1814_Fouque_Spanier.html




        
                          Karoline de la Motte Fouqué
                    Der Spanier und der Freiwillige in Paris
                    Eine Geschichte aus dem heiligen Kriege
                                  Erstes Kapitel
Die große metallene Wanduhr schlug unter langen schnarrenden Absätzen zehn Die
junge Blansche sprang unruhig auf schob den schweren verblichenen Sammetsessel
an die Seite und trat zu ihrer Mutter Diese schrieb unter häufigen Tränen in
schnellen flüchtigen Zügen eilig fort und ohne aufzusehen fuhr sie
schmeichelnd mit der flachen Hand über das zarte Gesichtchen der Tochter Doch
plötzlich von den eignen niedergeschriebenen Worten überwältigt warf sie sich
an ihres Kindes Brust und rief unter lautem ungehemmten Schluchzen Gott mein
Gott die Freude ist gewaltiger als der Schmerz wie soll ich es denn ertragen
meinen rechtmäßigen König die Tochter meiner unglücklichen Königin
wiederzusehen Blansche liebes liebes Kind die Vorsehung schenkt uns die
Bourbons wieder Träume ich auch wirklich nicht ist es denn wahr
    Frau von Saint Alban hatte die Hände gefalten und sah gleichsam über das
Unbegreifliche nachsinnend in unaussprechlichem Entzücken gen Himmel Blansche
kniete vor ihr und von den Tränen der Mutter aufs tiefste erschüttert weinte
sie still in ihr Tuch
    Beide hielten sich eine Zeit lang fest umschlungen dem Glück der nächsten
Gegenwart voll Teilnahme und Vertrauen hingegeben als der alte Kammerdiener
eintrat und sein Erscheinen ihnen sagte dass der unruhig erwartete Augenblick
nun gekommen sei Frau von Saint Alban sah gerührt auf den treuen Armand Er war
fein und sorgfältig gepudert trug einen langen Rock von violetter Seide mit
veralteter Stickerei Points Manschetten und geränderte Schnallen sein
scharfes hageres Gesicht war ernst doch strebte er vergeblich durch feierliche
Haltung und gemessene Worte die große Bewegung seiner Seele zu verbergen Just
so gekleidet so gerührt und so förmlich war er vor sechs und zwanzig Jahren als
Frau von Saint Alban dies Haus zuerst betrat dessen schlechtere Zimmer sie
zeiter bescheidentlich bewohnte Armand sagte sie ihm die Hand reichend wir
könnten denken wir hätten geschlafen und wachten jetzt erst wieder auf aber
die Zeit hat entsetzlich gearbeitet ihre Spuren schneiden schringend in die
Sinne Sie blickte fast beschämt auf die knappe mühsam ergänzte Kleidung auf
das beschädigte gebrechliche Gerät die abgesprungene Vergoldung und den
langen eingelegten Spiegel der ihr das Bild der schönen Blansche so blühend
und so schmucklos zurückwarf Sich abwendend sprang sie hastig auf wie man wohl
tut wenn eine störende Empfindung unbequem in unsere Freude hineinsieht
faltete darauf das beschriebene Blatt zusammen siegelte und addressirte unter
angenehmem Lächeln wog dann den Brief hoffnungsvoll zwischen Daum und
Zeigefinger und eilte mit kurzen schnellen Schritten in ein Seitenzimmer
    Blansche sah ihr bewegt nach Sie wusste an wen der Brief gerichtet war und
dass er den ersten freien innigen Gruß der Mutter an die Herzogin von Angouleme
entielte den mündlich auszusprechen ihr die Beschränkung ihrer Lage für den
Augenblick noch verbot Zum erstenmal lastete der Druck enger Verhältnisse
peinlich auf dem kleinen Herzen es regte sich ein wehmütiger Streit das
Aussenleben war weniger hell sie sah mit einiger Beschämung auf sich selbst
zurück als Frau von Saint Alban mit einem Lilienzweig vor sie hintrat Diese
schwieg eine kleine Weile ihr stockten die Worte in der Brust sie verschluckte
die Tränen und sagte dann mit einer lieblichen ihr eignen Neigung des Kopfes
mein armes Kind das ist der einzige Schmuck den ich dir geben kann denk
aber das befreiete Frankreich habe ihn dir geschenkt und trage ihn so mit
Ehrfurcht und Dankbarkeit
    Blansche war vor ihr hingesunken und fühlte mit Stolz die Lilie zwischen
ihren blonden Locken befestigen Frau von Saint Alban hing darauf einen Schleier
über legte ein schwarzes Sammetmäntelchen an und die etwas vergelbten weißen
Handschuh sorgfältig anziehend gab sie der Tochter die Hand Armand öffnete
beide Flügeltüren und eilte dann in schicklicher Entfernung voraus an den
Schlag eines bescheidenen Mietswagens Den einen Fuß auf dem Tritt wandte sich
Frau von Saint Alban noch einmal Gott sagte sie Freude wie Schmerz pressen
die Brust ängstlich zusammen und jeder Entscheidung der glücklichen wie der
unglücklichen geht eine erstickende Beklommenheit voran
    Als nun der Schlag zufiel und der Kutscher sich fragend umwandte sagte sie
nach der Kathedrale ich will meinen König betend vor Gottes Thron begrüßen
 
                                Zweites Kapitel
Der Wagen fuhr langsam durch die gedrängten Straßen Jeden Augenblick stockte
die ungeheure immer aufschwellendere Menschenmasse Kabriolets und Kutschen
Truppenabteilungen feierliche Aufzüge alles geriet verwirrend aneinander
das Geläute der Glocken die Trommeln und Pfeiffen die Pauken und Trompeten
die schreiende jubelnde schwatzende Menge die ganze wogende Stadt betäubte
die arme Blansche die zitternd neben der Mutter saß und jedesmal mit
ersticktem Schrei zusammenfuhr wenn das Volk sich immer dichter und dichter
heranpressend den Wagen fast zu tragen schien Frau von Saint Alban wusste
nichts von allem dem sie sah sie hörte alles und nichts sie war in einem
Taumel in einer Bewegung die das Einzelne verschlang tausendmal ließ sie die
Fenster nieder und zog sie wieder auf sie winkte sie grüßte Bekannte und
Unbekannte streckte die Hand zum Wagen hinaus reichte und drückte sie dem
Nächsten dem Besten ihre ganze Seele schwamm in der Freude Frankreichs
Blansche hatte keinen Begriff von den Leidenschaften und der Veränderlichkeit
der Menschen in ihrem Kloster von dem sie sich seit drei Tagen zum erstenmale
trennte ging alles so sacht und eben so grade und notwendig zu dort freute
man sich auch aber anders stiller innerlicher sie wusste gar nicht wie ihr
hier war sie glaubte zuletzt der tolle Strom werde sie unbarmherzig mit
fortziehn
    Endlich waren sie vor der Kirche Der Wagen hielt Mit zitternden wankenden
Knieen traten sie in den Dom Es waren eben noch nicht viel Menschen hier
versammelt Die Meisten trieb es nach Außen hin Frau von Saint Alban kniete vor
einem Betpult Blansche an ihrer Seite beide den Kopf auf die Brust gesenkt
die Augen geschlossen beteten unter leisen immer wachsenden Schauern je näher
der heranrollende Freuderuf den Namen des Königs an ihr Ohr trug Jetzt trat
Ludwig der Geprüfte unter die leinene Halle Sein würdevolles edles Angesicht
entfaltete sich heiter als er zwischen den geteilten Reihen hingetragen nun
vor dem Hochaltar den heiligen Boden betretend niederkniete und das Gebetbuch
aus des Erzbischofs Händen empfing Die Wunder einer großen unerhörten Zeit
die Gewalt göttlichen Willens der mit dem König so sinnlich nahe trat die tief
empfundene heilige Scheu vor dem Geweiheten des Schicksals zügelte die
taumelnden Sinne Minutenlang ward kein Atemzug gehört Blick und Minen lagen
in heiligen Banden Blansche sah zitternd vor sich nieder Jetzt ward das
Domine salvum fac regem angestimmt ihr schwindelte sie schlug die schönen
blauen Augen auf die Kirche war gepfropft voll die gepresste Luft trat ihr zum
Herzen die Töne schienen in wunderbaren Gestalten an ihr hinumzuziehn
ängstlich umblickend streiften ihre Augen an einem jungen Mann vorüber der sich
nach ihr hinwandte und sie mit Teilnahme betrachtete Die Haltung seines Kopfes
war überaus edel er hatte die Arme übereinander geschlagen und schien in jeder
Bewegung gehalten Die ganz schwarze Kleidung und das aufwärts gehobene nach
einer Seite der Stirn hingeworfene bläulich schwarze Haar gab ihm zudem ein
düster ernstes Ansehen Blansche zitterte heftiger die Sinne vergingen ihr sie
fühlte sich zusammensinken als sie ein starker Arm umfasste und sie gewandt und
schnell an dem königlichen Gefolge hin nach der Halle trug Sie atmete tief an
des fremden Mannes Brust sah dankbar in seine dunkle melankolische Augen und
fühlte sich alsobald von ihm verlassen an der Seite einer ältlichen Frau dem
königlichen Leibarzt gegenüber der ihr geschäftig die Schläfe mit starken
Wassern rieb und sie wohlmeinend der frischen Luft entgegenführte
    Sie erholte sich bald doch sie fühlte sich mit Bangigkeit allein unter
Fremden Sie schrie laut auf und stürzte ihrer Mutter die sich endlich zu ihr
durcharbeitete schluchzend und mit einer Freude in die Arme als hätten sie
Jahre getrennt
    An einen Pfeiler gelehnt das Gedränge an sich vorbeilassend erzählte
Blansche in großer Bewegung ihr kleines Abenteuer während sie Armand und den
Wagen erwarteten Die Mutter war voll Dankbarkeit voll Ungeduld den
großmütigen Ritter ihrer Tochter zu sehen als Blansche rief das ist er das
ist er gewiss Frau von Saint Alban teilte die Menge erreichte fasste den
jungen Mann  und ließ nun ihr volles Herz in reichen Wortströmen überfliessen
Der Fremde dankte bescheiden doch einsilbig und nachdem er gefragt ob er noch
nützlich sein könne entfernte er sich unter etwas stolzer ernster Verbeugung
die Tochter wie die Mutter sahen ihm gedankenvoll nach und fuhren jedes in sich
beschäftigt nach Hause
 
                                Drittes Kapitel
Als Blansche am folgenden Morgen zu ihrer Mutter kam fand sie einen ältlichen
fremden Herrn im dunkeln Frack mit dem Ludwigskreutz im Knopfloch neben ihr
sitzen Frau von Saint Alban rief sogleich auf sie zueilend mit unglaublicher
Schnelligkeit der Herzog dein Oheim liebste Blansche der so lange Jahre mit
seinem König auf fremdem unheimatlichen Boden lebte und litt er ist in alle
seine Würden wieder eingesetzt er liebt uns wie immer er will unser Glück wir
werden künftig bei einander wohnen und alles alles Leid ist vergessen Sie
drückte die Tochter heftig an sich und warf sich dann in großer Rührung an des
Herzogs Brust Dieser erwiderte schweigend mit liebreichem Ernst und herzlich
wohlmeinender Gebärde der Schwester rasche Freude indem er sich etwas beeilte
die junge anmutige Nichte in angebohrner Galanterie und höfisch bequemer Sitte
zu begrüßen
    Blansche besaß jene anmutige Verbindlichkeit der Worte und Minen welche
schnell in ein unbefangnes Verhältnis setzt Ihre Blödigkeit schwand sogleich
vor einer tief empfundenen innern Berührung es blitzte dann etwas von der
Lebhaftigkeit der Mutter hervor doch weniger glühend eher wehmütig heiter
Die große Unschuld ihres Sinnes hielt noch jeden herben Lebensstreit fern
welcher Leiden schafft und über die Gränzen vollständiger Natur hinausstreift
Doch öffnen sich die Tiefen des Daseins oft vorahndend in jungen Gemütern und
machen das Gefühl an sich ernst und heilig in der innerlichen Erwartung naher
und großer Lebenserfahrungen Wenn daher der Oheim in ihr klares weiches
Gesichtchen wie in die Maientage seiner Jugend verjüngt zurücksah so empfand
sie ihrer Seits voll Ehrfurcht und Teilnahme bei seinem Anblick die schwere
Arbeit der Zeit
    Der Herzog betrachtete sie mit vergleichenden Blicken auf die Mutter es
schien er suche die Vergangenheit in neu belebten redenden Zeichen wieder auf
Doch ließ sich hier eben keine sonderliche Übereinkunft finden Frau von Saint
Alban war von kleinem zartem Bau und sehr lebendiger Gewandtheit ihre großen
feurigen Augen beleuchteten in spielenden Blitzen ein bleiches Gesicht und
überaus bewegliche feine Züge Ohne Unruhe oder ängstigende Überfülle in ihrem
Wesen zu spüren empfand man doch eine höchst empfängliche stets mit Vielem
beschäftigte Seele ihre redende Physiognomie reflektirte das Außen und
Innenleben in ununterbrochener Berührung und schien nur auf diesem Wege die
Sicherheit der Reife erlangt zu haben Man fühlte sich ihr gegenüber behaglich
angeregt zu Teilnahme und Mitleben getrieben Blansche im Gegenteil war hoch
und schlank ihre stillen edlen Züge strahlten im Frieden unangeweheter
Jugendblüte die schwimmenden blauen Augen empfingen ihr sanftes Licht nur von
der Eintracht innerer Unschuld und Güte Der Gang die Bewegungen waren leicht
doch leise und eben nirgend eine Spur leidenschaftlicher Heftigkeit und zog
auch eine dunkle Frage eine unverstandene Bangigkeit durch sie hin so perlete
wohl ein Tränchen in den Augen aber der ruhige Einklang des holden Ganzen
blieb ungestört Man konnte sie Stundenlang sehen empfinden ohne sich etwas
anderen als wachsender Liebe freudiger unbekümmerter Hingebung bewusst zu
werden ihre anmutige Nähe war durchaus beschwichtigend und heiter
    Das eine schöne Kind sagte der Herzog zur Schwester gewandt ist dir allein
noch geblieben Ach Türgis mein Türgis rief Frau von Saint Alban aufs
lebhafteste erschüttert Alle Freude war aus den Blicken aus der Seele
plötzlich weggewischt sie konnte sich kaum fassen und die Erinnerung über das
wunde Herz hinziehen lassend lehnte sie das Tuch vor den Augen den Kopf
abwärts von dem Bruder an einen Wandpfeiler Der Herzog sah fragend auf
Blansche Diese entgegnete leise um die Mutter zu schonen mein Bruder fiel
ohne Zweifel in Spanien wir haben seitdem nicht wieder von ihm gehört Im
Dienste des Tyrannen unterbrach sie der Herzog heftig Blansche senkte die
Augen War das nicht zu vermeiden setzte er begütigend hinzu Es gibt
Verhältnisse Herr Herzog sagte Blansche schüchtern die Augen noch immer nicht
aufschlagend welche das Gefühl bezwingen und uns harte Pflichten auflegen mein
Bruder hat das sehr bitter empfunden Die Ehre gutes Kind erwiderte der
Oheim ist immer die erste Pflicht Ach seufzte Blansche ich hörte den armen
Türgis wohl sagen in unserm unglücklichen Frankreich habe man nur die
persönliche Ehre zu retten Dem jungen redlichen Gemüte bleibe glücklicher
Weise noch der Degen sich selbst einen Weg damit zu bahnen
    Der Herzog spielte vor sich hinsehend mit dem Stock auf den Teppich Hm
sagte er halb in Gedanken die Jugend  freilich sie will leben  es ist ein
Unterschied man sucht eine Wirksamkeit einen Namen und dann die Fesseln der
Zeit alles Hohe und Große in den Staub getreten  Ach rief er aufblickend
hätte er seinen König gesucht Bruder sagte Frau von Saint Alban das trübe
Gesicht seitwärts nach ihm hingewandt er hat wohl seinen Gott gefunden Der
Herzog schloss sie sehr gerührt in die Arme und äußerte sich beruhigend und
liebreich über ihren gerechten Schmerz
    Es gelang ihm auch bald diesen zu mildern man kam nach und nach wieder in
die vorige heitere Haltung zurück Die kleine Erschütterung hatte sie unbewusst
einander genähert ein jedes hatte sich vom Gefühle überrascht unbewunden
geäußert man kannte man schätzte sich in der bezeugten Treue fester
Gesinnungen Entstehendes Vertrauen windet unwillkürlich ein Band nach dem
andern vom Herzen los man will sich in jeder Beziehung lieb werden und alles
was im wohlbegründeten Verhältnis vielleicht unberührt liegen bliebe tritt
hervor und macht sich Luft Frau von Saint Alban hatte tausenderlei zu sagen
und zu fragen der Herzog seiner Seits manches aus seinem abgerissenen
zerstückelten Leben zu ergänzen Die letzte Vergangenheit lag beiden gleich
nahe Vieles wurde von den Sorgen und der Angst von der heftigen Bewegung
geredet welche großen Umwälzungen stets vorangeht alles ward noch einmal
durchempfunden und so kam man auch auf heute und gestern Frau von Saint Alban
konnte den Eindruck nicht genugsam beschreiben den der Anblick des Königs auf
sie gemacht habe Sie sagte es sei ihr ein Zittern durch alle Glieder gegangen
die Knie habe sich von selbst gebeugt und ohne es zu wissen hätte sie das
Domine salvum fac regem mitgesungen wobei ihr nicht anders gewesen als rolle
dumpfer Donner über ihr hin und die Erde schwinde unter ihren Füßen Beiden
Geschwistern war es zugleich unbegreiflich und höchst rührend einander unerkannt
so nahe gewesen zu sein Frau von Saint Alban wusste überall nicht viel von dem
was um sie vorgegangen war und wie ihre Tochter so plötzlich von ihrer Seite
kam Sie äußerte sich über diesen letzten Vorfall mit behaglicher Liebe für
Blansche und einer Art mütterlichen Triumpfs Viel sagte sie gebe ich darum
den jungen Fremden noch einmal wiederzusehen ob er gleich meinen Dank etwas
frostig und spröde von sich wies Hieran fuhr sie fort und an den richtigen
ohne Accent gleichwohl etwas langsam und feierlich gesprochenen Worten habe ich
den Deutschen oder den Spanier erkannt Und grade in diese beide Nationen just
weil sie uns so hassen bin ich ganz verliebt Es war Charakter in der
Physiognomie mein Bruder das versichere ich dich sehr viel Charakter und
eine Melankolie und eine Weltverachtung die unsere Teilnahme immer anregt
wäre es auch nur um den stolzen kalten Sinn zu bezwingen
    Blansche war während dem an das Fenster getreten und knüpfte in bunten
Seiden allerlei Figuren und Bilder der schwierigen MosaicArbeit gleich Der
Herzog maß lächelnd ihre schöne Gestalt und sagte leise zur Schwester geneigt
wer weiß ist es diesem Engel nicht aufbehalten den freundlich feindlichen
Fremden zu versöhnen Glaube mir wir Franzosen brauchen solche Engel
 
                                Viertes Kapitel
Frau von Saint Alban hatte recht gesehen Der junge Mann der ihre Dankbarkeit
verdiente ihre Teilnahme ihren Stolz reizte war ein Spanier Don Alonzo de
Mendoz Seit Jahren in französischer Gefangenschaft hatte ihn jetzt Ferdinand
der Siebente in Aufträgen nach Paris gesandt Hier lastete die Luft
centnerschwer auf seiner Brust Der plötzliche Umschwung äußerer Gestaltung
konnte ihn weder mit der Gegenwart überhaupt noch mit einer Nation versöhnen
die ihm in allen Bedingungen seines Wesens entgegenstand die er aus
persönlicher nicht ausgewaschener Ehrenkränkung aus Grundsatz und Überzeugung
hassen zu müssen glaubte Alles bis auf die unbetonte dumpf verschwimmende
Sprache war ihm an ihr in der Seele zuwider Er hielt sich deshalb still und
eingezogen und wehrte das Aussenleben von sich ab so viel es die Natur seines
Geschäftes wie seiner Stellung zu hiesiger Welt erlaubte
    Zu den Kunstschätzen flüchtete er noch am liebsten Sie ermangelten eben
auch durch rohe Gewalttat heimatlicher Übereinkunft und er konnte sie sich
losgerissen wie sie waren ganz frei von aller störenden Beziehung aneignen
    Unter den hohen Gebilden früherer arbeitender Gedanken ward ihm das Herz
weit er vergaß Zeit und Ort sich selbst und ließ den beschwichtigenden
Eindruck stiller Harmonie friedlich über sich walten Er konnte sich so
hineinsehen und empfinden dass er wie in völliger Einsamkeit nicht allein
wenig oder gar nicht auf solche achtete die Neugier und Ruhmsucht das
Außerordentliche gesehen zu haben hieher lockte sondern auch unbewusst an
Gleichfühlende vorüberging
    Wie sich indes der Mensch auch umbauen und verschanzen mag Empfänglichkeit
ohne Mitteilung wird zur drückenden Überfülle Man schwelgt ungesellig
heimlich und im Dunkeln Das Licht des antwortenden Auges fehlt Herz und Gemüt
brauchen den spiegelnden Strom der Rede um sich klar zu werden
    Unzähligemal schwebte auf Alonzos Lippe ein Laut der Bewunderung jener
staunende Ruf der Seele die plötzlich das Geahndete erkennt Aber er drängte
ihn ängstlich in sich zurück und erstickte fast im Übermaass des Entzückens
    Sehr willkommen daher wenn gleich überraschend war es ihm als er eines
Tages einen jungen preußischen Offizier an seiner Seite vernahm der mit
gleicher Lust und Innerlichkeit aufmerksam ein vor ihnen stehendes Bild
betrachtete und das beseelte Auge langsam zu Alonzo hinwendend ihn bequem und
sicher in spanischer Sprache anredete
    Alonzo ehrte die preußische Armee weit mehr als er es sagen konnte er
achtete die Ration wie die seine und konnte nicht ohne demütige Rührung den
reinsten Heldenkönig sehen und nennen hören Wenn er gleichwohl die
ehrenwertesten aller Kampf und Waffengenossen auch jetzt nicht aufgesucht
hatte sich nicht von ihnen finden ließ so lag es wohl darin dass der Spanier
wie der Deutsche niemals unaufgefordert in des Andern Weg tritt und beide es
verschmäheten die französische Sprache in diesem Augenblick zur Vermittlerin zu
machen Denn es ist natürlich und dem Menschen eigen sich von dem mit
Widerwillen abzuwenden was man los zu werden einmal beschlossen hat Es fiel
daher jetzt jede bisherige Scheidewand vor Alonzo nieder Hatte ihn früher die
frische fröhliche Weise der tapfern Preußen ihre naive Wissbegier und
aufmerkende Teilnahme eben so wie die abhaltende Höflichkeit ihres Benehmens
erfreut so gelangte er hier durch die Fülle frei und kräftig gebildeter
Künstlernatur den Scharfsinn und die gemütvollste Gewandtheit unversehens zum
Einverständnis deutscher Nationalität
    Wer sich eine Zeitlang vor der Welt verschlossen und alles daraus abgewehrt
hat was ihn ansprechen könnte wird dem neu hineinfallenden Lebensstrahle um so
mehr Gewalt über sich gönnen müssen Die wohltätige Wärme und Klarheit eines
hellen Gespräches treibt Blut und Sinn und Worte zu schnellerem Lauf ein Funke
zündet den andern es glühet von allen Seiten Gedanken brennen zusammen die
Flamme leuchtet weit über die gewohnten Gränzen hinaus
    Alonzo fühlte sich immer freier und verständlicher sein Gefühl immer
lebendiger umgetrieben je leiser und sachter der junge Fremde ihm entgegentrat
ohne ihn gleichwohl absichtlich suchen zu wollen Beide gingen bald von der
Kunst zu dem Leben und der Gegenwart über und in den Sälen als der gemeinsamen
Heimat auf und ab gehend redeten sie ohne Zwang über den gemischten und
höchst wunderbaren Eindruck den Paris unter den gegenwärtigen Zeitumständen auf
sie mache Alonzo hütete seinen Hass zu sorgfältig um ihn in Worten zersplittern
zu wollen er äußerte sich nur im allgemeinen dass er den ganzen Streit nicht
für geschlichtet halte so lange noch ein Einziger in dem eigenen Bewusstsein
gefesselt bleibe Er könne sich nun einmal mit der Freiheit nicht beruhigen die
ihm Andre erkämpften Teuflische List habe ihn um die Mitwirkung betrogen und
dass er das nicht rächen dürfe hetze ihm eben das Blut durch alle Adern Ehe
gebe es auch keine Ruhe für ihn bis dies heiße Blut auf eine oder die andere
Art sich gekühlt habe Der Deutsche war bei weitem milder Er konnte manches
Tadelnswerte nicht in Abrede sein gleichwohl ging er als etwas
Ausserwesentlichem nur leicht darüber hin Überall betrachtete er in dem Ort
nicht sowohl die Hauptstadt Frankreichs als vielmehr den Brenn und
Scheidepunkt ungeheurer Reibungen die sich hier sichtend befriedigt und
vollständig in die ruhige Natur ihrer Bestimmung zurücktreten müssten Die
wechselnden Berührungen so verschiedenartiger Elemente fuhr er fort können
schon an sich nicht kalt lassen zudem spiegeln sich die großen Ereignisse in
eines jedem Dasein eigentümlich zurück und wenn man acht darauf hat werden
Kunst und Leben eben nicht zu kurz dabei kommen
    Alonzo hatte ihn unter dem Reden aufmerksam beachtet Es ging ein leises
weiches Minenspiel über sein jugendlich braunes Gesicht das die Züge höchst
angenehm belebte Um den Mund vorzüglich schwebte ein feines sittiges Lächeln
in welchem sich Güte und Schalkheit wunderbar mischten Er öffnete die Lippen
nur wenig wenn er sprach doch ohne den Ton zu pressen schlüpften die Worte
behend wie leichtfertige Boten darüber hin während sich der kaum
hervorgelockte Bart wie ein ernster Wolkenstreif darüber hinzog Die Augen waren
den stillen Grubenlichtern zu vergleichen die in ihrem dunklen Glanz sicher in
tiefe Schachten dringen ohne durch flackernden Schein die Sinne zu irren Er
trug sich wohl und edel ob er gleich weder groß noch hervorstechend gebaut
war Gestalt Ton und Gebärde alles an ihm verkündete innere Übereinstimmung
die in ihrer leisen biegsamen Sicherheit nichts abwehrt und sich immer bewahrt
    Es war nicht leicht möglich den bildenden Künstler in ihm zu verkennen Auch
erfuhr Alonzo bald im Laufe des Gesprächs dass er Mahler sei Philipp heiße und
als Freiwilliger nur für die Kriegszeit Soldat geworden jetzt in die stille
KünstlerLaufbahn zurücktrete
    Beide schieden darauf mit dem Versprechen einander wieder aufzusuchen Als
nun Alonzo einen herrlichen Barber Hengst bestieg der draußen am Tore auf ihn
wartete blieb Philipp mit untergeschlagenen Armen vor ihm stehen und sagte
lächelnd Alonzo gebe ihm das Bild zu einem ritterlich maurischen Helden der
alten Spanierwelt auch spüre er etwas von der eifersüchtigen Glut in seinen
Augen er wolle sich hüten ihm in den Weg zu treten Alonzo sah sich nicht
ungern in jene Zeit zurückgewiesen und als Philipp schalkhaft grüßend in eine
Seitengasse bog blickte er ihm mit einer Befriedigung und einem Wohlwollen
nach wie er es lange nicht in dem Maße empfanden hatte
    In dieser erhöheten glücklichern Stimmung ritt er ganz behaglich durch den
kühlen Abend hin ohne sonderlich von dem lästigen Schwarm umher gestört zu
werden Die Nähe liebenswürdiger Menschen hebt uns immer eine Zeit lang über uns
selbst hinaus und trennen wir uns nun so glimmt und dämmert das Herz noch eine
Weile in sich fort ohne dass wir uns gerade davon Rechenschaft geben Wir können
nicht sagen was in uns vorgeht wir lassen das Unbekannte eben walten Alonzo
erging es nicht anders
    Die duftigen verschwimmenden Abendlichter schienen sich in seinem Innern
zurückzuspiegeln er träumte so nachempfindend fort bis ihn das ganz
unerträgliche Gedränge an den Boulewards hin alle zehn Schritt einmal zwang
seinen unruhigen schnaubenden Barber anzuhalten Das stolze Tier warf
ungeduldig den Kopf in die Höhe und machte mahl auf mahl Mine über alles das
wegzusetzen Alonzo musste in einem Strafen und Zügeln bleiben In diesem
unbequemen Geschäft ärgerte ihn so viel zwecklose Beweglichkeit das heisere
Durcheinanderschreien die Fremden die sich nach dem Grössterlebten in
eingefleischtem Vorurteil zu dem Unbedeutenden drängen konnten die
vergiftende Torheit der Schmutz die Sünde doppelt und dreifach und er würde
es dem Barber just eben nicht verdacht haben wenn er den Boden aufwühlend all
der geschäftigen Verdorbenheit ihr Grab gegraben hätte Im höchsten Unwillen
hielt er hart an einem kürzlich eingeäscherten Hause Tanzende Affen
Leierkasten Marionetten Sträussermädgen und Betteln der Invaliden
Hundecomedien und VaudevilleSänger alles schwirrte gaukelte und presste sich
an ihm hin Auf einem niedergebrannten Pfeiler dicht neben ihm saß ein braunes
Mädgen von zartem Alter in knappem blauen Kattunhemd und drüber hingeworfenem
dunkeln Mantel dessen Risse und Schlitzen und abgetragene Wolle eine
weitläuftig überkommene Erbschaft verrieten Neben ihr kauerte sich ein altes
dürres Mütterchen fröstelnd zusammen die blinden Augen in der Kleinen Schoos
gedrückt Diese sang in demselben leiernden Ton die gefaltenen Hände von Zeit
zu Zeit mit auswendig gelernter zur Gewohnheit gewordener Gebärde gen Himmel
hebend um Gottes und des Heilands Liebe willen für eine arme Blinde ein paar
Sous Alonzo warf ihr Geld hin Das Kind stand auf und verneigte sich indem sie
ihr Herr Gott wird es Ihnen vergelten eben so notwendig eben so eintönig
wie die frühern Worte hersagte Die Alte aber vom Klange des Geldes aufgeweckt
richtete sich in die Höhe und mit den geschlossenen Augen mühsam zu Alonzo
hinaufblinzelnd rief sie das schönste Herz Frankreichs wird so viel Großmut
lohnen  Alonzo schauerte zurück teils vor dem gespenstischem Anblick des
Weibes teils vor der unwillkommenen Prophezeihung Er wandte sich mit einiger
Heftigkeit doch die Blinde reckte sich auf den Schultern des Mädgens gestützt
zu ihm hin indem sie sagte Bereuen Sie es ja nicht wenn es Sie übereilte es
ist auch zu Ihrem Glück
    Alonzo glaubte sie fasele er wusste im Grunde nicht recht was sie wolle
das eben ängstete ihn Er spornte sein Pferd an und teilte in ein paar wilden
Galoppsprüngen die gaffende Menge die bewundernd nachrief herrlich herrlich
auf Ehre echt englisch  Die Toren dachte Alonzo ohne im Herzen ganz sicher
zu sein ob es nicht ebenfalls Torheit genannt werden könne sich durch ein
paar Worte so jagen und hetzen zu lassen 
 
                                Fünftes Kapitel
Er konnte gleichwohl den wüsten Eindruck jener Worte mehrere Tage hindurch nicht
los werden Und was ihn vollends belästigte war die Notwendigkeit mit
verschiedenen Behörden verhandeln zu müssen wozu ihn die Beschaffenheit seiner
Sendung ganz natürlich verpflichtete Berührungen der Art waren ihm stets
verletzend Er konnte nun einmal sein Gefühl nicht bezwingen Er empfand die
Verschiedenheit diplomatischer und ritterlicher Galanterie ums o schärfer je
reiner das letztere Element in ihm ausgesprochen war Was auch die französische
Behendigkeit ersinnen was die regelrechte ausgleichende Sprache auch
verbindliches sagen mochte er ahndete er sah überall den Hohn die
Geringschätzung leichtsinniger Beschränktheit und unerträglich drückte ihn die
versteckt gehaltene Überlegenheit mit welcher Besiegte zu ihren Siegern reden
durften Ihm kochte das Blut jedesmal dass er so oft etwas ähnliches hörte alle
Sinne gerieten in Aufruhr er musste sich selbst entfliehen und Hass und Stolz
und jede heiße Regung beleidigter Natur töten um Sitte und Anstand retten zu
können
    Ganz ermattet von so unseligen Kämpfen flüchtete er einst zu Philipp
dessen Wohnung er ausgemittelt hatte Der junge ritterliche Künstler saß im
dunkeln leicht umgeworfenen Mantelkragen mit übergeschlagenem Hemdestreif und
entblösstem Hals pfeiffend vor einer sauberen Staffelei Alonzo blieb ganz
verwundert vor ihm stehen Wie denn sagte er sie haben Lust und Musse gefunden
hier selbst etwas zu bilden Wo nehmen sie nur den Frieden die Eintracht im
Innern her Nun entgegnete jener lächelnd was soll ich mich weiter in dem
Tumult verlieren Auch sind mir die Eindrücke nicht so neu ich war früher hier
und finde daher manchen unbesetzten Augenblick Mir schien es billig dass ich
dem einzigen beruhigenden Eindruck den ich hier empfing Gestalt und Dauer gebe
und ein versöhnendes und wertes Andenken aus so merkwürdiger Zeit in die
Heimat zurückbringe Alonzo war näher getreten Er sah zur Zeit nur die noch
erst höchst dürftig und weich gehaltenen Umrisse eines Engelskopfes auf dem
Leinen Das Gesichtchen blickte überaus unschuldig aus einer weisslichen
Lichtwolke hervor die fast blendend an dem nächtlichen Himmel vorüberzog
Unterwärts arbeitete ein dunkel wogendes Meer dessen nakte kalte Kreideufer in
wunderlich hieroglyphischen Spitzen und Zacken heraussprang Den Hintergrund
deckten tiefblaue Dunststreifen man unterschied keinen einzigen Gegenstand Die
schauerliche Einöde und tief empfundene Seele des Bildes erfüllte Alonzo mit
Ehrfurcht Er hielt das Ganze für eine Vision deren der Künstler hier gewürdigt
worden und sah andächtig auf dessen Arbeit
    Wie indes nicht leicht im Innern ein Ton angeschlagen wird den fortallend
nicht noch viel andre Klänge und Stimmen wecken und sich ganz eigne Akkorde und
Chöre bilden sollte so rauschte auch jetzt etwas durch Alonzo hin wie der
dunkle Flügelschlag der Nacht von dem die einsame Seele in Sehnsucht erbebte
Alle Empfindungen wurden wach sie fuhren schauernd aneinander das Herz stockte
fast in den gewaltsamen Wirbeln Er hatte sich über Philipps Sessel gelehnt und
sah und empfand sich in das Bild hinein ohne eben deutlich zu denken oder gar
zu reden Die Arbeit ging indes still fort Philipp war ohnehin nicht einer von
vielen Worten Es war ihm schon recht dass nichts Fremdes in sein Tun und
Sinnen hineinfiel Alonzos Blicke begleiteten ihn vielmehr auf ganz eigene
geheime Weise Mehr und mehr ging ein warmer Hauch von dem Lichtglanz der Wolke
aus Philipp selbst bog sich fast geblendet zurück das strahlende Engelsgesicht
sah wie ein Friedensbote zwischen silberne Mondflämmchen hindurch die
Landschaft war unbegreiflich hell geworden die wüste Angst der Nacht sank ganz
zusammen Plötzlich fuhr Alonzo mit beiden Händen über die Augen er sah und
sah seine Blicke wurden immer fester immer flammender mein Gott rief er wie
kommen Sie grade zu diesen Zügen das ist ja das Gesicht des Mädgens das ich
neuerlich aus dem Gedränge der Kathedrale trug Taten Sie das fragte Philipp
den Kopf nach ihm hinwendend nun da kann es ja sein dass es dieselbe ist die
ich neben der Mutter knieend in so seligem Schauen des reinen ungetrübten
Himmels fand dass ihr still entzückter Blick wie linder Engelsgrus über die
unruhig wirre Menge zu schweben schien Ich habe nie etwas Klareres gesehen Die
blonden Haare spielten so kindlich weich um Schläfe und Wangen der
eingeflochtene Lilienkranz spiegelte sich in dem ruhigen Schein der Stirn
zurück doch nichts glich dem lösenden beschwichtigenden Zauber jener
schwimmenden ganz von Begeisterung aufwärts gehobenen Augen sie sahen sie
empfanden nur das Licht ewiger Liebe Nirgend noch begegnete ich so fester
Andacht in Mitten so sündlichen Tobens
    Philipp hatte mit großer Lebhaftigkeit geredet die Begeisterung spielte in
rötlichen Streifen auf seiner Stirn seine Augen schienen größer als sonst sie
bewegten sich leuchtend in ihren Kreisen Doch wie die Jugend oft beschämt da
inne hält wo sie mit liebenswürdigem Selbstvergessen über sich hinauszugehen
bereit war so zügelte auch hier anmutige Blödigkeit Philipps Zunge er
schwieg sah Alonzo noch einen Augenblick nachsinnend an und wandte sich dann
zu seiner Arbeit zurück
    Daher also sagte Alonzo zerstreuet Wie konnte Sie nur die Französin so
begeistern Das lassen Sie sich weiter nicht anfechten entgegnete Philipp das
kommt hier ganz und gar nicht in Betracht Es ist Gottlob nicht sowohl die
Frage wo sich ein Künstler befindet als ob überhaupt ein Künstlerauge da ist
denn Offenbarungen denke ich gibt es überall
    Alonzos Blicke hingen unverwandt an dem Bilde er schien ganz
hineingewachsen Offenbarungen wiederholte er langsam gibt es überall Und
alle Werkzeuge der Offenbarung sind geheiligt Fragen Sie sich das noch
unterbrach ihn Philipp lächelnd Alonzo wandte sich mit einiger Heftigkeit
abwärts Er trat zum Fenster und starrte mehrere Augenblicke finster in die
dunkle unter menschliche Torheit veraltete und verjüngte Stadt Hass und
Unwille behaupteten wieder ihr verjährtes Recht Er atmete tief auf und ohne
das Bild weiter anzusehen reichte er Philipp die Hand drückte und schüttelte
sie und fragte mit abwehrender Eile wo treffen wir einander nun wohl wieder
Jener sah ihn etwas befremdet an doch eine leise Empfindlichkeit schnell
unterdrückend entgegnete er heiter und zuversichtlich Nun es trifft sich ja
wohl bald einmal auf diese oder die andre Weise
    Er war aufgestanden und beschäftigt Pinsel und Palette an die Seite zu
legen Das Bild stand frei Alonzos Blicke streiften unwillkürlich daran hin
Er riss sich unter glühendem Erröten davon los als Philipp wieder zu ihm
gekehrt seinen Augen begegnete Alonzo drückte den jungen anmutigen Künstler
an seine Brust und flog wie ein Getriebener aus dem Zimmer
 
                                Sechstes Kapitel
In Paris war es indes nach und nach zu einer gewissen Ordnung gekommen Die
Eingebornen hatten sich in gänzlicher Sicherheit beruhigt die Fremden leidlich
gewöhnt Das Neue war alt geworden Kein Mensch wunderte sich mehr Man
langweilte sich so alltäglich aneinander hin und die Stadt würde vergessen
haben wie ihr geschahe hätten Kaiser und Könige nicht von Zeit zu Zeit ihre
Truppen zur Heerschau versammelt Dahin drängte denn doch immer wieder Alt und
Jung Man ward es nicht müde die schönen kräftigen Gestalten den Glanz die
Behendigkeit und würdig stille Haltung der ritterlichen Helden zu bewundern Der
Trompete weckender Klang der Waffen heller Schein das Hurrah der
pfeilschnelle Flug behender leichtfüssiger Pferde das Leben die Bewegung war
doch jedesmal wieder neu und verlockte Herz und Augen
    Einst hatte der König von Preußen seine Garden zusammenberufen In langen
glänzenden Reihen füllten sie die Avenüe von Saint Germain Ihr königlicher
Führer hielt neben dem unvollendet gebliebenen Triumpfbogen von Jena Die Lust
ewiger rächender Vergeltung blitzte aus Aller Augen Ohne Stolz mit
treuherziger Vergnüglichkeit sahen die zuversichtlichen ehrenfesten Krieger auf
jenes schmähende Denkmal und nachdenklich erwogen sie wie wunderbar Gott der
Zeit und den Kräften gebiete nur fertige was bestehen solle
    Unzählige Wagen hielten dicht aneinander gereihet unzähliges Volk wimmelte
dazwischen Adjudanten und Kommandirte rauschten nur so eben an den Zuschauern
hin man hörte nicht den Hufschlag ihrer Pferde halb schreitend halb fliegend
schienen diese kaum den Erdboden zu berühren Federbüsche wogten Bajonette
blitzten Helm und Kürass leuchtete golden in spielenden Sonnenstrahlen Voll und
gewaltig schmetterten helle Kriegsklänge dazwischen alles Leben wurde wach
alle Herzen schlugen freier man musterte verglich und lobte nicht mehr man
sah man jubelte nur
    Alonzo hielt im Gefolge eines englischen Generals nahe an der Barriere de
lEtoile Hier hatten sich viel Wagen zusammengedrängt der Lärm war ungeheuer
Alonzos Pferd wieherte jedem Trompetenstoss nach und stampfte und schüttelte
schäumend an dem zügelnden Gebiss Er strich ihm wohl begütigend den schlanken
Hals und meisterte und wendete sich mit ihm bald rechts bald links aber in der
Seele war ihm wie dem feurigen Tier vorwärts rief es mit tausend Stimmen und
die Zähne zusammenbeissend schlug er die zündenden Augen gen Himmel Er
beachtete es nicht dass dicht hinter ihm viel Lärmens und Gelächter war ein
junger französischer Offizier sprengte mit fliegendem Ellenbogen und
schwerfälliger Beweglichkeit bald hin bald her hatte überall zu sehen und zu
reden Jetzt bog die lange Wagenreihe etwas seitwärts die Preussische Garde dü
Korps marschirte vorbei Unwillkührlich lief ein leises Murmeln durch die Menge
man hatte nie etwas Schöneres gesehen Ernst und gemessen ging der Zug vorbei
Alonzos Herz bebte bei dem Rasseln der Waffen dem stolzen sichern Tritt der
Pferde dem heitern Glanz freudiger Maiengesichter Er hatte sich etwas
genähert um genauer zu sehen Sein Pferd arbeitete und drängte ungestüm an die
Wagen hin er war gezwungen es zu beachten als er eben an einem perlfarbenen
Muschelwagen mit silbernen Verzierungen streifte und durch einen gewaltigen Satz
ein junges schlankes Frauenzimmer tötlich erschreckte die mit dem Rücken gegen
ihn gewandt die eine Hand auf dem Knopf des Schlages gestützt stehend die
Regimenter vorüberziehen sah Sie fuhr leise aufschreiend zusammen und blickte
etwas bleich und verstört nach dem schnaubenden Barber um Ein leichter Strohhut
mit blassroten Rosen beschattete das feine Gesichtchen gleichwohl waren diese
Augen nicht zu verkennen Alonzo neigte sich überrascht vor seiner Unbekannten
aus der Kathedrale Der junge laut bewegliche Franzose der sich schon früher
viel um diesen Wagen zu schaffen machte hielt auf jener Seite so dass er
Blansche gegenüber war er machte in diesem Augenblick eine etwas rasche
Bewegung zu Alonzo hin öffnete die schmahlen eingezogenen Lippen und stand im
Begriff etwas Scharfes zu sagen als sich Fahrende und Reuter plötzlich in
Bewegung setzten und alles aneinander und durcheinander zur Stadt lenkte
    Alonzo war immer grader und höher auf seinem Pferde geworden und schien noch
jene gedrohete Anrede zu erwarten Jetzt schoss er pfeilschnell nach der Barriere
zu er hätte die Welt darum gegeben dem übermütig fragendem Gesicht noch
einmal zu begegnen aber das wüste Gewirr wickelte sich immer dunkler immer
unkenntlicher in einander ganz von weitem zeigte sich die silberne Muschel von
vier Apfelschimmeln gezogen noch einmal Alonzo hielt die Hand wie geblendet
vor die Augen Als er wieder aufsah stand ein allerliebstes zierliches Kind
mit den aufgehobenen Armen ein Körbchen voll der glühendsten Rosen haltend
neben ihm Mine und Gebärde sagte schöner lieber Herr kaufen Sie doch Alonzo
blickte ganz tiefsinnig in die hellen Rosenlichter es trabte ein Preussischer
Freiwilliger vorbei und sang
Ihr habt uns geladen
Wie ringen wir baden
Durch Blut und durch Wolken
Ans herrliche Ziel
Alonzo hatte früherhin auf spanischem Boden tapfere Deutsche gekannt die der
allgemein heiligen Sache im fremden Streite dienten Das Wort Blut war ihm
wohlbekannt es fiel wunderbar in sein Ohr er wandte sich nach dem Reuter und
griff fast zugleich in das weiche Blumenmeer die roten duftenden Wellchen
spielten kühlend um seine Finger er fasste eine Hand voll Blumen und sagte ganz
unwillkürlich rote Rosen rotes Blut und Geld in das Körbchen werfend
trabte er ganz in sich versunken nach seinem Quartier
 
                               Siebentes Kapitel
Hatte Alonzo bis dahin still und verborgen gelebt so hielt er es jetzt seiner
Ehre gemäß überall so viel sichs tun ließ an öffentlichen Orten zu
erscheinen Kein Mensch sollte ihn vergebens suchen keine an ihn gerichtete
Frage unbeantwortet bleiben Er war deshalb alles Widerwillens ohnerachtet
fast zu jeder Stunde im Palais Royal zu finden Sein stattlich stolzes Wesen
der feste Trotz mit dem er etwas zu erwarten schien die kalte Geringschätzung
in Blick und Minen bezeichnete ihn bald genug Karikaturen und Vaudevilles
malten den tiefsinnig spröden Spanier auf komisch neckende Weise ohne dass er
selbst eine Ahndung davon hatte Sein Auge war auf ganz Anderes gerichtet Mit
scharfem Adlerblick fasste er jedes verwandte Gesicht ohne gleichwohl seinen
Mann finden zu können
    Unwillkührlich hatte er denn doch manche Bekanntschaft gemacht sich manchem
Kreise angeschlossen Es konnte nicht fehlen dass er hin und her zur Teilnahme
gezwungen in Gespräche verwickelt ward in denen er ein tiefes überaus edles
Gemüt offenbarte So fand er sich bald gesucht und schon in den ersten Tagen
unter mehreren verbündeten Offizieren einheimisch Es kam hier vieles zur
Sprache das die gemischten oft verletzenden Verhältnisse der Zeit mit immer
gesteigertem Unwillen aus den empörten Herzen riss man stachelte sich so
gegenseitig und es sprüheten Funken die oft nur des zündenden Gegenstandes
ermangelten um hell aufzuflammen Niemand machte just ein Hehl daraus dass er
das Land die Stadt und die Einwohner hasse dass dies Gefühl rechtmäßig und nun
und nimmermehr auszurotten sei Wir haben es leider nur allzuzeitig vergessen
sagte einst ein wackerer Oestreicher wie uns seit dem spanischen
Successionskriege her und wohl früher dies Volk gehofmeistert und durch seinen
sündlichen Einfluss unterjocht hat Das waren Franzosen wie jetzt Man sagt
immer die Revolution und der Napoleon habe alles so schlimm gemacht aber es
lese nur Eins wie es damals zuging Treue und Glauben war niemals drin
    Da hinter sagte ein blonder hochgewachsener Brandenburger sind nun wohl
nach grade auch alle gekommen mit dem Vertrauen ists meist aus und jedweder
bleibt gefasst und auf seiner Hut Was schmeichelt man ihnen denn noch lange
unterbrach ihn der Oestreicher und lässt sie glauben sie seien nicht besiegt
Es hätte nicht viel gefehlt wir massten die grünen Zweige verstecken weil ihnen
das ehrenwerte Feldzeichen in die Augen schlug Darf sich wohl Einer rein
heraus Sieger nennen wir umgehen und umgehen das Wort und tun mit ihnen wie
mit kranken Kindern darüber werden sie vollends töricht und vorlaut Ich
glaube sagte der Brandenburger aufstehend man macht es mit den Franzosen wie
mit den Besessenen man scheuet und windet sich vor ihren krampfigen Zuckungen
und lässt sie laufen Ich habe nur eine Zeitlang das Wesen so mit angesehen und
all die Manövres und Kunststückchen vormachen lassen es war mir spaßhaft
genug dass sie mich zu imponiren glaubten aber es nehme mir kein Mensch übel
lange hält man das nicht aus zuletzt wird man ganz müde und matt und geht ihnen
gern aus dem Wege
    Ein feiner schlanker Russe der eine Zeitlang lächelnd in den Streit hinein
gesehen hatte sagte jetzt in etwas gepresstem weichem französisch wir hätten
doch alle samt unrecht die Nation zu hassen da wir ihrer Sprache jede
gesellige Mitteilung und selbst den jetzigen kameradschaftlichen Verkehr
verdanken Auch können wir es uns nicht wohl ableugnen dass die
augenblicklichen Missverständnisse abgerechnet Paris der Sitz aller urbanen
Gewandheit des feinsten Gesellschaftswitzes und einer Kultur ist wie wir sie
anderswo nur im matten Wiederscheine finden Die Franzosen bleiben immer unsre
Vorbilder und wir streben vergebens sie zu erreichen Gestehen wir es nur wir
bleiben bei allem Stolz weit hinter ihnen zurück Solch Streben fiel der Preuße
ein verdient solchen Lohn Gottlob bei uns ist die alte Komödie ausgetrommelt
Es bringt sie kein Mensch mehr aufs Tapet Wir fangen denn doch nach grade an
uns zu ehren Im Selbstgefühl liegt die Selbstständigkeit darauf soll der
deutsche Ritter wieder seine Burgen bauen und denn wirds auch mit der
vielgepriesenen Welt und Gesellschaftssprache ein Ende mit Schrecken nehmen
Ich sehe gar nicht ein weshalb sie nicht zu entbehren sei Es kommt nur darauf
an dass notwendiger Ausgleichungen im Leben wegen das klassisch poetische
Italiänisch Hofsprache werde Welch ganz anderer Geist würde in die Gesellschaft
übergehen Und gleichwohl fiel der Russe ein bestechen die Franzosen uns heut
wie immer uns rejetzt und lockt die Meisterschaft dessen was wir kennen ohne
es zu können Mich nicht fiel ein alter Landwehroffizier ein mich wahrhaftig
nicht Ich wollte das Meer verschlänge das ganze Land ehe ist doch keine Ruhe
in der Welt
    Philipp war während dem hinzugekommen Er lachte über des alten guten Mannes
Eifer und malte seinen Vernichtungswunsch noch deutlicher aus indem er in den
Franzosen schon Seeungeheuer sah die nach tausend und tausend Jahren die
Uferfahrenden durch wunderlichen Spuk erschrecken würden und deren rätselhafte
Fabeln die späten Nachkommen von diesem Kriege und der Ahnherrn tapfere Taten
hören sollten Man lachte und umspann Zorn und Unwillen in allerlei possenhaften
Ausfällen
    Alonzo hatte sich etwas entfärbt als Philipp ihm zutraulich auf die Schulter
klopfte und neckend fragte Wie nehme ich es denn dass Sie zu dem allem
schweigen Was sollen Worte entgegnete jener Wir sehens ja man kühlt sich
gegenseitig wieder ab Es ist immer ein müssiges Geschäft das Skelett eigener
Empfindung einem Andern ins Herz drücken zu wollen jener wirft es heraus wie es
ihm beschwert und behält höchstens einen widrigen Eindruck davon
    Er hatte sich selbst im Reden erbittert und sah tiefsinnig und kalt an
Philipp hin Dieser schlenderte neben ihm an etwas anders denkend hin Beide
traten in die Vorhöfe des ungeheuren Gebäudes Es war schon spät der Nachtwind
wehete kühl Im Kaffé de la Rotonde erlosch ein Licht nach dem andern Die
Patrouillen gingen spähend umher die Menge verließ sich Mich friert sagte
eine bebende Stimme dicht neben Alonzo gehen wir mir ist so angst es ist Zeit
niemand kommt mehr alles wird still Alonzo wandte sich nach der Stimme hin er
erkannte die Blinde von den Boulevards an der Hand des braunen Kindes Da
stehn noch zwei flüsterte dieses wo fragte die Alte Die Kleine bog die
dürre Hand der Mutter bittend nach Alonzo Doch diese zog sie sogleich zurück
lass nur sagte sie lass tritt niemand mehr in den Weg es ist keine gute
Stunde stöhre niemand hörst du komm jeder hat sein Geschäft ach Gott mir
wird so angst Sie keuchte an Alonzo vorbei er hörte sie noch dumpf aus der
Ferne stöhnen bis sie in dem Kaveau des aveugles verschwand 
    Wo wollen Sie hin fragte Philipp als sich Alonzo schnell nach den Zimmern
zurückwandte aus denen sie gekommen waren Ich habe drinnen etwas zu zahlen
vergessen erwiderte dieser flüchtig Lassen Sies doch bis morgen rief ihm
Philipp nach Sie hörens ja es ist keine Zeit mehr zu Geschäften Alonzo stand
einen Augenblick unschlüssig doch gleich darauf war er verschwunden Philipp
ging einige Zeit auf und ab in der Absicht ihn zu erwarten Er hätte ihn gern
noch gesprochen Doch währte es lange Er konnte das nicht begreifen und halb
verdrießlich halb von einem beklommenden Vorgefühl getrieben folgte er dem
Zögernden nach
    Es war fast überall schon öde und leer In einem hinteren Spielzimmer endlich
fand er Alonzo an einen Pfeiler gelehnt mit festem Blick auf mehrere
französische Offiziere sehend die unter tollem lautem Gelächter einen jungen
Kameraden aus ihrer Mitte zuhörten Dieser hielt ein Blatt in der Hand und fuhr
mit dem länglichen Zeigefinger seinem Witz bei sehr beweglichem Minenspiel mehr
Nachdruck gebend geschäftig darüber hin Man trieb hier sichtlich höchst leere
und flache Possen Philipp trat daher ganz entrüstet zu Alonzo ihm zuflüsternd
um Gotteswillen was tun Sie hier lockt Sie die verrenkte Spasshaftigkeit so
unwiderstehlich an Es hatte mich vorlängst entgegnete Alonzo mit unverwandtem
Blick einer der Herrn etwas zu fragen ich erwarte nun dass ers tue Ah so
erwiderte Philipp ohne sonderlich den Sinn jener Worte zu beachten Er hatte
viel anderes in Gedanken und übersah leicht was um ihn vorging Nachlässig zog
er einen Stuhl in eine Fenstervertiefung stützte den Ellenbogen auf den Sims
und den Kopf in die Hand gelegt richtete er die dunkeln Augenlichter in die
Nacht stiller träumender Erinnerungen Jetzt ward es jedoch laut neben ihm er
ließ die Hand sinken und wandte das Gesicht nach dem Geräusche hin Der junge
Franzose trat mit eingeknicktem Beine und nachlässig schleppendem Gange die
geringschätzige Weise des Kaisers Napoleon nachahmend Kopf und Nase in die Höhe
geworfen vor Alonzo und fragte mit Talmas Heldenmine ob er etwas an ihm
auszusetzen finde da er ihn seit lange auf belästigende Weise fixire Ich
erwartete Sie entgegnete Alonzo trocken Sollte fuhr der Franzose die Antwort
überhörend fort in Spanien wie ich Ursache habe zu glauben unsre freie
reiche Lebensgewandteit noch fremd sein so erlauben Sie mir Ihnen zu sagen
dass es bei uns höchst auffallend ist jemand anzusehen ohne ihn zu begrüßen Der
Gebrauch verbietet das durchaus es darf nie geschehen Alonzo stand beide Hände
übereinander auf den aufgestemmten Säbel gelegt höchst stolz und feierlich vor
ihm und mit einem Feuerblick an dem der Franzose fahrig hin und her flog
sagte er gelassen ich habe mich niemals um französische Gebräuche bekümmert
spanische Rittersitte aber denke ich sollte man in Frankreich kennen gelernt
haben Die Bekanntschaft fiel der Franzose rasch ein ist nicht seit gestern
sie war gegenseitig auch ermangelten wir nicht ähnliche Notizen zu sammeln Er
hob ein bemaltes Blatt gegen die flache Hand gelehnt schräg gegen Alonzo auf
und mit gekniffenem fuchsartigen Lächeln setzte er hinzu wenn Umstände und
Nationaldekrete uns die Waffen aus der Hand winden so sehen Sie dass wir die
Waffe des Spottes unbestritten besitzen vor der dennoch ganz Europa zittert
Alonzo hatte nur ein halbes Auge an die bunte Fratze gewandt in welcher er sein
und seiner Nation karikirtes Bild in der Person des Donquichot aus einem
Lieblingsstück der Variétés Croque mitaine genannt in allen seinen Zügen
sprechend ähnlich erkannte Der Zorn flammte leuchtend auf seiner Stirn er
behielt die eine Hand an dem Säbel neigte die andre gleichsam winkend gegen
seinen Gegner und sagte mit stiller Sicherheit wir Spanier pflegen die
Franzosen nur mit Blut zu malen Er winkte noch einmal und vorausgehend setzte
er hinzu ich bitte zu folgen
    Philipp hatte schon längst sein weißes Barett in die Augen gedrückt das
Schwert heftig unter die Arme geklemmt sich ungeduldig die Hände gerieben und
bald den einen bald den andern Fuß zum Weggehen gehoben Er zitterte vor innerer
kaum verhaltener Wut er hätte den Übermütigen auf der Stelle niederstossen
mögen Jetzt stand er unter heftigem Herzklopfen neben Alonzo Der Franzose
lächelte auf eigne höhnisch verbindliche Weise redete ein paar Worte mit seinen
Kameraden und folgte Alonzo dann mit teatralischer Vornehmheit
    Sie gingen rasch und schweigend durch Straßen und über Plätze jetzt standen
sie an einer Gartenmauer Alles war still der Raum bequem Die Entfernung ward
ausgeschritten man stellte sich Alonzo blickte noch einmal umher er sah über
die ausgebogene Mauer zwischen dunkeln Buchenwänden auf einen frischen
Rasenplatz hohe Rosen und Lilien weheten duftend herüber ganz von fern
schimmerte ein weißes Gewand wie ein Lichtwölkchen durch die Schatten Arme
Taube dachte Alonzo so nahe bei dir rauscht vielleicht der Todesengel Er hob
das schöne Auge ernst gen Himmel silberne Mondlichter spielten auf seinem
Gesicht die dunklen Locken wogten in der Nachtluft das Schwert blitzte in
seiner Rechten Mit Gott rief er die freie Hand aufs ungestüme Herz drückend
schnell trafen dann die scharfen Waffen aneinander es ging eine Weile Stich um
Stich drauf taumelte der Franzose der Säbel fiel ihm aus der Hand das Blut
sprang dicht unter dem Herzen hervor totenbleich sank er in seines Kameraden
Arme Alonzo schöpfte Atem da rauschte das weiße Gewand immer näher und näher
heran das Gartenpförtchen sprang auf Türgis mein Türgis rief eine
Engelsstimme Bediente stürzten herbei man umringte man bestürmte den
Verwundeten und trug ihn endlich unter lautem Jammergeschrei in den Garten Die
Tür schlug hinter ihm zu alles ward still Alonzo stand auf Philipp gestützt
einsam in der kühlen Nacht Er seufzte tief drückte Philipp die Hand und ging
von dem stillen innigen Jüngling begleitet im wunderbarsten Taumel der Sinne
nach Hause
 
                                 Achtes Kapitel
Philipp war des andern Tages schon geraume Zeit bei Alonzo ohne dass beide noch
eigentlich mit einander geredet hätten es wusste eben keiner recht anzufangen
indes Blick und Minen tausend Fragen an des Andern Seele taten
    Sie haben wohl nichts gehört hub endlich Alonzo an das Auge unsicher auf
Philipp gerichtet Doch entgegnete dieser ich weiß wenigstens dass Ihr Gegner
lebt dass er der Sohn einer Frau von Saint Alban und eines Herzogs Neffe ist in
Spanien für den Unterdrücker focht und dass just nicht viel an ihm verloren
wäre falls der Himmel dennoch über ihn beschlossen hätte Er hatte dies
Letztere schon mit halbem Lächeln gesagt und der lustige Glanz der Augen zeigte
dass er auf dem schönsten Wege war seiner neckenden Laune Bahn zu machen
    Gestehe ich es Ihnen nur fiel Alonzo niedersitzend ein mir ist es lieb
dass er lebt So lange ich gegen das namenlose Wesen focht schlugen Hass und
Rache flammend über mir zusammen ich sah ich hörte nichts als die verhassten
Töne die meine Brust unter tausend Qualen unaufhörlich zerrissen Ich dankte
dem Himmel für diesen Augenblick der ätzende Ärger war mir Labsal und da mir
nun die warmen Blutquellen hell entgegensprudelten atmete ich leicht Gott
dachte ich hat gerichtet Als aber jene Klagestimme mir einen Namen nannte da
war es mit dem Zorne plötzlich aus ich fühlte ein menschliches von warmen
Herzen geliebtes Wesen nahe Der wunde Jüngling kam mir mit einem male ganz
anders vor er lag so bleich so rührend da aller Übermut war von der Stirn
weggehaucht sie schien mir ganz klar und rein Der Schmerz zuckte wehmütig an
seiner Lippe es ging mir durch alle Nerven ich hätte ihn küssen ihn Bruder
nennen mögen Philipp darf auch der Mensch so über den tief bewartesten
heiligsten Gefühlen schalten lassen darf er dem Mitleid diese Gewalt einräumen
    Philipp war auf und abgegangen Die Schultern etwas gehoben mit der Hand
auf Allgemein hinweisend sagt er Gott trägt auch Mitleid mit dem Sünder wir
sollen uns freuen wenn wir einmal eine freie göttliche Regung in uns spüren
Was ängstigen wir uns überhaupt über etwas was einmal nicht anders sein kann
    Sie erkannten sie gleich fragte Alonzo ohne aufzusehen Jener wandte sich
rasch sah ihm scharf ins Auge und halb ernst halb lächelnd sagte er unter
leichtem Erröten glauben Sie dass das anders möglich sei Alonzo schwieg
Philipp blieb vor ihm stehen Mir war sagte er als habe sich eine von den
hohen Lilien herübergeneigt und lege sich nun an des gefallenen Jünglings Brust
Es kam alles so schnell so traumartig
    Alonzo fasste seine Hand Ich reise lieber Philipp ich muss hier fort die
Luft drückt mich entsetzlich Ich habe meiner Mutter schon geschrieben Es geht
nicht länger Sie muss sich bei dem Könige für mich verwenden er wird mich
zurückrufen er siehts ja ich tauge hier nichts wie konnte er mich auch
wählen
    Ich wollte ich könnte Sie begleiten sagte Philipp seine Hand immer noch
in der seinen haltend aber mein Weg ist mir schon vorgezeichnet
    Bei allem dem fuhr Alonzo ganz in Gedanken fort wie gut dass er lebt Er
schien ihr so wert so unaussprechlich teuer zu sein Wenn er  o höchst
wunderbarer unbegreiflicher Gott 
    Beide schwiegen unter ernstem Nachdenken als ein Wagen vor dem Hause
anhielt und man Alonzo Türgis Oheim den Herzog meldete Störe ich Sie sagte
Philipp aufbrechend so leben Sie für jetzt wohl Im Gegenteil erwiderte
Alonzo Ihre Nähe tut mir ganz unumgänglich not Ich denke es kommt hier noch
wohl mancherlei zur Sprache und wir halten und bewahren uns nie besser als
wenn wir wissen dass uns ein Freund beachtet Nun fiel jener lachend ein das
wird einmal wieder einen komischen Aufzug geben am Ende sollen Sie sich wohl
gar noch mit dem alten Herrn herumschlagen Ich dächte Sie überließen mir das
wir können leicht die Rollen vertauschen er kennt keinen von uns beiden und
ich zeige ihm dann sein eigenes Gesicht ich weiß schon all die Minen Phrasen
und Luftsprünge der Gedanken auswendig er soll glauben sich in einem Spiegel zu
sehen hören Sie nur da gehts los Die Türen schlugen auf der ältlich
würdige Mann trat ein und gab durch sein bloßes Erscheinen den beiden Jünglingen
Ehrfurcht Sie neigten sich schweigend gegen ihn Das stille Leiden vieler
Jahre die Kraft und Ruhe der Überwindung lag auf den verfallenden Zügen er
richtete die großen Augen nach Alonzo die Nacht hereinbrechenden Alters
umdämmerte bereits ihre frühere Glut und gab ihnen jenes wehmütig
verschwimmende Licht das leise zum Herzen redet Mit altadelich sicherm
Anstande sagte er darauf ich fühle mich gedrungen Sie aufzusuchen ihnen
persönlich zu eröffnen wovon mein Herz voll ist Sie sind zum Unglück meines
Hauses auf unverzeihliche Weise gerejetzt worden und haben nach würdig
anerkannter Sitte ihr Recht genommen ich kann jenes nur bedauern wie dieses
ehren Wenn indes der leichtsinnige Übermut eines Unbesonnenen wenn die
empörende Frechheit meines vergifteten Frankreichs sich so verletzend gegen Sie
gegen eine ganze edle Nation äußern durfte werden Sie dem Bereuenden dem
Todtwunden verzeihen werden Sie einer verzweifelnden Mutter den Trost geben
wollen dass kein Fluch ihrem Liebling ins Grab folgt Mein Herr Sie haben
keinen Begriff von dem Schmerze alle Lebenshoffnungen in seinem Kinde in
seinem eignen Blute scheitern zu sehen Herr Herzog entgegnete Alonzo in großer
Bewegung Ihnen ist es zu wohl bekannt dass der geendete Kampf auch den Streit
beendet Die Ehre ist befriedigt das Gefühl hat keine Stimme mehr auch ist
dieses beruhigt und ich darf Ihnen mein Ritterwort geben dass ich um so freier
von allem Groll bin als durchaus keine weitern Beziehungen zwischen mir und
meinem Gegner statt finden und nur die allgemeinen tief liegenden Elemente
verschiedener Nationalität sich durch uns einen Weg bahnten um aneinander zu
geraten Die Gesetze wie die Weihe der Waffen haben hier geschlichtet und
entschieden Den Frieden der Gemüter behindert fortan nichts weiter Wenn Sie
nahm der Herzog auf innige Weise das Wort wenn Sie meiner Schwester das selbst
sagen wenn Sie uns die Beruhigung Ihrer Nähe nur auf kurze Augenblicke gönnen
wollten Alonzo sah ihn betreten an Sie erschrecken fuhr jener fort schon vor
der bloßen Möglichkeit persönlicher Befreundung Sie hegen die lebhafteste Scheu
gegen jede Art von Gemeinschaft mit allem was Franzose heißt Ich kann Sie nicht
tadeln aber eben dass ich es nicht kann lastet härter als der Fluch der
Verbannung auf mir Ich will Sie fügte er einlenkend hinzu weiter nicht in
Verlegenheit setzen Sie werden es ja nicht übersehen wollen dass es auch hier
tapfere und freie Herzen gibt die Pflicht und Ehre Gott und Gewissen über
alles hoch halten und diesen Ihre Teilnahme schenken je mehr Sie sie zu
bedauern Ursach finden Er hatte die letzten Worte mit frommen Eifer gesprochen
in seinen Augen glänzte eine Träne Alonzo sah beschämt vor sich nieder Ich
gehe sagte der Herzog nach kurzem Schweigen um vieles getrösteter von ihnen als
ich kam ich sehe Ihr menschliches Gefühl überwiegt den Nationalhass bei weitem
wenn dieser gleich nicht duldet dass Sie sich aussprechen dürfen Ich verstehe
Sie junger Mann und noch einmal ich ehre Sie deshalb Wo das Recht und die
Wahrheit rief Alonzo sehr bewegt so gebietend sprechen ist es nicht länger
erlaubt zu wanken Sie haben mich bezwungen Herr Herzog ich bitte Sie zu
glauben dass Sie dass Ihre Familie meine Teilnahme in einem weit höheren Maße
besitzen als ich es sagen kann dass ich stolz sein werde Ihnen das zu bezeigen
Sie waren unter diesen Worten bis an die Tür gekommen Der Herzog wandte sich
noch einmal und mit prüfendem Blick auf beide Fremdlinge rief er möchten Sie
doch Frankreich wahrhaft befreien können
    Philipp sah ihm gedankenvoll nach Wie eitel die Jugend ist sagte er nach
einer Pause zu Alonzo gewandt wie klug und sicher waren wir vorher und wie
stehen wir nun da Mich ärgern meine voreiligen Worte Leben Sie wohl ich bin
verdrießlich weiß nicht recht wie ich mit mir selbst dran bin Der Hass ist von
dieser Welt aber die Gerechtigkeit ist Gottes das fühle ich wohl Der Krieg
macht doch wüst und einseitig es muss wieder anders werden Leben Sie für heute
wohl
    Hören Sie doch rief Alonzo ihn zurückhaltend Sie schlugen noch so eben
vor wir sollten unsere Rollen in dieser Sache vertauschen so ganz denke ich
Sie nicht beim Worte zu nehmen doch einigermaßen müssen Sie in meiner Seele
handeln Gott weiß es setzte er tiefsinnig hinzu ich bin mir selbst fremd
geworden wer mag sagen wie weit das gehen kann ich muss mich bei Zeiten zügeln
ich darf mich keiner allzu großen Weichheit hingeben und doch bin ich der
Familie dem braven alten Manne etwas schuldig es muss etwas geschehn ich darf
nicht in dieser gemessenen Zurückhaltung verharren Wollen Sie in meinem Namen
zu dem Kranken zu der Mutter gehen Ihnen wird es leichter sein ein allgemein
begütigendes Wort zu sprechen ohne doch zu viel zu sagen Sie werden das schon
zu machen wissen und verschaffen mir dadurch Zeit mich zu sammeln Es hat mich
dies alles sehr überrascht ich muss mich wirklich erst wiederfinden Vielleicht
begnügen sich auch die Menschen mit dieser einen Höflichkeit sie wollen die
Formen beobachtet wissen sie vergessen nachher das Übrige Tun Sie es immer
lieber Philipp Ich merke wohl sagte dieser es ist eine erschreckliche Sache
mit den Worten sie fallen einem so unversehens aus dem Munde und verstricken
nachher in Dinge die besser fern blieben Ohne meinen unzeitigen Spaß vorhin
wären Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen Nun ich gehe fuhr er fort aber
was daraus entsteht setzte er mit halb verstecktem Ernst hinzu kommt dennoch
auf Sie
 
                                Neuntes Kapitel
Alonzo vermied es auf alle Weise mit sich zur Sprache zu kommen Er ließ die
innern Wogen über Herz und Brust zusammenschlagen ohne viel zu rühren und zu
rücken Die beklemmende Schwüle hielt jeden freiern Lebensstrom gefangen Das
eben war ihm recht er scheuete die eigne Kühnheit
    Gleichwohl erwartete er Philipps Rükkehr mit weit mehr Unruhe als ihm lieb
war Er wollte etwas hören etwas erfahren er wusste selbst nicht was Mit jeder
Minute schwoll das Verlangen die Sehnsucht immer stürmischer an Er ging heftig
auf und ab Türe und Fenster standen offen er wollte durch kein falsches
Geräusch länger getäuscht werden Bei dem ersten Tritt dem ersten Laut seiner
Stimme wollte er Philipp entgegentreten er musste doch endlich kommen es
konnte gar nicht fehlen
    Ob der Kranke wohl noch lebt fragte er zuweilen mit dem allerinnigsten
tiefsten Mitleid dazwischen drang eine andre Frage herauf der er niemals Herr
werden konnte sie sah ihn so lange und so fest an bis er ganz verwirrt die
Hand auf die Augen drückte und nichts mehr hören und nichts mehr sehen mochte
    So quälte er sich stundenlang Endlich sagte er ganz trotzig mag er kommen
oder nicht was ists weiter  Er ging aus und verträumte den Abend über in
Theater und Kaffees Aber mitten unter den tausend Lampen unter den fremden
Menschengesichtern schlich es wie ein Gespenst heran was ist das schlanke
weinende Mädgen dem wunden Jüngling liebt sie den Bruder liebt sie den Freund
in ihm Und kann sie anders als den Mörder hassen 
    Als er spät nach Hause kam erfuhr er dass ihm Philipp aufgesucht ihn zu
sprechen gewünscht gleichwohl etwas eilig und zerstreut nichts an ihn
zurückgelassen habe Gleichviel sagte Alonzo es ist auch so gut Doch legte er
sich ins Fenster und hoffte jener solle noch einmal heransprechen Es blieb
indes alles wie es war Seltsam ist es bei allem dem sagte er missmütig dass
Philipp nicht wenigstens ein paar Zeilen schreibt wer weiß was er mir zu sagen
hatte Es war schon tief in der Nacht Er warf sich aufs Bett Ihm ward
unerträglich heiß An Schlaf war nicht zu denken Er sprang wieder auf ging im
Zimmer hin und her und griff dann in Gedanken nach der Guitarre und da sie
verstimmt war spannte er an den Saiten und rührte in die Töne ohne etwas mehr
als einzelne Akkorde anzuschlagen Er saß dem Nachtlicht gegen über die Klänge
hallten leise an ihm hin ein kühler Luftauch strich durch das offene Fenster
auf den Straßen war es still geworden Alonzo sann und spielte sich so in eine
tiefe Wehmut hinein als ein kleiner weißer Schmetterling den man Nacht oder
Todtenvogel zu nennen pflegt in blendenden Kreisen aus dem Dunkel an das Licht
flog und vorüberschwirrend bald wieder verschwand Alonzo wehete ein Schauer an
er wusste nicht woher noch worüber Lange nachher kam es ihm vor als höre er
noch das Schillern der bleichen Flügel er griff deshalb stärker in die Saiten
und stimmte zuletzt unter lautem Begleiten der Stimme einen Choral an vor dem
seine Seele sich hob und dehnte
    Er hatte die ganze Nacht über aufgesessen und die heiße Brust dem frischen
beruhigendem Morgenstrahl geöffnet Der Tau lag perlend auf einem kleinen
Blumengärtchen unter seinen Fenstern Levkoyen und Reseda dufteten balsamisch
durch die Blätter säuselte der Morgenwind und schüttelte die hellen Tropfen
erquicklich auf den Rasen Es ward recht still und hell in Alonzo und er konnte
sogar dem erwachenden Leben umher vom einförmigen Treiben der Hökerer und
Verkäufer an bis zum emsigen Fleiß in der geöffneten Werkstatt freudig zu sehen
Nach und nach ward alles lauter auch in seiner nächsten Nähe Es war noch
frühe als er folgenden Zettel von Philipp erhielt
    »Sie waren gestern Abend nicht zu finden ich habe Sie vergeblich gesucht
Heute bin ich gedrängt und eilig Nur so viel Ihr Auftrag ist ausgerichtet und
aufgenommen wie Sie wünschen können Man sagt es nicht aber man erwartet Sie
Sie hätten unrecht dies Vertrauen zu täuschen Leben Sie für ein paar Tage
wohl Ich mache einen kleinen Streifzug nach Versailles und dort umher Gott mit
Ihnen«
    Weich und offen und unbewaffnet gegen unerwartete Eindrücke wie Alonzo es
in der frühen Morgenstunde war trafen ihn die flüchtigen unbefriedigenden
Zeilen höchst unangenehm Er warf den Zettel heftig vor sich hin Es ist doch
wahr rief er Künstler sind schroffe Egoisten sich selbst in der Kunst
heraufschmeichelnd und verwöhnend lassen sie alles andre im Leben all die
tausend rührenden Beziehungen des Daseins unbeachtet und kränken unaufhörlich
durch Nachlässigkeit und Leichtsinn In Versailles was will er da nach alten
Bildern jagen je verbleichter und bestäubter je lieber sind sie ihm freilich
die heiße lebendige Nähe des wartenden Freundes was ist sie dagegen sie fällt
nur unbequem in seine Träume Die Gegenwart ist so wahr sie sieht so scharf und
nahe ins Auge die Phantasie hat nicht Raum nicht Zeit zu spielen sie will die
Tat die rund herausgesprochene feste Tat man hat es leichter drüben hin zu
sehen und jeden flüchtig auf sich selbst zurückzuwerfen
    Er war in großer Bewegung auf und abgegangen Da blitzte es dunkel in ihm
auf er hat mir wohl gar etwas zu verbergen er will mit der Sprache nicht
heraus ich soll selber sehen Das ist so recht dem unangenehmen Eindruck geht
man aus dem Wege
    Immer unwilliger immer zerrissener im Innern beschloss er jetzt all der
Quälerei ein Ende zu machen Der schwere Gang zu Frau von Saint Alban ward
unternommen Der Weg war lang Alonzo hätte ihn noch um Stunden ausdehnen mögen
Endlich fuhr der Wagen jener wohlbekannten Mauer entlängst Der Tag schien hell
und deutlich auf die verhängnisvolle Stelle nieder das Pförtchen stand offen
Kinder liefen hinein und heraus und sammelten in Körbchen die abgefallenen
Rosenblätter um sie weiter zum Verkauf zu tragen Ein alter Mann stand daneben
und hütete die blühenden Zweige vor Beschädigung Es ward alles so wirklich so
beängstigend um Alonzo Vor einem dunkeln Eisengatter am Eingange einer dichten
hochgewölbten Kastanienallee hielt jetzt der Wagen Der Schlag flog auf Alonzo
blieb länger keine Wahl er war gemeldet angenommen so trat er denn in Gottes
Namen in den schattigen Gang Die Brust war ihm so beklemmt dass er ein paarmal
hustete und stille stand um nur des stockenden Atems wieder Herr zu werden
Eine breite Rasentreppe herauf zwischen künstlichen Blumenbeeten erstieg er
mühsam die Terassen und trat nun unter das Portal des vornehmen altväterlichen
Gebäudes Gewölbte Gänge in Stuck gearbeitete Verzierungen breite Fliesen ein
paar steinerne Ritterbilder an die sich die freche Hand der Zeit vergeblich
wagte alles hier sprach von gediegener fester Sinnesweise Armand öffnete
feierlich mit gesenktem Blick einzig auf sein Geschäft bedacht eine Tür und
Alonzo stand vor Frau von Saint Alban
    Wie er hieher gekommen was er hier sollte es war ihm selbst ein Rätsel
Er verbeugte sich tief als die lebhafte Frau mit schnellem Blick an ihm
hinfliegend ausrief das erwartete ich Sie mussten es sein Ich erkannte sie
sogleich und das ist bei dem Tumulte dieser Zeit recht sehr viel Sie sehen wie
tief Sie in unserm Herzen leben Alonzo hatte bei dem ersten Laut ihrer Stimme
die Mutter seiner Unbekannten wiedergefunden Ein Strahl unaussprechlicher
Freude blitzte durch seine Seele Es scheint fuhr Frau von Saint Alban fort
Ihr Eintritt in dies Haus bringt Segen Mein Sohn ist heut um vieles wohler er
dankt das unfehlbar Ihrer gestrigen Botschaft die ihm sichtlich wohl tat
    Die linde verbindliche Weise mit der das zerrissene Mutterherz dem Trost zu
geben bemüht war der ihr so unaussprechlich wehe tat verwirrte Alonzo
vollends Gnädige Frau stammelte er unter flammendem Erröten wie ich Ihnen
gegenüberstehe Sie trauen mir zu dass ich es fühle Ihre Güte macht mich vor
mir selbst schuldiger als ich es wirklich bin Ich kann Ihnen nichts gar nichts
sagen dass nicht zu viel oder zu wenig wäre Ihr scharfer Geist aber macht es
Ihnen klar dass es unglückliche Werkzeuge in der Hand des Himmels gibt die
ohne ihre Schuld bestimmt sind den Frieden Anderer zu trüben Gewiss es gibt im
Leben verhängnisvolle Augenblicke die dunkel und gewaltsam über uns gebieten
Dass mein Gewissen rein ist sagt Ihnen mein Anblick wie könnte ich anders vor
Ihnen erscheinen Ach mein Herr entgegnete Frau von Saint Alban indem sie ihn
gütig bei der Hand fassend neben sich niedersetzen ließ Sie finden in mir eine
herb geprüfte viel erfahrene Bürgerin dieser Welt Das Glück kenne ich nur
trügerisch und doch bin ich nicht unglücklich Ich müsste nach so vielen
Täuschungen verzweifeln und doch hoffe ich gern es ist mir nötig und so oder
so am Ende geht mir doch mancher Wunsch aus und es schickt und fügt sich mir
zum Heil Ich beweinte und betrauerte lange den einzigen Sohn Ich gab ihn auf
Da fand ich ihn wieder Aber anders ganz anders höchst fremd und doch mein
Kind Sein Leben ward mir ein Schmerz Ich war nicht ohne Schuld ich hätte es
denken können Wer darf den Pestauch dieser Luft ungestraft einatmen Unter
allen Gräueln der Revolution aufgewachsen hatte ich ihn gehegt bewahrt und so
tief ist der Grund den ein frommer Sinn in eines Kindes Herzen legt dass der
falsche Schein nur augenblicklich weichen darf so tritt das rechte Wesen
lebendig hervor Mein Türgis war so weich so hold so leicht beweglich der
Höllendämon der Armee fasste und bearbeitete das arme junge Herz Mein Herr
Torheit und Leichtsinn sind Gespielen der Jugend wer darf einen Stein auf ihn
werfen Glücklich alle die welche ein reines Vaterland haben und bescheidene
Vorliebe und feste Treue hegen dürfen
    Sie schwieg einige Sekunden den Blick tiefsinnig am Boden geheftet Drauf
leicht und vertraulich zu Alonzo gewandt sagte sie lächelnd es scheint der
Himmel habe es sich vorgesetzt unsre Bekanntschaft nicht fallen zu lassen Zu
stolz meinen Dank anzunehmen zwingt Sie die Vorsehung nun zum Mitleid Sie
erinnern sich dass es ein menschliches Auge ist dem Sie Tränen auspressten und
eilen menschlich fühlend es zu trocknen Sie sahen es musste so kommen
widerstreben Sie denn nicht länger lassen Sie uns Freunde sein Sie hatte ihre
Hand mütterlich auf die seinige gelegt Alonzo drückte sie gerührt an die
Lippen Ich bin stolz darauf entgegnete er lebhaft von Ihnen gnädige Frau
erkannt zu sein Sie tadeln nicht was mich früherhin bestimmte Sie fühlen was
mich jetzt zu Ihnen führt und zweifeln keinen Augenblick an dem was Sie zu
unverhohlen in meiner Seele lesen
    Nun denn sagte Frau von Saint Alban aufstehend so ist Friede zwischen uns
und so Gott will ein festerer als alle Politik der Welt zu schließen vermag
Lassen Sie mich Sie nun meiner Familie vorstellen der arme Kranke sehnt sich
unaussprechlich Ihre Hand brüderlich zu fassen Sie nahm Alonzos Arm und ging
mit ihm durch mehrere Zimmer in einen kleinen Gartensaal Türgis lag unter
leichter Decke auf einem Ruhebett den Kopf matt an Blansches Brust gelehnt
Diese hielt seine Hände in der ihrigen das Gesicht wandte sich gedankenvoll
nach dem offenen Fenster Hohe Blumen wiegten draußen die Kelche hin und wieder
Bienen und glänzende Käfer summten begehrlich an ihnen hin der Kranke
schlummerte in leichten Fieberträumen Zuweilen hob Blansche die längliche Hand
und wehete leicht die Fliegen von des armen Türgis Stirn Alonzo und die Mutter
waren herzugetreten Blansche wagte nicht sich zu regen aus Furcht den Bruder
zu erwecken eine leichte Neigung des Kopfes der gesenkte Blick und das feinste
Erröten begrüßten indes den Eintretenden Alonzo betrachtete sie in stummer
Überraschung Die reichen blonden Haare waren in dichten Flechten aufgesteckt
Brust und Arme umschloss ein knappes weißes Kleid das Gesichtchen sah aus hohem
Spitzenkragen so schuldlos rein und friedlich wie der Engelskopf auf Philipps
Bilde Er hätte stundenlang so gegen ihr über stehen können ohne das tiefe
Schweigen in ihm und um ihn durch einen Laut zu unterbrechen Frau von Saint
Alban war nicht so geduldig Sie machte eine rasche Bewegung Türgis schlug die
Augen auf ein leichter Schatten flog über seine Stirn die bleichen Wangen
färbten sich leise Alonzo hatte seine Hand gefasst und sah hell und versöhnlich
in die schönen sich mehr und mehr belebenden Augen Es ist mein Loos sagte
jener mit rührender Stimme Sie überall als Sieger zu sehen Sie werden es indes
begreifen dass auch der Überwundene ein stolzes Herz hegen darf und nur im
wiedergefundenen Selbstgefühl sich und dem Schicksal verzeihet ihm so
gedemütigt zu haben So gefallen und so gehoben darf ich Ihren brüderlichen
Händedruck erwidern Alonzo ging ein tiefer Schauder durch die Seele als er
den matt gebrochenen Klang der jugendlichen Stimme hörte er sah mit bangem
Herzklopfen die feinen kaum geöffneten Lippen unter dem Sprechen beben und als
Türgis erschöpft auf die Kissen zurücksank beugte er sich unwillkürlich ihn zu
unterstützen Frau von Saint Alban weinte in großer Rührung ihres Sohnes Stirn
küssend Blansche allein sah ruhig und klar auf den ritterlichen
Versöhnungsbund Es kostete ihr auch weder Anstrengung noch spürte man einen
Wechsel in ihrem Wesen als sich nach und nach das Gespräch gewöhnlich
gestaltete und alles mehr und mehr das Ansehen eines ruhig befreundeten
Krankenbesuches gewann Sie blieb unbefangen und innig alle ihre Achtsamkeit
auf den Bruder gerichtet und teilte so den Andern eine Stille und Wärme mit
die Alle beglückte Alonzo vergaß wo er war Er fühlte sich ganz einheimisch
im Innern mit einer Familie verwachsen von der er sich nur spät und mühsam
losriss
 
                                Zehntes Kapitel
Von da kostete es Alonzo weder Kampf noch Überredung zu seinen neuen wunderbar
gewonnenen Freunden zurückzukehren Unwillkührlich führte ihn der Weg jeden Tag
zu ihnen Er übte die angenehme Pflicht des Trostes und der Teilnahme mit einer
Freudigkeit in der er sich bald genug selbst vergaß Sein Blut floss leichter
sein Blick ward heller der strenge Frost seines Wesens linder er empfand sich
mit unaussprechlicher Rührung ohne sich zu kennen ohne zu forschen und zu
fragen Der Schmerz wie die Freude jedes heilige und wahre Gefühl zieht
schnell das Band unter den Menschen zusammen Wie durch ein Wunder war Alonzo
plötzlich zu Hause unter den Fremden Kam er so hatte man ihn immer schon
erwartet seine Gegenwart schien allen mit einem male unentbehrlich und nur
unter herzlichen Versicherungen baldiger Wiederkehr schied man von einander
Blansche empfing ihn jedesmal mit verschämter und doch höchst edler
Verbindlichkeit Dem süßen Gemisch ihrer reizenden Natur widerstand leicht
niemand das Stimmchen so hell und rein so einfache Worte und kindlich
herzliches Lachen die allerliebste Freudigkeit über Kleines und Großes und
doch wieder so fest und ruhig so heilig still Von solcher unbefangenen
Hingebung von diesem ernsten Selbsterfassen hatte Alonzo früher nie eine
Vorstellung gehabt Alles war leise an dem zierlichen Mädgen ihr Gehen und
Kommen ihr Neigen und Grüssen jede Handreichung die sie dem Bruder leistete
selbst die Worte flogen nur säuselnd über die feinen Lippen man glaubte eine
Blume wehen und rauschen zu hören und atmete ihr Wesen wie den Duft der
Maienglöckchen ihr linder Zauber hielt alle Gemüter gefangen Litt Türgis
weinte die Mutter sahen der Oheim und Alonzo zweifelhaft drin so
beschwichtigte ihr frommer Blick den Aufruhr der Sinne die Herzen wandten sich
unwillkürlich zu dem den ihr Auge suchte und still und ergeben erwartete man
des Himmels ewigen Willen
    In solcher Nähe hatte Alonzo weder an Gefahr noch Trennung gedacht Ihm war
wohl und er hielt das Störende abwärts Auch blieb er sich selbst und seiner
neuen Verbindung Riemand hemmte den verborgenen Andrang und Wachstum seiner
Gefühle Philipp war immer noch nicht wieder da Alonzo dachte nicht an ihn er
vermisste ihn nicht er vermisste nichts in der Welt er schien alles zu besitzen
was ihn beglücken durfte
    Sehr überrascht war er daher als er eines Morgens den abwesend geglaubten
an Türgis Bett zwischen Blansche und ihrer Mutter im ruhigen Gespräch begriffen
fand Alle drei traten ihm entgegen Die alte Freude begrüßte ihn heut wie
immer Er erwiderte sie zerstreuet und als ihm Philipp lächelnd zuflüsterte
ich war gewiss Sie hier zu finden deshalb suchte ich Sie auch nur hier konnte
er sich nicht entschließen in seine harmlose Neckerei einzugehen sondern blieb
ernst und einsylbig Ihm war als sehe er in Philipps Augen wie in einen Spiegel
alles was er früher gedacht empfunden und gesagt hatte ward ihm mit einem male
gegenwärtig Er fühlte sich unsicher durch die Nähe des Freundes auf unbequeme
Weise gedruckt Die Uniform welche Philipp trug erinnerte ihn an Krieg und
Streit und seine Stellung zu Frankreich eine Beschämung deren er nicht Herr
werden konnte hielt Herz und Zunge gefangen Dazu lagen Philipps Blicke in
stiller Beschaulichkeit immer fester und innerlicher auf Blansches Zügen er
konnte es sich nicht ableugnen dass der Glanz und die Seele des hellen
Künstlerauges eine Welt ausströme die unter tief empfundenen Schauren das
verborgene Dasein wecke Philipp kannte nur ein Leben er hatte sich ihm
hingegeben sein ganzes Wesen in ihm aufgelöst er achtete nach Jünglings und
Künstlerweise wenig auf das was um ihn vorging ruhig horchte er der
Offenbarung welche ihm durch des Menschenbildes ewige Verkündigung aufging
    Alonzo befiel eine Angst dass er nicht zu bleiben wusste Er stand auf und
setzte sich nieder redete kurz und hastig ohne mit sich zurecht zu kommen
Frau von Saint Alban spottete über seine Unruhe Aber er konnte sich nun einmal
nicht finden schützte Geschäfte vor und eilte nach Hause
    So zerrissen und geklemmt traf ihn folgender Brief seiner Mutter auf das
peinlichste
    »Alonzo ich sehe Dich ungern in einer Stimmung die Deiner Würde wie Deinem
Frieden drohet Was ängstet dem Adler das wüste Geflatter der Raben Der Spanier
lebt stets in Mitten seiner Welt voll Ehre und Ruhm An diese Glorie reicht
kein Gleissen noch Flimmern Richte Du dein Auge nach der Sonne und lass der
Nacht ihr dunkles Wesen Was gehts Dich an Dein unruhiger Hass gefällt mir
nicht Er zeigt von Ungleichheit und Streit man hasst niemals was man
unbeachtet ließ
    Dein Verhältnis dein Geschäft sagst du drücken dich Die Pflicht darf
niemand eine Last sein Übe sie ruhig sie wird Dein Gemüt klar machen
    Des Königs Vertrauen ehrt Dich Ich darf nichts dazu noch davon tun Er hat
Dich gesandt fordre nicht dass ich Dich zurückrufe Alonzo die Welt hat ihre
Ketten abgeschüttelt bist du noch unterjocht dass du seufzst Wehre den
kränklichen Ärger von dir er mattet das Herz ab und lockt die Schmach auf
unser Haupt Denke an den Heiland und seinen Stellvertreter auf Erden er
duldete und klagte nicht und überwand Was kann Alonzo de Mendez mit einem Volk
zu teilen haben das nicht Gott nicht Glauben nicht Treue kennt Vergiss es
nicht dass Deinem Blick das Unwürdige nicht begegnen darf nicht begegnen kann
wenn er rein ist Mein Sohn bete und harre aus Schlage das Kreuz Morgens und
Abends auf Brust und Lippen lass nichts Unreines hineinfallen nichts
Unbesonnenes herausgehn Bete mein Kind Deine Mutter betet mit dir Bewahre
Auge und Sinn«
    Er hielt das Blatt in der Hand und sah starr auf die strengen heftig
bewegten Züge Seine Augen füllten sich mit Tränen Hat sie dich verstanden
Unglückseliger rief er unter gewaltiger Angst hat ihr ahndendes Herz es
ausgesprochen ohne es zu wollen ohne es zu wissen und ist es nun wahr Mein
Gott ja der Streit ist es der Hass und die Liebe die mich noch um Sinn und
Verstand bringen werden Er presste die gefaltenen Hände schmerzlich gegen die
Brust Blansches Bild stieg fromm und rührend in ihm auf er sah das liebe Auge
den kleinen rosigen Mund das zarte weiche Minenspiel es kam ihm vor als weine
sie als rede sie zu ihm Ach Blansche rief er willst du den Freund nicht
lassen rufen Deine sanften Engelblicke ihn zurück Armes Herz du weißt nichts
von Feindschaft und Eigensinn der Menschen 
 
                                Elftes Kapitel
Einen ganzen langen Tag hatte Alonzo zugebracht ohne Blansche zu sehen Es war
so wüst und dumpf in ihm dass er nichts dachte nichts zu wollen vermochte Was
in ihm vorging was trübe und schwer aus der tiefen Seele heraufdrängte und die
Bande lang gehegter Festigkeit und Ruhe zu sprengen drohte es schwebte ihm
dunkel vor er wusste es nicht zu nennen doch an der gährenden Angst im Herzen
spürte er dass er sich länger selbst nicht trauen dürfe und arbeitete nun über
einen Gedanken der ihn retten könne
    Unter dem unsicheren Dämmern ging die Zeit unbemerkt an ihm hin Der Abend
nahete er hatte nichts gewonnen der Pfeil steckte nur noch tiefer in der
Wunde Und wie denn Umstände und Ereignisse selten die Hand bieten uns zu
retten wenn wir es selbst nicht anzufangen wissen im Gegenteil Kraft und
Wille nur noch ängstlicher verstricken so waren auch folgende Zeilen die
Alonzo jetzt erhielt wenig geeignet es zu einem klaren Entschluss in ihm kommen
zu lassen Frau von Saint Alban schrieb ihm
    »Was hält Sie ab dass Sie nicht kommen Ich bin glücklich und deshalb
brauche ich Sie Türgis ist heut so still so schmerzensfrei ich hoffe so viel
dürfen Sie uns fehlen wenn wir hoffen Lassen Sie jetzt alles andre bei Seite
auch ihren gestrigen chinesischen Ernst Sie waren mir ganz fremd geworden
Überlegen Sie nicht lange kommen Sie Wir rechnen auf Sie« Hat denn rief
Alonzo plötzlich aufgeschüttelt hat denn die Ehre zwei Stimmen Darf sie das
Eine gebieten und zugleich untersagen Kann ich hier zurückbleiben Soll ich den
Verdacht auf mich laden als habe ich wie ein Mörder meines Gegners Tod gewollt
zweideutig mit dem Worte Versöhnung gespielt und dem Genesenden jetzt gehässig
den Rücken gewandt Soll ich kleinmütig mit mir selber heucheln und aus
früherer Tat eine Lüge machen Blansche darf ich das Gift des Misstrauens in
deinen Freudenbecher gießen Nein Engel zweifeln sollst du nie an deinem
Freund
    Er war unter diesen Worten schon über die Schwelle der Tür schon aus dem
Hause getreten Immer schneller und schneller trug ihn die Ungeduld nun
vorwärts Er hatte zuletzt keinen Atem mehr und stand verschnaufend an dem
Gartenpförtchen Es war nur angelehnt er trat hinein Der Tag war fast ganz
gesunken Der Himmel unendlich rein und duftig Hin und her funkelte schon ein
Sternchen durch das bleichende Licht Die blassen Umrisse des Mondes traten
leuchtend hervor Alles war still schweigend ging er an den flüsternden
Blumenwänden hin Die glühende Lichnis der hochflammende Mohn neigten sich
grüßend auf ihren zarten Stengeln von fern sah er in den geöffneten Saal die
Türen standen auf Blansche schwebte daran hin und wieder Wie sie ihn
erblickte flog sie zurück bald darauf trat sie mit der Mutter heraus ihm
entgegen Alle drei hatten eine Freude als wären sie einander aufs neue
gegeben Zuerst schalt Frau von Saint Alban dann erzählte sie von ihrer
Hoffnung von Türgis sichtlicher Besserung Alonzo hatte beiden den Arm geboten
er ging ohne Worte zu finden zwischen ihnen Blansche war so innig so
gerührt ihre Blicke richteten sich aufwärts zum Himmel Alonzo suchte ihr Auge
sie sah ihn lächelnd an aber es schwebte eine Wehmut um ihren Lippen vor der
sein ganzes Herz zitterte Leise drückte er ihren Arm an seine Brust Die Mutter
trat zuerst in den Saal Alonzo hielt noch Blansches Hand ihre Finger
schlüpften leicht durch die seinigen ihm war als flöge ein sanfter Druck fast
wie ein Luftauch drüber hin Alle Nerven bebten ihm die glühenden Augen lagen
verzehrend auf Blanches Gestalt Sie war schon weit von ihm neben dem Bruder
der aufgerichtet im Bett Alonzo freundlich zunickte Diesem ging die Welt noch
in wunderlichen ungleichen Kreisen hin und wieder Er sah und hörte nur halb
Gleichwohl fiel ihm die außerordentliche Blässe und der feste beinah verklärte
Blick des Kranken auf Er trat überrascht zu ihm Türgis redete stark und
schnell Er schien voll Teilnahme empfänglich für alles Seine Zärtlichkeit
für die Mutter hatte etwas unbeschreiblich Reizendes Überall entfaltete er in
der großen Beweglichkeit der Züge unwiderstehliche Anmut
    Frau von Saint Alban sah liebkosend auf ihn nieder mein bestes Kind sagte
sie wenn werde ich dich wieder so frisch und freudig pfeifend und singend die
Treppe hinauffliegen deinen raschen Schritt durch Zimmer und Säle schallen
hören Gott weiß es mir ist all die Tage so still und ängstlich gewesen wie
im Grabe Blansche barg das Gesicht in Türgis Kissen Es wird alles nach grade
kommen sagte der Oheim auf und abgehend Ja Gottlob fiel Frau von Saint Alban
ein den heutigen Tag darf ich als eine Crisis ansehen heut ist er ganz
umgewandelt Nicht wahr Türgis dir ist viel leichter Viel erwiderte der
Kranke dankbar ihre schmeichelnde Hand mit seinen Lippen suchend Blansche
küsste ihm auf die Stirn sie hatte ihm Früchte und Blumen und alles was ihr
junges Herz erfreuen konnte auf die Decken gelegt Er sah sie liebreich an auf
seinen Lippen schwebten die herzlichsten süßesten Worte doch schwieg er und
ließ die Blicke in stiller Rührung an sie hingleiten Als sie aber aus Furcht
ihn zu hindern zurücktrat hielt er sie bei der Hand bleibe so sagte er
leise deine sanfte Nähe tut mir wohl Überall ängstete ihn das zerstreuete
Umhergehn im Zimmer Er wollte niemand entfernt wissen und sah es gern als
der Teetisch dicht an sein Bett geschoben ward und alle nun ruhig umhersassen
    Frau von Saint Alban war von der sorglosesten Heiterkeit Ein wenig
vorgelehnt mit übereinandergeschlagenen Armen saß sie recht behaglich da und
sprach von Türgis Krankheit wie von etwas das nun überwunden nur noch in der
Erinnerung schrecklich sei Ein Vorgefühl von dem was mich treffen würde sagte
sie hatte ich doch wohl Mir träumte ich sah Türgis ganz klein in seiner Wiege
liegen Ich wollte ihn putzen und trug allerlei veraltete Stücke Zeug und
staubigen Wust herbei Sehr geschäftig hielt ich das zusammengetragene prüfend
gegen das Licht Eins kam mir ganz auserlesen vor ich zeigte es mehreren die
umherstanden man lobte es sehr ich legte es zurecht als ich es aber dem Kinde
nun antun wollte sah ich mit einem mal dass es ein steifer schwerer grauer
Mantel war ich erschrack sehr und ließ vor Entsetzen das hässliche Ding auf die
Wiege fallen Mir zitterten alle Glieder beim Erwachen und als ich gar drüber
nachdachte und die Nacht mir das Blut rascher durch die Adern jagte befiel
mich solch ein Schauder dass ich nicht zu atmen wusste Früher fuhr sie fort
habe ich niemals darüber reden wollen Aber nun da das Unglück geschehen und
zum Teil wieder gehoben ist hat es weiter nichts zu bedeuten
    Wie gebannt lagen alle Blicke am Boden niemand wagte die Augen
aufzuschlagen niemand sprach Frau von Saint Alban bedachte zurücksehend das
Vergangene und blieb einen Augenblick gedankenvoll Nach einer Weile sagte
Türgis ich vermisse ungern den jungen Deutschen unter uns er brachte mir die
erste versöhnende Botschaft von Ihnen Alonzo ich wollte er wäre hier mein
Friedensbote Er kommt wohl gewiss noch entgegnete Frau von Saint Alban denn
hat er auch nicht das Ansehen die Menschen zu suchen so kann er doch nicht von
ihnen lassen Ihm steht das etwas spröde Verschmähen im Umgang recht wohl Der
Künstler muss nicht allzuviel umhersehen es stört ihn nur darum liebe ich den
abhaltenden Ernst ja den ganzen wunderlichen Trotz in Philipp der doch auch
niemals die gute Sitte und den Anstand verletzt Und denn fuhr sie fort hat er
so innige verklärte Augen so heilig verschämte Blicke sein treuer Mund redet
so liebe Worte Ich bin gewiss er hegt und bewahrt im Herzen was Andre fahrig
am Leben veräussern Sie redeten noch mancherlei über Philipp und das Übersehen
und flüchtige Abschätzen der Jugend Es liegt nahm der Herzog das Wort in dem
Nichts oder Alles dem Entweder Oder der Jünglingsseele einzig der Keim zu
festerer Lebensgestaltung Die Verhältnisse der Gesellschaft die Behaglichkeit
des Daseins vermitteln und gleichen nachher aus wogegen früherhin die frische
Jugend in Zorn und Bewunderung aufloderte Wir lassen es eben gehen aber was wir
empfinden und denken es wird blass und fahl Wer nicht über alles lieben und aus
voller Seele verabscheuen kann der denke nicht zu leben Frau von Saint Alban
legte zutraulich ihre Hand auf seine Schulter sie dachte mit Ehrfurcht an die
feste Treue seines ganzen Lebens und wie er sich auch im wiederkehrenden Glücke
nicht verleugne Doch das Gespräch auf Vergangenes zurücklenkend nicht allzu
ernst werden zu lassen sagte sie mit angenehmen Lächeln nun wenn wir Frauen
uns auch nicht so streng und scharf bezeigen so übt auch das Alter keinesweges
diese niederschlagende Gewalt über uns Ich für mein Teil empfinde noch immer
die lebendigste Teilnahme ich kann mich heute wie ehemals mit derselben
Lebhaftigkeit dem Schmerz und der Freude entgegenwerfen und so außer mir vor
Entzücken und Leidwesen geraten tadeln loben lieben hassen schelten und
entschuldigen als wäre ich achtzehn Jahr Die Frauen entgegnete der Herzog
mit gutmütiger Galanterie ihre Hand küssend wollen schon höher beachtet sein
Wir sollten ihnen billig eine andre Sphäre anweisen sie stehen keinesweges so
mitten inne im Lebensverkehr oder wissen sich doch drüber hinauszuheben die
Zeit kann ihnen wenn sie indes wollen eben nicht sonderlich viel anhaben Zu
Anfang sind sie in lieblicher Unbestimmteit alles zugleich man ahndet jede
schöne Tugend in ihnen man empfindet den schuldlosen Einklang aller Gefühle an
ihrer Seite dann zwingt sie das Geschick so oder so in eine besondere Richtung
und scheint sie zu bestimmen Sie stehen ausgesprochen vor uns und man vermisst
nicht selten die verschwimmende Weichheit und anmutige Sorglosigkeit früherer
Zeit an ihnen Absichtlich berechnet verschlossen oder zerrissen verarbeiten
und durchsteuern sie so ein paar Umschwungsperioden dann aber haben sie
gesiegt oder sind erlegen Wir fühlen uns wohl bei den älteren Frauen deren
Wesen sich klärt und setzt und ihnen die Glut der Reife lässt Man spürt noch
all die tausend Elemente menschlicher Leidenschaften und wird durch sie mit dem
Leben in bewegliche Verhältnisse gesetzt ohne jemals das Unbequeme
gegenwärtiger Vorwirrung zu empfinden
    Frau von Saint Alban begleitete seine Worte mit beifälligem Blicke jedes
Stufenjahr weiblicher Anmut sagte sie lächelnd findet doch in Frankreich
seinen Ritter Niemand taste mir mein galantes Frankreich an Alonzo sah
überrascht auf sie hin Es fuhr schneidend durch seine Seele er spürte ein
unangenehmes Beben und das Unheimliche verborgener Störung Aengstlich suchte er
Blansche Sie saß in qualvoller Anstrengung neben Türgis seine Hand in der
ihrigen von Zeit zu Zeit einen Strauss weißer Rosen gegen die heißen
überfliessenden Augen drückend Ach dachte er könntest Du so alle schringende
Wunden der Seele kühlen
    Philipp war indes geräuschlos eingetreten er grüßte sittig und still und
nahm seinen Platz zu Türgis Füßen Blansche gegenüber Seine Blicke lagen
mitempfindend auf beiden Geschwistern Blansche hielt sich kaum noch ihr Bruder
sah sie oft lang und forschend an Wehet es Sie nicht zu kühl aus der offenen
Tür entgegen fragte Philipp den Kranken Dieser lächelte und machte eine
verneinende Bewegung Er schien schlafen zu wollen die Wimpern senkten sich so
bleiern nieder Alle redeten nun leiser das Licht ward unter einer gefärbten
Glasglocke gedämpft die mondhelle Nacht spielte in grüssenden Flämmchen durch
die bewegten Zweige vor Tür und Fenstern in den Blättern säuselte es hörbar
durch die wispernden Worte Blansche schlüpfte zur Tür hinaus Alonzo sah sie
in den dunkelsten Gängen langsam auf und niedergehen Er konnte nicht
zurückbleiben er folgte ihr unsicher und beklommen nach Die Stirn an eine
junge schlanke Birke wie an Schwesterbrust gelehnt unvermögend sich länger zu
bezwingen weinte das arme bekümmerte Kind aus voller heißer Seele Alonzo fasste
ihre Hand sie wehrte es nicht sie dachte nichts sie fühlte nur den
unaussprechlich tiefen Schmerz Blansche flüsterte er scheu und innig meine
arme Freundin was ängstet Sie nur gerade jetzt so herzzerreissend so
unbezwinglich Er stirbt ach Gott er stirbt ja schluchzte sie Sehen Sies denn
nicht Siehts denn kein Mensch als ich welch ein Lächeln ihm den ganzen Tag
schon um die Lippen schwebte so lächeln nur Engel das ist der Tod  Der Tod
wiederholte Alonzo schaudernd ihm war als stoße er erst jetzt den kalten Stahl
in des armen Türgis Brust Es schien ihm ganz unglaublich ganz unerhört dass es
jemals dahin kam Wie im Traum blieb er vor Blansche stehen er ließ ihre Hand
fahren und sah starr vor sich nieder Ich konnte klagte sie leise länger die
entsetzliche Angst nicht aushalten Ganz langsam hörte ich den Todesengel
heranrauschen und als Türgis die Augen senkte da brach mir das Herz da war
mirs als sehe ich den dunkel glänzenden Fittig der sein liebes liebes Gesicht
beschattete Sich abwendend weinte sie still in die kleinen vorgehaltenen
Hände Ihre Tränen fielen brennend in Alonzos Herz zerreissender als Vorwürfe
es gekonnt klagten sie ihn an er hatte nicht den Mut Blansche anzusehen und
eiskalt überlief es ihn als sie plötzlich gefasst und ernst sagte die Mutter
ahndet es nicht sie ist so kindlich vertrauend alles alles überhört sie Mein
Gott wie wird ihr sein wenn nun der verhasste graue Todtenmantel auf ihren
Liebling niederfällt
    Sie schlug die Augen bittend zum Himmel und ging langsam nach dem Hause zu
Alonzo wagte es nicht sie zu begleiten Er blieb den einen Arm um die Birke
geschlungen tiefsinnig zurück Der weiße Stamm leuchtete so hell im Mondenlicht
die schwanken Zweige spielten kühlend um seine Schläfe aber ihn konnte nichts
erfreuen nichts trösten Das Leuchten und Flüstern jagte ihm nur Graus in die
Seele er wand sich von dem Baume wie aus Gespenstes Armen und schritt rasch
durch die Gänge Blansche nach
    Bei dem Kranken war es dunkler und stiller geworden Frau von Saint Alban
hatte sich entfernt der Herzog und Philipp saßen etwas abwärts ohne zu reden
Alonzo sah schüchtern umher er glaubte dem Todesengel irgendwo zu begegnen Ich
bitte sagte Blansche zu ihrem Oheim gewandt lassen Sie uns noch einige Stunden
hier versammelt bleiben ich fürchte mein Türgis ist nicht mehr lange unter uns
Der Herzog strich ihr die blasse Wange und sah mit feuchten Augen auf das
schmerzliche Beben ihrer Lippen die nur mühsam die wenigen Worte
herausbrachten Er versprach zu tun was sie wolle und gestattete dass der
Beichtvater geholt ward der unter frommem Gebet die scheidende Seele des
Sterbenden geleitet
    Philipp sah ernst in den Garten hinein Über dem breiten Rasenplatz hin
zogen Nachtdünste in seltsamen Nebelbildern aufwärts Alonzo war seinen Blicken
gefolgt Es ist eine tiefsinnige Bedeutung deutscher Sprache sagte Philipp
leise dass Nebel umgekehrt Leben ist und Eines in dem Andern liegt So ist es
ja denn auch wirklich und erst wenn die Wahnund Trugspiele sinken bricht die
Lebenssonne an Er hatte die Knie übereinander geschlagen und das Gesicht in
die aufgestemmte Hand gesenkt als spüre er im Innern das Dämmern ewger Glorie
    Türgis griff indes unruhig mit den Händen in die Luft dann zupfte er an den
Decken und schien in Gedanken Blumen zu zerpflücken Noch einmal schlug er die
gebrochenen Augen auf er machte eine verlangende Bewegung mit den durstenden
Lippen Der Geistliche hielt das Kruzifix an seinen Mund Blansche zitterte
heftig doch fasste sie sich schnell Niederkniend betete sie mit Engelsklarheit
Alonzo und Philipp an ihrer Seite Es ist vorbei sagte der Geistliche zu den
Umstehenden gewandt Blansche richtete sich auf Sie drückte die Hand aufs Herz
Der Atem verging ihr Tief aufseufzend sank sie ohnmächtig an Alonzos Brust Er
hielt sie er trug sie wie ehemals aus der Kirche Erde und Dasein Leben und
Tod alles was Worte nennen schwand vor seinen Blicken Er fühlte das arme Herz
matt an seinem schlagen den holden Leib kraftlos hingegeben in seinen Armen
ruhen Das zarte Köpfchen senkte sich gebeugt auf tiefbewegter Brust ein
scharfer Nachtauch schien es habe der schlanken Blume wehe getan Alonzo
fürchtete sie mit seinem Atem zu berühren Ganz leise legte er sie im
Nebenzimmer auf ein Ruhebett ein Schauder eine Scheu wehete ihn an er hatte
sie einen Augenblick sein genannt zum zweitenmal hatte sie Gott unter heilger
Weihe an seine Brust gelegt doch er durfte er konnte sie so nicht halten er
selber ließ sie aus seinen Armen los Noch hielt er ihre beiden Hände er kniete
schweigend neben ihr kein Wort kein Laut drang über seine Lippen Jetzt regte
sie sich sie schlug die Augen auf Blansche flüsterte er sagen Sie das Sie
mir den ungeheuren Schmerz verzeihen dass Sie mich nicht hassen Sie sah klar
zum Himmel wie käme sagte sie in dieser Stunde Hass in meine Seele Er starb
ja versöhnt Vor dem Klang ihrer weichen rührenden Stimme sprangen alle Banden
von seiner Seele Nichts mehr sehend als sie unfähig zu denken alles andre
vergessend rief er ganz außer sich so nehmen Sie denn das Opfer meines ganzen
Lebens Blansche lassen Sie mich nur für Sie Herz und Dasein haben verwerfen
Sie mich nicht ich bin ich atme nur durch Sie Aufgerichtet innig in sein
schönes Auge sehend schwieg Blansche einen Augenblick dann legte sie die
errötende Wange wieder auf die Kissen zurück und winkte Alonzo schweigend mit
linder Güte in Blick und Bewegung sie zu verlassen
    Er gehorchte Wie im Traume schwankte er nach dem Saale zurück Philipp
stand seitwärts neben der Leiche den einen Arm über sie hingestreckt drückte
er sanft dem schlummernden Jüngling die Augen zu die seinen schwammen in
dunkelm Glanz er sah fast aus wie der Todesengel selbst Der alte Herzog lehnte
weinend an ein Fenster Die Lichte waren ausgebrannt der Morgen dämmerte fahl
herein Einer erschrack vor des Andern Leichenblässe Armand trat ein er nahm
seinen Platz zu seines jungen Herrn Füßen der Herzog wandte sich traurig zu den
beiden Freunden die schwere Nacht sagte er war überstanden wir wollen uns
alle einen hellen Morgen wünschen Er neigte sich sehr liebreich und ging das
Taschentuch gegen die brennenden Augen haltend aus dem Zimmer Noch einmal
fassten beide Türgis Hand sie sahen sich gerührt an und sanken laut schluchzend
einander in die Arme Schweigend mit gesenktem Blick gingen sie darauf durch
den hellen lauter werdenden Tagesschein in der Seele schmerzliches Entzücken
und die Verheißung unvergänglichen Daseins
 
                                Zwölftes Kapitel
Es vergingen mehrere Tage ohne dass Alonzo Blansche und ihre Mutter sah Die
Familie begleitete die Leiche nach einem unweit gelegenen Landgute Alles war
leer und öde im Hause niemand als Armand zurückgeblieben Es gereichte
gleichwohl Alonzo zum Trost dahin zurückzukehren und des Abends unter den Blumen
und Bäumen sitzend von Blansche träumen zu können Zuweilen gesellte sich der
alte Diener zu ihm Dieser redete gern von dem frühern Glanz und der langen
Prüfungszeit seiner Herrschaft Er erzählte von der Hochzeitfeier der Frau von
Saint Alban und den vielen Gästen von seinem Gehen und Laufen und wie die
verstorbene Herzogin Mutter gesagt habe es ist wahr niemand in der Welt
versteht zu serviren wie der Armand worauf der selige Herr von Saint Alban
lächelnd erwiderte er hat mich stets auf meinen Reisen begleitet er war
überall in London Wien und Petersburg mit mir er hat die feinere Lebensart
gebildeter Menschen studiert und kennt die Weise guter Häuser Dieser Tag der
wie eine Ordensfeier in seine Dienstjahre fiel ward denn plötzlich durch die
Schrecken der Revolution verdunkelt Er wusste von den damaligen Gräueln und der
sinnreichen Bosheit der Rebellen viel zu erzählen beweinte noch heut den König
und die Königin und schloss gewöhnlich mit der Versicherung Ströme Blutes mein
Herr sind hier geflossen Ströme Blutes sie haben die alte Zuverlässigkeit den
Respekt und die Devotion aus den Herzen der Franzosen weggespült Glauben Sie
mir ich erkenne meine Mitbürger nicht alles ist seitdem anders geworden auch
der junge Herr von Saint Alban war angesteckt das Gift hatte ihn gewonnen
hatte ihn gefasst ich verstehe mich darauf so etwas kränkelt heimlich fort
haben Sie mich verstanden so etwas wird niemals ganz ausgeheilt glauben Sie
mir der Tod hat es gut mit ihm gemeint
    Alonzo half ihm über alles dies hinaus zu Blansches Jugendleben hin Armand
schenkte ihm indes keinen Schreckenstag kein bedeutendes oder unbedeutendes
Ereignis und nur Schritt vor Schritt erfuhr er dass Frau von Saint Alban Türgis
im Arm viele Meilen zu Fuß flüchten müssen mit seinem Beistand und
Geistesgegenwart endlich nach Holland übergeschifft und lange nachher durch den
Schutz einer deutschen Fürstin in ihr Vaterland zurückgekehrt sei Hier fuhr er
fort lebte sie in ehrwürdiger Verborgenheit einige Jahre an der Seite ihres
kränkelnden Mannes und gab erst wenige Monate nach seinem Tode der schönen
Blansche das Licht der Welt Armes Kind sagte sie bei ihrer Geburt du hast
nicht Vater nicht Vaterland was willst du in deiner verwaisten Familie Doch
ich lächelte und dachte bei mir dies ist oder ich kenne mich nicht darauf
das schönste Kind der Welt und recht gemacht die Ungerechtigkeit des Geschickes
zu versöhnen Frau von Saint Alban war um ihre Erziehung verlegen Sie hatte
indes ein zu stolzes Herz und zu gute Sitten um von ihren Grundsätzen
abzuweichen und widerstand daher allen Versuchungen die sie mit der verderbten
Gesellschaft des heutigen Frankreichs in Berührung setzen konnte Doch die
Vorsehung sieht ins Verborgene und weiß die Aufopferungen der Tugend zu lohnen
Die Äbtissin vom Kloster Sainte Genevieve sah die kleine Blansche nahm sie zu
sich und erzog sie in Demut und Weisheit bis zu diesem Tag
    Alonzo ward es nicht müde auf verschiedene Fragen und Wendungen fast immer
mit denselben Phrasen dieselben Antworten zu hören Die Sprache die
geschwätzige Beredsamkeit das narcissartige Selbstbespiegeln beäugeln und
belehren schien ihm nicht mehr lästig Er hatte sich in die Weise hineinsingen
lassen sie war ihm schon nicht mehr fremd er fühlte sich sogar nie
gemächlicher nie entfernter von Streit und Ungleichheit als wenn die
veralteten Redensarten so schnarrlend an ihm hinleierten und jeder mahnende
Aufschwung der Phantasie vor dem Passschritt eingefugter Alltäglichkeit
unterduckte Armand kam ihm ganz gescheut vor er erinnerte ihn an alles was
ihm die feinere französische Welt gezeigt die Blüte geselligen und
litterärischen Witzes von Frau von Sévigné an bis auf den heutigen Tag gelehrt
hatte Die Bildungsfähigkeit der Individuen fiel ihm zum erstenmale auf er
bemerkte dass wenn man Armands Erzählungen Wort für Wort aufschriebe und sie in
irgend einem französischen Roman einschalten wollte man just kein Buch dadurch
verschlechtern würde
    Der gute redselige Alte ward es denn auch nicht müde die Konversation zu
machen und Alonzo durch Garten und Haus umherführend das Geringfügige und
Gewöhnliche so zu erklären so umständlich zu entwickeln und dergestalt als
Außerordentliches hinzustellen dass jener oftmals irre an sich selber ward und
nicht wusste ob er auch wirklich jemals etwas Ähnliches sah Doch in so fern
nur irgend eine Beziehung auf Blansche zu entdecken war folgte Alonzo der
weitschweifigen Anekdotenkrämerei und Erklärungssucht wie ein gebundener Löwe
ohne Widerstreben
    Einst traten sie in eine schmale staubige Gallerie Unter mehreren leer
gewordenen Feldern hingen hin und her vergelbte Familienbilder meist
verzeichnet unschön in steifen gezwängten Stellungen den Tapetenfiguren
ähnlich Ganz im Schatten aus dichtem Spinnengewebe wie durch einen Schleier
sah ein hübsches blondes Gesichtchen auf die Beschauer nieder Alonzo glaubte
Blansche im veralteten Putz zu sehen Armand auf seine Blicke aufmerksam war
sogleich auf einem Stuhl gestiegen und fuhr mit einem Tuch reinigend über das
Bild Eine junge Dame stand unter sehr hellem Himmel und ließ mit der einen
Hand einen Schmetterling aufwärts fliegen während sie mit der andern den
bräunlichen Karmelitermantel über die Schultern hing Waren Minen und Gebärden
gleich etwas peinlich und geziert so war doch Seele in dem Gedanken und ein
wehmütiger Anklang der Alonzo blitzesschnell traf Die Herzogin von la
Valliere sagte Armand erklärend sie war Frau von Saint Alban mütterlicher
Seits verwandt Die schöne la Valliere rief Alonzo das demütige Veilchen Sie
starb im Kloster fiel jener ein Ich weiß entgegnete Alonzo gedankenvoll Du
früh gebrochenes Herz sagte er gegen das Bild gewandt die Welt hat dich
zertreten verworfen aber du lebst in jeder fühlenden Seele fort Sie ward
selig gesprochen unterbrach ihn Armand mit Erhebung Sie hatte dreißig Jahr
gebüßt und war nun mit der Welt fertig  War mit der Welt fertig wiederholte
Alonzo wer das sagen könnte Und doch vergessen doch in staubige Winkel
geworfen Er schüttelte Armand die Hand und schlich ganz aufgestört und
tiefsinnig durch den Garten in Willens nach Hause zu gehen Doch wie er sich
aus den Buchenhecken wendend nun den Rückweg antreten wollte sah er des
Herzogs Wagen zu dem Eisengatter hineinbiegen Er war im Begriff ihm
nachzueilen Doch besann er sich Es fiel ihm ein dass sein plötzlicher Anblick
wohl die kaum beruhigten Gemüter stören könne Er sagte sich das zuerst wie
man sich wohl aus schicklicher Rüksicht an etwas Hinderndes erinnert allein
kaum hatte er es ausgesprochen so erschrak er auch auf das heftigste vor dem
entsetzlichen Gedanken Ja ja rief er mein Anblick wird sie stören muss sie
ewig stören wie ein Gespenst werde ich zwischen ihre fromme Ergebung treten
werde die ungeheure Pflicht mir verzeihen zu müssen in die zurückgezogene
Herzen drücken Unter Eisesschauern scheu in Todesangst werden sie mir
gegenüber stehen Kann ich den Schmerzesstachel aus ihrer Seele ziehen kann ich
das Geschehene ungeschehen machen Wie soll die Mutter mir vergeben Sie dachte
es wohl da das Unglück ihr so fern schien jetzt aber  Blansche  und du
wirst du hassen und lieben zugleich Ach Gott was die Rührung was des offenen
Grabes Stimme Dir aus dem Herzen riss was Du bewegt verhiessest es ist auch wohl
jetzt verklungen Der stumme Schmerz verschließt dir nun die Welt du bist ernst
und ruhig von da zur Kälte und Strenge ist nur ein Schritt Verdammen wird
deine Engelsmilde mich just nicht doch abwehren zurückdrängen wirst du den
feindlichen Störer
    Er ging heftig in den dunkeln Schattengängen auf und ab Die Nacht war
wolkig und kühl durch die Fenster sah er Licht nur am Gartensaale hin war
alles verschlossen vor der Glastüre war noch eine äußere hölzerne angelehnt
breite eiserne Querstangen lagen wie Riegel darüber Hier dachte Alonzo hier
trugen sie den Sarg hinaus zwischen den Blumen hin alle rauschten und klagten
über das früh gebrochene Leben Er sah den Leichenzug den bleichen
Kerzenschein der Blumen wunderliches Wanken Zufällig stieß der Wind gegen die
Tür sie bebte zwischen den Eisenklammern ihm war als falle sie jetzt erst zu
Gruft und Gewölbe und des Todes dunkle Angst zog durch seine Sinne Er blieb vor
der Türe stehen Alles ausgestorben rief er und durch dich Unglückseliger
Das war der namenlose Druck die Pein die mich hier in Frankreich folterte Der
Hass der Freiheitsdurst war es nicht allein Das stolze Herz verlangte nach den
großen Worten es konnte nichts die heiße Brust füllen die unbestimmte Angst
wollte einen Namen haben Darum befeindete ich das arme verblendete Volk und
dich du lieber verführter Jüngling So hämisch riss mich mein Geschick in den
Abgrund Ich hätte dich verstehn sollen der Vorschmack dieser Höllenqualen der
lag mir in der Seele
    Hier klopfte es leise auf seine Schulter Er fuhr rasch zurück Jesus mein
Erlöser rief er das Kreutz schlagend Ihm war nicht anders als sehe er Türgis
vor sich stehn Was erschrecken Sie nur so heftig rief eine bekannte Stimme
fast unter gleichen Schauern bebend Sind Sie es Philipp sagte Alonzo etwas
beschämt Ja entgegnete dieser zutraulich seine Hand fassend ich komme für
einige Tage Abschied zu nehmen Alonzo konnte sich noch nicht recht von dem
gehabten Schreck erholen er betrachtete ihn ganz verwirrt Philipp war in einen
weißen Beutemantel gewickelt das kleine Barett lag nachlässig auf die dunkeln
Locken so dass diese hervorquillend die Stirn beschatteten und vom Nachtauch
bewegt einen unkenntlich machenden Schein aufs Gesicht warfen Ich werde sagte
er jenen durch seine Stimme beruhigend noch in dieser Nacht von hier in
Aufträgen versandt Ich denke es ist das letzte Geschäft der Art was mir
überkommt Morgen wird der Friede unterzeichnet ich fodre dann meinen Abschied
Er kann mir nicht entstehn Bis dahin bleibe ich bei meinem Regimente Doch
sobald ich frei bin kehre ich noch einmal zurück um alsdann von hier meinen
Weg nach Rom zu nehmen Nach Rom wiederholte Alonzo gedankenvoll Meine ganze
Seele fuhr jener fort durstet danach Haben Sie nicht gelesen wie der heilige
Vater auf dem Altane stehend den Segen austeilte und das Weihwasser mild
träufelnd vom Himmel sprühete O die ewige Liebe weiß es wieviel tausend Wunden
jetzt an diesem Balsam heilen müssen Sein herrliches Auge glänzte wie ein
milder Stern im Dunkeln Alonzo fühlte sich leise erschüttert Glauben Sie mir
fuhr Philipp fort wir leben in einer dreisten kühnen Zeit die tiefsinnigsten
Wunder werden herausgerissen ans Licht geworfen beklügelt besprochen Alle
wollen alles wissen es tut uns Not dass wir uns in Demut zurückziehn und
still und heimlich werden Die Luft hier ist trocken und kühl sie wirft einen
fahlen Staub auf das Mysterium des Lebens Wir halten den blassen Nebel für
Licht und wenden das Auge bequem ohne Blendung hier hin und dorthin und bleiben
doch immer auf dem alten Fleck Vor jener Sonne aber reißt das Netz wir werden
erschrecken und das eben brauchen wir  Sie gingen schweigend weiter Vor
Alonzos Wohnung standen sie noch einen Augenblick Sie kommen also gewiss wieder
fragte Alonzo  gewiss erwiderte Philipp doch meines Bleibens darf hier nur
kurz sein Auch Sie setzte er hinzu tun wohl bald von hier fortzukommen
Alonzo drückte verlegen seine Hand Der Kampf sagte Philipp ernst ist kein
Unglück wohl aber die Beschwichtigung Nichts ist dem Menschen so gefährlich
als sich mit dem aussöhnen was ihm feindlich entgegenstehen soll und Frevel
wird es alles Hohe und Herrliche der Seele augenblicklichen Beziehungen
unterwerfen und denken zu wollen man sei eben nicht größer als das Herz es
wolle Sein Blick flammte des Geistes fromme Erleuchtung hob ihn über sich
selbst hinaus heftig drückte er den Freund an seine Brust Gott verlasse Sie
nicht rief er und eilte dann fort zu seinem Geschäft
    Alonzo sah ihm nach Ob es Philipp ob es ein Bote des Himmels der eben
geredet war er wusste es nicht sein Herz bebte er wollte ihm folgen  doch
tröstlich war es ihm zugleich dass er ihn nun nicht mehr erreichen konnte
 
                              Dreizehntes Kapitel
Alonzo erfuhr bald dass Frau von Saint Alban mit ihrer Tochter im Kloster Sainte
Genevieve sei und dort die stille Trauerzeit zuzubringen denke Er war noch in
den bangsten Zweifeln ob er sie dort aufsuchen dürfe als eine Einladung der
liebenswürdigen Frau ihn schnell über alle Unsicherheit hinaushob Sie schrieb
ihm
    Mein armer junger Freund Ich muss Sie sehen wir gehören von nun an
zusammen das Unglück verbindet uns denn mein Gott wie unglücklich müssen Sie
jetzt sein Ich habe alle die Zeit mit wahrem Schmerz an Sie gedacht Und ich
Alonzo  ich denken Sie nicht dass Sie mein Gefühl begreifen dass Sie es nur
entfernt ahnden können Wie ich an dem fürchterlichen Tage die Augen aufschlug
wie es Nacht war und Nacht blieb wie es an meinem Herzen riss und ich es mit
aller Lebenskraft halten wollte Es ist geschehn es ist vorbei Das Herz ist
mir aus der Brust gefallen sie ist seitdem ganz hohl und leer nur Blansches
Bild schwankt noch drin umher Das arme Kind sie lernt so frühe weinen Die
Augen sind ihr so trübe die Wangen so bleich matt und krank die Stimme der
Gang langsam und schleppend Ich sah das mit neuen Sorgen aber ich habe noch
keine Kraft zur Angst wie müsste ich sein um ein neues Unglück fassen zu
können Sie werden das alles lesen die Tränen werden Ihnen in die Augen
treten Sie werden glauben mitzufühlen Ach mein Herr der Schmerz der hier
wühlt zittert nur matt in einer andern Seele wieder Die Einbildungskraft
schafft das nicht die Natur sträubt sich es vorher zu offenbaren nur wenn das
Schicksal sie beschleicht und zwingt dann tritt sie aus aller Ordnung und wird
entsetzlich
    Ich lerne jetzt die Worte recht verachten sie beschneiden das Gefühl es
kommt ganz eng und matt heraus Ein Ton  ein einziger Ton O Gott was sagt
der nicht Zuweilen wenn es mich so befällt das Namenlose mich packt ich in
der Angst die Hände krampfhaft zusammenpresse und ein Schrei aus meiner Brust
dringt dann beben selbst der Engel Seelen die Heiligen weinen und Menschen
ahnden was ein Mutterherz spaltet und zerbricht
    Alonzo der graue Mantel ist nun doch niedergefallen sie haben ihm das
liebe Gesicht verhüllt Das schwere Kleid liegt auf ihm Vielleicht erbarmt sich
der Frühling und streuet leichte Blumen darauf
    Wie ich sonst wohl sein Bett sorgsam zurecht legte jedes Fältchen aus den
Tüchern strich die Vorhänge zuzog Luft und Zug abwehrte so hüte ich nun sein
Grab pflanze und begiesse und spiele Leben aber kein Auge dankt mir keine
Lippe öffnet sich nicht mehr
    Ich hätte unrecht vor Ihnen so zu klagen Nein nein Sie dürfen es hören
Ihre Seele ist rein von aller Schuld das schwöre ich Aber auch seine nicht
wahr Alonzo auch er ist gereinigt
    »Gott weiß es ich liebe Sie jetzt mehr als sonst Sie sind mir ein
schmerzliches Andenken und der Schmerz tut mir so wohl Kommen Sie denn mein
trüber armer Freund Ich erwarte Sie«
    Es bedurfte der herzerschütternden Worte nicht um Alonzos ganzes Wesen
gefangen zu nehmen Er hatte ja schon lange keinen andern Wunsch keinen andern
Gedanken mehr Das Unglück was er über diese Familie gebracht erschien ihm so
ungeheuer dass sein Leben nicht hinreichte es auszugleichen Von jetzt kannte er
keine andre Pflicht als die Tränen zu trocknen die er ausgepresst Er hielt
sich dazu für berufen Umsonst hatte ihn das Verhängnis nicht so wunderbar
gestellt
    Kaum hatte er die letzte Zeile gelesen so flog er zu Frau von Saint Alban
Sie schrie laut als sie ihn sah Er stürzte zu ihren Füßen er drückte ihre
Hände an seine Brust seine Augen lagen bittend auf den ihrigen Sie weinte ohne
ein Wort hervorbringen zu können doch ihm unter den Tränen freundlich
zulächelnd war sie bemüht Friede in das allzubewegte Herz zu gießen Blansche
stand in großer Anstrengung abwärts Mit der einen Hand das herabhängende
Batisttuch haltend stemmte sie sich gegen ein Tischchen die andre spielte in
einer neben ihr stehenden Cypressenstaude Ohne Verrückung der ruhig klaren
Züge flossen die Tränen perlend über ihre Wangen die Augen senkten sich zur
Erde ein bleiches Rot flog an sie hin als sie schüchtern aufsehend Alonzos
rührenden Blicken begegnete Er sah sie leicht beben Das war der Strahl so
fühlte er der ihre Seelen auf ewig vermählte
    Frau von Saint Alban hatte sich schnell gefasst Sie zeigte sich ruhiger als
es Alonzo erwarten durfte Mit unaussprechlicher Güte hob sie ihn vom Boden auf
hieß sie ihn neben ihr sitzen Alles Liebkosende und Süße ihrer Stimme wandte
sie an um jede Scheu jede Besorgnis aus seiner Seele zu wischen Wie sie nun
so herzlich bemüht war ihn zu beruhigen und der düstere Zweifel doch nicht von
seiner Stirn weichen wollte sagte sie denken Sie nicht dass es anders in mir
sei wenn ich Sie nicht sehe Ich habe eine sehr lebhafte Vorstellung von den
Leidenschaften der Menschen und wie sie aneinander geratend das Unerhörteste
erzeugen In ruhigen Stunden liegt der Grund von den Ereignissen die mich am
härtesten treffen ganz unumwunden vor mir ich gewinne eine Einsicht und werde
stiller und ergebener in dem was einmal so kommen musste Man beschuldigt die
Frauen es komme bei ihnen alles darauf an eine Ursach eine Veranlassung
auffinden zu können wenn sie sagen dürfen das ist es daher kam es so sind
sie fertig in sich der Erfolg möge dann sein welcher er wolle Ich weiß es
nicht ob die Befriedigung müßiger Neugier das Herz stillen könne doch leugnen
werde ich es nicht dass was einmal in notwendiger Folge vor mir entsteht und
wird aufhört mich wie ein Gespenst mit verstörendem Sinn und Geist umhüllenden
Schauder zu erfüllen Die helle freiwillige Ergebung in dem Unabwendbaren ist
mir eigen ist den Frauen überhaupt so notwendig Wir können so wenig tun wir
müssen so viel leiden wie kämen wir nur mit uns selbst zurecht wie bewahrten
wir die Duldung und Liebe wenn ein eingebohrner Sinn nicht von selbst Dinge und
Gefühle zu ordnen wüsste Ich habe es in den gepresstesten engsten Verhältnissen
erfahren dass man sich nur dann frei bewegt wenn man so viel als möglich jedes
an seinen Platz zu stellen vermag Ich weiß Sie zu stellen Alonzo auch meinen
Türgis Glauben Sie mir ich kenne die ewige Ausgleicherin Zeit Frankreich hat
über seine Kräfte hinausgegriffen es hat sich überlebt es ist welk und matt
geworden Ihm geht es wie jener Koquette die täglich rot trug und es nicht
begreifen konnte dass einmal der Tag kam wo sie aufhören musste da sie es erst
gestern und vorgestern tat Der Aufenthalt im Auslande hat mich über vieles
belehrt Wir passen nicht unter die junge Welt glauben Sie ich fühle das und
ohne zu wissen was mit uns werden solle begreife ich doch jeden Widerstreit
    Frau von Saint Alban kam von hier auf das wechselnde Unglück ihres
Vaterlandes zu reden und was seit Jahrzehnte an ihm gepresst und gezehrt hätte
Sie verweilte mit Teilnahme bei allem Schönen und Erwünschten was es zum
Lebensgenusse biete Mehr und mehr erreichte sie sich über sein trübes Geschick
Die Demütigung welche es erfahren schmerzte sie tief der Unwille gegen die
Verbündete blitzte unwillkürlich auf sie tadelte diese niemals aber sie lobte
das Eigentümliche französischer Nationalität mit warmer eingeborner
Parteilichkeit und konnte sich nicht enthalten zu sagen das jugendlich
gewordene Europa solle in seinem aufstrebenden Stolze nicht vergessen dass es
lange in französischer Schule ging man könne nicht immer angeben welchen
Rutzen man von diesem oder jenem Unterricht gezogen es solle sich nicht durch
unbilliges Herabwürdigen selbst beflecken Wenn sie gleich der Verderbteit
nicht das Wort reden und schreiende Tatsachen entschuldigen wollte so sah
sie diese doch mehr in den Zeitumständen in der Form zufälliger Gestaltung als
in den verschlammten Wust vergifteter Lebenskraft begründet Und prophezeihete
sie auch noch viel unsägliches Unheil für Frankreich so ahndete sie doch sein
phönixartiges Vergnügen und das beschämte Anerkennen ungerechter Feinde Ein
lebhafter Sinn steigerte den Streit in ihrer Brust bis sie nicht mehr
ausreichend in matte Wehmut verfiel Die Vergänglichkeit der Wechsel alles
irdischen Lebens trat ausgleichend vor sie hin sie ward stiller und weinte
viel
    Alonzo fühlte sich beengt Es war das erstemal dass zwischen ihnen
Nationalverschiedenheiten berührt gerügt wurden Frau von Saint Alban in allen
ihren Gefühlen aufgelöst sprach sich rücksichtslos aus die Worte reiheten sich
unberechnet aneinander und rollten eines durch das andre fortgezogen in der
Flut unvereinbarer Empfindungen weiter Endlich stand sie auf und ging in ein
Nebenzimmer wo sie unter vielen Papieren kramte und ordnete Auch sie also
dachte Alonzo auch sie kann den Stolz und die Herbigkeit nicht verleugnen wie
gerecht sie auch zu sein denkt Er näherte sich Blansche Sie war an das Fenster
getreten Errötend gab sie es zu dass er ihre Hand fasse Blansche fragte er
leise wenn Sie in dieser Zeit an mich dachten wie erschien Ihnen mein Bild
Haben Sie es in keinem Augenblick mit Schmerz und Unwillen zurückgedrängt Haben
Sie nie den Unglücklichen verwünscht der zu Ihrer Qual Frankreichs Boden
betrat Meine Seele erwiderte Blansche still gefasst weiß nichts von der
wüsten Qual die Sie in mir voraussetzen Ich habe recht friedlich und wie zum
Trost in den letzten Stunden an Sie gedacht Ich wusste Sie voll Teilnahme und
Mitgefühl Ihr Andenken ist ganz rein und ungetrübt in mir
    Das Fenster war offen sie sahen über die Klostermauern in das weite Feld
Volle Kornähren wogten im glühenden Abendrot wie ein leise wallendes Meer die
Sonne warf scheidend die schärfsten blendensten Lichter zurück Blansche stand
ganz glänzend wie verklärt neben Alonzo Unwillkührlich sank er vor ihr nieder
und mit den heißen Lippen die Falten ihres Kleides berührend rief er heiliger
Engel sage dass du mich nicht verwirfst dass du das Opfer meines Lebens
annimmst Blansche faltete die Hände drückte sie gegen die Brust und die Augen
zum Himmel gehoben sagte sie Gott willst du ein Opfer nimm mich lass ihn
schuldlos den Frieden seiner Seele unangefochten Sie senkte das Gesicht in
beide Hände und blieb einige Sekunden still drauf sich zu Alonzo wendend und
ihn sanft vom Boden aufhebend fuhr sie zutraulich fort mein Freund ich weiß
wenig von der Welt ihre Verhältnisse sind mir meist unverständlich und was sich
dunkel und verworren um mich her getrieben macht mich nicht begierig mehr zu
erfahren Was das Leben von mir fodern wird es wird es mir ja sagen ich will
es gefasst erwarten Was aber in mir lebt  Sie haben den stillen Gedanken Worte
gegeben ich hege keine Scheu es auszusprechen ja Alonzo in mir lebt Ihr Bild
es hat mein ganzes Herz genommen und ich widerstehe der sanften Gewalt nicht
Geht es Ihnen auch so so lassen Sie uns in dem innern geheim gehaltenen
Verkehr beglückt und heiter sein vertrauen Sie Gott lassen Sie das Übrige
kommen noch weiß ich gewiss ist die Stunde nicht da wo die Welt wo ein Mensch
außer uns darum wissen darf Alonzo wagte nicht zu sprechen sie anzurühren
seine ganze Seele war in ihr doch Wort und Bewegung schien ihm zu roh zu kühn
für dies durchsichtig helle Wesen ihre Blicke flossen lautlos in einander die
Lippen verschlossen den allzudreisten Klang
    Frau von Saint Alban war wieder hineingetreten Sie fand Alonzo
gedankenvoll ohne Worte Freundlich mit höchst liebenswürdiger Beschämung die
Hand auf seine Schulter gelegt sagte sie hat mein rasches Gefühl Sie vorher
beleidigt armer Freund Ich habe es schon längst vergessen dass Sie nicht immer
zu uns gehörten wollen Sie dass ich Worte und Gefühl beherrschend mich
absichtlich daran erinnern soll  Alonzo war viel zu bewegt um an irgend etwas
außer Blansche und an sein Glück zu denken Mein Gott entgegnete er zerstreut
ich glaube es ist überall Friede im Himmel und auf Erden was bleibt uns noch
zu wünschen übrig Freilich sagte Frau von Saint Alban Sie haben wohl recht
man ist lange nicht durchdrungen lange nicht entzückt genug über diese
Himmelsgabe Aber so ist das Herz niemals gnügt ihm das Eine das Höchste es
zieht sich mühsam herab in den Streit hinein es kann nicht Ruhe halten Nun
Alonzo nicht wahr wir streiten nicht mit einander Nein gewiss nicht gnädige
Frau rief er hastig bei Ihnen ist Liebe und Güte und eine Welt voll Glück Er
war im Begriff mehr zu sagen Blansche sah ihn warnend an Frau von Saint Alban
war wieder mit sich selbst Eins und über das Vergangene beruhigt Alonzo allein
wusste nirgend hin mit dem gedrängten Herzen wie im Taumel redete er lebhaft und
confus küsste mit immer wachsender Innigkeit verschiedentlich Frau von Saint
Alban die Hand und rettete endlich die überströmende Leidenschaft vor allzu
bedrohlichem Ausbruch durch frühes Entfernen
 
                              Vierzehntes Kapitel
Es war geschehn der Bund war geschlossen Was Alonzo noch vor wenigen Wochen
ein frecher Spott über sich selbst geschienen hätte war Schritt vor Schritt
heraufgedrungen hatte sich Bahn gemacht stand ausgesprochen vor ihm und hatte
seine Gewalt über ein andres Wesen ausgestreckt das zu ihm gehörte das von nun
an Pflicht und Ehre an sein Herz legten das er nicht mehr lassen konnte
    Er erwachte des folgenden Morgens etwas schüchtern ohne rechtes Vertrauen
zu seinem Glück zu sich selbst Sein Stolz war geknickt er verhüllte sich in
den Zweifel an menschliche Kraft überhaupt Er fing an der Notwendigkeit ein
furchtbares Recht über Tat und Gedanken einzuräumen und sah mit Unsicherheit
dem fortrollenden Rade der Zeit kein Ziel
    Philipp hatte ihm einen Teil seiner Sachen zum Aufbewahren zurückgelassen
Auch das unvollendet gebliebene Bild Es stand auf einem Tischchen die
Rückseite nach außen gegen die Wand gelehnt Alonzo hatte es schon mehrere male
betrachtet und immer wieder mit einiger Unruhe abwärts gestellt Unausgeführte
Gemälde haben stets etwas schauerlich Rührendes Das unerschaffene Geheimnis
liegt noch wie ein Schleier darüber das ausgesprochene Leben hat kein Recht
daran Dies Bild ganz besonders sah wie ein Geisterhauch aus der dunkeln
Traumwelt herüber Alonzo ward immer bewegter je öfter und länger er es ansah
So ist es rief er sehr erschüttert so ist es aufwärts rufst du den Blick
unter dir auf der trüb bewegten Welle ist nicht Halt nicht Raum für des
Menschenfuss Das steile Ufer der kahle Strand alles glatt und schroff und
zurückweisend nirgend wo der Mensch dem Menschen begegnen mag O läge ich wo
Türgis liegt wir wären wohl weniger getrennt Weisses Nachtwölkchen mit den
blendenden SchmetterlingsSchwingen weisest du dahin Mahntest du nicht umsonst
bleicher warnender Todtenvogel  Er setzte das Bild schweigend an seine Stelle
und den bangen Druck im Innern los zu werden ging er sich an Aeusserem
zerstreuend in die Stadt umher
    Der Friede war bekannt gemacht der Abmarsch der Truppen bestimmt Die
Freude der Franzosen gewann mehr und mehr ein übermütiges Gesicht Des
rettenden Schutzes uneingedenk die lästigen Mahner armen Unvermögens
verwünschend bläheten sich aufs neue viele in Eitelkeit und Hochmut Was man
nicht ungeschehen machen konnte wollte man doch wenigstens lächerlich machen
Vertrauen Mäßigung ritterliche Treue alles ward durch solche verhöhnt die
mit behender Gewandheit mit gespanntem Scharfsinn über alles jenes hinaus ein
einziges Gesetz übten und ehrten die es sich täglich zuriefen Zügle das
Gefühl nutze den Vorteil der Gegenwart deren rasche auf Äußeres gestellte
und geschliffene Fertigkeit tausendmal die Arg und Harmlosen überlistet
tausendmal in Unbedeutendem den Sieg über sie davon getragen hatten Deutsche
und Russen hoben den Kopf stolz über das fratzenhafte Andrängen hinaus und
wehrten mühelos mit kaum gehobener Hand die Pfeile ab die man höhnisch genug
in ihrem Rücken verschoss Sie atmeten schon in Gedanken überrheinische Luft
sie schüttelten den Staub von ihren Füßen und dankten Gott und freueten sich der
Erlösung Wie nach einem Schiffbruch der Geängstete Land sehend dem Bruder
entzückt die Hand reicht sie drückt und schüttelt und mit freiem Blick die
Spanne misst die ihn noch vom Ufer trennt so traten jetzt Bekannte und
Unbekannte Stammverschiedene und Mitbürger eines Landesstriches zu einander
und was die Unbekanntschaft der Sprache nicht zu sagen verstattete das zeigten
Minen und Gebärden und die nach Osten winkende Hand Jubelnd den schlanken Leib
wie zum Gruß geneigt in dem behenden Arm die Lanze schwingend sausten flinke
Kosakken durch die Straßen und wie sie an den Franzosen vorüberflogen fuhren
diese doch etwas zusammen der Witz erstarb auf ihren Lippen sie schluckten ihn
beklemmt hinunter und verbargen geschickt das rasche Wort bis die furchtbaren
Rächer Seine und Rhein hinter sich hatten
    Alonzo vergaß dass er zurückbleiben musste Er gesellte sich zu mehreren
jungen Fremden die frisch und froh gesinnt in dem lustigsten Behagen der
überstandenen Prüfungsstunden gedachten und einander mit immer wachsender
Innerlichkeit und Rührung die Rückkehr in die Heimat ausmahlten Ich kann mir
kaum denken sagte ein hübscher frischer Jüngling mit dem einnehmendsten
Gesicht und den freundlichsten herzlichsten Augen wie es sein wird wenn ich
die liebe gute Mutter den Großvater die Schwestern und alle herzensgute
Menschen wiedersehen werde Als wir uns trennten  es war eine abscheuliche
Zeit das ganze Land von feindlichen Bundesgenossen überschwemmt die
Hauptstadt  ach ich mag gar nicht mehr daran denken wie Gefangene in
bürgerlichen Kleidern mussten wir Offiziere uns hineinschleichen wir Preußen
kennen das sonst nicht unser Stolz ist die Uniform mir war als müsste ich den
armen Sünderrock anziehn und wäre es nicht um meine Mutter geschehn mich
hätten wahrhaftig nicht zehn Pferde nach Berlin gebracht Sie war aber voller
Mut schenkte mir den Säbel hier und wie ihr die Tränen in die Augen traten
drängte sie mich selbst sanft zur Tür hinaus wie leicht hätten wir uns niemals
wiedergesehn Bei Lützen war es hart dran Sein älterer Bruder stand hinter ihm
zupfte an dem wohlgehaltenen Bart und strich einigemal über die
schöngezeichneten etwas stolzen Augenbraunen Gottlob sagte er den Kopf
gehoben mit vornehmen zu ihm gehörigen Wesen es ist niemand unter uns der
nicht leichten Herzens zurückkehren könnte Unser ganzer Stamm hat seinem Namen
Ehre gemacht wir sind uns in allem auch in unserm Abscheu und Ekel gegen dies
Land treu geblieben Alonzo fuhr es durch alle Nerven Ich für mein Teil fuhr
jener fort nehme noch eine Portion Widerwillen mehr nach Hause als ich
mitbrachte und das will wahrhaftig viel sagen denn mir kochte die Rache schon
im Herzen seit ich als Knabe in den Schulferien zum erstenmal nach Hause
kommend die unverschämten Gäste wie lästige Brumfliegen durch die Zimmer
summsen hörte alle Freude war mir verdorben ich empfand wie Knechtschaft in
den kleinsten Lebensbeziehungen drücke und schwur es einst zu rächen und habe
Wort gehalten Die Herren mochten schon damals spüren was ihnen die
heranwachsende Jugend für ein Süppchen bereite sie erinnerten die Mutter mit
vieler Weisheit meinen Stolz zu mäßigen ich hege wie sie sagten eine vornehme
Geringschätzung gegen fremde marquante Personen die mir späterhin nachteilig
werden könnte Wir haben jetzt viele von den marquanten Personen marquirt und
ich denke sie werden sich nie wieder aus ihren Gränzen verlaufen Man sage was
man wolle nahm ein Andrer das Wort die Rache ist doch die eigentliche Sühnung
der Ehre und wir sollen nicht glauben durch so ein zimperlich baumwollenes
Wesen unsrer Würde gerade einen großen Zuwachs gegeben zu haben auf den Schlag
gehört der Stich das ist alte Sitte also doppelte Bezahlung Nun ich denke
erwiderte der Erstere schuldig sind wir ihnen just nichts geblieben Diese
Wiedervergeltung ist denn aber auch nächst dem befreieten Bewusstsein das einzig
kräftige wahrhafte Gefühl was man hier haben konnte In meinem ganzen Leben ist
es noch nicht so leer und schal in mir gewesen als hier Die Luft ist
ansteckend es ist gut dass wir sie gekostet haben wir werden davon zu sagen
wissen Hoffentlich wird sich die närrische Wut nach Frankreich und Paris zu
reisen bei Kind und Kindeskind gelegt haben Was ist denn auch Grossartiges
Hohes und Heiliges ehemals von hier aus auf Europa übergegangen Welche Ausbeute
gewann der französirte Ausländer Liederlichen Witz schlaffe und flache
Philosophie engherzige Moral und ausgeartete Beredsamkeit das waren die
Schätze an denen er den eingebornen Reichtum setzte Und denke niemand man
könne so ungestraft aus sich herausgehen wie zum Spiele das Eine tun das
Andre nicht lassen das ist nichts entweder warm oder kalt  Gott haben oder
nicht dazwischen gibts kein drittes
    Alonzo stand wie auf Kohlen So hatte er ja auch gedacht eben so empfunden
so lange er sich dem Ungleichartigen entgegenstellend Sitte und Sinnesart und
Menschen aus der Ferne an sich vorbeigehen ließ das war die unbewundene
Strenge die noch kein vermittelndes Element mildern konnte Alles was der
hochherzige Jüngling im gerechten Unwillen sagte hatte ihn ja auch tausendmal
durchzuckt seinen Zorn entflammt und tiefe unbezwingliche Verachtung in seine
Seele gelegt Und nichts war anders geworden alles noch heute so wahr und doch
sein Gefühl so himmelweit verschieden Wenn Hass eine Strafe unserer Sünden ist
dachte er womit Ewiger habe ich es verdient dass ich lieben durfte wo Andre
das empörte Herz abwenden Er erschrak über die dreiste Frage und sah
schüchtern und verlegen als habe ein Mensch in sein Inneres gelesen im Kreise
umher Nicht weit von ihm stand ein fein gebaueter sehr schlanker Offizier das
helle Haar lag schlicht und kurz an beiden Seiten der Schläfe reine blaue Augen
sahen bescheiden und mehr im sinnigen Nachdenken mit sich als Andern
beschäftigt vor sich nieder sein Gesicht war kurz fast kindlich gerundet die
Züge klein Er hatte noch wenig geredet seine Freude dies Land zu verlassen
schien still und bestimmt Das Widerwärtige lag schon weit hinter ihm Jetzt zog
er aus einer grünen Saffiantasche ein kleines Buch er hielt es behend und
sauber der Deckel war von mattem Golde auf der einen Seite sah man die
Verkündigung auf der andern die Verklärung sehr sauber in Öl gemalt Er blies
fast ängstlich die anfliegenden Stäubchen ab öffnete es und zu einem nahe
stehenden Freunde gewandt sagte er mit angenehm nordischem Organ der Kreis
wird nun bald geschlossen sein wer weiß welche Blume die Endpunkte des Kranzes
verbindet Nur keine französische Immortelle entgegnete sein Nachbar lächelnd
er hielt den Finger ohne das Blatt zu berühren gegen die aufgeschlagene Seite
des Buches Nicht doch rief jener fast unwillig du weißt ja dies alles sind
die Blüten eines Jahres soll das schöne französische Mädchen nicht auch ihren
Platz finden dürfen Auf dem feinen fast listigen Gesicht des Andern spielte
unaufhörlich neckender Mutwille o ja erwiderte er unbefangen da kann sie
recht schön stehen sie nimmt just keiner bessern den Raum weg und es ist auch
um des Kontrastes willen gut Was diese Lippen übrigens für eine Sprache reden
fuhr er fort eine leicht entworfene Zeichnung betrachtend ist doch wirklich
keine Frage man sieht das krause Gelispel aus dem zugekniffenem nur in der
Mitte spitz geöffnetem Munde kann da wohl ein herzliches Wort heraus Er hatte
dies Letztere in französischer Sprache zu Alenzo gewendet gesagt der es
höchst verlegen unter fliegendem Erröten bejahte Dieser suchte indes die
innere Bewegung unter einer äußeren zu verbergen indem er angelegentlich auf
die vorgehaltene Zeichnung sah und sie in allen ihren Teilen zu studieren
schien Der Besitzer des kleinen Buches schlug gefällig noch einige andere
Blätter um und vergönnte Alonzo in das zarteste Blütennez kindlicher
unendlich sinnvoller Gedankenspiele hineinzusehen Hier sagte er hat alles was
in dieser unermesslichen Zeit im tiefsten Schmerz in der reinsten Freude meine
Seele durchzog was Freundschaft mir gegeben was Liebe mich ahnden ließ
duftige traumartige Gestalt gewonnen der Hauch der von diesen Bildern wehet
denke ich soll mein ganzes Leben erfrischen Alonzo blätterte in dem
Arabeskengedicht Blumenkelche schlossen sich auf helle Menschengesichter sahen
aus dem geheimnisvollen Blätterkragen hervor kühne Heldensänger auf fliegendem
Pferde Regenbogenbrücke erstürmend ernste Schlachtscenen tiefsinnige
trauernde Liebe Engelsköpfe aus Passionsblumen unverbrüchlicher Treue fester
Bund alles rankte sich phantastisch an Erlebtem und Gedachtem hin Was eine
treu bewahrte Seele in demütigen Schauern hier geahndet es war auch Liebe
freundliche allumfangende Engelsliebe nirgend ein Zwiespalt nirgend Kampf
keine Spur von unausreichendem Weltsinn das ganze verderbte Frankreich war so
rein an der unbefleckten Einbildungskraft hingegangen nichts als das zarte
Mädgenbild fiel in die Erinnerung zurück Alonzo schloss beschämt das Buch er
gab es dem stillen Jüngling wieder ohne seinen Blick zu suchen die Bilder
gaukelten fast ängstlich vor ihm her was sich auf so ruhiger Flut
zurückgespiegelt wie sollten die dunklen Wellen das bewahren
    Doch was er heut gesehen und gehört es war nichts gegen die Qual der
folgenden Tage Alle verbündete Truppen fort kein verwandtes gleichfühlendes
Wesen zu finden das dreiste laute Geschrei der Eingebohrnen oben auf kein
andrer Ton in den Straßen als dieser eine Ganz dumpf und hohl schlugen die
Klänge zum erstenmale wieder an sein Ohr wie geächtet wand er sich dann umher
alles Leben schien geschwunden die Angst der Verdammnis klemmte ihm die Brust
Ich unter diesen fragte er sich besinnend  Er flog zu Blansche sie war in
der Messe ihre Mutter unwohl verstimmt der Aufenthalt im Kloster fing an
diese zu drücken die Einsamkeit machte sie schwer alles haftete an ihr sie
empfand ihr Unglück mit ungekannter Herbigkeit gleichwohl war der Entschluss
hier einige Zeit zu verleben einmal ausgesprochen ohne Unanständigkeit war
daran nichts zu ändern so suchte sie denn ihren Kreis zu erweitern sie war
sich das schuldig sie zog ihre Freunde herbei Zum erstenmale fand Alonzo
mehrere bis jetzt ungekannte Glieder der Familie bei Frau von Saint Alban
versammelt Die fremden Gesichter fielen ihm unangenehm auf Man empfing ihn
ziemlich leichthin das Gespräch ward wie es war fortgesetzt ohne ihm das Wort
zu gönnen Man redete schnell und flüchtig durcheinander die Verhältnisse
Frankreichs wurden auf unangenehme anmassende Weise berührt der Fremden mit
Bosheit und üblen Willen gedacht Frau von Saint Alban wollte einlenken und
zugleich nicht allzuviel wagen ihr Verhältnis zu Alonzo schien ihr in diesem
Augenblick misslich Eine Dame welche man die Marschallin nannte deren Witz man
stillschweigend das Patent des guten Geschmackes und liebenswürdigen Mutwillens
gab machte ein hämisches Epigramm nach dem andern Bei Gelegenheit der
Deutschen rief sie que de vertus ils me font hair sie nannte sie les braves
forcés und des faiseurs de gloire oder Messieurs du grand air wusste ihren
verschiedenen Dialekt und den langfüssigen weit ausgeholten Schritt ihres
sublimen grammairen Französisch grotesk nachzuahmen bezeichnete ihr stilles
innerliches Wesen durch des maniêres du fauxbourg St Denis verlegte die
Wohnsitze der Preußen hart an die Pole machte die Kosacken zu ihren Nachbarn
und Wölfe und Bären zu ihren Feldkameraden von den Russen sprach sie gar nicht
anders als des bêtes qui sabreuvent de lair de Paris pour en donner aux
habitans de Petersbourg Doch nichts in der Welt stellte sie sich so komisch
vor als les dames de lhôpital de Berlin mit einem mal aus dem fond des
boutiques de Paris ausstaffirt zu sehen Wie sagte sie der ganze Einzug in
diese Mauern ein Spiel war das sie sich selbst gaben so sind auch die
Trophäen die sie nach Hause schicken Hauben und Bänder und Schuhe für ihr
Geld erhandelt das emsige Mütter und Frauen kärglich ersparten und das man für
unser Vergnügen prägen ließ Alonzo trat das Blut zum Herzen die Augen rollten
drohend in ihren Kreisen er warf einen flammenden Blick auf die Dame vor dem
sie die elektrischen Spitzen ihres Witzes einzog Moskau und Madrid sagte er
mit gezwungener Kälte haben sich nicht gleichen Vorteils zu rühmen man würde
in ganz Europa das französische Sousstück vergebens suchen und gleichwohl fanden
wir Moskauer Silber und Shawls Berliner Porzellan und spanische Tücher in Menge
hier ja der einzelne Eigentümer sah oft plötzlich seinen Namen in
französischen guten Häusern auf längst vermissten Büchern und Karten und
Geräten Jenseit der Vogesen und Pyrenäen weiß man wie Sie sehen von den
droits du vainceur noch zu wenig Er war aufgestanden verneigte sich ohne
etwas anders als das verletzte Recht die befleckte Wahrheit alle Foltern des
gereizten Selbstgefühls in den tapfern Waffenbrüdern zu empfinden eilte er von
hier weg in die tiefe Einsamkeit seiner entlegenen Wohnung
 
                              Funfzehntes Kapitel
Der Ärger zitterte ihm noch lange in Herz und Gliedern Er hörte noch immer die
höhnenden Worte er sah das lächelnde verschmitzte Gesicht und Frau von Saint
Alban hatte zu dem allem geschwiegen sie hatte nichts versucht um dem
anwachsenden Übermut Einhalt zu tun sie hatte ihm das Wort überlassen und
eben dadurch das Widerwärtige Nieauszugleichende herbeigeführt Gesinnungen
waren laut geworden die bis dahin nur geahndet unter dem Schleier zarter
Schonung ihren Stachel verbargen  Jetzt war der Damm durchbrochen Was Blut
und Tod nicht vermochten das unbezwingliche Wort hatte es für ewig und immer
angefacht Die rasche Tat konnte ein dunkler Augenblick erzeugt haben Liebe
und Mitleid fühlten sich groß im Verzeihen wie aber der lang verkleidete
Unwille das Innere schreiend auseinander riss und das Herz des Lebens
zerfleischte da war an kein vergeben und vergessen zu denken Die Kluft die
von jetzt zwischen Alonzo und der französischen Familie lag verdeckten nicht
Worte nicht Taten Nur an Blansche konnte er sich noch mit seinen Gedanken
wenden sie war über Streit und Unwillen über Vaterland und Welt hinaus
gehoben beziehungslos ewig Eins in seinem Herzen Er flüchtete zu ihr er
schrieb ihr in diesen qualvollen Stunden
    »Warum meine Blansche musste ich Sie vergeblich suchen warum waren Sie so
weit von ihrem Freunde Ihr Auge ihre Stimme ihre Nähe hätte alles abgewendet
Es sollte so sein Alles um uns her musste erst zusammenbrechen der feindliche
Hass alles untergraben alles dunkel werden nirgend eine Rettung als in uns in
unsrer Liebe Ich habe das lange geahndet jetzt ist es ja ganz unauslöschlich
da Erschrecken Sie Blansche Ich nicht Ich habe mich nun erst ganz wieder ich
fühle mich wie über allen Streit hinaus Was geht mich dies Frankreich an was
habe ich mit seinen Einwohnern zu schaffen Nichts in der Welt nichts Sind Sie
auch eine Bürgerin Frankreichs Blansche O um Gottes Willen überreden Sie sich
das nicht Sie sind es nicht Sie dürfen es nicht sein Welches Land welches
Volk ist stolz genug Sie sein zu nennen Sie eine Französin Wie töricht und
wie unwahr Der Liebe gehören Sie das ist Ihre Heimat Bin ich mit dieser
zerfallen Blansche Sagen Sie das wirklich Wie ihre stillen Züge dies dunkle
Land erhellen wie ich bei Ihnen all die Störungen vergaß Wird das nun anders
sein Ich weiß es Ihre Mutter kann das nie verzeihen Wo werde ich Sie denn
wiedersehen wann wird Ihr liebes frommes Auge Friede in meine Seele gießen
Meinen Sie etwa ich sei nun entschlossen Frankreich zu fliehen Sie
aufzugeben Haben Sie denn ein Herz Blansche und denken Sie so Entsetzliches
Nein ich bleibe ich werde Sie suchen und so Gott will finden Kann Blansche
durch die Meinung ihrer Freunde bestimmt werden Kann irgend etwas mein Bild in
Ihrem Herzen verrücken so stand es niemals fest und dann möge es nur lieber
gleich zerbrechen«
    Der eben ausgesprochene Gedanke trat so lebhaft auf ihn zu er sah ihn so
entsetzlich an dass er ganz gelähmt und erschrocken die Feder wegwarf und nun
auch nicht wieder mit sich zurecht kam
    Des folgenden Tages eilte er mit jenen Zeilen zu Blansche in der Absicht
sie ihr heimlich einzuhändigen Die kleine Scheu vor Frau von Saint Alban konnte
ihn nicht zurücke halten Im Gegenteil empfand er einigen Stolz ihr so frei
und unbekümmert unter die Augen zu treten Er traf Blansche allein Sie schien
etwas überrascht ihn zu sehen doch war sie nicht unruhig noch verlegen Er gab
ihr das Blatt Sie sah ihn groß an an mich fragte sie von Ihnen Was können
Sie mir denn zu sagen haben das ich so blöde so ängstlich in diesem Papier
einwickeln müsste Lesen Sie bat Alonzo Sie faltete kopfschüttelnd das Blatt
auseinander und es vor sich hinlegend las sie den Kopf in die Hand gestützt
sehr langsam und genau ohne durch irgend eine ängstliche Anstrengung die
Klarheit ihrer Züge zu trüben Alonzo ging während dem heftig auf und ab
Zuweilen blieb er stehen sah sie dringend an oder zählte ungeduldig die
ablaufenden Sekunden an der Wanduhr Jetzt hatte sie geendigt Sie legte das
Blatt sorgfältig in seine Falten zurück und verschloss es ohne aufzusehn in dem
Nähetischchen Alonzo fasste ihre Hand Sie sah ihn lächelnd an was sind Sie
nur so unruhig sagte sie mit anmutiger Freundlichkeit Sie tun so viel
Fragen lieber Alonzo ich weiß nicht wie ich das könnte ich habe eine
außerordentliche Scheu vor dem Ausgesprochenen lassen Sie doch dem Geheimnis
das bisher waltete ferner seinen stillen Gang Sie wollen mir entgehen
Blansche unterbrach sie Alonzo hier Sie wissen mir nichts zu antworten Sie
selber sind unsicher Freilich entgegnete sie leutselig Sie könnten mich
ängstlich machen ich habe Sie so nicht erwartet ich glaubte Sie auf das
Unvermeidliche gefasst Sie sind so entzweiet mit allem so unsicher wo ist denn
die Überzeugung und die Treue die allein beglücke Von welcher Überzeugung
Blansche fiel Alonzo ein reden Sie hier Von der einfachsten und
natürlichsten die es gibt von der Wahrheit des Wesens das Sie liebend in
ihrer Seele tragen Alonzo mein Freund können Sie zweifeln und vertrauen
zugleich Sagen Sie mir Blansche hub Alonzo nach einigem Besinnen an was soll
ich bei so widerstrebenden Verhältnissen für ein Opfer von Ihrem Mute erwarten
dürfen Täuschen wir uns nicht es ist plötzlich ein gewaltsamer Riss zu Ihren
Füßen entstanden Sie sind allein mit mir am jenseitigen Ufer dorthin das
Jugendland die Mutter die Freunde Blansche werden Sie mich nicht auch
verlassen wollen Was drängen Sie doch rief Blansche wehmütig unser
verborgenes Dasein so hastig in das bunte Leben hinein und geben ihm die
dreiste Figur und Sprache Ach mein Freund die Scheu die ich davor habe sagt
mir dass wir niemals aus dieser Verborgenheit hinaus sollen Also doch rief
Alonzo heftig Sie selbst verweisen mich zu ewigem Verstummen zu Entsagung und
Tod Was Blansche was denken Sie aus mir zu machen Wollen Sie den
Überlästigen aus Ihrer Gegenwart verbannen Oder soll ich in verzehrender Glut
ein ängstliches peinliches Leben auf und abwinden ein Leben in welchem
Streit und Zorn das einzig Lebendige ist Das einzig Lebendige rief Blansche
mit gefaltenen Händen o Herr mein Gott so lehr du ihn doch was Leben ist
    Frau von Saint Alban war herein getreten Sie warf einen schnellen scharfen
Blick auf Blansche der dann blitzartig an Alonzo vorüberflog Sie schien
gerührt gerejetzt heftig und schnell wieder besonnen Sie wusste das Gespräch am
Rande der Vertraulichkeit hinzuhalten Alonzo hatte sich just nicht zu beklagen
gleichwohl schwebte etwas Aengstigendes im Hinterhalte was gern herauswollte
und nur der Gelegenheit ermangelte Man wehrte diese ab denn niemand hatte Lust
es zu einer Erklärung kommen zu lassen Frau von Saint Alban war Meisterin der
Konversation sobald Sie es wollte Es schien sie könne ihrer innern Bewegung
plötzlich Einhalt tun Mit Gewandtheit fasste sie jedes Äußere an warf es hin
und wieder und machte es in der Wechselberührung der Laune und des Witzes nach
und nach zu etwas das unterhielt ohne zu beschäftigen Alonzo vergaß an ihrer
Seite einen kurzen Augenblick was seine Seele so schwer belastete was aus der
Ferne drohte was zum Teil schon ganz nahe war Die flüchtigen Worte wirbelten
sich so leicht wie ein gefälliger Tanz an ihm hin und stahlen seinen Beifall
und sein Wohlgefallen ohnerachtet des Disperaten ihres beiderseitigen
Verhältnisses Zum Lachen gezwungen vergaß er leicht worüber und verlor ein
paar Stunden an einem Spiel dessen absichtlichen Gang er weit entfernt war zu
ahnden Als er endlich durch Blansches schwebenden Gang und ihr lautloses
Verschwinden aufgeschreckt ward verließ er Frau von Saint Alban etwas wüst und
betäubt ohne ins Klare über sie und sich selbst kommen zu können
    Auf den Straßen sang man das Kouplet auf Heinrich den Vierten Er hatte das
tausend und tausendmal gehört heute frappirten ihn die Worte angenehm Das
höchst wunderbare Gemisch von Galanterie gutmütiger Treuherzigkeit und
neckendem Volkssinn sprühete auf eigene Weise an sein Gemüt Er glaubte eine
Einsicht in den Volkscharakter gewonnen zu haben Der Duft frischer Jugendzeit
wogte noch in dem alten Liede Die anmutigen Gestalten französischen Ritter
und Heldentums traten höchst lebendig in ihrer feinen jovialen Sitte in seine
Erinnerung zurück Er glaubte noch verwandte Elemente in dem Herzog und Türgis
entdecken zu können Er dachte an die ritterlichen Könige an die rührenden
Worte Ludwig des Achtzehnten vor seinem Einzug in Paris die Religion allein
vermag mich diese Dornenkrone auf mein greises Haupt zu setzen Er sah das
würdig stille Angesicht er fühlte den Kampf und die Leiden der geweiheten
Königsfamilie tiefe Ehrfurcht erfüllte ihn Er war milder gegen alles was er
sah Er ging heute in die Variétés au françois er glaubte sein Unrecht gegen
Frau von Saint Alban nicht genug abbüssen zu können Das reizende ergreifende
Spiel großer Künstler bezwang seine strenge Abneigung Vieles ward ihm hier
klar was ihm im Leben verwirrte die Funken originellen treffenden Witzes
sprüheten fast blendend umher der behende flüchtige Verstand wagte die
raschesten Flüge er riss die Bewunderung um so eher fort als niemand vor sich
selbst zu bestehn zurückbleiben wollte Alonzo glaubte sich dem allem mehr und
mehr verwandter je mahnender er zur Teilnahme gezwungen ward Er stand im
Begriff noch heute an Blansche zu schreiben sich selbst hart anzuklagen das
arme schöne Herz durch Ungestüm und schroffen Ernst erschreckt zu haben Er
wollte es ihr bekennen dass er alles zu hoch und trübe und gewaltsam genommen
dass er es empfinde wie im Erkennen fremder Eigentümlichkeit der Friede im
Leben aufgehe es schien ihm der Gedanke an Versöhnung mit allem was dem lieben
Geschöpf angehörte so süß er wollte ihr das sagen und noch vieles andre wovon
sein Herz voll war als ihm eine Einladung des Herzogs diesen zu Frau von Saint
Alban zu begleiten die Hoffnung gab Blansche morgen zu sehen und in der alten
Eintracht und dem schönen wechselseitigen Vertrauen mit ihr und ihren Freunden
Er schrieb jetzt nicht Er dachte und malte sich die Stunden nächster Zukunft in
dem Gewinn schwankender unruhiger Leidenschaft bald lockend bald ängstigend
aus die Bilder flossen ungewiss in einander und er musste sich zuletzt fragen
was von dem allem darfst du denn wünschen betörtes Herz
 
                              Sechszehntes Kapitel
Alonzo saß schon über eine Stunde Blansche in höchster Spannung gegenüber ohne
ihr ein Wort sagen zu können Unter mehreren Anwesenden war ein junger Verwandter
um sie beschäftigt in dessen leisem altfranzösischen Wesen sie sich mit der
unbefangensten Heiterkeit ausnehmend zu gefallen schien Sie nannte ihn Louis
und Frau von Saint Alban mein armer kleiner Vetter mit einem Ton der die
Teilnahme und das Vertrauen herzlicher Gesinnungen ganz rücksichtslos
aussprach Der junge Mann trug den Lilienorden war von edler Familienbildung
und sachten etwas schüchternen Manieren die eine kleine Beimischung des
Fremdartigen und Ausländischen an sich trugen Auch war er über dem Rhein
erzogen Der Kampf erweiterter Bildung und schmerzlich empfundener
unaustilglicher Blutsverwandtschaft hatte trübe Jahre hindurch tiefe Furchen in
die junge Stirn gedrückt und das reiche dunkel wallende Haar hin und her
gebleicht Oft nach den launigsten Ausbrüchen sanken seine Züge plötzlich
zusammen es lag dann eine Trauer auf diesem Gesicht die nicht Sehnsucht nicht
Rückerinnerung die Lebenserfahrung im allgemeinen so wunderbar erzeugte Frau
von Saint Alban hob ihn auf alle Weise heraus die übrige Familie suchte ihn mit
Frankreich zu befreunden wohin er erst seit kurzem zurückgekehrt war man
neckte ihn und verspottete seine gemischten Sitten Eine hübsche pikante
Brünette sagte mit bedeutendem Seitenblick auf Blansche er werde sich wohl nach
und nach entgermanisiren man erlaubte sich manche Anspielung auf sein
Verhältnis in der Familie deren Aeltester er nach des Herzogs Tode ward Er
pflegte denn wohl mit einem komischen Seufzer O du mein Gott auszurufen und
durch einen burlesken Gedankenspruch Spott und Laune auf etwas Anderes zu
richten Er redete etwas gepresst die Gedanken rissen sich nur mühsam von dem
Innern los dafür gab er aber auch mit jedem Wort ein Stück Herz in den Kauf
Frau von Saint Alban rief mal auf mal wie gut er ist Die kleine Brünette aber
konnte sich nicht enthalten ihn auszulachen und die ausländischen
Sonderbarkeiten und die eigne behutsame Weise wie eines solchen der stets
anzustossen oder zu fallen denkt aufs lebhafteste zu rügen Sie flüsterte Alonzo
zu Louis nehme sich aus wie ein altfranzösisches Bild das man in Deutschland
unter Glas und Nahmen geschoben und ihm glauben gemacht habe es sei ein
deutsches Kunstwerk Er passe sich eben deshalb nicht recht in französischen
Zimmern und über dem Rhein wittere man doch auch den Franzosen in ihm Ich mag
es nicht leiden setzte sie hinzu wenn man sich so verschieben lässt und am Ende
nirgend zu Hause ist Deshalb hasse ich auch die meisten Nordländer die uns zu
Liebe ihre Nationalität aufopfern hier nicht geachtet und dort nicht
verstanden was wird aus ihnen Gleichwohl sagte Alonzo dem die schönen Lippen
die Worte anmutig ins Herz lächelten steht nicht zu leugnen dass viele
Ausländer durch stete Übung eine gewisse Meisterschaft in der französischen
Eleganz errungen haben die doch anzuerkennen und von Ihnen gnädige Frau zu
loben wäre Zu loben rief sie heftig weshalb denn etwa weil sie auf plumpen
Stelzen ungeschickt eckig und langsam unsre freie leichte Bewegungen einzeln
und auswendig gelernt nachahmen O ich höre sie auf zehn Meilen kommen diese
gemachten Pariser steif formell oder impertinent nicht achtend wie ihnen
veraltete Galanterie oder un mal appris de nos jours im Kopfe spukt wenn so ein
alter Herr mir die Reminiszenze des goldnen Zeitalters wieder auftischt und die
ganze Konversation aus lauter Citaten alter bestäubter Bibliotheken besteht
dann schnappe ich nach Luft denn der Bücherdunst schmeckt nach schwarzer
Wäsche die man ausgezogen und längst weggeworfen hat
    Doch über allen Ausdruck widerlich sind mir jene eifrigen Lehrlinge einer
gewissen Schule die kunstgerecht den Schmutz verderbter Dichter wie die
Aussprüche der Sorbonne einstudiren und sie in Sälen und Boudoirs geltend
machen die metodisch die Einbildungskraft beflecken Mangelhaftigkeit im
Leichtsinn heucheln sich brutal in der Liebe und ungeschickt in der
Treulosigkeit anstellen kurz die durch groteske Nachäffung das Gefühl auf alle
Weise verletzen Und sind sie denn anders dachte Alonzo die Originale zu
diesen Kopien Verweilet man denn nicht noch am liebsten bei den verknöcherten
Gestalten durch die rührend genug ein Anklang verschollener Zeit wehet
Stehet man gleich neben ihnen auf dem Grenzstein versunkener Galanterie so
spürt man doch wehmütige Sehnsucht nach dem wohin die letzten bleichenden
Lichter unter Ludwig dem Vierzehnten zurückweisen Noch wagt sich die Liebe
Liebe zu nennen noch verspottet niemand den Prinzen und Helden der in still
bescheidener Demut seiner Dame durch ein ganzes Leben huldigt keine Zunge
lästert den ehrfurchtsvollen Dienst geheimer Treue galante Rittersitte hat noch
Raum auf Erden Henriette von England darf ohne Erröten ihr Bild auf einer
Heldenbrust wissen der Leumund schweigt denn uneigennützige Liebe ist noch
kein Unding geworden und tausende kennen ihr heiliges Panier Kann das
veraltete Wesen gleich nicht sonderlich mehr gefallen so rührt es doch und
verzeihlich wird es mit dem Schein zu spielen wenn man das Wesen empfindet
Doch verloren ist die Seele die mit dem wesenlosen giftigen Dunst heutiger
Sitte liederliche Gaukeleien treibt Er sah finster umher Louis saß etwas
abwärts die Hand wie einen Schirm gegen die Stirn gehalten so dass die Augen
ungestört in sich hinein sehend bei Selbstgeschaffenem verweilten Der Herzog
hatte ihn einige Augenblicke beobachtet mit Alonzo abwärts tretend sagte er
die freie Gemeinschaft der Geister konnte ihm die leibliche Sicherheit des
Daseins nicht ergänzen die man nur im Vaterlande empfindet so innig ist der
Mensch mit der Heimat verwachsen wie töricht darüber hinaus zu wollen Man ist
umsonst bemüht das Ungleichartige zu verschmelzen Der Natur widerstreben
heißt sich ewigen bitteren Kampf bereiten Wenig sind diesem gewachsen Auch mein
junger Vetter nicht Er ist zerrissen nicht hier nicht dort zu Hause und
gleichwohl zieht ihn seine Vorwelt hieher Was ist ein Dasein mein Herr ohne
Erinnerungen Darf der Mensch an eine Zukunft denken wollen wenn er die
Vergangenheit vernichtet 
    Es schien Alonzo fast als lege der Herzog eine besondere Bedeutsamkeit in
diese Worte Was konnte er sagen wollen hatte er in seinem Herzen gelesen Und
wollte der ruhig erfahrene Mann ihn warnend auf sich selbst zurückführen Alles
kam ihm heut so absichtlich so besonders vor Frau von Saint Alban war von der
gesuchtesten Höflichkeit sie wollte ihn recht eigentlich gegen ihre Familie
herausheben doch alle frühere Innigkeit das leichte anmutige Vertrauen wandte
sich auf Louis für Alonzo hatte sie nur Phrasen und achtungsvolles Bezeigen
Einmal als die Rede von einem jungen Ausländer war den man früher in Paris
gekannt und liebenswürdig gefunden hatte sagte sie mit wegwerfender Bitterkeit
es ist ein Fremder ich achte ihn ohne ihn zu verstehen man versteht niemals das
Fremde Ihr Blick flog an Alonzo vorbei er sah sie erröten er fühlte dass
sie mit Absicht redete Ihm ward sehr beklommen Er suchte Blansche Sie war in
ein Nebenzimmer getreten und spielte gedankenvoll mit den Fingern gegen die
Fensterscheiben Was ist es Blansche sagte er dringend was hier im Dunkel
gähnt was ich kommen höre Sie wenigstens dürfen mich nicht täuschen wollen
Blansche schlug die Augen zum Himmel auf Sind Sie einig mit sich lispelte sie
leise was ängstet sie was kann kommen das Ihr Herz bezwänge O um Gottes
willen Wahrheit rief er heftig nackte trockene Wahrheit ich verstehe sie
nicht ich will sie nicht verstehen diese dunkle Andeutungen Von Ihnen will
ich es hören Blansche Sie sollen mir es sagen dass Sie dass alle wortbrüchig
waren dass Sie Herz und Leben zerreißen zertreten dass alles frühere Lüge und
Possenspiel war dass Sie das heilige Wort zurücknehmen Blansche sah ihn
warnend an hüten Sie sich Alonzo sagte sie dass Sie es nicht zurückgeben Sie
war fort ehe er sich besinnen konnte Einen Augenblick darauf sah er sie
lächelnd neben Andren stehen Sie war ihm ein Rätsel Ihr Blick traf dann und
wann bittend und beruhigend auf den seinen er wusste ihr nicht zu antworten
seine Unruhe wuchs mit jedem Augenblick
    Frau von Saint Alban streifte im Vorübergehen an seinen Arm Sie sah
entschuldigend zu ihm auf sein düsteres Auge begegnete dem ihrigen Die alte
Rührung flog über ihr Gesicht Sie neigte den Kopf etwas seitwärts und mit
lieblich weicher Stimme sagte sie es muss sein lieber Alonzo es muss wahrhaftig
sein Sie selbst haben es so bestimmt gesagt man schmeichelt sich immer eine
Weile aber der Irrtum hält nicht vor  Er wollte ihre Hand fassen er wollte
sie zwingen ihm zu sagen was sein müsse was er selbst gesagt getan habe
doch sie war ihm entschlüpft Man ging auseinander der Herzog sagte gelassen
der Wagen erwartet uns Alonzo sah ihn betroffen an Doch jener war schon in
der Tür er musste ihm folgen
    Sie saßen schweigend neben einander der Wagen flog an der dunkeln
Klostermauer hin Alonzo sah seinen Schatten der immer länger ward und endlich
zurückzubleiben schien Trübes Selbst dachte er seufzend du zerfliessest in
Nacht und Traum keine Spur bleibt von dir zurück Lieber Alonzo hub der Herzog
jetzt an ich hätte fast vergessen Ihnen zu sagen dass Ihr Geschäft hier
beendigt ist Ihre Aufträge sind beantwortet es liegt alles bereit der
Minister erwartet Sie auch die Abschiedsaudienz beim Könige ist für Sie
nachgesucht und auf Morgen festgesetzt Nachgesucht und festgesetzt rief Alonzo
mit flammender Stirn wer mischte sich in meine Angelegenheiten Ich entgegnete
der Herzog Junger Mann fuhr er sehr ernst fort vergessen Sie nicht dass nach
dem Tode meines Neffen mein Ansehen meine Vorsprache Sie allein hier erhielt
Ich hegte damals andre Wünsche man hört auch im Alter nicht auf an dem Leben zu
meistern und etwas anderes daraus machen zu wollen als es sein kann Der Hass
ist so trübe Wohlwollen und Teilnahme so tröstlich Aus dem Verein der
Familien dachte ich solle die Versöhnung entzweieter Nationen hervorgehen
Opfer waren gefallen die Rache hatte ihr Recht genommen der Natur heilige
Anfoderungen sollten sich durch sich selbst ausgleichen ich durfte einen
Augenblick an Erdenglück denken Und weshalb fiel Alonzo ganz überwältigt ein
weshalb wollen Sie so gerechte so bescheidene Wünsche aufgeben weshalb ich
beschwöre Sie wollen Sie mich unbarmherzig aus der Reihe Ihrer Hoffnungen
ausstreichen Warum wenn ich Sie anders zu verstehen wage warum wollen Sie das
linde Band meinen Händen entreißen dass Sie dass Ihre Familie mit dem Schicksale
aussöhnen könnte Sie gehören nicht zu uns entgegnete der Herzog kalt Hass wie
glühend er sei kann Blut löschen Verachtung tritt in den Staub und nie kann
man lieben was man befleckte Lassen Sie uns davon schweigen ich fühle mein
Blut noch brausend genug um es fürchten zu müssen Sie selbst haben zur rechten
Zeit den Wahn zerrissen und mit ihm jeden aufblühenden Verein wir fallen ganz
und auf immer auseinander und wollen Sie sich anders treu bleiben so dürfen
Sie nie daran denken diese Kluft zu überschreiten Dacht ichs doch rief
Alonzo französische Eitelkeit konnte niemals verzeihen was sie durch tausend
und tausend ärgere Beleidigungen unserm empörten Gefühl abpresste Alles und
jedes erlaubt sie sich zu sagen und die einfachste Tatsache darf ihr nicht
unter die Augen gerückt werden Was ich mir und meinem Gott unter heißem Schmerz
bekenne entgegnete der Herzog soll mir dennoch kein Anderer laut
entgegenrufen und wer es tut dessen Anblick wird ewig den Stachel in meine
Seele drücken und Gift und Galle aus eiternder Wunde pressen Und deshalb also
sagte Alonzo spöttisch soll ich Frankreich meiden weil Ihnen mein Anblick
unangenehme Wahrheiten ins Gedächtnis ruft sehr despotisch bei meiner Ehre Nun
ich denke Alonzo de Mendez geht wohin ihn seine Pflicht ruft entgegnete der
Herzog mehr galant als aufrichtig Es ist die Frage fiel Alonzo ein welche
Pflicht mir die höhere ist Die der Ehre ohne Zweifel erwiderte jener
    Beide schwiegen einige Augenblicke aus Furcht zu viel zu sagen Wozu denn
nur rief Alonzo plötzlich vom Zorne überwältigt das ganze Spiel des heutigen
Tages wozu dies Zusammenkommen die trügerische Freundlichkeit und all das
Gleissen dem Herz und Seele fehlte Sie sind sehr ungerecht unterbrach ihn der
Herzog wir waren es Ihnen und uns schuldig im besten Vernehmen zu scheiden
Die Welt darf nie wissen wenn wir uns in der Wahl unserer Freunde vergriffen
Ihre neulichen Ausfälle hatten Sie auf unangenehme Weise für Sie und unser Haus
affischirt das musste durch die Achtung die wir persönlich gegeneinander an den
Tag legten ausgeglichen werden Noch einmal mussten Sie in der Gesellschaft
erscheinen Das ist geschehen auf die schicklichste Weise für alle Teile
Jeder unangenehme Eindruck ist vertilgt Dass Sie unwissend so geführt wurden
werden Sie der Mäßigung Ihrer Freunde Dank wissen Und Blansche rief Alonzo mit
bebenden Lippen sie wusste darum Sie konnte die Hand zu dem allem bieten
Blansche erwiderte der Herzog weiß was sie sich ihrem Namen und Vaterlande
schuldig ist Der Wagen hielt Noch einmal fuhr der Herzog fort lassen Sie
jeden persönlichen Unwillen schweigen denken Sie dass eine unbezwingliche
Naturnotwendigkeit so entscheidet dass Sie diese vielleicht schärfer als ich
empfinden und dass niemand gegen das Geschick ankämpft Ich werde entgegnete
Alonzo etwas stolz von seinem Sitz aufstehend wie ich denke Gelegenheit
finden zu zeigen dass ich nur Vorschriften von mir selbst anzunehmen weiß und
hierin wie in allen den Gesetzen der Ehre folge Er grüßte flüchtig und
beeilte seine Schritte um jeder Antwort überhoben zu sein 
 
                             Siebenzehntes Kapitel
In dem raschen Andrang aller Empfindungen fand Alonzo ganz von selbst Gedanken
und Entschluss Eins stand fest in ihm darum drehete sich alles Andre in
natürlicher Ordnung Er wollte jener feinen Absichtlichkeit zum Trotz in Paris
bleiben und sollte Leib und Seele darüber zu Grunde gehen Das einmal
Eingeleitete war nicht abzubrechen das sah er wohl seine Mission war hiermit
beendet gleichwohl fand er sich andrer Seits eben dadurch um so unabhängiger
und zu ganz rücksichtslosem Verhalten berechtigt
    Er betrieb demnach alles auf das sorgfältigste und schnellste empfing und
expedirte Depeschen beurlaubte sich in der Qualität eines Abgesandten schickte
Kouriere ab schützte Krankheit vor und etablirte sich von da an ganz eigentlich
zu Angriff und Verteidigung
    Für alles andre als seine eigensten Wünsche tot ging er nirgend hin als
in die Messe wo er Blansche zu finden hoffen durfte Durch viele Tage erwartete
er sie indes Morgens und Nachmittags vergeblich Er ward nicht müde zu gehen und
zu kommen Liebe Stolz gekränktes Recht alles hielt ihm sein Ziel unverrückt
vor die Augen die Leidenschaft hatte ihre Blitze zurückgezogen die Nacht
tiefen Geheimnisses lag über sein ernstes Gesicht und gab dem unbezwinglichen
Willen das Ansehen ruhiger Eintracht und festen Gleichmutes In welchen Zustand
ihn indes der harte Kampf die gescheiterte Erwartungen setzten wie streitend
Gefühl gegen Gefühl anstrebte was die Leidenschaft wollte und nicht wollte das
werden folgende Zeilen an Philipp deutlich machen
    »Wenn die stille Glut Ihrer Augen der Leitstern zu Ihrem Herzen war so
haben Sie sie geliebt Philipp heiß verzehrend mit allem Schmerz und aller
Lust der durstenden Seele Das ist der Fluch des Menschen dass ihn Götterbilder
äffen und den Himmel vor den trunkenen Blicken zaubern Es ist alles Lüge hier
alles auch sie zweifeln Sie nicht Wie könnte es anders sein das absichtlich
berechnete auswendig gelernte Spiel fängt mit dem ersten Strahle des
Bewusstseins an Tugend heißt es und Weisheit Leib und Leben und jeden freien
Aufflug des Geistes in die enge Klammern nüchterner Sitte einzupressen das sind
die Formeln die man dem weichen Kinderhirn eindrückt ein paar knöcherne
Phrasen die ganze Mitgift auf der weit auslaufenden Lebensreise Unbesonnen
nennt man dies Volk leichtsinnig und flatterhaft im Denken und Tun
schnelleres Blut heißt es treibe sie flüchtig an dem Ernst des Lebens hin
nicht Bosheit nicht Sünde sei in ihnen unbedacht wie unzuverlässig dürfe man
sie höchstens schelten Hätten wir niemals einen Franzosen gesehen wir könnten
uns unter dem beweglichen Bilde harmlosen Genuss und den spielenden Schaum
ungewisser Jugendlohe denken Aber wie schlägt uns das welke sich selbst
überlebende Gerippe in greiser Kindheit in die Augen misstrauisch und lauernd
wie das Alter auf fremder Unkosten erfahren zu Hause auf der glatt getretenen
Bahn gewandt in Maß und Takt selbst erfundener Konvenienz verlocken uns die
gräulichen Kindergestalten und prunken mit Weisheit wenn sie den armen Vorrat
ihres Herzens zu verschließen und Vertrauen und Liebe und Hoffnung zu betrügen
wissen Das ist die Klugheit der Welt Philipp nach der man Jahrhunderte rang
der man Altäre bauete die auch noch nicht aufhörte die Leichtgläubigen zu
blenden Geschwätzig wie die Weiber das Geheimste entweihend schlau wie sie
da verschlossen wo es den eignen Vorteil gilt täuschen sie reißen sie das
Innere auf und verletzen die offene Seele mit tausend giftigen Dolchen
Diplomatiker sind sie das glaube ich so lange Andre es wollen Aber es gibt
eine Kraft die all die abgenutzten Fäden mit einem Griff zerreißt Glauben
Sie dass sie mir jemals verziehen mich selbst gegen einen Franzosen behauptet
zu haben Glauben Sie das Mit Großmut haben sie eine Weile vor mir vor der
Welt vor sich selbst gespielt das war in ihrem Leben noch nicht vorgekommen
das passte zu irgend einer Teaterscene es hatte Blut gekostet es war
hochtragisch Aber die ganz gemeine unzubestreitende Wahrheit die so blank und
baar da lag die sich nicht drehen nicht wenden aus der sich nichts machen
ließ die konnten sie nicht vertragen da hatte das Spiel ein Ende die kalten
Herzen hatten nur sich geliebt Könnte ich Ihnen die lange Komödie erzählen
könnte ich Ihnen sagen wie sie so natürlich zu hintergehen wussten Auch sie
Philipp ach Gott auch sie konnte mich täuschen Und wie denn am Ende alles so
berechnet so gemässigt so vernünftig klar und ruhig endete Ich sollte
einsehen empfinden dankbar sein Gottlob ich fühlte mich selbst Freuet Sie
das  Nun mich auch Und ich denke es wird uns allen frommen Ich bin jetzt
frei und bleibe doch hier aus eigener Kraft verstehen Sie mich Man hieß mich
gehen Jetzt ganz gewiss gehe ich nicht Ich muss Blansche sehen ich muss sie
sprechen So leichten Kaufes kommt sie nicht los Vor Gott hat sie gelobt vor
Gott muss sie wiederrufen Könnte ich Ihnen den Blick malen so groß und still
Vertrauen sollte ich ihr Herr Gott ich tat es unbedingt Seele und Leben
gehörten ihr sie hat damit gespielt Begreifen Sie es Das Rätsel eben soll
sie mir lösen Weiter will ich ja nichts sie ist es mir schuldig mein Glaube
meine Seligkeit hängt davon ab Philipp ich wollte Sie wären hier Wie unter
Toten lebe ich keine keine Seele mein «
    Die letzten Worte waren von einem Strom unbezwinglich hervorbrechender
Tränen verwischt Alonzo schob das Blatt weg den Kopf in die gefaltenen Hände
gelehnt weinte er heiß und bitterlich Das Geräusch eines Eintretenden
schreckte ihn auf Beschämt riss er sich empor Seine Weichheit schien ihm ganz
kindisch er fasste sich zusammen und die eine Hand vor den Augen empfing er mit
der Andern mehrere Briefe unter denen die Schriftzüge seiner Mutter ihm das
Blut beklemmend zum Herzen trieben Er brach das Siegel mit kaum erzwungener
Fassung und las ohne recht zu wissen was folgendes
    »Mit Erstaunen und einem Befremden von dem ich nicht weiß ists des
Schreckens oder Zorns Erstarren erfahre ich dein Geschäft Alonzo sei
beendigt und du gleichwohl noch in Paris Ich will nicht denken was ich mich
zu hören schämte und ehe verschliesse sich diese Lippe auf ewig als dass sie
Unwürdiges von meinem Blute sage Gleichviel auch welche Ursach  keine als
Unvermögen des Leibes ist gültig und auch denn noch wenn die gelähmten Glieder
ihren Dienst versagen die schwindende Kraft nicht weiter kann treibe die Angst
der Verdammnis den morschen Leichnam über die verfluchte Erde hin nach
geweiheter Stätte
    Nur das Eine Alonzo höre Den geschäftslosen Mann der aus Neigung oder
Trägheit in Paris verweilt muss ich verachten denn da der Einzelne nicht dem
ganzen Volke stehen kann duckt er dehmütig unter und lässt die Woge des
Übermuts feige über sich zusammenschlagen Lächeln muss er wenn ihm das Blut
tropfend aus den Augen sprühet Spaß verstehen unbeachtet die Pfeile schwirren
hören und wenns hoch kommt sie versenden helfen Anders ist es wenn ein
gegebenes Ziel zu strenger Arbeit ruft er sieht nicht rechts nicht links ihn
schützt das Panier der Pflicht Doch des Müssiggängers fahrig Auge was kann es
anders wollen als sich im Schmutz der Sünde baden Alonzo hast du denn jenseit
der Pyrenäen noch ein Vaterland Darfst du dein eigen sein ein Dasein Sitte
und Gesetz Gott und einen Heiland haben O dass ich dich das fragen muss Ist
denn dein Stab so ganz und gar gebrochen kreist denn keine Ader meines Blutes
in deinem Herzen mehr Ich wills nicht denken doch muss ich zittern weinen 
und wenns sein muss dich geliebtes Kind verfluchen«
    O Mutter Mutter rief Alonzo händeringend verblendet denn die Leidenschaft
und macht sie zugleich so scharf und hellesehend Gute Mutter wir werden von
einer Flamme getrieben nenne sie Zorn oder Liebe
    Eine lange Zeit saß er ganz tiefsinnig da die entsetzlichen Worte dreheten
sich ihm wie eine kreisende Scheibe im Gehirn umher Er hatte gar keine
Gedanken ihm war als werde er wahnsinnig und so ging er dann wie im Traume
ohne Wille und ohne Widerstand zur gewohnten Stunde in die Messe Er wusste kaum
noch was er hier wollte Die Augen lagen gesenkt am Boden die Arme schlaff und
matt in einander geschlungen er betete mechanisch und ließ betäubt die Worte
an sich vorüberklingen als das Wispern einer weichen Stimme neben ihm
plötzlich tausend Funken zugleich in seiner Seele anschlugen Blansche kniete
mit dem Rücken nach ihm gewandt das Gesicht auf die Stufen eines kleinen Altars
gesenkt über welchem Maria abgebildet war wie sie das schlafende Jesuskind mit
Liebe und Zuversicht betrachtet ohne die wunderbare duftige Gestalten zu sehen
die im Traum an des Kindes Bettchen vorübergehen und ihm die Zukunft offenbaren
der Engel mit den Marterwerkzeugen schwebt leicht vorüber zuletzt überstrahlt
des Heilands Verklärung die weisslichen Wolkenspiele Blansche hob den Kopf in
die Höhe sie sah das Bild fest an ihr Blick schien zu sagen heilige Mutter
von dir geht das trübe Erdenleben aus aber du gabst uns den Erlöser Alonzo
sah und ahndete von dem allem nichts er fühlte nur Blansches Nähe Seiner kaum
noch mächtig unter ungestümen Klopfen der kochenden Brust warf er sich neben
sie nieder und mit einem Tone und Blick vor dem das zarte Mädchen
zusammenschauerte flüsterte er jetzt Blansche jetzt können Sie mir länger
nicht entgehn Hier im Angesicht aller Heiligen wagen Sie es zu sagen dass Sie
mich verstoßen dass Sie Ihr eigenes Wort zurücknehmen dass Sie mich hassen Sie
sah ihn wehmütig an Tränen strömten aus ihren schönen Augen O Gott sagte
sie leise so haben Sie mich denn nie verstanden und kein Vertrauen keine
Ahndung meiner Liebe ist in Ihrer Seele Sie lieben mich noch Blansche rief
Alonzo ganz außer sich o sagen Sie nichts kein einziges Wort weiter auf Ihrer
Zunge schwebt etwas das ich nicht wissen will nicht wissen darf wenn Sie mich
lieben  ja unterbrach ihn Blansche ernst ich liebe Sie fest und
uneigennützig wie Sie nicht lieben können Jetzt Alonzo fuhr sie aufstehend
fort wissen Sie was Ihnen für diese Welt zu wissen frommt kann es Ihnen
gnügen so sind wir beide nicht zu beklagen  wenn nicht  ich kann nur aus der
Ferne mit Ihnen weinen Unsre Wege scheiden sich von hier und ich fodre es im
Namen der Kirche deren Boden kein vermessener Schritt entweihen soll folgen
Sie mir nicht Alonzo bei Gott und seinem allmächtigen Sohn bleiben Sie zurück
Sie hatte die letzten Worte mit bebenden Lippen in tödtlicher Seelenangst
gesprochen Alonzo war einen Augenblick wie gelähmt dann stürzte er ihr nach
drängte und stürmte alles aus seinem Wege doch sie war fort wie durch höhere
Gewalt seinen Blicken entrückt
    Nun erst war es entschieden in ihm nun wusste er bestimmt was er immer
gewollt hatte Blansche sollte musste sein werden und ginge auch Ruhe und
Frieden und seiner Seelen Seeligkeit drüber zu Grunde Immer stachelnder und
angstvoller wards nun in ihm  Der Weltklugheit zum Trotz wollte er mit Gewalt
besitzen was man ihm listig entzog Frau von Saint Alban der Herzog seine
Mutter  es bestürmte und drängte ihn alles so wunderbar Hass und Pflicht und
mitten inne die fressende verlangende Liebe  ein kühner Schlag musste die
dumpfe Wetterschwüle auf einemmal auseinander reißen er musste Atem schöpfen
er hielt es so nicht aus
    Ganz ermattet setzte er sich an seinen Schreibtisch Der angefangene Brief
an Philipp lag vor ihm Er durchlas das Geschriebene noch einmal Es schwirrte
ihm confus durch die Sinne er griff nach einer Feder seine Seele durstete nach
Mitteilung Worte dachte er müssen die pressenden Bande lösen Er las laut
was er niederschrieb
    »Ich weiß nicht Philipp wie mir ist noch was aus mir werden soll Hätte
mir ein Sterblicher gesagt es wird ein Augenblick kommen wo Don Alonzo de
Mendez schwankend zwischen Ehre und Liebe und Pflicht dastehn und nicht wissen
wird welchen Weg er einschlagen soll ein Blick hätte den Frevler vernichtet
Und jetzt  mein Gott was wolltest du mit deiner Kreatur als du an geweihter
Stätte das schöne Mädchen in meine Arme legtest und von da den Zunder in die
offene Seele warfst Sollte ich löschen ehe ich brennen fühlte heimlich
dämmerte die Glut herauf schlich langsam durch die Adern bis plötzlich alle
Pulse rascher schlugen die Flamme aufblitzte Erinnerung Bewusstsein ein
ganzes hingeträumtes Leben verschlang Warum ich Ihnen das sage Sie müssen
alles wissen Ich habe Blansche wiedergesehen lieber Philipp sie ist
unschuldig unschuldig wie ein Lamm das man zur Schlachtbank führt Soll ich
sie fallen sehen wenn ich sie retten kann Mitten aus dem fahlen Dunst der das
arme Herz beengt reiße ich sie heraus verlassen Sie sich darauf Fragen Sie
mich ob ich das Blut der Mendez mit meiner Feinde Blut beflecken wolle Feinde
 Philipp Wie sagte Sie doch einmal ich erinnere mich der Hass ist von dieser
Welt aber die Gerechtigkeit ist Gottes  Ja ja mein Leidens und
Liebesgefährte der Hass ist von dieser Welt lassen wir ihn da sein blutig Wesen
treiben Haben Sie nicht selbst dem Engel Blansche Schwingen gegeben dass er
über das trübe nächtige Meer hinaus den Blick versöhnend zum Himmel trage Hat
die Kunst dem Gedanken Dasein verliehen soll das Leben zögernd zurückestehn
    Ich weiß nicht weshalb mich vor Ihnen bangt Dürfen Sie tadeln was Sie
selbst taten Philipp es gibt Winke und Stimmen in der Natur die wir nicht
überhören dürfen Umsonst trifft nicht Eines zum Andern das Schicksal will
etwas es zwingt uns denn über nichts spottet der Himmel so als über
menschliche Absicht Sie haben es ja erfahren was wundern Sie sich über Andre
Sein Sie nicht weiser in Worten als Gefühlen Gefühle allein sind wahr alles
andre ist todtes angelerntes Gesetz Was wissen wir auch von Gesetzen Jedweder
trägt einen eignen Schlüssel zu diesem Hieroglyphen in sich Das ist die
göttliche Freiheit Ich folge ihr Philipp Leben Sie wohl«
    Er siegelte mit einer Hast als wäre ihm um die Antwort zu tun gewesen und
ermahnte seine Leute zu schneller Besorgung Philipp war noch nicht allzufern
bei seinem Regimente Alonzo hätte ihn gern hier gehabt und auch wieder nicht
Ihm war doch etwas leichter nachdem er geschrieben hatte nachdem er denken
konnte es werde ein menschliches Wesen fühlen wie ihm zu Mute sei Erhält ein
gefürchtetes Übel gleich Riesengrösse und Gewissheit durch das Wort so mildert
Klage und Mitteilung das schon vorhandene gekannte Leiden Alonzo kam sich
gestärkt und fest durch den Schluss seines Briefes vor Eines war seinem Willen
doch auch schon wirklich gelungen er hatte Blansche gesehen und gesprochen Sie
liebt ihn über sie war er beruhigt Alles andre musste ja auch kommen wenn er
es nur ernstlich wollte
    So durch sich selbst gehoben und zuversichtlich geworden ging er noch spät
um Luft zu schöpfen nach den Elisaischen Feldern Schon von fern sah er die
kleine silberne Muschel und die vier Apfelschimmel des Herzogs sie hielt an der
Barriere niemand war darin ein paar müßige Knaben standen auf dem
Lackaienbrett und schaukelten an den Riemen Alonzo beeilte seine Schritte doch
ehe er heran kommen konnte winkte ein Bediente der Wagen bog in eine Allee
Frau von Saint Alban und nach ihr Blansche an der Hand ihres jungen Vetters
Louis de Bocourt stiegen hinein Dieser stand noch am Schlage und gab Blansche
einen Strauss wilder Kräuter und Blumen die sie sehr sorgfältig zusammenfasste
und ihn damit grüßend beim Abfahren vertraulich winkte Louis ging langsam nach
der Seite wo Alonzo stand Er bückte sich von Zeit zu Zeit nach kleinen
unscheinbaren Gräsern oder Pflanzen und beachtete sie genau in allen ihren
Fasern und Teilchen Sein gutes stilles Gesicht schien unter diesem Geschäft
heiterer sein Auge heller und von einem Strahl ruhiger und sicher gestellter
Forschgier angenehm belebt Er war jetzt dicht vor Alonzo getreten ohne ihn zu
sehen Diesem war es lieb einem Wesen zu begegnen auf dem Blansches Augen
freundlich geruhet hatten er redete ihn an Louis in seiner schüchternen
unendlich verbindlichen Höflichkeit sagte etwas verlegen grüßend o mein Gott
ich wusste nicht  Frau von Saint Alban glaubte Sie längst abwesend von hier Sie
glaubte das wiederholte Alonzo etwas trocken mich dünkt sie hätte eine bessere
Meinung von meiner Höflichkeit hegen sollen da keine Ursach denkbar ist
weshalb ich mich so unter ihren Augen wegstehlen sollte ohne sie zuvor begrüßt
zu haben Doch entgegnete jener achselzuckend hat sie mir nicht anders gesagt
indem sie mit Bedauern und vieler Teilnahme und Liebe von Ihnen mein Herr
sprach Beide gingen einige Augenblicke schweigend neben einander Louis etwas
gedrückt Alonzo etwas hoch und vornehm Erst seit kurzem hub dieser an sind
Sie in Ihr Vaterland zurückgekehrt  Ganz neuerlich erwiderte Louis Sie
waren lange abwesend fuhr Alonzo fort Sie werden Ihre schöne Kousine kaum
wiedergekannt haben Auf des jungen Bocourt Gesicht schwebte eine rührende
Freude mit innigem Lächeln sagte er ein recht liebes Mädchen habe ich in ihr
gefunden von ungemeinem Liebreiz und einer Unschuld und Durchsichtigkeit die
an die früheste Kindesreinheit der Menschen erinnert Er sagte das so warm und
wahr so ganz ohne Bezug auf irgend etwas außer Blansche dass Alonzo
hingerissen sich selbst vergessend ausrief nicht wahr Sie fühlen das O wer
ist auch so unglücklich dagegen verschlossen zu bleiben Sie hat mir fuhr
jener an Eigenes denkend fort das Sinnbild der Lilien klar gemacht und wie es
immer solche Engel gab die über Frankreich schwebten Blansche ist ein Engel
des Friedens und der Ruhe und erinnert zugleich an alles unbefangen Liebliche
und Sinnvolle besserer Zeit sie versöhnt mit einem Lande das aus seinem Schoos
solche Blüten hervorgehen ließ Alonzo sah ihn groß an ihn also versöhnt sie
mit dem Vaterlande dachte er und mich entzweiet sie mit dem meinigen
vielleicht auf ewig Ich habe hub Louis nach kurzer Pause aufs neue an
geraume Zeit hindurch die Natur in ihrem leisen Verkehr mit der Pflanzenwelt
begleitet und hier ein heimatliches Verhältnis gefunden das ich bei den
Menschen so rein und unbestritten nicht antraf Blansche nun scheint mir in
diese Blumenwelt ganz entschieden zu gehören Sie steht so rein und bestimmt vor
mir da dass gar kein Zweifel obwaltet ja durch einen Zug geheimen
Einverständnisses glaube ich die stille Natur in ihren verwandten Elementen ganz
zu verstehen Ich weiß nicht was sie tun oder sagen könnte worüber ich
unsicher an ihr würde So genau sagte Alonzo mit einem scharfen Blick glauben
Sie Blansche zu kennen Was man so eigentlich unter kennen versteht entgegnete
jener möchte ich nicht sagen es könnte sein dass sie ganz anders zu handeln
durch sich selbst bestimmt würde als ich mirs vorgestellt hätte doch sollte
mich das nicht irre machen ich würde sogleich wissen dass es so sein musste
dies zusammenklingende gleichartige Wesen kann sich selbst nicht untreu werden
    Sie waren unter diesem Gespräch auf eine Brücke gekommen ihre Wege schieden
sich Louis war einigermaßen blöde und beschämt so viel geredet sich so
umständlich geäußert zu haben Sein gutmütiges Lächeln die Art seiner schnell
in sich zurücktretenden Verbeugung war auf gewisse Weise eine Entschuldigung
dieser allzugrossen Freimütigkeit Alonzo wusste nicht recht was er von ihm
denken sollte Er ging still vor sich hin und sagte sich selbst was der da so
trocken und schwerfällig hinspricht ist das Größte was ein Mensch von dem
Andern sagen kann solch Vertrauen ist göttlicher Art es müsste den ganzen
Menschen begeistern er bleibt gelassen er meinte es so nicht er ist gelehrt
er zwängt alles was er sieht in ein System und classifizirt Blansche wie
Augentrost und Rosmarin Was will er von dir wissen schöne Blansche dein Herz
ist der Schlüssel zu deinem lieblichen Selbst das aber soll mir keine Natur
oder Kunstverwandschaft in aller Welt streitig machen
 
                              Achtzehntes Kapitel
Je mehr die Glut eigener Leidenschaft in Alonzo anwuchs je fester bauete er
sein Glück und seine Hoffnungen auf Blansches Liebe Er überzeugte sich ganz
innig und unbezweifelt dass die gleiche Qual wie sehr sie diese auch zu bergen
wisse an dem armen Herzen nage und sie endlich über jeden Widerstand hinaus in
seine Arme treiben werde Alles kam für ihn darauf an Blansche geheim und
ungestört zu sprechen Er war so gewiss wie von seinem Dasein dass sie der Gewalt
seiner Worte nicht widerstehen werde Er hatte es ihrer Angst den bleichen
bebenden Lippen dem feuchten Glanz der schönen Augen ja angesehen wie all ihr
Leben zum Herzen dringe wie sie dieses nur unter trüben Schmerzen zügle Was
konnte er wollen dass nicht auch ihr geheimer schüchterner Wunsch war sie
sollte das in seinen Armen fühlen ihm unter leisen heimlichen Schauern
bekennen Er rang und spähete nur nach Mittel sie zu sehen In der Messe durfte
er nicht hoffen sie zu finden Frau von Saint Alban und dem Herzog mochte er in
dieser Stimmung nicht begegnen gleichwohl verschmähete sein Stolz wie die Natur
seiner Liebe jeden Schritt den Blansches Würde zu nahe trat Unter wechselnden
Stürmen und Beschwichtigungen der Seele verwarf er jetzt was er zuvor als
wünschenswert und notwendig erkannte und vergeudete Zeit und Kraft in
ungleichen Kämpfen
    Er erfuhr dass Blansche mit ihrer Mutter das Kloster verlassen hatte und
wieder bei dem Herzog wohne Es war ihm ein Trost sie dort zu wissen Er ritt
und fuhr und ging spät und früh an dem dunkeln Eisengatter hin ohne dass es sich
gastlich wie ehemals vor ihm aufschloss Es schien die Familie verharre noch in
der angenommenen klösterlichen Stille Nur des jungen Bocourt Kabriolet sah er
zuweilen unter den Kastanien halten Er ahndete wohl was Frau von Saint Alban
mit dieser auszeichnenden Vertraulichkeit wolle und welche Wünsche Louis hegen
durfte Gleichwohl konnte er dem unbefangenen anspruchlosen Herzen nicht feind
sein das sich unter der stillen Begünstigung natürlicher Verhältnisse
vielleicht zum erstenmale ganz einig fühlte Er empfand sogar ein
schmeichelndes wohltuendes Mitleid mit ihm und spürte selbst einige Neigung
Louis Gutmütigkeit und ablich bewahrter Sinnesweise zu vertrauen Es dünkte ihm
wahrscheinlich durch freie Eröffnung der wahrhaften Lage der Dinge die
Teilnahme des treuen Menschen zu gewinnen er erwartete von der
Uneigennützigkeit des geprüften an nichts verwöhnten Gemütes um so mehr als
er deren bedurfte Selbst nicht aus noch ein wissend in der Verwirrung dunkler
treibender Gefühle wenig auf Gottes Beistand rechnend dachte er dem Geschick
vertrauen zu müssen das ihm vielleicht in Blansches Verwandten einen Freund
zuführte
    Sehr überrascht war er daher als er Louis bei ihrem nächsten
Zusammentreffen etwas feierlich bei weitem weniger schüchtern vielmehr in der
Stellung des Erwartens und Kommenlassens fand Alonzo brannte vor Ungeduld die
fremde angelegte Rinde zu lösen und zu dem Kern des wohlwollenden Innern zu
kommen doch jener blieb behutsam sprach mit seiner gewohnten leisen
Höflichkeit wenig nannte Frau von Saint Alban gar nicht und suchte sich auf
alle Weise los zu machen Haben Sie ihn auch umstrickt dachte Alonzo und
führen sie ihn nun an den künstlich gesponnenen Fäden oder hat er sich selbst
so diplomatisch überfeint Kann denn hier nichts wahrhaft und ungetüncht
bleiben Sie standen noch bei einander als mehrere französische
TruppenDetaschements die früher Paris verlassen mussten jetzt wiederkehrend
an ihnen vorbeizogen Die vergelbten abgeflachten Gestalten gingen unter
brutalem Trotz und dumpfen Gemurr durch die Straßen Der dünne Wirbel matter
Trommeln das Zittern heiserer Trompeten verkündete ihre unerfreuliche Ankunft
Die Menge achtete bei stetem Hin und Hertreiben wenig auf sie Einzelne blieben
stehen es fielen tonlose Worte aus den hohlen Kehlen wie dunkle Flammen aus
qualmender Glut aufprasseln der Name des Kaisers Fluch der Fremden Schmähung
der Regierung schallten rasch und drohend durcheinander Gemütloser
Halbverstand zischelte daneben und blies luftigen Witz in die glimmenden Kohlen
Auf Louis Gesicht lag ein selbstzufriedenes Lächeln Das ist etwas sagte er in
den Kerlen steckt Nationalität da ist Furchtlosigkeit und Leichtsinn der
gewohnt ist mit der Gefahr zu spielen da ist Kern und Mark das macht sich wohl
von selbst Was fragte Alonzo befremdet was soll sich von selbst machen Eine
Verfassung entgegnete jener die nicht da ist Und die auch diese
Übermütigen fiel Alonzo ein wahrhaftig nicht wollen was sollte den
Gesetzlosen die stille Ordnung des Daseins Erwarten Sie doch nichts von dem
gährenden Unrat dem der flüchtige Geist unter unnatürlicher Übertreibung
verflog Glauben Sie mir das geht so in sich selbst und verbrökelt im Wechsel
der Zeit Ich meine nicht sagte Louis etwas empfindlich die Elemente sind
offenbar vorhanden sie verlangen nach Bestimmtheit nach Farbe und Physionomie
Die haben sie schon erwiderte Alonzo rasch und eine so fertige so
ausgesprochene dass sie an Karikatur gränzt nicht ein Tüttelchen darf die Zeit
hinzusetzen so fällt das mürbe Staubwerk zusammen Das Rad der Zeit entgegnete
jener geht um sich selbst herum was da ist soll etwas wo Leben zu spüren
ist dürfen wir an Verjüngung denken Gallien hat sich vielfach verjüngt sagte
Alonzo lächelnd doch waren es Fremdlinge welche die verderbte Frucht zu
brechen und neue Keime des Daseins durch gesunde Vermischung hervorzurufen
wussten An solche Verjüngung will ich glauben Es ist mit der Gesundheit sagte
Louis nur überall nicht weit her die Keime sind im Ganzen faul denn ach du
mein Gott der Rock den die Gegenwart angelegt hat ist mit Lumpen geflickt
das hält nicht über das nächste Bedürfnis hinaus in der Nähe kann man die
Fasern nackt und bloß liegen sehen man zieht dann einen neuen an und es ist
eben so gut Alles bleibt am Ende gebrechliches Stückwerk und die Erfahrung
gibt zuletzt noch die beste Auskunft wie wir wieder nach Hause finden Das ist
überall Eins
    Alonzo war es als würde ihm ein Riegel vor die Brust geschoben Er war ganz
still geworden Das ist also Weisheit dachte er die an alles zweifelt und
höchstens das Alte wiederkommen sieht just so wie es auf einem gewissen Punkt
war Auch dies warme Herz das so liebendes Verlangen in sich trägt ehe gibt
er alles auf als das Eine was ihm einen Leib gab aus dem er nicht heraus kann
Er konnte nicht mit Louis streiten und ihm auch nicht vertrauen Er fühlte sie
verstanden einander nicht Jener hatte sich gewissermaßen behauptet und war nun
wieder mild und einlenkend wie immer Man sah offenbar er war auf Alonzo
aufmerksam gemacht und hatte einen Angriff erwartet Dies alles was fremde
Absichtlichkeit ahnden ließ verschloss Alonzo Herz und Lippen er trennte sich
sehr lau und ging in verdrießlicher Ungewissheit in sich selbst zurück
    Auf seinen müßigen Streifzügen durch Straßen über Plätze und Brücken
geriet er eines Tages an eine kleine Glücksbude Unter leinenem Dach auf
niederm Schemel saß ein alter Invalide die beiden Krücken lagen gekreutzt gegen
seine Knie neben ihm stand Alonzos wohlbekannte Blinde den Becher und die
Glückswürfel in den zitternden Händen Das kleine braune Mädchen hielt einen
schmutzigen verknitterten Bogen in der Hand von dem sie Nummern und Gewinnste
ablas Auf langen roten Bändern hingen in verschlungenen Bogen am Saum des
überhangenden Daches grüne Börsen Ringe und Tuchnadeln Ohrgehänge
Uhrschlüssel und andrer schillernder Tand sorgfältig aneinander gereihet und
sah vornehm auf braune Tabacksdosen messingene Leuchter Balsambüchschen und
dergleichen mehr herab Die blinde Glücksgöttin hatte Alonzo angelockt Er
setzte Geld in ein kleines zinnernes Becken das ihm der Alte herhielt und nahm
die Becher schüttelte die Würfel hin und her und warf mahl auf mahl eine
Niete Er ward ärgerlich auch in dieser Kleinigkeit kein Glück zu haben Der
alte Soldat lächelte über den Eifer des vornehmen Herrn der so erpicht auf
einen kleinen Gewinst schien Endlich fiel ihm ein kleiner goldner Schlüssel zu
mehr als Zierrat als zum Nutzen an einer Uhr zu tragen Die Blinde hatte ihn
geschickt von dem Bande losgeknüpft und hielt ihn Alonzo hin Dieser besann sich
noch einen Augenblick Nehmen Sie immer sagte sie er gehört ihnen Sie
bedürfen seiner nicht setzte der galante Franzose hinzu deshalb hielt ihn das
Schicksal so lange zurück die Herzen schließen sich Ihnen von selbst auf hüten
Sie sich keinen Missbrauch davon zu machen Ein Schlüssel dachte Alonzo diesen
gedankenvoll zwischen den Fingern hin und her drehend welch Geheimnis soll er
mir eröffnen Plötzlich fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Sinn vielleicht das
Rätsel meines ganzen Lebens Er sah die Alte scharf an durch sie hatte er ihn
bekommen sie konnte sie sollte vielleicht mehr für ihn tun von Anfang her
war sie ihm hier prophetisch gewesen Immer hatte er sie vor einem
entscheidenden Augenblick gesehen Er beschied sie zu den andern Morgen nach
seiner Wohnung fest entschlossen ihren Beistand in Anspruch zu nehmen Noch in
selbiger Stunde schrieb er Blansche
    Ein wunderliches Wesen von dem ich nicht weiß wie es in meinen Weg kommt
noch was das Schicksal mit ihr will bringt Dir diese Zeilen liebste Blansche
Ich weiß nichts von Dir als dass du mich liebst daran glaube ich darauf baue
ich Doch kann ich Frankreich nicht verlassen ohne dich zuvor gesprochen zu
haben Du sollst über mich bestimmen Ich verstehe nichts mehr von mir von der
Welt von den Menschen ich lebe und denke in Dir Blansche Kannst Du wollen
dass es anders sei O könntest Du dies zerrissene Innere sehen wüsstest Du was
an eines Menschen Seele zerren und martern kann  Und weißt Du es nicht
Blansche Bist Du so ruhig Ich beschwöre Dich lass Dir von niemand Dinge
einreden die Deinem schönen Herzen fremd sind Denke an Deinen armen Freund
fühle dass Du ihm mit dem holden berauschenden Geständnis Deiner Liebe Rechte
gegeben hast die keine Klugheit keine Rücksicht der Welt aufheben kann die
ich erwäge es wohl nur mit meinem Leben aufgeben kann Einmal nur lass mich
Dich sprechen ruhig ungehindert allein Blansche Kannst Du so verbanne mich
dann auf ewig von Dir Denkst Du es zu können Unmöglich unmöglich Was willst
Du mit einem armen nüchternen Leben ohne Liebe Sieh ich möchte dir alles
opfern Namen Vaterland den Stolz und die Hoffnung kühner feuriger Jugend
alle Gedanken alle Wünsche die mühselige Arbeit angestrengter Jahre darfst Du
zögern Dein zerrissenes entartetes Frankreich hinter Dir zu lassen Hast Du ein
anderes Glück als das meine Sieh ich bin so stolz so kühn und dreist wenn ich
aus der Ferne zu Dir rede und Du beherrschest mich so gewaltig wenn ich Dich
sehe Blansche um Gotteswillen missbrauche Deine Gewalt nicht Ich bitte Dich
versage mir lieber die Gunst Dich zu sehen als Dich streng und ernst wie
neulich zu finden Nein Blansche nein höre das voreilige Wort nicht willige
vor allem andern in meine Bitte lass mich zu Dir reden lass mich dir ein
einzigesmal alles alles sagen was auf diesem Herzen lastet Morgen Abend
schöne Blansche bin ich an dem Gartenpförtchen Engel lass es mich offen
finden und wenn Du wolltest  wenn du Deinem Freunde folgen könntest  ein
Wagen ist bereit meine angebetete Geliebte England gibt dem Gedanken wie dem
Herzen eine Freistatt 
    Die Alte kam des andern Tages Alonzo sprach mit ihr Sie verstand ihn
schnell Leicht meinte sie sei es in des Herzogs Hause Eingang zu finden und
ein Herzchen wie Blansche zu rühren Vor Abend versprach sie Antwort
    Es ward Alonzo ganz leicht Es gab Augenblicke wo er gar nicht an seinem
Glücke zweifelte Er konnte sich die Zukunft mit allem was sie Reizendes hatte
ausmalen das Aengstigende Trübe legte er bei Seite Blansche liebte ihn ja
was hatte er denn noch zu fürchten Gleichwohl liefen die Stunden ab sein Herz
schlug immer gewaltiger Er hatte auf keiner Stelle Ruhe Jetzt brachte man ihm
einen Brief die Blinde rief er und riss das Blatt von einander Es war
Philipps Hand er schrieb ihm
    »Mussten Sie denn mein stilles Innere aufreißen um das Ihrige daran zu
messen und zu beruhigen Warum berührten Sie ein Geheimnis das geahndet noch zu
zart ist um es zu denken Sie haben dem leisen Traume Worte gegeben und die
bescheidene Woge über des Stromes Bett hinausgerissen Dachten Sie rein zu
werden wenn Sie sich Mitschuldige schufen Sie haben fehl geschlossen Der
Maßstab den Sie anlegen passt hier nicht Anders ist es mit der Kunst anders
mit dem Leben Mein schönes Ideal bleibt für alle Ewigkeit rein wenn Sie das
Ihrige im Sturm eigennütziger Leidenschaft tausendfach zerreißen Dem Leben
gehört der unstäte Wunsch der Kunst die stille Anschauung Was fahren Sie so
ungestüm in den verborgenen Schacht in welchem Sie nie zu Hause waren wo Sie
durch ihr dreistes Erscheinen nur hindern ohne selbst belehrt zu werden
Missgönnen Sie mir den demütigen Heiligendienst nicht da Sie so laut den
Göttern dieser Welt dienen
    Ihr Brief ist ein trüber Beleg wie auch ein starkes Herz sich selbst untreu
werden kann Ich verstehe es nicht Sie mit Worten zu bestreiten es ist wohl so
weitläuftig als unnütz Doch wenn Sie mich mit den eignen Waffen zu schlagen
glauben so muss ich mich schon vor Ihnen behaupten und Sie auf den Sinn
aufmerksam machen in welchem diese gebraucht wurden Der Hass ist von dieser
Welt habe ich gesagt Sie gehören in ihr darum hassen Sie aus fester Seele
was nicht zu lieben ist Werfen Sie nicht alles übereinander verwischen Sie die
Gränzen nicht es kommt nichts als Unsicherheit Reue Trotz und Kälte aus dem
wüsten Selbstbetrug heraus Gott allein darf alles lieben wollen für uns gibt
es Leben und Tod Hass und Liebe  Machen Sie sich nicht weiß Ihre Brust sei
weit genug die ganze Welt zu umfassen Wir halten nichts wenn wir nach allem
greifen Und tüchtig gefasst will die Welt sein hören Sie wohl tüchtig nicht
lose und halb Um Gottes Willen übertünchen und verkleiden Sie den gerechten
Zorn nicht der allein Versöhnung schafft Im Übrigen sehen Sie zu wie weit
Sie das schmeichelnde Gelispel bestochener Sinne locken wird Don Alonzo Don
Alonzo darf auch ein dritter zwischen ihnen und der Ehre den Dolmetscher
machen Stolzer Kastilier konnte es dahin kommen und duldet die freie Brust
das kranke Herz«
 
                              Neunzehntes Kapitel
Der Abend dunkelte durch die Fenster Blitze zuckten in der Luft der Regen
schlug rasselnd gegen die Fenster Alonzo hielt Philipps Brief in der Hand und
sah starr in das Unwetter hinein Da klopfte es leise Das braune Kind führte
die blinde Mutter über die Türschwelle Haar und Kleider trieften die Alte
schauerte fröstelnd zusammen Mühsam wickelte sie aus einem alten Stück Leinen
einen kleinen Zettel den sie Alonzo mit zitternden Händen hinhielt Er griff
hastig danach seine Blicke verschlangen die kleinen mit Bleistift
geschriebenen Zeilen er las folgendes »Das Gartenpförtchen wird sich gegen 11
Uhr Abends öffnen ich werde Sie sprechen  Blansche« 
    Gold fiel in der Blinden Schoos Alonzo drückte ihr taumelnd die welken
Hände Himmel und Erde war sein er hätte alle Herzen beglücken alle Tränen
trocknen mögen Sie ließ das Geld prüfend zwischen den Fingern hin und her
fallen dann wog sie das Sümmchen bedächtig indem sie sagte man sollte denken
mir wäre der Schlüssel zu verborgenen Goldkammern zugekommen aber das
bedeuteten mir die funkelnden Sterne Meine arme Augen fuhr sie fort haben Sie
niemals gesehen doch müssen Sie es sein ich erkannte Sie an der Stimme Sie
sind mir im Traume erschienen Alonzo ward es unheimlich als sie jetzt Zug für
Zug seine Gestalt beschrieb und dann fortfuhr ich musste Sie just über dieselbe
Brücke führen wo wir neulich zusammentrafen Die Brücke war sehr lang über uns
hing eine dunkle Wolke sie sah aus wie ein langer fliegender Mantel Sie gingen
ganz stolz vor mir her und es kam mir zuletzt vor als stünden Sie in der Wolke
und stießen mit dem Kopf gegen den Himmel Ich hatte ängstlich in die Höhe
gesehen da stolperte ich und es war mir als schlüge mich jemand in den Rücken
so dass mir der Kopf auf die Brust sank und ich niedersah ich erschrak aber
sehr als mir zwei rote Blutstropfen über die Stirn rannen und auf die Erde
niederfielen Ich lasse Dir mein Herzblut zurück sagten Sie und als ich
aufblickte waren Sie und die Wolke fort aber im Osten funkelten viele viele
tausend Sterne und ein weisslicher Streif zog durch die rote Glut Meiner Liebe
Himmel rief Alonzo ganz entzückt du hast auch mir den Weg dahin gebahnt gute
Alte dein stiller Abend soll nun ferner auch hell und ungetrübt bleiben Er
drückte noch mehr Geld in ihre Hand und geleitete sie freudig an die Tür
    Das Wetter tobte indes ungestüm fort Alonzo zitterte dass Blansche
vielleicht gehindert werden könnte Wort zu halten Doch wickelte er sich in
seinen Mantel und ging ungeduldig durch Regen und Sturm dem ersehnten Augenblick
entgegen Er kam an der kleinen Tür an Es war noch meist um eine Stunde zu
früh alles war dunkel das Schloss verriegelt unter ungeduldigen Herzschlägen
die Hand an den Degen gelegt ging er auf und nieder als halte er Wache hier
Die schwanken Baumstämme jenseit der Mauer wanden sich ängstlich unter heulenden
Windstössen das Laub schüttelte sich rauschend es rang und arbeitete peinlich
in der Natur Alonzo setzte sich ermüdet auf einen Stein an der Tür Die Knie
übereinandergeschlagen seine Waffen im Arm saß er den Kopf auf die Brust
gesenkt tiefsinnig da und ließ es nun über sich toben und flüstern und
wimmern er hörte auf nichts als Blansches leisen Schritt den er alle
Augenblicke über den knirrenden Kies zu vernehmen glaubte Die Zeit verging
langsam allerlei lief ihm durch den Sinn er hatte die Augen geschlossen und
sah in wachsender Fieberglut Bild auf Bild vor sich aufsteigen Die Blinde der
alte Stelzfuss dann ein hoher greiser Herr in seiner Landestracht sah ihn
streng und scheltend an Alonzo kannte ihn wohl aus alter Bildersammlung es war
sein Ahnherr den er frühe ehren gelernt Die hohe Gestalt schien ihm so
ängstlich nahe dass er aufsprang und einen Schritt zurücktrat Alonzo rief eine
leise Stimme die Türe ging auf Blansche trat heraus hinter ihr ein Mann
dessen Gesicht im Mantelkragen verdeckt lag Bei seinem Anblick alles auch
Blansche vergessend zog Alonzo das Schwert aus der Scheide und der dritte
ist hier überflüssig rufend drang er auf den vermummten Begleiter ein Sehen
Sie um sich sagte Blansche mit gebietender Stimme dieser Boden hat schon
einmal teures Blut getrunken zügeln Sie die Unglück bringende Hand Alonzo
ließ Arm und Degen sinken und mit einem Schauer als stehe Turgis Schatten mit
aufgehobenem Finger vor ihm fragte er leise was wollen Sie mit mir Blansche
machen Sie es kurz ich bin gefasst Die Erinnerung mein armer Freund
entgegnete sie sanft die Sie jetzt so lähmend trifft sagt Ihnen was für diese
Welt zwischen uns steht Es ist nicht des Bruders junger früh geopferter Leib
es ist die Unvereinbarkeit ewig geschiedener Elemente Alonzo es ist ein Wahn
das Leben auf ungleichem Boden gestalten zu wollen Niemand kann aus sich
heraus Sie können uns das nie verzeihen der Hass bahnt sich tausend Wege
beflecken Sie die Liebe nicht so sehr sie in solchen Kampf herabzuziehen Ein
andrer Erdenfleck ward Ihnen angewiesen ein andrer mir was die Gränzen
überstrahlt ist ein himmlisches Licht es scheint eine kleine Weile dann zieht
es sich betrübt zurück es weilt nicht auf dieser Erde Sie gehören hier nicht
her ich habe das immer beklemmend gefühlt die Angst hat mich in Ihrer Nähe nie
verlassen darum mein Freund  sie drückte leise seine Hand ihr Blick lag
ungewiss und bang am Boden Alonzo fühlte ihre Finger auf den seinigen ruhend
ohne aus seiner starren düstern Hingebung zu erwachen Wir trennen uns
flüsterte Blansche kaum hörbar dies Leben gehört der Pflicht ich habe es mir
gelobt vor diesem Zeugen wiederhole ich es Ihnen und mir Philipp schlug den
Mantel zurück und fasste bebend ihre dargereichte Hand Alonzo sah ihn
verwundert an Jetzt bog ein Reisewagen um die Ecke Alonzo erkannte Gepäck und
Leute es war sein eigener ha ich verstehe rief er heftig zitternd Blansche
stand abgewandt ihre Brust arbeitete unter leisem Schluchzen Nach Osten sagte
Philipp die Hand nach dem klaren Himmel hebend der von dort aus die tief
blauen Gewitterschauer langsam aufrollte Nach Osten wiederholte Alonzo
langsam Er sank an Philipps Brust Tränen erstickten seine Stimme Darauf den
Kopf mutig in die Höhe gehoben sagte er mit kräftigem Blick und Händedruck
junger Preuße ihr tapfres Volk war der Wegweiser für Europa ich folge Ihnen
treuer Bundesgenosse  Nach Rom dann sagte Philipp Alonzo schüttelte ihm
bejahend die Hand Da warf sich Blansche an sein krankes Herz der Scheidekuss
rief sie sei Ihre Weihe  Er drückte sie heftig an sich  Blansche Blansche
stammelte er unter unsäglichem Schmerz  sie wand sich sanft los und verschwand
hinter der zufallenden Tür
    Stumm standen beide Freunde einander gegenüber Ein stiller Heilgendienst
war es nicht so fragte Alonzo nach einer kleinen Weile Philipp winkte
bejahend Es mag fuhr jener fort leicht der einzige Weg zum Glücke sein was
wir im Leben anfassen es ist tot und welk  Philipp führte ihn schweigend zum
Wagen Als sie nun einstiegen und der Postillion in sein Horn stieß und die
Räder sich fortbewegten da brach Alonzos letzte Kraft zusammen Er warf sich in
die Ecke des Wagens und weinte ohne alle Kraft dem Schmerz zu widerstehn
Philipp hatte seine Hand gefasst er wagte kein Wort in den augenblicklichen
schweren Kampf hineinzureden Der Wagen rasselte über das Steinpflaster sie
fuhren über die Brücke wo der Alten kleine Bude stand Alonzo bog sich weit zum
Schlage hinaus das Wetter war still und klar tausend Sterne funkelten über
seinem Kopf im Osten dämmette schon die rote Morgenglut jetzt waren sie an
der Barriere Alonzo riss plötzlich seine Hand aus Philipps los warum folge ich
Ihnen dann rief er mit wildem Blick was wollt Ihr Alle von mir wer hat über
mich zu gebieten Blansche entgegnete Philipp Sie wissens ja  o Gott o
Gott rief Alonzo beide Hände vor die Augen drückend sie  freilich sie will
es Was hub Philipp nach kurzer Pause an was hoffen Sie denn auch nach dem
letzten höchsten Moment ihres ganzen Lebens noch Großes zu gewinnen Blansche
lag an Ihrer Brust sie gehörte Ihnen  was noch kommen konnte was ists
dagegen Im Genuss spürt der Mensch die Armut des Daseins Wie voll und lebendig
der Gedanke wie reich die Phantasie Das Errungene Erlebte wie trübe und
gemischt wie kahl und nüchtern glauben Sies doch nur in der schaffenden
Kraft des Gedankens ist Leben
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Wochen waren verflossen Alonzo schrieb seiner Mutter aus Rom
    »Von den Stufen der versöhnten verzeihenden Kirche wende ich mich zu Ihnen
meine hohe strenge Mutter Wenn die Liebe mich das Leben vergessen ließ so
wusste sie auch Wege zu finden mich mit seinen Anfoderungen auszugleichen Worte
sagen nicht was ich hier erfuhr Der Mensch wähne nicht große Offenbarungen
kommen ihm durch sich selbst Auge und Sinne müssen empfangen ehe die Seele
erzeugt In den Schauren geheimnisvoller Stille sah Jesu Auge aus menschlicher
Bildung auf mich nieder und ich empfand die Prüfung wie die Weihe des Lebens
Wem die Glorie göttlicher Sendung nie geleuchtet wer vor dem herandringenden
Geheimnis niemals erbebte wer das tiefsinnige Rätsel in des Menschen in des
Geweiheten Nähe nicht empfand den durchzuckte nie höhere Ahndung dem ist das
Innere tot
    Ich bin gestärkt zu neuem Dasein gerüstet Mein Vaterland ruft mich vieles
verwirrt sich dort aufs neue vieles muss sich lösen Sie sehen mich in Kurzem
wieder Was aus der Vergangenheit mir blieb möge Sie nicht stören es ist die
still begleitende Wehmut die niemand der die Welt erkennt verlässt Sie sind
gerecht deshalb bin ich Ihrer wie meiner selbst gewiss« 
    Während Philipp nun immer stiller und innerlicher seiner Kunst lebte und
durch frische Heiterkeit einen hellen Glanz in Alonzo zurückwarf bereitete
dieser auf solche Weise seine Rükkehr nach Spanien vor Er hatte sich schon von
seinem treuen Gefährten getrennt als er recht wie ein Abschiedsgruss des
kurzen schwindenden Traumes einen Brief von Frau von Saint Alban erhielt sie
schrieb ihm
    »Wüssten Sie wie schwer es mir geworden ist was es mich gekostet hat wie
lieb ich Sie habe doch alles war dagegen ich sah es wohl nachher wie sehr
ich mich auch anfangs selbst betrog Ich habe geweint geschluchzt mit mir mit
dem Herzoge gescholten ich wollte Blansche den letzten Abend der mir so viel
Tränen gekostet hat zurückrufen Sie im Triumph in unser Haus einholen ich
wäre Ihnen um den Hals gefallen  aber was wäre es gewesen Sie hätten mich
nicht verstanden so vieles in uns ist Ihnen ganz fremd das ist es eben das
hat mich in den Tod beleidigt das vergisst sich nicht Lieber guter junger
Freund der Mensch stelle sich wie er wolle er ist unter Bedingungen da von
denen hängt er ab die lassen ihn nicht Sie nun ganz und gar gehörten nicht zu
uns 
    Blansche ist so vernünftig so still und freundlich das liebe Kind gestern
fragte der Herzog seine Nichte ob sie sich der Worte not erinnere die sie ihm
bei ihrem ersten Wiedersehen gesagt habe es gibt Verhältnisse die das Gefühl
bezwingen und uns harte Pflichten auflegen Blansche küsste seine Hand und
erwiderte lächelnd ich habe noch nicht aufgehört so zu denken Mein armer
Alonzo tut Ihnen das wehe  Ich berge es Ihnen nicht lieber Freund ich habe
viel an Louis und eine Verbindung mit meiner Tochter gedacht Bocourt ist so
bescheiden er versteht das sanfte Kind so gut aber es wird nichts draus
Blansche liebt ihn wie einen Bruder doch ich glaube sie stürbe lieber als
diesen Schritt zu tun Sie fragte mich gestern wo nähme ich denn ein Gemüt zu
solchem Betruge her  Ich schwieg lieber Alonzo ich errötete vor mir selbst
Pflicht und Gesetz halten die stillen Seelen stets in schicklichem
Gleichgewicht ich beneide sie darum
    Ich fürchte Blansche hat weit anderes im Sinn Sie geht fast täglich nach
dem Kloster St Genevieve Klage ich darüber so sieht sie mich so bittend an
dass es mir das Herz bricht Gestern fand ich sie vor dem Bilde der schönen La
Vallière Armand musste es ihr herunterheben sie wischte und säuberte daran und
betrachtete es mit leidenschaftlicher Teilnahme Blansche rief ich Tränen
stürzten mir aus den Augen sie flog an meine Brust ich zog sie sanft an mich
mein Kind fragte ich leise denkst du daran mir Schmerz zu machen sie weinte
was recht ist sagte sie darauf wird Sie nicht betrüben Ich weiß es Alonzo
ich werde Himmel und Erde in Bewegung setzen zu hintertreiben was ich fürchte
was ich nicht nennen mag und werde es doch nicht hindern Es geschieht gewiss
meine Angst sagt mirs
    Ich suche Sie heut lieber Alonzo um Ihnen zu sagen wovon mir das Herz
voll ist Es ist wohl das letzte mal Es ist recht betrübt dass es so ist ach
so vieles ist betrübt im Leben Es wird alles alles anders als man denkt Haben
Sie mir denn vergeben Alonzo  tun Sie es lieber junger Freund glauben Sie
nur ich bin auch nicht glücklich es wird so kraus und bunt um mich her
vielleicht lerne ich mich noch finden So sagen wir uns nun Lebewohl aus weiter
Ferne Alonzo ich höre nicht auf ein Kind zu sein ich weine über das was ich
selbst gewollt«
    Fromme Blansche rief Alonzo reife nur in deiner Einsamkeit zur Heiligen
herauf Was willst du auch unter den ungleichen engen Gemütern in der
frostigen abgeblassten Welt die sich den eignen Boden untergräbt und den Tag
der Rache gewaltsam heranruft Der Tag wird kommen tausend Stimmen verlangen
tausend Herzen dursten danach denn noch ist nichts abgebüsst und keine Schuld
getilgt Ihr Weltklugen mischt nur die Karten und berechnet das Spiel das
Schicksal spielt auch mit und ist ein unzuberechnender Gegner  Sanfte
Blansche bete du und rüste deine Schützlinge lass die Kunst unter Philipps
geweiheter Hand groß gewaltig aufblühen gönne deinem Freunde mit glühenden
Waffen seinen Namen in das Buch der Geschichte zu schreiben und gelte es auch
deinem Frankreich und müsste der versteinte Hochmut noch einmal vor dem Spanier
und dem Freiwilligen erzittern
    Er warf sich mit diesen Worten in den Wagen und eilte Kraft und Mut in den
Unruhen des Vaterlandes in neuem glimmenden Krieg zu messen