1805_Klingemann_Nachtwachen.html




        
                               August Klingemann
                        Die Nachtwachen des Bonaventura
                                 Erste Nachtwache
Die Nachtstunde schlug ich hüllte mich in meine abenteuerliche Vermummung nahm
die Pike und das Horn zur Hand ging in die Finsternis hinaus und rief die
Stunde ab nachdem ich mich durch ein Kreuz gegen die bösen Geister geschützt
hatte
    Es war eine von jenen unheimlichen Nächten wo Licht und Finsternis schnell
und seltsam mit einander abwechselten Am Himmel flogen die Wolken vom Winde
getrieben wie wunderliche Riesenbilder vorüber und der Mond erschien und
verschwand im raschen Wechsel Unten in den Straßen herrschte Todtenstille nur
hoch oben in der Luft hauste der Sturm wie ein unsichtbarer Geist
    Es war mir schon recht und ich freute mich über meinen einsam
wiederhallenden Fußtritt denn ich kam mir unter den vielen Schläfern vor wie
der Prinz im Märchen in der bezauberten Stadt wo eine böse Macht jedes lebende
Wesen in Stein verwandelt hatte oder wie ein einzig Übriggebliebener nach einer
allgemeinen Pest oder Sündflut
    Der letzte Vergleich machte mich schaudern und ich war froh ein einzelnes
mattes Lämpchen noch hoch oben über der Stadt auf einem freien Dachkämmerchen
brennen zu sehen
    Ich wusste wohl wer da so hoch in den Lüften regierte es war ein
verunglückter Poet der nur in der Nacht wachte weil dann seine Gläubiger
schliefen und die Musen allein nicht zu den letzten gehörten
    Ich konnte mich nicht entbrechen folgende Standrede an ihn zu halten
    »O du der du da oben dich herumtreibst ich verstehe dich wohl denn ich
war einst deinesgleichen Aber ich habe diese Beschäftigung aufgegeben gegen ein
ehrliches Handwerk das seinen Mann ernährt und das für denjenigen der sie
darin aufzufinden weiß doch keinesweges ganz ohne Poesie ist Ich bin dir
gleichsam wie ein satirischer Stentor in den Weg gestellt und unterbreche deine
Träume von Unsterblichkeit die du da oben in der Luft träumst hier unten auf
der Erde regelmäßig durch die Erinnerung an die Zeit und Vergänglichkeit
Nachtwächter sind wir zwar beide schade nur dass dir deine Nachtwachen in dieser
kalt prosaischen Zeit nichts einbringen indes die meinigen doch immer ein
Übriges abwerfen Als ich noch in der Nacht poesirte wie du musste ich hungern
wie du und sang tauben Ohren das letzte tue ich zwar noch jetzt aber man
bezahlt mich dafür O Freund Poet wer jetzt leben will der darf nicht dichten
Ist dir aber das Singen angebohren und kannst du es durchaus nicht unterlassen
nun so werde Nachtwächter wie ich das ist noch der einzige solide Posten wo es
bezahlt wird und man dich nicht dabei verhungern lässt  Gute Nacht Bruder
Poet«
    Ich blickte noch einmal hinauf und gewahrte seinen Schatten an der Wand er
war in einer tragischen Stellung begriffen die eine Hand in den Haaren die
andre hielt das Blatt von dem er wahrscheinlich seine Unsterblichkeit sich
vorrezitirte
    Ich stieß ins Horn rief ihm laut die Zeit zu und ging meiner Wege 
    Halt dort wacht ein Kranker  auch in Träumen wie der Poet in wahren
Fieberträumen
    Der Mann war ein Freigeist von jeher und er hält sich stark in seiner
letzten Stunde wie Voltaire Da sehe ich ihn durch den Einschnitt im
Fensterladen er schaut blass und ruhig in das leere Nichts wohin er nach einer
Stunde einzugehen gedenkt um den traumlosen Schlaf auf immer zu schlafen Die
Rosen des Lebens sind von seinen Wangen abgefallen aber sie blühen rund um ihn
auf den Gesichtern dreier holder Knaben Der jüngste droht ihm kindlich
unwissend in das blasse starre Antlitz weil es nicht mehr lächeln will wie
sonst Die andern beiden stehen ernst betrachtend sie können sich den Tod noch
nicht denken in ihrem frischen Leben
    Das junge Weib dagegen mit aufgelösstem Haar und offener schöner Brust blickt
verzweifelnd in die schwarze Gruft und wischt nur dann und wann den Schweiß
wie mechanisch von der kalten Stirn des Sterbenden
    Neben ihm steht glühend vor Zorn der Pfaff mit aufgehobenem Kruzifixe den
Freigeist zu bekehren Seine Rede schwillt mächtig an wie ein Strom und er
mahlt das Jenseits in kühnen Bildern aber nicht das schöne Morgenrot des neuen
Tages und die aufblühenden Lauben und Engel sondern wie ein wilder
Höllenbreugel die Flammen und Abgründe und die ganze schaudervolle Unterwelt
des Dante
    Vergebens der Kranke bleibt stumm und starr er sieht mit einer
fürchterlichen Ruhe ein Blatt nach dem andern abfallen und fühlt wie sich die
kalte Eisrinde des Todes höher und höher zum Herzen hinaufzieht
    Der Nachtwind pfiff mir durch die Haare und schüttelte die morschen
Fensterladen wie ein unsichtbarer herannahender Todesgeist Ich schauderte der
Kranke blickte plötzlich kräftig um sich als gesundete er rasch durch ein
Wunder und fühlte neues höheres Leben Dieses schnelle leuchtende Auflodern der
schon verlöschenden Flamme der sichere Vorbote des nahen Todes wirft zugleich
ein glänzendes Licht in das vor dem Sterbenden aufgestellte Nachtstück und
leuchtet rasch und auf einen Augenblick in die dichterische Frühlingswelt des
Glaubens und der Poesie Sie ist die doppelte Beleuchtung in der Korregios
Nacht und verschmilzt den irdischen und himmlischen Strahl zu Einem wunderbaren
Glanze
    Der Kranke wiess die höhere Hoffnung fest und entschieden zurück und führte
dadurch einen großen Moment herbei Der Pfaff donnerte ihm zornig in die Seele
und mahlte jetzt mit Flammenzügen wie ein Verzweifelnder und bannte den ganzen
Tartarus herauf in die letzte Stunde des Sterbenden Dieser lächelte nur und
schüttelte den Kopf
    Ich war in diesem Augenblicke seiner Fortdauer gewiss denn nur das endliche
Wesen kann den Gedanken der Vernichtung nicht denken während der unsterbliche
Geist nicht vor ihr zittert der sich ein freies Wesen ihr frei opfern kann
wie sich die Indischen Weiber kühn in die Flammen stürzen und der Vernichtung
weihen
    Ein wilder Wahnsinn schien bei diesem Anblicke den Pfaffen zu ergreifen und
getreu seinem Charakter redete er jetzt indem ihm das Beschreiben zu ohnmächtig
erschien in der Person des Teufels selbst der ihm am nächsten lag Er drückte
sich wie ein Meister darin aus echt teufelisch im kühnsten Style und fern von
der schwachen Manier des modernen Teufels
    Dem Kranken wurde es zu arg Er wendete sich finster weg und blickte die
drei Frühlingsrosen an die um sein Bette blüheten Da loderte die ganze heiße
Liebe zum letztenmale in seinem Herzen auf und über das blasse Antlitz flog ein
leichtes Rot wie eine Erinnerung Er ließ sich die Knaben reichen und küsste
sie mit Anstrengung dann legte er das schwere Haupt an die hochwallende Brust
des Weibes stieß ein leises Ach aus das mehr Wollust als Schmerz schien und
entschlief liebend im Arm der Liebe
    Der Pfaff seiner Teufelsrolle getreu donnerte ihm der Bemerkung gemäß dass
das Gehör bei Verstorbenen noch eine längere Zeit reizbar bleibt in die Ohren
und versprach ihm in seinem eigenen Namen fest und bündig dass der Teufel nicht
nur seine Seele sondern auch seinen Leib abfodern würde
    Somit stürzte er fort und hinaus auf die Gasse Ich war verwirrt worden
hielt ihn in der Täuschung wahrhaft für den Teufel und setzte ihm als er an mir
vorüberfahren wollte die Pike auf die Brust »Geh zum Teufel« sagte er
schnaubend da besann ich mich und sagte »Verzeiht Hochwürdiger ich hielt
euch in einer Art Besessenheit für ihn selbst und setzte euch deshalb die Pike
als ein »Gott sei bei uns« aufs Herz Haltet mirs diesmal zu Gute«
    Er stürzte fort
    Ach dort im Zimmer war die Szene lieblicher worden Das schöne Weib hielt
den blassen Geliebten still in ihren Armen wie einen Schlummernden in schöner
Unwissenheit ahnte sie den Tod noch nicht und glaubte dass ihn der Schlaf zum
neuen Leben stärken werde  ein holder Glaube der im höheren Sinne sie nicht
täuschte Die Kinder knieten ernst am Bette und nur der jüngste bemühete sich
den Vater zu wecken während die Mutter ihm schweigend mit den Augen zuwinkend
die Hand auf sein umlocktes Haupt legte
    Die Szene war zu schön ich wandte mich weg um den Augenblick nicht zu
schauen in dem die Täuschung schwände
    Mit gedämpfter Stimme sang ich einen Sterbegesang unter dem Fenster um in
dem noch hörenden Ohre den Feuerruf des Mönchs durch leise Töne zu verdrängen
Den Sterbenden ist die Musik verschwistert sie ist der erste süße Laut vom
fernen Jenseits und die Muse des Gesanges ist die mystische Schwester die zum
Himmel zeigt So entschlummerte Jakob Böhme indem er die ferne Musik vernahm
die Niemand außer dem Sterbenden hörte
 
                               Zweite Nachtwache
Die Stunde rief mich wieder zu meiner nächtlichen Hantierung da lagen die
öden Straßen wie zugedeckt vor mir und nur dann und wann flog ein
Wetterleuchten luftig und rasch durch sie hin und weit weit in der Ferne
murmelte es drein wie unverständlicher Zauberspruch
    Mein Poet hatte das Licht ausgelöscht weil der Himmel leuchtete und er dies
leztere für wohlfeiler und poetischer zugleich hielt Er schaute hoch droben in
die Blitze hinein im Fenster liegend das weiße Nachtemd offen auf der Brust
und das schwarze Haar struppig und unordentlich um den Kopf Ich erinnerte mich
an ähnliche überpoetische Stunden wo das Innere Sturm ist der Mund im Donner
reden und die Hand statt der Feder den Blitz ergreifen möchte um damit in
feurigen Worten zu schreiben Da fliegt der Geist von Pole zu Pole glaubt das
ganze Universum zu überflügeln und wenn er zuletzt zur Sprache kommt  so ist es
kindisch Wort und die Hand zerreißt rasch das Papier
    Ich bannte diesen poetischen Teufel in mir der am Ende immer nur
schadenfroh über meine Schwäche aufzulachen pflegte gewöhnlich durch das
Beschwörungsmittel der Musik Jetzt pflege ich nur ein paarmal gellend ins Horn
zu stoßen und da gehts auch vorüber
    Überall kann ich allen denen die sich vor ähnlichen poetischen
Überraschungen wie vor einem Fieber scheuen den Ton meines Nachtwächterhorns
als ein ächtes antipoeticum empfehlen Das Mittel ist wohlfeil und von großer
Wichtigkeit zugleich da man in jetziger Zeit mit Plato die Poesie für eine Wut
zu halten pflegt mit dem einzigen Unterschiede dass jener diese Wut vom Himmel
und nicht aus dem Narrenhause herleitete
    Mag dem indes sein wie ihm wolle so bleibt es doch heut zu Tage mit der
Dichterei überall bedenklich weil es so wenig Verrückte mehr gibt und ein
solcher Überfluss an Vernünftigen vorhanden ist dass sie aus ihren eigenen
Mitteln alle Fächer und sogar die Poesie besetzen können Ein rein Toller wie
ich findet unter solchen Umständen kein Unterkommen Ich gehe deshalb auch nur
jetzt bloß noch um die Poesie herum das heißt ich bin ein Humorist worden
wozu ich als Nachtwächter die meiste Musse habe 
    Meinen Beruf zum Humoristen müsste ich hier freilich wohl zuvor erst dartun
allein ich lasse mich nicht darauf ein weil man es überhaupt jetzt mit dem
Berufe selbst so genau nicht nimmt und sich dagegen mit dem Rufe allein
begnügt Gibt es doch auch Dichter ohne Beruf durch den bloßen Ruf  und somit
ziehe ich mich aus dem Handel
    Eben flammte ein Bliz durch die Luft da schlichen drei an der
Kirchhofsmauer hin wie Karnevalslarven Ich rief sie an doch wars schon wieder
Nacht rings um und ich sah nichts als einen glühenden Schweif und ein paar
feurige Augen und zu dem fernen Donner murmelte eine Stimme in der Nähe wie zu
einer Don Juans Begleitung »Tu was deines Amtes ist Nachtrabe aber mische
dich nicht ins Geisterwerk«
    Das war mir doch etwas zu arg und ich warf meine Pike dahin wo die Stimme
her kam eben blizte es wieder  da waren die drei in Luft zerronnen wie
Makbets Hexen
    »Erkennt ihr mich nicht für einen Geist an«  rief ich noch zornig
hinterdrein in der Hoffnung dass sies vernähmen  »und doch war ich Poet
Bänkelsänger Marionettendirekteur und alles dergleichen Geistreiches nach
einander Ich möchte doch Eure Geister gekannt haben im Leben  wenn ihr anders
wirklich bereits daraus seid  ob sich der Meinige mit ihnen nicht hätte messen
können oder habt ihr einen Zusatz von Geist erhalten nach eurem Tode wie wir
das Beispiel bei manchen großen Männern erfuhren die erst nach ihrem Tode
berühmt wurden und deren Schriften durch das lange Liegen an Geist gewannen
gleich dem Weine der mit dem zunehmenden Alter geistreicher wird« 
    Jetzt war ich der Wohnung des exkommunizirten Freigeistes bis auf einige
Schritte nahe gekommen Aus der offenen Tür legte sich ein matter Schein in die
Nacht hinein und floss oft seltsam mit dem Wetterleuchten zusammen auch
murmelte es vernehmlicher von den fernen Bergen herüber wie wenn das
Geisterreich sich ernstlich ins Spiel zu mischen gedächte
    Auf der Hausflur war der Tote der üblichen Sitte gemäß offen ausgestellt
um ihn her brannten wenige ungeweihte Kerzen weil der Pfaff teuflischen
Andenkens die Weihe verweigert hatte Der Verstorbene lächelte in seinem festen
Schlafe darüber oder über seinen eignen törichten Wahn den das Jenseits
widerlegt hatte und sein Lächeln glänzte wie ein ferner Wiederschein vom Leben
über die starren vom Tode verfestigten Züge
    Durch eine lange wenig erleuchtete Halle schaute man in eine schwarz
behängte Nische dort knieten unbeweglich die drei Knaben und die blasse Mutter
vor einem Altare  die Gruppe der Niobe mit ihren Kindern  in stummes
angstvolles Gebet versunken um Leib und Seele des Verstorbenen dem Teufel dem
der Pfaff sie zugesprochen zu entreißen
    Der Bruder des Abgeschiedenen allein ein Soldat hielt im festen sichern
Glauben an den Himmel und an seinen eigenen Mut der es mit dem Teufel selbst
aufzunehmen wagte Wache an dem Sarge Sein Blick war ruhig und erwartend und
er schaute abwechselnd in das starre Antlitz des Toten und in das
Wetterleuchten das oft feindlich durch den matten Schein der Kerzen zuckte
sein Säbel lag gezogen auf der Leiche und glich mit seinem wie ein Kreuz
gestalteten Griffe einer geistlichen und weltlichen Waffe zugleich
    Übrigens herrschte Todtenstille rings um und außer dem fernen Murren des
Gewitters und dem Knistern der Kerzen vernahm man nichts
    So bliebs bis in einzelnen ernsten Schlägen die Klocke Mitternacht
ankündigte  da führte plötzlich der Sturmwind hoch oben in den Lüften die
Gewitterwolke wie ein nächtliches Schreckbild herüber und bald hatte sie ihr
Grabtuch am ganzen Himmel ausgebreitet Die Kerzen um den Sarg verlöschten der
Donner brüllte zürnend wie eine aufrührerische Macht herunter und rief die
festen Schläfer auf und die Wolke spie Flamme auf Flamme aus wodurch das
starre blasse Antliz des Toten allein grell und periodisch beleuchtet wurde
    Ich sah jetzt dass der Säbel des Soldaten durch die Nacht blizte und dieser
sich mutig zum Kampfe rüstete
    Es währte auch nicht lange  die Luft warf Blasen auf und die drei Makbets
Geister waren plötzlich wieder sichtbar wie wenn der Sturmwind sie beim
Scheitel herangewirbelt hätte Der Blitz beleuchtete verzogene Teufelslarven und
Schlangenhaar und den ganzen höllischen Apparat
    Mich fasste in dem Augenblicke der Teufel bei einem Haare und als sie die
Gasse herauffuhren mischte ich mich rasch unter sie Sie stuzten wie wenn sie
auf bösen Wegen gingen über den vierten ungebetenen der zu ihnen stieß »Nun
zum Teufel Kann der Teufel auch auf guten Wegen gehen« rief ich wildlachend
aus »Drum lasst euch nicht irren dass ich euch auf bösen antreffe Ich bin eures
Gleichen Brüder ich mache mit euch Gemeinschaft«  Das brachte sie wahrhaftig
in Verlegenheit Der Eine stieß ein »Gott sei bei uns« aus und kreuzte sich
was mich Wunder nahm weshalb ich ausrief »Bruder Teufel fall nicht so hart aus
dem Charakter ich möchte sonst beinahe an dir selbst verzweifeln und dich für
einen Heiligen halten zum mindesten für einen Geweihten  Überlege ichs indes
reiflicher so muss ich dir wohl eher Glück wünschen dass du endlich auch das
Kreuz verdauet hast und von Haus aus ein eingefleischter Teufel dich dem
Scheine nach zu einem Heiligen ausbildetest«
    An der Sprache mochten sie es endlich weg haben dass ich nicht einer ihres
Gleichen wäre und sie fuhren alle drei auf mich ein und sprachen nun gar in
einem echt klerischen Tone von Exkommuniziren ud gl wenn ich sie in ihrer
Hantierung stören würde
    »Sorgt nicht« erwiderte ich »ich habe bisher wahrlich an den Teufel nicht
geglaubt doch seit ich euch gesehen ist er mir klar worden und ich bin gewiss
dass ihr zunftfähig seid Macht eure Sachen ab denn mit der Hölle und der Kirche
kanns kein armer Nachtwächter aufnehmen«
    Dahin fuhren sie ins Haus hinein Ich folgte bedenklich nach
    Es war ein furchtbares Schauspiel Blitz und Nacht wechselten Schlag auf
Schlag Jetzt war es hell und man sah das Handgemenge der drei um den Sarg und
das Blitzen des Säbels in der Hand des eisenfesten Kriegsmannes dazwischen
schaute der Tote mit seinem blassen starren Gesichte unbeweglich wie eine
Larve Dann war es wieder tiefe Nacht und nur fern im Hintergrunde der Nische
ein matter Schimmer und die knieende Mutter mit den drei Kindern rang im
verzweifelnden Gebet
    Es ging alles still und ohne Worte zu aber jetzt krachte es auf einmal
zusammen wie wenn der Teufel die Oberhand erhielte Die Blitze wurden sparsamer
und es blieb längere Zeit Nacht Nach einem Weilchen indes fuhren zwei rasch zur
Tür heraus und ich sah es durch die Finsternis bei dem Leuchten ihrer Augen 
sie trugen wirklich einen Toten mit sich fort
    Da stand ich in mich hineinfluchend vor der Tür auf der Flur war es ganz
finster keine Seele regte sich und ich glaubte auch dem wackeren Kriegsmanne
zum mindesten den Hals gebrochen
    In diesem Augenblicke flammte ein heftiger Blitz mit dem sich die
Gewitterwolke völlig entlud und blieb gleichsam wie eine aufgepflanzte Fackel
eine zeitlang in der Luft ohne zu verlöschen Da sah ich den Soldaten wieder
ruhig und kalt am Sarge stehen und die Leiche lächelte wie zuvor  aber o
Wunder dicht neben dem lächelnden Todtenantlitze grinsete eine Teufelslarve
und der Rumpf fehlte zum Ganzen und ein purpurroter Blutstrom färbte das weiße
Sterbegewand des schlafenden Freigeistes 
    Schaudernd wickelte ich mich in meinen Mantel vergaß es zu blasen und die
Stunde abzusingen und floh meiner Hütte zu
 
                               Dritte Nachtwache
Wir Nachtwächter und Poeten kümmern uns um das Treiben der Menschen am Tage in
der Tat wenig denn es gehört zur Zeit zu den ausgemachten Wahrheiten Die
Menschen sind wenn sie handeln höchst alltäglich und man mag ihnen höchstens
wenn sie träumen einiges Interesse abgewinnen
    Aus diesem Grunde erfuhr ich denn auch von dem Ausgange jener Begebenheit
nur Unzusammenhängendes das ich eben so unzusammenhängend mitteilen will
    Über den Kopf zerbrach man sich am meisten die Köpfe war es doch kein
gewöhnlicher sondern ein wahrhaftes Teufelshaupt Die Justiz der es vorgelegt
wurde wies die Sache von sich indem sie äußerte dass die Köpfe eben nicht in
ihr Fach schlügen Es war in der Tat ein böser Handel und man geriet sogar in
Streit darüber ob man gegen den Soldat criminaliter verfahren indem er einen
Todschlag begangen oder ihn vielmehr kanonisiren müsse weil der Erschlagene der
Teufel Aus dem leztern entsprang wieder ein neues Übel es wurde nämlich in
mehreren Monaten keine Absolution mehr begehrt weil man den Teufel jetzt
geradezu läugnete und sich auf den in Verwahrung genommenen Kopf berief Die
Pfaffen schrien sich von den Kanzeln heiser und behaupteten ohne weiteres dass
ein Teufel auch ohne Kopf bestehen könne wovon sie Beweisgründe aus ihren
eigenen Mitteln anzuführen erbötig wären
    Aus dem Kopfe selbst konnte man in der Tat nicht ganz klug werden Die
Physiognomie war von Eisen doch ein Schloss das sich an der Seite befand
führte fast auf die Vermutung dass der Teufel noch ein zweites Gesicht unter
dem ersten verborgen hätte welches er vielleicht nur für besondere Festtage
aufsparte Das Schlimmste war dass zu dem Schloss und also auch zu diesem
zweiten Gesichte der Schlüssel fehlte Wer weiß was sonst für fruchtbare
Bemerkungen über Teufelsphysiognomien hätten gemacht werden können da hingegen
das erste nur ein bloßes Alltagsgesicht war das der Teufel auf jedem
Holzschnitte führt
    In dieser allgemeinen Verwirrung und bei der Ungewissheit ob man ein ächtes
Teufelshaupt vor sich habe wurde beschlossen dass der Kopf dem Doktor Gall in
Wien zugesandt würde damit er die untrüglichen satanischen Protuberanzen an ihm
aufsuchen möchte jetzt mischte sich plötzlich die Kirche ins Spiel und erklärte
dass sie bei solchen Entscheidungen als die erste und letzte Instanz anzusehen
sei sie ließ sich den Schädel ausliefern und wie es bald darauf hieß war er
verschwunden und mehrere der geistlichen Herren wollten in der Nachtstunde den
Teufel selbst gesehen haben wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit sich nahm
    Somit blieb die ganze Sache so gut wie unaufgeklärt um so mehr da der
einzige der allenfalls noch einiges Licht hätte geben können jener Pfaff
nämlich der das Anatema über den Freigeist aussprach an einem Schlagflusse
plötzlich Todes verfahren war So sagte es wenigstens das Gerücht und die
Klosterherren denn den Leichnam selbst hatte kein Profaner gesehen weil er
der warmen Jahreszeit wegen schnell beigesetzt werden musste
    Die Geschichte ging mir während meiner Nachtwache sehr im Kopfe herum denn
ich hatte bis jetzt nur an einen poetischen Teufel geglaubt keinesweges aber an
den wirklichen Was den poetischen anbetrifft so ist es gewiss sehr schade dass
man ihn jetzt so äußerst vernachlässiget und statt eines absolut bösen Prinzips
lieber die tugendhaften Bösewichter in Ifland und Kotzebuescher Manier
vorzieht in denen der Teufel vermenschlicht und der Mensch verteufelt
erscheint In einem schwankenden Zeitalter scheut man alles Absolute und
Selbstständige deshalb mögen wir denn auch weder ächten Spaß noch ächten
Ernst weder ächte Tugend noch ächte Bosheit mehr leiden Der Zeitkarakter ist
zusammengeflikt und gestoppelt wie eine Narrenjacke und was das Ärgste dabei
ist  der Narr der darin stekt möchte ernstaft scheinen 
    Als ich diese Betrachtungen anstellte hatte ich mich in eine Nische vor
einen steinernen Crispinus gestellt der eben einen solchen grauen Mantel trug
als ich Da bewegten sich plötzlich eine weibliche und eine männliche Gestalt
dicht vor mir und lehnten sich fast an mich weil sie mich für den Blind und
Taubstummen von Stein hielten Der Mann ließ es sich recht angelegen sein im
rhetorischen Bombast und sprach in einem Atem von Liebe und Treue das
Frauenbild dagegen zweifelte gläubig und machte viel künstlichen Händeringens
Jetzt berief sich der Mann keklich auf mich und schwur er stehe unwandelbar und
unbeweglich wie das Standbild Da wachte der Satyr in mir auf und als jener die
Hand gleichsam zur Beteuerung auf meinen Mantel legte schüttelte ich mich
boshaft ein wenig worüber beide erstaunten doch der Liebhaber nahms auf die
leichte Achsel und meinte der Quader unter dem Standbilde habe sich gesenkt
wodurch es das Gleichgewicht in etwas verloren
    Er verschwur jetzt nacheinander in zehn Karaktern aus den neuesten Dramen und
Tragödien seine Seele wenn er jemals treulos zuletzt redete er gar noch in der
Manier des Don Juan dem er diesen Abend beigewohnt hatte und schloss mit den
bedeutenden Worten »dieser Stein soll als furchtbarer Gast erscheinen bei
unserm nächtlichen Mahle meine ichs nicht redlich«
    Ich merkte mirs und hörte nun noch wie sie ihm das Haus beschrieb und eine
geheime Feder an der Tür wodurch er diese öffnen könne zugleich auch die
Mitternachtstunde zum Gastmale festsezte
    Ich war eine halbe Stunde früher auf dem Plaze fand das Haus die Tür
nebst der geheimen Feder und schlich leise mehrere Hintertreppen hinauf bis zu
einem Saale auf dem es dämmerte Das Licht fiel durch zwei Glastüren ich
nahete mich der einen und erblickte ein Wesen in einem Schlafrocke am
Arbeitstische von dem ich anfangs zweifelhaft blieb ob es ein Mensch oder eine
mechanische Figur sei so sehr war alles Menschliche an ihm verwischt und nur
bloß der Ausdruck von Arbeit geblieben Das Wesen schrieb in Aktenstösse
vergraben wie ein lebendig eingescharrter Lapländer Es kam mir vor als wollte
es das Treiben und Hausen unter der Erde schon im Voraus über ihr kosten denn
alles Leidenschaftliche und Teilnehmende war auf der kalten hölzernen Stirne
ausgelöscht und die Marionette saß leblos aufgerichtet in dem Aktensarge voll
Bücherwürmer Jetzt wurde der unsichtbare Drat gezogen da klapperten die
Finger ergriffen die Feder und unterzeichneten drei Papiere nach einander ich
blickte schärfer hin  es waren Todesurteile Auf dem Tische lagen der
Justinian und die Halsordnung gleichsam die personifizirte Seele der
Marionette
    Tadeln konnte ichs nicht aber der kalte Gerechte kam mir vor wie die
mechanische Todesmaschine die willenlos niederfällt sein Arbeitstisch wie die
Gerichtsstäte auf der er in einer Minute mit drei Federzügen drei Todesurteile
vollstreckt hatte Beim Himmel hätte ich die Wahl zwischen beiden lieber wäre
ich der lebende Sünder als dieser tote Gerechte
    Noch mehr ergriff es mich als ich sein wohlgetroffenes in Wachs bossirtes
Konterfei ihm unbeweglich gegenüber sitzen sah als wäre es an einem leblosen
Exemplare nicht genug und eine Doublette nötig um die tote Seltenheit von
zwei verschiedenen Seiten zu zeigen
    Jetzt trat die Dame von vorhin ein und die Marionette zog die Mütze ab und
legte sie ängstlich erwartend bei sich hin »Noch nicht schlafen gegangen«
sagte jene »was führen Sie für ein wildes Leben die Phantasie ewig
angespannt«  »Phantasie« fragte er verwundert »was meinen Sie damit Ich
verstehe die neuen Terminologien so selten in denen Sie jetzt reden«  »Weil
Sie sich für nichts Höheres interessieren nicht einmal für das Tragische« 
»Tragisch Ei allerdings« antwortete er selbstgefällig »sehen Sie hier ich
lasse drei Delinquenten hinrichten«  »O weh welche Sentiments«  »Wie Ich
dachte Ihnen eine Freude damit zu machen weil in den Büchern die Sie lesen so
viele ums Leben kommen Deshalb habe ich auch um Sie zu überraschen die
Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage festgesezt«  »Mein Gott Meine Nerven« 
»O weh Sie bekommen den Zufall jetzt so häufig dass mir jedesmal bang im Voraus
wird« »Ach ja Sie können leider dabei nicht helfen Gehen Sie nur ich bitte
und legen Sie sich schlafen«
    Das Gespräch war zu Ende und er ging indem er sich den Schweiß von der
Stirn trocknete Ich beschloss in dem Augenblicke teuflisch genug ihm noch wo
möglich diese Nacht seine Frau in die hochnotpeinliche Halsgerichtsordnung
auszuliefern damit er Macht über sie erhielte
    Es währte nun auch gar nicht lange als mein Mars zu seiner Venus schlich
Mir fehlte zum Vulkan da ich von Natur hinkte und nicht zum Besten aussah
eben wenig mehr als das goldne Nez indes beschloss ich in Ermangelung dessen
einige goldene Wahrheiten und Sittensprüchlein anzuwenden Anfänglich ging es
ganz leidlich zu mein Bursche sündigte bloß an der Poesie durch eine zu
materielle Tendenz seiner Schilderungen er malte einen Himmel voll Nymphen und
sich neckender Liebesgötter an den Bettimmel unter dem er zu ruhen gedachte
den Weg dahin bestreute er mit Vexirrosen die er zahlreich in zierlichen
Redefloskeln von sich warf und die Dornen die ihm dann und wann die Füße
verwunden wollten umging er durch leichte frivole Wendungen
    Als der Sünder sich nun aber so in ein poetisches Element versezt und die
Moral völlig dem Geiste der neuesten Theorien gemäß abgewiesen hatte der
grünseidne Vorhang vor der Glastür herabrollte und das Ganze ein Gardinenstück
zu werden begann wandte ich rasch mein antipoeticum an und stieß gellend in
das Nachtwächterhorn worauf ich mich auf ein leeres Piedestal das für die
Statue der Gerechtigkeit die bis jetzt noch in der Arbeit bestimmt war
schwang und still und unbeweglich stehen blieb
    Der furchtbare Ton hatte die beiden aus der Poesie und den Ehemann aus dem
Schlafe geschreckt und alle drei eilten plötzlich zu gleicher Zeit aus zwei
verschiedenen Türen
    »Der steinerne Gast« rief der Liebhaber schaudernd indem er mich
erblickte« Ah meine Gerechtigkeit« der Ehemann »ist sie endlich fertig
geworden wie unerwartet hast du mich dadurch überrascht Liebchen«  »Reiner
Irrtum« sagte ich »die Gerechtigkeit liegt noch immer drüben beim Bildhauer
und ich habe mich nur provisorisch auf das Piedestal gestellt damit es bei
besonders wichtigen Gelegenheiten nicht ganz leer sei Es bleibt zwar immer mit
mir nur ein Notbehelf denn die Gerechtigkeit ist kalt wie Marmor und hat kein
Herz in der steinernen Brust ich aber bin ein armer Schelm voll sentimentaler
Weichlichkeit und gar dann und wann etwas poetisch gestimmt indes bei
gewöhnlichen Fällen für das Haus mag ich immer gut genug sein und wenn es Not
tut einen steinernen Gast abgeben Solche Gäste haben das für sich dass sie
nicht mitessen und auch nicht warm werden wo es Schaden bringen könnte dagegen
die andern leicht Feuer fangen und es dem Hausherrn vor der Stirn heiß machen
wie mir das Beispiel nahe liegt«
    »Ei ei mein Gott was ist denn das« stammelte der Ehemann
    »Dass die Stummen zu reden anfangen meinen Sie das fließt aus der
Frivolität des Zeitalters Man sollte nie den Teufel an die Wand malen Unsere
jungen Herren von Welt setzen sich aber darüber hinaus und missbrauchen
dergleichen bei schwachen Seelen um sich von der heroischen Seite zu zeigen Da
habe ich nun meinen Mann beim Worte genommen ob ich gleich eigentlich nicht
hieher gehöre sondern draußen auf dem Markte stehe im grauen Mantel als
heiliger Crispinus von Stein«
    »Du Gott was soll man davon denken« fuhr jener beängstet fort« es ist gar
nicht in der Ordnung und ein unerhörter Fall«
    »Für den Rechtsgelehrten gewiss dieser Crispinus war nämlich ein Schuster
legte sich aber aus besonderer Frömmigkeit und einem wirklichen Überflusse von
Tugend auf die Dieberei und stahl das Leder um den Armen Schuhe daraus zu
machen Was lässt sich da entscheiden reden Sie selbst Ich sehe keinen andern
Ausweg als ihn zuerst zu hängen und nachher zu kanonisiren Aus ähnlichen
Gründen müsste man zB gegen Ehebrecher verfahren die bloß um den Hausfrieden
aufrecht zu erhalten gegen die Gesetze verstoßen der animus ist hier offenbar
ein löblicher und darauf kommts doch hauptsächlich an Wie manche Frau würde
nicht ihren Mann zu Tode quälen wenn nicht ein solcher Hausfreund sich
einfände und aus reiner Moralität zum Schurken würde Hier stehe ich eigentlich
an meinem Thema und wir können nun in Gottes Namen die hochnotpeinliche
Halsgerichtsordnung aufschlagen  Doch ich sehe dass die Inquisiten bereits
beide in Ohnmacht liegen da müssen wir im Prozesse eine Pause machen«
    »Inquisiten« fragte der Ehemann mechanisch »Ich sehe keine die dort ist
meine Ehehälfte« 
    »Schon gut wir wollen fürs erste bei ihr stehen bleiben Ehehälfte Ganz
recht das heißt das Kreuz oder die Qual in der Ehe  und wahrhaftig das ist
schon eine exemplarische Ehe wo dieses Kreuz nur die Hälfte ausmacht Seid Ihr
nun als die zweite Hälfte der Ehesegen so ist Eure Ehe wirklich ein Himmel
auf Erden«
    »Der Ehesegen« sagte jener mit einem tiefen Seufzer
    »Keine sentimentale Randglosse lieber Freund werfen wir hier vielmehr
einen Blick auf den zweiten Inquisiten der ebenfalls aus Schrecken über den
steinernen Gast in Ohnmacht liegt Wenn wir Personen von Rechtswegen
Milderungsgründe aus moralischen Prinzipien herleiten dürften so möchte ich
schon sein Defensor sein und wollte wenigstens die Strafe des Köpfens die die
Karolina über ihn verhängt von ihm abwenden zumal da bei solchen Schächern das
Köpfen doch nur in effigie angewandt werden kann weil bei ihnen ernstlich
genommen von einem Kopfe nie die Rede ist« 
    »Die Karolina sollte auf einmal so grausam geworden sein« sagte jener ganz
konfus »Vorhin schauderte sie doch noch als ich vom Hinrichten sprach« 
    »Ich verdenke es Euch nicht« antwortete ich »dass ihr beide Karolinen mit
einander verwechselt denn Eure lebende Karolina ist als Ehekreuz und Folter
leicht mit der hochnotpeinlichen zu vertauschen die ebenfalls keinen Himmel
voll Geigen abhandelt Ja fast möchte ich behaupten eine solche eheliche sei
noch viel ärger als die kaiserliche indem in dieser wenigstens in keinem
einzigen Falle von lebenslänglicher Folter die Rede ist« 
    »Aber mein Gott das kann doch nicht so fort gehen« sagte er auf einmal wie
zu sich kommend »Man weiß nicht so recht mehr ob man wacht oder träumt ja ich
hätte Lust mich zu betasten und zu zwicken bloß um zu sehen ob ich wachte oder
schliefe wenn ich nicht darauf schwören wollte vorher wirklich den
Nachtwächter gehört zu haben« 
    »Ei mein Gott« rief ich aus »Jetzt erwache ich Ihr habt mich beim Namen
gerufen und es ist noch mein Glück dass ich mich gerade nicht zu hoch befinde
etwa auf einem Dache oder in einer dichterischen Begeisterung um mir jetzt beim
Herabfallen den Hals zu brechen So aber stehe ich glücklicherweise nicht höher
als hier die Gerechtigkeit stehen soll und da bleibe ich noch menschlich und
unter den Menschen Ihr starrt mich an und könnt Euch nicht darin finden doch
will ichs Euch sogleich lösen Ich bin Nachtwächter hier und zugleich
Nachtwandler wahrscheinlich weil sich beide Funktionen in Einer Person
vorstehen lassen Wenn ich nun als Nachtwächter mein Amt verrichte so kommt mir
oft die Lust an als Nachtwandler mich auf scharfe Spitzen wie auf Dachspitzen
oder andere kritische Stellen in dieser Art zu begeben und so bin ich denn auch
wahrscheinlich hier auf das Piedestal der Temis gekommen Es ist eine
verzweifelte Laune die mich noch um den Hals bringen kann indes fügte es sich
doch oft dass ich dadurch die guten Einwohner dieser Stadt auf eine eigene Weise
vor Diebstählen gesichert habe eben weil ich in alle Winkel zu kriechen pflege
und das gerade die unschädlichsten Diebe sind die ihr Handwerk nur draußen
herum an den Läden mit Brechstangen exerciren Dieser Punkt glaub ich
entschuldigt mich und somit gehe es Euch wohl«
    Ich entfernte mich und ließ den Ehemann und die andern beiden die nun auch
wieder zu sich gekommen waren erstaunt zurück Wie sie nachher sich noch mit
einander unterhalten haben weiß ich nicht
 
                               Vierte Nachtwache
Zu den Lieblingsörtern an denen ich mich während meiner Nachtwachen aufzuhalten
pflege gehört der Vorsprung in dem alten gotischen Dome Hier sitze ich bei
dem dämmernden Scheine der einzigen immer brennenden Lampe und komme mir oft
selbst wie ein Nachtgeist vor Der Ort lädt zu Betrachtungen ein heute führte
es mich auf meine eigene Geschichte und ich blätterte gleichsam aus
Langeweile mein Lebensbuch auf das verwirrt und toll genug geschrieben ist
    Gleich auf dem ersten Blatte sieht es bedenklich aus und pagina V handelt
nicht von meiner Geburt sondern vom Schatzgraben Hier sieht man mystische
Zeichen aus der Kabbala und auf dem erklärenden Holzschnitte einen nicht
gewöhnlichen Schuhmacher der das Schuhmachen aufgeben will um Gold machen zu
lernen Eine Zigeunerin steht daneben gelb und unkenntlich und das Haar
struppig um die Stirn gezauset sie unterrichtet ihn im Schatzgraben gibt ihm
eine Wünschelrute und zeigt auch genau den Ort an wo er in drei Tagen einen
Schatz heben soll Ich habe heute bloß die Laune mich bei den Holzschnitten in
dem Buche aufzuhalten und somit gehe ich zum
                              zweiten Holzschnitte
über Hier ist der Schuhmacher wieder ohne die Zigeunerin sein Gesicht ist
diesmal dem Künstler schon weit ausdrucksvoller gelungen Es hat kräftige Züge
und zeigt an dass der Mann nicht bloß bei den Füßen stehen geblieben sondern
ultra crepidam gegangen ist Er ist ein satirischer Beitrag zu den Fehlgriffen
des Genies und macht es einleuchtend wie derjenige der ein guter Hutmacher
geworden wäre einen schlechten Schuhmacher abgeben muss und auch im
Gegenteile wenn man das Beispiel auf den Kopf stellt  Das Lokale ist ein
Kreuzweg die schwarzen Striche sollen die Nacht anschaulich machen und das
Zikzak am Himmel einen Blitz bedeuten Es ist klar ein anderer ehrlicher Mann
von Handwerke liefe bei solchen Umgebungen davon unser Genie aber lässt sich
nicht stören Er hat bereits aus einer Vertiefung eine schwere Truhe gehoben
und ist auch schon darüber aus gewesen sein erobertes Schatzkästlein zu öffnen
Doch o Himmel sein Inhalt ist wohl nur allein für den kuriosen Liebhaber ein
Schatz zu nennen  denn ich selbst befinde mich leibhaft in dem Kästlein und
zwar ohne alle fahrende Habe und schon ein ganz fertiger Weltbürger
    Was mein Schatzgräber für Betrachtungen über seinen Fund angestellt hat
davon steht nichts auf dem Holzschnitte weil der Künstler die Grenzen seiner
Kunst nicht im mindesten hat überschreiten wollen
                              Dritter Holzschnitt
Hier ist ein gewiegter Kommentator von Nöten  Auf einem Buche sitze ich aus
einem lese ich mein AdoptivVater beschäftigt sich mit einem Schuhe scheint
aber zugleich eigenen Betrachtungen über die Unsterblichkeit Raum zu geben Das
Buch worauf ich sitze enthält Hans Sachsens Fastnachtsspiele das woraus ich
lese ist Jakob Böhmens Morgenröte sie sind der Kern aus unserer
Hausbibliotek weil beide Verfasser zunftfähige Schuhmacher und Poeten waren
    Weiter mag ich nicht im Erklären gehen weil in dem Holzschnitte von meiner
eigenen Originalität zuviel die Rede ist Ich lese also lieber das hiezugehörige
                                 dritte Kapitel
für mich in der Stille Es ist von meinem Schuhmacher der so weit es ging
meinen Lebenslauf selbst fortgeführt hat verfasst und hebt so an
    »Wunderlich wird mir gar oft zu Mute wenn ich den Kreuzgang betrachte« 
Es war nämlich dem Gebrauche gemäß der Ort wo ich gefunden bei meiner Taufe
zu mir Gevatter geworden  »Über einen gewöhnlichen Leisten kann ich ihn nicht
schlagen denn es ist etwas Überschwengliches in ihm etwa wie in dem alten
Böhme der auch schon früh über dem Schuhmachen sich vertiefte und ins Geheimnis
verfiel So auch er kommen ihm doch ganz gewöhnliche Dinge höchst ungewöhnlich
vor wie zB ein Sonnenaufgang der sich doch tagtäglich zuträgt und wobei wir
andern Menschenkinder eben nichts Absonderliches zu denken pflegen So auch die
Sterne am Himmel und die Blumen auf der Erde die er oft unter einander sich
besprechen und gar wundersamen Verkehr treiben lässt Hat er mich doch neulich
über einen Schuh gar konfus gemacht indem er mich anfangs über die
Bestandteile desselben befragte und als ich ihm darauf Rede und Antwort
gegeben hatte plötzlich über jede einzelne Substanz Aufklärung verlangte immer
höher und höher sich verstieg erst in die Naturwissenschaften indem er das
Leder auf den Ochsen zurück führte dann gar noch weiter bis ich mich zuletzt mit
meinem Schuhe hoch oben in der Theologie befand und er mir grad heraus sagte dass
ich in meinem Fache ein Stümper sei weil ich ihm darin nicht bis zum letzten
Grunde Auskunft geben könnte Ebenfalls nennt er die Blumen oft eine Schrift
die wir nur nicht zu lesen verständen desgleichen auch die bunten Gesteine Er
hoft diese Sprache noch einst zu lernen und verspricht dann gar wundersame
Dinge daraus mitzuteilen Oft behorcht er ganz heimlich die Mücken oder Fliegen
wenn sie im Sonnenschein summen weil er glaubt sie unterredeten sich über
wichtige Gegenstände von denen bis jetzt noch kein Mensch etwas ahnte Schwazt
er den Gesellen und Lehrburschen in der Werkstatt dergleichen vor und sie lachen
über ihn so erklärt er sie sehr ernstaft für Blinde und Taube die weder sähen
noch hörten was um sie her vorginge Jetzt sizt er Tag und Nacht beim Jakob
Böhme und Hans Sachs welches zween gar absonderliche Schuhmacher waren aus
denen auch zu ihrer Zeit niemand klug werden konnte 
    Soviel ist mir sonnenklar ein gewöhnliches Menschenkind ist dieser
Kreuzgang nicht bin ich doch auch auf keine gewöhnliche Weise zu ihm gekommen
    Nie wird mir der Abend aus dem Sinne kommen als ich unmutig über meinen
wenigen Verdienst hier auf dem Dreifusse eingeschlummert war  dass es gerade ein
Dreifuss sein musste soll wie man mir sagt nicht ohne Einfluss gewesen sein  es
träumte mir wie ich einen Schaz fände in einer verschlossenen Truhe doch gebot
man mir diese Truhe nicht eher zu öffnen bis ich erwacht sein würde Das war
alles so deutlich und selbst verständig indem Traum und Wachen sich ganz klar
von einander unterschieden dass es mir nie wieder aus dem Kopfe wollte und ich
zuletzt mit einer Zigeunerin Bekanntschaft machte um den Versuch wirklich
anzustellen
    Es ging alles in der Ordnung ich hob die Truhe die ich im Traume gesehen
besann mich zuvor ob ich wirklich wachte und öffnete sie dann aber statt des
Goldes was ich erwartete hatte ich dieses Wunderkind aus der Erde gehoben
    Anfangs war ich wohl etwas betreten darüber weil solch ein lebendiger Schaz
zum mindesten von einem toten begleitet sein muss wenn ein Übriges dabei heraus
kommen soll und der Bube war mutternakt und lachte noch dazu darüber als ich
ihn darauf ansah Als ich mich besonnen hatte nahm ich indes die Sache tiefer
und hatte meine eigenen Gedanken dabei weshalb ich meinen Schaz sorgsam nach
Hause trug«
    So weit mein ehrlicher Schuhmacher als ich plötzlich durch eine sonderbare
Erscheinung unterbrochen wurde Eine große männliche Gestalt in einen Mantel
gehüllt schritt durch das Gewölbe und blieb auf einem Grabsteine stehen Ich
schlich mich leise hinter eine Säule wo ich ihr nahe war da warf sie den
Mantel von sich und ich erblickte hinter schwarzen tief über die Stirne
herabtretenden Haaren ein finsteres feindliches Antlitz mit einem südlichen
blasgrauen Kolorit
    Ich trete immer vor ein fremdes ungewöhnliches Menschenleben mit denselben
Gefühlen hin wie vor den Vorhang hinter dem ein Shakspearsches Schauspiel
aufgeführt werden soll und am liebsten ist es mir wenn jenes so wie dieses ein
Trauerspiel ist wie ich denn auch neben dem ächten Ernst nur tragischen Spaß
leiden mag und solche Narren wie im König Lear eben weil diese allein wahrhaft
kek sind und die Possenreisserei en gros treiben und ohne Rücksichten über das
ganze Menschenleben Die kleinen Wizbolde und gutmütigen Komödienverfasser
dagegen die sich nur bloß in den Familien umhertreiben und nicht wie
Aristophanes selbst über die Götter sich lustig zu machen wagen sind mir
herzlich zuwider eben so wie jene schwachen gerührten Seelen die statt ein
ganzes Menschenleben zu zertrümmern um den Menschen selbst darüber zu erheben
sich nur mit der kleinen Quälerei beschäftigen und neben ihrem Gefolterten den
Arzt stehen haben der ihnen genau die Grade der Tortur bestimmt damit der arme
Schelm obgleich geradebrecht doch mit dem Leben zuletzt noch davon gehen kann
als ob das Leben das Höchste wäre und nicht vielmehr der Mensch der doch
weiter geht als das Leben das grade nur den ersten Akt und den inferno in der
divina comedia durch die er um sein Ideal zu suchen hinwandelt ausmacht 
    Mein Mann der hier nahe vor mir auf dem Grabsteine kniete einen
blankgeschliffenen Dolch den er aus einer schön gearbeiteten Scheide gezogen
in der Hand schien mir echt tragischer Natur zu sein und fesselte mich in
seine Nähe
    Feuerlärm hatte ich eben nicht Lust zu machen im Falle er etwas Ernstaftes
unternehmen würde eben so wenig wollte ich als Vertrauter in der Koulisse
stehen um im fünften Akte bei dem Stichworte zu rechter Zeit bereit zu sein
meinem Helden den Arm zu halten denn sein Leben kam mir vor gleichsam wie die
schön gearbeitete Scheide in seiner Hand die in der bunten Hülle den Dolch
verbarg oder wie der Blumenkorb der Kleopatra unter dessen Rosen die giftige
Schlange lauschte und wo das Drama des Lebens sich einmal so zusammengestellt
hat muss man die tragische Katastrophe nicht abwenden wollen
    Ich hatte einen König Saul als ich noch Marionettendirekteur war dem er
aufs Haar glich auch in allen seinen Manieren  grade solche hölzerne
mechanische Bewegungen und einen so steinernen antiken Stil wodurch sich
Marionettentruppen vor lebenden Schauspielern auszeichnen die heut zu Tage auf
unsern Teatern nicht einmal auf die rechte Weise zu sterben verstehen
    Es war schon alles dicht bis zum Niederfallen des Vorhangs beendigt da
blieb dem Manne plötzlich der schon zum Todesstosse aufgehobene Arm erstarrt und
er kniete wie ein steinernes Denkbild auf dem Grabsteine Zwischen der
Dolchspitze und der Brust die sie durchschneiden sollte war kaum noch eine
Spanne weit Raum und der Tod stand ganz dicht an dem Leben doch schien die
Zeit aufgehört zu haben und nicht mehr fortrücken zu wollen und der eine Moment
zur Ewigkeit geworden zu sein die auf immer alle Veränderung aufgehoben
    Mir wurde es ganz unheimlich ich sah erschrocken hinauf nach dem
Zifferblatte der Kirchenuhr auch hier stand der Zeiger still und grade auf der
Mitternachtszahl Ich schien mir gelähmt und rings um war alles unbeweglich und
tot der Mann auf dem Grabe der Dohm mit seinen starren hohen Säulen und
Monumenten und den umher knieenden steinernen Rittern und Heiligen die
unbeweglich auf eine neue hereinbrechende Zeit und ein Fortschreiten in
derselben wodurch sie entfesselt würden zu harren schienen
    Jetzt wars vorüber das Räderwerk der Uhr machte sich Luft der Zeiger
rückte fort und der erste Schlag der Mitternachtsstunde hallte langsam durch
das öde Gewölbe Da schien wie durch das Anziehen des Uhrwerks der Mann auf
dem Grabe wieder Bewegung zu erhalten der Dolch rollte rasselnd auf dem Steine
hin und zerbrach
    »Verwünscht sei die Starrsucht« sagte er kalt wie wenn ers schon gewohnt
wäre »sie lässt mich nie den Stoß vollführen « Damit stand er wie wenn
nichts weiter vorgefallen wäre auf und wollte sich wieder entfernen
    »Du gefällst mir« rief ich »es ist doch Haltung in deinem Leben und ächte
tragische Ruhe Ich liebe die große klassische Würde im Menschen die viel Worte
hasst wo viel getan werden soll und ein solcher salto mortale wie der zu dem
du eben bereit warst ist doch nichts kleines und gehört zu den Forcestücken
die man bis zuletzt aufspart« 
    »Kannst du mir zu dem Sprunge verhelfen« sagte er finster »so ists gut
sonst bemühe dich nicht weiter in Lobsprüchen und Bemerkungen Über die Kunst zu
leben ist mehr als zuviel geschrieben doch suche ich noch immer einen Traktat
über die Kunst zu sterben vergeblich und ich kann nicht sterben« 
    »O besässen doch dieses dein Talent manche von unsern beliebten
Schriftstellern« rief ich aus »Ihre Werke könnten dann immerhin Ephemeren
bleiben wären sie selbst doch unsterblich und könnten ihre ephemerische
Schriftstellerei ewig fortsetzen und bis zum jüngsten Tage beliebt bleiben
Leider aber kommt für sie die Stunde nur zu früh in der sie und ihre
Eintagsfliegen mit ihnen sterben müssen  O Freund könnte ich dich doch in
diesem Augenblicke zu einem Kozebue erheben dieser Kozebue ginge dann nie
unter und selbst am Ende aller Dinge lägen noch seine letzten Werke in dem
Hogartschen Schwanzstücke und die Zeit könnte ihre letzte Pfeife die sie da
raucht mit einer Szene aus seinem letzten Drama anbrennen und so begeistert in
die Ewigkeit übergehen«
    Der Mann wollte jetzt still abtreten und ohne wie ein schlechter Akteur
noch zum Schluße eine gewaltige Tirade zu machen ich aber hielt ihn bei der
Hand und sagte »Nicht so eilig Freund ist es doch nicht nötig da du immer
Zeit hast so lange nur überhaupt von der Zeit selbst die Rede sein kann denn
aus deinen Worten zu schließen halte ich dich für den ewigen Juden der weil
er das Unsterbliche lästerte zur Strafe schon hier unten unsterblich geworden
ist wo alles um ihn her vergeht Du siehst finster du einziger Mensch dessen
Leben der Zeiger der Zeit der als ein scharfes nie im Morden innehaltendes
Schwert auf dem Zifferblatte umherfliegt nimmer durchschneiden soll und der
nicht eher vergehen kann als bis ihr eisernes Räderwerk selbst zertrümmert
Nimm die Sache von der leichten Seite denn es ist doch spaßhaft und der Mühe
wert dieser großen Tragikomödie der Weltgeschichte bis zum letzten Akte als
Zuschauer beizuwohnen und du kannst dir zuletzt das ganz eigne Vergnügen machen
wenn du am Ende aller Dinge über der allgemeinen Sündflut auf dem letzten
hervorragenden Berggipfel als einzig Übriggebliebener stehst das ganze Stück
auf deine eigene Hand auszupfeifen und dich dann wild und zornig ein zweiter
Prometeus in den Abgrund zu stürzen«
    »Pfeifen will ich« sagte der Mann trozig »hätte mich nur der Dichter nicht
selbst mit ins Stück verflochten als handelnde Person das verzeih ich ihm
nimmer«
    »Um so besser« rief ich »da gibt es wohl gar noch zu guter lezt eine
Revolte im Stücke selbst und der erste Held empört sich gegen seinen Verfasser
Ist das doch auch in der der großen Weltkomödie nachgeäfften kleinen nicht
selten und der Held wächst am Ende dem Dichter über den Kopf dass er ihn nicht
mehr bezwingen kann  O ich hätte wohl Lust deine Geschichte anzuhören du ewig
Reisender um darüber mich auszuschütten vor Lachen wie ich denn oft bei einer
ächten ernsten Tragödie brav zu lachen pflege und im Gegenteile beim guten
Possenspiele dann und wann weinen muss indem das wahrhaft Kühne und Große immer
zugleich von den beiden entgegengesetzten Seiten aufgefasst werden kann« 
    »Ich verstehe dich Spassvogel« sagte der Mann »Bin auch gerade jetzt wild
genug um zu lachen und dir meine Geschichte zu erzählen Doch beim Himmel lass
dir keine ernste Miene dabei entwischen sonst machst du mich in dem Augenblicke
stumm« 
    »Sorge nicht Kamerad ich lache mit« antwortete ich und jener setzte sich
unter eine steinerne am Grabe betende Ritterfamilie und hub an
    »Es ist du wirst mirs zugeben verdammt langweilig seine eigene
Geschichte von Perioden zu Perioden so recht gemütlich aufzurollen ich
bringe sie deshalb lieber in Handlung und führe sie als ein Marionettenspiel
mit dem Hanswurst auf da wird das Ganze anschaulicher und possirlicher
    Zuerst gibt es eine Mozartsche Symphonie von schlechten Dorfmusikanten
exekutirt das passt so recht zu einem verpfuschten Leben und erhebt das Gemüt
durch die großen Gedanken indem man zugleich bei dem Gekrazze des Teufels
werden möchte  Dann kommt der Hanswurst und entschuldigt den
Marionettendirektor weil er es wie unser Herrgott gemacht und die wichtigsten
Rollen den talentlosesten Akteuren anvertraut habe er leitet grade daraus aber
auch wieder das Gute her dass das Stück rührend ausfallen müsse eben wie es bei
großen tragischen Stoffen der Fall sei die durch kleine gewöhnliche Dichter
bearbeitet würden Über das Leben und den Zeitkarakter macht er die höchst
albernen Bemerkungen dass beide jetzt mehr rührend als komisch seien und dass man
jetzt weniger über die Menschen lachen als weinen könne weshalb er denn auch
selbst ein moralischer und ernsthafter Narr geworden und immer nur im edlen
Genre sich zeige wo er vielen Applaus bekäme
    Darauf treten die hölzernen Puppen selbst auf zwei Brüder ohne Herzen
umarmen sich und der Hanswurst lacht über das Zusammenklappern der Arme und
über den Kuss wobei sie die steifen Lippen nicht bewegen können Der eine
hölzerne Bruder bleibt im Marionettenkarakter und drückt sich unendlich steif
aus macht auch lange trockene Perioden worin gar kein Leben hinein kommen
will und die deshalb Muster im prosaischen Style abgeben Die andere Puppe aber
möchte gern einen lebendigen Akteur affektiren und spricht hin und wieder in
schlechten Jamben reimt auch wohl gar zu Zeiten die Endsylben und der
Hanswurst nikt dabei mit dem Kopfe und hält eine Rede über die Wärme des
Gefühls in einer Marionette und über den eleganten Vortrag bei tragischen
Gedichten  Darauf geben sich die Brüder die hölzernen Hände und gehen ab Der
Hanswurst tanzt ein Solo zur Zugabe und dann redet im Zwischenakte Mozart
wieder durch die Dorfmusikanten
    Jetzt gehts weiter Zwei neue Puppen treten auf eine Kolombine mit einem
Pagen der den Sonnenschirm über sie ausspannt die Kolombine ist die prima
donna der Gesellschaft und ohne Schmeichelei das Meisterstück des
Formenschneiders Wahrhaft griechische Konture und alles an ihr ins Ideale
hinübergearbeitet Der eine Bruder kommt derjenige der vorher in Prosa sprach
er erblickt sie schlägt sich auf die Stelle des Herzens redet darauf plötzlich
in Versen reimt alle Endsylben oder bringt die Assonanz in A und O an dass die
Kolombine darüber erschrickt und mit dem Pagen davon läuft Jener will ihr
nachstürzen rennt aber weil der Marionettendirektor hier ein Versehen macht
sehr hart gegen den Hanswurst der nun aus dem Stegreife eine sehr boshafte
satirische Rede hält worin er ihm dartut dass es seinem Schöpfer  dem
Marionettendirektor nämlich  nicht gefalle ihm die Dame zu bestimmen und dass
dadurch eben das Stück recht toll und komisch werden würde indem ein
melancholischer Narr die possirlichste Person in einem Possenspiele abgäbe 
Die andere Puppe stößt Flüche aus lästert sogar in Verzweiflung auf den
Direktor wobei den Zuschauern vor Lachen die Tränen aus den Augen stürzen
Zulezt fasst sie aber doch noch Hoffnung die Dame wiederzufinden und beschliesst
wenigstens das ganze Theater zu durchsuchen Der Hanswurst begleitet sie
    Im dritten Akte erscheint die Kolombine wieder und tut sehr schön mit der
andern Brudermarionette sie singen auch ein zärtliches Duett mit einander und
wechseln sodann die Ringe worauf ein alter geschäftiger Pantalon mit Musikanten
ankommt die viel lustige Musik abspielen wobei man nur allein die Töne nicht
hört was auf die Zuschauer einen sonderbaren Eindruck macht Zulezt wird bei
der stummen Musik getanzt und der Pantalon macht recht gute Bemerkungen über
sein musikalisches Gehör verteidigt auch das Märchen dass die Töne am
Nordpole gefrören und nur im warmen Süden wieder auftaueten und hörbar würden
Das Alles ist so sonderbar dass man schlechterdings nicht weiß ob mans
ernstaft oder lustig nehmen soll einige gescheute Leute unter den Zuschauern
haltens gar für toll
    Als jene beiden ersten endlich zu Bette gegangen sind kommt der Hanswurst
mit dem andern Bruder wieder Dieser spricht wie er weite Reisen von einem Pole
zum andern gemacht und doch die Kolombine nicht gefunden weshalb er
verzweifeln und sich ums Leben bringen wollte Der Hanswurst öffnet eine Klappe
an der Brust der Marionette und findet wirklich jetzt zu seinem Erstaunen ein
Herz darin worüber er besorgt wird und in der Angst mehrere gescheute Ideen
bekommt zB dass Alles in dem Leben sowohl der Schmerz wie die Freude nur
Erscheinung sei wobei nur bloß das ein böser Punkt dass die Erscheinung selbst
nie zur Erscheinung käme weshalb die Marionetten es denn auch niemals ahneten
dass man sie zum Besten hätte und bloß zum Zeitvertreibe mit ihnen spielte
sondern sich vielmehr sehr ernsthafte und bedeutende Personen dünkten  Er will
ihm darauf das Wesen einer Marionette selbst begreiflich machen konfundirt sich
aber beständig dabei und steht nach einer langen sehr drolligen Rede wieder am
Ende da wo er anfing  Nun lachte er in der Stille hämisch ins Fäustchen und
geht ab 
    Im vierten Akte treffen die beiden Brüder zusammen und indem der mit dem
Herzen redet werden plötzlich die stummen Töne aus dem vorigen Akte hörbar und
begleiten die Worte worüber der Bruder ohne Herz ganz konfus wird Arlequin
kommt nun auch dazu und spottet über die Liebe weil sie keine heroische
Empfindung sei und nicht für das allgemeine Beste benuzt werden könne Er
fordert auch den Direktor auf sie für die Folge ganz abzuschaffen und reine
moralische Gefühle bei seiner Truppe einzuführen Zulezt dringt er auf eine
Revision des Menschengeschlechts und auf einige höchstnötige Weltreparaturen
besteht auch sehr trozig darauf zu wissen weshalb er den Narren eines ihm
unbekannten Publikums abgeben müsse
    Nun wird eine tragische Situation sehr schlecht ausgeführt Die schöne
Kolombine erscheint nämlich und als der Bruder ohne Herz sie dem andern als
seine Gemahlin vorstellt fällt dieser ohne ein Wort zu sagen höchst
ungeschickt mit dem hölzernen Kopfe auf einen Stein Jene beiden laufen fort
um Hilfe zu senden der Hanswurst aber hebt ihn auf und indem er ihm die blutige
Stirn abwischt bittet er ihn ganz gelassen dass weil es keine Dinge an sich
gäbe er sich den Stein so wie die ganze Geschichte lieber aus dem Kopfe
schlagen möge Auch lobt er den Direktor dass er das griechische Fatum
abgeschafft und dafür eine moralische Teaterordnung eingeführt habe nach der
Alles zuletzt sich gut auflösen müsse
    Der letzte Akt ist nun gar zum Todtlachen Erst werden alberne Walzer
gespielt um die Gemüter zu besänftigen dann erscheint die Marionette mit dem
Herzen und beweiset der Kolombine durch Syllogismen und Sophismen dass der
Direktor die Puppen vertauscht und sie in einem Irrtume seinem Bruder zur
Gemahlin gegeben da sie doch dem komischen Ausgange des Stücks gemäß ihm
selbst gehöre Die Kolombine scheint ihm zu glauben will aber doch aus
Moralität und Achtung gegen den Marionettendirektor es nicht gehabt haben
worauf er in Verzweiflung gerät und kurze Anstalt sie zu entführen macht Sie
stößt ihn verächtlich zurück da gebehrdet er sich wie ein Rasender rennt die
hölzerne Stirn gegen die Wand und wendet die Assonanz in U an Zulezt stürzt er
fort und schleudert nur noch den schönen Pagen aus dem zweiten Akte der eben
schlaftrunken im Nachtkleide vorübergehen will in das Zimmer das er hinter
sich zuschliesst
    Nach einer kurzen Pause erscheint er wieder mit der BruderMarionette die
einen gezogenen Degen in der Hand hält und nach einer kurzen steifen Tirade
erst den Pagen dann die Kolombine und endlich sich selbst niederstösst Der
Bruder steht ganz stier und dumm unter den drei hölzernen Puppen die rings
umher auf der Erde liegen dann greift er ohne ein Wort weiter zu sagen
ebenfalls nach dem Degen um auch sich selbst zu guter lezt hinterherzusenden
doch in diesem Augenblicke reißt der Drat den der Direktor zu starr anzieht
und der Arm kann den Stoß nicht vollführen und hängt unbeweglich nieder
zugleich spricht es wie eine fremde Stimme aus dem Munde der Puppe und ruft Du
sollst ewig leben 
    Nun erscheint der Hanswurst wieder um ihn zu besänftigen und zu trösten
führt auch unter andern als er es gar zu arg macht ärgerlich an wie albern es
sei wenn es einer Marionette einfiele über sich selbst zu reflektiren da sie
doch bloß der Laune des Direktors gemäß sich betragen müsse der sie wieder in
den Kasten lege wenn es ihm gefiele Dann sagt er auch manches Gute über die
Freiheit des Willens und über den Wahnsinn in einem Marionettengehirne den er
ganz realistisch und vernünftig abhandelt alles das um der Puppe zu beweisen
wie toll es eigentlich von ihr sei dergleichen Dinge sehr hoch zu nehmen indem
alles zuletzt doch auf ein Possenspiel hinausliefe und der Hanswurst im Grunde
die einzige vernünftige Rolle in der ganzen Farce abgäbe eben weil er die Farce
nicht höher nähme als eine Farce«
    Hier hielt der Mann einen Augenblick inne und sagte dann in recht lustig
wilder Laune »Da hast du das ganze Fastnachtsspiel worin ich selbst den Bruder
mit dem Herzen dargestellt habe Ich finde es übrigens recht wohl getan seine
Geschichte so in Holz zu schnizzen und abzuspielen man kann dabei recht boshaft
sein ohne dass die Moralisten etwas dagegen einwenden und es eine Lästerung
heißen dürfen Auch erscheint alles recht erhaben unmotivirt wie es doch in den
ursprünglichen Verhältnissen wirklich ist obgleich wir albernen Menschen im
Kleinen gern motiviren mögen dagegen unser Director es gar nicht tut und
keine Rechenschaft gibt weshalb er so manche verpfuschte Rolle wie ich zB
eine bin in seinem Fastnachtsspiele nicht ausstreichen will O schon seit
vielen Menschenaltern habe ich mich bestrebt aus dem Stücke herauszuspringen
und dem Direktor zu entwischen aber er lässt mich nicht fort so pfiffig ich es
auch anfangen mag Das Überdrüssigste dabei ist die Langeweile die ich immer
mehr empfinde denn du sollst wissen dass ich hier unten schon viele
Jahrhunderte als Akteur gedient habe und eine von den stehenden italienischen
Masken bin die gar nicht vom Theater herunterkommen«
    »Ich habs auf alle Weise versucht Anfangs gab ich mich bei den Gerichten
an als großen Bösewicht und dreifachen Mörder sie untersuchtens und taten
endlich den Ausspruch ich müsse leben bleiben indem sich aus meiner Defension
ergäbe wie ich nicht in bestimmten und ausdrücklichen Worten den Mord
beauftragt und er mir nur höchstens als eine geistige Handlung zuzurechnen sei
die nicht vor ein forum externum gehöre Ich verwünschte meinen Defensor und
die Folge war ein leichter Injurienprozess womit man mich laufen ließ«
    »Darauf nahm ich Kriegsdienste und versäumte keine Schlacht doch zeichnete
das Schicksal meinen Namen auf keine einzige Kugel und der Tod umarmte mich auf
der großen Wahlstätte unter tausend Sterbenden und zerriss seinen Lorbeerkranz
um ihm mit mir zu teilen Ja ich musste nun gar in dem verhassten Drama eine
glänzende Heldenrolle übernehmen und verwünschte knirschend meine
Unsterblichkeit die mir auf allen Seiten in den Weg trat«
    »Tausendmal setzte ich den Giftbecher an die Lippen und tausendmal
entstürzte er der Hand ehe ich ihn leeren konnte Zu jeder Mitternachtsstunde
trete ich wie die mechanische Figur an dem Zifferblatte einer Uhr aus meiner
Verborgenheit hervor um den Todesstoss zu vollführen gehe aber jedesmal wenn
der letzte Schlag verhallt ist wie sie zurück um so fort ins Unendliche wieder
zu kehren und abzugehen O wüsste ich nur dieses immerfort sausende Räderwerk der
Zeit selbst aufzufinden um mich hinein zu stürzen und es auseinander zu reißen
oder mich zerschmettern zu lassen Die Sehnsucht diesen Vorsaz auszuführen
bringt mich oft zur Verzweiflung ja ich mache selbst wie im Wahnsinne tausend
Plane es möglich zu machen  dann schaue ich aber plötzlich tief in mich selbst
hinein wie in einen unermesslichen Abgrund in dem die Zeit wie ein
unterirdischer nie versiegender Strom dumpf dahin rauscht und aus der finsteren
Tiefe schallt das Wort ewig einsam herauf und ich stürze schaudernd vor mir
selbst zurück und kann mir doch nimmer entfliehen« 
    Hier endete der Mann und in mir stieg die heiße Sehnsucht auf dem armen
Schlaflosen das wohltätige Opium mit eigener Hand zu reichen und ihm den
langen süßen Schlaf nach dem sein heißes überwachtes Auge vergeblich
schmachtete zuzuführen Doch fürchtete ich dass in dem entscheidenden
Augenblicke sein Wahnsinn von ihm weichen könnte und er sterbend das Leben
eben um der Vergänglichkeit willen wieder liebgewinnen möchte O aus diesem
Widerspruche ist ja der Mensch geschaffen er liebt das Leben um des Todes
willen und er würde es hassen wenn das was er fürchtet vor ihm verschwunden
wäre
    So konnte ich nichts für ihn tun und überließ ihn seinem Wahnsinn und
seinem Schicksale
 
                               Fünfte Nachtwache
Die vorige Nachtwache währte lange die Folge war wie bei Jenem
Schlaflosigkeit und ich musste den hellen prosaischen Tag den ich sonst meiner
Gewohnheit gemäß wie die Spanier zur Nacht mache durchwachen und mich in dem
bürgerlichen Leben und unter den vielen wachen Schläfern langweilen
    Da konnte ich nun nichts bessers tun als mir meine poetisch tolle Nacht in
klare langweilige Prosa übersetzen und ich brachte das Leben des Wahnsinnigen
recht motivirt und vernünftig zu Papiere und ließ es zur Lust und Ergözlichkeit
der gescheuten Tagwandler abdrucken Eigenlich war es aber nur ein Mittel mich
zu ermüden und ich wollte es in dieser Nachtwache mir vorlesen um nicht zum
zweitenmale mit der Prosa und dem Tage mich einlassen zu müssen
    Das geschieht denn auch nun jetzt ganz plan wie folgt
    »Don Juans Vaterland war das heiße glühende Spanien in dem Bäume und
Menschen sich weit üppiger entfalten und das ganze Leben ein feurigeres Kolorit
annimmt Nur er allein schien wie ein nordischer Felsen in diesen ewigen
Frühling versezt zu sein er stand kalt und unbeweglich da und nur dann und wann
lief ein Erdbeben unter ihm hin dass sie erschraken und es ihnen unheimlich in
seiner Nähe wurde
    Sein Bruder Don Ponce dagegen war jungfräulich mild und wenn er sprach
blüheten seine Worte in Blumen auf und schlangen sich um das Leben durch das er
wie durch einen grün verhüllten Zaubergarten hinwandelte Alle liebten ihn Juan
hasste ihn nicht aber sein Ausdruck war ihm zuwider weil er nichts ruhig und
groß zu nehmen wusste sondern alles durch überladene Verzierungen verkleinerte
und überall seine bunten Schnörkel zuvor anpinseln musste um sich die Dinge
gefällig zu machen wie schlechte Poeten die die üppig reiche Natur noch zum
zweitenmale auszuschmücken versuchen statt eine neue selbstständige durch
eigene Kraft zu erschaffen
    Ohne Teilnahme lebten sie bei einander und wenn sie sich umarmten so
schienen sie wie zwei erstarrte Tote auf dem Bernhard Brust gegen Brust
gelehnt so kalt war es in den Herzen in denen weder Hass noch Liebe herrschte
nur Ponce hielt ihre unbeweglich lächelnde Maske vor das Gesicht und
verschwendete viel freundliche Worte bei einem reinen angenehmen Vortrage ohne
genialische Härten und herzliche Rohheit Juan wurde dann nur spröder und
zurückstossender und dieser strenge Norden wehete feindlich in den milden Süden
dass die erkünstelten Blumen schnell entblätterten
    Das Schicksal schien sich zu erzürnen über die Gleichgültigkeit zweier
verwandten Herzen und es warf tückisch Hass und Aufruhr zwischen sie damit sie
die die Liebe verschmäht hatten als zornige Feinde sich einander nähern
möchten 
    Es war zu Sevilla als Juan unteilnehmend einem Stiergefechte beiwohnte
Sein Blick schweifte von dem Amphiteater ab über die über einander
emporsteigenden Reihen der Zuschauer und haftete weniger bei der lebenden Menge
als den bunten phantastischen Verzierungen und den gestickten Teppichen die die
Balustraden bedeckten Endlich wurde er auf eine einzige noch leere Loge
aufmerksam und er starrte mechanisch dahin wie wenn hier erst der Vorhang des
wahren Schauspiels für ihn sich heben würde Nach einer langen Pause erschien
eine einzelne ganz in schwarze Schleier gehüllte hohe weibliche Gestalt und
hinter ihr ein bildschöner Page der durch den ausgespannten Sonnenschirm sie
vor der Hitze schüzte Sie blieb unbeweglich auf der Tribune stehen und eben so
unbeweglich stand ihr Juan gegenüber es war ihm als wenn das Rätsel seines
Lebens hinter diesen Schleiern verborgen wäre und doch fürchtete er den
Augenblick wenn sie fallen würden wie wenn ein blutiger Bankos Geist sich
daraus erheben sollte
    Endlich war der Moment gekommen und wie eine weiße Lilie blühete eine
zauberische weibliche Gestalt aus den Gewändern auf ihre Wangen schienen ohne
Leben und die kaum gefärbten Lippen waren still geschlossen so glich sie mehr
dem bedeutungsvollen Bilde eines wunderbaren übermenschlichen Wesens als einem
irdischen Weibe
    Juan fühlte zugleich Entsetzen und heiße wilde Liebe es verwirrte sich tief
in ihm und ein lauter Schrei war die einzige Äußerung die seinem Munde
entfuhr Die Unbekannte blickte rasch und scharf nach ihm hin warf in demselben
Augenblicke die Schleier über und war verschwunden
    Juan eilte ihr nach und fand sie nicht Er durchstrich Sevilla 
vergeblich Angst und Liebe trieben ihn fort und wieder zurück doch aber
erschien ihm oft in einzelnen schnell vorüberfliegenden Sekunden der Augenblick
in dem er sie finden würde eben so entsezlich als erwünscht er bemühete sich
diese Ahnung nur ein einzigesmal festzuhalten um sie zu begreifen aber sie
rauschte jedesmal wie ein nächtlicher Traum schnell an ihm vorüber und wenn er
sich besann war es wieder dunkel und Alles in seinem Gedächtnisse ausgelöscht 
    Dreimal hatte er ganz Spanien durchkreiset ohne das blasse Antlitz wieder
zu treffen das tötlich und liebend zugleich in sein Leben zu schauen schien
endlich trieb ihn ein unwiderstehliches Heimweh nach Sevilla zurück und der
erste der ihm dort begegnete war Ponce
    Beide Brüder schienen vor einander zu erschrecken denn beide waren einander
fremd bis zum Rätsel geworden Juans Härte war verschwunden und er stand ganz
in Flammen wie ein Vulkan durch dessen tausendjährige Schichten das innere
Feuer sich mit einemmale Luft machte aber in seiner Nähe schien es jetzt nur um
so gefährlicher Ponces ehmalige Milde dagegen war zu Sprödigkeit geworden und
er stand kalt neben dem glühenden Bruder da aller falscher Flitter war von
seinem Leben abgefallen und er glich einem Baume der seines vergänglichen
Frühlingsschmuckes beraubt die nackten Äste starr und verworren in die Lüfte
ausstreckt  So entzündet derselbe Blizstrahl einen Wald dass er tausend Nächte
hindurch den Horizont beleuchtet indes er flüchtig über die Heide hinfährt und
nur die spärlichen Blumen versengt dass sie verdorren und keine Spur
zurücklassen
    Kalt höflich bat Ponce Don Juan ihn zu seiner Wohnung zu begleiten damit er
ihm seine Gemahlin vorstellen könne Juan folgte mechanisch Es war eben die
Zeit der Siesta die Brüder traten in einen von dichtem Weinlaube umhüllten
Pavillon  da ruhte an einem marmornen Denksteine eben die blasse Gestalt
schlummernd und unbeweglich neben dem steinernen Genius des Todes dessen
umgestürzte Fackel ihre Brust berührte Juan stand starr und eingewurzelt die
finstere Ahnung stieg rasch vor seinem Geiste auf und verschwand nicht wieder
und wurde furchtbar deutlich wie das sich plötzlich auflösende Rätsel des
Oedipus Dann verließen ihn die Sinne und er sank bewusstlos auf den Stein
nieder
    Als er wieder erwachte fand er sich allein und nur der stumme ernste
Jüngling war bei ihm zurück geblieben Sturm und Aufruhr im Innern stürzte er
hinaus ins Freie 
    Und alles war um ihn her verwandelt und anders worden die alte Zeit schien
sich wiederzugebähren und das graue Schicksal erwachte aus seinem tiefen
Schlafe und herrschte wieder über Erde und Himmel Eine Furie verfolgte ihn
wie den Orestes auf jedem Schritte und hob oft tückisch das Schlangenhaar und
zeigte ihm ihr schönes Antliz 
    Ponce musste auf längere Zeit Sevilla verlassen da schlich Don Juan aus
seiner tiefen Verborgenheit hervor wie ein lichtscheuer Verbrecher In seiner
Seele war alles fest und entschieden doch floh er seinen eigenen Umgang um dem
dunkeln Gefühle keine Worte zu geben und sich nicht gegen sich selbst erklären
zu müssen So suchte er gegen sich geheimnisvoll Ponces Landgut auf und trat
in Donna Ines Zimmer sie erkannte ihn rasch und die weiße Rose blühete zum
erstenmale rot und glühend auf und die Liebe belebte Pygmalions kaltes
Wunderbild Die Abensonne brannte durch Laub und Blüten und Ines schob
kindlich schuldlos den Wangenpurpur dem Himmelsfeuer zu das sie anstrahlte
dann ergriff sie bebend die Harfe und wie Juan ihr Spiel mit der Flöte
begleitete hub das verbotene Gespräch ohne Worte an und die Töne bekannten und
erwiederten Liebe So bliebs bis Juan kühner wurde die mystische Hieroglyphe
verschmähete und die schöne geheimnisvolle Sünde in heller Rede offenbarte Da
schwand die Dämmerung vor der Unschuldigen sie schien erst jetzt wie durch einen
feindlichen Fackelglanz alles um sich her zu erkennen und nannte zum erstenmale
schaudernd und erschrocken den Namen »Bruder«
    Die Sonne ging in demselben Augenblicke unter und das eben noch gefärbte
Antliz war schnell wieder blass wie zuvor
    Juan verstummte Ines zog die Klocke und eben jener Page schön wie der
Liebesgott trat in das Zimmer  Juan entfernte sich ohne ein Wort zu reden
    Es war schon ganz finster draußen im Walde er schritt gedankenlos vor sich
hin plötzlich stand Don Ponce dicht vor ihm rasch zog er den Dolch und führte
wild den Stoß  jetzt kam er zur Besinnung der Dolch stekte tief in dem Stamme
eines Baumes und nur seine Phantasie hatte den Brudermord begangen
    Ponce kehrte endlich zurück aber Ines gedachte der Stunde nicht gegen ihn
und verhüllte Liebe und Vergehen tief in ihre Brust Juan hasste den Tag und
lebte von jetzt an nur in der Nacht denn was in ihm vorging war lichtscheu und
gefährlich Sobald es finster wurde wandelte er jedesmal von dem Orte seines
Aufenthalts hin nach Ponces Landgute und blickte nach Ines Fenstern doch wenn
der Morgen wieder grauete entfernte er sich wild und grollend Einmal sah er
Ines und den Pagen beim Lichtscheine und seine Phantasie schuf ein Märchen
wie Ines ihn des Jünglings wegen zurückgesezt habe und nur diesem die süßen
Stunden der Nacht heimlich weihe da schwur er in wilder Eifersucht dem schönen
Knaben den Tod und beschloss die erste Gelegenheit zur Ausführung zu ergreifen
 Das Licht auf ihrem Zimmer erlosch nicht er wähnte den Pagen noch immer an
ihrer Seite harrte bebend vor Wut und Liebe bis zur Mitternachtsstunde dann
schlich er seiner nicht mehr mächtig ein halb Wahnsinniger hervor bis zur
Tür des Hauses und fand sie nur angelehnt Mit ungewissen wankenden Schritten
ging er vor sich hin und kam vor Ines Zimmer  ein rascher Druck und es war
geöffnet
    Da lag die Blasse wieder wie an dem Sarkophage das Nachtgewand war nur
leicht um sie her gewunden und in das Saitenspiel das sie noch schlummernd
an die Brust lehnte schlangen sich braune Lockenkränze Juans Lippen entfuhr
unwillkürlich der Name seines Bruders da glaubte er plötzlich in der
Schlafenden die Furie zu erblicken die zwischen ihnen beiden aufgestiegen und
die Locken die das schöne Antliz umwallten schienen sich in Schlangen zu
verwandeln Dann war sie aber wieder das Weib seiner Liebe und er sank außer
sich zu ihren Füßen nieder und drükte seine heißen Lippen in ihre Brust Sie
taumelte erschrocken empor erkannte ihn beim Scheine des Nachtlichts stieß ihn
mit heftiger Kraft von sich und ihr Blick drückte Schauder und Entsetzen aus
    Der einzige Blick zerschmetterte ihn doch erhob sich schnell sein böser
Dämon und er stürzte fort bewusstlos was er tun wollte  ein blutiger Vorsatz
lag dunkel vor seiner Seele
    Von dem Geräusche erweckt taumelte der Page schlaftrunken aus einem Zimmer
im Vorsaale er ergriff ihn und sagte rasch »Deine Gebieterin verlangt nach
dir sie will in die Frühmesse« Der Page rieb sich die Augen er blickte ihm
nach und sah noch wie er in Ines Zimmer verschwand Das Schicksal hatte die
Katastrophe tückisch vorbereitet Don Juan fand des Bruders Schlafgemach riss
ihn aus dem ersten Schlummer und rief ihm die Untreue seines Weibes zu Ponce
fuhr rasch auf und wollte Erklärung aber er zog ihn heftig mit sich fort und
drükte ihm nur auf dem Wege seinen Dolch in die Hand dann schob er ihn in das
Zimmer
    Es war todtenstill um Don Juan er stand furchtbar einsam in der Nacht und
suchte zähneklappernd in dumpfer Angst die eben weggegebene Waffe Jetzt entstand
ein Geräusch und die Tür flog wie von selbst aus den Angeln
    Da wurde das schrekliche Nachtstück beleuchtet Der schöne Knabe lag schon
im festen Todesschlummer auf dem Boden und aus Ines Brust floss der purpurrote
Strom und haftete auf dem schneeweißen Schleier wie vorgestekte Rosen
    Juan stand starr wie eine Bildsäule Ines blickte ihn fest an aber die
blasse Lippe blieb geschlossen und enthüllte nichts dann senkte sich der tiefe
Schlaf sanft über ihre Augen
    Als sie starb erwachte erst Ponce und er schien jetzt zum erstenmale zu
lieben weil er die Liebe verlor und ein liebendes Herz zu fühlen um es zu
durchbohren Er vermählte sich still wieder mit Ines
    Don Juan stand stumm und wahnsinnig unter den Toten
 
                               Sechste Nachtwache
Was gäbe ich doch darum so recht zusammenhängend und schlechtweg erzählen zu
können wie andre ehrliche protestantische Dichter und Zeitschriftsteller die
groß und herrlich dabei werden und für ihre goldenen Ideen goldene Realitäten
eintauschen Mir ists nun einmal nicht gegeben und die kurze simple
Mordgeschichte hat mich Schweiß und Mühe genug gekostet und sieht doch immer
noch kraus und bunt genug aus
    Ich bin leider in den Jugendjahren und gleichsam im Keime schon verdorben
denn wie andere gelehrte Knaben und vielversprechende Jünglinge es sich
angelegen sein lassen immer gescheuter und vernünftiger zu werden habe ich im
Gegenteile stets eine besondere Vorliebe für die Tollheit gehabt und es zu
einer absoluten Verworrenheit in mir zu bringen gesucht eben um wie unser
Herrgott erst ein gutes und vollständiges Chaos zu vollenden aus welchem sich
nachher gelegentlich wenn es mir einfiele eine leidliche Welt zusammen ordnen
ließe  Ja es kommt mir zu Zeiten in überspannten Augenblicken wohl gar vor
als ob das Menschengeschlecht das Chaos selbst verpfuscht habe und mit dem
Ordnen zu voreilig gewesen sei weshalb denn auch nichts an seinen gehörigen
Platz zu stehen kommen könne und der Schöpfer bald möglichst dazu tun müsse
die Welt wie ein verunglücktes System auszustreichen und zu vernichten 
    Ach diese fixe Idee ist mir übel genug bekommen und hätte mich selbst
beinahe einmal um mein Nachtwächteramt gebracht indem es mir in der letzen
Stunde des Säkulums einfiel mit dem jüngsten Tage vorzuspuken und statt der Zeit
die Ewigkeit auszurufen worüber viele geistliche und weltliche Herren
erschrocken aus ihren Federn fuhren und ganz in Verlegenheit kamen weil sie so
unerwartet nicht darauf vorbereitet waren
    Drollig genug machte sich die Szene bei diesem falschen jüngsten Tages Lerm
wobei ich den einzigen ruhigen Zuschauer abgab indes alle Anderen mir als
leidenschaftliche Akteurs dienen mussten  O man hätte sehen sollen was das für
ein Getreibe und Gedränge wurde unter den armen Menschenkindern und wie der Adel
ängstlich durch einanderlief und sich doch noch zu rangiren suchte vor seinem
Herrgott eine Menge Justiz  und andere Wölfe wollten aus ihrer Haut fahren und
bemüheten sich in voller Verzweiflung sich in Schaafe zu verwandeln indem sie
hier den in feuriger Angst umherlaufenden Wittwen und Waisen große Pensionen
aussezten dort ungerechte Urteile öffentlich kassirten und die geraubten
Summen wodurch sie die armen Teufel zu Bettlern gemacht hatten sogleich nach
Ausgang des jüngsten Tages zurück zu zahlen gelobten So manche Blutsauger und
Vampyre denunciirten sich selbst als Hängens und Köpfens würdig und drangen
darauf dass noch in der Eile hier unten ihr Urteil an ihnen vollzogen würde um
die Strafe von höherer Hand von sich abzuwenden Der stolzeste Mann im Staate
stand zum erstenmale demütig und fast kriechend mit der Krone in der Hand und
komplimentirte mit einem zerlumpten Kerl um den Vorrang weil ihm eine
hereinbrechende allgemeine Gleichheit möglich schien
    Ämter wurden niedergelegt Ordensbänder und Ehrenzeichen eigenhändig von
ihren unwürdigen Besitzern abgelöset Seelenhirten versprachen feierlich
künftighin ihren Heerden neben den guten Worten noch obendrein ein gutes
Beispiel in den Kauf zu geben wenn der Herrgott nur diesesmal es noch beim
Einsehen bewenden ließe
    O was kann ichs beschreiben wie das Volk vor mir auf der Bühne in und
durcheinander lief und in der Angst betete und fluchte und jammerte und heulte
und wie jeglicher Maske auf diesem zusammengeblasenen großen Balle die Larve
von dem Antlitze fiel und man in Bettlerkleidern Könige und umgekehrt in
Ritterrüstungen Schwächlinge und so fast immer das Gegenteil zwischen Kleid und
Mann entdeckte
    Es freute mich dass sie lange vor übergrosser Angst das Zögern der himmlischen
Kriminaljustiz gar nicht bemerkten und die ganze Stadt Zeit hatte alle ihre
Tugenden und Laster aufzudecken und sich gleichsam vor mir ihrem letzten
Mitbürger völlig zu entblössen Das einzige geniale Stückchen verübte ein
satirischer Bube der schon vorher aus Langeweile entschlossen war in das neuen
Säkulum nicht mit hinüberzuwandern und jetzt in der letzten Stunde des alten
sich erschoss um den Versuch zu machen ob in diesem Indifferenzmomente zwischen
Tod und Auferstehen das Sterben noch auf einen Augenblick möglich sei damit er
nicht mit der ganzen übergrossen Lebenslangeweile in die Ewigkeit ohne weiteres
hinübermüsse
    Außer mir gab es übrigens nur noch eine ruhige Person und zwar den
Stadtpoeten der aus seinem Dachfenster trotzig in das Michel Angelos Gemälde
hinabschauete und auf seiner poetischen Höhe auch das Weltende poetisch nehmen
zu wollen schien
    Ein Astronom nahe bei mir merkte endlich an dass dieser große actus solennis
sich doch etwas zu lange verzögere und dass das feurige Schwert im Norden statt
des Gerichtsschwertes auch wohl nur als ein bloßer Nordschein zu nehmen sei In
diesem entscheidenden Momente da schon einige von den Schächern die Köpfe
wieder empor recken wollten hielt ichs für nüzlich sie wenigstens während
einer kurzen erbaulichen Rede noch in ihrer Zerknirschung festzuhalten zu
suchen und ich hub folgender Gestalt an
                             »Teuerste Mitbürger
Ein Astronom kann in diesem Falle nicht als ein kompetenter Richter angesehen
werden indem ein so wichtiges Phänomen das über uns am Himmel heraufzuziehen
scheint keinesweges wie ein unbedeutender Komet berechnet werden kann und nur
einmal während der ganzen Weltgeschichte erscheint lasst uns darum unsere
feierliche Stimmung nicht so leichtsinnig aufgeben sondern vielmehr einige für
unsern Standpunkt wichtige und zweckmässige Betrachtungen anstellen
    Was liegt uns wohl am Weltgerichtstage näher als ein Rückblick auf den unter
uns wankenden Planeten der nun mit seinen Paradiesen und Kerkern mit seinen
Narrenhäusern und Gelehrten Republiken zusammenstürzen soll lasst uns deshalb in
dieser letzten Stunde da wir die Weltgeschichte abschließen wollen nur kurz und
summarisch überschauen was wir seit dieser Erdball aus dem Chaos
hervorgestiegen auf ihm getrieben und ausgeführt haben Es ist seit Adam her
eine lange Reihe von Jahren  wenn wir nicht gar die Zeitrechnung der Chineser
als die gültige annehmen wollen  was haben wir aber darin vollbracht  Ich
behaupte Gar Nichts
    Staunet mich nicht so an der heutige Tag ist eben nicht dazu eingerichtet
sich wichtig zu machen und es tut Not dass wir uns über Hals und Kopf noch ein
wenig mit der Bescheidenheit zu beschäftigen suchen
    Sagt mir mit was für einer Mine wollt ihr bei unserm Herrgott erscheinen
ihr meine Brüder Fürsten Zinswucherer Krieger Mörder Kapitalisten Diebe
Staatsbeamten Juristen Theologen Philosophen Narren und welches Amtes und
Gewerbes ihr sein mögt denn es darf heute keiner in dieser allgemeinen
Nationalversammlung ausbleiben ob ich gleich merke dass mehrere von euch sich
gern auf die Beine machen möchten um Reisaus zu nehmen
    Gebt der Wahrheit die Ehre was habt ihr vollbracht das der Mühe wert
wäre Ihr Philosophen zB habt ihr bis jetzt etwas Wichtigers gesagt als dass
ihr nichts zu sagen wüsstet  das eigentliche und am meisten einleuchtende
Resultat aller bisherigen Philosophien  Ihr Gelehrten was hat eure
Gelehrsamkeit anders bezwekt als eine Zersezung und Verflüchtigung des
menschlichen Geistes um zuletzt mit Musse und einfältiger Wichtigkeit an das
übriggebliebene caput mortuum euch zu halten  Ihr Theologen die ihr so gern
zur göttlichen Hofhaltung gezählt werden möchtet und indem ihr mit dem
Allerhöchsten liebäugelt und fuchsschwänzt hier unten eine leidliche
Mördergrube veranstaltet und die Menschen statt sie zu vereinigen in Sekten
auseinander schleudert und den schönen allgemeinen Brüder und Familienstand als
boshafte Hausfreunde auf immer zerrissen habt  Ihr Juristen ihr Halbmenschen
die ihr eigentlich mit den Theologen nur eine Person ausmachen solltet statt
dessen euch aber in einer verwünschten Stunde von ihnen trenntet um Leiber
hinzurichten wie jene Geister Ach nur auf dem Rabensteine reicht ihr
Brüderseelen vor dem armen Sünder auf dem Gerichtsstuhle euch nur noch die Hände
und der geistliche und weltliche Henker erscheinen würdig neben einander 
    Was soll ich gar von euch sagen ihr Staatsmänner die ihr das
Menschengeschlecht auf mechanische Prinzipien reduzirtet Könnt ihr mit euren
Maximen vor einer himmlischen Revision bestehen und wie wollt ihr da wir jetzt
in einen Geisterstaat überzugehen im Begriffe sind jene ausgeplünderten
Menschengestalten placiren von denen ihr gleichsam nur den abgestreiften Balg
indem ihr den Geist in ihnen ertödtetet zu benuzen wusstet  O und was drängt
sich mir nicht noch alles auf über die einzeln stehenden Riesen die Fürsten und
Herrscher die mit Menschen statt mit Münzen bezahlen und mit dem Tode den
schändlichen Sklavenhandel treiben 
    O es hat mich toll und wild gemacht und wie ich die Erdenbrut jetzt vor mir
herum kriechend erblicke mit ihren Verdiensten und Tugenden so möchte ich nur
auf eine Stunde bei diesem allgemeinen Weltgerichte der Teufel sein bloß um
euch eine noch kräftigere Rede zu halten 
    Die feierliche Handlung zögert noch immer wie ich sehe und es wird euch
zur Bekehrung noch Raum gegeben so betet und heult denn ihr Heuchler wie ihr
es kurz vor dem Tode zu machen pflegt wenn ihr euer verpfuschtes Leben nicht
besser anzuwenden wisst und unfähig geworden seid länger zu sündigen
    Hinter Euch liegt die ganze Weltgeschichte wie ein alberner Roman in dem es
einige wenige leidliche Karaktere und eine Unzahl erbärmlicher gibt Ach euer
Herrgott hat es nur in dem einzigen versehen dass er ihn nicht selbst
bearbeitete sondern es euch überlies daran zu schreiben Sagt mir wird er es
jetzt wohl der Mühe wert halten dass verpfuschte Ding in eine höhere Sprache zu
übersetzen oder muss er nicht vielmehr wenn er es in seiner ganzen Seichtigkeit
vor sich liegen sieht es im Ingrim zerreißen und euch mit euren ganzen Planen
der Vergessenheit überantworten Ich sehs nicht anders ein denn ihr alle wie
ich euch hier erblicke könnt ihr wohl mit Recht auf den Himmel oder die Hölle
Anspruch machen Für jenen seid ihr zu schlecht für diese zu langweilig 
    Die Gerichtsanstalten ziehen sich noch in die Länge doch rate ich euch
werdet nicht etwa beruhigter rafft euch vielmehr zusammen um bis es unter uns
kracht noch einige hübsche Fortschritte in der Zerknirschung gemacht zu haben
Ich will mit den triftigsten Gründen losbrechen der Herr verschonte einst Sodom
und Gomorra um eines einzigen Gerechten willen doch könntet ihr frech genug
sein zu folgern dass er einiger leidlich Frommen wegen einen ganzen Erdball voll
Heuchler bei sich beherbergen werde Tue jemand unter euch auch nur einen
einzigen vernünftigen Vorschlag wohin man euch plaziren soll Schon der seelige
Kant hat es euch dargetan wie Zeit und Raum nur bloße Formen der sinnlichen
Anschauung sind nun wisst ihr aber dass beide in der Geisterwelt nicht mehr
vorkommen jetzt bitte ich euch die ihr nur allein in der Sinnlichkeit lebt und
webt wie wollt ihr Raum finden da wo es keinen Raum mehr gibt  Ja was
wollt ihr gar beginnen wenn es mit der Zeit zu Ende geht Selbst auf eure
größten Weisen und Dichter angewandt bleibt die Unsterblichkeit zuletzt doch
auch nur ein uneigentlicher Ausdruck was soll sie für euch arme Teufel
bedeuten die ihr keine andere Handlung ausgeübt habt als die mit Waren und
keinen andern Geist kennt als den Weingeist durch den eure Poeten ein Analogon
von Begeisterung in sich hervorbringen  Da gebe nur jemand einen leidlichen
Rat ich wenigstens weiß beim Teufel nicht wo ich mit euch hin soll« 
    Hier bemerkte ich eine Unruhe in der Versammlung vor mir und hörte auch
ganz deutlich wie einige junge Freigeister welche jetzt Synonyma mit Geistlosen
sind keklich behaupteten dass das ganze nur ein falscher Lerm gewesen Der eine
aus der Versammlung hatte auch bereits wieder seine Krone aufgesezt und der
erste Ratsstand der sich selbst vorhin denunciirte äußerte erbosst dass es
strenge Ahndung verdiene mit einer ganzen respectiven Stadt Komödie zu spielen
und dass man sich an mich als den ersten Lermstifter halten müsse
    Ich gab jetzt klein zu und bat nur noch indem ich mich an den Mann mit der
Krone wandte um einen Augenblick Gehör worauf ich folgendes bemerkte »Wie ein
solches Gerichtstagansagen selbst wenn es bloß blinder Lerm doch von einigem
Nutzen sein könne und es sogar zu wünschen wäre dass durch physikalische
Experimente und einige Centner Beerlappenmehl um von den Anhöhen und Türmen
damit herabzublitzen regelmäßig von Staats wegen ein solcher Vorspuk gemacht
werden möchte damit der Mann mit der Krone der in keinem Falle allwissend dann
und wann dadurch eine allgemeine Staatsrevision veranstalten und den Staat
selbst in puris naturalibus mit allen seinen Gebrechen erblicken könnte da er
ihm sonst nur immer in Galla und täuschend durch die Staatsschneider oder
Beschneider die Günstlinge und Räte ausgeschmükt vorgeführt würde Ja ich
trüge selbst darauf an mir als erstem Erfinder dieses Staatsexperiments ein
Patent über meine Erfindung auszufertigen bloß um die Nebensporteln die an
einem solchen pseudojüngsten Tage vorfielen als zB die Seegenswünsche der
vielen wieder emporgeholfenen armen Teufel die Flüche der gestürzten Heiligen
udg in meinen Säkel zu ziehen«
    Ja ich wagte zuletzt durch die Todtenstille um mich her kühner gemacht zu
bemerken »wie ich selbst heute schon eine solche Revision durch meinen
Feuerlärm veranstaltet hätte und es nicht übel geraten sei gleich jetzt an eine
mäßige Reparatur zu gehen und das verschobene Staatsgebäude wieder leidlich
durch einige Ämterentsetzungen Hinrichtungen usw einzurücken«
    Keiner redete als ich ausgesprochen ein Wort und der Mann schob die Krone
auf dem Haupte hin und her als wenn er mit sich unschlüssig wäre das endliche
Resultat war indes dass meine Erfindung als unanwendbar verworfen wurde und ich
aus höchster Gnade nur als ein Narr angesehen werden und für diesesmal noch mit
der Amtsentsetzung gegen mich innegehalten werden solle
    Damit indes ein ähnlicher Lerm nicht wieder für die Folge zu besorgen so
wurden durch eine Kabinetsordre die von Samuel Day erfundenen watchmanns
noctuaries eingeführt wodurch ich von einem singenden und blasenden
Nachtwächter auf einen stummen reduzirt wurde1 wobei man zum Grunde anführte
dass ich durch mein Blasen und Rufen mich den Nachtdieben verriete und es
deshalb als unzweckmässig abgeschafft werden müsse
    Die Tagdiebe waren so mit einemmale meiner Aufsicht entzogen und ich wandle
jetzt stumm und traurig durch die öden Straßen um in jeder Stunde meine Karte in
die Nachtuhr zu schieben O es ist unglaublich was seitdem der Schlaf befördert
ist und wie so mancher der bei seinen geheimen Sünden nichts als den jüngsten
Tag fürchtete seitdem meine Gerichtsposaune zerbrochen ist ruhig und fest in
seinen Kissen liegt
 
                              Siebente Nachtwache
Ich bin einmal auf meine Tollheiten gekommen nun ist aber mein Leben selbst die
ärgste von allen und ich will diese Nacht da ich mir doch durch Blasen und
Singen die Zeit nicht mehr vertreiben darf in der Rekapitulation desselben
fortfahren
    Ich bin schon oft daran gegangen vor dem Spiegel meiner Einbildungskraft
sizend mich selbst leidlich zu portraitiren habe aber immer in das verdammte
Antliz hineingeschlagen wenn ich zuletzt fand dass es einem Vexirgemälde glich
das von drei verschiedenen Standpunkten betrachtet eine Grazie eine Meerkaze
und en face den Teufel dazu darstellt Da bin ich denn über mich verwirrt
geworden und habe als den letzten Grund meines Daseins hypotetisch angenommen
dass eben der Teufel selbst um dem Himmel einen Possen zu spielen sich während
einer dunkeln Nacht in das Bette einer eben kanonisirten Heiligen geschlichen
und da mich gleichsam als eine lex cruciata für unsern Herrgott
niedergeschrieben habe bei der er sich am Weltgerichtstage den Kopf zerbrechen
solle
    Dieser verdammte Widerspruch in mir geht so weit dass zB der Papst selbst
beim Beten nicht andächtiger sein kann als ich beim blasphemiren da ich
hingegen wenn ich recht gute erbauliche Werke durchlese mich der boshaftesten
Gedanken dabei durchaus nicht erwehren kann Wenn andere verständige und
gefühlvolle Leute in die Natur hinauswandern um sich dort poetische Stifts und
Taborshütten zu errichten so trage ich vielmehr dauerhafte und auserlesene
Baumaterialien zu einem allgemeinen Narrenhause zusammen worin ich Prosaisten
und Dichter bei einander einsperren möchte Ein paarmale jagte man mich aus
Kirchen weil ich dort lachte und eben so oft aus Freudenhäusern weil ich drin
beten wollte
    Eins ist nur möglich entweder stehen die Menschen verkehrt oder ich Wenn
die Stimmenmehrheit hier entscheiden soll so bin ich rein verloren
    Dem sei wie ihm wolle und meine Physiognomie falle hässlich oder schön aus
ich will ein Stündchen treulich daran kopiren Schmeicheln werde ich nicht denn
ich male in der Nacht wo ich die gleissenden Farben nicht anwenden kann und nur
auf starke Schatten und Drucker mich einschränken muss
    Mir gaben zuerst einige poetische Flugblätter einen leidlichen Namen die
ich aus der Werkstätte meines Schuhmachers fliegen ließ das erste enthielt eine
Leichenrede die ich niederschrieb als diesem ein Knäblein geboren wurde und ich
erinnere mich nur noch bloß an den Anfang der ungefähr so lautete
    »Da kleiden sie ihn ein für seinen ersten Sarg bis der zweite fertig
worden an dem seine Taten und Torheiten eingegraben sind so wie man
Fürstenleichen erst in einen provisorischen Sarg einzulegen pflegt bis sie dann
später den zinnernen in die Gruft hinabtragen der würdig mit Trophäen und
Inschriften verziert ist und den Leichnam zum zweitenmale einsargen  Traut
auch ich bitte euch dem Lebensscheine und den Rosen auf den Wangen des Knaben
nicht das ist die Kunst der Natur wodurch sie gleich einem geschikten Arzte
den einbalsamirten Körper eine längere Zeit in einer angenehmen Täuschung
erhält in seinem Innern nagt doch die Verwesung schon und wolltet ihr es
aufdecken so würdet ihr eben die Würmer aus ihren Keimen sich entwickeln sehen
die Freude und den Schmerz die sich schnell durchnagen dass die Leiche in Staub
zerfällt Ach nur da er noch nicht geboren war lebte er so wie das Glück
allein in der Hoffnung besteht sobald es aber wirklich wird sich selbst
zerstört Jetzt steht er nur noch auf dem Paradebette und die Blumen die ihr auf
ihn streut sind Herbstblumen für sein Sterbekleid In der Ferne rüsten sich auch
schon ringsum die Leichenträger die seine Freuden und ihn selbst hinwegführen
wollen und die Erde bereitet schon seine Gruft für ihn um ihn zu empfangen
Überall strecken nur der Tod und die Verwesung gierig ihre Arme nach ihm aus
ihn nach und nach zu verzehren um zuletzt wenn seine Schmerzen seine Wonne
seine Erinnerung und sein Staub verwehet ist vom Morden müde auf seiner leeren
Gruft auszuruhen Seine Asche hat die Natur dann schon längst wieder zu neuen
Todtenblumen für neue Sterbende verbraucht« 
    Das Übrige von der Rede habe ich vergessen Sie meinten das Ganze sei nicht
übel und nur bloß die Überschrift ein Fehler indem offenbar statt Geburtstage
Sterbetage stehen müsse so wurde es dann auch bei vorkommenden Kinderleichen
gebraucht 
    Ein debütirender Autor hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen da er sich
erst überhaupt durch seine Werke bekannt machen muss hingegen ein schon
aufgetretener und einmal applaudirter bloß durch seinen Namen seine Werke
berühmt macht indem die Menschen es nimmer sich überreden können dass große
Poeten und große Helden ihre Stunden haben in denen sie schlechtere Werke und
schlechtere Handlungen ans Licht fördern als die schlechtesten anderer höchst
alltäglicher Erdensöhne Höhe und Tiefe sind nie ohne einander auf der Fläche
dagegen ist der Sturz nicht zu befürchten
    Mich verfolgte indes das Glück ordentlicherweise und ich erhielt fast mehr
Reime zusammenzuflicken als Schuhe so dass wir das alte Hans Sachsische
Aushängeschild über unserer Werkstatt wieder herstellen und zwei für den Staat
wichtige Künste amalgamiren konnten Dazu erhielt ich für ein Gedicht fast mehr
bezahlt als für einen Schuh weshalb der alte Meister das lose Handwerk neben
dem Brodhandwerke ungeneckt einherwandeln und meinen delphischen Dreifuss neben
seinem gemeinnüzigen stehen lies
    Als eine vernünftige Anordnung der Vorsehung betrachte ich es übrigens dass
manche Menschen in einen engen erbärmlichen Wirkungskreis und zwischen vier
Mauern eingesperrt sind wo in der dumpfen Kerkerluft ihr Licht nur matt und
unschädlich aufflammen kann so dass man höchstens dabei erkennt dass man sich in
einem Kerker befindet da es im Gegenteile in der Freiheit wie ein Vulkan
auflodern würde um Alles ringsum in Brand zu stecken  Bei mir fing es
wirklich jetzt schon an zu sprühen und zu funkeln indes konnten nichts weiter
als poetische Leuchtkugeln zum Vorschein kommen um das Terrain zu
rekognosciren aber keine Bomben um zu zersprengen und zu verheeren Eine
furchtbare Angst ergriff mich oft wie einen Riesen den man als Kind in einen
niedrigen Raum eingemauert und der jetzt empor wächst und sich ausdehnen und
aufrichten will ohne es im Stande zu sein und sich nur das Gehirn eindrücken
oder zur verränkten Misgestalt in einander drängen kann
    Menschen dieses Schlages wenn sie empor kämen würden feindseelig sich
äußern und als eine Pest ein Erdbeben oder Gewitter unter das Volk fahren und
ein gutes Stück von dem Planeten aufreiben und zu Pulver verbrennen Doch sind
diese Enakssöhne gewöhnlich gut postirt und es sind Berge über sie geworfen wie
über die Titanen worunter sie sich nur grimmig schütteln können Hier verkohlt
sich ihr Brennstoff allmählig und nur selten gelingts ihnen sich Luft zu
machen und ihr Feuer zornig aus dem Vulkane gen Himmel zu schleudern
    Ich brachte das Volk indes schon durch mein bloßes Feuerwerkern in Aufruhr
und die flüchtige satirische Rede eines Esels über das Thema warum es überhaupt
Esel geben müsse machte gewaltigen Lerm Ich hatte bei Gott wenig Arges dabei
gedacht und das Ganze bloß aufs Allgemeine bezogen aber eine Satire ist wie
ein Probirstein und jedes Metall das daran vorüberstreicht lässt das Zeichen
seines Wertes oder Unwertes zurück so gings auch hier  der  hatte das
Blatt gelesen und alles genau auf sich passend gefunden weshalb man mich ohne
weiteres in den Turm sperrte wo ich Musse hatte immer wilder zu werden dabei
gings mir übrigens mit meinem Menschenhasse wie den Fürsten die den einzelnen
Menschen wohltun und sie nur in ganzen Heeren würgen
    Endlich ließ man mich los als die fremde Zahlung aufhörte denn mein alter
Meister war Todes verfahren und ich stand nun mutterallein da in der Welt als
wäre ich aus einem andern Planeten herabgefallen Jetzt sah ichs recht wie der
Mensch als Mensch nichts mehr gilt und kein Eigentum an der Erde hat als was
er sich erkauft oder erkämpft O wie ergrimmte ich dass Bettler Vagabunden und
andere arme Teufel wie ich einer bin das Faustrecht sich nehmen ließ und es
nur den Fürsten zugestanden als zu ihren Regalen gehörig die es nun im Großen
ausüben konnte ich doch wahrlich kein Stükchen Erde finden um mich darauf
niederzulassen so sehr hatten sie jede Handbreit unter sich zerteilt und
zerstückelt und wollten schlechterdings von dem Naturrechte als dem einzigen
allgemeinen und positiven nichts wissen sondern hatten in jedem Winkelchen ihr
besonderes Recht und ihren besonderes Glauben in Sparta besangen sie den Dieb
je kunstfertiger er zu stehlen verstand und nebenan in Athen hingen sie ihn
auf
    Zu etwas musste ich indes greifen um nicht zu verhungern hatten sie doch
alles freie Gemeingut der Natur bis auf die Vögel unterm Himmel und die Fische
im Wasser an sich gerissen und wollten mir kein Fruchtkorn zugestehen ohne gute
baare Bezahlung Ich wählte das erste beste Fach worin ich sie und ihr Treiben
besingen konnte und wurde Rhapsode wie der blinde Homer der auch als
Bänkelsänger umherziehen musste
    Blut lieben sie über die Maassen und wenn sie es auch nicht selbst
vergießen so mögen sie es doch für ihr Leben überall in Bildern Gedichten und
im Leben selbst gern fließen sehen in großen Schlachtstücken am liebsten Ich
sang ihnen daher Mordgeschichten und hatte mein Auskommen dabei ja ich fing an
mich zu den nützlichen Mitgliedern im Staate als zu den Fechtmeistern
Gewehrfabrikanten Pulvermüllern Kriegsministern Ärzten usw die alle
offenbar dem Tode in die Hand arbeiten zu zählen und bekam eine gute Meinung
von mir indem ich meine Zuhörer und Schüler abzuhärten und sie an blutige
Auftritte zu gewöhnen mich bemühete
    Endlich aber wurden mir doch die kleineren Mordstücke zuwider und ich wagte
mich an größere  an Seelenmorde durch Kirche und Staat wofür ich gute Stoffe
aus der Geschichte wählte ließ auch hin und wieder kleine episodische
Ergözlichkeiten von leichteren Morden als zB der Ehre durch den tückischen
guten Ruf der Liebe durch kalte herzlose Buben der Treue durch falsche
Freunde der Gerechtigkeit durch Gerichtshöfe der gesunden Vernunft durch
Zensuredikte usw mit einfliessen Da aber war es vorbei und es wurden in
kurzen mehr denn funfzig Injurienprozesse gegen mich anhängig gemacht Ich trat
auf vor Gericht als mein eigener advocatus diaboli vor mir saßen an der
Tafelrunde ein halb Duzend mit den Gerechtigkeitsmasken vor dem Antlize
worunter sie ihre eigene Schalksphysiognomie und zweite Hogartsgesichtshälfte
verbargen Sie verstehen die Kunst des Rubens wodurch er vermittelst eines
einzigen Zuges ein lachendes Gesicht in ein weinendes verwandelte und wenden
sie bei sich selbst an sobald sie sich auf die Gerichtsstühle niederlassen
damit man diese nicht für arme Sünderstühlchen anzusehen geneigt sein möchte 
Nach einer strengen Verwarnung die Wahrheit auf die mir vorgelegten Anklagen zu
sagen hub ich so an
    »Wohlweise Ich stehe hier als beschuldigter Injuriant vor Ihnen und alle
corpora delicti sprechen wider mich worunter ich auch Sie selbst zu zählen fest
willens bin indem man corpora delicti nicht nur als die Gegenstände aus denen
man auf ein bestimmtes Verbrechen schließen kann zB Brechstangen
Diebsleitern ud gl sondern auch als die Leiber selbst in denen das Verbrechen
wohnt ansehen könnte Nun aber wäre es nicht übel geraten dass Sie selbst
nicht nur als gute Teoretiker die Verbrechen kennen lernten sondern sie auch
als brave Praktiker auszuüben verständen wie denn schon manche Dichter sich
ernstlich beklagen dass ihre Rezensenten selbst nicht einen einzigen Vers zu
machen im Stande wären und doch über Verse richten wollten  und was würden
Sie Wohlweise zu entgegnen haben wenn Ihnen der Analogie gemäß ein Dieb
Ehebrecher oder irgend ein anderer Hundsfott dieses Gelichters über den Sie
richten wollten eine ähnliche Nuss aufzuknacken gäbe und sie nicht für
kompetente Rezensenten in ihrem Fache anerkennen wollte weil sie in praxi
selbst noch gar nichts prästirt
    Die Gesetze scheinen auch in der Tat hierauf hinzudeuten und eximiren Sie
als Gerichtspersonen in manchen Fällen von den Verbrechen wie Sie denn zB
ungestraft erwürgen mit dem Schwerdte um sich schlagen mit Keulen niederhauen
verbrennen säcken lebendig begraben und vierteilen und foltern dürfen 
lauter grobe Missetaten die man keinem andern als nur Ihnen hingehen lässt Ja
auch in kleineren Vergehungen und namentlich in dem Falle worin ich mich jetzt
als Inquisit hier befinde sprechen Sie die Gesetze frei so erlaubt Ihnen die
lex 13 § 1 und 2 de iniuriis geradezu diejenigen zu injuriiren die Sie
selbst wegen Injurien in Ihrem Gerichtsgarn gefangen halten
    Es ist unglaublich welche Vorteile aus dieser Einrichtung für den Staat
fließen könnten würden nicht zB eine Menge Verbrechen mehr zu Tage gefördert
werden können wenn respektive Gerichtsherren in eigener Person die Lustäuser
besuchten und die Lust vollzögen um die Inkulpirten sogleich ohne weiteres zu
überführen wenn sie ebenfalls als Diebe sich unter die Diebe mischten bloß um
ihre Kameraden hängen zu lassen oder wenn sie selbst den Ehebruch vollzögen um
die etwanigen Ehebrecherinnen und solche die Lust und Liebe zu diesem Verbrechen
haben und als schädliche Mitglieder des Staates zu betrachten sind kennen zu
lernen
    Guter Himmel das Wohltätige einer solchen Einrichtung ist so klar dass ich
gar nichts weiter hinzufügen mag und bloß dieses unmassgeblichen Vorschlags
halber meine Lossprechung verdient hätte
    Ich gehe indes zu meiner Verteidigung selbst über Wohlweise Mir ist hier
eine iniuria oralis und zwar nach der Unterabteilung b eine gesungene Injurie
zur Last gelegt Ich dürfte schon hier einen Grund der Nullität der Anklage
finden indem Sänger offenbar sich zu der Kaste der Dichter zählen und es
diesen leztern eben weil sie nach der neueren Schule keine Tendenz bezwecken
erlaubt sein müsse in ihrer Begeisterung zu injuriiren und blasphemiren so viel
sie nur wollten Ja es dürfte einem Dichter und Sänger schon deshalb dies
Verbrechen nicht zugerechnet werden weil die Begeisterung der Trunkenheit
gleichzusetzen ist die ohne weiteres wenn der Trunkene sich nicht culpose in
diesen Zustand versezt hat welches offenbar bei einem Begeisterten nicht
anzunehmen ist indem die Begeisterung eine Gabe der Götter von der Strafe
befreit  Indes will ich meine Verteidigung noch bündiger formiren und
verweise sie deshalb auf die Schriften unserer vorzüglichsten neueren
Rechtslehrer in denen es bündig dargetan ist dass die Gerechtigkeit
schlechterdings nichts mit der Moralität zu schaffen habe und dass nur eine die
äußern Rechte verlezende Handlung als ein Verbrechen VRW imputirt werden
könne Nun aber habe ich nur moralisch injuriirt und verwundet und weise
deshalb die Klage vor diesem Gerichtshofe als unzulänglich ab indem ich als
moralische Person unter dem foro privilegiato einer anderen Welt stehe
    Ja da nach Weber über Injurien im ersten Abschnitte pag 29 an denjenigen
Personen die auf das Recht auf Ehre Verzicht getan haben keine Injurie
begangen werden kann so darf ich auch der Analogie gemäß folgern dass ich Sie da
Sie als Icti und Gerichtspersonen schlechtin von der Moralität sich losgesagt
haben hier an offener Gerichtsstätte mit allen möglichen moralischen Injurien
überhäufen darf ja wenn ich Sie kalte gefühllose unmoralische obgleich
wohlweise und gerechte Herren zu nennen wage so ist das vielmehr als eine
Apologie als Injurie zu halten und ich weise schlechtin jede von hier
ausgehende gerichtliche Ansprüche als unzulänglich ab« 
    Hier hielt ich inne und alle sechs sahen sich eine Weile an ohne zu
dezidiren ich wartete ruhig Hätten sie mir als Strafe das Wippen das
Trillhaus den spanischen Mantel Schmäuchen Riemschneiden oder gar das
Aufreissen des Leibes welches in Japan für sehr ehrenvoll gehalten wird
zuerkannt mich würde es gefreuet haben gegen die Bosheit die der erste
Rechtsfreund und Vorsizer verübte als er den Ausspruch tat dass mir
schlechterdings das Verbrechen nicht zugerechnet werden könnte indem ich zu den
mente captis zu zählen sei und mein Vergehen als die Folge eines partiellen
Wahnsinns betrachtet werden müsse weshalb man mich ohne weiteres an das
Tollhaus abzuliefern habe
    Es ist zu arg ich mag heute nicht weiter rekapituliren und will mich
schlafen legen
 
                                Achte Nachtwache
Die Dichter sind ein unschädliches Völkchen mit ihren Träumen und Entzückungen
und dem Himmel voll griechischer Götter den sie in ihrer Phantasie mit sich
umhertragen Bösartig aber werden sie sobald sie sich erdreisten ihr Ideal an
die Wirklichkeit zu halten und nun in diese mit der sie gar nichts zu schaffen
haben sollten zornig hineinschlagen Sie würden indes unschädlich bleiben wenn
man ihnen nur in der Wirklichkeit ihres freien Pläzchen ungestört einräumen und
sie nicht durch das Drängen und Treiben in derselben eben zum Rückblik in sie
zwingen wollte Für den Maasstab ihres Ideals muss alles zu klein ausfallen denn
dieser reicht über die Wolken hinaus und sie selbst können sein Ende nicht
absehen und müssen sich nur an die Sterne als provisorische Grenzpunkte halten
von denen indes wer weiß wie viele bis heute unsichtbar sind und ihr Licht sich
noch auf der Reise zu uns herab befindet
    Der Stadtpoet auf seinem Dachkämmerchen gehörte auch zu den Idealisten die
man mit Gewalt durch Hunger Gläubiger Gerichtsfrohne usw zu Realisten
bekehrt hatte wie Karl der Große die Heiden mit dem Schwerdte in den Fluss
trieb damit sie dort zu Christen getauft würden Ich hatte mit dem Nachtraben
Bekanntschaft gemacht und lief wenn ich meine Karte als einen Zeitschein in die
Nachtuhr geschoben hatte oft zu ihm hinauf um seinem Gähren und Brausen
zuzuschauen wenn er dort oben als begeisterter Apostel mit der Flamme auf dem
Haupte gegen die Menschen zürnte Sein ganzes Genie konzentrirte sich auf die
Vollendung einer Tragödie worin die großen Geister der Menschheit deren Körper
und bloße äußere Hülle sie gleichsam nur erscheint die Liebe der Hass die Zeit
und die Ewigkeit als hohe geheimnisvolle Gestalten auftraten durch die statt
des Chors ein tragischer Hanswurst eine groteske und furchtbare Maske hinlief
Der Tragiker hielt das schöne Antliz des Lebens mit eiserner Faust unverrückt
vor seinen großen Hohlspiegel worin es sich in wilde Züge verzerrte und
gleichsam seine Abgründe offenbarte in den Furchen und hässlichen Runzeln die in
die schönen Wangen fielen so zeichnete ers ab
    Es ist gut dass es viele nicht begriffen denn in unserm Lorgnetten
Zeitalter sind die grössesten Gegenstände so entrükt worden dass man sie
höchstens nur noch in der Ferne undeutlich durch die Vergrösserungsgläser
erkennt dagegen die kleinen recht gründlich kultivirt werden weil Kurzsichtige
in der Nähe um so schärfer sehen 
    Er hatte das Ganze bereits beendigt und hoffte dass die Götter die er dabei
angerufen sich ihm diesmal wenigstens als ein goldener Regen offenbahren
würden durch den er seine Gläubiger den Hunger und die Gerichtsdiener von sich
verscheuchen könnte Heute war der Tag an dem das imprimatur des wichtigsten
Zensors des Verlegers hatte einlaufen müssen und mich trieb die Neugierde zu
ihm hinauf und die Sehnsucht ihn in dem fröhlichen Gelage der Erdengötter zu
erblicken  Ist es nicht traurig dass die Menschen ihre Freudensäle so fest
verschlossen halten und durch Geharnischte2 bewachen lassen vor denen der
Bettler der sie nicht bestechen kann erschrocken zurückweicht
    Ich stieg keuchend in den hohen Olymp hinauf und öffnete den Eingang aber
statt eines Trauerspiels das ich nicht erwartet hatte fand ich ihrer zwei das
rükgehende vom Verleger und den Tragiker selbst der das zweite aus dem
Stegereife zugleich gedichtet und als Protagonist3 aufgeführt hatte Da ihn der
tragische Dolch gemangelt so hatte er in der Eile was bei einem improvisirten
Drama leicht übersehen werden kann die Schnur die dem auf der Retourfuhre
begriffenen Manuscripte als Reisegurt gedient dazu auserwählt und schwebte an
ihr als ein gen Himmel fahrender Heiliger recht leicht und mit abgeworfenem
Erdenballast über seinem Werke
    Es war übrigens in der Stube ganz still und fast schauerlich nur ein paar
zahme Mäuse spielten als einzige Haustiere friedlich zu meinen Füßen und
pfiffen entweder aus guter Laune oder aus Hunger für das leztere schien
beinahe eine dritte zu entscheiden die sehr eifrig an der Unsterblichkeit des
Dichters seinem retourgegangenen opere postumo nagte
    »Armer Teufel sagte ich zu ihm hinaufblickend ich weiß nicht ob ich deine
Himmelfart komisch oder ernstaft nehmen soll Drollig bleibt es allerdings
dass du als eine Mozartsche Stimme in ein schlechtes Dorfkonzert mit eingelegt
bist und eben so natürlich dass du dich daraus weggestohlen in einem ganzen
Lande von Hinkenden wird eine einzige Ausnahme als ein seltsames verschrobenes
lusus naturae verlacht eben so würde in einem Staate von lauter Dieben die
Ehrlichkeit allein mit dem Strange bestraft werden müssen es kommt Alles in der
Welt auf die Zusammenstellung und Übereinkunft an und da nun deine Landsleute
nur an ein abscheuliches kreischendes Geschrei statt des Gesanges gewöhnt sind
so mussten sie dich eben deines guten gebildeten Vortrags wegen zu den
Nachtwächtern zählen wie ich denn deshalb auch einer geworden bin O die
Menschen schreiten hübsch vorwärts und ich hätte wohl Lust meinen Kopf nach
einem Jahrtausende nur auf eine Stunde lang in diese alberne Welt zu stecken
ich wette darauf ich würde sehen wie sie in den Antikenkabinetten und Museen nur
noch das Frazzenhafte abzeichneten und nach einem Ideale der Hässlichkeit
strebten nachdem sie die Schönheit längst als eine zweite französische Poesie
für fade erklärt hätten Den mechanischen Vorlesungen über die Natur wünschte
ich auch beizuwohnen in denen es gelehrt wird wie man eine Welt mit geringem
Aufwande von Kräften vollständig zusammenstellen kann und die jungen Schüler zu
Weltschöpfern ausgebildet werden da man sie jetzt nur zu Ichsschöpfern anzieht
Guter Gott was müssen nach einem Jahrtausend nicht für Fortschritte in allen
Wissenschaften gemacht sein da wir jetzt bereits so weit sind man muss dann
Naturreparirer eben so häufig wie jetzt Uhrmacher haben Korrespondenzen mit dem
Monde führen von dem wir heutiges Tages schon Steine heraberhalten
Shakspearsche Stücke in den untersten Klassen als Exercitien ausarbeiten die
Liebe die Freundschaft die Treue wie jetzt den Hanswurst schon nicht mehr auf
den Teatern dulden Tollhäuser nur noch für Vernünftige aufbauen die Ärzte als
schädliche Mitglieder des Staates ausreuten weil sie das Mittel gegen den Tod
aufgefunden und Gewitter und Erdbeben so leicht veranstalten können wie jetzt
Feuerwerke  Armer schwebender Teufel wie würde es da mit deiner
Unsterblichkeit aussehen und du hast wohlgetan dass du dich rasch aus dem
Staube machtest« 
    Ich wurde aber plötzlich in meiner guten Laune gerührt so wie ein heftig
Lachender zuletzt in Tränen ausbricht als ich in einen Winkel blickte wo seine
Kindheit gleichsam als die einzige Freude und zugleich als die einzige
zurückgebliebene Möbel dem Erblassten stumm und bedeutend gegenübergestellt war
es war ein altes verwittertes Gemälde auf dem die Farben schon halb verlöscht
so wie dem Aberglauben nach auf den Portraiten Verstorbener die Wangenröte
verfliegt Es stellte den Poeten dar wie er als ein freundlicher lächelnder
Knabe an der Brust seiner Mutter spielte ach das schöne Antliz war seine erste
und einzige Liebe und sie war ihm nur sterbend untreu geworden Hier in dem
Bilde lachte die Kindheit noch um ihn und er stand in dem Frühlingsgarten voll
geschlossener Blumenknospen nach deren Dufte er sich sehnte und die ihm nur als
Giftblumen aufbrachen und den Tod gaben Ich musste mich schaudernd abwenden als
ich die Kopie den lächelnden umlokten Kindskopf mit dem jezigen Originale dem
schwebenden Hypokratischen Gesichte verglich das schwarz und schreklich wie ein
Medusenhaupt in seine Jugend schaute Er schien noch in der letzten Minute den
letzten Blick auf das Gemälde geworfen zu haben denn er hing dagegen gekehrt und
die Lampe brannte dicht davor wie vor einem Altarblatte  O die Leidenschaften
sind die tückischen Retouschirer die den blühenden Rafaelskopf der Jugend mit
den fortschreitenden Jahren auffrischen und durch immer härtere Züge entstellen
und verzerren bis aus dem Engelshaupt eine Höllenbreugelische Larve geworden
ist 
    Der Arbeitstisch des Dichters dieser Altar des Apoll war ein Stein denn
alles vorrätige Holz bis auf den abgelöseten Rahmen des Gemäldes war längst
bei seinen nächtlichen Opfern zur Flamme verzehrt Auf diesem Steine lagen das
rükgekehrte Trauerspiel der Mensch überschrieben und zugleich der Absagebrief
des Poeten an das Leben dieser lautete so
                           »Absagebrief an das Leben
Der Mensch taugt nichts darum streiche ich ihn aus Mein Mensch hat keinen
Verleger gefunden weder als persona vera noch ficta für die letzte meine
Tragödie will kein Buchhändler die Druckkosten herschiessen und um die erste
mich selbst bekümmert sich gar der Teufel nicht und sie lassen mich
verhungern wie den Ugolino in dem größten Hungerturme der Welt von dem sie
vor meinen Augen den Schlüssel auf immer in das Meer geworfen haben Ein Glück
ists noch dass mir so viel Kraft übrig bleibt die Zinne zu erklimmen und mich
hinabzustürzen Ich danke dafür in diesem meinem Testamente dem Buchhändler
der ob er gleich meinem Menschen nicht fortelfen wollte mir doch wenigstens
die Schnur in den Turm hinabwarf an der ich in die Höhe kommen kann
    Ich denke es ist lustig droben und eine gute freie Aussicht besser ists
in alle Wege selbst wenn ich nichts sehen sollte als hier unten denn ich weiß
nichts mehr darum  aber der alte Ugolino tappte vor Hunger blind geworden in
seinem Turme umher und war sich seiner Blindheit bewusst und das Leben kämpfte
noch gewaltig in ihm dass er nicht untergehen konnte
    Ach ich habe zwar wie er in meinem Kerker auch noch mit holden Knaben
getändelt die ich einsam in der Nacht erzeugte und die um mich her spielten als
eine blühende Jugend und goldene helle Träume in ihnen die ich hinterlassen
wollte schloss ich mich warm an das Leben  aber sie haben auch sie verstoßen
und die hungrigen Tiere die sie mit mir einsperrten haben sie zernagt dass
sie mich nur noch in der Erinnerung umgaukeln
    Mags sein die Tür ist fest hinter mir zugeworfen und das leztemal dass
sie sie öffneten wars nur um den Sarg meines letzten Kindes hereinzutragen 
ich hinterlasse nun nichts und gehe dir trozig entgegen Gott oder Nichts« 
    Dies war die letzte zurückgebliebene Asche von einer Flamme die in sich
selbst ersticken musste Ich sammelte sie und so viele Reliquien von dem
Menschen ich den hungrigen Mäusen noch entreißen konnte sorgfältig indem ich
mich gewaltsamerweise zum Erben der Hinterlassenschaft einsezte
    Bringt mich der Himmel unverhofft einmal in eine bessere Lage so gebe ich
das Trauerspiel der Mensch so zernagt und unvollständig es auch ist auf meine
Kosten heraus und verteile die Exemplare gratis unter die Menschen Für jetzt
will ich nur etwas vom Prologe des Hanswurstes mitteilen Der Poet entschuldigt
sich in einer kurzen Vorrede darüber dass er den Hanswurst in eine Tragödie
einzuführen wagte mit eigenen Worten folgendermaßen
    »Die alten Griechen hatten einen Chorus in ihren Trauerspielen angebracht
der durch die allgemeinen Betrachtungen die er anstellte den Blick von der
einzelnen schrecklichen Handlung abwendete und so die Gemüter besänftigte Ich
denke es ist mit dem Besänftigen jetzt nicht an der Zeit und man soll vielmehr
heftig erzürnen und aufwiegeln weil sonst nichts mehr anschlägt und die
Menschheit im Ganzen so schlaff und boshaft geworden ist dass sies
ordentlicherweise mechanisch betreibt und ihre heimlichen Sünden aus bloßer
Abspannung vollführt Man soll sie heftig reizen wie einen astenischen
Kranken und ich habe deshalb meinen Hanswurst angebracht um sie recht wild zu
machen denn wie nach dem Sprichworte Kinder und Narren die Wahrheit sagen so
befördern sie auch das Furchtbare und Tragische indem jene es unschuldig hart
vortragen und diese gar darüber spotten und Possen damit treiben Neuere
Ästetiker werden mir Gerechtigkeit wiederfahren lassen« 
    Das was ich noch von dem Manuscripte mitteilen will lautete so
              »Prolog des Hanswurstes zu der Tragödie der Mensch
Ich trete als Vorredner des Menschen auf Ein respektives zahlreiches Publikum
wird es leichter übersehen dass ich meiner Hantierung nach ein Narr bin wenn
ich für mich anführe dass nach Doktor Darwin4 eigentlich der Affe der doch
ohnstreitig noch läppischer ist als ein bloßer Narr der Vorredner und Prologist
des ganzen Menschengeschlechts ist und dass meine und Ihre Gedanken und Gefühle
sich nur bloß mit der Zeit etwas verfeinert und kultivirt haben obgleich sie
ihrem Ursprunge gemäß doch immer nur Gedanken und Gefühle bleiben wie sie in
dem Kopfe und Herzen eines Affen entstehen konnten Doktor Darwin den ich hier
als meinen Stellvertreter und Anwald aufführe behauptet nämlich dass der Mensch
als Mensch einer Affenart am mittelländischen Meere sein Dasein verdanke und
dass diese bloß dadurch dass sie sich ihres Daumenmuskels so bedienen lernte dass
Daumen und Fingerspitzen sich berührten sich allmählig ein verfeinertes Gefühl
verschafte von diesem in den folgenden Generationen zu Begriffen überging und
sich zuletzt zu verständigen Menschen einkleidete wie wir sie jetzt noch täglich
in Hof und anderen Uniformen einherschreiten sehen
    Das Ganze hat sehr viel für sich finden wir doch nach Jahrtausenden noch
hin und wieder auffallende Annäherungen und Verwandschaften in dieser Rüksicht
ja ich glaube bemerkt zu haben dass manche respektive und geschäzte Personen
sich ihres Daumenmuskels noch jetzt nicht gehörig bedienen lernten wie zB
manche Schriftsteller und Leute die die Feder führen wollen sollte ich darin
nicht irren so spricht das sehr für Darwin Auf der andern Seite finden wir
auch manche Gefühle und Geschicklichkeiten in dem Affen die uns offenbar bei
dem salto mortale zum Menschen entfallen sind so liebt zB eine Affenmutter
noch heutiges Tages ihre Kinder mehr als manche Fürstenmutter das einzige was
dies widerlegen könnte wäre noch wenn man anführen wollte dass diese sie eben
aus übergrosser Liebe vernachlässigte um das zu bezwecken was jene nur etwas
schneller durch das Erdrücken ihrer Jungen erreicht
    Genug ich bin mit Doktor Darwin einverstanden und tue den
philantropischen Vorschlag dass wir unsere jüngeren Brüder die Affen in allen
Weltteilen höher schäzen lernen und sie die jetzt nur unsere Parodisten sind
durch eine gründliche Anweisung den Daumen und die Fingerspizen zusammen zu
bringen so dass sie mindestens eine Schreibfeder führen können zu uns herauf
ziehen mögen Ist es doch besser mit dem ersten Doktor Darwin die Affen für
unsere Vorfahren anzunehmen als so lange zu zögern bis ein zweiter gar andere
wilde Tiere zu unsern Adscendenten macht welches er vielleicht durch eben so
gute Wahrscheinlichkeitsgründe belegen könnte da die meisten Menschen wenn man
ihnen das Unterteil des Gesichts und den Mund mit dem sie die gleissenden
Worte verschwenden verdekt in ihren Physiognomien eine auffallende
Geschlechtsähnlichkeit besonders mit Raubvögeln als zB Geiern Falken usw
erhalten ja da auch der alte Adel seine Stammbäume eher zu den Raubtieren als
Affen hinaufführen kann welches außer ihrer Vorliebe zur Räuberei im
Mittelalter auch noch aus ihren Wappen erhellet in denen sie meistenteils
Löwen Tieger Adler und andere dergleichen wilde Tiere führen 
    Das Gesagte mag hinlänglich sein um meine Person und Maske vor der jetzt
aufzuführenden Tragödie Der Mensch zu rechtfertigen Ich verspreche einem
respektiven Publikum zum Voraus dass ich spashaft sein will bis zum Todtlachen
der Dichter mag es noch so ernstaft und tragisch anlegen  Was soll es auch
überhaupt mit dem Ernste der Mensch ist eine spashafte Bestie von Haus aus und
er agirt bloß auf einer größeren Bühne als die Akteure der kleineren in diese
große wie in Hamlet eingeschachtelten mag ers noch so wichtig nehmen wollen
hinter den Kulissen muss er doch Krone Zepter und Teaterdolch ablegen und als
abgetretener Komödiant in sein dunkles Kämmerchen schleichen bis es dem
Direktor gefällt eine neue Komödie anzusagen Wollte er sein Ich in puris
naturalibus oder auch nur im Nachtkleide und mit der Schlafmüze zeigen beim
Teufel jedermann würde vor der Seichtigkeit und Nichtsnuzigkeit davon laufen so
behängt ers aber mit bunten Teaterlappen und nimmt die Masken der Freude und
Liebe vor das Gesicht um interessant zu scheinen und durch das innen
angebrachte Sprachrohr die Stimme zu erhöhen dann schaut zuletzt das Ich auf die
Lappen herab und bildet sich ein sie machtens aus ja es gibt wohl gar andere
noch schlechter gekleidete Ichs die den zusammengeflikten Popanz bewundern und
lobpreisen denn beim Lichte besehen ist doch die zweite Mandandane5 auch eine
nur künstlicher zusammengenähte die eine gorge de Paris vorgestekt hat um ein
Herz zu fingiren und eine täuschender gearbeitete Larve vor den Totenkopf
hält
    Der Totenkopf fehlt nie hinter der liebäugelnden Larve und das Leben ist
nur das Schellenkleid das das Nichts umgehängt hat um damit zu klingeln und es
zuletzt grimmig zu zerreißen und von sich zu schleudern Es ist Alles Nichts und
würgt sich selbst auf und schlingt sich gierig hinunter und eben dieses
Selbstverschlingen ist die tückische Spiegelfechterei als gäbe es Etwas da doch
wenn das Würgen einmal inne halten wollte eben das Nichts recht deutlich zur
Erscheinung käme dass sie davor erschrecken müssten Toren verstehen unter
diesem Innehalten die Ewigkeit es ist aber das eigentliche Nichts und der
absolute Tod da das Leben im Gegenteile nur durch ein fortlaufendes Sterben
entsteht
    Wollte man dergleichen ernstaft nehmen so möchte es leicht zum Tollhause
führen ich aber nehme es bloß als Hanswurst und führe dadurch den Prolog bis
zur Tragödie hin in der es der Dichter freilich höher genommen und sogar einen
Gott und eine Unsterblichkeit in sie hineinerfunden hat um seinen Menschen
bedeutender zu machen Ich hoffe indes das alte Schicksal unter dem bei den
Griechen selbst die Götter standen darin abzugeben und die handelnden Personen
recht toll in einander zu verwirren dass sie gar nicht klug aus sich werden und
der Mensch sich zuletzt für Gott selbst halten oder zum mindesten wie die
Idealisten und die Weltgeschichte an einer solchen Maske formen soll
    Ich habe mich jetzt so ziemlich angekündigt und kann das Trauerspiel nun
allenfalls selbst auftreten lassen mit seinen drei Einheiten der Zeit  auf die
ich streng halten werde damit der Mensch sich gar nicht etwa in die Ewigkeit
verirrt  des Orts  der immer im Raume bleiben soll  und der Handlung  die
ich so viel als möglich beschränken werde damit der Oedipus der Mensch nur
bis zur Blindheit nicht aber in einer zweiten Handlung zur Verklärung
fortschreite
    Gegen die Maskeneinführung habe ich mich nicht gesperrt denn je mehr Masken
über einander um desto mehr Spaß sie eine nach der andern abzuziehen bis zur
vorlezten satirischen der hypokratischen und der letzten verfestigten die nicht
mehr lacht und weint  dem Schädel ohne Schopf und Zopf mit dem der
Tragikomiker am Ende abläuft  Auch gegen die Verse habe ich nichts einwenden
wollen sie sind nur eine komischere Lüge so wie der Koturn nur eine
komischere Aufgeblasenheit
    Prologus tritt ab «
 
                               Neunte Nachtwache
Es freut mich dass ich in den vielen Dornen meines Lebens doch wenigstens Eine
blühende volle Rose fand sie war zwar so von den Stacheln umschlungen dass ich
sie nur mit blutiger Hand und entblättert hervorziehen konnte doch aber pflükte
ich sie und ihr sterbender Duft tat mir wohl Diesen einen Wonnemonat unter
den übrigen Winter und Herbstmonden verlebte ich  im Tollhause 
    Die Menschheit organisirt sich gerade nach Art einer Zwiebel und schiebt
immer eine Hülse in die andere bis zur kleinsten worin der Mensch selbst denn
ganz winzig stekt So baut sie in den großen Himmelstempel an dessen Kuppel die
Welten als wunderheilige Hieroglyphen schweben kleinere Tempel mit kleineren
Kuppeln und nachgeäfften Sternen und in diese wieder noch kleinere Kapellen und
Tabernakel bis sie zuletzt das Allerheiligste ganz en miniature wie in einen
Ring eingefasst hat da es doch ringsum groß und mächtig um Berge und Wälder
schwebt und in der glänzenden Hostie der Sonne am Himmel emporgehoben wird
dass die Völker davor niederfallen In die allgemeine Weltreligion die die Natur
mit tausend Schriftzeichen geoffenbart hat schachtelt sie wieder kleinere
Volks und Stammreligionen für Juden Heiden Türken und Christen ja die
leztern haben auch daran nicht genug sondern schachteln sich noch von neuem
ein  Eben so ist es mit dem allgemeinen Irrhause aus dessen Fenstern so viele
Köpfe schauen teils mit partiellem teils mit totalem Wahnsinne auch in
dieses sind noch kleinere Tollhäuser für besondere Narren hineingebaut In eins
von diesen kleineren brachten sie mich jetzt aus dem großen vermutlich weil sie
dieses für zu stark besezt hielten Ich fand es indes hier gerade wie dort ja
fast noch besser weil die fixe Idee der mit mir eingesperrten Narren meistens
eine angenehme war
    Ich kann meine Mitnarren nicht besser darstellen als wenn ich gerade den
Augenblick wähle wo ich sie dem besuchenden Arzte vorführen musste was dann und
wann geschah weil mich der Aufseher des Instituts meiner unschädlichen Narrheit
halber zum Vizeund Unteraufseher ernannt hatte Ich tat es das leztemal unter
folgender Rede
    »Herr Doktor Öhlmann oder Olearius  wie Sie denn ihren Namen vor
Dissertationen und Programmen durch eine tote Sprache in die Unsterblichkeit
übersetzen  wir laboriren zwar alle mehr oder minder an fixen Ideen nicht nur
einzelne Individuen sondern ganze Gemeinheiten und Fakultäten von denen zB
viele der lezteren neben dem Vertriebe der Weisheit auch einem bloßen Huthandel
obliegen wodurch sie sogar nicht weise Häupter bloß vermöge des leichten
Aufdrückens eines solchen Hutes aus ihrer Fabrik in weise umzusetzen glauben
ja ihn oft selbst auf einen bloßen Rumpf schlagen und so scheinbar Philosophen
bilden weil die Gesichter der lezteren vor übergrossem Spekuliren sich ohnedies
gewöhnlich tief unter die Hutkrempe zu verkriechen pflegen  Ich habe der
vielen Beispiele halber die sich hier meinem Gedächtnisse aufdrängen den Faden
des Perioden verloren und reiße ihn lieber ganz ab um von neuem anzuheben«
    Öhlmann schüttelte hier seinen Doktorhut wie wenn er daran zweifelte dass
man dem meinigen eine Doublette von diesem erhandelten Exemplare jemals
verabfolgen lassen würde
    »Sie schütteln fuhr ich fort weil mich der Himmel bloß zu einem Narren
kreirt hat und nicht späterhin der Kaiser zum Doktor doch beseitigen wir das
für jetzt noch und reden von meiner Tollheit und den Mitteln ihr abzuhelfen
lieber zuletzt
    Hier No 1 ist ein Beleg zur Humanität der mehr als alle Schriften darüber
gilt ich kann nie an ihm vorübergehen ohne mich an die größten Helden der
Vorzeit einen Curtius Koriolan Regulus und dergleichen zu erinnern Sein
Wahnsinn besteht darin die Menschheit zu hoch und sich selbst zu niedrig
anzuschlagen deshalb behält er im Gegensaze schlechter Poeten alle
Flüssigkeiten bei sich weil er befürchtet durch ihre Freilassung eine
allgemeine Sündflut herbeizuführen Ich ergrimme oft wenn ich ihn betrachte
darüber dass ich sein eingebildetes Vermögen nicht in der Tat besize  wahrlich
ich täts ich nähme die Erde als meinen pot de chambre in die Hand dass alle
Doktoren untergingen und nur ihre Hüte in Menge oben schwämmen Es ist ein
großer Gedanke  der arme Teufel fasst ihn nicht denn sehen sie nur wie er da
steht und sich quält und den Atem zurückhält bloß aus reiner Menschenliebe
und wenn wir ihm jetzt von dieser Seite nicht Luft verschaffen so ist er des
Todes Mein recipe sind Feuersbrünste ausgetrocknete Ströme mit stillstehenden
Mühlen und vielen Hungrigen und Durstigen an den Ufern Eine Radikalkur denke
ich soll die Hölle des Dante abgeben durch die ich ihn jetzt alle Tage führe
und die er zu verlöschen sich ernstlich vorgesezt hat  Seines ursprünglichen
Handwerks nach soll er ein Poet gewesen sein der seine Flüssigkeiten in keinen
Buchladen ableiten konnte
    No 2 und 3 sind philosophische Gegenfüssler ein Idealist und ein Realist
jener laborirt an einer gläsernen Brust und dieser an einem gläsernen Gesässe
weshalb er sein Ich niemals sezt was jenem eine Kleinigkeit ist ob er gleich
dagegen die moralische Anschauung vermeidet und darum die Brust sorgfältig
bedeckt
    No 4 sizt hier bloß deswegen weil er in der Bildung um ein halbes
Jahrhundert zu weit vorausgeschritten ist es wandeln noch einige von der Art
frei herum die man aber wie billig alle auch für toll hält
    No 5 hielt zu verständige und verständliche Reden deshalb haben sie ihn
hieher geschickt
    No 6 ist aus der Verrükteit den Scherz eines Großen als Ernst zu nehmen
verrükt geworden
    No 7 hat sein Gehirn versengt dadurch dass er sich zu hoch in die Poesie
verstieg und
    No 8 dadurch dass er bei vernünftigen Tagen es mit der Rührung in seinen
Komödien zu übermäßig betrieb seine Vernunft gänzlich weggeschwemmt Jener
glaubt jetzt als Flamme zu brennen so wie im Gegenteile dieser als Wasser dahin
fließt Ich habe dann und wann versucht die widerstreitenden Elemente durch
einen gegenseitigen Kampf zu verzehren aber das Feuer fiel dann so heftig über
das Wasser her dass ich
    No 9 der sich für den Weltschöpfer hält herbeirufen musste um sie wieder
von einander zu scheiden
    Diese letzte Nummer hält oft höchst wunderliche Selbstgespräche und Sie
können jetzt eben einem zuhören wenn sie anders Geduld dazu haben
                     Monolog des wahnsinnigen Weltschöpfers
»Es ist ein wunderlich Ding hier in meiner Hand und wenn ichs von Sekunde zu
Sekunde  was sie dort ein Jahrhundert heißen  durch das Vergrösserungsglas
betrachte so hat sichs immer toller auf der Kugel verwirrt und ich weiß nicht
ob ich darüber lachen oder mich ärgern soll  wenn beides sich nur überhaupt für
mich schickte Das Sonnenstäubchen das daran herumkriecht nennt sich Mensch
als ich es geschaffen hatte sagte ich zwar der Sonderbarkeit wegen es sei gut 
übereilt war das freilich indes ich hatte nun einmal meine gute Laune und
alles Neue ist hier oben in der langen Ewigkeit willkommen wo es gar keinen
Zeitvertreib gibt  Mit manchem was ich geschaffen bin ich freilich noch jetzt
zufrieden so ergözt mich die bunte Blumenwelt mit den Kindern die darunter
spielen und die fliegenden Blumen die Schmetterlinge und Insekten die sich
als leichtsinnige Jugend von ihren Müttern trennten und doch zu ihnen
zurückkehren um ihre Milch zu trinken und an der Mutter Brust zu schlummern und
zu sterben6  Aber dies winzige Stäubchen dem ich einen lebendigen Atem
einbliess und es Mensch nannte ärgert mich wohl hin und wieder mit seinem
Fünkchen Gottheit das ich ihm in der Übereilung anerschuf und worüber es
verrükt wurde Ich hätte es gleich einsehen sollen dass so wenig Gottheit nur
zum Bösen führen müsse denn die arme Kreatur weiß nicht mehr wohin sie sich
wenden soll und die Ahnung von Gott die sie in sich herumträgt macht dass sie
sich immer tiefer verwirret ohne jemals damit aufs Reine zu kommen In der
einen Sekunde die sie das goldene Zeitalter nannte schnizte sie Figuren
lieblich anzuschauen und baute Häuserchen darüber deren Trümmer man in der
andern Sekunde anstaunte und als die Wohnung der Götter betrachtete Dann betete
sie die Sonne an die ich ihr zur Erleuchtung anzündete und die mit meiner
Studierlampe verglichen sich wie das Fünkchen zur Flamme verhält Zulezt  und
das war das ärgste  dünkte sich das Stäubchen selbst Gott und bauete Systeme
auf worin es sich bewunderte Beim Teufel Ich hätte die Puppe ungeschnizt
lassen sollen  Was soll ich nur mit ihr anfangen  Hier oben sie in der
Ewigkeit mit ihren Possen herumhüpfen lassen  Das geht bei mir selbst nicht
an denn da sie sich dort unten schon mehr als zuviel langweilt und sich oft
vergeblich bemüht in der kurzen Sekunde ihrer Existenz die Zeit sich zu
vertreiben wie müsste sie sich bei mir in der Ewigkeit vor der ich oft selbst
erschrecke langweilen Sie ganz und gar zu vernichten tut mir auch leid denn
der Staub träumt doch oft gar so angenehm von der Unsterblichkeit und meint
eben weil er so etwas träume müsse es ihm werden  Was soll ich beginnen
Wahrlich hier steht mein Verstand selbst still Lasse ich die Kreatur sterben
und wieder sterben und verwische jedesmal das Fünkchen Erinnerung an sich
selbst dass es von neuem auferstehe und umherwandle Das wird mir auf die Länge
auch langweilig denn das Possenspiel immer und immer wiederholt muss ermüden 
Am besten ich warte überhaupt mit der Entscheidung bis es mir einfällt einen
jüngsten Tag festzusetzen und mir ein klügerer Gedanke beikommt «
    »Was das für ein verruchter Wahnsinn ist  fiel ich ein als Nro 9 inne
hielt  Wenn ein vernünftiger Mensch dergleichen vorbrächte würde man es
wahrlich konfisziren« 
    Öhlmann schüttelte den Kopf und machte einige bedeutende Anmerkungen über
Gemütskrankheiten überhaupt
    Der Weltschöpfer der bei seiner Rede einen Kinderball in der Hand hielt und
jetzt mit ihm an zu spielen fing fuhr nach einer Pause fort
    »Wie die Physiker sich jetzt über die veränderte Temperatur wundern und neue
Systeme darüber aufstellen werden Ja diese Erschütterung bringt vielleicht
Erdbeben und andere Erscheinungen zuwege und es gibt ein weites Feld für die
Teleologen O das Sonnenstäubchen hat eine erstaunliche Vernunft und bringt
selbst in das Willkührlichste und Verworrenste etwas systematisches ja es lobt
und preiset oft seinen Schöpfer eben deshalb weil es davon überrascht wurde dass
er eben so gescheut als es selbst sei  Dann treibt es sich durch einander und
das Ameisenvolk bildet eine große Zusammenkunft und stellt sich fast an als ob
etwas darin abgehandelt würde Lege ich jetzt mein Hörrohr an so vernehme ich
wirklich etwas und es summen von Kanzeln und Katedern ernsthafte Reden über die
weise Einrichtung in der Natur wenn ich etwa den Ball spiele und dadurch ein
paar Duzzend Länder und Städte untergehen und mehrere von den Ameisen
zerschmettert werden die sich ohnedas seitdem sie die Kuhpocken erfunden haben
nur zu viel vermehren O seit einer Sekunde sind sie so klug geworden dass ich
mich hier oben nicht schneuzen darf ohne dass sie das Phänomen ernstaft
untersuchen  Beim Teufel da ist es fast ärgerlich Gott zu sein wenn einen
solch ein Volk bekrittelt  Ich möchte den ganzen Ball zerdrücken« 
    »Sehen Sie nur Herr Doktor  fuhr ich fort als der Weltschöpfer endete 
wie grimmig der Kerl es auf die Welt angelegt hat es ist fast gefährlich für
uns andere Narren dass wir den Titanen unter uns dulden müssen denn er hat eben
so gut sein konsequentes System wie Fichte und nimmt es im Grunde mit dem
Menschen noch geringer als dieser der ihn nur von Himmel und Hölle abtrennt
dafür aber alles Klassische rings umher in das kleine Ich das jeder winzige
Knabe ausrufen kann wie in ein Taschenformat zusammendrängt Jeder vermag jetzt
aus der unbedeutenden Hülse wie es ihm beliebt ganze Kosmogonien Teosophien
Weltgeschichten und dergleichen samt den dazu gehörigen Bilderchen
herauszuziehen Groß und herrlich ist das allerdings wenn nur das Format nicht
so klein wäre  Schon Schlegel hat es sehr auf die kleinen Bilderchen
abgesehen und ich muss gestehen dass mir eine große Iliade in Sedez
herausgegeben nimmer behagen will  das heißt den ganzen Olymp in eine
Nussschale packen und die Götter und Helden müssen sich entweder zum verjüngten
Maasstabe bequemen oder ohne Gnade das Genik brechen« 
    »Sie sehen mich an Herr Doktor und schütteln zum zweitenmale den Kopf Ja
ja sie haben es getroffen das Alles gehörte zu meiner Tollheit und im
vernünftigen Zustande bin ich grade der entgegengesezten Meinung«
    »Lassen Sie uns den Weltschöpfer verlassen 
    Hier Nro 10 und 11 sind Belege zur Seelenwanderung der erste bellt als
Hund und diente ehmals am Hofe der zweite hat sich aus einem Staatsbeamten in
einen Wolf verwandelt Man kommt auf eigene Gedanken bei ihnen
    Nro 12 13 14 15 und 16 sind Variazionen über denselben Gassenhauer die
Liebe
    Nro 17 hat sich über seine eigene Nase vertieft Finden sie das sonderbar
Ich nicht Vertiefen sich doch oft ganze Fakultäten über einen einzigen
Buchstaben ob sie ihn für ein a oder o nehmen sollen
    Nro 18 ist ein Rechenmeister der die letzte Zahl finden will
    Nro 19 denkt über einen Diebstahl nach den der Staat an ihm beging  das
darf er aber nur im Tollhause
    Nro 20 ist endlich mein eigenes Narrenkämmerchen Treten Sie immer herein
und schauen Sie sich um sind wir doch vor Gott alle gleich und laboriren bloß
an verschiedenen fixen Ideen wo nicht an einem totalen Wahnsinn bloß mit
kleinen Nuanzen  Das dort ist ein Sokrates Kopf dem Sie die Weisheit so wie
jenem Skaramuz die Narrheit an der Nase ansehen Dies Manuskript enthält
eigenhändige Parallelen von mir über beide und ist zu Gunsten des Narren
ausgefallen  Nicht wahr der Fleck müsste kurirt werden Es ist überhaupt die
verstockteste Seite an mir dass ich alles Vernünftige abgeschmackt so wie vice
versa finde  ich kann mich der Grille gar nicht erwehren
    Oft zwar habe ich es versucht die Weisheit mit den Haaren an mich zu reißen
und habe deshalb privatim mit allen drei Brodfakultäten Umgang gepflogen um
mich demnächst öffentlich nach einem kurzen akademischen Musenbeilager als
eine heilige Dreizahl zum Besten der Menschheit einsegnen zu lassen und mit den
drei übereinandergestülpten Doktorhüten einherzuschreiten O dachte ich bei mir
selbst könntest du dann nicht bloß durch leichten unbemerkbaren Hutwechsel als
ein Proteus in praktischer und teoretischer Hinsicht umherwandeln Über die
kürzeste Heilungsmetode der Krankheiten in Dissertationen verkehren und den
Kranken selbst auf dem kürzesten Wege von seinem Übel entbinden Den Sterbenden
nach rasch vertauschtem Hute als Rechtsfreund umarmen und sein Haus bestellen
und endlich bloß durch übergeworfenen Mantel als Himmelsfreund ihm den rechten
Weg zum Himmel zeigen Wie in einer Fabrik durch verschiedene Maschinen ließe
sich auf diese Weise durch verschiedene Hüte ein Höchstes und Leztes erreichen
Und welch ein Überfluss an Weisheit und Gelde  eine erwünschte Kombination der
beiden entgegengeseztesten Güter eine höchste Idealisirung der Zentaurennatur
im Menschen wo das wohlgesättigte Tier unten den höheren Reiter kek
einherstolziren lässt 
    Doch ich fand bei näherer Ansicht Alles eitel und erkannte in aller dieser
gepriesenen Weisheit zuletzt nichts anders als die Decke die über das
Mosesantlitz des Lebens gehängt ist damit es Gott nicht schaue
    Sie sehen wohin das führt und es ist eben meine fixe Idee dass ich mich
selbst für vernünftiger halte als die in Systemen deducirte Vernunft und für
weiser als die docirte Weisheit
    Ich möchte wahrlich mit Ihnen zu einer medizinischen Beratschlagung mich
verbinden bloß um zu überlegen wie dieser meiner Narrheit beizukommen sei und
welche Mittel man dagegen anwenden könnte Die Sache ist von Wichtigkeit denn
sagen Sie wie kann man gegen Krankheiten sich auflehnen wollen wenn man
selbst wie Sie wissen mit dem Systeme nicht im Reinen ist ja wohl gar das für
Krankheit hält was höhere Gesundheit ist und umgekehrt
    Ja wer entscheidet es zuletzt ob wir Narren hier in dem Irrhause
meisterhafter irren oder die Fakultisten in den Hörsälen Ob vielleicht nicht
gar Irrtum Wahrheit Narrheit Weisheit Tod Leben ist  wie man
vernünftigerweise es dermalen gerade im Gegenteile nimmt  O ich bin
inkurabel das sehe ich selbst ein«
    Der Doktor Öhlmann verordnete mir nach einigem Nachsinnen viele Bewegung und
wenig oder gar kein Denken weil er meinte dass mein Wahnsinn gerade wie bei
andern eine Indigestion durch zu häufigen physischen Genuss durch übertriebene
intellektuelle Schwelgerei entstanden sei  Ich ließ ihn gehen
    Für meinen Wonnemonat im Tollhause spare ich ein anderes Nachtstück auf
 
                               Zehnte Nachtwache
Das ist eine wunderliche Nacht der Mondschein in den gotischen Bogen des
Dohmes erscheint und verschwindet wie Geister  an der Laterne des Turmes
klettert ein Nachtwandler herum mit einem Säuglinge im Arme es ist der
Klökner sein Weib schaut aus der Luke händeringend aber stumm wie das Grab
dass der schlafende Wanderer der sicher wie der sorglose Mensch die
gefährlichsten Stellen zurücklegt nicht beim Rufe seines Namens erwachend und
schwindelnd mit dem Knaben in das tiefe Grab hinunterstürze  Gegenüber in der
Vorstadt bricht ein Dieb in einen Pallast aber es ist mein Revier nicht und
ich bin zum Stummsein verdammt so mag er einbrechen  Ganz in der Ferne ist
leise kaum vernehmbare Musik wie wenn Mücken summen oder Koch zur Nacht auf
der Mundharmonika phantasirt und oben am Horizont auf dem Eisspiegel der Wiese
drehen sich leicht und luftig Schlittschuhläufer und tanzen den Baseler
Todtentanz zu der Trauermusik 
    Alles ist kalt und starr und rau und von dem Naturtorso sind die Glieder
abgefallen und er streckt nur noch seine versteinerten Stümpfe ohne die Kränze
von Blüten und Blättern gegen den Himmel Die Nacht ist still und fast
schrecklich und der kalte Tod steht in ihr wie ein unsichtbarer Geist der das
überwundene Leben festhält Dann und wann stürzt ein erfrorner Rabe von dem
Kirchendache und ein Bettler ohne Dach und Fach kämpft mit dem Schlummer der
ihn so süß und lockend in die Arme des Todes legen will wie den leichtsinnigen
Fischer die Nixe mit Gesang in die Wellen einladet 
    Soll ich den Tod betrügen um das Bettlerleben Beim Teufel ich weiß es ja
nicht was besser ist  Sein oder Nichtsein  O die dort mit dem nachgeahmten
Süden in ihren Schlafkammern und dem gemahlten Frühling an den Wänden wenn
draußen der wirkliche erstarret ist werfen die Frage nicht auf und sie
bereiten sich selbst die Natur wie ein leckeres Gericht auf ihren Tafeln zu
und genießen sie gern nippend und in unterbrochenen Pausen damit sie im
Geschmack bleiben Aber dieser Vogelfreie ruht der alten Mutter noch unmittelbar
an der Brust die eigensinnig und launisch wie jede Alte bald ihre Kinder
erwärmt und bald sie erdrückt  Doch nein du Mutter bist ewig treu und
unveränderlich und bietest den Kindern Früchte in dem grünen Laube das sie
beschattet und Flammen und die Erinnerung an dich wenn du schlummerst aber
die Brüder haben den Joseph verstoßen und verschließen tückisch die Gaben die
du ihm wie den andern Kindern reichst  O die Brüder sind es nicht wert dass
Joseph unter ihnen wandle Er mag entschlummern
    Da ist das Gesicht schon starr und kalt und der Schlaf hat die Bildsäule
seinem Bruder in die Arme gelegt ich will sie hier aufrichten dass sie wie ein
Schreckbild wenn die Sonne aufgeht in den Tag schaue  O mörderischer Tod
der Bettler hatte noch eine Erinnerung an das Leben und die Liebe  die braune
Locke seines Weibes hier unter den Lumpen auf der Brust du hättest ihn nicht
würgen sollen  und doch 
                              Der Traum der Liebe
Die Liebe ist nicht schön  es ist nur der Traum der Liebe der entzückt Höre
mein Gebet ernster Jüngling Siehst du an meiner Brust die Geliebte o so brich
sie schnell die Rose und wirf den weißen Schleier über das blühende Gesicht
Die weiße Rose des Todes ist schöner als ihre Schwester denn sie erinnert an
das Leben und macht es wünschenswert und teuer Über dem Grabhügel der
Geliebten schwebt ihre Gestalt ewig jugendlich und bekränzt und nimmer entstellt
die Wirklichkeit ihre Züge und berührt sie nicht dass sie erkalte und die
Umarmung sich ende Entführe sie schnell die Geliebte Jüngling denn die
Entflohene kehrt wieder in meinen Träumen und Gesängen sie windet den Kranz
meiner Lieder und entschwebt in meinen Tönen zum Himmel Nur die Lebende stirbt
die Tote bleibt bei mir und ewig ist unsre Liebe und unsre Umarmung 
    Horch  Tanzmusik und Todtengesang  das schüttelt lustig seine Schellen
Rüstig immer zu wer den andern übertäubt führt die Braut heim Schade nur
ich sehe zwei Bräute eine weiße und eine rote  zwei Hochzeiten zu der einen
im unteren Stockwerk heulen die Klageweiber ihre Weise einen Stock höher pfeifen
und geigen die Musikanten und die Decke über dem Todtenkämmerlein und dem Sarge
bebt und dröhnt vom Tanze
    Erklärt mir doch den nächtlichen Spuk
    Lenore reitet vorüber  die weiße Braut hier in der stillen Hochzeitkammer
liebte den Jüngling der droben walzt und das ist Lebensweise sie liebte er
vergaß sie erblasste und er entglühte für eine rote Rose die er heute
heimführt indem man diese wegträgt 
    Das ist die alte Mutter der weißen Braut am Sarge  sie weint nicht denn
sie ist blind  auch die weiße weint nicht und schlummert und träumt sehr süß 
    Da stürmt der Hochzeitszug noch tanzend die Stiegen herab  und der Jüngling
steht zwischen zwei Bräuten Er erblasst doch ein wenig Still Die blinde Mutter
erkennt ihn am Gange  Sie führt ihn zum Brautbette der schlummernden Braut
    »Sie hat sich früher niedergelegt zur Hochzeitnacht als du erweck sie
nicht sie schläft so süß aber deiner hat sie gedacht bis zum Schlummer Das
ist dein Bild auf ihrem Herzen  O zieh die Hand nicht so erschrocken zurück von
der kalten Brust die Nacht ist die längste wo der Frost am bittersten ist und
sie liegt einsam im Brautbett ohne den Bräutigam« 
    Sieh Da hat der Schrecken die rote Rose auch erblasst und der Jüngling
steht zwischen den zwei weißen Bräuten  Fort fort das ist Weltlauf O wenn
ich doch blasen und singen dürfte
    Jetzt schwebt die Leiche hin durch die Gassen und der Laternenschein still
hinterdrein an den Wänden wie wenn der vorüberwandelnde Tod sich dem
schlummernden Leben nicht verraten wollte Der gefrorene Boden knirscht unter
den Fusstritten der Leichenträger  das ist der heimliche tückische Brautgesang
 Und sie bergen sie in ihr Kämmerlein
    Aber nahe dabei singen und brausen noch Jünglinge und verschwenden das
Leben und die Liebe und die Poesie in einem kurzen raschen Rausche der am
Morgen verflogen ist  wo ihre Taten ihre Träume ihre Hoffnungen ihre
Wünsche und alles um sie her nüchtern geworden und erkaltet ist 
    Im Nonnenkloster der heiligen Ursula war noch spät in der Nacht ein
unruhiges Treiben Die Klocke schlug dann und wann leise und dumpf an wie wenn
man träumend stürmen hört und an den Kirchenfenstern deren Bogen über die
Mauer herabschaueten flog oft ein ungewöhnlicher aber schnell wieder
verlöschender Lichtglanz auf Ich ging einsam um die Mauer herum die wie ein
geweiheter Zauberkreis die heiligen Jungfrauen umschließt  Plözlich stieß ich
auf jemand im Mantel  was ich von ihm erfuhr gehört in die folgende
Winternacht was ich tat noch in diese 
    Der Pförtner an der äußern Mauer war ein alter tiefsinniger Menschenhasser
der mir herzlich zugetan war als einem Gegenstande den er mit seinem Zorne
nach Belieben überschütten konnte Ich besuchte ihn oft zur Nacht um seiner
Galle Luft zu machen auch jetzt ging ich zu ihm Er saß in seiner Hütte bei
einer Lampe in der Gesellschaft eines schwarzen Vogels dem er eine Kappe über
den Kopf gezogen hatte und mit ihm in Unterredung war
    »Kennst du das Wesen  sprach der Pförtner  dessen Antliz tückisch lacht
wenn die vorgehaltene Larve Tränen vergisst das Gott nennt wenn es den Teufel
denkt das im Innern wie der Apfel am toten Meere giftigen Staub enthält
indes die Schaale blühend rot zum Genuss einladet das durch das künstlich
gewundene Sprachrohr melodische Töne von sich gibt indem es Aufruhr hineinruft
das wie die Sphynx nur freundlich lächelt um zu zerreißen und wie die
Schlange bloß deshalb so innig umarmt um den tödlichen Stachel in die Brust zu
drücken  Wer ist das Wesen Schwarzer«
    »Mensch« krächzte das Tier auf eine unangenehme Weise
    »Der Schwarze spricht weiter kein Wort  sagte der Pförtner  aber er
beantwortet deshalb doch jede meiner Fragen auf das treffendste  Geh schlafen
Schwarzer«
    Der Vogel rief noch dreimal Mensch aus und setzte sich dann wie wenn er
tiefsinnig nachdächte in eine finstere Ecke  er schlummerte aber nur
    »Sie spielen Begrabens im Kloster  fuhr der Alte fort  willst du nicht
zuschauen Eine keusche Urselinerinn ist heute Mutter geworden  in der Legende
wäre s freilich als ein Wunder aufgezeichnet aber so sehr haben sie Gott in
die Karte geschauet dass sie heutiges Tages an keine Wunder mehr glauben Die
heilige Jungfrau wird diese Nacht lebendig eingescharrt  Ich lasse dich ein
siehs zum Zeitvertreibe an« 
    Er nahm die Schlüssel die Angel pfiffen und ich ging über Gräber durch den
Kreuzgang Fackelglanz flog oft rasch über die Monumente auf denen steinerne
Jungfrauen betend schlummerten mit künstlich abgeformten Gesichtern indes
drunten die Originale schon die Masken abgeworfen hatten 
    Ich stellte mich hinter einen Pfeiler drunten war eine offene gemauerte
Gruft  ein einsames Entkleidungskämmerchen für den abgehenden Menschen  im
Kämmerchen brannte eine blasse Todtenlampe und auf einem hervorragenden Steine
befand sich ein Brod ein Krug Wasser ein Kruzifix und ein Gebetbuch In der
über die Gruft gebaueten Kirche herrschte tiefe Stille unter den Heiligen die
von den Wänden herabschaueten nur wenn dann und wann ein Windstoß durch das
Orgelwerk fuhr heulte eine Pfeife unangenehm
    Der Zug ward endlich durch die Säulen sichtbar  viele schweigende
Jungfrauen und in der Mitte die wandelnde Braut des Todes Der ganze Akt hätte
für einen poetisch weichlich gestimmten Zuschauer etwas Schauder erregendes
eben durch die fast mechanisch schrekliche Weise auf die er vollzogen wurde
gehabt so wie denn die tragische Muse je weniger Händeringens sie macht um so
mehr erschüttert Mein Gemüt indes das einem mit Vorsatz widersinnig
gestimmten Saitenspiele gleicht auf dem daher niemals in einer reinen Tonart
gespielt werden kann wenn nicht anders der Teufel einmal ein Konzert darauf
ankündigt wurde wenig ergriffen und es kam im Grunde nichts weiter als ein
toller Lauf durch die Skala zuwege der ungefähr durch die folgenden Töne ging
und in einer Disharmonie stehen blieb
                              Lauf durch die Skala
»Das Leben läuft an dem Menschen vorüber aber so flüchtig dass er es vergeblich
anruft ihm einen Augenblick Stand zu halten um sich mit ihm zu besprechen was
es will und warum es ihn anschaut Da fliehen die Masken vorüber die
Empfindungen eine verzerrter wie die andere Freude steh mir Rede  ruft der
Mensch  weshalb du mir zulächelst Die Larve lächelt und entflieht Schmerz lass
dir fest ins Auge schauen warum erscheinst du mir Auch er ist schon vorüber 
Zorn warum blickst du mich an  ich frage es und du bist verschwunden
    Und die Larven drehen sich im tollen raschen Tanze um mich her  um mich der
ich Mensch heiße  und ich taumle mitten im Kreise umher schwindelnd von dem
Anblicke und mich vergeblich bemühend eine der Masken zu umarmen und ihr die
Larve vom wahren Antlize wegzureissen aber sie tanzen und tanzen nur  und ich 
was soll ich denn im Kreise Wer bin ich denn wenn die Larven verschwinden
sollten Gebt mir einen Spiegel ihr Fastnachtsspieler dass ich mich selbst
einmal erblicke  es wird mir überdrüssig nur immer eure wechselnden Gesichter
anzuschauen Ihr schüttelt  wie steht kein Ich im Spiegel wenn ich davor trete
 bin ich nur der Gedanke eines Gedanken der Traum eines Traumes  könnt ihr
mir nicht zu meinem Leibe verhelfen und schüttelt ihr nur immer Eure Schellen
wenn ich denke es sind die meinigen  Hu Das ist ja schrecklich einsam hier im
Ich wenn ich euch zuhalte ihr Masken und ich mich selbst anschauen will 
alles verhallender Schall ohne den verschwundenen Ton  nirgends Gegenstand und
ich sehe doch   das ist wohl das Nichts das ich sehe  Weg weg vom Ich 
tanzt nur wieder fort ihr Larven«
    Jetzt steigt die Nonne in die Gruft hinab O endet doch das Spiel dass ichs
erfahre obs eigentlich auf Scherz oder auf Ernst hinausläuft Folgt doch noch
auf dem letzten Wege der Braut des Todes eine Maske  es ist der Wahnsinn Die
Larve lächelt heimlich  ob dahinter das wahre Antliz schaudert oder verzückt
ist  wer sagt es mir
    Zwar mauern sie der Braut zur Gesellschaft eine Schlange ein  den Hunger
 die sich ihr bald um die Brust schlingen und bis zum Ich fortnagen wird Wenn
dann die letzte Maske auch verschwindet und das Ich mit sich allein ist  wird
es sich wohl die Zeit vertreiben 
    Nun klopfen die Hämmer der Freimaurer dumpf durch das Gewölbe und ein Stein
nach dem andern fügt sich in das Gewölbe der Gruft Jetzt erblicke ich nur noch
durch eine kleine Lücke beim Lampenschein das heimliche Lächeln der Begrabenen 
jetzt bloß ein wenig sich durchstehlenden Schimmer  nun ist alles verdeckt und
die lebenden Toten singen zur guten Nacht ein ernstes miserere über dem Haupte
der Begrabenen 
    Den Pförtner fand ich als ich zurückkehrte wie gewöhnlich mit seiner alten
finsteren Maske beisammen  »Hassest du jetzt die Menschen« fragte er
    »Ich bin fast mit mir allein  sagte ich  und hasse oder liebe eben so
wenig als möglich Ich versuche zu denken dass ich nichts denke und da bringe
ichs zuletzt wohl so weit auf mich selbst zu kommen« 
    »Nimm den Wurm mit  fuhr der Alte fort und hob die Decke über einem
schlummernden Kinde  ich mag ihn nicht bei mir behalten denn ich habe noch
Anfälle von Menschenliebe wo ich ihn leicht im Wahnsinn ersticken könnte«
    Ich nahm den Knaben in die Arme und das noch träumende Leben versöhnte mich
wieder mit dem erwachten
    »Sie haben mir das Kind übergeben es fortzuschaffen  sprach der Pförtner 
denn sie dulden nichts Männliches unter sich die frommen Jungfrauen außer in
den Gemählden für die Einbildungskraft die Mutter des Knaben sahst du eben
begraben such jetzt seinen Vater auf oder schleudre den Bürger in die Welt es
hat keine Gefahr mit der Menschenbrut sie geht nicht unter«
    »Ich kenne den Vater« antwortete ich und ging aus der Hütte Draußen stand
der Unbekannte im Mantel und hielt mich fest  »Die Braut ist begraben  dies
ist dein Sohn« mit diesen Worten legte ich ihm den Knaben in die Arme und er
drükte ihn stumm ans Herz
 
                               Eilfte Nachtwache
Folgendes ist ein Bruchstück aus der Geschichte des Unbekannten im Mantel Ich
liebe das Selbst  drum mag er selbst reden
    »Was ist denn die Sonne« fragte ich eines Tages meine Mutter als sie den
Sonnenaufgang von einem Berge beschrieb »Armer Knabe du verstehst es nimmer
du bist blind geboren« antwortete sie gerührt und fuhr sanft mit der Hand über
meine Stirn und meine Augen
    Ich glühete  die Beschreibung hatte mich entzückt zwischen den Menschen
und meiner Liebe zu ihnen lag eine Scheidewand  wenn ich die Sonne nur einmal
erblicken könnte glaubte ich würde sie schwinden und ich mich eines nähern
Umgangs mit meiner Mutter erfreuen dürfen 
    Meine Phantasie arbeitete von jetzt an heftig der sehnsuchtsvolle Geist
strebte gewaltsam den Körper zu durchbrechen und in das Licht zu schauen Dort
lag das Land meiner Ahnung das Italien voll Wunder der Natur und Kunst
    Sie sprachen viel von Nacht und Tag für mich gab es nur eins einen ewigen
Tag oder eine ewige Nacht  sie meinten es sei die letztere 
    Ich saß in meinem Dunkel und die wunderbare große Welt ging in meinem
Geiste auf aber die Beleuchtung fehlte und ich stieg nun an dem Leben herum
wie an einem himmelhohen Felsen mit verbundenen Augen ich fühlte die seidene
Wange der Blume trank ihren Duft  aber ich träumte die Blume selbst sei
unendlich schöner als ihr Duft und ihre seidene Wange
    Ein lebhafter wunderbarer Traum ließ mich in einer Nacht das Licht
erblicken und es war es wahrlich aber als ich erwachte bemühete ich mich
vergeblich den Traum wieder hervorzurufen
    Um diese Zeit stieg die Musik wie ein lieblicher Genius in meinen dunkeln
Kerker und schlang um ihre Saiten die zarten Blumenkränze der Poesie Es war
heiliger Boden den ich jetzt betrat  das erste Italien meiner Sehnsucht
    Der Engel der zwischen den beiden Musen wandelte und sie mir zuführte war
ein Mädchen die himmlische Madonna hatte ihm ihren irdischen Namen
hinterlassen  Maria war mit mir von gleichem Alter und sie entzückte den
blinden Knaben durch ihre Lieder und Töne und rief die Liebe und die Hoffnung
aus ihren Träumen auf dass sie zum erstenmale hell um sich schauten und als die
beiden schönsten Vestalen in das Leben traten
    Marie war eine elternlose Waise und meine Mutter hatte als sie sie zu sich
nahm ein feierliches Gelübde geleistet das Kind dem Himmel zu weihen wenn ich
jemals das Licht erblicken würde Jetzt sehnte ich mich wieder nach der Sonne
denn sie entführte mir Marie und ihre Gesänge
    Bald darauf hörte ich öfter von einem Arzte reden von dessen Kunst man sich
viel zu meinem Vorteile versprach  Ich wankte zwischen entgegengesetzten
Gefühlen  die Liebe zur Sonne und zu Marie war gleich heftig in meiner Seele
Fast mit Gewalt musste man mich dem Arzte entgegenführen 
    Er gebot mir Ruhe  und meine Brust hob sich stürmischer Ich stand an den
Pforten des Lebens gleichsam um zum zweitenmale geboren zu werden Jetzt
empfand ich einen heftigen Schmerz an meinen Augen ich schrie auf denn mein
Traum kehrte zu mir zurück  ich sah Licht  Tausend blizende Strahlen und
Funken  ein rascher Blick in den reichsten Schaz des Lebens
    Die vorige Nacht umgab mich dann wieder Es war eine Binde um meine Augen
gelegt und ich durfte erst nach und nach in die neue Welt eingehen
    Nichts von den Zwischenräumen  man zeigte mir nur wenige Gegenstände und
kein lebendiges Wesen außer dem Arzte nahte sich mir bis dieser mich endlich
für stark genug hielt das Grösseste zu ertragen
    Er führte mich in die Nacht hinaus über meinem Haupte in der unermesslichen
Ferne brannten die Sternbilder und ich stand unter den tausend Welten wie ein
Trunkener Gott ahnend ohne seinen Namen auszusprechen  Vor mir ragten die
alten Ruinen einer vorigen Erde die Berge finster und rau in die Nacht empor
ein mattes Wetterleuchten aus wolkenloser Luft spielte um ihre Häupter Wälder
ruhten tief und verhüllt zu ihren Füßen und schüttelten nur leise ihre schwarzen
Wipfel Der Arzt stand ernst und still neben mir  einige Schritte weiter regte
es sich wie eine verschleierte Gestalt 
    Ich betete 
    Plötzlich veränderte sich die Szene über die Berge schienen Geister
heraufzuziehen und die Sterne erblassten wie vor Schrecken und hinter mir
deckte sich ein weiter Spiegel auf  das Weltmeer 
    Ich bebte denn ich glaubte Gott nahe sich
    Und auf die Erde drückten sich die Nebel und verhüllten sie sanft  aber am
Himmel zogen die Geister mächtiger heran und wie die Sterne verlöschten flogen
goldene Rosen über die Berge empor in den blauen Himmel und ein zauberischer
Frühling blühete in der Luft  immer mächtiger und mächtiger  jetzt wogte ein
ganzes Meer herüber und Flamme auf Flamme brannte in die Himmelsfluten
    Da stieg über den Fichtenwald in tausend Strahlen wiederleuchend wie eine
entzündete Welt die ewige Sonne empor
    Ich schlug beide Hände vor die Augen und stürzte zu Boden
    Als ich wieder erwachte da schwebte der Gott der Erde in den Lüften und
die Braut hatte alle ihre Schleier zerrissen und enthüllte ihre höchsten Reize
dem Auge des Gottes 
    Überall war Heiligtum  der Frühling lag wie ein süßer Traum an den Bergen
und auf den Fluren  die Sterne des Himmels brannten als Blumen in dem dunkeln
Grase aus tausend Quellen stürzte das Lichtmeer herab in die Schöpfung und die
Farben stiegen darin wie wunderbare Geister auf Ein All von Liebe und Leben 
rote Früchte und blühende Kränze in den Bäumen und duftende Gewinde um Hügel
und Berge  in den Trauben brennende Diamanten  die Schmetterlinge als
fliegende gaukelnde Blumen in den Lüften  Gesang aus tausend Kehlen
schmetternd jubelnd lobpreisend  und das Auge Gottes aus dem unendlichen
Weltmeere zurückschauend und aus der Perle im Blumenkelche
    Ich wagte den Ewigen zu denken
    Plözlich rauschte es hinter mir  neue Schleier fielen von dem Leben  ich
schaute rasch zurück und sah  ach zum erstenmale das weinende Auge der Mutter
    O Nacht Nacht kehre zurück Ich ertrage all das Licht und die Liebe nicht
länger
                               Zwölfte Nachtwache
Es geht nun einmal höchst unregelmäßig in der Welt zu deshalb unterbreche ich
den Unbekannten im Mantel hier mitten in seiner Erzählung und es wäre nicht
übel zu wünschen dass mancher große Dichter und Schriftsteller sich selbst zur
rechten Zeit unterbrechen möchte so auch der Tod in der rechten Stunde das
Leben großer Männer  Beispiele liegen nahe
    Oft erhebt sich der Mensch wie der Adler zur Sonne und scheint der Erde
entrückt dass Alle dem Verklärten in seinem Glanze nachstaunen  aber der
Egoist kehrt plötzlich zurück und statt den Sonnenstrahl wie Prometeus geraubt zu
haben und zur Erde herabzuführen verbindet er den Umstehenden die Augen weil
er glaubt es blende sie die Sonne
    Wer kennt den Sonnenadler nicht der durch die neuere Geschichte schwebt 
    Was übrigens meinen Unbekannten betrifft so gebe ich nach romantischem
Stoffe hungernden Autoren mein Wort dass sich ein mässiges Honorar mit seinem
Leben erschreiben ließe  sie mögen ihn nur aufsuchen und seine Geschichte
beenden lassen 
    In dieser Nacht war großer Lerm Aus der Haustür eines berühmten Dichters
flog eine Perücke und hinter drein eilte ihr Besizzer so dass es zweideutig war
ob er dem vorausfliehenden Gute nachseze oder vielmehr nachgesezt werde Ich
hielt ihn dieser Zweideutigkeit halber fest und ließ ihn beichten 
    »Mein Freund  sagte er  Ich seze der Unsterblichkeit nach und werde von
ihr nachgesezt Er selbst wird es wissen wie schwer es ist berühmt zu werden
wie noch unendlich schwerer aber zu leben man klagt in allen Fächern über
Überhäufung so auch in dem Fache des berühmt und lebendig seins dazu beschwert
man sich über so manche in beiden Fächern angestellte schlechte Subjekte dass
man niemandem mehr auf sein Wort glauben will Mir besonders hat man große
Schwierigkeiten in den Weg gelegt und ich habe es durchaus zu nichts bringen
können Sage er selbst was soll ein Mensch der nicht schon im Mutterleibe eine
Krone auf dem Haupte trägt oder mindestens wenn er aus dem Eie gekrochen an
den Ästen eines Stammbaums das Klettern lernen kann in dieser Welt anfangen
wenn er weiter nichts mitbringt als sein naktes Ich und gesunde Glieder Ich
kenne nichts einfältigeres in der Zeit worin wir einmal leben und wo die Ämter
die Würden die Ordensbänder und Sterne schon früher fertig sind als der der
sie tragen oder bekleiden soll Möchte ein armer Teufel der nicht mindestens
bei seiner Geburt gleich in einen warmen Rock fahren kann nicht lieber wünschen
als ein Stumpf aus seiner Mutterleibe hervorzugehen angestaunt und gespeist zu
werden Ich denke er versteht mich Kamerad
    Ich habs auf alle Weise versucht mich fortzubringen aber immer vergeblich
bis ich endlich fand ich habe Kants Nase Götens Augen Lessings Stirn
Schillers Mund und den Hintern mehrerer berühmter Männer ich machte darauf
aufmerksam und fand Eingang ja man fing an mich zu bewundern Jetzt trieb ichs
weiter ich schrieb an große Geister um alten abgelegten Trödel und das Glück
wollte mir so wohl dass ich jetzt in Schuhen einherschreite in denen einst Kant
eigenfüssig ging am Tage Götens Hut auf Lessings Perücke setze und zu Abends
Schillers Schlafmütze trage ja ich ging noch weiter ich lernte weinen wie
Kotzebue und niesen wie Tiek und er glaubt nicht welchen Eindruck ich oft
dadurch zuwege bringe die Kreatur wohnt nun einmal im Leibe und hat es mit
diesem lieber zu tun als mit dem Geiste es ist keine Spiegelfechterei wenn
ich ihm erzähle dass jemand vor dem ich einst wie Göte mit verkehrt gesetztem
Hute und in die Rockfalten verborgenen Händen einherwandelte mir die
Versicherung gab das amüsire ihn mehr als Götens neueste Schriften  Man
zieht mich seitdem an die vornehmsten Tafeln und ich befinde mich wohl dabei 
    Nur heute fuhr ich übel denn als ich einen bekannten großen Geist der
öffentlich bedeutend auftritt in seinen vier Pfählen belauschen wollte
behandelte er mich als einen Dieb ohnerachtet das was ich ihm in der Eile mit
den Augen entwandte nicht eben sehr rühmenswert war«
    Er setzte sich nach diesen Worten Lessings Perücke wieder auf das Haupt und
machte dabei noch folgenden Sarkasmus
    »Freund was hat man von dieser Unsterblichkeit wenn nach dem Tode die
Perücke unsterblicher ist als der Mann der sie trug  Vom Leben selbst will
ich nicht einmal reden denn während seines Daseins stolzirt nur der
sterblichste Schlucker unsterblich einher während man nach dem Genius wo er
sich blicken lässt mit Fäusten ausschlägt  erinnere er sich an das Haupt das
vor mir in dieser Perücke steckte Gute Nacht« 
    Ich ließ den Narren laufen 
    Auf dem Gottesacker trieb sich ein junger Mensch herum im Mondenschein ich
konnte ganz nahe an ihn kommen und er bemerkte mich nicht weil er beschäftigt
war durch heftiges Gestikuliren und Deklamiren sich in eine mäßige Verzweiflung
zu bringen  das Mittel ist probat und ich kannte wirklich einen Frühprediger
der durch nichts zu Tränen zu bewegen war außer wenn er sich selbst sehr
heftig reden hörte  es gelang ihm allmälig damit ja er zog zuletzt ein Pistol
und setzte es sich verschiedene male an die Stirn bis er endlich eine solche
Höhe erreicht hatte dass er kühn genug war es abzudrücken  es versagte und bei
der heftigen Bewegung entfiel ihm ein falscher Haarzopf Da die Sache mir zuletzt
doch etwas misslich vorkam so sprang ich hinzu und überreichte ihm den
Entfallenen unter einer für die Lage passenden Anrede Er mochtes noch in der
ersten Hitze für einen Dolch halten und brachte einige ernsthafte wiewohl
vergebliche Stöße damit zu Stande
    Ich suchte ihn durch die Bemerkung dass tragische Situationen durch komische
Nüancen wie zB durch einen dem König Lear im Affekte entfallenen Haarbeutel
udg gestört würden zu sich zu bringen und es gelang mir in so weit dass er
sich auf den Grabhügel niedersetzte und sich dazu verstand den falschen
Haarzopf von mir wieder anheften zu lassen Während des Geschäftes versuchte ich
es ihn durch eine Apologie des Lebens zu bekehren die er ruhig anhören musste
weil ich ihn bei den Haaren dazu hielt
                              Apologie des Lebens
»Bei Gott das Leben ist doch schön  Und was vermag Sie nur junger Mensch
dass sie es leichtfertig wie diesen Haarzopf von sich schleudern wollen  Fassen
Sie das Band ich will während des Wickelns so kurz als möglich ihnen einige
Schönheiten zu entwickeln suchen 
    Was gibt es auf der Erde das Sie im Himmel  wenn anders außer dem
Luftimmel über uns noch ein zweiter oder gar mehrere existieren sollten 
besser erwarten könnten  Finden Sie nicht hier unten Alles leidlich
eingerichtet Wissenschaften Kultur und Sitten sind im schönsten Flore und
wandern recht modern einher der allgemeine Staat ist wie Holland mit Kanälen
und Gräben durchschnitten worin alle menschliche Fähigkeiten geschickt
abgeleitet und verteilt werden damit nicht zu fürchten steht dass sie auf
einmal in zu großer Vereinigung das Ganze überschwemmen möchten Es gibt
Menschen die so vorteilhaft placirt sind dass man sie als recht gute Hammer
und Zangen betrachten kann und die doch deshalb keinesweges an ihrer
Unsterblichkeit Abbruch leiden sehen sie nur diesen Koloss der Menschheit an
wie alles sich an ihm regt und arbeitet und verkehrt der erste klettert über
den zweiten hinauf und über diesen wieder ein dritter wie die Äquilibristen
dieser trägt Erfindungen jener Systeme mit sich in die Höhe und es kann nicht
fehlen dass dies Menschengeschlecht das auf seinen eigenen Schultern immer
höher kommt oder sich wie Münchhausen bei seinem eigenen Zopf emporzieht
zuletzt sich bis in den Himmel verklettert und es ganz unnötig wird an einen
zweiten zu denken  Hält der Zopf nur an diesem Menschheitskopfe und ist kein
falscher wie der an dem ich wickele was ist es denn noch nötig auf einem
andern Wege als auf diesem sich in eine höhere Welt zu versetzen
    Was denken Sie auch dort zu gewinnen Freund Bessere Gesetze etwa Für
unsere hienieden spricht das Alter Bessere Sitten Wir sind darin so empor
gestiegen dass wir fast daraus hinausgekommen und über ihnen stehen Bessere
Verfassungen Haben sie nicht wie auf einer Landkarte die verschiedenen Farben
eine Menge vor sich liegen Gehen Sie nach Frankreich Freund wo die
Verfassungen mit den Moden wechseln da können sie alle der Reihe nach anpassen
aus einer Monarchie in die Republik und aus dieser wieder in eine Despotie
fahren sie können dort groß und klein kurz nach einander und zuletzt wieder
ganz gewöhnlich sein was doch immer für die Menschheit am interessantesten
bleibt
    Freund gegen den Menschenhass gibt es trefliche Mittel ja ich habe das
Exempel gehabt dass ein gutes Gericht mich selbst einst vom Selbstmorde
abbrachte und ich gesättigt ausrief »das Leben ist doch schön« Wie andere den
Kopf oder das Herz so nehme ich den Magen für den Sitz des Lebens an an allem
was je Großes und Vortrefliches in der Welt geschah ist meistenteils der Magen
Schuld Der Mensch ist ein verschlingendes Geschöpf und wirft man ihm nur viel
vor so gibt er in den Verdauungsstunden die vortreflichsten Sachen von sich
und verklärt sich essend und wird unsterblich
    Welche weise Einrichtung des Staats daher die Bürger  wie die Hunde die
man zu Künstlern ausbilden will  periodisch hungern zu lassen Für eine
Mahlzeit schlagen die Dichter wie die Nachtigallen bilden die Philosophen
Systeme richten die Richter heilen die Ärzte heulen die Pfaffen hämmern
klopfen zimmern ackern die Arbeiter und der Staat frisst sich zur höchsten
Kultur hinauf Ja hätte der Schöpfer den Magen vergessen behaupte ich so läge
die Welt noch so roh da wie bei der Schöpfung und sei jetzt nicht der Rede
wert
    Was denken Sie nun aber von jenem Leben in das Sie diese innere Seele aller
Bildung nicht mit hinüber nehmen und wo sie nur geistig hineindringen wollen 
Reissen Sie sich nicht los ich schlinge jetzt erst die Schleife wodurch ich ihr
Haar wieder mit dem Zopfe verbinde  Freund der Geist ohne Magen gleicht dem
Bären der träg an seinen eigenen Pfoten saugt Er ist nur der Schatzmeister
dieses in ihm hängenden Säkels und schneiden Sie ihm diesen ab so ists um ihn
getan Gibt es eine Seelenwanderung woran ich nicht zweifle und fahren die
abgeschiedenen Geister wie denn das nicht unwahrscheinlich ist eben so gut in
Blumen und Früchte usw als in Tiere  wo liegt denn noch anders dieser
Verbindungskanal der Geister als in dem sie verschlingenden Magen durch ihn
steigen sie nachdem das animalische wieder abgegangen ist verflüchtigt in den
Kopf empor und es liegt so am Tage dass wir die größten Weisen einen Plato
Hemsterhuis Kant usw bloß durch behagliches Hineinessen in uns aufnehmen
können
    Denken Sie hier an Beispiele Göte der den Hans Sachs die Romantiker und
Griechen in sich vereinigt ist ein so guter Esser als Dichter und hat
wahrscheinlich diese Geister vorweggespeiset Bonaparte mag den Julius Cäsar zu
sich genommen haben und nur der Geist des Brutus scheint dort noch ungegessen
sich irgendwo aufzuhalten 
    Wie ist es möglich Freund dass Sie diesem Magen und diesem Leben entsagen
und überhaupt aus dieser künstlichen Maschine in der Sie tausend Räder drehn
und treiben heraus fliegen wollen Wie viele Bühnen liegen nicht um Sie her
auf denen Sie als Held agiren können Schlachtfelder Almanache
Litteraturzeitungen das größere und das kleinere Theater« 
    »Ich stehe am Hofteater«  fiel der junge Mensch ein indem er eine
Danksagungsverbeugung für den wieder angehefteten falschen Zopf machte  »Das
Pistol ist übrigens ungeladen und ich suchte mich nur hier am Grabe durch
mässiges Rasen in den Charakter eines Selbstmörders zu versetzen den ich morgen
darzustellen habe Nüchternheit ist das Grab der Kunst Ich fahre in die
Leidenschaften möglichst hinein wie in Schlachtandschuhe ich spiele meine
Karaktere mit Gefühl und bin wenigstens wie die größten Meister auf einen Tag
geizig wenn ich einen Geizigen oder toll wenn ich einen Tollen dargestellt
habe
    Dahin ging er und ließ mich fast abgeschmakt und lächerlich da stehen »O
falsche Welt« rief ich grimmig aus  »an der nichts mehr wahrhaft ist selbst
bis auf die Haarzöpfe deiner Bewohner du leerer abgeschmackter Tummelplatz von
Narren und Masken ist es denn nicht möglich auf dir zu einiger Begeisterung
sich zu erheben«
    Es war mir wie wenn ich mich jetzt in der Nacht unter dem zugedeckten Monde
weit ausdehnte und auf großen schwarzen Schwingen wie der Teufel über dem
Erdball schwebte Ich schüttelte mich und lachte und hätte gern alle die
Schläfer unter mir mit eins aufgerüttelt und das ganze Geschlecht im Negligée
angeschaut wo es noch keine Schminke falsche Zähne und Zöpfe und Brüste und
Hintere auf  und an  und umgelegt um den ganzen abgeschmakten Haufen
boshaft auszupfeifen
 
                             Dreizehnte Nachtwache
Ich stieg den Berg hinauf am Ausgange der Stadt  es war die Tag und
Nachtgleiche des Frühlings und draußen lag die alte Fee die Erde und kochte
ihre mitternächtlichen Zauberkräuter um am Morgen nach abgeworfenem Silberhaare
und ausgeglätteten Runzeln schön umlockt und bekränzt als eine junge Nymphe
aufzustehen und ihre neugebornen Kinder an dem schwellenden Busen zu tragen 
Unten im Tale blies ein Hirte das Alphorn und die Töne sprachen so lockend von
einem fernen Lande und von Liebe und Jugend und Hoffnung ich dichtete zu ihrer
Begleitung folgenden
                         Dityrambus über den Frühling
»Du erscheinst und erschrocken flieht dein finsterer Bruder und die Schilde
und Panzer worin er gewaffnet dastand rasseln durcheinanderstürzend und
zerbrechen und siehe errötend in Morgenglut tritt die junge Erde hervor wie
eine blühende Jungfrau und du küssest die Geliebte Jüngling und schlingst ihr
den Brautkranz in die Locken Da sinkt der letzte Glätscher und das erstarrte
Element wird frei und fließt still dahin zwischen Blumen und überwölkt von
grünen Gebüschen die Berge halten ihre Sennenhütten hoch in die blaue Luft und
an ihren Abhängen kleben die gefleckten Heerden Blumen blühen und träumen
Liebe und die Nachtigall singt sie in den Gesträuchen Die Bäume schlingen ihre
Zweige in duftige Kränze und reichen sie zum Himmel empor der Adler steigt
betend in den Sonnenglanz auf wie zu Gott und die Lerche wirbelt ihm nach
jubelnd über der geschmückten Erde Jeder duftende Kelch wird zu einer
Brautkammer jedes Blatt ist eine kleine Welt und alles saugt Leben und Liebe
an dem heißen Herzen der Mutter  Nur der Mensch «
    Hier verstummte plötzlich das Alphorn und der letzte Ton und das letzte Wort
verhallten langsam und sterbend
    »Hast du nur bis zu diesem Worte geschrieben Mutter Natur Und in wessen
Hand überlieferst du die Feder zur Fortsetzung  Kannst du es nimmer lösen
warum alle deine Geschöpfe träumend glücklich sind und nur der Mensch wachend
dasteht und fragend  ohne Antwort zu erhalten  Wo liegt der Tempel des Apollo
 wo ist die Stimme die einzig antwortende Ich höre nichts als Wiederhall
Wiederhall meiner eigenen Rede  bin ich denn allein
    Allein ruft die hämische Stimme Mutter Mutter warum schweigst du  O du
hättest das letzte Wort in der Schöpfung nicht schreiben sollen wenn du dabei
abbrechen wolltest Ich blättere und blättere in dem großen Buche und finde
nichts als das eine Wort über mich und dahinter den Gedankenstrich wie wenn
der Dichter den Charakter den er vollführen wollte im Sinne behalten und nur
den Namen hätte mit einfliessen lassen War der Charakter zu schwierig zur
Ausführung warum strich der Dichter nicht auch den Namen aus der jetzt allein
dasteht sich anstaunt und nicht weiß was er aus sich selbst machen soll
    Schlag das Buch zu Name bis der Dichter bei Laune ist die leeren Blätter
vor denen du nur als Titel stehst vollzuschreiben«  
    An dem Berge mitten in das Museum der Natur hatten sie noch ein kleines
für die Kunst gebaut wohinein jetzt mehrere Kenner uns Dilettanten mit
brennenden Fackeln zogen um bei dem sich bewegenden Lichtscheine die Toten
drinnen möglichst lebendig sich einzubilden Ich habe auch dann und wann meine
Kunstlaunen aus mehr oder minderer Bosheit und trete oft gern aus der großen
Kunstkammer in die kleine um zu sehen wie der Mensch auch ohne den Hauptteil
alles Lebens das Leben selbst einblasen zu können doch recht artig etwas
bildet und schnjetzt wovon er nachher meint es gehe noch über die Natur
    Ich folgte den Kennern und Dilettanten
    Und vor mir standen die steinernen Götter als Krüppel ohne Arme und Beine
ja einige gar mit fehlenden Häuptern das Schönste und Herrlichste wozu die
Menschenmaske sich je ausgebildet hatte der ganze Himmel eines großen
gesunkenen Geschlechts als Leichnam und Torso wieder ausgegraben aus Herkulanum
und dem Bette der Tiber Ein Invalidenhaus unsterblicher Götter und Helden
hineingebaut zwischen eine erbärmliche Menschheit
    Die alten Künstler die diese Göttertorsos gedacht und gebildet hatten
zogen verhüllt vor meinem Geiste vorüber 
    Jetzt kletterte ein kleiner Dilettant von den Anwesenden an einer
medicäischen Venus ohne Arme mühsam hinauf mit gespiztem Munde und fast
tränend um wie es schien ihr den Hintern als den bekanntlich gelungensten
Kunstteil dieser Göttin zu küssen Mich ergrimmte es weil ich in dieser
herzlosen Zeit nichts weniger ausstehen kann als die Frazze der Begeisterung
wozu sich manche Gesichter verziehen können und ich bestieg erzürnt ein leeres
Piedestal um einige Worte zu verschwenden
    »Junger Kunstbruder  redete ich ihn an  Der göttliche Hintere liegt
Ihnen zu hoch und Sie kommen bei Ihrer kurzen Gestalt nicht hinauf ohne sich
den Hals zu brechen Ich rede aus Menschenliebe denn es tut mir leid dass Sie
sich unter Lebensgefahr versteigen wollen Wir sind seit dem Sündenfalle vor
dem Adam bekanntlich nach der Versicherung der Rabbinen seine hundert Ellen
maß merklich kleiner geworden und schwinden von Zeit zu Zeit immer mehr so
dass man in unserm Säkulo vor allen solchen halsbrechenden Versuchen wie der
vorliegende ist ernstlich warnen muss Was wollen Sie überhaupt bei der
steinernen Jungfrau die in diesem Augenblicke zu einer eisernen für Sie werden
würde wenn ihr nicht die ächten Arme zum Umschlingen fehlten denn mit den
ergänzten hat es keine Not sie dienen nicht einmal zu einer
Berlichingensfaust und gleichen nur den angehefteten hölzernen an den Körpern
zerschossener Soldaten O Freund was die Kunstärzte der neueren Periode auch
immer heilen und flicken mögen sie bringen doch die von der tückischen Zeit
verstümmelten Götter wie zB diesen daliegenden Torso nicht wieder auf die
Beine und sie werden immer nur als Invaliden und emeriti hier in Ruhe gesezt
verbleiben müssen Einst als sie noch aufrecht standen und Arme und Schenkel
und Häupter hatten lag ein ganzes großes Heldengeschlecht vor ihnen im Staube
jetzt ist das umgekehrt und sie liegen im Boden während unser aufgeklärtes
Jahrhundert aufrecht steht und wir selbst uns bemühen leidliche Götter
abzugeben
    Kunstfreund wohin sind wir gekommen dass wir es wagen diese großen
Göttergräber aufzuwühlen und die unsterblichen Toten ans Licht zu ziehen da
wir doch wissen wie hart bei den Römern die bloße Verletzung der Menschengrüfte
verpönt war Freilich achten Aufgeklärte diese Verstorbenen jetzt geradezu für
Götzen und die Kunst ist nur noch eine heimlich eingeschlichene heidnische
Sekte die an ihnen vergöttert und anbetet  aber was ist es auch mit ihr
Kunstfreund Die Alten sangen Hymnen und Aeschylus und Sophokles dichteten ihre
Chöre zum Lobe der Götter unsere moderne Kunstreligion betet in Kritiken und
hat die Andacht im Kopfe wie echt Religiöse im Herzen
    Ach man soll die alten Götter wieder begraben Küssen Sie den Hintern
junger Mann küssen Sie und damit gut
    Auf der andern Seite Freund wollen Sie nicht mehr anbeten so sollen Sie
auch nicht weiter auf Kosten der Natur bewundern denn der Menschwerdung dieser
Götter widersetze ich mich standhaft Sie haben die Wahl entweder beten oder
begraben 
    Nicht so aufgeschaut Lieber Führen Sie die Natur die ächte meine ich wo
möglich in Person einmal in diesen Kunstsaal und lassen Sie sie reden Beim
Teufel sie wird lachen über die komische Menschenmaske die ihr so abgeschmackt
wie der Popanz in Horazens Briefe an die Pisonen erscheinen muss
    Lassen Sie sie sprechen ob sie jemals zu dieser Zehe diese Nase zu diesem
Munde jene Stirn zu dieser Hand jenen Hintern wirklich geschaffen haben würde
 ich wette sie würde verdrießlich werden wenn Sie ihr so etwas einreden
wollten Dieser Apoll wäre vielleicht ein Krüppel hätte sie ihn von der kleinen
Zehe fortgesetzt dieser Antinous ein Tersites und jener tragische gewaltige
Laokoon gar eine Art von Kaliban wenn nach Naturgesetzen alles reformirt werden
sollte Ja was möchte dann wohl aus dieser Minerva werden die jetzt bis zum
höchsten Punkte des Ideals hinaufgearbeitet vor Ihnen steht indem nämlich das
Haupt an ihr defekt ist worin der weise Geist tront der nach Geisterart sich
unsichtbar gemacht hat
    Diese Minerva ohne Kopf erregt überhaupt noch in weit größerem Maße meine
Aufmerksamkeit als der Agamemnon mit verhülltem Haupte in dem bekannten
Gemälde des Timantes So wie dieser nämlich den Künstlern die Regel gegeben
hat den höchsten unendlichen Schmerz nur erraten zu lassen so scheint jene
dasselbe in Hinsicht auf die Urschönheit anzudeuten Unsere modernen richten
sich auch danach und ihre Köpfe sind in doppelter Hinsicht nur als Surrogate
von Köpfen anzusehen und stehen da oben nur gleichsam wie die Knöpfe auf
Türmen zum bloßen Schluße der Gestalt  Die Alten backten wie jener
Prometeus dort im Winkel ihre Menschen zwar auch aus Ton aber sie schufen
den Sonnenfunken mit hinein  wir spielen mit dem Feuer nicht gern aus Furcht
vor Gefahr und lassen deshalb den Funken weg  ja es gibt jetzt sogar eine
allgemeine Feuerpolizei  eine Zensur und Rezensur  die schnell genug jedwede
Flamme die emporlodern will erstickt So kann denn der Sonnenfunken bei uns
nicht aufkommen Weise Einrichtung des Staates der lieber gute brauchbare
Maschienen als kühne Geister unter seinen Bürgern duldet der den Fuchs selbst
zum Balge herauspeitscht um den Balg zu benutzen der die Hände und Füße als
dauerhafte Dreh und Tretemaschienen höher anschlägt als die Köpfe seiner
Landeskinder  Der Staat hat wie der Briareus nur einen einzigen Kopf aber
hundert Arme von Nöten  und damit gut« 
    Ich endete erschrocken denn bei dem täuschenden Fackelglanze schien sich
der ganze verstümmelte Olymp umher plötzlich zu beleben der zürnende Jupiter
wollte sich aufrichten von seinem Sitze der ernste Apoll griff nach dem Bogen
und der klingenden Leier mächtig bäumten sich die Drachen um den kämpfenden
Laokoon und die sinkenden Söhne Prometeus formte mit den Stümpfen seiner Arme
Menschen die stumme Niobe schützte das jüngste ihrer Kleinen vor den
herabstrahlenden Sonnenpfeilen die Musen ohne Hände Arme und Lippen regten
sich durcheinander wie wenn sie sich bemüheten die alten verklungenen Lieder zu
singen und zu spielen  aber es blieb alles still ringsum und schien nur noch
heftige zuckende Bewegung auf einem Schlachtfelde  nur tief im Hintergrunde
stand ohne Beleuchtung starr und versteinert ein Furienchor und schaute
finster und schrecklich dem Gewühle zu
 
                             Vierzehnte Nachtwache
Kehre mit mir zurück ins Tollhaus du stiller Begleiter der du mich bei meinen
Nachtwachen umgiebst 
    Du erinnerst dich noch an mein Narrenkämmerchen wenn du anders den Faden
meiner Geschichte  die sich still und verborgen wie ein schmaler Strom durch
die Fels und Waldstücke die ich umher aufhäufte schlingt  nicht verloren
hast In diesem Narrenkämmerchen lag ich wie in einer Höle der Sphynx mit
meinem Rätsel eingeschlossen und war fast auf dem glücklichen Wege mich
wahrhaft zur Tollheit als dem einzigen haltbaren Systeme zu bekennen eben
weil ich täglich Gelegenheit hatte die Resultate dieser allgemeinen Schule mit
denen der einzelnen zu vergleichen
    Ich will etwas ausholen sagen die Schriftsteller wenn sie vom Eie einer
Sache anheben wollen ich muss mich auch dazu bequemen da ich in dieser Nacht
das einzige Nachtigallenei meiner Liebe auszubrüten gedenke denn um mich her
schlagen die Nachtigallen in allen Büschen und Gezweigen und verbinden sich
wie ein Chor zu einem einzigen Liebesgesange
    Ich spielte einst aus Ingrimm über die Menschheit auf einem Hofteater den
Hamlet als Gastrolle um Gelegenheit zu haben mich gegen das schweigend
dasitzende Parterre eines Teils meiner Galle zu entledigen An diesem Abende
trug es sich zu dass die Ophelia aus ihrem Vexirwahnsinne Ernst machte und
förmlich toll vom Theater ablief Es gab gewaltigen Lärm und wie andere
Direktoren sich mit dem Einstudieren der Rollen zu beschäftigen pflegen so
bemühete sich dagegen der anwesende seine Prima Donna mit aller Anstrengung aus
der gespielten herauszustudieren  doch vergeblich die mächtige Hand des
Shakespear dieses zweiten Schöpfers hatte sie zu heftig ergriffen und lies
sie zum Schrecken aller Gegenwärtigen nicht wieder los Für mich war es ein
interessantes Schauspiel dieses gewaltige Eingreifen einer Riesenhand in ein
fremdes Leben dieses Umschaffen der wirklichen Person zu einer poetischen die
jetzt vor den Augen aller Vernünftigen auf Koturnen ernstaft auf und abging
und abgerissene Gesänge wie wunderbare Geistersprüche hören ließ So sehr man
auch mit den bündigsten Gründen in sie drang zur Vernunft zurückzukehren so
heftig protestirte sie dagegen und es blieb zuletzt kein anderes Mittel übrig
als sie ins Tollhaus zu schicken
    Zu meinem nicht geringen Erstaunen traf ich hier wieder mit ihr zusammen
Ihr Kämmerchen stieß dicht an das meinige und ich hörte sie täglich den
Holzschuh und Muschelhut ihres Geliebten besingen Ein Kerl wie ich der aus Hass
und Grimm zusammengesetzt ist und nicht wie andere Menschenkinder seiner Mutter
Leibe sondern vielmehr einem schwangern Vulkane entbunden zu sein scheint hat
für Liebe und dergleichen wenig Sinn und doch beschlich mich hier im Tollhause
so etwas es äußerte sich zwar anfangs nicht in den gewöhnlichen Symptomen als
Vorliebe für Mondschein poetischen Andrangs zum Kopfe und dergleichen sondern
vielmehr in dem heftigen Bestreben zur Errichtung einer Narrenpropaganda und
einer ausgebreiteten Kolonie von Verrückten um sie zum Schrecken der andern
vernünftigen Menschen plötzlich anlanden zu lassen
    Dies tolle Gefühl indes das sie Liebe nennen und das wie ein Flicken vom
Himmel auf diese dürre Steppe der Erde heruntergefallen ist fing doch am Ende
auch bei mir an es ernstlicher zu nehmen und ich machte zu meinem eigenen
Entsetzen mehrere Gedichte in Versen schaute auch in den Mond und sang gar zu
Zeiten mit wenn draußen um das Tollhaus her die Nachtigallen pfiffen Ich habe
wahrhaft einmal einige Rührung an einem sogenannten melancholischen Abende
verspürt ja ich konnte in gewissen Stunden aus einem Loche meiner Kaukasushöle
schauen und weniger denken als nichts  Auch Betrachtungen habe ich in diesem
Zeitpunkte meiner Schreibtafel einverleibt von welchen ich doch hier einige für
gefühlvolle Seelen ausheben will
                                  An den Mond
Sanftes Antlitz voll Gutmütigkeit und Rührung denn beides musst du in dir
vereinen weil du nicht einmal am Himmel den Mund aufreissest weder zum Fluchen
noch zum Gähnen wenn tausend Narren und Verliebte ihre Seufzer und Wünsche zu
dir hinaufrichten und dich zu ihrem Vertrauten erkiesen so lange du auch schon
um die Erde herumgelaufen bist als ihr Begleiter und Cicisbeo so hast du dich
doch beständig als ein treuer Konfident gehalten und man findet kein einziges
Beispiel in der Weltgeschichte bis zu Adam hin wo du unwillig geworden wärest
die Nase gerümpft oder einige hämische Mienen angenommen hättest ob du gleich
diese Seufzer und Klagen schon tausend und abermaltausend male wiederholen
hörtest Noch immer bist du gleich aufmerksam ja man sieht dich so oft gerührt
das Wischtüchlein einer Wolke vorhalten um deine Tränen dahinter zu verbergen
Welchen bessern Zuhörer könnte sich ein seine Werke vorlesender Dichter wählen
als dich welchen innigern Vertrauten ich der ich hier im Tollhause mich
liebend verzehre Wie blass du bist Guter wie teilnehmend und zugleich wie
aufmerksam auf alle die noch in diesem Augenblicke außer mir stehen und dich
anschauen Deine gutmütige Miene könnte man leicht für Einfalt halten
besonders heute wo dein Antlitz zugenommen hat und recht rund und genährt
anzuschauen ist aber du magst zunehmen wie du willst ich lasse mich dadurch
in deinem Anteile nicht täuschen bleibst du doch immer der Alte und nimmst
auch wieder ab und verzehrst dich  ja verhüllst du nicht gar wenn dich die
Rührung überwältigt dein Gesicht wie der weinende Agamemnon dass man nichts
von dir sieht als den vor Gram kahlen Hinterkopf  Leb wohl Trauter Guter
                                  An die Liebe
Weib was willst du von mir dass du dich an mich hängst Hast du mir auch schon
ins Gesicht geschaut  Du mit deinem Lächeln und deinen holden liebäugelnden
Mienen und ich mit all dem Grimme und Zorne im Medusenantlitz  Traute
überleg es wir geben ein gar zu ungleiches Paar ab Lass mich los beim Teufel
ich habe nichts mit dir zu schaffen Du lächelst wieder und hältst mich fest
Was soll die vorgehaltene Göttermaske mit der du mich anblickst Ich reiße sie
dir ab um das dahintersteckende Tier kennen zu lernen denn in der Tat ich
halte dein wahres Gesicht nicht für das reizendste  Himmel das wird immer
ärger ich girre und schmachte ganz erbärmlich  willst du mich völlig rasend
machen Weib wie kannst du nur Gefallen daran finden auf einem so kreischenden
Instrumente wie ich bin spielen zu wollen Die Komposizion ist für einen Fluch
gesetzt und ich muss ein Liebeslied dazu absingen O lass mich fluchen und nicht
in so schrecklichen Tönen schmachten hauche deine Seufzer in eine Flöte aus
mir schallen sie wie aus einer Kriegstrommete und ich rühre die Lermtrommel
wenn ich girre  Und nun gar der erste Kuss  o das andere ließe sich noch
überstehen wie alles was sich bloß in der Sprache und in Tönen umhertreibt
und es wäre mir immer noch erlaubt heimlich etwas anderes dabei zu denken  aber
der erste Kuss  ich habe niemals geküsst aus Abscheu gegen alle rührende und
zärtliche Heuchelei  Unhold wüsste ich dass du mich dazu verleiten könntest ich
böte meine letzte Kraft auf und schüttelte dich von mir
In solchen und dergleichen Fragmenten habe ich mich abgearbeitet und mich
ordentlich metodisch auszuschreiben gesucht wie mancher Dichter der seine
Gefühle so lange auf dem Papiere von sich gibt bis sie zuletzt alle abgegangen
sind und der Kerl selbst ganz ausgebrannt und nüchtern dasteht
    Es schlug indes alles fehl bei mir ja die Symptome wurden immer kritischer
und ich fing gar an in mich vertieft umherzuwandern und fühlte mich fast human
und kleinlaut gegen die Welt gestimmt Einmal meinte ich gar sie könnte doch
wohl die beste sein und der Mensch selbst wäre etwas mehr als das erste Tier
darauf ja er habe einigen Wert und könne vielleicht gar unsterblich sein
    Als es so weit gekommen war gab ich mich selbst verloren und betrieb es
jetzt ganz so langweilig und alltäglich wie ein anderer Verliebter Ich
entsetzte mich schon nicht mehr wenn ich versifizirte ja ich konnte auf eine
längere Zeit gerührt bleiben und gewöhnte mich an manche Ausdrücke die ich
sonst gar nicht in den Mund genommen hätte Jetzt ließ ich den ersten
Liebesbrief vom Stapel laufen den ich hier samt dem andern Briefwechsel zu
Erbauung anhänge
                               Hamlet an Ophelia
Himmlischer Abgott meiner Seele reizerfüllteste Ophelia Dieser Eingang zwar
mit dem ich meinen ersten Brief an dich überschrieb als wir noch bloß auf dem
Hofteater uns zum Vergnügen der Zuschauer liebten könnte dich vielleicht
täuschen und es dir einreden wollen als ob ich noch eben so wie damals an
einem fingirten Wahnsinn und allen den metaphysischen Spitzfündigkeiten die ich
von der hohen Schule mitbrachte laborirte  Aber lass dich dadurch nicht
täuschen Abgott denn ich bin für diesesmal wirklich toll  so sehr liegt alles
in uns selbst und ist außer uns nichts Reelles ja wir wissen nach der neuesten
Schule nicht ob wir in der Tat auf den Füßen oder auf dem Kopfe stehen außer
dass wir das erste durch uns selbst auf Treu und Glauben angenommen haben  Es
ist dies ein ganz verwünschter Ernst Ophelia und du sollst nicht etwa glauben
dass ich es als Persiflage von mir gebe  Ach wie ist es alles jetzt verändert
in deinem armen Hamlet  diese ganze Erde die ihm sonst wie ein verödeter
Garten voll Dornen und Disteln wie ein Sammelplatz voll pestilenzischer
Ausdünstungen vorkam hat sich jetzt vor ihm in ein Eldorado verwandelt in einen
blühenden Garten der Hesperiden er war einst so frei und kerngesund als er sie
hasste und ist jetzt ein Sklav und fast krank da er sie liebt  Teuerste 
ich wollte dass ich Verhassteste sagen könnte es gäbe dann doch wenigstens
nichts was mich an diesen dummen Ball fesselte und ich könnte ganz froh und
lustig mich von ihm hinunterstürzen in das ewige Nichts  also leider Teuerste
ich sage jetzt nicht mehr wie vormals zu dir Geh in ein Nonnenkloster denn ich
bin toll genug zu glauben wenn der Mensch liebe so sei der Narr etwas ob er
gleich deshalb doch immer nur dem Tode rascher entgegen geht und dieser ihm
bis sie sich beide endlich treffen und fest und ewig umarmen es sei dies nun an
dem Steine wo der heilige Gustav entschlummerte auf dem Gerüste wo die schöne
Maria blutete oder an irgend einem noch bessern oder schlechtern Orte
    Ich weiß gewiss der böse Feind schwebt hohnlachend über der Erde und hat
die Liebe als eine bezaubernde Maske auf sie herabgeworfen um die sich jetzt
alle Menschenkinder reißen sie auf eine Minute lang vorzuhalten Sieh auch ich
habe sie leider gefasst und minaudire mit dem Todtenkopfe recht zärtlich hinter
ihr und habe beim Teufel Lust das Menschenkind mit dir fortzupflanzen O wäre
die verwünschte Larve nicht es hätten dann die Erdensöhne hienieden gewiss dem
jüngsten Tage einen Possen gespielt durch ein Gesez gegen die Bevölkerung damit
unser Herrgott oder wer sonst zuletzt den Erdball noch einmal anschauen will
ihn zu seiner Verwunderung von Menschen durchaus entvölkert gefunden hätte
    Doch lass mich endlich zu dem Punkte kommen den ich leider so sehr ich mir
auch Mühe gebe nicht umgehen kann  zu meiner Liebeserklärung
    Zorniger wilder menschenfeindlicher hat es in mir seit meiner Geburt nicht
ausgesehen als in diesem Augenblicke wo ich es dir aufgebracht hinschreibe
dass ich dich liebe dich anbete und dass ich nach dem Wunsche dich zu hassen und
zu verabscheuen keinen sehnlichern hege als das Geständnis deiner Gegenliebe
zu vernehmen Bis dahin dein
                                                               liebender Hamlet
                               Ophelia an Hamlet
Liebe und Hass steht in meiner Rolle und zuletzt auch Wahnsinn  aber sage mir
was ist das alles eigentlich an sich dass ich wählen kann Gibt es etwas an
sich oder ist alles nur Wort und Hauch und viel Phantasie  Sieh da kann ich
mich nimmer herausfinden ob ich ein Traum  ob es nur Spiel oder Wahrheit und
ob die Wahrheit wieder mehr als Spiel  eine Hülse sitzt über der andern und
ich bin oft auf dem Punkte den Verstand darüber zu verlieren
    Hilf mir nur meine Rolle zurücklesen bis zu mir selbst Ob ich denn selbst
wohl noch außer meiner Rolle wandle oder ob alles nur Rolle und ich selbst
eine dazu Die Alten hatten Götter und auch einen darunter den sie Traum
nannten es musste ihm sonderbar zu Mute sein wenn es ihm etwa einfiel sich für
wirklich halten zu wollen und er doch immer nur Traum blieb Fast glaube ich
der Mensch ist auch solch ein Gott Ich möchte gern mich auf einen Augenblick
mit mir selbst unterreden um zu erfahren ob ich selbst liebe oder nur mein
Name Ophelia  und ob die Liebe selbst etwas ist oder nur ein Name  Sieh da
suche ich mich zu ereilen aber ich laufe immer vor mir her und mein Name
hinterdrein und nun sage ich wieder die Rolle auf  aber die Rolle ist nicht
Ich Bring mich nur einmal zu meinem Ich so will ich es fragen ob es dich
liebt
                                                                        Ophelia
                               Hamlet an Ophelia
Grübele dergleichen Dingen nicht so tief nach Teure denn sie sind so
verworrener Natur dass sie leicht zum Tollhause führen könnten Es ist Alles
Rolle die Rolle selbst und der Schauspieler der darin steckt und in ihm
wieder seine Gedanken und Plane und Begeisterungen und Possen  alles gehört dem
Momente an und entflieht rasch wie das Wort von den Lippen des Komödianten 
Alles ist auch nur Theater mag der Komödiant auf der Erde selbst spielen oder
zwei Schritte höher auf den Brettern oder zwei Schritte tiefer in dem Boden
wo die Würmer das Stichwort des abgegangenen Königs aufgreifen mag Frühling
Winter Sommer oder Herbst die Bühne dekoriren und der Teatermeister Sonne
oder Mond hineinhängen oder hinter den Kulissen donnern und stürmen  alles
verfliegt doch wieder und löscht aus und verwandelt sich  bis auf den Frühling
in dem Menschenherzen und wenn die Kulissen ganz weggezogen sind steht nur
ein seltsames nacktes Gerippe dahinter ohne Farbe und Leben und das Gerippe
grinset die anderen noch herumlaufenden Komödianten an
    Willst du aus der Rolle dich herauslesen bis zum Ich  Sieh dort steht das
Gerippe und wirft eine Handvoll Staub in die Luft und fällt jetzt selbst
zusammen  aber hinterdrein wird höhnisch gelacht Das ist der Weltgeist oder
der Teufel  oder das Nichts im Wiederhalle
    Sein oder Nichtsein Wie einfältig war ich damals als ich mit dem Finger an
der Nase diese Frage aufwarf wie noch einfältiger diejenigen die es mir
nachfragten und wunder glaubten was hinter dem Ganzen steckte Ich hätte das
Sein erst um das Sein selbst befragen sollen dann ließe sich nachher auch über
das Nichtsein etwas Gescheutes ausmitteln Ich brachte damals noch die
Unsterblichkeitsteorie von der hohen Schule mit und führte sie durch alle
Kategorien Ja ich fürchtete wahrlich den Tod der Unsterblichkeit halber  und
beim Himmel mit Recht wenn hinter dieser langweiligen comedie larmoyante noch
eine zweite folgen sollte   ich denke es hat damit nichts zu sagen
    Darum teure Ophelia schlag dir das alles aus dem Sinne und lass uns
lieben und fortpflanzen und alle die Possen mittreiben  bloß aus Rache damit
nach uns noch Rollen auftreten müssen die alle diese Langweiligkeiten von neuen
ausweiten bis auf einen letzten Schauspieler der grimmig das Papier zerreißt
und aus der Rolle fällt um nicht mehr vor einem unsichtbar dasizenden Parterre
spielen zu müssen
    Liebe mich kurz und gut ohne weiteres Grübeln
                                                                         Hamlet
                               Ophelia an Hamlet
Du stehst einmal als Stichwort in meiner Rolle und ich kann dich nicht
herausreissen so wenig wie die Blätter aus dem Stücke worauf meine Liebe zu dir
geschrieben ist So will ich denn da ich mich aus der Rolle nicht zurücklesen
kann in ihr fortlesen bis zum Ende und zu dem exeunt omnes hinter dem dann
doch wohl das eigentliche Ich stehen wird Dann sage ich dir ob außer der Rolle
noch etwas existiert und das Ich lebt und dich liebt
                                                                        Ophelia
Hinter diesem Briefwechsel trat nun unser Wortwechsel ein und jeder
nachfolgende Wechsel von den Blicken Küssen und dergleichen an bis zum
Selbstwechsel
    Nach wenigen Monaten war das Stichwort zu einer neuen Rolle geschrieben 
Ich war doch fast glücklich in der Zeit und spürte in dem Tollhause zuerst
einige Menschenliebe so dass ich ernstaft über Planen brütete mit den Narren um
mich her Platos Republick zu realisiren Doch da strich der Traumgott wieder
alles aus
    Die Ophelia wurde immer blasser und vernünftiger obgleich der Arzt meinte
der Unsinn sei bei ihr im Steigen aber es war der Moment wo ein großer Sinn in
ihn eintrat 
    Es stürmte wild um das Tollhaus her  ich lag am Gitter und schaute in die
Nacht außer der am Himmel und auf Erden nichts weiter zu sehen war Es war mir
als stände ich dicht am Nichts und riefe hinein aber es gäbe keinen Ton mehr 
ich erschrack denn ich glaubte wirklich gerufen zu haben aber ich hörte mich
nur in mir Ein Bliz ohne nachfolgenden Donnerschlag flog pfeilschnell aber
still durch die Nacht und der Tag erschien und verschwand rasch in ihr wie ein
Geist Neben mir auf der einen Seite rasselte ein Wahnsinniger schrecklich mit
seinen Ketten auf der anderen hörte ich Ophelia abgerissene Stücke ihrer
Balladen singen doch wurden die Töne oft Seufzer und zuletzt schien mir alles
eine große Disharmonie zu der die rasselnden Ketten die begleitende Musik
abgaben Es dünkte mich als entschliefe ich Da sah ich mich selbst mit mir
allein im Nichts nur in der weiten Ferne verglimmte noch die letzte Erde wie
ein auslöschender Funken  aber es war nur ein Gedanke von mir der eben endete
Ein einziger Ton bebte schwer und ernst durch die Öde  es war die ausschlagende
Zeit und die Ewigkeit trat jetzt ein Ich hatte jetzt aufgehört alles andere zu
denken und dachte nur mich selbst Kein Gegenstand war ringsum aufzufinden als
das große schreckliche Ich das an sich selbst zehrte und im Verschlingen stets
sich wiedergebar Ich sank nicht denn es war kein Raum mehr eben so wenig
schien ich emporzuschweben Die Abwechselung war zugleich mit der Zeit
verschwunden und es herrschte eine fürchterliche ewig öde Langeweile Außer
mir versuchte ich mich zu vernichten  aber ich blieb und fühlte mich
unsterblich 
    Hier vernichtete sich der Traum in seiner eigenen Größe und ich erwachte
tiefaufatmend  das Licht war erloschen ringsum tiefe Nacht nur Ophelien
hörte ich leise ihre Balladen singen wie wenn sie jemand damit in den Schlaf
wiegte Ich tappte an den Wänden aus meiner Kammer neben mir schlichen draußen
durch die Finsternis noch Wahnsinnige und zischelten leise
    Ich öffnete Opheliens Tür sie lag blass auf ihrem Lager bemüht ein todtes
eben geborenes Kind an ihrer Brust in den Schlaf zu lullen neben ihr stand ein
irres Mädchen und legte den Finger auf den Mund wie wenn sie mir Stille
zuwinkte
    Jetzt schläft es sagte Ophelia und blickte mich lächelnd an und das Lächeln
war mir wie wenn ich in ein aufgeworfenes Grab schaute  Gottlob es gibt
einen Tod und dahinter liegt keine Ewigkeit sprach ich unwillkürlich
    Sie lächelte fort und flüsterte nach einer Pause wie wenn die Sprache sich
allmälig in Hauche auflösen und leise verschwinden wollte Die Rolle geht zu
Ende aber das Ich bleibt und sie begraben nur die Rolle Gottlob dass ich aus
dem Stücke herauskomme und meinen angenommenen Namen ablegen kann hinter dem
Stücke geht das Ich an  Es ist nichts sagte ich schüttelnd  Sie fuhr kaum
hörbar fort Dort steht es schon hinter den Kulissen und wartet auf das
Stichwort wenn nur der Vorhang erst ganz nieder ist  Ach ich liebe dich das
ist die letzte Rede im Stücke und sie allein will ich aus meiner Rolle zu
behalten suchen  es war die schönste Stelle Das Übrige mögen sie begraben 
    Da fiel der Vorhang und Ophelia trat ab  niemand klatschte und es war als
ob kein Zuschauer zugegen wäre Sie schlief schon ganz fest mit dem Kinde an der
Brust und beide waren nur sehr blass und man hörte keine Atemzüge denn der Tod
hatte ihnen seine weiße Maske schon aufgelegt 
    Ich stand stürmisch aufgereizt neben dem Lager und in mir machte es sich
zornig Luft wie zu einem wilden Gelächter  ich erschrack denn es wurde kein
Gelächter sondern die erste Träne die ich weinte Nahe bei mir heulte noch
einer  doch war es nur der Sturm der durch das Tollhaus pfiff
    Als ich aufblickte standen die Wahnsinnigen in einem Halbkreise um das
Lager her alle schweigend aber seltsam gestikulirend und sich gebärdend
einige lächelnd andere tief nachsinnend noch andere den Kopf schüttelnd oder
starr die weiße Schlummernde und das Kind betrachtend  auch der Weltschöpfer
war darunter aber er legte nur bedeutend den Finger auf den Mund
    Es ward mir fast bange in dem Kreise
 
                             Funfzehnte Nachtwache
So sehr es auch die tägliche Erfahrung lehrt dass man an allen Plätzen Narren
duldet so aufgebracht war man doch darüber dass ich den Versuch angestellt
hatte sie fortzupflanzen und mir wurde darüber sogar zur Strafe mein
Narrenkämmerchen aufgesagt
    Ach es war mir recht traurig als ich von meinen Brüdern Abschied nehmen
sollte um wieder unter die Vernünftigen zu laufen und wie nun die Tür des
Tollhauses hinter mir in das Schloss rasselte stand ich ganz einsam da und
suchte melancholisch den Gottesacker auf wo sie die Ophelia hingetragen hatten
O hätte ich nur mindestens einen Laertes auffinden können um mit ihm an dem
Grabe mich herumzuschlagen denn ich hatte aus dem Tollhause einen verstärkten
Hass gegen alle Vernünftige mitgebracht die mit ihren platten nichtssagenden
Physiognomien jetzt wieder um und neben mir wandelten
    Ein Reicher und ein Bettler haben den Vorzug vor anderen gewöhnlichen
Menschenkindern dass sie ihrem Hange zum Reisen vollen Lauf lassen dürfen Der
Reiche schließt sich die Herrlichkeiten der Erde mit dem goldenen Schlüssel in
seiner Hand auf der Arme hat ein Freibillet für die ganze Natur und er kann
die höchsten und schönsten Wohnungen nach Belieben beziehen heute den Ätna
morgen die Fingalsgrotte in dieser Woche den Sommeraufentalt des Weisen am
Genfersee und in der folgenden die köstliche krystallene Halle des Rheinfalles
wo statt der Deckengemälde ihm die Sonne Regenbogen über das Haupt webt und die
Natur seinen Pallast im immerwährenden Zerstören wieder aufbaut
    Zeigt mir einen König der glänzender wohnen kann als ein Bettler
    Ich reiste überdies mit dem Vorteile nirgend um meine Zeche gemahnt zu
werden oder mich für die Nachtmahlzeit bei jemand anderm als bei der alten
Mutter selbst bedanken zu müssen denn die Erde hatte noch Wurzeln in ihrem
Schoss die sie mir nicht verweigerte und sie reichte der durstigen Lippe in
der dargebotenen Felsenschaale den frischen brausenden Trank des stürzenden
Wasserfalls  Ich war recht froh und frei und hasste die Menschen nach Belieben
weil sie so klein und nichtsnutzig durch den großen Sonnentempel hinschlichen
    Einst hatte ich mich eben von meinem Lager einem duftenden blumigten Rasen
aufgerichtet und schaute in die Morgenglut die wie ein Geist aus dem Meere
aufstieg wobei ich um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden eine
aufgegrabene Wurzel anbiss Es gehört zur menschlichen Größe in der Nähe
erhabener Gegenstände Nebengeschäfte zu betreiben zB der aufgehenden Sonne
mit der Pfeife im Munde ins Antlitz zu schauen oder während der Katastrophe
einer Tragödie Makkaroni zu speisen und dergleichen die Menschen haben es darin
sehr weit gebracht
    Als ich nun so behaglich da lag wandelte mich die Laune zu einem Monologe
an den ich folgendergestalt hielt
    »Nichts geht doch über das Lachen und ich schlage es fast so hoch an wie
andere gebildete Leute das Weinen obgleich sich eine Träne leicht zu Tage
fördern lässt bloß durch starkes Hinschauen auf einen Fleck oder durch
mechanisches Lesen Kotzebuescher Dramen ja zuletzt schon durch heftig
anhaltendes Lachen allein Habe ich nicht letzthin einen ziemlich abgezehrten
Mann beim Anblick der aufgehenden Sonne häufig Tränen vergießen sehen und
andere standen nahe dabei und rühmten es als ein Zeichen eines gefühlvollen
Gemütes und weinten zuletzt über den Weinenden Nur ich trat hinzu und
fragte Freund rührt der Gegenstand so heftig  Nicht doch sagte jener aber
der Lichtstrahl wirkt nach neueren Beobachtungen außerdem dass er niesen und
weinen zuwege bringt auch auf das Erzeugen und ich war in Italien  Ich
verstand den Mann der der Sonne zu etwas Reellerm ins Auge schaute als zum
bloßen Phantasieren  Als ich mich lachend umdrehete schalten die andern mich
weinend in sehr harten Ausdrücken ich lachte über diesen Kontrast noch stärker
und es fehlte wenig so hätten sie mich aus Rührung gesteinigt 
    Wo gibt es überhaupt ein wirksameres Mittel jedem Hohne der Welt und selbst
dem Schicksale Troz zu bieten als das Lachen Vor dieser satirischen Maske
erschrickt der gerüstetste Feind und selbst das Unglück weicht erschrocken von
mir wenn ich es zu verlachen wage  Was beim Teufel ist auch diese ganze
Erde nebst ihrem empfindsamen Begleiter dem Monde anders wert als sie
auszulachen  ja sie hat allein darum noch einigen Wert weil das Lachen auf ihr
zu Hause ist Es war alles auf ihr so empfindsam und gut eingerichtet dass es
dem Teufel der sie einst zum Zeitvertreibe sich beschaute zum Ärger gereichte
um sich an dem Werkmeister zu rächen schickte er das Gelächter ab und es wusste
sich geschickt und unbemerkt in der Maske der Freude einzuschleichen die
Menschen nahmens willig auf bis es zuletzt die Larve abzog und als Satire sie
boshaft anschaute  Lasst mir nur das Lachen mein lebelang und ich halte es
hier unten aus« 
    Hoho rief es jetzt dicht an meinem Ohre und als ich mich umdrehete schaute
mir ein hölzerner Hanswurst keck und trotzig ins Antlitz »Er ist mein Patron
sagte ein großer Kerl der ihn mir entgegenhielt und neben sich einen großen
Kasten stehen hatte Er hat Talente zum Hanswurst und ich brauche eben einen
denn der meinige ist mir heute verstorben Hat er Lust so schlage er ein der
Posten ist einträglich und wirft mehr ab als Wurzeln fressen« 
    Der hölzerne Spassmacher schaute mich dabei vertraulich an und ich fühlte
mich zu ihm hingezogen wie zu einem Freunde »Der Kerl ist in Venedig
geschnitzt  sagte der Puppenspieler wie zur Aufmunterung  und ich wette er
macht seine Sache besser als irgend ein anderer schaue er nur er geht und
steht wie auf lebendigen Beinen legt die Hand aufs Herz trinkt und isst wenn
ich am Faden ziehe und kann lachen und weinen wie ein gewöhnlicher Mensch
bloß durch einen leichten mechanischen Druck« 
    Topp rief ich und nahm den Kasten auf die Schultern und die hölzerne
Gesellschaft klapperte drinnen unter dem Tragen wie wenn sie eine französische
Revoluzion zum Zeitvertreib aufführte
    Im Wirtshause fanden wir das Theater und schon Leute die sichs ansehen
wollten der Direktor gab mir einen flüchtigen teoretischen Unterricht in der
tragischen sowohl wie in der komischen Kunst auch eröffnete er mir zur
Zerstreuung eine kleine Seitentür wo mein Vorgänger im Hanswurst auf der Streu
im Leichentuche lag und seine Rolle ausgespielt hatte das Gesicht war recht
boshaft verzogen und jener sagte Er ist im Lachen verstorben wodurch er sich
hinter der Bühne einen Stickfluss zuzog 
    Ein schöner Tod erwiderte ich und wir machten uns nun bereit die hölzerne
Treppe zu dirigiren Mein Gefährte hatte große Force in den Liebhabern und
Liebhaberinnen wovon er diese durch die Fistel sprach Mein Hauptfach dagegen
war der Hanswurst doch hatte ich auch nebenzu die Könige zu besorgen Als der
Vorhang fiel umarmte mich der Mann feurig und sagte dass ich meinem Posten Ehre
mache
    Wie teuer einem indes das Dirigiren zu stehen kommen kann das hatten wir
Gelegenheit auch unter Marionetten zu erfahren die Sache trug sich
folgendergestalt zu
    Wir hatten unsere Bühne in einem kleinen deutschen Dorfe nahe an der
französischen Grenze aufgeschlagen Sie gaben drüben grade die große
Tragikomödie in der ein König unglücklich debütirte und der Hanswurst als
Freiheit und Gleichheit lustig Menschenköpfe statt der Schellen schüttelte 
Wir hatten den unglücklichen Einfall den Holofernes auf das Theater zu bringen
und erhitzen dadurch die zuschauenden Bauern so heftig dass sie die Bühne
erstürmten unter den Schauspielerinnen uns die Judit entführten und mit ihr
und dem abgeschlagenen hölzernen Haupte des Holofernes geradeweges vor das Haus
des Schulzen zogen und nicht weniger als seinen Kopf von ihm forderten Das in
Anspruch genommene Haupt erblasste als die Rebellen ihm das blutige hölzerne
entgegenhielten und weil die Sache mir immer bedenklicher schien so suchte ich
ihr rasch eine andere Wendung zu geben Ich bemächtigte mich des
Holoferneskopfes sprang auf einen Stein und suchte in der Angst folgende Rede
zu Stande zu bringen
    »Lieben Landleute«
    »Schaut dieses hölzerne blutige Königshaupt an das ich hier hoch
emporhalte Es wurde als es noch auf dem Rumpfe saß durch diesen Drat
regiert den Drat regierte wieder meine Hand und so fort bis ins
Geheimnisvolle wo das Regiment nicht mehr zu bestimmen ist Dieses Haupt ist
ein königliches ich aber der an dem Drate zog dass es so oder so nickte oder
schüttelte bin ein ganz gewöhnlicher Kerl und komme im Staate in gar keine
Betrachtung Wie könntet ihr euch also wohl gegen diesen Holofernes erzürnen
wenn er nickte oder schüttelte wie ich es wollte  Ich denke ihr findet meine
Rede vernünftig Landleute  Doch aber scheint der Zorn über dieses hölzerne
Haupt sich bestimmt auf das Haupt eures Schulzen übertragen zu haben  und das
finde ich unbillig  Ich will mich bildlich auszudrücken suchen Mein
Holofernes spielt nicht nach eurem Willen wohlan so schlagt mich den gemeinen
Kerl auf die Hände dass mein Minister der Drat den ich anziehe eine andere
Richtung bekommt und durch diese wieder der Königskopf anmutiger und
verständiger nicke oder schüttele Was hat euch dieser arme Kopf getan dass ihr
so mit ihm umspringt er ist das mechanischste Ding auf der Welt und es wohnt
nicht einmal ein Gedanke in ihm Fordert doch von diesem Kopfe keine Freiheit
da er selbst nichts Analoges davon in sich enthält  Auch ist es ein missliches
Ding um das war ihr Freiheit scheltet ist es doch nicht das Marionettenspiel
allein was ihr heute gesehen habt wo dem hölzernen Könige der Kopf ohne
weiteren Erfolg vom Rumpfe geschlagen wird sondern ich habe dergleichen von
noch fehlerhafterer Natur in meinem Kasten wo der Dichter dem Stoffe nicht
gewachsen war und er nach Art politischer Poeten die Republick an der er
dichtete zu einer Despotie verpfuschte Ich kann dergleichen vor euch
aufführen  Unrecht bleibt es auch immer solche widernatürliche Strafen zu
exerziren als zB da auf das Köpfen zu bestehen wo sich kein Kopf vorfindet
denn dieser hölzerne ist nur bloß für das Auge da und zum Glück verstehe ich
es ihn wieder auf den Rumpf zu setzen was nicht in jedem ähnlichen Falle
glücken dürfte Und wehe meinen armen Marionetten wenn es einmal einem
wirklichen Kopfe einfiele den hölzernen hier in meiner Hand ersetzen zu wollen
und jener nun auf seine Weise nickte und schüttelte und den Drat ganz abrisse
 da könnte eine Posse sich leicht zu einer ernsten Tragödie revolutioniren 
Ich denke ich habe genug gesagt Landleute« 
    Die Menschheit ist im Ganzen wenn sie nicht grade an fixen Ideen leidet
eine ehrliche einfältige Haut und sie findet sich leicht in das
Entgegengesezteste ja ich glaube sie kann sich wenn sie heute ein leichtes
Band das sie fesselte zerrissen hat morgen mit eben dem Enthusiasmus in
Ketten werfen lassen Einer der droben zuschaut muss mit dem Volke Mitleid
haben So gaben auch heute meine Bauern das Revoluzioniren gutmütig wieder auf
und ließ dagegen ihren Schulzen hochleben leider nur verwandelte sich diese
Freude der lebenden Akteurs in bitteres Leid für meine hölzernen
    Wir Direktoren erwachten nämlich in der folgenden Nacht von einem
anhaltenden Geräusche das vom Theater her erschallte anfangs schoben wir es
auf Rollenneid oder eine unter der Truppe ausgebrochene Kabale als wir uns
aber näher zu unterrichten suchten fanden wir unten den Schulzen dem ich eben
das Haupt wieder auf dem Rumpfe befestigt hatte mit dem Holofernes in der Hand
und von Gerichtsdienern begleitet die die ganze Truppe im Namen des Staates zu
Gefangenen machten weil man sie für politisch gefährlich erklärte Alle meine
Einreden waren vergeblich und sie zogen vor meinen Augen mehrere Könige und
Herren als den Salomo Herodes David Alexander usw aus dem Kasten um sie
fortzuschleppen So inkonsequent verfährt der Staat gegen seine eigenen
Repräsentanten  Der letzte Mann war mein Hanswurst ich erniedrigte mich für
ihn fast zu Bitten  allein man tat mir kund dass durch ein strenges
Zensuredikt alle Satire im Staate ohne Ausnahme verboten sei und man sie schon
zum voraus in den Köpfen konfiscire Mit Mühe erhielt ich es nur auf einen
Augenblick noch mit ihm abseits zu treten ich nahm ihn mit mir hinter eine
Koulisse und hier in der Einsamkeit drückte ich unbelauscht seinen hölzernen
Mund an den meinigen und vergoss die zweite Träne denn er war außer Ophelia das
einzige Wesen das ich in der Welt wahrhaftig geliebt hatte 
    Mein Mitdirektor ging den ganzen darauf folgenden Tag wie ein Träumender
umher und am Abende fand man ihn weil er die angesagte Tragikomödie nicht
schuldig bleiben wollte auf der Bühne an einer Wolke erhängt
    So traurig endete auch dieses Unternehmen und ich suchte nun endlich mit
Ernst von den Mühseligkeiten des Lebens ermüdet mich unter den Menschen um
einen soliden Posten zu bewerben Es geht doch nichts auf Erden über das
Bewusstsein nützlich zu sein und einen festen Gehalt zu genießen  der Mensch
ist nicht Kosmopolit allein er ist auch Staatsbürger  Das Nachtwächteramt war
eben vakant geworden und ich glaubte mich allenfalls tüchtig ihm mit Ehre
vorzustehen Die Welt ist jetzt sehr gebildet und man fordert mit Recht große
Talente von jedem einzelnen Bürger 
    Wohl dem der Konnexionen hat  es gelang mir bei dem Diener des Ministers
Zutritt zu erhalten er hatte grade seine gute Stunde und empfahl mich seinem
Herrn so wurde ich die Staatsleiter immer höher gehoben und ging aus einer Hand
in die andere bis zur obersten Sprosse wo ich einen Fussfall wagte und man mir
gnädig Hoffnung zum Nachtwächter machte  Eine nähere Prüfung in der ich
dartun musste ob ich teils einen gemässigten Vortrag besäße um den Monarchen
wenn er schliefe nicht aus dem Schlafe zu wecken teils aber auch einen
angenehmen und gebildeten um in schlaflosen Nächten seinen musikalischen Sinn
nicht zu beleidigen fiel nicht ganz unglücklich aus und ich hatte die Freude
mich nachdem mir vorher noch weiteres Studium angelegentlich empfohlen war als
Nachtwächter angestellt zu sehen
 
                             Sechszehnte Nachtwache
Ich wünschte dieses Ultimatum und Hogartsche Schwanzstück meiner Nachtwachen
recht deutlich vor Jedermanns Augen ausmahlen zu können leider aber fehlen mir
die Farben in der Nacht dazu und ich kann nichts als Schatten und luftige
Nebelbilder vor dem Glase meiner magischen Laterne hinfliehen lassen
    Wenn ich in der Laune bin Könige und Bettler in eine recht lustige
brüderliche Gesellschaft zusammenzustellen so wandle ich auf dem Kirchhofe über
ihre Gräber hin und denke sie mir wie sie da unten im Boden friedlich neben
einander liegen im Stande der größten Freiheit und Gleichheit und nur in ihrem
Schlafe satirische Träume haben und hämisch aus den Augenhölen grinsen Unten
sind sie Brüder nur oben aus dem Rasen ragt höchstens noch ein moosigter Stein
herauf woran die alten zerschlagenen Wappen des Großen hängen indes auf dem
Grabe des Bettlers nur eine wilde Blume sprosst oder eine Nessel 
    Ich besuchte auch in dieser Nacht meinen Lieblingsort dieses
Vorstadtsteater wo der Tod dirigirt und tolle poetische Possen als Nachspiele
hinter den prosaischen Dramen aufführt die auf dem Hof und Weltteater
dargestellt werden Es war eine schwüle drückende Luft und der Mond schaute nur
heimlich zu den Gräbern herab und blaue Blize flogen dann und wann an ihm
vorüber Ein Poet meinte die zweite Welt lausche in die untenliegende herunter
 ich hielt es nur für äffenden Wiederhall und matten täuschenden Lichtschein
der noch eine Weile dem versunkenen Leben nachgaukelt wie der abgestorbene
faulende Baum noch eine Zeitlang des Nachts zu glänzen scheint bis er ganz in
Staub zerfällt 
    Ich war unwillkürlich an dem Denkmale eines Alchymisten stehen geblieben
ein alter kräftiger Kopf starrte aus dem Steine hervor und unverständliche
Zeichen aus der Kabbala waren die Inschrift
    Der Poet trieb sich eine Zeitlang unter den Gräbern herum und besprach sich
abwechselnd mit auf dem Boden liegenden Schädeln um sich in Feuer zu setzen
wie er sagte mir wurde es langweilig und ich schlief darüber am Denkmale ein
    Da hörte ich im Schlafe das Gewitter aufsteigen und der Poet wollte den
Donner in Musik setzen und Worte dazu dichten aber die Töne ordneten sich nicht
und die Worte schienen zu zersprengen und in einzelnen unverständlichen Sylben
durcheinander zu fliehen Dem Poeten stand der Schweiß auf der Stirne weil er
keinen Verstand in sein Naturgedicht bringen konnte  der Narr hatte das Dichten
bisher nur auf dem Papiere versucht
    Der Traum verwickelte sich immer tiefer Der Poet hatte sein Blatt von neuem
ergriffen und versuchte zu schreiben zur Unterlage diente ihm ein Schädel  er
begann wirklich und ich sah den Titel vollendet
                        Gedicht über die Unsterblichkeit
Der Schädel grinsete tückisch unter dem Blatte der Poet hatte kein Arg daraus
und schrieb den Eingang zum Gedichte worin er die Phantasie anrief ihm zu
diktiren Darauf hub er mit einem grausenden Gemälde des Todes an um zuletzt die
Unsterblichkeit desto glänzender hervorführen zu können wie den hellen
strahlenden Sonnenaufgang nach der tiefsten dunkelsten Nacht Er war ganz in
seine Phantasien vertieft und bemerkte es nicht dass sich um ihn her alle
Gräber geöffnet hatten und die Schläfer unten boshaft lächelten doch ohne sich
zu bewegen Jetzt stand er am Übergange und fing an die Posaunen zu blasen und
viele Zurüstungen zum jüngsten Tage zu machen Eben war er im Begriffe alle
Tote zu erwecken da schien es als ob etwas Unsichtbares seine Hand hielte und
er blickte verwundert auf  und unten in den Schlafkammern lagen sie noch alle
still und lächelten und niemand wollte erwachen Schnell ergriff er die Feder
von neuem und rief heftiger und setzte eine starke Begleitung von Donner und
Posaunenschall zu seiner Stimme  umsonst sie schüttelten nur alle unmutig
unten und wandten sich auf die andere Seite von ihm weg um ruhiger zu schlafen
und ihm die nackten Hinterköpfe zu zeigen  »Wie ist denn kein Gott« rief er
wild aus und das Echo gab ihm das Wort »Gott« laut und vernehmlich zurück
Jetzt stand er ganz einfältig da und käuete an der Feder »Der Teufel hat das
Echo erschaffen« sagte er zuletzt  »Weiß man doch nicht zu unterscheiden ob es
bloß äfft oder ob wirklich geredet wird«
    Er setzte noch einmal rasch an doch die Schriftzüge kamen nicht zum
Vorscheine da steckte er abgespannt und fast gleichmütig die Feder hinter das
Ohr und sagte monoton »Die Unsterblichkeit ist widerspänstig die Verleger
zahlen bogenweis und die Honorare sind heuer sehr schmal da wirft dergleichen
Schreiberei nichts ab und ich will mich wieder in die Dramen werfen« 
    Ich erwachte bei diesen Worten und mit dem Traume war auch der Poet vom
Kirchhofe verschwunden aber an meiner Seite saß ein braunes Böhmerweib und
schien aufmerksam in meinen Gesichtszügen zu lesen Ich erschrack fast vor der
großen gigantischen Gestalt und vor dem dunkeln Antlize in das ein seltsam
barockes Leben mit eben so grellen Zügen niedergeschrieben schien »Gib mir die
Hand Blanker« sagte sie geheimnisvoll und ich reichte sie ihr unwillkürlich
hin
    Je stärker und sicherer der Mensch sich selbst gefasst hält um so läppischer
erscheint ihm alles Geheimnisvolle und Wunderbare vom Freimaurerorden an bis
zu den Mysterien einer zweiten Welt Ich schauderte heute zum erstenmale etwas
denn das Weib las aus meiner Hand mein ganzes voriges Leben wie aus einem Buche
mir vor bis hin zu dem Augenblicke wo ich als ein Schaz gehoben wurde S die
vierte Nachtwache Darauf sagte sie »Sollst auch deinen Vater sehen Blanker
schau dich um er steht hinter dir«  Ich wandte mich rasch  und der ernste
steinerne Kopf des Alchymisten blickte mich starr an Sie legte die Hand auf
ihn und sagte sonderbar lächelnd »Der ists und ich bin die Mutter«
    Das gab eine tolle rührende Familienscene  die braune Zigeunermutter und
der steinerne Vater der halb aus der Erde hervorragte als wollte er den Sohn
halsen und an die kalte Brust drücken Um die Familiengruppe zu runden umarmte
ich beide und als ich so mitten inne saß erzählte das Weib im
Bänkelsängervortrage
    »Es war in der Christnacht als dein Vater den Teufel bannen wollte  er las
aus dem Buche und ich leuchtete dazu mit drei besprochenen Kerzen  unter dem
Boden lief es hin wie wenn die Erde Wellen schlüge und das Licht brannte blau
Wir hielten jetzt an der Stelle wo dem Himmel entsagt und der Hölle geschworen
wird und blickten uns eine Weile schweigend an Es ist zur Abwechselung sagte
dann dieser Steinerne und las die Stelle laut und vernehmlich  zwischen uns
lachte es leise wir lachten laut mit um nicht albern dazustehen Nun fing es
an in der Nacht um uns her sein Wesen zu treiben und wir merkten dass wir nicht
allein waren Ich schmiegte mich in dem gezogenen Kreise dicht an deinen Vater
wir berührten zufällig das Zeichen des Erdgeistes und wurden warm beisammen
Als der Teufel erschien erblickten wir ihn nur noch mit halb geöffneten Augen 
es war grade der Moment in dem du entstandest  Jener war recht bei Laune und
erbot sich Patenstelle zu vertreten er mochte ein angenehmer Mann in seinen
besten Jahren sein und ich erstaune über die Ähnlichkeit die du mit ihm hast
nur siehst du finsterer aus was du dir noch abgewöhnen dürftest Als du geboren
wurdest hatte ich soviel Gewissenhaftigkeit dich in christliche Hände zu
übergeben und spielte dich darum jenem Schazgräber zu der dich erzog  Das
ist deine Familiengeschichte Blanker«  Welch ein helles Licht nach dieser
Rede in mir aufging das können sich nur Psychologen vorstellen der Schlüssel
zu meinem Selbst war mir gereicht und ich öffnete zum erstenmale mit Erstaunen
und heimlichem Schauder die lang verschlossene Tür  da sah es aus wie in
Blaubarts Kammer und es hätte mich erwürgt wäre ich minder furchtlos gewesen
Es war ein gefährlicher psychologischer Schlüssel
    Ich möchte mich selbst wie ich bin geschickten Psychologen zur Secirung
und Anatomirung vorlegen um zu sehen ob sie das aus mir herauslesen würden was
ich jetzt wirklich las  dieser Zweifel soll übrigens der Wissenschaft selbst
nicht zu nahe treten die ich wahrlich hoch schäze weil sie es sich nicht
verdrießen lässt an einen so hypotetischen Gegenstand als die Seele ist Zeit
und Mühe zu verschwenden
    Ich mochte einige von den Betrachtungen die ich über mich selbst in diesem
Augenblicke gemacht hatte laut geäußert haben denn die Zigeunerin sprach wie
ein Orakel »Es ist größer die Welt zu hassen als sie zu lieben wer liebt
begehrt wer hasst ist sich selbst genug und bedarf nichts weiter als seinen
Hass in der Brust und keinen dritten«
    Die Worte dienten ihr zur Parole und ich erkannte durch sie dass sie zu
meiner Familie gehöre  Nach einer Weile sagte sie ganz heimlich »Ich möchte
den Alten da unten in seinem letzten chemischen Prozesse den er mit sich selbst
anstellt wohl noch einmal sehen er liegt schon lange im Boden  ob wohl noch
was von ihm übrig ist  Wir wollens doch anschauen«   Nach diesen Worten
schlich sie über Schädel und Todtenknochen hin nach dem Gebeinhause kehrte mit
Schaufel und Hacke zurück und grub sich still und geheimnisvoll in die Erde
    Ich ließ sie bei der sonderbaren Arbeit allein denn drüben wandelte einer
mit vielen Ausbeugungen und Krümmungen um die Gräber hin wie wenn er ihm im
Wege stehenden Gestalten auswiche oft schien er zu lächeln oft aber wandte er
sich erschrocken und zitternd ab und floh einige Schritte bis er wieder vor
einem neuen Gegenstande zurückzubeben schien  Als ich ihm nahe war fasste er
meine Hand und sagte tiefaufatmend »Gottlob ein Lebender Begleite mich nur
bis zu jenem Grabe«  Ich hielts für Wahnsinn und schritt mit ihm fort um das
Ende zu erwarten oft drängte er mich wenn ich einem Grabe zu nahe kam zurück
dass ich die Luft darüber nicht berühren sollte zuletzt aber schien er mehr Mut
zu fassen und ruhte eine Weile zwischen drei großen Monumenten aus es waren
umgestürzte Säulen und an den Tafeln standen die Namen verstorbener Fürsten
    »Hier können wir etwas verziehen sagte er denn über den Gräbern steht
nichts als Stein und Denkmal und drunten im Boden mag höchstens noch eine
Handvoll Staub neben den Kronen und Zeptern zu finden sein solche großen
Herren vergehen schnell weil sie im Überflusse genießen und schon im Leben eine
große Masse erdigter Teile in sich aufnehmen«
    Ich sah ihn erstaunt an da fuhr er fort »Ihr haltet mich wohl gar für
toll aber darin irrt Ihr Ich betrete diese Orte nicht gern denn ich habe
einen wunderbaren Sinn mit auf die Welt gebracht und erblicke wider meinen
Willen auf Gräbern die darunter liegenden Toten mehr oder minder deutlich nach
den Graden ihrer Verwesung7 So lange der Verstorbene unten noch unversehrt ist
so lange steht für mich seine Gestalt deutlich über der Gruft und nur wenn der
Körper sich mehr und mehr auflöst verliert sich auch das Bild in Schatten und
Nebel und verfliegt zuletzt ganz wenn das Grab leer ist  Die weite Erde ist
zwar ein einziger Gottesacker aber die Gestalten der Verweseten nehmen eine
freundlichere Gestalt an und blühen als schöne Blumen wieder auf  hier aber
stehen sie noch alle deutlich umher und blicken mich an dass ich erschrocken vor
ihnen zurückweiche Nichts sollte mich auch bewegen diese Stätte zu betreten
wenn mich nicht eine Schäferstunde hier erwartete«
    »Da hätte Euer Liebchen auch einen freundlichern Ort für Euch erwählen
sollen« sagte ich unwillig über seine unbekannte Schöne als er eine Weile inne
hielt
    »Sie ist dazu gezwungen« antwortete er  Denn sie hat hier ihre Wohnung
aufgeschlagen«
    Jetzt begriff ichs und verstand ihn als er auf ein fernes Grab deutete 
»Dort unten ruht sie  sie starb in der Blüte und ich kann nur hier nach ihrem
Brautbette wandeln Sie lächelt mir schon aus der Ferne entgegen und ich muss
eilen denn seit einiger Zeit wird die Gestalt immer luftiger und nur das
Lächeln um die Lippen ist noch ganz deutlich« 
    »Das ist doch mindestens einmal eine etwas ungewöhnliche Liebschaft die ich
erlebe  setzte ich hinzu  übrigens ist auf der Erde nichts langweiliger als
ein Verliebter« 
    Wir wandelten jetzt weiter fort und er entwarf mir im Gehen noch flüchtig
einige Skizzen von den Inhabern der Wohnungen an denen wir vorbei mussten
    »Dort hat sich ein Hofnarr noch gut gehalten er steht vollkommen da bis
auf den Spott und die Satire in seinen Minen  Hier harrt ein Poet der
Auferstehung entgegen aber von ihm selbst ist nur wenig noch dazu vorhanden
denn ich sehe bloß leichten Duft und muss die Phantasie anstrengen etwas
Gescheutes hineinzufinden  Da erblicke ich eine Mutter mit dem Kinde an der
Brust und beide lächeln  Es erschütterte mich denn es war grade das Grab
der Ophelia  Hier liegen ein Finanzier und ein Politiker beisammen aber an
beiden ist schon vieles defekt  Jenes soll das Grab eines berühmten Geizhalses
sein er hält noch mit der schon verschwindenden Hand den Zipfel seines
Leichentuches fest« 
    Jetzt waren wir zur Stelle und er bat mich ihn zu verlassen aus der Ferne
sah ich nur noch wie er die Luft umarmte und heiße Küsse ausströmte  es war
eine recht seltsame Schäferstunde  
    Indes hatte die Wahrsagerin das Grab des Vaters gesprengt und der morsche
Sarg hob sich aus dem Boden neugierig gleitete das Mondlicht an den halb
verwitterten Schildern und Verzierungen hinab und das Kruzifix auf dem Deckel
blinkte hell und weiß Mir war doch ungewöhnlich zu Mute als die alte graue
Vergangenheit noch einmal sich in der Gegenwart umsah und die letzte Wiege des
Vaters die ihn in den langen Schlummer wiegte heraufstieg Ich zögerte den
Deckel zu heben und redete in der Pause um mir selbst Mut zu machen einen
Wurm an den ich ergriff als er sich eben bei dem Sarge aus dem Boden wühlte
    »Außer den Favoriten und Günstlingen der Großen und Herren gibt es nur
noch ein Völkchen das es sich recht eigentlich an den Brüsten der Majestät wohl
sein lässt und zu diesem gehörst du Minirer Der König ernährt sich von dem
Marke seines Landes und du dich wieder von dem Könige selbst um die
verstorbene Majestät wie Hamlet sagt nach einer Reise durch drei oder vier
Magen wieder in den Schoss oder mindestens in den Bauch ihrer getreuen
Untertanen zu führen An dem Gehirne wie vieler Könige und Fürsten hast du dich
gemästet du fetter Schmarozer bis du zu diesem Grade von Wohlbeleibteit
gekommen bist Den Idealismus wie vieler Philosophen hast du auf diesen deinen
Realismus zurückgeführt Du bist ein unwiderlegbarer Beleg für die reelle
Nüzlichkeit der Ideen da du dich an der Weisheit so mancher Köpfe wacker
gemästet hast  Dir ist nichts mehr heilig weder Schönheit noch Hässlichkeit
weder Tugend noch Laster alles umwindest du Laokoons Schlange und beurkundest
deine intensive Erhabenheit an dem ganzen Menschengeschlechte Wo ist jetzt das
Auge das so bezaubernd lächelte oder so drohend gebot  Du Satiriker sizest
allein in der leeren Knochenhöle und schauest frech und boshaft um dich und
machst das Haupt zu deiner Wohnung und zu etwas noch schlechterm in dem sonst
die Plane eines Cäsar und Alexander geboren wurden Was ist nun dieser Pallast
der eine ganze Welt und einen Himmel in sich schließt dieses Feenschloss in dem
der Liebe Wunder bezaubernd gaukeln dieser Mikrokosmus in dem alles was groß
und herrlich und alles Schreckliche und Furchtbare im Keime nebeneinander
liegt der Tempel gebar und Götter Inquisitionen und Teufel dieses
Schwanzstück der Schöpfung  das Menschenhaupt   die Behausung eines Wurmes
 O was ist die Welt wenn dasjenige was sie dachte nichts ist und alles darin
nur vorüberfliegende Phantasie  Was sind die Phantasien der Erde der
Frühling und die Blumen wenn die Phantasie in diesem kleinen Rund verweht wenn
hier im innern Panteon alle Götter von ihren Fussgestellen stürzen und Würmer
und Verwesung einziehen O rühmt mir nichts von der Selbstständigkeit des
Geistes  hier liegt seine zerschlagene Werkstatt und die tausend Fäden womit
er das Gewebe der Welt webte sind alle zerrissen und die Welt mit ihnen  
Auch der Alte hier in seiner Kammer wird schon seine Teaterkleider abgeworfen
haben und dieser boshafte Bube in meiner Hand kommt vielleicht eben von dem
Kehraus dem er hier in der väterlichen Behausung beigewohnt hat  doch mags
sein  ich will ergrimmt in das Nichts schauen und Brüderschaft mit ihm machen
damit ich keine menschlichen Reste mehr verspüre wenn es auch mich zuletzt
ergreift«
    Ich war jetzt stark und wild genug den Deckel zu heben ob ich gleich fühlte
dass dieser Grimm und Zorn wie Alles übrige auch mit zum Nichts gehöre 
    Wie seltsam  als das stille Schlafkämmerchen sich auftat in dem ich
keinen Schläfer mehr erwartete lag er noch unversehrt auf dem Kissen mit
blassem ernsten Gesichte und schwarzen krausen Haaren um Schläfe und Stirn es
war noch die abgeformte Büste vom Leben die hier in dem unterirdischen Museum
des Todes zur Seltenheit aufbewahrt wurde und der alte Schwarzkünstler schien
dem Nichts Troz bieten zu wollen
    »So sah er aus als er den Teufel bannte« sagte die Wahrsagerin  »Nur
haben sie ihm nachher die Hände gefaltet dass er hier unten wider Willen beten
muss«   »Und warum betet er denn« fragte ich zornig  da drüben über uns im
Himmelssee funkeln und schwimmen zwar unzählige Sterne aber wenn es Welten
sind wie viele kluge Köpfe behaupten so gibt es auch Schädel auf ihnen und
Würmer wie hier unten das geht so fort durch die ganze Unermesslichkeit und
der Baseler Todtentanz wird dadurch nur um so lustiger und wilder und der
Ballsaal größer  O wie sie alle die auf den Gräbern umherlaufen und auf einer
tausendfach geschichteten Lava vergangener Geschlechter  wie sie alle nach
Liebe wimmern und nach einem großen Herzen über den Wolken woran sie mit allen
ihren Erden einst ruhen können Wimmert nicht länger  diese Myriaden von Welten
saussen in allen ihren Himmeln nur durch eine gigantische Naturkraft und diese
schreckliche Gebärerin die alles und sich selbst mit geboren hat hat kein Herz
in der eigenen Brust sondern formt nur kleine zum Zeitvertreib die sie umher
verteilt  haltet euch an diese und liebt und girrt so lange diese Herzen noch
zusammenhalten  Ich will nicht lieben und recht kalt und starr bleiben um wo
möglich dazu lachen zu können wenn die Riesenhand auch mich zerdrückt« 
    »Der alte Schwarzkünstler scheint zu meiner Rede zu lachen Weißt du es etwa
besser Teufelsbanner  und steigt über diesem zertrümmerten Panteon ein neues
herrlicheres auf das in die Wolken reicht und in dem sich die kolossalen
ringsumher dasizenden Götter wirklich aufrichten können ohne sich an der
niederen Decke die Köpfe zu zerstossen   wenn es wahr wäre so möchte es zu
rühmen sein und es dürfte schon die Mühe verlohnen zu zu schauen wie mancher
unermessliche Geist auch seinen unermesslichen Spielraum erhielte und nicht mehr
zu würgen brauchte und zu hassen um groß zu sein sondern frei in die Himmel
emporsteigen könnte um dort sein strahlendes Gefieder auszubreiten  Der
Gedanke könnte mich fast erhizen  Nur alle dürften sie mir nicht erstehen
wollen alle nicht  Was wollten so viele Pygmäen und Krüppel in dem großen
herrlichen Panteon in dem nur die Schönheit tronen soll und die Götter O
man schämt sich dieser Gesellschaft ja oft genug schon auf Erden wie könnte man
den Himmel mit ihnen gemeinschaftlich teilen  Nur ihr mögt euch aus dem
Schlummer erheben ihr großen königlichen Häupter die ihr mit den Diademen in
der Weltgeschichte erscheint und ihr begeisterten Sänger die ihr von den
Königlichen entzückt redet und sie verherrlicht Die andern mögen ruhig schlafen
und recht sanft auch angenehme Träume haben die gönne ich ihnen von Herzen« 
    »Mit dir alter Alchymist möchte ich den Weg schon antreten nur betteln
sollst du mir nicht um den Himmel  nicht betteln  lieber ertroze ihn wenn du
Kraft hast Die stürzenden Titanen sind mehr wert als ein ganzer Erdball voll
Heuchler die sich ins Panteon durch ein wenig Moral und so und so
zusammengehaltene Tugend schleichen möchten Lass uns dem Riesen der zweiten Welt
gerüstet entgegengehen denn nur wenn wir unsere Fahne dort aufpflanzen sind
wir es wert dort zu wohnen  Lass das Betteln ich reiße dir die Hände mit
Gewalt auseinander«  
    »Wehe Was ist das  bist auch du nur eine Maske und betrügst mich  Ich
sehe dich nicht mehr Vater  wo bist du  Bei der Berührung zerfällt alles in
Asche und nur auf dem Boden liegt noch eine Handvoll Staub und ein paar
genährte Würmer schleichen sich heimlich weg wie moralische Leichenredner die
sich beim Trauermahle übernommen haben Ich streue diese Handvoll väterlichen
Staub in die Lufte und es bleibt  Nichts«
    »Drüben auf dem Grabe steht noch der Geisterseher und umarmt Nichts«
    »Und der Wiederhall im Gebeinhause ruft zum leztenmale  Nichts 
                                    Fußnoten
1 Diese Nachtuhren sind so eingerichtet dass der Nachtwächter jedesmal in ein
bis dahin verstektes Loch das erst bei der bestimmten Stunde hervorrükt einen
Zettel stekt zum Belege dass er regelmäßig umhergegangen ist Am Morgen
schließt dann ein Polizeioffizier die Uhr auf um zu sehen ob in jedem
einzelnen Loche der Zettel sich vorfindet
2 Auf den holländischen Dukaten steht ein geharnischter Mann
3 So hieß der eine Akteur der zu Tespis Zeit mit dem Chore die ganze Tragödie
ausmachte
4 S dessen Gedicht über die Natur
5 Götes Triumpf der Empfindsamkeit
6 Irgend ein Naturforscher stellt die Hypothese auf dass die ersten Insekten nur
Staubfäden an Pflanzen waren die sich durch ein Ohngefähr von ihnen trennten
7 Ein Beispiel dieser orginellen Geisterseherei findet sich wenn ich nicht
irre in Moritz Magazin der Erfahrungsseelenkunde