er sie bezahlt« »Wird der
Kaiser noch Papst« antwortete Treitssauerwein »so macht er aus den
Landsknechten einen geistlichen Ritterorden gibt ihm liegende Gründe in
Deutschland und Italien wer möchte ihm dann widerstehen das Papsttum macht er
erblich indem er allen Geistlichen das Heiraten erlaubt römisches Kaisertum
und römisches Papsttum ist dann unauflöslich verbunden der alte Spuk mit den
Hohenstaufen und ihren vermeintlichen Abkömmlingen die überall und nirgends
stecken sinkt wie die Stunde schlägt«
In diesem Augenblicke wurden sie durch ein Lärmen vor dem Fenster gestört
das Volk schrie und lachte alle traten an die Fenster Sie sahen Kunz von
Rosen den Hofnarrn des Kaisers der wie ein Huhn das Enten ausgebrütet hat
neben dem Brunnen umher lief in welchem drei Bettelmönche umher schwammen und
sich wie gebadete Mäuse heraus arbeiteten Kunz kam dann heran und erzählte mit
welcher Begierde die Mönche dem Essen zugesehen und auf den Zehen am Rande des
Brunnens gestanden hätten Er habe sich zu ihnen gestellt und getan als ob er
das Gleichgewicht verliere einer habe sich am andern fest gehalten einer den
andern hinein geworfen »so gehts den deutschen Fürsten bald auch« damit
schloss er »Aber wirst du auch Ablass bekommen« fragte Marx »Den habe ich
schon seht da in der Tasche auf eine Sünde die ich mir vorgenommen den hatte
ich eben von ihnen gekauft« antwortete Kunz »Der eine graue Esel predigte
heute so wie der Pfennig in des Papstes Kiste falle so müssten bei dem
Silberklange die Teufel eine erlöste Seele loslassen Ich antwortete ihm darauf
aus der Menge Der Papst sei grausam dass er bei seinem Reichtum nicht alle Tage
eine Million in den Kirchenkasten würfe dass es recht klappere er könne sie
alle Abend wieder heraus nehmen so hätte er keinen Schaden und die armen Seelen
hätten den Nutzen« Jetzt rief der Kaiser den Kunz ab und dieser tat so
eilfertig als ob etwas Wichtiges bevorstehe warf aber im Vorbeigehen ein
prachtvolles venedisches Trinkglas vom Kredenztische das der Augsburger Rat
dem Kaiser verehrt hatte Die Ratsherren sprangen erschrocken und zornig auf
viele nannten den hohen Preis des Glases andre suchten die Stücke auf als ob
sie das Glas wieder zusammen leimen wollten andre baten beim Kaiser den Narrn
zu strafen der sich so ungeschickt durch kluge Leute dränge Kunz warf sich vor
dem Kaiser nieder und fragte ihn ob wohl einer von diesen die sich für klug
hielten und ihn für einen Narrn so wie er zu ihm durch den Graben geschwommen
wäre ihn zu sehen ihn zu retten als er in den Niederlanden gefangen saß
Maximilian klopfte ihm freundlich die Backen und sagte »Mit den Narren ist
immer am meisten auszurichten in der Welt darum nimm den Titel für keinen
Tadel Ihr Herren beruhigt euch ich habe das Glas verloren aber ich will nicht
vergessen dass ihr es mir geschenkt habt Wäre es von Silber gewesen da könnten
wir die Stücke noch brauchen und doch kostet es so viel wie das feinste Silber
und das Geld kommt unsern Feinden den Venezianern zugute« Bei diesen Worten
merkten die Ratsherren dass Kunz nur ausgeführt hatte was seinem Herrn durch
den Kopf gegangen sie konnten nichts darauf entgegnen und der Kaiser hob mit
einem Trunk auf das Wohl aller Jungfrauen der Stadt Augsburg die Tafel auf
Diese Gesundheit trank Bertold mit Innigkeit herunter
Vierte Geschichte
Die Ringe
Ehe Bertold sich auf den Weg machte sein Geschick zu erfahren trat ihn
Treitssauerwein an und flüsterte ihm ins Ohr er möchte sich bereit halten am
nächsten Morgen mit dem Kaiser zu sprechen der ihn zu einigen Nachforschungen
ausersehen habe Bertold fragte bestürzt ob er sich vielleicht vorbereiten
könne auf diese Unterredung wenn er ihm den Gegenstand der kaiserlichen
Wissbegierde anzeigte Der Geheimschreiber meinte es würde wohl von den
versteckten Hohenstaufen die Rede sein für die unter den Bauern ein Anhang
gesammelt werde Mit diesem Worte entließ er ihn und Bertold ging doppelt
angeregt durch die Stadt zu den stillen Vorstadtgassen Als er sich dem kleinen
Hause näherte das mit Weinreben bezogen durch kleine Blumengärten vor den
Fenstern gegen Neugierde gesichert war da sah er am Fenster eine seltsame
zweifelhafte Erscheinung Er sah seinen Becher abwechselnd erscheinen und
verschwinden Lag dieses Glanzspiel in seinen Augen wallte die Luft von der
Sonne erhitzt Jetzt war er verschwunden und schon wollte er sich traurig zum
Stadttore zurück wenden da blickte er noch einmal nach dem Hause wie zum
Abschiede und sah den Becher vor dem Fenster Er nahte sich jetzt schnell und
sah dass Anna mit der Mutter und Fingerling am Fenster stand dass die Mutter den
Becher neckend zurückzog wenn jene beiden ihn hinaus gestellt hatten und seine
Sorge löste sich in lebhafte Freude Er sprang eilig ins Haus dass ihn keiner
bemerkte und lauschte nun durch die offene Stubentüre Die Mutter sagte Anna
sei jung und unbesonnen sie dürfe nicht gleich dem fremden Manne trauen keiner
wisse ob er nicht zehn Bräute habe sitzen lassen dann sei er auch älter wie
sie könne wohl eifersüchtig böse und herrisch im Hause sein und ihr die Armut
vorrücken weil sie ihm wenig mitbringe vielleicht wolle er sie nur als eine
dienende Krankenwärterin seiner späteren Jahre sich annehmen Aber Anna
schwor keiner könne das glauben der Bertold einmal recht angesehen habe sein
Antlitz sei von Ehre Ehrlichkeit Milde und Frömmigkeit erhöht und geläutert
dass er ihr jugendlicher scheine als Kugler und andre die so lange sich um ihre
Hand beworben hätten Sie schwöre bei der heiligen Radiana von Wellenburg in ein
Kloster zu gehen wenn die Mutter diese Vermählung dies vom Himmel ihr seltsam
bescherte Glück verhindern wolle Die Mutter antwortete darauf »Anna du hast
kein geistliches Blut du bist ein frisches Mädchen aus deinen Augen blicken
freudige Kinder darum magst du ihn heiraten wenn du nicht anders willst aber
ich hätte dir einen jungen Mann gegönnt dass euer überflüssiges Leben mit
einander aufgegangen wäre und dass nicht eines dem andern nachtrauern muss« »Du
weißt Mutter« antwortete Anna »die jungen Leute haben mich immer mit ihrem
Schöntun traurig gemacht als kämen ihre Worte nur aus böser Lust als würden
sie mich gern verderben wenn ich es zuliesse Bertold sagt wenig aber seine
Liebe sieht ihm aus den Augen er hat mich lieber als sich selbst ihm könnte
ich mein lebelang gern und treulich als Magd dienen wenn es mir versagt wäre
seine Frau zu sein«
Bertold trat jetzt gerührt zu Anna die etwas zusammen fuhr weil sie sich
belauscht sah nahm ihre Hand drückte sie an sein Herz und sprach »Anna du
hegst so fromme sanfte Wünsche du denkst so gut von mir es ist wahr was du
von meiner Liebe zu dir denkst wir werden glücklich sein wenn nur nicht die
Verschiedenheit unseres Alters uns so bald zu scheiden drohte Ach liebes Kind
daran bin ich jetzt zum erstenmal erinnert das hat mir noch keiner gesagt und
seit ich gesund worden fühle ich mich so frisch und lebenslustig wie damals
als mir das Geschick das erste Liebesglück entrissen« Fingerling der bisher
still geschwiegen wollte Bertold etwas mitteilen aber Anna ließ ihn mit den
Beteuerungen dass sie Bertolds Alter nicht wahrnehme dass ein Traum ihr gesagt
habe sie werde eher sterben als er nicht zu Worten kommen Endlich sagte die
Mutter »Es ist eine seltsame Geschichte und es muss wohl der Wille des Himmels
sein dass sich alles so fügen musste die Leute werden meinen ich hätte Euch
künstlich in mein Haus gelockt wie in ein Garn um mir einen reichen
Schwiegersohn zu erwerben Aber ich will es beweisen dass ich mich nähren kann
und nähren werde künftig wie jetzt von meiner Hände Arbeit« Als Bertold
diese trostreichen Worte vernahm da zog er von seinem Finger den Ring den er
einst Apollonia zu geben durch die Schrecken und Wonnen des stürmischen
Geschicks verhindert worden »Es ist ein bedeutungsvoller Ring den ich Euch
biete« sagte er »nur der sollte ich ihn verehren der ich mich auf ewig
verbinden wollte und Ihr erbt ihn von der die ihn nie empfing die mir früher
entrissen wurde ehe sie meine Liebe kannte der ich jahrelang vergeblich
nachgeseufzt und die ich in Euch wieder liebe und die mir nach dreissigjähriger
treuer Hoffnung sie zu finden bei Eurem Anblicke in einem Augenblicke
verschwunden ist« »Bin ich es wert« fragte Anna mit niedergeschlagenen
Augen »so lange gehegte Neigung zu verdrängen« »Wer kann Unschätzbares
messen« sagte Bertold »gibts in dieser seligen Fülle meines Herzens eine
Kränkung so ist es nur ein inniges Bedauern dass ich so lange einer andern
denken konnte Nimm den Ring Anna« Sie nahm den Ring und steckte ihn an ihre
Hand während sie schmeichelnd einen Ring der Mutter vom Finger zog und ihn
Bertold überreichte Bertold wollte den Ring küssen als seine Augen darauf
verweilten er mit einer Hand seine Stirne deckte als ob er sich an etwas
erinnert fühle während er ihn mit der andern dem Fenster näherte Endlich
sprach er als ob es ihm dämmerte »Ihn trug die Mutter sie gab ihn Apollonien
o sprecht wie kam dies werte Andenken an Euch« Jetzt konnte sich Fingerling
nicht länger halten er drängte sich vor und sprach in seiner lebhaften
Beweglichkeit »Warum wolltet Ihr mich nicht hören ich wollte es Euch
zuflüstern als Ihr eintratet es ist gewiss seltsam dass Ihr sie nicht erkannt
habt ich brachte es doch gleich heraus wie sich Menschen in dreißig Jahren
verändern groß war Apollonia aber wie ist sie so stark geworden das kommt von
der Arbeit so nahe war sie uns und wir schrieben an alle Handelsfreunde
vergebens« Bertold sah jetzt Frau Zähringer tief in die Augen und sprach
»Verzeihet mir ich kann dem guten Manne diesmal nicht glauben dass Ihr meine
Apollonia gewesen« Frau Zähringer wischte eine leichte Träne aus den Augen
und sprach »Der alte Name so lange nicht gehört wieder einmal von geliebten
Lippen ausgesprochen führt mir die ganze Reihe verlorner Hoffnungen und Wünsche
zurück Seid glücklich mit meiner Anna und habt Ihr mich je geliebt nun ist
nichts verloren was macht die grimme Zeit aus dem Menschen kaum kann ich mich
in die alten Tage zurück denken Ich habe Euch wohl nicht so geliebt wie Ihr
mich und wie Ihr es verdient hättet Anna ist mehr zärtlich und nachdenklich
als ich ich verliere mich bei jeder Tätigkeit ich dachte nicht in der
Unglücksnacht dass ich Euch entrissen werden könnte und doch habe ich mich hier
vermählt als der Vater starb ich hatte Euch keine Treue geschworen und ich
war hier einsam und verlassen«
Bertold unterdrückte mit einem Kusse jede Entschuldigung er glaubte sie
jetzt in jedem Zuge in ihrer Stimme wieder zu gewinnen er fand sich mit dem
Geschick des ganzen Hauses jetzt so mannigfaltig verflochten dass die Freude der
Verlobung von der Neugierde wie es der Mutter ergangen unterbrochen wurde im
Hintergrunde regte sich das Gefühl ob er ihr nicht Treue schuldig sei ob sie
seinem Alter nicht angemessener sei als die Tochter er fühlte sich zu beiden
gezogen aber den Widerspruch der darin lag fühlte er eigentlich noch nicht
Frau Zähringer machte ihn nun zum Vertrauten ihrer unglücklichen Geschichte
Ihr Vater hatte das kleine Haus das sie noch bewohnte unter anderm Namen
zum Zufluchtsort gekauft Kleider und Namen wurden geändert so entkamen sie
aller Nachforschung aber nicht der steten Angst verraten zu werden Alle
Anschläge des Vaters im Handel sein Glück zu begründen wurden durch die
Nichtswürdigkeit eines Vertrauten umgestossen der ihm das bei ihm niedergelegte
Geld nicht unter seinem jetzigen Namen ausliefern wollte Sein Stolz musste sich
herablassen er nährte sich mit Schreibereien während Apollonia alles zu nutzen
wusste was sie bei den Nonnen in Weberei und andrer wirtschaftlichen Arbeit
gelernt hatte Der Vater sank immer tiefer denn er übergab sein quälendes
Bewusstsein der Zerstreuung im Trunk und vernachlässigte seine Arbeit Der
trunkne Müßiggang führte ihn in das Haus einer bösartigen Witwe die ihn an sich
zog um Apollonien in ihre Gewalt zu bekommen und sie einem scheinheiligen
Sünder zu verkaufen Die Angst in diesem Verhältnisse Apollonia von Arbeit
erschöpft vom Vater misshandelt von der Nachbarin mit Lug und List gedrängt
hatten alle höhere Wünsche ihres Herzens unterdrückt sie betete nur ehrlich
durch die Welt zu kommen Und der Himmel gewährte ihr diesen Wunsch durch einen
Landsknecht der vor dem Hause bettelte als eben der trunkene Vater mit
Schelten heimkehrte Sie klagte vor sich wie sie mit dem Vater fertig werden
wolle der Landsknecht bot ihr seine Hand er wolle ihr schon Ruhe schaffen er
wisse etwas gegen die Trunkenheit sie möchte ihn nur ins Haus aufnehmen Sie
nahm ihn auf wie einen himmlischen Boten er setzte sich zum Vater und schüttete
ihm etwas in den Wein den jener noch mit sich brachte um ja nicht ein Funklein
Bewusstsein übrig zu behalten Als er das herunter trank machte er ein grimmig
Gesicht und mochte keinen Tropfen mehr trinken So wusste auch der Landsknecht
jener Frau die den Vater in ihrer Gewalt hielt etwas anzuheften dass der Vater
großen Überdruss gegen sie empfand Nachdem er durch seine Künste das Haus
gereinigt hatte vermählte sich ihm Apollonia aber nie gab sie ihm den Ring
den sie einst Bertold bestimmt hatte Der Landsknecht Zähringer war sein Name
nährte sich und die Frau von vielen kunstreichen Heilmitteln fürs Vieh auch vom
Ratten und Mäusegift das er für Geld legte andre Übel wusste er zu besprechen
Der Vater half ihm dabei starb aber noch ehe Anna geboren nicht ohne
Verdacht die Ratten um Gift betrogen zu haben ihn quälte ein steter
Lebensüberdruss seit ihm der Wein verleidet worden ein Durst und eine Begierde
die er nicht befriedigen konnte Apollonia machte dem Manne Vorwürfe dass er
ihren Vater umgebracht habe mit seinen teuflischen Mitteln sie drohte ihn
anzugeben wenn er nicht von der schwarzen Kunst ablasse Er schwieg und ging
aus dem Hause und ließ sich seitdem nicht wieder sehen Sie hatte Anna bald
darauf geboren sie durch ihrer Hände Arbeit auferzogen bis sie geschickt genug
wurde ihr helfen zu können Sie schloss mit der Versicherung indem sie Bertold
weinend umarmte dass es ihr vielleicht unmöglich geworden wäre ihrer Neigung zu
ihm zu entsagen nun der Zufall ihn ihr so unerwartet zurückgeführt habe ja
unmöglich wäre es ihr geworden ihre Neigung dem Wunsche ihrer Tochter und
seiner Liebe zu ihr aufzuopfern wenn nicht die Ungewissheit ob ihr Mann noch
lebe ihr jede Verbindung untersage und darum müsse sie die Wege des Himmels
preisen die ihr bis dahin so unverständlich gewesen Mit inniger Beklemmung
hörte Bertold dieses offene Bekenntnis ihrer Neigung er fühlte auch für sie
ein zärtliches Nachgefühl seiner Jugendsehnsucht aber er liebte mehr jenes
Bild das er so lange in seinen Gedanken getragen das ihm viel lebendiger in
der Tochter als in der Mutter selbst wieder begegnete Die Tochter hingegen
zeigte eine seltsame Eifersucht gegen die Mutter sie stellte sich zwischen
beide und sprach klein laut dass sie zurücktreten müsse weil die Mutter ein
älteres Recht zum voraus habe Die Mutter achtete dieser Ziererei ihrer Tochter
nicht sondern gab ihr einen Backenstreich dass sie sich in die Angelegenheiten
ihrer Mutter mische und legte die Hände Bertolds und Annens zusammen nahm den
bescheidenen Fingerling zum Zeugen und öffnete das Fenster dass der Himmel ihren
Segen über beide höre wenn sie einander lieb und getreu blieben und ihren Fluch
über den der den andern böslich verlasse wenn sie noch lebe wolle sie dem ihr
Gürtelmesser ins Herz stoßen Die Frauen trugen nämlich zu jener Zeit ein
Küchenmesser neben der Geldtasche am Gürtel und sie sprachen gern davon wie die
Männer von ihren Degen Die beiden Glücklichen hörten nur den Segen sie
glaubten nie des Fluchs zu bedürfen der Himmel war noch abendklar und sie
vergaßen in seliger Beschaulichkeit dass ihnen noch ein großes Fest bevorstand
Bald aber erinnerte sie daran der Gruß eines starken Mannes der sich mit
einer Kiste dem Hause nahte und Anna einen guten Abend bot »Das ist Meister
Kugler der reiche Schlächter« sagte sie ärgerlich zu Bertold »der freit um
mich schon seit einem Jahre und ich kann ihn nicht los werden nun will er uns
noch den schönen Abend verderben« »Bei Verlobungen und Hochzeiten kommen
immer überlästige Gäste« sagte die Mutter »aber das befehle ich dir sei nicht
hart gegen ihn niemand meint es besser wie der wäre Bertold nicht zwischen
gekommen du hättest ihn doch heiraten müssen« Nun trat der Meister hinkend ein
und erzählte dass er ein schönes Kleid bringe und sich Annens Gesellschaft zum
Ball erbitte Die Mutter aber dankte ihm freundlich drückte ihm die Hand
indem sie ihm versicherte ihre Tochter habe schon einen Begleiter dieser
Begleiter sei Bertold ein alter Freund von ihr und jetzt der Tochter
Verlobter Kugler starrte Bertold an der starke Mann musste sich halten so
überraschte ihn die Nachricht endlich fasste er sich und sprach »Herr Bertold
Ihr seid zu meinem Ärger auf die Welt gekommen erst stecht Ihr mich heute aus
dem Sattel und jetzt bei dem Mädchen aus Beim heiligen Kristophel wenn ich
Euch so ansehe ich kanns nicht glauben dass ich Euch unterliegen musste wovon
ich noch am linken Fuße hinke der Fuß tut mir sehr weh Nun sagen auch die
Leute Ihr wäret des Kaisers Liebling und aller heidnischen Sprachen Meister Da
sagt mir beim heiligen Kristophel was wollt Ihr mit der großen Dirne noch dazu
die lasst mir Ihr kriegt überall eine vornehmere und reichere die in
Gelehrsamkeit erzogen ist ich aber kann keine andre brauchen als so eine die
ein halbes Rind aufheben und an den Haken hängen kann wenn ich gerade nicht im
Scharrn bin auch muss sie den Lehrburschen eins verreichen können wenn sie die
Wurst nicht fein hacken« »Lieber Meister« antwortete Bertold »unser
Ännchen kann mehr als das wollt Ihr nur ein starkes großes Mädchen ich
schaffe Euch in Waiblingen ein Dutzend zur Auswahl« »Darauf gebt mir die
Hand« antwortete Kugler »und so will ich mir Annen aus dem Kopf schlagen aber
das Kleid kann sie wohl von mir noch annehmen« »Das ziehe ich an« sagte die
Mutter um ihn zu versöhnen »denn für die Tochter hat Bertold schon gesorgt
Ihr fahrt mich und bildet Euch ein ich sei Eure Braut« »Ei Mutter« sprach
er »mache einen rechten Ernst daraus ich bin dir auch recht gut und in der
Wirtschaft bist du noch brauchbarer als Anna ich werde gar zu sehr betrogen
wenn ich länger allein wirtschafte« »Nun das hat Zeit« sagte die Mutter
Apollonia »wollen uns darüber noch ein zehn Jahre bedenken aber zum Tanz gehen
wir mit einander lasst uns nur das Zimmer frei damit wir uns dazu ankleiden
können«
Bertold führte den heiratslustigen Meister in die Laube vor der Haustüre
übersah so die Straße und sprach um von dem unbequemen Verhältnisse des Mannes
zu Annen abzukommen »Es ist doch eine herrliche Sache um den Eifer fürs gemeine
Wohl der in Reichsbürgern liegt auch in den Vergnügungen zeigt es sich sie
lieben das Öffentliche und Gemeinsame und setzen darin ihre Ehre während die
Bürger andrer Städte ihre Feste lieber im engen Hause unter wenigen Verwandten
feiern und keinen Kreuzer für öffentliche Lustbarkeiten zusammensteuern mögen
Und wie sie zur Lust nicht gemeinsam gesellt sind so trifft auch jedes Unglück
den einzelnen vernichtend denn jeder fängt mit seiner Dummheit zu leben an und
muss auch damit auskommen Ja ich sage Euch bis in Kleinigkeiten macht sich eine
freie Stadt kenntlich schon in den herrlichen Glocken tönts entgegen aus der
Ferne da darf keine gesprungene scharren dann kommen viele zierliche Gärten
und auch im ärmsten ist noch etwas für den Anblick getan die Zäune verziert und
angestrichen die Stadtmauern und Tore sind aber vor allem gut erhalten und aus
den reinlichen Häusern strecken sich überall die Gewerbszeichen wie
Siegesfahnen heraus und die Wirte stehen ruhig und fest in den Türen sie
wissen dass sie mit zu regieren haben Sehe ich nun die vielfachen Waren in den
Läden so erkennt sich gleich die allgemeine Verbindung unter den Städten der
keine Entfernung zu weit ist das Nützliche und Künstliche gegen gemeine
Landeserzeugnisse einzutauschen Im Einheimischen ist alles kunstreicher das
Brot weißer die Semmel in allerlei lockenden Gestalten die Braten kunstreich
in der Haut gekerbt dass Hirsche und Hasen drüber zu laufen scheinen« »Es
gibt nur ein Augsburg« rief Kugler »wir Augsburger haben den Schelm im Nacken
ich sage Euch zwölftausend Ochsen schlachten wir jährlich und darunter sind
rechte Kerls Auf unserm Kornhause bewahren wir hundertundeinjährigen Roggen
habe selbst davon kürzlich ein Probebrot gegessen es ist etwas schwärzer aber
sehr nahrhaft wir haben einen Tanzsaal erbaut da können dreihundert Paare
schleifen wir haben einen Knopf auf die Hauptkirche gesetzt der wiegt 309
Pfund Das Sprichwort sagt Nürnberger Hand geht durch alle Land aber nichts
geht über Augsburger Geld das gilt in der Neuen Welt Übrigens wird es mit
dem Gelde bald aus sein« fuhr er bedenklich fort »die reichen Geschlechter
kaufen sich außerhalb Güter wie kleine Königreiche die Alten bleiben nun wohl
unter uns aber die Jungen sind schon mehr in Kadiz Lissabon und Antwerpen als
bei uns zu Hause und hätten unsre Zünfte nicht seit dem Aufruhr im Jahre 1368
die Hälfte der Ratsstellen zu besetzen so würden wir vielleicht künftig von den
Landgütern der reichen Geschlechter wie Ihr von Stuttgart aus befehligt Mit
dem heimlichen Gerichte hätten sie uns gern untergezwungen aber wir haben die
heimlichen Boten mehrmals so wacker durchgebläut dass sie nicht mehr wagen sich
unserm Weihbilde zu nahen Hört lieber Bertold Ihr müsst Euer Wappen in mein
Gesellenbuch malen Ihr sprecht so vernünftig dass ich Euch recht achte und
ehre« »Recht gern« antwortete Bertold »aber ich habe kein Wort gesagt nur
wollte ich Euch bemerklich machen dass die heimlichen Gerichte eine Freiheit und
keine Last Hohe und Niedre durch gleiches unabwendbares Gesetz richten
sollten Dazu bedurfte es des Geheimnisses damit sich keiner dem entziehen
konnte es wurde gefürchtet und hat doch nicht halb so viel Blut vergossen als
die Halsgerichte jeder Stadt und jedes Fürsten« »Ich kann es doch nicht
leiden« sagte Kugler »was ich für ehrlich halten soll das muss öffentlich
getrieben werden schon in den Zünften sind mir zu viele Geheimnisses ich will
alles klar und deutlich«
Inzwischen waren Mutter und Tochter mit ihrem Anzuge fertig geworden und
traten mit einer Laterne heraus um den Weg nach dem Tanzsaale einzuschlagen
Die Mutter erregte diesmal die meiste Verwunderung besonders bei Kugler der
sie nie recht anzusehen verstanden hatte oder weil der schöne Anzug überhaupt
dem Nachsommer wegen des kalten Windes der noch immer drin weht nützlicher
ist genug sie schien in der Pracht ganz verjüngt ihre Farbe in der
ungewohnten Bewegung lebhaft ihre Augen glänzten sie hätte eher für eine
ältere Schwester als für die Mutter gelten können ihr Anstand war vortrefflich
und mit dem Kleide schien sie auch die angewöhnte Härte und Roheit des Ausdrucks
abgelegt zu haben Dem guten Fingerling wurde das bescheidne Los zugeworfen ein
Wächter des Hauses in dieser Nacht zu sein Er fühlte sich dabei sehr zufrieden
da er sich heimlich auf einen schnellen Ritt nach Waiblingen vorbereitete und
ausruhte der alten Mutter diese Verlobung so gut wie möglich beizubringen denn
er machte es gern allen recht denen er sich verpflichtet hielt
Unter großem Drang den nur Kuglers mächtige Gestalt durchbrechen konnte
kamen sie in den herrlich beleuchteten Tanzsaal der schon von dem Glanze der
Reichen wie ein wogendes Meer blickte während die Pfeifer und Trommelschläger
durch Bässe und Posaunen verstärkt mit den Geigen und Trompeten auf den
verschiedenen Bühnen wetteiferten sich trennten und wieder verbanden Als aber
der Kaiser an seiner Seite Matäus Lang der Bischof von Gurk eintrat da
verbreitete eine Stille allgemeine Ordnung Die Gesellschaft ging paarweis
geordnet an dem Kaiser vorüber und er reichte jeder Frau oder Jungfrau eine
duftende Blume aus den Körben welche seine Edelknaben hertrugen Anna erhielt
von ihm eine Rosenknospe und die Mutter eine stark aufgeblühete Rose Beide
wunderten sich über die frühzeitige Menge aller Blumen es waren aber künstliche
Blumen aus Draht und Seide denen durch wohlriechende Öle der natürliche Geruch
verliehen war Kunz von Rosen eröffnete dann den großen Reihentanz indem er mit
einem Degen viele künstliche Fechtersprünge machte um einen freien Raum im
Saale zu gewinnen dabei sang er
Platz Platz uns jungen Gesellen
Wir wollen zum Tanze uns stellen
Wer reicht mir den Kranz
Ich führe den Tanz
Ich bin ein Geschlechter
Ein stattlicher Fechter
Ich kann euch beschützen
Mit Messern und Witzen
Will einer euch kränken
Ich wills ihm nicht schenken
Kann schweben und schwanken
Mit Herz und Gedanken
Kann treten und springen
Wie Pfeifen erklingen
Kann drehen und wenden
Mit drückenden Händen
Mit klopfendem Herzen
Mit jauchzenden Scherzen
Es folgen mir alle
Mit freudigem Schalle
Schnell spielen die Geigen
Den freudigen Reigen
Es schwanken die Dielen
Je höher sie spielen
Es stäubet das Haus
Da geht es zum Schmaus
Da geht es zum Wein
Nun Liebchen schenk ein
»Das nenn ich ein Kränzelsingen« rief der begeisterte Kugler und trabte scharf
wie ein Gaul wegen seines hinkenden Beines Bertold erschrak über sein
teuflisches Trampen aber viele andere machten es nicht besser der gute Kaiser
mochte wohl darüber so lachen er konnte sich gar nicht beruhigen und setzte
sogar des Bischofs große Brillengläser auf um diese halsbrechende Arbeit recht
genau zu betrachten Als endlich die Männer von Schweiß triefend als ob sie
Holz gesägt hätten ihre Schritte hemmten ließ der Kaiser den reichen
Ratsherren Stutzer zu sich kommen von dem nachher alle windige Bursche den
Namen behalten haben und machte den Wunsch ihm bekannt von den jungen Frauen
und Mädchen unter sich einen Reihentanz aufführen zu sehen Die Frauen traten
zusammen Stutzer berichtete der Vortrag wurde überlegt wer war nun alt Bald
hätten sich die Frauen darüber verfeindet aber Kunz sprang hinein holte die
Schönsten paarweis heraus und sagte »Wer schön ist jung« Es mochte wohl für
Frau Zähringer zeugen dass sie mit der Tochter zusammen in den Tanzkreis geführt
wurde Nun erfuhr man erst was es heiße zierlich zu tanzen nie hatte ein
Augsburger solche Kunst in den Frauen geahndet was der Kaiser beim ersten Blick
aufgefasst hatte Die trabenden tropfenden Männer standen rings wie verzuckt
denn die lebendigste mannigfaltigste aller Künste der Mittelpunkt aller die
lebendige Malerei Bildnerei in der nach dem Sinne der Freude und Leidenschaft
wechselnde Musikbewegung sich gestaltet die hochherrliche Tanzkunst war ihnen
in dieser freudigen Nacht aufgegangen keinem aber so schön wie unserm
Bertold denn seine Anna übertraf alle in der Sicherheit schöner Bewegung So
schön und kräftig war keine gewachsen das zeigte sich erst hier durch die Anmut
ihrer Bewegung wie die Schönheit eines Bildes durch richtige Beleuchtung Kaum
wagte er mehr aufzublicken so viel Lob erhielt sie überall er betete in sich
dass sie keinen dieser Verehrer liebenswürdiger als ihn finden möchte zugleich
beseufzte er die vielen Jahre die er unter den Büchern ohne Anschauung aller
lebenden Herrlichkeit hatte zubringen müssen Dem Blute Antons dankte er diese
Verwandlung er wollte es gerne nicht vergessen und doch mochte er nicht gern
daran denken es war ihm als ob jener dadurch auch ein Recht an seine Braut
gewinne das er niemand gönnte Sonst war er nicht eifersüchtig vielmehr freute
er sich über den Ratmann Stutzer der gegen die schöne Alma so viele artige
Dienerlein machte dass es wie ein Kinderspiel aussah Dieser Stutzer war ein
seltsamer Gesell er stellte sich viel schlimmer an als er war und hätte gern
aller Welt Liebeshändel einzubilden gewünscht die er weder haben mochte noch
hätte bestreiten können Er sprach bald Frau Zähringer ins Ohr bald Anna und
dann sprach er wieder halb laut vor sich wenn er von ihnen fern und
verwünschte das Mädchen es habe ihm ein Liebes angetan und es könne doch
nichts daraus werden da er schon zu viel Liebschaften habe Darum machte er
Annen aus der Ferne ein ganz saures Gesicht als ob er in ein Essigfass gerochen
und schwänzelte dann wieder freundlich zu ihr weil eben ein andrer mit ihr
sprechen wollte
Dem allen sah Bertold mit einem Gefühle der vollkommensten Sicherheit zu
und ging unbekümmert in einem Gespräche mit Kunz der sich durch Treitssauerwein
mit ihm hatte bekannt machen lassen durch die Nebenzimmer umher Er war
verwundert über den seltsamen Mann der neben seinen Possen den tiefsten Ernst
in sich zu beherbergen vermochte Unter den gelehrten Gesprächen über die
griechische Literatur hatte ihn Kunz unbemerkt durch alle Zimmer des Hauses bis
unter den Haufen geführt der vor dem Hause unter manchem rohen Gespäss dem Feste
zuzusehen strebte aber immer wieder von kaiserlichen Hartschierern und
Trabanten zurück geworfen wurde Verwundert fragte endlich Bertold Wohin er
ihn führe und ob er ihn auch anführen wolle »Nein« sagte Kunz »aber ich
habe mit Euch etwas vor es ist mit Treitssauerwein verabredet ich konnte es
besser ausführen weil niemand hinter meinen seltsamen Gängen und Sprüngen etwas
Ernstaftes sucht Die Stimme unsres Volks die Stimme Gottes Luther ist hier
der Kardinal kann ihn nicht mit Wortstreit nicht mit Drohungen dahin bringen
seine Sätze zurück zu nehmen er will ihn jetzt mit heimlicher Gewalt
vernichten ihn lebend oder tot nach Rom zu bringen hat er Befehl und bei dem
vielen armen und fremden Gesindel könnte ihm dies wohl gelingen Luther muss
fort aber so unbemerkt dass es morgen noch niemand weiß dass keiner den Kaiser
als Mitgehülfen seiner Flucht denken kann Niemand wird Euch diese Kühnheit
zutrauen Euch habe ich ausersehen diese schnelle Flocht möglich zu machen da
Ihr vor dem Tore wohnt und ein Pferd besitzt Entscheidet Euch schnell ob Ihr
wollt denn dort an dem erleuchteten Fenster wohnt Luther wartet auf Euch sei
Euch der heutige Dank im Turniere ein Vorzeichen dass der Himmel Euch zu etwas
Grossem ermutigen wollte« Bertold schlug in die dargebotne Hand des Kunz und
antwortete »Es sei habe mich gleich an dem kühnen Mönch erfreut obgleich
nicht viel bei der Sache herauskommen wird es wäre doch schade wenn er in
welsche Schlingen wie der Savonarola einginge und sie ihm ein Feuer unter den
Füßen anzündeten« »Warum nicht viel heraus kommen« fragte Kunz verwundert
»Einmal« antwortete Bertold »weil er nicht durchdringen kann gegen die Menge
welche ihren Vorteil in der Gelderpressung sucht und dann weil es kein größeres
Übel ist Geld zur Abstrafung von Gewissenspflichten zu geben unter dem Namen
Ablass wie für Verletzung bürgerlicher Pflichten Was hilfts den Ablass
abzuschaffen wenn die Fürsten und Städte zum Besten der Reichen alle Strafen
mit Geld abkaufen lassen Da das Bekenntnis und die Zahlung des Gelds freiwillig
ist so sind sie als Zeichen der Reue recht gut denn das Landvolk besonders
möchte lieber zehn Jahr im Sack und in der Asche büßen als einen Kreuzer
Bussgeld dafür ausgeben und Tränen die geben sie gar leichtsinnig aus« »Aber
das Geld geht nach Rom und kehrt nicht wieder nach Deutschland« sagte Kunz
»und die schrecklichen Lehren der Ablasskrämer verderben die Menschen« »Die
Lehren sind schon längst bei uns verlacht« sagte Bertold »unsre Leute sind
darüber hinaus was aber die Geldverschleppung nach Rom betrifft freilich es
wäre besser Kaiser und Reich duldeten sie nicht statt dass jetzt ein armer
Mönch dies für sie durchfechten muss Das Ablassgeld könnten wir gut brauchen zur
Führung der schweren Reichskriege die wir mit unsern Sünden wohl verschuldet
haben« »Freilich« sagte Kunz »es ist verkehrte Zeit das Volk weiß mehr von
Gottes Wort als die Geistlichen und ein Mönch muss für einen mächtigen Kaiser
und seine Fürsten das Wort führen«
Unter diesen Gesprächen waren sie in Luthers Zimmer getreten der von einer
ernsten Unterredung mit zweien Männern die mit ihm das Zimmer durchschritten
abbrach und sich zu den Eintretenden wandte »Dies ist Staupitz der
Generalvikar des Ordens unter welchem Luther steht jenes der edle Langemantel
Luthers Beschützer« sagte Kunz »und dass der in der Mitte Luther ist steht ihm
wohl an die Stirn geschrieben« Staupitz bat noch einmal Lutern er möchte
nachgeben die Zeit sei nicht reif zur bessern Einsicht aber Luther antwortete
ihm er kenne sich und seine Schüler und sein Werk stehe nicht mehr in seiner
Macht und seinem Willen Dann ging er wieder zu einem Schreibpult und ließ die
andern inzwischen mit Kunz und Bertold das Nötige zur Flucht verabreden er
ließ sich gern in den Vorsichten seines äußeren Lebens von Freunden raten
Kunz wurde weggesandt um Frau Zähringer und ihre Tochter zu
benachrichtigen dass Bertold zu einem Geschäfte abgerufen er könne sie nicht
heimführen Kunz ließ noch Mantel und Kappe für Luther zurück Bertold hörte in
einem nahen Zimmer Lautenspiel und Staupitz sagte es sei Kurfürst Friedrich
bei dem Bilde seiner geliebten Fürstin Amalia von Schwarzburg einer geborenen
Mansfelder Gräfin zu deren Garten ihn der Hirsch mit goldnem Geweihe geführt
hätte Staupitz öffnete leise die Tür sie sahen das hellerleuchtete Bild einer
weinenden Frau in einem Lustgarten die einen Hirsch mit goldnem Geweihe
streichelt der Kurfürst war von ihnen abgewandt Staupitz schloss leise die Tür
und sagte »So fand er sie vor dreißig Jahren Ihr würdet sie jetzt schwerlich
wieder erkennen aber er liebt sie noch immer in gleicher Verzweiflung denn mit
strengem Ernst hat sie ihn während dieser Jahre zu kühnen Zügen bis Jerusalem
gesendet aber seine Wünsche nie erfüllt wenn er ihre Aufträge vollbracht
hatte sie glaubt mit ihrer Tugend die Herrschaft über ihn zu verlieren so
stirbt er keusch und kinderlos Unsern Luther schützt sie Luther kann sicher
sein so lange ihr Wille dauert Sie hatte den seltsamen Traum in der Nacht vor
dem Tage als Luther die Teses gegen den Ablass an das Tor der Schlosskirche zu
Wittenberg schlug ein Mensch stoße mit seiner Feder dem Papst die dreifache
Krone vom Haupte und zwar mit einer Feder die von Wittenberg bis Rom reichte
sie fuhr nach Wittenberg und als sie Luther sah von dem jedermann in den Tagen
sprach da versicherte sie er sei es gewesen Es ließe sich viel von der
seltenen Frau sagen die immer in andrer Welt zu leben scheint als andre
Menschen und doch auf diese so unerbittlich wirkt sie hat gestern geschrieben
der Kaiser werde schwach der Kaiser werde sterben wir sollten für Luthers
Sicherheit sorgen« »Amen« sagte jetzt Luther und legte die Feder nieder
»hier ist mein letztes Wort an den Kardinal und nun stehe ich in Gottes Hand
bin fertig und bereit wohin ihr mich senden wollt« Langemantel reichte ihm
Kunzens Mantel und Kappe und Luther lächelte des seltsamen Staats wusste ihn
kaum anzulegen dann aber erschien er darin allen bunten Lappen zum Trotz
gleich einem Herrscher mit kühnem Blick Wie ein Gebirge Ströme nach Osten und
Westen sendet so vereinigte der Mann ein Entgegengesetztes was sonst nirgend
gefunden wird Demut und Stolz Bewusstsein seiner Bahn und Hingebung an andrer
Rat helle Verständigkeit und blinden Glauben noch war das Volk nicht reif
sich solch einem Manne nachzubilden aber seine Gegner lernten bald so viel von
ihm wie seine Anhänger
Staupitz und Langemantel nahmen mit Ernst und Rührung von ihm Abschied
Bertold führte Luther herunter Als Bertold die laute Freude des Festes hörte
stieg ihm wohl ein schwerer Seufzer auf ob er nicht das nahe Glück seines
Lebens an eine Angelegenheit setze die dem ganzen Deutschland nur ihm nicht
wichtig scheine aber er stärkte sich gleich mit seinem ritterlich gegebenen
Worte Die Gassen wurden stiller die Brunnen geschwätziger und der scharfe
Morgenwind trieb seinen Mutwillen mit den Schlafkammerfenstern sie waren jetzt
am Tor das in dieser Nacht wegen des Festes geöffnet blieben sie schritten
ohne Aufenthalt hindurch über die Brücke da hörten sie mit Teilnahme des
Wächters Lied
So mancher liegt in Nöten
Und liegt in Liebchens Arm
Er liegt so still und warm
Der Bruder will ihn töten
Er träumt vom goldnen Ringe
Sieht nicht die blanke Klinge
Die um das Haupt ihm schwirrt
So mancher flieht in Sorgen
Und steht in Gottes Hand
Der ihm den hellen Morgen
zu seinem Trost gesandt
Er denkt nur seiner Feinde
Und kennt nicht seine Freunde
Die Klugheit ihn verwirrt
»Bei Gott das ist Kunzens Stimme« sagte Bertold »So fand mein Herz in dem
Narren Trost« antwortete Luther Als sie in die angelehnte Türe des kleinen
Hauses der Frau Zähringer traten fand sich Luther der vorangegangen von zwei
freundlichen Armen umfangen Luther sprach »Kein lieberes Ding auf Erden als
Frauenliebe wem sie zu Teil mag werden« Da fuhr Anna vor der fremden
Stimme erschrocken zurück und Bertold trat zu ihr freute sich dass sie schon
heimgekommen erklärte ihr den Irrtum sagte aber dass er diesem tapfern
geistlichen Herrn den Gruß auf die Reise wohl gönne zugleich stellte er Anna
als Braut vor und bat um Luthers Segen zur Verlobung Luther sprach »So tut
wie euer Herz begehrt was ihr in eurem Herzen gelesen habt Frühes Aufstehen
und Freien soll niemand gereuen Das Weib wird selig durch Kindergebären wenn
sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Zucht Der Mann arbeitet sich
froh durch die Welt wenn ein frommes Weib den Schweiß von seiner Stirne
trocknet er wirft seine Sorge auf Gott tut recht scheuet niemand und freut
sich an der Welt wie auf den Himmel Amen es geschehe« Anna dankte unter
Tränen sie blieb mit Luther allein während Bertold sein Pferd sattelte »Und
Ihr dürft nicht heiraten« sagte sie mitleidig »und wisst doch den Ehestand zu
rühmen« »Freilich« sagte er »ist es gegen des Papstes Gebot was die
Heilige Schrift gebietet Es soll ein Bischof unsträflich sein eines Weibes
Mann« Nun kam Bertold mit dem Rosse vor die Türe Luther grüßte freundlich
und trat hinaus »Euch fehlen ein Paar Stiefel« sagte Bertold »gern gäbe
ich Euch die meinen aber ich sehe sie sind Euch zu enge« »Mein Vater und
Großvater« antwortete Luther »waren arme Bauern haben oft ohne Strümpfe und
Schuhe ihre Rosse zur Schwemme geritten und so musste ich auch tun als ein
kleiner Knabe Und nass soll das Ross werden als ging es in die Schwemme acht
Meilen muss ich zurücklegen ehe ich sicheres Geleit finde Habt Dank und lebt
wohl ich sende Euch das Ross mit meinem Dank beladen durch sichere Hand zurück«
Es wurde helle als er forttrabte und Bertold ging nicht ungeküsst auf sein
Zimmer ans Giebelfenster um ihm in die Ferne nachzusehen Anna blieb noch vor
der Türe sie wollte den neuen Tag in ihre Freude hineinziehen Ein lustiger
Wind spielte in den Blumenkelchen der beiden kleinen Gärten vor dem Hause und
Anna sang indem sie ein wenig da aufräumte was in den beiden Tagen vergessen
war
Goldne Wiegen schwingen
Und die Mücken singen
Blumen sind die Wiegen
Kindlein drinnen liegen
Auf und nieder geht der Wind
Geht sich warm und geht gelind
Wie viel Kinder wiegen
Wie viel soll ich kriegen
Eins und zwei und dreie
Und ich zähl aufs neue
Auf und nieder geht der Wind
Und ich weine wie ein Kind
Fünfte Geschichte
Die Rose
Bertold mochte noch keine Stunde vom süßen Schlaf umfangen gewesen sein als
ihn ein Lärmen erweckte es kamen kleine Steine an sein Fenster geflogen und er
fürchtete für die Scheiben Er sprang eilig auf und hoffte Annen vor dem Fenster
zu erblicken Diesmal irrte er es war Fingerling der zu Pferde und reisefertig
ihm berichtete er eile nach Waiblingen mit der Mutter alles zu besprechen und
auszugleichen am Abend habe er sich deswegen gleich schlafen gelegt als Anna
zurückgekehrt zugleich sagte er ihm wo er die Briefe wegen der
Handelsgeschäfte aufbewahrt habe Bertold dankte ihm schlaftrunken für alle
seine Liebe hieß die Mutter schön grüßen und wollte sich wieder ins Bett legen
als ihm der Befehl des Kaisers einfiel nach Göggingen zu gehen wo er ihn
sprechen wollte Gleich bereitete er sich unter stetem Dehnen und Gähnen denn
der vorige Tag hatte ihn übermüdet öffnete leise die Tür stieg herab ging zur
unverschlossenen Haustüre hinaus und sah beim zufälligen Umblicken die liebe
Anna durch das Fenster in ihrem Bette liegen Er schlich sich in das Zimmer
Hätte sie die Augen geöffnet kein Kaiser hätte ihn von ihr fortgezogen denn
schon jetzt war er schier entschlossen die kaiserlichen Aufträge zu vergessen
Aber sie schlief ruhig und fest und er hing ihr ohne dass sie es bemerkte ein
kleines silbernes Kettchen über das er lange getragen um einen Strauss zu
bezahlen den er vom Bette nahm und der ihm eigentlich wohl gegönnt und bestimmt
war
So erfrischt durch Anblick und Duft trat er seinen Weg freudiger an
erkundigte sich und fand die Straße fand auch bald Herrn Treitssauerwein der
ihm bedeutsam vertraute er schreibe an einem Werke die Taten und Geschicke
seines Herrn Maximilian zusammen zu stellen Nun versicherte er dass Maximilian
während seiner ganzen Regierung auf so wunderbare Art in den bedeutendsten
Augenblicken der Unternehmung gehemmt worden sei dass er diese unendliche Reihe
von Zufälligkeiten endlich nur aus einer sehr durchdachten Gegenkraft erklären
könne welche vielleicht jetzt kalt ihr Dasein öffentlich gegen ihn oder gegen
seinen Stamm kund tun würde da sie in ihren Verbindungen so allgemein und
dringend geworden sei Es gehe schon lange die Sage von Sprösslingen der
Hohenstaufen die in einem unzugänglichen Schloss der zeit warteten den
Kaisertron zu erstreiten Dem Kaiser sei selbst einmal als er sich auf der
Gemsenjagd verirrt und verstiegen hatte ein Schloss erschienen und in den Wolken
verschwunden das gleichsam aus durchsichtigem Glase erbauet zu sein geschienen
und eine Krone in die Wolken gestreckt habe »Begierig staunte er das Wunderbild
an suchte sich ihm zu nähern aber bald umzog ihn die Wolke immer dichter
Dennoch verfolgte er nach seiner Meinung die rechte Richtung als aber der Wind
die Wolken zerstreute fand er sich in einer noch öderen Gegend wieder wo er
nichts von dem Schloss wahrnehmen konnte aber auch keinen Weg um herab zu
kommen denn da wo er hinauf gestiegen war in der Trübheit der Wolken da war
in der Klarheit kein Herabsteigen möglich Er hatte sonst die Welt in seinem
Reichsapfel spielend in Händen getragen jetzt trug ihn die Welt spielend in
ihrer luftigen Hand und schien zu zweifeln ob sie ihn dem eignen Schwindel
oder dem Sturmwinde oder den wilden Vögeln überlassen sollte deren Nestern er
zu nahe getreten war Er ließ sich auf die Kniee nieder um sich im Gebet zu
verstecken wie der Strauss vom Jäger übereilt den Kopf unterm Flügel birgt Da
rührte eine Hand an seine Schulter Gottes Allgegenwart schien ihn sichtlich zu
ergreifen er blickte mit Scheu um und sah einen heiter lächelnden blonden
Lockenkopf den er für einen Engel hielt Aber körperlich fest ergriff der Knabe
seine Hand und führte ihn mit Anstrengung zu einem schwierigen doch
gefahrlosen sehr verborgenen Seitenwege wo weiter keine Gefahr voraus zu sehen
war Hier blieb der Knabe und gebot ihm auf demselben ohne sich aufzuhalten
bis zum Sonnenuntergang fort zu gehen nie wieder zu kehren in diese Gegend und
niemand von seiner Rettung etwas zu sagen so lieb ihm sein Leben denn sagte
er ich war geschickt dich herab zu stoßen aber dein mildes Antlitz machte
mich ungehorsam und ich rettete dein Leben und wage jetzt das meine wenn ich
nicht dein Schwert mitbringe das mir als Wahrzeichen zu bringen geboten
Milde reichte der Kaiser dem Knaben das Schwert und sagte ihm es sei das
Schwert Karls des Großen zugleich bat er ihn um Aufschluss über die Geschichte
des Schlosses und der Menschen die es bewohnten Aber leichtfüssig ohne
Antwort war schon der Knabe mit dem Schwerte entschwunden der Kaiser traf nach
mehreren Tagen auf Bergbewohner die ihn zu den Seinen führten Er schwieg
wirklich sagte dass er sein Schwert beim Klettern verloren habe und ließ
heimlich ein gleiches machen Erst nach mehreren Jahren hat er mich jetzt wo er
sich am Rande seines Lebens fühlt ins Vertrauen gezogen nachdem ihm auf andern
Wegen die Sage von Abkömmlingen der Hohenstaufen bestätiget worden ist er
fürchtet für seinen Sohn und für die großen Entwürfe seines Lebens Er wünscht
von Euch Nachforschung über die geheimen Führer des Bauernaufruhrs der im Jahre
1514 um Waiblingen bei Beutelspach scheinbar wegen Maß und Gewicht ausbrach
eigentlich aber wohl von der Brüderschaft des Armen Konrad worunter Konradin
von Schwaben gemeint angestiftet worden sei« Bertold lächelte und meinte
»Ich bin zwar hinfällig in dieser Zeit gewesen dass ich nur das Notwendigste zur
Sicherheit unsrer Stadt anordnen konnte aber so viel ich damals gehört so hat
dieser Konrad nichts mit Konradin zu tun es war ein Bauernscherz sie wussten
sich keinen Rat wer sie führen sollte da keiner gern seinen Hals daran setzen
mochte darum nannten sie ihren unsichtbaren Führer Keinrat daraus wurde in
ihrer Aussprache Konrad Die Sage bildet gern etwas Zweideutiges in der
Geschichte so wurde auch dieser Name wie die Orakel der Alten zweifach
ausgelegt« Treitssauerwein antwortete »Das Nächste täuscht am leichtesten
denn aus Gewohnheit kommen wir darauf nichts Ungewohntes darin zu vermuten
glaubt mir am armen Konrad war der Ernst früher als der Scherz der ihm zum
Deckmantel dienen sollte« Sie hatten sich unterdessen dem Kaiser genähert
der mit der Armbrust hinter einem Dornbusche versteckt ihnen Stille zuwinkte
weil seine Hunde ihm einen Hasen eben schussrecht herantrieben Inzwischen hatten
sie beide doch schon dem Hasen zur Warnung gedient er sprang seitwärts der
Kaiser nahm ohne Zorn den Bolzen von der Armbrust rief die Hunde und schickte
sie mit den Jägern zurück Der Kaiser sprach »Nicht wahr mein lieber
Bürgermeister es steht eigen mit der Welt wenn sie einen Jäger zum Kaiser
hat« »Gnädiger Kaiser« antwortete Bertold »ich habe eben vernommen wie
die Gemsenjagd Euch einst auf so seltsame Entdeckung gebracht demnach möchte
auch diese Neigung wohl zu Eurem Besten Euch eingepflanzt sein« »Zu meiner
Gesundheit wenigstens« sagte Maximilian »wohl tat unser Freund Gelegenheit
etwas für uns aber unser Feind Ungelegenheit machte alle Nachforschungen
darüber bisher vergeblich Wir nahmens damals nicht ernst genug wir merken
erst jetzt an manchem Widerstande der Kurfürsten dass sie mehr von der Sache
wissen als wir bei aller offenen Macht und heimlichen Kundschaft Wir haben
Euch erwählt lieber Bürgermeister weil Ihr uns durch Marx und Kunz empfohlen
seid und keiner auf Euch rät uns Aufschluss in der Sache zu verschaffen«
Bertold erklärte sich bereit aus allen Kräften mitzuwirken und es ging ihm
ängstlich im Kopfe herum ob er nicht dem Kaiser sagen solle was er durch
Martin von dem Schloss gehört und wie er selbst zu diesem Geheimnisse gehören
möchte aber Martins Tod schwebte ihm vor er schwieg Der Kaiser fuhr nun
fort »Aber Bertold wenn nun der Papst in dem Bunde mitwirkte seid Ihr in der
Gewalt eines Beichtvaters oder seid Ihr darüber hinaus« »Die Geistlichkeit«
antwortete Bertold »hat überall zu viel Ärgernis gegeben als dass die Leute
sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben was gut tut zu sagen das wird bei uns
gebeichtet vieles aber verstehen die geistlichen Herren nicht und es ist ihnen
auch mehr um das Beichtgeld als um die Geheimnisse zu tun« »Das Geld« sagte
der Kaiser »ist das Blut des Staats und wie der edle Held Perzifal so
tiefsinnig wurde beim Anblicke dreier Blutstropfen im Schnee so wird mir oft
beim Anblick eines Kreuzers recht nachdenklich wie viel Kunst Taten Glück und
Weisheit durch solch ein Stücklein gefördert und gelähmt werden können Wohin
hätten wir unsre Fähnlein geführt wenn es nicht an Gelde gefehlt hätte Darum
lasse ich auch nicht den Luther verderben der das deutsche Geld von Rom
abschneiden will und danke Euch dass Ihr ihm förderlich gewesen seid von hier
fortzukommen Doch seht wir sind unbemerkt von einem Umgange umgeben also
kürzlich gesagt mein lieber Bürgermeister es ist mir sowohl um meine Feinde
die Hohenstaufen zu tun als auch um meinen Freund den Knaben der jetzt schon
ein wackerer Jüngling sein mag ich meine jenen der mir das Leben rettete ich
möchte ihm lohnen sucht mir von einem oder dem andern Kunde zu schaffen ich
werde Euch danken« Der Umgang zog singend an ihnen vorbei und endete das
Gespräch der Kaiser Bertold und Treitssauerwein schlossen sich an und zogen
zur großen Freude der Bauern mit ihnen nach St Leonhard in die Kirche die
Bauern meinten ein so herrlicher Umgang sei nicht gehalten worden seit
Göggingen stehe
Während der Messandacht wurde Bertold gestört indem ein neben ihm
Knieender auf den er noch nicht geblickt ihm in den Finger biss Ärgerlich sah
er hin und staunte es war eine Jungfrau es war Anna gleich war sein Zorn
verschwunden und er fragte heimlich was sie hergeführt Sie sagte ihm dass sie
ihm Notwendiges zu erzählen habe Zum Glück beteten und seufzten die Bauern
umher so laut dass sie ihm leise flüsternd alles erzählen konnte wie es
ergangen Die Mutter hatte am Morgen das Pferd den Herrn und auch Fingerling in
großer Verwunderung vermisst da weder Fingerling noch Bertold ihr Vorhaben
deutlich gemacht hatten Da Bertold sie so unerwartet auf dem Ballhause
verlassen hatte so schwankte sie zwischen der Vermutung Bertold reue seine
Verlobung oder er sei davon durch einen hohen Herrn abgehalten vielleicht
durch den Kaiser selbst dem noch ein Ruf von Zärtlichkeit trotz seinem Alter
nachzog Ihr war gestern durch Kunz bestellt worden ein höherer Auftrag habe
ihn entfernt und er könne sie nicht heimführen In diesem Zweifel wendete sich
erst ihre Härte gegen Anna die gar nicht begreifen konnte was ihr fehlte sie
erfuhr erst diese Sorgen der Mutter durch Kugler der mit einem Braten als
Geschenk sich eingestellt hatte dem sie sich heimlich vertraute und der Annen
sagte er reite fort um in Waiblingen Nachfrage zu halten ob Bertold etwa
auch wie Fingerling dahin zurückgekehrt sei doch müsse die Mutter und sie sich
gleich entschließen inzwischen seiner Wirtschaft und seinem Fleischscharrn
vorzustehen Dort hatte Anna durch einen Kunden zufällig gehört er sei mit dem
Kaiser auf der Straße nach Göggingen im Gespräche gesehen worden sie hatte sich
unter einem Vorwande fortgeschlichen mit ihm zu sprechen und von ihm Wahrheit
zu hören denn sie konnte nicht leugnen dass seine Kette die sie am Morgen
gefunden ihr wie ein schweigendes Abschiedszeichen erschienen wäre Bertold
beruhigte sie aber ihre Tränen flossen nun um so häufiger da sie ihrer Sorge
befreit war und die ehrlichen Bauern meinten es sei Andacht und Busse Kaum war
die Messe geendet so schlich sich Bertold mit Annen fort so schnell dass
weder Kaiser noch Geheimschreiber seinen Weg bemerkten Aber noch einen
Aufenthalt mussten sie überstehen der Weg führte sie an Stutzers Gartenhause
vorbei der eben beschäftigt war Pfeffersäcke in ein Vorrataus packen zu
lassen und dabei sehr emsig die einzelnen ausfallenden Körner auflas aber die
Vorübergehenden nicht weniger fest hielt ihnen die Pracht seines Landhauses zu
zeigen Dem kleinstädtischen Bürgermeister glaubte er die Augen damit
auszuleuchten und Annen für immer unglücklich zu machen wenn sie nicht ein
Gleiches bei Bertold fände Ein Italiener hatte ihm dies Landhaus nach ganz
neuer Art erbaut die Fassungen der Fenster waren gemalt wie Marmor alte
Götterbilder bedeckten die Flächen im bunten Gemisch mit Heiligen Bertold
erklärte sich ohne Umschweife gegen den malerischen Schein um fehlende Bauwerke
zu ersetzen »Die Schönheit eines Baus« sagte er »liegt wie die Schönheit des
menschlichen Antlitzes nicht allein in der Berechnung gewisser Verhältnisse
sondern in dem Ausdruck innerer Vortrefflichkeit die Dauerhaftigkeit und
Bequemlichkeit der innern Einrichtung mag sich auch gern äußerlich kennbar
machen die innere Wölbung die Balkenlage will sich auch äußerlich zeigen Hier
ist alles das gemalt von einer Seite erscheint es herrlich von der andern wird
die Nichtigkeit um so deutlicher und eine glatte Wand ohne Architektur gäbe
wenigstens keinen Arger« Der gute Stutzer hörte nicht auf die Rede er sah nur
verdrießlich höhnisch ihn an und sagte »Lieber Herr entschlagt Euch solchen
Gedanken das hat Pilati aus Florenz gebaut und gemalt« »Das macht ihm wenig
Ehre« sagte Bertold »da kann ich Euch von unserm Meister Fischer manches
Bessere zeigen in meinen Zimmern« Stutzer wurde innerlich so böse über den
stolzen Kleinstädter führte ihn aber doch ins Haus dessen weiter Flur von
Marmorsäulen mit korintischem Hauptschmuck glänzte Faunen und Silenen trugen
die Treppe welche mit einer Weinlaube überzogen war an der durch die Wärme
hinter den geschlossenen Fenstern der Wein schon blühte »Prächtig« sagte
Bertold »aber ich wundre mich wie Ihr hier bestehen könnt« »Warum« fragte
Stutzer »Einmal« meinte Bertold »könnt Ihr keine ehrliche deutsche Frau
hier einführen es ist ja eben so gut als ob Ihr sie in das öffentliche
Männerbad gebracht hättet und dann wie gefallt Ihr Euch als Herr im Hause da
Ihr doch nur winzig und dürr seid wenn so wohlgenährtes Göttervolk wie Hunde
auf der Treppe vor Eurer Türe harren muss Ich ginge in Eurer Stelle unter die
türkischen Enten und welschen Hähne die in Eurem Garten so gemächlich wandeln
und picken statt Euch so übermäßig vornehm bedienen zu lassen« Der eitle
kleine Kerl wusste nichts zu antworten denn so war ihm noch keiner gekommen
aber die Rede hatte die gute Folge dass er die beiden nicht länger zwang seine
Pracht zu beschauen mit seiner Zudringlichkeit gegen Anna hatte er die kleine
Züchtigung verdient
Als sie zum kleinen Hause der Frau Zähringer kamen waren beide etwas
ermüdet besonders Bertold und Anna fürchtete weil es schon spät den Zorn
der Mutter wegen ihres Ausbleibens In solchen Betrachtungen setzten sie sich
ein wenig ins Gras des Gartens hinter dem Hause die Sonne schien betäubend
warm die Blumen dufteten mit ihren betäubenden Kräften und beide nickten neben
einander ein der Geist möchte immer Wunder tun immer tätig sein aber der
Körper hasst die Wunder und gleicht den einzelnen Menschen mit dem ganzen
Geschlechte aus indem er ihn mit Schlaf oder Krankheit beschwichtigt
Was Frau Zähringer an diesem Tage ausstand nun auch die Tochter ausblieb
und Kuglers Wirtschaft ganz auf ihr lastete ist schwer zu sagen insbesondere
als Boten des Kaisers Treitssauerweins des Kurfürsten Friedrich kamen und nach
Bertold fragten als ob sie ihrer recht spotten wollten Endlich kam der Abend
der sie den Geschäften entließ aber um so tiefer in den einsamen Gram ihres
Hauses versenkte bis auch diesen der Schlaf ablöste
Die Sterne glänzten schon scharf auf dem blauen Grunde als Anna erwachte
und durch ihre Bewegung den glücklichen Träumer Bertold mit erweckte Kaum
konnten sie es begreifen dass es natürlich im Wandel der Zeit jetzt Nacht
geworden sei sie machten sich bittere Vorwürfe wegen der Mutter und dachten
nach wie sie dem ausweichen könnten auch scheute sich Anna vor bösem Ruf wenn
eines der Nachbarn sie mit Bertold im Grase liegen gesehen Nach vergeblichem
Beraten entschlossen sich beide jedes in sein Zimmer zu gehen und zu tun als
ob nicht geschlafen und nichts versäumt sei der Morgen werde ihnen der Unruhe
ohnehin genug bringen Anna öffnete die Haustür mit einem Kunststücke »Das
lernte ich wenn ich für unsre Kuh auf Grasung spät ausblieb« sagte sie dann
drückte sie Bertold sanft an sich und drückte ihn von sich als seine
Zärtlichkeit sie zu verraten schien und ging in das Zimmer der Mutter wo sie
angekleidet in das große Bett schlüpfte das sie seit dem Davonlaufen des Vaters
mit ihr teilte Die Mutter erwachte nicht dies erlauschte Bertold dann ging
er leise die Treppe hinauf in seine Giebelstube Ihm war so heiß er riss das
Fenster auf öffnete den Wams und fand eine Rose die ihm Anna unbemerkt hinein
geschoben hatte er konnte das stille Lager im grünen Grasgarten erkennen das
Gras war eingeknickt und erhob sich jetzt die Worte hüpften ihm im Munde und er
sang mit geschlossenen Augen in wehmutsvoller Freude zu den seligen Sternen die
ihm im Herzen aufgegangen waren
Ein Stern der Lieb im Himmelslauf
Die offene Brust sanft atmend kühlt
Der Frühling heiß im Herzen spielt
Da blüht die erste Rose auf
Du bist der Stern dir unbewusst
Dein Atem kühlet meine Brust
Du bist der Frühling der mich wärmt
Der in des Herzens Blumen schwärmt
So kühlst du außen wärmst da innen
Die Glut verschließt dein keusch Besinnen
Gern tat sich Lust in Bitten kund
So lebenswarm wie Herzensblut
Da schloss die Rose mir den Mund
Und tut mir duftend hier so gut
Ich schwimme in dem Liebesduft
Unendlich scheint das Blau der Luft
Die Augen füllt ein süßer Drang
O Liebestau in Tränen Dank
Dass keusche Sterne dürfen scheinen
Und nur zerdrücktes Gras beweinen
Sechste Geschichte
Der Mahlschatz
Frau Zähringer erwachte als die liebe Anna eben eingeschlafen war sie sah die
Tochter neben sich als sie eben über ihre Abwesenheit nachdenken wollte und
die Begebenheiten des vorigen Tages gewannen das Ansehen eines Traums Sie stand
auf und schlich nach dem Zimmer Bertolds herauf blickte durch das
Schlüsselloch und sah dass er auch ruhig in seinem Bette liege Da schien es ihr
Gewissheit dass sie sich nur mit einem bösen Traume geplagt habe Sie ging
herunter und schämte sich weckte die Tochter die auch keine Lust hatte von
der Geschichte anzufangen so wenig wie Bertold der auch zum Frühstück gerufen
wurde Die Leute Kuglers weckten sie aus dieser guten Meinung sie verlangten
von ihr Rat und nun entwickelte sich das Geheimnis Bertold erfuhr jetzt erst
dass Kugler ihn in Waiblingen suche er fürchtete dass seine Mutter erschrecken
möchte und behauptete dass er nur durch ein eiliges Nachreisen das Ungewitter
zerstreuen könne Frau Zähringer gab ihm recht und Anna wusste nichts dagegen zu
erinnern doch äußerte sie die Meinung dass sie ihn gern begleiten möchte
Bertold fasste das auf und suchte der Mutter und Tochter zu beweisen dass sie
nichts in Augsburg hielte Kuglers Wirtschaft würde dessen Schwester gern
führen die eigne Wirtschaft sei schnell geordnet die Mutter kenne Waiblingen
und selbst wenn sie in seinem Hause nicht zu wohnen Lust hätte so sei doch eben
so leicht ein eigenes Haus für sie zu finden In Apollonien sprach eine alte
Liebe zu dem Orte für den Vorschlag aber sie ließ sich noch erst recht lange
bitten bis Bertold ihre Einwilligung erzwang Es wurde ein Fuhrmann aus der
Nachbarschaft gemietet mit großer Hast alle Kleider Betten und Leinenzeug
eingepackt so dass alles übrige im Hause durch fremde Leute konnte besorgt
werden wenn sie etwa gar nicht wieder an den Ort ihrer Plage und Arbeit
zurückkehren wollte Die Geschäftigkeit unterdrückte Gefühl und Betrachtung
nach einer Stunde als alles eingepackt alles besorgt war als die Pferde schon
vor dem Wagen ungeduldig die Erde stampften da fühlte erst Frau Zähringer dass
die Zeit im Unglück wie im Glück den Menschen an den Boden fesselt sie konnte
nur unter heftigen Tränen die armselige Hütte verlassen Bertold hatte manches
Geschäft abgemacht in aller Eile Herren Marx und Kunz sich empfohlen er freute
sich recht der Ruhe auf dem Wagen an Annens Seite ein lag der Reise macht
vertraulicher als ein Monat andrer Umgang er freute sich für Mutter und
Tochter allerlei Besorgungen übernehmen zu können Das Stoßen des Wagens setzte
manche Erzählung in Umlauf Bertold suchte Apollonia mit allem bekannt zu
machen was sich inzwischen in Wirtemberg verändert habe wie der Graf Eberhard
der Bärtige vom Kaiser zum Herzog gemacht sei und wie jetzt Herzog Ulrich gar
seltsam regiere Frau Apollonia erzählte dass sie ihn in früheren Jahren einmal
zu Augsburg gesehen er sei ein bauchiger dickköpfiger Herr gewesen der sich
zuweilen aus Hochmut alles Blut ins Gesicht geblasen und gedrängt habe wie ein
welscher Hahn »Er war schon in die Acht erklärt« fuhr Bertold fort »aber
der Kardinal Lang machte seine Versöhnung mit dem Kaiser und jetzt wirtschaftet
er noch rasender mit seinen Räten welche nach der Bedingung dieser Versöhnung
wärend sechs Jahren die Landesverwaltung führen sollten ein paar hat er schon
unter nichtigem Vorwande foltern lassen und einen im Kohlenfeuer fast gebraten«
»Gott stehe uns bei« sagte Apollonia »Wir können ruhig leben«
antwortete Bertold »aller Zorn des Herrn ist persönlich es leiden nur die von
ihm die er kennt die Räte und Herren vom Hofe seine Frau und Kinder« »Ist
nicht seine Frau die edle Sabina von Bayern mit der er so prunkvoll Hochzeit
gehalten ihm entflohen« fragte Frau Apollonia »Freilich« antwortete
Bertold »wie konnte sie länger das qualvolle Leben ertragen allen Weibern
ihres Gefolgs stellte er nach Die schrecklichste Geschichte war wohl als er
der Frau des Hans von Hutten nachtrachtete die ihm aber als eine ehrliche Frau
widerstand Das kränkte ihn er stellte sich eifersüchtig wegen eines Rings den
Hutten von seiner Herzogin erhalten hatte um ihn seiner Frau für ihre
Standhaftigkeit einzuhändigen er beschied Hutten in den Beblinger Wald gebot
ihm um Leib und Leben sich zu wehren und durchstach ihn ehe er noch sein
Schwert gezogen hatte Dann hing er ihn an eine Eiche mit dem Gürtel und machte
als Freigraf das Zeichen des heimlichen Gerichts zum Schutz seines sinnlosen
Frevels über den Toten« Die Geschichte veranlasste ein langes Gespräch über
die Eifersucht in welchem es sich äußerte dass die Mutter wohl einige
Eifersucht gegen die Tochter die Tochter aber noch viel mehr gegen die Mutter
hege und jeden Händedruck jeden Kuss Bertolds missgönne Bertold aber nahm
diese Äußerungen wie einen Scherz auf er war zu bescheiden sich so heftige
Einwirkung auf die Gemüter zuzuschreiben zu unbekannt mit sich selbst um zu
fühlen dass diese Eifersucht Annens wohl einen Grund in ihm haben könnte denn
je mehr er Apollonien sprach je mehr Erinnerungen der frühen Jahre erwachten in
ihnen beiden
Übrigens war es eine schwere Sache dem Meister Kugler nachzureisen um die
Sorge die seine Anfrage in Waiblingen verbreiten konnte durch die Gegenwart
des Vermissten zu zerstreuen Kugler war des Reitens beim Einkauf des Viehs sehr
gewöhnt in seinem Treiben lag immer etwas Rastloses und danach hatte er auch
seinen Schecken ausgesucht der nicht eher vom starken Trabe absetzte bis der
Herr ihn hielt Fingerring war bequemer sein Pferd geringer und so kams dass
ihm Kugler vorbei geritten ohne dass einer vom andern etwas gemerkt hätte da
Fingerling sein Pferd in einen Wirtsstall gezogen und selbst einem
Mittagsschlummer auf der Ofenbank sich ergeben hatte Er gewann einen solchen
Vorsprung dass Fingerling ihn selbst dann nicht erreichte als Kugler einen
Handel über ein Paar Lämmer mit einem Bauer abschloss die Lämmer über den Sattel
band und nun doch etwas langsamer seinen Weg fortsetzte Als er in Waiblingen
angekommen kümmerte er sich wenig um ein Wirtshaus sondern ließ sich nach dem
Hause des Bürgermeisters weisen wo er wie ein Würgengel mit den Lämmern trabend
einritt Die alte Frau Hildegard trat auf den Lärmen an die Stiege fragte ihn
was er wolle und horchte auf seine Antwort sehr aufmerksam konnte aber nicht
klug daraus werden so wenig war der Mann zur klaren Erzählung geeignet Bald
fragte er nach Bertold ob ihm ein Unglück geschehen bald schimpfte er auf
ihn dass er entwichen sei bald machte er ihr als Mutter Vorwürfe dass sie ihn
nicht besser gezogen habe dabei bähten die Lämmer und Kuglers Hund zeigte den
neugierigen Haushunden knurrend die Zähne Nachdem diese Unverständlichkeit
etwas gewährt hatte so glaubte Frau Hildegard ihrem Hausrecht etwas zu
vergeben wenn sie sich von einem Fremden so etwas bieten lasse sie fing also
an auf Meister Kuglers Pferd zu schimpfen das ihr den eben gekehrten Torweg
verunreinige auch auf den Hund der einen ihrer Lieblinge zu zausen Anstalt
machte zuletzt auf den Meister der kein vernünftig Wort rede Meister Kugler
schonte auch nicht weil er sich im Recht glaubte schon liefen die Leute aus
der Schreibstube mit Knütteln herbei als ein gellendes Jagdhorn durch die
Unterhaltung schmetterte Es war Fingerling der sich diesen Spaß ausgesonnen
hatte um jeden Widerspruch der Alten mit seinem Jubel über das Geschehene
zurück zu weisen und gleichsam die Sache mit Gloria zu verkünden Der Lärmen
schwieg und Fingerling stieg mit seligem Antlitze von seinem Rosse als ob er
eine Tasche voll Rosinen trüge verkündete mit sehr abgemessener Sprache
vielleicht wohl gar in Reimen den Turnierruhm des Kaisers Gnade die Verlobung
Bertolds Frau Hildegard schlug beide Hände zusammen sie meinte den Alten
wahnwitzig Aber noch toller wars als jene beiden in Streit gerieten als
Kugler von dem Bertold als von einem verlorenen Manne sprach der auch wohl ein
Ausreisser sein dürfte Fingerling behandelte ihn als einen eifersüchtigen Toren
der dem ein Bein stellen wolle der ihn aus beiden Sätteln gehoben und das
kränkte Kugler Die Schreiberherren halfen dem schwächer gestimmten Fingerling
durch ihr begleitendes Chor die Dienstmägde die Arbeiter drohten in ihrer Art
schon bissen die Hunde auf Kuglers Hund los und alles schien über Kugler
herfallen zu wollen als Bertold dessen Wagenrollen niemand bei dem Schreien
beachtet hatte mit seinen beiden Reisegenossen mitten unter ihnen stand Kugler
wollte ihm gleich zu Leibe gehen da sah er die beiden Begleiterinnen und
erstarrte in Verlegenheit Die Mutter wollte Bertold umarmen da trat sie scheu
zurück vor den beiden Frauen die er ihr zuführte alles war verlegen oder
verwundert nur nicht Fingerling der aus seinem Jagdhorne die süßesten Töne
herausdrückte welche auch das Beissen der Hunde in der Art trennte dass diese
mit allen heulenden Tönen ihre musikalische Beistimmung gaben
Alles zog sich während dieser Kunstgewalt ins Feierliche Bertold küsste
Frau Hildegard die Hand auch Anna folgte seinem Beispiele die Mutter begrüßte
sie förmlich worauf Frau Hildegard alle Zusammengehörigen in ihr Zimmer
nötigte Da geschah in Ordnung die Auseinandersetzung bei welcher Frau
Hildegard sich nicht enthalten konnte so einige Worte von Verführung junger
Leute zu sprechen und wie sie zwar die Verheiratung des jungen Menschen immer
gewünscht aber sich doch jetzt nicht der Tränen erwehren könne nun sie so
unerwartet ohne ihre Vermittlung erfolge dass sie nun nicht mehr über seine
Gesundheit im Schlafe wachen könne nicht mehr ihr Bette neben das seine stellen
dürfe Ihr Argwohn gegen die fremden Frauen die sie für Abenteuerinnen hielt
welche den Sohn künstlich beschwatzt hätten verwandelte sich bald in Teilnahme
und Rührung als ihr Apollonia im Verfolg der Erzählung näher bekannt ward von
der sie sonst wie von einem Mädchen gesprochen hatte zu der ihr Sohn nie
aufblicken dürfe und die nun nach so vielen ausgestandenen Leiden ihren
ehemaligen Freund der Tochter abtreten müsse Ihrem Gefühle nach sollten es sich
alle noch überlegen sie meine der Sohn müsse Apollonien heiraten das sei er
ihr schuldig mit ihr komme auch sein Alter überein Der Vorschlag kränkte Annen
und Frau Hildegard hatte Mühe sie zu trösten als sie ihr versicherte dass sie
auf den Vorschlag gar nicht bestehe Der ehrliche Kugler fühlte sich bei der
ganzen Sache am überflüssigsten dachte deswegen auf eine Artigkeit sich
beliebt zu machen und brachte die beiden Lämmer zum Geschenk die schön
weissgewaschen wie sie waren der Frau Hildegard so wohl gefielen dass sie
dieselben aufzuziehen beschloss »Wo mag damals in der Schreckensnacht mein
Lamm geblieben sein« fragte Apollonia »Von diesem Lamm stammt eine Herde«
sagte Bertold »die sich jährlich auf dem Hofe vor der Stadt vermehrt und die
feinste Wolle im ganzen Lande trägt Lernt mich in meiner Treue gegen Tiere
kennen auf jenen Bäumen brüten jährlich und werden von mir gefüttert die
Abkömmlinge der Elster welche mir diese Baustelle zeigte« Das gab
Veranlassung die Fremden umher zu führen ihnen die Zimmer zu zeigen die ihnen
bestimmt wären So endete der Tag und Frau Hildegard freute sich dem Sohne im
Bette wieder wie sonst die Hand reichen zu können und in diesem Gefühle gelobte
sie zur glücklichen Vermählung desselben die Mutter Maria mit dem heiligen
Kinde die am Hause nur schlecht gemalt vom Regen ausgelöscht war wieder
auffrischen zu lassen Der gute Sohn sann aber inzwischen darauf wie er seiner
Mutter eine stete Gesellschaft lassen könnte und berechnete sich wie viel Dank
er dem alten Fingerling schuldig sei und wie dieser auch so einsam lebe Da trug
er ihr vor ob sie sich nicht mit dem guten Manne vermählen wolle im Grunde
wären sie doch in Hinsicht aller Wirtschaftsangelegenheiten längst mit einander
verbunden habe sie wegen ihres Schwindels sich sonst schon gegen ihren Willen
vermählt warum wolle sie jetzt nicht ihrem Alter und ihrer Bequemlichkeit
dieselbe Gefälligkeit erweisen Die Mutter wies das zwar von sich sie sei schon
neunzig Jahre aber der Sohn meinte dennoch durch zu dringen weil sie von ihrer
Seite den Plan machte Apollonien mit Meister Kugler zu verheiraten wenn ihr
entlaufener Mann für verschollen erklärt wäre so dass ein Tag sie alle in
gehörige Verbindungen versetzen könne Der Mensch denkt und Gott lenkt
Am Morgen wurde Anna sehr erschreckt sie konnte sich nicht gleich erinnern
wo sie erwache das Zimmer erschien in der Morgenhelle anders als Abends in der
Lampenerleuchtung Sie rief die Mutter aber diese hatte schon Zimmer und Bett
verlassen und erst allmählich besann sie sich auf alles Sie strählte ihre
Haare am Fenster und flocht sie auf des herrlichen Anblicks über den
blumenreichen Garten erfreut und darum weniger eilfertig das alles sollte nun
bald ihr Eigentum sein in dem Gedanken fühlte sie ein stolzes Glück Ein
sanfter Wind wogte mit Ästen und Gesträuchen und wie er diese einmal stärker
niederbeugte sah sie die Mutter auf einer Gartenbank neben Bertold sitzen wie
er sie herzlich küsste Sie zitterte sie wollte nicht glauben aber der Wind
trat immer stärker auf und es war nicht zu zweifeln mm suchte sie alles auf
Bertold und die Mutter zu entschuldigen aber nichts wollte die Heftigkeit
ihres Zorns erleichtern als ein Strom von Tränen Als sie noch weinte und ehe
sie sich bezwingen konnte trat die alte Frau Hildegard an ihrem Stabe ein und
ließ durch ein paar Mädchen ein elfenbeinernes Schränkchen auf den Tisch in die
Mitte der Stube setzen Die Mägde gingen fort die Alte hatte zu schwache Augen
um gleich die Tränen der künftigen Schwiegertochter wahrzunehmen auch war sie
sehr beschäftigt die Seltsamkeiten des Schränkchens sorgsam auszupacken so
gewann Anna Zeit sich etwas zu fassen »Das Schränkchen« sagte Hildegard
»enthält den Mahlschatz der guten Mutter unsres Bertolds wie wird sie sich
freuen wenn ein Blick aus jener Welt ihr gegönnt ist diese Zeichen ihrer Liebe
in Zeichen der Liebe ihres Sohnes verwandelt zu sehen Ich die ich viel älter
war als sie sollte das alles noch vor meinem letzten Stündlein erleben«
Anna kannte nichts von dem Geräte freute sich aber an aller zierlichen Arbeit
während sie ungeduldig nach dem Fenster hinblickte ob ihre schmerzliche
Wahrnehmung sich ihr zu grösserm Kummer wiederhole Frau Hildegard erklärte ihr
nun die Bedeutung jeder einzelnen Gabe des Mahlschatzes »Der Kranz mit drei
Eicheln auf einem Stiele bezeichnet« sagte sie »die Unschuld welche bisher
unter dem höchsten Schutze der Dreieinigkeit gestanden ihn überreichst du
meinem Bertold am Hochzeittage wogegen er dir die goldne Kette mit den Rubinen
als ein Anerkenntnis deiner Unschuld verehrt Dies ist das silberne
Armgeschmeide das ihr einander anlegt als Zeichen dass eure Hände nicht mehr
frei sind Dies ist der Schaugroschen den du als Mietsgeld von dem Manne
empfängst ein Zeichen der treuen Dienste die du ihm und seiner Wirtschaft
leisten musst Dafür übergibst du ihm in der Hochzeitnacht dies feine Hemd das
du noch mit seinem Namen sauber zeichnest und für das Hemde gibt er dir am
Morgen diesen aus Silberdraht geflochtenen Gürtel an welchem eine Geldtasche
und ein Küchenmesser hängt als Zeichen dass du gegen jedermann das dir
anvertraute Gut schützen sollst« Anna dankte ihr unter Tränen für alle die
guten Lehren sie wolle fleißig und treu wirtschaften wenn nur Bertold gleiche
Treue gegen sie erweise Das Geheimnis ließ sich der Anfrage Hildegards nicht
bergen und Anna vertraute ihr was sie eben gesehen und was vielleicht noch
geschehe Hildegard war betroffen sie sagte wenn auch jetzt zu diesen
Zärtlichkeiten nur die Erinnerung der Stelle wo er sich zuerst mit Apollonien
begrüßt den Stoff hergegeben habe so sei freilich eine Rückkehr zu dem
Jugendgefühle eine sorgliche Sache weswegen sie immer noch wünsche dass jene
beiden einander ehelichen möchten und dass Anna einen Jüngling ihres Alters
erwähle Der Rat brachte die Jungfrau auf sie schwor dass sie ohne Bertold
nicht leben könne dass sie auch von Luther feierlich eingesegnet sei Da gab ihr
Hildegard den Trost sie möchte nur schweigen und tun als ob nichts sie kränke
damit nicht Unfrieden in die Ehe gesäet würde sie wolle dafür sorgen dass
Apollonia nicht im Hause bleibe so sei doch der Umgang weniger häufig Zum
Glück sei das artige Haus des Nachbars feil das solle der Sohn für Apollonien
kaufen und einrichten lassen
Sehr unbefangen wie es der Unschuld ihres Herzens ziemte traten jetzt
Apollonia und Bertold ein grüßten erzählten wie sie im Garten des
wunderbaren Zusammentreffens der noch wunderbareren Trennung gedacht hätten
die Annen das Leben geschenkt habe Bertold erzählte noch es sei ihm einen
Augenblick vollkommen wie damals zu Mute gewesen und sie hätten sich wie ein
Paar Verliebte geküsst dann habe er noch eine Inschrift an die Stelle gesetzt
wo ihm so viel Glück geworden Alle gingen hinunter diese Inschrift an Ort und
Stelle zu hören und Bertold las sie mit inniger Rührung es war eine Art
Gebet
Gib Liebe mir und einen frohen Mund
Dass ich dich Herr der Erde tue kund
Gesundheit gib bei sorgenfreiem Gut
Ein frommes Herz und einen festen Mut
Gib Kinder mir die aller Mühe wert
Verscheuch die Feinde von dem trauten Herd
Gib Flügel dann und einen Hügel Sand
Den Hügel Sand im lieben Vaterland
Die Flügel schenk dem abschiedschweren Geist
Dass er sich leicht der schönen Welt entreisst
Anna wurde von dem Gebete sehr ergriffen sie versprach ihm mehr als der Himmel
ihm geben könne Es wurde von der Einrichtung des Hauses gesprochen und ehe noch
Hildegard davon anfing erklärte Apollonia sie wolle weder auf Kosten noch im
Hause ihres lieben künftigen Schwiegersohns leben aber die Stadt gefalle ihr
wieder von neuem sie höre dass ihr ein mütterliches Erbe zugefallen sei worauf
die Stadt keinen Anspruch machen könne sie wolle sich ankaufen bis sie in den
letzten Jahren zu dem Kloster zurückkehre welchem sie damals entrissen worden
Frau Hildegard machte trotz aller Gegenrede Bertolds der Apollonien nicht aus
dem Hause lassen wollte ihren Vorschlag wegen des Nachbarhauses er gefiel
Apollonien doch gab Bertold nur ungern seinen Willen darein weil beide Häuser
durch ein schmales Fussgängergässchen getrennt waren so dass keine andre
Verbindung als durch das Zubauen der allgemeinen Straße zwischen den beiden
gestiftet werden könnte
Das Nachbarhaus wurde jetzt in Augenschein genommen Es fand sich neu und
dauerhaft denn es wurde erst vor wenig Jahren auf der wüsten Stelle gebaut nur
konnte sich Frau Apollonia nicht zufrieden geben dass ein Brunnen fehle der ihr
als eins der liebsten und wesentlichsten Teile der Wirtschaft erscheine
Bertolds Baulust machte gleich einen kühnen Plan Auch ihm mangelte ein tiefer
Brunnen in seinem Hofe nur trübe moorichte Quellen sammelten sich in dem
Behälter das er damals bei der ersten Besitznahme des Gebäudes ausgegraben
hatte zum Ersatz hatte ihm immer der schöne tiefe Marktbrunnen gedient der
doch sehr unbequem weit vom Hause ablag Jetzt fiel ihm ein beiden Häusern den
Dienst zu erweisen durch einen gemeinschaftlichen Brunnen zwischen beiden ihnen
nicht nur ein tieferes reines Quellwasser sondern auch die Freude der
Verbindung am Brunnen wie den Altvätern der Bibel in den Wüsten Asiens zu
verschaffen Zwar musste dann die kleine Straße die dem ganzen Städtlein
nützlich war um zu den Bleichplätzen auf kurzem Wege zu gelangen auf immer
geschlossen werden Er schwankte aber Apollonia trieb ihn mit der Bewunderung
seines Anschlags über sein gutes Gewissen und seine Besonnenheit als
Bürgermeister hinaus Er fühlte dass er unrecht habe ganz deutlich unrecht
weil er die ehrwürdige Scheidewand des Hohenstaufenpalasts durchbrach unrecht
als Verwalter des öffentlichen Vorteils aber der Gedanke war ihm zu süß er
konnte sich nicht losreißen er hätte gleich in Ungeduld Hand ans Werk legen
mögen Er hatte so viele Gaben himmlischer Gnade erhalten dass ihn der Mangel
dieses Brunnens so quälte als ob alles was er besitze gar nichts dagegen
bedeute
Schon versuchte er den Boden ob er fest sei da hörte er Frauen in dem
Gässchen die rühmten dies Gässchen wie es so reinlich und fest sei der Regen
schade gar nicht kein Wagen komme ihnen da entgegen wenn sie mit dem Linnen
bepackt wären die Kinder könnten da auch so sicher spielen ohne Gefahr
übergefahren zu werden Es rief in ihm dies sei die Stimme eines warnenden
Engels aber der Teufel stand auch schon neben ihm der Doktor Faust der
wieder angekommen aus der Fremde sich nach seinem Wohlsein erkundigte und die
Unterredung behorcht hatte Er fühlte Bertolds Puls und sagte sein Blut
verdicke sich es fehle ihm entweder an Luftbewegung oder an fleissigem
Gebrauche des reinen Wassers Frau Apollonia fiel ihm in die Rede dass es an der
Seite der Stadt nur einen öffentlichen Brunnen gebe der natürlich so
verunreinigt würde sie könne nicht leben ohne einen Brunnen in ihrem Hause zu
haben Faust gab ihr mit schrecklich wichtiger Gebärde allen Beifall wollte
aber von der Wunderkur anfangen wie er Bertold ein frisches Lebensblut
verschafft habe und dass er dies schonen müsse da führte ihn Bertold unter
einem Vorwande bei Seite steckte ihm eine Hand voll Geld zu sagte ihm er
müsse diese Wunderkur verschweigen weil er sich schäme durch fremdes Blut
genesen zu sein Faust grinste über das seltsame Geheimnis und brummte »Ihr
meint wohl die Frau möchte nach dem fragen der Euch das Blut gegeben Ihr
solltet ihn einmal jetzt sehen das ist ein rechter Heidengott ein junger
Herkules geworden er wächst wie Holunder und ist fest wie Hagebuche Seid
ruhig ich will schweigen aber erfrischt Euch an gutem Wasser ich sage Euch
ich habe es in den Füßen wo Quellen liegen mir wird da so wohl als stiege ich
in ein Bad da wo Ihr eingegraben habt liegt entweder ein Schatz oder eine
mächtige Quelle« »Ich will einen Rutenschläger bestellen ehe ich anfange zu
arbeiten« meinte Bertold »Euer Gefühl kann irren« »Herr« sagte Faust
ergrimmt und seine schwarzen Augäpfel traten hervor wie Kugeln die er eben
fortschiessen wollte »Herr Bürgermeister ich wünsche Euch alle Pestilenz auf
den Hals ich kuriere Euch nicht wenn Ihr einen elenden Gauner von
Rutenschläger befragen wollt wo ich Euch schon Bescheid gesagt habe Ihr müsst
hier einen Brunnen graben oder ich schreie in der ganzen Stadt der
Bürgermeister ist ein toter Mann der nur durch Bürgerblut lebt und ihr braucht
nur sein Blut dem Anton abzuzapfen so muss er wie ein Blutigel dem Salz
aufgestreut wird auch sein Blut entlassen Nun Herr habe ich Euch in meiner
Gewalt es ergibt sich keiner umsonst dem Teufel« Bertold sagte ihm er sei
trunken Faust antwortete »Trunken bin ich denn jetzt sind es gerade
siebenundzwanzig Jahre als ich zum letztenmal nüchtern war aber im Wein ist
Wahrheit wenn das Wort heraus ist so gehörts einem andern und wenn ein Ding
geschehen ist so verstehens auch die Narren der Balbier lässt sich mit dem
abgeschnittenen Haar nicht bezahlen wüsste ein Mensch recht wer er wär er
würde fröhlich nimmermehr aber der Wein macht lustig das ist seine
Gerechtigkeit« Bei diesen Worten winkte er einem verschmitzten bleichen
Knaben der auf ihn an der Türe wartete ließ sich eine große Henkelflasche von
ihm reichen und wankte langsam dem Ratskeller zu indem er zuweilen anhielt um
mit Hilfe des Knaben der beide Arme unterstemmte die große geflochtene
Flasche ihrer letzten Tropfen in seinen Mund zu entledigen
»Es ist ein seltsames Vieh unser Doktor« sagte Bertold zu Apollonien die
sich über ihn verwunderte »aber ein Ingenium hat er wie keiner wenn er kaum
seinen weg sehen kann da errät er am besten alle verborgne Übel und hier hat er
eine außerordentliche Quelle entdeckt wo wir einen Brunnen nötig haben Ich
kann nicht ruhen bis ich Arbeiter finde das Werk anzugreifen ich sehe in
Gedanken den Rand des Brunnens die Sitze umher von Marmorstein auf denen wir
täglich mit einander frühstücken wenn hell und herrlich der Morgen und wenn er
von Annen mit den ersten Gaben des Jahres mit Krokus Schneeglöckchen und
Veilchen bekränzt wird wenn wir unsre Kinder dabei taufen lassen wenn bei
Feuersgefahr dieser Brunnen die Stadt rettet dann werden sie gern das kleine
Gässchen geopfert haben und werden es mir danken«
Um keinen Widerspruch zu erfahren eilte er aufgemuntert von Apollonien zu
seinen Arbeitern die Gasse wurde geschlossen die Mauern durchbrochen ehe noch
die Sonne sank und Fingerling ihm sagte dass die Zünfte einen Verdruss empfänden
und zusammen gekommen wären dass er eine solche gewaltsame Änderung und
Zueignung ohne sie vorgenommen habe nur ihre alte Anhänglichkeit halte sie ab
sich heftig dagegen zu erklären Er meinte aber die guten Leute zu kennen er
wusste dass sie einer großen öffentlichen Lustbarkeit nicht widerstehen könnten
und bat Fingerling alle Zünfte mit Frauen und Kindern zu seinem Hochzeitfeste
einzuladen zugleich sollte er die Angelegenheit des Brunnens hin halten wenn
sie erst ein paar Wochen daran gewöhnt wären würden sie einigen alten Weibern
zu liebe die das Linnen trügen ihm diesen Gipfel des häuslichen Glücks nicht
wieder entreißen
Anna und Hildegard vernahmen nichts von der Sache die erstere war allzu
glücklich mit der Musterung aller Kostbarkeiten und Künstlichkeiten beschäftigt
welche die fürstliche Mutter dem Hause zur Überfüllung aller Zimmer verlassen
hatte Kaum gönnte sie sich Zeit zum Mittagessen die neugierige Anna wäre
Bertold nicht mit seinem Brunnen beschäftigt gewesen es hätte ihn kränken
müssen dass die Begierde auf Wirtschaftsgeräte die sie bald als Eigentum
betrachten sollte ihre Aufmerksamkeit von ihm für den ganzen Tag abgelenkt
hatte Mit rastlosem Eifer wurden alle Zimmer alle Schränke gemustert und Frau
Hildegard selbst hatte die Freude manches durch die Berührigkeit Annens wieder
zu sehen was ihr zu schwierig war aufzuheben selbst manches noch zu entdecken
wovon sie bisher keine Kunde gehabt hatte Immer höher stiegen sie und kamen im
Boden an eine Kammer von der Frau Hildegard selbst nichts wusste Da aber die
Türe verschlossen war und kein Schlüssel unter allen sich dazu vorfand so
wurden alle durchversucht ob sie passten Endlich fand sich ein Schlüssel von
dem Zimmer Bertolds der auch hier aufschloss aber die Erwartung war betrogen
die Kammer schien nichts zu enthalten als einen mottenfrässigen grünen Wams den
Frau Hildegard bei näherer Betrachtung für den grünen Schreiberwams für die
erste Gabe Apolloniens erklärte Der wurde von Annen mit Hildegards Einwilligung
gleich bei Seite geschafft damit diese Erinnerung von der er oft sprach keine
neue Neigung und Eifersucht erwecken könnte Nun fand sich noch ein eiserner
Kasten in einer Ecke in welchem Anna nichts fand als ein türkisches Messer mit
einem Drachengriff und einem ledernen Beutel beides war seltsam schön
gearbeitet und gefiel ihr sie meinte es brauchen zu können Aber Frau
Hildegard gebot ihr beides hinzulegen sie wolle ihr ein besseres Messer kaufen
das sie in der Wirtschaft brauchen könne und der Beutel scheine ihr ohnehin
verstockt zu sein Doch Anna dachte sich schon als Herrin des Hauses glaubte
das alles schon ihr Miteigentum wollte mitgeniessen was ihr gefiel und sparen
was überflüssig schien sie meinte also es sei verständig Messer und Beutel
mitzunehmen ohne dass es die Alte mit ihren blöden Augen bemerke nachher werde
sie schon vergessen ein überflüssiges Messer zu kaufen und den Beutel brauche
sie ohnehin gleich um allerlei kleine Gaben zu bewahren die sie während der
Haussuchung erhalten hatte So kamen beide bedeutsame Gaben alter Zeit das
einzige was von dem Schatze Bertolds übrig in die Gewalt der schönen Braut
die ihre Seltsamkeit und die Gefahr welche damit verbunden nicht ahnden
konnte aber das Unrecht war ihr doch deutlich denn sie nahm beides heimlich
und es brannte sie doch schon etwas wie den Adler die glühende Kohle welche er
statt des Opferfleisches in das sichere Nest trug
Siebente Geschichte
Der Brunnen
Der Heiratsanschlag auf Fingerling hatte keinen Fortgang der alte Junggeselle
befand sich in seiner ängstlichen Ordnung zu wohl als dass er sie hätte ändern
mögen Er fand sich durch den Antrag sehr geehrt und geängstigt denn seine alte
Aufwärterin war gegenwärtig und machte ein böses Gesicht auch die
Kanarienvögel denen er etwas Grünes gebracht schrien zornig drein seine drei
Schosshunde knurrten und Bertold fand es demnach geratener zu ihren
Geschäften überzugehen Einen Vorteil hatte er inzwischen durch den verlorenen
Antrag es durfte Fingerling seine Einwendungen gegen den Brunnen aus
erwiderndem Nachgeben nicht weiter vorbringen Dieser Brunnenplan war Bertold
aber ganz ans Herz gewachsen seit Anna die vorläufig mit der Mutter ins
Nachbarhaus der Schicklichkeit wegen bis zur Vermählung gezogen war diese
Verbindung höchst bequem fand um spät und früh bei Bertold zu sein mit ihm
die Zukunft und das Haus auszuschmücken Bertolds Zärtlichkeit die jede Stunde
durch artige Zeitvertreibe Geschenke und Gesellschaften zu beleben wusste hatte
jede Eifersucht der Tochter wieder in den Hintergrund gestellt und bei der
Brunnenverbindung beider Häuser störte sie kein sorglicher Gedanke Sie suchte
inzwischen doch die Verbindung der Mutter mit Meister Kugler zu betreiben der
nun einmal fest entschlossen war nicht ohne Frau in seine Wirtschaft zurück zu
kehren und sich inzwischen mit dem Fleischeinkauf für das große Fest
beschäftigte das Bertold der Stadt geben wollte Als die Mutter ihr dieses
Ansinnen rund abschlug weil sie von dem Tode ihres Mannes eigentlich gar nicht
unterrichtet sei so sannen beide auf eine andre Frau für ihn doch vergebens
Da traten die geschwätzigen Töchter des Vogts Babeli und Josephine mit großem
Geschrei ein weil sie erst jetzt die Anwesenheit ihrer liebsten Gespielin
erfahren hätten küssten Apollonien erzählten gleich wie viele Verehrer sie
ausgeschlagen hätten bis die andern davon abgeschreckt sich ihnen nicht mehr
zu nahen wagten wie sie jetzt viel verständiger handeln würden wenn es ihnen
gestattet wäre ihren Weg noch einmal zu machen wie sie nicht mehr auf irrende
Ritter sondern auf ehrliche Zunftgenossen sehen würden Das Gespräch belebte
sie die Erinnerungen schmolzen das Eis ihrer Herzen und Kugler der nicht mehr
hinkte und sehr grossstädtisch gekleidet war trat zur rechten Zeit ein Babelis
Stunde hatte geschlagen zwar spät aber um so lauter Kugler wollte eine Frau
aus der Stadt woher Anna stammte sie liebten beiderseitig nicht ein zartes
Verstecken mit ihrer Zuneigung zu spielen Apollonia und Anna förderten die
Geburt mit freundlichem Zureden sie hatten sich erklärt und verständigt
geeinigt und geküsst sie waren zum uralten Vogt gelaufen der seinen Töchtern
allen Willen ließ und auch zu dieser Verlobung freundlich nickte alles das an
einem Tage
Auch hievon zog Bertold für seinen Brunnenbau wesentlichen Vorteil Die
Bürger wollten sich durch den versprochenen Schmaus wegen des vermauerten
Bleichgässchens nicht beschwichtigen lassen sie wollten aber den reichen
Bürgermeister nicht unmittelbar kränken und steckten sich deshalb hinter den
Vogt der gegen Bertold gleich einige Worte von herzoglicher Genehmigung fallen
ließ Gegenwärtig fielen diese Worte ins Wasser womit der Vogt seine Hände in
Unschuld wusch wie hätte er den Mann kränken sollen der seinen künftigen
Schwiegersohn beherbergte der gewissermaßen die Veranlassung gegeben dass er
Babeli unter die Haube brachte eine Hand wäscht die andere Vielmehr gab er
gleich den Bürgern zu verstehen wenn sie sich gegen den Bau setzten so würde
Bertold durch herzogliche Gnade ihn dennoch durchsetzen ihr Widerspruch sei
vergebens Die Bürger kannten Herzog Ulrich und schwiegen trugen es aber
Bertold nach der doch nichts von diesem Gerede des Vogts wusste
Das Ausgraben des Brunnens hatte große Schwierigkeiten weil Bertold nichts
vom Bergbau verstand der doch hier notwendig zu Hilfe gerufen werden musste
wenn er die oberen Quellen verschmähen und sich zur Tiefe durcharbeiten wollte
Die Arbeiter sagten oft Erde und Steine möchten ihnen über den Kopf
zusammenstürzen denn sie verstanden es nicht durch ein Zimmerwerk die steilen
eingegrabenen Erdwände zu sichern doch Bertold redete es ihnen in seiner Lust
den Brunnen fertig zu sehen immer aus machte ihnen Mut durch Wein und Geld
stieg auch selbst in die Tiefe und half zum Zeichen dass er keine Gefahr da
ahnde Aber jedesmal stürzte die Erde auf ihn nach und nötigte ihn hinaus zu
gehen und sich umzuziehen wenn sie auch keinen weiteren Schaden tat Er ließ
das Ausgraben weiter umherfahren glaubte alles gesichert und förderte die
Arbeit um so eifriger je weitläuftiger sie wurde So tief hat des Himmels Gnade
das Verderben versteckt der Mensch sucht es trotz allen Gefahren auf oft
scheint es als ob sein höchster Mut erst in der Sehnsucht nach dem
Verderblichen erwache als ob die Überzeugung des Guten nicht diese heftige
Flamme in ihm entzünden könne Bertold hatte eben die Arbeiter verlassen es
war am dritten Tage da kam ein Geschrei der Brunnen sei eingestürzt die
Arbeiter verschüttet In Verzweiflung eilte er hin er sah den Brunnen durch die
von zwei Seiten eingestürzten Wände halb gefüllt der Gram seines Herzens nannte
ihn einen Mörder er sprang hinunter er rief jedermann zu Hilfe alles
arbeitete in stummer Verzweifelung Endlich gelang es den armen Verschütteten
Luft zu schaffen sie konnten sich schon zum Teil selbst helfen die leblos
schienen wurden wieder zu Atem gebracht nur einem war der Arm zerschmettert
Bertold sorgte reichlich für alle den Unfall suchte er den Frauen zu
verheimlichen doch glaubte er sich gezwungen den Bau so lange auszusetzen bis
er sich erfahrne Arbeiter verschafft hätte
Da brachte ihm Fingerling am nächsten Tage Botschaft ein fremder seltsam
gekleideter Mann fast wie ein Schornsteinfeger der eine Lederschürze hinten
schwarz leinene Jacke und grüne Mütze trage reite sein hohes Ritterpferd in den
Hof und bringe ein Schreiben von Martin Luther »Glück auf« sagte der
Fremdling übergab seinen Brief mit einem freundlichen Händedruck Bertold
durchlas den Brief worin ihm Luther berichtete dass er den ersten Tag wohl acht
Meilen auf dem Pferde seiner Sicherheit wegen zurückgelegt habe am Abend aber
so steif und müde angekommen sei dass ihn die Leute hätten herunter heben müssen
Ein ehrlicher Bergknappe habe es übernommen das Pferd zurück zu bringen Noch
wünschte er ihm viel Segen zu der Ehe auch solle ihm der ehrliche Bergmann ein
Lied vom Ehestande vorsingen denn der wisse aus den Tiefen wie der Gesang in
die Tiefen des Herzens dringt Aber unserm Bertold klang ein andrer Gesang in
den Ohren bei den Worten dies sei ein Bergmann er sah ihn an wie einen höheren
Boten er drückte ihm die Hand wie einem Bruder er zog ihn mit sich fort zum
Brunnen hin zeigte ihm mit Leidwesen wie die Tiefe zugestürzt sei er müsse
ihm Rat geben um gefahrlos in die Erde zu dringen Der Bergmann lachte und
sagte in seiner fremden Mundart er wäre ein so hochgelehrter Herr der lesen
und schreiben könne er wolle ihn mit der Kleinigkeit wohl nur zum Narren haben
Bertold stutzte und sah ihn verwundert an dann beteuerte er ihm dass keiner
einen Rat wisse in die Tiefe zu kommen so wenig es ihm gelungen in die Wolken
zu fliegen Der Bergmann spottete ihn aus beschrieb ihm wie ein Schacht
nicht anders sei wie eine Brunnenöffnung bei der es aber auf Erz ankomme wie
dieser oft auf mehrere hundert Fuß Tiefe durch Wasser und Felsen eingetrieben
werde wie das Wasser und Gestein heraus zu schaffen sei und wie das Pulver
jetzt alles Sprengen der Felsen erleichtere wo sonst gar mühsam durch
Feuersbrand die Härte gelöst werden musste Dann bestellte er sich Holz und
Zimmerleute Bertold versprach ihm reichen Lohn
Die Bürger hatten des Unfalls am Brunnen gespottet jetzt konnten sie gar
nicht begreifen was er vorhabe Keiner der Schmiede und Zimmerleute konnte den
fremden Bergmann verstehen denn zwischen den ungebildeten Menschen die
verschiedene Mundart reden ist das Verständnis schwerer als mit denen die
schon ihre gewohnte Sprache durch Erlernung fremder Sprachen zu übersetzen
gewöhnt sind So musste Bertold als Dolmetscher zwischentreten um den Leuten
deutlich zu machen was sie hauen sägen bohren hobeln nageln und schmieden
sollten obgleich er selbst eigentlich nicht verstand was aus der Sache werden
solle auch dazwischen von mancher Besorgung für das Haus und die Braut
abberufen wurde Es war diese Zeit des Glücks gefährlich für ihn der so lange
durch seine Erziehung und seine Schwächlichkeit von der Welt in eignen Wünschen
und Leidenschaften abgehalten worden er hatte sie nur immer durch das
gleichgültige Nebelmeer der öffentlichen Geschäfte der eignen Bedürftigkeit und
des Erwerbs angeschaut Nun fühlte er sich auf einmal ein mitlebender Mensch
der manches vermöge von zweien Frauen geliebt von vielen Menschen umdrängt
die jetzt erst Vorteil oder Unterhaltung in dem Hause suchten Es kamen Ritter
aus der Gegend unter manchem Vorwand versicherten ihm ihre Freundschaft es tat
ihm wohl von Turnieren mitzureden den gewonnenen Becher zu zeigen dann
erregten sie seine Eifersucht wenn sie artig gegen Apollonien und Annen waren
auch seinen Zorn wenn sie auf Annen nicht zu achten schienen Er lernte aus
ihren Erzählungen das kriegerische Jagdleben der kleinen Ritterstaaten von der
glänzenden Seite kennen und fühlte sich da mehr zu Hause als bei sich selbst
wo ihm die Schreibstube das Einkaufen der Wolle das Dingen und Zahlen wenn es
gleich Fingerling gern besorgte unleidlich fiel so bald einer jener
ritterlichen Gesellen ihn in der Zahlstube besuchte Über seine früheren Jahre
suchte er in sich ein Vergessen zu verbreiten der Rosengarten und das
ritterliche Puppenspiel ward eingepackt er glaubte sich selbst zum fertigen
Ritter bilden zu können weil er sich gesund fühlte Meister Sixt wurde jetzt
von Frau Hildegard ins Haus gerufen um die Bildnisse von allen zu ewigem
Gedächtnis der schönen Zeit zu malen Bertold schenkte ihm eine bedeutende
Geldsumme für Anton damit dieser ihm nie so wenig während der Arbeit wie
nachher ins Haus komme weil er behauptete Frau Hildegard könne ihn nicht wohl
leiden Er bemühte sich gar den Anton nach Nürnberg zu Dürer in die Lehre zu
bringen aber das schlug Sixt rund ab weil er auf die Malerei der dortigen
Meister besonders Albrecht Dürers gar nichts hielt sondern das Wohlgefallen
der Leute an dessen mageren Gestalten für eine Augenverblendung ausgab Er hatte
die vollen sinnlichen Gestalten seiner niederländischen Meister im Kopfe so
malte er auch seine Heiligen dass noch ein sehr vollendeter Mensch außer der
Heiligkeit sich in ihnen zur Schau stellte ein Mensch der auch zur Sünde den
Stoff in sich trug aber in seinem Ausdruck die Bändigung der Lust die
Unterwerfung des blinden Triebs zu höherem Zwecke zeigte der zugleich
durchscheinen ließ dass dies alles in ihm kein toter Zwang des Gesetzes sei
sondern ein Drang seiner Seele ein feuriger Wille oder was gewöhnlich Glaube
genannt wird dies Vertrauen auf einige Begeisterung des Willens für etwas das
alles wirkt und bildet So tückisch Meister Sixt die schwächliche Gestalt
Bertolds einst aufgefasst hatte so reich und freudig wusste er die herrlichsten
Augenblicke in Annens Gestalt und Ausdruck zu sammeln und fest zu halten
Apollonien gab er dagegen zu viel Böses und Frau Hildegard zu viel Gemeines in
den Ausdruck denn was ihn nicht entzückte das machte ihn tückisch Eine
Bosheit von ihm war es auch dass er sie durch das Zugehörige die Eule bei
Apollonien die Taube bei Almen und den Pfau bei Hildegard als die drei
Göttinnen der Fabel bezeichnete Bertold aber als Paris hinzufügte wie er
Annen den Apfel reichte Diese mytische Bedeutung die niemand in Waiblingen
als Bertold verstand hatte dieser in Zutrauen auf Anna gebilligt da er in ihr
allerdings etwas von einer Liebesgöttin fand auch konnte das ganze Bild das an
den zu erbauenden Vereinigungsbrunnen der nach Bertolds Zeichnung in das Bild
eingetragen war den Zuschauer versetzte eben so gut für eine Verherrlichung
der Gartenlust die Bertold geschaffen gelten so wurde es auch von den
Frauen von allen Basen und Vettern von Rittern und Knappen aufgenommen
Zu keiner Angelegenheit verhielt sich während dieser Arbeit unser alter Sixt
seltsamer wie zu dem Bergbau am Brunnen der inzwischen schon mit verschränktem
Holze ausgesetzt war und durch ein Drehrad mit zwei Pumpen seines wilden
Gewässers entledigt wurde Er konnte ihm seine Bewunderung nicht versagen
begriff aber nicht was da vorgehe Dass da unten in der Tiefe einer arbeite kam
ihm nicht in den Sinn sondern er meinte das mache sich alles von selbst durch
die mirakulöse Maschine Er spritzte deswegen eines Morgens sehr unbesorgt sein
warmes Wasser worin er die Pinsel Farbenscheibe und Farbenbeutelchen
ausgewaschen in den Brunnenschacht Er hatte den Tag sehr viel an einem roten
Kleide Annens gemalt das warme Wasser war wie Blut gerötet und der Bergmann
erschrak bei seinem Grubenlichte nicht wenig als ihm rotes warmes Blut über
den Kopf rann er glaubte dass ihm eine Ader an einer Kopfwunde woran er schon
einmal todkrank gelegen wieder aufgesprungen sei Er stieg entsetzt und gar
unerwartet für Meister Sixt wie ein Schornsteinfeger für den Storch der ruhig
über dem Schornstein nistet aus der Tiefe Meister Sixt machte ein Kreuz mit
seinem Pinsel und wäre schnell dem Berggeiste entwischt der aber hatte ihn
schon in seinen schwarzen Fäusten und sagte ihm in seiner breiten Mundart er
solle ihm einen Arzt bestellen ihm sei eine Ader gesprungen Meister Sixt
versprach alles um dem schwarzen blutigen Manne zu entkommen Er lief fort und
begegnete in der Straße einem Geistlichen dem Pfarrer Sprenger der die heilige
Speise zu einem Kranken getragen hatte den sandte er gleich zum Trost des armen
Bergmanns Dann lief er zum Bader dass er sich mit chirurgischem Verbande
einstelle und begleitete diesen zum kranken Bergmanne Der gute Bergmann hatte
inzwischen schon alle seine Sünden gebeichtet wie er hie und dort Erze bei
Seite geschafft und an die Chimisten verkauft habe er war seiner Sünden
entledigt und die heilige Speise ihm gereicht worden Der Geistliche suchte ihm
noch Mut einzusprechen aber der Bergmann blieb dabei ihm würde im Himmel auch
nichts geschenkt werden er werde »ta prav tonnern« helfen müssen Da trat der
Chirurg hin wusch den Kopf ab setzte seine Brille auf schüttelte mit dem
Kopfe sah wieder roch wieder und brüllte endlich zornig »Meister Sixt ich
schlage Euch alle Rüben im Leibe zusammen hier ischt keine Wunde das ischt
kein Blut sondern riecht wie Malerfarbe Ihr habt mich zum Narren brauchen
wollen mein Gang kostet einen Gulden die Ehrenerklärung kostet auch einen
Gulden und wenn ich Euch nicht totschlagen soll so kostets noch einen
Gulden« Der Geistliche als er dies vernahm sprach Fluch und Bann über den
dürren Meister aus dass er mit dem Heiligsten seinen Spott treibe Meister
Sixt krähte dazwischen von seinem point dhonneur indem er einen kleinen Degen
zog ihn habe der schändliche Bergmann angeführt er sei unschuldig der
Bergmann aber schalt grimmig auf den Maler er habe ihm ein Fieber in den »Leip«
gejagt er habe ihn mit »Treck gesalpt« Schon hatte der Bergmann mit seinem
Fäustel den kleinen Degen des Malers in die Luft geschnellt und wollte ihn damit
weiter auspochen da trat Bertold aus dem Hause ermahnte ihn zum Frieden ließ
sich den Vorgang erzählen und erklärte allen den seltsamen Irrtum worin sie
sich vergebens ereifert hätten zahlte dem Wundarzt eine kleine Entschädigung
verehrte dem Geistlichen Tuch zu einem Mantel schickte Sixt zum Bilde fort und
trieb den Bergmann an die Arbeit die ihrer Beendigung nahe schien und die viel
Menschen nötig hatte weil die Pumpen Tag und Nacht beschäftigt werden mussten
Der Bergmann wollte sich zwar weigern gleich nach solcher »Unortnunge und
pöser Warnunge« wie er sich ausdrückte fort zu arbeiten aber Bertold stellte
ihm vor dass die Arbeit durch den Felsen wahrscheinlich noch an dem Tage zu der
großen Quelle führe auf die alle Vorzeichen deuteten Der Bergmann dachte
seines Berufs und der Vergebung seiner Sünden er stieg ein in die Tiefe das
Unheil war so tief verborgen er musste es doch zu Tage fördern Bertold hörte
den Bergmann aus der Tiefe gar herrlich singen und dachte wohl an Luthers Brief
und wie dieser fromme Bergmannssohn für die Sehnsucht der Welt nach tiefer
Erkenntnis sein Leben daran setze eine Quelle des Glaubens zu entdecken
nachdem aller andrer Glaube wie er bisher gebraucht als getrübt befunden
worden Ängstlich fragte er den Bergmann ob auch keine Gefahr ihm drohe es sei
ihm so bange »Eine feste Burg ist unser Gott« antwortete der alte Hauer
»ich lass mich nicht zum zweitenmal von blinder Furcht abtreiben es muss
hindurch der Fels mag hier noch so fest sein ich habe gebeichtet und gebetet«
Beruhigt ging Bertold zu seiner Anna fand aber dort einen sehr
schmerzlichen Brief des guten Treitssauerweins er schrieb ihm dass der Kaiser
täglich schwächer werde dass ihm seine großen Bestrebungen lächerlich dünkten
dass er viel von den Kronenwächtern vernommen und sich lächelnd geäußert habe
dass er sich gerade an den Unrechten gewendet als er Bertold zu Nachforschungen
aufgefordert habe er möchte wohl selbst zu ihnen gehören Das habe er als
Freund bestritten aber der Kaiser sei nun einmal altersschwach und beschaue
täglich seinen Sarg den er bei sich führe Als er von Augsburg ohne Prunk
ausgezogen habe er sich bei der Rennsäule auf dem Lechfelde umgewendet lange
mit seinen weisen gütigen Augen die Stadt beschaut und endlich mit bebendem
tiefem Atem gesprochen »Nun gesegne dich Gott du liebes Augsburg und alle
frommen Bürger darin wohl haben wir manchen guten Mut in dir gehabt nun werden
wir dich nicht mehr sehen« Wo die Tonkugel eines Knaben und wo die
Geschützkugel zur Ruhe kommen sind beide gleich machtlos von dem Leben nimmt
der Bürger und der Kaiser mit gleichem Gefühle Abschied dass aber ein Kaiser
nach so gewaltigem sausenden Laufe durch die Welt und ihre Geschichte noch so
menschlich mit der Stadt reden konnte in der er wenige frohe Tage lebte die
Treue rührt tiefer als das Angedenken mancher großen Tat
Bertold erinnerte unter solchen Betrachtungen seine Anna an jedes gute Wort
des Kaisers und beide saßen fest verschlungen aneinander in Tränen als sich ein
Lärmen hören ließ nach der Hofseite als ob ein fernes Geschütz abgefeuert
würde Bertold hörte gleich darauf ein Geschrei der Arbeiter am Brunnen er
lief ans Fenster und erblickte eine Wassersäule die sich über den Brunnen erhob
und sich dann senkte das Wasser aber floss dann wie aus einem überkochenden
Kessel aus dem Brunnenschacht die enge Gasse zwischen den beiden Hofmauern nach
der Rems hinunter »Gott Gott« rief er »unser armer Bergmann«
Mit diesem Ausruf eilte er aus dem Zimmer hinunter die Treppe über den Hof
zum Brunnen hin »Helft helft« schrie er zu den Arbeitern aber da war schon
alles versucht den armen Bergmann heraus zu ziehen es fehlte nur an Haken um
bis zur Tiefe des Brunnens zu gelangen Die Leute berichteten dass sie einen
Schall in der Tiefe gehört als ob er den Durchbruch eines Felsenstücks woran
er lange gearbeitet zu Stande gebracht aber mit einem furchtbaren Bullern das
leichte Steine fortgeschleudert habe sich eine Wassersäule erhoben gewiss habe
er ein großes Wasserbecken im Innern des Bodens geöffnet und sei vom
Felsenstück niedergedrückt worden sonst würde ihn der Strom emporgetragen
haben Kein Schwimmer könne da niederdringen so lange der Wasserstrom mit
solcher Gewalt ausströme die Haken möchten ihn nicht erreichen selbst von
langen Bäumen er sei verloren ein Glück für ihn sei es dass er gebeichtet habe
und gespeist sei Die Leute sahen darin eine besondere Absicht und Gnade des
Himmels dass der Maler den Geistlichen herbeigeführt habe Das war kein Trost
für Bertold er suchte umher nach Rat und Hilfe aber vergebens zugleich
schämte er sich des Vorgangs vor den Frauen und vor der Stadt Er gab den Leuten
Geld dass sie dies Unglück verschwiegen auch im Hause sagte er nichts von dem
Vorgange sondern berichtete nur die Erscheinung der von Faust vorausgesagten
großen Quelle Alles eilte verwundert dahin der Bergmann schien vergessen
Heimlich bestellte Bertold so wenig er sonst darauf gehalten Seelenmessen für
ihn zu lesen so verschmähen nur wenige was ihnen angenehm im Glauben ist nur
das Unbequeme veranlasst den Zweifel und die Untersuchung
Aber die Arbeiter schwiegen kaum so lange als dies Geld währte das er
ihnen geschenkt bald war die Geschichte ein Märchen der Stadt es hieß der
Bergmann habe kostbare Edelsteine im Grunde des Brunnens gefunden und sei von
Bertold herabgestürzt um dies zu verheimlichen er werde es künftig schon
herausarbeiten Niemand sagte ihm so etwas wieder dass er die Wahrheit hätte
offenkundig machen können Die Lüge wandte immer mehr Herzen von ihm aber er
war zu übermächtig durch seinen Reichtum durch die große Zahl von Arbeitern
die er beschäftigte als dass irgend ein Bürger eine Anklage gegen ihn gewagt
hätte Faust mehrte den Zorn der Leute in seiner Trunkenheit sagte er seltsame
Dinge von Bertolds Heilung durch Blut wovon er wenn er nüchtern nichts
wissen wollte Um diese Zeit liefen aber so viele Klagen gegen Faust ein dass
Bertold seines ärgerlichen Wandels überdrüssig ihn zur Stadt hinaus führen
ließ Da sagte Faust ganz vernehmlich Es solle dem Bürgermeister noch gereuen
wenn er den Anton nur erstechen könne so wäre er auch des Todes und dazu werde
sich schon einer finden Aber auch davon erfuhr Bertold nichts er wurde immer
noch von den Seinen wie ein krankes Kind gegen jedes unangenehme Lüftchen
bewahrt Schnell ordneten sich die Steine um den Brunnen zu seinem Rande und zu
Sitzen umher sein Abfluss wurde sanft und ein kleiner Ausschnitt leitete den
Überfluss durch ein Gitter ab Am sogenannten Polterabend vor der Hochzeit wo
bei den Ärmeren alles Gerät abgesondert die alten Töpfe zerschmissen werden um
ein neues Leben anzufangen war der Brunnen am Abend fertig und trocken und erst
jetzt entdeckte sich allen seine Anlage Die Sitze waren hinlänglich gehöht um
über die Mauern nach dem Remstale hinzublicken so dass die sinkende Sonne in
ihrem abendlich gesättigten Rot aus dem Spiegel des gewundnen Flusses mit dem
Scheine mannigfaltiger Inseln blickte unter den Mauern sangen dazu die Chöre
der Bleicher auf den grünen Wiesen Bertold wurde überrascht und überraschte
zugleich die beiden Frauen zierten den Brunnen mit einem Blumennetze das sie
heimlich bereitet hatten und auf bunten Stangen über die Mitte des Brunnenrads
stellten dass es mit Duft und Farbenspiel sie wie ein Zelt umgab und die
Aussicht erhöhte indem es zuweilen sie unterbrach So saßen sie ruhig und Anna
fühlte einmal gar keine Eifersucht dass Bertold die Mutter mit seinem andern
Arm umfasste sie sprachen wenig und blendeten sich an dem Abendrot Der Brunnen
war zwar teuer erkauft aber er gewährte dem glücklichen Bertold das stolze
Gefühl dass ihn diesmal nichts geschreckt habe die andern wussten nichts von dem
armen Bergmann Da hörte Anna von einer Seite einen Atemzug wo keiner der Ihren
stand sie blickte um sich und sah einen alten Mann in rostiger Rüstung sie
fragte Bertold mit leichtem Schreck »Wer ist der fremde Mann Er sieht aus
als ob eines von unsern alten Steinbildern am Hause zu uns herabgestiegen wäre
Er hat mehr Züge im Gesicht als zwei gewöhnliche Menschen Er schiebt jetzt
einen Kasten heran es kommen mehrere die ihm helfen alle gerüstet wie er
alle von bleichem steinernen Angesicht Sie gehen schweigend zurück er bleibt«
Achte Geschichte
Das Hausmärchen
Frau Hildegard die sich zugleich mit Bertold umsah stieß diesen vergebens an
und flüsterte ihm zu er möchte sich fortbegeben es sei einer der
Kronenwächter den sie sonst schon oft abgewiesen habe Bertold fühlte einen
Mut in sich dem Alten zu begegnen und fragte ihn was er wolle warum er sich
ihnen so heimlich genaht habe »Heimlich« antwortete der Alte mit tiefer
heiserer Stimme als ob die böse Witterung eines Jahrhunderts darin sich
verkrochen hätte »heimlich war nicht nötig ihr saht und hörtet nichts Mein
Name ist Kronenhelm bin Ehrenhalt auf dem Schloss Hohenstock wurde viel hin
und her geschickt in Ernst und Spiel habe Turnier ausgerufen Fehde verkündet
Schlösser aufgefordert habe im Zweikampf Sonne und Schwerter gemessen
besprochene Waffen losgesprochen die Hexerei mit ritterlicher Ehre gebrochen
kann blasen auf dem Ehrenhorn hoch und tief und wenn einer sieben Jahre
schlief ich weck ihn und schreck ihn doch wenn einer lustig ist bin ich auch
ein guter Christ und zu Eurem Polterabend komm ich über die Heide trabend Euch
Gruß zu bringen Eure Hand zu schwingen Geschenk und Gaben die sollt Ihr
haben buntes Glas wie bald bricht das darum nehmts wohl in acht es hat ein
Vorfahr gemacht Seht her seht hin seht die Sonne darin wies flimmt wies
flammt alles vom Lichte stammt« Bei diesen Worten hob er aus einem Kasten
den ihm einige Leute nachtrugen länglichte Glasfenster oben als Spitzbogen
geschnitten und stellte sie in die leeren Räume zwischen den mit Blumen
umwundnen Stangen gegen die untergehende Sonne dass die Farbenpracht des Glases
in seinem Durchscheinen in dieser vollsten aller Lichtfüllungen jedes andre
denkbare Bild überstrahlte Bertold grüßte den Mann und in der Meinung er
sei von den Frauen geschickt drückte er den beiden Frauen die Hand und dankte
ihnen für die seltene Freude die sie ihm bereitet hätten er schwöre ihnen kein
Baumeister hätte je so etwas Schönes ersonnen Dieses Blumenzelt solle in feinem
Marmorstein ausgeführt werden und die Glasfenster haltend umschließen dass der
Brunnen eben so leicht frei als geschlossen nach Witterung und Stimmung genutzt
werden könne zum kalten Bad für die heiße Zeit als warmes Bad im Winter auch
zum sichern Mittagsschlaf beim Rauschen des Gewässers Er rühmte Almen wie sie
ihn in allem übertroffen aber Anna sah Apollonien verwundert und ärgerlich
an als ob diese heimlich sie durch Erfindung habe übertreffen wollen und
Apollonia noch verwunderter Annen der alte Ehrenhalt lachte recht von Herzen
»Warum lacht Ihr Alter« fragte Bertold »dass ich so eifrig bin mir hier
gleich ein Brunnenhaus fertig zu denken woran noch mancher Meissel stumpf wird
Ihr seht hier noch Stangen ich sehe schon die Blumenkrone in Marmor über dem
Brunnen ich sehe schon die Morgensonne von jener Seite wie sie die Fenster
durchleuchtet ich meine das Tal dort wird noch freundlicher scheinen weil es
weniger blendet« »Herr« antwortete der Ehrenhalt »Eure Absicht finde ich
gar wohl erdacht aber ich wundre mich dass Ihr diese Arbeit so wenig kennt nach
ihrem Werte und ihrer Seltenheit dass Ihr es für eine bloße Artigkeit Eurer
Braut haltet Solche Fenster möchte der Kaiser sich wünschen und sie nicht
bereit finden dieser mühsam zusammengebrachte Reichtum an Schmelzfarben steht
keinem Glasmaler so zu Gebote und die Fertigkeit in der Benutzung aller ihrer
Mischungen und Überlagen fordert ein vieljähriges Nachdenken Hier ist nicht wie
in gewöhnlicher Glasmalerei mit Schwarz geschattet ein jeder Schatten sinkt in
seiner eigentümlichen Farbentiefe Ehrt dies Geschenk das erste womit die
Kronenwächter Euch ein Zeichen ihres Vertrauens geben« »Wer erlaubt Euch hier
einzudringen« unterbrach ihn jetzt die alte Frau Hildegard »jetzt erkenn ich
Euch wie oft habe ich Euch abgewiesen« »Lass ihn« sagte Bertold »seid
nicht böse guter Mann die Mutter meint es gut mit mir und fürchtet Euch wegen
Martins Tod Eure Gabe lerne ich jetzt erst recht bewundern Ihr habt diesen
Abend seltsam verherrlicht Ihr sollt Zeuge sein meiner Freudentage und Ihr
werdet Euch scheuen ein Glück zu stören um Greuel hoffnungsloser Erwartungen
zu säen« »Greuel« fragte der Ehrenhalt ernst »Ich sage Euch meine Ansicht«
antwortete Bertold »verhehlt sie nicht den Kronenwächtern Ich meine dass ein
hochberühmtes Geschlecht nach Gottes Weisheit von der Höhe schwindet und dem
gemeineren Platz macht wenn seine Fortdauer Greuel brütet Denkt Euch der
vielfache Mord an welchem mein Vater untergegangen wäre von dem herrschenden
Geschlechte vor den Augen der Welt begangen welch ein Vorbild den Völkern
jetzt schwindet er in der Unbemerkteit nur denen verderblich die sich darin
verwickelt finden« »Woher aber diese Greuel« antwortete der Ehrenhalt
»Fühlt Ihr solche Frevel in Eurem Blute Seid Ihr nicht mild und schaffend in
Eurem Kreise gewesen und war nicht eben so Euer Vater Berührt Euch aber der
Gedanke Eures Sturzes ernstlich und das wird keinem fehlen dann lernet Euch
selbst fürchten fiele die wärmende Sonne zur Erde sie würde uns verbrennen
Als Euer heiliges Geschlecht herrschte gab es ein reines keusches
Rittergeschlecht aber die jetzt den Namen tragen sind es nicht Nicht die sind
Ritter welche mit goldnen Spornen einherstolzieren die von den Kaisern mit
Gunst und Torheit zu Rittern geschlagen sind Die echten Ritter sind vom harten
Geschick geschlagen und geprägt ihr Sporn ist die Treue und ihr Schwert der
Glauben an das ewige Bestehen der Geschlechter und dass dieselbe Herrlichkeit aus
dem Stamme immerdar wiedergeboren werde wie Ihr das Wasser dieses Brunnens
ruhig abfliessen lasst und immerdar auf die Dauer und Gabe der Quelle rechnet
Doch Herr es ist nicht gut einen zu wecken ehe er ausgeschlafen hat Ihr müsst
noch ausschlafen von dem Siechtum das Euch lange zu ritterlichen Taten
untüchtig machte auch wollen die Kronenwächter noch nichts mit Euch sie senden
Euch nur eine kleine Freundesgabe dass Ihr Eure Abkunft nicht vergesst denn in
diesen Bildern ist viel von Eurer Abstammung erzählt und hier sind die Reime
die Euch hierüber weitere Auskunft geben« Mit neugierigem Stolze griff Anna
nach dem Buche und sagte »Es ist mein denn seine Ehre ist auch meine Ehre
jetzt aber die Züge dieser Handschrift müssen gar alt sein ich kann sie nicht
lesen Herr Ehrenhalt schenkt uns noch einen Bericht aus diesem Buche es
scheint gar lang und Ihr werdet uns das mehr in der Kürze berichten können da
das Abendlich bald zu verlöschen droht« »Tut es alter Herr« sagte Bertold
und bot ihm einen Becher alten Neckarwein an »wenn Ihr ein ritterlicher Diener
seid so dürft Ihr schönen Jungfrauen so etwas nicht abschlagen« »Euer Wein
ist klar wie der Jungfrauen Angesicht« antwortete der Ehrenhalt »und was Ihr
begehrt ist unsre stete Unterhaltung in den einsamen Wachtstunden bald
sprechen wir von den wohlbezeugten Geschichten des Hauses von Barbarossa und
Konradin bald von den Hausmärchen aus den Zeiten des Attila von denen hier
eins abgebildet ist Es berichtet von einem der alten schwäbischen Könige aus
dem Hause der Hohenstaufen dessen Name verschieden angegeben wird hier aber
soll er in Waiblingen sein Hoflager gehalten haben Waiblingen war damals eine
große Stadt« »Das wissen wir aus der Chronik« sagte Bertold Nun erzählte
der Ehrenhalt das Hausmärchen nach Ordnung der Bilder die er nach einander wie
er in der Erzählung fortschritt gegen die Sonne stellte dass jeder ihre
Bedeutung zugleich erschaute
Erstes Bild
Es war nun der dritte Tag dass der König dem wunderbaren kleinen wie Silber
blinkenden Vogel über Höhen und Tiefen bis zum Anfang des dichten Schwarzwaldes
nachschlich Der Vogel schien aber der Jagdkunst verständig trug spielend eine
goldne Feder im Schnäbelchen wenn er außer dem Bereiche der Armbrust war
wiegte sich auf dem Zweige und sang ruhig aber im Augenblicke wo der König den
Pfeil auflegte breitete er seine Flügel aus und schwand selbst wie ein Pfeil in
die gefahrlose Weite während der König ihm ärgerlich aber vergebens seinen
Pfeil nachschnellte Die Jagdwut des Königs überwältigte seine Ermüdung seine
beiden einzigen Gefährten zwei Ritter die ihm aus gutem Willen folgten waren
schon am Morgen erschöpft bei einem Einsiedler liegen geblieben Des Königs
Jagdlust entschädigte ihn für alles was er entbehrte er überließ sich ihr nach
dem schnellen Absterben seiner beiden Eltern das einem tückischen Gifte
zugeschrieben wurde um seinen Kummer zu zerstreuen dass er den Mörder nicht
entdecken konnte Gewiss war es einer seiner Gaugrafen denen er in der Trauer so
unbesorgt die Nachforschung die Regierungsgeschäfte und alle Einnahmen
überlassen hatte Dieser schmerzliche Müßiggang machte ihn dem Volke
verächtlich wenige entschuldigten ihn mit dem schmerzlichen Anlasse Die beiden
gutmütigen Edelleute die ihm auf seinen Irrwegen folgten erkannten zwar das
Unglück was er durch diese Lässigkeit über das Land brachte aber sie wagten
nur selten ihm Vorstellungen zu machen da er allmählich in seiner Jagdlust
verwildert gegen jede Einrede wütete und sich selbst überredet hatte indem er
von dem Ertrage der Jagd sich kärglich nähre so müsste es seinem Volke recht
wohl sein dem er alle seine Einnahmen überlassen hätte Aber seine Grafen
hatten dieses Erbe zur Unterdrückung des Volks durch fremde Söldner benutzt so
wurde das reiche Land vernichtet Jener Vogel hatte den König allmählich in den
damals dreifach größeren unzugänglichen Schwarzwald geführt er eilte über die
von den Menschen bis dahin nicht überschrittene Grenze der Wildnis ohne es
selbst wahr zu nehmen Da bedeckte die untergehende Sonne ihr Haupt mit Asche
der brennenden Wolken er hätte seinen letzten Atem aushauchen mögen um ihr
Feuer noch für einen Augenblick anzufachen Er blickte um sich denn der Vogel
schien entschwunden und er hörte doch seine Stimme Welche Bäume umgaben ihn
und welche zusammengestürzten Haufen von Baumstämmen auf denen riesenhafte
Pilze mit bunten Giftfarben erwachsen waren hier sah er eine Eidechse die auf
den Tod einer Schlange lauerte und ihr vorsang dort hackten unzählige Spechte
den Takt zu dem Gesange Wilde Reben aller Art lebendig und abgestorben
verflochten den Urwald in welchem die Bäume so dicht aneinander ihre Äste
drängten dass er seinen Weg durch die abgestorbenen Unteräste brechen musste
Grimmig schleicht er auf den Zehen
Durch des Waldes tiefe Nacht
Aus dem Tale zu den Höhen
Lockt der Vogel ihn und lacht
Lacht in tausendfachen Tönen
Schlägt mit seinen Flügeln ihn
Recht als wollt er ihn verhöhnen
Denn das Dunkel macht ihn kühn
Wütend schlägt der Herr die Bäume
Wo er längst entflohen ist
Schiesset in die dunklen Räume
Und die Wut sein Herz zerfrisst
Kracht die Tanne an der Tanne
Seufzt er auch aus zornger Brust
Fühlt sich schmerzlich in dem Banne
Von der bösen Jägerlust
So wütete sein stolzer Jagdsinn gegen den Vogel der ihn in diese Wildnis
geführt und wo er etwas flattern hörte in den gedrängten Ästen da schoss er
seine Bolzen hinein doch ohne andre Frucht als die Mückenscharen auf sich
hinzuziehen die schon in den Fichtenästen ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten
Von ihnen gepeinigt stampfte er auf den Boden da sauste eine Wolke von
Erdbienen gegen ihn empor Er stürzte sich durch die trocknen Äste ihnen zu
entfliehen da brummte an ihm vorüber ein zottiger Bär der den Honig der Bienen
wittern mochte denn er achtete des Königs nicht der schon sein Schwert zur
Wehr gezogen hatte Nun hörte er wieder die Stimme des silbernen Vogels aber er
fühlte keinen Zorn mehr gegen ihn er war ihm eine willkommnere Gesellschaft
unter den Ungeheuern die ihn umdrängten Ein heftiger Durst zähmte ihn er
hörte wohl Wasser rauschen aber wie ein Strom der von einer Höhe stürzend
zerstäubt denn der Felsen auf welchem er stand bebte von dem Falle »Ein
Schritt noch und es ist der letzte« schien ihm des Vogels Gesang zu sagen und
der König fühlte zum erstenmal dass er noch nicht zum Sterben vorbereitet sei
Er betete zum erstenmal seit dem Unglücke das ihm die lieben Eltern geraubt
hatte denn er hatte mit dem Himmel gezürnt in Finsternis und Wildnis kam der
Geist des Herrn über ihn Und als er das Haupt vom Gebete erhob da sah er den
silbernen Vogel dicht neben sich der einen großen leuchtenden Johanniswurm in
seinem Schnabel trug und damit flatternd einen Fußpfad erleuchtete den er in
der Dunkelheit der Nacht und des Walds nie wahrgenommen hätte Demütig hing er
seine Armbrust über und folgte mit Rührung dem angefeindeten Boten des Himmels
Seht hier auf dem Bilde wie alles Licht von dem Johanniswurme ausgeht welchen
der Vogel trägt seht an der Seite Schlange und Eidechse an jener Bär und
Bienen am Abgrunde den das brausende Wasser unterwühlt
Zweites Bild
Über eine Stunde führte ihn der kleine Laternenträger durch den dichten Wald
Bei solcher Obhut konnte ihn weder das Heulen der Wölfe noch das Liebesgeschrei
der Eulen erschrecken aber doch fühlte er in seinem brennenden Durste welchen
das Kauen von Blättern nur vermehrte dass er ohne eine Quelle zu finden bald
verschmachten müsse Der Boden blieb dürr oder felsig das Nadelholz hatte alles
Leben unter sich erstickt die Nacht war taulos und ein fernes Blitzleuchten in
der Schwüle gab nur entfernte Hoffnung zu himmlischen Quellen Da erschien ihm
als er schon alle Hoffnung aufgeben und eine Ader sich öffnen wollte seinen
Durst zu stillen das Feuer eines nahen Herdes indem sich die Türe eines
Häuschens das von Bäumen versteckt war öffnete Der Vogel sang fröhlich und
zeigte ihm den Weg dahin durch die Gebüsche und setzte sich auf den Giebel des
Häuschens und ließ den leuchtenden Johanniswurm frei entfliegen Nicht aus
Vorsorge weil Räuber die Wildnis zum Aufenthalt wählen konnten sondern
erschöpft lehnte sich der König an die aus wilden Rosenbüschen geflochtene Wand
der Hütte ehe er einging und dankte dem Himmel für die gnädige Führung Dies
stellt das zweite Bild dar in der Hütte sehen wir einen ehrwürdigen Greis mit
langem weißen Barte an einem Pulte schreibend während schöne Knaben neben ihm
an einem Tische Früchte und Becher zu einem Mahl auftragen Die alten Reime
lehren dabei
Lernt im Zufall Gottes Führung
Wie er euch in Not begrüßt
Denn es braucht oft tiefe Rührung
Dass ihr euch nicht ganz verschließt
Drittes Bild
Totenbleich tritt er zur Hütte
Wie sein eigenes Schattenbild
Trinkt vom Quell der in der Mitte
Gleich dem müd gehetzten Wild
Und ein Kind bringt Stuhl und Früchte
Und der Alte Wein und Brot
Will nicht dass er erst berichte
Was ihn brachte in die Not
Der König stillte seinen Durst dann dankte er dem Alten und fragte nach der
Gegend wohin er sich verirrt habe Der Alte schrieb schon wieder gar eifrig und
legte den Finger auf den Mund zum Zeichen des Schweigens Der König schwieg und
die Kinder führten ihn zum Lager am Feuer wo ihn der Schlaf in wenig
Augenblicken überwältigte
Er mochte wenige Stunden geschlafen haben als ein Funke vom frisch
angeschürten Feuer auf seine Stirn sprang und ihn erweckte Aber die Ermüdung
aller Glieder war noch zu groß er wollte sich erheben und vermochte es nicht
nicht einmal die Augenlider konnte er öffnen er hörte die Unterhaltung zwischen
dem Vater und seinen Söhnen ohne dass diese wahrnehmen konnten dass er erwacht
sei Der Alte schien etwas sehr Ernstes zu bedenken er hatte einen Dolch gegen
Himmel gehoben und sprach heftig
Ja der König muss verderben
Soll der Staat genesen sein
Mit dem Dolche muss er sterben
Meine Träne soll ihn weihn
Mich entflammt nicht eigne Rache
Mich ergreift des Landes Wut
Denn bald nährt der grimme Drache
Sich mit unsrer Kinder Blut
Aber die Kinder flehten alle für den König und sagten
Wie viel Wolken ziehen vorüber
Und die Sonne scheint dann hell
Und der König wird einst lieber
Als der mutigste Rebell
Vor dem armen Volk erscheinen
Das vergessen alte Not
Sich erwählet einen Reinen
Und bestraft des Königs Tod
Er ist gut es sind die Grafen
Die mit frechem Übermut
Laster lohnen Tugend strafen
Ach der König ist so gut
Fest entgegnete darauf der Alte und focht mit dem Dolche gegen die Luft
Wer darf sein Geschick vergessen
Nicht der Bettler fremd im Land
Und kein König darf vermessen
Kronen die aus Gottes Hand
Unter seine Diener teilen
Um in ungestörter Ruh
In dem wilden Wald zu weilen
Nein bei Gott ich stoße zu
Dem Könige war in diesem Gespräch so manches Wort wieder erwacht was seine
beiden Edelleute bescheiden hatten fallen lassen die Not hatte seinen Geist
erhellt mit Jammer erkannte er sein Unrecht richtete sich auf öffnete seinen
Wams und sprach zum Alten »Stoß zu ich fühle mein Unrecht ich habe mein Volk
und meine Krone lange vergessen möge ein Würdiger mir folgen der es treuer
bewacht« Der Alte und die Knaben sprangen von ihren Sitzen und sahen ihn
verwundert an »Bringt kühles Wasser dem Kranken« sagte der Alte »er hat
unserm Spiele zugehorcht und wähnt er sei selbst der Schottenkönig dessen
Geschichte wir darstellen« »Ihr spielt mit dem Dolche« sprach der König
»Oder hat Euch mein Auge den Mut benommen Ich will es schließen will mich
niederlegen wie ein Schlafender dass Ihr mich ohne Scheu morden könnt« Bei
diesen Worten entfiel dem König die Krone die er unter seinem Hute trug und
der Alte erkannte wohl dass dies Missverständnis einen Grund habe und keine leere
Qual der falschen Einbildung zu nennen sei Er ließ sich vor dem Könige auf ein
Knie nieder und sprach »Nicht jeder kennt die Not und das Geschick eines
andern der die Furchen seiner Stirn erblickt wohl mögt Ihr unser gnädiger Herr
sein den wir so lange vermissen ich aber wage es nicht Euch zu beraten so
wenig ich Euch zu morden gesonnen war Lange habe ich meine Augen nicht mehr dem
Lebenden geöffnet aber oft habe ich vor Euch in jüngeren Jahren am Marktfeste
zu Waiblingen die Geschichte der Völker auf künstlicher Bühne gesprächsweise
aufgeführt gedenkt Ihr meiner noch des alten Meistersängers David aus
Ungerland Hier in stiller Einsamkeit durchdenke ich die Geschicke der Völker
und was Euch ergriffen ist die Geschichte eines Schottenkönigs der von seinen
Barden erstochen wurde weil ein Drache ungestört das Land verwüstete« Der
König erhob den Alten küsste ihn und sprach »Mag Eure Geschichte mir fremd
sein Eure Lehre ist mein geworden der Sänger Wort ist ein höherer Ruf und wie
es uns trifft im Innersten im Geist im Herzen zugleich mit einem Strahle so
wirkt ein höherer Geist durch das Wort wohl mögt Ihr mich noch vergessen haben
und des fernen Schottenkönigs gedenken dennoch steht mein Reich ich und meine
Gedanken im Spiegel Eures Geistes Euch selbst unbewusst und ich schaudre vor
meinem Abbild« Das Bild stellt den König dar wie er seine Brust dem Dolche
entblößt während die Krone von seinem Haupte fällt
Viertes Bild
Der König fühlte sich entschlossen wieder selbst zu herrschen und fragte nach
Kostnitz am Bodensee wo der Graf der Nibelungen als besonderer Günstling des
Königs wohnte Gleich war ein Knabe mit einer Kienfackel dazu bereit und der
Alte gab ihm seltsame ahndungsvolle Worte auf den Weg Und der Knabe führte ihn
die wunderbarsten Wege auf umgestürzten Baumstämmen über Abgründe in denen die
Wölfe heulten So waren sie bei dem Morgenlichte schon am Waldrande wo der
König den Knaben mit vielem Dank zurücksandte gern hätte er ihm auch eine Gabe
gereicht aber schon lange hatte er kein Geld mehr gehabt und verlangt Gegen
Abend erreichte der König das Schloss des Grafen der Nibelungen versteckte seine
Krone und sein Schwert unter dem Mantel und warf die Armbrust unter einen
Steinhaufen dass er sie einst wieder finden könnte Das Schloss war hell
erleuchtet er mischte sich unter das müßige Volk der Zuschauer die alten Reime
sagen
Und er geht zum hohen Schloss
Helle jedes Fenster blitzt
Viele kommen da zu Rosse
Und sie haben ihn bespritzt
Und er lässt die Wagen rollen
Steht da wie ein armer Tropf
Fackeln die sie putzen wollen
Schlagen sie auf seinen Kopf
Dass das heiße Pech ihm rinnet
In den Nacken auf das Kleid
Wahrlich keine Seide spinnet
Wer so zusieht wilder Freud
Ruhig wärmt er sich am Feuer
Das der Wagen Spur erhellt
Einen Brand nimmt da ein Geier
Trägt ihn in das reife Feld
Und des Armen Feld muss brennen
Weil der Reiche fröhlich zecht
Doch sie werden bald erkennen
Dass noch lebt ein göttlich Recht
Und wie der König dem ernstlich nachdachte hatte sich die Menge die keine
Gäste mehr zu sehen erwartete schon vom Wachtfeuer verlaufen er stand allein
als ein Haufen Reiter eine gebundne und dennoch würdig scheinende Jungfrau auf
einem Pferde herbeiführten und am Tore zu Boden setzten Die Reime sagen
Von dem Mund der Jungfrau nehmen
Sie das Band das ihn verschloss
Meinen dass sie sich soll schämen
Vor dem glanzerfüllten Schloss
Doch die Jungfrau ruft dem Winde
Sagts der keuschen Sternennacht
Dass sie ihren Gram verkünde
Und die nahe Übermacht
»Harter Graf der mich geraubet
Schlechter König der nicht hört
Heut hat Myrte mich umlaubet
Morgen bin ich schon zerstört«
Diesen Raub der schönen Jungfrau seht ihr hier auf dem Bilde und wie der König
nach dem Degen greift
Fünftes Bild
Die Besonnenheit des Königs beschwichtigte diese Aufwallung er gedachte der
Zahl jener Räuber und beschloss der armen Geraubten deren Schönheit ihn tief
gerührt hatte mit sicherer Klugheit zu helfen oder selbst der Strafe für die
lange Vergessenheit seiner Pflicht zu unterliegen Sein Schwert wieder im Mantel
versteckt wie seine Krone trat er ins Schloss und vertraute einem Diener des
Grafen er habe seinem Herrn willkommne Botschaft von einer schönen Frau zu
überbringen Der Diener solcher Verhältnisse des Grafen kundig wies ihn nicht
ab wie der König wohl gefürchtet hatte aber er brachte ihn auch nicht zum
Grafen wie er gehofft hatte sondern nach einem abgelegnen unerleuchteten
Zimmer des Schlosses und verließ ihn um seine Anwesenheit dem Grafen zu melden
Der König war nicht lange mit sich allein als Seufzer aus dem Nebenzimmer ihm
hörbar wurden gleich dachte er es sei die unglückliche Jungfrau die den
Untergang ihres Lebens zum Schutz ihrer Ehre beschliesse und sang zu ihrer
Vertröstung
Liebeszauber Unschuldtränen
Ihr erweckt mein totes Schwert
Wie der Blitz der durch die Mähnen
Eines müden Rosses fährt
Und es bäumt sich kühn zum Himmel
Wo der Donnerwagen rollt
Möcht ihn lenken durchs Getümmel
Dass er nicht der Erde grollt
Dieser Gesang schien die Seufzer zu stillen bald hörte der König von der andern
Seite Menschentritte und der Graf trat mit einer Kerze ein erhitzt vom Traume
der Freude sehnsüchtig der Verheissenen »Bist du es selbst liebe Freundin«
sagte er eintretend »ich schwor darauf als mir ein Unbekannter im Mantel
verhüllt gemeldet wurde der mir frohe Botschaft bringe« Aber statt des
Kusses den der Graf erwartete als jetzt der König den Mantel abwarf sah er
ein Schwert in seiner Hand blitzen er wollte zurück springen und Verrat rufen
da erkannte er den König und war wie von einer Erscheinung erschüttert und
verwirrt »Gnädiger Herr« stammelte er »Ihr beehrt dies Fest mit Eurer
Gegenwart möchte es Eurer würdig sein Euch erheitern« Der König sagte
darauf mit Ruhe »Das Fest ist meiner nicht würdig es betrübt mich tief die
Klage der Unschuld ist Eure Musik und das Brot der Armen drückt Eure Tische
nieder Ihr habt mein Zutrauen getäuscht ich habe Euch meine königliche Gewalt
übergeben mir bleibt nur mein ritterliches Herz einer von uns beiden ist der
Erde überzählig zieht lieber Graf dass Gott zwischen uns blutig richte wer
hier herrschen soll« Der Graf zog zwar seinen Degen aber von dem früher
gewohnten Gefühle übernommen dies sei sein Herr legte er den Degen zu dessen
Füßen kniete nieder und sprach »Ich habe Euch nicht kränken wollen gnädiger
Herr verzeihet meiner Jugend und der Freiheit der Ihr uns überlassen hattet
wo ich in Leidenschaft irrte« Der König setzte ihm einen Fuß in den Nacken
erhob sein Schwert und sagte »Der Übermut deiner Diener hat mir heißes Pech auf
den Nacken geschüttet als ich ruhig dem Freudenfeuer zuschaute an dir will ich
mich rächen dein Tod ist in diesem Augenblick ein Schwung meines Arms Ich will
nicht deinen Tod doch gedenke dieses Augenblicks künftig und schwöre mir
ritterliche Treue« Der Graf hob die Hand auf und schwor ihm einen Eid der
Treue da gab ihm der König seinen Degen zurück und befahl ihn als Herrn in die
Mitte der Grafen zu führen die in dem Schloss versammelt wären Das Bild
stellt dar wie der König ihm den Fuß in den Nacken setzt und sein Schwert
erhebt
Der vor allen hochgestanden
Ist am tiefsten nun gebeugt
Also geht der Stolz zu Schanden
Und vor Gottes Macht sich neigt
Wer mit Mut dem Rechte dienet
Ist erfüllt von Gottes Macht
Was er schafft auf Erden grünet
Was er störet sinkt in Nacht
Und woran er zu erkennen
Ist die sichre Mäßigung
Rache will er sich nicht gönnen
Ihm genügt die Besserung
Sechstes Bild
Der Graf von der Würde des Königs in seinem leichtsinnigen Herzen frisch
erschüttert meinte sich ernstlich ihm anschließen zu müssen er schilderte ihm
die Verwirrung die Bedrückung des Landes den Trotz der meisten Grafen die
sich gewiss der Rückgabe aller Gewalt in seine Hände widersetzen würden Er wolle
deswegen den Saal mit bewaffneten Dienern besetzen dass die Grafen nicht zu
ihren Waffen kommen könnten und sich in die Notwendigkeit seiner Anerkennung
ohne gewaltsamen Widerstand ergäben Für diesen Rat ernannte ihn der König zum
Nachfolger in der Regierung wenn er der letzte des altschwäbisschen Hauses
ohne eigne Kinder sterben sollte Diese Gnade befeuerte den Grafen er
bewaffnete schnell die besten Leute der Saal wo die Ritter bankettierten ward
von ihnen besetzt als der König die Krone auf dem Haupte das Schwert in der
Hand von vielen bewaffneten Fackelträgern umgeben an seiner Seite der Graf in
den Saal trat Da war großes Erstaunen insbesondere als der König nicht
freundlich sondern mit harter Belehrung ihnen ihre Fehler verwies sie
bedrohete alle entaupten zu lassen wenn sie nicht in Reue und Demut ihren
Übermut büssten Sie sahen den Grafen und dessen Leute auf der Seite des Königs
sie fühlten sich verloren wenn sie widerstehen wollten sie knieten nieder
gaben die Regierung in seine Hand zurück und ließ sich an ihren alten Rechten
genügen und huldigten ihm von neuem Und als nun dies große Werk für das Land
geendet war da befahl der König zu neuer Überraschung des Grafen die geraubte
Jungfrau in den Saal zu führen Und bald trat sie mit dem Morgenstern in den
Saal der die Decke der wunderbaren Nacht lüftete und alle waren erstaunt über
ihren Glanz vor allen der König der sie jenem liebreichen Knaben ähnlich fand
der ihn aus dem Walde zurückgeführt hatte und der noch immer wie ein wunderbarer
Engel in seinem Andenken erschien Der König kündigte ihr Freiheit an zugleich
bat er Im ihren Namen und ihr Geschick zu vertrauen dass er für ihre Sicherheit
sorgen könne Da nannte sie sich die Tochter des unglücklichen Herzogs David
aus Ungerland der im Kampfe gegen Attila seiner zwölf Söhne seines Landes und
Verstandes beraubt ich unter dem Namen eines Meistersängers in dieses
Königreich Schwaben geflüchtet und sie einem Nonnenkloster in Schutz gegeben
habe sie bat um Freiheit ihn aufzusuchen für ihn zu sorgen er König fragte
zagend ob sie ihr Gelübde im Kloster schon abgelegt habe Sie antwortete mit
niedergeschlagnen Augen aß sie noch kein Gelübde abgelegt habe und auch keines
ablegen werde seit sie erfahren müssen dass nicht die Klostermauern sondern
ritterlicher Mut sie gegen Gewalt geschützt habe Darauf kniete der König vor
ihr nieder ergriff ihre Hand und zeigte ihr einen Goldring Und sie steckte
ihren Finger hinein denn ihre Augen verstanden sich und nannte ihn ihren lieben
Ritter denn sie wusste nicht dass es der König sei Als aber jetzt die Grafen
ihr mit gebeugtem Knie die Hand küssten und das Heil ihrer neuen Königin
ausriefen da erkannte sie die hohe Würde ihres Verlobten wie sie sein hohes
Herz erkannt hatte sie verbarg ihr Antlitz auf einer Brust und segnete alles
Unglück in welchem der Himmel geprüft ob sie dieses Glück ertragen könne
wobei sie ihres Vaters gedachte wie er sich dieser Rückkehr zum alten Ansehen
eines Hauses freuen werde Das Bild zeigt wie sie den Finger in den Ring
steckt die alten Reime sagen
Seht der neue Tag zieht prächtig
In die Herzen in die Welt
Alle Sorge dunkel nächtig
Hat zum Grafen sich gestellt
Wer verlor auch mehr als der Graf außer der Herrschaft auch die Geliebte und
nicht durch Gewalt sondern durch ihre Neigung zum Könige
Siebentes Bild
Die schöne Braut war von Müdigkeit überwältigt im Gemache der Mutter
eingeschlummert und ihr Schlaf war lang Der König gönnte sich nur kurze Rast
es trieb ihn die Sehnsucht nach dem alten Sänger der gleichsam eine Seele
seines Volkes unbewusst sein Schicksal gelenkt hatte Er sorgte für die
Sicherheit seine Braut und zog mit den rüstigsten Grafen und den wegkundigsten
Gebirgsjägern in den großen Schwarzwald Er selbst ging voran weil er an den
bedeutendsten Punkten Zweige eingebrochen hatte auch fand er bald diesen seinen
Weg den ihm der Knabe gezeigt hatte nur fehlten jetzt alle die Brücken auf
denen er über Abgründe sicher hingeschritten Diese Verbindungen schienen mit
Absicht vernichtet zu sein Aber der König ließ sich dadurch nicht abhalten die
Gebirgsjäger obgleich sie diesen wilden Teil des Waldes nur selten berührt
hatten wussten doch aus ihrer Erfahrung guten Rat die schroffsten Felsen zu
umgehen und Wege zu bahnen die Jäger erlegten die zornigen Bewohner der Wildnis
die ihnen nahten Bären Wölfe Luchse Zwei Tage arbeiteten sie mit frischem
Mute aber am dritten wurden alle stiller und langsamer mancher meinte es sei
unmöglich dass der König in einer Nach diese Wege gewandelt sei er müsse wohl
geträumt haben Darum waren alle sehr überrascht als sie wirklich beim Aufgange
de dritten Tages in einer grünen Fläche die von hohen Eichen um geben war eine
wunderbare Kapelle erblickten die aus hoch stämmigen weiß blühenden
Rosenbüschen geflochten von Epheu umrankt ein Kreuz über der Erde bildete Der
König ging voran um den alten Freund durch die Zahl der Gäste nicht zu
erschrecken ihm folgten die andern Als aber der König die Türe öffnete sah er
einen einfachen Altar wo wenige Tage vorher der Alte geschrieben hatte ein
Kreuz bezeichnete ihn und die Morgensonne glänzte prachtvoll hinüber Alle
knieeten nieder der König beschloss dem Erlöser hier wo er vom Trübsinn zur
Freude erlösworden eine Kirche zu erbauen Und als er über die Art diese Baues
nachsann erblickte er auf dem Altar den Bau vieler Bienen welche in ihrem
Wachs die Kapelle im kleinen nachgebildet hatten
Gleich der freundlichen Kapelle
Ist der Wachsbau ausgeführt
Von dem Turme bis zur Schwelle
Gleiches Maß darin regiert
Einsam bauten diese Bienen
Wohl schon manche liebe Zeit
Dass sie diesem Altar dienen
Dass ein Schränklein sei bereit
Um das Heilge drin zu stellen
Und des heilgen Nachtmahls Brot
Das der Priester den Gesellen
Bei des Baues Gründung bot
Denn da flogen sie zur Sonne
Wie ein Kreuz geordnet hin
Dass Vertrauen mit der Wonne
Selger Tränen weicht den Sinn
Dreifach wird die Kirche schimmern
In dem Wachs im Rosendach
Aus Granit die Werkleut zimmern
Nun die Wölbung auch danach
Die beiden Kapellen und die Gründung der Kirche zeigt das Bild alle dreie
einander gleich nur in verschiednem Masse
Achtes Bild
Nachdem der Bau angeordnet und die Arbeiter bestellt waren zog der König heim
indem er überall den Weg zu dieser Wallfahrtskirche eröffnen ließ Acht Tage
nach seinem Auszuge traf er zum Schloss des Grafen ein Da trat seiner
freudigen Ungeduld die liebliche Braut weinend entgegen und klagte sie habe
ihren Vater nur wieder gefunden um sein Ableben zu betrauern Die Vorsteherin
des Klosters habe sie zu ihm geführt aber er habe einem Toten ähnlich wenn
gleich noch atmend in seiner Hütte geruht Zwar hätten die Nachbarn welche ihm
gern aufwarteten weil er ihnen zum Lohn schöne Geschichten erzählte behauptet
er sei nicht tot sondern schon oft in solche Entzückung verfallen aber sie
könne nicht mehr an diesen Trost glauben diese Störung seines Lebens dauere zu
lange Hierauf führte sie den bestürzten König nach dem Saale wo der Vater
unter einer Purpurdecke auf weichen Kissen ruhte Wie sie nun die Decke mit
abgewendetem Gesichte aufhob rief der König »Frommer Sänger du hast mich ins
Leben zurückgeführt und bist selbst zu den Toten gegangen warum sahst du nicht
die Freude deines Werkes ehe deine Augen sich schlossen« So war es nun
heraus der Vater seiner Braut der alte Herzog war eben der Meistersänger
dessen Schauspiele und Gesänge die Stadt erfreuten eben der welcher den König
aus seiner Trägheit erweckt hatte Das Seltsame aber war wie er nach der
Wildnis gekommen da die Nachbarn versicherten er habe an jenem Tage schon in
der Verzückung auf seinem Bette gelegen Wie nun der König jener Ähnlichkeit der
zwölf Knaben mit seiner Braut gedachte da fiel ihm ein ob es wohl die zwölf
Söhne gewesen sein möchten welche die Hunnen umgebracht hatten Es schauderte
ihm als ob er im Schwarzwalde schon über die Grenzen des Lebens hinüber
gestiegen gewesen aber durch Warnung in dessen Mitte wieder zurück getreten
sei Da traten die beiden treuen Begleiter seiner Jagd die beiden Ritter
welche erkrankt gewesen in abgetragenen Wämsern wie es sich an Höfen wohl
nicht ziemte in den Saal begrüßten den König mit Freudentränen erzählten wie
sie ihn so lange vergeblich gesucht hätten bis sie ihn endlich durch den Fang
zweier Vögel unter denen auch der welchem der König so lange nachgeschlichen
zur Heimkehr veranlasst worden wären Dieser Fang der ihnen so leicht geworden
da die Vögel mit einander gespielt und sie nicht wahr genommen hätten sei ihnen
als ein gutes Zeichen erschienen und dies gute Zeichen sei nun erfüllt Bei
diesen Worten zog der eine einen Gitterkasten unter dem Mantel hervor in
welchem die beiden Vögel in der Gestalt wie Spechte der eine golden der andre
silbern eingesperrt saßen Mit Gnade sagte der König den Freunden willkommen
aber nicht ohne Widerwillen fühlte er in sich die alte böse Jagdlust beim
Anblicke der Vögel wieder erwachen Er kämpfte mit sich endlich reifte sein
Entschluss er ließ den goldnen Vogel aus dem Kasten fliegen dass er durch das
Fenster ins freie Blau der Luft entflöge er wollte auch den silbernen
entfliegen lassen aber da überwand ihn seine Jagdlust dass er die Gittertüre
wieder schloss Der goldne Vogel nutzte aber nicht das Geschenk der Freiheit er
flog zwar fort aber blieb auf dem Munde des halbtoten Sängers sitzen dieser
öffnete den Mund der Vogel schlüpfte hinein und der Alte öffnete die Augen wie
ein gesund Erwachter Der Saal war ihm fremd er fragte wo er sei fragte die
Tochter wer sie sei Dann aber erkannte er sie beim ersten Kusse auch der
König erschien ihm bekannt und als ihn dieser an die Lehre erinnerte die er
von ihm in der Rosenhütte empfangen da rieb sich der Alte die Stirn und meinte
dass ihm von dem allem auch geträumt habe dass er auch seine zwölf Söhne wieder
gesehen die ihm vielen guten Rat zu dem Fastnachtsspiele gegeben hätten Dann
sei ihm aber auf dem Heimwege seine geliebte selige Frau begegnet die habe ihn
so ernstlich an den Himmel gemahnt und dass er der irdischen Spiele vergessen
solle darüber hätten sie sich so im Gespräche vertieft dass sie beide gefangen
worden Jetzt erkannte er in dem eingesperrten silbernen Vogel die geliebte
Seele seiner Frau er beschwor sie ihn noch nicht zum Himmel zu entlocken bis
er sein tiefsinniges Spiel beendet habe und der Vogel schien mit sanftem Tone
ihm darin nachzugeben Das Bild stellt euch dar wie der Vogel in den Mund des
Alten schlüpft
Neuntes Bild
Kaum gestattete sich der Alte die Zeit alles zu vernehmen was seiner Tochter
geschehen die Frau mahnte ihn zur Arbeit sie war ehrfurchtsvoll dem Käfig
entlassen und saß auf seiner Schulter auf seinem Tintenfasse auf seiner Feder
dass er nicht bei den Liebkosungen der Tochter das Schreiben unterlasse Umsonst
führte diese den Vater zu weiten Aussichten in Prachtzimmer umsonst zeigte sie
ihm den reichen Garten der Alte schrieb gehend stehend sitzend so wie sich
seine Gedanken klar machten und verdrängten Die Tochter wusste aber die Gefahr
dass er sich ihrer Liebe und der Welt entzöge wenn er seine Arbeit beendigt
habe und da diese rasch fortrückte so ersann sie einen Kunstgriff
Unermüdet schreibt der Alte
Schaut begeistert in die Welt
Sieht nicht wie die Tochter walte
Nur sein Werk ihm wohlgefällt
Wenn er nun ein Blatt geschrieben
Wirfts die Tochter heimlich fort
Dass es in den Strom getrieben
Und erloschen jedes Wort
So der Alte unermüdlich
Ohne zürnen ohne Groll
Schreibt von neuem still und friedlich
Doch sein Werk wird nimmer voll
Als nun die Sonne an die Erde gestoßen und in tausend Sterne zersprungen war da
sank der Alte ermüdet auf seinen Schreibstuhl sein Mund öffnete sich der
goldne Vogel entfloh singend dem Munde und flog in den Jasminenbusch wo der
silberne Vogel sein harrte wo dann große Freude zwischen ihnen war und tausend
Bitten der Mutter kund wurden die Arbeit bald zu enden Aber auch der König
dachte bei der Lust der guten Vögel dass er seine Vermählung seinen Einzug in
die Hauptstadt beschleunigen müsse und ordnete alles zum andern Tage Er
begann den Zug auf einem schwarzen Rosse ihm folgten die Grafen dann folgte
die Königin auf weißem sicheren Rösslein umgeben von den Gräfinnen den Zug
schlossen die Meistersänger welche zu Pferde den Wagen umgaben in welchem der
Alte saß und schrieb das Vöglein auf seiner linken Hand tragend Das Volk
strömte mit Jubel entgegen küsste den Ankommenden die Steigbügel jeder atmete
wieder frei auf so ging der Zug zur Kathedrale auf der Anhöhe wo wir hier noch
jetzt den vielen Bauschutt auf dem Weinberge finden dort wurde die schöne Braut
durch die Hand des Priesters dem Könige feierlich vermählt Dies zeigt das Bild
Zehntes Bild
Als der König und die Königin am andern Morgen nach der Hochzeit aus süßem
Schlaf erwachten waren sie verwundert den Alten noch nicht erwacht auf seinem
Ruhebette noch nicht beim Schreiben zu sehen vielmehr bemerkten sie die beiden
Vögel in großer Tätigkeit auf einem hohen Rosenstocke der in goldnem Gefäße die
Hochzeitkammer schmückte Die beiden Vögel hatten sich in den Ästen ein Nest
geflochten aus seidenen und leinenen Fäden und dasselbe mit goldnen und silbernen
Federn gefüttert die sie einander spielend ausgezogen hatten Sie ließ sich
nicht von der Anwesenheit der beiden Neuvermählten stören sie grüßten sie und
sangen zu ihnen Glückwünschungen und nahmen süßen Mohn vom Munde der Tochter
Dies war der einzige Tag dass der Alte versäumte in seinen Leib zurück zu
kehren auch war am andern Morgen die seltsame Änderung vorgegangen dass die
silberne Frau ihn nicht mehr so dringend zur Arbeit anmahnte und dass der Alte
sich daher mehr seinen Kindern mitteilen konnte Dennoch schrieb er immer noch
viel und die Tochter löschte an jedem Abende alles wieder aus dass sein
Heldenspiel zwar immer schöner aber nie fertig wurde Die Mutter war zwar
abwechselnd mit dem Neste beschäftigt aber sie war doch die meiste Zeit um den
Vater der Tochter hingegen schenkte sie weniger Aufmerksamkeit Eines Tages
ging sie aber gar nicht vom Nest und die Tochter lauschte und nahm endlich
wahr dass die Mutter ein silbernes mit goldnen Ringen bezeichnetes Ei unter den
Federn des Nestes versteckte So legte der silberne Vogel allmählich zwölf Eier
jeden Tag eins und setzte sich darauf sie auszubrüten und wechselte in dieser
Arbeit mit dem goldnen Vogel ab so dass der Alte während seiner ganzen Brütetest
nicht in seinen ruhenden menschlichen Körper nicht zu seiner Arbeit kam denn
auch während sie brütete war er emsig beschäftigt zarte Blumensämereien für
sie herbei zu tragen welche kein Mensch finden kann wie die klugen Vögel sie
finden und sammeln können Aber auch die Königin rückte während der Brütezeit
ihrer Mutter in ihrer Leibessegnung so weit vor dass sie eines Morgens von einem
herrlichen Knaben entbunden wurde Und kaum war er in die Welt getreten so
entflogen zwölf schöne kleine geflügelte Kinder in der Größe von
Kanarienvögeln mit goldnen und silbernen Flügeln versehen also ganz so wie
Engel geschildert werden aus dem Neste der silbernen Mutter sangen den
Neugeboren an liebkosten ihm spielten mit ihm und reinigten wickelten ihn mit
zärtlicher Sorge und wehrten ihm die Fliegen und Mücken ab Sie selbst waren
zwar klein aber doch fertig in allen ihren Kräften in die Welt geflogen und
kannten die menschliche Bedürftigkeit nur indem sie diese andern erleichterten
Das Bild zeigt dort im Hintergrunde das Bette die Königin erschöpft von der
Mühe drückt sie dem Könige die Hand und blickt mit Wohlgefallen nach dem Kinde
das im Vorgrunde von den kleinen Engeln gewickelt wird
Elftes Bild
Als die Königin das Kind von ihrer Brust entwöhnt hatte da sagte ihr der König
dass er in der Stunde ihrer Not die Beschleunigung des Kirchenbaus im
Schwarzwalde durch eine strenge Wallfahrt dahin gelobt habe Sie sei nun
glücklich befreit und er wolle seinem Gelübde treu von ihr Abschied nehmen
Aber die Königin erklärte er dürfe nicht allein gehen sie müsse mitziehen sie
ließ sich durch keinen Grund zurückweisen wie Weiber sind unter andern ersann
sie dass sie den Vater als Vogel einfangen und samt der Mutter im Käfig mit sich
nehmen wolle damit der Vater die Zeit nicht benutze sein Heldenspiel fertig zu
schreiben und sich ihnen auf immer zu entziehen Die zwölf geflügelten Boten
versprachen für den kleinen Königssohn in ihrer Abwesenheit Sorge zu tragen wie
sie es ohne Beihilfe andrer täglich zu tun gewohnt waren und sich nicht
abschrecken ließ wenn das starke Kind mit kindischem Ungeschick zuweilen
einen ergriff drückte oder rupfte Sie standen in solchem Falle einander so
treulich bei dass sie bald des Kindes Meister wurden und das Kind folgte ihnen
in allem worin es sie verstehen konnte In dieser Obhut ließ sie nach
unzähligen Küssen das geliebte Kind und begaben sich heimlich um jedes Gefolge
von Leuten zu vermeiden das ihrer Demut ein Vorwurf zu sein schien aus der
Stadt ohne zu ahnden dass sie das Kind und die Stadt zum letztenmal gesehen
hätten Erst mehrere Stunden nach ihrer Auswanderung verbreitete sich das
Gerücht derselben und große Scharen frommer Pilger folgten ihnen nach Es
hatte sich aber seit der König selbständig und gerecht die Regierung übernommen
hatte viel Glück über alle verbreitet nur die Grafen wollten das nicht
erkennen weil sie sich durch die Gerechtigkeit in ihren Einnahmen sehr
beschränkt fanden Jener Graf des Nibelgaus welcher sich die meiste Schuld
dieser neuen Wendung der Dinge beimass weil er sie seiner Feigheit zuschrieb
teils von Liebe zu der Königin gequält nun auch von Ärger über die Geburt des
Prinzen erfüllt weil dieser die Hoffnung der Nachfolge ihm raubte fand sich
vom Geiste der Versuchung gereizt durch den Mord des Königs sein Schicksal
ändern zu wollen Diese Wallfahrt die einer seiner Diener auskundschaftete bot
ihm die Gelegenheit zur unbemerkten Ausführung Die Vormundschaft über das
königliche Kind konnte ihm nach dem Tode des Königs nicht streitig gemacht
werden wie leicht konnte es aus der Reihe der Lebenden vertilgt werden die
Königin hoffte er durch sein Liebesglück und durch sein Ansehen sich dann
zuzueignen Der Graf war zum Schein zu seinem Bruder gefahren hatte sich aber
ohne eines Menschen Begleitung nach dem Schwarzwalde gewendet und lauerte an der
gebahnten Straße der Wallfahrer Der ganze Weg hatte unsre beiden Pilger ganz in
die Zeit ihrer ersten Liebe versetzt mancher Kuss hemmte die Reise sie sahen
nicht um sich sondern vergaßen sogar oft das angelobte Gebet Umsonst warnten
sie die beiden Vögel im Käfig der Wurfspiess des Grafen hatte beide durchbohrt
und den Käfig der Vögel durchbrochen ehe sie eine der Warnungen vernommen
hatten ohne Schrecken ohne Ahndung noch freundlich lächelnd hatte der
Mordstahl ihren Lebensfaden durchschnitten Aber der Graf sah mit Verzweifelung
zu ihnen hin denn nicht die Königin sollte sein Spieß treffen aber ein
zärtlicher Kuss hatte sie an den König gedrückt als schon das Wurfspiess seiner
Hand entschleudert war Erst jetzt fühlte der Graf dass mehr seine Liebe zu der
Königin als der Wunsch nach der Herrschaft ihn getrieben er hasste sich und sein
Unglück das er sich selbst geschaffen hatte Den Mord stellt das Bild dar
Zwölftes Bild
Bald dachte der Graf auf seine Sicherheit und eilte nach seinem Schloss ehe
irgend eine Kunde des Mords in das Land gekommen Der große Zug der Waiblinger
Pilger welcher dem Königspaare nachgepilgert war entdeckte die beiden Leichen
beim Geschrei der beiden Vögel und da jeder Versuch sie zu beleben vergeblich
war so zogen sie mit ihnen traurig und still der Kirche des Erlösers zu wo die
Geistlichen sie mit Balsam zu erhalten suchten bis die feierliche Beisetzung
angeordnet wäre In der Hauptstadt war aber ehe diese Trauerbotschaft einlief
eine allgemeine Verwirrung Der Königssohn war verschwunden mit seinen zwölf
Engeln niemand erriet wer ihn könne geraubt haben Als aber die Kunde des
Mordes anlangte da erhob sich das Volk in Verwünschungen der Mörder so dass der
Graf von Glück zu sagen hatte dass kein Verdacht auf ihn gefallen weil ihn viele
kurz vorher bei seinem entfernten Bruder gesehen hatten Zur Beerdigung des
Königspaares versammelten sich alle Grafen und vieles Volk bei der wüsten
Kirche die Särge wurden geöffnet der Graf als Nachfolger verfluchte da
öffentlich die Mörder sie sollten das Licht der Sonne nicht mehr sehen In dem
Augenblicke drangen die beiden königlichen Vögel wie sie vom Volke genannt
wurden aus den Wolken nieder zu ihm und hackten ihm ehe er sich ihrer erwehren
konnte beide Augen aus Das Bild zeigt wie die beiden Vögel auf ihn
eindringen im Hintergrunde ist das Hochamt und die Leichen an der Seite das
Volk zu sehen die alten Reime sagen
»Mörder« ruft der ganze Haufen
»Sieh es ist erfüllt der Fluch
Kannst du Licht der Augen kaufen
Von dem Himmel durch Betrug«
Und der Graf irrt in der Kirche
Ruft umsonst nach Freundeshand
Dass ein andrer ihn erwürge
Alle sind von ihm gewandt
Blind nach einem Ausgang suchend
Stürzt die Stufen er hinab
Und so stirbt er sich verfluchend
Sein Gebein bleibt ohne Grab
Dreizehntes Bild
Nun begann ein bürgerlicher Krieg um den befleckten Thron Jedes der
Grafenhäuser machte Ansprüche auf den Thron ohne es laut werden zu lassen es
äußerte sich aber darin dass sie jeden stürzten der die Absicht zeigte zu
herrschen So dauerte es wohl vierzehn Jahre dass der königliche Palast von
keinem aus Scheu der andern bezogen wurde als die Hunnen unter Attila bis
Schwaben eindrangen Gleich suchten einige der Grafen durch Attila zur
Herrschaft zu gelangen aber er benutzte sie nur um alle gegenseitig durch
einander aufzureiben So kam er unter dem Zujauchzen derer die immer noch Lohn
von ihm erwarteten von ihren Leuten gezogen in die Hauptstadt in den
Schlosshof Eins seiner ersten Geschäfte war den alten ehrwürdigen Palast teils
aus Neugierde und Habsucht teils aus Vorsicht und der Befestigung wegen in
Augenschein zu nehmen Die Beute war gering die Raubsucht hatte ihm wenig
Kostbarkeiten gelassen aber endlich fand er in einem Zimmer das mit Epheu grün
berankt war weil die Luft frei durch die offenen Fenster strich einen starren
alten Mann der auf eine geschriebene Rolle blickte und den einer der Begleiter
als den alten Sänger den Vater der ermordeten Königin erkannte von dem niemand
seit ihrer Abreise etwas erfahren hatte denn in der Bestürzung jener Zeit war
niemand in dies abgelegene Zimmer eingedrungen Der Attila meinte es sei ein
alter Zauberer der immer noch lebe die andern dachten auch er läge nur noch
immer in der Verzückung so wenig hatte der Tod ihm anhaben können Nun wollte
Attila wissen was in der Schrift die vor ihm lag woran er zuletzt
geschrieben stehe und befahl einen der Eingebornen weil er der Schrift
unkundig dies Blatt ihm vorzulesen Ein Geistlicher las aber folgende Worte zu
einem im Heldenspiel beschriebenen Triumphzuge
Wer lebendig blieb schreit Sieg aus doch die Toten schweigen still
Triumphierend zieht der Feldherr auf den blutbefleckten Thron
Und die Narrn die ziehen den Karrn ihm und er lacht der Narren schon
Denn er sinnt schon im Triumphzug wo er die verbrauchen will
Die mit ihm zerstört den Weltteil und beim Raub nun möchten ruhen
Seht er treibt sie frisch zum Krieg fort treibt sie schlau zum Todesnetz
Denn er erbt auch ihre Diebsbeut erst ihr Tod ist ihm der Sieg
Dann erst feiert Friedens Heimkehr wenn er einsam kehrt zurück
Und von jedem tapfern Mordknecht trägt die Schuld und das Geschick
Dass an einem Haupt übt Strafrecht Gott vom ungerechten Krieg
Dass bei einem Namen Eis läuft über uns in Lust verwirrt
Dass in dieser Qual die Richtscheit jeder Kraft die sich verirrt
Als Attila diese prophetischen Worte vernommen hatte glaubte er sie seien ihm
zum Trotze geschrieben und gelesen und spaltete zuerst das Haupt des
Geistlichen der sie gelesen wobei zum Schrecken aller der Körper des Alten
von der Erschütterung in einen kleinen Aschenhaufen zusammenstürzte Er und
seine treue Geliebte waren längst der Erde entschwunden Das Bild zeigt wie
Attila das Schwert zweifelnd erhebt welchen von beiden er zuerst erschlagen
möchte
Vierzehntes Bild
Attila selbst fühlte sich durch dieses Ereignis erschüttert auch seine Anhänger
mochten ihm zweifelhaft scheinen er wollte deswegen etwas Festes begründen und
wo er kein ererbtes Recht hatte doch in seinem Mut ein Recht der Erwerbung
begründen Er ließ öffentlich ausblasen dass er im Schwarzwalde am Grabe des
letzten Königs mit jedem um die Krone Schwabens kämpfen wolle die dann dem
Sieger unweigerlich zufallen solle und zu dem Kampfe bestimmte er einen Tag
Was bisher aus dem königlichen Kinde geworden ist noch nicht berichtet so aber
verhielt es sich damit Die zwölf fliegenden Boten erhielten schnelle Kunde
durch die zum Himmel fliegenden Eltern von der Ermordung sie hoben den
Königssohn im Schlafe aus den Betten und trugen ihn zu einem Adlerneste in der
Nähe der Erlöserkirche Da nährten sie ihn mit der Milch der Hirschin bis er
kräftig war an der Erde zu gehen Dann brachten sie ihn zu einem Einsiedler bei
der wüsten Kirche sie sorgten für des Kindes Nahrung der Einsiedler für dessen
Erziehung Er zeigte dem Kinde früh wie das Bestehen des Glaubens vom Wohl der
Staaten abhänge denn seit der allgemeinen Verwirrung sei kein Stein zum Bau der
Kirche angefahren worden Der Knabe wuchs in sichtlichem Gedeihen seine dunklen
Augen spiegelten Ernst und Mutwillen sein Mund wechselte in Würde und Milde und
seine Stirne trat hervor von der Kraft guter Gedanken und fester Entschlüsse
Früh reifte er zum männlichen Jüngling und übte sich selbst in jeder
ritterlichen Kunst so weit es die Einsamkeit und der Mangel an Kampfgenossen
ihm gestatten wollte denn die geflügelten Boten wenn sie ihm ein Turnier unter
einander vorstellten dass er es daraus kennen lerne waren nur wie die Gedanken
zu betrachten die wir uns als Kind von einer Schlacht machten So hatte er sein
funfzehntes Jahr erreicht und fragte ebnen die kleinen Boten aus was es sei
das ihn so schwermütig mache als der wilde Attila mit dem Volke sich der Kirche
nahte Da sprach der älteste von den Zwölfen »Königssohn die ganze Welt ist
noch ein Geheimnis für dich und das Leben ein ritterlicher Kampf mit ihr nur
nach ernstem Kampfe wird sie sich dir enthüllen und das Gleichartige wird dir
eigen werden und eine neue Jugend aus dir hervorgehen Sohn der Könige rüste
dich nicht der Tag der Liebe sondern des Kampfes mit dem Räuber deines Landes
ist erschienen Sohn der Könige du kennst Ritterpflicht wir dürfen dir nur mit
unserm Gebete im Kampf beistehen besteig dies Ross bestreite den fremden König
der jeden ausfordert der ihm die Krone deine Krone streitig macht siegend
oder fallend wirst du uns über dir wie eine Wolke sehen unsre Tränen in Lust
und Schmerz werden auf dich fallen auf Erden suche uns nicht mehr« Sie
erhoben sich die lieben Zwölfe der Königssohn dankte ihnen und war so zornig
dass er sie auf Erden nicht wieder sehen sollte dass er sich gern in die Lanze
des Fremden gestürzt hätte Vergebens hatte der König Attila seine Gegner
ausgefordert keiner der Grafen wagte sich gegen den Riesenmann in die
Schranken da trat der gerüstete Jüngling auf und der König lächelte seiner
schlanken Gestalt Aber der Jüngling rannte auf ihn in so zornigem Sinne dass
seine Lanze durch die Ringe des Brustarnisches in König Attilas Herz drang Der
wilde Attila stöhnte sein Leben aus da blickte der Jüngling dankbar zum Himmel
zu der glänzenden Wolke die Freudentränen auf ihn fallen ließ dann öffnete er
den Helm und nannte seinen Vater und führte das Volk zu dessen Grabe und der
Einsiedler beschwor dass er des Königs Sohn des Reiches Erbe sei und setzte
auf dessen Haupt die Krone die er dem ermordeten König abgenommen und heimlich
bewahrt hatte Das Volk schwor ihm Treue als König und er schlug die Hunnen die
mit ihnen da versammelt waren Das Land war frei der König weise die Kirche
wurde vollendet Das Bild zeigt die Krönung des jungen Königs und das Erschlagen
der hunnischen Ritter die alten Reime schließen mit den Worten
Doch die Zeit will neue Taten
Und erzählt ist schon genug
Gott im Himmel wird uns raten
Schützt uns vor des Teufels Trug
Wird uns seine Sänger senden
In des Schmerzes Einsamkeit
Dass wir ahnden wie zu ende
Das Beginnen dieser Zeit
Drittes Buch
Erste Geschichte
Die Hochzeit
Die ewige Lampe vor dem Bilde der heiligen Mutter welche Frau Hildegard bei der
Genesung Bertolds gestiftet hatte war schon sichtbar auch die messingenen
Kronen glänzten durch die offenen Fenster des Ratauses als eine neue
Erleuchtung bei dem großen Röhrbrunnen des Marktes für die armen Frauen
eingerichtet wurde die dort mit großer Emsigkeit zinnerne Schüsseln und Teller
abscheuerten welche von den Hochzeitgästen auf dem Ratause geleert waren »Wie
der steinerne Ritter sein Laternchen so schön über den Brunnen hält als ob er
drin krebsen wollte« sagte die eine der Frauen »Das war noch ein guter
Einfall von dem Anton« meinte die andre »dafür schenk ich ihm das große Stück
Schinken das hier auf der Schüssel blieb« »Und ich schenke ihm den
Backfisch« sagte die andre »aber er muss mir einen Kuss geben« »Ich gebe
keinen Kuss« brummte Anton und begnügte sich mit dem Schinken »Was das für
ein Junge ist« sagte die andre »es gäbe mancher etwas darum wenn ich ihm
einen Kuss anböte und der nähme lieber einen Backenschlag dafür an Was treibst
du dich bei den Weibern herum wenn du nicht willst geküsst sein Anton« »Ihr
denkt wohl ich komme euretwegen hieher« sagte Anton »mein Alter hat
Weidenruten in den Brunnen gelegt damit sollt ihr gestrichen werden wenn ihr
die Schüsseln nicht reiner abwascht schreit nur nicht die Weidenruten
braucht er zum Flechten der Ehrenpforte an Bertolds Haustor und die
Ehrenpforte um das Gerüst zu verstecken das wir auf Befehl der Frau Hildegard
heimlich erbauen um morgen in aller Frühe das Bild der heiligen Mutter
aufzufrischen wie sie zur Vermählung ihres Sohnes gelobt hat Denkt euch bis
Mittag soll das alles fertig sein« »Das ist recht« sagte eine Frau »so
verdient Ihr doch auch was und die heilige Mutter war gar nicht mehr zu kennen«
»Mir ists nicht recht« sagte Anton »denn meinem Alten schwindelt da oben
auf dem kleinen Gerüste und da muss ich früh auf und muss alles allein pinseln«
»Ich geb dir auch einen Kuss dafür« sagte die eine Frau »Lieber lauf ich
gleich davon« antwortete Anton und ging mit seinen Weidenruten und grünen
Zweigen nach Bertolds Hause aus welchem die Waisenknaben jetzt wieder eine
Reihe der seltsamsten Backwerke nach dem Ratause unter Fackelbeleuchtung
trugen Die Weiber liefen vom Brunnen ließ ihre Eimer überlaufen unter den
Röhren und ihr heißes Wasser kalt werden um diese Wunderwerke die Türme und
Gebirge aus Teig und Früchten zu bewundern »Gott ist mein Zeuge« sagte die
eine »aber wie die Brautmutter mit dem Teige umzugehen weiß das geht nicht mit
rechten Dingen zu das läuft ihr unter den Händen auf da bleibt nichts sitzen
das hat sie noch im Kloster von der vorigen Äbtissin gelernt die jetzige weiß
um so weniger davon da kochen sie jetzt zum Erbarmen und die Nonnen sehen aus
wie Gespenster Die werden sich freuen über die guten Gerichte die ihnen heut
die Brautmutter ins Kloster geschickt hat« »Hat sie denn alles allein
gekocht« fragte eine andre »Warum nicht gar wie kann ein Mensch so
einfältig fragen« sprach die andre »ich habe gesehen wie sie sich unter
einander in der Arbeit geteilt haben Die Braut hatte die Aufsicht über alle
Braten Meister Kugler schlachtete alles aus Frau Hildegard besorgte die Suppen
und das gekochte Fleisch Frau Apollonia gab sich allein mit dem Backwerke mit
Pasteten und Kuchen ab und der Meister Sixt kochte die Fische nach seiner
niederländischen Art bloß aus Wasser und Salz und bereitete aus tausenderlei
Zeugs die Tunken ich konnte ihn gar nicht ansehen wie er sich dabei hatte als
er kostete habe ich ihn mit der Nase unversehens hineingestossen dass die ganze
Küche lachte Aber hört etwas muss ich euch erzählen das wird mir keiner
glauben in dem Hause ist ein Kobold Gott weiß ob es die Seele des armen
Bergmanus ist der im Brunnen liegt aber ich ginge um keinen Preis an den
Brunnen Hatte gestern allerlei Kessel und Eimer die wir beim Schlachten
brauchten an den Brunnen im Garten gestellt in der Küche war kein Platz nun
blieben aber die Herrschaften am Brunnen bis zur Nacht so konnte ich nichts
abscheuern heute morgen finde ich alles so blank gescheuert wie es kein Mensch
auf Erden zu Stande bringt das war böse Teufelsarbeit aber ich dankte Gott
dafür denn wir hatten keine Zeit« »Der Teufel kann immer schon ein Stück
Arbeit für uns tun wenn wir nur nicht dabei sind« meinte eine andre
»Narrenpossen sinds in dem Hause gibts viel Leute wer weiß welcher sich
über die Kessel hergemacht hat« Die andre stemmte beide Arme in die Seite und
wollte eben zanken da wurden aber die großen Schüsseln herunter getragen was
jeder Gast für die Seinen nach Hause schickte das wollten sie alle sehen Da
hieß es »Der Vogt hat sich am besten bedacht der Alte kann auch nur wenig
essen begnügt sich mit der Tunke da wird sich die alte Ausgeberin freuen«
»Dafür hat er uns auch die Straße nach dem Bleichplatz zubauen lassen« sagte
die andre »das vergebe ich ihm und dem Bertold nimmermehr« »Dafür läuft
jetzt das Wasser durch den Bleichplatz« sagte die andre »das ist mir mehr wert
als ein paar Schritte die ich umlaufen muss eine Liebe ist der andern wert«
»Wir könnten aber beides haben« sagte die andre »die Bürgerschaft hätte es
nicht leiden sollen aber die Einladung zum Hochzeitschmaus hatte alle zu
stummen Hunden gemacht die vorher so laut klafften« »Und beim ersten Kinde
will er zur Taufe einen gleichen Schmaus geben« sagte die andre »das kratzt er
alles vom Tuche ab davon ist es auch so dünn dass einer jetzt Mohn durchsäen
kann Wenn es nur bald ein Kind gäbe aber die reichen Leute müssen immer eine
Weile darauf warten wo es uns Armen immer zu früh kommt Was sie wieder blasen
Das ist eine rechte Gesundheit Da zerschmeissen sie alle Gläser Nun das ist
auch recht so ein Glas woraus eine ordentliche Gesundheit getrunken ist soll
auch zu nichts anderm gebraucht werden sonst schadets der Teufel weiß überall
sich einzuschleichen er hat einen spitzen Kopf und ist wie die Schlange
beschaffen wo die mit dem Kopf durchkommt da zieht sie den Leib nach Hört
nur ich glaube die Stadtpfeifer schlagen sich mit den fremden Fiedlern und sie
haben doch alle zu essen an den Tag will ich mein lebelang gedenken von der
Hochzeit werden noch Kinder und Kindeskinder reden«
Unsre Stadtleute sprechen von großen Festschmäusen als von einer
Fronarbeit der nur ein Fremder durch anders gefärbte Einfälle Reiz verleihen
kann Dieser Überdruss kommt aber vom Überfluss solcher Feste die in manchen
Kreisen zum Alltäglichsten gehören so dass jeder Leichnam schon aus der
Gewohnheit voraus weiß wie viel beschwerter er sich am Schluße des Festes als
im Anfange fühlen werde Wie können sie sich in Festlichkeiten alter Zeit
versetzen Die höchste Lust muss ihnen widrig erscheinen Auf dem Lande sind wir
jener Zeit schon näher die Speisen selbst haben eine geistige Berührung mit
unsrer Tätigkeit und Einsicht weil sie nur mit Klugheit der widerstrebenden
Witterung abgewonnen in ihr gezogen und geerntet werden konnten Wer überdies
Monate in seiner Hauswirtschaft zugebracht hat der ist schon erfreut andre
fremde Gesichter bei sich versammelt zu sehen das Gespräch scheint sogar
störend so lange der Genuss dauert und nur der Tafelmusik möchte man ein Recht
einräumen das Herz unbewusst anzuregen Solch ein Fest durch bedeutenden Anlass
erzwungen nicht müßig erdacht hat auch seinen Zwang zur Lust und diese fehlt
nimmer niemand naht sich der Türe ohne mitzugeniessen und selbst die welche zu
Hause bleiben erhalten ihren Anteil durch das Heimgesandte und lassen dann
auch Gott einen guten Mann sein Aber neben der Lust sind auch Streitigkeiten
nicht selten keiner hat einen Grund sich zu verschließen und da die Mitteilung
selten ist so ist sie auch heftiger insbesondere wenn die Lebensfülle sich im
Genuße scheinbar erhöht und über ihre Schranken steigt So war es im Lande der
Ditmarsen gewöhnlich das Leichenhemde zu den Hochzeiten mitzunehmen weil keine
ohne Kampf und Mord endete
Auch Bertolds Hochzeitfest war nicht ohne Schimpf und Unfrieden An dem
Herrentische blieb es freilich bei einigen stachligen Reden die ein trunkner
Schuhmacher über den Brunnen und die verbaute Straße mit Anspielungen auf den
Ehestand fallen ließ bei dem Tische der Stadtpfeifer ward es dagegen
ernsthafter denn da gings zugleich um Kunst und Lebensunterhalt auch gab sich
keiner die Mühe wie der Ehrenhalt am Herrentische gute Ordnung zu bewahren
vielmehr hetzten manche Bürger die Stadtpfeifer die fremden Meistersänger und
die Fiedler gegen einander weil sie sich in ihrer Tücke so grundlächerrlich
darstellten Nun weiß jeder dass ein Hauptunterschied zwischen den Menschen
darin liegt dass ein Teil durch den Weinrausch unbändig froh und der andre
grundlos traurig wird wie ist da ein gutes verständiges Vernehmen möglich
insbesondere wenn es sich gewöhnlich noch dabei findet dass die nüchtern
Lustigen trunken traurig werden und die nüchtern Ernsten im Rausche an den
Scherz jener heransteigen die Leute fühlen sich unter einander ausgetauscht und
schlagen sich ihre Seele wieder zu gewinnen So war zum Feste ein lustiger
ältlicher Sänger des Herzogs von Bayern mit Namen Grünewald angekommen der in
Augsburg sich in Annen verliebt wie es ihm mit allen schönen Mädchen erging
auch bald seine Liebe bei allen Banketten besungen hatte ohne dass die Leute
eigentlich wussten auf wen seine Liebesnoten anspielten Er hatte Annens Wohnung
endlich ausgeforscht und in Verzweifelung dass ihr Fenster sich nie seinem
Gesange öffnete weil sie längst fortgereist war hatte er sich dem Weine ohne
Berechnung seiner Kasse so lange ergeben bis der Wirt seine vollgekreidete
Wandtafel überrechnete Zahlung forderte und als er diese nicht leisten konnte
ihm den Mantel nahm Das kümmerte den Sänger wenig er setzte davon ein lustig
Liedlein schimpfte darin den Wirt wacker aus dem er mit seiner Lustigkeit viel
Gäste ins Haus gelockt hatte ging mit dem Liede zum reichen Fugger und erzählte
darin zum Schluße dass dieser seinen Mantel ausgelöst habe Der gute Fugger
tat wie von ihm erzählt worden löste den Mantel nicht nur aus sondern gab
auch dem lustigen Grünewald ein Zehrgeld auf die Reise aber mehr als Geld
schenkte er ihm in der Nachricht wohin die schöne Alma gezogen was Fugger aus
Fingerlings Handelsbriefen erfahren hatte Grünewald küsste ihm die Hände aus
Dankbarkeit nahm ein Schreiben als Empfehlung und schritt stolz in seinem
Mantel vor dem Wirtshause vorbei dessen Wirt ihm so teure Zeche angekreidet
hatte Der Wirt sah sich eben nach Gästen um als der Sänger vorbeizog und
gähnte da erhob sich ein Windstoß blies den Mantel gar stolz auf und warf dem
Wirte den Flügel eines Fensters das eben offen stand auf die rote Nase Dies
Geschichtlein hatte Grünewald auf dem Wege einem Kunstgenossen vertraut aber es
ganz geheim zu halten gebeten als er mit diesem zum Hochzeittage in Waiblingen
ankam wo er sich als ein reisender Sänger der Gesellschaft durch Lieder und der
schönen Anna durch Fuggers Brief so gut empfahl dass er von Bertold allen
einheimischen Sängern vorgezogen wurde Die Bayern und Schwaben sind aber nicht
bloß in der Sprache sie sind in ihrem ganzen Wesen sehr verschieden jene
trinken Bier diese Wein jene sind schwerer und ernster diese lustig und
schnell es kam daher den Stadtpfeifern seltsam vor dass ein bayerischer Sänger
ihnen den Preis der Lustigkeit nehmen sollte Die Schwaben sangen »Unser
Herrgott ist auch kein Bayer« und andres mehr was dem Grünewald schon zu Kopf
steigen konnte aber er antwortete mit der »Schwabenbeichte« sie sangen von der
vierbeinigten bayerischen Nachtigall er achtete dessen wenig denn wie er mehr
trank ging es ihm immer trauriger zu Herzen dass Anna sich an dem Tage vermähle
und dass er nicht der Bräutigam sei Kaum merkte der Oberpfeifer Haring dass er
traurig wurde so hielt er das für Verzagteit und rückte mit lustiger Bosheit
gegen ihn an Er hatte eben das Geschichtlein des Mantels von dem Kunstgenossen
erfahren gab sich das Ansehen welsch reden zu können indem er viel
Schimpfworte aller Völker in allerlei fremdes Geschrei einmischte und sprach zu
einem Schüler so erzählend indem er abwechselnd auf den Mantel des Sängers
hinwies auch wohl den Mantel anfasste doch halb verstohlen und Geld zählte
Grünewald merkte nun wohl dass er verraten sei die Beschämung erregte seine
Galle Um Haring zu ärgern machte ihm Grünewald boshaft nach wie er beim
Blasen seine Backen dehne und nichts heraus bringe Haring schlug ihm auf die
Backen dass der bayerische Wind hinaus fahre Grünewald zog sein Messer die
Kunstpfeifer rissen es ihm fort drängten auf ihn ein er war zur Rataustüre
hinaus gedrängt ehe er zur Besinnung kam Der Stadtpfeifer warf ihm ein Becken
auf den Kopf und rief ihm zu »Gott geleite Euch« Darüber lachten die Weiber am
Brunnen gar unmäßig und Grünewald wollte wieder die Treppe hinanstürmen und
neues Geprassel von Töpfen stürzte über ihn her ehe Bertold und der Ehrenhalt
es hindern konnten In seinem Rausche glühend und kühl durchnässt lief er
hastig am Markte umher und regte alle Jammertöne seiner Zither die ihm um den
Leib hängen geblieben Ernst sprachen die Sterne zu ihm und mit Trauer die hohen
Häuser er hätte immer wieder zu Annen hinaufstürmen mögen die Beine trugen ihn
aber unsicher wohin sollte er sich wenden Er sank an der Ehrenpforte nieder
über der Anton die letzten Bretter seines Malergerüstes befestigte Da sich
inzwischen nach Wegnahme der Tische in den Rataussälen alles zum Reihentanz
geschickt hatte also die Pfeifer und Fiedler vollauf zu tun hatten die Weiber
am Brunnen aber an die Fenster neugierig sich drängten so hatte er Musse seinem
Geschicke nachzudenken wenn er nur Vernunft dazu mitgebracht hätte aber sein
Nachdenken bestand immer nur im Erzählen Erst sprach er mit sich selbst dann
stieg Anton vom Gerüste herunter und er fand an dem Maler einen gutmütigen
Zuhörer Er berichtete diesem dass er gar berühmt und geachtet sei so wenig es
ihm jetzt einer ansehe und so wenig Ehre ihm der verdammte Stadtfiedler übrig
gelassen »Wenn ich so ein Glas zu viel getrunken habe« sagte er endlich »da
kommt es mir immer vor als ob ich ein Kaisersohn und einst in einem gläsernen
Schloss bei einem Löwen gewohnt habe doch will mir das kein Mensch glauben«
»Ich glaube es Euch wohl« sagte Anton »aber seid froh dass Ihr aus dem Neste
fortgekommen seid« »Warum das was wisst Ihr davon« fragte Grünewald »Ich
meine nur« antwortete Anton »das Schloss hätte in Stücken gehen und Ihr drein
treten können« »Meinetwegen« antwortete Grünewald »mag es nur so ein Traum
mit dem Schloss sein aber das ist gewisslich wahr dass ich wie Moses auf einem
Baumaste schwimmend bei Bregenz ans Land getrieben bin und da hat mich leider
keine Königstochter sondern ein alter Hofnarr zu sich genommen der hieß Konrad
Naftsger aus Limpurg von dem habe ich Ziterspiel und Meistergesang gelernt
habe schon dreimal im Wettgesang das Gehänge gewonnen und bin in Nürnberg zum
Meister gemacht Da gaben mir alle Ratsherren ein großes Fest und die
Stadtpfeifer bliesen vor meinem Fenster Oft ist der Herzog von Bayern Abends zu
mir gelaufen ein Buhlenlied sich zu bestellen und manche Fürstin drückte mir
die Hände So schlecht wie hier ists mir noch nirgends ergangen und ich kann
nicht glauben dass ihr hier sonderlich lustig seid« »Wir sind hier nach
unsrer Art auch recht lustig« meinte Anton »aber grob sind wir auch ein
wenig« »Es scheint mir« sagte Grünewald »als ob die Leute hier gar nichts
von zierlichen ritterlichen Festen wissen ihr seid hier wie die Böhmen«
»Wie sind die« fragte Anton »In Böhmen ist es noch schlimmer davon hat
Konrad mein Meister erzählt ich muss es Euch schon vorsingen auf dass Ihr
daraus erseht wie es mir nicht allein bei solchen Fressgelagen übel ergangen
ist und dass ich armer Narr mich endlich auch trösten kann«
Der Böhmen König gibt ein Fest
Auf goldnem reichbesetzten Tisch
Steht ein verstecktes Narrennest
Ein ungeheurer Riesenfisch
Der König schneidet in den Bauch
Da springt ein kleiner Kerl heraus
Bekleidet nach Prophetenbrauch
Und gibt sich für den Jonas aus
Und küsst des Königs Gnadenhand
Die aus dem Fische ihn befreit
Das Kerlchen spricht so schlau gewandt
Dass es den König recht erfreut
»Wer bist du Zwerglein« spricht der Held
»Sei mir willkommen bei dem Schmaus
Was treibt dich in die weite Welt
Wo bist du kleiner Mann zu Haus«
Er spricht »Ich bin ein Narr fürs Geld
Ein Narr ist überall zu Haus
Ich bleibe wenn es Euch gefällt
Ich gehe wenn mein Witz zu kraus
Beim Herrn von Limpurg war ich lang
Der war zu sanft ich sprach zu hart
So machte ich zu Euch den Gang
Um mich zu freun an Heldenart«
Der König ruft nun seine Narrn
Um ihn zu prüfen ob er klug
Und ihn zu fangen in dem Garn
Mit einem listgen Narrenzug
Zwei alte Tölpel stolpern her
Mit buntem Kleide angetan
Doch ihre Zungen sind so schwer
Sie greifen an den kleinen Mann
Mit lahmen Spässen ohne Mut
Und wären lieber wieder fort
Doch unser Kleiner gar nicht ruht
Er schenket ihnen gar kein Wort
Der Kleine übermeistert sie
Im fremden Land gilt der Prophet
Er fürchtet keinen scheut sich nie
Er weiß es nicht wie es dort steht
Die großen Tölpel werden stumm
Der König nimmt ihr hölzern Schwert
Und spricht »Ihr Narren seid zu dumm
Der Kleine ist des Schwertes wert
Ihr geht der Mann im roten Kleid
Wird eure Löhnung zahlen aus«
Der Kleine schmückt sich voller Freud
Die beiden gehen voller Graus
Der Kleine höhnt sie wacker aus
Ein jeder Einfall neue schafft
Nie dauerte so lang der Schmaus
Wie mundet heut der Rebensaft
Der König sagt zu allen laut
Dass er noch nie so lustig war
Dem Kleinen hat er ganz vertraut
Er sagt was wahr er trinkt was klar
Der Narr belehrt den klügsten Rat
Und wendet jeglichen Verdruss
Der Kleine denkt »Es ist ein Staat
Wo mir ein jeder gut sein muss«
Da bringt der Mann im roten Kleid
Noch eine Schüssel seinem Herrn
Der sieht hinein mit Schadenfreud
Und tut sie wieder dann versperrn
Doch unser Narr ist schon so dreist
Er blicket durch den Spalt hinein
Obgleich der König es verweist
Der Narr fängt kindisch an zu schrein
»Herr« spricht er mit gebrochner Stimm
»Zwei Menschenhäupter liegen drin
Wer reizte Euren edlen Grimm
Mit Frevel oder Eigensinn«
»Mit nichten« spricht der König kalt
»Die beiden hab ich nicht gehasst
Sie wurden mir nur allzu alt
Und haben hier nicht mehr gepasst
Es sind die Narren die allhier
Dein guter Witz schnell überwand
Was sollten sie nun ferner mir
Du hast sie in ihr Nichts gesandt
Ein kluger Mann wenn er verdummt
Erweckt noch aller Narren Witz
Was ist ein Narr der je verstummt
Er ist auf Erden nichts mehr nütz«
Das läuft dem Narren kalt wie
Eis Durchs Rückenmark zu Zung und Mund
Dann wird ihm wieder glühend heiß
Er spricht aus bangem Herzensgrund
»Der Teufel sei hier Narr fürs Geld
Denn wagte ich mein Leben gern
So wär ich auch ein großer Held
Und nicht ein Narr für große Herrn
Ich spring zurück in meinen Fisch
Der Narren Blut löscht allen Witz
Wer junge Narren braucht am Tisch
Der gönn den alten ihren Sitz«
Bei den letzten Worten fing Grünewald zu lachen an »Ich will dem alten
Stadtpfeifer gern seinen Platz gönnen dies liebe Städtlein hat kaum eine Straße
und auch die ist nur halb gepflastert ich möchte hier nicht begraben sein wenn
Anna nicht bei mir läge Das Fest ist auch jetzt vorbei sie kommen herunter und
ich bin schon hier Anna soll leben hoch hoch und immerdar hoch«
Der Fackelzug führte sie eben nach ihrem Hause vorüber ein seliger Anblick
Als alle vorüber waren und nur der Abfall der Fackeln von der leuchtenden
Erscheinung noch am Boden verglühte sang Grünewald zu den Fenstern Annens
hinauf
Nun kenne ich die Nacht
Und ihre Flammenspur
Und hemme meine Uhr
Dass spät der Tag erwacht
Und schließt die Läden dicht
Dem ersten Morgenlicht
Eh Licht kann werden bringt die Nacht
Der Schöpfung dunkle Freuden sacht
Ich kenne die Geschichte
Und nehme die Gewichte
Die Räder und die Glocken
Aus meiner Uhr bedacht
Sonst schlägt sie in der Nacht
Und ich fahr auf erschrocken
Nun steht die Zeit ganz still
Des freu sich wer da will
Des freut sich alsbald
Der treue Grünewald
Anton sah verwundert den Mann an der so in einem Atem lachen und weinen
belustigen und rühren wollte aber er trug ein brüderliches Herz zu ihm und
nötigte ihn da er ohne Obdach sein Lager mit ihm zu teilen
Zweite Geschichte
Das Bild am Giebel
Anna die schöne junge Frau wurde spät von der Sonne erweckt die über den
wolkenlosen Himmel in voller Klarheit hinzog und ihre Strahlen in den runden
Scheiben des Fensters sammelte um mit einem Kusse ihrer Art die geschlossenen
weichen Augenlider der Müden zu erwärmen die sich gern dem Tag verleugnet
hätte nachdem sie den Morgen verschlafen hatte Endlich rief sie leise ihren
Bertold um ihn nicht zu erwecken wenn er noch schliefe Als sie aber keine
Antwort erhielt und die Blendung ihr gestattete umzuschauen da sah sie dass
Bertold nicht mehr im weiten Bette zu finden dass er sich fortgeschlichen habe
und das kränkte sie Sie wollte nun nicht eher aufstehen bis er ihr selbst
die neuen goldnen Strumpfbänder gereicht hätte nachdem ihre silbernen
Strumpfbänder beim letzten Tanze feierlich zerrissen und jedem Gast ein
Stücklein zum Andenken geschenkt worden war Mit diesem Gedanken beschäftigt
sah sie nach dem Boden des Zimmers weil die Fenster ihr zu hell entgegen
leuchteten und bemerkte das Schattenbild einer Leiter auf welcher zwei Beine
standen Mit vorgehaltener Hand suchte sie zu entdecken woher dieses seltsame
Schattenspiel sich durch die Fenster sehen lasse und fand bald dass eine Leiter
ans Fenster gelehnt sei auf welcher die Beine eines Menschen ständen Erst
glaubte sie es sei ein Scherz Bertolds oder eines mutwilligen Bekannten und
schämte sich aber die feste Ruhe dieser Beine zeigte bald der Gebeinte müsse
seine Neugierde an der Mauer über und neben dem Fenster befriedigen und sie
hielt ihn für einen Arbeitet der irgend etwas an dem Hause zu verrichten habe
Sie wollte eben mit Vorsicht aufstehen fest versichert der Mann könne nichts
von ihr durch die blinkenden Scheiben wahrgenommen haben da öffnete sich der
obere Fensterflügel und sie erinnerte sich mit Schrecken dass Bertold diesen
der Hitze wegen am Abend geöffnet hatte Es bückte sich ein Antlitz nieder das
zu den Beinen gehören mochte sie sah es aber nicht denn sie war unter die
Decke gefahren Was war zu tun Unter der Decke war es zu heiß und nicht allzu
lange auszuhalten ihr Vorzimmer wo Kleider lagen war etwa zehn Schrittchen
entfernt die Zeit musste benutzt werden wenn der Mann nicht hineinblickte Aber
konnte er nicht in der Zwischenzeit sich wieder niederbeugen ehe das Vorzimmer
erreicht war Endlich war der Entschluss gefasst in der Decke eingehüllt hatte
sie ohne umzublicken das Vorzimmer erreicht wo sie in Eile die bequemen
Morgenkleider anlegte
Nun kehrte ihr gewöhnlicher Mut zurück sie schämte sich der kleinlichen
Besorgnis und wurde neugierig die Ursache dieses Schreckens näher kennen zu
lernen »Gewiss ist es Meister Sixt« dachte sie »die Mutter Hildegard gelobte
die heilige Mutter am Giebel neu aufmalen zu lassen wie hat mich der gute alte
Mann so erschrecken können« Sie trat nun dreist ans Fenster um dem Meister
den sie gern in allen Sprachen welschen hörte einen guten Morgen zu wünschen
trat aber mit neuer Verwunderung zurück als sie die Beine ins Auge fasste So
riesenhafte Beine mit breiten Waden knorrigen Knöcheln und wohl gepolsterten
Zehen welche durch die zerrissenen Schuhe blickten konnten dem dürren kleinen
Sixt nicht passen auch war die Bekleidung für den geschniegelten alten
Niederländer allzu nachlässig Die langen roten Tuchhosen waren nicht aus Mode
sondern von der Hand der Zeit aufgeschljetzt doch hatte der Eigentümer die List
gebraucht die unvermeidlichen Lücken die sein Bein füllte mit roter Farbe zu
überstreichen wodurch aber die Mücken keinesweges getäuscht wurden denn sie
nötigten oftmals die mit dem Pinsel bewaffnete rechte Hand die wohl zweimal so
dick als gewöhnliche Hände war gegen sie niederzuschlagen als müsse sie das
Gemälde auffrischen Anna meinte es sei ein fremder Meister der hier seine
Kunst an ihrem Hause zeigen wollte und sie hielt sich für verpflichtet ihm zum
mühsamen Werke in der Sonnenhitze einen guten Morgen zu bieten »Guten Morgen
Meister« sagte sie »Ich bin nicht der Meister« antwortete ihr eine
mächtige tiefe Stimme »ich bin aber sein Junge« »Wenn Ihr auch noch nicht
Meister seid« antwortete Anna »so steht Ihr doch auf Eurem Platz fest und geht
auf einem großen Fuße einher in jedem Eurer Beine hat ein Meister Sixt Platz
und wenn Eure Kunst Euer Maß hält so könnt Ihr einer der größten Meister
werden« »Es würde schon etwas aus mir werden« entgegnete er mit einem
lustigen Grundton dass die Balken mitbrummten »aber der Meister gibt mir mehr
Schläge als Essen wenn ich ein Körnchen in der Farbe nicht fein abgerieben
habe dabei kommt niemand zu Kräften besonders wenn einem die Sonne wie hier
beständig auf den Buckel brennt« »Wie macht er das Euch Schläge zu geben«
fragte Anna »ich dächte er langte kaum zu Eurer Halskrause herauf wenn er
sich auch auf die Zehen stellte« »Der Meister ist ein listiger Mann« sagte
er und blickte durch das Fenster wie vorher als Anna noch im Bette lag indem
er aus dem Farbentopf der an der Leiter hing den Pinsel füllte Sie sah ein
fröhliches Gesicht das wie der Vollmond im Aufgange den Fensterflügel fast
füllte von großen blauen Augen durchstrahlt mit einem dichten Bart von
Milchhaaren umglänzt erschien er wie ein Engelskopf unter dem
Vergrösserungsglase sich darstellen möchte »Wie ist denn der Meister so gar
listig« fragte Anna und beschaute das junge Blut mit Freude wie es in dem
erhitzen Halse pulsierte »Der Meister ist ein listiger Mann« sagte er »das
sieht ihm keiner an Wenn er nur jetzt käme da schnippte ich ihn mit meinem
Finger in die Ecke aber da wartet er ganz ruhig wenn ich etwas ausgefressen
habe was er für sich zurückgelegt hatte bis zum andern Morgen und wenn ich im
besten Morgenschlaf liege und für keinen Preis mich rühren mag da haut er auf
mich herum als wäre ich ein staubiger Wams dass ich es wohl noch fühle wenn ich
erwacht bin« »Vaterhand schlägt nie zu hart das Kind welches sie am
liebsten hat schlägt sie am meisten« sagte Anna »Gott behüte« sprach
Anton »dass die kleine Heuschrecke mein Vater wäre ich bin nur so in der Not zu
ihm gelaufen als ich noch ein dummes Kind war und weil er mir damals etwas
Gutes angetan hat dafür muss ich ihm mein lebelang eigen sein Ich wollte ein
Koch wäre mein Pflegevater so könnte ich doch essen was ich zusammenreibe und
koche aber so muss ich die Wände und die Leinewand damit beschmieren zu einem
Weinküper taugte ich auch besser« »Einen frischen Trunk kann ich Euch schon
geben« sagte Anna und reichte ihm eine hölzerne Kanne mit dem Abendtrunk
heraus Er dankte kaum sondern kippte sie wie eine Nussschale über sie dachte
nur dass er einen Zug daraus tun sollte Anna sah ihn verwundert an konnte aber
nicht böse werden sie dachte Es gehört wohl etwas in den breiten Hals auf
welchem der Adamsapfel wie ein Ziehbrunnen auf und nieder steigt und dann sind
ihm auch so viele Tropfen in seinem Milchbart hängen geblieben dass sich die
Fliegen darin ersäufen will doch sehen ob er nach solchem mächtigen Zuge noch
Platz für das Essen behält »Will Euch doch etwas zum Zubeissen bringen« sagte
sie holte aus dem Nebenzimmer eine gebratene Hammelkeule und schnitt eine
Scheibe davon ab »Wie heißt Ihr« fragte sie »hier ist die Gabel langt zu«
»Ich heiße Anton« sagte der Maler »sage Euch schönen Dank bin heut vor Tage
aufgestanden und habe kein Frühstück bekommen weil mich der Alte mit dem Hunger
zum Fleiß antreiben wollte« Ohne Verlegenheit steckte er die Gabel durch das
abgeschnittene Stückchen in den ganzen Braten und wie ein guter Heulader
schwenkte er die Gabel ohne etwas von der Ladung zu verlieren in die obere
Region wo sich am Menschen der Mund öffnet Frau Anna rief Ob er nicht Brot
dazu esse das Fleisch sei fett »Dank Euch« sagte Anton »mein Magen
verträgt Kieselsteine wenn ich nichts andres habe wo ich aber gute Fracht
finde da mach ichs wie Schiffer in den Niederlanden und nehme keinen Ballast
auf gebt Euer Brot den Hühnern« Mit Verwunderung sah ihm Anna zu wie er so
eifrig essen und malen konnte sie bekam selbst Esslust bei dem Anblicke und
wollte zum Frühstück fortgehen als Anton sie bat noch einen Augenblick zu
verweilen weil er den Kopf der Maria gleich beendet habe sie möchte aber die
Augen niederschlagen wie sie im Bette getan denn mit fast geschlossenen Augen
habe er sie gemalt Frau Anna schämte sich dass er sie im Bette gesehen habe
und verbarg das hinter dem Unmute wie er dem heiligen Bilde ihr sündliches
Angesicht geben könne »O« sagte Anton »ich male nur das Schöne an Euch das
Hässliche lasse ich weg Die Menschen sind recht sonderbar uns Malern trauen sie
zu dass wir das heiligste Bild aus nichts schaffen und malen können aber nicht
unserm Herrgott der die ganze Welt zwar aus nichts aber den Menschen nach sich
als sein Ebenbild geschaffen hat wir müssen von unserm Herrgott aus seinen
Menschen lernen« »Aber es wäre mir doch lieber gewesen« sagte Anna »wenn
Euer Meister mich abgemalt hätte wenn ich einmal gemalt sein sollte« »Der
hätte sich hier längst aus Schwindel den Hals gebrochen« antwortete Anton
»auch gehts ihm nicht so von der Hand wie mir und auf der Mauer will alles
schnell gemalt sein sonst stimmen die Farben nicht wenn alles getrocknet ist«
Während des Gesprächs förderte sich die Arbeit und Anton suchte die Unterhaltung
deswegen immer noch zu verlängern »Ich muss Euch doch« sagte er »ein
Hochzeitlied übergeben das der arme Grünewald auf Euch zurückgelassen hat der
gestern von den Stadtpfeifern ist herausgedrängt worden er hat die ganze Nacht
geweint denn er sagte dass er Euch so lange nachgegangen und nun er Euch
gefunden so unehrlich behandelt sei dass er sich aus Gram nicht mehr wolle
sehen lassen« »Ist er denn schon fort« fragte Anna »Ganz früh zog er fort«
antwortete Anton »aber sein Hochzeitlied habe ich unten in meiner Tasche«
»Zeigt es mir« sagte Anna »es tut mir recht leid dass er schon fortgegangen
wir hatten ihn gestern vergessen in dem Gewirr er sang sehr kunstreich«
Anton stieg die Leiter hastig herunter um das Lied zu holen dass sie an der
Mauer ausgleitete denn sie stand zu flach Aber zum Glück fasste er den
Fensterrahmen wo Anna stand und so kamen beide mit dem Schrecken davon er
schwang sich unversehrt in das Zimmer während die Leiter niederstürzte »Gott
sei gedankt« rief Anna einmal über das andre »Euch fehlt doch nichts« »Es
war mein Glück dass das Fenster offen war« antwortete er und wollte schon
fortgehen um die Leiter aufzurichten da hörte er Schritte und laute Worte im
Vorzimmer »Es ist der Ehrenhalt« sprach Anna »er wird von mir Abschied nehmen
wollen« »Um Gottes willen verbergt mich« sprach Anton in großer
Verlegenheit »der darf mich nicht sehen er möchte mich wieder kennen ich bin
ihm entflohen helft mir ich bin verloren« Anna war so überrascht dass sie
nichts zu sagen wusste sondern halb unbewusst Anton in ihre Kleiderkammer schob
sie fühlte ein unwiderstehliches Mitleiden gegen ihn denn Bertold hatte ihr
schon so mancherlei von der Gewalt verlauten lassen mit der die Kronenwächter
wirkten Er trat mit Apollonien ins Zimmer und überbrachte der jungen Frau einen
kleinen vergoldeten Schrank wie ein Münster ausgedreht und geschnitten in
welchem ein gar schönes Muttergottesbild stand Das übergab er im Namen der
Grafen von Hohenstock riet ihr sorgsame Pflege wenn sie der Himmel mit einem
Kindlein segnete und dass sie sich von den gewaltsamen Ereignissen der Zeit die
jetzt bald eintreffen müssten in der Pflege und Sorge nicht möchte stören
lassen endlich nahm er mit einer Herzlichkeit Abschied wie keiner dem rauen
alten Manne zugetraut hätte Anna von dem seltsamen Vorfalle mit Anton
zerstreut hörte nur unaufmerksam dem Alten zu und blieb noch unbequemer in
ihrem Gefühle als die Mutter den Ehrenhalt nur bis zur Türe begleitete und dann
zu ihr umkehrte um sie schnell anzukleiden weil Bertold bei dem Brunnen mit
einer Festlichkeit auf sie warte Anna geriet in große Verlegenheit weil die
Festkleider in der Kammer lagen wo Anton sich versteckt hatte »Was soll die
Mutter denken wenn ich ihn heraus führe« meinte sie »oder soll ich mich hier
ankleiden wo er mich durch die Tür erblicken kann« Aber die Mutter machte
diesen Zweifeln schnell ein Ende indem sie ungeduldig die Türe öffnete aus
welcher ihr Anton mit der ruhigen Anfrage entgegentrat »Also ist der Alte fort
Gott sei gedankt ich dachte er hätte mich am Kragen« Die Mutter staunte
Anna war verwirrt was sie denken möchte und Anton sprach wieder »Nun will ich
Euch das Hochzeitlied des guten Grünewald holen es hätte Euch gewiss gejammert
wie er von seiner Liebe zu Euch die ganze Nacht geklagt hat« Mit diesen
Worten ging er zur Stube hinaus und Apollonia brachte erst nur unvernehmliche
Töne heraus dann aber rief sie »Wäre ich doch so ruhig entschlafen in dieser
Nacht wie Frau Hildegard sie weiß nichts mehr von deiner Schande sie hat dich
zum Feste geschmückt das den lieben Sohn ihr von der Seite nahm die Einsamkeit
hat sie nicht überlebt und wie dankst du ihr dass sie so ihr lang gewohntes
Leben den guten Sohn dir abtrat Du verrätst ihn an einen Liebesboten der wohl
gar selbst dich verführte hätte ich mein Messer ich könnte dich mit kaltem
Blute umbringen« »Liebe Mutter« unterbrach sie Anna »übereile dich nicht
um eine Kleinigkeit an der ich gar keine Schuld habe mir zu fluchen
Sieh das Malergerüst vor dem Fenster sieh die umgefallene Leiter die der
Junge eben wieder aufrichtet und frag ihn wie er in das Fenster gefallen da
sieh noch die eine Scheibe die er eingebrochen hat Und wie er hier war da
versteckte er sich vor dem Ehrenhalt« »Und solche freche Lügen kannst du
gleich aus dem Stegreif ersinnen« rief die Mutter »wie oft magst du mich in
Augsburg betrogen haben aber du sollst den guten den lieben Bertold nicht
anführen Er ist jeder treuen Liebe wert ich will ihn trösten er soll dich
vergessen wenn er fühlt dass doch eine Seele ganz und ewig an ihm hängt und in
so langen Jahren sich ihm ungeteilt bewahrt hat« »Weh mir« rief Anna »du
sagst zu viel liebe Mutter und dein unnützes Schelten über eine Schuld die
mit dem leisesten Hauche den Spiegel meiner Seele nicht trübte eröffnet mir
eine schwarze Tiefe naher Besorgnisse du liebst ihn du gestehst es dir und mir
du glaubst mich bei ihm in Vergessenheit zu bringen nie duldet das mein Herz
und mit aller Glut wie ich ihn liebe so will ich alle Netze verbrennen mit
denen du ihn zu dir zu ziehen strebst«
Der Streit wäre noch weiter gegangen aber im Augenblicke klopfte Anton an
das zugeschlagene Fenster Die Mutter öffnete und er reichte ihr ein Blatt und
sprach »Dies ist das Hochzeitlied aber verzeihet mir dass es ein wenig vom
Firnis zusammenklebt die Leiter hat beim Herunterfallen die Firniskruke
zerschlagen und bittet für mich beim Meister dass er mich nicht dafür auch
zerschlägt Ihr saht ja dass ich nichts dafür konnte« Der Vortrag geschah so
natürlich und Anton sah ehrlich und offen in die Welt dass die Mutter in ihrer
Meinung irre wurde und sich endlich ganz von ihrem Irrtum überzeugte »Der
Morgen nach der Hochzeit« sagte sie endlich »ist nie ganz ohne Ärgernis darum
machen auch Freunde dazu gern allerlei Späße und Schauspiele wir wollen auch
dies dafür annehmen als ob wir selbst mitgespielt hätten Zieh dich schnell an
Wer lässt denn hier am Hause malen Bertold erzählte nichts davon« »Frau
Hildegard hat dies Gelübde getan« antwortete Anna »Die gute selige Frau«
sagte Apollonia »mag wohl durch meinen Zorn in dieser Morgenstunde gekränkt
sein sie wird mir nicht zürnen ihr Gelübde hatte den Irrtum veranlasst Sei
zufrieden Anna werde nur nicht eifersüchtig auf mich sieh dich im Spiegel du
blühende Rose so freudig sah ich dich nie wie eben mitten in der Kümmernis
unsres Streits dann sieh mich an und du wirst deine Eifersucht beruhigen
selbst wenn du meiner Liebe zu dir nicht glauben wolltest« Anna küsste der
Mutter die Hand und sprach »Die gute Mutter Hildegard nun kann ich ihr keine
Liebe erweisen aber du lebst doch noch recht lange sollst dich recht lange mit
erfreuen Die arme Mutter Hildegard sie hat es nicht überlebt dass ihr Sohn
fern von ihr schlafen sollte ach da trage ich unschuldig die Schuld ihres
Todes« Die Mutter suchte sie zu zerstreuen und sagte »Wir wollen doch einmal
lesen was der bayerische Meistersänger dir zu Ehren gereimt hat wahrscheinlich
hat er es schon zu tausend Bräuten gesungen denn darum läuft das Sängervolk
immer so umher dass sie an fremde Orte kommen wo ihre paar Lieder noch für eine
Neuigkeit gelten aber es ist schwer zu lesen vor dem Firnis der daran klebt«
Hochzeitsterne sind verglommen
Und das schwarze Sonntagskleid
Ist dem Himmel abgenommen
Alle Lust erwacht in Leid
Freudig ist nun junges Leben
hl den frischen Tag gestellt
Der gerührt des Blickes Beben
Tauend über dich erhellt
Und du glaubst dem neuen Tage
Endlos scheint er weil er klar
Es versinkt in Lust die Klage
Dass kein Kranz in deinem Haar
Sieh dir blühen tausend Kränze
Dieser ach versank im Fluss
Führt des Lebens Wellentänze
Lebensflut im stillen Kuss
In der Kraft die er gesegnet
In der Hoffnung die er regt
Seid ihr beide euch begegnet
Selig wem das Herz so schlägt
Selig denn die tätge Ferne
Der Gedanken Unbestand
Und des Glückes Wandelsterne
Trennen nicht dies innere Band
Hochzeitmorgen ist gekommen
Trägt ein feurig Freudenkleid
Und die Welt erscheint vollkommen
Feiert euren schönsten Eid
Mit dem Licht vom ersten Tage
Als die Erde jugendgrün
Als zum heiligen Vertrage
Gott dem Menschenpaar erschien
Dritte Geschichte
Gute Hoffnung
Das Fest am Brunnen welches den Morgen nach der Hochzeit feiern sollte war
durch den Tod der guten Mutter Hildegard in seinem Wesen gestört worden manches
blieb unbeendigt weil Bertold sich der geliebten Toten nicht entreißen konnte
und die scherzenden Masken sandte er alle zu dem Hause des Herrn Brix wo Kugler
seit der Hochzeitnacht eingezogen war Auch verspätet war das Frühstück am
Brunnen durch den langen Schlaf Annens die Sonne schien dort zu heiß und der
Tisch mit den Sesseln wurde auf Annens Bitte unter die uralte schattige Linde
gestellt unter der Bertold einst den Schatz gefunden hatte Er ward
nachdenklich und sprach wenig so dass ihm Anna Vorwürfe machte wie er an
solchem Tage fremden Gedanken Raum gebe und dass er sie am Morgen so früh
verlassen habe Unter mancher Zärtlichkeit erzählte er ihr nach und nach was
ihn gequält und erweckt hatte »Als wir vor dem Altare in der Nonnenkirche
standen und der Geistliche Himmel und Hölle des Ehestands mit gewaltiger Stimme
malte da flossen meine Augen in Sorge und Seligkeit in Vorahndungen des Lebens
und des Todes aber ich schämte mich dieser Tränen vor dir und wendete mich ab
um sie unbemerkt zu trocknen Und wie ich so zur Seite blickte und meine Augen
sich aufklären da erblicke ich einen Kriegsmann von alter Tracht der großen
Anteil an der Feierlichkeit zu nehmen schien da war mir als sei es derselbe
Alte derselbe alte Herr den ich immer für ein Schattenbild des Barbarossa auf
Erden gehalten wenn er in Wolken vorüberzieht der mir hier die Kapelle der
heiligen Könige zeigte die ich bis jetzt noch nicht wieder fand der mir den
Schatz verlieh der mich aufforderte diese Baustelle zu erstehen auf der ich
allen Reichtum erwarb und mit Schrecken erinnerte ich mich bei einem Worte des
Geistlichen von der Wandelbarkeit des Irdischen dass der Alte mir diesen Schatz
mit allem was ich dadurch erwerbe nur auf so lange verliehen habe bis er es
zurückfordere Ich wandte mich ab von dem Alten und blickte nach dem
vergitterten Nonnenchore und sah ein Antlitz halb befreit vom Schleier der sich
zur Seite gedrückt hatte und meinte die geliebte Mutter meine rechte Mutter
sehr veralten doch unverkennbar wieder zu sehen Diese Erscheinungen kreuzten
sich und verwirrten mich als ich wieder um mich blickte waren beide
verschwunden und ich fürchtete dass die lebhafte Anregung des Tages mich um den
Verstand bringe Beim Gelag hatte ich das alles vergessen und bald war auch das
Gelag vergessen und du weißt vielleicht wie alles gekommen aber ich schlief
doch endlich ein schlief lange ruhig bis ich denselben Alten der mich in der
Kirche erschreckt hatte wieder zu sehen glaubte Er sagte mir dass meine Zeit
abgelaufen sei dass ich ihm alles wieder erstatten solle was er mir geliehen
ich sei jetzt gesund ich kennte die Welt und ihre Geschäfte und sollte mich
jetzt allein durchschlagen Da dachte ich deiner wie ich der Armut dich
hingeben müsste und konnte meinen Zorn nicht mäßigen so unbegreiflich ist der
Mensch sich selbst im Traume ich ergriff das Messer welches ich damals bei dem
Schatze gefunden und durchstach den Alten und der Alte war ich selbst ich
hatte mich selbst erstochen Da erwachte ich und konnte nicht wieder
einschlafen weil Meister Sixt vor dem Hause malte und mir die letzte Ruhe nahm
so viel mein Gewissen mir noch übrig ließ Sieh nur um diese meine innere
Vorwürfe zu mehren hast du den Tisch hieher unbewusst gesetzt wo mir der Alte
den Schatz zeigte« Anna lachte über diesen Gram »Der Traum bedeutet immer
sein Gegenteil« sagte sie »das wissen alle Traumbücher und was der Mensch im
Traume tut möchte er wachend gern meiden liebst du mich recht so vergisst du
alle die Einbildungen in einem Kusse von mir« »Noch etwas geht mir im Kopf
herum« fuhr Bertold fort »der Ehrenhalt hat mir nur Geschenke gebracht um
Anforderungen an mich zu machen Er spricht von meinem Vetter von dem Grafen
von Hohenstock dass er blödsinnig sei dass mir das Schloss Hohenstock vielleicht
bald zufallen könne dass große Begebenheiten um uns her reiften bei denen ich
dort Sicherheit und Anhang mir und den Meinen erringen könnte ich sollte das
Schloss als Fremder besuchen wie es mir gefalle Ich mochte mich nicht darauf
einlassen ich wollte es dir sogar verschweigen aber der Traum die Möglichkeit
mein erworbenes Gut zu verlieren machten mich aufmerksam auf das Ererbte Gib
deinen Rat aber gelobe mir Verschwiegenheit« Anna besann sich keinen
Augenblick sie sah sich dort im Geiste wie die kurfürstliche Braut zu Augsburg
empfangen sie dachte sich das Schloss im Verhältnis zu dem Hause in Waiblingen
in steigender Herrlichkeit wie sich dies zu ihrem Häuschen in Augsburg
verhalten sie konnte sich der Sehnsucht nach diesem alten geheimnisvollen
Stammschlosse nicht erwehren sie versicherte Bertold dass sie ihre Zunge nur
beschwichtigen könne in sofern ihr Bertold das Versprechen gebe noch diesen
Sommer das Schloss zu besuchen Bertold gab ihrem Willen nach und beschloss
unter dem Vorwande einen Wallfahrtsort oder einen Sauerbrunnen besuchen zu
wollen den Weg dahin einzuschlagen Sie wurden in dem Gespräche von Meister
Sixt gestört der feierlich mit Devotion kondolierte und gratulierte auch
berichtete dass er den letzten Auftrag der seligen Frau Hildegard wohl beendet
die heilige Jungfrau am Giebel aufgemalt und dafür einen Gulden in Submission
einzufordern habe er bitte diese Votivtafel zu inspizieren und ihn zu
remunerieren wenn das Werk seinen Meister lobe Bertold folgte ihm mit Annen
und war sehr erstaunt ein sehr vollkommnes Bild seiner Frau an der Stelle des
verblichenen heiligen Bildes zu sehen und weil es ihm lieb war so schien es
ihm recht »Aber wie schön ist das Christuskind« rief Anna einmal über das
andre »schenkte mir doch der Himmel solch ein kräftig freundliches Kind in ihm
ist Segen für die Welt und ihre reichste Zukunft« Bertold aber zog Meister
Sixt bei Seite und fragte leise »Gleicht das Kind nicht Eurem Anton wahrhaftig
so muss er als Kind ausgesehen haben« Anna wollte wissen was er gesprochen
habe und Bertold antwortete gleichgültig »Ich erinnerte den alten Herrn dass
er dies Kind nach einem jungen Gesellen gemalt hat der bei ihm in der Lehre
steht« Anna musste ihm innerlich recht geben und wurde äußerlich so rot dass sie
sich abwenden musste sie gedachte der unangenehmen Verwirrung am Morgen und
hätte lieber das Bild gleich abreißen lassen
Kugler und seine Frau kamen jetzt zu ihnen um Abschied zu nehmen Das tat
dem ehrlichen Knaben gar weh sonst war er seelenglücklich mit seiner Wahl er
wusste nicht genug anzurühmen was er alles zum Dank unserm Bertold antun
möchte er wünschte dass er in Not kommen möchte um ihm die Treue seiner
Freundschaft zu beweisen
Nun ging alles zur Einrichtung der Wirtschaft über und Anna lernte ihre
Magd Verena die sie zunächst bediente näher kennen Diese klagte bei ihr
Jammer und Not über die Magd der Mutter Apollonia ihre leibliche Schwester
welche Sabina sich nannte dass diese Böses von ihr rede und auch Frau Anna
beschuldige was sie kaum nachsagen möge den jungen schönen Maler Anton zu
sich ins Fenster eingelassen zu haben sie scheine das von ihrer Frau gehört zu
haben Sie habe ihr darauf den Mund verboten denn wenn einer reden wollte so
wäre genug darüber zu sagen warum Frau Apollonia immer dem Herrn im Garten
nachgehe auch ihn küsse es wisse jeder dass sie einst mit einander so gut wie
Eheleute gewesen aber die Zeit sei vorüber Anna verbot dem Mädchen zu reden
das Mädchen aber kehrte sich wenig daran sie war zu heftig ereifert nur wandte
sich jetzt ihr Zorn gegen ihre Schwester die zu demselben eigentlich die Hefen
eingerührt hatte sie berichtete wie diese immer von den Schüsseln beim
Auftragen nehme nur fleißig spinne wenn die Frau es sähe gern zu den Knechten
in den Stall gehe sich immer Wege in die Stadt mache auch beim Einkaufen mehr
an sich als an die Herrschaft denke dass sie nur fünf Hemden habe und darunter
sei eins noch stark zerrissen und nicht einmal geflickt ihre Schürzen wären
aber ganz unbedeutend »Aber sag nur« fragte Anna die eigentlich aus
Gewohnheit gern den Mägden zuhörte »wie habt ihr euch so verfeindet ihr beiden
Schwestern nachdem ihr hier bloß darum in Dienst getreten weil ihr so nahe
beisammen wohnt« Das Mädchen wollte die Ursache nicht sagen ihre Schwester
sei aber an allem schuld sie wolle ihr aber alles gebrannte Herzeleid antun
Anna gebot Frieden aber das half nur gegen schnellen Ausbruch der
Feindseligkeiten Jeden Morgen früh war immer ein dumpfes Schelten der beiden
Schwestern am Brunnen wenn sie früh Wasser holten ein Keifen als ob es an
Wasser fehle und doch lief dies im Überfluss
Bertold schalt einmal als er spät Abends zu Apollonien gehen wollte dass
so viel Wirtschaftsgerät Eimer Töpfe und Kupfergeschirr am Brunnen gestanden
er sei darüber gefallen Verena machte daraus eine seltsame Historie erzählte
Annen ihr Mann gehe Abends wenn sie ihn im Garten beschäftigt glaube gar
heimlich zu Frau Apollonien so dass es Annen gar heiß überlief sie konnte mit
ihrer Mutter nicht mehr frei und offen sprechen Darauf hörte sie in der Stadt
dass von einem Kobold die Rede sei der an ihrem Brunnen alles Geschirr reinige
aber auch sehr bösartig sei wenn einer ihn störe Sie befragte Bertold der
lachte über das Märchen er sei so oft am Brunnen gewesen Verena aber winkte
mit den Augen bei dieser Aussage ihrer Herrin und berichtete beim Ausziehen der
Herr poltere oft so spät bei den Geschirren am Brunnen herum da hielten die
Leute ihn für einen Kobold und hätten schon in der Stadt ausgebracht sie und
ihre Schwester hätten sich wegen des Kobolds entzweit wenn er nicht allen
beiden die Arbeit abnehmen wolle er gehöre nur zum Hause des Bertolds und die
Schwester setze immer ihre Gerätschaften unter die ihren aber das sei Lüge und
rief alle Heiligen zu Zeugen dass sie sich mit keinem Kobold abgebe
Sabina quälte mit ihrer Zänkerei die Frau Apollonia weniger weil diese
strenger war sie nistete sich aber auf feinere Art ein Apolloniens
Zärtlichkeit zu Bertold glaubte jetzt wo er ihr als Schwiegersohn verbunden
keines Zaums zu bedürfen sie äußerte ihm gern ihr Wohlwollen durch jedes gute
Zeichen nahm jedes von ihm an fand auch darin einen Ersatz als es ihr schien
dass die Tochter von ihr unabhängig sei sie weniger aufsuche und andre
Gesellschaft vorziehe Sabina erfand sich eine Menge Freundlichkeiten von
Bertold die sie der Frau berichtete und ihr schmeichelte am Abend aber die
Schwester damit zu ärgern Das alles erfuhr Anna nachdem es kaum einen halben
Tag ersonnen oder missdeutet war und machte die Stolze ihrem Bertold auch keine
Vorwürfe so spottete sie doch wohl gegen ihn über die Mutter und Bertold
verteidigte sie mit Wärme und sagte wohl noch mehr als er eigentlich glaubte
eben weil ihn die unerklärliche Härte in der Tochter ärgerte
Ein Zufall reifte die Stacheln an der Hecke zwischen beiden Häusern
Apollonia war in ihrer Arbeit sehr emsig obgleich sie es jetzt nicht mehr
bedurfte nun ein gutes Vermögen mütterlicher Seite ihr zugefallen war Es brach
ihr spät am Webstuhle etwas in dem Kamme sie schickte Sabina damit zum
Verfertiger dass er es gleich in Ordnung bringe Es sieht manches wie eine
kleine Arbeit dem aus der sie nicht zu machen versteht Die Arbeit verspätete
sich die Nacht war dunkel heiß und Apollonia ging selbst ungefähr gegen
Mitternacht an den Brunnen um ihren Henkelkrug zu füllen Sie nahte sich ohne
Absicht leise denn sie ging bequem und stand nicht ohne Schauder neben einer
großen Gestalt die am Brunnen auf etwas zu warten schien Kaum hatte sie den
Entschluss gefasst dies unheimliche Wesen ein wenig zu betrachten ehe sie
entliefe so wurde ihr der Mond günstig trat hervor und beschien einen blonden
herrlichen Lockenkopf der im Augenblicke nach dem Garten Bertolds entsprang
Die Angst und die Besonnenheit geboten ihr zu schweigen es war Anton sie
konnte nicht zweifeln Was wollte er so spät Bertold war in einem Geschäfte
ausgereist Anna hatte sich den Abend verleugnen lassen Sie wurde wieder irre
an dem guten Glauben den sie den Entschuldigungen der Tochter am Hochzeitmorgen
geschenkt hatte ihre Qual war groß denn ihre Rechtlichkeit war unerbittlich
strenge Sie gewann es über sich nicht laut zu werden es fiel ihr ein dass
Bertold von einer Reise nach Hohenstock gesprochen Sie glaubte dass sein guter
Geist ihm den Rat eingegeben hätte und beschloss ernstlich mit allem ihren
Einflusse auf ihn dies Unternehmen zu fördern
Anton denn er war es wirklich gewesen hatte nicht geringeren Schrecken
über Frau Apollonia als diese über ihn erfahren er meinte sich schon beim
Meister angeklagt und bestraft Die Bosheit der Frau als er damals so
unschuldig in Annens Zimmer gekommen ließ ihn viel schlimmere Bosheit ahnden
nun er in gewissem Sinne schuldig war Er war wirklich der Kobold der da
nächtlich am Brunnen die Geschirre reinigte was den beiden nachlässigen Mägden
zu beschwerlich war Er hatte sie in den Vorbereitungen der Hochzeit kennen
gelernt und war in dem Drange der Arbeiten für seine Hilfe in der wohlbesetzten
Küche von ihnen gelohnt worden Für diesen Preis setzte er bei dem teuflischen
Geize des Meisters der ihm das Brot verschloss diese geringe Arbeit Nachts
heimlich fort und die Sache hätte lange in Ruhe geschehen können wenn nicht
beide Schwestern gar zutuliche Liebe zu ihm empfunden hätten Da er aber von
eigener Gleichgültigkeit gegen beide blieb und wohl ihre guten Bissen aber nicht
ihre Küsse annehmen mochte und sich beide doch für schön hielten so meinte
jede die andre habe heimlich mehr Vertraulichkeit mit ihm und das brachte sie
gleich in Neid und Eifersucht Als er nun gar in der nächsten Nacht ausblieb
ward der Unfriede am Brunnen groß Bertold kehrte am andern Morgen heim und
sprach zufällig erst bei Apollonien an so schien seine Untreue der harrenden
Anna gewiss
Während Apollonia ihm heftig zürnte trat Bertold mit freudigem Gruß und
Gaben ein erzählte von den schönen Burgen der befreundeten Ritter und drang in
Annen wie Apollonia eben in ihn gedrungen war die Reise nach Hohenstock mit
ihm zu unternehmen es komme kein Schlächter aus jener Gegend in die Stadt der
ihm nicht Briefe mit Anmahnungen des Ehrenhalts überbringe dort einen Besuch
abzustatten und je mehr er das Leben der Ritter kenne je weniger lasse sich in
ihm das Gefühl unterdrücken dass er noch zu etwas anderm als zur Wollrechnung
bestimmt sei Der Antrag kam ihr jetzt so willkommen sie hoffte Bertold werde
sie ausschließlich lieben wenn sie mit ihm allein wäre sie gab ihren Beifall
sie wollten beide vorgeben dass sie Klostereinsiedlen in der Schweiz zu besuchen
gelobt hätten
Es war Sonntag sie fühlte dunkel dass sie dem Manne unrecht getan habe
oder aber wie Grünewald oft sang
Sonntag hat ein eigen Wesen
Inneres Streben äussre Ruh
Mag von selgem Glauben lesen
Lässt den Drang der Zeit nicht zu
Sie wollte beichten und nahm ihr schwarzes Gebetbüchlein ging aber nicht zum
Hause hinaus sondern in den Garten wo ohne dass sie es wahrnahm der eifrige
Gärtner Bertold beschäftigt war seine Lieblingsblumen selbst zum Strauss für
die Frau abzupflücken Da kam eine hohe Frau in den Garten mit einer Harfe und
einem Kästchen worin Feigen und Apfelsinen trug einen grünen Hut mit einer
Feder darauf grüne Jacke mit kurzem bunten Rock auch bunte Strümpfe sie
nannte sich eine Tirolerin die aus der Hand weissage und Apollonia meinte sie
schon in Augsburg gesehen zu haben Anna klagte ihr dass sie vergessen habe was
sie noch eben beichten wollte und die Tirolerin oder vielmehr Grünewald der
so verkleidet war und sich etwas mit Wahrsagen abgab prophezeite ihr was er
ihr ansah und hat alles nachher in Reimen abgesungen wie es da erging
Der Sonntag winkt mit stillen Blicken
Und schmückt ein jedes Blumenbeet
Der Gärtner will ein Sträusslein pflücken
Weil seine Frau zur Kirche geht
Und kann sich immer nicht entschließen
Wo er sein Messer brauchen soll
Die Blumen sich im Tau noch küssen
Und Herz am Herzen hängt so voll
Da kommt sein junges Weib gegangen
Ihr schwarz Gebetbuch in der Hand
Ihr Blick gesenkt im frommen Bangen
Zur Laube hat sie sich gewandt
Wie heimlich glüht die Geissblattlaube
Ihr Schatten ist ein duftig Bad
Und drinnen girrt die Turteltaube
Und Nelken glänzen an dem Pfad
Da spricht die Frau mit bangen Sorgen
»Vergessen ist die Sündenschuld
Was wollt ich beichten heute morgen
Ach Gott hab nur mit mir Geduld
Ach hätte ich nur eine Stunde
Mir fielen wieder Sünden ein
Aus welchem bösen Sündengrunde
Mag ich wohl so vergesslich sein«
Der Gärtner hat sich nicht verstecket
Doch ist er nicht von ihr gesehen
Die Reben haben ihn gedecket
Er staunet still wie sie so schön
Es kniet sein Weib am Bänklein nieder
Und deckt das holde Angesicht
Und steht dann auf und sagt wieder
»Was ich gesündigt weiß ich nicht«
Der Mann will eben zu ihr springen
Und ihr in Kraft von Lieb und Lust
Vergebung für die Sünde bringen
Die ihrem Herzen unbewusst
Da hört er eine Harfe klingen
Sieht eine Frau mit grünem Hut
Die ihr will süße Früchte bringen
Die Frau sagt wahr und ist ihr gut
Sie küsst die Hand des schönen Weibes
Und rufet mit Verwundrung aus
»Du bist gesegnet deines Leibes
Und Segen kommt nun in dein Haus«
Beschämt will es die Frau nicht glauben
Und klagt wie schwer zu Mute ihr
Tirola spricht »Eh reif die Trauben
Die jetzt so hart dann glaubst du mir«
Ihr glaubt die Frau und heilge Blicke
Wie Perlen sie umkränzen schön
Tirola singt von ihrem Glücke
Zu ihrer Harfe Vollgetön
Was sie gedrückt war keine Sünde
Es war die ungewohnte Lust
Dass sie den Dank zu Gott verkünde
Erhebt Gesang die freudge Brust
In wessen Herz die Sünde schweiget
Da klingt des Herren Lobgesang
Das Dasein sich so freundlich zeigt
Wenn neue Hoffnung es durchdrang
Sie fleht dass sie der Herr durchdringe
Mit seines Geistes Gegenwart
Dass früh ihr Kind den Geist empfinge
Wenn es noch bildsam rein und zart
Da kann der Gärtner sich nicht halten
Er stimmt ins fromme Lied mit ein
Und muss die Hände betend falten
»So muss sich eine Kirche weihn«
Und er gelobt an dieser Stelle
Zum Angedenken dieser Gunst
Will er erbauen die Kapelle
Mit hocherfahrner Bildner Kunst
Es steht die Frau in Scham betroffen
Woher er ihr Geheimnis weiß
Er spricht »Ich sah den Himmel offen
Ein Engel sagte es mir leis
Und alles Geld was du gesparet
Den Armen gib zum Freudenmahl
Dass Gott der Herr dein Kind bewahret
Und führt es leicht zum Sonnenstrahl«
Vierte Geschichte
Schloss Hohenstock
Der Reisewagen schwankte heftig ungeachtet des langsamen Fahrens über die rohen
Steingerölle die im Bergwege lagen dass Bertold längst mit der Frau Anna
ausgestiegen war und sich zu dem Ehrenhalt und Grünewald der als Tirolerin
gekleidet gesellt hatte die neben dem Wagen gingen und mit einander den Wagen
durch Stricke die sie an beiden Seiten angebracht vom Umsturz abzuhalten
suchten »Das ist ein Mordweg« sagte Anna »Es ist noch nicht unser
schlechtester Weg« meinte der Ehrenhalt »so kann er freilich nicht in Ordnung
gehalten werden wie die Wege nach Augsburg hier fährt kein Güterwagen kein
Reisender zum Holzfahren ist er immer noch gut genug« »Warum bleiben wir
nicht hier oben« fragte Grünewald »der Wald ist kühl die Erdbeeren reif und
mein Blumengewinde wächst mir immer wunder barer in der Hand dass ich Euch
endlich damit umgürten muss Frau Anna Weilt hier Der grün bewachsene
meilenweite Sumpf da unten ist für die Kiebitze die darüber schreien dass die
Leute ihnen ihre sommerfleckigen Eier nehmen Und was ist das für ein
Schwalbennest in der Mitte sieht aus wie eine gebrochene Kinnlade mit schwarzen
Zähnen da möchte ich nicht begraben sein« Der Ehrenhalt verwies sie als eine
unverständige Närrin zur Ruhe bei ihrem Kuhmelken und Pomeranzenverkauf werde
sie viel wissen was zu einer Ritterburg gehöre »Seht Herr« sagte er zu
Bertold »das ist Hohenstock weil der Fels worauf es steht wie der Stock
eines Baumes aus dem tiefen Bruch heraus sieht Das ist gegen jeden Angriff
sicher wenn die Brücke und der einzige Damm zerstört sind der bis dahin führt
Durch den Sumpf watet kein Mensch und die warmen Quellen hindern dass er je
zufriert der Kaiser mag klug sein aber wäre er recht gescheit so setzte er
sich in Ruhe auf Hohenstock würde einer der Unsern und ließe die regieren die
dazu geboren sind Bei uns da ist alles im Überfluss was sich ein Mensch
wünschen kann Fische Wildbret Früchte auf der Welt gibts keine fruchtbarern
Gärten als die Ihr so rings an dem Schlossfelsen glänzen seht Gott gebe dass
ich von der Wacht auf der Kronenburg entlassen dort endlich in Ruhe meine Tage
beschließen kann« Bertold und Anna wollte das Schloss nicht so erfreulich
erscheinen doch äußerten sie nur dass ihnen der Bau gar seltsam verwirrt
scheine die Gebäude lägen in allerlei spitzen Winkeln selbst in Krümmungen an
einander wie Kinder in ihren Spielen zu bauen pflegen »Das versteht unser
einer nicht« antwortete der Ehrenhalt »aber seht das große Schloss nach dieser
Seite gehört Eurer Linie und das kleinere drüben gehört dem Grafen Rappolt und
in dem Mittelschlosse ist die Kapelle und der Waffensaal« »Vom Grafen Rappolt
habt Ihr mir nie ausführlich gesprochen« sagte Bertold »Es ist nicht viel
von ihm zu sagen« antwortete der Ehrenhalt »als dass er Euer Oheim ist er ist
meist verwirrt im Kopfe und was ihm allen Verstand nimmt ist die Liebschaft zu
seiner Ausgeberin Ita die sein Sohn nicht mehr bei ihm dulden will weil sie
dem alten Manne alles abstiehlt und den Ihren zusteckt Ihr müsst ihn wohl
besuchen aber weiter kümmert Euch nicht um ihn es kommt nichts dabei heraus
als dass Euch der alte Herr leid tut«
Ein Wächterhorn von der Dammwarte verkündete ihre Ankunft nach dem Schloss
als der Weg anfing gepflastert zu sein Alle stiegen in den Wagen und nun ging
es fast eine Viertelstunde in vollem Lauf über den hohen Damm der an beiden
Seiten mit Obstbäumen und Weiden besetzt war und über Brücken dem Schloss zu
dessen hohe Lage sie erst jetzt in der Ebene erkannten
Endlich rollten sie durch das enge Tor und da ging es langsam durch den
schmalen Burgweg hinauf der allmählich ansteigend um den Felsen lief auf einer
Seite von Mauern mit Türmen gedeckt auf der andern Seite mit kleinen Häusern
und Ställen besetzt vor denen Landleute in so schlechter Bekleidung standen
dass die Städter sie für Bettler hielten »Nein« sagte der Ehrenhalt »das sind
in ihrer Art sehr reiche Leute aber sie gehen gern bequem in ihren Kleidern und
mögen sich ihr gutes Zeug nicht verderben die haben mehr aufs Brot zu
schmieren als Eure Federhänse in der Stadt die sich vor Gott mit dem
Sprichwort rechtfertigen Ein jeder sieht den Kragen und keiner in den Magen«
Der Wagen hielt vor dem alten Schloss und sie traten in große gewölbte Zimmer
die nur von sehr kleinen ohne Regel verteilten Fenstern erhellt waren aber die
Aussicht war schön über die grüne Fläche nach dem Gebirge ein grünes Meer voll
Vögel statt der Fische Auf eigensinnige Art war der Boden zwischen den
verschiedenen Zimmern verungleicht es mussten immer Stufen gestiegen werden um
aus einem Zimmer ins andre zu gelangen Große schwere Schränke von Eichenholz
mächtige gepolsterte Lehrstühle große runde Tische und ein Bette in dem wohl
viere Raum hatten zierten das größte mit achteckigen Steinen gepflasterte
Zimmer »Hier ist das Schlafzimmer für die Gäste« sagte der Ehrenhalt »lasst
Euch ja nicht merken dass Ihr eigentlich hier mehr zu befehlen hättet sonst
müsst Ihr hier bleiben gegen Euren und meinen Willen« Anna erbleichte etwas sie
schrieb es dem mit Kaliums bestreuten Boden zu auch war mit Wacholder
geräuchert weil das Zimmer so lange unbewohnt geblieben Anna sah zum Fenster
hinaus um eine gewisse Beklemmung ihres Herzens aufzulösen aber sie musste es
vor aufbringendem üblen Geruche schließen »Ihr müsst Euch nicht verwundern«
sagte der Ehrenhalt »da unten ist der große Hundestall doch wenn er Euch
lästig so schaffen die Knechte morgen alles fort Kommt heute zu dem Oheim im
zweiten Anteile doch muss ich Euch vorher sagen die vielen Kinder die da
herumfaulenzen sind keine echte das ist so uneheliches Zeugs von ihm und der
Frau Ita seiner Ausgeberin und Gott weiß von wem noch sonst haltet Euch die
vom Leibe die schnüffeln und betteln überall sind Wild und Fischdiebe wie
keine auf der Welt wenn der alte Graf ihnen nicht täglich die Haut gerbt so
behält der erste Anteil nichts«
Nachdem Bertold und seine Frau angemeldet waren so traten sie in das
Zimmer des alten Oheims der ihnen wie ein ernstes Knochengerippe von einem
Riesen der Vorzeit entgegen trat und sie feierlich doch verlegen nicht als
Verwandte sondern als Fremde begrüßte Es wollte sich kein Gespräch anknüpfen
der Alte brummte einige unverständliche Höflichkeit während Bertold und Anna
mit Verwunderung das Zimmer überblickten Ein kleines Mädchen futterte da
unzählige junge Hühner während die alten Gluckhennen gegen einander eiferten
eine Mästgans wackelte auch herbei und die Nudeln mit denen sie genudelt werden
sollte dunsteten mit schrecklichem Geruch von dem scharf geheizten Stubenofen
in welchem gebacken wurde während die Fenster gegen die Sommerhitze
verschlossen waren Drei alte fette Hunde deren Haar vom steten Liegen
abgerieben war bellten von den schmutzigen Polsterstühlen indem sie sich
ausstreckten an der Decke wankte ein großer Wermutbüschel mit den
Fliegenleichen und eine Wetterdistel drehte sich als ob sie ein nahes böses
Wetter verkündigte Sollte dies aber aus einer Weltgegend kommen so musste es
zunächst von Frau Ita ausgehen die im Hintergrunde den geschundnen blutigen
Körper eines Hasen spickte Dies Ungewitter mit starken Schlägen traf aber ein
etwas erwachsenes Mädchen das sich an Anna heran geschlichen hatte und ihr die
Röcke sacht von der Seite ein wenig aufhob um zu sehen von welchem Zeuge ihre
Unterröcke wären denn das erklärte sie jetzt unter der peinlichen
Backengerichtsordnung der Mutter als einzigen Grund ihrer heimlichen
Bestrebungen Der alte Rappolt wollte gern Frieden stiften drückte aber dabei
vorsichtig wie eine Katze die Schläge fürchtet die Augen zu auch wurde seine
Vermittlung abgewiesen Dagegen stiftete sich sogleich Friede als ein junger
derber Bursche Frau Iten mit den Worten in die Hände griff »Mutter Sie ist
verrückt was sollen die fremden Leute von Ihr denken Sie meint noch immer dass
Sie die Schweine unter sich hat geh Sie mit Ihrem Küchenschmutz in die Küche«
Frau Ita entschuldigte sich und ging fort der alte Rappolt sah mit dankbarer
Rührung den höflichen Jüngling an und erklärte sich offener gegen Bertold Die
gute Frau sei sehr heftig aber sie sei sein einziger Trost er müsse beherrscht
werden Gram nehme ihm die Besinnung und ohne ausgezankt zu werden komme er zu
keinem Entschlusse Sie sollten sich vor den Kronenwächtern in acht nehmen fuhr
er nach kurzem Stillschweigen fort eben so auch vor den andern Er habe einen
schönen Sohn von seiner verstorbenen geliebten Frau gehabt mit Namen
Friedrich den hätten sie zuerst auf der Kronenburg erzogen der sei von einem
fremden Ritter in das Wasser gestürzt worden er habe es unter der Hand
erfahren Darauf er nach langen Jahren Zwillingssöhne Anton und Konrad
bekommen Bald hätten ihm die Kronenwächter seinen kräftigen hell gelockten
Anton genommen und der sei entflohen kein Mensch wisse wohin nun sei ihm nur
noch Konrad übrig der sei ein dürrer Neidhart von Jugend an gewesen und werde
jetzt auf der Kronenburg erzogen wolle da nicht mehr gut tun sie würden ihn
auch bald bei Seite schaffen Als er dies beendet fiel er in ein Weinen und der
Bastard riet Bertold fortzugehen »denn« sagte er »kommt Vater auf die alten
Geschichten da weiß er nicht mehr was er will da kann die Mutter kaum mit ihm
fertig werden da will er Waffen anlegen und darf doch nicht heraus Er hat
einmal in seinen frühern Jahren die Kronenburg verraten wollen ist im
unterirdischen Gange im Sperrwasser gefangen und aufgefischt worden seitdem
musste er hier hocken Sie wollten nur Söhne von ihm haben dann sagten sie
wollten sie ihn hinrichten Wie ginge er so gerne auf die Jagd aber er darf
nicht heraus da sieht er drüben die Hirsche am Gebirge sich sonnen seht Ihr
wie er hinsieht er kennt alle am Geweihe er darf aber nicht heraus Das hat
ihn so unsinnig gemacht« »Aber hört er denn nicht was du jetzt sprachst«
fragte Bertold indem er mit Annen fortging »Kein Wort hört er wenn er so
in sich versinkt« antwortete der Knabe und nahm Abschied
Bertold und Anna sahen einander verlegen an als sie auf ihrem Zimmer
allein waren Anna war sehr enttäuscht von den hohen Erwartungen gräflicher
Herrlichkeit Bertold warnte sie gegen niemand davon zu reden sie ständen in
einer unerbittlichen Gewalt Die Tirolerin kam jetzt herein und brachte viele
Nachrichten von der Burgverfassung Eben seien wohl zehn Raubgesellen in Dienst
genommen um einem Nachbarn der sich gegen die Bauern vergangen das Vieh
wegzutreiben die tobten und tanzten in der Gesindestube niemand höre ohne
Fluchen und Schläge was ihm gesagt würde der eine habe ihr das Essen
umgestossen weil er sie durchaus küssen wollte Die Rosse lägen im Hofe dass
niemand gehen könne die Hunde heulten und bissen aus allen Ecken und die Enten
stürmten die Küche der Ehrenhalt sei fort und sie wisse keinen andern Rat als
dass sie drüben aus der Küche sich etwas ausbäte um ihre Herrschaft zu speisen
So waren beide genötigt bei Frau Ita anzusprechen die eben in dem Kreise
mehrerer andrer Frauen beim Mahle saß die sie ihnen als die Weiber von
Kronenwächtern vorstellte welche dahin gekommen um ihren Männern weiße Wäsche
zu bringen Alle fielen über Frau Anna her sie zu herzen und zu küssen Der
Becher ging fleißig umher Frau Ita ging zuweilen in die Schlafkammer wo der
Alte jammerte und brachte ihm etwas klagte aber dann bitterlich zu Annen was
sie für einen alten gebrechlichen Herrn habe wie der sie plage da sei sie mit
ihrem Bertold besser versorgt Nun erzählten die Frauen von den Taten ihrer
Männer wie vielen Herren der eine gedient habe ehe er von den Kronenwächtern
aufgenommen sei wie der andre einen Mauren im Zweikampfe erlegt habe wo ein
dritter unter den Schweizern gegen den Herzog von Burgund gefochten und das Gold
nachher in Metzen ausgemessen habe Der Ehrenhalt betrat jetzt das Zimmer wurde
von allen gar ehrfurchtsvoll begrüßt die Frauen baten ihn seine Geschichten im
Morgenlande zu erzählen wie er dem Emir bei dem er gefangen mit einem
silbernen Becher den Hals zerhauen habe worin ihm dieser Wein unter
Verwünschung des Christentums gereicht und wie er auf dem Pferde des Emirs der
Strafe und der Gefangenschaft zugleich entkommen sei Es wurde als dieser Alte
erzählte eine lebendige Freude ausgegossen jeder fühlte sich größer nur
Bertold fühlte sich unendlich gering dass er noch nichts Kriegerisches getan
Noch schmerzlicher fühlte er sich gekränkt als Frau Anna die ihren Mann gern
auch empfehlen wollte mit der Turniergeschichte in Augsburg anrückte Da riefen
alle es sei schade dass er nicht einen Tag früher gekommen es hätten gestern
nahe der Burg ein paar Ritter auf Leben und Tod mit einander gerannt und wären
beim zweiten Anlauf auf dem Platz geblieben durch ihre Spieße unauflöslich
verbunden
Als sie alle auseinander gegangen musste Bertold eingestehen so seltsam
dies Völkchen sei so stehe doch jeder fest auf seinen Füßen und wisse seine
Bahn er möchte gern auch im Kriege sich versuchen und wisse nicht wie er es
anfange Anna dagegen wünschte sich und ihn von Herzen aus diesem Kreise aus
dieser Gegend fort sie behauptete dass die armen Spinnerinnen in Augsburg in
ihren Spinnstuben nicht so roh und gemein so grob und frech sich ausgedrückt
hätten wie diese edlen ritterlichen Frauen Bertold habe nur nicht alles
gehört was sie leise unter einander und zu ihr heimlich gesprochen hätten
Bertold wollte ihren Wunsch bald abzureisen gern erfüllen nur bat er sie
ihn nicht so kund werden zu lassen auch die Wände hätten da Ohren das ganze
Schloss sei von geheimen Gängen durchzogen diesen sei alle Schönheit und
Regelmäßigkeit aufgeopfert das habe er endlich durch seine Kenntnis vom
Bauwesen herausgebracht
Am andern Morgen fragte Bertold den Ehrenhalt ob er nicht den Zug gegen
die Nachbarn mitmachen könne wozu schon Leute geworben wären die gestern im
Schloss gelegen Der Ehrenhalt lächelte ihm zum erstenmal recht freundlich zu
und sprach »Es ist recht dass Ihr etwas tun wollt was vor der Welt besteht
der alte Hohenstaufe regt sich in Euch im Kriege macht der Mensch sein Schwert
zum Maßstab der Welt und misst alles nach seiner Elle von vorne durch so kommt
alles in die Lage wie es ihm gefällt er braucht nicht mehr zu denken ob er es
allen Leuten recht macht die Leute müssen ihm tun wie er ihnen tut Was aber
den Zug von gestern abend angeht so ist der schon zurück und die Leute sind
entlassen Unser junger Graf Konrad hat einmal wieder schlimme Streiche gemacht
Ihr werdet das saubre Früchtchen heut noch sehen ein rechter Lilaps und
Hannepampel Kaum war der Zug beim großen Lug so sah der Graf im Vollmondschein
ein aufgeschürztes Mädchen darin stehen die Sumpfgras in ihre Kiepe für die
Kühe ihrer Mutter schnitt Gleich war er verliebt rief sie zärtlich und als sie
ihn verlachte und verhöhnte weil er schwerlich ihr da durch das Wasser nach
steigen konnte wo diese armen Leute seit erster Kindheit Steg und Weg auswendig
lernen so beschoss er sie mit stumpfen Bolzen als wäre sie eine Festung Das
Mädchen war aufgeschürzt und schrie ach und weh und suchte nach der andern
Seite zu entkommen Er setzte ihr mit den Reisigen wie einem Hirsch nach der
ins Wasser getrieben ein paar stürzten endlich fing er das arme ganz
erschöpfte Mädchen und brachte sie zu einem Einsiedler der eine Art
Possenreisser ist Da wurde getafelt und getobt dass ein frommer Reisiger der
draußen blieb bei dem nächtlichen Sturm jeden Augenblick meinte der Teufel
werde die ganze Gesellschaft holen Statt des Viehes bringt uns der Graf heute
das Mädchen auf das Schloss das er nicht lassen will und das doch zu den Ihren
verlangt Zum Glück schicken ihn die Kronenwächter bald fort zum Herzog Wilhelm
von Bayern er soll da dem Schwäbisschen Bunde dienen und die tollen Hörner sich
ablaufen Vielleicht lässt sich etwas erreichen und auch Ihr sollt dann dazu
wirken Der Schwäbische Bund ist auf unsrer Seite wie wir sicher glauben
Herzog Ulrich feindet ihn an es brechen gewiss Streitigkeiten aus der Herzog
wird verjagt der Kaiser stirbt bald wir beherrschen das Land vielleicht könnt
Ihr in Eurer Stadt mehr dabei wirken als unter den Reitern wir brauchen auch
Männer von der Feder der Hutten führt sie zu wild und unbändig«
Die Tirolerin kam jetzt aus der Küche hereingeflüchtet Graf Konrad hinter
ihr her der ohne Aufhören schrie »Sie hat einen Bart« Der Ehrenhalt trat ihm
entgegen »Nun Graf ich dächte Ihr hättet heute keinen Grund so laut zu
krähen der Zug ist schlecht ausgefallen Ihr müsst fort von hier die Briefe
sind geschrieben Ihr sollt zum Herzog Wilhelm von Bayern doch lernt vorher
noch anständig sein im Hause des ersten Anteils« Graf Konrad war schnell wie
verwandelt er entschuldigte sich mit der Seltsamkeit des Bartes an einem
Mädchen das noch so jung scheine nahm gar artige Stellungen an und fiel Frau
Annen gar nicht unangenehm in die Augen »Er gleicht dem Malerburschen Anton«
fiel ihr ein aber sie wagte es nicht auszusprechen weil sie dem Manne nichts
von der Geschichte am Morgen der Hochzeit erzählt hatte Auch Bertold dachte
umher bis ihm die Ähnlichkeit mit Anton einfiel während er den Grafen
begrüßte Die Tirolerin war bei Konrad gleich vergessen und Grünewald kam
diesmal mit dem Schrecken davon erkannt und vielleicht sehr hart bestraft zu
werden Graf Konrad strengte alle seine Erfindung an um durch artige Feste den
Tag zu verschönern
Er ritt mit Bertold und Anna zur Jagd aber ein paar Gewitterschläge
brachten so unglaubliche Regengüsse dass sie in wenig Minuten ganz durchnässt den
Damm zur Heimkehr suchten Ihr Weg führte sie an dem Felde vorbei das zu
Hohenstock gehörte wo die Schnitter eben mit der Ernte beschäftigt gewesen von
bewaffneten Reisigen bewacht Aber hier hatte der Himmel mit seinem Feuer gegen
die Erde geschlagen es brannte ein abgestorbner wilder Birnbaum und der Hagel
schüttete sich aus der Wolke wie aus einem zerrissenen Säetuche über die
Weizenähren Die Jagdgesellschaft musste von den Pferden steigen weil diese wild
wurden die Landleute deckten ihre Kinder mit Schürzen zu aber alles schrie
jammervoll Nur zehn Minuten mochte der Hagel geschlagen haben und die Ernte
der Lohn eines mühevollen Jahres war wie von einem Kriegsheere in den Boden
gestampft und zerstreut So lange das Wetter so währte war Konrad gar
kleinmütig fragte wohl gar wegen des Jüngsten Tages bei Bertold nach Aber
kaum verwandelte sich der Hagel in Regen der Regen in Sonnenstrahlen so kannte
sein Mutwillen keine Grenze Abgefallene Kappen und Hauben der Landleute spiesste
er auf sein Jagdspiess hetzte mit seinem Pferde die Kinder wie Hasen dass
endlich Bertold seine Missbilligung nicht länger zurückhalten konnte Konrad
fuhr mit hässlichen Reden gegen ihn an nannte ihn einen Wollkratzer und
Federfuchser was Frau Anna so beschämte dass sie in Tränen und dann in die
Worte ausbrach »Wie dürft Ihr einen der Euren so schelten« Nun hielt sich
Bertold nicht länger er sagte dass ein bedeutendes Geheimnis verraten sei er
möchte es verschweigen und seinen Hochmut bezähmen Aber um so ärger verhöhnte
ihn Konrad schwor darauf er sei von den Kronenwächtern zum besten gehalten mit
seiner hohen Abstammung und dafür wolle er ihn sogleich aus dem Paradies
verjagen wo er sich fälschlich eingeschlichen habe dabei machte er eine
Bewegung als wolle er Bertold mit entehrenden Schlägen angreifen Bertold
dessen unruhiges Pferd seine Aufmerksamkeit forderte hatte diese Tücke Konrads
nicht beachtet hatte nicht bemerkt dass Frau Anna im Zorne ihr Messer gezogen
und ihrem Bertold zum Schutz vor ihm schirmend gehalten dass jener es sich
durch die Hand geschlagen und nun erst den gewaltsamen Schmerz dieser Wunde
fühlte Da war ihm aller Mut gefallen er bat um sein Leben er bat jammernd um
Verzeihung um Hilfe um einen Wundarzt er verschwor sich bei allen Teufeln
dass er immer Unglück habe Bertold meinte erst dass Konrad von einem
Blitzstrahl getroffen sei jetzt aber sah er das blutige Messer in ihrer Hand
und erkannte es gleich als jenes das er bei dem Schatze gefunden hatte und die
Verwunderung darüber machte ihn einen Augenblick untätig Dann aber kam er dem
schwachmütigen Konrad zu Hilfe verband seine Wunde mit allem Fleiß und suchte
ihn zu trösten die Hitze habe sein Gemüt verwirrt er möchte sich heimführen
lassen und sich zu beruhigen suchen
Grünewald die Tirolerin hatte ehe es noch so weit gekommen den
Ehrenhalt der bei den Wachen der Schnitter sich befand in großer Eile
herbeigerufen Dieser kam eilig geritten und machte Konrad ernste Vorstellungen
dass er überall Händel anfange und überall in den Händeln schlecht bestehe
Konrad war noch in der Periode der Schwachherzigkeit er weinte über sein
Unglück bat tausendmal um Verzeihung und machte dem Ehrenhalt nur sanfte
Vorwürfe dass er ihm nicht anvertraut habe diese Fremden seien mit seinem Hause
verwandt »Wir sinds nicht« sagte Bertold der lebhaft das Versehen seiner
Frau einsah »wir rechnen uns nur zu den Euren weil wir seit vielen Jahren
jeden der uns von hier gesandt gastfreundlich aufgenommen haben und so sollt
auch Ihr uns willkommen sein wenn Euch der Weg durch Waiblingen führt« Nach
diesen Worten wuchs dem Konrad wieder Hochmut das Blut der Wunde war gestillt
er schwang sich auf sein Pferd und ritt davon indem er zum Ehrenhalt sagte Er
möchte erkennen dass ihr Haus durch die Verbindung mit solchen Leuten keine Ehre
gewinnen könne er müsse mit der meuchelmörderisch ihm vielleicht für immer
unbrauchbar gemachten Hand heimreiten und das Volk lebe schon mehrere Tage auf
Kosten seines Hauses Bertold fand sich tiefgekränkt er schwor dass dieser
junge Hochmut eine Art habe seinen Zorn zu erregen wie ihm nie etwas begegnet
sei er fühle sich auf ihn gehetzt wie der Jagdhund auf die Fährte des Wildes
ohne genau zu wissen warum »Einem Verwandten lässt sich doch eher als jedem
andern eine Kränkung überhören« antwortete der Ehrenhalt »doch daran erkennt
Euer Blut woraus Ihr stammt lernt es fürchten denn selten begegnen sich zweie
der Euren in Frieden und Einigkeit Es führte uns zu weit Euch den Grund und
die Veranlassung dieses Zwistes aus fernen Zeiten zu erzählen es sei genug
Euch zu warnen in diesem Zwiste ist alles untergegangen was die Kronenwächter
und alle edlen Geschlechter die ihnen anhangen für die Euren unternommen und
beabsichtigt hatten Die Kronenwächter trennten deswegen die verschiedenen
Zweige ließ viele in der Unwissenheit dass sie zu diesem Geschlechte
gehörten sorgten aber für ihre Aufziehung dass sie brauchbar sich fänden wenn
die Stunde schlägt Aber auch mit diesen wenn sie zufällig einen der Unsern
berührten brach Streit aus und Blutvergießen Frau Anna hat ein Wort fallen
lassen dass Euch großes Unheil droht Können wir hier alles bewahren Kann nicht
eine Stunde kommen wo Konrad Euch überfällt in der Sicherheit im Schlafe
können wir doch kaum Frau Ita gegen ihn schützen die schon einmal am Felsen
mit ihm rang als er sie herunter stürzen wollte Ihn bändigt nur der Schrecken
in seiner Seele da schwankt er in seinen boshaften Entschlüssen Mitleid und
Edelmut sind ihm fern Herr Bertold Ihr müsst fort Ihr dürft noch nicht
untergehen wir brauchen Kinder von Euch Ihr seid hier nicht sicher ich
geleite Euch mit der Frau nach Isny die Tirolerin mag den Wagen mit Euren
Sachen nachfördern« »Nehmt mich mit« rief die Tirolerin »der böse Bube
verfolgt mich überall« »Seid ruhig« sagte der Ehrenhalt »ich empfehle Euch
meinen Waffenbrüdern sie kennen ihre Pflicht Der Besuch war nur kurz« fuhr
der Ehrenhalt fort »aber Ihr kommt nicht um Euer Erbteil guter Bertold es
kann die Zeit der Not kommen die Euch hieher treibt Ihr wisst die Wege und habt
hier den Reichtum an allem was der Mensch zu seinem Unterhalt fordern kann
übersehen dies Feld ist verhagelt der Weizen nährt die Hirsche und Eber seht
wie sie schon herandringen nun sie nicht mehr zurückgejagt werden aber
jenseits des Waldes sind unsre Felder noch unversehrt die Schnitter ziehen
dahin und gingen auch diese durch die Witterung verloren so schützen uns
Vorräte auf zehn Jahre gegen jeden Mangel Der ganze Felsen von Hohenstock ist
innerlich zu einem großen Vorratshause ausgehöhlt da können wir uns ruhig
belagern lassen Hier wo sich der Wald öffnet senkt noch einen Blick auf
Hohenstock verwundert ihr Euch« »Es liegt in einem großen See« rief
Bertold »kaum ragt der hohe Damm über das Wasser hinaus« »Seht« fuhr der
Ehrenhalt mit Behagen fort »so etwas habt Ihr weder in Waiblingen noch in
Augsburg gesehen der Wolkenbruch hatte unsre Fischweiher zwischen den Bergen
zum Überfliessen angefüllt auch ist einer ganz abgelassen um Fische für die
Ernte zu geben so können wir unsren Sumpf künstlich anfeuchten wenn je ein
seltsam trocknes Jahr seine Oberfläche zu erhärten drohte dass Feinde sich
darüber hinzugehen wagen möchten Aber das denkt Euch einmal was bei dem
wildesten Gewässer beim dichtesten Walde bei dem höchsten Berggipfel nicht
gedacht werden kann so lange die Erde steht ging nie ein Menschenfuss über
diese Fläche als nur auf dem einzigen Wege auf dem Damme den der Teufel
erbauen half aber freilich zur Mitgabe Zank und Streit in dieses Geschlecht
pflanzte indem solche wunderbare Liebe für diesen wunderbarsten Fleck der Erde
entstand dass jeder ihn allein und einzig zu besitzen trachtete« »Ja es ist
seltsam« sprach Bertold »nun ich auf längere Zeit von dem wunderbaren
Schloss Abschied nehme quält es mich recht innig dass ich nicht zum
ausschliesslichen Besitz desselben kommen kann ich möchte dem Rappolt seinen
Anteil mit meinem Hause abtauschen geht das wohl« »Nimmermehr« antwortete
der Ehrenhalt »Gott behüte mich vor dem Neste« fuhr Anna heraus »das schöne
Haus in Waiblingen wer möchte es mit dieser Vorhölle der Langeweile
vergleichen ich atme erst wieder frisch seit ich weiß dass wir es so bald
nicht wieder sehen noch schwebt mir aller üble Geruch das rohe Wirtschaften
der Menschen ihr Absterben in der Trennung von aller Welt deutlich vor jeder
sorgte nur für Essen und Trinken und aß und trank und der Hochmut der Frauen
und der steinerne Boden in den zimmern der wahnsinnige Alte der
Wacholdergeruch die fischig riechenden Netze an allen Bäumen aufgehängt der
Kot überall wo ein Mensch noch zu gehen Lust hatte das Zanken und Schlagen mit
den Dienstleuten die doch nicht des Herrn Willen taten das Diebswesen und die
Heuchelei wo in den Städten findet sich das alles so zusammen wie in diesem
Landleben« »Frau Anna« sagte der Ehrenhalt »Ihr werdet sicher noch einmal
wünschen hieher zurück zu kehren verscherzt das nicht Ihr wisst doch nur erst
wenig von unserm Burgleben das Jahr ist uns eine Tat die uns vom Beginnen bis
zum Schluss unter Arbeit und Festen an sich fesselt als gehörten wir notwendig
zur Welt ja wir fühlen uns Mitschöpfer und Mitgeschaffene zugleich Wer hat
Euch die Grillen in den Kopf gesetzt« »Jeder der mir begegnete« rief Anna
»machte mich zum Vertrauten seiner Sorge seiner Bosheit seine Absichten
schienen durch jede Verleumderei und doch wollten sie deren nicht Wort haben
Wie viele heimliche Liebeshändel wie viel Eigennutz in der Liebe« »Sie sind
wie die Kinder geblieben« sagte der Ehrenhalt »sie müssen bis an ihr
Lebensende erzogen werden sie sind Bauern sie werden nie mit sich fertig noch
weniger mit ihren Wünschen und mit ihren kleinen Feindschaften aber eben weil
sie nie zu leben aufhören ist auch jedes neue Leben von ihnen zu fordern und
durch sie zu fördern Gebt acht was Eurem Hause die Bauern werden bringen wenn
sie mit Macht und Andacht sich für die Euren erheben Ihr werdet Euch schon
eines andern bedenken und vergesst nicht zu schweigen« Jetzt drängten sich
einige Kinder zu Annen hin denen sie im Schloss einige kleine Gaben geschenkt
hatten sie weinten und wollten sie nicht abreisen lassen »Wie haben wir hier
so schnelle Freunde und Feinde gefunden« sagte Anna »sieh wie die Kinder uns
mit Gewinden von Kornähren fest zu halten suchen« »Die Blumen hat der Hagel
nicht erschlagen« sagte die Tirolerin »Ihr weint liebe Frau erlaubt mir dass
ich in Eurem Namen und in Eurem Grame dem Schloss einen Abschied singe
Nun ade du altes Schloss
Das da über mir gehangen
All mein Hoffen und Verlangen
War auch nur ein Wolkenschloss
Nun ade ihr ewgen Quellen
Die ich gähnend angesehen
Wenn ich hier nicht werde gehen
Hört nicht zu fließen auf
Denn die Welt hat ihren Lauf
Nun ade du Berg und Tal
Die um Waldes Lieblichkeiten
Ihre Felsenarme breiten
Ihr seid doch wie überall
Nun ade ihr Kindlein kleine
Euch alleine will ich grüßen
Für die Gaben lasst euch küssen
wisst nichts von des Schlosses Qual
Seid wie frisches Grün im Tal
Nun ade du alte zeit
Die in ihren Mutterarmen
Sehnlich trug ein tief Erbarmen
Mich zu trösten war bereit
Aber gar nichts konnt ersinnen
Und mit mir fing an zu weinen
Tränen froren im Besinnen
So fiel Hagel mir zum Heil
Und zerschlug die Langeweil«
Anna küsste erheitert die Tirolerin zum Dank und Abschied der Ehrenhalt mochte
über sie schelten er musste sie doch nach dem verwünschten Schloss hinsenden
um Annens Reisegerät einzupacken während er mit Bertold und Anna die unbequeme
Landstraße übers Gebirge einschlug
Fünfte Geschichte
Traubenlese
Wer sein Haus verlässt um zu verreisen mag ernstlich beten dass er alle darin
wieder finde aber unserm Bertold wurde dies Gebet nicht erfüllt Er kam früher
heim als er versprochen hatte und doch zu spät Frau Apollonia trat ihm
entgegen vor seinem Hause küsste ihn und fragte Ob er wohl sei Der alte
Fingerling sei nach kurzem Krankenlager gestorben »So sind nun alle tot die
meine Jugend schirmten« rief Bertold »aber ich habe euch beide ihr treuen
Seelen mir gewonnen« Mit Tränen küsste er Annen und Apollonien und fühlte sich
reich in ihrer Mitte
»Wo ist die Tirolerin« fragte darauf Apollonia um die schmerzliche
Stimmung zu zerstreuen »Wir wollen ein andersmal von ihr reden« sagte
Bertold »sie war ein Mann hieß Grünewald ein Sänger des Herzogs Voll Bayern
ist vom Grafen Konrad auf Hohenstock in ihrer Verkleidung entdeckt und dort
gefangen zurückgehalten worden« »Ich muss mich ewig schämen« rief Anna
verdrießlich »ließ ich sie doch aus Mitleid während der Reise zweimal in meinem
Bette schlafen täglich musste sie mir die Kleider zuschnüren ich hatte so ein
blindes Vertrauen zu dem Mädchen weil sie die schönsten Sprüche von Tugend und
Frömmigkeit mir vorsagte streng fastete kein Gebet versäumte alles mit einem
Eifer wie es in unsrer Zeit selten zu finden« So hatte Sabina doch recht
dachte Frau Apollonia in sich und betrachtete ihre Tochter mit Abscheu doch
unterdrückte das traurige Ereignis ihren Zorn
Bertold hatte mehr verloren als er sogleich überdenken konnte Das Jahr
hatte viel an ihm verändert es hatte ihm einen zweiten Lebenslauf geschenkt
und der wich immer weiter von jenem ersten ab der mit Fingerling und Hildegard
Haus und Handlung begründete Was er damals errungen schien ihm jetzt an sich
nichtig nur als Mittel seinen Durst nach Tat Wirksamkeit und Einfluss auf die
Geschicke zu befriedigen konnte er es noch loben Er gedachte jener früheren
erwerbenden Zeit wie ein lebenslustiger Sohn seines emsigen Vaters er ist ihm
dankbar aber er mag nicht seinem Beispiele folgen sondern lieber dem Gelde
einen zweckmässigen Abzug verschaffen Die kleinen Geschäfte der Handlung die
Fingerling scheinbar ohne Mühe vollbracht hatte weil sie mit ihm ganz eins
geworden waren fielen jetzt drückend auf den Bürgermeister »Ein doppeltes
Leben ist eine schwere Aufgabe« seufzte er oft wenn er von den nahenden
Ereignissen träumte und von den Arbeitern mit unzähligen Anfragen Forderungen
und Bestellungen umdrängt wurde »ich habe nicht die Kraft zweierlei zugleich
zu tun zu bedenken« Anna erschwerte ihm diese Aufgabe durch eine eigne
störrige Laune die wohl aus ihrem Zustande hervorging Von steter Übligkeit
gequält hatte sie eine Art Ärger an ihm der die Ursache dieser Leiden und sich
doch dabei vollkommen wohl befand Sie konnte ihn oft nicht ansehen und Bertold
suchte sich dann der Bücher und Schreibereien überdrüssig ein Stündlein
freundlicher Unterhaltung bei Apollonien die von ihrer Magd Sabina beschwatzt
gar viel Böses von ihrer Tochter sagte wofür sie dem guten Bertold mit der
höchsten Freundlichkeit keinen Ersatz geben konnte Verena war nicht müßig
jedesmal ihrer betrübten Frau zu erzählen wann der Herr zu Apollonien gegangen
und was die Leute sagten wie sie so lustig wären mit einander während Bertold
bei ihr immer tiefsinnig und geschäftig vorbei eile Verena wurde durch dieses
Zutragen von Neuigkeiten ihr Liebling und ihre Vertraute von ihr erfuhr auch
Anna dass Bertold durch das Blut eben jenes Anton genesen sei der zu ihr ins
Fenster gefallen Es war gewissermaßen ein Dank für das geliebte Leben
Bertolds dass Anton den Verena für ihren Schatz ausgab diese zu besuchen
Erlaubnis erhielt Anton wusste durch Sixt dass Bertold ihn nicht im Hause sehen
mochte so erwartete er die Stunden wenn jener am Brunnen zu Apollonien
gegangen war was er von seiner Dachstube genau sehen konnte und brachte dann
seinen Abend bei Verena zu indem er sich wohl bewirten ließ sie malte und ihre
Zärtlichkeit von sich abwies Der arme Junge meinte es sei nur die gute Küche
die ihn hinziehe und bemerkte nicht dass er alles kalt werden ließ um Frau
Annen einen Augenblick im Durchgehen durch das Zimmer oder im Hofe zu sehen und
dass sein Herz frohlockte bei einem Worte das sie ihm im Vorbeigehen auf Verenas
Bitte sagte um ihn zu bestimmen sich bald niederzulassen sich zu verheiraten
und als Meister sein Glück zu begründen Alle diese Besuche erfuhr Frau
Apollonia durch Sabina die nicht ihre Schwester Verena sondern Frau Anna als
die Ursache derselben angab in der Hoffnung dass Anton auf diese Weise am
schnellsten aus jenem Hause vertrieben würde Frau Apollonia wollte mehrmals
darüber reden aber Anna machte sie durch ihre stolze Sicherheit in ihrer
Meinung so zweifelhaft in dieser Unbestimmteit mieden sich beide beide sahen
einander so selten nie kam es zu einer Erklärung und beide glaubten mehr auf
dem Herzen zu haben als sich durch bloßes Besprechen gut machen lasse
Auch trat eine Störung eigener Art zwischen alle diese eingebildeten Leiden
Herzog Ulrich wollte die Jagden in der Gegend von Waiblingen benutzen und
beschloss sich einige Tage in dem Orte niederzulassen Bertold und Anna sahen
eines Morgens zum Fenster hinaus da war der Marktplatz von Jägern Hofgesinde
und Hunden besetzt Ein dicker Herr ganz in grünem Samt gekleidet ritt in der
Mitte heftig zankend und stieß mit seinem rechten Fuß einem Jäger in die
Rippen der die Hunde führte und diese nicht zur rechten Zeit angelassen hatte
Darüber verlor der Herr das Gleichgewicht und ein Jäger zog ihn in guter Absicht
wieder auf die Mitte des Pferdes Die gute Absicht wurde ihm aber mit Fusstritten
vergolten und der Herr wackelte nach der andern Seite über so dass er ganz
gelinde vom Pferde herunter sank und auf die Beine zu stehen kam Jetzt sah sich
der Herr um den Bertold sogleich als seinen Herzog Ulrich erkannte Der Herzog
ging auf sein Haus zu weil es bei weitem das größte und angesehenste in der
Stadt war Bertold eilte ihm entgegen und der Herr war sehr gnädig fragte ohne
Aufhören denn er wartete nie auf die Antwort erzählte dazwischen recht lustig
und trocknete den Schweiß der ihm reichlich von der Stirn floss und streichelte
seine großen Hunde die an ihm heransprangen und seine feurige Nase berochen Er
trat ohne weitere Anfrage ins Haus und zwar in das Zimmer wo Anna eben einiges
Tischzeug zusammenlegte Er trat auf sie zu befahl ihr den Tisch gleich zu
decken er habe ein großes Mahl auf seinen Packpferden ließ auch gleich
spanischen Sekt bringen und Kuchen trank tunkte ein und fütterte Annen wie
einen jungen Falken Anna konnte ihm nicht böse sein er machte das alles mit
einer gewissen Gutmütigkeit während er sich bei Bertold nach der Zahl
streitbarer Männer nach der Art ihrer Bewaffnung genau erkundigte Bald stellte
er Bertold einen neuen Vogt vor der an die Stelle des alten hinfälligen Brix
treten sollte er nannte ihn Grünewald sagte er sei noch etwas neu in den
Geschäften aber vom besten Willen beseelt sich durch ihn belehren zu lassen
er habe sich diese Stelle als Gnade für ein Trinklied erbeten das ihn entzückt
habe Bertold war nicht wenig verwundert den armen Sänger und die Tirolerin
jetzt in schimmernden Hofkleidern als Geschäftsmann einführen zu sehen dagegen
tat Grünewald als sehe er ihn und die Stadt zum erstenmal und sprach von einem
lustigen Vetter den er habe der sich überall herumtreibe und schon manchmal
mit ihm verwechselt sei Bertold war beschwichtigt durch die Dreistigkeit
dieses Leugnens und Anna beschämt aber Grünewald entwickelte ungestört eine
Menge guter Einsichten über die Verhältnisse der Stadt über ihren Weinbau und
endlich auch über die Weinlese die an diesem Tage ihre Freudenfeste zu feiern
begann Der Herzog wollte alle Lust mitgeniessen er setzte alle seine Leute in
Bewegung um im schönen Tale ein Mahl zu bereiten er war heftig im Befehlen und
sehr ungeduldig wenn einer ein Wort nicht verstand obgleich er eine eigne
abgekürzte Sprache sich angewöhnt hatte die nur seiner steten Umgebung ganz
geläufig war So wurde nun in feierlichem Zuge nach den Weinbergen ausgegangen
der Herzog zwischen Bertold und Anna ging voran ihnen folgte die Jägerschar
und alle Bewohner der Stadt die nicht ohnehin schon draußen mit der Traubenlese
beschäftigt waren Oft wurden sie auf den engen Wegen von den Ochsenwagen mit
großen Tonnen eingetretnen Mosts in ihrem Marsche gehemmt wo dann der Herzog
heftig zankte sich aber durch Annens Zureden besänftigen ließ oder durch ein
Lied von Grünewald auf die schöne Abschiedstunde des Jahres Als sie endlich an
die Stelle unter dem zerstörten Schloss gekommen waren die Grünewald zum Feste
eingerichtet hatte welch ein Anblick vor ihnen Waiblingen mit vielen andern
Ortschaften im Tal unter ihnen der Fluss umher alle gleich dicht mit Menschen
wie mit Reben bepflanzten Berge Beim Aufjauchzen der Jagdhörner verbreitete
sich der Jubel durch alle Anhöhen der die Ankunft ihres Herzogs verkündigte
Bald setzte sich der Herzog zur Tafel die von reichen Pokalen schimmernd unter
einem gestickten roten Baldachin aufgetragen war Bald stieg ein Zug von halb
entkleideten Arbeitern wie es die Hitze des Tages forderte mit Weinblättern
gegürtet und bekränzt den Berg herunter deren vordersten zweie ein nacktes
schönes Kind in einer Butte trugen Dies Kind trugen sie zum Herzog dass es ihm
einen Kranz von höchst seltenen späten Weinblüten aufsetzen sollte der Herzog
aber nahm den Kranz mit freundlichem Danke und setzte ihn Annen auf den Kopf
indem er die Gesundheit seiner schönen Wirtin ausbrachte die dann von allen
Bergen widerhallte Und so geschah bei jeder Gesundheit die der Herzog
ausbrachte und er selbst und seine Hofjunker sahen strenge darauf dass jeder
seinen Becher leerte Grünewald allein wusste sich von dem Trinken frei zu
machen indem er für jeden Becher ein Lied sang das an den Felsen widerhallte
und wurde stumpf seine Stimme so schrie er um so ärger Das Mahl war reichlich
und der Wein stark der Himmel wurde dunkler die Köpfe heller überall zündeten
sich Fackeln und Feuer alle Arbeiter drängten sich heran von den Bergen
hundert Melodieen pfiffen und grüßten unter einander wer nicht mehr fest stehen
und sitzen konnte tanzte sich wieder nüchtern Hätte Bertold nur tanzen
können aber er war schon umgesunken wie viele andre mit denen er auf
Tragebahren wohlbekränzt und festgebunden zum feierlichen Heimzuge gelegt war
Anna schämte sich seinetwegen und war um so mehr verlegen da der Herzog ihr
sehr zudringliche Artigkeiten sagte und Huttens unglückliche Geschichte ihr vor
Augen schwebte Grünewald mochte an der Verlegenheit ihres Blicks ahnden was
ihr der Herzog zuflüsterte er benutzte die Zeit als dieser sich von ihr
abgewandt hatte ihr unbemerkt zu sagen sie sollte sich nicht ängstigen er
wolle sie wie seinen Augapfel bewahren Dann tat er wieder als ob er taumle und
sang »Grunzt ihr meine lieben Schweine ich bin der verlorne Sohn und ihr
singet als Gemeine was ich singe von dem Thron« Und nun sprang er in das
Fenster des alten Schlosses und fing an greuliche Geisterhistorien vorzutragen
von Verstorbenen die zu einem Festmahl gekommen von Geistern mit denen
Menschen gerungen hätten und die ihnen schreckliche Schläge gegeben Der Herzog
verbot es ihm kleinlaut es half nichts denn alle waren zu so etwas
Übernatürlichem durch Rausch und Nacht gestimmt Zuletzt erzählte er von einem
Kobold der wie er gehört am Brunnen Bertolds zu Waiblingen hause auch
Nachts das Haus durchziehe Das wurde dem Herzog zu arg er sah sich ängstlich
um und wagte nicht zu reden endlich sprach er unordentliche Worte weil er sich
der Furcht schämte und brach auf Grünewald flüsterte Annen zu »Nichts in der
Welt fürchtet der Herzog so kindisch wie Geister sie müssen ihn in der Jugend
schrecklich untergekriegt haben weil sie seine Bosheiten wohl merkten die
Geister sollen Euch diese Nacht gegen ihn bewachen«
Diese Worte gaben Annen ein besseres Vertrauen sie hörte die zudringlichen
Reden des Herzogs kaum als er wieder Mut gefasst hatte sondern blieb mit
Bertold beschäftigt der auf der Bahre heimgetragen wurde und zuweilen seufzte
Überhaupt stand der Rückzug im grellsten Widerspiel mit der Pracht des Hinzugs
die Menge drängte sich verwildert der Stadt zu auch der Herzog empfing manchen
Stoß den er ungeduldig mit Gegenstössen erwiderte die oft den Unschuldigsten
trafen Ein scharfer Nachtwind erlöschte die Fackeln und die eignen Leute des
Herzogs achteten seiner wenig mehr in der Dunkelheit Im Hause Bertolds änderte
sich das alles Der Herzog wurde feierlich von den Zurückgebliebnen empfangen
auch war ein Nachtessen bereitet und er befahl für ihn und Annen zu decken Da
entschuldigte sich Anna mit ihrer Ermüdung aber er ließ sie nicht fort er warf
sich vor ihr nieder sprach mit Rührung dass sie alle seine Sinne verwirre
seine festen Entschlüsse für das Wohl seines Landes breche ihn zur Wut und
Feindschaft entzünde wenn sie es ihm nicht gewähre die letzte Hälfte der Nacht
mit ihm zu teilen Seine Beredsamkeit ließ sie nicht zu Worten kommen er mochte
eine Stunde ohne Aufhören zu seinen Gunsten gesprochen haben als die Hofjunker
das Mahl forttrugen und er mit zuversichtlichem Lächeln befahl seine
Nachtkleider zu bringen
Anna empfahl sich in Verlegenheit er versprach ihr zutraulich bald
nachzukommen Bertold schlafe so fest dass er sie nicht stören werde und seine
Leute schicke er alle ins Nebenhaus dass keiner sie belausche und verrate sie
möchte gleiche Vorsicht brauchen Auf ihre Gegenrede hörte er nicht er ging in
sein Zimmer und sie ging in ihr Schlafzimmer entschlossen zu entfliehen Aber
Verena kam ihr mit der Nachricht entgegen das Haus sei von den Wachen des
Herzogs mit dem Befehle besetzt niemand einoder auszulassen Anna fragte wie
sie das erfahren habe Das Mädchen berichtete dass Anton bei ihr auf Grünewald
warte der ihm Kleider viele Schlüsseln und einen beleuchteten als Gesicht
ausgeschnittenen Kürbis habe bringen wollen denn Anton solle diese Nacht einen
Geist spielen aber Grünewald bleibe aus und als sie nach ihm sich umsehen
wollen sei sie von der Wache zurück gewiesen Sie klagte dass sie nun gezwungen
wäre Anton die ganze Nacht zu beherbergen »Das wird dir keine Qual sein«
sagte Anna und konnte sich der Tränen nicht erwehren »aber wo finde ich Hilfe
gegen alle Qual die meiner wartet nun Grünewald mit seiner Klugheit mir
fehlt« Sie machte den Versuch ihren Bertold zu erwecken aber sein tiefer
Schlaf ließ ahnden dass schlafbringende Mittel ihm in dem Weine beigebracht
worden Diese Tücke des Herzogs erregte ihren Zorn das Drachenmesser bewegte
sich in ihrer Hand aber die Gefahr für Bertold die daraus entstehen konnte
drängte auf andere Mittel Sie erzählte Verena ihre Not sie beschwor das
Mädchen ihr Rat zu geben denn alle ihre Klugheit gehe in Zorn und Sorge unter
Verena besann sich und sprach endlich dass sie sich ihr aufopfern wolle wenn
sie ihr schwöre alles vor Anton geheim zu halten und sie auszustatten auf dass
Anton sie heiraten könne Anna versprach alles ohne ihre Absicht zu erraten
Als aber Verena jetzt ihre Kleider anzog und sie nötigte in das Zimmer zu Anton
sich zu begeben da erriet sie dass dies listige Mädchen das ungefähr in
gleicher Größe mit ihr im Bunde mit der Nacht den Herzog anführen wolle Sie
wollte ihr danken aber Verena antwortete »Mir kostet es wenig und Euch hilft
es viel«
Anna ging jetzt zu Anton und erzählte ihm sie sei nicht sicher in ihrem
Zimmer und wolle von ihm bewacht die Nacht dort zubringen sie habe Verena als
Schildwacht ausgestellt In ängstlicher Stille harrten sie denn Anna quälte
sich immer mit innrem Vorwurfe dass eine andre sich aufopfere und Anton ärgerte
sich dass Grünewald ihn so habe sitzen lassen und dass Frau Anna sich ängstige
obgleich er ihr tausendmal geschworen dass er jeden niederschlage der Gewalt
gegen sie üben wolle auch beteten beide als es zwölfe schlug und sie Tritte im
Gange vernahmen Da sauste es um sie her und lichte blaue Flammen blickten
durch die Ritze der Tür die Tritte wichen von dem Gange in Eile und mit großem
Krachen als ob ein Stückfass die Treppe hinunterrolle schien ihr Feind diese
herunter zu fallen Die Flammen waren verschwunden aber sie wagten nicht
hinaus zu blicken obgleich Anton einmal über das andre rief »Der Grünewald ist
listiger als ein Mensch denkt«
Erst nach einer halben Stunde blickte Anton auf den Gang kein Feuerdunst
war zu bemerken aber in die Türe war eine Faust mit aufgehobnem Zeigefinger
eingebrannt wo die Flammen durch die Ritze gespielt hatten Das berichtete er
und lähmte Annen noch mehr in ihrem Vorsatz Verena zu besuchen wer konnte ihr
zusichern dass sie nicht den Herzog dort finde und dass der Gefallene wirklich
der Herzog gewesen »Erzählt mir etwas aus Euren Begebenheiten« sagte Anna
»das wird mich zerstreuen und wach erhalten bis das Licht am Himmel und unsre
Feinde auf Erden uns Einsicht in diesen Handel verschaffen
Warum wart Ihr damals so entsetzt vor dem Ehrenhalt« »Euch kann ich
nichts verschweigen liebe gnädige Frau« antwortete Anton »aber ich verrate
Euch ein schreckliches Geheimnis und wenn Ihr es nicht bewahrt so trifft mich
gar bald die Rache der boshaften Gesellen der Kronenwächter Habt Ihr je von
Hohenstock gehört« »Freilich« sagte Anna sehr gespannt »Gott sei jedem
gnädig der da zu hausen gezwungen ist« »Da erlebte ich frohe Tage«
antwortete Anton »mein Vater war wohl zuweilen sinnlos aber immerdar sehr gut
gegen mich und Konrad meinen Bruder Zwischen uns beiden hatte es eine
sonderbare Bewandtnis Der Vater hatte alle seine Kinder verloren wir waren
spät nachgeborne Zwillinge Die Freude über uns verwandelte sich in tiefe
Trauer als die gute Mutter nach der schweren Geburt ihr Leben aufgab So wurden
wir die erst so eifrig ersehnt worden ganz vernachlässigt Wir wurden in den
ersten Lebenstagen einander so ähnlich dass wir mit einander verwechselt wurden
und dass bald keiner wusste wer von uns zuerst geboren wer von uns beiden in der
Nottaufe den Namen Anton und welcher den Namen Konrad erhalten hatte So trieb
der Teufel mit uns sein Spiel und wir wussten lange nichts davon denn es sollte
verheimlicht bleiben dass wir einander nicht anfeindeten Das hatten sie nicht
nötig zu befürchten wir beiden Brüder waren so unzertrennlich von einander auf
der Welt wie im Mutterleibe und als Konrad die Geschichte einmal von den
Kronenwächtern abgehorcht hatte und dass sie den stärksten von uns für den
ältesten erklären wollten da gab ich kaum darauf Achtung Ich dachte gar nicht
dass diese Entscheidung für mich Folgen habe dass ich meinem Konrad so bald
entrissen werde Aber einige Tage später ward ich in der Mitternachtsstunde von
Geharnischten aus dem Bette genommen in einen Mantel eingeschlagen und auf ein
Pferd gebunden Das war eine Schreckensnacht es ging so eilig fort dass die
durstenden Pferde kaum ihre Zungen in den Quellwassern kühlen durften durch die
wir ritten Wir stiegen von den Pferden da gings über Höhen in unterirdischen
Gängen durch die Felsen über Gewässer Die Augen wurden mir zugebunden und als
mir die Binde abgenommen saß ich einsam mit einem Löwen in einem blühenden
kleinen Garten Ich war in der Kronenburg wer könnte sie Euch beschreiben Aber
alle ihre Wunder erfreuten mich wenig der Löwe ward mir gleichgültig ich
schrie nach meinem Konrad weil ich ohne ihn nicht spielen konnte Konrads
Mutwille war unerschöpflich im Erfinden von allerlei Streichen die ich ihm
ausführen musste ich schwor dass ich nichts essen dass ich zu ihrem Gram
verhungern wolle wenn sie mir Konrad nicht schafften Als sie meinen Ernst
merkten beratschlagten sie unter einander Nach wenig Tagen ward Konrad in
meine Arme geführt Nun war es eigen wie sich Konrad in den wenigen Tagen
geändert hatte Es mochte ihn kränken dass ich als der älteste anerkannt worden
er mochte gar nicht davon sprechen er sah mich scheu an Da ich mir alle Mühe
gab ihm zu versichern dass wenn ich erst erwachsen wir Krone und Burg mit
einander teilen wollten so wurde er mutwillig wie er gewesen Wir spielten den
Kronenwächtern manchen Streich bemalten ihnen die Gesichter wenn einer
einschlief schmierten dem Löwen Butter auf die Nase dass er tagelang danach
leckte kratzten allerlei Fratzenbilder in die gläsernen Wände Er war
unerschöpflich in solcher Erfindung und ich in der Ausführung und niemals
verriet ich ihn sondern ertrug die Hiebe mit der Klinge ganz allein die mir
dafür von den Kronenwächtern zuerkannt wurden So vergingen ein paar Jahre in
denen sie mich und Konrad zu allen Künsten und Kunststücken einübten Die Türme
kletterte ich in die Höhe als wäre ich ein Eichhörnchen eben so die Felsen
umher ich konnte mit den Fischen um die Wette schwimmen und tauchen In dem
allen war ich Konrad überlegen aber um ihn nicht zu kränken verbarg ich gar
oft dass ich mehr als er leisten konnte was konnte er dafür dass ihm der Himmel
nicht so viel Kraft und Ausdauer verliehen hatte Eines Tages kam ein Geflüster
unter die Kronenwächter wir wurden beide in ihre Mitte berufen Sie erklärten
uns dass der Tag gekommen sei uns zu bewähren unsern Feind zu vernichten der
Kaiser Maximilian habe sich in unser Gebirge gewagt und stehe dort auf einem
Felsgrat er würde uns vernichten wenn wir nicht den Mut hätten ihn herab zu
stürzen als Wahrzeichen der Tat sollten wir sein Schwert das Schwert Karls des
Großen dessen er sich angemasst dem Zerschmetterten abnehmen und heimbringen
Konrad sagte der Felsgrat sei zu steil und unersteiglich ich zeigte mich
gleich mutig zu dem Unternehmen der Kaiser war mir durch die Erzählungen der
Kronenwächter zu einem Drachen verfabelt den zu vernichten höchstes Verdienst
schien Als Konrad mich bereit sah ging er zagend mit kehrte aber wieder um
als er den steilen Felsen vor sich sah Ich kletterte ohne Sorgen hinauf wo der
Kaiser sich verstiegen hatte und sah ein mildes Antlitz im Gebet ergossen in
seinen Untergang ergeben und doch voll Vertrauen zum Himmel Solch einem
Antlitz widerstehe wer aus Felsen gehauen ich beschloss den Kaiser zu retten
führte ihn zu einem Wege den ich beim Jagen kennen gelernt hatte und erbat mir
zur Belohnung sein Schwert Er streichelte mich mit der Hand küsste das Schwert
und gab es mir Mit diesem kam ich gar beunruhigt zurück ob ich auch frech
genug den Wächtern seinen Tod vorlügen könnte das Lügen war mir immer so
schwer und darum blieb keiner meiner bösen Streiche unbestraft Konrad kam mir
zum Glück entgegen ich fragte ihn um Rat Er sagte mir die Wächter hätten
schon wahrgenommen dass ich den Kaiser nicht herabgestürzt hätte das Schwert
sei schon geschliffen um mich zu entaupten er sei mir heimlich entgegen
gegangen mich zu warnen denn so gewiss die Steine unter unsern Tritten den Berg
nicht hinauf sondern herunter rollten so gewiss würde mein Kopf zu Boden
fallen Ich hatte schon einen Kronenwächter hinrichten sehen gleich war die
Flocht beschlossen ich wusste alle geheime Wege und Stege Konrad gab mir
einiges Geld das ein Kronenwächter verloren dem ich die Tasche aufgeschnitten
hatte zuletzt tauschten wir noch mit den Schwertern weil er meinte das
kaiserliche sei mir zu schwer und könne mich mit seiner Pracht verraten Ich
musste ihm versprechen so weit zu wandern bis ich das Meer vor mir sehe sonst
erreichten mich dennoch die Kronenwächter« »Gewiss hat Euch Konrad betrogen«
unterbrach ihn hier Anna »ich darf Euch jetzt nicht mehr vertrauen aber
vielleicht erzähle ich Euch bald mehr von der Sache als Ihr selbst wisst«
»Hat der Ehrenhalt auch davon gesprochen« fragte Anton ängstlich »hat er mich
ausgekundschaftet ich bin verloren wenn sie mich fangen ich kenne ihre
Strenge wohl mancher Kopf liegt getrennt vom Rumpf auf der Kronenburg sie üben
das strenge Recht unter sich und über uns unglückliche Hohenstaufer die
grausamen Kronenwächter«
Allmählich ging Erzählung und Nachdenken in Schlaf unter Von allen zuerst
wachte Bertold auf ein heftiges Weh schraubte seinen Kopf zusammen seine
Zunge lechzte er blickte um sich und befand sich in seinem Schlafzimmer und
seinem Bette Er glaubte Anna neben sich zu erblicken es war ihr Nachtkleid
aber sie war ihm so fremd geworden in der Nacht er rieb sich die Augen Endlich
bemerkte er es sei Verena und verwunderte sich noch mehr wie das Mädchen in
die Kleider und an den Ort gekommen sei Aber Verena hatte sich so lange gegen
den Schlaf gewehrt dass sie jetzt nicht so leicht zu erwecken war Er ging in
das Zimmer der Verena um sich Aufschluss zu verschaffen und fand Anna auf einer
Seite eines Tisches und Anton auf der andern eingeschlafen Ehe er sie erwecken
konnte pochte schon ein Jäger an der Bertold befahl sogleich zum Herzog zu
kommen Da er angezogen zu Bette gebracht worden so forderte es nur einen
Augenblick sich in Ordnung zu bringen er folgte dem Boten ohne etwas von dem
Zusammenhange aller Ereignisse zu wissen
Bertold nahm sich zusammen als er beim Herzog eintrat die Neugierde hatte
fast sein Kopfweh unterdrückt er fragte ehrerbietig wie der Herzog unter
seinem Dache geschlafen »Schlecht« sagte der Herzog »ich habe das Unglück
gehabt aus dem Bette auf den Stiefelknecht zu fallen die Stirn ist wund das
Auge entzündet ich brauche schon die halbe Nacht kalte Umschläge und jetzt lässt
der Schmerz etwas nach« Bertold bedauerte ihn und sagte dass er sich nach
dem Rausche auch übel befinde zugleich äußerte er seine Verwunderung wie der
Wein des Herzogs so betäubend auf ihn gewirkt habe »Ich bin daran gewöhnt«
sagte der Herzog »er ist mit türkischem Mohnsaft in der Gärung versetzt aber
es gefällt nicht jedermann Wie haltet Ihr es aber in dem Hause aus« fuhr er
fort »das könnte ich nicht vertragen« Bertold fragte Ob ihn Wanzen oder
Mücken geplagt hätten »Nein die Geister meine ich« antwortete der Herzog
»hier halte ich es keine Nacht mehr aus bei den leuchtenden Gestalten wie alte
Kaiser mit feurigen Kronen die einem so dicht vor den Augen herumziehen dass
man meint sie springen in die Augen und dann die heftigen Blitzschläge durch
alle Glieder Ihr seht mich ungläubig an Lassen wir das ich habe Wichtigeres
mit Euch zu verhandeln«
Nun erzählte der Herzog mit Auflodern die Reutlinger hätten seinen Vogt von
Achalm erschlagen was Bertold schon wusste bloß weil er in ihrer Stadt über
einen Reutlinger gespottet hatte den der Herzog vorher hinrichten lassen Er
wolle jetzt sein ganzes Land bewaffnen »Gegen die eine Stadt« fragte
Bertold »Nicht wegen der Reutlinger muss ich mich bis zum Kinn verschanzen«
antwortete der Herzog »Ihr werdet bald mehr hören
Es harren zwölf Edelknaben mit Absagebriefen von dem Schwäbisschen Bunde vor
dem Tore weil ich in aller Eile das Reutlinger Stadtgebiet verwüsten ließ«
Bei diesen Worten wurde er so zornig dass ihm zwei Blutstrahlen aus der Nase
sprangen Bertold reichte ihm Wasser und der Herzog sagte »Der Aderlass hat
mich beruhigt ich will jetzt den Boten die vor den Toren harren
entgegenreiten und Ihr begleitet mich«
Der Herzog auf einem hohen schweren Falben Bertold auf seinem braunen
treuen Rennpferde umgeben von Grünewald und der großen Schar Diener ritten
vors Tor wo die Edelknabe harrten Der Herzog winkte sie zu sich sie
überreichten ihm die Absagebriefe die an den Spitzen ihrer Spieße befestigt
waren und er ließ jedem dafür eine Flasche Most an den Spieß hängen mit
freundlichem Gruße und so schmecke der diesjährige Wirtemberger Most und wenn
er klar gegoren würde es zwischen ihnen auch klar sein
Die Edelknaben wurden entlassen der Herzog sprach eifrig von der Sicherung
der Stadt gegen den Schwäbisschen Bund und Grünewald sehr gelehrt von allen Arten
der Befestigung Endlich bestellte er noch durch Bertold einen Gruß an Frau
Anna und dass er bald wieder kommen werde und gab seinem Pferde die Spornen um
nach Schorndorf zu reiten Ihm folgte ein zahlreicher Jägerhaufen zu Ross und zu
Fuß mit Hunden und Falken mit Küchenwägen und Zelten als ob ein Volk mit Hab
und Gut auswandre
Alte Stille blieb nun in der Stadt zurück die Einwohner konnten ruhig die
Traubenlese fördern und Bertold hatte endlich Zeit sich nach dem Zusammenhange
aller der Begebenheiten zu erkundigen Aber Grünewald wusste ihm nur zu
berichten dass er durch die Vorsichtsmassregeln des Herzogs in seinem Geisterspass
gehemmt worden sei er hätte dem Anton einen Kürbis und Ketten überbringen
wollen aber die Wachen hätten ihn nicht eingelassen Im Hause hörte er von
Annen den ganzen Verlauf so weit sie ihn wusste und küsste sie tausendmal für
ihre Vorsicht und hätte dem Anton gern gelohnt dass er sich so willig zu der
Geisterfahrt gezeigt aber dieser war schon nach Hause zu seinem Meister geeilt
Frau Apollonia kam und klagte wie ihr die Jäger in der Küche so viel Schaden
getan aber heimlich quälte sie sich dass Anton wie ihr Sabina erzählt die
Nacht bei Annen zugebracht habe Alle waren verwacht verstimmt sie
beschlossen einmal wieder den alten Anno den Einsiedler auf den Weinbergen zu
besuchen »Vielleicht ists der letzte schöne Abend im Jahre« sagte Bertold
»er will auf außerordentliche Art gefeiert sein und der Alte hat eine höhere
Freude an der Traubenlese als wir gestern mit dem betäubenden Geschrei
erreichen konnten«
Der Weg in seinem leisen Ansteigen auf mancherlei Krümmungen zerstreute sie
mit stets wechselnder Ansicht sie holten aus den Weinbergen Bertolds die
schönsten gelben Trauben und erfrischten sich an dem edlen schuldlosen Safte
den die wilde Gärung in den Tiefen der Keller bald zur wilden Raserei verführt
Mit dieser Gabe stiegen sie weiter hinauf wo Anno wohnte den sie im Gebete vor
seiner Hütte trafen Der Platz wo sie gestern an der Burg zum Schwärmen
gezwungen waren lag tief unter ihnen wie ein niedriges Erdenleben hier
fühlten sie sich dem Himmel näher Der alte Anno empfing sie freundlich dankte
für ihre Gabe und sagte er habe an dem Tage schon eine herrliche Gabe erhalten
von einem jungen Maler Anton ein frommes Muttergottesbild Anna sah sich mit
Beschämung in dem Bilde wieder auch Apollonia sah sie bedeutend an nur
Bertold war mit dem Einsiedler allzu sehr beschäftigt um dies zu beachten
Dieser erzählte ihm seine Geschichte wie er schon neunzig Jahre vielleicht
noch älter sei wie er so lange im Dorfe unten gewohnt habe als er noch viele
Kinder und Kindeskinder gehabt Als sie ihm aber allmählich abgestorben und er
ihr Erbe geworden wäre da hätte sich ihm in seinem Gram eine andre Freude und
ein andres Leben eröffnet und er könne die Ereignisse dieser Welt von da an nur
immer als Gleichnisreden zur Belehrung aber nicht als etwas das an sich
bestehe ansehen Von da an habe er alle Sorgen aber nicht den Fleiß aufgegeben
denn was er auf seinen Äckern und Bergen über sein Bedürfnis gewinne das
schenke er frommen armen Leuten die es bedürften oder denen die ihn in guter
Gesinnung besuchten Die Gesellschaft wurde bei der Erzählung immer stiller und
aufmerksamer Er sprach zuletzt von der Seligkeit reicher Ernte und von der
Erziehung des Menschen in dem Reichtum himmlischer Gaben die in der Ernte
irdisch ausgesprochen würden »wie viel herrlicher ist diese« rief er »als die
Erziehung in Reue und Jammer aber nicht jedem ist sie gedeihlich nicht jeder
bleibt in seiner Unschuld unsträflich obgleich menschliche Irrtümer vom Himmel
gern übersehen werden« Darauf brachte er Brot vom frischen Weizen und einen
Becher jungen Most und sprach dabei manches fromme Wort Es wurde dunkel aber
Bertold konnte sich der heitern Ruhe nicht entziehen um an alle Schrecknisse
der vorigen Nacht an Gewalt und Geisterspuk in dem Hause erinnert zu werden
dessen Vollendung ihm einst als höchste Glückseligkeit erschienen war Auch die
andern wünschten zu bleiben der Alte bot ihnen Strohmatten zum Lager an und sie
nahmen die Einladung an Sie schliefen und beteten mit ihm wie es die Stunden
forderten Am Morgen bat Bertold den Alten dass er für sein künftiges Kind
bete Nach dem Gebete stand der Alte lange mit ausgebreiteten Armen gegen die
Sonne die über den Nebel wie über ein Weizenfeld hinaufdrang sprach dann mit
den Augen zum Himmel gewendet von der Geburt des Herrn und sang indem er
Annens und Bertolds Hände ergriff und drückte
Es schwebt ein Glanz hoch überem Gold der Ähren
Sie tauchen nickend in den Segen ein
Ein Engel weint die hellen Freudenzähren
Am Himmel zieht ein einzger Stern allein
Die Hirten schlafen noch und lächeln drein
Sie ahnden schon wie nah der Herr mag sein
Dem Engel geht ein Lamm so still zur Seite
Das trägt ein Kreuz und blickt zu allen mild
Die Schäflein sehen auf was das bedeute
Sie freuen sich am höheren Ebenbild
»Ihr Hirten wachet auf verkündet laut
Ihr habt den Herrn im fernen Glanz geschaut«
Es naht der Herr in dieses Tages Frühe
Im Erntesegen nahet uns der Herr
Er lohnet uns Vertrauen Liebe Mühe
Er gibt sich selbst für uns so lohnet er
Es ziehen die Könige zum Erntefest
Wie kann die Hütte fassen solche Gäst
Die arme Hütte kann sie alle fassen
Es macht der Glanz sie alle froh und satt
Und seinen Thron mag jeder gern verlassen
Der hier noch einen Platz zum Knieen hat
Es ist ein Kind geboren in dem Glanz
Ihm bringen sie den reichen Erntekranz
Aus Ähren und aus Trauben ist gebunden
Der Kranz den sie dem Kinde bieten dar
Sie haben es beim Strahl des Sterns gefunden
Der noch am Tageshimmel leuchtet klar
Einst segnet dieses Kind das Brot den Wein
Gott wird euch nah im irdschen Zeichen sein
Hat euch der Herr im Reichtum sich verkündet
In seiner Ernten schöner Mannigfalt
Verkündet ihn der Welt der euch entsündet
In dem Geschenk übt göttliche Gewalt
Gedenkt des Herrn beim Brot beim Becher Wein
So kehrt der Herr im Geiste bei euch ein
Sechste Geschichte
Das Todaustreiben
Wie mag die Erde sich scheuen wie möchte sie so gern ihren Lauf zurück wenden
wenn sie in den Winterhimmel tritt der alle ihre Saaten verschüttet Sie ringt
vergebens gegen ihren eignen Umschwung Ob die Tiere wohl ihr Leben rühmen
mögen welche auf einen Jahreslauf beschränkt nur Frühling und Sommer kennen
Oder ob sie neidend zu den überlebenden Geschlechtern hinblicken mögen ehe sie
sich vor der kalten Luft verkriechen
Törichter Neid sie wissen nicht wie die Bienen trauern wenn sie ihren
Vorrat in der Winternot angreifen müssen denn sie hatten ihn nur zur Erinnerung
der Blumenküsse zusammen getragen Sie wissen nichts von der Gefangenschaft der
Fische wenn sich ihr Mund an der harten Eisdecke die sie unbemerkt umschlossen
hat blutig stößt wie sie erschrecken wenn der Hirsch neugierig auf die
Eisdecke klopft weil ihm verlangte nach dem klaren Bache und das Wasser ihm in
Stein verwandelt ist Der Winter kommt den Tieren und den Menschen zur
Verwunderung nur wenige wissen ihre Zeit voraus wie die Wasserlilien die zum
Blühen in rechter Zeit ihre strahlenden Häupter über die Oberfläche der Gewässer
erheben um dann genügsam und ruhig in den Abgrund seliger Erinnerungen bis zur
Wiedergeburt zu versinken
Ein harter Winter war dem schönen Herbste gefolgt und während der Most zu
Wein wurde froren die Reben an denen er gewachsen Bertold wurde am
Neujahrstag durch ein Beben seines Bettes erweckt und wollte erst nicht glauben
die Erde habe gebebt bis die Nachrichten von allen Seiten kamen und
eingefallene Schornsteine sie bestätigten Die treue Muttererde bebt dachte er
im stillen die treue Mutter hat mir kein Lebenslicht zum Neuen Jahre überbracht
und Anna denkt an so etwas nicht Aber diese kleine Sorge ging ihm schnell in
der schwereren für seine Stadt unter Durch die Hoffnung eines Kindes hatten
sich seine Stadtplane die ihn schon immer beschäftigt über das mitlebende
Geschlecht hinaus über entfernte Zukunft ausgedehnt Die Stadt sollte sich frei
und selbstständig erheben wie Reichsstädte nur dazu waren ihm die Anmahnungen
der Kronenwächter sich dem Schwäbisschen Bunde anzuschließen willkommen
Grünewald der gar keine Meinung über so etwas hatte aber alles sehr geschickt
auszuführen verstand gab ihm in allem nach hatte er sich doch überhaupt nur
darum in die Gunst des Herzogs geschmeichelt um in der Nähe Annens mit Ansehen
aufzutreten Auch der Neujahrstag verging wie so mancher andre Tag in
vergeblichen Beratschlagungen mit ihm wie die Unternehmung des Bundes zu
beschleunigen sei da die Erde selbst zu ungewöhnlichen Unternehmungen geneigt
scheine das Unternehmen konnte in der Kälte nicht zur Geburt kommen Der Frost
in den nächsten Tagen nach Neujahr stieg immer noch die ältesten Eichen
spalteten sich der edle Kaiser Maximilian starb und Bertold betrauerte ihn
aufrichtig und war mit den öffentlichen Trauerfeierlichkeiten beschäftigt Da
kam Botschaft vom Herzog Ulrich der Reutlingen trotz dem Froste belagerte dass
sie die Rüstungen beschleunigen und ihm Leute senden möchten Bertold und
Grünewald stellten sich dem Willen des Herzogs ergeben aber je eifriger sich
Bertold und Grünewald zur Förderung der Rüstung anstellten desto weniger
vollbrachten sie Der Ehrenhalt kam jetzt und versprach die nahe Ankunft der
Scharen des Schwäbisschen Bundes aber es zögerte sich wie mit allen
Unternehmen die aus dem Entschlusse vieler hervorgehen sollen Reutlingen musste
sich ergeben vom Geschütz in seinen wesentlichen Befestigungen zerstört
während die Gräben zugefroren waren Der Herzog hielt einen feierlichen Einzug
die Bürger mussten ihm huldigen die Reichsfreiheit war verloren wenn der
Schwäbische Bund noch länger zögerte Bertold hätte verzweifeln mögen während
er Freudenfeste zur Ehre dieses Zuwachses des Herzogtums veranstalten musste
Der Wind wendete sich die zeit war im Nichtstun vorgerückt der Frühling
ließ wie ein bescheidner Freund erst anfragen während Bertold vor der Türe
stand wie er nach dem Mittagessen zu tun pflegte um nach ihm sich umzusehen
ob er nicht bald komme Er fühlte sich in Frühlingsahndung ganz wehmütig Da
blies es vom Turme den er als Kind bewohnte in großem Jubel schrien alle aus
den Häusern doch wusste er nicht gleich was es bedeute weil er als Kind nicht
unter die Leute gekommen war Da sah er den beschrieenen Gast über den Markt
ziehen es war der Storch Gleich liefen die Kinder aus allen Häusern am Markt
zusammen jedes brachte Stroh oder Lumpen und die größten verfertigten eine
gewaltige Strohpuppe während die kleinen mit Tellern in die Häuser liefen um
ihren Lohn einzufordern dass sie den Winter aus der Stadt vertrieben sie kamen
auch zu Bertold der sie reichlich beschenkte Nun begann der große Zug der
Kinder die Strohpuppe wurde an einem langen Seile geschleift und alle schrien
Nun treiben wir den Winter aus
Den Tod aus unsrer Stadt hinaus
Wie junge Rosse wiehernd einen Leichenwagen ziehen mit den Gebissen spielen
die sie lenken sich von der Erde aufbäumen der sie doch nicht entlaufen können
so erschien unserm Bertold in seinem betrübten Herzen der fröhliche Zug er
wusste nicht welche Freude ihm an dem Tage bevor stand was ihm der Storch an
dem Tage gebracht hatte Anna hatte ihn an dem Tage nicht sehen wollen sie war
krank auch das machte ihn sehr beklemmt Da glaubte er ein Kindergeschrei in
seinem Hause zu vernehmen er horchte noch einmal da kam Frau Apollonia mit
freudigem Auge und fast atemlos die Haustreppe herunter und schrie »ein Sohn
ein Sohn« Bertold fühlte sich selbst entrissen von Freude er stürzte die
Treppe hinauf ins Zimmer die Tränen liefen ihm in seligem Entzücken über die
Wangen schon sah er das Kind wie es im Bade sich allmählich von dem Ärger
beruhigte aufs Trockne versetzt zu sein »Wie schön ist der Knabe« rief er
»gleicht er nicht dem Christuskinde an unserm Giebel wie soll ich dir danken
Anna alle Mühe alle Qual die du bei dem Kinde ausgestanden hast und wie
schön blickst du mich an aus deiner Schwäche« Frau Apollonia war bei den Worten
Bertolds erbleicht sie sah das Kind ernstlich an es war das vollkommenste
Abbild des Kindes am Hause und dies das vollkommenste kindlichste Bild Antons
In ihrer Verlegenheit winkte sie Bertold das Zimmer zu verlassen es sei nicht
gut die Wöchnerinnen in ihrer ersten Ruhe zu stören Aber er war nicht
fortzubringen von dem Kinde er saß da betend wie einer der heiligen drei
Könige und freute sich immer dass sein Kind dem Christuskinde gleiche Als es
endlich eingeschlafen war und er fühlte wie er nur hindre statt zu helfen und
die Straße laut wurde schlich er fort und trat vor die Haustüre Da kamen die
Knaben von ihrem Zuge zurück die Winterpuppe war in die Rems geworfen sie
brachten statt ihrer eine grünende Maie und indem sie dem Bürgermeister das
erste Zweiglein davon darboten sangen sie
So viel Blätter an dem Strauss
So viel Kinder in dein Haus
Wünschet dir die Engelschar
»Mit dem einen ists schon wahr« fiel Bertold ein und wendete seine Tasche um
ihnen alles Geld zu spenden was er bei sich trug sie sollten sich an dem Tage
recht lustig machen dabei zeigte er auf seinen Giebel und sprach mit Jubel
»Seht Kinder so sieht mein Kleiner aus« Apollonia stand hinter ihm und
seufzte in sich und dachte Wie soll ich den armen Mann von der unseligen
Ähnlichkeit abbringen er breitet seine eigne Schande aus die Wartfrauen nennen
schon den Kleinen ihren heiligen Anton Bertold ahndete nichts von dem
Geschwätz in seiner Seligkeit er konnte sich nicht enthalten Anton von Herzen
zu küssen der zufällig den Zug der Kinder mitgemacht hatte um ihn zu zeichnen
und nun zurück kam Er führte ihn in seine Rüstkammer zu den schönen kleinen
Puppen mit denen er selbst einst sich die Zeit vertrieb und freute sich mit
ihm wenn sie den Sohn da zum erstenmal hinführen ihm die Puppen zum Spiel
übergeben wollten Anton sollte das Kind malen sobald es nur ein wenig
ausgebildet wäre Dem Anton schenkte er für die leichte Zeichnung des
Todaustreibens einen schönen roten Mantel mit goldner Einfassung Anton ging so
stolz aus dem Hause als ob er sich den Doktormantel verdient hätte oder wie
die Leute sagten als ob alles mit dem Mantel christlicher Liebe zugedeckt
werden sollte Grünewald schüttelte mit dem Kopfe als er am Abend zu Frau
Apollonien ging und sprach erst mit ihrer Magd Sabina über Bertolds Kind und
dann mit ihr als sie gerufen worden denn er ließ sich mit allen Leuten ein und
hatte gar kein Geheimnis
Siebente Geschichte
Die Gräber der Hohenstaufen
Kaum vier Wochen waren seit der Niederkunft vergangen Mutter und Kind waren
frischer und schöner als je eine Wöchnerin und ein so junges Kind in Waiblingen
gesehen und die Ähnlichkeit beider mit dem Bilde am Giebel wuchs zu Bertolds
Freude mit jedem Tage Eben so wuchs das Gerede der Leute in der Stadt und
Antons Verlegenheit dabei der sich keiner Schuld bewusst war Wie oft
verwünschte er den Einfall sich selbst in dem Christuskinde abgebildet zu
haben und meinte es frevelhaft seit sich Frau Anna daran versehen habe denn
alle Weiber in der Stadt narrten ihn damit und verlangten dass er ihnen Bilder
auf den Giebel malen solle die Männer aber stellten sich als ob sie ihn gar
nicht mehr in ihren Häusern dulden dürften Mitten in dies Gerede das Grünewald
in seiner unabweislichen Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit immer neu anregte
schrie die Kriegstrompete dass alles für einige Zeit verstummen musste Der
Schwäbische Bund war endlich doch mit seiner Rüstung fertig geworden Unter dem
Namen Herzog Wilhelms von Bayern führte Georg von Frundsberg eine große
Übermacht gegen den Herzog Ulrich Der große Frundsberg an der Spitze einer
geringeren Zahl wäre schon des Siegs gegen Herzog Ulrich sicher gewesen aber
außer der Menge stand ihm der ganze Einfluss der Kronenwächter zur Seite sie
nannten ihn damals ihren Reichsfeldherrn und er wäre es auch geblieben wenn sie
ihm hätten erfüllen können was sie ihm zugesagt hatten Der Herzog Ulrich
sammelte sein Volk in Blaubeuren und kamen viele Boten an Bertold und Grünewald
wegen Beschleunigung der Rüstung als Bertold gerade beschäftigt war das der
ganzen Stadt zur Taufe versprochene Fest einzurichten Alle fröhlichen Anstalten
wurden gehemmt auch dem Meister Kugler abgeschrieben der zur Taufe eintreffen
wollte Nun wurden die Rüstungen wieder durchgesehen und der Ehrenhalt trat als
Waffenschmidt auf weil in dem Jahre der Waiblinger Waffenschmidt gestorben war
und die Witwe zu hässlich war um sogleich einen jungen Mann für ihre Nahrung zu
finden Der Ehrenhalt beschaute die Bürgerwaffen riss hier eine Schiene ab dort
schlug er eine ein um den Bürgern zu beweisen dass sie verloren gewesen wenn
sie mit so verrosteten Waffen ausgezogen wären Unterdessen wurde mit Herzog
Wilhelm verhandelt und was sehr seltsam durch den herzoglichen Vogt Grünewald
der seinen alten Herrn gern einmal wieder sehen und ihm einige neue Liebeslieder
vorsingen wollte Der Herzog ließ der Stadt Reichsfreiheit versprechen wenn sie
ihre Streitkräfte mit ihm vereinigte Der eifrige Bertold durch Erziehung
Kränklichkeit Reichtum und Bildung immerdar von der Masse der Bürger getrennt
und nur in Geschäften mit ihnen bekannt setzte voraus dass ihre Gesinnung ganz
mit der seinen übereinstimme dass sie als eine Wohltat annehmen würden was er
für ein Glück erkenne So kams dass er sich nicht einmal die Mühe gab die
Meinung der Zünfte über diese Angelegenheit zu erforschen auch fehlte ihm dazu
der gute Fingerling Die Zunftmeister wunderten sich zwar über die langsame
Rüstung aber sie hatten gerade auch keinen Übermut zu diesem ganz unnützen
verderblichen Kriege sie ließ es so gehen Endlich hieß es alles sei fertig
die ältere Mannschaft blieb zur Besatzung Grünewald und Bertold sollten mit
den andern zu Herzog Ulrich ausziehen
Anton war in dieser Zeit in der unbequemsten Lage er wollte mitziehen und
musste sich doch vor dem Ehrenhalt verstecken und wusste das bei Musterungen
nicht anders zu bewerkstelligen als durch eine scheinbar zufällige Färbung
seines Gesichts über die ihn die Leute zwar auslachten die er aus der Unruhe
jener Zeit erklärte die nicht Zeit zum Waschen lasse zugleich steckte er eine
Kugel in die eine Backe als ob sie vom Zahnweh geschwollen wäre so dass ihn
Meister Sixt selbst zuweilen nicht erkannte Als nun der Zug vor dem Ratause
sich sammelte die Weiber und Kinder die Tornister und Mantelsäcke weinend
herbeischleppten konnte er sich des Lachens nicht erwehren ihm war so
seelenglücklich zu Mute dass seine Kugel ihm aus dem Mund in einen Suppennapf
mit Klössen fiel aus welchem ein Bürger eben sein letztes Mittagsmahl essen
sollte Der Bürger fing an zu essen und biss sich fast einen Zahn an der Kugel
aus die er für einen Kloss gehalten es war die einzige Kugel die bei diesem
Zuge Schaden tat
Frau Anna war von allem unterrichtet und stellte sich daher nur traurig über
diesen Auszug wegen der fremden Leute die sie umgaben Das Kind schmiegte sich
an den ausziehenden gerüsteten Bertold hatte sein Haar gefasst und wollte ihn
gar nicht fortlassen da weinten die Hebamme und die Mägde und sie redeten
unter einander wenn es den Pflegevater schon so fest gehalten habe so würde
Anton sich nie von ihm haben losreißen können das hörte Anna obgleich es leise
gesprochen war es fiel ihr schwer aufs Herz sie dachte der Ähnlichkeiten nun
erst recht verstand manche Winke der Mutter Ihr Stolz war tief gekränkt
obgleich sie nichts sagte und gar nicht tat als ob sie etwas vernommen habe
Alles andre war ihr jetzt gleichgültig sie sann darauf wie sie diesen bösen
Leumund falscher Zungen zerstreue während der Zug vorüber zog Sie glaubte in
jedem der hinauf blickte Hohn und Spott zu erkennen sie glaubte zu hören wie
sie über das Christuskind auf dem Bilde sprachen Anton musste fort aus der
Stadt das Bild musste geändert werden das stand ihr fest im Sinne und sie
grübelte wie das auszuführen sei mit einer Ungeduld dass ihr Kind davon
erkrankte
Viele der Streiter zogen nur mit angetrunknem Mute aus dieser Mut sank
aber als sie ermüdeten die Pferde schienen zu erlahmen die Fußgänger ruhten
sich oft Der Ehrenhalt erzählte nachdem Grünewald von einem Spähen
zurückgekommen es würden ihnen bald Stückkugeln über die Köpfe sausen sie
brauchten sich darum nicht zu bücken denn das sei doch gewöhnlich zu spät er
erzählte von den bayerischen Reitern wie die so genau zusammenritten dass ihre
Spieße wie eine große Säge glänzten sie möchten sich gefasst machen sie ständen
schon zwischen ihnen und dem Herzog Da sonderten sich die Verzagten einer sang
mit bebender Stimme und wusste nicht was er sang ein andrer der sonst eine
schreckliche Stimme führte konnte kaum so laut kommandieren dass es seine
Rotten hörten ein Schuster unterhandelte laut mit Gott dass er wohl ein Bein
daran geben wolle wenn er ihm nur seine beiden Arme unversehrt lasse Aber die
Kräftigen unter denen Anton gewiss einer der ersten ließ sich diese Sorgen
wenig anfechten sie untersuchten noch sorgfältig ihre Vorräte und warteten der
tätigen Stunde Der Ehrenhalt erkannte nach seiner Kriegserfahrung die Sicheren
sonderte sie auf Bertolds Befehl in eine Schar zusammen ließ sie nach einer
Seite den Feind aufsuchen wo keiner anzutreffen war
Kaum eine Stunde nachdem Anton mit diesen von der Masse sich getrennt
hatte erblickte Bertold und die bei ihm geblieben das große Bundesheer beim
Ausreiten aus einem dichten Walde gleich einer Überschwemmung um sich her aus
der ein Schilfwald von Spiessen und zwölf große Kanonen wie Krokodile mit
offenem Munde hervorragten Hier war weder an Sieg noch an Flocht zu denken
sie waren beobachtet eine Masse Fußvolk schrie schon hinter ihnen im Walde
Bertold wendete sich zu dem erschrockenen Haufen stellte ihnen die ganze
Gefahr ihrer Lage dar sie müssten sich auf Gnade und Ungnade ergeben Dann aber
sagte er ihnen dass der Schwäbische Bund keine Ungnade gegen sie hege dass er
ihm wiederholend Reichsfreiheit für die Stadt habe anbieten lassen in sofern
die Bürger sich entschlössen die Sache Herzog Ulrichs aufzugeben und mit dem
Bunde sich zu vereinigen Sie möchten jetzt wählen er werde sich ihrem
Entschlusse ergeben es stehe bei ihnen ob sie ergeben dem trunknen Unholde
von dem sie nie Schutz sondern nur immer Trutz Zwang und Zahlungsgebote
empfangen der sie wie Hunde zu seinen Jagden ihre Frauen zum Frevel
missbraucht in den Wald von Spiessen stechen oder sich selbst als freie
Reichsbürger regieren niemand als dem Kaiser verpflichtet sein und die Hand
dem Herzog Wilhelm reichen wollten der mit Grünewald geritten komme um sie
ihnen zu bieten Die Bürger sahen einander verwundert an keiner wollte
sprechen einige fluchten auf den Bürgermeister aber da keiner Anstalt zur
Gegenwehr machte so begrüßte Herzog Wilhelm Bertold und seine Bürger als
Freunde verkündete ihnen Friede und Freiheit und Bertold dankte in ihrem
Namen
Der ganze Zug ging nun nach Waiblingen den Bürgern wurden die Tore
geöffnet die Fremden zogen nach die Stadt wurde besetzt und die Bundesscharen
in die Häuser gelegt Jeder Bürger war über die Änderung verwundert am meisten
Anton mit seiner Schar als sie keinen einzigen Feind im Felde und nun so viele
in der Stadt fanden aber es war geschehen und die Bedürfnisse der Gäste
beschäftigten alle Hände Am andern Morgen sollte der Zug weiter gehen vermehrt
durch die bewaffneten Bürger Bertold freute sich der kühnen Taten die seiner
warteten aber kein Bürger kam zur Versammlung sie erklärten dass sie nicht
eidbrüchig wie der Bürgermeister wären Nichts auf der Welt hatte Bertold je
so gekränkt schon musste er von Frundsberg hören dass an keine Reichsfreiheit zu
denken sei wenn die Bürger sie nicht zu erstreiten sich geneigt fänden So
hatte er ganz vergebens das Glück der Seinen an dies Unternehmen gesetzt mit
Herzog Ulrich war keine Versöhnung möglich er fühlte dass er die Stadt nicht
gekannt sie in seine Hoffnungen habe zwingen wollen er konnte sich nur mit der
guten Absicht bei dem schlechten Erfolge rechtfertigen In dem Wirbel dieser
Betrachtungen saß er fast gedankenlos müßig das Geschehene lässt sich nur durch
Tat nicht durch Nachdenken vernichten
Grössere Bundesscharen kamen in den nächsten Tagen die Bürger hatten alle
Lebensgefahr vergessen der sie entkommen die Last und Kosten schienen ihnen
unerschwinglich sie sprachen laut gegen den Bürgermeister obgleich dieser aus
freiem Willen mehr Last übernahm als ihm im Verhältnis zukommen konnte Er
wollte die Stadt befestigen aber niemand zeigte sich bereitwillig er wollte
den Rat über alle Angelegenheiten setzen die sonst der herzogliche Vogt
besorgte aber keiner wollte sie übernehmen er sah dass die reichsstädtische
Verfassung zu einer leeren Form wurde weil sie nicht durch die Notwendigkeit
entstanden war eine allgemeine Kraft zu begrenzen Diese allgemeine belebende
Kraft fehlte die Verständigen schwiegen die Toren und Widerspenstigen waren
überlaut die Verständigen hielten ihn für einen Schwärmer die Schlechten
glaubten in ihm einen bestochenen Verräter die fremden Landsknechte spotteten
seiner teuer erkauften Reichsfreiheit Jeder suchte sich ihm und der Stadt in
der Vorsorge für die Bedürfnisse der fremden Scharen zu entziehen auf ihm
lastete das ganze Geschäft dabei schwärmten seine Gedanken umher nach Rat und
Trost so musste sich ihm die Arbeit verdoppeln und die Fremden mochten zuweilen
wohl mit Recht auf den Mangel an Anordnung schelten Sein einziger Genuss war es
seit er von diesen Fremden doch kein Heil erwartete die Bürger gegen ihren
Unwillen und Übermut zu schützen zu jedem Streite eilte er mit rechter Lust und
setzte gar oft sein Leben an eine Kleinigkeit die mit einiger Ruhe friedlich
geschlichtet werden konnte Die üble Folge davon war dass stärkere Besatzung in
die Stadt gelegt wurde damit nicht einzelne wieder in solchen Streitigkeiten
unterliegen möchten und so fühlte sich Bertold die Veranlassung einer neuen
drückenden Last »Wären wir ruhig zu Hohenstock« rief Bertold zuweilen aber
Anna antwortete immer »Lieber tot als dort unter den wahnsinnigen Menschen«
Als eine Verstärkung der Besatzung rückte auch ein sehr unbequemer
Bekannter der Graf Konrad mit einer Schar Reisigen ein welche die
Kronenwächter für ihn geworben und mit denen sie ihn zum Herzog Wilhelm
geschickt hatten Bertold freute sich in seinem Unmut ihre alte Streitigkeit
da fortsetzen zu können und ließ ihn sehr hart an Aber Konrad schien seine
Natur ausgetauscht zu haben er antwortete nur das Notwendigste in
Bescheidenheit und bat ihn seine früheren Unbesonnenheiten zu vergessen die
Kronenwächter hätten ihn belehrt dass sie zu einem Ziele alle beide
hinarbeiteten Bertold sah sich durch dies Verhältnis gezwungen obgleich es
ihm unangenehm Konrad in sein Haus einzuführen
Dieser betrug sich dort ganz bescheiden und anständig er schien Annen ganz
verwandelt und sie fasste ein gewisses Vertrauen zu ihm Sie sah den Gram der
ihrem Bertold schnell die Haare bleichte sie hörte die Härte mit der die
Bürger ihn beurteilten durch Grünewald der über alles mit jedem sprach ohne
zu beachten ob es schade Sie fragte einmal Konrad was er meine wie Bertold
könne aus den widrigen Geschäften befreit werden Der riet dass er sich für den
Bund rüste und gegen Herzog Ulrich ziehe denn wie er höre deute man es ihm
ohnehin übel beim Herzoge Wilhelm dass er mit seinen Bürgern untätig
zurückbleibe nachdem er versprochen mit einer Schar zu ihm zu stoßen dort sei
jetzt für ihn und die Seinen allein noch Sicherheit
Dieses Gespräch wiederholte Anna ihrem Bertold am Abend und dieser erfreute
sich des unerwarteten Auswegs aber er wagte es nicht sich demselben zu
überlassen weil er den Vorwurf fürchtete sich dem drückenden Geschäfte für die
Stadt entzogen zu haben Wer die Seinen in der Not verlässt dachte er den
verlässt Gott in seiner letzten Not und konnte nicht einschlafen und sich zu
nichts entschließen Früh stand er auf und fand Apollonien am Brunnen und
berichtete ihr seinen Wunsch ins Feld zu ziehen und alle Gründe dagegen indem
er sich ihren Rat als seine älteste treueste verwandteste Seele erbat
Apollonia hatte im Ärger über die Ereignisse sich die Erzählungen der Sabina
über Anna und Anton erst recht zu Herzen genommen dass sie diesen für den
geheimen Grund seines unerwarteten Entschlusses annahm Sie suchte ihn zu
trösten indem sie über ihre Tochter heftig weinte sie habe es immer nicht
glauben wollen die Tochter habe so frei und ruhig jede Warnung abgelehnt nun
müsse sie sehen dass der edelste und beste Mann das eigne Haus fliehen wolle
das ihre Tochter ihm aus Himmel in Hölle verwandelt habe es sei die Folge vom
übereilten Heiraten »Hättet Ihr gewusst« sagte sie »dass eben der mit welchem
Ihr Blut und Leben getauscht Euer Leben so verbittern würde Ihr hättet Euer
Siechtum ruhig ertragen« Bertold der gar nichts verstanden hatte fuhr bei
diesen Worten gleichsam beschämt auf »Woher wisst Ihr die Geschichte meiner
Genesung« »Von Annen« sagte die Mutter »der hat es Anton erzählt« »O
dieser Anton« rief Bertold dem nun auf einmal die Rede der Mutter wie durch
einen Blitz erhellt wurde »dieser Anton ist zu meinem Glück und Verderben
geboren umsonst habe ich mich dem Missgeschicke meines Stammes entzogen es hat
mich durch Anton ergriffen Liebe Mutter sagt mir kein Wort lasst mich irren in
der Dämmerung es gibt grausame Ähnlichkeiten aber ich vertraue auf Anna Was
ich zweifelhaft in meinen Gedanken würfelte das ist entschieden ich ziehe
fort ich kann nicht bleiben Sagt mir kein Wort verschweigt Annen dass Ihr mir
etwas gesagt verschweigt ihr alles Gott und die Zeit wird alles schlichten und
richten« Anna hatte sich ihnen beiden genähert und sagte mit einiger Wehmut
»Mich lässt du allein Bertold nachdem ich so viel Schmerz und Not bei dem Kinde
ausgestanden habe und setzest dich hier zur früheren Geliebten« Frau
Apollonia wollte heftig antworten aber Bertold beschwichtigte beide indem er
sagte »Ich gehe noch heute einem ungewissen Geschicke entgegen vergessen wir
alles Überflüssige gedenkt dass wir nur noch wenige Stunden beisammen sind
meine Ehre fordert dass ich fortziehe« Anna schloss sich weinend an seine
Brust und gestand so schmerzlich ihr seine Abwesenheit falle er sei es seiner
Erhaltung schuldig sich den Geschäften zu entziehen die ihm in wenig Wochen
die Haare gebleicht hätten deren Frucht und Lohn ihm die Undankbarkeit und der
Starrsinn der Bürger entreisse Bertold zuckte mit den Achseln und sagte
»Jetzt rücken sie mir die vermauerte Gasse vor und möchten den Brunnen
einreissen jetzt wo jeder Tag sie dringend beschäftigen und auf ihr Bestes
führen sollte ich habe die Leute klüger viel klüger geglaubt das ist mein
Fehler« »Boshaft und undankbar hat sie das kleine Missgeschick gemacht« sagte
Anna »die Frauen sagen mir ins Angesicht Böses von dir« »Das löst die
letzten Bande« sagte Bertold küsste Annen und Apollonien und so saßen alle
drei wohl eine lange Abschiedsstunde ohne zu sprechen von den Ahndungen der
Zukunft gerührt
Er versammelte darauf die Bürger erklärte dass wenn sie nicht mit ihm er
ohne sie dem Bunde folgen wolle sie möchten einen andern an seine Stelle
wählen Zu seiner Kränkung fand er dass schon ein andrer Bürgermeister heimlich
für den Fall erwählt worden wenn die Fremden abziehen müssten ein Weinhändler
Kranz sie gaben Bertold der Landesverräterei schuldig »Ihr richtet nach dem
Erfolg Gott nach der Absicht« rief Bertold »ich biete euch die Hand zum
Abschied obschon ihr mich tief gekränkt habt es wird eine Zeit kommen wo es
euch reut dass ihr mir nicht gefolgt seid«
Seinen Nachlass hatte er schon beim Anfange der Unruhen gerichtlich geordnet
Frau Apollonien übergab er die Oberaufsicht der Seinen so lange Anna noch mit
ihrem Kinde beschäftigt sei Sie aßen schweigend mit einander als wäre ein
Kranker unter ihnen Nach Tische wurde ein Pferd vorgeführt Anna und Apollonia
weinten gleich heftig Bertold fühlte sich beklemmt zum Ersticken Er übersah
Haus und Garten noch einmal und betete in der Kapelle die eben fertig geworden
und geweiht war da wo ihm das Kind verheißen Er fühlte sich gefasster aber als
er schon Abschied genommen an seine Tür trat und einen frischen Maulwurfhaufen
an der Schwelle bemerkte der sich eben herausarbeitete da fiel ihm Mutter
Hildegard ein die das immer als Zeichen eines Todesfalles angesehen hatte Er
sprang noch einmal zurück küsste Annen und Apollonien und das Kind heftig
schwang sich ohne ein Wort zu gewinnen auf sein Pferd gab ihm die Spornen und
ritt ohne Umblicken fort damit ihm nicht das Bild am Giebel wieder in die Augen
leuchte
Bald war er bei Frundsberg durch den Ehrenhalt eingeführt doch gab jener
wenig Hoffnung zu Taten den Herzog hatten die Schweizer verlassen und darum
entließ er auch seine Landeskinder zur Verteidigung der Städte Diese fielen
aber ohne bedeutenden Widerstand jedermann fühlte der Herzog könne sich nicht
halten und er fühlte es auch bald nahm in Tübingen von seinen Kindern
schmerzlichen Abschied und entfloh nach der Schweiz Der Zug ging nun von einem
Städtlein zum andern gewöhnlich geschahen kaum einige Schüsse dann wurde
unterhandelt Bertold vergaß eignen Kummer bei dem Anblicke der Not welche die
fremden Scharen auf dem Lande verbreiteten Die Briefe von Annen und Apollonien
waren sein liebster Schmerz und sein einziger Trost sie benutzten jede
Gelegenheit ihm Nachricht zu geben Einmal berichtete ihm Anna dass es in der
Stadt ein Gespött sei dass ihr Kind noch nicht getauft worden Er antwortete ihr
froh dass er nicht dabei zu sein brauche sie möchte die Taufe und den Schmaus
für die ganze Stadt ausrichten wie er ihn vor den kriegerischen Ereignissen
angeordnet habe er stehe vor dem Assberge und müsse da wohl noch einen halben
Monat ausharren das Fest könne vielleicht den Seinen die Neigung vieler
Mitbürger wieder gewinnen Bald darauf erhielt er die Nachricht dass Taufe und
Fest am Tage des heiligen Anno angeordnet sei das Kind so war schon
verabredet sollte diesen Namen führen er möchte den Tag durch sein Gebet
feiern
Zwei Tage vor diesem festgesetzten Tauftage wurde er zu Frundsberg gerufen
und ihm der Auftrag gegeben in der Hülle eines Pilgers nach Kloster Einsiedlen
zu wandern um auszuforschen ob der Herzog in der Schweiz werbe und
Unterstützung finde Der Auftrag war gefährlich jene Seite Schwabens schwärmte
von den zerstreuten Anhängern des Herzogs Ulrich doch freute es ihn seinen
Willen bewähren zu können
Er zog mit einem frohen Gefühle durch das Land der Tag der Taufe brach an
er dachte sich lebhaft nach Hause die Sonne brannte die Luft war schwül Gegen
Abend traf er in Kloster Lorch ein betete lange in der Kirche und wurde dann
von den Mönchen freundlich bewirtet ohne dass sie nach seinem Namen fragten
denn das Pilgerkleid war ihnen Empfehlung genug
Die Mönche klagten dass sie allmählich aussterben müssten bei der jetzigen
Gesinnung der Leute trete keiner in ein armes Kloster und da dies Kloster nach
der Strenge ihrer Gelübde ihre Welt sei so hätten sie ein lebendiges Bild vom
Weltuntergange in ihrem Kreise der sich mit jedem Jahre verenge Bertold sagte
ihnen dass solch ein Aussterben sein Wunsch sei »Habt Ihr je ernstlich an das
Sterben gedacht« fragte ihn der älteste der Mönche »Kommt hinunter in die
Gruft wo die Hohenstaufen begraben liegen und Ihr werdet Euch am Leben fest zu
halten suchen« Bertold schüttelte mit dem Kopft aber er bat ihm die
Grabhallen zu zeigen er sei lieber bei den Toten als bei den Lebenden Der
alte Mönch strich nachdenklich seinen weißen Bart ergriff eine Fackel zündete
sie am Herde an und ging mit ihm über den Hof
Bertold beschaute die Sterne welche vom nahen Gewitter nicht verdunkelt
in der Schwüle funkelten »Was leset Ihr in den Sternen« fragte der Mönch
Bertold antwortete nach einem Schweigen »O wie so oft hab ich ein Zeichen
erhofft zogen Sterne den schimmernden Bogen durch die himmlische Leere durch
die himmlische Tiefe dass ich der irdischen Schwere endlich auf immer
entschliefe Aber der Morgen löschte die Sterne aus weckte die Sorgen weckte
des Herzens Haus und des Alltäglichen Macht zwang die Ahndung der Nacht«
»Auch Euer Stündlein wird kommen« sagte gleichgültig der Alte öffnete die
Schlösser der Kapelle und führte Bertold in die gewölbten Grabhallen wo die
Hohenstaufen unter einfachen gehauenen Grabsteinen ruhten Bertold versuchte
die Namen auf den Grabsteinen zu lesen aber die Buchstaben waren alt und sehr
verwittert »So ists mit dem guten Namen der Menschen« sagte Bertold »vom
Zufall geschenkt von der Zeit bald ausgelöscht« Der Mönch nannte ihm alle
die berühmten Namen der Hohenstaufen die da eines zweiten Lebens harrten und
Bertold fragte mit unerwartet aufbrechendem Zutrauen »Ehrwürdiger Vater wer
nun zweimal schon gelebt hat darf der noch ein drittes Leben erwarten« Der
Alte meinte er schwärme im Fieber und Bertold antwortete »Es mag Euch
unverständlich sein was ich sage aber fühlt meinen Puls dass ich nicht krank
bin Glaubt mir ich bin von einem Arzt als ich sterben sollte mit einem
zweiten Leben das er mir wunderbar schenkte gar schrecklich betrogen und doch
glaube ich an jenes Leben das uns verheißen ist« Der Mönch sagte ihm er sei
vom Wege angegriffen vielleicht von Kummer sie wollten die dunkle Halle
verlassen er möchte ausschlafen Bertold antwortete »Hier bei den Meinen
möchte ich ausschlafen« Der Mönch sah ihn verwundert an und sprach »Freilich
alle Menschen sollen Brüder sein wenn sie es nur wären« »Darum ist mir so
wohl wie mir nie gewesen« antwortete Bertold »hier ist brüderliche
Einigkeit hier verfolgen sie die Ihren nicht mehr sie wollen gern alle
beisammen sein jenseits der Erde darum nur lassen sie den Ihren keine Ruhe auf
Erden« Der Mönch sah Bertold mitleidig an er hielt ihn für einen
Wahnsinnigen ihn zu zerstreuen las er von der neu errichteten schwarz
marmornen Gedächtnistafel die Inschrift vor »Dass ein Geschlecht vergehe und das
andre komme und die Erde indessen unbeweglich bleibe und ein jegliches Ding
seine Zeit und alles unter dem Himmel seine Stunde habe dessen gedenket man
nicht wie es doch jedem geraten ist denn die künftigen Zeiten werden alles
zugleich in Vergessen bringen was wir aufzeichnen von der Vergangenheit und was
wir schaffen in der Gegenwart denn nichts erringen wir als die Zukunft«
»Amen« sagte Bertold ein blauer Blitzstrahl zuckte durch die Halle der
Donner rollte und ein Blutstrahl sprang aus der Armader Bertolds da wo Faust
ihm das Blut Antons eingedrängt hatte und löschte die Fackel des Mönchs Der
Mönch ließ die Fackel fallen und fasste Bertolds Hand der nun sanft auf das
Grabmal des Stammvaters der Hohenstaufen niedersank »Böser Faust armer Anton
junges Blut« sagte Bertold mit schwacher Stimme seine Hand ward kalt
Achte Geschichte
Die Taufe
Anton hatte sich nach dem Verdrusse über den vergeblichen Kriegszug von
Bertold gewendet denn er hatte sich auf den Ruhm gefreut noch ehe er ihn
errungen auch nahm ihn die Anwesenheit des Ehrenhalts gegen alles ein was
unternommen wurde Er ließ sich durch keine Drohung des Meister Sixt bestimmen
die Adler zu malen welche an den Toren neben dem bisherigen Stadtwappen
aufgehängt werden sollten Meister Sixt jagte ihn im Zorn darüber aus dem Hause
vielleicht auch aus List weil der Erwerb in der unruhigen Zeit sinken und der
Preis aller Lebensmittel steigen musste und Anton wenn er sich selbst in der
Zeit durchgeholfen zu ihm als dem einzigen Meister in der Stadt endlich doch
zurückkehren musste um frei gesprochen zu werden Anton gab ihm wenig gute
Worte dass er ihn behielte er konnte nichts mehr bei ihm lernen und sein Geiz
war unerträglich Dem Herzog mochte er nicht zuziehen denn ihn selbst hasste und
verachtete er es war nur die Landessache die ihn gegen die raubsüchtigen
Bundesscharen einnahm Zum Glück gab es viel in den Weinbergen zu tun und die
Leute mussten ihre Häuser wegen der fremden Völker die da lagen bewachen so
dass es ihm an Unterhalt für Handarbeit nicht fehlte vielmehr fand er
reichliches ungemessenes Brot bei der Weinhacke während er bei dem Pinsel
hatte hungern müssen Am Sonntage half er dem alten Anno ohne Lohn und Brot und
ging nach der Arbeit in die Stadt zu seinen Verehrerinnen Sabina und Verena die
ihn immer schöner fanden je mehr sich sein Gesicht und sein Hals in der Sonne
bräunte die ihn um so reichlicher bewirteten je seltener er jetzt kam
Anton saß eines Sonntags bei Verena im Vorzimmer von Frau Annen als Graf
Konrad von Hohenstock von dessen Anwesenheit er auf den Weinbergen nichts
vernommen hatte durch das Zimmer zum Besuch bei Frau Annen im zierlichsten
samtnen kurzgeschnittnen Wamse stolzierte und sein Gesicht in die angenehmste
Begrüßung voraus spitzte Konrad stutzte ein wenig als er Anton sah es mochte
ihm wohl eine Erinnerung kommen aber sie schien auch gleich wieder zu
verlöschen er ging durch das Zimmer ohne sich bei ihm aufzuhalten Anton hatte
ihn beim ersten Blicke erkannt es war ihm zu Mute gewesen als ob er ihm um den
Hals fallen müsste Alle Jugendstreiche fielen ihm ein aber zugleich ob Konrad
nicht auch hier auf dem Kriegszuge von den Kronenwächtern bewacht sein möchte
Bald sah er auch eine jener ihm verhassten Gestalten einen Reisigen der nach
Konrad fragte und schlich sich unter einem Vorwande fort
Auf der Straße fasste ihn ein andres Gespenst am Rocke es war Faust »Wo
steckst du Vielfrass« sagte der Doktor »Lässt du dich wieder hier sehen alter
Schwamm« antwortete Anton »du meinst weil Bertold fort ist gäbe es hier
keine Aufsicht mehr gegen solche Landstreicher« »Du überreifer Junggeselle«
schrie Faust »was weißt du wie es in der Welt hergeht der Bürgermeister den
ich dem Bertold zum Ärger eingesetzt habe ist ein Weinhändler der ohne mich
nicht leben kann Hast du denn schon dein zartes Brüderlein gesehen den Konrad
den Halunken ihr könnt nicht von einem Vater sein« »Von mir darfst du
schlecht sprechen« antwortete Anton finster »aber nicht von Bruder und Vater
was weißt denn du davon dass es mein Bruder ist« »Mehr als du weißt«
antwortete Faust »war er es nicht der dich beredete der Kronenburg zu
entfliehen du wärst verloren« »Freilich« sagte Anton »er hat mir das Leben
gerettet« »Es ist nicht wahr« schrie Faust »er hat dich um die Krone
betrogen er war dir zur Hilfe nachgesendet von den Wächtern aber er versteckte
sich aus Furcht er beredete dich zu fliehen und nahm dir das Schwert
Maximilians ab und brachte es heim als Siegeszeichen das er noch erbeutet
habe nachdem du dich zwingen lassen dem Kaiser den Weg zu zeigen Und so ward
er als Erstgeborner von euch beiden durch die Entscheidung dieser kühnen Tat
anerkannt er aber hofft dass du inzwischen längst in Hunger und Pest
untergegangen bist« »Du lügst du Teufelsbanner« schrie Anton noch lauter
und hieb mit dem Stiel der Weinbergshacke auf dem fetten Rücken Fausts weidlich
herum »Das kostet dir dein Leben« brummte Faust mit Zähneknirschen »denn
wem dankst du deine Gesundheit als mir du bist mir dein gemässigtes ruhiges
Blut schuldig« Anton achtete nicht darauf sondern ging zornig davon indem er
noch immer in die Luft hieb Die Bürger die bei dem Streite herzugelaufen
waren winkten Anton Beifall und ließ ihn ruhig gehen der Teufelsbanner war
allen verhasst aber die meisten scheuten sich ihm zu missfallen weil sie seine
Kunst brauchten und seine Zauberei fürchteten
Anton blieb jetzt vierzehn Tage auf den Weinbergen denn er scheute den
neuen Bürgermeister wegen des Vorfalls mit Faust An einem Sonntag schlich er zu
Sabina diese aber stellte sich erzürnt weil er sie so lange vergessen so
möchte er nun auch wegbleiben Er sagte ihr vergebens seinen Grund sie blieb
ganz kalt und er schied von ihr um zur Schwester zu gehen Sabina wusste dass
diese ausgegangen sei also lachte sie ihm nach und meinte er werde bald wieder
kommen denn dass er mit Frau Anna eine Liebschaft habe glaubte sie eigentlich
selbst nicht Aber Anton kam nicht wieder sie sah sich die Augen fast blind
Anton war in Verenas Zimmer gegangen und hatte sich zu einer vollen Schüssel
gesetzt als Anna eintrat ihn verwundert anblickte und fragte wie ihm das
Mittagsessen geschmeckt habe das für sie da aufbewahrt stehe Anton geriet in
große Verlegenheit und erbot sich was es koste abzuarbeiten »Ich nehme Euch
beim Worte« sagte Anna »aber nicht heute sondern erst in acht Tagen sollt Ihr
an die Arbeit gehen wenn wir die Taufe feiern Ich kann das Bild am Giebel
nicht leiden das Ihr am Hochzeittage gemalt habt mag es aber nicht vor den
Leuten ändern lassen weil die gute selige Frau Hildegard dies Bild als ein
Gelübde hat malen lassen Ein großes Blumenbrett habe ich jetzt vor dem Fenster
auf vielen eisernen Stützen errichtet um Pomeranzenbäume da zu setzen das
trägt viele Menschen und meine Verena ist alle Abende darauf beschäftigt die
Windeln zum Trocknen aufzuhängen An dem Abend ist voller Mond Ihr könnt zum
Malen genug sehen und nehmt einen Weibermantel von mir um dass wenn Euch einer
zufällig sieht Ihr für eins meiner Mägde gehalten werdet Farben stehen noch
bereit beim großen Brunnenbilde weil Meister Sixt das neue Marmorhaus und die
Kapelle einträgt die inzwischen fertig geworden Malt die heilige Mutter und
ihr Kind wie Ihr wollt nur malt beide besonders aber das Kind anders als es
jetzt erscheint ich kann es nicht leiden Zum Lohn für das Unternehmen das ihr
niemand verraten dürft zahle ich Euch mehr als Ihr zu einer Reise nach
Nürnberg und zu einem jährigen Aufenthalt bei Dürer braucht« Anton hörte dem
allem was Anna nur nach längerer Überlegung und nach manchem Kampfe so deutlich
hersagen konnte mit offenem Munde wie einer himmlischen Botschaft zu Die
Sehnsucht nach der Malerei hatte ihn erst ergriffen seit er in den Weinbergen
hackte er verglich die elende Wirkung dieser Tätigkeit höchstens ein paar Maß
Wein mehr die Faust in einer Stunde hinunter stürzte mit der eines Bildes
das von Tausenden bewundert ein paar Jahrhunderte besteht und neue Schöpfungen
anregt er hatte oft im Zorn darüber die Erde übermäßig zerhackt Er nahm
dankbar die Hand Annens sprach seine Verehrung gegen Dürer aus dessen »Ritter
zwischen Tod und Teufel« er auf einem Schloss gesehen hatte aber da hielt er
inne und sprach »Wird mirs auch gelingen etwas Besseres am Giebel zu malen
denn ich kenne gar nichts andres seit jener guten Stunde in welcher mir dies
Bild gelang aufzuzeichnen als diese beiden Gesichter die Euch so verhasst sind
und die ich über alles verehre« Frau Anna machte ihm Mut und er glaubte
daran Sie verbot ihm mit Verena über die Angelegenheit zu reden sie wolle sie
an dem Abend bei den Schenktischen beschäftigen er solle sich durch den Brunnen
einschleichen wenn es dunkel geworden Sie brach hier ab und ging in ihr
Zimmer denn sie hörte Verena auf der Treppe
Diese tat als ob sie Anton nicht sähe brachte die Milch in das Zimmer
ihrer Frau kam dann zurück und sagte »Warst du allein« »Freilich«
antwortete Anton »Es ist unmöglich« rief Verena »denn den herrlichen Braten
hast du kaum angerührt und kalt werden lassen« Anton leugnete so gut sein
ehrlich Gesicht leugnen konnte Verena sagte dass die Schwester vom Brunnen her
die Treppe hinauf geschlichen sei und behauptet habe Frau Anna flüstere
heimlich mit Anton und sie würden beide von ihr betrogen Sie habe ihr noch
erzählt am Morgen sei ein großer Streit zwischen Mutter und Tochter über den
Namen Anno vorgefallen den Bertold verordnet habe weil er dem Namen Anton so
ähnlich klinge dass die Leute darüber spotten würden Anna habe so heftig
darüber gezürnt dass Apollonia geschworen sie wolle das Haus nicht mehr
betreten sie hätte sonst nur Schande von ihrer Aufsicht das wolle sie an
Bertold schreiben und ihm alles anheim stellen Anton verstand wenig was das
alles bedeuten solle Weil er sich bewusst war an allen den Gerüchten und
Scherzreden unschuldig zu sein so machte es ihm viel Vergnügen was sich die
Leute für Grillen in den Kopf setzten er fand sich sogar ein wenig
geschmeichelt dass die schöne Anna seinetwegen in den Verdacht eines
Liebeshandels gekommen Er verlachte den Zorn von Verena ging fort und grüßte
Sabina nicht einmal im Vorübergehen
Zum Schmause bei der Taufe war die Bürgerschaft eingeladen auch manche
Bekannte aus der Gegend versprachen zu kommen doch Kugler bedauerte dass er
durch die bevorstehende Entbindung seiner Frau abgehalten sei Frau Apollonia
besorgte alles Nötige zu dem Feste in ihrem Hause aber sie hielt ihr Gelübde
das Haus ihrer Tochter bis zu Bertolds Rückkehr nicht zu betreten Anna sah
darin nur ihre Liebe zu Bertold und ihren Ärger gegen sie und da die Vorwürfe
der Mutter aus so verhasstem Grunde entstanden so hielt sie es für eine
verdächtige Nachgiebigkeit wenn sie den ersten Schritt zur Versöhnung täte
wäre Anton erst fort so meinte sie dann fiele aller Verdacht Sie suchte sich
zu zerstreuen indem sie Konrad und die Ritter die er einführte öfter in ihrem
Hause sah und das zerstörte ihren guten Ruf bei der Bürgerschaft Es mieden
nämlich in gemeinsamer Verabredung alle ordentliche Frauen der Stadt den Umgang
dieser verhassten kostbaren Gäste Frau Anna die als eine Fremde mit keiner
Frau in recht vertrauten Umgang getreten war auch von denen die sie sonst
zuweilen bei sich gesehen durch Bertolds Verfeindung mit der Bürgerschaft
getrennt sie ahndete nichts von einem solchen Entschlusse und sah die Fremden
gern bloß darum weil sie fremd waren und etwas Neues erzählten Die Bürger
dachten sich bei dem Umgange Annens teils geheime Absichten teils Liebschaften
und selbst die Einladung zum Schmause bei der Taufe schien vielen so verdächtig
dass sie am Sonntage Morgens wo er gehalten werden sollte noch eine
Bürgerversammlung in einer der größten Trinkstuben anordneten Es waren ein paar
fremde Reisigen erstochen gefunden worden ein paar waren wirklich im Ratskeller
von den Bürgern gar übel in einer Schlägerei zugerichtet und die Bürger
fürchteten dass sich die Fremden für alles auf einmal rächen möchten wo es die
Leute am wenigsten ahndeten Sie hörten insbesondere vom Grafen Konrad viele
Tücken die er in der Gegend durch seine Leute hatte ausüben lassen und
meinten dass er Waiblingen nur schone um es auf einmal recht gründlich
auszuplündern wenn er es erst gründlich kennen gelernt habe sie wussten nicht
wie hoch Waiblingen in der Gunst der Kronenwächter stehe wie viel stürmischer
er seiner Liebschaft zu Annen nachgetrachtet wenn ihn nicht ein strenges Verbot
in den Schranken der Zucht gehalten hätte Haring der Kunstpfeifer zur
Schusterzunft eingeschrieben erzählte dass es Blut geregnet habe auf das Kleid
seiner Frau das bedeute großen Kampf sie wären alle verloren wenn sie einen
der Ihren im Stich ließ Dass er noch immer Grünewalds Zorn für seine Haut
fürchte das verschwieg er weil er ihn wohl verschuldet hatte am Hochzeitfeste
er tat vielmehr als ob er sich für das Ganze aufopfere obgleich er so viel
Vorteil vom öfteren Tanz bei den Fremden erntete er schwor zur Sicherheit
seiner Mitbürger einen guten Degen in seine Posaune zu stecken und so solle
sich jeder heimlich bewaffnet einfinden dann könnte ihre Überzahl siegen Der
neue Bürgermeister hatte sich aus Vorsicht krank melden lassen weil er aus den
trunknen Worten des Doktor Fausts auf großen Streit schloss der sich am Abend
ereignen könnte aber er wirkte in der Versammlung durch einen seiner Schwäger
welcher Jackel oder der dürre Jäger genannt wurde Dieser regte die Galle der
Bürger indem er ihnen ein Schimpflied in bayerischer Mundart wie es ihm die
bayerischen Reisigen wenn er auf die Jagd gehe vorgesungen mit grimmigem
Gesichte nachsang es berichtete von neun Schwaben die gegen einen Hasen zu
Felde gezogen und davon gelaufen sind Haring schrie wie seine Bassposaune er
wollte den Bayern schon zeigen dass sie sich in Schwaben auf die Hasenjagd
verständen Den Schlussstein dieses schwankenden Gewölbes öffentlicher Ruhe und
Gesetzlichkeit nahm der Türmer vom Augsburger Tore wo Bertold auferzogen
indem er berichtete dass am Morgen der Graf Konrad mit einigen Reisigen sich da
umgesehen und die geputzten Bürgerfrauen und Bäuerinnen die aus und
eingezogen mit dem Blut einiger Tauben und Krähen die sie geschossen
besprützt habe dass dadurch bei dem trüben schwülen Himmel das Gerede
entstanden es habe Blut geregnet »Die Gotteslästerer« rief Haring »das
neue Kleid meiner Frau so zu verderben Blut soll es regnen aber ihr Blut«
So endete die Versammlung nach der Messe es wurde dabei wacker gezecht dass
mancher nicht das Gebot des Schweigens vernahm das sich auch auf alle
erstreckte die mit Bertold in Verbindung standen Haring selbst konnte gegen
Frau und Kind die Heldentaten nicht verhehlen die er beabsichtige wenn ihm
einer in den Weg träte Sein Söhnchen prahlte mit diesen Heldentaten gegen den
Reisigen der dort in Wohnung lag Der Reisige lief zu seinen Kameraden ihnen
zu erzählen dass bei dem Feste etwas gegen sie unter den Bürgern im Werke sei
Sie beredeten sich wie sie einander nahe sein wollten und wie sie sich gegen
die Menge stellen wollten um im Falle ihre Feinde überlegen wären des Auszugs
sicher zu sein Bei ihnen galt Konrad für ein leichtsinniges unerfahrnes
Grafensöhnchen das eine Liebschaft mit Frau Anna habe und alles ausschwatzen
könne ihm blieb alles verschwiegen So erfuhr Anna von keiner Seite etwas von
den Besorgnissen denn alle die zu ihrem Hause gehörten waren seit Bertolds
Abfall von Herzog Ulrich nicht mehr in den Zünften erschienen um Vorwürfe gegen
Bertold nicht anhören zu müssen
Grünewald und Anton saßen den Morgen einsam in ganz verschiedner Quälerei
und Betrachtung Anton hatte den alten Anno angekleidet der sich zur Taufe im
reinlichen Wams zeigen wollte dann hatte sich der Alte zu seinem Geberbuche
hingesetzt und Anton zu seinem Zeichenbuche Anton hatte lange gebetet dass eine
heilige Mutter mit dem Kinde seiner Seele sich darstelle die vollkommener und
reiner das Wesen derselben zeige als jene die er am Hausgiebel gemalt hatte
Aber immer deutlicher schwebte ihm dieselbe Gestalt vor Schon gab er sich
verloren weil er das Bild nur verderben könne wenn er es ändern wollte und
wollte sich gar nicht die Mühe geben es aufzuzeichnen Aber endlich riss er doch
so in Gedanken um die Hand zu beschäftigen das Bild auf wie es ihm
vorschwebte Die Arbeit unterhielt ihn in emsiger Tätigkeit und erst wie es
fertig war erkannte er zu seinem Erstaunen es sei dasselbe und doch ganz
anders wie jenes das er auf den Giebel gemalt habe Es war so viel fester
reiner erdenfreier als jenes dass ein gemeines Auge den Ursprung aus jenem
übersehen hätte die Ähnlichkeit war nur noch ihm kenntlich Seine Seligkeit
hatte keine Grenzen aber je freudiger und reiner er zu dem erhabenen Abbilde
das sich ihm dem unwürdigen Arbeiter geschenkt betete desto unruhiger füllte
ihn Annens Bild mit Wünschen die er nie gefühlt mit einer Sehnsucht der er
sich gern entzogen hätte Ihm schauderte vor dem seltsamen Abende der seiner
wartete Die harte Arbeit die er in der Zeit ertragen machte ihm den Müßiggang
des Sonntags gefährlich ruht die Mühle so füllt sich der Mühlteich und tritt
über die grüne Wiese die er bisher nährte
Grünewald saß in der neu erbauten Kapelle da wo Bertold die Nachricht
erlauschte dass ihm ein Kind geboren werde und wollte ein Freudenlied auf die
Taufe dichten wie er deren unzählige auf alle Kinder für Geld gemacht Aber
kein Reim wollte sich zu allen unzähligen freudigen Anfängen finden lassen die
er hinaus stieß Diese Seltsamkeit rief ihm die Geschicke des Hauses zurück er
gedachte des Bergmanns er sah um sich und fand eine wunderherrliche reife
Frühbirne unter den Blumen des Grases Diese nahm er auf und zeigte sie dem
Kinde das von Annen in den Garten getragen wurde und sprach dazu in Reimen
Nimm auf die abgefallne Frucht
Es ist die süßeste von allen
Es hat sie keine Hand versucht
Weil über ihr die Blumen wallen
Ich aber sah nach allen Zeichen
In dieses Tages Müßiggang
Und konnt ihr nicht vorüber streichen
Mich hielt ihr Duft mit süßem Zwang
Sieh an des Fusstritts Einsamkeit
Der hier zu der Kapelle lenket
Du warst mit dir in stillem Streit
Als ich ein Zeichen dir geschenket
So führt ein Zeichen zu dem andern
In meines Glückes Müßiggang
Wir wollen jetzt nicht weiter wandern
Es füllt mein Herz ein naher Klang
Glück auf so klingt es aus dem Grund
Als wenn ein Bergmann ihn durchdrungen
Es grüßt dies Kind sein frommer Mund
Weil er nach ihm so kühn gerungen
Im harten Fels fand er die Quelle
Zu einer Taufe Freudenbund
Jetzt strahlet sie zur Sonnenhelle
Doch dringt kein Strahl zum schwarzen Grund
Grünewald erschrak einen Augenblick als er den letzten Reim gesprochen das
Wort hatte sich ihm im Munde umgedreht er suchte seine Verlegenheit in eine
andre zu stürzen er unterhielt einmal wieder Annen mit seiner Liebe Anna war
wohl nicht so heiter gestimmt wie sonst wenn sie über seine Leidenschaft
scherzte sie sagte ihm mit Empfindlichkeit dass er in einem Alter sei dem
dergleichen Verwirrungen nicht mehr wohl ständen und in einer Zeit lebe die
mit ernsteren Dingen beschäftigt wäre Grünewald hatte nie eine Ahndung gehabt
dass er so ernstaft genommen werden könnte er flehte um Rat bei der zürnenden
Anna was er tun solle um ihr wieder zu gefallen und dass sie ihm nicht mehr
zürne aber sie sagte ihm von der Sonne und dem unruhigen Kinde geplagt ein
kurzes »Gott befohlen« und ging in ihr Haus »Wäre ich nur Anton« rief er ihr
in seinem Zorne nach es ärgerte ihn dass er einst von Anton ein Bett angenommen
habe
Die Kapelle am Brunnen wurde zur Taufe geschmückt und das vertrieb den
ärgerlichen Grünewald weil er nun nicht mehr mit sich reden und zanken konnte
Er setzte sich in einen Winkel des Brunnenhauses um seinem Verdrusse recht
nachzudenken und ihn ganz aufs reine zu bringen Es erschien ihm wie ein Befehl
von Frau Annen dass keiner der da Wasser holte am Brunnen nach ihm frage ihn
zum Feste einlade ja dass manche sogar seinem Ansprechen nur kurze Antwort
gaben Er gedachte nicht der Eile die das ganze Haus zur Bedienung der Gäste
mit einem Vesperbrote beschäftigte Seine traurigen eingebildeten Geschicke
dass er hungre und niemand ihn zum Vesperbrote lade schnürten ihm die Kehle zu
er rang die Hände und weinte dass wieder ein Mensch zu gleichem traurigen
Geschicke in die Welt gesetzt und getauft werde Der Gram öffnete sich endlich
eine Ader in der Zunge und es strömte eine trauervolle Wahrsagung über das Kind
das jetzt vom frommen Anno in feierlichem Zuge der Bürgerschar vorbeigetragen
wurde
Auf Menschen sollst du nicht vertrauen
Sie kennen nur die eigne Not
Es überkommt sie leicht ein Grauen
Und du lebst einsam in dem Tod
Vertrau dem Wort in deiner Seele
Das dir nicht eigen du bist sein
Es dringt aus freudenselger Kehle
Es klingt in deinem Jammerschrein
Die Glocke wird umsonst geschwungen
Trifft sie kein harter Hammerschlag
So wird das Wort von dir errungen
Du bebst dem Klange lange nach
Der Kindheit Schrein und Freudenlallen
Hat manchen ernsten Mann belehrt
Das Wahre muss uns erst gefallen
Das jeden in sich selbst bekehrt
Des Paradieses Frucht bewahre
Der Apfel reift zur Weihnachtszeit
Und du wirst selbst das ewig Wahre
Suchst du des Schönen Seligkeit
Neunte Geschichte
Der Kampf am Brunnen
Frau Apollonia ihrem Schwure treu das Haus der Tochter nicht zu betreten ging
von der heiligen Taufhandlung der sie als Zeugin beigewohnt hatte sogleich am
Brunnen vorbei nach ihrem Hause zurück Sie sah Grünewald im Winkel sitzen und
meinte er sei eingeschlafen dort und vergessen worden Sie trat zu ihm und
sagte »Wacht auf geht zum Schmause wenn Ihr gleich die heilige Taufe
verschlafen habt« »Ich schlief nicht« antwortete er »aber ich wollte dass
ich geschlafen hätte da hätte ich nicht gesehen was ich nicht sehen sollte«
»Was saht Ihr denn wieder« fragte Apollonia bestürzt »Ich sage nichts«
antwortete er »ich habe hier sehr ernst nachgedacht über alle Ereignisse meines
Lebens ich bin ein ganz andrer Mensch geworden ich will schweigen wie ein
Kartäuser das ewige Reden Horchen und Wiedererzählen was ich nicht lassen
kann rührt all den Schlamm in dem blumig bewachsenen Behälter des menschlichen
Herzens auf hier ging einer vorüber der mich auch für schlafend hielt Habt
Ihr keinen bei der Taufe unter den Bürgern vermisst« Apollonia fragte kleinlaut
»Anton« Grünewald nickte aber er sagte kein Wort denn er bemerkte Sabinen
die an der Tür ihnen zuhorchte Apollonia ging mit Achselzucken fort aber
Sabina trat jetzt zu ihm erzählte ihm ganz offen dass sie eine Neigung zu Anton
habe ihre Schwester Verena auch und dass sich Anton gegen sie zwar nicht
zärtlich anstelle dass er ihr aber zuschwöre er sei mit ihrer Schwester auch
nicht vertraulicher das habe sie so hingehalten weil sie geglaubt es werde
noch die Zeit kommen wo sein Herz gegen sie erwache Neulich sei sie ihm
nachgeschlichen als ihre Schwester ausgegangen da habe sie ihn mit Frau Anna
in Unterredung gehört und sie hätten aber leise geflüstert dass sie nichts
verstehen können Bei dieser ihm zuverlässigen Entwickelung überlief Grünewald
die Galle er fluchte auf Frau Anna schwor dass er keine Stunde länger in der
Stadt leben sondern sich der Kette entreißen wolle möge Stadtvogt werden wer
Lust habe mit seiner Zither und seinem Mantel sei er noch immer jung wenn
gleich sein Scheitel kahl und sein Haar grau geworden Sabina sah ihn verwundert
an wollte ihn halten meinte es sei nicht sein Ernst aber er lief ihr zur
Warnung mit Abscheu aus dem Hause aus der Stadt wie die Sturmvögel den
Schiffern dadurch zur Warnung dienen dass sie sich selbst in Sicherheit bringen
und die Küste zu erreichen suchen
Obgleich Frau Anna bei der durch die Kriegsgeschicke so lange verspäteten
Taufe selbst hätte gegenwärtig sein und den Schmaus durch ihre Gegenwart beleben
können so war doch das erste gegen die Sitte und das letzte bei der Abwesenheit
ihres Mannes unschicklich Sie hatte Grünewald gebeten die Stelle des Wirts als
Stadtvogt zu übernehmen aber sie sah ihn nicht wieder seit dem Morgen wo sie
sich mit ihm gestritten hatte Sie war daher verwundert als sie vernahm er sei
nicht beim Mahle erschienen und die Stelle des Wirtes sei noch unbesetzt Sie
erhielt diese Nachricht in unbequemer Überraschung durch Verena die sie an den
Schenktisch gebannt glaubte nachdem sie schon Anton in ihre Zimmer und zwar
zuerst in das geführt hatte wo Meister Sixt an dem großen Familienbilde gemalt
hatte um sich die Farben vor der Dunkelheit zu bereiten Gleich schickte sie
das Mädchen mit der Bitte zur Mutter dass sie diese Stelle übernehmen möchte
Diese schlug es ihr rund ab noch tiefer gekränkt durch das was ihr Grünewald
vertraut hatte Die Gegenwart der Mutter hätte vielleicht dem Unglück
vorgebeugt Anna sagte verdrießlich zu Verena sie solle zurückeilen den
Ehrenplatz des Wirts möge einnehmen wer da wolle Kein Bürger hielt sich bei
der Abwesenheit des Bürgermeisters zu dieser Ehre bestimmt so kams dass sich
Graf Konrad dahin setzte und Faust den er auf einmal vertraulich kennen und zu
ehren schien die Oberstelle neben sich einräumte was manche Bürger so kränkte
dass sie augenblicklich das Fest verließen Den andern versenkte der gute alte
Wein aus Bertolds Keller allen Ärger Sorge und Vorsicht viele Gesundeten
wurden von Konrad aufs Wohl der Stadt ausgebracht Auch der Tanz wurde nach
Aufhebung der Tische mit freudig taumelnden Herzen von der Jugend unter Konrads
Anführung ausgeführt während Faust mit Kunststücken die fast wie Hexerei
aussahen die älteren Leute und die Kinder um seinen Tisch sammelte Er fragte
nach manchem endlich auch nach Anton aber keiner hatte ihn gesehen Doch
Sabina trat zu ihm und sagte ihm etwas ins Ohr Gleich warf er sein Kartenspiel
fort sprang vom Tische auf und redete mit Konrad leise
Unterdessen war Anton sehr fleißig gewesen Als der Aufgang des Vollmonds
nahe schien glaubte es Anna die rechte Zeit Anton in ihr Schlafzimmer zu
rufen Sie löschte das Licht als ob sie zu Bette gegangen und rief ihn nicht
ohne Zagen hinein Anton wurde von ihr aus einer Träumerei erweckt deren
Gegenstand sie war Diese Vertraulichkeiten waren ihm gefährlich die
Heimlichkeit erregte sein Blut dass er fürchtete nicht sicher und ordentlich
malen zu können Er trat ein mit den Farben und legte alles auf das
Fensterbrett aber da es noch nicht hell vom Mondschein so setzte er sich zu
Anna in die Nähe des Fensters wo sie den Aufgang des Mondes beachten konnten
Sie sprachen gleichgültige Dinge aber doch fühlte er ein Niegefühltes über das
er nie Herr werden könnte in sich jung werden alle Seligkeit welche ein
jugendlich träumendes Herz in der Liebe ahndet Wie ein Mäuslein das einen
reichen Tisch im Dunkel wittert sich aber noch nicht verraten mag so saß er
still mit glänzenden Augen und immer rief es in ihm das ist meine Nacht meine
Anna mein Haus mein Kind Auch Anna fühlte ein Wohlwollen gegen ihn dass er
sie aller Sorge entreißen wolle indem er das Bild ändre und nach Nürnberg
ziehe und sprach zu ihm »Lieber Anton hier ist Reisegeld nach Nürnberg«
»Es ist noch nicht verdient« erwiderte Anton »Ihr seid so gut jetzt tut es
mir erst leid dass ich wandern soll aber ich will Eurer Unterstützung Ehre
machen bei Dürer ich komme wieder als ein berühmter Meister oder nimmermehr«
Nimmermehr dachte Anna aber sie sagte es nicht um ihn nicht zu kränken
»Die Zeit wird auch kommen« sagte sie Er hatte sich vor ihr auf ein Knie
niedergelassen und ihren Fuß geküsst sie drückte mit dem Fuß ganz leise seine
Hand die er ihm als Teppich untergelegt hatte Die Blüten der Orangen wehten
jetzt ins offene Fenster und Anna sagte »Steht auf Anton der erste Rand des
Monds steigt über die Häuser wie ein umgestürztes Glutschiff er ruft zur
Arbeit dass er nicht untergeht ehe Ihr fertig seid« Sie wollte ihm die Hand
reichen um ihm aufzuhelfen aber nach dem Monde schauend verfehlte sie die
Hand und fuhr über den schönen Umriss seines Gesichts dass er sich lebendig in
ihr gestaltete sie hätte ihn in Ton darstellen können wenn sie die Bildnerei
damals schon getrieben hätte »Nun weiß ich wie es den Blinden geht« sagte sie
verlegen »und wie sie die Leute kennen« Und er entgegnete »Und ich weiß
nun wie einem Menschen zu Mute der sehen lernt denn mit Eurer Hand kamen mir
die ersten Strahlen ins Auge und nun sehe ich schon Euer Antlitz im
Mondenschein« Er erhob sich und sehnte sich zu ihrem Munde denn seine Hände
waren von der Arbeit gehärtet und er fürchtete mit einem Druck derselben sie zu
verletzen so schwankte er nach ihrem Munde und wieder zurück und er konnte sie
nicht erreichen denn schon stand der reine Mond über der Erde und die
Wolkenengel verbargen scheu im Kreise umher ihre Angesichter unter farbigen
Flügeln »Der Mond ist rund und voll« sagte Anna »er schaut durchs Fenster
wie Ihr damals an meinem Hochzeitmorgen der Markt ist leer drüben ist alles
beim Tanze eifrig versammelt eilt Euch lieber Anton hier ist der Mantel der
Verena hängt ihn um diese Tücher über die Leine so kann Euch niemand sehen
viel weniger erkennen« Anton folgte ihrem Befehl ohne Anstand und wie er so
verkleidet hinaustrat stand nicht Anna sondern das heilige Bild vor seinen
Augen das ihn am Morgen mit seinem Umriss beglückt hatte Die Beleuchtung war
hinlänglich er hätte ohne Licht sehen können so war seine Stimmung Kein
Pinselstrich misslang die kräftige Farbe überdeckte bald die schwächere seines
ersten Bilds das in seinem Umriss sehr leise und sogar unbestimmt gehalten war
Kaum zwei Stunden angestrengter und doch nicht gefühlter Tätigkeit bedurfte
es um beide Gesichter dem Höheren zu nähern was seiner Seele vorschwebte aber
ohne zu zerstören hätte er jetzt in den nassen Farben nicht weiter ausführen
können »Für diese Höhe wird es gut genug ausgeführt sein« sagte er zu Annen
niederblickend die ungeduldig der Beendigung harrte »Es ist gewiss recht gut
und beendigt« sagte sie und reichte ihm den Arm dass er sicher von dem
Blumenbrett auf den Stuhl und von da zur Erde kam »Euer Geld ist wohl verdient
denke ich« sagte sie ihm dann indem sie ihm einen Geldbeutel in seine Tasche
steckte »Ihr habt so eifrig gemalt es wird gewiss ein tüchtiger Maler aus Euch
ich habe Euch so in aller Stille beobachtet« »Darf ich denn keinen Augenblick
zum Abschiede in Eurer Nähe verweilen« antwortete er traurig »wer weiß ob wir
uns je wieder sehen Krieg und Pest wüten in der Welt« »Hier dürft Ihr nicht
weilen« sagte Anna »aber ich will Euch noch auf einige Schritte bis zur
Haustüre das Geleite geben damit Ihr heute meinen guten Willen gegen Euch
kennen lernt morgen früh dürft Ihr nicht mehr unsern Turm sehen das gelobt
mir Ihr möchtet sonst das Geld vergeuden« Anton versprachs und beide gingen
leise die Treppe des leeren Hauses hinunter zum Haustore Das Tor war aus
Vorsicht vor den Leuten die alle zum Tanz hinüber nach dem Rataus gelaufen
fest verschlossen Unbekümmert wendeten sich beide nach dem Garten gingen in
der gekühlten Nachtluft einige Schritte in den Gängen und setzten sich dann am
Brunnen »Rauschte nicht etwas neben uns« fragte Anna und wollte schon wieder
in ihr Haus zurückkehren Aber es fiel ihr ein dass Anton könne erkannt werden
und sie fuhr fort »Es ist gut dass Ihr vergessen habt den Mantel Verenas
abzulegen hier setzt noch meinen Schleier auf so wird Euch keiner erkennen bei
der Menge fremder Menschen welche der Sonntag und die Taufe in die Stadt
geführt hat« Eben wollte sie fortgehen da hörte der Brunnen zu fließen auf
sie bemerkte diese wunderbare Erscheinung und sagte »Seht da ist die Arbeit
doch vergebens gewesen er hat die Dürre dieses Monats nicht überstanden er ist
eingetrocknet« »Es ist nur der Überfluss« meinte Anton »der überzufliessen
aufhört für Euer Haus ist er immer noch reichlich gefüllt« »Der Überfluss ist
doch schön« sagte sie »ich wollte nicht dass es ein Vorzeichen für das
Schicksal unsers Hauses würde«
So sprachen sie noch ihre Gedanken aus über den seltsamen Vorfall und keiner
dachte an sich da hörten sie die Musik des Kehraus in dem Hause der Mutter und
sahen viele Kerzen Anna hasste diese Tanzweise sie wollte sich fortflüchten
nach ihrem Hause aber gleichzeitig kam ein andrer Zug mit der verhassten Musik
durch ihr eigenes Haus in den Garten So waren sie in dem Brunnenhause
eingeschlossen und mussten hoffen dass keiner der beiden Züge dahindrängte Aber
wie verabredet zu ihrem Verderben sahen sie jetzt Faust mit seinem Zuge der zum
Schlusstanze geordneten Paare von der Mutterseite und Graf Konrad mit gleich
starkem Zuge vom Hause gegen den Brunnen ziehen bei Faust leuchtete Sabina mit
einer Fackel voraus bei Konrad Verena »Gewiss hat Sabina uns hier gesehen«
rief Anton »wie werden sie Euch alles zum Schaden deuten lebt wohl ich
verberge mich im Brunnen ich verstehe das Untertauchen« Aber Anna hielt den
Übereilten an dem Mantel fest auch trat schon Faust mit seinem Zuge von einer
Abteilung Musiker begleitet herein »Teufel« rief Faust »da finde ich endlich
eine Tänzerin waren doch alle andern schon gepaart« und nahm die Hand Antons
indem er zu Konrad der mit seinem Zuge von der andern Seite eindrang unter
boshaftem Lachen die Tanzreime des Kehraus sang »Und als der Großvater die
Großmutter nahm da war der Großvater ein Bräutigam« Konrad ergriff mit
gleichem Ungestüm Frau Annens Hand und so gings in dem Drange von beiden
Seiten um den Brunnen herum Faust machte mehrere Bewegungen mit Durchschlingung
der Arme um Anton Schleier und Mantel zu entreißen aber beide waren durch eine
zum Knoten gezogene Schleife befestigt »Holde Schönheit« schrie endlich Faust
zu Anton »ich kann nicht mehr leben wenn ich dich nicht sehe« Anton wagte
jetzt sein Letztes er sprang zu Konrad und raunte ihm ins Ohr »Ich bin Anton
dein Bruder rette mich gegen den Zudringlichen« Aber Konrad antwortete laut
»Hört dies Riesenmädchen ist ein Mann seht ihn an Frau Anna mag viele Männer
um sich leiden wenn sie nur einen Schleier tragen« Er hatte in dem Augenblicke
das Drachenmesser aus Frau Annens Gürtel gerissen um jenes Band am Schleier
zur Beschämung Annens aufzuschneiden Faust aber schlug so begeistert den Takt
des Tanzes umher dass er dieses Messer tief in Antons Arm an eben der Stelle
einschlug wo er damals die Ader öffnete um die Transfusion des Blutes zu
bewirken Ein Blutstrahl sprang aus der Ader über den Brunnen nach Frau Annen
hin Mantel und Schleier sank von der Schulter Antons alle erstarrten und
Konrad rief »Ich bin unschuldig an dem Blute« Frau Anna sank erblasst am
Brunnen nieder ihr letztes Wort war »Fluch und Rache über euch« Anton sah und
hörte nur sie und sein Zorn machte sich frei Mit einem Faustschlage traf er
Faust dass er an die Seite taumelte mit dem andern Konrad der ihn halten
wollte Das Geschrei der Frauen verkündete gleich außerhalb Mord und Totschlag
Konrad stürzte blutend aus dem Brunnenhause
Die Reisigen waren gleich beisammen sie sahen ihres Führers Blut sie
nahmen ihn in ihre Mitte zogen ihre Schwerter und machten sich Luft um nicht
im engen Gartenraume von den Bürgern die sie dazu eben vorbereitet und im Werk
glaubten gegen die Mauern gedrängt und erschlagen zu werden Haring rief nahe
den Reisigen die Bürger zusammen aber ehe er noch seinen Degen aus der Posaune
ziehen konnte stürzte ihn ein Reisiger auf die Posaune diese schob sich
zusammen und die Spitze des Degens in seine Kehle so dass er als der erste Tote
fiel Die Bürger konnten in Überraschung erst allmählich zu ihren versteckten
Waffen kommen sie konnten den Auszug der Reisigen aus dem Garten und dem Hof
auf den Ratausplatz nicht hindern wo diese sogleich die Hauptstraße besetzten
um zu ihren Pferden zu gelangen und im Notfall abziehen zu können
An Harings Blute erhitzte sich das Blut aller Bürger Umsonst suchten
verständige Frauen und Töchter ihre Männer und Brüder von dem Kampfplatze in
ihre Häuser zu ziehen weil die Straßen in diesem Augenblicke noch größtenteils
frei waren während törichte Frauen aus Harings Verwandtschaft ihre Männer zur
Rache aufriefen indem sie ihnen schworen dass sie ihnen jeden Schimpf antun
wollten wenn sie das von den übermütigen Reisigen litten Der Bürgermeister
Kranz vermehre das wilde Geschrei mit seinen Klagen um den Faust den er blutig
fortführte er hatte keine Seele um auf die Leute in gutem zu wirken und kein
Herz sie in den Streit zu führen Sein Schwager der dürre Jäger vereinigte
dagegen alle Bürger die sich allmählich bewaffnet einfanden mit dem Geschrei
»Blut will Blut wir sind zehne gegen einen«
So tobte die Menge der Bürger ihm nach auf den Marktplatz die Reisigen
anzugreifen während dort das Geschrei das Rasseln der Rüstungen das Schlagen
der Waffen das Trotzen und Aufmuntern der Mutigen mit allem Jammer und
Hülferufen der Bedrängten und der Frauen aufloderte das Getrappel der Pferde
das Bellen der Hunde mit Feuerlärm sich mischte versank der Garten in eine
tiefe Totenstille
Anna erwachte erst in dieser Stille eine niedergefallene Kerze hatte ihr
Haar ergriffen sie glaubte in Feuer zu stehen aber in dem Augenblicke wo sie
sich bewegte sank das Haar knisternd in das Brunnenbecken neben welchem sie
lag Das Haar war verloren wie bei einer Nonne ihr Leben war gerettet sie
besann sich und ergriff die Kerze welche am Boden lag und richtete sich auf
Da erkannte sie dass sie nicht geträumt habe und sah Anton entseelt
ausgestreckt über die Stufen des Brunnens mit seinem Zorne war auch seine Kraft
um so schneller durch die geöffnete Ader entströmt Sie sah ihr Kleid von seinem
Blute gerötet es rief in ihr mit einer fremden Stimme als wäre es Bertold
der es ihr zuriefe »Armer Anton junges Blut« Und sie musste mit Verzweifelung
sich zurufen »Anna Alma du trägst sein Blut du trägst die Schuld seines
Todes der Brunnen der Gnade hat aufgehört zu fließen du kannst deine Seele
nicht rein baden«
Wer möchte ein zweites Erdenleben um die Verzweifelung eines so reinen
Herzens erkaufen Guter Bertold du warst betrogen armer Anton dir kostets
dein junges Blut Die Verzweifelung trieb Annen jedes Mittel zu versuchen das
ausströmende Blut von Antons Wunde zu stillen sie schrie umsonst nach Hilfe
die Raserei und die Furcht des Kampfes betäubte alle Bewohner der Häuser Sie
zerriss Schleier und Mantel um das Blut zu stillen aber es war zu mächtig in
seinem Andrange Endlich kniete sie nieder als ihre Kraft ihre Einsicht
erschöpft waren flehte zu allen Heiligen denen sie sich je empfohlen und
heftete ihre Lippen auf die Wunde ohne zu wissen was sie tat So still betend
hoffte sie zu vergehen und zugleich mit dem dessen Tod sie in falscher
Klugheit verschuldet vor dem Richter der Welt zu stehen
Wird sich die Wunde nicht schließen bei dem Gebete bei dem Drucke so
schöner Lippen Der Lärmen des Kampfs stillt sich die Reisigen drängen sich
fliehend zum Tore hinaus die Bürger ihnen nach die Verwundeten sind
heimgetragen die Toten schweigen und die Nacht wird still dass Anna die
Mühlenräder in der Rems und die Räder der Turmuhr in ihrem festen gleichen
Gange zusammen hören kann mit ihrem heftig schlagenden Herzen Ein Glaube dringt
mit dem Glanz der Sterne in ihr Herz sie werde vergehen oder Anton werde mit
der Sonne erstehen die Augen aufschlagen sie von der Schuld seines Todes
befreien und ihre Unschuld bezeugen wie der glühende Stahl in der Hand
angeklagter Frauen ihre Unschuld im Gottesgerichte beweist Ihrer Unschuld sich
bewusst drückt sie ihn so fester an sich schließt die Todeswunde um so fester
mit ihren Lippen ihre Lippen mit ihrem Gebete ihren Gram mit ihrem Glauben und
wird nicht müde dieses angestrengten heilenden Willens Alle andre Sorge
schweigt in der einen um Antons Leben keine Ahndung sagt ihr dass Bertold von
derselben Gewalt die ihn heilte entseelt auf den Leichensteinen seiner
Voreltern ruht keine Ahndung ruft sie an die leere Wiege ihres Kindes das
jetzt gebettet in Konrads Stahlschilde von hartem Trabe eingewiegt wird Faust
hat es entführt und dem Grafen Konrad übergeben Verena ist dem Hause entflohen
als sie das Kind nicht gefunden hat und Apollonia ins Kloster geflüchtet dem
sie einst vorzeitig entrissen wurde um dort ihre Tage zu beschließen Welch ein
Morgen der solchen Jammer erhellt aber Anna hofft auf Zeichen und Wunder
Anton wird erwachen das glaubt ihr Herz das erfüllt ihre Gedanken wie die
Verheißung des ewigen Lebens die gläubige Seele dass sie der irdischen Sorge
entrissen den Himmel mit ihren betenden Lippen zu berühren mit ihren
ausgestreckten Armen zu umfassen glaubt
Zweiter Band
Aus dem Nachlass
Vorwort von Bettina von Arnim
Zum Erstdruck 1854
Der erste Teil endet mit Annens feurigem Gebet um Antons Leben Indes der
Kampfeslärm sich verzieht die Reisigen aus den Toren fliehen die Bürger
nachdrängen Verwundete hineintragen und die Toten in lautloser Nacht verlassen
sind heftet sie aus besinnungsloser Verzweiflung erwachend ihre Lippen auf
die Todeswunde und schließt sie mit ihrem Gebet ihrem Gram und ihrem Glauben
sie werde zu Grunde gehen oder Anton mit der Sonne erstehen und sie von der
Schuld seines Todes befreien Keine Ahnung mahnt sie dass ihr Kind durch Faust
der Wiege entrissen von Graf Konrad in raschem Trabe davon getragen wird Keine
Ahnung sagt ihr dass Bertold von Geistern seiner Ahnen fortgerissen durch
dieselbe Gewalt die ihn heilte jetzt ihn entseelt zwischen Leichensteinen auf
des Stammvaters Gruft niedergeworfen hat Kein Donnerschlag erweckt wieder den
sanft Hingesunkenen dessen Armader die fremden Blutwellen entströmen während
der Mönch der ihn dahin geleitet hatte nun vor seinem gehörlosen Ohr von dem
schwarzen Gedächtnisstein abliest wie ein Geschlecht gehe und das andere komme
indes die Erde unbewegt bleibe
Im Eingang dieses zweiten Teils der Kronenwächter deutet alles darauf dass
hier noch kein befruchtendes Gewölk auf ihn niedergeregnet war um ihn von dem
Staub der auf Pergamente sich senkt denen der Tatenlauf von Jahrhunderten
vertraut ist zu befreien Der Geist der diesen ersten Teil aufzeichnete war
längst entflohen ehe er den folgenden mit letzter Hand berührt hatte daher
sein Werk nicht völlig mit den Ereignissen des ersten übereinstimmt obschon ein
harmonischer Einklang gefühlt wird der den Verehrern dieses schönen feurigen
Buchs um so anregender sein muss weil er sie auch tiefer in die Werkstätte
desselben einführt der noch einmal aus seinem Dichterhimmel unter die rollenden
Donnergewölke unserer Zeiten herableuchtet
In diesem zweiten Band ist das Kind Oswald noch in der Mutter Obhut und
Bertold im Grabgewölbe der Waiblinger Bürgermeister beigesetzt auch tritt
Faust als früher noch nicht dagewesen auf was alles dennoch nur auf
Namenwechsel beruht welche die Überarbeitung des ersten Bandes herbeigeführt
haben mag
Anton ist wieder zum Leben erwacht Anna will aus Mitleid ihn nicht von sich
lassen und pflegt ihn in seiner Schwäche obgleich auch die Mutter ihm das Haus
verbietet das gibt neuen Streit zwischen beiden Anna bewährt ihren Eigensinn
sie wird das Gespött der ganzen Stadt niemand will mit ihr zu tun haben die
Geistlichen sogar dringen auf eine bessere Lebensweise ihr Eigensinn mehrt
sich Anton will fort sie lässt es nicht zu denn es kommt die Nachricht ihr
Mann sei auf einer Sendung von einzelnen Plünderern aus Herzog Ulrichs Heer
umgebracht worden
Nach Antons Genesung als er den ersten Schritt aus dem Bette tun sollte
stand sie vor ihm und winkte aus der Ferne wie einem Kinde das laufen lernt
und als das Riesenkind auf sie zu kam da gab sie ihm einen zärtlichen Kuss und
feine Hemden die besten aus des Mannes Nachlass Anton der vom Liegen doch
etwas herabgekommen war hatte zu viel mit seiner Esslust zu schaffen um diese
Liebeszeichen nach dem vollen Werte aufzunehmen er dachte erst an die
Bedeutung als ihn einer seiner Kameraden fragte ob er bald Hochzeit mache Nun
hielt er aber von unnützen Reden nicht viel er machte Frau Annen keine weiteren
Erklärungen sondern nach ein paar Monaten wo die Gesetze weiter nichts gegen
eine zweite Vermählung einwenden konnten sagte er ihr er habe nirgendwo so gut
geschlafen wie in ihres verstorbenen Mannes Bette wo er versteckt gewesen sie
solle ihn wieder dahin betten Sie nannte ihn wohl einen Grobian einen Esel
hielt ihm auch eine lange Ermahnung wobei sie ihm die Halskrause in Ordnung
legte letztlich aber sagte sie wenn er ihr eine gute Aufführung verspreche so
wolle sie sich den nächsten Sonntag mit ihm in aller Stille wie es einer Witwe
gezieme trauen lassen Anton war außer sich vor Freuden tanzte im Zimmer herum
und bat sie seine Ungeschicklichkeit in dem neuen Stande zu verzeihen und ihn
zu belehren er wollte sicher alles nach ihrem Willen tun Sie machte ihm nur
eine Bedingung dass er seine alten Kameraden und das Weinhaus nicht wieder
besuchen solle sie hätte alles sogar Hunger und Durst von ihm fordern können
er hätte in dem Augenblicke alles versprochen Bei der Hochzeit waren nur ein
paar Verwandte gegenwärtig viele waren durch das Gerede und durch die
Schnelligkeit dieses Übergangs zur zweiten Ehe beleidigt doch keiner beneidete
Anton in den Besitz eines so ansehnlichen Vermögens zu kommen jedermann
meinte wenn es einer hätte sein sollen so wäre es dem armen Schelm doch eher
als einem andern zu gönnen Der erste Monat war ganz glücklich Frau Anna war so
unerschöpflich in Zärtlichkeiten gegen Anton dass jeder erstaunte der sie so
kalt gegen ihren ersten Mann gesehen hatte Anton durfte keinen Schritt ohne sie
aus dem Hause gehen denn ihre Eifersucht war nach Witwenart sehr groß Anton
hatte nun keine Beschäftigung als mit ihr zu sprechen er fing deswegen an was
er gelobt hatte zu erfüllen und den Altar in der Kirche vor welchem er getraut
worden mit einem neuen Bilde des großen Christophels dem er geweihet war zu
verzieren und dazu brauchte er sich selbst als Modell sowie er den kleinen
Stiefsohn zum Bilde des Jesukindes brauchte das jenem so viel Mühe machte über
das Wasser zu tragen weil es die Welt in seinen Händchen trug Diese Malerei
machte Frau Annen so stolz auf Mann und Kind dass sie eines Abends einige alte
Freundinnen zu sich bat um es ihnen zu zeigen weswegen Anton Erlaubnis
erhielt in der Stadt nach Farben und Pinsel sich umzusehen Ohne an etwas
anders zu denken ging er vor dem Ratskeller vorbei vor welchem alle seine
alten Trinkgesellen unter einem frischen Dache von abgeschnittenem Weinlaube
zechten alle grüßten ihn einer rief ihm einer sprang auf fasste ihn beim Arm
er wollte weitergehen es fasste ihn ein anderer beim zweiten Arm beide küssten
und herzten ihn fragten wie er sie so ganz vergessen ob die Frau ihn unter
dem Pantoffel habe er schämte sich und folgte ihrem Ziehen und Nötigen mit
langsamen Schritten Bedenklich saß er am Tische und forderte keinen Wein da
trank ihm ein Gerber auf seiner Frauen Gesundheit ein Glas zu dem musste er
Bescheid tun er forderte Wein trank er fand ihn besser als bei seiner Frau
die ihn heimlich bis zur Hälfte mit Wasser mischte ärgerte sich über den Betrug
und verlangte einen Schoppen nach dem andern Da gingen die alten Lieder auf
»Zu Klingenberg am Maine« und vom Muskateller sein Bass füllte wieder Keller und
Markt die Frau hörte ihn mit Schrecken bis in ihrem Hause widerklingen Kaum
waren alle recht lustig so wurde ein Kartenspiel vorgeschlagen Sixt war jetzt
der reichste von allen er konnte es nicht ausschlagen es machte ihm auch viel
Spaß sein Glück zu versuchen Er gewann erst dann verlor er und wollte wieder
gewinnen er glühte vor Ungeduld ob ihm gleich die Zeit so schnell verging dass
der Wächter längst abgerufen ohne dass er es bemerkt hatte das Singen und Toben
im ganzen Keller fing eine eigne Welt an die sich um jene außerhalb nichts
bekümmerte die Kellner liefen mit aufgeschürzten Ärmeln mit Henkelkrügen
Bechern Seideln Kühlkesseln dazwischen die Mägde brachten geräucherten
Schinken Braten jeder rief jeder neckte sich mit ihnen den stießen sie fort
jenen stießen sie an besonders aber den schönen Anton den sie immer am
schnellsten und besten bedienten und ihm den Rücken klopften so oft ihm etwas
in die unrechte Kehle war gekommen Die Wirtin setzte ihm sogar einen Kranz von
Weinlaub auf den Kopf und küsste ihn als ihren Bacchus da schrien die andern
»Frau Wirtin habt ihr uns nicht gern im Haus faldrida so jagt uns nur fein
gütlich hinaus faldrida Aber zum Sturmwind heißt dies Haus darum leben wir
alle im Saus Ich muss auch einen kriegen dass alle Balken biegen« Und der
küsste sie alle herzhaft Da rief einer »Martialis gefällt unsrer Gnaden der
trank so viel Hochbecher aus als viel seiner Buhlschaft Name Buchstaben
innhielt so muss mein Buhlschaft Be a er bar the o to barto el o lo tolo
Bartolo em e me lome tolo me Bartolome heißen Alsdann werd ich ihr des
öfter gedenken je öfter man wird einschenken O ihr lieben Weiber wie ein
guter Fund für euch auf diese Weise können die Männer beim Wein euer nicht
vergessen lasset nur tapfer einschenken heißt eine schon Anne so sag sie heiß
Peternellule« Bei diesem Ruf konnte Frau Anna die mit einem Regentuche als
Magd bedeckt ans offene Kellerfenster geschlichen war um ihren Mann zu
belauschen dessen Stimme sie hatte erschallen hören sich nicht langer halten
sie rief hinein »Anton Anton« Und die ganze Gesellschaft rief Frau Annen ein
Lebehoch und Segen der lustige Wachtmeister der eben gesungen sprang hinaus
nahm sie scherzend bei ihrem Arme achtete ihres Sträubens nicht und zog sie in
den Keller hinunter Durch diese Behandlung war ihre ganze Seele schon
aufgebracht sie musste sich gegen jemand entladen und da war niemand mehr
geeignet als ihr Anton der alles das Missgeschick veranlasst hatte sie trat zu
ihm und rief dass er mit ihr kommen solle aber er sah eben einen Kreuzbuben
fallen der ihm den Stich nahm und gab nicht acht Sie trat näher und rief
nochmals »Aber Anton« und winkte ihm er aber schüttelte ärgerlich mit dem
Kopfe weil es nur an einer Karte noch hing ob er alles Geld was er bei sich
hatte verloren da sangen Seger und Melchior zweistimmig »Die Weinlein die
wir gießen die soll man trinken die Brünnlein die da fließen die sollen
blinken Und wer ein steten Buhlen hat der soll ihm winken ja winken mit den
Augen und treten auf den Fuß es ist ein harter Orden der seinen Buhlen meiden
muss und noch viel härter dass ich dies hohe Glas aussaufen muss« Während dieses
Gesanges war sie dicht an sein Ohr herangetreten und sprach halblaut hinein
»Hörst du nicht du roter Weinschlauch mit deinem Kranze ich habe es wohl
gesehen wie dir die Metze den Kranz aufgesetzt hat und einen unehrlichen Kuss
dir gegeben ja lebte noch mein Mann sie sollte Busse tun hörst du noch nicht
Da siehst du auf Herzdame statt deine ehrliche Frau anzusehen die dich erst zu
einem Manne gemacht was warst du denn du Tunichtgut hörst du nicht« Bei
diesen Worten wollte sie ihm den Kranz abreißen der ihm übers Ohr hing
zugleich sah Anton dass er von seiner Frau gestört die Herzdame zu früh
ausgespielt hatte das Spiel was er gewonnen hätte war nun verloren
ungeduldig griff er um sich um seine Ohren frei zu erhalten und schlug seiner
Frau ohne Absicht hinter die Ohren Da war keine Zeit zum Entschuldigen schon
fiel sie ihm in die Haare er wusste nicht wie ihm geschah und da er nicht sehr
empfindlich war und in seinem Haupte ziemlich wankte so ließ er es mit sich
geschehen Seger aber sang »Fröhlich so will ich singen schlage dein Weib um
den Kopf ich muss dir diesen bringen zieh dein Weib bei dem Zopf das Lied das
will nicht klingen ich stopf dafür den Kropf« Anton ließ alles mit sich
manchen umsonst sagten ihm seine Kameraden er solle es nicht leiden er habe
zu viel angewöhnte Demut gegen sie er lachte während ihrer Schimpfreden und
Schläge hob sie endlich als der Wirt kam und sie beide ermahnte auf seine
Arme und trug sie wie ein Kind die Treppe hinauf nach dem Hause und in ihr
Zimmer Hier wirkte der Rausch nach kaum konnte er sie aufs Bett legen so
taumelte er selbst quer über das erweckte den Ärger der Frau von neuem über
beide Betten hingesunken war er eingeschlummert sie konnte ihn nicht von der
Stelle heben und hatte daher nicht einmal ihr eigenes Bette frei bald fasste sie
einen Arm dann ein Bein es war unmöglich sie begann ihn zu entkleiden ob er
vielleicht von der Nachtkühle erwachen werde dabei stieß und schlug sie ihn so
oft ihre Galle überlief aber alles umsonst wenn sie ihn eben erweckt zu haben
meinte schlug er unerwartet um sich dass sie einmal gegen den Kachelofen
geworfen wurde und dann drückte er sich noch fester ins Bette Sie musste sich
endlich entschließen ihm eine Decke überzuwerfen und sich selbst gleich ihm
quer über beide Betten zu legen um ihren Gram wenigstens ein paar Stunden zu
verschlafen Anton wachte früh auf er konnte sich erst nicht besinnen wo er
sei da fiel ihm denn eins nach dem andern ein und es reute ihn recht herzlich
er hatte seine Frau ungemein lieb und sah auch Tränen in ihren schlafenden
Augen er küsste ihr die Tränen ab und dann ihren Mund sie aber die von dem
Schrecken und Ärger sehr ermüdet war merkte von dem allen nichts bis er sie
zärtlich umarmte und sie seiner Freundlichkeit nicht mehr widerstehen konnte
»Ja sieh nur wie glücklich wir sein könnten« sagte sie ihm »wenn du keine
dumme Streiche machtest ich bin doch wahrlich noch hübscher als das freche
Wirtsweib und küsse dir gern einen Kranz statt des Kranzes den sie dir
aufsetzt und Wein geb ich dir so viel du magst alle Tage deine neun Maß und
Sonntags einen richtigen Ehrentrunk was kann dir denn dabei fehlen« Der
aufrichtige Anton konnte hier nicht unterdrücken dass er die Wasserverfälschung
an dem Weine entdeckt das ärgerte die Frau sie fuhr auf und sagte »Reinen
Wein willst du Tagediebe gib mir Geld dazu mein voriger Mann der so viel
verdiente trank nie andern als den ich dir gebe ja denk nur einer bald wird
dir nichts mehr gut genug sein und sonst nahmst du mit allem vorlieb« Anton
der ein Feind vom Zanken war beruhigte sie mit Liebkosungen er war in der
schönsten Friedenszeit nie so zärtlich gewesen wie heute nach dem ersten großen
Streit Das versöhnte die Frau bis zum Nachmittage wo ihr schon allerlei
Gerüchte von dem gestrigen Ereignisse zu Ohren kamen die sie gar sehr ärgerten
Sie fing von neuem an gegen Anton zu knuttern der sich zu seinem Altarbilde
recht begeistert gesetzt hatte sie sagte ihm wie sie gestern bei dem Bilde
als sie es den Frauen gezeigt ihn vor allen Männern herausgestrichen habe wie
fleißig wie ordentlich er geworden wie er nie mehr zu Wein gehe und mitten in
der Unterredung habe sie seine Stimme im Keller gehört und wie ihr das wehe
getan das könne sie nicht verschmerzen die Frauen hätten sie angesehen und
nicht gewusst was ihr fehle Als jene aber weggegangen da sei sie ihm
nachgegangen und habe ihren Jammer im Keller gesehen und nun fing sie mit allen
Vorwürfen und Klagen ihm die Geschichte zu wiederholen an dass Anton nach ein
paar Stunden in heller Verzweiflung aufstand und unter dem Vorwande sich Farben
einzukaufen vor dem Tore in frischer Luft sich zu ergehen beschloss Er kam auf
einen freien Platz mit Bäumen wo er oft mit seinen Kameraden Ball geschlagen
hatte er dachte sich mit welcher Ungeduld er sonst dahingeeilt und für alle
Quälereien seines Vaters hinlänglichen Ersatz mitten im Staube gefunden in dem
sie sich getummelt wie sie die Gärten listig beraubt die Kühe auf der Weide
ausgemolken und wie sie sich so vielerlei gedacht was aus ihnen werden sollte
Ritter und Räte mit goldenen Ketten und Spornen und wie aus allen so wenig
geworden Er dachte des guten alten Bürgermeisters wie ihn der in aller
ritterlichen Übung unterrichten lassen und wie ihm alles so wohl angestanden
er dachte wie ihm die Welt sonst so weit gewesen und wie er nun Abends nicht
über seiner Frauen Kammerschwelle hinausschreiten solle In dem Augenblicke kam
Seger ganz allein den Weg zu ihm heruntergeschritten und fragte scherzweis
»Nun hats noch viel Schläge von der Frau gesetzt oder hat sie Euch gar
weggejagt Hört« fuhr er fort »ich rate Euch als Freund verliert Eure Hosen
nicht in den ersten Momenten Ihr bringt sie sonst niemals wieder so einer
Witwe müsst Ihr den Daumen aufs Auge setzen um sie nach der Hand zu ziehen ich
weiß es aus Erfahrung mein Weib wollt es eben so machen jetzt muss sie kuschen
Ich bin Euch gut Ihr seid ein Kerl der überall sein Glück machen kann bei
Weibern und bei großen Herren was wollt Ihr bei dem Weibe verjammern Kommt mit
in das Jägerhaus es ist jetzt gut Wildbret und Wein dort Eure Kameraden an
die Ihr gestern so viel Geld verloren kommen auch Ihr müsst es ihnen wieder
abnehmen« Anton war durstig und er schämte sich zu sagen dass er seiner Frau
wegen schon nach Hause müsste er schlenderte mit in das Jägerhaus kegelte erst
einen Stamm ab und beredete sich mit dem Jäger zu einer großen Jagd am andern
Tage dann kamen seine Spiessgesellen und er spielte und trank mit ihnen Das
Glück hielt diesmal zwischen ihm und den andern die Waage es wurde ihm so
behaglich Seger erzählte gute Schwänke aus dem Kriege wie er mit Sickingen
gegen Köln gezogen wie sie die Mönche geärgert dabei fluchte er auf den Papst
mit dem man damals aus allerlei Gründen unzufrieden war es wurde von Luther
erzählt wie der des Papstes Bullen verbrannt Anton bewunderte den tapfern Mann
und hätte gern sein Bildnis malen mögen »Seinem Bilde müssen wir folgen«
sprach Seger »wahrhaftig die Geistlichen sollen uns hier nicht mehr mit
Beichte und Ablass martern und abschätzen« Darüber kam es zum Streit wobei
Anton mit seiner Stärke Frieden stiftete Erst um zwölf Uhr kam er ziemlich
bezecht doch wohl bei Sinnen in sein Haus zurück wo alles in der größten
Verwirrung durcheinander lief Frau Anna war auf den Gedanken gekommen weil sie
ihm den Nachmittag so viele Vorwürfe gemacht er möchte in die weite Welt
gelaufen sein und nun fühlte sie erst recht wie lieb sie ihn hatte mit großer
Ungeduld hatte sie Boten auf alle Straßen abgesendet an alle Tore geschickt es
war ein Lärm in der Stadt geworden Meister Anton Sixt sei davongelaufen und
alles was noch im Hause deswegen auf und versammelt geblieben war verwundert
ihn so fröhlich und ruhig eintreten zu sehen Die Frau war ganz elend vom
Schrecken sie lag bleich auf einem Ruhebette als sie ihn aber so fröhlich
ankommen sah sprang sie doch aus Ärger auf und über ihn her er aber sah sie
groß an wie ein Adler der einer Grasmücke die Eier ausgetrunken die ihm dafür
auf den Rücken gesprungen und mit dem Schnabel hackt Er fragte mit großen
Augen was denn das bedeuten solle und erfuhr von den Mägden die ganze
Geschichte Diesen öffentlichen Lärmen nahm er ernstlich übel er schwor er sei
Herr im Hause und wenn sich noch einer unterstehe ohne seinen Befehl so etwas
zu tun so werde er ihm Arm und Beine entzwei schlagen dabei schlug er so
grimmig auf den Tisch dass die Frau in Angst geriet und ihm gute Worte gab sie
wollte ihn auch liebkosen aber er wies sie von sich Alle waren über Herrn
Anton verwundert der bisher kaum etwas im Hause sich zu erbitten erlaubt hatte
schon den nächsten Tag sah er die Wirkung seines Ernstes während seine Frau
noch heftig mit ihm zankte kam der Hausknecht und fragte ihn was für Wein er
holen solle Die Frau wollte vor Ärger umkommen aber er bestellte sich einen
teuren Wein und ließ sie toben dass er ihr alles Geld verschleudere Wollte sie
von nun an ein gutes Wort von ihm haben so musste sie ihm Geld geben so viel er
haben wollte und stillschweigen wenn er Abends aus den Weinkellern nach Hause
kam nachdem er tagelang mit ihnen auf der Jagd gelegen die ihm eine
unüberwindliche Leidenschaft geworden Seine Ausgaben überstiegen bald alle ihre
Einnahmen ans Malen hatte er nicht Zeit zu denken aber ihre Liebe zu ihm nahm
immer zu sie machte ihm täglich Vorwürfe auch schlug sie wohl zuweilen aber
das half alles nicht sie schickte deswegen die Geistlichen über ihn dass sie
ihm das Abendmahl versagen sollten
Anton merkte bald woher dies stamme und ärgerte sich über diese
Pfaffenwirtschaft durch die seine Frau ihn regieren wollte er besprach sich
mit Seger und andern in der Stadt die heimlich Luther zugetan waren und
erklärten dass sie das Abendmahl künftig nur unter beiderlei Gestalt annehmen
wollten Die Geistlichen betrieben die Sache für jetzt nicht weiter sie waren
unter sich uneinig und sahen wie viele Anhänger die Kirchenverbesserung unter
ihnen gewönne Frau Anna hatte an ihnen keine Hilfe in ihrem Grame
insbesondere als Anton das neue schöne Altarbild in die Kirche geliefert hatte
sie sagten ihr dass eine christliche Ehefrau ihrem Manne in allen zeitlichen
Angelegenheiten dienen und nachgeben müsse Das war eine harte Zeit für Frau
Anna insbesondere da sie sich ihrer zweiten Niederkunft näherte und Anton
immer leichtsinniger in allerlei Verschwendung wurde Sein fröhliches Wesen und
gute Lebensart hatte ihn einigen Rittern der Gegend empfohlen mit denen er
jagte auch ein paarmal zu Fehden mitritt wobei er sich den Ruf eines sichern
unerschrockenen Mannes erwarb Da er halbe Wochen bei ihnen zugebracht hatte so
besuchten sie ihn wieder in der Stadt was Frau Anna bei der gewohnten Achtung
die sie im geringen Herkommen gegen den Adel der Gegend hatte nicht wenig in
Verlegenheit setzte Anton zog sie mit ihrem ängstlichen linkischen Wesen auf
und jedem solchen Besuche folgte ein Strom von Tränen die sie aus Arger über
sich vergoss
Unter solchen Bekümmernissen wurde sie glücklich von einem prächtigen Jungen
entbunden der fröhlich in die Welt lachte und sie zornig anschrie Das Kind war
aber ein Nimmersatt wie ihr Mann dessen Namen Anton es auch in der Taufe
erhielt sie gab ihm zwei Ammen Der große Anton hatte diese Zeit in stetem
Jubel verprasst er benutzte ihre Schwäche um einmal alles im Hause
durchzusehen Kisten und Kasten um zu wissen ob ihr Jammer über seine großen
Ausgaben wirklich einen Grund hätte Nun fand er freilich dass manche große
Kiste nichts als unbedeutendes altes Gerät enthielt so fand er auch jenen
verrosteten Degen und den durchlöcherten Beutel den ihr Kurt aufgefunden hatte
doch erstaunte er über die Menge Leinen und anderen Vorräte
Als eine törichte Pracht erschienen ihm die alten Pokale von des
Bürgermeisters Ahnherren weil niemals im Hause daraus getrunken wurde Er nahm
im Spaß ein Paar mit auf den Ratskeller und bewirtete seine Freunde Ein
Rosshändler der gerade durchreiste bezeigte seine Lust sie zu kaufen während
er einige seiner schönsten Streitengste vorbeireiten ließ Da war nun ein
Apfelschimmel der die ganze Neigung Antons auf sich gezogen er konnte die
Seligkeit kaum überschlagen so ein Pferd täglich zu reiten was alle
Ritterpferde in der Gegend weit übertraf er selbst trat dem Kaufmann mit der
Frage entgegen ob sie tauschen wollten und der Mann ließ es sich gern
gefallen die Becher anzunehmen die mit goldenen Denkmünzen bedeckt den Henkel
mit Edelsteinen besetzt als Hauptschätze des Hauses geachtet wurden Anton
machte diesen Tausch heimlich so dass keiner seiner Freunde ihn warnen konnte
er war ganz selig darüber aber er fürchtete gleich dass die Geschichte seiner
Frau zu Ohren kommen möchte deswegen beschloss er ein paar Tage bei dem Ritter
von Wieringen seinem liebsten Jagdfreunde zuzubringen Er ritt noch den Abend
fort und ließ es seiner Frau durch Segen sagen die bei dieser Veranlassung in
bittere Klagen über ihn ausbrach dass er ihren Mann verführe Seger meinte sie
möchte sich nur auch verführen lassen und ihnen wäre beiden geholfen worüber
die Frau in großem Zorne ihm das Haus verbot Seger ließ einige drohende Worte
fallen und sein Fluch ging noch in derselben Nacht in Erfüllung Viele haben
behauptet er möchte selbst die Ursache des Unglücks sein das große Vorwerk vor
der Stadt woher Frau Anna ihre Einnahme zog brannte bis zum Grunde ab Sie
raufte sich die Haare aus und weinte über ihre unglücklichen Kinder endlich
sagte sie aber mit Hiob der Herr hats gegeben der Herr hats genommen der
Name des Herrn sei gelobet doch hätte sie gern ihren Herrn im Hause gehabt um
ihm ihre dringende Ermahnungen vorzutragen
Gegen Mittag kam Anton aber in welchem Zustande Er wurde von einem Bauer
mit Ochsen herein gefahren so gelähmt und zerschunden hatte ihn nach mutiger
Gegenwehr ein Haufen reisiger Knechte liegen lassen denen nach seinem Rosse
gelustet die ihn überfallen und es durch überlegene Zahl nach hartem Kampfe ihm
abgenommen hatten er glaubte den Rosskamm unter ihnen bemerkt zu haben Seiner
Hausfrau Bewillkommnung war nicht so milde wie sein trauriger Zustand erwarten
konnte kaum sorgte sie für sein notwendigstes Bedürfnis mit Unwillen gab sie
ihm seine gewohnten neun Masse Wein und vier Pfund Rindfleisch die er zum
Mittagessen gebrauchte und kündigte ihm gleich an dass er nach dem Brandschaden
kein solches Mahl künftig zu erwarten habe Er war so beschämt dass er nichts
darauf antwortete sondern seine Frau durch Vorschläge wie der Schaden zu
ersetzen sei zu zerstreuen suchte bald meinte er ob es besser sei das
Vorwerk jetzt zu verkaufen oder es aufzubauen Die Frau stimmte aber für das
Letztere und meinte dass dazu die silbernen Pokale und Becher aus des Mannes
Erbschaft verkauft werden sollten
Anton wagte die Augen nicht aufzuschlagen er dachte sich den Lärmen wenn
der Verlust der beiden bedeutendsten Stücke entdeckt würde und brachte es durch
seine Beredsamkeit dahin sie zum Verkaufe zu überreden Nach acht Tagen wo
Antons unverwüstliche Gesundheit alle Beschädigung überwunden hatte daran
mancher andre gestorben wäre ging er nach dem Ratskeiler und wurde bei einem
Becher Wein mit dem Wirte eines Kaufs einig der ganz billig war da Seger sehr
lebhaft für Anton gesprochen hatte Aus Dankbarkeit tat er Seger den Gefallen
ihm das Kapital zu einem gewohnten Zinse auf seine Häuser und Gärten zu leihen
die sehr ansehnlich waren sowie auch Seger überall für einen wohlhabenden Mann
galt Frau Anna war zwar böse dass er mit dem schlechten Menschen dadurch in
Verbindung bleibe sie konnte aber das Geschehene nicht ändern auch war sie
jetzt mit ihrem Kinde sehr beschäftigt das so außerordentlich zunahm als wolle
es den Vater bald einholen Anton im geheimen Bewusstsein der Schuld mit den
Bechern wurde in dieser Zeit so demütig wie in der ersten seines Ehestandes
doch begegnete sie ihm mit gleicher Härte die er während der Zeiten seines
wüsten Herumlebens in ihr notwendig gemacht hatte Er dachte auch wieder an die
Malerei und verfertigte einen St Sebastian und einen St Petrus die ihm gut
bezahlt wurden Freilich war diese Einnahme immer nur gering gegen die Ausgaben
die ihm solch Bild machte Um ruhig und ausdauernd zu malen musste seine
Weinkanne nie leer werden es blieb immer nur wenig übrig um die beiden Becher
wie er sich vorgenommen hatte früher zu ersetzen ehe die Frau den Verlust
wahrnehmen könne
Aber ein neues Unglück störte diesen Frieden von neuem Seger lief davon und
hinterließ so viele Schulden dass seine Häuser und Gärten ihnen nur für ein
Zehntel Ersatz gaben Die Nachricht setzte Frau Annen ganz außer sich sie
schimpfte sie schlug ihren Mann wo sie ihn traf und dieser im Bewusstsein wie
viel mehr er noch verschuldet ertrug alles geduldig Sie gab ihm nur noch wenig
Wein er malte desto fleißiger und die Geistlichen gaben ihm große
Bestellungen In der Not worin ihn die Frau erhielt in der Liebe zu seinem
Knaben die ungemein groß war fing er an was er so machte und gemacht hatte in
handwerksmässiger Gewohnheit und besondrer Anlage näher zu betrachten es kam
ihm selbst wunderbar vor was er hervorbringe es konnte sich doch nichts von
allem in der Gegend damit messen und seines Vaters Bilder waren neben den
seinen kaum zu dulden insbesondre konnte er nicht begreifen woher ihm die
frommen stillen Gesichter kämen da er selbst einem lustigen Landsknecht glich
auch nur mit lustigen Leuten gern umging Da meinte er das müsse wohl von
seiner Frau ihm so vorschweben die bei aller Härte gegen ihn doch immer ein
sehr mildes heiliges Gesicht bewahrte auch fleißig betete der Gedanke
vermehrte seine Achtung gegen sie er schlich ihr oft nach beobachtete sie und
fand dann immer dass seine Marien und andere heilige Frauen natürlicher würden
und mehr Beifall erhielten
Als er sich so mit eigener Gesinnung seiner Kunst widmete und aus dem
Handwerke hervorstrebte griff die von Karlstein verbreitete Bilderstürmerei
auch bis in diese Gegenden um sich der Vorwand den Götzendienst zu zerstören
brachte eine Menge liederlichen Volkes zusammen welche die Kirchen beraubte
Mit großer Wut sprach Anton in seiner Stadt gegen die Lehre ja er verfluchte
Luther und alle seine Anhänger weil durch sie dieser Wahnsinn aufgeregt worden
und wirklich hatte seine Stimme sein körperliches Ansehen die Macht lange Zeit
alle in Ordnung zu halten Endlich drang aber Seger als Anton gerade wegen der
Überbringung eines Gemäldes abwesend war mit einer Schar schwärmender
Landsknechte in die Stadt und hielt Predigten vom wahren Glauben Sein Haufe
vermehrte sich schnell und sie wollten eben in die Stadtkirche dringen die von
den Geistlichen stark verriegelt war als Anton anlangte von dem Lärmen hörte
sich mit einem Spieße bewaffnete und durch Hilfe der Geistlichen auf geheimen
Wegen in die Kirche kam um sie zu verteidigen
Der Anlauf gegen die Türe ward immer wilder endlich hob der Haufe ein Stück
Bauholz zur Türe und schwang diese wie einen Mauerbrecher dagegen die Riegel
sprangen und alle Seger voran jubelten dass alles gelungen als ihnen Anton
aus dem Dunkel der Kirche mit donnerndem Fluche und glänzendem Spieße
entgegentrat »Dass eure Augen ausfallen ihr Frevler« rief er mit grässlicher
Stimme und stieß Seger der nicht weichen wollte nieder »Du sollst den Herrn
nicht betrüben wie du mir getan« rief er weiter »du sollst noch der Arm
seiner Gerechtigkeit werden« Bei diesen Worten ergriff er ihn beim Fuß und
schmetterte mit ihm wie mit einer gebrochenen Keule auf die rasenden Stürmer
los die von dieser Riesenkraft erschreckt sich nach allen Richtungen
fortflüchteten »Ihr Wiedehopfen die ihr euer eigen Nest besudelt« rief er
ihnen nach »habt ihr so viel Herz euren Herrgott anzufallen und lauft davon
vor einem Menschen« Segern legte er in einen Winkel vor der Kirche damit
dieses Frevlers Leiche den heiligen Boden nicht besudele jetzt wartete er noch
ein paar Stunden als Wächter und ging dann mit einer innern Zufriedenheit nach
Hause um sich bei seiner Frau zu stärken und zu erfrischen Hier erwartete ihn
ein neuer Kampf
Ein Haufen hatte ihn erkannt war in sein Haus gedrungen hatte mit
entsetzlichem Toben der Frau erzählt wie sich ihr Mann gegen sie vergangen
habe wie sie nur aus Mitleid ihr das Leben ließ hingegen alles andere rauben
wollten Sie waren in dieser fürchterlichen Arbeit als Anton vor das Haus trat
einer schüttete Federn zum Fenster hinaus ein andrer durchtrat ein
Christusbild das ihn in der Zerstörung noch mild lächelnd anblickte ein
dritter hatte einen Teerpinsel gefunden und besudelte das Bild am Giebel das zu
der Bekanntschaft Antons die Veranlassung gegeben einer aber ein gewesener
Prediger schrie ununterbrochen eine Stelle aus dem Propheten Michä I V 7
»Alle ihre Götzen sollen zerbrochen und alle ihr Hurenlohn soll mit Feuer
verbrannt werden und will alle ihre Bilder verwüsten denn sie sind von
Hurenlohn gesammelt und sollen auch wieder Hurenlohn werden« Diesen Schreier
warf Anton zuerst darnieder dann rannte er schäumend vor Wut in das offene
Haus und wer ihm nicht auswich fiel unter seinen Streichen ungeachtet er
seinen Spieß aus Heftigkeit weggeworfen und bloß mit der Faust auf seine Gegner
eindrang Als alle andern geflüchtet waren legte er zwei Tote und vier
Schwerverwundete vor die Tür da jammerte ihn der Tod dieser Leute und seine
Frau machte ihm harte Vorwürfe dass er durch seinen törichten Eifer ihnen das
letzte zu ihrer Unterhaltung geraubt es ward ihm zu Mute als sei nun alles
aus »Sind sie denn auch bei dem Silberzeuge gewesen« fragte er kalt er wollte
ihr seine alte Sünde mit den beiden Bechern beichten Da weinte sie statt der
Antwort und sagte dann »sieh selbst zu«
Er ging hinauf und fand die Schränke leer jetzt fühlte er dass er sich und
die Seinen auf eine Art ernähren müsse und seine einzige Geschicklichkeit auf
die er bisher rechnen konnte seine Fertigkeit heilige Bilder zu malen die
galt nichts mehr wo so viele hochheilige alte Bilder an allen Orten zerstört
oder nur mit Mühe bewahrt werden konnten wo alle Opfer und Einnahmen den
Kirchen versagt wurden doch fühlte er in sich eine Art Trost dass die
Geschichte mit den Bechern seiner Frau vielleicht verborgen bliebe und dass er
dieser Beschämung überhoben sei
Er trat stille in ihr Zimmer wo sie ganz erschöpft mit herunterhängenden
Armen auf ihrem Stuhle saß es war finster der Mond beschien ihre beiden
Kinder die neben ihr schlummerten die Kinder kannten ihn noch nicht und im
Herzen der Frau sprach nichts für ihn er schien ihr ein schrecklicher Riese
der all ihr Glück durch sein Ungeschick zerstört hatte »Ach wäre nur mein guter
selger Mann nicht gestorben« rief sie endlich und er wiederholte »Wär nur
der gute Bürgermeister nicht gestorben da könnte ich mir jetzt schon
ritterliche Ehre erfochten haben was soll nun aus mir werden wer mag jetzt
noch Bilder kaufen« Dieser neue Kummer war ihr noch nicht in die Seele
gedrungen jetzt aber rief sie »Wehe dir du unnützer Mann so bist du zu gar
nichts tauglich« Dies Wort stach ihm durchs Herz dass ihm fast der Atem
versagte er hätte sich in Zorn entladen wenn nicht in dem Augenblicke an die
Haustür geklopft worden wäre
Er sah zum Fenster hinaus es war ein einzelner unbewehrter Mann er kannte
ihn nicht machte aber doch auf und führte ihn in seiner Frauen Zimmer »Ihr
kommt von den Geistlichen« fragte Anton aber zugleich erkannte er Segern der
sehr bleich aussah im Mondenscheine schauderte zusammen und meinte dass ihn
ein Toter besuche »Ihr erstaunt« sprach Seger »Ihr glaubt mich tot eine
Katze lässt sich nicht leicht totschlagen kaum wart Ihr fort so sprang ich
auf die Stichwunde und die Beulen haben nicht viel zu bedeuten seid Ihr denn
rasend gewesen mit einem alten Freunde so umzugehen wenn er Euch auch um ein
paar Taler betrogen hat« »Wahrhaftig« sagte Anton »darum war ich so giftig
nicht sondern weil Ihr mir das Liebste beschimpfen und zerstören wolltet das
einzige wovon ich lebe« »Ei was« meinte Seger »du lebst vom Essen und
Trinken hier findest du beides nicht mehr denn die Geistlichen schützen dich
wahrhaftig nicht wenn du wegen der Leute in Anspruch genommen wirst die in
deinem Hause erschlagen du weißt es sind angesehene Bürger Komm mit mir
heimlich fort ich war von den Leuten zu ihrer Partei gezwungen so würde es dir
auch gehen komm mit zu Schärtlin der sammelt Landsknechte und du verstehst
dich aufs Fechten du kannst dein Glück machen«
Anton stand verwundert vor Seger der Gedanke an ritterliche Taten war ihm
oft durch den Kopf gezogen aber seine Haut als gemeiner Landsknecht zu Markte
zu tragen das war ihm ganz fremd Weib und Kind aufzugeben die er so lieb
hatte es war ihm zu hart und so wandte er sich in der Hoffnung dass sie es
ganz abweisen werde zu seiner Frau »Was rätst du mir Anna soll ich in die
Welt ziehen und im Kriege mein Glück versuchen« »In Gottes Namen Anton«
erwiderte sie »hier in Frieden hast du nichts getan als uns arm und elend zu
machen vielleicht geht dein Glück im Kriege auf meines Vaters Bruder wurde ein
reicher Mann durch einen Kriegszug wo sollte ich dir jetzt Zehrung schaffen«
Mit einem Schauder überlief Anton diese kalte Abfertigung von seiner Frau
es fiel ihm unwillkürlich ein wie an dem Tage das Bild am Giebel ausgewischt
worden »Nun« so sagte er zitternd »soll es geschieden sein so sei es
schnell mein Kind will ich nur einmal noch herzen aber aus dem Schlafe möcht
ich es nicht aufstören«
»An mir liegt dir wohl nichts« sagte die Frau »ich glaube du könntest
mich verlassen und wüsstest nicht ob du mich in Zeit und Ewigkeit wiedersehen
würdest aber darum gäbst du mir kein gutes Wort zum Abschiede habe ich das um
dich verdient hast du mich darum um Gut und Ehre gebracht«
»Kommt in einer Stunde vorbei Seger« sagte Anton »die Stunde muss noch vom
Kriegszuge abgehen die Nacht ist lang und ehe es tagt sind wir weit genug zu
unsrer Sicherheit«
»Keine Viertelstunde dürfen wir warten« sagte Seger »sonst sind die Tore
geschlossen jetzt gehts noch in der Unordnung so aus und ein was habt ihr
euch noch zu sagen ihr hättets einander lange sagen können am Ende fangt ihr
doch nur an euch zu zanken fallt nicht in Liebestorheit in solcher Blutzeit
küsst euch übers Jahr wenn die Kriegsbeute im Hause floriert«
Er hatte nicht nötig ihnen das Küssen mit seinen Worten zu verleiden in
seiner Gegenwart war ihnen alle Lebenswärme abgeleitet Anton schlug Licht doch
wie ihn kein Unglück um seine Lebenslust bringen konnte so bat er seine Frau
ihnen aufzutischen was die Bilderstürmer übrig gelassen Sie brachte ein Brot
und einen Krug Wein Anton nahm den Krug setzte ihn an ihren Mund sie musste
einen guten Zug tun dann trank er an der Stelle schenkte auch den beiden
Kindern und gab dann das übrige dem Waffenbruder Das Brot steckte er in seinen
Reisesack dann holte er seine Muskete und seinen Degen hieb mit dem Degen
Pinsel und Paletten zusammen die im Winkel standen schluchzte dass er nicht
sprechen konnte küsste Kinder und Frau die ihm nachrief »Sei mir treu Anton
wenn du wiederkommst sollst du den Lohn dafür empfangen behüte dich Gott und
unsre liebe Frau im Himmel« »Fort« sagte Seger und trieb ihn wie ein
Würgengel vor sich hin Anton aber klang es in den Ohren »Ach ihr Berg und
tiefe tiefe Tal so sah ich meinen Schatz zum letztenmal zum letztenmal und
hab sie nicht geherzt das schmerzt« Anton ging still vor sich hin Seger
machte im Walde den Raubvögeln nach die auf Buhlschaft zogen es schien ihm
recht wohl und Anton der in seiner derben Natur viel verschmerzen konnte
hörte seinen Erzählungen von Liebesabenteuern mit ganzer Aufmerksamkeit zu
Bis Augsburg reichten beide mit dem Gelde das Sixt noch in seiner Tasche
geführt hatte als sie die reiche Stadt vor sich sahen da ging diesem das Herz
auf »Da werden wir auch keine Not leiden« Gleich am Tore erkundigte sich Seger
nach der Wohnung Sebastian Schärtlins von Burtenbach der dort Landsknechte
gegen Frankreich warb Ein bärtiger Landsknecht mit weiten Pluderhosen der da
auf Werbung lauerte sah sie an »St Veit« sagte er »ihr seid gute Kerle ich
muss euch gleich zum Obersten führen der wird große Freude über euch haben wir
wollen die Franzosen diesmal dengeln« So kamen sie vor das große Haus
Schärtlins am Markte aus welchem eine große gelbe Fahne mit schwarzen
Doppeladlern flatterte viele Landsknechte standen davor überzählten Geld und
sprachen von ihren Kriegszügen Seger trat voran ins Haus Anton folgte da
fanden sie Schärtlin einen Mann von stattlichem Ansehen langen schwarzen
Bartes langen Oberleibes wie er auf einem rotgepolsterten Sitze neben einem
Tische saß an welchem geschrieben wurde Er grüßte freundlich mit dem Kopfe
sah aber mehr auf Anton denn auf Seger »Grüß euch Gott« sprach er »ich meine
euch schon gesehen zu haben woher des Weges« »Herr« sprach Seger »wir sind
beide aus Waiblingen mich könnt Ihr wohl gesehen haben denn ich stand nicht
weit von Euch als wir Rom stürmten« Schärtlin sah ihn an »Je seid Ihrs
Seger hab Euch seitdem nicht wiedergesehen wo wart Ihr so lange War der
Große da auch dabei« »Nein Herr« sagte Anton »noch habe ich keinen
Kriegszug mitgemacht« »Das hätt ich Euch nicht angesehen« sagte Schärtlin
»Ihr scheint mir ein recht versuchter Geselle Ja Seger bei Rom gings uns
gut da haben wir seltsam hausgehalten Kirchen und Klöster nicht verschont
einen guten Teil der Stadt abgebrannt alle Register Briefe und Kopistereien
zerrissen und zerschlagen war da ein großer Jammer wurden wir alle reich«
»Aber wie gewonnen so zerronnen« sagte Seger »ich brachte mehr mit zurück
nach Waiblingen als irgend ein anderer Knecht kaufte viel Häuser und Gärten
verspielte es aber alles in wenigen Jahren« Schärtlin lachte und sprach »Hab
einmal auch zu Neapolis 5000 Dukaten in einer Stunde verspielt brachte doch aus
demselben Kriege zurück an 15000 Florenen und gute Kleider und Kleinode dem
Allmächtigen sei Lob ich hatte es sauer verdient Doch zur Sache ihr wollt
also Dienste« SEGER »Bei gutem Handgeld ich bin ein guter Hakenschütze der
auch« SCHÄRTLIN »Ich geb euch jedem vierzig Gulden für den Kriegszug«
ANTON »Ist das für mich der noch nicht gedient recht und genug so ists für
den zu wenig« SCHÄRTLIN »Vertragt euch darum mehr kann ich nicht geben ihr
könnt bei mir was lernen und gut plündern« SEGER »Ich dien bei Euch auf
lasse uns den Eid ablegen«
Schärtlin befahl jetzt dem Schreiber das Geld auszuzahlen Unter der Zeit
traten neun Fähnlein seiner geworbenen Knechte die noch in Augsburg lagen vor
dem Hause zusammen Da war ein prächtiger Trommelschlag auf großen Trommeln die
Pfeifer taten ihr bestes die Hakenschützen sprangen mit zierlichen Schritten
voran die Hauptleute spielten mit den Spiessen in der Sonne die große Fahne
wurde herabgereicht vom Hause und in die Mitte gepflanzt dann bestieg Schärtlin
sein Pferd nahm seinen Streitammer in die Hand und ließ die beiden
Neuangeworbenen bei der Fahne schwören indem er sprach »Guten Abend lieben
Kriegsleut also lieben Landsknecht darum wir versammelt und hier beisammen
sind das geschieht darum dass unser grossmächtiger Kaiser unser bedarf zur
Beschützung seiner Land und Untertanen Witwen und Waisen derhalben werdet ihr
beiden Neuangeworbenen Seger und Sixt schwören unserm gnädigen Herren zwölf
Monat getreu zu dienen auf Zügen und Wachten gegen alle seine Feinde zu
Wasser und zu Lande wo uns unser gnädiger Herr brauchen will«
Hierauf sprachen die beiden »Wie mir vorgesagt und wie ich mit Worten wohl
verstanden habe das fest und stet zu halten schwör ich als mir Gott helfe«
Nach diesem Schwure ging mit Trommelschlag alles auseinander und drängte
sich um die beiden neuen Brüder um ihnen auf den Zahn zu fühlen Anton und
Seger waren genug mit Leuten aller Art umgegangen um sich schnell beliebt zu
machen die guten Gesellen wurden gleich mit ihnen bekannt und Seger machte
alle lustig dass er sie aufmahnte in das große Frauenhaus zu gehen Da war
unter den jungen Burschen ein Jubel wohl einhundert zogen mit Dieses Haus war
damals eins der prächtigsten wenngleich am abgelegensten in der Stadt
ursprünglich ein großes Bad späterhin durch die Kriegszüge die viel
liederliches Volk in die Stadt getrieben zu dem neuen Gebrauche eingerichtet
Aus allen Fenstern hingen Teppiche schöne Frauen saßen daran und winkten mit
großen Blumensträussen oder auch mit Luftfächern aus bunten Federn unten im
Hause waren die großen Säle wohin sich eine Zahl derselben je nachdem ihrer
bestellt wurden begab doch ehe das geschah versicherte sich erst der Wirt mit
seinen Helfershelfern die mit Peitschen umhergingen die Mädchen in ihrer
Gewalt zu erhalten ob auch Geld unter den Leuten sei Wer Geld auslegte wurde
nach Gefallen gebadet und gezwagt und mit allem bewirtet da klapperten die
Würfel ein Teil tanzte bei dem Schalle von Pfeifen die Frauen wussten sich in
allem recht stolz und freventlich zu zeigen und es kostete dann noch viel Mühe
Geld und manchen blutigen Kopf ehe sie sich dem Willen eines jeden fügten
Seger tat als sei er mit allen seit Jahren schon vertraut gewesen aber keine
mochte ihn sonderlich leiden er sah so kalt und tückisch aus dass sie ihn
ausschimpften wenn er ihnen zu nahe trat hingegen drängten sich mehrere um
Anton der bei seinem Schoppen Wein bisher in aller Treue seiner Alma gedacht
hatte Zwei die eine nannte sich Dido die andere Semiramis wollten nicht von
ihm lassen sie drängten ihn er möchte sagen welcher er den Vorzug gönne und
dabei zeigten sie so frech ihren stolzen Leib dass ihm allerdings gar wunderlich
zu Mute wurde aber er dachte seiner Frau in aller Treue Und wie sie ihn so mit
glänzenden Augen unter sich sitzen sahen und doch so ruhig als habe er gar
nichts ihnen zu sagen da fasste eine gegen die andere Verdacht geheimer
Liebschaft mit ihm und so begann der Schimpf zwischen beiden Die hochmütige
Semiramis schlug aus gegen Dido die es ihr mit beiden Händen zurückgab Der
Tisch mit Gläsern stürzte um die alten Landsknechte die sich am Feuer von
einem Weibe Waffeln backen ließ sprangen so hastig auf dass die Butter ins
Feuer lief Seger der schon lange auf Antons Frauenglück eifersüchtig gewesen
sprang zu seinem Degen und drang auf ihn ein der staunend über den Anfall und
des tollen Menschen wenig achtend nur nachlässig seine Stöße mit der Hand
ablenkte Von dem verschütteten Weine war aber der Boden so glatt geworden dass
Anton fiel und Seger hätte ihn in dem Augenblicke durchstossen wäre nicht ein
junges Mädchen mit fliegenden Haaren einen Degen in der Hand aus der
offenstehenden Küche gesprungen die ihn mit großer Geschicklichkeit
entwaffnete Mehrere sprangen jetzt auf ihn und rissen ihn näher zum Lichte da
schwankte er aber und redete so durch einander dass sie ihn entweder für schwer
verwundet oder für trunken halten mussten das erstere widerlegte sich bald er
war unversehrt da banden sie ihn an eine Leiter und legten ihn in ein
Seitenzimmer
Jetzt gab man erst auf Anton acht der vor Schmerz aufschrie ihm war im
Gefechte das obere Glied des kleinen Fingers woran der Trauring saß halb
abgehauen worden er behauptete es müsse gleich im Anfange geschehen sein denn
indem er mit der Hand den Tisch zu halten gesucht sei er durch einen Hieb
darauf schmerzlich aus der ersten Betäubung über das Ereignis geschreckt worden
Seine junge Retterin verband ihm den Finger aber das war jetzt seine größte
Sorge nicht er suchte den Ring der von dem Gliede abgehauen worden der aber
nicht aufzufinden war man scharrte in allen Dielenritzen aber vergebens
endlich gewann die Vermutung er sei in das Feuer gefallen die Oberhand und da
war jetzt nichts zu suchen und nichts zu finden ohne Feuerschaden zu stiften
Anton ärgerte sich über diesen Verlust er kam sich selbst nicht recht
vollständig vor inzwischen suchte er keine Bedeutung in den Vorfällen des
Lebens und das wunderliche Mädchen das ihn errettet hatte zog seine ganze
Aufmerksamkeit auf sich er dankte ihr sie hörte kaum darauf sie war mit
seiner Wunde beschäftigt und fragte ihn ob er gute Pflege in seiner Wohnung
habe »Wohnung« fragte Anton »daran habe ich noch nicht gedacht wo wohnt Ihr
Bruder« »Wir sind bei den Bürgern eingemietet« sagte einer »hast du dich
bei dem Musterrollenschreiber nicht gemeldet« ANTON »Keinesweges ich
meinte Seger würde das besorgen wie stehts mit dem« »Der ist in
vierundzwanzig Stunden noch nicht nüchtern es muss ihn einer hier bewachen
bleib du hier du hast frisches Geld sie werden dir ein Nachtlager nicht
abschlagen«
Die beiden Frauen die das Fechten bisher auseinander geschreckt hatte
kamen jetzt wieder aneinander indem sie beide in seine blonden Locken griffen
und ihn zu sich zu ziehen suchten Das Zerren tat ihm wehe der Wirt befreite
ihn endlich indem er die Mädchen in entgegengesetzten Ecken des Zimmers an
Bänke festband Jetzt hatten sie Zeit wie Hähne die zum Kampfe angeleitet
werden in verschlossenen Behältern einander gegenüber sich gegenseitig zu
ärgern wie eine losgelassene Mühle ergossen sich schäumend die Schimpfreden
dieser beiden Zwillingstöchter des Müllers ihre Schönheit hatte ihm viel
Mahlgäste gelockt bis Dido der Name war ihr von einigen gelehrten Bacchanten
geblieben die mit ihr verkehrten gleichwie der Name Semiramis ihrer Schwester
ihrer Lust die Weltfreiheit gewährte und die Schwester aus Liebe zu ihr die
Mühle verließ
Dido machte jetzt ihrer Schwester harte Vorwürfe »Wie hast du dich
verstellt vor mir wie schienst du kalt gegen die Männer wie schienst du
allein mich zu lieben« Semiramis antwortete »Was hast du je mir zur Liebe
getan und doch habe ich Jahre lang dir gedient deinem Eigensinn und deiner
Lust warum habe ich dir Hunderte zugeführt die sich mir ergaben und willst
mir den einen rauben den ich liebe« DIDO »Was willst du mit ihm willst du
eine Rose auf Eis betten du kannst nicht lieben du hast nur den Schein des
Lebens aber in deinen Adern ist kaltes Blut du bist eine kalte Schlange«
SEMIRAMIS »Und bin ich eine Schlange so will ich mich um ihn winden um seinen
Hals mit ewigem Knoten meine Arme in seinem Nacken verknüpfen und seines Mundes
Küsse aussaugen« DIDO »Sieh du Schöngelockter so denkt sie so träumt sie
sie kennt nicht die Liebe ich will dich schützen gegen Sonnenstrahlen wie ein
Dach von Weinlaub deinen Lippen will ich feurigen Trank und süße Speise
reichen und willst du schlummern da soll dich das Beben meiner linken Seite
in der das Herz schlägt sanft einwiegen und dann will Ich mit deinen Haaren
den Vögeln Schlingen stellen dass du beim Erwachen von ihren Gesängen wie die
aufgehende Sonne begrüßt wirst« SEMIRAMIS »Ich kann nicht reden wie die
Schwester die verliebt zu allen gesprochen hat aber sieh dieser Arme Glanz wo
sie von schwarzen Fesseln gebunden so weich so voll sind sie so hart das
Band ach viel weicher und voller ist meine Seele und viel härter liegt sie in
den Fesseln meiner Neigung zu dir« DIDO »Sieh mich ich bin gelblich von dem
Feuer des Goldes in mir ein reiches Bergwerk und die reichen Stufen warten auf
dich dein Licht brennt hell in deinen Augen sieh wie das Gestein flimmert und
funkelt sieh meine Spangen mit Granaten umglänzt sieh die Schnallen meiner
Schuhe von gelben Topasen flammend«
Da fuhr der Wirt der etwas eingenickt war auf »ihr habt die Peitsche wohl
lange nicht gesehen wollt ihr schweigen wollt ihr wieder Händel anstiften«
Anton hielt ihn und sagte er könne so harte Zucht nicht zugeben darauf führte
der Wirt mürrisch die beiden Frauen fort Anton sah jetzt seine Retterin das
kleine Mädchen freundlich an und fragte sie »Wie heißt du« »Susanna Herr«
»Wohl denn Susanna sei die keusche Susanna so bleibe ich bei dir« »Ihr
seid sehr gütig lieber Herr« antwortete sie »aber ich bin ein armer
Aschenprödel und habe nur eine ärmliche Streu« »Mir einerlei ich bin müde
und möchte bald Ruhe haben« Susanna führte ihn unter eine Treppe wo ihre
Schlafkammer aufgeschlagen war sie brachte ihm eine kleine Blechlampe wobei er
das Strohlager erkannte von einem reinlichen aber zerrissenen Leintuche
bedeckt eine gemeine gewürfelte wollene Pferdedecke diente zum Kopfkissen eine
andre zur Decke sie zeigte ihm ein Kruzifix zum Beten und ging dann fort um
noch die Teller in der Küche abzuwaschen Anton verwunderte sich wohl über das
schwarzgelockte Mädchen das so viel für ihn getan und so gar nichts von ihm zu
verlangen schien dem er aus Dankbarkeit nichts hätte abschlagen können dann
löschte er die Lampe aus und schlief gegen seinen Willen schnell ein Der
Hunger weckte ihn Morgens frühe er hatte Abends mehr getrunken als gegessen
doch strahlte ihm schon der Lampenschein in die Augen ungeachtet sie mit einer
Schürze verhangen war
Susanne lag vor dem Kruzifixe und betete den Rosenkranz dann stand sie auf
die zierlichste Gestalt im Übergange zur weiblichen Fülle aber noch unbeendigt
und schlank Es war jene goldene Mädchenzeit wo sie in doppelter Gestalt zu
leben scheinen in der künftigen und in der gegenwärtigen aber ihr ganzes Wesen
hat eine Freiheit von dem Bedürfnisse und einen Reiz dass sie mit großer
Überlegenheit alle beherrschen dass sie jede Huldigung anerkennen aber keine
erwidern mögen O wenn ihr nicht selbst Engel wärt in dem Alter ihr Mädchen so
würden euch alle Engel schützen und für alles Gute was ihr in dem Alter
unbewusst tut könnt ihr nachher lange sündigen
Nachdem sie mit großer Scheu vor dem Schlafenden sich angezogen hatte trat
sie leise zu ihm öffnete mit wunderbar leichter Hand den Verband seines
Fingers nahm ihn ab küsste ihn und legte ihn in eine kleine blecherne Kapsel
die sie sich an einem Schnürchen um den Hals hing Anton konnte es jetzt nicht
lassen nach seinem Finger zu sehen er fürchtete dass nach der Abnahme des
Verbandes er sich die Kleider vollbluten würde ihm war aber als erwachte er
aus einem Traume wo er einen guten Freund verloren der nun lebend vor seinem
Bette stand als er den abgehauenen gesund und unversehrt bis auf einen
schmalen roten Strich der quer durch wie ein Feuermal lief an seiner Hand
sah Jetzt glaubte er erst dass er träume er bewegte ihn des Versuches wegen
und er war seinem Willen folgsam wie sonst auch fühlte er damit die Spitzen des
Strohs wo an jener Seite das Bettlaken sich zurückgezogen hatte Sie schien
seine Bewegung nicht zu bemerken sondern war eben mit der beschwerlichen Arbeit
beschäftigt einige Steine des gepflasterten Bodens auszuheben sie kam endlich
damit zu Stande öffnete einen Kasten der dort vergraben und holte einen
männlichen gelben Wams Pluderhosen ein rotes Barett und einen Gurt mit dem
Messer heraus das zog sie alles an und erschien dem Lauernden plötzlich in
einen schönen Edelknaben verwandelt
Länger konnte er seine Verwunderung nicht bergen er richtete sich auf und
sprach »Hast du dich verwandelt Wundermädchen bist du Susanne nicht mehr
hast du mich auch verwandelt bin ich ein Mädchen geworden« Sie kniete sich
bescheiden nieder und bat ihn um Verzeihung dass sie ihm nicht früher ihren Plan
mitgeteilt hatte ehe die Ausführung schon so weit gediehen »Ich bin in diesem
Hause geboren und auferzogen ich kann nicht länger hier verweilen seit der
Geschichte gestern abend würde ich die Neugierde aller auf mich ziehen ich
würde als ein Opfer böser Lust fallen wie ich so viele fallen gesehen nehmt
mich fort gnädiger Herr niemand wird mich in dieser Tracht vermuten ich gehe
Euch nach wie ein Bube aus dem Trosse der Euch abholen soll gestern verspracht
Ihr mir so viel zum Danke seht jetzt fordere ich das einzige von Euch«
»Alles liebes Kind will ich dir gewähren was brauchst du der Verkleidung
sei es mit Gewalt oder Güte ich schaffe dich aus diesem Hause der Schande
heraus«
»Und was sollte dann aus mir werden wer nähme mich hier in seine Dienste
hier kennt mich jedermann von allen Kindern bin ich ausgeschimpft worden wenn
ich einkaufte am Markte ich muss fort von hier von der Stadt von dem Lande
ich ziehe mit Eurem Fähnlein als Trossbube zu diesem Gebrauche habe ich mir die
Kreuzer erspart die mir zum Lohne und als Trinkgeld hier gegeben sind Ein
Edelknabe verkaufte mir diese Tracht der aus einer unsinnigen Leidenschaft zu
einer Frau unseres Hauses sich hier in Mädchenkleidern versteckt aufhielt«
»Wie hieß der Knabe wo ist er geblieben«
»Kurt hieß er aus Pforzheim er ließ sich in nächtlicher Weile mit der
geliebten Frau aus dem Fenster an den Bettüchern herunter am Morgen entdeckte
der Herr was vorgegangen es war aber keiner von beiden zu erforschen Der Herr
war sehr wild denn die Frau war ihm viel schuldig geblieben«
»Nun wohlan« meinte Anton »mein gutes Susannchen so sei denn zum
letztenmal so genannt Kurt heißt du nun und Gott segne unsern Feldzug so
bring ich dich zu meiner Frau da sollst du gute Tage leben und wie mein eigenes
Kind gehalten werden«
Susanne lachte »Wie Euer Kind Ihr kommt mir gar nicht vor wie mein Vater
vielleicht scheint Ihr mir ob Ihr gleich so groß und stark seid jünger wie
ich seht ich möchte Euch immer unterweisen und beraten«
Anton war durch diese Rede in neue Verlegenheit gesetzt er glaubte sein
Verhältnis zu ihr durch den Ausdruck »väterlich« gut festgesetzt zu haben er
sprach ohne recht zu wissen warum »Ich könnte freilich manches lernen von dir
abgehauene Finger in einer Nacht anzuheilen«
»Ach denkt der Kleinigkeit nicht es war gut dass ich mein sympatetisches
Mittel brauchen konnte ich habe wohl größere Kuren damit vollbracht hier wo
selten der Tanzboden ohne Raufereien leer wird doch es wird schon hell in den
Gängen sie könnten mich erkennen zahlt Eure Zeche«
Anton stand jetzt auf dehnte sich mit allen Gliedern sah noch einmal in
das wunderliche Schlafkämmerlein und weckte dann den Wirt der entsetzlich das
verfluchte Susannchen schimpfte die noch auf der faulen Haut liege Er machte
ihm eine teure Rechnung und als er wissen wollte wofür sagte er »Ich habe
Euch so hoch aufgeschrieben als Ihr hereingetreten Ihr hättet das Doppelte
verzehren können ich hätte Euch nicht mehr abgefordert Was habt Ihr da für
einen feinen Burschen bei Euch«
»Er ist mein Trossbube« sagte Anton sehr verlegen und schob ihn zur Tür
hinaus »Da habt Ihr Euer Geld lebt dafür als ein schlechter Kerl wie bisher
und dann segne Euch der Teufel mit allen seinen Gaben«
Er wollte unter dem Toben des Wirtes fortgehen als Seger an der Leiter
gebunden hereinsprang den Wirt umrannte und flink voran zur Tür hinauslief wie
ein tollgewordenes Schaltier schleppte er die breite Wagenleiter die sich an
der Tür festakte
Susanna die jetzt die Hemmung fürchten musste kletterte über ihn hinaus
Anton ihr nach der Wirt wollte wieder aufstehend beiden hitzig nach er stieg
die Leiter hinan da ließ aber Seger dieselbe los und lief davon so dass der
Wirt sehr unsanft über seine Treppe hinaus auf das Strassenpflaster fiel
Die drei Flüchtigen hatten nicht Lust abzuwarten bis der Wirt mit seinen
zahlreichen Prügelknechten ihnen nachgekommen sie liefen schnell vor Schärtlins
Haus wo immer eine Zahl Landsknechte versammelt war Einige die gestern bei
dem Streite zwischen Seger und Anton gegenwärtig gewesen fragten ihn ob er
nicht seinen Finger mit dem Degen rächen wollte Anton zeigte ihnen den Finger
dass er wieder angeheilt dann ging er aber weil er sich in seiner Ehre gekränkt
glaubte ganz trotzig auf Seger los und fragte ihn wie er das gestern gemeint
habe Seger an welchem ein paar andere gehetzt hatten meinte er wäre zwar
betrunken gewesen wenn ers aber so gar ernstlich nehmen wolle so könne er
und dabei drehte er sich um und bleckte mit seiner langen Zunge aus dem mageren
gelben Gesichte heraus
Der Feldwebel nahm jetzt Anton bei Seite als er eben auf jenen losschlagen
wollte und sagte ihm dass er ihn auf den Rosengarten vor der Stadt
herausfordern sollte Das sei Gebrauch unter den Landsknechten
Susanna hatte sich bei diesem Verhalten ängstlich dem Anton angeschmiegt
das rührte ihn er bat sie wenn er fiele nach Waiblingen zu seiner Frau zu
gehen und ihr zu sagen dass er an einer Krankheit gestorben Susanna versprach
es sagte ihm aber er möchte nur erst zu Gott beten so stürbe er selig Diese
Fassung in dem Mädchen ihn sterben zu sehen brachte in seine Seele ein ganz
neues Gefühl sein Zorn gegen Seger war längst veratmet er war zu gutmütig um
ihn länger zu hassen als die Bewegung im Blute dauerte er war wohl schon auf
einigen Fehdezügen und Gefechten gewesen aber da waren viele mit ihm jeder war
mit sich auch beschäftigt so war es auch bei manchem Zusammenlauf in
Weinkellern und Gelagen da war nichts Vorbereitetes nichts Feierliches Jetzt
aber konnte ihm der Feldwebel nicht genug erzählen von allen Regeln wie er sich
stellen wie er die Gänge endigen müsse was er sprechen wie er um sich blicken
sollte er sah wie alles auf ihn blicken würde welches Zutrauen sie dabei auf
seine Größe auf seine Stärke setzten wie lächerlich es sich ausnehmen würde
wenn er sich feige zeigte oder nur linkisch erschiene Vom Gebete hatte ihm der
Feldwebel nun gar nichts berichtet er fragte ihn ob es im Gebrauch »Nein«
sagte jener »das ist abgekommen aber tüchtig Fluchen das hilft«
»Vergiss nicht zu beten« sagte Susanna und schon gelobte er sich mit großer
Inbrunst dass er nicht möchte zu Schanden werden
Es wurde sehr heiß sie gingen am sandigen Ufer des Wassers einer nach dem
andern herunter und Anton sah im Spiegel dass Seger mehrmals nach Kräutern am
Boden griff nach Kletten und Stechapfel und damit seinen Degen rieb er fragte
den Feldwebel was das solle »Fest soll es machen« sagte er »aber ich halte
nichts darauf wer sich brav wehrt ist am festesten«
Unter solchen Reden kamen sie an das frische Grün des Rosengartens der mit
gar nichts als mit einer dünnen seidenen Schnur umzogen war die aber keiner von
allen Soldaten zu überspringen wagte vielmehr rückte jeder seine Kleider in
Ordnung und trat mit gemessenen Schritten auf den Eingang zu wo die zwölf alten
Ritter die den Rosengarten in Worms verteidigten in Stein gehauen standen Sie
grüßten alle ehrerbietig dann gingen sie vor den weißen Rosen vorüber in den
Kreis wo die roten Rosen in höchster Fülle zu einem hohen Zelte geflochten
schattend dufteten Seger und Anton warfen ihre Mäntel ab jener bewegte sich
ungeduldig hitzig dieser wie er ihn so ungeduldig vor sich sah spürte eine
Art Mitleid Susanna schlich sich in diesem Augenblicke an ihn und flüsterte ihm
zu »Lieber Herr« Anton blickte auf und bezeichnete seine Brust mit dem
Kreuze dabei zitterte Seger dann aber sprang er auf Anton tückisch ein der
seine ersten Stöße weil er sie noch nicht erwartete nur mühsam abwenden
konnte
In diesem Augenblicke sprangen die beiden Frauen Dido und Semiramis die
eigentlich an dem Ausbruche des Streites schuld gewesen waren mit einem lauten
»Halt ein« nicht ohne Gefahr zwischen die Klingen der Kämpfenden Dido war
meergrün und Semiramis kornblumenblau gekleidet
»Hört« rief Semiramis »wie großmütig eine liebende Frau sein kann ihr
wisst wir haben uns um Anton gestritten aber sein Leben ist mir lieber als
meine Liebe und so warf ich meine ganze Liebe auf dich Seger dich aber Anton
muss ich der Dido überlassen so seid ihr beide versöhnt«
Seger umfasste sie und kniete nieder hob sie dann auf seine Schulter und
rief dass solch ein Edelmut unerhört sei sie beide dankten ihnen das Leben
Anton stand in sich gekehrt und wusste gar nicht was er sagen sollte Dido
hatte ohne dass er es bemerkt ihm den Degen abgenommen sie küsste ihn und er
merkte nichts Susanna war von ihm getreten und hielt sich unter den Soldaten
versteckt
Jetzt erscholl ein lieblicher Tanz von gedämpften Trommeln Pfeifen und
Fagotten Dido ergriff Anton zum Reihentanz Semiramis führte Seger Der Tanz
verschlang sich immer mehr und immer tiefer gingen seine Gedanken unter immer
mehr traten die Sinne hervor bald tanzte er mit einer Anmut die er sich einst
erworben den einzelnen Locktanz Dido flüchtete scheinbar vor ihm und von ihm
in das dichte Holz er tanzte trauernd und suchend dass alle Rosen sich auf ihn
niedersenkten und seine Lippen kühlten er rief aber sie kam nicht aber alle
wurden durch ein nahes Waffengeklirr erschreckt Alle liefen nach dem Orte auch
Anton und Seger aber alle kamen zu spät um das schreckliche Ereignis zu
hindern O Jammer dass die Zeit immer umwendet das Geschehene zu verwandeln
nach dem Rate der Klugheit Über das meergrüne Kleid Didos über das blaue
Gewand der Semiramis flossen zwei rote Ströme zusammen und mischten das
feindliche Blut der beiden streitenden Weiber sie hatten einander mit den
abgenommenen Degen der Kämpfer durchbohrt
Semiramis rief zu Anton »Siehe Unglückseliger zwei Opfer deiner
göttlichen Schönheit ich konnte nichts als sterben seit ich dir entsagt o
Amor wie hat deine Flamme mich verzehrt dass ich mein eigenes Haus angezündet
habe wisst es ist meine Zwillingsschwester die ich zum Gefechte gezwungen
meine Zwillingsschwester mit der ich einträchtig zusammen ruhte im Leibe der
Mutter die ich zur ewigen Ruhe niedergestreckt es ist meine
Zwillingsschwester die mich mitnimmt in die grausenden Lieblichkeiten des
Venusberges in welchem wir bis zum jüngsten Tage schmachten müssen nach dem
Genuße in dem wir hier uns übernahmen«
»Schweige du arme Schwester« rief Dido mit schwacher Stimme »ich bin
deiner Leiden deiner Sünde Anfang und Ende das Eis auf welchem du zu Falle
gekommen Hört es ihr harten Kriegesseelen und ihr werdet sie jammervoll
anblicken und für sie beten sie war zu stolz zu edel für die Sünde mich aber
ergriff sie in wilder Lust doch wollte sie mich nicht verlassen so war sie
geschändet vor der Welt und doch ohne Schuld sie sorgte nur für mich freute
sich meines Glückes sie aber empfand keine Liebe«
»Ach« seufzte Semiramis »die Liebe ist ein guter Jäger sie lädt uns die
Freiheit wie den wilden Vögeln bis wir erwachsen sind und in voller Schönheit
des Gefieders prangen da schießt sie uns mit Pfeilen des Todes in einer Stunde
ungewarnt darnieder wehe mir des letzten Tages wo ich dich Anton erblickt da
ging meine Freiheit verloren und mein Edelmut und meine Schwestertreue«
»Jammer unendlicher Jammer schlägt an meine Brust mit todespochender Hand«
rief Dido »du hattest so viel für mich getan und konnte dir nicht opfern dies
eine Glück O du doppelsinnige Liebe ich kannte deine Tücke deine
Unersättlichkeit darum wollte ich dich bewahren o meine Schwester vor ihrem
ersten Handgelde denn niemand dient bei ihr aus immer neue Dienste weiß sie
aus den alten zu erzwingen«
»Reiss nicht so schmerzlich in meinem Hirn Schauder der Liebe« klagte
schwächer Semiramis »wie hat dein Hauch alle Rosen des Gartens verwelkt wie
ein giftiger Tau wie ein glühender Wind der Wüste Es ist heller Mittag aber
doch seh ich schrecklich rasende Sternbilder am Himmel greulich wüten die Wesen
in einander Menschen und Tiere vermischt Geliebter Anton könnte ich den
reinen Himmel nur sehen wie ich ihn noch gestern gesehen o halte mich fest
geliebter Anton wer lässt den Boden unter mir gleich Korn durch den Mühlstein
gehen er sinkt er sinkt schon fasst mich der rollende Mühlstein mein Vater
warum hast du deine Mühle angelassen und deiner Kinder nicht gedacht«
Und die andere schrie »Vater warum hast du den Strom angelassen er treibt
mich in das Rad das Bad war mir so kühl und lieblich«
»Ja ja« sagte der Feldwebel »werdet den Vater schon wieder finden in der
Hölle seid doch zu beklagen was konntet ihr dafür dass er mit euch sich
Mahlgäste lockte ihm hats auch nicht geholfen wie gewonnen so zerronnen«
Aber die armen Müllertöchter hörten nicht mehr diese kalte Rede ihr Jammer
endete für diese Welt und ging in jener auf und Anton lief in seiner
Herzensangst die Ursach ihres Todes zu sein von einer zur andern aber die
toten Leiber erkannten nicht mehr seine Liebkosungen die noch vor wenig
Augenblicken sie zu tausend Freudensprüngen belebt hätten So sah er der
irdischen Liebe Tod und wie ein Vogel der aus dem Nest ausgestoßen zuerst
seiner Flügel Schwingkraft kennen lernt so wurde es ihm nun zu Mute als er
überdachte was er in den Gemütern der Menschen gewirkt sein Gemüt selbst
erkannte sich in einer Freiheit von dem Boden des Jammers und er hörte auf ein
Leibeigner seines Bedürfnisses zu sein er kam sich vor als gehöre er zu
Susannen und mit dem Gedanken erinnerte er sich wie wunderbar sie seinen
Finger geheilt
»Kurt« rief er »wenn du mir wirklich treu bist tue diesen armen Frauen
wie du mir getan und heile ihre Wunden«
»Herr« sagte sie »das sind Wunden der Gerichte Gottes über die vermag
alle Sympatie nichts ich werde tun nach Eurem Befehle aber ich meine dass
alles vergebens«
Bei diesen Worten ergriff sie ein Holz und legte es unter Gebeten im Kreuze
auf die Wunden und die armen Mädchen öffneten die Augen da faltete ihnen
Susanna die Hände und betete ein Vaterunser da verschieden sie und das
Schrecken ihrer Gesichter schien gemildert als wäre ein Jahrhundert abgebüsst
Neue Wildheit durchströmte jetzt den Garten der Wirt des Frauenhauses kam
mit seinen Knechten um die entlaufenen Mädchen zurückzurufen da er mit
Beschimpfungen von den Soldaten empfangen wurde so hieb er mit seinen Leuten
die in größerer Zahl waren auf diese ein Hier zeichnete Anton sich zuerst vor
ihnen aus er tat Wunder aber Susanna war an ihn gebannt wie ein Waffenzeichen
und hielt manchen Hieb ab der ihn treffen sollte Von beiden Seiten waren schon
mehrere schwer verwundet als endlich der Wirt durch einen Hieb Antons mit
grässlichem Geschrei fiel worauf seine Knechte entliefen
Im Triumphmarsche zogen nun die Knechte in die Stadt es wirrte Anton im
Kopfe Seger trat zu ihm und sagte er müsse sich an dem Wirte rächen Jetzt
sprach Anton von nichts als Zusammenschlagen des Frauenhauses er ging so stolz
einher wie ein Hauptmann so folgte ihm jeder und keiner wusste warum Es
sammelten sich zu ihm noch mehr Soldaten in der Stadt und sie gingen im
Sturmmarsche auf das Frauenhaus erbrachen die verschlossenen Türen ergriffen
die Feuerbrände am Herde durchsuchten das Haus und schlugen die Hüter aus allen
Ecken heraus Die Frauen flüchteten jubelnd heraus ihre Sündenrechnungen waren
zerrissen denn die Flamme wirbelte schon aus einem Fenster heraus als sie noch
Tisch und Bänke und alles Geräte zerschlugen
Draußen waren indessen durch die Sturmglocken viel Bürger versammelt die
aus Ärger über den Frevler in die Flammen zurücktrieben aus denen sie sich
jetzt auf die Straße zu flüchten suchten Die Menge dieser Feinde war groß aber
Anton verlor den Mut nicht er nahm die Muskete eines Soldaten legte an und
schoss los dass die Kugel über die Häupter der Bürger hinsauste da wussten die
Hintersten nicht dass ihrer Feinde so wenig nur waren sie sprangen in Eile über
eine Kirchhofsmauer die ihnen im Rücken lag die andern sprangen nach wie wir
bei Schafen sehen wenn eins emporgesprungen ist so springen da alle nach Die
Vordersten die hinter sich plötzlich das Geschrei hörten und die Flocht
wahrnahmen meinten ihnen sei ein unbekannter Feind in den Rücken gekommen und
fürchteten sich vor zwei Feuern und liefen nach allen Richtungen
Die mächtige Stadt wäre in dieser blinden Furcht vor wenigen Menschen leicht
zu plündern gewesen aber die Landsknechte verachteten das vielmehr sammelten
sie sich in Reih und Glied vor Schärtlins Hause der sie mit Weisheit und
Entschlossenheit sogleich aus der Stadt führte Anton sah in dem Gerassel der
Waffen in dem gleichen Schritt von dem die Erde bebte mit einer wunderlichen
Schwermut nach den Feuerwolken die über der Stadt durch die Nacht schienen
erst jetzt dachte er wie viele Unschuldige sein blinder Eifer vielleicht in
vieljähriges Verderben gestürzt
Susanna die still neben ihm gegangen war seufzte und sagte dass sie
versinke in Müdigkeit Da nahm er sie in seine Arme und als der Mond aufging
da schien sie ihm bleich wie eine Tote und der milde Tau seiner Tränen fiel auf
die Schläfe der Müden dass sie erwachte die Augen aufschlug und betete »Herr
vergib ihnen denn sie wissen nicht was sie tun« Das Wort drückte sich in das
tiefste Gedächtnis Antons er fühlte dass er nie gewusst was er getan sondern
dass der Zufall mit ihm gespielt und vor dem Mädchen fasste ihn eine heimliche
Scheu wie vor einem Engel
Sie sprang erfrischt auf den Boden und marschierte an seiner Seite weiter
fort bis der Haufen Halt machte und sich über den grünen Boden streckte da
sank ein hoher Federbusch nach dem andern ins Gras sie aber sang noch im
frischen Morgenwinde
Herr der Müden
Herr der Schwachen
Nach dem Wachen
Schenke uns des Schlafes Frieden
Dass wir ruhen von Beschwerde
Dass kein Feind uns mag beschleichen
Decke uns mit Palmenzweigen
Decke uns mit kühler Erde
Während sie so sang heulte der Wolf im dichten Forst Anton war der Gesang ganz
unbehaglich er setzte sich zu Seger und fragte ihn »Wo mag das Feuer
eigentlich ausgekommen sein« Seger lachte und sprach »Ich warf einen
Feuerbrand in einen Haufen alter Lumpen das war ein Spaß anzusehen wie das
alles in die Höhe flammte und das unverbrannte Zeug mit sich riss als wären es
Brandbriefe die überall ausfliegen sollten dann schloss ich das Zimmer zu
damit niemand zum Löschen herein konnte«
»Pfui Teufel« sagte Anton »das Zerschlagen habe ich wohl geraten aber das
Verbrennen war schlecht denn das Feuer hat seinen eigenen Weg und keiner weiß
wen es erreicht«
Bei diesen Worten beorderte die Trommel alle in den Ring Schärtlin sah sehr
ergrimmt aus und hielt in der Mitte zu Pferde Es traten zwei Abgeordnete des
Augsburger Rates auf und baten ihn um Bestrafung der Frevler die Brand in ihrer
Stadt gestiftet hätten Schärtlin versprach ihnen das und hielt bei dieser
Veranlassung eine Rede über das unnütze Gesindel das ein Verderben ihrer
Kameraden sei »Es gibt« sagte er »solche Federhansen Eisenbeisser und
Spitzknechte die halten sich zusammen prassen schlemmen demmen und
verspielen ihre Besoldung bei Zeiten schlagen sich dann bei andern ehrlichen
Gesellen zu Wo man ihnen den Kragen nicht füllt suchen sie Gelegenheit durch
Spiel oder Balgen andere zu überrumpeln ziehen im Lager um oder von einem Haus
zum andern schreien Mum Mum tragen Würfel in der Hand haben etwa den Degen
oder Wehr am Arm oder Hals hangen sind gleich bös und freudig mit dem Maul was
sie im Wege sehen fallen sie an durchstreichen die Dörfer da kann kein Armer
ein Hühnlein vor ihnen behalten jagen sie wohl gar zum Hause hinaus stecken
ihnen wohl gar das Haus an aber solcher Frevel soll gestraft werden«
Nach diesen Worten gab er Befehl zur Untersuchung Ein paar Zeugen des
Augsburger Wirts Knechte sagten auf Anton aus dass er in das Haus gedrungen er
leugnete nichts sondern erzählte wie alles sich verlaufen dass er aber am
Feuer unschuldig sei
Schärtlin sah ihn aufmerksam an und sprach »Schade dass ich dich so bald
verliere aus dir hätte was werden können«
Die drei Richter waren nach dem ersten Verhöre gleich einig dass er sein
Leben verwirkt habe doch solle ihm aus besonderer Gnade des Feldmarschalls
keine schimpfliche Strafe angetan werden sondern er durch drei Musketenschüsse
seiner Kameraden fallen
Anton stand da verwundert aber nicht erschüttert es kam ihm alles wie ein
elendes Spielwerk vor er fragte Wie bald er denn solle der Welt absagen
»In einer Stunde« antworteten die Richter
»Wohl denn« sprach er »so will ich noch einen guten Trunk tun Wein her
für mich und für meinen Knaben«
Seger trat jetzt zu ihm und dankte ihm dass er ihn nicht verraten zugleich
riet er ihm er wolle ihm heimlich einen Dolch zustecken damit möchte er nur
den Steckenknecht der ihn bewachte niederstossen und davonlaufen er könne ihm
schwören dass keiner der Landsknechte umher ihm nachsetzen würde vielmehr wären
sie alle schon in Aufruhr dass einer von ihnen wegen einer Ehrensache des ganzen
Haufens zum Tode verurteilt werden sollte
Anton dankte ihm und nahm den Dolch jetzt aber redete ihn Susanna an die
den Vorschlag vernommen hatte »Herr lasst keinen Unschuldigen Euretwegen
sterben«
Anton ward dadurch ernst und gerührt er tat nichts zu seiner Befreiung
sondern dachte so in sich was nun in wenig Augenblicken aus ihm werden würde
wer ihn in der Welt vermissen und dass sich alle so wohl befinden würden wie
vorher aber da sah er Susanna die mit jammervollem Blicke betete und betete
auch Die Gedanken gingen ihm immer höher als ihn Schärtlin aus seinem Traume
erweckte und laut sprach er wolle doch hören ob er noch was auf Erden zu
bestellen Dann sprach aber der Feldmarschall leise zu ihm »Ich habe dich lieb
gewonnen wegen deines tapfern Angesichts ich will ein Großes für dich tun
meine Schützen sollen die Kugeln wegbeissen stell dich als wärst du getroffen
der Nachrichter soll dich gleich forttragen lauf dann so weit du kommen
kannst dein Handgeld sei dir geschenkt« Anton sah ihm mit gerührtem Blicke
in das große ernste Gesicht und Schärtlin blieb ihm unvergesslich er glaubte
noch vor ihm zu stehen als er längst fortgeritten war
Die Anstalten zur Hinrichtung wurden gemacht feierlich nahmen alle
Spiessgesellen von ihm Abschied und schwuren ihm sie hätten ihn zum Rittmeister
erwählt wäre er leben geblieben Der Ernst dieser Reden durchzog endlich Anton
mit dem Gedanken was Schärtlin ihm gesagt habe ihm wohl nur die Furcht
ersparen sollen das erregte seinen Stolz und mit Kühnheit kniete er auf dem
Sandberge nieder seiner selbst gewiss uneingedenk des Ausgangs Als aber der
erste Schütze geschossen und er nichts als den Luftzug und die Blendung
empfunden da bereitete er sich umzustürzen wie Schärtlin ihm befohlen Der
zweite ein alter Schütze sah ihn grimmig an zielte langsam dann blitzte das
Pulver auf und Anton streckte sich zusammenstürzend über den Sandhaufen Gleich
bedeckten ihn ein paar Steckenknechte mit einem roten Mantel und trugen ihn ins
Gehölz Der Marsch wurde geschlagen und die Gegend verödete sich mit jedem
Schritte
Anton musste noch immer tot scheinen aber fast ertrug er den Zwang nicht
länger als er Susanna mit so beweglicher Stimme um ihn klagen hörte »O Vater
im Himmel« rief sie »was soll ich auf Erden wo mich keiner liebt da du ihn
zu dir genommen hast den ich liebte auf Erden wo soll ich einen Trost finden
da sein fröhliches Angesicht mir nicht mehr leuchtet wem gehöre ich an auf
dieser Welt als ihm der mich nicht mehr hört er ist mir Mutter und Vater
Bräutigam und Mann Vaterland und Unterhalt Hier will ich bleiben bis meine
Klagen mit dem letzten Atem verseufzen hier will ich beten und verhungern denn
seines toten Angesichts bleiche Lieblichkeit ist die einzige Nahrung wonach ich
verlange« Bei diesen Worten zog sie den Mantel hinweg und Anton hielt sich
nicht länger hätte es ihm auch das Leben gekostet er umfasste sie mit beiden
Armen und sie stürzte von dem Erschrecken tot in seine Arme An seinem Herzen
erwärmte er ihr Herz an seinen Lippen ihre Lippen in seinen Händen ihre Hände
und als sie erwachte da füllte die Röte der Scham ihre Wangen sie gab einen
leisen Schlag mit der Hand auf seine Brust machte ein Kreuz über die ihre und
sprach »Du verdirbst mir die Freude«
Anton der das alles in seiner bittersten Not getan konnte ihren Missmut
nicht begreifen »Mädchen du bist zweiköpfig wie man die Zeit malt jetzt eben
zeigtest du mir das verkehrte Antlitz was nicht einsieht wie es voraus in der
Welt aussieht« Sie aber sprach »Ich dachte nie dass mir das begegnen sollte
aber du bist hart wie alle Männer« »Was ist dir geschehen« fragte Anton
erstaunt »wie könnte ich kaum aus den Klauen des Todes und des Teufels erlöst
dir liebes Kind ein Unrecht tun wollen tun können« »Aber wer erlaubte dir
mein Wams zu lüften« »Die Not zwang mich du starrtest zum Paradiese hinüber
und was sollte ich hier auf dürrer Heide«
Susanna ging vor sich und sah ihn nicht an dabei befiel ihn eine
Langeweile eine Lust zu essen und zu trinken dass er sich von ganzem Herzen zu
seinen Kamera den zurückwünschte Langsam ging er so übers Feld als ihm eine
bekannte Stimme aus der Ferne rief er sah sich um es war Seger der in vollem
Laufe zu ihm eilte und ihm außer Atem herstammelte wie er es ohne ihn unter den
Landsknechten nicht mehr aushalten könne er habe den Betrug beim Totschiessen
wohl bemerkt habe bald unter einem Vorwande der Notdurft sich in einen Graben
gesetzt und sei hinter Bäumen immer fort glücklich bis zum Schiessplatze
gekommen von wo er seinen Schritten gefolgt Nach diesen Worten warf er seine
Feldtasche und Feldflasche an den Boden trank Anton eine gute Gesundheit in
altem Sekt zu worauf ihm dieser guten Bescheid tat und die Flasche dann
Susannen reichte die aber alles verschmähte
»Halt dich hier nicht auf« sagte sie zu Anton »die Augsburger sind uns
noch nahe ein Zufall könnte uns in ihre Hände bringen«
Aber Anton hörte nicht bei der Flasche und bei den Butterbroten Seger riet
ihm den Kurt zur Wacht in einiger Entfernung in die Tiefe zu stellen und
Anton indem er Susannen alles aufnötigte was er eben mit großer Lust zum Munde
fahren wollte bat sie um diesen Liebesdienst Susanna gehorchte
stillschweigend Seger sah ihr ungeduldig nach Als sie ihn nicht mehr hören
konnte sprach er zu Anton »Hört Anton Euretwegen ist nun schon so groß
Unglück geschehen Mord und Brand haben jeden Eurer Schritte gezeichnet Ihr
seht dass Ihr zum Unglück geboren seid Ihr wollt nichts Böses tun aber das
Böse lässt nicht von Euch seht so ists mir auch gegangen«
Anton stutzte bei dieser Anrede und fragte nach seiner Geschichte er müsse
wohl manches erfahren haben
»Ich könnte Euch ein paar Jahre davon berichten« antwortete Seger »aber
Ihr sollt die Zeit nicht verlieren Ihr seid in Euren besten Jahren Ihr sollt
mir helfen Ich bin in jenem Fürstenhause geboren das dort so weiß aus den
Tannen hervorsieht es war ein Jagdschloss der Herzoge von Schwaben und gehört
jetzt den Graten von Reck es hat viel Gelass um alle Sünden und Missetaten zu
bergen viel heimliche Eingänge unter der Erde wo sich das Laster einschleicht
so kam auch ich auf einem Schleichwege in die Welt denn meine Mutter war eine
Nonne die sich Agathe nannte Ich habe sie nicht gekannt denn Niklas mein
Vater hatte sie umgebracht weil sie mich durch die Kraft des Grafen in die
Welt gesetzt hatte was mir doch recht lieb war denn ich hätte sein Sohn nicht
sein mögen Darauf übernahm er meine Erziehung mit großem Ernste zuerst musste
ich den Leuten die bei uns einkehrten die Sacktücher und Handschuhe wo sie
einen liegen ließ verheimlichen dann musste ich ihnen die Geldbeutel wenn
sie beim Weine eingenickt waren entfremden ich tat das so im Spiel Da
schickte er aber eine böse Magd mir zu die musste sich verliebt in mich stellen
und mich in ihre Gewalt bringen die beredete mich einem Bacchanten
aufzulauern der oft bei uns verkehrte und von dem sie behauptete dass er ihr
mit seiner Liebe nachstelle Es ward mir recht sauer ich lag wohl eine halbe
Stunde im Dorngebüsch und die Spechte hackten so fürchterlich an den Bäumen
auf meine Armbrust die gespannt neben mir im Grase ruhte kroch eine große
schwarze Waldschnecke und streckte bei der Spitze des Pfeiles der darauf lag
ihre Fühlhörner in die Weite ich aber blickte auf und sah den Schüler in seinem
weiten schwarzen Mantel einherkommen wie er einen Apfel aß den ich noch am
Morgen mit Verlangen auf dem Schranke der Magd gesehen hatte Meine Armbrust war
in meiner Hand ich wusste nicht wie gezielt und losgedrückt und der Bacchant
schrie als hätte er Bauchkneifen und da wars still ich aber lief hin und sah
ihn recht an eine Seele konnte wohl nie in ihm gewesen sein denn um das
bisschen Eisen was ihm im Herzen steckte war sie heraus gefahren Darauf kam
die Magd gelaufen und mein Vater sie nahmen alles Geld aus seinen Taschen aber
das freute mich nicht ich wollte seinen schwarzen Mantel haben aber den wollten
sie nicht geben weil es sonst auskäme darüber schlug ich auf meinen Vater dass
er mich verfluchte Beim Abendbrote war alles wieder vertragen da herzte mich
die Magd und mein Vater litt es Darauf erklärte er mir die ganze Welt und wie
es aller Orten zugehe dass immer einer den andern bestohlen und umgebracht die
Fürsten den Edelmann der Edelmann die Bauern weil es denn so artig zugehe
hätten sie sich als freie Leute im Walde auch dazu vereinigt und ich hätte mein
Probstück abgelegt und sei nun auch ein rechter Kerl der ihn einmal wenn er
alt und schwach und zu nichts mehr gut aus der Welt schaffen sollte«
Dem guten Anton wurde bei diesen Worten der Wein kalt er sah sich mit einer
schmerzlichen Sehnsucht nach seiner Susanna um sie stand aber unter dem Hügel
Der Himmel war rot nach einer Seite und schwarz gestreift er meinte dass
Augsburg noch brenne und sah wieder auf Seger der mit grimmigem Hohn fortfuhr
»Meines Vaters Segen machte mich herzlich froh ans Lernen brauchte ich nun
nicht mehr zu denken ich wurde zu allem mitgenommen lernte meines Vaters
Raubgesellen kennen und dachte mir dass es nicht anders sein könne ich
schmierte meine Haare mit Speck ein wie sie konnte hungern und saufen wie sie
die Mädchen taten mir schön obgleich ich dürr aussah wie ein Käfer ich brachte
ihnen immer was mit vom Zuge So ging ich in meiner Spielerei als Bettelknabe
verkleidet gar oft durch den Wald Da trat ich einstmals an einen schmalen Steg
wo über ein laufendes Wasser ein einziger Baumstamm führte Als ich darüber
gehen wollte trat mir ein Mann in schwarzem Mantel mit dem Apfel in der Hand
entgegen es war der Bacchant den ich erschossen hatte und ich zitterte so
entsetzlich dass ich weder rück noch vorwärts konnte Er trat mir aber ganz
nahe und zischte mir leise in die Ohren Bring mir deines Vaters Blut so geb
ich dir meinen schwarzen Mantel In dem Augenblicke tat die Luft einen blauen
Donnerschlag neben mir nieder als ich wieder zu mir kam lag ich im Wasser mit
den Beinen und es war beinahe dunkel Als ich nach Hause kam war ich ganz
verwildert sie brachten mich zu Bette Immer sah ich den Bacchanten der auf
meinen Vater wies als wollte er sagen Stoß zu auf den du hast ja ein
Brotmesser neben dir In dieser Krankheit ward ich ein grimmiger Sittenrichter
denn wenn ich den Bacchanten sah so fing ich an den Vater zur Tugend zu
ermahnen wenn ich aber nüchtern wurde machte ich Verse über die mein Vater
große Freude hatte Weil wir nun eben so lustig zusammen sind will ich Euch ein
Lied vorsingen was mir nachher die Bauern nachgesungen haben und wussten nicht
was es recht heiße es schmeckte ihnen aber wie die neunerlei Kräuter am grünen
Donnerstag
Für meinen Vater bettle ich
Den ganzen Tag im Staube
Belüg die Leute freventlich
Wachs auf zu Mord und Raube
Er hörte nimmer meine Not
Und trieb mich aus wohl in den Tod
Ich ruf ihn oft in dunkler Nacht
In meine dunkle Kammer
Wenn blutig mir der Mond erwacht
Und wecket allen Jammer
Ach Vater lass vom Raube ab
Das gibt uns nie ein ehrlich Grab
Da wirft er mich zur Tür hinaus
Da kann ich ruhig schlafen
Da spukt es nicht wie in dem Haus
Weil da die Hunde blaffen
Dafür soll Vater schlafen auch
Von Sohnes Hand nach Räubers Brauch
Ich hab am Dornstrauch ihn erharrt
Die Armbrust ist voll Tücke
Es scharrt mein Fuß mein Auge starrt
Weil ich so lang mich bücke
Es weht vom Berge her ein Wind
Der ist so rau und kalt gesinnt
Die Zunge lechzt kein Tropfen sinkt
Die Zeit ist schier verflossen
Das Zeichen von dem Berge klingt
Gleich hab ich abgeschossen
Doch das traf nur sein Schattenbild
Der Mond deckt über ihn sein Schild
Lasst heute nur den Vater fliehn
Ich krieg ihn doch noch morgen
Ich will auf seine Fährte ziehen
Da lasset mich nur sorgen
Das ist dem Jäger leichte Sach
Ich schick ihm meine Hunde nach«
Bei diesem Schluße sprang Seger auf »Anton Anton da kommt ein Augsburger
über die betauten Spinnweben könnt ich sie ihm zum Strick drehen Anton schiess
ihn nieder da hast du meine Muskete oder du bist des Todes sieh er zielt auf
dich« Anton wandte sich um und sah einen alten Jägersmann dem die Augen
entweder ausgefallen oder tief in den Kopf zurückgetreten waren mit einer
Muskete hinter sich stehen »Schiess ihn nieder« rief Seger noch einmal
»Fabian Fabian« rief drohend der Alte und bei dem Worte riss ein Vorhang in
Antons Hirn wie eines vergangenen Lebens erinnerlich entfiel ihm alle
Gegenwart er nahm staunend die Muskete Segers und wollte sie gegen den
Ankommenden losbrennen In dem Augenblicke blitzte gegen ihn ein Schuss auf dass
er zu Boden fiel er glaubte etwas wie eine lange schwarze Schlange von ihm fort
über den Boden schleichen zu sehen und indem er den Windungen so nachsah und
ihrer Bewegungen staunte verlor er alles Bewusstsein
Während Seger den ersten Schrecken zur Flucht benutzt hatte war Susanna
herbeigeeilt den geliebten Herrn aus der Ohnmacht zu erwecken Sie wollte erst
den Alten weil er ihn verwundet nicht zu ihm lassen aber der Alte weinte so
schmerzlich dass sie bald an ihn glaubte Er griff darauf mit rüstiger Kraft den
Ohnmächtigen um den Leib Susanna erhob die Füße und so schleppten sie ihn mit
vieler Anstrengung nach dem weißen Schloss im Walde Auf ein dreimaliges
Pfeifen des Alten ließ sich die Zugbrücke herunter es kamen mehrere alte Diener
dem Jäger ehrfurchtsvoll entgegen und trugen Anton auf seinen Befehl in eins der
geräumigsten Zimmer des ersten Stockwerkes Hier wollte Susanna ihren
sympatetischen Verband wieder versuchen aber mit Schrecken sah sie dass die
Wunde an der Hüfte und ihre Schamhaftigkeit gestattete ihr nicht sich zu der
Besichtigung zuzudrängen insbesondere da ihr der Alte einen Wink gab seinen
Wundarzt nicht zu stören der in kunstgerechter Art die Wunde untersuchte
Anton litt dabei sehr schmerzlich doch seine Stärke ertrug alles der
Wundarzt fand keine Lebensgefahr sein Inneres war unverletzt aber in seinem
starken Fleische hatte sich die Kugel so vertieft dass sie nicht herausgebracht
werden konnte darum war nur eine langsame Genesung zu erwarten Diese Nachricht
schlug Anton mehr darnieder als der Schmerz er sehnte sich nach seiner Hausfrau
und beschloss ihr zu schreiben sobald er seiner Gesundheit gewiss wäre
Unter solchen Gedanken schlief er unbemerkt ein und es träumte ihm wieder
wie ihm so oft schon geträumt hatte er sei auf den Armen einer schönen Frau
die ihn mit offenem Munde küsste und halte an rotem Bande ein Lämmchen das an
seine Schuhe beisse weil sie grün waren und er könnte der Mutter nicht sagen
was ihn ängstige weil sie ihn küsste und weil er nicht sprechen konnte bis
endlich der Vater ein großer ernster Mann hinzugetreten und das Lämmchen
gefüttert Da wurde ihm so stille und wohl er sah im Zimmer umher sah die
grünen Vorhänge das alte Bild welches der Vater ihm immer zeigte Es stellte
zwei Kramläden neben einander von entgegengesetzter Art dar in dem einen
standen Harnische groß und klein Helme prachtvoll befiedert Degen und
Lanzen ungeduldig blendend die rasche Kraft zu wecken die sie führen und
brauchen sollte in dem andern hingen viele Bilder großer Begebenheiten mancher
Degen in raschem Schwunge mancher Harnisch zertreten manche Lanze zerbrochen
vor beiden Kramläden stand aber ein Knabe zweifelnd und hielt sein Geld in
beiden Händen dort waren die Harnische und noch viel mehr aber es war
Täuschung hier hingen die Harnische wirklich aber er wusste nicht ob ihm einer
passe und dann halfen sie ihm nichts In diesem Bedenken wachte er auf es war
Tag Susanna war neben ihm auf dem Stuhle eingeschlummert auf sie fiel sein
erster Blick und er dachte wieder wie sonderbar es sei dass er jedesmal wo er
verwundet gewesen als er das Bein gebrochen als er von den Rittern
niedergeworfen denselben Traum träume Jetzt sah er aber auf und erst wischte
er sich die Augen denn wirklich zierte die Wand ihm gegenüber das beschriebene
Bild auf die Mauer gemalt die grünen Vorhänge deckten wohltätig die Fenster
zu er fühlte dass er hier schon gewesen und tausend Freuden als Kind mit erster
warmer Frühlingsluft hier eingezogen
In diesem Aufbrausen alter Zeit trat der hohe ernste Alte ins Zimmer der
ihn vom Felde fortgetragen ergriff seine Hand und drückte sie kräftig »O
mein Vater« rief eine innere Stimme aus ihm »wie habe ich dich so lange nicht
gesehen wie ist deiner Augen Licht erloschen«
Der Alte sagte seine Hand loslassend »Du schwärmst junger Mann zwar bist
du ähnlich meiner Jugendzeit und darum bist du mir lieb aber meinen einzigen
Sohn hat ein Wolf zerrissen und seines Lammes geschont«
»Ich bins Vater« rief Anton »wo ist mein Lamm geblieben ich hatte es so
lieb wo ist Fabian der mit mir spielte dem ich meine Kirschen schenkte«
Der Alte stutzte »Fabian der heuchlerische Satanas ihn wollte ich
niederschiessen als ich dich getroffen habe«
»Das war Fabian« fragte Anton »bei uns hieß er Seger da sei ihm
verziehen ich hatte ihn so lieb wie meinen Gott«
Der Alte wischte sich die Augen und seufzte »O lass mich träumen harter
Gott der immer seinen armen Knecht Rappolt gnädig ließ erwachen schenk mir den
Glauben dass der fremde Mann mein Sohn ich will ihm alles Gute tun als wärs
mein liebes Kind ich will ihm zeigen seine Herde die aus den beiden Lämmern
ist gezeuget und geboren« Bei diesen Worten ging der Alte hastig zur Tür
hinaus
Anton sah starr nach dem Bilde da hörte er ein Getrappel auf den Treppen
als käme eins der kleinen Völker zu ihm die nach alten Sagen in alten
Schlössern hausen und in gewissen Zimmern und Zeiten ihre Feste feiern sollen
Er hörte die kleinen Ritter gegen die Türklinke springen aber vergebens sie
war zu hoch Susanna sprang auf und öffnete sie aber eine gedrängte Herde von
Schafen die nimmer geschoren in prachtvollen breiten glänzenden Pelzen prangte
riss sie fast nieder Die ganze Herde schien mit wunderlicher Neigung in das
Zimmer und dann zu dem Bette des Verwundeten zu dringen denn einzelne stiegen
über die andern fort und der Alte konnte sich kaum durch ihre Mitte drängen
Die Schafe stiegen aber mit den Vorderfüssen auf Antons Bett und leckten ihm die
Hände und reichten die weichen Schnauzen an seinen Mund
»Du bist mein Sohn« rief der Alte »du bist mein verlorener Anton sie
kennen dich weil ihre Eltern von dir aufgezogen Ach wenn das deine Mutter
noch erlebt hätte aber sprich mein einziger Junge wie bist du uns entwendet«
Anton besann sich »Weiß ich es doch selbst nicht wie es auf einmal
anders geworden und wie ich einen andern Vater Martin Sixt und eine alte
hässliche Mutter Sybilla bekommen aber das weiß ich noch dass Fabian mir
sagte er wolle mir zeigen wo bei Tage die Nacht sei dann führte er mich in
eine Höhle und da ich müde wurde nahm mich drin ein fremder Mann auf die Arme
und so kam ich von einem zum andern und zuletzt blieb ich bei dem alten Maler«
»Fabian« rief der Alte »du bist Satanas denn deine Jugend hat an Lastern
die alte Welt überboten O mein Sohn was wird es für schwere Zeiten geben wenn
die Teufel so von allen Seiten schon losgelassen werden« Bei diesen
jammervollen Worten setzte er sich auf einen großen Sessel nieder und sang
seinen Schafen
Schäflein drängt euch dicht zusammen
In der heißen Mittagsstunde
Einsam steh ich in den Flammen
Macht der Teufel seine Runde
In der schwarzen Mitternacht
Schäflein lasst die Glocken klingen
Dass ihr nimmer euch verirret
Denn wenn ich muss einsam singen
Meine Seele sich verwirret
Vor des Teufels stiller Macht
Der Alte hielt sich nach diesen Versen beide Augen zu die Schafe flüchteten
ängstlich von ihm Anton erschrak aber Susanna trat hin zu dem Alten und fasste
unerschrocken seine Stirne die herabhing und drückte sie mit beiden Händen
»Du guter Engel« sagte der Alte »du hast mir wohlgetan habe Dank es sind
so Schwindel die ich der großen Einsamkeit und vielem Kummer zu danken habe
Ach lieber Sohn wenn du wie ich dein Leben verwacht hättest auf der
Kronenburg starr hingerichtet mit aller Aufmerksamkeit auf nichts denn du
lauerst stets ob nicht der Verräter nahe und niemand dringt in die einsame
Wildnis so dass die Vögel zahm mit dir frühstücken da würdest du nicht mehr wie
eine Blume mit deinen Augen in die Welt sehen«
»Hoher Vater« sagte Anton »erzählt mir von dieser Burg«
»Es kommt wohl noch die Zeit dazu« meinte der Alte nachdenklich »du
gehörst dahin du bist ihre letzte Stütze sei eingedenk deiner hohen
Bestimmung deiner hohen Geburt gedenk aber auch deiner vielen Feinde um deren
Willen du deine Abkunft hier noch verheimlichen musst ich traue nicht allen
meinen Dienern mehr seit Niklas uns so schändlich betrogen« ANTON »Ich sag
mit Frundsberg je mehr Feinde je mehr Glück doch sprecht Vater welches
adligen Namens kann ich mich rühmen ich sage Euch zu vor Euren Leuten zu
schweigen«
DER ALTE »Vernimm mein Sohn dass du ein Nachkomme des Grafen von Stock
bist der von Kaiser Konrad mit einer Schlossertochter in Würzburg gezeugt
erst Huf und Waffenschmidt im Gefolge Konradins wurde und als solcher die
Gnade des unglücklichen Fürsten sich in dem Masse verdiente dass dieser ihn noch
vor seiner Gefangennehmung als seines Vaters außer der Ehe erzeugten Sohn
anerkannte und in den Grafenstand erhob«
Der Alte erzählte von hier an oft abgebrochen wir müssen seine Rede
zusammenziehen »Nach der unseligen Schlacht wo Konradin in jugendlichem
Übermute gesiegt zu haben die Seinen zum Verfolgen zerstreuen ließ und von dem
Hinterhalte Karls angegriffen und gänzlich geschlagen wurde flüchtete er sich
mit Friedrich von Österreich mit Lancea von Kalvano seinem Sohn Galeotto und
seinem geliebten Grafen von Stock in die Wälder Sie zwangen einige Eseltreiber
ihnen für ihre kostbaren Waren und seidenen Kleider ihre groben Kittel zu
überlassen So irrten sie im größten Mangel an ordentlicher Speisung mehrere
Tage bis sie an das Ufer von Astura gelangten Hier lag ein Schiffer mit seinem
Boote und wartete auf die Nacht zum Fischfang sie segneten ihren Stern der sie
dahin geführt aber der Fischer sah sie groß an als sie ihn baten sie nach
Pisa zu fahren wo ihrer Sicherheit und Freundschaft wartete Er sagte ihnen
wie sie als arme Leute ihn für eine so weite Fahrt bezahlen könnten Jetzt
fassten sie in ihre Taschen und merkten erst dass sie bloß eine Kiste mit
Kleinodien gerettet dass sie aber ihr Geld in den vertauschten Kleidern stecken
gelassen Hastig zog Konradin einen kostbaren Smaragden von seinem Finger und
gab ihn dem Fischer dass er sie dafür überfahre Dieser lachte über den Ring und
meinte weil sie so ärmlich aussahen er möchte nichts wert sein sagte es aber
nicht weil er sich vor Schlägen fürchtete sondern ging bloß unter dem
Vorwande Lebensmittel einzukaufen nach der Stadt Astura um sich dort nach dem
Werte des Ringes zu erkundigen Da wurden ihm von einem immer mehr Zechinen
geboten als von dem andern einige wollten ihn festnehmen lassen um zu
erfahren woher er einen so kostbaren Ring empfangen er sagte wie es sich
verlaufen und war endlich froh eine Summe für den Ring bekommen zu haben Mit
Wein und Brot beladen kam er zum Ufer wo Konradin mit Ungeduld seiner harrte
nachdem ihm der Graf von Stock vergebens geraten ohne seiner zu warten ihr
Heil auf dem Meere zu suchen O hätten sie es getan denn jetzt nachdem sie mit
dem Schiffer bei schönem Winde auf dem Meere schwebten und ihre Hemden als Segel
ausgespannt mit jeder Welle die sie durchschnitten das Unglück weiter von
sich gestoßen zu haben wähnten jetzt waren sie schon von den Galeeren aus
Astura umkreist und als am Morgen das Meer heiter erglänzte da ging Konradins
Stern unter Johannes Frangipani der Stattalter in Astura hatte die Erzählung
von den armen jungen Leuten die einem Fischer einen so kostbaren Ring
geschenkt um sie nach Pisa überzusetzen mit dem Argwohne angehört ob nicht
Konradin der jetzt aller Orten gesucht wurde darunter sein möchte und
versprach sich von dessen Gefangennehmung große Vorteile Er sendete ihnen zwei
schnelle Galeeren nach die auch am Morgen das Boot erreichten und die armen
Flüchtigen zu Gefangenen machten und nach Astura in ein altes Schloss als
Gefangene einbrachten Hier sollte Konradin von seinem geliebten Bruder getrennt
werden er übersah dass dieser ihm allein nützlich werden könnte wenn er
loskäme und seine Anhänger zu seiner Befreiung sammelte und verpflichtete ihn
wenn sie getrennt würden seine Freiheit zu suchen und zu seiner Rettung zu
brauchen zugleich sagte er ihm den Ort und die Wege der alten Kronenburg der
Hohenstaufen wo ihre Krone und ihr Schatz noch immer bewahrt wird bis ein von
Gott Begnadeter alle Deutschen zu einem großen friedlichen gemeinsamen Leben
vereinigen wird Sie nahmen mit schwerem Herzen Abschied König Karl Konradins
Sieger belagerte Astura wenige Tage vorher weil Frangipani seine Gefangenen
nicht ohne großen Lohn überliefern wollte er musste sich bald übergeben
Frangipani wurde hingerichtet und die Gefangenen nach Neapel gebracht Auf dem
Wege machte sich unser Altvorderer der Graf von Stock durch die Stärke seines
Arms der einen rollenden mit zwei Pferden bespannten Wagen aufhalten konnte
von seinen Wächtern frei er drang bis tief in das kalabrische Gebirge und
sammelte eine Zahl von Konradins Anhängern mit denen er durch Bestechung der
Wächter die mehr Konradins edle Tugend als das Geld rührte einen Versuch
machte ihn zu befreien Konradin hatte aber sein ritterliches Wort dem Könige
gegeben wenn er ihn ritterlich im Gefängnisse hielte keinen Versuch zu machen
daraus zu entkommen er hörte mit unsäglicher Sehnsucht des Bruders Stimme
wieder und wie er ihm sprach von seiner Mutter und der Burg Hohenstaufen vor
allem aber als er ihm sprach von der Kronenburg doch seine ritterliche Ehre
widerstand ihm er befahl von ihm zu weichen dass er ihn nicht für einen Teufel
halten möge der ihm die Herrlichkeit der Welt für seine Seele biete« Bei
diesen Worten schlug der Alte wieder beide Hände über seine Augen und sang noch
jammervoller als vorher zu seinen Schafen
Schäflein lauft nach allen Seiten
Wenn der Wolf den Hund bezwungen
Ihr könnt nimmer ihn bestreiten
Lasst ihm eure zarten Jungen
Hab es auch also gemacht
Schäflein fort von meinem Sohne
Seid ihr Wölf in Schafes Kleide
Als ich wachte bei der Krone
Brachte Satanas im Neide
Meinen Sohn in seine Macht
Bei diesen Worten sprang der Alte auf und trieb die Schafe mit großer Angst von
dem Bette Antons fort und zur Tür hinaus Anton wollte aufspringen aber Susanna
hielt ihn der Alte fechtend wie mit einem Doppelschwerte in der Feldschlacht
trieb die Herde mit einem großen Zweige nun ungestört zur Tür hinaus als er
hinaus war bat Anton Susannen die Fenster zu eröffnen denn der Duft der Herde
machte die Zimmerluft unerträglich Als die Luft so einströmte und die fernen
Berge in der Blendsonne rötlich bekleidet ihm erschienen da fand sich das Gemüt
des Kranken von den Entdeckungen des Tages vorbewegt in einer Sehnsucht
aufgelöst die ihn in gesunden Tagen noch nie übernommen hatte er dachte was
ists denn mehr ein Graf zu sein in einer Einöde oder ein froher Bürger in der
Stadt er wusste sich nicht zu nehmen sich nicht auszulassen er bat Susannen
zu ihm zu kommen fasste ihre Hände spielte damit berührte ihre Fingerspitzen
und fügte sie wie schlanke Zweige die er zu einem Kranze flechten wollte
ineinander und hielt sie dann wieder zusammen und sah nach dem Lichte das
rötlich zwischen den Fingern durchschien »Liebes Kind« so brach er endlich das
Schweigen »warum hast du mich heute nicht verbunden wie du es damals getan
vielleicht wäre ich jetzt schon geheilt und könnte mit dir im Freien die
Wolkenzüge beschauen die hier auf der großen Ebene viel wunderbarer erscheinen
als bei uns wo sie von den Bergen abgeschnitten«
»Ich hätte es wohl getan« sagte sie »aber ich schämte mich vor den fremden
Leuten da Ihr halbtot wart« ANTON »Wie kommst du zu der wunderlichen
Geschämigkeit da der Ort deiner Erziehung aller Scham und Schande den Kopf
hätte abbeissen müssen« SUSANNA »Ich habe viel Böses sehen müssen und ich
werde wohl lange darum büßen« ANTON »Büssen ja Kind wie meinst du das Du
sollst bei mir büßen gib mir einen Kuss zur Busse du wendest dich von
mir«SUSANNA »Ich schäme mich dass Ihr dies von mir verlangt ich bin Kurt
Euer Knappe der Euch treu dienen wird in Not und Gefahr ich diene aber nicht
um Küsse ich diene um Ehre« ANTON »Hast du dich so in deinen Rock in deinen
Degen verliebt Liebst du mich nicht« SUSANNA »Nein Herr aber es wäre mir
lieb wenn ich Euch lieben könnte«
ANTON »Du meinst wegen meiner Hausfrau« SUSANNA »Von der weiß ich
nichts als was Ihr mir gesagt habt was würde die mich hindern Euch zu lieben
der müsste es ja Freude machen« ANTON »Ich meine doch nicht sie möchte wohl
eifersüchtig sein wenn sie wüsste dass ich mit dir in einem Zimmer geschlafen«
SUSANNA »Daran habe ich nie gedacht ich will es nie wieder tun es geschah
aber aus Vorsorge für Euch dass ich hier blieb«
Anton dankte ihr für ihre Güte doch mischte sich ein Ingrimm über ihre
Kälte in diese erste nähere Bekanntschaft mit ihr wie der Pechgeschmack der
das erste Glas von einer frisch entpfropften Weinflasche zuweilen verdirbt dass
wir nicht beurteilen können ob er edel oder unedel sei er wünschte sich einen
munteren Gesellen von weniger Vortrefflichkeit der in seiner Fröhlichkeit
mitjubelte der an seinem Halse hinge Sie diente ihm mit einer Hochachtung wie
einem höheren Wesen das er nicht sein mochte dessen Schwungkraft er gar nicht
in sich fühlte so etwas wurde aber niemals in ihm zum Gedanken er fühlte den
Ärger dann fühlte er dass er unrecht gehabt und suchte es gut zu machen
»Liebes Kind« so sprach er indem er sich zu Susannen hinwandte »wie sieht es
denn hier im Hause eigentlich aus lebt mein Vater ganz allein« SUSANNA
»Herr es ist überaus wunderlich hier bestellt mit allen Leuten doch gefällt es
mir die meisten sind alterschwere Männer die gar nicht hören können aber
jeder hat sein eigen Geschäft wie die Vögel sich jeder ein besonderes Nest
bauen« ANTON »Hast du sie besucht« SUSANNA »Sie nahmen mich
stillschweigend mit der eine zeigte mir seine Eichhörnchen die Kammer hatte
Drahtfenster und war mit hohlen Bäumen verziert und drin heckten die
Eichhörnchen kaum trat er ein gleich kamen sie wie rote Brände aus allen
Höhlen und seufzten zu ihm so durchdringend dass mir wohl ums Herz wurde er
brachte jedem Nusskerne und allerlei Früchte wie zierlich setzten sie sich auf
die Hinterfüsse schlugen den Schweif in die Höhe und wirbelten die Nüsse erst in
ihren Vorderpfoten unter den blitzenden Augen umher eh sie mit dem scharfen
Zahne einsägten Seht Herr da hab ich eins mitgebracht ein Junges« ANTON
»Es hat dir die Brust blutig gekratzt lass dir das Blut abtrocknen« SUSANNA
»Es schadet nichts es tat nicht weh seht nur das artige Tier jetzt legt es
sich in meiner Hand rund zusammen zum Schlaf« ANTON »Du hast doch das hier
nicht gestohlen« SUSANNA »Es denkt doch keiner so schlecht von mir wie Ihr
Der Alte hatte mich lieb und da er die Mutter von diesem Kleinen nicht sah und
sie im Neste tot fand da holte er das Kleine heraus und gab es mir und weinte
dann als er die Alte schon kalt und steif fand jetzt geht er herum und ladet
die andern zum Begräbnisse« ANTON »Hätte ich nur Farben ich malte ihm das
Tier zum Gedächtnis« SUSANNA »Lieber Herr gleich schaff ich Euch Farben der
eine von den Alten ist ein Maler und das Tier will ich Euch auch bringen er
hat es auf Moos vor dem Hause hingestellt bis alle Gäste des Leichenzuges
beisammen sind« ANTON »Schnell schnell du aufmerksame Seele«
Susanna brachte in drei Sprüngen das Eichhörnchen und nach kurzer
Unterredung einen alten Mann den sie Reichental nannte mit allem
Malerwerkzeuge einer ebnen Holztafel mit Kreidegrund in die Stube gezogen
ANTON »Du bist zu ungestüm Kind werter alter Herr wollt Ihr mir Eure
Tafel und Euer Gerät leihen oder malt Ihr selbst vielleicht besser und seid
geschickter dies tote Eichhörnchen zu malen«
Simon versicherte ihm dass er nie etwas anderes als Wappen gemalt nach
einem Zeichenbuche niemals nach der Natur und war daher nicht wenig
verwundert als Anton mit seiner Sicherheit und Fertigkeit in ein paar Stunden
das Eichhörnchen auf zwei gekreuzten Knochen sitzend gemalt hatte wie es an
einem Schädel wie an einer Nuss nagte
Inzwischen war im Hause ohne dass die beschäftigten drei es wahrgenommen
ein ängstliches Suchen nach dem Leichnam des Eichhörnchens gewesen der
Leichenzug hatte sich versammelt das mit Blumen durchflochtene Kästchen sollte
die Tote aufnehmen aber sie war verschwunden man suchte an allen Orten aber
der trostlose alte Mann fand nirgends seinen Liebling wieder Susanna musste sich
jetzt mit dem toten Eichhörnchen und mit dem Gemälde wieder zu dem Ehrenbette
aus Moos hinschleichen jenes darin verstecken und dieses aufstellen Der Alte
der sich müde gesucht hatte kam endlich wie alle Leute die etwas verloren
woran ihnen viel liegt auf den Platz zurück wo er es vermisst seine trüben
Augen sahen das Bild für den lebenden Liebling an und ergossen sich in Tränen
»Sie sieht mich an« rief er aber jetzt fühlten seine Hände die Täuschung der
Farben und diese Täuschung blieb ihm noch lieb »Wer hat mir die Freude
bereitet« fragte er »dem lohne es der Himmel mit gleicher Freude das Bild ist
mein Schatz mein einziges Spiel und Gespräch an meinem Bette soll es hängen
meinem Haupte gegenüber dass es mich begrüsse beim Einschlafen und mir begegne im
Erwachen«
Während der Alte der sich von seinen Lieblingen Eichhorn genannt hatte
also sprach hatte der alte Graf Rappolt von Reichental die Geschicklichkeit
seines Sohnes erfahren er kam zu ihm und sprach »Lieber Sohn ich kann dir die
Freude nicht ausdrücken die du mir mit deiner guten Gesinnung schaffst bei
deiner Kunst wirst du ein herrliches Leben auf der Kronenburg führen wir alten
Wächter wussten meist nichts Besseres zu tun als uns mit ganzer Seele an irgend
ein Tiergeschlecht zu hängen oder an eine Händearbeit und dabei gehen die
Lichter aus im Hirne«
»Führt mich zur Kronenburg teurer Vater ich möchte Euch dienen mit allen
Kräften« sagte Anton
»Du wirst vielleicht bald dazu reif gefunden werden« sprach Graf Rappolt
»vielleicht auch niemals denn nie werde ich dich durch Gunst dazu fördern
kannst du hungern und dursten«
»Nein« rief Anton »lieber möcht ich mich selbst stückweis verzehren als
hungern«
»Armer Sohn« sagte Rappolt »das hast du von deiner Mutter da wirst du
schwere Lehrjahre ausstehen ehe du es lernst«
Susanna brach jetzt in Tränen aus am Fenster der Alte unterstützte den
Sohn sie sahen die Alten paarweis vorüber ziehen zuletzt trug der Alte die
kleine Leiche auf Moos und Blumen in einem zierlichen Korbe Sie blieben in
einem Winkel unter Tränenweiden stehen wo mehrere weiße Denkmale schimmerten
hier sangen sie während des Grabens und Einsenkens ein sanftes Lied das
deutlich in das Fenster schallte
Der Überdruss
Auch weichen muss
Die Langeweil
Hat nimmer Heil
Mach dich von allem frei
So ist dir alles neu
Das einfältige Lied hatte einen eignen Trost für Anton der jetzt erst merkte
dass ihn eine Art Überdruss und Langeweile über die Abwechselung seines Geschicks
ergriffen hatte »Lustig wollen wir leben« rief er zum Vater »heut will ich
meinen Geburtstag feiern denn mich durstet lasst mich unten in den Garten
tragen Vater schafft mir junges Volk das tanzen und springen kann die
Ankunft des verlorenen Sohnes muss gefeiert werden«
Einem Grafen von Stock meinte der alte Rappolt zieme sich wohl eine andere
Art der Freude inzwischen zieme es sich recht gut dass heute die Hirten
herantrieben um ihre Abgabe dem Schloss zu entrichten wobei sie fröhlich zu
tanzen und zu singen pflegten Wirklich ließ sich schon die Feldschalmeien auf
den Waldhügeln in Gruß und Gegengruss hören die Glocken des angetriebenen Viehes
richteten die Aufmerksamkeit nach allen schönen Waldgründen die sonst in dem
großen Eindruck des Ganzen leicht übersehen werden Rappolt befahl einigen
Dienern den Sohn in der Bettstelle herunter zu tragen wobei Susanna Achtung
gab dass nirgends von den steifen alten Männern angestossen wurde Auf dem großen
Platze vor dem Jagdschlosse waren schon die jungen Stiere und Kühe aufgestellt
alle mit Blumen und bunten Bändern geschmückt die Hirten nahmen von ihnen
zärtlichen Abschied und übergaben sie den alten Dienern des Grafen die sogleich
Befehl erhielten einige nach der Kronenburg zu führen Dann wurden große Fässer
mit Bier auf hohe Steine festgelegt es wurde in große hölzerne Krüge gezapft
und von den Mädchen umhergetragen die zierlich gekleidet in roten Jacken mit
silbernen Ketten und kurzen blauen Röcken die Haare in langen Flechten
erschienen waren Ein lustiger Tanz vergalt ihnen die Mühe vier Paare tanzten
in bunter Abwechselung die Einladung und das Geheimnis der Liebe immer
zierlicher zu verhüllen dass es sich endlich ohne Schamröte kund machen konnte
während die übrigen alles spottend aussangen selbst das was noch nicht wahr
geworden Da hieß es
Auf schwenkt die Mädchen rum
Es tanzt sich gut im grünen Wald
Und seid dabei nicht stumm
Damit es lustig schallt
Ju ja ju ja
Lustig wollen wir springen
Allhier im grünen Wald
Nun waren einige Paare über einander gefallen da sangen sie weiter
Das Moos ist gar zu weich
Das Moos ist gar zu glatt
Es war ein grüner Zweig
Der uns zu Fall gebracht
Ju ja ju ja
Auf grünen Zweig wir kommen
Allhier im grünen Wald
Wir trudeln uns herum
Auf weichem glatten Moos
Der Maulwurf ist nicht dumm
Der wohnt im Erdenschoss
Ju ja ju ja
Wir wollen uns begraben
Allhier im Erdenschoss
Deck mich mit Rosen zu
Und mit Vergissmeinnicht
Sonst hab ich keine Ruh
Wenn mich die Sonne sticht
Ju ja ju ja
Lass mir den Haber stechen
Allhier auf grüner Heid
Gehört das Laub dem Baum
Gehört das Laub der Luft
Es spielt damit der Baum
Es spielt damit die Luft
Ju ja ju ja
Jetzt will ich dich erst küssen
Dann küsse mich einmal
Anton hatte seine Herzensfreude an all dem Jubel an dem plumpen Schwenken der
Mädchen an dem Stampfen der Knechte er sprang im Bette hoch auf wenn der
Dudelsack ein altes Ziegenfell woran der Kopf mit messingenen Hörnern und
Korallenaugen in eine andere Melodie umsetzte und ärgerte sich über Susannen
die sich hinter seinem Bette wie ein geängstigter Hund verkrochen hatte und auf
jeden schlug der sie wieder aus dem Zufluchtsorte herausbringen wollte Der
alte Rappolt hingegen meinte seinen Sohn zerstreuen zu müssen er sprach von
manchen ernstaften Begebenheiten und befahl bald dass sein Völkchen welches
allmählich in der Erhitzung und Bewegung allzustark nach dem Stalle roch sich
in eine weitere Entfernung begebe
»Weißt du lieber Sohn« sagte er »dass ich meine Jugendzeit als Kapuziner
verbetet habe«
»Nein« sprach Anton zerstreut und sah in die Ferne wo getanzt wurde »da
muss Euch das Hosentragen nachher schwer geworden sein«
»Die Kapuze lag heiß auf mir als wär sie von geschmolzenem Blei gewesen
lieber Sohn wenn du eine hohe Klostermauer erblickst denk nicht mit den Leuten
von heute dass da lauter Üppigkeit die müßigen Leiber füllt gemeiniglich ist
das nur ein aufgegebenes Leben das sich in Trunkenheit zu vergessen strebt
nachdem Not und Sünde und Hass und Bosheit eigne und fremde viele Jahre die
arme Jugend gegeisselt hat«
Bei diesen Worten weinte Susanna der Alte sah sie an und sagte »Du bist
ein schöner Reiterknabe flennst wie ein altes Weib geh fort zum Tanz und
kriech hier nicht herum wie eine Katze was ich hier zu sprechen habe geht dich
nichts an fort lauf such dir ein Mädchen und sing ihr zärtlich vor das
andere wird sich finden«
Susanna aber klemmte sich fester an Anton den eine Lust zu ihr durchdrang
wie er ihren festen Bau berührte er spielte mit ihren Haaren und bat den Vater
sie zu dulden der Knabe sei treu aber schüchtern
»Nun so sei wenigstens ganz ruhig« sagte der Alte und sie konnte sich
jetzt nicht wehren als Anton sie heimlich umfasste
Die Geschichte des alten Rappolt
Der alte Rappolt erzählte nun mit einem schmerzlichen Ernste sein Leben
»Ich bin das jüngste von drei Kindern die meine Mutter Katarina von
Blanken meinem Vater Wolf als er schon hoch betagt war geboren hatte Gott
habe sie beide selig und lasse sie niederschauen auf diesen ersten Freudentag
meines Alters Meinem Vater habe ich die Augen auf der Kronenburg zugedrückt er
starb auf der Wacht nachdem er mich mehrere Jahre in dem Geheimnisse der Krone
und der Gänge und des Gebetes wohl unterrichtet hatte Das alles sollst auch du
lernen mein teurer Sohn Anton wenn du erst zu verständigen Jahren gekommen und
Rinde angesetzt hast auf deine glatte Stirn Von meiner Mutter weiß ich nichts
als dass ich damals außer ihr nichts wusste sie spann viel und stand dazu früh
auf von ihrem feinen Gespinst kommen alle die feinen Gedecke worauf in der
Kronenburg am Todestage Konradins gespeist wird Wenn sie nun bei einem
Kienfeuer im Kamin früh Morgens aufsass da ruhte ich nicht mit Schreien bis sie
mich auf ein Kissen an die Erde gelegt da lag ich auf dem Rücken und spielte
mit meinen Füßen und sah sie wohl stundenlang an und lachte wenn sie sang
Weiter weiß ich auch nichts von ihr dabei sog ich an meinem Finger was sie mir
oft verbot aber außer meinem Kissen und meinem Finger hatte ich gar kein
Spielzeug«
»Vater« fragte Anton »weißt du nicht mehr was Frau Katarina die
Großmutter gesungen ich höre gern alte Lieder denn man weiß doch nicht recht
wo sie herkommen«
»Ein paar Reime sind mir so geblieben« sagte Rappolt »nicht aus der frühen
Zeit sondern weil sie mein Vater immer zu ihrem Angedenken wiederholte
Mein Mann ist auf der Wacht
Die lange schwarze Nacht
Und wenn der Morgen graut
Und wenn der Nebel taut
Hat er sich müd gedacht
Da bin ich frisch erwacht
Gott segne ihn Gott stärke ihn
Und lass ihn bald zu Tale ziehen
Ich hab nur kurzen Schlaf
Weil fern mein lieber Graf
Noch ruhen Hahn und Kind
Es geht ein scharfer Wind
Doch fahr ich in die Schuh
Ich habe keine Ruh
Gott segne euch Gott stärke euch
Ihr lieben Kinder allzugleich
Von grauer Asch bedeckt
Liegt helle Flamm versteckt
Und dieses Feuers Stärk
Zeigt Gottes Gnadenwerk
Ich arbeit nicht allein
Gesellig ist der Schein
Gott segne ihn Gott hüte ihn
In Ruh will ich den Faden ziehen
Ist mein Gespinst zu End
Streck ich zu Gott die Händ
Und harre stille sein
Im Totenhemde fein
Jed Kind ein Hochzeitemd
Aus gleichem Stück bekommt
Gott segne sie Gott stärke sie
Wenn ich zu meinem Heiland zieh
Sieh lieber Sohn« fuhr Rappolt mit ungewohnter sanfter Stimme fort »was sie
gesungen das ward an ihr wahr aber nicht an uns sie starb so weg kein Mensch
wusste wie ich weiß es auch nicht recht denn ich lief damals schon meinem
älteren Bruder Wolf und der Schwester Gloria nach und hatte die Mutter etwas
mehr vergessen Als sie aber tot war und zur Erde bestattet wurde da schrien
wir alle erbärmlich doch wie es bei Kindern geht eine alte Magd die uns
alles Gute tat hatte bald unsre Liebe zur Mutter geerbt auch wuchsen wir
selbst allmählich an dass wir nach unsrem Kopfe wirtschafteten Wir hielten alle
drei auf strenge Ordnung da war kein Winkelchen in unserm Zimmer das nicht zu
etwas Bestimmtem benutzt wurde Ich trieb viel Vogelstellerei und hatte die eine
Wand mit ausgestopften Vögeln besteckt nebenbei war ein Bauer mit lebendigen
Vögeln die ich in allerlei Sangweisen abrichtete sowie ich auch noch jetzt das
wilde Geschrei von allen so genau nachzumachen weiß dass sie scharenweis zu der
Kronenburg geflogen kommen und dort überwintern Meine Schwester Gloria war sehr
geschickt mit der Nadel in allerlei künstlichem Werk auch spielte sie das
arabische Schachspiel besser als wir beide worüber wir uns oft geärgert hatten
ihr Gerät stand zwischen den Fenstern auf der andern Seite Mein Bruder Wolf war
recht fleißig in aller Art Gelehrsamkeit und täglich besuchte ihn ein Mönch aus
der Gegend der ihm in allem gelehrten Wesen Unterricht gab sein Schreibtisch
und sein Bücherschrank besetzten die dritte Seite an der vierten stand der
Esstisch So lebten wir einen Tag wie den andern und jeder lernte mit dem
andern wir sagten es uns nie wussten es auch nicht hatten einander aber so
lieb dass wir keinen Unterschied zwischen einander zu machen wussten auch
schliefen wir noch wie in unserer ersten Kindheit in einem großen Bette
zusammen beteten zusammen und küssten uns ehe wir einschliefen
Lieber Sohn zuweilen haben die Väter groß Unrecht der Himmel verzeihe
meinem Vater wie er uns einmal des Morgens aufgeschreckt unter fürchterlichen
Schimpfreden und Flüchen die wir nicht verstanden aus dem Bette riss und
einzeln seinen Leuten übergab Er hat mir in späten Jahren erst anvertraut was
ihn damals zu dem gewaltsamen Erscheinen gebracht es war die Warnung des
Niklas Fabians verruchten Vaters den wir nicht leiden mochten wir trieben
schändliche Sünden deren Namen meine Lippen verunreinigen würden zusammen er
möchte nur frühe kommen so würde er uns in einem Bette finden obgleich drei
andere für uns bereit ständen Als er uns nun in dem großen Bette angetroffen
hatte er in Wahrheit gemeint der Teufel habe uns zusammengeknebelt er brachte
uns beide um Busse zu tun in zwei entfernte Klöster und meine Schwester zu
einer reichen adligen Witwe ihrer Verwandtschaft in Konstanz Nicht einmal einen
Abschied gönnte er uns Kindern sondern einzeln schleuderte er uns aus dem
Zimmer und befahl seinen Knechten wohin er jeden von uns auf seinem Rosse
führen sollte Ich war von Kälte halb erstarrt als ich in dem Waldkloster zu
Hirschingen abgesetzt wurde und wusste meiner Seele keinen Rat ich sann
vergebens die lange Zeit was ich verbrochen hatte und wusste mir endlich nichts
anderes zu denken als dass ich unter meinen Vögeln irgend einen verzauberten
Ritter gefangen wie so damals die kindischen Märchen umgingen der sich an mir
hätte rächen müssen Ein alter Abt nahm mich gutmütig auf und brachte mich zu
einem Haufen anderer Knaben die ihn sehr demütig begrüßten aber entsetzlich
über ihn schimpften als er den Saal verlassen hatte auch hörte ich bald von
ihnen so boshafte Reden so schlimme Streiche wie Heldentaten erzählen dass ich
meiner Unschuld mir bewusst wurde Nach einigen Tagen wo mein Vater mit dem Abte
mochte gesprochen haben wurde ich zu ihm gerufen er fragte mich so sonderbar
aus ich wusste nicht was er wollte ich musste ihm so viel von meiner Schwester
erzählen dass ich ihm endlich den Argwohn nicht verbergen konnte sie möchte
mich verleumdet haben wie sie uns zuweilen in sonderbarer Laune allerlei
vorerzählte von Zwergen und Zuckerhäuschen die wir nachher umsonst im Walde
aufgesucht hatten Der Abt bestätigte meine Vermutung wahrscheinlich aus guter
Absicht um die vom Vater ihm vorerzählte strafbare Neigung zwischen uns
gänzlich zu unterdrücken aber er wusste nicht dass er den schönsten Funken
offener hingebender Freude und Freundlichkeit für alle Zeit in mir auslöschte
wem sollte ich trauen da meine liebreiche Gloria mich verlästert Weh mein
Kopf
Denke ich der Freudenfülle
Meiner ersten Jugendzeit
Schäm ich mich der leeren Stille
Und mich fasst ein tiefer Neid
Und wen kann ich mehr beneiden
Als mich selbst in Jugendfreuden«
Der alte Rappolt hielt sich hier den Kopf dann fuhr er fort »Von meinen
Klosterjahren weiß ich dir wenig zu sagen« der Ernst womit alles Feierliche
getrieben wurde die Strenge aller Gesetze bezwangen mich mit den Jahren außer
dem Kloster schien mir bald nichts Herrliches mehr zu wohnen um uns her lag die
große Einsamkeit wir hörten nichts als das wilde Geschrei der Bären Wölfe und
Lüchse daher und in seltenen Tagen kamen Wallfahrten von armen Köhlern und
Waldbauern deren rohe Unwissenheit mich erschreckte die Anstrengung des
Kirchendienstes das Wachen und Lernen war die kräftigste Busse alle meine liebe
wendete sich zu den gnadenreichen Bildern der Mutter des Herrn die mir wie
ewige Lichter in der Kirche brannten zu denen ein heiliger Zauber alles schöne
Licht aus der unendlichen Luft hinriss Nachdem ich meine Gelübde als ein
Nachfolger des heiligen Franziskus abgelegt hatte ward ich nach andern Klöstern
auf die Wanderschaft gesendet o der Greuel die ich anschauen musste welche
Buhlerei mit der Welt die sie aufgegeben hatten welche Üppigkeit mit den Gaben
der Armut Oft saß ich im Beichtstuhl und konnte vor dem Schreien der
Chorherren die in der Kirche saßen und spielten die Beichte der armen Sünder
nicht vernehmen ich sah die Mönche in die Häuser zu den Frauen schleichen wenn
die Männer zur Arbeit ins Feld gegangen da tobte ich und ward von vielen
übermannt geschlagen in Kerker geworfen und ohne Zehrung weiter geschickt In
solcher Armut kam ich eines Abends von Kostnitz die Hügel herunter und Gottes
Herrlichkeit spiegelte mir aus dem See in die Seele die Berge hatten sich in
Feuer gekleidet und es schien alles wie zum Tage des Gerichts wo die Toten
erwachen und die Lebenden ihnen gleich sind und mit ihnen sich mischen da
schien ich so frei von aller Welt dass ich bald einzukehren vergessen und mit
Verwunderung auf meinem Kopf fühlte dass meine Locken mir vom Scheitel
abgeschoren Einige Ritter trabten mit Frauen auf mutigen Rossen vorüber sie
sahen mich nicht und sprachen mit einander von süßem Liebesspiel von der Nacht
und von der Jagd mir ward so weh ums Herz gern wäre ich als ihr geringster
Diener mitgezogen aber schnell waren sie mir aus den Augen und ich stand vor
einer Klosterpforte wo ich ohne Nachdenken anklingelte Mir wurde aufgetan da
es aber zu spät war um mit den andern Mönchen im Refektorio zu speisen so
wurden mir einige Nahrungsmittel in meine Klause gereicht ich sprach wenig und
der Mönch der mir die Gastfreundschaft tat schien auch nicht zum Reden
geneigt beim Abschiede sagte er mir ich möchte mich durch keinen Lärm im
Schlaf stören lassen ich sei zu weit gegangen um die Messe mitzusingen Aber
der Schlaf versteckte sich meinen offenen Augen die in die Nacht wie in ein
Grab starrten das erhitzte Blut glänzte in Feuergestalten vor mir und ich
musste immer meines Bruders Wolf und meiner Schwester Gloria denken von denen
ich so lange nichts gehört hatte sie sahen mich unendlich traurig an und
zerflossen dann in Lichtwolken Dieser Bilder überdrüssig wollte ich erst auch
den Fackelschein der bei meinem Fenster das nach dem Klosterhof sah
vorüberzog für eine Täuschung kranker Sinne halten bis ein leises Beten mich
überzeugte dass dort ein Fest gefeiert werde Das Fenster war der Sommerluft
geöffnet ich trat heran und sah eine Reihe von Mönchen mit Fackeln in den
Händen aus der geöffneten Knochenkammer hervorgehen die leise betend sich im
Kreise stellten Die letzten die heraustraten waren ein Mönch ohne Fackel und
ohne Kappe über das Haupt neben ihm ging ein anderer ohne Fackel mit dem
Kruzifix der ihm die Hände faltete und mit ihm betete ein Laienbruder mit
glänzendem Beile folgte beiden Diese drei traten in die Mitte des Kreises der
Mönch ohne Kappe kniete nieder betete legte sein Haupt auf den Block und der
Laienbruder trennte es mit einem Hiebe von dem Rumpfe das alles in einer
Schnelligkeit dass mir schwindelte in halber Ohnmacht hörte ich das Lied
»Oremus pro fideli defuncto singen der Körper wurde zurück in die Totenkammer
gebracht der Zug der Mönche ging bei Glockenklang in die Kirche
War es die Wirkung dieser schaudervollen Erscheinung oder trug ich die
Krankheit schon im Blute am Morgen lag ich im heftigen Fieber aus dem ich nur
für einzelne Stunden erwachte und bald wahrnahm dass ich in ein anderes besseres
Zimmer gebracht sei das eine Aussicht auf ein anderes großes Gebäude hatte Ich
wurde sehr gutmütig in meiner Krankheit gepflegt ich vermied von jener Nacht
zu sprechen doch endlich brachte mich mein Wärter Pater Posidonius selbst auf
dieses Gespräch indem er mir erzählte dass ich immer von einem Mönche
phantasiert hätte dem der Kopf abgeschlagen worden Ich erzählte ihm das
schaudervolle Nachtgesicht er hörte zu und versicherte das habe alles seine
Richtigkeit ihr Kloster habe das Recht über Leben und Tod und der
Hingerichtete sei wegen einer Verbindung mit einer vornehmen Nonne im Kloster
gegenüber hingerichtet worden Hier hat er gewohnt sagte er von hier sah er zu
der Nonne ins Fenster hier wurde er auf Befehl des Abtes weggebracht und die
Verzweiflung gab ihm den unseligen Gedanken ein sich kunstreiche Flügel zu
machen das gelang ihm nicht er kam nicht zu ihr sondern in den Himmel es war
eine treue Seele sie weiß nichts von seinem Tode und wartet täglich ihn zu
sehen denn dort haben sie kein so strenges Gesetz wie bei uns Es wäre ihm auch
nie etwas geschehen sagte der Mönch sachte aber der Abt hat selbst ein Auge
auf die schöne Nonne geworfen
Kaum war der Mönch fort so sah ich verwildert im Zimmer umher ich wünschte
mich weit fort ich dachte der Unglückliche werde mir missgönnen durch das
Unglücksfenster was ich bisher nicht der Mühe wert geachtet hatte
hinauszublicken wenn eine Maus durch die Kammer lief glaubte ich seinen Geist
herschreiten zu sehen Kaum war ich hergestellt so wollte ich weiterziehen
aber mir ward angedeutet dass ich die Mühe und die Kosten die ich dem Kloster
gemacht durch kirchliche Dienste abverdienen sollte so blieb ich halbgezwungen
zurück O wäre ich mit Gewalt herausgebrochen hätte mein Leben selbst nicht
geschont
Es war an einem Sonntag abend als ich ermüdet vom Beichtstuhl mich an das
Fenster setzte um die frische Luft zu genießen die mit Wohlgerüchen aus dem
Garten der Nonnen durchdrungen sich begierig in unsere Zellen ergoss da sah ich
zum erstenmal nach dem Turme mir gegenüber und erblickte in der höchsten
Klarheit bei einer Lampe eine Heilige an einem Stickrahmen denn heilig war sie
mir das schwöre ich im Anblick der Waage die vor uns am Himmel sichtbar
geworden mag der ewige Richter mein Herz wägen Mein Auge sah immer weiter und
klarer mir ward als stände ich unsichtbar neben ihr so sah ich mich hinein in
jeden Zug des hohen jugendlichen Gesichtes ich fühlte zu ihr alle Liebe die
ich bei meiner Schwester aufgegeben Sie fuhr plötzlich von ihrer Arbeit auf
versteckte sie unter ihrem Bette und entriegelte die Tür es trat eine fröhliche
alte Nonne mit einem Schachbrette herein sie küsste meine Heilige beide setzten
sich näher zum Fenster und legten das Schachbrett auf einen kleinen Tisch die
Heilige spielte mit den weißen Schachfiguren die Alte mit den schwarzen Das
Spiel begann ich sah die sanfte Aufmerksamkeit der Heiligen die Bosheit der
Alten jene betete diese fluchte mit ihren Augen und beiden wurde gewährt Die
Nachtfalter die erst vor dem Fenster und an der Lampe sich umhergetrieben
verwandelten sich in Gestalten rötliche kleine buntgeflügelte Engel umflogen
die Heilige und setzten sich auf die Figuren die sie ziehen sollte dahingegen
kleine schwarze geschwänzte Teufelchen mit Fledermausflügeln die Gegenzüge der
Alten bezeichneten Der Kampf des Guten und Bösen wurde auch in meiner Brust
gestritten bis tief in die Mitternacht endlich sah ich dass meine Heilige
ermüdete sie sah nicht mehr die Engel und die Alte ging triumphierend mit dem
gewonnenen Spiele fort Die Heilige sank ermüdet über den Sessel und die Teufel
und der Wind spielten in den Falten ihres Gewandes O du heiliger Gott welch
ein weltträumender Sinn ging mir da auf dass ich die Welt hätte verachten mögen
weichliches Gras des Frühlings und glatte Früchte des Herbstes und Sommerquellen
und Winterschlaf alles in erstem Weine des Lebens berühret erstes Atmen des
lebendigen Wortes worin die Welt sich verklärt Wunder des Glaubens das
Unmögliches der sehnenden Seele gewährt Fülle der Freude die in allem
widerklingt von allem uns wiederkehrt ihr seid doch geahnt aber die Liebe in
einem kindischernsten Gemüte die in einem Augenblick Jahre reift die ist
nicht geahnt in den Abgründen ihrer trauernden Wollust die den Menschen
vernichtet während er mit allem Leben zu prangen scheint
Lieber Sohn ich vergesse dass ich dich nicht zu lebhaft an das menschliche
Fleisch erinnern sollte aber was kann ich dafür es war eine Aufwallung von
der mir noch jetzt der Mund übergeht sie wusste nichts von meiner Glut in der
alle Sterne wie glühende Blasen zersprangen und den Morgenhimmel räumten Sie
hatte fest geschlafen bedeckte sich im Erwachen sah empor zur blauen Luft und
sang sehr traurig
Als ich im Grase noch spielte
Sah ich den Himmel nicht an
Ob er da glühte und kühlte
Nimmermehr fühlt ich den Bann
Der über den Bergen und Talen
Wirket in ewigen Zahlen
Winter war freundlich willkommen
Brachte der Früchte so viel
Frühling war nimmer beklommen
Selig verarmt das Gefühl
In Jahren die fröhlich vergessen
Glücklich wer gar nichts besessen
Seit ich im Herzen vermählet
Seufz im vermauerten Haus
Hab ich den Himmel erwählet
Ahne die Wolken voraus
In ihnen ist ewig Entstehen
In mir ist ein irdisch Vergehen
In dieser Trauer lag mein Mut ich trat hervor an mein Fenster und nie in meinem
Leben hat mich Unwürdigen ein so herrlicher Blick getroffen alle Adern taueten
auf und mein Leben drang dem Tage vor So stand ich und meine Augen sprachen
sie aber ergriff das Blatt einer Pappel die vor ihrem Fenster zitterte schrieb
mit zierlicher Schnelligkeit darauf warf es geschickt in den Wind und der Wind
warf es auf meine Lippen und als meine Lippen sich satt geküsst da lasen meine
Augen unermüdlich was sie darauf geschrieben Selig jeder Morgen wo du mir
erscheinst meines Herzens Heiliger doch selig vor allen der wo ich dich
wieder sah nach langen Tagen sieh alles ist grün geworden und mein Herz geht
auf mit tausend Sonnenblumen zu dir der Himmel ist hell und deine Wangen
glühen wo warst du so lange
Ich las die Worte mit seligem Entzücken aber wie Kinder die heilige
Schrift sie glauben daran sie wissen die Worte aber sie verstehen nichts
Woher kannte sie mich War ich dem armen Sünder so ähnlich den die Liebe zu ihr
unter das Beil gebracht Wie sollte ich ihr antworten Durfte ich ihr antworten
Wollte sie auch mich verderben Ich fragte es und doch war mir dies Verderben
so schön Bald schrieb ich zu ihr auf Blättern und vertraute sie dem Winde ich
durfte ihr nichts von dem Unglücke dessen sagen den sie in mir begrüßte aber
ich klagte ihr mein Unglück dass ich sie liebte jedoch der Wind der uns einmal
begünstigte schien uns jetzt für immer feindlich abgewendet ich sah jedem
Blatte wie einer geflügelten Seele nach aber sie stürmten alle fort bis die
Zeit kam die mich in die Kirche rief Mit welchem Widerwillen begegnete mir
jetzt der Weihrauchdampf seit mich die Gärten der Nonnen mit Frühlingsduft
gestillt hatten wie schrecklich sahen mich die gebräunten Heiligenbilder an
seit ich die blendenden Hügel in denen der Mondschein weidet wenn er der Welt
versteckt ist mit allen Herzensschlägen zittern und schimmern gesehen Dann
aber erzitterte der feierliche Gesang des Miserere wie ein Erdbeben durch einen
Donnerschlag meine Seele bis zum tiefsten Grunde mit jedem Worte glaubte ich
mich strafbarer und verworfener ja als mich dazwischen der Gedanke an die
Nonne umschlang glaubte ich der Teufel selbst zu sein der sich der
Gottseligkeit nur beflissen um mit erneutem Jubel seine Sündenlust zu
empfinden Aber meine Tränen die ich in langen Nächten mir zur Busse und in
halber Ohnmacht vergoss löschten nimmer die Wonne des Tages aus die mir
gegenüber in immer neuen Lockungen erschien und ihre Tränen die ich mehrmals
auf ihren Wangen wie Diamanten in spielendem Sonnenlichte flimmern sah rührten
mich mehr als alle Blutstropfen des Herrn wie er von seinen Feinden gegeisselt
worden In diesem Kampfe mit mir vergingen Monate in denen ich durch die
Strenge meiner Busse den vollen Hass aller Mönche auf mich zog die froh lebten
und meine Busse einer eitlen Lust nach frommer Auszeichnung zuschrieben jeder
lauerte mir auf aber mein Wandel war nur tief in mir strafbar was vor der Welt
erschien hätte heilig genannt werden können Immer seltener sah ich mein heilig
Sündenbild sie schien zu trauern
Es war ein dunkler Freitag als ich nach langem Kampfe Abends an das Fenster
trat und zu meiner Teufelin hinüber blickte wie erstarrte ich aber als ich
heftig in ihrem Zimmer reden hörte und bald darauf sie selbst verstört mit
fliegendem Schleier das Fenster eröffnen sah hinter ihr den Abt unseres
Klosters der sie mit Angst zurückzuhalten strebte Wie es mich übernommen wie
ein Stein in meine Hand gekommen wie ich es gewagt habe ihn auf den Verführer
zu schleudern der ihr so nahe stand noch jetzt schaudert mir und schwindelt
mir«
Nach einer längeren Unterbrechung wo Rappolt seinen Kopf gehalten fuhr er
ruhig fort
»Mein Stein hatte den Abt am Haupte verwundet ich ohne mich zu verbergen
stand in drohender Stellung am Fenster alle dankbaren Blicke aufzufangen die
mir aus den Augen der Nonne strahlten Der Ruf des Abtes hatte bald die alte
Frau herbeigerufen die an jenem Abende der Versuchung Schach gespielt hatte er
ward fortgebracht und drohend zeigte ich ihm noch meine Faust und so stand ich
noch mit dem Gefühle eines Befreiers als ich schon von Mönchen umgeben und
gebunden wurde Ich fluchte dem Abt und seinen Missetaten aber Posidonius der
bei mir zur Wache blieb riet an meine eigene Seligkeit zu denken Wo war meine
Seligkeit Die Grausamkeit eines Eifersüchtigen hatte mich in der Wohnstätte
meiner Liebe gelassen aber wohin war sie entführt die meiner Augen Lustgarten
Ernteflur und Himmelsplan war Mein Jammer ging dem harten alten Mönche zu
Herzen O rief er einmal wie wunderbar ähnlich seid Ihr in Eurem Schmerze dem
armen Wolf den gleiches Unglück und gleiche Liebe mit Euch verbunden oft schon
sah ich verwundert die Ähnlichkeit Eurer Züge ähnlicher können Zwillinge nicht
sein er wollte zu ihr fliegen die euch verdirbt von dir sind die Blätter zu
ihr geflogen du bist entlaubt
Bei dem Namen Wolf gewann mein Bewusstsein für alte Erinnerungen Raum Wolf
sagt ihr Wohl hatte ich einen Bruder in meiner Kindheit den ich herzte und
ehrte und von dem ich nichts weiß aber wenn der Unglückliche geliebt hat wie
ich so war er sicher mein Bruder
Ich kann Euch sein Geschlecht wohl nennen er vertraute es mir in den
letzten Tagen sein Vater hatte sich neu vermählt und seine Kinder erster Ehe in
Klöster gebracht er soll ein harter Mann gewesen sein und darum mochte er wohl
heißen der Graf von Stock
O mein armer Bruder so wurdest du aus meinen Armen gerissen dass ich dich
sterben sähe als ein unschuldiger Sünder von der Mörderhand falscher Gerichte
bald grüßen wir uns und tragen zusammen unsere blutigen Köpfe vor den
Richterstuhl des Herrn
Er wird jedem nach seinem Verdienste lohnen sprach Posidonius Wer aber
soll seine Ehre verkünden auf Erden rief ich Und wie soll mein Vater bestehen
wenn er sieht wie er gewütet hat mit den Gliedern seiner Zukunft mit den
letzten Ästen seines Stammes auf dem auch er erwachsen
Sorge nicht für ihn sprach Posidonius denn dir selbst steht noch das
Schwerste bevor
Er ließ mich bald allein und der Jammer über den Untergang meines
Geschlechtes strömte in wilden Klängen von meinem Herzen bis mich das Dunkel
des Abends umgeben hatte da klinkte es sacht an meine Tür und ein verhüllter
Mönch trat leise herein blickte mich an und fiel dann zu meinen Füßen
Du solltest sterben um mich rief eine Stimme die ich nie in solcher Nähe
vernommen die ich aber kannte wie wir den Himmel erkennen an Wohlwollen aber
ich rette dich fliehe von hier kümmere dich nicht um mich wir sehen uns
wieder
Warum sollte ich sterben warum sollte ich fliehen fragte ich Nur bei dir
zu bleiben nenne ich leben
Du bist verloren sprach sie der Abt hat Blätter mit Liebesworten von dir
dem Gerichte vorgelegt die du dem falschen Winde für mich anvertrautest er hat
seine Wunde eröffnet vor dem Gerichte die du ihm geworfen als er mich sein
Beichtkind abhalten wollte nicht nach dir zu blicken
Hab ich es darum getan
O Himmel sprach sie ich weiß am besten die Beichte die er von mir
verlangte aber siehe dein Leben ist sonst nicht zu retten ich muss schweigen
Vor einer Stunde so sprach ich wäre ich deinem Willen gefolgt jetzt habe
ich keinen Willen mehr hier will ich sterben hier wo mein Bruder Wolf
blutete dieselbe Sichel soll uns beide abmähen
O sprich rief sie bestürzt ich ahne und zweifle wohl hab ich es länger
vermutet es seien euer zwei die ich gesehen und liebte du schienest mir
größer und bleicher
Die Sonne ging unter der Mond ging auf mein Bruder fiel an dem Abend unter
dem Beile wo ich als ein müder Wanderer hier eintraf unsere Liebe ist gleich
zu dir er baute sich kühne künstliche Flügel zu dir zu gelangen aber die
Eifersucht hemmte seinen Flug auch meine Flügel sinken dem Grabe zu und ich
bin müde des Weges dich habe ich gesehen ich fühle deinen Mund an meinem
deine Tränen rinnen auf meinen Backen und meine Tränen küssest du auf mit dir
hätte ein herrliches Geschlecht hervorgehen sollen mein Geschlecht sinkt
Diese Küsse die ich dir reiche schenkte mir die vielgeliebte Mutter begegnet
dir auf Erden meine Schwester Gloria teile sie mit ihr
Gloria rief sie wer ruft mich das ist mein Name aber mein Herz ruft
Jammer sage wie wandelt sich alles um das Feuer wird fest und die Erde
flüchtig und das Freudige will ich fliehen und die Leiden mir wünschen ich
fühle dein Herz und sein mächtiger Schlag sagt dass du stammest von den
Wächtern der Kronenburg Rappolt geliebter Bruder
Stirn gegen Stirn lagen wir so im stummen Erstaunen an einander und
jammerten und sie sang mir wie sie als Kind getan von den Wellen die an den
Himmel schlagen und von den Sündern die an der Himmelstür singen ich aber
über allen Jammer hingetragen von dem sanften Flügel des Schlafes besiegt von
seiner Macht sank in seine empfindungsloseste Tiefe schwarz ward es rings und
kein Traumbild wagte sich in diese Tiefe Aber allmählich wie ein Leichnam
der tief im Wasser versunken in der Sehnsucht zum Lichte wieder aufstrebt so
fühlte ich ein Erbeben und endlich ein farbig Begrüssen in den schillernden
Wellen in denen die aufgehende Sonne sich spiegelt Bald lag ich in den Armen
der Schwester und alle Scheu die mich sonst von ihr geschieden war vergessen
ich wusste gar nicht mehr dass sie mir Schwester war und Nonne ich fühlte nur
mit wildentbrannten Sinnen dass sie ein Mädchen dass sie mein Doch als ich
ihres Leibes Wonne suche da meine ich des Klosters Glocken schreien zu hören
ich fühlte ganz dass mich ein Traum getäuscht ich aber wollts nicht wissen
ich wehrte mich die Augen zu öffnen um zu genießen aller Lieblichkeit Was in
jener zarten Welt des leeren Spiels gestört das lebt nicht mehr ein Windstoß
zerreißt die zarten bunten Flügel die in einer Nacht sich entfalten und
versinken seit ich die Glocken gehört drückte ich das Traumbild meiner Lust
immer gewaltsamer an mein Herz dass mich Gloria wie einen Heiligen umschloss der
sich in Strahlen vor der Welt verstecken möchte Aber immer lauter wurden die
Glocken ich öffnete gezwungen und doch mühsam ein Auge und schloss es dann
wieder und wollte fortträumen ich wusste nicht wo ich war als ich es wieder
eröffnete die Erinnerung sammelte sich erst allmählich bei dem Geläute und bei
verwirrten Stimmen die ich hörte ich wollte aufspringen aber noch hielten
mich die Fesseln mir war wie in jener Nacht der Hinrichtung aber bald sagte
ich mir dass ich schon hingerichtet sei bald dass ich hingerichtet werden
sollte alle Vorstellungen liefen über einander und suchten einander auf
unendlichen Windeltreppen nur eins glaubte ich wirklich und jammerte dessen
die Schuld mit meiner Schwester das Fieber hatte mich durch und durch wieder
ergriffen was mich bei dem Eintritte in das Kloster überfallen hatte Selige
Tage der Krankheit die Welt liegt abgestorben fern aber in uns blüht alles und
regt sich in seinen Übergängen die verständigen Stunden wagte ich nicht durch
Fragen zu stören und wenn ich fragte antwortete mir Posidonius so unbestimmt
dass ich bald daraus schloss er dürfe mir nichts sagen auch sah ich dass man
mich aus meinem Zimmer in ein entferntes Gartenhaus gebracht hatte wo mir mit
liebevoller Sorgfalt allerlei Blumen ums Bett gelegt wurden die ich in der
Bewusstlosigkeit des Fiebers gern streichelte und befühlte
Langsam genas ich und nahm mir endlich vor was sich im Kloster ereignet ob
ich nur zur Hinrichtung so mühsam aufgepflegt würde zu erforschen als ein
ernster Ritter mit weißen Haaren und verweinten Augen zu mir eintrat er stürzte
an meinem Bette nieder und sprach nach langem Schweigen Sohn wenn du wüsstest
wie schwer es einem Vater wird sein Kind um Verzeihung anzuflehen du würdest
mich aufheben
Vater sprach ich wenn Ihr es seid was habe ich Euch zu verzeihen Aber
ich bin zu schwach Euch aufzuheben
Darin zeig dein Verzeihen sagte der Vater dass du in Geduld abwartest bis
ich dich stark genug weiß alle Ereignisse die uns betroffen anzuhören jetzt
vernimm dass du nicht mehr Geistlicher bist der Papst hat mein Flehen erhört
deine Gelübde gelöst du ziehest jetzt heim mit mir um das Geschlecht der
Graten von Stock fortzuführen und ihren schweren Dienst zu vollbringen
Das Fieber hatte alle Heftigkeit in mir gelöscht aber nach Freiheit atmete
ich noch und das Unbestimmte was mir begegnen und was ich erfahren könnte
stärkte meinen Willen gesund zu werden Nach einer Woche war ich stark genug
mich auf ein Pferd setzen zu lassen erst jetzt wagte ich es nach meiner
Schwester Gloria zu fragen der Vater drehte sich zur aufgehenden Sonne und
wischte sich die Augen als ob er geblendet wäre und sprach Keine Frage
lieber Sohn ihr ist wohl ein guter Vater sorgt für alle seine Kinder
Als wir so an der Ebene stillschweigend hinuntergeritten waren wo alles mir
wie eine neue Welt schien da sprach meines Vaters Knecht Herr jetzt geht es
hellauf
Gut sagte er in der Hölle wird es ihnen heißer werden
Ich blickte um und sah die wohlbekannten Zinnen und Türmchen der beiden
Klöster hellflammend erst glaubte ich im Morgenrot aber die Mauern wurden
durchsichtig und der irdische Dampf rang mit dem ewigen Lichte da wandte ich
mein Pferd und wollte zurückeilen Gott meine Schwester rief ich
Sie ist nicht mehr dort rief mein Vater sie ist nicht mehr hier kein Auge
kann sie sehen kein Ohr sie hören sie lebt in den Gedanken sie ist bei Gott
So will ich bei ihrem Grabe bleiben und wie eine Zypresse einwurzeln rief
ich
Ihr Grab ist nirgends sagte mein Vater der teure Leib ist zu Asche
verbrannt von der Luft verweht so soll auch dieses Haus der Grausamkeit und
der Schande zu Asche verwehen denn dieses Feuer habe ich angelegt
Vater Eure Worte haben mich wie Stahl gehärtet sagt mir alles wie es sich
verlaufen denn trauern werde ich um alles was mir geschehen um alles was ich
weiß und um alles was ich wissen möchte
Noch ist es nicht Zeit sagte er und ritt stillschweigend fort
Wir kamen nach dem Schloss Stock er stellte mich seiner zweiten Frau mit
der er in missvergnügter kinderloser Ehe lebte als den Erben seiner Güter und
seiner ganzen Liebe vor die Frau weinte und schien erfreut ihr einsames Haus
durch mich belebt zu sehen mir aber war das Haus zum Verstummen einsam das
Geheimnis das mich erdrückte verschloss mich mitten in Waffenzügen in denen
ich mich jetzt statt am Brevier übte dem ewig Erneuenden der Tage Kam ich
heim so blieb ich Tage lang vor den Bildern meiner Ahnen stehen sie umlagerten
mich auch Nachts ich träumte von ihnen das Abenteuerlichste und beim Erwachen
dachte ich mir schrecklich die Ewigkeit wenn ich sie immer mit diesen
Verwandten möchten sie auch noch so gut sein zubringen sollte Mehrmals
erinnerte ich meinen Vater das Geheimnis mit meiner Schwester aufzuklären ich
sehnte mich selbst nach dem Schrecklichsten wenn es nur das Geheimnis meines
Unglücks aufklärte und mich mit lebendigen Bildern erfüllte Er aber sagte
ernst Erst sollst du ein Mann werden und heiraten ich habe für dich gewählt
aber du wirst meine Wahl bestätigen Ich sagte ihm dass ich nur für den Preis
des Geheimnisses heiraten würde er bewilligte das Nicht lange nachher traf
ich heimkehrend von einer Fehde deine Mutter mein Anton bei meiner Mutter an
sie hieß Matilde von Amorbach war ernst schön und übergross fast einem Manne
ähnlich an Bildung aber ihre sanfte bescheidene Stimme machte sie bald als
Weib kenntlich Wir wussten beide was wir miteinander sollten man ließ uns
allein wir schwiegen lange endlich sprach ich Matilde seht diesen Ring
sonst saß ein heller Demant in seiner Mitte aber der Demant fiel durch einen
heftigen Schlag des Geschickes ins Meer da liegt er unversehrt nichts kann ihm
schaden hell und klar liegt er in der Tiefe weiß aber nicht wo er ist Auch
kann ihn kein Mensch herausziehen mein Herrlichstes ist mir verloren Dieser
Goldring der ihn fasste es ist reines Gold aber er wurde nicht gesehen vor dem
Glanze des Diamanten jetzt ist er mein alles kann er Euch genügen Was von mir
übrig ist soll Euer werden
Matilde senkte die Augen und sprach Ich will mit Euch trauern um alles
was Ihr verloren ich werde es aber nicht vermissen denn ich kannte es nicht
was Ihr mir bietet ist mir aber schon zu viel denn ich habe nur einen Ring von
Zinn den ich Euch dagegen bieten kann
Darauf sagte ich ernst Weil Ihr denn meint dass Euer Ring zu leicht sei so
legt die Hand dazu auf die Waage und ich lege mein Herz darein Ich drückte bei
diesen Worten ihre Hand an mein Herz unsere Eltern traten ins Zimmer wir
knieten nieder und sie segneten uns ein
Nachdem die Hochzeit vollbracht störten mich nicht mehr die Ahnenbilder in
Träumen die Ebene und die ersten Höhen waren rings in mir fröhlich bebaut nur
auf dem Gipfel lag der alte Schnee Du warst unser erstes und einziges Kind
dein Gemüt kenne ich noch nicht aber dein mächtiger Körperbau erinnert mich an
deine Mutter die ohne Prahlerei nur wenn ich es ihr geheißen hatte Hufeisen
zerbrechen konnte und Zentnerlasten mit einem Finger heben Als du geboren und
getauft führte mich der Vater auf die Kronenburg er zeigte mir das große
Geheimnis und das künftige Geschäft meines Lebens den schweren Dienst und die
unbestimmte Hoffnung dann führte er mich nach kurzem Gebet den schwindelnden
Gang auf den er mich schon lange durch Versuche an hohen Felsen an Gebäuden
anzuklettern vorbereitet hatte Der Gang ist fürchterlich ich schwöre dass
kein Feind und wenn er die ganze Burg erstürmt es wagt auf die Spitze des
Turmes zu steigen wo die Krone liegt und doch ist dies der einzige sichtbare
Zugang Dieser Turm ist eine zweihundert Fuß über das höchste Gebäude
hervorragende Säule an der die schmalen Stufen auf denen nur zwei Füße Platz
zum Auftritt finden ringsum in freier Luft ohne Geländer laufen Der Blick
vorwärts geht bald in unendliche Täler bald in Felsengeklüft je nachdem sich
der Weg windet unter einem erscheinen da abwechselnd Strassenpflaster Giebel
von Häusern die Luftbogen der Architektur in denen die Vögel nisten die
Menschen aber wenden die Augen weg um nicht nachzusehen es ist ein Gang den
jede Fliege zum Spaß geht wohin aber der Mensch nicht gehört mein armer
Anton du musst ihn auch noch gehen Der Vater sagte mir ich möchte nur ein
herzerfrischend Lied singen Ich fing an eine lustige Weise zu pfeifen aber
kaum war ich einmal um den Turm herum und konnte nicht mehr zurück da sah ich
vorwärts alles doppelt Vater sagte ich und klammerte mich an die Stufen ich
seh zwei Treppen die laufen so dicht beisammen dass ich nicht weiß auf welche
ich treten soll
Es hat ja keine Eile antwortete er halte dich nur fest ich will auf
meiner Stufe auch ruhen ich habe mir so vorgenommen dir endlich ein Geheimnis
aufzuklären was so lange auf dir gelastet hat
Wo ist meine Schwester fragte ich
Sie ist tot antwortete er
Vater ich sehe jetzt klar rief ich was unter mir ist reizt und schreckt
mich nicht mehr wir können ruhig ansteigen durch den Saum der Wolke der meinen
Scheitel umhüllt
Das Wort hatte mir Totenruhe gegeben mit dem Worte war ich von der Erde
frei ruhig ging ich die Stufen hinauf als wäre ich Jahrhunderte schon wie ein
Stern auf und nieder gegangen kein Schwindel war mir schrecklich ich sah mich
selbst in der Leere über der Erde ich schwebte und erschien mir in dem
bisherigen Verhältnisse zu mir töricht es war jetzt Ernst geworden
Verkürzt den Weg mit der Erzählung bat ich den Vater ich will warten wenn
Euer Atem zu kurz wird
Lieber Sohn sagte er noch weißt du nicht warum ich euch in so früher Zeit
so hart auseinander gerissen der gute Niklas war um euch besorgt dass eure
Liebe zu einander sündlicher Art sei und als ich euch verschlungen in einem
Bette fand da übernahm mich der Zorn ich verschwor euch Söhne dem Kloster und
wollte von einer andern Frau mir Erben gewinnen die Tochter aber brachte ich zu
einer Verwandten nach Kostnitz Diese Frau lebte mit vielen Menschen in
weltlicher Fröhlichkeit aber Gloria wandte sich zur Einsamkeit und Busse wo ihr
der Herr erschien und mit ihr in Stunden der Entzückung sprach und sie ermahnte
in das Kloster zu gehen Sie war nach dieser Erscheinung gleich willig dazu
aber alle ihre Bekannten die so herrlich sie aufblühen sahen suchten sie mit
Liebe und Gewalt zurückzuhalten dies verzögerte ihren Eintritt aber veränderte
nicht ihren Entschluss ich musste ihrem Flehen nachgeben obgleich es mich schon
damals nachdem ich lange vergebens auf Kinder von meiner zweiten Frau gehofft
hatte schwermütig reute dass ich meine beiden Söhne von der Welt abgeschieden
hatte Ihr Abschied war ein Zeichen für mehrere junge Ritter in fernen
Kriegszügen Zerstreuung und Ersatz zu suchen Vor allen schmerzlich war das
Scheiden eines Ritters von Lilienfeld der nach Jerusalem zog aber auch sie
ging nicht in den Frieden ein auf den sie gehofft hatte Das Kloster war
heimlicher Sünde voll und die Äbtissin eine frühe Freundin des Abtes den dein
Wurf verwundete suchte seine Neigung sich zu erhalten indem sie ihm die
reizendsten ihrer neuangenommenen Novizen opferte Meine arme Tochter ahnte
nichts davon sie sah den Abt als einen ehrwürdigen Beichtvater auch war ihr
ganzes Gemüt von der Erscheinung deines unglücklichen Bruders Wolf erschüttert
der in dem Kloster ihr gegenüber angekommen ihr das Bild des Herrn das ihr
im Entzücken vorgeschwebt fest und deutlich vor Augen mit zärtlichen Blicken
hingestellt hatte Sie beichtete diese Erscheinung dem Abte er legte ihr
leichte Busse auf deinen Bruder aber beschloss er aus Eifersucht zu verderben
Nun trug dein Bruder den geistlichen Stand mit größerem Widerstreben als du die
Leidenschaft zur schönen Nonne raste in ihm unbekannt mit der Welt von der er
so lange geschieden suchte er in dem Kreise seiner Beschäftigungen mit
mechanischen Kunstwerken seiner Leidenschaft Hilfe und Rat Unsäglich war die
Mühe sich die Gerätschaften heimlich zusammenzubringen um sich Flügel zu
bilden die Geliebte gegenüber aus dem Turme fortzutragen Der Abt hatte ihn
schlau umstellt beim ersten Versuche wurde er gefangen du hast ihn sterben
sehen Du kamst in gleiche Schlingen des Satans und meine Tochter wurde von der
Äbtissin angeleitet sich dem Abte für die Rettung deines Lebens zu versprechen
In einem Kampfe der zuletzt alle Besinnung erschöpfte ließ sie sich die
Mönchskleider anziehen sie wurde durch einen geheimen Gang zitternd und
ohnmächtig in das Zimmer des Abtes geführt Er versprach ihr dein Leben
Bei diesen Worten waren wir auf der Spitze des Turmes angekommen die Krone
lag vor mir aber ich sah sie nicht ich setzte mich nieder sah in die Weite
wo ein ausgetretener Strom über die Wohnungen der Menschen hinrauschte dass sie
wie Schreckensfrüchte an den dürren Gipfeln der Bäume hingen dabei biss ich mir
auf die Finger und der Schmerz war mir Wollust Als mein Vater diese Heftigkeit
in mir erblickte legte er mir Ketten an die Glieder und heftete mich fest dann
fuhr er fort Mein Sohn dass ich dich so schmerzlich ankette tue ich dir zur
Sicherheit Gloria ging dir Lebensrettung anzukündigen ihr erkanntet einander
jetzt sah sie dass du ohne ihre schreckliche Aufopferung zu retten gewesen
wärest wer konnte es dir verargen zu deiner Schwester zärtlich geschrieben zu
haben was du dem Abte getan erschien jetzt nicht mehr als verliebte Raserei
das aber fühlte sie nur wenig eins wusste sie nur dass sie in ihrem Schimpfe
nicht fort leben könnte Du versankst in Ohnmacht und sie in Verzweiflung aber
ihre Rettung und ihr Tod waren nahe Der Abt hatte seine Lust gekühlt jetzt
blieb ihm nur die Rache gegen dich er brach sein Wort und sendete die Gesellen
seiner Bosheit dich zum Richtplatze zu führen die Schwester glaubte er schon
zum Kloster zurück Die Glocken läuteten sie muss aus den Reden der Mönche
erfahren haben dass sie dich zur Hinrichtung führen wollten sie ist ihnen
entgegengetreten im Dunkel und hat ihnen wie mit erstickter Stimme wodurch sie
getäuscht worden erklärt dass sie alle Bande zerrissen dass sie aber freiwillig
sterben wolle Die Mönche haben sie ergriffen und in stiller Feierlichkeit zum
Richtplatz geführt O mein Sohn rief er hier wie habe ich jahrelang diese
Krone bewacht die ich nie trage und dieses Kind das meine Frau getragen in
Liebe und Schmerzen habe ich ohne Wache in der Welt irren lassen
Erst als sie entauptet erkannte der Laienbruder ihr Geschlecht und diese
Herrlichkeit schmetterte sie alle nieder denn sie wussten nun alle dass sie
getan was nimmer zu vergüten und mit jeder Stunde bis zur letzten immer
schwerer auf ihnen lasten dann aber sie alle in die Gewalt ewiger Glut bringen
werde Der Abt den das verwirrte Geschrei herbeizog verfiel in wilde Raserei
er wütete mit dem Beile gegen den schönen Körper und gegen alle die ihn
zurückreissen wollten endlich wurde er mit Steinen von ihnen
darniedergeschmettert sie bereiteten einen Holzstoss und verbrannten die beiden
Leichname wie eine länderverödende Pestilenz zog der Qualm des Abtes über die
Stadt aber die Leiche der Tochter wollte die Flamme nicht ergreifen ihre
Wunden bluteten noch nach mehreren Tagen frisch wie am ersten Da erwachte das
Gewissen eines Mönchs er lief in die Stadt und verkündigte die Missetaten da
kam der Ritter von Lilienfeld der sich einst aus Liebe zu ihr in den Krieg
geflüchtet drang in das Kloster und erkannte ihre Züge Es drangen die Bürger
von Kostnitz in das Kloster und jeder erkannte sie da zerfiel sie in Asche
der Wind hob sie empor wie den fliegenden Sommer von dem wir nicht wissen
woher er komme noch wohin Schnell war die Verhaftung der Schuldigen erfolgt
du wurdest gepflegt von Mönchen die unschuldig erfunden ich erhielt in Rom
meines Elends Kunde mein Jammer hallte in den Toren des Vatikans und mir ward
gewährt dich zurückzuführen in die Welt in dir mein Geschlecht und die
schweren Pflichten die auf ihm ruhen erfüllt zu sehen
So endete mein Vater als ginge ihm Atem und Stimme für immer aus mich aber
ergriff ein Schwindel als hätte alles Blut einen andern Lauf genommen und flöhe
mich mein Sohn mein Sohn stehe mir bei denn mir wird wieder als wäre ich
ohne Sinne zu früh auf die Welt geboren mein Sohn mein Sohn steh mir bei
denn ich zerfliesse wie ein Tropfen der aus dem milden Auge meiner Mutter
hundert Meilen tief auf den harten Scheitel meines Vaters gefallen mein Sohn
mein Sohn«
Bei diesen Worten stürzte Graf Rappolt nieder Anton sprang trotz seiner
Wunde auf aber der Schmerz und die Schwäche des Beines stürzten ihn zurück
Susanna war schon mit liebevoller Sorgfalt zu dem Ohnmächtigen getreten und rief
die Diener von dem Feste zu ihrem leidenden Herrn Die Bestürzung war groß alle
waren um ihn beschäftigt die Musik schwieg das Getümmel erstarrte Nach
wenigen Minuten gab der alte Graf wieder Zeichen des Lebens aber er war schwach
und befahl leise ihn auf sein Zimmer zu bringen Anton wäre ganz verlassen
zurückgeblieben hätte nicht Susanna jetzt wieder alle Sorgfalt auf ihn
gewendet sie rief bald einige Leute zusammen die ihn auf sein Zimmer brachten
Erst hier sammelten sich alle zerstreuten Züge der Erzählung das Schreckenvolle
aller Ereignisse welche die Seinen teils überstanden teils das Gefährliche des
Dienstes wozu er berufen drückten ihn nicht nieder aber nichts von seiner
alten Weise stimmte mehr dazu selbst seine Frau fügte sich nicht in diese
Entbehrungen und Anstrengungen um einen so ungewissen Zweck zu erreichen dass
er nun erreicht habe wonach er sonst fröhlich gestrebt hatte ein ritterlicher
Mann zu werden das war ihm noch nicht so nahe und deutlich Er brütete so in
sich wie er noch nie getan forderte zuweilen Nachrichten von seinem Vater der
sich besserte und schlief endlich ein so tief so fest dass er erst erwachte
als die Sonne schon hoch am Himmel gestiegen
»Susanna« rief er erwachend »guten Morgen Schaff mir ein tüchtig
Frühstück denn gestern abend ist es mir zum erstenmal begegnet dass ich das
Abendbrot vergessen habe«
»Herr« sprach sie »von wem soll ichs Euch schaffen sie sind alle fort«
»Was Wer«
»Ja Herr es mochte Morgens zwei Uhr sein da ward ein Gelaufe ich fragte
sie antworteten mir der alte Herr befinde sich schlechter sie müssten ihn
fortbringen ich sah ihn vorbeitragen weiß aber nicht wohin sie ihn gebracht
sie schlossen mich ein und ich kann noch nicht heraus aus dieser Reihe von
Zimmern«
Anton seufzte »Gewiss ist mein Vater tut oder sterbend so habe ich ihn
gestern zum letzten Mal gehört und seine Leiden aber nicht das Geheimnis
vernommen das ich bewahren soll Wo werde ich die Kronenburg finden Wie werde
ich erkannt werden Alle Herrlichkeit ist mir wie durch Zauberei gezeigt aber
wie ich hingreifen möchte so vergeht alles wie Luft«
Als Anton nun so traurig saß sprach Susanna »Lieber Herr Ihr habt Euren
Vater so wenig gekannt dass Ihr diese Stunden wie einen Traum ansehen könnt
sorgt für Euch denn ich vermag es nicht allein für Euch zu sorgen ich vermag
nicht die Türen zu sprengen die uns einschliessen«
»Sei nicht besorgt um meine Traurigkeit« sagte Anton »es ist uns ein
Übergang denn eigentlich schäm ich mich vor jedem traurigen Gesichte das ich
mache und ich sage dir du sollst mich noch bitten dass ich weniger mutwillig
sei«
Mühsam erholte sich Anton und schlich von ihr gestützt auf einem Fuße zur
Tür wo ein Druck von ihm das Schloss sprengte dann ging er zurück zu seinem
Bette und Susanna ging aus im Hause nach Vorräten zu suchen
Sie blieb lange aus endlich kam sie mit kaltem Fleisch Brot und Butter
auch Weinflaschen zurück sie war aber sehr bleich und sprach »Herr ich habe
oft gehört von dem Schrecken großer Unglücksfälle von Erdbeben welche die
Häuser zerstören und die Bewohner vertreiben wie da so mancher Unglückliche von
seinen sinkenden Glücksgütern niedergeschlagen wird das mag schrecklich sein
aber viel schrecklicher ist die Leere dieses Hauses wo noch alles steht und
liegt als wohnten viele darin und nirgends begegnet einem eine sichtbare
Gestalt in alle Winkel blicke ich und meine die Luft von Unsichtbaren bewohnt
aber nichts bewegt sich als die verlassenen Lieblinge in den Kammern die Vögel
in den Drahtäuschen schreien ängstlich nach Futter das Rindvieh brüllt den
gewöhnlichen Weideplatz zu besuchen ich soll für alle sorgen so glaube ich mir
geboten und kann mit keinem umgehen ich habe in der Stadt in unserm Hause
nichts als Hunde und Katzen mit dem Küchenabfall gefüttert«
»Liebes Kind« sagte Anton »gib ihnen die Freiheit und ihnen ist allen
geholfen und jedes erhält das Seine vom Himmel aus gesäet nur uns mögen wir
bedauern denn alles was wir brauchen bedarf menschlicher Vorbereitung doch
keiner sorge für den andern Morgen setz dich zu mir trink ein Glas auf deinen
Schreck erst jetzt weiß ich recht was mich so trübsinnig machte mich
hungerte mit dem ersten Bissen mit dem ersten Trunke fühle ich mich glücklich
wie ein König und mir soll nimmer so Trauriges begegnen wie meinem Vater«
»Herr Ihr seid zu kühn« sagte Susanna »wer viel ertragen kann dem wird
viel aufgelegt denn im Schweiße seines Angesichts soll jeder sein Brot essen«
Susanna aber holte das kleine Eichhörnchen das sie ihm den Tag vorher gebracht
hatte aus dem Winkel wo es sich in einem Schuh eingenistet hatte und fütterte
es erst mit einigen Nüssen die sie noch gefunden hatte ehe sie sich zu dem
Tische setzte Nachdem die erste Lust der Speise gestillt war fragte Anton
»Sag liebes Kind wer wird mich nun verbinden«
»Ach Herr« sagte sie »daran habe ich schon lange mit Sorge gedacht wir
sind sehr unglücklich doch hat mir die Mutter Gottes einen Gedanken eingegeben
Euch zu retten ohne mich vor Euch zu schämen Ihr bindet mir die Augen zu und
führt mir die Hände dass ich die Wunde mit einem grünen Blatt und feurigen
Gebete schließe«
Anton dem ein Scherz einfiel gab ihr recht in dieser Gesinnung wartete
bis sie ein Blatt geholt verband ihr die Augen und führte dann ihre Hand auf
seinen Mund indem er den Kopf tief heruntergebeugt hatte sie senkte darauf
ihren feinen sanftgeschweiften Mund seinen Lippen nahe ihr Atem strömte in
Gebeten wie ein Frühlingsregen über ihn darauf küsste sie dreimal die vermeinte
Wunde die sich so sanft anschloss legte zwei grüne Rosenblätter im Kreuz darauf
und verband den Kopf zitternd aus Furcht ungeschickt zu werden weil sie ihn
für das Oberbein hielt mit einem Tuche dann kniete sie nieder sprach noch ein
stilles Gebet und wartete bis ihr Anton das Tuch von den Augen nahm Anton
hätte gern gelacht aber der Verband hatte seine Lippen so fest verschlossen
dass er ernstlich fürchtete der Mund möchte zur Bestrafung seines Mutwillens
zugeheilt sein und allen süßen Speisen verschlossen bleiben Susanna war ganz
versteinert ihn mit verbundenem Kopfe zu erblicken und zwar mit demselben
rotgestreiften Tuche umwunden das sie um sein Bein gelegt zu haben meinte Er
machte ihr ängstliche Zeichen diese Binde schnell abzunehmen die sie aber
nicht gleich verstand sondern ihm besorgt den Kopf hielt Endlich löste sie den
Knoten fand die beiden Rosenblätter auf seinem Munde und warf sich beschämt
über sein Bett und verhüllte sich in der Decke Anton brachte mit Mühe die
Lippen auseinander auch bluteten sie so schnell hatte das Heilmittel sie an
einander geheftet dann lachte er herzlich und schwor jetzt Susannen sie nicht
noch einmal anzufahren jetzt schmerzte ihn auch die Wunde so heftig dass er an
keinen Scherz dachte sondern eilig die Augen der lieben Retterin verband und die
Wunde seines Schenkels von ihr besprechen und verbinden ließ Die Linderung war
augenblicklich er dankte ihr freundlich und fragte sie was er ihr als
Gegengefälligkeit erweisen könnte sie sah vor sich nieder und bat ihn da er
jetzt Zeit und Farben habe ihr sein Bild so klein gemalt zu geben dass sie es
zum Andenken immer bei sich tragen könne Anton schwor ihr dass er sich noch nie
selbst gemalt und kaum wisse wie er aussehe sie möchte ihm indessen ein
breites Gefäß mit Wasser bringen er wolle sich gleich an die Arbeit machen
Susanna schaffe alles in großem Eifer schnell herbei Anton sah sich im Wasser
und musste lachen seine großen Augen glänzten so herrlich sein blonder Bart
krauste sich so dicht und zierlich sein ganzer Kopf hing voll schöner Locken
das Bild gefiel ihm so wohl dass er auf einem kleinen runden Holztäfelchen sein
Bild ganz so wie im Spiegel eines hellen Wassers abbildete durch seine Locken
ließ er ein paar muntere Fische spielen eine Taube saß an der Seite und trank
aus dem Becken er malte so eifrig der Einfall war ihm so neu dass er über sich
selbst verwundert war wie geschickt und schnell er alles herausbrächte ja er
meinte dass ihm Susanna die immer eifrig zusah Farben reichte und Pinsel
reinigte ihm mit besonderen Gebeten beigestanden Susanna war hingegen immer
noch unzufrieden damit sie fand es sähe noch immer so tot so starr und
unbeweglich aus Anton wusste nicht was sie wollte er hatte nie ein
lebendigeres Bild weder gesehen noch selbst gemalt sie hätte gern ihn selbst
wie das Eichhörnchen so mit sich geführt lebend aber klein und ihr folgsam ihr
steter Tadel kränkte endlich sogar seinen Künstlerstolz so wenig er auch davon
hatte er meinte doch richtiger über ein Bild urteilen zu können als ein
Mädchen das noch kein einziges gutes Bild gesehen Als sie ihm Abends da es
fast beendigt war noch einmal sagte die Augen hätten nicht das volle Feuer
rief er ungeduldig »So fahr Gott und der Teufel mit allem Sonnen und
Höllenfeuer hinein Ich hab mich heiß genug dran gearbeitet« und warf den
Pinsel gegen das Bild Susanna tat einen Schrei hob das gefallene Bild auf und
rief »Seht Herr jetzt ist Feuer in den Augen« Anton sah hin und war
verwundert wie der Pinsel der mit Weiß gefüllt war so glücklich auf das eine
Auge gefallen war um ihm einen Ausdruck von Lebensfeuer zu geben den er nie
herauszubringen verstanden er brachte jetzt den Effekt mit Absicht im andern
Auge hervor glättete und reinigte in jenem wo der Zufall oder Zuwurf es
verdorben hatte und Susanna sprach leise mit den Augen zu dem Bilde und bewegte
fast unmerklich zu ihm die Hände Anton fragte sie was sie ihm zum Dank gebe
sie sagte ihm beschämt dass sie nichts habe Er wünschte sich einen Kuss und
meinte sie müsste es erraten seine Lippen waren aufgesprungen seit dem Morgen
und schmerzten ihn er mochte sie nicht zum Kusse darbieten In diesen Gedanken
ließ er sich Wein bringen er wollte den Wunsch ertränken aber je mehr er
trank je mehr zog es ihn zu ihren Lippen er konnte nicht schlafen Susanna
setzte sich neben seinem Bette auf einen Stuhl er sah sie in allen
Beleuchtungen und malte sie schlafend das Werk fesselte ihn und er malte bis
Phosphorus schon am Himmel glänzte und Susanna die an seinem Bette gesessen
schlaftrunken über dasselbe hingesunken war Da legte er den Pinsel nieder und
sang
Ach Gott wie tät mir gut
Ein Kuss auf ihren Mund
Die Lippe wär nicht wund
Ich wär auf meiner Hut
Ich wäre dann gesund
Und ruhig lief mein Blut
Ach Gott wie tät mir gut
Ein Kuss auf ihren Mund
Die Liebe wär dann aus
Ich wollte fleißig sein
Es fiel mir manches ein
Ich zöge dann nach Haus
Mit tausend Gläsern Wein
Löscht sich nicht Phosphor aus
Er steht überem Haus
Und zündet Liebesschein
Er schaut der Erde Rand
Auf dem ihr Himmel liegt
Wie hat die Erd besiegt
Der Nacht verschwiegne Hand
Es schließt die Nebeldeck
Sie beide traulich ein
Ganz still der Sterne Schein
Zieht über sie hinweg
Ach Gott so schliess mich ein
In ihren Lippen dicht
Im lieblichen Gesicht
Ist nichts so kühl und fein
Ich brenne hell und licht
Erlösche mich darein
Es kann nicht anders sein
Und ich versag mirs nicht
Bei diesen Worten küsste er sie Susanna sprang auf und wusste nicht wie ihr
geschehen sie schwor dass sie Seger im Traume gesehen der dem Vater Antons
nachstellte
»Mein armer Vater ist tot« sagte Anton »ich habe wenig von ihm gewusst als
eine lange Geschichte die er mir erzählt und die ich ihm nicht glaube wenn er
gleich darauf gestorben lass uns das Vergangene vergessen ich bin nüchtern
geworden seit ich dich geküsst und meine Lippen sind geheilt ich meine jetzt
ruhig zu schlafen und hast du bei Sonnenaufgang ausgeschlafen so lass dein Bild
für dich schlafen« Susanna sah beschämt ihr Bild und sagte »Nein Herr so
hübsch bin ich nicht«
»Hör Susanna« sagte Anton schlaftrunken »du tadelst heute zu viel meine
Kunst was verstehst du davon Du bist nur ein dummes kleines Mädchen hast
nichts Gemaltes gesehen als deine Puppen und die Wirtshausschilder ich muss am
besten wissen wie du aussiehst«
Anton schlief bei diesen Worten ein der Wein hatte schon lange seine Zunge
schwer gemacht und machte noch am Mittag als er erwachte seine Augenlider
schwer Er blinkte durch und sah mit Verwunderung wie Susanna ihr schlafendes
Bild mit Epheu Lilien und Rosen umkränzt hatte und auf den Knieen davor lag und
in großer Inbrunst betete er verstand nur einzelne Worte sie aber betete zu
sich »O lass mich werden im Wachen wie du bist heilig im Schlaf lass deine
Engelträume mich schützen und mir gegenwärtig sein dir ist so wohl mir ist so
weh was wird aus mir werden« Anton hatte Scheu sie aus dieser Andacht als
ein Lauschender mit Spott zu erwecken vielmehr bewegte er sich erst im Bette
dass sie sein Erwachen ahnen sich aufraffen und zu ihm setzen konnte dann blieb
er noch einige Minuten ruhig ehe er sich aufrichtete und nach alter Gewohnheit
als wisse er von nichts sein Frühstück begehrte
»Nun« sagte er »bist du noch nicht mit deinem Bilde zufrieden ich sehe
du hast es mit einem Blumenkranz umfasst«
»Ach Herr« sagte sie »wenn das Bild nur mit mir zufrieden ist ich habe
solche Angst davor was ich tue und denke immer meine ich es möchte dadurch im
Schlafe gestört werden ich habe eine große Angst dass ich ihm nicht gut genug
bin wie müsst Ihr herrlich sein dass so etwas Eurer Hände Werk weniger Stunden
Fleiß ist«
Anton lachte »Liebes Kind wenn du so viel Schläge darum bekommen hättest
wie ich du maltest eben so gut hast du denn gar nichts gelernt« SUSANNA
»Ich war zu allem was sie mir beibringen wollten zu ungeschickt ich sollte
singen aber wenn es auch unter uns gegangen war so blieben mir doch die Worte
in der Kehle wie ein Vogel an der Leimrute stecken wenn ich nun mit einem
Kranze oder mit einem Becher heraustreten sollte die Vorüberziehenden zu grüßen
und in das Haus zu locken« ANTON »Kannst du wohl vor mir singen liebes
Kind Sing etwas mir ist wüst im Kopfe von der närrischen Nacht« SUSANNA
»Wenn Euch mein Gesang nur gefallen wird gern will ichs versuchen« Sie ging
hierauf im Zimmer umher fing leise an bald von Küssen bald von Rittern zu
singen wie sie in dem Frauenhause unter üppigen Buhlenliedern aufgewachsen war
aber so leise dass Anton kaum einzelne Worte hervorschimmern sah denn kaum
hatte sie eins ausgesprochen so schämte sie sich davor
Erst dreizehn Sommer zählt die Kleine
Da strich sie durch den grünen Wald
Und sang in seinem Dämmerscheine
Ein Lied das durch die Wipfel schallt
Und von den Wipfeln steigt es nieder
Wie Sonnenstrahl wie Morgentau
Es wird so eng ihr rotes Mieder
Im Paradies der grünen Au
Ich trete leise auf die Strahlen
Die in dem Grase sich ergehn
Und es mit Blumen lieblich malen
Wird mir denn auch also geschehen
Es ist ein Frühling wie noch keiner
Der Atem bebend mir beginnt
Es sind die Blumen so viel kleiner
Und sind doch alle hell gesinnt
O Frühlingsliebe zarte Blume
Du süße Angst im reinen Sinn
Im Busen ihrem Heiligtum
Versteckt sie scheu ihr freies Kinn
Und als sie aufblickt ist verklungen
Das Lied im freudberauschten Wald
Sie fühlt sich fremd den frohen Zungen
Wovon ein jeder Baum erschallt
Anton hatte ihr selig zugesehen die Angst gab ihrer Stimme ein Leben der
Vollendung er streckte sich auf sein Bette und sang ihr nach
Dies Liedchen drängte sich zu Ohren
Die zärtlich lauschten in dem Gras
Dies Lied ist nimmermehr verloren
Wenn sie es gleich recht bald vergaß
In süßer Angst ist es geboren
Verstossen in die Einsamkeit
Ich nahm es auf in meinen Ohren
In meines Herzens Sittsamkeit
Ich weiß es mir mit Lust zu deuten
Es suchet was es noch nicht kennt
Es suchet in den blauen Weiten
Was ihm so nah im Jagdschloss brennt
Fühlst du der Liebe Ahnung nimmer
Im Dämmerschein im grünen Wald
Da suchet dich der Liebe Schimmer
Und ihre Sonne scheint dir bald
»Wie meint Ihr das« fragte Susanna und Anton stockte er wusste nicht was er
sprechen sollte er hatte sich so in angenehmer Bequemlichkeit gehen lassen er
sah sie jetzt verlegen an sie wurde rot und ging zur Türe hinaus
Nach einiger Zeit kam sie ängstlich zur Tür herein »Herr« rief sie leise
»er ist da«
»Wer« fragte Anton »hast du einen Geist gesehen meines Vaters Geist«
»Nein der Seger« sagte sie leise und legte den Finger auf die Lippen »er
hat das Vieh weggetrieben Ihr könnt ihn noch sehen da geht er am Walde«
Bei diesen Worten erwachte eine Wut in Anton sich an diesem seinem
Verderber zu rächen der ihn der väterlichen Liebe entführt hatte er griff nach
einem Jagdgewehre seines Vaters das an der Wand hing achtete nicht seines
Übels sprang ans Fenster sah Segers hagere Gestalt deutlich bei der Herde und
schoss auf ihn im Augenblicke vergingen ihm die Sinne Die Aufwallung war
vorüber er seufzte »Es wird ihm sein Recht geschehen aber ich wollte doch es
wäre alles nicht wahr es war doch Fabian den ich hier in meiner Kindheit so
oft mit Bewunderung betrachtet habe ohne den schändlichen Niklas seinen Vater
hätte wohl etwas aus ihm werden können das ist nun alles aus sein Dasein misst
die Länge seines Leibes und um mein Leben könnte ich ihn nicht wieder zum Reden
und Gehen zum Essen und Trinken bringen«
Susanna die ihn also traurig sah seiner eignen Schmerzen uneingedenk nur
den undankbaren Freund bejammernd bat ihn dass sie hinuntergehen und ihn
ansehen dürfe ob seine Wunde zu heilen Anton nickte mit dem Kopfe sie öffnete
die Tür und schrie erschrocken auf »Jesus Maria«
Seger stand draußen und trat herein indem er sprach »Anton wir sind
quitt ich habe Euch entführt Ihr habt auf mich schießen wollen wir haben
nichts mehr gegen einander wir können jetzt manches mit einander tun vor allem
zechen«
»Aber sage mir Seger sag mir mein Fabian ich erkenne dich jetzt erst ganz
wieder wie hast du so vielfach gegen mich handeln können«
»Nun Ihr wisst alles schon« sagte Seger »ja seht in früher Zeit musste ich
es auf Geheiß meines Vaters Niklas tun den nun schon lange der Teufel geholt
hat was ich zuletzt getan das war der verfluchten Weiber wegen in Augsburg
und ich frag Euch selbst ob einem ein Weib nicht den Kopf umdrehen kann als
wär er ein Wetterhahn«
Anton dachte sich in dem Augenblicke zwischen seine Frau und Susannen
machte eine bedenkliche Miene und bot ihm die Hand »Es ist gut will weiter
nicht daran denken es ist mir lieb dass ich wieder einen habe mit dem ich von
alten Zeiten reden kann von alten Spässen von meiner neuen gräflichen
Herrlichkeit werde ich wohl so bald nichts erfahren Wein her Kurt Sagt mir
nur warum habt Ihr meines Vaters Vieh weggetrieben«
SEGER »Ich brauchte Geld und jetzt haben wirs beide es kam gerade ein
Schlächter vorbei der hatte eine schwere Geldkatze um und ein Dutzend blanke
Messer in der Scheide der Kerl hatte solche Lust zum Schlachten wie sein Hund
zum Blutlecken der hatte einen Jubel an all dem fetten Schafvieh« ANTON
»Mit den Schafen das ärgert mich es war so ein Angedenken aus meiner Jugend
wenn das mein Vater noch erlebt hätte« SEGER »Es geht immer anders nach dem
Tode als die Alten meinen meinen Vater sollte ich recht reinlich begraben das
hatte er mir befohlen nun hatte er sich niemals gewaschen ich zog ihm also die
Haut ab und ließ mir ein Paar Hosen daraus gerben so war uns beiden gedient und
geholfen« ANTON »Pfui Teufel mit solchen Geschichten bleib mir vom Leibe
Wie ist dein Vater gestorben« SEGER »Das wird Euch nicht sonderlich gefallen
ich habs Euch ja damals erzählt wie ich ihm den Tod zugeschworen das habe ich
auch gehalten« ANTON »Ihr seid ein erschrecklicher Mensch Ich weiß gar
nicht warum ich Euren verfluchten Reden immer zuhören muss«
Susanna brachte jetzt Wein in einer hölzernen Kanne die mit verschiedenen
farbigen Holzarten buntgewürfelt ausgelegt war
SEGER »Bringst du auch einen Fingerhut mit Nein das gilt nicht jetzt
ziehen wir in den Keller ich glaub der Junge will sparen« ANTON »Hör
Susanna du bringst uns wenig«
Susanna wurde rot und ging zur Tür hinaus Seger lachte mit hoher Stimme
»Also ist Frau Annas Bettplatz schon wieder besetzt das nenn ich rasch nach
solchem Gesichterschneiden Mundlecken Herzdrücken und Tränenquetschen«
ANTON »Nichts davon ich liebe noch meine Frau wie sonst und hab dies arme Kind
nicht sonderlich sündlich berührt« SEGER »Da seid Ihr ein Narr gewesen so
will ichs tun« ANTON »Beim heiligen Sixtus ich spalt Euch das Haupt wo
Ihr sie anrührt auch dürft Ihr nicht sagen dass ich ihr Geschlecht verraten«
SEGER »Ihr seid verflucht herrisch seit Ihr den Titel eines Grafen von Stock
Euch hinters Ohr geschrieben denn auf der Stirn dürft Ihr das S doch nicht
tragen sonst lachen Euch die Leute aus weiß noch kein Mensch ob an der ganzen
Kronenburg etwas ist mein Vater meinte immer es sei ein altes Loch von einem
Bergschlosse wo sie einen Schatz drin glaubten den aber noch kein Mensch
gesehen es ist so wie mit den Reliquien hab mein Tage viel Geld damit
verdient wo ich irgend einen alten Lumpen ein Stück faul Holz ein paar
ausgedürrte Knochen am Schindanger finden kann das schneide ich zu Reliquien
lege Zeugnis und alte Schrift bei die Leute sind so fromm und so dumm dabei
wie bei den echten«
Susanna brachte wieder Wein aber der war schnell ausgetrunken
Seger schwor darauf sie müssten in den Keller bei dem Tragen verdufte die
beste Kraft nahm auch Anton halb auf seine Schulter halb ging er und brachte
ihn mit Ächzen bis vor die Türe Hier ließ sich Anton herunter und sagte dass er
wirklich schon allein gehen könne besah die Wände und seufzte »Seht Seger in
diesem Saale trug mich meine liebe Mutter oft Huckepack und sagte mir sie sei
ein Streitpferd und ich ein Ritter wenn ich Abends nicht einschlafen wollte«
»Meine Mutter sprach immer ich sei ein schieler Spitzbube wenn ich Abends
nicht schlafen wollte und wenn sie eins zu viel getrunken hatte schlug sie mir
dabei an die Ohren das war mein Ritterschlag«
Sie kamen in den Keller da lagen viele Fässer aber wenig Wein endlich
zeigte ihnen Susanna das letzte worin der heimliche Gott noch wirkte Anton war
von dem Geruche aus dem Spundloche so begeistert dass er sich hinaufhelfen ließ
und mit einem Stechheber selbst in die Gläser füllte Susanna holte auf sein
Geheiß Rosen und Epheu in den Keller und umhing ihn damit dann musste sie auch
die zahmen Singvögel des einen Alten darin fliegen lassen die Wände glänzten
vom Mauertropfen es sah herrlich aus Anton bei dem der erste Zwang zur
Lustigkeit nach seiner Art schnell zur leichtsinnigen Freude übergegangen legte
sein Wams ab und sang ein Lied aus der alten Zeit in Waiblingen
Weil jetzt die Hundstag hitzig scheinen
Macht euch im Keller Sitze
Zieht aus den Wams bei kohlen weinen
So weicht von euch die träge Hitze
Ich streich die Hemdesärmel auf
Und reite auf dem Fasse
Mein Pferd hat einen raschen Lauf
Es ist gewiss von edler Rasse
Es dreht sich mit mir um im Kreise
Das nenn ich recht turnieren
Reicht mir gesalzen Brot zur Speise
Dann will ich es noch spanisch führen
Mit dem Stechheber in der Hand
Sitz ich wie mit dem Schwerte
Und manchen streckt ich in den Sand
Der meine hohen Gläser leerte
Die Sonne zog viel Wasser heute
Und ich sog viele Weine
Das nenn ich eine gute Beute
Dafür reit ich mir müde Beine
Ich überwache ganz allein
Den Mond und auch die Sonne
Wär nur noch drin ein Tröpflein Wein
Ich stieg nicht ab von meiner Tonne
Seger war trunken und Susanna ermüdet eingeschlafen Anton war auch erschöpft
fegte alle Rosen die er finden konnte zusammen und legte sich darauf selig
fest Am andern Morgen erwachte in allen dreien die Betrachtung was sie dort
anfangen sollten kaum war noch etwas zum Frühstock zu finden Seger riet zum
Fischfang und zur Jägerei bis sich Antons Wunde hinlänglich gebessert hätte um
sich auf den Weg zu machen Anton lobte den Rat und Seger machte sich mit dem
Schiesszeuge auf in den Wald Anton sah ihm nach alle Holzschreier krächzten vor
ihm her und rauschten in ungeschicktem Fluge durch das Eichenlaub es war als
wenn der Schrecken ihm nachfolgte
Susanna redete lange kein Wort »Hör Susanna« sprach Anton »es wird mir
ordentlich ängstlich hier im Zimmer«
»Herr« sagte sie »Ihr seht auch ganz entstellt aus seht Euch einmal im
Wasserbecken an vorgestern wart Ihr viel schöner als Euer Bild und heute viel
hässlicher«
»Sonderbar aber du hast recht woher mag das kommen Ist wohl ein heißer
Tag heute«
»Ja Herr es kommt noch ein heisserer Tag am Ende aller Tage der fragt nach
Rechenschaft von allem ich aber bitte Euch Eures Leibes zu schonen denn Ihr
zündet das Licht an beiden Enden an und so verbrennt es bald denkt wie schön
Ihr seid«
So eindringend hatte Frau Anna ihn nie ermahnt sie sprach nur immer vom
Gelde das er unnütz verschwende er sah sie zärtlich an und sprach »Wärst du
nur immer bei mir gewesen es wäre manches anders«
»Schickt den Seger fort« bat Susanna
»Wie soll ich ihn fortschicken« fragte Anton »ich kann ihn jetzt nicht
entbehren er muss mich in Ehren durchdringen bis zu meiner Frau da will ich ein
ganz fleissiges Leben anfangen wenn ich mäßig lebe wird mich immer noch meine
Kunst nähren«
Seger kam gegen Mittag zurück hatte aber nichts als eine Schnepfe
geschossen »Satanas weiß es« schrie er »das Wild muss mich auf eine Meile
wittern alles läuft vor mir was sollen wir mit dem kleinen Braten Ich will
fort in die Gegend will unter meinen Schandkameraden die alte Freundschaft
aufsuchen Ihr könnt bis Abend ein paar Nester voll Kanarienvögel ausessen die
ich unten gesehen habe dann komm ich zurück mit Wein und Fleisch«
Ohne eine Antwort abzuwarten ging er fort Susanna fiel vor Antons Füßen
nieder »Gott sei gelobt der mein Gebet erhört hat wir sind befreit
versuchts gnädiger Herr Euer Fuß muss heil sein lasst uns fliehen aus dem
Schloss ehe er mit seinen Helfershelfern zurückkommen kann es steht uns
nichts Gutes bevor«
Anton sah sie verwundert an »Was fürchtest du hab ich nicht Arme dich zu
schützen Augen die dich bewachen und nur dich sehen« SUSANNA »Gewiss weiß
er dass ich ein Mädchen bin ich sah es ihm an er führt nichts Gutes in dem
Faltenlächeln seiner Wangen«
Jetzt kam Anton etwas in den Gedanken was er oft gemalt aber noch niemals
gefühlt hatte wie Engel eine Seele durch das Fegefeuer führen es war keine
Furcht die sich seiner bemächtigte aber eine Überzeugung dass sie recht habe
und dass etwas aus ihr spreche was er noch nicht gekannt Er sprang von dem
Sessel auf und versuchte den Fuß er hinkte wohl noch etwas aber er konnte
deutlich merken dass sich die Gelenkigkeit mit dem Gebrauche herstellte
»Mädchen« sagte er und fasste sie unter das Kinn »was soll das geben Du
machst mit mir was du willst ich muss dir schon folgen hinkend und hungernd nun
pack ein was wir haben«
Er hatte nicht viel mitzunehmen das kleine Ölbild von Susanna steckte er in
eine Jagdtasche sie hing sein Bild an einem Schnürchen sich um den Hals und
ließ es zwischen Wams und Hemde versinken Anton sah ihm über die angenehme
Stelle vergnügt nach Dann würden die Mäntel umgenommen Anton hatte die Flinte
wieder geladen sah noch einmal das Bild in seinem Zimmer an und dachte nun
bist du doch den Waffen näher als den Farben und durchzog das Haus »Einmal hat
mich Fabian aus diesem stillen Hause meiner Jugend weggelockt heute Susanna
sie wird mir kein Böses wollen wohin soll ich Alle Eintracht ist aus meiner
Lebensweise gewichen Aber Susanna« rief er laut »wo ist das Eichhörnchen«
»Es schläft in meiner Tasche alle andern habe ich heute schon in den Wald
so auch die Vögel in den Himmel entlassen erst glaubten sie nicht dass sie fort
könnten sie gingen so langsam wie Ihr dann aber ging es jubilierend auf und
nieder und jedes suchte sich eine freie Nahrung«
»Nun so wollen wir uns auch nähren wie die Vögel unter dem Himmel wie die
Lilien im Felde sieh an dieser Tür hab ich einmal als Kind mein ganzes
Frühstück und es waren die ersten Kirschen im Jahr einem Bettelknaben gegeben
wer weiß wo uns wieder so geschieht« Ihre Schritte hallten öde im Hause die
Fliegen sogar lagen aus Mangel an Nahrung schon in Haufen unter den Fenstern
durch deren harte Durchsichtigkeit zu entkommen sie vergebens gestrebt hatten
ein paar Schmetterlinge die erst den Larven in den Winkeln entkrochen
rauschten mit ihren Flügeln noch ungeduldig an den Scheiben Susanna ließ sie
hinaus Es ward beiden doch recht wehmütig als sie auf den Platz des Tanzes und
der Blumen kamen Anton und Susanne schmückten ihre Hüte mit dem Schönsten was
noch blühte Anton der sich jetzt schon gefasst hatte sah sich noch einmal um
schwenkte Hut und Strauss und sang dabei
Blumenduft dem Hungernden
Worte wenn ich liebend brenn
Ritterschaft ohne Pferd und Helm
Also wird es mir armem Schelm
Schätze bewachen ist mir Pflicht
Aber ich finde im Säckel sie nicht
Leere Fässer im Keller stehen
Darum muss ich nun weiter gehen
Der mich führt weiß selbst keine Strass
Ob ich gehe ob ichs lass
Hinken muss ich doch überall
Darum lach ich viel tausendmal
So lustig fing sich die Wanderschaft an Anton vermied nur die Richtung gegen
Augsburg wo er sonst hin wollte das wollte er erst im nächsten Orte fragen
aber das weite Feld das in den letzten Zeiten erst verwüstet schien und noch
die Wasserfurchen aus früherer Bearbeitung zeigte so wenig es von Bäumen
beschränkt war ließ es doch nirgend eine Turmspitze vorscheinen die Wohnungen
der Gegend lagen meist in tieferen Tälern das Jagdschloss war ihnen auch aus den
Augen verschwunden Zwischen dem offenen Meere wo alle Küsten schwinden und
zwischen einer Fläche auf der kein Haus zu finden ist sehr wenig Unterschied
mühsamer ist es in jedem Falle über Erdfläche hinzugehen statt das Schiff
unter sich lustig gehen zu lassen und viel verzweiflungsvoller wenn ein neuer
Hügel hinangeschritten und die Fläche sich immer weiter hinausdehnt das
Verzweiflungsvollste aber wenn ein Strom jetzt die tagelange Richtung des Weges
durchschneidet und einen neuen Weg erzwingen will weil nirgend an ein
Überkommen zu denken ist
Das alles geschah unsern Wanderern Susanna hatte ihre Füße so schmerzlich
wund gelaufen dass sie der Tränen sich nicht enthalten konnte Anton fühlte
Schmerz in seinem verwundeten Beine aber er ließ sich nichts merken und
tröstete sie bei jedem Ausrufe mit Küssen die sie weder merkte noch zurückwies
Sie lagen so am Ufer des Flusses der vom Schneeschmelzen im Gebirge über seine
Ufer ausgetreten war sie sahen in den Buchten die Wasserspinnen mit ewiger
Ungeduld dem Strome entgegenstreben wenig fortrücken und meist von der nächsten
Welle doppelt so weit zurückgetrieben werden und doch ihren Weg nicht aufgeben
und endlich doch alle etwas fortrücken Susanna zeigte still auf die langfüssigen
Tierchen und sie dienten beiden zur Unterhaltung dass sie nicht merkten wie
sich ihnen ein Mann mit einer Zither genähert hatte Susanna erschrak als sie
zufällig ihn erblickte sie meinte erst es sei Seger der gütige Blick des
Ankommenden vertrieb bald diesen ersten Eindruck das Zutrauen musste ihm überall
entgegen kommen »Ihr wartet auf die Überfahrt ich auch« sagte der Ankommende
»es wird nicht mehr lange dauern so besteigt der alte Fährmann seine Fähre«
»Eine Fähre hier«
»Seht nur in den Winkel hinter den Weiden jenseits jetzt ist sie schwer zu
erkennen das Wasser steht hoch und die Kronen der Weiden treten vor da liegt
sie alle Abend kommt ein alter Fischer am Ufer herunter und fährt über«
»Du hast mich gut geführt Kurt« sagte Anton »wahrscheinlich wären wir
sonst nirgends übergesetzt worden«
»Auf zehn Meilen« sagte der Fremde »sind alle Fähren der aufrührerischen
Bauern wegen versenkt es ist ein fürchterliches Morden und Brennen überall
viele Schlösser sind von ihnen beraubt und zerstört sie wollen an einem Tage
die ganze Rechnung mit ihren Herren abmachen und nichts schuldig bleiben Ich
geriet in ihre Hände und weil ich ein Spielmann bin taten sie mir nichts zu
leide aber welche Greueltaten musste ich mit ansehen und dazu musizieren da
warfen sie mir dann wohl etwas Geld ins Barett letztlich nahmen sie es aber
alles wieder fort Apollon mein rechter Vorsteher sei gelobt dass ich von
ihnen bin in Marbach wäre ich fast mit ihnen gefangen und gehangen«
»Was ist da geschehen«
»Die Bauern wollten das Städtlein ohne Mühe einnehmen und plündern so kamen
sie einzeln mit Jagdspiessen vor die Tore und begehrten friedfertig zur
Kirchweih eingelassen zu werden um ihre Verwandten zu besuchen die Hüter
hatten kein Arg der Aufruhr war noch nicht in die Gegend der Stadt gedrungen
auch mich brachten ihrer zehn mit und ich musste lustig vor ihnen her singen
Auf dem Markte kamen sie alle zusammen als sie mit einander sich zu beraten
anfingen da sah ich die Zeit ab und ging zum Untervogt und warnte ihn vor ihrer
bösen Absicht die ich erlauert hatte Er dankte mir und bat dass ich nun zu
ihnen zurückkehre und gelegentlich wiederkäme Der Untervogt ging darauf zum
Obervogt Eitel von Plieningen der auf dem Ratause einer Sitzung beiwohnte und
fragte ihn was er tun solle Da wurde nun lange hin und her geraten ob man die
Bürger bewaffnen oder die Tore schließen solle unter der Zeit waren der Bauern
schon zu viele eingedrungen man musste ein gut Gesicht zum bösen Spiele machen
Inzwischen war den Bauern der Kamm gewachsen sie schickten an den Rat weil
viele unter ihnen keine Freunde in der Stadt hätten so ließ sie um Wein aus
dem herrschaftlichen Keller bitten Der Vogt schlug es erst ab es sei gegen
seinen Eid nachher aber als sie Rat gepflogen und die Bauern drohende Worte
ausgaben wurden ihnen einige Fässer Wein bewilligt Während die Bauern dabei
lustig wurden sammelte der Obervogt und der Untervogt den Rat und einige
sichere Männer auf dem Ratause als jene das aber merkten drangen sie zum Teil
in das Rataus teils blieben sie unter demselben stehen und riefen in voller
Trunkenheit jenen zu Stürzet den Rat zum Fenster hinaus Die Bauern im Ratause
wollten auch die Tür des Ratzimmers sprengen konnten es aber nicht möglich
machen Dann stiegen sie in den Ofen und wollten durch denselben in das Zimmer
einbrechen der Ofen war aber mit einem eisernen Gitter umgeben und die
Ratsherren stachen mit ihren Degen durch die Risse des zerschlagenen Ofens sie
mussten zurück Hierauf wie es bei Trunkenen geht wer vom Streit müde lässt
schnell gütliche Verhandlung folgen beschwichtigte der Obervogt ihren ganzen
Unwillen indem er ihnen mit vernehmlicher Stimme aus dem Fenster des Ratauses
zurief er wolle ihnen noch einigen Wein zukommen lassen Der Wein wurde mit
neuem Jubel empfangen ich musste zum Tanze aufspielen die alten Bauerstiefel
trampelten auf dem Pflaster wie eine Ramme bis sich das Übermaß des Weines Luft
machte und einer über sein Mädchen der andere über einen Mistaufen fiel und
sich nicht wieder aufrichten konnte In solchem Taumel überkam uns die Nacht
ich schlich mich zum Obervogt da waren schon viel angesehene Bürger bewaffnet
zusammen gekommen er stellte ihnen ernstlich vor wie sie es ihrer eigenen
Sicherheit und dem Eide schuldig seien den sie der Obrigkeit geschworen hätten
mit allen Kräften ihm beizustehen das bittere Bauernvolk aus der Stadt zu
schaffen Alle verschworen sich aufs neue ihm treulich beizustehn und er
befahl ihnen sich nach dem Schloss zu begeben und zwei Feuermörser eine
Feldschlange einen Doppelhaken und ein paar Büchsen die in den unteren Zimmern
des Ratauses standen dahin zu schaffen Ein ärgerlicher Umstand war es dass
der Konstabler Marx Spengler der das Geschütz zu bedienen verstand mit den
Bauern sich vollgetrunken hatte und nur mit Mühe aufgeweckt werden konnte in
demselben Taumel war auch der Stadttrommelschläger so dass beiden ein paar feste
Bürger beigesellt werden mussten die sie in ihrer Pflicht erhalten oder wenn
sie dagegen fehlten sie niederschiessen sollten Die Weiber der treuen Bürger
mussten in der Zeit siedendes Wasser in Bereitschaft halten um die Feinde wenn
es zum Treffen käme damit zu verbrühen dass ihnen die stolzen Federn ausfielen
Bei Tagesanbruch rückten wir aus dem Schloss die Stücke voran doch nur mit
Pulver geladen ich zuletzt weil ich gar nichts dabei zu suchen hatte der
Trommelschläger von den beiden Bürgern immerfort in die Rippen gekeilt schlug
das Kalbfell fast zusammen die taumelnden Bauern und die mit ihnen
einverstandenen Bürger aus dem ersten Schlaf erwacht liefen aller Orten gegen
einander und keiner hörte mehr Rat da wussten sie auf einmal wieder die Namen
aller Heiligen und riefen bald diesen bald jenen an dessen Bild sie oftmals
mit Füßen getreten er möchte ihnen sagen was es gebe Der Obervogt aber schrie
mit grausamer Stimme Ihr treulosen aufrührerischen Bösewichter heut sollt ihr
alle eure Strafe empfangen hier sollt ihr sterben Bei diesen Worten musste der
Konstabler die Stücke lösen Mancher fiel vor Schreck und meinte sich getroffen
oder lag in seinem Unflat und meinte in seinem Blute die meisten aber bückten
sich dass sie sich klein wie Mäuse meinten streckten die alten Beine
auseinander als wollten sie sich zerreißen und sprangen wo sie konnten über
die Stadtmauern weiß Gott wo sie aufgehört haben zu laufen Die aber von den
Bürgern eingeschlossen zurückblieben streckten die Hände aus und baten sie
herauszulassen und ihnen Gnade angedeihen zu lassen
Der Obervogt sprach zum Untervogt Es ist doch besser wenn wir den Wolf
erst aus dem Schafstall herauslassen und rief dann laut Weil euch
leichtsinnige Bösewichter eure Übeltat reut so soll euch verziehen werden aber
ihr sollt alle durch das Eselstor wo sonst nur die Mülleresel treiben
hinausziehen zum ewigen Schimpfe
Die Bauern wollten erst jeglicher zu seinem Tore hinausgehen und baten
darum aber der Konstabler machte eine so grimmige Bewegung mit seiner Lunte in
der Trunkenheit und der Obervogt schwor er wolle sie so wahr er ein Edelmann
wie Hühner abschlachten dass sie endlich wohl gar noch Eselsohren sich gemacht
hätten wenns verlangt worden wäre sie zogen ab und ich musste zu ihrem Abzuge
spielen Als sie fort waten da ging die Untersuchung gegen die schuldigen
Bürger an da wurde der Schaden Josephs erst besehen es sollte der Wein wieder
in den herrschaftlichen Keller geschafft werden darüber wurde mein Dank
vergessen ich musste weiter ziehen und bin nun wie ihr mich seht hungernd und
durstig und ohne Geld«
»Was ist denn aber Euer Handwerk sonst« fragte Anton »wie heißt Ihr damit
ich Euch künftig nennen kann Ich heiße Anton und bin ein Maler«
»Ich habe nur ein Mundwerk« sagte der andere »kein Handwerk ich habe mich
viele Jahre mit der Meistersängerei in Nürnberg abgequält hab Euch in allen
Tonarten Wörter zusammenschreiben können wie die andern habe selbst die
Seidenschwanzweise erfunden die ihren Kunstbau durch hundertundzwanzig Reime
treibt wurde verliebt als ich den Gesang der drei Männer im feurigen Ofen
darin aufgeschrieben hatte meine Braut lachte mich aus damit und sang mir ein
Liebeslied vom schmelzenden Schnee und grünen Grase von der Frau Nachtigall
vom Goldring den sie im Schnabel trägt das behagte mir so wohl dass ich allen
meinen Narrenkram wegwarf und sang wie mirs ums Herz war Da wollte mich
niemand mehr in Nürnberg bei festlicher Gelegenheit haben der gute alte Hans
Sachs die weiße Taube gab mir aber ein Reisegeld dass ich nach München gehen
solle um noch singen zu lernen so bin ich immer weiter gekommen und rücke
immer näher an meine Bärbel ich aber heiße Güldenkamm«
»Ihr seid ein kühner Mann« sagte Anton »dass Ihr den Meistergesang so
herabsetzt habe sonst immer großes Lob davon gehört weiß aber selbst nichts
von ihm in meiner Stadt hatten wir keine solche Schule und schämten uns dessen
die Nürnberger taten immer bei uns so stolz wenn einer das Schulkleinod die
Krone oder den Kranz gewonnen oder wenn einer getauft und gefreiet worden«
»Das bin ich alles auch« sagte Güldenkamm »verkauf Euch aber alles was
ich da gelernt habe für ein Mittagessen es ist eine Wortschinderei mich
hungert heute ich habe nichts gegessen habt Ihr nichts bei Euch«
»Nein mein guter Güldenkamm« seufzte Anton »ich habe schon lange Euren
Ranzen angesehen ob nichts Essbares darin sein möchte«
»Ihr seht so stattlich ritterlich angezogen aus« sagte Güldenkamm »wie
seid Ihr in solche Not gekommen«
Anton erzählte ihm in der Kürze was ihm begegnet von seiner Frau wie er
sie liebte nur von seinem Vater und von Susannen schwieg er Doch sah der
listige Meistersänger recht wohl dass es ein Mädchen sei und Anton ihr zärtlich
die Hand drücke
Die Erzählung wurde durch die Ankunft des Fährmanns unterbrochen der mit
einigen Leuten über das Feld jenseit des Flusses kam und sie übersetzte
Anton suchte jetzt in seinen Taschen nach Geld zum Übersetzen und stampfte
mit dem Fuße zornig »Habe meine Geldtasche im Bette vergessen Wer hat nun Geld
zur Überfahrt«
Traurig sahen sich alle drei an »Umsonst tuts der Alte nimmermehr ich
kenne ihn«
Susanna holte jetzt das kleine Eichhörnchen aus ihrer Tasche und sagte sehr
trübsinnig »Unser armer Tucktuck verhungert er nagt schon meine Finger an und
nirgends so weit ich blicke sehe ich einen Ort wo er was fände wenn wir ihn
frei ließ«
Inzwischen wurde die Fähre ans Land gestoßen und festgebunden es stieg ein
alter Prälat und zwei Nonnen aus jener saß zu Pferde diese gingen zu Fuß Der
Prälat sah gleich auf das Eichhörnchen und sagte zu den Nonnen »Eure Liebden
sehen einmal den Rotschwanz Gib her Kleiner ein artig Tier wie es mir die Nuss
aus der Hand nimmt sehen Eure Liebden es nagt wie ein Zimmermann mit der Säge
in die Schale ich wollte es wäre feil möchte es Eure Liebden zu meinem
Angedenken verehren«
»Was gebt Ihr gnädiger Herr« fragte Güldenkamm »es ist uns zwar sehr
lieb«
»Da sind dreißig Kreuzer« sagte der Prälat »es ist teuer damit bezahlt
aber seht nur wie kraus ihm die Blume steht ihr lieben Nonnen möchte mir
daraus einen Weihwedel machen«
Susanna ließ heimlich eine Träne fallen küsste das Eichhörnchen noch einmal
und übergab es dem Prälaten der ihr die Backen kneipte Sie übergab das Geld
Anton sah dem Prälaten mit den beiden Nonnen nach denen er das zierliche
Tierchen übergab sie segnete und in verschiedener Richtung von ihnen fortritt
Jetzt bezahlte Anton zwei Kreuzer für sich und Susannen Güldenkamm sagte ihm
dass er mit Musika seine Überfahrt bei ihm freispielen wollte und Anton bezahlte
auch für ihn Susanna aber wie sie auf der Fähre saß fing heftig an zu weinen
sie hatte das Tier so lieb gehabt sie warf sich ihren Unverstand vor nicht
besser dafür gesorgt zu haben Anton suchte sie zu trösten und vergaß sich
darüber nannte sie bald Susanna bald Kurt und küsste sie zärtlich Güldenkamm
hatte das mit allerlei lustigen Liedern schon begleitet sie hatten es aber
nicht beachtet endlich hörte doch Anton darauf als er ihnen näher trat und
sang
O tiefer Strom der alle Welt durchschnitten
An deinem Ufer ist ein harter Stand
Der alte Fährmann weiß da nichts von Bitten
Er fordert Lohn und strecket aus die Hand
Ihm lohnet für ein schönes Kind der Ritter
Ein armer Spielmann fleht ihn an mit Schall
Bezahl für mich es klingt dafür die Zither
Sonst kenne ich kein klingendes Metall
Der Ritter hat bezahlt für ihn die Fähre
Der Spielmann singt zu seines Ritters Lust
Von Liebesschmerz und Not und süßer Zähre
Ihm ist das tiefe Herz im Wort bewusst
Der Ritter horcht und lässt die Küsse kühlen
Die auf den Lippen herzlich glühend stehen
In leerer Luft kann er die Küsse fühlen
Ein schmerzlich Ende durch den Anfang sehen
Da kommt die Fähre zu dem andern Strande
Das schöne Kind geht fort an fremder Hand
Der Ritter ruft »Du sprengst die falschen Bande
Ich hab mich heim zu meiner Frau gewandt«
Der Spielmann schlägt mit Jubel in die Saiten
»Nur einer Liebe folge der sei treu
Der Sänger mag dich zu der einen leiten
Er spielte dich er spielte sich auch frei«
Anton hatte diese Worte mit Bestürzung gehört er fühlte dass er nicht in dem
Sinne an seine Frau denken konnte noch mehr war er aber verwundert als der
Spielmann leichtfüssig mit Susannen aus dem Kahne sprang ohne dass sich beide
nach ihm umsahn Susanna hatte nichts von dem Liede vernommen der Klang der
Zither und das Wesen des Fremden hatte ihr gefallen sie nahm gern seinen Arm
denn er war mit ihr in gleicher Größe dahingegen sie zu Anton auflangen musste
der selbst über große Männer um eines Kopfes Länge hervorragte Anton sah ihnen
nach und sah zu gleicher Zeit ein Brot im Kahne liegen fast mit
fortschreitendem Beine und halb aufgehobener Hand fragte er den Fährmann was er
für das Brot haben wollte
Der Fährmann sagte es sei Hungersnot im Lande unter zwanzig Kreuzern könne
er es nicht lassen
»Aber so wartet doch« schrie Anton den raschen Fussgängern nach »sind deine
Blasen am Fuße schon geheilt Susanna Wisst ihr schon wohin ihr wollt«
Susanna und Güldenkamm standen still
»Alter da habt ihr das Geld aber sagt mir noch wie weit das nächste Dorf
ist«
»Kann Er denn nicht sehen« sagte der Alte »liegt es ja«
Anton sah erst jetzt in großer Entfernung ein paar schwarze Dächer die vom
Acker wenig zu unterscheiden waren Güldenkamm kannte das Dorf es sei eine
Hecke für Wanzen und Flöhe die allein hätten dort gute Nahrung meinte er
Anton hatte bei dem Brote seine Verwunderung über Susannen lachend vergessen er
teilte es schnell und war mit dem seinen fast fertig ehe die andern noch
angefangen die ihm nun zur Ausgleichung von dem ihren aufzwangen es wollte ihm
aber alles nicht helfen die Lücke in seinem Innern durch die Zehrung der
Bewegung vermehrt ließ sich nicht füllen er nahm im Scherz kleine Steine
hüllte sie in Brotkrume und verschluckte sie das tat ihm wohl Susanne fand
diesen Scherz entsetzlich sie musste weinen aber wie ein unartiges Kind das
die Kirschkerne nicht hinunterschlucken soll erst tut als wolle es dieselben
aus dem Munde nehmen sie zeigt und dann doch verschluckt so hatte er eine
eigene Freude an den Besorgnissen der beiden und fühlte sich endlich so wohl
gesättigt wie damals als er die erste Trappe seiner Frau aufzehrte Gegen
Abend erreichten die Wanderer ein armes sehr ödes Dorf die Bauern waren
gutmütig gegen sie aber sie hatten nichts Hungersnot herrschte überall das
Brot war mit Rinden und Eicheln gemischt die Hütten übelriechend dunkel ohne
Fenster und schmutzig Anton hatte kaum hineingeblickt so hatte er sich schon
über ein Heulager geworfen um seinen ermüdeten Fuß zu ruhen Susanna blickte
kaum hinein so wurde ihr von dem üblen Geruche und heißen Dampfe schwindlig
sie musste zurücktreten und Anton drang in sie seinetwegen sich nicht mit dem
Elende der Hütte zu plagen Sie ging also mit Güldenkamm an das Ufer des Stromes
und las einzelne Beeren für Anton dann setzten sich beide der Abendröte
gegenüber der Bach flüsterte so freundlich alles was am Himmel und auf Erden
geschah war Susannen eine neue Welt Ihre fremdartigen Fragen ergötzten den
Spielmann sie hatte eine so vornehme Vorstellung von der Welt gehabt und ihren
eigenen Zustand in Augsburg so allen andern nachgesetzt dass sie sich jetzt
nicht beruhigen konnte wie so viel Menschen noch elender lebten als sie sie
redete die Bäuerinnen mit einer Art Rührung an diese aber äußerten herzliches
Mitleiden mit dem jungen Burschen der so durch die Welt ziehe Es wurde
dunkler da kamen die jungen Leute trotz der Hungersnot so vertraulich Paar
und Paar gezogen mancher sang viele lachten da war kein Rückhalt in allem
was sie meinten und doch war es ein anderes Wesen als in dem Frauenhause ein
anderes Wesen als bei den Bürgerfrauen in München sie schienen so gut wie
diese und so schlecht wie jene zu gleicher Zeit zu sein Güldenkamm mit seiner
gewohnten Träumerei erfüllt ging unter den Mädchen umher wie von den rechten
Weingegenden erzählt wird dass durchwandernde Fremde so viel davon essen dürfen
als ihnen gefällt ohne dafür zu zahlen aber nichts nach Hause mitnehmen
dürfen jedes Mädchen war ihm eine Traube die er gern sogleich genossen hätte
aber die Hast mit der er gewöhnlich zu Werke ging zerdrückte sie meist früher
und er blieb ohne Genuss Ohne dass ihm Susanna ein Zeichen ihrer Zuneigung
gegeben hatte glaubte er sich derselben schon versichert er bildete sich
dieses Verhältnis aus stumm neben ihr sitzend und spielend mit einem Bande
ihres Wamses dachte er der letzten Zeiten in den steten Unruhen wo er oft mit
herzlicher Sehnsucht nach einem Mädchen sich umgesehen hatte mit der er nur ein
vertrauliches Wort wechseln könne und jetzt saß ein recht wunderbares Mädchen
neben ihm und schwatzte von aller Welt Himmels und der Erden so unnachahmlich
neu und ihn beschäftigten jetzt andere größere Anforderungen an sie er
verachtete seine Unbefriedigung fühlte plötzlich den glücklichen Abend und sang
zu ihr in freien Bewegungen mit leichter Begleitung der Zither
Seliger war ich noch nie als heute
Nach Tages Müh an Liebchens Seite
Spielend an Ufers Rand
Durch ihre Hand
Mit ihrem Band
Umzieht mich ihr süßes Geschwätz
Wie ein Netz
Darum nenn ich sie Fischerin
Weil sie mit klugem Sinn
Mich im eignen Element erhält
Nachdem sie mir Reusen gestellt
In die mich der Fluss
Immer tiefer treibt im Genuss
Ich weiß es und setze die Flossen nicht entgegen
Möcht sie viel lieber ganz dicht an mich legen
Lasse mich still von dem Strome bewegen
Es kühlet darin ein heimlicher Segen
Konnte sonst so listig und mutig
Und oft mit einem Herzen so blutig
Mich entreißen der Weiber Gewalt
Und Wohlgestalt
Und wie ein Kramsvogel aus den Dohnen
Ließ ich zwar Federn ohne Schonen
Aber ich entriss mich der Schlinge
Sang fröhlich und guter Dinge
Eine Reihe Schönen die meiner spotten
Und mit mir zanken
Mich fragend ob ich nun bald gesotten
Ohne glänzende Schuppen
Als ein Märtyrer gerieben zur Suppen
Würde büßen
Dass ich so fälschlich konnte küssen und grüßen
Herzinniglich weiden
Stolz dann zu scheiden
Ei seht doch nun bin ichs wohl gar
Der falsch und untreu und unbestimmt war
Hab euch alle geliebt
Ihr habt mich alle betrübt
Die Kleine dort weil ich nicht bei ihr blieb
Die Gute hier weil sie mir nicht die Zeit vertrieb
Die Feine daneben weil sie einem andern gehört
Die vierte Selbstüberlebte weil ich sie nicht immer gehört
Die immer hätte singen sollen
Ich bin ihr wie ein Lied verschollen
Eine aber die tat mir weh
Die meinte ich sei zu flüchtig zur Eh
Sie starb darüber am Fieber
Und zieht vorüber so mild so licht
Und streicht mir die Haare aus dem Gesicht
Es tut mir vieles leid
Doch bin ich unschuldig bis heut
Ich sags euch derb und trocken
Ihr schüttelt mit den Locken
Ich hab euch nie versucht
Die Gelegenheit hat mich aufgesucht
Liebliche Kleine in fürstlicher Krone
Die mein schlummerndes Herz erweckt
Gabst du mir nicht einen Schlag zum Hohne
Auf die Backen dass Glut sie bedeckt
Um mit dem Kusse ihn dann zu vergüten
Lieblichste musstest du also wüten
Musste das Glück auf jeglichen Wegen
Uns zusammenführen mit List
In den Bäumen ach welches Erregen
Wie geschmückt zu dem heiligen Christ
Wenn du hinter den Stämmen verborgen
Betest den fröhlichsten guten Morgen
Doch die Verwirrung des Sinns zu entflammen
Wussten die fürstlichen Brüder mit Lust
Warfen uns Abends auf Blumen zusammen
Und du ruhtest an meiner Brust
Doch da sagte der böse Hofmeister
»Nehm Er nun Abschied denn morgen da reist Er«
Du ruhst wo Gold und Silber ruht
In den Tiefen
Viele Tage und Jahre verliefen
Schnell wie zum Tanze beschuht
Ich ward Student
Und dachte nur dein liebliches Gesicht
Und achtete der andern Mädchen nicht
Und wie ein Berg unübersteiglich uns getrennt
Die hohe Felsenwand
Von Rang und Stand
Verzweifelnd warf ich mich auf meine Bücher
Und ward wenn nicht gelehrt doch siecher
Der trüben Lampe Licht
Entfärbte mein Gesicht
Wie in dem Schacht die weißen Moose sprossen
Und sind doch auch des Lebens Mitgenossen
Da regte sich der erste Frühlingstanz
Vor unsrer Stadt auf erstem Grün
Der zarten Blumen erstgeborner Glanz
Verschien als eine Jungfrau drin erschien
Ihr Leib war schlank gestreckt doch voll und rund
Es öffnete sich leicht ihr roter Mund
Dass ihre Lippe zeigt der Zähne Bund
Und dieser Bund stand gleich dem Kriegesheer
Der Tempelherren weiß und gleich im Feld
Das rings von süßem Blut ein wogend Meer
Da stand es fest als hätt es Gott gestellt
Und dieser Zähne Glanz ward jetzt der Felsenriff
Den ich für eine sichre Küste hielt
Mit vollen Segeln lief darauf mein Schiff
Ich glaubte sie von hohem Geist umspült
Ich reichte ihr im Tanze meine Hand
Und blieb so Hand in Hand bis uns das Licht
Den Rücken hatte zögernd zugewandt
Das gute Kind zu mir kein Wörtchen spricht
Ich war begeistert wie von jungem Wein
Und sprach zu ihr in manchem lustgen Wort
Sie fuhr nach Haus ich stieg da hinterdrein
Wo sonst nur der Bedienten schlechter Ort
Mir wars ein Thron ich sprang am Haus herab
Sie sah mich an und lächelte so dumm
Sie stieg heraus ich diente ihr als Stab
Statt alles Danks blieb sie noch immer stumm
Ich trat mit ihr ins Haus ich wußt nicht wie
Und eine Frau begrüßt uns nah am Tor
Ach warum beugt ich nicht vor ihr die Knie
Ich war ein Tor dass ich den Tag verlor
Wie jene hochgeschmückt mit braunem Haar
War diese fein und zierlich blond gelockt
Ich wusste nicht ob ich im Himmel war
So hat mein Herz bei ihrem Blick gestockt
Der Blick war blau so wie Vergissmeinnicht
Und ihre Worte wie ein Perlenkranz
Doch war ich treu dem vollen Angesicht
Es wogte noch in mir der Rausch vom Tanz
Du bist ein gutes Kind ich sags dir hier
Ich war bei Gott dir vierzehn Tage treu
Studierte mich fast tot was ich nur sagte dir
Du sagtest nur ein Ja ein Nein dabei
Die blonde Frau hob alles sorgsam auf
Was meinem frohen Mund mit Lust entfiel
Und gab ihm Federkraft zum raschen Lauf
Es traf ihr Witz stets alle neun im Spiel
Allmählich wards mir lieb wenn sie allein
Ich setzte mich zu ihr ich ließ dich stehen
Ich brachte dir den großen Hund der mein
Und ließ ihn dir damit du mich liesst gehen
Du warst vergnügt und ich war voller Glut
Wie ein Kamin voll hellem Flammenschein
So trieb die Schwägerin herum mein Blut
Ich saß so gern bei ihr sie war nicht mein
Die Lieb die ich mit Sange angeregt
Die wandte sie zum Mann kam er nach Haus
Und hat sich froh mit ihm zu Bett gelegt
Ich grämte mich und blieb dann doch nicht aus
Zum guten Glück kam eine Sängerin
Mit kaiserlichem Hofe durch die Stadt
Die alle Welt bezaubert hat
Ich war beim ersten Tone hin
Ich schmiegte mich in ihres Liedes Falten
Die göttlichen Gestalten
Der alten Helden die sie schön besungen
Die hätt ich gerne dargestellt
Und wie Merkur bin ich gesprungen
Ganz einsam unterm Himmelszelt
Und wie Apollo hohen Blicks
Hab ich gewartet meines Glücks
Du wolltest aber immer essen
Ich hatt es oft vergessen
Du wolltest süßen Trank
Wenn schier mein Aug in Wehmut sank
Du wolltest Schmuck
Ich hatt an dem Gesang genug
Der in den Ohren ewig tönte
Da war ich oftmals der Verhöhnte
Und lief davon
Eh mich beschien die Morgensonn
Eh noch die Schuldner konnten klopfen
Da saß ich schon die Schuh voll Tauestropfen
Bei einem schönen Pachtergut
Und sah den großen gelben Hut
Auf einer festlichen Gestalt
Ich schlich mich näher zu der Schönen
Es war die Allgewalt
Von allem was mich konnt verhöhnen
Und mich beglücken konnte
Als sie ihr Antlitz zu mir sonnte
Und lauschte ob ein Hase in dem Kraute
Und mich zuletzt mit großen Augen schaute
Sie hob die Hände auf
Als wollte sie in meine Arme fallen
Und mitten in dem Lauf
Sah sie so stolz auf mich wie Herrscher auf Vasallen
Ich ward ihr Knecht
Und hab gelebt so arm und schlecht
Früh auf spät nieder
Schmale Kost viele Lieder
So hat sie mich zu prüfen gemeint
Ich hab gelacht geweint
Nichts weiß ich mehr von der Zeit
Mit mir mit ihr ein ewger Streit
Mir wars als hätt ich einen Schatz gefunden
Der mir zu schwer
Ich hätt ihn gerne aufgewunden
Doch als das Werk bald fertig
Und ich des Danks gewärtig
Da war die Grube voll und leer
Wieder lieb ich da ich dein gedenke
Wieder leid ich dass ich dich muss missen
Nicht zu mir die toten Augen lenke
Deine bleichen Wangen möcht ich küssen
Wieder wähn ich dass ich dich verkannte
Wieder glaub ich dass ich dich noch habe
Ach ich wars den dir die Liebe sandte
Doch der Zweifel sandte dich zum Grabe
Güldenkamm hatte sich durch die Erinnerung rühren lassen es war ohne seine
Absicht dass sich sein Lied zum Ernst hin wandte es liegt das aber meist in der
Art einer Tändelei bei einem bewegten Gemüte Susanna fand sich durch seine
Ausdrücke durch das Gefühlvolle in ihm ergriffen und sie wusste nicht wozu es
gab nichts zu tun sie wusste nichts als ein paar Tränen auf seinen Wangen
abzutrocknen und ihn zu streicheln
Anton hatten die Wanzen nicht lange schlafen lassen denen sein glatter
saftiger Stamm ein besonderer Leckerbissen zu sein schien ganz zerstochen
sprang er an die Luft und sah die beiden so vertraulich beisammen sitzen Er
konnte es sich nicht sagen welches Gefühl ihn durchwallte es wurde ihm so
kalt er schämte sich seiner selbst er hätte sich gewaltsam von beiden befreien
mögen um dieses Gefühl los zu werden er wandte sich von ihnen setzte sich
unter eine große Linde in welche ein Muttergottesbild eingelegt war und fing
an zu beten während er betete fiel ihm seine Frau und sein Kind ein er dachte
sich Frau und Kind in dem Muttergottesbilde das von der Mondnacht zwar
beleuchtet aber von der Linde dünn in schwebender Wallung beschattet war da
ward er wieder Hausvater und Gatte und flehte um die Fortdauer seiner Liebe
Susanna aber ward ihm gleichgültig er dachte mit Behagen daran dass er sie
vielleicht mit Güldenkamm gut versorgen könnte alles wurde ihm fertig vor der
Seele er nahm sich vor ein Schmied zu werden wenn seine Malerei nicht mehr
bezahlt würde da würde ihm seine Kraft nützen er sah schon in Gedanken die
Kohlen in seiner Schmiede glühen sah die Ritterpferde die bei ihm beschlagen
wurden da weckte ihn der Hunger und der Schmerz seiner Wunden aus der
Betrachtung nicht bloß die Wunde am Schenkel sondern auch der Finger die
Susanna ihm geheilt schienen in den alten Zustand der Verletzung zurückkehren
zu wollen er hinkte deswegen zu Susanna und Güldenkamm die ruhig in geringer
Entfernung von einander im Grase eingeschlafen waren Er fühlte weder Neid noch
Eifersucht vielmehr war er so gutmütig sie nicht stören zu wollen Er selbst
machte noch einen Versuch ob er nicht zum Schlafe gelangen könne aber
unmöglich er wachte bis die Morgenkälte die beiden andern auch erweckte
Susanna sah ihm gleich nach dem Erwachen an dass sein Auge getrübt sei sie
fragte nach der Ursache er schützte Hunger und Schmerzen vor sie verschafte
ihm durch ihre schmeichelnde Fürbitte bei einigen Frauen etwas Kleienbrot mit
Baumrinde gemischt dann mussten sie weiterziehen wobei Güldenkamm der in aller
Not an nichts als an seine Liebe dachte recht wacker voranschritt Susanna
wollte Anton unterstützen und verbinden er wollte es aber nicht leiden »Heute
werden wir den schlimmsten Tag haben« sagte Güldenkamm »denn bis Pforzheim
steht kein Dorf mehr Gras und Laub werden unsere Nahrung sein und das ist
allzu natürlich und paradiesisch«
In dieser schlimmen Erwartung schon halb ermüdet gingen sie stillschweigend
hinter einander eine Strecke es zog sich ein Morgennebel über die Ferne und so
hofften sie wenigstens in eine erfreulichere Gegend einzudringen als er aber
verschwunden sahen sie eine weite Gegend ohne Merkzeichen vor sich von Bergen
begrenzt die von der Hitze sehr verbrannt schienen das Auge hatte kein Maß
mehr um sich Ruhepunkte in gewissen Entfernungen festzuhalten am Himmel war
auch wenig zu sehen gleichgültige weiße Wolken zogen vorüber zuweilen schien
es dunkler zu werden und regnen zu wollen aber die Hitze war dann um so
drückender Nach ein paar Stunden wo sie sich mehrmals ausruhen mussten um zu
gähnen und den kalten Schweiß abzutrocknen legten sie sich vor einem
Tannenwalde nieder Güldenkamm sang halb lallend indem er seine Füße
streichelte
Meine Beine meine Beine
Ach ich weine um die Steine
Dass die Steine ohn Erbarmen
Reissen durch den Schuh mir Armen
In die Haut
Und die Tränen und der Schweiß
Tröpfeln von der Stirne heiß
Arme Braut
Kann doch heut an deiner Seite
Nicht empfinden Lust und Freude
Anton horchte bei diesen Worten auf und fragte ihn »Seid ihr schon so weit Nun
wohlan so muss ich euch wohl einsegnen«
»Tut das mein neuer Freund« sagte Güldenkamm und Anton nahm mit
abgewendetem Gesichte beider Hände und legte sie in einander
»Was macht Ihr« fragte Susanna »ich weiß von nichts ich will nichts Was
soll mir das Zusammenlegen der Hände«
»Seid glücklich mit einander« sagte Anton sprang auf und schritt mutig
voran in den Wald der vor ihnen lag die beiden Gesellschafter schritten stumm
und langsam ihm nach sie hatten das Verlöbnis in der Mühe bald vergessen und
aufgegeben Als sie wieder eine Stunde fortgegangen bemerkten sie über dem
Walde einen starken Rauch Anton rief mit Entzücken »Feuer Menschen Essen«
Er glaubte sich in der Nähe einiger Köhlerhütten zu befinden aber der Rauch
wurde vom Wind herangetrieben immer heißer und stärker sie konnten sich diese
Erscheinung nicht erklären endlich kamen sie auf einen freieren Platz mitten im
Gehölze als eben wunderbare leichte Flammen neben ihnen über die dürren Halme
und die knisternden Tannenbäume hinaufliefen bis der Baum der von der Hitze
ausgedörrt in heller pyramidaler Flamme stand Dieser freie Platz war ihre
Rettung sie hätten sonst in dem Waldbrande ersticken müssen aber auch dort
litten sie noch von der Nähe des Feuers das aber zu ihrem Glück nicht lange an
einem Orte weilte sondern wenn es die Zweige und Rinde aufgezehrt hatte dem
grünen Stamme nur an der Spitze etwas anhaben konnte Der Weg vor ihnen ward
schon wieder gangbar als das Feuer sich über den zurückgelegten Weg
verbreitete sie sahen jetzt wie die Vögel ihres letzten Schutzortes beraubt
sich teils in die Flammen stürzten teils flüchtend von den Dampfwirbeln
zurückgerissen wurden Der gewaltige Anblick hatte ihre Ermüdung geistig
unterdrückt sie schritten dumpf über die rauchenden Zweige fort die in den Weg
gefallen waren hin und wieder brannten sie noch und Anton nahm Güldenkamm und
Susanna und trug sie ihres Sträubens ungeachtet hinüber er kam in einen Ärger
über die Hindernisse die ihm die Natur entgegenstellte das erfrischte ihn
Nach zwei Stunden mussten sie sich an einer Stelle niederlassen sie fanden kein
Bächlein wohin sie auch blickten die trockene Hitze des Jahres hatte die
Quellen in den Schoss der Erde zurückgeschreckt sie groben mit den Degen eine
Höhlung und stießen bald auf dichte Felsmasse Jetzt warfen sie alles von sich
was den Marsch erschwerte Anton die Muskete und den Degen Güldenkamm seinen
Reisemantel Susanna ihren Degen und schritten erleichtert fort wie Gefangene
entwaffnet durch die schwarzen geordneten Spieße des feindlichen Heeres das
sie in stolzer Ruhe anblickte denn also erschienen die verbrannten jungen
Tannen Als die Sonne über den Mittag hinaus in stärkster Hitze gegen drei Uhr
brannte sank Susanna an den Boden sie hatte den Schmerz der wunden Füße lange
bekämpft sie war erschöpft Anton kniete neben ihr und hielt ihr das Haupt sie
erholte sich wieder Güldenkamm hatte auch nicht viel Macht zum Aufstehen als
er sich neben ihr niedergelassen Susanna sagte sehr matt »Was mir das Herz
abstösst ist der Gram dass ich alles dieses Unglück über dich gebracht habe
mein Anton meine Ahnung hat dich von einem wahrscheinlichen Unglücke zu
befreien gesucht um dich einem gewissen schmerzlichen Hungertode zu opfern lass
mich hier liegen ich kann nicht weiter suche aus dem Wald zu kommen
vielleicht bringst du mir zur rechten Zeit noch Hilfe zurück«
Anton sprach ihr Mut ein er sei noch stark genug sie zu tragen nie würde
er sie verlassen Güldenkamm sagte dass er voranlaufen wolle weil er des Weges
kundig um ihnen Hilfe zu schaffen Dieses Anerbieten wurde angenommen er lief
nach manchem gerührten Ausdrucke seiner Leidenschaft ohne sich umzuwenden fort
er war wie ein Schatten entschwunden und das Elend trat immer deutlicher
hervor Anton fühlte bald dass nur seine Kraft den Schmerz der Wunden bisher
bekämpfte beide hatten sich geöffnet und Arm und Fuß waren so entzündet dass
er sie nicht mehr brauchen konnte vergebens wartete er zwei Stunden nagte Gras
und Wurzeln endlich es mochte sechs Uhr sein hörten sie das Auftreten dann
das Schnaufen von mehreren Pferden sie rieten um Hilfe sie sahen mit freudigem
Jubel drei kräftige Pferde von denen nur eins einen gewaffneten Reiter trug
heransprengen der Reiter machte vor ihnen Halt sah herab sie sahen hinauf
es war Seger
Unwillkürlich wollte Anton nach seinem Degen greifen da gedachte er wie er
den Degen von sich geworfen Seger sah ihn verwundert an und sprach »Welcher
Wurm hat sich in Euer Gehirn eingebohrt dass Ihr so unsinnig in die Welt
gelaufen seid Ihr seid doch ein Querkopf wie noch keiner mit dem Steiss die
Welt angesehen da liegt Ihr elend wie geschundene Vögel zum Braten auf
Kohlen und mir kostet der Streich ein paar brave Kameraden Hol Euch das
Käuzlein ich komme den Abend mit ein paar Gesellen bringe Futter für Euch mit
da schrien mir gleich ein Dutzend alte Kerle entgegen wo ich des alten Herrn
Sohn hingetragen ich mag sagen was ich will wie ich Schmächtling so eine dicke
Sau wegtragen könnte sie wollen uns fangen wir wollen es nicht leiden sie
reißen meine beiden Gesellen vom Pferde ich muss ausreißen und die beiden
Pferde laufen hinter mir her«
Anton sah nach seinen Taschen »Lass gut sein es war nichts zu fressen auf
dem Schloss Hast du was bei dir«
»Freilich ich werde auch nüchtern ausreiten« sprach Seger »einem wilden
Eber hab ich eine Kugel durch das alte Fell gejagt dass er zusammengestürzt ist
und mir die Keulen bei dem schönen Waldbrande ordentlich gebraten mein Fässchen
ist auch nicht mit Regenwasser gefüllt um mir die Haut damit zu waschen«
Er bestätigte diese Rede mit Vorweisung der angezeigten Lebensmittel und
warf noch ein großes Weissbrot herunter das aus dem Korbe herausfiel
»Potz Vetter Michel« sagte er »ein paar Brote und eine gute Wurst hab ich
verloren« Aber Anton hatte schon mit Wut das Brot zerrissen und seinen Teil
verzehrt als er die andere Hälfte Susannen kaum zugeworfen er konnte kein Wort
sprechen der wilde Schweinbraten war sein Leitgericht und hielt ihm diesmal in
aller Wahrheit Leib und Seele zusammen der Wein netzte seinen Gaumen aber er
wünschte auch Wasser selbst das schaffte Seger indem er rings umher in den
Wald sprengte aus einem versteckten kleinen Teiche Susanna nahm nichts als
Wasser sie zeigte einen Widerwillen gegen Fleisch und Wein und konnte sich nur
wenig erholen während Anton mit feurigem Gesichte neben ihr saß und über das
Bein fluchte dass es sich noch nicht wollte brauchen lassen
»Marsch fort jetzt« rief Seger »binde deinen Jungen auf das kleine Pferd
ich will dir aufs große helfen«
»Hätten wir nur den Güldenkamm nicht nach jener Seite geschickt um uns
Hilfe zu erbetteln wir könnten jetzt zum Schloss meines Vaters zurückkehren«
sagte Anton
»Ja hätten wir nicht« rief Seger »da wäre meine Mutter noch eine Jungfer
fort nach Pforzheim da wird sich der Kerl irgendwo in einer Kneipe vorfinden«
Sie ritten fort Susanna die nie zu Pferde gesessen ließ ihr Pferd von
Anton führen und hielt sich mit den Händen fest Seger lachte über einen so
furchtsamen Burschen Gegen das Dunkel kamen sie aus dem Walde heraus und in die
Nähe von Pforzheim und fanden Güldenkamm der mit einem alten Hirtenweibe aus
einem Topfe aß Kaum konnte er seine armen Gesellen auf den schönen Pferden
wiedererkennen dann flehte er sie aber an ihm seine Zither die er dem alten
Weibe für einen warmen Brei verkauft hätte einzulösen Seger ohne ihn zu
kennen sprang ab nahm stillschweigend die Zither fort stülpte ihr den
Breitopf über den Kopf half Güldenkamm hinter Susannen aufs Pferd stieg selbst
auf und sagte »Der alten Vettel soll doch endlich einmal die Lust an der Zither
vergehen sie zittert selbst schon am ganzen Leibe hört wie sie in den hohlen
Topf hineinbrüllt sie kriegt ihn nicht ab ohne ihn zu zerschmeissen oder sich
die Nase zu zerbrechen der soll die Wohltätigkeit auf ewig vertrieben sein«
Susanna beschämte der Vorfall aber sie waren alle zu schwach um viel an
Edelmut zu denken also ritten sie zu Pforzheim durch das schöne Tor mit den
zwei gespitzten Türmen ein und stiegen bei der Herberge zum Hopfenblatt ab
Als sie im Zimmer saßen schwor Anton dem Seger in herzlicher Gesinnung und
reiner Dankbarkeit Für den einen Dienst möchte er sich einmal fordern was es
sei er wolle es ihm zu Gefallen tun Seger schlug ein er wird es nicht
vergessen denn der Teufel vergisst so etwas nicht Er sorgte mit großem Eifer
für die Bequemlichkeit Antons der nach frohem Mahle sehr bald einschlief
Susanna legte sich ihm zu Füßen auf eine Streu Güldenkamm wusste nicht recht
was mit sich anfangen und begleitete noch Seger in die untere Wirtsstube wo
dieser sich mit einigen Wilddieben in erbauliche Gespräche einließ Am anderen
Morgen musste Anton den Wundarzt der Stadt kommen lassen der sein Bein und seine
Wunde sehr entzündet fand und einen Gulden voraus forderte um die nötigen
Salben und Umschläge anzuschaffen Seger gab den Gulden sehr bereitwillig her
verlangte aber Anton möchte sogleich zu seiner Frau gen Waiblingen schicken um
etwas Geld von ihr zu fordern sie hätte immer noch ein paar tausend Gulden
übrig das wisse er Anton beredete Susannen die er in Gedanken dem frohen
Güldenkamm schon ganz übergeben in dessen Schutz nach Waiblingen zu wandeln
Seger gab ihnen Reisegeld sie sollten nur mäßige Tagereisen gehen in einem
Briefe stellte Anton der Frau seine Not recht eindringlich vor und seine
Sehnsucht zu ihr zu kommen und dort ein Schmied zu werden wenn seine Kunst sie
nicht mehr ernähren wollte
Der Zufall führte einen Güterwagen durch Pforzheim der die Straße nach
Waiblingen ging wo Susanna und Güldenkamm sich für ein Geringes auffrachten
ließ dem Fuhrmanne war Gesellschaft sehr willkommen insbesondere da
allgemein ein Gerede lief dass Franz von Sickingen und Götz von Berlichingen
wieder gegen den Schwäbisschen Bund verfehdet seien die Kaufleute niederwürfen
und die Wagen plünderten Anton gab beiden Bitte und Befehl sich in kein
Gefecht einzulassen denn wer jetzt recht hätte in der Welt und wem etwas
gehöre das sei ganz unbestimmt »Zieht mit Gott« rief er als Susanna mit
Tränen Abschied nahm Güldenkamm und Susanna saßen hinten auf der Höhe des
stossenden Wagens wo eine Kiste mit scharfen Leisten ihnen zum Sitz eine andere
als Rückenlehne diente wäre die Erinnerung des vorigen Tages nicht so ermüdend
in ihren Gliedern gewesen sie hätten die bequeme Einrichtung des Wagens der
das Nebenherlaufen zuließ weit vorgezogen sie mussten mit solcher Kunst die
einzelnen Schwankungen und Stöße des Wagens ausnivellieren um nicht
herabgerissen zu werden dass sie bis der lange Stadtdamm zurückgelegt war an
nichts anderes denken konnten Erst dann überlegte sich Güldenkamm in welches
angenehme Verhältnis ihn das gute Glück zu einem lieben zarten Mädchen geführt
er beschloss keine Freude die sie ihm gewähren könnte aufzuschieben ja er
fürchtete zuweilen dass sie ihm die schlechte Benutzung jener Nacht am Wasser
als einen Mangel an Zuneigung auslegen möchte Er unterhielt sie mit vielen
sonderbaren Liebeshistorien denen sie ernsthafte Bemerkungen beifügte er las
jeden ihrer Wünsche in ihren Augen sie war ihm so freundlich mit welcher Wonne
hob er sie in Böcklingen wo sie die Nacht verweilen wollten vom Wagen
In dem Wirtshause war ein großer Lärmen da lagen viele Handelsleute kein
Mensch kam heraus und begrüßte sie Nach langem Schreien guckte einer wie eine
Schnecke zum Häuschen heraus der zeigte dem Fuhrmann mit der Hand wo die
Pferde und wo die Menschen untergebracht würden Sie traten ein da war eine
Hitze weil trotz des Sommers in dieser Waldgegend eingeheizt wurde ein
Gestank weil sich da jeder die unreinen Kleider auszog und lüftete dass Susanna
fast umzusinken vermeinte Güldenkamm fragte nach einem Zimmer da sagte der
bärtige Hausknecht der wie ein Hauslumpen in allen Winkeln gelegen zu haben
schien wenn sie mit der Stube nicht zufrieden möchten sie wo anders einkehren
Was war zu machen Es gab keine andere Herberge Susanna suchte Wasser um
sich zu waschen sie musste aber zum Brunnen gehen denn jenes im Zimmer war von
den Kohlenbrennern schon so geschwärzt dass sie zwei andre Wasser nötig gehabt
hätte um sich wieder davon zu reinigen Sehr schlimm war es dass die Hitze
vielen übel bekam so wie das viele Essen da gabs erst Gestank dass Güldenkamm
ein Fenster aufmachen wollte wie schrie ihn aber der Bartmann an wenn er in
die Luft wollte möchte er sich hinausscheren Da sah er nun wohl dass er unter
groben Leuten sei die von den Nürnbergern noch sehr verschieden waren Nach
langem Harren wurde ein Tuch grob wie Segeltuch über den Tisch gebreitet
Teller ausgesetzt Messer und Gabel beigelegt mit Brot alle setzten sich heran
und schabten beinahe eine halbe Stunde bis die Suppe fertig an der schmutzigen
Brotrinde Endlich kam dieser ungeheure Kübel voll Suppe bald darauf ein Gemüse
in gleicher Brühe dann gekochtes Fleisch in eben solcher endlich nach einer
Stunde etwas gebratenes Fleisch und Fisch nachdem alle satt waren ein saurer
Wein stand dazu auf dem Tische wovon jeder so viel trinken mochte als er
wollte denn alle bezahlten gleich Da brachte der Bartans einen
Schinkenteller worauf er einige Ringe und halbe Ringe mit Kreide gemalt hatte
das verstanden viele und legten ihre Zeche auf den Tisch Güldenkamm verstand es
aber nicht er hatte all sein Geld zum Mittagessen aufgehen lassen er wusste
nichts Besseres zu tun als den Schalksnarren zu spielen worauf er sich schon
in Nürnberg beflissen hatte Er stellte sich wie ein blökendes Kalb und machte
allerlei lächerliche Sprünge die aber Susannen herzlich zuwider waren zuletzt
sprang er auf den Tisch streckte Hände und Beine in die Luft drehte sich auf
dem Bauche herum und wischte sehr geschickt alles auf dem Kreideteller aus Der
Schwank gefiel allen ein Kaufmann bezahlte für ihn und für Susannen und
schenkte ihm noch Reisegeld obenein Susanna nur empfand von dem Augenblicke
gegen ihn einen unerklärlichen Widerwillen er war ihr einen Augenblick wie eine
lächerliche widerliche Spinne erschienen Als er so wohl aufgenommen ließ er
sich in allerlei Trinksprüchen hören die um so lauter belacht wurden je
kräftiger der Schmutz sie würzte Endlich wurde eine Streu über den Boden
ausgebreitet schmutzige Tücher mit Kopfkissen und wollene Decken darauf gelegt
Güldenkamm legte sich zu den Füßen Susannens Die Lampe wurde ausgelöscht und
Güldenkamm stieg die Glut des Weines ins Herz er näherte sich leise Susannens
Füßen und küsste sie mit einer Inbrunst dass sie erwachend aus unwiderstehlichem
Widerwillen ihm einen Tritt gegen den Kopf gab der sich für den Augenblick
zurückzog Aber mit erneuter Liebesmacht drängte es ihn zurück doch ein
heftiger Stoß gegen die Nase erleichterte ihn vom Blute und kühlte ihn dadurch
Früh Morgens ging es davon der Fuhrmann fluchte dass die Kinder ein Stück
von seiner Peitsche abgeschnitten Güldenkamm war verstimmt durch seine
aufgeschwollene Nase Susanna konnte ihn gar nicht mehr ansehen und das Stoßen
des Wagens schien ihnen heute so ganz unerträglich dass sie abstiegen
stillschweigend ihre Straße zu gehen Sie hatten jetzt den Kamm des Gebirges
erreicht und sahen in ein weites reiches Tal alle auslaufenden Spitzen des
Gebirges waren mit glänzenden Schlössern besetzt in den grünsten Tälern
schimmerten ferne Klöster ein Wohlleben war überall und ihre Augen schwankten
von einem Anblick zum andern wie Füllen die im Überflusse das Gras durch den
Mund gehenlassen ohne es abzubeissen und sich lieber drin strecken und wälzen
Die beiden Reisegefährten waren plötzlich versöhnt und Güldenkamm ließ seine
Zither so anmutig klingen dass der Fuhrmann den Takt dazu knallte bis sie die
Stadt Waiblingen erreicht hatten
»Das heißt lange geschlafen« sagte der Wirt als er gegen Mittag eintrat
»wollt ihr denn nicht heute nach dem Hause des gewesenen Bürgermeisters gehen
das wird heute von den Schuldleuten verkauft«
Susanna erschrak bei diesen Worten sie vernahm so unerwartet dass die
Umstände von Frau Annen viel schlimmer ständen als Anton ihr gesagt hatte sie
beschloss sogleich zu ihr hinzugehen Als sie vor das hohe Haus trat da dachte
sie ihres Anton recht in Liebe sie dachte ihn wie er da aus und ein gegangen
sie hatte eine ungemeine Sehnsucht sein Weib und seine Kinder zu sehen da
dachte sie würde ihr recht wohl sein da wollte sie für alle arbeiten allen
dienen Die Haustür stand offen eine harte gellende Stimme tobte im Hause mit
höchster Verzweiflung ein ernster Mann in Ratskleidung führte einen kleinen
kräftigen blondgelockten Knaben den kleinen Anton zur Tür hinaus Eine Frau
von ernstem Ansehen von schönem Bau hohen etwas starken Leibes in der
Kleidung vornehmer Bürgerinnen fluchte hinter dem Kinde »Du Kain meine
Schläge kriegst du nicht aber das Rad wird dich schlagen Tunichtgut wie dein
Vater der Landstreicher der Dieb Mein liebes liebes Kind hast du umgebracht
mein Oswaldchen Fluch über dich dass du unstet und flüchtig durch die Welt
irrest dass dich der Teufel besitze und dir in allen Gliedern bis zum jüngsten
Tage gichtere dass deine Knochen noch auf dem Galgen tanzen ja sieh dich nur
um du Fresser wirst bald ausgefressen haben«
Bei diesen erschrecklichen Verfluchungen traten alle Menschen von ihr
zurück und so schlug sie an der Treppe des großen Hausflures hart auf die Erde
nieder Susanna aus einem Mitleidsinstinkt trat zu ihr und suchte sie zu sich
zu bringen ein Mädchen trat mit Wasser herbei und sagte »Ich glaube sie wacht
nicht wieder auf es wäre gut da wär ihres Herzeleids ein Ende« Susanna
fragte was geschehen da sagte ihr das Mädchen in aller Kürze der Ratsherr
wäre wegen der Versteigerung im Hause gewesen da sei der kleine Anton voll
Blut aber recht fröhlich ins Zimmer getreten und hätte die Mutter gerufen sie
sollte einmal oben kommen er habe sein Schwein recht schön geschlachtet und das
Blut getrunken Die Mutter habe erst nicht anders gemeint als er sei an ihr
Eingeschlachtetes gegangen weil sie den Tag wegen des Umziehens alle Schweine
habe schlachten lassen sie habe ihn gescholten er aber habe gesagt sie solle
nur kommen er habe es ganz ordentlich gemacht das Schwein habe sich recht
gewehrt Mit Zagen sei die Mutter und der Ratsherr hinauf gegangen und habe
ihren ältesten Sohn in seinem Bette vom Bruder geschlachtet gefunden alle
Besinnung sei ihr erst vergangen der Ratsherr aber habe den Anton gefragt Wie
er denn seinen Bruder ein Schwein nennen könne Der Kleine habe darauf
geantwortet die Mutter hätte ihn immer so genannt wenn er das Bett
verunreinigt hatte und ihm gesagt wenn er es wieder täte sollt er ihn
schlachten da habe er sich nun heut das Schlachten genau abgesehen und als der
Bruder der krank war wieder das Bett verunreinigt habe er mit einem
Messerchen ihn abgestochen Als die Frau dieses Messerchen gesehen habe sie
laut aufgeschrieen und gesagt mit dem Messerchen sei ihr Anton zur Ader
gelassen worden vom Faust als ihrem Manne das Blut eingezapft worden »Das
kommt von solchen falschen Künsten« habe der Ratsherr gesprochen und den
Kleinen ernstaft gefragt warum er das Blut getrunken Der Kleine habe
geantwortet der Metzgerhund hätte es ebenso gemacht und er sei sich wie der
Hund auf einmal vorgekommen weil ein großer fremder Mann bei ihm gestanden der
wie der Schlächter ausgesehen Hierauf habe der Ratsherr mit dem Kopfe
geschüttelt das Kind aber auf welches die Mutter wütend losgehen wollen unter
seinen schwarzen Mantel genommen und erklärt dass er es im Namen eines hochweisen
Rates zur Untersuchung mit sich fortführe
Die Magd hatte eben diese Erzählung geendigt oft unterbrochen von Jammer
und Verwunderung als Frau Anna aufwachte und mit neuer Verzweiflung nach ihren
Kindern fragte nichts verschonte ihr Jammer wie Menschen im heftigen Fieber
sich aus den Fenstern werfen ohne der Tiefe zu achten in die sie stürzen so
rief die Unglückliche den höllischen Geist an dass er sie tröste und erquicke
da Gott ihr nicht gnädig sein wolle Bei diesen Worten verließ Susanna sie
stillschweigend ein Grauen trieb sie aus dem Unglückshause fort die Bürger
sammelten sich schon vor demselben fragten und gaben Sentenz aber die Glocke
rief zu dem großen Ratssaale wo auch Susanna begierig mit eintrat Die
Ratsherren waren schon in andern Angelegenheiten versammelt gewesen der
Ratsherr Arnold welcher den Knaben aus dem Hause geführt hatte im Vorbeigehen
das Glockenläuten bestellt er trat jetzt zur Verwunderung aller in den
Ratssaal öffnete den Mantel und zeigte dann den Knaben der über alles was
bisher zu ihm gesprochen und mit ihm geschehen wie ein voller Brunnen in Tränen
überlief
»Kind« sagte der Ratsherr »geh jetzt in diese Armesünderkammer ich werde
dich rufen wenn deine Mutter hier ist die sehr zornig gesinnt ist gegen dich«
Kaum war der Knabe in die Kammer getreten so redete der Ratsherr
ausführlich und sehr rührend zur Versammlung erzählte von dem Unglücke der Frau
ihres ehemals hochgeachteten Bürgermeisters wie sie durch die Verschwendung
ihres zweiten Mannes und durch die Verwüstung der Bilderstürmer in der Meister
Anton sein eigenes Haus preisgegeben habe um das Haus Gottes zu retten um
alles Ihre gekommen und selbst darben müsse während noch eine blühende Stiftung
für die Jugend der Stadt auf ewige Zeiten das Wohlwollen und den Wohlstand ihres
würdigen ersten Mannes verkünde Nun erzählte er das unglückliche Ereignis das
die arme Frau mitten im Schmerz über die öffentliche Versteigerung
niedergedrückt habe das Lieblingskind ihres Herzens ihren Erstgeborenen das
einzige Pfand der Liebe ihres verehrten ersten Mannes so gewaltsam sich
entrissen zu sehen der ihm aber ihr entrissen das sei jetzt ihr letztes
einziges Eigentum ihr letzter Trost Jetzt entwickelte er zur großen
Verwunderung aller die wunderbare Geburt dieses älteren Sohnes nachdem das
Blut Antons dem schwachen alten Bürgermeister eingeflößt worden wie unnatürlich
seine Entstehung wie der jüngere Anton gleichsam sein Eigentum nur
zurückgenommen das der Vater auf leichtsinnige Art verschwendet hatte als er
das Blut seines Bruders getrunken dabei beschrieb er die völlige Unbefangenheit
des Knaben seinen festen Glauben dass er recht getan habe dabei sein
gutmütiges Wesen das ihn bei allen Kindern beliebt gemacht hatte er rief die
Kindern der Versammlung auf die alle ein gutes Zeugnis für ihn ablegten wie er
oft durch seine ungemeine Stärke den Bruder geschützt habe
Diese Erzählungen der Kinder hatten alle bewegt jetzt trat der Ratsherr mit
seinem Vorschlage heraus »Ich sehe liebe Mitbürger ihr seid alle gerührt ihr
habt die schwere Sünde des Brudermordes die auf dem Kleinen ruht als eine
kindische Unwissenheit euch erklärt ihr würdet vielleicht ohne weitere Beweise
den Kleinen begnadigen aber ich glaube dass der Ernst unserer Gerichte einen
öffentlichen Beweis dieser kindischen Unwissenheit fordert den Beweis dass
dieses Kind über seine Jahre körperlich stark und groß aufgewachsen doch
geistig noch unentwickelt sei und nicht etwa eine versteckte Tücke gegen den
Bruder eine verstellte Unschuld es habe leiten können Was ist aber der
Prüfstein der Unschuld wenn das was den Wunsch eines Kindes unmittelbar
befriedigt von ihm alle dem was denselben Wunsch in größerem Masse aber auf
einem Umwege befriedigen kann vorgezogen wird ich will mich deutlicher
erklären wenn das Kind diesen Apfel den ich aus der Tasche ziehe und in meine
rechte Hand nehme diesem VierundzwanzigKreuzerstücke vorzieht das ich ihm zur
Wahl mit der linken Hand zeige wofür es sich einen Scheffel Äpfel kaufen
könnte«
Die Ratsherren gaben seinem Vorschlage ihren Beifall manche Bürger aber
baten laut für das Kind aus Mitleiden weil es das Geld leicht als etwas Blankes
vorziehen könne ohne von seinem Werte etwas zu wissen der ernste Bürgermeister
aber wies sie zurück mit den Worten »Hier ist schon große Gnade für Recht
ergangen ihr Bürger betet für den Knaben Gerichtsdiener öffnet die
Armesünderkammer«
Viele beteten schon als die schwere eiserne Tür in ihren Angeln aufknarrte
niemand eifriger als Susanna als aber der schöne Knabe mit seinen großen Augen
verschüchtert wieder heraustrat und langsam auf den Ratsherrn zugeführt wurde
da hätte man die Herzen schlagen hören können
Der Ratsherr sprach zu dem Knaben »Die Mutter hat dir verziehen sie weiß
dass du nicht mit Willen dein schönes weißes Kleidchen so blutig gemacht hast
sie schickt dir hier zu deiner Freude zweierlei worunter du dir eins wählen
sollst komm her liebes Kind eins kannst du nur bekommen willst du den
schönen Apfel oder das Stück Geld«
Der Knabe sah verwundert erst nach der rechten Seite wo der Apfel ihm
vorgehalten wurde alle jubelten im Herzen dann aber wandte er sich zur linken
und keiner enthielt sich ihm verstohlen zuzuwinken wie manche beim Kegelspiele
die geworfene Kugel mit dem Beine nachzulenken trachten aber ein heller
Himmelsschein strahlte jetzt durch die staubigen Fenster auf den roten Apfel
und das Kind wendete sich hin zu ihm fasste ihn und biss gleich recht tief
hinein Der Ratsherr wurde blutrot vor wallender Freude er hob seine Hände zum
Himmel und dankte stumm manche in der Versammlung schluchzten Der Bube aß
recht vergnügt seinen Apfel und als er beinahe damit fertig rief er bittend
»Geld auch haben«
Der Ratsherr wurde bedenklich und fragte betreten »Was willst du denn mit
dem Gelde machen« Der Kleine antwortete »Bruder Oswald geben da lacht er«
Die Antwort befriedigte alle Gemüter der Bürgermeister und die Ratsherren
sprachen Gnade und ließ das Kind in das Haus des Ratsherrn führen der dessen
Unschuld so scharfsinnig bewährt hatte
Nachdem das Kind fortgeführt worden beratschlagten die Herren lange Zeit
was aus dem Kleinen werden sollte dass er nicht sobald zur Mutter zurück dürfte
bis der tränengenässte Schwamm der Zeit alle alte Rechnung ausgelöscht habe
darüber waren alle einig dass es besser sei ihn ein paar Jahre aus der Stadt zu
entfernen das gab jeder zu aber in der unruhigen Zeit war es schwer einen
bequemen Ort für ihn auszumitteln endlich beschlossen sie ihn in den vom alten
Bürgermeister zu einem Waisenhause und zu einem Kinderfeste vermachten Hofe vor
der Stadt unterzubringen Nachdem Susanna diesen Beschluss vernommen hatte ging
sie fort sie hatte schon vorher einige Bürger vernommen die sich beschwerten
was so ein fremder Junge in ihrem Ratssaale zu tun habe Im Vorbeigehen am
Ratskeller hörte sie Güldenkamm der die ganze Geschichte mit dem Knaben in
Reime gebracht hatte und sie den Fremden mit großem Beifalle vorsang es war den
Leuten über die vielen Religionsstreitereien etwas ganz Neues geworden klar und
lustig singen zu hören auch erbosten sich manche wenn er alte lustige Schwänke
von einem Brunnen sang über dem ein Mädchen gestanden er nötigte Susanna
herein sie musste mit ihm ein Glas Wein trinken und von dem Ausgange der Sache
erzählen den die meisten noch nicht wussten Sie sprach wenig nur wenn eine
heftige Bewegung ihr ganzes Gemüt füllte da durchbrach es die Eisrinde die
eine harte Erziehung ihr aufgebürdet dann sprossten Blumen wo es gezogen und
das Wider strebende riss es mit sich fort Alle horchten ihrer Erzählung alle
sprachen ihr nach Güldenkamm so künstlich er singen mochte wurde nicht mehr
gehört alle Gäste tranken ihr zu die Wirtin brachte ihr eine herrliche frische
Festbrezel sie konnte sich nicht genug über den artigen Jungen verwundern der
so schön erzählte und nun so geschämig wie eine Jungfer mit hochroten Backen
dasitzen tät als ob er nicht fünf zählen könnte
Erst nach dem Mittagsmahle konnte sich Susanna von der lustigen Gesellschaft
losmachen um ihren Brief und Auftrag an Frau Anna zu bestellen Im Hause musste
sie wegen der Versteigerung noch einige Zeit warten sie sah mit Teilnahme allen
zu wie ein paar Hundert mit heißer Begierde und wenig versteckter Absicht den
wohlfeilen Verkauf aller der Geräte wünschten die Frau Anna bald mit einem
Seufzer bald mit einem hervorhebenden Lobe manche selbst mit Tränen dem
Versteigerer darreichte Sah Susanna dass ein paar bärtige Hebräer sich mit
einander heimlich beredet hatten auf etwas nicht zusammen zu bieten so kam ihr
die Lust sie in die Höhe zu treiben ein paarmal verschluckte sie das halb
ausgesprochene Wort dann aber als Frau Anna mit einem Seufzer einmal bei einem
Schranke dazwischen redete die Beschläge wären ja mehr wert und es sei ihr
Brautschrank gewesen worin ihr erster Mann ihr die Ausstattung vor der Hochzeit
verehrt da bot Susanna einige Kreuzer höher und mit einem Schrecken durch alle
Glieder schlug der Hammer ihr diesen Schrank zu Das Zahlbrett wurde ihr
gereicht voller Verzweiflung fasste sie in ihre Tasche und mit Verwunderung
fand sie mehr darin als zur Zahlung nötig Erst wendete sie zu Gott den Blick
dann zahlte sie und gedachte wie die Wirtin im Ratskeller ein paarmal ihr wie
zum Scherz ob sie auch reich sei in die Tasche des Wamses gegriffen
wahrscheinlich hatte sie ihr aus Gutmütigkeit das Geld eingesteckt
Die Versteigerung ging gegen die Zeit wo man hätte Licht anzünden müssen
zu Ende da gab es aber noch ein Besehen und Bereden über alles Erkaufte
Endlich verlief sich die Menge und Susanna ließ sich von der Magd die sie vom
Morgen her gleich wieder kannte zu Frau Anna führen Frau Anna stand in einem
Zimmer wo die weggenommenen Sachen noch ihre Schatten wo sie gestanden und wo
das Licht nicht hindringen konnte zurückgelassen hatten sie hatte ihrem toten
Oswald ein weißes Hemde reinlich angezogen sein Haupt mit einer Myrtenkrone
besteckt sie wartete auf den Schreiner der den Sarg bringen sollte und sah
stumm auf das bleiche Gesicht hernieder Die Magd sprach im Hereintreten »Der
junge Mensch der heute Frau Bürgermeisterin gehalten als sie in Ohnmacht
gefallen will gern einen Brief abgeben«
Frau Anna sah auf als wüsste sie wenig von allem was mit ihr vorgehe »Wer
bist du« fragte sie
»Ich heiße Kurt von Pforzheim« antwortete schüchtern Susanna
»Da kenn ich dich schon« sagte sie »du willst wohl gut machen dass wir
einmal in Unfrieden geschieden mein guter Kurt Du bist in der Zeit gewachsen
mit mir ist aber alles den Krebsgang gegangen da waren noch gute Zeiten bei
meinem seligen Herrn wo wir alle Tage was Neues fanden ja gestern fielst du
mir wieder ein beim Ausräumen der Kasten da kam mir der lederne Beutel und der
Degen wieder in die Hände den du aufgefunden hattest und durchaus behalten
wolltest weißt du noch wie du mir eine Faust gemacht und mich bedroht hast
nie wieder zu kommen wenn ich dir das beides nicht ließe damals wars wohl
genau von mir dass ichs aufbewahrte jetzt kommts mir zu Gute sieh da liegt
der Degen und da der Beutel ich löse doch wohl einen Kreuzer daraus«
Susanna war bei dieser Anrede in heißer Verlegenheit sie meinte es könne
nicht fehlen dass sie sich bald verreden müsste stammelnd sagte sie sie möchte
an die Zeiten nicht denken das würde sie nur traurig machen sie habe ihr eine
kleine Freude machen wollen indem sie ihr den Schrank worin die Ausstattung
sich befunden wiedergekauft hätte und sie bäte ihn wieder in Besitz zu nehmen
Frau Anna war außer sich vor Dankbarkeit sie lief gleich hinunter und
befühlte jede Leiste ob auch nichts davon losgebrochen dann trug sie ihn er
war leicht und zum Aufsetzen auf einen Tisch eingerichtet wieder in das
Totenzimmer und legte mit großer Hast ihr totes Kind hinein Susanna verwunderte
sich aber Frau Anna sprach mit großer Heftigkeit »Du lieber Schrank du hast
all mein Glück so viele Jahre bewahrt nun sollst du auch das Liebste was mir
noch übrig ist zu Grabe tragen«
Der Schreiner trat jetzt herein und sagte dass der Sag nicht fertig
geworden Frau Anna sagte ihm es sei ihr ganz recht so sollte es sein sie
wolle ihr Kind in dem Liebsten was ihr übrig sei begraben Der Schreiner
äußerte sich nicht undeutlich als er diesen Sarg gesehen die Frau müsse aus
Gram den Verstand verloren haben inzwischen fügte er sich in alles Frau Anna
sang und betete nun mit ihm und Susannen noch eine Stunde kein Geistlicher kam
zu ihrem Troste sie waren alle wegen der Unruhen geflüchtet dann schloss sie
von unzähligen Seufzern unterbrochen das Schloss und warf den Schlüssel in den
Mühlbach der an dieser Ecke des Hauses durch die Stadt floss Der Meister
Schreiner nahm den Schrank mit dem Kinde und ging langsam die Treppe hinunter
Frau Anna folgte von Susannen und der Magd unterstützt
Es war dunkle Nacht und ein nahendes Gewitter erhellte ihnen die Straßen
die ganz verlassen schienen schweigend zogen sie in die Kirche wo ihnen der
Glöckner eine Nebentür öffnete und mit einer Fackel vorleuchtete Gleichgültig
führte er sie durch die wunderbare Nacht des Gebäudes wo Adams Fall durch den
Apfel in dem flammenden Blitze durch die hellfarbig gebrannten Scheiben
leuchtete Susanna machte ein Kreuz und gedachte des Apfels wie eines
wiedergewonnenen Paradieses der heute ein gutes unschuldiges Kind von einem
schmachvollen Tode errettet hatte sie fühlte in ihrer ganzen Seele Gottes
Herrlichkeit vor dem alles gut wird was auf Erden geschieht
Sie kamen jetzt an das hoch vergitterte Grabgewölbe der Bürgermeister von
Waiblingen Die schwere Türe wurde eröffnet da standen in einer langen Reihe
mit schönen metallnen Handgriffen und Zieraten die Särge aller Verstorbenen
dieses edlen Hauses dessen letzten Sprössling sie dem Vater zu Füßen setzten
Der Glöckner fragte ob das Wappen im Siegelring dem Kinde mitgegeben sei da
beseufzte die Mutter dass sie den Schlüssel zu dem Schranke in den Mühlbach
geworfen sie trug den Siegelring noch in der Tasche Der Glöckner stellte ihr
vor dass er mit demselben Rechte dem Vater Ihrem verehrten Bürgermeister in
den Sarg gelegt werden könnte und hob bei diesen Worten den Deckel jenes Sarges
auf der ihn verschloss Frau Anna stürzte bei seinem Anblick mit den Worten
nieder »Heilige Mutter Gottes er hat sich umgedreht« Susanna sah hin und
wirklich lag das graue Haupt gegen das Kissen worauf es ruhte hingewendet als
ob er seinen Schmerz darin ausweinte Der Glöckner wagte ihn nicht zu wenden er
steckte ihm den Siegelring über die Handschuhe und verschloss den Sarg Frau Anna
hatte sich jetzt aufgerichtet und wollte ihren geliebten Mann noch sehen das
verweigerte ihr aber der Glöckner vielmehr trieb er sie das feuchte Gewölbe zu
verlassen weil es der Gesundheit verderblich sei Susanna führte die
Unglückliche hinaus sie sah nicht mehr die leuchtenden Blitze die durch das
Kirchengewölbe schimmerten sie sah immer das graue Haupt des alten Mannes vor
sich und konnte es nicht aus den Augen verlieren Frau Anna wollte im
Herausgehen aus der Kirche dem Glöckner einiges Geld in die Hand drücken er
aber weigerte sich es anzunehmen denn sagte er wir hätten ja alle nichts ohne
Meister Antons mutige Verteidigung gegen die ketzerischen Hunde die unser
wohltätiges Marienbild verbrennen wollten
Diese Erinnerung brachte Susannen darauf der Frau endlich zu eröffnen sie
habe einen Brief von Anton an sie zu überbringen aber mit diesen Worten weckte
sie schon den ganzen Eifer der armen Frau gegen ihn sie verfluchte die Stunde
wo sie ihn zuerst gesehen nannte es eine geile Lust was sie dazu getrieben
ihn zum Manne zu machen sie war unerschöpflich alles aufzuzählen worum er sie
gebracht was sie aber vor allem ihm nicht verzeihen könne das sei die Lüge und
der Betrug mit dem silbernen Pokal den er heimlich ihr entwendet um ein Pferd
zu kaufen davon ihn die Ritter herunter geschmissen und wovon er ihr nachher
erzählt dass es die Bilderstürmer gestohlen Diesen Wunderbecher konnte sie nicht
satt loben und beschreiben sie schwor dass er nicht ein Dritteil dafür
bekommen was er gekostet und wert gewesen Susanna wollte die Geschichte von
ihrem Freunde nicht glauben sie fragte wer ihr so boshafte Dinge weis gemacht
habe
»Weis gemacht« fragte sie »hat mir nicht der Seger den Becher den andern
Tag nachdem sie beide weggezogen durch seinen Helfershelfer wieder anbieten
lassen ja was hatte ich da zu bieten als tausend Flüche für jeden der daraus
trinken würde«
»Glaubt mir« unterbrach sie Susanna »Anton mag darin gefehlt haben aber
er meint es recht ehrlich und gut mit Ihr«
»Mag ers meinen wie ers vor Gott verantworten kann« rief sie »mich hat
er um all mein Glück gebracht durch seine Grosstuerei durch seine schnöden
Gesellen durch sein Fressen und Saufen die ganze Welt hat in dem Kerl Platz
so hat er mir Haus und Hof hinuntergeschluckt und ist davon nicht einmal satt
geworden dass ihm die Pest in den Magen schlage«
Unter so heftigen Reden und bei den gewaltigen Wetterschlägen kamen sie an
Frau Annens Haus Der Schreiner hatte sich stillschweigend fortgeschlichen und
Susanna wäre gern weit weg gewesen und hätte lieber nackt und bloß bei einer
Herde die ganze Nacht gewacht als in so schlimmem Handel Anton verfluchen zu
hören Sie trat mit ins Haus und bat Frau Anna den Brief zu lesen sie reise den
andern Morgen früh fort und der Brief sei dringend zu beantworten
Kaum hatte Frau Anna den Brief durchlaufen so riss sie die Augen auf und
lief heftig auf und nieder Sie schrie »So ist der Taugenichts auch nicht
einmal zum Landsknecht gut das sei Gott geklagt dass er solch Ungeheuer
geschaffen Andre Kriegsknechte der Nachbar brachte erst gestern seiner Frau
einhundert Mark Silbers nach Haus und meinem Mann soll ich noch Geld nach
schicken denkt er denn dass ich Geld machen kann Sicher hat er sich auf die
faule Haut gelegt und geschmaust statt zu fechten Geh mein Sohn nur schnell aus
meinen Augen dass ich nicht wild werde wie kannst du dich unterstehen mir
solche Briefe zu bringen« Susanna stellte ihr mit rührenden Worten seine Not
vor sie möchte ihm doch etwas schicken er werde alles wieder verdienen das
Glück werde ihm schon günstiger werden »Er mag sich auch durchschlagen wie
ich mich habe durchschlagen müssen« sagte Frau Anna trocken »Gott verzeihe
ihm was er meinem seligen ältesten Knaben angetan hat« »Je was denn Frau«
»Seit meines Mannes Abreise wurde er vom Teufel geplagt wenn er kaum
eingeschlafen war überfiel ihn ein großer Schrecken er rang sich die Hände zum
Erbarmen und war alsbald wie in Schweiß gebadet mit offenen Augen hielt er
sich fest an mir aber kannte mich nicht wenn ich ihn nun durch vieles Rütteln
selbst durch Schläge erweckte da wusste er nichts zu sagen als von Seger dem
schwarzen Teufel der den Vater in die Hölle führte dann schlief er wie ein
toter Mensch ohne aufzuwachen wohl zwölf Stunden ununterbrochen am andern
Morgen wusste er nicht was mit ihm geschehen er wurde aber von Tage zu Tage
matter und hinfälliger dass er zuletzt beständig zu Bette bleiben musste Das war
aber der Teufel von dem meine beiden Kinder besessen waren und der kam nicht
aus meinem ersten Manne der war fromm und gut aber der zweite hatte den Teufel
im Leibe von seinem Blute kam es auch beim ältesten«
Susanna verstand das nicht sie mochte aber nicht mehr davon hören vielmehr
kam sie mit erneuten Vorstellungen für Anton Frau Anna wieder sehr unrecht
Heftig rief diese »Und könnte ich ihn mit einer Stecknadel loskaufen ich stieß
sie ihm lieber ins Herz Geh Kurt hüte dich vor dem Menschen er borgt dir
sicher was ab er soll sich was verdienen dann mag er sich vor mir sehen
lassen sonst will ich ihn beim Rat verklagen Du bist ein guter Junge Kurt
dir schenkte ich gerne was aber sieh ich hab nur noch wenig etwas musst du
aber von mir nehmen zum Angedenken wenigstens wenns dir sonst auch nichts
hilft Da hast du den Degen und den Beutel oder willst du ihn nicht behalten
und willst recht gut sein so gib es meinem Mann mit dem Degen sollte er auf
Beute ziehen und wenn er mir den Beutel voll Geld bringe dann solle er auch
einmal wieder in meinem Bette schlafen«
Das alles hatte sie mit einer Härte gesprochen die Susannen erschreckte
sie wäre ohnedies bald fortgegangen außerdem ermahnte sie aber noch eine
bekannte Stimme zur Rückkehr nach dem Wirtshause Güldenkamm sang vor der Türe
zur Zither
Von Wein und von Scherz
Entfliehet mein Herz
Durch die drückende Hitze
Durch die blendenden Blitze
Hab ich umsonst ihr gesungen
Wohin ach wohin ist mein Liebchen entsprungen
Ein lieblicher Duft
Erfrischet die Luft
Herrlich segnen die Gluten
Sterne spiegeln in Fluten
Schmerzliche Glut die ich leide
Dahin ach dahin ist die liebliche Freude
Und wär sie nun nah
Und wär sie nun da
Sähen Sterne sie wieder
Säng ihr Nachtigall Lieder
Ich nur allein ich müsste dann schweigen
Vorhin ach vorhin war Liebchen mir eigen
Susanna wusste kaum wie sie Abschied genommen und wie sie zur Türe hinaus
gekommen sie horchte und das ganze Haus schien ihr in schmerzlicher
Bezauberung sie ergriff Degen und Beutel der ihr verehrt war grüßte kaum und
sprang die Treppen hinunter zur Tür hinaus zu dem Sänger dem sie ihre Trauer
erzählte von der harterzigen Frau »Der arme Anton« sagten beide dann aber
griff Güldenkamm in die Saiten und sprach ergriffen mit großer Lebendigkeit von
allerlei Plänen wie sie sich künftig durch Schauspielerei ernähren könnten sie
wären gerade vollständig drei um alles Traurige und Lustige der ganzen Welt
darzustellen
Hätten sie gewusst wie bedrängt ihr armer Anton zu Pforzheim in der
Zwischenzeit lebte sie würden sich nicht so leicht beruhigt haben Seger war
gleich nach ihrer Abreise fortgewandert indem er Anton versicherte er habe
kein Geld er wolle auf Wilddiebere ausgehen die Pferde erzählte er ihm habe
er in der ersten Nach im Brettspiel verloren Anton war nun ganz sich selbst
überlassen ohne Geld und nicht ohne Misstrauen wegen seiner Landsknechtskleidung
von dem Wirte angesehen der für alles gleich bar bezahl sein wollte Die
wenigen Kreuzer die Seger zurückgelassen waren bald verzehrt er wusste sich
keinen Rat als unerwartet ein Jud zu ihm eintrat um alte Kleider von ihm zu
erhandeln Es schien ihm ein Himmelsbote denn gleich fielen ihm seine
Pluderhosen ein die wohl vierzig Ellen gutes Tuch enthielten er fragte der
Juden was er ihm zu einem Paar anderer zugeben wollte Er musst sie ausziehen
der Jude besah sie inwendig so lange dass Anton ihn mit der krummen Nase
hineinstiess dann hielt er sie gegen das Licht endlich sagte er sie wären
schon sehr dünn er wolle ihr aber doch ein Paar andere Hosen dafür geben
»Verfluchter Jude« rief Anton »was gibst du aber zu sonst behalte ich sie«
»Nun« sagte der Jude »ich will noch ein Paar Handschuhe zu geben«
Anton warf ihn über diese unbequeme Rede zur Tür hinaus »Wer solche Hände
hat braucht keine Handschuhe« Als er seine Hosen kaum wieder angezogen hatte
klopfte der Jude wieder an die Tür und bat sehr demütig er möchte den Handel
ihm nicht versagen er wolle die Hosen noch einmal besehen Anton in seiner Not
musste die Hosen wieder ausziehen der Jude besah sie und sagte er wolle sie nur
einem Tuchhändler zeigen weil er nicht wüsste ob das Tuch auch in der Wolle
gefärbt wäre Anton gestattete ihm das Gesuch Der Jude ging fort es läutete
zum Essen aber er kam nicht wieder Anton rief den Wirt und erzählte ihm den
Vorfall der aber fasste einen Argwohn er möchte die Hosen schon verkauft und
das Geld ausgegeben haben denn er hätte keinen Juden bemerkt er wurde deswegen
zornig und drohte ihm dass er nicht länger bei ihm wohnen dürfte Anton war in
großer Not er ward um so hartnäckiger gegen den groben Wirt setzte ihn auf
sein Bett zog ihm die Hosen aus die er dann gemächlich anlegte und zu der Frau
ging Der Wirt schämte sich wie er bezwungen worden und bat ihn flehentlich
ihn nicht in seiner Blöße zu verlassen da er kein Hemde zu seiner Bedeckung
trug sondern nur ein kurzes Wams und Brusttuch Anton machte demnach den
Vertrag mit ihm dass er ihn ohne Schererei bis zur Rückkehr seiner Freunde wolle
in seinem Hause wohnen und zehren lassen dafür wolle er ihm jetzt von der Frau
ein Paar andere Hosen holen Die Frau war verwundert Anton in ihres Mannes
Hosen die er mächtig aufgeplatzt hatte hereinschreiten zu sehen sie leistete
ihm in Vorzeigung dieses Hausregimentzeichens Gehorsam und überlieferte ihm für
den Mann ein Paar weite Staatshosen Anton brachte sie hinauf er tauschte sie
aber noch gegen die alten Küchenhosen und der Wirt empfing wieder seine Gäste
wie sie ihn immer zu sehen gewohnt waren Eine Not war nun abgemacht aber eine
zweite war ihm dadurch erwachsen Die Wirtin hatte solche Hausverehrung gegen
ihn durch seine neue Tracht gewonnen dass sie ihn erst mit allen guten Brühen
Markknochen fetten Brustknochen überlief die er nicht verschmähte bis sie
sich ihm selbst auftrug die er nicht anrühren mochte Der Mann durfte zu dem
allen nichts sagen er war des Gehorsams gewohnt und hatte genug im Hause zu
tun aber der Frau war nichts recht was Anton im Hause beginnen mochte es sei
denn dass er sich zu ihr setzte ans Fenster wo sie Mohrrüben schabte und ihr
gute Worte vorsagte
Die Frau verlor aus Liebe zu ihm alle gesunde Vernunft sie kam in den
abenteuerlichsten Trachten halb entblößt angezogen mit einem Fächer von
Pfauenfedern die Röcke schnitt sie ganz kurz und schwenkte trefflich damit im
Gehen Anton sah mit Verwunderung ihr zu er konnte sein Unglück nicht
begreifen dass er allen Weibern so zu Herzen gehe ohne dass er es wolle Der
Frau war aber mit solchen Betrachtungen nicht gedient
Antons Wunden besserten sich wirklich sehr schnell in der Ruhe deren er sich
hier erfreute wenn nicht seine Sehnsucht nach Frau und Kindern nach dem Vater
und nach Susannen ihn ewig im Hause umhergetrieben hätten denn hinaus ließ
ihn weder der Wirt noch die Wirtin
Eines Mittags kam ein gelehrter Mann mit einem Diener angeritten er trug
ein rotsamtenes Barett auf dem Haupte und einer grünen Mantel sein Gesicht war
sehr groß bleich und abgezehrt sein Auge wild auf seinem Degenknopfe standen
geheime Zeichen Kaum war er abgestiegen so forderte er vom besten Wein sagte
aber dass er ihm nicht schmecke als die Wirtin dies übel vermerkte sagte er
dass er den Wein bald reif machen wolle goss aus einer kleinen Phiole einen
gelben Tropfen hinein und kostete ihr dann Hierauf gab er ihn am Tische herum
und jedermann erkannte in dem Neckarwein einen spanischen Sekt »Das ist
Kleinigkeit« sagte er »aber Blei in Gold zu verwandeln das ist etwas wert«
Darauf ließ er sich jedoch nicht weiter ein er sprach nur zuweilen von allen
Hauptstädten der Welt wenn darauf die Rede kam mit einer Ausführlichkeit doch
ohne Prahlerei als wenn er aller Orter zugleich gelebt habe zeigte einzelne
kleine Merkwürdigkeiten die er daraus mitgebracht geschnittene Steine die
heidnische Götter darstellten meist von so schändlicher Art dass die Wirtin lau
lachen musste und Anton gar herzhaft auf den Fuß trat Nach Tische kramte er sein
Felleisen aus und brachte Spielkarten heraus dabei versicherte er Anton dass er
durchaus Nachmittags etwa spielen müsse er möge doch ein Solo mit ihm
versuchen Anton sagte ihm ohne Umschweife er habe jetzt kein Geld er sei wie
ein Fisch im Trocknen der Fremde versicherte ihm dass er bloß zum Vergnügen
spiele und das Geld nicht so eilig brauche er wolle bar bezahlen und wenn Anton
verlöre so möge er ihm nur ein Handschrift darüber ausstellen Anton spielte
mit Eifer weil er nicht gern verlieren mochte es war ihm zuweilen als ob
Susanna ihm zurufe er solle aufstehen doch blieb er sitzen Abwechselnd ging
das Spiel wie es überhaupt im Schlechten geht bis das Verderben einen ganz
umstrickt das Blut wallend die Zeit flüchtig Gott und die Welt wird
vergessen Anton stampfte mit den Füßen bei jeder Summe die höher angeschrieben
wurde er biss sich auf die Finger und merkte es nicht endlich dachte er es ist
doch nur Papier was du verlierst und ganz unmöglich zu bezahlen frisch gewagt
ist schon gewonnen So verlor er über tausend Gulden hier hielt sein Gegner
inne und sagte er sei heute des Spieles überdrüssig auch habe Anton allzuviel
Unglück an diesem Abend Anton schwieg und wischte sich den Schweiß von der
Stirn Sein Gegner hatte unterdessen einen Schuldschein mit Bleistift auf ein
Blatt Papier geschrieben den Anton ohne den Inhalt genauer zu prüfen
unterzeichnete doch erfuhr er daraus dass sein Mitspieler sich Doktor Faust
nenne Nachdem das Spiel geendigt machte Faust Kunststücke mit Karten die
unerhört waren er zeigte das ganze Spiel Anton und befahl ihm eine Karte sich
zu merken Er dachte den Eichelbube nach kurzer Frist zeigte ihm Faust diese
Karte Anton erschrak vor dieser Allwissenheit nichts was jener noch
vorbringen mochte schien ihm mehr unmöglich so zeigte er ihm wie er sich
Messer ohne Verletzung durch die Hand schlug wie ihm Wasser das er aus einem
mitgebrachten Trichter eben getrunken wieder aus dem Ellenbogen durch den
Trichter herauslief Anton fand sich durch diesen Wundermenschen so angezogen
dass er seiner Einladung gern folgte und ihn auf sein Zimmer begleitete Hier
empfing ihn Faust besonders zärtlich er drückte ihm die Hände und fragte zu
Antons großer Beschämung wie er der so ritterlich aussähe zu einem Paar
seidenen schwarzen Ratsherrnhosen komme Anton meinte in der Verlegenheit sie
seien kühl und leicht für seine Wunde Faust wünschte diese Wunde zu sehen und
versprach ihm sichere Hilfe da er seit frühen Jahren aus der Wundarzneikunde
sein Hauptgeschäft gemacht habe Anton zeigte keine Neigung dazu da ihn die
Wunde jetzt nicht schmerzte vielmehr dachte er mit inniger Sehnsucht an seine
Frau und an seine Kinder und fuhr heraus »Doktor Ihr könnt so viele Künste
könntet Ihr mir doch meine Frau zeigen was sie und die Kinder eben tun und
denken«
Faust sah ihn ernstaft an »Könnt Ihr schweigen und mir danken so soll es
geschehen es ist eine schwere Arbeit geht in das Nebengemach ich werde hier
meine Kunst treiben«
Anton trat nicht ohne zagen in ein Nebengemach er hatte ein Buch erstanden
was ihm den Verstand verwirren konnte er ahnte es aber die Begierde ließ
nicht davon ab Schon war er im Begriff den Handel aufzusagen und trat gegen
die Tür als er seine Frau wie sie leibte und lebte doch mager und mit
verweinten Augen zu sehen glaubte wie sie vor dem ältesten Sohne Oswald
hingestreckt lag der entseelt und blutig den kleinen Tisch vor ihr einnahm
Der Jammer überwältigte in diesem Augenblicke allen Schrecken im Herzen Antons
er wollte die geliebte Frau erwecken und sich über sie hinstürzen indem er sich
zu ihr bewegte geschah ein heftiger Schlag als flöge eine Mine auf er sank
nieder als er erwachte stand Faust neben ihm der ihm mancherlei Essenzen
eingeflößt hatte Anton fragte verstört »So ist es doch alles wahr was ich
gesehen«
»Ihr habt uns alle in große Gefahr gesetzt« sagte Faust »durch Euren
gewaltsamen Eingriff ins Geisterreich wohl mag ich staunen dass Ihr so
unverletzt zurückgeschleudert seid«
Mehr brachte Anton erst weder mit Drohungen noch mit Bitten aus ihm heraus
als er aber endlich da es schon spät geworden so dringend flehte nur noch
einmal die geliebte Frau zu sehen da sagte ihm Faust er könne es nur mit
großen Kosten durch die teuersten Kunstmittel erreichen er solle ihm also bis
zu einem gewissen Tage hundert Florien oder seine Seele versprechen Anton
bestimmte den Tag der Rückkehr Susannens und unterschrieb fast blindlings Mit
trauriger doch gefasster Seele wartete er jetzt im Nebengemache endlich fing
die Wand an zurückzuwanken Dämmerlicht blickte durch eine lange Grabeshalle
viele Särge standen in einer Reihe An dem Sarge seines geliebten Bürgermeisters
erkannte er das Grabgewölb der Waiblinger Bürgermeister er sah es geöffnet sah
wie sich sein graues Haupt schmerzlich umgewendet hatte sah den Schrank worin
seine Frau ihre erste Ausstattung immer sorgsam hegte zu seinen Füßen und seine
Frau ohnmächtig daneben doch stärkte ihn Susannens Anblick neben ihr die mit
helleuchtenden weißen Schwanenflügeln ihre Tränen wegzuwischen schien Er sah
wie sie Frau Annen erweckte in dem Augenblicke schwand die Erscheinung Erst
jetzt wo Faust mit einem Lichte eintrat bemerkte er wie er mit beiden Händen
tief in den morschen Stuhl eingegriffen worauf er sich festgesetzt hatte um
diese Erscheinung in keiner Art zu stören sein tiefstes Innere war erschüttert
er ahnte tausendfaches Unheil was er sich nicht zu sagen und zu klagen wusste
vor allem ängstigte ihn das Wunderbare seines Geschicks Er fragte jetzt auch
Faust nach seinem Vater nach dem Grafen von Stock jener aber wies ihn höhnisch
ab ob er ihn auch mit solchen alten Lügengeschichten äffen wolle Ihn habe
auch einmal dieser wahnsinnige Alte im Jagdschlosse am Walde für seinen Sohn
erklärt von Burgen erzählt die nirgend anzutreffen von Kronen die nimmer
wieder zu gewinnen »der Alte sitzt voll Schwindelei sagt ist Euch je recht
wohl geworden bei ihm«
Das konnte Anton nicht behaupten er hatte immer eine Angst bei dem alten
Rappolt empfunden doch hätte er gern die Ehre des Alten verteidigt
Faust fuhr fort »Ich sage Euch ist der Alte kein Schelm so ist er ein
Narr«
Bei diesen Worten rief eine ferne Stimme »Es ist nicht wahr«
»Wenn du sprichst muss ich wohl schweigen« sagte Faust Anton aber führte
eine unsichtbare Hand des Schreckens aus dem Zimmer vor welchem er den Wirt und
die Wirtin in heftigem Streite antraf »Was willst du hier« sagte sie »du hast
mich hier belauschen wollen nicht wahr du Simpel«
»Es ist nicht wahr es ist nicht wahr« rief er mit derselben Stimme die
Faust eben so mächtig zum Schweigen gebracht hatte »Es ist nicht wahr« hallte
es in Antons Seele wider »alles nicht wahr die Stimme des Hohnes hat mich
erschreckt und die Stimme des Zauberers belogen Rappolt ist mein Vater Oswald
lebt meine Frau lebt und statt aller Särge will ich von der ersten
Freudennacht nach der Wiederkehr träumen« Er versank bald in dem Pfühle sah
sich auf einer freundlichen alten Meierei die dem Jagdschlosse seines Vaters
Rappolt glich Unter einem hellen Himmel zog ein hellgrüner Kastanienwald in
Frühlingsblüte die Berge hinauf er dachte seiner Tagesarbeit und ging an den
hohen Ruinen vorüber welche den Weg bezeichneten und auf jedem fand er einige
alte Münzen Henkeltaler Denkmünzen die er zu sich steckte und der Frau
brachte die mit ausgebreiteten Armen auf ihn zueilte Indem er sie an sich
drücken wollte fühlte er sich von einem Paar Armen umschlungen er meinte
seinen Traum wirklich aber leider hatte sich im Erwachen die schöne Gestalt in
die der Wirtin verwandelt Anton wusste seinen Verdruss nicht anders zu verbergen
als dass er heftig über seine Wunde schrie Die Wirtin fürchtete ihn bei ihrer
Annäherung verletzt zu haben und suchte ihn zu beschwichtigen mit den
zärtlichsten Umhalsungen Da trat Doktor Faust mit einer Nachtlampe herein und
schimpfte mit einer Wut die schwer zu erklären war auf die Hauswirtin und
gebot ihr sich augenblicklich zu entfernen Die Wirtin verstand keinen Spaß sie
fiel schimpfend den heftigen Doktor mit der Schärfe ihrer Nägel an und
verwickelte sich bald so grimmig in seinen Haaren dass er seinen Diener
Mephistopheles zu Hilfe rief Der Diener trat mit einer Ofengabel herein setzte
die Wirtin mit wunderlicher Geschicklichkeit darauf und führte sie von dannen
worauf der arme Doktor nach seinem Zimmer sich zurückzog um die Nägelmale
auszuwaschen und mit Zündschwamm zu verbinden Anton konnte nun wieder schlafen
aber sein schöner Traum kam nicht wieder denn es war ein Traum der Liebe
Am andern Morgen war jedermann so verstört im Hause als wäre in der Nacht
Feuer gewesen und jeder hätte beim Retten seine Sachen verlegt Doktor Faust
hatte ganz frühzeitig schon den Wirt zu sich gerufen und ihm das schlechte
Betragen seiner Frau mitgeteilt der Wirt konnte sich vor Bosheit kaum fassen
dass seine Frau sich an einen Menschen hänge der ihn nicht bezahle und seine
Hosen auftrage »Sakrifingerhut« schrie der kleine Knirps »sie soll es mir
heute bekommen« Indem er dies gesprochen trat die Wirtin scheltend herein
»Fauler Esel will Er hier schwatzen will Er sich gleich herunterscheren es
ist der Junker Blaubart ganz betrunken angekommen und ich habe heute keine Lust
einen Schritt zu tun für die Fremden« »Gleich gleich« sagte der Mann sie
drehte sich um und er schlug leise ein Schnippchen hinter ihr dass es Faust
sehen konnte In dem großen gewölbten Wirtszimmer wurde bald ein ungemeiner
Lärmen als würde ein Turnierrennen darin gehalten Der Junker hatte sein Pferd
mit hereingezogen weil er den Stall zu schlecht gefunden hatte Der kleine Wirt
war auf die Fensterbekleidung vor Angst gesprungen der Junker aber hatte sich
auf sein Ross geschwungen und ließ sein Pferd die Schule machen Die Gasse stand
bald voll Menschen die diesem außerordentlichen Schauspiel zusehen wollten und
darüber die blinden Fenster einschlugen der Junker gefiel sich immer mehr in
seiner Pracht je mehr die Wirtin und der Hausknecht dazu in die Jammerposaune
stießen Anton war erst von diesem Augenblicke herzlich ergötzt insbesondere
als der Junker mit seiner Lanze die Henkelkrüge sehr geschickt
herunterturnierte die in feierlicher Ordnung auf einer Seite des Saales an der
Wand gereihet standen doch als er sie in dieser Kunstübung meist zerschmissen
hatte da tat es Anton leid wie manchen guten Zug er damit getan und befahl
dem Junker der Krüge zu schonen Dem Junker kam dieser Zuspruch sehr ungelegen
er legte die Lanze gegen Anton an der sie aber sehr geschickt mit der Hand
packte und zerbrach Als der Junker sich noch nicht zufrieden geben wollte
sprang Anton mit großer Gewandtheit unter den Gaul packte die Vorderbeine
zusammen und drängte ihn gegen die Tür dass der Gaul die Stufen mit ihm herunter
in den Torweg stürzte und der Junker vom Bogen der Tür aus dem Sattel gehoben
auf dem Kampfplatze einsam zurückblieb Gleich stürzte die Wirtin auf den
Junker der erst sehr betäubt vom Falle sich nicht wehren konnte der Hausknecht
fasste seine Hände der Wirt holte einen Strick und so wurde er schnell
geknebelt worauf Anton ihn wie ein grimmiges Wickelkind auf das Rataus trug
um die ganze Angelegenheit zu den Akten zu legen Der Aktuarius sah mit
Schrecken wie er den Junker einheften sollte doch machte er sich unnütze Mühe
ein Vetter des Junkers der im Rate saß befreite ihn mit einem derben Verweise
und nahm ihn in sein Haus zu einer großen Gastierung Hier wurde von des
Ratsherrn Tochter der ganze Vorfall dem Junker Blaubart der sie eben heiraten
wollte so hart vorgerückt dass er sich an dem vierschrötigen Kerl so nannte
er Anton ernstlich zu rächen beschloss Dieser saß eben beim Nachtische der in
einigen Rettichen bestand und schnitzte in Gedanken Taler als ihm durch des
Junkers Knaben ein Ausforderungsbrief für den morgenden Tag wo er sich schon
der Wirtin den Schuldnern und dem Teufel verschrieben hatte abgegeben wurde
Er versprach sich einzufinden und bat den Doktor nachher ihm Waffen zu leihen
der aber durchaus nichts davon wissen wollte sondern ihn zärtlich küssend an
seine Gesundheit und an die Verpflichtungen erinnerte die er gegen ihn
übernommen Die Not bestürmte jetzt Anton von allen Seiten von Seger erhielt er
keine Nachricht die Wirtin scherzte schon mit widerlicher Zärtlichkeit von der
Nacht die der nächsten folgen solle der Wirt sah so spöttisch auf seine Hosen
als ob er selbst schon drin zu stecken hoffe Faust verfolgte ihn mit
abgeschmackter Freundlichkeit und selbst der Knecht Mephistopheles erlaubte sich
widrige Scherze gegen ihn als ob er seine Not durch und durch kenne er sah
kein Mittel seinen Mut dem Junker zu zeigen und zu bewähren er saß trübsinnig
in einem Winkel des Zimmers wo er am Morgen triumphiert hatte und spielte mit
den Hunden die von allen sonst gestoßen und getreten nur an ihm einen Schutz
fanden Faust war mit seinem Diener zierlich geschmückt in das Haus des
gastierenden Ratsherrn gegangen wo er sich durch reiche Verlobungsgeschenke den
Eintritt verschafft hatte Anton sah ihn mit der ganzen Gesellschaft nach einem
Garten vorüberziehen zur Zerstreuung wäre er ihnen gern nachgefolgt der Abend
blickte so herrlich über die Dächer und die Weiber ließ ihre Augen wie Pfauen
ihren vieläugigen Schweif herrlich glänzend darin umhergehen aber die Wirtin
hatte sich in die Tür gesetzt und ihre Zärtlichkeit zu durchdringen war ihm ein
schweres Werk er blieb also ruhig auf seinem Schemel und wartete dass der Sohn
der Wirtin aus der Schule komme und ihm mit Geschwätz die Zeit vertreibe
Der kleine Georg setzte sich zu ihm und erzählte ihm von allen Gästen die
im Hause wären Gegen den Doktor hatte er einen besonderen Hass ungeachtet ihm
dieser allerlei süße Kuchen geschenkt hatte er mochte sie nicht essen Georg
erzählte wie er von seiner alten Wärterin von einem Wolfe gehört habe der vor
einem dunklen Walde in einem weißen Zuckerhäuschen wohne er meinte der Wolf
sehe so aus wie der Doktor der Wolf habe auch eine Menschenstimme und rufe den
Kindern die hinter der Stadt spielten alle Tage zu »Bübchen willst du
Zucker« Endlich ging der eine kleine Bube und ein kleines Mädchen hin nach dem
weißen Hause wo sie die Stimme gehört hatten sahen den Zucker so recht sternig
blinken und leckten daran und knusperten was ab Der Wolf lag ruhig drin und sah
sie recht gut fragte aber als wenn er sie nicht sähe »Wer nagt an meinem
Zuckerhäuschen« »Das ist der Wind« sagten die Kinder waren etwas still und
nagten dann wieder ein Stück ab »Wer nagt an meinem schönen Zuckerhäuschen«
fragte der Wolf noch einmal »Es tut der Regen« antworteten die Kinder waren
wieder eine Weile ganz stille dann aber brachen sie noch ein gut Stück ab um
es den andern Kindern zu bringen Da fragte der Wolf zum dritten Male »Wer nagt
an meinem wunderschönen Zuckerhäuschen« Da wussten die Kinder nicht was sie
antworten sollten und der Wolf sprang heraus packte sie mit seinen scharfen
Klauen und drohte ihnen zornig »Wenn ich euch gleich wie ein Huhn in der Suppe
zerrisse das wäre mir leicht aber ihr seid mir noch nicht fett genug zur
Suppe ihr habt nach Zucker gelüstet der soll euch werden da seht ich sperre
euch in meinen Zuckerkasten und hier aus dem Gitterchen streckt ihr jeder euer
klein Fingerchen dass ich sehe ob ihr recht zugenommen habt auf dass ihr mir
wohl schmeckt« Und da mussten die Kinder in den Kasten das Bübchen saß beim
Zuckerkandis der glänzte prächtig wie ein großer Edelstein und das Mädchen saß
beim Kanarienzucker der war so weiß wie Schleier und sie konnte gleich singen
wie ein Kanarienvogel als sie kaum davon gekostet hatte und wenn sie genug
gegessen da kamen sie beide zusammen und tanzten vor dem Gitter und sahen
heraus wie die schönen Blumen blühten und alles bekam ihnen so gut dass sie
schnell gemästet waren Da kam der Wolf und rief vor dem Gitter »Bübchen zeig
dein Fingerchen dass ich sehe ob du fett bist« und der Bube steckte in der
Angst das Stöckchen heraus worauf der Zuckerkandis gesessen dass der Wolf mit
dem Kopfe schüttelte und sprach »Esst nur und seid lustig dass ihr bald fett
werdet« So ging es zweimal recht gut Sie hatten den Wolf ganz vergessen als
er nun aber kam und wieder sagte »Bübchen zeig dein Fingerchen dass ich sehe
ob du fett bist« Da konnte das Mädchen den Stock unter ihrem Zucker nicht
finden da musste das Bübchen sein Fingerchen herausstrecken und der Wolf lachte
»Bübchen wie bist du fett geworden das soll mir schmecken« Darauf schloss der
Wolf den Zuckerkasten auf und führte die beiden zitternden Kinder an den Fluss
ließ sie da stehen und wetzte seine Zähne an einem Kieselsteine dass die Funken
davon flogen Die beiden Kinder standen ganz blass am Ufer und sahen viele Enten
die zusammen schwammen zu denen sang das Bübchen in großer Angst »Entchen
baut ein Brückchen dass ich kann hinüber kriege sonst das Fieber« Die Enten
sprachen »das soll geschehen« und schwammen dicht zusammen in einer doppelten
Reihe verkehrt dass Steiss gegen Steiss zu schwimmen kam und die Kinder gingen
trocknen Fußes über ihren Rücken hinüber Kaum sah das der Wolf so wurde er
grimmig und wollte ihnen nach als er aber mitten auf der Entenbrücke war da
schwammen sie mit großem Geschnatter aus einander und der Wolf fiel plumps ins
Wasser worüber dem kleinen Mädchen vor Lachen der Bauch platzte
»Den werde ich wohl zunähen müssen« sagte ein fremder Mann mit
aufgestreiften Hemdsärmeln der in das Zimmer trat »Herr« sagte er zu Anton
»das Bad ist fertig wie mir die Frau befohlen«
»Wer hats befohlen« fragte Anton
»Mutter hats befohlen« sagte Georg Es ist der Zuckerkasten des Wolfs
worin ich mich noch einen Tag pflegen soll bis ich fett bin dachte Anton für
sich was aber geschehen mag das Bad ist darum nicht zu verschmähen mag ich
auch das Weib verschmähen mein Haar ist mir fast zu krausig es liegt mir auch
noch genug alt Pflaster von den Wunden auf der Haut
So folgte er ziemlich heiter dem Bademeister der ihm in einem engen
Zimmerchen den Bart und das Haupthaar abschnitt ein feines Badehemde anlegte
und ihn dann durch einen langen Gang in das große Stadtbad führte das
hochgewölbt herrlich mit Blumen verziert von hellfarbigen Lampen dämmernd
erhellt die vornehme Jugend der Stadt in abwechselnden Kreisen umspannte in
einem Teich Rings umher lief ein Gang für die Zuschauer welche mit
Blumenkränzen die sie herabwarfen die schönsten Mädchen begrüßten und dafür
von ihnen mit Gesang belohnt wurden sich auch häufig eingefunden hatten unter
denen auch der Ratsherr mit seiner Gesellschaft und Doktor Faust zu bemerken
waren Ein schönes Mädchen nach deren Saitenschall sich erst mehrere andere im
Wasser tanzend umgedreht hatten wandte sich jetzt zu den Zuschauern ihr
Badekleid hatte sich etwas erhoben und schwamm auf dem Wasser dass sie in einer
Muschel zu schweben schien sie bat scherzend um eine Gabe bei den Zuschauern
und im Augenblicke war sie mit herabgeworfenen Blumenkränzen wie eine Wiese im
Frühlinge bedeckt sie dankte artig und warf dann die Blumenkränze auch den
übrigen Frauen zu dann aber sang sie zu einer Reihe Frauen die dieses Bad
besuchten um sich des himmlischen Segens der Kinder zu erfreuen und die in
einem Kreise unter frischem Weinlaube saßen das seinen grünen Schein dem Wasser
mitteilte
In den laulich blauen Wellen
Schwimmt die Hoffnung unsichtbar
Jedem mag sie sich gesellen
Und umschließt die ganze Schar
Doch die Kränze die da fallen
Und die Lieder die da schallen
Wer sie auch gespendet hat
Nicht bezahlen sie das Bad
Nur die gute Hoffnung lohnet
Reichlich aller Herzen Gunst
Und die Hoffnung gerne wohnet
In der Bäder warmem Dunst
Gar verschieden sind die Gaben
Guter Hoffnung unsichtbar
Jede möcht ihr Abbild haben
Und sie stellt sich keiner dar
Jede muss die Freunde denken
Als die Hoffnung unsichtbar
Eilt nach Haus mit den Geschenken
Kehrt zurück im nächsten Jahr
Anton stand bei diesem Anblick wie versteinert in einem Winkel alles was er
aus heidnischen Dichtern in der Schule von Meernymphen und Bacchanten gelesen
hatte das alles kehrte ihm in diesem reizenden Bade versinnlicht wieder es war
ihm ein Anklang frohen Lebens den sein Ohr nie vernommen hatte Unglück was
ihn bedrohte war aus seinen Gedanken gewichen als ihm eine mit Luft gefüllte
und mit Schellen besetzte Blase plötzlich mit hellem Geklingel auf den Kopf
fiel Es war ein neues Spiel das auch ihn mit fortriss die Mädchen hatten eine
besondere Geschicklichkeit im Auffangen dieser schelmischen Bälle ihm ward so
leicht in dem Bemühen danach dass er sich einer der Mitgötter wähnte als er
plötzlich im Durchschreiten des Wassers auf die Wirtin zukam die jetzt sich
unter die Badenden gemischt hatte
Sie konnte ihm aber seine Lust nicht verderben vielmehr nahm er den
Rosenbusch den er in seinen Händen trug und schlug damit lachend auf die
Entblösste seinem Beispiele folgten die andern im Scherze und die Frau welche
das immer noch für eine Ehre anzunehmen geneigt war musste sich doch endlich
zurückziehen weil nach den entblätterten Rosen sehr scharfe Dornen blieben die
ihre Leidenschaft anspornten
Sie war nicht lange fort so wurde Anton von dem Bademeister herausgerufen
alle seine neuen Bekannten grüßten ihn zärtlich er stieg traurig ans Land auf
welchem seine Sorgen ruhten das Wasser der Vergessenheit wirkte kaum so lange
als er darin geschwommen hatte Als er in das Wirtszimmer zurückgekommen war
dachte er sich zuerst einen sehr unfreundlichen Willkommen von der mit Rosen
gepeitschten Wirtin sie hatte sich aber die große Aufmerksamkeit die sie
erregte gänzlich zum Guten ausgelegt und küsste ihn als den Bringer und Geber
dieser Ehre In diesem Augenblicke wünschte sich Anton lieber dem Teufel in die
Arme und Faust und Mephistopheles traten herein Faust hetzte gleich die Wirtin
hinaus nahm Anton bei Seite und sagte ihm dass er das Geld morgen notwendig
brauche um seine Spielschulden in der Ratsgesellschaft zu bezahlen seine Ehre
sei verloren wenn er sie nicht am andern Tage abtrage Anton gab ihm die besten
Hoffnungen morgen ist die Sündflut dachte er in sich da ist alles ein
Aufwaschen aß und trank ohne Unruhe und erzählte so viele Historien dass der
Diener des Faust mehrmals hinter dem Stuhl des Herrn zu lachen anfing ohne den
Befehl seines Herrn ihm Wein einschenkte und mit seinen Zusätzen die
Gesellschaft erheiterte Halb selig taumelte Anton zu Bette er erwachte am
Morgen ziemlich spät dann setzte er sich ans Fenster und sah die Straße nach
Waiblingen hinunter »Herr« sagte Mephistopheles der leise zu ihm getreten
»was starren Eure Augen wie ein Wegweiser die eine Straße hinunter Wolltet Ihr
mich nur sorgen lassen Euch sollte niemand etwas anhaben«
»Was kannst du mir helfen« sagte Anton »der Teufel und ein altes Weib
haben mich in ihrem Rachen«
»Grämt Euch nicht mein lustiger Herr« sagte noch einmal Mephistopheles
»ich sehe nach nichts aus aber ich gebe Euch doch vielleicht noch einen Rat
der Euch angenehm ist nur wünsche ich dass Ihr mir aus Gefälligkeit für die
Dienste die ich Euch noch leisten werde einen Brief an meine Geliebte
schreiben wollt denn seht ich kann nicht schreiben und bin darum doch nicht
weniger verliebt«
Anton versprachs ihm und der Diener drang auf schnelle Erfüllung »schreibt
alle Perlen Samt Edelsteine in den Brief« sagte der Diener »dass er nur recht
zärtlich wird« Anton sah den zerbröckelten Kerl an und konnte sich so etwas wie
Liebe gar nicht in ihm denken halb lachte er dann aber dachte er in sich an
Frau Anna und Susanna abwechselnd und so wogte sein Herz in voller Zärtlichkeit
und seine Feder jagte wie der Helmbusch eines frohen Ritters über das Papier
»Meine Geliebte die süße Straße die zu Dir führt auf die mein Auge Tag
und Nacht blickt wird mit den Augen nicht befahren meine Seele aber wandelt
sie blind und versenkt sich darein und hat keine Rast und kann an keiner Stätte
weilen bis ich sie vollbracht haben werde Schaudernd in Lust denke ich aber
in die Weite fern von Dir festgehalten und bin ein fröhlicher Knecht wenn ich
nur der Fahrt zu Dir gedenke und derer die darauf wandeln die beiden die bei
Dir sind gewesen und mit Deinem liebreichen Troste bald zu mir heimkehren
lieben werde ich sie weil sie Dich gesehen bald bin ich Dir nahe wie sie und
dann will ich Dich festhalten wie meine Feder die ich sonst beisse mit meinen
Lippen mein Bart soll Dich wärmen denn es wird bald Winter bewahre Dich Du
geliebter Abgrund aller Zärtlichkeit vor allem Fremden und bleibe rein und
bleibe mein«
Anton fragte ob es so richtig und wie er unterschreiben solle »Sie nennt
mich kurzweg Anton« sagte Mephistopheles und Anton schrieb seinen Namen ruhig
unter das Briefchen das er dem armen Kerl einhändigte
»Was will der verliebte Racker wieder hier« erhob sich plötzlich vor der
Tür ein Geschrei »an die Tür will ich dich annageln wenn du bei deinen Gästen
horchen willst«
Dieses war Fausts Stimme dagegen gellte ein Strom von Flüchen aus dem Munde
der Wirtin die von seiner Seite mit grimmigen Nasenstübern beantwortet wurden
er schien schlagfertig und sie war wirklich im Unrecht da sie gehorcht hatte
sie fing nach den Nasenstübern an ein paar Worte Französisch zu reden dann
sehr vornehm etwas Spanisches was sie aber nicht endigen konnte denn der
Doktor hatte sie sehr geschickt die Treppe hinuntergleiten lassen ohne großen
Schaden doch zur großen Beunruhigung ihres Sitzfleisches indem er sich vorne
wie ein Einspänner an ihren Unterrock angespannt hatte Nach diesem Geschäfte
trat er zu Anton herein und erinnerte ihn an sein Geld Anton antwortete aus dem
traurigen Schicksale der Welt dass es sich gewissermaßen auf Geld reime
zugleich konnte er sich diese Einrichtung nach Gottes Weisheit nicht erklären
Faust lachte hochmütig und sprach »Da seid Ihr weit zurück wenn Ihr Gott als
den Schöpfer der Welt anbetet die Welt ist dem viel zu klug sie hat sich
selbst am besten zu machen gewusst so wie ein paar Nachbarn es bald einsehen
dass es ihnen beiden besser sei ihre Gärten durch einen Zaun zu trennen als
gemeinschaftlich auf demselben Fleck Landes bauen zu wollen so merkten auch
bald die Erde und das Wasser wenn sie beide etwas eigen haben wollten so
müssten sie einander gewisse Strecken abtreten in Hinsicht der übrigen blieben
sie zweifelhaft und sind noch bis jetzt streitig im Menschen haben sie aber
beide ihren Anteil und Erde und Wasser scheidet sich auch in ihm«
Bei diesen Worten führte sich Mephistopheles so unanständig auf dass sie das
Zimmer verlassen mussten aber eben dadurch auf die Schöpfung der Luft und des
Feuers geführt wurden Ihr Gespräch setzten sie beim Mittagessen fort wo
diesmal die verliebte Wirtin nicht erschienen war wogegen der Wirt eine ganz
andere Rolle spielte Bei der mindesten Nachlässigkeit des Hausknechts fuhr er
heftig auf auch mischte er sich sehr weise in alle Gespräche der Gäste Zu der
Weltschöpfung sprach er »Eine Welt ist immer gegen die andere wenn die eine
lacht muss die andre weinen darum sollte man sich über beides nicht sonderliche
Gedanken machen sondern die Tränen laufen lassen und das Lachen nicht
verbeissen denn die Welt bleibt Welt so lange sie sein wird«
»Der Herr Wirt versteht sich auf Politik wie ich sehe« sprach Faust indem
er sich ernstaft stellte »sind derselbe vielleicht im Rate angesessen«
WIRT »Ich habe die Ehre ein Ratsfreier zu sein der bei wichtiger
Gelegenheit zugezogen wird und da habe ich bemerkt dass Bileams Esel oft
schärfer sieht als sein Herr«
FAUST »Das wird Ihre Familie dem Hofe sehr empfehlen«
WIRT »Des Herrn Gunst ist stets die größte Tugend der Teufel aber ist der
beste Hofmann«
FAUST »Sagt mir werter Ratsfreund wie seid Ihr bei so vieler Klugheit zu
der dicken Sau gekommen«
WIRT »Sie ist bei mir gefallen«
FAUST »Ja heute die Treppe herunter es hat ihr doch nichts geschadet Aber
seht das Horchen kann ich von Eurer Frau nicht leiden«
WIRT »Von wem sprecht Ihr mein gelehrter Herr«
FAUST »Ich sprach von Eurer Frau ohne Umstände sagt mir Freund wo habt
Ihr so viel höllische Kourage gewonnen solch ein Stock Euch aufzuhalsen«
WIRT »Weil ich nicht danach frage wo dieses gebrechliche Schifflein meines
Fleisches hinkomme wenn ich nur diejenige die darin überfährt sicher
durchbringe«
FAUST »Aber gedenk doch auch an die dicke Seele des Dreimasters dem Ihr
als eine kleine Schaluppe angebunden seid«
WIRT »Das Nein ist nicht Nein in eines Weibes Mund so mag auch die meine
selig werden übrigens ist der meisten Weiber Leben nichts anderes als der
Zustand derjenigen die im Schlafe gehen und reden«
FAUST »Ist denn gar nichts Gutes an Eurem Rhinozeros von Frau«
WIRT »Ein Weib ist immerdar ein Mittelding zwischen Mann und Teufel denn
beide können sie brauchen und machen sich lustig mit ihnen«
Die Frau war hereingetreten und fragte den Mann was er da wieder geschwätzt
habe Er sagte ihr liebreich »Engelskind ich sagte eben dass mancher Esel
draußen sucht der Pferde daheim hat«
WIRTIN »Solch töricht Zeug hat er immer im Munde was sollen dazu die Gäste
sagen«
FAUST »Eine aufgeweichte Semmel schmeckt nicht sonderlich dazu«
WIRTIN »Mit Ihm rede ich gar nicht denn Er ist grob wenn du ein Mann
wärst Mann du gäbst ihm eins an die Ohren statt mit ihm lange zu reden«
WIRT »Wer eins gibt bekommt zwei wieder es ist leichter Krieg anfangen
als ausführen«
WIRTIN »Du hast recht Herzensschatz« dabei tat sie als ob sie sich ihm
nähern wollte und kniff ihn in ein Ohr dass der kleine Mann vor Angst tanzte
Anton hatte dem allen ruhig zugehört als wenn es ihn weiter nichts angehe
er dachte an den nächsten Tag und da grauste ihm besonders vor der Wirtin die
ihm heimlich auf den Fuß trat und in den Seiten kitzelte Nach Tische sehnte er
sich nach der Kirche aber die Wirtin hatte schon wieder die Haustüre besetzt
und wickelte Wolle Er ging auf sein Zimmer und fühlte ein Bedürfnis sich ein
frommes Bild in der Zerknirschung seines Herzens zu malen das seine Versuchung
ausdrücken könnte Er nahm eine Kohle und verzierte erst ein Feld an einer
Bogenseite seines Zimmers worauf die Abendsonne schien er zeichnete sich
selbst verwundet wie er kleine Steine aus Hunger isst zwei Engel Susanna und
Güldenkamm die vor ihm wandeln rings umgeben ihn die Wirtin die ihm einen
hohen Becher bietet der Faust der ihm die Füße hält während er vom Teufel
gefesselt wird und sich deswegen auch gegen den Junker Blaubart nicht wehren
kann der mit eingelegter Lanze gegen ihn anreitet Als das Bild so vor ihm
stand fühlte er ein so heftiges Mitleiden mit sich selbst dass er sicher
meinte es müsse Gott auch zu Herzen gehen Er warf sich nieder und betete so
außer sich so inbrünstig und gewaltig dass er einen Rollwagen nicht hörte der
vor dem Wirtshause angefahren war
Susanna und Güldenkamm die von einem Kaufherrn mitgenommen waren traten
ins Zimmer als er noch auf seinen Knieen lag sie knieten stille neben ihn hin
und als er endlich aus seiner Gottesnähe zurückkam in die scheue Ferne und
aufwachte und umblickte da waren seine guten Engel ihm nahe er umhalste sie
und konnte keine Worte finden Endlich sprach er außer Atem »Nun was macht
mein Weib Wie gehts meinen Kindern Was schreibt meine Frau Wie hat sie euch
aufgenommen«
»Herr« sagte Susanna »betet noch einmal wie uns Gott gelehrt hat in Not
und Trübsal dann will ich Euch berichten«
Anton betete und wusste nicht was er betete seine Freude war ihm in alle
Glieder zurückgetreten »Lebt meine Frau nicht mehr ist mein Anton tot« fragte
er endlich
SUSANNA »Beruhigt Euch darüber sie leben beide aber der Oswald ist
gestorben«
ANTON »Zwei leben für einen den ich misse Gott sei gelobt Der Oswald war
nur ein kränkliches Kind Wie gehts meiner Frau Hast du ihr meine Not
geschildert und meinen guten Willen wie ich künftig still und fleißig leben
will«
SUSANNA »Ich habe ihr alles gesagt aber sie schilt über Euch sagt dass
Ihr die silbernen Pokale verkauft habt«
ANTON »Gott ist mein Zeuge das hat mich oft gereut aber meiner grimmen
Not wird sie sich darum doch erbarmen sie hat doch noch Geld und Gut genug für
mich und sich wenn sie das viele Hausgerät verkaufen lässt«
SUSANNA »Lieber Herr ich war dort zur Versteigerung aber die arme Frau
war so verwirrt so betrübt über den Tod ihres Söhnleins dass sie mir alles
versagte sie meinte andre Soldaten brächten von ihren Zügen Geld heim Ihr
aber brauchtet immer mehr Geld dazu sie könnte Euch nichts schicken als dies
Andenken«
ANTON »Zeig her liebe Seele was ists Was diese rostige Klinge und
dieser zerrissene Beutel«
SUSANNA »Es mag wohl ein Geheimnis darin sein sie schwor dass sie erst
wenn Ihr diesen Beutel gefüllt mit Gold zurückbrächtet Euch in ihrem Bette
wieder aufnehmen wolle das schwor sie mir und da musste ich gehen«
ANTON »So sei verflucht«
SUSANNA »Flucht nicht im Unglück denn das reuet im Glücke«
ANTON »Was bliebe mir wenn ich nicht fluchen dürfte fluchen aus ganzer
Seele meinem«
SUSANNA »Für einen Fluch ist des Menschen Mund zu klein und seine Stimme zu
schwach«
ANTON »Ich aber kann Steine zermalmen mit meinem Munde und Gläser
zersprengen mit meiner Stimme fluchen will ich dass die Erde verdorrt wo sie
hintritt das gottlose Weib für das ich tausendfach mein Leben gegeben hätte
das verbunden mit mir durch alle heilige Gewalt mich aller Not allen Teufeln
und Hexen überantwortet gleichgültig höhnisch vergangener Lust mich erinnert
des Bettes meines Glückes verflucht sei die Stunde«
SUSANNA »Haltet inne ich halte Euren Mund zu«
ANTON »Fort von mir ich ersticke in meiner Wut verflucht sei der Tag die
Nacht der Augenblick wo ich ihr Bett besteige und flehte sie Voll mir die
Liebe wie ein Almosen ein Schlag soll meine Glieder lähmen die sich ihr
überlassen und wie ein glühendes Eisen soll mir ihr Mund auf den Lippen glühen
verflucht sei der Glanz ihrer Brust dass er Schnee trage statt Liebesfeuer
ach wer ist ärger verflucht als ich«
SUSANNA »Herr Wie ist Er so schrecklich so verwandelt«
GÜLDENKAMM »Lass ihn doch austoben da wird ihm wohl«
ANTON »Wohl soll mir werden das schwör ich will leben wie ein Gott
freudig in jeden Genuss wie ein Meer das nimmer auszutrinken ist Wie sah das
Weib aus«
SUSANNA »Schön aber traurig und blass«
ANTON »Ja so sah sie gewiss aus schön aber traurig ich weiß dass sie schön
ist aber traurig soll sie werden dass sie alle Spiegel zerschlagen muss ich
will ihr zeigen wie ich bin im Glücke wohl zu gängeln aber das Unglück mag
jahrelang mit mir ringen ich bin glatt wie ein Fisch und will ihm doch
entschlüpfen will aufziehen vor ihr in ritterlicher Pracht und meinem
Überflusse soll sie zum Auffangen ihren Schoss ausspannen mich aber empfängt sie
nimmer Wie ist der Oswald gestorben«
SUSANNA »Der Anton hat ihn in kindischem Spiele geschlachtet«
ANTON »Das tat wohl der Mutter wehe der Oswald war immer ihr Liebling er
hätte es nicht tun sollen aber er verstehts doch schon seinen Vater zu
rächen jetzt sehe ich wohl Faust hat in allem recht gehabt Ist Oswald in
einem Sarge begraben«
SUSANNA »Nein Herr in einem Schrank von Nussbaum worin die Ausstattung des
ersten Mannes bewahrt gewesen«
ANTON »Richtig du wunderlicher Doktor du hast einen Arm wie die Könige
du kannst weit greifen und die Seelen aus dem Körper wie einen Splitter
herausziehen wie sticht diese Seele so lange sie in uns und ist sie von uns
dann schmerzt sie doch du und dein Teufel ihr mögt mir vom Leibe bleiben habe
nichts mit euch zu tun Nun euch wird dursten nach der Reise mich auch Heda
Wein vom besten«
So tobte er fort und brachte den Hausknecht an den Haaren gezogen der ihn
zu langsam bediente schenkte ein und trank selbst wild hinein jetzt klopfte es
und der Wirt trat mit einer Rechnung herein Anton lachte ihn an biss in sein
Glas zerkaute das Stück zu weißem Schaum und bespie ihn damit »wer das
verbeissen kann der schluckt Eure Rechnung noch dazu« Bei diesen Worten hatte
er die ganze Rechnung zerkaut und heruntergeschluckt dem armen Ratsfreunde
verging aller Rat er zog sich fort und wusste nicht warum
Der Doktor Faust war der zweite der seine Rechte bei ihm geltend machen
wollte Anton empfing ihn artig und entließ auf sein Begehren die beiden
Gesellschafter Faust hielt ihm seine Rechnung vor Anton zeigte ihm seine
flache Hand ob da wohl ein Bart säße Als Faust darauf ein scharfes Nimmermehr
antwortete so fuhr Anton fort »eben so wenig wachsen mir hier hundert oder
tausend Gulden und Euer Teufel der ist ein übermässiger Zinsfuss mit seinem
Pferdefuss ich mag ihn nicht anerkennen« Faust lächelte dazu und sprach es sei
ja nicht so arg mit dem Teufel gemeint es wären nur einige Stücke die er nicht
ohne einen Mann ausführen könne der nackt in seinen Kreis träte und einige
unschädliche Zeremonien über sich ergehen ließe dann sei der Schatz gehoben
Anton dachte einen Augenblick nach dann sprach er »So gescheh es gleich will
heute alles abtun und Feierabend machen geht nur in die dunkle Kammer zieht
Eure Kreise ich komme entkleidet zu Euch will Euch so viel Zentner Schätze
ausheben als der Hort der Nibelungen nimmermehr gewogen« Mit diesen Worten
trieb Anton den erhitzen Faust der die Verschreibung ihm übereilt wieder
zustellte in die dunkle Kammer denn er hörte schon die nahenden Schritte der
Wirtin die mit dem ersten Dunkel zu ihm bestellt war er fiel ihr um den Hals
in scheinbarer Zärtlichkeit dann bat er sie sich zu entkleiden und in die
Kammer zu gehen wohin er durch den Gang kommen wolle wenn er die Sicherheit
der Gänge erst belauscht hätte Sie schwor ihm zwar die Vorsicht sei unnütz
sie wisse im Hause ihren Befehlen Nachdruck zu geben Anton ließ sich nicht
abhalten sondern sprang fort und verschloss die Tür hinter sich Die Wirtin
hatte kaum ihres Schmuckes sich entledigt so rief schon Faust der Kreis sei
beendigt sie glaubte Antons Stimme zu hören und schwebte mit offenen Armen in
die dunkle Kammer aber welcher Schrecken dämpfte ihre süßen Erwartungen Faust
entdeckte schnell er sei getäuscht und schmetterte sie in einen Winkel sie
schrie nicht sie brüllte Rache und Verzweiflung und hätte ihn vernichtet hätte
er nicht gleiche Wut ihr entgegengesetzt Das Geschrei wurde bald so furchtbar
dass Anton ungescheut Mord aus dem Gange auf die Gasse rufen konnte die Masse
Volk drang mit Licht in die verschlossenen durchtobten Zimmer aber die beiden
Streiter uneingedenk ihrer Blöße benutzten die ersten Strahlen nur allein um
sich noch fester zu fassen und zu verbeissen die Hunde des Hauses wollen ihrer
Frau beistehen aber der Pudel Fausts biss so grimmig um sich dass sie bald
heulend den Kampfplatz verlassen mussten Der Wirt allein von allen hatte genug
kaltes Blut ein zweckmässiges Mittel zur Beschwichtigung dieses sonderbaren
Religionsdisputs verschiedener Konfessionen er brachte die Handspritze des
Hauses gefüllt in eine richtige Entfernung und ließ auf die Streitenden den
Wasserstrahl fallen das erkältete ihre letzte Wut und sie wendeten sich
verschüchtert und verwundet von dem Kampfplatze fort
Susanna hatte die Zeit schnell benutzt um den Beutel und den Degen welchen
sie mitgebracht vor aller Gefahr zu retten sie zog Anton und Güldenkamm fort
und so gingen sie mit der Menge ungestört nach dem Wirtshause zum Anker wo sich
Güldenkamm durch sein Lied von dem Tode des kleinen Oswald bald ein Unterkommen
verschafte während er Anton und Susannen zu Tränen rührte Die Abendgäste die
dort ihren Schoppen zu trinken gewohnt waren kamen jetzt nach einander von dem
sonderbaren Vorfalle mit der Wirtin zum Hopfenblatte der fremde Doktor sei mit
entsetzlichen Drohungen gleich fortgeritten auch sei von dem Augenblicke aller
Wein im Keller verdorben die Wirtin rase und sei auf Befehl des Rats in Verhaft
genommen worüber der Mann sehr vergnügt scheine
Anton fühlte sich sehr erschöpft von dem Tage oder vielmehr war ihm das
Wachen so überdrüssig dass er ewig hätte schlafen mögen er eilte auf einen
Heuboden wo ihm zuerst ein weiches Lager vorkam und entschlummerte sehr sanft
Es mochte in der Mitte der Nacht sein da weckte ihn eine Hand er wachte auf
und meinte noch zu träumen doch hörte er unter sich die Pferde an den
Halfterketten sich umlegend bewegen der Mond schien durch die Luke in das
Angesicht einer Gestalt die ihn bis zum gänzlichen Verstummen verwunderte Zwei
Gestalten die einander so wenig glichen wie Anna und Susanna jene
hochgewachsen mit blondem Haar diese klein und mit dunklen Locken schienen
einander durchdrungen zu haben um diesen Bund alles Reizenden was Antons Sinne
erregen konnte zu errichten Freimütig trat dieses Gemisch seiner Liebe zu ihm
und sagte dass sie auf seinen zärtlichen Brief den ihr Mephistopheles übermacht
habe weite Wege gegangen sei sie zeigte ihm dabei den Brief jetzt sei sie
erschöpft und müsse einige Stunden ruhen Schon krähten die Hähne und die
Fledermäuse flatterten pfeifend in die Winkel Bei diesen Reden sank sie müde in
seine Arme er sah im Mondschein den Brief den er für Mephistopheles
geschrieben er sah im Mondschein ihrer Reize Fülle die süße Unwissenheit von
Susannens Lippen den erfahrnen Scherz von Frau Annen er hielt sich nicht er
wünschte sich recht bald Frau Annen untreu sein zu können aber seine Freude
war nicht gleich seiner Begierde denn einer Toten gleich schlummerte sie er
mochte sie nicht berühren Bald so hoffte er werde der Morgen ihm alles für
einen törichten Traum erklären und schlief darüber endlich ein
Die Knechte holten Heu für die Pferde am frühen Morgen das erweckte ihn er
sah sich um halb in der Furcht dass sein Schlafgesell verraten sein möchte
halb in der Hoffnung dass er nie und niemals vorhanden gewesen mit einiger
Beruhigung sah er nichts doch wie er so in das Dunkel des Heues blickte sah er
einen dünnen Schatten der ihm die Erinnerung jener reizenden Nachtgestalt
wieder ganz lebhaft zurückführte sie erfüllte alle seine Sinne aber sie
erfüllte nicht sein Verlangen und er wendete sich trostlos von ihr und stieg
herunter zu Susannen und Güldenkamm die Abends ihn gesucht und schlafend
gefunden hatten aus ihren Reden schloss er dass sie eine fremde Gestalt bei ihm
gesehen hatten Güldenkamm scherzte darüber und Susanna sah still vor sich
nieder Mit Umschweifen suchte sich Anton zu unterrichten was sie gesehen
hätten Er gab vor dass es ihm in der Nacht vorgekommen als ob sich ein Mensch
wahrscheinlich ein Trunkener zu ihm aufs Bett gelegt am Morgen habe er aber
niemand gesehen Güldenkamm meinte es wäre sonderbar wer es aber wohl möchte
gewesen sein der ein so schönes Mädchen in solchem Zustande von sich entliesse
Anton brach hier ab und fragte was sie zu ihrem Unterhalte beginnen wollten
denn er sah wieder den wunderlichen Schatten im Dunkel des Zimmers der ihn von
den Gegenwärtigen fort hin zu sich locken wollte er drehte sich deswegen
gewaltsam nach dem Fenster
Güldenkamm sprach »Ihr habt in der Not unterwegs eine Kunst erfunden die
ich mit höchster Verwunderung angesehen Ihr habt so viel Steine
heruntergeschluckt dass ich meine Ihr müsstet ein Bergwerk im Leibe haben doch
hat es Euch nichts geschadet bei der Ausfuhr darum dächte ich Ihr könntet
diese Beschaffenheit Eures Leibes als ein silberhaltiges Bergwerk ernstlich
benutzen und Euch für Geld damit sehen lassen auch seid Ihr so riesenhaft
stark wie ich oftmals bemerkte dass auch dieses Aufsehen erregen wird Meine
Singerei kennt Ihr ich will Euch verkündigen Susanna mag recht artig das Geld
einfordern schade dass wir den Seger nicht bei uns haben da ließe sich auch
zuweilen allerlei tragieren«
Anton seufzte bei diesem Vorschlage er dachte mit einem tiefen Ausrufe der
Kronenburg und seiner großen Ahnen und seiner Bestimmung in der Zukunft und
seines jetzigen Elends und er meinte gewiss wenn er so etwas treibe müsse es
jenem Alten im Grabe bitteren Schmerz machen aber wieder sah er den zärtlichen
Schatten im Dunkel des Zimmers und freute sich durch diese Beschäftigung den
wunderlichen Gedanken entrissen zu werden »Gut« sprach er »der Vorschlag mag
gelten ich will Steine fressen dass sich die Steine erbarmen machs nur
schnell bekannt doch muss ich dir sagen wir dreie sind noch zu vornehm zu
solchem Unternehmen wir müssten den Seger haben der gäbe erst dem Dinge einen
gemeinen Beigeschmack dass es allen gefiele«
»Da ist der Seger« rief dessen bekannte Stimme die seinem haarigen Körper
voreilte »was soll er wieder er ist doch zu allem gut und keiner dankt ihm da
habt Ihr Fasanen und Rebhühner heut soll es ein Fressen geben«
»Steine werd ich fressen sollen« sagte Anton traurig
»Meinetwegen auch Haare und Karbatschenstiele« sagte Seger »jetzt aber
lasst uns zusehen es wird auf dem Markte ein großer öffentlicher Zweikampf
gehalten werden«
»Da müssen wir gleich hin« sagte Güldenkamm »wer will fechten«
»Der Ritter Blaubart« sagte Seger »mit einem unbekannten Ritter der ihn
in unserm alten Wirtshause gebunden hat«
»Das bin ich« rief Anton »bei allen Heiligen den Lumpenkerl hatte ich
ganz vergessen Schnell gebt mir Waffen verflucht dass wir unsre guten Degen im
Walde weggeworfen die Meisen pfeifen jetzt darauf und mir will der Tod dafür
auf seinen alten Knochen flöten Her da gebt her das alte Schwert das mein
schändliches Weib mir spöttlich zugesendet hat es ist wohl unansehnlich es mag
aber geheime Kraft führen«
Vergebens suchten ihn Güldenkamm und Susanna abzuraten und zurückzuhalten
Seger trieb ihn mit kaltem Spotte in die Schanze Die Tore waren schon
geschlossen der Markt mit Sand bestreut und die Schranken die von alter Zeit
her standen mit Griesswärteln besetzt an einer Seite stand eine Totenbahre mit
Kerzen und Bahrtüchern Der Junker stand mit seinen Freunden an einer Seite und
ließ ausrufen dass dem Fremden der ihn beleidigt habe vom Rate ein freier
öffentlicher Kampf mit welcher Art gleicher Waffen es sei zugesagt worden es
sollten sich deswegen alle Weiber und Knaben unter dreizehn Jahren entfernen
bei Lebensstrafe solle aber niemand durch Wink und Zuruf sich in den Kampf
mischen Ritter Blaubart hatte diese ganze Festlichkeit seiner Braut zu Ehren
durch den Schwiegervater anrichten lassen der gegen die Meinung der andern
Ratsherren das alte Recht der Stadt solche Kämpfe und Gottesgerichte das seit
einem Jahrhundert nicht in Ausübung gebracht worden war geltend machte der
festen Überzeugung dass sich niemand einfinden werde und dass diese schnöde
Flucht des Gegners den er mit Faust verwechselt hatte der fortgeritten seines
Eidams Ehre in der Stadt herstellen werde
Die erste Viertelstunde war schon verlaufen und der Herold wollte eben zum
dritten Male ausrufen als Anton mit seinem alten Degen in seinem Soldatenwams
und Ratsherrenhosen in Begleitung des rauen Seger des feinen Güldenkamm und
seines schönen Knaben in die Schranken trat Der Junker lachte verächtlich über
den wunderlichen Aufzug doch bebte ihm heimlich das Herz Der riesenhafte
sichere Mensch stand da so fest als ob er wie die steinerne Rolandssäule zum
ersten Gericht hingepflanzt sei Der Junker wollte erst seine Ahnen wissen
worauf Seger beschwor es sei ein ehelicher Sohn des Grafen von Stock dann
verlangte der Junker dass er in gleichen Waffen wie er mit Brustarnisch und
Schienen sich darstellen solle
Anton sprach »Schmeisst Eure Rüstung ab so sind wir gleich gewaffnet hab
ich gleich nur einen alten rostigen Bratspiess glaube ich doch gegen Eure
Strahlenklinge zu bestehen« Dem Anton war ungemein behaglich wenn er den Degen
ansah dachte er an seine Frau und es war ihm als könne er sein ganzes Gift
gegen sie damit auslassen er lag ihm so leicht in der Hand wie sein Pinsel und
er wollte sein Bild heute rot anlegen Der Junker hatte ihm noch mancherlei
gesagt aber er hörte nicht darauf sondern versuchte für sich die Klinge der
Anhang des Junkers wurde selbst ungeduldig was daraus werden sollte und
ermahnten ihn dringend so viele Umstände und Kosten nicht umsonst angewendet zu
haben Seger besonders erhitzte das junge Gemüt dieses Helden indem er sanft
von einem Hundejungen etwas fallen ließ der Männer herauszufordern wage Der
Junker warf endlich mit einem Fluche seine Rüstung weg und um sich aus dem
Froste in die Hitze zu bringen ließ er einen Strom von Schimpfreden gegen den
Stocknarren los so nannte er den Grafen von Stock der es wage sich mit ihm zu
messen er schwor die Leute sollten etwas sehen dass sie die Augen wegdrehen
möchten und doch nicht könnten und schwor so gewiss ein Teufel in der Hölle so
gewiss wolle er auf dem Flecke in Antons Jacke sie war am Herzen ein Loch
stoßen das kein Mensch zustopfen solle
Die Trompeter stopften ihm den Mund er ging auf Anton mit großer
Heftigkeit die aber nach den ersten Wendungen und Stößen immer mehr abnahm
Anton begriff sich selbst nicht er war kaltblütig und führte seinen Degen fast
bloß verteidigend aber der Degen zog seine Hand zu den ungeheuersten Stößen fort
Stöße von so seltener Geschicklichkeit wie er sie in der Zeit bester Übung
nicht ausführen konnte auch ließ er sich nicht hemmen und halten »Gott sei mir
und dir gnädig« rief er einmal über das andere wie Unglückliche die von
scheuen Pferden dicht an einem Abgrunde fortgerissen werden und zwar bisher
ihren Weg schneller gemacht haben als sie es erwartet aber darum doch diese Art
der Beschleunigung in keinem Fall loben mögen »Gott sei mir und dir gnädig«
sagte Anton wieder da steckte seine Klinge die den Koller des Junkers schon
mehrmals gefärbt hatte in dessen Herzen dass er niederstürzte und mit dem
letzten Worte jammernd bekannte er sei schuld an diesem unseligen Streite
gewesen Die Seinen sprangen zu seiner Hilfe herbei »Ade Gertraud süße Braut
ade mein geliebtes Rotross ade mein Leibhund Waidewund das ist meine letzte
Stund« Mit diesen Worten verschied er und Anton stand neben seiner Tat wie ein
Kind das mit ängstlicher Neugierde ein schauerliches Märchen hört es wünscht
es bald zu Ende und darum horcht es desto aufmerksamer Aber nicht lange dauerte
seine Unempfindlichkeit Ein schönes adliges Fräulein prachtvoll rot gekleidet
ihr Hals mit goldnen Ketten behangen in ihren Haaren eine hohe mit Karniolen
besetzte Heftnadel stürzte sich durch die Menge der Staunenden auf den
Entseelten ihr Jammergeschrei mischte sich mit dem Gurren der Tauben die sich
eben auf einem hohen Ratausturme niedergelassen hatten »Rächen will ich dich«
seufzte sie »rächen soll ich dich« zog die Nadel aus ihren Haaren dass die
Locken wie die Tränen bis zur Erde herunter fielen und warf sich mit Wut gegen
Anton der sich von dem Jammer weggewendet hatte aber Güldenkamm hatte mit
seiner Zither so schnell zwischen beide gehauen dass die Nadel in einem
klirrenden Zusammenklang durch die Saiten fuhr und im Holze stecken blieb
»Auch deine Adern sind verzaubert und klingen wie Erz« rief sie in
Verzweiflung »aber leben will ich nicht wenn ich den Geliebten nicht räche
will mich allen Fürsten zu Füßen werfen dass sie mich rächen dem will ich mich
verloben der mich rächt den will ich lieben der mich rächt dem bin ich ewig
eigen der mich zu rächen sein Schwert in diesen verruchten Zauberer stößt«
Aber keinen der vielen Ritter schien die Liebe die er nach dem Tode genießen
sollte zu einem Kampfe mit Anton zu reizen ein jeder flüsterte seinem Nachbar
einen andern Grund zu warum er in diesem Augenblicke mit dem Riesen nicht
kämpfen möchte die meisten aus Misstrauen dass so ein Versprechen aus Not nicht
gehalten werden dürfte Als keiner für sie streiten wollte warf sie sich wieder
bei dem Toten nieder »Hier will ich sterben an deiner Seite ruhen bis ich am
jüngsten Tage Rache schreien kann« Güldenkamm hatte jetzt die Nadel aus seiner
Zither gezogen und sang zur Trauernden hingeneigt
Mit dem Dolch reg ich die Saiten
Dass sie in den Sonnenstrahlen
Flammen von der Liebe Qualen
Tönen von dem harten Streiten
Rächend seiner Jugend Glanz
Decken mit dem Lorbeerkranz
Leben nehmt an für Leben
Der gefallen unterm Schwerte
Soll sich in dem Lied erheben
Und bestehn auf weiter Erde
Wie auf einem Demantschild
Trag ich hoch sein herrlich Bild
Ehre diesem tapfern Knaben
Der dem Mächtigsten entgegen
Schwang den hellen Ritterdegen
Denn sein Ruhm wird nicht begraben
Der Geliebten Klagelied
Rächt durch Ruhm der nicht verblüht
Held du lebst in ihrem Herzen
Strahlst aus ihren Augen mächtig
Und es zieht die Nacht so prächtig
Nun herauf zu ihren Schmerzen
Deines Ruhmes ewge Glut
Brennt in ihrer Adern Blut
Der junge Ritter war jetzt auf die Bahre gehoben und wurde von den Griesswärteln
fortgetragen ihm nach ging Gertraud von andern Frauen gehalten dann folgte
der trauernde Ratsherr ihr Vater dessen stolze Eitelkeit dieses Unglück
zugelassen hatte hart sah er in die Welt und die andern Ratsherren in Besorgnis
bedenklicher Folgen die dieser Vorfall für sie und für die Stadt haben könne
hatten sich von ihm abgewendet die Bürger folgten paarweis So gingen sie bei
Anton vorüber der sich nicht verdammen konnte und doch fühlte dass er zu allem
Unglück verdammt sei
Als der Markt leer geworden zog ein Sturmregen herauf der das Blut
auszulöschen von raschem Winde hinübergetrieben wurde Anton trat unter den
Bogengang des Ratauses mit seinen Gesellen und wie er gegen das Dunkel sah
erschien ihm wieder die zärtliche Gestalt die aber jetzt auch von dem
unglücklichen Fräulein Gertraud eine Beimischung zeigte Er stach mit Wut gegen
die Mauer wo er dieses Bild gesehen aber es wich ihm so geschwind aus und
zeigte sich wieder so freundlich in einer andern Ecke dass er hätte verzweifeln
mögen seine Begleiter glaubten er habe den Verstand verloren die
Gerichtsdiener hingegen die schon wegen des Kampfes eine Gelegenheit suchten
an ihn zu kommen nahmen dies für einen Angriff gegen den Rat und die Stadt er
weigerte sich nicht als sie ihn fangen wollten gab er seinen Degen an Susanna
die vergebens flehte mit ihm zusammen eingesperrt zu werden Er wurde in einen
Turm am Markte gebracht sein Fenster hatte die Aussicht auf den Kampfplatz
seine Freunde konnten an den Gittern mit ihm reden und fragten ihn ob er etwas
bedürfe »Ihr habt ja nichts mir zu geben könntet Ihr Steine in Brot verwandeln
wie ich da könntet Ihr noch zufrieden sein« so sprach Anton und Güldenkamm
schwor ihm dass er für ihn noch heute etwas verdienen wolle und so ging er
beratschlagend mit Seger und Susannen ins Wirtshaus zurück
Dort fanden sich ein paar aufgeweckte Bettelmönche die sich mit Seger
sogleich in ein lustiges Gespräch einliessen der ihnen den Vorschlag
auseinandersetzte für einen Freund der in den Narrenturm gesetzt sei einen
lustigen Schwank aufzuführen die beiden Mönche schlugen aus Vergnügen mit den
Händen zwischen den Füßen zusammen und hoben sich während des Vortrags auf den
Zehen als ob sie überfallen wollten Seger ging gleich umher und schrie in der
Stadt das schöne Schauspiel von dem Kriege auf der Wartburg aus Die Tische
waren unterdes schon an einander gerückt und die Anzüge zusammengelumpt ein
sehr gemischtes Völkchen füllte bald den großen Wirtssaal Fräulein Helena von
Eschilbach von Susannen in den Kleidern der Wirtin die sie über die eignen
gezogen dargestellt erschien zuerst und betrauerte dass die Ungeschliffenheit
ihres Bruders alle Menschen von ihr zurückschrecke sie sprach sehr zärtlich von
ihrem vielgeliebten Heinrich von Ofterdingen und erzählte dass er jetzt zu ihr
komme die Bekanntschaft mit dem rauen Bruder zu machen Güldenkamm kam nun als
Heinrich von Ofterdingen mit seinen zärtlichsten Liedern aufgetreten so dass
Helena ihm ihre Hand fest verlobte Diesen schönen Augenblick störte die Ankunft
Segers als Wolfram von Eschilbach er brach sogleich in erstaunliche
Schimpfreden gegen die Gesangsweisen Heinrichs aus worüber dieser sehr
entrüstet ihn zum Kampfe forderte Der Landgraf von Thüringen einer der
Bettelmönche der auf diesen Lärmen aus seiner Regierungsstube heraustrat
erkundigte sich nach der Ursache des Streites und als er vernommen dass die
beiden Edelleute mit einander kämpfen wollen so hatte er Mitleid mit der
zierlichen Schwäche Heinrichs über den der ungeschliffene Wolfram kopfhoch
hinausragte und befahl ihnen sie sollten den Streit mit den Waffen ausmachen
die ihnen besser als die kriegerischen anständen mit der Geschicklichkeit ihrer
Rede sie sollten Helenas Schönheit preisen und wer besiegt werde solle
gehangen werden Beide nahmen den Vorschlag an der Landgraf hoffte dass
Wolfram den er hasste unterliegen müsse da jener in dessen Schwester verliebt
sei Der große Kampf wurde angeordnet Helena saß auf einem hohen Sessel dass
beide sie sehen konnten aber Heinrich wurde von ihrem Anblick so wonniglich
durchdrungen dass ihm die Worte wie eine überreife Saat früher entfielen ehe
der Saitenklang sie ernten konnte wenn er nicht singen sollte sang er leise zu
ihr sein feuriges Lob sollte er aber vor allen auftreten da verstummte er
Wolfram und alle Kampfrichter verdammten ihn deshalb zum Galgen ehe sie ihn
aber ergreifen konnten hatte er sich unter den Mantel Helenas geflüchtet und
der Landgraf erkannte ihn als sicher in diesem heiligen jungfräulichen Schutze
Heinrich unterhandelte nun hinter der Schürze seiner Helena mit dem Gegner er
wolle seinen Freund Klingsohr für sich stellen wenn auch der überwunden würde
wolle er sterben Wolfram nahm spottend den Kampf an und der andre Mönch ein
lächerlicher runder Kerl mit doppeltem Kinn trat mit einem Gesange auf den er
in der Dreiteufelweise gesetzt hatte und worin er Wolfram aufforderte
fortzufahren Wolfram fand diese Forderung unchristlich er wolle nur in
christlicher Weise singen und da jener nicht abstehen wollte so rühmten sie
sich beide des Sieges und Klingsohr drohte jenem beim Abschiede er wolle ihm in
der Nacht so viele Teufel zusenden dass er ihm doch den Sieg einräumen müsse
Deswegen ging Wolfram in die Kirche und hinderte also die Trauung Heinrichs mit
Helena die für die Nacht festgesetzt war inzwischen gab ihnen der Klingsohr
der Heinrichs Bedienter war einen geschickten Anschlag durch allerlei
Schrecken den Wolfram in der Kirche also zu betörkeln dass er von dem Trauaktus
gar nichts bemerkte und doch nicht leugnen könnte als Zeuge gegenwärtig gewesen
zu sein
Es ward nun dunkler und das Theater sollte eine Kirche darstellen Wolfram
schlief und Klingsohr kam und gab ihm einen derben Schlag auf den Hintern
gleich fing jener an die Schwanenweise zu singen aber sowie er sich umzudrehen
wagte wurde er auf alle Art von Klingsohr misshandelt während Heinrich und
Helena nicht fern von ihm getraut wurden Beide kamen jetzt und umarmten den
Bruder und Schwager der in großer Angst dass sie der Teufel wären vor ihnen in
alle Winkel flüchtete Nachdem Wolfram also abgeängstigt worden zum großen
Vergnügen des stinkenden Volkes da erklärte der weise Landgraf die ganze
Geschichte und Wolfram konnte gegen die Heirat nichts einwenden da alle die zu
widersprechen das Recht hätten bei der Trauung aufgerufen worden er aber
gegenwärtig gewesen war und geschwiegen hatte alles endigte sich in einen Tanz
ans Hängen wurde nicht weiter gedacht Wolfram Seger ließ zum Brautkranz
künstliche Blumen aus dem Tisch wachsen die Helena Susanna mit Freundlichkeit
annahm Nach dem Ende des Stückes musste Helena Susanna in ihren weiblichen
Kleidern herumgehen um die freiwilligen Gaben der Zuschauer einzusammeln da
sie in weiblicher Kleidung ungeachtet ihres verbrannten Gesichtes doch
eigentümlich schön erschien so gab jeder eine Kleinigkeit die sie sehr
verschämt in dem ledernen Beutel empfing den Frau Anna ihr verehrt hatte das
Loch darin hatte sie vorher sorgsam zugebunden dass ihrem verehrten Herrn nichts
verloren gehe Kaum hatte sie den Umgang mit ihrem Beutel gemacht so schlich
sie sich ohne den Mitschauspielern etwas zu sagen in ein Nebengemach warf die
weiblichen Kleider ab und sprang hin zu dem Turme worin Anton lag und blickte
durch das Gitter zu ihm hin ehe sie ihm aus Rührung das Mitgebrachte reichen
konnte Nur nach vielen Bitten hatte Anton eine Lampe erhalten nachdem ihn das
zärtliche Gespenst im Dunkel wohl zwei Stunden mit zärtlichen Liebesworten
versucht hatte jetzt saß er bei einem groben Brote und einem Kruge Wasser und
sang indem er Susannen die am Fenster stand wieder für das Gespenst hielt
Zärtliche Gespenster
Weicht von meinem Fenster
Liebe mag nicht hausen
In der Erde Grausen
Treue mag nicht dauern
In den kalten Mauern
Mich schmerzt der süße Blumenduft
Der lieblich atmet in die Gruft
Was soll mir flüchtge Frühlingsgabe
Ich lieg versteinert in dem Grabe
Der Wächter rief die neunte Stunde vor dem Fenster ab und sang
Wie trat ich Herr so oft vermessen
Vor dein allgütig Angesicht
Ich hab dich Herr so oft vergessen
Doch du vergassest meiner nicht
Du ließest deine Sonne scheinen
Als schwarze Blindheit mich bedeckt
Nun ich will reuig vor dir weinen
Hast du die Sterne angesteckt
Du stellst die Wächter meines Lebens
Auf deiner hohen Zinne aus
Kein Flehen ist bei dir vergebens
Bewachest auch mein kleines Haus
Ich ziehe aus mit meinem Horne
Bewache diese Christenstadt
O Herr du strafst mich nicht im Zorne
Lässt mich nicht werden müd und matt
Will dir im Schlaf mein Aug erschließen
Du hast die Furcht mir zugesellt
Der Wächter muss so vieles wissen
Die Nacht ist eine eigne Welt
Susanna stand zwischen den beiden Schreckenstimmen noch voll von dem Tumulte des
Schauspiels und wusste nicht was sie tun sollte der Blumenstrauß und das Geld
schienen ihr eine jämmerliche Gabe für die Größe der Zeit die vor ihr auftrat
sie riss unwillkürlich den Beutel auf wo sie ihn zugebunden und das Geld fiel
klingelnd in das dunkle Gefängnis der Wächter rief sie an und sie musste sich
von dem Fenster fortflüchten
Anton sah das Geld am Boden und war gleich aufgesprungen um den unbekannten
Geber zu entdecken er trat ans Fenster wo ihm der Wächter eine ernste gute
Nacht bot und weiter nichts sagen konnte als dass jemand am Fenster gestanden
und rasch davon gelaufen sei Jetzt las er das Geld auf und erkannte alles für
echte Goldgulden es war eine Summe wie er sie in glücklichen Zeiten nicht
besessen was sollte er jetzt damit in unglücklicher Zeit Berauschen wollte er
sich vor den Nachgedanken die auf ihn eindrängten er hatte noch nie über sich
selbst nachgedacht wie heute und sein Wesen was es sei und wie es mit den
andern sich verhalte wenn er im Kerker durch die Rache des Ratsherrn untergehe
ob ihm die Versprechungen der Mönche im ewigen Leben gehalten würden das war
ihm sonderbar umhergegangen und er hätte es vergessen mögen
»Wach auf« rief er dem Gerichtsdiener »ich will Wein haben« »Hat Er
Geld« »Ja alles mit Gott« Und so brachte ihm der schwarze Gerichtsdiener
für einen der Goldgulden mehr Wein als er vertrinken machte Er setzte die
Flaschen in eine Reihe neben sein Strohlager und leerte in hastiger Eile ein
paar da ward ihm das Öde und Zweifelhafte in seinem Leben bald verbunden er
glaubte sich ein Strudel der alle Schiffe an sich gezogen und verderbt er
selbst musste sich drehen ob er gleich lieber in einer schönen Fläche geruht
hätte »Es ist ein eigener Zauber an mir« dachte er »es macht sich alles von
selbst und wird alles anders als ich meine bin ich etwa der Zauberer der
seine Kräfte nicht kennt Jetzt will ich sie versuchen« Scheu wendete er sich
nach dem Dunkel und erblickte die zärtliche Gestalt in großer Nähe sie sprach
auch zu ihm als er sein Auge nicht abwendete »Zauberer warum ziehst du mich
aus meiner Seligkeit und stößt mit Degen und Blicken gegen mich und verachtest
mich Deiner Macht muss ich gehorchen aber du gebietest mir nicht und mein
Dasein wird ein ewiges Warten« »Bringe dich selbst um« rief er wild »opfere
dich mir dass ich deiner Dienste froh werde indem ich dich verliere« Die
zärtliche Gestalt wendete sich um und sprach »Ich bringe mich um alles wenn
ich dich nicht mehr sehe« »Vernichte dich« rief Anton »hänge dich« Mit
einem Sprunge hing sie an seinem Halse »Hängen will ich mich an dich
vernichten will ich mich in lauter Zärtlichkeit«
Er hatte sich nur hart gestellt sein Herz klopfte seine Wangen brannten
sie aber schlief in seinen Armen ein und mitten im Taumel seiner Wünsche denen
er nicht mehr gebot die er nicht zu hemmen wünschte machte ihn der Anblick
ihres müden sinkenden Auges so schlaftrunken dass er eingeschlafen war ehe er
es ahnte Durch eine wilde Verwirrung von Schrecknissen aller Art wandelte er
träumend und kam zu einem sicheren behaglichen Leben auf hohem Schloss er hieß
der große Zauberer aber er mochte nicht mehr zaubern Nun kommen viele Gäste
bei ihm zusammen darunter auch alle mit denen er in diesen Tagen zusammen
gewirtschaftet er sah Seger und den Junker Blaubart unter andern neben sich und
jener bat ihn an diesem seine alte Kunst zu beweisen Köpfe abzubauen und
wieder anzusetzen Ihm ist bei dieser Rede als ob er die Kunst wirklich
verstehe aber so wie einen gefährlichen Sprung der doch einmal missraten
könnte gänzlich abgeschworen hätte aber alle dringen in ihn er möchte es nur
einmal noch versuchen Sicher seiner Sache aber doch ängstlich weil es das
letzte Mal ist wo er sich damit zeigen will haut er den Kopf mit eben dem
Degen ab den ihm Frau Anna gesendet hat er wirft ihn spielend in die Luft und
setzt ihn dann wieder auf aber die Muskeln wollen einander nicht anpassen und
der Kopf sieht ihn starr an Gleich merkt er dass einer der Gäste ihn daran
behindert er bittet flehentlich ihn nicht zu stören versucht wieder das
Aufsetzen jenes Kopfes aber es ist durchaus als wäre ein Stück verloren es
fügt sich nicht zusammen Er warnt und droht dreimal der Kopf fügt sich nicht
zusammen Da bricht ihm der Verstand auf er zieht aus einem Fenstergitter eine
weiße Lilie auf der hieb er die Blume ab im Augenblicke stürzte Seger neben
ihm tot nieder aber der abgehauene Kopf fügte sich von selbst dem Rumpfe der
Junker stand frisch vor ihm und schmähete auf Seger als auf einen verruchten
Zauberer der ihm nach dem Leben getrachtet habe Darauf folgten Hochzeiten und
hohe Freuden es lagen aber viele erschlagene Bauern unter den Tischen
Seger hatte während dieser Nacht wo Anton also träumte wenig Ruhe gehabt
er war bald zu Güldenkamm bald zu Susannen gekommen und hatte ihnen unter
grimmigen Klagen versichert dass ihm am nächsten Tage der Tod bevorstehe sie
möchten doch für ihn beten vielleicht könnte es ihm noch helfen er wolle
selbst sein Geld zum Messelesen tragen Der Wirt den er deswegen weckte
versicherte ihm aber dass seit der Bilderstürmung keine Messe mehr in der Stadt
gelesen werde Seger schlug sich vor den Kopf und hatte im Zimmer keine Ruhe er
lief durch die Gassen in grimmiger Angst und schrie ein so entsetzliches Wehe
Wehe Wehe durch die Stadt dass viele ehrliche Bürger die davon erwachten
heftig erschreckt wurden doch schrie er so fort bis an den Morgen wo ihn die
Scharwache nach langem Kampfe festhielt Er wurde auf den Platz geführt wo
gestern das ritterliche Gefecht gehalten worden war und stand auf dem Flecke
wo das Blut vergossen da klagte er grimmig über Brand aber die Wächter ließ
ihn nicht von der Stelle Anton erwachte von seinem Geschrei halb taumelnd noch
von seinem Traum sprang er ans Fenster nach der Ursach umzuschaun da liegen
die Blumen die Susanna am Abend hatte fallen lassen und eine Lilie legt sich
an das Gitter als ob sie daraus erwachsen wäre Anton halb noch im Traume vor
sich den Platz überschauend wo er gestern den Junker niedergestreckt hatte
reißt ohne Nachgedanken bloß in Erinnerung seines Traumes das Haupt der Lilie
ab ein grimmiger Schrei erhebt sich jetzt auf dem Platze die Wachen laufen
auseinander so schrecklich hat Seger sie angeblickt jetzt liegt er bleich an
dem Boden und scheint entseelt
Anton wendet sich fort vom Fenster und sieht im Dunkel die zärtliche
Gestalt seine Gedanken laufen zusammen die Angst ergreift ihn mit einem
Drucke seiner Hand reißt er die eisernen Stäbe seines Fensters aus der Mauer und
steht in einem Schwunge frei vor dem Turme Keiner bemerkt ihn denn eben geht
ein größeres Wunder die gemauerten Stufen zum Marktplatze herunter des Junkers
bleiches Angesicht blickt aus seiner Rüstung in der ihn die Seinen in der
Kirche niedergelegt hatten verwundert auf die Menschen herab die vor ihm wie
vor einem Geiste flüchten Anton weiß alles aus seinem Traume aber er kann es
nicht ausdrücken sein Auge ist schon auf einen neuen Zug geheftet der von der
andern Seite der Kirche die Stufen herab kommt Fräulein Gertraud und ihre
jammernden Freundinnen die den Leichnam des Ritters bekränzen rufen in alle
Winde den Frevel aus der dieses trauernde Denkmal jugendlicher Schönheit ihnen
entführt hat ihr Schritt ist immer heftiger wie sie aber den Markt betreten
sieht zu ihnen der Ritter mit ausgebreiteten Armen die Liebe des Fräuleins
weicht jetzt der Furcht sie kann nicht fliehen aber sie wendet sich von ihm
und schließt ihre Augen mit beiden Händen Es ist ein Augenblick wo alles
stille steht dass die Ratsuhr über den vollen Markt zu hören ist dann aber hat
die Seele aus ihrer innersten Tiefe einen Lebensmut getrunken »Gertraud ich
lebe« ruft der Ritter »geliebte Gertraud sieh mein Waidewund kennt mich und
legt sich mir zu Füßen wende dich nicht fort von mir« Kaum ruht sie selig in
seinen Armen so eilt Susanna auf Anton zu und spricht zu ihm »Herr waffnet
Euch oben in der Stadt im Wirtshause wird heftig gefochten viel fremdes Volk
ist in der Stadt die sie verbrennen wollen alle rufen nach Seger der muss ihr
Anführer sein«
Nach diesem Zuruf reichte sie ihm den Degen der Frau und einen Helm den sie
gefunden Schon stürzen die Ratsherren herbei und einzelne bewaffnete Bürger
viele sprechen von Gegenwehr »Nieder mit den Mordbrennern« schreien sie aber
keiner führt sie keiner weiß die Macht zu richten
Da tritt Anton in ihre Mitte und schreit »Wer die Stadt lieb hat der folge
mir« Die Gewalt seiner Stimme und seines Ansehens unterwirft sich alle
Ritter Blaubart selbst stellt sich an seine Seite keiner kennt ihn und doch
trauen ihm alle denn mit rascher Einsicht teilt er die Männer ab lässt die
Halbbewaffneten zurück teilt die Bewaffneten in drei Rotten die eine führt er
die andere der Ritter die dritte Susanna Diese drei lässt er durch drei
verschiedene Straßen gegen das Wirtshaus andringen wo die fremden Mordbrenner
Seger suchen Wo sie ziehen geben sie den guten Bürgern Mut sich ihnen zu
gesellen ihre Zahl vermehrt sich um das Doppelte ehe sie an dem Ort des
Kampfes ankamen wo die Bürger eben nach allen Seiten vor den Fremden
zurückwichen aber auf allen drei Seiten wo sie fliehen wollten von den
frischen Rotten aufgenommen und in den Kampf zurückgedrängt wurden
Der Kampf war über alle Erwartung heftig die Gegner wohl bewaffnet und so
entschieden auf Sieg oder Tod gefasst dass alle Anerbietungen von Gnade bei ihnen
abgleiteten sie selbst hatten hinter sich die Häuser angezündet dass keiner der
Ihren im Wahne sich zu retten den Kampf verlassen konnte dabei schien eine
Religionswut sie zu begeistern denn sie riefen grimmig den Bürgern »Ketzer
Ketzer« entgegen auch teilte das ausbrechende Feuer die Aufmerksamkeit des
Rats und der herbeieilenden Bürger Anton half nach wo er irgend einen Kampf
zweifelhaft sah ihn selbst scheuten die Verräter er aber schonte sie nicht und
sein Degen arbeitete in seiner Hand dass er es selbst nicht begreifen konnte
Sein Mut drängte ihn vor und er war fast von den Feinden umringt als ihm die
bekannte Stimme Fausts zurief »Komm flüchte in meine Arme ich weinte mich
blind wenn dein Leib durchbohrt wäre« Aber mit grimmem Zorne den er nicht
bewältigen konnte es war ihm wie in der Kindheit wenn ihn große Mädchen
verspotteten schlug er auf den Doktor ein und streckte ihn nieder Jetzt aber
trat ein fahrender Schüler gegen ihn auf der einen festen Degen hatte keiner
mochte da nahe treten viele aber ruhten einen Augenblick denn solche Künste
hatte noch niemand geschaut aber wie zwei Ärzte welche mit ihrer Kunst bei
einer Frau die beide lieben gegen einander wirken und beide nichts ausrichten
können weil sich ihre Mittel und Liebestränke einander aufheben so fochten
auch diese festen Degen gegen einander ganz vergebens bis Güldenkamm der
bisher unter den Fremden versteckt gewesen war mit des Fräuleins Nadel die er
in seinem Busen bewahrt hatte den fahrenden Schüler von hinten durchstach dass
er umsank Jetzt konnte Anton erst wieder auf die Seinen sehen da war aber
alles rückwärts gewichen ja alles wäre verloren gewesen wenn nicht die welche
am Markte von ihm zurückgelassen worden jetzt verstärkt ihnen zugezogen wären
Unter diesen waren endlich auch gute Schützen die ihre Musketen geladen hatten
und den Kampf entschieden da gab es ein Bücken ein Schreien zu allen Heiligen
ein Fluchen und Würgen die Fremden wurden endlich in den brennenden Hof des
Wirtshauses getrieben nachdem sie ihre größte Zahl verloren hatten In dem
Jammer dieser Glut suchten sie wieder hinauszudringen da stürzte aber das
Gebäude zusammen und die letzten schrien mit großer Wut aber
unerschütterlicher Festigkeit Rache und Trotz gegen die ketzerische Stadt
Jetzt ließ Anton den Bürgern noch nicht Zeit ihre Gefallenen zu betrauern
und ihre Gefangenen auszuforschen dem Feuer musste erst Einhalt getan werden
das mit unermüdlicher Tätigkeit um sich griff und zerstörte Anton befahl
einige kleinere Häuser die den brennenden Teil mit dem übrigen Teile verband
niederzureissen er selbst stieg voran und half mit seiner Stärke als diese
Arbeit beendigt ließ er die Spritzen an diesen Übergangsorten sammeln jenen
Teil aber dem Feuer Übergeben das ihn auch in einer Stunde nach dem Kampfe bis
zu den Kellern ausgebrannt hatte Die Wachen blieben noch immer an ihren
Stellen jetzt aber wo man mitten in dem Jammer und in der Freude der Bürger
die siegend viele der Ihren verloren hatten zu der Untersuchung schreiten
wollte verkündeten die Hörner aller Turmwächter die Ankunft eines Heeres Das
Zutrauen zu Anton hatte sich bis zu einer göttlichen Verehrung durch den Erfolg
vermehrt jeder wusste von seinem wunderbaren Kampfe mit dem fahrenden Schüler zu
erzählen der allerdings ein Erzzauberer gewesen sein musste jeder fragte jetzt
um seine Befehle und er ließ schleunig die Tore schließen die Brücken aufziehen
und die Bürger die endlich alle bewaffnet waren den Wall besetzen die
Ermüdeten mit Wein aus den Ratskellern stärken auch Speisen durch die Weiber
herbeitragen
Der anziehende Haufe wurde an seiner unordentlichen Bewegung an dem
unbestimmten Blinken mannigfaltiger Waffen an den Feuersäulen die hinter ihm
aller Orten aufgingen für ein Bauernheer erkannt das sich unter Anführung des
armen Konrad schon seit einem Monat versammelt hatte Bald trieb der Wind den
hohen Staub über die Stadtmauer auch klang das alte Spottlied »Der Schwäbisch
Bund kummt die Gurr gumpt da drunten da droben da kummen die Schwoben mit
der kleine Gillegeia mit der großen Gunggung«
Anton vertrieb ihnen dieses Zutrauen indem er auf einen Wink erst alle
kleine Gewehre dann alle großen Stücke gegen sie losbrennen ließ Diese
unerwartete Anrede wendete sie in einem Augenblick allesamt um die Getroffenen
ausgenommen die jämmerlich am Boden schrien sie zogen sich in eine
Entfernung wo sie vom Geschütz nicht mehr erreicht werden konnten Kurz darauf
ritt ein Trompeter bis nahe ans Tor und begehrte eine Unterhandlung Anton musste
auf Begehren der Ratsherren zu ihnen heraustreten Der Abgesandte bei dem
Trompeter war der arme Konrad selbst er bot der Stadt Friede und Schonung ihrer
Dörfer an wenn man ihnen alle Freunde die wahrscheinlich bei ihnen gefangen
seien ausliefern wolle insbesondere erkundigte er sich nach Seger der über
alle Haufen den Oberbefehl führte Anton sagte ihm dass er tot sei Da wollte
Konrad schier aus der Haut fahren er schlug sich gegen die Stirne und weinte
die hellen Tränen ein paar seiner Leute begehrten von ihm Rat er aber sprach
»Ich bin nicht Konrad sondern kein Rat Der arme Konrad heiß ich bin ich
bleib ich« Anton erzählte ihm alle Greuel wie es in der Stadt ergangen ehe
sie der Fremdlinge Meister geworden seien Konrad redete granzend dazwischen
»Ja wär Seger nur nicht so früh gestorben da wären wir diesen Morgen schon in
der Stadt gewesen und hätten gewirtschaftet da er uns kein Zeichen mit dem
Tuche an der Mauer gab so schlichen unsre Kundschafter zurück und meinten alles
bis morgen aufgeschoben was mag dem guten Bruder angekommen sein ach gnädiger
Herr es ist mit der Mutter Maria gar nichts mehr sonst wär es uns besser
gegangen sagt guter Herr was habt Ihr in der Stadt für einen Patron wir
wollen uns auch darunter begeben«
»Hör du arme Seele« sprach Anton »du bist auch wohl zum Heerführer
geworden du weißt nicht wie«
»Ja Herr woher wisst Ihr das« sprach Konrad »seht Ihrs mir an der Nase
an ja verflucht meine Nase hat mich immer verraten seht nur ich war ein
armer Knecht des Herzogs von Württemberg in Beutelsbach und da sagte mir einmal
der Seger der Herzog sei ein Mensch wie ich das kam mir gar wunderlich in die
Gesinnung ich fragte den geistlichen Herrn was jenen zum Herzog und mich zum
armen Konrad gemacht habe der sagte mir der liebe Gott und weil wir beide
der zum Herzog und ich zum Konrad geboren so seien wir auch höchsten Orts dazu
gewählt und müssten wir dabei bleiben Damit war ich ruhig und wurde bald darauf
von einem hitzigen Trunk sehr krank und der Geistliche sagte ich solle mich nur
drein ergeben ich müsse sterben Ich sagte ihm aber kecklich Nein Herr so geb
ich mich noch nicht und er musste unverrichteter Sache abziehen ohne dass er
mich zum Tode vorbereiten konnte Da wurde ich bald darauf wieder gesund saß
einen Monat nachher auf meinem Kirschbaum und pflückte mir Kirschen der
geistliche Herr ging darunter weg und sah mich nicht da ließ ich ihm ein
Dutzend Kirschen auf die Nase fallen He Konrad sprach er seid Ihrs wie
gehts Euch Recht gut sprach ich ich bin auf einen grünen Zweig gekommen
aber sagt Herr wo wär ich jetzt wenn ich Euch gefolgt wäre und mich ins
Sterben begeben hätte Seht Herr seit dem Tage kriegte ich einen festen Mut
was mir nicht recht war das sagte ich und litt es nicht wo etwas auszufechten
war da sprach ich«
»Sprech Er nur nicht zu lange« sagte der Trompeter zu dem Feldherrn »ich
habe meine Zeit auch nicht gestohlen«
»Was ist Er« sprach der arme Konrad »Er ist Trompeter also schweig Er
wenn sein Kriegsoberster redet wie soll ich Krieg führen wenn jeder Schliffel
drein spricht«
»Recht so« sagte Anton »Ihr verstehts das ist Kriegsordnung«
»Nun hört Er wohl« sprach Konrad »der Herr sagts auch immer soll ich
unrecht haben sie sehen es mir alle an dass ich nur ein dummer Bauer bin Sie
hören mich doch noch an was ich so in meiner Dummheit rede aber die
Ochsenpantoffel lachen mich immer aus« Nun gnädger Herr da kam die neue
Pfennigsteuer und die neuen Masse in unser Land das fand ich ganz unrecht Maß
ist Maß und was wir zu geben hatten das gaben wir lange als wir so zusammen
waren sprach ich darüber und alle gaben mir recht da nahm ich meinen Stock
machte einen Kreis und sagte Wer den Pfennig nicht geben will der komm in
diesen Kreis Da gingen sie alle hinein und so weit war es recht gut mit dem
Spaß aber da war gleich der Geisshirte und der Hammelmann die sagten ich solle
ihr Feldoberster werden oder der Teufel sollte mich auf der Stelle holen Es
waren ein paar starke Kerls rechte Knochenbrecher was sollte ich mich wehren
ich sagte ihnen Meinetwegen wenns nicht anders sein soll wenn unser Herr
Treibjagen hielt hatte ich oft schon die Jungens angestellt Da war alles
richtig«
Ein Bauer kam jetzt mit großem Zorne »Oberster wir hauen Euch das Fell
lederweich wenn Ihr nicht bald den Kram abschliesst«
»Bedanke mich für eure Dienste« sagte Konrad »mag nicht mehr euer
Feldoberster sein alle Tage Prügel zu kriegen man mag tun was man will das
hält kein Mensch auf die Länge aus wenn es Euch recht ist gnädger Herr so
gehe ich mit Euch in die Stadt Ihr braucht doch wohl einen Hausknecht ich bin
fleißig und diese Geschichte soll meinem Vorwitz eine rechte Warnung sein«
Die andern Bauern und der Trompeter wollten über den armen knickbeinigen
Kerl mit derben Fäusten herfallen aber Anton schmiss sie zurück versicherte ihn
seines Schutzes und ließ den Bauern durch den Trompeter sagen wenn sie nicht
liefen dass ihnen die Beine ausfielen so möchten sie wohl nimmermehr gesund
nach Hause kommen dann ging er mit seinem armen Konrad in die Stadt den er
sogleich als Knecht in seine Dienste einsetzte und bestallte mit dem Amte eines
Stallknechtes
Der Übergang ihres Oberfeldherrn Konrad die Nachricht von Segers und der
Seinen Tode hatte schon gewirkt noch ehe Anton dem Rate Bericht über seine
Sendung abgestattet hatte die Bürger sahen mit Jubel den schnellen Rückzug der
Bauern und sangen Schandlieder hinter ihnen her »Vor einem Knall sind sie
geflohn gelobt sei unser Herr Anton« Alle dankten ihm jetzt feierlichst für
seinen Heldenmut und Klugheit die Tochter des Ratsherrn die ihn gestern
erstechen wollte überreichte ihm mit einem zärtlich verwirrten beschämten
Blicke einen Kranz und einen herrlichen roten Mantel mit Gold gestickt Beides
musste er anlegen um zu dem Rate hinauf zu gehen der ihn in einer ernsten Rede
begrüßte und den Ritterschlag durch des Kaisers hohe Hand ihm zusicherte Anton
achtete wenig auf diese Rede denn hinter dem Redner im Dunkel begrüßte ihn die
zärtliche Gestalt mit solcher Heftigkeit dass er erhitzt vom Kampfe sich kaum
bemeistern konnte alle lieblichen Jungfrauengestalten die ihn mit Gertraud
umgaben unter denen auch viele waren die er im Bade gesehen hatte
verschwanden gegen den glühenden Reiz die schamlose Lockung der zärtlichen
Gestalt alles was zu seiner Ehre gesprochen war schien ihm zum Ärger gesagt
denn seine ganze Sehnsucht strebte nur nach dem Augenblicke mit der frechen
Schönen allein zu sein Neue Qualen hinderten ihn als jetzt noch die
verwundeten Gefangenen nachdem die Frauen entlassen in seiner Gegenwart zum
Verhöre geführt wurden aber die Lichter die jetzt den Saal erhellten
verdrängten den zärtlichen Schatten er gewann der Fassung und Überlegung genug
die Entwirrung alles Rätselhaften in den Begebenheiten der letzten Tage mit Ruhe
abzuwarten und abzuhorchen Der fahrende Schüler welchen er niedergestreckt
wurde noch lebend hereingetragen er litt fürchterlich in den Qualen seines
Gewissens mehr als an seinen Wunden und erklärte dass er in Rom von Mönchen
mit Seger und vielen hundert andern die sich nur aus Zeichen kannten
ausgesendet worden sei die Länder in denen sich ein Anhang Luthers zeigte
durch Brand und Aufruhr zu verwüsten Ihm wurde ein Geistlicher gerufen dem er
sein Bekenntnis schwer atmend in abgerissenen Sätzen ablegte die Reihe seiner
Brandstiftungen übertraf seine Kräfte durch geheime Zeichen die nur den Seinen
bekannt waren heftete er das Verderben an friedliche Wohnungen deren Bewohner
sie sahen und als kindische Spielerei duldeten wo bald das Feuer zu ihrem
Verderben eingelegt wurde selbst den Vögeln deren Schutz sonst Segen über die
Häuser bringt den frommen Schwalben hatten sie oft brennenden Zündschwamm an
die Füße gebunden womit sie in ihre Nester geflogen sind und ihre Jungen zuerst
dem Tode und ihre Schützer dem Verderben übergeben haben Hier erfuhr Anton dass
der Brand in dem Frauenhause zu Augsburg der heimlich sein Gewissen beschwerte
ein längst beschlossener Bundesstreich dieser Rotte war der ihnen aber durch
Antons Händel und die dadurch erweckte Besorglichkeit der Bürger weniger
eingetragen hatte als sie erwartet Daher der plötzlich wieder erwachte Ingrimm
in Segers Herzen dessen ganzes Verhalten zu Anton wie der Schüler meinte noch
besondere Gründe haben müsse er sei zuweilen sehr ängstlich um ihn besorgt
gewesen Der Schüler fieberte dann allerlei Geschichten unter einander endlich
kam er auf den Anschlag gegen die Stadt nannte die Orte die von Seger zum
Feuereinlegen bezeichnet gewesen waren welches Feuer schon in der Nacht hätte
auskommen sollen um die Bürger am Morgen in der größten Verwirrung zu
überfallen er bezeichnete den Ort der Mauer wo er mit seinen Gesellen
eingeschlichen war Er habe im Wirtshause das erste Feuer einlegen sollen und
sei fast damit fertig gewesen als er in der Kammer von einem fremden Knaben ein
Gebet vernahm der sich und die ganze Stadt in die gnädige Vorsorge Gottes
befohlen und bekreuziget habe die Stimme habe aber auf eine Stelle in seiner
Seele getroffen die er hart zugefroren gemeint und jetzt so weich gefunden dass
sein ganzer Vorsatz darin versunken Gleich habe er das eingelegte Feuer
gelöscht und einige Häuser weiter eingelegt er habe sich erkundigt wer der
Knabe sei und man habe ihn Kurt genannt er sei mit Seger gekommen was ihn
aber über alle Beschreibung geärgert denselben Knaben habe er am Morgen im
Gefechte überall gegen sich gefunden und ihm doch nichts anhaben können er
wisse selbst nicht wie ihn das so wild gemacht dass er darum auf Anton so
unermüdlich losgestossen
Dieses war seine letzte Erzählung seine Notseufzer verkündigten sein Ende
ein Kinnbackenkrampf schloss ihm den Mund durch den nur ein dumpfes Schlucken
hervorscholl Die allgemeine Ermüdung machte der Sitzung ein Ende die nötige
Vorsicht für die nahende überschattende Nacht auf den Wällen und bei der
Brandstätte beschäftigte Anton noch einige Zeit dann führte ihn der Ratsherr
Ehinger der Vater der schönen Gertraud nach seinem Hause um ihn dort zu
bewirten und zu betten Vergebens weigerte sich Anton aus einer Bescheidenheit
die ihm im Glücke immer eigen war bei ihm zu nachten doch drang er sehr
ernstlich darauf erst von seinen beiden Gefährten Güldenkamm und Susanna
Nachricht zu bekommen
»Für die ist längst bei mir gesorgt« sprach der dienstfertige Mann »was
werdet Ihr aber sagen werter Ritter wenn ich Euch versichere dass jetzt die
Zeit gekommen wo die Schmetterlinge aus ihren Larven fliegen und in der Sonne
glänzen«
Anton verstand ihn nicht jener fuhr fort »Ihr werdet sehen dass ich eine
neue Tochter gewonnen da mein Sohn verloren und meine Tochter durch Heirat mir
entfremdet wird und einen Sohn wohl zugleich wenn ich die jungen Leute recht
verstehe Ihr seht mich groß an und legt den Finger an den Mund ich wills Euch
erklären der Kurt von hier der in früheren Jahren zu Waiblingen bei einem
reichen Vetter sich aufhielt von dem nach Augsburg geschickt wurde auf die
Stadtschule und dort durch böse Lust verführt mit einem öffentlichen Mädchen
flüchtete jetzt hört leise denn mein Schmerz kann es Euch nicht laut sagen
ist eben der fahrende Schüler der durch Euch und Güldenkamm gefallen ist macht
keine Entschuldigung ich lese sie auf Eurem Gesichte Ihr tatet ein herrlich
Werk ich hätte es selbst vollbringen müssen wärt Ihr nicht gewesen es war ein
Ausbund von Verderben in diesem Knaben Der Himmel hat ihn mir schon reichlich
in Eurem Kurt ersetzt der Susanna heißt und in edler weiblicher Tracht alle
unsre Mädchen an Ausdruck und edlem Leben übertrifft ein Hieb hatte den Wams
gelöst ich erkannte ihr Geschlecht und gebe sie ihrem Geschlechte zurück
Güldenkamm ist zum Vergehen in sie verliebt und verlässt sie keinen Augenblick«
Mit diesem Gespräche hatten sie sich dem Hause des Ratsherren genähert
Anton von allen Gefühlen bestürmt nahm doch mit tiefem Schmerze wahr dass ein
Jammer über den nahen Verlust Susannens diese alle überwältigte schweren
Herzens trat er in den Saal und mit einem freudigen Rufe sprang ihm Susanna
entgegen die auf einem Ruhebette eingeschlummert war Er staunte als er sie
jetzt anschaute und vergaß darüber Güldenkamm für die Kühnheit zu danken mit
der er dem Gefechte zwischen ihm und dem fahrenden Schüler ein Ende gemacht
hatte er sah sie in vollendeter weiblicher Reife vor sich stehen so schnell
hatte das tätige Leben worin er sie gestürzt ihre Entwickelung beendigt Ihre
verbrannte Haut im Antlitz und an den Händen wie eine fremde Färbung neben dem
weißen Schnee ihrer Arme und ihres Halses erinnerte an einen Übergang aus einem
sehr verschiedenen Lebensklima in aller Bewegung erschien sie sonst in dem
Ebenmasse und der geschickten Verbindung einer Frau die lange in den besten
Gesellschaften ihres Geschlechts gelebt hatte der Anstand war ihr etwas
Eingebornes kein Angelerntes sie konnte ihn nicht lassen also konnte sie auch
nicht dagegen sündigen Bald erhoben sich noch andere befreundete Hausgenossen
Ritter Blaubart der an seinen früheren Wunden litt und an diesem Tage wieder
ein paar leichte Wunden erhalten hatte bat Anton zu ihm zu treten und bot ihm
seine Hand um damit allen vergangenen Streit auf ewig aus seinem Herzen
auszulöschen Anton gab ihm mit freundlichem Entgegenkommen beide Hände und
schwor ihm dass er sich auf ihn verlassen dürfe wo er ihn irgend brauchen
könne Fräulein Gertraud war bei dieser ganzen Verhandlung in einer wunderlichen
Bewegung die aber Anton wenig beachtete weil er innerlich ganz mit Susannen
beschäftigt war sie wandte sich mit einer Unruhe mit einer fliegenden Röte so
oft zu ihm schien um ihren Bräutigam so gar nicht mehr unruhig und während sie
jenem mit steter Aufmerksamkeit Wein und Früchte und was die Küche vermochte
darbot ließ sie diesen mehrmals nach einer Labung bitten die sie ihm dann
eilig darreichte um von Anton etwas Neues zu vernehmen »Mein Kranz hat sich
auf Eurer Stirn verrückt« sagte sie plötzlich als nichts seine Aufmerksamkeit
gewinnen wollte stellte sich vor ihn rückte an dem Kranze und drückte ihm
zuletzt einen bekämpften Kuss auf die Lippen von dem sie aus Verlegenheit
überlaut lachend sich zu ihrem Vater umdrehte und sagte »Lieber Vater den Kuss
war ich unserm Befreier noch für alle jene schuldig die ich gestern auf meinen
Knieen verschwendet habe um ihn schnell hinrichten zu lassen« Der Vater
lachte und sprach »So seid ihr Mädchen so war auch meine Frau selig wenn ich
an einem Tage alles getan hätte worum sie mich gebeten sie hätte mir dafür am
nächsten Tage die Augen ausgekratzt was wird aber der fremde Ritter dazu sagen
von einem Mädchen geküsst zu werden« »Ihr seht ja dass ich schweige« sagte
Anton »denn im Grunde küsst das Fräulein in mir nur ihren Ritter weil sie ihn
nun ungestört besitzt und mir etwas Verdienst darum zuschreiben will«
Fräulein Gertraud schien mit dieser Auslegung nicht zufrieden und durfte es
sich doch nicht merken lassen als sie aber Antons Seite beim Nachtessen besetzt
hatte da drückte sie ihm zärtlich die Hand und er musste es erwidern weil er
überhaupt niemand leicht etwas abschlagen konnte Doch beschäftigten ihn diese
Zeichen wenig er sehnte sich nach einem Augenblicke mit Susannen allein zu
sein und doch fand sich keiner durch die stete Gegenwart und Gesprächigkeit des
Fräuleins die immer lebhafter in ihn drang alle kleinen Umstände dieser Tage
zu erfahren Anton erzählte endlich den ganzen Vorgang ausführlich vergaß auch
der Goldstücke nicht die in sein Gefängnis geworfen worden und die dem
Ratsherren durch ihre Jahreszahl als äußerst selten bekannt waren er
behauptete dass niemand in der Stadt einer solchen Freigebigkeit fähig sei
Anton erzählte dann auch von seinem wunderbaren Traume und von den Blumen die
er am Fenstergitter gefunden dabei bemerkte er dass sich Susanna entfärbte er
brach also ab weil er eine weibliche Gespensterfurcht in ihr voraussetzte und
ging zu der fröhlichen Unterredung mit dem Obersten der Bauern über den er zu
diesem Zwecke ins Zimmer kommen ließ nachdem er sich einen Teller voll kleiner
Kieselsteine bestellt hatte »Konrad« sagte Anton als jener besorglich
eingetreten und an der Türe stehen geblieben war »Konrad wie geht es dir«
»Den armen Konrad hungert« antwortete Konrad »und da sage ich immer ein
Mensch ist doch immer ein Mensch und alle Menschen sind Sünder ich bin freilich
ein Sünder aber ein Mensch muss doch immer essen«
ANTON »Konrad möchtest wohl gern mit deinem Herrn an einem Tische essen«
KONRAD »Und aus einer Schüssel noch lieber«
ANTON »Meinst du denn wir essen mehr als ihr armen Leute«
KONRAD »Ihr esst doch so viel Ihr wollt und was Ihr wollt«
ANTON »Das weißt du nicht sieh Konrad wenn ich so feste Bauernklösse sehe
womit Ihr Euch die Köpfe einschlagen könntet da hab ich immer große Esslust
aber die sind zu schlecht auf einem Herrentische die darf ich nie fordern komm
einmal her ob dir unsre Kost schmeckt und ob sie dir wohl bekommt«
Konrad setzte sich ohne Umstände Anton zur Seite der einige Kieselsteine
vom Teller nahm mit einer Brühe übergoss und herunterschluckte der arme Konrad
war freilich schon von dem Geklapper dieses Gerichts überrascht meinte aber es
seien indianische Eier nahm sich eine tüchtige Portion und biss sich darauf
einen Zahn aus
Anton fragte ob er sich den Backenzahn ausgebissen hätte
»Ich bin der arme Konrad« sagte er und ging unter dem Gelächter der
Ratsherren heraus »und will der arme Konrad bleiben Hoffart will Zwang haben
von solcher Speise kriegt unser einer Zahnweh«
Anton warf ihm einen Braten zu der stehen geblieben war Konrad vergaß den
Schmerz und rief »Heida hier ists besser unterm Tische als an dem Tische
sitzen« Anton sehnte sich jetzt nach Ruhe es wurde seine Gesundheit getrunken
und die Stadtpfeifer ließ sich mit einer Musik vor den Fenstern hören er nahm
ein Licht und dankte allen da nahm ihm Susanna nach alter Gewohnheit das Licht
ab und wollte vorleuchten Anton sah sie traurig an »Seit du in diesen Kleidern
umhergehest kannst du mir nicht mehr als ein dienender Knabe vorgehen Kleider
machen Menschen«
»Lieber Herr« sprach sie züchtig »ich möchte mit Euch ein Wort allein
sprechen ist mir das auch nicht vergönnt«
»Nicht zu aller Zeit und an jedem Orte« sagte er »führe mich nicht in
Versuchung sondern erlöse mich vom Übel«
SUSANNA »Lieber Herr es ist etwas sehr Gutes was ich Euch sagen möchte«
Anton wollte sie eben mitnehmen als Fräulein Gertraud dazwischen trat und
Susanna mit der Bitte an sich zog sie möchte bei ihr schlafen der Ritter sei
müde und bedürfe der Ruhe Susanna schien sich ihr ungern zu fügen Anton ging
auf sein Zimmer schlaftrunken und von Susannen erfüllt vergaß er aller
Zärtlichkeit des Gespenstes dann wollte er einschlafen aber die zärtliche
Gestalt stand wieder mit unendlich freundlichen Reden vor ihm
»Wer lohnt deine Mühe wer preist deinen Ruhm« sprach sie »ich allein
alle andern denken nur an sich wenn es dunkel wird ich sehe dann ob du
schläfst und wache wenn du von der Welt nichts weißt bei deinem Lager wer
ist dir treu ich allein wer ist schön ich allein denn in mir sind alle die
dich lieben« »Schön bist du« sagte Anton »ich möchte dich malen wart dass
ich dich anschaue und in mein Gedächtnis präge« Kaum blickte er sie so fest
an so war sie verschwunden und er schlief ruhig bis zum Spätmorgen Kaum war er
angekleidet so klopfte es mehrmals furchtsam an seine Türe er öffnete und es
trat Susanna in der Kleidung eines Mannes zu ihm herein »Sollte mich der
Schmuck von Euch trennen« sprach sie »lieber wollte ich in Lumpen umhergehen
verwundert Euch nicht bis ich in den Kleidern einer Frau für Euch sorgen kann
bleibe ich so ich habe Euch viel zu erzählen gewährt mir Aufmerksamkeit
Jener Unbekannte der Euch die Goldgulden verehrt hat war ich denn ich hatte
auch die Blumen an Eurem Fenster zurückgelassen wie aber die Kreuzer und
Heller die wir im Wirtshause mit Komödienspielen erworben haben sich in
Goldgülden verwandelt haben weiß ich nicht so wenig wie die Blumen die Seger
auf dem Tische künstlich hatte wachsen lassen ihm selbst so gefährlich werden
konnten Seht hier den Beutel derselbe den ich von Eurer Frau empfing ich
meine dass in ihm die goldmachende Kraft heimlich verborgen sei Ihr müsst ihn
versuchen denn wahrhaftig in dem Degen der so unscheinbar ist müssen auch
geheime Kräfte wirken da er in so vielen Angriffen glücklich bestanden ist«
Sie versuchte jetzt den Beutel und warf ein paar kleine Münzen hinein wie sie
diese umschüttelte fielen ein paar Goldstücke heraus »Bei Gott« rief Anton
»das ist ein Fortunatussäckel nun bin ich für immer ein gemachter Mann will
mich aber in acht nehmen dass ich nicht so schändlich darum komme wie die alte
Historie von jenem berichtet Gleich Susanna lass einen Goldgulden in Kreuzer
wechseln ich will mir so viel Geld in dieser edlen Münze prägen dass ich meiner
verfluchten Frau ein Geschenk mache das mehr wert ist als ihre alten Becher und
alle alten Klappern ihres Hauses zusammengenommen bei Gott sie soll eine
Achtung gegen mich bekommen als wäre ich ein Dukatenmacher und wenn sie sich
vor mir auf die Knieen wirft so will ich stolz vorüberreiten und mein Pferd
soll ein Paar goldne Hufeisen fallen lassen die sie begierig hinter mir
aufnehmen wird und wenn auch Pferdeäpfel darauf lägen mach schnell und wechsle
es ist die einzige Lust die ich kaum erwarten kann dann will ich auch dem
Ratsfreunde seine Hosen wieder schicken und meine Schuld dreifach bezahlen und
ein Bündel Ruten womit die Frau zu ihrer Bessrung wie ein Sandland bepflanzt
werden muss dabei legen auch den andern Wirt will ich bezahlen und dann Almosen
geben dass Pforzheim in einem halben Jahre schöner aufgebaut ist als es je
gestanden« Heiter ging er in diesen Gedanken auf und nieder von Würden zu
Würden hob er sich empor erkaufte Länder erweiterte durch Eroberung und die
Krone auf der Kronenburg die das vereinigte Deutschland beherrschen sollte
fühlte er schon auf seiner Stirne ihm ward so wollüstig da stand die zärtliche
Gestalt in dem Dunkel des Zimmers vor ihm »Und dir« rief er wütend »dir werf
ich diese Handvoll Dukaten an den Kopf damit du kommst wenn ich dich rufe und
wegbleibst wenn du mich störst« Sie verschwand Susanna trat mit einem
Beutel voll kleiner Kupfermünzen herein die sich schnell in einen Schatz von
Golde verwandelten Er verfuhr damit wie er beschlossen ein angesehener
Kaufmann schaffte ihm ein Paar viel prachtvollere Becher als die er damals
seiner Frau heimlich verkauft hatte
Güldenkamm der von dem Kampfe kaum ausgeschlafen hatte musste die Wirte
bezahlen und necken dann ließ Anton in der ganzen Stadt die Armen die beim
Brande das Ihre verloren nach dem Ratause vorfordern um dort eine
Unterstützung zu empfangen Welcher Jubel von allen Seiten als die Goldgulden
so leicht wie die Kreuzer verschenkt wurden der Beutel musste den ganzen Tag
ununterbrochen arbeiten
Sehr verlegen trat aus der Menge sein erster Wirt im Hopfenblatte der
kleine Ratsfreund zu ihm »Die sich zuerst verkennen erkennen einander
späterhin am besten wer zuletzt lacht der lacht am besten meine Frau ist
durch Gottes Fügung verbrannt ich heirate in meinem Leben nicht wieder
herzlichen Dank für die gnädige Zahlung ich habe viel verloren in diesem
Brande aber meiner Frauen Tod macht aus einem geschlagenen einen reichen Mann
ich und mein Georg wissen vor lauter Vergnügen nicht wo uns der Kopf steht was
von Gott kommt das gedeiht durch Gott was aber vom Teufel kommt das geht mit
dem Teufel unter meine Frau ist wie ein Feuer in mein Haus gekommen und mit dem
Feuer hinausgezogen ich verlang nicht selig zu sein wo sie es ist«
»Ja« sagte Anton »es ist erschrecklich wie leichtsinnig wir Männer zu den
Weibern kommen hütet Euch künftig davor wenn Ihr Eure Hosen behalten wollt
Ihr habt der ganzen Stadt immer so gut geraten aber die ganze Stadt ist dafür
an Eure Frau geraten und das taugt nicht«
So schieden sie mit weisen Sprüchen auseinander Güldenkamm kam wie aus
einem Triumphzuge aus allen Kneipen der Stadt zurück ganz behangen mit Kränzen
und Bändern wie eine Festtagskerze schüttelte er sich sehr ärgerlich als Anton
ihm anzeigte dass er Rüstung und Pferde gekauft habe um mit dem anderen Morgen
nach Waiblingen zu ziehen Desto froher war Susanne ein geheimer Kummer musste
sie in der Stadt beschwert haben ihre Freude war heftig sie sprang gegen ihre
Gewohnheit hoch auf und rief »Nun wird alles gut Ihr kehret heim zu Eurer
Hausfrau lebt treu und ehrlich und ich kann ungekränkt in Eurer Nähe mich in
allem unterrichten lassen« »Nein liebes Mädchen« sagte Anton »du hast
meinen Fluch gehört jenes Glück ist für mich kein Wunsch mehr es liegt hinter
mir aber ich will seine Grabstätte noch überreiten um seiner zu spotten es
liegt mir wie ein Balken auf meinem Haupte dass mein Weib noch immer in sich
triumphiert wie ich in Not schmachte als ein armer Wicht und meint mich
bestraft für den unschuldigen Leichtsinn der mich erheitert hat sie soll es
sehen dass das Glück mir ewig treu ist ich will ihr nichts schuldig bleiben
reichlich will ich ihr ersetzen was sie mir geschenkt aber wenn sie dann mich
verlangt da soll sie mich suchen und nicht finden wie ich sie nicht gefunden
habe als ich sie suchte« Mit diesen Gedanken legte er sich auch ins Bette
er sah sich schon in stolzer Rüstung über den Markt reiten ließ sein Pferd auf
den Hinterfüssen tanzen und vergaß darüber der zärtlichen Gestalt zu achten als
ein leises Pochen seine Tür erschütterte und Fräulein Gertraud zu ihm ins Zimmer
trat in einer Hand eine Blendlaterne in der andern einen schön geschliffenen
Degen Anton glaubte im ersten Erwachen sie komme in der Absicht ihn zu
ermorden aber ihr freundliches Niederknieen an seinem Bette der Kuss den sie
auf eine Hand drückte ließ ihn eher einen Liebesgruss hoffen wozu sein Herz
auch nicht unwillig sich regte Er hoffte ein Wort von ihr zu hören aber sie
schwieg sah ihn zärtlich an und reichte einen Degen mit dem etwas ungeduldigen
Ausrufe »Da da« »Soll der mein sein soll ich ihn zu deiner Ehre führen«
Sie nickte und fing an ihn zu küssen einerlei was sie von ihm wegriss was
Antons Begierden nicht bloß entflammte sondern auch seine Ehre gewissermaßen
die sie in Zärtlichkeit zu überwältigen strebte Dieser Wettstreit von
Höflichkeit verwirrte ihre Lage immer mehr war ein Kuss ungewöhnlich
vertraulich so wurde der Gegengruss frei und der dritte unzüchtig der vierte
hätte Anton zur Schändung der Ehre der schönen Verlobten veranlasst wenn sie
nicht zurückgesprungen wäre und geweint hätte Anton schauderte wie ein armer
Sünder darüber zusammen »Was begegnet Euch Fräulein welch ein Unglück schwebt
Euch wie ein Gespenst vor« Sie aber antwortete »Ich will allem mich
unterwerfen aber schenke mir den Degen womit Ihr meinen Ritter überwunden
habt er wird ihn und seine wilden Launen in meine Gewalt geben wisst dass
schon zwei Frauen durch seine Heftigkeit gestorben sind« »Mein Fräulein«
sagte Anton »der Degen ist mir lieber als das teuerste Glied meines Leibes Ihr
fordert zu viel und es ist Torheit von Euch was der Degen wirkt das wirkt er
nur in meiner Hand in Eurer Hand ist er eine Gerte« »Bitte bitte« sagte sie
kindisch »ich brachte Euch dieses prächtige Schwert dessen Knopf in Italien
von Benvenuto Cellini in Stahl so herrlich geschnitten des Herkules Taten
darstellt seht ihn bei der Lampe wie wunderbar und Euer Degen dagegen halb
verrostet der Korb zerbrochen und klappernd wie könnt Ihr mir diese
Kleinigkeit versagen und dass ich ihn führen kann bei Gott das solltet Ihr
gleich sehen wenn Ihr ihn mir geben wolltet ich würde Euch zeigen und damit
nieder strecken und mit tausend Küssen züchtigen macht die Probe«
Anton konnte aus ritterlicher Gesinnung nichts dagegen einwenden er reichte
ihr seinen rostigen Flederwisch und bewaffnete sich mit dem neuen Degen
Gertraud drang lustig auf ihn ein er vermied es erst sie zu berühren und
wendete nur ihre Hiebe von sich ab deswegen ging er einigemal zurück der
wunderliche Geist des Degens hatte sie besessen und wäre er nicht durch Zufall
in sein Bette gestürzt er möchte verloren gewesen sein Er schämte sich und
wütete in sich mochte sich das aber nicht merken lassen der Befreier der
ganzen Stadt von einem Mädchen überwunden das schmerzte ihn er suchte dies
hinter Liebkosungen zu verstecken und seine Siegerin beantwortete diese in den
abenteuerlichsten Abirrungen einer Romanphantasie wollte er aber seiner Lust
gemäß sich an ihr erfreuen da drohte sie ihm mit dem Degen Ergrimmt darüber
wollte er sich in den Degen stürzen aber sie wich vor ihm und flüchtete sich
mit dem Zauberdegen von ihm fort Seine Wut war entflammt er ging in Konrads
Nebenzimmer und fragte warum er nicht ihm zu Hilfe gekommen sei er sei von
einem Fremden überfallen worden Konrad kam schweisstriefend unter der Decke
heraus und sagte »Herr das war unmöglich erst hörte ich Degen klingen da
verkroch ich mich unter der Decke davon kriegte ich solche Hitze und solchen
Schweiß dass wenn ich aufgestanden wäre ich mich sicher erkältet hätte die
Nächte werden wahrhaftig schon kalt« Anton konnte über den armen Teufel nicht
lachen er hätte sich gerne Luft gemacht seine Unruh ließ ihn nicht zum Schlaf
kommen gern hätte er den Schimpf vergessen aber er durfte nicht laut
schimpfen er hoffte auf das zärtliche Gespenst um seine Galle dagegen
auszuspeien Aber auch das blieb aus und nachdem er die Stunden auf und nieder
schreitend in seinem Zimmer gemessen hatte wurde es hell da wurde es ihm
wehmütig in seinem Herzen er ließ sich auf ein Knie nieder und betete zu dem
Gestirn das in alle Naturen Klarheit gösse ihn von diesen grauenvollen
Wunderlichkeiten die ihn umdunkelten zu erheben in die Arme der einen ewig
einigen Liebe zu legen die einst im gemeinsten Leben ihn so sicher und fest so
erfüllt von einem so erheitert von allem in ruhiger Tätigkeit geduldet hatte
»vorher aber« rief es in ihm »räche mich an dem Weibe das mich in diesen
Abgrund von Zweifeln durch Geiz und Zank gestürzt hat lass sie erblinden dass du
der Welt nicht dein strahlendes Auge entziehen musst«
Susanna trat jetzt zierlich gerüstet herein sie sagte dass alles auf sei
und eine Schar der edelsten Bürger habe beschlossen ihn zu begleiten Anton sah
sie nicht an er musste die Augen niederschlagen ein Ekel vor der Nacht schlug
ihn selbst nieder und als sie nach dem Zauberdegen fragte da wusste er kaum was
er antworten solle Er zwang sich zum Lachen und sprach »Sieh ich habe gut
getauscht was hältst du von dieser damaszierten Klinge von dem herrlichen
Gefäße«
»Recht schön« sagte Susanna »dieser trägt seine Schönheit außerhalb jener
hatte sie in sich«
Anton schwieg er fühlte dass sie recht habe er hätte heute den ganzen Tag
schweigen mögen und still und einsam seinen Weg fortreiten aber nun musste er
noch so viel Grüße so viel Feierlichkeiten ausstehen schon stand der Haufen
reitender Bürger in einer Reihe vor dem Hause die Trompeter schmetterten lustig
in die Morgenluft die Pauker wirbelten und ließ ihre Paukenhämmer durch die
Luft spielen die Fahne wehte und die Glocken läuteten Jetzt gab ein Schießen
mit kleinen Gewehren das Zeichen der Feierlichkeit die Bürgerschaft rückte von
allen Seiten an der Ratsherr trat in sein Zimmer und bereitete ihn auf ein
feierliches Lebehoch das ihm von den Einwohnern verbunden mit den fremden
Badegästen gegeben werden sollte Er trat mit ihm ans Fenster der Ratsherr
wollte das Fenster ausheben konnte aber damit nicht fertig werden Anton griff
zu und hob es mit einem Drucke aus den Angeln welche Freundlichkeit der ganzen
Bürgerschaft ungemein wohlgefiel Jetzt begannen die Zünfte mit ihren
Ehrenzeichen den Zug vor dem Fenster da trugen die Zimmerleute ein gezimmertes
kleines Haus mit bunten Bändern geziert die Maurer alle Säulenordnungen in
großen Modellen die Bäcker ließ ihren weiß angezogenen Fahnenschwinger durch
eine große Brezel springen kurz jedes Gewerk trug sein eigenes Zeichen mit
Pracht und Zierlichkeit jedes machte ein eigenes Geschenk und jedermann nahm an
dem geretteten Wohlstand der Stadt einen gemeinschaftlichen Anteil einen
Ausdruck mit allen der allen ein neues Band gegenseitigen Vertrauens wird
Nachdem sich alle Zünfte im Kreise gestellt rief der Ritter Blaubart wegen des
ausgezeichneten Mutes den er am Tage der Bestürmung bewiesen dem tapfersten
und weisesten Führer Ritter Grafen von Stock sein dreifaches Lebehoch alles
rief dreimal mit dass Pauken und Trompeten kaum zu hören waren Alle waren
entzückt nur Anton sah mit innerer Scham seinen guten alten Degen in den Händen
des Ritters und seufzte in sich nach Gelegenheit ihn mit offener Gewalt wieder
zu gewinnen Seine Pferde wurden jetzt vorgeführt sowohl die mit eigenem Gold
und Geschenken aller Art beladenen als auch die Ritterpferde da gab es ein
Anstaunen der Pracht er nahm einen herzlichen Abschied von seinem Hausherrn und
hing ihm eine goldne Kette um auch Gertraud zeigte sich ihm ganz unbefangen und
fröhlich als sähe sie ihn zum ersten Mal aber es war ihr noch eine Beschämung
zugedacht und die blieb nicht lange aus
Der arme Konrad hatte ihre Stimme in der Nacht recht wohl vernommen er
meinte einen seiner bäurischen Späße an ihr vollbringen zu können und hatte ihr
im Vorbeigehen wo er ihr den Rock zu küssen schien einen Faden hindurch
gezogen den gab er so geschickt über seine Schulter mit den Zügeln in Antons
Hand dass dieser indem er sein Pferd anspringen ließ die Röcke des Fräuleins
emporhob die jetzt als ein Bild der Unzüchtigkeit allgemein verlacht wurde
dabei tat er aber so eifrig diesen Faden abzureissen dass er das Übel noch
vermehrte ehe er es fortschaffen konnte Ritter Blaubart unentschlossen ob er
selbst zuspringen und den Vorhang herunter lassen sollte oder ob dies die
Verwirrung nur vermehren möchte vielleicht auch etwas angezogen von dem
Anblicke bewegte er seinen Degen aus Verlegenheit in derselben Art wie er mit
den Trompetern verabredet hatte wenn er ihnen das Zeichen des Tusches geben
wollte die Trompeter gehorchten im Augenblicke und der Tusch wurde hellaut
geblasen und erstickte und vermehrte das Gelächter Wütend schrie der Vater des
Fräuleins indem er seinen Mantel über die Tochter deckte zu den Trompetern ob
jetzt der Tusch sein sollte Das ward zum Sprüchwort unter den lustigen
Gesellen und jeder feierliche Schimpf wurde seitdem ein Tusch genannt Der Faden
war nun gerissen Anton drehte sich um den Vorfall gut zu machen aber der
Faden seiner Rede schien ihm auch gerissen er musste lachen das Fräulein lag in
Ohnmacht und die Gesellen riefen einander zu wenn sie nun weiter wanderten
kennten sie doch wenigstens das Wahrzeichen der Stadt der Zunftmeister ließ auf
ihr Begehren den Vorfall in Stein gehauen an dem Hause des Ratsherrn aufstellen
der nach glücklicher Verheiratung seiner Tochter ebenfalls seine Freude daran
hatte
So fröhlich war nun der Austritt Antons vor dem Tore hatten ihm die
Badegäste noch eine kleine Überraschung gemacht da die Bäder in der Stadt
abgebrannt waren so mussten sich jetzt alle in dem großen Weiher vor der Stadt
baden er musste nahe vorbei alle waren hinter einem hervorragenden Ufer
versteckt plötzlich rauschten sie zu ihm hin wie eine Schar Enten vom Hunde
aus dem Rohre gejagt sein Pferd scheute sich er hielt es Zwei Jungfrauen
erhoben sich jetzt auf künstlichen weißen Flügeln und setzten ihm indem sie
vorüberstreiften einen Perlenkranz auf sein Haupt dabei sangen sie sehr
anmutig
Den Nymphen der Gewässer hast du beigestanden
In ihrem Kampfe mit dem Feuer
Du führtest sie entlöstest sie den Banden
Du wurdest ihrer Macht Befreier
Und siegend drückten sie die Flammen nieder
Und brachten sie zurück zur Unterwelt
Dich sanft zu kühlen schwingt sich ihr Gefieder
Du hast noch weiten Weg du kühner Held
Anton dankte ihnen anständig und freundlich Georg kam noch zu ihm streichelte
sein Pferd und konnte sich nicht trösten dass er schon fortritt und wollte ihn
durchaus begleiten er beschenkte ihn mit schönen Früchten und tröstete ihn
damit dann ging der Zug munter weiter die gute Stadt verschwand hinter ihm
Güldenkamm ritt mit Susannen neben ihm alle wunderlichen Abenteuer ihm zu
berichten die ihnen während ihrer ersten Reise hier begegnet waren Es wurde
beiden leichter als sie sich so aussprachen Die ungeheuren Dinge die
Güldenkamm auf seinem Herzen drückten wie er sich mit Susannen stehe was aus
ihnen beiden werden solle schwanden auf einmal in ihr Nichts
Anton sprach nachdenklich »Wenn ich diese mancherlei Hindernisse überdenke
so meine ich dass ihr auf diesem Wege nicht zusammenkommen solltet ach wäre ich
so gestört worden so aufgehalten ehe ich meinen alten Drachen geheiratet da
wäre ich jetzt noch ein freier Mann und könnte dich heiraten Susanna«
»Das wäre recht schön« sagte sie Güldenkamm entflammte von Eifersucht
aber er versteckte sich er wollte beide erforschen ob sie vielleicht einander
schon näher verbunden seien als er in seinem zutraulichen Sinne niemals geahnt
hatte »Wäret Ihr luterisch gesinnt« sagte er und sah vor sich nieder »da
könntet Ihr rasch von Eurer Frau geschieden sein sie hat Euch ihr Haus und
Bette versagt und Susannen könntet Ihr dann heiraten«
»Sonderbar ists« sagte Anton »dass es in einer Lehre eine Sünde sein kann
was gleichsam die ganze Seele fordert und die andre Lehre für recht erklärt
überhaupt seit mir selbst so viel Wunderbares begegnet ist denke ich über das
Wunderbare in unserm Glauben anders ich bin allen den Wesen vor denen ich in
scheuer Entfernung selig in ihrem kleinsten Blicke wandelte näher gezwungen
das Wunderbare in ihnen liebe ich nicht mehr sondern ich meine es ein großes
Unglück womit sie behaftet sind aber das Herrliche rein Menschliche in ihrem
Wandel schwebt mir in unerreichlicher Höhe und käme ich wieder zu meinen Farben
das würde ich auszudrücken streben was kümmert mich jetzt die gnadenreiche
Mutter Maria die an den geheiligten Orten manchem Leidenden geholfen hat die
herrliche Mutter und Frau deren weiser Unterricht ihr Kind so früh gereift hat
dass es im Tempel jugendlich auftreten konnte die alten Graubärte zu beschämen
die ist mir ehrwürdig weil Millionen zu ihr anstreben und keiner sie erreicht«
»Herr« sprach Güldenkamm der seit den letzten Ereignissen sich zu einer
Art von ernstem Verhältnisse gegen ihn gebunden fühlte »Herr Ihr seid schon
ein Luteraner wenn Ihr so sprecht wenn Ihr so frei forscht über das
Religionswesen wenn Ihr nur das ehren wollt was Euch ehrwürdig scheint«
»Da bin ich gar schon weiter« sprach Anton »das lange Beten
unverständlicher lateinischer Worte mag ich gar nicht mehr ertragen selbst das
Gebrümmle eines solchen Beters kann mich erzürnen immerhin mag es gut sein
wenn Menschen mit Gewalt einem Glauben unterworfen sind die nichts anerkennen
als die Gewalt dass sie so einen Betlärmen bei einander machen wie jede Art
Vieh sich an solch Geschrei und auch die erkennt die sie füttern die Menschen
aber die in ihrer Erkenntnis aus den übrigen hervorgerissen sind denen genügt
kein solches auswendig gelerntes Plappern«
»Herr Ihr seid schon weit über Luther« sprach Güldenkamm »Ihr könnt Euch
immer scheiden lassen«
»Aber hört« sprach Susanna »wenn unsrer Inbrunst nun kein Wort genügt und
die Stummheit unsern Herzen widerspricht sind uns da nicht Worte willkommen
bei denen das Gefühl stets mit Heiligkeit verweilte die von uns nie
gemissbraucht sind weil sie uns nicht verständlich sind während in unserer
Sprache selbst die frommsten Redensarten gar oft fluchend und spottend vor
unsern Ohren missbraucht sind darum bete ich mein Ave Maria«
»Ihr würdet Euch also niemals scheiden lassen« fragte Anton erleichtert
»Ich verdamme keinen der es tut« sprach Susanna »ich habe in Pforzheim
viel fromme Leute gesehen die sich in großer Ehrbarkeit haben scheiden lassen
ich aber wem ich mich verlobe dem ergebe ich mich für Zeit und Ewigkeit seine
Tugend und sein Laster soll mein werden kein Geschick kann mich von ihm
trennen mir scheint eine Ehe wie das Leben von Zwillingen die ohne dass sie es
selbst wissen zusammengewachsen sind nur in diesem Glauben der vollkommenen
Einigung könnte ich mich einem Manne ergeben«
Anton drückte ihr die Hand es dämmerte ihm eine Aufklärung seiner
wunderlichen Schicksale aus diesen Worten er aber wusste sie nicht zu deuten
Nicht lange blieb ihnen Frist von diesem innern Leben in ihnen zu verhandeln
die Reiter welche mit ihren Pferden bisher sie nicht hatten einholen können
ritten jetzt in ihre Nähe und der Ritter Blaubart dankte Anton in den
freundlichsten Worten dass er ihm durch das Geschenk des Degens womit er ihn
überwunden den vergangenen Schmerz zu einer angenehmen Erinnerung habe
umschaffen wollen er schwor das Schwert bis zu seinem letzten Atemzuge zu
bewahren es solle ihm den Ernst und die Würde verleihen die er bisher von
einem gütigen Vater verzogen oft vergessen habe Was konnte Anton so großen
Vorsätzen entgegenstellen um den Degen wieder zu erhalten sollte er ihn wegen
seiner Zauberkraft rühmen so verlor sein Kampf und alles sein Bemühen den Wert
im Grunde war er auch froh wieder von einer der schrecklichen Gewalten frei zu
sein die ihn bisher getrieben hatten
Den Ritter Blaubart trat jetzt ein Haufe Zigeuner an die mit schussfertigen
Gewehren in Vortrupp und Lauscher verteilt den Weg herunterzogen sie hatten
nichts Bösartiges im Sinn suchten ihm aber ihre Kunst gleich deutlich zu
machen indem sie ihn als blanken Bräutigam anredeten Er musste ihnen die Hand
zeigen und ein altes Mütterchen fahr zurück sie sagte ihm er werde fünf Frauen
haben und viere davon würden gewaltsam umkommen
»Wie geht es mir aber dann« fragte er lachend Die Alte sagte »Buch zu«
»Diese Alte müssen wir doch etwas näher betrachten« sagte Güldenkamm »ein
bedeutenderes Gesicht ist mir nie begegnet nicht die Zauberzeichen womit ihr
Kragen und Hemdärmel gestickt sind erzwingen von mir einen gewissen Glauben an
sie diese Stirn dieses Auge unterwerfen mich lasst Euch weissagen von ihr
Graf Anton«
»Frau« sagte Anton »lasst Euer gelbes Ungeziefer von Gesellen zurücktreten
die Kerle mit ihren sonderbaren Fellen närrischen Waffen und unverständlichen
Reden stören mich da ist meine Hand«
»Ei« sagte die Frau »Eure Hand ist so breit blanker Herr dass sie ein
Land bedecken könnte und sie wird nicht hart darauf ruhen ja das wäre nun
alles recht gut blanker Herr aber Ihr werdet noch heiraten das wäre alles
gut aber Ihr werdet ein junges Mädchen heiraten das nicht bis fünf zählen
kann«
Susanna ward rot und Anton sah auf sie mit dem Gedanken es könne sie wohl
betrüben dass sie es nicht sei und fragte um einen übereinstimmendern Sinn zu
bekommen wessen Tochter seine Frau sein werde
»Eines Kaisers Tochter« antwortete die Frau
ANTON »Wann soll ich sie erkennen«
ZIGEUNERIN »Wenn du niemand liebst als sie«
Susanna reichte jetzt die Hand die Zigeunerin schlug ihr leicht darauf gab
sie ihr dann drückte sie und sagte »Bist bald zu groß zum Hosentragen blanke
Schwester trag die Hosen über dein Gewissen sorgsam dass dir nichts genommen
werde was du nicht wieder bekömmst«
Güldenkamm war auch schon mit der Hand bereit die Zigeunerin lachte »Ihr
werdet noch allen aus der Not helfen ohne selbst einen Rat zu wissen Ihr seid
ein Mann des Zufalls seid zufrieden mit allem was er Euch beschert ein
verständiges Weib täte Euch not«
»Das ist infam« schrie Güldenkamm »das Weib macht mich zum Narrn«
»Nein« sprach sie »du wirst nur zum Narrn gehalten aber du bist keiner
der aber dort auf einem Pferde sitzt das er immer mit dem Zügel anzieht wenn
es still stehen soll der hat einhundert Narrenkappen in seinem Wappen und wird
Euch so gut bedienen wie irgend ein Narr vornehme Herren bedient hat«
Jedermann sah sich um der arme Konrad pfiff in die Luft und merkte nichts
Anton wollte schon weiter ziehen indem er der Zigeunerin einen Goldgulden
überreichte sie aber trat noch zu ihm und sprach »Sorgt für Susanna ich werde
sie einmal von Euch zurückfordern«
»Wer seid Ihr warum könnt Ihr sie von mir fordern«
»Schweigt davon« sagte sie »denn keine Springwurzel öffnet mein Herz wenn
ich nicht sprechen darf gedenkt dass Ihr von der Krone auf hohem Turm auch
schweigen müsst Gott behüt Euch blanker Bruder«
Die Zigeuner zogen mit ihrem wunderlichen Kram von tanzenden Bären
Murmeltieren und abgerichteten Vögeln fort Anton zog tief in sich versenkt
seinen Weg da öffnete Güldenkamm indem er lustig zujagend seinen Gram gestoßen
und verschaukelt seinen Mund und die andern sangen ihm sein frohes Reiterlied
nach
GÜLDENKAMM
Flüchtig Dasein auf den Rossen
Kühnes Buhlen mit dem Winde
Schaut die Erde fortgestossen
Rollet unter uns geschwinde
CHOR
Schaut die Erde fortgestossen
Rollet unter uns geschwinde
GÜLDENKAMM
Brausend strecken sich die Rosse
Schmal wie einer Jungfrau Leib
Was auf Erden ich genossen
Dies ist schnellster Zeitvertreib
CHOR
Was auf Erden wir genossen
Dies ist schnellster Zeitvertreib
GÜLDENKAMM
Grüne Äste überstreifend
Treiben fort die lästgen Fliegen
Durch die grünen Wiesen
Gleiten wir in Wolkenzügen
CHOR
Durch die leichten Wolken schweifend
Teilet euch in gleichen Zügen
GÜLDENKAMM
Unser Hufschlag schallet doppelt
An des Waldes grüner Wand
Und die Sonne scheint doppelt
Bebend an der Erde Rand
CHOR
Seht die Sonne scheint doppelt
Vor dem Auge froh entbrannt
GÜLDENKAMM
In den Zügen welch Geschreie
In den Mähnen welch ein Hauch
Über uns kommt eine Weihe
Eine Träne in das Aug
CHOR
Über uns kommt ein Geschreie
Holla ho nach Reiterbrauch
GÜLDENKAMM
Wir vergessen schon der Stunden
Wo wir zwischen Mauern wohnen
Sind vom Abendglanz gebunden
Freier Lieb zur Nacht zu fronen
CHOR
Abendglanz wer dich gefunden
Wird bei seinem Liebchen wohnen
GÜLDENKAMM
Lange drückte schweigend Bangen
Meines Herzens tiefen Grund
Seit mein Ross ist durchgegangen
Füllt mit Jubel sich mein Mund
CHOR
Uns erfasset doch ein Bangen
Auf dem glatten Wiesengrund
GÜLDENKAMM
Weggeworfen sind die Bügel
Schwebend hält mich Gleichgewicht
Freies Ross zerreiss die Zügel
Jage nach dem Sonnenlicht
CHOR
Fallet ihm nur in die Zügel
Dass er sich den Hals nicht bricht
Die gute Laune der Reiter endete das gefährliche Spiel Güldenkamms der in einer
frevelnden Begeisterung diesen Abend fortphantasierte wunderliche oft freche
Liebesabenteuer anderer als seine eigene Geschichte erzählte indem er in
verkehrter Überzeugung eines heimlichen Einverständnisses zwischen Anton und
Susanna seine Liebe zu ihr auszulöschen suchte in angenommenem Stolz entfernte
er sie ohne Willen von sich zu einer Zeit wo sie ihre Freundlichkeit mehr als
je zu ihm hingewendet hätte da sie vor mancher Eitelkeit Antons
zurückschreckte Auf einer warmen Bergseite wo in der Wiesennähe große Haufen
des schönsten frischen trocknen Heues dufteten beschloss Anton diese Nacht zu
rasten alles stieg ab die Knechte sorgten für die Pferde die sie mit
verbundenen Füßen auf die schöne Wiese führten und ihrer Fresslust überließen
die Herren hatten unterdessen schon das Heu unter dem Laubdache großer Buchen
ausgebreitet und Decken darauf gelegt Sie suchten nach Holz und fanden Bretter
die sie als Tisch in die Mitte des Lagers zur Sicherstellung der Becher auflegen
konnten das Brennholz mussten sie aus dem häufigen Reisig zusammenlesen alles
brach man übers Knie was vorgefunden wurde und Anton indem er Feuer
angeschlagen hatte legte den brennenden Zündschwamm in einen großen Büschel
trockner Blätter die von Papier festgehalten waren und bewegte sie dann heftig
in der Luft herum Erst rauchte es dann fing es an rötlich durchzuleuchten
dann brach die helle Flamme durch seine Hand womit er schnell die angebrannte
Blättermenge unter das trockene Reisig steckte ein Wind erhob sich und alles
loderte mit Eile empor dass sich die Bäume plötzlich in herrlicher Beleuchtung
gleichsam verwandelt wie Säulen eines Tempels mit grüner Wölbung um ihn her
ordneten herrlich knatterte mit Wohlgeruch das grüne Laub des Wacholders an
welchem die Beeren fast schwarz gereift waren die Vögel in ihrem
Blätterdickicht erwachten und glaubten den Tag zu begrüßen Güldenkamm bestärkte
sie darin denn mit wunderlicher Geschicklichkeit wusste er ihren Morgengruß
nachzumachen dass Finken und Häher Meise und Specht getäuscht wurden Ehe die
Speisen bereitet waren wurde das Weinfass aufgerichtet Susanna als erwählter
Mundschenk musste die Becher füllen da gabs ein Gesundheittrinken ein Singen
aus allen Kehlen von Klingenberg am Maine von dem guten Heu Güldenkamm schrie
seine Späße dazwischen dass mancher ehrliche Pforzheimer sich wälzen musste Als
er alle lustig geschwatzt hatte machte er plötzlich einen ernsten Zug mit der
Hand übers Angesicht sah auf einmal ganz anders aus und sang mit recht bitterem
Ernst
Grimmig ist der Gott verwandelt
Der im weine lächelnd haust
Hat mit Schlägen mich behandelt
In den Haaren mich gezaust
Keiner trink vom Freudenwein
Der ein traurig Herz verschließt
Denn er öffnet uns allein
Was in Tränen sich ergießt
Wein verwandelt sich in Weinen
Wie er lang den Namen äfft
Denn die Traurigen erscheinen
Während Lust sich selbst verschläft
Trauer sitzet auf zur Wacht
Liebe schliesset ihr das Tor
Und die kalte feuchte Nacht
Weilet sausend ihr im Ohr
Die lustigen Seelen waren aber noch nicht hinlänglich verschlafen um von dem
Schreckensgesange nicht aufgeweckt zu werden ein paar fielen über ihn her um
ihn zum Tanzen zu bringen er wehrte sich aber es half nicht der Zwang verdross
ihn aber es half nicht er schlug um sich es half nicht ein paar knollige
Bursche hatten ihn gepackt ein paar ludelten dazu Anton gönnte ihm den
Unterricht in dem was sich beim Trinken schickt Endlich riss ihm die Geduld und
er riss sich los die andern mit Holzbränden hinter ihm her das war eine Jagd
er lief so eilig dass er einem wilden Eber beinahe in die Rippen trat der dann
mit seinen Hauern den Verfolgern den Weg zu verhauen Lust bezeugte Der Anblick
war den unbewaffneten Verfolgern nicht willkommen sie waren noch gescheit genug
davon zu laufen wobei es leicht begreiflich war dass sie im allmählichen
Erlöschen aller ihrer Feuerbrände den rechten Weg verfehlten nur ein paar kamen
zu Anton zurück der mit Konrad und Susannen beim Weine geblieben war Vergebens
war jetzt das Rufen nach ihnen die vielen Stimmen die verwirrend einander
zuriefen der Widerschein der sie weiter lockte Irrlichter die sie in falsche
Richtungen führten Moräste die sie vermeiden mussten zogen sie immer weiter
von dem schönen Lager ab an dem sich jetzt die Knechte ergötzten die über
einander genug zu lachen und zu erzählen hatten was jeder erlebt wie er sich
endlich wieder zurecht gefunden um sehr lange bei der unglücklichen Ursache
dieser Zerstreuung zu verweilen Noch waren keineswegs alle vollzählig wohl
aber waren manche Jäger und Bauern durch das Lärmen herbeigezogen worden auf
die man ein wachsames Auge haben musste
Unter diesen Fremden zog ein Hirtenmädchen Katarina die Aufmerksamkeit
aller auf sich sie ging stolz neben ihrer Ziegenherde ihre Größe war männlich
ihre Hüften hoch ihr langes schwarzes Haar trug sie frei aufgebunden ihre
gebogene Nase hatte einen Adlerstolz und die aufgeworfene Lippe verleugnete
diesen weder durch Ansehen noch durch Rede Einige junge Leute machten ihr
leichtsinnige Anträge sie wirft alle hochmütig von sich und wenn sie um die
Ursache dieses Stolzes fragten antwortete sie höhnisch »Weil ich eine Jungfrau
bin« Als die Bauern sahen dass die Fremden sie neckten fingen sie auch an
sich in etwas sehen zu lassen der eine fragte »Was macht der Herr Vater
Edelmann auf der Burg« Sie erwiderte stolz »Er prügelt euch Bauern«
Güldenkamm der ein Gefallen am Ungewöhnlichen vorgab nahte sich ihr mit vieler
Artigkeit wodurch er ihr Zutrauen schnell zu erwerben wusste dass sie von ihm
Wein und Speisen annahm ihm auch erlaubte ihre Ziegen an sich zu locken die er
herzte und küsste als hätte sich alle Zärtlichkeit von Susanna plötzlich auf
diese Tiere geworfen er trug sie und schüttelte sie neckte sie bis sie gegen
ihn anliefen dann fing er den Stoß mit seinen Händen auf Katarina schien das
mit Wohlgefallen zu bemerken sie saß dabei in ernster Ruhe und sang ein
Hirtenlied das sie auf sich gemacht hatte
Die Schäferin
Mit Rittersinn
Die Jungfrau rein
Geht ganz allein
Der Bauernknecht
Ist ihr zu schlecht
Aus edlem Blut
Erwächst ihr Mut
Des Kaisers Jagd
Zieht übers Feld
Des Kaisers Macht
Sich ihr gesellt
Der Kaiser spricht
Ihr ins Gesicht
Der Kaiser
Vom Schloss ich zieh
Zu dir ich flieh
Lieb Schäferin
Nach deinem Sinn
Mein Zepter wird
Ein Hirtenstab
Und was ich hab
Dich Schäfrin ziert
Die Schäfrin spricht
Vor sich ins Gras
Ihr im Gesicht
Der Kaiser las
Schäferin
Ich Schäferin
Mit leichtem Sinn
Sing ruhig fort
Mein sinnig Wort
Ein jeder bleib
Bei seiner Herd
Den König ehrt
Kein Schäferweib
Der Gesang entzückte Güldenkamm er glaubte einer vertriebenen Kaiserin begegnet
zu sein er sagte ihr entzückt dass ihr Wesen ihre hohe Abkunft beweise und sie
nahm diese Worte mit sichtbarem Wohlgefallen auf auch sprach sie gern mit
Susannen die sehr bald aus ihr herausbrachte dass sie sich für die Tochter
eines Grafen halte Die Bauern aber versicherten es sei nicht wahr der Vater
habe sie oft darum geschlagen es sei daher gekommen dass eine Gräfin in früher
Zeit sie einige Zeit zu sich genommen habe bis ein eigenes Kind die Lücke
gefüllt hätte da sei sie im Schloss nicht mehr wie sonst geliebt und verzogen
worden das habe sie gekränkt und sie sei fortgeflüchtet Das sei schon sehr
lange und Katarina gar nicht so jung wie sie aussähe Die Gräfin fand diese
Aufführung so undankbar dass sie das Mädchen nie wieder gesehen hat Katarina
hingegen lebt in ihren Gedanken noch immer auf dem Schloss sie verrichtet ihre
Geschäfte dann aber nimmt sie alle vornehme Leute die sie dort gesehen in
Gedanken zum Besuche an spielt mit ihnen wunderliche Abenteuer wobei ihre
Tugend und ihr Leben oft in schrecklicher Gefahr zu sein scheinen die sie aber
alle glücklich überwindet
Anton bat die Leute Güldenkamm von diesen Einbildungen der stolzen Hirtin
nichts zu sagen da er doch wegen einiger vermisster Reisegenossen den Tag noch
im Walde gelagert bleiben wollte so versprach er sich davon einige
Unterhaltung Sehr bald ging Güldenkamm mit der Hirtin in tiefen Gesprächen den
Berghang hinunter als er zurückkam schien er in besonders heiterer Laune ganz
in der Art wie er in den ersten Tagen mit Susannen gewesen er drückte jeden an
sein Herz und lächelte als würde er von schöner Hand gekämmt
Allmählich kamen die Verlorenen wieder zusammen Ritter Blaubart war einer
der letzten er wurde ganz erschöpft und gebunden von einem Köhler
herbeigeführt Nachdem er befragt erzählte er seine Abenteuer dass er durch
ungeheure Sümpfe sich gearbeitet habe wo Molch und Schlangen sich um ihn
hergeschlängelt dass er endlich vor der Hütte eines armen Kohlenbrenners liegen
geblieben sei der ihn gespeist und erquickt habe derselbe Mensch habe ihn auch
zurückgeführt sei aber unterwegs so still geworden habe sich einen gewaltigen
Stamm als Spazierstock abgebrochen und so fürchterlich mit allen Muskeln
geknackt dass er jeden Augenblick gefasst gewesen sei ihn gegen sich als Mörder
umdrehen zu sehen Dieser Gedanke hatte den Ritter endlich so durchdrungen dass
er sich über den Führer von hinten hergeworfen und ihn geknebelt hatte Nachdem
er dies vollbracht hatte er erst die Klagen des alten Mannes vernommen der ihm
alles Gute vorwarf was er ihm getan er hatte sich über eine so schlechte
Vergeltung geärgert und den alten Mann losgebunden kaum aber ist der Köhler in
Freiheit gewesen so hat der die Gelegenheit benutzt als er es am wenigsten
erwartet ihn zu binden der Ritter hatte seinen Tod für gewiss gehalten der
Alte aber hatte ihn stillschweigend an den Platz geführt wo er die Fremden
vermutete
Anton fragte den Köhler nach der Ursach seines Betragens der Alte brummte
ganz ruhig »Einmal war der Herr nicht recht klug da konnte er es wohl öfter
sein« Dagegen war nichts einzuwenden alles Zutrauen ist doch nur die Folge
davon dass es niemals gebrochen Anton suchte mit einem frohen Trinkgelage alle
zu versöhnen wozu er ein nah gelegenes verlassnes Schloss erwählte dessen
Rittersaal mit wilden Rosen reichlich geschmückt die große Menge stattlich und
bequem umfing
Güldenkamm war unterdes mit der stolzen Katarina beschäftigt sie kam
häufig zu der Gesellschaft zurück er aber suchte sie auf allerlei Art davon zu
entfernen besonders von Anton dem sie nicht abgeneigt schien Als sie wieder
allein war mit Güldenkamm fing sie an ihn milder anzublicken und versicherte
sie wolle ihm in der Nacht etwas vertrauen er möchte nur zu ihr schleichen sie
würde sich unter der hohen Eiche nicht weit vom Schloss finden lassen Sie
sprach so ernst bei dieser Einladung dass Güldenkamm erst an ein Liebesabenteuer
gar nicht denken wollte sie aber sah ihn zuweilen so schelmisch an und sang
dann mit leiser Stimme
Auf den Berg bin ich gezogen
Hab den Vögeln zugeschaut
Wie sie da gespielt haben
Dass die Federn sind geflogen
Und ich nahm die kleinen Gaben
Hab ein Häuschen draus erbaut
Auf die Wiesen sah ich nieder
Und die Lämmer mit Gespött
Jagten sich in Rosenhecken
Wolle blieb da hin und wieder
An den Dornenzweigen stecken
Und ich machte draus ein Bett
Als der Erntewagen kommen
Zog er auch am Rosenzweig
Weil er war zu breit geladen
Hat der Zweig davon genommen
Wärs verloren wars ein Schaden
Was ich sammle macht mich reich
Haus und Bett und Winterfutter
Hab ich mir nun angeschafft
Einsam lieg ich in dem Bette
In dem Haus befiehlt die Mutter
Wenn ich einen Liebsten hätte
Wär ich frei aus dieser Haft
Güldenkamm war von dieser Annäherung sehr überrascht doch ging er gleich zur
näheren Untersuchung dieses gepriesenen Heiratsguts mehr aus Neugierde als dass
sein Herz danach verlangte Katarina erzählte ihm nun ausführlich dass sie
lange Gänse gehütet habe und Schafe und alle verlorne Federn und alle hängen
gebliebene Wolle sich aufgesammelt habe nun sei daraus ein schönes breites
Bette geworden auch habe sie mit Ährenlesen eine kleine Scheuer gefüllt das
alles sei ihr Eigentum und wenn sie nun erst den Grafen ihren reichen Vater
gefunden da werde sie in Überfluss leben Güldenkamm fragte nach dem Namen
dieses Grafen sie verwies ihn auf die Nacht wo sie ihm alles sicher erzählen
könne »Seht da« sprach sie »ich werde schon wieder gescholten werden von dem
alten Niklas der sich ganz trotzig für meinen Vater ausgibt aber Ihr braucht
ihn nur anzusehen so werdet Ihr finden das sei unmöglich«
Der alte Köhler kam jetzt vorbei und befahl ihr mit grimmigen Gebärden ihn
nach Hause zu geleiten es sei finster und er werde bald nicht mehr recht sehen
können »Alter bleibt hier« sagte Güldenkamm »es ist für Euch reichlich
gesorgt mit Speise und Trank« »Ich kann nicht« sagte der Alte »die Mutter
wartet mit dem Essen« »Die wird was Schönes zugekocht haben« sagte
Katarina »kein Mensch mag mit der essen heut ist so ihr Tag wo sie
Rattenschwänze statt Nudeln in die Suppe tut« Der Alte ward böse und wollte
Katarinen mit Gewalt fortreißen aber Güldenkamm warf sich dazwischen und
nötigte ihn mit Ernst in das Schloss zurück wo er ihn der Aufsicht der Knechte
übergab damit er ihm sein nächtliches Abenteuer nicht durchkreuze Als er das
veranstaltet fühlte er selbst wie zerschlagen er war durch die Anstrengung
vergangener Nacht durch den Tritt des Ebers in seine Rippen er konnte sich
kaum regen wenn er sich einmal niedersetzte und musste vor sich selbst lachen
wie er so eifrig einem Vergnügen auflauere das er wohl gar verschlafen müsse
doch fühlte er dabei dass die Lust ihren eigenen Kopf hat und an den Leib nicht
gebunden ist
Im Schloss ward es immer unruhiger auf dem Hofe tanzte und schlug sich das
Bauernvolk bei dem Biere da hatten sie bunte Federn auf ihre Kappen gesetzt da
hatte einer schon seinen alten rostigen Degen gezogen weil der Nachbar seine
Frau in einen Winkel gezogen dort hatten ein paar Weiber einander bei den
Haaren und die Männer gossen ihnen ruhig kaltes Bier über die Köpfe der
Dudelsack ging nicht schlecht Im großen Schlosssaale ging es beim Weine noch
etwas still zu das ganze Zimmer war mit wilden Blumen aller Art gestreut Anton
und die meisten seiner Gesellschaft lagen umher und schienen in der
Behaglichkeit zur Träumerei übergehen zu wollen Endlich sprang Anton auf und
sang indem er sich an die Spitze des langen Tisches setzte
ANTON
Wälzt ihr träumend euch auf Rosen
Wecken sie mit spitzem Dorn
Lasst beim Wein der Liebe Kosen
Denn das gärt ihn auf zum Zorn
GÜLDENKAMM
Kitzelt die Lust
Witzelt die Freude
Mir ist bewusst
Himmlische Weide
ALLE
Springt zum Weine muntere Füllen
Alle Pfropfen sollen springen
Jeder Becher soll sich füllen
Und am andern widerklingen
GÜLDENKAMM
Springet in Lust
Klinget in Scherzen
Mir ist bewusst
Heimliches Scherzen
ALLE
Eitle Lichter sollen zittern
In der Tonflut hohen Wellen
Alle Tische ungewittern
Trommeln mutge Trinkgesellen
GÜLDENKAMM
Trommelt in Lust
Stürmet den Himmel
Mir ist bewusst
Zärtlich Getümmel
ALLE
Hört alle Scheiben beben
Hört alle Wände dröhnen
Wenn die Stimmen sich erheben
Muss der Donner uns versöhnen
GÜLDENKAMM
Bebet in Lust
Tönet in Fülle
Mir ist bewusst
Liebender Wille
ALLE
Überall ist frohes Leben
Wie noch keiner je erhörte
Alle Lustigkeit von oben
Wieder zu der Erde kehrte
GÜLDENKAMM
Lebet in Lust
Jauchzender Stunden
Mir ist bewusst
Wer sie empfunden
ALLE
Saget unter welchem Zeichen
Stehen wir an diesem Tage
Schwört dass keiner soll entweichen
Ohne Spitz vom Festgelage
GÜLDENKAMM
Fraget in Lust
Suchet die Zeichen
Mir ists bewusst
Sie ist mir eigen
ALLE
Einer schwanket nach der Türe
Dass wir andern fester sitzen
Schwacher Bruder lass dich führen
Musst dich nicht so schnell bespitzen
GÜLDENKAMM
Bleibet in Lust
Angeführt sitzen
Mir bebt die Brust
Sie zu besitzen
ALLE
Einer fiel es fallen alle
Doch in Reih und Glied wie Krieger
Harren wir mit Jubelschalle
Wer zuletzt erst fällt als Sieger
Alle glaubten Güldenkamm mache einen seiner gewohnten Scherze eine
Heimlichkeit sich einzubilden diesmal war es aber ernst er schlich nach der
hohen Eiche an der Katarina mit ihrem Schäferstab gelehnt wie eine Bildsäule
stand Der Meistersänger beschleunigte seine müden Beine und wollte ihr um den
Hals fallen sie wies ihn mit dem Schäferstabe zurück »Höre« sprach sie
»nicht zu schnödem Liebeswerk hat dich die schuldlose Schäferin bestimmt nein
du edler Sänger ein größeres Werk ist dir beschieden mich sollst du führen auf
des Vaters Schloss zur Kronenburg die mir verheißen«
»Kronenburg« fragte Güldenkamm »und wenn ich mein Gedächtnis wie eine
Tasche umdrehe so fällt mir nicht ein wo der Ort gelegen sei Mädchen lass das
jetzt«
»Drei Schritt von mir« spricht sie »sonst straf ich deine Frechheit
gedenke dass ich eine Jungfrau bin wohl aus dem herrlichen Geschlecht der
Grafen Stock«
»Gut gesprochen« sagte Güldenkamm der durch alles Feierliche in den
Gegensatz des Spottes gesetzt wurde »den Stock scheinst du führen zu können
dass ich dich immerhin als Gräfin von dem Stocke anerkennen möchte wenn du ihn
nur bei Seite stellen wolltest aufrichtig gesagt es kommt nichts dabei
heraus«
KATHARINA »Es kommt heraus dass ich des Grafen Schwester bin dem du als
Sänger zugesellt zwar nicht im Ehestand geboren doch aus der Liebe sieh
diesen roten Strich um meinen Hals im Mondenscheine dies wird dem Herrn mein
edles Blut versichern«
GÜLDENKAMM »Der Strich ist mit den Augen nicht zu leugnen doch möcht ich
ihn auch mit dem Munde mir bestätigen«
KATHARINA »Des braucht es jetzt noch nicht doch biet ich dir die Wange
heut zum Kuss wenn du zur Ehe dich mir heut verloben willst doch ohne meiner
Liebe zu begehren«
GÜLDENKAMM »Ich könnte das Versprechen immer wagen denn nicht umsonst
blick ich durch deine Feueraugen in dein Herz«
KATHARINA »Was ich gebiete kann ich selbst halten doch ehe du
leichtsinnig diesen Bund willst eingehen höre was ich dir von den Meinen sagen
muss« Sie redete leiser »ich habe Schreckliches dir zu verkünden der Niklas
der mein Vater wird genannt der ist der Teufel und meine Mutter hat er zur
Hexenkunst verführt Sie hat es mir vertraut als sie mich ihm mit Leib und
Seele übergeben wollte er könne sich verwandeln erscheine oft ein stattlich
junger Jäger mit einer Hahnenfeder wenn sie ihm wohlgedient mit Zärtlichkeit
zu lohnen Ich tat ihr meinen Abscheu kund da lachte sie und sprach Vergnügen
ist nicht viel dabei das muss ich selbst gestehen doch manche Kunst die gar
sehr künstlich ist Bei diesen Worten hatte sie die Stirn sich eingesalbt und
setzte sich auf eine Ofengabel und schwankte bebend um den Feuerherd dann sank
sie tot zu Boden dass ich sie nicht erwecken mochte doch plötzlich krachte
schwer das Dach da wachte sie aus ihrer Ohnmacht auf und erzählte vergnügt von
tausend Dingen die sie auf ihrer Reise nach dem Blocksberg wollt gesehen haben
wohin der böse Geist sie in der kurzen Zeit entrückt hatte sie sprach von der
Musik vom Tanz vom Glanz der großen Herren als ob ich noch in meines Vaters
Schloss gewesen und sicher hätte sie mich in das Garn gelockt wenn sie mir
nicht von dem Konfekt geboten hätte was sie dort eingesteckt das war«
GÜLDENKAMM »Ein Dreck«
KATHARINA »So eine fremde Losung mocht es sein Seitdem vermied ich sie und
suchte mir im Dorf Bekannte und mancher Freier kam mich zu besuchen doch wenn
sie sich bei uns zum Tisch gesetzt und sahen die Schlangen in der Suppe und den
Salat von Spinnen und gebackene Frösche was sie als Leckerbissen ihnen
vorgesetzt da liefen sie mit großer Übelkeit vom Hause fort und ich ward bald
verlacht Seht Herr mit solchem Haus wollt Ihr Euch kühn verbinden«
GÜLDENKAMM »Es macht mich eifriger nach deiner Liebe weil sie dir nützlich
ist und mir nichts kostet als die Keuschheit die ich doch gegen dich bewahren
müsste wenn ich dich nicht besäße wohlan nimm meine Hand ich will dich führen
zu dem Bruder«
Sie gingen beide auf das Schloss zu und wie Katarina den Schatten der Bäume
am Boden so zuschaute winkte sie Güldenkamm mit einem Drucke der Hand auf
einige Schattenbilder von Menschen zu achten die in den Zweigen versteckt an
mehreren Bäumen hervorsahn Güldenkamm sah mit einem heimlichen Herz und
Händefrost diese sonderbare Erscheinung wären es Geister gewesen die jene
Bäume bewohnt so hätten sie keine Schatten geworfen es mussten versteckte
Mörder sein denn die leben wollten fanden es herrlich lebend im Schloss wo
jedermann gut aufgenommen war Stillschweigend gingen sie in das Schloss immer
in der Sorge dass der Druck eines Fingers eine Kugel oder die Spitze einer Lanze
gegen sie aussende doch kamen sie unverletzt in den Rittersaal wo alles in
tobender Freude durcheinander sang und lag Anton goss durch eine Trompete den
Wein an die Erde und blies abwechselnd hinein dabei sang er
Trompete du willst lustig sein
Und gießt den Wein von oben rein
Und unten läuft er wieder aus
Da bleibt das liebe Gut im Haus
Du blecherne Trompete
Du willst ein rein Gelöte
Trompete du willst lustig sein
Ich blase dir von vorn hinein
Du bläst von hinten gar nicht fein
Du grunzest wie ein wildes Schwein
Du blecherne Trompete
Was spricht von dir die Flöte
Nur mit Mühe konnte Güldenkamm Anton in diesem Gesang stören um ihm die
sonderbare Erscheinung auf den Bäumen zu melden die Anton weiter nicht achten
mochte Aber der Zufall hatte ihm besser gedient als seine Klugheit der Schall
seiner Trompete hatte die Knechte geweckt dass sie die Pferde gesattelt
herausführten die Bauern die auf den Bäumen versteckt die müde Frühheit zum
Überfalle erwarteten wurden über die Trompete über das Lärmen im Schloss
bedenklich ein paar glaubten der alte Niklas der sich aus dem Hause
weggeschlichen werde sie den Herrn verraten fielen über ihn her banden ihn
und brachten ihn mit großem Geschrei ins Schloss wo jedermann ihn noch in festem
Gewahrsam vermutete »Er hat uns allein verführt« rief einer »die gnädigen
Herren heute auf den Kopf zu schlagen ich verstehe dass wir es haben tun
wollen er hat uns viel Geld dafür versprochen« Alles fuhr auf und sprach
untereinander nur Anton blickte ihn ruhig scharf an und fragte ihn warum er
das habe tun wollen
»Ihr habt meinen Fabian umgebracht« sagte der Alte »meinen lieben Fabian«
»Bist du Niklas«
»Ich bin es Herr«
»Hab ich dich du Verruchter« wütete Anton »wie hast du meinen armen Vater
verfolgt wie kann ich das je genug an dir rächen«
»Herr« sprach er »er hat Euch wohl nicht gesagt dass wir ausgeglichen
sind er ist ein Sünder wie ich hab ich ihm wehe getan in der Jugend so hat er
mich in späteren Jahren vernichtet o du mein Himmelchen meine Barbara die
hatte ich mir für meine alten Tage ganz allein für mich geheiratet und als er
von seiner Frau erst keine Kinder hatte da hat er mir Hörner aufgesetzt und
da seht Ihr sie stehen Eure Halbschwester«
»Dem Teufel Hörner aufzusetzen das ist ein liebes wertes Stück« sagte
Güldenkamm Anton aber sah den roten Streifen um Katarinens Hals der sein
Geschlecht bezeichnete er fasste seines Vaters Ähnlichkeit in ihrer hohen
Gestalt stürzte in ihre Arme und nannte sie Schwester »Niklas« sagte er
»Euch sei verziehen um dieser Schwester willen die Ihr mir auferzogen habt
aber sagt mir Bescheid Ihr seid nun ein alter Mann Euer Haar fällt vom Haupte
und Eure Knieen beben könnt Ihr nicht endlich zum Guten kehren seht diese
geliebte Schwester da so viel Herrliches neben Euch bestanden hat so muss
Gottes Kraft groß sein entsagt dem Teufel und allen seinen Werken«
»Hört Niklas« sprach Katarina »seht nur wie so ein Mann noch gutmütig zu
Euch reden kann für Euch sorgen möchte den Ihr ewig verflucht habt wendet
Euch aus des Teufels Ringen reicht uns die Hand«
Niklas schien weinen zu wollen er wollte auch die Hand ausstrecken die
Rührung in beiden aus dem ersten Genuße verschwisterter Gesinnung
hervorgequollen strömte ihm aus einem Himmel den er nie gekannt hatte zum
erstenmal rief ihm eine innere Stimme zu ich wollte dass ich wäre wie diese Da
warf ihn die Macht des Teufels an die Erde nieder wie der Jäger seinen Hund
der aus Mitleid einen Hasen laufen ließ und schlägt ihn mit scharfen Dornen so
zerschlug ihn der Teufel unsichtbar und er wand sich fürchterlich seine Lippen
wurden blau sein Gesicht weiß seine Kleider zerriss er seine Hände zerrang er
So tobte er schon lange als ein armer Einsiedler aus dem Walde geholt wurde
der in solchen Dingen erfahren war der kräftige Fromme kniete neben ihn packte
ihn fest und schrie ihm die kräftigsten Gebete in die Ohren besprengte auch
seine Schläfe mit Weihwasser und brachte ihn dadurch allmählich zu einem tiefen
Schlafe währenddessen ihm der Einsiedler eine Tonsur schor und eine Kutte
überzog Als Niklas nun wieder erwachte wollte der Teufel in ihm lostoben als
er aber das Kleid betrachtete erschrak er und auf des Einsiedlers Gebet ging
nun wie eine Flamme aus seinem Rachen in welcher ein schwarzer Geist sich
bewegte »Amen« sagte der Einsiedler »Amen« rief Niklas ihm weinend nach so
sprach er ihm jetzt auch willig alle Gebete nach
Niklas wollte jetzt alle jämmerlichen Ereignisse seines Lebens in frommer
Gesinnung beichten der Einsiedler erlaubte es ihm aber nicht es möchte den
Teufel wieder locken er müsse jetzt in strenge Aufsicht genommen werden Die
Neugierde Antons entschied ihn den Einsiedler der sich Rautenstrauch nannte
mit dem armen Sünder nach der Einsiedelei zu begleiten um das Leben eines
Einsiedlers näher kennen zu lernen Der Aufbruch aus dem wüsten Schloss wurde
durch die Trompeten verkündigt die Reisigen stiegen zu Pferde die stolze
Katarina ritt an Antons Seite so kamen sie vor den Bauern vorbei gezogen die
sie gnädig begrüßte endlich zu der Herde die sie einem jungen Hirten übergab
der ihr oft behilflich gewesen war die verlaufnen Ziegen zusammen zu treiben
»Liebe Katarina« sagte der schöne Schäfer »sonst gibst du mir nichts zum
Abschiede dachte ich doch einmal deine Hand mir zu gewinnen«
»Einfältiger Bauerkerl« antwortete Katarina »wie hat Er sich so etwas
einbilden können erst wenn dein Holzschuh mit einem güldnen Sporne geziert ist
will ich dich als meinen Herrn anerkennen«
»Geb Er sich zufrieden« rief ihm Güldenkamm »wer das Glück hat führt die
Braut nach Hause«
»Vergesst nicht die Bedingung« sagte Katarina ernstaft zu Güldenkamm
Eine andre wunderliche Unterredung zog aber in diesem Augenblicke alle
Aufmerksamkeit zu dem Einsiedler der einen alten Bauer heftig ausschimpfte dass
er ihm keine Vögel gebracht da er doch wisse dass dies sein Vögelmonat sei Der
Bauer entschuldigte sich er sei krank gewesen aber der Einsiedler nannte ihn
einen eselhaften Knollfinken ohne Andacht den er bis ins dritte Glied
verfluchen wolle die Vögel sollten ihm nicht nur die Saat auf dem Felde
sondern auch alle Haare aus dem Haupte ausraufen der Geier seine Lämmer
wegtragen und seine Kinder dazu
Anton wollte ihm Einhalt tun aber Rautenstrauch versicherte dass er längst
wisse wie man mit solchen Ochsenpantoffeln und Sauschwänzen umgehen müsse
Güldenkamm hatte noch ein schönes Bild vom Einsiedlerleben in tiefster
Seele er hatte auch diese Unterredung nicht gehört er brachte den Einsiedler
darauf was er denn Abends in seiner Einsamkeit tue wenn die frommen Pilger
weggezogen wären und der Schlaf seine schwarzen Flügel noch nicht über die Augen
breite
»Herr« sagte er »da hab ich erst noch genug mit meinem Fressen zu tun
denn was einem die albernen Bauern bringen ist immer entweder versalzen oder
verschmolzen und habe ich gefressen da muss ich mich lausen wer tut mir das
wenn ich es nicht selbst tue es kriecht einem immer so etwas an von den
Bauernpudeln die Knochen muss man sich doch auch waschen ja Herr es ist ein
hart Leben was ich so im Walde führe und nun ich alt werde kommen die Leute
nicht mehr wie sonst zum Besuche«
Güldenkamm fuhr entsetzt vor ihm zurück und ergoss gegen Anton sein
Missbehagen über die verfluchte Natur dieses Teufelbeschwörers dagegen hatte
sich Rautenstrauch das volle Zutrauen des armen Konrad erworben der sein Pferd
an Katarina hatte abtreten müssen und sich als Fusswanderer leicht zu ihm
gesellen konnte Konrad machte ihm eine ungeheure Beschreibung von allen seinen
Geschicklichkeiten wie er kochen backen fischen schießen alles aus dem
Grunde verstehe und seinem Pfarrer häufig bei der Messe gedient habe so dass sie
zusammen einen großen Gottesdienst anstellen könnten Der Einsiedler sah den
rüstigen Kerl an der schien ihm vortrefflich er wollte ihn zu allem brauchen
wozu er sich selbst nicht mehr recht tüchtig fühlte er machte schnell alles
richtig und Konrad musste noch unterwegs von Anton seinen Abschied begehren der
ihm auch ohne Umstände bewilligt wurde Jetzt näherten sie sich der Einsiedelei
die wie in einer Wolfsgrube erbauet war man sah sie nur wenn man dicht davor
stand damit aber kein Wasser sich an dem Boden sammelte so hatte der Regen
einen Ausfluss nach dem tieferen Tale aus der gemauerten Zisterne an der Seite
des Hauses Konrad gab sich das Ansehen als wisse er vollkommen schon mit der
Einsiedelei Bescheid er ging mutig darauf los und fiel plötzlich durch
Strauchwerk dass er vor allen Augen wie ein Schatten verschwand
Rautenstrauch sagte ernstaft »So wollte ich doch dass ihm alle Gebeine
verdürrten wenn er mir heiligem alten Manne mein bisschen Vorrat von Lagerbier
zerbricht«
»Nicht so übereilt geflucht« sagte Anton
RAUTENSTRAUCH »Herr warum soll ich nicht fluchen ich weiß es doch dass
Gott solch einen Lümmel mit Strafen heimsucht wenn er mich gottseligen Mann in
seinem bisschen Armut stört Vermaledeiter Schlingel Konradus Laienbruder hast
du mir mein Lagerbier in den Krügen zerbrochen«
KONRAD »Herr ich koste eben ob es zerbrochen ist es scheint mir aber
alles noch gut ich bin jetzt beim dritten Krug«
Kaum hatte der Einsiedler das Wort mit den Ohren gekostet so sprang er in
unwiderstehlicher Wut dem armen Konrad in den Keller nach da gabs ein
Schreien ein Fluchen in der Tiefe als wäre ein Dutzend Dachshunde eben in
einen Dachstau gelassen und die versammelten lustigen Seelen stimmten ein
frohes Jagdlied an
Hatz hatz hatz
Ein jeder auf seinem Platz
Ein jeder auf der Lauer
Den fetten Dachs den Einsiedler
Den treibet jetzt der Bauer
Den treibet jetzt der Bierfiedler
In seinem Bau herum
Fluchet ihn lahm und krumm
Prügelt ihn taub und stumm
Haltet das Loch nur zu
Sonst kriegt er Ruh
Nachdem sie beide in ihrer Grube Frieden versprochen hatten wurden sie
herausgelassen der alte Niklas äußerte aber jetzt seine Bedenklichkeit wie er
bei so wüsten Händeln sein Leben bessern könne seine Frau brauche nur
hinzuzukommen so wäre der Teufel ganz los Anton fand diese Bedenklichkeiten
gegründet und gab ihm vorläufig die Aufsicht über seinen eignen
Teufelsbeschwörer worauf ihm dieser in aller Heiligkeit die Schwerenot
anfluchte Die Gesellschaft fing schon an ihren Ritt in diese wüste Waldgegend
zu missbilligen der Einsiedler kam vor lauter Ärger gar nicht dazu ihnen die
Bequemlichkeiten seines Hauses zu zeigen die sich endlich elend genug fanden
Es war sein Vögelmonat und er hatte durchaus nichts vorzusetzen als ein Fass mit
kleinen und großen Vögeln die eigentlich schon zu lange seinen totenrichtenden
Augen zur Besichtigung vorgelegt waren er befahl Konrad die Vögel am Spieße zu
braten während er einigen Bauerweibern die sich in der kleinen Kapelle
eingefunden die Beichte abnehmen musste Konrad hatte eben kein Arges dabei dass
er die Vögel nicht rupfte es war ihm nur zu langweilig er steckte sie mit den
krausen Federn lustig an den Spieß und dachte es könne sich jeder schon selbst
den Gefallen tun die Federn abzunehmen beim Essen Mitten in der Beichte
kriegte aber Rautenstrauch ein Gelüsten so einen Vogel wenn er recht frisch
gebraten zu verzehren er gebot also den Frauen ein paar Dutzend Paternoster zu
beten und ging indessen zu seinem Vögelkameraden der eben als er die Butter
mit dem schönsten Geknister darüber gegossen neugierig geworden war wie die
Bauerweiber dort in der Beichte wohl aussehen möchten denn seit er von seiner
Grete fort in den Krieg gezogen hatte er kein Bauerweib in der Nähe gesehen und
die Stadtjungfern waren ihm allzu schnippisch Der Einsiedler zog sich einen
großen Dompfaffen vom Spieß und freute sich recht wie knusprig er anzufühlen
biss auch mutig hinein aber die Zähne blieben ihm zwischen den rauen Federn
stecken die sich wieder aus einander taten »Dass dir doch alle Zähne ausfallen
mögen Bruder Konradus« seufzte er vor sich »dass dir ein Reiher im Hals niste
und ein Wiedehopf dazu mich heiligen Mann so in der Andacht zu stören o das
ist jämmerlich ach dass du doch eine Katze mit Haut und Haar und allen ihren
Jungen aus Hunger fressen müsstest ach Gott du bist ungerecht gegen deinen
treuen Diener« Bei diesen Worten ging er in wildem Ekel sich den Konrad
aufzusuchen den er aber in der Kapelle schon unter viel schärferen Klauen fand
als alle seine gebratenen Vögel aufweisen konnten Eine der beichtenden Frauen
war Grete das Eheweib des armen Konrad die eben ihr Bekenntnis abgelegt hatte
dass ihr Mann aus Ärger über ihr Hausregiment den Krieg möchte angestiftet haben
nun kam der unschuldige Kerl der eine fremde Frau zu necken meinte indem er
den Weihkessel über sie ausschüttete mit einem Eimer Wassers frisch gefüllt
jetzt in ihre gewaltigen Arme fiel und die Nägelmale sehr bald aufweisen konnte
»Gnädiger Gott« rief der Einsiedler bei diesem Anblicke »du bist
allwissend du bist die Hand deiner Getreuen du schlägst wem wir fluchen
darnieder schlage noch recht tüchtig auf dass dieser ungeratene Diener deines
Wortes zum Nachdenken und zur Busse gelange Nur sechs Nasenstüber und drei
Ohrfeigen fluche ich auf dich da hast du sie noch drei noch vier«
Anton durch Konrads Geschrei herbeigelockt musste bei diesem Verfluchen mit
einem reuigen Gefühle jenes Fluchs gegen seine Frau gedenken seit welchem ihm
die zärtliche Gestalt so überlästige Besuche machte doch drängte das Mitleid
gegen den armen Geschlagenen dem die andere Frau Greten zur Gesellschaft
diente ihre Schwester die Frau Niklassen hatte sich nicht minder über den
armen Teufel mit Faustschlägen erbarmt Anton schmiss sie auseinander das Weib
aber so heftig gegen den Beichtstuhl dass dieser alte baufällige Sessel umfiel
und das Ansehen eines zweischläfrigen Ehebettes gewann Der Einsiedler war dabei
nicht müßig im Fluche er rief alle Engel Gottes dass sie Anton alles Inwendige
auswärts sollten kehren doch blieb Anton unversehrt vielmehr setzte er sich
auf die alte Bundeslade und ließ sich den Fall ordentlich vortragen Da fand es
sich dass Frau Grete ihren Mann gerichtlich hatte vorladen lassen wegen der
Gläubiger die er ihr als Nachlass vermacht hatte er war nicht erschienen sie
war von ihm gerichtlich geschieden der Hof war verkauft und sie hatte ihr
weniges Eingebrachte bei sich um nach Dünkelspiel zu ihrem Bruder dem
Schleifer zu gehen Nachdem Anton vernommen dass sie geschieden da schalt er
heftig was sie sich noch für eheliche Erziehungsrechte gegen ihren Mann anmasse
oder ob sie ihn etwa dadurch bewegen wolle sich ihr wieder anzutrauen Frau
Grete verschwor sich hoch und teuer das Schlagen sei nur eine alte
Angewohnheit sie hätte in der ersten Hitze vergessen dass der nicht mehr ihr
Mann sei Gott sei ihr Zeuge dass sie ihn nimmermehr wieder verlange
Ein evangelischer Geistlicher aus Pforzheim der sich auch in der
Gesellschaft befand die Anton begleitete ein stiller Mann der bloß um zu
heiraten die neue Lehre angenommen hatte sprach sehr erbaulich zu ihr aus den
Worten der Bibel »Besser heiraten als Brunst leiden« Er geriet darüber in so
augenscheinliche Begeisterung dass der alte Rautenstrauch heute an der
funfzigjährigen Jubelfeier seines Einsiedlerlebens zugleich den neuen Glauben
und Grete zur Frau annehmen wollte Konrad saß ganz bestürzt unter einem Bilde
des heiligen Hubertus von welchem die Geweihe und das Kreuz ihm über den Kopf
sahen Anton sah mitleidig zu ihm er wusste nicht was er unter den Umständen
raten solle zwar war er der neuen Lehre nicht mehr wie sonst abgeneigt aber
sie war doch nicht die seine dem verruchten Leben des Einsiedlers machte sie
freilich ein Ende und das musste er loben Der Geistliche wie es denn überhaupt
damals während der Bauernkriege in ganz Schwaben etwas ungleich zuging
examinierte den Einsiedler in größter Kürze über die Hauptlehren des neuen
Glaubens und nahm ihn mit einem Handschlage darin auf Frau Grete sprach dem
Einsiedler alles nach und so wurden mit ihr auch weiter keine Umstände gemacht
Jetzt hatten sich allmählich alle versammelt der Einsiedler stellte sich in die
Mitte der kleinen Kapelle und beichtete seinen ganzen sträflichen Lebenslauf
der sei ihm von dem vorigen Einsiedler in aller Frömmigkeit auferzogen so in
den funfzig Jahren die er nach dessen Tode die Einsiedelei verwaltet zu einer
unschuldigen Angewohnheit geworden mit Rührung sähe er die große Ähnlichkeit
und Anhänglichkeit aller Kinder zu ihm doch habe er keine lieber gehabt wie
Konrads Kinder die er auch künftig ganz als die seinen anerkennen wolle er
schloss mit einem Fluche wer da meine dass er nicht die Wahrheit gesprochen
Alle waren verwundert über seine Rede nur Niklas konnte sich nicht enthalten
über sein Schicksal zu weinen das ihn aus der Gewalt eines Teufels in die
Gewalt eines viel ärgern übergeben habe »seht da meine verhexte Frau« rief er
»es ist das Weib Gretens Schwester die sich hinter dem Beichtstuhle verbirgt
wie kann ich hier meinem Seelenheile leben«
Die Frau Niklassen kam ganz schmeichelnd hervor und gab zuckersüsse Worte
sie sagte ihrem Manne dass sie mit ihm weiter nichts zu schaffen haben wollte
denn wenn der Rautenstrauch sich vereheliche mit ihrer Schwester so könne er es
auch mit ihr tun
Der evangelische Geistliche entsetzte sich über diese Schlangenbrut und
verweigerte seinerseits alle Einsegnung diesem höllischen Bunde der Einsiedler
verlachte ihn und sprach in großer Freude die Trauungsworte über sich und seine
beiden Weiber keiner mochte ihnen Glück wünschen als aber ein kleiner gelber
hinkender Hirte in rotem Mantel erschien man wusste nicht zu welcher Türe er
eingegangen und auf seinem Dudelsack ein sehr schrecklich Gerumpel begann da
zogen sich alle aus dieser Teufelsgrube von Einsiedelei zurück Da kam der
Einsiedler mit beiden Frauen auf den geräumigen Platz vor der Kapelle der
Rotmantel spielte in der Kapelle so schnell so schnell und sie tanzten so
wild so wild dass ihnen die Kleider stückweise vom Leibe fielen dabei fluchten
sie auf alle die den Ehrentanz nicht mit ihnen machen wollten aber jedermann
hütete sich wohl bei dieser teuflischen Musik Lange sahen ihnen die Reisenden
zu was das werden solle sie hatten sich schon drei Schuhe tief in die Erde
getanzt waren ganz nackt und zermagert ein schändlicher Anblick sie mochten
es nicht mehr sehen wendeten sich weg gegen den Wiesenplan der im Mondschein
schimmerte und wo ein Fest begangen wurde von lauter zarten Gestalten die
schwebten auf Schmetterlingsflügeln in ewigem Wechsel vor einem Kinde das da
im Grünen ruhte bald näherten sie den Mund es zu küssen bald wiegten sie es
in den Händen als ob es schlafend fliege bald hoben sie es als regierte es
ein ritterlich Ross bald machte sich eine ganz klein wie das Kind kreuzte die
Hände auf der Brust indem sie ein Veilchen im Munde ihm bot es gab kein
seligeres Kind keiner mochte es stören keiner kannte es bis am Morgen der
Wilhelm Katarinens Schäfer und seine Eltern gelaufen kamen als aber die
Gestalten in Tau zerrannen und das Kind nach ihnen schrie es mit tausend Tränen
begrüßten weil sie es von einem Wolfe fortgetragen glaubten
Das Kind erzählte wie es so neugierig gewesen ob im Walde keine Pflaumen
wüchsen und da wäre es hierher gerannt wo es von lauter schönen Fräulein
geliebkost und eingeschläfert sei Diese zierlichen Bilder diese rührenden
Ereignisse hatten allen die Teufelsgrube fast aus dem Gedächtnisse verschlagen
als sie die Musik wieder leise vernahmen sie blickten hin und konnten von den
drei verteufelten Seelen nicht mehr sehen als eine Bewegung in der Erde in die
sie sich hinein getanzt hatten die über ihren Köpfen sich bewegte als wenn ein
Maulwurf eben aus der Erde sich herausgraben will Als sie die Teufelskinder
also in des Teufels Macht selbst vernichtet sahen da warf Anton die erste
Handvoll Erde in die Grube alles folgte ihm und in wenigen Stunden war diese
Lasterhöhle die lange Zeit eine Zuflucht der Frommen geschienen dem Boden
gleich gemacht auf dass der Same des allgemeinen Weltlebens sie bald mit grünem
Grase bedecke auf welchem unschuldige Lämmer weiden
Die stolze Katarina hatte ihrer Mutter Untergang ohne ein Zeichen des
Mitleidens zugeschaut ihr Wilhelm stand in weiter Entfernung von ihr und schien
es wagen zu wollen mit ihr zu reden aber lange von ihren Blicken
zurückgehalten fasste er sich doch endlich ein Herz nahete sich ihr indem er
den wiedergefundenen Knaben auf seinen Armen trug und sprach »Auch Eurem Kinde
wollt Ihr keinen Abschiedskuss geben Katarina denkt doch dass es Fleisch von
Eurem Fleische ist«
»Aber nicht von einem Geschlechte dummer Bauer« antwortete sie kalt »ich
habe für den Knaben gesorgt so viel ihm nötig mit mir kann er nie sein denn
es fließt ein gemeines Blut in ihm auch würde es mir nach den Sitten des neuen
Standes dem ich jetzt angehöre nachteilig sein wenn man vernähme dass ich als
Jungfrau schon ein Kind gehabt habe man würde es eine unanständige Herablassung
nennen mich mit einem Bauern abgegeben zu haben darum geht nach Hause mit dem
Balge gebt ihm gute Lehre dass er der Mutter eingedenk wie eine Sonnenblume
das Haupt zur Sonne richte«
Anton war hinzugetreten und erkundigte sich was beide verhandelten er war
nicht wenig verwundert die stolze Jungfrau schon als Mutter begrüßen zu können
seine Gutmütigkeit sprach aber gleich drein den kleinen Wilhelm wollte er den
jetzigen Unruhen im Lande der Hungersnot und der Pest nicht aussetzen er
selbst nahm das Kind auf sein Pferd es seiner Frau statt des verstorbenen
Oswald zu bringen beschenkte Wilhelm reichlich und munterte ihn auf da der
Kriegssturm jetzt lustig durch die Welt ziehe der manchen hoch erhöhe der
klein gewesen er solle sein Glück suchen und für seinen Kaiser werben wer
könne voraus sagen wie viel oder wie wenig ihm das Glück bestimme
Wilhelm dankte ihm mit Tränen weil er nicht oft weinte so ließ es ihm gut
Niemand machte bei dieser Veranlassung ein verlegneres Gesicht als Güldenkamm
die Stirne schien ihm zu jucken er wollte von seiner Braut Auskunft sie aber
fragte ihn was ihn das angehe wenn er wegen dieses kleinen Ereignisses ihre
Vereinigung aufgeben wolle so möge er es ihr im Augenblicke sagen dann dürfe
er ihr aber nicht mehr vor Augen kommen Güldenkamm mochte das unreine Wasser
nicht ausschütten ehe er frisches hatte mit Susanna war nun doch alles vorbei
Er nahm den weinenden Wilhelm auf die Seite und suchte ihm zu entlocken wie er
es eigentlich angefangen habe diese stolze und spröde Schöne zu verführen
Wilhelm versicherte dass er es aus eigenem Willen nimmermehr gewagt haben würde
immer ferne von ihr doch nur sie beachtend habe er sich gehalten da sei aber
eines Tages die schöne Katarina von andern Mädchen der Herzenskälte und der
Leibesunfruchtbarkeit beschuldigt worden was bei allen Gebirgshirtinnen der
schimpflichste Vorwurf sei worauf sie verstummt und zu bewähren dass Gott ihr
nicht den Segen den er im ersten Buch Moses den Menschen erteilt hat und
wodurch sie fähig werden über die Vögel in der Luft und über die Fische im
Wasser zu herrschen von ihr zurückgenommen habe »dazu schenkte sie mir die
nächtliche Zeit wo ich zu ihr in ihre Sennhütte schlich
Gejagt von allen Sonnenstrahlen
Spring ich wies Eichhorn fessellos
Bis ich am Abend von den Qualen
Mich flüchte in der Jungfrau Schoss
Sie könnt mit Spinngeweb mich fangen
Doch ließ sie mich am Morgen los
Ich blieb in Augenwimpern hangen
Doch sie die süßen Augen schloss
Öffnet euch wieder
Augen der Nacht
Tauet hernieder
Schimmernde Pracht
Kürzere Tage
Längere Nacht
Mindert die Plage
Dass ich erwacht«
Güldenkamm hörte ihm mit Wohlbehagen zu er konnte es endlich mit Katarinen
nicht mehr so genau nehmen außerordentliche Umwälzungen hatten seine Gedanken
von der Liebe so oft erfahren dass er bald mit Stolz auf die andern Menschen
herabsah die nicht wie er gewürdigt worden ein Ehrengemahl des stolzesten
Mädchens zu werden das ihre eigne Mutter und ihr eigenes Kind verschmäht hatte
Statt Katarinen aufzugeben sprang er vielmehr in großem Eifer zu ihr als er
in ihrer Nähe einen Streit hörte Sie hatte sich auf einen Schecken des
Zunftmeisters gesetzt der ihr besser gefiel wegen seiner Höhe als der kleinere
aber viel kostbarere Rappe den ihr Anton gegeben Der Zunftmeister konnte nun
nicht anders widersprechen als indem er heftig zankte nun wollte er ihr recht
sanft beweisen dass es sein Pferd sei konnte aber nichts anders herausbringen
als Beispiele von Spitzbuben die ehrlichen Leuten das Ihre genommen weswegen
ihn Katarina sehr stolz anblickte und ohne sich stören zu lassen auf seinem
Pferde davon ritt Der Zunftmeister sprach hinter ihr her allerlei in guter
Gesellschaft unzünftige Worte weswegen ihn Güldenkamm eben angreifen wollte
als Anton dazwischen trat und mit einer Hand voll Gold den Tausch mit seinem
Rappen zu Stande brachte so dass sich endlich der Zug fortbewegte Anton ritt an
Susannens Seite die durch alle diese Erscheinungen verwirrt und erschöpft
wenig gesprochen hatte »Hör« sagte Anton »wenn ich denke dass ich nun auch
ein Kind der Frau wiederbringe das viel schöner und herrlicher als der kleine
Oswald gebildet ist den sie verloren hat da läuft es mir kalt überen Kopf vor
lauter Vergnügen sie soll mich kennen was ich vermag sie soll nach mir
verlangen aber ich ich bin durch tausendfachen Fluch von ihr geschieden«
»Den Fluch nehmen Gottes Engel von Eurem Haupte« sprach Susanna
»Wenn er nur in meinem Herzen verlöschen wollte« sprach Anton »aber er
treibt mich unaufhörlich und gibt mir wunderliche Anschläge Sieh es koste mir
Leben und Ehre ich kann es nicht lassen vor meiner Frau in großer Pracht zu
erscheinen um ihr meinen Verlust recht bitter ins Herz zu graben um ihre Reue
zu schärfen dass sie mich so spöttisch abgewiesen als ich in elender Not mit
ganzer Seele zu ihr flüchtete«
SUSANNA »Aber denkt doch daran dass diese ihre verächtlichen Gaben Euch zu
so großer Segnung geworden sind das Schwert und das Säcklein Vielleicht wusste
sie das voraus«
ANTON »Meinst du das wirklich kannst du das ernstlich und treulich
behaupten«
SUSANNA »Nein aber der Himmel hat es doch Euch zum Besten gefügt«
ANTON »Ich bete zu ihm meinen Dank konnte er mir nicht die Zunge lähmen
als ich meine Frau verfluchen wollte«
SUSANNA »Habe ich Euch nicht den Mund geschlossen Was hatte es denn damals
geholfen Ihr hättet sie auch dafür noch in Gedanken verflucht«
ANTON »Weh mir ich liebe sie noch und du hast recht«
Sie hätten wohl noch länger gesprochen aber mit großem Getrappel
ausschlagend nach allen Seiten lief der Scheck welchen Katarina geritten
hatte vorbei mit den Vorderfüssen im Zaumzeuge verwickelt die Reiterin lag am
Boden Der Scheck war bald gefangen da er wegen des starken Zaumzeuges nicht
weit laufen konnte schwerer war es aber die stolze Katarina zu einem
Entschlusse zu bringen sie blieb verächtlich gegen die Pferde und gegen alle
Arten des Reisens am Boden liegen ihr ganzes Unglück erklärte sie sei daher
entstanden dass sie das elende Lederzeug nicht habe so lange in ihren Händen
halten mögen Ihr zu Gefallen mussten sich alle bequemen bis zum Nachtquartier
das sie auf einer Höhe vor Waiblingen einrichten wollten zu Fuß zu gehen sie
hatte etwas Bezwingendes in ihrem Wesen und so ging sie mit ihrem Schäferstabe
kühnlich voran während ihr Güldenkamm in großer Bescheidenheit die Wege zeigte
Durch diese Zeichen von Aufmerksamkeit fand sie sich sehr behaglich dass sie für
sich ein hohes Lied sang während die Sterne über ihr aufgingen
Sterne die mich krönen
Und der Mond auf meiner Stirn
Strafen alle die mir höhnen
In dem eitlen frechen Hirn
Wer von hohem Stamm entsprossen
Flammt in hohem Weltgeschick
Über alle die Genossen
Die sich heben durch Geschick
Mich erhebt des Himmels Glück
Keine Sterne euch bescheinen
Ordnen eurer Taten Lauf
Denn die Sterne sind die meinen
Meine Ahnherrn stehen darauf
Dort der Ahnen Schwerterblitzen
Stärken mich mit Ahnungsblick
Dass ich höher werde sitzen
Dass mir kommt ein hoch Geschick
Mich erhebt des Himmels Glück
Hier unterbrach sie Konrad warum sie von dem Scheck heruntergefallen sei wenn
sie so vortreffliche Ahnung über ihre Erhebung gehabt habe Statt der Antwort
schlug sie ihm so kräftig mit dem Schäferstabe über sein dummes Angesicht dass
er zu Boden fiel Konrad blutete recht stark Anton wollte ihr Vorwürfe machen
aber er war es nicht im Stande Der Konrad sagte ihr aber ungeachtet seiner
Schmerzen sie möge gedenken wer ihre Mutter und dass sie doch nur so eine
unerlaubte Frucht sei Ohne ihm anzusehen doch ohne sich zu erzürnen sang sie
Kind der Liebe Kind der Kraft
Kind der höchsten Leidenschaft
Also mag mich jeder nennen
Jeder soll an mir erkennen
Liebe Kraft
Hohe Leidenschaft
Kind des Himmels Kind der Welt
Bin ich über euch gestellt
Mit dem Himmel zu beraten
Dass ich lenke eure Taten
Himmel Welt
Sind in mir gesellt
Sie blieb bei diesem Schluße stehen und Anton erkannte in den Lichtern die vor
ihnen im Tale leuchteten und bewegten sein gutes Waiblingen es überfiel ihn
eine Rührung was er gewesen als er ausgegangen einsam vom Teufel Seger
geführt jetzt durch die Geburt an hohe Geschicke geknüpft schon durch Taten
mächtig und bekannt reich an Freunden und Geld mit ihm ein guter Engel und
eine wunderbare Schwester und indem er so im Gedanken einige Schritte
vorgetreten war fühlte er sein Gemüt in einer Erhebung die ihm sein altes
Wesen entfremdete da schlug ihn eine Hand auf den Rücken da grüßte ihn eine
bekannte Stimme mit den Worten »Ha Anton Lumpenhund liebster Herzensbube bist
du wieder hier na was hast du geschossen«
Es war der Jäger wo Anton sonst halbe Nächte verspielt hatte der ihn also
begrüßte wie sich aber Anton herumdrehte dass ihm das frische Wachtfeuer in die
Augen leuchtete da trat der dürre Jäger zurück und meinte er sei es wohl
nicht er habe ja ein ernstes Angesicht wie der Kaiser Aber Anton nahm ihn
freundlich bei der Hand sagte ihm dass über sein Gesicht in der kurzen Zeit so
mancher Wind gegangen sein Herz sei noch dasselbe des wolle er ihm bei gutem
Weine Bescheid sagen Aber der dürre Jäger konnte nicht mehr in seine rechte
Laune kommen immer wollte er noch etwas aus alter Zeit fragen aber da blieb er
mitten inne stecken und sagte »Ei das gesteh ich« Zuletzt stand er ganz ab
vom Reden und wendete sich zum Weine der ihm noch nie so gut vorgekommen war
dabei gefiel er sich bald mit Konrad ganz vortrefflich der auch lange keinen so
geistreichen Mann wollte gesehen haben fast brannte ihm der Geist zum Halse
hinaus
Güldenkamm hatte die Anordnung dieser letzten Abendtafel übernommen er
hatte die Gäste auf den Hügeln verteilt schöne Wachtfeuer wirbelten in die Luft
und Trompeter verkündigten von einem Tische zum andern wenn Gesundheiten
ausgebracht wurden
Diese kriegerischen Töne womit kriegerische Seelen gern ihre Lust würzen
damit jede Art der Begeisterung sich verbinde schien im Widerhalle an den
Mauern der Stadt seine Natur zu verwandeln was jenen auf waldiger Höhe das Blut
erwärmte erkältete es diesen in den Mauern der Stadt Eingeschlossenen die
schon seit länger als vierzehn Tagen eine Belagerung von den Bauern fürchteten
Niemand erschrak aber so verdrießlich als die Eltern aus den Betten aufstanden
und sie weckten als die Kinder die zu dem großen Herbstfeste das nach des
seligen Bürgermeisters Stiftung mit Tanz und Geschenken aller Art im Frühling
und im Herbste gefeiert werden sollte aufsprangen und jetzt von nichts hörten
als wie sie in Kellern und Bodenkammern versteckt werden sollten Die Kinder
lärmten so unerschrocken widersetzten sich so ungestüm griffen ohne sich
abhalten zu lassen nach den weißen Feierkleidern nach den roten Mäntelchen und
blauen Baretten die ihnen aus der Stiftung verehrt waren dass viele von ihnen
während die Eltern in großer Verlegenheit mit einander beratschlagten schon auf
dem Markte versammelt waren als eben das erste Morgenlicht erschien Der gute
Arnold der Ratsherr der damals mit seiner Weisheit das Leben des kleinen Anton
gerettet hatte ging in seinen Amtskleidern vorüber und der kleine Anton der
zum Feste zum erstenmal wieder in die Stadt gekommen war hing sich an ihn und
sagte dass er bei ihm bleiben wolle die Mutter die jetzt eine kleine Wohnung
im Keller ihres Hauses bezogen krame schon die halbe Nacht an ihren
Habseligkeiten und habe ihm gedroht sein neues Kleid auszuziehen Der gute
Arnold suchte ihn und die andern Kinder möglichst zu trösten blickte auf gen
Himmel und sagte »Hört Kinder mir kommt ein Gedanke von oben betet fromm dass
er sich erfülle bleibt still zusammen bald komme ich vom Ratause zurück und
sage euch was ihr zu tun habt« Die Kinder knieten in der Morgensonne in Reihen
auf den Stufen der großen Treppe die zum Münster hinaufführt nieder und
beteten ein jeder was er wusste und was seinem Gemüte recht demütig klang dass
der Herr ihnen die Lust des Jahres beschütze Der Glöckner sah die Betenden und
öffnete die Tore des Münsters da strahlte die Sonne durch das Goldglas über dem
Altare die Türen welche die heilige Mutter Gottes verschlossen sprangen auf
da glänzte sie mit silberner Krone und ihr Kind hatte segnend zwei Finger
aufgehoben eine Taube die auf dem Altare eingesperrt worden flatterte in
sanften Kreisen über beiden und schwebte dann empor Die Kinder schrien bei
diesem Anblicke auf sie hätten Gewährung ihres Gebets erhalten und zogen nach
dem Rataus wo ihnen Arnold mit den Worten entgegentrat »Ihr Kinder habt ihr
Mut für eure Vaterstadt die ihr länger als wir bewohnen sollt einen demütigen
Gang zu dem wilden Feinde zu wagen der mit Mord und Brand seinen Weg
bezeichnet Vielleicht könnt ihr uns und euer Herbstfest retten hat doch
Jesus Christus die liebreichen Worte verkündet Lasst die Kindlein zu mir
kommen und wehret ihnen nicht seht das Wort wird sich behalten von Ewigkeit zu
Ewigkeit auch das Blut wird es nicht auslöschen im Herzen der wilden Krieger«
Der kleine Anton trat mutig hervor und sprach »Gottes Wille geschehe im
Himmel wie auf Erden ich gehe voran den Feind um Schutz für meine liebe Mutter
für meinen lieben Herrn Arnold anzuflehen und für die kleinen Buben alle die
unter meinem Fähnlein dienen« Gleich sammelten sich diese Spielkameraden um ihn
her und riefen dass sie ihren Feldhauptmann nicht verlassen und dabei erhoben
sie ihre kleinen hölzernen Spieße die sie nimmer von sich ließ wie er ihnen
befohlen
Nachdem Arnold den Zug der Kinder die dem Feinde entgegen gehen sollten
angeordnet hatte war ein unerwartetes Hindernis zu bekämpfen die Mütter denen
es in keiner Art deutlich gemacht werden konnte dass die wütenden Bauern doch
keine Hussiten wären die selbst in Naumburg durch einen Haufen Kinder die
ihnen entgegen gegangen von Mord und Brand abgehalten worden es seien
Landsleute einer Sprache und gleicher Sitte Fast mit Gewalt mussten die Weiber
von den Kindern losgerissen werden bis Frau Anna hervortrat und sie alle
feigherzig schalt dass sie ihre Kinder höher als das Wohl der Stadt achteten und
als ihrer aller Vermögen dagegen rief sie ihrem kleinen Anton zu er solle sich
nicht vor ihr blicken lassen wenn er nicht Friede und Freiheit der Stadt
erbeten habe Als die andern Frauen diese Gesinnung vernahmen schämten sie sich
ihrer Feigherzigkeit und segneten ihre Kinder und ließ sie im Namen Gottes
gegen den Feind ziehen der sich auf den Hügeln schon regte und sich zu einem
Sturme anzuschicken schien
Dieser anscheinende Sturm war das frühzeitige Aufschmücken der Pferde und
Panzer zum prachtvollen Einritte in Waiblingen Anton selbst half dabei seinem
Diener dass nichts gebrechen solle er trug wie sein Pferd einen stahlblauen
Panzer auf welchem der Sündenfall durch ein Weib dargestellt war Susanna hatte
einen kurzen silbernen Brustarnisch auf Purpurunterkleidern Katarina hatte
sich einen vergoldeten Harnisch angelegt doch wollte sie ihr weibliches
Unterkleid aus gewürfeltem grün und roten Wollenzeuge das sie als Schäferin
trug nicht auslassen und der luterische Geistliche der seiner Studien wegen
in Frankreich gewesen war versicherte ihr sie gleiche dem Bilde der Jungfrau
von Orleans Sie erkundigte sich nach den Taten der Jungfrau und nach ihrer
Abkunft und sagte dann verächtlich dass derselben schon recht geschehen als sie
verbrannt worden weil sie aus so niedrer Abkunft in die hohen Ereignisse der
Welt eingegriffen habe der Geistliche fragte spottend ob sie denn durch Taten
ihre Abkunft beweisen werde Sie antwortete dass die Welt ihrer Taten noch nicht
wert sei da sie ihrer Worte noch zu wenig achte
Während dieses Gesprächs nahete sich der wunderliche Zug der Kinder die wie
ein Mohnfeld mit Weiß Rot und Blau wie der Wind ging abwechselten keiner
konnte sich den Zug erklären doch erkannte Anton wie er sich näherte seinen
Sohn an der Spitze verhüllte sich in seinem großen grünen Mantel und wartete
ab was sich ereignen werde Der Kleine konnte seinen Vater der sein Gesicht
halb bedeckte indem er vortrat nicht erkennen denn er erwartete ihn nicht und
hatte ihn nie in so fremder Tracht gesehen er beugte vor ihm ein Knie hob die
Hände auf und sprach sehr gefasst »Feldhauptmann ich komme nicht für uns Kinder
zu bitten um Schirm und Schutz denn wir werden alle einmal als gute
Landsknechte ritterlich in die Welt ziehen und müssen alle früh oder spät auf
grüner Heide unser junges Leben lassen aber Herr wir flehen für die Mütter
die uns ernähren«
Anton konnte sich hier des Lachens und der Tränen zugleich kaum erwehren er
unterbrach deswegen die feierliche Rede des Kleinen indem er ihn mit
verstellter Stimme fragte »Gibt dir die Mutter auch etwas Gutes zu essen«
Der kleine Anton sah ihn verwundert an und sprach »Sonst als der Vater noch
zu Hause war da gabs immer was Gutes jetzt aber kocht sie Klösse einen Tag und
alle Tage«
»Das soll untersucht werden« fuhr Anton fort »ihr andern bleibt hier du
aber Kleiner gehe flugs hin und hole deine Mutter sage ihr dass ich die Stadt
an allen vier Ecken anzünden wolle dass kein Schwalbennest übrig bleiben soll«
Die stolze Katarina freute sich über die gedemütigte stolze Stadt die mit
ihren Wällen und Wachttürmen voll Menschen die den Ausgang erspähend sich
regten vor ihnen ausgebreitet lag in der kein Schornstein rauchte kein Wagen
fuhr sie musste ihren Bruder umarmen es schien ihr die neue Saat der Zeit
aufzugehen sie gebot den guten Pforzheimern die aus Mitleiden den Kindern
ihren Irrtum deutlich machen wollten Stille und Ergebenheit sie glaubte sich
hinein dass sie als feindliches Heer vor den Mauern dieser Stadt ständen und
ordnete dass jeder bei seinem Pferde bleibe um vor jedem Überfalle sicher zu
sein
Unterdessen kam Frau Anna die aus den Reden des Knaben der Klösse und
Feldhauptmann Friede und Fastenspeisen und Kraut und Lot zusammen mischte
nicht hatte klug werden können sie kam in ihrer häuslichen Kleidung ihre
Tasche und ihre Schlüssel an der Seite und als Anton sie erblickte hielt er
sich nicht mehr er ließ den Mantel fallen er trat in der Pracht seiner Rüstung
vor sie hin die Wut machte ihn stumm sie aber nach Weiberart immer beredt
rief ihm zu »Anton du Tunichtgut du Geldverschwender du liederlicher
Landschweifer so muss ich dich hier noch als Ruhestörer wiederfinden du gehörst
ja an den Galgen wem hast du die schöne Rüstung ausgezogen in Gold gehst du
aber deine Frau und dein Kind müssen darben dir soll ich noch gute Worte geben
hab ich dich nicht verflucht so fluche ich dir jetzt dass deine Arme verdürren
mit denen du mich an dich gedrückt das die Lippen dir vergehen mit denen du
mich geküsst«
»Halt inne Weib« rief Anton »ich habe dich längst verflucht du gibst mir
zurück alle Blitzstrahlen die ich auf dein Haupt zusammenbeschworen als du
mich hilfsbedürftigen Kranken der sich von ganzer Seele nach dir sehnte der
ein ehrlich Leben fleißig und fromm mit dir zu führen begehrte mit Spott von
dir wiesest jetzt will ich dich bezahlen wie du es verdient hast« Bei
diesen heftigen Worten ergriff er seinen großen Sack mit Geld und warf ihn der
Frau hin dass die Gulden daraus umherflogen »da hast du deine silbernen Becher
und allen Plunder den ich mit dir erheiratete zehnfach wieder kauf dir was
dein Herz wünscht« In diesem Augenblick kam ihm der Gedanke er möchte den
wundertätigen Beutel mit dem Geldsacke verschenkt haben doch konnte er sich
nicht zu der Demütigung entschließen auch das Kleinste von dem zurückzunehmen
was sein Übermut ihr geschenkt hatte »mag alles hin sein ich bin
gerechtfertigt und gerächt« tobte seine Leidenschaft und mit schneller
Heftigkeit ergriff er den kleinen Wilhelm den Susanna getragen hatte reichte
ihn seiner Frau und sprach »Sieh Anna dass dir nichts durch mich genommen sei
was ich nicht herrlicher dir erstatte nimm dieses Kind sieh wie viel
herrlicher es in die Welt lacht als das kümmerliche Altmannskind der Oswald
das sei dein es ist meiner Schwester Kind du wirst es lieben mehr als dein
eigenes Kind ziehe es auf nach deinem Gewissen es wird eine Zeit kommen wo ich
es von dir zurückfordre« Das liebevolle Angesicht des fröhlichen Kindes hatte
Frau Annens ganze Liebe gewonnen sie drückte es an ihr Herz seufzte weinte
und sprach zu Anton »Herr du hast alles herrlicher vollendet als ich armes
Weib gedachte der Mund der dir fluchte kann dich auch segnen Herr ich werde
nimmermehr froh als in deiner Nähe«
Als Anna diese Worte sprach erstarrte Antons Angesicht in wohliger
Erfüllung seiner Wut gedemütigt vor ihm sollte die stolze Frau erscheinen er
aber konnte nicht bleiben und dass der Huf seines Rosses sie zerschmettert wenn
sie dessen Hufen umklammert hätte um es festzuhalten er riss seine Sporen durch
ihre Hände die seine Beine umklammerten er stieg auf sein hohes geharnischtes
Ross es erhob sich und ließ die goldnen Hufbeschläge fallen die Frau Anna in
Verzweiflung aufhob während der Zug in rascher Eile ihr vorbei in die Stadt
jagte viele ihrer lachten und nur Susanna ihr einen milden Blick und ein
Gebetbuch zuwarf einsam blieb sie im Staube liegen denn die Kinder selbst ihr
eigenes folgten jubelnd der Reiterschar vor der die Herden im Felde nach allen
Seiten flüchteten und die Bürger die aus ihrer geringen Zahl ihren guten Willen
erkannten die Tore öffneten Da saß sie wie ein Stein am Wege in eigener
Schwere noch alle Lasten die jeden drücken ertragen muss damit alle sich
erleichtern sie konnte nicht empor sehen zu Gott denn sie hatte geflucht wie
kein Frommer aber da sah sie nieder ins Gras und sah in die Blumen und sah in
die Augen des kleinen Wilhelm und es schwand ihr Wut und Fluch Gram und
Herzeleid und das Kind war mit diesem Blicke an ihr Herz geknüpft durch ein
Band fester als jenes im Mutterleibe sie legte es sanft wiegend an ihr Herz und
ihr Herz hatte Freude und der dürre Jäger der sie hohnlächelnd durch das
Gebüsche belauscht hatte trat jetzt zu ihr und brachte ihr einen Brief von
ihrem Mann es war derselbe den er dem Mephistopheles geschrieben der Jäger
bestellte ihr dabei sie möchte ihm das Geld übergeben er wolle es ihr
nachtragen Sie war so selig in dem Augenblicke sie hätte es ihm übergeben
aber ein Lärmen erschreckte ihn er ging zähneknirschend in den Wald dass die
Tannenäste ihm ins Gesicht schlugen Eigentlich vertrieb ihn von seinem Posten
wo er einen Teil des Geldes zu rauben hoffte das aus dem großen Sacke fallend
zerstreut lag eine Schar von Zigeunern die den Reisenden nachgezogen war
dieselbe die Anton und Susannen unterwegs wahrgesagt hatten Die Zigeunerkönigin
trat zu Frau Anna heran und riet ihr das Geld das sie um sich liegen habe
besser zu bewahren es sei jetzt schlimme Zeit in aller Welt und wer nichts habe
und wer viel habe beide suchten mehr zu bekommen Frau Anna erwachte wie aus
einem Traume sie kehrte zu ihrer häuslichen Art zurück sagte Dank für den
guten Rat und sammelte das Zerstreute es wurde ihr sogar Angst vor den
wunderlichen gelben Leuten die rings mit allerlei Waffen standen Die
Zigeunerin aber hatte ein zutrauliches Wesen fragte sie erst nach dem Kinde
dann nach ihrem eigenen Namen verwunderte sich über beide und erbot sich sie
nach der Stadt zu begleiten um ihren Schatz in Sicherheit zu bringen Dieser
Mühe brauchte es aber nicht der gute Ratsherr Arnold hatte nicht sobald den
Verlauf gehört und Anton wieder erkannt als er schon mit einigen Ratsfreunden
hinauseilte der glücklichen Frau Anna mit Rat beizustehen Ihnen übergab Frau
Anna sowohl die goldnen Hufbeschläge als auch das Gold doch verlangte er es auf
der Stelle zu zählen um jeden Verdacht von sich abzulehnen Indem sie nun die
Gulden aus dem Sack herausschütteten fiel auch der lederne Beutel heraus der
Geber aller dieser Reichtümer Die Zigeunerin sah ihn zuerst und bat Frau Anna
darum sie wolle einige Wurzeln hineintun die sie eben eingesammelt und die
ihre Kraft verlieren machten Frau Anna in ihrer Sparsamkeit ungeachtet die
Frau ihr so redlich beigestanden verweigerte es ihr aber Herr Arnold meinte
das Beutelchen sei einer reichen Frau ganz unwert auch versprach die
Zigeunerin dem Kindchen eine Violenwurzel zu schenken auf die es beim Zahnen
beißen könne Frau Anna nahm diese Wurzel und gab das Beutelchen der Zigeunerin
die sie noch fragte ob sie ihr auch aus der Hand wahrsagen solle und sie dabei
an der Hand fasste Zwar hörte Frau Anna mit dem Zählen beschäftigt wenig zu
aber die Zigeunerin musste es ihr sagen »Ihr haltet gut Haus aber Ihr gebt das
Beste weg das ist gut und weil Ihrs Beste nicht achtet wird es Euch
abtrünnig und das ist gut Ihr kriegt noch einen Mann ja das ist gut er
kriegte sonst keine Frau und das ist auch gut«
Während sie noch so weiter dahlen wollte kam schon der fröhliche Herbstzug
der Kinder über das Stoppelfeld Frau Anna eilte sich mit Zählen und da viere
zugleich dabei beschäftigt war alles beendigt und Herr Arnold mit seinen
Gehülfen trug alles in die Stadt »Also Frau meinen Mann kriege ich wieder«
fragte Anna die der Zigeunerin nur halb zugehört hatte »Werdets schon sehen«
sagte die Zigeunerin »wenn einem Glück gesagt wird und einer hört nicht zu da
vergehts ihm wie verfrorne Knospen«
So zogen die Zigeuner fort in den Wald Frau Anna aber lief mit dem Kinde
dem Zuge entgegen der in allerlei Vermummung das Schneiden des Weines feierte
sie war die einzige ohne Larve wenn gleich viele andere ebenfalls zu erkennen
waren ein jeder rief sie an wegen ihres Glücks sie aber fürchtete sich dass
jeder nun von ihr etwas begehren werde und war entschlossen nichts gar nichts
abzugeben
Der ganze Zug war unendlich fröhlich zu beschauen die gleich und ernstaft
gekleideten Kinder die in einer Kriegsordnung vorüber zogen und als Panier
große Blumenkronen hoch erhaben trugen umgeben von den vermummten wunderlichen
Gestalten der älteren Leute machten einen Eindruck wie ein kleines kunstreiches
Zwergenvolk das in ein wildes Riesenland siegreich eingedrungen ist der Himmel
schien ihnen hold die Sonne glänzte ungetrübt auf dem blauen Grunde kein
Zugvogel ließ sich in der Luft mit mahnendem Geschrei vernehmen vielmehr schien
ein verspäteter Herbst dem Jahre zulegen zu wollen was von dem Sommer in den
Schrecknissen der Zeit untergegangen war Die neuangekommenen Pforzheimer
folgten dem lustigen Zuge in Gesellschaft der ernsten Ratsherren und der
bejahrteren Bürger an ihrer Spitze ging Katarina die ihren Harnisch nicht
ablegen mochte ihr hatte Anton seine Stelle übergeben während er selbst in die
von den Kindern geöffnete Kirche eingetreten war der Einsamkeit sein Herz
auszuschütten das allmählich die harte Wut mit weicher Wehmut vertauschte
Seine Frau schwebte ihm erst vor den Augen dass er sie nicht bannen konnte bald
aber ging diese Gestalt in das freischwebende zärtliche Nebelbild über die ihn
allen Heiligen zum Trotz freundlich begrüßte und diesmal lieblicher als je ein
Inbegriff alles Schönen war Ihr Wesen war diesmal unausstehlich sie suchte ihn
sogar eifersüchtig zu machen indem sie den alten bärtigen Heiligen schmeichelte
und doch nebenher zu ihm hinschielte
»Ach« seufzte Anton »Christus hab ich deinen Tempel errettet vor der
Zerstörung kannst du den kleinen zärtlichen Teufel nicht von mir verjagen der
mir deinen Tempel verunreinigt gedenke wie du die Krämer daraus vertrieben
ein größeres Unheil ist dies zu nennen Herr zeige dass du lebst«
Bei diesen Worten verschwand das zärtliche Bild und er hatte Musse seine
Vorzeit sich zu vergegenwärtigen er sah die Bilder die er mit Fleiß und Lust
geschaffen sie waren ihm aber alle nicht recht er zog das kleine Bild
Susannens heraus wie viel Heiligkeit Leben und Segen gegen alle Marien
Katarinen und Cäcilien womit er die Altäre der Kirche geschmückt hatte es
ergriff ihn eine Wut gegen sich gegen seine Arbeit er konnte den Gedanken
nicht ertragen dass diese Arbeiten einst seinen Namen tragen sollten einen
Namen dem so große Geschicke anvertraut waren es drängte ihn in den Fingern
seine Glieder zuckten ihm zum Zerstören wie Kranken die den Tod in sich
tragen die Sehnsucht sich zu vernichten sich zu zerstören alles dient diesem
Wunsche mit einem Zuge hatte sein Degen drei der größten Altarbilder die auf
Holz gemalt waren zerspalten noch aus den Trümmern sah ihn der verspottete
Christus unter der Dornenkrone mitleidig an aber das vermehrte nur seinen Gram
und seinen Zorn die Blitzesschnelligkeit seines Degens der rasch den heiligen
Christophorus niederhieb und die heilige Katarina So wütete er bis kein Stück
seiner Arbeiten mehr kenntlich war und wohlgefällig sah er auf die Trümmern
niemand hatte ihn gestört denn alle bis auf wenige Wächter der Häuser waren
dem Feste nachgezogen mit kühnem Blicke stand er auf diesen bunten Brettern und
dachte wie er mit seinem unversieglichen Reichtume was er nicht selbst besser
leisten könne durch das Herbeirufen der gepriesensten Maler in Verherrlichung
ersetzen wolle da erst gedachte er wieder ob er nicht den wunderbaren Beutel
mit den Schätzen seiner Frau in den Schoss geschüttet habe er fühlte in die
Tasche seines Wamses wo er ihn sonst zu tragen pflegte die Tasche war leer und
so jede andere Tasche und sein Verstand lief wie eine Sanduhr aus Da war kein
Geschehenes zu vergüten kein Zukünftiges zu beschließen Gründe und Gegengründe
schaukelten ihn hoch in die Luft und senkten ihn in die Meerestiefe seines
wogenden Unmutes Er flüchtete wie aus dem Paradiese von einem Engel mit
feurigem Schwerte getrieben aus der zerstörten Kirche unbemerkt erreichte er
den Wald er wollte seinen Schmerzen und seiner Verzweifelung entlaufen indem
er sie ermüdete wie ein Kain lief er umher der seinen Bruder erschlagen und
lechzend blieb er endlich hinter einem Rebenhügel liegen
Das große Herbstfest hatte während dieser Zeit immer mehr Stimmen in seinen
Jubel und Strudel hineingerissen Die Kinder waren mit einem andächtigen
Ernteliede in den Hof gekommen wo die Geschenke ihnen ausgeteilt werden sollten
und wo die Bürger sich eine Mahlzeit hatten bereiten lassen Der kleine Anton
hing nach kurzer Einsegnung durch einen Geistlichen die Blumenkrone vor dem
Muttergottesbilde auf der Geistliche betete dann in einer der Feierlichkeit
angemessenen Rede für diese Jugend dass sie der milden Gesinnung treu bleiben
möchte in der dieses Fest von dem Bürgermeister war gestiftet worden dass keine
falsche Deutung das freudige Wesen desselben lieblos herabwürdige und dass die
Kindheit mit der Wunderwelt die sie erzieht beschützt bleibe wie die Pracht
der Kirche durch Meister Antons Standhaftigkeit in jenen Schreckenstagen der
Bilderstürmerei bewahrt worden sei Bei diesen Worten suchte er Anton in der
Versammlung weil er seine Rückkehr erfahren hatte und ihn gegenwärtig meinte
da er ihn indessen nicht ersehen konnte rief er den kleinen Anton zu sich auf
die erhöhten Stufen ermahnte ihn dem Beispiele seines Vaters in allem Guten zu
folgen der Knabe weinte über die hohe Auszeichnung die ihm wurde nachdem er
von allen auf dem Pachtofe wohin er nach dem Tode Oswalds untergebracht als
ein Missetäter angesehen worden allgemein verbreitete sich die Rührung und das
stille Gebet für den Kleinen der die ganze Stadt an jenem Tage für sich
eingenommen hatte Der Geistliche glaubte nach diesem Augenblicke allgemeiner
Teilnahme nichts Bedeutendes mehr sagen zu können er schloss daher indem er zum
Frieden im fröhlichen Genuße ermahnte eine Warnung die in dieser Gegend
besonders notwendig war wo die Bauerfrauen die aus entfernteren Gegenden zu
Kirchweihen zogen gern das Totenhemd für ihre Männer ihrem Sonntagsstaate
beipackten um für alle Fälle gesorgt zu haben das Volk wollte Blut sehen um
nüchtern zu werden
Nach der feierlichen Rede wurde wieder ein angemessener Dank für die reiche
Ernte aus einem alten Kirchenliede gesungen dann wurden die Kinder auf den
grünen Bleichplatz geführt wo Bretter als Tische und Decken zum Sitzen gelegt
waren die Milchsuppe wurde in großen Braukesseln herbeigetragen und auf die
Teller gekellt die Weizenbröte wurden ausgeworfen die irdenen Weinkannen
ausgeteilt der Schweinebraten nach den Einschnitten seiner harten knupprigen
Schwarte in breite Stücke zerlegt deren weißer Glanz mit brauner vieläugiger
Brühe bedeckt den Kindern ungeduldig in die Augen leuchtete dann der
Äpfelkuchen reichlich mit Honig bestrichen das Mahl und den Mund der Kinder
schloss
Nach feierlichem Gebete standen sie auf und durften sich selbst in den
Gärten die reifen Frühäpfel abschütteln Da gabs ein Leben als sie die Mäntel
und Barette und aus Schonung ihre neuen Wämser und Hemden abgelegt hatten jeder
Baum schien ein volles Nest von Engeln ein Adler schwebte lange über ihnen und
senkte sich nieder weil der kleine Anton auf den höchsten Ästen immer voran
und der kühnste obgleich einer der jüngsten ihm winkte aus sehnlichem
Verlangen auf ihm zur Sonne zu reiten Da ließ sich der Adler bis nahe über dem
Haupt des Kleinen herab der ihm freundlich einen Apfel reichte der Adler nahm
ihn mit seinem Schnabel und sei es dass ihm die Gabe genügte oder dass ihn das
Geschrei der andern Kinder erschreckte er stieg mit rastlosem Fittich der Sonne
zu und verlor sich dem geblendeten Auge in ihrer rollenden Scheibe
Frau Anna saß halb träumend auf dem Ehrenplatze des bezahlten Gasttisches
ihr zur Seite war ein Platz für Anton leer sie wurde durch die Erzählung aus
einem Taumel erweckt in welchen sie das Außerordentliche der Begebenheiten
verzaubert hatte sie freute sich über dies Ereignis aber dieser kleine Anton
wenn sie ihn auch nicht mehr hasste war ihr gleichgültig sie trank kaum seine
Gesundheit mit die ihm gebracht wurde und fragte nur zuweilen nach dem kleinen
Wilhelm den sie der Verwalterin im Pachtofe übergeben hatte um ihn zu ihrem
Kinde in die Wiege zu legen
Katarina sah sie mit großer Verwunderung an sie konnte nicht begreifen
dass diese Frau deren Wesen ihr so gemein und niedrig erschien die Frau ihres
Bruders sein könne und wie Frau Anna die Versicherung des Ratsherrn Arnold dass
es nichts koste dazu benutzen wollte sich einmal ganz satt zu essen so stieg
der Hochmut in Katarinen so gewaltig dass sie über den Geruch der Speisen die
reichlicher gewürzt waren als es in der Hexenküche ihrer Mutter herkömmlich
die Nase rümpfte ja wohl gar darauf nieste dass keiner den Teller anrühren
mochte und alle nur aus Rücksicht weil sie mit den Fremden gekommen es beim
Zischeln bewenden ließ Als der Hunger aber so mächtig in ihr wurde während
die meisten andern schon den Käse schabten dass sie die fortgeschobenen Teller
einen nach dem andern vornahm und mit dem Brote bis zum letzten ausputzte da
konnten sich viele nicht mehr des Lachens enthalten Sie wollte trotzig die
Ursache wissen eine dreiste Frau vertraute es ihr da wurde sie so beleidigt
dass sie mit so elendem Volke gar nicht mehr ausdauern mochte und die
Gesellschaft verließ Kaum war sie fort so legten die Pforzheimer mit allen
sonderbaren Geschichtchen los die sie von ihr unterwegs erfahren wie sie ein
Kind gehabt und doch Jungfrau sei dass sie ein unehelich Kind und ihre Mutter
eine Hexe
Zum Unglück war Güldenkamm und Susanna bei diesen Erzählungen nicht
gegenwärtig sie hätten ihnen sonst Einhalt getan beide waren gleich nach der
feierlichen Rede in die Stadt gegangen ihren Anton aufzusuchen den sie im
Ratskeller oder sonst bei alten Bekannten vermuteten und dem Feste zuführen
wollten
Nach Tische begann die Traubenlese freilich an diesem Tage mehr zum Schein
als des Nutzens wegen denn jeder durfte essen was er brach jeder durfte sich
die reifsten Trauben auslesen und sich damit nach der großen Weinlaube begeben
wo ein Fass Wein auf gemeinschaftliche Kosten ausgetrunken werden sollte
Beim Weine fiel es dem unbescheidnen Junker Blaubart ein dem Waiblinger
Burgemeister einen Pforzheimer Mut zuzutrinken wenn die Bauern einmal wirklich
vor die Stadt zögen und nicht ihre arme Kinder so voraus zu schicken
Der Burgemeister rief Arnold er möchte einmal hören was der Pforzheimer
spreche ob es auch nicht ihrer Stadt zum Nachteil gereiche Da gab es harte
Worte von beiden Seiten eben sollte es zum Losschlagen kommen als eine große
Schar Winzer mit verdeckter Trage und großem Geschrei zur Gesellschaft heranzog
Es war nämlich die Sitte des Landes dass die Winzer gegen Abend auszogen und
Mädchen die etwa müßig umherliefen auf ihre Trage legten um sie unter dem
Namen der Herbstsau zum Gelächter aller in die Gesellschaft der Fleissigen zu
bringen solch ein Mädchen musste sich mit allerlei Geschenken loskaufen
Welch eine Verwunderung als jetzt die stolze Katarina aus der
geheimnisvollen Verhüllung hervorkam und mitten im Geschrei und Gelächter wie
eine Königin sich gebärdete Da sie den Gebrauch nicht kannte weil im Gebirge
kein Weinbau getrieben wurde so hielt sie die Winzer für Abgeordnete die sie
auf eine recht ehrenvolle Art als Königin des Festes der Gesellschaft
zurückführen sollten und war natürlich jetzt verwundert von allen als Sau Sau
Sau sich anrufen zu hören und die Neigen aus aller Gläser wie einen Regensturm
auf sich fallen zu fühlen
»Güldenkamm« rief sie mit lauter Stimme der war aber mit Susanna im
Ratskeller so gutmütig festgehalten von der Wirtin dass er seiner Geliebten
nicht gedachte »ach« seufzte sie »wäre mein Wilhelm hier er ließe mich nicht
ungerächt warum habe ich die treue Seele verstoßen nun machts nur nicht gar
zu grob« fahr sie fort als ihr Brot und Käserinde an den Kopf flogen Dies war
das Ziel ihrer Demütigung denn mit einigen kräftigen Schlägen lagen plötzlich
die Winzer die sie auf dem Schandsitze festgehalten hatten am Boden
»Katarina Wilhelm dein mein mein Leben um deine Ehre« mehr konnten
sie nicht mit einander reden Wilhelm wütete gegen die Menge und wäre sicher
verloren gewesen wenn nicht die Waiblinger in der Meinung er sei ein
Pforzheimer der den alten Streit erneuern wolle gegen diese Gäste
losgeschlagen hätten
Da gabs ein Schlagen Junker Blaubart hatte bald auch blaue Augen und
hätte er nicht ein Messer gehabt so war er verloren vielleicht wäre alles
nicht so schlimm geworden wenn nicht sonderbar war es anzusehen die
Weinlaube deren Stützen zum Schlagen ausgerissen wurden endlich über die
Fechtenden zusammenstürzte die in ihrem grünen verflochtenen Netze die
Drohenden festhielt Manche Traube kühlte den zornigsten Mund indem sie sich
auf ihm zerdrückte und es schien als ob sie der Freude erzogen den Streit
nicht leiden wolle
Aber Katarinas beleidigter Stolz litt keine Hemmung sie verhöhnte die
Waiblinger mit bitteren Reden indem sie alle weibische Männer nannte welche die
Ehre einer Jungfrau nicht zu achten wüssten
Wilhelm und die Pforzheimer die bessere Messer und ein paar Degen hatten
arbeiteten sich zuerst von dem Flechtwerke los da sie nun auf vielen hart
herumtrampelten die darunter vergraben lagen so erweckte ihr Geschrei Furcht
in den andern als erst einige flohen wuchs die Zuversicht der Pforzheimer
ungeachtet ihrer geringen Zahl dazu kam dass in der Dunkelheit die halb
berauschten Waiblinger die sich unter der Laube allmählich erhoben einander
verkannten und mit Faustschlägen sich einander gegenseitig traktierten Nach
einer halben Stunde waren die Waiblinger so viele deren noch gehen konnten
außerhalb der Mauer des Hofes der aus alter Zeit her noch wie eine Burg
befestigt war und nur einen Zugang hatte Wilhelm zog die Brücke auf und sah
jetzt als der einzig ganz Nüchterne nach den Verwundeten auf dem Schlachtfelde
Katarina kam ihm mit einem goldnen Sporne entgegen den sie einem
verwundeten Ritter Landschaden abgenommen auch nahm sie ihr Schwert wieder das
sie hatte in der Laube stehen lassen und schlug ihren Geliebten zum Ritter mit
dreimaligem Ausrufe »Besser Ritter als Knecht« erst dann durfte er sich den
Sporn anschnallen erst dann durfte er sie umarmen dann wechselte sie im
Beisein aller Pforzheimer die Ringe mit ihm die sie dem toten Bürgermeister
abgezogen hatte als Zeichen ihres Verlöbnisses Als er sie an seinen Mund an
sein Herz gedrückt hatte da fühlte er erst seine Wunden und sank auf seine Knie
und küsste ihre Hände Sie ließ es geschehen sie sah den Sieger den Ihren gern
zu ihren Füßen sie fragte ihn welcher Zufall ihn in ihre Nähe geführt Er
sprach wie er ihr noch recht lange habe nachsehen wollen ihr und dem Zuge so
sei er von Hügel zu Hügel hinter ihnen hergegangen er habe aber nicht gewagt
sich ihnen zu nähern er habe sie mit Herzensjubel zuletzt auf dem Felde
belauscht wie sie die Feldzwiebeln neben sich geköpft auch sei er schon bereit
gewesen ihr zu Hilfe zu eilen als die Winzer sie ergriffen doch ihm habe es
geschienen als sei es mit ihrem Willen Leise sei er endlich dem Zuge der
fröhlich mit Weinlaub Geschmückten gefolgt bis er ihren Ruf nach Hilfe und
Rache vernommen »Mir ist alle Seligkeit geworden auf Erden« so sprach er »du
hast zum Ritter mich geschlagen dein hohes Blut mit mir verlobt und wie ein
Pferd bei einer vollen Krippe nachdem es seines Lebens satt und froh mit seiner
Halfterkette spielt so will ich mit dem Ringe spielen wenn mich die Kraft
verlässt noch die geliebten Hände festzuhalten«
Bei diesen Worten sank er um erst jetzt sah Katarina dass er an zwei
starken Stichwunden in der Seite verblutet war o du armer Stolz der Erde jeden
Tropfen des gemeinen Blutes hätte sie gern mit ihrem hohen Blute erkauft ihre
Hand die ihm den Himmel aufschließen konnte hatte keine Macht ihn auf der Erde
festzuhalten und ihre Augen die ihm sonst in steter seliger Nähe vorschwebten
versanken in die unendlich tiefen Brunnen voll Tränen wie fallende Sterne am
Todestage der Welt Rings um den Sterbenden waren alle Lebenden auf ihre
Sicherheit bedacht sie gedachten aber nicht welches Pfand der
Unverletzlichkeit ihnen geblieben die Kinder der Stadt die sich in dem Garten
beim Spiele eben so rauften wie ihre Väter beim Weine erst bei den Klagen der
Weiber die aus dem Felde heimkehrend das Schrecken erfuhren und um ihre Kinder
fleheten dass man sie ihnen zurückgeben solle Aber Blaubart erkannte schnell
seinen Vorteil er versprach ihnen Schonung der Kinder wenn sich alle Bewohner
von Waiblingen während der Nacht in die Stadt zurückzögen dass sie sicher vor
jedem Überfalle den Morgen erwarten könnten
Herr Arnold der glücklich entkommen war ging diesen Vertrag ein nur sagte
er dass sie Güldenkamm und Susanna die von dem Lärmen aufgeschreckt ihrem Herrn
zu Hilfe eilten und den ergrimmten Flüchtlingen in die Hände gefallen waren zur
Sicherheit des Vertrages als Unterpfänder bewahren wollten
In dieser schrecklichen Nacht wo jeder für die seinen bebte sich aber gern
vergessen hätte stieg zum erstenmal der große Komet aus dem Schoße der Nacht
auf der nachher noch so viel Blutvergießen über die Welt gebracht hat das traf
in das schönste Wohlleben Deutschlands So ist uns oft das Leben eines einzelnen
Menschen ein Bild von den Schicksalen seines Volkes oft voraus warnend oft zu
spät So mögen wir auch wohl erwägen was sich zwischen Anton und Frau Anna in
dieser Nacht ereignete Er war erschöpft an einem Rebenhügel liegen geblieben
dort hatte ihn die Zigeunerin gefunden und mit einem brennenden Getränke das
damals nur den Kranken gegeben wurde und das aus der Gärung der Kirschen in
künstlicher Destillation erhalten wird wieder zu seinem Verstande gebracht er
kannte sie wieder sie gab ihm Speise und brachte ihm einen Gruß von seinem
Vater Rappolt der da noch lebe und ihn zu sich rufen lasse ihm im schweren
Dienste seine jugendlich wachenden Augen zu leihen weil er allmählich erblinde
Diese Nachricht beruhigte Anton er sah wieder ein Ziel wonach er streben
konnte einen Schatz durch den er den Waiblingern die Verwüstung ihrer Kirche
vergüten könne eine Rache gegen seine Frau wenn er ihr seinen Überfluss und
sein Erspartes zusenden konnte
Die Zigeunerin versprach seiner im Walde zu warten um ihn zum Vater zu
führen er eilte die Seinen von dem Feste abzuholen Es dunkelte als er wieder
in die Nähe des Pachtofes kam und wie er über die reiche Gegend sah die
abgeerntet wieder neu belebenden Stoff den himmlischen Strahlen ausgelegt hatte
da regte sein Herz wieder die Nähe des zärtlichen Gespenstes es war ihm diesmal
nicht unwillkommen doch schien es scheuer vor ihm hinter jedem Busche sich zu
verstecken er lockte es sanft wie ein Schäfer das Lamm das einem Abgrunde nahe
steht er gab ihm schmeichelnde Worte pflückte weiches Laub von den Weinreben
und mochte den Vorübergehenden wohl töricht vorkommen wenn nicht der Weg an
diesem Festtage den Verirrten nur gehört hätte Zärtlich bewegte sich das
geliebte Bild vor ihm umsonst mahnte er es sich ihm zu verbinden er sei ein
Neugeborner aller Fesseln frei seit er die Stunde verflucht die ihn wieder mit
seiner Frau verbinde aber die liebliche Gestalt bald seiner Frau bald
Susannen ähnlicher schien den Spaß wie ein törichtes Kind allzuweit zu treiben
er zürnte in seinem erhitzen Gemüte zog sein Messer und rief »Teufelin ein
Wort du bist mein oder bist des Todes du teilst mein Lager oder wir sind auf
ewig geschieden wie zwei Felsen durch einen Wasserstrom«
Da regte sich die Gestalt da schien sie zu verschwinden trat aber dann den
Weg hinauf ganz in der Gestalt seiner Frau nur war sie wie der Sternenschein
aussagte in ihrem Angesichte frischer sie trat auf ihn zu umfasste ihn und
konnte nicht reden Wenn aber der Wolf seinen Fang sucht da ist er still dass
seine Stimme nicht erschrecke so still zwang Anton die Gestalt seinem Willen
und sie schien dem Zwange mit zögerndem Wunsche zu begegnen sie entschliefen
beide in Lust und der Wind der auf Blumenrädern und der Sturm der auf
Eisnadeln über sie hin fuhr konnten sie nicht erwecken Als aber die Sonne
aufging da träumte Anton er falle in eine Höhle die bis in den Kern der Erde
gehe er wollte sich helfen und erwachte der Zaubertrank der Zigeuner war
verraucht er sah die Frau an seiner Seite um die er sich und die Stunde
verflucht hatte in der er sie wieder berühre und die Stunde hatte schon lange
ausgeschlagen und der Fluch brannte in seinem Haupte wie brennender Zunder der
einem Pferde in das Ohr gesteckt ist dass es durchgehe es schauderte ihm dass
das Messer in seiner Schale zitterte das am Gürtel hing er zog es und rief
»Du oder ich«
Das Messer war in Frau Annas Brust sie war es gewesen sie selbst sie war
vom Weine in Gedanken verwirrt von dem Zuge der Frauen abgekommen unbekannt
mit der Gegend war sie ihrem Mörder in die Arme gelaufen den sie mit ihrer
Gunst stillschweigend zu versöhnen trachtete denn sie kannte ihn sonst zwar
heftig aber ohne Falsch und was er sonst küsste das war ihm heilig dadurch auf
immer und ewig
Jetzt zogen die grauen Wolken über ihr und sie wusste nichts davon die
Zugvögel flüchteten vor dem neuen Wetter sie aber war schon weiter gezogen der
dürre Jäger stand aber hinter dem erstarrten Anton und fragte ihn »Bruder ein
Wildbret du fällst mir in meine Jagdgerechtigkeit soll ich dich auf einen
Hirsch schmieden und durch den Wald jagen was hast du geschossen was so
schweisst deck deinen Mantel auf wir wollen teilen«
»Nimm uns beide« rief endlich Anton und schlang die goldne Halskette die
er zum Geschenke erhalten hatte um seine beiden Hände dass er festgebunden war
»diese gib der Erde mich aber übergib dem Richter der an Gottes Stelle auf
Erden richtet mich bringe als Mörder nach Waiblingen so will ich dich zum
Erben setzen von allem was noch auf Erden mein ist«
»Nicht also guter Bruder« sprach der dürre Jäger »haben wir gewettet ich
habe auch mein Weib umgebracht wir kennen uns nun besser einander und keiner
hat dem andern was vorzuwerfen sei kein Tor dich den Gesetzsprechern
auszuliefern die doch keinen Armen vor Mord und Totschlag in dieser Zeit
schützen können und viel tausend Landsleute um eine Frage die keiner versteht
niederhauen lassen ich meine du bist eines vornehmen Herren Kind ich habe
auch vom Grafen Rappolt gehört zieh ab hier ist kein Boden für uns beide was
hält dich noch hier«
»Mein Kind« seufzte Anton »und diese Leiche«
»Fort mit ihr in den Strom der sich hier durchquält er mag sie tragen
wohin er will«
So tat der Jäger eh ers sprach und als Anton sich ihm nach werfen
wollte trug er nur noch den Brief auf seiner Fläche der aus Frau Annens Busen
gefallen war und legte ihn dem Erstarrten zu Füßen Der Anblick hielt ihn
zurück er trat in das Bewusstsein eines größeren Geschickes dem nicht zu
entfliehen sei seine Augen weilten auf der ewig wandelnden ewig gleichen
Fläche des Stroms der jetzt Katarinens verweintes Angesicht ihm abspiegelte
wie sie den kleinen Wilhelm auf dem Arme den kleinen Anton an der Hand mit
Güldenkamm und Susanna über die Wiese aus dem Pachtofe fortzogen während die
Pforzheimer die sich alle Pferde der Sicherheit wegen zugeeignet hatten über
das Feld fortjagten dass sie der Grenze entkämen Nimmer war eine Sehnsucht nach
dem Tode in Antons Seele erwacht jetzt aber war seine Seele in den Worten »Mir
wäre besser dass ich tot als dass durch mich solches Unheil in die Welt
gekommen« Katarina ihm gegenüber seufzte in den Wind der gleichgültig über
alles hin das Tal mit dem Fluße hinabgleitete »Mir wäre besser die Schande
als eine Ehre die mir den Geliebten entrissen«
Beide standen so von einander getrennt und achteten nicht was rings
geschah da pfiff es aus allen Büschen und wie in einem Wirbelwind auf einen
Kreis aller bewegliche Staub und gelbe Blätter zusammengedreht sich vereinet so
standen sie plötzlich zu beiden Seiten von den gelben bestaubten Scharen der
Zigeuner umgeben die Anton wieder erkannte mit der Hand von sich fortwinkte
die Hände dann faltete und von sich fort zu beschwören schien Die Zigeuner
versammelten sich aber mit der Begleitung vieler Maultrommeln und Querpfeifen
singend immer näher um Anton und Katarinen dass ihr Hauch im Aufschreien die
blonden Locken durchschauderte
Zigeuner
Betet nur kein Vaterunser
Ihr seid unser
Stehet auf der Wegesscheide
Euer Weg der führt zum Galgen
Und der unsre führt zum Balgen
Ihr seid auch von unsern Leuten
Uns hilft Streiten und Erbeuten
Seht euch nicht um und weinet
Ihr versteinet
Eure Stadt seht ihr nicht wieder
Euer Haus geht auf in Feuer
Werdet frei von dem Gemäuer
Lasst euch nirgend wieder nieder
Maurer Zimmerleut sind Feinde
Und die Welt ist die Gemeinde
Die Zigeunerkönigin
Einer seh nicht nach den andern
Ihr müsst wandern
Wo kein andrer ist geboren
Überm Stroh geschorner Felder
Überm Besenreis der Wälder
Wo der König steht verloren
Von der Erd löst euch die Schuld
Steigt durch Tat zu Himmelshuld
Zigeuner
Springt das Grün aus Frühlingstrieben
Sollt ihr lieben
Sind verguldet alle Saaten
Müsst ihr ernten ohne Säen
Scharfe Schwerter können mähen
Haun aus jedem Schwein die Braten
Graben wir nach fetten Dachsen
Knarren bald die Wagenachsen
Betet nur kein Vaterunser
Ihr seid unser
Müsst mit uns auf Felsen klimmen
Ihr seid nirgend mehr willkommen
Wollt ihr zu einander kommen
Müsst ihr wie die Fische schwimmen
Wer noch durch die Luft gezogen
Hat den Teufel drum betrogen
Die Zigeunerkönigin
Hunger lehrt euch prophezeien
Lasst euch weihen
Sagt erst Kindern was sie wollen
Jungen Mädchen sprecht vom Knaben
Heimlich kommen euch die Gaben
Klebt ihr nicht an Erdenschollen
Ahnen euch der Wittrung Taten
Helden kann ein Held erraten
Propheten sprechen oft zu uns aus unserm eigenen Munde an das Unbedeutende
heften sie den Blick mit Ahnungen und wir fühlen ein gemeinsames Leben mit aller
Welt O ihr Ahnungen wunderbare Seher der Zukunft eure Sternzeichen leuchten
in der unerschöpflichen Tiefe unsres Herzens ihr seid das Licht ihr seid das
Auge zugleich und darum seid ihr nicht zu erkennen und zu begreifen mit der
Vernunft Mit wechselnder Schnelligkeit hebt überfliessend der Eimer des neuen
Lebens dass sein herabfallender Überfluss im Brunnen uns erst hörbar wird wenn
der geleerte Eimer schon in leerer Gegenwart schwankend niedersinkt Das
Herrlichste erkennt sich erst wenn es vorbei und darum begrüsse ich euch
dankbar und locke euch liebevoll ihr viel verschmähten Ahnungen aus euch atme
ich hoffend und leicht in die Welt durch euch schlägt jede Ader mächtiger und
freut sich ihrer unendlichen Verflechtungen die ein Vorbild sind wie die
unendlichen Geschlechter der Erde aus einem Blute stammend auch an ein Blut
glauben sollen das für alle vergossen alle zur Seligkeit führen wird Wie
sehen wir ahnend so anders in die Welt und in dem Himmel sehen wir wie ein
allumfassendes Blau die verbrennenden Gestirne ernährt und herstellt woraus
wird uns in Ahnungen so wohl O könnten wir doch auch rückwärts unsern Blick
in eurer Kraft wenden und die Welt verstehen lernen die unsere Erinnerung
belastet könntet ihr das Vergessene und Verborgene uns wiederbringen erst dann
wäre unsre Welt unendlich und dazu möchte ich euch zur Stunde meiner Geburt
hinwenden das Gefühl zu wissen mit dem der Mensch sein Auge zum erstenmal
öffnete zu wissen wie er dann in der Wiederkehr des Jahres nachdem er den
großen Kreis das erste Mal durchwandert den Jahrestag seiner Geburt feierte ja
dann wüsste ich wie die Erde fühlt mit ihren Saaten und Wäldern in jeder
Jahreszeit ob die Tiere ihr Leben rühmen das auf einen Jahreslauf beschränkt
ist oder ob sie neidend den überlebenden Geschlechtern sich vor der Luft
verkriechen die sie erweckt hatte und entschlummern Dann wüsste ich wie jedem
Geschlechte der Tiere zu Mute ist wenn der Tod des Jahres der Winter alle
Blätter abstreift was die Vögel singen wenn diese gleich ihnen durch die
Luft fliegen was das Gewild schreit wenn sie ihnen das Gras bedecken und die
Fische wenn sie wie unzählige kleine Nachen auf der Wasserfläche umhergaukeln
bis sie versinken Eine schwerere Decke überzieht aber bald mit gleichem Weiß
die vielfarbige Erde wie mögen die Ameisen erschrecken auf ihren weiten
Wanderungen wie mögen die Bienen trauern wenn sie ihren Vorrat die goldene
Erinnerung unzähliger Blumenküsse in der Not angreifen was mögen die Fische
träumen wenn eine harte trübe Eiswölbung sie in härterer Gefangenschaft hält
als die Netze denen sie so oft entschlüpft sind und sie von der Oberfläche
bannt an der sich das Wasser erneut in der sie so oft fröhlich des
Sonnenscheins rauschten wie sie erschrecken nun der Hirsch den der Teich so
lange tränkte verwundert über ihr Haupt hintobt und mit hartem Hufe anklopft
bis er die Eisdecke eingeschlagen und dann selbst erschreckt den Kopf
zurückzieht wenn ihm die scheuen Bewohner des so spiegelnden Elements
ungeduldig entgegentreten weil sie schon erstickt sind in der kalten Nacht und
verkehrt oben aufsteigend kaum noch die Flossen zu regen vermögen Wie sich in
der Liebeszeit des Jahres die Tiere über einander fröhlich verwunderten über
alles was jedem besonders verliehen wie die Krähen da sich Flöckchen Wolle zu
ihrem Neste von der Fülle des Schafs abrissen und der treue Hund der es nicht
leiden wollte ihnen kaum eine Feder ausreißen konnte und den sichern Fang
erstaunt in die Luft emporsteigen sah und vergebens danach emporsprang wie der
ergrimmte Hahn die Enten auf dem Wasser nicht weiter verfolgen konnte die
seinen Hühnern das Futter weggefressen so beneiden einander alle in der
Schreckenszeit die Krähe sieht von ihrem dürren Ast den dichten Pelz des
Schafes mit Neid und möchte sich darin kleiden Enten und Hühner sehen mit Neid
die fröhlichen Zugvögel fortziehen alle Tiere macht der Winter ernst und
boshaft und der Mensch der alle beherrschen sollte verkriecht sich furchtsam
vor ihnen und liest in dem Fluge in dem Geschrei der Tiere abergläubische
Zeichen einer höheren Gewalt
Du armer Mensch wärst du doch wie jene Murmeltiere einem Winterschlafe
wenigstens unterworfen wenn du nicht mit den Zugvögeln dich in die Gegenden
ewigen Frühlings flüchten kannst oder wie die Wasserlilien nur zum Blühen an die
Oberfläche kommst o dass du ihnen nicht gleichtun kannst und schlafend oder
wandernd oder versinkend dem Winter entkommen magst keiner von uns mag so
schnell ziehen und versinken um der Kälte zu entkommen die in einer Nacht
halbe Weltteile überfliegt und wer schliefe so fest dass ihn der Frost und der
Sturm nicht weckten so schlafen nur die Toten Die Lebenden aber wie das Grün
das noch aus dem Schnee wunderbar hervorblickt strecken ihre Arme von ihrem
Lager in die Welt der Sonne entgegen aber sie wärmt nicht mehr sie
erschrecken vor ihr wie vor einer alten Freundin die in einem Augenblicke ihnen
fremd geworden ist Aber die Trompeten schmettern in allen Straßen gedämpft von
den Schneelagen doch hörbar der Feind ist nahe der Freund ist in der Not Not
und Ehre rufen ihn doch der die ganze Welt vergessen möchte die Schüsse fallen
immer näher das Laufen der Flüchtenden hallt immer schneller er fühlt keinen
Frost mehr ihm ist heiß wie in Frühlingsluft die Ahnung hier müsse er
kämpfen durchlebt ihn ob der Himmel hell oder dunkel nur eine Tätigkeit in
ihm und um ihn her nur ein Bestreben denen die ihn vom traurigen Tode des
Erfrierens erweckt haben sich anzuschließen ihre Feinde sind seine Feinde und
wäre es die ganze Welt
Mit solchem Herze voll Ahnungen des Mutes sprang Anton unter der Schneedecke
hervor die ihn während des festen Schlafes am Waldabhange unsichtbar gemacht
hatte das grüne Gras sah gedrückt doch hell an der Stelle hervor wo er
gelegen hatte und dampfte von seiner Lebensglut die zu ihm übergegangen war
er sah es noch so träg und trüb war seine Seele trotz der dringenden Gefahr
der Seinen die ihn anriefen mit seinem Zigeunernamen »Huty Huty wenn nur
unser Huty bei uns wäre«
Auf der andern Seite sahen ihn die Juden und riefen ihm zu »Komm zu uns
Simson du sollst unser Führer sein zieh aus dein Schwert«
Der dürre Jäger weckte ihn und rief »Komm zu uns denn bei uns ist deine
Schwester deine Kinder Susanna und Güldenkamm«
Diese Worte hätten Anton entschieden sein Schwert gegen die Zigeuner zu
wenden da erschienen ihm die Seinen wie goldne Morgenflammen wie sie am Berge
fortzogen und nach ihm riefen weil sie ihn überall vermisst hatten »Anton
Anton« schallten ihm die teuren Stimmen die nach ihm riefen und er wandte
sich zu ihnen zurück sie sahen ihn und sprangen noch bleich vom Schrecken auf
ihn zu »Steh Katarinen bei« rief Güldenkamm »sie ist mit ihren Jungfrauen im
stärksten Kampf beim schmalen Wege am Sumpfe«
Anton eilte mit einer allmählichen Erwärmung seines Gemüts nach jener Seite
es war ihm als hätte er nach einem Vierteljahre Kerkernacht wieder die Sonne
erblickt ihm war als ob er noch zu etwas tauge und eine Rührung durchschnitt
ihm das Herz als dränge ihm ein blankes Schwert hindurch und machte es der Last
seines Lebens frei die Reue war ein Greuel in diesem Leibe gewesen der sich
nicht beugen konnte weil er zu stark war der sich nicht vor der Welt büssend im
Staube verkriechen konnte weil er zu groß gewachsen Es war ihm ein Bewusstsein
geworden und er sah sich in der Tat wie der volle Mond das erleuchtete Viertel
sieht und auch in klarer Nacht an seinem Rande gesehen werden kann er handelte
er wusste dass er handelte und so riss ihn nichts mehr unwissend fort Zwischen
Klotilden die mit ihren ergebnen Zigeunermädchen die Brücke besetzt hielt und
zwischen den Juden die sich zum Angriffe mit Jagdspiessen anschickten war noch
ein gegenseitiges Zuschrein und wildes Unterhandeln die Juden meinten sie durch
Überredung von ihrem Passe zu vertreiben und schickten sich nur ungern dazu an
sie anzugreifen die ihnen mutig mit gutem Degen unter die Augen trat Der dürre
Jäger trat endlich zwischen beide und suchte beide zu besänftigen sein Anblick
aber mehrte so gewaltig die Wut der Jungfrauen dass sie mit dem Geschrei »Tod
dem Verräter« auf ihn eindrangen eben als Anton ganz in ihre Nähe getreten In
diesem Augenblicke schwärzte sich der ruhelose Nachthimmel und hoch in den
Lüften erschallte durch die schwarze Luft ein kriegerischer Marsch in harter
Tonart scherzend in Wildheit Die Juden schrien auf »Das wütende Heer werft
euch nieder«
Alle warten sich nieder wie schwarze Garben auf der weißen verschimmelten
Flur auch die Jungfrauen warfen sich nieder und schimmerten wie Blutstropfen in
dem weißen unschuldigen Lammfelle der Erde Anton aber beugte sich nicht
sondern hob drohend über sich sein Schwert Und bald sahen die wütenden Scharen
auf ihn und zogen doch weiter wie Kriegsvölker die vor der Bildsäule eines
feindlichen Helden lobend vorüberziehen und in sich denken dass die Lebenden
recht behalten Welch ein Gewirre von Trachten aber alle mit Blut bezeichnet
leicht und flatternd in ihren Hemden liefen in fröhlichem Gesange die an Wunden
gestorben ihre Rüstung war ihnen abgenommen und ihr Fähnlein war aus
zerschossenen Hemden zusammengepflastert darauf stand geschrieben gegen
welches Volk sie gestritten gegen welches sie um Rache schrien ein trockenes
Lazarett das aus dunklen Kasematten auf eine grüne Wiese ausgeführt wird wo
ihre Geliebten ihnen volle Becher alten Weines reichen so dass sie in Licht
Wein und Liebe zugleich ersoffen sich alle gesunder fühlen als da sie noch
gesund waren so zog dieser mutwillige Haufen jeder mit seiner Geliebten mit
Blumen und bunten Bändern geschmückt und wüteten hinkend auf den verstümmelten
Gliedern Zwischendurch drang die rührende Tonart des Kriegsgesanges der
Gerüsteten die mit den Waffen in der Hand vor dem Feinde gefallen ihre großen
Fahnen aus allen Zeiten hatten sie mit hinübergenommen teils die eigenen
teils feindliche sie ließ Anton ihre Zeit erraten sie forderten keine Rache
denn ihnen war geschehen wie sie gewollt aber ein feierlicher Ernst eine
Gewissheit ihrer selbst erhielt sie in einer wohlwollenden Rührung sie wären
gern gnädig gewesen aller Welt und wollten für die Ihren am jüngsten Tage reden
Diesem Heldenzuge des wütenden Heeres entgegen zog der wilde Jäger aus
Osten ein herrlicher Mann auf hohem Rosse vor ihm her ein Wolkenzug von
ähnlichen weißen Jagdhunden die suchend liefen in ewiger Dummheit bellten und
am Himmel kein Gewild erspüren konnten hier roch einer an die Spitze einer
Tanne dass die Nacht ein Hase in ihrem Schatten geschlafen hatte gleich kamen
alle im Kreise und rochen und bellten bis der wilde Jäger sie mit starker
Jagdpeitsche heulend in die Weite trieb Die beiden Züge drangen gegen einander
und wie sie einander berührten brannte ein Blitzstrahl nieder dass die Welt in
einem Feuerabgrund zu versinken schien dann war es schwarz vor Antons Augen er
fühlte um sich und fühlte nichts er wusste nicht wohin er entrückt war es war
still um ihn her weder Jagd noch Krieg aber ein tiefes Atmen als sei er ein
Früherwachter unter vielen Langschläfern
Endlich berührte seine Hand eines Menschen Mund und mit einem Schrei hörte
er wieder die Stimme seiner Schwester »Anton du lebst nun so lass uns zu Gott
beten der uns erschüttert hat«
Anton aber fragte »Katarina wo sind wir in welcher Tiefe büßen wir unsre
Sünden«
KATHARINA »Wir allein stehen aufrecht wie wir standen um uns her liegen
Freunde und Feinde im Grase hingestreckt und wagen nicht aufzublicken Aber
sprich Anton was berührst du so stillschweigend meine Augen«
ANTON »Siehst denn du mit deinen Augen warum deckst du mir die Augen zu«
KATHARINA »Herrlich glänzen deine Augen wie ich nimmer sie gesehen
weitinleuchtend über die erschreckte Flur und die Feinde statt zu streiten
beten demutvoll zu dir und bitten dich um Frieden« Anton fühlte er sei vom
Blitzstrahl geblendet aber er schämte sich es zu gestehen so verlassen von
Gott und von der Welt hatte er sich nie gefühlt als die Feinde ihm den Jäger
gebunden überschickten dass er und die Zigeuner ihnen Frieden und Freundschaft
schenken möchten nachdem der Blitzstrahl ihren alten Anführer Niklas erschlagen
habe der unter ihnen Manasse geheißen
Anton befahl den Gefangenen wohl zu bewachen und die Seinen die sich
jetzt allmählich um ihn versammelt hatten hoben Geiseln aus um ihre kleinere
Zahl gegen die Übermacht dieser Höhlenbewohner zu sichern Aber alle diese
Bewegungen diese Vorsicht alles schien noch durch die betäubende Erscheinung
verwirrt es war als ob ein Menschenfuss durch ein paar Heere streitender Ameisen
geschritten ihre Wut ist in der allgemeinen Zerstörung erloschen und die
ergrimmten Feinde suchen gegenseitig bei einander Zuflucht Da die Herzogin der
Zigeuner nicht gegenwärtig war so hatte das allgemeine Zutrauen Anton als
Führer emporgehoben er aber starrte in eine ewige Nacht und wenn er es ihnen
auch zu verbergen trachtete und jeden Augenblick das Licht der Welt erwartete
so konnte er doch nur nach langsamer Ausfrage gebieten was der Augenblick
erheischte Aber der Friede war den Menschen aufgedrungen in dem
gemeinschaftlichen Schauder vor größeren Ereignissen die sich der Welt nahten
und die jeder vorerst in seinem Kreise sich zu deuten suchte
»Den wilden Jäger kennen wir wohl« sagte ein Bewohner der Höhlen »es ist
der Hackelnburg mit der Tut Ursel sie ziehen vor allen großen Festlichkeiten aus
ihrem Gebirgswinkel heraus wie mögen sie aber heute sich entsetzt haben als
ihnen das wütende Heer in den Weg getreten ist denn das bedeutet großen Krieg
und wo die alten erschlagenen Landsknechte herziehen daher kommt es über
Deutschland das wilde Kriegswetter«
»Wie ist die Geschichte mit dem Hackelnburg« fragte Susanna die Anton
wieder traurig auf den Boden hinstarrend erblickte wie er oft getan seit dem
Tode seiner Frau
Ein alter Jude antwortete »Wir haben viel von dieser Geschichte im Lande
gehört in unsern Büchern steht nichts davon Er soll ein gewaltiger Jägersmann
gewesen sein der Hackelnburg die Tut Ursel aber eine Nonne die in ihrer
höchsten Andächtigkeit die andern Nonnen mit ihrer schrecklichen grunzenden
Stimme gestört hat Hackelnburg hat ihre Stimme im Chore gefallen weil sie der
eines wilden Ebers ähnlich er entführte sie verließ sie aber im Walde wegen
eines Traumes der ihn warnte er werde durch einen großen Eber umkommen Als er
sie verlassen durchstreifte er wieder das Jagdrevier und traf auf einen großen
Eber zwar entsetzte er sich erst vor ihm doch fing er ihn ab und als er ihn so
vor sich liegen sah da stieß er verächtlich mit dem Fuße gegen einen der großen
Hauer und sagte Nun du sollst es mir auch nicht getan haben
Das war sehr unvorsichtig von dem Manne das hätte er lassen sollen er
stieß sich den Hauer durch den Stiefel ins Fleisch und starb bald an einer
Entzündung dieser Wunde Nicht wahr das hätte er lassen sollen Die Leute
sagten gleich es sei mit dem Eber nicht richtig gewesen sie begruben ihn mit
dem Hackelnburger zusammen bald zeigte es sich dass er mit seinen Hunden
umziehe wenn Feste im Lande und die Tut Ursel vor sich herjage Ja was ist
dagegen zu sagen«
Der dürre Jäger der gebunden und grimmig am Boden lag rief hier »Ja das
weiß ich und habe es erfahren wie eine menschliche Seele in ein wildes Tier
einfahren kann und sich austauschen mit der Seele des Tieres die in den
menschlichen Leib mit Vergnügen übergeht das ist des Teufels höchster Spaß und
macht ihm seinen Tiergarten voll und lustig ach ihr Leute mögt wohl über mich
reden und mich vielleicht umbringen und wisst nicht wie sich alles mit mir
ereignet hat und wie ich so gern anders gewesen wäre als ich geworden bin Den
der Blitz vor einer halben Stunde erschlagen hat Niklas der alte böse Niklas
ich muss jetzt darüber lachen warum der mein Vater gewesen ist aber er war es
wirklich ich war als Euer Untertan geboren Anton ich musste auf sein Geheiß
Euch zu Trunk und Spiel verführen als Ihr durch Eure Frau zu Würde und Ansehen
kamet«
Anton sagte finster »Also Feinde immer mehr Feinde immer weniger Freunde
sprich was konnte Euch mein fröhlich Leben schaden Meine Augen sahen nie über
die Stadtmauern hinaus und so wäre ohne Euch ein Tag wie der andere mir in
stiller Arbeit unverloren vorüber gegangen und in mir mit Segen eingekehrt und
versunken«
»Anton« sprach der Jäger »ich schwöre es Euch nicht aus Gaukelei wie ich
oftmals getan dass es mich schmerzte als ich um Euch mein Netz geworfen aber
ich konnte nicht anders der grimmige Teufel hatte mich so lange angehetzt dass
ich um alles in der Welt ihm nicht hätte ungehorsam sein mögen«
»Welcher Teufel« fragte Anton »und was wollte er mit mir gerade ich habe
ihm doch nur eine gemeine Lastertat geliefert und tue ihm keine mehr zu
Gefallen«
»Wisst« sprach der Jäger »dass in Italien noch jetzt zwei Parteien sich
gegen einander in den Ringmauern derselben Stadt durch hohe Häuser mit Türmen
befestigen von denen die eine jetzt unterdrückte noch von Eurem Vorfahren der
zu Waiblingen geboren den Seinen den Namen der Waiblinger oder Ghibellinen
verliehen hat es war Konrad III der lange mit Wolf dem Bruder des geächteten
Heinrich gestritten hat Von diesem Wolf kommen die Welfen die sich unserm
heiligen Papste unterwerfen es geht aber eine alte Sage dass ein neuer
Waiblinger die Unsern unterdrücken werde darum ward mein Vater Niklas nach
Deutschland gesendet vom Papste um Euer Geschlecht zu unterdrücken bald war es
ihm mit Eurem Vater gelungen auch Euch glaubte er im vergessenen armen Leben
untergegangen als Ihr plötzlich durch Eure Heirat erhoben ihn erst aufmerksam
machtet wie er Euch durch seine Entführung gerade zum rechten Waiblinger
gestempelt hatte Nun war Euch mit Gewalt nicht viel beizukommen denn Ihr
standet wohl ein paar Männer und in Wahrheit wenn der Teufel nicht mich und
meinen Bruder Seger so unablässig geplagt hätte wir waren Euch zu gut Ihr seht
mich darauf an es ist aber doch wahr«
»Nein bei Gott« rief Anton »wenn Ihr nicht ein Gesicht habt wie eine
Sonnenfinsternis vor einem berauchten Glase so kann ich Euch nicht sehen«
»Nun wie Ihr wollt« sprach der Jäger weiter »seht Ihr die aufgehende Sonne
an und überseht mich mir ist es lieb ich aber muss Euch erzählen wie ich von
meinem Vater dem Teufel bin übergeben worden Ganze Tage ließ er mir von einem
Jäger von der Ehre vorerzählen ein wildes Tier zu schießen einen Fuchs einen
Wolf einen Bären Was nicht geniessbar den Menschen ihnen aber gefährlich sei«
Nachtrag
Der dürre Jäger erzählt weiter wie er und Seger und viele andre vom Teufel in
eine Menagerie gesteckt worden und so lange geärgert bis sie sich ihm ergaben
Sie ziehen in eine Berggegend in den Alpen die Zigeunerkönigin erzählt ihre
Geschichte sie ist Kaiser Karls erste Liebschaft Die Szene spielte in den
Niederlanden wie sie nach dem Frauenhause gebracht worden um dem Kaiser
verleidet zu werden nähere Beschreibung desselben ärger als Gefängnis ihr
Kind wird von ihr getrennt Anton mahnt dies an Susanne sie entflieht und
kommt durch Zigeuner mit der Kronenburg in Berührung ihre Beschreibung
derselben usw
Anton in dem gesichtslosen Elend kommt auf die Kronenburg Rappolt will sich
nicht überzeugen dass er sein Sohn ist er jagt ihn fort und verbannt ihn bei
Lebensstrafe aus seinem Gebiete er irret umher blind fliehende Hirten
erzählen ihm von dem Drachen der das Land verwüstet Hart betroffen in seinen
gehemmten Schritten durch Mangel des Augenlichtes reißt er plötzlich sein
Schicksal an sich »Komme meiner Verhängnisse Gewaltsamstes da ich der Sonne
nicht mehr kann ins Auge schauen liegt mir ob was der Sehende nicht vermag
dem Volk vor den Füßen wegräumen was es bedrängt« Er sucht den Drachen auf um
das Land zu befreien und den Tod zu finden er erlegt ihn aber und erhält durch
sein Blut das Gesicht wieder Als er dies vollbracht hat führen die Hirten ihn
gegen seinen Willen zu Rappolt der ihn als Sohn begrüßt aber indem er ihn
umhalst von dem Gifte das der Drache in den Mantel gebissen erkrankt er und
verlangt von Anton dass er den Turm der Kronenburg ersteige und die Wache bei
der Krone übernehme Nun kann Anton ohne Wanken den schwindelnden Steig
hinaufwagen die Verzweiflung die zum Drachenkampf ihn gestählt hatte hebt ihn
jetzt über die Gefahr gleichgültig hinaus So bricht die Seelengrösse irdisch
gezeugt aber selig gesprochen in ihre Blüte auf Schutzgeister nahen und
hauchen begeistigend ihn an er erreicht unbewusst die Stufen auf denen er sich
nimmer zu halten wähnte Dort sehen wir ihn seiner Befähigungen sich
bemächtigen sich und dem Göttergleichen zulieb das ihn treibt uns aber wie
eine Hieroglyphe entgegensteht das Unbegreifliche nämlich
Woher die Sehnsucht in königlichen Geschlechtern als ob der Sonne Tag eben
ihnen erlösche Woher die Schwere des flügellahmen Geistes zum Stürzen Zu müde
gegen die Geschicke sich aufzuraffen die fern donnernd heranrollen über die
ahnenden Häupter der Todeshelden
Wenn wir sehen unsern Helden mit raschem Selbstgefühl durchsetzen was der
Augenblick heischt oder sich widerstemmen dem Untergang oder auch aus
sinkender Nacht verborgne Keime hervorbrechen gierig den Tautropfen aufsaugend
in die vollen Blüten und schmerzlich aufseufzend so oft zu höherer Befähigung
sie Nahrung gewinnen dann fühlen wir wie jede leise Regung des Geschickes
jeder Reiz gleich zur Handlung sich wandeln muss und das Widersinnige mit
schneller Kriegswendung todverkündend niederbeugen muss um dem Genius der auf
ein harmonisches Dasein deutet zu genügen
Anton übernimmt jetzt die Wache bei der Krone und wünscht sich den
lieblichen Geist Voluptas zurück dem er entsagt hatte der kommt nicht aber
der Teufel erscheint ihm wie er sonst gewesen wie herrlich fröhlich kräftig
wie jedes Auge ihn angelacht nachher lässt er ihn im Brunnen sehen wie er
verfallen und abgemagert keinen Reiz der Sünde mehr bietet Nun versucht er
jenen Geist wie er ihm damals erschienen war zu malen indem er die Gänge zur
Burg verziert er bringt aber das Ideal des Muttergottesbildes hervor das immer
um eine Kopflänge höher erscheint als der Beschauende Tage vergehen er
sehnt sich nach öffentlichem Berühren mit der Gesinnung des Volkes ein freies
Land damit nicht etwa längst anerkannte Begriffe sondern das wirklich
Schwankende noch Unsichere in allem Werdenden ins Gegenwärtige zur Eingebung
zum allgemeinen Kunstgefühl sich fördern »Dieses wird durch ein einziges
lebendiges Beispiel dem Menschensinne näher gerückt als durch unzählige
Besprechungen und somit werde ich mehr Dank verdienen« sagte sich Anton »wenn
ich diese Einsamkeit verlasse und mit meinem Willen das Wesentliche darlege als
alle Untersuchungen die sie zweifelnd berühren um sich auszugleichen mit
Härten und Gesetzen« Überall müssen wir den ehren der keine Untersuchung
seines Anreizes verschweigt unbesorgt ob einzelne wohl gar zu dem sich
verführen lassen was er als falsch erkundet er fühlt dass er nicht der
einzige nicht der unfehlbare Ausleger höherer Erkenntnisse sei die ihm Leben
und Lernen zugeführt haben er scheuet keinen Weg welcher den Hochgebildeten
anstößig oder kleinlich scheinen könnte aus dem aber der Gesamtheit Begriff und
Lehre hervorwachsen mag ihm selbst erleuchtet sich das Forum der Künste in
vollendender Begeisterung Im feuernden Abendrot steigt er von der Höhe herab
und verlässt die Burg
Aus meiner Zelle treibt mich fort
Die leere Einsamkeit
Es füllet sie kein heilig Wort
Es nährt den innern Streit
Das innere Leben ward nicht mein
Weil ich das äussre mied
Das Ewige will nicht zeitlich sein
Das in der Zeit erblüht
Es gleicht mein bleiches Angesicht
Des Grabes Bild von Stein
Es scheint gewesen strahlt kein Licht
Ins Innere hinein
Die Sanduhr gleicht der Todeshand
Lauft ab des Lebens Geist
Es hat sie keiner umgewandt
Und keiner naht mir dreist
Der fromme Schauder war bald hin
Der mich der Welt entriss
Ein endlos Meer ist kein Gewinn
Wenn ich das Land vermiss
Ich flehte dass ein höhres Wort
Der Seele Flügel wär
Es riss mich keins zum Himmel fort
Ich blieb mir immer schwer
Weh jedem dem hier nichts geschieht
Weil alles scheint gering
Weh jedem der hier gar nichts sieht
Weil er das Licht verhing
Der sich in die Beschauung senkt
Und nichts zu schauen hat
Und was er findet immer denkt
Dass er des Denkens satt
Es treibt mich wieder in die Welt
Die ich mit Hohn verließ
Ach wie sie mir so wohl gefällt
Die ich einst von mir stieß
Als ob ich nimmer von ihr ließ
So bin ich drin zu Haus
Gewinn der Seligkeit verhieß
Spielt schon das Leben aus
Es spiegelt sich die Ewigkeit
In engster Gegenwart
Und rückwärts die Vergangenheit
Erscheint von höchster Art
Wie ein verlornes Paradies
Seh ichs vor meinem Blick
Was ich betrauert war so süß
Was ich verflucht mein Glück
Ich suche nach dem reichen Schmuck
Den ich ins Wasser warf
Mein Finger sehnt sich nach dem Druck
Von der zerschlagnen Harf
Mein Mund nach jener Lippen Hauch
Den Seligkeit verschließt
O spräche er doch wieder auch
Nun Frühling mich begrüßt
Es kehret wieder jeder Keim
Aus Winters Einsamkeit
O kehrte sie auch wieder heim
Zu dieser Frühlingszeit
Es meidet keiner Lebensnot
Wohin er sich entzieh
Und wer nicht sorgt für täglich Brot
Geniesst das ewge nie
Durchbrich das Gitter das dich hält
Von mir wie Todesband
Zum Schweigen schuf nicht Gott die Welt
In ihr dies Frühlingsland
Er gab dir mehr als einen Mund
Der die Gebete lallt
Es ist ein Herz des Busens Grund
Es spricht mit Allgewalt
Des Herzens Stimme schallt zurück
Aus jeder Nachtigall
Die in dem Garten sucht ihr Glück
In weißer Blüten Fall
O dieser Schnee er ist so heiß
Und dieser Duft so süß
Wers Frevel nennt ich sag es leis
Dies ist das Paradies
Anton gespornt durch Erinnerung an die Vermissten fühlt dass die Welt des
Herrschens nicht im Alleinsein bestehe er sei nicht von der Einsamkeit ein
Waffenbruder »Wenn ich meinem Urbeginn entspreche lüge ich dann Und
diesem Trotz zu lieb soll ich nach Gelüsten untergehen im Zorn aus Schwere des
Leidest« Er steigt herab von der Höhe um seine allegorische Welt aufzusuchen
er kommt zu Dürer dessen Kunst ihm gefällt der aber selbst nichts auf das
achtet was Anton zu finden hofft Cranach in seinem aristokratischen
Diensteifer für Fürsten geht näher auf seine Hoffnungen ein Kunstgespräch
zwischen beiden der Kunstberuf greife ein in die Umbildung der Welt nur sie
begründe den Frieden in welchem zugleich alle Elemente des Krieges bedingt
sind »Aller Kampf ist nur um entsagen zu lernen die Kunst lehrt es du
kannst sie nicht an dich reißen aber du kannst ihrer teilhaftig werden Du
kannst ihrer nie Meister werden und doch als Meister erkannt wenn sie dich
beherrscht So das Volk erkennt den als Herrscher in dem es verklärt sich
gespiegelt findet Neidest du den Höheren so trete ihn kühner an er wird
dich bezähmen und gefangen nehmen und dies wird deine Ehre erhöhen nicht sie
beleidigen du willst ja ihn erreichen nicht ihn verderben der die Welt trägt
und hebt durch sein Werden und Lernen Ein neuer Tag vom Geist der Kunst
durchdrungen des Künstlers ewig schaffende Verklärung ists was den Frieden
begründet mitten im werbenden Kampf höherer Entwicklung«
Langer Bericht über Luther und Melanchton Anton wird Protestant und wieder
über den Protestanten hinaus Mit der Zweifelhaftigkeit der Tat kommt ihm der
geistige Zweifel aber doch eben dadurch vergeistigt
Predigten Luthers über die Unruhen Beschreibung und Stellen »Der Tod ist
verschlungen in den Sieg Gott aber sei Dank der den Sieg gegeben hat« Kor I
15 55
»Ihr seid teuer erkauft werdet nicht der Menschen Knechte« Kor 17 23
»Und so jemand kämpfet wird er doch nicht gekrönt er kämpfe denn recht« Ep
II Timot »Denn Gott hat nicht gegeben den Geist der Furcht sondern der Kraft
und Liebe und Zucht« II I 7
»Darum lieben Brüder fleissiget euch des Weissagens und wehret nicht mit
Zungen zu reden« Kor 14 39
Über die verschiedenen Sinne die neben Luther die Welt bewegten Erstens
falsches Prophetentum zweitens Gleichheitslehre drittens Altertümer und
Gelehrsamkeit viertens Dummheit die Geheimnisse nicht mehr fassen zu können
Anton geht von da zu Frundsberg der ist für den Bauernaufstand gewonnen
schickt Anton hin er kann sich nicht halten geht nach Waiblingen unter dem
Namen Fortunat Die Frau verliebt sich heftig in ihn und will ihn nicht lassen
er bleibt da wo ihn der Zufall einquartiert hat lässt den Krieg gehen wie er
will sie haben ein Kind er schickt es zur Kronenburg die Bauern werden
geschlagen Unterdes schreibt Johann aus Leiden die Frau soll ins Königreich
kommen wie sie ihn nicht kann als Johann erkennen da richtet er sie hin
Anton ist der welcher das Königreich endet Er geht mit Frundsberg auf
seinen letzten Zug nach Italien Susanna begleitet ihn als Soldat rühmliche
Taten ihrer Tapferkeit indem sie ihn aus Gefahren errettet bei der Eroberung
von Rom Die Kronenwächter berichten ihm dahin Nass jetzt seine Zeit gekommen
der Sitz der Welfen sei zerstört Er eilt nach Deutschland bringt den Degen
Franz I dem Luther der grade Hochzeit hält Dies eröffnet das andre Buch
Luther und Melanchton reden mit Anton heftig gegen die Münsterschen
Wiedertäufer Jetzt kommt durch die Zigeuner die Nachricht die Krone sei in
Münster Anton wird entflammt und zieht dahin ihm werden die Begebenheiten
berichtet auch wie seine Schwester Katarina umgekommen die Johann entauptet
hat Susanna ist auch unter den Weibern sie hat die Krone in Verwahrung
Entdeckung ihrer Geburt und ihrer Würde Tochter Karls V Anton bestimmt sie
den Weg zu Ende zu gehen bis er ihr folge Die Kronenwächter erwarten töricht
aus dem Bauernaufruhr ihr Aufkommen sie begünstigen ihn können ihn aber nicht
lenken die Zigeuner führen Anton mit dem Satanas Seger den Bauern zu und
vertrauen ihm die Absicht der Kronenwächter er wird ein leidenschaftlicher
Verfechter der Bauernfreiheit Zweifelhaftigkeit der Edlen als er unter
Metzlers Bande ist Götz Ulrich von Schwaben Graf Georg von Werteim sind
über Luther ergrimmt Georg Truchsess von Velsburg steht gegen ihn nimmt ihn
gefangen als Anton ihm seine Geschichte erzählt lässt er ihn von sich Die
Bauern unter Feuerbacher haben Hohenstaufen verbrannt Anton zerstört
Hohenstaufen und die Kronenburg
Trennung von Deutschland Schmalkaldischer Bund Hier entsteht der große
Streit zwischen wahren und falschen Deutschen sie trennen sich Die Auflösung
ist endlich dass die Krone Deutschlands nur durch geistige Bildung erst wieder
errungen werde So löst sich die Frage ein Teil des Menschengeschlechtes
arbeitet immer im Geiste bis seine Zeit gekommen
Der Kronenwächter harter Kampf der taube Rappolt in ihrem Kreise auf der
Höhe
»Kronenritter Kronenritter
Schaut im Westen das Gewitter
Jeder steh an seiner Stelle
Dass ich in des Blitzes Helle
Eurer Augen Sterne sehe
Wenn ich bei der Krone stehe«
Also ruft der taube Wächter
Und es stehen die starken Fechter
An den Speeren mit dem Kinne
Aug auf Aug mit wachem Sinne
Jeder auf den andern lauert
Also hats die Nacht gedauert
Ströme flüchten von dem Himmel
Vor des Feuers wild Getümmel
Das durch alle Fugen sprützet
Wos erst Morgens ausgeblitzet
Als die Sonne schwer beladen
Schauet auf des Landes Schaden
Wo die goldnen Ähren wogen
Schwarze Ströme niederzogen
Schwarze Tannen aus der Höhe
Schwimmen in dem weiten See
Und die Hirsche und die Rinder
Flüchten zum Gebüsch geschwinder
Doch auf den Gebirgen stehen
Blanke Säbel die sie mähen
Schlagen schlagen schonen keinen
Vor der Kronenburg erscheinen
Auf dem Berg ihr Lager schlagen
Ihren Gruß den Rittern sagen
Ȇbergebt des Volkes Krone
Und wir geben euch zum Lohne
Euer Leben eure Lehen
Sonst müsst ihr zugleich vergehen
Mit dem Volke in der Fläche
Schont des roten Blutes Bäche«
Aug in Auge sich befassen
Unsre Ritter und erblassen
Und der taube Wächter findet
Auf den Wangen was verkündet
Schüttelt dreimal mit dem Haupte
Weils die Ehre nicht erlaubte
»Alle Pforten doppelt schliesset
Und mit Steinen sie begrüsset
Die so ungebeten kommen
Keiner ist noch aufgeklommen
Der nicht stürzte eilig nieder
Auf und brecht der Feinde Glieder«
Fester steht nicht der Himmel
Als die Ritter im Getümmel
Und der Feinde freche Haufen
In dem wilden See ersaufen
Andre meinten in dem Streite
Auszuhungern unsre Leute
»Kronenritter Kronenritter
Ach das Hungern ist so bitter
Und der Durst der ist ein Feuer
Und der Schlaf ist uns so teuer
Als die Krone wir versinken
Gibts für uns nicht Schlaf noch Trinken«
»Ritter euch seh ich mit Schmerzen
Stehen wie erloschene Kerzen«
Und er greift das Schwert mit Grimme
Ruft mit ganz gedämpfter Stimme
»Ich zerhau dich Gnadenkrone
Dass du nicht dem Feind zum Hohne«
Wieder zu dem alten Bette
Zog den Strom der Erde Kette
Unsers Volkes flüchtige Scharen
Eilen ihren Schatz zu wahren
Und die Feinde werden flüchtig
Als sie unser Volk ansichtig
Jubelnd ziehen sie zum Schloss
Doch da rufet kein Genosse
Und weil keiner sie will führen
Brechen sie vom Schloss die Türen
Und sie sehen die Ritter alle
Finster blickend auf dem Walle
Fest gelehnet an den Speeren
Stehen sie mit hohen Ehren
Als entseelte treue Wächter
Schauen sich noch an die Fechter
Schauen zu dem tauben Alten
Der die Krone will zerspalten
Nein ein Wunder anzuschauen
Wo sein Schwert hat eingehauen
Sind Rubinen ausgeflossen
Um die Krone schön entsprossen
Dass sie fester im Gewinde
Ritter und auch Volk verbinde
Nun nach den Tagen des Streites zwischen Menschen und der Elemente Verwüstung
durch das Erdbeben nachdem Anton alle seine Waffengesellen Schwester und
geliebte Frau untergehen sehen flüchtet er zur Höhe zum gläsernen Turm der
wie ein Gewölk erscheint dort zeigt ihm Rappolt wie er dass er nach Rom
gezogen nun zum zweitenmal versäumte sich empor zu schwingen und wie das Böse
mit sich fortreisse nur das Gute getan und bedacht sein will Er erzählt ihm
wie die Krone während des Kampfes vermisst die verloren und von Seger gestohlen
war von Susannen während dem Erdbeben ist wieder gebracht worden und ihre
getreuen Wächter für sie sich dem Tode geweiht haben Sie stürzten hinab in den
See nur der alte Rappolt blieb einsam auf der Höhe er legt ihm die Zeichen
dar wie sie nun alle erfüllt sind
Ja die Zeichen sind alle erfüllt
Als sich der Himmel so dunkel umhüllet
Sonne auf blutenden Gleisen entstieg
Wie die häuslichen Tiere sich bargen
Ha da schauderte allen vorm Argen
Ahnend der Unterwelt nahenden Sieg
Glühender stiller werden die Winde
Vögel verfliegen vom Neste geschwinde
Säulen des Wassers wirbeln im Meer
Rollende Donner von unten und oben
Gegen die Flammen die unter uns toben
Stiebet der Himmel in Blitzen sich leer
Gärende Tiefe will neu sich erheben
Unterweltschatten durchstossen im Beben
Lieblicher Auen blühenden Grund
Jupiter schleudert vergebens die Blitze
Von des dröhnenden Götterbergs Spitze
Nach des Vulkanes eröffnetem Schlund
Weh die Titanen sich wieder erkühnen
Schon die feurigen Augen erschienen
Schon der dampfende Atem sich hebt
Schön wie ein Fruchtbaum im Herbste zu schauen
Aber den Früchten ist nimmer zu trauen
Denn sie zerschmettern bald alles was lebt
Seht die Zähne im geifernden Munde
Reissen dem Berge die berstende Wunde
Lange verschloss er die glühende Wut
Seht der Atem der Riesen entbrennet
Zündend mit bläulicher Flamme hin rennet
Sticket der Menschen erdreistenden Mut
Könnten sie dräuend die Glieder noch regen
Tapfer die Brust entgegen ihm legen
Fühlten sie rächend dies Leiden nicht ganz
Aber die glühenden Arme sie schwinden
Mutige Augen im Feuer erblinden
Jammernd verrinnet begeisternder Glanz
Erde und Himmel zusammen sich brennen
Chaos das alte will keiner erkennen
Wehe dem letzten der alles das sieht
Jeglicher glaubt sich geblendet der letzte
Ehe die strömende Lava sich setzte
Wie sie jetzt dampfend hernieder sich zieht
Doch da steht der Glutstrom gebannet
Langsam sich jeder vom Schrecken ermannet
Suchet und findet das eigene Haus
Findet die Seinen und forschet entzücket
Wie sie dem Feinde alle entrücket
Alle erkennen ein Wunder im Graus
Leiser ertönet der siegende Himmel
Ziehet zum Berge der Wolken Getümmel
Ströme zum alten Bette zurück
Kühlende Blitze durchspielen die Ferne
Einzeln entzünden sich wieder die Sterne
Wie der Versöhneten liebender Blick
Luna die zieht im glänzenden Wagen
Schauet verwundert die Freuden und Klagen
Leuchtet beleuchtet das Wallen der Welt
Dass die Verirrten die Straßen erkennen
Und die Verwirrten sich freudig anrennen
Antons Vermählung mit Susannen
Wie beide der Erde schon abgewendet vor dem Lichte ihrer Gedanken die Sterne
erlöschen Geistesverklärte haben keine Planeten Auf der gläsernen Säule
ist ihr Ehebett der Alte hat sie eingesegnet eh er sich in die Luft hat
sprengen lassen Anton findet beim Erwachen Susannen nicht mehr und glaubt sie
aufgeküsst zu haben sie spricht in ihm aus ihm Preis der Liebe des Alters der
reinen geistigen und ihrer ewigen Lust In ihrem Lobe im Vertrauen auf die
Krone stirbt er Der Hunger ist ihm nicht schmerzlich er hat kein Verlangen
nach Speise selbst die Luft ist ihm zu schwer
Das Rätsel der Krone
Sie hat die Eigenschaft zu verschwinden wenn ein Böser sie tragen will sie
besteht aus zwei in einander steckenden Kreisen und Gewölben beim Bauernaufruhr
will Seger sie führen da ist sie verschwunden
Das Rätsel der Krone soll sich lösen wenn die in einander gewundenen
Kreisgewölbe den letzten Stamm darstellend als zwei die in eins zusammen
gehen und aus diesem einen wieder dreie von verschiedenen Namen hervorgehen
Dies trifft ein Anton und Seger verwechselte Zwillinge gehen in eins
zusammen und aus dem einen stammen drei von verschiedenen Namen Antons erster
Sohn Anton der Sohn seiner Schwester Katarina Wilhelm den er seiner Frau zum
Ersatz für den Sohn des Bertold übergab dann sein jüngster Sohn den er unter
dem Namen Fortunat mit Frau Anna gehabt
Nach Antons Tod steigt der Älteste mit seinen Brüdern hinauf und findet die
Krone neben dem Leichnam des Vaters er teilt sie zwischen beiden indem er die
gewölbten Kreise auseinander hebt den einen Bruder sendet er nach Norden den
andern nach Süden er selbst setzt sich den eisernen Reifen auf worauf die Krone
gestanden es ist die Mauerkrone er ist Burgherr
Güldenkamms oder wie er in letzter Bearbeitung des ersten Bandes umgetauft
wurde Grünewalds Geschichte
Er hat sein Leben verwettet in einem Gedichte und dann hat er nicht den Mut
sich ins Wasser zu stürzen nun schämt er sich seines Lebens er hat die Furcht
in sich entdeckt und ist nun in allem gehemmt Will in ein Kloster flüchten
kommt vom Glockengeläute fortgezogen zum Trauerzug des letzten Stammherrn von
Hohenstock gedenket der Zeiten und Abenteuer die er mit Susannen bestanden
und an die hingerichtete Katarina Seine Erschütterung da man die Särge in die
Gewölbe nieder gelassen
Tiefster unendlicher Schlaf bei dir nur findet das Senkblei
Ruhe inmitten der Sorgen tief in die Erde versenkt
Selber der Träume strahlendes Licht verschwindet da unten
Und die durchsichtige Flut scheint da über mir schwarz
Ach und so schwer mein Herz Senkblei kann ichs wohl nennen
Hoffnung zum Himmel entstieg blieb nur Erinnerung drin
Hier verlorne Liebe dort die verlorne Geliebte
Ja der gedoppelte Schlag wecket unendliche Ruh
Hier verlöschen die Kerzen am Sarge erträumeter Liebe
Dort am gemordeten Leben gehen sie glühender auf
Bin ich denn noch nicht gestillt erziehn mich nicht schmerzliche Tage
Jagen Geschütze nicht lange ernst den flüchtigen Puls
Sah ich Zerschmetterte doch mit Gleichmut in zückenden Haufen
Warum erschrecket mich denn was mir so fern und vorbei
Denn ich suche dein Grab Susanne es liegt mir so ferne
Was dem Herzen so nah lieget doch immer so fern
Löwen die möchte ich senden die heilige Stätte zu hüten
Seit du bei Menschen nicht mehr scheinen mir Menschen zu schlecht
Güte und Schönheit such ich fortan bei Tieren des Waldes
Eigen waren sie dir sie bewährt ewig dein menschlich Geschick
Bricht der Morgen heran dann trinken die Tränen
Vöglein mir von der Wimper und sie singen davon
Traurig ein trauriges Lied
Zwiefach seh ich dich dort auf schwebender Grabstätte weilen
Über der Berge grünenden Flur wie ein Wölklein am Fels
Nemesis einmal sternenumtanzt im Glanze der Jugend
Scheidend vom Unrecht das Recht im eignen Busen versenket den Blick
Kriegrische Muse dann ewig grünender Lorbeer
Umschlinget das Haupt dir von Geisterflammen beleuchtet
Schrecklich sind Menschen denn sie neiden ums Licht
Geistige Flammen am Grab Ach was leuchten die Gassen
Während kein ewiges Licht brennet auf Gräbern mehr
Ha was finde ich hier auf diesen Klippen zerstreut
Die ich in tosender Nacht meiner vergessen erstieg
Hier das Purpurgewand noch warm vom Dufte des Lebens
Hier die Sohlen gelöst hier der Eindruck im Fels
Von beiden Füßen so deutlich zeigt ein gewaltiger Sprung
Hat sie beflügelt zur Höh Ach du schwebest wohl noch
Es schwebten dem Wagen der Sonne manche Gestalten zuvor
Sie erblicke ich nicht Ach zu spät schon kommen
Die Schmetterlinge ermüdet abgeschwirret zurück
Die dich führten hinauf setzen sich mir um das Haupt
Wie leiser Klage Liederkränze
Wohl weiß ich warum die sonnenvertrocknete Quelle
Mühsam das Wasser bewahrt unter den Steinen am Busch
Weiß warum sich das Grün des Erlengebüsches erfrischet
Wo ich lange nicht mehr hoffend auf Liebe geweilt
Nüchtern trinke ich jetzt aus dieser heiligen Quelle
Opfernd den Toten zuerst aus der gekrümmeten Hand
Grünewalds gelehrte Unterhaltung mit dem gelehrten Bruder in der Bücherei des
Klosters Dieser zeigt ihm das erste Schauspiel in Deutschland deren Urheber
Reuchlin war von dem edlen Johann von Dalberg Bischof von Worms mit großem
Frohlocken dass ein Deutscher etwas solches geschrieben hochgehalten Heut zu
Tage wenn Homer und Demostenes oder Euripides selbst käme würde man ihn
schier nicht achten Es fängt den Leuten schier an zu ekeln vor guten Künsten
und Wissenschaften Man geht darin wie eine Kuh in der Streue Gelehrte Leute
werden jetzo um ihrer Menge willen verachtet und ist zu befürchten es möchte
die Gelehrsamkeit wenn sie aufs Höchste gestiegen wieder auf eine Barbarei
herauskommen Und gewiss erst vor kurzer Zeit affektierte man eine neue
Schreibart aus altem und dunkeln Gepräge und aus unlautern und trüben Pfützen
und hatte einen Ekel an Ciceronis heller und lauterer Reinigkeit Die
Religionsstreitigkeiten mehren sich und überwuchern den ganzen Boden der
Gelehrsamkeit Grünewald auf Zureden des gelehrten Bruders bleibt im Kloster
Macht Sonette auf Antons Bilder
Waiblingen an der Rems
Bei Waiblingen im Dorfe Briessen war ein altes Schloss Konradin hatte es seiner
Gemahlin errichtet
Im Jahre 1429 haben die beiden Brüder Graf Ludwig und Ulrich an einen
Bürger zu Waiblingen namens Berchtold Müßiggänger das dortige Haus verkauft
in welchem vor Zeiten die Fürsten von Waiblingen gewohnt und aus welchem
Friedrich Barbarossa entsprossen war Dieses Haus stand nah am Markt und hatte
einen Garten und eine Scheuer hinter sich sonst stehen die Häuser fest
aneinander gebaut In diesem Hause sollen die drei heiligen Leiber der Weisen
aus dem Morgenland welche das Christkind beschenkt haben über Nacht geblieben
sein als sie vom Morgenland durch Köln vom Kaiser Barbarossa geschickt wurden
Die Marienkapelle wo die Gattin Armins begraben sie vermachte einen gülden
Becher dahin Koschhorn Lidhorn Geiersberg Wolfhardt sind noch alte
Familien daselbst Die Sattlerische Familie und die Härpische hatten eigne
Kapellen
Johann von Ulm fing 1488 den Turmbau in Waiblingen aus Quadratsteinen an
1529 wurden die Bilder erst in Basel und St Gallen weggeschafft 1530 die
Wiedertäufer
Herzog Ulrich
Herzog Ulrich sechzehnjährig kommt 1503 zur Regierung ein dicker dickköpfiger
Bengel bauchig lernte nichts als Latein heiratet 1510 nachdem er einer
brandenburgischen Prinzess die sich zwei Meilen von Stuttgart bei der Witwe
Eberhards des II aufhielt durch Trompeter den Hof gemacht hatte er liebte
Hans von Huttens Weib des Erbmarschalls Tochter es war eine vertraute
Freundschaft zwischen Sabine und Huttens Frau was den Herzog in Eifersucht
setzte Kanzler Lamparter Erbmarschallstum 1512 machte er das Nest kleiner bei
Schorndorf Der eine der Edlen war von seinen Gütern zu Nirgends der andre
hatte sie beim Hungerberg
Beutelsbach Probe der Gewichte im Wasser die Bauern hatten kein Zutrauen
zur Lastung Durch kaiserlich pfälzische und bayrische Gesandte der Tübinger
Vertrag
Jagen in Schönbuch 1515 8 März Ulrich schrie Hans von Hutten an sich
seines Leibes und Lebens zu wehren stößt ihn nieder löste ihm den Gürtel und
knüpfte ihn an die nächste Eiche Glaubte er sich vielleicht als Freigraf des
heimlichen Gerichts dazu berechtigt Seine Gemahlin flüchtet nach Bayern 2
Okt Der Kaiser nimmt sich seiner Schwestertochter an erklärt die Acht
Matesius Lang vermittelt alles in Blaubeuern Der Trompeter der dem Herzog die
Nachricht brachte widerruft Er versprach die nächsten sechs Jahre eine
Verwaltung von Landhofmeister Kanzler und Räten anzunehemn Bei der Rückkehr
fiel ein Schuss aus dem Schloss Helfenstein er verheerte das Land Die Gräfin
fiel ihm zu Füßen
Alle die den Blaubeurer Vertrag zur Anordnung eines Regimentsrats benützen
wollten wurden gefoltert ein Teil an Kohlen gebraten
1519 kam die Nachricht die Reutlinger hätten den Vogt zu Achalm erschlagen
er eroberte die Stadt 1520 wurde er vom Schwäbisschen Bunde verjagt unter
Wilhelm von Bayern Er kam wieder mit Schweizern konnte sich aber nicht halten
1520 6 Februar wurde das Land Karl V überlassen 222 000 Gulden den Bauern
bezahlt Vierzehn Jahre blieb es unter österreichischer Herrschaft er litt
alles Briefe durften nicht nach Paris verpfändete Mompelgart Hohentwiel
machte Kosten Selbst Landgraf Philipp von Hessen bot ihm an fremde Höfe zu
besuchen
Die österreichische Hofhaltung war kurz alles ward zum Schuldenzahlen
bestimmt
1533 trennte sich der Schwäbische Bund Landgraf Philipp gewinnt sein Land
durch die Schlacht bei Lauffen am Neckar 1534 13 Novbr 1547 musste Ulrichs
Pferd die Knie vor dem Kaiser beugen er war hart und karg gegen seinen Sohn
Christoph
Ulrich ward wieder eingesetzt 1534
1535 wurde die Reformation in Württemberg nach Vorschrift der Augsburger
Konfession von Ulrich eingeführt Erhardt Schnepf von Wimpfen und Ambrosius
Blaurer von Konstanz waren die Führer Leonhard Verich von Schnapf ordiniert
als er seine erste Predigt hielt in Waiblingen und das Lied anstimmen ließ »Es
ist das Heil uns kommen« so sprangen die päpstlichen Priester und Kapläne im
Aufruhr empor
Die Waiblinger waren gute Komödianten In Waiblingen hat ein Mönch das
Osterlied »Christ ist erstanden« dem anzustimmen befohlen der Herr im Hause
sei darauf haben alle geschwiegen dann hat er unter den Frauen die aufgerufen
welche Herr im Hause da haben alle angefangen
1487 war das letzte Turnier in Waiblingen
Waiblingen führt drei Hirschhörner im Wappen
Von Klodwig stammen die Staufen die Waiblinger stammen daher Das
Kriegsgeschrei war bei der Armee »Dirs belf hin Wölf« Bei der Armee Konrads
des Königs Sohn schrien spöttisch die Waiblinger Wo er den Winter erst
gefangen um ihm zu zeigen dass er auf dem bloßen Bauch für Landsleute gekämpft
habe
Frundsberg der erste ritterliche Staatsmann in Deutschland fest und stark in
seiner Meinung spanische Heimlichkeit und italienische List durchschauend und
verachtend innig überzeugt dass bei Herrschern wie Maximilian und Karl V
nichts Großes für Deutschland gedeihen könne mit Luther allein zufrieden das
Heil Deutschlands von seiner allgemeinen Reformation erwartend Darum wollte er
den Papst stürzen da ließ ihm der Papst die Krone anbieten wenn er den goldnen
Strick um Luthers Hals gelegt habe Anna von Württemberg liebte ihn und sucht
seinen Aufenthalt auf alle Weise zu erheitern
Vorsätze zum Anton
Unmittelbarkeit in allem Ausführlichkeit Meiden aller grellen Effekte Das
Ende soll bestimmt sein ehe die neue Bearbeitung angefangen wird eine Zeit
welche durch ihr Bestreben zum Allgemeinen alle besonderen Ansprüche aufhebt
Anton zerstört Hohenstaufen und die Kronenburg
Die Kinder des Fuchs haben sich überzeugt der Stamm lasse sich nicht durch
Gift und Mord unterdrücken so wollen sie ihn durch Verführung verderben Um
sich nicht gegen Gott zu empören muss der Mensch einen innern geheimen Feind auf
Erden suchen Diese Geheimnisse entwickeln die neue Zeit als sie gebildet
erlöschen jene wie Mondschein am Tage
Trennung von Deutschland Schmalkaldischer Bund hier entsteht der große
Streit zwischen wahren und falschen Deutschen sie trennen sich Die Auflösung
ist endlich dass die Krone Deutschlands nur durch geistige Bildung erst wieder
errungen werde So löst sich die Frage Ein Teil des Menschengeschlechts
arbeitet immer im Geist bis seine Zeit gekommen
Zum Seestaate Von den Bibern
Die Namen der Schiffe dabei die Geschichte aller deutschen Helden
Eberhard der Gelinde der den Adel in Heinsheim fing der machte dass sie
sich ergaben und allen verzieh
Georg von Ehingen der Sieger über die Züricher
Die Verbindung mit den Meergeusen wird angedeutet
Politisches Interesse im Bauernkrieg
1 Die Grafen von Stock und die übrigen Edelleute suchten auf diesem Wege ihre
Ansprüche gegen die größeren Fürsten und den Kaiser geltend zu machen
2 Seger oder Baader wie er in der Umarbeitung heißen soll hatte mit der
Dienerschaft der Kronenburg das Interesse eine völlige Gleichheit
hervorzubringen und Schweizerverfassung
Bauernkrieg der Bundschuh bei Speier 1503
1514 Der arme Konrad im Rheintal hier kann die Veranlassung sein dass
Anton fortgeführt worden Cras VI 181
1519 wurde Württemberg an Karl V verkauft Die Bauern sagten dass sie die
Knechtschaft abschütteln wollten die seit Klodwig sie belastet
1526 werden im Württembergischen allerlei Zeichen wegen des Bauernkriegs
gegeben und den Bauern die Waffen genommen auch die Leute von bestellten
Reitern untersucht
1536 wurden alle Bilder weggeschafft gleichzeitiges Auftreten der Jesuiten
In der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Bauernaufruhr hat sich alles
geändert im ersten waren sie noch fremder Absicht untertan beim zweiten
arbeiten sie schon für sich
Zeitgenossen von Anton
Peter Vischer der ältere im Jahre 1519 brachte er das Sebaldusgrab mit
seinem Sohn zu Stande 1540 das Gitter Sein Monogramm zwei Fische Sein Sohn
war ein Ungeschickter eigentlich ein Handwerker sein Ruf gering Das Haus
jetzt Bierschenke zum goldnen Bären Pfarrhaus zu St Sebald mit dem Chorerker
die bunten Fenster gemalt von Veit Hirschvogel
1513 Melchior Pfinzing Verfasser des Teuerdank kaiserlicher Rat war
Probst zu Sebald nachher zu Mainz
Der Taufstein in der Sebaldkirche ist sehr schön von einem unbekannten
Meister
Adam Kraft Steinhauer Die Begebenheiten Christi 1492 und das
Sakramentshäuslein zu St Lorenz 1500 fertig
Veit Voss ein Bildschnitzer 1518
Nach den Statuten der Malergilde mussten die Gesellen wandern Hans Schorel
1495 bei Altmar geboren 1512 studierte in Augsburg bei Kornelius in Utrecht
bei Mabuse ging nach Venedig wo Daniel von Bomberg aus Antwerpen eine
Druckerei hatte ging nach dem heiligen Grabe Cypern Kandia kehrte über
Rhodus zurück 1520 nach Venedig mit Aussichten aber arm Rhodus wurde drei
Jahr später von den Osmanen erobert Der Einzug Christi in Jerusalem von ihm
mit dem wirklichen Jerusalem im Hintergrund war sehr ausgezeichnet
Hemling soll aus Konstanz sein 1439 geboren seine Gemälde von 1479 80 84
und 87 kam als Krieger von Damaskus nach Brügge 1529
Zum Leben Luthers
Am Tag als Doktor Luthers Hand
Das Kirchenrecht im Feuer verbrannt
Vor Wittenberg am Elstertor
Als es gar heftig auf Erden fror
War Nachts sein Herz so wach und gequält
Ob auch das Feuer nicht heimlich noch schwelt
Das ihm dazu vor dem Elstertor
Entzündet hatte der Studentenchor
Es kann der Wind wohl gar zur Stadt
Noch tragen des Feuers schreckliche Saat
Er wirft den neuen Mantel sich um
Die Sterne golden ihn anschaun so stumm
Er tritt hinaus ganz einsam und sieht
Wie mancher Funke in der Asche noch glüht
Das Tor steht offen weil niemand wacht
Denn jeder schwärmt in dieser Nacht
Und Kinder spielen und schreien daher
Ihm wird das Herz im Busen so schwer
»Was seht ihr den Funken so eifrig nach
Die in den Papieren noch blieben wach«
»Ach« sagte zum Doktor da einer der Knaben
»Die größte Freude wir daran haben
Wenn hier die Funken in der Asche laufen
Fast sieht es aus wie der volle Haufen
Der aus der Kirche geht wenns vorbei
Sehen wir wer der letzte in der Kirche sei«
»Ihr lieben Kinder« sagt der Doktor gerührt
»Seht oben die Funken die der Himmel regiert
Sie gehen wohl unter sie gehen nicht aus
Sie strahlen ewig im himmlischen Haus
In jener Kirche ist kein Vergängnis
In dieser herrschet ein wechselnd Verhängnis«
Der Knabe sieht ihn verwundert an
Und spricht in sich »Was will denn der Mann
Wie sollen wir mit den Sternen spielen
Wer sich denn finden unter die vielen
Wer kann sie im Auge deutlich bewahren
Bald kommen die Wolken bald sind sie im Klaren
Wir bleiben bei unseren Freuden auf Erden
Sie werden auch einst wohl Sternlein noch werden«
»Hast recht mein Sohn« spricht Doktor Luther
»Ein jegliches Alter braucht eigenes Futter
Mit leichter Milch ernähren sich Kinder
Der Wein ist erwachsnen Männern gesünder
Und für die Kinder soll stehen bleiben
Womit sie die goldne Zeit sich vertreiben
Am Morgen glaubt ich ein Großes zu leisten
Am Abend da lern ich von Kindern am meisten
O wie so viele Blinde sind große Kinder
Und auch die Ernsten spielen nicht minder
Wenn ihre Stunde geschlagen hat
Dass sie vom Ernste sind steif und matt
Wir auch müssen lernen lieblich zu träumen
Wer würde die Hälfte des Lebens versäumen«
Und seit dem Tage da hemmt er den Zorn
Gegen Äusserlichkeit auch wenn sie verworrn
Nur falsche Lehre bedroht er mit Eifer
Gegen die sündigen Ablassverkäufer
Die in den Tempel des Herrn gedrungen
Da hat er die Geissel mächtig geschwungen
Was bleiben konnte von äußeren Zeichen
Das brauchte nicht vor ihm auszuweichen
So blieben die Bilder alle bestehen
Die überall sonst im Feuer aufgehen
Sie sind die Freuden auf niedrer Erde
Die einst zu Sternen des Himmels noch werden
Und ruhig duldet er allen Hohn
Dass er der äußeren Pracht verschon
Die Nachwelt gibt einst ihm dafür den Lohn
Und bei den Kindern hat er ihn schon
Zum Leben Luthers
Wer vom flachen Lande her in Eisleben einreitet und die ansteigende Kirche und
den niedersteigenden Bergbau wahrnimmt findet die Vorstellung seiner Kindheit
dass der Ort wo so ein Mann wie Luther geboren und gestorben auch dem Auge
schon ausgezeichnet sein müsse überraschend erfüllt neben der festen dauernden
Sitte welche die kleineren Städte von Sachsen vor dem übrigen Deutschlande
schon im Äußeren durch ordentliche Erhaltung und Reinlichkeit kenntlich macht
hat die Umgebung der Kirche noch etwas besonders Ernstes und Feierliches älter
als Luther scheint sie doch seinetwegen erbaut dass Gottes Wort lauter und klar
darin gepredigt werde sein Haus ist nicht erneut aber altertümlich genug um
die neugierigen Reisenden in die ernstere Gesinnung einer früheren Zeit unseres
Vaterlandes zu versetzen
Beschreibung und Stellen
Sein Famulus Wolfgang Sieberger mit dem er viel Gelehrteit trieb den er um
Gotteswillen nährte scheint bei allem Guten doch ein Langschläfer gewesen zu
sein und sich mit seinem Finkenherde viel abgegeben zu haben XIV B Seite
1358 Klageschrift der Vögel an Luther über seinen Diener Wolfgang Sieberger
Beschreibung seines Wappens
Abteilungen der Briefe I Weltliche Angelegenheiten die ihn nichts anders als
durch seinen guten Willen angingen hier war er zuweilen in aller Gutmütigkeit
Hofnarr 2 Äusserliche Lebensverhältnisse 3 Innere Beziehungen seines Lebens
ohne Verhältnisse zur allgemeinen Geschichte 4 Charakteristische Äußerungen
5 Verteidigungen gegen Vorwürfe
Anmerkung von Bettina von Arnim
Dies Wenige wurde aus der umfangreichen Sammlung der Notizen gewählt zum
bessern Verständnis der Kronenwächter nach deren ursprünglichem Plan
Geschichte Sitten und Gebräuche von ganz Deutschland in vier Bänden umfasst
werden sollte