1812_Fischer_Margarethe.html




        
                            Karoline Auguste Fischer
                                   Margarete
                                   Ein Roman
                                        
                            Von der Verfasserin von
                              Gustavs Verirrungen
                          Stephani an seine Verwandten
Scheltet nur es ist nichts angefangen noch weniger vollendet Eure
Empfehlungsschreiben sind nicht abgegeben und eure Aufträge nicht besorgt Der
Alte  werdet ihr rufen O nein nicht ganz der Alte Seit acht Tagen die ich
hier bin noch kein Schauspiel besucht alle Kunstschätze unbesehen alle
mondhellen Nächte durchschlafen
    Ihr werdet das Alles begreifen wenn ich euch sage dass Bernhard plötzlich
in Dienstesangelegenheiten verreist war von meiner Ankunft nichts wusste und nun
gerade am Abende vor seinem Geburtstage zurückkehren wollte Da nahmen mich dann
sogleich die Kinder in Beschlag und forderten Altäre verschlungene Namen und
Illuminationen Das herrliche Weib die Mutter schämte sich beinahe ihres
Ungestümms doch ging ihr der Tadel auch nicht von Herzen und so machten die
kleinen Quälgeister mit mir was sie wollten
    Bernhards Überraschung war unbeschreiblich Er vergaß im ersten Augenblicke
Weib und Kind O die glückseligen Menschen Ich sage euch mein sehnsüchtiger
Geist ist befriedigt oder wenn ihr wollt eingewiegt seitdem ich das Alles so
dicht um mich her sehe
    Die Kinder nennen mich den großen Bruder und Abends mag ich mich flüchten
wohin ich will sie wissen mich aufzufinden und an das Rasenplätzchen zu
bringen wo des Erzählens kein Ende wird es sei denn dass uns die Mutter zum
Abendessen herein treibt
    Gelingt es ihnen aber nicht mich von der Gegend zu entfernen komme ich
früher als sie so bin ich unbeweglich und sie müssen mich allein lassen Auch
des Morgens dürfen sie mich nicht stören So hoffe ich doch noch etwas zu Stande
zu bringen und seid nur ruhig eure Aufträge sollen auch besorgt werden
Es ist eine liebliche Gegend und schon vom südlichen Hauche belebt Landschaft
möchte ich aber doch nicht hier studieren denn wie gesagt es bleibt Alles beim
Lieblichen und Szenen wie bei uns fehlen ganz und gar Um so treuer widme ich
mich dem historischen Fache für welches ich wie ihr wisst unschätzbare
Kleinode hier finde
    Ob das nun der Zweck meines Lebens werden soll  Ich bitte euch lasst mich
lasst mich doch Ich gebe euch nichts zu bereuen darauf könnt ihr bauen
    Wenn nun der Anblick himmlischer Schönheit mich erquickt wenn mein
umdüsterter Geist heller mein hochpochendes Herz ruhiger wird handle ich dann
wider euch wider mich Denkt an eure Angst ich würde mich der Bühne widmen 
war sie gegründet Vertraut nur der Mutter wenn ihr mir wieder nicht glaubt
Sie wusste immer früher als ich selbst was ich wollte
Ich bin im Schauspiele gewesen und es hat mich wunderbarer als jemals
angezogen Besonders tief hat mich das Ballet erschüttert Sie haben Tänzer
eine Tänzerin bei dem allwissenden Gott das ist ein Geschöpf sonder Gleichen
Tränen des Entzückens füllen mein Auge wenn ich daran zurückdenke
    Ich weiß nicht warum man bei uns so viel Komisches in das Ballet verflicht
Hier ist Ernst hoher heiliger Ernst Ich kann ich mag euch noch nicht sagen
welche Ahnungen das Alles in mir erweckt hat Ich wollte ihr kämet und sähet
selbst
Seht ich prüfe vergleiche finde nichts ihr Gleiches Ähnliches nicht einmal
unter den Werken der Kunst Das ist Alles tot neben ihr
    Nur in dieser Lebendigkeit sagen ihre Feinde liege der ganze Reiz ihrer
unvergleichlichen Schönheit Die Toren bilden sich ein das sei Tadel O dass
sie den Blicken dieser Menschen Preis gegeben ist die ihren Wert kaum ahnen
Ob sie das weiß Ob sie weiß wie sie verkannt wird Sonderbar genug hat mich
bis jetzt eine gewisse Scheu abgehalten Aber soll sie das ferner Sie ist nicht
männlich diese Scheu  und was fürcht ich  Wahrlich es fehlt mir die Antwort
Wohin ich sehe wohin ich gehe da schwebt sie Diese Scheu war Ahnung Ahnung
dass sie mein ganzes Wesen umfangen würde Ich denke nichts mehr als sie
    Bernhard scheint mich zurückhalten zu wollen Wovon Von Anbetung der
höchsten seelenvollsten Schönheit die ich je sah Und ihr Auge ruht mit
Wohlgefallen auf mir Sie ahnt dass ich sie kenne verstehen wir keiner den
Andern Doch hat sie noch kein Wort von mir gehört Wie könnt ich auch
sprechen wenn diese Rosenlippen sich öffnen O nur diesen Mund möcht ich euch
zeichnen
    Ein erbärmlicher Mensch ein Graf bat mich letzt um ihr Bild aber ich
schlugs ab und gab vor Porträt sei nicht mein Fach Doch stellt er sich als
gäbe er die Hoffnung nicht auf und meinte wenn sie mir nur sitzen wolle würde
ich mich schon erbitten lassen Erbitten
Morgen Morgen Aber dass dieser Mensch mich bei ihr einführt soll ich es
dulden Nein wie sie es auch nimmt ich gehe früher
    Matilde erblasste da sie es hörte und Bernhard ward rot wie vor Zorn
Bald hätte mich das erbittert doch Mathildens Blick machte dass ich mich
schnell wieder fasste Die Kinder drängten sich dicht um mich her als geschähe
ein Unglück und Bernhard verließ plötzlich das Zimmer
    Die guten besorglichen Menschen nehmen das Alles ganz anders befürchten
eine gemeine Verbindung von mir von ihr  Mathilden spräch ich beruhigte
ich gern aber Bernhard ist bei ihr
Ich war bei ihr Ein ganzes Zimmer voll Rosen duftete mir entgegen Stühle
Tische der Fußboden Alles mit Rosen bedeckt Sie selbst schwebte aus einem
andern Rosenzimmer herein gestand mir diese Rosenleidenschaft die sich jeden
Frühling erneuere und ihr den Winter ertragen helfe »Übrigens« fügte sie
hinzu »scheinen mir die Männer am liebenswürdigsten welche die wenigsten Rosen
zertreten«
    Auf diese Worte setzte ich mich schnell ihr zur Seite Sie war wunderbar
schön fühlte es lächelte und wurde noch schöner Ich starrte sie eine Weile
sprachlos an aber da ihr Auge fragend auf mir ruhte fasste ich mich endlich
und wagte meine Bitte
    »Ach ja«  antwortete sie  »der Graf hat mir schon lange davon gesagt
aber ich habe immer gezweifelt dass irgend Jemand die nötige Geduld mit mir
haben würde denn lange auf einer Stelle zu bleiben ist mir unmöglich«
    Ich versicherte ihr dies sei gar nicht nötig und ich hoffe um so mehr für
meine Arbeit je weniger Zwang sie sich antun werde
    »O wenn das ist«  rief sie mit einer unaussprechlich reizenden Bewegung 
»so können wir anfangen wann Sie wollen«
    Wir sprachen nun noch einiges über den Anzug und sie gestand mir dass sie
sich für die Bühne in ganze Stücke Zeug kleide welche ohne Hilfe des
Schneiders sich nach ihrer Laune fügen müssten dann reichte sie mir noch ein
Paar Rosen und verschwand in das andere Rosenzimmer
    Den Abend sah ich sie noch als Psyche und so will ich sie bitten sich malen
zu lassen
Bernhard war nicht bei Tisch und doch nicht verreist Mathildens Augen waren
rot die Kinder fragten nach dem Vater der Aelteste wollte ihn holen und sie
verbot es Länger nun zu schweigen war mir unmöglich Matilde  sagt ich 
warum sind wir getrennt 
    Warum O Gott Bernhard sagt ich sei Schuld
    Sie
    Ja ich hätte Sie früher warnen sollen
    Was fürchten Sie
    Ach Gott dass die ganze Ruhe Ihres Lebens verloren gehe
    Wenn ich das bewundere was Jeder der ein fühlendes Herz hat bewundert
    Bewunderten Sie es so was hätt es dann für Not Sie lieben lieben und
wen 
    Matilde wen  rief ich außer mir
    Sie verbarg das Gesicht in den Händen und eilte weinend davon
Ich war heftig erschüttert und schloss die ganze Nacht kein Auge Mein Gott wie
werde ich diese besorglichen Menschen zurückbringen Unbegreiflich ist es mir
wie sie bei ihrer Bildung sich von so ganz rohen Urteilen hinreißen lassen
Sie die mich liebten die noch vor Kurzem da sie mich in euerer Mitte sahen
Schätze für etwas das meinen gedrückten Geist hätte erheben können geboten
haben würden sie verbittern jetzt meine Freude
    Heute wollte sie mir sitzen glücklicher Weise wurde sie abgehalten Wer
wüsste was sonst aus mir aus dem Bilde geworden wäre
Ich sah sie gestern auf der Bühne O du Inbegriff von tausendfältigem Leben
von Seligkeit bist du es die sie lästern  Morgen Morgen Wird meine Hand
nicht zittern
Mag Alles wahr sein was ihr vermutet und fürchtet mich kümmert das nicht
mehr Diese göttlichste Form die mein Auge je sah war bestimmt einen
göttlichen Geist zu umschließen Kann dieser Geist nun irren geirrt haben war
es möglich dass er sich selbst verkannte eben weil andere ihn verkannten  Das
nun ist gerade eure Sache zu beweisen Und wie gesagt mich kümmert das nicht
mehr
    Kommt und seht Meint ihr ihr hättet schon gesehen  Ich sage euch ihr
irrt Und stört mich nur nicht in meiner Seligkeit Was hattet ihr Was botet
ihr mich zu retten da ich trostlos meine Bücher anstarrte sie die mein Herz
mit immer giftigern Zweifeln erfüllten Ihr betrachtet mich wie einen Kranken
träumt von Gefahr und von Tod Seid ruhig Jetzt gerade jetzt fühle ich die
ganze Kraft die volle Lebendigkeit meines Geistes Naht mir der Tod den ihr
fürchtet ich erkenne ihn rette mich bin genesen schneller als ihr glaubt
Nicht als Psyche als Hebe will ich sie malen Sie ist die ewige Jugend In
dieses Auge voll Leben und Seligkeit darf nichts Schmachtendes kommen Ich
vertraute das einem lieben herzlichen Jungen der mich versteht und wie ich
der Kunst leidenschaftlich ergeben ist Er wandte mir ein ihr Körper sei wenn
gleich entfernt von üppiger Fülle dennoch zu vollendet und es fehle ihrem
Gesichte Hebens characteristischer Zug Fehlen Haben kann sie etwas was Hebe
nicht hat fehlen kann ihr nichts
    Wir stritten lange darüber Endlich meinte er wenn das Gemälde fertig sei
werden wir sehen
    Die Menschen haben alle etwas gegen sie können es nicht leiden dass ich so
mit ganzer Seele an ihr hänge Am Ende ist es der bloße Neid  freilich bei
diesem herrlichen Jungen wohl nicht  denn ihr Auge ruht mit Wohlgefallen auf
mir
Es quält mich dass irgend etwas Wahres an seiner Bemerkung sein möchte  Aber
bin ich nicht ein Tor Warum will ich sie so oder so warum nicht ganz als sie
selbst malen  Die Tänzerin  da liegt es die Menschen haben mich schon mit
ihren kleinlichen Vorurteilen angesteckt Glücklicherweise ist von dem Allen
noch nichts laut geworden und ich behalte freies Feld
Die Zeichnung ist fertig und das Bild untermalt Sie sie selbst ist es Nicht
ruhend nicht stehend schwebend wie ich sie immer sehe auch dann wenn ich
fern von ihr bin
    Die armen Menschen sie erzählen mir allerhand fragen mich um dieses und
jenes und geben nachher nicht undeutlich zu verstehen dass ich wohl so gewissen
Abwesenheiten unterworfen sein müsse  Ganz recht ich bin abwesend O Gott
möchte ich es ewig so sein Eine Fülle von Seligkeit durchströmt mein ganzes
Wesen Ich schließe Matilde Bernhard dessen Zorn mich schon lange nicht mehr
beleidigt in die Arme und sie fühlen es wiewohl sonderbar genug trauernd
dass ich selig bin
    Wunderbar verstehen mich die Kinder Sie wissen dass ich Alles tue was sie
wollen dass sie dafür aber auch schweigen und mein Rasenplätzchen heilig halten
müssen Sie nahen sich mir immer nur mit bedeutendem Lächeln in das sich bei
den älteren eben so sonderbar wie bei Bernhard und Mathilden etwas
Wehmütiges mischt
Alle Künste sind verschwistert deuten alle die Sehnsucht nach der
verschleierten Mutter lindern trösten geben Antwort auf tausend weinende
Fragen aber keine erheitert so schnell als Malerei Seht ich habe sie nicht
male nur ihr Gewand und mein Geist schwebt in Sonnenschein
    Wunderbare Gewalt der Farben noch wunderbarere Gewalt der
göttlichmenschlichen der menschlichgöttlichen Form O es ist mein
gelungenstes Bild das sagen Alle Aber idealisirt  setzen sie hinzu Und ich
sage nein Sie selbst nichts als sie selbst ist es aber in ihrem glücklichsten
Momente So sehen sie sie nicht so können sie sie nicht sehen denn dazu gehört
nicht allein das Auge des Künstlers sondern das Auge der Liebe das
allenthalben das Wahrste das heißt das Schönste entdeckt
    Nun quälen sie mich um Kopien Jetzt da sie festgehalten ist auf der
Leinwand ahnen sie doch ihren Wert Die sind mir nun gerade die
Unerträglichsten die das leugnen Alles auf die Kunst schieben und sich in ein
ewiges Geschwätz über Bescheidenheit und dergleichen vertiefen wollen Ich weiß
am besten was an dieser Bescheidenheit ist War ich begeistert durch dieses
göttliche Auge bin ich es geworden Morgen bringe ich ihr das Bild
Eben war sie aufgestanden und saß im Garten unter blühenden Gesträuchen O sie
war schöner als das Bild Ich kniete nieder und überreicht es ihr Sie sprach
von Lohn Das schmerzte tief Aber die Nachtigall schlug Sie beugte sich nieder
und ihr Rosenmund berührte meine Stirne Ich bin belohnt
Gestern da ich zu ihr ging begegnete mir der Graf Er kehrte plötzlich um und
klagte in ihrer Gegenwart sie habe ihm das Bild nicht ohne meine Zustimmung
lassen wollen und es sei doch für ihn gemalt Da sei Gott vor  rief ich
erzürnt  Wie so  sagt er verwundert  ich verstehe mich zu jedem Preis
Kann sein  erwidert ich gefasster und mit scheinbarer Kälte  das Bild ist
für mich und für Niemand anders Doch haben sie es mir zugesagt  fiel er ein
Da rief ich plötzlich wieder außer aller Fassung ist erlogen Wie  sagte er
mit einem widerlich affectirten Zorn  Sie unterstehen sich Das verdient eine
Züchtigung Die Ihnen werden soll  entgegnete ich schnell und so verließen
wir beide das Zimmer
    Wir schlugen uns Ich bekam eine leichte Schmarre über die linke Wange und
er einen ernstafteren Hieb als ich wollte über den einen Arm Seitdem ist er
artiger und bettelt nur um die Kopie Ich sage weder nein noch ja glaube aber
nicht dass ich sie mache Warum  Es widersteht mir weiter kann ich nichts
sagen
Der Fürst hatte von dem Bilde gehört und ließ mich rufen Welch ein
liebenswürdiger Mensch welch ein wahrhafter Adel in allen Bewegungen welch ein
schönes tiefes Zartgefühl für die Kunst
    Er fragte mich wem das Bild eigentlich gehöre ich gestand ihm dass es
Anfangs für mich bestimmt gewesen dass Rosamunde aber von Lohn gesprochen mich
wirklich belohnt und es sich demnach zum Eigentum erkauft ich aber bis jetzt
gezittert habe es ihr ganz zu überlassen aus Furcht es möge in unrechte Hände
kommen es wieder mitgenommen und seitdem allerhand Kleinigkeiten daran
verbessert habe
    Er fasste mit sonderbarer Heftigkeit meine Hand und fragte welche Summe ich
bekommen habe Ich sah beschämt vor mir nieder und konnte die Worte nicht
finden Er aber drang immer heftiger in mich und ich gestand die Wahrheit
    »O du lieblicher Schwärmer«  rief er  »kann man dich so gewinnen dann
bist du mehr mein als irgend eines Anderen Ich habe Küsse zu verkaufen die du
mir mit noch köstlicheren Gemälden einhandeln sollst Das heißt viel gesagt
wenn man dieses sieht  denn du musst nur wissen dass ich es und zwar in deiner
eigenen Wohnung gesehen habe  doch soll es nicht zu viel gesagt sein Hier seh
ich sie all«  rief er begeistert indem er die Hand auf meine Stirne legte 
»die schönen Gebilde sie sollen mir hervor und ich will der Zauberer sein der
sie ruft«
    Seitdem muss ich täglich zu ihm kommen und wie ihr seht wäre es nun wohl
Torheit eine andere Laufbahn zu wählen
Auch der Fürst ist gegen sie Das schmerzt tief Wer ist der Blinde ich oder
sie Alle 
    Gestern saß ich zu ihren Füßen sie streichelte meine Wange und mein Auge
blickte tränenvoll zu ihr auf Warum weinest du  fragte sie
    Ach  sagte ich  sie wissen nicht wer du bist lästern verkennen dich
ganz 
    Was glaubst du  fragte sie weiter mit ihrem Zauberlächeln
    O  rief ich  ich fühle Schmerz Könnt ich dich retten vor ihren Blicken

    Sie schwieg
    Gibt es kein Mittel  rief ich angstvoll und lauter  O sag gibt es
kein Mittel 
    Fasse dich  sprach sie  und sag was du meinst
    Was ich meine  rief ich unwillig aufspringend  Fühlst du nicht was ich
meine 
    Der verhasste Mensch der Graf trat herein und ich ging
Meine hohe Freude hat sich in Schmerz verwandelt Ich kann sie nicht mehr auf
der Bühne sehen O wer versteht mich wem soll ich es klagen
    Schade dass sie nicht Schauspielerin ist  rief letzt ein unerträglicher
Mensch Gott sei gelobt dass sie nicht Schauspielerin ist  rief ich mit
glühenden Wangen Der dumme hässliche Mensch schien auf eine spitzige Antwort zu
sinnen Aber der Fürst schob mich in sein Kabinet und sagte fangen Sie mir nur
nicht von dergleichen mit meinem Tollkopf an da hat er seine eigenen Grillen
    Ach er glaubt mich zu schonen und ein einziger spöttischer Blick von ihm
ist mehr als Alles was sie schwatzen
 
                            Gretchen an ihre Mutter
Herzliebste Mutter ich bin recht glücklich und wohl angekommen und von all dem
Unglücke wovor uns so bange war ist mir gar nichts begegnet Der Herr Vetter
sagt das komme daher weil ich fleißig gebetet und gar keine bösen Gedanken
gehabt habe das könne einem gleich jedermann ansehen und nehme sich in Acht
einen zu beleidigen
    Nun herzliebste Mutter so braucht sie sich denn gar nicht mehr zu
fürchten dass mir ein Leides geschehe
    Was das aber für eine schöne Stadt ist und wie viel prächtige Sachen man da
zu sehen bekommt das kann sie sich gar nicht vorstellen Die Frauen sind fast
alle sehr freundlich und haben fast alle recht gute Augen die Männer aber haben
fast alle sehr hässliche Augen und gefallen mir nicht Sie sieht wohl dass ich
ihre Lehre noch nicht vergessen habe ich solle den Leuten nur gleich nach den
Augen sehen
    Einen jungen Herrn habe ich aber gesehen der kommt mir gerade wie ein Engel
vor und ich weiß gewiss herzliebste Mutter dass er ihr eben so vorkommen würde
Er wohnt bei dem Herrn Präsidenten und malt so schöne Bilder dass einem die
Tränen in die Augen kommen wenn man sie ansieht und dass man des Nachts davon
träumt
    Der Herr Vetter konnte uns nicht genug davon erzählen als er die vielen
Bilderrahmen hingebracht hatte und sagte auch die Frau Präsidentin wolle dem
jungen Herrn gar zu gern ein Dutzend recht feine schöne Hemden schenken und
obs denn gar nicht möglich wäre dass die Frau Base sie nähen könne denn die
Frau Präsidentin werde wohl vor den vielen Kindern und vor der großen
Haushaltung nicht dazu kommen
    Als nun die Frau Base hinging die Leinwand abzuholen bat ich gar zu sehr
ob ich nicht mitgehen dürfe Die Frau Base sagte aber das schicke sich nicht
Der Herr Vetter wurde aber fast böse und sagte das schicke sich recht wohl
ich sei ehrlicher Leute Kind und könne allenthalben hinkommen und wenn ich so
sittsam und gottesfürchtig bleibe müssen alle Menschen Freude an mir haben und
die Mutter habe mich gerade in die Stadt geschickt dass ich mich ein wenig
umtun und nicht leutescheu werden solle und die Frau Präsidentin sei eine
Frau die ihres Gleichen nicht habe und sei ein großes Glück für mich wenn
ich manchmal hinkommen dürfe
    So nahm mich die Frau Base dann mit und während sie von der Frau
Präsidentin die Leinwand empfing sah ich in den Garten und da saß der junge
Herr in tiefen Gedanken und sah aus wie ein trauernder Engel
    Die Frau Präsidentin erzählte auch dass er eine Gemütskrankheit habe und
dass sie recht in Verlegenheit wegen seines Zimmers sei denn es könne ihm
Niemand vorsichtig genug mit den Gemälden umgehen und seitdem eine alte
Aufwärterin an die er einmal gewöhnt gewesen tot sei wisse sie gar nicht
mehr was sie anfangen solle
    Die Frau Base sagte dass ich die Aufwartung nicht wohl übernehmen könne es
der Herr Vetter auch nicht leiden werde denn er sei ein wenig eigen dass ich
aber jeden Tag wenn der junge Herr ausgegangen sei kommen solle das Zimmer zu
reinigen denn sie habe mich schon zugelehrt und ich wisse mit feinen kostbaren
Möbeln recht gut umzugehen dass die Frau Präsidentin aber mit dem Herrn Vetter
ja nicht von Geld und dergleichen sprechen solle sonst werde er es nicht
leiden Auch der junge Herr dürfe nichts davon wissen sonst könne es gleich ein
böses Gerede geben
    Die Frau Präsidentin freute sich gar sehr darüber und streichelte mich und
nannte mich ihr liebes Kind Der Herr Vetter hatte auch nichts dagegen sagte
aber ich müsse ihr erst schreiben habe nicht nötig den Leuten dienstbar zu
werden da es aber die Frau Präsidentin sei möchte ich ihr nicht verhehlen dass
er es gern sähe doch wolle er nichts gesagt haben sobald sie nicht ihren
vollen Willen darein gäbe
    Und so bitte ich sie denn herzliebste Mutter leide sie es doch und gebe
sie dem Boten nur mündliche Antwort damit sie durch das Schreiben nicht zu
lange aufgehalten werde Nun ich befehle sie dem lieben Gott herzliebste
Mutter
 
                            Gretchen an ihre Mutter
Ich danke ihr tausendmal herzliebste Mutter und ich habe auch dem Boten das
schöne Silberstück von der Frau Pate geschenkt Ich weiß gewiss dass sie nicht
bös werden wird denn ich habe ja oft gesehen dass sie auch in der Freude so
etwas weggeschenkt hat
    Sei sie nur ruhig herzliebste Mutter Sie soll gewiss Freude an mir erleben
Alle Leute die mich kennen lernen haben mich gleich über die Maassen lieb und
da gebe ich mir immer mehr Mühe dass ich Alles recht schön und ordentlich mache
Ich habe auch der Frau Base an den Hemden geholfen und zuletzt hat sie gesagt
ich könne sie nur ganz allein machen denn so gute Augen habe sie doch nicht
mehr
    Nun muss ich ihr aber etwas gestehen herzliebste Mutter wovon ich nicht
weiß ob es Recht ist
    Sie kennt ja das schöne Liederbuch was mir der Herr Pfarrer geschenkt hat
Da hab ich nun als die Hemden ganz fertig waren und sie die Frau Base nicht
mehr in die Hände bekam des Nachts allerhand schöne Verse aus dem Buche
hineingenäht Immer einen ganzen Vers um den Hals und einen um die beiden
Ärmel auf jedem die Hälfte und vorn auf der Brust weiß sie ja macht man
immer so ein doppeltes Herzchen von Leinwand dass es nicht einreissen soll das
hab ich aber viel größer gemacht denn es hält besser und ich hätte auch
sonst nicht die große Krone aus meinem Zeichentuche darüber nähen können denn
es sind gar zu viel Zierraten daran so aber sieht es sehr schön aus und da
der junge Herr eine Gemütskrankheit hat so kann der liebe Gott es wohl einmal
fügen dass er die schönen Verse bemerkt und dass sie ihn trösten wenn er am
allerbetrübtesten ist
    Ach liebste Mutter ich glaube gewiss nicht dass sie bös darüber wird Es
betrübt mich nur dass ich es der Frau Base noch nicht gesagt habe denn ich
schäme mich jetzt dass ich es heimlich gemacht Meint sie aber dass es Unrecht
ist wenn ich es länger verschweige so will ich es sagen
    Nun ich befehle sie dem lieben Gott herzliebste Mutter und lasse sie mich
doch bald ihre Meinung wissen
 
                         Stephani an seine Verwandten
Sie vermeidet mich O mein Gott bin ich ihr Feind  Wenn es möglich wäre dass
sie mich verkenne meine wahrhafte Liebe nicht begriffe wäre sie dann noch
meiner würdig 
    Fort der Gedanke vergiftet mich Sie die Grausamen die sich weiden an
meiner Marter haben ihn mir gegeben
    Liebe verschloss mir den Mund Liebe soll mir ihn öffnen Schmerz werd ich
hervorbringen O mein Innerstes selbst wird er durchdringen Am Ende ist es wohl
Feigheit und Eigensucht dass ich noch zaudere  Dieser Vorstellung bedurft es
um mich unwiderruflich zu bestimmen
Es war des Fürsten Geburtstag und sie feierte ihren glänzendsten Sieg Der
Beifall wurde ein anhaltendes Jauchzen Aber sie war tötlich ermüdet und klagte
über Schmerzen in der Brust
    Ich trug sie in ihr Zimmer Meine Hände zitterten und das laute Schlagen
meines Herzens versetzte mir den Atem
    Wie dein Herz schlägt  sagte sie
    O  rief ich mit halb erstickter Stimme  so trage ich dich bald wenn das
deine aufhört zu schlagen
    So bald noch wohl nicht  antwortete sie mit erzwungenem Lächeln  doch was
sein muss muss sein
    Meiner gedenkst du nicht dabei
    Hältst du mich für unsterblich
    Ist das eine Antwort auf meine Klage
    Du klagst das allgemeine Loos der Menschheit
    O nein  rief ich außer mir  Ich klage dass du der Ruhe deines Herzens
deiner Jugend und Schönheit das Grab gräbst
    Schön und jung zu sterben wahrlich ein neidenswertes Loos
    Meiner gedenkst du nicht  rief ich abermals  Erwiedere mir nichts Ruhe
und schweige Was du hörtest erpresste mir der Schmerz Bald ein andermal
wollen wir uns gegenseitig vertrauen was uns drückt
    Mich drückt nichts  sagte sie dennoch mit Lächeln
    Ich rief ihre Frauen und entfloh den giftigen Stachel im Herzen
Am andern Tage kam sie mir wieder blühend wie ihre Rosen entgegen Ich setzte
mich traurig und schwieg
    Nun  sagte sie  siehst du nun dass du irrst
    Ich sehe  antwortete ich  dass dich nichts drückt nicht einmal der Kummer
mir welchen zu bereiten
    Und wenn dein Kummer ohne Grund wäre
    So wär er dennoch Kummer Aber deinen Worten fehlt der Sinn Kein Kummer
ist ohne Grund denn er gründet sich immerdar auf die Vorstellungsart
desjenigen der ihn empfindet
    Was müsst ich nun tun dich zu beruhigen
    Was du tun müsstest  rief ich mit glühenden Wangen  du müsstest mich
lieben und dich selbst
    Es gibt der Arten zu lieben so mancherlei Soll ich dir sagen welche du
von mir forderst  Wohlan ich will es versuchen und du wirst hoffentlich
gestehen dass ich dich sehr wohl begreife Aufgeben soll ich mein wahres
lebendiges Leben um ein Scheinleben einen verkappten Tod mit dir zu versuchen
Unterbrich mich nicht Gestern gebotest du mir Schweigen Darf ich dich bitten
dir heute dasselbe zu gebieten
    Angenommen du wolltest leugnen was ich jetzt sagte wie würdest du es
anfangen das Gegenteil zu beweisen  Wer von euch die ihr uns da von unten
herauf bekrittelt lebt wirklich Ihr Dichter und Künstler  O ja wenn eine
nie befriedigte Sehnsucht nach einem unerreichbaren Ideale Leben heißt Ist nun
aber Sehnsucht Schmerz wiewohl gemilderter Schmerz also das Gegenteil von
Wohlsein welches allein den Namen Leben verdient wer kann behaupten dass ihr
lebt Müsst ihr nun aber dem wahren Leben entsagen wem von den Andern wollt ihr
es zusprechen  Euren Fürsten Staatsbeamten Rechtsbeflissenen Kaufleuten
Handwerkern wohl schwerlich
    Nur Genuss ist dir Leben
    Und dir was ist es dir Nichts oder das Streben nach einem künftigen
Gegenwärtiges verachtest du in allen Perioden deines Daseins immer künftigen
Genuße Aber du wolltest mich nicht unterbrechen und so erlaube dass ich die
Zeit benutze und dir schnell das Gemälde unseres künftigen Lebens wofern deine
Vorstellungen mich bestimmten vorhalte
    Angenommen demnach ich stiege hinauf oder hinunter zu den Frauen welche
du mir ohne Zweifel als Muster vorhalten wirst und die es euch allen Weisen
und Unweisen nur in so fern sind als sie zu den Männern denen sie das
Schicksal unterworfen hat passen Wie müsst ich nun sein um zu dir zu passen
deine Forderungen zu befriedigen 
    Dass ewige Schönheit und Jugend eine der unerlässlichsten ist wirst du wo
nicht laut doch im Herzen sicherlich bekennen Von euch zugegeben oder
geläugnet bleibt es nicht minder wahr dass Alter und Hässlichkeit in euren Augen
Verbrechen sind die ihr bestraft wie und wodurch ihr nur könnt
    Eine sogenannte glückliche Ehe kann demnach nur statt finden wo die Frau
jene euch allen sehr natürlich vorkommende Strafe in Demut erduldet und mit
weiser List die ihr der großen Nutzbarkeit wegen auch der heiligen Jungfrau im
Notfalle erlaubet es gar nicht zu bemerken scheint wenn ihr gestrenger Herr
und Meister des ewigen Strafens müde sich heimlich oder öffentlich nach einem
Gegenstande umsieht wo er fürs erste nicht verpflichtet ist dieses unangenehme
Amt zu verwalten  Du wolltest mich nicht unterbrechen  Das Unerlässlichste
habe ich genannt Doch warum will ich unterscheiden Das Folgende ist nicht
minder notwendig und eben deswegen gleich unerlässlich
    Was ist es Nichts weniger als die Unendlichkeit die du in mir umfassen
willst Wehe mir in dem Augenblicke wo du die Täuschung gewahrst Du rächst
dich rächst dich um so sicherer je weniger du eine nahe Aussicht hast dich
auf ähnliche Weise zu täuschen Für alle deine zerstörten Hoffnungen werde ich
büßen
    Halt ein  rief ich aufspringend  halte ein Grausame Willst du mich
langsam töten so ists auch morgen noch Zeit
    Ich stürzte fort und meine armen Freunde brachten die Nacht an meinem Lager
zu Ich lag im Fieber ohne Besinnung
Ein göttliches Kind stand ihnen zur Seite Es reichte mir Trank Ein Paar große
Tropfen aus seinen Himmelaugen fielen hinein Doch lächelte es Begierig
verschlang ich den Trank und das Feuer was mein Inneres zu verzehren drohte
wurde gelöscht Ich fiel in Schlummer und träumte fort von dem Kinde Ach ich
erwachte und Niemand wollt es gesehen haben1
Zwei Tage irrt ich herum auf Felsen und Höhen Meine Kunst lag darnieder doch
zeichnete ich ein Mädchen von untadelichem Wuchse das einen Korb mit Früchten
auf dem Kopfe trug2
    Oft sah sie sich um vielleicht nach dem Geliebten  doch nein ihr Gang
ihre Haltung hatten so viel wunderbar Jungfräuliches Schwebendes  nein auf
der Erde hatte sie noch keinen Geliebten  Ja oft sah sie sich um aber ihr
Profil konnte ich dennoch nicht fassen Ich ersetzt es aus der Phantasie ach
und da ich zu Hause kam hatte die Gestalt alle Züge der Schrecklichen die mein
Herz zerreißt
    Der Fürst der mich oft überrascht fand mich darin vertieft und versunken
Immer Sie und nichts als Sie  rief er drohend und lächelnd  Ich sprach
schnell von etwas Anderem So kamen wir auf die hohe Grazie der Stellung Sie
gefiel ihm so überaus wohl dass er in mich drang ein Gemälde nach der Zeichnung
in Lebensgröße zu entwerfen
    So wuchere ich dennoch mit meinem Schmerze ohne es zu wissen und zu wollen
Wer ist mein Feind und verrät mein Innerstes Ach ich bin es selbst Sie wissen
es dass ich durch sie leide und wollen mich rächen So muss ich sie wieder
sehen wo ich am meisten sie fürchte denn ich dulde es nicht dass man sie
kränkt Ist es Geschwätz oder Wahrheit was sie von meinem Werte faseln
Wohlan in ihr mögen sie mich ehren
Sie bedurfte meines Schutzes nicht und meine Härte gegen den Fürsten die mich
schmerzt war überflüssig Ich hatte gedroht ihn zu verlassen wofern nicht die
ernstaftesten Vorkehrungen gegen Alles was sie beleidigen könnte getroffen
würden Ich konnte nicht anders
    Sie schwebte herein und Alles verstummte Göttlich reizender ist sie wohl
niemals gewesen Ihre bittersten Feinde wurden an diesem Abende gewonnen Der
Fürst kam in die kleine Loge die er sonst immer für sich allein behielt und
mir nun eingegeben hat Als sie verschwand fasste er plötzlich meine Hand und
zog mich fort Sein Wagen fuhr leer davon und wir durchschweiften die Gassen
    Wie wäre es  sagt er mich aufhaltend  wenn ich versuchte ob sie würdig
ist zu dir erhoben zu werden Wie wäre es wenn ich mich melden ließe 
    Sie würden nicht angenommen werden  antwortete ich mit Empfindlichkeit
    Warum nicht
    Weil sie Niemand so spät noch sieht
    Auch den Fürsten nicht
    Ich glaube nicht
    Wollen es versuchen  sagte er forteilend und ohne weiter auf mich zu
achten Nur da wir vor dem Hause standen drückte er mir die Hand und hieß mich
einen Augenblick warten
    So gewiss ich auch war sie werde ihn abweisen so wenig möchte ich diesen
Augenblick noch einmal leben Doch war er kurz denn der Fürst kehrte schnell
wieder zurück
    Du hattest Recht  rief er  und ich bekenne dass es mich wundert dass du
Recht hattest Wahrlich das Mädchen ist eine Ausnahme und der Mühe wert es
kennen zu lernen Die Zofen empfingen mich recht artig und ergeben aber von dem
Willen ihrer Gebieterin abzuweichen schien ihnen unmöglich Das deutet auf
vollkommene Herrschaft auch über diese Leute die doch sonst leicht zu bestechen
sind und wer die Herrschaft vollkommen ausübt der ist der Herrschaft würdig
und stets ein erhabenes Gemüt
    Ich zog seine Hand schnell an mein Herz denn das waren mir Worte des
Lebens Er drückte mich fest gegen das seinige nahm mich mit in den Pallast und
befahl das Nachtessen in seinem Kabinete aufzutragen
    So blieben wir zusammen bis weit in die Nacht und ich vertraute ihm das
ganze tiefe Klagelied meiner Liebe
Nimm mich einmal mit  sagte er als wir uns trennten  Ich könnte sie zu mir
kommen lassen aber das ist doch immer unartig von unser einem und mich nun
noch feierlich melden würde auch ein dummes Aufsehen machen An dem Fürsten ist
ihr wie es scheint nicht viel gelegen lass sehen wie sie deinen Freund
aufnimmt
    Wir gingen Ich hatte sie in zwei Tagen nicht allein gesehen und es war mir
lieb dass er mitging denn ich fürchtete mein Herz
    Wie unaussprechlich schön war sie Zum erstenmale sah ich den Fürsten
verlegen um die Worte und seinen freien herrlichen Anstand in Schüchternheit
verwandelt
    Er fasste sich endlich sprach von dem letzten Abende und vertiefte sich in
das Lob ihrer Kunst was eigentlich ihrer Schönheit gehörte O ich fühle es wohl
 sagte er  welch ein Opfer mein Freund von Ihnen fordert aber was ist der
Liebe zu schwer und zu groß 
    Nichts  antwortete sie  Es kommt nur darauf an ob das Opfer ihm frommt
    Auch danach frägt die Liebe nicht
    Das sollte sie doch Eine Blume die auf mütterlichem Boden erhalten uns
lange ergötzt verwelkt schnell in unsern Händen und wird bald weggeworfen
Könnte sie lieben durch Worte oder Blicke uns warnen sie würde uns bewegen
um unserer selbst willen sie nicht zu pflücken
    Recht gut dass sie das nicht kann denn sonst würde sie nie das Eigentum
eines Einzigen würde nie von ihm als Eigentum geliebt genossen und bedauert
werden
    Das möchte für den Einzigen schlimmer als für sie selbst sein
    Das ist die Frage  rief der Fürst aufspringend und mit großen Schritten
das Zimmer messend  das ist die Frage Und  setzte er nach einer Weile hinzu 
gibt es kein Alter Verzeihen Sie es ist vielleicht grausam Sie in der
höchsten Blüte daran zu erinnern  aber gibt es kein Alter und ist es nicht
furchtbarer für die Weiber als für uns
    O ja für die Freien so wie für die welche Einer sich als Eigentum
unterworfen hat Nur mit dem Unterschiede dass die Letzten früh oder spät den
Misshandlungen ausgesetzt sind vor denen sich die Ersten schützen können
    Welchen Misshandlungen Wer wird ein liebendes Weib misshandeln das uns
Jugend und Schönheit geopfert vor mehreren Verirrungen still gewarnt und die
unvermeidlichen großmütig verziehen hat Wer wird wer kann das misshandeln
    Der der den reizbarsten Sinn für Jugend und Schönheit hat und der eben
deswegen wenn beide entfliehen unaussprechlich elend die schreckliche Leere
seines Herzens mit irgend etwas sollte es auch mit dem Hasse sein auszufüllen
gezwungen ist Der kann es und wird es
    Nimmermehr Er wird Mitleiden haben mit ihrem Schicksale und mit dem
seinigen er wird sie jetzt großmütig lieben so wie er sie vormals geniessend
und vielleicht eigensüchtig geliebt hat
    Kann sein  fiel sie schnell ein  ich aber denke niemals von Allmosen zu
leben
    Schweigend sah er sie eine Weile an Bewundern kann ich sie  sagte er dann
 aber vor der Liebe haben Sie mich geschützt Bleibst du  fuhr er dann sich
zu mir wendend fort  ich gehe
Du bleibst  sagte sie als er uns verlassen hatte  Das ist nach solcher
Aufforderung sehr großmütig
    Rosamunde  antwortete ich  vermeide solche Worte Sie klingen wie Spott
und über wen möchtest du hier spotten
    Ich meinte im vollen Ernste was ich jetzt sagte und war von Spott sehr
weit entfernt Es ist in der Tat sehr großmütig dass du nachdem ich mich
gegen alle deine Wünsche erklärte hier bleibst
    Es ist liebevoll und so würdest du es nennen wenn du die Liebe kenntest
    Ich kenne sie und werde dich davon überzeugen wenn du Geduld hast die
Geschichte meines Lebens zu hören Nur erwarte das Ende des Karnevals dann habe
ich mehr Ruhe
    Sie entfernte sich schnell und ihre Augen waren voll Tränen
 
                            Gretchen an ihre Mutter
Wie geht es ihr herzliebste Mutter und was denkt sie wohl dass ich so lange
nicht geschrieben Es gibt gar zu viel zu tun und in des Herrn Präsidenten
Hause ist auch viel Leiden gewesen Der junge Herr kam zu einer ganz
ungewöhnlichen Zeit zu Hause und wurde von Stunde an so krank dass er uns Alle
in großen Schrecken versetzte
    Wir durften ihn gar nicht allein lassen und wenn die Frau Präsidentin nicht
konnte musste ich bei ihm bleiben Der Herr Vetter hatte zwar ausdrücklich
verlangt er solle nicht wissen dass ich im Hause sei aber im ersten Schrecken
dachte Niemand daran und nachher sahen wir wohl dass er keinen von uns kannte
    Wie mir aber war herzliebste Mutter wenn ich so an seinem Bette stand
kann ich ihr gar nicht sagen Ich glaube gewiss dass er mit uns verwandt ist nur
dass wir es noch nicht wissen Doch hat er etwas ganz Wunderbares an sich was
wir nicht haben Alles was er anrührt kommt mir vor als hätte es einmal auf
dem Altare gelegen das Glas aus welchem er trinkt kommt mir wie ein Kelch
und das Zimmer was er bewohnt wie eine Kirche vor
    Und so ists auch mit seinen Bildern Sie stellen wohl ordentliche Menschen
vor ja so natürlich und traulich dass einem ist als hätte man sie lange
gekannt und geliebt aber dann doch wieder so hoch und wunderbar dass einem
wird wie zu Weihnacht oder Ostern wenn alle Glocken unter Kanonendonner läuten
und alle Menschen festlich gekleidet in stillen Schaaren zur Kirche ziehen
    Ich habe schon oft gedacht herzliebste Mutter und hoffe doch ich werde
mich nicht damit versündigen dass in Herrn Stephani ein ganz eigentlich
göttlicher Geist wohnen müsse Er soll zwar eine Gemütskrankheit haben und das
ist freilich bei einem göttlichen Geiste nicht möglich man sagt aber auch dass
die Person welche er liebt seiner nicht würdig und er eben deswegen so
betrübt sei Das ist ja aber dann eine wahrhaft göttliche Betrübnis Weinte
nicht unser Heiland über Jerusalem und war das eine Gemütskrankheit
Herzliebste Mutter mir ist etwas sehr Sonderbares begegnet Als Herr Stephani
krank war trat plötzlich ein sehr schöner Mann herein gegen den der Herr
Präsident und die Frau Präsidentin und der Herr Doctor sehr ehrerbietig waren
Das bemerkte ich wohl gab aber vor Angst und Schrecken nicht weiter Acht auf
ihn Dieser Mann war aber der Fürst was ich freilich nach seinem dunkeln ganz
einfachen Kleide nicht glaubte
    Er hatte nachher gefragt wer ich wäre und die Frau Präsidentin hatte ihm
allerhand von mir erzählen müssen Auch von den Hemden hatte sie ihm gesagt und
dass ich wegen der Sprüche die darauf genäht wären so bange vor der Frau Base
gewesen Er hatte hierauf gesagt er möge auch wohl solche Hemden haben aber
da er nicht krank am Gemüte sei mit Sprüchen die sich für Fürsten schicken
    Das hat mich sehr erschreckt herzliebste Mutter denn ich weiß keine
Sprüche die sich für Fürsten schicken und wenn ich mir auch einbildete ich
wüsste welche könnte ich mir doch kein Herz fassen sie hinein zu nähen Was
helfen auch Sprüche die man sich bestellt und bezahlt
    Ach alle meine heimliche Freude an den Hemden ist dahin und wenn ich über
die Straße gehe denk ich immer die Leute werden sagen da geht das Mädchen
das den Leuten Sprüche in die Hemden näht und ich habe es doch nur ein
einzigesmal getan und ist mir gar nicht eingefallen es mehreren Leuten zu
tun
    Ich sagte das auch der Frau Präsidentin und bat sie es dem Fürsten
vorzustellen Er hat aber geantwortet ich soll nicht bange sein es werde es
Niemand erfahren und ich solle nur zu ihm kommen er wolle selbst mit mir
darüber sprechen Das tue ich aber gewiss nicht herzliebste Mutter ehe sie
nicht die Sache mit dem Herrn Pfarrer überlegt und er die Sprüche gewählt hat
Eile sie herzliebste Mutter denn der Herr Vetter sagt solche Leute seien
nicht an das Warten gewöhnt
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Ich bin recht inniglich betrübt wegen Alles dessen was ich ihr geschrieben
habe und in großer Angst der Herr Pfarrer möge sagen ich solle die Sprüche
für den Fürsten nähen O hätt ich mich doch nur keinem Menschen vertraut
    Nun soll ich doch nicht auf ihre Antwort warten schon morgen zu dem Fürsten
gehen und ihm selbst sagen was ich geschrieben habe Die Frau Präsidentin will
mich begleiten Ich glaube aber gewiss dass ich krank werde
    Doch ich will auf Gott vertrauen Vielleicht kommt morgen der Brief von dem
Herrn Pfarrer Da weiß ich ja gleich was ich tun soll und brauche nicht zu
sagen was ich geschrieben habe
                              Herzliebste Mutter
Ich bin nicht krank geworden und wirklich bei dem Fürsten gewesen Die Frau
Präsidentin sagte ich solle nur mein weißes Kleid anziehen und meine Haare
hübsch flechten so wäre es recht gut Die Frau Base wollte mir aber noch ihren
Brautschmuck angeben und mir den einen Ohrring über der Stirn auf einem Bande
fest machen Das kam mir aber gar zu hässlich vor und ich bat sie mit Tränen
sie möge es doch nicht von mir verlangen ich wolle ja lieber den ganzen Schmuck
in einem Schächtelchen mitnehmen und ihn der Frau Präsidentin zeigen die werde
gewiss meiner Meinung sein Sie war es auch und sagte ich habe ganz Recht
gehabt
    So gingen wir dann zum Fürsten Er war sehr freundlich und sah mich eine
Weile an ohne was zu sagen Endlich fragt er mich warum ich so betrübt wäre
Ich erschrack anfangs denn ich wusste nicht ob ich die Wahrheit sagen dürfe
Aber der liebe Gott gab es mir plötzlich ins Herz dass ich sie doch nur sagen
und mich nicht fürchten solle
    Gnädigster Herr  fing ich darauf an und sah ihm auch recht gerade ins
Gesicht  ich bitte Sie dass Sie nicht unwillig auf mich werden aber ich muss es
nur rein heraus sagen dass ich über die Hemden so betrübt bin und besonders
darüber dass sie wissen wollen was ich geschrieben habe Ich kann Sie
versichern dass ich so etwas wenn ich ein Fürst wäre niemals von den Leuten
verlangen würde Bedenken Sie auch selbst wie würde Ihnen sein wenn Sie das
was Sie einem Freunde schrieben Andern vertrauen sollten
    Gutes Kind  antwortete er  wir haben eigentlich keinen Freund Wir
gehören dem Ganzen sollen und dürfen keinem Einzelnen gehören dafür gehört
aber auch uns kein Einziger
    Das jammerte mich nun unbeschreiblich das Weinen war mir nahe und es
gereuete mich recht schmerzlich was ich wegen der Hemden gesagt hatte
    Ach gnädigster Herr  fing ich endlich wieder an  Gott ist mein Zeuge dass
ich Ihnen gern die Hemden nähen wollte wenn ich nur Sprüche wüsste die sich für
Fürsten schicken und ich will es Ihnen auch gestehen dass ich meine Mutter
gebeten habe mit dem Herrn Pfarrer deswegen zu sprechen Weiß der nun Sprüche
die sich für Fürsten schicken so will ich sie Ihnen ja herzlich gerne nähen
    Du hast nicht wohl getan  sagte er verdrießlich  Es war mir nicht um die
Sprüche eines Pfarrers zu tun
    Das verdross mich nun aber auch denn ich kann es nicht leiden wenn man
etwas über den Herrn Pfarrer sagt und antwortete darum ganz hastig Ja gnädiger
Herr Sie haben aber auch nicht wohl getan so etwas von einem armen
einfältigen Mädchen zu verlangen und so kommt immer Eins aus dem Andern
    Die Frau Präsidentin sah mich erschrocken an ich erschrack nun auch und
wusste nicht mehr was ich anfangen sollte Aber der Fürst fasste mich sehr gütig
bei der Hand und sagte Du hast Recht und es soll nicht wieder geschehen Eins
musst du mir aber doch versprechen sieh ich habe viel Arbeit und Sorge und
erblicke selten was Erfreuliches Am wenigsten gefallen mir die Menschen von
denen ich umgeben bin aber ein solches Gesicht wie das deinige kann mir den
ganzen Tag erheitern Wenn du nun des Morgens auf einige Augenblicke zu mir
kämest und brächtest mir etwas  du magst es mir schenken  Blumen ein Paar
Früchte oder was du sonst willst so wär ich auf den ganzen Tag gestärkt und
hätten viel tausend Menschen gut davon Sei nicht bange und sieh mich nur an
ich bin kein böser Mensch und ist mir unmöglich dich zu beleidigen Nein ich
will väterlich für dich sorgen und wenn du dieses oder jenes lernen willst so
vertrau es mir nur aber es muss Alles dein freier Wille sein
    Das ist schön gnädigster Herr  antwortete ich  denn sonst wäre ich gewiss
wieder sehr betrübt gewesen und mein Kommen hätte Ihnen nichts geholfen Nun
will ich aber meiner Mutter schreiben und wenn die nichts dawider hat so komme
ich gewiss Er war sehr erfreut und begleitete uns bis in das äußerste Zimmer
    Schreibe sie mir bald herzliebste Mutter
 
                         Stephani an seine Verwandten
Alles will mich trösten So muss ich denn wohl des Trostes sehr bedürfen Sie ist
abermals krank und ihr Zustand bedenklich Einige wollen mich vorbereiten auf
das was vielleicht geschehen könnte würde aber dann ist mein Schmerz ohne
Gränzen O wer von ihnen die sich erfrechten sie zu lästern der lauten Stimme
meines Herzens zu widersprechen kannte sie wirklich Hört die Geschichte ihres
Lebens Hört sie selbst
                            Rosamundens Geschichte
Ich war von elf Kindern das jüngste Alle wurden von meiner Mutter getränkt
ich allein musste einer Fremden anvertraut werden und blieb immerdar fremd unter
meinen Geschwistern Auch meine Eltern kannten mich nicht und vereinigten sich
bald in dem Urteile dass von meiner Fassungskraft nicht viel zu erwarten sei
    Von dem Augenblicke wo ich dieses entdeckte war es mir unmöglich ihnen
anders als sie mich dachten zu erscheinen Diese Eigenheit ist mir mein ganzes
Leben hindurch geblieben und es braucht nur Jemand eine unvorteilhafte Meinung
von mir zu äußern um sie durch tausend kleinen Zufälligkeiten bestätigt zu
sehen
    Es wäre mir wohl möglich sie alle zu meinem Vorteile zu benutzen und die
gegen mich eingenommenen Menschen vielleicht für immer zu gewinnen aber eine
unüberwindliche Scheu hält mich davon ab auch ist mir eine überlegte
Freundschaft und Anhänglichkeit unerträglich
    So kam es denn dass ich mitten unter Eltern und Geschwistern in immer
tiefere Einsamkeit geriet und zuletzt beinahe gänzlich verstummte Dafür aber
war ich allein immerdar begeistert Unaufhörlich schwebten tragische Situationen
vor meinem Sinne denen ich durch Stimm und Gebärde Leben zu geben bemüht war
    Aber wie oft musste ich vor meinen Geschwistern aus einem düstern Winkel in
den andern fliehen und das was ich mit Tränenströmen mit Triumph und
Klagegesang luftdurchtönend hätte verkünden mögen in mein Inneres
verschließen Ganz konnte ich es gleichwohl nicht ohne mein Leben durch die
gewaltige Empfindung zerstört zu sehen Was blieb mir übrig als Tanz und
Gebärde
    Ich trauerte Anfangs darüber entdeckte aber bald dass eben dieses gänzliche
Verstummen mir eine eigene heilige Welt bildete wo ich das den übrigen
Künsten trotz allem Bemühen dennoch Unaussprechliche seelenerhebend andeuten
konnte Aber wen erhob ich  Mich selbst und Tausende die um mich versammelt
waren Wer waren diese Tausende Geister die vor meinem inneren Sinne so
lebendig schwebten als hätten sie geatmet
    Von Niemanden gekannt erreichte ich so das fünfzehnte Jahr Meine Schwester
hatte das siebenzehnte zurückgelegt und wurde allgemein für ein sehr reizendes
und geistvolles Mädchen gehalten Nur das erste war sie wirklich doch schien
sie mir damals so wie Andern das letzte in eben dem Grade und ich war fest
überzeugt in ihrer Gegenwart nicht besser als durch Schweigen für mich sorgen
zu können
    Eben deswegen blieb ich aber auch ganz unbemerkt neben ihr und von allen
Männern die sie umflatterten war gewiss kein einziger der mein Herz geahnt
hätte Ich fand dieses durch meine Kindheit vorbereitet sehr natürlich und
sogar dann als meine ganze Lebenskraft für einen der eifrigsten Anbeter meiner
Schwester erwachte kam es mir nicht in den Sinn von ihm geliebt werden zu
können
    Diese Überzeugung von Unliebenswürdigkeit äußerte sich immerdar minder
oder mehr bei mir gleichwohl half ich meine Schwester die sich gern putzte
verschönern und wenn auch oft ein stechender Schmerz meine Brust durchfuhr
tat ich doch in stiller Trauer Alles was sie wollte
    Dieses gefiel ihr sie machte mich zu ihrer Vertrauten und bereitete mir
dadurch einen neuen schmerzlichen Genuss sie sprach von dem Geliebten
    Er war sehr schön ein mir oft schreckliches Lächeln ausgenommen was meine
Liebe wäre ich auch minder von der Unmöglichkeit geliebt zu werden überzeugt
gewesen immerdar in meine Brust zurückgeschreckt haben würde
    Meine Schwester übersah dieses Lächeln vertraute ihm ihr Herz und ihr
Schicksal wurde seine Gattin Mit heimlichem Schaudern begleitete ich sie zum
Altare ergriff als sie in die Kirche trat plötzlich ihr Kleid und wollte sie
nicht lassen Aber er fühlte ihr Zögern und riss sie mit fort so dass ein Stück
ihres Kleides in meinen Händen blieb
    Tiefsinnig betrachtete ich das Stück und folgte langsam zum Altare In dem
Augenblicke wo sie das Ja sagen sollte versagte ihr die Stimme Sie sah mich
an und erbleichte Aber der Geistliche fragte sie zum zweitenmale und sie sagte
das schreckliche Ja
    Die Hochzeit war lärmend aber die Braut traurig und der Bräutigam witzig
Es überfiel mich ein Grauen bei diesem Witze und bei dem mir so furchtbaren
Lächeln traten mir brennende Tränen in die Augen
    Noch acht Tage sollte meine Schwester im väterlichen Hause verweilen dann
wollte er sie nach Italien auf seine Güter führen
    Erst jetzt da meiner Mutter die eine Tochter entrissen werden sollte
schien ihr die andere etwas wert und sie widerstand fortwährend Charlottens
Bitte um meine Begleitung
    Der achte Trauertag brach an Alles war zur Abreise bereit aber meine
Mutter unbeweglich Schon saß meine Schwester im Wagen aber noch einmal
streckte sie die Hände nach mir aus Sprachlos starrte ich sie an sprang dann
plötzlich in den Wagen winkte dem Kutscher und schlug die Türe hinter mir zu
    Ungeduldig hatten die Pferde lange gewartet nun aber rissen sie uns fort im
heftigsten Gallop Meine Mutter mein väterliches Haus meine Vaterstadt
verschwand der heimische Boden entfloh Feuerfunken sprühten umher hinaus in
die fremde Welt rissen uns die schnaubenden Pferde
    Meine Schwester umklammerte mich mit Tränen Ich aber konnte nicht weinen
Ich wusste ja schon dass es keine Tränen und keine Worte für meine Empfindungen
gab und betrachtete die Menschen welche die ihrigen dadurch auszudrücken
suchten mit fortwährendem Erstaunen Ich hielt meine Schwester und sah
schweigend in die Ferne
    Als wir die Gränze erreichten schien sie des Trostes nicht mehr fähig ihre
Tränen flossen unaufhaltsam und sie bestürmte uns mit Bitten sie in ihrem
Vaterlande zu lassen Antonio züchtigte sie mit dem beissendsten Spotte Nun
schwieg sie wie ich und in Kurzem waren wir auf italienischem Boden
    Der reine Himmel die balsamische Luft der lachende Frühling zu einer
Zeit wo sie ihr väterliches Haus mit Schnee bedeckt verlassen hatte das Alles
schien meine arme Schwester wohltätig zu zerstreuen Um so tiefer verwundete es
mich als ihr Mann fortfuhr sie mit boshaften Witzeleien an ihren vorigen
Schmerz zu erinnern Als er ihr aber mit hämischem Lächeln vorschlug wofern sie
ihn nicht begleiten wolle stehe es ihr nun frei wieder zurückzukehren war es
als werde mir das künftige Schicksal der Unglücklichen durch einen Blitzstrahl
erleuchtet
    Zum erstenmale brach ich das Schweigen und stellte ihn sobald ich es vor
meiner Schwester unbemerkt tun konnte dieser Äußerung wegen zur Rede Er
versicherte sie sei völliger Ernst im Fall ich aber nicht Lust habe meine
Schwester zu begleiten könne ich bei ihm bleiben und solle es recht gut haben
    Ich fühlte meine Wangen plötzlich erkalten dann all mein Blut gewaltsam
hineinströmen aber meine Schwester trat zu uns und ich schwieg
    Mit Einbruch der Nacht erreichten wir Florenz hörten aber zu unserm
Erstaunen dass Antonio alle nötigen Vorkehrungen traf diese schöne Stadt schon
am dritten Tage zu verlassen
    Sogleich fragte ich meine Schwester wo sich die beiden Wechsel welche hier
umgesetzt werden sollten befänden Sie sagte mir dass Antonio sie schon zweimal
gefordert aber mit andern wichtigen Papieren welche ganz unten in ihrem Koffer
lägen noch nicht habe erhalten können
    Mit Heftigkeit entriss ich ihr die Schlüssel ließ augenblicklich den Koffer
in mein Zimmer bringen fand die Wechsel und verbarg sie mit einem Ringe von
großem Werte in meinem Bette Die Juwelen meiner Schwester waren leider in
Antonios Koffer
    Ich schloss kein Auge und diese Nacht schien mir die längste meines Lebens
Kaum war es Tag als ich zu dem Kaufmann eilte und ihm Alles entdeckte Er
sagte mir dass er zwar noch keine Nachricht erhalten mir aber wenn ich es
verlange die Summe auszahlen wolle Ich beschwor ihn es nicht zu tun und die
Sache ihren gewöhnlichen Gang gehen zu lassen
    Schon war ich von meiner Schwester vermisst worden und Antonio fragte mich
wo ich gewesen Ich sagte es und versicherte ohne auf seine wütenden Blicke
zu achten dass es nun wohl unmöglich sein werde am dritten Tage weiter zu
reisen Ich aber  rief er  werde es möglich machen  und stürzte fort ohne
weiter auf uns zu achten
    Meine unglückliche Schwester äußerst befremdet und erschüttert tadelte
meinen Vorwitz wie sie es nannte und beschwor mich ihren Mann doch ja nicht
wieder auf solche Weise zu reizen Ich antwortete wie gewöhnlich durch
Schweigen kämpfte aber doch mit mir selbst ob ich ihr nicht Alles entdecken
solle
    Noch war ich nicht mit mir einig als Antonio zurückkehrte Er kommt 
sagte ich nun schnell  fürchte nichts und verlass dich auf mich Alles was ich
tat war notwendig Mit diesen Worten verließ ich das Zimmer und verschloss
mich in das meinige
    Zu meinem Erstaunen blieb Alles ganz ruhig Ich wurde zum Essen gerufen und
hätte mich nicht Antonios giftiges Lächeln gewarnt ich würde ihn für
unbefangen gehalten haben Aber eben dieses schreckliche Lächeln erregte mir
Zweifel und ich eilte noch spät zu dem Kaufmanne mich zu überzeugen
    Er hatte nichts ausgezahlt und Antonio mit der Weisung zurückgeschickt er
werde sich an die Person halten welche den Wechsel vorgezeigt habe So ging ich
dann einigermaßen beruhigt zu Haus und fiel endlich in Schlaf
    Ich erwachte sehr spät und fand meine Schwester in großer Unruhe Antonio
hatte sich Nachts von ihrer Seite geschlichen und war abgereist ohne dass Jemand
im Hause Auskunft geben konnte wohin Was glaubst du davon  rief meine
unglückliche Schwester  Ich brauche nichts zu glauben  antwortete ich  Ich
weiß Alles Was zu retten war ist gerettet dein Herz ist leider verloren doch
hoffentlich nicht auf immer Fasse dich Was ich dir gestern sagte wiederhol
ich dir heute du kannst dich auf mich verlassen Willst du zurückkehren ins
väterliche Haus
    Sie schrie laut auf bei diesen Worten und verbarg ihr Gesicht in den Händen
    Willst du nicht  wohlan so machen wir uns selbst ein Schicksal
    Das Schicksal macht sich nicht  rief sie laut schluchzend 
    Wir wollen sehen  erwiderte ich  Wäre dein Herz nur geheilt
    Nimmer  fiel sie ein
    Wie bald  fuhr ich fort  könnt ich dir nur einen Teil meiner tiefen
Verachtung gegen den Elenden mitteilen Doch traure aus du Unglückliche und
lass mich sorgen
    Mit diesen Worten bracht ich sie wieder auf ihr Lager und eilte den Arzt
zu benachrichtigen Aber er versicherte mir seine Hilfe sei hier überflüssig
und Alles von der Zeit zu erwarten
    So war ich denn für den Augenblick beruhigt und konnte meine ganze
Aufmerksamkeit unserer Lage widmen
    Ich sah bald dass die Wechsel samt dem Ringe uns kaum ein Paar Jahre vor
Mangel schützen könnten und dass meine Schwester nach dem was sie geäußert
sich nicht entschließen werde in das väterliche Haus zurückzukehren Ich
selbst musste es mir nach ihrer Zurückkunft mit Jammer erfüllt denken doch nahm
ich mir vor sie noch einmal auf das Äußerste zu prüfen und nur dann wenn
ich ihren Widerwillen unüberwindlich gefunden einen festen Entschluss zu fassen
    Jemals zu heiraten schien mir bei der Überzeugung ich werde nie geliebt
werden unmöglich Auch hatte ich sogenannte glücklichen Ehen genug beobachtet
um zu wissen dass Ein Teil durchaus der Leidende sein müsse um dieses
scheinbare Glück hervorzubringen und zu erhalten Leiden erregte mir aber nicht
Furcht sondern Eckel Es schien mir eine Krankheit die besonders wo sie
anhaltend wäre den Tod des Geistes notwendig zur Folge haben müsse So war ich
dann fest entschlossen es zu fliehen wie und wo es mir drohen möge und seine
beiden furchtbarsten Feinde Freiheit und Tätigkeit zu erhalten
    Aber worauf sollte sich diese Tätigkeit wenden Auf die Geschäfte des
gemeinen Lebens  Das schien mir gleichfalls unmöglich War es gedenkbar dass
sie mich vor Geistesleiden vor Geistestod schützten Wurden sie nach einem
gewissen Zeitmaasse wurden sie harmonisch verrichtet Drückten sie die große
Angelegenheit der Menschheit den Kampf des Unordentlichen mit dem Ordentlichen
des Hässlichen mit dem Schönen oder was dasselbe ist des Guten mit dem Bösen
aus
    Tief lag es als Ahnung in meiner Seele dass dieses der geheime Sinn aller
Künste und der Grund aller Gewalt sei welche sie an den Menschen üben Ich
hatte beweisen gesehen dass Töne Gestalten hervorbringen und diese hohe
Bedeutung würde mich zur Musik hingezogen haben hätte sie mich nicht zu
gewaltsam ergriffen so dass ich meine Empfindung durch Tanz ausdrücken oder
untergehen musste So war mir dann das Rätsel meiner Jugend gelöst und der
Entschluss als tragische Tänzerin aufzutreten befestigt
    Ich teilte ihn meiner Schwester mit aber es währte lange ehe sie sich von
der Wahrhaftigkeit meines Berufes überzeugen und über die gemeine Ansicht
erheben konnte Gleichwohl begriff sie dass irgend etwas Außerordentliches
geschehen müsse und ließ mich ohne mir gerade beizupflichten wenigstens
gewähren
    Ich benutzte diese Stimmung und eilte meinen Entschluss auszuführen Nur
kurze Zeit ließ man mich als Nebentänzerin auftreten und schon an meinem
sechszehnten Geburtstage wurde mir eine der Hauptrollen übergeben Man schien
viel von mir zu erwarten und das Haus konnte die Zuschauer nicht fassen
    Mein Auge überflog die Menge die Geister meiner Kindheit umschwebten mich
und göttliche Kraft belebte meine Glieder Ich tanzte tanzte die Geschichte
meiner Kindheit tanzte meine gestorbene Liebe meine Sehnsucht nach der
unvergänglichen Schönheit Der Beifall wurde rauschend wie ein seliger Geist
schwebte ich über der Menge die Ungeliebte plötzlich von Tausenden geliebt Ich
fühlte es fühlte mit unaussprechlicher Wonne dass ich das Rechte gewählt habe
der kleinlichen Erdennot entrückt ein freier Geist durch die Kunst sei
    Mein Heimgang wurde ein Triumphzug Ich war mit Rosen geschmückt von beiden
Seiten flogen Rosen in meinen Wagen und ich blieb seit diesem Abende unter dem
Namen Rosamunde ein Liebling der Florentiner
    Seitdem gehört der geheimnisvolle Duft der Rosen zu meinem Wohlbefinden und
ich suche ihr schönes Leben mit der äußersten Sorgfalt zu bewahren
    Oft haben mich Künstler versichert wie tief sie auch Anfangs durch den
Beifall der Menge erschüttert seien habe derselbe doch bald allen Reiz für sie
verloren und sei ihnen am Ende beinahe eckelhaft geworden
    Mir nicht also Ich feierte mein eigentliches Leben nur mit dieser von ihnen
verachteten Menge und fühlte geisterhebend dass alles andere Leben kaum den
Namen Leben verdiene Ihr Beifall schien mir der Chor zu meinem Tanze durch den
ich die Schwere beinahe überwunden und mich dem Himmel genähert hatte Wir alle
feierten einen seligen Triumph
    Meine unglückliche Schwester allein trauerte bei meinem Glücke Ihre Liebe
wurde Krankheit Mir ganz unähnlich nährte und pflegte sie ihren Kummer und wiess
jede Linderung zurück
    Die Bedauernswürdige litt auch noch durch meine Forderungen Ihren Zustand
gänzlich verkennend wähnte ich noch immer sie werde sich über ihr Schicksal
erheben Vergebens Ihre Kraft war dahin und ich sah endlich mit tiefem Jammer
dass ich mich schrecklich geirrt hatte Es zeigten sich Spuren eines langsamen
Giftes und ein anderer Arzt den ich nun schnell berief verhelte mir nicht
dass ich mich auf ihren Verlust vorbereiten müsse
    Nach dringenden Bitten erhielt ich die Erlaubnis mich ganz ihrer Pflege
widmen zu können bis sie entweder genesen oder ihr Leiden für immer geendigt
sein werde
    Ach nicht lange verwaltete ich mein trauriges Amt In wenigen Tagen lag sie
ohne Hoffnung darnieder und entschlummerte noch früher als der Arzt und wir
alle geglaubt hatten
    Florenz sah mich trauern und trauerte mit mir Zart schonend enthielt man
sich lange mich an mein Versprechen zu erinnern und schon blühten Rosen auf
meiner Schwester Grabe als man mich endlich darum mahnte Zum erstenmale
erschien ich nun wieder öffentlich und die Begeisterung dieses Abends war eine
der höchsten meines Lebens
    Viele Männer warben jetzt um mein Herz Ein russischer Graf unter allen am
eifrigsten Er sah mich Reichtum und Wohlleben zurückweisen und glaubte mit
seiner Hand Alles zu überbieten Um so größer war sein Erstaunen als ich auch
diese wiewohl dankbar aber gleichfalls mit Lächeln zurückwiess
    Musst ich nicht lächeln dass Menschen die ich ihrer Armut wegen bedauerte
mich bereichern wollten dass der gute Graf der mich so frei sah wie ein
menschlicher Geist es werden konnte mich durch vornehme Sklaverei zu beglücken
dachte Begeistert und selig über Tausende schwebend sollte ich mich da unten
wo es mir vielleicht schon nach Jahresfrist nicht mehr gelang die Falten seiner
flachen Stirne zu verwischen erhoben glauben 
    Diese unbegreifliche Eitelkeit welcher ich mehrere seines Standes und
Geschlechtes ergeben sah war eben so wenig als das Schicksal der unglücklichen
Weiber welche ihrer sogenannten Liebe vertraueten geschickt mir eine höhere
Meinung von den Männern beizubringen Beantwortete ich ihre Anträge immer noch
mit Lächeln so war dies vielleicht ein gutmütigerer Ausdruck meiner
Empfindung als sie rechtmässigerweise erwarten konnten
    Gleichwohl war es eben dieses Lächeln was mir eine Menge der bittersten
Feinde erweckte Jeder dessen Wünsche nicht erfüllt wurden schloss auf einen
glücklichern Nebenbuhler und schrieb es nur der Tiefe meiner Heuchelei zu wenn
er ihn nicht entdeckte
    Oft wurde die Erbitterung allgemein und mein Untergang beschlossen Ich
wusste es aber vertraute der Kunst Mit Recht denn sie verwandelte mehrmals an
Einem Abende das ganze Heer meiner Feinde in eben so viele Lobpreiser und
Beschützer
    Immer durch die Kunst überwunden gaben sie es endlich auf mich zu
verfolgen und nur dann als sie dich tiefer als sie Alle erregt sahen
beschlossen sie dich und Alles was sie längst verziehen hatten noch einmal
auf das empfindlichste zu rächen
    Ob es ihnen gelungen ist hast du gesehen Willst du mich nun in Frieden
scheiden lassen sie werden meine Ruhe nicht mehr stören
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Was sie mir geschrieben habe ich nicht recht verstanden Der Herr Vetter und
die Frau Präsidentin sagen aber das tue nichts sie habe es nur so in der
Angst hingeschrieben und werde jetzt wohl begreifen dass ich es nicht verstehen
könne Auch bedeute es Alles nichts anderes als dass ihr bange sei ich werde
nicht so fromm und gottesfürchtig bleiben als sie mich hergeschickt habe
    Da sei sie aber nur ganz außer Sorge herzliebste Mutter Es ist ja nicht
mit mir wie mit einigen andern unglücklichen Leuten die nur fromm und
gottesfürchtig aus Zwang sind Ich bin es ja weil ich meine Freude daran habe
und ist mir ja Alles zuwider was mich daran hindern kann Es betrübt mich aber
recht inniglich dass sie nur daran zweifeln und sogar glauben kann ich würde
ganz anders werden Ach bilde sie sich so was nicht ein herzliebste Mutter Ich
habs ihr ja schon gesagt sie soll gewiss Freude an mir erleben und ich wäre
auch nicht zum Fürsten gegangen wenn sie es mir verboten hätte Aber der Herr
Vetter und die Frau Präsidentin sagen sie habe es mir nicht verboten und die
verstehen ja doch ihren Brief besser als ich wenn ich ihn auch noch so oft
lese
    Der Fürst ist zwar wohl manchmal ein wenig hastig und sonderbar aber doch
sonst ein sehr braver Herr Ich fürchte mich darum auch gar nicht mehr und sage
Alles wie ich es denke Es freut ihn gar herzlich das kann ich sehen und
wenn er manchmal noch so verdrießlich ist  er mag auch wohl seine Not haben 
wird er doch immer heiter wenn ich komme
    Sehr gut ists dass der Herr Vetter einen Garten hat sonst wüsste ich nicht
was ich dem Fürsten bringen sollte So aber gibts immer Blumen und Früchte und
der Fürst versichert es seien die schönsten und wohlschmeckendsten die er in
seinem Leben gesehen und gegessen habe und die auf seiner Tafel werden ihm ganz
zum Eckel
    Wie das nun zugeht kann ich nicht begreifen Wenn andere Leute Gastereien
geben suchen sie doch immer Blumen und Früchte vom Hofgärtner zu bekommen und
müssen also wohl wissen dass es die schönsten sind Doch was soll man mit
solchen großen Herren anfangen Man muss nur schweigen und es so hingehen
lassen
    Liebstes Gretchen  sagte er letzt als ich eben den Korb vor ihn
hinstellte  du bringst mir nun alle Tage so viel Schönes ja das Schönste was
ich sehe denkst du dann aber niemals daran dass ich dir auch etwas dafür geben
muss
    Ach gnädigster Herr  antwortete ich  ich bin nur froh dass ich immer
etwas zu bringen habe und der Tag geht so schnell hin und ich habe an so viel
andere Sachen zu denken dass mir das noch gar nicht eingefallen ist
    So  antwortete er sehr ernstaft stand schnell auf und ging mit großen
Schritten vor mir hin und her Mit einemmale blieb er aber stehen fasste meine
beiden Hände und sagte sehr freundlich Höre liebstes Gretchen ich weiß du
hältst mich für deinen Freund und sagst mir Alles ganz aufrichtig 
    Ja das weiß Gott  fiel ich ein  und ich würde mich auch versündigen
wenn ich es nicht täte
    Nun so sage mir doch einmal  fuhr er fort  woran denkst du nun wohl den
ganzen Tag am meisten
    Das kann ich Ihnen wohl sagen gnädigster Herr  antwortete ich  Sie
kennen ja den jungen Herrn in des Herrn Präsidenten Hause der der letzthin
krank war der die schönen Bilder malt
    Ja ja ich weiß ich weiß  rief er ungeduldig ließ plötzlich meine Hände
los und ging von mir weg
    Mir war als wär er böse und doch konnte ich nicht begreifen worüber
Indem ich noch darüber nachdachte und nicht gleich wusste was ich anfangen
sollte kam er wieder auf mich zu Warum schweigst du Gretchen  fragt er und
nun kam es mir vor als wär er betrübt  Gereuet es dich was du gesagt hast
    Lieber Gott  sagt ich  wie könnte mich das gereuen Es kam mir nur vor
als wären Sie erzürnt ich wusste freilich nicht worüber
    Kehre dich nicht daran  antwortete er  Uns geht mancherlei durch den
Kopf Fahre fort Gretchen fahre fort  und indem er dieses sagte presste er
meine Hände so stark dass sie mich schmerzten
    Gnädigster Herr  sagt ich  ich merke nun wohl dass Sie über den armen
jungen Herrn und besonders darüber erzürnt sind dass er nicht von der Person
die ihn so unglücklich macht lassen kann Aber bedenken Sie nur es hängt ja
nicht von einem Menschen ab wen und wie sehr er lieben will
    Weißt du das  rief er hastig  Das weißt du
    Wie sollt ichs denn nicht wissen  sagt ich lächelnd  man hört ja davon
so mancherlei Geschichten die noch viel wunderbarer sind als die mit dem
jungen Herrn
    Aber Gretchen  sagte er  sollte denn die Vernunft gar nichts über einen
Menschen vermögen 
    Da konnt ich aber das Lachen nicht lassen und antwortete nehmen Sie es
mir nicht übel gnädiger Herr aber das kommt mir gar zu possirlich vor wenn
man die Liebe durch die Vernunft austreiben will Großer Gott die Liebe ist ja
das Allervernünftigste auf der Erde Vor dem lieben Gott wird der der da liebt
immer und ewig Recht behalten und nur der da hasset wird verdammt werden und
zwar durch seinen eigenen Hass Man siehts ja auch alle Tage die Liebe erhält
und der Hass zerstört Nun wäre es ja aber unvernünftig wenn ich mir einbildete
der liebe Gott wolle seine eigenen Werke zerstört haben O nein er hat den
Menschen die Liebe gegeben damit sie erhalten werden und hat den Heiland
gesandt damit er die Menschen durch sein heiliges Leben an die Liebe  an das
Eine was Not tut  erinnere
    Liebstes Gretchen  sagte der Fürst  du sprichst da von einer ganz andern
Liebe
    Nun konnt ich wieder das Lachen nicht lassen denn es war mir einmal so
lächerlich zu Mute Gnädigster Herr  sagt ich  nehmen Sie es mir nicht
übel dass ich heute so viel lache aber das ist nun wieder ganz was Sonderbares
dass die Leute einen Unterschied unter der Liebe machen Liebe ist Liebe sie mag
vermischt sein womit sie will So wie Gold Gold bleibt mag auch noch so viel
anderes Metall dazu kommen Wie unvollkommen die Leute auch anfangen zu lieben
das tut Alles nichts wenn sie nur immer fortfahren werden sie es schon einmal
lernen Wenn sie aber hassen sich im Hassen üben kann in Ewigkeit nichts Gutes
herauskommen
    Du wirst aber doch nicht leugnen  sagte der Fürst nun wieder  dass die
Liebe viel Unheil anrichten kann
    Ach lassen Sie sich so was nicht weiß machen gnädiger Herr  fiel ich
schnell ein  die Liebe hat so lange sie da ist noch kein Unheil angerichtet
Alles was die Leute von dieser sogenannten Liebe erzählten war nichts als ein
herausgeputzter Hass und der mag freilich viel Unheil angerichtet haben
    Aber es kann doch Verhältnisse geben  fuhr er fort  in welchen die Liebe
unerlaubt ist
    Das mögen mir schöne Verhältnisse sein  rief ich nun wieder lachend  wo
die Liebe unerlaubt ist Solch ein Verhältnis möcht ich wohl einmal sehen in
welchem mir das Lieben verboten werden könnte
    Gretchen  sagt er nun sehr ernstaft  du lachst aber denke nur einmal
darüber nach ob es nicht solche Verhältnisse gibt 
    O ja  rief ich noch lauter lachend indem ich meinen Korb nahm  ich will
darüber nachdenken unterdessen gnädiger Herr denken Sie auch einmal darüber
nach ob es nicht Verhältnisse gibt in welchen einem das Atemholen verboten
werden könne
    O Mädchen  rief er nun indem er mich fest um den Leib fasste  gib mir
einen einzigen  Apfel wollt er gewiss sagen Aber ich zeigte auf seinen Tisch
wo schon zwölf der allerschönsten lagen Da schämte er sich und ließ mich
plötzlich wieder los
Den andern Tag kam ich wieder und brachte ihm Erdbeeren und Blumen Er nahm sie
setzte sie schweigend vor sich hin und reichte mir die Hand Wer pflückt die
Erdbeeren  fragt er dann
    Ich gnädigster Herr
    Aber du hast ja so viel zu tun
    Dazu muss immer Zeit werden
    Aber die Erdbeeren sind jetzt selten Du musst wohl lange suchen
    Das schadt nichts Ich tue es ja gern
    Aber gestern sagtest du mir du dächtest an den jungen Maler in des
Präsidenten Hause am meisten Das Suchen stöhrt dich aber
    O ganz und gar nicht indem ich suche kann ich ja denken was ich will
    Du hast Recht Du kannst denken was du willst  sagte er ließ meine Hand
los stand plötzlich auf und ging wieder was er immer tut wenn ihm etwas
nicht Recht ist mit großen Schritten auf und ab
    Gnädiger Herr  sagt ich darum gleich  es wird noch wohl so herauskommen
dass Sie nicht allein böse auf den armen jungen Herrn sondern auch auf mich
sind
    Wer sagt dir dass ich böse auf euch bin
    Ach gnädigster Herr ich bin nur ein einfältiges Mädchen aber wenn Jemand
bös auf mich ist das kann ich gleich merken und wenn Sie so mit großen
Schritten auf und ab gehen da weiß ich immer schon wie viel es an der Zeit
ist
    Gretchen  sagt er nun mit einemmale wieder lächelnd  ich gebe dir mein
Ehrenwort dass du nicht weißt wie viel es an der Zeit ist Sei ruhig Ich bin
weder bös auf ihn noch auf dich würde es nur dann sein wenn du anders
sprächest als du dächtest
    Das wär schön  rief ich
    Nein nein  fuhr er fort  ich weiß dass du das nicht kannst und nicht
willst So sag mir aber denn einmal was denkst du nun so immer über den Maler
und sein Verhältnis mit der Tänzerin
    Ach gnädigster Herr wie soll ich Ihnen das beschreiben Sagte mir Einer
hundert Meilen von hier wächst ein Kraut was ihm helfen kann ich ginge und
holte es herbei Oder sagte Einer ich will ihm helfen aber du sollst mir dein
ganzes Leben dafür dienen ich riefe geschwind hilf ihm und ich will dir mein
ganzes Leben dafür dienen und arbeiten dass mir das Blut aus den Händen spritzt
    Aber Gretchen wenn du nun das Alles tätest und es würde ihm wirklich
dadurch geholfen weißt du dann aber auch dass er es erkennen würde
    Gnädigster Herr  antwortete ich  dergleichen tut man nicht dass es
erkannt werde Wollte Gott ich könnt ihm nur helfen möcht er es meinetwegen
nimmermehr erfahren
    Jetzt ging er wieder eine ganze Weile mit großen Schritten tiefsinnig auf
und ab Hat er dich niemals gesehen  fragt er endlich
    Niemals außer da er krank war aber da wußt er ja nichts von sich selbst
    Hast du auch niemals gewünscht er möge dich sehen
    Ach Gott nein ich habe es immer gefürchtet
    Gefürchtet 
    Ja denn ich weiß schon vorher dass ich in große Verlegenheit kommen und
mich sehr einfältig benehmen werde Im Stillen ihm dienen seine Schmerzen
lindern ist meine innigste Freude Dass schon einiges davon bekannt wurde hat
mich eine Weile ganz betrübt gemacht Mir war als würde mir was genommen Jetzt
hab ichs verschmerzt und ist mir wieder so still und heilig in seinem Zimmer
wie in einer Kirche
    Was malt er jetzt
    Ich habe nicht gesehen dass er etwas Neues angefangen aber man hat genug an
dem was fertig ist zu sehen
    Weißt du auch warum er nicht malt
    Sie ist krank
    Ja und ihr Zustand bedenklich Die Ärzte sprechen sehr zweifelhaft davon
Wenn sie stürbe 
    Dann wäre der gute Herr für uns Alle verloren
    Vielleicht auch für immer gerettet
    Das glaub ich nicht Was sie ihm war wird keine ihm werden
    Sie liebt ihn nicht
    Das ists eben
    Warum ists das eben
    Ich kann es auch nicht begreifen aber die Frau Präsidentin sagt es
    Die Präsidentin Aber du was sagst du
    Ach gnädiger Herr ich hab es ja schon gesagt dass ich es nicht begreife
Aber wie vieles gibt es nicht was man nicht begreift So erzählte letzt eine
Dame bei der Frau Präsidentin ein junges Mädchen habe sich in einen ganz
wilden ausschweifenden jungen Menschen verliebt so dass die Eltern gar nicht
mehr gewusst hätten was sie mit ihr anfangen sollten Da habe ihnen eine
Freundin geraten sie sollen einen jungen Mann der aber über 18 Jahre alt sein
müsse  ein Mädchen brauche nur 14 zu sein  aufsuchen Habe dieser junge Mann
noch niemals aus Eitelkeit einem jungen Mädchen gefallen wollen  aus Liebe
schade es nichts  und überhaupt noch keine bösen Gedanken gehabt so dürfe er
nur ein Stückchen von dem feinsten Scharlache Nachts und Tags drei Monate lang
auf dem Herzen tragen und er könne damit das Mädchen retten
    Wie so
    Ja das Stückchen Tuch müsse ihr dann auch aufs Herz gebunden werden Habe
der junge Mensch aber in der Zeit wo er es getragen etwas Böses gedacht oder
getan so helfe es nichts
    Nun wie ging es Half es wirklich
    Ach sie haben keinen solchen jungen Menschen gefunden
    Ich glaube es Aber du Gretchen könntest das einmal mit dem Maler
versuchen
    Ich hab es schon versucht
    Du hast es versucht
    Ja aber auf eine andere Art Die Dame setzte noch hinzu wenn auch die
Leute einen solchen jungen Mann gefunden hätten wär es noch immer die Frage
gewesen ob er die Liebe des Mädchens gewünscht hätte Dafür sei aber auch Rat
Man brauche nur nicht das Stückchen Tuch dem Mädchen gerade aufs Herz zu binden
sondern nur Alles was sie an sich trage und berühre damit zu bestreichen so
werde sie doch gleich ruhig und alle ihre Leidenschaften gemässigter
    Und du
    Ja mein seliger Vater sagte immer all dergleichen sei Aberglauben Man
sieht aber doch heut zu Tage dass manches für Aberglauben gehalten worden was
es nicht ist sondern wirklich tief in der Natur liegt So dacht ich dann
hilft es nicht so schadet es doch auch keinem Menschen du kannst es immerhin
versuchen
    
    Du trägst ein solches Stückchen Tuch
    Ja ich trage es
    Und nach drei Monaten wirst du es ihm aufs Herz binden lassen
    Gott bewahre
    Warum Gott bewahre Es wäre ihm ja dann für immer geholfen
    Ach Gott nein ich mag es nicht
    Das ist sonderbar Du willst ihm helfen und dann willst du es wieder nicht
    Ach gnädiger Herr  rief ich  Verstehen sie mich doch nur recht Ich will
ja wohl dass ihm geholfen aber nicht dass er gezwungen werde mich zu lieben
    Ich sehe nicht ein  sagte er nun ganz heftig  warum du dich so sehr
dagegen wehrst Liebe ist ja Liebe sagst du sie mag kommen woher und mag
vermischt sein womit sie will Wie schlecht er dich Anfangs auch liebt er wird
es schon einmal lernen
    Ach gnädiger Herr  rief ich nun und konnte das Weinen nicht mehr
zurückhalten  das hätte ich nicht geglaubt dass Sie meine einfältigen Worte so
gegen mich kehren und so durch und durch bös auf mich werden würden Was ich
Ihnen jetzt vertrauete hat noch kein Mensch ja meine Mutter nicht einmal
erfahren
    Nicht wahr  sagte er nun recht bitter lächelnd  es gereuet dich dass du
so aufrichtig warst Doch nein es darf dich nicht gereuen und du musst nun
aufrichtig bleiben sonst verliert ja der Scharlach seine Kraft
    Das war mir nun ein rechter Stich durchs Herz Ich riss das Stückchen Tuch
hervor hielt es ihm hin und rief nehmen Sie es gnädiger Herr wenn Sie das
glauben Sie haben keinen Freund sagen Sie und trauen keinem Menschen recht
mehr als mir Aber nun trauen Sie ja auch mir nicht mehr und da sind Sie noch
viel unglücklicher als der arme junge Herr
    Er sah mich mit großen Augen an nahm das Stückchen Tuch und betrachtete es
von allen Seiten Dann ging er schnell damit zum Fenster  ich erschrack und
dachte er wolle es hinaus werfen denn er glaubt doch nicht daran das konnt
ich an seinen Mienen sehen  verbarg es in seinen Busen und kam dann wieder ganz
freundlich auf mich zu
    Gretchen  sagte er  ich sehe nun wohl dass wir beiden der arme Maler so
wie ich uns nur deines Mitleids zu erfreuen haben Viel können wir uns freilich
nicht darauf einbilden
    Großer Gott  rief ich  was könnten Sie sich denn auch darauf einbilden

    Lass das  sagte er  untersuche das nicht Was wir auch könnten du hast
uns davor geschützt Geh lieber Engel es war närrisch dass er mich nun mit
einemmale einen Engel nannte nachdem er kurz zuvor geglaubt hatte meine ganze
Aufrichtigkeit komme von dem Stückchen Tuche her Ich habe mancherlei zu
überlegen besonders aber wie ich dir meine großen und manchfaltigen Schulden
abtragen will
    So nahm ich dann mein Körbchen und ging voller Gedanken über all das
Sonderbare was ich von dem Fürsten gesehen und gehört hatte
    Er ist wohl wie sie immer gesagt hat dass die Männer sind aufbrausend und
launisch aber doch gleich wieder gut und herzlich und gar nicht so wie der
Herr Vetter sagt dass die Fürsten sind Sie sieht auch herzliebste Mutter dass
ich ihr Alles wie sie es verlangt hat schreibe Das werde ich auch immer tun
damit sie weiß dass sie nicht nötig hat angst meinetwegen zu sein
    Nun lebe sie wohl herzliebste Mutter Ich arbeite viel auf die Weihnacht
für die Frau Präsidentin denn die Reihe der lieben Kinder ist gar zu lang und
sie kann es nicht allein bestreiten Wenn der Bote aber zurückkömmt habe ich
doch einen ganzen Pack Geschriebenes wieder fertig Man braucht nur ein bisschen
früh aufzustehen so muss sich Alles schicken
 
                         Stephani an seine Verwandten
Sie wurde an einen der benachbarten Höfe mit verdoppeltem Gehalte berufen Der
Brief kam gerade an dem Tage als sie zum erstenmale das Bett verlassen hatte
Sie gab ihn mir lächelnd und sagte die guten Leute glauben mit Geld sei Alles
getan Aber ich will bei meiner Schwester ruhen und gehe nicht weiter es sei
denn dass man mich gehen heißt
    Ich hinterbrachte diese Worte dem Fürsten und er kam am folgenden Tage ihr
das was sie aufgeopfert hatte zu ersetzen
    Von jeder Krankheit ersteht sie schöner und ich sah dass ihr Anblick ihn
abermals überraschte Er gestand es mir und versicherte er werde sie um keinen
Preis gehen lassen Ihre Kunst sei unersetzlich
    Und ihre Gestalt  rief ich
    Das möcht ich nicht so geradezu behaupten  antwortete er
    Kennen Sie etwas Schöneres  rief ich abermals
    Ja  rief er eben so lebhaft aber es war sichtbar dass er seine
Lebhaftigkeit bereuete
    Schon lange verbarg er mir etwas aber ich war zu sehr mit meinem Schmerze
beschäftigt auch mocht ich mich nicht aufdringen So schwieg ich denn auch
jetzt und zeichnete wie ich oft während des Sprechens zu tun pflege
    Es war eine Gruppe spielender Knaben welche ich auf dem Wege zu ihm mit
Entzücken betrachtet hatte Er ging kämpfend mit sich selbst auf und ab blieb
dann wieder eine Weile bei mir stehen und betrachtete die Zeichnung
    Himmlische Unschuld  rief er  Für wen die Knaben
    O ich weiß nicht Für mich selbst Lebende habe ich doch nicht zu hoffen
    Unselige Leidenschaft Wenn ich so sehe wie sie deine Jugendkraft verzehrt
dich mir der Kunst raubt  dann möcht ich bereuen was ich getan habe möchte
sie ziehen lassen möchte dich retten um welchen Preis es auch sei
    Von ihr getrennt wär ich gerettet  Ewig  verlöre die Kunst etwas an mir
 ewig für sie verloren Mein Leben ruht tief in Rosamunden nur von ihren
Lippen empfang ich es wieder Trennung  Wahnsinn Selbstmord Wohin sie auch
geht ich folge so gewiss mein Schatten mir selbst
    Unbegreiflich
    Warum Sie ist das Vollkommenste was ich kenne In ihr ruht eine Welt
herrlicher Gebilde Nur sie durchschaut mein Innerstes kennt den leisesten
Wunsch meiner Seele 
    Wie Und das Weib lässt dich verschmachten O wenn ich sie nicht gerade sehe
und durch ihre Schönheit bestochen werde ergreift mich oft eine ordentliche
Wut und ich könnte das kalte selbstsüchtige Geschöpf ermorden
    Sie blüht schon dem Tode entgegen
    Und zieht dich mit in die Gruft Bei Gott ich fordre Rechenschaft von ihr
Ich kann und darf es nicht länger mit ansehen Du gehörst nicht allein dir du
gehörst uns der Kunst der Welt Melde ihr dass ich komme dass sie sich bereit
halte entscheidende Antwort zu geben
    Wann
    Morgen wenn es irgend meine Geschäfte erlauben
    So wird es dann gut sein  erwiderte ich indem ich ihm die Geschichte
ihres Lebens die ich seit ich sie empfing beständig mit mir herumtrage
überreichte  dieses vorher zu lesen Und hierauf entfernt ich mich schnell
ohne seine Antwort abzuwarten
    Am folgenden Tage ließ er mich plötzlich als ich gerade vor der Staffelei
saß rufen Aber ich ließ ihm zurück melden dass es mir ohne Gefahr für mein
Bild welches mir teilweise eintrocknen würde unmöglich sei zu erscheinen Es
seien die spielenden Knaben Wenn sie ganz untermalt waren würde ich aufwarten
Er soll lernen  dacht ich  wofern er es noch nicht weiß dass die Kunst wie
das Gemüt frei ist
    Aber er ließ mir sogleich zurück sagen ich solle mich nicht stören Er
wolle sich gedulden bis das Bild vollendet sei und wäre es ihm möglich
selbst lieber kommen
    Diese plötzliche Nachgiebigkeit diese tiefe Verehrung vor der Kunst rührte
mich dann wieder bis in das Innerste der Seele und ich hätte ihm zu Füßen
fallen und Vergebung meiner Härte von ihm erflehen mögen
    Er kam wirklich war so liebe freudevoll so entzückt von dem Bilde so
ganz entfernt zu ahnen ich habe mich gegen ihn vergangen dass ich wie
vernichtet vor ihm stand und nichts als hässliche falsche Scham mich abhielt
ihm meine tiefe Reue zu bekennen
    Er gab mir die Handschrift zurück gestand dass sie ihm vieles erläutere er
aber dennoch auf Entscheidung dringen werde
    Am folgenden Tage gingen wir zu ihr Ich sah dass er eine harte Anrede im
Sinne hatte aber im Augenblicke da wir eintraten verändert und im höchsten
Grade verwirrt wurde Sein Unmut darüber war unverkennbar Sich selbst und dem
mächtigen Eindrucke zum Trotze schien er nun seinen Vorsatz ausführen zu
wollen Wie gewöhnlich ging er mit großen Schritten auf und ab während ich mit
Rosamunden die spielenden Knaben die ich auf ihr Bitten hatte zu ihr bringen
lassen betrachtete
    Endlich trat er auch zu dem Bilde und rief nachdem er es gleichfalls eine
Weile betrachtet hatte glückselige Mutter die solche Kinder der Welt
hinterlässt Wie arm ist das gepriesenste Weib neben ihr Nach wenigen Jahren
ihre Spur nicht mehr zu finden Nutzlos verwelkt ihre Schönheit verloschen in
dem Andenken der Menschen
    Rosamunde sah schweigend vor sich nieder
    Wozu seid ihr da  fuhr er fort  als gleich Blumen das Auge zu ergötzen
das innerste Leben zu erquicken und Früchte zu tragen Euer schnelles Verblühen
predigt euch jeden Augenblick die treffende Ähnlichkeit dieses Bildes Was seid
ihr was bleibt ihr wenn Früchte nicht an euer kurzes Dasein erinnern
    Blumen  antwortete sie lächelnd 
    Blumen  wiederholte er spöttisch 
    Die durch ihre Schönheit  fuhr sie sanft und heiter fort  das Auge
ergötzen das innerste Leben erquicken nur keine Früchte tragen
    Und wenn es bei dem Ersten nur bleibt
    Das Erste schließt das Zweite schon in sich Alle Schönheit erquickt das
innigste Leben
    Sie kann auch zur Marter werden  rief er heftig  Darüber haben Sie als
Weib keine Stimme Sehen Sie ihn an  fuhr er fort und sein Zorn stieg höher 
Er stirbt und Sie haben ihn mir der Kunst und der Welt ermordet Glauben Sie
dass ich das so dulden werde Ich sage Ihnen nein ich werde es nicht dulden Von
mir fordert ihn die Kunst die Welt und wüssten Sie was das gesagt heißt so
würd ich sagen von Ihnen Aber Sie haben nur Gefühl für Ihren eigenen Wert
Doch stirbt Ihre Kunst mit Ihnen Nicht so bei ihm er wird von ihr überlebt
Nach Jahrhunderten werden seine Bilder ergötzen und Menschen über Erdennot
erheben Ein unvergängliches Denkmal könnten Sie sich stiften wenn Sie sein
Leben verlängerten Aber Sie verkürzen es und so seien Sie meines Hasses gewiss
es sei denn dass Sie plötzlich bereuen Gern will ich auch Ihre Kunst meinem
Volke erhalten denn ich bin ihm dafür wie für alles Schöne was ihm als das
höchste Bildungsmittel geraubt werden kann verantwortlich Aber dann eilen Sie
sich zu entschließen Seien Sie ein Weib ein wahrhaft schönes ein liebendes
Weib Opfern Sie sich auf und werden Sie  gelüstet Sie nach Ruhm  durch
dieses Opfer größer als der dem Sie sich opfern
    Ich zweifele  erwiderte sie  dass er das Opfer annähme und nähme er es
an so wäre er dessen nicht würdig
    O ja  rief er glühend vor Zorn  Er wär es er wär es Wem anders als
dem Manne gehört die Schönheit der Frau
    Ich glaube  fuhr sie sehr sanft und lächelnd fort  sie gehört ihr selbst
so wie ihr Herz und ihr Leben Wem sie es auch gibt es ist ein freies
Geschenk oder es gibt keine Freiheit mehr auf Erden
    Er maß nun wieder mit großen Schritten das Zimmer blieb dann plötzlich vor
ihr stehen und fragte wie er glaubte sehr gefasst aber mit blitzenden Augen 
Wo aber soll das enden das frag ich Sie und darauf will ich Antwort
    Es endet mit meinem Leben  antwortete sie ruhig  und davon ist nicht viel
mehr übrig
    Täuschung Schwärmerei Wer der Sie sieht kann das glauben Wohlan Sie
wollen nicht endigen so endige dann ich auf eine Art die Sie nimmermehr
erwarten Verstehen Sie mich auf eine Art die Sie nimmermehr ahnen
    Ich habe verstanden  antwortete sie 
    Nein Sie haben mich nicht verstanden  rief er  Ich kenne ein Mädchen
das schöner ist als Sie Ha sehen Sie erbleichen Sie nur Ja schöner Ein
Mädchen das nichts kennt nichts weiß als lieben Ein Engel stralend von
Unschuld Sein Ideal dafür bürg ich mit meinem Leben sein Ideal das er
aufgab da er Sie kennen lernte wähnend es sei auf Erden nicht zu finden Es
ist gefunden Jubelnd als Mann und als Künstler wird er bekennen dass es
gefunden ist Mit unendlichem Preise gegen den Allgütigen der ihn schon lebend
in seinen Himmel erhob Ja ein himmlisches tausendfältiges Leben wird er
beginnen Unsterbliche Werke wird er hervorbringen Dieser Engel voll ewiger
Unschuld und Liebe das Urbild aller Schönheit wird er ihm werden und sein Bild
wird der Nachwelt den ewigen Frieden aus jedem seiner Werke zulächeln Sie o
Sie sind verschwunden vertilgt aus seinem Gedächtnisse Gedenkt er Ihrer so
ist es wie einer schweren Krankheit wo sein Geist verfinstert seine Kraft
gelähmt war wo sein Schatten nur lebte Wollen Sie das Wollen Sie dass ich so
endige
    Wofern nicht auch mein Geist gänzlich verfinstert ist so muss ich das
wollen
    Wie
    Ist dieses Mädchen sein Ideal kann es mich aus seinem Herzen vertilgen so
wäre ja das Opfer was Sie fordern zwecklos widersinnig ja schändlich denn
ich verkennete durch dieses Verschleudern meines Herzens meines Lebens den
Wert welchen sogar Sie mir noch beilegen Ist seine Liebe zu mir Krankheit
und geneset sein Geist nur durch Verbindung mit diesem Mädchen wie eigensüchtig
und hassenswürdig ihn nicht genesen zu lassen Nur dann sagen Sie wird sein
wahres sein himmlisches Künstlerleben beginnen nur dann wird er die
unsterblichen Werke hervorbringen die nun mit ihm untergehen Was fordert die
Welt nun von mir was kann und muss sie nun fordern Dass er erhalten werde um
welchen Preis es auch sei ja dass liebt ich ihn sogar dieser Liebe nicht
geachtet werde
    Mit diesen Worten schien ein Lichtstral in seine Seele zu fallen Er
betrachtete sie mit schweigender Rührung und sagte dann sanft Warum aber wenn
sie ihn lieben zwingen Sie mich zu dieser Härte warum wollen Sie ihn nicht
sich selbst und uns Allen erhalten
    Es ist ja eben die Frage ob ich dieses vermag
    Ja Sie vermögen es Das Herz hat seine Launen Wie himmlisch auch mir und
Vielen das Mädchen erscheint Ihnen gehört nun einmal sein Herz und über
Verwandschaft der Geister lässt sich nicht rechten
    Aber das Alles ist Täuschung Sieht er das Mädchen muss sie verschwinden
Doch was tuts hat doch seine Laune ihr freies Spiel gehabt Mir
Weggeworfenen Nichtgeachteten mag das Herz nur brechen Hat er doch Alles
gekonnt was er gewollt hat
    Nun ging er wieder schweigend und heftig auf und ab Sie strafen mich hart
sagte er dann  für meine unbesonnenen Worte
    Oft  erwiderte sie  scheint uns unbesonnen was das Besonnenste ist
Indem Sie mir die Zukunft so wahr und treu vorhielten wurden Sie mein
Wohltäter und Ihre Härte wurde die höchste Güte Sie haben mich mir selbst
erhalten mich vor dem grausamsten Spiele geschützt Ein Spiel was die Männer
mit unserm ganzen herabgewürdigten Geschlechte treiben und dessen Anblick mir
das Herz schon lange empört und zerrissen hat Ich will die Schmach dieses
schändlich misshandelten Geschlechts nicht länger mit ansehen Ich bin dem Tode
geweiht will es sein wer darf es mir wehren
    Er trat jetzt schnell auf sie zu wollte etwas sagen aber musste sich
abwenden denn seine Augen füllten sich mit Tränen
    Wie aber  hub er endlich an  wenn das Herz was so oft Recht hatte auch
hier Recht gehabt hätte Wenn er den wir für den Unvernünftigsten hielten der
Vernünftigste gewesen wäre allein Ihren ganzen tiefen Wert gegen den auch ich
leider verblendet war empfunden und für alle Zeiten gewürdigt hätte Wenn seine
Ahnung dass Nichts sie ersetzen kann Wahrheit würde er sich Ihnen nach ins
Grab stürzte und Sie jenseits erränge O wenn er für uns dennoch verloren wäre
    Wer wäre Schuld daran  rief ich durch dieses Aufzählen meiner Schmerzen
aus trostloser Betäubung erwachend  wer wäre Schuld daran als die welche
dieses hohe und wahrhaft liebende Wesen irre machten über seinen tiefen und
ewigen Wert Wer wäre Schuld daran als die welche mein Herz besser verstehen
wollten als ich selbst Längst wäre sie mein hätten grausame Vernünftler mich
nicht für Augenblicke geblendet und mir ihre verwirrten Ansichten aufgedrungen
Ach sie trauet nicht mehr der Kraft meines Herzens Jetzt ist sie verloren und
ich bin es mit ihr
    Nein  rief er  du bist es nicht und sollst es nicht sein Nicht wir
allein haben geirrt auch sie Hatte sie nicht in ihrem eigenen Herzen den
Maßstab ihres Wertes musste sie sich von uns Kurzsichtigen betören lassen
Hätte sie deine Wünsche erfüllt längst wären wir beschämt Sie wird sie
erfüllen denn sie hat ein liebendes Herz und unser aller Trauer wird sich in
Freude verwandeln
    Sie lächelte aber ihr Lächeln war ein Stral der untergehenden Sonne und in
meinem Herzen blieb die Trauer
 
                            Gretchen an ihre Mutter
Endlich herzliebste Mutter kann ich einmal wieder schreiben Wir haben Nacht
und Tag auf die Weihnacht gearbeitet Dafür ists aber auch eine Freude geworden
wie ich in meinem Leben nicht gesehen habe
    Die Frau Präsidentin macht es recht klug Alles was die Kinder das ganze
Jahr durch nötig haben spart sie auf die Weihnacht Sie hätten  sagt sie 
tausendmal mehr Freude daran und hielten es viel werter
    Der Herr Präsident ist ein vortrefflicher Herr aber doch ein bisschen sehr
ernstaft und meint die Frau Präsidentin mache gar zu viel aus dem Feste und
für die ältesten Kinder sei das ganze Wesen nicht mehr passend Die Frau
Präsidentin aber meint man könne gar nicht genug aus dem Feste machen Es sei
die traurigste Zeit im ganzen Jahre und ein wahres Glück für Groß und Klein
dass das Fest gerade in diese Zeit falle Was den Kindern an Spielen in freier
Luft abgehe ersetze die Freude vor und nach Weihnacht Sie halte ihren Geist
munter und stärke sie gegen vielerlei Unarten und mit dem wildesten Buben sei
im ganzen Jahre nicht so gut auszukommen
    Das gibt dann der Herr Präsident für die Kleinen wohl zu spricht aber doch
immer von der Unschicklichkeit für die Großen Die Großen sagt aber die Frau
Präsidentin seien eben die Hauptsache Sie wissen Alles was die Kleinen
bekommen helfen es mit herbeischaffen und zubereiten und freuen sich
tausendmal vorher über die Freude der Kleinen Sie geben sich auch um diese Zeit
ein viel weniger gelehrtes Ansehen gegen sie schlichten mancherlei
Streitigkeiten eben weil sie Freude im Sinne hätten mit Güte und gestern
haben sie ihnen noch zugerufen  sie habe es im Nebenzimmer gehört  ach wer
will sich denn streiten hört ihr denn nicht die Glocken es geht ja auf
Weihnacht
    Nun immerhin  sagte der Herr Präsident und lachte doch wieder recht
freundlich  aber das sag ich dir in meiner Nähe kann ich den Spectakel nicht
mehr dulden Meine Geschäfte leiden darunter
    Der Saal  meinte die Frau Präsidentin  sei ja noch zwei Zimmer von dem
seinigen entfernt
    Nichts nichts  rief aber der Herr Präsident  der ganze Tross läuft dann
von Morgen bis Abend auf und ab und des Türzuschlagens wird kein Ende
    So blieb uns dann nichts übrig als Herrn Stephanis Vorzimmer denn im
Wohn und Esszimmer ist man keinen Augenblick sicher vor den Kleinen Seit
Rosamundens Krankheit war auch Herr Stephani noch keinen Abend zu Hause sondern
entweder bei ihr oder bei dem Fürsten
    So schafften wir dann in der Dämmerung den großen Tisch mit allem Zubehör
herein und putzten so prächtig auf dass die ältesten Kinder vor Freude auf den
Stühlen herumsprangen und die Frau Präsidentin genug zu wehren hatte
    Da nun aber Alles fertig war umringten sie sie mit einemmale und riefen
ach du allerweltssüsseste Mutter  so nennen sie sie immer wenn sie recht
bitten wollen  nun tue uns aber noch einen einzigen Gefallen mach es nun
einmal ganz so wie die andern Leute und lass auch ein Christkind dabei kommen
Sieh Gretchen kann das Christkind sein Gib ihr dein silberflornes Kleid Wir
haben schon eine Krone von dem Stück Goldstoff was du uns schenktest gemacht
und vom Hofgärtner einen Palmzweig dazu bekommen Wir haben die Krone schon vor
acht Tagen gemacht mochten sie dir aber nicht zeigen Sonst hättest du es dem
Vater gesagt und der hätt es nicht gelitten Nun aber wenn es so mit
einemmale kommt wird er sich prächtig darüber freuen Du weißt es ja wenn er
auch manchmal etwas nicht leiden will freut er sich doch nachher darüber und
sagt dann so ja so wäre es ganz anders als er gedacht hätte Und es macht ja
auch gar keine Unruhe und Gretchen zerreißt dir auch nichts an dem Kleide O
allerweltssüsseste Mutter tue es nur Und so ließ sie nicht nach bis sie
endlich Ja nickte
    Nun wurde ich geschwind in der Frau Präsidentin Kammer gezogen bekam das
silberflorne Kleid an den Palmzweig in die Hand und die goldene Krone dazu
auf Meine Haare wurden ganz lang herunter gekämmt und da sie sich ein wenig
locken passte es recht gut dazu
    Aber es war spät über dem Allen geworden beinahe wären die Kleinen
eingeschlafen da sie aber das gewöhnliche Zeichen mit der Glocke hörten wurden
sie Alle wieder munter und stürmten nun mit einemmale herein
    Aber mein Gott wie wurde mir als Herr Stephani der Fürst und der Herr
Präsident hinter ihnen her kamen Ich stand oben am Tische und sollte mich gar
nicht rühren hätte aber vor Zittern bald den Palmzweig fallen lassen Nun
wurden mich auch erst die Kinder recht gewahr und riefen mit einemmale ach
Gretchen Gretchen ist das Christkind
    Ich hätte in die Erde sinken mögen so schämte ich mich Nun trat aber noch
Herr Stephani hinzu und betrachtete mich so erstaunt als hielte er mich für
ein wirkliches Christkind Darüber kamen mir dann vor Verlegenheit die Tränen
in die Augen und ich wurde so bestürzt und betäubt dass ich gar nicht mehr
wusste was ich anfangen sollte
    Die Kinder hatten sich indessen an die Spielsachen gemacht aber Herr
Stephani stand noch immer unbeweglich und staunte mich an Ach Gott hätte mir
ein Mensch von meinem Putze geholfen ich hätte ihm Alles zu Gefallen getan
Vor Angst bekam ich entsetzliche Kopfschmerzen die vielen Lichter blendeten
mich auch und ohne mehr recht zu wissen was ich tat nahm ich die Krone ab
und gab sie mit dem Palmzweige Herrn Stephani
    Ich wollte nun geschwind hinauslaufen aber die Knie zitterten mir so
schrecklich dass ich kaum die paar Schritte zur Türe machen konnte Das war
aber gewiss ein großes Glück denn sonst hätt ich vor Angst das ganze Kleid
zerrissen
    Die Frau Präsidentin kam gleich hinter mir her und sagte der Herr
Präsident habe befohlen ich solle den Abend mit an ihrem Tische essen Das war
nun gewiss eine große Ehre konnte sie aber doch nicht annehmen sondern musste
zu Hause gehen und mich geschwind zu Bette legen Mir war als hätt ich ein
Fieber fiel aber doch bald in Schlaf und wachte den andern Morgen beim
herrlichen Glockengeläute frisch und munter wieder auf
    Ich war wohl eigentlich nicht krank sondern nur von dem vielen Nähen bis
tief in die Nacht und von dem Schrecken sehr angegriffen Nach der Kirche ging
ich aber doch gleich wieder zu der Frau Präsidentin Lieber Gott was hatt ich
aber da wieder für ein freudiges Schrecken In der Frau Präsidentin Stube war
für mich beschert Ich wollt es Anfangs gar nicht glauben dass das Alles für
mich sein sollte Aber die Kinder riefen immer ja Gretchen es ist Alles für
dich Nimms nur nimms nur es ist Alles für dich Sieh das prächtige Klavier
und die Harfe und die Kiste mit lauter feinen weißen Kleidern hat dir der
Fürst das schöne Stück Leinwand und die hübsche Nählade die Mutter und das
Gesangbuch mit Silber beschlagen der Vater und wir haben dir Alle von unserm
Honigkuchen Zuckergebackenen Aepfeln und Nüssen dazu beschert Nimm nimm 
riefen die Kleinen darein  schmeckt gut und sollst doch wenn wir auch unsers
aufgegessen haben Alles behalten und wollen nichts wieder von dir fordern
    Nun entstand mit einemmale im Nebenzimmer ein Gelächter Es ist der Fürst
und Herr Stephani und der Vater  flüsterten die Ältesten  sie haben sich
versteckt und zugesehen wie du erschrocken bist und dich gefreut hast und du
wirst jetzt eine ordentliche vornehme Dame und sollst Klavier und Harfe
spielen und Singen und Zeichnen lernen und gar nicht mehr für die Leute nähen
    Was schwatzt ihr denn da  sagte endlich die Frau Präsidentin  Lasst doch
das arme Mädchen zu sich selbst kommen Und nun zeigte sie mir Alles und sagte
es sei wirklich für mich und der Fürst wolle mich Alles lernen lassen und wenn
es die Mutter und der Herr Vetter zufrieden wären wolle sie mich ganz zu sich
ins Haus nehmen Ich solle es ihr heute gleich schreiben und bitten dass sie es
überlege und mir bald Antwort gäbe Es sei ja Alles zu meinem wahren Glücke
denn zu etwas Anderem werde sie nimmermehr raten
    Das sagte sie auch zu dem Herrn Vetter Der wurde aber ganz betrübt und
sagte er werde es nicht verschmerzen und werde ihm kein Essen mehr schmecken
    Da hieß mich aber die Frau Präsidentin hinausgehen und sagte sie wolle mit
dem Herrn Vetter allein sprechen Sie muss ihm gewiss recht zugeredet haben denn
als er zu Hause kam sagte er packe zusammen Gretchen und mache dass du aus
dem Hause kommst Aber tues heimlich sprich mir nichts von Abschied und wenn
du mich alten Mann nicht kränken willst so sieh des Tages wenigstens einmal
nach mir Hoffärtig wirst du nicht werden das weiß ich schon und so gehe mit
Gott Ich will in die Werkstätte und wills verarbeiten
    Ich hielt ihn aber fest bei der Hand und sagte liebster Herr Vetter sei
er doch nicht gar zu betrübt sonst kann ich nicht aus dem Hause und was hilft
mir all mein Glück wenn er es nicht ertragen kann
    Ich wills ertragen  sagte er wischte sich aber die Tränen ab  und jetzt
lass mich gehen Ich will dir ein Andenken machen das sollen mir die jungen
neumodischen Bursche ungehudelt lassen und soll Jedermann Respekt dafür haben
    Ich aber konnte nun auch das Weinen nicht mehr lassen und hätte beinahe
gewünscht es möchte ganz anders gekommen sein Als ich mich aber recht
ausgeweint hatte wurde ich mit einemmale wieder heiter und dachte wie wenn
du nun aber dem Vetter in der einen Stunde wo du etwa kommen kannst mehr
Freude machtest als sonst am ganzen Tage  Kannst ja immer vorher daran
denken kannst ihm ein Gericht was er gern isst oder sonst etwas Angenehmes
bereiten kannst dir die Zeitungen anschaffen und ihm gleich ehe er es noch
sonst wo erfährt das Neueste daraus erzählen Den Mägden kannst du auch immer
etwas mitbringen dass sie besser arbeiten und mit der Frau Base nicht uneinig
werden und wenn sies geworden sind lässt sich auch in einer Stunde viel wieder
gut machen
    So dacht ich und packte meine Sachen zusammen Als ich nun aber Alles
ausgeleert hatte wurde mir doch wieder ganz wehmütig und als ich mich endlich
in der Dämmerung fortschlich kam ich doch mit ganz rotgeweinten Augen zu der
Frau Präsidentin
    Nun lebe sie wohl herzliebste Mutter Ich hoffe doch dass sie nicht böse
darüber wird dass ich ihre Erlaubnis nicht abgewartet habe Der Herr Vetter
hatte aber keine Ruhe mehr und sagte was geschehen müsse solle gleich
geschehen denn das Aufschieben könne er vollends nicht aushalten und er wolle
es schon bei ihr verantworten
    Nun lebe sie nochmals wohl herzliebste Mutter Ich wünsche ihr ein
fröliches neues Jahr und bitte Gott dass er sie auf all ihren Wegen begleite
 
                         Stephani an seine Verwandten
Ich habe eine himmlische Erscheinung gehabt und in meine ganz umdüsterte Seele
ist ein belebender Lichtstral gefallen Alles schien mir dem Grabe geweiht aber
das Glockengeläute zum heiligen Feste scheint mir jetzt nur Auferstehung zu
verkündigen Ein unverwelklicher Frühling ist mir aufgegangen alle Blumen
öffnen mir Seligen den Kelch und ich kann nichts denken als Leben
    O es war kein Traum Das göttliche Mädchen was mir einst Trank im
brennenden Fieber reichte was Niemand gesehen haben wollte ich hab es
gesehen
    O ihr versteht mich nicht und so muss ich erzählen
    Die spielenden Knaben waren ganz fertig der Fürst trug großes Verlangen
sie zu sehen und wollte mich mit Bernhard der gerade bei ihm war in meine
Werkstätte begleiten Als wir aber vor das Haus kamen schien mein ganzes
Vorzimmer in Flammen zu stehen Bernhard erschrack so wie wir fasste sich aber
bald und rief zu unserm Erstaunen mit Lächeln ich wette das haben die Weiber
angestellt
    Schnell drangen wir nun durch den Haufen des gaffenden Volks und Bernhard
vielleicht seiner Sache doch nicht gewiss eilte voraus Als er aber das Zimmer
öffnete leuchtete uns mit einemmale eine ganze Christbescherung mit allen neun
Kindern entgegen Anfangs sah ich nichts als die Kinder plötzlich aber stralte
mir vom andern Ende des Tisches ein Mädchen im Gewande der Himmelskönigin
entgegen
    Ich trete näher sehe ein Wunder unvergleichlicher Schönheit eine Jungfrau
im höchsten Sinne des Worts Meine Knie wollen sich beugen Da nimmt sie die
Krone vom Haupt und reicht sie mir mit einem Palmzweige In dem Augenblicke
fällt ein Lichtstral in meine Seele Ich erkenne das himmlische Kind was mir im
Fieber einst Trank reichte Aber die göttliche Erscheinung wendet sich von mir
und verschwindet
    Betäubt staun ich ihr nach da tritt der Fürst zu mir betrachtet
schweigend was sie mir gegeben wendet sich dann ebenfalls schnell beinahe
unwillig von mir weg und verlässt uns
    Noch erstaunter betracht ich nun die Gabe als eins der Kinder ruft sieh
Mutter Gretchen hat die Kron und den Palmzweig Herrn Stephani gegeben
    Wer ist Gretchen  frag ich nun schnell 
    Sie ist die Tochter eines Landschulmeisters  antwortet Matilde  nach
unserer Stadtsprache ein ganz ungebildetes Mädchen aber gewiss die engelreinste
Seele die man finden kann
    Ja wohl  fiel Bernhard ein  und nie habe ich sie in einem passendern
Kleide gesehen Sie hat mich auf das herrlichste überrascht doch schien sie es
noch mehr als wir Alle Sieh doch nach ihr und bitte sie diesen Abend bei uns
zu bleiben
    Matilde aber kam mit der Antwort zurück ihr sei nicht wohl und sie habe
gebeten sich schnell nach Hause begeben zu dürfen Es ist wahrscheinlich nichts
als Schrecken und Ermüdung  fuhr sie fort  morgen wird sie wieder hergestellt
sein und wir werden ihr hier im Hause Alles bescheren können Auf diese Worte
fingen die Kinder an zu jubeln und ich trat gedankenvoll in mein Zimmer
    Den andern Morgen holten sie mich mit der Nachricht es solle Gretchen
beschert werden der Fürst sei da wolle sich aber mit uns im Nebenzimmer
verbergen um recht zu sehen wie Gretchen erstaunen und sich freuen werde
    Ich sah sie wieder O du himmlische himmlische Unschuld Du
liebenswürdigstes aller Geschöpfe die auf Erden geboren wurden wofern du nicht
gerade vom Himmel stiegest Du meine innigste heiligste Erscheinung die ich
oft auf der Leinwand darstellen wollte damit ich sie auch mit körperlichem Auge
schauen möchte die dann aber zerfloss nicht sichtbar werden wollte Die ich
dann schnell wieder wie ein heiliges Geheimnis in mein Innerstes verschloss
trauernd dass es mir nicht vergönnt sei dich als sichtbare Gottheit den
Menschen zu hinterlassen
    O du atmest wie ich Körper bist du dennoch geworden Sei werde
unsterblich oder verschwinde nur nicht von der Erde bevor meine Augen sich
schließen Was soll ich sehen wenn ich dich nicht mehr sehe 
    So weit hatt ich geschrieben als ein Geräusch mich aus meiner Entzückung
weckte Es war der Fürst
    Was treibst du  fragte er  Alle deine äußeren Sinne waren verschlossen
Man meldete mich dir ich trat mit Geräusch zu dir ein und du bliebst
unbeweglich
    Ich beteuerte dass kein Mensch bei mir gewesen dass ich ihn gesehen habe
ohne zu begreifen woher er so plötzlich gekommen Gleichwohl  antwortete er 
ist mir mein Laufer auf deiner Schwelle begegnet Aber wie gesagt du warst
der Erde völlig entrückt Hätt ich dich malend gefunden wär es begreiflich
gewesen aber mich dünkt du schriebst oder hattest geschrieben
    An meinen liebsten Verwandten  sagt ich  dessen Briefe an Alle und für
Alle gelten Man sieht mir viel nach und so schreibe ich ohn alle Rücksicht
Auch wird ein Brief in unserer Familie wie ein Heiligtum gehalten und ein
Jeder der daraus das Geringste verriete würde ein Verbrechen zu begehen
glauben
    Eine Lehre für mich  rief er  denn wie dürft ich nun wie sehr mich mein
Herz dazu drängt nach dem Inhalte fragen 
    Er hielt inne und schien auf Antwort zu warten Ich aber sah schweigend vor
mich nieder  Eins aber  fuhr er fort  ist mir dennoch vergönnt raten ist
mir nicht untersagt Du schriebst so rat ich nun von der von welcher du
immer schreibst Er sah mich forschend an ich wollte seinen Blick vermeiden
aber eine brennende Röte überzog meine Wangen
    Nicht nicht  rief er und ging als er keine Antwort bekam in heftiger
Bewegung auf und ab blieb dann plötzlich wieder vor mir stehen ergriff meine
Hande und sagte mit der höchsten Wehmut Stephani du schriebst nicht von ihr
nicht von Rosamunden 
    Nein  sagt ich halblaut und wandte mein Gesicht von ihm weg
    Du wendest dich weg  rief er  du schreibst nicht von ihr So weiß ich
und plötzlich hielt er wieder inne und ging kämpfend mit sich selbst auf und
ab Stephani  fing er dann wieder an  das Einzige sage mir von wem schriebst
du
    Von dem wunderbaren Mädchen  antwortete ich nun  welches mir in Gestalt
der Himmelskönigin erschien mir im Fieber einst Trank reichte Niemand wollte
gesehen haben und ich am Ende für ein Gebilde meiner Phantasie hielt
    Jetzt nicht mehr  rief er 
    Wie kann ich  fuhr ich fort  Da liegt die Krone und die Palme und gestern
sah ich sie ja zum zweitenmale mit Ihnen 
    O ich bin ein armer Mann  rief er abermals und warf sich in einen Sessel
    Sein Zustand drang mir tief durch die Seele Dankbarkeit begeisterte mich
Mein Fürst und mein Wohltäter  hub ich an  geben Sie dem Schmerze nicht Raum
Kann es Sie beruhigen wenn mein ganzes Herz offen vor Ihnen liegt wohlan
blicken Sie hinein und so möge mich Gott in der letzten Stunde verlassen
wofern Ihnen eine Empfindung deren ich mir bewusst bin verborgen bleibt
    Er sah mich gerührt und zweifelhaft an
    Lesen Sie dann  fuhr ich fort  und wenn Ihnen dieses Blatt entdeckt dass
Ihre Weissagung erfüllt ist so erfahren Sie auch zu gleicher Zeit dass dieses
wunderbare Mädchen ein überirdisches Wesen für mich ist Das kann es bleiben
Nur seinen Anblick entziehen Sie mir nicht sonst möchte meine schon umdüsterte
Seele gänzlich verfinstert werden
    O  rief er  es ist geschehen Ich wollte mein Unglück und musste es
wollen Wer konnte mich schützen vor meinem eigenen Willen
    Ich mein Fürst kann es vielleicht Ich kann ich darf vielleicht ihrem edelen
Willen Einhalt tun O wie tief fühl ich mich beschämt gezüchtigt für so
manche Künstlerlaune die ich dem feinfühlendsten edelsten Menschen und Fürsten
entgegensetzte Möchte mein Blut fließen diesen Fleck in meinem Leben zu
vertilgen oder möcht ich würdig sein ihm der es zu einem himmlischen erheben
wollte einen himmlischen Lohn durch ewige Entsagung zu bereiten
    Zu spät  rief er  das Schicksal hat längst schon bereitet Wen sie liebt
dem wird sie gehören verwahrte sie der Andere hinter dreifachen Riegeln
    Wen wird sie lieben  fiel ich ein  als den grössesten Menschenfreund
ihren grössesten Wohltäter der mit dem Strale seiner hohen Vernunft ihre
schöne Seele erleuchtet
    O  rief er lächelnd  sie kann unserer Vernunft wie unseres Lichtes
entbehren Ihre Vernunft ist die höchste Liebe Liebe ihre höchste Vernunft Ihr
Herz hell und tief wie der blaue Himmel Ihr ganzes Leben und Weben nichts als
Wahrheit und Licht
    Ich hab es gesehen  fiel ich ein  denn meine Knie wollten sich beugen
Sie ist meine innigste heiligste Erscheinung Ich habe sie gesehen lange eh
ich sie sah
    Diese unbesonnenen Worte verwundeten abermals sein edles Herz Er sprang auf
und verließ mich
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Mir ist als wäre ich in den Himmel gekommen Des Nachts träum ich auch immer
von Engeln träume dass ich schon die Harfe und das Klavier spielen könnte und
dass sie mir zuhörten Die Harfe die mir immer etwas schwer vorkommt und mich
manchmal weil ich sie noch nicht recht zu halten verstehe ein wenig drückt
ist mir im Traume ganz leicht Ja ich schwebe mit ihr frei in der Luft singe
aus voller Brust Lieder die ich in meinem Leben nicht hörte greife voll
Zuversicht in die Saiten und bebe von unaussprechlicher Wonne wenn sie
ertönen
    O meine herzallerliebste Mutter was bin ich so selig Sehe sie ich kann
gar nicht mehr beten wie sonst und Gebete aus den Gebetbüchern kann ich auch
nicht mehr beten Ich kann nur die Hände falten und manchmal auf das Klavier
und manchmal auf die Harfe blicken Und dann kann ich das Weinen nicht mehr
lassen denn ich bin gar zu selig und der ganze herrliche Tag wo ich so viel
lernen werde steht mir vor Augen
    Wenn ich nun so gar nicht mehr weiß was ich sagen und wie ich beten soll
dann tröste ich mich mit der Nacht wo ich in den herrlichen Liedern die ich
nie gelernt habe Alles sagen kann was ich jetzt muss verschweigen
    Der vortreffliche Mann der Fürst wusste wohl was mir gut war Er sah dass
ich Manches dachte was ich nicht ausdrücken konnte Er hat mir eine Sprache
gegeben und in dieser Sprache will ich ihm danken
    Seit mehreren Tagen hab ich ihn nicht gesehen denn er hat der Frau
Präsidentin gesagt ich solle nicht kommen Anfangs erschrack ich darüber Aber
die Frau Präsidentin sagte er habe gar zu viel Geschäfte und dürfe nicht
gestört werden
    Herrn Stephani seh ich nun alle Tage aber es ist sonderbar wir sprechen
kein Wort miteinander Das tut auch nichts denn wenn ich nur seine Stimme
höre ists einerlei mit wem er spricht
    Herzliebste Mutter ich sagte ihr einmal er gliche einem trauernden Engel
Sehe Sie nur in die große Bilderbibel Da wo der junge Tobias zu seinem Vater
kommt Gerade so wie der Engel der dabei steht sieht er Aber traurig ist er
nicht mehr Besonders nicht wenn er einem unvermutet entgegen kommt
    Gestern trug ich gerade einen Veilchenbusch den ich heimlich für die Frau
Präsidentin gezogen hatte in ihr Schlafzimmer und gerade wie ich in die Türe
trat kam er mir entgegen
    Es waren Fremde bei der Frau Präsidentin und da hatte er sich geflüchtet
Sie quälen ihn gewöhnlich mit Lobsprüchen und wollen mit Gewalt in sein Zimmer
und seine Bilder sehen Das kann er aber nicht leiden
    So standen wir dann wieder dicht voreinander wie am Weihnachtsabend Aber
ich weiß nicht wie es kam  diesesmal war ich gar nicht verlegen sondern sah
ihm so freudig ins Gesicht als ob ich im Traume die Harfe spielte und dazu
sänge
    Auch er sah vor Freude ganz verklärt aus und es war wirklich als hätten
wir uns lange verloren und jetzt erst gefunden
    Der Blumentopf glitt leise an mir nieder auf den Teppich Er hob ihn auf
gab ihn mir wieder und wartete schweigend bis ich das Zimmer verlassen hatte
    Herzliebste Mutter ich habe seitdem erst begriffen was in der Bibel vom
Anschauen Gottes steht und dass die Geister schon dadurch selig würden
 
                         Stephani an seine Verwandten
Wie viel widersprechende Gefühle vermag des Menschen Brust zu umfassen Reue
Dankbarkeit Entzücken Welches ist das Herrschende welches wird es bleiben
Ach ich weiß es nicht  Was wollt ich vor wenigen Wochen Was will ich jetzt
Warum tötet mich diese Frage nicht  Mich Kann auch ein Seliger getötet
werden
    Soll ich hin zu ihr soll ihr gestehen dass sie mich besser kannte als ich
mich selbst  Aber was liegt dann in diesem Bekenntnisse liegt nicht darin
sie sei mir weniger geworden und ist das wahr Nein bei dem allwissenden Gott
das ist nicht wahr Möcht ich sie lassen sie verlieren O ich kann es nicht
denken eben so wenig als von der Himmlischen die mich umschwebt verbannt
werden Was will ich dann 
    Ach ich ließ die Feder fallen breitete meine Arme weit aus und rief sie
beide  Sie beide  Ich  Wer bin ich dass ich diesen Wunsch dachte laut
rief Was tat ich ihn denken zu dürfen  Nichts Aber tief in meinem Innern
fühl ich den Wert dieser Unvergleichlichen tief in meinem Inneren fühl ich
dass kein Mann ihn so würdigen kann und wird Woher ich das weiß O ich sehe es
Wird irgend Einer von Allen die mich umgeben und der Kunst huldigen von
Schönheit so ergriffen durchdrungen wie ich Wäre das so müssten sie sie
darstellen wie ich denn alle Darstellungsgabe ist nichts als Übermaass des
Gefühls des inneren Lebens das gewaltsam hervorbricht um getrennt von dem
welchem es zu mächtig ward ein eigenes selbstständiges Leben zu beginnen
    Ist es nicht längst bekannt dass nur der sich ein Gut am meisten zueignet
der es am meisten zu würdigen und zu genießen versteht  Wenn das ist darf
ich dann nicht rufen sie sind mehr mein als irgend eines Andern  Wenn das
ist darf ich mich dann nicht niederwerfen vor Gott und bitten gib erhalt
sie mir Beide und liegt in dieser Bitte mehr als ich mit meinem innigsten
Gefühle mit meinem mächtigsten Bedürfnisse rechtfertigen kann und will 
    Ach wohin bin ich geraten Ist mein Wille das Schicksal  Unglücklicher
bin ich es der Verzicht tun wollte
Was klag ich Wem lächelt das Schicksal dennoch so wie mir Während ich den
Blick zur Erde heftete wurde himmlischer Trost mir bereitet
    Die Stadt Pisa fordert eine Madonna als Altarblatt von mir Ja ihr sollt
sie haben Gerade ich kann sie euch geben
    Ach die nötigen Vorbereitungen halten mich noch auf Aber warum soll ich
warten Kann ich nicht selbst Handwerker Handlanger werden Ja das will ich
und reinigen will ich die Farben dass alles Irrdische daraus verschwindet
Gefärbtes Licht sollen sie bleiben auch da wo sie Schatten werden müssen
    Rosamunde du schwebtest Margarete du sollst schweben wie sie Aus
eigener Kraft erhob sich jene von der Erde du warst vom Anfange erhoben Genien
meines Lebens Kunst und Liebe hält euch in meiner Nähe Halleluja ihr könnt
nicht mehr von mir weichen
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Es war gestern des Fürsten Namenstag Ich wusste es schon lange und hatte meinen
Lehrer gebeten mich ein recht schönes Lied zu lehren was ich meinem teuren
Wohltäter singen könnte Es war ein prächtiges Lied und mein Lehrer sagte ich
sänge es recht gut
    Ach wie freute ich mich Ich zog das schönste von den weißen Kleidern an
mit dem feinen goldenen Gürtel den mir der Fürst dazu geschenkt hat und dem
Perlenhalsbande mit dem goldenen Schloss Ich war gewiss recht schön geputzt
und als ich fertig war dacht ich einmal über das andere ach wenn doch meine
herzliebste Mutter hier wäre und mich sähe denn ich bin ja doch ihre einzige
Freude auf der Erde
    Der Herr Präsident ließ mich auf das Schloss fahren und meine Harfe wurde
mir bis in das Vorzimmer gebracht Als ich aber in des Fürsten Zimmer treten
sollte wurde mir bange und ich dachte ach die Harfe ist so schwer wie
ungeschickt wirst du damit hineinkommen Aber es ging besser als ich dachte
    Dicht neben der Türe ist eine Erhöhung auf diese kniete ich und setzte
die Harfe etwas tiefer vor mir nieder Ich sagte nichts sondern fing gleich an
zu spielen und zu singen Es überraschte den Fürsten außerordentlich und
gefiel ihm über die Maassen denn er kam in großer Bewegung auf mich zu und
sagte was kniest du Engel Steh auf
    Ich aber blieb immer noch liegen und spielte das Lied erst ganz aus und
sang die letzten Verse welche die schönsten sind viel besser als die ersten
Die große Freude dass ich ihm mit so schönen Worten danken konnte trieb alle
Angst von mir weg und die Harfe klang wie im Traume
    Er aber nahm sie mir aus dem Arme und sagte wiederum O steh auf Wer
kann dich so sehen 
    Nein  rief ich  gnädiger Herr lassen Sie mich Ihnen so danken für das
Leben was Sie mir gegeben haben Ach ich war tot vorher Nur jetzt leb ich
wirklich fühle jeden Tag ein erhöhteres Leben Was soll ich was kann ich tun
Ihnen zu danken O möchten Sie etwas recht Schweres von mir fordern Etwas das
kein Mensch tun könnte als ich
    Steh auf  rief er wieder  Du lieber Engel was dir schwer wird kann mir
nicht frommen nur was dir leicht würde könnte mich beglücken
    O  rief ich wieder  gnädiger Herr ich will es lernen ich will es
lernen bis es mir leicht wird
    Er lächelte schmerzhaft hob mich auf und führte mich hinunter ins Zimmer
Nun sah er mich eine ganze Weile schweigend und gerührt an und sagte dann mich
dünkt du bist größer geworden Gretchen
    Das glaub ich wohl gnädiger Herr  antwortete ich  Es ist so lange dass
ich nicht zu Ihnen kommen durfte
    Du wolltest also doch zu mir kommen Ich glaubte du hättest nicht einmal an
mich gedacht
    Da wär ich wohl ein verabscheuungswürdiges Geschöpf wenn ich an den nicht
dächte der mein grössester Wohltäter ist O Nacht und Tag hab ich an Sie
gedacht und Gottes Segen für Sie erfleht
    Doch weiß ich Jemand an den du noch viel mehr dachtest
    Nun den möcht ich wohl sehen
    Wie  rief er erstaunt und sah mich wieder eine Weile forschend und
schweigend an
    Ich kann mir nun wohl einbilden gnädiger Herr  sagte ich  dass Sie Herrn
Stephani meinen Aber von dem kann ich eben so wenig sagen dass ich an ihn
denke als ich sagen kann dass ich an mein Auge oder an mein Herz denke Er
steht mir immerdar vor Augen ich mag ihn sehen oder nicht Ich habe auch meiner
Mutter schon längst geschrieben ich glaube er sei unser Verwandter und habe
immer zu uns gehört
    Ich also  rief er ganz empfindlich  gehöre nicht zu euch
    Ach gnädigster Herr  sagte ich  Sie sind ja ein Fürst wie können Sie
denn zu uns gehören Freilich  setzt ich schnell hinzu denn es fiel mir wie
ein Stein aufs Herz was er vormals von den Fürsten und dass sie keine Freunde
hätten gesagt hatte  freilich wenn der Vater zu den Kindern wenn Gott zu den
Menschen gehört wenn unsere innigste Liebe Sie uns zu eigen machen kann so
gehören Sie zu uns und werden immer zu uns gehören
    O schweig  rief er  das klingt als hättest du es von meinen Hofleuten
gelernt Es war mein Trost dass du diese Sprache nie lernen würdest Den
wenigstens hättest du mir lassen können
    Gnädiger Herr  sagte ich  Gott gebe dass es Ihre Hofleute so gut mit
Ihnen meinen wie ich Dann wird Ihr Widerwille gegen sie sehr ungerecht sein
Dass ich mich aber ungeschickt und unbesonnen ausdrücke habe ich immer geglaubt
würden Sie mir zu gute halten
    Davon ist nicht die Rede  sagte er verdrießlich  Wenn ich dir etwas nicht
zu gute halte so ist es eben das Geschickte und Besonnene
    Ach gnädiger Herr  rief ich nun und konnte das Weinen nicht mehr
zurückhalten  ich habe es schon lange gemerkt dass so gütig und gnädig Sie
auch gegen mich sind doch etwas in mir sein muss was Ihnen zuwider ist Ich
bitte Sie flehentlich sagen Sie mir was es ist Was ist das Geschickte und
Besonnene Ich will es ablegen Was man ernstlich will sagte mein seliger
Vater das kann man auch und der allwissende Gott ist mein Zeuge dass ich es
ernstlich will Aber gerade jetzt da Sie mich geschickt und besonnen nannten
ging mir Ihr Zustand tief durch die Seele Muss ich und kann ich das nun auch
ablegen
    Nun kam er mit einemmale wieder ganz freundlich und gerührt auf mich zu und
sagte weine nicht du heiliges Herz Ich will es überlegen ja ich will es
überlegen ob es gut ist dass ich dir sage was du nicht weißt Geh in Frieden
meine Geschäfte rufen mich jetzt Aber deine Harfe lass mir hier Ich schicke dir
zur Stund eine andere
    Ich wollte mir nun ein Herz fassen und seine Hand küssen aber er zog sie
schnell weg und sagte O Gretchen Gretchen geh geschwind
    Aber ich hatte mich schon zu sehr verspätet und musste in meinem ganzen
Putze zu Tische gehen so dass Herr Stephani einmal über das andere lächelte
wenn er mich ansah Doch war es gewiss kein spöttisches Lächeln Als aber die
Kinder fragten ei Gretchen wo bist du denn so schön geputzt hingewesen und
die Frau Präsidentin antwortete beim Fürsten da lächelte Herr Stephani nicht
mehr sondern blickte traurig vor sich nieder
    Ach herzliebste Mutter warum wirft sich doch immer etwas zwischen die
Menschen dass sie sich nicht so lieben wie sie sich lieben könnten Es ist
gewiss etwas zwischen dem Fürsten und Herrn Stephani Und das wird es auch wohl
sein wovon der Fürst sagt er wolle überlegen ob es mir gut sei dass ich es
wisse 
    O nein es wird mir nicht gut sein Aber ihnen wird es noch weniger gut
sein und darum werde ich auch nicht ruhen bis ich es weggeräumt habe
    Der Hass ist gewiss das grösseste wahre Leiden auf der Erde Ja ich muss ihr
gestehen herzliebste Mutter dass er mir wie eine ordentliche Verrückteit
vorkommt die mein tiefstes Mitleiden erweckt und dass ich es darum so recht
inniglich mit meinem ganzen Wesen begreife wie der Heiland sein Leben opfern
konnte damit sich die Menschen nur lieben lernten
    Ach herzliebste Mutter ich erschrecke davor wenn ich denke dass es
Hochmut oder Gotteslästerung sein könnte aber ihr darf ich es doch nicht
verhelen dass mir immer wunderbarer zu Mute wird je älter ich werde ja dass
mir ganz anders wird als den jungen Mädchen die ich kenne Sie bekommen immer
mehr Gefühl für die Freude und ich immer mehr für den Schmerz nicht für den
eigenen sondern für den fremden Wenn ich so Mütter ihre Kinder Kinder ihre
Mütter beweinen sehe ach noch gestern sah ich es dann ergreift es mich mit
unbeschreiblicher Gewalt und ich werfe mich nieder und flehe zu Gott er möge
doch die Menschen vom Tode erlösen O wenn sie von der Sünde von der Strafe
der Sünden durch einen Gerechten erlöst werden konnten warum nicht auch vom
Hasse und vom Tode
    O meine herzliebste Mutter wenn man sich durch ein ganz reines Leben
würdig machen könnte als ein Opfer für die Menschheit angenommen zu werden 
wenn es genug wäre dass Einer über Alles liebte Einer eines vieltausendfachen
Todes stürbe damit kein Hass kein Todeskampf mehr auf Erde gefunden würde O
meine Herzensmutter wäre ein solcher Tod nicht der tiefsten Sehnsucht würdig 
 
                         Stephani an seine Verwandten
Noch weiß Niemand was ich vorhabe und Alles erstaunt über die ungewöhnlichen
Vorbereitungen Da mein Zimmer ein viel zu beschränkter Raum für das Bild ist
hat man mir auf mein Bitten den Saal eingeräumt Er ist durch eine große
Glastüre mit dem Wohnzimmer verbunden und so kann ich die Himmlische
beobachten wann ich will Glückseliger kein Kummer darf mir nahen
Auge du göttliches ich habe dich und dich geschlossener heiliger Mund O mir
sagts mein Geist dich wird wohl kein Mann jemals berühren Geschähe es dann
wäre sein irrdisches Dasein beschlossen und er schwebte entsündigt zu den
Seraphinen die dich bildeten
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Unser Wohnzimmer ist ganz verändert und doch ist keine Veränderung darin
vorgegangen Aber Herr Stephani malt in dem großen Saale der daran stößt und
seitdem ist Alles ganz anders Die Gemälde scheinen lebendig zu werden und
scheinen freudig zu lächeln die Menschen scheinen Gemälde zu werden und alles
Hässliche zu vermeiden Der Saal ist geheimnisvoll und prächtig wie eine Kirche
Mehrere Fenster sind verhangen aber in die offenen blickt die Sonne wie ein
göttlicher Geist
    Das Bild was Herr Stephani malt steht mit der Rückseite gegen die
Glastüre unseres Zimmers Alles ist verschlossen Niemand darf hinein Es muss
etwas ganz Auserordentliches vorstellen denn Herr Stephani sieht aus wie ein
Entzückter wenn er zurücktritt um es zu betrachten Da er dieses sehr oft
tut und das Bild von ganz ungewöhnlicher Größe ist so sagt die Frau
Präsidentin es müsse wahrscheinlich bestimmt sein aus einer großen Entfernung
gesehen zu werden
    Gestern hab ich auch gesehen dass es wirklich so sein muss Herr Stephani
ging ganz bis an das Ende des Saals der sehr lang ist um das Bild zu
betrachten
    O wenn nur auch gleich ein Maler da gewesen wäre der ihn hätte malen
können Es würde ein eben so wunderbares Gemälde ja vielleicht ein noch
wunderbareres als das woran er arbeitet geworden sein
    So habe ich noch keinen Menschen gesehen Sein Haar schien sich zu heben
sein Auge stralte wie eine Sonne sein Arm streckte sich aus er wollte malen
und hatte die Entfernung vergessen Plötzlich wurde er sie gewahr und kam
wieder auf das Bild zugeflogen
    O wie wurde mir herzliebste Mutter  Ich ging schnell in mein Zimmer und
spielte kniend ein Danklied
 
                         Stephani an seine Verwandten
Der Fürst war da sah mich malen und wollte wissen was ich vorhabe Niemand
konnte es ihm sagen und so ließ er mich gestern zu sich rufen Ich sah den
Laufer durch die Glastüre konnte wohl denken dass es mir gälte und trat
heraus zu bitten der Fürst möge mir erlauben ihm Abends aufwarten zu dürfen
Ich war auf den Morgen bestellt Die seltene Güte dieses großen Menschen macht
einen dreist und er ahnt nicht einmal dass diese Dreistigkeit etwas
Ungeziemendes enthalte
    Während ich aber mit dem Laufer sprach war Fränzchen ein Kind von zwei
Jahren mit seinem Steckenpferde durch die offene Türe getrabt und stand nun
wie versteinert vor dem Bilde Sobald er zu sich selbst kam rief er überlaut
Gretchen Gretchen und wollte im vollen Gallop wieder davon
    Aber ich nahm ihn gefangen bedeutete ihm dass es eine große Freude wie am
Christabend werden solle aber Niemand etwas davon wissen dürfe Wolle er artig
und verschwiegen sein so solle er Farben und Pinsel bekommen und mir unten an
dem Bilde malen helfen
    Er versprach Alles verlangte aber sogleich Pinsel und Farben legte sein
Steckenpferd zur Seite und machte sich an das Geschäft Jetzt wurden ihn die
andern draußen gewahr und verlangten nun auch eingelassen zu werden Er aber
versicherte ihnen sehr ernstaft das könne nicht geschehen Sie seien viel zu
laut und unartig er aber sei artig und verschwiegen habe auch Farben und
Pinsel und sie mögen nur gleich weiter ziehen und uns nicht stören Wollen sie
nun etwa böse darüber werden und sein Steckenpferd zerschlagen so gehe das
auch nicht denn er habe es bei sich behalten
    Es ist ein herrliches Kind mit einem großen brennenden Dichterauge Ich
will ihn unter die himmlischen Heerscharen von denen die Heilige angebetet
wird versetzen und mich soll wundern ob er sich findet
Wenn sie aufsteht sich setzt sich zu den Kindern beugt  wie ganz anders als
die übrigen weiblichen Körper  keine Begierde Leidenschaft in irgend einer
Bewegung O wie soll ich es ausdrücken  Nichts nichts Irrdisches Heilig
heilig vom himmlischen Haupte bis zur Ferse und nie wird das sichtbarer als
wenn sie steht
    Will ich dann mit einem Worte meine ganze Seligkeit ausdrücken so sage ich
leise die Jungfrau  Ich weiß nicht ob ihr den erhabenen Reiz dieses Wortes
nachempfindet  Mir ist es die höchste Musik Auch sage man von der
Göttlichkeit der männlichen Gestalt was man wolle zu dieser Heiligkeit erhebt
sie sich nicht Ich weiß wohl was man mir einwenden kann Aber versteht mich
    Die höchste männliche Schönheit welche jemals dargestellt ist wurde
entweder zum Kampfe gerüstet oder nach siegreich gekämpftem Kampfe dargestellt
Jupiter Apoll Tief in der Seele jener Künstler welche das Ideal männlicher
Schönheit darstellten lag also die Ahnung dass Kraft keinesweges Sittlichkeit
das Erste sei wonach sie zu streben haben
    Ihr zweifelt  Wohlan macht die Probe Werft die Kraft weg lasst Schönheit
und Sittlichkeit Habt ihr einen Mann  Das behaupten wir nicht  ruft ihr 
Haben wir die Kraft als notwendiges Erfordernis geläugnet Aber schön zum
edelen Zwecke geleitet harmonisch mit einem Worte sittlich soll sie sein Das
aber leugne ich euch geradezu War Jupiters Apolls Kraft eine sittliche  Aber
läugnet einmal dass es eine männliche war
    Was folgt hieraus  dass das Ideal der männlichen Schönheit nie ohne Kraft
wohl aber ohne Sittlichkeit um wie viel mehr ohne Heiligkeit bestehen könne
    Führt nur keine Venus an denn wofern sie euch mehr als idealisirter
Liebreiz ist tut ihr ihr zu viel Ehre Ich aber spreche von einer Jungfrau im
höchsten Sinne des Worts und vor der fällt eure Venus nieder sei es auch dass
sie in dieser Stellung jene an Reiz tausendmal übertreffe Was beweisst das für
euch  Aber denkt euch einmal den knienden Jupiter den knienden Apoll 
Wahnsinn  Nicht wahr Ihr gesteht es
    Oder seid ihr noch nicht zufrieden Wollt ihr der Proben noch mehrere Gut
so fragt euch dann wer ist der unmännlichste Mann der Hässlichste der
Unsittlichste  Keinesweges es ist der Schwächste Nun fragt weiter welches
ist das unweiblichste Weib  das stärkste das hässlichste  keinesweges es
ist das unreinste das unsittlichste
    Und so müsst ihr dann zugeben dass wollt ihr Männlichkeit mit einem Worte
ausdrücken ihr Kraft Weiblichkeit ihr Reinheit oder was dasselbe ist
sittliche Schönheit sagen müsst
    Gesteht ihr seid überwunden und wenn ihr es nicht gesteht so kommt und
seht mein Bild
Ich bin weit von der Furcht entfernt ihr möchtet das Alles für kindischen
Dünkel nehmen Ihr kennt mich ja  O nein nein ich will mich nicht halten
will laut triumphiren dass es mir gelang dass ich gewürdigt wurde die
Himmlische darzustellen O ich bin zu selig als dass ich irrdische Rücksichten
nehmen könnte
    Verzeiht dem Künstler ich halte das Bild für eine Angelegenheit der
Menschheit Schlösse der Tod einst das Auge des heiligen Mädchens ihr und
andere könnten sagen es habe niemals gelebt Eure Venus müsste dann das Höchste
bedeuten und ein ganzes herabgewürdigte Geschlecht würde vielleicht seine hohe
Bestimmung verkennen und glauben es sei nicht mehr wert als wir es gelten
lassen wollen
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Vor einigen Tagen war der Fürst da kam gerade in das Wohnzimmer und sah Herrn
Stephani malen Er wollte wissen welch ein Gemälde es sei aber Niemand konnte
ihm Auskunft geben Da ließ er mich rufen und sagte nicht wahr Gretchen du
weißt was er malt Nein gnädigster Herr  antwortete ich  Es weiß es kein
Mensch außer Fränzchen Sehen Sie da steht er schon wieder bei Herrn
Stephani Aber wir können nichts aus ihm bringen als dass es ein Weihnachtsbild
sei er auch mit darauf stehe und daran helfe weil er artig und verschwiegen
sei und dass ich am meisten darüber erschrecken und mich freuen werde
    Und Stephani
    Ja der spricht mit Niemand mehr scheint auch nichts von Allem was um ihn
vorgeht zu bemerken Selten kommt er zum Essen und dann haben wir an den
Kindern genug zu wehren denn er gibt ihnen Antworten die gar nicht auf ihre
Fragen passen Dann lachen die kleinen Schelme wir mögen winken wie wir
wollen Die Ältesten aber reden ihn gar nicht mehr an sondern betrachten ihn
mit einer zärtlichen Furcht und machen gleich Platz wenn er irgendwo
durchgeht
    Aber mit dir Gretchen spricht er doch
    Ich wüsste die Zeit nicht dass er ein Wort mit mir gewechselt hätte
    Er wollte vor einigen Tagen zu mir kommen
    Ach gnädigster Herr zürnen Sie ja nicht deswegen auf ihn Er liebt und
verehrt Sie vor allen andern Menschen aber er vergisst Alles was nicht das Bild
ist
    Unmöglich  rief er  oder das Bild  Dann hielt er plötzlich inne und
sah mich an als ob er mir bis auf den Grund des Herzens sehen wollte
    Was sehen Sie mich nun so an gnädigster Herr  sagte ich  Trauen Sie mir
nun schon wieder nicht und glauben dass ich mehr weiß als ich sage
    Nein Gretchen  rief er wieder  ehe glaube ich dass ich mehr weiß als du
sagst
    Da er aber so laut rief hatte Herr Stephani ihn gehört und kam zu uns
herein Er entschuldigte sich sehr dass er nicht gekommen Aber der Fürst sagte
lassen Sie das lassen Sie das Doch warum sind Sie so grausam gegen uns 
Keiner Ihrer Freunde weiß was Sie arbeiten
    Es ist ein Altarblatt  antwortete Herr Stephani  was die Stadt Pisa bei
mir bestellt hat
    Der Fürst wollte nun eben fragen was es denn vorstelle da erschrack Herr
Stephani so dass er ganz rot wurde öffnete plötzlich die Türe und ließ den
Fürsten hineingehen Er muss gewiss befürchtet haben ich würde das Bild auch
sehen wollen denn er sah mich so bittend und so angstvoll an dass es mir im
Herzen wehe tat und ich geschwind sagte lieber Herr Stephani ich will nicht
mit hinein
    Da sah er mich noch einmal an und es war als wolle er mir mit diesem
Blicke seine ganze Seele geben
    Herzliebste Mutter diesen Blick werde ich in meinem ganzen Leben nicht
vergessen Denn es ist mir als hätte ich wirklich mit diesem Blicke etwas
bekommen und als sei es mir hier mitten in der Brust geblieben
 
                         Stephani an seine Verwandten
Der Fürst hat das Bild gesehen und ist heftig dadurch erschüttert worden Lange
staunte er es sprachlos an Dann fiel er mir plötzlich um den Hals und sagte
versprich mir dass du erfüllen willst warum ich dich bitte  Ich erschrack
denn ich ahnte was er wollte
    Du tust es nicht  rief er  Mir nicht deinem Freunde nicht der Alles
für dich tun würde Ich bitte dich sage nicht nein Mache den Pisanern eine
Kopie Lass mir dieses Bild  Die Hände sanken mir nieder
    O mein Gott  rief er abermals  du kannst es nicht 
    Ich muss es können  antwortete ich  sobald Sie es wollen
    Er schwieg und betrachtete das Bild von neuem Sage mir aufrichtig  hub er
dann wieder an  warst du wirklich entschlossen dieses Bild wegzugeben 
    Nein  sagte ich  aber ich habe mich oft deswegen getadelt
    Wie so
    Die Pisaner haben keine Kopie von mir gefordert
    Glaubst du dass sie den Unterschied fühlen
    Ich fühle ihn
    Aber was würdest du am Ende getan haben
    Ich weiß es nicht
    Die Idee bleibt dieselbe
    Die Idee  aber die Ausführung 
    Wie du getraust dich nicht
    Wie viel ich mir trauen mit Recht trauen konnte musste die Folge erst
lehren
    Wie viel Zeit hat man dir gelassen
    Das ist die Hauptschwierigkeit Man wünscht sehnlich die Kirche möge zu
Ostern eingeweiht und das Bild zugleich aufgestellt werden
    Sie können dir nichts vorschreiben
    Nein Aber sie haben mich dringend gebeten
    Es ist himmelschreiend dieses Bild von dem Volke verräuchern zu lassen
    Doch wird es schwerlich mehr als gerade an diesem Orte wirken
    Wohlan so trete ich mit ihnen in Unterhandlung Wir haben auch Kirchen Mag
es dem Volke dann bleiben aber mir soll es auch nicht ganz entrissen werden In
meiner Nähe will ich es behalten Wenn sie es zufrieden sind  fuhr er meine
Hand mit Heftigkeit ergreifend fort  wenn ich ihnen verspreche versprechen
darf du wollest das Bild zum zweitenmale diesem vollkommen gleich darstellen
 Sie sollen es von mir geschenkt und nach meinem Tode auch das erste als
Vermächtnis erhalten Wie dann Wie dann 
    O  rief ich  dann ist uns Allen geholfen und wir bleiben ewig Ihre
Schuldner
    Oder wir die deinigen  fiel er ein und schloss mich fest in die Arme
    In diesem Augenblicke waren wir seitwärts von dem Bilde gekommen und das
heilige Mädchen erblickte uns Der Fürst bemerkte es und sagte Du Glückseliger
besitzest sie zweimal während ich Armer von elenden verzerrten Halbmenschen
umgeben bin
    Sie hat geklagt  antwortete ich  dass sie nicht zu Ihnen kommen dürfe
    Ach ich fürchtete mich selbst fürchtete ein Geständnis nicht mehr
zurücknehmen zu können was ihren hohen Kindersinn für immer zerstört hätte
Denn ich weiß es bleibe ich in den Schranken so ist es diese himmlische
Unbefangenheit allein die mich hält Meine lauernden Höflinge haben mich
erraten und mir eine Reihe Schönheiten vorgeführt von denen du manche deines
Pinsels würdig gefunden haben würdest Vergebens Berauscht haben sie mich aber
das Nüchternwerden konnten sie nicht hindern
    Ich gestehe dass dieses Bekenntnis eine Art Freude bei mir erweckte Ich
fühlte mich der Himmlischen näher und fühlte mich ihrer würdiger Er erriet
mich augenblicklich und eine finstre Wolke verbreitete sich über sein schönes
Gesicht Dann verließ er mich plötzlich und ging wie gewöhnlich wenn er
uneins mit sich selbst ist heftig auf und ab
    Ein Paar heimliche Blitze aus seinen Augen schossen an mir vorüber Ach ich
begriff und beklagte ihn Eben so plötzlich als er mich verlassen hatte blieb
er jetzt vor mir stehen und als ob er seine Empfindung in einem Worte
zusammenpressen wollte sagte er im Tone des Vorwurfs Rosamunde  Ich sah vor
mir nieder Rosamunde  wiederholte er meinen Arm ergreifend als ob er mich
aus einem Traume wecken wollte  Rosamunde was macht sie die Unglückliche 
    Ich habe sie  antwortete ich  seit ich das Bild anfing nicht gesehen
    Sie liebt dich
    Doch nicht so wie sich selbst
    Wenn sie dir aus Liebe entsagte liebte sie dich nicht wie sich selbst
    Sie hat niemals gestanden dass sie mir aus Liebe entsagte
    Wenn die Tat redet was bedarf es der Worte
    Sie fürchtete unglücklich mit mir zu werden
    Sie fürchtete dich unglücklich zu machen
    Sie übt eine schöne Kunst und so muss ihr Herz ewig geteilt bleiben
    Und das deine
    Ich bedarf zur Ausübung der meinigen der Schönheit außer mir Sie aber
stellt sie durch sich selbst dar und ist demnach unabhängiger von der Liebe
wie von der Schönheit
    Du aber scheinst jetzt eben so unabhängig von ihr wie von ihrer Liebe zu
sein
    Wenn das ist mein Fürst muss ich glauben es sei ein Verbrechen  Sie
sagten mir einst ich werde ein höheres Ideal kennen lernen Wenn ich es kennen
lernte führte ich oder das Schicksal es herbei  Wenn ich wie Sie und andere
behaupten die Schönheit reiner und erhabener als bisher geschah darstellte
so musste ich sie auch tiefer empfinden Strafen Sie mich dann dass ich das bin
wozu die Natur mich bildete
    Warlich sie hat dich und uns Alle tiefer durchschaut als wir glaubten
Meine Härte gegen sie gereuet mich bitter Aber sie so gänzlich zu verlassen 
dazu wär ich nicht fähig
    Gott ist mein Zeuge dass ich sie weder verlassen habe noch verlassen
wollte Sie ist und bleibt mir unaussprechlich teuer und so gewiss ich lebe
hat Niemand ihren hohen Wert inniger als ich gewürdigt Aber das was mich in
diesen Tagen beschäftigte musste meine ganze Seele einnehmen Und Sie selbst
mein Fürst frage ich konnt es auf andere Weise werden was es ist
    Die Unglückliche
    Wahrlich nicht unglücklicher als ich selbst
    Du du unglücklich
    Bin ich es nicht so ist es die Kunst allein die mich schützt Was kann ich
außer ihr hoffen 
    Wie wenn ich nicht wäre
    Ich bin mir bewusst diesen Gedanken niemals gedacht zu haben und es
schmerzt mich dass ihn irgend Jemand denkt Aus mir wird er nie kommen
    Natürlich wär er gleichwohl
    Es ist manches natürlich was mir verächtlich und meiner durchaus unwürdig
scheinen würde Ich gelobte Ihnen einst ewige Entsagung Kann ich mehr tun als
dieses Gelübde erneuern
    O ich weiß ich weiß  rief er mit flammendem Auge  woher sie dir kommt
diese gewaltige Kraft Du bietest aus wovon du gewiss bist dass es dir nie
genommen werden könne Aber wie wenn du irrtest  Wenn ich sie dahin setzte
wohin sie gehört Wenn ich mich über elende Vorurteile erhöbe  Denk einmal
diesen Gedanken ganz aus und dann sag mir was du empfindest
    Mit diesen Worten verließ er mich und der übrige Teil des Tages war für
mich und die Kunst verloren
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Ich konnte das vorigemal nicht weiter schreiben denn ich war gar zu heftig
erschüttert Ach der Fürst ist ein guter Herr aber er verändert sich gar zu
plötzlich und kann oft böse werden wenn man es am wenigsten denkt
    Ich schrieb ihr dass Herr Stephani ihn mit in das Zimmer genommen was er
gewiss keinem andern Menschen getan haben würde Anfangs schien der Fürst auch
höchlich darüber erfreut Er umarmte Herrn Stephani und sah sehr gütig dabei
aus Mit einemmale aber wurde er heftig und sein Gesicht gänzlich verändert Es
entstand ein Wortwechsel ich hörte den Namen Rosamunde und ehe ich es mich
versah stürzte der Fürst ganz entrüstet durch das Zimmer so dass seine Leute
kaum herbeifliegen und ihm folgen konnten
    Herr Stephani kam nicht zu Tische malte aber auch nicht sondern ging
gleich auf sein Zimmer Mir war es unmöglich einen Bissen zu essen und das
Herz schlug mir so gewaltig dass ich kaum Atem holen konnte
    Die Frau Präsidentin wollte wissen was vorgegangen sei aber ich konnte ihr
nichts sagen als dass ich den Namen Rosamunde gehört und dass der Fürst ganz
aufgebracht davon gegangen sei Sie sah vor sich nieder und sagte das ist
sonderbar Mir aber wurde so angst dass ich geschwind hinausgehen und
bitterlich weinen musste
    Ach es ist mir so wie ich ihr schon einmal geschrieben habe dass mir der
Hass wie eine ordentliche Verrückteit vorkommt Sage sie mir auch um
Gotteswillen was sollen die Menschen auf der Erde wenn sie sich nicht lieben
wollen  Sie weiß es vielleicht noch nicht  denke sie einmal herzliebste
Mutter die Erde schwebt so in der Luft wie die Sonne und die Sterne Nun ist
es mir manchmal sage Sie es aber keinem Menschen als schwebte ich über der
Erde Die großen Länder die gewaltigen Ströme kommen mir dann sehr klein vor
die Menschen noch kleiner und ihr Zank und Streit erscheint mir nicht bloß wie
Verrückteit sondern wie völlige Raserei
    Ach wie unnatürlich ist es dass sie nicht in fester Liebe zusammenhalten
um dem gewaltigen Schicksale was sie bedräuet zu widerstehen Denn
herzliebste Mutter ich muss es ihr nur frei heraus sagen dass ich von der
Allmacht Gottes nicht so denken kann wie uns geboten wird von ihr zu denken
Seine Güte aber stelle ich mir noch viel größer vor als man sie uns schildert
und das ist auch mein einziger Trost jetzt da mich der Fürst in der Geschichte
unterrichten lässt
    Ach herzliebste Mutter hätte ich nicht schon einmal angefangen und wäre
ich nicht jetzt begierig an das Ende zu kommen nimmermehr hätt ich mich damit
abgegeben Etwas Schrecklicheres und Empörenderes als schon auf dieser Erde
vorgefallen ist kann sie sich gar nicht denken Ärger als reissende Tiere
haben Menschen gegen einander gewütet und unter tausendmalen hat die Unschuld
neunhundertmal der Bosheit unterliegen müssen
    Das Alles sagen die gelehrten Leute konnte sobald der Mensch frei bleiben
sollte nicht anders sein Aber herzliebste Mutter sie sagen das nur so um
sich etwas vorzumachen bluten sie aber unter den Klauen eines Wütrichs so
langen sie nicht mehr damit aus
    Nein nein Gott ist gewiss nicht allmächtig sonst hätt er das Böse
gehindert Es war das sieht man tausendfältig bestätigt eine Kraft welche
sich ihm von Ewigkeit her widersetzte und die er von Ewigkeit her bekämpfte
Wie dieser Kampf endigen wird ist glaube sie mir liebste Mutter noch lange
nicht entschieden
    Ach wir blödsichtigen in Leidenschaft und Irrtum taumelnden Kinder
kennen vielleicht noch lange nicht die Sorgen unseres großen liebevollen
Vaters  Schaudern und Entsetzen würde uns vielleicht ergreifen wenn sie uns
offenbar würden Wohl mögen wir beten dein Reich komme erlöse uns von dem
Bösen  Glaube sie mir herzliebste Mutter in diesen Worten unseres göttlichen
Lehrers liegt weit mehr als wir denken so wie in seiner Versicherung ich
hätte euch noch vieles zu sagen aber ihr könnt es jetzt nicht tragen
    Unzähligemale aber wiederholte er dass Liebe und Reinigkeit des Herzens das
Einzige sei was Not tue Ach er wusste dass das Eine zu dem Andern führe und
dass das Reich des Bösen am sichersten dadurch zerstört werde
    So glaube auch ich liebste Mutter dass die Macht Gottes durch jeden schönen
Gedanken durch jede liebevolle Handlung der Menschen vermehrt werde und dass
wenn sie sich in Liebe und Tugend vereinigten sein Reich kommen würde und
müsste
    Aber o Gott wenn die Erde ganz dem Bösen hingegeben würde  sänke sänke
mit allen denkenden und empfindenden Wesen welche keinen geheiligten Willen
keine Kraft hätten sich über sie zu erheben  sänke in die bodenlose Tiefe
zerschellte zerschmetterte zerstiebe  Oder wenn sie ganz zur Hölle würde
Wahrheit und Gerechtigkeit verhöhnete Schatten  die göttliche Gestalt des
Menschen durch Laster bis zum Unkenntlichen verzerrt  das Siegel der ewigen
Verworfenheit ihm aufgedrückt  gebeugt zur Erde  kriechend wie ein Wurm  die
Ahnung der Unsterblichkeit mit ihr sie selbst auf ewig verloren
    Bei diesem entsetzlichen Gedanken hörte ich ein durchdringendes Geschrei
Ach ich hatte es selbst ausgestoßen und ein unaussprechlicher Schmerz meine
ganze Brust eingenommen
    Ich kann das Alles nicht mehr so mit ansehen Herzliebste Mutter ich führe
aus was ich jetzt denke Ja ich führe es aus und Niemand soll es mir wehren
 
                         Stephani an seine Verwandten
Mehrere Tage verflossen und ich vermochte nicht mich über die kleinmütige
Trauer welche meine ganze Seele umfangen hatte zu erheben Endlich sah ich sie
wieder und was ich für unmöglich hielt ihr Gesicht war in einem noch höheren
Grade veredelt
    Oft hatte ich bei rohen Menschen bemerkt dass der Schmerz ihre Züge veredle
Allerdings musste es kein leidenschaftlich hervorbrechender sondern ein
gehaltener Schmerz sein Nur bei der Unübertrefflichen schien es mir
ungedenkbar Aber so wie ihre Gestalt über Andere erhaben ist so ist es ihr
Schmerz Es ist kein menschlicher der Erde zugewandter
    Was ich dem Fürsten sagte dass ich keinen andern Trost als in der Kunst zu
erwarten habe ist mir jetzt noch wahrer als damals Ich werde immer
überzeugter dass kein Mann sich der ausschliessenden noch weniger der
leidenschaftlichen Liebe dieses wunderbaren Mädchens zu erfreuen haben werde
Aber ein viel innigeres tätigeres Mitleid als Menschen sonst gegen einander
empfinden scheint ihr Herz zu beleben und gänzlich zu erfüllen Der Leidendste
ist immer derjenige welcher sie am meisten beschäftigt und es scheint mir
jetzt da ich sie näher kenne nur ein lächerlicher Dünkel wenn ich mir je mit
etwas Mehrerem schmeichelte
    Mein Wortwechsel mit dem Fürsten der ihr da sie im nächsten Zimmer war
nicht verborgen bleiben konnte schien sie tief zu bewegen Um meinetwillen
glaubte ich Tor  Aber gestern wurde von zwei Familien gesprochen die ihre
Kinder den einzigen Sohn und die einzige Tochter für einander bestimmten nun
aber plötzlich zerfielen und ihr Versprechen zurücknahmen
    Der Vater des jungen Mannes war der Beleidiger und der Erste welcher sein
gegebenes Wort brach Um so tiefer fühlte sich der Andere gekränkt Und damit
sich kein Zweifel erhebe ob er als der Aermere die Beleidigung vielleicht
verschmerze und die Tochter dennoch für eine mögliche Versorgung aufspare
schickte er sie augenblicklich ins Kloster
    Bei dieser Nachricht gab sich der junge Mann zwei gefährliche doch nicht
tödliche Messerstiche in die Brust und wehrte sich gegen das Verbinden mit
allen noch übrigen Kräften bis der Vater ihm versprach den Beleidigten um
Verzeihung zu bitten und noch einmal förmlich um das Mädchen anzuhalten
    Der Sohn nahm jetzt die Hilfe des Arztes an wurde aber nach seiner völligen
Genesung von dem Vater wegen seiner Leichtgläubigkeit verlacht und dadurch bis
zum Wahnsinn erbittert Er verschwand und Niemand wusste oder weiß wohin
    Diese allerdings schreckliche Begebenheit im Tone der Stadtneuigkeiten von
einem Bekannten mitgeteilt hat mich ich sehe es ganz aus Margaretens Herze
verdrängt
    Mit unbeschreiblicher Angst forscht sie täglich nach dem Aufenthalte des
jungen Mannes nach dem Namen des Klosters wo das Mädchen eingesperrt ist und
da all ihr Forschen vergebens bleibt hat sie sich endlich an den Fürsten
gewandt
    Matilde versichert dass Margarete weder den jungen Mann noch sonst Jemand
aus der Familie kenne dass ihr aber dieses lebhafte und ungewöhnlich tätige
Mitleid schon oft bemerkbar und bei einer in sanfter Fröhlichkeit durchlebten
und von keinem Schmerze irgend einer Art getrübten Jugend fast unbegreiflich
sei
    Sie ist eine höhere Natur  sagte Bernhard  und nur dadurch wird Manches
begreiflich das weder in ihrer Erziehung noch in den auf sie wirkenden
Umständen gegründet ist Ich bin begierig  setzte er mit einem Seitenblicke
auf mich hinzu  ob es einem Manne gelingen wird ihr Herz ganz für sich zu
gewinnen  Oft bin ich geneigt es zu glauben dann aber scheint es mir wieder
zweifelhafter als jemals
    Ich erwiderte keine Sylbe sondern ging mit zerrissenem Herzen in meine
Werkstätte Ergriff dann aber beim Anblicke des Bildes den Pinsel zum
erstenmale wieder mit nie gefühlter Begeisterung und vollendete in einem Tage
was ich für die Arbeit mehrerer Wochen gehalten hatte
 
                         Rosamunde an Ludovika Arnoldi
Warum bliebst du nicht bei uns Geliebte Dein Scherz du reisest bloß um Briefe
von uns zu bekommen hat uns wenig getröstet und Jedermann behauptet du habest
dich wenigstens zehn Jahre zu früh dem allgemeinen Beifalle entrissen
    Von Stephani kann ich dir wenig melden denn ich habe ihn in mehreren Wochen
nicht gesehen Er soll mit einem großen Gemälde wahrscheinlich noch mehr mit
dem Originale dem Mädchen mit welchem der Fürst mir einst drohte beschäftigt
sein
    Wie unaussprechlich elend hätte ich werden können wäre ich länger über den
Charakter dieses Mannes im Zweifel geblieben Wehe auch ihr der unglücklichen
wofern sie ihr Herz an ihn hängt und sich die Möglichkeit ihn fest zu halten
erträumt Er liebt das ganze Geschlecht und zwar tiefer und leidenschaftlicher
als irgend ein Mann Wird er auch jetzt von ihrer hohen Einfalt angezogen so
kann er doch als Künstler den Sinn für Mannigfaltigkeit nicht verlieren Ja
dieser Sinn muss sich bei hellerem Blick und höherer Vollendung nur immer mehr
entwickeln Gerade als Künstler wird er sich zu vielem berechtigt glauben was
mit der Treue schwerlich bestehen kann
    Gott sei gelobt ich bin aus seinem Zauberkreise gerettet und habe das was
mir in hellen Augenblicken das Wünschenswürdigste war seine Achtung behalten
Da ich ihm weder mein Herz noch mein Schicksal Preis gegeben hat mich auch
seine Änderung nicht erbittert und ich kann gegen ihn und seinen Ruhm immer
gerecht bleiben
    Diejenige welcher er jetzt huldigt wird nun auch eine gewisse Celebrität
erhalten Ihr Bild ist zu einem Altarblatte bestimmt Nur auf diese oder auf
eine ähnliche Weise ist es möglich dass eben diese Berühmteit zu welcher sie
durch ihn gelangt ihr nichts bei ihm schade Denn so weit ich die Männer kenne
ist die Berühmteit nächst dem Alter der Hässlichkeit und der Kränklichkeit
derjenige Fehler welchen sie am empfindlichsten rächen und vielleicht hat es
seit Männer leben kaum zehn gegeben welche wahrhaft groß genug waren eine
große Frau zu ertragen
    Allerdings ist Berühmteit und Größe keinesweges gleichbedeutend und
manche göttlich große Frau hat kaum ihren nächsten Verwandten für das was sie
war gegolten Diese Größe können die Männer gar wohl ertragen um so mehr da
man sie benutzen kann ohne sie anzuerkennen
    Wie dem auch sei ich habe nur kurze Zeit gelitten und meine Ruhe ist von
neuem gesichert Ich habe das Grab meiner Schwester besucht und mir von neuem
die Ursache ihres Todes vergegenwärtigt Die Klagen über meine Freundlichkeit
Höflichkeit und  Kälte sind darauf nur bitterer geworden
    Warum aber klag ich nicht Hab ich kein Herz und ist es nicht
schmerzhafter ewig von einer Liebe schwatzen zu hören die keine ist als ohne
Aufmunterung um eine zu werben welche man im Kurzen nicht mehr die Kraft hat zu
erwidern
    In der Zeit wo er wirbt  sagst du vielleicht  weiß das kein Mann Glaube
mir er weiß es oder kann es mit einiger Aufmerksamkeit auf sich selbst wissen
und ist er dieser Aufmerksamkeit nicht fähig so bringt er schuldlos dasselbe
Leiden hervor als hätte er absichtlich betrogen Und so ist dann nicht besser
für die Männer gesorgt als wenn sie sich mit ihrer Liebe dahin wenden wo sie
auf gleiche Weise erwidert und Niemand beim Tausche vervorteilt wird
    Genug und mehr als genug von einer Sache die längst unter uns abgemacht
ist
    Meine Rosen blühen wieder in schöner Stille um mich her die Kunst reicht
mir wieder die schwesterliche Hand und wenn du kommst findest du mich wieder
in meinem Paradiese
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Wo soll ich anfangen ihr Alles was mir begegnet ist zu schreiben
    Wegen einer sehr traurigen Begebenheit welche sich in diesen Tagen zutrug
ging ich zum Fürsten
    Ein abscheulicher Vater hatte die einzige Tochter ins Kloster gesperrt
damit ein anderer nur nicht glauben sollte er werde eine von ihm empfangene
Beleidigung vergessen und das unglückliche Mädchen dem Sohne des Feindes
dennoch geben Der Andere noch abscheulicher brach hohnlachend sein dem Sohne
feierlich gegebenes Versprechen dem Beleidigten Friede und Freundschaft
anzubieten und das Mädchen noch einmal zu erbitten Nur unter dieser Bedingung
hatte sich der Sohn zwei gefährliche Wunden die er sich in der Verzweiflung mit
dem Messer gemacht hatte verbinden lassen und verließ nun nach entdecktem
Betruge wahnsinnig das väterliche Haus
    Ach man erzählte dieses wie man alles Andere erzählt und das Herz wollte
mir brechen vor Angst und Entsetzen Ich lief zu der trostlosen Mutter die so
wie der Sohn von dem Vater verlacht wurde und auf ihr Flehen ihn aufsuchen zu
lassen keine Antwort erhielt als dass der Narr wenn er ausgerast habe schon
wiederkehren werde
    Eben so unerbittlich war der Vater des Mädchens dessen Aufenthalt vor der
Mutter wie vor dem Gesinde ein unerforschliches Geheimnis blieb
    Ich schloss die Nacht kein Auge und ging den folgenden Morgen zum Fürsten
    Er schien erstaunt mich zu sehen hörte mir aber aufmerksam zu und befahl
in meiner Gegenwart die beiden Väter unverzüglich zu ihrer Pflicht anzuhalten
Auch wurden von seinen Leuten sogleich Boten nach dem jungen Manne wie nach dem
Mädchen geschickt Mit unbeschreiblich gütigem Gesichte wandte er sich dann zu
mir und sagte ists nun so recht Gretchen 
    Gott lohn es Ihnen tausendfältig gnädigster Herr  antwortete ich  Die
armen geretteten jungen Leute werden es Ihnen ewig danken
    Siehst du Gretchen  sagte er  ohne dich könnte mir das Gott nun nicht
lohnen denn ich würde es nicht haben tun können und auf die Weise bin ich dir
mehr Dank schuldig als du mir
    Gnädigster Herr das denken Sie nur so aus lauter Güte Hätt ich es Ihnen
nicht gesagt so hätt es ein Anderer getan und Alles würde geschehen sein
wie es nun geschah
    Du irrst meine Hofleute haben andere Dinge zu treiben Und hätten sie davon
gesprochen so würde es wo nicht mit höfischem Lächeln doch mit höfischem
Bedauern gewesen sein
    Sie aber gnädigster Herr hätten doch Alles gesehen wie es ist
    Du gutes Herz Säh ich Alles wie es ist so wäre ich da wohin ich strebe
aber lange nicht bin Laune Arbeit und Etwas das mich vielleicht zu sehr
beschäftigt trübt nur gar zu oft meinen Blick Um so mehr bedürft ich eines
Auges wie das deinige
    Ach gnädigster Herr  rief ich  Sie haben in meinem Herzen gelesen
    Wie meinst du das Gretchenfragte er mit einer sonderbaren Heftigkeit
    Gnädigster Herr  sagte ich  ich bin mit lauter guten Menschen umringt
aber noch hab ich es nicht gewagt Jemanden zu vertrauen was ich Ihnen jetzt
sagen werde
    O Gretchen was ist es verschweige mir nichts
    Nein gnädigster Herr denn ich weiß dass Sie Alles gütig aufnehmen und
wenn es auch sonderbar ist doch entschuldigen dass Sie  ach wie soll ich es
sagen Ja dass Sie weiter und besser sehen als Andere und dass sie wenn auch
nicht Diesen und Jenen doch überhaupt die Menschen mehr lieben als Andere und
sie gern alle glücklich machen möchten
    Gretchen Gretchen wie klingt das aus deinem Munde Willst du mich stolz
machen
    Ach glauben Sie nur so was nicht gnädigster Herr Aber wessen das Herz
voll ist des geht der Mund über
    O Gretchen  rief er und drückte meine Hand fest an sein Herz  Wie
sagtest du Sage ich bitte dich sage das noch einmal
    Ich will es noch hundertmal sagen  rief ich eben so laut  Wessen das Herz
voll ist des geht der Mund über Ja gnädigster Herr mein Herz ist voll von
Ihrer großen Güte und Menschlichkeit und ich kann Gott nicht genug danken dass
ich zu Ihnen gekommen bin denn sonst wüsste ich nun nicht ob mich Jemand
verstände
    Und das weißt du von mir Ich also verstehe dich besser als andere O
Gretchen  fuhr er fort ergriff abermals meine Hand und seine Augen standen
voll Tränen  dies wird ein wichtiger Tag
    Vielleicht der wichtigste meines Lebens gnädigster Herr
    Vollende Gretchen Sage Alles wenn es dann wahr ist dass ich dich besser
verstehe
    Ja gnädigster Herr Sie verstehen mich besser weil Sie höher stehen als
Alle und die allgemeine Not besser überschauen können Worüber erstaunen Sie
gnädigster Herr Ich habe es schon lange eingesehen dass das so ist und nicht
anders sein kann Wie gut die Menschen welche mich umgeben auch sind ist es
ihnen doch nicht möglich Jedermann zu helfen So sind sie dann gezwungen sich
gegen Leiden zu verhärten und denken gar bald was hilfts durch uns wirds
nicht besser Auch dann denken sie so wenns gar oft besser würde Sie aber
gnädigster Herr haben die Macht in Händen und darum denken Sie das nicht und
können es nicht denken
    Er sah ganz bedenklich und betroffen vor sich nieder Das machte mich irre
und ich schwieg eine Weile Dann aber fuhr ich herzhaft fort Gnädigster Herr
ich bin so glücklich habe Alles was mein Herz wünscht aber ich kann dieses
Glück nicht länger mehr tragen
    Wie  rief er und es kam mir vor als ob sich sein Gesicht gänzlich
verfinsterte Da fürchtete ich er möchte wie gewöhnlich plötzlich böse
werden und fiel schnell vor ihm nieder Nein gnädigster Herr  sagt ich noch
einmal  ich kann nicht mehr so still dem Leiden der Menschen zusehen Ich muss
hinaus und ihnen helfen Vor allen Andern habe ich mich geschämt das zu sagen
vor Ihnen brauche ich mich nicht zu schämen Sie begreifen was ich meine und
gingen so wie ich wären Sie durch Stand und Pflicht nicht gebunden
    Stehe auf  rief er  stehe auf ich bin nicht wofür du mich hältst
    O ja Sie sind es und darum werden Sie mir auch meine Bitte gewähren
    Welche
    Es gibt Klöster gnädigster Herr  O glauben Sie nur nicht dass ich mich
in Mauern einsperren will Aber es gibt Klöster in welchen man das nicht
nötig hat
    Meines Wissens nicht
    Wohlan so stiften Sie eins nur mit dem Unterschiede dass die Nonnen
ausgehen und helfen können wo sie wollen
    Und du
    Ich komme in dieses Kloster kann helfen wo ich will kann die Menschen
bitten in Liebe und Einigkeit zusammen zu halten ohne mich zu schämen oder
von den Leuten verlacht zu werden
    Das war deine Bitte
    Ja gnädigster Herr das war meine Bitte
    Du willst nicht bei mir bleiben
    Ich komme täglich zu Ihnen berichte Ihnen Alles was ich gesehen gehört
fordre sie auf zur Hilfe Kein Tag keiner wird vergehen ohne eine schöne
menschliche Handlung ohne getrocknete Tränen ohne gestillete Seufzer Ein
himmlisches ein göttliches Leben werden wir führen
    Wir
    Ja wir wer sonst wenn wir es nicht führen
    Wir weißt du auch wer du bist
    O ich weiß es aber bei Ihnen darf man vergessen wer man ist
    Vergessen O du o knie nicht mehr
    Was denken Sie nun gnädigster Herr Warum soll ich nicht knien Ach Gott
geben Sie nur solchen Vorstellungen nicht nach sonst schäme ich mich vor Ihnen
wie vor den Andern und aus der ganzen Sache wird nichts
    Nun ging er mit großen Schritten auf und ab und sagte kein Wort mehr Da
schlug die Glocke aber zwölf und ich durfte nicht länger mehr warten Leben Sie
wohl gnädigster Herr  sagt ich nun  Ich muss fort denn die Kinder kommen
jetzt zu Hause und stürmen sonst gleich zu der Frau Präsidentin und plagen sie
gar zu sehr Morgen aber wenn Sie es erlauben komme ich wieder und höre ob
Sie mir meine Bitte gewähren
Den andern Tag kam ich wieder und da ich unangemeldet hineintreten darf hatte
er mich nicht bemerkt und saß in tiefen Gedanken Mir wurde bange denn er sah
finster aus und ich hatte nicht das Herz ihn anzureden Endlich bemerkte er
mich und kam sehr freundlich auf mich zu
    Du da Gretchen  sagte er  plötzlich wie eine Erscheinung Eben so
plötzlich sah ich dich diese Nacht aber mit einem glänzenden Flügelpaare Du
erhobst dich in die Lüfte ich wollte dir folgen sank aber bald ermattet auf
die Erde zurück Ich erwachte in einer trüben Stimmung die mir bis zu dem
Augenblicke wo ich dich sah geblieben ist
    Glauben Sie denn auch an Träume gnädiger Herr
    Wie du willst Ich glaube daran und glaube nicht daran Äusserlich weiß ich
gewaltig viel dagegen vorzubringen innerlich bin ich vielleicht
abergläubischer als irgend ein Anderer
    Das ist sonderbar
    Sonderbar und natürlich wie so vieles in der Welt wie du selbst Gretchen
    Wie ich
    Ja gewiss du bist die sonderbarste und dann doch die natürlichste
Erscheinung meines ganzen Lebens
    Ei mein Gott gnädiger Herr wie sollte das zugehen
    Sage selbst Gretchen bist du wohl so wie andere Mädchen denkst du wohl
an Männer ihnen zu gefallen Auch nur an einen Einzigen ihn zu besitzen so zu
besitzen wie die Frau den Mann
    Ei mein Gott das ist wirklich sonderbar Woher wissen Sie denn das
    Ich weiß es weil ich dich beobachte Lange habe ich geglaubt du machest
mit Stephani eine Ausnahme jetzt glaub ich es nicht mehr denn ich sehe dich
von Anderer Leiden noch tiefer als von den seinigen erschüttert Ja du willst
das Haus wo er ist verlassen und dein Leben fremden Unglücklichen widmen
Oder irrte ich war es nicht so
    O nein gnädigster Herr Sie irrten nicht So war es Ich sag es ja es
begreift und versteht mich kein Mensch so wie Sie
    Auch nicht Stephani
    Das weiß ich nicht denn wir haben so lange wir uns kennen gar wenig mit
einander gesprochen Aber wenn es auch wäre so hat er doch nicht die Macht mir
ausführen zu helfen was Not tut
    Also nur wegen der Macht ziehst du mich vor
    Ach gnädigster Herr ist denn hier von einem Vorzuge die Rede  Ich liebe
ihn unbeschreiblich ich liebe und achte Sie eben so unbeschreiblich Kann das
nicht mit einander bestehen
    Aber du sagtest mir einst es komme dir vor als sei Stephani dein
Verwandter du denkest unaufhörlich an ihn und wenn hundert Meilen weit ein
Kraut wüchse was ihm helfen könnte du würdest es holen
    Ja gewiss gnädigster Herr und das tät ich auch jetzt wenn er es
bedürfte
    Bedarf er es nicht mehr
    Ich glaube nicht Er scheint durch Rosamunde nicht mehr zu leiden scheint
in seiner Kunst ganz glücklich zu sein Betrübt ihn noch etwas so ist es
glaube ich wenn er ohne es zu wollen Sie gnädiger Herr erzürnt
    Weswegen aber glaubst du wohl dass ich mit ihm zürnen könne
    Ach ich begreif es nicht
    Wohlan so erfahre es dann Deinetwegen zürne ich mit ihm
    Großer Gott meinetwegen 
    Ja deinetwegen Er glaubte Rosamunden zu lieben und sieht dass er irrte
Er glaubt jetzt dich zu lieben  wie wenn er nach einiger Zeit auch sähe dass
er irrte 
    Was könnte das schaden gnädiger Herr
    Was es schaden könnte  Es würde dich unglücklich machen
    O glauben Sie das nicht gnädigster Herr Es wäre ja nur ein Irrtum und
wenn ich das weiß wie kann es mich unglücklich machen
    Was wäre ein Irrtum
    Dass er mich nicht mehr zu lieben glaubte Denn sollte es wahr werden so
müsste ich schlecht und böse werden Aber würde es auch ohnedem wahr so kommt es
ja so lange man auf Erden ist nicht darauf an wie sehr man geliebt wird
sondern wie sehr man liebt und geliebt hat
    Bei dem allwissenden Gott das Erhabenste und Göttlichste was ein Mensch
sagen kann Wer lehrte dich das
    O gnädigster Herr  rief ich lachend  so Etwas weiß man aus sich selbst
das braucht man nicht zu lernen
    Du weißt es aus dir selbst Wer sonst noch 
    Viele aber sie vergessen es und denken an tausend andere Dinge die sie
für wichtiger halten Gäben sie aber nur Acht wie unglücklich es sie macht dass
sie immer dieses und jenes wünschen was sie entweder gar nicht oder nur
dadurch dass sie schlechter werden erhalten können wie bald würden sie inne
werden dass Lieben die Hauptsache auf Erden und alles Übrige ohnedem nur Tand
ist
    O Gretchen warum bist du nicht für einen Thron geboren
    Ei gnädiger Herr weil ich mich nicht auf ihn schicke
    Soll ich dir beweisen dass du dich auf ihn schickst
    Das müssten Sie  rief ich wieder lachend  wunderlich anfangen
    Ganz natürlich fang ich es an Ich setze dich darauf
    Da würden die Leute was zu lachen bekommen
    Das Lachen würde sich geben denn die Lacher würden es mit mir zu tun
haben
    Dann hätten sie aber schon gelacht
    Würde dich das abhalten
    Lieber Gott gnädiger Herr warum sollen wir von Sachen sprechen die ja gar
nicht möglich sind
    Ja sie sind möglich  rief er  ich werde sie möglich machen aber du
selbst musst es wollen
    Ich verstand ihn immer noch nicht und sagte ganz verwirrt und betäubt mein
Gott was muss ich denn wollen
    Du musst mein ganz mein werden wollen Dann setz ich dich dahin wo du
Tausende beglücken kannst Doch schmerzen würd es mich wenn nur das dich
bestimmte
    Wie mir nun wurde herzliebste Mutter kann ich gar nicht sagen Ich sah
nichts mehr das Herz stand mir ganz still und ich würde gefallen sein hätte
mich der Fürst nicht auf einen Sessel gebracht Er sagte mir nun noch vielerlei
aber ich verstand nichts mehr und man musste mich zu Hause und ins Bette
bringen
    Als ich mich wieder erholte saß die Frau Präsidentin vor meinem Bette und
schien sehr bekümmert zu sein Ich sah es ihr an dass sie mich gern fragen
wollte und dann doch wieder Bedenken trug zu fragen Darum sagt ich ihr nun
gleich Alles und wie Angst und Schrecken mich so betäubt haben dass ich nichts
mehr von mir selbst gewusst
    Dass du über diesen Antrag erstaunen konntest  sagte sie  begreife ich
wohl aber woher dieses gewaltige Schrecken 
    Ach liebste Frau Präsidentin  antwortete ich  Sie kennen ja den Fürsten
wie leicht er aufgebracht wird  Wenn ich nun seinen Antrag nicht annehme wird
der arme Herr Stephani Alles büßen müssen
    Ah jetzt begreif ich Für Stephani ist dir bange Sei unbesorgt Der Fürst
ist ein sehr edler Mensch Sei ganz offen gegen ihn Er wird deinem Herzen keine
Gewalt antun Hast du einen andern Mann gewählt er wird wie viel Überwindung
es ihm auch kostet er wird die Wahl billigen
    Liebste Frau Präsidentin  rief ich  ich habe ja gar keinen Mann gewählt
und werde auch keinen wählen
    Sie sah mich nun ganz erstaunt und betroffen an und sagte weiter kein Wort
Ich aber konnte vor Unruhe nicht mehr im Bette bleiben und bat sie da ich ja
gar nicht krank sei wieder aufstehen zu dürfen Nur mit Mühe willigte sie
darein kaum aber war ich wieder ordentlich angekleidet als man den Fürsten
meldete
    Liebste Mutter es ist Nacht der Bote kommt morgen früh 6 Uhr und ich muss
schließen Sei sie aber nur ganz unbesorgt Gott schützt mich auf allen Wegen
und seine heiligen Engel werden über sie wachen und vor aller Kümmerniss
bewahren Mir herzliebste Mutter wird es immer gut gehen das glaube sie nur
festiglich
 
                         Stephani an seine Verwandten
Franz kam außer Atem zu mir herein mit der Nachricht Gretchen sei vom Fürsten
krank zu Hause gebracht und liege im Bette Es schien mir unglaublich denn ich
hatte sie noch niemals krank gedacht Doch eilt ich voll Zweifel und Schrecken
zu Mathilden aber in dem Augenblicke wurde der Fürst gemeldet und trat fast zu
gleicher Zeit mit mir ins Zimmer
    Er schien äußerst bewegt auch da noch als Matilde ihm versicherte
Gretchen sei wieder auf und vollkommen hergestellt
    Ich hatte nicht den Mut ihn anzureden und auch er blickte nur seitwärts
und verstohlen nach mir hin Bis endlich Fränzchen Farben und Pinsel ebenfalls
mit der Nachricht brachte Gretchen sei schon wieder auf habe wieder ganz rote
Wangen und wir können wieder malen
    Alle Einwendungen halfen nichts er zog mich fort und der Fürst folgte
nach
    Nach langem Stillschweigen fragte dieser endlich Weiß sie noch nichts von
dem Bilde
    Ich glaube nicht
    Und das Kind schweigt wirklich
    Franz nickte schalkhaft mit dem Kopfe und zeigte nach der Gegend wo auch er
abgebildet ist
    Das Gemälde ist fertig
    Nicht ganz
    Wann denkst du es zu vollenden
    Gewiss zum heiligen Feste
    Hast du Antwort von Pisa
    Nein Aber ich zweifle nicht dass man die Bedingungen annehmen werde
    Man soll mich augenblicklich benachrichtigen
    Ich werde nicht ermangeln
    Ich wünsche dass sie das Bild zuerst in der Kirche an dem ihm bestimmten
Orte sehe
    Ich schwieg
    Oder hast du es anders beschlossen
    Ich beschliesse nichts mehr über dieses Bild
    Doch scheinst du etwas zu fürchten
    Vielleicht eine zu starke Erschütterung bei Margareten
    Ich will sie vorbereiten
    Ich schwieg abermals kurz darauf trat sie in das Wohnzimmer und er verließ
mich
    Was war die Ursache ihres plötzlichen Übelbefindens  Er wusste es das war
sichtbar Ja er schien es veranlasst zu haben Wodurch  O trügt mich nicht die
Stimme meines Herzens   Geduld das kann nicht verborgen bleiben
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Wie danke ich es meinem geliebten Vater in der Erde wie dank ich es ihr
herzliebste Mutter dass sie mich früh vor Hochmut und vor allem Tand der vom
ewigen Frieden abziehen kann gewarnt haben Wie leicht könnt ich sonst nun
eine dumme Törin werden und glauben das was das Glück mir gäbe oder was
andere in übertriebener Einbildung mir zuschrieben wäre ich selbst Nein nein
herzliebste Mutter vertraue sie nur auf Gott Er hat mich bisher vor solchem
dummen Übermut bewahrt und wird es auch ferner
    Es kam mir einmal der schlechte Gedanke ich wolle ihr herzliebste Mutter
etwas verheimlichen damit sie sich nur keine unnötige Sorge machen möge Aber
das war Abends und als ich am andern Morgen meine Haare flocht und sie vor dem
Spiegel aufstecken wollte konnte ich mich schon nicht mehr ausstehen Vor
Unmut fing ich bitterlich an zu weinen dann aber fasste ich mich und dachte es
gehe wie es wolle deiner herzliebsten Mutter sagst du mal Alles
    Was meint sie nun wohl herzliebste Mutter sei auf dem Bilde was Herr
Stephani malt vorgestellt  Ich selbst sagt der Fürst Nicht wahr sie
erstaunt Ich aber bin noch weit mehr erstaunt und habe nichts davon glauben
wollen Ich solle nur Fränzchen fragen und ob ich mich nicht erinnere wie das
Kind gesagt habe ich werde am meisten darüber erschrecken und mich freuen
    Nun erschrack ich wirklich und zwar so dass ich kein Wort mehr vorbringen
konnte Glaubst du nun noch nicht  fuhr der Fürst fort  dass du eines Trones
würdig bist
    Gnädigster Herr  antwortete ich und fing heftig an zu weinen  wessen ich
würdig bin das weiß ich wohl nämlich dass sich Gott meiner erbarme und mich
vor Hochmut bewahre
    Mein Gott  rief er  was bewegt dich so tief
    Gnädigster Herr  sagt ich  ich weiß es selbst nicht recht aber mir ist
schon seit einigen Tagen so zu Mut denn ich sehe wohl dass mein Leben ganz
anders wird als ich es mir gedacht habe
    Wie hast du es dir gedacht  So soll es werden das beteuere ich dir bei
meiner fürstlichen Ehre
    Gnädiger Herr  rief ich weinte noch viel stärker und fiel ihm zu Füßen
 Sie werden Ihr Wort erfüllen denn Sie haben es immer getan
    So werde ich es ferner tun Und darum steh auf und sage mir Alles
    Nun stand ich auf und sagte wie gern wollt ich es wenn ich es nur recht
könnte
    Du wirst es können Sammle dich und verbanne alle Gedanken der Furcht
    Gnädigster Herr  hub ich nun an  Sie verstehen mich am besten wenn ich
von dem Leiden der Menschen und von dem Wunsche ihnen zu helfen spreche
Werden Sie mich aber auch verstehen werden Sie mir glauben wenn ich Ihnen
sage dass ich ein Wohlgefallen an der Niedrigkeit ja dass ich eine ordentliche
Sehnsucht nach ihr habe  Gnädigster Herr Ihre Zimmer sind schön Ihre Gemälde
sind unaussprechlich schön aber wie viel Niederschlagendes ist in ihrer Nähe 
Man braucht nur einen der Menschen die hier aus und eingehen zu sehen fort
ist alle Freude Eine Angst eine Beklommenheit überfällt einen  Man muss fort
und oft dünkt einem irgend ein Unglück folge dicht auf der Ferse  dünkt einem
fliehe man nicht schnell werde man sich selbst verlieren
    Mir das Gretchen
    Ach ach  rief ich nun schluchzend  ich weiß es wohl dass ich Ihnen weh
tue und Gott ist mein Zeuge wie Sie mir letzthin erzählten Sie haben mich im
Traume mit ein Paar Flügeln gesehen dacht ich gleich ach hättest du nur ein
Paar solche Flügel wärst du nur ein recht starkes übermenschliches Wesen du
rissest ihn gleich heraus und brächtest ihn dahin wo Fried und Seligkeit ist
    Wo ist Friede Wo ist Seligkeit  auf Erden nicht mehr
    Da sei Gott vor Ach gnädiger Herr wüssten Sie nur wie einem so in einem
kleinen reinlichen Stübchen zu Mute ist Ein weißer hölzerner Tisch ein
Strohstuhl ein reinliches Bettchen Ach so wie in meines Vaters Hause Und des
Sonntags noch Alles ganz anders und an den Festtagen himmlisch schön und keine
Lüge kein Betrug Alles ein Herz und eine Seele Und das man weiß was man hat
haben Tausende und ist deswegen Niemanden etwas genommen worden und wenn man
es verliert kann es durch Arbeit alle Tage wieder erworben werden
    Wie dieses ruhige Glück wäre das was du suchst du die hinaus will in die
Welt unter Not und Jammer
    Ich sprach nicht von mir gnädiger Herr Ich wollte nur sagen dass es gewiss
noch Fried und Seligkeit auf Erden gibt
    Welches beides dennoch von dir verschmäht wird
    O glauben Sie das nicht gnädiger Herr Wer weiß aber besser als Sie dass
der eine Mensch so der andere so empfindet Mir lässt es nun einmal keine Ruhe
und wenn ich auch wenig hätte würde ich doch denken es gibt Tausende die
noch weniger haben Darum gnädigster Herr fleh ich Sie an lassen Sie mich
ziehen und tun was mein Herz mir gebeut
    Sonderbar dass die ganze Welt sich deines Mitleids erfreut wir allein
meinst du bedürfen dessen nicht
    Ach gnädigster Herr wäre Ihnen denn mit meinem Mitleiden gedient 
    Nun wandte er sich schnell von mir ab und ich fürchtete schon er würde
sich wieder erzürnen als er mit einemmale wieder auf mich zukam und sagte Aber
wie wenn mir nun damit gedient wäre  Wie wenn ich es darauf wagte
    Ach Sie würden sich irren gnädiger Herr Sie verlangen weit mehr
    Und was wäre dieses Mehrere
    Sie verlangen dass ich glücklich sein soll
    Und nicht wahr das ist mit mir an meiner Seite unmöglich
    O nicht unmöglich mit Ihnen an Ihrer Seite aber an Ihrem Hofe
    Wie wenn ich ihn abschafte
    Gnädigster Herr Sie spotten meiner nicht wenn aber Jemand dieses hörte
würd er es glauben
    Was er glauben würde weiß ich nicht aber sehen würde er und
wahrscheinlich zum erstenmale dass es in den Augen eines Mädchens ein Fehler
ist Fürst zu sein
    Ach ja gnädigster Herr und er würde mich auslachen und darum sehen Sie
wohl dass ich mich an einen Hof niemals schicken werde
    Und darum
    O darum lassen Sie mich ziehen
    Und wie es mir dann geht  Wie kommt es dass diese Frage dir gar nicht
einfällt
    O sie fällt mir ein Es wird Ihnen gut gehen und Sie werden bald wieder
einsehen was Sie schon lange gewusst und eingesehen haben dass Sie zum Fürsten
geboren sind und ich zur Niedrigkeit und Verborgenheit
    Verborgen wenn du dein Leben Hunderten widmest
    O ja gnädigster Herr Stiften Sie nur das Kloster Dann trag ich ein
Kleid wie Alle die darin sind und wer kann dann gerade wissen ob es Diese
oder Jene ist die Diesem oder Jenem geholfen habe 
    Er sah mich nun wieder unbeschreiblich gütig an und sagte Wohlan ich
stifte das Kloster Die Schwärmerei hat ihre Periode wie die Ruhmsucht und
beides sind Krankheiten die geheilt werden können Worüber lachst du
    Dass Sie mich für krank halten
    Jetzt sah er wieder etwas verdrießlich von mir weg fragte dann aber mit
einemmale Wer soll die Gesetze für das Kloster erfinden  Du
    Jetzt gnädiger Herr spotten Sie meiner ganz gewiss
    Nichts weniger Der Gedanke kommt von dir und die Gesetze eines Andern
könnten dir vielleicht nicht gefallen
    Wenn sie von Ihnen kommen werden sie mir schon gefallen
    Auch das dass die Nonnen niemals ein Gelübde ablegen und das Kloster
verlassen können wann sie wollen 
    Das vor allem Andern
    Wohlan Deine Bitte ist dir gewährt Ich stifte das Kloster
    Nun fiel ich ihm wieder zu Füßen und dankte ihm mit tausend Tränen Er
aber hob mich ganz gerührt wieder auf und sagte Tue nur so etwas nicht mehr
denn ich kann es nicht tragen Gehe du heiliger Engel meine Geschäfte rufen
mich jetzt Und wenn du dann ausziehst den Verlassenen zu helfen so denke dass
ich der Verlassenste von Allen bin
    Diese Worte drangen mir wie ein zweischneidiges Schwert durch die Seele
ich konnte meine Tränen nicht mehr stillen und als ich durch die hässlichen
Menschen in den Vorzimmern ging dacht ich recht mit Unwillen o möcht euch
Gott bessern oder Alle vertilgen Da ihr den vortrefflichen Mann so unglücklich
macht dass er sich für den Verlassensten von uns Allen hält
 
                         Stephani an seine Verwandten
Franz behauptete schon seit mehreren Tagen Gretchen wisse von dem Bilde Auch
war sie sichtbar verändert und ihr unschuldvolles Himmelauge begegnete dem
meinigen nicht mehr Gestern kam dann auch die Antwort von Pisa und ich musste
zum Fürsten
    Er empfing mich sehr ernst aber doch gütig und auf die Nachricht mit
sichtbarer Freude Dann aber brach er schnell ab und ließ einige Gemälde die
er gekauft hatte und über welche er meine Meinung wissen wollte herein
bringen Es waren zwei vortreffliche darunter eine Madonna und ein Johannes in
der Wüste
    Wir sprachen viel über die Stellung der Ersten und von der gefährlichen
Klippe bei Darstellung heiliger Gegenstände an der Grazie zu scheitern Er
behauptete sie solle ganz bei denselben verbannt werden ich aber sucht ihm
das Gegenteil zu beweisen
    Er brauste auf wie gewöhnlich und ließ mich nicht zu Worte kommen Endlich
wurd er aber doch aufmerksam als ich sagte es kommt Alles darauf an über die
Bedeutung des Wortes Grazie einverstanden zu sein In dem Sinne in welchem ich
es nehme muss ich darauf bestehen dass kein heiliger Gegenstand richtig ohne
dieselbe dargestellt werden könne
    Und ich sage dir dass mich gerade diese verwünschte Grazie bei der Madonna
ärgert und dass ich sechsmal so viel wenn sie das Bild nicht hätte dafür
bezahlt haben würde
    Mit Recht denn sie ist ihr einziger Fehler
    Heute verstehst du dich wohl selbst nicht
    Ich glaube doch Nehmen Sie ein gesundes Kind in den ersten Monaten seines
Lebens befreien sie es von seinen Windeln oder noch besser sorgen Sie dass es
nie welche gehabt habe legen Sie es auf den Rasen schützen Sie es vor Hitze
und Kälte und vor einem unbefriedigten Bedürfnisse Geben Sie nun Acht auf die
Bewegungen dieses Kindes und Sie werden erstaunen keine einzige unmalerisch
im Gegenteile alle höchst graziös höchst malerisch zu finden
    Woher kommt das
    Daher dass die Grazie tief in der heiligen Natur liegt und eben deswegen
allen heiligen Gegenständen vorzugsweise zukommt Daher dass sie nur der
höchsten Unschuld eigen ist und eben deswegen nur bei ganz unverdorbenen
Kindern oder bei Menschen welche diese göttliche Reinheit nie verloren
gefunden werden kann nicht sowohl dem Plumpen und Rohen als dem Erlernten und
Konventionellen entgegengesetzt ist Wer dieses bezweifelt kann augenblicklich
durch die französische Grazie überzeugt werden
    Und die griechische
    Wird ewig das Wunderbarste dieser wunderbaren Nation bleiben Sie wurde
dargestellt ohne begriffen zu werden Ein Produkt reiner Naivität Denn
offenbar sagten die Griechen mit ihren Werken mehr als sie sagen wollten oder
sich bewusst waren gesagt zu haben Inspirirte die ihre selbstverkündigten
Orakel nicht verstanden Gleichwohl können nicht alle ihre Werke von dem
Konventionellen freigesprochen werden und ermangeln eben deswegen der
wahrhaften Grazie Eine Behauptung der man noch so lange widersprechen als man
fortfahren wird Reiz mit Grazie zu verwechseln
    Wie aber wenn man dir sagt deine Grazie solle Unschuld und nicht Anmut
heißen
    So würde ich das nicht zugeben sondern nur eingestehen dass sie nicht ohne
Unschuld bestehen könne ohne darum die Unschuld selbst zu sein Wer das Erste
wiederum bezweifelt betrachte nur einen in allen sogenannten Künsten der
Grazien vollkommen geübten Wüstling und sehe zu ob er sich das heimlich
Verrenkte Widrige und Unharmonische seiner Bewegungen leugnen kann
    Gewiss und wahrhaftig gibt es aber doch Menschen welche obwohl durchaus
unschuldig der Grazie gänzlich entbehren
    Allerdings und dieses beweisst abermals dass sie nicht die Unschuld selbst
ist
    Nun was ist sie denn
    Die zarteste Blüte vollkommen menschlicher Organisation Welche leider durch
Erziehung oft im Keime erstickt oft wenn dieses auch nicht geschehen durch
widriges Schicksal am Entfalten gehindert durch Laster völlig zerstört wird
deren Anblick aber wo sie sich noch findet das Auge des Kenners mit hohem
Entzücken erfüllt
    Rosamunde
    Rosamunde hat sie im hohen Margarete im höchsten von mir erblickten Grade
Und man kann mit Wahrheit sagen die ganze Fülle der menschlichen Gottheit der
göttlichen Menschheit ruhe in ihr
    Bei diesen Worten wandt er sich von mir weg und ging mit heftigen Schritten
auf und ab ergriff dann aber sichtbar gerührt meine Hand und sagte O du
fühlst ganz ihren Wert aber dir wird sie nicht werden und mir auch nicht
    Nach langem Stillschweigen setzt er hinzu weißt du dass sie uns verlässt 
    Nein  sagt ich  auch ist es mir unglaublich
    Unglaublich  Warum
    Ach ich kann es nicht sagen aber es widersteht Allem was ich denken kann
Warum sollte sie uns verlassen
    Weil sie das Glück welches sie hier genießt nicht mehr tragen kann
    Ich sah ihn an ohne zu antworten
    Ja ja  fuhr er mit bitterem Lächeln fort  bei einem hölzernen Tische
einem Strohstuhle einem reinlichen aber ärmlichem Bettchen in einem niedrigen
Zimmerchen da kann man viel glücklicher sein als bei uns Und wenn nun
Sonntags oder wohl gar Festtags die Glocken läuten dann steigt die
Glückseligkeit bis zu einem überirdischen Grade  Es ist zwar ganz hübsch bei
uns meine Gemälde unter anderm ganz erträglich aber was sie umgibt gar zu
hässlich Ich ein armer mitleidswerter Mann den man gern wär es nur möglich
aus dieser höllischen Pracht reißen möchte und da dieses nun nicht möglich
ist rate was geschieht
    Ich sah ihn abermals von der Bitterkeit seines Tones erschreckt fragend
und stillschweigend an
    Du errätst es nicht  Nun wohl so erfahre es dann Ein Kloster wird
gestiftet ich selbst muss es stiften Nicht etwa damit sie die Oberste und
Alles darin nach ihrem Willen eingerichtet werde O nein das ist ihr Alles ganz
gleichgültig lästig sogar Die Hauptsache ist und bleibt dass sie ein Kleid
wie die Andern bekomme damit sie nicht erkannt nicht verlacht werde wenn sie
nach Osten und Westen zieht die Kranken Notleidenden Verwundeten
aufzusuchen Ja ja staune wie du willst Das bleibt die Hauptsache Und wenn
du ihr auch die unbeschreibliche Glückseligkeit des hölzernen Tisches des
Strohstuhles und des niedrigen Zimmerchens verschaffst so wähne darum nicht
sie zu halten denn so lang es noch Tausende gibt die auch das nicht haben
bleibt sie dir nicht Bedürfte sie der Gesundheit nicht unumgänglich würde sie
es unfehlbar unerträglich finden nicht krank zu sein weil Tausende es sind
Wie es aber dir wie es mir geht ob wir von Sehnsucht verzehrt werden  das
kümmert sie nicht Der himmlische Vater auf welchen sie sich freilich in
Ansehung der Andern nicht verlässt wird schon für uns sorgen Du hast deine
Kunst ich mein Reich und damit Gott befohlen
    Und Sie haben wirklich Ihre Einwilligung gegeben
    Konnt ich sie verweigern  Sie beweist mir dass mir mit ihrem Mitleid
nicht gedient sei Dass ich weit mehr dass ich ihr Glück ihre Zufriedenheit
verlange Dass aber daran bei uns nicht zu denken sei war nach ihrer Meinung
längst erwiesen
    Sie wird uns auf ewig verlassen
    Nein Das ist das Einzige was ich mir bei dieser unerhörten Schwärmerei
vorbehalten habe Die Nonnen können das Kloster verlassen wann sie wollen und
es wird in meiner Nähe gestiftet
    Gott sei gelobt
    Was hilft es dir was mir  Wofern wir nicht dafür sorgen krank oder
verwundet zu werden wird sie uns schwerlich erscheinen Und darum mache nur
schnell Anstalt zu einem Bilde für mich Ganz eigentlich für mich Aber in
keiner himmlischen Glorie will ich sie haben So wie ich sie zum erstenmale an
deinem Bette sah im ländlichen Gewande der Unschuld so will ich sie Zweimal
will ich sie so Im Großen und im Kleinen damit ich sie mit mir führen sie
zwingen kann mich nicht zu verlassen
    Wann wird das Kloster gestiftet
    So bald als möglich ja so bald als möglich denn je früher die
Schwärmerei ans Ziel kommt je früher wird sie geheilt
    Sollte sie ihre Freunde vergessen
    O nein Führt die Straße gerade dahin wird sie ihrer schon gedenken Liegt
aber irgend ein Vagabund am Wege mögen sie sich nur gedulden denn fürs erste
ist ihr dieser der Nächste
    Seine Bitterkeit stieg bei diesen Worten und er warf ein kleines Gemälde
was er die ganze Zeit scheinbar betrachtet hatte mit Unwillen zur Seite Nach
langem Stillschweigen machte er endlich eine Bewegung mit der Hand und ich
deutete dies sogleich als Zeichen meiner Entlassung Er aber schien erst jetzt
aus seiner Träumerei zu erwachen und rief hinter mir her dass du dich nur
meines Auftrages erinnerst  Ich neigte mich noch einmal schweigend und
bejahend und eilte in freier Lust Atem zu holen
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Ich danke dem allgütigen Gotte dass sie es eingesehen wie das was ich
erwählet das sicherste Mittel ist mich vor Hochmut Eigendünkel und
Weichlichkeit zu verwahren Die guten Menschen welche mich umgeben bedauern
mich und meinen ich sei von einer Krankheit befallen
    Ach  denk ich dann  möge euch Gott nur immer so gesund erhalten als ich
mich fühle und möget ihr nie mehr zu bereuen haben als ich zu bereuen haben
werde Alles was ihr mir von Genuss des Lebens vorsagt ist ja keiner für mich
Könnt ihr in Ruhe genießen während Andere im Elende verschmachten  O ich
tadle euch ja nicht Nur lasst mich gehen und tun was mein Herz mir gebeut
    Alle Tage herzliebste Mutter wird so in mich hinein geredet Herr Stephani
schweigt zwar ganz still aber sein Gesicht verrät die äußerste Wehmut
    Ach denk ich dann wenn du nur wüsstest dass du der erste Leidende bist
dem ich helfen will und dem ich gerade durch meine Entfernung die grösseste
Wohltat erzeige
    Denn sage sie selbst herzliebste Mutter gibt es wohl einen andern Rat
oder eine andere Hilfe Würden sich die beiden vortrefflichen Menschen er und
der Fürst nicht hassen wenn ich Einen von Beiden erwählte  Und das müsst ich
mit ansehen und ertragen 
    Nein nein so ists am besten Sehen sie mich nicht mehr werden sie meiner
auch nicht so vielfältig gedenken Wer hätte glauben sollen Herr Stephani werde
Rosamunde vergessen und doch ist es geschehen So werden sie auch mich
vergessen und sehen sie mich hin und wieder sich doch an meine Abwesenheit
gewöhnen
    Sie werden Freunde bleiben und wenn sie ja unwillig werden wollen ihren
Unwillen auf mich werfen Das hat aber auch nichts zu sagen denn wenn sie mich
wiedersehen werden sie mir doch nicht böse sein können und begreifen dass das
was ich tat das beste war was ich tun konnte
    Eine Viertelstunde von der Stadt mitten in einem unabsehbaren Garten wird
das Kloster erbaut Die Nonnen können aus und eingehen wie sie wollen die
Kranken und Verwundeten in ihren Häusern oder im Kloster pflegen
    Gestern zeigte mir der Fürst den Riss nach welchem das Gebäude von
außerordentlicher Größe und mit allen für die Unglücklichen erforderlichen
Bequemlichkeiten versehen wird
    Nun was sagst du dazu  fragte er
    Ich sage  rief ich ihm zu Füßen fallend und indem mir die Freudentränen
aus den Augen stürzten  dass ich schon selig werde hier auf Erde
                               Am andern Morgen
Ich dachte noch mehr zu schreiben herzliebste Mutter aber ich musste
schließen denn es gibt auf das Fest noch gar viel zu nähen Die Kinder sollen
alle neu gekleidet werden weil am ersten Ostertage ein sehr prächtiger
Gottesdienst mit herrlicher Musik wird gehalten werden
    Die Frau Präsidentin sagt ich müsse diesesmal auch mit in die katholische
Kirche gehen sie wolle mich mit in ihren Stuhl nehmen welcher dicht neben dem
Fürstenstuhle ist und ich möge nur Alles so machen wie sie dann werde es
nicht auffallen
    Herzliebste Mutter frage sie doch den Herrn Pfarrer ob ich das tun soll
und ob es auch Recht ist3
 
                         Stephani an seine Verwandten
Das Bild ist vollendet in Gretchens Abwesenheit fortgetragen und über dem
Hochaltare aufgestellt Ich sehe zu meiner Freude dass ich die Höhe und die
Entfernung richtig berechnet und die wahre Proportion zu den Umgebungen
gefunden habe
    Gretchens Vetter ein Handwerker der sich zum Künstler erhebt hat beim
Aufstellen geholfen und sein Entzücken kaum mäßigen können Ich habe mir
seinen wahrhaft patriarchalischen Kopf im Augenblicke der überirdischen Freude
sogleich abgezeichnet und finde dass er einer der schönsten Menschen gewesen
sein muss Er ist Margaretens Mutter Bruder und die Schönheit ohne Zweifel
schon lange erblich in dieser Familie
    Ich denke den Fürsten mit diesem Kopfe auf das herrlichste zu überraschen
Noch herrlicher aber wird er sich mit einer Figur im weitfaltigen Gewande auf
dem nach Pisa bestimmten Bilde ausnehmen
    Der Alte wusste noch nichts von Gretchens Entschlusse und geriet in das
höchste Erstaunen Als ich ihm aber sagte dass sie ihrer Freiheit durchaus nicht
beraubt werde fasste er sich blickte noch einmal mit gefaltenen Händen und
Tränen im Auge nach dem Bilde und sagte Ach ich habe es lange gedacht dass
sie auf dem gewöhnlichen Wege nicht bleiben werde Ihr Sinn war niemals auf
Irdisches gerichtet Aber teuerster Herr sagen Sie doch unserm gnädigsten
Fürsten im Namen eines armen Mannes den demütigsten Dank dass er sie vor dem
Einsperren bewahrt hat Es wäre ein Nagel zu meinem Sarge gewesen
    Auch zu dem meinigen liebster Alter erwiderte ich drückt ihm die Hand
und entfernte mich schnell
    Als ich zu Hause kam fühlte ich erst meinen Verlust Ach der Platz auf
welchem das Bild gestanden hatte war leer und das ganze Zimmer eine Wüste
Aber Gretchen war vom Fürsten noch nicht zurück und so eilte ich die schon
angefangene Zeichnung zu dem Bilde nach Pisa sogleich an die Stelle des vorigen
setzen zu lassen
    Alles im Hause ist in ungewöhnlicher Bewegung Die Kinder springen lächelnd
hin und her machen allerhand bedeutende Zeichen und als das Bild weggetragen
wurde war des Flüsterns kein Ende
    Auch mir kommt dieses Fest ganz anders vor als alle die ich jemals
erlebte Ein unüberwindlicher Trübsinn den selbst die Kunst nicht zerstreut
hält meine ganze Seele umfangen und es dünkt mich als fürchte ich nicht bloß
den bekannten sondern einen noch fremden Schmerz welchen das Schicksal mir
bereitet Ich kann mich zu keiner neuen Arbeit entschließen und tue nichts
als die vorigen mustern
    Es ist auffallend wie ich in meinen ersten Entwürfen nur nach dem
Leidenschaftlichen gestrebt und erst später Sinn für das Harmonische bekommen
habe
    Bisher fehlte mir die Zeit zu dieser Übersicht jetzt ist sie die einzige
Beschäftigung zu welcher ich fähig bin und wird mir in der Tat sehr anziehend
und lehrreich
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Da es der Herr Pfarrer erlaubt werde ich mit in die Kirche gehen und habe es
auch der Frau Präsidentin gesagt Wir sind mit Allem fertig und die Kinder
freuen sich über die Maassen
    Herzliebste Mutter wie schön ist es doch wenn es auf Ostern geht Man
freut sich nicht bloß wegen der Auferstehung des Heilandes sondern auch wegen
der Auferstehung der ganzen Natur
    Unsere Winter sind freilich nicht mit den nördlichen von welchen sie und
der selige Vater erzählten zu vergleichen Die mögen wohl schrecklich sein
aber hier sind sie eine wahre Wohltat des Himmels
    Und herzliebste Mutter  Ach wie soll ichs nur recht sagen  dünkt ihr
nicht als läge etwas ganz Wunderbares in der Frühlingsluft  Ach es ist nicht
bloß die Stimme der Vögel das Sumsen der tausend und tausend Würmchen die zum
neuen Leben erwachen ach es ist noch ganz etwas Anderes Mutter herzliebste
Mutter wenn ich so des Morgens gleich nach Sonnenaufgang unter die Blumen
gehe rauscht es an mir vorbei in einem Getön dass mein Innerstes von hoher
Wonne erbebt Es spricht zu mir aber nicht menschliche Worte doch fühl ich
was sie bedeuten aber mit Worten ausdrücken kann ich es auch nicht Singen
konnt ich es und sing es auch wenn ich allein bin O Mutter es antwortet
mir  Ist das Gott  O geliebte Mutter ich glaube das ist Gott
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Wo soll ich anfangen ihr das viele Wunderbare was mir in diesen Tagen begegnet
ist zu erzählen
    Wir gingen unter herrlichem Glockengeläute in die Kirche und fanden eine
unzählbare Menge Leute in derselben versammelt Auch der Fürst war schon da und
saß dicht neben unserm Stuhle Ich war verschleiert wie fast alle Frauenzimmer
in der Kirche und sehr froh es zu sein Ich hätte mich des vielen Herumsehens
geschämt und hätte es doch wohl nicht lassen können
    Ich glaube man muss an die Pracht des katholischen Gottesdienstes gewöhnt
sein um nicht durch dieselbe zerstreut zu werden Mir wenigstens war es Anfangs
unmöglich mich zu sammeln Nun aber ging die prächtige Musik an und alles
verschwand vor meinen Augen
    Ach herzliebste Mutter von einer solchen Musik hat sie gar keine
Vorstellung Kann auch kein Mensch der sie nicht gehört eine davon bekommen
Mir war als sei mein Geist schon vom Körper befreit und schwebe gerade hinauf
zu dem Allgütigen
    Nur manchmal wurde ich in meinem himmlischen Traume durch die Kommenden und
Gehenden gestört In einem solchen Augenblicke sah ich ein ganz schwarz
gekleidetes und ebenfalls verschleiertes Frauenzimmer hereintreten Ihr Gang
war ganz ungewöhnlich mehr ein Schweben zu nennen und schien von dem
Augenblicke da sie eintrat mit der Musik im Einklange
    Nicht weit unter unserm Stuhle kniete sie nieder und war in dieser Stellung
unaussprechlich schön so dass ich mein Auge nicht mehr von ihr wenden konnte
Immer hoffte ich sie werde wie mehrere Frauenzimmer den Schleier
zurückschlagen aber vergebens
    Jetzt hatte sie ihr Gebet verrichtet setzte sich und heftete nach der
Wendung ihres Kopfes zu urteilen ihren Blick unbeweglich auf den Hochaltar
der uns zur Linken war und den ich bis dahin noch nicht beachtet hatte
    Nun aber folgte mein Auge dem ihrigen und  denke sie sich herzliebste
Mutter um Gotteswillen mein Erstaunen erblickte mein eigenes Bild im Gewande
der heiligen Jungfrau Ich sah schnell wieder weg und hätte vor Scham und
Schrecken in die Erde sinken mögen Aber jetzt sah ich auch die Fremde sinken
und bei diesem Anblicke kehrten alle meine Lebensgeister zurück Ich wandte mich
plötzlich um machte mir Platz durch die Kinder und eilte hinunter in die
Kirche der Fremden zu Hilfe
    Sie schien völlig erstarrt und ihre Augen waren geschlossen In dem
Augenblicke wo wir sie in den ersten Wagen bringen wollten lief ein Bedienter
herbei und ließ schnell einen andern vorfahren Ohne ihn weiter deswegen zu
befragen brachten wir sie hinein und ich setzte mich ihr zur Seite
    Wir hielten vor einem prächtigen Hause der Bediente eilte hinein und
gleich darauf liefen zwei junge Mädchen herbei und schrien laut auf als sie
den Wagen öffneten und das Frauenzimmer leblos in meinen Armen erblickten
    Aber gerade dieses Geschrei schien sie zu erwecken Sie schlug die Augen auf
voll unaussprechlichen Schmerzens blickte mich lange mit sprachlosem Erstaunen
an und schloss sie dann wieder wie für immer Wir eilten nun sie in ihre
Zimmer zu bringen
    Sonderbar fiel es mir ungeachtet meines Schreckens auf dass sie alle
Rosenwäldern glichen und ich sah gleich darauf bestätigt was ich oft unsern
Vater behaupten hörte dass der Rosenduft äußerst heilsam und der einzige sogar
im Übermaasse nicht schädliche sei
    Die Fremde erholte sich augenblicklich und winkte verneinend als sie von
einem Arzte sprechen hörte Ich bat sie etwas Stärkendes zu sich zu nehmen und
sie nickte bejahend Hierauf entfernten sich die Mädchen um es herbei zu holen
und wir blieben allein
    Kennen Sie mich  fragte sie nach einigem Stillschweigen
    O nein  sagte ich
    Sind sie niemals im Schauspiele gewesen 
    Nein  sagt ich wieder aber in dem Augenblicke wurde mir Alles klar und
ich rief mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend Rosamunde
    Ja ich bin Rosamunde  antwortete sie  aber warum  setzte sie mit einem
forschenden Blicke hinzu  waren Sie niemals im Schauspiele
    Ich kann es wirklich nicht recht sagen  es hat sich nicht so gefügt
    Und Sie haben auch niemals einiges Verlangen danach bezeigt
    Nein niemals
    Das muss doch irgend einen Grund haben  wiederholte sie 
    Ach ja  antwortete ich  den hatte es auch Ich hörte dass Frauenzimmer
mit auf das Theater kommen und das tat mir gar zu leid denn sie müssen ja
dort ganz anders scheinen als sie sind
    Und die Männer
    Ja die sind ohnehin bei so vielen Gelegenheiten gezwungen sich öffentlich
zu zeigen und sagen selbst dass es ihnen ganz unmöglich sei immer zu scheinen
was sie sind
    Und das wäre der wahre und einzige Grund der Sie abhielt
    Nein  sagt ich und fühlte dass ich sehr rot ward  es hatte auch noch
einen anderen
    Und der war
    Ich wusste dass ich auch Sie dort sehen würde und liebte Sie damals nicht
weil ich glaubte dass Sie Herrn Stephani mutwillig unglücklich machten
    Die Mägde kamen nun wieder herein und ich konnte nicht fortfahren Sie aber
nahm ihnen das was sie brachten schnell ab und winkte ihnen uns zu
verlassen
    Sie liebten mich damals nicht  sagte sie nun  und jetzt
    Sehe ich wohl dass Sie Recht hatten und Herrn Stephani besser kannten als
wir Alle
    Sie antwortete nichts aber ihr Gesicht wurde noch bleicher Nach einiger
Zeit richtete sie sich auf und sagte meine Brust schmerzt mich Man soll doch
zum Arzte schicken
    Ich eilte hinaus Aber denke Sie sich herzliebste Mutter mein Entsetzen
als ich sie schwimmend im Blute und einer Toten ähnlich wieder fand
    Auf mein Geschrei stürzten die Mädchen herein und gleich darauf kam auch
der Arzt Sie hatte einen Blutsturz bekommen und war nur auf kurze Zeit noch zu
retten
    Die Mädchen wehklagten und mir wollte die Angst den Atem benehmen Doch
war ich fest entschlossen sie nicht mehr zu verlassen und ließ dies auch der
Frau Präsidentin mit allen Umständen wissen
    Rosamunde lag den übrigen Teil des Tages und die ganze darauf folgende
Nacht in einem betäubenden Schlummer Als die Sonne aufging waren auch die
Mädchen eingeschlafen aber Rosamunde wurde von ihr erweckt
    Sie blickte um sich sah mich allein an ihrem Bette und zog meine Hand mit
einem unbeschreiblich liebevollen Blick an ihr Herz
    Ein Engel  sagte sie  steht mir im Tode bei so muss ich wohl schuldlos
gelebt haben
    O mein Gott  rief ich voll Angst denn ich fand jetzt beim Tageslichte
alle ihre Züge bis zum Unkenntlichen verändert  wären Sie nur nicht in der
Kirche gewesen
    Du hast Recht  antwortete sie  Ich sah dort was ich nicht bin und das
schließt meine Augen auf ewig
    Ich konnte nichts mehr antworten und fing heftig an zu weinen
    O weine nicht  sagte sie  Du musst ewiglich lächeln Worüber kannst du
weinen  Sieh ich werde vom Leben genesen Stelle mir die Rosen um mein Bett
Wecke Niemanden Ich will leise entschlummern
    Ich tat was sie sagte und nahm sie da sie sich aufgerichtet hatte aber
zu schwach war sich zu erhalten in meine Arme So hielt ich sie wohl eine
Stunde Aber bei der tiefen Stille und der immer gleichen Stellung wurde auch
ich vom Schlummer überfallen Als ich erwachte fand ich sie noch an meiner
Brust gelehnt und fest von meinen Armen umschlungen Aber ach Gott ich war
allein erwacht und ihr Auge nicht wieder zu öffnen Herzliebste Mutter ich
kann nicht weiter schreiben
 
                         Stephani an seine Verwandten
Rosamunde hat die Erde verlassen und meine düstere Ahnung ist mir völlig
enträtselt Alle gingen in die Kirche und ich versprach augenblicklich zu
folgen Zweimal war ich schon an der Türe und wurde jedesmal von einem
unwiderstehlichen Gefühle zurückgehalten Endlich ging ich dennoch gerade
dieser Empfindung zum Trotze
    Als ich in die Kirche trat suchte mein Auge Gretchen vergebens Es hieß
sie sei einer Unbekannten zu Hilfe geeilt und mit ihr aus der Kirche
verschwunden Ich wollte sogleich wieder davon aber in dem Augenblicke hört
ich den Fürsten Befehl geben dass man ihr folgen solle und blieb nun da er mir
winkte unbeweglich auf meiner Stelle
    Bernhard und Matilde brachen auf und erst jetzt erwacht ich aus meiner
Betäubung Als wir zu Hause kamen fanden wir schon Nachricht von Margareten
Es war Rosamunde der sie zu Hilfe geeilt und welche nach der Aussage des
Arztes nur kurze Zeit noch zu leben hatte
    Ich stürzte fort Aber am Eingange kam mir der Arzt entgegen beteuerte
die geringste Erschütterung müsse ihren Tod augenblicklich zur Folge haben und
mit seinem Willen solle außer denjenigen welche schon bei ihr seien Niemand
zugelassen werden Sie selbst sind krank  sagte er  und ich beschwöre Sie mir
zu folgen
    Bei diesen Worten zog er mich fort und übergab mich Bernharden und
Mathilden Nun überwältigte mich der Schmerz und ich sank bewusstlos auf mein
Lager
    Die Stimme des Friedensengels weckte mich wieder Margarete stand wie
vormals an meiner Seite und reichte mir Trank Plötzlich belebte mich die
Kraft der Verzweiflung Ich sprang auf und stürzte ihr zu Füßen Sag
Himmlische  rief ich  dass sie mir verzieh und mich nicht hassend verließ 
    O Gott  antwortete sie und große Tränen rollten über das heilige
Sonnengesicht  sie hat ja niemals aufgehört Sie zu lieben
    Ein stechender Schmerz fuhr bei diesen Worten durch meine Brust aber mein
Auge wurde heller Ich sah Bernhard Matilde und den Fürsten Man zwang mich
aufzustehen aber zur Ruhe war ich nicht wieder zu bringen
    Rosamunde  glauben sie  werde morgen begraben
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Rosamunde ist an ihre Ruhestätte gebracht Wir hatten sie sehr schön mit weißen
Rosen geschmückt und sie selbst glich einer Rose ohne Farbe
    Herr Stephani sah uns stillschweigend zu Als aber die Träger erschienen
und den Sarg aufheben wollten wurde er plötzlich von einem schrecklichen Zorne
ergriffen Er warf sich über den Sarg her und drohte Jedermann der es wagen
würde sich zu nahen
    Geht nur Alle wieder davon  rief er  Erst will ich wissen ob sie tot
ist
    Die Leute sahen sich bestürzt an und in der Tat wagte es Niemand sich zu
widersetzen
    Während dieser Bestürzung hatte der Diener den Arzt herbei geholt welcher
nun versuchte Herrn Stephani zuzureden
    Ich werde nachgeben  sagte er  sobald ich überzeugt bin aber das kann ich
heute und morgen nicht werden Sie ist an keiner ansteckenden Krankheit
gestorben und Niemand braucht dieses Haus zu bewachen Ich werde allein bei ihr
bleiben und ist sie wirklich tot sie dem Grabe überlassen Aber überzeugt muss
ich werden wofern meine Sinne zusammen halten sollen
    Der Arzt bemerkte nur noch dass es einer ausdrücklichen Erlaubnis der
Regierung bedürfe
    Die werde ich erhalten  antwortete Herr Stephani und eilte einige Zeilen
aufzusetzen während er bald ängstlich bald drohend nach dem Sarge hinblickte
Lassen Sie dieses  sagt er darauf  dem Fürsten übergeben und man wird mir
meine Bitte nicht abschlagen Der Arzt gab nun den Leuten ein Zeichen sich zu
entfernen und eilte den Fürsten zu benachrichtigen
    Jetzt befragte uns Herr Stephani auf das genaueste was man nach Rosamundens
Tode mit ihr vorgenommen habe und wir mussten ihm alle Versuche sie ins Leben
zurückzurufen auf das Umständlichste beschreiben
    Er gestand dass alles Mögliche geschehen sei Doch  setzte er hinzu  es
glückte damals nicht wer steht euch dafür dass es auch jetzt nicht glückt 
Fort mit den Rosen  rief er und warf sie heftig zur Seite  Weg mit dem
Sarge Was soll sie darin Niemand weiß ob sie tot ist
    Bei diesen Worten hatte er die Schnüre zerrissen und den Körper
herausgehoben Er trug ihn ohne unsere Hilfe ins Bett und wiederholte alle
schon gemachten Versuche Es war Nacht darüber geworden und er hieß uns zur
Ruhe gehen
    Morgen  sagte er  wiederholen wir was wir heute getan und ich nehme
noch einen Arzt mit zu Hilfe
    Der Diener und die Mädchen wollten ihn bereden auch einige Ruhe zu
genießen aber er versicherte dass das verlorne Mühe und er fest entschlossen
sei nicht von der Stelle zu weichen
    So mussten wir dann gehen beredeten uns aber im Nebenzimmer abwechselnd zu
wachen und sahen ihn noch die ganze Nacht jene fruchtlosen Versuche
wiederholen
    Am Morgen fanden wir ihn endlich zu den Füßen des Leichnams liegen und
glaubten er schliefe Als wir aber näher hinzu traten sprang er plötzlich auf
und blickte wild und misstrauisch um sich her
    Gleich darauf befahl er den Leuten einen andern Arzt den er ihnen nannte
herbei zu holen Sie wagten es nicht ihm zu widersprechen konnten aber ihre
Hoffnungslosigkeit nicht bergen
    Der Arzt kam und der ganze Tag wurde nun mit Wiederholung der schon
gemachten Versuche und mehrerer andern hingebracht
    Sie waren abermals fruchtlos und Herr Stephani erklärte endlich dass er
sich dem Begräbnisse nicht mehr widersetzen sobald nämlich Rosamunde am
folgenden Tage geöffnet und ihr Herz ihm übergeben sein werde Dieses geschah
wirklich und nun sah er wieder stillschweigend alle nötigen Vorkehrungen
machen
    Wir zitterten dennoch vor dem Begräbnisse aber zu unserm Erstaunen sahen
wir ihn schweigend dem Zuge folgen und eine Fassung behaupten welche uns Allen
unmöglich wurde
    Alle Rosenbüsche Rosamundens sind auf ihr Grab gepflanzt und statt eines
Leichensteins ist sie mit einem Rosenwalde bedeckt Sie liegt dicht neben ihrer
Schwester wie sie es ausdrücklich verlangt hat
    Herzliebste Mutter wie mag einem wohl sein wenn man so eben gestorben ist
 Steigt der Geist dann gleich in die reinen hohen Lüfte oder verweilt man noch
an der Erde wo man so viele geliebten Menschen im Kummer und schweren Sorgen
zurücklässt  Schwebt Rosamunde noch um ihre Rosen 
    Ich sah diese Frage in Herrn Stephanis Auge aber er folgte still da wir
vom Grabe zurückkehrten Nur als von Rosamundens Bilde gesprochen wurde
erklärte er mit Heftigkeit dass er es als sein Eigentum zurücknehme und bei
der geringsten Schwierigkeit jede dafür verlangte Summe bezahlen werde
    Es ist ihm aber auf Befehl des Fürsten unentgeldlich ausgeliefert und die
übrige sehr ansehnliche Verlassenschaft teils unter Rosamundens Leute geteilt
teils ihren in Deutschland noch lebenden Eltern übermacht worden
    Ungeachtet Herrn Stephanis äusserlicher Ruhe fürchten wir dennoch ihn
allein zu lassen Aber außer mir und Fränzchen will er Niemanden um sich
dulden Er spricht selten aber dann immer mit einer sonderbaren Heftigkeit
welche man während er schweigt gar nicht erwarten sollte
    Der Arzt sagt er müsse reisen aber ist nicht im Stande ihn zu bereden
Nur wenn er Rosamundens Gemälde betrachtet wird er heiterer und gestern hat er
angefangen es in einen großen Blumenkranz zu fassen
    Fränzchen und ich trugen herbei was wir nur konnten Da lächelte er und
ordnete die Blumen so schön dass sie dadurch noch tausendmal schöner wurden
    Sie sind nun schon untermalt und nimmermehr hätt ich geglaubt dass sich
Blumen so täuschend darstellen ließ
    Herzliebste Mutter Sie weiß dass ich ihr Alles sage und so will ich ihr
auch Etwas nicht verhelen was mich in diesen Tagen beunruhigt hat
    Wenn ich es mir selbst leugnen wollte so würd ich es doch wissen dass als
ich Rosamunde so tot in meinen Armen hielt das Herz mir vor Schmerz fast
brechen wollte und ich willig mein Leben für das ihrige hingegeben hätte Aber
jetzt nun da ich sehe dass Alles von diesem Tode spricht und Niemand mehr an
das Bild in der Kirche denkt herzliebste Mutter ach Gott ich kann es mir auch
nicht leugnen dass mich das freut
    Wo hätt ich bleiben wohin mich verbergen sollen wäre nicht alle
Aufmerksamkeit auf Rosamunde gerichtet worden
    So freuest du dich also doch wohl über ihren Tod  dacht ich dann und
wurde von einer unbeschreiblichen Angst überfallen
    Aber herzliebste Mutter ich beteuere es ihr vor dem allwissenden Gott dass
ich mich nicht über Rosamundens Tod freue Frage sie doch den Herrn Pfarrer
woher es kommt dass ich das weiß und doch unruhig bin
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Ich danke ihr tausendmal für ihre schleunige Antwort Der Herr Pfarrer hat mir
ins Herz gesehen Ach es ist so wie er sagt Schon oft bin ich errötet nicht
weil ich etwas Böses getan hatte oder tun wollte sondern weil ich mir
lebhaft vorstellte dass ich es getan haben könnte
    O wie schön wie unaussprechlich schön sind die Worte nur fleckenlos
genießt sich ganz das Herz Mit Freudentränen und mit gefalteten Händen hab
ich sie mir unzähligemale wiederholt Mir war als sei diese himmlische Wahrheit
erst jetzt gefunden die Menschen auf ewig durch sie geadelt und ihres
göttlichen Ursprunges vergewissert Sie klingen mir wie Triumphgesang So ruf
ich sie Morgens der Sonne entgegen so wiederhol ich sie wenn die Sterne mir
leuchten Mein ganzes Dasein enträtseln sie mir und ich brauche nichts mehr
als sie um Alles zu begreifen was mir dunkel war
    Es sind Zauberworte Versuch sie es nur herzliebste Mutter Sprech sie
sie laut aus und was sie auch ängstigt plötzlich wird ein himmlischer Friede
über sie kommen im tiefen Blau des Himmels wird sie Engel lächeln sehen und
ein nie gehörter Wohllaut wird in ihr Ohr dringen
    Herzliebste Mutter an diesen himmlischen Worten müssen einst die Geister
sich selbst und den Grad ihrer Seligkeit erkennen Ruft einer dem andern zu nur
fleckenlos genießt sich ganz das Herz und er ist auf derselben Stufe der
Bildung der Seligkeit so wird jener ihm dasselbe antworten Sie fliegen dann
auf einander zu und dringen mit vereinten Kräften und gestärkten Augen in
Räume des Lichts welche sie vorher nicht erblickten O geliebte Mutter ich
verliere mich in dieser seligen Vorstellung und was ich empfinde ist nicht
mehr zu beschreiben
 
                         Stephani an seine Verwandten
Sie war nicht mehr zu erwecken Auf ihrem Grabe blühen jetzt Rosen Sie liebte
mich Unglückseliger und ich konnte es in ihrem Auge nicht mehr lesen  Der
Anblick der Himmlischen tödtete sie und da ich scheinbar ihres Wertes nicht
achtete verachtete sie ihn und wollte nicht mehr sein da sie das Höchste
nicht war
    Aber ach hat sie nun aufgehört zu empfinden  Kann sie das Ewige wie das
Irdische verwerfen  und ist es gewiss dass ein Quell der Vergessenheit dort
rinnt 
    Rosamunde Rosamunde warum eiltest du hinweg und verschmähtest was dir
ewig gehörte  Wenn es Verwandschaft der Geister gibt warum glaubtest du
nicht an Verwandschaft der Körper 
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Der Fürst war gestern bei uns und fragte mich bitter ob ich schon herumwandere
den Unglücklichen zu helfen  Ich erschrak vor seinem Ton und wusste nicht was
ich antworten sollte Aber die Frau Präsidentin antwortete für mich schilderte
ihm Herrn Stephanis Zustand und setzte hinzu dass dieser wohl unglücklicher
als Viele jetzt wäre und Niemanden als Fränzchen und mich um sich dulde
    Ein sonderbarer Unglücklicher  fuhr er mit noch größerer Bitterkeit fort
 da ihm das Beste immer zu Gebote steht und was nicht für ihn sterben kann
für ihn lebt
    Wir sahen dass ihn jedes Wort mehr aufbringen würde und schwiegen Er trat
ans Fenster und erblickte ein Paar Hyazinten welche die schönsten sind die
ich in meinem Leben gezogen habe und eben deswegen für ihn bestimmt waren
    Wem gehören die Blumen  fragte er 
    Ihnen gnädigster Herr  sagt ich nun schnell  Schon gestern wollt ich
sie bringen 
    Und brachtest sie nicht  fiel er ein  Natürlich wie hättest du gekonnt 
    Die Tränen traten mir vor Schmerz und Verlegenheit in die Augen Ich
glaubte aber doch nicht dass man es meiner Stimme anhören würde und fragte ihn
darf ich sie heute nicht bringen  Aber die Worte klangen doch schon wie
Weinen und er sah nun auch die Tränen auf meinem Gesichte 
    Bringe sie wann du willst  antwortete er finster  Blumen mit Tränen
werden mich nicht glücklicher machen  Hierauf wandte er sich schnell von mir
und verließ uns
    Nun konnt ich aber das Weinen nicht mehr zurückhalten fiel der Frau
Präsidentin um den Hals und rief Ach was muss ich nun tun 
    Ziehe dich schnell an  sagte sie  und bring ihm die Blumen Aber weine
nicht mehr sonst wird man es sehen
    Ja man sah es schon Und wievielmale ich mich auch wusch sah man es doch
Endlich kleidete ich mich recht schön an dachte es wird schon von der Luft
vergehen und steckte auch meine Haare mit der goldenen Nadel die ich vom
Fürsten bekommen hatte zusammen
    Als ich aber die Blumen Herrn Stephanis Zimmer vorbei trug jammerte es
mich dass er sie nicht einmal gesehen da er doch  dacht ich  besser als wir
Alle weiß wie schön sie sind Ich stand wohl still ging aber nicht hinein
denn ich hätt es dem Fürsten sagen müssen Auch fiel mir nun bei dass Herr
Stephani einmal sagte die Hyacinten seien zu gradlinicht und darum nicht
malerisch schön Jetzt eilt ich was ich konnte
    Aber beim Eingange überfiel mich ein Zittern und ich wusste nicht was ich
sagen sollte Indem wurde die Türe geöffnet und ich musste hineintreten
    Der Fürst saß an einem großen Tische mit Papieren in tiefen Gedanken Er
sah gar nicht nach mir her und nun konnt ich vor Zittern die Blumen nicht mehr
halten Ich setzte sie ihm schnell zu Füßen denn sonst wären sie gefallen Nun
sah er die Blumen und auch mich
    Du zitterst  sagte er  Wovor zitterst du 
    Gnädigster Herr  antwortete ich  Ihr Unwille schmerzt mich tief in der
Seele und ich zittre ihn durch etwas zu vermehren Er stand schnell auf und
wandte sich finster zur Seite Dann sagte er plötzlich was macht Stephani
    Er malt
    Dein Bild
    O nein an Rosamundens Bilde
    Was kann er daran malen  Es ist ja vollendet
    Einen großen Blumenkranz rund um das Bild
    Und dem siehst du so zu
    O ja es ist das Einzige was ihn erheitert Fränzchen und ich haben aus
zwei Gärten die schönsten Blumen zusammengetragen und  was ich Anfangs nicht
glaubte  das Bild ist schöner dadurch geworden
    Und dabei erheitert sich dein Auge und man sieht dass es dich freut
    Großer Gott warum sollt es mich denn nicht freuen
    O Mädchen  rief er nun und schloss meine Hand fest in die seinige  deine
Stunde ist noch nicht gekommen Wer wird der Mann sein durch welchen du die
Liebe begreifst
    Da er jetzt wieder gütig aussah bekam ich auch wieder Mut und sagte da
sei Gott vor gnädiger Herr dass ich die Liebe jemals durch den Hass begreife O
glauben Sie es mir diese ausschliessende Liebe welche mit dem Hasse so genau
verbunden ist den geliebten Gegenstand so absondern ja ohne es zu wissen
verzehren vernichten will ist nichts als eine Ausgeburt der Verderbteit der
Menschen Liebt Gott so  Liebten göttliche Menschen so Kann der Mensch durch
diese dürftige eingeschränkte und eben deswegen sich selbst zerstörende Liebe
das werden was er werden soll  So gewiss nicht gnädigster Herr als ein
Mensch nicht das ganze lebendige Weltall in sich schließt Ach diese Liebe ist
eine Krankheit welche tausend und tausend Menschen elend macht eben weil sie
sie für die höchste Gesundheit halten
    Sag was du willst  antwortete er  das Aehnliche wird sich ewig suchen
verbinden und eben dadurch von dem Übrigen absondern
    Und durch diese Absonderung  fiel ich schnell ein  so lange in Dürftigkeit
schmachten bis es wieder mit dem Ganzen verbunden wird
    Der ewige Kreislauf der Dinge dem auch du unterworfen bist Und darum sag
ich deine Stunde ist noch nicht gekommen
    Käme sie jemals auf diese Weise so würde ich elender als Andere sein da
ich jetzt schon weiß dass ich elender machen würde
    Vielleicht  sagte er und sah mich durchdringend dabei an  ist es nur
diese Furcht welche sie verzögert
    Nein  antwortete ich  aber sagen Sie selbst gnädiger Herr wenn ich
jemals einen Mann wählte würden Sie diese Wahl billigen 
    Kaum hatte ich die Worte gesagt als es mich schmerzlich gereuete denn sein
ganzes Gesicht wurde mit einer düstern Wolke umzogen und er antwortete mit
dumpfer Stimme ich könnte sie billigen und das Leben fortschleppen weil ich
müsste
    Ach ich hatte sein edles Herz verwundet darum rief ich nun schnell O
mein teuerster Wohltäter so sagen Sie dann nicht dass jene Stunde einst
kommen werde Sie wird nicht kommen Denn  mag es ein Fehler an mir sein  der
Leidendste beschäftigt mich immer am meisten und ich bin vielleicht eben
deswegen nicht würdig dass ein Mann sich mir ganz hingebe Das werden auch Sie
endlich begreifen und empfinden und ein zärtlicheres Herz mit Ihrem großen
Herzen beglücken
    Du versüssest den Wermut so gut du kannst Aber wie wenn ich dich auf
eine Probe stellte der du unterlägest 
    Stellen Sie mich auf welche Sie wollen gnädigster Herr Kenn ich mich
nicht so ist es gut dass ich mich kennen lerne
    Wie wenn Stephani dich vergässe wie er Rosamunde vergaß  ein Mädchen
fände welches an Schönheit dir gleich käme seine Liebe endlich erwidert sähe
sich auf immer verbände glücklich wäre glücklich ohne dich 
    O  rief ich fiel vor ihm nieder und die Tränen stürzten mir stromweise
von den Wangen  Wo ist das Mädchen Führen Sie es her und ich schmücke es als
Braut mit dem Besten was ich habe
    Stehe auf  sagte er nun mit ganz verändertem Gesichte  ziehe hin Du
gehörst nicht mehr zu uns und wenn wir es glaubten so waren wir Toren
    Ach so konnt ich ihn nicht verlassen Ich ging furchtsam zu den Blumen
hob sie von der Erde und stellte sie vor ihn hin Gnädigster Herr  sagt ich
dann leise  mit diesen Worten werden Sie mich nicht entlassen  Was hab ich
getan dass ich nicht mehr zu Ihnen gehöre  Darf ich Ihnen nicht mehr
Rechenschaft geben von meinem Leben und werden Sie keinen Teil mehr daran
nehmen  Ach dieser Ort dünkte mich mein väterliches Haus und ich glaubte
wiederkehren zu dürfen wann ich wollte
    Hör auf Margarete  rief er nun schnell  Was du darfst kann Niemand
besser wissen als du selbst  Stephani hat den Auftrag dein Bildnis zu
machen Geh und melde ihm dass er eile
    Mit diesen Worten wandt er sich wieder zu dem großen Tische mit Schriften
und ich musste nun gehen ergriff aber doch noch schnell genug ehe er es hindern
konnte seine Hand und drückte sie fest an meine Lippen Dann aber eilt ich
fort ohne mich umzusehen
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Alles was ich denke und empfinde ist ein Lobgesang denn Herr Stephani ist
ganz wieder hergestellt
    Als Rosamundens Bild fertig war verfiel er wieder in eine so tiefe
Schwermut dass wir Alle in die grösseste Angst gerieten Unglücklicherweise
vergaß ich auch ganz darüber was mir der Fürst wegen meines Bildes aufgetragen
hatte und nur zufällig erinnerte ich mich einmal gegen die Frau Präsidentin
daran
    Sie verlangte ich solle es Herrn Stephani augenblicklich sagen Aber
herzliebste Mutter das war mir unmöglich und so sprach die Frau Präsidentin
selbst mit ihm darüber
    Herr Stephani fragte ob ich noch wohl den Anzug besitze in welchem ich
zuerst ins Haus gekommen sei denn der Fürst wolle mich in einem ländlichen
Kleide dargestellt haben Aber der Anzug war verschenkt Hierauf zog er eine
farbige Zeichnung unter seinen Papieren hervor und sagte dies sei ein
unbekanntes Mädchen welches er einmal auf einem Spaziergange gezeichnet dessen
Gesicht er aber nicht gesehen und ihm deswegen Rosamundens Züge gegeben habe
    Mein Gott das ist ja Gretchen  rief nun die Frau Präsidentin  dieses
Mieder trug sie gewöhnlich wenn sie in ihres Oheims Garten arbeitete Es ist
ihr Wuchs ihre Stellung Gerade so trägt sie den Korb O es ist Gretchen
    Herrn Stephanis Freude darüber war außerordentlich und er versicherte
dass er das Bild ganz so entwerfen werde Keine Spur von Krankheit mehr an ihm zu
erblicken
    Der Fürst hat die Zeichnung auch gesehen ist aber nicht so dadurch
erheitert worden
    Herzliebste Mutter es ist doch eine große Wohltat Gottes um eine schöne
Kunst und der Mensch welcher sie übt scheint eine allmächtige und immer
wieder sich erneuernde Kraft gegen alle Erdennot zu bekommen
    Wer sollte nicht glauben der Fürst müsse in seiner großen Bestimmung mehr
Seelenerhebendes als Herr Stephani in seiner Kunst finden  Aber dem ist nicht
so das seh ich tagtäglich und kann keine andere Ursache finden als dass die
schwere Regierungskunst auf der Erde festhält statt dass die schöne Kunst über
die Erde erhebt
    Ach möchte das Gemälde lange nicht fertig und dann gleich wieder etwas
Erheiterndes für Herrn Stephani gefunden werden
    Ich sagte das der Frau Präsidentin und sie erzählte mir der Fürst werde
einen Sommerpallast in der Nähe des Klosters erbauen lassen und Herr Stephani
verschiedene große Deckengemälde in demselben auftragen
    Gott sei gelobt O herzliebste Mutter ein heiteres Leben wird wieder
beginnen und es wird sich noch Alles zu einem schönen Wohlklange vereinigen
 
                            Gretchen an ihre Mutter
                              Herzliebste Mutter
Der Bau des Klosters4 wird eifrig betrieben der Fürst hat es reichlich
beschenkt und die Äbtissin aus seiner eigenen Familie ernannt Drei Frauen und
ein Mädchen haben sich schon gemeldet Alle durch Leiden unerhörter Art vom
Schicksale bezeichnet Ich herzliebste Mutter bin die einzige Glückliche und
darum erscheint mir auch wohl Alles ganz anders
    Wo die Andern nur beifällig lächeln da juble ich Die Vögel die Blumen
die Täler und die Höhen scheinen mir zu antworten und mein Gang dünkt mich nur
ein seliges Schweben durch diese paradiesischen Gefilde
    Ich habe schon mein Kleid herzliebste Mutter ich trage es schon Darf
schon helfen wo ich will
    O wie matt war die Vorstellung dieses glückseligen Lebens Wie ganz anders
ist die Wirklichkeit Wie viele Herzen die sich trennen wollten in Liebe
vereinigt Wie viele Tränen getrocknet
    Wird sie nicht zu uns kommen herzliebste Mutter Arbeiten sollen nicht auf
sie warten aber pflegen wollen wir ihr Alter zu einem Himmel wollen wir es
machen
    Der eine Flügel des Gebäudes ist schon ganz vollendet Komme sie meine
teure geliebte Mutter O komme sie doch
 Diese Zeilen waren das Letzte welches von Margaretens Briefwechsel aufbewahrt
wurde Ihre Mutter langte wirklich kurz darauf an sah ihre geliebte Tochter
einen Engel der Rettung für Tausende werden und das was man für Schwärmerei
gehalten hatte sich in die erhabenste Wirklichkeit verklären
    Margarete wurde durch die beseligende Tätigkeit der sie sich widmete
noch schöner und verwandelte ohne es zu ahnen Stephanis wie des Fürsten
leidenschaftliche Liebe in tiefe Verehrung
    Dieser wurde nach einiger Zeit durch mächtige Umstände zu einer Vermälung
bewogen Stephani aber welcher in der Tat wie Rosamunde einst schrieb das
ganze Geschlecht tiefer und leidenschaftlicher als irgend ein Mann liebte
vermälte sich nie Er hatte viele Geliebten oft mehrere zu gleicher Zeit und
versetzte sie noch kurz vor seinem Tode in einem großen Deckengemälde unter
die Götter Margarete aber vom höchsten Lichtglanze umflossen als Venus
Urania über sie Alle
    Von ihr gepflegt starb er auf einem schmerzhaften Krankenlager in ihren
Armen und in der Blüte seines Lebens Leidenschaftliche Liebe für die Kunst
wie für die Weiber grub sein frühzeitiges Grab
    Mehrere Jahre darauf starb auch der Fürst ebenfalls in Margaretens Armen
und von ihr bis zum letzten Augenblicke verpflegt
    Sie weinte lange Aber Franz5 Stephanis geliebtester Schüler behauptete
sie habe bei des Fürsten Tode nur Stephanis Tod zum zweitenmale gefühlt auch
sei damals eine gänzliche Veränderung in ihrem Wesen sichtbar geworden
    Doch blieb sie länger schön als Sterbliche es bleiben und brachte ihr
himmlisches Leben mit dem Gebrauche aller Sinne bis zum höchsten menschlichen
Alter
    Nur von Einer Schwäche wurde dieses außerordentliche Alter begleitet Sie
vermochte nicht mehr den Anblick verzerrter noch weniger durch das Laster
entstellter Menschen zu ertragen und verfiel wiewohl eine Feindin aller
Pracht beim Anblick des Schmutzes und der Unordnung in Schwermut
    Man war daher gegen das Ende ihres Lebens bemüht nur schöne Gegenstände um
sie zu versammeln und die höchste Sauberkeit in ihrer Nähe zu erhalten Sie
wurde sichtbar dadurch erheitert und ihren Freunden ohne Zweifel mehrere
Jahre erhalten
    Endlich fiel sie in einen anhaltenden nur durch kurzes Erwachen
unterbrochenen Schlummer und die Ärzte verkündigten ihr Ende
    Nun wurde ihr Bett mit Kindern jedes Alters umringt die sie entweder
selbst oder deren Eltern sie dem Tode dem Hasse oder dem Elende entrissen
hatte
    Sie erwachte noch einmal erblickte die Kinder und verschied mit einem
Lächeln welches ihren himmlischen Zügen eingedrückt blieb
    Ihr Grab liegt auf einem Hügel und die Sage geht dass Gemütskranke dort
geheilet werden Ob die reine Bergluft hierzu beitrage  wag ich nicht zu
entscheiden
 
                                    Fußnoten
1 Es war Gretchen
2 Gretchen
3 Gretchen war eine Protestantin und in Deutschland geboren
4 Es war nie ein eigentliches Kloster sondern bestand bis zu Ende der
Regierung Gustavs von Medizis unter dem Namen einer wohltätigen Anstalt
5 Er war es der diese Papiere sammelte