Jean Paul
Flegeljahre
Eine Biographie
Erstes Bändchen
Nr 1 Bleiglanz
Testament das Weinhaus
Solange Hasslau eine Residenz ist wusste man sich nicht zu erinnern dass man
darin auf etwas mit solcher Neugier gewartet hätte die Geburt des Erbprinzen
ausgenommen als auf die Eröffnung des van der Kabelschen Testaments Van der
Kabel konnte der Hasslauer Krösus und sein Leben eine Münzbelustigung heißen
oder eine Goldwäsche unter einem goldnen Regen oder wie sonst der Witz wollte
Sieben noch lebende weitläuftige Anverwandte von sieben verstorbenen
weitläuftigen Anverwandten Kabels machten sich zwar einige Hoffnung auf Plätze
im Vermächtnis weil der Krösus ihnen geschworen ihrer da zu gedenken aber die
Hoffnungen blieben zu matt weil man ihm nicht sonderlich trauen wollte da er
nicht nur so mürrischsittlich und uneigennützig überall wirtschaftete in der
Sittlichkeit aber waren die sieben Anverwandten noch Anfänger sondern auch
immer so spöttisch dareingriff und mit einem solchen Herzen voll Streiche und
Fallstricke dass sich auf ihn nicht fussen ließ Das fortstrahlende Lächeln um
seine Schläfe und Wulstlippen und die höhnische Fistelstimme schwächten den
guten Eindruck den sein edel gebautes Gesicht und ein Paar große Hände aus
denen jeden Tag Neujahrsgeschenke und BenefizKomödien und Gratiale fielen
hätten machen können deswegen gab das Zuggevögel den Mann diesen lebendigen
Vogelbeerbaum worauf es aß und nistete für eine heimliche Schneuss aus und
konnte die sichtbaren Beeren vor unsichtbaren Haarschlingen kaum sehen
Zwischen zwei Schlagflüssen hatt er sein Testament aufgesetzt und dem
Magistrate anvertraut Noch als er den Depositionsschein den sieben
PräsumtivErben halbsterbend übergab sagt er mit altem Tone er wolle nicht
hoffen dass dieses Zeichen seines Ablebens gesetzte Männer niederschlage die er
sich viel lieber als lachende Erben denke denn als weinende und nur einer
davon der kalte Ironiker der PolizeiInspektor Harprecht erwiderte dem
warmen ihr sämtlicher Anteil an einem solchen Verluste stehe wohl nicht in
ihrer Gewalt
Endlich erschienen die sieben Erben mit ihrem Depositionsschein auf dem
Ratause namentlich der Kirchenrat Glanz der PolizeiInspektor der Hofagent
Neupeter der Hoffiskal Knoll der Buchhändler Passvogel der Frühprediger Flachs
und Flitte aus Elsass Sie drangen bei dem Magistrate auf die vom sel Kabel
insinuierte Charte und die Öffnung des Testaments ordentlich und geziemend Der
OberExekutor des letztern war der regierende Bürgermeister selber die
UnterExekutores der restierende StadtRat Sofort wurden Charte und Testament
aus der RatsKammer vorgeholt in die Ratsstube sämtlichen Rats und Erbherrn
herumgezeigt damit sie das darauf bedruckte StadtSekret besähen die auf die
Charte geschriebene InsinuationsRegistratur vom Stadtschreiber den sieben Erben
laut vorgelesen und ihnen dadurch bekannt gemacht dass der Selige die Charte dem
Magistrate wirklich insinuiert und scrinio rei publicae anvertraut und dass er
am Tage der Insinuation noch vernünftig gewesen endlich wurden die sieben
Siegel die er selber darauf gesetzt ganz befunden Jetzt konnte das Testament
nachdem der Stadtschreiber wieder über dieses alles eine kurze Registratur
abgefasset in Gottes Namen aufgemacht und vom regierenden Bürgermeister so
vorgelesen werden wie folgt
Ich van der Kabel testiere 179 den 7 Mai hier in meinem Hause in Hasslau in
der Hundsgasse ohne viele Millionen Worte ob ich gleich ein deutscher Notarius
und ein holländischer Dominé gewesen Doch glaub ich werd ich in der
Notariatskunst noch so zu Hause sein dass ich als ordentlicher Testator und
Erblasser auftreten kann
Testatoren stellen die bewegenden Ursachen ihrer Testamente voran Diese
sind bei mir wie gewöhnlich der selige Hintritt und die Verlassenschaft
welche von vielen gewünscht wird Über Begraben und dergleichen zu reden ist zu
weich und dumm Das aber als was Ich übrigbleibe setze die ewige Sonne droben
in einen ihrer grünen Frühlinge in keinen düstern Winter
Die milden Gestifte nach denen Notarien zu fragen haben mach ich so dass
ich für dreitausend hiesige Stadtarme jeder Stände ebenso viele leichte Gulden
aussetze wofür sie an meinem Todestage im künftigen Jahre auf der Gemeinhut
wenn nicht gerade das RevueLager da steht ihres aufschlagen und beziehen das
Geld froh verspeisen und dann in die Zelte sich kleiden können Auch vermach
ich allen Schulmeistern unsers Fürstentums dem Mann einen Augustdor so wie
hiesiger Judenschaft meinen Kirchenstand in der Hofkirche Da ich mein Testament
in Klauseln eingeteilt haben will so ist diese die erste
2te Klausel
Allgemein wird Erbsatzung und Enterbung unter die wesentlichsten
Testamentsstücke gezählt Demzufolge vermach ich denn dem Hrn Kirchenrat
Glanz dem Hrn Hoffiskal Knoll dem Hrn Hofagent Peter Neupeter dem Hrn
PolizeiInspektor Harprecht dem Hrn Frühprediger Flachs und dem Hrn
Hofbuchhändler Passvogel und Hrn Flitten vor der Hand nichts weniger weil ihnen
als den weitläuftigsten Anverwandten keine Trebellianica gebührt oder weil die
meisten selber genug zu vererben haben als weil ich aus ihrem eigenen Munde
weiß dass sie meine geringe Person lieber haben als mein großes Vermögen bei
welcher ich sie denn lasse so wenig auch an ihr zu holen ist
Sieben lange Gesichtslängen fuhren hier wie Siebenschläfer auf Am meisten
fand sich der Kirchenrat ein noch junger aber durch gesprochene und gedruckte
Kanzelreden in ganz Deutschland berühmter Mann durch solche Stiche beleidigt
dem Elsasser Flitte entging im Sessionszimmer ein leicht geschnalzter Fluch
Flachsen dem Frühprediger wuchs das Kinn zu einem Bart abwärts mehrere leise
StoßNachrufe an den seligen Kabel mit Namen Schubjack Narr Unchrist usw
konnte der Stadtrat hören Aber der regierende Bürgermeister Kuhnold winkte mit
der Hand der Hoffiskal und der Buchhändler spannten alle Spring und
Schlagfedern an ihren Gesichtern wie an Fallen wieder an und jener las fort
obwohl mit erzwungenem Ernste
3te Klausel
Ausgenommen gegenwärtiges Haus in der Hundsgasse als welches nach dieser meiner
dritten Klausel ganz so wie es steht und geht demjenigen von meinen sieben
genannten Hrn Anverwandten anfallen und zugehören soll welcher in einer halben
Stunde von der Vorlesung der Klausel an gerechnet früher als die übrigen sechs
Nebenbuhler eine oder ein paar Tränen über mich seinen dahingegangenen Onkel
vergießen kann vor einem löblichen Magistrate der es protokolliert Bleibt aber
alles trocken so muss das Haus gleichfalls dem Universalerben verfallen den ich
sogleich nennen werde
Hier machte der Bürgermeister das Testament zu merkte an die Bedingung sei
wohl ungewöhnlich aber doch nicht gesetzwidrig sondern das Gericht müsse dem
ersten der weine das Haus zusprechen legte seine Uhr auf den Sessionstisch
welche auf 11 12 Uhr zeigte und setzte sich ruhig nieder um als
TestamentsVollstrecker so gut wie das ganze Gericht aufzumerken wer zuerst die
begehrten Tränen über den Testator vergösse
Dass es solange die Erde geht und steht je auf ihr einen betrübtern und
krausern Kongress gegeben als diesen von sieben gleichsam zum Weinen vereinigten
trocknen Provinzen kann wohl ohne Parteilichkeit nicht angenommen werden
Anfangs wurde noch kostbare Minuten hindurch bloß verwirrt gestaunt und
gelächelt der Kongress sah sich zu plötzlich in jenen Hund umgesetzt dem mitten
im zornigsten Losrennen der Feind zurief wart auf und der plötzlich auf die
Hinterfüsse stieg und Zähnebleckend aufwartete vom Verwünschen wurde man zu
schnell ins Beweinen emporgerissen
An reine Rührung konnte das sah jeder keiner denken so im Galopp an
Platzregen an Jagdtaufe der Augen doch konnte in 26 Minuten etwas geschehen
Der Kaufmann Neupeter fragte ob das nicht ein verfluchter Handel und
Narrensposse sei für einen verständigen Mann und verstand sich zu nichts doch
verspürt er bei dem Gedanken dass ihm ein Haus auf einer Zähre in den Beutel
schwimmen könnte sonderbaren DrüsenReiz und sah wie eine kranke Lerche aus
die man mit einem eingeölten Stecknadelknopfe das Haus war der Knopf
klistiert
Der Hoffiskal Knoll verzog sein Gesicht wie ein armer Handwerksmann den ein
Gesell Sonnabend abends bei einem Schusterlicht rasiert und radiert er war
fürchterlich erboset auf den Missbrauch des Titels von Testamenten und nahe genug
an Tränen des Grimms
Der listige Buchhändler Passvogel machte sich sogleich still an die Sache
selber und durchging flüchtig alles Rührende was er teils im Verlage hatte
teils in Kommission und hoffte etwas zu brauen noch sah er dabei aus wie ein
Hund der das Brechmittel das ihm der Pariser Hundearzt Hemet auf die Nase
gestrichen langsam ableckt es war durchaus Zeit erforderlich zum Effekt
Flitte aus Elsass tanzte geradezu im Sessionszimmer besah lachend alle
Ernste und schwur er sei nicht der Reichste unter ihnen aber für ganz
Strassburg und Elsass dazu wär er nicht imstande bei einem solchen Spaß zu
weinen
Zuletzt sah ihn der PolizeiInspektor Harprecht sehr bedeutend an und
versicherte falls Monsieur etwan hoffe durch Gelächter aus den sehr bekannten
Drüsen und aus den Meibomischen und der Karunkel und andern die begehrten
Tropfen zu erpressen und sich diebisch mit diesem Fensterschweiss zu beschlagen
so wolle er ihn erinnern dass er damit so wenig gewinnen könne als wenn er die
Nase schneuzen und davon profitieren wollte indem in letztere wie bekannt
durch den ductus nasalis mehr aus den Augen fliesse als in jeden Kirchenstuhl
hinein unter einer Leichenpredigt Aber der Elsasser versicherte er lache nur
zum Spaß nicht aus ernstern Absichten
Der Inspektor seinerseits bekannt mit seinem dephlegmierten Herzen suchte
dadurch etwas Passendes in die Augen zu treiben dass er mit ihnen sehr starr und
weit offen blickte
Der Frühprediger Flachs sah aus wie ein reitender Betteljude mit welchem
ein Hengst durchgeht indes hätt er mit seinem Herzen das durch Haus und
Kirchenjammer schon die besten schwülsten Wolken um sich hatte leicht wie eine
Sonne vor elendem Wetter auf der Stelle das nötigste Wasser aufgezogen wär ihm
nur nicht das herschiffende FlössHaus immer dazwischengekommen als ein gar zu
erfreulicher Anblick und Damm
Der Kirchenrat der seine Natur kannte aus Neujahrs und Leichenpredigten
und der gewiss wusste dass er sich selber zuerst erweiche sobald er nur an andere
ErweichungsReden halte stand auf da er sich und andere so lang am
Trockenseile hängen sah und sagte mit Würde jeder der seine gedruckten Werke
gelesen wisse gewiss dass er ein Herz im Busen trage das so heilige Zeichen
wie Tränen sind eher zurückzudrängen um keinem Nebenmenschen damit etwas zu
entziehen als mühsam hervorzureizen nötig habe aus Nebenabsichten »Dies Herz
hat sie schon vergossen aber heimlich denn Kabel war ja mein Freund« sagt er
und sah umher
Mit Vergnügen bemerkte er dass alle noch so trocken dasassen wie Korkhölzer
besonders jetzt konnten Krokodile Hirsche Elefanten Hexen Reben leichter
weinen als die Erben von Glanzen so gestört und grimmig gemacht Bloß Flachsen
schlugs heimlich zu dieser hielt sich Kabels Wohltaten und die schlechten Röcke
und grauen Haare seiner Zuhörerinnen des Frühgottesdienstes den Lazarus mit
seinen Hunden und seinen eigenen langen Sarg in der Eile vor ferner das Köpfen
so mancher Menschen Werters Leiden ein kleines Schlachtfeld und sich selber
wie er sich da so erbärmlich um den TestamentsArtikel in seinen jungen Jahren
abquäle und abringe noch drei Stöße hatt er zu tun mit dem Pumpenstiefel so
hatte er sein Wasser und Haus
»O Kabel mein Kabel« fuhr Glanz fort fast vor Freude über nahe
Trauertränen weinend »einst wenn neben deine mit Erde bedeckte Brust voll Liebe
auch die meinige zum Vermod«
»Ich glaube meine verehrtesten Herren« sagte Flachs betrübt aufstehend
und überfliessend umhersehend »ich weine« setzte sich darauf nieder und ließ
es vergnügter laufen er war nun auf dem Trocknen vor den Akzessitaugen hatt
er Glanzen das PreisHaus weggefischt den jetzt seine Anstrengung ungemein
verdross weil er sich ohne Nutzen den halben Appetit weggesprochen hatte Die
Rührung Flachsens wurde zu Protokoll gebracht und ihm das Haus in der Hundsgasse
auf immer zugeschlagen Der Bürgermeister gönnt es dem armen Teufel von Herzen
es war das erstemal im Fürstentum Hasslau dass Schul und Kirchenlehrers Tränen
sich nicht wie die der Heliaden in leichten Bernstein der ein Insekt
einschliesset sondern wie die der Göttin Freia in Gold verwandelten Glanz
gratulierte Flachsen sehr und machte ihm froh bemerklich vielleicht hab er
selber ihn rühren helfen Die übrigen trennten sich durch ihre Scheidung auf dem
trockenen Weg von der Flachsischen auf dem nassen sichtbar blieben aber noch
auf das restierende Testament erpicht
Nun wurd es weiter verlesen
4te Klausel
Von jeher habe ich zu einem Universalerben meiner Activa also meines Gartens
vor dem Schaftore meines Wäldleins auf dem Berge und der elftausend Georgdors
in der Südseehandlung in Berlin und endlich der beiden Fronbauern im Dorf
Elterlein und der dazugehörigen Grundstücke sehr viel gefodert viel leibliche
Armut und geistlichen Reichtum Endlich habe ich in meiner letzten Krankheit in
Elterlein ein solches Subjekt aufgetrieben Ich glaubte nicht dass es in einem
Dutzend und Taschenfürstentümlein einen blutarmen grundguten herzlichfrohen
Menschen gebe der vielleicht unter allen die je den Menschen geliebt es am
stärksten tut Er hat einmal zu mir ein paar Worte gesagt und zweimal im
Dunkeln eine Tat getan dass ich nun auf den Jüngling baue fast auf ewig Ja ich
weiß dieses Universalerben tät ihm sogar wehe wenn er nicht arme Eltern
hätte Ob er gleich ein juristischer Kandidat ist so ist er doch kindlich ohne
Falsch rein naiv und zart ordentlich ein frommer Jüngling aus der alten
Väterzeit und hat dreissigmal mehr Kopf als er denkt Nur hat er das Böse dass
er erstlich ein etwas elastischer Poet ist und dass er zweitens wie viele
Staaten von meiner Bekanntschaft bei SittenAnstalten gern das Pulver auf die
Kugel lädt auch am Stundenzeiger schiebt um den Minutenzeiger zu drehen Es
ist nicht glaublich dass er je eine StudentenMausfalle aufstellen lernt und
wie gewiss ihm ein Reisekoffer den man ihm abgeschnitten auf ewig aus den
Händen wäre erhellet daraus dass er durchaus nicht zu spezifizieren wüsste was
darin gewesen und wie er ausgesehen
Dieser Universalerbe ist der SchulzenSohn in Elterlein namens Gottwalt
Peter Harnisch ein recht feines blondes liebes Bürschchen
Die sieben PräsumtivErben wollten fragen und außer sich sein aber sie mussten
fortören
5te Klausel
Allein er hat Nüsse vorher aufzubeissen Bekanntlich erbte ich seine Erbschaft
selber erst von meinem unvergesslichen Adoptivvater van der Kabel in Broek im
Waterland dem ich fast nichts dafür geben konnte als zwei elende Worte
Friedrich Richter meinen Namen Harnisch soll sie wieder erben wenn er mein
Leben wie folgt wieder nach und durchlebt
6te Klausel
Spasshaft und leicht mags dem leichten poetischen Hospes dünken wenn er hört
dass ich deshalb bloß fordere und verordne er soll denn alles das lebt ich
eben selber durch nur länger weiter nichts tun als
a einen Tag lang Klavierstimmer sein ferner
b einen Monat lang mein Gärtchen als Obergärtner bestellen ferner
c ein Vierteljahr Notarius ferner
d solange bei einem Jäger sein bis er einen Hasen erlegt es dauere nun 2
Stunden oder 2 Jahre
e er soll als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen
f er soll eine buchhändlerische Messwoche mit Hrn Passvogel beziehen wenn
dieser will
g er soll bei jedem der Hrn AkzessitErben eine Woche lang wohnen der
Erbe müsst es sich denn verbitten und alle Wünsche des zeitigen
Mietsherrn die sich mit der Ehre vertragen gut erfüllen
h er soll ein paar Wochen lang auf dem Lande Schul halten endlich
i soll er ein Pfarrer werden dann erhält er mit der Vokation die
Erbschaft Das sind seine neun ErbÄmter
7te Klausel
Spasshaft sagt ich in der vorigen wird ihm das vorkommen besonders da ich ihm
verstatte meine LebensRollen zu versetzen und zB früher die Schulstube als
die Messe zu beziehen bloß mit dem Pfarrer muss er schließen aber Freund
Harnisch dem Testament bieg ich zu jeder Rolle einen versiegelten
Reguliertarif genannt die geheimen Artikel bei worin ich Euch in den Fällen
wo Ihr das Pulver auf die Kugel ladet zB in Notariatsinstrumenten kurz
gerade für eben die Fehler die ich sonst selber begangen entweder um einen
Abzug von der Erbschaft abstrafe oder mit dem Aufschube ihrer Auslieferung
Seid klug Poet und bedenkt Euren Vater der so manchem Edelmann im an
gleicht dessen Vermögen wie das eines russischen zwar in Bauern besteht aber
doch nur in einem einzigen welches er selber ist Bedenkt Euren vagabunden
Bruder der vielleicht eh Ihrs denkt aus seinen Wanderjahren mit einem halben
Rocke vor Eure Türe kommen und sagen kann »Hast du nichts Altes für deinen
Bruder Sieh diese Schuhe an« Habt also Einsichten Universalerbe
8te Klausel
Den Hrn Kirchenrat Glanz und alle bis zu Hrn Buchhändler Passvogel und Flitte
inclusive mach ich aufmerksam darauf wie schwer Harnisch die ganze Erbschaft
erobern wird wenn sie auch nichts erwägen als das einzige hier an den Rand
genähte Blatt worauf der Poet flüchtig einen LieblingsWunsch ausgemalt
nämlich den Pfarrer in Schweden zu werden Herr Bürgermeister Kuhnold fragte
hier ob ers mitlesen solle aber alle schnappten nach mehren Klauseln und er
fuhr fort Meine t Hrn Anverwandten fleh ich daher wofür ich freilich
wenig tue wenn ich nur zu einiger Erkenntlichkeit ihnen zu gleichen Teilen hier
sowohl jährlich zehn Prozent aller Kapitalien als die Nutzniessung meines
ImmobiliarVermögens wie es auch heiße so lange zuspreche als besagter
Harnisch noch nicht die Erbschaft nach der sechsten Klausel hat antreten können
solche fleh ich als ein Christ die Christen an gleichsam als sieben Weise
dem jungen möglichen Universalerben scharf aufzupassen und ihm nicht den
kleinsten Fehltritt womit er den Aufschub oder Abzug der Erbschaft verschulden
mag unbemerkt nachzusehen sondern vielmehr jeden gerichtlich zu bescheinigen
Das kann den leichten Poeten vorwärtsbringen und ihn schleifen und abwetzen
Wenn es wahr ist ihr sieben Verwandten dass ihr nur meine Person geliebt so
zeigt es dadurch dass ihr das Ebenbild derselben recht schüttelt den Nutzen hat
das Ebenbild und ordentlich obwohl christlich chikaniert und vexiert und sein
Regen und Siebengestirn seid und seine böse Sieben Muss er recht büßen nämlich
passen desto erspriesslicher für ihn und für euch
9te Klausel
Ritte der Teufel meinen Universalerben so dass er die Ehe bräche so verlör er
die ViertelsErbschaft sie fiele den sieben Anverwandten heim ein Sechstel
aber nur wenn er ein Mädchen verführte Tagreisen und Sitzen im Kerker können
nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden wohl aber Liegen auf dem
Kranken und Totenbette
10te Klausel
Stirbt der junge Harnisch innerhalb zwanzig Jahren so verfället die Erbschaft
den hiesigen corporibus piis Ist er als christlicher Kandidat examiniert und
bestanden so zieht er bis man ihn voziert zehn Prozent mit den übrigen Hrn
Erben damit er nicht verhungere
11te Klausel
Harnisch muss an Eidesstatt geloben nichts auf die künftige Erbschaft zu borgen
12te Klausel
Es ist nur mein letzter Wunsch obwohl nicht eben mein Letzter Wille dass wie
ich den van der Kabelschen Namen er so den Richterschen bei Antritt der
Erbschaft annehme und fortführe es kommt aber sehr auf seine Eltern an
13te Klausel
Liesse sich ein habiler dazu gesattelter Schriftsteller von Gaben auftreiben und
gewinnen der in Bibliotheken wohl gelitten wäre so soll man dem venerabeln
Mann den Antrag tun die Geschichte und Erwerbzeit meines möglichen
Universalerben und Adoptivsohnes so gut er kann zu schreiben Das wird nicht
nur diesem sondern auch dem Erblasser weil er auf allen Blättern vorkommt
Ansehen geben Der treffliche mir zur Zeit noch unbekannte Historiker aber
nehme von mir als schwaches Andenken für jedes Kapitel eine Nummer aus meinem
Kunst und Naturalienkabinett an Man soll den Mann reichlich mit Notizen
versorgen
14te Klausel
Schlägt aber Harnisch die ganze Erbschaft aus so ists so viel als hätt er
zugleich die Ehe gebrochen und wäre Todes verfahren und die 9te und lote
Klausel treten mit vollen Kräften ein
15te Klausel
Zu Exekutoren des Testaments ernenn ich dieselben hochedlen Personen denen
oblatio testamenti geschehen indes ist der regierende Bürgermeister Hr
Kuhnold der Obervollstrecker Nur er allein eröffnet stets denjenigen unter den
geheimen Artikeln des Reguliertarifs vorher welcher für das jedesmalige gerade
von Harnisch gewählte ErbAmt überschrieben ist In diesem Tarif ist es auf
das genaueste bestimmt wieviel Harnischen zB für das Notariuswerden
beizuschiessen ist denn was hat er und wieviel jedem AkzessitErben zu geben
der gerade ins ErbAmt verwickelt ist zB Herrn Passvogel für die
BuchhändlerWoche oder für siebentägigen Hauszins Man wird allgemein zu frieden
sein
16te Klausel
Folioseite 276 seiner vierten Auflage fodert Volkmannus emendatus von Erblassern
die providentia oder »zeitige Fürsehung« so dass ich also in dieser Klausel
festzusetzen habe dass jeder der sieben AkzessitErben oder alle die mein
Testament gerichtlich anzufechten oder zu rumpieren suchen während des
Prozesses keinen Heller Zinsen erhalten als welche den andern oder streiten sie
alle dem Universalerben zufliessen
17te und letzte Klausel
Ein jeder Wille darf toll und halb und weder gehauen noch gestochen sein nur
aber der Letzte nicht sondern dieser muss um sich zum zweiten dritten
viertenmal zu runden also konzentrisch wie überall bei den Juristen zur
clausula salutaris zur donatio mortis causa und zur reservatio ambulatoriae
voluntatis greifen So will ich denn hiemit darzu gegriffen haben mit kurzen
und vorigen Worten Weiter brauch ich mich der Welt nicht aufzutun vor der
mich die nahe Stunde bald zusperren wird Sonstiger Fr Richter jetziger van
der Kabel
Soweit das Testament Alle Formalien des Unterzeichnens und Untersiegelns etc
etc fanden die sieben Erben richtig beobachtet
Nr 2 Katzensilber aus Thüringen
J P F Rs Brief an den Stadtrat
Der Verfasser dieser Geschichte wurde von der Testamentsexekution besonders vom
trefflichen Kuhnold zum Verfasser gewählt Auf einen solchen ehrenvollen
Auftrag gab er folgende Antwort
P P
Einem hochedlen Stadtrat oder einer trefflichen Testamentsexekution die Freude
zu malen dass Sie und die Klausel Liesse sich ein habiler dazu gesattelter
Schriftsteller etc mich aus 55000 zeitigen Autoren zum Geschichtschreiber eines
Harnisch ausgelesen Ihnen mit bunten Farben das Vergnügen zu schildern dass ich
mit solchen Arbeiten und Mitarbeitern beehrt worden dazu hatt ich vorgestern
da ich mit Weib und Kind und allem von Meinungen nach Koburg zog und unzählige
Dinge auf und abzuladen hatte ganz natürlich keine Zeit Ja kaum war ich zum
Stadttore und zur Haustüre hinein so ging ich wieder heraus auf die Berge wo
eine Menge schöner Gegenden neben und hintereinander wohnen »Wie oft« sagt
ich droben »wirst du dich nicht künftig auf diesen Tabors verklären«
Hier send ich dem etc etc Stadtrate die erste Nummer Bleiglanz
überschrieben ganz ausgearbeitet ich bitte aber die trefflichen Exekutoren zu
bedenken dass die künftigen Nummern reicher und feiner ausfallen und ich mich
darin mehr werde zeigen können als in der ersten wo ich fast nichts zu machen
hatte als die Abschrift der erhaltenen TestamentsKopie Das Katzensilber aus
Thüringen habe ganz erhalten nächstens läuft das Kapitel dafür ein das aus
einer Kopie des gegenwärtigen Briefes für die Leser bestehen soll Ein weder
zu barocker noch zu verbrauchter Titel für das Werk ist auch schon fertig
Flegeljahre ist es betitelt
So hat denn die Maschine ihren ordentlichen Mühlengang Wenn die van der
Kabelsche Kunst und NaturalienSammlung siebentausendundzweihundertunddrei
Stücke und Nummern stark ist wie ich aus dem Inventarium ersehe so werden wir
wohl da der Selige für jedes Stück sein ganzes Kapitel haben will die Kapitel
etwas einlaufen lassen müssen weil sonst ein Werk herauskäme das sich länger
ausstreckte als alle meine opera omnia inclusive dieses zusammengenommen In
der gelehrten Welt sind ja alle Kapitel erlaubt Kapitel von einem Alphabet bis
zu Kapiteln von einer Zeile
Was die Arbeit selber anlangt so verpfändet sich der Meister einem
hochedlen Stadtrate dafür dass er eine liefern will die man keck jedem
Mitmeister er sei Stadt oder Frei und Gnadenmeister zu beschauen geben kann
besonders da ich vielleicht mit dem sel van der Kabel sonst Richter selber
verwandt bin Das Werk um nur einiges vorauszusagen soll alles befassen was
man in Bibliotheken viel zu zerstreut antrifft denn es soll ein kleiner
Supplementband zum Buche der Natur werden und ein Vorbericht und Bogen A zum
Buche der Seligen Dienstboten angehenden Knaben und erwachsenen Töchtern wie
auch Landmännern und Fürsten werden darin die Kollegia conduitica gelesen
Ein Stylisticum lieset das Ganze
Für den Geschmack der fernsten selber der geschmacklosesten Völker wird
darin gesorgt die Nachwelt soll darin ihre Rechnung nicht mehr finden als Mit
und Vorwelt
Ich berühre darin die Vakzine den Buch und Wollenhandel die
Monatsschriftsteller Schellings magnetische Metapher oder Doppelsystem die
neuen Territorialpfähle die Schwänzelpfennige die Feldmäuse samt den
Fichtenraupen und Bonaparten das berühr ich freilich flüchtig als Poet
Über das weimarsche Theater äusser ich meine Gedanken auch über das nicht
kleinere der Welt und des Lebens
Wahrer Scherz und wahre Religion kommen hinein obwohl diese jetzt so selten
ist als ein Fluch in Herrnhut oder ein Bart am Hof
Böse Charaktere so mir der hochedle Rat hoffentlich zufertigt werden
tapfer gehandhabt doch ohne Persönlichkeiten und Anzüglichkeiten denn schwarze
Herzen und schwarze Augen sind ja näher in letztere gefasst nur braun und
ein Halbgott und ein Halbvieh können sehr gut dieselbe zweite Hälfte haben
nämlich die menschliche und darf die Peitsche wohl je so dick sein als die
Haut
Trockne Rezensenten werden ergriffen und unter Einschränkung durch
Erinnerungen an ihre goldne Jugend und an so manchen Verlust bis zu Tränen
gerührt wie man mürbe Reliquien ausstellt damit es regne
Über das siebzehnte Jahrhundert wird frei gesprochen und über das
achtzehnte human über das neueste wird gedacht aber sehr frei
Das Schaf das eine Chrestomatie oder Jean Pauls Geist aus meinen Werken
auszog mit den Zähnen bekommt aus jedem Bande einen Band zu extrahieren in die
Hand so dass besagtes gar keine Auslese sondern nur eine Abschrift zu machen
braucht samt den einfältigsten Noten und Präfationen
Gleich dem Not und HülfsBüchlein muss das Buch Arzneimittel Ratschläge
Charaktere Dialogen und Historien liefern aber so viele dass es jenem Not
könnte beigebunden werden als HülfsBuch als weitläuftiger Auszug und Anhang
weil jedes Werk der Darstellung so gut aus einem Spiegel in eine Brille muss
umzuschleifen sein als venezianische Spiegelscherben zu wirklichen
Brillengläsern genommen werden
In jeden Druckfehler soll sich Verstand verstecken und in die errata
Wahrheiten
Täglich wird das Werkchen höher klettern aus Lesebiblioteken in Leih
biblioteken aus diesen in Ratbiblioteken die schönsten Ehren und
ParadeBetten und Witwensitze der Musen
Aber ich kann leichter halten als versprechen Denn ein Opus wirds
O hochedler Stadtrat Exekutoren des Testaments sollt es mir einst
vergönnet werden in meinem Alter alle Bände der Flegeljahre ganz fertig
abgedruckt in hohen aus Tübingen abgeschickten Ballen um mich stehen zu sehen
Bis dahin aber erharr ich mit sonderbarer Hochachtung
Ew Wohlgeb
etc etc etc
J P F Richter
Legaz
Koburg den 6 Juni 1803
Die im Briefe an die Exekutoren versprochene Kopie desselben für den Leser ist
wohl jetzt nicht mehr nötig da er ihn eben gelesen Auf ähnliche Weise setzen
uneigennützige Advokaten in ihren Kostenzetteln nur das Macherlohn für die
Zettel selber an setzen aber nachher wiewohl sie ins Unendliche fort könnten
nichts weiter für das Ansetzen des Ansetzens an
Ob aber der Verfasser der Flegeljahre nicht noch viel nähere historische
Leitämmel und Leitunde zu einer so wichtigen Geschichte vorzutreiben und zu
verwenden habe als bloß einen trefflichen Stadtrat und wer besonders sein
herrlichster Hund und Hammel darunter sei darüber würde man jetzt die Leser
mit dem größten Vergnügen beruhigen wenn man sich überzeugen könnte es sei
sachdienlich es sei prudentis
Nr 3 Terra Miraculosa Saxoniae
Die AkzessitErben der schwedische Pfarrer
Nach Ablesung des Testaments verwunderten sich die sieben Erben unbeschreiblich
auf sieben Weisen im Gesicht Viele sagten gar nichts Alle fragten wer von
ihnen den jungen Burschen kenne ausgenommen der Hoffiskal Knoll der selber
gefragt wurde weil er in Elterlein Gerichtshalter eines polnischen Generals
war Es sei nichts Besonderes am jungen Haeredipeta versetzte Knoll sein Vater
aber wollte den Juristen spielen und sei ihm und der Welt schuldig Vergeblich
umrangen die Erben den einsilbigen Fiskal ebenso rats als neubegierig
Er erbat sich vom Gerichte eine Kopie des Testaments und Inventars andere
vornehme Erben wandten gleichfalls die Kopialien auf Der Bürgermeister erklärte
den Erben man werde den jungen Menschen und seinen Vater auf den Sonnabend
vorbescheiden Knoll erwiderte da er übermorgen das heißt den 13ten hujus
nämlich Donnerstags in GerichtsGeschäften nach seiner Gerichtshalterei
Elterlein gehe so sei er imstande dem jungen Peter Gottwalt Harnisch die
Zitation zu insinuieren Es wurde bewilligt
Jetzt suchte der Kirchenrat Glanz nur auf eine kurze Leseminute um das
Blättchen nach worauf Harnisch den Wunsch einer schwedischen Pfarrei sollte
ausgemalet haben Er bekams Drei Schritte hinter ihm stand der Buchhändler
Passvogel und las schnell die Seite zweimal herunter eh sie der Kirchenrat
umkehrte zuletzt stellten sich alle Erben hinter ihn er sah sich um und sagte
es sei wohl besser wenn ers gar vorlese
Das Glück eines schwedischen Pfarrers
So will ich mir denn diese Wonne ohne allen Rückhalt recht groß hermalen und
mich selber unter dem Pfarrer meinen damit mich die Schilderung wenn ich sie
nach einem Jahre wieder überlese ganz besonders auswärme Schon ein Pfarrer an
sich ist selig geschweige in Schweden Er genießt da Sommer und Winter rein
ohne lange verdrüssliche Unterbrechungen zB in seinen späten Frühling fällt
statt des Nachwinters sogleich der ganze reife Vorsommer ein weissrot und
blütenschwer so dass man in einer Sommernacht das halbe Italien und in einer
Winternacht die halbe zweite Welt haben kann
Ich will aber bei dem Winter anfangen und das Christfest nehmen
Der Pfarrer der aus Deutschland aus Hasslau in ein sehr
nördlichpolarisches Dörflein voziert worden steht heiter um 7 Uhr auf und
brennt bis 9 12 Uhr sein dünnes Licht Noch um 9 Uhr scheinen Sterne der helle
Mond noch länger Aber dieses Hereinlangen des SternenHimmels in den Vormittag
gibt ihm liebe Empfindungen weil er ein Deutscher ist und über einen gestirnten
Vormittag erstaunt Ich sehe den Pfarrer und andere Kirchengänger mit Laternen
in die Kirche gehen die vielen Lichterchen machen die Gemeinde zu einer Familie
und setzen den Pfarrer in seine Kinderjahre in die Winterstunden und
Weihnachtsmetten zurück wo jeder sein Lichtchen mitatte Auf der Kanzel sagt
er seinen lieben Zuhörern lauter Sachen vor deren Worte geradeso in der Bibel
stehen vor Gott bleibt doch keine Vernunft vernünftig aber wohl ein redliches
Gemüt Darauf teilt er mit heimlicher Freude über die Gelegenheit jeder Person
so nahe ins Gesicht zu sehen und ihr wie einem Kind Trank und Speise einzugeben
das heil Nachtmahl aus und genießt es jeden Sonntag selber mit weil er sich
nach dem nahen Liebesmahl in den Händen ja sehnen muss Ich glaube es müsst ihm
erlaubt sein
Hier sah der Kirchenrat mit einem fragenden RügeBlick unter den Zuhörern
umher und Flachs nickte mit dem Kopfe er hatte aber wenig vernommen sondern
nur an sein Haus gedacht
Wenn er dann mit den Seinigen aus der Kirche tritt geht gerade die helle
Christ und Morgensonne auf und leuchtet ihnen allen ins Gesicht entgegen Die
vielen schwedischen Greise werden ordentlich jung vom Sonnenrot gefärbt Der
Pfarrer könnte dann wenn er auf die tote MutterErde und den Gottesacker
hinsähe worin die Blumen wie die Menschen begraben liegen wohl diesen
Polymeter dichten
»Auf der toten Mutter ruhen die toten Kinder in dunkler Stille Endlich
erscheint die ewige Sonne und die Mutter steht wieder blühend auf aber später
alle ihre Kinder«
Zu Hause letzt ihn ein warmes Museum samt einem langen Sonnenstreif an der
Bücherwand
Den Nachmittag verbringt er schön weil er vor einem ganzen BlumenGestelle
von Freuden kaum weiß wo er anhalten soll Ists am heil Christfest so predigt
er wieder vom schönen Morgenlande oder von der Ewigkeit dabei wirds ganz
dämmernd im Tempel nur zwei AltarKerzen werfen wunderbare lange Schatten umher
durch die Kirche der oben herabhängende Taufengel belebt sich ordentlich und
fliegt beinahe draußen scheinen die Sterne oder der Mond herein der feurige
Pfarrer oben im Finsteren auf seiner Kanzel bekümmert sich nun um nichts sondern
donnert aus der Nacht herab mit Tränen und Stürmen von Welten und Himmeln und
allem was Brust und Herz gewaltig bewegt
Kommt er flammend herunter so kann er um 4 Uhr vielleicht schon unter einem
am Himmel wallenden Nordschein spazieren gehen der für ihn gewiss eine aus dem
ewigen Südmorgen herüberschlagende Aurora ist oder ein Wald aus heiligen
feurigen MosisBüschen um Gottes Thron
Ists ein anderer Nachmittag so fahren Gäste mit erwachsenen Töchtern von
Betragen an wie die große Welt diniert er mit ihnen bei Sonnenuntergang um 2
Uhr und trinkt den Kaffee bei Monschein das ganze Pfarrhaus ist ein dämmernder
Zauberpalast Oder er geht auch hinüber zum Schulmeister in die
Nachmittagsschule und hat alle Kinder seiner Pfarrkinder gleichsam als Enkel bei
Licht um sein GroßvaterKnie und ergötzet und belehret sie
Ist aber das alles nicht so kann er ja schon von 3 Uhr an in der warmen
Dämmerung durch den starken Mondschein in der Stube auf und ab waten und etwas
Orangenzucker dazu beißen um das schöne Welschland mit seinen Gärten auf die
Zunge und vor alle Sinne zu bekommen Kann er nicht bei dem Monde denken dass
dieselbe Silberscheibe jetzt in Italien zwischen Lorbeerbäumen hange Kann er
nicht erwägen dass die Äolsharfe und die Lerche und die ganze Musik und die
Sterne und die Kinder in heißen und kalten Ländern dieselben sind Wenn nun gar
die reitende Post die aus Italien kommt durchs Dorf bläset und ihm auf wenigen
Tönen blumige Länder an das gefrorne Museumsfenster hebt wenn er alte Rosenund
Lilienblätter aus dem vorigen Sommer in die Hand nimmt wohl auch eine
geschenkte Schwanzfeder von einem Paradiesvogel wenn dabei die prächtigen
Klänge Salatzeit Kirschenzeit Trinitatissonntage Rosenblüte Marientage das
Herz anrühren so wird er kaum mehr wissen dass er in Schweden ist wenn Licht
gebracht wird und er verdutzt die fremde Stube ansieht Will ers noch weiter
treiben so kann er sich daran ein WachskerzenEndchen anzünden um den ganzen
Abend in die große Welt hineinzusehen aus der ers her hat Denn ich sollte
glauben dass am Stockholmer Hofe wie anderwärts von den Hofbedienten Endchen
von Wachskerzen die auf Silber gebrannt hatten für Geld zu haben wären
Aber nun nach Verlaufe eines halben Jahres klopft auf einmal etwas Schöners
als Italien wo die Sonne viel früher als in Hasslau untergeht nämlich der
herrlich beladne längste Tag an seine Brust an und hält die Morgenröte voll
Lerchengesang schon um 1 Uhr nachts in der Hand Ein wenig vor 2 Uhr oder
Sonnenaufgang trifft die oben gedachte niedliche bunte Reihe im Pfarrhause ein
weil sie mit dem Pfarrer eine kleine Lustreise vor hat Sie ziehen nach 2 Uhr
wenn alle Blumen blitzen und die Wälder schimmern Die warme Sonne droht kein
Gewitter und keinen Platzregen weil beide selten sind in Schweden Der Pfarrer
geht so gut in schwedischer Tracht einher wie jeder er trägt sein kurzes Wams
mit breiter Schärpe sein kurzes Mäntelchen darüber seinen Rundhut mit wehenden
Federn und Schuhe mit hellen Bändern natürlich sieht er wie die andern auch
wie ein spanischer Ritter wie ein Provenzale oder sonst ein südlicher Mensch
aus zumal da er und die muntere Gesellschaft durch die in wenigen Wochen aus
Beeten und Ästen hervorgezogne hohe Blüten und Blätterfülle fliegen
Dass ein solcher längster Tag noch kürzer als ein kürzester verfliege ist
leicht zu denken bei soviel Sonne Äther Blüte und Musse Schon nach 8 Uhr
abends bricht die Gesellschaft auf die Sonne brennt sanfter über den
halbgeschlossenen schläfrigen Blumen um 9 Uhr hat sie ihre Strahlen abgenommen
und badet nackt im Blau gegen 10 Uhr wo die Gesellschaft im Pfarrdorfe wieder
ankommt wird der Pfarrer seltsam bewegt und weich gemacht weil im Dorfe
obgleich die tiefe laue Sonne noch ein so müdes Rot um die Häuser und an die
Scheiben legt alles schon still und in tiefem Schlafe liegt so wie auch die
Vögel in den gelbdämmernden Gipfeln schlummern bis zuletzt die Sonne selber
wie ein Mond einsam untergeht in der Stille der Welt Dem romantisch
bekleideten Pfarrer ist als sei jetzt ein rosenfarbnes Reich aufgetan worin
Feen und Geister herumgehen und ihn würd es wenig wundern wenn in dieser
goldnen Geisterstunde auf einmal sein in der Kindheit entlaufner Bruder
heranträte wie vom blühenden ZauberHimmel gefallen
Der Pfarrer lässt aber seine Reisegesellschaft nicht fort er hält sie im
Pfarrgarten fest wo jeder wer will sagt er in schönen Lauben die kurze laue
Stunde bis zu SonnenAufgang verschlummern kann
Es wird allgemein angenommen und der Garten besetzt manches schöne Paar tut
vielleicht nur als schlaf es hält sich aber wirklich an der Hand Der
glückliche Pfarrer geht einsam in den Beeten auf und ab Kühle und wenige Sterne
kommen Seine Nachtviolen und Levkoien tun sich auf und duften stark so hell es
auch ist In Norden raucht vom ewigen Morgen des Pols eine goldhelle Dämmerung
auf Der Pfarrer denkt an sein fernes Kindheitsdörfchen und an das Leben und
Sehnen der Menschen und wird still und voll genug Da greift die frische
Morgensonne wieder in die Welt Mancher der sie mit der Abendsonne vermengen
will tut die Augen wieder zu aber die Lerchen erklären alles und wecken die
Lauben
Dann geht Lust und Morgen gewaltig wieder an und es fehlt wenig so
schilder ich mir diesen Tag ebenfalls ob er gleich vom vorigen vielleicht um
kein Blütenblatt verschieden ist
Glanz dessen Gesicht die günstigste Selbstrezension seiner geschriebenen Werke
war sah mit einigem Triumphe über ein solches Werk unter den Erben umher nur
der PolizeiInspektor Harprecht versetzte mit einem ganzen Swift auf dem
Gesicht »Dieser Nebenbuhler kann uns mit seinem Verstande noch zu schaffen
machen« Der Hoffiskal Knoll und der Hofagent Neupeter und Flitte waren längst
aus Ekel vor der Lektüre weg und ans Fenster gegangen um etwas Vernünftiges zu
sprechen Sie verließen die Gerichtsstuben Unterwegs äußerte der Kaufmann
Neupeter
»Das versteh ich noch nicht wie ein so gesetzter Mann als unser sel
Vetter noch am Rande des Grabes solche Schnurren treiben kann« »Vielleicht
aber« sagte Flachs der Hausbesitzer um die andern zu trösten »nimmt der
junge Mensch die Erbschaft gar nicht an wegen der schweren Bedingungen«
Knoll fuhr den Hausbesitzer an »Geradeso schwere wie heute eine Sehr dumm
wärs von ihm und für uns Denn nach Klausul IX Schlägt aber Harnisch fielen
ja den corporibus piis drei Viertel zu Wenn er sie aber antritt und lauter
Böcke schießt«
»Das gebe doch Gott« sagte Harprecht
» schießt« fuhr jener fort »so haben wir doch die Klauseln Spasshaft
sagt ich in der vorigen und Ritte der Teufel und den Hrn Kirchenrat Glanz
und alle für uns und können viel tun« Sie erwählten ihn sämtlich zum
Schirmherrn ihrer Rechte und rühmten sein Gedächtnis »Ich erinnere mich
noch« sagte der Kirchenrat »dass er nach der Klausel der ErbÄmter vorher zu
einem geistlichen Amte gelangen soll wiewohl er jetzt nur Jurist ist«
»Da wollt ihr nämlich« versetzte Knoll geschwind »ihr geistlichen Herren
und Narren dem Examinanden schon so einheizen so zwicken wahrhaftig das
glaub ich« und der Polizeiinspektor fügte bei er hoffe das selber Da aber
der Kirchenrat dem beide schon als alte KanzelStürmer als Baumschänder
kanonischer Haine bekannt waren noch vergnügt einen Rest von EssLust verspürte
der ihm zu teuer war um ihn wegzudisputieren so suchte er sich nicht recht
sonderlich zu ärgern sondern sah nach
Man trennte sich Der Hoffiskal begleitete den Hofagenten dessen
Gerichtsagent er war nach Hause und eröffnete ihm dass der junge Harnisch schon
längst habe als riech er etwas vom Testamente das dergleichen auch fordere
Notarius werden und nachher in die Stadt ziehen wollen und dass er am Donnerstag
nach Elterlein gehe um ihn dazu zu kreieren Knoll war Pfalzgraf So mög er
doch machen bat der Agent dass der Mensch bei ihm logiere da er eben ein
schlechtes unbrauchbares Dachstübchen für ihn leer habe »Sehr leicht«
versetzte Knoll
Das erste was dieser zu Hause und in der ganzen Sache machte war ein
Billett an den alten Schulz in Elterlein worin er ihm bedeutete »er werde
übermorgen Donnerstags durch und retourpassieren und unterwegs gegen Abend
seinen Sohn zum Notarius kreieren auch hab er ein treffliches aber wohlfeiles
Quartier für solchen bei einem vornehmen Freunde bestanden« Vor dem
regierenden Bürgermeister hatt er demnach eine Verabredung die er jetzt erst
traf schon für eine getroffne ausgegeben um wie es scheint das Macherlohn
für einen Notar das ihm der Testator auszahlte vorher auch von den Eltern zu
erheben
In allen Erzählungen und Äußerungen blieb er äußerst wahrhaft solange sie
nur nicht in die Praxis einschlugen denn alsdann trug er da Raubtiere nur in
der Nacht ziehen sein nötiges Stückchen Nacht bei sich das er entweder aus
blauem Dunst verfertigte als Advokat oder aus arsenikalischen Dämpfen als
Fiskal
Nr 4 Mammutsknochen aus Astrachan
Das Zauberprisma
Der alte beerdigte Kabel war ein Erdbeben unter dem Meere von Hasslau so unruhig
liefen die Seelen wie Wellen untereinander um etwas vom jungen Harnisch zu
erfahren Eine kleine Stadt ist ein großes Haus die Gassen sind nur Treppen
Mancher junge Herr nahm sogar ein Pferd und stieg in Elterlein ab um nur den
Erben zu sehen er war aber immer auf die Berge und Felder gelaufen Der General
Zablocki der ein Rittergut im Dorfe hatte beschied seinen Verwalter in die
Stadt um zu fragen Manche halfen sich damit dass sie einen eben angekommenen
FlötenVirtuosen van der Harnisch für den gleichnamigen Erben nahmen und davon
sprachen besonders tatens einhörige Leute die dabei taub auf dem zweiten
Ohre alles nur mit halbem hörten Erst Mittwochs abends am Dienstage war
TestamentsÖffnung gewesen bekam die Stadt Licht in der Vorstadt bei dem Wirt
zum weichen Krebs
Ansehnliche Glieder aus Kollegien gossen da gewöhnlich in die Tinte ihres
SchreibTages einiges Abendbier um die schwarze Farbe des Lebens zu verdünnen
Da bei dem weichen Krebswirte der alte Schultheiß Harnisch seit 20 Jahren
einkehrte so war er imstande wenigstens vom Vater ihnen zu erzählen dass er
jede Woche Regierung und Kammer anlaufe mit leeren Fragen und dass er jedesmal
unter vielen Worten die alten Historien von seinem schweren Amte seinen vielen
juristischen Einsichten und Büchern und seiner »zweiherrigen« Wirtschaft und
seinen Zwillingssöhnen Abende lang vorsinge ohne doch je in seinem Leben mehr
dabei zu verzehren als einen Hering und seinen Krug Es führe zwar fuhr der
Wirt fort der Schulz sehr starke hochtrabende Worte sei aber ein Hase der
seine Frau schickte bei handfesten Vorfällen oder er reiche eine lange
Schreiberei ein hab auch ein zu nobles Naturell und könne sich über eine
krumme Miene zu Tagen kränken und habe noch unverdauete Nasen die er im Winter
von der Regierung bekommen im Magen
Nur von der Hauptsache beschloss er von den Söhnen wiss er nichts als
dass der eine der Spitzbube der Flötenpfeifer Vult im 14 12 Jahre mit einem
solchen Herrn er zeigte auf Hrn van der Harnisch durchgegangen und vom
andern der der Erbe sei könne gewiss der Herr unten mit den schwarzen
Knopflöchern die beste Auskunft geben denn es sei der Hr Kandidat und
Schulmeister Schomaker aus Elterlein sein gewesener Präzeptor
Der Kandidat Schomaker hatte eben in einem Makulaturbogen einen Druckfehler
mit Bleistift korrigiert eh er ihn dick um ein halbes Lot Arsenik wickelte Er
antwortete nicht sondern wickelte wieder weißes Papier über das bedruckte
siegelte es ein und schrieb an alle Ecken Gift darauf überwickelte und
überschrieb er wieder und ließ nicht nach bis ers siebenmal getan und ein
dickes OktavPaket vor sich hatte
Jetzt stand er auf ein breiter starker Mann und sagte sehr furchtsam
indem er Kommata und andere Interpunktionen so deutlich im Sprechen absetzte als
jeder im Schreiben »Ganz wahr dass er mein Schüler und hinlänglich erstlich
dass er so ädel ist zweitens dass er treffliche Gedichte nach einem neuen
Metrum macht so er den Streckvers nennet ich einen Polymeter«
Bei diesen Worten fing der FlötenVirtuose van der Harnisch der bisher kalt
die Runde um die Stube gemacht plötzlich Feuer Wie andere Virtuosen hatt er
aus großen Städten die Verachtung kleiner mitgebracht ein Dorf schätzen sie
wieder weil in kleinen das Rataus kein Odeum die Privatäuser keine
Bilderkabinette die Kirchen keine AntikenTempel sind Er bat verbindlich den
Kandidaten um Ausführlichkeit »Fodert meine Pflicht schon« versetzte dieser
»dass ich morgen bei der Heimkunft dem Erben selber die Eröffnung eines
Vermächtnisses noch nicht eröffne weil es erst die Obrigkeit am Sonnabend
tuet wieviel mehr dass ich die ganze Geschichte eines lebenden Menschen nie
ohne seine Erlaubnis kundtue wieviel mehr Aber Gott wer von uns wird die
Leiche sein« setzt er dazu da er die Stundenglocke ins Gebetläuten tönen
hörte und griff sogleich zu einer darnebenliegenden Schlacht in der Zeitung um
dreist zu werden weil wohl nichts den Menschen so sehr zum kalten Waghalse
gegen sein Totenbette macht als eine oder ein paar Quadratmeilen worauf
unzählige rote Glieder und ein Tod nach dem andern liegt
Über diesen religiösen SkrupelLuxus zog der Flötenist ein sehr
verächtliches Gesicht und sagte indem er ein Prisma aus der Tasche holte und
vier Lichter verlangte verdrießlich »Ich könnte es bald wissen wer die Leiche
sein wird aber ich will Ihnen Hr Kandidat lieber alles erzählen aus diesem
Zauberprisma was Sie mir nicht erzählen wollen« Er sagte das Prisma
verschliesse die viererlei Wasser welche man aus den vier Weltecken sammle man
reib es am Herzen warm fordere leise was man in der Vergangenheit oder
Zukunft zu sehen wünsche und wenn man vorher etwas vorgenommen was er ohne
Todesgefahr nicht sagen dürfte daher das Geheimnis immer nur von Sterbenden
mitgeteilet werde oder auch von Selbstmördern alsdann entstehe in den
viererlei Wassern ein Nebel dieser ringe und arbeite bis er sich in helle
Menschengestalten zusammengezogen welche nun ihre Vergangenheit wiederholen
oder in ihrer Zukunft oder auch Gegenwart spielen wie man es eben gefordert
Der Schulmeister Schomaker erhielt sich noch ziemlich gleichgültig und fest
gegen das Prisma weil er wusste ihm habe wenn er bete kein Teufel viel an
Van der Harnisch zog seine Taufdecke aus der Tasche und sie sich über den Kopf
und war darunter rege und leise endlich hörte man das Wort Schomakers Stube
Jetzt warf er sie zurück starrete erschrocken in das Prisma hinein und
beschrieb laut und eintönig jede Kleinigkeit die in dessen stillem
ZölibatsZimmer war von einer Druckerpresse an bis auf die Vögel hinter dem
Ofen ja sogar bis auf die Maus die eben darin umherlief
Noch immer stiegen dem Kandidaten wenig oder keine Haare zu Berge als aber
der Seher sagte »Irgendein GeisterSchatte in der leeren Stube hat Ihren
Schlafrock an und spielt Sie nach und legt sich in Ihr Bette« so überlief es
ihn sehr kalt »Das war etwas Gegenwart von Ihnen« sagte der Virtuose »nun
einige wenige Vergangenheit und dann soviel Zukunft als man braucht um zu
sehen ob Sie etwan die diesjährige Leiche werden«
Umsonst stellte ihm der Kandidat das Unmoralische der Rück und VorSeherei
entgegen er versetzte er halte sich ganz an die Geister die es ausbaden
möchten und fing schon an im Prisma zu sehen dass der Kandidat als junger
Mensch eine FrühpredigersStelle und eine Ehe ausschlug bloß aus 11000
Gewissensskrupeln
Der Wirt sagte dem gepeinigten Schulmann etwas ins Ohr wovon das Wort
Schlägerei vorklang Schomaker der noch mehr seine Zukunft als seine
Vergangenheit zu hören mied schlug auf moralische Unkosten der Geister den
Ausweg vor er wolle selber lieber die Geschichte der jetzt durch Vermächtnisse
so interessanten Harnischischen Familie geben Hr v d Harnisch möge dabei ins
Prisma sehen und ihm einhelfen
Das hatte der quälende Virtuose gewollt Beide arbeiteten nun miteinander
eine kurze VorGeschichte des TestamentsHelden aus welche man um so lieber im
Vogtländischen Marmor mit mäusefahlen Adern denn so heißt die folgende Nummer
finden wird da sich nach so vielen Druckbogen wohl jeder sehnt auf den
Helden näher zu stoßen wärs auch nur im Hintergrunde Der Verfasser wird dabei
die Pflicht beobachten beide Eutrope zu verschmelzen zu einem Livius und diesen
noch dadurch auszuglätten dass er ihm Patavinitäten ausstreicht und etwas
Glanzstil an
Nr 5 Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern
Vorgeschichte
Der Schultheiß Harnisch der Vater des Universalerben hatte sich in seiner
Jugend schon zum Maurergesellen aufgeschwungen und wäre bei seinen Anlagen zu
Mathematik und Stubensitzen denn er las Sonntage lang draußen im Reiche weit
gekommen hätt er sich nicht an einem frohen Marientage in einem Wirtshause in
das Fliegenglas der Werber zu tief verflogen in die Flasche Vergeblich wollt
er am andern Morgen aus dem engen Hals wieder heraus sie hatten ihn fest und
darin Er war unschlüssig sollt er hinausschleichen und sich in der Küche die
Vorderzähne ausschlagen um keine für die Patronen zum Regimente zu bringen
oder sollt er lieber denn es konnt ihn doch die Artillerie als Stückknecht
fassen vor den Fenstern des Werb und Wirtshauses einen Dachsschliefer
niedermachen um unehrlich zu werden und dadurch nach damaliger Sitte
kantonfrei Er zog die Unehrlichkeit und das Gebiss vor Allein der erlegte Dachs
machte ihn zwar aus den WerberHänden los aber er biss ihn wie ein Zerberus aus
seiner Gewerkschaft aus
»Nu nu« sagte Lukas in seinen LandBildern »lieber einen Schlitz in dem
Sumpf aufgerissen als einen in der Wade zugenäht« So sehr floh er wie ein
Gelehrter den Wehrstand
Damals starb sein Vater auch Schultheiß er kam nach Hause und war der Erbe
des Hauses wie der Kronerbe des Amts obwohl seine Krongüter in KronSchulden
bestanden In kurzem vermehrte er diese Krongüter beträchtlich Er warf sich mit
Leib und Seele auf das Jus versass seine kanonischen Stunden an angeborgten
Akten und gekauften Büchern teilte auf alle Seiten umsonst responsa aus ganze
Bogen und Tage lang jeden SchulzenAktus berichtete er schriftlich und
konzipierte und mundierte das Schreiben mit schöner gebrochener Fraktur und
schiefer Kurrent wobei ers noch für sich selber kopierte schaute als Schulz
überall nach lief überall hin und regierte den ganzen Tag Durch alles dieses
blühte wenigstens das Dorf mehr als seine Äcker und Wiesen und das Amt lebte
von ihm nicht er vom Amte Er konnte gleich den besten Städtern die ein gutes
Haus machen sich nun wie die Sorbonne als das ärmste unterschreiben
pauperrima domus Alle verständige Elterleiner traten darin einander bei dass
er ohne sein hantierendes Weib eine gesunde Vernunft in corpore das an
einem Morgen für Vieh und Menschen kochte grasete mähte längst mit dem
Schulzenzepter in der einen Hand und mit dem Bettelstabe in der andern hätte von
seinem regierenden Haus und Hof ziehen müssen wovon er eigentlich nur der
Pächter seiner Gläubiger war
Nur eine Arzenei gabs für ihn nämlich den Entschluss das Haus und dadurch
die Schulteisserei wegzugeben Aber er ließ sich ebensogerne köpfen als er
diese Arzenei nur roch oder einnahm einen Gifttrunk seiner ganzen Zukunft
Erstlich war die Dorfschulzenschaft seit undenklichen Zeiten bei seiner
Familie gewesen wie die Regentengeschichte derselben beweiset sein Jus und
Herz hing daran ja seine ewige Seligkeit weil er wusste dass im ganzen Dorfe
kein so guter Jurist für diesen Posten zu finden war als er wiewohl
Sachverständige erklärten es werde zu diesem Posten nicht mehr gefordert als zu
einem römischen Kaiser nach der Goldnen Bulle1 nämlich ein gerechter guter und
brauchbarer Mann Sein Haus anlangend so trat vollends folgender frappanter
Jammer ein
Elterlein war zweiherrig am rechten Bachufer lagen die Lehnmänner des
Fürsten am linken die Einsassen des Edelmanus wiewohl sie einander im gemeinen
Leben nur schlecht die Rechten und die Linken hießen Nun lief nach allen
Flurbüchern und Grenzrezessen in alten Zeiten die Demarkationslinie der Bach
dicht an des Schulzen Hause vorbei Nachher veränderte der Bach sein Bette oder
ein dürrer Sommer nahm ihn gen Himmel kurz Harnischens Wohnung wurde so weit
hinübergebaut dass nicht nur ein Dachstuhl auf zwei Territorien stand sondern
auch eine Stubendecke und wenn man ihn hinsetzte ein Krüpelstuhl
Aber so wurde dieses Haus des alten Schulzen juristischer Vorhimmel so wie
zugleich seine kameralistische Vorhölle Mit unsäglichem Vergnügen sah er oft in
seiner Wohnstube die an der Wand ein fürstlicher Grenz und Wappenpfahl
abmarkte sich um und warf publizistische Blicke bald auf landesherrliche bald
auf ritterschäftliche Stubenbretter und Gerechtsame und bedachte dass er nachts
ein Rechter wäre weil er fürstlich schlief und nur am Tage ein Linker weil
Tisch und Ofen geadelt waren Es war seinen Söhnen nichts Seltenes dass er
sonntags vor dem Abendessen wenn er viel gedacht hatte mehrmals heiter und
hastig den Kopf schüttelte und dabei murmelte »Mein Haus ist einem redlichen
Iktus2 sag ich ordentlich wie auf den Leib gemacht ein jeder anderer Mann
würde die besten importantesten Gerechtsame und Territorien darin verschleudern
weil er gar nicht der Mann dazu wäre denn er wäre in der Sache gar nicht zu
Hause und ich alter verständiger Iktus soll heraus solls losschlagen höre
Vronel« Erst nach langer Zeit antwortete er sich selber »Nun und
nimmermehr« ohne die Antwort Veronikas seiner Frau zu hören
Freilich wenn er sich täglich gegen seine Gläubiger mehr in die Zitadelle
seines Hauses zurückzog und ihnen dabei wie andere Kommandanten die Vorstädte
nämlich das Feld dh die Felder räumte und so gut er konnte mit dem Hause
zugleich seinen Schulzenposten den Spielraum seiner Kenntnisse zu versteigern
aufschob statt solchen zu steigern gleichsam sein schlagendes Herz den
Saitensteg seines lauten Lebens wenn er das tat so hatt er noch vier von ihm
selber gezeugte Hände im Auge die ihm helfen und den Steg seiner hellsten Töne
und Misstöne wieder stellen sollten nämlich seine Zwillingssöhne
Als Veronika mit diesen niederkommen wollte hielt er als sei sie eine
sizilianische oder englische Königin hinlängliche Geburtszeugen bereit die
nachher sich in Taufzeugen einteilten
Das Kindbette hatter ins ritterschaftliche Territorium geschoben weil es
einen Sohn geben konnte den man durch diese Bettstelle der Bettstelle den
landesherrlichen Händen entzog die ihm eine Soldatenbinde umlegen konnten statt
der schon bestimmten Temisbinde In der Tat trat auch der Held dieses Werkes
Peter Gottwalt ans Licht
Aber die Kreissende fuhr fort der Vater hielt es für Pflicht und Vorsicht
das Bette dem Fürsten zuzuschieben damit jeder sein Recht bekomme »Höchstens
gibts ein Mädchen« sagte er »oder was Gott will« Es war keines sondern das
letztere daher der Knabe nach des Kandidaten Schomakers Übersetzung den Namen
des Bischofs von Kartago unter Geiserich nämlich Quod Deus vult oder Vult im
Alltagswesen bekam
Jetzt wurden in der Stube scharfe Markungen Einhegungen und
TeilungsTraktate gemacht Wiegen und alles wurde geschieden Gottwalt schlief
und wachte und trank als Linker Vult als Rechter späterhin als beide ein
wenig kriechen konnten wurde Gottwalten dem adeligen Saßen das fürstliche
Gebiet durch ein kleines Gitterwerk das man bloß aus Hühner und andern
Ställen auszuheben brauchte leicht zugesperrt und ebenso sprang der wilde
Vult hinter seinem Pfahlwerk der dadurch fast das Ansehen eines auf und
ablaufenden Leoparden im Käfig gewann
Erst mit langer Mühe und Strenge schaffte Veronika die lächerliche Ab und
Erbsonderung ab denn der alte Lukas hatte wie jeder Gelehrte eine besondere
Hartnäckigkeit der Meinungen und bei aller Ehrliebe steifen Kaltsinn gegen das
Lächerrlichwerden
Bald wurde deutlich dass wissenschaftliche Fächer künftig Gottwalts Fach
sein würden ohne alle elterliche Vorliebe war leicht zu bemerken dass er
weisslockig dünnarmig zartstämmig und wenn er einen ganzen Sommer
Schafhirtlein gewesen noch schnee und lilienweiss in solchem Grade war dass der
Vater sagte einen Stiefel woll er mit einem EiweissHäutchen statt Pfundleder
ebensogut besohlen als den Jungen zum Bauersmann einrichten dabei hatte der
Knabe ein so gläubiges verschämtes überzartes frommes gelehriges
träumerisches Wesen und war zugleich bis zum Lächerlichen so eckig und
elastischaufspringend dass zum Verdrusse des Vaters der sich einen Juristen
nachziehen wollte jedermann im Dorfe selber der Pfarrer sagte er müsse wie
Cäsar der erste im Dorfe werden nämlich der Pfarrer Denn wie fragte man
Gottwalt der blauäugige Blondin mit aschgrauem Haar und feiner Schneehaut
wie dieser soll einmal ein Kriminalist werden und unter dem großen Triumphator
Karpzov dienen welcher bloß mit seinem Federmesser wozu er das Temisschwert
ausgeschliffen an zwanzigtausend Mann niedergehauen So schickt ihn doch fuhr
man fort nur versuchsweise mit einem Gerichtssiegel zu einer blassen Witwe die
mit gefalteten Händen auf dem Sessel sitzt und die schwach und leise ihre
Effekten anzeigt und lasset ihn den Auftrag unbehindert alle ihre alten Türen
und Schränke und des Mannes letzte Andenken gerichtlich zu verpetschieren
vollziehen und seht zu ob ers kann vor Herzklopfen und Mitleiden
Aber der jüngere Zwilling Vult sagte man in froherem Tone der
schwarzhaarige pockennarbige stämmige Spitzbube der sich mit dem halben Dorfe
rauft und immer umherstreift und ein wahres tragbares téâtre aux Italiens ist
das jede Physiognomie und Stimme nachspielt dieser ist ein anderer Mensch dem
gebt Akten unter den Arm oder einen Schöppenstuhl unter den Steiss Wenn Walt am
Fastnachtstage in der tanzenden Schulstube den Kandidaten und dessen Geige mit
dem Bässlein unterstützte und mit nichts hüpfte als mit ungemein freudigen
Blicken und mit dem Bogen so sprang Vult zugleich allein tanzend und mit einer
Groschenflöte im Maule herum und fand noch Zeit und Glieder zu vielem
Schabernack Sollen solche Talente nicht für das Jus benutzt werden Herr
Schulz beschloss man
Sie sollens sagt er Also Gottwalt wurde auf die Himmelsleiter gesetzt als
zukünftiger Pfarrer und Konsistorialvogel Vult aber musste sich die Grubenleiter
in die delphische Rechtshöhle zimmern damit er ein juristischer Steiger würde
von welchem der Schultheiß alle Ausbeuten seiner Zukunft erwartete und der ihn
aus der giftigen Grube ziehen sollte zugleich mit Gold und SilberGeäder
umwunden es sei nun dass der Sohn Prozesse für ihn führte oder schwere ihm
ersparte oder Gerichtshalter im Orte wurde oder Regierungsrat oder wie es
etwa ginge oder dass er ihm jeden Quatember viel schenkte
Allein Vult hatte außerdem dass er bei dem Schulmeister und Kandidaten
Schomaker nichts lernen wollte noch das Verdrüssliche an sich dass er ewig blies
auf einer Batzenflöte und dass er sich im 14 Jahr bei der Kirms unten vor die
spielende Flötenuhr des Schlosses hinstellte um bei ihr als seiner ersten
Lehrerin wenn nicht Stunden zu nehmen doch Viertelstunden Hier sollte Zeit
sein das Axiom einzuschichten dass überhaupt die Menschen mehr in
Viertelstunden als in Stunden gelernt Kurz an einem Tage wo Lukas ihn in die
Stadt und unter das Rekrutenmass geführet scheines und ordnunghalber lief er
mit einem betrunkenen Musikus der nur noch sein Instrument aber nicht mehr
sich und die Zunge regieren konnte in die weite breite Welt hinein Er blieb
dann weg
Jetzt musste Gottwalt Peter daran ans Jus Aber er wollte auf keine Weise
Da er stets las was das Volk beten heißt wie Cicero religio von relegere
oft lesen ableitet so lief er dem Dorfe schon als Pfarrherrlein durch die
Finger ja ein Metzger aus Tirol nannte ihn bald den Pfarrbuben bald den
Pfarrknecht3 weil er in der Tat ein kleiner Kaplan und Küster nämlich dessen
Koadjutorie war insofern er die schwarze Bibel gern auf die Kanzel trug das
Kommunikantentüchlein am Altare den Oblaten und dem Kelche unterhielt allein
den Nachmittagsgottesdienst wenn Schomaker sich nach Hause geschlichen
hinausorgelte und ein fleißiger Kirchengänger bei Wochentaufen war Ja sah
abends der Pfarrer nach dem Studieren mit Mütze und Pfeife aus dem Fenster so
hofft er nicht zurückzubleiben wenn er sich mit einer leeren kalten Pfeife und
weißen Mütze an seines legte welche letztere dem Knabengesicht ein zu
altväterisches Ansehen gab Nahm er nicht einmal an einem Winterabend ein
Gesangbuch unter den Arm und stattete wie der Pfarrer bei einer ihm ganz
gleichgültigen artritischen steinalten Schneidersfrau einen ordentlichen
Krankenbesuch ab und fing an aus dem Liede »O Ewigkeit du Freudenwort« ihr
vorzulesen Und musst er nicht schon bei dem zweiten Verse den Aktus einstellen
weil ihn Tränen übermannten nicht über die taube trockne Frau sondern über
den Aktus
Schomaker nahm sich seines Lieblings so sehr an dass er eines Abends vor dem
Gerichtsmann »so hör ich mich lieber nennen als Schulz« sagte Lukas frei
erklärte er glaubte im geistlichen Stande komme man besser fort besonders
zarte Naturelle
Da nun der Kandidat selber nichts geworden war als sein eigenes Minus und
seine eigne Vakanzstelle so beantwortete der Gerichtsmann die Rede bloß mit
einem höflichen Gemurmel und führte nur seine schimmlige Geschichte wieder auf
dass einmal ein juristischer Professor seine Studenten so angeredet habe »Meine
hochzuverehrende Herren Justizminister Geheime Kabinettsräte Wirkliche Geheime
Räte Präsidenten Finanz Staats und andere Räte und Syndikus denn man weiß
ja noch nicht was aus Ihnen allen wird« Er führte noch an im Preussischen
werde die Stunde eines Advokaten auf 45 Kreuzer von den Gesetzen selber taxiert
und bat man solle das nur einmal für ein Jahr ausschlagen ferner einem
rechten Juristen komme der Teufel selber nicht bei und er wolle ebensogut ein
Ferkel am eingeseiften Schwanz festhalten als einen Advokaten am jus welches
wohl im edleren Stile heißen würde Kenntnis des Rechts ist die um einen Mann
geschriebene MünzLegende und verwehrt das Beschneiden des Stücks und Heringe
wie sein Peter Walt wären eben die ganzen Hechte je dünner der Messerrücken
desto schärfer die Schneide und er kenne Iktusse die durch Nadelöhre zu fädeln
waren die aber ungemein zustachen
Wie immer halfen seine Reden nichts aber die verständige Veronika seine
Frau wollte gegen die Sitte der Weiber die im häuslichen Konsistorium immer
als geistliche Räte gegen die weltlichen stimmen den Sohn aus dem geistlichen
Schafstall in die juristische Fleischscharre treiben und das bloß weil sie
einmal bei einem Stadtpfarrer gekocht habe und das Wesen kenne wie sie sagte
Diese hielt als sie einst allein mit dem Sohne war der mehr an ihr als am
Vater hing ihm bloß soviel vor »Mein Gottwalt ich kann dich nicht zwingen
dass du dem Vater folgst aber höre mich an das erstemal wo du predigst so tue
ich meinen Trauerrock an und die weißen Tücher um und gehe in die Kirche und
bücke mich unter der ganzen Predigt wie bei einer Leichenpredigt mit dem Kopfe
nieder und weine und wenn mich die Weiber fragen so zeig ich auf dich«
Dieses Bild packte seine Phantasie so gewaltsam an dass er weinend »nein nein«
schrie womit er das TrauerVerhüllen meinte und »ja ja« zum Advozieren sagte
So werden uns die Lebensbahnen wie die Ideen vom Zufall angewiesen nur
das Fort und Absetzen der einen wie der andern bleibt der Willkür freigestellt
Walt erlernte nun wie Völker Sprachen fast von selber Er warf dadurch den
Vater in ein FreudenMeer denn Dorfleute finden wie die Schulleute fast bloß
auf der Zunge den Unterschied des Lehr und Nährstandes Der ExMäuerer bauete
daher in einem trocknen Frühjahr ohne allen Widerspruch des toten Dachshundes
und des Gewerks ein eigenes Studierstübchen für seinen Iktus Dieser
frequentierte das Lyzeum illustre Johanneum darauf wurd er ins Gymnasium
illustre Alexandrinum geschickt welches beides niemand war als in
kollegialischer Eintracht der Kandidat Schomaker allein der Johann Alexander
hieß Anfangs hatte Walt noch mit Vulten eh er davongelaufen die Kleintertia
und darauf die Grosstertia sowohl besucht als repräsentiert aber nachher musst
er ohne den Pfeifer die ganze Sekunda und Prima allein ausmachen worin er das
Hebräische das in beiden Klassen die Theologen trieben wie gewöhnlich auch mit
aufschnappte Im zwanzigsten Jahre war er vom Gymnasium oder Gymnasiarchen
unmittelbar als Abiturient abgegangen auf die hohe Schule Leipzig in welche er
aus Mangel einer höheren so lange täglich ging als er es vor Hunger aushalten
konnte »Seit Ostern sitzt er bei den Eltern und wird morgen abends zum Notarius
kreieret um zu leben« beschloss der Kandidat Schomaker die artige Historie
Nr 6 Kupfernickel
Quod Deus Vultiana
Nach dem Ende der Geschichte trat der Flötenist mit grimmigem Gesicht an den
betrübten Schulmeister fragend »Wäret Ihr nicht wert dass ich sogleich ins
Prisma sähe und Euch darin als lange Leiche anträfe Wie Ihr moralischer
Mikrolog Ihr moralischer esprit de bagatelle Ihr konntet Euch aus Furcht vor
schätzbaren Weissagungen erfrechen gegen Euer Gewissen die Geheimnisse zweier
bedeutender Brüder und Eltern aus dem Laub herauszuziehen Es soll Euch gereuen
wenn ich Euch entdecke dass ich kein wahres Wort gesagt und dass ich die
Geheimnisse nicht vom Prisma sondern von dem davongelaufenen Flötenisten Vult
selber erfahren der ein ganz anderer Mensch ist Ich habe mit dem Manne im
andern Elterlein nämlich im Bergstädtlein bei Annaberg vereint geblasen Damit
ich aber nach dem bisherigen Weismachen der Gesellschaft glaubhaft werde so
will ichs ihr so beschwören ewig verdammt will ich sein kenn ich ihn nicht
und habe ich nicht alles von ihm«
Es war kein Meineid denn er war ja jener entlaufne Vult selber aber ein
starker Schelm
Der Kandidat nahm alles friedlich hin weil ihn eine neue Lage in welche er
sich immer so schnell geworfen fühlte dass er keine Sekunde Zeit zum Ausarbeiten
eines moralischen Modells und Lineals bekam über alles abstiess Es gab wenige
Kasuisten und Pastoralteologen die er nicht gelesen sogar den Talmud bloß um
selig zu werden
Er hielt mit jedem Steckbrief seine eigne Person zusammen um im Falle sie
zufällig der begehrten gleichsähe sofort juristisch und sittlich gesattelt zu
sein so wie er sich häufig des Mords der Notzucht und anderer Fraischfälle
heimlich aus Spaß anklagte um sich darein zu finden falls ein Bösewicht
öffentlich dasselbe täte im Ernst
Er versetzte daher nur dass er dem Bruder Gottwalt keine frohere Nachricht
bringen könne als die von Vults Leben da er den Flüchtling unendlich liebe
»So lebt die Fliege noch« fiel der Wirt ein »Wir hielten sie sämtlich für
krepiert Wie sah er denn aus gnädiger Herr«
»Sehr wie ich versetzte Vult und sah bedeutend trinkende Dikasterianten
an falls nicht das Geschlecht einen Unterschied macht denn ich könnte wohl
ebensogut eine verkleidete Ritterin dEon sein als diese bekannte Frau
Messieurs ob wir gleich davon abbrechen wollen Vult selber ist wohl der
artigste Mann und der schönste ohne es aber zu wissen dem ich je ins Gesicht
gesehen nur zu ernst und zu gelehrt nämlich für einen Musikus Sie alle
sollten ihn sehen das heißt hören Und doch so bescheiden wie schon gesagt
Der Musikdirektor der Sphärenmusik werd ich doch nie sagt er einst sich
verbeugend die Flöte weglegend und meinte wahrscheinlich Gott Jeder konnte mit
ihm so frei reden wie mit einem russischen Kaiser der in Kaiserspracht in die
Kulisse von der Bühne kommt und fühlt dass ihn Kotzebue geschaffen und er
diesen Er war herzensgut und voll Liebe nur aber zu aufgebracht auf
sämtliche Menschen Ich weiß dass er Fliegen die ihn plagten einen Flügel
auszupfte und sie auf die Stube warf mit den Worten Kriecht die Stube ist für
euch und mich weit genug indes er gleichwohl mehreren ältlichen Herren ins
Gesicht sagte sie wären siebenfache Spitzbuben alte obwohl in Milch
eingeweichte Heringe die sich dadurch für frische gäben inzwischen setzt er
sogleich dazu er hoffe sie deuteten ihn nicht falsch und bewies ihnen jede
Artigkeit Unsere erste Bekanntschaft machte sich als er von einer
fürstlichen Versteigerung herkam und einen erstandenen Nachttopf aus Silber
öffentlich so närrisch vor sich her und heimtrug dass jede Gasse stutzig wurde
wodurch er ging Ich wollte er wäre mit hier und besuchte die Seinigen Ich
habe eine so besondere Liebhaberei für die Harnische als meine Namensvettern
dass ich sogar im Leipziger Reichsanzeiger mir ihren Stammbaum und Stammwald
bestimmt ausbat ohne Effekt«
Jetzt schied er kurz und höflich und ging auf sein Zimmer nachdem er bei
allem milden Scheine eines Mannes von Welt den ganzen Tag alles getan was er
gewollt Er roch ohne Anstand an Fensterblumen vorübergehend er rückte auf
dem Markte einem bettelnden Judenjungen seinen schlechten BettelStil vor und
zeigte ihm öffentlich wie er anzuhalten habe er setzte seinen französischen
Pass in keinen deutschen um bloß deshalb um unter dem Stadttore die sämtliche
Torschreiberei dadurch in Zank und Buchstabieren zu verflechten indes er still
dabei wartete und sagte er steife sich auf seinen Pass und am ersten Tage
machte er den Scherz der Zauberschlägerei von welcher oben der Wirt dem
Kandidaten ins Ohr erzählt hatte Er wusste nämlich ganz allein in seinem Zimmer
ein solches KunstGeräusch zu erregen dass es die vorübergehende Scharwache
hörte und schwur eine Schlägerei zwischen fünf Mann falle im zweiten Stocke
vor als sie straffertig hinaufeilte und die Türe aufriß drehte sich Quod Deus
Vult vor dem Rasierspiegel mit eingeseiftem Gesichte ganz verwundert halb um und
fragte indem er das Messer hoch hielt verdrießlich ob man etwas suche ja
nachts repetierte er die akustische Schlägerei und fuhr die hineinguckende
Obrigkeit aus dem Bette schlaftrunken mit den Worten an »Wer Henker steht
draußen und stört die Menschen im ersten Schlafe«
Dies alles kam daher dass er in jeder kleinen Stadt zuerst den Regimentsstab
wenig schätzte dann Obrigkeit und Hof etwa Bürger aber mehr Bei einer solchen
in Lustigkeit eingekleideten Verachtung konnt ers nicht von sich erhalten sich
den Kleinstädtern die ihn in seinen glänzenden Tagen unter Grossstädtern nicht
gesehen in diesen überwölkten als Bauerssohn aus Elterlein zu zeigen lieber
adelte er sich selber eigenhändig
Nach Hasslau war er nur gekommen um ein Konzert zu geben dann nach
Elterlein zu laufen und Eltern und Geschwister inkognito zu sehen aber durchaus
ungesehen Unmöglich wars ihm dass er nach einem Dezennium Abwesenheit worin er
über so viele europäische Städte wie eine elektrische Korkspinne ohne zu
spinnen und zu fangen gesprungen war wieder vor seinen dürftigen Eltern
erscheinen sollte aber nämlich o Himmel als was
Als dürftiger Querpfeifer in langer Strumpfhose gelbem Studentenkollet und
grünem Reisehut und mit nichts in der Tasche wenige Spezies ausgenommen als
mit einem Spiel gesiegelter EntréeKarten für künftige Flötenkonzerte »Nein«
sagt er »eh ich das täte lieber wollt ich täglich Essig aus Kupfer trinken
oder eine Fischotter an meiner Brust grosssäugen oder eine kantianische Messe
lesen oder hören eine Ostermesse« Denn wenn er auch zuletzt den phantastischen
Vater endlich zu überwältigen hoffen konnte durch einige MusikStunden und durch
Erzählungen aus fremden Ländern so blieb doch die unbestechliche Mutter
unverändert übrig mit ihren kalten hellen Augen mit ihren eindringenden Fragen
die seine Vergangenheit samt seiner Zukunft unerbittlich zergliederten
Aber jetzt seit dem Abend und hundert andern Stunden hatte sich alles in ihm
verändert aus dem fremden Zimmer brachte er die ruhige Oberfläche und eine
bewegte Tiefe in das seinige hinauf Walts Liebe gegen ihn hatt ihn
ordentlich angegriffen dessen poetische Morgensonne wollt er ganz nahe
besehen und drehen und an ihre Achse Erddiameter und an ihre Kraft Licht und
WärmeMesser anlegen Kabels Testament gab dem Poeten noch mehr Gewicht
Kurz Vult konnte kaum den künftigen Tag erwarten um nach Elterlein zu laufen
heimlich Walts NotariatsExamen zu behorchen und alle zu beschauen und am Ende
sich dem Bruder zu entdecken wenn ers verdiente Mit welcher Ungeduld der
gegenwärtige Schreiber auf den offiziellen den Helden endlich aus seinen tiefen
Spiegeln hervorziehenden Bericht des folgenden Kapitels mag gepasset haben
ermesse die Welt aus ihrer
Nr 7 Violenstein
KindheitsDörfchen der große Mann
Vult van der Harnisch reiste aus der Hasslauer Vorstadt nach Elterlein aus als
die halbe Sonne noch frisch und waagrecht über die tauige FlurenWelt
hinbljetzte Die Sonne war aus den Zwillingen in den Krebs getreten er fand
Ähnlichkeiten und dachte er sei unter den vieren der Zwilling der am stärksten
glühe des gleichen der zweite Krebs In der Tat hatte schon in der Bergstadt
Elterlein bei Annaberg seine Sehnsucht nach dem gleichnamigen Geburtsdorf
angefangen und zugenommen auf allen Gassen schon ein gleichnamiger Mensch
wieviel mehr ein gleichnamiger Ort drängt sich warm ins Herz Auf der lebendigen
Hasslauer Straße die ein verlängerter Markt schien nahm er seine Flöte heraus
und warf allen Passagiers durch Flötenansätze Konzertansätze entgegen und nach
schnappte aber häufig in guten Koloraturen und in bösen Dissonanzen ab und
suchte sein Schnupftuch oder sah sich ruhig um Die Landschaft stieg bald rüstig
auf und ab bald zerlief sie in ein breites ebenes Grasmeer worin Kornfluren
und Raine die Wellen vorstellten und Baumklumpen die Schiffe Rechts in Osten
lief wie eine hohe Nebelküste die ferne Bergkette von Pestitz mit links in
Abend floss die Welt eben hinab gleichsam den Abendröten nach
Da Vult erst nachts anzulangen brauchte so hielt er sich überall auf Seine
Sanduhr der JuliusTagszeiten waren die gemähten Wiesen eine Linnäische
Blumenuhr aus Gras stehendes zeigte auf 4 Uhr morgens liegendes auf 5 bis 7
zusammengeharkte Ameishaufen daraus auf 10 Uhr Hügel aus Heu auf 3 Berge auf
den Abend Aber er sah auf dieses Zifferblatt der Arbeitsidylle an diesem Tag
zum erstenmal so sehr hatten bisher die langen Fussreisen das übersättigte Auge
blind gemacht
Eben da der Hügel in dieser Sanduhr am höchsten anlief so zogen sich die
Kirsch und Apfelbäume wie die AbendSchatten lang dahin runde grüne
Obstfolgen wurden häufiger in einem Tale lief schon als dunkle Linie das
Bächlein das durch Elterlein hüpft vor ihm grünte auf einem Hügel von der
Abendsonne golden durchschlagen das runde dünne Fichtengehölz woraus die
Bretter seiner Wiege geschnitten waren und worin man oben gerade in das Dorf
hinuntersah
Er lief ins Gehölz und dessen schwimmendes SonnenGold hinein für ihn eine
KinderAurora Jetzt schlug die wohlbekannte kleinliche Dorfglocke aus und der
Stundenton fuhr so tief in die Zeit und in seine Seele hinunter dass ihm war
als sei er ein Knabe und jetzt sei Feierabend und noch schöner läuteten ihn
die Viehglocken in ein Rosenfest
Die einzelnen rotweissen Häuser schwankten durch die besonnten Baumstämme
Endlich sah er draußen das traute Elterlein dem Hügel zu Füßen liegen ihm
gegenüber standen die Glocken des weißen Schieferturms und die Fahne des
Maienbaums und das hohe Schloss auf dem runden Wall voll Bäume unten liefen die
Poststrassen und der Bach breit durchs offene Dorf auf beiden Seiten standen die
Häuser einzeln jedes mit seiner Ehrenwache von Fruchtstämmen um das Dörfchen
schlang sich ein Lustlager von HeuHügeln wie von Zelten und von Wagen und
Leuten herum und über dasselbe hinaus brannten fettgelbe Rübsenflächen für
Bienen und Öl heiter dem Auge entgegen
Als er von diesem Grenzhügel des Gelobten Kinderlandes hinunterstieg hört
er hinter den Stauden in einer Wiese eine bekannte Stimme sagen »Leute Leute
sponselt doch euer Vieh hab ichs nicht schon so millionenmal anbefohlen
Bube sage zu Hause der Gerichtsmann hat gesagt morgen wird ungesäumt mit zwei
Mann gefront auf der Klosterwiese« Es war sein Vater der mattäugige
schmächtige bleichfarbige Mann in dessen Gesicht der warme HeuTag noch einige
weiße Farbenkörner mehr gesäet schritt mit einer leuchtenden Sense auf der
Achsel aus den Rainen in die Straße herein Vult musste umblicken um nicht
erblickt zu werden und ließ den Vater voraus Dann fiel er ihm mit einigen
klingenden Paradiesen der Flöte und zwar weil er wusste wie ihm Chorale
schmeckten mit diesen in den Rücken
Lukas schritt noch träger fort um länger zurückzuhören und die ganze Welt
war hübsch Braune Dirnen mit schwarzen Augen und weißen Zähnen setzten die
Grassicheln an die Augenbraunen um den vorbeipfeifenden Studenten ungeblendet
zu sehen die Viehhirtinnen zogen mit ihren WandelGlöckchen auf beiden Seiten
mit Lukas schneuzte sich weil ihn der Choral bewegte und sah ein
ungesponseltes WeidePferd nur ernstaft an aus den Schornsteinen des
Schlosses und Pfarrhauses und des väterlichen hoben sich vergoldete Rauchsäulen
ins windstille kühle Blau
Und so kam Vult ins überschattete Elterlein hinab wo er das närrische
verhüllte träumende Ding das bekannte Leben den langen Traum angehoben und
wo er im Bette zu diesem Traum weil er erst ein kurzer Knabe war sich noch
nicht hatte zu krümmen gebraucht
Im Dorfe war das Alte das Alte Das große Haus der Eltern stand jenseits des
Bachs unverändert mit der weißen Jahreszahl 1784 auf dem DachSchiefer da Er
lehnte sich mit dem Flötenliede »Wer nur den lieben Gott lässt walten« an den
glatten Maienbaum und blies ins Gebetläuten hinein Der Vater ging sehr langsam
unter dem Scheine des Umsehens über den Bachsteg in sein Haus und henkte die
Sense an den hölzernen Pflock an der Treppe Die rüstige Mutter trat aus der
Türe in einem ManusWamse und schüttete ohne aufs Flöten zu hören das
abgeblattete Unkraut des Salats aus einem Scheffel und beide sagten zueinander
wie LandGatten pflegen nichts
Vult ging ins nachbarliche Wirtshaus Von dem Wirte erfuhr er dass der
Pfalzgraf Knoll mit dem jungen Harnisch Felder beschaue weil die
Notariusmacherei erst abends angehe »Trefflich« dachte Vult »so wirds immer
dunkler und ich stelle mich ans Backofenfenster und sehe ihrem Kreieren drinnen
zu« Der alte Lukas trat jetzt schon gepudert in einer grossblumigen Damastweste
an die Türe heraus und wetzte in Hemdärmeln an der Schwelle das Messer für das
Souper des NotariusSchöpfers ab »Aber das Pürschlein solls auch nicht
herausreissen« setzte der Wirt hinzu der ein Linker war »der Alte hat mir
seine schöne Branntweinsgerechtigkeit verkauft und der Sohn hat von der Blase
studiert Aber lieber das Haus sollt er weggeben und zwar an einen gescheuten
Schenkwirt sapperment dem würden Biergäste zufliegen der Bierhahn wäre Hahn
im Korbe aber ganz natürlich Denn die Stube hat zweierlei Grenzen und man
könnte darin zuprügeln und kontrebandieren und bliebe doch ein gedeckter Mann«
Vult nahm keinen so spasshaften Anteil am Wirte als er sonst getan hätte er
erstaunte ganz dass er unter der Hand ordentlich in eine heftige Sehnsucht nach
Eltern und Bruder besonders nach der Mutter hineingeraten war »was doch«
sagt er »auf der ganzen Reise gar nicht mein Fall gewesen« Es war ihm
erwünscht dass ihn der Wirt beim Ärmel ergriff um ihm den Pfalzgrafen zu
zeigen der eben in des Schulzen Haus aber ohne Gottwalt ging Vult eilte aus
seinem um drüben alles zu sehen
Draußen fand er das Dorf so voll Dämmerung dass ihm war als steck er
selber wieder in der helldunkeln Kinderzeit und die ältesten Gefühle flatterten
unter den Nachtschmetterlingen Hart am Stege watete er durch den alten lieben
Bach worin er sonst breite Steine aufgezogen um eine Grundel zu greifen Er
machte einen BogenUmweg durch ferne Bauernhöfe um hinter den Gärten dem Hause
in den Rücken zu kommen Endlich kam er ans Backofenfenster und blickte in die
breite zweiherrige Grenzstube keine Seele war darin die einer schreienden
Grille ausgenommen Türen und Fenster standen offen aber alles war in den Stein
der Ewigkeit gehauen der rote Tisch die roten Wandbänke die runden Löffel in
der hölzernen WandLeiste um den Ofen das Trocken der tiefe Stubenbalken mit
herunterhängenden Kalendern und HeringsKöpfen alles war über das Meer der
langen Zeit gut eingepackt ganz und wie neu herübergeführt auch die alte
Dürftigkeit
Er wollte am Fenster länger empfinden als er über sich Leute hörte und am
Apfelbaum den Lichtschimmer der oberen Stube erblickte Er lief auf den Baum
woran der Vater Treppe und Altan gebaut und sah nun gerade in die Stube hinein
und hatte das ganze Nest
Darin sah er seine Mutter Veronika mit einer weißen Küchenschürze stehend
eine starke etwas breite gesund nachblühende Frau das stille scharfe aber
höfliche Weiberauge auf den Hoffiskal gelegt dieser ruhig sitzend und an
seinem breiten Kopfe das NabelGehenke eines Pfeifenkopfes befestigend der
Vater gepudert und im heiligen AbendmahlsRock unruhig laufend halb aus
achtender Angst vor dem großen eingefleischten corpus juris neben ihm das gegen
Fürsten und alle Welt geradeso keck war als er selber scheu halb aus sorgender
das corpus nehm es übel dass Walt noch fehlte Am Fenster das dem Baum und
Vulten am nächsten war saß Goldine eine bildschöne aber bucklige Jüdin auf
ihr rotes Knäul niedersehend woraus sie einen schafwollenen Rotstrumpf
strickte Veronika ernährte die blutarme aber feingeschickte Waise weil
Gottwalt sie ungemein liebte und lobte und sie einen kleinen Edelstein hieß der
Fassung brauchte um nicht verloren zu gehen
»Der Knecht ist nach dem Spitzbuben ausgeschickt« versetzte Lukas als der
Fiskal unwillig erzählte Walt habe nicht einmal seine eignen Felder geschweige
des sel van der Kabels seine ihm zu zeigen gewusst sondern ihm einen Fronbauern
Kabels dazu hergeholt und sei wie ein Grobian weggeblieben Vom erfreulichen
Testamente sah Vult hatte der Fiskal noch kein Wort gesagt
Auf einmal fuhr Gottwalt in einem Schanzlooper herein verbeugte sich eckig
und eilig vor dem Fiskal und stand stumm da und helle FreudenTränen liefen aus
den blauen Augen über sein glühendes Gesicht
»Was ist dir« fragte die Mutter »O meine liebe Mutter sagt er sanft
gar nichts Ich kann mich gleich examinieren lassen«
»Und dazu heulst du« fragte Lukas Jetzt stieg sein Auge und sein Ton
»Vater ich habe« sagte er »heute einen großen Mann gesehen« »So«
versetzte Lukas kühl »Und hast dich vom großen Kerl wamsen lassen und
zudecken Gut«
»Ach Gott« rief er und wandte sich an die aufmerksame Goldine um es so
dem Examinator mit zu erzählen Er hatte nämlich oben im Fichtenwäldchen eine
haltende Kutsche gefunden und unweit davon am Waldbügel einen bejahrten Mann mit
kranken Augen der die schöne Gegend im Sonnenuntergange ansah Gottwalt
erkannte leicht zwischen dem Manne und dem Kupferstiche eines großen deutschen
Schriftstellers dessen deutscher Name hier bloß griechisch übersetzt werde in
den des Plato die Ähnlichkeit »Ich tat« fuhr er feurig fort »meinen Hut ab
sah ihn still immerfort an bis ich vor Entzückung und Liebe weinen musste Hätt
er mich angefahren so hätte ich doch mit seinem Bedienten über ihn viel
gesprochen und gefragt Aber er war ganz sanft und redete mit der süßesten
Stimme mich an ja er fragte nach mir und meinem Leben ihr Eltern ich wollt
ich hätt ein längeres gehabt um es ihm aufzutun Aber ich macht es ganz kurz
um ihn mehr zu vernehmen Worte wie süße Bienen flogen dann von seinen
BlumenLippen sie stachen mein Herz mit AmorsPfeilen wund sie füllten wieder
die Wunden mit Honig aus O der Liebliche Ich fühlt es ordentlich wie er Gott
liebt und jedes Kind Ach ich möcht ihn wohl heimlich sehen wenn er betete
und auch wenn er selber weinen müsste in einem großen Glück Ich fahre
sogleich fort« unterbrach sich Walt weil er vor Rührung nicht fortfahren
konnte bezwang sie aber etwas leichter als er umhersah und gar keine
sonderliche Fremde fand
»Er sagte« fuhr er fort »die besten Sachen Gott sagt er gibt in der
Natur wie die Orakel die Antwort eh die Frage getan ist desgleichen Goldine
was uns Schwefelregen der Strafe und Hölle deucht offenbart sich zuletzt als
bloßer gelber Blumenstaub eines zukünftigen Flors Und einen sehr guten
Ausspruch hab ich ganz vergessen weil ich meine Augen zu sehr auf seine
richtete Ja da war die Welt ringsumher voll Zauberspiegel gestellt und überall
stand eine Sonne und auf der Erde gab es für mich keine Schmerzen als die
seiner lieben Augen Liebe Goldine ich machte auf der Stelle so begeistert war
ich den Polymeter Doppelte Sterne erscheinen am Himmel als einer aber o
Einziger du zergehest in einen ganzen Himmel voll Sterne Dann nahm er meine
Hand mit seiner sehr weichen zarten und ich musste ihm unser Dorf zeigen da
sagt ich kühn den Polymeter Seht wie sich alles schön verkehrt die Sonne
folgt der Sonnenblume Da sagt er das tue nur Gott gegen die Menschen der
sich mehr ihnen zuwende als sie ihm Darauf ermunterte er mich zur Poesie
scherzte aber artig über ein gewisses Feuer was ich mir auch morgen abgewöhne
Gefühle sagt er sind Sterne die bloß bei hellem Himmel leiten aber die
Vernunft ist eine Magnetnadel die das Schiff noch ferner führt wenn jene auch
verborgen sind und nicht mehr leuchten So mag gewiss der letzte Satz geheißen
haben denn ich hörte nur den ersten weil es mich erschreckte dass er an den
Wagen ging und scheiden wollte
Da sah er mich sehr freundlich an gleichsam zum Troste dass mir war als
klängen aus den Abendröten Flötentöne«
»Ich blies in die Röten hinein« sagte Vult war aber etwas bewegt
»Ja endlich glaubt mirs Eltern drückt er mich an seine Brust und an den
lieblichen Mund und der Wagen rollte mit dem Himmlischen dahin«
»Und« fragte der alte Lukas der bisher zumal wegen Platos vornehmen
Amtsnamen jede Minute gewärtig gewesen dass der Sohn einen beträchtlichen
Beutel vorzöge den ihm der große Mann in die Hand gedrückt »er ist weggefahren
und hat dir keinen Pfennig geschenkt« »O wie denn das Vater« fragte Walt
»Ihr kennt ja sein weiches Gemüt« sagte die Mutter »Ich kenne diesen
Skribenten nicht« sagte der Pfalzgraf »aber ich dächte statt solcher leerer
Historien die zu nichts führen fingen wir einmal das Examen an das ich
anstellen muss eh ich jemand zum Notarius kreieren will«
»Hier steh ich« sagte Walt im Schanzlooper hinund von Goldinen
wegfahrend deren Hand er für ihre Teilnahme an seiner Seligkeit öffentlich
genommen hatte
Nr 8 Koboldblüte
Das Notariatsexamen
»Wie heißt Herr Notariand« fing Knoll an Alles war nämlich so erstlich dass
Knoll als ein zusammengewachsenes verknöchertes Revolutionstribunal das
Vorhängschloss des PfeifenKopfes am eignen hatte und zu allem saß ferner dass
Lukas seinen auf zwei Ellenbogen wie auf Karyatiden gestützten Kopf auf den
Tisch setzte jeder Frage nachsinnend eine Stellung die seine matten grauen
Augen und sein blutloses Gelehrtengesicht zumal unter dem Leichenpuder auf der
gebräunten Haut sehr ins nahe Licht setzte so wie seinen ewigen regnerischen
Feldzug gegen das Geschick ferner dass Veronika dicht neben dem Sohne mit den
Händen auf dem Magen betend stand und das stille Weiberauge das in die
närrischen ArbeitsLogen der Männer dringen will zwischen Examinator und
Examinanden hin und wieder gleiten ließ und zuletzt dass Vult mit seinen
leisen Flüchen zwischen den unreifen Pelzäpfeln saß und neben ihm da ja alle
Leser durch ein Fenster in die Stube sehen auf den benachbarten Ästen
sämtliche 10 deutsche Reichs und LeseKreise oder Lesezirkel so viele tausend
Leser und Seelen von jedem Stande was in dieser Zusammenstellung auf dem Baume
lächerlich genug wird Alles ist in der größten Erwartung über den Ablauf
des Examens Knoll in der allergrössten weil er nicht wusste ob nicht vielleicht
manche mögliche Ignoranzen den Notariandus nach den geheimen Artikeln des
Testaments auf mehrere Monate zurückschöben oder sonst beschädigten
»Wie heißt Hr Notariand« fing er bekanntlich an
»Peter Gottwalt« versetzte der sonst blöde Walt auffallend frei und laut
Der geliebte entflogne Göttermensch hob noch seine Brust nach einem solchen
Anblicke werden wie in der ersten Liebe uns alle Menschen zwar näher und
lieber aber kleiner Er dachte mehr an Plato als an Knoll und sich und träumte
sich bloß in die Stunde wo er recht lange darüber mit Goldinen sprechen könnte
»Peter Gottwalt« hatt er geantwortet
»Harnisch muss noch bei« sagte sein Vater
»Dessen selben Eltern und Wohnort« fragte Knoll
Walt hatte die besten Antworten bei der Hand
»Ist Hr Harnisch ehelich geboren« fragte Knoll
Gottwalt konnte schamhaft nicht antworten »Das Taufzeugnis ist gelöst«
sagte der Schulz »Es ist nur um Ordnung willen« sagte Knoll und fragte weiter
»Wie alt«
»So alt als mein Bruder Vult sagte Walt vierundzwanzig«
»Jahre nämlich« sagte der Vater
»Was Religion Wo studiert usw«
Gute Antworten fehlten nicht
»Wen hat Hr Harnisch von den Kontrakten gelesen Wie viele Personen sind
zu einem Gerichte erforderlich Wieviel wesentliche Stücke gehören zu einem
ordentlichen Prozesse« Der Notariand nannte sehr nötige schlug aber die
UngehorsamsBeschuldigung nicht an »Nein Herr 13 sinds schon nach Beieri
Volkmanno emendato« sagte der Pfalzgraf heftig
»Hat man Kaiser Maximilians NotariatsOrdnung von anno 1512 zu Köln
aufgerichtet nicht nur oft sondern auch recht gelesen« fragt er weiter
»Sauberer und eigenhändiger konnte mans ihm nicht abschreiben als ich Hr
Hofpfalzgraf« sagte der Schulz
»Was sind Lytae« fragte Knoll
»Lytae oder litones oder Leute antwortete freudig Walt und Knoll rauchte
ruhig zu seiner Vermengung fort waren bei den alten Sachsen Knechte die noch
ein Drittel Eigentum besaßen und daher Kontrakte schließen konnten«
»Eine Zitation dazu« sagte der Pfalzgraf
»Möser« versetzte Walt
»Sehr wohl« antwortete der Fiskal spät und rückte die Pfeife in die Ecke
des formlosen Mundes der nun einer aufgeschljetzten Wunde glich die man ihm ins
Siberien des Lebens mitgegeben »sehr wohl Aber lytae sind sehr verschieden von
litonibus lytae sind die jungen Juristen die zu Justinianus Zeiten im vierten
Jahre ihres Kurses den Rest der Pandekten absolvierten4 und die Antwort war
eine Ignoranz«
Gottwalt antwortete gutmütig »Wahrhaftig das hab ich nicht gewusst«
»So wird man wohl auch nicht wissen was auf den Strümpfen die der Kaiser
bei der Krönung in Frankfurt anhat steht« »Ein Zwickel Gottwalt«
soufflierte hinter ihm Goldine »Natürlich« fuhr Knoll fort »Hr Tychsen hat
es uns folgendergestalt ins Deutsche übersetzt aus dem arabischen Texte ein
prächtiges königliches Strumpfband« Darüber über den Text und Übersetzer der
Strümpfe fuhr das Mädchen in ein freies Gelächter aus aber Vater und Sohn
nickten ehrerbietig
Unmittelbar nachdem Walt aus der durchlöcherten Fischwaage des Examens blöde
und stumm gestiegen war ging der Pfalzgraf ans Kreieren Er sprach mit der
Pfeife und auf dem Sessel Walten den NotariatsEid auswendig zum Erstaunen aller
vor und Walt sagte ihn mit gerührter Stimme nach Der Vater nahm die Mütze ab
Goldine hielt ihre Strumpfwirkerei innen Der erste Eid macht den Menschen
ernst denn der Meineid ist die Sünde gegen den Hl Geist weil er mit der
höchsten Besonnenheit und Frechheit ganz dicht vor dem Throne des moralischen
Gesetzes begangen wird
Jetzt wurde der Notarius bis auf das letzte Glied auf die Fersen gar
ausgeschaffen Tinte Feder und Papier wurden ihm von Knollen überreicht und
dabei gesagt man investiere ihn hiemit Ein goldner Ring wurde seinem Finger
angesteckt und sogleich wieder abgezogen Endlich brachte der Komes palatinus
ein rundes Käppchen Barettlein hieß ers aus der Tasche und setzte es dem
Notarius mit dem Beifügen auf den Kopf ebenso ohne Falten und rund sollen seine
NotarienHändel sein
Goldine rief ihm zu sich umzudrehen er drehte ihr und Vulten ein Paar
große blaue unschuldige Augen zu eine hochgewölbte Stirne und ein einfaches
beseeltes durchsichtiges mehr von der innern als von der äußern Welt
ausgebildetes Gesicht mit einem feinen Munde welches auf einem etwas schiefen
Torso stand der wieder seinerseits auf eingeklappten KnieWinkeln ruhte aber
Goldinen kam er lächerlich und dem Bruder wie ein rührendes Lustspiel vor und im
Schanzlooper wie ein Meistersänger aus Nürnberg Noch wurd sein Notariatssignet
und das in Hasslau verfasste Diplom dieser Würde übergeben und so hatte Knoll
in seiner Glashütte mit seiner Pfeife den Notarius fertig und rund geblasen
oder bloß in einer andern Metapher er brachte aus dem Backofen einen
ausgebacknen offenen geschwornen Notarius auf der Schaufel heraus
Hierauf ging dieser zum Vater und sagte gerührt mit Händedrücken
»Wahrhaftig Vater Ihr sollt sehen welche Wogen auch« Mehr konnt er
nicht vor Rührung oder Bescheidenheit sagen »Konsideriere besonders Peter dass
du Gott und dem Kaiser geschworen bei Testamenten absonderlich derer Hospitäler
und anderer notdürftiger Personen Sachen desgleichen gemeine Wege befördern zu
helfen Du weißt wie schlecht die Wege ums Dorf sind und unter den
notdürftigen Personen bist du die allererste« »Nein ich will die letzte
sein« versetzte der Sohn Die Mutter gab dem Vater einen silberhaltigen
PapierWickel denn die Menschen versilbern sozusagen die Pille des rohen
Geldes einander durch Papier erstlich aus feiner Schonung des fremden
Eigennutzes und zweitens um es zu verstecken wenn es zu wenig sein sollte
der Vater drückt es höflich in die fiskalische lang gedehnte haarige Hand mit
den Worten »Pro rata Hr Hoffiskalis Es ist das SchwanzGeld von unserer Kuh
und etwas darüber Vom Kaufschilling des Viehs soll der Notarius auskommen in
der Stadt Morgen reitet er das Pferd des Fleischers hinein der sie uns
abgekauft Es ist blutwenig aber aller Anfang ist schwer beim Aufgehen der
Jagd hinken die Hunde noch ich habe manchen gelehrten Hungerleider gesehen der
anfangs von nichts lebte Sei nur besonders vigilant Peter denn sobald der
Mensch auf der Welt einmal etwas Braves gelernt«
»Ein Notarius« fing heiter Knoll unter dem GeldEinstecken an und hielt die
Pfeife lange ans Licht eh er fortfuhr »ist zwar nichts Sonderliches im
Reiche seind viel nämlich Notarii sagt der ReichsAbschied von 15000 Art XIV
wiewohl ich selber meines Orts nur Notarien machen kann und doch kein
Instrument«
»Wie mancher Pfalzgraf und mancher Vater« sagte leise Goldine »keine
Gedichte aber doch einen Dichter«
»Indes ist in Hasslau« fuhr er fort »so oft bald ein Testament bald ein
Interrogatorium bald ein Vidimus zuweilen aber höchst selten eine donatio
inter vivos zu machen falls nun der junge Mensch advoziert«
»Das muss mein Peter« sagte Lukas
» Falls ers aber« fuhr er fort »recht macht anfangs schlechte
zweideutige Prozesse mit Freuden annimmt weil große Advokaten sie von der Hand
weisen letztere häufig konsultiert sich windet und bückt und dreht«
»So kann er ein rechtes Wasser auf desjenigen Mühle werden der sein Vater
ist ja eine ganze Mühlwelle er kann ihm ja nach Gelegenheit von Zeit zu Zeit
ein beträchtliches Stück Geld zufertigen« sagte der Vater
»O meine Eltern wenn ich das einmal könnte« sagte leise Walt entzückt
»O Gott steh mir bei« sagte Lukas zornig »wer denn sonst Etwan dein
Spitzbube dein Landläufer und Querpfeifer der Vult«
Dieser schwur auf seinem Baume vor einem solchen Vater sich ewig zu
verkappen
»Falls nun« fuhr Knoll lauter und unwillig über das Stören fort »der junge
Anfänger kein eingebildeter Narr oder Neuling ist sondern ein Mensch der bloß
im juristischen Fache lebt und webt wie hier sein vernünftiger Vater der
vielleicht mehr vom Jus versteht«
Nun konnte Lukas sich nicht mehr halten »Hr Hoffiskalis Peter hat seines
Vaters Sinn nicht mich hätte man jura lassen sollen Gott ich hatte Gaben und
mein Pferdgedächtnis und Sitzfleisch Es ist nur ein schlechter Gerichtsmann
der nicht zugleich ein Zivilist ein Kameralist ein Kriminalist ein
Feudalist ein Kanolist ein Publist ist so weit er kann Längst hätt ich
dieses mein Amt niedergelegt denn was zieh ich weiter davon als jährlich drei
Scheffel Besoldung und die Fasskanne und viel Versäumnis und Verdriesslichkeit
wär im ganzen Dorf ein Mensch zu haben ders wieder nähme und scharmant
versähe Wo sind denn die vielen Schulzen hierzulande die vier
Schulzenordnungen im Hause haben wie ich nämlich die alte gotaische die
kursächsische die württembergische und die haarhaarische Und setz ich nicht
in jede Bücherlotterie und erstehe die gescheutesten Sachen unter andern Julii
Bernhards von Rohr vollständiges HaushaltungsRecht in welchem die nützlichsten
Rechtslehren welche sowohl bei den Landgütern überhaupt derselben Kauffung
Verkauffung und Verpachtung als insonderheit bei dem Ackerbau Gärtnerei etc
etc und andern ökonomischen Materien vorkommen der gesunden Vernunft denen
römisch und deutschen Gesetzen nach ordentlich abgehandelt werden allen
denenjenigen so Landgüter besitzen oder dieselben zu administriren haben
höchst nützlich und ohnentbehrlich Die andere Auflage Leipzig 1738 verlegts
J Ch Martini Buchhändler in der Grimmischen Straße Es macht aber zwei Bände
sehen Sie« »Ich habe sie selber« sagte Knoll »Nun wohl schloss der Vater
daraus weiter fort Muss ein Gerichtsmann nicht wie ein Hufschmied die Taschen
schon im Schurzfell bei der Hand haben nicht erst in den Hosen O du lieber
Gott Hr Fiskalis wo zu pfänden ist zu taxieren zu einquartieren
mündlich und schriftlich Unzähliges anzuzeigen wo Kränze um Brunnen zu machen
Zigeuner aus dem Lande zu jagen auf Straßen und Feuerschau zu schauen wo in
Dörfern Pesten Exzesse Spitzbübereien sind da ist ja ein Gerichtsmann der
erste dabei und zeigt die Sachen an sowohl bei löblicher Landeshauptmannschaft
als wenn der Fall bei der Ritterschaft Was Wetter da kann er nicht wie eine
Kanzeluhr die Woche nur einmal gehen Tag für Tag läuft er zum größten Schaden
seiner Wirtschaft in alle Löcher in alle Felder und Wälder in alle Häuser
und nachher in die Stadt und rapportierts mündlich worauf ers schriftlich aus
der Tasche zieht Es sollen mir Pferdner und Anspänner oder Hintersättler
hertreten und sagen Lukas lasse die Flausen Du bist auch da und da fahrlässig
gewesen O solche große Verleumder sehen sie denn nicht dass ich mich darüber
klaftertief in Schulden stecke und wäre künftig der Notarius und Tabellio
nicht«
»Hör einmal auf Gerichtsmann« sagte Veronika und wandte sich an den
Fiskal dessen Schuldner ihr Mann war »Hr Fiskal er sagt das nur so um
etwas zu sagen Begehren Sie nichts Und ich habe nachher eine große Frage zu
tun«
Lukas schwieg sehr willig und schon gewohnt dass in seiner EheSonatine die
linke Hand die Frau weit über die rechte heraufgriff in die höchsten Töne zum
harmonischen Vorteil
Er schnapse gern vor dem Essen versetzte Knoll zu Walts Erstaunen über ein
solches PostillionsZeitwort von einem Stadt und Hofmann
Die Mutter ging und brachte in der einen Hand das ExtrapostBlut und
Elementarfeuer aber in der andern ein dickes Manuskript Walt nahm es ihr
blutrot weg Goldinens Augen schimmerten entzückt »Du musst aus dem Liederbuch
lesen« sagte die Mutter »der gelehrte Herr sollen sagen ob es taugt Hr
Kandidat Schomaker will es sehr loben«
»Und ich lob es wirklich« sagte Goldine Da trat der Kandidat selber
herein warf sich bloß vor dem Fiskale krumm und salutierte mit blitzenden
Augen Er sah aus allen dass die FreudenPost des Testaments noch nicht in der
Stube erschollen war »Sehr spät« sagte Lukas »der exzellente Aktus ist ganz
vorbei« Ausführlich beteuerte der Kandidat er sei erst gegen Vesperzeit aus
der Stadt gekommen »ich steh auch« sagte er und sah gern den Schulzen an
vergnügt dass er nicht einen so vornehmen und bedenklichen Herrn wie Knoll
beschauen musste »schon seit einer geraumen VierteilStunde unten im Hofe habe
mich aber vor fünf Gänsen welche vor der Türe Flügel und Schnabel gegen mich
aufgemachet nicht hereingetraut« »Nein sechs warens« sagte die satirische
Jüdin »Oder auch sechs« versetzte er »genung eine ist genung wie ich
gelesen um einen Menschen durch einen wütigen Biss ganz toll und wasserscheu zu
machen«
»Ah ça« wandt er sich zu Walten mehr französisch konnt er nicht »Ihre
Polymeter« »Was sinds« fragte Knoll trinkend »Herr Graf sagte Schomaker
und ließ die Pfalz weg in der Tat eine neue Erfindung des jungen Kandidaten
meines Schülers er macht Gedichte nach einem freien Metrum so nur einen
einzigen aber reimfreien Vers haben den er nach Belieben verlängert s
bogenlang was er den Streckvers nennt ich einen Polymeter«
Vult fluchte aus Ungeduld zwischen den Äpfeln Walt stellte sich endlich mit
dem Manuskripte und mit dem Profil seiner Bogenstirn und seiner geraden Nase vor
das Licht blätterte über alle Beschreibung lange und blöde nach dem Frontispiz
seines Musentempels der Kandidat tat mit der einen Hand in der Weste mit der
andern in der Hose drei StreckSchritte nach Vults Fenster um hinaus zu
spucken Stotternd aber mit schreiender ungebildeter Stimme fing der Dichter
an
Nr 9 Schwefelblumen
Streckverse
»Ich weiß nicht ich finde jetzt kein rechtes Gedicht ich muss auf Geratewohl
ausheben
Der Widerschein des Vesuvs im Meer
Seht wie fliegen drunten die Flammen unter die Sterne rote Ströme wälzen sich
schwer um den Berg der Tiefe und fressen die schönen Gärten Aber unversehrt
gleiten wir über die kühlen Flammen und unsere Bilder lächeln aus brennender
Woge Das sagte der Schiffer erfreut und blickte besorgt nach dem donnernden
Berg auf Aber ich sagte Siehe so trägt die Muse leicht im ewigen Spiegel den
schweren Jammer der Welt und die Unglücklichen blicken hinein aber auch sie
erfreut der Schmerz«
»Was weint denn der wunderliche Mensch da er ja alles sich selber ausgesonnen«
rief Lukas »Weil er selig ist« sagte Goldine ohne es zu treffen es war bloß
das Weinen der Bewegung die weder eine entzückte noch betrübte sondern nur
eine Bewegung zu sein braucht Er las jetzt
»Der Kindersarg in den Armen
Wie schön nicht nur das Kind wird leicht in den Armen gewiegt auch die Wiege
Die Kinder
Ihr Kleinen steht nahe bei Gott die kleinste Erde ist ja der Sonne am nächsten
Der Tod unter dem Erdbeben5
Der Jüngling stand neben der schlummernden Geliebten im Myrtenhaine um sie
schlief der Himmel und die Erde war leise die Vögel schwiegen der Zephyr
schlummerte in den Rosen ihres Haars und rückte kein Löckchen Aber das Meer
stieg lebendig auf und die Wellen zogen in Herden heran Aphrodite betete der
Jüngling du bist nahe dein Meer bewegt sich gewaltig und die Erde ist
furchtsam erhöre mich herrliche Göttin verbinde den Liebenden ewig mit seiner
Geliebten Da umflocht ihm mit unsichtbarem Netze den Fuß der heilige Boden die
Myrten bogen sich zu ihm und die Erde donnerte und ihre Tore sprangen ihm auf
Und drunten im Elysium erwachte die Geliebte und der selige Jüngling stand
bei ihr denn die Göttin hatte sein Gebet gehört«
Vult fluchte gewaltig im Laube vor lauter Jubel seine sonst leicht zufallende
Seele stand weit den Musen offen »Liebes Gottwältlein du allein sollst mich
kennenlernen ja bei Gott das geht an das muss er mit ausführen Himmel wie
wird der blöde göttliche Narr erstaunen wenn ichs ihm vorlege« sagte er und
hatte einen neugebornen Plan im Sinne
»Ich sollte meinen sagte Schomaker dass er die Auktoren der Antologie nicht
ohne Nutz unter mir studieret«
Da Knoll nicht antwortete sagte der Vater »Lies weiter« Mit schwächerer
Stimme las Walt
»Bei einem brennenden Teatervorhang
Neue erfreuliche Spiele zeigtest du sonst stiegst du langsam hinauf Jetzt
verschlingt dich schnell die hungrige Flamme und verworren unselig und
dampfend erscheint die Bühne der Freude Leise steige und falle der Vorhang der
Liebe aber nie sink er als feurige Asche auf immer darnieder
Die nächste Sonne
Hinter den Sonnen ruhen Sonnen im letzten Blau ihr fremder Strahl fliegt seit
Jahrtausenden auf dem Wege zur kleinen Erde aber er kommt nicht an O du
sanfter naher Gott kaum tut ja der Menschengeist sein kleines junges Aug auf
so strahlst du schon hinein o Sonne der Sonnen und Geister
Der Tod eines Bettlers
Einst schlief ein alter Bettler neben einem armen Mann und stöhnte sehr im
Schlaf Da rief der Arme laut um den Greis aus einem bösen Traum aufzuwecken
damit den matten Busen nicht die Nacht noch drücke Der Bettler wurde nicht
wach aber ein Schimmer flog über das Stroh da sah der Arme ihn an und er war
jetzt gestorben denn Gott hatt ihn aus einem längeren Traum aufgeweckt
Die alten Menschen
Wohl sind sie lange Schatten und ihre Abendsonne liegt kalt auf der Erde aber
sie zeigen alle nach Morgen
Der Schlüssel zum Sarge
O schönstes liebstes Kind fest hinuntergesperrt ins tiefe dunkle Haus ewig
halt ich den Schlüssel deiner Hütte und niemals niemals tut er sie auf Da
zog vor der jammernden Mutter die Tochter blühend und glänzend die Sterne hinan
und rief herunter Mutter wirf den Schlüssel weg ich bin droben und nicht
drunten«
Nr 10 Stinkholz
Das Kapaunengefecht der Prosaisten
»O Himmel wärs nur morgen Brüderlein Es ist verdammt man sollte nie passen
müssen« sagte Vult »Ich habe genug« sagte Knoll der bisher die eine
Tabakswolke gerade so groß und so langsam geschaffen hatte wie die andere
»Ich meines Parts« sagte Lukas »kann mir nichts Rechts daraus nehmen und den
Versen fehlt auch der rechte Schwanz aber gib her« »Fromme und traurige
Sachen stehen wohl darin« sagte die Mutter Gottwalt hatte Kopf und Ohren noch
in der goldnen Morgenwolke der Dichtkunst und außen vor der Wolke stehe kam es
ihm vor der ferne Plato als Sonnenball und durchglühe sie Der Kandidat
Schomaker sah scharf auf den Pfalzgrafen und passete auf Entscheidungen Aus
religiöser Freiheit glaubte er überall zu sündigen wo er eilen sollte und
wagen Daher hatt er nicht den chirurgischen Mut seine Schulkinder ordentlich
zu prügeln er ängstigte sich vor möglichen Frakturen Wundfiebern und
dergleichen sondern er suchte sie von weitem zu züchtigen indem er in einer
Nebenkammer dem Züchtling entsetzliche Zerrgesichter vorschnitt
»Meine Meinung« fing Knoll mit bösem Niederzug seiner schwarzwaldigen
Augenbraunen an »ist ganz kurz diese Dergleichen ist wahrlich rechter
Zeitverderb Ich verachte einen Vers nicht wenn er lateinisch ist oder doch
gereimt Ich machte selber sonst als junger Gelbschnabel dergleichen Possen und
schmeichl ich mir nicht etwas andere als diese Ja als comes palatinus
kreier ich ja eigenhändig Poeten und kann sie also am wenigsten ganz verwerfen
Kapitalisten oder Rittergutsbesitzer die nichts zu tun und genug zu leben
haben können in der Tat Gedichte machen und lesen so viele sie wollen aber
nur kein gesetzter Mensch der sein gutes solides Fach hat und einen
vernünftigen Juristen vorstellen will der soll es verachten besonders Verse
ohne allen Reim und Metrum dergleichen ich tausend in einer Stunde hecke wenns
sein muss«
Vult genoss still den Gedanken dass er in Hasslau schon Zeit und Ort finden
werde dem Pfalzgrafen durch Öl ins Feuer und durch Wasser ins brennende Öl zur
Belohnung irgendein Bad zu bereiten und zu gesegnen Und doch konnt ers vor
Zorn kaum aushalten wenn er bedachte dass der Kandidat und der Pfalzgraf so
lange dastanden ohne des erfreuenden Testaments zu gedenken Hätt er sehen und
schreiben können er hätte einen Stein mit einem RapportWickel als sanfte
Taubenpost durchs Fenster fliegen lassen
»Hörst du« sagte Lukas »Sie sind auch eben nicht schön geschrieben wie
ich sehe« und machte blätternd einen Versuch das Manuskript ins Licht
hineinzuhalten Aber der bisher halbgesenkt in die Flamme blickende Dichter
entriss es ihm plötzlich mit greifender Faust »In den Nebenstunden aber denn
doch so etwa« fragte Schomaker für welchen der einzige Titel Hoffiskal einen
RuprechtsZwilling und Doppelhaken in sich fasste denn schon wo einem Worte Hof
oder Leib zum Vorsprung anhing und wars an einem Hofpauker und Leibvorreiter
da sah er in eine gehelmte Vorrede praefation galeata und hatte seine
Schauer wieviel mehr bei dem Worte Fiskal das jeden auf Pfähle oder in Türme
zu stecken drohte
»In meinen Nebenstunden« versetzte Knoll »las ich alle mögliche
auftreibliche Aktenstücke und wurde vielleicht das was ich bin Überspannte
Floskeln hingegen greifen zuletzt in dem Geschäftsstil Platz und vergiften ihn
ganz ein Gericht weiset dergleichen dann zurück als inept« »Natürlich denn
und verzeihlich daher fing Schomaker als Selbstkrummschliesser an dass ich aus
Unkunde der Rechtskunde diese mit der Poesie vereinbaren wollen aber ganz
wahrscheinlich deshalb dass Hr Harnisch seinem alleinigen Fache heißer sich
weihend nun ganz vom poetischen absteht nicht gewiss gewiss Hr Notar«
Da fuhr und schnaubte der bisher sanfte Mensch den Abfall des sonst
lobenden Lehrers für eine Hofmännerei ansehend die gleich einem Balbiermesser
sich vor und rückwärtsbeugt obgleich Schomaker bloß nicht fähig war so auf
der Stelle in der Schnelle einem ThronDiener gegenüber und bei der Liebe für
den Schüler im Herzen sogleich das Jus auszufinden sondern immer zu leicht
fürchtete unter der Hand gegen seinen Fürsten zu rebellieren indes er sonst
bei dem Bewusstsein des Rechts jeder Not und Gewalt entgegengezogen wäre da
schnaubte der sanfte Walt wie ein getroffener Löwe empor sprang vor den
Kandidaten und ergriff dessen Achseln mit beiden Händen und schrie aus lang
gemarterter Brust so heftig auf dass der Kandidat wie vor nahem Totschlag
aufhüpfte »Kandidat bei Gott ich werde ein guter Jurist von fleißiger Praxis
meiner armen Eltern wegen Aber Kandidat ein Donnerkeil spalte mein Herz der
Ewige werfe mich dem glühendsten Teufel zu wenn ich je den Streckvers lasse und
die himmlische Dichtkunst«
Hier sah er wild ausfordernd umher und sagte wichtig »ich dichte fort«
alle schwiegen erstaunt in Schomaker hielt noch halbes Leben Knoll allein
zeigte ein grimmiges eisernes Lächeln auch Vult wurde auf seinem Aste wild
schrie »recht recht« und griff blindlings nach unreifen Pelzäpfeln um eine
Handvoll gegen die prosaische Session zu schleudern Darauf ging der Notar als
Sieger hinaus und Goldine ging ihm mit dem Murmeln nach »Es geschieht euch
recht ihr Prosaner«
Wider Vults Erwarten stellte der Notarius sich unter seinen Apfelbaum und
hob nach der Sternenseite des Lebens nach dem Himmel das beseelte Antlitz auf
welchem alle seine Gedichte und Träume zu zählen waren Beinahe wäre der
Flötenspieler auf die verletzte Brust als ein weicher Pfühl herabgefallen er
hätte gern den nassen guten Sangvogel dem es wie der Lerche gegangen die auf
das Tote Meer als wäre es blühendes Land herunterstürzt und darin ersäuft
hoch unter die trocknende Sonne gehalten aber Goldinens Ankunft verbot die
schöne Erkennung sie nahm Walts Hand aber er schaute noch immer mit tauben
Augen nach der Höhe wo nur helle Sterne keine trübe Erde standen »Hr
Gottwalt« sagte sie »denken Sie nicht mehr über die prosaischen Pinsel Sie
haben sie abgetrumpft Dem Juristen streu ich heute noch Pfeffer in den Tabak
und dem Kandidaten Tabak in den Pfeffer« »Nein liebe Goldine« fing er mit
schmerzlich sanfter Stimme an »nein ich war es heute nicht wert dass mich der
große Plato küsste War es denn möglich Gott es sollte ein froher letzter
Abend werden Teuere Eltern geben schwer erdarbtes Geld zum Notariate her
der arme Kandidat gibt mir von Kindesbeinen an Lehrstunden fast in allem Gott
segnet mich mit dem Himmel an Platos Herzen und ich Satan fahre so höllisch
auf O Gott o Gott Aber mein alter Glaube Goldine wie trifft er immer ein
nach jeder rechter inniger Seligkeit des Herzens folgt ein schweres Unglück«
»Das dacht ich gleich« sagte Goldine zornig »man schlage Sie ans Kreuz
so werden Sie eine festgenagelte Hand vom Querbalken losarbeiten um damit einem
Kriegsknecht seine zu drücken Haben denn Sie oder die Strohköpfe droben den
heutigen Weinmonat ich möchte sagen zum Weinessigmonat versäuert« »Ich
kenne« versetzte er »keine andere Ungerechtigkeiten gewiss und genau als die
ich an andern verübe die so andere an mir begehen können mir wegen der
Ungewissheit der Gesinnungen nie ganz klar und entschieden sein Ach es gibt ja
mehr Irrtümer des Hasses als der Liebe Wenn nun einmal eine Natur welche die
Antitese und Dissonanz der meinigen ist existieren sollte wie von allem die
Antitesen so könnte sie mir ja leicht begegnen und da ich ebensowohl ihre
Dissonanz bin als sie meine so hab ich nicht mehr über sie zu klagen als sie
über mich«
Goldine konnte wie Vult nichts gegen diese Denkweise einwenden aber
beiden war sie äußerst verdrießlich Da rief sanft die Mutter den Sohn und heftig
der Vater »Renne Peter renne wir stehen im Testament und werden
vorbeschieden auf den 15 ten hujus«
Nr 11 Fisettolz
LustChaos
Der Pfalzgraf hatte das Erstarren über Walts Sturmlaufen mit der Bemerkung
flüssiger gemacht dass der »Sansfaçon« es nicht verdiene in einem wichtigen
Testamente zu stehen zu dessen Eröffnung er ihn vorzuladen habe und dessen
Bedingungen sich eben nicht sehr mit der Reimerei vertrügen Da war das
Anschlagerad und der Dämpfer gerichtlich von des Schulmeisters ton und
wortvoller Seele abgehoben und er konnte nun alle Glocken läuten er wusste und
gab die angenehmsten Artikel des Testaments welche der Fiskal durch die
unangenehmen ganz bestätigte Der Kandidat handelte so lange ungewöhnlich sanft
nach einer Beleidigung bis man ihn ersuchte sie zu vergeben Lukas rief schon
im halben Hören Walten wie toll hinein um nur etwas zu reden
Von zarter Schamröte durchdrungen erschien dieser niemand gab auf ihn acht
man steckte im Testamente ausgenommen Knoll Dieser hatte gegen den Jüngling
seit dessen Vorlesen einen ordentlichen Hass gefasst so wie die Musik zwar
Nachtigallen zum Schlagen reizt aber Hunde zum Heulen weil ihm der eine
Umstand dass ein so schlechter poetischer Jurist mehr als er erben sollte was
seinen fiskalischen Kern anfrass mehr wehe tat als der andere süß dass sein
Eigennutz selber keinen Erben hätte auslesen können der geschickter wäre die
Erbschaft zu verscherzen
Walt hörte gerührt der Wiederholung und Forterzählung der ErbÄmter und der
Erbstücke zu Als um Lukas Ohren jetzt die Worte 11000 Georgdors in der
SüdseeHandlung und zwei Fronbauern samt Feldern in Elterlein flatterten stand
sein Gesicht das der plötzliche warme SüdZephyr des Glückes umspülte wie
zergangen und verblüfft da und er fragte »Den 15ten 11000« Darauf warf er
seine Mütze die er in der Hand hatte weit über die Stube weg sagte »Den
hujus dieses« Darauf schleuderte er ein Bierglas gegen die Stubentüre über
Schomakern weg »Gerichtsmann« rief die Frau »was ist Euch« »Ich habe so
mein Gaudium« sagte er »Nun aber komme mir der erste beste Hund aus der Stadt
ich will ihn lausen breit tret ich das Vieh Und wir werden alle geadelt wie
wir hier sitzen und ich bleibe der adelige Gerichtsherr oder ich werde der
Gerichtalter und studiere Und auf meine Kabelschen Grundstücke säe ich nichts
als Reps«
»Mein Freund« sagte verdrießlich der Fiskal »Sein poetischer Sohn hat noch
vorher einige Nüsse aufzubeissen dann ist der der Erbe« Mit Freudentränen trat
der Notar zum enterbten Fiskal und zog dessen zähe Hände mit der Versicherung an
sich »Glauben Sie mir FreudenBote und Evangelist ich werde alles tun um die
Erbschaft zu erringen alles was Sie gefodert haben Was wollt Ihr mit mir
sagte Knoll die Hände wegziehend denn ich tue es ja für Menschen fuhr Walt
fort alle andere ansehend die noch mehr für mich getan vielleicht für den
Bruder wenn er noch lebt Sind denn die Bedingungen nicht so leicht und die
letzte so schön die vom Pfarrerwerden Der gute van der Kabel Warum ist er
denn so gut gegen uns Ich entsinne mich seiner lebhaft aber ich dachte er
liebte mich nicht Doch musst ich ihm meine Streckverse vorlesen Kann man denn
zu gut von den Menschen denken«
Vult lachte und sagte »Kaum«
Ganz blöde und schamhaft trat Walt zu Schomaker mit den Worten »Vielleicht
verdanke ich der Dichtkunst die Erbschaft und gewiss die Dichtkunst dem Lehrer
der mir die vorige Minute vergebe«
»So sei vergessen« versetzte dieser »dass man mich vorhin nicht einmal Herr
genannt was doch so allgemein Wonne herrsche jetzt Aber Ihr Hr Bruder
dessen Sie gedachten lebt noch und im Flore Ein lebhafter Hr van der Harnisch
vergewisserte mich dessen zohe mich aber in eine unerlaubte Ausschwatzung Ihres
Hauses hinein für die mir Ihre Verzeihung so wenig entstehe als Ihnen die
meine«
Der Notar rief es durch das Zimmer der Bruder lebe noch »Im
erzgebürgischen Elterlein traf ihn der Herr in der Stadt« sagte Schomaker »O
Gott er kommt gewiss heut oder morgen beste Eltern« rief Walt entzückt
»soll mir lieb sein« sagte der Schulz »ich werd ihm unter der Haustüre mit
der HabernSense die Beine abmähen und ihn mit einem Holzapfel erstecken einen
solchen Vagabunden« Gottwalt aber trat zu Goldinen die er weinen sah und
sagte »o ich weiß es worüber Gute« und setzte leise hinzu »Über das Glück
Ihres Freundes« »Ja bei Gott« antwortete sie und sah ihn entzückter an
Die Mutter warf nur die Bemerkung wie oft ihr Gemüt durch ähnliche Sagen
von ihres guten Kindes Wiederkunft betrogen worden flüchtig unter die Männer
um sich bloß mit dem verdrießlichen Fiskale abzugeben welchem sie freundlich
alle böse Klauseln des Testaments deutlich abfragte Den Pfalzgrafen aber
verdross das von seiner Erbportion bestrittene Freudenfest am Ende dermaßen dass
er hastig aufstand die Zitationsgebühren im Namen des Ratsdieners forderte und
den männlichen Jubelköpfen die Hoffnung aufsagte ihn am Abendtische unter sich
zu haben weil er lieber gab er vor bei dem Wirte drüben speise der schon
seinem Vater ein Darlehn schuldig sei wovon er seit so vielen Jahren sooft er
Gericht halte etwas abesse und abtrinke um zu dem Seinigen zu kommen
Als er fort war stieg Veronika auf ihre weibliche Kanzel und hielt ihre
Brandpredigten und Inspektionsreden an die Männer sie müsstens haben wenn der
Fiskal ihnen das Kapital aufkündigte ihr Frohtun habe ihn als einen
ausgeschlossenen Erben ja verschnupfen müssen »Zieht denn aber er oder ich
die Interessen für jetzt he Er« sagte Lukas Schomaker fügte noch den
Bericht bei dass schon der Frühprediger Flachs das Kabelsche ganze Haus in der
Hundsgasse durch weniges Weinen erstanden Der Schulz fuhr klagend auf und
versicherte das Haus sei seinem Sohne so gut wie gestohlen denn weinen könne
jeder dieser aber sagte es tröst ihn ordentlich über sein Glück dass ein
anderer armer Erbe auch etwas habe Veronika versetzte »Du hast noch nichts
Ich bin nur eine Frau aber im ganzen Testamente merk ich eine
Partitenmacherei Seit vorgestern wurde schon im Dorfe von Erbschaften gemunkelt
von fremden Stadterren ich sagte aber gern meinem Gerichtsmanne nichts Du
Walt hast gar kein Geschick zu Weltändeln und so können leicht zehn Jahre
verstreichen und du hast nichts und bist doch auch nichts wie dann
Gerichtsmann« »So schlag ich ihn« sagte dieser »tot wenn er nicht soviel
Verstand zeigt wie ein Vieh und von dir Vronel wars auch keiner mich nicht
zu avertieren«
»Ich verpfände mich« sagte Schomaker »für Hrn Notars Finesse Poeten sind
durchtriebene Füchse und haben Wind von allem Ein Grotius der Humanist war
ein Gesandter ein Dante der Dichter ein Staatsmann ein Voltaire der
beides auch beides«
Vult lachte nicht über den Schulmann aber über den gutherzigen Walt als
dieser sanft beifügte »Ich habe vielleicht aus Büchern mehr Weltklugheit
geschöpft als Ihr denkt liebe Mutter Aber nun nach zwei Jahren allgütiger
Gott Wenigstens malen wollen wir uns heute die glänzende Zeit wo alle hier
frei und freudig leben und ich nichts von allem brauche und wünsche weil ich
zu glücklich auf zwei alten heiligen Höhen wohne auf der Kanzel und dem
Musenberg« »Du sollst dann auch« sagte Lukas »streckversen den ganzen Tag
weil du doch ein Narr darauf bist wie dein Vater aufs Jus« »Jetzt aber werd
ich sehr aufmerksam« sagte Walt »das Notarienwesen treiben besonders da ich
es als mein erstes vorgeschriebenes Erbamt versehe das Advozieren kann nun wohl
wegbleiben«
»Seht ihr« rief die Mutter »er will nur wieder recht über seine langen
Verse her denn er hats ja vorhin so gotteslästerlich beschworen ich hab es
nicht vergessen Walt«
»So wollt ich doch dass Donner und Teufel« rief Lukas der reinfroh sein
wollte »muss man denn aus jedem Turmknopf einen Nadelknopf machen wie du« Er
wollte gerade das Umgekehrte vorbringen Er zog den Ehemannsvexierzug
»Schweig« Sie tats immer sogleich wiewohl mit dem Entschluss etwas später erst
recht anzufangen
Man schritt zur Abendtafel wie man dastand Walt im Schanzlooper obgleich
in der Heuernte weil er sein NankingRöckchen schonte Goldinens Freudenwein
war mit vielen Tränen über die Trennung des Morgens gewässert Der Notar war
unendlich entzückt über die Entzückung des Vaters welcher allmählich da er sie
ein wenig verdauet hatte nun milder wurde und anfing mit Tranchiermesser und
Gabel der noch fliegenden gebratenen Taube der Erbschaft entgegenzugehen und dem
Sohne zum erstenmal in seinem Leben zu sagen »Du bist mein Glück« So lange
verharrte Vult auf dem Baume Als aber die Mutter nun erst die ausführlichen
Berichte Schomakers über den Flötenspieler um ihr warmes Herz versammlen wollte
stieg er um nichts zu hören weil ihm der Tadel bitterer war als das Lob süß
vom Baume herunter schon beglückt genug durch den Bruder dessen Unschuld und
Dichtkunst ihn so liebendeng umstrickten dass er gern die Nacht im Abendrot
ersäuft hätte um nur den Tag zu haben und den Poeten an der Brust
Nr 12 Unechte Wendeltreppe
Reiterstück
Früh am betaueten blauen Morgen stand der Notar schon unter der Haustüre reit
und reisefertig Er hatte statt des Schanzloopers den guten gelben Sommerund
FrühlingsRock von Nanking am Leibe weil er als Universalerbe mehr aufwenden
konnte einen runden weißen braungeflammten Hut auf dem Kopf die Reitgerte in
der Hand und Kindestränen in den Augen Der Schulz rief halt sprang zurück und
sogleich wieder her mit Kaiser Maximilians Notariatsordnung die er ihm in die
Tasche steckte Drüben vor dem Wirtshause stand der knappe flinke Student Vult
im grünen Reisehut und der Wirt welcher der FamilienAntichrist und ein Linker
war Das Dorf wusste alles und passte Es war des Universalerben erster Ritt in
seinem Leben Veronika die ihm den ganzen Morgen Lebensregeln für Eröffnung
und Erfüllung des Testaments vorgezeichnet hatte zerrete den Schimmel am
langen Zügel aus dem Stall Walt sollte hinauf
Über den Ritt und Gaul wurde von der Welt schon viel gesprochen mehr als
ein Elterleiner versuchte davon ein leidliches Reiterstück zu geben lieferte
aber freilich mehr die rohen Farbhölzer auf die Leinwand als deren feinsten
Absud auch ist das mein erstes Tierstück von Belang das ich in die Gänge
dieses Werks aufhänge und festmache ich werde demnach einige Mühe daran
wenden und die größte Wahrheit und Pracht
In der Apokalypsis stand so lang ein alter verschimmelter Schimmel bis ihn
der Fleischer bestieg und aus ihr in die Zeit herüberritt Der poetische Lenz
liegt weit hinter dem Gaul wo er eigenes Fleisch statt des fremden trug und mit
eignen Haaren den Sattel auspolsterte er hat das Leben und den Menschen dieses
reitende Folterpferd der wunden Natur zu lange getragen Der aus zitternden
Fühlfaden gesponnene Notar der den Tag vorher im Stalle um dessen Keilschrift
der Zeit um die Stigmen von Sporen Sattel und Stangengebiss herumging hätte
für Geld keinen Finger in die Narben legen können geschweige am Tage darauf die
KnutenSchneide oder den Sporendolch Hätte doch der Himmel dem
KonföderationsTiere des Menschen nur irgendeinen Schmerzenslaut beschert damit
der Mensch dem das Herz nur in den Ohren sitzt sich seiner erbarmte Jeder
Tierwärter ist der Plagegeist seines Tiers indes er gegen ein anderes zB der
Jäger gegen das Pferd der Fuhrmann gegen den Jagdhund der Offizier gegen Leute
außer dem Soldatenstande ein wahres weichwolliges Lamm ist
Dieser Schimmel betrat am Morgen die Bühne Der Notar hatte den Tag vorher
den Gaul an eine seiner Gehirnwände festgebunden und wie die rechte Seite des
Konvents und des Rheins sich immer die linke vorgestellt um daran
aufzusteigen in alle Stellungen hatt er in seinen vier Gehirnkammern das
Schulross gedreht geschwind es links bestiegen und so sich selber völlig
zugeritten für den Gaul Dieser wurde gebracht und gewandt Gottwalts Auge blieb
fest an den linken Steigbügel gepicht aber sein Ich wurd ihm unter den Händen
zu groß für sein Ich seine Tränen zu dunkel für sein Auge er besteige
merkt er mehr einen Thron als einen Sattel die linke Rossseite hielt er noch
fest nur kam jetzt die neue Aufgabe wie er die eigne linke so damit verknüpfen
könnte dass beide die Gesichter vorwärts kehrten
Wozu die teuflische Qual Er probierte wie ein preußischer Kavallerist
rechts aufzuspringen Pfiffen Leute wie Vult und der Wirt seine Probe aus so
zeigten sie weiter nichts als dass sie nie gesehen hatten wie emsig preußische
Kavalleristen auf dem rechten Bügel aufsitzen lernen um gesattelt zu sein
falls einmal der linke entzweigeschossen wird
Auf dem Sattel hatte nun Walt als SelbstQuartiermeister das seinige zu tun
alles zu setzen sich gerade und sattelfest auszubreiten die Finger in die
Zügel die Rockschösse über den Pferderücken einzuschichten die Stiefel in
die Steigeisen und anzufangen den Abschied und Ausritt
An letztern wollte der gesetzte Schimmel nicht gerne gehen Walts delikates
Rückwärtsschnalzen mit der Gerte war dem Gaule so viel als wichse man ihn mit
einem PferdeHaar Ein paar mütterliche Handschläge auf den Nacken nahm er für
Streicheln Endlich kehrte der Gerichtsmann eine Heugabel um und gab ihm mit dem
Stiel auf den Hinterbacken einen schwachen Ritterschlag um damit seinen Sohn
als Reiter aus dem Dorfe in die Welt zu schicken sowohl in die gelehrte als
schöne Das war dem Tier ein Wink bis an den Bach vorzuschreiten hier stand es
vor dem Bilde des Reiters fest kredenzte den Spiegel und als der Notar droben
mit unsäglicher Systole und Diastole der Füße und Bügel arbeitete weil das
halbe Dorf lachte und der Wirt ohnehin glaubte der Harttraber seinen Irrtum
des Stehens einzusehen und trug Walten von der Tränke wieder vor die Stalltüre
hin stört aber die Rührungen des Reiters bedeutend
»Wart nur« sagte ins Haus laufend der Vater kam wieder und langte ihm
eine Büchsenkugel zu »Setz ihm die ins Ohr« sagt er »so will ich kavieren er
zieht aus weil doch das Blei die Bestie kühlen muss glaub ich«
Kaum war das Rennpferd wie ein Geschütz mit dem Kopf gegen das Tor
gerichtet und das Ohr mit der Schnellkugel geladen so fuhr es durchs Tor und
davon und durch das mit Augen bestellte Dorf und vor des Kandidaten
Glückwunsch flog der Notarius vorüber oben sitzend mit dem Giessbuckel des
ersten Versuchs als ein gebogenes Komma »Weg ist er« sagte Lukas und ging zu
den Heuschobern hinaus Still wischte die Mutter mit der Schürze das Auge und
fragte den Grossknecht worauf er noch warte und gaffe Nur ein weinendes Auge
hatte Goldine mit dem Tuche bedeckt um mit dem andern nachzublicken und sagte
»es geh ihm gut« und ging langsam in sein leeres Studierstübchen hinauf
Vult eilte dem reitenden Bruder nach Als er aber vor dem Maienbaume des
Dorfes vorüberging und am Fenster die schönäugige Goldine und im Hausgärtchen
die einsame Mutter erblickte die mit tropfenden Augen noch im Sitzen gebückt
große Bohnen steckte und Knoblauch band so überströmte seines Bruders warmes
mildes Blut plötzlich sein Herz und er lehnte sich an den Baum und blies einen
Kirchenchoral damit beider Augen sich süßer löseten und ihr Gemüt aufginge
denn er hatte an beiden den kecken scharfen SeelenUmriss innigst wert gewonnen
Es war schade dass der Notarius der samt dem Schimmel auf Wiesenflächen
zwischen grünschimmernden Hügeln im blauen wehenden Tage flog es nicht wusste
dass hinter ihm sein Bruder sein fernes Dörfchen und gerührte liebe Herzen mit
Echos erfülle Oben auf einem Berge legte Walt sich auf den Hals des Flugpferds
um aus dem Ohr die Druckkugel zu graben Da er sie erwischt hatte so trat das
Tier wieder gesetzter einher als ein Mensch hinter einer Leiche und nur der
Berg schob es herunter und in der Ebene ging es wie ein silberner glatter
Fluss unmerklich weiter
Jetzt genoss der zur Ruhe gesetzte Notarius ganz seine sitzende Lebensart auf
dem Sattel und den weiten singenden Tag Sein hoher Aufenthalt auf der
Sattelwarte stellte ihm diesem ewigen Fußgänger alle Berge und Auen unter ihn
und er regierte die glänzende Gegend An einer neuen Anhöhe stieg ein Wagenzug
von sieben Fuhrleuten auf den er gern zu Pferde eingeholt und überritten hätte
um nicht in seinen Träumen durch ihr Umschauen gestört zu werden aber am
HügelFuße wollte der gerittene Blondin so gut die Natur genießen die für ihn
in Gras bestand als der reitende und stand sehr fest Walt setzte sich zwar
anfangs dagegen und stark wirkte auf viele Seiten des Viehs vor und
rückwärts aber da es auf dem Feststehen bestand ließ ers fressen und setzte
sich selber herum auf dem Sattel um die ausgedehnte Natur hinter sich mit
seligen Blicken auszumessen und gelegentlich diese sieben spöttischen
FuhrHemden so weit vorauszulassen dass ihnen nicht mehr unter die Augen
nachzureiten war
Am Ende kommt doch eines ein Ende der Bereiter wünschte am Hügelfusse
als er sich wieder vorwärts gesetzt sich herzlich von der Stelle und etwa
hinauf denn die sieben Plejaden mussten nun längst untergegangen sein Auch sah
er den netten Studenten nachkommen der das Besteigen gesehen Aber setzte
irgend jemand besonderen Wert auf ErnteFerien so tats der Schimmel vor
solcher Anhöhe vollends stand er im Drachenschwanz im aufsteigenden Knoten
die Zäume die Fussbälle auf der Erde alle brachten ihn nicht vorwärts Da nun
der Notar auch die lebendige Quecksilberkugel jetzt nicht wieder mit diesem
fixierten weißen Merkurius verquicken wollte wegen der unglaublichen Mühe sie
aus dem Ohr zu fischen so saß er lieber ab und spannte sich seiner eigenen
Vorspann vor indem er sie durch den Flaschenzug des Zügels wirklich hinaufwand
Oben blühte frische Not hinter sich sah er eine lange katholische Wallfahrt
nachschleichen gerade vor sich unten im langen Dorfe die böse FuhrSieben
trinken und tränken die er einholen musste er mochte wollen oder nicht
Es grünte ihm auf der andern Seite Hoffnung aber fruchtlos er hatte
Aussichten durch des Kleppers Allegro ma non troppo den haltenden Fuhrleuten
ziemlich vorzusprengen er ritt erheitert in starkem Schritt den Berg hinab ins
Dorf hinein aber da kehrte das FilialPferd ohne sonderliches Disputieren
ein es kannte den Wirt jeder Krug war seine Tochter jeder Gasthof seine
Mutterkirche »Gut gut« sagte der Notar »anfangs wars ja selber mein Gedanke«
und befahl unbestimmt einem Unbestimmten dem Gaule etwas zu geben Jetzt kam
auch der flinke Grünhut nach Vults Herz wallete auf vor Liebe da er sah wie
der erhitzte schöne Bruder von der schneeweißen Bogenstirn den Hut lüftete und
wie im Morgenwehen seine Locken das zarte mit Rosenblute durchgossene kindliche
Gesicht anflatterten und wie seine Augen so liebend und anspruchlos auf alle
Menschen sanken sogar auf das Siebengestirn Gleichwohl konnte Vult den Spott
über das Pferd nicht lassen »Der Gaul« sagt er mit seinen schwarzen Augen
auf den Bruder blitzend und die Mähne streichelnd »geht besser als er
aussieht wie ein Musenpferd schwang er sich über das Dorf« »Ach das arme
Tier« sagte Walt mitleidig und entwaffnete Vulten
Sämtliche Passagiere tranken im Freien die Pilgrime gingen singend durchs
Dorf alle Tiere auf dem Dorfe und in der Luft wieherten und kräheten vor Lust
der kühlende Nordost durchblätterte den Obstgarten und rauschte allen gesunden
Herzen zu weiter hinaus ins freie weite Leben »Ein sehr göttlicher Tag«
sagte Vult »verzeihen Sie mein Herr« Walt sah ihn blöde an und sagte doch
heftig »O gewiss mein Herr Die ganze Natur stimmt ordentlich ein jubelndes
herzerfrischendes Jagdlied an und aus den blauen Höhen tönen doch auch sanfte
Alphörner herunter«
Da hingen die Fuhrleute die Gebisse wieder ein Er zahlte schnell nahm den
Überschuss nicht an und saß im Wirrwarr auf willens allen vorzufliegen Es ist
ein Grundsatz der Pferde gleich den Planeten nur in der SonnenNähe eines
Wirtshauses schnell zu gehen aber langsam daraus weg ins Aphelium der Schimmel
heftete seine vier FußWurzeln als Stifte eines Nürnberger Spielpferdes fest ins
lackierte Brett der Erde und behauptete seinen Ankerplatz Der bewegte Zaum war
nur sein Ankertau fremde leidenschaftliche Bewegung setzt ihn in eigne nicht
umsonst schnalzte der leichte Reiter in grünatlassener Weste und mit braunen
Hutflammen er konnte ebensogut den Sattel über einen Bergrücken geschnallet
haben und diesen spornen
Einige der sanftesten Fuhrleute bestrichen die Hinterbeine des Quietisten
er hob sie aber ohne vordere Lange genug hatte nun Walt auf sein Mitleiden
gegen das Vieh gehört jetzt warf er ohne weiters dem Trauerpferd den Schusser
ins Ohr die Kugel konnte die Massa den Queue fortstossen ins grüne Billard
Walt flog Er rauschte schnell dicht hinter der HühnerKette von Pilgern die
scheu auseinandersprjetzte bis leider auf eine an der Spitze gehende taube
Vorsängerin die Reiten und Warnen nicht vernahm umsonst zupften seine
sterbenden Finger voll Todesnot im Ohr und wollten Kugelzieher sein seine
fliegende Kniescheibe rannte an ihr Schulterblatt und warf sie um sie erstand
schleunigst um frühe genug unterstützt von allen ihren KonfessionsVerwandten
ihm über alle Beschreibung nachzufluchen Weit hinter dem Fluchen bracht er
nach langer Ballotage die Glücksund Unglückskugel zwischen dem Daumen und
Zeigefinger heraus teuer schwörend nie dieses OberonsHorn mehr anzusetzen
Wenn er freilich jetzt die Bestie wie eine Harmonika traktierte nämlich
langsam so dass jeder die größten Schulden auf ihr absitzen konnte sogar ein
Staat wenns anders für diesen einen andern Schuldturm geben könnte außer dem
Babelturm so wär es wohl gegangen hätt er sich nicht umgedreht und
gesehen was hinter seiner Statua equestris und curulis zog ein Heer sah er
setz ihm hitzig mit und ohne Wagen nach Pilger voll Flüche sieben weiße
Weisen voll Spaß und der Student Der menschliche Verstand muss sehr irren oder
an dem was er nachher tat hatte die Vermutung aus dem Vorigen großen Teil dass
der nachschwimmende Hintergrund nicht nur seinen Durchgang durch ein Rotes Meer
erzwingen sondern dass sogar das Meer selber mit ihm gehen würde weil er auf
seinem lebendigen Laufstuhl niemand zu entrinnen vermochte Schon das bloße
Zurückdenken an den Nachtrab musste wie Lärmtrommeln in die schönsten leisen
Klänge fahren die er jetzt am blauesten Tage aus den HimmelsSphären seiner
Phantasie leicht herunterhören konnte
Deshalb ritt er geradezu aus der Landstraße über Wiesen in eine Schäferei
hinein wo er halb gleichgültig gegen lächerlichen Schein halb mit errötender
Ruhmliebe für Geld gute Worte und sanfte Augen es sich von der Schäferin
erbat dass dem Schimmel so lange denn er verstand nichts von RossDiätetik
Heu vorgesetzet würde bis etwan die Feinde sich eine Stunde voraus und ihn
matematisch gewiss gemacht hätten dass sie nicht zu ereilen wären gesetzt auch
sie fütterten zwei Stunden
So neuselig und erlöset setzt er sich hinter das Haus unter eine
schwarzgrüne Linde in den frischen SchattenWinter und tauchte sein Auge still
in den Glanz der grünen Berge in die Nacht des tiefens Äters und in den Schnee
der Silberwölkchen Darauf stieg er nach seiner alten Weise über die Gartenmauer
der Zukunft und schaute in sein Paradies hinein welche volle rote Blumen und
welches weiße Blütengestöber füllte den Garten
Endlich nach einer und der andern Himmelfahrt machte er drei
Streckverse einen über den Tod einen über einen Kinderball und einen über eine
Sonnenblume und Nachtviole Kaum wollte er da das Pferd Heu genug hatte von
der kühlen Linde fort er entschloss sich heute nicht weiter zu reisen als nach
dem sogenannten Wirtshaus zum Wirtshaus eine kleine Meile von der Stadt Indes
eben in diesem Wirtshaus hatten alle seine Feinde um 1 Uhr halt und Mittag
gemacht und sein Bruder war dageblieben um ihn zu erwarten weil er wusste dass
die Landstraße und der Schimmel und Bruder durch den Hof liefen Vult musste
lange passen und seine Gedanken über die nächsten Gegenstände haben zB über
den Wirt einen Herrnhuter der auf sein Schild nichts weiter malen lassen als
wieder ein Wirtshausschild mit einem ähnlichen Schild auf dem wieder das
gleiche stand es ist das die jetzige Philosophie des Witzes die wenn der
ähnliche Witz der Philosophie das IchSubjekt zum Objekt und umgekehrt macht
ebenso dessen Ideen subobjektiv widerscheinen lässt zB ich bin tiefsinnig
und schwer wenn ich sage Ich rezensiere die Rezension einer Rezension vom
Rezensieren des Rezensierens oder ich reflektiere auf das Reflektieren auf die
Reflexion einer Reflexion über eine Bürste Lauter schwere Sätze von einem
Widerschein ins Unendliche und einer Tiefe die wohl nicht jedermanns Gabe ist
ja vielleicht darf nur einer der imstande ist denselben Infinitiv von welchem
Zeitwort man will im Genitiv mehrmals hintereinander zu schreiben zu sich
sagen ich philosophiere
Endlich um 6 Uhr hörte Vult der aus seiner Stube sah den Wirt oben aus dem
Dachfenster rufen »He Patron scher Er sich droben weg Will Er ins
Kuckucks Namen wegreiten« Das Wirtshaus stand auf einem BirkenHügel
Gottwalt war seitwärts aus dem Wege an den herrnhutischen Gottesacker
hinaufgeritten aus welchem der Schimmel Schoten aus den Staketen zog während
der Herr das dichterische Auge in den zierlichen Garten voll gesäeter Gärtner
irren ließ Wiewohl er den Kalkanten der groben Pedalstimme nicht durch die
Birken sehen konnte so zog er doch da den Menschen überhaupt nach einer
Grobheit feinstes Empfinden schwer verfolgt sogleich den rupfenden Rüssel aus
dem Spaliere auf und gelangte bald mit den Schoten im nassen Gebisse vor der
Stalltür an
Er tat an den sehr ernst unter seiner Türe stehenden Wirt von fernen
umsonst wollt er gar vor ihn hinreiten barhaupt am Stalle die Frage ob er
hier mit seinem Gaul logieren könne
Ein ganzer heller Sternenhimmel fuhr Vulten durch die Brust und brannte
nach
Auch der Wirt wurde sternig und sonnig aber wie wär er sonst hätt er
höflicher aus dem Dache gesprochen darauf gekommen dass ein Passagier zu
Pferde in dieser Nähe der Stadt und Ferne der Nacht ihn mit einem Stillager
beehren werde Als er wahrnahm dass der Passagier ein besonderes Vieleck oder
Dreieck mit dem rechten Beine über dem Gaule absitzend beschrieb und dass er die
schweren mit einem organisierten Sattel behangenen Schenkel ins Haus trug ohne
weiter nach dem Tiere oder Stalle zu sehen so wusste der Schelm sehr gut wen er
vor sich habe und lachte zwar nicht mit den Lippen aber mit den Augen den Gast
aus ganz verwundert dass dieser ihn für ehrlich und es für möglich hielt er
werde den Hafer den er morgen in die Rechnung eintragen konnte schon heute dem
Schimmel vorsetzen
»Nun geht« sagte Vult bildlich der mit Herzklopfen die Treppe hinab dem
Bruder entgegenging »ein ganz neues Kapitel an« Unbildlich geschiehts ohnehin
Nr 13 Berliner Marmor mit glänzenden Flecken
Ver und Erkennung
Unten im Korrelationssaal und Simultanzimmer der Gäste forderte der Notar nach
Art der ReiseNeulinge schnell einen Trunk eine einmännige Stube und
dergleichen Abendmahlzeit damit der Wirt nicht denken sollte er verzehre
wenig Der lustige Vult trat ein tat mit WeltManier ganz vertraulich und
freute sich sehr des gemeinschaftlichen Übernachtens »Wenn Ihr Schimmel zu
haben ist« sagt er »so hab ich Auftrag ihn für jemand zu einem Schiesspferd
zu kaufen denn ich glaube dass er steht« »Es ist nicht der meinige« sagte
Walt »Er frisset aber brav« sagte der Wirt der ihn bat nachzufolgen in sein
Zimmer Als ers aufschloss war die Abendwand nicht sowohl ganz zerstört denn
sie lag ein Stockwerk tiefer unten in ziemlichen Stücken als wahrhaft
verdoppelt denn die neue lag als Stein und Kalk unten darneben »Weiter«
fügte der Herrnhuter seelenruhig bei als der Gast ein wenig erstaunt mit dem
großen Auge durch das sieben Schritt breite Luftfenster durchfuhr »weiter hab
ich im ganzen Hause nichts leer und jetzt ists Sommer« »Gut« sagte Walt
stark und suchte zu befehlen »aber einen Besen« Der Wirt lief demütig und
gehorchend hinab
»Ist unser Wirt nicht ein wahrer Filou« sagte Vult »Im Grunde mein Herr«
versetzte jener freudig »ist das für mich schöner Welcher herrliche lange
Strom von Feldern und Dörfern der hereinglänzt und das Auge trägt und zieht
und die Abendsonne und röte und den Mond hat man ganz vor sich sogar im Bette
die ganze Nacht« Diese Einstimmung ins Geschick und ins Wirtshaus kam aber
nicht bloß von seiner angeborenen Milde überall nur die übermalte nicht die
leere Seite der Menschen und des Lebens vorzudrehen sondern auch von jener
göttlichen Entzückung und Berauschung her womit besonders Dichter die nie auf
Reisen waren einen von Träumen und Gegenden nachblitzenden Reisetag
beschließen die prosaischen Felder des Lebens werden ihnen wie in Italien die
wirklichen von poetischen Myrten umkränzt und die leeren Pappeln von Trauben
erstiegen
Vult lobte ihn wegen der Gemsenartigkeit womit er wie er sehe von Gipfeln
zu Gipfeln setze über Abgründe »Der Mensch soll« versetzte Walt »das Leben
wie einen hitzigen Falken auf der Hand forttragen ihn in den Äther auflassen
und wieder herunterrufen können wie es nötig ist so denk ich« »Der Mars
der Saturn der Mond und die Kometen ohne Zahl stören antwortete Vult unsere
Erde bekanntlich sehr im Laufe aber die Erdkugel in uns sehr gut das Herz
genannt sollte beim Henker sich von keiner fremden laufenden Welt aus der Bahn
bringen lassen wenns nicht etwa eine solche tut wie die weise Pallas oder die
reiche Ceres und die schöne Venus die als Hesper und als Luzifer die
Erdbewohner schön mit dem lebendigen Merkur verbindet Und erlauben Sie es
mein Herr so werfen wir heute unsere Soupers zusammen und ich speise mit hier
vor der Bresche wo das Mondsviertel in der Suppe schwimmen und die Abendröte
den Braten übergolden kann«
Walt sagte heiter ja Auf Reisen macht man abends lieber romantische
Bekanntschaften als morgens Auch trachtete er wie alle Jünglinge stark viele
zu machen besonders vornehme unter welche er den lustigen Kauz mit seinem
grünen Reisehute rechnete diesem Gegenhut eines Bischofs der einen nur innen
grünen und außen schwarzen trägt
Da kam der Wirt und der Besen um den BauAbhub und Bodensatz über die Stube
hinauszufegen in den linken Fingern hing ihm ein breiter in Holz eingerahmter
Schiefer Er zeigte an sie müssten ihre Namen darauf setzen weil es hierzulande
wie im Gotaischen wäre wo jeder Dorfwirt den Schiefer am Tage darauf mit den
Namen aller derer die nachts bei ihm logieret hätten in die Stadt an die
Behörde tragen müsste
»O man kennt euch Wirte« sagte Vult und fasste die ganze Tafel »ihr seid
wohl ebenso begierig darhinterher was euer Gast für ein Vogel ist als
irgendein regierender Hof in Deutschland der gleich abends nach dem Tor und
Nachtzettel aller Einpassanten greift weil er keinen bessern Index Autorum
kennt als diesen«
Vult setzte mit einem angeketteten SchieferStift auf den Schiefer mit
Schiefer so wie unser Fichtisches Ich zugleich Schreiber Papier Feder Tinte
Buchstaben und Leser ist seinen Namen so »Peter Gottwalt Harnisch K K
offener geschworner Notarius und Tabellio geht nach Hasslau« Darauf nahm ihn
Walt um sich auch als Notarius selber zu verhören und seinen Namen und
Charakter zu Protokoll und zu Papier zu bringen
Erstaunt sah er sich schon darauf und schaute den Grünhut an dann den
Wirt welcher wartete bis Vult den Schiefer nahm und dem Wirte mit den Worten
gab »Nachher Freund ce nest quun petit tour que je joue à notre hôte«
sagt er mit so schneller Aussprache dass Walt kein Wort verstand und daher
erwiderte »Oui« Aber durch seinen verwirrten Rauch schlugen die freudigsten
Funken alles verhieß glaubte er eines der schönsten Abenteuer denn er war
dermaßen mit Erwartungen ganz romantischer Naturspiele des Schicksals
frappanter Meerwunder zu Lande ausgefüllet dass er es eben nicht über sein
Vermuten gefunden hätte bei aller Achtung eines Stubengelehrten und
Schulzensohns für höhere Stände falls ihm etwa eine Fürstentochter einmal ans
Herz gefallen wäre oder der fürstliche Hut ihres Hrn Vaters auf den Kopf Man
weiß so wenig wie die Menschen wachen noch weniger wie sie träumen nicht
ihre größte Furcht geschweige ihre größte Hoffnung Der Schiefer war ihm eine
Kometenkarte die ihm Gott weiß welchen neuen feurigen Bartstern ansagte der
durch seinen einförmigen Lebenshimmel fahren würde »Hr Wirt« sagte Vult
freudig dem seine beherrschende Rolle so wohl tat wie sein sanfter Bruder ohne
Stolz »servier Er hier ein reiches Souper und trag Er uns ein paar Flaschen
vom besten aufrichtigsten Krätzer auf den er auf dem Lager hält«
Walten schlug er einen Spaziergang auf den benachbarten Herrnhuter
Gottesacker vor während man fege »Ich ziehe droben« fügt er bei »mein
Flauto traverso heraus und blase ein wenig in die Abendsonne und über die toten
Herrnhuter hinüber lieben Sie das Flauto« »O wie sehr gut sind Sie gegen
einen fremden Menschen« antwortete Walt mit Augen voll Liebe denn das Ganze
des Flötenspielers verkündigte bei allem Mutwillen des Blicks und Mundes
heimliche Treue Liebe und Rechtlichkeit »Wohl lieb ich« fuhr er fort »die
Flöte den Zauberstab der die innere Welt verwandelt wenn er sie berührt eine
Wünschelrute vor der die innere Tiefe aufgeht« »Die wahre Mondachse des
innern Monds« sagte Vult »Ach sie ist mir noch sonst teuer« sagte Walt und
erzählte nun wie er durch sie oder an ihr einen geliebten Bruder verloren und
welchen Schmerz er und die Eltern bisher getragen da es ein kleinerer sei
einen Verwandten im Grabe zu haben als in jeder frohen Stunde sich zu fragen
mit welcher dunklen kalten mag jetzt der Flüchtling auf seinem Brett im
Weltmeer ringen »Da aber Ihr Hr Bruder ein Mann von musikalischem Gewicht sein
soll so kann er ja ebensogut im Überflusse schwimmen als im Weltmeer« sagte er
selber
»Ich meine« versetzte Walt »sonst dachten wir so traurig jetzt nicht
mehr und da war es kein Wunder wenn man jede Flöte für ein Stummenglöckchen
hielt das der in Nacht hinaus verlorne Bruder hören ließ weil er nicht zu uns
reden konnte« Unwillkürlich fuhr Vult nach dessen Hand gab sie ebenso schnell
zurück sagte »Genug Mich rühren hundert Sachen zu stark Himmel die ganze
Landschaft hängt ja voll Duft und Gold«
Aber nun vermochte sein entbranntes Herz keine halbe Stunde länger den Kuss
des brüderlichen aufzuschieben so sehr hatte die vertrauende unbefangene
Bruderseele heute und gestern in seiner Brust aus welcher die Winde der Reisen
eine LiebesKohle nach der andern verweht hatten ein neues Feuer der
Bruderflammen angezündet welche frei und hoch aufschlugen ohne das kleinste
Hindernis Stiller gingen jetzt beide im schönen Abend Als sie den Gottesacker
öffneten schwamm er flammig im Schmelz und Brand der Abendsonne Hätte Vult
zehn Meilen umher nach einem schönen Postamente für eine
Gruppezwillingsbrüderlicher Erkennung gesucht ein besseres hätt er schwerlich
aufgetrieben als der Herrnhuter Totengarten war mit seinen flachen Beeten
worin Gärtner aus Amerika Asia und Barby gesäet waren die sich alle
aufeinander mit dem schönen LebensEndreim »heimgegangen« reimten Wie schön war
hier der Knochenbau des Todes in JugendFleisch gekleidet und der letzte blasse
Schlaf mit Blüten und Blättern zugedeckt Um jedes stille Beet mit seinem
SaatHerzen lebten treue Bäume und die ganze lebendige Natur sah mit ihrem
jungen Angesicht herein
Vult der jetzt noch ernster geworden freute sich dass er aller
Wahrscheinlichkeit nach vor keinem Kenner zu blasen habe weil seine Brust
solcher Erschütterungen ungewohnt heute nicht genug Atem für sein Spiel
behielt Er stellte sich weg vom Bruder gegenüber der strahlenlosen Abendsonne
an einen Kirschbaum aus welchem das Brust und Halsgeschmeide eines blühenden
Jelängerjelieber wie eigne Blüte hing und blies statt der schwersten
FlötenPassaden nur solche einfache Ariosos nebst einigen eingestreueten Echos
ab wovon er glauben durfte dass sie ins unerzogne Ohr eines juristischen
Kandidaten mit dem größten Glanz und FreudenGefolge ziehen würden
Sie tatens auch Immer langsamer ging Gottwalt mit einem langen
Kirschzweige in der Hand zwischen der Morgen und AbendGegend auf und nieder
Seliger als nie in seinem trocknen Leben war er als er auf die liebäugelnde
RosenSonne losging und über ein breites goldgrünes Land mit Turmspitzen in
Obstwäldern und in das glatte weiße Mutterdorf der schlafenden stummen
Kolonisten im Garten hineinsah und wenn dann die Zephyre der Melodien die
duftige Landschaft wehend aufzublättern und zu bewegen schienen Kehrt er sich
um mit gefärbtem Blick nach dem Ostimmel und sah die Ebene voll grüner auf
und ablaufender Hügel wie Landhäuser und Rotunden stehen und den Schwung der
Laubholzwälder auf den fernen Bergen und den Himmel in ihre Windungen
eingesenkt so lagen und spielten die Töne wieder drüben auf den roten Höhen und
zuckten in den vergoldeten Vögeln die wie Aurorens Flocken umherschwammen und
weckten an einer düstern schlafenden Morgenwolke die lebendigen Blicke
aufgehender Blitze auf Vom Gewitter wandt er sich wieder gegen das vielfarbige
Sonnenland ein Wehen von Osten trug die Töne schwamm mit ihnen an die Sonne
auf den blühenden Abendwolken sang das kleine Echo das liebliche Kind die
Spiele leise nach Die Lieder der Lerchen flogen gaukelnd dazwischen und
störten nichts
Jetzt brannte und zitterte in zartem Umriss eine Obstallee durchsichtig und
riesenhaft in der Abendglut schwer und schlummernd schwamm die Sonne auf ihrem
Meer es zog sie hinunter ihr goldner Heiligenschein glühte fort im leeren Blau
und die Echotöne schwebten und starben auf dem Glanz Da kehrte sich jetzt Vult
mit der Flöte am Munde nach dem Bruder um und sah es wie er hinter ihm stand
von den Scharlachflügeln der Abendröte und der gerührten Entzückung überdeckt
und mit blödem stillen Weinen im blauen Auge Die heilige Musik zeigt den
Menschen eine Vergangenheit und eine Zukunft die sie nie erleben Auch dem
Flötenspieler quoll jetzt die Brust voll von ungestümer Liebe Walt schrieb sie
bloß den Tönen zu rückte aber wild und voll lauterer Liebe die schöpferische
Hand Vult sah ihn scharf an wie fragend »Auch an meinen Bruder denk ich«
sagte Walt »und wie sollt ich mich jetzt nicht nach ihm sehnen«
Nun warf Vult kopfschüttelnd die Flöte weg ergriff ihn hielt ihn von sich
da er ihn umarmen wollte sah ihm brennend ins fromme Gesicht und sagte
»Gottwalt kennst du mich nicht mehr Ich bin ja der Bruder« »Du O schöner
Himmel Und du bist mein Bruder Vult« schrie Walt und stürzte an ihn Sie
weinten lange Es donnerte sanft im Morgen »Höre unsern guten Allgütigen«
sagte Walt Der Bruder antwortete nichts Ohne weitere Worte gingen beide
langsam Hand in Hand aus dem Gottesacker
Nr 14 Modell eines Hebammenstuhls
Projekt der Ätermühle der Zauberabend
Für zwei luftige Komödianten die den Orest und Pylades sich einander abhören
musste jeder beide halten der ihnen aus dem Wirtshaus nachsah wie sie unten in
einer abgemähten Wiese sich in LaufZirkeln umtrieben mit langen Zweigen in der
Hand um ihre Vergangenheiten gegeneinander auszutauschen Aber der Tausch war
zu schwer Der Flötenspieler versicherte sein Reiseroman so künstlich
gespielt auf dem breiten Europa so niedlich durchflochten mit den seltensten
confessions stets von neuem gehoben durch die Windlade und Hebemaschine der
Flûte de travers wäre zwar für die Magdeburger Zenturiatoren wenn sie ihm
nachschreibend nachgezogen wären ein Stoff und Fund gewesen aber nicht für ihn
jetzt der dem Bruder andere Sachen zu sagen habe besonders zu fragen
besonders über dessen Leben Etwas von dieser Kürze mocht ihm auch der Gedanke
diktieren dass in seiner Geschichte Kapitel vorkämen welche die herzliche
Zuneigung womit der unschuldige ihn freudig beschauende Jüngling seine
erwiderte in einem so weltunerfahrnen reinen Gemüte eben nicht vermehren
könnten er merkte an sich da man auf Reisen unverschämt ist er sei fast zu
Hause
Walts LebensRoman hingegen wäre schnell in einen Universitätsroman
zusammengeschrumpft den er zu Hause auf dem Sessel spielte durch Lesen der
Romane und seine Acta eruditorum in den Gang eingelaufen den er in den Hörsaal
machte und zurück in sein viertes Stockwerk wenn nicht das van der Kabelsche
Testament gewesen wäre aber durch dieses hob sich der Notar mit seiner
Geschichte
Er wollte den Bruder mit den Notizen davon überraschen aber dieser
versicherte er wisse schon alles sei gestern beim Examen gewesen und unter dem
Zanke auf dem Pelzapfelbaum gesessen
Der Notar glühte schamrot dass Vult seinen ZornKaskatellen und seinen
Versen zugehorcht er sei wohl fragt er verwirrt schon mit dem Hrn van der
Harnisch angekommen der mit dem Kandidaten von ihm gesprochen »Jawohl« sagte
Vult »denn ich bin jener Edelmann selber« Walt musste fortstaunen und
fortfragen wer ihm denn den Adel gegeben »Ich an KaisersStatt« versetzte
dieser »gleichsam so als augenblicklicher sächsischer Reichsvikarius des guten
Kaisers es ist freilich nur VikariatsAdel« Walt schüttelte moralisch den
Kopf »Und nicht einmal der« sagte Vult »sondern etwas ganz Erlaubtes nach
Wiarda6 welcher sagt man könne ohne Bedenken ein von entweder vor den Ort oder
auch vor den Vater setzen von welchem man komme ich konnte mich nach ihm
ebensogut Herr von Elterlein umtaufen als Herr von Harnisch Nennt mich einer
gnädiger Herr so weiß ich schon dass ich einen Wiener höre der jeden
bürgerlichen Gentlemen so anspricht und lass ihm gern seine so unschuldige
Sitte«
»Aber du konntest es gestern aushalten« sagte Walt »die Eltern zu sehen
und den Jammer der Mutter unter dem Essen über dein Schicksal zu hören ohne
herab und hinein an die besorgten Herzen zu stürzen«
»So lange saß ich nicht auf dem Baume Walt« sagt er plötzlich vor ihn
vorspringend »Sieh mich an Wie Leute gewöhnlich sonst aus ihren Not und
Ehrenzügen durch Europa heimkommen besonders wie morsch wie zerschabt wie
zerschossen gleich Fahnen braucht dir wohl niemand bei deiner ausgedehnten
Lektüre lange zu sagen ob es gleich sehr erläutert würde wenn man dir dazu
einen Fahnenträger dieser Art dir unbekannt aber aus einem altgräflichen
Hause gebürtig und dessen Ahnenbildersaal mit sich als Hogarts Schwanzstück und
Finalstock beschliessend wenn man dir jenen Grafen vorhalten könnte der eben
jetzt vollends in London versiert und einst nie mehr Arbeit vor sich finden
wird als wenn er von den Toten auferstehen will und sich seine Glieder wie ein
Frühstück in Paris in der halben alten Welt zusammenklauben muss die
Wirbelhaare auf den Strassendämmen nach Wien die Stimme in den Konservatorien
zu Rom seine erste Nase in Neapel wo sich mehrere Statuen mit zweiten
ergänzen seine anus cerebri diese GedächtnisSitze nach Hoboken und seine
Zirbeldrüse und mehrere Sachen in der Propaganda des Todes mehr als des Lebens
Kurz der Tropf er hat mir den Redefaden verworren findet nichts auf dem
Kirchhof neben sich als das worein er jetzt wie andere Leichen auf dem St
InnozenzKirchhof in Paris ganz verwandelt ist das Fett Nun aber beschau
mich und die Jünglingsrosen das Männermark die Reisebräune die
Augenflammen das volle Leben was fehlt mir Was dir fehlt etwas zu leben
Notar ich bin nicht sehr bei Geld«
»Desto besser« versetzte Walt so gleichgültig als kenn er das Schöpfrad
aller Virtuosen ganz gut das sich immer zu füllen und zu leeren eigentlich
aber nur durch beides umzuschwingen sucht »ich habe auch nichts doch haben wir
beide die Erbschaft« Er wollte noch etwas Freigebiges sagen aber Vult
unterfuhr ihn »Ich wollte vorhin nur andeuten Freund dass ich mithin in
Ewigkeit nie mich in verlorner SohnesGestalt vor die Mutter stelle und
vollends vor den Vater Freilich könnt ich mit einer langen Stange von Gold
in die Haustüre einschreiten Bei Gott ich wollte sie oft beschenken ich
nahm einmal absichtlich Extrapost um ihnen eine erkleckliche SpielSumme nicht
auf der Flöte sondern auf der Karte erspielt zugleich mit meiner Person
schneller zu überreichen leider aber zehr ichs gerade durch die Schnelle
selber auf und muss auf halbem Weg leer umwenden Glaub es mir guter Bruder ob
ichs gleich sage Sooft ich auch nachher ging und flötete das Geld ging auch
flöten«
»Immer das Geld« sagte Walt »die Eltern geht nur ihr Kind nicht dessen
Gaben an könntest du so scheiden und zumal die liebe Mutter in der langen
nagenden Sorge lassen woraus du mich erlöset« »Gut« sagt er »So mög
ihnen denn durch irgendeinen glaubwürdigen Mann aus Amsterdam oder Haag etwan
durch einen Hrn van der Harnisch geschrieben werden ihr schätzbarer Sohn den
er persönlich kenne und schätze emergiere mehr habe jetzt Mittel und vor
tausenden das Prä und lange künftig an so wie jetzt aus Ach was Ich könnte
selber nach Elterlein hinausreiten Vults Geschichte erzählen und beschwören und
falsche Briefe von ihm an mich vorzeigen die noch dazu wahre wären nämlich
dem Vater die Mutter glaub ich erriete mich oder sie bewegte mich denn ich
liebe sie wohl kindlich Scheiden sagtest du Ich bleibe ja bei dir Bruder«
Das überfiel den Notarius wie eine versteckte Musik die an einem
Geburtstage herausbricht Er konnte nicht aufhören zu jubeln und zu loben Vult
aber eröffnete warum er dableibe nämlich erstlich und hauptsächlich um ihm
als einem arglosen Singvogel der besser oben fliegen als unten scharren könne
unter dem adeligen Inkognito gegen die sieben Spitzbuben beizustehen denn wie
gesagt er glaube nicht sonderlich an dessen Sieg
»Du bist freilich« versetzte Walt betroffen »ein gereiseter Weltmann und
ich hätte zu wenig gelesen und gesehen wollt ich das nicht merken aber ich
hoffe doch dass ich wenn ich mir immer meine Eltern vorhalte wie sie so lange
angekettet auf dem dunstigen Ruderschiffe der Schulden ein bitteres Leben
befahren und wenn ich alle meine Kräfte zur Erfüllung der
TestamentsBedingungen zusammennehme ich hoffe wohl dass ich dann die Stunde
erzwinge wo ihnen die Ketten entzweigeschlagen und sie auf ein grünes Ufer
einer Zuckerinsel ausgeschifft sind und wir uns alle frei unter dem Himmel
umarmen Ja ich hatte bisher gerade die umgekehrte Sorge für die armen Erben
selber an deren Stelle ich mich dachte wenn ich sie um alles brächte und nur
die Betrachtung machte mich ruhig dass sie doch die Erbschaft schlüg ich sie
auch aus nicht bekämen und dass ja meine Eltern weit ärmer sind und mir näher«
»Der zweite Grund« versetzte Vult »warum ich in Hasslau verbleibe hat mit dem
ersten nichts zu tun sondern alles bloß mit meiner göttlichen Windmühle die
der blaue Äther treibt und auf welcher wir beide Brot du erbst indes immer
fort soviel wir brauchen mahlen können Ich weiß nicht ob es sonst nicht
noch für uns beide etwas so Angenehmes oder Nützliches gibt als eben die
Ätermühle die ich projektieren will die Frisiermühlen der Tuchscherer die
Bandmühlen der Berner die Molae asinariae oder Eselsmühlen der Römer kommen
nicht in Betracht gegen meine«
Walt war in größter Spannung und bat sehr darum »Droben bei einem Glas
Krätzer« versetzte Vult Sie eilten den Hügel auf zum Wirtshaus Drinnen taten
sich schon an einem Tische der die Marschalls Pagen und Lakaientafel war
schnelle Fresszangen auf und zu Der Wein wurde auf einen Stuhl gesetzt ins
Freie Das weiße Tischtuch ihres verschobenen Soupers glänzte schon aus der
wandlosen Stube herab Vult fing damit an dass er dem Modelle der künftigen
Ätermühle das Lob von Walts gestrigen Streckversen vorausschickte dass er sein
Erstaunen bezeugte wie Walt bei sonstigem Überwallen im Leben doch jene Ruhe
im Dichten habe durch welche ein Dichter es dem Wasserrennen der Bayerinnen
gleichtut welche mit einem Scheffel Wasser oder Hippokrene auf dem Kopfe unter
der Bedingung wettlaufen nichts zu verschütten und dass er fragte wie er als
Jurist zu dieser poetischen Ausbildung gekommen
Der Notarius trank mit Geschmack den Krätzer und sagte zweifelnd vor
Freude wenn wirklich etwas Poetisches an ihm wäre auch nur der Flaum einer
Dichterschwinge so käme es freilich von seinem ewigen Bestreben in Leipzig her
in allen vom Jus freigelassenen Stunden an gar nichts zu hangen an gar nichts
aufzuklettern als am hohen Olymp der Musen dem Göttersitze des Herzens wiewohl
ihm noch niemand recht gegeben als Goldine und der Kandidat »aber guter Vult
scherze hier nicht mit mir Die Mutter nannte dich schon früh den Spasser Ist
dein Urteil Ernst« »Ich will hier den Hals brechen Tabellio« versetzte
Vult »bewunder ich nicht dich und deine Verse aus voller Kunstseele Hör erst
weiter«
»Ach warum werd ich denn so überglücklich unterbrach ihn Walt und trank
Gestern find ich den Plato heute dich gerade zwei Nummern nach meinem
Aberglauben Du hörtest gestern alle Verse« Mitten unter dem heftigen Auf
und Abschreiten suchte er immer das Wirtskind das im Hofe unter der Baute von
KartoffelnSamenkapseln furchtsam aufguckte jedesmal sehr anzulächeln damit es
nicht erschräke
Vult fing ohne ihm zu antworten sein MühlenModell folgendermaßen
vorzulegen an sehr unbesorgt wie jeder Reisende über ein zufälliges fünftes
Ohr
»Andächtiger Mitbruder und Zwilling Es gibt Deutsche Für sie schreiben
dergleichen Jene fassen es nicht ganz sondern rezensieren es besonders
exzellenten Spaß Sie wollen der poetischen Schönheitslinie ein Linienblatt
unterlegen dabei soll der Autor noch nebenher ein Amt haben was aber so
schlimm ist als wenn eine Schwangere die Pocken zugleich hat Die Kunst sei ihr
Weg und Ziel zugleich Durch den jüdischen Tempel durfte man nach Lightfoot
nicht gehen um bloß nach einem andern Orte zu gelangen so ist auch ein bloßer
Durchgang durch den Musentempel verboten Man darf nicht den Parnass passieren
um in ein fettes Tal zu laufen Verdammt Lass mich anders anfangen zanke
nicht Trinke Jetzt
Walt
Ich habe nämlich auf meinen Flötenreisen ein satirisches Werk in den Druck
gegeben als Manuskript die grönländischen Prozesse in zwei Bänden anno 1783 bei
Voss und Sohn in Berlin Ich erstaune ganz sagte Walt verehrend Ich würde
dich inzwischen ohne Grund mit Lügen besetzen wenn ich dir verkündigen wollte
die Bekanntmachung dieser Bände hätte etwan mich oder die Sachen selber im
geringsten bekanntgemacht Nimmt man sechs oder sieben Schergen zugleich
Schächer und Schächter aus und hier fallen zwei auf die Allgem deutsche
Bibliothek die also wohl einer sind so hat leider keine Seele die Scripta
getadelt und gekannt Es ist hier wegen deiner Ungeduld nach der versprochenen
Ätermühle wohl nicht der Ort es glücklich auseinanderzusetzen warum habe
genug wenn ich dir schwöre dass die Rezensenten Sünder sind aber arme echte
Gurkenmaler die sich daher Gurken herausnehmen Grenzgötter ohne Arme und Beine
auf den Grenzhügeln der Wissenschaften und dass wir alle hinauf und hinab
florieren würden gäb es nur so viele gute Kunstrichter als Zeitungen für jede
einen so wie es wirklich so viele meisterhafte Schauspieler gibt als eine in
die andere übergerechnet Truppen
Es ist eine der verwünschtesten Sachen Oft rezensiert die Jugend das Alter
noch öfter das Alter die Jugend eine RektorsSchlafhaube kämpfet gegen eine
JünglingsSturmhaube
Wie Kochbücher arbeiten sie für den Geschmack ohne ihn zu haben
Solchen Sekanten Kosekanten Tangenten Kotangenten kommt alles exzentrisch
vor besonders das Zentrum der Kurzsichtige findet nach Lambert7den
Kometenschwanz viel länger als der Weitsichtige
Sie wollen den Schiffskiel des Autors lenken nämlich den ordentlichen
SchreibKiel sie wollen den Autor mit ihrem Richterstabe wie Minerva mit ihrem
Zauberstabe den Ulysses in einen Bettler und Greis verkehren
Sie wollen die erbärmlichsten Dinge bei Gott Des Notars Gesicht zog sich
dabei ins lange weil er wie jeder der nur gelehrte Zeitungen hält aber nicht
macht und kennt von einer gewissen Achtung für sie vielleicht gar einer
hoffenden nicht frei war Indes jeder Mensch fuhr jener fort sei billig
denn ich darf nicht übersehen dass es mit Büchern ist wie mit Pökelfleisch von
welchem Huxham dartat dass es zwar durch mässiges Salz sich lange halte aber
auch durch zu vieles sogleich faule und stinke Notarius ich machte das Buch zu
gut mithin zu schlecht«
»Du wimmelst von Einfällen versetzte Walt scherzhaft zu reden hast du so
viele Windungen und Köpfe wie die lernäische Schlange«
»Ich bin nicht ohne Witz« erwiderte Vult in vergeblicher Absicht dass der
Bruder lache »aber du reissest mich aus dem Zusammenhang Was kann ich nun
dabei machen Ich allein nichts aber mit dir viel nämlich ein Werk ein Paar
Zwillinge müssen als ihr eigenes Widerspiel zusammen einen Einling ein Buch
zeugen einen trefflichen DoppelRoman Ich lache darin du weinst dabei oder
fliegst doch du bist der Evangelist ich das Vieh darhinter jeder hebt den
andern alle Parteien werden befriedigt Mann und Weib Hof und Haus ich und
du Wirt mehr Krätzer aber aufrichtigen Und was sagst du nun zu diesem
Projekt und Mühlengang wodurch wir beide herrlich den Mahlgästen Himmelsbrot
verschaffen können und uns Erdenbrot was sagst du zu dieser MusenrossMühle«
Aber der Notar konnte nichts sagen er fuhr bloß mit einer Umhalsung an den
Projektmacher Nichts erschüttert den Menschen mehr zumal den belesenen als
der erste Gedanke seines Drucks Alte tiefe Wünsche der Brust standen auf einmal
aufgewachsen in Walten da und blühten voll wie in einem südlichen Klima fuhr in
ihm jedes nordische Strauchwerk zum Palmenhain auf er sah sich bereichert und
berühmt und wochenlang auf dem poetischen Geburtsstuhl Er zweifelte in der
Entzückung an nichts als an der Möglichkeit und fragte wie zwei Menschen
schreiben könnten und woher ein romantischer Plan zu nehmen sei
»Geschichten Walt hab ich auf meinen Reisen an 1001 erlebt nicht einmal
gehört diese werden sämtlich genommen sehr gut verschnitten und verkleidet
Wie Zwillinge in ein Tintenfass tunken Beaumont und Fletcher sich hundsfremd
nähten an einem gemeinschaftlichen SchneiderTische Schauspiele nach deren Naht
und Suturen noch bis heute die Kritiker fühlen und tasten Bei den spanischen
Dichtern hatte oft ein Kind an neun Väter nämlich eine Komödie nämlich
Autoren Und im ersten Buch Mosis kannst du es am allerbesten lesen wenn du den
Professor Eichhorn dazu liesest der allein in der Sündflut drei Autoren
annimmt außer dem vierten im Himmel Es gibt in jedem epischen Werke Kapitel
worüber der Mensch lachen muss Ausschweifungen die das Leben der Helden
unterbrechen diese kann denk ich der Bruder machen und liefern der die
Flöte bläset Freilich Parität wie in Reichsstädten muss sein die eine Partei
muss so viele Zensoren Büttel Nachtwächter haben als die andere Geschieht nun
das mit Verstand so mag wohl ein Werk zu hecken sein ein LedasEi das sich
sogar vom Wolfischen Homer unterscheidet an dem so viele Homeriden schrieben
und vielleicht Homer selber«
»Genug genug« rief Walt »Betrachte lieber den himmlischen Abend um uns
her« In der Tat blühten Lust und LebensLob in allen Augen Mehrere Gäste die
schon abgegessen tranken ihren Krug im Freien alle Stände standen
untereinander die Autoren mitten im tiersétat Die Fledermäuse schossen als
Tropikvögel eines schönen Morgens um die Köpfe An einer Rosenstaude krochen die
Funken der Johanniswürmlein Die fernen Dorfglocken riefen wie schöne
verhallende Zeiten herüber und ins dunkle Hirtengeschrei auf den Feldern hinein
Man brauchte so spät auf allen Wegen nicht einmal in dem Gehölze Lichter und
man konnte bei dem Schein der Abendröte die hellen Köpfe deutlich durch das hohe
Getreide waten sehen Die Dämmerung lagerte sich weit und breit nach Westen
hinein mit der scharfen MondKrone von Silber auf dem Kopfe nur hinter dem
Hause schlich sich aber ungesehen die große hohle Nacht aus Osten heran In
Mitternacht glomm es leise wie Apfelblüte an und liebliche Blitze aus Morgen
spielten herüber in das junge Rot Die nahen Birken dufteten zu den Brüdern
hinab die HeuBerge unten dufteten hinauf Mancher Stern half sich heraus in
die Dämmerung und wurde eine FlugMaschine der Seele
Vult vergabs dem Notar dass er kaum zu bleiben wusste Er hatte so viele
Dinge und unter ihnen den Krätzer im Kopfe denn in diesem entsetzlichen Weine
wahrem WeinbergsUnkraut für Vult hatte sich der arme Teufel dem Wein so hoch
klang wie Äther immer tiefer in seine Jahre zurückgetrunken ins 20te 18te
und letztlich ins 15te
Auf Reisen trifft man Leute an die darauf zurückschwimmen ins erste Jahr
bis an die Quelle Vormittags predigen es die Äbte in ihren
Visitationspredigten werdet wie die Kinder Und abends werden sie es samt dem
Kloster und beide lallen kindlich
»Warum siehst du mich so an geliebter Vult« sagte Walt »Ich denke an die
vergangenen Zeiten« versetzte jener »wo wir uns so oft geprügelt haben wie
Familienstücke hängen die Bataillenstücke in meiner Brust ich ärgerte mich
damals dass ich stärker und zorniger war und du mich doch durch deine elastische
wütige Schnelle aller Glieder häufig unterbekamst Die unschuldigen
Kinderfreuden kommen nie wieder Walt«
Aber der Notar hörte und sah nichts als Apollos flammenden Sonnenwagen in
sich rollen worauf schon die Gestalten seines künftigen Doppelromans
kolossalisch standen und kamen unwillkürlich macht er große Stücke vom Buche
fertig und konnte sie dem verwunderten Bruder zuwerfen Dieser wollte endlich
davon aufhören aber der Notar drang noch auf den Titel ihres Buchs Vult schlug
Flegeljahre vor der Notar sagte offen heraus wie ihm ein Titel widerstehe der
teils so auffallend sei teils so wild »Gut so mag denn die Duplizität der
Arbeit schon auf dem ersten Blatte bezeichnet werden wie es auch ein neuerer
beliebter Autor tut etwan Hoppelpoppel oder das Herz« Bei diesem Titel musste
es bleiben
Beide mengten sich wieder in die Gegenwart ein
Der Notar nahm ein Glas und drehte sich von der Gesellschaft ab und sagte
mit tropfenden Augen zu Vult »Auf das Glück unserer Eltern und auch der armen
Goldine Sie sitzen jetzt gewiss ohne Licht in der Stube und reden von uns«
Hierauf zog der Flöten ist sein Instrument hervor und blies der Gesellschaft
einige gemeine Schleifer vor Der lange Wirt tanzte danach langsam und zerrend
mit dem schläfrigen Knaben manche Gäste regten den TaktSchenkel der Notarius
weinte dazu selig und sah ins Abendrot »Ich möchte wohl« sagt er dem Bruder
ins Ohr »die armen Fuhrleute sämtlich in Bier freihalten« »Wahrscheinlich«
sagte Vult »würfen sie sich dann aus point dhonneur den Hügel hinunter
Himmel sie sind ja Krösi gegen uns und sehen herab« Vult ließ den Wirt
plötzlich statt zu tanzen servieren so ungern der Notarius in seine
Entzückung hinein essen und käuen wollte
»Ich denke roher« sagte Vult »ich respektiere alles was zum Magen gehört
diese Montgolfiere des MenschenZentaurs der Realismus ist der Sancho Pansa des
Idealismus Aber oft geh ich weit und mache in mir edle Seelen zB
weibliche zum Teil lächerlich indem ich sie essen und als SelbstFutterbänke
ihre unteren Kinnbacken so bewegen lasse dass sie dem Tier vorschneiden«
Walt unterdrückte sein Missfallen an der Rede Beglückt aßen sie oben vor der
ausgebrochenen Wand die Abendröte war das Tafellicht Auf einmal rauschte mit
verlornem Donnern eine frische Frühlingswolke auf Laub und Gräser herunter der
helle goldne Abendsaum blickte durch die herabtropfende Nacht die Natur wurde
eine einzige Blume und duftete herein und die erquickte gebadete Nachtigall zog
wie einen langen Strahl einen heißen langen Schlag durch die kühle Luft
»Vermissest du jetzt sonderlich« fragte Vult »die Parkbäume den Paruckenbaum
den Gerberbaum oder hier oben die Bedienten die Servicen den Goldteller mit
seinem Spiegel damit darauf die Portion mit falschen Farben schwimme«
»Wahrlich nicht« sagte Walt »sieh die schönsten Edelsteine setzt die Natur
auf den Ring unseres Bundes« und meinte die Blitze Die Luftschlösser seiner
Zukunft waren golden erleuchtet Er wollte wieder vom Doppelromane und dem Stoff
dazu anfangen und sagte er habe hinter der Schäferei heute drei
hineinpassende Streckverse gemacht Aber der Flötenist einer und derselben
Materie bald überdrüssig und nach Rührungen ordentlich des Spasses bedürftig
fragte ihn warum er zu Pferde gegangen »Ich und der Vater« sagte Walt ernst
»dachten eh wir von der Erbschaft wussten ich würde dadurch der Stadt und den
Kunden bekannter weil man unter dem Tore wie du weißt nur die Reiter ins
Intelligenzblatt setzt« Da brachte der Flötenist wieder den alten Reiterscherz
auf die Bahn und sagte der Schimmel gehe wie nach Winkelmann die großen
Griechen stets langsam und gesetzt er habe nicht den Fehler der Uhren die
immer schneller gehen je älter sie werden ja vielleicht sei er nicht älter
als Walt wiewohl ein Pferd stets etwas jünger sein sollte als der Reiter so
wie die Frau jünger als der Mann ein schönes römisches Sta Viator Steh
Wegmachender bleibe der Gaul für den so darauf sitze
»O lieber Bruder« sagte Walt sanft aber mit der Röte der Empfindlichkeit
und Vults Laune noch wenig fassend und belachend »zieh mich damit nicht mehr
auf was kann ich dafür«
»Nu nu warmer Aschgraukopf« sagte Vult und fuhr mit der Hand über den
Tisch und unter alle seine weiche Locken streichelnd Haar und Stirn »lies mir
denn deine drei Polymeter vor die du hinter der Schäferei gelammet«
Er las folgende
Das offene Auge des Toten
Blick mich nicht an kaltes starres blindes Auge du bist ein Toter ja der
Tod O drücket das Auge zu ihr Freunde dann ist es nur Schlummer
»Warst du so trübe gestimmt an einem so schönen Tage« fragte Vult »Selig war
ich wie jetzt« sagte Walt Da drückte ihm Vult die Hand und sagte bedeutend
»Dann gefällts mir das ist der Dichter Weiter«
Der Kinderball
Wie lächelt wie hüpfet ihr blumige Genien kaum von der Wolke gestiegen Der
KunstTanz und der Wahn schleppt euch nicht und ihr hüpfet über die Regel
hinweg Wie es tritt die Zeit herein und berührt sie Große Männer und Frauen
stehen da Der kleine Tanz ist erstarrt sie heben sich zum Gang und schauen
einander ernst ins schwere Gesicht Nein nein spielet ihr Kinder gaukelt nur
fort in eurem Traum es war nur einer von mir
Die Sonnenblume und die Nachtviole
Am Tage sprach die volle Sonnenblume »Apollo strahlt und ich breite mich aus
er wandelt über die Welt und ich folge ihm nach« In der Nacht sagte die Viole
»Niedrig steh ich und verborgen und blühe in kurzer Nacht zuweilen schimmert
Phöbus milde Schwester auf mich da werd ich gesehen und gebrochen und sterbe
an der Brust«
»Die Nachtviole bleibe die letzte Blume im heutigen Kranz« sagte Vult
gerührt weil die Kunst geradeso leicht mit ihm spielen konnte als er mit der
Natur und er schied mit einer Umarmung In Walts Nacht wurden lange Violenbeete
gesäet an das Kopfkissen kamen durch die offene Wand die Düfte der erquickten
Landschaft heran und die hellen Morgentöne der Lerche sooft er das Auge
auftat fiel es in den blauen vollgestirnten Westen an welchem die späten
Sternbilder nacheinander hinunterzogen als Vorläufer des schönen Morgens
Nr 15 Riesenmuschel
Die Stadt chambre garnie
Walt stand mit einem Kopfe voll Morgenrot auf und suchte den brüderlichen als
er seinen Vater der sich schon um 1 Uhr auf seine langen Beine gemacht mit
weiten Schritten und reisebleich durch den Hof laufen sah Er hielt ihn an Er
musste lange gegen den Strafprediger seine Gegenwart durch die ausgebrochene
Mauer herunter verteidigen Darauf bat er den müden Vater zu reiten indes er
zu Fuße neben ihm laufe Lukas nahm es ohne Dank an Sehnsüchtig nach dem
Bruder der sich nicht zeigen durfte verließ Walt die Bühne eines so holden
Spielabends
Auf dem waagrechten Wege der keinen Wassertropfen rollen ließ bewegte sich
das Pferd ohne Tadel und hielt Schritt mit dem tauben Sohne dem der Vater von
der SattelKanzel unzählige Rechts und Lebensregeln herabwarf Was konnte
Gottwalt hören Er sah nur in und außer sich glänzende Morgenwiesen des
Jugendlebens ferner die Landschaft auf beiden Seiten der Chaussee ferner die
dunklen Blumengärten der Liebe den hohen hellen Musenberg und endlich die Türme
und Rauchsäulen der ausgebreiteten Stadt Jetzt saß der Vater mit dem Befehle an
den Notarius ab durchs Tor zum Fleischer zu reiten in sein Logis und um 10
Uhr in den weichen Krebs zu gehen wo man auf ihn warten wolle um mit ihm
gehörig vor dem Magistrate zu erscheinen
Walt saß auf und flog wie ein Cherub durch den Himmel Die Zeit war so
anmutig an den Häuserreihen glänzte weißer Tag in den grünen tauigen Gärten
bunter Morgen selber sein Vieh wurde poetisch und trabte ungeheissen weil es
seinem Stalle nahe und aus dem herrnhutischen hungrig kam Der Notarius sang
laut im Fluge des Schimmels Im ganzen Fürstentum stand kein Ich auf einem so
hohen Gehirnhügel als sein eigenes welches daran herab wie von einem Ätna in
ein so weites Leben voll morganischer Feen hineinsah dass die blitzenden Säulen
die umgekehrten Städte und Schiffe den ganzen Tag hängenblieben in der
Spiegelluft
Unter dem Tore befragte man ihn woher »Von Hasslau« versetzte er entzückt
bis er den lächerlichen Irrtum eilig umbesserte und sagte »Nach Hasslau« Das
Pferd regierte wie ein Weiser sich selber und brachte ihn leicht durch die
bevölkerten Gassen an den Stall wo er mit Dank und in Eile abstieg um sofort
seine »chambre garnie« zu beziehen Auf den hellen Gassen voll Feldgeschrei
gleichsam Kompaniegassen eines Lustlagers sah ers gern dass er seinen
Hausherrn den Hofagent Neupeter kaum finden konnte Er gewann damit die Zeit
die verschüttete GottesStadt der Kindheit auszuscharren und den Schutt
wegzufahren so dass zuletzt völlig dieselben Gassen ans Sonnenlicht kamen
ebenso prächtig so breit und voll Paläste und Damen wie die waren durch
welche er einmal als Kind gegangen Ganz wie zum ersten Male fasste ihn die
Pracht des ewigen Getöses die schnellen Wagen die hohen Häuser mit ihren
Statuen darauf und die flitternen Opern und Galakleider mancher Person Er
konnte kaum annehmen dass es in einer Stadt einen Mittwoch einen Sonnabend und
andere platte Bauerntage gebe und nicht jede Woche ein hohes Fest von sieben
Feiertagen Auch sehr sauer wurd es ihm zu glauben sehen musst ers freilich
dass so gemeine Leute wie Schuhflicker Schneidermeister Schmiede und andere
Ackerpferde des Staats die auf die Dörfer gehörten mitten unter den feinsten
Leuten wohnten und gingen
Er erstaunte über jeden Werkeltagshabit weil er selber mitten in der Woche
den Sonntag anhabend den Nanking gekommen war alle große Häuser füllte er
mit geputzten Gästen und sehr artigen Herren und Damen an die jene
liebewinkend bewirteten und er sah nach ihnen an alle Balkons und Erker
hinauf Er warf helle Augen auf jeden vorübergehenden lackierten Wagen und auf
jeden roten Schal auf jeden Friseur der sogar werkeltags arbeitete und
tafelfähig machte und auf den Kopfsalat der im Springbrunnen schon vormittags
gewaschen wurde anstatt in Elterlein nur sonntags abends
Endlich stieß er auf die lackierte Türe mit dem goldgelben Titelblatt
»MaterialHandlung von Peter Neupeter et Kompagnie« und ging durch die Ladentüre
ein Im Gewölbe wartete er es ab bis die hinund herspringenden Ladenschürzen
alle Welt abgefertigt hätten Zuletzt da endlich nach der Ancienneté der
Mahlgäste auch seine Reihe kam fragte ihn ein freundliches Pürschchen was ihm
beliebe »Nichts« versetzte er so sanft als es seine Stimme nur vermochte
»ich bekomme hier eine chambre garnie und wünsche dem Hrn Hofagenten mich zu
zeigen« Man wies ihn an die Glastüre der Schreibstube Der Agent mehr Seide
im Schlafrock tragend als die Gerichtsmännin im Sonntagsputz schrieb den
BriefPerioden gar aus und empfing mit einem apfelroten und runden Gesichte
den Mietsmann
Der Notarius gedachte wahrscheinlich mit seinem Rossgeruch und seiner
Spiessgerte zu imponieren als Reiter aber für den Agenten den wöchentlichen
Lieferanten der größten Leute und den jährlichen Gläubiger derselben war ein
Schock berittener Notarien von keiner sonderlichen Importanz
Er rief ganz kurz einem LadenPagen herrisch zu den Herrn anzuweisen Der
Page rief wieder auf der ersten Treppe ein bildschönes nettes sehr
verdrüssliches Mädchen heraus damit sie den Herrn mit der Spiessgerte bis zur
vierten brächte Die Treppen waren breit und glänzend die Geländer figurierte
Eisengirlanden alles froh erhellt die Türschlösser und Leisten schienen
vergoldet an den Schwellen lagen lange bunte Teppiche Unterwegs suchte er die
Stumme dadurch zu erfreuen und zu belohnen dass er sanft ihren Namen zu wissen
wünschte Flora heißt der Name womit das schöne mürrische Ding auf die
Nachwelt übergeht
Die chambre garnie ging auf Freilich nicht für jeden wäre sie gewesen
ausgenommen als chambre ardente mancher der im Roten Hause zu Frankfurt oder
im EgalitätsPalaste geschlafen hätte an diesem langen MenschenKoben voll
UrururMöbeln die man vor dem glänzenden Hause hier zu verstecken suchte
vieles freimütig ausgesetzt Aber ein Polymetriker im Göttermonat der Jugend
ein ewig entzückter Mensch der das harte Leben stets wie Kenner die harten
Kartons von Raffael bloß im poetischen Spiegel beschauet und mildert der an
einer Fischer Hunds und jeder Hütte ein Fenster aufmacht und ruft ist das
nicht prächtig draußen der überall er sei im Eskurial das wie ein Rost
oder in Karlsruh das wie ein Fächer oder in Meinungen das wie eine Harfe
oder in einem SeewurmGehäuse das wie eine Pfeife gebaut ist die Sommerseite
findet und dem Roste Feuerung abgewinnet dem Fächer Kühlung der Harfen Töne
der SeePfeife desfalls Ich meine überhaupt ein Mensch wie der Notarius der
mit einem solchen Kopfe voll Aussichten über die weite Bienenflora seiner
Zukunft hin in den Bienenkorb einfliegt und einen flüchtigen Überschlag des
Honigs macht den er darein aus tausend Blumen tragen wird ein solcher Mensch
darf uns weiter nicht sehr in Verwunderung setzen wenn er sogleich ans
AbendFenster schreitet es aufreisset und vor Floren entzückt ausruft
»Göttliche Aussicht Da unten der Park ein Abschnitt Marktplatz dort die
zwei Kirchtürme drüben die Berge Wahrlich sehr schön« Denn dem Mädchen
wollt er auch eine kleine Freude zuwenden durch die Zeichen der seinigen
Er warf jetzt sein gelbes Röckchen ab um als Selbstquartiermeister in
Hemdärmeln alles so zu ordnen dass wenn er von der verdrießlichen Erscheinung
vor dem Stadtrate nach Hause käme er sogleich ganz wie zu Hause sein könnte und
nichts zu machen brauchte als die Fortsetzung seines Himmels und seinen
Streckvers und etwas von dem abgekarteten Doppelroman Den Abhub der Zeit den
Bodensatz der Mode den der Agent im Zimmer fallen lassen nahm er für schöne
Handelszeichen womit der Handelsmann eine besondere Sorgfalt für ihn offenbaren
wollen Mit Freuden trug er von zwölf grünen in Tuch und Kuhhaar gekleideten
Sesseln die Hälfte man konnte sonst vor Sitzen nicht stehen ins Schlafgemach
zu einem lackierten Regenschirm von Wachstuch und einem Ofenschirm mit einem
FrauenSchattenriss Aus einer Kommode einem Häuschen im Haus zog er mit beiden
Händen ein Stockwerk nach dem andern aus um seine nachgefahrne fahrende Habe
dareinzuschaffen Auf einem Teetischchen von Zinn konnte alles Kalte und das
Heisse getrunken werden da es beides so kühlte Er erstaunte über den Überfluss
worin er künftig schwimmen sollte Denn es war noch eine Paphose da er wusste
gar nicht was es war ein Bücherschrank mit Glastüren deren Rahmen und
Schlösser ihm weil die Gläser fehlten ganz unbegreiflich waren und worein er
oben die Bücher schickte unten die NotariatsHändel ein blau angestrichener
Tisch mit Schubfach worauf ausgeschnittene bunte Bilder Jagd Blumen und
andere Stücke zerstreuet aufgepappet waren und auf welchem er dichten konnte
wenn ers nicht lieber auf einem Arbeitstischchen mit Rehfüssen und einem Einsatz
von lackiertem Blech tun wollte endlich ein Kammerdiener oder eine Servante
die er als Sekretär an den Schreibtisch drehte um auf ihre Scheiben Papier
eine feine Feder zur Poesie eine grobe zum Jus zu legen Das sind vielleicht
die wichtigern Pertinenzstücke seiner Stube wobei man Lappalien leere
Markenkästchen ein Nähpult einen schwarzen basaltenen Kaligula der aus
Brustmangel nicht mehr stehen konnte ein Wandschränklein usw nicht
anschlagen wollte
Nachdem er noch einmal seine Stiftshütte und deren Ordnung vergnügt
überschauet und sich zum Fenster hinausgelegt und unten die weißen Kiesgänge und
dunkeln vollaubigen Bäume besehen hatte machte er sich auf den Weg zum Vater
und freute sich auf den Treppen dass er in einem so kostbaren Hause ein elendes
WohnNest besitze Auf der Treppe wurde er von einem hellblauen Kuvert an die
Hofagentin festgehalten Es roch wie ein Garten so dass er bald auf der
Duftwolke mitten in die niedlichsten Schreibzimmer der schönsten Königinnen und
Herzoginnen und Landgräfinnen hineinschwamm indes hielt ers für Pflicht durch
das Ladengewölbe zu gehen und das Kuvert redlich mit den Worten abzugeben hier
sei etwas an Madame Hinter seinem Rücken lachte sämtliche HandelsPagerie
ungewöhnlich
Er traf seinen Vater in historischer Arbeit und Freude an Dieser stellte
ihn als Universalerben sämtlichen Gästen vor Er schämte sich als eine
Merkwürdigkeit dieser Art lange dem Beschauen blosszustehen und beschleunigte
die Erscheinung vor dem Stadtrat Verschämt und bange trat er in die Ratsstube
wo er gegen seine Natur als ein hoher Saitensteg dastehen sollte auf welchen
andere Menschen wie Saiten gespannt waren er schlug die Augen vor den
AkzessitErben nieder die gekommen waren ihren Brotdieb abzuwägen Bloß der
stolze Neupeter fehlte samt dem Kirchenrat Glanz der ein viel zu berühmter
Prediger auf dem Kanzel und dem Schreibpulte war um zur Schau eines
ungedruckten Menschen nur drei Schritte zu tun von dem er die größte Begierde
forderte vielmehr Glanzen aufzusuchen
Der regierende Bürgermeister und Exekutor Kuhnold wurde mit einem Blick der
heimliche Freund des Jünglings der mit so errötendem Schmerz sich allein vor
den Augen stehender gefrässiger Zuschauer an die gedeckte Glückstafel setzte
Lukas aber besichtigte jeden sehr scharf
Das Testament wurde verlesen Nach dem Ende der 3ten Klausel zeigte Kuhnold
auf den Frühprediger Flachs als den redlichen Finder und Gewinner des
Kabelschen Hauses und Walt warf schnell die Augen auf ihn und sie standen voll
Glückwünsche und Gönnen
Als er in der 4ten Klausel sich anreden hörte vom toten Wohltäter so wäre
er den Tränen deren er sich in der Ratsstube schämte zu nahe gekommen wenn er
nicht über Lob und Tadel wechselnd hätte erröten müssen Der Lorbeerkranz und
die Zärtlichkeit womit Kabel ihm jenen aufsetzte begeisterte ihn mit einer
ganz andern heissern Liebe als das Füllhorn das er über seine Zukunft
ausschüttete Die darauf folgenden Stellen welche für den Vorteil der sieben
Erben allerlei aussprachen versetzten dem Schultheiß den Atem indem sie dem
Sohne einen freiern gaben Nur bei der 14ten Klausel die seiner unbefleckten
Schwanenbrust den Schandfleck einer weiblichen Verführung zutrauete oder verbot
wurde sein Gesicht eine rote Flamme wie konnte dachte er ein sterbender
Menschenfreund so oft so unzart schreiben
Nach der Ablesung des Testaments begehrte Knoll nach der 11ten Klausel
»Harnisch muss« einen Eid von ihm nichts auf das Testament zu entlehnen Kuhnold
sagte er sei nur »an Eides Statt« es zu geloben schuldig »Ich kann ja
zweierlei tun denn es ist ja einerlei Eid und an Eides Statt und jedes bloße
Wort« sagte Walt aber der biedere Kuhnold ließ es nicht zu Es wurde
protokolliert dass Walt den Notarius zum ersten Erbamt auswähle Der Vater
erbat sich TestamentsKopie um davon eine für den Sohn zu nehmen welche dieser
täglich als sein Altes und Neues Testament lesen und befolgen sollte Der
Buchhändler Passvogel besah und studierte den GesamtErben nicht ohne Vergnügen
und verbarg ihm seine Sehnsucht nach den Gedichten nicht deren das Testament
sagt er flüchtig erwähne Der PolizeiInspektor Harprecht nahm ihn bei der
Hand und sagte »Wir müssen uns öfters suchen Sie werden kein ErbFeind von mir
sein und ich bin ein Erbfreund man gewöhnt sich zusammen und kann sich dann so
wenig entbehren wie einen alten Pfahl vor seinem Fenster den man wie Le Vayer
sagt nie ohne Empfindung ausreißen sieht Wir wollen einander dann
wechselseitig mit Worten verkleinern denn die Liebe spricht gern mit
Verkleinerungswörtern« Walt sah ihm arglos ins Auge aber Harprecht hielt es
lange aus
Ohne Umstände schied Lukas vom gerührten Sohne um die Kabelschen Erbstücke
den Garten und das Wäldchen vor dem Tore und das verlorne Haus in der
Hundsgasse so lange zu besehen bis der Ratsschreiber den Letzten Willen mochte
abgeschrieben haben
Gottwalt schöpfte wieder FrühlingsAtem als er die Ratsstube wie ein enges
dumpfiges Winterhaus voll finsterer Blumen aus Eis verlassen hatte so vieles
hatt ihn bedrängt er hatte der unreinen Mimik des Hunds und Heisshungers
gemeiner Welterzen zuschauen und sich verhasst und verworren sehen müssen
die Erbschaft hatte wie ein Berg die bisher von der Ferne und der Phantasie
versteckten und gefüllten Gräben und Täler jetzt in der Nähe aufgedeckt und sich
selber weiter hinausgerückt der Bruder und der Doppelroman hatten unaufhörlich
ihm in die enge Welt hinein die Zeichen einer unendlichen gegeben und ihn
gelockt wie den Gafangenen blühende Zweige und Schmetterlinge die sich außen
vor seinen Gittern bewegen
Der liebliche Jesuiterrausch den jeder den ganzen ersten Tag in einer neuen
großen Stadt im Kopfe hat war in der Ratsstube meistens verraucht An der
Wirtstafel an der er sich einmietete kam unter der rauen ehelosen
ZivilKaserne von Sachwaltern und Kanzelisten über seine Zunge außer etwas
weniges von einer geräucherten nichts kein warmer BruderLaut den er hätte
aussprechen oder erwidern können Den Bruder Vult wußt er nicht zu finden und
am schönsten Tage blieb er daheim damit ihn dieser nicht fehlginge In der
Einsamkeit setzte er ein kleines Inserat für den Hasslauer Kriegs und
FriedensBoten auf worin er als Notarius anzeigte wer und wo er sei ferner
einen kurzen anonymen Streckvers für den Poetenwinkel des BlattesPoets corner
überschrieben
Der Fremde
Gemein und dunkel wird oft die Seele verhüllt die so rein und offen ist so
deckt graue Rinde das Eis das zerschlagen innen licht und hell und blau wie
Äther erscheint Bleib euch stets die Hülle fremd bleib es nur der Verhüllte
nicht
Schwerlich werden einem Hasslauer Ohre von einiger Zärte die Härten dieses Verses
zB der Proceleusmatikus kel wird oft die der zweite Päon die Hülle fremd
der Molossus bleib euch stets entwischen durfte aber nicht der Dichter
seine IdeenKürze durch einige metrische Rauheit erkaufen Ich bemerke bei
dieser Gelegenheit dass es dem Dichter keinen Vorteil schafft dass man seine
Streck und Einverse nicht als eine Zeile drucken lassen kann und es wäre zu
wünschen es gäbe dem Werke keinen lächerlichen Anstrich wenn man aus demselben
armlange Papierwickel wie Flughäute flattern ließe die herausgeschlagen dem
Kinde etwan wie ein Segelwerk von Wickelbändern säßen aber ich glaube nicht
dass es Glück machte
Darauf kaufte sich der Notar im Laden drei unbedeutende Visitenkarten weil er
glaubte er müsse auf ihnen an die beiden Töchter und die Frau des Hauses seinen
Namen abgeben und gab sie ab Als er eilig seine Inserate in der nahen
Zeitungsdruckerei ablieferte fiel sein Auge erschreckend auf das neueste
Wochenblatt worin noch mit nassen Buchstaben stand
»Das Flötenkonzert muss ich noch immer verschieben weil ein schnell wachsendes
AugenÜbel mir verbietet Noten anzusehen
J van der Harnisch«
Welch einen schweren Kummer trug er aus der Druckerei in sein Stübchen zurück
Auf den ganzen Frühling seiner Zukunft war tiefer Schnee gefallen sobald sein
freudiger Bruder die freudigen Augen verloren die er an seiner Seite darauf
werfen sollte Er lief müßig im Zimmer auf und ab und dachte nur an ihn Die
Sonne stand schon gerade auf den Abendbergen und füllte das Zimmer mit
Goldstaub noch war der Geliebte unsichtbar den er gestern von derselben
Sonnenzeit erst wiederbekommen Zuletzt fing er wie ein Kind zu weinen an aus
stürmischem Heimwehe nach ihm zumal da er nicht einmal am Morgen hatte sagen
können guten Morgen und lebe wohl Vult
Da ging die Türe auf und der festlich gekleidete Flötenist herein »O mein
Bruder« rief Walt schmerzlichfreudig »Donner leise« fluchte Vult leise »es
geht hinter mir nenne mich Sie« Flora kam nach »Morgen vormittag demnach
Hr Notarius« fuhr Vult fort »wünsche ich dass Sie den Mietkontrakt zu Papier
brächten Tu parles français Monsieur« »Misérablement« versetzte Walt »ou
non« »Darum Monsieur komme ich so spät« erwiderte Vult »weil ich erstlich
meine eigne Wohnung suchte und bezog und zweitens in einer und der andern
fremden einsprach denn wer in einer Stadt viele Bekanntschaften machen will
der tue es in den ersten Tagen wo er einpassiert da sucht man noch die
seinige um ihn nur überhaupt zu sehen später wenn man ihn hundertmal gesehen
ist man ein alter Hering der zu lange in der aufgeschlagenen Tonne auf dem
Markte blossgestanden«
»Gut« sagte Walt »aber mein ganzer Himmel fiel mir aus dem Herzen heraus
da ich vorhin in dem Wochenblatte die Augenkrankheit las« und zog leise die
Türe des Schlafkämmerchens zu worin Flora bettete »Die Sache bleibt wohl die«
fing Vult an und stieß kopfschüttelnd die Pforte wieder auf »pudoris gratia
factum est atque formositatis«8 erwiderte Walt auf das Schütteln »bleibt wohl
die sag ich was Sie auch mögen hier eingewendet haben die dass das deutsche
Kunstpublikum sich in nichts inniger verbeisset als in Wunden oder in Metastasen
Ich meine aber weiter nichts als soviel dass das Publikum zB einen Maler sehr
gut bezahlt und rekommandiert der aber etwan mit dem linken Fuße pinselte
oder einen Hornisten der aber mit der Nase bliese desgleichen einen
Harfenierer der mit beiden Zahnreihen griffe auch einen Poeten der Verse
machte aber im Schlafe und so demnach auch in etwas einen Flautotraversisten
der sonst gut pfiffe aber doch den zweiten Vorzug Dulons hätte stockblind zu
sein Ich sagte noch Metastasen nämlich musikalische Ich gab einmal einem
Fagottisten und einem Bratschisten die zusammen reisten den Rat ihr Glück
dadurch zu machen dass der Fagottist sich auf dem Zettel anheischig machte auf
dem Fagott etwas BratschenGleiches zu geben und der andere auf der Bratsche
so etwas vom Fagott Ihr machts nur so sagt ich dass ihr euch ein finsteres
Zimmer wie die Mundharmoniker oder Lolli bedingt da spiele denn jeder sein
Instrument und geb es für das fremde so wie jener ein Pferd das er mit dem
Schwanze an die Krippe gebunden als eine besondere Merkwürdigkeit sehen ließ
die den Kopf hinten trage Ich weiß aber nicht ob sie es getan«
Flora ging und Vult fragte ihn was er mit der Türschliesserei und dem
Latein gewollt
Gottwalt umarmte ihn erst recht als Bruder und sagte dann er sei nun so
dass er sich schäme und quäle wenn er eine Schönheit wie Flora in die
knechtischen Verhältnisse der Arbeit gestürzt und vergraben sehe eine niedrig
hantierende Schönheit sei ihm eine welsche Madonna mitten auf einem
niederländischen Gemälde »Oder jener Korreggio den man in Schweden an die
königlichen Stallfenster annagelte als StallGardine«9 sagte Vult »aber
erzähle das Testament«
Walt tats und vergaß etwan ein Drittel »Seit die poetischen
Ätermühlflügel die du Mühlenbaumeister angegeben sich vor mir auf ihren Höhen
regen ist mir die TestamentsSache schon sehr unscheinbar geworden« setzte er
dazu
»Das ist mir gar nicht recht« versetzte Vult »Ich habe den ganzen heutigen
Nachmittag auf eine ennuyante Weise lange schwere Dollonds und Reflektors
gehalten um die Hrn AkzessitErben von weitem zu sehen so die meisten davon
verdienen den Galgenstrang als Nabelschnur der zweiten Welt Du bekommst
wahrlich schwere Aufgaben durch sie« Walt sah sehr ernstaft aus »Denn«
fuhr jener lustiger fort »erwägt man dein liebliches Nein und Addio als Flora
vorhin nach Befehlen fragte und ihr belvedere dh ihre bellevue von schönem
Gesicht und dazu das enterbte Diebs und Siebengestirn das dir vielleicht bloß
wegen der Klausel die dich um ein Sechstel puncto sexti zu strafen droht eine
Flora so nahe mag hergesetzt haben die zu deflorieren«
»Bruder« unterbrach ihn der zorn und schamrote Jüngling und hoffte eine
ironische Frage zu tun »ist das die Sprache eines Weltmanus wie du« »Auch
wollt ich effleurer sagen statt déflorer« sagte Vult »O reiner starker
Freund die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuh womit man auf dem glatten
reinen kristallenen Boden des Ideals leicht fliegt aber miserabel fortumpelt
auf gemeiner Gasse« Er brach ab und fragte nach der Ursache warum er ihn
vorhin so traurend gefunden Walt jetzt zu verschämt sein Sehnen zu bekennen
sagte bloß wie es gestern so schön gewesen und wie immer so wie in andere
Feste Krankheiten10fallen so in die heiligsten der Menschen Schmerzen und wie
ihm das AugenÜbel in der Zeitung wehe getan das er noch nicht recht verstehe
Vult entdeckt ihm den Plan dass er nämlich vorhabe so gesund auch sein
Auge sei es jeden Markttag im Wochenblatt für kränker und zuletzt für
stockblind auszurufen und als ein blinder Mann ein Flötenkonzert zu geben das
ebenso viele Zuschauer als Zuhörer anziehe »Ich sehe« sagte Vult »du willst
jetzt auf die Kanzeltreppe hinauf aber predige nicht die Menschen verdienen
Betrug Gegen dich hingegen bin ich rein und offen und deine Liebe gegen den
Menschen lieb ich etwas mehr als den Menschen selber« »O wie darf denn ein
Mensch so stolz sein und sich für den einzigen halten dem allein die volle
Wahrheit zufliesse« fragte Walt »Einen Menschen« versetzte Vult »muss jeder
der auf den Rest Dampf und Nebel loslässet besitzen einen Auserwählten vor
dem er Panzer und Brust aufmacht und sagt guck hinein Der Glückliche bist nun
du bloß weil du soviel du auch merk ich Welt hast doch im ganzen ein
frommer fester Geselle bist ein reiner Dichter und dabei mein Bruder ja
Zwilling und so lass es dabei«
Walt wusste sich in keine Stelle so leicht und gut zu setzen als in die
fremde er sah der schönen Gestalt des Geliebten diese Sommersprossen und
Hitzblattern des Reiselebens nach und glaubte ein Schattenleben wie seines
hätte Vulten diese vielfarbige moralische Nesselsucht gewiss erspart Bis tief in
die Nacht brachten beide sie mit friedlichen Entwürfen und Grenzrezessen ihres
Doppelromans zu und das ganze historische erste Viertel ihrer romantischen
Himmelskugel stieg so hell am Horizonte empor dass Walt den andern Tag weiter
nichts brauchte als Stuhl und Tinte und Papier und anzufangen Froh sah er dem
morgenden Sonntag entgegen der Flötenist aber jenem Abend wo er wie er sagte
wie ein Finke geblendet pfeife
Nr 16 Berggur
Sonntag eines Dichters
Walt setzte sich schon im Bette auf als die Spitzen der Abendberge und der
Türme dunkelrot vor der frühen JuliSonne standen und verrichtete sein
Morgengebet worin er Gott für seine Zukunft dankte Die Welt war noch leise an
den Gebürgen verlief das Nachtmeer still ferne Entzückungen oder Paradiesvögel
flogen stumm auf den Sonntag zu Walt hätte sich gefürchtet seine namenlose
Wonne laut zu machen wenns nicht vor Gott gewesen wäre Er begann nun den
Doppelroman Es ist bekannt genug dass unter allen Kapiteln keine seliger
geschrieben werden auch oft gelesen als das erste und dann das letzte
gleichsam auch ein Sonntag und ein Sonnabend Besonders erfrischt es ihn dass
er nun einmal ohne allen juristischen Gewissensbiss auf dem Parnass spazierengehen
durfte und oben mit einer Muse spielen indem er hofft er gestern im
juristischen Fache das Seinige gearbeitet nämlich das Testament vernommen und
erwogen Da den Abend vorher war ausgemacht worden dass der Held des
Doppelromans einen langen Band hindurch sich nach nichts sehnen sollte als bloß
nach einem Freunde nicht nach einer Heldin so ließ er ihn es zwei Stunden
oder im Buche selber so viele Jahre lang wirklich tun er selber aber sehnte
sich auch mit und über die Massen Das Schmachten nach Freundschaft dieser
Doppelflöte des Lebens holt er ganz aus eigener Brust denn der geliebte Bruder
konnte ihm so wenig wie der geliebte Vater einen Freund ersparen
Oft sprang er auf beschauete den duftigen goldhellen Morgen öffnete das
Fenster und segnete die ganze frohe Welt vom Mädchen am Springbrunnen an bis
zur lustigen Schwalbe im blauen Himmel So rückt die Bergluft der eignen
Dichtung alle Wesen näher an das Herz des Dichters und ihm erhoben über das
Leben nähern die Lebendigen sich mehr und das Größte in seiner Brust
befreundete ihn mit dem Kleinsten in der fremden Fremde Dichtungen hingegen
erheben den Leser allein aber den Boden und die Nachbarschaft nicht mit
Allmählich ließ ihn der Sonntag mit seinem Schwalbengeschrei Kirchengeläut
seinen LadendienerKlopfwerken und NachWalkmühlen an Sonntagsröcken in allen
Korridoren schwer mehr sitzen er sehnte sich nach einem und dem andern
leibhaften Strahl der Morgensonne von welcher ihm in seinem Abendstübchen
nichts zu Gesichte kam als der Tag Nachdem lange der Schreibtisch und die
sonnenhelle Natur ihre magnetischen Stäbe an ihn gehalten und er sich vergeblich
zwei Ichs gewünscht um mit dem einen spazierenzugehen während das andere mit
der Feder saß so verkehrte er dieses in jenes und trug die Brust voll
Himmelsluft und den Kopf voll Landschaften Aurorens GoldWölkchen spielten ihm
auf der Gasse noch um die Augen über den frohen lauten Markt und zog mit dem
ViertelsFlügel der fürstlichen Kriegsmacht fort welcher blies und trommelte
und der Nikolaiturm warf dazu seine Blasemusik in die untere hinein die mit ihr
im verbotenen Grade der Sekunde verwandt wurde Draußen vor dem Tore hörte er
dass das magische wie von fernen kommende Freudengeschrei in seinem Innern von
einem schwarzen fliegenden Korps oder Chor Kurrendschüler ausgesprochen wurde
das in der Vorstadt fugierte und schrie Herrlich wiegte sich in bunter Fülle
der van der Kabelsche Garten vor ihm den er einmal erben konnte wenn ers recht
anfing und recht ausmachte er ging aber verschämt nicht hinein weil Menschen
darin saßen sondern erstieg das nahe Kabelsche Wäldchen auf dem Hügel
Darin saß er denn entzückt auf Glanz und Tau und sah gen Himmel und über die
Erde Allmählich sank er ins Vorträumen hinein was so verschieden vom engeren
Nachträumen ist da die Wirklichkeit dieses einzäunt indes der Spielplatz der
Möglichkeit jenem freiliegt Auf diesem heitern Spielplatze beschloss er das
große Götterbild eines Freundes aufzurichten und solches ganz so zu meisseln
was er im Romane nicht gedurft wie ers für sich brauchte »Mein ewig teurer
Freund den ich einmal gewiss bekomme« sagt er zu sich »ist göttlich ein
schöner Jüngling und dabei von Stande etwa ein Erbprinz oder Graf und eben
dadurch so zart ausgebildet für das Zarte Im Gesicht hat er viel Römisches und
Griechisches eine klassische Nase aus deutscher Erde gegraben aber er ist
doch die mildeste Seele nicht bloß die feurigste die ich je gefunden weil er
in der EisenBrust zur Wehre ein WachsHerz zur Liebe trägt So treuen
unbefleckten starken Gemüts mit großen FelsenKräften gleich einer Bergreihe
nur gerade gehend ein wahres philosophisches Genie oder auch ein militärisches
oder ein diplomatisches daher setzt er mich und viele eben in ein wahres
Staunen dass ihn Gedichte und Tonkunst entzücken bis zu Tränen Anfangs scheuete
ich ordentlich den gerüsteten Kriegsgott aber endlich einmal in einem Garten in
der FrühlingsDämmerung oder weil er ein Gedicht über die Freundschaft der
zurückgetretenen Zeiten hörte über den griechischen Phalanx der bis in den Tod
kämpfte und liebte über das deutsche Schutz und Trutzbündnis befreundeter
Männer da greift ihm das Verlangen nach der Freundschaft wie ein Schmerz nach
dem Herzen und er träumt sich seufzend eine Seele die sich sehnet wie er Wenn
diese Seele das Schicksal will dass ichs sei endlich neben seinen schönen
Augen voll Tränen steht alles recht gut errät ihm offen entgegenkommt ihn
ihre Liebe ihre Wünsche ihren guten Willen wie klare Quellen durchschauen
lässt gleichsam als wollte sie fragen ist dir weniges genug so könnt es
wohl ein zweites gutes Schicksal fügen dass der Graf gleich Gott alle Seelen
liebend auch wie ein Gott sich meine zum Sohne des Herzens erwählte der dem
Gotte dann gleich werden kann dass dann wir beide in der hellsten Lebensstunde
einen Bund ewiger starker unverfälschter Liebe beschwüren«
Den Traum durchriss ein schöner langer Jüngling der in roter Uniform auf
einem Engländer unten auf der Heerstraße vorüberflog dem Stadttore zu Ein gut
gekleideter Bettler lief mit dem offenen Hute ihm entgegen dann ihm nach dann
voraus der Jüngling kehrte das Ross um der Bettler sich und jetzt hielt
jener in den Taschen suchend den stolzen Waffentanz des schönen Rosses so
lange auf dass Walt ziemlich leicht die Melancholie auf dem prangenden Gesicht
wie Mondschein auf einem Frühling bemerken konnte sowie einen solchen Stolz
der Nase und der Augen als könn er die Siegszeichen des Lebens verschenken
Der Jüngling warf dem Manne seine Uhr in den Hut welche dieser lang an der
Kette trug indem er mit dem Danke dem Galoppe nachzukommen suchte
Jetzt war der Notarius nicht mehr imstande eine Minute aus der Stadt zu
bleiben wohin der Reiter geflogen war der ihm fast als der Freund nämlich als
der Gott vorkam den er vorher im Traume mit den Abzeichen aller übrigen Götter
signis Panteis geputzet hatte »Befreunden« sagt er zu sich in seinem
romantischen durch das Testament noch gestärkten Mute und auf sein
liebequellendes Herz vertrauend »wollten wir uns leicht falls wir uns erst
hätten« Er wäre gern zu seinem Bruder gegangen um sowohl das dürstende Herz
an dessen Brust zu kühlen als ihn über den schönen Jüngling auszufragen aber
Vult hatte ihn gebeten der Spionen wegen und besonders vor dem BlindenKonzert
den Besuch viel lieber anzunehmen als abzustatten
Mitten aus dem heiligen Opferfeuer rief ihn der Hofagent Neupeter in seine
dunkle Schreibstube hinein damit er darin vor dem Essen einige Wechsel
protestierte Wie an einem Käfer der erst vom Fluge gekommen hingen an ihm die
Flügel noch lang unter den Flügeldecken heraus aber er protestierte doch mit
wahrer Lust es war sein erster NotariatsAktus und was ihm noch mehr galt
seine erste Dankhandlung gegen den Agenten Nichts wurde ihm länger und lästiger
als das erste Vierteljahr worin ein Mensch ihn beherbergte oder bediente oder
beköstigte bloß weil ihm der Mensch so viele Dienste und Mühen vorschoss ohne
von ihm noch das Geringste zu ziehen Er protestierte gut und sehr musste sich
aber vom lächelnden Kaufmann den Monatstag ausbitten und war überhaupt kaum bei
sich denn immerhin komme ein Mensch mit der poetischen Luftkugel die er durch
Adler in alle helle Äterräume hat reißen lassen plötzlich unten auf der Erde
an so hängt er doch noch entzückt unter dem Glob und sieht verblüfft umher
Das war der SonntagsVormittag Der Nachmittag schien sich anders
anzufangen Walt war von der hellen Wirtstafel wo er mit seinem Puder und
Nanking zwischen Atlas Manchester Lackzöpfen Degen Batist Ringen und
Federbüschen wettgeeifert und gespeist hatte in seine Schattenstube im
völligen Sonntagsputz zurückgegangen den er nicht ausziehen konnte weil eben
der Putz in nichts als in einigem Puder bestand womit er sich sonntäglich
besäete Sah er so weiß aus so schmeckt er freilich so gut als der Fürst was
sowohl Sonntage heißen als Putz Sogar dem Bettler bleibt stets der Himmel des
Putzwerkes offen denn das Glück weht ihm irgendeinen Lappen zu womit er sein
größtes Loch zuflickt dann schauet er neugeboren und aufgeblasen umher und
bietet es still schlechtem porösen Bettelvolk Nur aber war der frohe Vorsatz
den ganzen Nachmittag seinem Kopfe und seinem Romane dichtend zu leben jetzt
über seine Kräfte bloß wegen des SonntagsSchmucks ein gepuderter Kopf
arbeitet schwer So müsste zum Beispiel gegenwärtiger Verfasser steckte man ihn
in dieser Minute zur Probe in Königsmäntel in Krönungsstrümpfe in
Sporenstiefel unter Kurhüte auf solche Weise verziert die Feder weglegen
und verstopft aufstehen ohne den Nachmittag zu Ende gemalt zu haben denn es
geht gar nicht im herrlichsten Anzug ausgenommen allein bei dem verstorbenen
Buffon von welchem Madame Necker berichtet dass er zuerst sich wie zur Gala und
darauf erst seine Bemerkungen eingekleidet um welche er als ein geputzter und
putzender Kammerdiener herumging indem er ihnen vormittags die Nennwörter
anzog und nachmittags die Beiwörter
Den Notar störte außer dem Puder noch das Herz Die NachmittagsSonne glitt
jetzt herein und ihre Blicke sogen und zogen hinaus in die helle Welt ins
Freie er bekam das SonntagsHeimweh was fast armen Teufeln mehr bekannt und
beschwerlich ist als reichen Wie oft trug er in Leipzig an schönen Sonntagen
die VesperWehmut durch die entvölkerten Alleen um die Stadt Nur erst abends
wenn die Sonne und die LustGäste heimgingen wurd ihm wieder besser Ich habe
geplagte Kammerjungfern gekannt welche imstande waren wöchentlich siebentalbe
Tage zu lachen und zu springen nur aber sonntags nach dem Essen unmöglich das
Herz und das Leben wurd ihnen nachmittags zu schwer sie strichen so lange in
ihrer unbekannten kleinen Vergangenheit herum bis sie darin auf irgendein
dunkles Plätzchen stießen etwan auf ein altes niedriges Grab worauf sie sich
setzten um sich auszuweinen bis die Herrschaft wiederkam Gräfin Baronesse
Fürstin Mulattin Holländerin oder Freiin die du nach weiblicher Weise immer
noch herrischer gegen die Sklavin bist als gegen den Sklaven sei das doch
sonntags nach dem Essen nicht Die Leute in deinem Dienste sind arme Landteufel
für welche der Sonntag der in großen Städten in der großen Welt und auf großen
Reisen gar nicht zu haben ist sonst ein RuheTag war als sie noch glücklicher
waren nämlich noch Kinder Gern werden sie ohne etwas zu wünschen leer und
trocken bei deinen Hoffesten Hochzeit und Leichenfesten stehen und die Teller
und die Kleider halten aber an dem Sonntage dem Volks und Menschenfest auf
das alle WochenHoffnungen zielen glauben die Armen dass ihnen irgendeine
Freude der Erde gebühre da ihnen zumal die Kinderzeit einfallen muss wo sie an
diesem BundesFeste der Lust wirklich etwas hatten keine Schulstunde schöne
Kleider spasshafte Eltern SpielkinderAbendbraten grünende Wiesen und einen
Spaziergang wo gesellige Freiheit dem frischen Herzen die frische Welt
ausschmückte Liebe Freiin wenn dann am Sonntage wo gedachte Person weniger in
der Arbeit der Lete des Lebens watet das jetzige dumpfe Leben sie erstickend
umfängt und ihr über die Unfruchtbarkeit der tauben Gegenwart die helle
Kinderzeit die ja allen Menschen einerlei Eden verheisset mit süßen Klängen wie
neu herüberkommt dann strafe die armen Tränen nicht sondern entlasse die
Sehnsüchtige etwan bis Sonnenuntergang aus deinem Schloss
Als der Notar sich noch sehnte stürmte lustig Vult herein den Mittagswein
im Kopf ein schwarzes Seidenband um ein Auge mit offenem Hals und losem Haar
und fragte warum er noch zu Hause sitze und wieviel er vormittags geschrieben
Walt gab es ihm Als ers durchhatte sagte er »Du bist ja des Teufels
Götterchen und ein Engel im Schreiben So fahre fort Ich habe auch fuhr er
mit kälterer Stimme fort und zog das Manuskript aus der Tasche diesen Morgen in
unserm Hoppelpoppel oder das Herz gearbeitet und darin ausgeschweift so viel
als nötig für ein erstes Kapitel Ich will dir den Schwanzstern so nenn ich
jede Digression halb vorsagen wenn du mich nur o Gott mehr zu goutieren
wüsstest nicht vorlesen denn eben darum Ich fahre im Schwanzstern besonders
wild auf die jungen Schreiber los die von dir abweichen und in ihren Romanen
die arme Freundschaft nur als Tür und Degengriff der Liebe vornen an diese so
unnütz anbringen wie den Kalender und das genealogische Verzeichnis der
regierenden Häupter vornen an die Blumenlesen Der Spitzbube der Kränkling von
Schwächling von Helden will nämlich auf den ersten paar Bogen sich stellen als
seufz er ziemlich nach einem Freunde als klaffe auf sein Herz nach einer
Unendlichkeit schreibt sogar das Sehnen nach einem Freund wenns Werk in
Briefen ist an einen den er schon hat zum Epistolieren ja er verrät noch
Schmachtungen nach der zweiten Welt und Kunst kaum aber ersieht und erwischt
die Bestie ihr Mädchen der Operngucker sieht immer nach dem Freunde hin so
hat sie satt und das Ihrige wiewohl der Freund noch elendiglich mehrere Bogen
nebenher mitstapeln muss bis zu dem Bogen Ix auf welchem dem geliebten Freunde
wegen einer Treulosigkeit des Mädchens frei gesagt wird es gebe auf der Erde
kein Herz keine Tugend und gar nichts Hier spei ich Bruder auf das
schreibende Publikum Feuer Spitzbube so rede ich im Schwanzstern an Walt
Spitzbube sei wenigstens ehrlich und tue dann was du willst da doch dein
Unterschied zwischen einem Freund und einem Liebhaber nur der zwischen einem
Sau und einem HundsIgel ist«
Hier sah Vult lange das Papier dann Walten an »Der ist aber« fragte
dieser »So fragt auch mein Schwanzstern« sagte jener »Keiner nämlich
Denn es gibt eben keine SchweinIgel nach Bechstein11 sondern was man dafür
nahm waren Weibchen oder Junge Mit den SchweinsDächsen ists ebenso Was
hilfts ihr romantischen Autoren las Vult weiter und sah immer vom Papier weg
um das Komische mehr zu sagen als weil ers wenig konnte vorzulesen dass ihr
eure unterirdische Blattseite gegen den Himmel aufstülpet Sie dreht sich
wieder um wie an Glastafeln wird nur eure der Erde zugekehrte Seite betauet
wie an elektrischen Katzen müsst ihr vorher aus eurem Bürzel einen Funken
locken bevor ihr einen aus dem Kopfe wieder bekommt und vice versa Seid des
Teufels lebendig aber nur offen liebt entsetzlich denn das kann jedes Tier
und jedes Mädchen das sich deshalb für eine Edle eine Dichterin und einen
WeltSolitär ansieht aber befreundet euch nicht was ja an liebendem Vieh so
selten ist wie bei euch Denn ihr habt nie aus Johann Müllers Briefen oder aus
dem Alten Testament oder aus den Alten gelernt was heilige Freundschaft ist und
ihr hoher Unterschied von Liebe und dass es das Trachten nicht eines
Halbgeistes nach einer ehelichen oder sonstigen Hälfte sondern eines Ganzen
nach einem Ganzen eines Bruders nach einem Bruder eines Gottes nach einem
Universum ist mehr um zu schaffen und dann zu lieben als um zu lieben und dann
zu schaffen Und so geht denn der Schwanzstern weiter« beschloss Vult der
sich nicht erwehren konnte ein wenig die Hand des Bruders zu drücken dessen
voriges FreundschaftsKapitel ordentlich wie helles warmes angebornes Blut in
sein Herz gelaufen war
Walt schien davon entzückt zu sein fragte aber ob nicht auch oft die
Freundschaft nach der Liebe und Ehe komme oft sogar für dieselbe Person ob
nicht der treueste Liebhaber eben darum der treueste Freund sei ob nicht die
Liebe mehr romantische Poesie habe als die Freundschaft ob jene am Ende nicht
in die gegen Kinder übergehe ob er nicht fast hart mit seinen Bildern sei
und noch mehr wollte Gottwalt lindern und schlichten Aber Vult fuhr auf sowohl
aus voriger Rührung als aus Erwartung eines viel weniger bedingten Lobes hielt
sich die Ohren vor Rechtfertigungen der Menschen zu und klagte er sehe nur gar
zu gut voraus wie ihm künftig Walt eine Erbosung nach der andern versalzen
werde durch sein Überzuckern beifügend in ihrem »Hoppelpoppel oder das Herz«
gewännen ja eben die süßen Darstellungen am meisten durch die schärfsten und
gerade hinter dem scharfen Fingernagel liege das weichste empfindsamste Fleisch
»aber« fuhr er fort »von etwas Angenehmerem von den sieben ErbDieben wobei
ich mir wieder deinetwegen Mühe gegeben Ich muss etwas bei dir sitzen«
»Noch etwas Angenehmes vorher« versetzte Walt und schilderte ihm den roten
götterschönen Jüngling und dass solcher wie ein Donnergott auf einem
Sturmvogel zwischen Aurora und Iris gezogen und unter dem blauen Himmel wie
durch eine Ehrenpforte geritten wäre »Ach nur seine Hand« endigte er »wenn
ich sie je anrühren könnte dacht ich heute zumal nach dem
Freundschaftskapitel O kennst du ihn«
»Kenn ihn so nicht deinen Donner und Wetter Gott sagte Vult kühl und
nahm Stock und Hut Verschimmle nur nicht in deinem Storchnest lauf hinaus
ins Rosental wie ich wo du alle Hasslauer beau mondesRudel mit einem SauGarn
überziehen und fangen kannst und ihn mit Vielleicht jag ich darunter den
gedachten Donnergott auf möglich ists der Graf Klotar Nein Freund ich
gehe absichtlich ohne dich auch tu überhaupt nicht draußen als ob du mich
sonderlich kenntest falls ich etwa zu nahe vor dir vorübergehen sollte vor
Augenschwäche denn nachgerade muss ich mich blind machen ich meine die Leute
Addio«
Nr 17 Rosenholz
Rosental
In drei Minuten stand der Notar dem Vults Verstimmung entgangen war freudig
auf dem grünen Wege nach dem Hasslauer Rosentale das sich vom schönen Leipziger
besonders dadurch unterscheidet dass es sowohl Rosen hat als auch ein Tal und
daher mehr der Fantaisie bei Bayreut ähnlich ist die bloß die
Zuckerbäckerarabesken und PhantasieBlumen und PrunkPfähle vor ihm voraus hat
Aus der Stadt zog er eigentlich kaum denn er fand die halbe unterwegs und alle
seine SeelenWinkel wurden voll Sonnenlicht bei dem Gedanken so mitzugehen
unter Leuten die mitgehen mitfahren mitreiten Rechts und links standen die
Wiesen die wallenden Felder und der Sommer Aus der Stadt lief das
NachmittagsGeläute der Kirche in die grüne warme Welt heraus und er dachte
sich hinein wie jetzt die Kirchengänger sich herausdenken und ihn und das freie
luftige Leben göttlich finden würden in den schmalen kalten steinernen Kirchen
auf langen leeren Bänken einzeln schreiend mit schönen breiten Sonnenstreifen
auf den Schenkeln und mit der Hoffnung nach der Kirche nachzumarschieren so
schnell als möglich
Die ZugheringsHerde von Menschen legte sich in die Bucht des Rosentals an
Die Laubbäume taten sich auf und zeigten ihm die glänzende offene Tafel des
Julisonntags die aus einbeinigen Täfelchen unter Bäumen bestand »köstlich«
sagte der Notar zu sich »ist doch wahrlich das allgemeine Sesselholen
Zeltaufschlagen Rennen grüner Lauferschürzen Weglegen der Schals und Stöcke
Ausziehen der Körke und Wählen eines Tischchens die stolzen Federhüte
zwischendurch die Kinder im Grase die Musikanten hinten die gewiss gleich
anfangen die warmblühenden MädchenStirnen die durchschimmernden Gartenrosen
unter den weißen Schleiern die Arbeitsbeutel die Goldanker und Kreuze und
andere Gehenke auf ihren Hälsen und die Pracht und die Hoffnung und dass noch
immer mehr Leute nachströmen O ihr lieben Menschen macht euch nur recht
viel Lust wünsch ich«
Er selber setzte sich an ein einsames Tischchen um kein geselliges zu
stören Vom Zuckerguss seines stillen Vergnügtseins fest überlegt saß er daran
sich erfreuend dass jetzt fast in ganz Europa Sonn und Lusttag sei und nichts
begehrend als neue Köpfe weil er jeden zwischen die Augen nahm um auszufühlen
ob er dem roten Jüngling angehöre wonach seiner Seele alle ihre Blütenblätter
standen
Ein Geistlicher spazierte vorüber vor dem er sitzend den Hut abnahm weil
er glaubte dass Priester gewohnt durch ihre Rockfarbe jeden Hut zu bewegen auf
dem Lande jedesmal Schmerzen in der Stadt empfinden müssten wenn ein ganz
fester vorbeiginge Der Geistliche sah ihn scharf an fand aber dass er ihn
nicht kenne Jetzt trabten zwei Reiter heran von welchen der eine wenig zu
leben hatte der andere aber nichts Vult und Flitte
Der Elsasser tanzte reichgekleidet und lustig obgleich seine the deum
laudamus in laus deo bestanden nach seinem eignen Gesang vom Steigbügel unter
seine Bekanntschaften dh sämtliche Anwesende hinein geliebt von jedem dem
er nichts schuldig war Er überstand lustig eine kurze Aufmerksamkeit auf sich
als den Menschen der die Kabelsche Erbportion eingebüßt welche er schon als
Faustpfand so oft wie den Reliquienkopf eines Heiligen vervielfacht unter seine
Gläubiger verteilt hatte weil das marseillische Schiff worauf er eine große
ebensooft verpfändete Dividende hatte jedem zu lange ausblieb Walt wunderte
und freute sich dass der singende Tänzer der alle Weiber grüßte der kühn ihre
Fächer und Sonnenschirme und ArmbandsMedaillons handhabte und kühner die
HängMedaillen und Hänguhren von jeder weißen Brust mit den Fingern ans Auge
erhob sich gerade vor den Tisch der drei hässlichsten postierte denen er Wasser
und Aufwärter holte sogar schöne Gespielinnen Es waren die drei Neupeterischen
Damen bei welchen Gottwalt gestern drei Visitenkarten abgegeben Der Elsasser
machte in kurzem umherlaufend das ganze Rosental mit dem dort sitzenden Nanking
bekannt der den alten Kabel beerbte aber Walt zu aufmerksam auf andere und zu
wenig sich voraussetzend entging durch sein menschenfreundliches Träumen dem
Missvergnügen das allgemeine Schielen zu sehen Zuletzt trat Flitte gar zu ihm
und verriet durch einen Gruß ihn der Kaufmannschaft Unter allen sieben Erben
schien der lustige Bettler gerade am wenigsten erbittert auf Walten zu sein
auch dieser gewann ihn herzlich lieb da er zuerst den Spielteller der
Musikanten nahm belegte und herumtrug und gern hätt er ihm ein großes Stück
der Erbportion oder des Testaments zum Lohne mit daraufgeworfen
Der Notar war besonders auf die feinste Lebensart seines Bruders neugierig
Diese bestand aber darin dass er sich um nichts bekümmerte sondern auswärts
tat als sitz er warm zu Hause und es gebe keine Fremden auf der Welt Sollt
es nicht einige Verachtung oder Härte anzeigen dachte Walt durchaus keine
fremde erste Stunde anzuerkennen sondern nur eine vertraute zweite zehnte
etc dabei machte Vult das ruhigste Gesicht von der Welt vor jedem schönsten
trat sehr nahe an dieses klagte sein Auge komme täglich mehr herunter und
blickte als ScheinMyops unbeschreiblich kalt an und weg als sitze die
Physiognomie verblasen zu einem gestaltlosen Nebel an einer Bergspitze hängend
vor ihm da Sehr fiel dem Notarius welcher glaubte auch gesehen zu haben in
Leipzig in Rudolphs Garten was feinste Sitten und Menschen sind und mit
welchen forcierten Märschen junge männliche Kaufmannschaft weibliche bedient und
bezaubert gleichsam willige cartesianische Teufelchen die der Damenfinger auf
und niederspringen lässt sehr fiel ihm Vults männliche Ruhe auf bis er
zuletzt gar seine Definition des Anstands änderte und sich folgende für den
»Hoppelpoppel« aus dem weltgewandten Bruder abzog »Körperlicher Anstand ist
kleinste Bewegung nämlich ein halber Schritt oder schwacher Ausbug statt eines
Gemsensprunges ein mäßiger Bogen des Ellenbogens statt einer ausgereckten
spitzen FechterTangente das ist die Manier woran ich den Weltmann erprobe«
Zuletzt wurde der Notar auch keck und voll Welt und Lebensart und stand auf
mit dem Vorsatz wacker hin und her zu spazieren Er konnte so zuweilen ein Wort
seines Bruders von der Seite wegschnappen und besonders irgendwo den roten
Liebling des Morgens auffischen Die Musik welche die Dienste des Vogelgesangs
tat eben durch Unbedeutsamkeit schwemmte ihn über manche Klippe hinüber Aber
welche Flora von Honoratioren Er genoss jetzt das stille Glück das er oft
gewünscht den Hut abzuziehen vor mehr als einem Bekannten vor Neupeter et
Kompagnie die ihm kaum dankten und er konnte sich nicht enthalten manche
frohe Vergleichungen seiner jetzigen lachenden Lage im Hasslauer Rosental mit
seiner sonstigen anonymen im Leipziger anzustellen wo ihn außer den wenigen
die er nicht richtig bezahlen konnte fast keine Katze kannte Wie oft war er in
jener unbekannten Zeit versucht öffentlich auf einem Beine zu tanzen oder auch
mit zwei zinnernen Kaffeekannen in der Hand oder geradezu eine FlammenRede
über Himmel und Erde zu halten um nur SeelenBekannte sich ans Herz zu holen
So sehr setzt der Mensch der älter kaum bedeutenden Menschen und Büchern
zuläuft jünger schon bloß neuen Leuten und Werken feurig nach
Mit Freuden bemerkt er im Gehen wie Vult in seine Ruhe und Würde so viel
insinuante Verbindlichkeit und in sein Gespräch so viele selber an Ort und
Stelle geerntete Kenntnisse von Europens Bilderkabinetten Künstlern berühmten
Leuten und öffentlichen Plätzen zu legen wusste dass er wirklich bezauberte
worin ihn freilich seine Verbindung mit seinen schwarzen Augen darin bestand
besonders seine schwarze Kunst bei Weibern und wieder die Kälte welche
imponiert Wasser gefriert sich immer erhoben sichtbar unterstützte Eine
alte Hofdame des regierenden Häuschens von Hasslau wollte schwer von ihm weg und
bedeutende Herren befragten ihn Aber er hatte den Fehler nichts so sehr zu
lieben das Bezaubern ausgenommen als Entzaubern darauf und besonders die
Sucht Weiber wie ein elektrisierter Körper leichte Sachen anzuziehen um sie
abzustossen Walt musste über Vults Einfälle über Weiber bei Weibern selber
erstaunen denn er konnte im Vorübergehen recht gut vernehmen dass Vult sagte
sie kehrten stets im Leben und sonst wie an ihren Fächern gerade die reichste
bemalte Fläche andern zu und behielten die leere und mehr dergleichen als
zB sie machten wie man die Koeurs auf Karten zu Gesichtern mit malerischer
Spielerei umgewandelt wieder leicht aus ihrem und einem fremden Gesicht ein
Koeur oder auch die rechte poetische aber spitzbübische Art der Männer sie
zu interessieren sei ihnen immer die geistige Vergangenheit ihre Lieblingin
vortönen zu lassen als zB welche Träume vergangen und wie sich sonst das
Herz gesehnt usw das sei die kleine Sourdine die man in die Weite des
Waldhorns stecke dessen nahes Blasen dann wie fernes Echo klinge
»Sie pfeifen auf der Flöte« sagte die Hofagentin Neupeter Er zog die
Ansätze und Mittelstücke aus der Tasche und wies alles vor Ihre beiden
hässlichen Töchter und fremde schöne baten um einige Stücke und Griffe Er
steckte aber die Ansätze kalt ein und verwies bittend auf sein Konzert »Sie
geben wohl Stunden« fragte die Agentin »Nur schriftliche« versetzt er »da
ich bald da bald dort bin Denn längst ließ ich in den ReichsAnzeiger
folgendes setzen
Endes Unterschriebener kündigt an dass er in portofreien Briefen die
ausgenommen die er selber schreibt allen die sich darin an ihn wenden
Unterricht auf der herrlichen Flûte traversière sie hier zu loben ist wohl
unnötig zu geben verspricht Wie die Finger zu setzen die Löcher zu greifen
die Noten zu lesen die Töne zu halten will er brieflich posttäglich mitteilen
Fehler die man ihm schreibt wird er im nächsten Briefe verbessern
Unten stand mein Name Gleicherweise kegle ich auch in Briefen mit einem
sehr eingezognen Bischof ich wollt ich könnt ihn nennen wir schreiben uns
redlicher vielleicht als Forstbeamte wieviel Holz jeder gemacht der andere
stellt und legte seine Kegel genau nach dem Briefe und schiebt dann
seinerseits«
Die Hasslauer mussten lachen ob sie gleich ihm glaubten aber die Agentin
strich sich mit innerer Hand so rot als einen Postwagen dessen Stöße Hr Peter
Neupeter am besten kannte an und fragte die Töchter nach Tee Das
KirwanenteeKästchen war vergessen Flitte war froh sagte er sitze auf nach
dem Kästchen hoffe es in fünf Minuten aus der Stadt herzureiten und sollte
sein Gaul fallen dh der geborgte denn sein Zutritt in allen Häusern war
auch einer in allen Ställen und er denke sogar noch dem Hrn van der Harnisch
eine bewährte Starbrille mitzubringen Vult behandelte glaubte Walt das
Anerbieten und das Männchen etwas zu stolz
Wirklich kam Flitte nach 7 Minuten zurückgesprengt ohne Starbrille denn
er hatte sie nur versprochen aber mit dem Neupeterischen TeeKästchen von
Mahagoni dessen Deckel einen Spiegel mit der TeeDoublette aufschlug
Plötzlich fuhr Vult als aus dem sogenannten Poetengange des Rosentals eine
reiche rote Uniform mit rundem Hut heraustrat auf den spazierenden Notarius los
tat kurzsichtig als glaub er ihn zu kennen fragte ihn unter vielen
Komplimenten leise ob jener rote Bediente des Grafen von Klotar der bewusste
sei entschuldigte sich nach dem Kopfschütteln des bestürzten Notars laut mit
seinem Kurzblicke der jetzt Bekannte und Unbekannte durcheinanderwerfe und
setzte hinzu »Verzeihen Sie einem Halbblinden ich hielt Sie für den Herrn
Waldherrn Pamsen aus Hamburg meinen Intimen« und ließ ihn im Bewusstsein einer
Verlegenheit deren Quelle der redliche Notar nicht in seiner Wahrhaftigkeit
suchte sondern in seinem Mangel an Reisen die immer das Hölzerne aus den
Menschen wegnehmen wie die Versetzungen das Holzige aus den Kohlrüben
Jetzt trat nach dem dienerischen Abendrote der Aurora hinter welcher der
Notar seine LebensSonne finden wollte wirklich der Reiter des Morgens im
blauen Überrock aber mit Federbusch und Ordensstern aus dem dichten Laubholze
heraus samt Gesprächen mit einem fremden Herrn Der Flötenspieler brauchte bloß
auf einen brennenden Blick des Notars seinen kalten zu werfen um fest zu
wissen dass der MorgenMann dem Feuerherzen des Bruders wieder erschiene den er
nur aus Ironie mit der Verwechslung des roten Bedienten mit dem blauen Herrn
geneckt Walt ging ihm entgegen in der Nähe erschien diesem der Musengott
seiner Gefühle noch länger blühender edler Unwillkürlich nahm er den Hut ab
der vornehme Jüngling dankte stumm fragend und setzte sich ans erste beste
Tischchen ohne durch den sprungfertigen RotRock etwas zu fodern Der Notar
ging auf und ab um wie er hoffte vielleicht unter das Füllhorn der Reden zu
kommen das der schöne Jüngling über den Begleiter goss »Wenn auch fing der
Jüngling an und der Wind wehte das Hauptwort Bücher weg nicht gut oder
schlecht machen besser oder schlechter machen sie doch« Wie rührend und nur
aus dem Innersten in das Innerste dringend klang ihm diese Stimme welche des
schönen wehmütigen Flors um das Angesicht würdig war Darauf versetzte der
andere Herr »Die Dichtkunst führt ihre Inhaber zu keinem bestimmten
menschlichen Charakter wie Kunstpferde machen sie Küssen und Totstellen und
Komplimentieren und andere fremde Künste nach sind aber nicht die
dauerhaftesten Pferde zum Marsch« Das Gespräch war offenbar im Poetengange
aufgewachsen
»Ich bin gar nicht in Abrede« versetzte der blaue Jüngling ruhig ohne alle
Gestus und Gottwalt ging immer schneller und öfter vorüber um ihn zu hören
»sondern vielmehr in der Meinung dass jede auch willkürliche Wissenschaft
dergleichen Theologie Jurisprudenz Wappenkunde und andere sind eine ganz
neue aber feste Seite an den Menschen oder der Menschheit nicht nur zeige auch
wirklich hervorbringe Aber desto besser Der Staat macht den Menschen nur
einseitig und folglich einförmig Der Dichter sollte also wenn er könnte alle
Wissenschaften dh alle Einseitigkeiten in sich senden alle sind dann
Vielseitigkeit denn er allein ist ja der einzige im Staat der die
Einseitigkeiten unter einen Gesichtspunkt zu fassen Ruf und Kräfte hat und sie
höher verknüpfen und durch loses Schweben alles überblicken kann«
»Ganz evident« sagte der Fremde »ist mir das nicht« »Ich will ein
Beispiel geben« versetzte der Graf Klotar »Im ganzen mineralogischen
atomistischen oder toten Reiche der Kristallisation herrschet nur die gerade
Linie der scharfe Winkel das Eck hingegen im dynamischen Reiche von den
Pflanzen bis zu den Menschen regiert der Zirkel die Kugel die Walze die
Schönheitswelle Der Staat Sir und die positive Wissenschaft wollen nur dass
sein Arsenik seine Salze sein Demant sein Uranmetall in platten Tafeln
Prismen langrautigen Parallelepipedis usw anschiessen um leichter eingemauert
zu werden Hingegen die organisierende Kraft eben darum die isolierende will
das nicht das ganze Wesen will kein Stück sein es lebt von sich und von der
ganzen Welt So ist die Kunst sie sucht die beweglichste und vollste Form und
ist wie sonst Gott nur wie ein Zirkel oder ein Augapfel abzubilden«
Aber der Notar zwang ihn aufzuhören Er hatte sich darüber Skrupel
gemacht dass er so im Auf und Abschleichen die obwohl lauten Meinungen des
edelen Jünglings heimlich weghorche daher lehnt er sich aus Gewissen an einen
Baum und sah unter dem Hören dem Blaurock deutlich ins Gesicht um ihn
anzuzeigen dass er aufpasse Aber den Jüngling verdross es und er verließ den
Tisch
Herzlich wünschte der nachgehende Notar den Flötenisten herbei um durch ihn
mehr hinter den Donnergott zu kommen Zum Glücke teilte und durchschritt der
Graf einen bunten MenschenKlumpen der sich um ein Kunstwerk ansetzte Es war
ein knabenhohes und langes Kauffahrteischiff womit ein armer Kerl auf der
Achse zu Lande ging um mit diesem Weberschiffchen die Fäden seines hungrigen
Lebens zu durchschiessen und zusammenzuhalten Als der Notar sah dass der
Jüngling sich ans Fahrzeug und Notruder des Menschen stellte drang er ihm nach
um dicht neben ihm zu halten Der Schiffspatron sang sein altes Lied von den
Schiffsteilen den Masten Stengen Reen Segen »und TouwWerk« ab »Das muss
ihm hundslangweilig werden es täglich wiederholen« sagte der Herr zum Grafen
»Es folgen sich« versetzte dieser mit einigem Lehrtone »in jeder Sache
die man täglich treibt drei Perioden in der ersten ist sie neu in der
nächsten alt und langweilig in der dritten keines von beiden sondern gewohnt«
Hier kam Vult Der Notar gab ihm durch Winke die entbehrliche Nachricht des
Funds »Aber Patron« sagte der Graf zum Schiffsherrn »die Brassen der
FockRee müssen ja mitten von dem großen Stag an nach den SchinkelBlocken
laufen dann sieben oder sechs Fuß tiefer nach dem großen Stag durch die Blocke
und so weiter nach dem Verdeck Und wo habt Ihr denn den VorTeckel die Schoten
des VorMarsSegels die GyTouwen des BezaansSegels und das Fall von dem
Sein« Hier ließ der Graf verachtend den Schiffer der seinen Mangel durch
Bewunderung fremder Kenntnis verkleistern wollte in einer zweiten aufrichtigern
über eine GeldFracht stehen dergleichen ihm sein Proviantschiff und Brotwagen
noch nie aus den beiden Indien des Adels und des Bürgerstandes zugefahren
Walt auch in einem süßen Erstaunen über die nautischen Einsichten bei so
viel philosophischen ließ den blauen stolzen Jüngling schwer durchpassieren
und sich von ihm statt an die Brust doch recht an die Seite so lange drücken
dass der Blaurock ziemlich ernstaft ihn ansah Vult war verschwunden Der
Jüngling flog bald mit seinem Bedienten auf schönen Pferden davon Aber der
Notarius blieb als ein Seliger in diesem JosaphatsTal zurück ein geheimer
stiller Bacchant des Herzens »Das ist ja gerade der Mensch« sagt er heftig
»den du feurig wolltest so jung so blühend so edel so stolz
höchstwahrscheinlich ein Engländer weil er Philosophie und Schiffsbau und
Poesie wie drei Kronen trägt Lieber Jüngling wie kannst du nicht geliebt
werden wenn du es verstattest«
Jetzt verschüttete die Abendsonne unter ihre Rosen das Tal Die Musikanten
schwiegen von dem Spielteller das Silber speisend der umgelaufen war Die
Menschen zogen nach Hause Der Notarius ging noch eilig um vier leere Tische
woran holde Mädchen gesessen bloß um die Freude einer solchen
Tischnachbarschaft mitzunehmen Er wurde nun im langsamen Strome ein Tropfen
aber ein rosenroter heller der ein Abendrot und eine Sonne auffasste und trug
»Bald« sagt er sich als er die drei Stadttürme sah an welchen das Abendgold
herunterschmolz »erfahr ich von meinem Vult wer er ist und wo und dann wird
mir ihn Gott wohl schenken« Wie liebt er alle Jünglinge auf dem Wege bloß des
blauen wegen »Warum liebt man« sagt er zu sich »nur Kinder nicht Jünglinge
gleichsam als wären diese nicht ebenso unschuldig« Ungemein gefiel ihm der
Sonntag worin jeder sich schon durch den Anzug poetisch fühlte Die erhitzen
Herren trugen Hüte in Händen und sprachen laut Die Hunde liefen lustig und ohne
scharfe Befehle Ein Postzug Kinder hatte sich vor eine volle Kinderkutsche
gespannt und Pferde und Passagiere waren sehr gut angezogen Ein Soldat mit dem
Gewehr auf der Achsel führte sein Söhnchen nach Hause Einer führte seinen Hund
an seinem rotseidnen Halstuch Viele Menschen gingen Hand in Hand und Walt
begriff nicht wie manche Fußgänger solche FingerPaare und LiebesKetten
trennen konnten um nur gerade zu gehen denn er ging gern herum Sehr erfreut
es ihn dass sogar gemeine Mägde etwas vom Jahrhundert hatten und ihre Schürzen
so weit und griechisch in die Höhe banden dass ein geringer Unterschied zwischen
ihnen und den vornehmsten Herrschaften verblieb Nahe um die Stadt unter dem
ersten Tore rasete die Schuljugend ja ein gedachtes Mädchen gab der herrischen
Schildwache einen Blumenstrauß keck neben das Gewehr und so schien dem Notar
die ganze Welt so tief in die Abendröte geworfen dass die Rosenwolken herrlich
wie Blumen und Wogen in die Welt hineinschlugen
Zweites Bändchen
Nr 18 Echinit
Der Schmollgeist
Es braucht keinen großen diplomatischen Verstand um zu erraten dass der Notar
in der SonntagsNacht nicht zu Hause blieb sondern noch spät zu dem
Teaterschneider Purzel gehen wollte wo sein Bruder wohnte um bei ihm mehr
über den blauen Jüngling zu hören Aber dieser empfing heruntereilend ihn auf
der Gasse die er als Saal und Korso des Volks in FeierNächten erhob und zum
Spaziergange vorschlug Ziemlich entzückt nahms Walt an So Sonntags in der
Nacht unter den Sternen mit Hunderten auf und abzugehen sagt er das zeig
ihm was Italien sei zumal da man den Hut aufbehalten und ungestört zu Fuße
träumen könne Er wollte sofort viel reden und fragen aber Vult bat ihn bis in
andere einsamere Gassen zu schweigen und nicht du zu sagen »Wie so gern«
sagte Walt Unbemerkt war ihm in der Dämmerung die Brust voll Liebe gelaufen wie
eine Blume voll Tau sooft er durfte streift er mit der Hand ein wenig an
eine jede blutfremde vorbeigehende an weil er nicht wissen könne dacht er ob
er sie je wieder berühre ja er wagt es in schattigern Stellen der Nacht
sogar zu Erkern und Balkons wo deutlich die vornehmsten Mädchen standen
aufzusehen und sich von der Gasse hinaufzudenken mitten darunter mit einer an
der Hand als Bräutigam den sein Himmel halb erstickt
Endlich spannt er vor dem Flötenspieler in einer schicklichen Sackgasse das
glänzende historische Blatt von seinem innern Bankett und FreudenGewühle eines
Nachmittags auf der darin bestand als Vult neugierig näher nachsah dass er
draußen hin und her gegangen und den Blaurock getroffen »Man sollte geschworen
haben« versetzte Vult »Sie kämen eben aus Gladheim12statt aus dem Rosentale
her und hätten sich entweder die Freia oder die Siöfna oder die Gunnur oder die
Gierskogul oder die Mista oder sonst eine Göttin zur Ehe abgeholt und ein paar
Taschen voll Weltkugeln als Brautgabe dazu Doch ists zu rühmen wenn ein Mann
das Galakleid der Lust noch so wenig abgetragen die Fäden zähl ich auf meinem
ausgenommen wenn der Mann nicht bedenkt dass Zauberschlösser leicht die
Vorzimmer von Raubschlössern sind«
Aber jetzt wies ihm Walt den Berg der heutigen Weinlese den blauen Jüngling
und fragte nach dessen Namen und Wohnung Der Bruder erwiderte gelassen es sei
der Graf Klotar ein sehr reicher stolzer sonderbarer Philosoph der fast den
Briten spiele sonst gut genug Dem Notar wollte der Ton nicht gefallen er
legte Vulten Klotars reiche Worte und Kenntnisse vor Vult erwiderte darin
seh er fast einige merkliche Eitelkeit des Stolzes »Ich könnt es nicht
ertragen« versetzte Walt »wenn Menschen gewisser Größe demütig wären« »Und
ich kann« versetzte Vult »es nicht erdulden wenn der englische Stolz oder
der irländische oder der schottische der sich sehr gut in BücherDarstellungen
ausnimmt in der Wirklichkeit auftritt und pustet In Romanen gefällt uns fremde
Liebe und Stolziererei und Empfindelei aber drüber hinaus schlecht«
»Nein nein sagte Walt wie mir denn dein eigener Stolz gefällt Wenn wir
uns recht fragen so erzürnt uns nie der Stolz selber sondern nur sein Mangel
an Grund daher kann uns oft Demut ebensogut quälen daher ist unser Hass des
Stolzes kein Neid gegen Vorzüge denn indes wir allezeit größere über uns
anerkennen und nur erstohlne vorgespiegelte hassen so ist unser Hass nicht
Liebe gegen uns sondern eine gegen die Gerechtigkeit« »Sie philosophieren ja
wie ein Graf« sagte Vult »Hier wohnt der Graf« Mit unsäglicher Freude sah
Walt an die leuchtenden Fensterreihen einer GartenVilla hinauf die der Gasse
den glänzenden Rücken zeigte und in welche ein langer Garten durch eine breite
Vorhalle von Bäumen führte Jetzt ließ Walt vor dem Bruder eine durstige Seele
in alle ihre Gedichte und Hoffnungen der Liebe ausbrechen Der Flötenspieler
sagte eine gewöhnliche Ergiessung seines Zorns »freilich in gewissen Stücken
indessen zumal so insofern ja freilich o Himmel« und fügte bei seines
schwachen Bedünkens sei Klotar vielleicht nicht weit von dem entfernt was man
im gemeinen Sprachgebrauch einen Egoisten nennt
Walt hielt es jetzt schon für FreundesPflicht den unbekannten Grafen hierüber
heftig zu beschützen und berief sich auf dessen edle Physiognomie die gewiss
darum vermutete er so trübe beschattet sei weil er fruchtlos nach einer Sonne
sehe die ihm auf irgendeinem Altare voll OpferAsche den alten Phönix der
Freundschaft erwecke und ganz reiner Liebe schließe gewiss kein Herz sich zu
»Wenigstens setzen Sie vorher« sagte Vult »eh Sie vor seinen Kammerdiener
treten einen Fürstenhut auf ziehen einen Stern an binden ein blaues Hosenband
um dann mögen Sie bei ihm zur Kour vorfahren so nicht wohl Ich ja selber
der ich von einem so eisgrauen Adel bin dass er vor AltersMarasmus fast
erloschen ist musste vorher bei ihm eigne Verdienste vorschützen Und wie
wollen Sie ihm Ihre Freundschaft promulgieren Denn bloßes Hegen derselben tuts
nicht«
»Von morgen an« sagte Walt unschuldig »such ich ihm so nahe zu kommen
dass er alles deutlich lesen kann in meinem Herzen und Gesicht was die Liebe an
ihn hineingeschrieben Vult« »Van der Harnisch zum Henker Was ist zu vulten
Sie bauen demnach auf Ihren Diskurs und dessen Gewalt« versetzte Vult
»Jawohl« sagte Walt »was hat denn der Mensch außer so seltenen Taten noch
anderes« Aber den Flötenspieler überraschte an einem so bescheidenen Wesen
das höhere Stände vergötterte dieses stille feste Vertrauen auf Sieg
ausnehmend Die Sache war indes dass der Notar schon seit geraumen Jahren wo er
Petrarcas Leben gelesen sich für den zweiten Petrarca still ansah nicht bloß
in der ähnlichen Zeugungskraft kleiner Gedichte oder darin dass der Welsche
von seinem Vater nach Montpellier geschickt wurde um das Jus zu studieren das
er gegen Verse später fahren ließ sondern auch und hauptsächlich darin
mit dass der erste Petrarca ein gewandter zierlicher Staatsmann war Der Notar
glaubte er dürfe nach den Reden zu schließen die er mehrmals siegend an
Goldinen und die Mutter gehalten ohne Unbescheidenheit auf einige Ähnlichkeit
mit dem Italiener rechnen falls man ihn nur in die rechten Lagen brächte So
geht eigentlich in dieser Minute kein Jüngling in ganz Jena Weimar Berlin
usw über den Markt der nicht glauben müsste als Schrein Sakramentäuschen
Heiligenhaus Rindenhaus oder Mumienkasten irgendeines jetzt oder sonst
lebenden GeisterRiesen heimlich herumzulaufen so dass wenn man besagten
Schrein und Mumienkasten aufschlüge der gedachte Riese deutlich ausgestreckt
darin läge und munter blickte Ja Schreiber dieses war früher fünf bis sechs
große Männer schnell nacheinander so wie er sie eben gerade nachahmte Kommt
man freilich zu Jahren nämlich zu Einsichten besonders zu den größten so ist
man nichts
»Wir wollen doch in einem fort hier auf und abgehen« sagte Walt der in
Vults Repliken zumal von seiner Himmelsluft berauscht nichts spürte als dessen
Manier »Ins Bette lieber wir stören vielleicht Klotarn der schon darin
liegt denn ich höre morgen verreiset er auf einige Tage sehr frühe«
berichtete Vult als woll er ordentlich sich selber zur Pein aus Walts vollem
Herzen recht viel Liebe vorpressen
»So ruhe sanft Geliebter« sagte Walt und schied gern von der lieben Stelle
und dann vom verdrießlichen Bruder Voll Freude und Friede zog der Notar nach
Hause in die stillen Gassen schaueten nur die hohen Sterne er sah im
Marktwasser einer nach Norden offenen Straße die MitternachtsRöte abgespiegelt
im Himmel zogen helle Wölkchen wie verspätet aus dem Tage heim und trugen
vielleicht oben die Genien die den Menschentag reich beschenket hatten und
Walt konnte als er so glücklich in sein einsames dämmerndes Stübchen zurückkam
sich sowohl des Weinens als des Dankens nicht enthalten
Sehr früh bekam er am Morgen von Vulten ein Briefchen mit einer versiegelten
Inlage überschrieben »tempori«
Jenes lautete
»Freund ich fodere nichts von Euch als eine kurze Unsichtbarkeit bis mein
Blinden und Flötenkonzert gegeben ist zumal da ich dazu Gründe habe die Ihr
selber habt Schreiben können wir uns sehr Wächst mein Erblinden so hastig fort
wie bisher so blas ich den vierzehnten obgleich als stockblinder Dulon bloß
um nur das arme OhrenPublikum nicht länger aus einem Wochentagsblatt ins andere
zu schleppen Ich bitt Euch macht kein Instrument ohne mirs zu schreiben
Ich hoffe dass Ihr die FamilienEhre schonet wenn Ihr in den Webstuhl tretet
um das bewusste FreundschaftsBand zu weben und dass Ihr darauf rechnet dass ich
nötigstenfalls auch ein paar Fussstösse im Stuhle mitzutun bereit wäre Auf
Beilage setzt Euer Siegel neben meines und schickt sie zurück zu gehöriger
Stunde wird sie vor Euch einst erbrochen Addio
v d H
N S Man muss jetzt meiner Augen wegen mit ellenlangen Buchstaben an mich
schreiben wie diese da«
Letzteres tat Walt in seiner Antwort gern aber der Blindheit gedacht er nicht
aus Wahrheitsliebe Er versprach alles Verlangte und beklagte leidend die
Trennung einer so kurzen Vereinigung beteuerte aber dass Vult jeden Schritt und
jedes Glück bei dem Grafen mit ihm schriftlich teilen solle Übrigens erkannte
Walt in dieser Unsichtbarkeit den Bruder nur als einen rechten Weltluchs der
sich auch gegen das kleinste Wetterleuchten des Zufalls einbauet das den
Menschen oft mitten in seiner besten Dunkelheit vom Scheitel bis zur Sohle
aufrecht erhellet
Das geheime Paket hätte man dem Notar ebensogut unversiegelt geben können
so sehr erfreute er sich eine Gelegenheit der Treue gegen andere und sich zu
erleben
Das versiegelte Blatt lautete so
»Da es ungewiss ist ob Du je diesen Brief an Dich lesen darfst so kann ich
offen genug schreiben Es hat mich ungemein und diese ganze Nacht durch
gekränkt lieber Bruder wer weiß ob wir uns noch so anreden bei dem Erbruche
dieses Blattes der entweder im schlimmsten oder im besten Falle geschieht
dass Du von der Freundschaft Deines Bruders nicht so wie er von Deiner
befriediget wirst sondern schon eine neue suchst Dass ich Deinetwegen im dummen
Hasslau bleibe oder dass ich für Dich mit WürgEngeln und Scharf und
Höllenrichtern mich herumschlagen würde daraus kann nicht viel gemacht werden
aber dass ein Mensch dem auf seinem Reisewagen das Herz halb ausgefahren
gerädert ja abgeschnitten worden doch für Dich allein eines mitbringt das
darf er anrechnen zumal in einem Tausche gegen Deines das zwar unbeschreiblich
rein und heiß aber auch sehr offen der Windrose aller Weltgegenden dasteht
Und nun wirds gar einem Grafen aufgemacht der als Freund den Thron besteigt
indes ich auf dem Geschwisterbänkchen oder Kinderstühlchen sitze o Bruder das
durchbrennt mich So rottenweise so in der Landsmannschaft aller Menschen auch
mit geliebt zu werden und um ein Herz sich mit seinem samt hundert andern Herzen
wie ein Archipelagus von ZirkelInseln herumzulagern Freund das ist mein
Geschmack nicht Ich muss wissen und halten was ich habe
Wollt ich Dir freilich meinen schwülen Giftbaum worunter ich diese Nacht
geschlafen aufblättern so kenn ich Dein schönes sanftes opferndes Gemüt
aber lieber wollt ich ihn ganz abernten eh ich so demütig wäre Es verdriesset
mich schon dass ich vor Dir nur so viel schon am Grafen getadelt Sieh selber
wähle selber nur Deine Empfindung treibe Dich hinzu oder hinweg Umgekehrt
vielmehr werd ich Dir alle mögliche Flugwerke Strickleitern und
Schneckentreppen zum hohen Grafen machen und leihen dem ich so gram bin aber
dann wann Du entweder ganz bezaubert oder ganz entzaubert bist lös ich das
Siegel von folgender Schilderung dieses Herrn
Er ist nicht zum Ausstehen Eitelkeit des Stolzes und Egoismus sind die
beiden Brenn oder Frostpunkte seiner Ellipse Mir missfällt ein junger elender
Fant gar nicht denn ich seh ihn nicht der ein Narr ist ein Bilderdiener
seines Spiegelbilds ein Spiegel seiner Pfauenspiegel und so gern ich in
effigie jedem männlichen Fratzen der sich hinsetzen und als Elegant einem
ModeJournalisten sitzen kann einen tapfern Fußtritt gäbe so bekümmern mich
doch die Narren zu wenig ja ich könnte einem der frei seine Eitelkeit
erklärte solche nachsehen Hingegen einem der sie leugnet der den
Pfauenschweif hinter den Adlersflügeln einheften will der nur an Sonntagen
schwarz geht weil da der Schornsteinfeger weiß geht der sehr ernst sich
bloß die Glatze auskämmt der wie eine Spinne nächtlich das Gewebe womit er
die SumsMücke Lob einfängt wieder verschluckt und dann wieder ausspannt und
der die Ansprüche des Philosophen und Narren gern verbände und der natürlich
noch dabei vollends so egoistisch ist Ich sage egoistisch
Macht sich ein Mensch Bruder aus den Menschen nicht viel so bin ich
stiller als einer dazu nur mach er sich auch nicht mehr aus sich und im
Streitfall seines und fremden Glücks wähl er großmütig Hingegen ein echter
recht frecher Selbstsüchtling der ganz unverschämt gerade die Liebe begehrt
die er verweigert der die Welt in einer KoschenilleMühle mahlen könnte um
sich Weste und Wangen rot zu färben der sich für das Herz der Allheit ansieht
deren Geäder ihm Blut zu und abführt und der den Schöpfer und Teufel und Engel
und die gewesenen Jahrtausende bloß für die Schaffner und stummen Knechte die
Weltkugeln für die Dienerhäuser eines einzigen erbärmlichen Ichs nimmt Walt
es ist bekannt einen solchen könnt ich gelassen und ohne Vorreden totschlagen
und verscharren Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke großmütige
obwohl zerreissende Löwen der Egoismus aber ist eine stille sich einbeissende
fortsaugende Wanze Der Mensch hat zwei Herzkammern in der einen sein Ich in
der andern das fremde die er aber lieber leer stehen lasse als falsch besetze
Der Egoist hat wie Würmer und Insekten nur eine Du glaub ich vermietest
deine rechte an Weiber die linke an Männer und behilfst Dich so gut Du kannst
im Herzohr oder Herzbeutel Vom Grafen will ich Dir nichts sagen als dass er als
protestantischer Philosoph eine liebliche aber katholische Braut Dir frappant
ähnlich in der Liebe gegen jeden Atem des Lebens schlechterdings aus ihrer
Religion in seine schleppen will bloß aus egoistischer stolzer Unduldsamkeit
gegen einen stillen Glauben in der Ehe der seinen als einen falschen schölte
Und dieses Menschen KebsBraut wolltest Du werden Es schmerzet mich
jetzt wo ich mich ins Kühle geschrieben recht ins Herz hinein dass Du Sanfter
bis dahin bis zur Eröffnung dieses Testaments dieses Briefs so manche Plage
von zwei Spitzbuben erdulden wirst wovon der zweite ich selber bin Denn wie
ich bis dahin schmollen Dich auf harte Proben stellen zB auf die ob meine
Unsichtbarkeit Ergrimmung und Ungerechtigkeit Dir genug ans Herz gehe und wie
ich überhaupt des Teufels gegen Dich sein werde ist Gott und mir am besten
bekannt denn ich kenne meine SchmollNatur welche so sehr ich mir auf dieser
Zeile das Gegenteil vornehme so wenig als ein schwimmender Kork in einem Gefäß
Wasser in der Mitte bleiben kann Ach auf jedem frischen Druckbogen des Lebens
kommt immer unten der Haupttitel des Werks wieder vor
Mein Übel aber eben ist der Schmollgeist esprit de dépit damour den mir
eine der vermaledeitesten Feen muss in die Nasenlöcher eingeblasen haben Eine
schlimmere Bestie von Polter und Plagegeist ist mir in allen Dämonologien und
Geisterinseln noch nicht aufgestoßen Ordentlich als sei das Lieben nur zum
Hassen da erboset man sich den ganzen Tag auf das süßeste Herz sucht es sehr
zu peinigen breitzudrücken einzuquetschen zu vierteilen zu beizen aber
wozu Um es halbtot an die Brust zu nehmen und zu schreien o ich Höllenhund
So gottlos hielt ich mit Freunden Haus noch gottloser freilich mit Freundinnen
Dreitausendzweihundertundfünfmal söhnt ich mich mit einer türingischen
Geliebten in dem kurzen Wonnemonde unserer Liebe aus mit andern aber öfter
und kündigte doch gleich darauf wie ein kopulierter Fürst die SeelenTrauung
wieder durch Kanonenschüsse und Mordknälle an weil ich wieder den kleinsten
schönsten allerliebsten Reif der Liebe für Schnee ansah Bei solchen
Umständen das schwur ich feierlich heirate der Teufel oder ein Gott denn ist
die Person nicht abwesend die man zu lieben hat abwesend gehts sehr auch
brieflich oder was ebensogut ist abgegangen mit Tod Liebe und Testament
werden durch Sterben erst ewig so hat man nach den bekannten wenigen
FlitterSekunden seine BleiJahre bringt sein Leben wie an einem Kamin hin
halb den Steiss im Feuer halb den Bauch im Frost oder wie ein Stück Eis im
Wasser oben von der schönen Sonne unten durch die Wellen zerfliessend Und da
schaue Gott den Jammer Jeder hüte sich lehr ich oft genug vor dem saueren
Schmoll und Salzgeist weils keinen schlimmern gibt Dass ich immer abreisete
von alten Menschen zu neuen muss ich eben tun um nicht zu zanken sondern noch
zu lieben Der Himmel weiß wie ich Dich peinigen werde Aber vorausgesagt hab
ichs hier in bester Laune und dann sei dieses Blatt wenn es aufgemacht wird
mein Schirm mein Feigen mein Ölblatt
Q H«
Nr 19 Mergelstein
Sommerszeit KlotarsJagd
Jetzt fing das Notariat des Notarius ordentlich erst recht an Er wurde der
allgemeine InstrumentenMacher der neugierigen Stadt Gerichtlich bei den
Testamentsexekutoren sind die Schuldverschreibungen die Protokolle über
verdorbne Warenfässer Pachtbriefe über Handelsgewölbe Kontrakte über zu
reparierende Stadtuhren und dergleichen niederlegt die er in so kurzer Zeit
ausfertigte dass ein alter hinkender Notarius nicht wusste was er dazu sagen
sollte aus Grimm sondern zu Gott hoffte der Amtsbruder werde was er da
einbrocke schon einmal auszuessen haben wenn ihn einst die sieben Erben und
die geheimen Testamentsartikel für jedes NotariatsVerbrechen bei den Haaren
nehmen wie ja das sein tägliches Gebet zum Himmel sei Walt fand nichts dabei
unbegreiflich als dass er freilich mehr sein Petschaft imstande sein sollte
die wichtigsten Dinge zu bestätigen da er kaum begriff wie er einst einen
Ehemann oder Staatsbürger abgeben könnte statt einem leeren Jüngling
Seinem Bruder schrieb er wie er mitten unter den Instrumenten den Roman
weiterwebe indem er so lange bis eine Kopie abtrockne ungehindert dichten
könne so wie dAguesseau behauptete er habe viele seiner Werke im
Zwischenraume gemacht wo er sagte quon serve und wo man meldete quil etoit
servi Aber Vult schrieb ihm Bitten und Gebote zurück ums Himmels willen bei
sich zu sein sich nie zu irren kein StundenDatum und andere Beiwerke der
Kontrakte zu vergessen nie zu abbrevieren mit Zeichen oder notis obgleich
notarius davon herstamme da er zumal sicher wisse dass man jedem Federzug
auflaure und dass ihm nur deshalb der Hoffiskal das KundenHeer zuweise
Einst schrieb ihm etwas Ähnliches sein Vater Lukas nachdem er bisher jeden
dritten Tag mündlich deswegen gekommen war in einem kalligraphischen
kopierten Briefe worin er ihn bei der Erbschaft beschwor in seinen
Instrumenten nichts zu radieren noch zweierlei Tinte zu nehmen und darauf
befragte ob es außer Treibers Spatzenrecht Klüvers Hundsrecht und Müllers
Bienenrecht nicht noch Wespenrechte Hühnerrechte und Rabenrechte gebe und was
das Bienenrecht statuiere wenn einer nur eine Biene totmache oder ein paar Der
Sohn schickte eine höfliche und ernste Antwort mit einer Spielkarte worein er
einen Maxdor als einen Ehrensold für den Rat gesteckt Er hatte das Goldstück
gegen übermässiges Agio von Neupetern erwechselt um seine Eltern durch das Gold
den Phönix und Messias des Landvolks in den dritten Himmel zu werfen Die
Botenfrau musst ihm aber die Viertelstunde ihrer Ankunft bestimmen und beteuern
damit er erstlich bis dahin in den seligsten Träumen des nahen elterlichen
Glückes schwimmen und zweitens doch noch die Viertelstunde kosten könne wo er
entschieden wusste das ganze Haus in Elterlein sei nun außer sich vor Jubel über
den Maxdor und lasse Schomakern aus dem Schulund die Goldwaage aus dem
Pfarrhause dazu holen Soviel süßer wirds lieber durch Boten als mit der Hand
lieber fernen Leuten als einem dasitzenden Mann zu schenken der alles ausmacht
wenn er einsteckt und sich bedankt
Seine alte SeelenSchwester Goldine erhielt jetzt einen Brief Vorn herein
schrieb er er übertreib es nicht wenn er sowohl in Rücksicht seiner jetzigen
Bekanntschaften als seiner künftigen Hoffnungen sich für ein Glückskind des
gütigsten Schicksals erkläre und nur mit griechischer Furcht vor der Nemesis
bekenn er dass sein erster Ausflug fast zu glücklich seine erste ZielPalme
schon voll Früchte sei und seine Abende einen Abendstern besässen und die Morgen
den Morgenstern
Darauf ging er weiter zur Malerei des Sommerlebens an welche er sich ohne
Furcht mit folgenden Farben machte
»Schon der Sommer allein erhöbe Gott welche Jahreszeit Wahrlich ich weiß
oft nicht bleib ich in der Stadt oder geh ich aufs Feld so sehr ists
einerlei und hübsch Geht man zum Tor hinaus so erfreuen einen die Bettler die
jetzt nicht frieren und die Postreiter die mit vieler Lust die ganze Nacht zu
Pferde sitzen können und die Schäfer schlafen im Freien Man braucht kein
dumpfes Haus jede Staude macht man zur Stube und hat dabei gar meine guten
emsigen Bienen vor sich und die prächtigsten Zweifalter In Gärten auf Bergen
sitzen Gymnasiasten und ziehen im Freien Vokabeln aus Lexizis Wegen des
Jagdverbotes wird nichts geschossen und alles Leben in Büschen und Furchen und
auf Ästen kann sich so recht sicher ergötzen Überall kommen Reisende auf allen
Wegen daher haben die Wagen meist zurückgeschlagen den Pferden stecken Zweige
im Sattel und den Fuhrleuten Rosen im Mund Die Schatten der Wolken laufen die
Vögel fliegen darzwischen auf und ab Handwerkspursche wandern leicht mit ihren
Bündeln und brauchen keine Arbeit Sogar im Regenwetter steht man sehr gern
draußen und riecht die Erquickung und es schadet den Viehhirten weiter nichts
die Nässe Und ists Nacht so sitzt man nur in einem kühlern Schatten von wo
aus man den Tag deutlich sieht am nördlichen Horizont und an den süßen warmen
HimmelsSternen Wohin ich nur blicke so find ich mein liebes Blau am Flachs
in der Blüte an den Kornblumen und am göttlichen unendlichen Himmel in den ich
gleich hineinspringen möchte wie in eine Flut Kommt man nun wieder nach
Hause so findet sich in der Tat frische Wonne Die Gasse ist eine wahre
Kinderstube sogar abends nach dem Essen werden die Kleinen ob sie gleich sehr
wenig anhaben wieder ins Freie gelassen und nicht wie im Winter unter die
Bettdecke gejagt Man isset am Tage und weiß kaum wo der Leuchter steht Im
Schlafzimmer sind die Fenster Tag und Nacht offen auch die meisten Türen ohne
Schaden Die ältesten Weiber stehen ohne Frost am offenen Fenster und nähen
Überall liegen Blumen neben dem Tintenfass auf den Akten auf den Sessions und
Ladentischen Die Kinder lärmen sehr und man hört das Rollen der Kegelbahnen
Die halbe Nacht geht man in den Gassen auf und ab und spricht laut und sieht die
Sterne am hohen Himmel schießen Selber die Fürstin geht noch abends vor dem
Essen im Park spazieren Die fremden Virtuosen die gegen Mitternacht nach Hause
gehen geigen noch auf der Gasse fort bis in ihr Quartier und die Nachbarschaft
fährt an die Fenster Die Extraposten kommen später und die Pferde wiehern Man
liegt im Lärm am Fenster und schläft ein man erwacht von Postörnern und der
ganze gestirnte Himmel hat sich aufgetan O Gott welches FreudenLeben auf
dieser kleinen Erde Und doch ist das erst Deutschland Denk ich vollends an
Welschland Goldine dabei hab ich noch die tröstende Aussicht dass ich
diesen Erntetanz der Zeit den ich Ihnen hier in matter Prosa geschildert weil
ich Ihre Liebe Ihr Vergeben kenne mit ganz anderem poetischen FarbenSchmelze
malen kann Freundin ich schreibe einen Roman Genug genug was ich
sonst noch gefunden was ich vielleicht nach anderthalb Stunden finde Goldine
dürfte ich diese Freuden in Ihr Herz ausgiessen O müsst ich nicht vor die
glänzenden Sonnenwolken verhüllende Erdenwolken ziehen Addio Karissima«
Aber hier sprang er auf ließ unabgeschrieben den Kaufbrief liegen unter
dessen Abfassung er heute eben vernommen dass Klotar zurück und der Himmel in
der Nähe sei und lief in des Grafen Garten Im Schreiben war Walt Befehlshaber
seiner Phantasie beträchtlich aber im Leben nur Diener derselben wenn jene
spielend ihm ihre Blumen und Früchte wechselnd in den Schoss hinein und über den
Kopf hinüber warf so drang unaufhaltsam sein ernsteres Herz seinen Gärten
seinem Gipfel zu und suchte den Zweig
In Klotars Park hofft er auf ein schönes Begegnen Alle Fenster der Villa
standen offen aber kein Kopf darin Der Gärtner der ihn für einen Gartenfreund
nahm ging ihm nach der Sitte mit einem Blumenstrauß in der Hoffnung entgegen
er werde diese GärtnersblumenSchwabacher und Fernschreiberei lesen können und
ihm dafür ein paar Groschen schenken Der Notar weigerte sich höflich vor dem
blühenden Geschenke nahm es endlich mit den dankbarsten Mienen an und drückte
den aufrichtigsten Dank noch mündlich vor dem Gärtner aus der sich mit den
finstersten überwebte weil er keinen Heller bekam Selig strich der Notar durch
die Gänge in die dunkeln BuschNischen an betitelte Felsen und Mauern vor
grüne Bänke der Aussichten und überall flog ihm ein Blumenkranz auf den Kopf
oder ein Sommervogel ans Herz nämlich wahre Freuden weil er überall ein Beet
erblickte woraus wie er dachte sein künftiger Freund sich einige Blumen oder
Früchte des schnellen LebensFrühlings ausgezogen »Der edle Jüngling kann«
sagte Gottwalt an den verschiedenen Plätzen »wohl auf dieser Bank lang der
Abendröte nachgesehen haben in diesem Blütendickicht dämmernde HerzensTräume
ausgesponnen auf dem Hügel wird er an Gott gedacht haben voll Rührung Hier
neben der Statue o wenn er hier könnte die sanfte Hand seiner Geliebten
genommen haben falls er eine hat wenn er betet tat ers gewiss in diesem
mächtigen Hain«
Es gab wenige Bänke im Park worauf er sich nicht niedersetzte
voraussetzend Klotar habe früher da gesessen »Der englische Garten ist
göttlich« sagt er abgehend zum stillen Gärtner an der Pforte »abends
erschein ich gewiss wieder liebster Mann«
Er machte auch zur versprochenen Zeit die Gartentüre auf In der Villa war
Musik Er verbarg sich und seine Wünsche in die schönste Grotte des Parks Aus
der Felsenwand hinter ihm drangen Quellen und überhängende Bäume Vor ihm goss
der glatte Fluss seinen langen Spiegel durch ein AuenLand Windmühlen kreiseten
ungehört auf den fernen Höhen um Ein sanfter Abendwind wehte das rote
Sonnengold aus den Blumen höher um die Hügel Eine weibliche Statue die Hände
in ein VestalinnenGewand gehüllt stand mit gesenktem Haupte neben ihm Die
Töne der Villa hingen sich wie helle Sterne ins QuellenRauschen und blitzten
durch Da Gottwalt nicht wusste welches Instrument Klotar spiele so gab er ihm
lieber alle in die Hand denn jedes sprach einen hohen tiefen Gedanken aus den
er dem Herzen des Jünglings leihen musste
Er entwarf sich unter süßen Klängen mehrmals den Umriss von der unerhörten
Seligkeit wenn der Jüngling auf einmal in die Grotte träte und sagte
»Gottwalt warum stehest du so allein Komme zu mir denn ich bin dein Freund«
Er half sich durch einige Streckverse an Jonathan so wollt er im Hasslauer
Wochenblatte den Grafen verziffern die ihm aber schlecht gelangen weil sein
innerer Mensch viel zu rege und zitternd war um den poetischen Pinsel zu
halten Zwei andere Streckgedichte unter welche er jene absichtlich im
Wochenblatte zum Scheine mischen wollte als sei alles Dichtung waren viel
besser und hießen so
Bei einem Wasserfalle mit dem Regenbogen
O wie schwebt auf dem grimmigen Wassersturm der Bogen des Friedens so fest So
steht Gott am Himmel und die Ströme der Zeiten stürzen und reißen und auf
allen Wellen schwebet der Bogen seines Friedens
Die Liebe als Sphinx
Freundlich blickt die fremde Gestalt dich an und ihr schönes Angesicht lächelt
Aber verstehst du sie nicht so erhebt sie die Tatzen
Eben kam der Gärtner und befahl ihm an sich wegzumachen weil man den
Garten schließe Er dankte und ging willig Aber zu seinem Erstaunen fuhr er in
der TeaterschneidersGasse nahe vor einem sechsspännigen FackelWagen vorbei
worin Klotar saß nebst andern so dass er im Garten manches sah er vergeblich
empfunden Er ging noch eine halbe Stunde vor Vults Fenstern auf und nieder
zwar ohne diesen zu sehen der ihn sah aber doch um ihn sich nahe zu denken
Tags darauf hatt er das Glück den Grafen der mit einer alten krummen Dame
englisch sprach auf einem GartenGange zu treffen und vor dessen ernstem
schönen Gesicht den Hut mit LiebesAugen zu ziehen Er suchte ihm noch sechs
oder sieben Male aufzustossen und zog ebensooft aus Unbekanntschaft mit der
GartenKleiderordnung den SalutierHut was zuletzt dem Grafen so verdrießlich
fiel dass er unter Dach und Fach auswich Auch der Gärtner der längst über ihn
und seine scharfen Beobachtungen des Landhauses seine eignen angestellt wurde
konfus und glaubte etwas zu vermuten
Noch spät abends kam ein Läufer vom polnischen General Zablocki der in
Elterlein das bekannte Ritterschloss hatte mit dem Befehle sich morgen ganz
früh Punkt 11 Uhr einzustellen um etwas zu machen »O Lieber wenn doch mein
Klotar ein Instrument bei mir bestellte Gäb es denn eine holdere
Gelegenheit« dacht er Punkt 11 Uhr kam derselbe Läufer und bestellt ihn ab
Aber an der Wirtstafel vernahm er welche Himmelskugel nahe vor ihm seitwärts
weggezogen war
Die Tischgenossenschaft vereinigte sich nämlich das göttliche Gemüt einer
gewissen »GeneralsWina« zu erheben Es gibt vielerlei Ewigkeiten in der armen
Menschenbrust ewige Wünsche ewige Schrecken ewige Bilder so auch ewige
Töne Der Laut Wina ja nur der verwandte Winchen Wien Mine München erfasste
den Notar ebensosehr als wenn er an Aurikeln roch auf deren DuftWolken er
sich so lange in neue ausländische Welten verschwamm bis er entdeckte dass er
nur die frühesten seines Lebens tauig ausgebreitet sehe Und die Ursache war
eben eine In seiner Kindheit war nämlich da er an den Blattern blind dalag
ein Fräulein Wina die Tochter des General Zablocki dem das halbe Dorf oder die
sogenannten Linken gehörte mit der Mutter zum Schultheiß gekommen In der
Familie hatte sich erhalten dass das kleine Mädchen gesagt der arme Kleine sei
ja sehr tot und sie woll ihm alle ihre Aurikeln geben weil sie ihm keine Hand
geben dürfte Der Notar beteuerte dass er sich es noch klar und süß erinnere
wie ihn Blinden der AurikelnGeruch durchdrungen und ordentlich berauscht und
aufgelöset habe und wie er ein peinliches Schmachten gefühlt nur eine
Fingerspitze des Kindes dessen süßes Stimmchen ihm fern fern herzukommen
schien anzurühren und wie er die kühlen Blumenblätter an seinen heißen Lippen
totgedrückt Diese BlumenGeschichte musst ihm erzählt er in der Krankheit
und nachher in der Gesundheit unzählige Male erzählt werden er habe aber Wina
nie aus seiner KindheitsDämmerung gelassen und sie später nie angesehen weil
er es für Sünde gegen dieses für das Tageslicht ordentlich zu heilige zarte
Wesen gehalten Wenn ansehnliche Dichter ihre Arme und Flügel zusammenstellen
um wie auf einem MinervensSchilde eine Schönheit emporzuheben durch Wolken
hindurch über schwache Monde mitten unter die NachtSonnen hinein so hob doch
Walt die ungesehene süß sprechende Wina viel höher nämlich in das dunkle
tiefste Sternenblau wo das Höchste und das Schönste glüht und strahlt ohne
Strahlen für uns Tiefe gleich den großen ZentralSonnen Herschels welche durch
ihre unendliche Größe ihren unendlichen Glanz wieder an sich ziehen und
ungesehen in ihrem Feuer schweben
Gottwalt fragte ob diese Wina die Tochter Zablockis sei Er hörte es sei
diese eben die Braut Klotars Welche Überraschung sich einen männlichen
markigen scharfen Geist und Freund mit der sanften Liebe zu denken mit dem
Dämpfer der das Schmettern zu Nach und Widerklängen erweicht einen Heros
neben einer heiligen Jungfrau und auf der andern Seite sich die Braut eines
Freundes zu denken diese höhere geistige Schwester diese Gott geweihte Nonne
im Tempel der Freundschaft denn für eine schöne Seele gibt es keine schönere
als des Freundes Geliebte mehr Liebe und FreudenTräume konnte eine einzige
Nachricht schwerlich einem Menschen zuwerfen als die neue dem Notar die neueste
ausgenommen dass heute beim General die Ehepakten aufgesetzet worden oder doch
würden Der Notar der aus seiner Abbestellung das Widerspiel wusste fuhr
ordentlich vor der aufgeschobenen HerzensSzene zusammen die ihm entgangen war
»ich glaube ich sterbe« dacht er »vor Liebe gegen zwei solche Menschen die
ich auf einmal in ihrer fände den Kontrakt würd ich ohnehin mit zehntausend
Fehlern aufsetzen und stände mein Kopf darauf«
Er hörte aber noch mehr Der Graf sagte die Wirtstafel heirate sie bei
seinem Reichtum nur der Schönheit und Ausbildung wegen denn er habe zehnmal
mehr Geld als der General Schulden »Was tuts« sagt ein unbeweibter Komödiant
der Väter machte »die Hehre soll die Liebe und Charis selber sein« »Zwar die
Mutter in Leipzig glaub ich« versetzte ein KonsistorialSekretär
»konsentiert bequem da sie luterischer Konfession ist so gut wie der
Bräutigam aber der Vater« »Wieso« fragte der Komödiant »Tochter und Vater
sind nämlich Katholiken« antwortete der Sekretär »Wird sie die Religion
changieren« fragte ein Offizier »Das weiß man eben nicht sagte der Sekretär
bleibt sie inzwischen bei ihrer so sind sehr viele Dinge vorher auszumachen
und beide müssen durchaus zweimal kopuliert werden einmal von einem
lutherischen Geistlichen hernach von einem katholischen« »Ihr Konsistorien«
sagte der Offizier »bleibt doch bei Gott ein ganzer wahrer diffiziler
nichtsnütziger langweiliger Schnickschnack der mich ordentlich revoltiert wie
stecht ihr ab gegen einen Feldprediger«
So beklommen als nach der medizinischen Geschichte Leute erwachen die in
ihrem Schlafzimmer einen Pomeranzenbaum hatten der in der Nacht die Blüten
auftat und sie mit seinem DuftFrühling überfiel so stand Walt mit der
süßnagenden Geschichte am liebewunden Herzen vom Tische auf Er wollte er
musste die Brautleute sehen Wina die er früher als der Graf wenigstens gehört
konnt er ordentlich bitten ihn dem Bräutigam und diesen den er längst
gesehen und gesucht ihn der Braut vorzustellen Sehr hatt ihm an der
Wirtstafel die Bemerkung gefallen dass Wina eine Katolikin sei weil er sich
darunter immer eine Nonne und eine welsche Huldin zugleich vorstellte Auch dass
sie eine Polin war sah er für eine neue Schönheit an nicht als hätt er etwa
irgendeinem Volke den Blumenkranz der Schönheit zugesprochen sondern weil er so
oft in seinen Phantasien gedacht Gott wie köstlich muss es sein eine Polin zu
lieben oder eine Britin oder Pariserin oder eine Römerin eine Berlinerin
eine Griechin Schwedin Schwabin Koburgerin oder eine aus dem 13 Säkul
oder aus den Jahrhunderten der Chevalerie oder aus dem Buche der Richter
oder aus dem Kasten Noäh oder Evas jüngste Tochter oder das gute arme
Mädchen das am letzten auf der Erde lebt gleich vor dem Jüngsten Tage So waren
seine Gedanken
Den ganzen Tag ging er in neuer Stimmung herum so kühn und leicht als
lieb er selber war ihm und doch war ihm wieder als wenn er zwar alle habe
aber keine er wollte Winen eine Brautführerin zuführen in die er selber
sterblich verliebt wäre er lechzete nach dem Bruder nicht um ihn darüber zu
belehren oder zu vernehmen sondern um eine liebe Menschenbrust zum Druck an
seine zu haben ein großer Regenbogen abends in Osten spannt ihn noch höher
Der leichte schwebende Bogen schien ihm ein offenes FarbenTor für ein
unbekanntes Paradies es war der alte glänzende Siegesbogen der Sonne durch
welchen schon oft so viele schöne tapfere Tage gegangen so viele sehnsüchtige
Augen gesehen Auf einmal fiel ihm ein gutes Mittel ein drei Wünsche zu
befriedigen zwei laute und einen stillen
Nr 20 Zeder von Libanon
Das Klavierstimmen
Es ist bekannt dass nach der sechsten Klausel des Testamentes der Notar auch
einen Tag lang stimmen muss um zu erben Längst hatt ihn außer Vult noch sein
Vater der nicht erwarten konnte wie der sogenannte RegulierTarif oder die
geheimen Artikel Fehler setzen und strafen würden um Verwaltung dieses ErbAmts
als des kürzesten angelegen um hinter die Ehrlichkeit des sel Testators zu
kommen aber Walt hatte beiden stets das Unrecht entgegengesetzt den alten
gebenden Mann für einen Schelm zu halten Aus schöneren Gründen hingegen konnt
er jetzt stimmen wenn er wollte diese waren die dreifache Hoffnung er werde
da sein StimmAmt vorher im Wochenblatt dem Publikum musste angeboten werden in
die vornehmsten Häuser und Zimmer kommen die schönsten Töchter vorfinden denn
Töchter und Instrumente sind nicht weit auseinander und wohl auch die
köstlichen Mahagonipiano von Schiedmaier aufdecken auf deren Tasten Klotar und
Wina die beringten Finger gehabt
Walt betrieb feurig die Sache ohne alles Ratfragen Er zeigte seinen Willen
den TestamentExekutoren oder dem regierenden Bürgermeister Kuhnold an Dieser
eröffnete ihm dass er nach dem geheimen RegulierTarif 4 Louis aus der
Erbschaftskasse erhalte weil der Testator ihn keiner Verbindlichkeit fremder
Bezahlung aussetzen wollen Wie ein Vater ermahnte er ihn sein Ohr unter dem
Stimmen nicht zu zerstreuen und er würde ihm deutlicher raten sagt er wenn
es seine Pflicht erlaubte »Auch ich geb Ihnen ein Instrument« setzt er mit
einem wohlwollenden Lächeln dazu Walt in die Liebe verliebt erinnerte sich
mit Vergnügen an Kuhnolds bekannte fruchttragende Ehe voll Töchter
Die Sache wurde ins Wochenblatt gesetzt
Der einsilbige Vult schrieb nach der Erscheinung desselben einen ganzen fast
ernstaften KautelarBogen voll Predigten über SaitenNummern SaitenSprengen
und falsche Temperaturen samt dem Flehen doch nur einen Tag lang kein Dichter
zu sein »Sondern Instrumente statt zu machen wie ein Notar zu stimmen wie ein
ordentlicher Regensburger KomitialMensch«
Am Abend vor dem StimmTag erhielt Walt die Liste der Stimmhäuser aber
darunter war weder sein Wohnhaus Neupeter war zu stolz dazu noch Klotars
und Zablockis ihre doch sonst hohe genug
Als er am Morgen zuerst bei Kuhnold nach der ancienneté des Meldens hatt
er zu hausieren als Stimmer ankam fand er im netten glatten KlavierZimmer
statt der Dlles Kuhnold den obengedachten hinkenden grämlichen Notar den der
Fiskal Knoll als der Kardinalprotektor der sieben Erben hergeschickt zum
Zeugen aller Fehler weil ein Notar wie Deutschland weiß zwei Zeugen schwer
wiegt folglich für das Jus gerade jener nervus probandi und erster Grundsatz
des Widerspruchs jene geistige tonica dominante oder Primzahl ist wonach so
lange schon die Weltweisen wettrennen um solche nur zu sehen daher der Jurist
in Minuten mehr beweiset als der Philosoph in Säkuln
Auch war Knoll weitläufig schriftlich darauf bestanden den StimmTag
durchaus nicht zu Walts NotariatsZeit zu schlagen was sich replizierte
Kuhnold ja von selber verstanden hätte
Das heitergeordnete Zimmer ohne Töchter trug indes überall die FarbenAsche
weiblicher Schmetterlingsflügel bunte Arbeiten und Arbeitszeug schöner Finger
Das Pianoforte war fast wie gestimmt nur zu hoch um einen Ton eine Stimmgabel
lag dabei auf den Tasten waren die Nummern der Saiten auf dem Sangboden neben
den Stiften das TastenAbc mit schwärzerer Tinte retouchiert für Stille war in
der Nachbarschaft gesorgt und Kuhnold kam zuweilen nachschauend aber ohne ein
Wort zu sagen Er bot den Notarien ein Frühstück an »Wollte Gott« dachte Walt
»eine oder die andere Tochter trüg es herein« Eine runzlige ehrliche
männliche Haut von mehr Jahren als Haaren bracht es so freundlich als sei sie
in der Tat der Wirt
Redlicher Bürgermeister von Hasslau lasse mich in dieser Minute wo ich eben
die folgende Nummer und Naturalie Grossmaul oder Wydmonder samt Dokumenten von
dir und der Post erhalte die Geschichte mit der Versicherung stören dass ich
wissen würde wie hoch ich dich zu stellen habe wärest du auch weniger der
Schirmherr des ewig in Schlingen gehenden Notars schon daraus mein ich dass
du erstlich einen ganz alten wahrscheinlich beweibten Bedienten hast und dass
er zweitens noch vergnügt aussieht
Beide Notarien frühstückten und der Exekutor sprach während die Wachparade
gleichsam mit ihrem Rauschgold und Knallsilber auf den Uniformen mit einem
Geschrei auf der Trommel das nicht bloß an die Haut des sie überziehenden Tiers
erinnerte vorbeimarschierte und niemanden sonderlich die Stimme und das Stimmen
zuließ Da hinter der Parade noch Musik englischer Bereiter zog so versicherte
Kuhnold jetzt höre niemand sein Wort geschweige den zärtesten Misston
So ging der ganze Vormittag unter fehler und töchterlosem Stimmen vorüber
und beide Notarien zum Essen jeder ganz verdrießlich der hinkende darüber dass
er wie ein Narr dagesessen ohne das geringste mögliche Niederschreiben der
stimmende dass er niemand gesehen In gewissen Jahren versteht das männliche
und das weibliche Geschlecht unter »niemand« das eigne und unter »jemand« das
andere
Zu Buchhändler Passvogel zogen darauf beide Notars Dem Flügel des
StimmHauses fehlte nicht so sehr die Stimmung als Saiten dazu Statt des
Stimmhammers musste Walt mit einem GewölbSchlüssel drehen und arbeiten für
Musikschlüssel Ein geschmücktes schönes Mädchen von 15 Jahren Passvogels
Nichte führte einen Knaben von 5 dessen Sohn in seinem Hemde herum und suchte
leise singend eine leise Tanzmusik aus den zufälligen StimmTönen
zusammenzuweben für den jungen Satan Der Kontrast des kleinen Hemdes und der
langen Chemise war artig genug Plötzlich sprangen die drei Saiten a c h nach
Hasslauer offiziellen Berichten welche gleichwohl nicht festsetzen in welchen
gestrichnen Oktaven »Ja lauter Lettern aus Ihrem Namen G Harnisch« sagte
Passvogel »Sie wissen doch die musikalische Anekdote von Bach Es fehlt Ihnen
nur mein p« »Ich stimme am b« sagte Walt »aber für das Springen kann ich
nicht« Da der hinkende Notar so viel Verstand besaß um einzusehen dass ein
StimmSchlüssel nicht drei Saiten auf einmal sprenge so stand er auf und sah
nach und fands »Aus dem Ach wird ja ein Bach scherzte der Buchhändler
ablenkend Was macht der Zufall für Wortspiele die gewiss keine Bibliothek der
schönen Wissenschaften unterschriebe oder schriebe« Allein der hinkende Notar
versicherte die Sache sei sonderbar und protokollmäßig und als er noch einmal
den Sangboden besah guckte gar hinter der PapierSpirale aus dem ResonanzLoche
eine Maus heraus »Die hats gemacht« sagt er schrieb es nieder und
schüttelte so als ob er vermute der Buchhändler habe sie aus Absichten in den
Sangboden schießen lassen Walt fragte auf einmal sich besinnend »Stimm ich
denn fort Ich sehe überall die Mausspuren und alles springt« Er legte den
GewölbSchlüssel sanft hin Passvogel wollte als hitziger Mann ausfallen Aber
Walt entkräftete ihn durch die Erklärung er wolle in der Stadt herumstimmen und
zu ihm zuletzt aber bei andern Saiten kommen
Sie gingen zu Hrn van der Harnisch der sich auch auf die Liste gesetzt Er
sagte er erwartete jede Stunde sein MietPantalon und ließ beide fast eine
ganze lauern Es verschnupfte ordentlich den hinkenden Notar der noch dazu
nicht fasste wie der stimmende den Edelmann so liebreich anschauen konnte Walt
schrieb alles dem brüderlichen Sehnen nach Wiedersehen zu indes Vult dabei die
Absicht hatte dem Tage und Bandwurm der an der Erbschaft frass ein Stück
abzureissen Endlich ließ er beide unverrichteter Sache abziehen nachdem er sie
ein paarmal gefragt ob sie noch da wären weil er sie nicht höre in seiner
Blindheit
Sie kamen zu einer verwitibten schönen Stückjunkerin die sich mit ihrem
Stickrahmen eine Paukendecke stickte sie sehr nahe an das gleissendgebohnte
Klavier setzte das sie ihn vielleicht stimmen ließ um ihn für sich zu stimmen
Er horchte so vergnügt auf ihre Anreden dass er einmal den Stimmhammer auf den
Sangboden fallen ließ und ein paar Saiten abdrehte Am Ende des Geschäfts zeigte
sie ihm das musikalische Würfelspiel und bat ihn damit zur Probe zu
komponieren Er tats und spielte seine erste Komposition vom Blatte er wollte
noch länger vorspielen denn nie spielt der Mensch lieber als nach dem Stimmen
aber der hinkende Notar setzt ihm die TestamentsKlausel entgegen Die
Stückjunkerin machte selber einige prüfende Griffe der Schosshund sprang empor
und ging mit vier dergleichen über die Tastatur und verstimmte ein wenig Walt
wollte nachhelfen aber der hinkende Notar trieb ihn mit der Klausel von dannen
Er ging ungern Sie war eine blonde Witwe von 30 Jahren also um 5 oder 7 Jahre
jünger als eine Jungfrau von 30 Es freute ihn dass die Saite doch einmal der
herrufende Klingeldraht der Schönheit geworden aber Himmel dacht er ein
Stimmen kann ich ja im Doppelroman zur Einkleidung aller Zufälle gebrauchen
Er musste zum PolizeiInspektor Harprecht der wie sein Protokollist sagte
mit einer Herde Töchter geschoren sei Harprecht empfing ihn sehr verbindlich
stäubte ein altes Hackbrett eilig weiter ab und schob ihm dasselbe freundlich
zum Stimmen vor Töchter waren nicht zu sehen Walt stutzte und sagte mit langer
sanfter Höflichkeit nein er setzte auseinander dass er da in der 6 Klausel
nur von Klavieren die Rede sei durch heutiges Stimmen morgendes versprach er
ihm gern gegen die vielen noch restierenden StimmHäuser auf der Liste er
wies sie vor verstoßen würde die alle ein gleiches Recht auf sein Stimmen ohne
Geld besässen Auch der hinkende Notar sagte unter Klavier könne nicht wohl ein
Hackbrett begriffen werden
»Oft doch« versetzte mit alter Liebreichigkeit Harprecht lächelnd bloß mit
einem Mundwinkel so wie er nur eine gerade Stirnfalte runzelte allein er sei
vielleicht so billig als einer und da er mit dem Hoffiskal Knoll ein Instrument
gemeinschaftlich gemietet für ihre Kinder so begleit er ihn zum Stimmen
desselben hin um sich das Vergnügen seiner Gesellschaft etwas zu verlängern
dürf aber gewiss bei der TestamentsExekution darauf antragen dass das
KompanieInstrument und also jeder StimmFehler für zwei gelte wobei ja Hr
Harnisch genug an Zeit und Mühe erspare und gewinne »Wahrlich« versetzte
Walt »ich wollt es wäre recht ich fragte nichts danach« Harprecht drückte
ihm die Hand und sagte einen solchen jungen Mann hätt er längst zu finden
gewünscht und alle gingen »Eben jetzt« sagte Harprecht unterwegs »ist Tanz
und Klavierschule bei Knoll und alle meine Töchter«
Es wird nicht unter der Würde der Geschichte sein hier anzumerken dass
Harprecht und Knoll sich ein einziges Spinett als eine FingerTenne und Palästra
für ihre Jugend und deren partielle Gymnastik ein passives Hammerwerk für ihr
aktives gemeinschaftlich bestanden von einem alten Kanzelisten und dass das
Spinett alternierend von einem Semester zum andern in den Häusern beider
Dioskuren stand Harprecht hatte sogar den Curas und Meidinger aus der
Gymnasiumsbibliotek für die gallischen Stunden seiner Töchter geborgt und
sagte er schäme sich dessen gar nicht
Der kürzere Weg zum Fiskal ging durch grüne rote blaue bunte Gärten
denen der VorHerbst schon die Früchte färbte vor den Blättern und Walt dem
die VesperSonne so warmfreundlich ins Angesicht fiel sehnte sich in den
AbendGlanz hinaus »Wären Sie imstande« sagte Harprecht »so auf der Stelle
ein Gedicht in Ihrer neuen Gattung die man so lobt auf was man will zu machen
Etwa ein Gedicht über die Dichter selber zB wie sie glücklicherweise so
hoch stehen auf ihrer fernen idealischen Welt dass sie von der kleinen
wirklichen wenig oder gar nichts sehen und also verstehen« Er sann lange
nach und sah gen Himmel endlich schlug aus diesem der schöne Blitz eines
Gedichtes in sein Herz Er sagte er hab etwas und bitt ihn bloß sich zu
dessen Verständnis an die astronomische Meinung zu erinnern dass das womit die
Sonne leuchtet nicht ihr Körper sei sondern ihr Gewölke Er fing an und
deklamierte in die Sonne schauend
Die Täuschungen des Dichters
Schön sind und reizend die Irrtümer des Dichters alle sie erleuchten die Welt
die die gemeinen verfinstern So steht Phöbus am Himmel dunkel wird die Erde
unter ihrem kalten Gewölke aber verherrlicht wird der Sonnengott durch seine
Wolken sie reichen allein das Licht herab und wärmen die kalten Welten und
ohne Wolken ist er auch Erde
»Hübsch und spitzig genug« sagte der Inspektor mit aufrichtigem Lob einer
Ironie die er im Streckvers fand die aber nicht der Dichter sondern das
Schicksal hineingelegt »In solcher Eile« versetzte Walt »kann man zwar wohl
den Gedanken schaffen denn jeder Gedanke des Menschen ist doch ein Impromptu
aber gar zu schwer den rechten Vershau ich gäbe ein solches Gedicht nie
öffentlich«
Sie traten ins laute Knollische Zimmer ein wo außer dem KompanieSpinett
und dem KompanieMusik und Tanzmeisterlein noch der Zusammenwurf beider Nester
war die mit Füßen und mit Händen sausen und brausen wollten lauter hagere
schmalleibige hänghäutige mokante scharfe MädchenFiguren von jedem Alter
worunter zwei Knaben mit turnierten Sämtliche Tanzschule harrete auf ihre
Klavierschule die wieder auf das Stimmen des Spinetts wartete
Das Musikmeisterlein schwur heute sei daran nichts zu brauchen so toll
klinge das Spinett Gleichwohl hatte sich den Abend vorher der PolizeiInspektor
über das Spinett gemacht um wie er sagte zum Fiskal der ihn vertrauend machen
ließ dem jungen UniversalErben etwas vorzuarbeiten hatte aber die meisten
Saiten zu tief herabgelassen ferner im Eifer der Vorarbeit zu dicke Nummern
auf dreimal gestrichne Noten oder Tasten gespannt und in der Tat genug
gefehlt
Walt fing an Er sprengte eine Saite nach der andern entzwei Harprecht
kegelte mit SaitenRollen aus der einen Hand in die andere und trachtete sehr
wie er sagte seinem jungen Freunde ein ziemlich langweiliges Geschäft zu
versüßen durch Diskurse auch reicht er ihm die SaitenKnäule die er brauchte
Anfangs hielt der Notar den Tanz bei dem Klavierstimmen so gut aus dass er
sogar da ihm keines Menschen Freudenstunde gleichgültig war teils in das
stimmende Oktaven und QuintenProbieren eine Art leichtern TanzTakt zu legen
versuchte teils ins Einhämmern der Stifte so unangenehm ihm auch die
sämtlichen Mädchen erschienen die sogleich in den jüngsten Jahren die venia
aetatis13 die einem Freiherrn über 300 fl in Wien kostet auf dem Gesicht als
Brautschatz mitgebracht
Da aber jede Saite zersprang und beinahe sein eigenes Trommelfell das er
und andere spannten und aufschraubten so ersuchte er um erforderliche Stille
Man schwieg allgemein er stimmte fort und lärmte allein die Tanzschule samt
dem Tanz und Musikmeisterlein sah jede Minute dem Anfange der Klavierstunde
entgegen Walt durchschwjetzte die Wind und Meerstille die Saiten sprangen
jetzt statt der Tänzer das Stimmen verstimmte sein Herz und Spinett er hatte
die annahende Nacht und die restierenden Stimmhäuser voll schönster Töchter und
Zimmer im Kopfe verdumpft hatt er sich schon längst weil keine Anspannung so
hart ins Gehirn drückt als die des Ohrs an siebenundzwanzig SaitenSprünge
hatte der hinkende Referent schon zu Papier gebracht und nun läutete die
Abendglocke Mit Wut warf der Notar den Stimmhammer ins Zimmer und rief »Der
Donner unds Was ist das Doch der bürgerliche und der kanonische Tag ist
jetzt zu Ende Herr Inspektor und alles die Saiten zahl ich«
Am Morgen darauf wurde ihm von Hrn Kuhnold der geheime Artikel des
RegulierTarifs eröffnet welcher bestimmt verordnete dass ihn jede Saite die
er im Erbamte des Stimmens zerrissen hätte ein Beet der ErbÄcker kosten
sollte so dass er jetzt nach dem Protokoll des HinkNotars um zweiunddreissig
Saiten oder Beete ärmer war Walt erschrak ungemein seines Vaters wegen Aber
als er dem regierenden redlichen Burgermeister in das traurige Gesicht recht
sah erriet er etwas nämlich dessen ganze gestrige Güte die ihm durch ein
hochgespanntes Instrument und durch jede andere Erleichterung und durch die
Entfernung der schönen Töchter sowohl die Gelegenheit zu SaitenRissen im eignen
Hause abschnitt als auch ein großes Stück Zeit zu mehreren in einem fremden
Dieser erquickende Gewinn einer schönen warmen Erfahrung erstattete ihm den
metallischen Verlust so reichlich dass er den Abschied vom Bürgermeister mit
einer frohen dankenden Rührung nahm die jener nur halb zu verstehen scheinen
musste
Nr 21 Das Grossmaul oder Wydmonder
Aussichten
Gottwalt schwur beim Eintritt in sein Haus er finde darin nach einem solchen
Stein Platz und MäuseRegen des Schicksals ein sehr hübsches Stück
Sonnenschein Und Flora brachte das Stück nämlich eine mündliche
Einladungskarte weil man ihn einer schriftlichen nicht wert halten konnte so
lieb ihm auch ein Expektanzdekret eines Himmels ein Wechselbrief auf Lust
gewesen wäre nämlich morgen Sonntags mittags zu Neupeters GeburtstagsDiner
auf einen Löffel Suppe zu erscheinen Auf den DinerLöffel und das
Souperbutterbrot auf diese EssPole laden die Deutschen ein nie auf die Mitte
auf Hechte Hasen Säue und dergleichen Flora sagte des Grafen Klotars wegen
feiere man die Geburt schon um 2 Uhr Walt beteuerte er komme gewiss
Ihn wiegte darauf ein zweiter warmer Glückswind das Wochenblatt mit Vults
Nachricht ans Publikum er flöte lieber Sonntags abends um 7 Uhr öffentlich so
stockblind er jetzt sei als dass er länger ein verehrtes Publikum forttäusche
und herumzerre in großen Erwartungen Dem ZeitungsBlatte lag ein Billett an
Walten bei worin ihn Vult um einen Vorschuss von 2 Louis für die
KonzertDienerschaft ersuchte und um das Protokoll des StimmTags und um ein
Paar Ohren für morgen und um das OhrenGehenk das Herz
Es hat nicht den Anschein dass einen so schönen und schweren Terzentriller
der Lust jene Göttin die immer plötzlich ins arme von rauen Wirklichkeiten
zerrissene MenschenOhr mit linden Melodien herabfährt je vor dem Notar
geschlagen als eben den mitgeteilten Er war selig und alles und redselig und
schrieb erstlich »Hier das begehrte Darlehn doppelt was gestern von Kabel für
das Stimmen eingelaufen« dann schrieb er die köstlichen Hoffnungen auf Klotar
zugleich die Streckverse auf den Grafen die bisherigen Pressgänge und
Kesseljagden nach diesem die Träume vom morgenden Flötengedackt und von der
Zukunft eines freiern BruderLebens ohne Blindheit und den Verlust von 32
Beeten
Es fürchte doch immer der Mensch die innerste Entzückung er glaube nur nie
ganz toll es werde jemals ein so leiser sanfter HimmelsTau wie sie ist auf
der stürmischen Erde und in ihren Windklüften die seltenen Windstillen finden
worin allein er sich in feste offene Blumenkelche einsenkt gleichsam die helle
gediegne Perle aus dem grauen WolkenMeer Sondern der Mensch erwarte dass er
den zweiten Brief sogleich erhalten werde den Vult an Walt in folgender
Stimmung schrieb
Vult hatte sich nämlich seit dem gestrigen Anblicke des Bruders mit ganz
frischer Liebe für denselben versorgt und sich besonders heimlich mit ihm
befreunden wollen durch die Bitte ihm vorzuschiessen er hatte sich gute Plane
voll jauchzender Hoffnungen auf die Zeit nach dem Sonn und KonzertTag
entworfen und sich gesagt »Sobald ich nur sehe was ich gleich nach dem
Konzerte tue so fallen lauter BundesFeste des Zusammenlebens und schreibens
vor und mein versiegelter Brief an ihn wird täglich dümmer« er war wie oft
aus seinem eignen Himmelssein eigener Höllenstürmer geworden er hatt es recht
tapfer gefühlt dass einige fliegende Winter des Herzens den fliegenden Sommern
so ähnlich dessen freudige Wärme nicht mehr wegnehmen als Eisstücke an den
Ufern den Lenz
So bekam er Walts obiges Freudengeschrei und Schreiben an einen Bruder der
solange als blinder Mann zu Hause gesessen gegen dessen Unsichtbarkeit der
andere sich noch so wenig gesträubt auf welchen dieser noch kein einziges
StreckGedicht gemacht obwohl auf den fremden Narren zwei oder drei kurz an
einen Mann der den alliebenden Notar dreitausendmal mehr liebe und allein
Folgendes setzte der Mann an Walten auf
»Anbei folgen 2 PlusLouis retour mehr war ich nicht benötigt obgleich
kein Mensch soviel Geld bedarf als einer ders verachtet Das hole der Teufel
dass 32 Beete jetzt vom Feinde mit Unkraut angesäet werden Solche Tonleitern
sind mehr Höllen als Himmelsleitern für mich Bei Gott ein anderer als der
eine von uns hätte vorher zu sich gesagt pass auf Kato schrieb ein Kochbuch
ein Streckdichter könnte wahrlich stimmen wenn er wollte nur umgekehrt gehts
nicht dass ein Koch einen Kato schreibt sondern höchstens ein Cicero dieser
Cicerone alter Römer Böse Träume die echten SeelenWanzen des armen Schlafs
gegen welche mein Kopf nicht so viel verfangen will als ein PferdeKopf gegen
LeibesWanzen hatten mir manches vorgepredigt was ich jetzt nachpredige vor
Denenselben mein Herr
Noch zeigen Sie mir fast verwundert an dass Ihnen nach der MarschOrdre vom
und zum General Zablocki dahier um 11 Uhr gerade um dieselbe Stunde Kontreordre
zum KontreMarsch zugekommen ohne dass Sie zu erwägen scheinen dass er sich
einen ganzen Tag Zeit genommen um sich zu ändern Herr sind denn die Großen
nicht eben das einzige echte Quecksilber der Geisterwelt Die erste
Ähnlichkeit damit bleibt stets ihre Verschiebbarkeit ihr Rinnen Rollen
Durchseigern Einsickern Verdammt die rechten Gleichheiten dringen nach und
sind nicht zu zählen Wie besagtes Quecksilber so kalt und doch nicht zu festem
stoischem Eis zu bringen glänzend ohne Licht weiß ohne Reinheit in
leichter Kugelform und doch schwer drückend rein und zugleich zu ätzendem Gift
sublimiert zusammenfliessend ohne den geringsten Zusammenhang recht zu
Folien und Spiegeln unterzulegen sich mit nichts so eng verquickend als mit
edlen Metallen und noch aus wahrer WahlAnziehung etwan mit Quecksilber
selber Männer die sich mit ihnen befassen sehr zum Ausspucken reizend
Herr das wollt ich die große Welt nennen deren goldnes Alter immer das
quecksilberne ist Aber auf solchen glatten blanken Weltkügelchen siedle sich
nur niemand an Übrigens folgen auch Einlassbilletts für das Flötenkonzert à
revoir Monsieur
v d H«
Walten taten indes nur die RetourLouis so weh als wären sie von Louis XVIII
geprägt sonst nahm er Vults Stampfen aus Zorn für Tanzen aus Lust und für
TaktTreten Hätt er ahnen können mit welchen Peinigungen der Liebe er den
Schmollgeist Vults wechselnd weg und herbannte er hätte in seiner ganzen
Gegenwart wenige Hoffnungen gefunden Jetzt schlief er mit der schönsten auf
morgen ein
Nr 22 Sassafras
Peter Neupeters Wiegenfest
Der Notarius konnte den ganzen Morgen nichts Gescheutes machen als Plane an
einem solchen Ehrentage ein neuerer Petrarca zu sein oder ein in einem Dorfe
gebrochner Juwel der sich auf der Edelsteinmühle der Stadt schon sehr
ausgeschliffen Er hielt sich vor das sei das erstemal dass er in den
schimmernden TierKreis des feinsten Cercle oder Kränzchens rücke »Gott wie
fein werden sie alles drehen« sagte er sich »und vor Turnüre kaum reden
Madame kann der Graf sagen ich bin zu glücklich um es zu sein Hr Graf
kann sie versetzen Ihr Verdienst und Ihre Schuld Darf man das Erraten
erraten fragt er Sollte Fragen mehr erlaubt sein als Antworten fragt sie
Das eine erspart das andere versetzt er Oh Graf sagt sie Aber Madame sagt
er denn nun können sie vor Feinheit nichts mehr vorbringen und wenn sie toll
würden Ich für meine Person setze vieles in den Hoppelpoppel oder das Herz«
Walt goss sich beizeiten seinen SonntagsBeschlag den Nanking als sein
eigener Gelbgiesser Über und setzte statt des braunflammigen Hutes den wollt er
in der Hand tragen mehr Puder als gewöhnlich auf Er ging geputzt ein paar
Stunden leicht auf und ab Er hörte vergnügt einen Wagen nach dem andern
vordonnern »nur abgeladen« sprach er »lauter Fracht und Messgut für den
Roman in dem ich Leute von Stande so nötig habe als Tinte Und wie wird sich
uns allen mein Klotar von so mannigfachen Seiten zeigen müssen der alte treue
Freund Gott wird mir schon dazu verhelfen dass ich auch etwas sagen kann zu
ihm«
Da er endlich bei einem neuen Rollen es für Zeit hielt sich hinabzumachen
und den Cercle zu schließen und zu runden mit seinem eignen Bogen und Bückling
so stellt er sich oben mit seinem Hute in der Hand ans Treppengeländer und
schaute so lange hiedurch hinab bis er dem neuen Nachschuss sich zuschiessen
konnte um so unbemerkt und ohne sonderliche Kurvaturen im Saale einzutreffen
Er glänzte sehr der Saal die vergoldeten Schlösser waren aus den
PapierWickeln herausgelassen dem Lüster der Staubund Busssack ausgezogen die
SeidenStühle hatten höflich vor jedem Steiss die Kappen abgenommen und auf dem
getäfelten Fußboden war die Leinwand ganz von den Papiertapeten weggezogen
welche die ostindische Decke so zudeckten dass diese sowohl sich als den
getäfelten Fußboden an einigen Winkeln leicht zeigte Den Salon selber hatte der
Kaufmann weil lebendige Sachen zuletzt jeden krönen mit GästenGefüllsel
ordentlich wie ein hohes PastetenGewölb saturiert namentlich mit Aigretten
Chemisen SchminkBacken Rotnasen feinsten Tuchröcken spanischen Röhren
Patentwaren und französischen Uhren so dass vom Kirchenrat Glanz an bis zu
netten Reisedienern und ernsten Buchhaltern sich alles mischen musste Der große
Kaufmann sucht weiter in keine höchste Klasse zu kommen als in die der
Gläubiger wenn seine hohen Schuldner fallieren Er als kalter stiller
Justierer des Verdienstes schätzt gleich sehr den niedrigsten Bürger wenn er
Geld hat und den höchsten Adel wenn dessen altes Blut in silbernen und goldnen
Adern läuft und dessen Stammbaum Nahrungs und Handelszweige treibt Freilich
so wie dem Pater Hardouin die Münzen der Alten mehr historische Glaubwürdigkeit
hatten als alles Schriftliche derselben so kann der abwägende Kaufmann
AdelsPergament und sonstige EhrenPunktierkunst nie so hoch stellen als dessen
Münzen insofern er von fremder Zuverlässigkeit sprechen soll
Schon die Anfurt des Ehrentages fand der Notar viel lustiger und leichter
als er nur hoffen wollen denn er bemerkte bald dass er nicht bemerkt wurde
sondern sich auf jeden Seidenstuhl setzen konnte und ihn zum Weberstuhl seiner
Träume machen Noch hatte er nichts vom Grafen noch vom Wiegenfest und den
beiden Töchtern gesehen als endlich Klotar der Esskönig zu seiner Freude
blühend hereintrat obwohl in Stiefeln und Überrock als hab er sich mehr auf
parlamentarische WollenSäcke zu setzen als auf seidene AgentenStühle »Hr
Hofagent« sagt er ohne die Versammlung zu prüfen »wenn Sie wollen mich
hungert verdammt« Der Hofagent befahl Suppe und Töchter denn er schätzte den
Grafen längst und innigst weil er als der Agioteur von dessen Renten am besten
wusste wieviel er war besonders ihm selber und er behauptete oft einem Manne
von so vielen jährlichen Einkünften solle doch jede vernünftige Seele es zugute
halten wenn er seine eignen Meinungen habe oder lese was er wolle
Plötzlich kam Musik mit ihr die Suppenterrine mit gedruckten
Geburtsfestliedern dann die beiden Töchter mit einer langen BlumenGirlande
die sie Neupeter so geschickt über den Körper wanden dass er in einem blühenden
Ordenshand dastand die Kontoristen liefen und teilten die Gedichte aus und
zuerst ihrem Prinzipal ein vergoldetes Nun fing andere Instrumentalmusik an
um das Karmen oder vielmehr den Gesang desselben zu begleiten die Gesellschaft
mit ihren Papieren in den Händen stimmte ihn an als ein längeres Tischgebet
und selber Neupeter sah singend in sein Blatt Vult hätte nicht unter die
gehört die dabei am ernstaftesten geblieben wären zumal als der blumige
OrdensMann sich selber ansang aber wohl Gottwalt war dazu gemacht Ein Mensch
sobald er an seine Geburt denkt ist so wenig lächerlich als es ein Toter sein
kann da wir wie sinesische Bilder zwischen zwei langen Schatten oder langen
Schlummern laufen so ist der Unterschied nicht groß an welchen Schatten man
denke Walt quälte sich mit leisem Singen bei schlechter Stimme und als es
vorbei und der Alte sehr gerührt war über das fremde Gedächtnis für sein
Wiegenfest bei eigener Vergesslichkeit und die Seinigen ihm früher gratulierten
als die Fremden so war kein Glückwunsch so aufrichtig in irgendeinem Herzen als
Gottwalts ferner und stiller aber es beklemmte ihn dass der Mensch
»besonders seh ich an Höfen« dacht er gerade den heiligen Tag wo er sein
erneuertes Leben überrechnen und ebnen sollte im Rauschen fremder Wellen
verhört dass er das neue Dasein mit der lärmenden Wiederholung des alten feiert
anstatt mit neuen Entschlüssen dass er statt der einsamen Rührung mit den
Seinigen deren Wiegen oder Gräber seinen ja am nächsten stehen den undankbaren
Prunk und trockne Augen sucht Der Notar setzte sich vor seinen ersten
Geburtstag an den ihn ein guter Mensch erinnere denn noch hatt er in seiner
harten Armut keinen einzigen erlebt ganz anders zu begehen nämlich sehr
weich still und fromm
Man setzte sich zu Tisch Walt wurde neben den zweiten armen Teufel
Flitten als der erste postiert und rechts neben den jüngsten Buchhalter Ihm
verschlugs wenig ihm gegenüber saß der Graf Rund wie Geld das wie der Tod
alles gleich macht war die Tafel gleichsam ein größerer KompanieTeller Der
Notar ganz geblendet von der Neuheit des Geschirres und dessen Inhalts
streckte statt seiner sonstigen zwei linken Hände zwei rechte aus und suchte mit
wahrem Anstand zu essen und den EhrenSäbel des Messers zu führen belesen
genug um mit der Breite des Löffels zu essen nicht mit der Spitze erhielt er
sich bloß bei bedenklichen Vorfällen durch die alte Vorsicht im Sattel nicht
eher anzuspiessen bis ihm andere das Speisen vorgemacht wiewohl er sie bei den
Artischocken so wenig für nötig erachtete dass er Beweisen nach deren bitteren
Stuhl und die Spitzblätter aufkäuete die er hätte in die holländische Sauce
getunkt ablecken können und sollen Was ihm indes weit besser schmeckte als
alles was darin lag waren die Senfdosen Dessertlöffel Eierbecher Eistassen
goldne Obstmesser weil er das neue Geschirr in seinen Doppelroman als in einen
Küchenschrank abliefern konnte »Esset ihr in Gottesnamen« dacht er »die
KibitzenEier die Mainzer Schinken und RauchLächse sobald ich nur die Namen
richtig überkomme durch meinen guten Nachbar Flitte so hab ich alles was ich
für meinen Roman brauche und kann auftischen«
In die höchste Schule der Lebensart gingen seine Augen bei dem Grafen der
keine Umstände machte geradezu weißen Portwein forderte und einen
Kapaunenflügel mit nichts abschälte als mit dem Gebiss des Gebacknen nicht zu
gedenken das er mit den Fingern annahm Diese schöne Freiheit eingekleidet
noch in Stiefeln und Überrock spornte Walten an dass er als mehrere Herrn
Konfekt einsteckten für ihre Kinder sich es zur Pflicht und Welt rechnete auch
einige süße Papierchen oder Süssbriefchen die ihm ganz gleichgültig waren in
die Tasche zu schaffen Auch sein Nachbar Flitte der ungemein frass und foderte
zeigte deutlich wie man zu leben habe besonders wovon
Indes war sein ewiger Wunsch der etwas zu sagen und von Klotar vernommen
wenn nicht gar angeredet zu werden Aber es ging gar nicht Dem Grafen war aus
Achtung ein philosophischer Nachbar der Kirchenrat Glanz an die linke Seite
gebeten an die rechte die Agentin gesetzt aber er aß bloß Walt sann scharf
nach inwieweit die vorsitzende Vorschrift feinster Sitten zu kopieren sei kein
Wort zu sagen zur Hausfrau Er behalf sich wie ein Verliebter mit optischer
Gegenwart auf Kosten der Zukunft Es war ihm doch einige Erquickung wenn der
schöne gräfliche Jüngling etwas vom Teller nahm oder die Flasche oder froh
umhersah oder träumend in den Himmel hinter dem Fenster oder in den auf
einem lieblichen Gesicht Aber bitterböse wurd er auf den Kirchenrat der einer
so fruchttragenden Nachbarschaft ansitzen konnte ohne den geringsten schönsten
Gebrauch von derselben da er doch so leicht dachte Walt über Klotars Hand
zufällig mit seiner hinstreichen könnte und vollends ihn ins Reden locken
Allein Glanz glänzte lieber er war vergötterter Kanzelredner und
Kanzelschreiber auf seinem Gesicht stand wie auf den BologneserMünzen
geprägt Bononia docet14 wie andere Redner die Augen so schloss er die Ohren
unter dem Fluße der Zunge Mit einer solchen AutorsEitelkeit schloss er
Klotars stolzen Mund Darüber aber machte auch Walt seinen nicht auf Er hielt
es für TischPflicht jedem Gesicht eine FreudenBlume über die Tafel
hinüberzuwerfen die Artigkeit in Person zu sein und immer ein wenig zu
sprechen Wie gern hätt er sich öffentlich ausgedrückt und ausgesprochen
Leider wie Moses saß er mit leuchtendem Antlitz und mit schwerer Zunge da weil
er schon zu lange mit dem Vorsatze gepasset in das aufgetischte Zungen und
LippenGehäcke das er fast roh und unbedeutend fand etwas Bedeutendes
seinerseits zu werfen da es ihm unmöglich war etwas Rohes wie der Kaufmann zu
sagen ein Westfale der einen feinen Faden spinnt ist gar nicht vermögend
einen groben zu ziehen Je länger ein Mensch seinen sonnigen Aufgang verschob
desto glänzender glaubt er müsst er aufgehen und sinnet auf eine Sonne dazu
könnt er endlich mit einer Sonne einfallen so fehlt ihm wieder der schickliche
Osten zum Aufgang und in Westen will er nicht gern zuerst empor Auf diese
Weise sagen nun die Menschen hienieden nichts
Walt legte sich indes auf Taten Die beiden Töchter Neupeters hatten unter
allen schönen Gesichtern die er je gesehen die hässlichsten Nicht einmal der
Notarius der wie alle Dichter zu den weiblichen SchönheitsMitteln gehörte und
nur wenige Wochen und Empfindungen brauchte um ein WüstenGesicht mit Reizen
anzusäen hätte sich darauf einlassen können eine und die andere
PhantasieBlume in Jahren auf beide Stengel fertig zu sticken Es war zu schwer
Da er nun gegen nichts so viel Mitleiden trug als gegen eine weibliche
Hässlichkeit die er für einen lebenslangen Schmerz hielt so sah er die Blonde
Raphaela hieß sie die ihm zum Glücke blickschussrecht saß in einem fort mit
unbeschreiblicher Liebe an um ihr dadurch zu verraten hofft er wie wenig er
sich von ihren GesichtsEcken abstossen lasse Auch auf die Brünette namens
Engelberta ließ er von Zeit zu Zeit einen sanften ruhenden Seitenblick
anfallen wiewohl er sie wegen ihrer Lustigkeit nur eines mattern Mitleids
würdigte Es stärkte und erquickte ihn ordentlich bei seinem Mitleiden dass
beide Mädchen mit Putz und Pracht jeden weiblichen Neid auf sich zogen als
vergoldete Wirtschaftsbirnen geschminkte Blatternarben in herrlichen Franz
gebundene Leberreime musste man sie anerkennen Hoch musst er bei dieser
Denkungsart den sympatetischen Nachbar Flitte stellen der mit ihm in
Aufmerksamkeit und Achtung für dieselbe hässliche Raphaela wetteiferte Er
drückte Flitten der als armer Teufel nichts weiter von der verhassten Schönheit
wollte als die Hand mit dem Heiratsgut unter der Serviette die seinige und
sagte nach dem dritten Glas Wein »Auch ich würde mit einer Hässlichen zuerst
sprechen und tanzen unter vielen Schönen« »Sehr galant« sagte der Elsasser
»Sahen Sie aber je eine superbere Taille« Diese nahm jetzt erst der Notar an
beiden Töchtern auf Erinnern wahr wer sie köpfte machte jede zur Venus ja mit
dem Kopfe sogar konnte jede sich für eine Grazie halten aber in doppelten
Spiegeln Gelehrte kennen keine Schönheiten als physiognomische Walt war
majorenn geworden ohne zu wissen dass er zwei Backenbärte habe oder andere
Leute Taillen schöne Finger hässliche Finger usw »Wahrhaftig« antwortete
der Notar dem Elsasser »ich wollte wohl einer Hässlichen ohne allen Gewissensbiss
die schöne Taille ins Gesicht sagen und loben um die Arme damit bekannt und
darauf stolz zu machen« Wenn Flitte etwas gar nicht begriff so fragte er
nichts danach sondern sagte schnell ja Walt heftete jetzt in einem fort recht
sichtbar die Augen auf Raphaelens Taille um sie damit bekannt zu machen Die
Blonde schielte von seinen Blicken zurück und suchte sich tugendhaft zu
beunruhigen über die Frechheit des jungen Harnisch
»Wer mir lieber Herr die Blonde oder Braune« sagte der Hofagent vom
Weine lustig »Auf jeden Fall die Blonde sag ich denn sie kostet
vierteljährlich der Kassa 12 Groschen weniger Für 3 Taler 12 Groschen gutes
Geld verkauft der Mundkoch Goullon in Weimar seine Flasche roten Schminkessig
vinaigre de rouge nota bene für Blonde für Braune hingegen jede um nette 4
Tlr hat sie vollends schwarzes Haar so muss ich gar die Flasche zu 4 Tlr 12
Gr verschreiben Raphel du sollst leben« »Cher père« versetzte sie
»nennen Sie mich doch nur Raphaela« »Er verdients dachte Walt betroffen
über Neupeters Ungeschicklichkeit dass sie sagte ScherBär« Denn so hatt er
verstanden
»Heute gibt der arme blinde Baron sein FlötenKonzert« sagte schnell
Raphaela »ach ich weiß noch wie ich über Dulon geweint« »Ich weiß des
Menschen Namen nicht« sagte die brillantierte Mutter namens Pulcheria aus
Leipzig wohin sie beide Töchter mehrmals abgeführt als in eine hohe Schule
bester Sitten »der Habenichts ist aber ein grober Knoll und dabei ein
Flausenmacher« Walt arbeitete in sich weinglühend an der schnellsten
Verteidigung »Sobald ein poweres Edelmännchen« sagte Engelberta spöttisch
»nur etwas lernt und versteht so nehm ichs nicht so genau« »Wer weiß es
denn« sagte die Mutter »was er auf der Flöte kann für Leute die schon was
gehört haben« »Er ist« fuhr Walt in größter Kürze los »nicht grob nicht
dürftig nicht ungeschickt nicht manches andere sondern wahrlich ein
königlicher Mensch« Hinterher merkt er selber die unabsichtliche Hitze in
seiner Stimme und Kürze aber seinen sanften Geist hatte die absprechende
Kauffrau überrumpelt die zwar in den Zeiten hübsch gewesen wo sie Gellerten
reiten sehen die aber jetzt aus ihren eignen Relikten bestehend als ihr
eigenes Gebeinhaus als ihre eigne bunte Toilettenschachtel ihren kostbaren
Anzug zum bemalten metallischen mit Samt ausgeschlagenen mit vergoldeten
Handheben beschlagenen Prunksarg ihrer gepuderten Leiche machte Walt hatte gar
nicht wild sein wollen nur gerecht Man hörte seine vorlaute Phrasis mit kurzem
Erstaunen und Verachten an Neupeter aber nahm sofort den Faden auf »Bulchen«
sagte er zur Frau in angetrunkener Barmherzigkeit »ich will weils doch eine
arme Haut sein soll und noch dazu blind drei Billette für euch Weibsen holen
lassen vom powern Wicht«
»Die ganze Stadt geht hin« sagte Raphaela »auch meine teuerste Wina O
Dank cher père Wenn ich den Unglücklichen höre zumal im Adagio ich freue
mich darauf ich weiß da sammlen sich alle gefangnen Tränen um mein Herz15 ich
denke an den blinden Julius im Hesperus und Tränen begiessen die
FreudenBlumen«
Darauf sah sie nicht nur der Vater entzückt über ihren Sprechstil an ob er
gleich als ein alter Mann den seinigen fortackerte desgleichen Flitte
begeistert sondern auch der Notar begab sich mit innigstem Beifall wieder in
ihr Gesicht herauf voll kurzer Wünsche letzteres wäre auszustehen oder doch zu
heben durch Liebe da er unter einem Dache mit ihr lebte Aber ihm wurde durch
Winas Ankündigung ein Sturm in die Seele geschickt sein beseeltes Auge hing sich
an ihren Bräutigam als plötzlich wieder Raphaela die größten Revolutionen an
dem Tische anstiftete durch die Frage an Glanz »Wie kommts Hr Kirchenrat um
auf Sehende zu kommen dass alle Bilder im Auge verkehrt sind und wir doch
nichts verkehrt erblicken«
Dann als der Kirchenrat langsam und langweilig die Sache aus seiner Lektüre
so gut auseinandersetzte dass die Tafel bewundern musste so fing der Graf Feuer
Es sei dass er satt war des Essens oder satt des Hörens oder übersatt der
Glanzischen theologischen Halbwisserei und lingua franca jener schalen
KanzelPhilosophie wovon 14 moralisch 14 unmoralisch 14 verständig 14
schief ist und das Ganze gestohlen genug der Graf begann und unterhielt ein
so langes heftiges Feuern gegen den Kirchenrat wozu die nahe Nummer Kongeries
von mäusefahlen Katzenschwänzen aus und eingeräumt wird dass er ordentlich
nicht mehr Hass gegen das Mattgold der theologischen Moralisten und Autoren hätte
zeigen können wenn er auch der Flötenspieler Quod deus vult selber gewesen
wäre der sich allerdings so aussprach »Von alten Schimmelwäldchen der
Philosophen klauben sich die Theologen die abgefallnen LeseFrüchte auf und säen
damit an Diese größten engsten Egoisten machen Gott zum frère servant der
Pönitenzpfarren wohin sie voziert worden und auf dem Wege nach dem Filial
glauben sie die Sonnenfinsternis sei gekommen damit sie weniger schwitzen und
schattiger reiten und so fegen sie die Herzen und Köpfe wie in Irland die
Bedienten die Treppen mit ihren Perücken«
Nr 23 Kongeries von mäusefahlen Katzenschwänzen
Tischreden Klotars und Glanzens
Nachdem also Glanz geäußert hatte dass eben da sich im Auge alle Gegenstände
umwenden also wir uns auch mit wir mithin nichts von einem Umkehren spüren
könnten
So entgegnete der Graf »Warum wird denn das einzige Bild im Auge nicht mit
umgekehrt Warum greifen operierte Blinde nichts verkehrt Was hat denn das
Hautbildchen mit dem innern Bilde zu tun Warum fragt man nicht auch warum uns
nicht alles ebenso klein als jenes Bildchen erscheine«
Glanz äußerte nach Garve unsere Vorzüge seien am Ende keine und daher Demut
unsere Pflicht
Der Graf entgegnete »So seh ich wenigstens nicht warum ich Bettler
demütig gegen den zweiten Bettler sein soll und ist er gar stolz so hab ich
ja einen zweiten Vorzug vor ihm die Demut«
Es wurde ein schöner Satz aus Glanzens gedruckten Reden angeführt dass die
Kinder für Geringschätzung des Alters die vergeltende Strafe gewiss von ihren
eigenen Kindern empfangen würden
Klotar entgegnete »Folglich hat das geringgeschätzte Alter auch einmal
geringgeschätzt und es geht ins Unendliche oder man kann die Strafe erhalten
ohne die Sünde«
Glanz äußerte wie leicht das Gedächtnis zu überladen sei
Klotar entgegnete »Das ist bloß unmöglich Ist denn etwas zu behalten
eine Beschwerde für Gehirn oder Geist Verspürt ein Mann den Schatz den zwanzig
Jahre Leben in ihm niederlegten wohl an seinem Gedächtnis als wäre dieses
belasteter als in der Jugend Aber ferner der Bauer trägt ebenso viele Ideen
in seinem Gedächtnis als der Gelehrte nur andere Sachen Bäume Äcker
Menschen Überladung des Gedächtnisses kann also nichts heißen als versäumte
Kultur anderer Kräfte«
Glanz äußerte man könne bei den Endabsichten leicht sich Voltairens Spotte
aussetzen dass die Nase für die Brille geschaffen sei
Klotar versetzte »Und das ist die Nase auch sobald alle Kräfte einer Welt
berechnet wurden musste auch die Kraft in Anschlag kommen Gläser zu schleifen«
Glanz äußerte er sei ja dafür und finde in allen seinen gedruckten Reden in
der künstlichen Weltordnung einen unendlichen Verstand
Klotar fragte »Was soll gedachter Verstand dabei sein«
Glanz äußerte »Die Ursache«
Jener entgegnete »Jede künstliche Ordnung zB im Körperbau erklären Sie
doch jetzt aus blinden Kräften nicht aus einer fremden Schöpfung diese Kräfte
wieder aus blinden und wo wollen Sie denn in der durchaus mechanischen
Endlichkeit mit dem Blitze der Geistigkeit einschlagen«
Glanz äußerte spät darauf eine hübsche eingeschränkte Monarchie wie in
England sei wohl am besten für jeden
Klotar versetzte »Nur nicht für die Freiheit Warum hatten nur meine
Voreltern die Freiheit sich Gesetze zu wählen und ich nicht Wohin ich fliehe
find ich schon Gesetze Das Ideal eines Staats wäre dass die kleinsten
Föderativstaaten die sich immer freie Gesetze gäben sich in FöderativDörfer
dann in FöderativHäuser und zuletzt in FöderativIndividuen zerfälleten die
in jeder Minute sich ein neues Gesetzbuch geben könnten«
Glanz äußerte durch kleinere Staaten würden freilich eher die Kriege
aufhören
Klotar versetzte »Gerade umgekehrt An mehreren Orten zugleich und
häufiger in der Zeit entständen sie Soll auf der ganzen Erde der Krieg
aufhören so muss sie in zwei ungeheure Staaten sich geteilt haben davon muss der
eine den andern verschlingen und dann bleibt im einzigen Staate auf der Kugel
Friede und die Vaterlandsliebe ist Menschenliebe geworden«
Glanz glaubte beim Dessert wenigstens soviel äußern zu dürfen dass es gut
sei dass die Aufklärung den Hexenglauben vertrieben
Klotar entgegnete »Noch nicht einmal untersucht hat sie ihn« Glanz
schüttelte leicht »Ich weiß nicht« fuhr jener fort »welche von zwei Meinungen
Sie haben aber da Sie nur eine von beiden hegen können entweder die dass
alles Trug des Zeitalters oder die dass etwas Wunderbares bei der Sache ist so
müssen Sie in beiden Fällen irren«
Glanz schüttelte sehr äußerte aber er sei wie jeder Vernünftige der ersten
Meinung
Klotar versetzte »Die Wundergeschichte der Hexen ist ebenso historisch
bewiesen als die der griechischen Orakel im Herodot und diese ists gerade so
sehr als überhaupt alle Geschichte Auch Herodot unterscheidet sehr die wahren
von den bestochenen Orakeln In jedem Falle war es eine große Zeit wo noch
Götter die Weltgeschichte lenkten und darin mitspielten daher ist Herodot so
poetisch wie Homer Gemeine Seelen machen in der HexenGeschichte alles zum
Werk der Einbildung Wer aber viele Hexenprozesse gelesen findet es unmöglich
Eine durch Völker und Zeiten reichende Einbildung festgehaltener nuancierter
Tatsachen ist so unmöglich als die Einbildung einer Nation dass sie einen Krieg
oder König habe der nicht ist Will man die Einbildung als Kopie einer solchen
allgemeinen Einbildung erklären so hat man das Urbild vorher zu deduzieren
Meist waren alte dürftige einfältige Frauen die Aktricen des Trauerspiels
mithin gerade am wenigsten fähig der Phantasie auch malt die Phantasie mehr ins
Große und Verschiedene zu gleich Hier findet man nur erbärmliche wiederholte
Geschichten der Nachbarschaft der Buhle der Teufel begleitet in gemeiner
Kleidung die Frau zu Fuße auf irgendeinen benachbarten Berg wo sie Tanz
bekannte Spielleute elendes Essen und Trinken lauter Bekannte aus dem Dorfe
antrifft und nach dem Tanze mit dem Buhlen wieder heimgeht Die Versammlungen
auf dem Blocksberge können bloß für dessen nächste Anwohnerinnen gelten aber in
andern Ländern wurde nur der nachbarliche Berg zum Tanzplatz gewählt Will man
alle Bekenntnisse für Lügengeburten der Folter erklären so bedenkt man nicht
dass man in den Prozessen findet dass sie oft nach der Tortur zwei drei
unbedeutende Bekenntnisse die ihnen den Tod nicht ersparten feierlich und
ängstlich widerriefen und dass also der halbe Widerruf das halbe Geständnis
besiegelt um so mehr da man in damaligen Zeiten zu religiös dachte um mit
Lügen auf der Zunge zu sterben
Die berauschenden Getränke und Salben womit sie sich sollen in den Traum
vom Blocksberg und dergleichen gezaubert haben sind nirgends aus den Akten
erweislich oder nach der Physiologie möglich da es kein Getränk gibt das
faktisch bestimmte Visionen erschüfe und dann um nur beide zu brauchen
mussten sie sich ja schon für Hexen halten«
Glanz äußerte »Warum gibt es aber jetzt keine mehr Und warum ist alles so
natürlich und alltäglich dabei zugegangen wie Sie vorhin selber einräumten
Doch mach ich diese Einwürfe gar nicht Hr Graf als wenn ich glaubte dass Sie
im Ernste jener Meinung wären«
Klotar versetzte »Dann verkennen Sie meine Denkweise Wie Kann man aus
dem Aussetzen oder Wegbleiben einer Erfahrung zB einer elektrischen einer
somnambulistischen auf ihre Unmöglichkeit schließen Nur aus positiven
Erscheinungen ist zu beweisen negative sind ein logischer Widerspruch Kennen
wir die Bedingungen einer Erscheinung So viele Menschen und Jahre gehen
vorüber kein Genie ist darunter und doch gibts Genies könnt es nicht
ebenso mit den SonntagsKindern sein die Augen und Verhältnisse für Geister
haben Was Ihre Alltäglichkeit die Sie einwenden anlangt so gilt diese auch
für jede positive Religion die sich in die Alltäglichkeit ihrer ersten Apostel
versteckt alles Geistige schmiegt sich so scheinbar an das Natürliche an wie
unsere Freiheit an die Naturnotwendigkeit«
Glanz äußerte er wünsche nun doch sehr zu erfahren was die zweite Meinung
für sich habe
Klotar versetzte »Zuerst die damaligen Zeugen für die erste Um eine Frau
zu verurteilen brauchte man statt der Tatsachen nur Zeugenschlüsse meistens
aus drei ganz fremden Tatsachen aus dem Alpdruck dem DrachenEinflug und einem
schnellen Unglück zB Tod des Viehes der Kinder etc schlossen die Zeugen
und ihre Schlüsse waren ihre Zeugnisse
Zweitens lief der ganze ZauberErfolg auf ein Raupen oder Schnecken oder
anderes Schadenpulver hinaus das der Buhle der Teufel dem getäuschten Weibe
nebst einem Antritts oder WerbeTaler gab den sie zu Hause oft als eine
Scherbe befand Die Macht des Teufels gab ihr weder Reichtum noch einen
Schutzbrief gegen den Scheiterhaufen Ich schließe aus allem dass damals die
Männer sich des Zauberglaubens bedienten um unter der leichten Verkleidung
eines teufelischen Buhlen die Weiber schnöde zu missbrauchen ja dass vielleicht
irgendeine geheime Gesellschaft ihren Landtag unter die Hülle eines HexenTanzes
verbarg Immer machten Männer in den Hexenprozessen den Teufel gegen die Weiber
selten umgekehrt Nur unbegreiflich bleibts dass die Weiber bei dem damaligen
Schauder vor dem Teufel so wie vor der Hölle sich nicht vor seiner Erscheinung
und vor der höllischen Umtaufe16und Apostasie entsetzet haben«
Glanz lächelte äußerte aber jetzt träfen sie beide ja vielleicht zusammen
Klotar versetzte sehr ernst »Kaum denn eine Nachspielerei hebt ein Urbild
nicht auf sie setzt eben eines voraus Noch mangelt eine rechte Geschichte des
WunderGlaubens oder vielmehr des GlaubensWunders von den Orakeln
Gespenstern an bis zu den Hexen und sympatetischen Kuren aber kein
engsichtiger und engsüchtiger Aufklärer könnte sie geben sondern eine heilige
dichterische Seele welche die höchsten Erscheinungen der Menschheit rein in
sich und in ihr anschauet nicht außer ihr in materiellen Zufälligkeiten sucht
und findet welche das erste Wunder aller Wunder versteht nämlich Gott selber
diese erste Geistererscheinung in uns vor allen Geistererscheinungen auf dem
engen Boden eines endlichen Menschen«
Hier konnte sich der Notar nicht länger halten eine solche schöne
Seelenwanderung seiner Gedanken hatt er in dem hohen Jüngling nicht gesucht
»Auch im Weltall« hob er an »war Poesie früher als Prosa und der Unendliche
müsste vielen engen prosaischen Menschen wenn sie es sagen wollten nicht
prosaisch genug denken«
»Was wir uns als höhere Wesen denken sind wir selber eben weil wir sie
denken wo unser Denken aufhört fängt das Wesen an« sagte Klotar feurig ohne
auf den Notarius sonderlich hinzusehen
»Wir ziehen immer nur einen TheaterVorhang von einem zweiten weg und sehen
nur die gemalte Bühne der Natur« sagte Walt der so gut wie Klotar etwas
getrunken Keiner antwortete mehr recht dem andern
»Gäb es nichts Unerklärliches mehr so möcht ich nicht mehr leben weder
hier noch dort Ahnung ist später als ihr Gegenstand ein ewiger Durst ist ein
Widerspruch aber auch ein ewiges Trinken ist einer Es muss ein Drittes geben
so wie die Musik die Mittlerin ist zwischen Gegenwart und Zukunft« sagte der
Graf
»Der heilige der geistige Ton wird von Gestalten geschaffen aber er
schafft wieder Gestalten«17 sagte Walt den die Fülle der Wahrheit allein
fortzog nicht einmal mehr der Wunsch der Freundschaft
»Eine geistige Kraft bildet den Körper dann bildet der Körper sie dann
aber bewegt sie am mächtigsten auf der Erde die Körper« sagte Klotar
»O die unterirdischen Wasser der tiefen zweiten Welt die den gemeinen
weltweisen BergKnappen in seinem Bergbau stören und ersäufen ihn der Höhen
nur zum Durchbohren und Vertiefen haben will diese sind eben für den rechten
Geist der große Todesfluss der ihn in den Mittelpunkt zieht« sagte Walt er
stand längst aufrecht am Tisch und hört und sah nicht mehr
»Echte Spekulaltion « fing der Graf an
»Mr Vogtländer« unterbrach Neupeter sich zum Buchhalter wendend und
Klotarn am Arm haltend da er gelehrten Diskursen ebensogern zuhörte als
entsprang »die 23 Ellen Spekulation haben Sie doch heute gebuchet18 Nun aber
weiter Herr Philosoph« Der Graf hörte den Misston des Missgriffs und schwieg
und stand gern auf die vergessene längst wartende Gesellschaft noch lieber
Des Notars Keckheit und RedeNarrheit hatte am meisten sie unterhalten Der
Kirchenrat Glanz hatt es seinen Nachbarn leise zu verstehen gegeben was sie
von den gräflichen Sätzen zu halten hätten und dass dergleichen ihn nicht
weniger langweilte und anekelte als jeden
Walt war in den dritten Himmel gefahren und behielt zwei übrig in der Hand
um sie wegzuschenken Er und der Graf trugen nun nach seinem Gefühl die
Ritterkette des FreundschaftsOrdens miteinander nicht etwa weil er mit ihm
gesprochen der Notar dachte gar nicht mehr an sich und seinen Wunsch der
Audienz sondern weil Klotar ihm als eine große freie auf einem weiten
Meere spielende Seele erschien die alle ihre Ruderringe abgebrochen und in die
Wellen geworfen weil ihm sein kecker GeistesGang groß vorkam der weniger
einen weiten Weg als weite Schritte machte und weil der Notar unter die wenigen
Menschen gehörte die mit unähnlichem Werte sympatisieren wie das Klavier von
fremden Blas und BogenTönen anklingt
So lieben Jünglinge und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen wie den
Titanen noch der Himmel ihr Vater die Erde nur ihre Mutter aber später stirbt
ihnen der Vater und die Mutter kann die Waisen schwer ernähren
Wie ganz anders nämlich viel weniger schleichend weniger stillgiftig
vipernkalt und vipernglatt stehen die Menschen von Tafeln selber an Höfen
auf als sie sich davor niedergesetzt Wie geflügelt singend das Herz
federleicht und federwarm Neupeter bot leicht seinen Park dem Grafen an der
schlug ein Walt drang nach Unterwegs riss der Agent sein blumiges OrdensBand
entzwei und steckt es ein weil er sagt er nicht wie ein Narr aussehen
wolle
Nr 24 Glanzkohle
Der Park der Brief
Der Graf ging zwischen seinen Brautführern wovon der linke im Gehen das
Spinnrad drehte zu einem Faden der Rede und Seile der Liebe doch hielts oft
schwer in den engsten Gängen drei Mann hoch aufzumarschieren Ein Marktelfer
hielt sich hinter ihnen um aus dem Sande alle sechs Fußstapfen auszubügeln Der
Agent führte Klotarn vor die GlanzPartien des Parks in der Absicht
Ehrenflinten und säbel da von Grafenhand zu empfangen vor Kinderstatuen unter
TurmBäumen vor HerkulesWürggruppen unter Blumen aber den Grafen griff
nichts an Neupeter zählte das »schöne Geld« aufs Rechenbrett hin das ihm die
Bildsäulen schon gefressen besonders einige der feinsten die er gegen
Regenwetter in ordentliche wasserdichte Über oder Reitersröcke eingewindelt
und bracht ihn vor eine eingekleidete Venus im Wachtrock Klotar schwieg
Neupeter ging weiter im Versuche und Garten er setzte eigenhändig seinen Park
herunter gegen einen in England und erhob zB Hagleis seinen darüber »aber«
sagt er »die Engländer haben auch die Batzen dazu« Der Graf widerlegte
nichts Bloß Walt bemerkte am Ende werde doch jeder Garten sei er noch so
groß kurz jede künstliche Eingrenzung klein und ein Kindergärtchen in der
unermesslichen Natur nur das Herz baue den Garten der noch zehnmal kleiner sein
könne als dieser
Darauf fragte der Kaufmann den Grafen warum er nicht aufgucke zB an die
Bäume wo manches hänge Dieser sah auf weiße Zolltafeln der Empfindung waren
von Raphaelen darangeschlagen zum Überlesen »Bei Gott meine Tochter hat sie
ohne fremde Hilfe ersonnen« sagte der Vater »und sie sind sehr neu und
hochtragend geschrieben so glaub ich« Der Graf stand vor den nächsten
GefühlsBrettern und HerzBlättern poetischer Blumen fest auch der Notar las
den an die Welt wie an ArzneiGläschen gebundnen Gebrauchzettel herab welcher
verordnete wie man schöne Natur einzunehmen habe in welchen Löffeln und
Stunden Walten gefiel die GefühlsAnstalt es waren doch Antritts oder
OsterProgrammen der FrühlingsNatur Frachtbriefe der Jahrszeiten zweite
heimlich abgedruckte Titelblätter der NaturBilderbibel
Dennoch strich Klotar stumm darunter hinweg Aber Walt sagte begeistert
von den Baum Not und HülfsTäfelchen »Alles ist hier schön die Partien die
Bäume und die Tafeln Wahrhaftig man sollte die Poesie verehren auch bis ins
Streben danach Freilich wird nur die höchste die griechische gleich den
Schachten der Erdkugel immer wärmer je tiefer man dringt ob sie gleich auf der
Fläche kalt erscheint indes andere Gedichte nur oben wärmen« »Mein
Mietsmann Hr Notar Harnisch« sagte schnell der über dessen Nähe und Kecke
verdrüssliche Neupeter als der Graf ihn bedeutend ansah »Der Lac da um
Ermenonville herum so lässt meine Frau den Teich nennen weil sie sich auf
Gärten versteht da sie aus Leipzig ist der Teich sag ich ist bloß um die
Insel herumgeführt die ich um meinen seligen Vater einen Kaufmann wie wenige
aufschütten lassen Die Statue drinnen das ist er selber nun« Auf der
TeichInsel sah unter Trauer und PappelBäumen allein gleichsam wie ein
Robinson der alte sel Christelf Neupeter in Stein gebracht herüber übrigens
in seinem BörsenHabit ausgehauen wiewohl die in Marmor übersetzte
Beutelperücke und die petrifizierten Wickelstrümpfe und Rockschösse dem mageren
Manne nicht das leichte Aussehen gaben das er nackt hätte haben können
»Sagen Sie nur heraus wie Ihnen der ganze Park und Quark vorkommt« fragte
Neupeter der Sohn »Was bedeutet noch die hölzerne wunderbare Pyramide fragte
der die Insel und den See umkreisende Graf die mit der Basis halb über dem
Wasser schwebt« Dem Hofagenten gefiel die Frage er versetzte schelmisch »In
die Pyramide kann man ordentlich hineingehen durch eine Türe«
»CestiusPyramide« sagte Walt halblaut Der Graf verstand den merkantilischen
Schelm nicht »Nun es dient nun so« erläuterte er weiter froh über die
Einkleidung jener Verkleidung »bei der oder jener Gelegenheit wenn mans eben
braucht ein Mensch trinkt mittags viel besieht sich den Garten und nun
natürlich«
»God d « sagte der verständigte Graf im Feuer »ich muss in die Pyramide«
und gab des Agenten satt das Zeichen des Zurückbleibens Ein Regenbogen
darein war die HolzBrücke durch Farben verkleidet führte an die Pyramide Der
unschuldige Notar dachte zu zart um alles zu verstehen Der stolze Kaufmann
der hier das Stehenlassen äußerst unhöflich fand murmelte halb für sich halb
für Walten »Ein höflicher eigener Herr« Er blieb nun nicht so lange dass der
Notar der ein RiesenKniestück vom Klotar anlegen wollte solches hätte
aufspannen können sondern ließ wieder diesen stehen mit dem Pinsel voll
Flammen in der Hand
Ein zarter Genius war es der den einsamen Gottwalt vom Betreten des Regen
und BrückenBogens zurücklenkte durch die Eröffnung der Wahrheit Andertalb
GartenGänge prallte davor der Jüngling zurück den schon der vornehme
TafelZynismus mit den nackt gezognen Zahnstochern geärgert ohne doch auf den
Agenten zu zürnen dass er auf die väterliche PappelInsel eine solche Spitzsäule
pflanzen können er hatte oft zu viel Liebe um Geschmack zu haben wie andere
umgekehrt
Als der Graf von Ermenonville zurückgekommen schlug Walt mehrere schmale
RadienGänge ein um ihm zufällig aufzustossen und so verschmolzen mit ihm zu
gehen Aber der Graf der alleinbleiben wollte merkte das stete Nachstreichen
und bog ihm verdrießlich aus Auch dem Notar selber wurde am Ende das
freundschaftliche Ballett versalzen weil der Marktelfer mit seinem
Verwaschpinsel als Schrittzähler hinter ihm blieb und ihm jeden Schritt dadurch
vorrechnete dass er ihn ausstrich
»Welch ein ganz anderes Glück wäre es« träumt er »fiel ich ins
LacWasser und mein Jüngling schleppte mich heraus und ich läg ihm mit
tropfenden Augen zu Füßen Das denk ich mir gar nicht weil es zu groß wäre
das Glück wenn etwan gar er selber hineinstürzte und ich der Selige würde
der sein stolzes Leben rettete und ihn an der Brust ins Dasein trüge«
Indes fand er jetzt etwas Besseres auf seinem Wege einen verlorenen Brief an
Klotar Indem er sich umsah ihn zu übergeben war der Graf unter die ins Haus
gehende Gesellschaft zurückgetreten Er lief nach Jener war schon davongeritten
auf ein Dorf Es war ihm nicht sonderlich bitter dass er durch den Brief ein
Recht in die Hände bekam den Grafen morgen auf seinem eignen Zimmer
aufzusuchen
Er erstieg eilig das seinige nicht ohne Freude dass er als der einzige
Gast im Hause verbleibe indes alle andere daraus fortmussten und besah und
las ruhig droben den schon erbrochnen Briefaussen Denn innen ihn zu lesen auch
irgendeinen andern fremden lag außer seiner Macht Sein Lehrer Schomaker der
wie Vult sagte für Schimmelwäldchen Waldordnungen entwürfe behauptete nicht
einmal gedruckte dürfe man lesen wenn sie wider des Verfassers Wunsch
erschienen da die Leichtigkeit und die Teilhaber einer Sünde an dieser nichts
änderten Eine Taube mit einem Ölzweig im Schnabel und in den Füßen flog auf dem
Siegel Der Umschlag roch anmutig Er zog den Brief daraus hervor faltete ihn
auf von weitem und las frei den Namen Wina und legt ihn eiligst weg »Ich
will ihm alle meine Aurikeln geben« hatte sie einst in der tiefen Kindheit
gesagt aus deren dunkeln überblühten Tempe unaufhörlich jene Töne wie bedeckte
Nachtigallen heraufsangen Jetzt aber berührte die zitternde Saite deren
Klänge bisher süßdrückend sein Herz umrungen hatten seine Finger er hatte
ordentlich die Vergangenheit die Kindheit in der Hand Und heute trat vollends
die Unsichtbare im Konzertsaale endlich aus der blinden Wolke
Seine Bewegung bedarf keines Gemäldes da jede auf jedem erstarrt
Er hielt jetzt den offenen Brief nahe unter die Augen obwohl umgekehrt
Das Papier war so blauweißzart wie eine feinste Haut voll Geäder die
umgestürzte Handschrift so zierlich und gleich Blumengewinde waren den vier
Papierrändern eingepresset er besah jeden und ging auf Aurikeln aus als er
aber auf dem unteren suchte fuhr ihm die letzte Zeile ins Auge mit sieben
letzten Worten Da steckt er das Blatt erschrocken in die Hülle zurück
Es lautete aber das Schreiben an Klotar so
»Wozu meine längeren Kämpfe die vielleicht schon selber Sünden sind Ich kann
nun nach Ihrem gestrigen entscheidenden Worte nicht die Ihrige werden denn ich
könnte Ihnen wohl so leicht und so gern Glück und Leben und Ruhe opfern aber
meine Religion nicht Ich schaudere vor dem Bilde eines erklärten Abfalls Ihre
religiöse Philosophie kann mich quälen aber nicht ändern Die Kirche ist meine
Mutter und nie können mich alle Beweise dass es bessere Mütter gebe von dem
Busen der meinigen reißen Wenn meine Religion wie Sie sagen nur aus
Zeremonien besteht so lassen Sie mir die wenigen die meine mehr hat als Ihre
Denn am Ende ist doch alles was nicht Gedanke ist Zeremonie Geb ich eine
auf so weiß ich nicht warum ich noch irgendeine bewahre Halten Sie ja wie
ich vor meinem Vater Ihre scharfe Foderung des Abfalls geheim ich weiß wie es
ihn kränken müsste Ach lieber Jonathan was könnt ich noch sagen jene
Stille die Sie oft rügen ist nicht Laune noch Kälte sondern die Trauer über
meine Ungleichheit gegen Ihren großen Wert O Freund ist dieser Anfang unsers
Bundes wohl der rechte Mein Herz ist nur fest aber wund
Wina«
Er beschloss im ersten Feuer das Schreiben ihr selber im Konzerte zuzustellen
Jetzt übrigens da er ein wenig seine heutige schwelgerische Lage überschlug
Diner mittags Konzert abends Sonntag den ganzen Tag so konnt er sich
weiter nicht bergen wie sehr er sich gleich einem Großen schwindelnd auf dem
Glücksrad umschwinge oder eine wahre Nacht der Ergötzlichkeiten durchträume in
der ein Sternbild voll freudiger Strahlen aufgeht wenn ein anderes niedergeht
indes arme Teufel nichts haben als einen blaudunkeln Tag mit beigefügter Sonne
So macht er sich denn Kopf und Brust voll flötender Vulte heiliger
Aurikelnbräute feinster ihnen zu übergebender Briefe auf den Weg zum ersten
Konzert in seinem Leben Denn für die Leipziger Konzerte im Gewandhause hatt er
nie den dazugehörigen Eintritts und Torgroschen erschwingen können bekanntlich
16 Groschen schwer Geld
Nr 25 Smaragdfluss
Musik der Musik
Die Einlasskarte fest drückend langte er in der langen Prozession mit an die
seine Flügelmännin und Wegweiserin war Das Einrauschen des glänzenden Stroms
der hohe Saal das Stimmen der Instrumente das Schicksal seines Bruders machten
ihn zu einem Betrunkenen der Herzklopfen hat Dem Lauf des goldführenden Stroms
sah er mit Freude über die Goldwäsche seines Bruders zu er hätte die Wellen
zählen mögen Vergeblich sah er nach ihm sich um Auch Wina sucht er aber wie
sollt er einen Juwel in einer Ebene voll TauGlanz ausfinden Nach seiner
Schätzung und Vermessung mochten unter den ihm zugekehrten Mädchen an 47 wahre
Anadyomenen Uranien Cyteren und Charitinnen sitzen in Pracht unter den
abgewandten Rücken konnten sie sich noch höher belaufen
Er legte sich die Frage vor wenn diese ganze Kette von 47 Paradiesvögeln
aufstiege und er sich einen darunter herabschiessen sollte mit dem AmorsPfeil
welchen er wohl nähme Er brachte keine andere Antwort aus sich heraus als
die jede die mir die Hand recht drückte und etwas bei der Natur und für mich
empfände Da nun unter diesem schönen Hondecoeters19 fliegenden Korps unzählige
Raubvögel Harpyen und dergleichen gewiss steckten so ermesse doch aus diesem
Selbstgespräch ein ganz junger Mensch der seine erste Liebe zur ersten Ehe
machen will in was er rennen könne
Eben stellte sich der Buchhändler Passvogel grüßend neben den Notar als
Haydn die Streitrosse seiner unbändigen Töne losfahren ließ in die enharmonische
Schlacht seiner Kräfte Ein Sturm wehte in den andern dann fuhren warme nasse
Sonnenblicke dazwischen dann schleppte er wieder hinter sich einen schweren
Wolkenhimmel nach und riss ihn plötzlich hinweg wie einen Schleier und ein
einziger Ton weinte in einem Frühling wie eine schöne Gestalt
Walt den schon ein elender Gesang der Kinderwärterinnen wiegte und der
zwar wenige Kenntnisse und Augen aber Kopf und Ohren und Herzohren für die
Tonkunst hatte wurde durch das ihm neue Wechselspiel von Fortissimo und
Pianissimo gleichsam wie von Menschenlust und weh von Gebeten und Flüchen in
unserer Brust in einen Strom gestürzt und davongezogen gehoben untergetaucht
überhüllt übertäubt umschlungen und doch frei mit allen Gliedern Als ein
Epos strömte das Leben unten vor ihm hin alle Inseln und Klippen und Abgründe
desselben waren eine Fläche es vergingen an den Tönen die Alter das
Wiegenlied und der JubelhochzeitGesang klangen ineinander eine Glocke läutete
das Leben und das Sterben ein er regte die Arme nicht die Füße zum Fliegen
nicht zum Tanzen er vergoss Tränen aber nur feurige wie wenn er mächtige
Taten hörte und gegen seine Natur war er jetzt ganz wild Ihn ärgerte dass man
pst rief wenn jemand kam und dass viele Musiker gleich ihrem Notenpapier dick
waren und dass sie in Pausen Schnupftücher vorholten und dass Passvogel den Takt
mit den Zähnen schlug und dass dieser zu ihm sagte »ein wahrer ganzer
Ohrenschmaus« für ihn ein so widriges Bild wie im Fürstentum Krain der Name
der Nachtigall Schlauz
»Und doch muss nun erst das Adagio und mein Bruder kommen« sagte sich Walt
»Den einer dort herführt« sagte Passvogel zu ihm »das ist der blinde
Flautotraversist und der Führer ist unser blinder Hofpauker der aber das
Terrain besser kennt Das Paar gruppiert sich indes ganz artig« Da der
schwarzhaarige Vult jetzt langsam kam das eine Auge unter einem schwarzen Band
mit dem andern starrblickend den Kopf wie ein Blinder ein wenig hoch und die
Flöte am Munde haltend mehr um sein Lachen zu bedecken da er sich vom
Pauker verbeugungsrecht stellen ließ und da alle Schwätzereien stumm wurden
und weich so konnte Walt sich der Tränen gar nicht mehr enthalten sowohl wegen
der vorhergehenden als schon über das bloße Gemälde eines blinden Bruders und
über den Gedanken das Verhängnis könne den Spasstreiber beim Worte fassen und
zuletzt braucht er wenig um mit dem ganzen Saale zu glauben Vult sei
erblindet
Dieser gab wie eine Monatsschrift stets das beste Stück zuerst und führte
an er gehe mit Einsicht von den allmählich steigenden Virtuosen ab weil die
Menschen einander nach der Erstgeburt und nicht nach der Nachgeburt schätzten
und den schlimmen mithin auch den guten ErstlingsEindruck festielten und
weil man den Weibern die von nichts so leicht taub würden als von langer Musik
das Beste geben müsste wenn sie noch hörten
Wie eine Luna ging das Adagio nach dem vorigen Titan auf die Mondnacht der
Flöte zeigte eine blasse schimmernde Welt die begleitende Musik zog den
Mondregenbogen darein Walt ließ auf seinen Augen die Tropfen stehen die ihm
etwas von der Nacht des Blinden mitteilten Er hörte das Tönen dieses ewige
Sterben gar nicht mehr aus der Nähe sondern aus der Ferne kommen und der
herrnhutische Gottesacker mit seinen AbendKlängen lag vor ihm in ferner
Abendröte Als er das Auge trocken und hell machte fiel es auf die glühenden
Streifen welche die sinkende Sonne in die Bogen der Saalfenster zog und es
war ihm als seh er die Sonne auf fernen Gebürgen stehen und das alte Heimweh
in der Menschenbrust vernahm von vaterländischen Alpen ein altes Tönen und
Rufen und weinend flog der Mensch durch heiteres Blau den duftenden Gebürgen zu
und flog immer und erreichte die Gebirge nie O ihr unbefleckten Töne wie so
heilig ist eure Freude und euer Schmerz Denn ihr frohlockt und wehklagt nicht
über irgendeine Begebenheit sondern über das Leben und Sein und eurer Tränen
ist nur die Ewigkeit würdig deren Tantalus der Mensch ist Wie könntet ihr
denn ihr Reinen im Menschenbusen den so lange die erdige Welt besetzte euch
eine heilige Stätte bereiten oder sie reinigen vom irdischen Leben wäret ihr
nicht früher in uns als der treulose Schall des Lebens und würde uns euer Himmel
nicht angeboren vor der Erde
Wie ein geistiges Blendwerk verschwand jetzt das Adagio das rohe Klatschen
wurde der Leitton zum Presto Aber für den Notar wurde dieses nur zu einer
wildern Fortsetzung des Adagios das sich selber löset nicht zu einer
englischen Farce hinter dem englischen Trauerspiel Noch sah er Wina nicht sie
konnte es vielleicht im langen himmelblauen Kleide sein das neben dem ihm
zugewandten Rücken saß der nach den Kopffedern und nach der nahen Stimme zu
schließen die in einem fort unter der Musik die Musik laut pries
Raphaelen zukam aber wer wußt es Gottwalt sah bei solcher Mehrheit schöner
Welten unter dem Prestissimo an dem weiblichen Sternenkegel hinauf und hinab und
drückte mit seinen Augen die meisten ans Herz vorzüglich die schwarzen Habite
dann die weißen dann die sonstigen Unglaublich steigerte die Musik seine
Zuneigung zu Unverheirateten er hörte die Huldigungsmünzen klingen die er
unter die Lieben warf »Könnt ich doch dich gute Blasse« dacht er ohne
Scheu »mit Freudentränen und Himmel schmücken Mit dir aber du Rosenglut
möcht ich tanzen nach diesem Presto Und du blaues Auge solltest wenn ich
könnte auf der Stelle vor Wonne überließen und du müsstest aus den weißen Rosen
der Schwermut Honig schöpfen Dich Milde möcht ich vor den Hesperus stellen
und vor den Mond und dann wollt ich dich rühren durch mich oder sonst wen
Und ihr kleinen helläugigen Spieldinger von 14 15 Jahren ein paar Tanzsäle
voll Kleiderschränke möcht ich euch schenken O ihr sanften sanften Mädchen
wär ich ein wenig das Geschick wie wollt ich euch lieben und laben Und wie
kann die grobe Zeit solche süße Wangen und Äuglein einst peinigen nass und alt
machen und halb auslöschen«
Diesen Text legte Walt dem Prestissimo unter
Da er schon seit Jahren herzlich gewünscht in einem schönen weiblichen Auge
von Stand und Kleidung einer Träne ansichtig zu werden weil er sich ein
schöneres Wasser in diesen harten Demanten einen goldnern Regen oder schönere
Vergrösserungslinsen des Herzens nie zu denken vermocht so sah er nach diesen
fallenden Licht und Himmelskügelchen diesen Augen der Augen unter den
MädchenBänken umher er fand aber weil Mädchen schwer im Putze weinen
nichts als die ausgehangenen Weinzeichen die Tücher Indes für den Notar war
ein Schnupftuch schon eine Zähre und er ganz zufrieden
Endlich fingen die in allen Konzerten eingeführten HörFerien an die
SprechMinuten in denen man erst weiß dass man in einem Konzert ist weil man
doch seinen Schritt tun und sein Wort sagen und Herzen und Gefrornes auf der
Zunge schmelzen kann »Wer Henker« sagt Vult sehr gut in einem Extrablatt
seines Hoppelpoppels oder das Herz überschrieben
Vox Humana Konzert
»Wer Henker wollte Ton wie DichtKunst lang aushalten ohne das Haltbare das
nachhält Beider Schönheiten sind die herrlichsten Blumen aber doch auf einem
Schinken den man anbeissen will Kunst und Manna sonst Speisen sind jetzt
Abführungsmittel wenn man sich durch Lust und Last verdorben Ein Konzertsaal
ist seiner Bestimmung nach ein Sprachzimmer für den leisen Ton der Feindin und
Freundin nicht für den lauten der Instrumente hat das Weib das Ohr wie
ähnlicherweise nicht für Wohlgeruch sondern nur für Geruch feindlicher und
bekannter Menschen nach Bechstein die Nase der Hund hat Bei Gott man will doch
etwas sagen im Saal wenn nicht etwas tanzen Denn in kleinen Städtchen ist ein
Konzert ein Ball und keine Musik ohne Sphärentanz himmlischer Körper Dahero
sollte das Pfeifen und Geigen mehr Nebensache sein und wie das Klingeln der
Mühle nur eintreten wenn zwei Steine oder Köpfe nichts mehr kleinzumachen
haben Aber gerade umgekehrt dehnen muss ich klagen so gern ich auch
allerdings einige Musik in jedem Konzerte verstatte wie Glocken und
Kirchenmusik vorher eh Kanzeln bestiegen werden sich die Spielzeiten weit
über die Sprechzeiten hinaus und mancher sitzt da und wird taub und darauf
stumm indes es doch durch nichts leichter wäre als durch Musizieren Menschen
so wie Kanarienvögel zum Sprechen zu reizen wie sie daher nie länger und
lauter reden als unter Tafelmusiken Nimmt man vollends die Sache auf der
wichtigern Seite wo es darauf ankommt dass Menschen im Konzert etwas genießen
es sei Bier oder Tee oder Kuchen so muss man wenn man erfährt dass das
Musizieren länger dauert als das Trinken gleichsam das Blasen zur Hoftafel
länger als die Tafel selber oder das MühlenGeklingel länger als das
ZähneMahlen« und so weiter denn der Hoppelpoppel gehört in sein eigenes
Buch und nicht in dieses
Jetzt da sich die ganze neue Welt und Hemisphäre der Schönheiten vordrehte und
aufstellte musste Wina zu finden sein Raphaela stand schon herwärts gekehrt
aber die himmelblaue Nachbarin saß noch vor ihr Der Notar erkundigte sich
zuletzt geradezu bei Passvogeln nach ihr »Die« versetzte der Hofbuchhändler
»neben der älteren Dlle Neupeter in Himmelblau mit Silber mit den
Perlenschnüren im Haarsie war bei Hof Jetzt steht sie auf sie wendet sich
wahrlich um Aber gibts denn schwärzere Augen und ein ovaleres Gesicht ob
ich gleich sehr wohl weiß dass sie nicht regelmäßig schön ist zB scharfe Nase
und die ausgeschweifte Schlangenlinie des entschiedenen Mundes aber sonst
Himmel«
Als Walt die Jungfrau erblickte sagte die Gewalt über der Erde »Sie sei
seine erste und letzte Liebe leid er wie er will« Der Arme fühlte den Stich
der fliegenden Schlange des Amors und schauerte brannte zitterte und das
vergiftete Herz schwoll Es fiel ihm nicht ein dass sie schön sei oder von Stand
oder die AurikelnBraut der Kindheit oder die des Grafen es war ihm nur als
sei die geliebte ewige Göttin die sich bisher fest in sein Herz zu ihm
eingeschlossen und die seinem Geiste Seligkeit und Heiligkeit und Schönheit
gegeben als sei diese jetzt aus seiner Brust durch Wunden herausgetreten und
stehe jetzt wie der Himmel außer ihm weit von ihm o alles ist Ferne jede
Nähe und blühe glänzend überirdisch vor dem einsamen wunden Geiste den sie
verlassen hat und der sie nicht entbehren kann
Jetzt kam Wina an der angeklammerten Raphaela die aus eitler
Vertraulichkeit sich neben ihr unter die Menge drängen wollte den Weg zu Walten
daher Als sie ganz dicht vor ihm vorbeiging und er das gesenkte schwarze
ZauberAuge nahe sah das nur Jüdinnen so schön haben aber nicht so still ein
sanft strömender Mond kein zückender Stern und worüber noch verschämte Liebe
das Augenlid als eine AmorsBinde halb hereingezogen so trat Walt unwillkürlich
zurück und ein körperlicher Schmerz drückte in seinem Herzen als werd es
überfüllt
Da auf der Erde alles so erbärmlich langsam geht sie selber ausgenommen
und da sogar der Himmel seine Rheinfälle in hundert kleine Regenschauer
zersetzt so ist ein Mensch wie Walt ein Seliger dem statt der von hundert
Altären auffliegenden PhönixAsche der Liebe und Schönheit ganz plötzlich der
ausgespannte goldne Vogel farbeglühend am Gesicht vorüberstreicht Den
Zeitungsschreiber den plötzlich Bonaparte den kritischen Magister den
plötzlich Kant anspräche würde der Schlag des Glücks nicht stärker rühren
Die Menge verhüllte Wina bald so wie den Weg auf der fernen Seite den sie
an ihre alte Stelle zurück genommen Walt sah sie da wieder mit dem himmelblauen
Kleide und er schalt sich dass er vom verschwundenen Gesicht nichts behalten
als die Augen voll Traum und voll Güte Aber beides allein war ihm ein geistiges
All Das männliche Geschlecht will den Stern der Liebe gerade wie die Venus am
Himmel anfangs als träumerischen Hesperus oder Abendstern finden der die Welt
der Träume und Dämmerungen voll Blüten und Nachtigallen ansagt später
hingegen als den Morgenstern der die Helle und Kraft des Tags verkündiget und
es ist zu vereinigen da beide Sterne einer sind nur durch die Zeit der
Erscheinung verschieden
Obgleich Walt die andern Mädchen jetzt in sein Auge einlassen musste so warf
er doch ein mildes auf sie alle wurden Winas Schwestern oder Stiefschwestern
und diese untergegangene Sonne bekleidete jede Luna jede Ceres Pallas
Venus mit lieblichem Licht desgleichen andere Menschen nämlich die männlichen
den Mars den Jupiter den Merkur und sehr den Saturn mit zwei Ringen den
Grafen
Dieser war Walten plötzlich näher gezogen als sei der FreundschaftsBund
schon mündlich beschworen aber Wina ihm ferner entrückt als stehe die Braut
zur Freundin zu hoch Ihren Brief ihr zu übergeben dazu waren ihm jetzt Kraft
und Recht entgangen weil er besser überdacht dass eine bloße Unterschrift des
weiblichen Taufnamens nicht berechtigte eine Jungfrau für die Korrespondentin
eines Jünglings durch Zurückgabe bestimmt zu erklären
Die Musik fing wieder an Wenn Töne schon ein ruhendes Herz erschüttern wie
weit mehr ein tief bewegtes Als der volle Baum die Harmonie mit allen Zweigen
über ihm rauschte so stieg daraus ein neuer seltsamer Geist zu ihm herab der
weiter nichts zu ihm sagte als weine Und er gehorchte ohne zu wissen wem
es war als wenn sein Himmel sich von einem drückenden Gewölke plötzlich
abregnete dass dann das Leben luftigleicht himmelblau und sonnenglänzend und
heiß dastände wie ein Tag die Töne bekamen Stimmen und Gesichte diese
Götterkinder mussten Wina die süßesten Namen geben sie mussten die geschmückte
Braut im Kriegsschiff des Lebens ans Ufer einer Schäferwelt führen und wehen
hier musste sie ihr Geliebter Walts Freund empfangen unter fremden
Hirtenliedern und ihr rund umher bis an den Horizont die griechischen Haine die
Sennenhütten die Villen zeigen und die Steige dahin voll wacher und schlafender
Blumen Er nötigte jetzt Cherube von Tönen die auf Flammen flogen Morgenröte
und BlütenstaubWolken zu bringen und damit Winas ersten Kuss dämmernd
einzuschleiern und dann weit davonzufliegen um den stummen Himmel des ersten
Kusses nur leise auszusprechen
Auf einmal als unter diesen harmonischen Träumen der Bruder lang auf zwei
hohen Tönen schwebte und zitterte die den Seufzer suchen und saugen so
wünschte Gottwalt mitzitternd am Traum des fremden Glücks zu sterben Da
empfing der Bruder ein misstöniges raues Lob aber Walten war bei seiner
heftigen Bewegung die äußere gar nicht zuwider
Es war alles vorbei Er strebte und nicht ohne Glück am nächsten hinter
Wina zu gehen nicht um etwa ihr Gewand zu bestreifen sondern um sich in
gewisser Ferne von ihr zu halten mithin jeden andern auch und so als eine
nachrückende Mauer von ihr das Gedränge abzuwehren Doch drückte er unter dem
Nachgange sehr innig ihre Hand im Brief an Klotar
Zu Hause setzt er im Feuer das fortbrannte diesen Streckvers auf
Die Unwissende
Wie die Erde die weichen Blumen vor die Sonne trägt und ihre harten Wurzeln in
ihre Brust verschließt wie die Sonne den Mond bestrahlt aber niemals seinen
zarten Schein auf der Erde erblickt wie die Sterne die Frühlingsnacht mit Tau
begiessen aber früh hinunterziehen eh er morgensonnig entbrennt so du du
Unwissende so trägst und gibst du die Blumen und den Schimmer und den Tau aber
du siehst es nicht Nur dich glaubst du zu erfreuen wenn du die Welt erquickst
O fliege zu ihr du Glücklichster den sie liebt und sag es ihr dass du der
Glücklichste bist aber nur durch sie und glaubt sie nicht so zeig ihr andere
Menschen der Unwissenden
Beim letzten Worte stürmte Vult ohne Binde ungewöhnlich lustig herein
Nr 26 Ein feiner Pektunkulus und Turbinite
Das zertierende Konzert
»Ich sehe« rief der Flötenspieler mit einer Lustigkeit worein sich Walt
nicht schnell genug hinüberschaffen konnte Er bat ihn nur erst seine AugenKur
anzuhören und dann zu sprechen wovon er wolle Walt war es am meisten
zufrieden »Es wird dir nicht bekannt sein« fing Vult an »dass heute des
Kapellmeisters Wiegenfest war ob dir gleich aus dem guten Spiel aller
Konzertisten bekannt werden konnte dass sie sich noch früher als den Zuhörer
berauschet Die Konzertisten sind von Hunden die vom Herrn nur kleine Stücke
aber aus Furcht nie große annehmen das Widerspiel Der Wein des Kapellmeisters
war ihr Antihypochondriakus geworden und sie hatten so viele
Brunnenbelustigungen an diesem Wahrheitsbrunnen getrieben dass der Violoncellist
seine Bassgeige für einen Himmel ansah und die andern umgekehrt Nun glomm ein
schwacher Funke zum nachherigen Kriegsfeuer schon unter dem Essen durch das
einzige Wort an dass ein Deutscher von einem deutschen großen Dreiklang sprach
worin Haydn sagt er den Äschylus Gluck den Sophokles Mozart den Euripides
vorstelle Ein anderer sagte von Gluck geb ers zu aber Mozart sei der
Shakespeare Jetzt mengten sich die Italier darein zu Ehren des Kapellmeisters
und sagten in Neapel geige man dem Mozart was In der kurzen Zeit wo ich mir
die Kasse in die Hand legen lasse 60 Taler hab ich übrig und hier hast du
deine brach der Krieg wider die Ungläubigen in völlige Flammen aus und als
ich hinsah fochten beide Nationen schon auf Hieb und Stoß
Der Bassgeiger ein Welscher mochte zuerst mit seinem Fiedelbogen den
Ellenbogen des FlûteàbecPfeifers im Feuer angestrichen oder vielleicht auch
auf solchen wie auf eine BassSaite pizzicato geschlagen haben um wohl
Harmonie der Meinungen vorzulocken kurz als ichs sah hatt der Pfeifer den
Bogen von ihm entlehnt und an ihm solchen das eigne Instrument sollte ganz
bleiben bald wie einen Stechheber bald wie eine Streichnadel versucht Behend
kehrte aber der Geiger den Bass um und rannte damit er hielt ihn am Geigenhals
wie mit einem Mauerbock auf den Pfeifer los wahrscheinlich um ihn umzurennen
der Flûteàbeczist lag denn auch nieder nahm sich aber auf dem Boden erst der
Nation hitzig an und fuhr dem Feinde mit der Flûte à bec ins Gesicht und Maul
um ihn vielleicht so mit dem Schnabel der Flöte mehr an sich zu ziehen am
eignen
Der erste Violinist und der zweite fochten eine kurze Zeit mit Pariser
Bogen nahmen aber bald die Geigen bei den Wirbeln als Streitkolben als Fäustel
in die rechte Hand um entweder Deutsch oder Welschland hinaufzubringen das
Resonieren der Geigenbäuche sollte ein Räsonieren der Köpfe vorstellen aber es
war wohl mehr Wort und TonSpiel
Du weißt Hr Hüsgen zu Frankfurt am Main hebt einen kostbaren Büschel Haare
von Albrecht Dürer auf20 ein Amateur hielt ein paar ähnliche herrliche
Reliquien mit beiden Händen in die Höhe in der einen die Perücke die er einem
Sänger ausgerauft in der andern das natürliche Haar was er darunter
angetroffen
Um den liegenden Schnabelpfeifer häufte sich das Handgemenge dichter der
Violincellist suchte den Bass von weitem tief in ihn zu drücken näherte sich
aber dadurch dem heftigen Flötabec womit sich der Deutsche wie mit einem
Kopulierreis mit einer Fallund Eselsbrücke an den Welschen anzuschließen
strebte
Den stehenden Sieger griff von hinten mit einem faulen Trommelbass ein
deutscher Zugtrompeter an zur Schande der Deutschen den aber wieder ein
welscher Bassettornist von hinten angriff zur Schande der Welschen worauf
sich der Deutsche gegen den Welschen umkehrte so dass nun beide in kurzem so
glücklich waren einander den Bruch den sie sich sonst bliesen jetzt um
einen Bruch der Nationen zu heilen mit den Instrumenten zu stoßen wenn ich
recht sah
Ein feiger Stadtpfeifer griff in die Tasche und zog Mittelstücke heraus die
er als Feldstücke von ferne auf die besten Köpfe warf worauf ihm der
Hofballettmeister mit dem Serpent den er sonst bläset zu Ohren kam
O Zwillingsbruder wie wünscht ich sämtlichen Spitzbuben zu ihrem Mord und
Totschlag Glück Nur ein Virtuose der den GygesRing scheinbarer Blindheit
anhat kann sehen wie ihn Orchester auslachen und auskeltern vom Kapelldiener
an bis zum Kapellmeister und wie sie wenn er sie mühsam zum Spielen gewonnen
und gepresset wieder ihrerseits von ihm gewinnen und pressen Meine einzige
Angst unter dem Waffentanz war man möge mein Lachen und Sehen sehen ich
kratzte mir daher in einem fort als Deckmantel das Kinn
Ich glaube wahrlich gar fing der blinde Hofpauker neben mir an Freilich
freilich mein Pauker versetzt ich Und zwar sehr wird meines Wissens und
Hörens zugeprügelt es soll eine schöne dissertatiuncula pro loco zweier
friedlichen guten Nationen vorstellen wenn nicht eine Sonate à quarante mains
Aber Himmel warum schenkte das Glück zu solchem reichen Ein und Vielklang zu
solcher musikalischen Exekution und Stangenharmonie nicht noch mehr Gewehr
Stangenharmonikas Postörner Schulterviolen dAmourViolen gerade Zinken
krumme Zinken Flageolettes Tubas Zitern Lauten Orphikas von Röllig
Kölestinen vom Konrektor Zink und Klavizylinder von Chladni samt deren
beigefügten gehörigen Spielern Wie könnten diese nicht damit sich schlagen
und jeden Wie könnte nicht gehämmert gestaucht gesägt gepaukt werden mein
bester stiller Pauker
Jetzt hatte die PrügelPartie ihre Blüte erreicht Mehrere Stadtmusikanten
und der Bratschist fassten weil sie friedlich dachten Notenpulte an und hielten
sie umgekehrt vor um sich bloß zu decken eh sie damit rannten ein Trompeter
sprang mit dem Instrument auf eine Fensterbrüstung und stieß und blies außer
sich darein und in die Kriegsflamme und schmetterte herunterspringend fort
als ein Kerl ihn an der Quaste niederzog Paukenschlägel flogen auf Kopf und
andere Häute ein Welscher band weil der Bogen entzwei war einem deutschen
Spielmann die Rosshaare von hinten wie eine Vogelschneuss um den Kehlkopf der
Fagottist und der Hoboist hatten einander an den linken Händen so dass sie
tanzend in dieser bequemen wie verabredeten Richtung jeder des andern Rückgrat
und Mark darin vor sich sahen und sich gegenseitig wie Lauten mit ihren
Instrumenten wie mit Fächern schlagen konnten die sonst bliesen In die
härtesten Köpfe wurde mehr Feuer hineingeschlagen als heraus Wer einen Kamm
und einen DeltaMuskel besaß ließ beide schwellen ohne nähere Rücksicht auf
Religion Es kam eine beträchtliche Vereinigung des Organischen und
Mechanischen zustande Rückenwirbel und Geigenwirbel verknüpften sich so
Geigen und sonstige Hälse die Kunstwörter Vor und Nachschlag
Dreimalgestrichen Hämmerwerk Kalkant bekamen lebendige organische Beziehung
die ohne dieses sonst als flaches Wortspiel gänzlich zu verwerfen wäre jede
Hand wollte der GeigenFrosch sein der fremde Haare zu Tönen anziehet und
spannt
Ich wünschte nicht dass du lachtest denn ganz furiös fuhr der ernstere
Kapellmeister aus Neapel umher und herum rief Santo Gennaro schrie fragend
ob das sein Wiegenfest sei oder ordentliche Ordnung bewaffnete sich weil man
ihm nichts darauf versetzte obwohl jedem etwas mit einer Armgeige links mit
einem Waldhorn rechts setzte und stauchte das Horn mit der weiten Öffnung
siegenden Köpfen wie einen Stechhelm mit FederBogen auf doch so dass er halb
stieß schlug aber fort mit der Armgeige nach Knie und allen Scheiben die er
traf
Das musste zuletzt den Klavizembalisten den Stadttertius ein Männlein das
sich selber nicht einmal an die Knie geht geschweige längeren Personen dermaßen
außer Fassung setzen Bruder da der Mann auf Sitten drang aber auf mildere
dass er halb des Teufels hinter seinem Flügel mit einem Streit und Stimmhammer
auf und niederlief und jeden verfluchte und Welsch und Deutschland abkanzelte
ganz frei Was Ihr dummer Teufel Ihr Dampfhans Ihr Schwengelgalgen rief der
Kapellmeister habt Ihr Euch dazu besoffen bei mir und wollte dem Tertius das
Waldhorn aufsetzen weil er geringen Unterschied darin fand ob er ihn damit
anblies wie einen jagdgerechten Hirsch oder damit halb erstiess aber mit
Stimmund GesetzesHammer in den Händen behauptete der Tertius den rechten Flügel
des Flügels und der welsche Napler musste diesen erobern als einen Brückenkopf
Was bedeutet denn auf einmal das Lachen im Saal sagte der Pauker zu mir
Herr versetzt ich im Taumel der Kapellmeister hat den kleinen Tertius unter
dem Flügel beim Flügel erwischt und vorgezogen und hängt ihn jetzt wie ein Paar
Lederhosen die ein Berliner trocknet an den Beinen in die Luft
Was Donner Herr sagte zu meinem Schrecken der Pauker Sie sehen ja alles
Eben diesen Augenblick versetzt ich räumte aber eiligst das Schlag und
Schlachtfeld um nicht selber darauf angestellt zu werden Und so hab ich
denn ganz unerwartet mein voriges Gesicht obwohl noch ein äußerst kurzes für
Stadt und Land wieder erhalten durch galvanische Schläge von weitem
Aber mein Wältlein eine so köstliche Nuntiaturstreitigkeit enharmonischer
Konkordaten bedenk Ist es nicht als habe einer meiner besten Genien uns die
Schlägerei als eine fertige Mauer mit Freskobildern für unsern Hoppelpoppel oder
das Herz absichtlich so vor die Nase hingeschoben dass wir unser romantisches
Odeon nur darauf hinzumauern brauchen bis sich die Mauer gerade da einfügt wo
es krumm läuft Bruder«
»Wenn alle Personalitäten dabei auszutilgen sind« versetzte Walt »gut
Froher ists auch zu lesen als zu sehen Gottlob dass du nur siehst Ach was
haben wir heute nicht zu reden was gewiss in keinen Roman gehört und kommt«
»Nicht« sagte Vult »Darüber ließe sich noch reden Walt«
Nr 27 Spatdrüse von Schneeberg
Gespräch
Walt kam am ersten aus dem Lachen zu sich und zur ernsten Frage wie Vult vor
der Stadt seine AugenRolle jetzt hinausspiele »Ich habe« sagte Vult »schon
einigen Schimmer dann bessert sichs zusehends zuletzt komm ich mit einer
großen Kurzsichtigkeit davon« Der Notar bezeugte wie er sich auf eine
leichtere Zukunft freue worin sich das Leben wie eine bunte Blume weit auftun
würde Er übergoss den Virtuosen in der Hoffnung ihn zu überraschen mit einem
Frühlingsregen von wohlriechenden Wassern des Lobs auf die Flöte Allein
fahrende TonMeister die man stets laut beklatscht und nur hinter ihrem Rücken
auspfeift sind fast noch eitler als Schauspieler welche doch zuweilen eine
gute Monatsschrift kneipt und ärgert »Ich darf mich« versetzte Vult »wohl
ohne die Bescheidenheit zu verletzen einiger Bescheidenheit rühmen Aber wie
hörtest du Voraus und zurück oder nur so vor dich hin Das Volk hört wie das
Vieh nur Gegenwart nicht die beiden PolarZeiten nur musikalische Silben
keine Syntax Ein guter Hörer des Worts prägt sich den Vordersatz eines
musikalischen Perioden ein um den Nachsatz schön zu fassen«
Der Notar erklärte sich darüber ganz vergnügt er teilte dem Flautisten die
gewaltige Verstärkung des Eindrucks mit die er selber der Flöte durch die
SzenenTräume durch die Mädchen und durch Wina zugeschickt ohne zu erraten
dass Vultens ganzes Gesicht an diesem Lorbeer verzogen käue weil er den Unmut
seinem mangelhaften Streckvers zuschrieb worin der Virtuose las Dieser hatte
das Gedicht in der Hoffnung aufgenommen es lobe keine andern Schönheiten als
musikalische »Es ist« sagte der Notar stockend »an die Braut des Grafen ich
bin auch nicht zufrieden mit manchem harten Fuß darin ich meine den Ditrochäus
den dritten Päon und den Jonikus mit dem langen Anfang
aber im Feuer wird man leicht hart« »Wie Prügel zB und Eier« sagte
Vult »Aber o Gott wie hören deine Menschen Sollte man nicht lieber seine
Flöte zum Blasrohr oder zur KinderKlistierspritze ansetzen oder zu Hobelspänen
für einen Sarg verschneiden wenn man so die grässliche Bespritzung des einzigen
Himmlischen erfährt das noch über die LebensSpiessbürgerei oben vorüberfliegt
Ich ziele nicht auf dich Notar aber du bringst mich darauf Denn wie
besonders Musik enteiligt wird obgleich jede Kunst überhaupt das höre
Tafelmusik lass ich noch gelten weil sie so schlecht ist wie Tafelpredigten
die man in Klöstern ins Käuen hinein hält von verfluchten verruchten
Hofkonzerten wo der heilige Ton wie ein Billardsack am Spieltische zum Spielen
spielen und klingeln muss red ich gar nicht vor Grimm da ein Ball in einem
Bilderkabinett nicht toller wäre aber das ist Jammer dass ich in Konzertsälen
wo doch jeder bezahlt mit solchem Rechte erwarte er werde für sein Geld etwas
empfinden wollen allein ganz umsonst Sondern damit das Klingen aufhöre ein
paarmal und endlich ganz deswegen geht der Narr hinein Hebt noch etwas den
Spiessbürger empor am Ohr so ists zwei höchstens dreierlei 1 wenn aus einem
halbtoten Pianissimo plötzlich ein Fortissimo wie ein Rebhuhn aufknattert 2
wenn einer besonders mit dem Geigenbogen auf dem höchsten Seile der höchsten
Töne lange tanzt und rutscht und nun kopfunter in die tiefsten herunterklatscht
3 wenn gar beides vorfällt In solchen Punkten ist der Bürger seiner nicht mehr
mächtig sondern schwitzt vor Lob
Freilich bleiben Herzen übrig Walt die delikater fühlen und eigennütziger
Ich habe aber Stunden wo ich aufbrausen kann gegen ein paar verliebte Bälge
die wenn sie etwas Hohes in der Poesie oder Musik oder Natur vorbekommen
sofort glauben das sei ihnen so recht auf den Leib gemacht an ihren flüchtigen
Erbärmlichkeiten die ihnen selber nach einem Jahr bei noch größerer als solche
erscheinen habe der Künstler sein Maß genommen und komme mit dem gestickten
Krönungsmantel und Isisschleier auf dem Ärmel zurück für die Kunden Ein
Associé von Neupeter sieht bei solcher Gelegenheit nachts gen Himmel an die
Milchstrasse und sagt zur Kauffrau Edle so empfange jenen Kreis als einen
schlechten Ring von mir zum Zeichen und BrautGürtel unseres himmlischen Bunds«
»Ei Bruder« sagte Walt »du bist so hart was kann denn ein Mensch für
eine Empfindung oder gegen sie es sei in der Kunst oder großen Natur Und wo
wohnen denn beide so groß sie auch sind als nur in einzelnen Menschen Wohl
mag er sie sich daher zueignen als wären sie für ihn allein Die Sonne geht vor
Schlachtfeldern voll Helden vor dem Garten der Brautleute vor dem Bette
eines Sterbenden zugleich auf ja in derselben Minute vor andern unter und doch
darf jeder nach ihr sehen und sie an sich heranziehen als beleuchte sie seine
Bühne nur allein und stimme ein in sein Leid oder in seine Lust und ich möchte
sagen gerade so wie man Gott so anruft als den seinigen indes doch ein Weltall
vor ihm betet Ach sonst wär es ja schlimm wir sind ja alle einzelne«
»Gut so nehmt die Sonne hin« sagte Vult »aber nur der Paradiesesfluss der
Kunst treib eure Mühlen nicht Darfst du Tränen und Stimmungen in die Musik
einmengen so ist sie nur die Dienerin derselben nicht ihre Schöpferin Eine
elende Pfeiferei die dich am Todestage eines geliebten Menschen aus den Angeln
höbe wäre dann eine gute Und was wäre das für ein KunstEindruck der wie die
Nesselsucht sogleich verschwindet sobald man in die kalte Luft wieder kommt
Die Musik ist unter allen Künsten die reinmenschlichste die allgemeinste«
»Desto mehr Besonderes geht hinein« versetzte Walt»irgendeine Stimmung muss
man doch mitbringen warum nicht die günstigste die weichste da das Herz ja
ihr wahrer Sangboden ist Aber deine Lehre will ich nicht vergessen nämlich
voraus und zurückzuhören«
»Wie gings dir sonst« fragte Vult mürrisch »Denn ich bleibe dabei
Wirklichkeit in die Kunst zu kneten zum Effekt ist so eine Mischung wie an
manchen Deckengemälden in welche der Perspektive wegen noch wirkliche
GipsFiguren geklebet sind Erzähle« Walt der Vults Murrsinn bloß seiner
unkünstlerischen Hörkunst zuschrieb und über welchen ohnehin die Liebe ihren
Traghimmel hielt erzählte sanft und gern wie eifrig er bisher den Grafen
gesucht wie er ihm bei Neupeter dessen Diner er beschrieb gegenüber gesessen
mit ihm gesprochen und an ihm gefunden dass er durch die stolze Gewandtheit
seines Geistes und durch den philosophischen Schwung über enge Blicke und Winke
dem Flötenspieler so ungemein ähnlich sei »Du liebst Dubletten doch wahrlich
hier sind keine Freund aber nur weiter« versetzte Vult dem wie Frauen kein
Lob der Ähnlichkeit gefiel
Darauf zeigt er Winas Briefumschlag her als Einlasskarte in Klotars Zimmer
und Ohr »Ja ja ganz natürlich überhaupt fing Vult an aber nenne nur ins
Henkers Namen nicht Spieß und Pfahlbürgerinnen wie die Dlles Neupeter Damen in
großen Städten an Höfen gibts Damen aber in Hasslau nicht Dein höllisches
Preisen Ich will gehangen sein sprichst du mehreren Mamsellen auf der Welt den
Verstand ab als fünfen den fünf törichten im Neuen Testamente Und was hältst
du von der weiblichen Tugend dieser scharmanten Wesen der fünf klugen der
Rosenmädchen der Wickel und Freifrauen und der ersten Sängerinnen Aber ich
weiß es schon«
»Nun ich scheue mich nicht« versetzte der Notar »wenigstens dir meinem
leiblichen Bruder zu bekennen dass ich bis diese Stunde keinen Begriff habe
dass ein vornehm gekleidetes schönes Frauenzimmer sich sündlich vergessen könne
etwas anders ist eine Bäuerin Gott weiß wie heilig und zart alle insgeheim
sind wer wills wissen Aber mein Blut das weiß ich könnt ich für jede
hingeben«
Da sprang der Flautist wie von Verwunderung besessen im Zimmer auf und
nieder schnappte mit beiden Händen wie mit Schnappweifen nickte mit dem Kopfe
und wiederholte »Vornehm gekleidetes« Es wäre zu wünschen dass die
Leserinnen sein anstössiges Erstaunen wenn nicht rechtfertigen doch
entschuldigen wollten mit den Verhältnissen worein er auf seinen großen Reisen
geraten musste da es wie schon gemeldet worden wenig größere Städte und höhere
Stände gab denen er nicht blies als anerkannter Flötenmeister Das bessert
seinen Handel um vieles
Walt wurde von der mimischen Widerlegung sehr beleidigt »Rede wenigstens«
sagt er »denn dies widerlegt mich nicht« Aber Vult versetzte mit dem
gleichgültigsten Tone von der Welt »De gustibus non und so weiter Von etwas
Schönerem Äussertest du nicht vorhin etwas als ob beide Dlles Neupeter sich in
der Tat für hässlich ansähen und zeigtest ein Mitleid« »Desto besser« sagte
Walt »wenn sie sich schöner finden Bei allen Mädchen entschuldige ich das
weil sie sich nur im Spiegel sehen mithin wie du aus der Katoptrik wohl weißt
gerade in einer noch einmal so großen Ferne als der Fremde sie jede Ferne aber
auch die optische macht schöner«
»So scheints« sagte Vult erstaunt »Spasseshalber will ich dir doch nur die
drei Weiber so weit ich sie im KlatschrosenTal kennen lernen aufstellen Die
alte Engelberta nein das ist die Tochter die Mutter also mag noch
hingehen ihr Herz ist ein ausgesessener Grossvaterstuhl und übrigens hat sie
von der MuschelAuster nicht nur die Seele geerbt sondern auch die Perlen
Freilich wäre der Agent weniger bemittelt so würde sie wohl als Widerspiel
der Österreicher Infanterie die im Kriege aus den Zwilchkitteln Brotsäcke
machen muss21 seinen Brotsack zu einem bunten Kittel verschneiden
Engelberta nun sie scherzt zuweilen viele nennens Verleumden wie Festungen
bei schlimmem Wetter so tut sie immer Ausfälle wiewohl man sie nicht eben
belagert wehrt sich wie ein Hamster gegen einen Mann zu Pferde und ich
könnte sie wie den Hamster am Stocke wegtragen worein sie sich eingebissen
Raphaela sie empfinde sagst du aber doch nicht mehr als mein Fingernagel
oder meine Ferse frag ich Freilich will sie ich bekenne es an der
Angelschnur ihres sentimentalischen Haar und Liebesseiles und an der biegsamen
Angelrute ihrer poetischen Blumenstengel sich einen hübschen Walfisch von
Gewicht aus dem Meere heben was andere einen Ehemann nennen An ihrem Ufer zu
ihren Füßen schnalzt der kleine glatte Elsasser Flitte der gern lebte und sich
gern als ein Goldfischchen in einem Gehäuse auf einer Tafel stehen sähe
Semmelkrumen aus schönsten Händen fressend Die andern Aber was solls An der
ganzen Tafel dauert mich nichts als der südliche Wein Es ist Sünde wenn ihn
jemand anders trinkt als ein Kopf von Witz Es ist Sünde gegen den heiligen
Geist des Weins wenn er FrachtMägen gemeiner Menschen durchziehen muss«
»O Gott« sagte Walt »wie oft brauchst du nicht den Ausdruck gemeine
Menschen aber so erzürnt dabei als habe sich das Gemeine freiwillig von einer
Höhe herabbegeben oder das Ungemeine zu einer hinauf indes du doch milder von
Tieren und Feuerländern sprichst«
»Warum Mich erbittert die Zeit das Leben der Satan Überhaupt aber
was hilfts Grüße den Grafen von mir herzlich morgen Von den ehrlichen sieben
Erben haben dir doch ein paar an nahe 32 Beete gestohlen ganz gegen meine
Meinung weniger als gegen deine Inzwischen Addio« sagte Vult schied hastig
über den geringen Erfolg verdrießlich womit er mit seiner Welt und Kraft den
unerfahrnen Meinungen des sanften Bruders gebot
Walt sagte mit zärtlichster Stimme gute Nacht aber ohne Umarmung und er
sah ihn nur mit Lieb und Trauer an Er warf sich vor dass er durch seine
Urteile den künstlerischen Bruder so wenig belohnet und dass er diesem die
Beete verloren habe »Wenigstens aber hab ich ihm doch« sagt er »die
Tafelschmähungen gegen ihn22verschwiegen« Er hielt es nur für erlaubt ein Lob
hinter dem Rücken nicht einen Tadel hinter dem Rücken dem Gegenstande
mitzuteilen
Nr 28 Seehase
Neue Verhältnisse
Am Morgen eilte der Notar mit Winas Brief zum Grafen übergab aber nichts weil
vergoldete Wagen und Bediente an der Türe und deren Herren im Besuchszimmer
standen was hätte ich davon fragt er sich »Ich komme wieder wenn niemand
darin ist« sagt er zum Bedienten dem das wie eine DiebsErklärung klang
Im Speisehause fand er auf dem Tischtuche das Wochenblatt und Klotars
gedruckte Bitte darin ein redlicher Finder soll ihm seinen Brief wieder
zustellen
Am Tische hört er dass der General Zablocki seinen Koch ein Dienstjubiläum
feiern lasse Der Komödiant leitete die Feier aus dem Herzen des Generals ein
Offizier aus dessen Gaumen und Magen her »der Jubelkoch« fügt er bei »ist
ihm so nahe wie eine Kompanie oder sein Schwiegersohn« Walt lief wieder in die
Villa des Grafen hinaus Dieser aß eben bei dem General
Zu erklären ist allerdings einer der keckesten Gedanken die je Walten
Sporen und Flügel angesetzt welcher ihm unter Klotars Gartentüre anflog
sobald man erwägt dass er das SonntagsKonzert noch im Kopfe haben musste und im
Herzen ohnehin Daher ist es wohl nur ein Nebenumstand dabei aber er trug mit
bei dass der General der halbe Besitzer von Elterlein war und Gottwalt ein
Linker Gleichwohl wollt er anfangs sich erst mit seinem Bruder beraten ob er
angehe der Gang ließ es aber unterwegs um ihn hofft er abends mehr mit der
Nachricht zu fassen und aufzurütteln dass er ganz kühn beim polnischen General
gewesen um Winas Brief an dessen Schwiegersohn auszuliefern
Sehr spät brach er dahin damit auf um nicht ins Essen zu fallen Auch
sollte jeder Mensch gegen Abend nämlich nie gegen Morgen wo der Geist noch
den Körper und das Gestern verdauet mit Gesuchen und sich zu Großen kommen
welche er vielleicht alsdann halb betrunken und halbmenschlich es sei vom
MittagsEssen oder MittagsTrinken zu finden hoffen darf Auf dem Wege dahin
wallete Gottwalts Herz wie ein angewehtes Blumenbeet bei dem Gedanken auf dass
er dem Hause zugehe worin Wina so lange als Kind und Jungfrau gelebt Auf der
letzten Gasse musst er mit dem Plane der Übergabe ins Reine kommen »Anders«
sagt er sich »kanns doch nicht gehörig delikat ausfallen als wenn ichs so
mache dass ich mich beim General denn der Graf ist doch nur Gast ordentlich
melden lasse mich dann entschuldige und sage dass ich dem Hrn Grafen etwas in
einem Seitenzimmer zu übergeben habe dieser und seine Braut mögen nun
dabeistehen oder nicht und dabei seh ich doch auch einmal einen General ja
einen polnischen« Sehr sucht er sich unterwegs keine andere Freude vorzuhalten
als die einen General zu hören Drei ViertelStunden hatt er einmal in Leipzig
am Hotel de Baviére gelauert um einen Ambassadeur einsteigen zu sehen
Denselben Durst hatte sein Herz nach dem Anblick eines preußischen Ministers
Dieses Triumvirat war ihm der Dreizack der Gewalt der Feinheit und des
Verstandes feinere Turnüren als die sind womit dieser StaatsTrident guten
Morgen guten Abend und alles sagen werde indes ohne Blumen konnt er nicht
wohl für möglich halten weil er glaubte sie denen gleichsetzen zu können
womit Louis XIV und Versailles auf die Nachwelt kamen Nur drei Personen
gleichsam Kuriatier stellt er diesen drei Horatiern entgegen und sogar voraus
deren Gemahlinnen oft ließ er besonders eine Ambassadrice durch seinen Kopf
gehen welche es war eine russische dänische französische englische etc
»Bei Gott« sagt er »sie ist ganz Göttin sowohl in betreff der zartesten
Ausbildung und Tugend als des feinsten Teints Gesichts und Anzugs aber warum
hab ich armer Teufel noch keine Ambassadrice zu Gesicht bekommen«
Endlich stand er vor dem Zablockischen Palast Die Auffahrt und das
KettenGehenke an Pfeilern waren neue Siebenmeilenstiefel für seine Phantasie
er freute sich auf die Nacht wo er diese gespannte bange Stunde auf dem
Kopfkissen frei und ruhig beschauen und behandeln werde Er trat in den Palast
er sah rechts und links breite Treppen mit Eisengeländern große Flügeltüren
sogar einen rennenden Mohr mit weißem Turban geputzte Menschen gingen herab
heraus hinein Türen wurden oben auf und zugemacht Treppen berennt Schwer
wars für einen Notar sich einen Menschen auf der Hausflur auszusuchen dem die
Bitte vorzutragen war dass er zum General wolle
Eine Viertelstunde stand er hoffend einer der Leute wende sich an ihn und
frag ihn und entwickle dann alles aber man lief vorüber Zuletzt spazierte
er frei in der Hausflur auf und nieder einmal eine halbe Treppe hinan hielt
sich die größten Männer aus der Weltgeschichte vor um einen lebendigen besser
zu handhaben und bracht es endlich zu einer Frage nach dem General an ein
Mädchen
Sie wies ihn an den Portier Der Himmel hat öfter eine Vorhölle als einen
Vorhimmel tröstet er sich vielleicht die ganze gelehrte Vorwelt hat schon
auf ähnlichen PalastFluren geschwitzt Eine Himmelstüre tat sich ihm auf
heraus trat ein ältlicher gepuderter verdrießlicher Mann der ein breites Gehänge
über dem Leib und einen Stock mit einem schweren SilberGiebel trug Walt ganz
unvermögend das lederne Bandelier für etwas anders zu halten als für ein
Ordensband und den PortierStab für einen Kommandound Generalstab und den
Portier für den General machte ohne viele Umstände einige Verbeugungen und
näherte sich dem Türsteher höflich murmelnd
»Das hilft alles nichts« sagte der Portier »gegenwärtig schlafen
Exzellenz man muss sich gedulden«
Aber niemand braucht aus Walts Verwechslung viel zu machen wenn man
soviel von der Welt gesehen dass keine möglich ist sondern dass jeder
vornehme Inhaber eines Türhüters selber wieder einer ist nur an einer höheren
Türe entweder an einer kaiserlichen königlichen fürstlichen Gnaden oder an
einer Falltüre entweder als Klopfer der das Hereinwollen oder als Klingel
die das Hereinkommen ansagt und jeder wie Janus als SchwellenGott ein anderes
Gesicht gegen die Gasse kehrend ein anderes gegen das Haus Sind manche gute
Gemüter nur Portiers an blinden Toren so stecken sie doch ihren Sperrgroschen
von Proselyten des Tors so gut ein wie die schlimmsten die wenigstens den
Janustempel wie eine öffentliche Bibliothek gern öffnen
Sehr rot trat der Notar in das lustige Domestikenzimmer das Geisselgewölbe
eines dürftigen Gelehrten Bediente sind parasitische Menschen an Menschen
Dörfer wo auf den Briefen die nächste Poststation angezeigt werden muss Doch
die Zablockischen waren gut gelaunt und schönbetrunken vom KüchenJubel Walt
saß unbeunruhigt da »Wo ist der Bonsoir Freund« fragte ein eintretender
Lakai Walt glaubte sich gemeint und den Abendgruss vermisset nicht aber den
LichtTöter er versetzte frisch »Bon soir mon cher« In der Tat kam es
endlich dahin dass ein Bedienter vor ihm vorausging und er hinterdrein durch
Vorsäle voll langer Kniestücke über glatte Zimmer weg und endlich vor ein
Kabinett das der Bediente zwar auf aber erst zumachte da er hinein war
bevor ers ihm auftat
Der General ein stattlicher männlichschöner stark genährter lächelnder
Mann fragt ihn mit freundlicher Miene und Stimme was Monsieur Harnisch
wünsche »Exzellenz ich wünsche« fing er an und hielt die Wiederholung des
Zeitworts für Welt »dem Hrn Grafen von Klotar einen verlorenen Brief zu
übergeben da ich ihn hier zu finden hoffe« »Wen« fragte Zablocki »Den Hrn
Grafen von Klotar« versetzte Walt »Wollen Sie mir den Brief vertrauen so
kann ich ihn sogleich übergeben« sagte Zablocki Der Notar hatte sich viel
schönere Entwicklungen versprochen jetzt lief alles fast auf nichts hinaus dem
Vater musst er den Brief der Tochter abstehen und lassen Er tats da der
Umschlag entsiegelt war mit den feinen Worten er bring ihn so offen als er
ihn gefunden Er wollte damit vielerlei leise andeuten seine eigene
Rechtschaffenheit ihn nicht gelesen zu haben sein Erwarten der Nachahmung und
noch allerhand Gefühle Der General steckte ihn nach einem leichten
Entzifferungsblick auf die Überschrift gleichgültig ein und sagte er habe
soviel Schönes über seine Flöte gehört er wünsche sie selber einmal zu hören
Große sind ebenso vergesslich als neugierig doch konnt es Zablocki auch tun um
reden zu hören
Walten wars angenehm zu berichtigen »Ich wünschte« sagt er fein »ich
würde nicht verwechselt oder vielmehr fügt er bei da ihm das gerade einen
zweiten ganz entgegengesetzten Sinn geben wollte ich könnt es werden« »Ich
verstehe Sie nicht« sagte der General Walt entdeckte ihm kurz er sei aus
dessen Elterleinischem Territorium gebürtig und sein Vater sei der Schulz
Jetzt glaubte er an Zablocki den wahren menschenliebenden MenschenDulder ganz
zu erkennen als dieser sich des Schulzen der so oft als ein Mauerbock sich an
dessen Gerichtsstube die Hörner abgestoßen vielmehr mit den freundlichsten
Mienen und sogar der van der Kabelschen Erbschaft entsann ja teilnehmend eine
genauere Geschichte derselben zu hören begehrte Die lieferte Walt gern nett
und heiß indes halb schwindelte er vor Freude wenn er von der Höhe und Spitze
in die Dörfer hinuntersah auf der er neben einem Großen stand und ihn so lange
anreden und sich gut ausdrücken durfte Mit Freuden hätt er für ein so
menschenliebendes Herz das er nie im Verband eines Ordensbandes gesucht hatte
einen Zacken oder Stein aus der polnischen Krone ausgebrochen oder diese für
den schönen Kopf zugeschmolzen um durch ein Präsent damit erkenntlich zu sein
In etwas drückt er seine Liebe weil er nichts Näheres hatte die Blicke
ausgenommen streichelnd auf dem Kopfe eines Windhunds aus der sich hochbeinig
an seine Schenkel anpresste
»Haben Sie eine französische Hand« fragte der General auf einmal und schob
ihm ein Papier vor zu einem Probeschuss Walt sagte er verstehe es leichter zu
schreiben in mehr als einem Sinn als zu sprechen und verdank es seinem
Lehrer Allein welchem Worte er unter so vielen Tausenden die Gallien hat das
Schnupftuch zuwerfen sollte das wußt er schwer da das Wort doch etwas
vorstellen sollte »Was Sie wollen« sagte endlich Zablocki Er sann aber
fort »Das Vaterunser« sagte jener In der Geschwindigkeit konnt ers unmöglich
übersetzen
»Vorzüglich« fuhr der General fort als jener noch nachdachte »würd ich
auf rein französische Endbuchstaben sehen dergleichen wie Sie wissen s x r
t p sind« Walt verstand die französische Benennung dieser Lettern nicht recht
aber sehr wohl das französische Kamnephez23 Schomaker der jahrelang keinen
gallischen Dialog und Brief zu machen hatte erstlich weil dazu stets eine
zweite Person gehört zweitens weil auch eine erste erforderlich ist er aber
gar nichts davon verstand dieser Kandidat hatte echtfranzösische Handschrift
und Aussprache vermittelst dergleichen Kaufmannsbriefe und Reisediener zu einer
so außerordentlichen Höhe hinaufgetrieben wie vielleicht außer Hermes und einem
zweiten Romancier kein Autor von Gewicht ohne Stand Und Walt hatte beides bei
ihm erlernt
»O vortrefflich« sagte der General als endlich jener Winas französische
Adresse an Klotar probierend hinschrieb »Recht gut ja Nun hab ich ein
ziemliches Paket französischer Briefe über einen Gegenstand auf meinen Reisen
gesammelt von verschiedenen alten und neuen Personen welche ich sehr gern
in ein Buch abgeschrieben sähe da sie sonst leicht sich verspringen Wenn Sie
denn täglich an dem Buche mémoires éotiques mag es heißen eine Stunde hier
in meinem Hause schrieben«
»Exzellenz« stotterte Walt mit blitzenden rednerischen Augen »wenn über
den zärtesten Gegenstand kein Ja zart genug sein kann« »Gehts nicht« fragte
der General »O am besten« versetzte jener »und jede Minute« »Ich werde«
sagte Zablocki »die Briefe zusammensuchen und Ihnen die KopierStunde nächstens
bestimmen lassen« Darauf machte Zablocki den vornehmen EntlassungsBückling
Walt macht ihn leicht zurück und harrte lange auf weitern Verfolg bis er
endlich da der General sich umstellte und durchs Fenster guckte den
Abschied dessen Schnelle er schwer mit dem warmen Gespräche paaren konnte
herausbrachte durch Überlegung Jetzt musst er etwas suchen was ebenso schwer
zu finden war als vorhin der Eingang nämlich der Ausgang am glatten Kabinett
Keiner wollte vorstechen Leise überstrich er mit den Händen die fugenlosen
Wandtapeten weil er sich schämte zu fragen wie er hereingekommen Über drei
Wände glitt er mit dem Bügel der Hand bis er endlich in eine Ecke auf ein
goldenes Kreuz einer Türe griff Er dreht es mit Vergnügen um und es tat sich
ein Wandschrank auf worin Winas himmelblaues KonzertKleid lang und nahe
niederhing Staunend guckte er hinein und wollte noch lange davor erstaunen als
sich der General der das Handstreicheln und Glätten vernommen endlich umdrehte
und ihn vor dem Schranke mit dem Schauen halten sah »ich wollte hinaus« sagt
er »Das geht hier« sagte Zablocki und öffnete eine Türe wo das wirklich zu
machen war
Das Schicksal mag ihm absichtlich die kleine Schamröte auf seinen SiegesWeg
mitgegeben haben um damit einigermaßen das Bewusstsein zu dämpfen womit er so
mit Ehrenmedaillen und BassasRossschweifen behangen so mutig durch Zimmer und
Haus marschierte dass er sich auf der Straße mit einigen maß die wie er zu
Fuße kamen von Hof Indes hatte er alle Welt lieb und verbarg sich am wenigsten
wie mancher dahin gehe der ohne Schuld solche Erhebungen nie erlebe Daraus
messe die Welt ab wie vollends ein dürftiger Leutnant der Sonntags seine
seidenen Beine unter der Hoftafel gehabt um 4 14 Uhr mit dem KurialKrätzer
und der ChampagnerFolie im Kopfe nach Hause gehen mag mit welchem
Selbstbewusstsein meint man Julius Cäsar selber kann dem Ortshalter aufstossen
und dieser wird bloß fragen »Jul aber woher kommst denn du wüste Fliege«
Mit größter Sehnsucht vor allen Dingen auf Vults Tisch einige schwache
Zeichnungen der heutigen Krönungsstadt und Ehrenpforte zu legen klopfte Walt an
dessen Türe sie war zu und mit Kreide stand daran »Hodie non legitur«
Nr 29 Grobspeisiger Bleiglanz
Schenkung
Nach einigen Tagen kam der Gärtner von Alkinous Gärten denn das war Walten
Klotars Kutscher und lud ihn in die Villa ein Der Notar hatte kaum in
größter Eile ein ganzes Philadelphia der Freundschaft auf einer
Freundschaftsinsel gebaut und ein Sortiment Lorenzosdosen gedreht weil er die
Einladung für einen Lohn der BriefGabe nahm als der EdenGärtner die Treppe
wieder heraufkam und durch die Türspalte nachholte er solle was zum
Verpetschieren einstecken es wären NotariusHändel
Indes wars in jedem Falle etwas Er traf als Notarius im reichen Landhaus
Klotars zugleich mit dem Fiskal Knoll ein Aber als er die vergoldeten
Quartanten die vergoldeten Wandleisten und das ganze Wohnzimmer des Luxus
übersah so rückte die eigne Wohnung den Grafen weiter von ihm weg als die
fremden bisher Klotar fuhr ohne aus beiden Ankömmlingen viel zu machen im
Streite mit dem Kirchenrat Glanz und dessen flachem Tolerieren so fort »Der
Wille arbeitet den Meinungen mehr vor als die Meinungen dem Willen man gebe mir
eines Menschen Leben so weiß ich sein System dazu GlaubensDuldung schlösse
auch HandelnsDuldung in sich ein Ganz tolerant ist daher niemand Sie sind es
zB nicht gegen Intoleranz« Glanz gab recht bloß weil sein Ich beschrieben
wurde Aber der Notar stellte weil er ohnehin müßig stehen musste den Einwand
auf »Ganz intolerant ist auch kein Mensch kleine Irrtümer vergibt jeder ohne
es zu wissen Aber freilich sieht der Eingeschränkte gleichsam im Tal Wohnende
nur einen Weg wer auf dem Berge steht sieht alle Wege«
»Ins Zentrum gibts nur einen Weg aus dem Zentrum unzählige« sagte der Graf
zu Glanz »Wollen Sie indessen sich an meinen Sekretär setzen Hr Notar und
den gewöhnlichen Eingang zu einem SchenkungsInstrument für Fräulein Wina von
Zablocki in meinem Namen machen Ich heiße Graf Jonathan von Klotar« Die Namen
Jonathan und Wina zitterten dem Notar wie Apfelblüten auf die Brust herab Er
setzte sich und schrieb voll Lust »Kund und zu wissen sei jedermann durch
diesen offenen Brief dass ich Graf Jonathan von Klotar heute den« Walt fragte
den Juristen um den wievielsten »der 16« sagte dieser Höflich nahm er keinen
neuen Bogen sondern schabte am Schreibfehler des alten lange Unter dem Schaben
konnt er auf des mageren haarigen Knolls Vorlesung über Ehekontrakte hinhören
neben welchem der schöne Graf ihm wie der edle Hugo Blair in der Jugend dessen
geisterhebende Predigten seine Flügel und seine Himmel zugleich gewesen
vorkam Ein Kontrakt zwischen Wina und Jonathan ein eigensüchtiges do ut des
war ihm eine widrige widersprechende Idee da man wohl mit dem Teufel einen Pakt
macht aber nicht mit Gott Er benutzte das Wegschaben des Datums als eine freie
Sekunde und sagte ebenso keck wenn ihm etwas Rechtes einfiel als blöd im
andern Falle »Ob ich gleich ein Jurist bin Hr Fiskal und ein Notar so
bedauer ich bei jedem EheKontrakt den ich machen muss dass die Liebe das
Heiligste Reinste Uneigennützigste einen groben juristischen eigennützigen
Körper annehmen muss um ins Leben zu wirken wie der Sonnenstrahl der feinste
beweglichste Stoff mit der heftigsten Bewegung nichts regen kann ohne
Vermischung mit dem irdischen Dunstkreis«
Knoll hatte mit saurem Gesicht nur auf die Hälfte des Perioden gehört der
Graf aber mit einem gefälligen »Ich lasse« sagt er aber mit sanftester
Stimme »wie schon gesagt keine Ehestiftung machen sondern nur ein
SchenkungsInstrument« Da trat ein Bedienter des Generals mit einem Briefe ein
Klotar schnitt ihn aus dem Siegel ein zweiter aber entsiegelter lag darin
Als er einige Zeilen im ersten gelesen gab er dem Notar ein schwaches Zeichen
einzuhalten Den eingeschlossenen macht er gar nicht auf Walten kam er sehr
wie der von ihm gefundne vor Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete Klotar den
Boten aber auch mit einer Bitte um Vergebung das Zeugenpaar und den Notarius
er sei zweifelhaft sagt er ob er jetzt fortfahren lasse aber da ers sei so
lass er lieber nicht Einige Schatten von innern Wolken flogen Über sein
Gesicht Walt sah zum ersten Male einen geliebten Menschen noch dazu einen
Mann in verhehlter Bekümmernis und die fremde besiegte wurd in ihm eine
siegende Eigennützig wär es jetzt dacht er nur daran zu erinnern wie er
anfangs gewollt dass er den Brief gefunden und gegeben desgleichen wahrhaft
grob nur danach zu fragen ob der Schwiegervater solchen ausgehändigt Beim
Abschied wollte der Graf ihm etwas Härteres in die Hand drücken als seine eigne
»Nein nein« stotterte Walt »Meine Verbindlichkeit« sagte der Graf »ist
dieselbe Freund« »Ich nehme nichts an als die Anrede« sagte Walt wurd
aber wegen seines IdeenSprungs wenig verstanden Klotar drang verwundert und
halb beleidigt in ihn »Aber meinen Bogen nähm ich gern« sagte Walt weil es
ihm so wohlgetan darauf zu schreiben Ich Jonathan von Klotar »Hr Graf«
sagte Knoll »der Bogen gehört wohl uns sieben Erben schon wegen der Rasur«
und wollt ihn nehmen »Sie sei ja eingestanden o Gott« sagte Walt erzürnt und
behauptete den Bogen ein zorniger Tropfe und Blick entbrannt in seinen blauen
Augen diesen zu entschuldigen drückt er eilig Klotars Hand und floh davon
um sich zu trösten und andern zu vergeben
»Ach« dacht er unterwegs »wie weit ists von einem ähnlichen Herzen zum
andern Über welche Menschen Kleider Ordenssterne Tage geht nicht der Weg
Jonathan ich will dich lieben ohne geliebt zu werden wie ich deine Wina
liebte es ist mir vielleicht möglich aber ich wünschte doch dein Porträt«
Nr 30 Misspickel aus Sachsen
Gespräch über den Adel
Der Notar verlor jeden Tag seinen Bruder einmal Er konnte dessen Verschwinden
nicht fassen die Sonnenfinsternis des Schmollgeistes war ihm eine unsichtbare
Bald hielt er ihn für ersoffen bald für verreiset bald für entlaufen bald
für beglückt durch ein seltenes Abenteuer Er suchte den zweimal besiegelten
Brief mit der Unsichtbarkeit zu kombinieren und rechnete einige Hoffnung heraus
Immer macht er die Betrachtung wie wenig auch die besten Gewinnund
VerlustRechnungen von der Zukunft in der dunkeln Rechenkammer die uns
verhangen ist bestätigt werden Welche freudige glänzende Bilder hatt er sich
nicht schon weit in seine Zukunft hineingestellt welche Bilder davon wie er
mit seinem Bruder in täglicher Auswechselung wachsender Empfindungen und Ideen
und Bekanntschaften leben und mit wenigen FreimäuererZeichen der Verwandtschaft
den Grafen in den feurigen Bund hineinziehen werde indes aus allen nichts wurde
als die gedachte Betrachtung Aber schon bei dem peloponnesischen Kriege und
überhaupt in der Geschichte der Völker sowohl als seines Lebens hatt er
zuerst bemerkt dass in der Geschichte was sie einem alles motivierenden
Dichter der Einheit ordentlich zum Ekel macht so unendlich wenig Systematisches
in Leid oder Freude vorfalle und dass man eben darum bei der falschen
Voraussetzung einer trüben oder lichten Konsequenz seine oder fremde Zukunft so
schlecht errate denn überall werden im historischen Bildersaal der Welt aus den
größten Wolken kleine aus den kleinsten große um die größten Sterne des
Lebens ziehen sich dunkle Höfe und nur der verhüllte Gott kann aus dem Spiel
des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen
Die Botenfrau aus Elterlein brachte Walten folgendes Briefchen vom Bruder
»Morgen abends komm ich geh mir entgegen Eben schneidet Deine Mutter einer
Bettlerin Brot vor denn ich bin in Elterlein im Wirtshaus
Ich habe seitdem in einigen bedeutenden Marktflecken geblasen für Geld es
wachsen freilich mehr Gräser als Blumen doch heben jene diese ich rede von
Menschen Es wird Dir anvertraut dass ich vor meiner Abreise aus Hasslau so
verstimmt war wie eine WindHarfe oder wie die Glocke einer Brockenkuh Ich weiß
nicht wovon ich wollt aber ein bedeutender Freund oder gar Du hättest meine
Saiten so durcheinander geschraubt kurz einer von Euch beiden hätte mich ein
wenig beleidigt und meinen Schmollgeist zitiert Ich würde mich das hätte mich
wieder ausgestimmt ohne Verlust von 32 Saiten oder Zähnen mit ihm tüchtig
überworfen haben ich hätte hässlich gedonnert gehagelt gewettert das macht
wie gesagt gutes Blut
Denn nichts ist schädlicher Notarius sowohl in Ehen als Freundschaften
seiner Seelen als ein langer unaufgelöseter Verhalt auf einem Misston bei einem
wechselseitigen fortwährenden Zusammenstimmen in allen zärtesten Pflichten so
dass die Narren sich abstossen ohne sonst zu verstoßen da doch solche Seelen in
jeder bedeutenden Spaltung auf nichts so eifrig denken sollten als sie bis zum
rechten Zanke zu treiben worauf sich Versöhnen von selber einstellte Der
Braunstein liefert bei mäßiger Erhitzung Stickgas aber zwing ihn zum Glühen so
haucht er ja Lebensluft Aus der Knallbüchse fliegt der Pfropf nicht anders
heraus als durch einen zweiten
Zum Glück können wir beide jeden Hader entraten sogar den stärksten Doch
zurückzukommen ich bekam bald Luft sobald ich nur im Freien war und ritt und
blies und schrieb Erträgliche Sachen und Schwanzsterne setzt ich für unsern
Hoppelpoppel oder das Herz teils auf dem Sattel auf teils sonst Wahrlich ich
wurde Dir ganz gut deswegen glaub ich konnt ichs ordentlich nicht lassen
sondern musste nach Elterlein Ich dachte Dein Freund ist doch da so gewiss ans
Licht gekommen und seiner desgleichen und was man so sagt wenn man denkt
Ein lang verschobenes Werk konnt ich da verrichten Da ich wie ich Dir
öfters gesagt dem entlaufenen jungen Harnisch Vult mit seiner Flöte mehrmals
aufgestoßen so konnt ich dem alten Schulzen schöne Nachrichten und Briefe vom
Wildfang geben Ich ließ den Vater ins Wirtshaus kommen Der und der Edelmann
sei ich sagt ich dem staunenden Manne und sein Sohn sei mein Intimer er
befinde sich wohl auf den Postwagen wo man ihn außer den Konzertsälen zu suchen
habe es geh ihm so gut wie mir selber er würd ihn nicht kennen ständ er
vor ihm da so schön verändert sei er schon mit der volljährigen Stimme deren
Diskantschlüssel der Bart dadurch abgedreht worden dass er selber einen Bart
bekommen und er lass ihn grüßen Er versetzte es freue ihn über die Massen
dass ein solcher braver Herr wie ich gut auf seinen Halunken von Sohn zu sprechen
sei und es widerfahre ihm und dem Flegel eine wahre Ehre Ich warf noch einiges
ein zur Entschuldigung des guten abwesenden Menschen und reicht ihm zum
Behalten den bewussten Brief desselben aus Bayreut an mich worin er einige
musikalische Klagen über die dasigen Ohren ausgenommen fast bloß von seiner
geliebten Mutter spricht Auch dessen Herrn Bruder jetzigen Notar kenn ich
sehr wohl fügt ich bei und schlug vor seiner Nase einen schwachen Riss von
Deinen Höhen und Tiefen auf Mehr nicht als 32 Beete hat der admirable Mann sich
mit dem StimmHammer weg nicht zu geschlagen und die Stadt hält es bei so
vielen Saiten die er unter sich hatte mehr für ein Wunder als für einen Bock
sagt ich um ihn für Deine künftige Nachricht davon auszurüsten mit dem
lindesten Herzen von der Welt Es wollte ihm aber schwer ein das Herz und er
schimpfte auf Deinen Kopf Er erlebe wenig Freude an seinen Söhnen beschloss er
und der Teufel könne die Spitzbuben holen wenn er wolle Ich schickte den Bauer
ganz kurz und hochtönig fort da er zu vergessen anfing dass seine Zwillinge
meine Achtung in einigem Grade besässen
Abends als ich auf der schönsten Höhe des Zablockischen Gartens lag und
für uns eine Satire über den Adel entwarf und dabei der untergehenden Sonne ins
große EngelsAuge sah die ein lumpiges Dörfchen ebensogut als ihren Hof von
Welten anschauet und als über mir auf den leichten roten Wölkchen manche Bilder
des Lebens dahinschifften da erklang plötzlich eine köstliche kunstgerechte
Singstimme die mich aus allen Satiren Träumen untergehenden Sonnen wegjagte
ins Ohr hinein in dessen Labyrinth wie im ägyptischen Götter begraben liegen
Die GeneralsTochter sang sie hatte wie vornehme Mädchen auf ihren
Rittergütern pflegen der Sonne und der Einsamkeit denn horchende Bauern sind
nur stille Blumen und Vögel in einem Hain ein ganzes leidendes Herz mit Tönen
auseinandergetan Sie weinte sogar aber sanft und da sie sich allein glaubte
trocknete sie die Tropfen nicht ab Sollte der edle Klotar dacht ich seine
Braut in dunkle Farben kleiden weil sie eine taille fine geben Das
schwerlich
Endlich sah sie mich aber ohne zu erschrecken weil der blinde Konzertist
wofür sie mich noch halten musste ja ihr nasses Auge und Angesicht nicht kennen
konnte Sie die Unwissende sah sich nach meinem Führer um indes sie leise ihr
Busenlied ertönen ließ Bekümmert um den hülflosen Blinden ging sie langsam auf
mich zu begann ein fremdes frohes Lied um sich mir unter Singen so zu nähern
dass ich nicht zusammenführe wenn man mich plötzlich anredete Ganz nahe an mir
unter den heitersten Tönen floss ihr Auge heftig über aus Mitleid und sie konnt
es nicht eilig genug lichten weil sie mich anschauen wollte Wahrlich ein gutes
Geschöpf und ich wollt es wäre keine Braut oder eine Frau Wie ein
Rosenbeet blühten zumal vor der Abendsonne alle ihre wohlwollenden Gefühle auf
dem kindlichen Gesicht und bedenk ich die zarten schwarzen Bogen der schönsten
schwarzen Augen so hatt ich Augenlust und Augenbraunenlust zugleich und genug
Aber wie kann ein Mann zu einer Schönheit sagen heirate mich meines Orts da ja
durch die Ehe wie durch Eva das ganze Paradies mit allen vier Flüssen
verlorengeht ausgenommen den Paradiesvogel daraus der schlafend fliegt Eine
schöne Stimme aber zu ehelichen durch Ehepakten das ist Vernunft außerdem dass
sie wie die Singvögel immer wieder zurückkehrt das Gesicht aber nicht so
hat sie den Vorzug vor diesem dass sie nicht den ganzen Tag dasteht sondern
manchmal Kenn ich denn nicht mehr als einen abgeschabten Ehemann gelb
geworden gerade dadurch wodurch gelbes Elfenbein weiß wird durch langes Tragen
an warmer Brust der sogleich die Farben änderte wenn die Frau sang ich
meine wenn das welsche Lüftchen aus warmer alter Vergangenheit närrisch und
tauend das PolarEis seiner Ehe anwehte
Fast als schäme sich Wina neben einem Blinden allein zu sehen gab sie
wenig auf die Himmelfahrt der Sonne acht Sie hörte auf zu singen sagte ohne
Umstände wer vor mir stehe und fragte wer mich geführet habe Ich konnte sie
unmöglich mit dem Geständnis guter Augen beschämen doch versetzt ich es habe
sich um vieles gebessert ich sähe die Sonne gut und nur nachts steh es mit
dem Sehen schlecht Um einen Handlanger meiner Augen zu erwarten fing sie ein
langes Lob meiner Flöte an der man in größter Nähe sagte sie nicht den Atem
anhöre und erhob die Töne überhaupt als die zweiten HimmelsSterne des Lebens
Wie hält aber das Gefühl die immerwährenden Rührungen der Flöte aus da sie doch
sehr der Harmonika gleicht fragte sie Wer so gut sänge sagte ich als sie
würde am besten wissen dass die Kunst sich vom persönlichen Anteil rein halten
lerne Soviel hätt ich sagen sollen nur nicht mehr aber ich kann das nie ein
Virtuose fügt ich bei muss imstande sein während er außen pfeift innen
Brezeln feil zu halten ungleich den BrezelJungen die beides von außen tun
Rührung kann wohl aus Bewegungen entstehen aber nicht Kunst wie bewegte Milch
Butter gibt aber nur stehende Käse
Sie schwieg sehr betroffen als wäre sie Du nahm einige Dornenreiser weg
die mich Dornenstrauch stechen konnten und sie dauerte mich halb zumal als ich
sehr ihrem zu häufigen AugenliderNicken zusah da ihr lieblich lässt ohne dass
ich recht weiß warum
Sie sagte sie gehe um mir aus dem Schloss einen Führer zu holen und ging
fort Ich stand auf und sagte es brauch es nicht Da sie mich forttappen sah
kehrte sie lieber um und befahl mir zu warten sie wolle mir bis ins Wirtshaus
vorausgehen und jeden Anstoß und Eckstein melden Die Freundliche tats
wahrhaftig und ging mit dem ewig nach mir umgebogenen Halse bis sie einem
jungen Lehnbauer hinter seinem Pfluge begegnete dem sie ein Stück Geld und die
Bitte gab mit dem blinden Herrn vor das Wirtshaus zu fahren Sie sagte
liebreich gute Nacht und die langhaarigen Augenlider nickten zu schnellen Malen
über den großen Augen
Der Satan hole vergib aber Notarius den Fluch den Grafen von Klotar
wenn er einer so gutmütigen Weiberseele nur die dünneste leichteste Zähre aus
den schönen bräutlichen Augen presste dem armen Kinde das das einzige ist dem
ich noch die freie ReichsRitterschaft gegönnt Denn mit wieviel Gall und Grimm
ich in jedes AdelsDorf eintrete worin wenn bei den Römern ein ganzes Volk
für das Geisseln eines Menschen votieren musste umgekehrt nur ein stimmender
Mensch zum Prügeln eines Volks erfordert wird das kennst Du aber in Winas
Elterlein dacht ich ganz sanft
Wie überall besonders im Brautstand gegen den Ehestand so halten die
Menschen wie in der Musik den Vorschlag länger und stärker als die Hauptnote
und Klotar konnte doch schon im Vorschlag fehlen
Einen schwachen Streckvers in Deiner Manier fertigte ich im Wirtshaus auf
sie
Bist du Philomele
Nein denn du hast zwar ihre Stimme aber du bist unvergleichlich schön
So wirst Du schon früher nachgeahmet als gedruckt Nachher nach dem
Speisen zog ich im Dorf herum Ich dachte an einen Dir bekannten ersten und
zweiten Abend so sehr dass mir vorkam schreib es auf Rechnung einer und der
andern Liebe als sei manches von der Vergangenheit nachher vergangen Eiligst
wenn Du diesen Brief erhältst was genau nachmittags gegen drei Uhr sein muss
weil ichs bei der Botenfrau auf diese Weise und Stunde bestellt habe läufst
Du mir entgegen Bei Gott ich denke oft an vieles Und was ist denn das
Leben als der ewige Cidevant Werden denn nicht die reinsten Trommeten der
Lust krumm gebogen und mit Wasser gefüllt durch bloßes Blasen Muss man denn
nicht die längsten Himmelsleitern die freilich kürzer sind als die
Höllenleitern bloß damit sie stehen unten auf Dreck aufsetzen ob man sie
gleich oben an Sternbilder und Polarsterne anlegt Ganz verdrießlich macht mich
dergleichen sonst nichts Inzwischen seh ich sehr auf Antwort auf mündliche
nämlich womit Du sogleich entgegengehst dem Wirtshaus zum Wirtshaus und dem Dir
sehr bekannten oder was Gott will
Quoddeus etc
N S Walt wir könnten Brüder sein ja Zwillinge Schon der StammNamen
verkittet uns aber noch weit mehr «
Walt nahm Flügel aber sein Herz war schwer oder voll Alles was je ein
Ritter zu Pferde für leidende Weiber zu tun gelobte war er zu Fuße zu leisten
bereit für jede und dann für Wina noch unzähligemal so viel Auf dem Wege nach
dem Wirtshaus begegneten ihm Neupeters Töchter an Flittes Armen »Vielleicht
wissen Sie es« redete ihn Raphaela an und stimmte den Ton so schleunig um dass
man das Hinaufstimmen vernahm »da Sie beim Generale schreiben und aus Elterlein
her sind was meine unglückliche Wina macht ob die Teure noch dort ist« Vor
Schrecken konnt er kaum auf den Beinen geschweige auf Vults schlaffem
LügenSeile stehen »Sie ist noch da« sagt er »schreibt man mir eben Ich
schreibe noch nicht bei ihr Ach warum ist sie denn unglücklich« »Es ist
jetzt bekannt dass ihrem Vater dem General ein unschuldiger Brief von ihr in
die Hände geriet und dass darauf ihr Bund mit dem Grafen aufgehoben wurde o die
Gute« versetzte Raphaela und weinte etwas auf der Landstraße Aber ihre
Schwester verdammte verdrießlich blickend die StraßenAusstellung hoher
Bekanntschaften und Tränen und der lustige Elsasser drohte ihr aus dem warmen
Gewölke oben Regen und schwemmte sie damit davon
Raphaela hatte Walts verliebte Blicke über der Tafel nicht übersehen mit
ihren gerührten zur Liebe gehören ohnehin wie zur Gärung sie ist ja selber
eine zwei Bedingungen Wärme und Nässe und mit letzterer begann Raphaela
gern Es gibt weibliche Wesen sie darf sich darunter rechnen die nichts so
gern haben als Mitleiden mit fremden Leiden besonders mit weiblichen Sie
wünschen sich ordentlich recht viel mitzuleiden und suchen Freundinnen gerade in
der Not am liebsten ja sie wecken durch Mitteilen fremde Seelen zu gleicher
Teilnahme und finden wahren Genuss in fremden Tränen denn soviel vermag die
Tugend durch Übung so wie etwa der Zaunkönig nie lustiger springt und singt
als vor Regenwetter Mendelssohn der das Mitleid unter die vermischten
Empfindungen bringt hält eben darum reine für weniger schmackhaft
Nur den Notar traf die bittere Ausnahme dass ihn das DoppelUnglück des
Paares glühend durchstach und durchgrub ob ihn gleich ein guter Engel nicht
auf den Argwohn fallen ließ ob nicht sein an den Vater übergebener Brief das
Scheidungsdekret geworden indes setzt er sich mehr an Klotars als an Winas
Stelle und stieg in die Brust des Jünglings hinein um von dort aus recht um die
blühende Braut zu trauern und in Klotars Namen an nichts zu denken als an das
geliebte Mädchen
Er kam traurig im Wirtshaus zum Wirtshaus an Vult war noch nicht da Die
kurze Zeit hatte schon manches wieder mit ihrer Sichel abgemäht erstlich vom
blühenden herrnhutischen Gottesacker das Grummet zweitens am Wirtshaus ein
Vergissmeinnicht und Jelängerjelieber der Erinnerung nämlich die ausgebrochene
Abendwand wovor er mit dem Bruder gegessen war zugemauert Vult kam Mit
Flamme und Rührung flogen beide einander zu Walt bekannte wie er geschmachtet
nach Vulten wie er die Geschichte der Abwesenheit verlange und wie sehr er
eines Bruders bedürfe um das Herz voll vermengter Gefühle in das verwandte zu
gießen Der Flötenspieler wollte seine Geschichte zuletzt berichten und begehrte
die fremde zuerst Walt tats erzählte rückwärts erstlich Raphaelens Erzählung
aber so wie er zweitens den Schenkungsakt des Grafen samt der durch den Brief
der Tochter jetzt gut motivierten Unterbrechung drittens die Glücksfälle bei
dem General berichtete und endlich mit den zusammengefassten Flammen seines
Sehnens nach Klotar schloss so änderte Vult das mitgebrachte Gesicht brach
noch vor dem Wirtshaus auf schickte den leeren Gaul durch einen
außerordentlichen Schlag in Stadt und Stall voraus und bat Walten mitzugehen
und fortzufahren und nach keinem Regen zu fragen
Er tats Vult steckte seine FlötenAnsätze aneinander und blies zuweilen
einen lustigen Griff Bald hielt er sein Gesicht dem warm tropfenden
AbendHimmel unter und wischte die Tropfen daraus bald schlug er ein wenig mit
der Flöte in die Luft
»Jetzt weißt du alles mein guter Mensch urteile« sagte endlich Walt Vult
versetzte »Bester poetischer Fleu und Florist Was soll ich urteilen
Verdammtes Regnen Der Himmel könnte auch trockner sein Ich meine was ist zu
urteilen wenn du mir über keinen Menschen beitrittst Hinterher werd ich dann
ganz schamrot dass ich als ein Mensch der vielleicht kaum vor ein paar
Stadttore hinaus und durch ein paar Flügeltüren hineingekommen denn ich saß
stets gegen einen Welt und Hofmann wie du recht behalten will der die
Wahrheit zu sagen überall gewesen an allen Höfen in allen Häfen Glücks
und Unglückshäfen in allen Kaffee und Teehäusern Europens in bellevue in
laidevue in Monplaisir in Tonplaisir und Sonplaisir und so etwas weiter
herum das war ich aber nicht Walt«
»Verspottest du ernstaft meine arme Lage Bruder« fragte Walt
»Ernstaft« sagte Vult »Nein wahrlich mehr spaßhaft Was den General anlangt
so sag ich dass was du Menschenliebe an ihm nennst nur Anekdotenliebe ist
Schon im gelehrten Deutschland gelten keine Wasser für tiefe als die flach
breiten vollends aber im geadelten nur breite lange Geschichte wollte der
General von dir aus Langweile wenn er sie auch schon wusste Freund wir
BücherMenschen so täglich so stündlich in Konversation mit den größten
belebtesten Männern aus der gedruckten Vorwelt und zwar wieder über die größten
Weltbegebenheiten wir stellen uns freilich den HundsEnnui der Großen nicht
vor die weiter nichts haben als was sie hören und essen bei Tafel Gott danken
sie auf Knien wenn sie irgendeine Anekdote erzählen hören die sie schon
erzählen hörten aber ich weiß nicht was du dazu sagst«
»Über Sachen« versetzte Walt »kann man leicht die fremde Meinung borgen
und glauben aber nicht über Personen Wenn die ganze Welt gegen dich spräche
müsst ich wohl eher ihr als mir glauben«
»Natürlich« sagte Vult »Was Wina anlangt so ists mir ganz lieb dass sie
ihre weichen Finger wieder aus den gräflichen Ringen gezogen So weiß ich auch
dass zwischen dir und dem Grafen die Missheirat eurer Seelen rückgängig wird«
Darüber erschrak der Notar ordentlich Er fragte ängstlich »warum« Vult
blies einen Läufer Er setzte dazu dass er dem Jüngling seit dem Verluste einer
solchen Jungfrau noch heftiger anhänge und fragte wieder »warum lieber
Bruder« »Weil du« versetzte dieser »nichts bist gar nichts als ein
offener geschworner Notar der Graf aber ein Graf du würdest ihm auch nicht
größer wenn du dich nach alter Weise noch einen tabellio nenntest einen
protocollista einen judex chartularius scriniarius exceptor«
»Unmöglich« versetzte Walt »ist in unsern Tagen ein philosophischer Klotar
adelstolz ich hört ihn selber die Gleichheit und die Revolution loben«
»Wir Bürgerliche preisen sämtlich auch die Fallund Wasenmeister sehr und
ihren sittlichen Wert erlesen aber doch keinen zum Schwiegervater und führen
keine maîtresse des hautes oeuvres et des basses oeuvres zum Tanze Gott wenn
soll einmal mein Jammer enden dass ich immer von abgelegtem Adelstolze schwatzen
höre Sei so höflich Walt mir einige Grobheiten gegen dich zu erlauben Bei
Gott was verstehst denn du von der Sache vom Adel oder die Schreiber darüber
Ich wollte du bliebest ein wenig stehen oder kröchest in jenen
Schäferkarren und horchtest mir daraus zu ich zöge aus der Satire die ich bei
Sonnenuntergang im Zablockischen Garten gemacht das aus was herpasset
Den adeligen Stolz in einen auf Ahnen oder gar in deren Verdienste zu
setzen ist ganz kindisch und dumm Denn wer hätte denn keine Ahnen Nur unser
Herrgott der sonach der größte Bürgerliche wäre ein neuer Edelmann hat
wenigstens bürgerliche es müsst ihm denn der Kaiser vier adelige rückwärts
datierend mit geschenkt haben wovon wieder der erste geschenkte Ahn seine neuen
vier geschenkten bedürfte und so fort Aber ein Edelmann denkt so wenig an
fremde Verdienste dass er sich lieber von 16 adeligen Räubern Ehebrechern und
Saufausen als ihr Enkel an einen Hof oder in ein Stift oder auf einen Landtag
geleiten lässt als von einem Schock und Vortrab ehrlicher Bürgerlichen davon
hinwegführen Worauf stolziert denn der Edelmann Zum Henker auf Gaben wie du
und ich als Genies wie der Millionär durch Erbschaft wie die geborene Venus
der geborene Herkules Auf Rechte ist niemand stolz sondern auf Vorrechte
Letztere sollt ich hoffen hat der Adel Solang er ausschließend an jedem
Hofe aufwarten tanzen der Fürstin den Arm und die Suppe geben darf und die
Karte nehmen solange die deutsche ReichsGeschichte von Häberlin noch nie ein
Paar bürgerliche WeibsFüße am Sonntag unter einer HofTafel angetroffen und
vorgezogen der ReichsAnzeiger rede wenn er kann solange Armeen und Stifte
und Staaten ihre höchsten reichsten FruchtZweige nie von gemeinen harten Händen
pflücken lassen die bloß auf die Wurzeln Erde schaffen und von den Wurzeln
leben müssen so lange wäre der Adel toll wenn er nicht stolz wäre auf solche
Vorrechte mein ich
Bürgerliche werden wie die Gewächse im alten System von Tournefort nach
Blumen und Fruchten klassifiziert Adelige aber viel einfacher wie von Linné
nach dem Geschlechts Sexual System und es gibt dabei keine Irrtümer Den
Adelstand ferner verknüpft die Gleichheit der Vorrechte durch ganz Europa Er
besteht aus einer schönen Familie von Familien wie Juden Katholiken
Freimäurer und Professionisten halten sie zusammen die Wurzeln ihrer Stammbäume
verfilzen sich durcheinander und das Geflechte läuft bald hier unter dem
FeudalAcker fort bald dort heraus am Thron hinan Wir bürgerlichen Spitzbuben
hingegen wollen einander nie kennen der Bürgerstand ist ungefähr so ein Stand
wie Deutschland ein Land nämlich in lauter feindselige Unterabteilungen
zersprengt Kein Harnisch in Wien fragt nach Harnischen aus Elterlein kein
Legationsrat in Koburg nach einem in Hasslau oder Weimar
Darum fährt der Adel in ein Fahrzeug mit Segeln eingeschifft der Bürger in
eines mit Rudern Jener ersteigt die höchsten Posten so wie das Faultier nur
die Gipfel sucht Aber was haben wir Teufel Besitzen wir unbeschreibliche
Verdienste so können diese nicht adeln sondern sie müssen geadelt werden und
dann sind wir zu brauchen sowohl zu einem Ministers als sonstigen Posten
Doch der Adel erkennt auch selber seine Kostbarkeit und unsere Notwendigkeit
gern an denn er schenkt selber deswegen wie etwan die Holländer einen Teil
Gewürz verbrennen oder die Engelländer nur siebenjährig ihre WasserbleiGruben
auftun damit der Preis nicht falle in seiner Jugend der Welt fast nur
Bürgerliche und sparsam erst später in der Ehe eines und das andere Edelkind
er macht lieber zehn Arbeiter als eine Arbeit weil er den Staat liebt und sich
O schweige noch freilich war dies nur Ausschweifung in der Ausschweifung
Abnahme des Adelsstolzes wollen neuerer Zeit viele noch daraus sehr vermuten
dass ein und der andere Fürst mit einer Bürgerstochter tanzte wie ich trotz
meines gelehrten Standes mit einer Bauerstochter oder dass ein Fürst zuweilen
einen Gelehrten oder Künstler zu sich kommen ließ wie den Klavier und den
Schneidermeister auch nicht in seinen Zirkel sondern zum Privatgespräch Meine
Leute mes gens sagen sie von den Bedienten um sie von uns andern Leuten zu
unterscheiden
Warum reitest und kletterst du aber so eifrig an einem der höchsten
Stammbäume hinan Dass ich meines Orts droben sitze als Herr van der Harnisch
hat seinen guten Grund ich fenstere auf dem Gipfel meinen Zirkel aus und
erhebe was drunten ist euch BürgerPack kein Mensch kann sich rühmen den
Adel noch so geärgert zu haben als ich nur in Städten wo ich nicht von Geburt
war musst ich mich von ihm ärgern lassen wenn er unter dem Vorwand meine
Person zu schätzen mich zur Tafel bat um meine Flöte zu kosten dann blies ich
aber nichts sondern ich dachte ich pfeif euch etwas Dem weich ich jetzt
ganz aus«
Walt versetzte »Ich will deinem halben Ernste ganz offen antworten Ein
Dichter für den es eigentlich gar keine gesperrten Stände gibt und welchem
sich alle öffnen sollten darf wohl denk ich die Höhen suchen wiewohl nicht
um da zu nisten sondern den Bienen gleich welche ebensowohl auf die höchsten
Blüten fliegen als auf die niedrigsten Blumen Die höheren Stände welche nahe um
das sonnige Zenit des Staates leuchten als hohe Sternbilder sind selber schon
für die Poesie durch eine Poesie aus der schweren tiefen Wirklichkeit entrückt
Welch eine schöne freie Stellung des Lebens Wär es auch nur Einbildung dass
sie sich für erhoben hielten und das zwar geistig denn jeder Mensch der
Reiche der Glückliche ruht nicht eher als bis er aus seinem Glück sich ein
geistiges Verdienst gemacht so würde dieser Wahn Wahrheit werden wer sich
achtet den muss man achten Welch eine hohe Stellung alle mit einerlei
Freiheit alles zu werden alle im Triumphwagen derselben Ehre die sie
beschützen müssen «
»Es ist pechfinster« sagte Vult »aber ich bin wahrlich ernstaft«
» die einzelnen Namen verewigt und in WappenWerken wie Sterne gezählt und
fortglänzend indes im Volke die Namen wie Tautropfen ungeordnet verlöschen
und in der heiligen Nähe des Fürsten der sie zart behandelt und im Wechsel
seiner Repräsentation es sei als Gesandte oder Generale oder Kanzler näher
dem Staate verwandt dessen große Segel sie aufziehen wenn das Volk nur rudert
wie auf einer Alpe nur von hohen Gegenständen umrungen hinter sich die
glänzende königliche Linie der alten Ritter deren hohe Taten ihnen als Fahnen
vorwehen und in deren heilige Schlösser sie als ihre Kinder einziehen «
»Glaube mir auf mein Wort« sagte Vult »ich lache nicht «
» vor sich den Glanz des Reichtums der Güter der Höfe und einer
blühenden Zukunft Und nun vollends die schöne freie Bildung nicht zu einem
abgehauenen eckigen StaatsGliede sondern zu einem ganzen geformten Menschen
welche ihnen Reisen Höfe gesellige Freuden unter Gemälden unter Tönen und am
meisten ihre noch mehr gebildeten schönen Frauen deren Reize kein Gewicht der
Not und Arbeit erdrückte leicht und froh zuspielen so dass im Staate der Adel
die italienische Schule ausmacht und das arme Volk die niederländische«
Der Flötenspieler hatte bisher öfters wiewohl mit verdächtiger Stimme
geschworen er ziehe nicht eine Miene zum Lachen beteuert er wolle nicht Vult
heißen wenn er die Finsternis benutze und darin still lächle wiederholt er
sei kein solcher Mann der lache sondern so ernst wie ein Totenvogel Jetzt
aber lachte er hell und sagte indes so viel »Walt um wieder einmal auf deinen
Grafen zu kommen schere dich nichts um mein dummes Gelächter über etwas
anders ich bin doch ernstaft den du sonach in BildungsBezug für einen
Raffael hältst und dich für einen Teniers wie wollt ihr zwei Figuren euch denn
auf einer Leinwand paaren«
Walt schwieg verwundet weil er sich gar nicht für einen Teniers sondern
eher für einen Petrarca ansah Aber Vult drang heftig auf das Bindemittel das
der Bruder sich zutraue
»Ich glaubte dadurch« sagt er leise demütig »wenn ich ihn recht liebte«
Vult wurde etwas bewegt blieb aber unerbittlich und sagte »Um dir aber
zuzutrauen dass du deine Liebe einem solchen Herrn zeigen könntest musst du
dich so bescheiden du auch tust innerlich für einen zweiten Karpser halten
ganz gewiss«
»Wer war dieser« fragte Walt
»Balbieramtsmeister in Hamburg wovon noch die Karpserstrasse in der Stadt da
ist weil er darin wohnte ein Mann darf ich dir sagen von so feinen Sitten
so voll belebter Reden so zauberisch dass Fürsten und Grafen die nach Hamburg
kamen ihr erstes und größtes Vergnügen nicht im Pestilenzhaus oder auf dem
Dreckwall oder im Scheelengang und in den AlsterAlleen suchten und fanden
sondern lediglich darin dass unser Balbier zu Hause war und sie vorlassen
wollte«
Der Notar sich für einen versteckten Petrarca haltend vermochte gar nicht
den BalbierAmtsmeister so hoch über sich zu sehen er sagte aber erweicht
durch einen ganzen Nachmittag nichts als die Worte »Wie glücklich ist ein
Edelmann Er kann doch lieben wen er will Und wär ich einer und ein
redlicher gemeiner Notar gäbe mir nur einige warme Zeichen seiner Liebe und
Treue wahrlich ich würde sie bald verstehen und ihn dann nicht ein Minute lang
quälen ja ich glaube eher gegen meinesgleichen könnt ich stolzer sein«
»Himmel weißt du was« fing plötzlich Vult mit anderer Stimme an »ich habe
ein sehr treffliches Projekt in der Tat für diesen Fall das beste denn es
löset alles auf und bindet dich und den Grafen falls er deinem Bilde
entspricht schön auf ewig«
Walt zeigte ihm seine Entzückung darüber ganz und die Neugier womit er es
zu hören kaum erwarten könne Aber Vult versetzte »Ich glaube morgen oder
übermorgen lass ich mich mehr heraus« Walt flehte um das Projekt sie waren
nahe am Stadttore und Abschied Vult antwortete »So viel kann ich sagen dass
ich nie Proschekt sage sondern entweder französisch projet oder lateinisch
projectum« Walt fragte ob er denn nicht seine Freude über den bloßen
Vorschlag merke und ob er nicht denke dass sie noch stärker steige durch
Eröffnung »Gewiss« sagte Vult »Allein das projet gehört ja in eine ganz andere
Nummer sag ich dir denn die heutige ist aus und gute Nacht«
Nr 31 Pillenstein
Das Projekt
»Purzel tuts« fuhr heftig Vult in die Stube des Notars der freudig versetzte
»Das gebe Gott und was denn« » Ich erkläre alles und Purzel ist der
Teaterschneider mein Hausherr« erwiderte Vult mit den Blitzen der Laune im
Auge weil er eben die Digression über den Adel für den DoppelRoman zu Papier
gebracht »So viel gibst du zu dass du einige Heftoder Demantnadeln zur
BundesNaht mit Klotar was eben mein Projekt sein will vonnöten hast
Handlungen freilich galten von jeher für die besten Fähren zum Herzen für die
rechten Kernschüsse zur Brust da Worte nur Bogenschüsse sind oder was man
will Einem einen Uhrschlüssel abkaufen oder sonst ein Kauf das sperret mehr
am bedeckten Gehäuse eines Menschen auf als dreißig déjeuners in einem Monat von
31 Tagen Wolltest du also dem Grafen zB nur einen Stein ins Fenster werfen
oder an das Schulterblatt so kämest du sogleich mit ihm in Handlung und darauf
leicht in nähere Verbindung oder ebenso auch wenn du im Finsteren auf ihn
losfahren ihn bei den Rockklappen packen und nicht loslassen wolltest weil du
ihn für deinen Bruder gehalten hättest den du so unbeschreiblich liebtest
gäbest du vor Da aber das nicht geht so höre Mein Hausherr Purzel hat jetzt
viele turnier und tafelfähige Kleider in Arbeit die er für das Theater kehrt
und wendet ich staffiere dich mit einem vollständiger aus habe vorher dem
Grafen da ich ihn kenne in einem Billett geschrieben ich wünschte sehr eines
Abends vor ihm zu blasen bringe dich dann mit sprich noch nicht und lasse
dich von ihm ohne besonderes artikuliertes Lügen für einen Edelmann ansehen
bloß weil du das macht man ihm weis mein Freund bist und wir miteinander
umgehen Dann kann sich das AdelsPergament unmöglich mehr als Scheide und
BrandMauer und Ofenschirm zwischen eure Flammen ziehen und falls der Graf
wirklich nicht wie ein Eisstück ebensoviel Eis unter dem Wasser verbirgt als
er daraus vorhebt so seh ich euch weil du unter und hinter der Flöte ihm
alles sagen und zeigen kannst vielleicht am Altar der Freundschaft verbunden
stehen und ich bin freudig das Kopuliermesser24 Jetzt sprich«
»Göttlich göttlich« rief Walt und umhalsete Vulten »Ich stehe dann auf
dem Wagenstern der Liebe und rolle durch Himmel Aber wenn ich ihn habe den
Lieben ja dann muss ich durchaus noch denselben Abend meinen dürftigen Namen
sagen nicht nur ein heißes Herz auch ein offenes muss ich ihm bringen es tut
dann nichts mehr«
Allein der bunte Zauberrauch verzog und senkte sich bald womit seinen
romantischen Geist anfangs das Wagstück berauschte Das Gewissen stellte sich
kalt mit der Waage hin und wog nach Skrupeln Er konnt es nicht recht finden
die Freundschaft mit einem Blendwerk anzufangen wenn er dieses auch nachher
vertilge Der Bruder versicherte darauf er woll ihn bloß für seinen Verwandten
desselben Namens ausgeben was ja wahr sei ferner das von im Feuer der Rede
vergessen »Aber wenn ich nun zuletzt sage ich bin dein Zwillingsbruder was
sagst denn du« sagte Walt »Herr Graf sag ich« versetzte Vult »er ist
allerdings der Bruder ja Zwillingsbruder meines Herzens und geistige oder
kanonische Verwandtschaft dächt ich gälte wohl hienieden da ja unser
Herrgott selber eine dergleichen mit uns Bestien im allgemeinen verstattet und
sich unsern Vater nennen lässt Ist diese Verwandtschaft nicht wahr«
Walt schüttelte »Was« fuhr der Flötenspieler fort »es wäre nicht so
nämlich dass wir uns geistig verbrüderten O Zwilling wer ist verwandter
bedenke Wenn Körper Seelen ründen und Herzen gatten so dächt ich ein Paar
Zwillinge um neun Monate früher einander verschwistert als alle andere Kinder
in ihrer zweischläferigen Bettstelle des ersten Schlafes ohne Traum teilend
alle und die frühesten und wichtigsten Schicksale ihres Lebens unter einem
Herzen schlagend mit zweien in einer Gemeinschaft die vielleicht nie im Leben
mehr vorkommt gleiche Nahrung gleiche Nöte gleiche Freuden gleiches Wachsen
und Welken beim Teufel wenn ein solcher Fall wo im eigentlichsten Sinn zwei
Leiber eine Seele ausmachen wie ja der alte und erste Aristoteliker nämlich
Aristoteles selber begehrt zur Freundschaft zum Sakerment wenn von solchen
Personen nicht der eine Zwilling sagen dürfte er sei mit dem andern geistig
genug verwandt Walt wo wäre denn noch Verwandtschaft zu haben auf Erden Kann
es denn du ordentlicher BruderMörder frühere nähere ältere peinlichere
Freundschaften geben als bei solchen Zwillingen O Gott du lachst ja über
Gerührte« schloss er wild und fuhr heftig mit der ganzen breiten Hand über die
Augenknochen
»Da wär ich ja der Hölle wert« rief Walt und fing dessen Hand um sie auf
sein nasses Auge zu decken »O Bruder Bruder weißt du es denn nie wie ich
dich fasse und deinen weichen Geist im stärksten Scherz Ach wie ist dein
Inneres so schön und mild und warum weiß es denn nicht die ganze Welt Darum
aber was wär ich wenn ich es litte was du bei Klotar wagen wolltest für
mich Nein fremde Opfer mag man wohl annehmen um von Martern loszukommen aber
nie um mit ihnen Freuden einzukaufen Die Sache geht nicht guter Vult«
Aber hier war dieser schon die Treppe hinab Indes je mehr der Notar
nachsann desto unbilliger fand ers auf Vultens Kosten den Himmel der
Freundschaft zu erstehen Zuletzt schrieb er ihm bestimmt sein Gewissen leid
es unmöglich
Wenige Stunden darauf antwortete Vult folgendes
P P
»Fraterkul Eben erhalt ich des Grafen Jawort mit Deinem Neinwort Du musst also
mit oder meine Ehre leidet gewaltig Fleuch und flieh in einer guten Stunde zu
mir Dein Umkleid oder MaskenCharakter liegt schon auf dem Stuhl Der Friseur
ist bestellt mit VorsteckLocken Sporen und die Steifstiefel darzu stehen auch
fertig Glaube mir aber auf Ehre dass ein BühnenHabit für dich ausgelesen ist
der nicht simuliert sondern nur dissimuliert Ein anders als was ich tue und
miete wäre wenn ich Dich in einen Berghabit oder in eine Mönchskutte oder in
einen Waffenmantel oder in ein BischofsPallium oder in englische
KapitänsUniform oder in den Satan und seine Großmutter steckte so hingegen
fällest Du proper aus und unkenntlich und dabei doch sittlich und wahr Versuch
ihn nur bei mir an Deinen polnischen Rock und Mantel der Liebe für Klotar
Purzel denkt gut ja wohlfeil Ich schmachte freudig nach dem Spaß Der Abend
macht Dich noch unkenntlicher des Puders gar nicht zu gedenken den Du
weglassen musst Dir zu schreiben vergess ich ganz dass ich nämlich als ich
den guten Grafen anfangs ins Rosental eingeladen zu einem matten Souper
natürlich ohne Deiner Erwähnung von ihm umgekehrt in seinen Garten invitieret
worden Komme bestimmt ich brenne Denn dieser Abend fället DefinitivSentenzen
und Mandate ohne Klauseln über 40 bis 50 tausend Abende nachher Gegenwärtiges
schreib ich fast gerührt Garrick wusste das bloße Alphabet so herzusagen dass
die Leute dazu tränten aber woraus besteht denn alles was angreift als aus
Alphabeten Herzen gleichen GänseEiern die so in lauem Wasser nicht sich
bewegen sind faule und tote Gott ich werde heute so blasen so trillern Ich
freue mich freilich zu sehr
P S Ich muss Dir doch berichten anfangs wollt ich nicht dass Dein
künftiger Freund Klotar morgen früh um 3 Uhr auf und davon reist wie er sagt
nach Dresden eigentlich aber wohl wie ich sage nach Leipzig um durch die
protestantische Mutter die katholische Braut sich anzuöhren Bist du nicht der
vollständige Schomaker II so kommst Du heute und schlägst als Bürger mit dem
Edelmann den PedalTriller der verwobenen Freundschaft Denn wo wäre Lüge
sobald ich nicht sage und Du ohnedies nicht dass Du ein Edelmann bist
sondern ich nur anfangs dass Du mein Freund und Du zuletzt dass Du ein
Notarius bist wo frag ich«
»Ach ich komme freilich« schrieb Gottwalt zurück
Nr 32 Heller im Straussenmagen
Menschenhass und Reue
Personen die Vults alten noch versiegelten Brief an Walt gedruckt gelesen
durchschauen am ersten alle geheime Zwecke bei seiner Einkleidung des reinen
Notars und finden deren nicht weniger als zwei Der erste geheime Zweck Vults
ist wahrscheinlich der sich mehr zu ärgern als bisher und dadurch indem er
der brüderlichen Freundschaft gegen den Grafen zusieht oder gar der Erwiderung
derselben sich zu jenem zornigen Ausbruch aufzutreiben ohne welchen seiner
bekannten Meinung nach an Versöhnungen gar nicht zu denken ist außer an
schlechte Freundschaftliche Eifersucht ist viel stärker als liebende schon
weil sie nicht wie diese ihren Gegenstand zu verachten vermag Die zweite
Absicht Vults bei dem Verkleiden kann sich nur auf den Wechsel oder Hornschluss
gründen dass der Graf den Notar wenn dieser den adeligen Pfauenschwanz fallen
lassen als nackte NotariatsKrähe entweder wild aus Herz und Garten jagt dann
gewänne eben Vult oder ihm wie eine Krähe der andern nichts aushackt dann
könnte Vult sehr zanken und sich spät versöhnen und einen dritten Fall gibt
es eben nicht
Der Notar kam ziemlich beklommen bei dem Bruder an »Hier« sagte Vult
»liegt der menschenhassende Meinau aus Kotzebues Menschenhass und Reue auf dem
Stuhl« und zeigte auf den feinsten Überrock den Purzel für edle
BühnenCharaktere gekehrt hatte ferner einen langhaarigen Rundhut gespornte
Steifstiefel drei Ellen lange Halsbinden für den Hals um die Farben im Gesicht
zu unterbinden und seidene Unterkleider Aber was vorher leicht durch den Äther
der Einbildung flog steckte jetzt fest vor Walt in der unbehülflichen
Gegenwart und die Sünde zerfiel in Sünden
»Beim Henker« sagte Vult und streifte dem Notarius das Zöpflein herunter
»skrupelst du doch als könnt es nicht ebensogut eine An als Verkleidung
vorstellen Besteht denn ein Edelmann in einem Paar Stiefeln und Sporen
Versäuere mir nichts«
Ein Friseur erschien Das ganze Haar musste in unzählige Locken zurückrollen
Darauf wurd er hermetisch mit Seide und Tuch versiegelt und sein Kern wuchs
ganz in die Kotzebuesche Schote hinein
Unterwegs schwur ihm Vult er sei schon wegen der Dämmerung unkenntlich
genug und ein Großer sehe und behalte kein Bürgergesicht Am Ende wurd ihm
selber der Notar der blühend liebezitternd neben ihm ging ordentlich zum
menschenfeindlichen Meinau »Es fehlt nicht viel« sagt er »so fall ich dich
an weil ich denke ich habe Meinau vor mir der sich einige Akte lang
schmeichelte und angewöhnte die Menschen zu hassen aus MädchenLiebe wie etwan
Hasen durch Schlagen dahin zu bringen sind dass sie trommeln wie Krieger
Weichen Schlamm und Sumpf soll der Kollegienrat K abmalen aber nicht
DieterichsFelsen Mit seinen PatentHerzen wie Pott mit PatentFüßen zum
Knien steh er feil sogar mit verächtlichen aber nur nicht mit verachtenden
Da sei der Teufel so sanft wie ein Exjesuit wenn man überall vor und auf der
Bühne Jünglingen begegnet die Fait von MenschenVerachtung machen weil ein
Mädchen sie ein wenig verachtet hatte Tröpfe bei denen der misantropische
Tollwurm nur wie bei Hunden im Zungenbande besteht und denen er wie Kindern
der Wurm abginge wenn man sie stärkte Walt unterstehst du dich auch und
hassest die Menschen« »Nicht einen auch nicht einen unglücklichen
Menschenfeind sagt er unendlich sanft aber du fragst doch sehr hart«
»Vergib« versetzte Vult »ich fahr schon seit zehn Jahren auf und los wenn
ich nur etwas vom Theater rieche und wärs nur ein Souffleur oder der
Souffleur des Souffleurs der Poet ja ein bloßer Hofrat da doch die meisten
TheaterHelden wie in Dorpat die Professoren HofratsRang haben denn das
Schauspielervolk ausgenommen zeigt nichts eine so ekle Gemeinheit als das
Bühnenschreibervolk Spieler und Schreiber verkörpern und beseelen sich
wechselseitig und bekielen sich mit Lanierschwänzen« »Lanierschweife« fragte
Walt
»Sind der Schwanz« versetzte Vult »den ein Falkenier einem abkräftigen
Falken in die offenen Kiele des ausgefallenen künstlich einklebt mit ein wenig
Hausenblasenleim Die armen Schauspieler transzendente Statisten sind die
Statuen welche25jeden Abend eine Seele von ihren Bildhauern oder Dichtern
fodern um davon zu leben«
Sie kamen im Park an wo ihnen der Graf mit seiner einfachen ernsten
vornehmen Haltung entgegenging »Es ist mein Freund und Verwandter gleiches
Namens« stellte Vult den gekehrten Meinau dem Grafen vor » seine Liebe zur
Flöte treibt ihn mir nach« Walt machte statt vieler Entschuldigungen die ihm
der Bruder abgeraten ganz keck nur einen Bückling weil der Graf hatte Vult
gesagt wenig Welt besäße wenn er ihn in seinem Garten ausfragen wollte wie
ein Katechet unter dem Tore
Walt dachte gleichfalls zu redlich um vor dem Grafen etwas anders nur den
schwächsten Gedanken zu verkleiden als seinen Leib Vult hatte recht gehabt
dass Große die auf Reisen und an Höfen an zwanzig Heere von Menschen gesehen
nicht leicht den Nachtrab aus einem Notarius sonderlich im Kopfe behalten und
aufheben Klotar sah ihn ein wenig sinnend an kannte aber den viellockigen
zopflosen dickbindigen Kavalier in der Dämmerung nicht
Letzterem wurd es etwas eng in seiner MeinausHaut Die Verkleidungen in
Romanen bilden die in der Wirklichkeit den Menschen zu lustig vor Wie im Zimmer
das Wetter so ist im Freien die schöne Natur der Notpfennig und Hecktaler des
Gesprächs Walt hatte dem Grafen kein Hehl dass diese Stelle wo er einmal
abends dem Musizieren zugehöret hatte mit der Katarakte hinter dem Rücken der
VestalinStatue dabei den fernen Höhen ihre wahren Reize habe Klotar aber
wollte wenig daraus machen sondern versicherte jeder Park gefalle nur einmal
Der Flötenspieler war so wortkarg und höflich gegen den Grafen als dieser
selber und sparte Laune und Zunge nur der Flöte auf Die Gebrüder Harnisch
wurden mit einem mehr aus Blättern als aus Beeren gequetschten Wein bewirtet
Der Graf trank keinen Walt aber einigen um wie ein Schmied VerstärkungsWasser
ins Feuer zu sprengen Vult über den Krätzer und alles aufgebracht ging
schnell mit der Flöte auf und ab ohne zu blasen
Klotar überließ ihn seiner Laune Endlich fing er lustwandelnd dabei sein
Flötenkonzert ein wenig an und blies aus KünstlerKälte gegen jenen nur obenhin
zerstückte PhantasierGaloppaden musikalische Halbfarben zu Halbschatten
starke Eingriffe in die FlötenSaiten wie sie die Faust eines Sturmwinds auf
die Äolsharfe tut
Beiden Kavalieren wurde durch dieses melodramatische Absetzen das Gespräch
angenehm durchschossen in welches sie miteinander geraten durften unter solcher
Musik Der englische Park wurde ein Postschiff worauf beide nach England
übersetzten um es einmütig zu besehen und zu erheben Klotar lobte die
britische Ungeselligkeit »Zu gewissen Fehlern gehören Vorzüge« sagte er »Nur
Blumen schlafen nicht Gras« sagte Walt der durch Poesie und Übersicht leicht
die fremde Meinung in seine übersetzte und umgekehrt Wer immer nur die Morgen
und Sonnenseite sucht findet leicht überall Wärme und Licht Klotar
behauptete dass die Freundschaft keinen Stand kenne wie die Seele kein
Geschlecht Walt tournierte seine Anwort dergestalt dass sie so klang »Auch im
Bestreben die Ungleichheit zu vergessen müssen beide Freunde gleich sein«
aber seine Aussprache war ein wenig bäuerisch und sein Auge blickte nicht fein
sondern es strömte klar über von Liebesfeuer Der Graf stand ruhig auf und
sagte er entferne sich nur einen Augenblick um die Abreise eine halbe Stunde
später anzuordnen und er gestehe er sei selten so leicht verstanden worden als
diesen Abend
Mit unsäglicher Entzückung sagte Walt leise zu Vult »Habe Dank habe Dank
mein Vult O so sollte man doch nie das Benehmen eines Menschen gegen uns und
wär es noch so frostig zum Masse seines Wertes machen Wieviel reiche Seelen
gehen uns durch Stolz verloren Ich sag ihm nachher alles Vult« »Der
Krätzer aber« versetzte Vult »könnte etwas besser sein Das tu Ich halt
ihn selber für keinen selbstsüchtigen Eisvogel und FrostZuleiter weiter Er
wusste zwar von deinem Gesichte und von der schnellen Kur meiner stadtkündigen
Erblindung nichts mehr es mag aber mehr in seiner Memorie liegen und ohnehin
darin dass ein fremder Mensch ihm weniger sein muss als sein eigener« Und hier
ergoss er sich ohne Antwort abzuwarten in seine Flöte seine zweite Luftröhre
sein Feuerrohr und blies schon trefflich als der Graf kam
Dieser hörte das Spiel aus und sagte nichts Walt konnte nichts sagen er
hatte den Mond den Grafen den Wein die Flöte und sich selber im Kopfe Der
Mond hatte die mit Windmühlen besetzten Höhen erstiegen und glänzte vom Himmel
herunter in die weite Ebene und den Fluss voll Licht Der Notar sah auf dem
Gesicht des Jünglings ein ernstes tiefes und schmachtendes Leben wehmütig im
Mondschein blühen Die Töne wurden ihm ein Tönen die Flöte setzt er schon als
ein Postorn auf den Bock das ihm den neuen Freund und die süßeste Zukunft
davonblase in weite Fernen hinein »Und wo kann der Gute wiederfinden« dachte
Walt »was er verlassen und beweinen muss eine Geliebte wie Wina« Länger
konnt er sich nicht halten er musste die zarte Hand des Grafen haben
Da er unbeschreiblich delikat sein wollte und zwar in einem Grade der
hofft er über die ältesten französischen Romane der französischen Weiber
hinauslief so erlaubt er sich nicht von weitem zu bemerken dass die Achse an
Klotars BrautWagen zerbrochen sei »Wir hätten uns früher« sagte der Graf und
drückte die Hand »sehen sollen eh die Sphinx wie ein sehr wackerer Dichter
die Liebe beschreibt mir die Tatzen zeigte« Walt war der wackere Dichter
selber gewesen Mit diesem silbernen Leitton wurd er ordentlich von dem zur
Saite gespannten Liebesseil das ihn gab und worauf er tanzte aufgeschnellt er
konnte die Himmel nicht zählen der Flug war zu schnell wodurch er fuhr Er
drückte mit seiner zweiten Hand seine erste recht an die fremde ergriffene und
sagte nichts von seiner dichterischen Vaterschaft sondern »Edler Graf
glauben Sie mir ich kannte Sie schon früher ich suchte und sah Sie lange
Blase Guter« wandt er sich plötzlich zu Vult der zwischen Himmel und Hölle
auf und niederfuhr mit jener männlichen Lustigkeit die dem weiblichen
hysterischen Lachen gleicht »milder blase Hirtenlieder Lautenzüge
Gottesfrieden«
Vult spielte noch fünf oder sechs Kehrause und Valetstürme und hörte gar
auf weil er sich zu gut dünkte und es zu lächerlich fand den Abfall von seinem
Herzen den Text abtrünniger Empfindungen in Musik zu setzen »Auch ich entsinne
mich Ihrer Erscheinung aber dunkel doch wünsch ich Ihr Inkognito nicht zu
brechen« versetzte der Graf »Nein es werde gebrochen rief der Notar ich
bin der Notarius Harnisch aus Elterlein derselbe der den Brief des Fräuleins
Wina im Park fand und übergab«
»Was« sagte der Graf gedehnt und stand als König auf er besann sich aber
wieder und sagte ruhig »Ich bitte Sie sehr ernstaft um Ihren Namen und
besonders um die Eröffnung inwiefern Sie in die BriefSache verwickelt waren«
Walt sah sich nach dem Flötenisten um aber dieser war nach seinen SturmStößen
in die Flöte seitwärts in einen Gang getreten um zwei HerzensErgiessungen aus
dem Weg zu gehen wobei nach seiner Überzeugung nichts Geringeres als es selber
ersoff
Walt erschrak über des Grafen Erschrecken und sagte er wünsche herzlich
nichts Unangenehmes gesagt zu haben »Gott was ist mit meinem Bruder« rief er
eine Schlägerei und Vults Stimme lärmten im Gebüsch »Im Park ist keine Gefahr«
sagte der Graf »nur weiter weiter« Walt erzählte schnell das Finden des
offenen Briefes im Park »Was Monsieur« rief jener laut neben dem lauten
Wasserfall »Er kann sich unterstehen meine Briefe die Er in meinem Parke
aufgelesen dem Generale zu übergeben um sich bei ihm einzuschmeicheln weil
dieser der Rittergutsherr von Elterlein ist Herr«
Walt wurde wie von zwei Blitzen getroffen gelähmt und gereizt mit
sterbender milder Stimme sagt er »Ach Himmel das ist aber zu ungerecht
Unglück über Unglück ich bin wohl unschuldig Nein nein nur nicht so
entsetzlich ungerecht sei man Und es war in Neupeters Park«
Vult hörte Klotars Stimme und lief aus der Mooshütte her worin er aus
Verdruss seine alte Kunst mit seinem Ich eine prügelnde Stube vorzustellen
getrieben hatte Walt stand an der Statue der Vestalin die den Kopf senkte als
wär er ihr Ehemann Der Flötenist auf eine noch geistigere Schlägerei
treffend als seine gewesen sah aus allem dass Walt seine adelige Hülse und
RaupenHaut abgesprengt habe und als feste unbewegliche Puppe dahänge Er bat
sich sogleich vom Grafen einige Erklärung des Unwillens aus
»Sie liegt in der Sache« versetzte ohne ihn anzusehen dieser »nur
begreif ich nicht wie man keck genug dieselbe Person aufsuchen kann deren
Briefe man lieset man usurpiert und man in falsche Hände spielt die
ausdrücklich darin verbeten wurden« »O ich habe nichts gelesen« sagte Walt
»ich habe nichts getan aber ich erdulde gern das härteste Wort da ich ein
solches Unglück über Sie gebracht« sagte Walt und zog im Krampf der Hand einen
kurzen Teaterdolch aus dem menschenfeindlichen Überrock und schwang ihn
unbewusst Der Graf bog sich ein wenig zurück vor dem SackStilett »Was soll
das« sagt er zornig »Herr Graf« fing Vult sehr stark an »auf mein
Ehrenwort er hat nichts gelesen sag ich ob ich gleich nicht weiß von was
die Rede ist Gottwalt besieh was du in der Hand hast« Glühend stieß dieser
die Waffe in die Scheide der Tasche
»Herr van der Harnisch« wandte Klotar sich zum Flötenspieler »von Ihnen
hab ich mir eine besondere Erklärung auszubitten inwiefern Sie mir diesen
Notar unter fremdem Namen präsentieren konnten« »Ich stehe zu jeder da«
versetzte Vult »als meinen Freund und Verwandten gab ich ihn das bleibt er
ich konnt ihn auch als mutmasslichen GesamtErben der van der Kabelschen
Erbschaft präsentieren Ist sonst noch eine Erklärung nötig« »Ich würde sie
fordern« versetzte der Graf »wenn ich nicht eben in den ReiseWagen stiege«
»Ich bin erbötig nachzusteigen und darin auseinanderzusetzen oder überall«
sagte Vult und ging dem Grafen beleidigt nach der auf seinen Wagen mit stolzer
Kälte zuschritt »O hör auf mich schone mich« bat Walt »du weißt nicht was
ich ihm genommen«
»Der Narr soll nicht hitzig reden und du bist auch einer« fuhr er den
Notarius an »Hr Graf Sie sind mir noch Antwort schuldig« sagte Vult »Gar
keine aber ich frage Sind Sie beide Brüder« sagte Klotar
»Vater und Mutter müssen Sie fragen nicht mich« sagte Vult Der
unglückliche Notar konnte matt den Sargdeckel nicht aufstossen zu welchem
hinunter er die polternden Zurüstungen zu einem Duelle über seinem Kopfe hörte
»Wenn Sie niemand unter falschem Titel präsentiert haben als sich selber so
brauch ich keine Erklärung von Bürgerlichen forder ich keine« sagte der Graf
und saß im Wagen Vult ließ die Türe nicht schließen und rief noch hinein
»Können denn nicht die zwei Narren von Adel sein oder gar drei« Aber der
Wagen rollte fort und er blieb mit vergeblicher Tapferkeit zurück
Walt konnte erdrückt dem Menschen kein Glück nachwünschen dem er das größte
genommen nicht einmal im Herzen wagt er es Wünsche auszudenken Ohne Worte
schlich er mit dem stillen Bruder aus dem verlorenen EdenGarten Vult sah den
Bruder unter der innern tiefhängenden Wetterwolke gebogen gehen aber er sprach
kein Wort zum Trost Walt nahm dessen Hand um sich an ein Herz anzuhalten und
fragte »Wer kann mich noch lieben« Vult schwieg und hielt seine Hand nur
schlaff Walt entzog sie das steife scharfe Schweigen hielt er für eine
Strafpredigt gegen seine Versündigung Er ging weinend durch die lustigen
AbendGassen neben einem Bruder um dessen eifersüchtige Brust die Tränen wie
versteinernde Wasser nur SteinRinden ansetzten
»Warum hast du mich beschützen wollen« sagte Walt »Ich war ja nicht
unschuldig Weißt du alles mit dem Briefe« Vult schüttelte kalt den Kopf denn
Walts frühere Erzählungen davon waren wie alle seine von sich aus blöder Demut
zu karg und unbestimmt gewesen als dass Vult sein altes von der Welt gewecktes
historisches Talent jede Begebenheit rückund vorwärts zu konstruieren und zu
der kleinsten eine lange Vergangenheit und Zukunft zu erfinden sehr dabei hätte
zeigen können Walt hatte von diesem Hoftalent nichts an sich er sah und strich
in einem fort ein Faktum malend an und weiter bracht ers nie
Walt erzählt ihm nun das unglückliche Übergeben von Winas Brief an ihren
Vater »Ei Teufel« rief Vult verändert denn er erriet nun alles und erschrak
über die Verwicklung in welche er den Bruder gezogen »schuppe dich droben bei
mir ab« »Ja« sagte Walt »und ob ich gleich kein Unglück wollte so hätt
ich doch die Absicht nicht haben sollen den Vater und die Braut zu sehen Ach
wer kann denn sagen im vielfach verworrenen Leben ich bin rein Das Schicksal
hält uns fuhr er auf der Treppe fort im Zufalle den Vergrösserungsspiegel
unserer kleinsten Verzerrung vor Ach über dem leisen leeren Wort über sanften
Klängen steht eine stille bedeckte Höhe aus der sie einen ungeheueren Jammer auf
das Leben herunterziehen26«
»Schäle dich nur zuvörderst aus dem HundsMeinau heraus« sagte Vult
sanfter als sie ins stille von Mondlicht gefüllte Zimmer traten Schweigend hob
der Notar den Kotzebuischen Zuckerguss wie ein Strom sein Eis tat sanft den
Überrock und KoadjutorHut ab und strich die Locken wieder aus Als Vult im
Mondlicht dem betrübten Schelm das dünne Nankingröckchen wie einen Gehenkten am
AufhängBändchen hinlangt und er es überhaupt überlegte wie lächerlich der
Bruder mit dem Korkwams der Verkleidung auf dem Trocknen sitzen geblieben so
dauerte ihn der getäuschte stille Mensch in seinen weiten Steifstiefeln
unsäglich und ihm brach mitten im Lächeln das Herz in zwei Stücke von Tränen
entzwei »Ich will dir« sagt er sich hinter ihn wie hinter ein Schiesspferd
stellend »das Zöpflein machen Nimm aber das Zopfhand zwischen die Zähne das
eine Ende«
Er tats fast verschämt Als Vult gar das weiche Kräuselhaar unter die Finger
bekam und den brüderlichen Rücken vor sich hatte der sehr leicht den Menschen
auf einmal tot fern und abwesend darstellt und durch diese Linienperspektive
des Herzens das fremde mitleidig bewegt so hielt er dem Kopfe den Zügel des
Haares ganz kurz am Genick damit Gottwalt sich nicht umkehren könnte weil er
ihm mit fast schwerer Stimme weinen konnt er in solcher Stellung frei und
lustig wie er wollte die Frage tat »Gottwalt liebst du einen gewissen
Quoddeus Vult noch«
In der Stimme lag etwas Gerührtes Walt wollte sich eiligst herumwerfen
aber er wurde an den Haaren gehalten »O Vult liebst du mich denn noch« rief
er weinend und ließ das Zopfband fahren
»Mehr als jeden und alle Spitzbuben hienieden« versetzte Vult und konnte
schwer reden »und darum krächz ich wie ein Hund und wie ein Weib Beisse wieder
aufs Zopfband« Aber der Notar fuhr schnell herum und wurde schneeweiß als er
Tränen über das wellenschlagende Gesicht des Bruders rinnen sah »O Gott was
fehlt dir« rief er »Vielleicht nichts oder so etwas« sagte Vult »oder gar
Liebe So fahrs nur heraus das verfluchte Wort ich war eifersüchtig auf den
Grafen Es ist nicht sauber vom Bruder sagt ich mir dass er so reviert und
jagt da man ihm mehr zugetan ist als allen Menschen die der Satan sämtlich
hole und von welchen ich in der Tat so schlimm denke als irgendein
KirchenVater ein griechischer oder römischer Er muss nur nicht denken mich
mit lumpiger GeschwisterLiebe abzufinden Mein junges Leben steht schon sehr
trocken da die Freihäfen der Liebe hat ihr Meer verlassen und keine Katze
kann hinein und ankern Bruder ich hatte oft einige Tage voll Ohrenbrausen
Nächte voll Herzgespann Der Donner ich weinte einmal abends gegen halb 12 Uhr
«
Er musste aber innehalten die Unterlippe des bestürzten Notars zog ein
heißer schwerer Liebesschmerz tief herunter »Was betrübt dich so« fragte Vult
Walt schüttelte schritt weit auf und ab nahm bald ein Glas bald ein Buch in
die Hand sah nichts an schaute in den hellen Mond und weinte heißer »So
sei es gut« sagte Vult »wir wollen die alten sein« und umarmte ihn aber Walt
riss sich bald los Endlich fasst er sich und sagte schmerzlich »Muss ich denn
alles unglücklich machen Du bist heute der dritte Mensch Die drei Wachskinder
in meinem Traum«
Vult fragte um ihn von den Schmerzen abzuführen dringend nach dem Traum
Ungern eilig erzählte Walt »Verhüllte Gestalten gingen vor mir vorbei und
fragten mich warum ich nicht jammerte und nicht blass würde Eine nach der
andern kam und fragte Ich zitterte vor einer ungeheueren Entschleierung Da
flogen drei bildschöne Kinder aus Wachs vom Himmel sie blickten freundlich
grüßten mich Gebt mir die weißen Händlein und zieht mich hinauf sagt ich Sie
taten es aber ich riss ihnen die Arme mit der Brust aus und sie fielen tot
herunter Und schon als ich erwachte sah ich noch einen fernen dunkeln
Leichenzug der auf den Knien weiterzog Der Traum ist eingetroffen«
Vult dem der zornige Schmerz wie weggezaubert war machte jetzt alle
Anstalten zur Kur des fremden er stellte ihm alles auf der leichtern Seite vor
klagte den giftigen Schmollwinkel in seiner linken Herzenskammer an in welchem
ein SchmollKobold und Werwolf hause und feurig blicke zog das Silber von den
Giftpillen ab die er bisher in seine Billette eingewickelt hatte und machte
sein Naturell bekannt das ohne tüchtigen Zank nicht traktabel werde wie die
Haubenlerche allezeit singe wenn sie keife und schwur Walt sei nicht der
erste dem er mit diesem SeelenPips beschwerlich falle sondern der letzte
denn dessen grenzenlose Leutseligkeit stelle ihn gewiss davon her
Aber Walt wollte wenig Vernunft annehmen hielt alles für opfernde Zartheit
und warf ein dass ihn Vult ja eben gegen den Grafen so feurig beschirmt und
bisher zu diesem sogar den Weg gebahnet habe »Aus Gift Schatz« sagte Vult
»und einigem Stolz dazu nur darum Hier« fuhr er fort und holte den mit zwei
Siegeln verschlossenen Brief hervor »lies den Beweis ich habe dich voraus
gerechtfertiget und mich besonders«
Der Notarius machte aber das Blatt nicht auf er sagte er glaubte aufs Wort
und verstehe ihn endlich und jetzt sei ihm wieder um vieles besser Vult ließ
es dabei und drückte sich dem Bruder mit der lang verschobenen heißen Umarmung
an das Herz die seinen wilden Geist erklärte
Und der Bruder wurde glücklich und sagte »Wir bleiben Brüder«
»Nur einen Freund kann der Mensch haben sagt Montaigne« sagte Vult
»Oh nur einen« sagte Walt »und nur einen Vater und nur eine Mutter eine
Geliebte und nur einen einen ZwillingsBruder«
Vult versetzte ganz ernstaft »Jawohl nur einen Und in jedem Herzen
bleibe nur die Liebe und das Recht«
»Spasse wieder wie sonst ich lache gewiss so gut ich kann« sagte Walt »zum
Beweise deiner Versöhnung dein Ernst durchschneidet sehr das Herz«
»Wenn du willst so kann wohl gescherzt werden« sagt er »Und nein Bei
Gott nein Wenn die Kamtschadalen glauben nach Steller von zwei Zwillingen
habe jederzeit der eine einen Wolf zum Vater so bin ich wahrlich dieser
WolfsBastardMestize du schwerlich Jetzt da wir alle klar über die
Verwicklung sprechen können darf ich dir sagen dass du durchaus rein und recht
gegen den Grafen gehandelt nur dass du zu wenig Egoismus hast um irgendeinen zu
erraten Klotar hat fast großen wahrlich ich greife heute niemand an
sondern schlage dir nach Aber die Philosophen junge gar wie er sind doch
bei Gott den Augenblick egoistisch Menschenliebende Maximen und Moralien sind
weißt du nur Scherwenzel ein Licht ist kein Feuer ein Leuchter kein Ofen
dennoch meint sämtliches philosophisches Pack das Deutschland hinauf und hinab
sobald es nur sein Talglicht in das Herz trage und auf den Tisch setze so heize
das Licht beide Kammern zulänglich«
»Lieber Vult« sagte Walt mit der allerzärtlichsten Stimme »erlasse mir die
Antwort ich darf heute am wenigsten über den unglücklichen Klotar aburteilen
dem ich das Schönste genommen und der nun einsam in der Nacht hinreiset mit
nächtlichem Herzen in nächtliche Zukunft Du bist rein nicht ich du kannst
sprechen«
»So sprech ich« sagt er »der Philosoph hat sich diesen Abend gehäutet
und das bedeutet wenns Spinnen tun klares Wetter Apropos häute dich aber
besser und physisch« Das tat Walt jener hielt ihn als er sich zum
Entkleiden auf den Stiefelknecht stellte »Wie lächelt der Mond« sagte Vult
»im Zimmer herum« Darauf setzte er hinzu »Stelle dich in den süßen Schein und
nimm wieder das BandEnde zwischen die Zähne jetzt flecht ich dir dein
Zöpflein mit ganz andern Empfindungen und Fingern als vorhin pompöser
Krauskopf« Darauf schieden sie ruhig und liebreich
Drittes Bändchen
Nr 33 Strahlglimmer
Die Brüder Wina
Selige heilige Tage welche auf die Versöhnungsstunde der Menschen folgen Die
Liebe ist wieder blöde und jungfräulich der Geliebte neu und verklärt das Herz
feiert seinen Mai und die Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den
vorigen vergessenen Krieg nicht Schlachten heitern den bezognen Himmel auf
beide Brüder standen nach der ihrigen im hellsten Wetter da und sahen sich und
alles schön beleuchtet Walt der nichts war als Lieben und Geben wusste jetzt
gar nicht wie er beides noch zärter noch wärmer gegen seinen Bruder sein
könnte denn er trachtete nach dem höchsten Grade die Narben der kleinen
Gewissensbisse brannten ihn noch ein wenig und die Tränen des sonst dürren
Vults hatt er in seiner Seele aufgehoben Vult stand selber als ein Mensch mit
neuen Melodien aus dem Kanon der Liebe da Ob er diese gleich mehr durch Taten
als durch Zeichen wirken ließ so war sie doch zu sehen sein häufiges Kommen
sein Nachgeben seine Milde seine Helfbegierde und bei dem Abschiede wenn er
eben schnell genug die Treppe und Unsichtbarkeit erwischen konnte oft sein
BruderKuss verrieten sein Inneres »Niemand« sagte einst Walt zu ihm »kann
rührender aussehen als du wenn du eben die Milde in deine Feueraugen bringst
so kamen mir immer die Sparter vor wenn sie mit ihren Flöten auf das
Schlachtfeld zogen« »Es muss mir freilich lassen« sagte er »als wenn ein
Seehund Mama sagt27 ja ich möchte es fast einen leisen pianen Sturmwind nennen
Aber ernstaft zu sprechen ich bin jetzt noch bei KonzertGeld und deswegen ein
gutes frohes Lamm mein Leben ist ein Buch voll geschlagnen Golds die Blätter
sind so weich und so beweglich freilich GoldBlättchen auch mein Kind«
Walt nahm solche Reden gar nicht übel Soweit indes auch Vult das Lieben
trieb da er sich für den nächsten und lachenden ThronErben des abgegangenen
FreundGrafens ansehen konnte so merkte er doch dass er darin seinen Bruder
nur bezahle nicht beschenke und dass dieser ihm stets um einen warmen Tag
voraus war Einst hörte Vult von seinem Klingeldraht er hieß eine ganze
Mädchenpension so die ganze heftige Schutzrede wieder womit der sanfte Walt
gerade in der LiebesPause für ihn gegen seine Antipatetiker an Neupeters Tafel
aufgetreten war Walt hatte ihm nicht ein Wort davon gesagt wiewohl aus Liebe
nicht bloß gegen den Bruder sondern auch gegen alle Welt so wie er aus
doppelter Liebe das Kabelsche Testament das den Bruder ein wenig beleidigen
konnte zu zeigen verweigerte Vult drückte ihm beim Eintritt im Feuer der Liebe
beide Achseln und machte solchem dadurch Luft dass er die Neupeterschen
scherzend handhabte Aber er traf die falsche Zeit wo Walt am Hoppelpoppel
schrieb und den SchreibArm allen fünf Weltteilen liebend führend bot und wo er
so sehr an den verlorenen Klotar dachte weil er eben im Buch Freudenfeste
findender und gefundner Seelen beging Mit eigener wehmütiger Freude schrieb er
jetzt daran unter dem Betrauern des abgestorbenen Freundes so wie sonst mit
Schmerzen unter dem Nachjagen nach ihm und wunderte sich über den Unterschied
Der schöne BegeisterungsMittag bei Neupeter auf welchen ihn Vult durch seinen
Dank zurückführte stellte ihm den Grafen zu nahe wieder an die Brust er
bekannte es dem Bruder ganz offen wie ihm der Ferne mit seinem ausgeleerten
Dasein und mit der verlorenen Wina immer in dem Kopfe liege und so schwer auf der
Brust wie er ihn einsam in dem zugesperrten Wagen sitzen und zurückdenken sehe
wie ihn ein solcher aus seinem Himmel in einen Käfig getriebene Adler erbarme
und wie darum keine Marter bitterer auf der Erde gefunden werde als das
Bewusstsein einem edlen Geist irgendeine zugeführt zu haben »O Vult tröste
mich nur recht wenn du kannst« sagt er bei dem heftigsten Ausbruch »Mein
unschuldiger Wille tröstet mich wenig Wenn du zufälligst ohne böse Absicht ja
in der besten vielmehr durch einen der Hölle entflognen Funken ein Krankenhaus
oder ein unschuldiges Schweizerdorf oder ein Haus voll Gefangner angezündet
hättest und du sähest die Flammen und darauf die Gerippe ach Gott wer hälfe
dir«
»Mir die kalte Vernunft und dir ich sagt er aber ohne Groll Denn ich
werde mich bei der Mädchenpension hart neben mir an nach den nähern Umständen
erkundigen Als ich noch im Erblinden stand saß ich jeden Abend drüben es ist
die schnelleste Wiener Klapperpost die mir noch vorgekommen da sie manche
Sachen schon liefert indem sie noch geschehen Der Graf wird nicht wie du
durch Zufälle entschuldigt für seine niedrigen Voraussetzungen über das Lesen
und Übergeben des Briefs er macht es ganz nach Art der Großen und der
gallischen Tragiker die um etwas zu erklären lieber die größte Sünde als eine
kleine annehmen lieber eine Blutschande als Unkeuschheit« Der Notar gestand
Klotars Versündigung erleichtere die Last der seinigen blieb aber bei seinem
Gefühl In der Gesellschaft kann man einen Menschen leichter herabsetzen als
hinauf bei Walt umgekehrt Vult ging und versprach bald wiederzukommen
Eines Nachmittags hüpfte Flitte dessen Tanzsaal die ganze Stadt war in
Walts Stübchen Er war gewohnt an jedem Orte so viele und gute alte Bekannte zu
zählen als Einwohner darin waren daher schlug er den zur Volksmenge gehörigen
Notar ohne Umstände zur FreundesMenge Dieser glaubte gern er komme
seinetwegen und wurde durch die Freude und die Angst einen solchen Weltmann zu
beherbergen etwas außer sich gebracht Sein Ich fuhr ängstlich oben in allen
vier Gehirnkammern und darauf unten in den beiden Herzkammern wie eine Maus
umher um darin ein schmackhaftes IdeenKörnchen aufzutreiben das er dem
Elsasser zutragen und vorlegen könnte zum Imbiss Er fand wenig was diesem
schmeckte aber der Elsasser hatte auch keinen Hunger und keine Zähne Gelehrte
StudierstubenSaßen welche die ganze Woche tagaus tagein im Bankett und
Picknick der feinsten reizendsten Ideen und Gerichte aus allen Weltaltern und
Weltteilen schwelgen bilden sich gar zu leicht ein dass der Welt und
Geschäftsmann verdrießlich und trocken bei ihnen werde wenn sie ihn nicht immer
heiß und fett mit Ideen übergiessen am Bratenwender des Gesprächs indes der
Geschäftsmann schon zufriedengestellt wäre wenn er säße und der Weltmann wenn
er am Fenster stände oder vernähme dass die Markgräfin gestern bei Tafel unmäßig
genieset und dass der Baron von Kleinschwager dessen Namen er gar nie gehört
diesen Morgen bloß durchpassiert ohne anzuhalten Gelehrten kann das schwerlich
zu oft vorgestellt werden sie ziehen sonst immer einen ProviantWagen für die
Gesellschaft mit mehreren oder wenigern Gedanken nach oder gar mit Witz Rechte
gewöhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen
die dass einer das sagt was der andere schon weiß worauf dieser aber etwas
versetzt was jener auch weiß so dass jeder sich zweimal hört gleichsam ein
geistiger Doppeltgänger
Mit Flitten der so leer an Realien war als Gottwalt an Personalien konnte
dieser wenig anfangen Indes sprach sang und tanzte der Elsasser so gut es
ging trat oft ans Fenster und oft ans Bücherbrett und suchte darüber etwas zu
sagen weil er gern vor jedem mit dem prahlte was jeder eben war Einige
Menschen sind Klaviere die nur einsam zu spielen sind manche sind Flügel die
in ein Konzert gehören Flitte konnte nur vor vielen reden und blieb im Duett
fast zu dumm
Als endlich der gute Notar an der Langweile die er zu machen glaubte
selber eine fand denn im Gespräch wie im Pharao ist erwiesen der Gewinn des
Vergnügens wie des Geldes nie größer als der Einsatz von beiden so studierte
er am Elsasser heimlich den Franzosen denn Elsass sagt er ist doch
französisch genug und goss ihn im Vorbeigehen ab für den Abgusssaal seines Romans
und hob ihn auf
Unter dem Giessen macht er plötzlich das Fenster zu und eine Verbeugung in
den Garten durchs Glas hinaus weil ihn Raphaela welche drunten neben Wina der
Vespersonne entgegenging mit zurückgewandtem Kopfe leicht gegrüsset hatte Da
flog Flitte herbei Raphaela drehte sich blickte schnell noch einmal um und
erkannte nun diesen Wina ging langsam und wie schwere Schmerzen tragend
darneben den Kopf nach der Abendsonne gehoben und das Schnupftuch mehrmals in
die Augen drückend Raphaela schien heftig zu sprechen und einzudringen und
ordentlich an jeder nebligen LebensStelle verborgenen tiefen TränenQuellen
nachzugraben
Walt vergaß sich so dass er laut seufzte »Ich glaube nur« setzt er
gemässigter hinzu »dass die gute GeneralsTochter weint« »Drunten« fragte
Flitte kalt »So ists in Verzweiflung über den eingebüssten Grafen denn sie kann
seinen Verlust nicht überleben Ein andermal au revoir ami« So flog er in
den Garten hinab
Walt setzte sich nieder stützte den Kopf auf die Hand die seine Augen
zudeckte und hatte einen langen reinen Schmerz Er war nicht imstand das
liebliche Angesicht des schönen Mädchens oder dessen Leiden zu behorchen mit
Blicken wenn sie den Garten herwärts kam Er erschrak vor der ersten Stunde wo
er bei ihrem Vater kopieren und ihr aufstossen könnte Die untergehende Sonne
wärmte ihn endlich mütterlich aus dem Winterschlafe der bösen Stunde auf Der
Garten war leer er ging hinunter Er wusste nicht was er drunten wollte Im
Gebüsch flatterte ein halb zerrissenes feines BriefPapierblatt Er nahm es es
war von weiblicher Hand und enthielt eine aus einem fremden Briefe kopierte
Stelle wie er aus den sogenannten Gänsefüssen ersah Ein halbes Blatt ein
entzweigeschljetztes eine Kopie eines zweiten Briefes einen ersten hätt er
nie gelesen konnt er wohl ansehen und lesen
» Blumen entzwei Glaub es mir O wie leicht und froh verschmerzt man eignen
Schmerz Wie so schwer den fremden den man wiewohl schuldlos und gezwungen
hergeführt Wie kann ein Wesen das doch auch ein schlagendes Herz hat ganze
Völker weinen lassen wenn schon der erste Unglückliche den man machen müssen
so wehe tut Verbirg und verschweige aber meine Klage gewissenhaft damit sie
nicht meinen Vater quäle der so leicht alles erfährt Doch du tust es ohnehin
Indessen steht mein Entschluss so fest als je nur will ich ihn bezahlen durch
Schmerzen Ich kann jetzt nichts tun als leiden und besser werden ich gehe
häufiger in die Kirche ich schreibe öfter an meine Mutter ich bin gefälliger
gegen meinen Vater gegen jede Menschenseele Denn es gehört sich dass ich da
mir die Kirche befiehlt Freuden zu nehmen es anderswo einbringe wo sie es
erlaubt einige zu vermehren Meine haben längst aufgehört und früher als ich
Ihn verloren O sei Du glücklich meine liebe Raphaela Daraus kannst du
sehen Schönste wie diese Wunde meiner W mein zu weiches Herz zerdrücken muss
Leb wohl Das goldne Herz wenn Du es nicht schon beim Schmied bestellt hast
muss durchaus drei Lot wiegen Den Hasenbrecher und das Armband hat meine Mutter
bekommen
Deine Raphaela«
Walt wurde unter dem Lesen aus seinem Fenster namentlich gerufen von Vult mit
den freudigsten Mienen er las es unterwegs gar aus »Du kannst« fing jener
lustig an »meine eustachische FamasTrompete Nämlich meine kumäische Sibylle
der Vergangenheit Das heißt meine Mietfackel Himmel verstehest du mich
noch nicht Ich meine meine historische Oktapla und acht partes orationis denn
so viele Mädchen sinds Zum Henker die Schnappweife Die Pension nämlich Von
dieser nun erfahr ich eben folgendes aus reinster Quelle weil der General der
sie zuweilen besucht ihr wie alle Neugierige ebensoviel vorerzählt als
abhorcht
Genau genommen ists die Dogaressa und Direktrice der Mädchen die dem
General für ein paar Neuigkeiten und Höflichkeiten geradesoviel Töchterseelen
opfert als mir referieren acht Es war vorgestern dass der General sein
Wiegenfest beging und nach seiner Sitte das hl Abendmahl vor seinem Mittagsmahl
nahm und darauf der SeelenArzenei viel nachtrank Die Tochter muss allemal mit
beichten Ich weiß nicht ob du viel mit ausschweifenden Großen umgegangen zu
welchen Mönche am leichtesten sagen wie zu Hunden faites la belle für welche
der Ohrenbeichtstuhl das Absonderungsgefäss ihres geistigen Übertrunks und
Überfrasses ist und welche wie der Norden ihre Bekehrung den Weibern
verdanken willst du anders Ludwigs XIV letzten Stunden glauben Kurz der
General mag so etwas sein An seinem Geburts und BeichtTage liebt er von
jeher seine Tochter ganz besonders weil er eine Art Taufwasser um zwei
entlegne Sakramente durch Flüssigkeiten zu vereinen den ganzen Tag unter der
Gehirnschale dem Kopfe aufgiesset Er hat überhaupt das Gute dass er aufrichtig
gut gegen sie ist er sieht ihr sogar nach dass sie der ihm verhassten
protestantischen Mutter in Leipzig anhängt Da er nun so den ganzen Tag mit
seiner Beicht und VaterTochter beisammen bleibt so trinkt und weint er sehr
Er foderte jetzt Rechenschaft von ihr warum sie noch so trauerte dass sie fast
den Grafen mehr zu lieben schiene als ihren Gott und die hl Kirche und ihren
Vater Sie antwortete heftig das sei es am wenigsten sogar dem Kirchenrate
Glanz der öfters mit ihr über den hl Glauben gesprochen habe sie nur höflich
zugehört den Grafen aber nicht mehr geliebt als jeden guten Menschen Zablocki
fragte erstaunt warum sie ihn bei ihrer Freiheit der Wahl doch heiraten
wollen Ich dachte sagte sie ich könnt ihn vielleicht zu unserer Religion
durch rechtes Aufopfern bringen Walt einen Philosophen bekehren Tauft und
tonsuriert lieber eine Perücke
Der General lächelte und weinte zugleich vor Lust lief aber immer mehr auf
das weiche zarte Wesen Sturm stieg ins offene Herz und holte sich das zweite
Geheimnis Sie hoffte nämlich ihrer abgeschiedenen protestantischen Mutter und
wohl dem verschuldeten Vater zuzeiten ein Kopfkissen aus dem reichen Ehebette
zuzuwerfen gestand es aber ohne Metaphern Da konnte sich der trunkene Vater
nicht enthalten zu schwören ihm solle lieber ein Traubenschuss in den Magen
fahren oder sein Warschauer Prozess verloren gehen woll er je einem solchen
seelentreuen Kinde etwas abschlagen oder aufdringen Und so weiter Bist du
getröstet«
Walt schwieg Vult bat ihn um das zerrissene Blatt in seiner Hand Er las es
froh und fand darin seinen Bericht besiegelt und machte seinen Spaß über
Raphaelens weibliche Weise Herz und Wäsche Grösstes und Kleinstes
ineinanderzustecken Aber Walt sagte eben das so wie ihr Erzählen beweise
dass die Weiber mehr episch seien die Männer hingegen lyrisch
Ein Läufer Zablockis kam hinein und meldete er solle morgen um 4 Uhr
erscheinen zum bewussten Kopieren Er verbarg mühsam den ganzen Abend die Stärke
seiner Bewegungen
Nr 34 Inkrustierte Kletten
Kopierstunde
Um 4 Uhr erschien Walt vor dem General der wie gewöhnlich lächelnd den
Blauäugigen aufnahm Vergeblich hatte er vor einer Erinnerung an den Brief oder
einer Erscheinung der Verfasserin gezagt Zablocki gab ihm die namenlosen oder
nur taufnamigen Briefe auf dem schön geäderten Sekretär samt Schreibbefehlen und
ging davon Mit so sehr ausgesuchten EndLettern oder FinalSchweifen als nur je
aus Paris versandt werden nebst viel schlimmern Polaritäten zB
Robespierrischen Schweifen Culs de Paris kopierte der Notar und sah sich spät
um
Das schöne Kabinett war von den Tapeten zu einer Blumenlaube gemalt aber
voll Blumendüfte die aus einer wahren kamen und voll grüner Dämmerung Die
JalousieGitter waren vorgezogen für ihn ein grüner Schleier eines blendenden
Tags sogar im Winter grünte ihn dieses BlätterSkelett der vertrockneten bunten
Zeit wie ein Zauber an »In dem nahen Wandschrank hängt er« sagt er sich
»Winas himmelblaues Kleid denk ich« Wie auf einer sanftwallenden Wolke saß er
und schrieb oft eine briefliche Wendung ab die sich für seine Lage sehr gut
schickte Es wiegt ihn auf und nieder dass er sich doch mit ihr mit derjenigen
in einer ZimmerEbene unter einem Dache befand mit welcher er das Trauerband
derselben Schmerzen trug und die ihm nach dem Untergang der Freundschaftssonne
als stiller LiebesHesperus fortschimmerte
Er kopierte mit gespitzten Ohren weil er nicht ohne alle Hoffnung in der
Furcht dasaß dass Wina gar ins Kabinett und an einen oder den andern Sekretär
fliege den hölzernen oder den lebendigen Indes kam nichts Er überlegte sehr
ob er nicht in den Wandschrank einbrechen und das himmelblaue Kleid als den
blauen Äther der fernen Sinne leicht anrühren sollte mit Hand oder mit Mund
als der General eintrat ihn erschreckte und das Kopieren pries und schloss
So glücklich ging die Schreibstunde und die Gefahr Wina zu sehen vorüber
und er wankte heim mit einem Kopfe der sich ein wenig im Herzen vollgetrunken
hatte
Auf den Turmknöpfen und ParkGipfeln lag noch süßes rotes Sonnenlicht und
weckte zugleich das Sehnen und Hoffen der Menschen in und außer Hasslau
Er kopierte den zweiten Tag stets mit derselben Angst dass Wina die Türe
aufmache Der dritte aber wo wieder nichts kam machte ihn wie jeden Krieger
die Zeit so mutig und so zum Mann am vierten dass er in der Tat sich sehnte
nach Gefahr Ganze Nächte musste jetzt das fromme Mädchen vor seiner Seele stehen
er hatte dabei seinen ewigen Frühling bloß weil er einen Plan nach dem
andern entwarf und verwarf wie er noch jetzt um die Folgen des offenen Briefs
zu vergüten etwan durch die Sanfte für den Grafen wirken könnte Es wollte ihm
aber nie etwas Bedeutendes einfallen
Am vierten Tage hört er unter dem Abschreiben einer schönen erotischen
Gestikulation im Briefe eine weibliche Singstimme die obwohl aus dem dritten
Zimmer doch ebensogut aus dem dritten Himmel kommen konnte Er kopierte feurig
weiter aber eine Sonnenstadt nach der andern erbaueten in ihm diese
OrpheusTöne und die Felsen des Lebens tanzten nach ihnen Er erinnerte sich
noch recht gut was ihm Vult über Winas Singen geschrieben Als er darauf unter
dem Heimgehen dieselbe Stimme fortsingend vor sich mit einer Schachtel unter dem
Arm auf der Treppe sah und auf jeder Staffel erstaunte und nachdachte so macht
es ihm das schlechteste Vergnügen von der Welt diese Stimme auf der Gasse zu
einer andern sagen zu hören ihre Fräulein denn es war die Putzjungfer komme
erst nächsten Freitag aus Elterlein zurück er spürte ordentliches Sehnen
einmal in seinem Geburtsörtlein zu sein und aus der so heißen Stadt
herauszukommen
Himmel schloss er indes wenn schon diese Putzjungfer Karyatide der fernen
Göttin so singt wie muss erst diese glänzen sowohl im Gesang als sonst Er
wurde unendlich begierig einem Widerscheine der heiligen Nachbarschaft Winas
ins Gesicht zu sehen überhaupt einer Person deren göttlichen Geist der Töne
er hinter ihr gehend anbetete kurz der Soubrette Denn er glaubte längst
eine erste Sängerin sei gewiss nicht die letzte Monatsheilige oder eine Sirene
und eine babylonische Hetäre behalte keine Stimme gesetzt sie hätte eine
besessen eine Meinung die gutmütige Weltleute mehr seiner Unbekanntschaft mit
Bühne und Welt zuschreiben sollten als seiner Dummheit
Er mochte kaum drei schnellere Schritte getan haben um ihr vorzukommen als
er drei Flüche und ein Kotwort vernahm Er drehte sich heftig um mit der
glänzenden Ordenskette in Händen die er der anscheinenden Ordensschwester der
Sklavinnen der Tugend vom SingHalse gerissen und in einer dunkeln Allee der
Stadt ließ er Tränen fallen darüber dass eine solche raue Seele eine
Singstimme besitze und dass sie der heiligen so nahe wohne Hoch aber zog Winas
Gestalt in ihrem glänzenden Wolkenhimmel weiter und ihm war als könne nur ein
Tod ihn wie zu Gott so zur Göttin bringen
Nr 35 Chrysopras
Träumen Singen Beten Träumen
Am Freitage darauf wo Wina wiederkommen sollte sprang er ohne an sie zu
denken so innigvergnügt aus dem Bette in den Tag als wärs ein Brauttag Er
wusste keinen Grund als dass er die ganze Nacht einen immer zurückflatternden
Traum gesehen wovon er kein Bild und Wort und nichts behalten als einige
anonyme Seligkeit Wie Himmelsblumen werden oft Träume durch die Menschennacht
getragen und am Tageslicht bezeichnet nur ein fremder Frühlingsduft die Spuren
der verschwundenen
Die Sonne blitzte ihm reiner und näher die Menschen sah er wie durch einen
Traum der Trunkenheit schöner und werter gehen und die Quellen der Nacht hatten
seine Brust mit so viel Liebe vollgegossen dass er nicht wusste wohin er sie
leiten sollte
Zu Papier sucht er sie anfangs zu bringen aber kein Streckvers und kein
Kapitel gelang Er hatte einen Tag wie nach einer vertanzten Nacht man will
nichts machen als höchstens Träume und auch nicht anderes haben alles soll
sanft sein sogar die Freude sie soll nicht mit Windstössen an den Flügeln
reißen still sollen die ausgestreckten Schwingen das dünne Blau durchschneiden
und durchsinken nur Abendlieder will der Mensch sogar am Morgen aber kein
einziges Kriegslied und ein Flor aber ein hellgefärbter bezieht und dämpft
die Trommel des ErdenTobens
Walt konnte nichts anders machen »nur heute kein Instrument das gebe
Gott« wünschte er als einen Spaziergang in das van der Kabelsche Hölzchen
das er einst erben kann und wo er den entfremdeten Grafen zum erstenmale auf
der Erde gesehen Um ihn flogen gingen standen Träume aus tiefen Jahrhunderten
aus Blüten und Blumenländern aus Knabenzeiten ja ein Träumchen saß und
sang im spannenlangen grünen WeihnachtsGärtchen der Kindheit das sich der
kleine Mensch auf vier Rädern am Faden nachzieht Siehe da bewegte vom Himmel
sich ein Zauberstab über die ganze Landschaft voll Schlösser Landhäuser und
Wäldchen und verwandelte sie in eine blütendicke Provence aus dem Mittelalter
In der Ferne sah er mehrere Provenzalen aus Olivenwäldern kommen sie sangen
heitere Lieder in heiterer Luft die leichten Jünglinge zogen voll Freude und
voll Liebe mit Saitenspielen in die Täler vor hohe goldbedeckte Burgen auf
fernen Bergspitzen aus den engen Fenstern sahen ritterliche Jungfrauen
herunter sie wurden herabgelockt und ließ in den Auen Zelte aufspannen um
mit den Provenzalen ein Wort zu reden wie in jenen Zeiten und Ländern wo die
Erde noch ein leichtes Lustlager der Dichtkunst war und der Troubadour ja der
Konteur sich in Damen höchsten Standes verlieben durfte und ein ewiger
Frühling sang auf der Erde und im Himmel das Leben war ein weicher Tanz in
Blumen
»Süße Freudentäler hinter den Bergen« sang Walt »ich möchte auch
hinüberziehen in das morgenrote Leben wo die Liebe nichts verlangt als eine
Jungfrau und einen Dichter ich möchte drüben in wehender Frühlingsluft mit
einer Laute zwischen den Zelten mitgehen und die stille Liebe singen und schnell
aufhören wenn Wina vorbeiginge«
Darauf kehrte Walt in sein Kämmerchen zurück fand aber mit seiner
geographischen und historischen Provence in der Brust so wenig Platz darin dass
er mit einiger Kühnheit denn die Poesie hatt ihn sehr gleich und frei gemacht
in Neupeters Park hinabspazierte wo er Floren mit Früchten wie eine Pomona
beschwert in den Wurf kam und die Hand gab Dem Dichter glänzet die ganze Welt
doch aber eine herzogliche königliche Krone matter als ein schöner weiblicher
Kopf unter Krone und Herzogshut oder als ein anderer der nichts aufhat als den
Himmel über sich er ist bescheiden wenn er einer Fürstin und aufgerichtet
wenn er einer Hirtin die Hand gibt nur zu den Vätern beider lässt er sich oft
gar nicht herab
In einer Laube fand er ein Strumpfhand Ein italischer Vers denn Raphaela
verstand welsch obwohl er nicht und ihr Name war darauf gestickt Da er an
diesem geistigen Morgen merkte dass er einen provenzalischen Ritter und Poeten
zugleich in sich verbinde so fasst er den freien Entschluss das Strumpfband
denn er hielts für ein Armband selber Raphaelen die er brieflesend schleichen
sah mit einigen bedeutenden Worten zu überreichen Er legte das Band weich vorn
auf die flache Hand wie auf einen Präsentierteller und trug es ihr zart mit der
Wendung entgegen die er aus vielen andern über weltlichen Arm und Arm aus den
Wolken ausgelesen er sei so glücklich gewesen ein schönes Band der Liebe zu
finden eine Sehne an Amors Bogen gleichsam den größeren Ring an schöner Hand
und er wisse nicht wer glücklicher sei der so ihn abzöge oder der ihn
anlegte Raphaela errötete beschämendverschämt nahm das Band steckt es
schnell ein und ging stumm fort Walt dachte fast ein gar zu zartes Gemüt
Er brachte noch viel von seiner Morgenfreude an die Wirtstafel als er zu
seinem Erstaunen da erfuhr was er schon längst gewusst dass an der
JudenVigilie am Freitag die Katholiken fasteten Er legte Messer und Gabel
neben den Teller hin Keinen Bissen und wär er aus dem ReichsOchsen in
Frankfurt bei der Kaiserkrönung ausgeschnitten gewesen hätt er noch an die
Zunge heben können »Ich will nicht köstlich schwelgen« dachte er betagtes
Vakzinefleisch war aufgesetzt »in der Stunde wo eine so wohlwollende Seele
wie Wina darben muss«
Wie eine Ehefrau hatte er bei der Gleichgültigkeit gegen eigene
EssEntbehrungen ein weinendes Erbarmen über fremde Er dachte nach und fand es
immer härter dass die Kirche auch Nonnen fasten ließe nicht die Mönche allein
da es vielleicht schon genug wäre wenn nur Spitzbuben Spieler Mörder nichts
Rechts zu essen hätten
Er ging in die Kopierstube zum General nicht nur mit dem völligen Wunsche
das Mädchen zu sehen das heute an seinem romantischen Tage eine Märtyrin
gewesen sondern auch mit der Gewissheit sie sei von Elterlein zurück und
erscheine Während er mit unsäglichem Vergnügen einen äußerst frechen Brief
einer gewissen Libette wie er nur aus der moralischen Lutetia28voll
EpikursStälle kommen kann ins reine schrieb denn er schmeckte in diesen
Freudenkelchen nur den Abendmahlswein der geistigen Liebe und keinen
geschwefelten so drang aus den halboffenen Zimmern kein Laut in sein
Kabinett den er nicht zu einer Ankündigung einer Erscheinung zitternd machte
Wie in weiten dichten Waldungen ferne lange Töne hier und dort romantisch
durchklingen so kamen ihm einzelne Akkorde auf dem Fortepiano Rufe des
Generals Antworten an Wina vor Endlich hört er wirklich Wina selber im
nächsten Zimmer mit ihrem Vater vom Singen sprechen Er glühte bis zur Stirn
hinauf und bückte den unruhigen Kopf fast bis an die Feder nieder Sie hatte
jenen innigsten herzlichsten mehr aus der Brust als Kehle heraufgeholten
Sprachton den Weiber und Schweizer viel häufiger angeben als andre Leute
Indem der General eintrat und Walt flammend fortkopieren wollte hatt er
das Unglück dass das Mädchen Singnoten aus dem Kabinette fliegend wegholte ohne
dass er vor lauter Zartheit etwas gesehen hatte wenn man nicht die weiße
Schleppe zu hoch anschlagen will Bald darauf fing im zweiten Zimmer ihre
Singstimme an »O nein doch« rief der General durch die offenen Türen »den
letzten Wunsch von Reichardt meint ich29«
Sie brach ab und fing den begehrten Wunsch an »Singe« unterbrach er sie
wieder »nur die erste und letzte Strophe ohne die ennuyanten« Sie hielt inne
mit Fingern über den Tasten schwebend und antwortete »Gut Vater« Die Verse
heißen
Wann o Schicksal wann wird endlich
Mir mein letzter Wunsch gewährt
Nur ein Hüttchen klein und ländlich
Nur ein kleiner eigener Herd
Und ein Freund bewährt und weise
Freiheit Heiterkeit und Ruh
Ach und sie das seufz ich leise
Zur Gefährtin sie dazu
Vieles wünscht ich sonst vergebens
Jetzt nur zum letztenmal
Für den Abend meines Lebens
Irgendwo ein FriedensTal
Edle Muss in eigener Wohnung
Und ein Weib voll Zärtlichkeit
Das der Treue zur Belohnung
Auf mein Grab ein Veilchen streut
Wina begann ihre süße Sprache zerschmolz in den noch süssern Gesang aus
Nachtigallen und Echos gemacht sie wollte ihr liebewarmes Herz in jeden Ton
drängen und gießen gleichsam in einen tönenden Seufzer den Notar umfing der
lang geträumte Seelenklang mit der Herrlichkeit der Gegenwart so dass ihn das
heranrollende Meer das er von fernen rollen und wallen sah nun mit hohen
Fluten nahm und deckte Der General sah unter dem Singen die Kopie des frechen
letzten Briefes mit einiger witziger Heiterkeit auf dem Gesichte durch und
fragte lächelnd »Wie gefällt Ihnen die wilde Libette« »Wie der jetzige
Gesang so wahr so innig und so tief gefühlt« versetzte Gottwalt »Das
glaub ich auch« sagte Zablocki mit einem ironischen MienenGlanz den Walt für
HörVerklärung nahm
»Was sind so Ihre vorzüglichsten NotariatsInstrumente bisher gewesen«
fragte der General Walt gab viele kurz und schleunig an sehr verdrießlich dass
er sein Ohr wie sein Leben zwischen Gesang und Prosa teilen sollte Ob er
gleich sich so weniger Seelenkräfte und Worte dabei bediente als er nur konnte
so war für Zablocki doch kein Mensch weder aus Wetzlar noch Regensburg oder
aus irgendeinem schriftstellerischen bureau des longitudes et des longueurs zu
lang zu weitschweifig sondern bloß zu abrupt »Ich glaube« fuhr Zablocki
fort »Sie machten auch einige Sachen für den Grafen von Klotar«
»Keine Zeile« versetzte Walt zu eilfertig er war völlig von den schönen
Tönen weggespült und begriffs nicht dass der General der selber diese schönen
Laute vorgeschrieben sie über platte verhören wollte »O Gott wie kann ein
Mensch nicht im harmonischen Strome untersinken sondern daraus noch etwas
vorstecken besonders die Zunge Ist das möglich zumal wenn es einen so nahe
angeht wie hier den verwaisten General« Walt glaubte nämlich der General
der von der Frau und auch von der Jugend geschieden war habe solche und
ähnliche Zeilen wie
Jetzt nur zum letztenmal
Für den Abend meines Lebens
Und ein Weib voll Zärtlichkeit
bloß als NachtigallenDarstellungen eigener SeelenKlagen singen lassen Es
konnte ihn weit mehr rühren zumal da es auch viel reiner war wenn er
TonSprüche auf fremde Leiden und Wünsche als wenn er sie auf eigne bezog und
darum war ihm der vergebliche Anteil an Zablocki so unlieb
Vult aber dem er alles vortrug sprach später den Weltmann mit diesen
Worten frei »Er ist an HofKonzerte gewöhnt mithin an TaubBleiben wie
Cremen ist das Weltleben gleich kalt und süß indes hat der Weltmann oft viel
Ohr bei wenig Herz wie andere umgekehrt und behorcht wenigstens die Form der
Tonkunst ganz gut«
»Keine Zeile« hatte Walt eilfertig gesagt »Wieso« versetzte Zablocki
»Mein Gerichtshalter sagte mir gerade das Gegenteil« Hier entfuhren Walten die
Tränen er konnte nicht anders die letzten SangZeilen hatten ihn mit und
weggenommen die Scham über die unwillkürliche Unrichtigkeit trug weniger bei
»Wahrhaftig« versetzt er »das meint ich eben denn die SchenkungsAkte wurde
unterbrochen die ersten Zeilen schrieb ich natürlich« Der General schrieb die
Verwirrung des gerührtesten Gesichts nicht der schöneren Stimme zu sondern
seiner eignen brach gutmütig mit den Abschiedsworten ab dass er auf einige
Wochen das Kopieren einstelle weil er morgen mit seiner Tochter nach Leipzig
auf die Messe reise Hier hörte das Singen auf und Walts kurzes Entzücken
Nr 36 Kompassmuschel
Träume aus Träumen
Auf der hellen Gasse war dem aus dem Zablockischen Hause wankenden Notar als
sei ihm etwas aus den Händen gezogen etwa ein ganzer brennender Christbaum oder
eine Himmelsleiter die er an die Sonne anlegen wollen Plötzlich sah er ohne
zu fassen wie die böse Aftersängerin oder Putzjungfer des Generals und vor ihr
Wina gehen in die katholische Kirche Letztere macht er ohne Umstände zur
Simultankirche und trat der zarten Nonne nach um von ihr die Zeile »Wann o
Schicksal wann wird endlich« fortsingen zu hören denn sein inneres Ohr hörte
sie noch ganz deutlich auf der Gasse
Im Tempel fand er sie kniend und gebogen auf den Stufen des Hochaltars ihr
schmuckloser Kopf senkte sich zum Gebet ihr weißes Kleid floss die Stufen herab
Der Messpriester in wunderlicher Kleidung und Bedienung machte geheimnisvolle
Bewegungen die Altarlichter loderten wie Opferfeuer ein Weihrauchwölkchen
hing am hohen Fensterbogen und die untergehende Sonne blickte noch glühend
durch die obersten bunten Scheiben hindurch und erleuchtete das Wölkchen unten
im weiten Tempel war es Nacht Walt der Luteraner dem ein betendes Mädchen am
Altare eine neue himmlische Erscheinung war zerfloss fast hinter ihrem Rücken in
Licht und Feuer in Andacht und Liebe Als wäre die Heilige Jungfrau aus dem
beflammten Altarblatte worauf sie gen Himmel stieg herabgezogen auf die
Stufen um noch einmal auf der Erde zu beten so heiligschön sah er das Mädchen
liegen Er hielt es für Sünde fünf Schritte weiter vorzutreten und der Beterin
gerade ins fromme Angesicht zu sehen obgleich diese fünf Schritte ihn fünf
goldne Sprossen auf der Himmelsleiter höher gebracht hätten Zuletzt zwang ihn
sein Gewissen gar selber wiewohl er protestantisch dachte hinter den
stillen Gebeten einige eigne leichte zu verrichten die Hände waren schon längst
gehörig gefaltet gewesen eh er nur darauf gedacht etwas dazu zu beten
Es ist aber zu glauben dass in der Welt hinter den Sternen die gewiss ihre
eignen ganz sonderbaren Begriffe von Andacht hat schon das unwillkürliche
Händefalten selber für ein gutes Gebet gegolten wie denn mancher hiesige
Handdruck und Lippendruck ja mancher Fluch droben für ein Stoß und Schussgebet
kursieren mag indes zu gleicher Zeit den größten Kirchenlichtern hienieden die
Gebete die sie für den Druck und Verlag ohne alle SelbstRücksichten bloß für
fremde Bedürfnisse mit beständiger Hinsicht auf wahre männliche
Kanzelberedsamkeit im Manuskripte ausarbeiten droben als bare Flüche
angeschrieben werden Wenn nun solche Lichter dort von einem und dem andern
Engel des Lichts ausgeschneuzet werden wenn solche Konsistorialvögel zu
völligen Galgenvögeln gerupft im Himmel fliegen so dürfen verkannte Galgenvögel
dieser Art in ihren theologischen Journalen falls sie droben welche schreiben
mit Recht darauf aufmerksam machen dass die zweite Welt wunderliche Heiligen
habe und noch manche Aufklärung brauche bis sie so weit vorrücke dass sie
Gebete auf dem Theater und Gebete auf dem Schreibepult nach einem liturgischen
Stilistikum sozusagen abgeflucht gleich gut aufnehme
Walt blieb bis Wina aufstand und vorüberging um sie anzusehen Er konnt
es aber nachher gar nicht begreifen dass er als sie in der größten Nähe war
unwillkürlich wie krampfhaft die Augen zugedrückt »und was halfs mir viel«
sagt er »dass ich ihr durch drei Gassen hinter ihr nachguckte«
Er schweifte aus der Stadt hinaus Es war ihm als wenn zwei einander
entgegenwehende Stürme eine Rose mitten im Himmel schwebend erhielten Draußen
stand ein langes bergiges Abendrot wie ein Nordschein am Himmel und machte
Licht Er suchte jetzt seine alte Sitte hervor große Erregungen zB wenn er
irgendeinen Virtuosen gesehen und wärs auf dem Tanzseile gewesen dadurch zu
nähren und zu stillen dass er sich frei einen Superlativ des Falls austräumte
wo er die Sache noch millionenmal weitertrieb Er wagte dreist den herrlichsten
Traum über Wina und sich »Wina ist eine Pfarrerstochter aus Elterlein« fing er
an »zufällig reis ich durch mit Suite ich bin etwa ein Markgraf oder
Grossherzog nämlich der Erbprinz davon noch jung doch ich bins jetzt auch
so bildschön sehr lang mit so himmlischen Augen ich bin vielleicht der
schönste Jüngling in meinem Lande ganz ähnlich dem Grafen Sie sah mich vor
dem Pfarrhause vorbeisprengen auf meinem Araber da wirft ein Gott aus dem
Himmel den unauslöschlichen Brand der Liebe in ihre arme zarte Brust als er das
Zeichen einen Erbprinzen auf einem Araber erblickt Ich sah sie aber nicht im
Galopp
Ich halte mich indes im schlechten Wirtshaus nicht lange auf sondern
besteige ohne Suite den nahen Himmelsberg wovon man mir versicherte dass er die
schönsten Aussichten des Dörfchens um sich sammle Und ich fand es auch wahr
Ich komme vor die hinabsteigende Sonne auf goldnen Bergen der Erde stehen
goldne Berge der Wolken o nur die glückliche Sonne darf hinter die seligen
Gebirge gehen welche das alte ewig verlangte rosenrote Liebestal des Herzens
umschließen Und ich sehne mich bitter hinüber weil ich noch nicht lieben
durfte als Prinz und träume mir Szenen Da schlägt eine Nachtigall hinter mir
so heiß als zöge sie ihren Ton gewaltsam aus meiner Brust sie sitzt auf der
linken Schulter der Pfarrtochter die ohne von mir zu wissen und mich zu sehen
herauf vor die Abendsonne gegangen war Und ihre beide Augen weinen und sie
weiß nicht warum denn sie schreibts den Tönen ihrer zahm gemachten Philomele
zu Ein Wesen seh ich da wie ich noch nie gesehen ausgenommen im Konzert
doch es ist eben Wina eine MenschenBlume seh ich die ohne Bewusstsein prangt
und deren Blätter nichts öffnet und schliesset als der Himmel Abendröte und
Sonne möchten ordentlich gern näher zu ihr das Purpurwölkchen wünschte
herunter weil sie die Liebe selber ist und wieder die Liebe selber sucht sie
zieht alles Leben an sich heran Eine Turteltaube läuft um ihre Füße und girrt
mit zitternden Flügeln Die andern Nachtigallen flattern fast alle aus ihren
Büschen und singen um die singende herum
Hier wendet sich ihr BlauAuge von der Sonne und fällt aufgeschlagen auf
mich aber sie zittert Auch ich zittere aber vor Freude und auch ihretwegen
Ich gehe zu ihr durch die schlagenden Nachtigallen hin wir sind uns in nichts
gleich als in der Schönheit denn meine Liebe ist noch heißer als ihre Sie
bückt ihr Haupt und weint und bebt und ich glaube nicht dass allein mein hoher
Stand sie so erschüttert
Was gehen mich gefürstete Hüte und Stühle mehr an Ich schenke alles dem
Gott der Liebe hin wenn du mich auch kennst Jungfrau sag ich so liebe mich
doch Sie redet nicht aber ihre Nachtigall fliegt auf meine Schulter und singt
Sieh sag ich ehrerbietig und mehr nicht und nehme ihre rechte Hand und drücke
sie mit beiden Händen fest an mein Herz Sie will sie aber mit der linken holen
und losmachen aber ich fasse und drücke nun auch die linke So bleiben wir ich
seh sie unaufhörlich an und sie blickt zuweilen auf ob ichs noch tue
Jungfrau wie ist dein Name sag ich spät So leise dass ichs kaum vernehme
sagt sie Wina Mich durchzittert der Laut wie eine ferne alte BruderStimme
Wina bedeutet Siegerin antwort ich Sie drückt glaub ich schwach meine
Hand die Liebe hat sie erhoben über Pfarrers und über Prinzenstand So blick
ich sie unaufhörlich an und sie mich zuweilen die rufenden Nachtigallen
schließen uns ein die blühenden Abendwolken gehen unter der lächelnde
Abendstern geht unter der Sternenhimmel zieht sein SilberNetz um uns wir
haben die Sterne in der Hand und in der Brust und schweigen und lieben Da fängt
eine ferne Flöte hinter dem Himmelsberge an und sagt alles laut was uns
schmerzt und freut Es ist mein guter Bruder sag ich und im Dorfe wohnen
meine lieben Eltern« Hier kam Walt zu sich er sah umher im Fluße er stand
vor einem sank sein Fürstenstuhl ein und ein Wind blies ihm die leichte Krone
ab »Es wär auch zuviel für einen Menschentraum sie gar zu küssen« sagt er
und ging nach Hause Unterwegs prüft er die Rechtmässigkeit des Traums und hielt
ihn so Stück für Stück an den moralischen Probierstein dass er ihn auf die beste
Weise zum zweiten Male hatte So hält sich die fromme Seele welche bange
schwimmt gern an jedem Zweige fest der auch schwimmt So ist die erste Liebe
wiewohl die unverständigste doch die heiligste ihre Binde ist zwar dicker und
breiter denn sie geht über Augen Ohren und Mund zugleich aber ihre
Schwungfedern sind länger und weißer als irgendeiner andern Liebe
Vor Neupeters Hause unten sah er lang zu seinem Fenster auf seine Zelle kam
ihm ordentlich fremd vor und er sich und es war ihm als müsse der Notar jede
Minute oben herausgucken auf ihn herunter Plötzlich fing am Fenster eine Flöte
an er fuhr sehr kurz zusammen da sein lieber Bruder ihn droben erwartete Er
brachte ihm das Feuer zu in welches Wina ihr mildes Öl gegossen Vult war ganz
liebreich und freundlich denn er hatte unterdessen im DoppelRoman das neue
Stück Gartenland besehen und umschritten das Walt bisher daran fertig gemacht
und gemauert und hatte da gefunden dass die grünen Hängbrücken die vom
HerkulesTempel der Freundschaft wegführten sehr schön gut gebogen und
angestrichen die Moosund RindenEinsiedelei der ersten Liebe aber die sich
selber noch für einsam und einherzig hält vortrefflich nämlich still und
dunkel und romantisch angelegt worden so dass nun nichts weiter mehr fehlte als
die Vogelhäuser KlingelHäuschen Satyrs und andere GartenGötter die Vult
seines Orts und Amts von der Brücke an ausschweifend zu postieren hatte
Er pries gewaltig wiewohl heute das Lob den Notar weniger entzückte als
erweichte »Brüderlein« sagt er »kennt ich dich und die Macht der Kunst
nicht so gut so schwür ich du wärest schon auf dem elektrischen
IsolierSchemel der ersten Liebe gestanden und hättest gebljetzt so wahr und
hübsch steht jeder Funke da« Denn Vult hatte bisher ungeachtet oder vielmehr
wegen aller Offenherzigkeit des Bruders das Vergissmeinnicht der Liebe nicht in
ihm bemerkt weil alles in ihm voll LiebesBlumen stand und weil Vult selber
jetzt nicht viel aus den Weibern machte Sein Schmollgeist sagt er oft meide
den weiblichen man müsse aus einem lackierten Stäbchen das nur für die
weiblichen Blumen in der Erde steht eine römische Säule werden deren Kapitäl
jene Blumen bloß bekränzen
Sehr erstaunte Walt der im DoppelRoman nur der Dichter nämlich das
stille Meer gewesen das alle Bewegungen der Seegefechte und des Himmels
abspiegelt ohne selber in einer zu sein als Vult aus dem Buche von weitem
schließen wollte er liebe vielleicht Er glaubte dem gereiseten Flötenisten
aufs Wort sagte aber selber keines davon und war heimlich ganz vergnügt dass
ers jetzt gerade so habe wie ers hinschreibe Stundenlang frappierte ihn eine
neue Rolle worin er etwas zu spielen hatte was schon millionenmal auf allen
Planeten gespielt worden
Als nun die Brüder nach ihrer Gewohnheit ihre gegenseitigen Tagesgeschichten
gegeneinander austauschen wollten so ging dem Notar die seinige sehr schwer und
klebend von der Zunge er hielt sich mehr an den General und an dessen
mémoires érotiques um seine eignen zu decken
Er lobte die geistige reine Blüte in jenen Vult lächelte darüber und sagte
»Du bist eine verdammt gute Seele« Die Liebe welche das ganze Herz öffnet so
wie verschenkt verschliesset und behält doch den Winkel wo sie selber nistet
und diktiert dem besten Jüngling die erste Lüge wie der besten Jungfrau die
längste
Walt begleitete bei seinen innern Bewegungen deren Blutkügelchen wie
höhere Kugeln einen freien Himmel zum Bewegen brauchten den Bruder nach Hause
Dieser begleitete erfreut wieder jenen Walt wieder diesen um vor Winas
Fenstern auf dem Heimwege vorbeizukommen So trieben sie es oft bis der
Notarius siegte
Einsam unter dem breiten Sternenhimmel konnt er die glühende Seele recht
ausdehnen und abkühlen »Sollt ich denn den romantischen so oft gedichteten
Fall jetzt wirklich in der Wirklichkeit erleben dass ich liebte« sagte er »Nun
so will ich« setzt er dazu und der bisher winterlich eingepuppte gefrorne
Schmetterling sprengte die PuppenHülse weit ab und fuhr auf und wiegte feuchte
Schwingen »lieben wie niemand und bis zum Tod und Schmerz denn ich kanns ja
gut da sie mich nicht kennt und nicht liebt und ich ihr nichts schade und sie
sehr von Stand ist und jetzt vollends auf einen Monat verreiset Ja es sei ihr
ganz und voll hingereicht das unbekannte Herz und wie unterirdischen Göttern
will ich ihr schweigend opfern O ich könnte diese Sterne für sie pflücken zum
blitzenden JuwelenStrauss und weiche Lilien aus dem Monde darein binden und es
in ihrem Schlafe neben ihr Kissen legen wüsst es auch kein Wesen wer es getan
ich wäre zufrieden«
Er ging die Gasse herab an Zablockis Haus Alle Lichter waren ausgelöscht
Eine kernschwarze Wolke hing sich über das Dach er hätte sie gern
herabgerissen Alles war so still dass er die Wanduhren gehen hörte Der Mond
schüttete seinen fremden Tag in die Fenster des dritten Stockwerks »O wär ich
ein Stern« so sang es in ihm und er hörte nur zu »ich wollte ihr leuchten
wär ich eine Rose ich wollte ihr blühen wär ich ein Ton ich dräng in ihr
Herz wär ich die Liebe die glücklichste ich bliebe darin ja wär ich
nur der Traum ich wollt in ihren Schlummer ziehen und der Stern und die Rose
und die Liebe und alles sein und gern verschwinden wenn sie erwachte«
Er ging nach Hause zum ernsten Schlaf und hoffte dass ihm vielleicht träume
er sei der Traum
Nr 37 Eine auserlesene Kabinettsdrüse
Neues Testament
Der September war so schön der die schönste Rose Wina versetzt hatte dass dem
Notar Rock Stube und Stadt zu enge wurde er wollte ein wenig in die weite Welt
hinaus Er reiste unsäglich gern besonders in unbekannte Gegenden weil er
unterwegs glaubte es sei möglich dass ihm eines der romantischsten lieblichsten
Abenteuer zuflattere von dem er noch je gelesen Daher war das erste was er in
einer neuen Stadt machte kleine Stundenreisen um sie herum Hatt er aber lange
da gewohnt so lief er zuzeiten in eine neue Gasse ein und machte sich mit
besonderem Vergnügen glaublich er sei eben auf Reisen in einer ganz fremden
Stadt aus der er noch dazu die Freude hatte in seiner anzulangen sobald er
nur um die Ecke umbog Ja sah er nicht träumend dem Laufe der Chausseen nach
die wie Flüsse die Landschaft schmücken weil sie wie diese ohne Wohin und
Woher unendlich ziehen und das Leben spiegeln Und dacht er jetzt nicht auf
einer davon geht das stille Mädchen dahin und sieht den blauen Himmel und den
Vater an und denkt an vieles
Nur war er lange im Zweifel und Skrupel obs nicht Sünde sei das wenige von
den Eltern und Instrumenten gewonnene Geld bloß vergnügt zu verreisen zumal da
der Bruder Vult nach seiner Gewohnheit wieder anfing nicht viel zu haben Er
las alle moralischen Regeln des reinen Satzes genau durch um zu erfahren ob er
diese süß tönende Ausweichung oder diese QuintenFortschreitung von Lust zu Lust
in sein Kirchenstück aufnehmen dürfe und noch war er unentschieden als Flitte
alles dadurch entschied dass er den Stadttürmer bei welchem er wohnte zu ihm
schickte und sagen ließ er liege auf dem Sterbebette und wünsche noch diesen
Abend sein Testament durch einen Notar zu machen
Wenn die Welt hinter dem Notar den Turm besteigen soll wo der Elsasser sich
tödlich gebettet so müssen ihr vorher ohne lange darüber zu reden die
notwendigsten Treppen hingestellt werden die zu seinem Lager bringen alles war
so
Das Glück ist ein so schlechter Freund als dessen Günstlinge die Natur gibt
den Weisen auf die Lebensreise zu wenig Diätengelder mit Flitte war ein
solcher Weiser und wiewohl er längst die Regel kannte dass das Ende des Geldes
wie das eines Parks geschickt verborgen werden müsse so fehlt ihm doch der
allgemeine nervus rerum gerendarum zu dieser List
In Städten wo Flitte nur durchflog vermocht er leichter etwas und wär
es auch nur dadurch gewesen dass er sich als seinen eigenen reichen Bedienten
ankleidete und sich selber anmeldete als seinen Herrn und zum zweitenmal ohne
den Kerl wiederkam In Hasslau tat es ihm einen Monat lang gute Dienste dass er
auf seine Kosten einen Teich abziehen und darin nach einem kostbaren Tafelsteine
stochern und wühlen ließ den er wollte hinein verloren haben Aber der Hunger
der ebensowohl als Philipp II zumal unter des letztern Regierung der
Mittagsteufel heißen sollte und noch mehr der Kleiderteufel und jeder Tag
hatten ihm allmählich ein anständiges Gefolge von Lehnlakaien oder valets de
fantaisie das immer hinter ihm ging unter dem bekannten Namen Gläubiger in die
Dienste geführet und zugewälzt Oft schickten diese wahren KammerMohren ihre
eignen Laden und andere Diener als Mephistophelesse die ohne zitiert zu sein
ihn selber zitierten
Deswegen zog er auf den Glockenturm seinen Schuldturm um durch die
unzähligen Treppen manche Besuche zu verleiden oder aus dem Glockenstuhle
vorauszusehen Unten in der Stadt schwur er stets er hab es getan um eine
schöne freie Aussicht zu genießen so sehr er auch die Beschwerden sich vorher
habe denken können Unter seinen Gläubigern war nun ein junger Arzt namens Hut
der sich sehr aufblies und der wenige Patienten hatte weil er ihnen das
Sterbliche auszog und sie verklärte Dieser Hut hatte den vier großen
Brownischen Kartenköniginnen seine vier ganzen Gehirnkammern eingeräumt der
Stenie die erste vorn heraus der Hyperstenie die zweite der Astenie die
dritte der Hyperastenie die vierte als wichtigste so dass die vier großen
Ideen ganz bequem allein ohne irgendeine andere darin hausen konnten Gleichwohl
macht er mit der heiligen Tetraktys von vier medizinischen syllogistischen
Figuren selber noch keine sonderliche der alte Spaß über den Doktorhut des Dr
Huts wurde stets erneuert
Der galante Flitte tat nun seinem Gläubiger folgenden Antrag Die Stadt
stecke voll Vorurteile er selber in leichten Schuldengesetzt aber er stelle
sich ein wenig tödlich krank und mache sein Testament so heile erstlich durch
einen Betrug sich die Stadt von ihrem Selbstbetrug wenn Hr Dr Hut ihn
öffentlich wiederherstelle und er selber zweitens wenn er sein Vermögen dem
Hofagent Neupeter vermache gewinne diesen nach der schon längst gewonnenen
Tochter und könne sie heiraten und Herrn Hut leichter bezahlen Der Doktor ging
weigernd den Antrag ein
Nach wenigen Tagen erkrankte der Elsasser sehr tödlich erbrach sich aß
und trank nichts mehr ausgenommen in seltenen einsamen Augenblicken nahm das
Abendmahl das er und andere wie er dachte ja auch in gesunden Tagen nähmen
Endlich musste zum Notar in der Nacht geschickt werden damit er den Letzten
Willen aufsetzte
Walt erschrak Flittens tanzende blühende Jugend hatt er geliebt und ihn
dauerte ihre Niederlage Schwer schwül bewölkt legt er den langen hohen
TreppenGang zurück Die dicke Glocke schlug 11 Uhr und ihm klangs als bewegte
der Todesengel den LeichenKlöppel darin Matt und leise und geschminkt aber
weiß lag der Elsasser da unter sieben Testierzeugen wovon der Frühprediger
Flachs auch einer war der es mit seinem blassen langen Gesicht zu keinem
Vesperprediger bringen konnte
Walt nahm stumm voll Mitleids des Patienten Hand mit der Rechten und zog mit
der Linken sein Petschaft und Papier aus der Tasche und überzählte mit den
Augen kurz die Zeugen Er foderte drei Lichter weil sie das promptuarium juris
von ihm foderte zu Nachttestamenten war aber mit einem elenden zu frieden weil
auf dem ganzen LeuchtTurm kein zweites zu haben stand desgleichen kein
drittes und er viel zu mitleidig und zu eilig war jemand in die Nacht und den
Turm herabzuschicken nach Licht
Der Kranke fing an das erste Vermächtnis zu diktieren nach welchem dem
Kaufmann Neupeter Flittens ganze Dividende am längst erwarteten westindischen
Schiffe zustarb desgleichen ein versiegeltes mit OUF bezeichnetes
Juwelenkästchen das von den Gebrüdern Heiligenbeil in Bremen abzufodern war
Es war sichtbar dass Flitte obwohl halb tot doch überall auf diktierte gut
stilisierte Schreibart ausging Aber Walt musste einhalten und einen Löffel
Wasser fordern um einige Tinte aus dem Dintenpulver zu machen in das er
eintunkte Als die Tinte fertig war fand er wieder sehr ungern dass die neue
ganz anders aussehe als die alte und dass er so das Instrument geradezu entgegen
allen NotariatsOrdnungen mit doppelter Tinte hinschreibe Gleichwohl bracht
ers nicht über sein höfliches Herz alles zu zerreißen und von neuem anzuheben
Darauf testierte der Kranke dem dürftigen Flachs seine silbernen Sporen und
seinen mit Seehund bezognen leeren Koffer und die Reitpeitsche Dem Dr Hut
vermacht er alles was er an AktivSchulden in der Stadt zu fodern hatte
Er musste innenhalten um einige Kräfte zu schöpfen »Auch vermach ich dem
Hrn Notar Harnisch« hob er mit schwacher Stimme wieder an »für das Vergnügen
ihn zu kennen alles was sich teils an Barschaft teils an Wechseln nach meinem
Tode bei mir vorfinden mag und was sich gegenwärtig nicht über 20
Friedrichsdor belaufen wird daher ich ihn bitte vorlieb zu nehmen und meinen
goldnen Fingerring noch beifüge«
Walt konnte kaum die Feder führen und wollt es auch nicht mehr denn er
errötete vor so vielen Zeugen und von einem sterbenden Menschen dem er nichts
vergelten konnte so ansehnlich beschenkt zu werden er stand auf drückte stumm
vor Mitleiden und Liebe die gebende Hand und sagte nein und bat ihn doch einen
Arzt zu wählen
»Dem Hrn Stadttürmer Heering« wollte Flitte fortfahren sank aber
geschwächt durch Sprechen aufs Kissen zurück Heering sprang herbei lockerte
die Kissen besser auf und setzte den Patienten ein wenig in die Höhe Es schlug
12 Uhr und Heering sollte nachschlagen aber er wollte in einen solchen Aktus
nicht hämmern auf der Glocke sondern erhielt Stille damit man den Testierer
fortöre »ihn also bedenk ich mit meinem feinen weißen Zeuge desgleichen mit
allen meinen Kleidern nur die Reitstiefel gehören der Magd und allem was
noch von einer reichbesetzten Tabatiere in meinem Koffer übrigbleibt wenn man
davon Leichen und andere Kosten bestritten hat«
Bald nach einigen Legaten und nach den Formalitäten die den letzten Willen
eines Menschen noch mehr erschweren als den schlimmsten vorher war alles
abgetan Noch drang der sichtbar mehr ermattende Elsasser darauf dass der Notar
jetzt alle seine Effekten mit dem Notariatsspiegel zupetschiere Er tats da ihm
alle Promptuarien sowohl von Hommel als Müller dafür bürgten dass ers könne
Es war ihm bitter von dem armen lustigen Vogel der ihm Federn und goldne
Eier zurückließ zu scheiden und ihn schon in den Krallen der rupfenden
TodesEule um sich schlagen zu sehen Heering leuchtete ihm und sämtlichen
Zeugen herab »Mir wills schwanen« sagte der Türmer »dass er die Nacht nicht
übersteht ich habe meine kuriosen Zeichen Ich hänge aber morgen früh mein
Schnupftuch aus dem Turme wenn er wirklich abgefahren ist« Schauerlich trat
man die langen Treppenleitern durch die leeren dumpfen TurmGeklüfte worin
nichts war als eine Treppe herunter Der langsame eiserne Perpendikelschlag
gleichsam das Hin und Hermähen der an die Uhr gehangenen EisenSense der Zeit
das äußere Windstossen an den Turm das einsame Gepolter der neun lebendigen
Menschen die seltsamen Beleuchtungen die die getragene Laterne durch die
oberste Empore hinunter in die Stuhlreihen flattern ließ in deren jeder ein
gelber Toter andächtig sitzen konnte sowie auf der Kanzel einer stehen und
die Erwartung dass bei jedem Tritte Flitte verscheiden und als bleicher Schein
durch die Kirche fliegen könne das alles jagte wie ein banger Traum den
Notar im düstern Lande der Schatten und Schrecken umher dass er ordentlich von
Toten auferstand als er aus dem schmalen Turme unter den offenen Sternenhimmel
hinaustrat wo droben Auge an Auge Leben an Leben funkelte und die Welt weiter
machte
Flachs als Geistlicher von den vier letzten Dingen mehr lebend als
ergriffen sagte zu Walt »Sie haben Glück bei Testamenten« Aber dieser bezog
es auf seinen Stil und Stand er dachte an nichts als an das närrische hüpfende
LebensKarnaval wo der zu ernsthafte Tod am Schluße den Tänzern nicht nur die
Larven abzieht auch die Gesichter Im Bette betete er herzlich für den jetzt
kämpfenden Jüngling um einige Abendröte oder Frühlingsstrahlen in der wolkigen
Stunde welche auf jeden Menschen wie ein unendlicher Wolkenhimmel plötzlich
oben herunterfällt und ihn zugehüllt auflöset Er drückte dabei fest die Augen
zu um über nichts Zufälliges etwan zusammenzuschaudern
Nr 38 Marienglas
Raphaela
Als Gottwalt erwachte hatt er anfangs alles vergessen und die Abendberge vor
seinem Bettfenster standen so rot im Morgenschein dass sein Wunsch der Reise
wiederkam darauf der Einwurf der Armut endlich der Gedanke dass er aber ja
über 20 Louisdor gebiete Da sah er nach dem Stadtturm worauf als einem
castrum doloris nun der verstorbne Flitte liegen konnte und wollte traurig
aufblicken
Aber sein Gesicht blieb aufgeheitert so mitleidig er auch die Augen aufzog
die romantische Reise in solchen blauen Tagen in solchen Verhältnissen so
plötzlich geschenkt das war ihm ein Durchgang durch die helleste Glückssonne
wo es Licht stäubt und man sich ganz mit Flimmern überlegt
Ganz verdrießlich zuletzt darüber dass er nicht traurig werden wollte fuhr
er ohne Gebet aus den Federn und hörte sein Herz ab Er mochte aber fragen und
zanken solang er wollte und dem Herzen den blassen jungen Leichnam auf dem
Turme hinhalten und dessen zugedrückte Augen die mit keiner Morgensonne mehr
aufgingen es half gar nichts die Reise und mithin die Reisegelder behielten
ihren Goldglanz und das Herz sah sehr gern hinein Endlich fragt er
aufgebracht ob es denn wie er sehe des Teufels lebendig sei und ob es wenn
es könnte etwa den armen Testator nicht sogleich und mit Freuden rettete und
aufbrächte Man besänftigte ihn ein wenig durch die Antwort mit Freuden und auf
der Stelle Hier fiel ihm das Versprechen des Türmers ein ein weißes
Schnupftuch als Trauerflagge am Turme auszustecken wenn der junge Mensch
verschieden wäre Da er aber droben keines fand und doch darüber einige Freude
verspürte so entließ er das arme verhörte Herz und war ordentlich auf sich
ärgerlich ohne Not dem ehrlichen guten Schelm so zugesetzt zu haben
Er hätt aber nur diesen Schelm fragen sollen wie ihn bei zehnmal größerer
Erbschaft zB der Tod des Bruders gestimmt haben würde so würd er wenn er
gefunden hätte dass dann die Last viel zu schwer der Kopf zu gebeugt gewesen
wäre um nur etwas anderes zu sehen als das Grab und den Verlust leicht den
Schluss gezogen haben dass nur die Liebe den Schmerz erschaffe und dass er
vergeblich einen zu großen bei einer zu kleinen für den Elsasser von sich
gefordert
Jetzt sah er ein weißes Schnupftuch aber nicht am Turm sondern an
Raphaelen die im Parke traurig lustwandelte und welcher die modische
Taschenlosigkeit das Glück gewährte diesen Schminklappen des Gefühls diese
Flughaut der Phantasie in der Hand zu haben Sie sah oft nach dem Turme
einigemal an sein Fenster grüßt ihn mitten im Schmerz ja als wenn sie ihm
winke hinunterzukommen kam es ihm vor aber nicht glaublich genug weil er aus
englischen Romanen wusste wie weit weibliche Zartheit gehe Indes kam Flora und
bat ihn wirklich hinab
Er ging zur Bewegten als ein Bewegter »Ich denke mir leicht« dacht er
sich auf der Treppe »wie ihr ist wenn sie an den Stadtturm sieht und droben
den einzigen Menschen bald aufgebahret glauben muss der nur durch eine
herzlichste Liebe wie eine mütterliche gegen ein missgeschaffnes Kind den
Eindruck ihrer Widrigkeit schön überwand« »Verzeihen Sie meinen Schritt«
fing sie stockend an und nahm das Schnupftuch diese Schürze eines trocknen
Herzens von den feuchten Augen weg »wenn er Ihnen mit der Delikatesse die
mein Geschlecht gegen Ihres behaupten muss sollte zu streiten scheinen«
Schade oder ein Glück wars dass sie gerade diese Phrasis nicht dem hastigen
Quoddeus Vult sagte denn da es schwerlich in Europa oder in Paris oder Berlin
einen Mann gab der es in dem Grade so verfluchte und erriet als er wenn
eine Frau bestimmt auf ihr Geschlecht und auf das fremde und auf die nötigen
Zarteiten zwischen beiden hinwies und es häufig anmerkte wie da mancher
Handkuss sie eine unreine Seele erraten lasse dort mancher wilde Blick und wie
das zärtere Geschlecht sich gar nicht genug decken könne so würde der
Flötenspieler ohne Umstände geäußert haben eine freimütige H sei eine kecke
Heilige gegen solche Abgründe feiger und eitler Sinnlichkeit zugleich er kenne
dergleichen Herzen welche das Schlimme argwohnen um nur es ungestraft zu
denken die es wörtlich bekriegen um es länger festzuhalten ja manche sehen
sich wohl gar in der Arzneikunde ein wenig um damit sie im Namen der
Wissenschaft diese habe kein Geschlecht ein unschuldiges Wort reden können
und lagern sich vor dem Altar und überall wie Friedrich II so schlachtfertig
en ordre de bataille wie auf dem Sofa »Wahrlich« setzt er dazu »sie gehen
ins leibliche oder ins geistige Zergliederungshaus um die Leichen zu sehen
Unschuld nur wenn du dich nicht kennst wie die kindliche dann bist du eine
aber dein Bewusstsein ist dein Tod«
So scheint gleichnisweise zermalmtes Glas ganz weiß aber ganzes ist
beinahe gar unsichtbar
So dachte aber nicht Walt sondern als Raphaela an ihn die obige Anrede
gehalten gab er die aufrichtige Antwort dass er nicht einmal bei seinem eignen
Geschlechte geschweige bei dem heiligsten das er kenne irgendeinen Schritt
anders auslege als das fremde Herz begehre
Indes hatte sie ihn weiter nichts zu fragen als wie der Sterbende dem sie
als einem Freunde ihres Vaters wohl gewollet wie allen Menschen und den sie
sehr bedauert sich in der Nacht bei seinem Letzten Willen wovon durch die
sieben Zeugen als durch sieben Tore ebenso viele Brote hinlänglicher Nachrichten
der Stadt herausgereicht waren sich benommen habe was sie gern zu wissen
wünsche da ein Sterbender ein höheres Wort sei als ein Lebender
Der Notar antwortete gewissenhaft das heißt als ein Notar und sagte er
hoffe nach dem Schnupftuch zu schließen er sei noch lebendig Sie berichtete
dass der Dr Hut der gerufen worden ihn zwar angenommen aber als einen
verlorenen Menschen und sie wünschte dem Doktor mit ihrem weichen Leumund
keine unglückliche Kur
»Das ist doch schon was und die überlebte Nacht dazu« versetzte Walt ganz
wohlgemut Aber sie versicherte sie tröste sich leider nicht so leicht und sie
sei überhaupt so unglücklich dass das fremde Leiden auch das kleinste ihrer
Verwandten sie heftig angreife und sie Tränen koste Sie brach in einige aus
sie wurde von sich so leicht als von andern schwer gerührt Auch ist das
Sprechen vom Weinen bei Weibern ein Mittel zum Weinen
Der Notar war seelenvergnügt über alle die Rührungen die er teils sah
teils teilte Liebes Frauen war ihm eine so seltene Kost als langer grüner
Ungar Nierensteiner Hammelhoden Wormser LiebefrauenMilch oder andere Weine
die bei Hrn Kaufmann Kortum in Zerbst zu haben sind Er blickte ihr mit allen
Zeichen des teilnehmenden Herzens in ihre Augen voll WasserFeuer und hätte wohl
gewünscht die Delikatesse englischer Romane verstattete ihm ihre zarte weiße
Hand in etwas zu fassen welche vor ihm stark im besonnten Grüne gaukelte und in
den Tau der Gebüsche fuhr und darauf ins Haar um es damit nach der Vorschrift
eines Engländers wie andere Gewächse zu stärken
Beide stellten sich jetzt der Pyramide und dem steinernen Großvater auf
der Insel gegenüber an eine Urne aus Baumrinde Raphaela hatte eine Lesetafel
mit der Inschrift »Bis daher dauere die Freundschaft« darangemacht Sie schlang
den Arm aufwärts um die Urne so dass er immer schneeweisser wurde durch
BlutsVerhalt und versicherte hier denke sie oft an ihre ferne Wina von
Zablocki die ihr leider jährlich zweimal durch die Michaelis und die
Ostermesse nach Leipzig vom Generale entführet werde seinem Vertrage mit der
Mutter zufolge Ohne ihr Wissen war ihr Ton durch langes Beschreiben der
Schmerzen ganz munter geworden Walt lobte sehr ihre Freundschaft und ihre
Freundin Sie erhob die Freundin noch gewaltiger als er Da konnt er nicht
länger mit dem anschwellenden Herzen bleiben Mit Zurückberufung des alten
Klagetons und einem Trauerblick gegen den Turm schied sie von dem Jüngling
In diesem aber wurde ein Flug von Dämmerungsvögeln um seine Ideen so zu
nennen wach und flog ihm 36 Stunden lange dermaßen um seinen Kopf dass er
ihnen nicht anders zu entkommen wusste als zu Fuß durch eine Reise Winas
lebendigeres Bild die SeptemberSonne die aus blauem Äther brannte
mögliches Reisegeld und ein ganzes wünschendes Herz das alles auf der einen
Seite und auf der andern und schlimmen Dr Huts lautes Bedauern und
Rezeptieren Flittes laute Agonien Heerings peinliches Schnupf oder
Bahrtuch das jede Minute flattern konnte Walts versäumte poetische
SingStunden denn was war in solcher Krisis zu dichten viele gesperrte Träume
und endlich 36 innere FechtStunden dazu so viel und nicht weniger musste
sich ineinanderhaken damit Walt weils nicht mehr auszuhalten war keine
weitere Umstände machte sondern zwei nötige Gänge den ersten zu den
TestamentsVollstreckern um den dritten langen anzusagen als NotariatsPause
und darauf den zweiten zum Flötenspieler um ihm hundert Anlässe zur Reise und
die Reise zu melden
Beide Brüder freuten sich wochenlang auf alles was jeder nun dem andern
Geschichtliches werde zu erzählen haben wenn er wochenlang weggewesen jetzt
war Walt der Geber Vult hatte sich über viel zu wundern Sehr schwer fiel es
ihm die juristische Regel dass Worte eines Sterbenden Eiden gleich gelten wie
die eines Quäkers auf den prahlenden Flitte anzuwenden indes blieb ihm die
Angel verdeckt um welche sich die ganze Täuschung drehte »Mir ist« sagt er
»als hätten die Narren dich zum Weisen ich weiß aber nicht wo Um Gottes
willen junger Mensch sei eine Kutsche folge einem älteren und habe hinten
dein rundes Fensterchen damit kein Dieb dir Geld abschneidet oder Ehre«
»Ich habe leider nichts zu erzählen« sagte Vult
Aber der Notar konnte zum Glück noch viel mitteilen Er erzählte
chronologisch denn Vult gebots weil jener sonst alles ausliess und mit
höchster Behutsamkeit denn Walt kannte dessen unmetrische Härten gegen Weiber
Raphaelens Gespräch Allein es half wenig er hasste alles Neupetersche und
besonders das weibliche »Raphaela« sagt er »ist lauter Lug und Trug« »Und
einer so armen Hässlichen« versetzte Walt »könnt ich einen vergeben obgleich
weder mir noch einer noch einem Geliebten« »Sie will nur das mein ich«
fuhr Vult fort »sich auf ihre innere Brust brüsten und während ein Liebhaber
auslöscht einen Sukzessor im trüben Tränenwasser erfischen Ein Weib ist ein
weiblicher Reim der sich auf zwei Laute reimt ein männlicher auf einen Es ist
nicht viel besser Alter als wenn sie als Falkenier zu dir Falken sagte und
sich als Taube dir vorwürfe rupf an Männchen«
»Die Möglichkeit solcher Täuschungen« sagte Walt »seh ich wohl auch
voraus und dein Argwohn ist mir oft nichts Neues aber über die Wirklichkeit in
jedem Falle darüber ist der Skrupel Und Liebe kann ja ebensowohl stimmen als
Hass verstimmen Ist Raphaelens Freude über mein Lob auf ihre Freundin kein
schönes Zeichen« »Nein« sagte Vult »Nur eine Schönheit ist an
ausschliessende Grade des Lobes und Feuers verwöhnt und hasset jede
Unvollständigkeit und Teilung der fremden Empfindung aber eine untergeordnete
Gestalt ist genötigt zur Zufriedenheit mit mittleren Stufen und vergibt manches
ausgenommen manches«
Walt hatte nichts weiter zu berichten als seinen Plan den reinen Himmel zu
atmen auf einigen Tagreisen wo er auf nichts ausgehe als auf den Weg Vult
genehmigte ihn stark Jener wollte sehr scheiden aber der Flötenspieler durch
Reisen der Abschiedsabende gewohnt machte nicht viel Wesens sondern sagte
lustig »Fahre dahin fahre daher gute Nacht glückliche Reise«
Die schönsten ReiseWinke standen am Himmel Glänzendscharf durchschnitt die
Mondsichel der Abendblumen das Blau frische Morgenluft strich schon über
dunkelroten WolkenBeeten am Himmel und ein Stern nach dem andern verhieß einen
reinen Tag
Nr 39 Papiernautilus
Antritt der Reise
Am Morgen sah er auf der Schwelle reisefertig noch einmal seine dunkle westliche
Stube an darauf sogar in die Kammer hinein und flog mit zwei liebreichen
Blicken die einen Abschied bedeuten sollten und mit einem an den Turm dem der
Tod noch kein Schnupftuch zugeworfen freudig auf einen leeren Platz am Tore
hinaus wo er sich überall umsehen und unter den vier HolzArmen eines
Wegzeigers bei sich festsetzen konnte wohin er gegenwärtig gedenke ob nach
Westen Norden Nordosten oder Osten aus Süden dem Stadttor kam er aber her
Seine Hauptabsicht war den Namen der Stadt gar nicht zu wissen der er etwa
unterwegs aufstiess desgleichen der Dörfer Durch eine solche Unwissenheit
hofft er ohne alles Ziel unter den geschlängelten Blumenbeeten der Reise
umherzuschweifen und nichts zu begehren sowie zu besehen als was er eben habe
in einem fort bei jedem Tritte anzukommen sich in jedes goldgrüne
LustWäldchen zu betten und ständ es hinter ihm in jeder Ortschaft selber
den Namen der Ortschaft zu erfragen und darüber sich ganz heimlich zu ergötzen
und dabei bei solchen Maßregeln in einem solchen Strich Landes der vielleicht
mit Landhäusern Irrgärten Taranden plauischen Gründen vorher Bergschlössern
voll heruntersehender FräuleinsAugen Kapellen voll aufgehobner BeterAugen und
überhaupt mit Pilgern Zufällen und Mädchen ordentlich übersäet sein konnte in
romantische Abenteuer von solcher Zahl und Güte hineinzugeraten als er freilich
nie erwarten wollen
»Mein guter Unendlicher in deinem blauen Morgenhimmel« betete er in seiner
durchdringenden Entzückung »lasse doch die Freude dasmal nichts vorbedeuten«
Er hatte sich in acht genommen an den Wegweiser hinaufzusehen der wie ein
Affe vier Arme hatte um nicht etwa an den abgewaschenen Armröhren einer Stelle
ansichtig zu werden von welcher die Zeit besonders die Regenzeit den Namen
der PostStadt noch nicht rein weggerieben hatte Am welt und geistlichen
ArmPaar wär er diese Gefahr nicht gelaufen sondern dieses zeigt allgemeiner
ins Blaue
In Norden lag Elterlein in Osten standen die Pestitzer oder Lindenstädter
Gebirge über welche diese Straße nach Leipzig auch eine Lindenstadt
weglief zwischen beiden nun nahm der Notar den Weg um die Höhen hinter
welchen die holdselige Wina jetzt rollte oder ruhte niemals aus den Augen zu
verlieren welche bald aus Blumenkelchen bald aus Wolken auf Gebürgen trinken
wollten Ein Glück ists für den gegenwärtigen Beschreiber der Reise und des
Reisenden dass Walt selber für sein und des Flötenisten Vergnügen ein so
umständliches Tage oder SekundenBuch seiner Reise gleichsam als ein Opferund
SublimierGefäß des Lebens vollgefüllt dass ein anderer weiter nichts zu tun
braucht als den Deckel diesem Zucker und Mutterfasse auszuschlagen und alles
in sein Tintenfass einzulassen für jeden der trinken will Der leidende Mensch
hat einen erfreueten nötig der erfreuete in der Wirklichkeit einen in der
Poesie und dieser wie Walt verdoppelt sich wieder wenn er sich beschreibt
»Fast wollt ich hoffen« so fängt Walt das Sekunden und Tertienbuch an
Vult an »dass mein liebes Brüderlein mich nicht auslachen werde wenn ich meine
unbedeutende Reise nicht sowohl in deutsche Meilen als russische Werste abteile
welche als bloße Viertelstunden freilich sehr kurz sind aber doch nicht zu
kurz ich meine für einen Menschen auf der Erde So wie es nicht auszukommen
wäre mit dem flüchtigen Leben wenn man es statt an Minuten und StundenUhren
lieber an Achttage oder gar SäkularUhren abmässe gleichsam einen kurzen Faden
an ungeheueren WeltRädern so möchte man zumal wenn ein Reich es tut dem es am
wenigsten an Raum fehlt das russische dieselbe Entschuldigung haben wenn man
da der kleine Fuß und der Schuh des Menschen sowohl sein eigenes Maß als das
seiner Wege ist für bloße Fussreisen die Werste zum Wegmesser erwählt Die
Ewigkeit ist ganz so groß als die Unermesslichkeit wir Flüchtlinge in beiden
haben daher für beide nur ein kleines Wort Bruder ZeitRaum«
Als er seine erste Werste nordöstlich antrat Winas Gebirge und die
FrühSonne zur Rechten und mitlaufende Regenbogen in den betaueten Wiesen zur
Linken so schlug er die Hände als Schellen einer morgenländischen Musik
gegeneinander vor Lust und wurde so leicht und behend von sich selber
dahingetragen dass er kaum aufzutreten brauchte Läuferschuhe und Hosensäcke der
Ohnehosen geben dem Menschen wenn er sonst lange Stiefel und kurze Hosen trug
fast Flügel Sein Gesicht war voll Morgenluft und ein Orient der Phantasie war
in seinen Blicken gemalt Sein sämtliches Münzkabinett oder Studentengut hatt
er eingesteckt als Surplus und Operationskasse um an dieser GeldKatze einen
SchwimmGürtel für alle Höllen und ParadiesesFlüsse zugleich zu haben Er
bewegte sich durch das widerstrebende Leben so frei wie der Schmetterling über
ihm der nichts braucht als eine Blume und einen zweiten Schmetterling Der
Kunststrasse woran er einen ganzen Klumpen Reformatoren und WegFrotteurs
stampfen und klopfen sah ging er aus dem Wege weil er sich nicht damit plagen
wollte entweder einen Morgengruß lang durch sie hinzuziehen oder den nämlichen
lächerlich immer von neuem zu sagen und doch wohl falsch abzusetzen Hügelauf
talein lief er in nassen GrasBlüten und verlor und erhielt abwechselnd die
Stadt von welcher er indes wünschte dass er sie endlich einbüsste weil ihm
sonst immer nicht recht war als sei er fort
Er musste noch zwei starke Werste zurücklegen ehe sie hinter den Obstügeln
unterging Noch war ihm nichts Besonders unterwegs begegnet als der Weg selber
als er seinen Gruß einem Menschen dessen Gesicht ein Schnupftuch zuband im
Fluge zuwerfen konnte Er ging so lange fort bis er glauben durfte der Mann
habe sich umgesehen und er könn es auch ohne zusammenzustossen Aber eben sah
jener her Er ging wieder weiter und blickte um der Bandagist seinerseits
auch Als ers zum drittenmal tat merkte er dass der Mann trotzig stehen bleibe
und dass ihn die Rücksicht gar verdrüsse Da ließ ihn Walt laufen und stehen
Er stieß bald so wuchsen die Abenteuer auf drei alte Frauen und eine
blutjunge welche mit hochaufgetürmten Körben voll Leseholz aus einem Wäldchen
kamen Auf einmal standen sie alle in gerader Linie zugleich hintereinander
still die schweren Körbe auf den schiefuntergestellten Stecken auflehnend die
sie vorher als Badinen getragen Sein Herz machte viel daraus dass sie wie
Protestanten und Katholiken in Wetzlar ihre Ferien und Feiertage des Gehens
gemeinschaftlich abtaten um beisammen zu bleiben und fort zu reden Nie
entwischte seinem Auge die kleinste Handvoll Federn oder Heu womit sich der
Arme die harte Pritsche in der Wachtstube seines Lebens etwas weicher bettet und
sich die Marterbank auspolstert Ein liebender Geist spüret gern die Freuden der
Armen aus um darüber eine zu haben ein hassender aber lieber die Plagen
seltener um sie zu heben als um über die Reichen zu bellen die er vielleicht
selber vermehrt
Herzlich gern wollt er den Fracht und Kreuzträgerinnen einige Groschen
TrageLohn auszahlen er schämte sich aber vor so vielen Zeugen einer warmen
Tat Darauf schob ein Mann einen Karren voll hoher klappernder Blechwaren daher
sein Töchterchen war als Vorspann vorgelegt beide keuchten stark Es zwang ihn
sich mit dem Karrenschieber zusammenzuhalten und sich auf die eine Waagschale zu
stellen den Kärrner auf die andere Da er nun sogleich bemerkte wie sehr er
mit seinen Glückslosen und Zuckerhüten den Kärrner überwiege der alten
Holzweiber nicht einmal zu gedenken da er finden musste dass sein freies
fliegendes Fortkommen gegen das träge Karren und StundenRad des Mannes
gemessen mehr der freudigen leichten Weise beikomme wie die Großen reisen so
wurd er rot über seinen Reichtum und Stand er sah die Weiber noch halten und
lehnen er lief zurück mit vier Gaben und eilig davon
»Bei Gott« schreibt er in sein Tagebuch um sich ganz zu rechtfertigen
»der armselige flüchtige SinnenKitzel einer bessern Nahrung welchen etwan ein
paar geschenkte Groschen bereiten können und überhaupt der Genuss der kann nie
der Anlass werden dass man die Groschen so freudig hinreicht aber die Freude
die man dadurch auf einen ganzen Tag lang in ein ausgehungertes Herz und in
seine welken kalten engen Adern auswärmend hineingiesset dieser schönste
Himmel anderer Menschen ist doch wohl wohlfeil genug damit erkauft dass man
selber einen dabei hat« Hier kramt er weitläufig seinen alten Traum von dem
Glücke eines reisenden Mylords aus auf einmal durch eine offene volle Hand ein
ganzes Dorf unter Bier und Fleischbrühe zu setzen und in ein Elysium langer
Erinnerung
Mit drei Himmeln im unschuldigen Gesicht noch einen mehr hatt er auf den
Gesichtern hinter sich gelassen glitt er leicht von Tautropfen zu Tautropfen
Das Herz wird wie ein Luftschiff durch den Auswurf des schwersten Ballastes
des Geldes so leicht so schnell so hoch Indes traf er ziemlich spät in dem
nur vier kleine Werste entlegenen Härmlesberg ein Denn überall saß und schrieb
oder stand und sah er oder las alles jede Inschrift einer Steinbank und
wollte keine Kleinigkeit übergehen sie müsste denn Bevölkerung Stallfütterung
Wiesenwuchs Lehmboden und dergleichen betroffen haben
»Drinnen will ich« sagt er zu sich »da ich doch einem großen Herren
ähnlich scheinen soll mein déjeuner dinatoire einnehmen« und trat in den Krug
Nr 40 Cedo nulli
Wirtshäuser Reisebelustigungen
Der Notarius der unter die Menschen gehörte welche wohl jahrelang daheim
sparen können aber nicht unterwegs hingegen andere kehren es gerade um
foderte keck sein Nössel Landwein dabei aß und saß er und beobachtete vergnügt
die Wirtsstube den Tisch die Bänke und die Leute Als einige Handwerkspursche
ihren Kaffee bezahlten bemerkte er sehr wahr dass die Milchtöpfchen in Franken
ihren Giessschnabel dem Henkel gegenüber haben in Sachsen aber links oder gar
keinen Mit gedachten Purschen ging seine Seele heimlich auf Reisen Gibt es
etwas Schöneres als solche Wanderjahre in der schönsten Jahreszeit und in der
schönsten Lebenszeit bei solchen Diätengeldern die man unterwegs bei jedem
Meister erhebt und bei solcher Leichtigkeit in die größten Städte Deutschlands
ohne alle Reisekosten zu gehen und sobald kaltes nasses Wetter einbricht sogar
auf einem Arbeitsstuhl häuslich zu nisten und zu brüten wie der Kreuzschnabel im
Winter »Warum schreibt sein Tagebuch Vulten müssen die armen Gelehrten
nicht wandern denen das Reisen und das Geld dazu gewiss ebenso nötig und
dienlich wäre als allen Gesellen«
»Draußen im Reich« sagte stets Walts Vater wenn er bei Schneegestöber von
seinen Wanderjahren erzählte und daher lag dem Sohne das Reich in so
romantischem Morgentau blitzend hin als irgendeine Quadratmeile von Morgenland
in allen Wandergesellen verjüngte sich ihm die väterliche Vergangenheit
Jetzt fuhr ein Salzkärrner mit einem Pferde vor trat ein wusch sich in
einer ganz fremden Stube öffentlich und trocknete sich mit dem an einem
Hirschgeweih hängenden Handtuch ab ohne noch für einen Kreuzer verzehrt oder
begehrt zu haben Walt bewunderte den kräftigen Weltmann ob er gleich nicht
fähig gewesen wäre sich nur unter vier Augen die seinigen zu waschen Dennoch
exerzierte er da er in etwas getrunken einige WirtshausFreiheiten und ging
in der Stube wohlgemut umher ja auf und ab
Ob er gleich nicht imstande war unter einer fremden Stubendecke den Hut
aufzubehalten sogar unter seiner sah er ungern bedeckt aus dem Fenster aus
Artigkeit so hatt er doch seine Freude daran dass andere Gäste ihren
aufhatten und sonst überall von den herrlichen akademischen Freiheiten und
Independenzakten der Wirtsstuben den besten Gebrauch machten es sei dass sie
lagen oder schwiegen oder sich kratzten Ihm schienen die Wirtsstuben ordentlich
als hübsche geräumliche aus abgebrochenen eingeäscherten Reichsstädten
unversehrt herausgehobene reichsunmittelbare DiogenesFässer vorzukommen als
hübsche aus MaratonsEbenen ausgestochne Grünplätze vom Keller grünend
gewässert
Es wurde schon erwähnt dass er auf und ab ging aber er ging weiter und
denn das Wirtshausschild setzt er als AchillesSchild vor den Weinbecher als
MinervensHelm auf schrieb unter aller Augen ein und das andere Texteswort in
seine Schreibtafel um wenn er allein wäre abends im Quartier darüber zu
predigen Auch trug er ein dass auf dem Schilde des Wirtshäuschens ein
Schilderhäuschen stand
Der Mut der Menschen wächset leicht ist er nur herausgekeimt Kommende
grüßten leise Gehende laut der Notarius dankte beiden lauter Er war so
freudig bei einem Freudenbecher den nicht einmal sächsischer Landwein hätte
wässern können Er liebte jeden Hund und wünschte von jedem Hund geliebt zu
sein Er knüpfte deswegen mit dem Wirtsspitze um nur etwas für das Herz zu
haben ein so enges Band von BadeBekanntschaft und Freundschaft an als ein
Stückchen Wurstaut bei solchen Wesen sein kann Für warmherzige Neulinge sind
wohl stets die Hunde die Hundssterne durch deren Leitung sie zur Wärme der
Menschen zu gelangen suchen sie sind sozusagen die Saufinder und Trüffelhunde
tief versteckter Herzen »Spitz gib die Pfote« rief der Wirt in Härmlesberg
Spitz oder der Spitz denn der Gattungsname ist was bei dem Menschen selten
in Deutschland und in Hasslau zugleich der persönliche ausgenommen in Thüringen
wo die Spitze Fixe heißen Spitz drückte dem Notar die Hand soweit er wusste
»Gebt dem Herrn auch eine Patschhand Bestien« rief der Wirt als drei
kleine armlange geputzte Mädchen von einerlei Statur und Physiognomie an der
Hand einer jungen schönen aber schneeblassen Mutter hereintraten aus der
Schlafkammer »Es sind Drillinge und sollen zu ihrer Frau Patin« sagte der
Wirt Gottwalt schwört im Tagebuch dass etwas »Allerliebsteres
Herzinniglicheres« es gar nicht gebe als drei so liebe hübsche niedliche
Mädchen von einerlei Höhe mit ihren Schürzchen und Häubchen und runden
Gesichterchen sind wobei nur zu bedauern sei dass es Drillinge gewesen und
nicht Fünflinge Sechslinge Hundertlinge Er küsste sie alle vor der ganzen
Wirtsstube kurz und wurde rot es war halb als hab er die zarte bleiche
Mutter mit der Lippe angerührt auch sind ja die guten Kinder die schönste
Wesen und Jakobsleiter zur Mutter dabei sind solche winzige Mädchen für
Notarien welche ohne Mut und ohne Elektrisier und Sprachmaschine für
erwachsene Mädchen dazustehen fürchten ordentlich die schönen Ableiter und
Zuleiter geschenkte Rechenknechte für den Augenblick man wundert sich
fröhlich und heimlich dass man ein Ding wie ein Mädchen so dreist umhalset Walt
wurde der Kleinen später satt als sie seiner Er war ja dem Drilling als
eigener Zwilling viel verwandter als alle Gäste in der Stube Er beschenkte sie
geldlich zur höchsten Freude der Mutter Dafür bekam er drei Küsse die er lange
zurücklieferte nur bei sich betrübt dass ein Tauschhandel solcher Artikel
selber so früh dem Tausche der Zeit heimfalle »Ei Herr guter Harnisch« sagte
der Wirt Walt wunderte sich über die Kenntnis seines Namens aber nicht ohne
Vergnügen ja mit einiger Hoffnung dass es nach einem solchen Anfange zu
urteilen wohl noch seltsamere Avantüren zu erleben gebe Er wollte daher lieber
nicht fragen wie und wo und wann aus Furcht um seine Hoffnung zu kommen
Mit Wollust sah er zu wie der Vater sich von den Kindern Äpfel abkaufen
ließ um Walts Geld von ihnen zu haben und wie die Mutter dem ersten Drilling
Brot zulangte damit er wie der davon furchtsam eine Ziege unter dem Fenster
abknuppern ließe und wie der zweite herzhaft in einen Apfel einbiss ihn dem
dritten zum Beissen hinhielt und wie beide ihn wechselnd anbissen und reichten
und jedesmal lächelten »O wär ich nur ein wenig allmächtig und unendlich«
dachte Walt »ich wollte mir ein besonderes Weltkügelchen schaffen und es unter
die mildeste Sonne hängen ein Weltchen worauf ich nichts setzte als lauter
dergleichen liebe Kinderlein und die niedlichen Dinger ließ ich gar nicht
wachsen sondern ewig spielen Ganz gewiss wenn ein Seraph himmelssatt wäre oder
sonst die goldnen Flügel hängen ließe könnt ich ihn dadurch herstellen dass
ich ihn einen Monat lang auf meine springende jubelnde Kinderwelt herabschickte
und kein Engel könnt solange er ihre Unschuld sähe seine eigene verlieren«
Endlich rückten die Kinder einander an den Händen zu führen befehligt mit
der Mutter aus zur Frau Patin Ein langer Tiroler mit grünem Hut von welchem
bunte Bänder flatterten trat singend hinein Walt trank und brach auf Schön
war draußen die Welt sogar noch in Härmlesberg Im Dorfe wurde Zimmerholz mit
lauten Schlägen zugehauen und mit der roten Messschnur angeschnellet in gerade
Formen abgeteilt alle Kinderszenen unter dem Bauholz seines Vaters kamen mit
dem Rosenhonig der Erinnerung aus den Kindheitsrosen beladen zurück
Bleicherinnen mit großen Hüten begossen leicht gebückt die weißen Beete aus
FlachsLilien Aus dem Hut den ein Mädchen an langen Bändern an der Hand
herunterhängen ließ floh er zu den blauen gelben Glaskugeln eines Gartens auf
und wiegte sich überall
Jetzt kam er in die lange Gasse des aus Bergen wie aus Palästen
zusammengereiheten RosanaTals hinein Edens Gartenschlüssel wurden ihm vorn
überreicht und er sperrte es auf »Der völlige Frühling ist da der Orpheus der
Natur sagt ich schreibt er denn die Wiesen blühen ja die Dotterblumen
stehen so dicht den HeuBergen ziehen kleine Kinder mit großen Rechen kleine
Hügel zu oben aus den Wäldern der Berge ruft die Waldlerche und die Drosseln
herrlich herunter schöne Frühlingswinde ziehen durch das lange Tal die
Schmetterlinge und die Mücken halten ihren Kinderball und der Rosennachtfalter
oder das Goldvögelchen sitzt still auf der Erde die Blätter der Kirschbäume
glühen rot wie ihre Früchte nach und statt blasser Blüten fallen schön
bemalte Blätter und im Frühling wie im Herbste zieht die Sonne am Spinnrade
der Erde fliegendes Gewebe aus wahrhaftig es ist ein Frühling wie ich noch
selten einen gesehen«
Im hohen Äther waren zarte Streifen Silberblumen gewebt und meilentief
darunter zog langsam ein WolkenGebirge nach dem andern hin zwischen diese
aufgebauete Kluft im Blau flog Walt und wandelte auf dem Himmelswege aus Duft
leicht dahin und sah oben noch höher auf Doch sah er auch herab ins heimliche
Tal sah den stillen glatten Fluss darin gleiten Wälder bogen sich liebend von
einem Bergrücken hinein am andern glänzten Trauben und Weinbergshäuschen und
reife Beete Er fuhr wieder hernieder in sein langes Tal wie auf einen Eltern
Schoss
»Wie geht es sich so schön in den Säulenhallen der Natur auf dem Grün und
zwischen dem Grün in ewiger Begleitung des unendlichen Lebens« sang er ohne
besondere Metrik laut hin und sah sich um damit niemand seine Singstimme
belausche »Wallet nur hin ihr hübschen Schmetterlinge und genießt die
Honigwoche des kleinen Seins ohne Hunger ohne Durst30 ein schönes
Sonnenleben ein Liebessein und die einzige Kammer des Herzens ist nur eine
ewige Brautkammer der Liebe beugt die Blumen lasset euch wehen spielt im
Glanz und entzittert nur linde wie Blüten dem Leben«
Er sah eine Herde stummer Nachtigallen die sich zum nächtlichen Abzug
rüsteten »Wo fliegt ihr hin ihr süßen FrühlingsKlänge Sucht ihr die Myrte
zur Liebe sucht ihr den Lorbeer zum Sange Begehrt ihr ewige Blüten und goldne
Sterne So fliegt nur ohne Stürme unter unsern Wolken fort und besingt die
schönsten Länder aber fliegt dann liebesbrünstig in unsern Frühling zurück und
singt dem Herzen in schmachtenden Tönen das Heimweh nach göttlichen Ländern vor
Ihr Bäume und ihr Blumen ihr neigt euch hin und her und möchtet noch
lebendiger werden und reden und fliegen ich liebe euch als wär ich eine Blume
und hätte Zweige einstens werdet ihr höher leben« Und da bog er einen tief ans
Wasser sich neigenden Zweig gar ein wenig in die Wellen hinein
Plötzlich hört er in tiefer Ferne hinter sich eine Flöte durch das Tal
gleichsam auf dem Strom herunterkommen dem Wehen entgegen Die Ferne ist die
Folie der Flöte und ihm der mehr ihren Ton als ihren Gang verstand war keine
nahe gute nur halb so lieb Die Töne schienen nachzukommen doch schwächer Am
Wege stand eine Steinbank die ihn in dieser Einsamkeit schön an die
Menschensorge für andere Menschen erinnerte Er setzte sich ein wenig darauf um
gleichsam zu danken Aber er legte sich bald ins hohe UferGras um der guten
Erde die zugleich der Stuhl der Tisch und das Bette der Menschen ist näher zu
sein und regte sich wenig um die im warmen stillen Uferwinkel spielenden
EintagsFischchen nicht wegzuschrecken Er liebte nicht einen und den andern
Lebendigen sondern das Leben nicht einmal die Aussichten sondern alles die
Wolke und den GrasWald der goldnen Würmchen und er bog ihn auseinander um
ihren Aufenthalt zu sehen und ihre Brotbäumchen und ihre Lustgärtchen Er hielt
lieber mit Schreiben und Dichten auf seiner Schreibtafel innen wenn ein buntes
weiches Wesen über die glatte Fläche sich wegarbeitete als dass er es
weggeschnellet oder gar erdrückt hätte »Gott wie könnte man ein Leben töten
das man recht angesehen zB nur eine halbe Minute lang« fragt er Er hörte
die Flöte die gleichsam aus dem Herzen der stummen Nachtigallen sprach Heisse
Freudentropfen sog das dunkle Getön aus seinem von tausend Reizen überfüllten
Auge Jetzt schlugen ein paar große helle Tropfen aus einer warmen FlugWolke
über ihm auf seine flache Hand herab er sah sie lange an wie er es sonst als
Kind bei Regentropfen gemacht weil sie vom hohen fernen heiligen Himmel
gekommen Die Sonne stach auf die weiße Haut und wollte sie wegküssen er küsste
sie auf und sah mit unaussprechlicher Liebe nach dem warmen Himmel auf wie ein
Kind an die Mutter Er sang nicht mehr seitdem er hörte und weinte Endlich
stand er auf und setzte seinen Himmelsweg fort als er einige Schritte in der
Nähe einen aus der Hutschnur eines Fuhrmanns entfallenen Zollzettel auf dem Wege
gewahr wurde In der Hoffnung dass er dem Mann vielleicht nachkomme und ihn
finde hob er das Blättchen auf weil ihm nichts Fremdes klein wie nichts
Eignes wichtig vorkam und weil sein poetischer Sturm leichter einen Gipfel bog
als eine Blume Wenn die Leidenschaft glutverworren auffliegt wie ein brennendes
Schiff so fliegt die zarte Dichtkunst des Herzens nur auf wie eine goldne
AbendrotTaube oder wie ein Christus der gen Himmel geht weil er eben die
Erde nicht vergisset
Die Flöte floss ihm immer durch das Bette des Tales nach ohne doch weder
näherzukommen wenn er stand oder zurückzubleiben wenn er lief
Jetzt schwang sich die Landstraße plötzlich aus dem Tale den Berg hinauf
Die Flöte drunten wurde still da sich oben die Weltfläche weit und breit vor
ihm auftat und sich mit zahllosen Dörfern und weißen Schlössern anfüllte und mit
wasserziehenden Bergen und mit gebognen Wäldern umgürtete Er ging auf dem
Bergrücken wie auf einer langen BogenBrücke über die unten grünende
Meeresfläche zu beiden Seiten hin
Er war ganz allein und vor Ohren sicher er pfiff frei daher figurierte
Choräle Phantasien und zuletzt alte Volksmelodien und hörte nicht einmal auf
wenn er einatmete Gegen die Natur aller andern Blasinstrumente bleibt diese
Mundharmonika wie die andere romantisch und süß in großer Nähe keinen halben
Fuß vom Ohre und wie bei der Musik im Traum ist hier der Mensch zugleich der
Instrumentenmacher Komponist und Spieler ohne im geringsten einen andern
Lehrmeister dazu gehabt zu haben als wieder sich den Schüler selber
Immer betrunkner und glücklicher wurde Walt als er auf dieser ersten
Schäferpfeife auf diesem ersten Alphorn fortblies dem Morgenwinde entgegen
der die Töne in die Brust zurückwehte und zuletzt wurd ihm als komme das
verwehte Getön aus weiter Ferne her Da er lange so ging und träumte da er von
dem Bergrücken bald links in die Hirtenstücken der Wiesen hinuntersah und zu den
Kirchtürmen von Altengrün von Joditz von Talhausen von Wilhelmslust von
Kirchenfelda und die Jagd und Lustschlösser erblickte deren beide Namen
allein wie romantische Zauberworte alte Gegenden und Paradiese der Kinderseele
erscheinen ließ da er bald wieder rechts hinunterschauete auf die zweite
Ebene worin sich der gerade Fluss seines Tales die Rosana freigeworden auf
einem blumigen Tanzplatz schlängelte und das SilberSchild der Sonne trug und
immer zeigte und da er das Auge auf die Lindenstädter Gebirge warf wo unter
den hohen hellen Laubholzwäldern die dunklen Tannenwaldungen gleichsam nur als
breite Schlagschatten zu stehen schienen und da er in den Himmel sah worin
still und leicht die Wolke und die Taube flog und da in den Wäldern des Tals
die Herbstvögel schrien und in den Steinbrüchen einzelne Schüsse lang
fortalleten so schwieg er wie aus Andacht vor Gott und dachte dem was er
singen wollte nach als ob der Unendliche nicht auch das Denken höre bis er
mit leiser Stimme den Streckvers sang und wiederholte den er schon längst
gemacht
»O wie ist der Himmel wie die Erde so voll freudiger Stimmen Viel schöner
als dort wo einstens der Chorus laut jammerte und nur Niobe schwieg und unter
dem Schleier stand mit dem unendlichen Weh jauchzen die Chöre im Himmel und auf
Erden und nur der Allselige ist still und der Äther verschleiert ihn«
Darauf sah er gen Himmel nannte Gott zweimal du und schwieg lange und
hielt es für erlaubt sogleich an Wina zu denken Plötzlich kam ein altes
vertrautes aber wunderbares Mittagsgeläute aus den Fernen herüber ein altes
Tönen wie aus dem gestirnten Morgen dunkler Kindheit siehe meilentief in
Westen sah er Elterlein hinter unzähligen Dörfern liegen und glaubte die alte
Dorfglocke zu erkennen und Winas weißes Bergschloss ja sogar das elterliche
Haus Er dachte voll Sehnen an seine fernen Eltern an das Stilleben der
Kindheit und an die sanfte Wina die ihm auch im Stilleben ihrer Kindheit
einst die Aurikeln in die Hand gelegt sein Auge hing an den östlichen Gebürgen
im stillen Blau hinter welche er wie hinter Klostermauern Wina als sanfte Nonne
in Blumen ihres Klostergartens sinnend gehen ließ Glocken aus mehreren Dörfern
tönten zusammen der Morgenwind rauschte stärker der Himmel wurde blauer und
reiner der bunte leichte Teppich des Erdenlebens breitete sich über die Gegend
aus und flatterte an den Enden und Walt wohnte wie ein Traum nur in der
Vergangenheit
Er sang voll Seligkeit und nannte ihren Namen nicht »Es zieht in schöner
Nacht der Sternenhimmel es zieht das FrühlingsRot31 es schlägt die Nachtigall
und der Mensch schläft und merkt es nicht endlich geht sein Auge auf und
die Sonne sieht ihn an O Lina Lina du gingst auch vorüber mit deinen Blumen
mit den süßen Tönen und mit Liebe aber mein Auge war blind nun ist es
aufgetan allein die Blumen sind verwelkt die Worte sind vergangen und du
glänzest hoch als Sonne«
Hier kehrte er um vor dem lauten Wehen er fand die Welt sonderbar still um
sich nur das Geläute klang allein und leise wie Schalmeien der Kindheit und
er wurde sehr bewegt Er lief wieder und sang immer heißer »Nasses Auge armes
Herz siehst du nicht den Himmel und den Lenz und das schöne Leben Warum
weinest du Hast du was verloren ist dir wer gestorben Ach ich habe nichts
verloren mir ist nichts gestorben denn ich habe noch nicht je geliebt o lass
mich weiter weinen«
Zuletzt sang er nur einzelne Füße noch ohne besonderen Zusammenhang er kam
eiliger durch Beete durch grüne Täler über klare Bäche durch mittagsstille
Dörfer vor ruhendem Arbeitszeug vorbei auf dem Zauberkreis der Höhen stand
Zauberrauch der Sturmwind war entflohen und am klaren Himmel blieb das große
unendliche Blaue zurück Vergangenheit und Zukunft brannten hell und nahe
entzündet von der Gegenwart der Blumenkelch des Lebens umschloss ihn
buntdämmernd und wiegte ihn leise und Pans Stunde ging an
»Jetzt ergriff mich« schreibt er in seinem Tagebuche »Pans Stunde wie
allemal auf meinen Reisen Ich möchte wohl wissen woher sie diese Gewalt
bekommt Nach meiner Meinung dauert sie von 11 und 12 bis 1 Uhr daher glauben
die Griechen an die Pans das Volk an die TagsGeisterstunde auch die Russen32
Die Vögel schweigen um diese Zeit Die Menschen schlafen neben ihrem
Arbeitszeug In der ganzen Natur ist etwas Heimliches ja Unheimliches als wenn
die Träume der Mittagsschläfer umherschlichen In der Nähe ist es leise in der
Ferne an den HimmelsGrenzen schweifet Getön Man erinnert sich nicht sowohl der
Vergangenheit sondern sie erinnert sich an uns und durchzieht uns mit nagender
Sehnsucht der Strahl des Lebens bricht in seltsamscharfe Farben Allmählich
gegen die Vesper wird das Leben wieder frischer und kräftiger«
Nr 41 Trödelschnecke
Der Bettelstab
In Grünbrunn kehrt er ein Im Wirtshaus hielt er seine Wachsflügel ans
Küchenfeuer und schmolz sie ein wenig In der Tat braucht der Mensch bei den
besten Flügeln für den Äther doch auch ein Paar Stiefel für das Pflaster Da der
Speisesaal schon voll Hunde und Herren war so setzt er sich lieber unter eine
Vorhalle oder Vordachung zu Tisch die so breit war als der Tisch Es war ihm
als sei er ein Patriarch da er in einem offenen freien luftigen HalbHaus am
Hause sitzen und die ganze sich aufblätternde Welt umherhaben konnte Er sah
hinaus in die ihm fremden Gegenden und Felder und er fühlte sich einem leichten
Troubadour alter Zeiten gleich nachdem er zusammengerechnet hatte dass er jetzt
schon in einer Ferne von neunzehn Wersten von seiner Heimat lebe Er trug in
sein Reisebuch die ökonomische Gewohnheit ein die er vor sich sah die Wiesen
mit einem Kohloder anderen Fruchtbeete zu umrändern anstatt dass man sonst
umgewandt BeetFelder in WiesenRaine einschliesst und bemerkte gegen einen
neben ihm essenden Bauersmann das sehe sehr niedlich aus
Man ließ ihn lange in seinem Nachklange des melodischen Vormittags in jener
epischen Stimmung sitzen worin er das Kommen und das Verschwinden der
Sterblichen im Wirtshause ansah und warten bevor man ihm sein Tischtuch und
seinen Teller Essen auftrug Es ist vielleicht der Mühe wert zu bemerken dass
er nicht aufass teils aus Freundlichkeit gegen den Wirt um ihn nicht um die
Nachlese zu bringen teils weil der Mensch gleich seinen UnterKönigen dem
Adler und dem Löwen eine besondere Neigung hat nie rein aufzuspeisen wie man
an Kindern am ersten wahrnimmt Der Notar begriff gar nicht wie der Bauersmann
und andere Gäste imstande sein konnten den Teller ordentlich zu scheuern und zu
trocknen und jeden abgeglätteten Knochen noch zu trepanieren und wie Kanonen
und Perlen zu durchbohren
Nach dem Essen stellte er sich vor die offene Saaltüre der Tafelstube um mit
dem im Zaubertal gefundenen Zollzettel in der Hand und mit dessen Übergabe zu
warten bis die speisenden Fuhrleute die er in corpore anzureden und zu
befragen scheuete einzeln herauskämen Da stand ein junges schnippisches
dreizehnjähriges Fuhrmännlein in blauem Hemde und dicker weißer Schlafmütze auf
drehte ganz heimlich des Wirts SandUhr um und wollte dem Mann im eigentlichen
Sinne denn es war erst ein Drittel StundenSand verlaufen die Zeit vertreiben
Aber der Notar fuhr erboset hinzu und kehrte die Umkehrung um viel zu
unvermögend ein hämisches Unrecht das er gegen sich erdulden konnte gegen
einen andern zu ertragen
Diese Hitze setzt ihn in den Stand den Zettel vor der ganzen table dhôte
emporzuheben und auszurufen ob ihn jemand verloren »Ich Herr« sagte ein
langer herübergestreckter Arm und ergriff ihn und nickte einmal kurz mit dem
Kopfe statt der warmen Danksagung auf die Walt aufgesehen
Auf dem Fenster sah er neben der Uhr das Schreibbuch des WirtsKindes
liegen dem zu drei Zeilen die drei Worte Gott Walt Harnisch vorgezeichnet
waren Er war sehr darüber erstaunt und fragte den Wirt ob er etwan Harnisch
heiße »Karner ist mein Name« sagte dieser Walt zeigte ihm das Buch und sagte
er selber heiße wie da stehe Der Wirt fragte grob ob er denn auch wie die
vorige Seite heiße Hammel Knorren Schwanz etc
Jetzt wollte der Notar wieder Flügel anstatt der Pferde nehmen und fort und
vorher bezahlen als ihn ein Bettelmann dadurch aufhielt und erfreuete dass er
sein Almosen in Naturalien eintreiben wollte und um ein Glas Bier bettelte
wahrscheinlich ein stiller Anhänger des physiokratischen Systems Da der Mann
unter dem Einkassieren der kleinen Naturalbesoldung seinen Bettelstab in eine
Ecke stellte so gab das dem Notar Gelegenheit diesen dornigen schweren Stab
in die Hand zu nehmen Walt hob und schwang ihn mit dem besonderen Gefühl dass er
nun den Bettelstab wovon er so oft gehört und gelesen wirklich in Händen
halte
Zuletzt da er sich es immer wärmer auseinandersetzte wie das der letzte
und dünnste Mast eines entmasteten Lebens ein so dürrer Zweig aus keinem
goldnen Christbaum sondern aus der KlagEiche sei eine Speiche aus Ixions Rad
wurd er erfasset er handelte dem Bettelmann der vom Ernst nicht anders zu
überzeugen war als durch Geld den Stab ab die einzige Nippe die der Mann
hatte »Dieser Stab« sagte Walt zu sich »soll mich wie ein Zauberstab
verwandeln und besser als eine LorenzoDose barmherzig machen wenn ich je vor
dem großen Jammer meiner Mitbrüder einst wollte mit kaltem oder zerstreuetem
Herzen vorübergehn er wird mich erinnern wie braun und welk und müde die Hand
war die ihn tragen musste«
So sagt er strafend zu sich und der weichherzige Mensch warf sich
ungleich den harterzigen vor er sei nicht weichherzig genug indes jene sich
das Gegenteil schuld geben Er brauchte dieses Stänglein seiner fruchtbringenden
Blumen nicht aber da wo diese Wetterstange selber wächset auf den
Schlachtfeldern und um die Lustschlösser vierzehnter Ludwige herum die schon
gleich mit Zähnen auf der Welt ankommen33 an Orten wo die geheimen Treppen und
Trongerüste aus solchem MarterHolz gezimmert werden in Ländern wo der
Bettelstab der allgemeine oder GeneralStab ist vielleicht durch den
militärischen selber da würd es ein erwünschtes Legat sein wenn jeder Bettler
seinen Stab in ein eigenes StaatsHölzerKabinett vermachte wenigstens ist zu
glauben wenn neben jedem KommandoStab und Zepter ein solcher läge er diente
als Balancierstange und schlüge vielleicht wie ein MosesStecken aus manchen
harten ThronFelsen weiches Wasser
Der Notar verließ sein Quartier mit dem Exulantenstab so froh als es zu
erwarten war da er den Verkäufer desselben in Erstaunen und Freudentränen
gesetzt und besonders da er über die goldne Ernte von Abenteuern hinsah die er
bloß in einem halben Tage eingeerntet »Wahrlich es ist stark« sagt er »in
Härmlesberg weiß man meinen Namen schon mündlich in Grünbrunn gar schriftlich
eine wunderbare Flöte geht und steht mit mir einen fremden Wanderstab hab ich
desfalls Gott was kann mir nach solchen Zeichen nicht in einem ganzen langen
Nachmittag passieren Hundert Wunder Denn es schlägt erst halb 2 Uhr« So
schloss er und sah mit frohlockenden Augen in den blauausgewölbten Himmel
hinein
Nr 42 Schillerspat
Das Leben
Im nächsten Fluße wusch er den Bettelstab und die Hände ab in welche er ihn
vor dem Verkäufer aus Schonung frei genommen Der erste Akt der Wohltätigkeit
den er nach dem Kaufe des Stabes verrichtete war einer mit dem Holze selber an
FlössHolz Er konnt es nicht ertragen dass während mitten im Strome viele
FlössScheite lustig und tanzend hinunterschwammen eine Menge anderer die nicht
unbedeutender waren sich in UferWinkeln stießen drängten und elend
einkerkerten eine solche Zurücksetzung auf die Expektantenbank verdienten die
FlössScheite nicht er nahm daher seinen Bettelstock und half so vielen
hintangesetzten Scheiten durch Schieben wieder in den Zug der Wogen hinein als
neben ihm litten denn alle Scheite sowie alle Menschen zu befördern steht
außer dem Vermögen eines Sterblichen
Er holte darauf einen kleinen zerlumpten Jungen ein der barfuß in einem
Paar roten Plüschhosen voll unzähliger Glatzen ging das von einem Manne
abgelegt eine Pump und Strumpfhose zugleich an ihm geworden war Der Knabe
hatte nichts bei sich als ein Gläschen mit dessen Salbe er sich unaufhörlich
die rotkranken Augen bestrich Walt fragte ihm sanft seine Leidensgeschichte ab
Sie bestand nur darin dass er von seiner Stiefmutter weggelaufen weil sein
Vater ein Militär von dieser weggelaufen und dass er sich zu den Franzosen zu
betteln hoffe »Kannst du hessische Groschen brauchen« fragte Walt der zu
seinem Schrecken zu großes Geld bei sich fand Der Knabe sah ihn dumm an
lächelte dann wie über einen Spaß und sagte nichts Walt wies ihm einen O
sagt er das kenn er wohl sein Vater hab ihn oft wechseln lassen Der Notar
erfuhr endlich der Knabe sei ein Hesse und gab ihm alle vaterländische
Groschen
Allmählich äußerte jetzt der Bettelstab seine feindselige Kraft eine
Wetterstange zu sein welche Gewitter zieht Walt konnte den Frühling des
Vormittags durchaus nicht wieder zurückbringen sondern musste den Herbst vor
sich stehen sehen der gerade so episch macht als der Lenz lyrisch und
romantisch Er durft es dem Stock sehr aufbürden dass er nach den Leipziger
Bergen sah und doch ganz vergeblich hinter ihnen auf der andern Seite in die
Leipziger Ebenen herabzufahren suchte bis vor Winas Gartentüre weil der Stock
sich gleichsam unter den BergSchlitten stemmte und stülpte
Er sah nur das Fliehen und Fliegen des Lebens die Eile auf der Erde die
Flucht des Wolkenschattens indes am Himmel die Wolke selber nur langsam zieht
und die Sonne gar wie ein Gott steht und blickt Ach in jedem Herbst fallen auch
dem Menschen Blätter ab nur nicht alle
Er sah eine abgefressene Wiese aber violett von ausgeschlossenen giftigen
Herbstblumen Auf ihr lärmten Zugvögel die miteinander den Plan zu ihrer
Nachtreise zu bereden schienen Auf der Landstraße fuhr ein rasselnder Wagen
hin unter den Hinterrädern boll ein Hund Am fernen Bergabhange schritt eine
weibliche weiße Gestalt kaum merkbar hinter ihrem dunkelbraunen Manne um in
irgendeinem unbekannten Dörfchen ein Glas und eine Tasse zu genießen und dazu
vor und nachher soviel von schöner Natur als unterwegs gewöhnlich vorkommt In
der Nähe trippelten zwei weissgeputzte Mädchen von Stande mit Blumen und
Schnupftüchern in den Händen durch die grünen SaatenFurchen und die gelben
Schals flatterten zurück
Er ging vor einem bis an die Himmelswagen hinauf getürmten sogenannten
Brautwagen vorbei worauf alle die Wachsflügel Flügeldecken Glasfedern und der
Federstaub einerseits und die Steiss und Schwanzflossen die Brust und
Rückenflossen die Danaidengefässe Wasserstücke Wasserwaagen Regenmesser und
Trockenseile andererseits unter dem Namen Hausgeräte aufgeladen waren welche
der Mensch durchaus hienieden haben muss um nur einigermaßen halb durch das
Leben zu schwimmen halb darüber zu fliegen Der Eigentümer aber schritt voll
Empfehlungen der größten Vorsichtsregeln für seine aufgepackten Flügel und
Flossen neben dem Wagen her und versprach sich und andern Schritt vor Schritt
ganz andere blauere Tage in der Zukunft als er in seinem vorigen unbekannten
Neste gehabt
Darauf kam Walt auf ein FilialDörfchen von fünf oder sechs waschenden
fegenden Häusern und rauchenden Backöfen Die Jünglinge hoben mit Stangen und
halber Lebensgefahr einen Maienbaum mit roten BänderFahnen in die Höhe der für
ein Dorf wohl nicht weniger ist als was eine Vogelstange für eine Mittelstadt
Die Mädchen welche die Bänder hinaufgeschenkt sahen hochrot dem Aufbäumen zu
und hatten nichts im seligen Kopf und Herzen als den morgendlichen KirmesTanz
um den Baum mit den allerbedeutendsten Purschen des Orts
Darauf begegnete der Notar einem schwer ausgeschmückten eilfjährigen Mädchen
mit einer Krücke was ihn unsäglich erbarmte und die Frau Patin lief aus dem
Örtchen ihrem Kirmesgast schon entgegen
Darauf kam ein an sich selber angeketteter Malefikant zwischen seinen
KerkerFührern alle priesen soweit sie mit Worten noch vermochten das Bier
des vorigen Dorfs auch der Malefikant
Er kam durch das ansehnlichere Dorf worin das Filial nur eingepfarrt war
Da die MutterkirchenTüre gerade offen stand aus dem kurzen dicken Turme wurde
etwas geblasen worein wieder der Viehhirt blies so ging er ein wenig hinein
denn unter allen öffentlichen Gebäuden besucht er Kirchen am liebsten als
Eispaläste an deren leere Wände das Altarlicht seiner frommen Phantasie sich
mit Glanz und irrenden Farben am schönsten brach und umhergoss Es wurde drinnen
getauft Der Täufer und der Täufling schrien sehr vor dem Taufengel Vier oder
fünf Menschen waren nach ihrer Art sonntäglich blasonniert graviert mit
getriebner Arbeit vom Schneider bedeckt nur aus den vornehmsten KirchenLogen
den adeligen schaueten Mägde die Arme in blaue Schürzen wie in UnterSchals
gewickelt im deminégligé des Wochentags heraus WirtschaftsKleidung in
heiliger Stätte war ihm harter Misston Der Pate des getauften Urenkels war der
Urgroßvater desselben der das Schreihälschen kaum halten konnte vor Jahren und
dessen abgepflückte winterliche nackte Gestalt Walten besonders dadurch ins Herz
drang dass der alte Mann fünf oder sechs schneeweiße Haare mehr nicht zu einem
grauen Zöpflein zusammengesammelt und gedreht hatte um sich zu zeigen
Dass der alte Mensch dem jungen so nahe war das Kind des Grabes dem Kinde
der Wiege die gelben Stoppeln dem heitern Maienblümchen das rührte den Notar
noch eine Stunde über das Dorf hinaus »Spielet doch Kindtaufens« sagt er zu
einigen Kindern die ein Kreuz trugen und Begrabens spielen wollten Gerade aus
dem Herzen flog ihm in den Kopf der Streckvers
»Spielet jauchzend bunte Kinder Wenn ihr einst wieder Kinder werdet bückt
ihr euch lahm und grau unter dem weinerlichen Spiele bricht der Spielplatz ein
und überdeckt euch Wohl auch abends blüht im Osten und Westen eine Aurora aber
das Gewölke verfinstert sich und keine Sonne kommt O hüpfet lustig ihr
Kinder im Morgenrot das euch mit Blüten bemalt und flattert eurer Sonne
entgegen«
Die Zauberlaterne des Lebens warf jetzt ordentlich spielend bunte laufende
Gestalten auf seinen Weg und die Abendsonne war das Licht hinter den Gläsern
Sie wurden gezogen und es musste vor ihm vorüberlaufen unten im Strom ein
Messschiff ein niedriger Dorfkirchhof an der Straße über dessen Rasenmauer ein
fetter Schosshund springen konnte eine Extrapost mit vier Pferden und vier
Bedienten vornen der Schatte einer Wolke nach ihr ins Licht der Schatte
eines Rabenzugs zerrissene hohe graue Raubschlösser ganz neue eine
polternde Mühle ein zu Pferde sprengender Geburtshelfer der dürre
Dorfbalbier mit Schersack ihm nachschiessend ein dicker überröckiger
Landprediger mit einer geschriebenen Erntepredigt um für die allgemeine Ernte
Gott und für seine den Zuhörern zu danken ein Schiebkarren voll Waren und ein
Stab Bettler beide um die Kirmessen zu beziehen ein VorDörfchen von drei
Häusern mit einem Menschen auf der Leiter um Häuser und Gassen rot zu
numerieren ein Kerl auf seinem Kopfe einen weißen Kopf von Gips tragend der
entweder einen alten Kaiser oder Weltweisen vorstellen sollte oder sonst einen
Kopf ein Gymnasiast spitz auf einem Grenzstein sesshaft mit einem LeihRoman
vor den Augen um sich die Welt und Jugend poetisch ausmalen zu lassen und
endlich oben auf ferner Höhe und doch noch zwischen grünen Bergen ein
vorschimmerndes Städtchen worin Gottwalt übernachten konnte und die helle
Abendsonne zog alle Spitzen und Giebel sehr durch Gold ins Blau empor
»Wir sind laufende Strichregen und bald herunter« sagt er als er auf
einem Hügel bald rück bald vorwärts sah um die Kette der auseinandereilenden
Gestalten zu knüpfen Da stieg ihm ein BilderHändler mit seiner auf eine Walze
gefädelten flatternden BilderBibel und BilderGalerie auf dem Nabel nach und
fragte ob er nichts kaufe »Ich weiß gewiss dass ich nichts kaufe« sagte Walt
und gab ihm zwölf Kreuzer »aber lassen Sie mich ein wenig dafür darin
herumblättern«
»Wer lieber als ich« sagte der Mann und bog seinen Torax zurück und sein
Bilderbuch ihm entgegen Hier fand der Notar wieder die stehenden Bilder der
laufenden Bilder das Leben fuhr mit Farben auf dem Papiere durcheinander die
halbe Welt und RegentenGeschichte Potentaten und herkulanische TopfBilder
und Hanswürste und Blumen und MilitärUniformen und alles überlud den Magen des
Mannes »Wie heißt das Städtlein droben« sagte Walt »Altfladungen mein
lieber Herr und die Berge dort sind eine prächtige Wetterscheide sonst hätte
uns vorgestern das liebe Gewitter alles angezündet versetzte der Bildermann
indes hab ich noch schöne aparte Stücke zum Ansehen« und blätterte das bunte
HängWerk mit beiden Händen auf Walts Auge fiel auf eine Quodlibetszeichnung
auf welcher mit Reissblei fast alle seine heutigen WegObjekte wie es schien
wild hingeworfen waren Von jeher hielt er ein sogenanntes Quodlibet für ein
Anagramm und Epigramm des Lebens und sah es mehr trübe als heiter an jetzt
aber vollends denn es stand ein Januskopf darauf der wenig von seinem und
Vults Gesichte verschieden war Ein Engel flog über das Ganze Unten stand
deutsch »Was Gott will ist wohlgetan« dann lateinisch »quod Deus vult est
bene factus« Er kaufte für seinen Bruder das tolle Blatt
Der Bildermann verließ den Hügel mit Dank Walt heftete das von dem
Vorüberzuge unseres malenden und gemalten Lebens gerührte SeelenAuge auf den
wetterscheidenden Berg der ganz unter den Rosen der Sonne mit einzelnen
FelsenSchneiden und mit Schafen glühte und er dachte
»So fest steht er nun ewig da früh als noch keine Menschen hier waren
schnitt er auch die schweren Wetterwolken entzwei und zerbrach ihre Donnerkeile
und machte es hell und schön im Tale ohne Augen Und wie tausendmal mag das
Abendrot im Frühlingsglanz herrlich ihn vergoldet haben da noch kein Leben
unten stand das in die Herrlichkeit mit Träumen versank Bist du denn
nicht du große Natur gar zu unendlich und zu groß für die armen Kleinen hier
unten die nicht jahrelang geschweige Jahrtausende glänzen können ohn es zu
zeigen Und dich o Gott hat noch kein Gott gesehen Wir sind ganz gewiss
klein«
Je mehr es Abend wurde desto mehr ging das epische Gefühl in das süße
romantische über und hinter den RosenBergen wandelte wieder Wina in Gärten
Denn der Abend färbet zugleich die optischen und geistigen Schatten bunter an
Er sehnte sich nach einem fremden Menschenworte zuletzt drängt er sich an
einen Mann der einen Schiebekarren voll Wolle ungemein langsam schob und immer
stand und nach der Sonne sah
Er sei sagte dieser sehr bald aufgeregt sonst nur ein Hutmann gewesen und
habe auf einem gläsernen Horn sein Vieh so in der Stadt zusammengeblasen dass
mancher Hutmann etwas daran gewendet hätte wenn ers Blasen halb so hätte lernen
können Nicht ein jedweder sei es kapabel Und er wünschte zu wissen ob andern
Hirten ihr Vieh so nachgegangen wenn sie durch die Elbe vorausgewatet ihm sei
es wie Soldaten nachgezogen und Gott behüt ihn dass er sich dessen rühmte
aber wahr seis
Der Notar hatte über nichts soviel Freude als wenn arme Teufel die niemand
lobte sich selber lobten »Ich schiebe noch ganzer fünf Stunden durch« sagte
der Mann den der Anteil ins Reden setzte »die frische Nacht hab ich dazu sehr
gern« »Das kann ich mir leicht denken mein Alter sagte Walt der den
unvergesslichen dichterischen Mann von Tockenburg vor sich glaubte im
zweiräderigen Schäferhäuschen wo Er doch meist im Frühling schläft hatt Er ja
den ganzen Sternenhimmel vor sich wenn Er aufwachte Ihm ist die Nacht gewiss
besonders lieb«
»Ganz natürlich denk ich« versetzte der Schäfer »denn sobalds frisch
wird und es tapfer tauet so zieht die Wolle die Nässe etwas an sich und schlägt
mehr ins Gewicht das muss ein rechtschaffener Schäfer wissen Herr Denn zum
Zentner wills doch immer etwas sagen wenns auch nicht viel ist«
Da ließ ihn Walt mit einer zornigen guten Nacht stehen und eilte dem
rauchenden Bergstädtchen zu wo er nach den heutigen Dörfern zu schließen im
Nachtquartier unter solche Abenteuer zu geraten verhoffte die vielleicht ein
anderer mit Wurzeln und Blüten geradezu ausheben und in einen Roman verpflanzen
könnte
Nr 43 Polierter Bernsteinstengel
Schauspieler der Maskenherr der Eiertanz die Einkäuferin
Er kehrte im Ludwig XVIII ein weil der Gasthof vor dem Tore lag vor dessen
Fragmaschinen er nie gern vorbeiging nämlich stillstand Das erste Abenteuer
war sogleich dass ihm der Wirt ein Zimmerchen abschlug es sei alles von
Fränzels Truppe besetzt sagte der LudwigsWirt der höhere Posten und
Stockwerke nur solchen die auf den höheren des Wagens und der Pferde kamen
aufschloss hingegen den Fußboden Fussboten anwies Walt sah sich gezwungen den
lauten Markt der Gaststube mit der Aussicht zu bewohnen dass wenigstens sein
Schlafkämmerlein einsam sei
Er setzte sich in den halbrunden Ausschnitt eines Wandtisches hinein und zog
einen Hausknecht da er nahe genug vorüberkam gelegentlich an sich und trug ihm
höflich seine Bitte um Trinken vor die er mit drei guten Gründen unterstützte
Ohne Gründe hätt ers sechs Minuten früher bekommen Am Klapptischchen tat er
nichts als in einem fort die Schauspieler und spielerinnen im allgemeinen
hochachten die aus und eingingen dann noch besonders an ihnen hundert
einzelne Sachen unter andern den mit dem Glättzahn aufgestrichenen MannsHabit
die entgegengesetzten Schwimmkleider der Weiber die allgemeine hohe
Selbstschätzung wodurch jeder Akteur leicht der Münzmeister seiner
Preismedaillen und sein eigener Chevalier dhonneur war und jede Aktrice leicht
ihre Dekorationsmalerin den BühnenMut in der Wirtsstube das Gefühl dass der
Sockus oder der Koturn ihre AchillesFersen beschütze die bunte Naht ihrer
Diktion die aus so vielen Stücken so gut zugeschnitten war als die Uniformen
welche sich die Frankreicher aus Bettdecken Vorhängen und allem was sie
erplünderten machten und den reinern Dialekt den er so sehr beneidete
»Darunter ist wohl keine einzige Person« dacht er »die nicht längst und oft
auf der Bühne eine rechtschaffene oder bescheidene oder gelehrte oder
unschuldige oder gekrönte gespielt« und er impfte wie Jünglinge pflegen dem
Holze der Bühne wie des Kateders und der Kanzel den Menschen ein der darauf
nur steht nicht wächset
Was ihn betrübte war dass alle Gesichter sogar die jüngsten die
AltenRollen spielten indes auf der Bühne wie auf dem Olymp ewige Jugend war
wenns der Zettel begehrte
Im Abenddunkel fiel ihm ein Mensch auf der keine Miene rückte mit allen
sprach aber hohl oft wenn ihn einer fragte statt der Antwort dicht an den
Frager trat mit dem schwarzen Blicke einmal wetterleuchtete und darauf sich
umwandte ohne ein Wort zu sagen Er schien zu Fränzels fruchtessender
Gesellschaft zu gehören dennoch schien diese wieder sehr auf ihn zu merken Der
Mann ließ sich jetzt eine Melone bringen und eine Düte Spaniol zerlegte sie
bestreuete sie damit und aß die TabaksSchnitte und bot sie an Eben kamen
Lichter herein als er den Teller dem staunenden Notar vorhielt der vollends
sah dass der Mensch eine Maske doch keine unförmliche vorhatte und der
bekannten eisernen glich die so alte Schauder in seine Phantasie geworfen Walt
bog und schüttelte sich es war ihm aber einiges lieb und er trank
Darauf stieg die Maske auch diese Phrasis wenn ein Wort eine ist war ihm
ein schwarzbedeckter Wagen der Tote und Tiger führen konnte auf einen
Fensterstock machte das Oberfenster auf und fragte einige Akteurs ob sie ein
Ei durch das Fenster zu werfen sich getraueten »Warum« sagte der eine »warum
nicht« der andere Die Maske machte aber mit etwas Verstecktem in der Hand
einige Linien in die Luft und versetzte kalt »Jetzt vielleicht keiner mehr« Er
wolle alle Eier zweifach bezahlen sobald einer nur eines durchwerfe sagt er
Ein Akteur nach dem andern schleuderte alle Eier fuhren schief die Maske
verdoppelte den Preis der Aufgabe es war unmöglich Walt der sonst auf dem
Lande so oft in die Schleudertasche gegriffen tat die Geldtasche auf und
bombardierte gleichfalls mit einem Groschen Eier ebensogut hätt er eine Bombe
geworfen ohne Mörser Eine ganze Bruttafel und Poularderie von Dottern floss von
den Fenstern hernieder
»Es ist gut« sagte die Maske »aber noch bis morgen abend um diese Zeit
bleibt die eierfeindliche Kraft im Fenster dann kann jeder durchwerfen« und
so ging er hinaus Der Wirt lächelte ohne sonderlich zu bewundern gleichsam
als schien er mehr zu berechnen dass er morgen auf seiner Rechentafel aus
diesen Eiern die beste Falkonerie von Raubvögeln ausbrüten könnte die ihm je in
Fängen einen Fang zugetragen
Da die Maske nicht sogleich wiederkam so ging der Notar mit dem Gedanken
»Himmel was erlebt nicht ein Reisender in Zeit von 12 Stunden« auch hinaus
als sei er nach neuen Wundern hungrig nach seiner Weise die Vorstadt im
Zwielicht zu durchschweifen Eine Vorstadt zog er der Stadt vor weil jene diese
erst verspricht weil sie halb auf dem Lande an den Feldern und Bäumen liegt
und weil sie überall so frei und offen ist
Er ging nicht lange so traf er unter den hundert Augen in die er schon
geblickt auf ein Paar blaue welche tief in seine sahen und die einem so
schönen und so gut gekleideten Mädchen angehörten dass er den Hut abzog als sie
vorbei war Sie ging in ein offenes Kaufgewölbe Da unter den festen Plätzen
ein Kaufladen das ist was unter den beweglichen ein Postwagen nämlich ein
freier wo der Romanschreiber die unähnlichsten Personen zusammenbringen kann
so behandelte er sich als sein SelbstRomanschreiber und schaffte sich unter die
Schnittwaren hinein aus welchen er nichts kaufte als ein Zopfband um doch
einigermaßen ein Band zwischen sich und dem BlauAuge anzuknüpfen
Das schöne Mädchen stand im Handel über ein Paar gemslederne Mannshandschuh
stieg im Bieten an einer Kreuzerleiter hinauf und hielt auf jeder Sprosse eine
lange Schmährede gegen die gemsledernen Handschuhe Der bestürzte Notar blieb
mit dem Zopfband zwischen den Fingern so lange vor dem Ladentisch bis alle
Reden geendigt die Leiter erstiegen und die Handschuhe kaufsunlustig dem
Kaufmann zurückgeworfen waren Walt der sich sogar scheute sehr und bedeutend
in einen Laden zu blicken bloß um keine vergeblichen Hoffnungen eines großen
Absatzes im Vorbeigehen in der feilstehenden Brust auszusäen schritt erbittert
über die Härte der Sanftäugigen aus dem Gewölbe heraus und ließ ihre Reize wie
sie die Handschuhe stehen Schönheit und Eigennutz oder Geiz waren ihm
entgegengesetzte Pole Im Einkaufe nicht im Verkaufe sind die Weiber weniger
großmütig und viel kleinlicher als die Männer weil sie argwöhnischer
besonnener und furchtsamer sind und mehr an kleine Ausgaben gewöhnt als an
große Das BlauAuge ging vor ihm her und sah sich nach ihm um aber er sah sich
nach der BriefPost um deren Horn und Pferd ihm nachlärmte Am Postorne wollte
seiner Phantasie etwas nicht gefallen ohne dass er sichs recht zu sagen wusste
bis er endlich herausfühlte dass ihn das Horn sonst das Füllhorn und Fühlhorn
seiner Zukunft jetzt ohne alle Sehnsucht ausgenommen die nach einer dastehen
lasse und anblase weil der Klang nichts male und verspreche als was er eben
habe fremdes Land Auch mag das oft den Menschen kalt gegen Briefpostreiter
unterwegs machen dass er weiß sie haben nichts an ihn
Im Ludwig XVIII fand er die Briefpost abgesattelt Diese fragte ihn da er
sie sehr ansah wie er heiße Er fragte warum Sie versetzte falls er heiße
wie er hieß so habe sie einen Brief an seinen Namen Er war von Vults Hand Auf
der Adresse stand noch »Man bittet ein löbliches Postamt den Brief falls Hr
H nicht in Altfladungen sich befinden sollte wieder retour gehen zu lassen an
Hrn van der Harnisch beim Teaterschneider Purzel«
Nr 44 Katzengold aus Sachsen
Abenteuer
Der Brief von Vult war dieser
»Ich komme erst jetzt aus den Federn indes Deine Dich wohl schon
werstenweit getragen oder Du sie und schreibe eilig ohne Strümpfe damit
Dich mein Geschriebenes nur heute noch erreitet Es ist 10 Uhr um 10 12 Uhr
muss der Traum auf die Post
Ich habe nämlich einen so seltsamen und prophetischen gehabt dass ich Dir
ihn nachschicke gesetzt auch Du lachst mich einen Monat lang aus Deine ganze
heutige und morgende Reiseroute hab ich klar geträumet Belügt mich der
Quintenmacher von Traum und trifft er Dich in Altfladungen nicht an worauf ich
schwören wollte so läuft er retour an mich und es ist die Frage ob ich ihn
einem Spottund Spassvogel wie Du dann je vorzeige
Ich sah im Traum auf der Landzunge einer Wolke sitzend die ganze
nordöstliche Landschaft mit ihren BlütenWiesen und Miststätten dazwischen hin
eine rennende schmale gelbröckige jubelnde Figur die den Kopf bald vor sich
bald gen Himmel bald auf den Boden warf und natürlich warst Du es Die
Figur stand einmal und zog ihr Beutelchen dann fuhr sie in Härmlesberg in den
Krug Darauf sah ich sie oben auf meiner Wolkenzinne durch das RosanaTal
ziehen den Bergrücken hinauf vor Dörfern vorbei In Grünbrunn verschwand sie
wieder im Krug Wahrhaftig dichterisch wars vom Traumgott gedacht dass er mich
allzeit 6 Minuten vorher eh Du in einen Krug eintratest ein Dir ganz
ähnliches Wesen vorher hinschlüpfen sehen ließ nur aber glänzender viel
schöner mit Flügelchen wovon bald ein dunkelblauer bald ein hellroter Strahl
so wie es sie bewegte meinen WolkenSitz ganz durchfärbte ich vermute also
dass der Traum damit nicht Dich denn den langhosigen Gelbrock zeigt er mir zu
deutlich sondern Deinen Genius andeuten wollte«
Vor Bewegung konnte Walt kaum weiterlesen denn jetzt fand er das Rätsel
fast aufgelöst wenn nicht verdoppelt durch ein größeres warum nämlich der
Härmlesberger Wirt seinen Namen kannte warum bei dem Grünbrunner derselbe dem
Kinde im Schreibbuche vorgezeichnet war und warum er bei dem Bildermann das
seltsame Quodlibet gefunden Ordentlich aus Scheu nun weiter und tiefer in die
aufgedeckte Geisterwelt des Briefs hineinzusehen erhob er in sich einige
Zweifel über die Wahrhaftigkeit desselben und fragte den trinkenden Postreiter
wann und von wem er den Brief bekommen »Das weiß ich nicht Herr« sagt er
spöttisch »was mir mein Postmeister gibt das reit ich auf die Station und
damit Gott befohlen« »Allerdings« sagte Walt und las begierig weiter
»Darauf sah ich Dich wieder ziehen durch viele Örter endlich in eine
Kirche gehen Der Genius schlüpfte wieder voraus hinein Abends standest Du auf
einem Hügel und nahmest im Städtchen Altfladungen Nachtquartier Hier sah ich
vor der Wirtshaustüre Deine verherrlichte Gestalt nämlich Deinen Genius mit
einem dunklen behangnen Wesen kämpfen dessen Kopf gar kein Gesicht hatte
sondern überall Haare«
»Gott« rief Walt »das wäre ja der MaskenMensch«
»Das Wesen ohne Gesicht behauptete die Türe aber der Genius fuhr als eine
Fledermaus in die Dämmerung zu mir hinauf sprengte dicht an meiner
WolkenSpitze seine Flügel wie Krebsscheren ab und hinab und fiel als Maus oder
Maulwurf in die Erde etwa eine Meile von Altfladungen und schien fortzuwühlen
denn ich sah es am Wellenbeete bis wieder zu Dir und warf unweit einer
Kegelbahn einen Hügel auf Es schlug acht Uhr in den Wolken um mich herum da
kam das Ungesicht zum Hügel und steckte etwas wie eine Maulwurfsfalle hinein Du
aber warst hinterher zogst sie heraus und fandest indem Du damit bloß den
ErdGipfel wegstrichest einige hundert jährige Friedrichsdor die der
Genius Gott weiß aus welcher Tiefe und Breite vielleicht aus Berlin gerade an
die Stelle für Dich hergewühlt«
Jetzt kam wirklich die Maske wieder Walt sah sie schauernd an hinter der
Larve steckte gewiss nur ein Hinterkopf dacht er Es schlug dreiviertel auf
acht Uhr Der Mann ging unruhig auf und ab hatte ein rundes schwarzes Papier
das wie er einem Akteur sagte an Herzens Statt auf dem Herzen eines
arkebusierten Soldaten zum Zielen gehangen und schnitt ein Gesicht hinein
wovon Walt im Tagebuch schreibt »Es sah entweder mir oder meinem Genius gleich
Die unabsehliche Winternacht der Geister wo die Sphinxe und Masken liegen und
gehen und nicht einmal sich selber erblicken schien mit der Larve
herausgetreten zu sein ins Sommerlicht des Lebens«
Da es acht Uhr schlug ging die Larve hinaus Walt ging zitterndkühn ihr
nach im Garten des Wirtshauses war ein Kegelschub und der Notar sah wobei er
mäßig zu erstarren anfing wirklich die Larve einen Stab in einen Maulwurfshügel
stecken Kaum war sie zurück und weg so nahm er den Stab als ein Streichholz
und rahmte sozusagen den Hügel wie Milch ab Die Sahne einiger verrosteten
Friedrichsdor konnt er wirklich einschöpfen mit dem Löffel
Die wenigen haltbaren Gründe warum der Notar nicht auf die Stelle fiel und
in Ohnmacht bringt er selber bei im Tagebuch wo man sie weitläuftiger
nachlesen kann obgleich zwei schon viel erklären nämlich der dass er ein
Strom war der gegen die stärkste Gegenwart heftig anschlug indes ihn bloß der
auflösende LuftHimmel der Zukunft dünn und verfliegend in die Höhe zog wie er
nur wollte Jetzt aber nach dieser Menschwerdung des Geisterwesens stand Walt
neben seinesgleichen Der zweite Grund warum er stehenblieb war weil er im
Briefe weiter lesen und sehen wollte was er morgen erfahren und welchen Weg er
nehmen werde »Es war wahrhaftig das erstemal in meinem Leben« schreibt er
»dass ich mich der seltsamen Empfindung nahte ordentlich so hell wie über eine
Gegenwart hinweg in eine Zukunft hineinzusehen und künftige Stunden zweimal zu
haben jetzt und einst«
In der Gaststube war die Maske nicht mehr Er las herzklopfend die Marsch
und Lebensroute des Morgens
»Darauf wurde der Traum wieder etwas menschlicher Ich sah wie am Morgen
darauf Dein Genius und das UnGesicht Dir auf zwei verschiedenen Wegen
vorflogen um Dich zu locken Du folgtest aber dem Genius und gingest statt nach
St Lüne lieber nach Rosenhof Darüber fiel das UnGesicht in Stücken herab
einen Totenkopf und einige Knochen sah ich deutlich von der Wolke Der Genius
wurde in der Ferne eine helle Wolke ich glaub aber mehr dass er sie nur um
sich geschlagen Du trabtest singend aus Deinem Mittagsquartier namens Joditz
durch eine Landschaft voll Lustschlösser bis an die Rosana die Dich so lange
aufhielt bis Dich die FährAnstalt hinübergefahren hatte in die passable Stadt
Rosenhof Mir kams vor soweit ich die tief in den Horizont hinunterliegende
Stadt erkennen konnte als habe sich über ihr der Genius in ein großes
blendendes Gewölke auseinandergezogen und Dich und die Stadt zuletzt darin
aufgefasset bis die Wolkenstrecke unter immer stärkerem Leuchten und Auswerfen
von Sternen und Rosen und Gras zugleich mit meinem Traume auseinanderging
Und damit wollt er denk ich nur bedeuten dass Du Dich im Städtlein recht
divertieren und darauf auf den Heimweg machen würdest
Wie eine solche Träumerei in meinen Kopf gekommen lässt sich nur dadurch
begreiflich machen dass ich seit gestern immer Deinen eignen mit seiner Romantik
darin gehabt
Ich wollte Dein Name wäre so berühmt dass der Brief Dich fände wenn bloß
darauf stünde an Hrn H auf der Erde wie man zB an den Mann im Monde recht
gut so adressieren kann Die schönste Adresse hat jener allein an den man bloß
die Aufschrift machen braucht an Den im Universum
Reise klug wie eine Schlange Bruder Habe viele Weltkenntnis und glaube
nicht wie Du Dir einmal merken lassen es sei tunlich dass sich auf der
Briefpost blinde Passagiere aufsetzen könnten oder auch sehende und lass
ähnliche Fehlschlüsse Sei verdammt selig und lebe von den alten
Friedrichsdoren die der Maulwurf ausgeworfen in einigem Saus und Braus
Erkies o Freund nur kein Trauerpferd zu einem Steckenpferd da ohnehin jedes
Kreuz vom Ordenskreuze an bis zum Eselskreuz herab entweder genug trägt oder
genug drückt Meide die große Welt möglichst ihre Hopstänze sind aus Fmoll
gesetzt Das Schicksal nimmt oft das dicke Süssholz an welchem die Leute käuen
als einen guten Prügel vor und prügelt sie sehr Ich wünschte doch nicht dass
Du gerade auf der ersten Stufe des Trons gleich neben dem Fürstenstuhlbein
ständest wenn ihn der neue Regent zur Krönung besteigt und dass er Dich dann zu
etwas erhöbe in den Adelstand zu einem Kammer oder Jagdjunker oder so wie
ein solcher Regent wohl pflegt weil er in seiner neuen Regierung gerade nichts
früher macht als das Edelste nämlich Menschen dh KammerHerrn Edelleute
usw und erst später den Staat und dessen Glück so wie die alten Teologen34
behaupten dass Gott die Engel vor der Erde und zwar darum erschaffen damit sie
ihn nachher bei deren Schöpfung lobten
Ich wünscht es nicht sag ich dass Du dem jungen neugebacknen und
neubackenden Fürsten die gedachte Ehre antätest und eine annähmest wahrlich
ein Thron wird wie der Vesuv gerade höher durch Auswerfen von Höhen und Hohen
um ihn her und mein Grund ist dieser weil Du gesetzt Dir würde irgendeine
bedeutende männliche oder weibliche Hof ja RegierungsCharge zuteil doch
nicht eher ein ruhiges Leben und eine starke Pension bekämest als nach einem
tapfern verflucht großen Fehltritt oder bei gänzlicher Untauglichkeit zu irgend
etwas worauf der Hofmensch Abschied und Pension begehrt und nimmt gleich dem
verurteilten Sokrates der sich eine ähnliche Strafe vor Gericht diktierte
nämlich lebenslänglichen Freitisch als Prytan wie untüchtig aber Du zu rechter
Untüchtigkeit bist das weißt Du am besten Kannst du wählen auf deiner
SpannenReise so besuche lieber den größten europäischen Hof als die kleinsten
deutschen welche jenen in nichts übertreffen in den Vorzügen am wenigsten als
in den Nachteilen wie man denn wahrgenommen dass auch die Seekrankheit was sie
gibt und nimmt kennst Du viel ärger würgt auf Seen als auf Meeren Suche dein
Heil an Höfen mehr in groben Taten als in groben Worten diese werden schwerer
verziehen Ein Hofmann vergibt zwar leicht aber mit Gift Auf diesen
schlüpfrigen Abhängen des Trons betrage Dich überhaupt ganz trefflich und
bedenke dass man da wie die Griechen zu Homers35Zeiten die Verwünschungen nur
leise zu tun habe weil die lauten auf den Urheber zurückspringen Sage
Fürsten Markgrafen Erzherzogen Königen zwar die Wahrheit aber nicht gröber
als jedem ihrer Bedienten um Dich von republikanischen Autoren zu
unterscheiden die sich lieber vor Verlegern als vor Potentaten bücken Gegen
MalteserDamen Konsulesse Hof und andere Damen vom höchsten Rang sei kein
Pariser Bisamschwein dh keine parfümierte Bestie kein verbindlicher Grobian
der auf die manierlichste Weise von der Welt des Teufels gegen sie ist Sei der
schönste langgewachsenste schlankeste Mann von 30 Jahren der mir noch
vorgekommen Kurz bleibe ein wahres Musterbild bitt ich Dich als Bruder
Überhaupt sei passabel
Ich schließe den längsten ernstaften Brief den ich seit zehn Jahren
geschrieben denn es schlägt 10 12 Uhr und er soll durchaus noch fort Himmel
aber wo magst du jetzt sein Vielleicht schon mehr als werstenweit von unserm
Hasslau und erfährest nun an dir selber wie leicht es großen Reisen wird den
Menschen auszubälgen und umzustülpen wie einen Polypen und was es auf sich
habe wenn Häfen und Märkte und Völker vor uns vorübergehen oder wir was
dasselbe ist vor ihnen und wie es einem ziemlich schwer ankommt nicht zu
verächtlich auf Stubenhocker herabzusehen die vielleicht noch nie über 10
Meilen weit von ihrem Sparofen weggekrochen und für welche ein Urteil über ein
paar Reisende wie wir eine Unmöglichkeit ist Solche Menschen sollten Freund
nur einmal an ihrer eignen Haut erfahren wie schwer das britische Gesetz dass
Leute die aus der Stadt kommen denen ausweichen sollen die in selbige reisen
36 manchem Weltmann moralisch zu halten falle sie sähen uns beide anders an
Fahre wohl Folge mir noli nolle
v d H
Postscr Hebe diesen Brief im Falle du ihn bekommst sonst nicht auf es
sind Gedanken darin für unsern Hoppelpoppel«
Nr 45 Katzenauge
Ess und TrinkWette das Mädchen
Es mag nun hinter dem Traum ein Geist oder ein Mensch stecken dachte Walt
eines der größten Abenteuer bleibt er immer Das schwang ihn über die ganze
Stube voll Gäste weg er fuhr auf dem romantischen Schwanzstern über die Erden
hinaus die wir kennen Die Friedrichsdore von denen er viel vertun wollte
waren die goldnen Flügeldecken seiner Flügel und er konnte ohne Eingriffe in
den väterlichen Beutel sich ein Nössel Wein ausbitten gesetzt auch der Elsasser
Testator komme wieder auf
So froh gestimmt und leicht gemacht bahnte er sich durch das teatralische
Gewimmel der Stube seinen beständigen Hin und Herweg wie durch ein Kornfeld
streifte oft an Chemisen vorbei stand vor manchen Gruppen still und lächelte
kühn genug in fremdes Gespräch hinein Jetzt trat die Blauäugige welche keine
Mannshandschuhe gekauft ins Zimmer Der Direkteur der Truppe schnaubte
öffentlich Winen so verkürzt er Jakobine hart an weil sie ihm zu teuere
Handschuhe mitgebracht Mit Vergnügen entschuldigte Walt innerlich ihren
Handelsgeist mit der alten TheaterEinrichtung solcher Truppen dass sie nichts
übrig haben und dass aller Goldstaub nur Geigenharzpulver ist das man in ihr
Feuer wirft Das Mädchen heftete während der rohe Direkteur um sie donnerte
die heitersten Blicke auf den Notarius und sagte endlich der Herr da möge doch
den Ausspruch tun und zeugen Er tats und zeugte stark
Aber der Donnerer wurde wenig erschüttert Da trat die Maske wieder ein
Walt scheuete seinen bösen Genius Sie schien ihn wenig zu bemerken aber desto
mehr den geizigen Prinzipal Endlich brachte sie es durch leises Disputieren
dahin dass zu einer Wette der Regisseur 10 Taler in Silber auf den Tisch legte
und jene ebensoviel in Gold
Eine Flasche Wein wurde gebracht eine Schüssel ein Löffel und eine
neugebackne ZweipfenningSemmel Es wurde nun vor dem ganzen StubenPublikum die
Wette publiziert dass der MaskenHerr in kürzerer Zeit eine Flasche Wein mit dem
Löffel aufzuessen verspreche als der Direkteur seine Semmel hinunterbringe und
dass dieser wie gewöhnlich bei Wetten gerade auf das Umgekehrte wette Da die
Wette gar zu ungleich schien so beneideten die meisten Hintersassen des
TheaterLehnsherrn ihrem Vorgesetzten das ungeheure Glück so leicht bloß
durch ein SemmelEssen zwei preußische Goldstücke die nicht einmal aus dem
Lande ausgeführt werden dürfen in seines einzuführen
Alles hob an der Larvenherr hielt die Weinschüssel waagrecht am Kinn und
fing das schnellste Schöpfen an
Der Groß und Broterr der Truppe tat einen der unerhörtesten Bisse in die
Semmel so dass er wohl die Halb oder DrittelsKugel sich ausschnitt Jetzt aß
er unbeschreiblich er hatte eine halbe Weltkugel auf dem Zungenbein zu
bewegen zu zerstücken zu mazerieren also auf trocknem und nassem Weg zugleich
zu scheiden was er von DienstMuskeln in der WettHöhle besaß musste aufstehen
und sich regen er spannte und schirrte den Beiss und den SchläfeMuskel an die
bekanntlich immer zusammenziehen ferner den innern Flügelmuskel den äußern
und den zweibäuchigen die Muskeln drückten nebenher die nötigsten
Speicheldrüsen um Menstrua und Alkaheste zu erpressen der zweibäuchige die
Kieferdrüse der Beissmuskel die Ohrdrüse und so jeder jede Aber wie in einem
Ballhause wurde der Magenball im Munde hin und hergeschlagen die Kugel womit
er alle zehn Taler wie Kegel in den Magen schieben wollte wollte durchaus die
Schlundbahn nicht ganz passieren sondern halb und in kleinen Divisionen wie
ein ArmeeKern Auf diese Weise indessen verlor der teatralische Kommandeur
der den Larvenherrn unaufhörlich und ungehindert schöpfen sehen musste eine
unschätzbare Zeit und indem er den Teufels mühsam cahiersweise oder in
Rationen ablieferte und schluckte hatte der WettHerr schon zwei Drittel mit
dem Löffel leicht aufgetrunken
Außer sich wirkte Fränzel in alle seine Muskeln hinein mit den
Ceratoglossis und den Genioglossis plattiert er die Zunge mit den Styloglossis
exkaviert er sie darauf hob er Zungenbein und den Kehlkopf empor und stieß
die UnglücksKugel wie mit Ladstöcken hinab An anatomischen SchlingRegeln
fehlt es ihm gar nicht
Noch lag eine ganze DrittelsSemmel vor ihm und der Larvenherr
inkorporierte schon zusehends das vierte Viertel sein Arm schien ein
Pumpenstiel oder sein Löffel
Der Unglückliche schnappte nach der zweiten Hemisphäre der Höllenkugel in
Betracht der Zeit hatt er ein entsetzliches Divisionsexempel vor sich oder in
sich eine lange Analyse des Unendlichen er schaute käuend die Zuschauer an
aber nur dumm und dachte sich nichts bei ihnen sondern schwitzte und malmte
verdrießlich vor sich die zwanzig Taler auf dem Tische sah er grimmig an und
wechselnd den LöffelSäufer zu reden war keine Zeit und das Publikum war ihm
nichts die elende Pechkugel vom Drachen konnt er nicht einmal zu Brei
zersetzen es floss ihm nicht ans Schlucken durft er gar nicht denken indes
er sah wie der Maskenherr den Wein nur noch zusammenfischte
Das fühlt er wohl sein Heil und Heiland wäre man gewesen hätte man ihn
auf der Stelle in eine Schlange verkehrt die alles ganz einschluckt oder in
einen Hamster der in die Backentaschen versteckt oder ihm den Tyreopalatinus
ausgerissen der die Esswaren hindert in die Nase zu steigen
Endlich schüttete der Maskenherr die Schüssel in den Löffel aus und
Fränzel stieß und worfelte den Semmel globe de compression noch hin und her
so nahe am erweiterten Schlundkopfe aber ohne das geringste Vermögen die
Semmel durch das so offene Höllentor zu treiben so gut er auch aus den
anatomischen Hörsälen wusste dass er in seinem Maule über eine MuskelHebekraft
von 200 Pfund zu befehlen habe
Der Larvenherr war fertig zeigte endlich dem Publikum die leere Schüssel
und die vollen Backen des Direkteurs und strich das Wettgeld mit der Rechten in
die Linke unter der Bitte Hr Fränzel solle wenn er etwas darwider und die
Semmel schon hinunter habe bloß das Maul aufmachen Fränzel tats auch aber
bloß um den teuflischen Fangeball durch das größere Tor davonzuschaffen Der
Maskenherr schien froh zu sein und bot dieselbe Wette wieder aus bei welcher er
glänzende Erleichterungen vorschlug zB statt einer Semmel bloß einen ganzen
kleinen Kuh oder Ziegenkäse kaum Knie oder SemmelScheiben groß auf einmal
in den Mund zu nehmen und hinabzuessen während er trinke ut supra aber man
dachte sehr verdächtig von ihm und niemand wagte
Den Notar hätte der Direkteur zu sehr gedauert wenn er vorhin die schöne
Blondine sanfter angefahren hätte Diese saß und nähte und hob sooft sie mit
der Nadel aufzog die großen blauen Augen schalkhaft zu Walten auf bis er sich
neben sie setzte scharf auf die Naht blickte und auf nichts dachte als auf eine
schickliche Vorrede und Anfurt Er konnte leicht einen Gesprächsfaden lang und
fein verspinnen aber das erste Flöckchen an die Spindel legen konnt er schwer
Während er neben ihr so vor seiner eignen Seele und Gehirnkammer
antichambrierte schnellte sie leicht die kleinen Schuhe von ihren Füßen ab und
rief einen Herrn her um sie an den Trockenofen zu lehnen Mit Vergnügen wär er
selber aufgesprungen aber er wurde zu rot ein weiblicher Schuh denn er gab
fast dessen Fuß darum war ihm so heilig so niedlich so bezeichnend wie der
weibliche Hut so wie es am Manne sein Schuh ist nichts nur der Überrock ist
und an den Kindern jedes Kleidungsstück
»Ich dächte Sie sagten endlich etwas« sagte Jakobine zu Walten an dem sie
statt der Zunge den Rest mobil machte indem sie ihr Knäul fallen ließ und es am
Faden halten wollte Er lief der Glückskugel nach strickte und drehte sich aber
in den Faden dermaßen ein dass Jakobine aufstehen und diesen von seinem Beine
wie von einer Spindel abweifen musste Da sie sich nun bückte und er sich bückte
und ihre Postpapierhaut sich davon rot beschlug denn ihr schlechter
Gesundheitspass wurde außer und auf der Bühne mit roter Tinte korrigiert und er
die Röte mit Glut erwiderte und da beide sich einander so nahe kamen und in den
unordentlichsten Zwiespalt der Rede so war durch diese tätige Gruppierung mehr
abgetan und getan für Bekanntschaft als wenn er drei Monate lang gesessen und
auf ein Präludium und Antrittsprogramm gesonnen hätte Er war am
AriadnensFaden des Knäuls durch das Labyrinth des RedeIntroitus schon durch
so dass er im Hellen fragen konnte »Was sind ihre Hauptrollen« »Ich spiele
die unschuldigen und naiven sämtlich« versetzte sie und der Augenschein schien
das Spielen zu bestätigen
Um ihr rechte Freude zu machen ging er so tief er konnte ins RollenWesen
ein und sprach der stummen Nähterin feurig vor »Sie reden ja so langweilig wie
der Teaterdichter« sagte sie »oder Sie sind wohl einer Dero werten Namen«
Er sagte ihn »Ich heiße Jakobine Pamsen Hr Fränzel ist mein Stiefvater Wo
gedenken Sie denn eigentlich Hr Harnisch« Er versetzte »Wahrscheinlich nach
Rosenhof« »Hübsch« sagte sie »Da spielen wir morgen abends« Nun malte
sie die göttliche Gegend der Stadt und sagte »Die Gegend ist ganz superb«
»Nun« fragte Walt und versprach sich eine kleine Muster und Produktenkarte der
Landschaft ein dünnes Blätterskelett dasigen Baumschlags und so weiter »Aber
Was denn« sagte die Pamsen »die Gegend sag ich ist die göttlichste so man
schauen kann Schauen Sie selber nach«
Da trat der Larvenherr unbefangen hin und sagte entscheidend »Bei
Berchtolsgaden im Salzburgischen ist eine ähnliche und in der Schweiz fand ich
schönere Aber künstliche Zahnstocher schnitzen die Berchtolsgadner« und zog
einen aus der Weste dessen Griff sauber zu einem Spitzhund ausgearbeitet war
»Wer Lustreisen machen kann« fuhr er fort »mein Herr findet seine
Rechnung vielleicht besser im Badort St Lüne wo gegenwärtig drei Höfe
versieren der ganze flachsenfingische dems gehört danach der Scheerauer und
der Pestitzer und ein wahrer Zufluss von Kurgästen Ich reise morgen selber
dahin«
Der Notar machte eine matte Verbeugung denn das Geschick hatt ihn auf
diesen ganzen Abend verurteilt zu erstaunen »Allmächtiger Gott« dacht er bei
sich »ist denn das nicht wörtlich so wie in des Bruders Briefe« Er stand auf
Jakobine war aus Hasse gegen den um 10 fl reichern Larvenherm längst
weggelaufen mit dem Nähzeug in den Händen und sah am Lichte diese Briefstelle
nach »Ich sah wie am Morgen Dein Genius und das UnGesicht Dir auf zwei
verschiedenen Wegen vorflogen um Dich zu locken Du folgtest aber dem Genius
und gingest statt nach St Lüne lieber nach Rosenhof« Er sah nun zu gewiss die
Maske sei sein böser Genius Jakobine Pamsen aber nach manchem zu urteilen
sein bester und er wünschte sehr sie wäre nicht aus der Stube gegangen
Hatt er schon vorher den Entschluss gefasst lieber dem Briefe und Traume
zu folgen nach Rosenhof weil er aus Homer und Herodot und ganz Griechenland
eine heilige Furcht gelernt höheren Winken dem Zeigefinger aus der Wolke mit
frecher Willkür zu widerstehen und gegen ihn die Menschenhand aufzuheben so
wurde sein Entschluss des Gehorsams jetzt durch die Zudringlichkeit der Maske und
die Einwirkung Jakobinens und durch das Netz neu verstärkt worin Menschen und
Vögel sich der Farbe wegen fangen weil es mit der allgemeinen der Erde und
Hoffnung angestrichen ist nämlich der grünen
Jakobinen sah er nicht mehr als bloß auf ihrer Türschwelle mit einem Lichte
da er über die seines Kämmerleins trat Er überdacht es darin lange ob er
nicht gegen die Menschheit durch Argwohn verstosse wenn er den Nachtriegel
vorschiebe Aber die Maske fiel ihm ein und er stieß ihn vor Im Traume war es
ihm als werd er leise bei dem Namen gerufen »Wer da« schrie er auf Niemand
sprach Nur der hellste Mond lag auf dem Bettkissen Seine Träume wurden
verworren und Jakobine setzt ihn immer wieder in das rosenfarbne Meer ein
sooft ihn auch die Maske an einer Angel auf einen heißen SchwefelBoden
geschleudert
Nr 46 Edler Granat
Der frische Tag
Am frühen Morgen brach die Truppe wie Truppen die Zelte lärmend ab und aus dem
Lager auf Die Fuhrleute stäubten das Nachtstroh von sich Die Rosse wieherten
oder scharrten Die Frische des Lebens und Morgens sprengte brennenden Morgentau
über alle Felder der Zukunft und man hielt es sehr der Mühe wert solchen
zuzureisen Das Getöse und Streben belebte romantisch das Herz und es war als
reite und fahre man gerade aus dem ProsaLand ins DichterLand und komme noch an
um 7 Uhr wenn es die Sonne vergolde Als vor Walten die über alles blasse
Jakobine wie ein bleicher Geist einsass sah er in den Traum und Abend hinein wo
er diesen weißen Geist wieder finden auch über die Blässe fragen konnte denn
er erriet fast leichter SeelenSchminke als WangenSchminke diese rote
Herbstfarbe fallender Blätter statt der Frühlingsröte jungfräulicher Blüte
Weiße Schminke erraten Gelehrte noch schwerer oder gar nicht weil sie nicht
absehen können sagen sie wo sie nur anfange
Die Maske saß auf und sprengte seitab nach St Lüne zu Gottwalt wusste dass
wenn er den Weg nach Joditz einschlüge der weissagende Traum dass er da mittags
essen werde schon halb in Erfüllung gehe er nahm also diesen Weg Es sei
dass der zweite Reisetag an der Natur den blendenden Glanz abwischet oder dass
sein unruhiger Blick in das geweissagte Rosenhof und dessen Gaben das leise Grün
der Natur das wie ein Gemälde nur in ein stilles Auge kommt verscheuchte
genug statt des gestrigen beschaulichen Morgens hatt er jetzt einen
strebenden tätigen Er saß selten nieder er flog er stand und ging als
Befehlshaber an der Spitze seiner Tage Wär ihm Don Quijotes Rosinante auf
einer Wiese grasend begegnet er hätte sich frei auf die nackte geschwungen er
wäre sein eigener Sattel gewesen um in die romantische Welt hineinzureiten bis
vor die Haustüre einer Dulzinee von Toboso Er sah vorrübergehend in eine
hackende Ölmühle und trat hinein die Riesenmaschinen kamen ihm lebendig vor
die hauenden Rüssel die unaufhaltbaren StampfMächte und Klötze wurden von
seltsamen Kräften und Geistern geregt und aufgehoben
Durch den reinblauen Himmel brausete ein unaufhörlicher Sturm der seine
eigne Windharfe war aber nichts weht weiter in Zauber und ZukunftsLänder
als eine solche unsichtbare tönende Gewalt Geister flogen im Sturm die Wälder
und Berge der Erde wurden von Überirdischen geschüttelt und gerücktdie äußere
Welt schien so beweglich zu werden wie es die innere ist
Überall lagen auf den Felsen Ritterschlösser in den Gärten Lustschlösser
an den kleinen Rebenbergen weiße Häuserchen zuweilen da eine rotglänzende
Ziegelhütte dort das Schieferdach einer Korn oder Papiermühle Unter allen
diesen Dächern konnten die seltensten Väter und Töchter und Begebenheiten wohnen
und heraustreten und auf den Notar zugehen er versah sich dessen ohne Furcht
Als eine zweite Straße seine zu einem Kreuzwege diesem Andreaskreuze der
Zauberinnen durchschnitt so wehten ihn tiefe Sagen schauerlich aus der
Kindheit an im Brennpunkte der vier WeltEcken stand er das fernste Treiben
der Erde das Durcheinanderlaufen des Lebens umspannt er auf der wehenden
Stelle Da erblickt er Joditz wo er Vults Traume nach essen sollte Es kam ihm
aber vor er hab es schon längst gesehen der Strom um das Dorf der Bach durch
dasselbe der am Fluße steil auffahrende WaldBerg die BirkenEinfassung und
alles war ihm eine Heimat alter Bilder Vielleicht hatte einmal der Traumgott
vor ihm ein ähnliches Dörfchen aus Luft auf den Schlaf hingebauet und es ihn
durchschweben lassen37 Er dachte nicht daran sondern an Abenteuer und an die
Natur die gern mit Ähnlichkeiten auf Steinen und in Wolken und mit Zwillingen
spielet
Im Joditzer Wirtshaus wurd er wieder überrascht durch Mangel an allem
Überraschenden Nur die Wirtin war zu Hause und er der erste Gast Erst später
kam mehr Leben an ein Böheimer mit vier Verkaufschweinchen und dem Hunde aber
da dieser sehr lamentierte dass er lieber vier Herden treiben und absetzen
wollte als allemale die letzten Äser mit denen es nie ein Ende nehme so ließ
sich Walt seine Sonnenseite nicht länger zur Winterseite umdrehen sondern zog
mit einer PortativMahlzeit davon
Er gelangte in einen felsigen stillen Wald und glitt vom Weg ab und lief so
lange einer immer enger ablaufenden Schlucht nach bis er an die sogenannte
stille Stelle kam die er im Tagebuche so beschreibt
»Die Felsen drängen sich einander entgegen und wollen sich mit den Gipfeln
berühren und die Bäume darauf langen wirklich einander die Arme zu Keine Farbe
ist da als Grün und oben etwas Blau Der Vogel singt und nistet und hüpft nie
gestört auf dem Boden außer von mir Kühle und Quellen wehen hier kein
Lüftchen kann herein Ein ewiger dunkler Morgen ist da jede Waldblume ist
feucht und der Morgentau lebt bis zum Abendtau So heimlich eingebauet so
sicher eingefasset ist das grüne Stilleben hier und ohne Band mit der Schöpfung
als durch einige Sonnenstrahlen die mittags die stille Stelle an den
allgewaltigen Himmel knüpfen Sonderbar dass gerade die Tiefe so einsam ist wie
die Höhe Auf dem Montblanc fand Saussure nichts als einen Tag und einen
Nachtschmetterling was mich sehr erfreuete Am Ende wurde ich selber so still
als die Stelle und schlief ein
Ein Zaubertraum nach dem andern legte mir Flügel an die bald wieder zu
großen Blumenblättern wurden auf denen ich lag und schwankte Endlich war mir
als rufe mich eine Flöte beim Namen und mein Bruder stehe dicht an meinem Bette
Ich schlug die Augen auf allein ich hörte fast gewiss noch eine Flöte Ich wußt
aber durchaus nicht wo ich war ich sah die Baumgipfel mit GlutRot
durchflossen ich entsann mich endlich mühsam der Abreise aus Joditz und
erschrak dass ich eine ganze Nacht und den prophezeieten Abend in Rosenhof hier
verschlafen hätte denn ich hielt die Röte für Morgenröte Ich drängte mich
durch den tauenden Wald hindurch und auf meine Straße hinaus ein prächtiges
MorgenLand faltete vor mir die glühenden Flügel auf und riss mein Herz in das
allerheiterste Reich Weite Fichtenwälder waren an den Spitzen gelbrot besäumt
freilich nur durch mordende Fichtenraupen Die liebe Sonne stand so dass es der
Jahreszeit nach 5 34 Uhr am Morgen sein mochte es war aber die Wahrheit zu
sagen 6 12 Uhr abends Indes sah ich die Lindenstädter Gebirge rot von der
entgegenstehenden Sonne übergossen die eigentlich der östlichen Lage nach über
ihnen stehen musste
Ich blieb im Wirrwarr obgleich die Sonne vielmehr fiel als stieg bis ein
junger hagerer Maler mit scharfen und schönen Gesichtsknochen und langen Beinen
und Schritten und einem der größten preußischen Hüte vor mir dahin vorüber
wollte mit einer MalerTasche in der Hand Guten Morgen Freund sagt ich ist
das die Straße nach Rosenhof und wie lange Dort hinter den Hügeln liegts
gleich Sie können in einer Viertelstunde noch vor Sonnenuntergang ankommen
wenn die Fähre eben da ist Er entlief mit seinen gedachten Schritten und ich
sagte Dank gute Nacht Es war mir aber gewaltsam als wenn sich die Welt
rückwärtsdrehte und als wenn ein großer Schatte über das SonnenFeuer des
Lebens käme da ich den Morgen zum Abend machen musste« So weit seine Worte
Jetzt stand der Notar still drehte sich um eine lange Ebene hinter ihm
schlossen unbekannte Berge zu vor ihm standen sie wie Sturmbalken der
Gewitter gehörnt und gespalten hinter den Hügeln gen Himmel und die
BergRiesen trugen die hohen Tannen nur spielend Der fliegende
Landschaftsmaler sah er setzte sich auf die Hügel und schien nach seiner
Richtung zu schließen die verdeckte Stadt Rosenhof auf sein Zeichenpapier
heraufzutragen Gott dachte Walt nun begreif ichs einigermaßen wie die Stadt
liegen mag wie göttlich und himmlisch wenn der Landschaftsmaler von Bedeutung
sich davor setzt und nur sie abreisset indes er hinter seinem Rücken eine
Landschaft weiß die einen Fremdling der jene nicht kennt ordentlich mit
AbendGlanz und Ansicht überhäuft
Als er oben vor die Aussicht kam stand er neben dem Stand und Sitzpunkte
des Malers still und rief nach dem ersten Blick auf die Landschaft aus »Ja das
ist des Malens wert« »Ich zeichne bloß« sagte der gebückte Maler ohne
aufzublicken Walt blieb stehen und sein Auge schweifte von dem breiten
RosanaStrome zu seinen Füßen aufwärts zur Stadt am Ufer und Gebürg und stieg
auf die waldigen zwei FelsenGipfel über der Stadt und fiel auf die Fähre die
voll Menschen und Wagen zwischen Seilen zu seinem Ufer voll neuer Passagiere
herüberglitt und sein Auge flog endlich den Strom hinab der lang von der
Abendsonne beglänzt sich durch fünf grüne helle Inseln brennend drängte
Die Fähre war gelandet neues Schiffsvolk und Fuhrwerk eingestiegen sie
wartete aber noch und wie es ihm vorkam auf ihn Er lief hinab und sprang auf
das Fahrzeug Allein es wartete auf schwerere Befrachtung Er schaute auf drei
hier einlaufende Straßen hinauf Endlich bemerkte er dass im Abendglanze ein
zierlicher Reisewagen mit vier Pferden lange Staubwolken nachschleppend
daherrollte
Darüber musste der Notar frohlocken weil schon ein FuhrmannsKarren mit
Pferden auf der Fähre stand und der Reisewagen mit den seinigen sie noch viel
gedrängter und bunter machte als sie es schon durch den Kongress von Bettlern
Boten Spaziergängern Hunden Kindern Wandergesellen und GrummetWeibern war
wozu noch der Tiroler der Geburtshelfer und der Bettelmann kam die ihm
unterwegs begegnet waren Die Fähre war ihm ein zusammengepresster Marktplatz
der schwamm ein stolzes LinienSchiff zwischen zwei LinienSeilen ein
Bucentauro aus welchem seine Seele zwei Vermählungsringe auswarf einen in den
Seestrom einen in den glänzenden Abendhimmel Er wünschte halb und halb die
Überfahrt wollte sich durch einige Gefahr die andern nichts schadete noch
trefflicher beleben
Ein schöner stattlicher Mann stieg vorher aus dem angekommenen Wagen aus
eh dieser auf das enge Fahrzeug getrieben und da gehörig eingeschichtet wurde
er traue seinen Pferden nicht sagte der Herr Walt fuhr ihm fast ohne
ausgezeichnete Höflichkeit entgegen vor Jubel denn er sah den General Zablocki
vor sich Dieser durch Reisen häufiger an solche Erkennungen gewöhnt bezeugte
ein ruhiges Vergnügen seinen erotischen Sekretär hier anzutreffen Der lange
Postzug stolperte endlich in die Fähre mit dem Wagen herein und aufzitternd sah
Walt dass Zablockis schöne Tochter darin saß die Augen auf die fünf Inseln
heftend welche der Sonnenglanz mit Rosenfeuer überschwemmte Sein Herz brannte
sanft in seinem Himmel wie die Sonne in ihrem und ging selig auf und selig
unter Schon der leere Bekannte wär ihm auf unbekanntem Boden wie ein Bruder
erschienen aber nun die still geliebte Gestalt sie gab ihm einen
SeelenAugenblick den kein Traum der Phantasie weissagt
Er stand an der Morgenseite des Kutschenschlags und durfte allda ohne
Bedenken da auf der Fähre alle Welt fest stehen muss verharren und in einem
fort hineinsehen er hatte sich gegen den Wagen umgekehrt er schlug aber die
Augen oft nieder aus Furcht dass sie ihre herumwende und von seinen gestöret
werde ob er gleich wusste dass sie geblendet von der Sonne anfangs so viel
sähe als nichts Er vergaß dass sie ihn wahrscheinlich gar nie angesehen Nach
der herrlichen PrachtSonne und nach den fünf Roseninseln sah er nicht hin
sondern genoss und erschöpfte sie ganz dadurch dass er der stillen Jungfrau und
dem stummen Abendtraume womit sie auf den goldnen Inseln ruhte mit tausend
Wünschen zusah es mög ihr doch noch besser ergehen und himmlisch und darauf
noch herrlicher
Von weitem wars ihm als wenn die Rosana flösse und die Fähre schiffte und
die Wellen rauschten und als wenn die waagrecht einströmende Abendsonne Hunde
und Menschen mit Jugendfarben überzöge und jeden Bettler und Bettelstab
vergoldete desgleichen das Silber der Jahre und Haare Aber er gab nicht
besonders acht darauf Denn die Sonne schmückte Wina mit betenden Entzückungen
und die Rosen der Wangen mit den Rosen des Himmels und die Fähre war ihm ein
auf Tönen sich wiegender Sangboden des Lebens ein durch Abendlicht schiffendes
Morgenland ein CharonsNachen der das Elysium trug zum Tartarus des Ufers
Walt sah unkenntlich aus fremd überirdisch denn Winas Verklärung warf den
Widerschein auf ihn
Ein Krüppel wollte ihm in der Nähe etwas von seiner Not vorlegen aber er
fasste nicht sondern hassete es wenn ein Mensch an einem solchen Abend nicht
selig war wo sich die bisher betrübte Jungfrau erheiterte und sich die Sonne
gleichsam wie eine liebe warme SchwesterHand an das Herz drückte das bisher
oft in mancher kalten dunkeln Stunde schwer geschlagen
»Hätt er nur kein Ende der Abend« wünschte Walt »und keine Breite die
Rosana oder man beschiffte wenigstens ihre Länge fort und fort bis man mit
ihr ins Meer verschwämme und darin unterginge mit der Sonne«
Eben war die Sonne über dem Strome untergegangen Langsam wandte Wina das
Auge ab und nach der Erde es fiel zufällig auf den Notar Er wollte einen Gruß
voll Verehrungen spät in den Wagen werfen aber die Fähre schoss heftig vom Ufer
zurück und zerstiess das wenige was er zusammengebauet
Der Wagen fuhr bedächtlich ans Land Walt gab an 4 Groschen Fährgeld »für
wen noch« fragten die Fährleute »Für wer will« versetzte Walt darauf
sprangen ohne zu fragen und zu zahlen mehr als zu viele ans Land Der General
wollte zu Fuß in die schöne GartenStadt Walt blieb neben ihm Jener fragte ob
ihm gestern keine Komödianten begegnet Er berichtete dass sie diesen Abend in
Rosenhof spielten »Gut« sagte Zablocki »so essen Sie abends bei mir im
Granatapfel Sie übernachten doch und morgens sieht man in Sozietät die ganze
splendide FelsenGruppe die Sie droben über der Stadt bemerken«
Die Entzückung über diese Gabe des Geschicks spricht Walt in seinem Tagebuch
kurz so aus »Wie ich vor ihm darüber meine Freude aussprach lieber Bruder das
kannst du dir vielleicht besser denken als ich jetzt«
Nr 47 Titanium
Kartause der Phantasie Bonmots
Es gibt schwerlich etwas Erquicklicheres als abends mit dem General Zablocki
hinter dem Wagen seiner Tochter zwischen den Gärten voll Rosensträuche in die
schöne Stadt Rosenhof einzugehen ohne alle Sorge und voll Ausmalungen des
Abendessens zu sein und den schönen EssRauch über der Stadt ordentlich für die
Zauberwolke zu halten womit der gute Genius in Vults Briefe sie überzogen und
von den wirtlichen reinen breiten Gassen und den leichten vergänglichen Spielen
und Zwecken des Lebens immer gerade zu den draußen über der Vorstadt stehenden
finsteren Gebirgshäuptern aufzusehen die so nahe aus ihrer kalten Höhe auf die
Häuser und die Türme herunterschauen Besonders nahm den Notar die grünende
Gasse ein wo der Granatapfel logierte »Mir ist ordentlich« sagte er
begeistert und redselig zum General »als ging ich in Chalcis in Euböa38oder
auch einer andern griechischen Stadt wo so viele Bäume in den Gassen standen
dass man die Stadt kaum sah Gibt es eine schönere Vermischung von Stadt und Land
als hier Exzellenz Und ist Ihnen nicht auch der Gedanke süß dass hier zu einer
gewissen Zeit so wie in Montpellier alles in Rosen und von Rosen lebt wenn
man auch gleich jetzt nichts davon sieht als die Dornen Herr General«
Dieser der nicht darauf gehorcht hatte rief seinem Kutscher einen derben
Fluch zu weil er mit seinem Wagen fast an dem Fränzelschen geentert hätte Walt
sagte das seien die Akteurs und forderte vom Wirt ein vortreffliches Zimmer
das man ihm leicht zugestand weil man ihn für einen Sekretär Zablockis ansah
was noch dazu richtig war in Rücksicht der erotischen Memoiren Da er
dareingeführet wurde erstaunte er schon vorläufig über den Prunk des
Prunkzimmers und wurde gerührt von seinem Glücksschwung was zunahm als er den
Bettelstab dem er seinen Hut aufsetzte an den Spiegeltisch stellte Da er aber
in höchster Bequemlichkeit und SeelenRuhe auf und ab ging die Papiertapeten
statt des ihm gewöhnlichern Tapetenpapiers die drei Spiegel die
KommodeBeschläge mit MessingMasken die FensterRouleaus und vollends die
Bedientenklingel ausfand so läutete er diese zum erstenmal in seinem Leben um
sogleich ein Herr zu sein und wenn er eine Flasche Wein sich bringen lassen
nun die süssquellende Gegenwart gehend auszuschlürfen und überhaupt einen Abend
zu erleben wie irgendein Troubadour ihn genossen »Troubadours« sagt er sich
indem er trank »übernachteten oft in sehr vergoldeten Zimmern der Höfe den
Tag vorher vielleicht in einer Moos und Strohhütte wie Töne durchdrangen sie
hohe und dicke Mauern und dann pflegten sie sich darin noch die schönste Dame
von Stand zu aufrichtiger Liebe auszulesen und gleich Petrarca solche in
ewiger Dichtung und Treue gar nie selber zu begehren« setzt er dazu und sah
an die Wand des Generals
Zablockis Zimmer war seinem durch eine zweimal verriegelte Wand und
TransitoTüre versperrt und verknüpft Er konnte gehend denn stehend
zuzuhören hielt er für Unrecht auspacken und jedes heftige Wort des Vaters an
Bediente und den süßen Ton worein Wina sie wie eine Äolsharfe den Sturmwind
auf der Stelle übersetzte leicht vernehmen Ob er gleich hoffte unten in der
breiten Gaststube Jakobinen wieder und viel bekannter anzutreffen so hielt er
es doch für seliger neben der nahen Nonne Wina als Wandnachbar auf und ab zu
spazieren und sie unaufhörlich sich vorzustellen besonders das große
beschattete Auge und die Freundlichkeit und Stimme und das Abendessen neben ihr
Er hörte endlich dass der General sagte er gehe ins Schauspiel und dass
Wina bat zurückbleiben zu dürfen und dass sie darauf ihrer Kammerdienerin der
gottlosen Sängerin Luzie die Erlaubnis gab sich im Städtchen umzusehen
Alsdann wurde alles still Er sah zum Fenster hinaus an ihres Winas beide
FensterFlügel sie schlugen sich nach der Gasse auf waren offen und ein Licht
im Zimmer und am Wirtshausschild ein Schattenriss der sich regte Da er aber
nichts weiter sah so kehrte er wieder mit dem Kopf in seine Stube zurück worin
er so gehend trinkend dichtend ein aus Rosenzucker gebackenes Zuckerbrot
ja ZuckerEiland nach dem andern aus dem Backofen auf der Schaufel behutsam
herausholte »O ich bin so glücklich« dacht er und sah nach ob man keine
Armenbüchse an die Papiertapeten geschraubt weil er in keinem Wirtshause
vergaß in diese StimmRitze unbekannter Klagstimmen soviel er konnte zu
legen aber das Zimmer war zu nett zu Wohltaten
Es wurde sehr dunkel Der frühe Herbstmond stand schon als ein halbes
SilberDiadem auf einem Gebirgshaupt Der Kellner kam mit Licht Walt sagte
»Ich brauche keines ich esse bei dem Hrn General« Er wollte das stubenlange
Mondlicht behalten An der Fensterwand wurde ihm endlich dadurch eine und die
andere ReiseSentenz von frühern Passagieren erleuchtet Er las die ganze Wand
durch nicht ohne Zufriedenheit mit den jugendlichen Sentenzen welche sämtlich
Liebe und Freundschaft und ErdenVerachtung mit der Bleifeder anpriesen »Ich
weiß so gut als jemand« schreibt er im Tagebuch »dass es fast lächerlich wenn
nicht gar unbillig ist sich an fremde Zimmerwand anzuschreiben dennoch
ergötzet den Nachfahrer ein Vorgänger sehr dadurch dass er auch dagewesen und
die leichte Spur eines Unbekannten einem Unbekannten nachgelassen Freilich
schreiben einige nur den Namen und Jahrszahl an aber einem wohlwollenden
Menschen ist auch ein leerer Name lieb ohne welchen eine entrückte verreisete
Gestalt doch mehr ein Begriff bliebe als ein Begriffenes weniger ein Mensch als
eine luftige auch wohl äterische Menschheit Und warum soll man denn einen
leeren Gedanken lieber haben und vergeben als einen leeren Namen« Ich nehm
es gar nicht übel dass einer blosshin anschrieb J P F R Wonsidel Martii anno
1793 oder ein anderer Vivat die A etc die B etc die C etc die J etc
oder das Französische Griechische Lateinische auch Hebräische Und es
stehen ja oft kostbare Sentenzen daran wie folgende »Im physischen Himmel
glauben wir stets in der Mitte zu sein aber in Rücksicht des innerlichen
glauben wir immer am Horizont zu stehen im östlichen wenn wir frohlocken im
westlichen wenn wir jammern« Er wagte zuletzt selber Winas und Walts Namen
samt Datum ans Stammbuch so zu schreiben W W Sept 179 Er schaute wieder
auf die mondhelle Gasse hinaus nach Winen und erblickte drei herausgelegte
Finger und ein wenig weiße Hutspitze dabei und davon ließ sich leben und
träumen Er schwebte und spielte wie ein Sonnenstäubchen in den langen
Mondstrahlen der Stube er ergänzte sich das stille Mädchen aus den drei
Fingern er schöpfte aus der nie versiegenden Zukunft die beim Abendessen als
Gegenwart erschien Freuden flogen ihm als purpurne Schmetterlinge nach und die
beleuchteten Stubenbretter wurden Beete von Papillonsblumen drei
Viertelstunden lang wünscht er herzlich so einige Monate auf und nieder zu
gehen um sich Wina zu denken und das Essen
Aber der Mensch dürstet am größten Freudenbecher nach einem größeren und
zuletzt nach Fässern Walt fing an auf den Gedanken zu kommen er könne nach
der väterlichen Einladung ohne Übelstand sich jetzt gar selber einstellen bei
der einsamen Wina Er erschrak genug wurde scham und freudenrot ging leiser
auf und ab hörte jetzt Wina auch auf und nieder gehen der Vorsatz trieb immer
mehr Wurzeln und Blüten zugleich nach einer Stunde Streit und Glut war das
Wagstück seiner Erscheinung und alle zartesten Entschuldigungen derselben fest
beschlossen und abgemacht als er den General kommen und sich rufen hörte Er
riegelte mit dem HutStock in der Hand seine Wandtüre auf »diese ist zu
Freund« rief der General und er ging den Missgriff nachfühlend erst aus
seiner durch die fremde ein
Blühend von Träumen trat er ins helle Zimmer halb geblendet sah er die
weiße schlanke Wina mit dem leichten weißen Hute wie eine Blumengöttin neben dem
schönen Bacchus stehen
Der letztere hatte ein heiteres Feuer in jeder Miene Die Tochter sah ihn
unaufhörlich vor Freude über die seinige an Bediente mussten ihm auf Flügeln das
Essen bringen Der Notar wog auf den seinigen verschwebt in den Glanz dieses
magischen Kabinetts nicht viel über das Gewicht von fünf Schmetterlingen so
leicht und äterisch flatterte ihm Gegenwart und Leben vor
Er setzte sich mit weit mehr Welt und Leichtigkeit an das EssTäfelchen als
er selber gedacht hatte Der General der ein unaufhörliches Sprechen und
Unterhalten begehrte sann Walten an etwas zu erzählen etwas Aufgewecktes Mit
etwas Rührendem wär er leichter bei der Hand gewesen so aber sagt er er
wolle nachsinnen Es fiel ihm nichts bei Schwerer ist wohl nichts als das
Improvisieren der Erinnerung Viel leichter improvisiert der Scharf und
Tiefsinn die Phantasie als die Erinnerung zumal wenn auf allen GehirnHügeln
die freudigsten Feuer brennen Dreitausend fatale Bonmots hatte der Notar
allemal schon gelesen gehabt sobald er sie von einem andern erzählen hörte
aber er selber kam nie zuerst darauf und er schämte sich nachher vor dem
Korreferenten Sehr hätt er das Schämen nicht nötig da solche Referendarien
des fremden Witzes und solche Postschiffe der Gesellschaft meist platte Gehirne
tragen auf deren Tenne nie die Blumen wachsen die sie da aufspeichern und
auftrocknen
»Ich sinne noch nach« versetzte Walt geängstigt einem Blicke Zablockis
und flehte Gott um einigen Spaß an denn noch sah er dass er eigentlich nur über
das Sinnen sinne und dessen Wichtigkeit Die Tochter reichte dem Vater die
Flasche die nur er seine Briefe aber sie aufsiegelte »Trinken Sie dies
Gewächs für 48er oder 83er« sagte der General als man Walten das Glas bot Er
trank mit der Seele auf der Zunge und suchte forschend an die Decke zu blicken
»Er mag wohl« versetzt er »um die Hälfte älter sein als mein voriger Wein
den ich eher für jungen 48 er halte ja setzt er fest darzu und blickte ins
Glas er ist gewiss herrliche 83 Jahre alt« Zablocki lächelte weil er eine
Anekdote statt zu hören erlebte die er schön weiter geben konnte
Der General wollt ihn aus dem stillen innerlichen Schnappen nach Bonmots
herausfragen durch die Rede wie er nach Rosenhof komme Walt wusste keine rechte
ostensible Ursachen wiewohl diese ihm gegenüber saß im weißen Hute
anzugeben ausgenommen Natur und Reiselust Da aber diese keine Geschäfte waren
so begriff ihn Zablocki nicht sondern glaubte er halte hinter irgendeinem
Berge und wollte durchaus hinter ihn kommen Walt schüttelte von seinen
poetischen Schwingen die köstlichen Berge und Täler und Bäume auf das Tischtuch
die er auf dem seligen Wege mehr aufgeladen als durchflogen hatte Zablocki
sagte nach Walts langer Ausspende von Bildern »Beim Teufel nimm oder ich fress
nicht« Wina denn diese hatt er in jenem LiebesZorn angeredet den weniger
die Väter gegen ihre Töchter als die Männer gegen ihre Weiber haben nahm
erschrocken ein großes Stück vom Schnepfen dem Schosskinde des väterlichen
Gaumens und reichte höflicher als Zablocki den Teller dem betretenen Notar
hinüber um ein paar hundert Verlegenheiten zu ersparen Walt konnte auf keine
Weise fassen wie bei so mündlicher lebendiger Darstellung der lebendigen
beinahe mündlichen Natur als seine war eine Schnepfe mit allem seinem Album
graecum noch einige Sensation zu machen imstande sei Poetische Naturen wie Walt
sind in Nordländern denn ein Hof oder die große Welt ist der geborene Norden
des Geistes sowie der geborene Gleicher des Körpers nichts weiter als
Elefantenzähne in Siberien die unbegreiflich an einem Orte abgeworfen worden
wo der Elefant erfriert
Mit einschmeichelnder Stimme fragt ihn wieder Zablocki ob ihm noch nichts
eingefallen und Wina sah ihn unter dem Abendrote des rottaftenen Hutfutters so
lieblich augennickend und bittend an dass er sehr gelitten hätte wenn ihm
nicht die drei Bonmots auf die er sich gewöhnlich besann endlich zugekommen
wären und dass er wieder nahe daran war ein gelieferter Mann zu werden und
alles zu vergessen weil das kindlich bittafte Auge zu viel Platz nämlich
allen in seiner Phantasie Memorie und Seele wegnahm
»Ein hartöriger Minister« fing er an »hörte an einer fürstlichen Tafel«
»Wie heißt er und wo« fragte Zablocki Das wußt er nicht Allein da der
Notar den wenigen Historien die ihm zufielen keinen Boden Geburtstag und
Geburtsschein zuzuwenden wusste vorfabeln wollt er nie so braucht es
Sozietäten nicht erst bewiesen zu werden wie farbenlos er als Historienmaler
auftrat und wie sehr eigentlich als ein luftiger historischer Improvisatore
»Ein hartöriger Minister hörte an einer fürstlichen Tafel die Fürstin eine
komische Anekdote erzählen und lachte darüber mit dem ganzen Zirkel
unbeschreiblich mit ob er gleich kein Wort davon vernommen Jetzt versprach er
eine ebenso komische zu erzählen Da trug er zum allgemeinen Erstaunen die
eben erzählte wieder als eine neue vor«
Der General glaubte so schnapp es nicht ab da er aber hörte es sei aus
so sagt er spät »Deliziös« lachte indes erst zwei Minuten später hell auf
weil er gerade soviel brauchte um sich heimlich die Anekdote noch einmal aber
ausführlicher vorzutragen Der Mensch will nicht dass man ihm die spitze blanke
Pointe zu hitzig auf der Schwelle auf das Zwerchfell setze Eine gemeine
Anekdote ergreift ihn mit ihrem Ausgang froh sobald er nur vorher durch viel
Langeweile dahin getrieben wurde Geschichten wollen Länge Meinungen Kürze
Walt trieb die zweite anonyme Geschichte von einem Holländer auf und vor
welcher gern ein Landhaus wegen der herrlichen Aussicht auf die See besessen
hätte wie alle Welt um ihn allein nicht das Geld dazu hatte Der Mann aber
liebte Aussichten dermaßen dass er alle Schwierigkeiten dadurch zu besiegen
suchte dass er sich auf einem Hügel den er gegen die See hatte eine kurze
Wandmauer und darein ein Fenster brechen ließ in welches er sich nur zu legen
brauchte um die offene See zu genießen und vor sich zu haben so gut als
irgendein Nachbar in seinem Gartenhaus
Sogar Wina lächelte glänzend unter dem roten TaftSchatten hervor Mit noch
mehr Anmut als bisher teilte Walt die dritte Anekdote mit
Ein Frühprediger dessen Kehlkopf mehr zur KanzelProsa als zur AltarPoesie
gestimmt war rückte zu einer Stelle hinauf die ihn zwang vor dem Altare das
»Gott in der Höhe sei Ehr« zu singen Er nahm viele Singstunden endlich nach
vierzehn Singtagen schmeichelte er sich den Vers in der Gewalt und Kehle zu
haben Die halbe Stadt ging früher in die Kirche um der Anstrengung zuzuhören
Ganz mutig trat er aus der Sakristei denn er hatte sich darin vom Singmeister
noch einmal leise überhören lassen und stieg gefasst auf den Altar Alle
Erzähler der Anekdote stimmen überein dass er trefflich angehoben und sich
anständig genug in den Choral hineingesungen hatte als zu seinem Ruin ein
blasender Postillion draußen vor der Kirche vorbeiritt und mit dem Postorn ins
Kirchenlied einfiel das Horn hob den Prediger aus dem alten SingGeleise in
ein neues hinein und er sah sich gezwungen das ernste Lied mitten vor dem
Altare nach dem vorbeireitenden Trompeterstückchen auf die lustigste Weise
hinauszusingen
Der General lobte sehr den Notar und ging heiter aus dem Zimmer aber er kam
nicht wieder
Nr 48 Strahlkies
Die Rosenhöfer Nacht
Weder Jakobine noch der General machten je ein Geheimnis daraus nämlich aus
ihrem wechselseitigen es kann also die Anverwandten von beiden auf keine
Weise zu etwas Juristischem gegen den Verfasser der Flegeljahre berechtigen
wenn er im Strahlkies bloß kalt erzählt dass Zablocki ein wenig in den nächsten
Garten spazieren gegangen und die Aktrice Jakobine zufällig nicht sowohl als
in der guten Absicht von ihrer Rolle der Johanna von Montfaucon im Freien zu
verschnaufen Noch viel weniger als schreibende Verfasser sind von hohen
Anverwandten allgemeine Sätze anzugreifen wie zB dieser dass sehr leicht der
weibliche teatralische Lorbeer sich rückwärts in eine Daphne verwandle und
der Satz dass eine Schauspielerin nach einer schweren tragischen TugendRolle am
besten ihr eigenes Theater aux Italiens und ihre eigne Parodie werde am
wenigsten dieser dass das Militär es sei auf Kriegs oder Friedensfuss den
griechischen Möbeln gleiche die meistens auf Satyrfüssen standen und endlich
der dass wohl nichts einander mehr sucht und ähnlich findet daher schon die
Worte Kriegsteater und Teaterkrieg Aktion und Staatsaktion Truppen als eben
Teatertruppen die Kriegstruppen und vice versa Ich fahre also nachdem ich
berichtet dass beide spazieren gegangen gleich ihnen ruhig und ungestört hoffe
ich fort
Walts Gesicht wurde eine Rose unter dem Ausbleiben des Vaters Wina heftete
die Augen die sich wie süße Früchte unter das breite Laub der Augenlider
versteckten unter dem Hute auf ihr Strickzeug nieder das einen langen
Kinderhandschuh vollendete Über den Notar kam nun wieder die Furcht dass sie
ihn als den Auslieferer ihres Briefes zu verabscheuen anfange Er sah sie nicht
oft an aus Scheu vor dem zufälligen AugenAufschlag Beide schwiegen Weibliches
Schweigen bedeutet ohnehin als das gewöhnlichere viel weniger als
männliches Die befeuernde Wirkung welche der Wein hätte auf den Notar tun
können war durch seine Anstrengung den feinsten Gesellschafter zu spielen
niedergehalten worden Indes wär ihm die Lage nicht unangenehm gewesen wenn er
nur nicht jede Minute hätte fürchten müssen dass sie vorbei sei
Endlich sah er sehr scharf und lange auf den StrickHandschuh und wurde so
glücklich sich einen Faden der Rede daraus zu ziehen er schöpfte nämlich die
Bemerkung aus dem Handschuh dass er oft stundenlang das Stricken besehen und
doch nie begriffen
»Es ist doch sehr leicht Hr Harnisch« versetzte Wina nicht spöttisch
sondern unbefangen ohne aufzublicken
Die Anrede »Herr Harnisch« jagte den Empfänger derselben wieder in die Denk
und SchweigKartause zurück »Wie kommts« sagt er spät heraustretend und
den StrickFaden wieder aufnehmend »dass nichts so rührend ist als die
Kleidungsstücke der lieben Kinder zB dieses hier so ihre Hütchen Schühchen
Das heißt freilich am Ende warum lieben wir sie selber so sehr«
»Es wird vielleicht auch darum sein« versetzte Wina und hob die ruhigen
vollen Augen zum Notar empor der vor ihr stand »weil sie unschuldige Engel auf
der Erde sind und doch schon viele Schmerzen leiden«
»Wahrhaftig so ist es beteuerte Walt indem Wina wie eine schöne stille
Flamme glänzend vor ihm aufstand um ihr Mädchen herzuklingeln Und wie dürfen
Erwachsene klagen Ich will wahrlich das Sterben eines Kindes setzt er hinzu
und folgte ihr einige Schritte nach ertragen aber nicht sein Jammern denn in
jenem ist etwas so HeiligSchauerliches« Wina kehrte sich um und nickte
Luzie kam Wina fragte ob der General ihr nichts aufgetragen Luzie wusste
von nichts als dass sie ihn in den nahen Garten hineinspazieren sehen Rasch
trat Wina ans mondhelle Fenster atmete einmal recht seufzend ein und sagte
schnell »Den Schleier Luzie Und du weißt es gewiss liebes Mädchen und auch
den Garten« Mit einer leisen Stimme wie nur eine mährische Schwester
anstimmen kann versetzte Luzie »Ja Gnädigste« Wina warf den Schleier über
den Hut und redete hinter diesem gewebten Nebel und fliegenden Sommer
unbeschreiblich blühend und liebreizend den Notarius mit sanftem Stocken an
»Lieber Hr Notar Sie lieben ja auch wie ich hörte die Natur und mein
guter Vater«
Er war schon nach dem HutStock geflogen und stand bewaffnet und reisefertig
da und ging hinter beiden mit hinaus Denn ein fremdes Zimmer zu verlassen
fühlt er sich ganz berechtigt Indes aber solches geschlossen wurde kam er
wieder vorauszustehen nahe an der Treppe und in ihm fing ein kurzes Treffen
und Scharmützel an über die Frage ob er mit entweder dürfe oder solle oder
weder eines noch das andere Wina konnte ihn nicht zurückrufen und so kam er
innen fechtend auf die Treppe und trug das stille Handgemenge bis zur Haustüre
hinaus
Da ging er ohne weiteres mit und setzte den Hut von seinem Stock auf den
Kopf aber er zitterte nicht sowohl vor Furcht oder vor Freude sondern vor
einer Erwartung die beide vereinigt O es ist eine lächerliche und reine Zeit
im Jünglingsalter wo im Jüngling die alte französische Ritterschaft mit ihrer
heiligen Scheu erneuert und wo der Kühnste gerade der Blödeste ist weil er
seine Jungfrau für ihn eine von dem Himmel geflogne eine nach dem Himmel
fliegende Gestalt so ehret wie einen großen Mann dessen Nachbarschaft ihm der
heilige Kreis einer höheren Welt ist und dessen berührte Hand ihm eine Gabe
wird Unselig schuldvoll ist der Jüngling der niemals vor der Schönheit blöde
war
Die drei Menschen gingen durch eine waldige Gasse dem Garten zu Der Mond
zeichnete die wankende GipfelKette auf den lichten Fußsteig hin mit jedem
zitternden Zweig Luzie erzählte wie schön der Garten und besonders eine ganz
blaue Laube darin sei aus lauter blauen Blumen gewebt Blauer Enzian blaue
Sternblumen blauer Ehrenpreis blaue Waldreben vergitterten sich zu einem
kleinen Himmel worin gerade im Herbst keine Wolke dh keine Knospe war
sondern offene Äterkelche
»Da die Blumen leben und schlafen« sagte Walt bei diesem Anlass »so träumen
sie gewiss auch so gut wie Kinder und Tiere Alle Wesen müssen am Ende träumen«
»Auch die Heiligen und die hl Engel« fragte Wina »Ich wollte wohl sagen
ja« sagte Walt »insofern alle Wesen steigen und sich also etwas Höheres
träumen können« »Ein Wesen ist aber auszunehmen« sagte Wina »Gewiss Gott
träumet nicht Aber wenn ich nun die Blumen wieder betrachte so mag wohl in
ihren zarten Hüllen der dunkle Traum von einem lichtern Traume blühen Ihre
duftende Seele ist nachts zugehüllt nicht durch bloße Blätter sondern wahrhaft
organisch wie denn unsere auch nicht durch bloße Augenlider zugeschlossen wird
Sobald nun einmal die farbigen Wesen am Tage Licht und Kraft verspüren so
können sie ja auch nachts einen träumerischen Widerschein des Tages genießen
Der Allsehende droben wird den Traum einer Rose und den Traum einer Lilie kennen
und scheiden Eine Rose könnte wohl von Bienen träumen eine Lilie von
Schmetterlingen in dieser Minute kommt es mir ordentlich fast gewisser vor
das Vergissmeinnicht von einem Sonnenstrahl die Tulpe von einer Biene manche
Blume von einem Zephyr Denn wo könnte denn Gottes oder der Geister Reich
aufhören Für ihn mag wohl ein Blumenkelch auch ein Herz sein und umgekehrt
manches Herz ein Blumenkelch«
Jetzt traten sie in den ZauberGarten ein dessen weiße Gänge und finstere
Blättergruppen einander wechselnd färbten Die Berge waren wie Nachtgötter
hoch aufgestanden und hoben ihr dunkles Erdenhaupt kühn unter die himmlischen
Sterne hinein Der Notar sah den bisher auseinanderliegenden Farbentau der
Dichtung an Winas Hand sich als einen Regenbogen aufrichten und im Himmel stehen
als der erste glänzende Halbzirkel des LebensKreises
Er wurde so wie Wina immer einsilbiger immer vielsilbiger und betrank
sich im Taufwasser seiner Worte das er über jeden Berg und Stern goss der ihnen
vorkam Es gab wenige Schönheiten die er nicht wenn er vorbeiging
abschilderte Es war ihm so wohl und so wohlig als sei die ganze schimmernde
Halbkugel um ihn nur unter seiner Hirnschale von einem Traume aufgebauet und er
könne alles rücken und rauben und die Sterne nehmen und wie weiße Blüten
herunterschlagen auf Winas Hut und Hand Je weniger sie ihn unterbrach und
abkühlte um so größer machte er seine Ideen und tat zuletzt die größte jene
ungeheure auf worin die Welt zerschmilzt und blüht so dass Luzie die bisher
weltliche Lieder murmelnd gesungen damit aufhörte aus Scheu vor Gottes Wort
Eben wurde das Kompletorium geläutet als Wina vor einer überlaubten kleinen
Kapelle vorbeiging Sie ging wie verlegen langsam stand und sagte Luzien etwas
ins Ohr Walt war ihrer Seele zu nahe um nicht in sie zu schauen er ging
schnell voraus um sie beten zu lassen und sie heimlich nachzuahmen Luzie hatte
leise Winen gesagt seitwärts oben die schwarze Laube sei die blaue In dieser
wollte er die Beterin erwarten Als er näher trat flog aus der Laube Jakobine
lustig heraus und warf ihm scherzend einen Schal über den Kopf und entführte ihn
am Arme um an seiner grünen Seite sagte sie die kostbare Nacht zu genießen
Ob er gleich nicht von weitem ahnte mit welcher frechen Parodie der
Morpheus des Zufalls den Menschen oft mit seinem Geschicke paare und entzweie
so widerstand doch der Spaß und die Freiheit und der Kontrast dem ganzen Zuge
seiner höheren Bewegungen Er setzt ihr eiligst auseinander woher und womit er
komme und sah bedeutend nach der Kapelle als werd er von dort aus stark
erwartet Jakobine scherzte schmeichelnd über Walts DamenGlück und verschloss
ihm den Mund durch das Überfüllen seines Herzens Indes er nun äußerlich
scherzend focht und innen es auf allen Seiten überschlug wie er ohne wahre
Grobheit Jakobinens Arm von seinem schütteln könne so sah er wie vom Eingange
des Gartens her den General auf die Tochter loskommen sehr freudig ihre Hand
in seinen Arm einpacken und mit dem Engel der Sterne davon und nach Hause
laufen
»Ach wie schnell gehen die schönen Sterne des Menschen unter« dachte Walt
und sah nach den Bergen wo morgen ein paar Bilder davon wieder aufgehen
konnten und war nicht imstande Jakobinen zu fragen ob sie die Reize der
schönen Nacht empfinde
Diese flog kalt vor dem Notar ins Haus und verschwand auf der Treppe Er
brauchte diesen Abend nichts weiter als ein Kopfkissen für seine wachen Träume
und ein Stück Mondschein im Bette Aber in der Nachmitternacht so lange
träumt er fuhr wieder auf der Gasse eine Nachtmusik auf welche Zablockis
Leute abbliesen Nachdem Walt die Gasse wie ein Lorettohäuschen in die schönste
welsche Stadt getragen und niedergesetzt nachdem er die herrlichen Blitze des
Klanges die an den Saiten wie an Metalldraht herabfuhren auf sich einschlagen
lassen und nachdem er die Sterne und den Mond nach der irdischen Sphärenmusik in
Tanz gesetzt und nachdem die Lust halb aus war so flatterte Jakobine deren
Flüstern er vorher fast im Nebenzimmer zu hören geglaubt zur Türe hinein und
ans Fenster vor brennender Ungeduld die Töne zu hören nicht aber den Notar
Walt wusste nicht sogleich wo er war oder bleiben sollte Er schlich sich
heimlich und leise aus den Kissen in die Kleider und hinter die Hörerin wie
angezündeter Flachs war er in höhere Regionen aufgeflogen ohne einen Weg zu
wissen Nicht dass er von ihr oder von sich etwas besorgte aber nur die Welt
kannte er und ihre ParterresPfeifen gegen jedes kühne Mädchen ein Unglück
wogegen er lieber sich von der zweiten FamasTrompete jagdgerecht anblasen
ließe um nur das Weib zu retten und er wusste kaum ob er nicht aus der Stube
so lange unvermerkt entflüchten sollte bis die Aktrice in ihre heimgegangen
Sie hörte drei Seufzer fuhr um er stand da sie entschuldigte sich sehr
zu seiner Lust da er gefürchtet er habe sein eigenes Dasein zu exkusieren
dass sie in ein besetztes Zimmer gekommen das ihr da es ohne Nachtriegel
gewesen frei geschienen Er schwur niemand habe weniger dawider als er
aber Jakobinens Reinheit glaubte sich damit noch nicht rein gewaschen sie fuhr
fort und stellt ihm unter dem musikalischen Getöse so laut sie konnte vor
wie sie denke wie ihr Nachtmusik in Mark und Bein fahre an Fast und Freitägen
ganz besonders weil da vielleicht ihr Nervensystem viel rührbarer sei und wie
dergleichen sie nie unter dem Bette lasse sondern wie sie die erste beste
WaschServiette sie hatte eine um über den Hals schlage um nur ans Fenster zu
kommen und zu hören
Unter dieser Rede hatte eine fremde Flöte so närrisch mit feindlichen Tönen
durch die Nachtmusik gegriffen und geschrien dass diese es für angenehmer hielt
überhaupt aufzuhören Jakobine sprach laut ohn es zu merken weiter »Man
überkommt dann Gefühle die niemand gibt weder Freundin noch Freund«
»Etwas leiser Vortreffliche ums Himmels willen leiser« sagte Walt als
sie den letzten Satz nach der Musik gesagt »der General schläft gerade nebenan
und wacht Wohl wohl ist meistens für ein weibliches Herz eine Freundin zu
unmännlich und ein Freund zu unweiblich« Sie sprach so leise als ers haben
wollte und fasste ihn an der Hand mit beiden Händen an wodurch die dicke plumpe
Serviette die sie bisher mit den Fingern wie mit Nadeln zugehalten
auseinanderfiel Er erfuhr was Höllenangst ist denn das leisere Sprechen und
Beisammenstehen wußt er konnt ihn ja jede Minute wenn die Türe aufging bei
der Welt in den Ruf eines Libertins eines frechen MädchenWolfs setzen der
nicht einmal die Unschuld schonet wofür er Jakobine hielt weil sie sanfte
blaue Augen hatte
»Aber Sie wagen beim Himmel zu kühn« sagt er »Schwerlich sobald nur Sie
nicht wagen« versetzte sie Er deutete was sie von seinen Anfällen sagte
irrig auf seinen unbefleckten Ruf und wusste nicht wie er ihr mit Zärte die
Rücksicht auf seinen ohne Eigennutz denn ihr Ruf war ja noch wichtiger in
der größten Eile und Kürze wegen des Generals und der Türe auseinandersetzen
sollte Und doch war er von so guten ehrlichen Eltern von so unbescholtenem
Wandel und trug den Brautkranz jungfräulicher Sittsamkeit so lange vor dem
Bruder und jedem mit Ehren er hatte den Henker davon wenn der verfluchte
Schein und Ruf hereingriff und ihm den gedachten Kranz vom Kopfe zog gesetzt
auch es wuchs ihm nachher eine frische Martyrerkrone nach
Ihm wurde ganz warm das Gesicht rot der Blick irre der Anstand wild
»Gute Jakobine« sagt er bittend »Sie erraten es ist so spät und still
mich und meinen Wunsch gewiss«
»Nein« sagte sie »halten Sie mich für keine Eulalia Hr v Meinau
Schauen Sie lieber die reine keusche Luna an« sagte sie und verdoppelte seinen
Irrtum »Sie geht« versetzte er und verdoppelte ihren »in einem hohen Blau
das kein ErdenWurf durchreicht So will ich wenigstens meine Tür zuriegeln
damit wir sicher sind«
»Nein nein« sagte sie leise ließ ihn aber mit einem Handdruck los um
ihre Serviette zurechte zu falten Er kehrte sich jetzt um und wollte dem
Nachtriegel zufliegen als etwas auf den Boden hinflog ein MenschenGesicht
Jakobine schrie auf und rannte davon Er nahm das Gesicht es war die Maske des
Larvenherrn den er für den bösen Genius gehalten
Im Mondschein durchkreuzten sich seine Phantasien so sehr dass es ihm am
Ende vorkam Jakobine habe selber die Maske fallen lassen und ihm und seinem
armen Rufe nachgestellt Er litt viel es richtete ihn nicht auf dass er sich
der besten Behauptungen seines Bruders erinnerte dass zB solche Befleckungen
des Rufs heutzutage gleich den Flecken von wohlriechenden Wassern aus den
Schnupftüchern und der weißen Wäsche von selber herausgehen ohne alle
PrinzessenWaschwasser und Fleckenausmacher es tröstete ihn nicht dass Vult
ihn einmal gefragt ob denn die jetzigen Fürsten noch wie die alten gewisse
moralische Devisen und Symbola hätten dergleichen gewesen »praesis ut prosis«
und andere spielende und dass der Flötenist selber geantwortet dergleichen habe
jetzt nicht einmal ein tiefer Stand und es könne überhaupt wenn schon in
Tassos und Miltons christliche Heldengedichte die heidnische Götterlehre hab
eindringen dürfen auch in unserem Christentum so viel Götterlehre wenigstens
in betreff der schönsten Abgöttin Platz greifen als wir gerade bedürfen und
begehren
Darauf dachte Walt wieder an die Möglichkeit dass irgend jemand das arme
unschuldige Mädchen gesehen und dass er ihren unbescholtnen Ruf anschmitze der
schloss er unbeschreiblich rein und fest sein musste da sie so viel gegen die
Weiblichkeit sich herausnehmen durfte Dann fiel ihm die 9te TestamentsKlausel
»Ritte der Teufel« ein die Ehebruch und ähnliche Sünden an ihm besonders
bestraft Dann der General mit seiner heiligen Briefsammlung von erotischen
Platonikerinnen Dann Wina und ihr Auge aus dem Himmel Der Notar bracht
eine der dümmsten und elendesten Nächte zu die je ein Mensch durchgelegen der
unter dem Rückgrat keine Eiderdunen gehabt welche freilich noch stärker
einheizen
Nr 49 BlätterErz
Beschluss der Reise
Heiliger Morgen Dein Tau heilet die Blumen und den Menschen Dein Stern ist der
Polstern unserer dahingetriebenen Phantasien und seine kühlen Strahlen bringen
und führen das verwirrte erhitzte Auge zurecht das seinen eignen Funken nachsah
und nachlief
Als noch viele Sterne in die Dämmerung schienen rief der General den
Notarius mit der frohesten Stimme aus dem Bette zur BergPartie und dann nahm
er ihn so liebreich auf bis an die Stirnhaare lächelte er empor dass Walt
sehr beruhigt war und beseligt der General dacht er würde ganz anders mit
mir reden wenn er etwas wüsste Winas Angesicht blühte voll zarter MorgenRosen
im Paradies am SchöpfungsMorgen blühten keine vollern
Sie gingen zu Fuße dem zerspaltenen Gebirge zu Die Stadt war tief still
nur in den Gärten rüstete schon einer und der andere Beete und Rosenhecken für
den Frühling zu und die Rauchsäulen des Morgenbrots bogen sich über die Dächer
Draußen flatterte schon Leben auf die Singdrossel wurde in den nahen Tannen
wach unten an der Fähre klang das Postorn herüber und aus dem Gebirge
donnerte der ewige Wasserfall heraus Die drei Menschen sprachen wie man am
Morgen pflegt gleich der grauen Natur um sie her nur einzelne Laute Sie sahen
gen Osten woran das Gewölke zu einem roten Vorgebürge des Tages anfing
aufzublühen und es wehte schon leise als atme der Morgen vor der Sonne her
Wina ging an der einen Hand des Vaters der in der andern einen sogenannten
schwarzen Spiegel hatte um daraus die Natur zum zweiten Male als ein
Luftschloss als einen Abgusssaal einzuschöpfen Die Frühe Winas Morgenkleidung
das Träumerische das der Morgenstern auflösend im Herzen so unterhält als
stehe er am Abendhorizonte und Walts Bewegungen von der Nacht her so wie
seine Hinsichten auf die nahe ScheideSekunde das zusammen machte ihn
sprachlos leise sinnend bewegt voll wunderbarer Liebe gegen das nähere
Jungfrauenherz welche so weich und vielknospig war dass er sich auf unterwegs
freute um in der blühenden Seligkeit recht ruhig zu blättern
Mit süßer Stimme aber tat an ihn Wina die Bitte um Verzeihung des gestrigen
Auseinanderkommens Da er die Bitte nicht zurückgeben konnte so schwieg er
Darauf bat sie ihn Raphaela zu grüßen und ihr als Ursache ihres brieflichen
Schweigens den Umweg über Rosenhof nach Leipzig zu sagen Der General der so
freimütig mit der Tochter vor dem Notarius sprach als laufe dieser als ein
tauber Schattenmann oder als ein stummer verschwiegner Affe mit machte Winen
geradezu Vorwürfe über ihre vielseitigen Sorgen und Schreibereien und über die
ewigen Opfer ihres Ichs Sie versetzte bloß wollte Gott sie verdiente den
Tadel
Als sie ins Gebirge traten kroch die Nacht in die Schluchten zurück und
unter die Talnebel unter und der Tag stand mit der GlanzStirn schon in den
Höhen des Äters Plötzlich lenkte der General das Paar in eine Felsenspalte
hinein worin sie hoch oben das eine höchste Berghorn schon vom MorgenPurpur
umwickelt sahen das andere tiefer vom Nachtschleier umwunden zwischen beiden
schimmerte der Morgenstern die Jungfrau und der Jüngling riefen miteinander
»O Gott«
»Nicht wahr« sagte der General und sah den Himmel im schwarzen Spiegel nach
»das ist einmal für meine Schwärmerin« Langsam und ein wenig nickte sie mit
dem Kopfe und mehrmals mit dem Augenlide weil sie vom gestirnten Himmel nicht
wegsehen wollte führte aber die väterliche Hand an den betenden Mund um ihm
stiller zu danken Darauf zankt er ein wenig dass sie so stark empfinde und die
Gefühle so gern aufnehme die er ihr zuleite
Schnell führte er beide durch einen künstlichen Weg vor das stäubende Grab
worein sich der Wasserfall wie ein Selbstmörder stürzte und woraus er als ein
langer verklärter Strom auferstand und in die Länder griff Der Strom stürzte
ohne dass man sehen konnte aus welcher Höhe weit über eine alte Ruinenmauer
hinüber und hinab
Zablocki sagte darauf schreiend wenn beide nicht scheueten sich auf Gefahr
eines schwachen DampfRegens mit ihm hart an der Mauer hin und durch deren
niedrige von lauter grünen Zweigen zugewebte Pforte durchzudrängen so könnten
sie auch etwas von der ebenen Landschaft sehen
Er ging voraus mit langem Arme sich Winen nachziehend Als sie durch das
halb versunkne Tor durch waren sahen sie in Westen eine Ebene voll Klöster und
Dörfer mit einem dunkeln Strom in seinem Tal und in Osten die Gebirge die
wieder auf Gebürgen wohnten und wie die Cybele mit roten Städten aus Eis wie
mit Goldkronen im hohen Himmel standen Die Menschen erwarteten das
Durchbrennen der Sonne welche den Schnee des ErdenAltars schon sanft mit ihren
warmen Rosen füllte Der Donner des Wassers zog noch allein durch den
Morgenhimmel Jetzt blickte Gottwalt von Osten weg und in die Höhe denn ein
seltsamer Goldschein überflog das nasse Grün da sah er über seinem Haupte den
festschwebenden Wasserfall vor der Morgensonne brennen als eine fliegende
Flammenbrücke über welche der Sonnenwagen mit seinen Rossen entzündend rollte
Er warf sich auf die Knie und den Hut ab und die Hände empor schaute auf und
rief laut »O die Herrlichkeit Gottes Wina«
Da erschien ein Augenblick niemand wusste wie oder wenn wo der Jüngling auf
die Jungfrau blickte und sah dass sie ihn wunderbar neu und sehr bewegt
anschaue Seine Augen öffneten ihr sein ganzes Herz Wina zitterte er zitterte
Sie schaute auf zum Rosenund Feuerregen der die hohen grünen Tannen mit
Goldfunken und Morgenrot bespritzte und wie verklärt schien sie vom Boden
aufzuschweben und der rotbrennende Regenbogen leuchtete schön auf ihre Gestalt
herunter Dann sah sie ihn wieder an schnell ging ihr Auge unter und schnell
auf wie eine Sonne am Pol das herzerhebende Donnern und das Wetterleuchten
des Stroms umrauschte überdeckte beide mit himmlischen goldnen Flügeln gegen
die Welt der Jüngling streckte die Arme nicht mehr nach dem Himmel allein aus
sondern nach dem Schönsten was die Erde hat
Er vergaß beinahe alles und war nahe daran in Gegenwart des Vaters die Hand
des Wesens zu ergreifen das über sein ganzes Leben diesen Sonnenblick der
Zauberei geworfen Wina drückte schnell die Hand über ihre beiden Augen um sie
zu verdecken Der Vater hatte bisher den Wasserfall im schwarzen Spiegel
beobachtet und sah nun auf
Alles wurde geendigt Sie kehrten zurück Der General wünschte dass man
heftiger und deutlicher lobte Das Paar konnt es nicht »Jetzt« sagt er
»nach solcher Freude sehnet man sich nach einem rechten JanitscharenMarsch«
Gottwalt erwiderte »O wohl nämlich nach solchen Stellen daraus die piano und
aus Moll zugleich gehen wodurch vielleicht die Entzückung fürchterlich stark
hereinspricht wie aus einem Geisterreich« »Es regnet heute noch« versetzte
Zablocki »die Morgenröte zieht sich närrisch über den ganzen Horizont so ganz
besonders aber der schöne Morgen war doch wenigstens des Sehens wert Wina«
Sie gab kein Ja Schweigend kam man nach Rosenhof Zablockis Wagen Pferde
und Bedienten standen schon reisefertig da Darauf flog alles auseinander und
davon Die Liebenden gaben sich kein Zeichen der vorigen Minute und der Wagen
rollte davon wie eine Jugend und eine heilige Stunde
Walt ging im Granatapfel noch einige nachblitzende Minuten in seiner Stube
auf und ab dann in die des Generals In dieser fand er ein vergessenes
beschriebenes Blatt von Wina das er ungelesen aber nicht ungeküsset
einsteckte samt einem Flakon Borstwisch und Sprenggefäss die Vorarbeiter neuer
Gäste trieben ihn in sein Zimmer zurück Er steckte die sonderbare Maske zu
sich Darauf machte er gleich unvermögend länger zu bleiben und länger zu
reisen sich trunken auf den Weg nach Hasslau zurück Er sehnte sich mit seinem
Folioband voll Abenteuer unter dem Arm in die Stube Vults Sein Herz hatte genug
und brauchte keinen Himmel weiter als den blauen
Jakobine warf ihm von der Treppe die sie hinaufging und er herunter das
Versprechen nach im Winter in Hasslau zu spielen Draußen verwelkte der
rosenrote Himmel immer grauer und bis zu Regenwolken An der Fähre musst er
lange warten Es fing endlich an zu regnen Aber da der Vorhang vor dem
Singspiele der Liebe aufgegangen war so wußt er mit Augen und Ohren unter
ihren Gesängen und Lichtern wohnend wenig oder nicht ob es auf das Dach des
Opernhauses regne oder schneie
Da das Schicksal gern nach dem Feste der süßesten Brote dem Menschen
verschimmeltes wurmvolles aus dem Brotschrank vorschneidet so ließ es den
Notar hinter Joditz auf Irrwege auf physische laufen was dem Verhängnis
leicht wurde da er ohnehin nichts Örtliches behielt nicht den Riss eines Parks
in welchem er einen ganzen Sommer lang spazieren gegangen Dann musst er die
gebogne weiße Hutfeder welche ohne Kopf von einem Kavalleristen aus einem
Hohlweg vorstach für die Schwanzfeder eines laufenden Hahns ansehen und nachher
den Irrtum dem Militär gutmeinend entdecken der ihn sehr anschnauzte In einem
Kirmesdorf wurd ihm aus den Fenstern eines betrunknen Wirtshauses ein wenig
nachgelacht Das Rosanatal lief voll Wasser In einem schönen Gartenhaus spielte
der Regenwind auf der Windharfe einen misstönigen Läufer und Kadenzen voll
Schreitöne da er vorüberlief
Selig flog er seinen Weg denn er hatte Flügel am Kopf am Herzen an den
Füßen und saß als geflügelter Merkur noch auf dem Flügelpferd und ohne es
kaum zu merken kam er durch die vorigen Dörfer Gleich dem Blitze lief sein
Geist nur an den Vergoldungen des WeltGebäudes hin Nur Wina und ihre Augen
füllten sein Herz an Zukunft Folgen Möglichkeiten dacht er nicht er dankte
Gott dass es noch einige Gegenwart auf der Erde gab
Eine Freude kleinerer Art genoss er hinter Grünbrunn wo ihm der böheimische
Schweintreiber dessen Klagen er in Joditz gehört mit einem PilgerLiede
aufstiess und nichts von seinem Plagevieh mehr bei sich hatte als den Hund
So trug ihn die rollende Erde ohne Erdstösse wiegend um die bedeckte Sonne
Gegen Abend sah er schon Hasslau die Meilen waren ihm Wersten geworden In
Härmlesberg begegnete er noch einer alten Diebin die man daraus bis an den
Markstein mit dem Staupbesen gekehrt hatte
Aus Hasslau kamen ihm Feuerspritzen entgegen welche glücklich hatten löschen
helfen Als er im nassen knappen Badegewand mit fortleuchtenden Entzückungen
durch das Hasslauer Tor getreten sah er an den Kirchturm wo Flitte und Heering
wohnten und nahm freudig wahr dass der Testator Flitte so hergestellt und
gesund wie ein Fisch im Wasser aus dem Schalloch guckte
Nr 50 Halber Blasenstein eines Dachshunds
J P F Rs Brief an den Hasslauer Stadtrat
P P
Hier übersend ich den trefflichen TestamentsExekutoren durch den Student und
Dichter Sehuster die drei ersten Bände unserer Flegeljahre samt diesem Briefe
der eine Art Vor und Nachrede vorstellen soll Von dem geschickten Schön und
Geschwindschreiber Halter bisherigen Infanteristen beim Regiment Kurprinz der
zum Glücke des elend geschriebenen Manuskripts gerade in diesem Monat aus
Bregenz mit freundlichem Abschied und gesunder SchreibHand nach Hause an das
Schreibpult kam nachdem er über 4 Jahre sich auf mehreren Schlachtfeldern mit
den Franzosen gemessen und geschlagen von diesem sind darf ich hoffen sowohl
die drei Bände als dieser Brief so gut geschrieben dass sie sich lesen lassen
folglich setzen und rezensieren ohnehin
Will ich mich über das Werk hier bis zu einem gewissen Grade äußern so
müssen einige allgemeine Sentenzen und Gnomen vorausgehen
Nicht nur zu einer Perücke auch zu einem Kopfe gehören mehrere Köpfe
Ferner Jedem muss seine Nase in seinen Augen viel größer und verklärter ja
durchsichtiger erscheinen als seinem Nebenmenschen weil dieser sie mit andern
Augen und aus einem viel ferneren Standpunkte ansieht
Weiter die meisten jetzigen Biographen worunter auch die Romanciers
gehören haben den Spinnen wohl das Spinnen aber nicht das Weben abgesehen
Ferner die Verdauung spüren heißt eben keine spüren sondern vielmehr
Unverdaulichkeiten
Weiter zur zweiten bessern Welt worauf alle Welt aus ist und aufsieht
gehört auch der Höllenpfuhl samt Teufeln
Ferner der Schatten und die Nacht sehen weit mehr als Gestalten und
Wirklichkeit aus als das Tageslicht das doch nur allein existieret und jene
scheinen lässt Und zuletzt man reiche dem Leser etwas in einer Nuss so
verlangt ers noch enger als NussÖl man breche für ihn aus der steinigen Schale
eine köstliche Mandel so will er um diese wieder eine Hülse von Zucker haben
Bloß diese wenigen schwachen Sätze wende ein verehrlicher Stadtrat auf das
Buch und sich und den Leser an und frage sich »Ist noch jetzt die Frage von
diesen und jenem«
Noch vier Punkte hab ich außerdem zu berühren
Der erste Punkt ist nicht der erfreulichste Noch hab ich nicht mehr als
Nummern vom Kabelschen Naturalienkabinett denn dieser Brief ist für den halben
DachshundsBlasenstein erschrieben und fahre schon mit drei Bänden vor die
abzuladen sind da nun das Kabinett 7203 Nummern in allem besitzt so müssen
endlich sämtliche Flegeljahre so stark ausfallen als die Allgemeine deutsche
Bibliothek welche sich doch von ihnen im Gehalte so sehr unterscheidet Ich
sage letzteres nicht aus Bescheidenheit sondern weil ichs selber fühle Indes
werd ich nächstens in meinen Vorlesungen über die Kunst gehalten in der
Leipziger Ostermesse 180439erweisen erstlich dass was man ja sieht und
zweitens warum der Epiker in wessen Gebiet dieses Werk doch zu rubrizieren ist
unendlich lang werde und nur mit dem langen HebelsArme den Menschen bewege
anstatt dass der Lyrikus mit dem kurzen gewaltig arbeitet Ein epischer Tag hat
wie der Reichstag kaum einen Abend geschweige einen Garaus und wie lang
Goethes »Dorotea« die nur einen Tag einnimmt ist weiß jeder Deutsche der
Reichsanzeiger würde eine bloße prosaische Geschichte dieser poetischen
Geschichte in den Flächenraum einer BuchhändlerAnzeige einzupressen vermögen
Auch dürfte ein verehrlicher Magistrat noch bedenken dass die Autoren gleich
gespannten Saiten welche oben und unten Anfangs und Endes sehr hoch klingen
und nur in der Mitte ordentlich ebenso im Eingange und nachher im Ausgange
eines Werkes die weitesten und höchsten Sprünge machen die immer Platz
einnehmen um sich teils zu zeigen teils zu empfehlen in der Mitte aber kurz
und gut zu Werke gehen Sogar diesen Dreiband hab ich mit Briefen an
TestamentsExekutoren begonnen und beschlossen um nur zu schimmern Ich hoffe
von den mittleren Bänden der Flegeljahre das Beste nämlich lyrische Verkürzungen
worin meines Wissens Michelangelo ein wahrer Meister ist
Der zweite Punkt ist noch verdrießlicher weil er die Rezensenten betrifft
Es wird ihnen allen weiß ich so schwer werden sich alles feinen und groben
schon aus dem Titel Flegeljahre geschöpften und abgerahmten Spasses gegen mich zu
erwehren als es mir wirklich selber sogar in einem offiziellen Schreiben an
verehrliche Exekutoren sauer ankommt solchen Personen mit keinen versteckten
Retorsionen und Antizipationen des Titels entgegenzugehen Doch das ließe
vielleicht sich hören wenigstens machen und durch eine Grobheit wird leicht
eine zweite fast zu einer Höflichkeit Allein verehrte Väter der Stadt wie
der Vorstädte man packt Sie an man fängt mit der Exekution bei den Exekutoren
den Prozess an »Allgemein« schreibt man mir sehr kürzlich aus Hasslau Weimar
Jena Berlin Leipzig »wundert und ärgert man sich hier dass die Exekutoren des
Kabelschen Testaments gerade Dir Ihnen die Biographie des Notarius die nach
der testatorischen Klausel ja ebensogut Richardson Gellerren Wielanden
Scarron Hermesen Marmonteln Goeten Lafontainen Spiessen Voltairen
Klingern Nikolain Mds Staël und Mereau Schillern Dyken Tiecken usw
aufgetragen werden konnte eben Dir Ihnen zugewandt und das herrliche
NaturalienKabinett dazu das viele schon besehen
Freunde und Feinde benannter Autoren wollen Dich Sie ohnehin den
Hasslauer Magistrat in Journalen verdammt her untersetzen und heimschicken Doch
bitt ich Dich Sie mich nicht zu nennen Ein künftiger Rezensent schwur hoch
er wolle nicht ehrlich sein wenn er ehrlich bleibe bei so bewandten Umständen«
Hiergegen lässt sich nie etwas machen ausgenommen Antikritiken die aber
ins Unendliche gehen denn ein Hund billt das Echo an es tritt der alte Zyklus
von Jücken und Kratzen und von Kratzen und Jücken ein Das sind aber böse
Historien und der Autor leidet dabei unsäglich er hat immer einen Namen zu
verlieren und nur der Rezensent einen zu gewinnen er lobt sich überhaupt das
Lob und feiert so ungern nach seinem Namenstage noch einen EkelnamensTag Es
ist ihm terribel und so unangenehm als irgend etwas dass das deutsche Publikum
von seinen Autoren wie das englische von seinen Bären wünscht sie nicht nur
tanzen sondern auch gehetzt zu sehen Ein jeder Autor hat doch oder solls
haben so viel Stolz als irgendein Peha oder Tezet oder Iks oder ein anderer
KapitalLetter von Klopstock in dessen grammatikalischen Gesprächen besonders
da er ja der Chef dieser aufgeblasenen XXIIer Union oder dieser grande Bande des
24 Violons ou les vingtquatre ist die er in Glieder stellt auf dem Papier wie
er nur will
Allerdings gäb es ein gutes Mittel und Projekt dagegen hochedler Stadtrat
wenn es angenommen würde Hundertmal hab ich gedacht könnte nicht eine
Kompanie wackerer Autoren von einerlei Grundsätzen und Lorbeerkränzen
zusammentreten und soviel aufbringen dass sie sich ihren eignen Rezensenten
hielten ihn studieren ließ und salarierten aber unter der Bedingung dass der
Kerl nur allein seine Broterren öffentlich in den gangbaren Zeitungen streng
aber unparteiisch und nach den wenigen ästhetischen Grundsätzen beurteilte die
ein solcher Famulant und Valet de Fantaisie haben und behalten kann Wenn sich
eine solche Ordonnanz sozusagen in seiner Chefsmanier einschlösse nichts weiter
triebe und wüsste sollte sie sich nicht niedersetzen und hinschreiben können
»Da und da so und so ist die Sache und wers leugnet ist so gewiss ein Vieh als
ein Affe«
Einigermassen verehrlicher Stadtrat hab ich einen Anschlag und er
betrifft eben den jungen Mann der Ihnen die Flegeljahre persönlich überbringt
Der Mensch heißt eigentlich Schuster hat aber den dumpfen Namen durch ein
Strichelchen mehr in den hellern Sehuster umgeprägt Anfänglich stösset er
vielleicht einen wohlweisen Rat etwas ab durch sein Äußeres durch den
verworrengrimmigen Blick Schweden und Igelkopf greulichen Backenbart und
durch die Ähnlichkeiten die er mit sogenannten Grobianen gemein hat Heimlich
aber ist er höflich und er hat überhaupt seine Menschen die er veneriert Ich
mochte diesen Schuster etwa 14 Tage nachdem er sein Gymnasium als ein scheuer
stiller leiser Mensch verlassen der eben keinen besonderen Zyklopen und Enak
versprach 14 Tage darauf in Jena wieder gefunden haben Himmel wer stand vor
mir Ein Fürst ein Gigant ein Flegel aber ein edler ein Atlas der den
Himmel trug den er schuf setzend eine neue Welt zersetzend die alte Und doch
hatt er kaum zu hören angefangen und wusste eigentlich nichts Erhebliches er
war noch ein ausgestrecktliegender Hahn über dessen Kopf und Schnabel
Schelling seine GleicherLinie mit Kreide gezogen und der unverrückt ja
verrückt darauf hinstarrt und nicht auf kann aber eben er war schon viel und
mehr das fühlt er als er verstand und schien Dieses beweiset beiläufig dass
es ebensogut im geistigen Reiche eine schnelle Methode den innern Menschen in
14 Tagen zu einem großen Manne aufzufüttern geben müsse als es die ähnliche im
körperlichen gibt eine Gans schwebend gehangen die Augen verbunden die Ohren
verstopft durch Nähren in nicht längerer Zeit so weit zu bringen und zu mästen
dass die Leber 4 Pfund wiegt
In der Tat bestimmte mich dieses da der gute Gigant nichts hat außer
Kräfte mit vier andern belletristischen herrlichen Verfassern ich werde
ihnen nie die Schuhriemen auflösen gesetzt sie verlangtens aus der Sache
zu sprechen und sie zu fragen ob wir uns nicht könnten zusammenschlagen und ihn
auf den nötigsten Akademien für unser Geld absolvieren lassen »Wir hobeln
Sehustern« sagt ich »ganz nach unsern Werken zu oder vielmehr er hat seine
deduzierenden Theorien nach dem Meister und andern Stücken seiner Kosterren
einzurichten um einstens imstande zu sein als unser FixsternTrabant
Brautführer und Chevalier dhonneur unserer fünf Musen kurz als unser
RezensierMarkeur in den verschiedenen Zeitungen die die Welt jetzt mitält zu
beurteilen und zu schätzen«
Das nahm man an Und wir Fünfer hatten wahrhaftig keine Ursache unsere
Ausgaben zu bereuen als wir später im ersten Semester hörten dass er die
Polaritäten und die Indifferenz leiden könne dass er ein transzendenter
Äquilibrist sei und ein polarischer EisBär dass er die Menschen
indifferenziere sich aber potenziere dass er zwar kein Dichter kein Arzt und
kein Philosoph sei aber was vielleicht mehr ist alles dieses
zusammengenommen Und in der Tat nannt er uns bald darauf in seinen Rezensionen
die fünf Direktoren ja die fünf Sinne der gelehrten Welt ich soll darunter der
Geschmack sein le Goût el Gusto40spricht aber doch verdammt frei von jedem
andern »Gesetzt mein feuriger Schuster« wandt ich einstens ein als er
hingeschrieben hatte er sehe voraus in 4 oder 5 Jahren sei Goethe so tief
herunter als gegenwärtig Wieland »O was« versetzt er »ich stecke zuweilen
einen KometenKern ins blaue ÄtherFeld und bekümmere mich nicht ob er aufgeht
und fliegt als FeuerBlume An der HimmelsAchse der Unendlichkeit sind die Pole
zugleich Gleicher alles ist eines Hr Legaz«
Nun halten vier Treffer der Literatur fünf würd ich sagen wär ich nicht
darunter bei einem Hochedlen Rate um das Maushackische Legat das eben für arme
Studenten aufgeht für den guten Ohnehosen an denn letzteres ist er wechselnd
eigentlich und uneigentlich gleichsam als differenziere und indifferenziere er
auch hier und wähle Realismus und Idealismus beliebig als zwei
Wechselstandpunkte aus einem dritten Ich meine aber so er hat nichts Sein
Marquisat de Quinet41wirft zu wenig ab er braucht zu viele erregende Potenzen
wenn er selber eine sein soll und Weinberge sind die Terrassentreppe zu seinem
Musenberg wir fünf Marquis verspüren das Ernähren eines sechsten auch stark
Wiese man nun aber Sehustern das Maushackische Legat zu so könnt ers pro forma
in Jena oder Bamberg verzehren und dabei gemächlich beurteilen einige
bekränzen und ganz weg haben unzählige kaum von der Seite ansehen die
Gemeinheit herzlich verachten viele Sachen deduzieren wie zB den Roman den
Humor die Poesie aus vier oder fünf Termen und Schreibern und völlig unter
die sogenannten ganzen Leute gehören Der selige Maushack selber den ich zwar
nicht kenne der aber doch von der andern Welt muss endlich profitieret haben
würde droben wenn er von diesen Früchten seines Nachlasses hörte
seelenvergnügt sagen »Herzlich gönn ich der wilden Fliege drunten das Legat
bloß weil sie um eine Welt früher als ich von dem ReflexionsPunkte
weggeflogen«
O Gott Stadtrat was wäre noch zu sagen würd es nicht gedruckt Ein Autor
gibt lauter Nüsse aufzubeissen welche dem Gehirne gleichen das nach Le Kamus
ihnen gleicht und die also drei Häute haben wer aber schälet sie ab Ein
bekannter Autor ist allerdings bescheiden das ist aber eben sein Unglück dass
niemand weiß wie bescheiden man ist da man von sich nicht sprechen und es
sagen kann Er könnte seinem Stiefelknecht hundert Livreefarben anstreichen er
könnte den EisenFang seines Windofens zu seinem brennenden Namenszug
verschweifen und ringeln lassen aber niemand weiß es dass ers nicht tut Erwägt
man vollends wie viele Schlachten Bonaparte sowohl in als außer Europa
ausstand und lieferte bloß damit nur einmal sein Name richtig geschrieben
würde ohne das U wofür er jetzt den Franzosen jenes X macht jenes
algebraische Zeichen der unbekannten Größe erwägt man also mit welcher Mühe
ein Name gemacht und mit wie leichter er wieder ausgewischt wird so ists
wahrlich ein matter Trost dass es in Rücksicht des Verkennens auch andern
größten Männern nicht besser ergangen zB dem großen Gottsched der selber
sogar im Gellertischen Leipzig so manches erlitt was man hier nicht wiederholen
will
Der vierte Punkt wovon ich einem hochedlen Magistrate zu schreiben
versprach ist gerade ein närrischer den der junge Schuster am besten
ausfechten würde in öffentlichen Blättern
Ein hochedler Stadtmagistrat wünschte nämlich von weitem dass das Werk etwas
verweint und beweglich verfasset würde Aber wie war das noch tunlich in unsern
Tagen Verehrteste die ein wahrer einziger heller Tag sind wo die Aufklärung
als ein eingeklemmter angezündeter Strick fortglimmt an welchem an öffentlichen
Orten jedes Tabakkollegium seine Köpfe anzündet Wer öffentlich noch ein wenig
empfinden darf und der ist zu beneiden das sind entweder die Buchhändler in
ihren BücherGeburtsAnzeigen indem man alle etwanige Empfindsamkeit darin mit
dem Eigennutz entschuldigen kann oder es sinds die lachenden Erben in ihren
TodesAnzeigen wo aus demselben Grunde der Korkzieher der Tränen darf
eingeschraubt und angezogen werden Sonst aber hat man gegen Weinen besonders
wahres viel die Tränenkrüge sind zerschlagen die weinenden Marienbilder
umgeworfen von zeitiger Titanomanie die besten Wasserwerke sind noch früher
angelegt als die Bergwerke welche davon auszutrocknen sind wie in
SchmelzHütten ist in die SeelenschmelzHütten in die Romane einen Tropfen
Wasser zu bringen streng verboten weil ein Tropfen das Glut und FlussKupfer
zertrümmernd auftreibt der Mensch fängt überhaupt an und zwar bei den Tränen
nach Hirschen und Krokodilen zu schließen das Tierische abzulegen und das
Menschliche anzunehmen wo man bei dem Lachen anfängt so dass jetzt eine
poetische Zauberin wie sonst eine prosaische Hexe daran eben erkannt wird dass
sie nicht weinen kann
Kurz Rührung wird gegenwärtig nicht verstattet leichter eine
Rückenmarksdürre als eine Augenwassersucht und wir Autoren gestehen es uns
manchmal untereinander heimlich in Briefen wie erbärmlich wir uns oft wenden
und winden damit wir bei RührAnlässen wir müssen selber darüber lachen
keinen Tropfen fahren lassen
Ich schließe diese Zeilen ungern aber der Ohnehosen Schuster steht hinter
dem Kopisten Halter schon gestiefelt und wartet auf die Kopie derselben mit
der Jagdtasche denn es wäre kaum zu sagen was ich den trefflichen
TestamentsVollstreckern noch zu sagen hätte über das Werk Mög ich und die
Welt nicht zu lange bei Ihnen auf die nächsten fünfhundert Nummern passen
müssen Nachgerade gegen den vierten Band spinnt sich in der Biographie
ordentlich merkbar eine Art von Interesse an Denn nun müssen die kostbarsten
Sachen kommen und im Anzug sein und ich brenne nach Nummern Überall stehen
Tellerfallen und Dampfkugeln fliegen Wildrufdreher schleichen Hummerscheren
klaffen Walts und Winas neuester Bund ist seltsam und kann unmöglich lange
bleiben ohne die größten Stürme die bändelang rasen von Messe zu Messe
Jakobinens Nachtvisite muss konfuse Folgen haben oder kanns doch der Larvenherr
muss entlarvt werden wiewohl ich ihn wahrlich errate denn er ist mir zu
kenntlich Vult hat seinen Schmollgeist ist erlogen von Adel lebt von Luft
stürmt so leicht der testierende Elsasser ist ganz hergestellt und sieht zum
Schalloch heraus die meisten Erben minieren gewiss ich seh aber bekenn ich
noch nichts des Helden Vater sitzt zu Hause und rennt und verschuldet Haus und
HofPassvogel Harprecht Glanz Knoll müssen sich sehen lassen und graben noch
unter der Erde guter Gott welche eine der verwickeltsten Geschichten die ich
kenne Walt soll Pfarrer werden und ich begreife nicht wie und hundert andere
Dinge nicht besser der Graf Klotar will heiraten kommt zurück und findet
beim Himmel eine neue Wirtschaft und Historie die ihm natürlich etwas
frappieret Walt will unendlich gut und willig bleiben und ein zartes
GottesLamm und soll daraus ein Schaf ein Hammel werden unter WollenScheren
unter Schlachtmessern Schlingen Flammen Feinde Freunde Himmel Höllen
wohin man nur sieht
Allerdings verehrlichster Stadtrat hat eine solche Geschichte noch kein
Dichter gehabt aber ein Jammer ist es eben und ein noch unbestimmliches Unglück
für die ganze schöne Literatur dass sie wahr ist dass mir so etwas nicht früher
eingefallen als zugefallen dass ich unglückliche Haut an TestamentsKlauseln
und NaturalienNummern gefesselt gehend wie an kleinschrittigem Weiberarm
nichts von romantischen Gaben und Blüten indem ich doch auch unter den
Romanciers mitlaufe künstlich pelzen darf auf solchen Stamm O Kritiker
Kritiker wärs meine Geschichte wie wollt ich sie für euch erfinden und
schrauben und verwirren und quirlen und kräuseln Würfe ich zB etwan nur ein
schmales Schlachtfeld in eine solche göttliche Verwicklung ein paar Gräber
einen Schlegelschen Revenant des Euripidischen Ions42 fünf Schaufeln voll
italischer Erde oder sonst klassischer einen schwachen Ehebruch einen
Klostergarten samt Nonnen von einem Tollhause die Ketten wenn nicht die
Häusler ein paar Maler und deren Stücke und den Henker und alles ich
glaube Vollstrecker es fiele anders aus als jetzt wo ich bloß nur
nachschreibend zusehen muss wie die Sachen gehen und aus Hasslau kommen ohne dass
ich im möglichen Falle ungewöhnlicher Langweile etwas anderes für die Welt und
für Hrn Kotta in der Gewalt hätte als wahres Mitleiden mit beiden fast zu sehr
vom Gewissen und sonst eingeklemmt und angepfählt
Aber mein Rezensent der junge Schuster der eben zwischen Schreiber und
Abschreiber steht treibt außerordentlich und will fort und sieht verdrießlich
nach dem Gottesacker hinaus Noch schlüsslich ersuch ich die Vollstrecker falls
schwere Kapitel die besondere Kraft und Stimmung fordern im Anzuge sein
sollten mir sie bald und jetzt zu schicken wo gerade meine Lokale wozu auch
mein Leib zu rechnen mein Schreibfenster das den ganzen Ilzgrund beherrscht
denn ich wohne im Grunerschen Hause in der Gymnasiumsstrasse und das Blühen
der Meinigen worunter mein empirisches Ich mit gehört mich sichtbar
unterstützen ja ich würde wenn nicht solche SelbstPersonalien eher vor ein
Publikum als vor einen Stadtrat gehörten dazu selber den gedachten Gottesacker
schlagen wo man eben jetzt es ist Sonntags 12 Uhr halb in der
Salvatorskirche halb auf deren Kirchhofe im Sonnenscheine zwischen Kindern
Schmetterlingen SitzGräbern und fliegenden Blättern des Herbstes den
singenden orgelnden und redenden Gottesdienst so hält dass ich alles hier am
Schreibtische höre
Ich könnte dabei manches empfinden aber Rezensent drängt erbärmlich weil
die Tage kürzer werden und er ist schuld dass ich in größter Eile mit der
größten Hochachtung erharre
eines Hochedlen Stadtrats
Koburg den 23 Okt 1803
J P Fr Richter
Viertes Bändchen
Nr 51 Ausgestopfter Blaumüller
Entwicklungen der Reise und des Notariats
Der Notar glaubte wie ein erwachter Siebenschläfer eine ganz umgegossene Stadt
zu durchtreten teils weil er einige Tage daraus weggewesen teils weil eine
Feuersbrunst obwohl ohne Schaden da gehauset hatte Noch in den Gassen blieb
er auf Reisen Auch zog das Volk durchs Feuer aus der Alltäglichkeit
aufgerissen gescharet hin und her um das Unglück zu besehen das hätte
geschehen können Walt lief zuerst zum Bruder mit dem größten Drange dessen
Neugierde unglaublich zu spannen und zu stillen Vult empfing ihn ruhig sagte
aber von sich er sehe erhitzt aus und gebe das glühende Gesicht der FeuersNot
schuld Der Notar wollte ihn sofort mit den erlebten ReiseWundern in die Höhe
schrauben und droben erquicken er schickte daher die lockendsten Ankündigungen
voraus indem er sagte »Bruder ich habe dir Sachen zu melden in der Tat
Sachen« »Auch ich« unterbrach Vult »bin mit einigen sieben Wundern der Welt
versehen und kann erstaunen lassen Nur erst das erste Flitte genas Noch
staunt und starret die Stadt« »Unter dem Lazarustor sah ich ihn schon am
Schalloch stehen« versetzte Walt eilig wegredend »Das ist ganz natürlich«
fuhr jener fort »Denn der Dr Hut ein wahrer Chapeau wie wenige hat ihn
wieder auf die Hinterbeine gebracht so dass der Testator sich selber beerbt als
allernächster Anverwandte und du so wenig bekommst als der Rest Wie freilich
darüber die alten Ärzte besonders die ältesten welche in jeder Stadt als ein
wahrer Rat der Alten einen Alterserlass veniam aetatis nicht von 20 sondern
von allen irdischen Jahren dem jüngsten erteilen und so die Sterblichkeit der
Einwohner köstlich mit der Unsterblichkeit verknüpfen wie sie sag ich
darüber dass ein so junger Wicht einen nicht älteren herstellte außer sich sein
müssen dies kann man ganz natürlich noch wenig oder nicht bestimmen bevor gar
eine bekannte Arbeit von Flitte gedruckt und bekannt geworden Es hat nämlich
der Elsasser eine schwache Danksagung ein paar Male umgearbeitet worin er im
ReichsAnzeiger Doktor Hut schießt die InseratsGelder her mitten vor der Welt
Huten gerührt genug dankt und beteuert nie könn ers ihm lohnen was ein so
wahres Gefühl ist da er nichts hat«
Walt konnte sich nicht länger eindämmen »Liebstes Brüderlein« begann er
»wahrlich mehr deinen Einfällen als deinen Berichten horcht ich zu denn das
was ich dir zu erzählen Deinen Brief nämlich mit dem WunderTraum hab ich
wirklich und in der Tat empfangen aber was wäre bloß dies Eingetroffen ist er
von Punkt zu Punkt von Komma zu Komma höre nur«
Er legte ihm jetzt die SpielWunder zum ersten Male vor wegen der
verworrenen Wellen der alles heranschwemmenden Flut zum zweiten Male Kein
Abenteuer selber das schlimmste ist je so selig zu erleben als zu erzählen Ja
er hätte beinahe von Winas liebendem Blick unter dem Wasserfalle in seinem Sturm
den Schleier gehoben hätt er nicht auf dem ganzen Wege mit Wina an einer Hand
und mit Vulten an der andern das Wichtigste vorläufig bedacht und sich die
stärksten Gründe eingeprägt gehabt dass er durchaus Wina in den General
einkleiden müsse und Empfindungen obwohl nicht Tatsachen unterschlagen so
gern er auch in das einzige ihm vom Leben aufgeschlossne Herz die beiden Arme
seines in Liebe und in Freundschaft geteilten Stroms ergossen hätte
»Aus deinen Abenteuern in bezug auf meinen Brief« sagte Vult »mach ich
eben nicht das meiste ich lege dir nachher eine sehr gute Hypothese darüber
vor hingegen in Jakobinens Stelldichein säh ich mit Freuden klärer« Walt
erzählte dann den Nachtbesuch ganz wahr hell und leicht und vergaß keine
einzige Empfindung dabei
»Nichts will ich leichter erklären« fing endlich Vult an »Kann denn nicht
ein Kerl der alle Verhältnisse weiß dir durch Wälder und Felder immer drei
Schritte nach oder vorgeschlichen sein mit der Flöte geblasen haben deinen
Namen in den Krügen und Hotels vorausgesagt die kleinste Sache bestellt und
angestellt zB mit dem Bilderhändler und dem Quodlibet und dessen quod deus
vult est bene factus statt factum und so fort Was den Brief anlangt so war
er ja in meinem Namen und Stil so leicht zu schreiben unterwegs aufzugeben
darin alles zu weissagen was man eben selber vollführen wollte das Geld aber
eine Minute vorher einzugraben« »Unmöglich« sagte Walt »Und vollends der
Larvenherr« »Hast du die Larve etwa in der Tasche« sagte Vult Er zog sie
hervor Vult drückte sie vor das Gesicht funkelte ihn darhinter mit ZornAugen
an und rief wild mit bekannter Stimme des Larvenherrn »He Bin ichs Wer seid
ihr« »Himmel wie wäre denn das« rief der erschrockene Walt Sanft hob
Vult die Larve ab sah ihn ganz heiter an und sagte »Ich weiß nicht was deine
Gedanken über die Sache sind ich sentiere dass sowohl der Larvenherr und
Flötenspieler als auch ich und der Briefschreiber dieselben Personen sind«
»Mein Verstand steht still« sagte Walt »Kurz ich wars« beschloss Vult Aber
der Notar wollte seiner eigenen Bestürzung nicht recht glauben »Etwas
Wunderbares« sagte er »steckt gewiss noch hinter der Zauberei und warum
hättest du mich überhaupt so sonderbar hintergangen«
Aber Vult zeigte dass er ihm einige Lust zuwenden ja einige Unlust ersparen
wollen Er fragte schelmischblickend ob er nicht zur rechten Zeit seine Maske
ins Zimmer geworfen ehe Jakobine die ihrige fallen lassen Endlich sagte er
gerade heraus die Klausel des Testaments welche für FleischesSünden um halbe
Erbschaften bestrafe sei allgemein bekannt und Walt sei leider stets sehr
unschuldig auf nichts aber werde in einer Aktion öfter und besser geschossen
als auf Schimmel wegen der Farbe der Unschuld die sieben Erben decken wie
kluge Feldherrn ihr Lager mit Morast »kurz« beschloss er »wie Taubenhändler
wahrhaft betrügen und zwei Täubinnen oft für ein ordentliches Paar Ehetauben
ausgeben hätte man es mit dir und der Aktrice nicht ebenso machen können wär
ich dir nicht nachgereiset« Da wurde der Notar blutrot vor Scham und Zorn
sagte »o garstig über die Massen« setzte unter dem Umherfahren nach dem Hute
hinzu »in diesem Lichte steht ein armes Mädchen bei dir Und dein eigener Bruder
dazu« lief fort sagte wild weinend »gute Nacht aber bei Gott ich weiß
nicht was ich dazu sagen soll« und ließ keiner Antwort Zeit Vult ärgerte
sich fast über den unvermuteten Zorn
»Ich ich« wiederholte Walt auf der Gasse innigst »ich hätte mich
versündigen sollen an einem Tage wo mir Gott den rührendsten ReiseAbend
bescherte und die fromme Wina mir so nahe lebte Das wolle Gott nicht«
Als er aber in sein Stübchen trat überflog ihn eine ganz besondere
Seligkeit und zehrte den Schmerz auf eine neue Empfindung wird an einem alten
Orte lebendiger es war Winas guter Blick unter dem Wasserfalle der jetzt ein
ganzes Leben wie ein Morgenlicht golden überstrahlte und alle Taublumen darin
blitzen ließ Vieles um ihn war ihm nunmehr zu eigen geworden sowie neu der
Park unten in dessen Gängen er sie einmal gesehen und Raphaela im Hause die
ihre Freundin war gehörten unter die Habseligkeiten seiner Brust Selber seinen
eignen Roman Hoppelpoppel kannte er kaum mehr auf so neue Gemälde des liebenden
Herzens stieß er jetzt darin von denen er erst diesen Abend recht fasste was er
neulich etwa damit haben wollen nie fand ein Autor einen gleichtöniger
gestimmten Leser als er heute Er bauete sich sogleich ein zartes Bilderkabinett
für die Gemälde von den Auftritten die Wina vermutlich diesen Abend haben
könnte zB im Schauspielhause oder in den Leipziger Gärten oder in einer
gewählten Gesellschaft mit Musik Darauf setzte er sich hin und beschrieb es
sich mit Feuerfarben wie ihr etwa heute sei in Glucks Iphigenie auf Tauris
dann machte er selige Gedichte auf sie dann hielt er die Papiere voll Eden ins
Talglicht und verkohlte alles weil er sagt er nicht einsehe mit welchem
Rechte er ohne ihr Wissen so vieles von ihr offenbare ihr oder andern
Als er zu Bette ging verstattete er sich Winas Täume sich zu erträumen
»Wer kann mir verbieten« sagt er »ihre Träume zu besuchen ja ihr sehr viele
zu leihen Ist der Schlaf vernünftiger als ich O sie könnte im wilden Wahnsinn
desselben ja recht gut träumen dass wir beide unter dem Wasserfalle ständen
verbunden aufflögen in ihn umarmend hinschwämmen auf seinem flüssigen
Feuergolde und zum Sterben herabstürzten mit ihm und vergöttert still nun
weiterflössen durch die Blumen in den Strahlen sie mit ihrer Welle in meine
schimmernd und wir so uns ineinander verrönnen in das weite hohe blaue reine
Meer das sich über die schmutzige Erde deckt Ach wenn du so träumen wolltest
Wina« Dann sah er auf dem Kopfkissen recht hell und scharf weil nachts in
der wilden Zeit des Vortraums vor der Seele alle blasse Bilder junge
Lebensfarben annehmen und die Gestalten blitzende Augen öffnen das liebe
milde Auge Winas vor sich aufgetan und wie einen Mond den der Tag zum Wölkchen
verdünnte am Nachthimmel herrschend strahlen und er sank in das liebe Auge
wie ein Frommer in das Auge unter welchem man Gott abbildet Wie leicht und
dünn ist ein Blick und ein erinnerter Kaum das Alpenröschen ist er das der
Mensch von der höchsten Stelle seines Lebens herunterbringt Aber doch hält der
Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine die
ein Augenlid bedeckt an einen verhauchten kaum entstandenen Blick und auf
dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Bäumen fest So sind
Geister denn da die Unsichtbarkeit ihre Welt ist so ist ein Nichts leicht ihre
Sichtbarkeit
Am Morgen lag Sonnenschein und Seligkeit um ihn her Alle Blüten zu
Zankäpfeln waren abgefallen Die Morgenstunde hat Gold aber das reinste im
Mund die Sonne scheidet das in Schlacken vererzte Gemüt das finstere Übermaß
besonders des Hasses hört auf Walt sah sich um im Morgenlicht fand sich wie
von einem Arm aus den Wolken durch alle übereinanderstehenden Wolken des Lebens
durchgehoben ins Blau Wer liebt vergibt wenigstens den Rest dem Rest er
fragte sich wie er denn gestern gerade am HeimkehrFeste so gegen den armen
Bruder aufbrausen können
»Jawohl den armen Bruder« fuhr er fort »denn er hat gewiss keine Geliebte
deren Liebesblick ihm wie ein Lebensbrennpunkt im Herzen bleibt« Nun ging er
ganz ins Einzelne und stellte sich nach seinem Instinkte der ihn stets in die
fremde Seele trieb und in ihr über sie hinzuschauen zwang an Vults Stelle wie
dieser nichts habe nichts wisse vom Wasserfalle nämlich wie er alles oder
vieles so sehr gut meine besonders für Walt wie er nur herrschsüchtig hart
verfahre usw
In dieser Gesinnung beschloss er zum Bruder zu gehen und kein Wort zu sagen
über die EssigSache sondern bloß mit seiner Hand eine schon im Mutterleib
verknüpft gewesene anzufassen und einiges gelassen zu besprechen besonders was
die bevorstehende Wahl eines neuen Erbamts betreffe
Vult war verreiset Ein Briefchen an Walt war an die Tür gesiegelt »Bester
Ich reiste heute flüchtig ab um in Rosenhof mein versprochenes Konzert zu
blasen Künftig arbeit ich viel fleißiger denn wirklich tu ich für unsern
GesamtRoman zu wenig besonders da ich gar nichts dafür tue Es entgeht uns
nicht dass ich lieber spreche im reissendsten Strome mich schwemmend als
schreibe Gut aber ists nicht weder für die Literatur noch das Honorar In
Schulen gilt sonst Rechen und SchreibMeister für einen ein trefflicher
BuchSchreibmeister hingegen ist selten ein Rechenmeister leider bin ich nicht
einmal einer von beiden und brauche doch Geld Adieu v H«
»Der gehetzte Bruder« sagte Walt »so muss er sich jetzt das Geschenk
erpfeifen das er mir so spaßhaft in die Hände gespielt warum fall ich immer
so heftig aus und drücke den Guten« Er fasste den ernstlichen Vorsatz künftig
seinem Sturm und Poltergeiste ganz anders den Zügel anzuziehen
Aber Rosenhof warf bald heiteres Licht auf alles und heiligte fast den
Flötenspieler den er in den nachschimmernden Auen des schönsten Morgens mit
Glanz besprützt umherwaten sah
Wackerer als je betrat er nun seine NotariatsGänge wieder die sich gegen
das Ende seines Erbamts immer häufiger auftaten Es war ihm ganz einerlei so
freudig ging sein Puls worüber er ein Instrument aufsetzte ob über die
Verlassenschaft eines Hofpredigers oder über eine angebohrte ÖlTonne oder über
eine Wette immer dacht er an das Haus des Generals oder an den Wasserfall oder
an Leipzig und es konnte ihm gleichgültig sein denn er gab nicht darauf acht
was er niederschrieb als offener kaiserlicher Notar
So glänzendumsponnen vom Nachsommer des Herzens kam er aus dem September
und dem Notariat endlich in den Oktober hinüber wo er vor den Kabelschen
TestamentsExekutoren die Rechnung über das bisherige Erbamt abzulegen hatte
vor welcher ihm nicht im geringsten bange war denn Winas Blick hatte in ihm
einen so feurigen Herzschlag entzündet dass er mit einem solchen FrühlingsPulse
vermochte in jeder äußern Kälte des Schicksals warm zu bleiben
Sein Vater Lukas hatte ihn neuerlich in mehreren Kopien von BriefOriginalen
die der Schulze behielt weil im Briefschreiben das Original das schlechtere
ist seine Angst vor dem Notariats Hintergrund und die Beteurung seiner
»Herbeikunft« wissen lassen Walten wurde die Wiederholung desselben dürren
Gedankens die so manchen frischen erdrückte sehr zur Last und er wünschte
nichts weiter als die alte Freiheit an hundert Dinge zu denken »Warum ist denn
ein Irrweg so verdrießlich« sagt er »als bloß weil man so lange bis man den
rechten wieder erwischt immer die abgeschabte platte Idee des Wegs besehen und
behalten muss« Die gemeinen Qualen des Lebens belasten weniger unter ihrer
Geburt als während ihrer Schwangerschaft und der eigentliche Leidenstag geht 24
Stunden oder Zeiten früher an als der äußere Der erste Schritt den Walt am
anberaumten Morgen ins Rataus tat machte ihn zu einem andern Menschen nämlich
zum alten die Sache war für ihn vorbei denn sie war so nahe Zu bald kam er
im Vorzimmer an harrte aber vergnügt und machte einen Polymeter worin er
einige gute Gruppen besang die in halberhobener Arbeit am Ratsofen mit aller
der Wärme dargestellt waren welche die Jahreszeit an einem kalten Ofen erlaubt
TanzHoren Füllhörner voll Heu Fruchtschnüre oder stricke Büschel von dicken
festen Blumen oder Obst und sechs Frühlinge aus Ton denn es war ein
Zirkulierofen waren allerdings imstande einen Dichter wie er zu heizen Als
noch immer die Ratsstube zublieb so geriet er auf NebenIdeen ob nämlich nicht
ein ganzer Roman aus OfenPasten darzustellen und zu entwickeln wäre besonders
ein komischer So vermag nur ein Mann vor einer wichtigen Wendepunktsstunde
zB vor einer Krönung Schlacht Selbstermordung nicht aber seine Frau vor
einer ähnlichen zB vor einem Balle zu dichten zu schlafen zu lesen
Da endlich der Schirmherr der Kabelschen enterbten Erben der Pfalzgraf
Knoll eintrat so fing alles an und wurde gehörig vor den Bürgermeister Kuhnold
gestellt
In seinem Leben war ihm nie so federleicht in einer Ratsstube gewesen auf
dem Staubfaden einer Lilie hätt er sich schaukeln können Er fiel aber bald von
seiner Lilie ins Beet herunter als der Schirmherr anfing vorzutragen und zu
belegen »dass der offene geschworne Notar bisher sehr absurd gewirtschaftet«
dass er nicht nur erstlich und zweitens zweimal in Instrumenten abbrevieret
drittens ein nächtliches das TurmTestament mit zweierlei Tinte und viertens
bei einerlei Licht geschrieben fünftens einmal radiert sechstens einmal gar
nicht angegeben dass er ausdrücklich zur Aufrichtung des Instruments
vorgefordert worden desgleichen siebentens in dem nämlichen auch die Stunde
nicht achtens den nägeleinbraunen Bindfaden womit die Klagschrift N N
contra N N umwickelt gewesen als einen gelben zu Protokoll gebracht
neuntens Hauszeugen als sie eidlich aussagten für ihren Herrn ihrer Pflicht
vorher durch Handgeben sowohl zu entlassen als diesen Akt des Entlassens
anzuzeigen ganz vergessen sondern dass er auch zehntens einen falschen Datum im
Wechselprotest ja eilftens neuerlich und ganz zuletzt ein Instrument gar an
einem 31 September der nicht existiere auszufertigen wenig Anstand genommen
Nun wurd er gerichtlich befragt was er dawider einzuwenden habe »Ich wüsste
eigentlich nichts« versetzt er gegnerischerseits »auch trau ich fremdem
Gedächtnis hier weit mehr als eigenem Doch was die Hauszeugen anlangt so hielt
ich es für eigenmächtig und unmöglich sie durch mein bloßes Wort ihren
Pflichten zu entnehmen und wieder zurückzugeben« Darauf sagte Hr Kuhnold
dieser Grund sei mehr edel gedacht als juristisch und berief sich auf Hrn
Fiskal Knoll Nichts sei lächerlicher versetzte dieser und schob nun zehn bis
zwanzig breite hohle Worte aneinander um bei den TestamentsExekutoren um das
nachzusuchen was sich von selber verstand die Eröffnung des hier eintretenden
geheimen Artikels
Eh es Kuhnold tat erwies er dem Pfalzgrafen dass gar nicht alle
Rechtsgelehrten allgemein zu NachtKontrakten drei Lichter begehrten sondern
nur mancher und langte als Knoll auf seinem Satze beharrte bloß das
promtuarium juris von Hommel oder Müller als den nächsten Beweis aus dem
Schranke vor Die Ratsbibliotek war nicht höher als die vier Bände des
promtuarium stark dennoch fehlte ihr wie den meisten öffentlichen
Bibliotheken ein Katalog
Knoll behielt sich das Seinige vor Kuhnold gab aber nicht nach sondern
verlas den Straftarif »dass nämlich für jeden juristischen NotariatsSchnitzer
des jungen Harnisch jedem der sieben Erben ein Tannenbaum in Kabels Wäldchen zu
fällen verstattet sein sollte« Da er nun in zehn Sünden geraten war ohne die
streitigen Lichter so belief sich der Dezem mit den sieben letzten Plagen
multipliziert auf den ansehnlichen Schlag von 70 Stämmen so dass Walt nie halb
so gut dadurch gelichtet werden konnte als das Wäldchen selber »Nu« sagte
der Notar schnell beide Hände seitwärts auswerfend »was ist zu machen« Er
wusste sich innerlich über die Zufälle des Lebens so erheiternd zuzureden wie ein
Schuster den Kunden über neue Stiefel die er bringt sind sie zu enge so sagt
der Meister »sie treten sich schon aus« sind sie zu weit so sagt er »die
Nässe zieht sie schon ein« So dachte Walt heimlich »Das witzigt mich Jetzt
kann ich doch als Notar ruhig alle meine Instrumente machen ohne dass mir
geheime Artikel das geringste zu befehlen oder zu nehmen haben« Aber am Ende
machte ihm doch der Fiskal Knoll den leichten poetischen GötterIchor des
Herzens schwer dick und salzig als dieser ohne im geringsten durch die Freude
über den Gewinn von Schlagholz irre oder trunken zu werden seine Protestation
im Punkte der drei Lichter erneuert zurückließ Die stehende Gegenwart eines
deutlich hassenden Wesens drückt und presst eine immer liebende Seele die ihre
Kälte schon für Hass ansieht mit dem schwülen Dunstkreis eines Gewitters dessen
Schlag weniger quält als dessen Nähe Betrübt selber von Kuhnolds sanftem
Worte das ihm so vermeidliche Fehler eben als die unverzeihlichern vorwarf
ging er nach Hause und er sah Vults Fluchen und Scherzen darüber schon
entgegen
Das erste was er zu Hause machte war ein Sprung aus demselben auf die
schönen stillen Höhen der OktoberNatur um seinem Vater dem Schultheiß und
dessen Scherbengerichte zu entspringen der wie er gewiss wusste in die Stadt
laufen würde um jede Scherbe des zerbrochenen Glücktopfes ihm an den Kopf zu
werfen Auf einer friedlichen Anhöhe dem Wäldchen gegenüberkonnt er während
er das medizinische Miserere des Schicksals durch Dichten und Empfinden in ein
musikalisches verwandelte recht gut wahrnehmen dass schon mehrere Erben mit
verständigen Holzhauern im ErbForste lustwandelten um einträchtig mit
Waldhämmern ihr Gnadenholz anzuplätzen Endlich ritt im Schritt Flitte an der
Spitze einer holzersparenden Gesellschaft mit Äxten Sägen Massstäben in den
Händen den Wald hinan Gleich einem Witwer der seine Halbtrauer täglich in
kleinere Brüche zerfällt in Drittelstrauer in ein 14 18 164 Teil
wiewohl die Trauer oder der Zähler nie Null werden kann nach mathematischen
Gesetzen verkehrte Walt bei diesem Anblick seine schwache Halbtrauer
aritmetisch zu sprechen in einen unendlich großen Nenner und in einen
unendlich kleinen Zähler dh er wurde das was man gemeinhin froh nennt »Es
ist schon recht« dachte er »dass ich dem guten Flitte für seine gutmütige
Erbeinsetzung meiner Person doch einen schwachen Dank durch meine Fehler
zuschanze er habe recht viele Freude dabei nur keine Schadenfreude« Aber die
Lustigkeit über die HolzEinbusse wurde Walten etwas verkümmert als er den alten
Schulzen aus der Stadt schreiten und ins Holz dringen sah Märtyrerkrone und
Zepter tragend Auf die angeplätzten Stämme lief Lukas zu fragte sagte dies
oder das und keifte durchschnitt den Gehau nach allen Ecken stritt ohne
Vollmacht wider alles flog als ein flüchtiges Waldgericht und Forstkollegium
hin und her an jeden Busch neben jede Säge machte die Wüste seines Gesichts
immer dürrer und arabischer je mehrere Erben ankamen die größten Baumschänder
die er sich denken konnte sah seufzend zu jedem Gipfel auf der stürzen wollte
und trieb nichts durch als forstgerecht den Weg auf welchem der fallende Baum
das Buschholz schonen musste
Walt schaute erbärmlich herüber so leicht er sonst sein schwarzes Schicksal
wie sein weißes nur zu dichterischer Farbengebung verrieb gleichsam zu Kohle
und zu Kreide so konnt er sich doch den Holzschlag des Schlagholzes zu keinem
dichterischen Baumschlag ausmalen weil ihn der Vater peinigte Er wartete aber
fest dessen Weggang ab dann fragte er nach der glühendsten Abendröte vor seinen
Augen nichts sondern er ließ in sich abstimmen welches Erbamt das seinen
Vater freudig lasse er jetzt zu wählen habe
Nun fehlte es ihm aus Mangel des Flötenspielers an einer Stimmensammlung und
an irgendeiner auch nur kleinsten Minorität weil die Majorität selber er nur
ein Mann stark war welches wenn nicht die kleinste denn oft ist gar kein
Mann beim Stimmen doch keine beträchtliche ist
Endlich wählte er das kürzeste Amt nämlich das siebentägige Leben bei einem
Erben Die Stelle darüber heißt im Korpus juris des Testaments claus 6 Litt
g so »Er Walt soll bei jedem der Hrn AkzessitErben eine Woche lang wohnen
der Erbe müsst es sich denn verbitten und alle Wünsche des zeitigen
Mietsherrn die sich mit der Ehre vertragen gut erfüllen« Ein so kurzes Amt
hoffte er ohne große Fehltritte und Fehlsprünge und mit einiger Ehre und in
kurzem noch eh der Bruder erschiene zu beendigen Nach der Wahl des Amts
musst er wieder die neue desjenigen Erben anstellen welchem die erste Ehre
davon zuzuwenden sei Er erlas sich zum wöchentlichen Wohnen den bei welchem er
bisher gewohnt Hrn Neupeter »Auch begehrts die Zärte« sagt er
Nr 52 Ausgestopfter Fliegenschnäpper
Vornehmes Leben
Nachdem er am Morgen die feinste Anrede an den Hofagenten in den Kopf gebracht
hatte woraus sie ohnehin noch nicht gekommen war trat er vor Neupeter der ihn
in der Schreibstube neben einem brennenden Lichte mit dem Petschaft am nassen
Maul und mit der Nachricht empfing es sei Posttag Während der Kaufmann
fortsiegelte hielt er hinter dessen Rücken leicht seine Rede voll Zärte bis
dieser da er ausgesiegelt hatte das Licht ausputzte und fragte »Was gibts«
Zerfahren war dem Notar der ganze Sermon
Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nacheinander halten in der Eile
musste er nur darauf denken aus dem Gesagten einen dünnen Bleiextrakt zu
liefern Der Hofagent ersuchte ihn aber »mit solchen Schnurrpfeifereien den
Leuten vom Halse zu bleiben«
Alle möglichen Sünden im neuen Amt hätt er lieber getragen als dieses harte
Türzuschlagen vor demselben Jemanden nun ferner Ordensketten durch
geschenktes Vorkaufsrecht der Wohnprobewoche überhängen zu wollen fiel ihm
nicht mehr ein sondern wo ein armer aber guter Teufel mit welchem sich mehr
Tränen als Himmelsbrot zB ein elendes Wohnloch teilen ließe anzutreffen und
zu beglücken wäre danach ging sein Sehnen nicht sein Fragen denn besagter
Teufel war längst da Flitte aus Elsass Walt ging auf den NikolaiTurm und trug
aber furchtsam Flitten den Vorzug an dass er bei ihm die erste Probewoche
halten wolle Der Elsasser umhalste ihn erfreut und versicherte er ziehe
diesen Tag noch vom Turm herab weil er ganz hergestellt sei und der frischen
Turmluft weniger bedürfe »Ich miete für uns ein paar kostbare garnierte Zimmer
beim Kafetier Fraisse pardieu wir wollen leben comme il faut« sagt er Walt
wurde zu selig In einer halben Stunde hatte Flitte ein und darauf ausgepackt
denn mit seinem Geräte hatt er wie eine Raupe und Spinne mit ihrem
Fadengespinste gewöhnlich den Gang durch seine Wechselwohnungen bedeckt und
bezeichnet gleichsam mit schönen Haarlocken die zum Andenken ausgerauft
werden und hatte sich wie gedacht wie Weltkörper durch Umlauf kleiner
eingeschliffen Er wagte es jetzt aus seinem Turm seiner bisherigen Bastei
und Grenzfestung gegen Gläubiger herabzurücken in ein unbefestigtes
Kaffeehaus weil er teils sein eigenes Testament beerbet hatte nämlich den
Kredit davon teils das Kabelsche in dessen Gütergemeinschaft ihn Walts neueste
Fehler vor der Stadt einzusetzen schienen teils die zehn Tannenstämme Walts
KlageEichen Der »ausgestopfte Blaumüller« Nr 51 erwähnte schon weitläuftiger
mit welchem Gepränge er die durch Walt gesäete FehlerErnte von Steinobst und
Kernhäusern aufgeknackt und ausgekernet hatte um sich der Stadt zu zeigen
Walt schied am schönsten NachsommerMorgen halb wehmütig aus seiner leisen
Klause ihm war als brauche sie ihn und habe dann so leer und allein
Langeweile besonders sein Sessel Aber wie fuhr er da er beim Kafetier Fraisse
eintrat vor der Garnitur der Zimmer vor den langen Spiegeln voll
Zurückfahrern vor den EiSpiegeln an den Wandleuchtern und vor der RestPracht
zurück Er erschrak Flitte lächelte Fremden wollte Walt ein Ersparer sein
dass der gute Elsasser solche Paläste von Stuben miete bedacht er und stöhnte
sehr Denn er hielts für Aufwand seinetwegen weil er nicht voraussetzte dass
Flitte unter die wenigen sogenannten Verschwender gehöre die wie der deutsche
Kaiser schwören nichts auf die Nachkommen zu bringen Reich oder Reichtum und
welche wie hohe Staatsbediente Atens zum Zeichen ihrer Vaterlandsliebe nichts
hinterlassen als Nachruhm und Schulden
Walt zog ohne weiteres das aus der Kabelschen Operationskasse für die
Probewoche bewilligte Goldstück hervor und legt es mit den Worten auf den
Tisch »Dies bestimmte der Testator ich wollte gern es wäre mehr« Wenige
Menschen wurden noch so stark angefahren als er von Flitten der ihn fragte ob
er denn beim Henker nicht sein Gast sei
Aber nun hatt er noch einen feinern Punkt nämlich den testatorischen Zweck
seines Wohnens zu besprechen Er nahm folgende Wendung »Es wird ordentlich
schwer in diesen kostbaren heitern Zimmern und bei Ihnen an etwas so
Juristisches wie das Testament und dessen HauptKlausel zu denken da ich aber
meine Freude nicht meiner Obliegenheit gegen meine Eltern opfern darf so darf
ich eben schwerlich sondern ich muss Sie um den Vorschlag dessen bitten worin
ich etwa Fehler begehen könnte Wahrlich es wird mir schwerer zu fragen als zu
handeln«
Der Elsasser fasste ihn nicht sogleich mit seinen Feinheiten »Pah« sagt
er »was ist zu sakrifizieren Wir parlieren und tanzen zusammen das geht den
alten Kabel nichts an« »Parlieren und tanzen« versetzte der vom Notariat
zusammengescheuchte Walt »Und zwar beides zusammen Ich kann hier nichts
sagen als dass schon eines von beiden einen unabsehbaren Spielraum zu Fehlern
auftäte geschweige Wahrlich an und für sich oder für mich lieber Herr
Flitte aber« »Sacre wovon reden wir denn eigentlich Wird denn ein
Mensch auf der Erde prätendieren dass man zum langnasigen Bürgermeister läuft
und ihm es vorsingt wie man lustig gewesen ist« Walt fasste schnell die Hand
und sagte »ich vertraue« und Flitte umarmte ihn
Sie frühstückten unter freudigen Gesprächen Die langen Fenster und Spiegel
füllten das geglättete Zimmer mit Glanz ein kühler blauer Himmel lachte hinein
Der Notar verspürte sich in vornehmer Behaglichkeit das Glücksrad dreht ihn
nicht er das Rad und er brauchte es nicht wie ein Wagenrad erst rot zu malen
Flitte las ihm zwei für den ReichsAnzeiger in wenigen Tagen ausgearbeitete
Inserate vor im ersten forderte er einen Generalkriegszahlmeister Hrn von
N N in B auf ihm die Summe von 960 Albustalern für Wein innerhalb 6 Monaten
zu bezahlen wenn er nicht gewärtig sein wolle dass er ihn öffentlich an den
Pranger in dem ReichsAnzeiger stellte Dem Notar entdeckte er gern den Namen
des Mannes und der Stadt indessen war an der Sache nichts Das zweite Inserat
enthielt mehr ungefärbte Wahrheit nämlich die Nachricht dass er einen Kompagnon
mit 20000 Tlr zu einem Weinhandel suche und wünsche
Walts Gesicht glänzte von Freude dass der gutmütige Mensch so viele Mittel
habe und erhob dessen vergoldete Wetterstangen des Lebens recht stark
Flitte aber versetzte »Sagen Sie mir aufrichtig ob keine Stil Fehler
darin sind Ich warf die Dinge in der Zeit einer kleinen Stunde hin« Walt
erklärte je kleiner eine Anzeige sei desto schwerer werde sie er wolle
leichter einen Bogen für den Druck ausarbeiten als dessen 124 Bogen »Schadet
wohl überhaupt Lukubrieren viel An der Makrobiotik sahen mich oft die Nachbarn
bis 3 Uhr aufsitzen« sagte Flitte nicht ganz unwahr da er bisher durch seine
Nachtmütze auf einem Haubenstock und durch ein Licht daneben einen
makrobiotischen Leser auf die leichteste und gesündeste Weise vorgestellt hatte
Darauf schnürte er vor dem Notar dessen herzliches aufrichtiges Bewundern und
einfältiges Vertrauen ihn mit süßer Wärme durchzog ein Bündel seiner
Liebesbriefe an sich auf worin er sein Herz und sein Stil sehr geschätzet
wurde Der Elsasser hatte das Paket von einem jungen Pariser an den es
geschrieben war zum sichern Verschlusse bekommen
Walt wusste sich so wenig zu lassen vor Beifallklatschen über den Stil der
schönen Schreiberin dass der Elsasser am Ende beinahe selber glaubte die Sache
sei an ihn geschrieben aber jener tats sehr deshalb um nicht über die Liebe
selber viel zu reden Da er als ein unerfahrner verschämter Jüngling noch
glaubte die Empfindungen der Liebe müssten hinter dem Klostergitter höchstens
in einem Klostergarten leben so sagt er nur im allgemeinen »Die Liebe dringt
wie Opferrauch so zart auch beide sind doch im dicken Regenwetter durch die
schwere Luft empor« wurde aber ungemein rot »Surement« sagte der Elsasser
»die Liebe strebt jeden Tag immer weiter«
Flitte ging noch weiter und zeigte sich seinem Gaste gar gedruckt er wies
ihm nämlich die feinsten LiebesMadrigale die er wie er sagte drucken lassen
in CentesimoVigesimoFormat und nie über einen 120 Bogen stark es waren
Verseblättchen aus Pariser Zuckerwerk ausgeschält wahre Süssbriefchen deren
Plagiat Flitte sich dadurch erleichterte dass er den süßen Einband aufass Warum
lässt die deutsche Poesie der französischen den Vorzug der süßesten
Einkleidung warum wollen wir nämlich wenn die Franzosen Zucker und Gebäck um
ihre Verse wickeln es umkehren und mit den unserigen Zucker und Gewürz
einkleiden und einpacken könnte man hier fragen wenn es der Ort wäre hier
zu antworten Walt pries unmäßig der Elsasser schwamm auf Freudenöl ertrank
beinah in LobesSalböl Über jeden Genuss den man den Menschen wohlwollend
zubereite waltet der Zufall der Aufnahme des Gaumens des Magens der ihn
verarbeitet hingegen für den Genuss eines aufrichtigen Lobes hat ohne Ausnahme
jeder Mensch zu jeder Stunde Ohr und Magen aufgetan und er sagt außer sich
»Lob ist Luft die das einzige ist was der Mensch unaufhörlich verschlucken
kann und muss« Flitte nicht anders neuerfrischt zog er den Notar auf die
Stadtgassen hinaus um ihm einige Freuden zu machen und sich Platz Nämlich die
alten Gläubiger jagten ihm so eifrig nach als er neuen da er nun die Maxime der
Römer kannte welche nach Montesquieu so weit als möglich vom Hause Krieg
führten so war er selten zu Hause Beide durchstrichen die Morgenstadt und
Walten wurde sehr wohl Da Flitte der Stadt sich zeigen wollte nämlich den
KabelsAllErben Harnisch in der Probewoche so sprach er mit vielen ein Wort
und der Notar stand glücklich dabei Vor jedem ParterreFenster »parterre«
sagte Flitte »sprechen die Deutschen ganz falsch aus« klopft er wie an einer
Glastüre an und sagte dem aufmachenden Mädchenkopfe dem noch die halbe Aurora
des Morgenschlafs anschwebte hundert gute Dinge und die Tochter in der
Morgenkleidung musste am Fensterrahmen fortnähen Oft gab er ohne weiteres Fragen
Küsse von außen hinein was Walt für einen Grad von Lebensart hielt den nur
einige Günstlinge Frankreichs erreichten Rauchte ein ansehnlicher Mann in der
Schlafseide mit der Pfeife aus dem zweiten Stock herab so sprach oder ging
Flitte hinauf und Walt tats mit Jener kannte jeden lange denn bei dem
Hochbürgerstande lehrte er die Kinder tanzen und beim Adel die Hunde letzterem
ging er auch auf heiligern Wegen nach nämlich zur AltarPartie Denn da der
Hasslauer Adel wie bekannt und sonst gewöhnlich ist in corpore öffentlich auf
einmal als eine heilige Tischgesellschaft und Kompaniegasse das Abendmahl genoss
so war er hinterdrein und der letzte Mann wie hinter den Bürgerlichen der
Scharfrichter das einzige Mal ausgenommen wo er wie ein Schieferdecker es bloß
nahm weil er einen Turm bestiegen Walt betrat nie mehr Zimmer als an diesem
Morgen Sprengte ein Herr vorbei Flitte wusste ein Wort über den Gaul
nachzuschicken etwa dieses er hinke Stand ein Wagen fahrfertig Flitte passte
bis man einstieg und verhieß nachzukommen aufs Landgut Kehrten verspätete
Kaufleute von der Leipziger Messe zurück Flitte ließ sie auf die Mess
Neuigkeiten von Hasslau nie so lange warten bis sie unter Dach und Fach waren
sondern er packte aus während sie auspackten
Walt wurde aller Welt vorgestellt und redete mehrmals
Es wäre schwer zu glauben dass beide an einem Morgen so viele Besuche
abgestattet haben wäre nicht die Gewissheit da Sie gingen zu dem Spitzenoder
Klöppelherrn Hrn Oechsle und besahen die Sachen und die hübschen Klöpplerinnen
aus Sachsen und viele Knöpfe aus Eger in welche Vögel halb mit Farben halb mit
eigenen Federn gefasst waren Walt hatte dessen schöne Fusstapeten ganz mit
Stiefelspuren verschont durch einen einzigen tapfern Weitschritt den er über
sie sogleich in die gebohnte Stube tat
Sie gingen ins Gartenhaus des Kirchenrat Glanz wo Flitte seine Latinität an
dem Kupferstich eines Kanzelredners schwach zu zeigen suchte indem er die
darunter gesetzten lateinischen Verse und Notizen fertig und mit gallischer
Aussprache ablas ausgenommen bis zu den Worten mortuus est anno MDCCLX Denn
wer solche fremde ZahlenZeichen mehr in eigener als in fremder Sprache ablesen
muss weil er diese nicht versteht fällt halb ins Lächerliche bei aller
sonstigen Gelehrsamkeit
Er ging mit Walt zum Postmeister bloß um wie er gewöhnlich tat nach
Marseiller Briefen vergeblich zu fragen Dem Postsekretär las er eine schwere
französische Aufschrift vor Walt pries dessen Accent und Prononciation
aufrichtig Auf der Straße macht ihm nun Flitte zehn vergebliche Male vor wie
er wenigstens beide Worte zu akzentuieren und zu prononcieren habe Walt
gestand dass ihm mehr Ohr als Zunge fehle drückte ihm die Hand mit dem
Bekenntnis dass er die meisten Franzosen gelesen aber noch keinen gehört und
dass er deswegen so eifrig auf jeden Laut von Flitte horche indes berief er sich
auf den General Zablocki ob er nicht vielleicht eine erträgliche Hand von
Schomaker davongebracht Darauf zeigte ihm Flitte gegenseitig Germanismen der
Phrasen die ihm noch anklebten
Sie gingen zur Stückjunkerin bei welcher Walt neulich Saiten aufgezogen
hatte Diese sprach von dem Tode ihres Mannes und der Einäscherung eines
Palastes den sie im belagerten Toulon gehabt aus welchem sie nichts gerettet
als was sie zur Erinnerung ewig aufbewahrte einen Nachttopf aus feinstem
Porzellan Der Zug entzückte den Notar durch den vornehmen Zynismus womit er im
Hoppelpoppel Leute von Welt kolorieren konnte Selten sieht ein romantischer
Anfänger einen alten General oder jungen Hofjunker im Zwielicht zB pissen
ohne sich an den Schreibtisch niederzusetzen und niederzuschreiben »Herren vom
Hofe stellen sich gemeinhin im Zwielicht in Ecken« Man sprach viel französisch
und Walt tat was er konnte und sagte häufig comment Flitte zeigt ihm
nachher den Germanismus in der Frage
Sie gingen in die weibliche ihm durch Vult bekannte Pensions Anstalt
worin noch mehr Gallizismen und noch mehr Schönheiten regierten Flitten war
nicht nachzufliegen im freien Artig sein doch wars ihm genug nur
nachzublicken und zwischen den Beeten voll Seelenlilien eng die eine Fusszehe an
die Ferse der andern anzuschienen »Ach ihr Lieben« sagte sein Herz Was er nur
hörte erklang ihm so zart »aber« dacht er »sind denn Frauenzimmer anders
Mitten im unreinen männlichen Weltleben das alle Ströme und Leichen aufnimmt
sind sie ja abgesondert voll eigener Reinheit im salzigen Weltmeer kleine Inseln
voll frischen klaren Wasser o diese Guten«
Als er heraustrat wurden ihm auf einem goldnen Essgeschirr des regierenden
Fürsten leichte Farschen Rouletten und Frikandellen aufgetischt für die
Fressspitzen der Phantasie Das Geschirr das Geschenk eines alten Königs
wurde nämlich jährlich zweimal öffentlich auf dem Markte abgescheuert und
geputzt unter den Augen eines kleinen Kommandos zu Fuß das seine Waffen hatte
um es gegen ungeratene Landeskinder zu decken
Sie gingen zum Galanteriehändler Prielmayer und ließ sich von der Pracht
der weiblichen Welt umgeben
Ein so freier leichter alle Stände mischender Vormittag war Harnischen
noch nie vorgekommen ein Musenpferd nach dem andern wurde seinem
Siegeswägelchen angeschirrt und es flog Flittens Leben hielt er von jeher für
ein tanzendes Frühstück und für einen té dansant sein eigenes hielt er jetzt
für ein eau dansant Er genoss ebensosehr in Flitten den er sich wie sich
begeistert dachte als in sich selber hinein die elsassischen Sonnenstäubchen
vergoldete und beseelte er zu poetischem Blütenstaub Zuletzt macht er neben
ihm gehend heimlich folgende Grabschrift auf ihn
Grabschrift des Zephyrs
Auf der Erde flog ich und spielte durch Blumen und Zweige und zuweilen um das
Wölkchen Auch im Schattenland werd ich flattern um die dunkeln Blumen und in
den Hainen Elysiums Stehe nicht Wanderer sondern eile und spiele wie ich
Um 10 Uhr bracht ihn Flitte dem Hofe näher »Wir gehen in die champs élysées
und nehmen ein déjeuner dinatoire« Es war ein bejahrter Fürstengarten welcher
den Weg zur ersten Chaussee im Lande gebahnt hatte Unterwegs fingen zwar
Warnungstafeln gegen Kinder und Hunde an aber in den champs élysées wurde erst
ordentlich alles verboten besonders die elysischen Felder selber in keinem
Paradies gab es so viele verbotene Bäume und Frucht und BlumenSperren auf
allen Gängen blühten oben oder keimten unten KerkerDiplome und Aus und
Einwanderungsverbote unter Expektanzdekreten der Züchtigung durchkreuzte jeder
als ein lustwandelnder Züchtling das Eden und feierte Petri Kettenfeier im Gehen
und strapazierte sich hinter seinem Rücken mehr wie eine Wallfahrt durch
Dantes Höllenkreise der Himmel blieb nirgends als über dem Kopfe denn als ein
katholischer Bussgang durch Christi LeidensStationen kam jedem unter dem
schriftlichen Anschnauzen aller fluchenden Bäume und Tempel sein Lustwandeln vor
ja der Mensch verstimmte sich zuletzt in den champs und kam fatigiert
heraus
War Walt je froh und frei so wars in diesen Feldern sein innerer Mensch
trug ein TyrsusStäbchen und rannte damit Von allen diesen Warnungstafeln war
nämlich nichts mehr da als die Tafel das Holz Stein Blech die Warnung aber
war gut vermooset verraset versandet Köstliche Freiheit und Freilassung
beherrschte nun Eden wie ihm Flitte beschwur und bewies Die ganze Sperrordnung
war bloß in jenen Zeiten an der Tagesordnung gewesen wo große und kleine
Fürsten ganz anders als jetzt die großen höflich zu sprechen etwas grob
gegen Untertanen waren und wo sie als Ebenbilder der Gottheit welche darin
eben nicht von dem Maler geschmeichelt wurde dem mehr jüdischen als
evangelischen Gotte der damaligen Kanzeln ähnlich öfter donnerten als segneten
»Was die Herrschaft jetzt etwa im Parke sehr lieb und gern hat« sagte Flitte
»dies ist schon besonders recht eingezäunt so dass ohnehin niemand hinein kann«
Beide nahmen ihr déjeuner dinatoire Morgenbrot und Morgenwein in einem
offenen und lustigen Kiosk unweit des Gartenwirts Der Notar war erwähntermassen
selig den auf und absteigenden Tag und Nachtgarten samt dem leichten wie
herabgeflogenen Lustschlosse das ein versteinerter Frühlingsmorgen schien
ferner die Wäldchen woraus bunte Lustäuschen wie Tulpen herauswankten
desgleichen die gemalten Brücken und weißen Statuen und die Regelschnüre vieler
Hecken und Gänge das konnt er dem Elsasser dem ers zeigte gar nicht
feurig genug vorfärben je länger er trank Diesem gefiels natürlich denn
gewöhnlich führte er seine KlaudeLorrains nur mit dem einzigen Wort und Striche
wacker aus süperb Jeder aber hat seine andere Hauptfarbe der Bewunderung
der eine sagt englisch der andere himmlisch der dritte göttlich der
vierte ei der Teufel der fünfte ei
Walt aber sagte obwohl zu sich »Dies ist von Morgen an oder ich irre
entsetzlich das wahre Weltleben Eleganter Bin ich nicht wie in Versailles und
in Fontainebleau und Louis quatorze regiert zurück Der Unterschied ist
schwerlich erheblich Diese Alleen diese Beete Büsche diese vielen Leute
am Morgendieser lichte Tag« Walten war nämlich der Himmel weiß von welchen
Frühblicken des Lebens eine so romantische Ansicht von der Jugendzeit des
galanten liberalen Länder Weiber Höfe besiegenden Ludwigs XIV
nachgeblieben dass ihm dessen Jugend mit ihren Festen und Himmeln wie eine
eigene Vorjugend schön als sanftes Feuerwerk in den Lüften vorschwebte und wie
der freie frische Morgen eines im Negligé spazierenden Hofs so dass ihn jeder
Springbrunnen nach Marly warf jede geschniegelte Allee nach Versailles und hohe
FontangeKupferstiche an SchränkenWänden ins damalige Königsschloss ja sogar
die ausgeschnittenen aufgepappten Bildchen auf seinem Schreibtische flogen mit
ihm in jene lustige Hof wenn auch nicht lustige Völkerzeit »Ist nicht das
Leben der Hofleute hatt er sich mehrmals gesagt fortgehende Poesie wenn
anders die französischen Mémoires nicht lügen ohne pressende NahrungsQualen
und in geflügelten Verhältnissen und die Hofmänner können sich an jedem
MusikAbend verlieben und dann am GartenMorgen mit den herrlichsten Geliebten
spazieren gehen O wie ihnen die Göttinnen blühen müssen im frischen
schminkenden Morgen rot«
Dadurch genoss er im Garten einen ganz andern schon beerdigten als
Feuerwerk hing das phantastische Nachbild über dem liegenden Vorbild
Glücklicherweise tat ihm Flitte der in jeder Gesellschaft stets eine neue
suchte den Gefallen dass er mit dem GartenRestaurateur in ein Gespräch geriet
und ihn dadurch mit der köstlichen Einsamkeit zu einigen träumerischen
Streifzügen beschenkte Wie freudig tat er diese Er sah alles und dabei an die
grünen Schatten von SonnenFunken durchregnet die fernen Seen einige wie
dunkle Augenlider des Parks einige wie lichte Augen die Barken auf Wassern
die Brücken über beide die weißen hohen TempelStaffeln auf Höhen die
fernen aber hellherglänzenden Pavillons und hoch über allen die Berge und
Straßen draußen die kühn in den blauen Himmel hinaufflogen Sein Vormittag
hatte sich stündlich geläutert aus reinem Wasser zur ZephyrLuft diese oben zu
Äther worin nichts mehr war und flog als Welten und Licht Den Bruder hätt er
gern hergewünscht Winas Blick unter dem Wasserfall sah er am hellen Tage Er
war selig ohne recht zu wissen wie oder warum Seine Fackel brannte mit gerader
Spitze auf in der sonst wehenden Welt und kein Lüftchen bog sie um Nicht
einmal einen Streckvers macht er aus Flucht des Silbenzwangs es war ihm als
würd er selber gedichtet und er fügte sich leicht in den Rhythmus eines
fremden entzückten Dichters
In diesem innern Wohlklang stand er vor einem sonderbaren Garten im Garten
und zog fast nur spielsweise an einem Glöckchen ein wenig Er hatte kaum einige
Male geläutet so kam ein reich besetzter schwerer Hofdiener ohne Hut
herbeigerudert um einigen von der fürstlichen Familie die Türe aufzureissen
weil das Glöckchen den Zweck einer Bedientenglocke hatte Als aber der vornehme
Mensch nichts an der Türe fand als den sanften Notar so filzte er den
erstaunten Glöckner in einer der längsten Reden die er je gehalten aus als
hätte Walt die Sturm und Türkenglocke ohne Not gezogen
Diesem war indes sein Inneres so leicht und fest gewölbt dass das Äußere
schwer eindringen konnte nicht mit einem Tropfen in sein leichtes fliegendes
Schiff zu Flitten kehrte er sogleich zurück Sie gingen heim Die großen
Essglocken riefen die Stadt zusammen wie zwei Stunden später kleinere den Hof
dies wirkte auf den satten Notar der jetzt nicht zum Essen ging sehr
romantisch Gibt es einen wahren Mann nach der Uhr der zugleich die Uhr selber
ist so ists der Magen Je dunkler und zeitlicher das Wesen desto mehr Zeit
kennt es wie Leiber Fieber Tiere Kinder und Wahnsinnige beweisen nur ein
Geist kann die Zeit vergessen weil nur er sie schafft Wird nun dem gedachten
Magen oder Manne nach der Uhr seine SpeiseUhr um Stunden voraus oder
zurückgestellt so macht er wieder den Geist so irre dass dieser ganz romantisch
wird Denn er mit allen seinen Himmels Sternen muss doch der körperlichen
Umdrehung folgen Das Frühstück das ein Spätstück gewesen warf den Notar aus
einem Gleise worin er seit Jahrzehenten gefahren war so weit hinaus dass vor
ihm jeder Glockenschlag der Sonnenstand der ganze Nachmittag ein fremdes
seltsames Ansehen gewann Vielleicht macht daher der Krieg den disziplinierten
Soldaten durch die Verkehrung aller Zeiten in unordentlichen Ebben und Fluten
des Genusses romantisch und kriegerisch
Um die Vesperzeit erschien ihm der Schattenwurf der Häuser noch
wunderlicher und in Fraissens Zimmer wurd ihm die Zeit zugleich eng und lang
weil er wegen seiner untergrabenen Sternwarte nichts voraussehen konnte Er
wollte wieder Monde und begleitete Flitten in ein Billardzimmer wo er
verwundert hörte dass dieser die Bälle nicht französisch zählte sondern
deutsch Hier entlief er bald aus dem mageren Zuschauen allein hinaus an das
schöne Ufer des Flusses Als er da die armen Leute erblickte welche an diesem
Tage nach den Stadtgesetzen fischen durften obwohl ohne Hamen und Holz lesen
obwohl ohne Beil so erhielt er plötzlich an ihren heutigen Genüssen eine
Entschuldigung der seinigen die ihm allmählich zu vornehm und zu
müssiggängerisch vorgekommen waren »Auch ich habe« dacht er »heute vornehm
genug geschwelgt und kein Wort am Roman geschrieben doch morgen soll ganz
anders zu Hause geblieben werden«
Die langen AbendSchatten am Ufer und die langen roten Wolken legten sich
ihm als neue große Schwingen an welche ihn bewegten nicht er sie
Er durchstreifte allein die dämmernden Gassen bereit zu jedem Abenteuer
bis der Mond aufging und seine MondUhr wurde Da war der Wirrwarr gelichtet
und der Magen wusste welche Zeit es sei Vor Winas schimmerndem Hause trug er
das vielfach erregte Herz auf und ab da sank ihm in dasselbe eine stille
Sehnsucht wie vom Himmel nieder und den lustigen ErdenTag kränzte die
heiligste HimmelsStunde
Nr 53 Kreuzstein bei Gefrees im Bayreutischen
GläubigerJagdstück
Am Morgen freute sich Walt kindisch in den vergangenen Tag zurück weil dieser
durch eine kleine Wendung sein Leben so schillernd gegen die Sonne gehalten dass
er eine Menge Tage an einem verlebte indes sonst viele hintereinander
fliegende sich deckende Zeiten des Menschen kaum eine zeigen Heute aber blieb
er zu Hause und schrieb sehr
Das war Flitten nicht recht zu Hause bleibende Einsamkeit war ihm wohl
Würze und Zukost der Gesellschaft aber nicht diese selber Indes wer nicht
nachahmt wird eben nachgeahmt Walt hatte ihm mit seinem poetischen Saus und
Braus so sehr gefallen ob er sich gleich als seine prosaische SprechWalze
neben jenes dichterischer SpielWelle drehte und ihn selten verstehen oder
beantworten konnte und dessen ungewöhnliches Anlieben und Anlegen hatte den
umherfliegenden Menschen so sehr erwärmt dass er selber mit zu Hause blieb bloß
bei ihm ob er gleich besser als einer in der Welt voraussah welche
GläubigerMoskiten ihn heute stechen würden da Mücken bekanntlich uns mehr im
Stehen als Gehen anfallen Denn ein Grundgesetz der Natur ist dies wer nichts
baut als spanische Schlösser rechne auf nichts als spanische Fliegen welche so
gewaltig ziehen Ein zweites Gesetz ist man kann nicht früh genug bei einem
schlechten Schuldner vorsprechen der eben tags vorher Geld bekommen
Es kam das gewöhnliche wütende Heer das der Elsasser immer als ein
geheiltes zurückschicken musste zu rechter früher Tageszeit an und Flitte
konnte es hier wie überall in der besonders dazu gewählten AudienzKammer
empfangen um solchem das einzige zu geben was er hatte Gehör Bloß letzteres
musste wieder der Notar versagen der eifrig taub fortdichtete während Flitte
von weitem seine Schlachten schlug Es lohnet der Mühe die Feldzüge flüchtig zu
erzählen welche der Elsasser an einem Tage tat bevor er abends das warme
Winterquartier des Betts bezog Der linke Flügel des täglich angreifenden Heeres
war aus Juden geworben und den rechten formierten Zimmer und Pferde und
BücherVerleiher und sämtliche Professionisten des menschlichen Leibs und deren
FischWeiber und an der Spitze zog als Generalissimus ein Mann mit einer
Tratte die offiziellen Berichte davon sind aber folgende
Am FrühMorgen im Nebel griff eine Karree Juden an leicht schlug er sie
mehr mit grobem Kriegsgeschrei als feiner Kriegslist zurück und sagte nur sie
wären nur Juden und er habe noch nichts und was sie weiter wollten
Beim Frühstück mit Walt berennte ihn ein Uhrmacher von welchem er eine
RepetierUhr gegen seine ZeigeUhr und GeldAssignate eingekauft hatte Flitte
schwur sie repetiere schlecht seine sei ihm ebenso lieb auch repetiert eine
ZeigeUhr wenigstens das Zeigen und bot Auswechslung der Gafangenen an Da nun
der Mann die stumme schon selber verkauft hatte Flitte freilich auch die laute
so zog sich der Feind mit dem Verlust einer Uhr zurück
Später sah zu er seinem Glücke aus dem Fenster und die Bewegungen des
berittenen Feindes eines PferdeVerleihers Er empfing ihn in der
AudienzKammer bekannt mit dessen einhauender Stimme und Kriegsgurgel
erstickte aber dessen Feldgeschrei durch die Dampfkugel die er so warf »Lieber
Mann kennt Er die Ecktanne in Kabels Wald die eben mein Erbstück geworden samt
vielem anderem des Künftigen zu geschweigen Eine Mühlwelle drechselt sich
daraus her Was brauchts Redens Kurz ich hatte sie schon halb einem andern
versprochen Er soll aber das Vorzugsrecht haben schätz Er sie dann geb Er
nach Abzug der Schuld heraus was honett ist was sagt Er mein Freund« Sein
Feind versetzte das sei einmal ein Wort das Hand und Fuß habe und räumte das
Feld
Hart hinter ihm trabte ein zweiter Pferdelieferant ein in langem blauen
über dem Schurzfell aufklaffenden Überrock und schob grimmig und grüßend die
Ledermütze von hinten über die halbe Stirne hinein »Wie wirds« fragt er
»Finten und Quinten schlagen heute nicht an bei mir« »Gemach« versetzte
Flitte »Kennt Er die Ecktanne etc Eine Mühlwelle drechselt etc Kurz ich
hatte sie schon etc« Der Feind versetzte »Ists aber Vexiererei Gott soll
Gott befohlen«
Mit einer hartörigen Altreissin turnierte er gefährlich weil ihr Geschrei
nur mit einem solchen empfangen werden musste dass Walt es vernehmen konnte Zum
Glück konnt er einen alten vergoldeten Schaupfennig der schon 100 mal seine
Belagerungsmünze und sein Hecktaler gewesen herausziehen und ihr hinhalten und
bloß ins Ohr schreien »Wechseln abends 6 Uhr« Doch feuerte sie auf dem
Schlachtfeld noch lange fort weil sie sich nie verschoss Die weibliche Bellona
ist furchtbarer als der männliche Mars
»Nur hieher« rief er ein kurzstämmiger rundbackiger runder
ApotekersJunge kugelte sich herein »Allhier überbring ich als Diszipel
unserer Hechtischen Offizin laut Rechnung die Rechnung für die arme Bitterlichin
in der Hopfegasse weil sich mein Herr Prinzipal bestens empfiehlt und die
Heilungskosten dafür zu haben ersucht Es ist nur von wegen unsrer Ordnung in
der Offizin denn übermorgen werde ich bekanntlich zum Subjekt gesprochen« Vor
dem sanften Feinde streckte er das Gewehr eine halbe Pistole auf alten
Pistolenfuss sagte aber »Hr Hecht lässt sich seine versilberten Pillen stark
vergolden Den Geburtshelfer richt Ers aus hab ich schon saldieret«
»Guter guter Mann« sagte Walt »Die Frau war ja in den kümmerlichsten
Umständen von der Welt und heute noch und ist nicht einmal hübsch dabei« sagt
er
Ungesehen war eben ein Heerbann eingerückt einen Banner stark der so
anfing »Gehorsamer Ein für allemal der Mensch lässt sich in die Länge nicht
hänseln Seit Pauli Bekehrung bin ich Sein Narr und laufe nach dem bisschen
Mietzins Herr was denkt Er denn von unsereinem« »Weiß Er wohl« versetzte
Flitte »dass ich nur messenweise zahle und überhaupt mich gar nicht mahnen
lasse Er« »So« erwiderte der Banner »Ich und noch drei Hausherren und der
Stiefelwichser haben uns schon zusammengeschlagen und die Schuld dem
ArmenLeuteHause vermacht« »Wahhas ungehobeltes Pack« sang Flitte dehnend
»Das ist mir ja recht lieb Eben gab ich dem Hechtischen Subjekt der Herr da
zeugts ein halbes Goldstück für die blutfremde blutarme Bitterlich was geht
sie mich weiter an« Hier hielt er ihm den einen mit einem Ringe
zugeschraubten vollen Beutelpol mit der Erklärung vor der Zins sei hier für ihn
schon bereitgezählt gewesen jetzt bekomm er keinen Deut worauf der Feind
nach vergeblichen Einlenkungen das Armenhaus habe nichts Schriftliches ohne
alles klingende Spiel abzog äußerst verdrießlich dass der Beutel wie bei den
Türken das Geld selber bedeutet habe
Diesem folgte der 23ste Herr der Territorialherrschaft über ihn ausgeübt
dem 23sten sukzedierte der 11te diesem der fünfte jeder um den Grundzins
die Quatembersteuer das Stättegeld für den Winkel seines Staatsgebäudchens
einzutreiben Groben Herren gab er nichts als die Antwort unter ihnen sei in
die Zimmer mehr der Wind als das Licht eingedrungen die Aufwartung schlecht und
die Möbeln alt gewesen Höfliche bezahlte er für ihre Territorialrechte mit
Territorialmandaten auf die zehn ErbStämme mit den Bonbons der Bons Darauf
kam der Herr der vor dem Türmer regiert hatte ein frommer Huter mit zwei
großen grauen Locken welche aus dem knappen Lederkäppchen vorwalleten und bat
ihn um ein Darlehn gerade die Hälfte der Schuld Flitte gab ihm das Geld und
sagte »Ohnehin restiere ich entsinn ich mich recht noch etwas Herr Huter«
»Es wird sich finden« sagt er
Nach dem Vesperbrot lief ein Bücherverleiher Sturm und Gefahr Er forderte
für ein Buch à 12 Groschen und 12 Bogen genau 2 Tlr Lesegeld auf 2
Vierteljahre Flitte hatte nämlich nach seiner Weise keine Sache abzuborgen
die er nicht ihrer Bestimmung gemäß wieder verborgte das Werk so lange umlaufen
lassen denn jeder ahmte ihm nach dass es verloren war Umsonst erbot er sich
zum Drittel zum Kaufe der Verleiher bestand auf Lesegeld und fragte ob viel
mehr als ein Pfennig auf die Seite komme Selber Walt suchte den Verleiher von
seinem »Eigennutzen« zu überzeugen »Eigennützig das verhoff ich eben vom
Eigennutzen lebt der Mensch« sagte der Verleiher Flitte ließ ihn ganz kurz ab
und wild in die nächste Gerichtsstube hineinlaufen nachdem er bloß zehn
Neujahrswünsche und fünf Kalender die er zur Auswahl gehabt und behalten
großmütig bezahlet hatte
Kurz vor 6 Uhr wollte das Paar ein wenig in die Luft von der Flitte am
liebsten lebte auf der Hausschwelle bebte der Pinselmacher Purzel jüngerer
Bruder des Teaterschneiders ihnen entgegen mit einem ausgehöhlten Gesicht wie
ein Hohlglas Stirnund KinnRänder waren konvex das verschabte Überröckchen
auf die linke Seite hinübergeknöpft mit einem langen Fadenwurm von Zopf aus
Zopfhand und wackelnd mit dem rechten Knie »Ihr gnädigen Gnaden« fing das
Jammerbildchen an »werden meinen MiniaturPinsel vorgestern herrlich und nett
erhalten Ich stehe davor dass der Pinsel ganz vortrefflich einigermaßen und
bitte denn um das wenige was er kostet und auch dass Sie mir bei dieser
Gelegenheit etwas schenken« »Hier« sagte Flitte zum stillen lebendigen
Friedensfest ja ruhigen ReichsFriedensprotokoll zu Purzel dem Jüngern Abends
machte den Waffentanz der Kafetier Fraisse mit einem Grossvatertanz aus Er kam
herauf um höflich anzumerken es sei seine herkömmliche Weise Gästen aus der
Stadt jeden Abend die Rechnung zur Einsicht vorzulegen damit sie solche sähen
und saldierten Walt sah hier zum erstenmale einen französischen oder
elsassischen Zorn ohne Ohren es war ein stürzendfortrollender Streit und
Sichelwagen woran Fluche Schwüre Blicke Hände auf und niederschlugen und
zersäbelten Fraissen wurde das nötige Geld vor die Füße ja an den Kopf
geworfen dann eingepackt und fluchend fortgezogen in des verreiseten Dr Huts
leeres Haus Walt wehte durch seine niederblasenden Friedenspredigten die
Flammen nur höher auf Eine verlebte Stunde war für Flitte der einzige Epiktet
Nr 54 Surinamischer Äneas
Malerei Wechselbrief Fehdebrief
Licht und leicht flogen die Horen in Dr Huts vielgehäusigem Hause ein und aus
und holten Honig Hier in diesem sonnenhellen Eiland der unschuldigen Freude
sah Walt keinen höflichgroben Fraisse hörte keinen GeldWerber und GeldJäger
der das durch Kontrakte eingezäunte Wild pürscht keinen aus den fünf
MosisBücherKlassen der Gläubiger die uns ewig an die LebensDarre und
Dörrsucht erinnern hier hört er nur Liederchen und Sprünge hier waren ganze
Sackgässchen aus dem neuen Jerusalem Denn was aus dem alten teils von Juden
teils von Christen einwanderte konnt er nicht hören weil Flitte sich von
seinen Arsenikkönigen der Metalle den Gläubigern bloß in einem fernen
Schmollwinkel vergiften ließ Im ersten Stockwerke wohnte die streitende Kirche
Flitte und die Könige im dritten die triumphierende Flitte und Walt
Indes brachte der Notar es doch nicht so weit dass er gar nichts gemerkt
hätte »Ich wollt ich wäre kurzsichtiger sagt er sich bedenkt man wie
froh und freigebig der gute Mensch schon ist in Drangsalen und wie ers vollends
wäre ohne die geringsten Qualen denn wahrlich gewisse Menschen hätten
Tugend wenn sie Geld hätten und mit welcher Süßigkeit er vom Reichsein
spricht wahrhaftig so wüsst ich keinen schöneren Tag als den wo der arme Narr
die höchsten Geldkästen und Geldsäcke plötzlich in seiner Stube stehen sähe Wie
könnten einem solchen Menschen schon die Zinsen von den Zinsen der englischen
Nationalschuld aufhelfen« Er fragte warum da alle Leiden Ferien finden denn
die eines deutschen Schuldners nie absetzen indes in England doch der Sonntag
ein Ruhetag des verschuldeten Ohrs ist wie sogar um die Verdammten nach der
jüdischen Religion am Sabbat am Feste des Neumonds und unter dem wöchentlichen
Gebete der Juden die Hölle erstirbt und ein sanfter kühler Nachsommer des
begrabnen Lebens über die heißen Abgründe weht
Lieblich überwallete ihm das Herz wenn er sich das Seelenfest ausfärbte
womit er den Flötenspieler durch den Elsasser und diesen durch jenen zu
beschenken hoffte wenn er Vulten die unschuldige liberale poetische
Lebensfreiheit Flittens beschwüre und diesem einen Spiel und Edelmann zugleich
zuführte »O ich will dabei dem wackeren Bruder das Bewusstsein und Geständnis
geirrt zu haben so sanft ersparen« sagt er entzückt
Immer wärmer lebten beide sich in die Woche und ineinander hinein sie
hätten die Probewoche lieber wiederholt als geendigt Flitten war das liebende
warme Wesen womit Walt wie mit einer elektrischen Atmosphäre umgeben war etwas
Neues und Anziehendes er konnte zuletzt schwer mehr ohne ihn aus dem Hause
Walt machte daraus desto mehr je weniger beide eigentlich wie er fühlte
einander unterhalten konnten ihre Nervengewebe hatten sich verstrickt sie
waren wie Polypen ineinander gesteckt doch frass jeder so auf eigne Rechnung
dass keiner weder der Magen noch die Nahrung des andern war
Es kam der letzte Probe und Flitterwochentag Walt scheuete alles Letzte
jedes scharfe Ende sogar einer Klage Ein Ripienist von Vults Spiele im
Rosenhof hatte dessen Eintreffen verkündigt Auch der Dr Hut wollte nachts
anlangen Einige schöne Mitternachtsröte stand ihm bevor Flitte bat ihn diesen
letzten Nachmittag wo sie beisammen wären ihn zu Raphaelen zu begleiten
welche ihm heute flüchtig sitze zu einem schlechten Miniatur Porträt für den
Geburtstag ihrer Mutter »Wir drei sind süperbe allein« fügt er hinzu »Wenn
ich nun male parlier ich wenig und doch animiert Reden ein Gesicht
unglaublich« Ob Walt gleich wenig delikate Welt darin fand dass man ihn als
Sprach und ReizMaschine vor ein Sitzgesicht aufzustellen trachtete so folgte
er doch Er wars schon gewohnt seit einer Woche einige Male des Tags zu
erstaunen über Mangel an zärtester Denkart sowohl auf dem Markte als in den
besten Häusern welche äußerlich einen glänzenden Anstrich und Anwurf hatten
Mit Vergnügen kam er in dem eigenen Hause wie in einem fremden an Raphaela
lächelte beiden von der obersten Treppe herab und führte sie hastig in ihr
Schreibzimmer hinein Hier waren schon widersprechende Weine Eise und Kuchen
gehäuft Da eine Frau leichter das Herz als den Magen eines Mannes errät so
weiß sie freilich nicht was er abends um 4 Uhr am liebsten trinkt Ein
Bedienter nach dem andern sah durch die Türe um einen von Raphaelens Wünschen
zu holen und erfüllt zurückzubringen Die ganze Dienerschaft schien ihre
Regierung für eine goldne von Saturn zu halten man sah einige von der
weiblichen sogar im Park spazieren gehen Die immer voller ins Zimmer
hineinströmende Abendsonne und der Freudenglanz der jedem Gesichte steht
bewarfen das Mädchen und die Situation mit ansehnlichen Reizen Flitte war gegen
Raphaela nicht die Falschheit selber sondern ein Fünftelsaft von Wesen
nämlich ein Fünftel galant ein Fünftel gut eines sinnlich eines geldsüchtig
ein Fünftel ich weiß nicht was als sie zu Walts Entzücken gesagt hatte
»Schmeicheln sollen Sie meinem Gesichte nicht es hilft nichts machen Sie es
nur dass ma chère mère es wiedererkennt« Im Notar kroch heimlich die stille
Freude herum dass er jetzt gerade unter seinem eignen Zimmer stehe im Hause
zugleich Gast und Mietsmann dass er ferner nicht die kleinste Verlegenheit spüre
denn Flitte war ihm nicht fremd und über eine Frau war schon zu regieren
und dass die schönsten Düfte und namenlosesten Möbel jede Ecke schmückten »Hätt
ich aber dies sonst als Bauernsohn aus Elterlein denken sollen« dacht er
Flitte zog nun das Elfenbein und das Farbenkästchen hervor und erklärte dem
Modelle je freier und belebter es sitze desto besser Glück es dem Maler
Indes hätte sie ebensogut auf dem Nordpol sitzen können er aber auf dem Südpol
kleben die Ähnlichkeit wär ihm nicht anders gelungen er überhaupt kein
malerischer Treffer wollte nichts treffen als das was sie anhatte Sie setzte
sich hin und verfertigte das SitzGesicht das die Mädchen unter dem Malen
schneiden Die noble masque womit sich alsdann der Mensch überstülpen will ist
das Kälteste wozu er je sein Gesicht aushauet so dass seltener Menschen als ihre
Büsten porträtiert werden Dieses Gesicht heißt in weiblichen Pensions
Anstalten das SitzGesicht der Mädchen dann kommt das gespannte
Frisiergesicht dann das essende ButterbrotGesicht eines der breitesten
endlich zwei Ballgesichter das eine die Wetterseite für die Putzjungfer das
andere die Sonnenseite für den Tänzer Walt kam jetzt in Gang und ins Feuer
und zwar um selber zu malen nicht um andere malen zu helfen Er kelterte
vortrefflich genug Auszüge aus seiner neuesten Reise um die Welt und mischte
beiher ein dass er ihre Freundin Wina unter der Katarakte gesehen Unter allen
Erzählern und Unterhaltern sind Reisebeschreiber die glücklichsten und
reichsten in eine Reise um 11000000 der Welt können sie die ganze Welt
bringen und niemand kann ihnen zweitens widersprechen Der Notar wollte sich
seiner malerischen Stärke in Sommer und HerbstLandschaften Flitte lieferte
die Winterlandschaft noch stärker bedienen und setzte zu einem wandbreiten
goldnen Bergstücke der Rosenhöfer Berghörner an aber Raphaela war ganz
entzückt davon und brachte die Rede bald auf ihre Freundin Wina um solche
allein fortzuspinnen Sie erhob deren Reize und Handlungen mit Feuer sie zeigte
ein MahagoniKästchen worin deren Briefe lagen sie wies die sogenannte
WinensEcke im Winkel wo diese gewöhnlich saß und zwischen der ParkAllee der
untergehenden Sonne nachsah sie glänzte ganz liebend und warm Der Notarius
war ziemlich schwach bei sich nach seinen stillen Augen zu urteilen jubelte er
laut feierte er Bacchanalien trieb artes semper gaudendi lieferte
Lusttreffen sprach sich selber die Seligsprechung ja er ging so weit dass er
sich zufällig hineinsetzte in Winas Ecke
Der Jubel wuchs ganz Man trank fort in jeder halben Viertelstunde machte
ein Diener die Türe auf um einem zweiten späteren Befehle wegzufangen Flitte
wusste gar nicht wie er auf einmal zu der Glückseligkeit gelangte dass man so
viel sprach ohne alles Langweilen zum Henker und dass Raphaela sich so herrlich
entusiasmierte Zufällig rückte Walt den FensterVorhang und eine Sonne voll
warmer Tinten übergoss Raphaelens Gesicht dass sie es wegkehrte auf sprang
Flitte wies ihr ihr Sbozzo fragte ob es nicht halb aus den schönen Augen
gestohlen sei »Halb Ganz« sagte Walt aufrichtig aber einfältig denn sie
hätte demselben Bildchen ebensogut mit dem HinterKopfe und Stahlkamm gesessen
Der Elssaser gab ihr darauf einige Küsse öffentlich Er tats vermutlich zu
abrupt dachte zu wenig daran dass auch erblickte Empfindungen so gut als
gelesene vor dem Zuschauer wollen motiviert sein Walt sah eiligst in den Park
und stand endlich gar auf
»Ich wäre ja ein Satanas« dacht er »ließ ich sie nicht einander
abherzen« und schlich unter einem landschaftsmalerischen Vorwand ein wenig auf
sein Zimmer Flitte machte sich sobald er die Türe zugedrückt vom schönen
Munde wieder ans Malen desselben und punktierte fleißig »Wie müssen jetzt die
Seligen« sagte oben Walt »einander an den Herzen halten und die Abendsonne
glüht prächtig dazwischen hinein« In seine eigne Stube quoll das Füllhorn der
Abendrosen noch reicher und weiter aus dennoch standen seine verschlissenen
ZimmerPièces die Wohn und die SchlafKammer im Abstich von der eben
verlassenen PutzStube und er maß die Kluft seines äußerlichen Glücks Er wurde
weich und wollte aus Sehnsucht die Liebe wenigstens zu sehen eben eilig
hinunter als Vult hereintrat Ans Herz ins Herz flog ihm Walt »Ach so
himmlisch« sagt er »dass du jetzt eben kommst«
Vult mit sanfter Stimmung zurückkehrend tat zuerst nach seiner
Gewohnheit die Fragen nach fremder Geschichte eh er die nach eigener auflöste
Walt teilte frei und froh den Ablauf des NotariatsAmtes und den Verlust der 70
Stämme mit »Schlimm ists nur« sagte Vult gelassen »dass ich gerade selber
verschwende und Geld verachte sonst würd ich dir aus Vernunft Gewissen
Geschichte zeigen wie sehr und wie recht ich meine Ebenbildnerei an andern
zB an dir verfluche Verachtung des Geldes macht weit mehrere und bessere
Menschen unglücklich als dessen Überschätzung daher der Mensch oft pro prodigo
nie pro avaro erklärt wird« »Lieber ein volles Herz als einen vollen Beutel«
sagte lustig Walt und sprach sogleich von der neuen ErbamtsWahl und von der
schönen FlittesWoche und vom Lobe des Elsassers »Wie oft« beschloss er
»wünscht ich dich her in unsere heimlichen geflügelten Feste hinein auch damit
du ihn weniger hart richten lerntest denn dies tust du Lieber«
»Flitte scheint dir erhaben ein Seelenklassiker oder so Und seine
Lustigkeit poetisches Segel und Flugwerk« fragte Vult »Ich habe in der Tat«
versetzte Walt »recht gut seinen schönen TemperamentsLeichtsinn der nur
Gegenwart abweidet von dem dichterischen leichten Schweben über jeder
unterschieden er freute sich nie lange nach«
»Hat er dich in deiner ProbeWoche die du dir selber sehr gut ohne allen
fremden Rat gewählt keine bedenklichen Sprünge machen lassen die etwa Bäume
kosten« sagte Vult »Nein« versetzte Walt »aber französische Fehltritte hat
er mir abgewöhnt« Hier fuhr der Notarius fort und bediente sich der fragenden
Figur ob Flitte ihm nicht das Feinste entdecket habe zB dass man nie oder
selten comment fragen müsse sondern höflicher Monsieur oder auch Madame Hab
ers nicht gerügt fragte Walt als er so ganz unfranzösisch bon appetit
wünschte oder eine Kammerfrau femme de chambre zur Kammerjungfer machte oder
einen friseur nicht coiffeur hieß Hab er ihm nicht gut erklärt warum
portechaise dumm sei weil man die Wahl habe zwischen einer chaise à porteur
und porteurs de chaise
»Ich glaube nicht« sagte Vult »dass dich diese Sprachstunden mehr kosten
als den Rest des KabelWalds« »Ein Hund woll er heißen« sagte Walt »schwur
mir Flitte benütz ers In der Rechtschreibung aber dient ich ihm zB jabot
schrieb er chapeau Ach bekäme der Arme nur weniger Gläubiger und mehr Geld«
»Das wird eben deine Klippe auf ihm« sagte Vult »Wer arm wird nicht wers ist
verdirbt und verderbt und wärs nur weil er jeden Tag einen andern Gläubiger
oder denselben anders zu belügen hat um nur zu bestehen So feiert er jeden Tag
ein Fest der Beschneidung fremder Narren So muss auch jeder Schuldner ungemessen
prahlen er muss mit Leibnizens Dyadik die 8 zB Gulden mit 1000 schreiben
Welche Reden jeden Tag eine andere hab ich oft denselben Schuldmann an
seinen Faust und PfandGläubiger halten hören und seine herrliche
Unerschöpflichkeit Dichtern und Musikanten gewünscht womit er dasselbe Thema
dass er nämlich eben nichts habe so köstlich und süß immer mit Variationen
vorzuspielen verstanden« »Ich lasse dich erst ausreden« sagte Walt
»So beschoss zB um es kurz zu machen« fuhr Vult fort »der polnische
Fürst in W jeden Gläubiger anders denn ich stand dabei gemeines tiefes
Volk beschoss er teils mit dem dragon der 40 Pfund schießt teils mit dem dragon
volant der 32 nämlich er war grob gegen das Grobe Honoratioren besonders
Advokaten denen er schuldete griff er teils mit der coulevrine die 20 Pfund
schießt teils mit der demicoulevrine an die 10 höher hinauf gebraucht er
den pelican der sechs den sacre von 5 den sacret von 4 und gegen
seinesgleichen einen Fürsten den ribadequin der 1 Pfund schießt«
»Nun« begann Walt »darf ich dir doch mit einiger Zufriedenheit berichten
dass der gute Mensch weit entfernt harterzig zu sein eben durch Arme selber
ein Armer wird Aus lauter guter Freude Über ihn bezahlt ich hinter seinem
Rücken zwei Damenschneiderinnen denn er selber braucht doch nur einen
Herrenschneider und zwar einen so aber überall zB die Bitterlich«
Da entbrannte der Bruder sagte dies sei vollends der Satan im Dezember
Häuser anzuzünden um einige Brände an Hausarme auszuteilen niemand verschenke
mehr als Personen die man später henke nichts sei weicher als Schlamm der
versenke Tyrannen solche TränenRäuber sängen und klängen wie Seraphim aber
mit Recht da Seraphim feurige Schlangen bedeuteten und hass er etwas so sei
es diese Mischung von Stehlen und Schenken von Mausen und Mausern
»O Gott Vult« sagte Walt »kann der Sterbliche so hart richten Soll
denn ein Mensch sich gar nicht ein wenig liebhaben und etwas für sich tun da er
doch den ganzen Tag bei sich selber wohnt und sich immer hört und denkt was ihn
ja schon mit den niedrigsten Menschen und Tieren zuletzt versöhnt nämlich das
Beisammensein Wer nimmt sich denn eines armen Ichs von Ewigkeit zu Ewigkeit so
sehr an als dieses Ich selber Ich weiß recht gut was ich sage und jeden
Einwurf Doch basta Nur möcht ich wissen wenn man wie du schon kalt und
ohne Leidenschaft die armen Menschen so rau richtet und nimmt was dann werden
soll in heftiger Hitze wo man von selber übertreibt Vielleicht wie mit deiner
Uhr wovon du mir sagtest dass der Stift bloß weil er eben und recht passe in
kalter Zeit gut tue aber in der Hitze weil er sich ausdehne das Werk
aufhalte«
»Solltest du nicht getrunken haben« sagte Vult »du sprichst heute so viel
aber in der Tat sehr gut«
Nun bat ihn Walt selber mitzutrinken und mit ihm hinabzugehen um sich
drunten mit eignen Ohren von seinem schönen Leben mit Flitte zu überreden »Der
Tollheit wegen tu ichs« versetzt er »ob ich gleich weiß dass ich beiden
bürgerlichen Narren einen EitelkeitsJubel über die Herablassung eines adeligen
bereite du aber musst mich mit einer Feinheit zu entschuldigen wissen die kaum
zu schätzen ist«
»Hr v Harnisch« führte drunten Walt ihn ein »fand mich in meinem Zimmer
wie sollt ich Demoiselle nun mein Vergnügen schöner teilen als dass ichs mit
ihm und mit Ihnen zugleich teilte« Er warf dies so leicht hin und bewegte sich
so leicht auf und ab auf den teils von Flitte bisher polierten Rädern teils
auf den vom Wein eingeölten dass Vult ihn heimlich auslachte und sich dabei
ärgerte er verglich still den Bruder mit Minervens Vogel mit einer Eule der
der Vogelsteller gewöhnlich noch einen Fuchsschwanz anheftet Das erstemal da
ein Mensch den wir vorher als unbeholfen gekannt uns beholfen und gewandt
vorübertanzt will er unsrer Eitelkeit durch einen Schein der seinigen nicht
sonderlich gefallen
Vult war sehr artig sprach über Malen und Sitzen lobte Flittes
MiniaturPunktierkunst als ziemlich ähnlich ob die FarbenPunkte gleich so
wenig als roter und weißer Friesel ein Gesicht darstellten und lockte dadurch
den Bruder der aufrichtiger lobte in den Ausbruch der schelmischen Zartheit
hinein »Raphaela ist ja nicht weit von Raffael«
Als jene indes nach ihrem Trauerreglement der Lust sich ihr Freudenöl in
Tränentöpfen zu kochen auf des Flötenspielers Musik dann schnell auf die
Blindheit und deren schönen Eindruck auf andere verfiel und sich nach seinem
AugenStand erkundigte unterbrach Vult sie kurz »Das war nur ein Scherz für
mich und ist vorüber Hr Notar wie können wir beide so müßig dastehen und
reden ohne zum Malen zu helfen« »Hr von Harnisch« fragte Walt ohne
comment zu sagen »Kann denn nicht einer von uns Freund vorlesen« versetzte
Vult »ist nichts dazu da und ich dazu die Begleitung blasen Wie oft sah
ich auf meinen Reisen dass Personen welche saßen sich hoben und entfalteten
weil nichts die Physiognomie welche der Maler auffangen will in ein so schönes
Leben setzt als eine mit Musik begleitete Vorlesung von etwas das gerade
anpasst«
Raphaela sagte sie nehme freilich ein Doppelgeschenk von Musik und
Deklamation dankend an Vult fasste einen nahen Musenalmanach blätterte
sagte er müsse klagen dass in allen Musenkalendern leider der Ernst zu hart mit
dem Spaß rangiere wie in J Ps Werken wolle aber Hoffnung geben dass er
vielleicht durch Töne zu diesen Misstönen Leittöne herbeischaffe und reichte
Walten eine Elegie mit der Bitte sie vorzulesen und darauf unbekümmert die
satirische Epistel und dann das Trinklied
Da dieser erfreut war dass er seinem Feuer eine Sprache obwohl eine
nachsprechende geben durfte so verlas er so heiß laut und taub das sehr
rührende Gedicht dass er gar anfangs nicht vernahm mit welchen närrischen
68Takten BallettPassaden sogar mit einem Wachtelruf ihn der Bruder flötend
sekundierte Erst als er die satirische Epistel vorlas hörte er in der Kälte
einigen WiderTon dass nämlich Vult dem Witze mit LagrimosisPassagen und
einigen Silben aus Haydns sieben Worten zur Seite ging er nahm sie aber für
Überreste voriger Rührung Dem Trinkliede nachher setzte Vult mehrere
LanguidosHalte gleichsam schwarz und weiße Trauerschneppen an Der Widerstreit
presste den Zuhörern einen gelinden Angstschweiß aus der eben wie Vult fest
behauptete ein Gesicht das sitze beseele
Aber plötzlich trat ein ganz anderer Miss und DurTon der vier Fuß lang
war höflich mit dem Hut in der Hand ins Zimmer Es kam nämlich der Reisediener
des Kaufherrns in Marseille bei welchem Flitte lange gewesen und präsentierte
ihm einen fälligen Wechsel den er auf sich ausgestellt
Flitte verlor die Farben die er Raphaelen geliehen und verstummte ein
wenig und wurde wieder reich an roter Endlich fragte er den Reisediener
»Warum er so spät am Verfalltage komme Jetzt hab er eben nichts« Der Diener
lächelte und sagte er habe ihn vergeblich gesucht zu seinem Verdrusse denn er
müsse jede Minute fort sobald er die Valuta habe Flitte zog ihn aus dem Zimmer
auf ein Wort aber fast noch unter dem Worte trat der Fremde wieder mit
gezuckten Achseln ein und sagte »Entweder oder in Hasslau gilt das
sächsische Wechselrecht« Lieber fuhr Flitte in die Hölle welche wenigstens
gesellig ist als in die Einsiedelei des Kerkers dennoch lief er ohne eine
sanfte Miene auf und ab und murmelte fluchende Angriffe endlich sagt er
französisch Raphaelen etwas ins Ohr Diese bat den Reisediener so lange um
Geduld bis eine Antwort auf ein Blättchen von ihr zurück sei es war eine Bitte
an ihren Vater um Geld oder Bürgschaft
Flitte setzte sich wieder zum Malen mit jener Folie des Stolzes nieder
wovon der Diener eigentlich den Juwel besaß Walt jammerte leise und flatterte
so ängstlich um den Bauer als Flitte in demselben und folgte jedem Umherschiessen
des eingekerkerten Vogels außen am Gitter nach Vult beobachtete scharf den
gewandten Diener »Sollt ich Sie nicht« sagt er »in der Gegend von Spoleto
schon gesehen haben wovon die alten Römer wie bekannt die OpferTiere
hergeholt wegen der weißen Farbe« »Ich war nie da und reise bloß nördlich
sagt er mein Name klingt zwar italienisch aber nur meine Grosseltern
warens« »Er heißt Mr Paradisi« sagte Flitte
Endlich kam Neupeters Antwort Flitte sah keck mit Raphaela ins aufgehende
Blatt »Ich glaube Du bist betrunken Dein Vater PN«
Mit großem Schmerzen blickte sie sinnend auf die Erde Der Elsasser war von
oben und von unten gerädert zu einem organischen Knäul und sann wiewohl ins
Blaue hinein Paradisi trat höflich vor Raphaela und bat um Vergebung dass er
sie und die Gesellschaft in der schönen Stunde des Malens unterbrochen habe
»aber« beschloss er »Hr Flitte ist in der Tat ein wenig mit schuld« »O
sacre« sagte er »was bin ich« »Sie kommen« fragte Raphaela »aus Norden
wieder hiedurch und wann« »In sechs Monaten aus Petersburg« sagte der
Reisediener Darauf blickte sie ihn dann den Notar mit feuchtbittenden Augen
an »O Hr Paradisi« fuhr dieser heraus »ich will ein Wort mit wagen ein
Kriegszahlmeister den Hr Flitte im ReichsAnzeiger auffodert muss ihn dann
gewiss bezahlt haben « »Lassen Sie denn keine Bürgschaft bis zu Ihrer Rückkehr
zu edler Signore« fragte Raphaela »Herr Harnisch« sprach sie und zog ihn in
ihr Schlafzimmer »Nur auf ein Wort Hr Notar« sagte Vult »Gleich« versetzte
Walt und folgte Raphaelen
»Ach guter Harnisch« fing sie leise an »ich bitte Sie mit Tränen ich
weiß Sie sind ein edler Mensch und lieben den armen Flitte so aufrichtig denn
ich weiß es von ihm selber Und er verdients er geht Freunden durchs Feuer
Mit diesen meinen Tränen« Aber ein nahe laute Trommelschule von
KriegsAnfängern ein taubstummmachendes Institut zwang sie unwillig
innezuhalten Er blickte ihr unter der Lärmtrommel in die großen runden
RegenAugen und nahm ihre weiße WachsHand um etwan durch beides ihre Bitte zu
erraten »Mit Wonne tu ich alles« rief er im wohlduftenden Kabinette voll
Abendsonnen und roter Fenstervorhänge voll Amor und Psychen und vergoldeter
Standuhren mit herübergelegten Genien »weiß ich nur was«
»Ihre Bürgschaft für Hrn Flitten« fing sie an »sonst muss er heute noch
ins Gefängnis hier in Hasslau ich beteuere Ihnen borgt und bürgt für ihn kein
Mensch selber mein lieber Vater nicht O wäre meine Wina da oder hätt ich
mein Nadelgeld noch«
Sie schlug ihren weißen Bettvorhang auf die Seite und wies ihn oben auf die
kurze Furche des blendenden Deckbettes mit den Worten »Da liegt er stets am
Morgen der holdselige Wurm den ich ernähre ein Soldatenkind aber ich bürg
Ihnen für alles« »Hr Notarius Harnisch« rief Vult aus dem Malerzimmer »Sie
sind hier nötig«
»Ich bin in der Tat selig« sagte Walt und faltete die gehobnen Hände »Auch
jene teuren Spielwaren dort auf dem Tisch schafften Sie für Kinder an« »Ach
ich wollte lieber ich hätte das Geld noch« sagte Raphaela »Mit welcher
Gesinnung ich Hrn Paradisin Bürgschaft leiste denn ich leiste sie brauch
ich wahrlich Ihnen in solchem Zimmer nicht auszusprechen glauben Sie mir«
sagt er Sie stürzte aus einer von ihr halb angesetzten Umarmung zurück
drückte die Hand und führte ihn daran heiter in die Gesellschaft zurück der sie
alles meldete Der Reisediener dankte dem Mädchen lange und verbindlich kam
aber mit einer feingekleideten Frage über des Bürgen Rückbürgschaft zum
Vorschein Sie schrieb hastig eine Bitte an ihren Vater den der Diener längst
für solid gekannt damit er diesen über Walts künftige Reichtümer belehre und
bewähre Paradisi ging handküssend damit ab und versprach wiederzukommen
Vult bat freundlich den Notar um einen Augenblick auf seinem Zimmer Auf der
Treppe dahin sagte er »Himmel Hölle Rasest du Öffne nur hurtig Eile
fleh ich O Walt was hast du heute gemacht im Schlafzimmer Dreh nicht
es ist Brot im Schlüssel Klopf ihn aus Ist denn der Mensch ewig ein Hund
der zu passen hat Was hast du darin gemacht Wieder ein Ebenbild von dir
wenn nun Feuer wäre Aber so bist du überall Ein Ebenbild wäre mir daraus
wahrlich lieber entgegengehüpft als du selber Gottlob« Die Stube war offen
Walt begann »Ich erstaune ganz« »Du merkst also nicht« sagte Vult »dass
alles ein vom Satan gedrehter Fallstrick ist womit sie dich Hrn Bürgen würgen
und in den Fussblock schnüren damit du dich ihnen nach der dummen
Testamentsklausel43so lange verzinsest als du sitzest« »Ich fürchte nichts«
sagte Walt »Du hoffest wohl« versetzte Vult »der alte Kaufmann werde dir
den Kredit schon abschneiden dass man deine Bürgschaft gar nicht annimmt«
»Das verhüte der Himmel« sagte Walt »Du verbürgst dich« »Bei Gott«
schwur Walt
Der Flötenspieler sank jetzt steilrecht und versteinert auf den Stuhl
starrte waagrecht vor sich hin jede Hand auf eines von den aufgesperrten
rechtwinklichten Knien gelegt und wimmerte eintönig »Nun so erbarms denn Gott
und wer will Das sind also die Garben und Weinlesen die ich davontrage nach
allem Anspannen und Hiersein Und der Teufel hauset wie er will Das ist der
Lohn dass ich wie der Rumormeister bald hinten bald vornen im Heere ritt bei
jedem Unfug Nu so schwör ich dass ich tausendmal lieber einem Schiffsvolk
mitten im Sturm auf einem SchaukelSchiffe den Bart abnehmen will als einen
Dichter sauber scheren den alles bewegt und erschüttert Lieber den Brocken
hinauf will ich als hinterster Leichenträger im WedelMantel eine Leiche tragen
und nachstemmen als einen Poeten geleiten und fortschaffen hinauf und hinab
denn dem redlichen nicht ganz viehdummen Bruder glaubt der Poet weniger als
weichem Diebsgesindel das ihn umstellt und mit Füßen tritt wie ein Töpfer den
Ton um ihn zu kneten«
»Ich muss dir gestehen« erwiderte Walt sehr ernst »dass der weichste Mensch
zum erstenmal hart werden könnte gegen einen harten der über die Menschen stets
ungerecht richtet«
»Wie gesagt« fuhr Vult fort »das tut er nicht der Poet Vergeblich reitet
ihm ein leiblicher Zwillingsbruder wie dem Suworow ein Kosak nach und hat den
leichten Nachtstuhl für ihn am Halse hängen so dass er sich nur setzen brauchte
aufs Gestelle er tuts nicht sondern er zeigt sich und mehr dazu der Welt
«
»An Menschheit glauben« versetzte Walt »an fremde und eigne durch sein
Inneres ein fremdes ehren und kennen das ists worauf das Leben und die Ehre
ankommt alles übrige hole der Henker Wie größere Leute haben in größeren
Gefahren auf Leben und Tod vertrauet ein Alexander hat sein ScheinGift während
der BriefLesung seines Arztes getrunken und ich sollte den heißen Tränen eines
menschenfreundlichen Mädchens nicht glauben Nein lieber nehm ich diesen Stab
der ein Bettelstab ist und gehe damit so weit mich meine Füße tragen«
»Weiter kann auch kein Bettler« sagte Vult »aber du unterbrichst So dass
also will ich nur noch zusetzen die Alten nicht ohne Anspielung dem Gotte der
Dichter einfältige junge Schafe geopfert Daher ein ReichsHofratsSchluss
jeden der einen Band Gedichte bei Trattner verlegen lassen sofort pro prodigo
erklären sollte da er in Betracht seiner ewigen göttlichen ApollosJugend von
15 Jahren zu bürgerlichen Handlungen zB Schenken unter den Lebendigen nicht
fähig ist welche Volljährigkeit befehlen Nun aber einmal gelassen Bruder Was
ist denn das für ein Leben dahier zum Sakrament Aber ganz ruhig Vater
Mutter Zwillingsbruder willst du Leuten opfern von denen ich nichts weiter
sage Bedenk alles siebzig eben gefällte NotariatsBäume eine so unerwartete
Verkettung so vieler Ketten manche deiner Irrsale auf dem Weg nach Rosenhof
und in der Tat bist du auch heute ganz belebt durch den Wein Am Ende fliegst
du wohl gar mit Sperberund mit WeihesFittichen um das Brauterz der Sitzerin
Fuchs und brauchst den PinselBräutigam nur zum Lockvogel du Raub und
Spassvogel Doch du wirst rot Was Raphaelens Tränen anlangt glaube mir die
Weiber haben größere Schmerzen als die worüber sie weinen«
»Gott wie desto trauriger« rief Walt »Weiber und Müller« sagte Vult
»halten versteckte Windlöcher damit Mehl für sie verstäube wenn der andere
mahlt«
»Meinetwegen« sagte Walt »Ich gab einem Frauenzimmer mein Wort Ich bürge
Gott dank ich nur dass er mir eine Gelegenheit bescherte das Vertrauen zu
zeigen das man zu den Menschen haben soll will man nicht das eigne verlieren
Soll es aber sein lass mich reden in dieser Stunde dass kein Gefühl mehr
wahrsagt soll der Glaube und die Liebe bluten und verbluten o so freu ich
mich dass ich die Wunde nur empfange aber nicht schlage Ich bürge entschieden
VaterZorn aber kennt er in seiner DorfWelt meine höheren Verhältnisse und
MutterZorn und Kerker und Not es brech ein ich bürge Zürne du Ich bürge
und gehe hinab«
Vult hielt ordentlich noch an sich ganz bestürzt und aus dem Sattel gehoben
von Walts Sprüngen der jetzt immer weniger zu regieren war je mehr er ihn
stach und trieb vielleicht weil der sanfteste Mensch sobald man seiner
Freiheit statt zu schmeicheln droht spornstetig44wird »Du gehst« sagte
Vult »ich bitte dich gewiss ruhig gehe bloß in dich Fahre nicht wie ein
geblendeter Vogel gerade in die Höhe Kehr um Ich flehe dich Bruder« »Und
müsst ich gleich ins Gefängnis ich hielte Wort« sagt er »Verschimmle da«
sagte Vult »ich wehr es nicht nur aber die klärste Vernunft und Billigkeit
behalt ihr Recht nur das Gesindel triumphiere nicht Am Ende wird noch dazu
erfahren dass ich mit dir verwandt bin und ich werde so verflucht ausgelacht
als einer von uns Freund Bruder höre Teufel«
Er ging aber »O du wahrer Linker45« sagte glühend der Flötenist »Doch
zusehen will ich dir unten wie du vor meinen Augen die Wintersaat zur
herrlichsten SommerErnte von Distelköpfen für Finken aussäest«
Als sie eintraten fanden sie das Liebespaar allein der Reisediener war
noch nicht zurückgekommen zu Vults Verdruss der oben manche Reden lange
gesponnen hatte um versäumen zu lassen Walts Gesicht glühte bewegt auch die
Stimme dabei warf er Blicke auf Vult in Angst dieser werde grob Aber gegen
alles Erwarten war der Flötenspieler eine Flöte er schaute so unbefangen an
und sprach so sanft »Malen Sie ganz lustig weiter« sagte Vult zu Flitten
»Darüber kann wohl jeder sein Lied singen über dergleichen Busstexte manche
besitzen ganze Liederbücher Ich habe selber einmal in diesem Gesange der drei
Männer im Feuer auf eine Weise eine Stimme gehabt dass ichs beinah hier zum
besten geben möchte wenn ich wüsste dass es uns zerstreuete Ich entsinne mich
nämlich noch sehr wohl dass ich vorher in London eine Zeitlang in einer
Sakristei wohnte und nachts den Kniepolster des Altars als Kopfkissen
unterhatte weil mir die Gelder ausblieben die ich aus Deutschland bezog Nicht
ganz reich noch weniger bequem kam ich mit noch sechs Emigranten auf der Post
nach Berlin aber nicht blind sondern samt unserer ganzen geldersparenden
Gesellschaft für ein einmänniges Postgeld Einer nämlich ließ sich stets
einschreiben welcher zahlte und öffentlich vor der Welt einsass Draußen stieg
einer um den andern von uns auf nach der ancienneté der Müdigkeit indes die
übrigen Deutschlandsfahrer neben dem Wagen auf beiden Seiten mitgingen so dass
vor dem zweiten Postaus immer ein anderer Passagier absprang als vor dem
ersten aufgesprungen war Die deutschen Posten fahren immer so gut dass man
schon mit fortkommt zu Fuße In Berlin selber fuhr ich weil mir die Gelder
ausblieben die ich aus England bezog noch viel härter Vom einzigen Berge da
monte di pietà hatt ich Aussicht in großen Städten mietet man sich alles
Häuser Pferde Kutschen böse Frauen besonders aber zuerst Geld In letzterem
ging ich weit Schulden führen wie andere SilberPillen erst den Morgen darauf
wenn man ausgeschlafen das ab was man noch hat Eine Figurantin bei dem
Ballett welche ich heiraten wollte weil sie die Unschuld selber war und
folglich solche nie verlieren konnte steigerte das Leid ohne Beileid die
Schulden noch höher weil wir die Flitterund HonigWochen vor der Ehe abtaten
damit diese nachher ungestört aus einem Stück gemacht wäre Flittern und Honig
wollen aber gekauft sein Wie wir freilich liebten sie im bessern Sinne
Figurantin ich Figurist mit welchen Konfigurationen davon ist kein anderer
Zeuge mehr da denn sie wollte kein bloßes Bruststück als ihr
Herzgrubenstück das ich in einer Ferne von 6 Schuhen malte indem ich nämlich
selber ein lebendiges Kniestück die niedrigen Beine aus Ehrfurcht hinter mich
oder meine Schenkel zurückwerfend vor ihr stand auf den bekannten Scheiben der
Kniee Ärzte haben oft bemerkt dass plötzliches Erschrecken den Körper und
dessen Finger so frostigknapp einziehe und einklemme dass Ringe die letztern
sonst nicht abzuschrauben waren von selber abglitten Es sollte mir so gut
werden etwas Ähnliches zu beobachten Das gute TanzWesen erschrak so
fürchterlich als ich nachher beschreiben werde den 7 Februar im Karneval Ich
stieß bei ihr vorher meine gewöhnliche Anzahl Seufzer in einer Minute aus
nämlich vierundzwanzig wovon weil man in einer nur zwölfmal atmet die Hälfte
aus die Hälfte eingezogen wird tat die alten Wünsche ich möchte meinen
Seufzern Luft machen können als ob ein Seufzer aus etwas anderm bestände und
rief endlich im Feuer aus Wieviel du Kostbare bin ich Berlin schuldig dass
ich dich kennen lernte Unbezahlbare als plötzlich bei diesen Worten wie bei
Stichworten meine ganze Dienerschaft von Lakaien und meine ganze Herrschaft von
Hausherren an der Spitze eines Jockeis hereindrangen auf mein Theater leider
keines worauf meine Kebsbraut sprang und Dinge von mir verlangten die ich
natürlich nicht bewilligen konnte Meiner Geliebten die weniger darauf
vorbereitet war als ich entglitschte vom erschrocknen erkälteten Ringfinger
unser großer Ring der Ewigkeit und sie sagte im Schrecken ohne Bewusstsein
verflucht grob Herr von Lumpenhund
Wer in Berlin war wundert sich gar nicht sondern weiß wie man da zuweilen
angeredet wird wenn man zwar von Stand und folglich nicht zu bezahlen ist aber
auch nicht zu bezahlen hat Ich mutmasse ich wäre damals gestorben in der
FriedrichsStraße wär ich nicht zu meinem Glücke erkrankt an einem hitzigen
Fieber Die Krankheit weniger der Arzt rettete mich Sie Hr Flitte wurden
hör ich von der Ihrigen auf dem Turm durch die Kunst gerettet wahrscheinlich
also eine ganz andere als die meinige Mein Fieber organisierte mich so
sonderbar dass mir nicht nur die alten Haare ausfielen bloß zu einem Titus
behielt ich schwachen kurzen Pelz sondern auch die alten Ideen vorzüglich
verdrüssliche
Platner bemerkt recht gut sowie den teleologischen Vorteil davon dass
das Gedächtnis des Menschen das Süße weniger fahren lasse als das Bittere
Mit mir obwohl nicht vom Krankenlager standen meine Gläubiger auf
Trefflicher Hr Musikhändler Rellstab mein Bedienter versichert Sie hießen
so sagt ich zu dem bekannten Manne meinem starken Gläubiger eben mach ich
mich vom hitzigsten Fieber von der Welt auf und habe alles 1000000 Dinge ja
den Namen vergessen den ich gewöhnlich unterschreibe Erklären lässt sichs gut
genug aus Physiologie aus Schweissen Fieberbildern und Ermattungen aber
verdrießlich ists für einen Mann wie ich der gern seine Nota von Musikalien
abführt und dem doch alles entfallen In dieser Not bitt ich Sie so lange zu
warten bis ich mich der Sache entsinne guter Rellstab dann wahrlich haben
Sie Ihr Geld auf der Stelle im Hause was sich im anderen Sinne ohnehin
versteht
Darauf erschien der erste Teaterschneidermeister und Garderobier und
ersuchte mich um das Seinige Ich antwortete Lieber Hr Freitag denn Sie
sind höre ich ein Namensvetter des heutigen Karfreitags entfährt jedem
Schuldner soviel auf dem Krankenbette als mir zB etwa den Blutschuldnern
Ehrenschuldnern so ists schlimm für Gläubiger Denn mir für meine Person ist
rein alles entfallen was ich schuldig bin Sie werden mir kaum glauben wenn
ich Sie an meine Krankenmatratze führe wo ich so geschwitzt und gefiebert dass
ich nichts behalten habe Münzen helfen hier wenig ohne GedächtnisMünzen es
ist aber betrübt Rellstab
Er heiße Freitag sagt er Das hole der Teufel sagt ich brauch ich auch
gar einen KorRepetitor Nun ich will nicht vergessen mich zu erinnern
Der Kammerherr Julius trat ein und wünschte zu meiner Genesung sich sowohl
Glück als die zwanzig Friedrichsdor Spielgeld von mir Ich soll Sie kennen
sagt ich Quoddeusvult Ich hoffe du verstehst mich sagt er
Entschieden sagt ich Aber du erschrickst denn wenn ich weiß ob ich mehr dir
oder dem Mann im Mond oder dem Grosswesir Spielgeldschuldig bin so will ich
nicht krank gewesen sein Recht hast du gewiss aber sollte man sich denn nicht
jedesmal eh man in ein hitziges Fieber verfällt tausend Knoten ins
Schnupftuch machen um genesen manche besser zu lösen als durch das Zuwerfen des
Schnupftuchs Sprich Kammerherr Pass also bis mir die Memorie wieder
aufhilft aber verflucht fatal dass ihr Leute vom Hofe ganz gegen Platners
Bemerkung gerade nur das Fatale weniger fast Fatalien behaltet Aber wie gehts
übrigens Revue schon an Wie im Winter Vult sagte Julius Nun du siehst
es selber sagt ich Was macht denn die liebenswürdige Königin Manches
glaub ich vergisst man weniger Darauf bat ich ihn nächstens mich zu
erinnern und wir schieden ganz gütlich
Anders gings als ich von der Langen Brücke in die Königsstrasse wollte und
mich ein gebildeter Jude aufhielt Lieber Moses sagt ich böse Nachrichten
das Fieber hat mich zu einem Titus geschoren Böse unterbrach der Jude wenn
wir Juden einen schlimmen Fürsten malen wollen so sagen wir das ist ein wahrer
Titus Die Titusköpfe bauen uns kein Jerusalem Sonst fuhr ich fort war
Hebräisch Judenteutsch Neuhebräisch mein Fach samt den Hülfssprachen dem
Chaldäischen Arabischen alles ist vergessen durchs starke Fieber Moses
Sonst kannt ich meine Schuldner auf hundert Schritte die Gläubiger auf tausend
weit Wechsel versetzt er sind da gut und präsentierte mir einen fälligen
noch über der Spree«
Hier machte aufgeheitert Hr Paradisi die Türe auf und dankte Raphaelen sehr
für ihr Blatt und warf ein höfliches Auge auf Walt Er nahm dessen Bürgschaft
an Selten war der Notarius seliger und unseliger gewesen Vults parodischer
zynischer Spaß hatte ihm allein reinbitter geschmeckt andern nur abgeschmackt
indes ihn das neue Glück erquickte Flittes Entsatz und Schutzgeist zu
werden Vor Vults Ohren und Augen wurde kühn und kalt die Wechselsache vollführt
und geründet und der Flötenspieler wurde über die so frei auseinanderblühende
Gegenwart bestürzt und erzürnt obwohl heimlich so wenig verträgt sogar der
Kraftmensch fremde Stärke und Konsequenz sobald sie mehr wider ihn auftritt als
für ihn weil jeder überhaupt vielleicht von fremder mehr zu fürchten als zu
hoffen hat
Als der Wechsel erneuert war schied der Flötenspieler sanft von der
Gesellschaft besonders von Walt Dieser begleitete ihn nicht Er fragte
Flitten ob er die wenigen Stunden die etwa seiner ProbeWoche noch abgingen
nicht in seinem eignen Zimmer verbringen dürfe Flitte sagte freudig ja
Raphaela drückte dankend Walten noch ihre zarte Hand in die seinige Er ging in
seine stille Stube zurück und beim Eintritte war ihm als wenn er in Tränen
ausbrechen sollte ob vor Freude oder Einsamkeit oder Trunk oder überhaupt das
wußt er nicht am Ende vergoss er sie vor Zorn
Nr 55 Pfefferfrass
Leiden des jungen Walts Einquartierung
Der Notarius konnte eine ganze Nacht lang weder schlafen noch seinen Bruder
lieben sondern der Zorn war sein Traum und das nächtliche Auftürmen zankender
Gründe erhitzte ihn zuletzt dermaßen dass er wenn Vult sich an dessen Bett
gewagt hätte vielleicht fähig gewesen wäre ihm zu sagen »Ich rede nun anders
mit dir Bruder setze dich aber nicht aufs scharfe Bettbrett sondern mehr auf
die Kissen herein« Unbegreiflich und unverzeihlich fand er dessen Kraft
Menschen ins Gesicht hinein zu martern den armen Flitte und ihn selber Schon
öfters hatt er bei der Weltgeschichte versucht in jene mächtigen Schneeund
GletscherMänner welche mitten unter dem Hasse eines ganzen Hofs und Volks
heiter glänzen und gedeihen sich so gut poetisch zu versetzen als in andere
Charaktere aber es hatte nie besonderen Erfolg er wäre ebensogut einer Statue
durch den Mund ins Herz gekrochen Ihm griff schon ein MenschenAntlitz in die
Seele und wär es punktiert an der Puppe eines Nachtschmetterlings erschienen
oder wächsern an der Puppe eines Kindes er hätte beide nicht kalt eindrücken
können mit dem Daumen
Er stieg aus dem Bette in einen plattgemähten Herbsttag denn er wollte
wie er pflegte lieben und der süßesten Empfindung kaum mächtig sein fand aber
nichts Brauchbares dazu sondern nur die Zuckersäure der vorigen Zuckerinsel
Jetzt stellte er sich da es sein erstes Zürnen war recht dazu an Ein Herz
voll Liebe kann alles vergeben sogar Härte gegen sich aber nicht Härte gegen
andere denn jene zu verzeihen ist Verdienst diese aber Mitschuld
Darauf machte er sich auf den matten Weg aufs Rataus um da wie bisher
sich für seine ErbamtsSünden wacker abstrafen zu lassen Der Spassvogel Flitte
jetzt sein gestriger Unglücksvogel war schon da denn er hatte fast nichts auf
der Erde als Zeit samt Passvogeln dem Buchhändler Walt sah so liebegiessend
dem Elsasser ins Auge als hätte dieser sich für ihn verbürgt nie warf
irgendein Fegfeuer auf den Gegenstand der es für ihn schuldlos angezündet vor
seiner Seele irgendeinen gelben hässlichen Widerschein vielmehr freute er sich
recht allein im Fegfeuer zu stehen und den Fremdling rein aus den Flammen
anzuschauen
Der TestamentsOberVollstrecker Hr Kuhnold eröffnete nach der siebenten
Klausel möchte doch jeder Leser das Testament aus dem Buche herausgeschnitten
broschiert immer neben sich haben den geheimen Artikel des Reguliertarifs
der rechtmäßig zu öffnen war In der Tat war darin auf jeden französischen
Germanismus den Flitte von ihm an Eidesstatt berichten würde ein Tag
verspäteter Erbschaft zur Schulstrafe gesetzt Flitte erwiderte darauf er wisse
niemand der soviel Organ für französische Sprache besitze sowie Kalligraphie
dafür als Herrn Walt und er entsinne sich keines erheblichen Fehlers Walt
griff nach dessen Hand und sagte »O wie schön dass ich mir Sie so immer dachte
Aber meine Freude ist nicht so uneigennützig als sie scheint sondern noch
uneigennütziger« Der OberVollstrecker wünschte ihm erfreut Glück
desgleichen der Buchhändler und jener bat ihn um die Wahl des neuen Erbamtes
Es ist sehr schlimm für diese Geschichte dass die Welt nicht die sechste
Klausel »Spasshaft und leicht mags« auswendig kann auf welcher doch gerade die
Pfeiler des Gebäudes stehen Der Notar wusste sie ganz gut und der Buchhändler
am besten Als Walt in dem SeelenRausche über die schönste Rechtaberei die es
gibt sich nämlich nicht in guten Voraussetzungen von Flitte geirrt zu haben
nicht sogleich das Erbamt erlesen konnte das er bekleiden wolle trat Passvogel
zu ihm und erinnerte ihn an den Buchstaben e der Klausel welcher sagt »Er soll
als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen« »Trefflich genug« sagte Walt
verstand und erklärte sich dazu in das vom NachtZorne zerfressene Herz
flossen die kleinsten Ergüsse menschlicher Milde balsamischheilend ein
Ausserhalb der Ratsstube fand er auf einmal sein Herz um und dem Bruder
wieder zugewandt Flitte war gerechtfertigt er selber entschuldigt und er
verzieh in Massen bloß weil er so viel recht gehabt Nachdem er eilig seinem
geängstigten Vater den schönen Ablauf seines Wochenamtes geschrieben hatte so
machte er sich ernsthafter an seine alte Versetzung ins fremde Ich und fragte
»Kann denn Vult seine Handlungen nach andern Grundsätzen zuschneiden als nach
seinen eigenen Und wollt er denn anders als ich selber eben für mich handeln
Jeder begehrt von andern Gerechtigkeit und dann noch ein wenig Nachsicht dazu
ei gut so geb er andern auch beides und das will ich tun« Er fand zuletzt in
Vults Stosskraft eine Ergänzung seiner eigenen weichwolligen Außenseite die
Freundschaft und Ehe wird so wie ein Fernrohr durch Zusammensetzung erhobner
und hohler Gläser gemacht
Was half aber sein aufgetanes Herz Niemand ging hinein Liebesschamhaft
harrte er dass Vult nur eine ViertelsElle von einer weißen Friedensfahne
flattern ließe um sogleich mit Liebesaugen in die fremde Seele einzuziehen
aber nicht einen Fingerbreit davon streckte dieser aus sondern er schickte ihm
Ausschweifungen für den Hoppelpoppel ohne ein Wort dazu Walt sandte ihm mehrere
Kapitel die er in seinem Herzenskloster um so leichter aufgesetzt da ihn
Passvogel noch immer auf den ersten Korrekturbogen warten ließ so wie die Stadt
ihn auf irgendein NotariatsInstrument das ihn hätte stören und bereichern
können Ihnen fügt er bloß zwei Streckverse bei
I
Meine ganze Seele weint denn ich bin allein meine ganze Seele weint mein
Bruder
II
Ich sah dich und liebte dich Ich sah dich nicht mehr und liebte dich So muss
ich dich immer lieben ich mag nun frohlocken oder weinen tief im Herz
Einen Tag darauf schickte ihm Vult die ausgearbeitetsten Ausschweifungen zu und
gedachte des Genusses kurz den ihm jetzt Walts Hoppelpoppel oder das Herz
zuführe da jedes Kapitel mit wahrer Kunstwärme erschaffen sei und überfeilt
und schrieb noch er selber schreibe zwar eifriger als je dürfe aber nicht
entscheiden wie glücklich und schrieb weiter nichts »Nun denk ich« sagte
Walt zu sich »weiß ich recht gut woran ich bin ich bin fast sehr unglücklich
es ist vorbei mit dem Himmel der sich hier auftat für mein ArmenAuge Auf
ewig ist mir der Bruder begraben und eingesenkt Tritt er etwan einmal vor
mich so weiß ich wohl ists ein Antlitz grimmig verzogen und mich wird
schaudern durch mein Herz O mein Bruder wie schön war es einst als ich dich
noch umarmte und zwar weinen musste aber ganz anders«
Darauf schrieb er wieder ein gutes Kapitel am Romane schickt es ihm mit
folgendem hier ganz mitzuteilendem Briefe
Bruder
Hier
Dein Bruder
G
Vult versetzte nichts darauf Gottwalt erzürnte sich nach der TertienUhr dann
hatt er wieder lieb nach der TurmUhr Nur die Träume drangen mit ihren
greulichen aufgerissenen Larven in seinen Schlaf jede musste wie ein Bruder
aussehen der ihn marterte auf einer unabsehlichen Folterleiter auf der er
ausgespannt lag von Stern zu Stern
An einem NovemberNachmittage ging er in das Wirtshaus zum Wirtshaus wo er
ihn wie bekannt nach einem langen LebensWinter gefunden hatte wie einen Mai
Der herrnhutische Wirt prügelte eben da er eintrat die Wirtin aus dem Gasthofe
hinaus warf ihr seinen Jungen nach und schrie wär er kein Christ so würd er
sie anders behandeln so eben zähm er sich und kein böses Wort komme aus
seinem Maule Walten kannt er gar nicht mehr als dieser um das vorige jetzt
zugemauerte Oberzimmer anhielt wo er im Juli geschlafen hatte Teils Würste
teils Flachs auf Stroh waren darin auseinandergebreitet
Er entfloh auf den herrnhutischen Gottesacker wo er einstens als die Sonne
unter und der Bruder aufging so froh und so neu geworden Aber die Bäume
waren anstatt begrabne Gerippe laubig zu bedecken selber steilrechte geworden
dabei schneiete es regnerisch mehr das Gewölke als die Sonne ging unter
und Abend und Nacht waren schwer zu sondern Der Notarius sah aus wie der eben
regierende November der noch weit mehr dem Teufel als dem April ähnlich nie
ohne die verdrüsslichsten Folgen abtritt
Von da trug er sich verarmet fern von jenem reichen Morgen wo er neben
dem reitenden Vater zu Fuße hergelaufen zurück in die Stadt Als er über die
kalt wehende Brücke ging und nichts um ihn war als die öde dunkle Nacht so
flogen zwei dicke Wolken auseinander der helle Mond lag wie eine Silberkugel
einem weißen Wolkengebürge im Schoss und der lange Strom wand sich erleuchtet
hinab Auf dem Wasser kam etwas herabgeschwommen wie ein Hut und ein Ärmel
»Geht es durch die Brücke unter mir durch« sagte Walt »so nehm ichs für ein
Zeichen dass auch mein Bruder so von mir dahin geht stößt es sich an die
Pfeiler so bedeutet es etwas Gutes« Er fuhr zusammen da es unten wieder
hervorkam endlich fiel ihm ein dass wohl gar ein ertrunkener Mensch unter ihm
ziehen könne ja Vult selber Er sprang herunter ans Ufer herum wo sich das
schwimmende Wesen in eine Bucht voll Buschwurzeln verfangen hatte Mühsam und
zitternd hob er mit seinem Stabe einen leeren Ärmel dann noch einen und darauf
gar noch einige auf bis er sehr sah dass das Ganze nichts sei als eine ins
Wasser geworfene von der Jahreszeit abgedankte Vogelscheuche
Aber ein Schauder dauert länger als sein Anlass oder Irrtum er ging noch
sorgend für den Bruder in dessen Wohngasse als seine Flöte schon von ferne
herauftönte und wie die Flut alle die offenen rauen Klippen der Welt mit einem
weichen Meer zudeckte Der elende November der herrnhutische Wirt die
Vogelscheuche und die leere Ebbe des Lebens gingen nun unter in schönen Wogen
Walt trat weils finster war denn am Tage schaute er nur die lange Gasse
hinab dicht vor Vults Haus obwohl in die Monds Er drückte den Türdrücker
wie eine Hand weil er wusste wie oft ihn die brüderliche musste angefasst haben
Vult dies merkte er aus dem Schatten und dem Lichtschimmer gegenüber musste mit
dem Notenpulte nah am Fenster stehen Als wieder ein langer Wolkenschatten die
Gasse heraufflog schritt er querüber und guckte hinauf und sah hinter dem
erleuchteten Notenpulte das so lange begehrte Gesicht und weinte bitter Er
ging an ein großes rotes Tor seitwärts worauf Vults Schattenriss aber greulich
auseinandergezogen wie ein angenagelter Raubvogel hing und küsste etwas vom
Schatten aber mit einiger Mühe weil sein eigener viel verdeckte
Gern wär er jetzt zu ihm hinaufgegangen mit der alten BruderBrust an sein
Herz aber er sagte »Blies ich selber droben o so weiß ich alles wohl nein
es gäbe für mich kein fremdes Herz aber er ist fast immer das Widerspiel seines
Spiels und oft fast hart wenn er sehr weich dahinflötet Ich will ihn in
seiner GeisterLust nicht stören sondern lieber manches zu Papier bringen und
morgen schicken«
Er tats zu Hause die Flötentöne des Bruders fielen schön in das Rauschen
seiner Gefühle ein er versiegelte einen geistigen Sturm Er legte dem Sturm
zwei Polymeter über den Tropfstein bei dessen Säulen und Bildungen bekanntlich
aus weichen Tropfen erstarren
Erster Polymeter
Weich sinkt der Tropfen im HöhlenGebirge aber hart und zackig und scharf
verewigt er sich Schöner ist die MenschenTräne Sie durchschneidet das Auge
das sie wund gebiert aber der geweinte Diamant wird endlich weich das Auge
sieht sich um nach ihm und er ist der Tau in einer Blume
Zweiter
Blick in die Höhle wo kleine stumme Zähren den Glanz des Himmels und die
Tempelsäulen der Erde spielend nachschaffen Auch deine Tränen und Schmerzen o
Mensch werden einst schimmern wie Sterne und werden dich tragen als Pfeiler
Vult antwortete darauf »Mündlich das übrige Lieber Wie mich unser so
wacker gefödertes Schreiben freut weißt Du besser als ich selber« »So hol
ihn der Henker« sagte Walt »ich habe mehr eingebüßt als er denn ich lieb ihn
ganz anders« Er war nun so unglücklich als es die Liebe auf der Erde sein
kann Er webte ganz entblößt von Menschen und Geschäften seinen Roman fort
als das einzige dünne leichte Band das sich noch aus seiner Stube in die
brüderliche spannen ließ
An einem Abende als der ausgewachsene reife Mond gar zu hell und lösend
schien bedacht er ob es denn nicht schicklich sei ordentlich Abschied zu
nehmen Er schrieb folgendes Briefchen
»Empfange mich nicht Übel wenn ich diesen Abend um 7 Uhr komme Wahrlich
ich nehme nur Abschied alles wird auf der Erde ohne Abschied
auseinandergestürmt aber der Mensch nimmt seinen von einem Menschen wenn er
kann wenn kein MeerSturm wenn kein Erdbeben die SeelenNächsten plötzlich
zerwirft Sei wie ich Vult ich will Dich nur wiedersehen und dann nicht
länger Antworte nur aber nicht weil ich mich fürchte«
Er bekam auch keine Antwort und wurde noch furchtsamer und trauriger Er
ging abends aber ihm war als sei der Abschied schon vorbei In Vults Stube war
Licht Welche Bürde trug er die Treppe hinauf nicht um sie oben abzuladen
sondern zu verdoppeln Aber niemand sagte komm herein Das Zimmer war
ausgeleert die Kammertüre offen auf einem Stalleuchter wollte ein sterbendes
Licht verscheiden die Bettstelle beherbergte gleich einer Scheune nur
fatales Stroh verzettelte PapierSpäne BriefUmschläge zerschnittene
FlötenArien bildeten den Bodensatz verlaufener Tage es war das Gebeinhaus
oder Gebeinzimmer eines Menschen
Walt dachte im ersten Unsinn des Schreckens Vult könne wenn nicht damals
doch später im Wasser gelegen sein und griff alle PapierReliquien mit groß
tropfenden Augen halb unbewusst zusammen Auf einmal rief die bassstimmige Frau
des Teaterschneiders herauf wer droben umtrabe »Harnisch« versetzt er Da
fuhr sie die Treppe herauf und schalt das sei Harnischens Stimme nicht Als sie
ihn gar im Finsteren sah denn er hatte das sterbende Licht getötet weil jede
Nacht besser ist so wie der Tod besser als Sterben so musst er sich mit der
Teaterschneiderin in ein anzügliches Hand nämlich Wortgemenge über seine
DiebsTendenzen einlassen und zuletzt über sein Lügen Denn er hatte sich in der
Eile für Vults dasigen Bruder ausgegeben und doch gefragt wohin Vult gekommen
sei
Verworren und gescholten wanderte er seiner Stube zu und schlich auf den
Treppen voll Lichter und Leute der Hofagent gab einen tanzenden Tee gebückt
hinauf
Da fand er sein Zimmer aufgetan und einen Mann darin mit Hämmern arbeitend
um sich gut einzurichten in seiner neuen Wohnung Es war Vult
»Erwünschter« sagte Vult und nagelte an einer Teaterwand fort »Aber guten
Abend Erwünschter meint ich nämlich kann mir nichts kommen als du endlich
kommst Schon seit Schlag sieben vexier ich mich ab um alles aufs beste
aufzustellen und etwa so einzurichten dass keiner von uns nachher brumme oder
grunze unterstütze mich aber dabei bei der gemeinschaftlichen Einrichtung und
hilf Du siehst mich so an Walt«
»Vult Wie Sprich nur« sagte Walt »Es könnte doch etwas Himmlisches
sein Und sei nur von Herzen willkommen« Hier lief er mit Kuss und Umhalsen an
ihn Vult konnte aber da er in der einen Hand den Nagel hielt in der andern
den Hammer nichts dazu ablassen als Gesicht und Hals und antwortete »Die
Hauptsache ist wohl dass du jetzt ein vernünftiges Wort darüber hören lässest
wie die Sachen zu traktieren sind für beiderseitige Lust Denn ist einmal alles
festgenagelt so änderts der Mensch ungern Mich deucht aber so besitzest und
beherrschest du gerade das eine Fenster und fast drüber und ich das andere ein
drittes fehlt«
»Ich weiß wahrlich nicht was du vorhast aber mache nur alles und sage
dann was es ist« sagte Walt »So muss ich dich gar nicht verstehen« versetzte
Vult »oder du mich nicht Solltest du kein Briefchen von mir erhalten haben«
sagte Vult »Nein« sagte er
»Ich meine das heutige« fragte jener fort »worin ich schrieb ich würde
dein Schweigen für ein Ja auf meine Bitte nehmen dass wir doch möchten zusammen
wie ein Vögelpaar ein Nest oder Quartier bewohnen dieses nämlich Wie«
»Nichts sagte Walt Aber du willst dies O warum traut ich denn deinem Gemüte
weniger Gott züchtige mich dafür O wie bist du«
»In diesem Falle muss ich das Blatt noch in der Tasche tragen« versetzte
Vult und zog es hervor »zuvörderst müssen wir aber unsern StubenEtat für den
Winter ins reine und aufs trockne bringen denn Freund leichter verträgt sich
ein Simultaneum von Religionsparteien in einer Kirche als eines von Zwillingen
in einer Stube wie sie denn schon als kleine Kraken nicht einmal im Mutterleibe
es ein Jahr lang ausdauern sondern sich sondern Mein Wunsch ist allerdings
dass die Feuermauer die ich zwischen uns Flammen gezogen und die Bühnenwand
langt zum Glück so nett uns körperlich genug abtrenne um uns nicht geistig
zu trennen Die Scheidewand ist auf deiner Seite mit einer schönen Reihe Paläste
übermalt auf der meinigen ist ein arkadisches Dorf hingeschmiert und ich stoße
nur dieses PalastFenster auf so seh ich dich von meinem Schreibtische an
deinem Reden können wir ohnehin durch die Mauer und Stadt hindurch«
»Das ist ja köstlich« sagte Walt
»Wir arbeiten dann in unserm DoppelKäfig am Hoppelpoppel Tag und Nacht
weil der Winter für Autoren und Kreuzschnäbel die beste Zeit zum Brüten ist und
wir darin und die schwarze Nieswurz was sind wir anders als Nieswurz der Welt
im Froste blühen«
»O herrlich« sagte Walt
»Denn ich muss leider bekennen dass ich bisher aus einer Ausschweifung in die
andere nämlich aus spasshaften in reelle geraten und in der Tat wenig gegeben
So aber werden wir beide schreiben und dichten dass wir rauchen nur für
Bücher und Manuskripte wird gelebt nämlich von Honorarien In 14 Tagen mein
guter Freund kann schon ein sehr hübscher Aktenstoss an einen Verleger ablaufen
vom Stapel«
»O göttlich« sagte Walt
»Falls ein solches gemeinschaftliches Zusammenbrüten in einem Neste ich
als Tauber du als Täubin nicht am Ende einen Phönix oder sonst ein
FlügelWerk aussitzen kann das sich vor der Nachwelt so gut sehen lässt dass
sie ihre Vorwelt fragt wer beide Brüder waren wie lang wie breit wie sie
gegessen genieset und was die Gebrüder sonst für Sitten und Möbeln und
Narrheiten gehabt wenn das sag ich nicht der Fall bei uns sein soll so will
ich nicht im Ernste gesprochen haben«
»Ach du schöner Gott« rief Walt mit Freudenblicken
»Fressen will ich meine Zunge vor Hunger und wie man von Bomben sagt
krepieren crêper wenn wir uns hier nicht lange vorher lieben eh wir uns
zanken kurz überhaupt nicht Sachen vorfallen wovon in Zukunft ein Mehreres
mündlich« »Bei Gott du gibst mir neues Leben« sagte Walt »Hältst du es
aber genehm« sagte Vult und führte ihn in die Schlafkammer »dass ich unsere
Bettstellen durch die spanische Wand für die spanischen Schlösser der Träume
quer geschieden halte Ich sehe sie aber mehr für einen alten Bettschirm an«
»Du kennst darüber meine Grundsätze« sagte Walt »ich hielt es schon in
frühern Jahren für unschicklich nur mit einem Freunde gymnastisch zu ringen
oder ihn zu tragen es müsste denn aus Lebensgefahren sein«
Darauf zeichnete ihm Vult den ganzen Weg und engen Pass vor worauf er
hereinkommen ferner seine ZukunftsKarten Schon längst hab er sagt er zu
ihm ziehen wollen teils aus Liebe für ihn und den Hoppelpoppel teils des
halbierten Mietzinses halber teils sonst Neulich auf einem Spaziergange hab
er sich in die Gunst der guten Raphaela zurückgeschwungen mit welcher er als
mit einem HebelsLangarm dann den Vater habe bewegt Vor einer Stunde sei er mit
der Teaterwand von Purzel und mit dem Koffer eingetroffen und habe den
Stubenschlüssel im bekannten Mausloch gefunden »Nun erbrich aber doch mein
Schreiben« beschloss er Auf dem Umschlag stand »An Hrn Walt abzugeben bei
mir«
Walt bemerkte nicht dass auf dem Briefe neben Vults Siegel auch seines stand
und dass es jener alte war worin Vult ihm in der Zukunft das nächtliche Poltern
TürenZuwerfen seines Polter oder Schmollgeistes voraussagt um nachher
entschuldigt zu sein und den wir früher gelesen als Walt oder vielmehr später
46 Walt glaubte eilig er meine eine von heute an zukünftige Zukunft und
sagte dahin komm es nicht aber als Vult ihm am Datum zeigte dass eine
vergangne geschildert sei so fasste der Notar seine Hände mit beiden fest sah
ihm in die Augen und fing mit langem Ton der Rührung an »Vult Vult« Den
Flötenspieler drückte es dass er einige Tropfen in die eignen Augen über die er
mit den gefangnen Händen nicht hinfahren konnte musste treten lassen »Nun«
fuhr er auf »auch ich bin kein Kiesel lasse mich aber auf mein Zimmer gehen
und auspacken« und fuhr hinter die Bühnenwand
Er packte aus und stellte auf Walt ging im seinigen auf und ab und erzählte
ihm über die Stadt herüber seine bisherigen Versuche ihren SeelenTaufBund zu
erneuern Alsdann kam er wieder in den Verschlag und half ihm sein Haus oder
Stubengeräte ordnen Er war so hülffertig so freundlichtätig er wollte dem
Bruder so viel Platz aufdringen samt Fenster Licht und Möbeln dass Vult heimlich
sich einen Narren schalt dass er ihm den eigensinnigen Widerstand in der
Flitteschen Wechselsache zu hart nachgetragen Walt hingegen stellte seinerseits
wieder heimlich den Flötenspieler ins größte Glanzlicht dafür dass er ihm
zuliebe den Widerwillen gegen Raphaela ersticke und nahm sich vor alle schönen
Züge desselben unbemerkt aufzuschreiben um sie als Rezepte nachzulesen wenn er
wieder knurren wolle Die Gütergemeinschaft und StubenVerbrüderung wurde auf
die hellsten Grenzverträge zurückgebracht damit man am Morgen gleich anfangen
könnte beisammen zu sein Schön bemerkte Vult man müsse innerlich dem Zorne
recht viel Platz machen damit er sich abtobe und totrenne an den Gehirnwänden
dann werde ja dem Menschen nichts leichter als mit dem gestorbenen Wolf im
Herzen ein weiches Lamm zu sein außen mit der Brust Man könnte aber hier noch
andere Bemerkungen machen zB
Die starke Liebe will für Fehler nur bestrafen und dann doch vergeben
Wenn mancher von kleinen Beleidigungen der Freundschaft zu tief getroffen wird
so ist daran bloß eine hassende Denkungsart über alle Menschen schuld die ihn
dann in jedem einzelnen Falle ergreift und diesen zum Spiegel des Ganzen macht
Die höchste Liebe kennt nur Ja und Nein keinen Mittelstand kein Fegefeuer
nur Himmel und Hölle und doch hat sie das Unglück dass sie Geburten der
Stimmung und des Zufalls die nur zu Vorhimmel und Vorhölle führen sollten zu
Pförtnerinnen von Himmels und Höllentoren macht
Beide kleideten voreinander die eigentümlichsten Gefühle in allgemeine Sätze
ein Aber als Vult hinter dem Schirme ins Bett einstieg sagt er »Versetze mir
nichts darauf denn ich stopfe mir eben die Ohren mit dem Kopfkissen zu aber
ich glaube selber ich hätte dich bisher noch besser lieben können« »Nein
ich dich« schrie Walt
Nr 56 Fliegender Hering
Brief des Biographen Tagebuch
Gegenwärtiger Biograph der jungen Harnische bekam nach dem Abschlusse der
vorigen Nummer des sogenannten Pfefferfrasses von dem Hasslauer Stadtrate vier
neue nämlich den fliegenden Hering 56 den Regenpfeifer 57 die Giftkuttel 58
und die Notenschnecke 59 samt einem äußerst wichtigen Tagebuche Vults über
Walt Darauf antwortete er den trefflichen TestamentsExekutoren folgendes was
durchaus als ein Zeitstück der Flegeljahre hereingehört
»P P
Indem ich Ihnen verehrlicher Stadtrat und Vollstrecker die Ausarbeitung der
55sten Nummer Pfefferfrass zusende und den Empfang der vier neuesten Naturalien
der Nummern 56 57 58 59 desgleichen des Vultischen Tagebuchs bescheinige
leg ich zugleich die vier Kapitel für das NummernViereck bei welche ich
dadurch geliefert zu haben hoffe dass ich das Vultische Tagebuch unzerzauset
einwob und es durch Überschriften in Kapitel schnitt und andere DruckerSachen
anflocht zB Gänsefüsse um Vults jetzige Worte von meinen künftigen zu
scheiden Man griffe ohne weiteres meinen Charakter an wenn Sie mich deshalb
etwan einen Schelm einen NaturalienRäuber schölten und einen ArbeitsKnauser
Säh es ein verehrlicher Hasslauer Stadtrat etwan lieber was so unmöglich zu
glauben wenn ich den herrlichen Vult einen zwar außen ungemalten aber innen
schön glasierten Sauertopf mit meinen Töpferfarben umzöge Oder kann irgendein
Testament ansinnen dass ich einem fremden Charakter etwas aus meinem eignen
vorstrecke Mich dünkt ich und sämtliche poetische Weberschaft haben oft genug
bewiesen wie gern und reich wir jedem Charakter und wär er ein Satan oder
Gott von unserem leihen und zustecken Wir gleichen am wenigsten dies dürfen
wir sagen jenem englischen Geizhalse Daniel Dancer welcher auf einen fremden
Acker nichts von dem was die Natur bei ihm übrig hatte wollte fallen lassen
sondern wie toll vorher auf seinen eignen rannte mit der Sache Sondern recht
freudig leihet der Romancier alles was er hat und was er ist seinen
geschriebenen Leuten ohne das geringste Ansehen der Person und des Charakters
Folglich hätte wohl niemand Vults Tagebuch so gern umgeackert und besäet als
ich wär es nötig gewesen
Andere Gründe zB Zeitmangel und HausTumult schütz ich nicht einmal
vor weil diese sich auf persönliche Vertrauungen gründen womit man wohl
schicklicher das Publikum als einen verehrlichen Stadtrat behelligt worunter
aber in jedem Falle die Nachricht gehören würde dass ich gestern nach meinem
Wechselfieber des Wechsels doch nur mit Städten wieder aus Koburg abgezogen
bin nach Bayreut Niemand muss überhaupt die Zeit mehr sparen als einer der für
die Ewigkeit nicht sowohl lebt das tut jeder Christ als schreibt Wieviel
Blattseiten lässt denn die Biographia britannica unseres Ichs der Historiole
des Universums übrig Wie ohnehin alles uns Dichter drückt scheinen nur die
alten Holzschnittschneider zu ahnen wenn sie Bienen und Vögel diese
bildlichen Verwandten unsers Honigs und unsers Flugs bloß als fliegende Kreuze
zeichnen Wer hängt an diesen Kreuzen als wir Kreuzträger zB
Ihr
testierter
Biograph
J P F Richter«
Bayreut den 13 August 1804
Jetzt geht Walts Geschichte so fort nämlich Vults Wochenbuch fängt so an
»Ich schwöre hiemit mir dass ich ein Tagebuch wenigstens auf ein Vierteljahr
schreiben will hör ich früher auf so strafe mich Gott oder der Teufel Von
heute dem Tage nach dem gestrigen Einzuge geh es an Ja wenn mich der
Gegenstand nicht ich sondern Walt hinge pfählte knebelte zerfetzte nach
Siberien schickte in die Bergwerke in die zweite Welt in die dritte ja in
die letzte so führ ich das Wochenbuch fort und damit ich nicht wanke so will
ich mit den Fingern die man sonst dazu aufhebt es herschreiben
Ich schwöre
Die Welt welche aber nie dieses Blatt bekommen soll kann sich leicht denken
über wen das Wochenbuch geführet werde nicht über mich Ein Tagebuch über sich
macht jeder DintenMann schon an und für sich, wenn er seine opera omnia
schreibt bei einem Schauspieler sinds die Komödienzettel bei einem
Zeitungsschreiber die Jahrgänge voll Weltändel bei einem Kaufmann das
Korrespondenzbuch bei einem Historienmaler seine historischen Stücke Angelus
de Konstantio der an seiner storia del regno di Napoli 53 Jahre verschrieb
konnte bei jeder Reichsbegebenheit sich die seinigen obwohl nur auf 53 Jahre
denken und so schreibt jeder Verfasser einer Weltgeschichte damit seine eigne
mit unsichtbarer Tinte dazwischen weil er an die Eroberungen innern Unruhen
und Wanderungen der Völker seine eignen herrlich knüpfen kann Wer aber nichts
hat und tut woran er seine Empfindungen bindet als wieder Empfindungen der
nehme Lang und QuerfolioPapier und bringe sie dazu nämlich zu Papier Nur
wird er Danaiden und Teufelsarbeit haben während er schreibt fällt wieder
etwas in ihm vor es sei eine Empfindung oder eine Reflexion über das
Geschriebene dies will wieder niedergeschrieben sein kurz der beste Läufer
holet nicht seinen Schatten ein
Und welch ein lumpiges knechtisches katoptrisches NachLeben dieses
grabesluftige Zurückatmen aus lauer Vergangenheit statt eines frischen Zugs aus
frischer Luft Das flüchtige Getümmel wird ein Wachsfigurenkabinett der
blühende flatternde Lebensgarten ein festes pomologisches Kabinett Ists nicht
tausendmal klüger der Mensch ist von Gegenwart zu Gegenwart wie Gott von
Ewigkeit zu Ewigkeit und der fröhliche Trieb tut seinen Windstoß in die Blumen
und Wellen hinein wirft Blumenstäubchen und Schiffe an ihren Ort und gähnt und
stöhnt nicht wieder erbärmlich zurück
Hingegen ein Tage und Wochenbuch über andere Ich gesteh es meinem
geneigten Leser dem guten Vult dies ist etwas anderes aber ich muss freilich
sehen und anfangen
Doch so viel lässt sich auch ohne anzufangen annehmen dass mein
Hausherrlein und Brüderlein Walt vielleicht zu einem historischen Roman den
Titel Tölpeljahre eines Dichters verschwör ich nicht zu verbrauchen ist
nämlich als Held besonders da er eben in LiebesBlüte und vollends gegen eine
Hässlichkeit47steht wenn mich nicht der ganze neuliche WechselProzess und sein
heißes Verteidigen und Beschauen ihres Gesichts und Herzens zu sehr betrügt Nur
ist durchaus erforderlich dass ich als der Beschreiber des Lebens ihn geschickt
wie eine herkulanische Bücherrolle auseinanderwinde und dann kopiere Ich seh
auch nicht ein warum ich nicht überhaupt so gut einen göttlichen Roman
schreiben sollte wie Billionen andere Leute Mir selber ist Schriftstellerei so
gleichgültig Vult Wie ich lebe nicht um zu leben sondern weil ich lebe so
schreib ich bloß Freund weil ich schreibe Worin soll denn das Ebenbild
Gottes sonst bestehen als dass man so gut man kann ein kleines Aseitätchen48
ist und da schon Welten mehr als genug da sind wenigstens sich Schöpfer
täglich erschafft und genießt wie ein Messpriester den Hostiengott Was ist
überhaupt Ruhm hienieden in Deutschland Sobald ich mir nicht einen Namen machen
kann dass ich vom Niedrigsten bis zum Höchsten täglich genannt gelobt und vor
Begierde verschlungen werde diesen Namen aber hat in Deutschland weiter
niemand als Broihann nämlich der erste Brauer des Broihanns so erhebe mich
doch nie ein Journal fleh ich Ebensogern als einer Vergrößerung durch
dasselbe will ich einem Erzengel zu Gebote stehen welcher mit einem
mittelmäßigen Sonnen und Weltenmikroskop auf dem Marktplatz der Stadt Gottes
etwas verdienen will und daher um andern neugierigen MarktEngeln die Wunder
Gottes und des Mikroskops zu zeigen mich als die nächste Laus einfängt und auf
den Schieber setzt mit vergrösserten Gliedmaßen zum allgemeinen Bewundern und
Ekeln
Dies beiseite so merk ich noch für dich besonders an liebes Wältlein
falls du der zweite Leser dieses Wochenbuchs würdest wie dein Vult der erste
ist in welchem Falle du aber ein ausgemachter ausgebälgter Spitzbube wärest
der sein gestriges Wort bräche nie in meine Papiere zu blicken ja ich setz
es absichtlich zur Strafe der Lesung für dich her was ich jetzt behaupten
werde dass ich nämlich dich echter zu lieben fürchte als du mich liebst Wäre
dies gewiss so ging es schlimm Sehr zu besorgen ist mein ich dass du ob du
gleich sonst wahrlich so unschuldig bist wie ein Vieh nur poetisch lieben
kannst und nicht irgendeinen Hans oder Kunz sondern bei der größten Kälte
gegen die besten Hänse und Künze zB gegen Klotar in ihnen nur schlecht
abgeschmierte Heiligenbilder deiner innern Lebens und Seelenbilder kniend
verehrst Ich will aber erst sehen
Du wirst dich nicht erinnern Wältchen dass ich dir gestern oder heute
morgen weisgemacht dass ich nicht aus andern Gründen sondern deinetwegen allein
in deine Schweiß Dachs und WindhundsHütte eingezogen bin Folglich log ich
nichts vor Nur keine Lüge sage der Mensch dieser Spitzbube von Haus aus Fast
alles ist gegen einen Geist eher erlaubt weil er gegen alles sich wehren kann
nur keine Lüge welche ihn wie ein altrömischer Henker die unmannbare Jungfrau
in der Form der innigsten Vereinigung schänden und hinrichten will
Schauest du also so sehr spitzbübisch und ehrvergessen in dieses Journal so
erfährst du hier nach dem vorigen Doppelpunkt dass ich ein Narr bin und eine
Närrin will mit einem Wort dass ich eben ein Fenster von dir wie zu einer
Hinrichtung Damiens um vieles Geld gemietet bloß um aus dem Fenster mich
selber hinzurichten nämlich hinunterzusehen in den Neupeterschen Park wenn
Wina in die ich mich vergafft habe zufällig mit deiner Raphaela lustwandelt
Ich freue mich darauf wie wir beide an unsern Fenstern stehen und
hinabschmachten und lächerlich sein werden Nichts ist komischer als ein Paar
Paare Verliebter noch mehr wär es ein ganzer rechter und ein linker Flügel
der seufzend einander gegenüberstände hingegen eine ganze Landsmannschaft
von Freunden sähe nur desto edler aus
Für jeden ist eine Frau freilich etwas anderes für den einen Hausmannskost
für den Dichter Nachtigallenfutter für den Maler ein Schauessen für Walten
Himmelsbrot und Liebes und Abendmahl für Weltmenschen ein indisches Vogelnest
und eine pommersche Gänsebrust kalte Küche für mich Die Lungensucht welche
Liebende und die Wärter der Seidenraupen jene wollen ja auch Seide dabei
spinnen davontragen wird mich als Seladon eher verlassen als ergreifen weil
ich so lange die lungengefährliche Flöte einstecke als ich auf den Knien liege
und spreche Ich bin dir aber wirklich sehr gut Wina zumal da deine Singstimme
so kanonisch ist und so rein Aber ich will denn mein heutiges Tagebuch über
den Bruder anheben«
Nachtrag zu Nr 56 Der fliegende Hering
Das Vorstehende war zur TestamentsExekution abgeschickt als ich es von
derselben dem trefflichen Kuhnold mit diesem Briefe wieder bekam
»Verehrtester Herr Legationsrat Ich glaube nicht dass die van der Kabelschen
Erben das bloße Einheften der zugefertigten Dokumente wie das Vultische
Tagebuch ist für eine hinlängliche Erfüllung der biographischen Bedingungen
unter welchen Ihnen das Naturalienkabinett testieret worden nehmen werden Und
ich selber bin gesteh ich mit den Vorteilen meines Geschmacks zu sehr dabei
interessiert als dass es mir gleichgültig sein sollte Sie durch Vult verdrängt
zu sehen Ihr Feuer Ihr Stil etc etc huldigen49
Dazu steht noch vieles andere dagegen Es kommen im Verfolge des Vultischen
Tagebuchs zumal im Februar wo er in vollen Flammen tobt Stellen vor deren
Zynismus schwerlich durch den Humor weder vor dem poetischen noch sittlichen
Richterstuhle zu entschuldigen steht ZB die am 4ten Februar wo er sagt das
junge Leben als eine Sonne verschlingend verdauen und es als einen Mond kacken
Oder da wo er dem dezenten Bruder um ihn zu ärgern erzählt wie er da er
kein Wasser um sich gehabt um es ins vertrocknete Tintenfass zu gießen sich
doch so geholfen dass er eintunken konnte um sein Paket Briefe seinen
Briefbeutel zu schreiben Das zweite mag eher hingehen dass er wenn er mit
vielen Oblaten Pakete gesiegelt und doch keine Siegelpresse und keine Zeit
sondern zu viele Arbeit gehabt sich bloß eine Zeitlang darauf gesetzt um
andere Sachen zu machen unter dem Siegeln Es sind überhaupt Verehrtester in
unserer Biographie so manche Anstössigkeiten gegen den laufenden Geschmack vom
Titel an bis zu den Überschriften der meisten Kapitel dass man ihn wohl mehr
zu versöhnen als zu erbittern suchen muss
Noch einen Grund erlauben Sie mir da er der letzte ist Unsere Biographie
soll doch der Sache der Kunst der Schicklichkeit und dem Testamente gemäß
mehr zu einem historischen Roman als zu einem nackten Lebenslauf ausschlagen so
dass uns nichts Verdrüsslicheres begegnen könnte als wenn man wirklich merkte
alles sei wahr Werden wir aber dieses verhüten verzeihen Sie mein unhöfliches
Wir wenn wir bloß die Namen verändern nicht aber den Stil der Akteurs Denn
wird man uns nicht auf die Spur kommen schon durch Vults unverändert geliefertes
Tagebuch allein sobald man dessen Stil mit dem Stil des Hoppelpoppels auch
dieser Titel gehört unter die GesamtRüge den die Welt gedruckt in Händen hat
und dessen Verfasser seit dem neulichen Artikel im Literarischen Anzeiger jeder
kennt zusammenzuhalten anfängt O ich fürchte zu sehr
Aber alle diese Noten stören die Verehrung nicht womit ich ewig etc
Kuhnold«
Ich antwortete folgendes
»Ich fluche aber ich folge Denn was hälf es den Deutschen zuzumuten und das
Beispiel zu geben nur wenigstens auf dem Druckpapier nicht einmal auf dem
Reichsboden so keck zu sein als ihre Vorfahren im 16ten 17ten Säkul auf
beiden waren Gedachte sagen sie hofften seitdem von den Franzosen weiter
gebracht zu sein Unser Diamant der Freiheit ist aus unserem Ringe in einen
Drachenkopf gekommen wo er nicht eher glänzen kann als bis wir im
Drachenschwanze stehen
Ich weiß nicht ob ich mich dunkel erkläre hoff es aber
Trefflichster der Humorist hat zwar einen närrischen widerlichen Berghabit
zum Einfahren in seine Stollen er verleibt sich zwar nach Vermögen alle Aus
und MissWüchse der Menschheit ein um das Beispiel der Missgeburten zu befolgen
und zu geben die in vorigen Jahrhunderten bloß darum mit fleischernen
Fontangen Manschetten und Pluderhosen geboren wurden um damit der Welt wie
die Strafprediger errieten ihre angezogenen vorzuwerfen und hiemit wäre Vult
entschuldigt aber wie gedacht ich folge und schlage nichts ein als den alten
aristotelischen Mittelsteig der hier darin besteht dass ich weder erzähle noch
erdichte sondern dichte und wenn Scaliger in einem Werkchen von 8 Bogen über
seine Familie imstande war vierhundertundneunundneunzig Verfälschungen
anzubringen wie Scioppius gut erwiesen50 so dürfte in einem Werkchen von
ebenso vielen Bänden die Doppelzahl davon ebenso leicht als nützlich ausfallen
Vor dem Erraten der wahren Namen unserer Geschichte dürfen wir Hr
Bürgermeister uns nicht ängstigen da bisher für keine von allen Städten die
ich in meinen vielen Romanen abkonterfeiet habe der Büschingische Name
ausgespähet wurde ungeachtet ich in einigen davon selber wohnte sogar zB in
Haelwebeemcebe und Efgeerenengeha
Indes ersuch ich die TestamentsExekution dass mir doch Vults Einleitung zu
seinem Tagebuch samt unserem Briefwechsel darüber in den fliegenden Hering Nr
56 einzunehmen zugelassen werde weil Sachen dadurch vorbereitet werden die
ohne das Tagebuch kein Mensch motivieren kann nämlich Vults schnelles Einziehen
und Verlieben Wahrlich Sie verehrlicher Stadtrat sind glücklich und erfahren
nichts von den Vater und Mutterbeschwerungen erträglicher Autoren Sie als
Menschen stehen sämtlich unter dem herrlichen Satze des Grundes und der
Freiheit dazu und alles was Sie nur machen oder sehen bekommen Sie sogleich
schon motiviert Aber Dichter haben oft die größten Wirkungen recht gut
fertig vor sich liegen können aber mit allem Herumlaufen keine Ursachen dazu
auftreiben keine Väter zu den Jungfernkindern Wie ihnen dann Kritiker
mitspielen die weniger mit als von kritischem Schweiße der hier die
Krankheit nicht die Krisis ist ihr Brot verdienen wissen der Himmel und ich
am besten
Der ich verharre etc etc
J P F R«
Meiner Bitte wurde wie man sieht willfahren
Nr 57 Regenpfeifer
DoppelLeben
»Der Himmel besteht wahrscheinlich aus ersten Tagen wiewohl die Hölle auch
so sehr jauchzet mich heute dein elendes Nest an« sagte Vult beim Frühstück
Beide gingen in ihre Wohnungen an ihre Arbeiten nach Hause Vult schrieb am
Tagebuch ein wenig und schnitt zwei brauchbare Ausschweifungen sogleich heraus
für den Hoppelpoppel Dann sah er aus dem Fenster und sprach zur freundlichen
Raphaela herab welche auf Vaters Befehl im Garten wachstehen musste weil man
die Bildsäulen wie die OrangerieKästen in die Winterquartiere trug Da er
voraussah dass Walt ihn hören müsste so schneiete er zierlichgefrorne
Eisblümchen von Anspielungen auf Liebe Kälte Halbgötterchen und ganze
Göttinnen hinab welche hofft er Walts und Raphaelens Wärme schon zu schönen
bunten Tropfen auftauen würden Raphaela ließ ähnliche Eisblumen an seinen
Scheiben anschiessen und wurde im kalten Wetter des Gartens schön geheizt bloß
weil Vult ein Mann und ein Edelmann war Für manches Mädchen sitze ein
AhnenMann auf seinem Stammbaum so entgliedert und zerschossen wie ein
Schützenvogel am dritten Tage auf der Stange sie wird doch an ihm gern zur
Königin und will ihn erzielen Mit einer Freude ohne Eifersucht gab sie ihm auf
die Frage wann der General mit seiner Tochter komme die Hoffnung ihrer Nähe
Kaum hatten die Gebrüder mit größerer Mühe wieder zu fliegen und zu scherzen
angefangen im Roman so stand Vult auf und murmelte so zu sich Walt musst es
hören »Ich wüsste nicht warum ich nicht zu meinem einsamen Bruder einmal
einen Spaziergang machte da die Wege von hier zu ihm noch ebener und fester
sind als selber in Kursachsen« Darauf öffnete er das Kappfensterchen am
gemalten Palaste der Bühnenwand und rief hindurch »Kannst du mich hören Ich
hätte Lust zu dir zu marschieren wenn du eben allein wärest« »Du Schelm du
guter« sagte Walt Jener reiste denn um die Wand mit anderthalb Schritten und
dem Wandnachbar entgegen mit vorgestrecktem Handschlag sagend »Mich schröckt
das Schneegestöber draußen wenig ab dich in deiner Einsiedelei aufzusuchen und
sie vielleicht zu verwandeln in eine lachende Zweisiedelei« »Bruder« sagte
Walt vom Schreibetisch aufstehend »könnt ich komisch dichten oder dürfte man
einen Freund abschatten in Rissen und Schattenrissen wahrlich ich schriebe
jeden Schritt ab von dir Aber ich glaube nicht dass es sich geziemt ein
geliebtes Herz auf den poetischen Markt zur Schau zu legen Bin ich etwa zu sehr
im Schreibfeuer«
»Nein« versetzte Vult »auch nicht im Rechte ists Zufall oder was dass du
in der Stube wieder ein Linker bist und ich ein Rechter51 Aber ich muss
endlich nach Hause Alter und da spassen vor Welt und Nachwelt« Er ging Walt
hielt es für Pflicht ihn auch bald zu besuchen um ihm die Einsperrung in eine
halbierte Stube ein wenig zu vergelten Er sagte Vulten wie heute so viele
andere Zufälle sich zu ihrem Glück vereinigten dass zB der erste Schnee falle
der von jeher etwas Häusliches und Heimliches für ihn aus der Kindheit gehabt
gleichsam die Maienblümchen des Winters und dass er heute von hier aus die
ersten Drescher höre diese Sprach oder Spielwalzen des Winters »Du meinst die
Flegel« sagt Vult »nur störet ihr Takt meiner Flöte ihren« »Wie kommts
beiläufig mein Alter« sagte Walt »dass ein fast so einfältiger Vers der den
Takt von drei Dreschern nachklappen soll etwas Anziehendes für mich hat Im
Winter mein Günter so drischt man das Korn wenns kalt ist nicht alt bist
tapfer gefrorn« »Es kann so sein« antwortete Vult »dass der Vers in seiner
Art vortrefflich ist und nachahmend wer wills wissen Oder auch weil ihn uns
unser Vater so oft aus Herrn v Rohrs HaushaltungsRecht vorlas Nämlich in
Kursachsen hatte damals die Drescherzunft besondere Gesetze ZB wer wie du
weißt das halbe Vierte nicht nach dem Verse drasch Fleisch in Töpfen lasst uns
höpfen bekam 40 Streiche mit der Wurfschaufel auf den Steiss So wars ein
Zunftartikel dass man für jeden Zank in der Scheune einen neuen Flegel abgeben
musste eine Strafe welche bei literarischen Zwistigkeiten schon im Fehler
selber abgeführt wird«
Beide hoben wieder das Schreiben an »Ich dachte jetzt daran« rief ihm Vult
aus dem Palastfensterlein »als ich dich laut das Papier umwenden hörte und
innenhielt wie von solchen Kleinigkeiten ganze europäische Städte für die wir
etwa arbeiten mit ihren feinsten Empfindungen geradezu abhängen Eine von Staub
verdickte Tinte oder eine elende weiße die sich später schwärzt ein
ähnlicher bestohlner Kaffee ein rauchender Ofen eine knuspernde Maus eine
verdammte rissige Feder ein Bartscherer der dich gerade mitten in deinem
höchsten Schuss durch den Äther einseift und dir mit dem Bart die Flügel
beschneidet sind das nicht lauter elende Wolkenflocken welche einer ganzen
Erde eine Sonne voll Strahlen um einen Autor so zu nennen verdecken können Es
ist ja ordentliche Fopperei der Welt Auf der andern Seite ist es allerdings
schreibe aber dann fort ebenso ermunternd und erhaben dass der Tropfen Tinte
den du oder ich nachher aus der Feder aufs Papier im stillen hinflössen Wasser
für die Mühlräder der Welt sein kann aushöhlendes Ätzwasser und Tropfbad für
das Riesengebirge der Zeit ein Riechspiritus und Hirschhorngeist für manches
Volk der Aufenthalt des Meergottes als Zeitgeistes oder sonst etwas Ähnliches
dem Tropfen womit ein Bankier oder ein Fürst Städte und Länder überschwemmt
Gott womit verdient man es dass man so erhaben ist Jetzt schreib aber«
Abends gegen vier Uhr hörte Walt deutlich dass Vult zu Floren sagte »Eh du
uns bettest schönes Kind so laufe zum Hrn Notarius Harnisch in meiner
Nachbarschaft und ich ließ ihn bitten diesen Abend zum Tee auf einen Té
marchant und bringe nur mir Licht weil er dann keines braucht« Walt
erschien um das erstemal in seinem Leben einen Tee anders als nach
Laxiermitteln zu trinken Vult gab ihn mit Wein den er nie vergaß zu borgen
»Wenn die Alten schon den Ahorn mit Wein begossen wieviel mehr wir den Lorbeer
Wer einen Hoppelpoppel schreibt sollte ohnehin einen Hoppelpoppel trinken ja
er sollte beides vereinen und ein PunschRoyalist werden wenn du weißt was
Punch royal ist Ich genieße das Leben sub utraque« Beide führten darauf ihre
guten Diskurse wie Menschen pflegen und sollen Vult »Ich sprech unendlich
gern vorher eh ich das Gesprochne aufschreibe Tausend Sachen lassen sich
erfinden wenn man keift und kriegt Daher kommts vielleicht dass man auf
Akademien sich in alle Würden und Erlaubnisse zu lehren nicht wie an Höfen
hineinschmeichelt sondern hineinzankt dh disputiert wozu Sprechen so nötig
zB so bring ich selber diesen Einfall oder den vormittägigen vom Flegel zu
Papier« Walt »Darum werden Briefe als Nachhalle der Gespräche so geschätzt«
Vult »Denn sogar zum Philosophieren ist ein zweites Menschengesicht
behülflicher als eine weiße Wand oder PapierSeite« Walt »O Lieber wie
hast du recht Doch kann es nicht so sehr auf poetische Darstellungen passen als
auf scherzhafte und witzige und philosophische dir hilft Reden mehr mir
Schweigen« Vult »Der Winter ist überhaupt die fruchtbarste LetternZeit
Schneeballen gefrieren zu Bücherballen Hingegen wie reist und fliegt ein
Mensch im Lenz Hier wären Bilder leicht aber die Ostermesse ist der beste
Beweis« Walt »Es ist als wenn der Mensch von neuen Bergen aus Wolken
umschlossen ohne Himmel und ohne Erde bloß im Meer des Schnees treibend so
ganz allein kein Sington und keine Farbe in der Natur ich wollte etwas
sagen nämlich der Mensch muss aus Mangel äußerer Schöpfung zu innerer greifen«
Vult »Trink diese Tasse noch O sehr wahr Wiewohl wir heute eben nicht
viel geschrieben und ich gar nichts«
Beide bedauerten nur dass ihre so schöne Gemeinschaft der Güter durch Mangel
an Gütern etwas gestört würde indem alles was sie von Gold in Händen hätten
sich bloß auf die Goldfinger daran einschränke Weder Vult konnte auf dem
Instrumente das er blies noch Walt mit den Instrumenten die er jetzt selten
zu machen bekam sich viel verdienen ArmenAnstalten für beide mussten getroffen
und jeder der AlmosenPfleger des andern werden Noch heute ja auf der Stelle
musste ein Zauberschlag von unabsehlichen Folgen getan werden sie taten ihn im
Weinfeuer mit vier Armen
Sie schickten die ersten Kapitel und Ausschweifungen des Hoppelpoppel oder
das Herz an den Magister Dyk in Leipzig zum Verlage
Denn ein Werk kann immer mit dem hinteren Ende noch in der Schneckenschale
des Schreibpultes wachsen indes das vordere mit Fühlhörnern schon auf der
Poststrasse kriecht Sie setzten ihre erste Hoffnung gütiger Annahme darum auf
den Magister weil sie glaubten ein Buchhändler der selber ein Gelehrter ist
habe doch immer mehr prüfenden Geschmack für Manuskripte als ein Buchhändler
der erst einen Gelehrten hält welcher prüft
Walt musste im Briefe auf Vults WeltRat sich stolz gebärden und viel
begehren und sich alle Rechte der folgenden Auflagen vorbehalten »Da Milton«
setzte er hinzu» 12 Guineen für sein verlornes Paradies einstrich so wollen
wir um in Leipzig zu zeigen wie wenig wir uns ihm gleichsetzen achtundvierzig
begehren« Der Notar erstaunte dass ein Autor besonders er die große Gewalt
ausübe Papier Druck Format und Stärke der Auflage 3000 Exemplare wurden dem
Magister zu drucken erlaubt dem Verleger vorzuschreiben
Vult trug darauf selber die Kapitel auf die sächsische Post um wie er
sagte einmal wieder die Welt zu sehen
Am Tage darauf schufen beide sehr Ein junger Autor glaubt alles was er
auf die Post schickt sei schon dadurch verlegt und gedruckt und schreibt darum
fleißiger Kein Besuch kein Fest kein Mensch kein Brief störte sie Vult
hatte kein Geld und Walt war zum Sitzling geboren Dichter bauen wie die
afrikanischen Völker ihre Brotfelder unter Musik und nach dem Takte an Wie oft
fuhr Walt überglücklich vom Sessel auf und durch die Stube mit der Feder in der
Hand Vult sah oben über die spanische Wand hinein und merkt es an und ans
Fenster und sah nichts und konnte den süßen Sturm kaum aus der Brust aufs Papier
bringen und setzte sich wieder nieder Darauf sagt er überfliessend »Flöte
immer mein Vult du störest mich nicht ich gebe gar nicht darauf acht sondern
verspüre nur im allgemeinen das Ertönen vorteilhaft« »Sagt mir lieber Ihr
Kauz von was ich jetzt auszuschweifen habe in Euerem Kapitel damit wir
beisammenbleiben« sagte Vult
Über dem Essen bald auf Walts bald auf Vults Zimmer dehnten beide die
Mahlzeit in die Länge die aus einer Portion für zwei Menschen bestand weil
kein Wirt die zweite herborgte was jedoch das Beisammenwohnen desto schöner
motiviert und zwar dadurch dass sie mit höherem Geschmacke sprachen als mit
körperlichem und mehr Worte als Bissen über die Zunge brachten Sie rechneten
aus um wie viele Meilen die ersten Kapitel dem Magister Dyk schon näher wären
mit welchem Feuer der Hoppelpoppel ihn durchgreifen und aus allen Fugen
schütteln würde und ob das Drucken etwa wenn es anginge nicht so schnell
fortginge dass mit dem Schreiben kaum nachzukommen wäre Vult bemerkte wenn
ein Romanschreiber gewiss wüsste dass er sterben würde zB er brächte sich nur
um so könnt er so seltsame herrliche Verwicklungen wagen dass er selber kein
Mittel ihrer Auflösung absähe außer durch seine eigne denn jeder würde wenn
er tot wäre die durchdachteste Entwicklung voraussetzen und danach
herumsinnen »Weißt du denn gewiss Walt dass du am Leben bleibst Sonst wäre
manches zu machen Inzwischen seh ich jetzt in unsrer Stube herum und denke
daran wie auffallend falls wir nun beide durch unsern Hoppelpoppel uns unter
Ehrenpforten und in UnsterblichkeitsPantea hineinschrieben unser Nest würde
gesucht und besucht werden jeden Bettel den du an die Wand spucktest würde
man wie aus Rousseaus Stube auf der PetersInsel abkratzen und abdrucken die
Stadt selber bekäme einigen Namen wahrscheinlich nach Ähnlichkeit von
Ovidiopolis den Namen Harnischopolis Was mir aber die persönliche
Unsterblichkeit versäuert ist dass mein Name nur lange währt nicht lang52 O
wer es wissen könnte bei der Taufschüssel dass er sich einen großen Namen
machte würde sich ein solcher Mann wenn er sonst scherzt nicht einen der
ausgestrecktesten erkiesen zum Beispiel denn der Sinn hat nichts zu sagen den
Namen den schon ein Muskel führt nämlich Mr
Sternocleidobronchocricotyrioideus Belesene Damen kämen zu ihm und redeten ihn
an Hr Sternocl und könnten nicht weiter Militärs tätens nach und sagten Hr
Sternocleido Die Geliebte allein suchte den Namen auswendig zu können und
liebt ihn so lange als sie ausspräche Teurer Mr
Sternocleidobronchocricotyrioid Er würde gern zitiert von Gelehrten weil
schon sein Name eine Zeile gilt vor Setzern und Käufern Apropos Warum
schickt denn der SiebenErbe Passvogel nicht den ersten Korrekturbogen gemäß
allen TestamentsKlauseln in Hasslau«
»Der Autor bessere noch an der Handschrift ließ er mir vorgestern sagen«
sagte Walt Darauf verschnauften sich beide in der Luft Wie manchen
flüchtigen Zug der höheren Stände schnappte der Notar auf der Straße im
Vorbeigehen auf für seinen Roman Die Art wie ein Hasslauer Hofkavalier aus dem
Wagen sprang oder wie eine Gräfin aus dem Fenster sah konnte romantisch
niedergeschrieben werden und ein Mann für tausend stehen und fallen Diese
ÜbertragungsManier ein Farbenkorn zu einer erhobenen Arbeit zu machen
erleichtert Bauernsöhnen das Studium der höheren Stände unglaublich Aus
demselben Grunde besuchte Walt am liebsten die Hofkirche und tat die Augen auf
Alsdann ging man nach Hause und ans Erschaffen das so lange währte bis es
finster wurde Auf die Dämmerung verschoben sie um Licht zu ersparen teils
weitläuftigere Gespräche teils Flöte Wenn Vult so blies hinter der Wand und
Walt so dort saß im Finsteren und in den blauen Sternenhimmel sah und an den
Morgen in Rosenhof dachte und an Winas Herz und Wiederkunft und unter dem
mondhellen FlötenLichte sein klippenvolles Leben eine romantische Gegend wurde
o so stand er oft auf und setzte sich wieder hin um den Bruder dadurch im
Blasen nicht zu stören dass er ihm bekannte wie ihn jetzt die Minuten in
Brautkleidern umtanzten und mit Rosenketten umflöchten Aber wenn er ausgeblasen
hatte und nach der langen Polardämmerung Licht kam so sah ihn Walt forschend an
und fragte froh »Bist du zufrieden Bruder mit dieser süßen Enge des Lebens
und mit den OrchesterTönen und innern Zauberbildern die wir heute vielleicht
ebenso reich nur ungestörter genossen haben als irgendein großer Hof« »Eine
wahre Himmelskarte ist unser Leben« versetzte Vult »freilich vor der Hand nur
ihre weiße Kehrseite doch einen Taler den mir jemand auf die Karte legte säh
ich nicht mit Unlust«
Am Morgen darauf sprach Walt von seinen schönen Aussichten auf die flötende
NachtigallenDämmerung Etwas mühsam wurde Vult zu einer neuen Wiederschöpfung
des melodischen Himmels gebracht Aber mit desto größerem Feuer erzählte darauf
der Notar wie glücklich er die dämmernde harmonische Hörzeit angewandt habe
nämlich zur Verfertigung einer Replik und eines Streckverses im Roman der Held
sei hab er unter der Flöte gedichtet getadelt worden dass er über das Wort
einer alten kranken dummen Frau welche ihn für seine Gaben an jedem Abend in
ihr Gebet eifrig einzuschliessen versprochen sich innigst erfreut allein der
Held habe versetzt nicht ihres Gebetes Wirkung auf ihn wäre ihm etwas sogar
wenn diese gewiss wäre sondern die auf sie selber dass ein so frierendes Wesen
doch jeden Abend in eine schöne Erhebung und Erwärmung gelange »Ist das kein
wahrer Zug von mir Vult«
»Es ist ein wahrer von dir sagte Vult In der Kunst wird wie vor der
Sonne nur das Heu warm nicht die lebendigen Blumen« Walt verstand ihn nicht
denn oft kam es ihm vor als finde Vult zuweilen später den Sinn als das Wort
Im nächsten DämmerungsFeiertag und Feierabende nämlich im dritten war der
dritte abgeschafft Vult griff kein Flötenloch blies keine Note Aber der
Bruder nahm den künstlerischen Eigensinn nicht übel hielt den Bruder für so
glücklich als sich und wandte nichts ein gegen einen Wechsel der DämmerPartien
»Hab ich denn nicht eine Luftröhre wie du so gut zu Lauten gebohrt als die
Flöte Kann ich denn dir nichts sagen ohne das Holz ins Maul zu stecken
Diskurieren wir lieber beiderseits« sagte Vult
In den folgenden Dämmerungen kehrte dieser zur alten Sitte zurück hinter
den Laternenanzündern die Gassen zu durchstreifen ein Abenteuer mit einer
Schauspielerin zu bestehen Burgunder allein zu borgen Walten hielt er seit
dieser ihn mit Zucker absüsste keines mehr würdig mit der Flöte in fremde
Flöten auf der Gasse oder in die Kulisse einzutreten und sich endlich auf dem
Kaffeehause halbtot zu ärgern dass er am Ende so gut als einer sich unter die
Hasslauer mische und allmählich hinabgewöhnt sich mit ihnen in Gespräche
verflechte da er doch mit der festesten Verachtung im Sommer angekommen sei
Walt blieb freudig zu Hause er fand in den kleinsten Blümchen die durch
seinen Schnee hindurchwuchsen so viel Honig als er brauchte Als die Tage
abnahmen so freute er sich über die Länge der Abenddämmerung sowie des
gestirnten Morgens ohne dabei zu vergessen dass er sich ebensogut nur später
über die Zunahme freuen würde Der Mond war eigentlich sein Glücksstern so dass
er ihm in jedem Monate nicht viel weniger als 27 schöne Abende oder Morgen
herunterwarf denn beinahe 14 Tage nur die paar ersten ausgenommen konnt er
auf dessen Wachstum bauen von Vollmond bis zum letzten Viertel wurde ohnehin
ElysiumsSchimmer bloß später oft über seinem Bette aufgetragen und das
letzte Viertel gab den Morgenstunden Silber in den Mund Da einmal gerade in der
Dämmerung Ballmusik gegenüber war so nahm er sich sein Stück Winterlustbarkeit
heraus so gut wie einer Die Musik drang unsichtbar ohne den ArmenZickzack
und die BackenKurven des Orchesters nur entkörpert mit seligen Geistern in
sein dämmerndes Stübchen Er stellte sich zum Tanzen an und weil es ihm an den
schönsten Tänzerinnen nicht fehlte da ganze Harems und Nonnenschaften darin
waren und mehrere Rosenmädchen und alles so zog er Göttinnen von solchem
Glanz zum Tanzen auf und machte mit ihnen obwohl leise um unter seinen Füßen
nicht rezensiert zu werden nach den fernen Takten die er begleitete so gut
seine Pas seine Seiten seine Vorpas zu Hopstänzen zu Eier zu Schaltänzen
dass er sich vor jedem sehen lassen durfte der nichts suchte als einen munteren
Geist der im Finsteren umhersetzt Was er in der Seligkeit zu scheuen hatte war
bloß Vults plötzlicher Eintritt
Ihn der ohnehin nicht gewohnt war dass er etwas hatte drückte kein
Entbehren er hatte Phantasie welche helles Kristalisationswasser ist ohne
welches die leichtesten Formen des Lebens in Asche zerfallen
Doch wurde sein Himmel nicht immer so phantastisch weit über die Lüfte der
Erde hinausgehoben er wurde auch zuweilen so real heruntergebaut wie ein
Theater oder ein Bettimmel An Sonntagsgeläuten am Hofgarten an frischer
kalter Luft an Winterkonzerten die er unten auf der Gasse spazierend hörte
hatt er soviel Anteil als irgendeine Person mit Schlüssel und Stern der im
Innern gerade beide fehlen Ass er sein Abendbrot so sagt er »Der ganze Hof
isst doch jetzt auch Brot wie ich« dabei setzte und benahm er sich zierlich und
artig um gewissermaßen in guter Gesellschaft zu sitzen An Sonntagen kauft er
in einem guten Hause sich einen der besten Borsdorfer Äpfel ein und trug ihn
sich abends in der Dämmerung auf und sagte »Ganz gewiss werden heute an den
verschiedenen Höfen Europens Borsdorfer aufgesetzt aber nur als seltener
Nachtisch ich aber mache gar meinen Abendtisch daraus und wenn ich mehr
Leibliches begehre du guter Gott so erkenne ich deine Güte nicht die mir ja
in einem fort mit stillsten Freuden wie mit tiefen Quellen die Seele Überfüllt«
Im durchsichtigen Netze seiner Phantasie fing sich jeder vorüberschiessende
FreudenZweifalter dazu gehörte sogar ein erwachender gelber Schmetterling im
Gartenhaus jeder Stern der stark funkelte italienische Blumen deren
deutschen Treibscherben zwischen Schals er auf der Gasse aufgestoßen eine
bekränzte zwischen Andacht und Putz glühende Braut ein schönes Kind ein
Kanarienvogel in der Webergasse der mitten im deutschen Winter in
Kanarieninseln und in Sommergärten hinüberschauen ließ und alles
Flog Flora die Bettmeisterin mit hellen Gesängen die Treppen herauf so
hörte er erste Sängerinnen für seinen Teil
Einst an einem Markttage hatt er halb Italien mit einem ganzen Frühling um
sich Der Tag schien dazu erlesen zu sein Es war ein sehr kalter und heller
Winternachmittag worin Mücken in den schiefen Strahlen spielen als er im
Hofgarten den der gute Fürst jeden Winter dem Publikum öffnen ließ die
silbernen Schneeflocken der Bäume unter der blitzenden Sonne in weiße Blüten
die den Frühling überluden umdachte und darunter weiterspazierte So plötzlich
auf die FrühlingsInsel ausgesetzt schlug er in ihr die heitersten Wege ein Er
machte einen nahen an der Bude eines Sämereienhändlers vorbei und hielt ein
wenig vor dessen Budentisch nicht um eine Düte zu kaufen wozu ihm ein Beet
fehlte da alle seine Morgen Lands nur in seinem Morgenland bestanden sondern
um den Samen von französischen Radiesen Maienrüben bunten Feuerbohnen
Zuckererbsen Kapuzinersalat gelbem Prinzenkopf zu denken und zu riechen und
auf diese Weise nach Vults Ausdruck glaub ich einen Vorfrühling zu
schnupfen In der Tat geht unter allen SinnenWegen keiner so offen und kurz in
das fest zugebauete Gehirn als der durch die Nasenhöhlen
Darauf holte er sich beim Bücherverleiher vieles was er von guten Werken
über Schmetterlinge Blumen und Feldbau erwischen konnte und las aufmerksam
in den Werken um sich die LenzSachen vorzustellen die darin auftraten Bloß
das Ökonomische Botanische und Naturhistorische überhüpfte er ohne besonderen
Verstand und Eindruck weil er auf wichtigere Dinge zu merken hatte
Als der Bruder fort war stand gerade die Abendröte am Himmel und auf dem
Schneegebürg dieses Vorstück Aurorens dieser ewige Widerschein des Frühlings
Über das Haus herüber war schon das Mondsviertel gerückt und konnte nicht
weit von der Röte zugleich mit ihr in sein Stübchen kleine Farben und Strahlen
werfen »Wenn nicht der Winter nur eine längere PolarMorgenröte des Frühlings
für die Menschen ist« sagt er indem er aufstand »so weiß ich in der Tat
nicht was sonst« Der ganze Nachmittag war voll Frühling gewesen und jetzt in
der Abendstunde quoll gar ein Nachtigallenschlag wie aus einem äußern Blütenhain
in seinen innern herüber Er nahm einen Judenjungen der im nächsten Wirtshaus
schlug für eine wahre Nachtigall Ein unmerklicher Irrtum da die Philomele
die uns singt eigentlich doch nirgends sitzt und nistet als in unserer Brust
Schnell wie von einem Zauberer wurden die steilen Felsenwände seiner Lage
umher mit Efeu und mit Blümchen überzogen Der Mond kam heller herein und Walt
stand und ging mitten in seinem leisen Glanze träumend betend es war ihm als
höben und hielten ihn die geraden Strahlen und als habe er jeden gemeinen
Gegenstand im Zimmer oder auf der Gasse mit Festtapeten zu verhüllen damit der
Himmel nur Himmlisches auch auf der Erde berühre »So war es gerade einst« sang
er mehrmals auf jenen Abend deutend wo er neben Winas Zimmer mondstill auf und
ab ging Ja er improvisierte singend den Polymeter
»Liebst du mich« fragte der Jüngling die Geliebte jeden Morgen aber sie sah
errötet nieder und schwieg Sie wurde bleicher und er fragte wieder aber sie
wurde rot und schwieg Einst als sie im Sterben war kam er wieder und fragte
aber nur aus Schmerz »Liebst du mich nicht« und sie sagte ja und starb
Er versang sich immer tiefer in sein Herz Zeit und Welt verschwand er
spielte wie eine sterbende Ephemere süß in den hellern Strahlen des Mondes und
unter Mondsstäubchen da kam Vult heiter zurück und brachte die Nachricht
Wina sei angekommen deckte aber sogleich deren Wert für ihn selber durch eine
zweite lustige zu und lachte stark dass er nämlich sagt er im Vorbeigehen
zu seinem Schuster gegangen um ihn zu fragen ob er denn seit 14 Tagen keinen
15ten gefunden um die Rehabilitierung Palingenesie Petersensche
Wiederbringung seiner Stiefel so drücke mancher leider ihr Besohlen aus zu
vollenden er habe ihn aber nicht eher als auf dem Rückwege gefunden wo er
auffallend ihm immer rechts in die Schattenseite ausgebogen bis er nach
langem Predigen gesehen dass der Mann die Stiefel welche der Busstext der
Kasualrede waren an den Beinen bei sich habe und herumtrage um sie erst noch
etwas abzutreten bevor er sie flicke »War dieser Spaß der noch dazu voll
Anspielungen steckt nicht soviel wert als das beste Paar Stiefel selber«
»Ist er denn so sonderlich« sagte Walt »Warum« fragte Vult bestürzt
»siehst du so sonderbar aus Warest du traurig« »Ich war selig und jetzt bin
ichs noch mehr« versetzte Walt ohne sich weiter zu erklären Die höchste
Entzückung macht ernst wie ein Schmerz und der Mensch ist in ihr eine stille
Scheinleiche mit blassem Gesicht aber innen voll überirdischer Träume
Nr 58 Giftkuttel
Erinnerungen
Der Notarius erwartete am Morgen nichts Geringeres und Gewisseres als einen
Bedienten außer Atem der ihn eilig vor das Schreibepult des Generals bestellte
Nichts kam Der Mittelmann glaubt die Obermänner stehen darum auf den höheren
Sprossen der Staatsleiter um besser die Nachsteiger zu überschauen indes er
selber das Auge weniger auf den Kopf seines Nachsteigers als auf den Hintern
seines Vorsteigers heftet und so alle auf und ab Die mittleren Stände haben
den höheren keine andere Vergesslichkeit schuld zu geben als die welche die
niederen wieder ihnen vorwerfen
Die Dämmerung konnte Vult kaum erwarten um ein Dämmerungsfalter zu werden
und auszuflattern Walt zählte ebenso stark darauf um ein Dämmerungs ein
Nacht und ein Tagfalter zugleich zu sein aber nur geistig und nur daheim
Himmel er wurd es so sehr Denn als Vult ganz spät und nicht in bester
Laune nach Hause kam fand er Walten hingegen darin nämlich in bester feurig
schreitend fast verjüngt ja verkindlicht so dass er ihn fragte »Du hast
ich schwöre heute Gesellschaft gehabt oder gesehen und zwar die angenehmste
nur weiß ich nicht welche Er meinte heimlich Raphaela Oder hat der Magister
Dyk gut geschrieben«
»Ich erinnerte mich« versetzte Walt »den ganzen Abend fort und zwar der
Kindheit denn sonst hatt ich noch nichts« »Lehre mich diese
Gedächtniskunst« sagte Vult »Das Schulmeisterlein Wutz von J P macht es
wie ich so wunderbar errät ein Dichter das Geheimste Ich möchte wohl tagelang
über die kleinen Frühlingsblümchen der ersten Lebenszeit reden und hören Im
Alter wo man ohnehin ein zweites Kind ist dürfte man sich gewiss erlauben ein
erstes zu sein und lange zurückzuschauen ins LebensFrührot hinein Dir
offenbar ichs gern dass ich mir höhere Wesen zB Engel ordentlich weniger
selig aus Mangel an Kindheit denken kann wiewohl Gott vielleicht keinem Wesen
irgendeine Kindheitsoder Vergissmeinnichts Zeit mag abgeschlagen haben da
sogar Jesus selber ein Kind war bei seiner Geburt Besteht denn nicht das gute
Kinderleben nur aus Lust und Hoffnung Bruder und die Frühregen der Tränen
fliegen darüber nur flüchtig hin«
»FrühRegen und alter Weiber Tänze und so weiter nämlich junge Not und
alte Lust und so weiter Fall ich noch in den Zeitpunkt deiner versus
memoriales« sagte Vult
»Wahrlich stets hob ich in Leipzig und hier nur Tage dazu heraus wo du
noch nicht mit dem Musikus entlaufen warst«
»So erinnere dich deines heutigen Erinnerns wieder vor mir« bat Vult
»ich stehe dir mit neuen Zügen bei«
»Ein neuer Zug aus der Kindheit ist ein goldnes Geschenk« sagte Walt »nur
wirst du manches zu kindisch finden Kindisch bloß sagte Vult Ich nahm heute
zwei Tage nahe am kürzesten und längsten
Der erste Tag fiel in die Adventszeit Schon dieser Name und der andere
Adventsvogel umfliegt mich wie ein Lüftchen Im Winter ist ein Dorf schön man
kann es mehr überschauen weil man mehr darin beisammen bleibt Nimm nur den
Montag Schon den ganzen Sonntag freute ich mich auf die Schule am Montag
Jedes Kind musste um 7 Uhr bei Sternenschein mit seinem Lichtchen kommen ich und
du hatten schön bemalte von Wachs Vielleicht mit zu großem Stolze trug ich
einen Quartband einige Oktavbände und ein SedezWerkchen unter dem Arm«
»Ich weiß« sagte Vult »du holtest der Mutter noch Semmel aus dem
Wirtshause als du schon den Markus und seinen Ochsen griechisch exponiertest«
»Dann fing die schöne Welt des Singens und Lehrens in der süßen
Schulstubenwärme an Wir großen Schüler waren hoch über die kleinen erhoben
dafür hatten die AbcZwerge das Recht und es war ihnen zu gönnen dass sie
den Kandidaten laut anreden und ohne Anstand ein wenig aufstehen und herumgehen
durften
Wenn er nun entweder die Spezialkarte aufhing und wir am meisten froh waren
dass Hasslau und Elterlein und die umliegenden Dorfschaften daraufstanden oder
wenn er von den Sternen sprach und sie bevölkerte und ich voraussah dass ich
abends den Eltern und Knechten dasselbe erweisen würde oder wenn er uns laut
vorlesen hieß «
»Du weißt« fiel Vult ein »dass ich dann das Wort Sakrament er mochte
sagen was er wollte immer mit einem Akzent herlas als ob ich fluchte
desgleichen Donnerwetter Auch war ich der einzige der ins laute
gemeinschaftliche Abbeten eine Art 38 Takt zu bringen versuchte«
»Ich hätte dem arbeitsamen Manne so gern Entzückungen gegeben wenn ich sie
gehabt hätte Ich betete oft ein leises Vaterunser damit Gott ihn einen Finken
wenn er hinter seinem Kloben lauerte darauf fangen ließe und du wirst dich
erinnern dass ich stets die Schlachtschüssel mit Fleisch du aber nur den
Suppentopf zu ihm trug Wie ich mich auf das nächste Wiedersehen in der Schule
freute«
»Wer mich hart gegen den Schulmeister findet« sagte Vult »dem halt ich
bloß vor dass mir der Schulmann einmal eine angerauchte Pfeife abpfändete und
sie in derselben Schulstube öffentlich vor meiner Nase gar ausrauchte Heißt
dies exemplarischer Lebenswandel von Schulmeistern Oder etwa dies dass sie
FischchenFangen und VögelStellen uns Scholaren sprichwörtlich verbieten wie
Fürsten die Wagspiele sich aber selber erlauben Darüber möcht ich einmal
Männer in öffentlichen Blättern hören«
»O die liebe erste Schulzeit Mir war alles erwünscht was gelehrt und
geboten wurde die kleinste Wissenschaft war ja ganz voll Neuigkeiten indes ihr
jetzt in Messen nur einige nachwachsen Kam nun vollends der Pfarrer mit den
großen Augenbraunen im Priesterornat und verdunkelte doch den Kandidaten wie
ein Kaiser oder Papst einen Landesregenten den er besucht wie süßschauerlich
Wie groß fiel jeder Laut seiner Bassstimme Wie wollte man das Höchste werden
Wie wurde jedes Wort unsers Schomakers dreifach besiegelt durch seines
Ich glaube man ist schon darum in der Kindheit glücklicher als im Alter
weil es in ihr leichter wird einen großen Mann zu finden und zu wähnen ein
geglaubter großer Mensch ist doch der einzige Vorschmack des Himmels«
»Insofern« sagte Vult »möcht ich ein Kind sein bloß um zu bewundern
weil man damit sich so gut kitzelt als andere Ja ich möchte als ein Fötus mit
Spinnenarmen an die Welt treten um die Wehmutter als eine Juno Ludovisi
anzustaunen Ein Floh findet leicht seinen Elefanten ist man hingegen älter so
bewundert man am Ende keinen Hund mehr Doch muss ich dir bekennen dass ich schon
damals unserem knurrenden Pfarrer Gelbköppel aus seiner KragenGlorie einige
Strahlen ausrupfte Ich hatte wie gewöhnlich ein Buch unter die Schultafel in
der Absicht fallen lassen hinunterzukriechen und drunten die Fruchtschnur von
Hängfüssen am BankGalgen lächerlich zu finden als ich auch Gelbköppels
WochenStiefel auf dem Boden antraf und durch den aufklaffenden Priesterrock die
Hosen die er bei dem GrummetAufladen angehabt zu Gesicht bekam weg war
seine ganze oben darauf gepelzte Würde Der Mensch wenigstens der Apostel sei
aus einem Stück gekleidet er sei kein halber Aposteltag Walt«
»Vult bist du dergleichen nicht fast in mancher Bemerkung Nun kam 11 Uhr
heran wo wir beide auf den Turm zum Läuten und UhrAufziehen gehen durften Ich
weiß noch gut wie du dich oben auf dem Glockenstuhl an das Seil der
ausschwankenden Glocke hingst um geschwungen zu werden obgleich viele dir
sagten sie werfe dich durch das Schalloch Ich hätte selber hindurchfliegen
mögen wenn ich so hinaussah über das ganze kreuzweis gebahnte Dorf voll
lärmender Dreschtennen und an die dunkle Bergstrasse nach der Stadt und über den
weiten Schnee Glanz auf allen Hügeln und Wiesen und dabei den blauen Himmel
darüber her Doch damals war der Erde der Himmel nicht sehr nötig Hinter mir
hatt ich die ernsthafte Glocke mit ihrer eiskalten Zunge und mit ihrem Hammer
und ich dachte mir es schauerlich wie sie einsam in der frostigen Mitternacht
zu mir ins tiefe Haus und warme Bette hinab reden werde Ihr Summen und
Aussummen in dieser Nähe umfloss den Geist mit einem stürmenden Meere und alle
drei Zeiten des Lebens schienen darin untereinander zu wogen«
»Bei Gott Hier hast du recht Walt Nie hör ich dieses Tonbrausen ohne
Schauder und ohne den Gedanken dass der Müller erwacht sobald die rauschende
Mühle stillsteht unser Leib mit seiner Holz und Wasserwelt indes ergötzt die
Betrachtung schlecht für den Augenblick«
»Nimm nicht dein ernstes Herz so wieder zurück Bruder Sollt ich dein
Gleichnis wieder mit einem beantworten so würd ich sagen diese Stille sei die
auf dem Gipfel des Gottardsberges Alles ist dort stumm kein Vogel und kein
Lüftchen zu hören jener findet keinen Zweig dieses kein Blatt aber eine
gewaltige Welt liegt unter dir und der unendliche Himmel mit allen übrigen
Welten umfängt dich rings Willst du jetzt weitergehen in unserer Kindheit
oder lieber morgen«
»Jetzt besonders jetzt Der Kindheit werf ich nichts vor als zuweilen
Eltern Wir stiegen also beide die langen Turmtreppen herunter «
» und im elterlichen Hause wurden wir durch die reinlichgeordnete
MittagsWelt erfreut an der Stelle der trüben Morgenstube überall Sonnenschein
und Aufordnung Da aber der Vater in der Stadt war und also das Mittagbrot
schlechter und später so ließ ich mir es bis nach der Schule aufheben weil ich
nicht zu spät in diese kommen wollte und weil mir jetzt aus der Ferne durchs
Fenster schon Kameraden und Lehrer wieder neu erschienen
In der Schulstube grüßte man die unveränderten Bänke als neu weil man
selber verändert ist Ein SchulNachmittag ist glaub ich häuslicher auch
wegen der Aussicht abends zu Hause und noch häuslicher zu bleiben Ich freute
mich auf das ungewöhnliche AlleinEssen und auf den Vater mit seinen Sachen aus
der Stadt Ein ganzer Wolkenhimmel von Schneeflocken wirbelte herunter und wir
Schüler sahen es gern dass wir kaum mehr die kleine Bibel lesen konnten in der
ohnehin dunkeln traulichen Schulstube
Draußen nun sprang jeder in neugefallnen Schnee sehr lustig mit den lange
müßigen Gliedmaßen Du warfst deine Bücher ins Haus und bliebst weg bis zum
Gebetläuten denn die Mutter erlaubte dir das Austoben am meisten in Absein des
Vaters Ich folgte dir selten Der Himmel weiß warum ich stets kindischer
ausgelassener hüpfender unbeholfeneckiger war als du ich machte meine
Kinds oder Narrenstreiche allein du machtest deine als Befehlshaber fremder
mit«
»Ich war zum Geschäftsmann geboren Walt«
»Aber in der Vesper las ich lieber Ich hatte erstlich meinen Orbis pictus
der wie eine Iliade das MenschenTreiben auseinanderblätterte Ich hatte auf
dem Gesimse auch viele Beschreibungen teils vom Nordpol teils von alter
NordenZeit zB die frühesten Kriege der Skandinavier usw und je
grimmigkälter ich alles in den geographischen Büchern fand oder je wilder in
den historischen deso häuslicher und bequemer wurde mir Noch kommt mir die
altnordische Geschichte wie meine Kindheit vor aber die griechische indische
römische mehr wie eine Zukunft
In der Dämmerung verflatterte das Schneegestöber und aus dem reinen Himmel
blitzte der Mond durch das Blumengebüsch der gefrierenden Fenster Hell klang
draußen in der strengen Luft das Abendläuten unter den aufgebäumten Rauchsäulen
Unsere Leute kamen händereibend aus dem Garten wo sie die Bäume und
Bienenstöcke in Stroh eingebauet hatten Die Hühner wurden in die Stube
getrieben weil sie im Rauche mehr Eier legen Das Licht wurde gespart weil
man ängstlich auf den Vater harrete Ich und du standen auf den Hand und
Fusshaben der Wiege unserer sel Schwester und unter dem heftigsten Schaukeln
hörten wir dem Wiegenlied von grünen Wäldern zu und der kleinen Seele taten
sich tauschimmernde Räume auf Endlich schritt der geplagte Mann über den Steg
bereift und beladen und eh er noch den Quersack abgehoben stand sein dickes
Licht auf dem Tisch kein dünnes Welche herrliche Nachrichten Gelder und
Sachen bracht er mit und seine eigne Freude«
»Wer bezweifelt seine Entzückung weniger als ich den er darin allemal
ausprügelte bloß weil ich auch mit entzückt sein wollte und dadurch springend
und tanzend den Lärm erregte den er in stiller Lust am meisten verfluchte so
wie ein Hund sich nie mehr kratzen muss als wenn er freudig an seinem Herrn
aufspringt«
»Scherze nicht Und bedenke was er uns mitbrachte ich weiß es aber nicht
mehr mir einen für mein Geld gekauften Bogen Konzeptpapier wovon ich damals
nicht denken konnte dass so etwas Breites Nettes nicht mehr koste als zwei
Pfennige Für die Schwester ein AbcBuch mit GoldBuchstaben schon auf der
äußern DeckelSchale und mit frischen sauberen TierBildern im Vergleich gegen
unsre abgegriffenen alten«
»Schiesspulver als Digestivpulver für das Schwein wovon die wenigen
Körnchen die ich zusammenkehrte mir bessere Feuerwerke auf einen Span
bescherten als irgendeinem König ein dreissigjähriger Krieg«
»Das Beste war wohl der neue Kalender Es war mir als hielt ich die
Zukunft in der Hand wie einen Baum voll Fruchtlage Mit Lust überlas ich die
Namen Lätare Palmarum Jubilate Kantate wobei mir mein wenig Latein gute
Dienste tat Die Epiphanias waren mir verdrießlich besonders zu viele hingegen
je mehrere TrinitatisSonntage fielen desto länger grüne dacht ich die
freudenreiche Zeit Lächerlich kommt es mir vor dass eben da ich hinten im
Kalender die Hasslauer Postberichte las die kaiserliche reitende Post im Dorfe
ins Horn stieß und ich den guten Menschen bewunderte und bedauerte der nun
laut dem Berichte mitten im Winter allein nach ganz Pommern Preußen Polen und
Russland ritt ein Irrtum den ich erst in Leipzig fahren ließ Wenn nun darauf
der Kandidat Schomaker zum Essen kam und wir vom Vater manche Historien mit
Vergnügen zum zehntenmal hörten wenn du nach dem Essen auf einer SpanGeige
aus gewichstem Zwirnfaden kratztest und ich einen glimmenden SchleissenSpan zu
einem Feuerrad umschwang und ich und du und der lange Knecht der mir damals
wie den Kindern vielleicht alle gewohnte Gesichter schön vorkam spielten und
sangen Ringe ringe Reihe s sind der Kinder dreie Sitzen auf dem
Holderbusch Schreien alle Musch Musch Musch Setzt euch nieder Es sitzt ne
Frau im Ringelein Mit sieben kleinen Kindern Was essens gern Fischelein Was
trinkens gern Roten Wein Setzt euch nieder Innig erfreut las ich neulich
in Gräters Bragur das einfältige Kinderding Ich muss aber meinen Satz ganz
anders angefangen haben«
»Nunmehr ist er geschlossen Das Leben fängt wie das griechische Drama mit
Possen an Beginn eh du erwachst deinen versprochenen Sommertag«
»Ich könnte ihn wohl von der Fassnacht anheben wo der neuerstandene Frühling
lauter Sonnenstrahlen in die Schulstube voll kleiner geputzter Tänzer streuet
so dass es in den Seelen früher blühte als in den Gärten Schon der alte simple
Vers Zur Lichtmess essen die Herrn am Tag zur Fassnacht tuns die Bauern auch
nach zog Abendröte und Blütenschatten um den Abendtisch Gott wie wehen noch
die Namen Marientage Salatzeit Kirschenblüte Rosenblüte die Brust voll
Zauberduft So denk ich mir auch die Jugend meines Vaters bloß als einen
ununterbrochenen Sommer besonders in der Fremde so wie ich meinen Großvater
und überhaupt die zurückliegende Zeit vor meiner Geburt immer jung und blühend
sehe Da gabs schöne Menschentage sagt man sich Wie frisch und hell springend
gleich Frühlingsbächen kommen mir die alten Universitäten Bologna und Padua
vor mit ihren ungemessenen Freiheiten und ich wünschte mich oft in diese
hinein«
»Macht ich weniger aus dir so müsst ich bei deinem Wunsche denken es wäre
damals außer Hauspump Buxen Landesvater auch gassatim Rumoren und Degen
wetzen deine Sache gewesen aber ich weiß gut du wolltest zu allem nur ruhig
sitzen und zusehen als Rector magnificus Allein gib nun deinen heutigen
Sommertag«
»Es war das hl Dreifaltigkeitsfest und zwar das jener Woche worin du auf
und davon gingest Nur vorher lasse mich noch bemerken dass mir deine erwähnten
StudentenWörter teils neu klingen teils roh An diesem hl Feste nun das mit
Recht in die schönste Jahreszeit fällt gingen wenn du es nicht vergessen
unsere Eltern immer zum hl Abendmahl Gerade an jenem Sonnabend wie denn
überhaupt an jedem Beichtsonnabend bezeigten die lieben Eltern sich noch
gütiger und gesprächiger gegen uns Kinder als sonst Gott aber schenke ihnen in
dieser Stunde die Freude die mir jetzt in ihrem Angedenken das Herz durchwallt
Die Mutter ließ vieles im Stall durch Leute besorgen und betete aus dem
schwarzen KommunionBüchlein Ich stand hinter ihr und betete unbewusst mit
herunter bloß weil ich das Blatt umkehrte wenn sie es herab hatte Die
Bauernstube war so rein und schmuck aufgeräumt für den Sonntag wie am hl
Christabend war es am Beichtabend aber schöner und höher dazu hing nun der
reichschwere Frühling herein und der Blütengeruch zog durch das ganze Haus und
jeden Dachziegel Frühling und Frömmigkeit gehören gewiss recht für einander
Ich sah nachher als der Nachtwächter antrat noch ein wenig aus dem
Dachfenster voll Düfte und Sterne war der Himmel über dem Dorfe die Generalin
ging so spät noch mit ihrem Kinde an der Hand auf dem Schlosswall spazieren und
das ganze Dorf wusste dass sie morgen kommunizierte und ich und du die
Kommunikantentüchlein dabei hielten Wahrlich ob ich gleich schon Lateinisch
sprechen konnte die weissgekleidete Generalin kam mir als die Mutter Gottes vor
und das Kind als ihr Kind«
»Hat denn die Generalin einen Sohn«
Walt sagte verlegen »Ich stellte mir nämlich ihre damalige Tochter so vor
in der Ferne Ich möchte jetzt noch vor Freude über die Wundernacht weinen wenn
du nicht lachtest«
»So weine zum Henker Wer lacht denn Satan wenn einmal ein Mensch die
Aufrichtigkeit in Person ist«
»Es erschien denn das hl TrinitatisFest mit einem blauen Morgen voll
Lerchen und Birkendüfte und als ich aus dem Bodenfenster diese Bläue über das
ganze Dorf ausgespannt erblickte wurde mir nicht wie sonst an schönen Tagen
beklommen sondern fast wie jauchzend Unten fand ich die Mutter die sonst nur
in die Nachmittagskirche ging schon angeputzt und den Vater im
Gottestischrock wodurch sie mir zumal da sie unser SonntagsWarmbier nicht
mittranken sehr ehrwürdig erschienen Den Vater liebt ich ohnehin am Sonntag
stärker weil er bloß da rasiert war Ich und du folgten ihnen in die Kirche
und ich weiß wie darin die Heiligkeit meiner Eltern gleichsam in mich
herüberzog unter der ganzen Predigt eine fremde wird in einem blutsverwandten
Herzen fast eine größere«
»Mein Fall war es weniger Ich lebte nie lustiger als an ihren
Kommuniontagen weil ich wusste dass sie es für Sünde hielten mich früher als
nach Sonnenuntergang auszuwichsen und weil sie nach dem Abendmahl auch das
Mittagsmahl bei dem Pfarrer nahmen und wir folglich das Schachbrett zum
Rösselsprung frei hatten Steht es noch vor deiner Seele malt es sich noch
glühend färbt es sich noch brennend dass ich an demselben Sonntage mit einem
Taschenspiegel vom Chore herab den Sonnenglanz wie einen Paradiesvogel durch die
ganze Kirche und sogar um die zugedrückten Augen des Pfarrers schießen ließ
indes ich selber ruhig mit nachsah und nachspürte Und gedenkst du noch denn
nun entsinn ich mich alles dass mich darüber der satanische Kandidat
erwischte und der Vater nach der Kirche mich nach der peinlichen
HalsgerichtsOrdnung von Karl die im Artikel 113 Gefangenschaft mit
BesenStreichen leicht vertauschen lässt aus Andacht bloß einkerkerte
anstatt was mir lieber gewesen mich halbtot zu schlagen«
»Du hieltest aber dennoch in der Kirche das rechte Altartüchlein bei der
Oblate unter den Kommunikanten auf und ich das linke beim Kelch Es soll nie von
mir vergessen werden wie demütig und rührend mir unser blasser Vater auf seinen
Knien an der scharlachenen Altarstufe vorkam indes der Pfarrer ihm sehr
schreiend den goldnen Kelch vorhielt Ach wie wünscht ich dass er stark tränke
vom hl Weine und Blut Und dann die tief geneigte Mutter Wie war ich ihr unter
dem Trinken so reingut Die Kindheit kennt nur unschuldige weiße Rosen der
Liebe später blühen sie röter und voll Schamröte Vorher aber trat die
majestätische lange Generalin in ihrem schwarzen und doch glänzenden
Seidengewand an die Altarstufe sich und die langen Augenwimpern senkend wie vor
einem Gott und die ganze Kirche klang mit ihren Tönen drein in die andächtige
Gegenwart dieser idealen Herzogin für uns alle im Dorf«
»Die Tochter soll ihr so ähnlich sehen Walt«
»Die Mutter wenigstens ist ihr sehr ähnlich Darauf zog man denn aus der
Kirche jeder mit emporgehobnem Herzen die Orgel spielte in sehr hohen Tönen
die mich als Kind stets in helle fremde Himmel hoben und draußen hatte sich
der blaue Äther ordentlich tief ins Sonntagsdorf hineingelagert und vom Turme
wurde Jauchzen in den Tag herabgeblasen Jeder Kirchgänger trug die Hoffnung
eines langen Freudentags auf dem Gesichte heim Die sich wiegende lackierte
Kutsche der Generalin rasselte durch uns alle durch nette reiche Bedienten
sprangen herab Überhaupt wäre nur nachher nicht die Sache mit dir gewesen
«
»Zu oft käue sie nicht wieder«
»Also ging der Vater im Gottestischrock ins Pfarrhaus und hinter ihm die
Mutter Und als ich da sie abgegessen hatten die Klingeltüre des Pfarrhofs
öffnete und schon die Trutühner desselben mit Achtung sah «
»Du brauchst mirs nicht zu verdecken dass du mich drüben aus meiner
verfluchten Karzerkammer losbitten wolltest weil ich zu sehr schrie und Fenster
und Kopf einzustossen schwur«
»Die Bitte half wenig beim Vater vielleicht weil der Pfarrer sagte du
hättest ihn zu sehr beleidigt und geblendet Ich vergaß leider bald dich und die
Bitte über dem herrlichen süßen Wein den ich trank Auf dem Lande hat man zu
wenig Erfahrung der vornehmern Welt und bewundert ein Glas Wein Der Pfarrer
ließ mich Entzückten durch ein Prisma schauen und gleichsam jedes einzelne Stück
Welt mit einer Aurora und Iris umziehen Ich bildete mir oft ein ich könnte
wohl da ich so viel Gefühl für Malerei sogar für Farben an Schachteln
Zwickeln Ziegelsteinen zeigte fast mehr zum Maler taugen als ich dächte Da
ich meinen Vater tief unten an der Tafel sitzen sah dacht ich mir das
Vergnügen ihn einst sehr auszuzeichnen falls ich etwas würde«
»Es ist auffallend wie oft auch ich schon seit Jahren geschworen mich
meiner Herkunft zu entsinnen wenn ich im Publikum bedeutend in die Höhe und
Dicke wüchse und mich weder deiner noch der Eltern zu schämen Man kann fast
nicht früh genug anfangen sich bescheiden zu gewöhnen weil man nicht weiß wie
unendlich viel man noch wird am Ende Liebe für Farben wovon du sprachst ist
darum noch keine für Zeichnung inzwischen kannst du immer wenn die eine Art
Maler sich von fremder Hand die Landschaften die andere sich die Menschen darin
malen ließ beide Arten in dir vereinen Vergib den Spaß«
»Recht gern Wir zogen als vornehme Gäste durchs Dorf nach Hause wo der
Vater die Scharlachweste anlegte und mit mir und der Mutter spazieren ging um
abends gegen 6 Uhr im Gartenhäuschen zu essen Nun glaub ich nicht dass an
einem solchen Abende wo alle Welt im Freien und angeputzt und freudig ist und
die Generalin und andere Vornehme mit rotseidnen Sonnenschirmen spazierengehen
irgendein Herz wenn es zumal in einem Bruder schlägt es ertragen kann dass du
allein im Kerker hausest«
»Sakerment« sagte Vult
»Sondern es war natürlich dass ich und der Knecht dir eine Dachleiter ans
Fenster setzten damit du herunter könntest ins Dorf zur Lust Nein kein
Spaziergang mit Menschen ist so schön als der eines Kindes mit den Eltern Wir
gingen durch hohe grüne Kornfelder worin ich die Schwester hinter mir
nachführte in der engen Wasserfurche Alle Wiesen brannten im gelben
Frühlingsfeuer Am Fluße lasen wir ausgespülte Muscheln wegen ihres
Schillerglanzes auf Das Flössholz schoss in Herden hinab in ferne Städte und
Stuben und ich hätte mich gern auf ein Scheit gestellt und wäre mitgeschifft
Viele Schafherden waren schon nackt geschoren und legten sich mir näher ans
Herz gleichsam ohne die Scheidewand der Wolle Die Sonne zog Wasser in langen
wolkigen Strahlen aber mir kam es vor als sei die Erde mit Glanzbändern an die
Sonne gehangen und wiege sich an ihr Eine Wolke die mehr Glanz als Wasser
hatte regnete bloß neben nicht auf uns ich begriff aber damals gar nicht als
ich die Grenzen der nassen und der trocknen Blumen sah wie ein Regen nicht
allezeit Über die ganze Erde falle Die Bäume neigten sich gegeneinander als
die Wolke tropfend Darüber wegwehte wie die Menschen am AbendmahlsAltar Wir
gingen ins Gartenhaus das innen und außen nur weiß ist aber warum glänzet
dieser kleine Name Über alle stolz gedeckte Prachtgebäude herüber und blinkt in
seinem Abendrot sehr gegen fremdes Morgenrot Alle Fenster und Türen waren
aufgemacht Sonne und Mond sahen zugleich hinein die rotweissen Äpfelknospen
wurden von ihren starren struppigen Ästen hineingehalten und zuweilen eine
schneeweiße Äpfelblüte mit o Vult ich gebe den Apfel für die Äpfelblüte gern
Die Bienen gaben dem Vater Zeichen eines nahen Schwärmens Ich fing mir in
eine Schachtel Goldkäfer für welche ich den Zucker längst aufgesparet hatte
Noch glänzt mir das Gold und der Smaragd dieser Paradiesvögelchen hienieden in
Deutschland meint ich Auch zog ich mir im Garten Schösslinge aus um sie
daheim anzupflanzen zu einem Lustwäldchen unter meinem Knie Die Vögel schlugen
wie bestellt in unserem Gärtchen das nur fünf Apfelbäume und zwei Kirschbäume
hatte und mehrere Pflaumenbäume samt guten Johannisbeerund Haselstauden Zwei
Finken schlugen und der Vater sagte der eine singe den scharfen Weingesang und
der andere den Bräutigam Aber ich zog und noch jetzt meinen guten Embritz
vor«
»Deutlicher in der ornitologischen Sprache Emmerling Goldammer Gröning
Gelbling Geelgerst Emberiza citrinella L«
» welcher wie die Eltern sagten sang wenn ich eine Sichel hätt wollt
ich mit schnied Was ist denn das Dunkle im MenschenInnern dass ich wirklich
den einfachen Embritz wenn ich durch Wiesen gehe und ihn an belaubten Abhängen
höre leider über die göttliche Nachtigall die freilich wenig rein durchführt
sondern heftig springt zu setzen suche Floss aber nicht nachher die Abendröte
in den ganzen Garten hinein und färbte alle Zweige Kam sie mir nicht wie ein
goldner Sonnentempel mit vielen Türmen und Pfeilern vor Und gingen nicht auf
den Wolkenbergen die Sternchen wie Maienblümchen auf und die breite Erde war
ein Webstuhl rosenroter Träume Und als wir spät nach Hause wandelten hingen
nicht in den finsteren Büschen goldne Tautropfen die lieben JohannisWürmchen
Und fanden wir nicht im Dorfe ein ganz besonderes FestLeben sogar die kleinen
Viehhirten endlich im Sonntagsputz und dem Wirtshause fehlte nichts als Musik
und auf dem Schloss wurde gesungen«
»Und nahm mich nicht« fuhr Vult fort »der gute Vater als er mich in
dieser Freude als Teilhaber fand leise bei den Haaren mit nach Hause und
prügelte mich so verflucht O dass doch der Teufel alle Erziehungen holte so
wie er selber keine erhalten Wer nimmt mir jetzt die FestPrügel ab und den
Karzer Du kannst dich leicht herstellen und entsinnen und vergnügt außer dir
sein und die Repetieruhr der Erinnerung aus der Tasche ziehen Aber Hölle was
hab ich denn schmelzend mich zu erinnern als an die lausige Aurora eines
aufgehenden Schwanzsterns O wie glücklich glücklich könnte man ein Kind
machen Dies probiere aber einmal einer bei einem greisen Schelm von 40 Jahren
Ein einziger Kindertag hat mehr Abwechsel als ein ganzes Manns Jahr Sieh an
wie er mich wenn das kühne Bild zu gebrauchen ist aus einem zarten weißen
Kindesgesicht so zu einem braunen Kopfe geraucht und erhitzt hat wie einen
Pfeifenkopf Wärme mich nicht mehr wieder so auf Was seh ich denn von
Elysien und elysischen Äckern um mich her als ein paar Sessel unsern Bett
und StubenSchirm nichts zu trinken dich guten Millionär bloß voll innerer
Gedächtnismünzen und einen hölzernen Sitz der Seligen O ich möchte He
herein nur Vielleicht bringt uns doch Walt ein Himmelsbürger ein oder ein
paar Himmelspforten und Empyreen«
Es schritt die gelbe Postmontur ein mit dem Hoppelpoppel oder das Herz unter
dem Arm das der Magister Dyk mit den Worten zurückschickte er verlege zwar
gern Rabenersche und Wezelsche Pläsanterien aber nie solche »Nu ist das kein
Sonnenblick aus unserm Freudenhimmel« fragte Vult »Ach« sagte Walt »ich
glaube ich war eben vorhin und bisher zu glücklich darauf kommt immer ein
wenig Betrübnis Es ist doch gut dass das Werk nicht auf der Post hin und her
verloren gegangen« »O du weiches Holz« fuhr jener auf »Aber nicht du
sollst es ausbaden sondern der Magister Ich will ihn waschen mit Seewasser
obs gleich nicht weiß macht«
Er setzte sich auf der Stelle nieder und schrieb im Grimm einen
unfrankierten Brief an den Magister worin die Höflichkeit des Briefstils so gut
als ganz hintangesetzt war
Nr 59 Notenschnecke
Korrektur Wina
Am Morgen kam wieder ein Manuskript aber ein fremdes abgedrucktes der Setzer
der Passvogelschen Buchhandlung für Walt war ein Setzer viel händigte den
ersten Korrekturbogen ein damit der Universalerbe der Kabelschen
Verlassenschaft daran seinen Testamentsartikel erfülle Das Werk dessen Titel
war »Das gelehrte Hasslau alphabetisch geordnet von Schiess« nun in aller
Händen war sehr gut in deutscher Sprache mit lateinischen Lettern geschrieben
nur aber ganz schlecht oder unleserlich und enthielt jeden Hasslauer der mehr
als eine Seite nämlich zwei dh ein Blatt für Straße und Welt gemacht samt
einem kurzen Nachtrag von den LandsGelehrten die schon als Kinder verstorben
Wenn man zählt welche Menge von Autoren Fikenscher aus seinem gelehrten
Bayreut bloß dadurch hinaussperrt dass er keinen aufnimmt der nicht mehr als
einen Bogen geschrieben sogar zwei reichen nach der Vorrede nicht hin wenns
bloß Gedichte sind und welche noch größere Meusel aus seinem gelehrten
Deutschland verstösst dadurch dass er nicht einmal Leute einlässt die nur ein
Büchlein geschrieben nicht aber zwei so sollte wohl jeder wünschen in Hasslau
geboren zu sein bloß um in das gedruckte gelehrte zu kommen da Schiess nicht
mehr dazu begehrt zum Einlasszettel als etwas nicht Größeres als der Zettel ist
nur ein gedrucktes Blatt denn sich mit noch wenigerem in einen solchen
CharonsKahn der stets zur Unsterblichkeit des Edens entweder oder des Tartarus
abführt einschiffen wollen hieße ja Schriftsteller einladen die ganz und gar
nichts geschrieben
Der Notar fing sofort das Korrektieren an in die Korrekturzeichen hatt er
sich längst eingeschossen aber er fand statt der Hügel Klippen zu
übersteigen Schiess schrieb eine gelehrte Hand und eine ungelehrte zugleich der
Korrekturbogen war aus Titeln Namen Jahrszahlen und solchen Sachen gewebt die
nirgends zusammenhängen als in Gott Es ist daher die gemeine Meinung dass
Passvogel bloß zum Drucke des Notars den Druck des Werkes eingegangen Vult
wollte zwar bessern helfen aber Walt fand fremde Hilfe gott und treulos und
korrigierte allein
Eh ers hintrug in die Buchhandlung fragte ihn Vult ob man nicht einen
witzigen Einfall haben und er Vult nicht ihren Roman mit einem Briefe an
Passvogel tragen könnte worin er sich als den Verfasser ausgäbe und sagte der
EndesUnterschriebene stehe dem Leser eben vor der Nase Es geschah Beide
trafen zufällig einander im Buchladen Kaum sah Passvogel aus Vults Tasche eine
ManuskriptRolle stechen so machte er sich nichts aus ihm weils ein Autor war
sondern setzte Walt den Korrektor und Erben höher und überlas freundlich
den Bogen »Der Hr Autor« sagte er »wird schon nachsehen«
Darauf überreichte ihm Vult furchtsam den Brief samt Roman und sah begierig
in seine lesende Physiognomie wie sie sich bei der Stelle umsetzen würde wo
der Briefschreiber dasteht als Briefträger Aber dem feinen im Gesetze der
geselligen Stetigkeit lebenden Manne tat der Riss und Zuck weh auf der eleganten
Haut und er sagte nach dem Überlaufen des Titels verdrießlicher als
gewöhnlich er bedaure dass er schon überladen sei und schlage kleinere
Buchhändler vor »Wir Autoren« versetzte Vult »gehen anfangs wie Hirsche
denen das zarte Gehörn erst entspriesset mit gesenktem Haupte aber später wenn
es groß und hart zu sechzehn Enden ausgeschossen schlägt man damit an die Bäume
heftig und ich fürchte Hr Passvogel ich werde im Alter grob« »Wieso« sagte
dieser
Vult tat darauf als kenn er Walten von weitem und sagte wenn er als
Kabelscher Erbe erst den ersten Bogen übergeben so schein es fast als wollten
ihm die Erben das zwölfbogige Korrektoramt zu zwölf Wochen ausdehnen Dann
entsprang er nach seiner boshaften Sitte plötzlich um dem Feinde die Replik zu
entwenden
Beide verliehen daheim vor allen Dingen dem Romane Flügel weil die Hoffnung
immer so lange zum Totliegenden gehörte als das Buch Man schickte ihn an Hrn
Merkel in Berlin den Brief und Schriftsteller damit er das Buch einem
Gelehrten Hrn Nicolai empfähle und aufheftete
Mitten in den Genuss der abfahrenden Post fiel wieder ein Staubregen der
hinkende Notar der bekannte Geschäftsträger der Erben kam mit dem ersten
Korrekturbogen und Schiessens ReKorrekturen
Walt hatte einundzwanzig Druckfehler stehen lassen Schiess wies aus dem
Manuskripte nach dass er ein c statt einem e dann ein e statt eines c ein o
statt eines s ein o statt eines f ein Komma statt eines Semikolons eine 6
statt einer 9 ein h statt eines b ein n statt eines u und umgekehrt da eben
beide umgekehrt waren habe stehen lassen usw Walt sah nach und sann nach und
sprach seufzend »Wohl ists nicht anders«
Arme Korrektoren wer hat noch eurer MutterBeschwerungen und Kindsnöten in
irgendeinem Buche ernstaft genug gedacht das ihr zu korrigieren bekommen So
wenig dass Millionen in allen Weltteilen aus der Welt gehen ohne je erfahren zu
haben was ein Korrektor aussteht ich meine nicht etwa dann wann er teils
hungert teils friert teils nichts hat als sitzende Lebensart sondern dann
wann er ein Buch gern lesen möchte das er zwar vor sich sieht noch dazu
zweimal geschrieben und gedruckt aber korrigieren soll denn verfolgt er wie
ein Rezensent die Buchstaben so entrinnt ihm der Sinn und er sitzt immer
trister da ebensogut könnte einer sich mit einer Wolke durch deren
Dunststäubchen er eine Alpe besteigt den Durst löschen
Will er aber Sinn genießen und sich mit nachheben so rutscht er blind und
glatt über die Buchstaben hinweg und lässt alles stehen reißt ihn gar ein
Buch so hin wie die zweite Auflage des Hesperus so sieht er gar keinen
gedruckten Unsinn mehr sondern nimmt ihn für geschriebnen und sagt »Man
verstehe nur aber erst den göttlichen Autor recht« Ja wird nicht selber der
Korrektor dieser Klage bloß aus Anteil an dem Anteil den ich zeige so manches
übersehen
Endlich brachte das schlechtsprechende und schön singende Kammermädchen des
General Zablocki nicht nur Raphaelen ein Briefchen der Tochter sondern auch um
eine Treppe höher Walten die Frage des Vaters ob er nicht diesen ganzen Tag bei
ihm schreiben könnte »O Gott gewiss« sagte er und begleitete das Mädchen drei
Treppen herab
Vult lächelte ihn seltsam an und sagte er kopiere ja mémoires érotiques mit
und ohne Feder und jage Mädchen er Hund hingegen müsse wie die
SchmetterlingsPuppe eines Naturforschers sich in einer Schachtel von Stube zum
Falter entfalten wenn jener im Freien gaukle »Allein« setzt er dazu »ein
Greifgeier ein Basilisk wie ich hat so gut seinen LiebesPips als ein Phönix
wie du« Walt wurde sehr rot er sah sein und Winas Herz gleichsam gegen das
helle freie Tageslicht gehalten »Nu nu versteige dich nur um drei Treppen
hinauf oder hinab indes ich daheim hinter meiner arkadischen Dorfwand ein
Madrigal auf den Schmelz der Auen und der Zähne setze und Blumen und Lippen
röte Das Mädchen gefiele mir selber sie sollte eher ein Palast als ein
Kammermädchen sein« Sehr zornrot erwiderte Walt der endlich eigne und fremde
Verwechslung erriet »Du tust gar nicht recht da du weißt wie mir dieses
Mädchen bei der besten Singstimme einmal durch unziemliche Reden aufgefallen«
Damit ging er so rasch und wild fort dass Vult sich gestand er würde wenn
er nicht schon früher dessen Liebe für eine vornehmere Raphaela kennte sie
jetzt aus dem Grimm erraten den bloße Heiligkeit unmöglich einbliese Als der
Notar in den großen Zablockischen Palast wovor und worin viele leere Wagen
standen und unter die kalte Dienerschaft kam so wirkten Vults Scherze die
seine Liebe entweder wie Schiesspulver unter das Dach oder wie Öl in den Keller
lagerten verdrießlich nach und er erstaunte nun erst dass er Wina liebe und
ihren Morgenblick aufbewahre Sein Glück blühte als eine nackte Blumenkrone auf
einem entblätterten Stiel Spät kam er nach seinem Erinnern an frühestes
Vorfordern in das alte Schreibstübchen und später der General
»Innigst« so spann Walt nahe an ihn tretend die Unterredung an um sie
dem andern nach den Gesetzen der Lebensart zu erleichtern »wünsch ich Ihnen
Glück zum Glück der Wiederkunft wie damals im Rosenhof zur Abreise wenn Sie
sich dieser Kleinigkeit noch entsinnen Mög Ihnen Leipzig ein fortgesetzter
Spaziergang gewesen sein« »Sehr verbunden sagte Zablocki Sie verpflichten
mich wenn Sie heute die bewussten Briefe zu Ende kopieren und mir Ihren Tag
weihen« »Welchen nicht War Ihr dreifaches Glück verzeihen Sie die kecke
Frage nicht wie ich hoffe der Jahreszeit ungleich« fragt er
»Für die späte Jahreszeit war das Wetter gut genug« versetzte Zablocki
Da der Notar nichts Schwierigeres kannte als zu fragen dh im Ozean zu
angeln nichts Leichteres aber als zu antworten weil die Frage die Antwort
umkränze so hielt er es für Pflicht jedes UnterSprechers auf den
OberSprecher nur die leichtere Last zu laden und fragte sogleich Wie bequem
wohnen dagegen Männer welche gerade das Widerspiel als Weltsitte kennen und
ehren unter ihrer Gehirnschale und wie vergnügt wenn sie vor Kronen und
Kronerben treten Aller Anreden gewärtig und gewiss machen sie außer der
Verbeugung nichts und keine eigne sondern warten ab Sogar nach der ersten
Antwort passen die Weltmänner gelassen von neuem weil kein anderer als der
gekrönte Kopf fortzuweben hat
Der Notar machte darauf seine Abschriften von den verliebten Zuschriften
aber seine Seele wohnte mit ihren Fühlfaden nirgends als in der Schnecke des
Ohrs um jedem Laute der verborgenen Lebensseele nachzustellen Er schrieb keine
Seite ohne sich umzudrehen und das heilige Zimmer zu beschauen das er einen
ganzen Tag aber als den letzten bewohnen durfte für ihn wenn kein Sonnen
doch ein Mondtempel dem nichts fehlte als die Luna dazu Sogar der blaue
Streusand voll Goldsand das blauweisse Tintenfass und Papier das blaue
Siegellack und die Blumendüfte welche aus dem Nebenzimmer einwehten
schmückten sein stilles ÄtherFest der Hoffnung In der Liebe ist das Erntefest
der Freude nicht um eine halbe Sekunde vom Säetage und Säefest der Freude
verschieden
Als er sich nun abschreibend abmalte wie ihm das Herz schlagen würde das
schon heftig schlug wenn die LiebesGestalt aus seinem Kopf und langen Traume
wie eine Göttin lebendig ins Leben spränge nämlich vor ihn hin so kam nichts
als das verhasste Kammermädchen mit einem StickGerüste aber bald ihr nach die
blühende Wina die Rose und das Rosenfest zugleich Es ist schwer zu sagen
womit er sie anmurmelte da er sie damit nicht anredete Sie verbeugte sich so
tief vor ihm als wäre er der goldne und figurierte Knopf am Oberstabe des
Generals und sagte das höchste BewillkommungsWort und setzte sich an den
Stickrahmen Konnte sie nicht hundert Deckmäntel ihrer Absicht im Schreibzimmer
zu sein als ein Mädchen finden und umlegen Hätte sie nicht zB ihr blaues
Kleid aus dem Wandschrank holen können oder das weiße oder den Schleier
oder einmal eintunken wollen oder an der elektrischen Lampe ein Licht zum
Siegeln anzünden oder hier den Vater ganz vergeblich suchen So aber trat
sie herein und setzte sich vor den Stickrahmen um für eine Stiftsdame einen
Ordensstern aufgehen zu lassen der für den abschreibenden Sternseher wie oft
für Trägerinnen nichts werden konnte als ein Irr und Nebelstern
Der Schreiber schwamm nun in der Wonne einer himmlischen Gegenwart wie in
unsichtbarem Duft einer hauchenden Rose Winas Dasein war eine sanfte Musik um
ihn Er sah zuletzt sehnsüchtig kühn ihre gesenkten großen Augenlider und den
ernst geschlossnen Mund im Spiegel zu seiner Linken an versichert der eignen
Unsichtbarkeit und erfreut dass gerade zufällig wenn er eben in den Spiegel
sah immer ein warmes Erröten das ganze niederblickende Antlitz überfloss Einmal
sah er im Spiegel den Brautschatz ihres Blicks ausgelegt sie zog leise wieder
den Schleier darüber Einmal da ihr offenes Auge darin wieder dem seinigen
begegnete lächelte sie wie ein Kind er drehte sich rechts nach dem Urbild und
ertappte noch das Lächeln »Ging es Ihnen seit Rosenhof wohl Hr Harnisch«
sagte sie leise »Wie einem Seligen« versetzte er »wie jetzt« Er wollte wohl
etwas viel anderes Feineres sagen aber die Gegenwart unterschob sich der
Vergangenheit und testierte in deren Namen Doch gab er die Frage zurück »Ich
lebte« sagte Wina »mit meiner Mutter dies ist genug Leipzig und seine
Lustbarkeiten kennen Sie selber« Diese kennt freilich ein darbender Musenund
Schulzensohn wenig der an den Rosen des kaufmännischen Rosentals nicht höher
aufklettert als bis zu den Dornen weil er jene nicht einmal so oft teilt als
ein MaurerMeister einen fürstlichen Saal zu welchem dieser stets so lange
Zutritt hat als er ihn mauert Indes denken sich die höheren Stände nicht
leichter hinab zu Honoratioren besonders denn von Schäfer dh Bauerhütten
haben sie im französisch eingebundenen Gessner eine gute ModellKammer als sich
die tieferen hinauf »Göttlich ist da der Frühling« antwortete er »und der
Herbst Jener voll Nachtigallen dieser voll weichen Duft nur gehen der Gegend
Berge ab welche nach meinem Gefühl durchaus eine Landschaft beschließen müssen
doch nicht unterbrechen denn auf einem Berge selber ist nicht die Landschaft
sondern wieder ein fernster Berg schön und groß Die Leipziger Gegend enget also
ein weil die Grenze oder vielmehr die Grenzlosigkeit nichts der Phantasie
übriglässet was soviel ich gehört nicht einmal das Meer tut das sich am
Horizont in den ÄtherHimmel auflöset« »Sonderbar« versetzte Wina »bestimmt
hier die Gewohnheit des äußern Auges die Kraft des innern Ich hatte eine
niedersächsische Freundin welche zum ersten Male von unsern Bergen ebenso
beschränkt wurde als wir von ihren Ebenen« Der Notarius war über ihre
philosophische Sprachkürze da überhaupt der Mann an der Frau geradesosehr
seinen Kopf bewundert als seine Brust verdammt so betroffen dass er nicht
wusste was er sagen sollte sondern etwas anderes sagte »Besuchten Sie zuweilen
die Badeörter um Leipzig« fragte sie spät Da er darunter nicht Lauchstädt
sondern die StudentenBadeörter in der Pleisse verstand und eine solche Frage von
weiblichen Lippen zum vornehmen Zynismus rechnete so umging er sie nach
Vermögen in der Antwort »Der Leipziger Magistrat habe zu seiner Zeit wegen
mehrerer Unglücksfälle erst die bessern Badörter bestimmen lassen« Wina
missverstand wieder sein Missverstehen Und so kann in Deutschland und fast auf
der Erde jeder der sich verspricht auf einen zählen der sich verhört so
wenige Ohren ob sie gleich doppelt am Kopfe stehen gibt es für die hiesigen
Zungen und man findet noch schwerer ein offenes als ein kurzes
Plötzlich sprang der General wie mit einem verschimmelten bleichen Gesicht
herein aus dem Puderstübchen mit einem Bilde in der Hand und trocknete sich
aus den Augenlidern den Puder wie Zähren ab »Sage mir wer ist ähnlicher die
Mutter oder die Tochter In der Tat recht brav retuschiert« Das Gemälde
stellte Wina vor wie sie zu einem ihr ähnlichen Töchterchen das nach einem
Schmetterling fing ihr Gesicht herab an die kleine Wange beugt sehr
mütterlichgleichgültig ob sie vom Kinde über dem Schmetterling übersehen werde
oder nicht Im KunstFeuer fragte der General auch den Notar »Ist denn die
Mutter nicht so ausnehmend getroffen meine Wina nämlich dass man die
Ähnlichkeit sogar im Kinde wieder findet Sprechen Sie als Dritter« Walt
verlegen mit seiner Errötung über den bloßen Gedanken das Kind sei Winas
versetzte »Die Ähnlichkeit ist wohl Gleichheit« »Und zwar auf beiden
Seiten« erwiderte Zablocki ohne sehr den Notar zu fassen der nach den
gewöhnlichen Voraussetzungen des Standes schon alles voraussetzen sollte und
zwar folgendes Der General wollte seiner losgetrennten Gattin ein Denkmal
seiner Zärte zuwenden einen Spiegel der nur sie abbildete nämlich ein festes
Bild hatt aber leider aus Kälte sie sonst nie sitzen lassen außer zuletzt
juristisch Zum Glücke war nun Wina ihr so ähnlich die wenigen Jahrzehente
ausgenommen wodurch sich Töchter hauptsächlich von Müttern zu unterscheiden
suchen dass die jetzige Wina als die vorige Mutter zu gebrauchen war der man
nichts als die vorige Wina in die Hand zu geben hatte die als Kind gemalt
eine Aurikel in der Linken hält und darauf einen weißen Schmetterling mit der
Rechten setzt Diese zweimal als Bild und als Urbild angewandte Wina wollte
der General seiner Frau als einen ölgemalten IchsHimmel auf Leinwand auftun um
sie in Erstaunen zu setzen dass sie über vierzig Meilen gesessen einem Maler
Als der Vater fort war machte Walt noch tiefer in Erstaunen und Unglauben
gesetzt die Bemerkung sie sehe dem schönen Kinde ähnlich um nur
herausgezogen zu werden »O bliebe man sich nur auch in wichtigern Punkten
ähnlich« sagte Wina »Auch war ich noch bei meiner Mutter ich glaube Sie oder
ihr Bruder lag damals am Tage des Malens an den Blattern blind denn sie ging
mit mir in Ihr Haus Schöne Zeit ich wollte gern die eine Ähnlichkeit auf mich
nehmen könnte ich damit meiner Mutter die andere zurückführen«
Nun fuhr der Notar über die Nähe des erhelleten Abgrunds in den er hätte
treten können rot zurück und fürchtete ordentlich die Betise fahre ihm noch
wider Willen aus dem Halse »Auch ich ginge gern in jene Blindheit zurück die
Nacht ist die Mutter der Götter und Göttinnen« sagte er und wollte erträglich
auf die Aurikelbraut anspielen Wina verstand nichts davon als den Ton und
Blick und so war es genug und gutgemacht
Man rief sie zum Essen Da er glaubte er werde wie im RosenhöferWirtshaus
wieder an die GeneralsTafel gezogen so stand er auf um ihr den Arm zu bieten
sie stickte aber fort und er stand nahe am Rahmen und sah herab auf das lockige
Haupt worin seine Welt und seine Zukunft wohnte die sich in lauter Schönheiten
verbarg das Fruchtgewinde des Geistes war vom Blumengewinde der Gestalt schön
verhüllt und schön verdoppelt Sie stand auf Jetzt näherte er sich mit dem
rechten Arme um sie fortzuführen »Ich werde sagte Wina sanft nach dem
Essen wiederkommen und Ihrem Herzen eine Bitte bringen« und sah ihn mit den
großen guten Augen unverlegen an und gab wie zur Antwort auf seinen fragenden
Arm ihm ein wenig die ablenkende Hand in seine um sie zu drücken Mehr
braucht er nicht der Liebe ist eine Hand mehr als ein Arm wie ein Blick mehr
als ein Auge Er blieb reich zurück am einsamen Esstische den ein verdrießlicher
Bedienter an den Schreibtisch gesetzt hatte Seine Hand war ihm wie geheiligt
durch das Wesen das bisher nur von seiner Seele berührt wurde Wer kann es
sagen warum der Druck einer geliebten Hand mehr innige Zauberwärme in die Seele
sendet als selber ein Kuss wenn nicht etwa die Einfachheit Unschuld Festigkeit
des Zeichens es tut
Er speiste an einer Göttertafel die Welt war der Göttersaal denn er
sann Winas nächster Bitte nach Eine tun heißt in der Liebe mehr geben als
eine erhören Aber warum macht die Liebe denn diese Ausnahme Warum gibt es denn
keine verklärte Welt wo alle Menschenbitten so viel gelten und geben und wo
der Geber früher dankt als der Empfänger
Mit wunderbaren Gefühlen irrte er um Winas Bitte herum da er doch fühlte
Wina sei ein durchsichtiger Juwel ohne Wölkchen und Federn Denn dies ist eben
die Liebe zu glauben man durchschaue das Geliebte noch schärfer als sich so
dass man den blauen Himmel dadurch erblickt durch welchen man wieder die Sterne
sieht indes der Hass überall Nacht sieht und braucht und bringt Als er die
wenigen Strahlen küsste die am Sterne des Stifts und der Liebe aufgegangen waren
oder gestickt tat sein Himmel alle Wolken wieder auf nämlich die Flügeltüren
und Wina erschien und schien Er wollte sagen »ich bitte um die Bitte« aber er
hielt es für unzart das eine Bitte zu nennen was Wina eine genannt So hatt
er den höchsten Mut für sie aber nicht vor ihr und von den langen Gebeten an
dieses Heiligenbild welche er zu Hause sich aussann und vornahm brachte er
nichts zum Bilde selber auf seinen Knien als amen oder ja ja »Sie sind
zuweilen bei den hiesigen Tees« fing Wina an und setzte wie es ihr Stand tut
immer ihren Stand voraus »Neulich bei mir bei dem vortrefflichen
Flötenspieler den Sie gewiss bewundern« »Ich hör dies heute von meinem
Mädchen« sagte sie meinend die Nachricht des Beisammenwohnens Walt aber nahm
an sie habe von seinem mageren Weintee manches gehört
»Ich meine vorzüglich sind Sie öfters bei den geistreichen Töchtern des
Hrn Hofagenten Eigentlich red ich bloß von meiner Freundin Raphaela« Er
führte doch ohne die Wechsel Not den Abend an wo sie für den mütterlichen
Geburtstag gesessen »Wie schön« sagte Wina »So ist sie eben Einst als sie
bei mir in Leipzig in eine lange Krankheit fiel durfte ihrer Mutter nichts
geschrieben werden bis sie entweder genesen oder verschieden sei Um dieser
Liebe wegen lieb ich sie so Ein Mädchen das seine Mutter und seine Schwestern
nicht liebte ich weiß nicht warum oder wie es sonst noch recht lieben
könnte nicht einmal seinen Vater« Walt wollt es gern äußerst fein auf sie
selber zurückwenden und machte daher die allgemeine Bemerkung dass Töchter die
ihre Mutter lieben die besten und weiblichsten sind
»Ich tauge nicht zu Wendungen wie Sie hören Hr Sekretär Empfangen Sie
meine offene Bitte gutmütig auf einmal« Es war diese Da Raphaelens
Geburtsstunde in die Nachmitternacht oder Morgenstunde des Neujahrs einfalle so
wolle sie durch den Beistand Engelbertens sie durch leises Ansingen zur Feier
des erneuerten Lebens wecken wünsche aber zur dürftigen Stimme eine Begleitung
nämlich die Flöte und an wen könne sie sich schicklicher wenden als an Hrn von
Harnisch Walt schwur freudig dieser blase freudig dazu
Sie bat auch um das Setzen des Gesangs Walt schwur wieder »Aber sogar um
die Verse dazu muss ich Ihren werten Freund angehen« setzte sie
unbeschreiblichlieblich lächelnd hinzu »da ich ihn aus unserer Zeitung als
einen weichen Dichter des Herzens kenne«
Ganz froh erstaunt fragte Walt was Vult darin gemacht Sie sagt ihm mit
der den Literatoren noch gewöhnlichern Verwechslung gleicher Namen folgenden
Polymeter von ihm selber her
Das Maiblümchen
Weisses Glöckchen mit dem gelben Klöppel warum senkst du dich Ist es Scham
weil du bleich wie Schnee früher die Erde durchbrichst als die großen stolzen
Farbenflammen der Tulpen und der Rosen Oder senkst du dein weißes Herz vor
dem gewaltigen Himmel der die neue Erde auf der alten erschafft oder vor dem
stürmenden Mai Oder willt du gern deinen Tautropfen wie ein FreudenTräne
vergießen für die junge schöne Erde Zartes weißes Knospenblümlein hebe dein
Herz Ich will es füllen mit Blicken der Liebe mit Tränen der Wonne O
Schönste du erste Liebe des Frühlings hebe dein Herz
Walten waren unter dem Zuhören vor Freude und Liebe und vor Dichtkunst die Augen
Übergegangen und Wina hatte mit geweint ohne es zu merken darauf sagt er
»Ich habe wohl den Vers gemacht«
»Sie Lieber« fragte Wina und nahm seine Hand »und alle Polymeter«
»Alle« lispelte er Da blühte sie wie das Morgenrot das die Sonne verspricht
und er wie die Rose die schon von ihr erbrochen ist Aber einander verborgen
hinter den froher nachquellenden Tränen glichen sie zwei Tönen die unsichtbar
zu einem Wohllaut zittern sie waren zwei gesenkte Maienblümchen einander durch
fremdes Frühlingswehen mehr nachbewegt als angenähert
Jetzt hörte sie den Vaterstritt »Und sie machen den Text für den
Geburtstag« sagte sie »O versetzte er Ja ja« und durfte nicht
fortreden weil Zablocki eintrat und mit dem Väter und GattenSchnauben ihr den
arbeitsamen Verzug vorrückte da sie wie er sagte wisse dass die Neupeters
dahin fuhr er mit ihr Bürgerliche wären und eh er solche im kleinsten
mankiere komm er lieber bei seinesgleichen um Stunden zu spät Sie floh dahin
er rief sie aber zurück um selber mit einem Schlüsselchen so groß wie ein
Staubfaden ein goldnes Schloss an einer Kette auf ihrem schönen Halse
aufzuschließen und sie abzunehmen Unter dem Aufsperren sah sie gutmütig dem
Vater ins Auge dann warf sie scheidend dem Notar einen Flugblick voll Weltall
zu
Kauen und Schlucken unter einem Adagio Pianissimo einer Tafelmusik hätte
Walten nicht so widerstanden als die Annahme von Kopiergebühren die ihm der
General jetzt aufnötigen wollte Das Weigern hielt dieser anfangs scherzend aus
bis er durch den Argwohn Walt handle aus Ehrgefühl sein eigenes so beleidigt
fand dass er so heftig schwur ihn wenn er nicht gehorche nie mehr zu einem
NotariatsInstrument ins Haus zu lassen dass Walt sich entschloss sich seine
Himmelspforte nicht selber zuzuriegeln
Nun war er allein und zum letzten Male als Kopist im Zimmer und hatte was
der Mensch zum feinsten Glücke braucht nämlich einen Widerspruch der Wünsche
er wünschte nicht nur wegzukommen um über Winas Kopf zu Hause mit Sternen
Träumen auf und ab zu schweben sondern auch dazubleiben da er das
Krönungszimmer seines Lebens zum letzten Male bewohnte Die Sonne fiel immer
feuriger hinein und vergoldete es zu einer Zauberlaube im elysischen Haine Als
er es verließ war ihm als falle ein blühender Zweig herab worauf bisher die
Nachtigall seiner Seele gesungen Wie lag zu Hause wo ihm nichts fehlte als
Vult aber dieser kaum das Leben und der Traum im Leben wie vergoldetes
Gewölk um ihn her Tausend ParadiesesZweige schlugen über ihm unsichtbar
zusammen und durchzogen ihn heimlich mit einem berauschenden Blütendufte in
dessen Eden er nicht hineinsehen konnte Wenn bisher die Wolke zu stehen schien
und der Mond zu fliehen so sah er jetzt die Flucht der Wolken unter dem festen
schönen Gestirn
»Wenn sie nur recht innig liebt« dacht er »gesetzt auch sie meinte mich
nicht allein die Hauptsache ist ihre Wonne Sie sollte dazu ordentlich mehrere
Mütter haben mehrere Väter und unzählige Freundinnen« Er freute sich mehr als
dreissigmal über die Freude womit Wina die NeujahrsNacht und jetzt unter seinen
Füßen die Freundin anschauen werde Dass sie ihn liebe und achte wußt er nun
recht aber nicht wie stark den höchsten Grad ihrer Liebe gegen ihn sich
jetzt zu denken hieß ihm sich abzuzeichnen wie ihm sein würde wenn man ihn
auf Millionen Weltstufen auf die GipfelSonne geleitete um ihn den Notar zum
Gott zu krönen
Er hatte schon viel von dem GeburtstagsGedicht ohne sein Wissen
ausgearbeitet bloß durch das Denken an Winas Bitte als endlich Vult
erschien In der Angst dieser schlage aus Kälte gegen Raphaela und den Adel das
Musikfest ab wollt er ihn etwas künstlich wie in einem englischen Garten auf
feinen Schlangenlinien und mit Mäandern vor den Vorschlag wie vor ein Denkmal
führen »Leider schrieb ich heute das letztemal beim General« sagt er mit der
seligsten Miene von der Welt »Du willst sagen Gottlob« sagte Vult Walt
stolperte schon vornen in den Mäander hinein und ertrank fast »Ich hoffte
bisher« versetzte Vult »du solltest mich StimmenNarren allmählich beim Vater
einführen damit die Tochter sänge wenn ich bliese« »Beides« schlug Walt
heraus »kannst du ohne ihn und mich jetzt haben dies hab ich dir sogar
vorzuschlagen«
Der Flötenspieler fragte heftig Walt bestand aber darauf dass er bevor er
deutlich werde ihm einen einzigen Zug von Raphaelen geben dürfte es war der
schöne vom Verschweigen des Krankseins
Es gab keinen Charakterzug von der Welt den der Flötenspieler je mit einem
so abstrebenden Gesichte sich vorzeichnen lassen als diesen doch zog er den
satirischen zuckenden Stachel in die Scheide zurück um nur den Vorschlag zu
bekommen
Walt quälte ihn so lange um sein Urteil hierüber dass er losbrach »Ich
schwöre dir ja ich schätze die Handlung der Teufel und seine Großmutter
könnten nicht zärter verfahren es ist eine Redensart ich meine wir beide Nun
sprich«
Walt schlugs vor
»Du bist ein guter Mensch« sagte Vult mit einer schwer zu bergenden
Erfreuung »ich nehm es willig an Ich scherze überhaupt oft bloß Als
Mietsmann zeig ich der Tochter vom Hause so gerne einige Aufmerksamkeiten und
ich soll es Doch die Wahrheit zu sagen ein böser Ausdruck gleichsam als habe
man vorher keine gesagt so stimmt mich hier Wina mit ihrer reinen rollenden
PerlenStimme noch mehr Gott wie kann nicht eine Singpartie gesetzt werden
besonders von mir wenn man das edle portamento der SopranPerson deren
diminuendo und crescendo und ihre herrliche Vereinigung von Kopf und Brust
Stimme du verstehst mich unmöglich Bruder ich spreche als Künstler
dermaßen kennt wie ich Mensch glaubst du dass ich damals als ich sie in
Elterlein hörte schwur sie soll mit meinem Willen nie mehr a secco singen a
secco Walt heißt nämlich allein ein PunschRoyalist wie ich kommt freilich
auch leicht aufs Trockne aber anders«
Walten schien es ein wenig als komme Vult eben nicht vom festen Lande her
Beider Abend wurde aber im Feuer der Liebe vergoldet Jeder glaubte er sehe
über den ParadiesesStrom hinüber recht gut die Quelle der Freude des andern von
weitem rauchen und nebeln Walt zwang ihn scherzhaft es auf einen Bogen zu
schreiben dass er morgen noch der heutigen Meinung sein und blasen und setzen
wolle Vult schrieb »Ich will wie Siegwart den Mond zu meinem Bettwärmer
machen oder ein Lauffeuer im Laufe aufhalten ja ich will die erste beste
Glacière von Prüde heiraten und mir es also gefallen lassen dass eine Jungfrau
die Früchte der Glutzeit zu Eiszieraten ausquetscht zB zu Rosen und
Aprikoseneis zu Stachelbeereis zu Zitroneneis wenn ich nicht die beste
Flötenmusik sogleich mozartisch setze und blase zur Zauberflöte in der Minute
wo diese mein Bruder gedichtet und aufgeschrieben hat und ich entsage jeder
Exzeption besonders der dass ich heute nicht gewusst hätte was ich morgen
wollte«
»Ein wahrer Schelm ist doch mein Walt« dacht er im Bette »würde ihn ein
andrer wohl im Hauptpunkte so durchschauen wie ich Kaum«
Nr 60 Scherschwänzel
SchlittschuhFahrt
Der nächste Tag des Notars war aus 24 Morgenstunden gemacht weil er Über das
Geburtstagslied für Wina nachsann Der zweite bestand aus ebenso vielen
Mittagsstunden weil er es ausführte Es war als müsst er sich selber
verklären um Winas heiliges Herz auf seine Zunge zu nehmen als müsst er in
Liebe zerrinnen um ihre Liebe gegen die Freundin in seiner Seele wie ein
zweiter Regenbogen neben dem ersten nachzuglänzen Da die Liebe so gern im
fremden Herzen lebt so wird sie noch zärter wenn sie in diesem wieder für ein
drittes zu leben hat wie das zweite Echo leise Über die Milde des ersten siegt
Dies alles aber war nur leichtes Säen im Frühling wo lauter neue Sänger am
Himmel flogen aber am zweiten Tage fiel die heiße Ernte ein Walt musste um die
äterischen Träume die feste Form des Wachens legen nämlich nicht nur die neue
metrischer Verhältnisse sondern auch musikalischer weil Vult oft den besten
Gedanken weder sing noch blasfähig fand So muss sogar der Geist des Geistes
das Gedicht aus seinem freien Himmel in einen Erdenleib in eine enge
FlügelScheide ziehen
Vult hingegen hatte leicht Gesang und Begleitung gesetzt denn im unermesslichen
Äther der Tonkunst kann alles fliegen und kreisen die schwerste Erde das
leichteste Licht ohne zu begegnen und anzustossen
Da Walt bekanntlich das Gedicht in seinem Roman ganz abdrucken lassen nur
mit wenigen aber unwesentlichen Abänderungen in den Stellen »Wach auf
Geliebte der Morgen schimmert dein Jahr geht auf« dann »Schläferin hörst
du nicht die Liebe rufen und träumst du wer dich liebt« und endlich »Dein
Jahr sei dir ein Lenz und dein Herz im langen Mai die Blume« so setz ich die
Verse als allgemein bekannt voraus
Jetzt war bloß die Schwierigkeit Winen Musik und Text zuzuspielen Walt
schlug mehrere ausführbare Mittel und Wege dazu vor die sehr dumm waren Vult
schlug aber jedes aus weil man beim Treibjagen der Mädchen sagt er nichts zu
tun habe als ruhig zu stehen auf dem Anstand schussfertig um sogleich
abzubrennen wenn sie das Wild vortreiben
Indes wurde nichts gebracht Wina verstand von den weiblichen Vermittlers
und DietrichsKünsten soviel als Walt Endlich erschien eine helle
DezemberDämmerung im Park wo der lange See es war ein schmaler Teich mit dem
Besen von Schnee gesäubert wurde und wo später da der Mond scharf jeden dürren
SchattenBaumschlag auf den weißen Grund abriss nicht nur die drei Ursachen
davon verschwanden in die nahe Rotonda ein schönes Rindenhaus das dem
römischen Panteon auffallend ähnlich war in der Öffnung nach oben sondern
auch sogleich einander wieder herausführten aufs SeeEis weil die drei sämtlich
Schlittschuhe darin angeschnallet hatten Wina sowohl als Raphaela und
Engelberta
»Göttlich« rief Walt als er fahren sah »fliegen die Gestalten wie Welten
durcheinander umeinander welche Schwung und Schlangenlinien« Eben machte
Engelberta beide Arme malerisch aufgehoben hernickende Fingerwinke »Lauf mit
deinem Musikblatt und sei drunten ein Mensch« sagte Vult zu Walt »Sie wollen
uns beim Teufel« »Unmöglich« versetzte Walt »betrachte doch die Dämmerung
und die Zärte« »Für ein Paar Stiefel hat doch der See noch Platz« fragte
Vult hinab und flatterte drei Treppen hinunter um einen Ladendiener ohne
weiteres zum Nachtragen von ein Paar Schlittschuhen zu kommandieren die er
voraussetzte
Walt steckte das heilige Blatt voll Ton und Dichtkunst an einen Ort den er
für schicklicher als die Rocktasche ansah nämlich an dessen Geburtsort dh
unter die Weste ans Herz Drunten am SeeTeich ließ er an seinem langen Bückling
die drei Danksagerinnen vorübergleiten und teilend losen weil er nicht
offenbaren konnte wieviel er jeder vom Rückenbogen abschneide
Aber welche entwickelnde Lebenskraft war mit Vulten aufs Eis gefahren und
wie schwebte der Geist über dem Wasser das gefroren war Zuerst bald Winas
Bart bald ihr Wandelstern bald ihre gerade schiessende Sternschnuppe zu sein
damit fing er an sie Schachkönigin zu decken gegen jede Königin es sei als
Läufer als Springer oder Turm als Amors Pfeil zu fliegen so oft sie Amors
Bogen war es nicht zu leiden wenn sie kühner fliegen wollte als er sondern
sie so lange zu überbieten bis er selber überboten wurde und dann leichter den
Wettflug mit einem Doppelsiege schloss dies war die Kunst womit seine schöne
von der Welt erzogne Gestalt ihren Wert entwickelte in leichter Haltung und
Wechslung
Walt war am Ufer als Strandläufer außer sich vor Lust und warf laut den
schönen Tanz und SchwebLinien Kränze von Gewicht in so richtigen Kunstwörtern
zu dass man hätte schwören sollen er tanze Er sprach noch vernehmlich von drei
Grazien »welche noch dazu« versetzte Vult »wenn nicht um die Venus doch um
deren Mann tanzen und was fehlt denn uns Herr Harnisch zu drei Weisen als die
Zahl« Nur musste Walt unter dem Bewundern beklagen nämlich sich und sein
Strandlaufen denn auf dem Eise wäre er nicht viel leichter zu drehen gewesen
als ein Kriegsschiff Vielleicht wird der Druck einer niedrigen Abstammung nie
schmerzlicher empfunden als in den geselligen Festen zu welchen die dürftige
Erziehung nicht mit den Künsten der Freude ausrüstete wie Tanz Gesang Reiten
Spiel französisches Sprechen sind
Gegen Raphaela war Vult der artigste Mann den es auf dem Teiche gab sagte
ihr Höflichkeiten über ihre für diesen Tanz gemachte Gestalt welche ihm und
ihr leicht zu glauben waren weil sie wirklich einige Zolle über Wina hinaus maß
und schnitt oder fuhr sogar ihr NamensR mit den Schuhen in die Eisrinde wie
in eine Baumrinde ein
Sie nahm indes sein höfliches Übermaß ohne eigenes auf vielleicht weil das
seinige den Scherz nicht genug verbarg und weil sie als eifersüchtige Freundin
Winas unwillig die Hand sah die er so offen nach dieser ausstreckte Er
überhüpfte oder überfuhr es Zu Engelberta sagt er »Wir wollen Geliebtens
spielen« »Auf dem Eise bin ich dabei« erwiderte sie und so neckten beide
sich leicht und rasch mit ihrem RollenSchein er mit edel und weltmännischer
Keckheit sie mit kaufmännischer weiblicher »Wüsste man nur« schien sie zu
denken »ob er mehr ein seltsamer Haberecht wäre als ein närrischer Habenichts
dann wäre mehr zu tun«
Fünfmal hatte schon Walt an sein Musikblatt gedacht um es einzuhändigen
und es viermal vergessen wenn Wina wie seine ganze Zukunft um sein Ufer flog
oder gar ihn mit einem Blumenblicke bewarf dem er zu lange nachträumte Endlich
sagte er der Eisfahrerin »Zwei Ja sind neben Ihnen« »Ich verstand sie nicht
ganz« sagte sie lächelnd wiederkommend und entglitt Er ging ihr am Ufer ein
wenig entgegen aufs Eis »Ihr Wunsch wurde auch der fremde« sagte er »Wie ists
mit der Flötenmusik« fragte sie fliehend »Ich trage Musik und Text bei mir
aber nicht bloß am Herzen« antwortete er als sie wieder herfuhr »Wie
herrlich« sagte sie umwendend und glänzte vor Freude
Vult flog wie eifersüchtig fragend her »Hat sie das Blatt« »Sehr
hingedeutet hab ich dreimal« versetzte Walt »aber wie natürlich fährt sie
nicht unweiblich vor mir aus und steht« Jener zog seine Flöte öffentlich vor
und sagte laut dass der ganze Teich es hörte »Hr Harnisch Sie haben vorhin
mein Musikblatt eingesteckt Jetzt blas ich« Dieser reichte es seinem Blicke
mehr als seinem Worte zu Wina kam herbei »Können Sie« sagte Vult laut zu
ihr es übergebend »im Mondschein noch lesen was ich abspiele« Das trauende
Mädchen sah ihn lieblich an und ernstaft ins Blatt hinein da er zu flöten
anhob Am Härchen des Zufalls hing nun der ganze NeujahrsMorgen herab zwar
kein Schwert aber eine blumige Krone Gleichwohl tobt und jauchzet der Mensch
wechselnd über dasselbe Härchen bloß weil es zur einen Zeit ein Schwert zur
andern ein Diadem über seinem Kopfe hält und auf diesen fallen lässt
Wina las lange auf dem Blatt Noten nach die er gar nicht blies bis sie
endlich Vults EndAbsichten merkte und erfüllte Wie flog sie dann der Flöte
nach um mit Blicken zu danken und Walts StandUfer vorüber um ihn
anzuschauen und freudig über die kalte Fläche weil ihre freundschaftlichen
Wünsche so schön begünstigt waren und dieser Nacht nichts mehr fehlte als die
erste des künftigen Jahrs Welche erfreuete Blicke warf sie auf ihre Freundin
und zum Sternenhimmel Dazu ging nun die umherirrende Flöte die wie mit einem
Springstabe den Notar vom Eis der Erde ans EmpyreumsEis des Himmels aufhob
Alles war zwar selig Vult besonders Walt aber am meisten »Ach wolltest du mir
nicht« sagte Vult herfahrend mit vergnügtem Gesicht »ein paar DoppelLouis
vorstrecken nur auf zwei Stunden armer Wicht« »Ich« fragte Walt Aber jener
fuhr und blies fröhlich weiter um als Chorführer mit Sphärenmusiken den
himmlischen Körpern auf dem Eise vorund nachzuschweben Wenn die Tonkunst
welche schon in die gemeine feste Welt gewaltsam ihre poetische einschiebt
vollends eine offene bewegte findet so wird darin statt des Erdbebens ein
Himmelbeben entstehen und der Mensch wird sein wie Walt der das Ufer mit
stillen Dankgebeten und lautem Freudenrufen umlief und seine HerzensWelt sooft
die Flöte sie ausgesprochen immer von neuem und verklärter erschuf Er sammelte
alle fremde Freuden wie warme Strahlen in seiner stillgehaltenen Seele zum
Brennpunkte Den mit Sternen weissblühenden Himmel ließ er ins kleine
Nachtigallenspiel herabhängen und der Mond musste seinen Heiligenschein mit
Winas Gestalt zusammenweben »Dieser Mond« sagt er sich »wird in der
Nachmitternacht des Neujahrs fast wieder so am Himmel stehen und ich werde
nicht nur die Flöte und meine Gedanken auch ihre Stimme hören Die Sterne des
Morgens werden blinken und ich werde erst unter dieser künftigen Musik denken
So groß hätt ich mir die Wonne am frohen Abend der Eisfahrt nie gedacht«
Jetzt trat er immer weiter in den Teich hinein oder stach weiter in die See
oder ins Eismeer um der Geliebten näher zu begegnen Da sie ihn nun ein paarmal
nahe umkreisete und seine Freudenblumen den höchsten Schuss taten und mit breiten
Blättern wogten mähte sie Zablockis Bedienter mit der Nachricht ab der Wagen
sei da Der stolze Lakai erinnerte ihn wunderbar an Winas Stand und an seine
Kühnheit
Nach der Flucht der drei nahm ihn Vult am Arme aufs Eis hinein und sagte
»Jede Lust ist eine Selbstmörderin und damit gut Aber gibt es denn ein
kahleres Paar arme Häute als ich und du sämtlich Denn wenn es ein
LumpenHündchenPaar gibt das drei durstige Engel den ganzen Abend trocken auf
dem Wasser herumfahren lässt weil es nicht so viel in der Tasche oder droben
in der Stube zusammenbringen kann um den Engeln nur die kleinste Erfrischung
vorzusetzen das wenige KommissEis ausgenommen worauf sie fuhren so ist
wahrlich das Paar niemand als wir Ach waren wir denn imstande wenn sie
schlechtes Wetter und kein Fuhrwerk hatten nur eine Halbchaise anzuspannen und
einen Floh dazu anzuschirren wie einmal ein Künstler in Paris eine samt
Passagieren und Postillon so fein ausgearbeitet hatte dass ein einziger Floh
alles zog Sonst war der Abend hübsch«
»O wahrlich Freilich aber gewiss so wenig als ich diesen Abend an
leibliche Genüsse dachte so wenig vielleicht die guten Wesen Die Frau hat
einen Schmerz eine Freude der Mann hat Schmerzen Freuden Sieh nach dies
trifft schön mit den Worten auf der Tafel die dort an der Eiche hängt«
»Eine Linde ists« sagte Vult »So kenn ich« versetzte Walt »immer die
Gewächse nur in Büchern Darauf steht Die schöne weibliche Seele sucht wie
die Biene nichts als Blüte und Blume aber die rohe sucht wie die Wespe nur
Früchte«
»Ja sogar Ochsenleber wie die Fleischer wissen« »O alle« fuhr Walt
fort »waren heute so froh und besonders über dich Nun ich sage dirs offen
habe ich dich je als freien gewandten kühnen alles schlichtenden Weltmann
erkannt so wars heute« sagte Walt und hob besonders sein Benehmen gegen
Raphaela heraus Vult bedankte sich mit einem Spasse über sie Es war der dass
Weiber den Augen glichen die so zart rein und für Stäubchen empfindlich wären
und denen doch Metallsafran Kayennepfeffer Vitriolspiritus und andere
angreifende Ätzmittel als Heilung dienen Von Zeit zu Zeit ließ er einen mäßigen
Scherz gegen Raphaela los um den Bruder von einer verdrießlichen Eröffnung
seiner Liebe zurückzuschrecken
Allmählich sanken beide sanft und tief in die Stille ihres Glücks Von der
schimmernden Gegenwart war ihnen nichts geblieben als oben der Himmel und unten
das Herz Der Flötenspieler maß seinen Weg zu Winas Ich zurück und fand sich
schon auf halbem Ihr Danken ihr Blicken ihr Nähern Raphaelens Meiden langte
zu ihm für die Neujahrsnacht wo er alles durch einen Zauberschlag entscheiden
wollte die schönste Hoffnung zu lassen und doch noch größere Sehnsucht Aber
gerade diese war ihm fast lieber und seltener als jene er dankte Gott wenn er
sich nach irgend etwas unbeschreiblich sehnte so sehr musste er sich nach Sehnen
sehnen Aber die Entbehrungen und Schmerzen der Liebe sind eben selber
Erfüllungen und Freuden und geben Trost und brauchen keinen so wie die
Sonnenwolken eben das Leuchten der Sonne erzeugen und die Erdenwolken
vertreiben
Nur auf Walt dessen dichterische Nachtigallen in seinem warmen DuftEden
betäubend schlugen machten die göttlichen Sterne und ein glücklicher Bruder zu
starken Eindruck er dürfe schwur er vor sich dem aufgeschlossnen Freunde
gerade die heiligste HerzensStätte wo Winas Denkmal in Gestalt einer einzigen
Himmelsblume stand nicht länger verdecken und umlauben Daher schickte er ohne
weiteres HandDrucke und AugenBlicke als Vorspiele der schamhaften Beichte
seiner kühnsten Sehnsucht voraus um ihn zu fragen und vorzubereiten dann fing
er an »Sollte der Mensch nicht so offen sein als der Himmel über ihm wenn
dieser gerade alles Kleinliche verkleinert und alles Große vergrößert« »Mich
vergrößert er wenig« versetzte Vult »Lass uns aber im Schatten gehen sonst
muss ich alles vorbeigehend lesen was da von Empfindungen an die Bäume genagelt
ist Denn so sehr mir Raphaela seit näherer Bekanntschaft in einem andern Lichte
erscheinen muss als sonst so hasse ich doch das gewaltsame Herauskehren und
Umstülpen des Innern zum Äußeren noch fort als sei man eine kehrbare
Tierpflanze Wenn ein Mädchen anfängt eine schöne weibliche Seele so lauf ich
gern davon denn sie besieht sich mit Herzen hat ohnehin jedes so viele
aufzumachen und zu verschenken als ein Fürst Dosen und beide enthalten das
Bildnis des Gebers nicht des Empfängers Überhaupt Und so fort Aber ich
berufe mich auf dich selber ob du wohl bei deiner und unserer Delikatesse fähig
wärest von deinen heiligern HerzensGegenden vom innersten und heißesten
Afrika alles bekannt zu machen und Landkarten davon zu stechen Ein anderes
Bruder sind Spitzbübereien der Liebe bloße schlimme Streiche Wiegenfeste des
alten Adams alles dieses dergleichen wilde Fleisch am Herzen oder möcht ich
mit den Ärzten sprechen solche Extravasata oder mit den Kanonisten solche
Extravagantia kurz deine starken Ausschweifungen kannst du mir ob ich sie dir
gleich kaum zugetrauet hätte ohne Schaden entblössen Verliebte Liebe hingegen
bedenke dies wenigstens für künftige Fälle Denn der vortreffliche Mann dem du
etwa deine Flamme und deren Gegenstand bekanntgemacht weiß nicht recht da er
doch an deinen frohen Empfindungen den frohesten Anteil nehmen will wie er die
Person zu behandeln habe Ob ganz wie du Aber dann fehlte gar der Unterschied
und du knurrtest wohl am Ende Oder ob ganz matt und hochachtend Dann wirst
du gequält und gedrängt dass er dir mit seinen gipsernen Augen in deine
nassbrennenden sieht Der vortreffliche Mann schluckt jedes Wort zurück das
nicht wie ein WunderungsO über sie aussieht dieser schöne Selbstlauter der im
Munde ebensogut den Kreis als die Nulle nachspielt Ihr beide oder ihr drei
sitzt immer befangen nebeneinander Der Mann schämt sich vor dem Mann stets mehr
der Liebe als der Ehe denn in der Ehe finden ein paar Freunde schon eher etwas
zum Sympatisieren zB WechselJammern über ihre Weiber usw«
Walt schwieg legte sich ins Bett und in die Träume hinein und tat die Augen
zu um alles zu sehen was ihn beglückte
Nr 61 LabradorBlende von der Insel St Paul
Vults antikritische Bosheit die NeujahrsNacht
Auf die süßen Früchte und Rosen die sie an der Wetterseite ihres Lebens zogen
blies wieder ein raues Lüftchen nämlich Hr Merkel der ihren Roman mit wahrer
Verachtung zurückschickte den Waltischen Anteil noch erträglich den Vultischen
aber nicht nur abgeschmackt fand sondern gar dem Kuckuck Jean Paul
nachgesungen welcher selber schon ohne die KuckucksUhr der Nachahmung
langweilig genug klinge Dieses brachte den Flötenmeister dermaßen auf dass er
alle kritischen Blätter dieses SelbstRedakteurs durchlief und darin bloß nach
Ungerechtigkeiten Bosheiten Fehlschlüssen Fehlgriffen und Fehltritten so
lange nachjagte bis er ihm gerade so viele als man Delille in seinem homme aux
champs Wiederholungen53vorwarf zum zweiten Einrücken zufertigen konnte in einem
Briefe nämlich sechshundertunddreiundvierzig
Der ganze Brief war voll Ironie nämlich voll Lob Anfangs erwähnte Vult
achtend der Kritik im allgemeinen welche er eine nötige ZuchtäuslerArbeit
nennt da sie im Polieren des Marmors Schleifen der Brillen Raspeln der Färbe
hölzer und Hanfklopfen für Stricke bestehe machte glaublich dass insofern
Genies nur durch Genies Elefanten nur durch Elefanten zu bändigen und zu zähmen
wären ein kritischer Floh sich ganz tauglich dazu anstelle da er sich von
anderen Elefanten weder in der Gestalt noch unter einem Vergrösserungsglase in
der Größe unterscheide und noch den Vorzug habe sich leichter ins Ohr zu setzen
und überall zu stechen und zu hüpfen erklärte jedoch die gewöhnliche
Regelgeberei bei Männern wie zB Goethe für ebenso unnütz als eine
zurechtweisende Sonnenuhr auf der Sonne rückte nun Herrn Merkel nicht ohne
Bosheit näher indem er es erhob dass er gerade an großen Autoren die es am
ersten und stillsten vertrügen sich am meisten zeige durch kleine Ergiessungen
von Galle und Hirnwasser so wie man nirgends selten an kleine Privatäuser so
oft als an erhabene und öffentliche Gebäude wie Rats Opernhäuser und Kirchen
pisset Er wunderte sich dass das Publikum sich noch nicht die Qual und Arbeit
stark genug vorgestellt womit er ganz allein in den »FrauenzimmerBriefen« das
tote Musenpferd aus der Straße wegzuschleppen strebte eine Marter wovon ein
Wasenknecht zu sprechen wisse der mehrere Tage ganz allein weil jeder
Vorbeigehende sich zur Handreichung aus Vorurteil für zu ehrlich halte an einem
gefallenen Gaule abtrage nahm davon Gelegenheit dessen Stolz im vorteilhaften
Lichte zu erblicken da M allerdings über die ungeheuren Riesenschenkel und den
Riesentorax seines Schattens vergnügt erstaunen müsse den er auf die
MärkerFläche projektiere bei dem tiefen Stand der Morgensonne der neuen Zeit
Da aber Vult im Verfolge anfängt anzüglich zu werden ja verachtend so
hält sich der Verfasser durch kein Kabelsches Testament und durch keine
LabradorBlende von der Insel St Paul für das Kapitel verbunden den Rest hier
zu exzerpieren um so mehr da nicht einmal Merkel selber das ganze Schreiben
eingerückt oder beantwortet hat den ich hier öffentlich zu bezeugen auffordere
ob nicht der unterdrückte Rest noch unschicklichere Angriffe enthalten habe und
aus gleichen Gründen von ihm wie von mir unterschlagen worden ist
Darauf wurde der Roman an Hrn von Trattner in Wien geschickt weil man
dahin sagte Vult nur halb frankieren dürfe »Ich danke Gott sobald ich nur
hoffen kann« sagte Walt Die neue Arbeit wurde der alten mit beigelegt Der
Buchhändler blieb dabei dass er jede Woche nicht mehr als einen Korrektur Bogen
zuschickte und folglich dieses Erbamt des Korrektorats ungewöhnlich ausdehnte
Der Notarius beging jede Woche zwar nicht neue KorrektoratsFehler aber
unzählige nur über den Buchstaben W keine weil sein Wohl und Weh Wina damit
anfing
Totöde wäre das DoppelLeben der Brüder ausgefallen ohne die Liebe welche
den Baugefangenen der Not die höchsten Luftschlösser erbauen lässt welches so
viel ist als sie bewohnen Nichts erträgt die Jugend leichter als Armut so wie
das Alter nichts leichter als Reichtum denn irgendeine Liebe sie meine ein
Herz oder eine Wissenschaft erhellet ihre dunkle Gegenwart künstlich und
lässt sie im künstlichen Tage so freudig sein als sei es ein wahrer wie Vögel
vor dem Nachtlicht fortschlagen weil sie es für einen Tag ansehen
Vult war nun entschlossen in der NeujahrsNacht auf Winas Herz seine
feindliche Landung mit der Flöte in der Hand zu machen Hoffnungen hatt er
da aus Gemeinschaft der Arbeit leicht die des Herzens wird und aus dem Faktor
der Handelswitwe leicht ihr Mann genug »Wenn ein Paar durch das Ausführen
eines zweistimmigen Satzes nicht einstimmig werden so irr ich mich sehr«
sagt er Walt hingegen entwarf keinen andern Eroberungsplan als den Wina
verstohlen anzuschauen vor Freude zu weinen ja heranzurücken mit sich und
wenn Gott ihm Finsternis oder sonst Gelegenheit bescherte im Saus und Braus der
Wonne ihre Hand zu küssen und gewiss irgend etwas zu sagen Bis dahin sagte er
ihr noch mehr aber gedruckt auf Taffent und feinstem Papier
Da er nämlich durch seinen poetischen Anteil an der Hasslauer Zeitung das
Vertrauen des Herausgebers so sehr gewonnen hatte dass dieser von ihm die ganze
Lieferung gedichteter Neujahrswünsche eines beträchtlichen HandelsArtikels des
Mannes sich verschrieben so legte er in die Blätter die für Mädchen verkauft
wurden unzählige Phönix Paradiesvögelund Nachtigallen Eier zum Wünschen
nieder welche das Schicksal später ausbrüten sollte nämlich es gab mit anderen
Worten wenig Freudenkränze Freudenmonde Freudensonnen Freudenhimmel
Freudenewigkeiten welche er auf dem Taffent nicht den verschiedenen Mädchen
wünschte bloß in der Hoffnung dass unter so vielen Wünschen wenigstens einer
von so vielen Freundinnen Winas werde gekauft werden für diese »O wohl zehn«
sagt er So kam Weihnachten heran und ging vorüber ohne dass aus der Asche der
Kindheit die gewöhnlichen schillernden Phönixe aufstiegen da die
NeujahrsNacht ihnen zu nahe vorglänzte und diese brach endlich mit ihrer
AbendAurora an die noch dem alten Jahre gehörte
Noch abends beim Schimmer des Hesperus oder sonst eines Sterns verflucht es
Vult von neuem dass er nichts weiter hatte als die schönste Gelegenheit aber
kein Geld nachts den galantesten Mann von Welt bei den Jungfrauen zu spielen
»Ich wollte ich wäre wie schlechtere Musici mit dem Bettelorden der
Neujahrsfahrer umhergeschifft und hätte wenigstens mir soviel erbettelt um den
Reichen zu machen« sagt er Sobald Engelberta ihn auf 4 Uhr morgens in die
große gelbe Stube mit dem Bewussten bestellte so ging er nachts mit Walt
freudeglühend in das Weinhaus wo er als ein alter Hausfreund den Tag vorher es
kostete ihm bloß seine feinen BeinkleiderSchnallen ChampagnerWein ohne Kork
aufs Eis setzen lassen um wie er sagte die Ruinen ihres HundsLebens ein
wenig auszutapezieren
Walt nahm sich eine halbe Stunde Zeit um zu begreifen dass dem offenen
Weine kein Weingeist verrauchet sei Dann trank allen Nachrichten zufolge die
man hat jeder doch so dass beide einander als positive und negative Wolken
entladend entgegenbljetzten Walt mehr mit scherzhaften Einfällen Vult mit
ernsten In einer Blumenlese aus ihrem Gespräche würden die Farben so bunt
nebeneinander kommen als hier zur Probe folgt
»Der Mensch hat zum Guten im Leben so wenig Zeit als ein Perlenfischer zum
PerlenAufgreifen etwa zwei Minuten Manche Staatseinrichtungen zünden ein
Schadenfeuer an um die eingefrornen Wasserspritzen aufzutauen damit sie es
löschen Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf um oben auf dem
Eisberge zu sterben Jeder bleibt wenigstens in einer Sache wider Willen
Original in der Weise zu niesen Winckelmann verdient Suworows Ehrennamen
Italiskoi Heimlich glauben die meisten Gott existiere bloß damit sie
erschaffen wurden und die durch den Äther ausgestreckte WeltenPartie sei die
Erdzunge ihres DunstMeers oder ihre Erde sei die Himmelszunge Jeder ist dem
andern zugleich Sonne und Sonnenblume er wird gewendet und wendet
Viele Witzköpfe an einer Tafel heißt das nicht mehrere herrliche Weine in
ein Glas zusammengiessen
Kann eine Sonne mit andern Kugeln als WeltKugeln beschossen werden
Sterben heißt sich selber durch Schnarchen wecken«
Und so weiter denn im Verfolge war viel weniger Zusammenhang und mehr
Feuer So schlug endlich die Totenglocke des Jahrs und der unsichtbare Neumond
des neuen schrieb sich bald mit einer SilberLinie in den Himmel ein Als die
Gläser endlich geleert waren wie das Jahr so lustwandelten beide auf der Gasse
wo es so hell war wie am Tage Überall riefen sich Freunde die von
FreudenGelagen herkamen den NeujahrsGruß zu in welchem alle Morgenund
Abendgrüsse eingewickelt liegen Auf dem TurmGeländer sah man die Anbläser des
Jahrs mit ihren Trommeten recht deutlich Walt dachte sich in ihre Höhe hinauf
und in dieser kam es ihm vor als sehe er das Jahr wie eine ungeheure Wolke voll
wirbelnder Gestalten am Horizont heraufziehen und die Töne nannten die
Gestalten künftiger Stunden beim Namen Die Sterne standen als Morgensterne des
ewigen Morgens am Himmel der keinen Abend und Morgen kennt aber die Menschen
schaueten hinauf als gäb es droben ihren eiligen Wechsel und ihre Stundenund
ihre Totenglocken und den deutschen Januar
Unter diesen Gefühlen Gottwalts stand die Geliebte als ein Heiligenbild von
Sternen gekrönt und der HimmelsSchein zeigte ihre großen Augen heller und ihre
sanften Rosenlippen näher Nicht wie sonst stellte ihm das alte Jahr das an der
Geburt des neuen starb das Vergehen des Lebens dar die Liebe verwandelt alles
in Glanz Tränen und Gräber und vor ihr berührt das Leben wie die
niedergehende Sonne auf den nordischen Meeren am langen Tage nur mit dem Rande
die Untergangs Erde und steigt dann wieder morgendlich den Himmelsbogen hinauf
Beide Freunde gingen Arm in Arm endlich Hand in Hand in den Straßen umher
Walts kurze Lustigkeit war dem tieferen Fühlen gewichen Er sah sich oft um und
in Vults Gesicht hinein »So müssen wir bleiben in einem fort wie jetzt« sagt
er Geschwind drückte ihm Vult die Hand auf den Mund und sagte »Der Teufel
hörts« »Und Gott auch« versetzte Walt und fügte dann leise rosenrot und
abgewandt hinzu »In solchen Nächten solltest du auch einmal das Wort Geliebte
sprechen« »Wie« sagte Vult rot »dies wäre ja toll«
Nach langem Genuss des hellen Vorfestes sahen sie endlich Wina mit Engelberta
wie eine weiße BlumenKnospe in das Feuerhaus einschlüpfen Hoffend auf die
ausgearbeiteten Pläne seiner Liebeserklärung und so glücklich wie ein Astronom
dem sich der Himmel aufklärt ehe sich der Mond total verfinstert suchte Vult
jetzt die Ohren des Bruders in etwas vom Liebhaber Theater wegzustellen indem
er ihm vorhielt wenn er in einiger Ferne zB unten im Park zuhorchte würden
ihn die Töne viel feiner ergreifen »Guckst du mir über die Achsel so ists
soviel als schnaubest du selber mit ins Flötenloch hinein wobei wenig zu holen
ist und was überhaupt die Heldin des ganzen Musikfestes zu einem Lager das
zwei junge Männer vor ihrem eignen im Bette aufschlagen sagt braucht doch auch
Bedacht mein Walt« »Da es dir so lieb ist so wend ich nichts ein« sagte
dieser und ging in den kalten Garten wo der blendende Schnee so gut gestirnt
war als der tiefe Äther
Aber oben ging es wider Vults Vermuten doch nicht wider dessen Wunsch
Engelberta versicherte ihre Schwester würde da sie Flöte und Stimme so kenne
vom ersten Anklang erwachen und alles verderben »So muss die Musik in größter
Ferne anfangen und wachsend sich nähern« »Gut das geschieht im Park« sagte
Wina und eilte hinab Auf der Treppe hinter nahen Ohren nahm Vult eiligst alle
musikalische Abreden mit ihr damit er auf dem einsamern ParkWege nichts zu
machen brauchte als seine Eroberung Zu seinem Schrecken stand jetzt wie eine
stille Pulverschlange die bloß auf das Loszünden wartete der Notar auf der
Hauptstraße der mit seiner heitern Miene sich und andern versprach mitzugehen
und alles zu begleiten Wina gab ihm einen freudigen Morgen dann noch einen
NeujahrsGruß und die Frage »Geht nicht alles vortrefflich« »Sta Sta
Viator« sagte Vult und winkte ihm heftig rückwärts stillzuliegen was jener
nachdenkend vollzog »weil ich ja« dacht er »nicht weiß was er für Ursachen
dazu hat«
»Ein wahrer inniger Mensch und Dichter« begann Vult »Seine Gedichte sind
himmlisch« versetzte sie »Dennoch haben Sie uns beide als Verfasser
verwechselt« fragt er rasch weil ihm wie einem Ewigen und Seligen jetzt
nichts fehlte als Zeit »Ein solcher Irrtum verdient nicht die geringste
Verzeihung sondern Dank Eine andere aber richtigere Verwechslung denk ich
mir eher Wina sah ihn scharf an Denn ich und er haben ein paar gegenseitige
ZwillingsGeheimnisse des Lebens die ich niemand in der Welt entdecke außer
Ihnen denn ich vertraue Ihnen« »Ich wünsche nichts zu wissen was ihr Freund
nicht gern erlaubt« versetzte sie
Jetzt sprang er weil das EntdeckungsGespräch viel zu lange Wendungen nahm
und er vergeblich auf langsamere Schritte sann um ihr näher zu kommen
plötzlich vor eine Linde und las davon folgende Tafelschrift von Raphaelen ab
»Noch im Mondenschimmer tönen Bienen in den Blüten hier und saugen Honig auf du
schlummerst schon Freundin und ich ruh hier und denk an dich aber träumst
du wer dich liebt«
»Eilen wir nur« sagte sie »Wie köstlich ist ihr Auge wiederhergestellt«
»Ich nehme auch alles lieber von Amor an besonders die Giftpfeile als die
Binde ich sah Sie stets verehrte Wina wer dabei von uns beiden am meisten
gewinnt das weiß nicht ich sondern Sie« sagte er mit feiner Miene
»Schön« fuhr er fort »hat der Dichter in Ihren Gesang die Zeile eingewebt
träumst du wer dich liebt« Darauf drehte er sich halb gegen sie sang ihr
leise diese Zeile die er absichtlich zu diesem Gebrauche komponiert ins
treuherzige Angesicht und sein schwarzes Auge stand im langen Blitze der Liebe
Da sie schwieg und stärker eilte so nahm er ihre Hand die sie ihm ließ und
sagte »Wina Ihr schönes Herz errät mich Ihnen will ich anders ja wenns
nicht zu stolz ist ähnlicher erscheinen als der Menge Ich habe nichts als mein
Herz und mein Leben aber beides sei der Besten geweiht« »Dort Guter« sagte
sie leise zog ihn eiliger an die Stelle wo sie spielen wollten dann stand sie
still nahm auch seine andre Hand hob die Augen voll unendlicher Liebe zu ihm
empor und auf ihrem reinen Angesicht standen alle Gedanken klar wie helle
Tautropfen auf einer Blume »Guter Jüngling ich bin so aufrichtig als Sie bei
diesem heiligen Himmel über uns versichere ich Sie ich würd es Ihnen offen und
froh gestehen wenn ich Sie liebte in dem Sinne worin Sie es wahrscheinlich
meinen Wahrlich ich tät es kühn aus Liebe gegen Sie Schon jetzt schmerzen
Sie mich Sie haben meinen Morgen gestört und meine Raphaela wird mich nicht
froh genug finden«
Vult zog schon ehe sie die letzten Worte sagte die Flötenstücke heraus
setzte sie zusammen und gab nur einen Blick hinwerfend ein stummes Zeichen
anzufangen Sie begann mit erstickter Stimme eine kurze Zeit darauf mehr forte
aber bald ordentlich
Walt durchschnitt den Hauptgang unten hin und her um beiden nachzublicken
bis sie ihm ferne in den Mondschimmer wie zergingen Endlich hörte er den
wunderbaren GrußGesang an die Schlafende seine eigenen Worte aus der
DämmerFerne und sein Herz in eine fremde Brust versetzt wie es der armen
Schläferin droben an die selber er bisher gerade am wenigsten gedacht die
Worte sagt »Erwache froh geliebtes Herz« Er sah deshalb aufrichtig mit
Glückwünschen an ihr Fenster hinauf um sich zu entschuldigen und wünscht ihr
alles was Leben und Liebe Schönes zu reichen haben unter dem größten Bedauern
dass ihr Flitte gerade verreiset sein musste »Möchtest du dich doch gutes
Mädchen« dacht er »täglich für immer schöner halten wär es auch nicht ganz
wahr Und deine Mutter deine Wina müsse auch so denken um sich sehr an dir zu
freuen«
Auf einmal hört er Engelberta die ihm riet er möge wenn er sich warm
laufen wolle lieber ins Haus hinauf Da ihn nun diese Aufmerksamkeit eines
Zeugen störte so ging er ins nahe Rindenhaus wo er nichts sah als über sich
das nächtliche Himmelsblau mit dem hereinstrahlenden Monde und nichts hörte und
in sich hatte als die süßen Worte der fernen zarten Lippen Er sah hinter der
Rinde die schimmernde Wildnis des Himmels aufgetan und er jauchzete dass das
neue Jahr in seiner mit Sternen besetzten Morgenkleidung so groß und voll Gaben
vor ihn trat
Nun kam Wina die melodische Weckerin zum Wiegenfesttage immer näher mit
stärkeren Tönen Vult hinter ihr um die heißen Tränen des Unmuts die er neben
der Flöte nicht trocknen konnte niemand zu zeigen als der Nacht In der Nähe
gab ihr Engelberta auf das Schlafzimmer der Schwester und Walts RindenRotunda
winkende Zeichen welchen sie zu folgen glaubte wenn sie sich in die Rotunda
singend verbarg um da sich und ihr FrühlingsLied von der erwachenden Freundin
finden zu lassen
Sie fand den Notar mit dem Auge auf dem Monde mit dem Geiste in dem blauen
Äther ihre näheren Töne und Vults fernere hatten ihn berauscht und außer sich
und außer die Welt gesetzt Eigentlich versteht niemand als nur Gott unsere
Musik wir machen sie wie taubstumme Schüler von Heinicke Worte und vernehmen
selber die Sprache nicht die wir reden Wina musste fortsingen und die Anrede
durch ein englisches Anlächeln ersetzen
Da er gleichfalls nichts sagen durfte so lächelte er auch an und sehr und
schwamm vor ihr in Liebe und Wonne Als sie nun die schöne melodische Zeile
sang »Träumst du wer dich liebt« und sie so nahe an seiner Brust die
heimlichen Laute derselben nachsprach so sank er auf die Knie unwissend ob
zum Beten oder zum Lieben und sah auf zu ihr welche vom Mond wie eine
obenherabgekommene Madonna umkleidet wurde mit dem Nachglanze des Himmels Sie
legte sanft die rechte Hand auf sein weichlockiges Haupt er hob seine beiden
auf und drückte sie an seine Stirn die Berührung löste den sanften Geist in
Freudenfeuer auf wie eine weiche Blume in üppiger Sommernacht Blitze wirft
Freudentränen Freudenseufzer Sterne und Klänge Himmel und Erde zerrannen
ineinander zu einem Ätermeere er hielt ohne zu wissen wie ihre Linke an sein
pochendes Herz gedrückt und der nahe Gesang schien ihm wie einem Ohnmächtigen
aus weiten Fernen herzuwehen
Die Flöte stand ganz nahe das letzte Wort wurde gesungen Wina zog ihn
sanft von der Erde auf er glaubte noch immer es töne um ihn Da kam mit
freudigem Ungestüm Raphaela hineingestürzt an die Brust der Geberin des
schönsten Morgens Wina erschrak nicht aber Gottwalt sie gab der Freundin
eine ganze Freundin Sie sagte zu Gottwalt der nicht sprechen konnte »Wir
sehen uns abends wieder am Montage« »Bei Gott« antwortete er ohne das
Mittel zu kennen Jetzt trat Vult hinzu und empfing von Raphaela lauten Dank
und er verließ schweigend mit Walt den seltsamen Garten
Oben hing sich dieser warm an seinen Hals Vult nahm es für FreudenLohn
seiner Bemühung um Raphaelens Morgenfest und drückt ihn einmal an die Brust
»Lass mich reden Bruder« begann Walt »O lass mich schlafen Walt« versetzte er
»nur Schlaf her aber rechten tiefen dunkeln wo man von Finsternis in
Finsternis fällt O Bruder was ist recht derber Schlaf nicht für ein köstlicher
weiter Landsee für beidlebige Tiere zB einen Aal der matt vom schwülen Lande
kommt und der nun im Kühlen Dunkeln Weiten schwanken und schweben kann
Oder leugnest du so etwas und mehr« »Nun so gebe dir Gott doch Träume und
die seligsten die ein Schlaf nur haben kann« sagte Walt
Nr 62 Saustein
Einleitungen
Walt hatte nun in seinem mit Blumen ausgeschmückten Kopf nichts weiter als den
Montag an welchem er Wina sehen sollte ohne zu wissen wo Nach einigen Tagen
ließ ihm Raphaela durch Flora sagen die Redoute am Montage sei durch eine
Landestrauer verschoben Er stutzte das Mädchen an und sagte »Wie es war eine
Redoute« Als ihm Vult aber nachher auf die Achsel klopfte und anmerkte
wahrscheinlich habe ihn Engelberta dahin bestellt und lasse es fein genug durch
die Schwester sagen so ging ihm ein Licht ja ein Stern über Winas Montag auf
Seine Gehirnkammern wurden vier Maskensäle er schwur so lange sich abzukargen
und sollte er verhungern bis er so viel Geld zusammen hätte dass er zum
erstenmal in seinem Leben den Larventanz besuchen und mitmachen könnte »Hab
ich einmal eine Maske vor« dacht er »so tanz ich selig mit ihr oder führe
sie und frage wahrlich nichts danach wie alles aussieht« Wie sanft hätte es
ihn berührt und gewärmt wenn er seinen Zwillingsbruder an und in sein Herz und
Geheimnis hätte ziehen können Nur wars zu unmöglich Die Schmerzen hatten in
diesen harten Edelstein Winas Namen und Nein sehr tief geschnitten dies ertrug
er nicht sondern er wollte den Juwel selber abnutzen und abscheuern damit
nichts mehr daran zu lesen wäre nicht vor Liebe sondern vor Ehrliebe nicht
vor Sehnsucht sondern vor Rachsucht hätte er sterben oder töten können In
diesem Zustand war es jedem der kein Notarius war schwer mit ihm auszukommen
Vor allen Dingen missfiel ihm die Nähe und die Ferne er verfluchte Quartier und
Stadt jenes fein diese geradezu indem er sie eine Schaluppe zu Brants
Narrenschiff eine Loge zum hohen Licht voll ausgelöschter stinkender
Studierlampen ein Gebeinhaus von Geköpften ohne Schädelstätte eine
Tierresidenz mit Viehmarkt und Tiergärten feinen Käferkabinetten und einigen
Mäusetürmen nannte Ausdrücke wovon er viele in den Hoppelpoppel oder das Herz
hineinnahm Walt leitete die Ergiessungen auf die Stadt doch auf sich selber
nämlich als ob der Bruder sagen wollte »Deinetwegen sitz ich im Nest« »Ach
wärst du doch glücklicher Vult« sagte er einmal und nicht mehr »Was hast du
von mir gehört« sagte zornig Vult »Nun eben das vorige« versetzte er und nahm
ihm den Argwohn dass er um die Fehlschlagung seiner LiebesErklärung wüsste
Am schönen Halbzimmer mit der arkadischen Aussicht auf das gemalte
BühnenDörfchen verschliss jetzt aller vorige Glanz Vult donnerte als wäre
Walt an der Störung des Flötens und Schreibens schuld hinter der Wand wenn
draußen ein guter angehender Zwerg von Tambour bei leidlichem Wetter sich auf
der Trommel nach Vermögen übte und angriff oder wenn der näher wohnende
Fleischer von Zeit zu Zeit ein Schwein abstach das schrie wenn er blies
oder nachts wenn der Nachtwächter so abscheulich absang dass Vult mehrmals im
Mondschein ihm über den Park hinüber die stärksten Schimpf und Drohworte
zuschreien musste
Die milde Wärme des ewig liebenden Notars trieb und blähte seinen Sauerteig
nur mehr auf »auch ich wäre an seiner Stelle« sagte Vult »ein GottesLamm und
eine Madonna und ein JohannesSchossJünger wenn ich das hätte wofür er seine
Grazie hält«
Der Notar aber dachte bloß an den Larventanz und an die Mittel dazu »O
liebte nur mein Bruder irgendeine Geliebte wie leicht und selig wollten wir
sein Wir drückten dann alle uns an eine Brust und welche er auch liebte es
wäre meine Geliebte mit So ists leicht ihm alles zu vergeben wenn man sich
an seine trübe Stelle nur setzt«
Zufällig verflogen sich in ihre Zimmer Lose einer Kleiderlotterie Da nun
Walt aus der Sattel und Geschirrkammer der Masken manches brauchte und nichts
hatte und Vult gar noch weniger und doch beide in die Redoute begehrten so
nahm jeder ein Los um etwa eine Maske zu ziehen
Beide scharrten das Losgeld zusammen Vult unter vielem Fluchen auf ihre
Nichtshaberei und unter dem Beschwören es geh ihm so schlimm als den
Hinterbacken eines Gaules Überhaupt hielt er über jeden Mangel und Unfall
lange Schimpfreden gegen das Leben indem er sagte auf der VorhöllenFahrt sei
das Leben ein HemdeWechseln nämlich mit HärenHemden und zu jedem pis sage
das Schicksal bis und auf das KanonenFieber folge das LazarettFieber oder
indem er fragte ob nicht so das Gebiss den Zahnfrass bekommen müsste da es nichts
anderes anzubeissen habe wie Mühlsteine ohne Körner sich selber angreifen
Bald sagte er auch das Leben sei durch Eis gut darzustellen auf einem Eisfeld
habe man außer kalter Küche und Gefrornes noch seinen russischen Eispalast mit
einem guten Eiskeller für Kühltränke und von Eisvögeln umsungen drücke man
den Glacier ans Herz in der heissern Zeit eines Maifrosts »Ich kann dir nicht
sagen« sagt er unter dem Anziehen einmal »wie sehr ich wünschte es wäre bei
uns wie bei den Dahomets in OberGuinea wo niemand Strümpfe tragen darf als der
König und es wäre jetzt wie unter Karl dem VII von Frankreich wo im ganzen
Lande niemand zwei Hemden besaß als seine Gemahlin« »Warum« fragte Walt
»Ei dann könnten wir uns recht gut mit unserm Stand entschuldigen« versetzte
er
Durch diese Ergiessungen führte er eine Menge Verdruss ab nur aber dem Bruder
manchen zu weil sich dieser für die Quelle hielt »Armut« antwortete Walt
»ist die Mutter der Hoffnung gehe mit der schönen Tochter um so wirst du die
hässliche Mutter nicht sehen Aber ich will gern dein Simon von Cyrene sein der
dir das Kreuz tragen hilft« »Bis nämlich auf den Berg« versetzte jener »wo
man mich daran schlägt« Liebe kennt keine Armut weder eigne noch fremde
Endlich wurde die KleiderLotterie gezogen auf welche beide sich bloß durch
Länge der Zeit die größten Hoffnungen angewöhnt und weisgemacht hatten Die
Gewinste waren für Nr 515 Walt ein beinah vollständiger Anzug von
Schützischem Gichttaffent so dass er für jeden Gichtischen es mochte ihn
reißen in welchem Gliede es wollte brauchbar war Nr 11000 Vult gewann ein
erträgliches blaues FuhrmannsHemd In dieser Minute brachte der Postbote den
Hoppelpoppel wieder den sie an die Buchhandlung Peter Hammer in Köln mit vielen
aufrichtigen Lobsprüchen des Hrn Hammers ablaufen lassen nachdem vorher leider
das Mskr von Hrn von Trattner mit der kahlen Entschuldigung abgewiesen worden
er drucke selten etwas was nicht schon gedruckt sei auf dem Umschlag hatte
das löbl Kölnische Postamt bloß bemerkt es sei in ganz Köln keine Peter
Hammersche Buchhandlung dieses Namens zu erfragen und der Name sei nur
fingiert
Hätte Vult je die beste Veranlassung gehabt über die ewigen Erdstösse des
Lebens zu fluchen etwa zu fragen ob nicht alle Höllenflüsse für ihn aufgingen
und Eis und Flammen führten oder auch zu behaupten dass in ihr Schicksal
geradesogut Poesie zu malen sei als auf eine Heuschreckenwolke ein Regenbogen
hätte er je eine solche Gelegenheit gehabt so wäre es jetzt gewesen wenn er
nicht aus diesem Schlagregen wäre herausgekommen gar unter die Traufe eines
Wasserfalls Der Elsasser erschien aber er gehörte noch zum Regen Er dankte
beiden sehr für die GeburtstagsArbeiten noch regnete es darauf aber da er
mit seinem Auftrage von Raphaela herausrückte welche Walten einen vollständigen
Berghabit ihres Vaters den er zuweilen in seinem Bergwerkchen Gott in der Höh
sei Ehre trug für den Larventanz anbot als Flitte seine
GlückwünschungsMienen und Walt seine DanksagungsMienen spielen ließ dann
beide wieder die Mienen umtauschten und dies alles so wohlwollend
gegeneinander dass wenn der Notar nicht der ausgemachteste Spitzbube des festen
Landes war Raphaela durchaus noch die Geliebte des Elsassers sein musste so
fiel auf einmal der lange Nebel und Vult in die Traufe
»Gott verdamme er liebt Wina sagte Vult in sich und sie wohl ihn« Alle
seine wilden Geister brauseten nun wie Säuren auf doch fest zugedeckt
ausgenommen im Tagebuch »So falsch so heimlich so verdammt keck und wie toll
emporstrebend dacht ich mir doch den Narren nicht« sagte sein Selbstgespräch
»o recht gut Bei Gott ich weiß was ich tue hab ichs nur ganz gewiss
Aber auf dem Larventanz entlarv ich der Plan geht leicht darauf kommt der
Teufel und holt Erst recht klar will ich mich zum Beweise meiner Freundschaft
gegen ihn überzeugen lassen und zwar von ihr selber Himmel wenn der
Glückliche meinen refus in der dummen NeujahrsNacht erführe Ich tät ihm
viel an O lieber Vult so sei nur diesmal eben deswegen desto gezähmter und
stiller und bändige dein SprechZeug und Gesicht bloß bis morgen nachts«
Vults bisherige Fehlblicke entschuldigt leicht die Bemerkung dass dieselbe
Leichtigkeit womit man sich einbildet geliebt zu werden ja auch weismachen
müsse dass ein anderer geliebt werde Walt von Raphaelen Auch glaubte er als
Weiberkenner die Weiber so verschieden und folglich ihre Weisen die Liebe zu
bekennen noch mehr dass er nur eine Weise annahm worauf zu fussen sei welche
aber nicht darin bestehe dass die Frau etwa an den Hals oder an das Herz falle
sondern dass sie bloß einfach sage ich liebe dich »alles übrige« sagte er
»sagt dies ganz und gar nicht«
Um also sich das Wort der Ruhe zu halten und kalt und fest wie ein Hamilton
auf der heißen LavaRinde zu stehen auf welcher er fortrückte so sprach er
wovon er wollte und berichtete Flitten er und Walt duzten sich jetzt Er riet
sehr ernstaft dem Notar lieber im GichtTaffent eingescheidet auf dem Ball zu
erscheinen und als dieser sich in seinem und der Mittänzerin Namen ekelte vor
der Krankenhülle blieb jener dabei er sehe hierin nichts als eine
ungewöhnliche Maske die ganz unerwartet sei »Doch fahre meinetwegen in den
Berghabit ein und damit in den goldhaltigen Lustschacht aber mein
FuhrmannsHemd wirf wenigstens über das Aleder« sagte Vult »Wenn in der
Redoute« versetzte Walt »sich das Leben und alle Stände untereinander und
aneinander mischen so mögen zwei sich wohl an einem Menschen finden und einen«
»Verzeih nur das ganz gewöhnliche Bergwort« sagte Vult für welchen es keine
größere Freude gab als Walten ins verlegne Gesicht zu schauen wenn er von Culs
de Paris sprach welche er anus cerebri Lutetiae nannte so heißt der Anfang der
vierten Gehirnkammer nie ein anderes Wort zur Übersetzung erlas als das
gedachte so sehr auch schon dem schwachen Kenner der deutschen Sprache der
größte Reichtum zum Wechsel vorliegt
»Er kann nämlich« wandt er sich zu Flitten »das bekannte Wort A nicht
leiden ich bin hierin fast mehr frei wie irgendein Pariser oder Elsasser
Überhaupt Hr Flitte seh ich doch nicht warum die Menschen so viel Umstände
machen Sachen auf die Zunge zu bringen zu welchen Gott selber mit seiner sagen
musste werdet Zur Sünde sagte ers gewiss nicht Kannst du denn überhaupt je
vergessen Hr Notar mehr frag ich nicht wenn du an der größten Hoftafel
Europens speisest die es geben soll dass hinter den feinsten Ordensbändern doch
Splanchnologien liegen wovon jeder die seinige unter die zierlichsten Menschen
mitbringt und sich damit vor den heiligsten Herzen weil er die Splanchnologie
nicht wie seinen Mantel dem Bedienten geben kann verbeugt Wenigstens ist dies
immer meine Entschuldigung wenn er mich scharf vornimmt weil ich die Feder an
der innern unsichtbaren ÜberrocksKlappe abstreife indem er immer einwirft die
abgewandte Fläche sehe doch wenigstens der Geist worauf ich ihm wie gesagt
den Nabel der Menschheit entgegenhalte Doch Scherz beiseite Reden wir lieber
von Liebe die auf dem LarvenBall gewiss nicht fehlen wird Ewige glaub ich
dauert lange und länger als man glaubt denn ich wüsste nicht warum ein
Liebhaber die seinige beschwüre wenn er nicht damit verspräche sein Herz so
lange brennen zu lassen als das Steinkohlenbergwerk bei Zwickau das es nun ein
Säkulum durch tut« »Vive lamour« sagte Flitte
Vult erzählte jetzt Jakobine die Schauspielerin sei angekommen »Sie wird
auf dem Balle auch ihre Rolle spielen spiele du weder den ersten noch den
letzten Liebhaber Walt Es ist Teufelsvolk die Weiber scheinen sie schlimm
so sind sie es auch scheinen sie es nicht so sind sie es doch Indes zieh ich
alle Jakobinen allen Prüden vor welche ihre himmelblauen Netze durch den Äther
aufspannen« Walt fragte wie es denn eine arme Schöne machen solle wenn Schein
und Sein nichts hälfen Allerdings ist eine gewisse Zurückziehung ein Netz aber
eines um einen Kirschbaum voll süßer Früchte nicht um die Sperlinge zu fangen
sondern um sie abzuhalten Aber Vults Zunge schonte ungleich dem Löwen jetzt
keine Frau
Walt trug mit stillem Beklagen des verarmten Bruders alles ganz gern Vor
Vult hatte sich die Lebensseite in die Nachtseite gekehrt darum musste er im
Schatten kalt sein und wie andere Gewächse GiftLüfte ausatmen Hingegen der
Liebe wendet sich die Himmelskugel wie auch die irdische Welt sich drehe stets
mit aufgehenden Sternen zu Wie ein Schiffer auf einem windstillen Meer sieht
sie ohne alle Erde Himmel über Himmel unter sich offen und das Wasser das sie
trägt ist bloß der dunklere Himmel
Als Vult mit Flitte freundlich fortging dachte Walt »Ich mach ihm ja
immer friedlicher sogar mit dem Elsasser scheint er sich auszusöhnen«
Nr 63 TitanSchörl
LarvenTanz
»Nachts werden wir uns sehen« sagte Vult zu Walt am Morgen der Redoute und
ging mit diesem Vorgrusse wie mit dem Entschleiern eines Schleiers davon In der
Einsamkeit brannte dem Notar der Tag zu hell für die schöne Nacht woraus und
wozu dieser Tag bestand Unter dem Essen sehnte er sich nach dem Bruder dessen
leeres Gehäuse noch leerer wurde weil er ihn abends antreffen sollte ohne doch
zu wissen in welcher Gestalt
Walt ging in eine LarvenBude und suchte lange nach einer Larve welche
einen Apollo oder Jupiter darstellte er begreife nicht sagte er warum man
fast nur hässliche vorstecke Da Vult ihm geraten erst um 11 Uhr in den vollen
Saal zu kommen so holte er im gemächlichen Anputzen sich aus jedem
Kleidungsstück wie aus Blumenkelchen feinen TraumHonig Das Ankleiden gerade
in der Zeit des Auskleidens und das allgemeine späte Wachen und Lärmen der Stadt
sowie des Hauses färbte ihm die Nachtwelt mit romantischem Scheine besonders
der Punkt dass er eine Rolle in diesem großen Fastnachtsspiele hatte Wie anders
klingt das Rollen der Wagen wenn man weiß man kommt ihnen nach als wenn man
es hört mit der Nachtmütze vor dem BettBrett stehend
Da er aus dem Stübchen trat bat er Gott dass er es froh wieder finden möge
es war ihm wie einem ruhmdurstigen Helden der in seine erste Schlacht auszieht
Mit häuslichem Gefühle in der Doppelmaske des Bergknappen und Fuhrmanns
gleichsam zu Hause zu sein und nur wie aus zwei Mansardenfenstern zu gucken
trug er sich wie eine Sänfte über die Gasse und konnte es kaum glauben dass er
so herrlich ungesehen und zweigehäusig mit allen SeelenRädern überall
vorbeigehe wie eine Uhr in einer Tasche Durch einen Irrweg der sein Leben
verfolgte trat er zuerst in das Punschzimmer ein das er für den Tanzsaal
hielt worin Musik aus schicklicher Ferne schöngedämpft eindringe Ihn wunderte
nichts so sehr als dass er seine Bergkappe einfahrend in die schimmernde
Baumannshöhle voll Figuren nicht abzog Als er sich kühn aus der Maske mit den
Augen ans Fenster legte fand er umhersehend nicht ohne Verwunderung viele
nackte Angesichter mit der abgeschundenen Maske in der einen Hand in der
andern mit einem Glas Das allgemeine Schöpfen aus dem Gesundbrunnen oder
Ordensbecher rechnete er zu den Ballgesetzen und verlangte sogleich sein Glas
und darauf weil eine Admiralsmaske sein Flügelmann und Muster war noch
eines Wina sah er nicht auch keinen Schein von Vult Eine Ritterin vom Orden
der Sklavinnen der Tugend ging gewandt umher und sah ihm sehr in die Augenhöhlen
hinein Endlich fasste sie seine Hand machte sie auf und zeichnete ein H darein
da er aber von dieser Fern oder Naheschreibekunst nichts wusste drückte er ihre
Hand mäßig anstatt solche zu beschreiben
Endlich geriet er da er das hereinströmende Nebenzimmer prüfen wollte in
den wahren schallenden brennenden Saal voll wallender Gestalten und Hüte im
Zauberrauch hinaus Welch ein gebärender NordscheinHimmel voll
widereinanderfahrender zickzackiger Gestalten Er wurde dichterisch erhoben da
er wie bei einer auferstehenden Erdkugel am Jüngsten Tage Wilde alte Ritter
Geistliche Göttinnen Mohren Juden Nonnen Tiroler und Soldaten durcheinander
sah Er folgte lange einem Juden nach der mit herausgeschnittenen
Schuldforderungen aus dem ReichsAnzeiger behangen war und las ihn durch
dergleichen einen andern welcher die Warnungstafeln des fürstlichen Gartens an
passende Gliedmaßen verteilt umhatte Von einer ungeheuren Perücke voll
Papilloten welche der Träger abwickelte und austeilte nahm er auch seine an
und fand nichts darin als einen gemeinen Lobspruch auf seine bezaubernden Augen
Am meisten zog ihn und seine Bewunderung ein herumrutschender Riesenstiefel
an der sich selber anhatte und trug bis ein altväterischer Schulmeister mit
dem Bakel ihn so kopfschüttelnd ernst und zurechtweisend ansah dass er ganz irre
wurde und sich selber an sich und an seinem FuhrmannsHemde nach einem Verstosse
umsah Als der Schulmann dieses merkte winkte und rügte er noch heftiger bis
der Notar der ihm erschrocken in die dräuenden Augen geblickt sich in die
Menge einsteckte Es war ihm etwas Fürchterliches in die dunkle unbekannte
Augenhöhle wie in die offene Mündung eines Geschosses hineinzuschauen und
lebendige Blicke eines Unbekannten zu empfangen
Noch hatte er weder Vult noch Wina gesehen und ihm wurde am Ende bange ob
er auch in diesem Meere sie wie Perlen oder Inseln finde
Auf einmal stellte sich eine Jungfrau mit einem Blumenkranz auf dem Kopfe
vor ihn aus dem Munde der Maske hing ein Zettel des Inhalts »Ich bin die
personifizierte Hoffnung oder Spes die mit einem Blumenkranz auf dem Kopfe und
einer Lilie in der rechten Hand abgebildet wird mit dem linken Arm stützt sie
sich auf einen Anker oder eine starke Säule S Damms Mythologie neue Auflage
von Levezow § 454« Walt der anfangs in jeder Sache mit den dümmsten Gedanken
geplagt war wollte innerlich auf Wina raten wäre die Gestalt nur feiner und
weniger groß gewesen Die Hoffnung drehte sich schnell um eine verlarvte
Schäferin kam und eine einfache Nonne mit einer Halbmaske und einem duftenden
Aurikelstrauss Die Schäferin nahm seine Hand und schrieb ein H hinein er
drückte die ihrige nach seiner Gewohnheit und schüttelte den Kopf weil er
glaubte sie habe sich mit einem H unterzeichnen wollen Plötzlich sah er die
Halbmaske nämlich das Halbgesicht der Nonne recht an an der feinen aber
kecken Linie der Rosenlippen und am Kinn voll Entschiedenheit erkannt er
plötzlich Wina welche bloß aus dem Dunkel mit sanften AugenSternen blickte Er
war mit der Hand schon auf dem Wege nach der Bergkappe bis er sie nahe daran
wieder in Maskenfreiheit setzte »O wie selig« sagt er leise »Und Sie sind
die Mademoiselle Raphaela« Beide nickten »O was begehrt man denn noch in
solcher geistertrunkenen Zeit wenn man sich verhüllt wie Geister ohne Körper
in elysischen Feldern wiedererkennt«
Ein Läufer tanzte daher und nahm Raphaela zum Tanzen davon »Glück auf Hr
Bergknappe« sagt er entfliegend dass Walt den Elsasser erkannte Jetzt stand
er eine Sekunde allein neben der ruhigen Jungfrau die Menge war einen
Augenblick lang seine Maske Neu reizend drang aus der HalbLarve wie aus der
Blütenscheide einer gesenkten Knospe die halbe Rose und Lilie ihres Gesichts
hervor Wie ausländische Geister aus zwei fernen Weltabenden sahen sie
einander hinter den dunklen Larven an gleichsam die Sterne in einer
Sonnenfinsternis und jede Seele sah die andre weit entfernt und wollte darum
deutlicher sein
Da aber Walt in dieser Stellung Miene machte als wollte er einige Jubiläen
dieser schönen Minuten feiern und erleben so fragte ihn Wina als Spes
forschend die Sklavin der Tugend vorüberführte ob er nie tanzte Sogleich wurde
er in den Tanz Sturm geweht und half wehen indem er tanzte wie die Römer bei
welchen nach Böttiger das mimische Tanzen in nichts bestand als in Bewegung der
Hände und Arme Mit den Füßen ging er feurig den Walzer bis zum Rastzeichen der
Waage wo der fliegende Schwarm hintereinander sich anlegte als StandHerde
Indes glaubt er er flöge hinter einem mit Sommervögeln fliegenden Sommer Wie
ein Jüngling die Hand eines berühmten großen Schriftstellers zum ersten Male
berührt so berührte er leise wie Schmetterlingsflügel wie AurikelnPuder
Winas Rücken und begab sich in die möglichste Entfernung um ihr lebenatmendes
Gesicht anzuschauen Gibt es einen ErnteTanz der die Ernte ist gibt es ein
Feuerrad der liebenden Entzückung Walt der Fuhrmann hatte beide Da er aber
keinen Fuß bewegen konnte ohne die Zunge so war der Tanzsaal nur sein größerer
Rednerstuhl und er schilderte ihr unter dem Tanz wie da sogar der Körper Musik
werde wie der Mensch fliege und das Leben stehe wie zwei Seelen die Menge
verlieren und einsam wie Himmelskörper in einem Äterraum um sich und um die
Regel kreisen wie nur Seelen tanzen sollten die sich lieben um in diesem
KunstSchein harmonischer Bewegung die geistige abzuspiegeln Als sie standen
und er die Redoute mit ihrem tanzenden Sturmlaufen übersah so sagte er »Wie
erhaben sehen die Mäntel und großen Hüte der Männer aus gleichsam die
Felsenpartie neben der weiblichen Gartenpartie Ein Ball en masque ist
vielleicht das Höchste was der spielenden Poesie das Leben nachzuspielen
vermag Wie vor dem Dichter alle Stände und Zeiten gleich sind und alles Äußere
nur Kleid ist alles Innere aber Lust und Klang so dichten hier die Menschen
sich selber und das Leben nach die älteste Tracht und Sitte wandelt
auferstanden neben junger der fernste Wilde der feinste wie der roheste
Stand das spottende Zerrbild alles was sich sonst nie berührt selber die
verschiedenen Jahreszeiten und Religionen alles Feindliche und Freundliche wird
in einen leichten frohen Kreis gerundet und der Kreis wird herrlich wie nach
dem Silbenmass bewegt nämlich in der Musik diesem Lande der Seelen wie die
Masken das Land der Körper sind Nur ein Wesen steht ernst unbedeckt und
unverlarvt dort und regelt das heitere Spiel« Er meinte den Redoutenmeister
den er mit einem nackten kleinen Gesicht und Kopfe in einem Mantel ziemlich
verdrießlich achtgeben sah
Wina antwortete leise und eilig »Ihre Ansicht ist selber Dichtkunst So mag
wohl einem höheren Wesen die Geschichte des Menschengeschlechts nur als eine
längere BallVerkleidung erscheinen« »Wir sind ein Feuerwerk« versetzte Walt
schnell »das ein mächtiger Geist in verschiedenen Figuren abbrennt« und fuhr
in seinen eckigen Walzer hinein Je länger er ging bis er stand je mächtiger
pries er die Frühlinge die im Tanzflug ihm duftend begegneten »O dürfte ich
mich heute für die schönste Seele opfern dann wär ich die glücklichste« sagt
er Die Hoffnung Spes stand ihm überall zur Seite wenn er sprach Die Nonne
Wina eine sanfte Taube noch dazu mit dem Ölblatt im Munde bemerkte gar nicht
dass er ungestüm spreche und schien sich aus Kühnheit über Missdeutung fast so
leicht wegzusetzen als er aus Unwissenheit
Heute erschien sie ihm ganz vollendet wiewohl er bisher jedes letztemal
geglaubt hatte er überschaue ihren ganzen weiten Wert wie der Mond schon
vorher eh er mit vollem Lichte über uns hängt uns als eine vollendete Scheibe
aufzugehen scheint
Nach dem Ende des deutschen Tanzes ersuchte er sie da ihm ihre Nachsicht
allmählich zu einer Ehrenpforte seiner Kunst aufwuchs gar um einen englischen
bloß damit er recht oft ihre Hand fassen und recht lange den guten Lippen und
Augen gegenüberstehen könnte ohne aufspringen zu müssen Sie sagte leise »Ja«
Noch leiser hört er seinen Namen hinter ihm stand Spes und sagte »Gehe
gleich durch die große Saaltüre und siehe links draußen umher« Es war Vult
Erfreuet fand er unter Unbekannten seinen lieben Bekannten wieder den er auf
seiner elysischen Insel herumführen konnte Er ging hinaus Spes ins fünfte
Kabinett draußen winkte sie ihm aus einer Türe hinein Walt wollte den Bruder
umarmen aber dieser fuhr nach beiden Türschlössern »Bedenke das Geschlecht
unserer Masken« und schloss zu Er warf seine Larve weg und eine seltsame heiße
WüstenDürre oder trockne Fieberhitze brach durch seine Mienen und Worte »Wenn
du je Liebe für deinen Bruder getragen« begann er mit trockner Stimme und nahm
den Kranz ab und löste das Weiberkleid auf »wenn dir die Erfüllung eines
innigsten Wunsches desselben etwas gilt dessen Wichtigkeit du 24 Stunden später
erfährst und ist es dir unter deinen Freuden nicht gleichgültig ob er die
kleinsten oder größten haben soll kurz wenn du eine seiner flehentlichsten
Bitten erhören willst so ziehe dich aus dies ist die halbe ziehe dich an und
sei die Hoffnung ich der Fuhrmann dies die ganze«
»Lieber Bruder« antwortete Walt erschrocken und ließ den im langen Erwarten
geschöpften Atem los »darauf kann ich dir wie sich von selbst versteht nur
zur Antwort geben mit Freuden«
»So mache nur schnell« versetzte Vult ohne zu danken Walt setzte hinzu
sein feierlicher Ton erschrecke ihn beinahe auch fass er den Zweck des
Umtauschs wenig Vult sagte morgen werd alles heiter entwickelt und er selber
sei gar nicht verdrießlich sondern eher zu spassend Unter dem wechselseitigen
Entpuppen und Verpuppen fiel Walt auf den Skrupel ob er aber als Maskendame mit
Wina einer Dame den versprochenen Englischen tanzen könne »O ich freue mich
so sehr darauf« sagte er dem Bruder »unter uns es ist die allererste
Angloise die ich in meinem Leben tanze aber auf mein heutiges Glück und auf
die Maske muss ich ein wenig rechnen« Da schossen auf Vults dürrem Gesicht
lebendige Mienen auf »Himmel Hölle« sagte er »ebensoleicht nach dem Takte
will ich niesen oder die Arme zurückstrecken und meine Flûte traversiere hinten
anlegen als was du vorhast nachtun Deine Walzer bisher nimm nicht die
Nachricht übel liefen als gute mimische Nachahmungen teils waagrechte des
Fuhr teils steilrechte des Bergmanus im Saale durch aber einen Englischen
Freund und welchen Ein teuflischer nicht einmal ein irländischer wirds Und
erwägst du deine Mittänzerin die ja schamrot und leichenblass wird einsinken als
eine Ritterin von trauriger Gestalt als deine leidtragende Kreuzträgerin
sobald du nur stockst plumpst drunterfährst als Schwanzstern Aber dies ist
nun alles so herrlich zu schlichten als ich eben will Der Pöbel soll nun eben
sehen dass der Fuhrmann sich entlarven und aus dem Tanz Ernst machen kann Denn
ich tanze in deiner Maske die Angloise Sogar in Polen galt ich für einen
Tänzer geschweige hier wo nichts von Polen tanzt als der Bär«
Walt blieb einige Minuten still dann sagte er »Die Dame wovon ich meinte
ist Wina Zablocki der ich die Mühe bisher gemacht haben soll Aber da sie
meiner Maske den Tanz versprochen wie willst du mich und den Wechsel
entschuldigen bei ihr« »O dies ist eben unser Triumph sagte Vult aber du
sollst nicht eher erraten wie ich es mache als morgen« Darauf entdeckte er
ihm er habe heute im Pharao so viel gewonnen dass er durchaus ein Goldstück als
Stückwerk zum Zerstücken von ihm annehmen müsse wäre es auch nur damit er
unter den Zuschauern etwas zu tun habe im Magenzimmer dabei empfahl er ihm
sich als Spes mit keiner weiblichen Maske einzulassen da aus einer guten
Hoffnung leicht die andere werde
Walts Abendstern trat allmählich wieder ins Vollicht und als er Vulten die
Halbbüste anlegte und ihm ins sehr ernste Gesicht und Auge sah so sagte er
heiß »Sei froher Freuden sind Menschenflügel ja Engelsschwingen Ich bin nur
heute zu sehr von allem berauscht als dass ich dir meinen Wunsch fein genug
ausdrücken könnte wie du noch mehr lieben solltest als mich«
»Liebe« versetzte Vult »ist um in deiner Flötensprache zu reden ewig ein
Schmerz entweder ein süßer oder ein bitterer immer eine Nacht worin kein
Stern aufgeht ohne dass einer hinter meinem Rücken untertaucht Freundschaft
ist ein Tag wo nichts untergeht als einmal die Sonne und dann ists schwarz
und der Teufel erscheint
Aber ernstaft zu sprechen die Liebe ist ein Paradies und Spassvogel ein
Phönixvogel voll weicher Asche ohne Sonne ist zwar weiblichen Geschlechts hat
aber wie die Ziege Hörner und Bart so wie wieder deren Ehemann wahre Milch
hat54 Es ist beinahe einerlei was einer über die Liebe sagt oder einwirft
denn alles ist wahr zu gleicher Zeit Hiermit setze ich dir den Blusenkranz
auf und verkleide dich in das was du hast die Spes Gehe aber durch meine
Türe in den Saal wie ich durch deine sieh zu schweige still und trinke fort«
Walten kams beim Eintritt vor als sehe jeder ihm den Larventausch an und
kundschafte seinen Kern hinter der zweiten Hülse leichter aus als hinter der
ersten Einige Weiber merkten dass Hoffnung hinter den Blumen jetzt blonde Haare
statt der vorigen schwarzen trage maßen es aber der Perücke bei Auch Walts
Schritt war kleiner und weiblicher wie sichs für Hoffnungen geziemt
Aber bald vergaß er sich und Saal und alles da der Fuhrmann Vult ohne
Umstände Wina die jeder kannte an die regierende Spitze des englischen Tanzes
stellte und nun zum Erstaunen der Tänzerin mit ihr einen Tanzabriss künstlich
entwarf und wie einige Maler gleichsam mit dem Fuße malte nur mit größeren
Dekorationsstrichen Wina erstaunte weil sie den Fuhrmann Walt vor sich zu
haben glaubte dessen Stimme und Stimmung Vult wider Walts Voraussetzung hinter
der Larve wahrhaft nachspielte damit er nicht etwa als Lügner befunden werde
der sich für den Notarius nur ausgebe
Spät am Ende des Tanzes ließ Vult im eiligen Händereichen im Kreuzen im
fliegenden Auf und Ableiten sich immer mehrere polnische Laute entwischen nur
Hauche der Sprache nur irre aufs Meer verwehte Schmetterlinge einer fernen
Insel Wie ein seltener Lerchengesang im Nachsommer klang Winen diese Sprache
herab Freudenfeuer brannten hinter ihrer halben Larve Wie sie aus der
einsilbigen Angloise in den sprachfähigen Walzer sich hinübersehnte weil sie
ihm ihr Erstaunen und Erfreuen gern anders als mit frohen Blicken sagen wollte
sahen seine die keine frohen waren
Es geschah Aber das zuwehende Lob seiner so lange bedeckten Talente
blätterte wieder eines auf seine Bescheidenheit Er habe sagte er von sich in
den besten Polonismen so wenig Welt so viel Einfalt wie wenig andere Notarien
und heiße mit Recht Gottwalt nämlich Gott walte Doch sein Herz sei warm seine
Seele rein sein Leben leise dichtend und er nehme wie er vorhin im ersten
Walzer gesagt den Larventanz im Erdensaal gern und froh vom Länderer und
Schäferballett an bis zum Waffen und Totentanz
Da jetzt der zweite Teil der Musik in jene sehnsüchtige Überfülle wie in
tiefe Wogen einsank welche gewaltsamer als alle Adagios den innersten Boden
der Sehnsucht heiß aus tiefem Meer aufhebt und da die Menschen und die Lichter
flogen und wirbelten und das weite Klingen und Rauschen die Verhüllten wieder
in sich selber einhüllte so sagte Vult im Fluge aber polnisch »Mit
grossblätterigen Blumengewinden rauscht die Lust um uns Warum bin ich der
einzige hier der unaufhörlich stirbt weil er keinen Himmel und keine Erde hat
Nonne denn du bist mir beides Ich will alles sagen ich bin begeistert zur
Pein wie zur Lust willst du einen Gottverlassnen aus einem Gottwalt machen O
gib ein Zeichen aber eines Worts Nur der Zunge glaube ich mein Hochgericht
sie sei mein Schwert wenn sie sich bewegt Nonne«
»Gottwalt« sagte Wina erschüttert und schwerer als er dem Tanze folgend
»wie könnte eine Menschenzunge dies sein Aber dürfen Sie mich so quälen und
sich« »Nonne« fuhr er fort »der Laut sei mein Schwert« »Harter«
antwortete sie mit leiser Stimme »Sie foltern härter zum Schweigen als andere
zum Reden«
Jetzt hatt er alles nämlich ihr LiebesJa für seinen Scheinmenschen oder
Rollenwalt und lachte den wahren aus der als Rolle und als Wahrheit noch bloße
Hoffnung sei und habe allein sein erzürntes Gemüt bequemte sich nun zu keinem
Schattendank sondern hartstumm tanzte er aus und verschwand plötzlich aus dem
fortjauchzenden Kreise
Lange hatte sich Spes mit lauter Segnungen einer Doppelwonne in der Nähe
gehalten und sich und Wina zum besten Tänzer Glück gewünscht und in der
Meinung ihr sei gesagt was ihn abbilde hatte er ihre himmelsvollen Blicke
ganz auf sich bezogen Zum Unglück schöpfte er eben im Trinkzimmer als der
langweilige englische Tanz ausging auf dessen Ende er seine Anreden verschoben
Vult schwebte eben in der tanzenden Liebeserklärung und Spes stand mit dem
Blumenkranze auf dem Kopfe und dem Flatterzettel der Inschrift am Kinne
leerharrend da und musste dem langen Walzer zusehen Kurz vorher ehe dieser
schnell abbrach kam die Sklavin der Tugend und zog Spesen in ein Nebenzimmer
Hundert der seltensten Ereignisse hoffte Spes »So kennen Sie mich nicht mehr«
fragte die Maske »Kennen Sie mich denn« fragte Spes
»Machen Sie nur einen Moment die Augen zu so bind ich ihre Maske ab und
meine dazu« sagte sie Er tats Sie küsste ihn schnell auf den Mund und sagte
»Sie habe ich ja schon wo gesehen« Es war Jakobine In diesem Augenblick trat
der General Zablocki durch eine zweite Tür hinein »Ei Jakobine schon wieder
bei der Hoffnung« sagte er und ging zurück »Was meinte er damit« sagte sie
Aber Walt lief erschrocken und halb nackt in den Saal und befestigte darin mit
einiger Mühe die verschobene Maske wieder vor den bekränzten Kopf
Wina und Vult waren nicht mehr zu finden nach langem Suchen und Hoffen
musste er ohne Umtausch als Hoffnung nach Hause gehen So schloss der Larventanz
voll willkürlicher Verhüllungen endlich mit unwillkürlichen von größerer
Schwere
Nr 64 Mondmilch vom Pilatusberg
Brief Nachtwandler Traum
Vult war sobald er Walts überkühne Liebe gegen Wina und deren Begünstigung
sowie seine eigne Niederlage sich recht nah vor die eignen Augen gehoben hatte
nach Hause geeilt mit einer Brust worin die wilden Wasser aller Leidenschaften
brausten um sogleich an Walt so zu schreiben
»Nur die Lächerlichkeit fehlte noch wenn ich Dirs lange verdächte dass Dein
sogenanntes Herz nun auch endlich den Herzpolypen den ihr Liebe nennt in sich
angesetzt wenngleich manches dabei so wenig das Beste ist als Dein künstliches
Verstecken vor mir Das aber nimmst Du mir jetzt nicht übel dass ich zum Teufel
gehe und Dich allein Deinem Engel ablasse da der Liebe die Freundschaft so
entbehrlich und unähnlich ist als dem Rosenöl der Rosenessig Halte denn Deinen
geistigen Schar und sonstigen Bock aus bis Du auf grünes Land aussteigst und
auf der Stelle genesest die schwerlich auf der Freundschaftsinsel ist Himmel
zu was waren wir denn beide überhaupt beisammen und ritten wie alte Ritter auf
einem Trauerund FolterPferd equuleus oder Folteresel Etwa dazu dass ich
auf dem Wege und zum Besten Deiner Erbschaft Dich und Dein Pferd lenkte und
hielte und keinen von Euch steigen oder fallen ließ Nun die sieben Erben
wissen ob ich ihnen geschadet Überhaupt was sind denn die irrenden Menschen
anders als Himmelskörper auf Erden bei deren täglichen und jährlichen
Aberrationen und Nutationen man nichts machen kann als bloß den guten Zach
dabei nämlich die Zachischen Tafeln davon Ebenso hättest Du Dich auch sonst
hintergangen wenn Du Dir geschmeichelt hättest ich würde Dich sonderlich
ausbilden und ausprägen mit meinem Münzkopf Ich lasse Dich wie Du warst und
gehe wie ich kam Auch Du hast mich nicht merklich umgemünzt so dass ich leicht
schließe Du bist der so wahren Meinung es sei im Geisterreich so wie im
Körperreich man trage das Fuhrmannshemde sowohl auf Redouten als auf Chausseen
das Spurfahren verderblich
Morgen bin ich in die freie Welt hinausgezogen Der nahe Frühling ruft mich
schon ins weite helle Leben Spielgeld das meine Schulden bezahlt liegt bei
und somit guten Tag Fällt und klagt mich jemand an Bruder so verficht mich
nicht wahrlich sobald man mich hasst so frag ich wenig danach ob man mich
um drei Stufen stärker hasse oder nicht und wie viele Menschen verdienen es
denn überhaupt dass man sich von ihnen lieben lässt Mich ausgenommen nicht
zwei und kaum
Wir beide waren uns einander ganz aufgetan sowie zugetan ohnehin uns so
durchsichtig wie eine Glastür aber Bruder vergebens schreibe ich außen ans
Glas meinen Charakter mit leserlichen Charakteren Du kannst doch innen weil
sie umgekehrt erscheinen nichts lesen und sehen als das Umgekehrte Und so
bekommt die ganze Welt fast immer sehr lesbare aber umgekehrte Schrift zu
lesen
Wozu sollen wir denn miteinander und voneinander Plagen haben Du als
liebender Dichter als dichtender Liebhaber hältst Deine künftigen so leicht
aus als ein Vogel das Erdbeben und ich meine so leicht als eine
Winterlandschaft den Hagel Aber warum war ich so dumm und trank täglich eine
Flasche Burgunder weniger ja oft zwei Du bezahltest mirs nicht dass ich nichts
trank und ich nicht einmal wenn ich etwas trank Oder glaubst Du dass ein
Mann der seine Flöte bläset der mehr Welt hat sah und genoss als alle seine
Anverwandten der in Paris und Warschau abends um 1 Uhr nach Mitternacht seine
Tasse Suppe trank und seinen Löffel Eis speiste so leicht sein Paris und
Warschau als Du Dein Hasslau und Elterlein in einer Neupeterschen Mansardstube
opfert die nicht einmal den Quadratinhalt eines Opferaltars groß ist Ich aber
glaube ich war ein Kook der Freundschafts und Gesellschaftsinseln entdeckte
und darunter die schöne Insel OWaihi welche aber den Entdecker und
Weltumfahrer zuletzt als er den Mastbaum wollte wieder zusammenschienen lassen
gar tot machte und auffrass
Sogar meine Flöte ist Dir entbehrlich da Du einmal was Du wohl vergessen
eine Hoboe für eine Flöte angesehen nämlich angehört Und da Dir wie Du sagst
überall die höchsten Töne am meisten gefallen so wirst Du immer
musikalischglücklich bleiben weil in der Tat alle Schrei Miss und ZornTöne
die den Ohren auf Gassen begegnen stets hohe und höchste sind
Meine Gedanken werfen sich so wild umher wie Granitblöcke aber ich schreibe
hier im Finsteren bei hellem Sternenlicht ich habe keine Zeit die Post ist
bestellt nichts noch eingepackt und Du sollst nicht eher von meinem
Unsichtbarwerden wissen als nach ihm Mit Briefen die ich Dir hoff ich
schicke sollen Dir gar die wenigen Ausschweifungen zukommen die unserem
Hoppelpoppel noch fehlen wenn er als fest zusammengeleimter und
langgeschwänzter Papierdrache aufsteigen will in Leipzig in der Zahlwoche
Gehabe Dich wohl Du bist nicht zu ändern ich nicht zu bessern so wollen
wir einander denn in wechselseitiger Luftperspektive entlegen erblicken und
jeder von uns sage Warum warst du ein Narr und kein Lamm Und doch Walt bist
Du allein an allem schuld«
Als er eben in das Papier noch den zweiten Inhalt das Geld gelegt hatte und
eilte um noch vorher sein Tagebuch seine Noten und Notae und alles vorher für
die Post zugesperret zu haben bevor der Bruder erscheine hörte er ihn kommen
Er warf sich vor dessen Eintreten aufs Bett und schnarchte als Fuhrbergmann ihm
entgegen Walt trat nahe an ihn sah als Spes ins braunglühende Gesicht voll
stürmischer Träume Leise ging er umher hauchte sich Tanzmelodien vor und legte
als Text Liebesworte unter
Zuletzt richtete sich Vult von diesem windstillen und hohen Himmel wie
geärgert auf trat mit zugeschlossnen Augen im Zimmer umher und stellte sich
als Nachtwandler an um in solcher Rolle ungefragt einzupacken und sobald jener
schliefe unbedauert fortzugehen »Heda« rief er »her ihr Leute und was es
noch sonst für Spitzbuben gibt helft packen Bestien und schleppen Greift
mehr zu ihr Helfershelfer Soll ich denn nicht heute um 3 Uhr nach der
Spitzbubeninsel und unten steht schon mein Pferd gesattelt wie« dabei zog er
sich an Walt begleitete seine blinden Schritte bewachend »Allerdings Freund
taugen die Menschen und die Gurken nichts sobald sie reif sind das ist ja mein
eigener Satz Der Mensch im allgemeinen verdient viele Nasen von Gott und mehrere
Nasen als sich je durch einen alten Teatervorhang gesteckt haben den man
daher an manchen Orten in Blech einfasste Die Gründe sind freilich nicht jedem
geläufig«
Jetzt ging er in seinen Zimmerverschlag und packte blinzelnd und sich oft
von Walt abkehrend sein Tagebuch und alles in den Koffer »Auf der Flöte
Nein sondern auf dem Kamm will ich ihn künftig anblasen und abkämmen Sagen Sie
mir nichts von Liebe Hr Reisemarschall sie ist zu dumm eine hübsche Antike
die man den ganzen Tag ergänzen muss ein Sonnentempel in Hosentaschenformat
und das dumme Ding glaubt es lebe Ich hab es von ihr selber Der Mensch führt
sogar Gott vor einen Vergrösserungsspiegel so unersättlich und so einfältig ist
er Stecht mich in Kupfer wie einen britischen Kampfhahn ich will eben ein
Monatskupfer zum Wolfsmonat abgeben liebster Artilleriesekretär« Als er fertig
war und bloß den Koffer zuzusperren brauchte schien er nachzusinnen und auf
eine neue Idee zu geraten »Scher Er sich weg Leichenmarschall ich sperre
meinen Sarg schon selber zu und will auch den Schlüssel als HalsGehenke tragen
und niemand hineinlassen als einen oder den andern guten Freund Was die ganze
und halbe Trauer um mich anlangt so soll sie niemand anlegen als ich Musik
wird als Requiem während der Trauerzeit am wenigsten verboten aber ich bestehe
auf einem scharfen TrauerReglement Der Nachtstuhl muss schwarz ausgeschlagen
werden man lasse das Kammergeschirr wie den Degen stahlblau anlaufen jede
Maus in meinem Haus soll in Krepp gehen meine Papilloten können
Trauerschneppen sein und der Zopf in einer Trauerschleppe herabfallen Aber was
Henker ist das Dort steh ich ja leibhaftig und erscheine mir eigenhändig
Warte wir wollen gleich finden wer von uns beiden wahren Dus der wahre und
haltbarste ist«
Hier versetzte er sich und dem Notar zugleich einen derben Schlag und
erwachte davon erst nachdem er wie verdutzt sich von Walten lange
auseinandersetzen lassen wo und was er sei wurde er dahin gebracht sich
angekleidet aufs Bett zu werfen Indem beide einander eine Zeitlang bewachten
fielen beide in einen wahren Schlaf
Jetzt weckte ihn Walt der noch traumtrunken und in berauschter
Vergessenheit der vorigen Szenen ihm aus dem Bette folgenden Traum aufdrang
»Ich weiß kaum recht wie oder wo der Traum eigentlich anging wie ein Chaos
wollte die unsichtbare Welt auf einmal alles gebären eine Gestalt keimte auf
der andern aus Blumen wuchsen Bäume daraus Wolkensäulen aus welchen oben
Gesichter und Blumen brachen Dann sah ich ein weites leeres Meer auf ihm
schwamm bloß das kleine graue fleckige WeltEi und zuckte stark Es wurde mir im
Traum alles genannt ich weiß aber nicht von wem Dann fuhr ein Strom mit der
Leiche der Venus durchs Meer er stand fest das Meer floss wieder an ihm hin
Darauf schneiete es helle Sterne hinein der Himmel wurde leer aber an der
Mittagsstelle der Sonne entglomm eine Morgenröte das Meer höhlte sich unter ihr
aus und türmte in ungeheuren bleiernen SchlangenWülsten am Horizonte sich auf
sich selber auf den Himmel zuwölbend und unten aus dem Meeresgrund stiegen
aus unzähligen Bergwerken traurige Menschen wie Tote auf und wurden geboren
Eine dicke GrubenNacht quoll ihnen nach Aber ein Sturm schlug sich auf den
Dampf und zerquetschte ihn zu einem Meer Gewaltig fuhr er auf und ab und
schüttelte alle Wellen hoch oben im stillen Blau flog langsam eine goldene
Biene leise singend einem Sternchen zu und sog an dessen weißen Blüten und rund
um den Horizont standen Türme heiter mit leuchtenden Gewitterspitzen bis wieder
ungeheure Wolken als reissende Tiere gestaltet ankamen und am Himmel frassen
Da hörte ich einen Seufzer alles war verschwunden Ich sah nichts als ein
glattes stilles Meer aus diesem brach die böse Feindin ohne eine Welle zu
machen wie Licht durch Glas Seit der Ewigkeit fing sie an ist das Wasser
ölglatt das bedeutet eben den großen Sturm Ich soll dir sagt man das
älteste Märchen erzählen bist du aber vorüber Sie sah seltsam aus sie war in
Meergrün und Meerblüten gekleidet kleine Flossfedern zuckten an ihrem Rücken
ihr Gesicht war meergrau und doch jung aber voll kämpfender Farben Ehe ich
antwortete fuhr die böse Feindin fort Es war einmal ein ewiges Märchen alt
grau taub blind und das Märchen sehnte sich oft Dort tief in der letzten
Welt Ecke wohnt es noch und Gott besucht es zuweilen um zu sehen ob es noch
flattert und sich sehnt Bist du denn vorüber So schaue die Tiere am Ufer an
Am glatten Meere hinauf lag es voll reissender Tiere welche schliefen aber im
Schlafe sprachen und einander einen uralten Heisshunger und Blutdurst erzählten
Ehe ich antwortete versetzte die böse Feindin Vernimm das alte
Widerhallen noch kein Wesen hat den Ton gehört den es nachspricht Wenn aber
einst der Widerhall aufhört so ist die Zeit vorbei und die Ewigkeit kommt
zurück und bringt den Ton sobald alles sehr still ist so werd ich die drei
Stummen hören ja den Urstummen der das älteste Märchen sich selber erzählt
aber er ist was er sich sagt Hölle du erschrickst wie ein Sterblicher bist
du denn nicht vorüber Tor
Noch eh ich antwortete wuchsen ihr die Flossfederchen zu hohen zackigen
Schwingen aus womit sie mich unverdient und grimmig schlug da verschwand
alles nur das schöne Tönen blieb Es war mir als sänk ich in geflügelte Wogen
eines wolkenhohen Meeres Wie ein Pfeil schnitt ich durch seine weltenlange
Wüste aber ich konnte durch die gläserne Fläche nicht hindurch sondern hing im
dunkeln Wasser und schaute hindurch Da sah ich draußen nah oder fern ich weiß
es nicht das rechte Land liegen ausgedehnt glänzenddämmernd Die Sonne
schien als Ephemere in ihren eignen Strahlen zu spielen und die Strahlen hörten
auf Nur die leisen Töne des rechten Landes flogen noch um mein Ohr Goldgrüne
Wölkchen regneten heiß übers Land und flüssiges Licht tropfte überquellend aus
Rosen und Lilien Kelchen Ein Strahl aus einem Tautropfen schnitt herüber
durch mein düsteres Meer und durchstach glühend das Herz und sog darin aber das
Tönen erfrischte es dass es nicht welkte Ich sagte laut Es regnet drüben heiße
Freudentränen nur die Liebe ist eine warme Träne der Hass eine kalte Tief
hinten im Lande stiegen Welten wie Dunstkügelchen unter einem weit umhüllten
Sonnenkörper auf In der Mitte drehte sich ein Spinnrad um die Sterne waren mit
tausend Silberfäden daran gereihet und es spann sie immer näher und enger vom
Himmel hernieder An einer Lilie hing ein Bienenschwarm Eine Rose spielte mit
einer Biene beide neckten sich mit ihren Stacheln und ihrem Honig Eine
schwarze Nachtblume wuchs gierig gen Himmel und bog sich immer heftiger über je
heller es wurde eine Spinne lief und wob emsig im Blumenkelche um mit Fäden
die Nacht festzuhalten ja den Leichenschleier der Welt zu spinnen aber alle
Fäden wurden betaut und schimmerten und der ewige Schnee des Lichts lag auf den
Höhen
Es schläft alles im rechten Lande sagt ich aber die Liebe träumt Ein
Morgenstern kam und küsste eine weiße Rosenknospe und blühte mit ihr weiter ein
Zephyr hing sich küssend an einen Eichengipfel einer der leisesten Töne kam
und küsste eine Maiblume und ihr Glöckchen wurde heftig emporgeweht tausend
warme Wolken kamen und hingen sich brünstig an Himmel und Erde zugleich
Turteltauben wiegten sich dufttrunken auf Nachtviolen und warfen girrend sich
die Küsse auf Blumenblättern zu
Auf einmal quoll am Himmel ein scharfblitzendes Sternchen heraus es hieß
die Aurora wie vor Lust riss sich einen Augenblick mein Meer auf Statt der
dämmernden Ebene lag ein fester breiter Blitz vor mir Aber es schlug sich
wieder zu das verdämmerte Land erwachte und alles wurde verändert denn die
Blumen die Sterne die Töne die Tauben waren nur schlummernde Kinder gewesen
Nun umarmte jedes Kind ein Kind und die Aurora klang unzählig darein Die hohe
Bildsäule des Donnergottes stand in der LandesMitte Ein Kind um das andere
flog auf den SteinArm und setzte einen Schmetterling auf den lebendigen Adler
der den Gott umkreiset Dann flatterte das Kind wie leichtsinnig auf die nächste
Wolke und sah herab nach seinem andern das liebende Arme aufhob Ach so wird
schon Gott vor dem wir ja alle Kinder sind unser Lieben nehmen Darauf
spielten die Kinder untereinander Liebens Sei meine rote Tulpe sagte das eine
und das andere war sie und ließ sich an die Brust stecken Sei mein liebes
Sternchen oben und es war es und wurde an die Brust gesteckt Sei mein Gott
und du meiner aber dann verwandelten sich beide nicht sondern sahen sich lange
an voll zu großer Liebe und verschwanden wie sterbend dahin Bleibe bei mir
mein Kind wenn du von mir gehst sagte das bleibende da wurde das scheidende
in der Ferne ein kleines Abendrot dann ein Abendsternchen dann tiefer ins Land
hinein nur ein Mondschimmer ohne Mond und endlich verlor es sich ferner und
ferner in einen Flötenoder Philomelenton
Aber der Morgenröte gegenüber stand eine Morgenröte auf immer
herzerhebender rauschten beide wie zwei Chöre einander entgegen mit Tönen statt
Farben gleichsam als wenn unbekannte selige Wesen hinter der Erde ihre
Freudenlieder heraufsingen Die schwarze Blume mit der Spinne bog sich
krampfhaft bis zum Knicken nieder Zu einem Lilienkranze waren vom Rade die
Sterne vom Himmel herabgesponnen und er nun hellblau gemacht Der Allklang hatte
die Blumen zu Bäumen gereift Die Kinder waren dem Auge zu Menschen gewachsen
und standen endlich als Götter und Göttinnen da und sahen sehr ernst nach Morgen
und Abend
Die Chöre der Morgenröten schlugen jetzt wie Donner einander entgegen und
jeder Schlag zündete einen gewaltigern an Zwei Sonnen sollten aufsteigen unter
dem Klingen des Morgens Siehe als sie kommen wollten wurde es leiser und dann
überall still Amor flog in Osten Psyche flog in Westen auf und sie fanden
sich oben mitten im Himmel und die beiden Sonnen gingen auf es waren nur zwei
leise Töne zwei aneinander sterbende und erwachende sie tönten vielleicht Du
und ich zwei heilige aber furchtbare fast aus der tiefsten Brust und Ewigkeit
gezogne Laute als sage sich Gott das erste Wort und antworte sich das erste
Der Sterbliche durfte sie nicht hören ohne zu sterben Ich schlief in den
Schlaf hinunter doch schlaf und todestrunken war mir als verhülle und
vergifte mich der Blumenduft eines vorbeifliegenden Paradieses
Da fand ich mich plötzlich am alten ersten Ufer wieder die böse Feindin
stand wieder im Wasser aber sie zitterte wie vor Frost und zeigte ängstlich auf
das glatte Meer hinter ihr mit den Worten Die Ewigkeit ist vorbei der Sturm
kommt denn das Meer wird geregt Ich sah hin und die Unermesslichkeit gor zu
unzähligen Hügeln auf und zum himmelhohen Sturme doch tief im Horizont wallete
hinter den Zacken ein sanftes Morgenlicht empor Aber ich erwachte was sagst
du Bruder zu diesem künstlichfügenden Traume«
»Du sollst es sogleich hören in dein Bett hinein« versetzte Vult nahm die
Flöte und ging sie blasend aus dem Zimmer die Treppe hinab aus dem Hause
davon und dem Postause zu Noch aus der Gasse herauf hörte Walt entzückt die
entfliehenden Töne reden denn er merkte nicht dass mit ihnen sein Bruder
entfliehe
Fußnoten
1 Aur bull II r homo justus bonus et utilis
2 Juristen
3 Jener bedeutet in Tirol den Pfarrer dieser den Diakonus
4 Heinecc hist jur civ stud Ritter L I §393
5 Bekanntlich ist vor dem Erdbeben meist die Luft still nur das Meer woget
6 Wiarda über deutsche Vor und Geschlechtsnamen S 216221
7 Lamberts Beiträge zur Mathematik III Bd S 236
8 »Es geschah der Schamhaftigkeit und Wohlgestalt zuliebe«
9 Winckelmann Von der Nachahmung etc
10 Weil die meisten Feste in große WetterKrisen treffen
11 Dessen Naturgeschichte Deutschlands I Bd 2 Auflage
12 Das Freudental in Walhalla
13 AltersErlass
14 Bologna lehrt
15 Die Redensart hat sie aus dem Hesperus
16 Bekanntlich hob der Buhle die erste Taufe durch eine unreine wieder auf
17 Die Figuren auf klingenden Glasscheiben
18 dh zu Buch gebracht Spekulation ist in Neupeters Sinn ein ungekreuzter
halbleinener halbseidener Pariser Zeug der sich von der enzyklopädistischen
Spekulation ebenfalls da gewebt zu seinem Vorteil unterscheidet
19 ein großer Vögelmaler
20 Meusels neue Miszell art Inhalts 10 Stück
21 Gesetzbuch für die kais k Armee 1785 S 248
22 An Neupeters Tische wo er ihn kurz und stark verteidigt hatte
23 Dieses Wort fasst die hebräischen Buchstaben in sich die am Ende größer und
anders geschrieben werden
24 Womit man bekanntlich Zweige pfropft
25 Die Perser glauben dass die Statuen am Jüngsten Tage Seelen von den
Bildbauern begehren werden
26 Ein Wort ein Glockenton reißt oft die Lauwins ins Fallen
27 Nach Bechstein lernt er Worte Papa etc murmeln
28 Diesen Namen Kotstadt trug sonst Paris in unbildlicher Beziehung
29 S 10 in Reichardts LiederSammlung worin manche das zehntemal besser
klingen als das erstemal und Dichter und Komponist meistens ihr gegenseitiges
Echo sind
30 Schmetterlinge haben nur eine Herzkammer und die meisten keinen Magen
31 Die Abendröte in Norden
32 Wenden und Russen nehmen eine Glieder raubende MittagsTeufelin an Lausitz
Monatsschrift 1797 12 Stück
33 Ludwig XIV wurde gezähnt geboren
34 Biblioteque universelle T IX p 83
35 Hermanns Mytolog I
36 Humes Vermischte Schriften 3 Bd
37 Es gibt zwar ein zweites Joditz mit gleicher Gegend das Kindheitsdorf des
gegenwärtigen Verfassers es liegt aber nicht in Hasslau sondern im Vogtland
wohin gewiss nicht der Notar gekommen
38 Pausan in Att
39 in der MichaelisMesse 1804
40 Für den Sprachforscher ist le Goust von el Gusto das Anagramm oder
umgekehrt und welche Sprache versetzte die andere
41 So nannte Scarron seinen Ehrensold vom Buchhändler Quinet
42 Ion heißt der Kommende
43 In der neunten steht ausdrücklich »Tagreisen und Sitzen im Kerker können
nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden«
44 So sagt man von Pferden welche das Spornen zu nichts bringt als zum Stehen
45 So hießen in Elterlein bekanntlich die adeligen Insassen
46 Bd 11 S 175180
47 Gegen Raphaela glaubt er
48 aseitas seine eigne Ursache sein
49 Die Bescheidenheit erlaubt nicht Lobsprüche stehen zu lassen die wie
leicht zu erraten den Gegenstand zu einem literarischen Pair ausrufen und die
desto größer und folglich desto unverdienter sind je feiner gebildeter und
aufrichtiger der Geschmack des Hrn Bürgermeisters bekanntlich ist
50 Mencken de Charl erud ed IV
51 Bekanntlich heißen im Dorfe Elterlein die fürstlichen Untertanen am rechten
Bachufer die Rechten die adeligen am linken die Linken
52 Lange bezieht sich auf Zeit lang auf Raum
53 Im Appel aux principes wozu noch 558 Antitesen vorgeworfen werden
54 Nach Bechstein und anderen Naturforschern hat der Bock so gut als der
Amerikaner Milch und das alte Sprichwort ist richtig