Karoline Auguste Fischer
Die Honigmonate
Von dem Verfasser von
Gustavs Verirrungen
Erster Teil
An die Leser
Wie viel Böses man den Leidenschaften auch nachsagen mag ohne sie scheint es
gleichwohl dem Menschen unmöglich sich seiner ganzen moralischen Kraft bewusst
zu werden
Wer uns demnach irgend eine dieser wohltätigen Feindinnen treu darzustellen
versucht darf sich schmeicheln nichts Überflüssiges unternommen zu haben
Den Versuch habe ich gewagt ob er gelungen ist mögen die Leser
entscheiden
Erster Brief
Wilhelmine an Julie
Nimm Dich in Acht Ich sehe die Eitelkeit im Hinterhalte lauschen Hat sich
freilich auf das Beste herausgeputzt nennt sich Großmut Dankbarkeit
Selbstüberwindung und was der schönklingenden Titel mehr sind Aber noch
einmal sage ich nimm Dich in Acht Gewisse Bäume sind nur zum Abhauen gut
und gewisse Schäden können nicht mit Honig sondern nur mit Schierling geheilt
werden
Von mir heute kein Wort Ich weiß mich zu bescheiden
Zweiter Brief
Julie an Wilhelmine
So ernst meine Wilhelmine Du könntest mich bange machen Großer Gott sollte
ich mich täuschen Sollte alles vergeblich sein
Aber Geliebte jeder Mensch hat ja das Bedürfnis mit sich selbst einig zu
werden Dieser unglückliche Mann allein sollte es nicht haben Ach glaube mir
meine Einzige viele Menschen würden gut sein wenn es ihnen das Schicksal
erlaubte
Lass uns gestehen dies war bis jetzt Oliviers Fall Mit dem französischen
Leichtsinne geboren von seinen Eltern verzärtelt von den Weibern wechselweise
gemissbraucht und vergöttert durch seine unersättliche Begierde nach Genuss ins
tiefste Elend gestürzt nun bei dem gänzlichen Mangel an Ergebung gezwungen alle
Mittel zum Emporkommen wieder zu gebrauchen Sage wie konnte es anders sein
Dritter Brief
Wilhelmine an Julie
Ey liebes Kind davon ist ja gar nicht die Rede Wer sagt Dir denn dass sich
das alles nicht ganz vortrefflich erklären lasse Es frägt sich nur ob es der
Mühe lohne einen Mohren zu waschen und ob man nachher schwarz oder weiß mit
ihm vorlieb nehmen wolle Das bedenke mein Täubchen und lass Dich nicht
blenden
Ich weiß recht gut die Frau Mutter wird alles dazu beitragen Aus welchen
Gründen ist nicht schwer zu erraten Mit einem Worte man will Dich
verhandeln und zwar so bald und so teuer wie möglich Ach dass Dein Vater nicht
mehr lebt es wäre nie dahin gekommen
Vierter Brief
Julie an Wilhelmine
O mein unvergesslicher Vater Wilhelmine es war hart mich daran zu erinnern
Ach wohl war es damals ganz anders Meine Mutter war milder und ich war
glücklicher Ich weiß nicht es ist seit einiger Zeit so viel Bitteres in ihrem
Wesen und doch verdopple ich meine Aufmerksamkeit suche ihre leisesten
Wünsche zu erraten Ach ist es denn meine Schuld dass wir nicht mehr reich
sind Gott weiß es ich gebrauche ja so wenig und arbeite vom Morgen bis in die
sinkende Nacht
Fünfter Brief
Wilhelmine an Julie
Ob es Deine Schuld ist Du reines unschuldiges Herz Siehst Du denn nicht was
ihr fehlt Alle ihre ausgeworfenen Netze zieht sie leer wieder zurück während
Du köstliche Lilie ohne es zu wissen und zu wollen alles um Dich her
versammlest Und dieser verderbten Frau wolltest Du Dich aufopfern Dich einem
Mann hingeben der Dich nicht einmal begreift Dich nimmt weil Du ein Weib
bist und Deinen heiligen Kindersinn den er jetzt nur duldet einst auf das
schändlichste verspotten und missbrauchen wird
Julie lass Dir raten sorge doch nicht für die Zukunft Was mein ist ja
Dein und wie oft soll ich Dir es wiederholen ich heurate nicht und wenn mein
Herr Vater das ganze Haus umkehrt
Sechster Brief
Julie an Wilhelmine
Was denkt meine Wilhelmine von mir Ich sollte Schuld sein dass eins der
reizendsten Mädchen einsam verblühte dass es einen glücklichen Mann weniger in
der Welt gäbe Nimmermehr Auch ist das alles Schwärmerei Weißt Du noch wie
wir einmal beide ins Kloster wollten Ach sage was Du willst sind wir mit
einem Mann nicht glücklich ohne ihn sind wir es noch weniger
Bedarfst Du keiner Stütze keines Schutzes Bedarfst Du nicht der
Mutterfreuden und gewiss auch der Mutterleiden um ganz gebildet zu werden
Bedarfst Du nicht der Härte der Ungerechtigkeit eines gröber gebildeten Wesens
um Deine ganze Weiblichkeit kennen zu lernen und in ihrem Heiligtum Deinen
Himmel zu bilden Ist es nicht deswegen notwendig dass es an Deiner Seite
stehe um die Blicke der Menge anzuziehen Wie könntest Du sonst von allen
Weltändeln befreit in der Stille nur Deiner höheren Bildung leben
Ach sage merkst Du denn nicht den Willen der Natur Sie hasst alle
plötzlichen Übergänge darum stellte sie das Weib zwischen den Mann und die
glücklicheren Wesen der künftigen Welt Gewiss dahin deuten alle unsere Leiden
und Freuden Ja sogar das Bedürfnis der Männer Sie verlangen offenbar etwas
mehr als bloß menschliches von den Weibern Das gründet sich nicht auf
Ungerechtigkeit sondern auf reinen Instinkt Wenn wir mit Demut und kindlichem
Sinne dies glauben werden es die Männer wohl dulden
Siebenter Brief
Wilhelmine an Julie
Dulden Herzchen darüber habe ich bis zum Weinen gelacht Allerdings werden sie
es dulden Duldeten es doch die amerikanischen Pflanzer wenn man ihren Sklaven
die Freuden der künftigen Welt recht anschaulich machte und ihren elenden
Zustand als ein Mittel zur höheren Bildung darstellte Fahre nur so fort und Du
wirst bald eine zweite Elise werden
Gott ist es nicht himmelschreiend dass selbst Weiber unsre Ketten
erschweren Kann man sich etwas abgeschmackteres und inkonsequenteres denken
als eben diese Elise wie sie sein sollte
Trägt ihr Vermögen was offenbar ihren unmündigen Kindern gehörte und um
so mehr für sie erhalten werden musste da ihr Herr Papa ein ausgemachter
Taugenichts war trägt es hin zu der Buhlerin eben dieses lieblichen Herrn
Zwar bringt dieser Heroismus Fussfälle Anbetungen und Versöhnungen hervor
und ist in sofern diese Herrlichkeiten nicht anders zu bekommen waren in dem
Romane recht nützlich Im wirklichen Leben aber möchte er wohl etwas ganz
anderes und höchst wahrscheinlich eine gänzliche Trennung hervorgebracht
haben
Freilich die gute Elise war nun einmal gewohnt auf ihrem Koturne im
höchstmöglichen Patos einherzuschreiten und hatte das Glück von ihrer
gutmütigen Schöpferin bis an ihr pompeuses Ende darauf erhalten zu werden
Meinetwegen mag auch wer da will ihre Stelzenschuhe erben Nur meine Julie soll
sie nicht tragen
Soll nicht habe ich ihr denn zu befehlen O ja ich habe ihr zu
befehlen dass sie sich nicht unglücklich machen soll und wenn ich ihr das
nicht mehr befehlen darf so mag ich nicht mehr leben
Achter Brief
Julie an Wilhelmine
Du meine treue Einzige ich drücke Dich in Gedanken an mein Herz und bedecke
Dein liebes zorniges Gesicht mit tausend Küssen O mitten unter Deinem Schelten
fühle ich wie sehr Du mich liebst Mein lieber Schutzengel sei doch nur ruhig
Ja ja ich will vorsichtig behutsam sein nicht schwärmen und Deinem Rate
folgen Aber sage mir auch dass Du wieder ruhig bist nicht ängstlich für mein
Schicksal sorgest Nein meine Wilhelmine ich werde nicht unglücklich gewiss
ich kann es nicht werden Gib doch dem Boten ein paar Zeilen damit ich weiß
dass Du nicht böse bist
Neunter Brief
Wilhelmine an Julie
Ein paar Zeilen Sieh das ist es ja eben was Dich unglücklich machen wird
dieses Herz voll unzerstörbarer Liebe Was ich ich soll nicht böse sein
Hast Du denn gepredigt gescholten die Hofmeisterin gespielt Sieh so
verwechselt Dein Kinderherz Statt empfindlich und zurückhaltend zu werden wie
ich es wohl verdient hätte kommst Du und bittest ich möge nicht böse sein
Ach wenn nun ein solcher eingefleischter Teufel seine Krallen in dieses
Engelherz schlägt wie wird es bluten Nein ich dulde es nicht ich kann es
nicht dulden
Zehnter Brief
Der Obriste Olivier an Reinhold
Was ich treibe Nicht viel Gescheutes Belagern schon seit Jahr und Tag muss
endlich die Belagerung in eine Blokade verwandeln und werde meinen Zweck wohl
nur mit Hilfe einer sehr genanten Kapitulation erreichen können
Ja Ja exclamire nur Die Zeiten ändern sich man ist nicht immer jung
und die Siege werden schwerer Am Ende muss man doch auch für einen Heerd
sorgen und die Dämchen womit man sich am meisten amüsirt taugen gerade am
wenigsten dabei
Meine jetzige Prima Donna ist freilich in gewisser Rücksicht verzweifelt
eigen aber sie wird eine gute Hausfrau Dafür stehe ich Dir Etwas ähnliches
von Sanftmut und Geduld Nein ich versichre Dir es übersteigt allen
Glauben
Ob ich ihr denn schon Gelegenheit gegeben habe diese an mir zu üben Nein
nein so arg ist es nicht Aber die Mutter das Weib ist offenbar von sieben
Teufeln besessen Ich bedarf alle Augenblicke meines ganzen Savoirfaire um
meine Wut gegen diesen Beelzebub zu bekämpfen
Freilich arbeitet sie doch am Ende zu meinem Nutz und Frommen Wer weiß ob
ich nicht aufs Alter noch ein bisschen wunderlicher werde und wie viel Geduld
ich dann verbrauche
Überhaupt wage ich nicht viel bei der Sache Das gute Schäfchen besorgt mein
Hauswesen und ein paar Buben die meinen Nahmen fortpflanzen Wartet mich wenn
ich krank und zerstreut mich wenn ich hypochondrisch bin Übrigens versteht es
sich von selbst dass wenn es mir früh oder spät einfällt einen kleinen
Seitengang zu machen keine Achs und Ohs vorfallen Das würde mich wahrhaftig am
wenigsten zurückbringen
Aber dafür ist auch gesorgt der Mund dieses sonderbaren Mädchens scheint
nur zum Lächeln geformt Wahrhaftig ich schäme mich es zu gestehen aber wenn
ich dieses Lächeln sehe nein ich kann es Dir nicht sagen wie mir da wird
und Du glaubst es mir auch nicht Schreibe doch bald
Eilfter Brief
Olivier an Reinhold
Eine Entdeckung tausend Element da musst Du mir dienen Höre nur in Br und
noch dazu in Deiner Nachbarschaft wohnt eine Amazone die mit Julien
correspondirt Revolutionäre Grundsätze Eine förmliche Empörung gegen das ganze
Männergeschlecht Wie soll man das dulden Es geht nicht Es bringt Unheil
Habe ich auch nichts zu befürchten so ärgerts mich doch
Mit einem Worte Du musst die Juno bekehren oder bei Gott mit der
Korrespondenz hat es ein Ende Könnte mir dem Mädchen Dinge in den Kopf
setzen die ich in meinem Leben nicht wieder herausbrächte
Wollen da raisonniren wollen untersuchen ob wir Recht haben die Herren
zu spielen Eine schöne Geschichte Recht oder Unrecht genug was wir sind
das sind wir und werden wir so Gott will schon bleiben
So etwas ist unerhört und noch dazu in unsern Zeiten wo das Elisiren
ordentlich Mode wird Das kommt von dem vermaledeiten Aufklären Könntet ihr
dann nur zur rechten Zeit Einhalt tun Ja bändigt einmal den Strom wenn ihr
die Dämme eingerissen habt
Aus Grundsätzen sollten die Weiber gut sein Zum Henker mit euren
Grundsätzen Der Spinnrocken und die Nähnadel allenfalls die Bibel und das
Gesangbuch und statt aller Grundsätze ein männliches Du sollst So hieß es in
alten Zeiten und unsere Väter befanden sich wohl dabei
Wahrhaftig dafür möchte ich noch lieber in Italien geblieben sein Man
gewinnt doch an Sinnlichkeit was man an Herrschaft verliert Die kleinen
spirituellen Satans halten doch in gewissen Augenblicken schadlos und zwingen
einen nicht wie die deutschen Jungfrauen die Katze im Sacke zu kaufen und ihre
ekelhafte Treue Jahre lang mit herumzuschleppen
Nun vergiss nicht meinen Auftrag
Zwölfter Brief
Reinhold an Olivier
Sollte mein Olivier wohl jemals recht gewusst haben was er wollte Also noch
immer der Lobredner voriger Zeiten und alles dessen was er nicht hat In
Italien sehnt er sich nach den deutschen Weibern in Deutschland nach den
Italienerinnen Dort wurde die Treue die Reinheit der deutschen Mädchen das
hohe Jungfräuliche in ihrem Wesen gepriesen hier scheinen diese belobten
Eigenschaften eben so viele Fehler zu sein
Arme Weiber wann werdet ihr den männlichen Egoismus befriedigen Seid ihr
eingeschränkt an Verstande so glauben wir uns berechtigt euch als bloße Mittel
zur Befriedigung unserer Sinnlichkeit zu gebrauchen Untersteht ihr euch zu
denken so beschuldigen wir euch der Unweiblichkeit und betrachten euch als
Empörer Behandeln könnt ihr uns mit der höchsten Vernunft nur wissen dürft ihr
nicht dass ihr sie habt Alles Große und Erhabene an euch dulden wir nur als
Instinkt nie als Raisonnement
Aber Olivier liegt dieser schreckliche Despotismus in der Natur und läge
er darin müssten wir ihn dann nicht eben so wie die Erbsünde bekämpfen
Wahrlich ich glaube es ist einmal Zeit wenn wir anders auf wahre Bildung
Anspruch machen wollen Achtung der Weiber war immer der richtigste Maasstab für
die Kultur einer Nation
Von Deinem Auftrage ein anderes Mal Nur so viel zur Nachricht ich kenne
Deine Amazone Sie ist ein höchst interessantes Mädchen Eben deswegen habe ich
mich aber sehr vor ihr gehütet Unsere Angelegenheiten mit dem Fschen Hofe
werden alle Tage ernsthafter der Gesandte wirft alles auf mich und da muss ich
schlechterdings jede Zerstreuung vermeiden Doch so bald ich wieder Otem hole
besuche ich den Vater Er ist ein alter ehrlicher Brausekopf der seine Tochter
und ihr ungeheures Vermögen gern in guten Händen wissen möchte Aber das Mädchen
hat ihm bis diesen Augenblick widerstanden und scheint sich wirklich über alle
Männer lustig zu machen Auch Deinem gehorsamen Diener wird es schwerlich besser
ergehen
Dreizehnter Brief
Olivier an Reinhold
Welch ein verzweifelter Moderomtismus Lenke ein wenn Dir an unsrer
Freundschaft gelegen ist Wahrlich das käme mir recht auch Du auf der Weiber
Seite Gott verdamme mich es scheint eine ordentliche Modekrankheit zu
werden Wo will das hinaus Und nun sogar Du bist wohl in alten Zeiten ein
solcher Frauenlob gewesen Aber jetzt Ein Mann der sich acht Jahr in der
großen Welt herumgetrieben hat Was Stehe Rede beichte Du bist verliebt
aber in Wen In die Amazone Pfuy ein solcher Jungfernknecht Ein Weib das
alle Männer verachtet sollte ich lieben Ich komme ich komme verlass Dich
darauf Mit meinen Augen will ich es sehen und Doch davon nachher
Vierzehnter Brief
Reinhold an Olivier
Hat es noch immer nicht ausgebraust Noch immer mit der ganzen Welt und
vieleicht mit sich selbst am meisten im Kriege Komme nur Dann wirst Du sehen
und hören was Du sicher nicht erwartest Bis diesen Augenblick war ich noch
immer einige hundert Schritte von Wilhelminen K entfernt Aber das willst Du
ja nicht und so möge Dein Wille geschehen Für den Ausgang kann ich nicht
bürgen
Funfzehnter Brief
Olivier an Reinhold
Mit der ganzen Welt im Kriege Ja so bald sie sich meinem Genuße widersetzt
Blick um Dich her ist es anders in der großen ewigen Natur Die
abgeschmackten Friedensgedanken Nur in Schafsköpfen können sie entstehen
Pestartig würde er wirken euer belobter Friede Nur Stürme reinigen die Luft
Dafür geben wir euch zu dass es sich bei Zephyren sanfter einschlummern lasse
Mit mir selbst im Kriege O nein vormals wohl jetzt nicht mehr Euer
inkonsequentes Moralsystem verrückte mir den Kopf Jeden Augenblick war es mit
meinen Leidenschaften im Gedränge und ich wusste mir nicht zu helfen Jetzt weiß
ich was ich will oder vielmehr was die Natur durch mich will Ich Tor wollte
klüger sein als sie die mich zu ihren Zwecken bildete
Gestern Abend war die moralische Dratpuppe der Xavier bei mir und
demonstrirte zum rasend werden die Allmacht des Menschen Ich langweilte mich am
Fenster und sah endlich zu meinem Vergnügen am äußersten Horizonte ein
Donnerwetter sich bilden Während er noch im besten Declamiren war trieb es ein
Sturm herüber Die Menschen flohen Angst und Schrecken in ihren Gebehrden Der
Blitz splitterte die große Eiche auf meinem Hofe und ein Bauer der Vater von
zehn Kindern wurde erschlagen
Der arme Schelm dauerte mich und ich will auch die Kinder versorgen aber
ich konnte mich doch nicht enthalten dem Schwätzer Xavier zuzurufen »siehe da
den Kommentar zu Deiner Abhandlung Ihr ohnmächtigen Würmer was vermöget Ihr
gegen diese große Bildnerin und Zerstörerin
Von Eurem Willen von Eurer Freiheit schwatzt Ihr Ein Blitzstrahl ein
Erdstoss und Ihr seid alle zertrümmert Dann findet Eure Freiheit Euren Willen
in den Millionen Stäubchen wieder die Ihr vormals Euer Ich nanntet Versucht
ob Ihr sie zusammen bringen und Euch dieses Ichs bewusst werden könnt
Wahnsinnige hört einmal auf zu grübeln lebt genießt weil ihr da seid Das
Übrige möge die Unergründliche leiten«
Und darum Krieg Krieg gegen alles was irgend einen Genuss mir verkümmert
Zum Wohlsein bestimmte mich die Natur Dafür seh ich die Ameise streiten dafür
streite auch ich Will ein stärkeres Wesen mir dieses Wohlsein rauben so fliehe
ich Ein schwächeres so unterdrücke ich Hat es Kraft sich zu wehren gut so
mögen wir streiten Dem Sieger ist wohl darum strebe ich es zu werden Wer kann
es mir verdenken Wohlsein ist meine Bestimmung
Und sagt was ihr wollt all euer Realismus und Idealismus läuft doch am
Ende darauf hinaus Ihr erzeigt eurem gerühmten Popanz eurem Knecht Ruprecht
Pflicht genannt doch nur so viel Ehre weil ihr hoft die Christbescheerung
werde darauf folgen
Sechszehnter Brief
Olivier an Reinhold
Du schweigst glaubst Du ich werde meine Drohung erfüllen Ach nein diesesmal
kommst Du mit dem Schrecken davon Ich kann nicht Das wunderbare Mädchen hält
mich zu fest und so unbefangen als wüsste sie nichts davon Auch weiß sie es
nicht sie kennt nicht ihre Gewalt Noch vor wenigen Monden wäre es mir selbst
unglaublich gewesen
Sieh ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit ihrer Sanftmut und Güte Ich
sitze still und bewundere Die Mutter ist seit einigen Wochen krank Ach nein
es lässt sich nicht beschreiben Sehen müsstest Du ihn diesen tröstenden Engel
Selbst das bitter böse Weib Gott mag wissen wie sie zu der Ehre kommt diese
Tochter zu haben scheint von der himmlischen Güte ergriffen Auch in ihren
starren wilden Furienaugen lese ich Bewunderung
Sieh es ist wahr ich bin stolz ich kann es nicht leiden dass mich jemand
meistert und ich habe immer gesagt was ich bin will ich bleiben Aber ja ja
ich will es nicht bergen vor diesem Mädchen könnt ich mich demütigen könnte
ihr alle meine Fehler bekennen Ach über ihren Mund kam ja niemals ein Vorwurf
und in ihrem Herzen wohnt die ewige Liebe Auch wenn ich sie nicht sehe
versinke ich glücklich und selig in das Anschauen ihrer erhabenen
Liebenswürdigkeit Ihr großer Verstand ihre mannichfaltigen Talente das alles
verschwindet und man ist sich nur ihrer Güte bewusst
Spotte nicht das sage ich Dir und antworte bald
Siebzehnter Brief
Reinhold an Olivier
Spotten worüber sollte ich spotten Meinst Du ich heiße Olivier Ich freue
mich dass ich Recht habe »Er ist besser als sein System« Das sagte ich schon
vor mehreren Jahren und das wiederhole ich noch jetzt
Wie abgeschmackt mich da hin zu setzen und Dir vorzudemonstriren dass
Deine Teufelslarve eine Teufelslarve ist Genug sie verschiebt sich alle
Augenblicke und jetzt in Gegenwart dieses Engels den Du mir schilderst ist
sie ja ganz abgefallen Sonderbar genug weißt Du nicht einmal etwas davon und
ich habe nun vollkommen Zeit mir die wohlbekannten Züge wieder einzuprägen
Gehe nur nimm sie wieder vor und spiele die Komödie so lange es Dir
beliebt Ich lasse mich nicht täuschen
Was der Mann der da schreibt »ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit
ihrer Sanftmut und Güte ich sitze still und bewundere« das wäre der
schändliche Egoist der wie ein gieriges Raubtier nach Beute hascht und alles
zerfleischt was sich ihm widersetzt
Glaube mir Du verstehst Du kennst Dich selbst nicht O dass ein edler
Mensch in Deiner Nähe Dich wieder an Größe und Güte glauben lehrte Aber was
sage ich Da hast ja alles was Du bedarfst Überglücklicher Mensch beinahe hast
Du zu viel
Achtzehnter Brief
Julie an Wilhelmine
Beste Wilhelmine meine Mutter ist krank und Olivier ach Olivier liebt
mich nicht mehr Stundenlang kann er in sich selbst vertieft sitzen dann
springt er mit einem male auf tritt vor mich hin starrt mich an und versinkt
dann wieder in seine vorige Träumerei Es ist als wäre ich ihm fremd geworden
Sonst war er doch freundlich jetzt ist er so ernst misst mich so sonderbar mit
den Augen Sollte er denn wirklich glauben ich mache alles so schlecht wie
meine Mutter es sagt Aber er bedenkt nicht dass sie krank ist und dass man ja
selten einem Kranken etwas recht machen kann Wenigstens sollte er doch meinem
Bestreben Gerechtigkeit wiederfahren lassen
Andere loben mich dann wieder so übermäßig Aber wie kann mir das Freude
machen Es sticht gar zu sehr ab gegen den immerwährenden Tadel meiner
Mutter und ihn das sehe ich ja macht es immer tiefsinniger O meine
Wilhelmine schreibe mir doch einmal damit ich weiß dass ein menschliches Wesen
mich noch liebt
Ich lese den Brief wieder durch freilich meine Mutter hat Recht ich
schreibe jetzt sehr schlecht Aber Liebste wie ist es anders möglich Kaum alle
vier Wochen bekomme ich einmal eine Feder in die Hand und erholt sich meine
Mutter nicht bald so werde ich das Sprechen eben so verlernen Selten kann ich
etwas sagen worüber sie sich nicht ärgert
Ach liebe Wilhelmine ich sollte es wohl verschweigen aber wirklich ich
leide jetzt sehr viel und sehne mich unbeschreiblich Dich einmal zu umarmen
Neunzehnter Brief
Wilhelmine an Julie
Er sollte Dich nicht mehr lieben Nimmermehr Aber Du Du liebst ihn das ist
leider bewiesen So muss ich Dich verlieren Dich um dieses Mannes willen
verlieren Wie war es möglich Wie konntest Du den schrecklichen Abstand
übersehen Aber da liegt das Unglück eigentlich liebst Du nicht ihn denn das
was Du so nennst ist nicht er Dein eigenes Geschöpf das Gebilde Deiner
Phantasie ist es ausgestattet mit allen Eigenschaften die Dein liebendes Herz
bedurfte Aber wenn nun der Traum verschwindet wenn Du nun diesen Menschen mit
dem ausgebrannten Herzen als Deinen Herrn ehren seinen Launen huldigen und
seinen lasterhaften Wahnsinn den höchsten Verstand nennen sollst Wenn Dein
Kindersinn für Dummheit Deine Sanftmut für sclavische Furcht und Dein edles
Dahingeben für schwächliche weibische Anhänglichkeit gelten muss Wer wird
mich dann trösten
Und was schwazte ich vorhin Er liebe Dich noch Hat er Dich denn jemals
geliebt woher käme ihm der Sinn woher die Kraft dazu Er kann nur
zweierlei Dich sinnlich begehren oder Dich wie eine fremde Erscheinung
anstaunen Irre ich nicht so hast Du ihn gezwungen sich zu dem letzten zu
erheben und weiter bringst Du es nicht verlass Dich darauf
Zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Ich habe sie gesehen Olivier habe mich eine Stunde mit ihr unterhalten und
bekenne dass sie eine durchaus neue Empfindung in mir hervorgebracht hat
Denke Dir den Körper der Mediceerin nur etwas größer Wirf ein weißes
langes Gewand um diesen reitzenden Körper den Kopf doch das möchte Deiner
Phantasie schwerlich gelingen Dir diesen sonderbaren Kopf zu zeichnen Ein
dunkelbraunes lockiges Haar auf einer blendenden gebietenden Stirne Zwei lange
geistvolle Braunen über ein paar schwarzen durchdringenden Augen voll Unschuld
und jungfräulicher Würde voll Mut und anziehender Redlichkeit
Sonderbar eben diese Redlichkeit macht den bleibenden herrschenden
Eindruck Nur einen Augenblick ist man sich seiner Sinnlichkeit bewusst Dann
aber geht diese Sinnlichkeit nicht wie bei Andern in Bewunderung oder in
anspruchlose Zärtlichkeit über Nein man vergisst ihr Geschlecht man vergisst
dass diese schöne kraftvolle Seele in einem weiblichen Körper wohnt Es ist
einem wohl man wünscht dass es immer so bleibe Ohne Leidenschaft ohne süße
peinigende Unruhe Ist man unglücklich so flüchtet man gewiss zu ihr Man weiß
es sie wird einen nicht verlassen in Not und Tod wird sie treu bleiben
So charakterisirt sie sich durch ein paar gehaltvolle Worte ohne Anspruch
dahingeworfen Ach da ist an keine Koketterie weder feine noch grobe weder
erlaubte noch unerlaubte zu denken So wie sie ist gibt sie sich gleichviel
was sie dadurch wirkt An Liebe denkt sie nicht Das sieht man Auch ich
gestehe es bringt sie sie nicht hervor Schöne genussvolle Ruhe kindliches
herzliches Dahingeben das fühlt man und damit scheint sie zufrieden Ohnedem
wäre sie es Wahrlich ich glaube sie genüget sich selbst
Ein und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Ich habe geirrt Olivier Nein sie genüget sich nicht Eine große Leidenschaft
herrscht dennoch in dieser großen Seele Es ist die Liebe zu ihrer Freundin
Gestern war ich bei ihren Eltern Von ungefähr kam die Rede auf Julie von
S Plötzlich überzog ein hohes Rot das schöne Gesicht und eine Träne
verdunkelte das herrliche Auge
»Sie sind mit einander aufgewachsen« sagte die Mutter eine herzensgute
Frau »und meine Wilhelmine treibt eigentlich ein wenig Abgötterei mit ihr« »
Vor ihr willst Du sagen« unterbrach sie der Vater »deutsch heraus sie ist
ein wenig vernarrt Ich glaube der Weg könnte über Vater und Mutter gehen wenn
er nur zu der angebeteten Julie führte«
Während dieser väterlichen Grobheit beobachtete ich Wilhelmine Aber da war
keine Spur von Ärger von Empfindlichkeit zu bemerken Es schien als sei gar
nicht die Rede von ihr gewesen Mit ihrem königlichen Anstande in der Tat
ich kann ihn nicht anders nennen näherte sie sich dem Fenster bereitete der
Mutter ein Glas Selterwasser und reichte es ihr weder mit Demut noch mit
Stolz nein mit einem gutmütigen beschützenden Lächeln als wollte sie sagen
sei ruhig du weißt dass ich dich liebe Habe ich auch gehört was er sagte es
bleibt darum alles wie es war
Die Mutter blickte dankbar zu ihr auf und der Vater rückte ihr mit einer
wahren Kammerdienerphysionomie in komischer Verwirrung den Stuhl zurecht
Wollte sich dann ermannen und bekam nun da er vor sie hintrat das Ansehen
eines gezüchtigten Schulknabens Gewiss wider ihren Willen denn sie litt unter
seiner Verwirrung und schlug ganz sicher nur deswegen einen Spaziergang in den
Garten vor
Hier leitete ich unvermerkt das Gespräch auf Julie und nun öffnete sie ohne
Rückhalt ihr liebendes Herz
»Ja ich gestehe es sagte sie im schönen Enthusiasmus alle meine Wünsche
beziehen sich nur auf sie sie ist die Hoffnung meines Lebens Ich weiß es wohl
man glaubt nicht an Weiberfreundschaften Aber wüssten Sie wie wir von Kindheit
auf mit einander gelebt haben Sie würden es begreifen Sehen Sie ich hatte
einen wilden eigensüchtigen Charakter Kein Wunder Ich war das einzige Kind
Man hatte alles und leider nichts umsonst getan mich zu verderben Gewiss es
würde ein sehr böses Geschöpf aus mir geworden sein hätte dieser Engel mir
nicht zur Seite gestanden
Konnte meine sogenannte Erzieherin mich nicht mehr bändigen so schickte sie
zu Julien Bei ihr vergaß ich meinen Eigensinn und alle meine Launen Wie ein
Friedensengel wurde sie vom ganzen Hause empfangen
Alles was ich gelernt habe weiß ich durch sie Kein Lehrer konnte bei mir
aushalten Da geriet man auf den Einfall Julie mit mir unterrichten zu lassen
und dieser Einfall tat Wunder eine Träne ein Lächeln von ihr beherrschte
mich mich die alles um sich her unterdrückte
Aber auch das veränderte sich gar bald Zu ihrer himmlischen Liebe womit
sie Gute und Böse umfasste konnte sie mich freilich nicht erheben aber
Gerechtigkeit hat sie mich wenigstens gelehrt Gelehrt sage ich Ach in ihrer
stillen Demut wusste sie nichts davon Tausende würden es nicht geahnt haben
Nur allein meine heftige ungestüme Liebe zu ihr wurde sichtbar
Für Julie sagte ich bei der ersten Blume bei dem schönsten Apfel bei
der geschmackvollsten Kleidung Stosst sie nicht an das rate ich Euch rief
ich wenn man im Gedränge ihr zu nahe kam Ein Bedienter der das Unglück hatte
ein wenig heiße Brühe auf ihre Hand zu schütten musste seinen Abschied fodern
weil ich jedesmal laut aufschrie wenn ich ihn erblickte Mit einem Worte sie
ist mein Alles und wenn ich sie verliere wenn sie unglücklich wird mag ich das
ekelhafte Leben nicht mehr tragen«
Jetzt hielt sie plötzlich inne Ich sah es sie bereuete die letzten Worte
»Teuerstes Fräulein sagte ich mich dünkt Sie fürchten zu sehr für ihre
Julie« »Nein nein rief sie ach Sie wissen nicht« »Ich weiß alles«
fiel ich ein und ward erst durch ihr Erstaunen meine Unbedachtsamkeit gewahr
Sie hatte aber dieser Brief wird ja ein Buch Ein andermal davon
Zwei und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Es wäre doch sonderbar wenn Du mich besser kenntest als ich selbst Verändert
bin ich das ist gewiss Solltest Du es glauben Alle meine kleinen Liebschaften
sind aufgegeben ohne alle sinnliche Schadloshaltung aufgegeben
Was ist das nun Ist es Schwärmerei oder Natur Denn sage was Du willst
Ein Weib ist doch ein Weib und wenn sie schön ist und ich gesund bin so muss
ich als Mann ihrer begehren Gleichwohl Dank meiner Enthaltsamkeit bin ich
gesünder als jemals und doch scheint mir jede Berührung Enteiligung
Vormals ließ es sich erklären aber jetzt da ich keinem andern Weibe mich
nähere Wirklich ich bin mir ein Rätsel Wenn die Engelgestalt mich
umschwebt beugen sich unwillkürlich meine Knie und hätte ich den verdammten
HofmeisterTon nicht angenommen wer wüsste was ich täte
Sonderbar schon seit ihrem zwölften Jahre hat die Mutter sie gewöhnt mich
als ihren künftigen Mann zu betrachten Gleichwohl habe ich sie noch immer wie
ein Kind behandelt und weiß mich der Zeit zu erinnern wo ich fest entschlossen
war sie trotz der Mutter Heiratsprojecten als ein bloßes Amüsement zu
gebrauchen
Wodurch ist dieser stillsiegende Geist in das Mädchen gekommen Von ihrer
Mutter hat sie ihn nicht von ihrer Freundin Wilhelmine eben so wenig Sollte
es denn wirklich höhere Naturen geben die unabhängig von Beispiel und
Erziehung sich schwebend über allem Irdischen erhielten Ach nimm es nur hin
das Bekenntnis ich bin uneins mit mir selbst ich weiß nicht mehr was ich
glaube
Drei und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Ob es Schwärmerei oder Natur ist Warum soll Schwärmerei der Natur
entgegengesetzt werden da sie in der Natur gegründet ist Man denkt sich
darunter ein Losreissen von allem Sinnlichen ein Umherschweifen in höheren
Regionen wo keine Erfahrung uns folgt Aber diesem Losreissen verdanken wir das
Edelste was wir haben Ohne Schwärmerei hätten wir keine Philosophen und keine
Dichter keine Religion keine Kunst und keine Wissenschaft Vor der Entdeckung
Amerikas war Kolumbus ein Schwärmer und den ersten Schiffer hat man vielleicht
einen Wahnwitzigen genannt Gewiss kann man über einen Menschen keinen
schrecklichern Fluch aussprechen als den erhebe dich nie über die Erfahrung
Ich weiß nicht mehr was ich glaube sagst Du aber Du fühlst es und das
ist genug Gott das Schicksal die Natur oder wie Du es nach Deiner
Vorstellungsart nennen willst liebt Dich und führt Dich weise Dieses
himmlische Mädchen allein konnte Dein Herz retten Mögte es auf lange Zeit
möchte es für immer sein
Freilich ich gestehe es kann man sich bei aller Freundschaft einer Art
Unwillens nicht erwehren dass dieses herrliche Geschöpf Dir aufgeopfert werden
soll Aber ich bin nun einmal Dein Freund wie kann ich aufhören es zu sein
Mag es das Schicksal verantworten Ich darf nichts als Dir treu bleiben
Vier und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Was war das Du darfst nichts als mir treu bleiben Darfst nicht Also wenn
Du nun dürftest Mein Herr das gilt einen Gang Von hier bis sind nur
dreißig Meilen
Fünf und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Gänge so viel Du willst Ich habe zwar mit dem berühmten Sieger bei M zu
tun aber mein Fechtmeister war doch auch mit mir zufrieden und für eine
solche Sache kämpft es sich vortrefflich
Sechs und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
So trotzig Du weißt dass ich Dich liebe aber baue nicht zu viel darauf
Mögtest Dich irren Nun Du hast sie nicht gesehen das ist mein Trost Am Ende
kommt auch wohl alles von der Amazone Sie mag schöne Gemälde von mir
entwerfen So gar arg ist es nicht Mademoiselle Machen Sie immer den
Pferdefuss etwas kleiner Mit aller Weisheit haben Sie doch wohl auch Ihre
bösen Augenblicke so wie unser Einer seine guten und hätten Sie meine Julie
nicht gehabt wer wüsste
Wahrlich wenn ich es recht bedenke bin ich nicht ein Tor diese
Korrespondenz noch zu dulden Als Juliens Vormund wie leicht konnte ich sie
verbieten
Darum warne die Donna Ich fasse mir sonst ein Herz Mag es mich dann auch
schmerzen
Sieben und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Sei ruhig Du wirst nichts tun was Dich schmerzt Im Notfalle verhindere ich
Dich daran so wie ich es vormals getan habe Du bist Juliens Vormund nicht
ihr Tyrann Mässige Dich es gibt Mittel sie Deiner Gewalt zu entziehen
Acht und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Tod und Teufel was untersteht Ihr Euch Mich zwingen das wäre das erste Mal in
meinem Leben Und wenn sie nun meine Verlobte wenn sie nun meine Frau ist
Was wollt Ihr dann Ah ha daran habt Ihr nicht gedacht Wartet ich werde
Euch lehren mir Regeln vorzuschreiben Noch in dieser Woche ist die Verlobung
und dann kommt einmal und mischt Euch in meine Angelegenheiten
Neun und zwanzigster Brief
Wilhelmine an ihre Mutter
Es war die höchste Zeit beste Mutter Einen Tag später und meine Julie war
verloren Ich fand die Alte noch im Bette und Julie schöner und duldender als
jemals Man sah es sie hatte geweint gewacht unbeschreiblich gelitten aber
es ist und bleibt das Gesicht eines Seraphs Noch etwas größer ist sie geworden
und ihre blonden Haare schattiren jetzt in das Braune Ihre Haut ist blendender
und der Blick ihres großen Himmelauges dringt bis in das Innerste der Seele
Der schreckliche Mensch war auch da und zitterte vor Wut da ich mich
Julien näherte »Die Mutter könne sie nicht entbehren es sei vor dem Winter
unmöglich« und was dergleichen Ausflüchte mehr waren Aber jetzt übergab ich
Ihren Brief Herr Olivier fand nun für gut die Maske abzuziehen erklärte gerade
heraus er werde es nicht dulden und erhitzte sich während seiner Protestation
so sehr dass er wirklich schäumte als der Arzt Juliens zweiter Vormund
herein trat
Ich wandte mich sogleich an ihn und bat um seine Entscheidung Er war ganz
für die Reise und behauptete Julie werde ohne diese Zerstreuung einer
ernstaften Krankheit nicht entgehen Um den Herrn Obristen völlig zu schlagen
bot er seine Schwester zur Wartung der Mutter an und so konnte man denn
vernünftiger Weise nichts mehr einwenden
Noch ehe der Obriste sich von seiner Betäubung erholte war der Reiseplan
fertig und Julie fiel mir wie eine erlöste Gefangne mit einem Tränenstrome
um den Hals
Der Obriste und sogar die Mutter wurden heftig dadurch erschüttert Juliens
Lächeln hatte die Peiniger getäuscht und jetzt erst schien das ganze Bewusstsein
ihrer Schuld zu erwachen
Die Mutter sah starr auf den Boden und der Obriste nachdem er wie ein
Rasender umhergelaufen war stürzte mit einem Male vor Julien nieder und rief
mit seiner fürchterlichen Stimme halb bittend halb drohend »Julie Sie wollen
mich verlassen«
Das unterdrückte Mädchen schloss sich jetzt noch ängstlicher an meine Brust
Auch bekenne ich wie ich da den Mann durch dessen Hand so viele Menschen
starben wie ich den Koloss da vor uns liegen sah fühlte ich selbst eine Art
Schauder
Doch ermannte ich mich wieder »Lieben Sie Julie Herr Obrister sagte ich
indem ich das zitternde Mädchen zu einem Stuhle führte so können Sie sich
dieser Reise nicht widersetzen« Er antwortete mir nur mit einem wütenden
Blicke rafte sich auf und verfinsterte indem er mit seinen klirrenden Sporen
an das Fenster trat das ganze unter seinem Fußtritte bebende Zimmer
»Wann werden Sie reisen« fragte die Mutter »Morgen antwortete ich
die Wege möchten sich verschlimmern« »Morgen rief der Obriste das geht
nicht Morgen ist die Verlobung« »Und davon sagtest Du mir nichts« redete
ich Julien an »Weil ich es nicht wusste« antwortete sie mit ihrer
Flötenstimme »Du wüsstest es nicht rief ich und so wird es Dir
angekündigt Julie fuhr ich fort indem ich ihre beiden Hände ergriff und
sie fest gegen meine Brust drückte Julie wirst Du Dich morgen verloben«
Ich glaube sie sah die Verzweiflung auf meinem Gesichte »Nein
antwortete sie ich werde reisen« In diesem Augenblicke schrie die Mutter
laut auf »dem Obristen wird nicht wohl« Wir sahen uns um und er hing bleich
wie eine Leiche über der Lehne des Sophas Julie wollte sich zu ihm hinneigen
aber noch ehe sie sich losmachen konnte rief ich unsern Bedienten »Friedrich
dem Herrn Obristen ist nicht wohl geschwinde seine Leute«
»Er wird krank werden« sagte Julie wehmütig als wir in ihre Kammer
traten »Und Du antwortete ich würdest auf Dein ganzes Leben elend werden
Was ist schlimmer«
»O meine Wilhelmine rief sie indem sie das Engelgesicht an meine Brust
legte Gott weiß es wie sehr ich Dich liebe und wie gern ich Dir folge aber
hätten wir ihn nicht etwas mehr schonen können Sein Kummer ist mir
fürchterlich Ich bin nicht daran gewöhnt«
»Liebst Du ihn« sagte ich indem ich sie von meiner Brust zurückdrängte
und ihr starr in die Augen sah »Wilhelmine antwortete sie Ach Gott ich
kenne die Liebe nicht Aber wenn ich ihn liebe so ist die Liebe kein süßes
Gefühl«
»O es ist gut es ist alles gut rief ich und drückte sie wieder fest an
mein Herz Du fürchtest ihn nur bist an ihn gewöhnt kannst ihn nicht leiden
sehen das ist es und weiter nichts Fort fort von hier damit Du begreifst
wer Du bist und von wem Du Dich trennest«
»Aber morgen schon« sagte sie »Heute wenn es möglich ist« wollte ich
antworten aber ich besann mich geschwinde und als hätte ich nichts gehört
fing mit ihr an Kleider und Wäsche zum Einpacken hervorzusuchen
»Spute Dich rief ich Du hast so lange keine Bewegung in freier Luft
gehabt Wir müssen bei dem herrlichen Wetter schlechterdings noch eine
Spazierfahrt machen Meine Leute holen Vormittags den Koffer und so ist auf
morgen alles besorgt«
Die Schlüssel fielen ihr aus den zitternden Händen aber ich hob sie wieder
auf schloss zu und steckte sie zu mir Nun gingen wir zur Mutter die wir
glücklicher Weise allein fanden Der Herr Obriste war nach langem Warten endlich
davon gegangen freilich aber mit der Drohung gleich nach Tische
wiederzukommen Die sogenannte Spazierfahrt musste also beschleunigt werden
Friedrich wusste Bescheid und noch vor drei Uhr trabte er neben unserm Wagen
auf dem Wege nach P
»Hier wird uns der Obriste nicht suchen« sagte ich als wir in das
Wäldchen kamen »Aber fahren wir auch zu weit« fragte Julie »Nicht weiter
als nötig ist antwortete ich diesen Abend sind wir in P«
»O mein Gott rief sie ohne Abschied von meiner Mutter«
»Mit dem Abschiede wärest Du nie davon gekommen«
»Was wird der Obriste sagen«
»Alles was ihm beliebt die Hauptsache ist dass er uns nicht findet«
»Wilhelmine Du bist zu rasch gewesen Man wird es tadeln«
»Immerhin bist Du doch frei Auch habe ich einen Brief an Deine Mutter
hinterlassen Der Doctor will das Übrige auf sich nehmen«
Und so ging es nun rasch nach P Gestern kamen wir an und heute sind
wir schon eingerichtet Die Zahl der Brunnengäste ist ansehnlicher als jemals
und die mannichfaltigen Zerstreuungen werden auf Julien vorteilhaft wirken
Lassen Sie bald etwas von sich hören beste Mutter und schonen Sie Ihre
Augen aber nicht Ihren Secretair In der Tat ich glaube Reinhold hat das Amt
gerne übernommen und Sie können sich ganz auf ihn verlassen
Julie umarmt Sie tausendmal und Ihre Wilhelmine küsst die liebe mütterliche
Hand
Dreissigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Ihre Frau Mutter ist wohl und hat seit gestern merkliche Besserung an ihren
Augen verspürt Demohngeachtet wird meine teure Freundin ich habe ja die
Erlaubnis Ihnen diesen Nahmen geben zu dürfen mit einer Secretairsnachricht
vorlieb nehmen müssen
Der Herr Vater kann sich wie gewöhnlich zu keinem Briefe entschließen und
ist tiefer als jemals in seinen Acten vergraben Kaum war es ihm möglich mir
einen Gruß für seine Julie zurufen zu können
Olivier ist seit drei Tagen bei mir Fast möchte ich sagen er dauert mich
Ich finde ihn nicht sowohl äußerlich als innerlich bis zum Unkenntlichen
verändert und gestehe unter allen Zaubereien der Liebe ist mir diese eine der
merkwürdigsten
Gleichwohl droht sein oft mit Würde verhaltener oft wie ein reissender Strom
hervorbrechender Schmerz alle Vernunft zu überwinden Anfangs wollte er mich
zwingen ihm Juliens Aufenthalt zu entdecken und nur lange nach einer sehr
ernstaften Szene war er im Stande meine Verbindlichkeit zu begreifen Nun will
er fort Sie aufzusuchen Ich werde ihn reisen lassen und hoffe auf diese Weise
seine Genesung am sichersten zu bewirken
Empfehlen Sie mich Ihrer teuren Freundin und bitten Sie ihre Frau Mutter
mich meines Amtes nicht zu entsetzen
Ein und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Warum bin ich abgereist warum habe ich Dich nicht gezwungen mir ihren
Aufenthalt zu entdecken Und hätte ich Dir den Degen auf die Brust setzen
sollen nicht wahr endlich musstest Du nachgeben Gestehe es Du wanktest
schon O ich knirsche vor Wut dass ich Dich so entwischen ließ
Wie ich hier ankam wie ich das alles überlegte wollte ich gleich wieder
umkehren Aber da verwirrten mich die dummen Nachrichten meiner Bedienten Der
Eine wollte dies der Andere das gehört haben Am Ende bist Du auch wohl so
tückisch Julien eine Veränderung des Aufenthalts vorzuschlagen um Dich nachher
mit Deiner Unwissenheit brüsten und mich dann völlig rasend machen zu können
Siehe ich schwöre es Wo ich es Dir wo ich es Euch allen vergebe so möge
Gott mir keine meiner Sünden vergeben Mich diesem entsetzlichen Schmerze
diesen Höllenquaalen Preis zu geben Und was wird nun die Frucht Eurer
Weisheit sein Unglück schreckliches Unglück denn wenn ich sie nicht finde
o ich mag es nicht ausdenken was ich dann tue
Dummköpfe Ihr grausamen Dummköpfe Wolltet Ihr mich in Euer moralisches
Joch spannen nur mit Ihrer Hilfe war es möglich Ach ich fühlte wie es Tag
ward in meiner Seele wie mein bessres Selbst anfing zu erwachen wie Glaube und
Hoffnung zu lebendigen Gestalten sich entwickelten Das habt Ihr nun alles
zerstört Es ist wieder Nacht tiefe Nacht um mich her und ein
lebenzerstöhrender Schmerz nagt in meinem Innern Was soll ich nun tun
Tun Hier ist nicht von einem Tun von einem Leiden ist die Rede Olivier
leiden Nimmermehr Ehe zerfleischt er sein eigenes Herz
Mut Mut ich werde sie finden und dann sollt Ihr alle dafür büßen
Zwei und dreissigster Brief
Wilhelmine an ihre Mutter
Ich werde also meine teure Mutter mit ein paar recht klaren gesunden Augen
wieder finden und diese lieben Augen werden segnend auf mir ruhen Ach wie hat
sie mich geliebt und getragen das begreife ich erst jetzt an der Seite meiner
Julie wo alle gute Empfindungen die herrschenden werden
Sie streitet nicht sie widerspricht mir nicht und doch habe ich schon wer
weiß wie viele Male meine Meinung aufgegeben Machte ich irgend eine kleine
boshafte Anmerkung konnte ich mich eines bitteren Urteils über die Männer und
was dahin gehört nicht enthalten so erwartete ich wenigstens eine
missbilligende Miene von Julien aber ich sah nichts als das Lächeln was unser
Zeichenmeister schon in ihrer Kindheit das unnachahmliche nannte
Zärtliches Mitleiden holde Schaam dass ihr reines Herz sie über den Andern
erhebt Angst Vorgefühl der Reue die es sich bereitet das alles liegt in
diesem wunderbaren Lächeln Wahrscheinlich hält sie jeden Fehler jedes Laster
für eine Krankheit Wenigstens kann man ihr Betragen nicht anders erklären
Gerade zu den boshaftesten Menschen fühlt sie sich am meisten hingezogen So wie
die Ärzte sich bei den gefährlichsten Kranken am längsten verweilen
Seit acht Tagen ist hier ein Weib dessen Zunge nur aus Gift und Galle
zusammengesetzt scheint Nur sobald ich Julie vermisse finde ich sie gewiss an
der Seite dieses Weibes Jeden Ausbruch der Bosheit scheint sie für einen
Ausbruch des Schmerzes und sich für berufen zu halten ihn zu lindern Ein Kind
eine schöne Blume eine heitere Aussicht müssen ihr wechselsweise dienen die
scheussliche Phantasie des Weibes zu beschäftigen Oft wenn die blauen Lippen
sich zu einer neuen Lästerung öfnen schließen sie sich wieder bei Juliens
Lächeln und das Gift bleibt in dem Drachen zurück
Donnerstags Abends Ich hatte Recht beste Mutter Wahrhaftig sie hält das
scheussliche Weib für krank Heute war mein Sinn darauf gesetzt sie zu einem
ordentlichen Widerspruche zu zwingen
Aber sage mir redete ich sie an wie kannst Du es nur zwei Minuten bei
dem Weibe aushalten
»Ach sie leidet sehr viel«
Worüber klagt sie denn
»Sie klagt nicht aber ihr Betragen klagt für sie«
Gegen sie willst Du sagen Das Weib ist ja aus lauter Gift und Galle
zusammengesetzt
»Beste Wilhelmine wenn das ist was kann sie denn für ihr Betragen«
Nun was jeder dafür kann der einen freien Willen hat
»Ach Gott Kannst Du einem Wahnsinnigen freien Willen zuschreiben«
Wie Du hältst sie für wahnsinnig
»Nicht in dem gewöhnlichen Sinne Aber glaube mir jeder lasterhafte Mensch
ist es minder oder mehr Nanntest Du nicht selbst einmal Oliviers Denkungsart
lasterhaften Wahnsinn«
Ja wenn ich ihn nicht sehe wenn ich nicht unmittelbar unter seiner Bosheit
leide Aber in dem Augenblicke wo ich beleidigt werde muss ich die Beleidigung
instinktartig zurückwerfen muss voraussetzen der Beleidiger sei ein freier
Mensch fähig sich nach vernünftigen Gründen zu bestimmen Hat er es bis dahin
nicht gekonnt so verhelfen ihm sehr oft meine Vorwürfe dazu Er begreift dass
er anders handeln muss um mir nicht hassenswürdig zu werden
»Liebste Wilhelmine dies glauben viele Menschen und doch was bringt
dieser Glaube hervor Nach meiner kleinen Erfahrung gerade das Gegenteil von
dem was man hoft dass ich in dem Beleidiger schuldiger oder unschuldiger
Weise eine unangenehme Empfindung erregt habe ist ja schon durch die
Beleidigung erwiesen Sie selbst obgleich sie ihm eine täuschende Erleichterung
verschafft bringt wieder eine unangenehme Empfindung hervor Nun füge ich um
das Unglück vollkommen zu machen eine drei doppelt so unangenehme hinzu Wie
natürlich dass er durch eine gerechte oder ungerechte Kraftäusserung diese Menge
unangenehmer Empfindungen auf mich den widrigen Gegenstand zurückwirft Und so
ist denn der Anfang zu einer wer weiß wie viele Jahre dauernden Feindschaft
gemacht«
Also muss man alles dulden alles über sich ergehen lassen
»Was die Männer sollen das weiß ich ich nicht Sie haben ihren Degen und
mit dem lässt sich vielerlei ausmachen Aber Güte und Sanftmut sind ja unsere
einzigen Waffen Mir wenigstens kommt eine Frau die sich auf irgend eine Weise
zu rächen sucht wie eine ekelhafte Missgeburt vor«
Aber Madame R ist nicht ekelhaft
»Liebste viele Kranke sind ekelhaft muss man sie darum verlassen«
Wenigstens folgt Jedermann der Madame R kennt dieser sehr natürlichen
Empfindung
»Gerade dadurch wird sie noch mehr erbittert«
So mich dünkt sie könnte sich aber auch dadurch bewogen fühlen etwas
weniger giftig zu werden Denn sage was Du willst man muss sich doch wegen
ihrer Bosheit an sie selbst halten
»O ja wenn man abgerechnet hat was Erziehung Umstände und Temperament
dazu beigetragen haben Wenn man versucht hat was die äußerste Liebe über sie
vermag«
Und dazu bist nun gerade Du berufen Musst Dich um dieses Weibes willen von
einer Freundin trennen Ich will es noch erleben in das Polterkämmerchen wird
man mich stecken
»Meine Wilhelmine« rief sie schloss mich in ihre Arme und erstickte
alle übrige Vorwürfe mit ihren Küssen
Da kommt sie Ich muss schließen und habe Ihnen noch gar nicht geschrieben
was ich eigentlich schreiben wollte Nun das nächste mal Viele Grüße an meinen
lieben Vater und an Reinhold
Drei und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Noch habe ich keine Zeile von Dir gesehen Freilich wohin kannst Du mir
schreiben Ich irre herum wie ein Verbannter suche Ruhe und finde sie nicht
Reinhold sei menschlich entdecke mir ihren Aufenthalt Sieh ich gebe Dir
mein Ehrenwort ich will sie nicht zwingen Nein sie soll frei bleiben Mag sie
dann auch ihre Freiheit zu meinem Nachteil gebrauchen
Wenn ich sie nur sehe wenn ich nur in ihrer Nähe wieder atme
O Reinhold gib mir sie wieder damit ich diesen entsetzlichen Schmerz in
meiner Brust nicht mehr fühle Ach wie ist alles so wüste seitdem ich sie nicht
mehr habe Nur die Hoffnung sie zu finden konnte mir das Leben erhalten
In G haben sie das Äußerste versucht mich zu erheitern Vergebens
Weiber Wein Vergnügungen alles ist mir zum Ekel Sprechen sie nun gar von
meinen stachlichten Lorbeeren so möchte ich davon laufen Ach was sind meine
Metzeleien gegen ihre stille himmlische Größe Was sind die gepriesensten
Weiber gegen diese Unvergleichliche Wahre Zieraffen die nicht einmal die
Hälfte von dem was sie ist scheinen können
Sieh ich bin unglücklich auf mein ganzes Leben bin ich unglücklich wenn
ich sie nicht finde Ich ließ mir aus Verzweiflung den Zügel wieder schießen
wollte mich betäuben Aber es geht nicht es geht nicht Ach ich fühle mich
dann noch trostloser noch weiter von ihr entfernt
Aber kann ich ihr nicht schreiben Reinhold ich will ihr schreiben Dir
selbst schicke ich den Brief Du musst ja Du wirst ihn besorgen Nein das
kannst Du nicht nein Du behältst ihn nicht zurück Du liebst mich noch Du
willst nicht dass ich verzweifle O Reinhold Du schickst ihr den Brief Ich
schreibe ich schreibe
Vier und dreissigster Brief
Olivier an Julie
Julie haben Sie mich vergessen O Julie hassen Sie mich Ich bin
unglücklich unbeschreiblich unglücklich Ich sehe ich höre Sie nicht mehr
Nein aus Sich selbst haben Sie das nicht getan Man hat Sie gezwungen Sie
gewaltsam mir entrissen
Aber dieser Brief wird in Ihre Hände kommen Sie werden ihn lesen Julie
wollen Sie nicht wiederkehren wollen Sie mich nicht der Verzweiflung entreißen
Es ist alles verändert Gewiss Sie sollen frei bleiben Aber lassen Sie mich
Ihre Stimme wieder hören nehmen Sie diese schreckliche Nacht von meiner Seele
O Julie sagen Sie mir dass Sie mich nicht hassen Julie meine einzige Julie
kehren Sie wieder Ich nenne ich schreibe Ihren Namen so oft Ach es liegt
etwas tröstendes in diesem Namen
Aber Sie können diesen Brief nicht lesen Meine Hand zitterte so heftig Ich
muss ihn abschreiben Wird meine Julie mir antworten Gewiss woher nähme sie die
Härte zu schweigen
Ich habe den Brief wieder abgeschrieben und kann mich noch immer nicht von
dem Blatte trennen So lange es in meinen Händen ist fühle ich nicht den
entsetzlichen Schmerz in meiner Brust Mich dünkt Sie hätten es schon berührt
hätten es gelesen Ihre Antwort stünde darauf O meine Julie werden Sie mir
antworten
Fünf und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Ein Brief an Dich darin einer an Julie ist gestern abgegangen und nun erst
fällt mir ein dass ich Dir abermals keine Addresse gegeben habe Ach seitdem
sie mich verlassen hat verwirren sich meine Gedanken Das Notwendigste
vergesse ich Kleinigkeiten betreibe ich mit einer lächerlichen Wichtigkeit
schwatze oft Stundenlang und weiß am Ende kein Wort davon
Nun wegen der Addresse Du schickst Deinen Brief nach P Der König
kommt dorthin und will mich sprechen Ich zittre dass vom nächsten Feldzuge
dass von einem Auftrage die Rede sein wird
Zwar habe ich meine Ruhe teuer genug erkauft aber werde ich nein sagen
können Werde ich es dürfen Auf keinen Fall reise ich ohne sie gesehen ohne
ihr Wort zu haben
Alles hat sich wider mich verschworen Treibe mich nun nicht aufs
Äußerste
Sechs und dreissigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
In diesem Augenblicke empfange ich einen Brief von Olivier nebst dem
Einschlusse an Ihre Julie Ich schicke Ihnen beides mit einem reitenden Boten
der mir versprochen hat sich und sein Pferd nicht zu schonen Noch hoffe ich
er werde früher kommen als der Obriste und ihnen Zeit verschaffen Ihre
Maßregeln zu nehmen
Dem Himmel sei Dank dass es meines Rates nicht bedarf Ich gestehe Ihnen
bei Oliviers Zustande ist mir die Unparteilichkeit nicht möglich
Unvorbereitet konnte ich Sie gleichwohl nicht lassen Ach unter diesen
heftigen Erschütterungen verwirren sich meine Geschäfte Oliviers Leidenschaft
ist unmerklich in mich übergegangen Oft verwechsele ich mich mit ihm und mich
dünkt ich sei es der Julie verliere Dann reißt meine Phantasie mich wieder zu
Ihnen hin und ich zittre Olivier möchte Julie entdecken Wie wird das enden
Sagen Sie mir beste Freundin haben Sie keine Ahnung davon
Sieben und dreissigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Alle Ahnungen sind überflüssig Ihr Bote kam nur zwei Stunden später als er
sollte aber wir sind entdeckt Der König war schon seit geraumer Zeit hier und
suchte Julie eben so geflissentlich auf als sie ihn vermied Welch Wunder dass
er bei seiner außerordentlichen Reitzbarkeit sich angezogen fühlt wo die
kältesten Männer gerührt werden Julie in ihrer Kinderunschuld meinte es sei
Wohlgefallen an unserm Geschwätz und fürchtete nur das Aufsehen Aber seine
Augen haben ihn verraten und jetzt nach der Ankunft des Obristen ist kein
Zweifel mehr übrig
Schon seit mehreren Tagen hatten wir unter dem Vorwande einer Unpässlichkeit
allen Spaziergängen entsagt Endlich lockte uns das schöne Wetter aus unserm
Zimmer hervor Wir glaubten überdem der König sei ausgeritten und atmeten
sorgenlos die reine erquickende Luft als wir plötzlich seine Stimme dicht neben
uns hörten »Lasst ihn hierher kommen« sagte er zu seinen Leuten und stand
vor uns ehe wir nur versuchen konnten ihm auszuweichen
Ein paar Minuten und wir sind trotz unserer Einsylbigkeit wieder
meisterhaft ins Gespräch verwickelt Aber mit einem Male ruft der König »Ah da
ist er Nicht wahr Sie verzeihen mir wenn ich einen alten Freund in Ihrer
Gegenwart bewillkomme«
Wir verneigten uns und schwiegen Was konnten wir auf diese übertriebene
Höflichkeit antworten
Jetzt erscheint ein großer entsetzlicher Mann in p Uniform am Ende der
Allee Der König verdoppelt die Schritte Wir müssen folgen Auch der Mann
nähert sich schneller »Julie rufe ich mit einem Male wer ist das« »Der
Obriste Olivier« sagt der König starrt mich an und wendet sich dann zu
Julie mit der Frage »kennen Sie ihn« »Es ist mein Vormund« antwortet sie
gefasst aber bleich wie eine Leiche Der König steht still und seine Augen
ruhen unverwandt auf Julien So findet uns der Obriste
Es war unmöglich den gewaltsamen Kampf zwischen Anstand und überwältigender
Empfindung bei ihm zu verkennen »Wahrscheinlich eine ganz unvermutete
Zusammenkunft« sagt der König in einem empfindlich höflichen Tone »Meine
Braut antwortet der Obriste und seine Augen sprühen Flammen musste sich ohne
Abschied von mir trennen« Mit einer tiefen Verbeugung setzt er nach einem
allgemeinen Stillschweigen hinzu »ich habe nicht säumen wollen Ew Majestät
Befehlen zu gehorchen«
»Verbunden sehr verbunden« ruft der König im lustig sein sollenden Tone
»Aber jetzt wäre es grausam Ihnen mit meinen Angelegenheiten beschwerlich zu
fallen Kommen Sie Fräulein indem er sich zu mir wendet Sie müssen Ihr
Versprechen erfüllen und mir die neue Anlage zeigen«
Ich wusste von keinem Versprechen und von keiner Anlage Aber in ein dummes
Hinbrüten versunken lasse ich mich halb bewusstlos mit fortreißen
»Mein Fräulein sagt der König lösen Sie mir das Rätsel Eine Braut die
vor ihrem Geliebten erblasst«
»Ihr Majestät Fräulein S ist nicht Braut«
»Sie ist es nicht« ruft er und weckt mich erst jetzt aus meiner
Betäubung Ich will mir helfen Vergebens er lässt nicht nach mit Fragen
treibt mich von einer Unbesonnenheit zur andern und verwickelt mich endlich so
sehr in meine Antworten dass mir bald nichts mehr zu gestehen übrig bleibt
Mit tödtlichem Schrecken sehe ich ihn jetzt meine Hände in unbändiger Freude
ergreifen und sie mit Küssen bedecken Höre ihn mich beschwören seine Freundin
zu sein Julie zu bewegen seinen Schutz anzunehmen zu glauben dass er mein
Vertrauen auf keine Weise missbrauchen werde O Gott ich weiß nicht mehr was
er mir alles sagte Mir war es habe der Donner vor mir eingeschlagen Stumm
zitternd und taumelnd ließ ich mich von ihm bis zu meinem Zimmer begleiten
Julie fand mich im Fieber Noch jetzt bin ich nicht davon befreit Das
Reisen hat uns der Arzt verboten Haben sie die Güte meine Mutter zu
benachrichtigen Fort müssen wir das ist gewiss Aber wann wohin kann ich noch
nicht entscheiden
Juliens Gesundheit scheint unverwüstbar Sie spricht mir Mut ein und
versichert es werde noch alles gut gehen Ach woher nehme ich die Kraft ihr
meine Unbesonnenheit zu gestehen Ich suche die Gelegenheit und zittre davor
Auf jeden Fall melde ich Ihnen unsre Abreise
Acht und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Wäre ich nur in dem Gewühle des Krieges geblieben Hätte irgend ein feindlicher
Säbel eine wohltätige Kugel sich meiner erbarmt dann wäre ich jetzt im
Frieden Doch wer weiß Wahrhaftig man könnte versucht werden schon hier an
eine Vergeltung zu glauben Wie oft hat mich die Eifersucht der Weiber amüsirt
und jetzt Der König hat sie gesehen und in meinem Herzen ist die Hölle mit
allen ihren Quaalen
Ob ich für sie fürchte O denke es nicht Es ist Lästerung Nein sie ist und
wird ewig bleiben was sie war Aber er sieht sie er untersteht sich ihre Hand
zu berühren Begreifst Du was ich leide Ob ich ihrer denn würdiger bin Das
sage ich nicht Keiner ist ihrer würdig Aber er er mag es wagen einen seiner
Gedanken laut werden zu lassen
Sonderbar müssen wir uns neben einander ausnehmen Er schmeichelt mir und
ich natürlicher Weise bin gezwungen ihn zu schonen Aber unsre Blicke mögen
einen schönen Kommentar abgeben Weswegen er mit seinem Auftrage noch nicht
hervorrückt ist mir unbegreiflich Ich warte darauf um das Entscheidende zu
wagen
Sieh was hat nun all Eure Vorsicht geholfen Das Schicksal führt uns
trotz Euch wieder zusammen Ohnfehlbar habt Ihr statt zu verbessern
verschlimmert Wahrlich Ihr mögtet was darum geben dass alles im vorigen Gleise
noch fortschlenderte Dann wüsste ich noch nicht was es heißt ohne sie zu
leben Dann wäre vielleicht eine sanfte allmählige Trennung noch möglich Jetzt
ist es Raserei daran zu denken Sie oder den Tod Darauf könnt Ihr Euch
verlassen
Neun und dreissigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Bestes Fräulein ich beschwöre Sie nichts zu übereilen Oft wirkt das was wir
Zufall nennen mehr als wir bei dem besten Willen vermocht hätten
Versuchen Sie einmal sich eine kurze Zeit leidend zu verhalten Besonders
handeln Sie nicht gegen den Obristen Es ist gefährlich Meine teure
Freundin Lassen Sie uns auch gegen ihn gerecht sein Wahrlich er leidet sehr
viel gewiss mehr als wir begreifen
»Aber Julie« Julie bestes Fräulein ist sicher Und wäre sie es nicht
in der Tat dann zweifle ich dass wir ihr Sicherheit verschaffen können Nur
Zeit gewonnen dann ist alles gewonnen Wenigstens alles was uns zu gewinnen
übrig bleibt
Vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Ganz richtig ich soll wieder Tausende zur Schlachtbank führen weil es dem
Herrn weil es seiner allmächtigen Dame so beliebt Meine braven Kerle lassen
sich in Stücken hauen ich stürze ihnen nach wie ein Verrückter und das alles
wird gegen eine Nation die für Eigentum und Freiheit kämpft zu nichts dienen
als ein paar Lücken in den Zeitungen auszufüllen
Sollte nicht eine Zeit kommen wo die armen hungrigen 4 Groschen Helden
ihren an der Verdauung laborirenden Gebietern die Waffen zu Füßen legen und in
Demut anhalten würden Höchstdieselben mögten wenn irgend etwas zwischen Ihnen
und Dero Herren Vettern auszumachen sein sollte die Gnade haben solches mit
eignen hohen Händen zu bestreiten Besagte Helden wären indessen gesonnen das
Feld zu bauen und auf diese Weise zu den Tronverzierungen das Ihrige
beizutragen wofern nur die Hasen und Hirsche der Herren Gebieter nichts
dawider einzuwenden hätten Ja ich glaube sie wird kommen diese Zeit Die
Herren Gebieter werden sie selbst herbeiführen und auf diese Weise für die
Unverdaulichkeiten am besten Sorge tragen
Welche Antwort ich aber gegeben habe Dass ich bereit sei den Augenblick zu
gehen sobald Fräulein S mir ihre Hand zur Belohnung reichen wolle
»Sonderbarer Einfall« riefen Ihr Majestät und beliebten dabei mit
entsetzlichen Schritten das Zimmer zu messen »Ich glaube wahrhaftig Sie
haben mich zum Brautwerber ausersehen«
»Ich gestehe dass unter allen Belohnungen«
»Mit welchen Sie mich bis jetzt immer zurückwiesen«
»Ich wünschte Ew Majestät von meiner uneigennützigen Anhänglichkeit zu
überzeugen«
»Und jetzt«
»Hat das Leben durch Julie von S einen Wert für mich bekommen«
»So so nun ich habe nichts dawider«
»Was könnten Ew Majestät dawider haben«
»Wahrhaftig Herr Obrister Sie spielen heute eine sehr komische Rolle«
»Ew Majestät sind heute vielleicht sehr komisch gestimmt und daher mag ich
Ihnen wohl so erscheinen Sonst war das Komische eben nicht meine Sache«
»Nun so haben Sie Sich erst seit Kurzem darauf gelegt Denn gestehen Sie
es war doch sehr komisch schon bei unsrer ersten Zusammenkunft Fräulein S
Ihre Braut zu nennen und jetzt noch einer Vorsprache zu bedürfen«
»Dieser Vorsprache würde ich nie bedurft haben wenn Fräulein S ihrem
Herzen hätte folgen können«
»Ach mein lieber Obrister es ist eine gar eigene Sache um ein
Frauenzimmerherz In unsern Jahren tut man sehr wohl keine zu großen
Ansprüche daran zu machen«
Ich hatte etwas sehr Bitteres auf der Zunge aber glücklicher oder
unglücklicher Weise trat der Günstling herein
»Adieu lieber Olivier rief der König In vier Wochen hoffe ich den
Herrn General zu empfangen«
Was ich nun tun will Zu Julie will ich gehen und sie soll entscheiden
Ein und vierzigster Brief
Reinhold an Olivier
Bester Olivier wenn Du noch nicht gegangen bist so höre mich Ach dass es Dir
möglich wäre Dich zu fassen die Folgen einer Übereilung zu begreifen Hast Du
alles vergessen Sie sollte frei bleiben Du wolltest sie nicht zwingen Nun
soll sie sich aufopfern soll ihr ganzes Leben hindurch weinen Was hat die
Reine Unschuldige getan so in ein entsetzliches Schicksal verwickelt zu
werden Warum soll sie den Mann ihres Herzens nicht wählen dürfen Deine Liebe
selbst müsste sie schützen Welch eine Gestalt hat diese Liebe angenommen
Könnte ihr ärgster Feind schlimmer gegen sie handeln
Olivier reiss Dich einmal los von Dir selbst Du kannst es wenn Du es
willst Schreite mutig aus dem Zauberkreis der Leidenschaft Jetzt bist Du ein
Dritter bist nicht mehr der von schrecklicher Eigenliebe bis zum Wahnsinn
verblendete Olivier Olivier was fühlt nun Dein menschliches Herz Ach sieh
es kehret nie wieder das Blütenalter der Liebe Soll sie es niemals
durchleben Wenn sie nun einst wie Du es glaubst mit uns zerstört wird wenn
kein Bewusstsein ihres vorigen Zustandes möglich ist wenn vielleicht kein
besserer ihrer wartet dann willst Du es sein der ihr die einzigen Augenblicke
raubt die den Menschen für sein Dasein trösten können
Nicht wahr Dein innigstes Mitleiden erwacht Nein Du willst nicht zum
strafbarsten Mörder an ihr werden
Zwei und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Du hast sie nicht gesehen das macht Dein Philosophiren begreiflich Auch
bewahre Dich Gott dafür Du wärest noch unglücklicher als ich Du würdest leiden
wo ich handle
Wer zweifelt dass ich mein Verfahren an einem Dritten missbilligen würde
Aber ich ich kann nicht anders »Schreite muhig aus dem Zauberkreis der
Leidenschaft« Aber in diesen Kreis hat das Schicksal meine ganze Glückseligkeit
gebannt Außer ihm ist eine scheussliche grausenvolle Öde Ich kenne sie schon
diese Hölle Nein nein dass ich mich vor den Quaalen der Verdammten schütze
das will ich verantworten
Ach wenn das Treiben und Drängen der unglücklichen Erdenwürmer mich
anekelte wenn Wollust und Ruhmsucht mir schienen was sie sind wenn ich mich
nach allen Seiten wendete und trostlos fragte warum warum wozu Dann
erschien sie mir wie ein höheres Wesen die grübelnde Vernunft war gefangen und
ich glaubte
Nein Du irrst nein sie kann nie aufhören zu sein und sollten wir alle
verschwinden Sie ist mit sich einig ist ein unzerstörbares Ganze In ihr lebt
wahrhaft ein unsterblicher Geist Darum will ich mich an sie schließen will
fest an ihr halten dass sie mich hinüber ziehe in das unbegreifliche Leben
Noch habe ich sie nicht gefragt Ein sonderbares linkisches mutloses
Wesen befällt mich in ihrer Gegenwart Aber sie sieht was ich leide sie
begreift wie unmöglich es ist dass ich sie einem andern Manne überlasse Auch
vermeidet sie jede männliche Gesellschaft Es ist gut ich weiß ihr Dank dafür
aber es kann es darf auch nicht anders sein ich würde rasen
Freilich manchmal erschrecke ich wohl vor dem Gedanken sie könne ganz die
Meinige werden Aber dann habe ich sie ja dann wird die Gewohnheit sie zu
sehen und zu besitzen diese quaalvolle Empfindung mildern Dann werde ich nicht
mehr die Gewänder die sie umschließen die Lüfte die sie umwehen beneiden
Letzt kamen wir von einem Spaziergange Sie klagte über Durst und foderte
ein Glas Wasser Wie sie es so mit Begierde ergriff es an den Mund brachte und
nun in hastigen Zügen es leerte ja da hatte ich mit mir zu kämpfen Zweimal
streckte ich die Hand aus nach dem Glase und ließ sie dann beschämt wieder
sinken Wer hätte mich begriffen wer hätte geahnt was ich litt sie etwas so
mit Begierde verlangen es körperlich mit sich vereinigen zu sehen Endlich
bekam ich das Glas und freilich stieg mir das Blut dabei ins Gesicht ja ich
konnte es nicht lassen heimlich zerschmetterte ich es gegen einen Stein
Ach bedaure mich Ich weiß wohl es ist weit mit mir gekommen
Drei und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Ich soll mich leidend verhalten Nun Sie werden sehen wohin das führt Sicher
wäre sie Mein guter Freund was nennen Sie sicher Dass für ihre Unschuld
nichts zu fürchten ist wer kann davon mehr überzeugt sein als ich Aber ihre
Ruhe Sie sollten nur hier sein
Wahrlich Herr Olivier scheint all Ihr Mitleiden verbraucht und Ihre
Gerechtigkeit nur für sich in Beschlag genommen zu haben Er kommt mir vor wie
jener Wolf der sich beklagte dass er ein schönes Lamm in der Nachbarschaft
wozu er doch so großen Appetit habe nicht zerreißen könne Danach mögen Sie
ungefähr schließen welchen Eindruck seine Leiden auf mich machen und wie sehr
ich gesonnen bin mich duldend dabei zu verhalten
Die unglückliche verblendete Julie sieht freilich mit andern Augen Jeden
Tag peinigt sie sich irgend eine neue gute Eigenschaft an dem Herrn Obristen zu
entdecken
»Es ist doch ein schöner großer Charakter voll Kraft und ausdauernden
Mut So weich kann er nun freilich nicht sein wie ein Weiberherz ihn verlangt
Aber gewiss er ist empfänglich für alles Gute und Schöne Dass er unser
Geschlecht vormals nicht schätzte ach das mochte vielleicht seine Schuld nicht
sein Dass er ein wenig viel gelebt hat Es ist eine Schimäre Reinigkeit der
Sitten von einem Manne zu verlangen Seine Hände triefen zwar von Blut aber
er stritt ja für sein Vaterland« Wenn ich das Wort höre beiss ich mir in die
Lippen »und die Welt nennt ihn einen Helden«
Für den Herrn Obristen ist demnach in aller Herzen gesorgt nur in dem
meinigen wollen seine Vollkommenheiten nicht haften Trotz des Schafpelzes
steht mir leider der Wolf immer vor Augen und ich kann die Zeit nicht
vergessen wo er glaubte die jetzige Verkleidung entbehren zu können Früh oder
spät wird er den alten bequemen Glauben wieder annehmen und wehe dann einem
Jeden der nicht auf seiner Hut ist
Immerhin wollte ich alles gelten lassen wenn sie ihn nur liebte Es wäre
doch eine befriedigte Leidenschaft die in dem genussleeren Menschenleben wohl
einige Rücksicht verdient Aber sie fühlt nichts als Mitleiden Davon bin ich
jetzt lebhafter als jemals überzeugt
Dass der König bei aller sogenannten Liebenswürdigkeit sie nicht gerührt
hat bedarf wohl keiner Versicherung Aber seit einiger Zeit ist hier ein
junger Sicilianer der wenn der Obriste für einen Herkules gelten kann sich
dreist für einen Apoll ausgeben darf Er spricht das Deutsche nur gebrochen
aber es klingt wie Musik in seinem Munde Er kann nur halb dadurch andeuten was
er wünscht aber seine Bewegungen voll südlichen Feuers und südlicher Anmut
sagen mehr als die vollkommenste Sprache Der Obriste ist sein Held und Julie
sein Abgott Wohl bemerkt dass dieser Abgott sehr menschlich für ihn empfindet
Aber glauben Sie man überliesse sich dieser sehr natürlichen Empfindung
behüte So wie der junge Mann erscheint läuft man davon und möchte lieber die
Fenster zumauern um nicht den vierten Teil eines sichtbaren Ermels auf seinem
Gewissen zu haben Nichts desto weniger geraten der Herr Obriste sehr häufig in
große Verlegenheit Jetzt muss ich abbrechen aber nächstens sage ich Ihnen
vielleicht ein Wörtchen darüber
Unsere Abreise Nun sie gehört in das Kapitel der guten Vorsätze und ist
demnach vor jeder Übereilung gesichert
Vier und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Heute stehe ich mit dem überlegten Vorsatze auf sie um eine entscheidende
Antwort zu bitten Ich trete in die Allee und halte noch einmal jedes Wider und
Für in meinem Kopfe zusammen als ein wunderschöner junger Mann mich anredet
Ich sehe ihn an und schreie laut auf »Antonelli« »Sein Sohn« antwortet
er und liegt in meinen Armen
Als ich ihn so an meine Brust drücke und mich nicht satt an ihm sehen und
küssen kann zieht er ein Schreiben hervor Es war von der Mutter Wie weich ich
jetzt bin ich konnt es nicht auslesen Du weißt der Vater fiel an meiner
Seite Das Mutterherz hatte gesprochen und wie gesagt ich konnt es nicht
auslesen
Ich gab ihm die Hand und nannte ihn meinen Sohn Das Wort war heraus
Einige Minuten darauf hätte ich es nicht sagen können Julie trat in die Allee
und ein Gewühl von schmerzhaften Ahnungen umpfieng meine Seele
Der junge Mensch blieb staunend und sprachlos vor ihr stehen Ich musste ihn
an seinen Hut erinnern Ach es wird mir zu viel ich unterliege
Fünf und vierzigster Brief
Reinhold an Olivier
Heldenseele erwache Auf mein Olivier es gilt Zum Kampfe gegen das tückische
grausame Schicksal Sieh es will Dich unterjochen Meinen Olivier
unterjochen O der Schande Nein nein Noch kann er die entehrende
Leidenschaft überwinden Triumphiret nicht plötzlich wird er erwachen und sich
bewusst werden was er ist Trieb nach einer unendlichen Tätigkeit hat ihn in
dieses Labyrinth geführt aber eine höhere Liebe als die welche er darin
suchte wird ihn aus der Finsternis leiten
Nein er soll nicht Verzicht tun auf Glückseligkeit Im höheren Maße als
er es jemals geahnt hat wird sie ihm zu Teil werden Nur Mut nur einige
Schritte wie viel Anstrengung sie auch kosten Sie führen zum Lichte zum
höheren genussvolleren Leben
Mein Olivier ich umarme Dich und bitte Deinen Schutzgeist Dich nicht zu
verlassen
Sechs und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Guter Mensch was rufst Du mir zu Es ist vergebens Olivier ist an keine
Aufopferung gewöhnt Mag es das Schicksal verantworten
Ich bedurfte Ruhm mein Kopf und mein Arm mussten ihn erwerben Mein Körper
foderte sinnlichen Genuss für und ohne Geld hatte ich mehr als ich brauchte
Mein Geist dürstete nach Wahrheit und ich war glücklich genug das was ich
gefunden hatte dafür zu halten
Jetzt war mein Lebensplan fertig Ich wollte genießen und es fehlte mir
nicht an den Mitteln Wer hätte mich nicht glücklich gepriesen Aber mein Herz
war vergessen und rächte sich schrecklich an mir
Was bleibt nun übrig Aufgeben Verzicht tun Da steht die
Unmöglichkeit überwinde sie wenn Du kannst Ja wäre die Rede nur von
sinnlichem Wohlgefallen ich würde den Gegenstand wechseln mich betäuben und
vergessen Aber Sie O Gott
Wie konnte ich diese Vortreflichkeit ahnen in der grässlichen ewig
verschlingenden Natur In ihr die ihre Kinder nur zum Tode gebiert und was sie
schaffen mörderisch im ewigen Kreislaufe zerstört Konnte ich glauben sie
wollte etwas anderes als vorüberfliegenden sinnlichen Genuss für ihre Geschöpfe
Sah ich nicht die Unglücklichen nur darum sich zerfleischen Fand ich nicht
Dummheit oder Heuchelei wenn sie vorgaben für etwas Edleres zu kämpfen Hatte
ich selbst jemals für etwas Erhabeners gestritten Oft wollten die Andern mich
es glauben machen und würden mich vielleicht zu diesem Glauben bekehrt haben
wäre er zu meiner Ruhe notwendig gewesen Aber bei meinem System konnte ich gar
wohl seiner entbehren
Uns aufgerichteten Tieren schien mir ganz recht zu geschehen wenn wir beim
Fluge nach den Sternen durch die mütterliche Erde etwas unsanft an unsere
Abkunft erinnert würden Diese Luftschifferei nach so vielen misslungenen
Versuchen ferner noch zu treiben schien mir ganz eigentlicher Wahnsinn und
der damit Behafteten glaubte ich keinen bessern Weg als zum Arzte vorschlagen zu
können
Jedesmal wenn mir nun das Leben nicht genügte mir ekelhaft vorkam suchte
ich den Grund in einem krankhaften Zustande meines Körpers und war glücklich
oder unglücklich genug mir durch eine Reise durch irgend eine andere
Zerstreuung wieder aufzuhelfen
Aber da sich dieses Engelherz mir öffnete war es um mein System und mit ihm
um meine Ruhe geschehen Dieser himmlische Sinn kein Werk des Beispiels der
Erziehung war rein und vollendet aus den Händen der Natur hervorgegangen hatte
alles was ihn enteiligen konnte mit eigener Kraft zurückgestoßen
So war es denn gewiss die Unergründliche wollte mehr als das tierische
Wohlsein bildete Wesen zu höheren als irdischen Freuden
Denke wie diese nicht nachgebetete oder einsam ergrübelte sondern durch
lebendige Erfahrung abgedrungene Bemerkung auf mich wirken musste Mir war als
träte ich aus einer dumpfigen Gruft an das erquickende Tageslicht als öfne sich
mir eine Unendlichkeit voll Wünsche und Hoffnungen Begreifst Du nun dass ich
nicht bloß sie dass ich mich mein bessres Selbst in ihr liebe
»Sie kann trotz allem wirst Du sagen meine Freundin bleiben« Nein
nein das ist ein leerer Schall Muss ich sie die mein eigentliches Leben in
sich schließt Stunden Tage lang ohne die Hoffnung dass sie mir einst ganz
angehören wird entbehren kann ich diesen himmlischen Körper nicht innig mit
mir vereinen ein Wesen mit ihm ausmachen so ist es um mich geschehen Ein
Anderer sollte das alles besitzen O dann halte nur die Kette für mich bereit
»Mut« Nun man sagt ich habe ihn gezeigt Von einem andern Mute
sprichst Du Wohlan auch gegen das Böse habe ich jetzt Mut Aber sich von dem
ewig Guten zu trennen das tut nur ein Wahnwitziger
Sieben und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Die Verlegenheiten des Herrn Obristen wollte ich Ihnen zum Besten geben und war
freilich damals gestimmt in einen ziemlich komischen Ton zu verfallen aber
leider hat es jetzt mit diesen Verlegenheiten eine sehr ernsthafte Bewandtnis
und das Komische gibt sich von selbst
Geschlagene Leute sind wir Ein schreckliches unerhörtes Verbrechen
lastet auf unserer Seele Mit einem Worte fassen Sie sich wir haben
getanzt Ob die Erde nicht bebte ob sich die Sonne nicht verfinsterte Ach
nein Aber der Obriste hat vor Schrecken und Ärger einen Schwindel davon
getragen
Gott weiß es Dies hat auch mich fürchterlich erschreckt aber Doch sie
mögen selbst urteilen
Nach wer weiß wie vielen abschlägigen Antworten bittet uns der König heute
zu dem letzten Balle Wie gewöhnlich sucht man Entschuldigungen hervor Aber er
lässt sich nicht irre machen und besteht darauf uns wenigstens als
Zuschauerinnen daran Teil nehmen zu sehen Julie frägt mich unentschlossen mit
den Augen Ich gebe ihr durch Zeichen zu verstehen dass ja nichts dabei zu wagen
ist und wir versprechen zu kommen
Hoch erfreut eilt der König davon aber Angst Reue und Schrecken ziehen nun
augenblicklich bei uns ein »Was wird der Obriste denken Man hätte ihn um
Rat fragen man hätte schlechterdings nicht zusagen sollen«
Ich gestehe diese übertriebene Bedenklichkeiten erbitterten mich Um so
mehr da der König trotz meiner kindischen Furcht sich bis diesen Augenblick
mit musterhafter Anständigkeit betragen hat Wie gesagt die Bedenklichkeiten
erbitterten mich und ich hielt eine Strafpredigt über Freiheit Selbstschätzung
usw die sich vor Meister und Gesellen konnte hören lassen
Julie schwieg Es scheint ihr unmöglich einem heftigen Menschen zu
widersprechen Freilich wer durch die stille Trauer auf diesem Engelgesichte
nicht zur Besinnung kommt möchte wohl schwerlich dazu gelangen Ich aber suchte
mich jetzt absichtlich dagegen zu verhärten verliebte mich immer mehr in meine
Tiraden und würde ohne Zweifel noch eine gute Stunde damit fortgefahren haben
hätte mich der Durst nicht in einer der schönsten überfallen
Hastig ergrif ich ein Glas Wasser aber eben so schnell fiel mir Julie in
den Arm »Trink nicht sagte sie mit einer Stimme die sich zu der meinigen wie
eine Flöte zu einem kleinen Brummbass verhielt das Wasser ist eiskalt und Du
bist schrecklich erhitzt«
Noch wollte ich trotzen aber da sah ich in das Himmelauge aus dem die
Liebe nicht weicht alle meine Tiraden waren vergessen und ich musste froh sein
mich an ihrer Schulter verbergen zu können
Das Andenken dieses Augenblicks hat etwas so feierlich rührendes für mich
dass ich meine Erzählung schlechterdings auf ein andres Mal verschieben muss Ich
will Sie durchaus weder feierlich weder rührend noch gerührt machen Denn
wahrhaftig würde hier die ganze Welt gerührt so möchte es schlimm um uns
aussehen
Nur so viel zur Nachricht Der Obriste ist außer Gefahr und wie gewöhnlich
von fünf Uhr an gestiefelt gespornt und vollkommen marschfertig Zum
Niederlegen bei Tage haben ihn weder die Bitten des Königs noch des Arztes
vermögen können Sein Kammerdiener der ihn wohlbemerkt niemals anrühren darf
versichert er habe ihn bis diese Stunde noch nicht in Nachtkleidern gesehen
Dagegen aber müssen eine wohlgereinigte Uniform mit Wäsche und allem Zubehör auf
den andern Tag bereit liegen um dem Obristen beim Erwachen sogleich in die
Hände zu fallen
Sonderbar Ihnen das wie eine Neuigkeit zu erzählen Was will ich damit
Nun es macht eine dumme Empfindung in mir rege Meine Feinde würden sagen es
verdrüsst mich
Acht und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Sie ist mein Ach das war zu viel gesagt Nein noch ist sie nicht ganz mein
aber sie wird nie eines Andern Das hat sie mir versprochen und das gilt mehr
als wenn Andre schwören
Höre wie es kam Geschäfte halber war ich den ganzen Tag ihres Anblicks
beraubt gewesen Nur erst gegen Abend konnte ich auf ein paar Minuten zu ihr
fliegen Sie war nicht zu Hause Mir unbegreiflich denn ich hatte sie ja immer
gefunden Ich fühlte die Unbescheidenheit konnte mich aber nicht enthalten zu
fragen »wo ist sie denn« »Auf dem Balle« Ich muss sehr blass geworden sein
denn ich sah das Mädchen erschrecken Aber ohne mich weiter einzulassen eilte
ich davon
Wie ich in den Saal trete finde ich alles in einer Ecke zusammengedrängt
»Was gibts« frage ich den Lieutenant D »Der König tanzt mit Fräulein
S« antwortet er »Aber mein Gott was fehlt Ihnen Herr Obrister«
»Nichts nichts« sage ich und dränge mich vor
Sie sie selbst mit ihm an seiner Hand tanzte Nein nein das ist nicht
wahr schwebte leise unhörbar Nur von fern berührte er sie bückte sich
jedesmal wenn sie sich näherte Jetzt sollte gewalzt werden und ich grif
krampfhaft an den Degen Ob ich es gleich wusste nicht zweifelte O ich hatte
Recht Er wagte es nicht und sie konnte es nicht dulden oder sie wäre nicht
sie selbst gewesen Mit schüchterner Achtung ja wahrhaftig mit
Schüchternheit führte er sie hinauf während die Andern rasten O er ist
noch nicht ganz verwahrlost Er fühlt noch ihren Wert Ich war wieder zu mir
selbst gekommen ich hatte mich gefasst Aber jetzt trat Antonelli hervor und
ehe er noch um ihre Hand bitten konnte war ich aus dem Saale riss meinen
Braunen in den Garten und stürmte mit ihm durch die Felder
Mit einem Male so viel weiß ich noch ward alles schwarz um mich her
mein Pferd stürzte und ich verlor das Bewusstsein
So hatte man mich gefunden Mein treuer Brauner war unbeweglich bei mir
stehen geblieben Ich erwachte in meinem Bette und fand Antonelli an meiner
Seite
»Julie Julie« rief er und stürzte zur Tür hinaus Noch ehe ich recht
zur Besinnung kam war er wieder da umarmte mich küsste meine Kleider und alles
was ihm vorkam
Ach es ist ein unbeschreiblich liebenswürdiger Junge Mit tiefem Schmerz muss
ich es mir gestehen Ich glaubte er würde vor Freuden die Decke zersprengen
als endlich der Arzt erschien und ihm Ruhe gebot
Aber daran war nicht zu denken Mit tausend närrischen Vorschlägen plagte er
nun den armen Mann Ich müsse in die freie Luft Könne ich nicht gehen so wolle
er und der Kammerdiener mich tragen Der große Lehnstuhl müsse dazu eingerichtet
werden usw
Alles Kopfschütteln des Arztes half nichts Er tobte hinaus zu den Leuten
Stricke Betten allerlei Gerätschaften mussten herbeigeholt werden und ehe wir
es uns versahen stand er mit seinem Tragsessel vor uns
Nun erklärte freilich der Doctor für diesmal könne nichts daraus werden
und nötigte ihn unverrichteter Sache wieder abzuziehen Aber nach einer
kleinen Weile erschien er abermals und hatte sich wieder ein Anderes ersonnen
Der Doctor sollte mit ihm zu Julien gehen und sie bitten zu mir zu kommen
Dann sollte sie an meiner Seite sitzen während er auf der Flöte spielen und
dazu tanzen wollte
Der ernsthafte Mann konnte sich doch jetzt des Lächelns nicht enthalten und
fragte nun wer denn diese Julie wäre Antonelli höchst erstaunt hier jemand
zu finden der noch nichts von Julie gehört hatte zog ihn nun ohne weiter auf
Einwendungen zu hören mit Gewalt aus der Türe
Was konnte ich von dem großen Kinde anders erwarten als dass er das teure
Mädchen mit oder wider ihren Willen herschleppen würde Darum sprang ich ohne
meine Schmerzen zu achten schnell aus dem Bette warf mich in meine Uniform
und eilte in das andere Zimmer um sie zu empfangen
Ich hatte richtig geahnt Nach wenigen Minuten hörte ich schon den
Lebendigsten aller Lebendigen so nennt ihn Wilhelmine jauchzend und tobend
die Treppe stürmen Aufgerissen ward die Tür und wie ein Pfeil schoss er ohne
mich zu bemerken in die Kammer
In meinem Leben werde ich das Gesicht nicht vergessen mit dem er wieder
heraus kam Aber jetzt blickte er nach dem Sopha und würde mich unfehlbar
erstickt haben wäre ihm nicht zu rechter Zeit eingefallen er müsse sogleich
die fröhliche Botschaft verkündigen
Kaum hatte ich mich also von seinen kräftigen Umarmungen erholt so sah ich
das himmlische Mädchen von dem Arzte geführt zu mir eintreten Mein Zimmer
verwandelte sich von nun an und hat auch seitdem immer etwas Magisches
behalten
Ich wollte ihr entgegen der Arzt befahl mir zu bleiben Antonelli ruhte
nicht sie musste sich zu mir setzen Ich sah ihre unbeschreibliche Verlegenheit
aber ach Gott ihre Nähe tat mir so wohl Doch Antonelli war es noch alles
nicht recht »Ansehen rief er die Hand geben Sprechen viel Gutes
sprechen Ich die Flöte holen« Jetzt war er wie ein Sturmwind hinaus und hatte
den Arzt mit sich fortgerissen
Wir blieben allein Ich fühlte es und sie fühlte es noch tiefer Dass sie
zuerst sprechen würde konnte ich nicht hoffen Ihre Augen waren an den Boden
geheftet und ein hohes Rot hatte das Engelgesicht überzogen
»Julie sagte ich endlich wollen Sie mir auch nicht die Hand geben
ansehen können Sie mich wenigstens Ich habe sehr viel gelitten«
Ich glaubte sie könne nicht schöner werden Ich hatte geirrt Mit tiefem
Schmerze ward ich es jetzt inne und mit dem Mute der Verzweiflung ergriff ich
nun ihre Hand drückte sie fest an mein Herz und rief »Julie Wenn Sie einen
Andern lieben wenn Sie mich nicht lieben können so sagen Sie es Machen Sie
mich mit einem Male so unglücklich als ich werden kann«
Sie schwieg Mein Urteil war gesprochen Ich dachte empfand nichts mehr
Mein Herz hörte auf zu schlagen aber mein Auge wandte sich noch einmal zu ihr
hin Da sah ich dass sie die Lippen öffnete und mein Blut begann wieder den
Lauf
»Julie rief ich was wollten sie sagen Sagen Sie es sagen Sie es
was es auch sei Lieben Sie einen Andern können Sie mich nicht lieben«
»Ich achte Sie und werde nie einem Andern gehören«
Ja ja das sagte sie und ich stürzte vor ihr nieder und rief nun will ich
gehen will gehen in den Tod Wann auch das Schicksal gebietet
Neun und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Julie sagte mir der Obriste hätte gestern ein großes Paquet an Sie abgehen
lassen Was kann ich nun weiter erzählen Sie wissen ja alles Sie ist
gebunden und ich werde mich losmachen Was soll ich hier Sie hat meines
Rates nicht bedurft und wird dessen künftig eben so wenig bedürfen Ich mag
diese Unnatürlichkeiten nicht länger mit ansehen Ich bin ihrer müde
Meinetwegen mag bewundern wer da will ich kann mir nicht helfen Mein
gesunder Menschenverstand sagt mir es taugt nichts und wird nie etwas taugen
Wenn ich mir die Folgen dieser schrecklichen Überspannung denke so weine ich
vor Gram und Verdruss
Es ist Selbstmord ja sagen Sie was Sie wollen es ist der grausamste
fürchterlichste Selbstmord Musste sie sich nicht einem Manne erhalten der sie
liebte den sie lieben konnte Darf sie sich mutwillig elend machen
Sie ist gut ja sie ist besser als Alles was wir kennen und kennen werden
aber einen Fehler hat sie doch sie ist zu weich und ohne Härte gibt es keine
Tugend
Was wird nun diese übermenschliche Aufopferung hervorbringen O Gott ich
darf nicht daran denken Leben Sie wohl
Funfzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Bestes Fräulein Das war nicht Ihr Ernst Wie könnten Sie sich von Ihrer Julie
trennen jetzt da sie Ihrer am meisten bedarf Ich will sie nicht
rechtfertigen aber das Mitleiden die innigste Teilnahme ihrer Freundin darf
ich für sie auffodern Wie viel mag sie leiden sich selbst hat sie verloren
nun soll sie auch noch ihre Wilhelmine verlieren
Doch welch ein Geschwätz In der Tat ich verdiene eine Strafe dass ich von
einer kleinen Aufwallung so viel Wesens mache Wilhelminen kennen und glauben
sie werde sich jemals von Julien lossagen Diese Lächerlichkeit springt in die
Augen Kein Wort mehr davon Es wäre das was die Franzosen nennen die
Heiligen bekehren
Noch einmal ich wollte Julie nicht rechtfertigen aber mir selbst das alles
begreiflich machen der Versuchung konnte ich nicht widerstehen Wenn sie nun
dachte ich ihre Freiheit bewahrt hätte was würde die wahrscheinliche Folge
gewesen sein
Sie hätte einem Andern ihre Hand gegeben und wäre glücklicher geworden
Schwerlich gewiss nicht Welcher Mann könnte dieser reinen Seele das sein was
sie ihm sein wird In jeder menschlichen Verbindung wird sie aufopfern müssen
Nie wird sie an ein menschliches Wesen hinauf sehen und sich in seinem Anschauen
mit Wohlgefallen vertiefen können Nicht einmal ein ähnliches wird sie finden
Mit einem Worte hienieden ist kein eigentliches Glück für sie zu erwarten
Sicher hat sie auch längst Verzicht darauf getan Findet sie nur einen Mann
der sie begreift mehr darf sie nicht hoffen Und mein Fräulein mögen wir es
gestehen wollen oder nicht diesen Mann hat sie gefunden
Hier lesen Sie diese Briefe und wenn Sie dann nicht überzeugt werden so
gebe ich mich gefangen
Ein und funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Das habe ich nicht gewusst und aufrichtig gesagt das würde ich auf keinen
Fall geglaubt haben Sie selbst fodre ich auf wenn Sie diese Briefe nicht
empfangen hätten würden sie geglaubt haben der Obriste könne sie schreiben
Aber was beweisen sie denn nun diese Briefe Dass er Julie begreift
Immerhin aber denken Sie an mich dieses Begreifen wird Julie doppelt elend
machen
Sich ganz zu ihr erheben das vermag er nicht Die Fieberhitze gibt ihm
jetzt Kraft aber diese Kraft wird mit dem Fieber verschwinden
Könnte Julie immer so unabhängig so entfernt von ihm bleiben ich würde
mich selbst zur Täuschung geneigt fühlen Aber geben sie Acht Sie ist in
seiner Gewalt und bei dem besten Willen wird jede Täuschung unmöglich Der
Obriste muss in seinen eigentlichen Charakter zurückfallen Dann wird er seine
Frau für eine Schwärmerin erklären und diese Schwärmerei entweder verspotten
oder zu seiner Bequemlichkeit nutzen
Auf diese Weise endigt denn noch alles so ziemlich erträglich Aber wie
wenn er sich rächt für die Überlegenheit seiner Frau Haben sie auch daran
gedacht
Zwei und funfzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Wahrlich mein Fräulein Sie sehen weit in die Zukunft aber wer kann Sie darum
beneiden In der Tat ich halte Sie jetzt für die Unglücklichste von uns
Allen
Warum nun der Hoffnung so gänzlich entsagen warum nun das Schlimmste
ergreifen Der Obriste soll sich rächen für die Überlegenheit seiner Frau
Nein mein Fräulein das liegt nicht in der männlichen Natur oder diese
Überlegenheit muss sich auf eine sehr unliebenswürdige Weise ankündigen
Nur ein Pfaffe könnte mit einem Weibe um Reinheit des Herzens sich streiten
Könnte sich rächen wenn sie mehr wäre als er sich vorgenommen hätte zu
scheinen Der wahre Mann ist gewöhnlich zu sinnlich zu sehr durch die Gegenwart
gefesselt zu sehr von ihr begünstigt um mit dem Weibe hierinnen wetteifern zu
wollen Sein Reich ist ganz eigentlich von dieser Welt und wenn es ihm in
diesem Reiche nicht gar zu übel ergehet so denkt er nur spät an das Andre
Überdem bietet ihm ja diese Reinheit so manches Ruhekissen für seine
irdischen Wünsche Wo er hervortreten will da zieht sie sich zurück wo er
erndten will da hat sie niemals gesäet Mit einem Worte hier ist kein
Wetteifer möglich Weswegen soll er sich rächen
Aber Oliviers Eifersucht kann erwachen Und freilich hier gestehe ich
Ihnen wird mir bange Doch was kann diese Bangigkeit helfen Julie hat
entschieden und wir vermögen nichts als ihr Schicksal zu mildern
Drei und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Morgen reist der König und in acht Tagen muss ich ihm folgen Um mich völlig zu
bestimmen hat er mir meine alten Kamaraden zugeschickt Sie bestehen darauf
ich soll sie anführen und schieben mir ihre Ehre ins Gewissen Was konnte ich
tun ich habe Ja gesagt und so geht es denn wieder in die feindlichen Säbel
Wenn einer mich träfe Wenn ich die Einzige nicht wiedersähe Wenn ich
nach dem Tode fortdauern müsste ohne sie zu besitzen Nein nein das ist
nicht möglich Allentalben durchbreche ich die Schranken und eile wieder zu ihr
hin
Der König weiß dass sie nicht reich ist und hat ihr eine Pension angeboten
mit der Erlaubnis sie verzehren zu können wo es ihr gut dünkt Natürlich hat
sie sie ausgeschlagen Man muss ihm verzeihen Er ist an seine bettelnden
Schranzen gewöhnt Auch hat er nicht den Mut gehabt selbst von der Sache zu
sprechen
Die Mutter ist wieder hergestellt und Julie geht mit Wilhelminen nach W
Antonelli wird unter mir dienen Es ist ein Trost für mich den herrlichen
Jungen an meiner Seite zu haben Wäre er bei Julien geblieben der Gram hätte
mich getötet
Er liebt sie und mich bis zur äußersten Schwärmerei Mit seiner kindlichen
Unschuld schlägt er die Eifersucht in dem Augenblicke nieder wo er sie reizt
und zwingt sie sich in Liebe zu verwandeln
Er hat sich bei mir angesiedelt und weicht nicht mehr von meiner Seite Oft
erschüttern mich seine kindischen Spiele bis in das Innerste der Seele
Eins seiner liebsten ist wenn er durch die ganze Reihe von Zimmern bis in
das äußerste laufen kann Dann muss ich rufen wo bist Du mein Sohn und nun
stürzt er in meine Arme und weint und lacht und bedeckt mein Gesicht mit
unzähligen Küssen
Letzt war Julie dabei und da ruhte er nicht sie musste die Worte in ein
Rezitativ bringen Nun hat er eine Antwort komponirt die er nach den Umständen
verändert
Bald hat der Sohn den Vater verloren und kann ihn trostlos nicht finden
Dann schildert er die Sicherheit des väterlichen Hauses und die Liebe des
Vaters Dieser ist immer ein Krieger und hat tausend Gefahren überwunden Bis
ans Ende der Welt will der Sohn ihm nun folgen In den Tod will er gehen um den
Vater zu retten usw
Aber der Sohn hat auch eine himmlische Freundin Von Lichtglanz umflossen
schwebt sie nur über der Erde und tröstet die leidenden Menschen Wenn er gut
ist wird sie ihn lieben Ach und was weiß ich was die kindische liebliche
Phantasie sonst noch erdichtet
So bin ich den ganzen Tag von seinen Zauberbildern umgaukelt und höre ich
dann einmal wieder von andern Leuten ein vernünftiges prosaisches Wort ohne
Musik so wird mir ganz unheimlich zu Mute
In dieser Zauberwelt verstärken sich alle meine Gefühle An den Abschied mag
ich nicht denken
Vier und funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Diesen Morgen ist der Obriste abgereist Von ihm und Julien hörte ich kein Wort
aber Antonelli drückte wechselweise ihre Gefühle aus Dieser wunderbare Mensch
scheint durch eine Art von Inspiration die geheimsten Empfindungen zu kennen
Mit bewundernswürdiger Leichtigkeit weiß er sich in jeden Zustand zu versetzen
und spricht andere Gefühle mit einer Kraft und Wahrheit aus die zur Bewunderung
hinreisst Wo er sich naht da werden alle Gegenstände verwandelt Man befindet
sich nicht mehr auf der kleinen alltäglichen Erde Alles ist groß alles
verkündigt ein reicheres höheres Leben Selbst der Schmerz wird in seiner Nähe
zum Genuss denn er muss sich veredlen und verschönern
Wahrlich der Obriste ist und bleibt doch ein verzogenes Kind des
Schicksals Welcher Mensch kann sich zweier Wesen wie Julie und Antonelli
rühmen Wenn jetzt etwas aus ihm wird so kann er sich nicht damit brüsten
Sonnabend gehe ich mit Julien nach Ich habe einen zweiten Bedienten
angenommen damit Friedrich unser ordentlicher Führer werden kann Sein Alter
seine Welt und Menschenkenntnis und sein äußerst gebildeter Ton macht ihn mir
in dieser Rücksicht unschätzbar
In kommt er nun recht in seine Sphäre Er freut sich wie ein Kind auf
die GemäldeSammlung und hat mir schon wer weiß was für Wunder davon erzählt
Meine Mutter ist wohl und schreibt mir sehr fleißig Da aber diese Briefe
nur Versicherungen ihrer Liebe und Beschreibungen kleiner häuslicher Szenen
enthalten so habe ich Ihnen bis jetzt nichts davon mitteilen wollen
Julie lässt Sie grüßen Leben Sie wohl aus ein Mehreres
Fünf und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Welch ein fürchterliches Wetter Ist es nicht als ob der ganze Himmel in Regen
herabstürzen wollte Meine armen Leute sinken ein bis an die Knie und die
Kanonen sind kaum mehr fortzubringen Schon den vierten Teil der Mannschaft
haben wir durch Krankheit eingebüßt Es ist schrecklich Jeder leidet für sich
aber ich leide für sie alle Ich lasse Wein Brandwein und alles was stärken und
erquicken kann unter sie austeilen aber wenn ich des Morgens den bleichen
Gesichtern das Marsch zurufen soll so muss ich mich wohl zehnmal räuspern
Wären wir nur wo wir sein sollen Gienge es nur gegen den Feind dann müsste
alles schon werden Aber dieses Kämpfen mit den Elementen zerstört die Kraft der
Seele und des Körpers
Antonelli freilich scheint von dem allen nichts zu empfinden Er ist der
Barde unsers kleinen Heeres und mitten im Sturm und Regen dichtet er seine
Gesänge Wäre er nur allenthalben Da wo die Leute ihn sehen lächeln sie
mitten unter den Schmerzen und lassen sich willig täuschen durch sein
liebliches tröstendes Geschwätz Allmählig kommen sie dann auch ins Erzählen
Besonders den Alten ist er äußerst willkommen Er frägt ergänzt und eh sie es
sich versehen ist er der Beschreiber Jetzt erstaunen sie selbst über das was
sie taten und schwören mit funkelnden Augen sie wollen alles wahr machen was
er von ihnen prophezeiht
Unser erstes Augenmerk ist nun auf B gerichtet Es wird Menschen kosten
aber wir müssen es haben
Was macht die Einzige Ich will ihr nicht schreiben um in diesem
allgemeinen Elende meiner eignen Schmerzen nicht zu gedenken
Lebe wohl Bald hoffe ich etwas Entscheidendes melden zu können
Sechs und funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Ein Kind von fünf Jahren machte Julien vor einigen Tagen ein Kompliment das der
feinste und gewandteste Dichter kaum schmeichelhafter und passender hätte
ersinnen können
Nachdem wir die Gemälde in der äußern Gallerie besehen hatten wollten wir
eben in die innere treten als ein kleiner goldlockiger Knabe mit großem
Angstgeschrei zu seiner Mutter lief und sich so tief er nur konnte in ihre
Kleider zu verhüllen suchte
»Was fehlt Dir mein Kind« sagte die Mutter »Ach Mama die große Frau
Sie ist herunter gestiegen sie kann gehen« und so suchte er sich immer
tiefer zu verbergen Die Mutter ein sanftes vernünftiges Weibchen ließ den
kleinen Krauskopf ohne ihm vorzudemonstriren in ihren Kleidern und fragte
erst nachdem er schon mehrere Male aus seinem Hinterhalte hervorgeschielt
hatte »Wo ist denn die große Frau« »Da da« rief der Knabe und zeigte auf
Julie »Sie hat ein hübsches Kleid angezogen Aber Mama wo ist der kleine
Junge » »Ach« sagte die Mutter »er meint die große Madonna«
Nun ward Julie wie mit Blut übergossen und peinigte mich sogleich mit ihr
fortzugehen Natürlich ward ich ein wenig böse In der Tat sie hat mir durch
diese übertriebene Schüchternheit schon so manches Vergnügen geraubt Überdem
ehrte Jedermann ihre Verlegenheit Nur ein junger Künstler umarmte den Knaben
und lobte ihn gegen die Mutter
Demohngeachtet musste ich mich entschließen wollte ich sie nicht allein
gehen lassen für diesen Morgen alles aufzugeben und mit den anhaltendsten
Bitten habe ich sie noch nicht wieder hinauf bringen können
Nun ist sie beständig zu Hause und lässt sich kaum zu einem Spaziergange
bereden »Der Knabe sagte sie letzt mit Tränen in den Augen hat eine
Lächerlichkeit auf mich geworfen Man wird mich die herumwandelnde Madonna
nennen«
»Nun und wenn man Dich so nennt Ein gewaltiges Unglück«
»Ein Frauenzimmer mit einem Beinamen« sagte sie und eilte nun ohne
weiter auf meine Ausrufungen zu hören mit sehr betrübtem Gesicht in ihr Zimmer
Der kleine vorlaute Bube wird mich also wohl zwingen weit früher als ich
gewollt hätte zu verlassen Doch werde ich Ihnen vor meiner Abreise sicher noch
einmal schreiben
Sieben und funfzigster Brief
Reinhold an Olivier
Hier schicke ich Dir einen Brief von Wilhelminen Es ist viel von Julien darin
und dies wird Dir angenehmer sein als vielerlei was ich Dir schreiben könnte
Eure Lage ist schrecklich aber Du hast ja wohl schrecklichere überwunden
Ich sage mit Dir möchte es nur gegen den Feind gehen Doch bitte ich Dich
suche die Gefahr nicht so absichtlich wie vormals Du selbst hast mir gestanden
es sei oft ganz ohne Nutzen und bloß um des Ruhms willen geschehen Ich liebe
Dich und kann den Gedanken nicht ertragen Dich fern von mir sterben zu lassen
Lebe wohl lebe wohl mache dass ich Dich wiedersehe
Acht und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Wut Reue und Verzweiflung zerreißen wechselweise mein Herz Nichts nichts
kann ich tun Ich muss die unglücklichen Menschen vor Hunger und Ermüdung zu
meinen Füßen hinstürzen sehen und kann kann ihnen nicht helfen
O dass ich mein Wort gegeben dass ich mich an das schreckliche Leben
gebunden habe Liebe und Freundschaft die Erinnerung alles Sanften und
Schönen ist rein aus meinem Herzen verschwunden Nur Wut über die Buben die
uns in dieses Elend geführt haben beweist mir dass ich empfinde Spott und
Schande werden sie erndten die heillosen Betrüger Aber ich ich schwöre es
und sollte ich nur zehn Mann gegen den Feind bringen ich werde mich retten vor
dieser Schande
Leb wohl und rechne nicht auf die Zukunft
Neun und funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Wir gingen heute in die Oper und waren durch das was wir von dem ersten Sänger
gehört hatten berechtigt unsre Erwartung aufs höchste zu spannen
Er sollte uns Cäsar auf Farmakusa darstellen Ehe wir hinkamen hatte ich
meinen Cäsar schon fertig Es war ein langer stattlicher Mann mit großem
brennendem Auge und milder Hoheit auf der Stirne Sein Gang war fest seine
Bewegungen waren kraftvoll und edel Er sprach einen schönen Tenor und wenn er
es nicht ändern konnte musste er ihn freilich auch singen Der singende Cäsar
Ey nun ich war ja in der Oper und war ja nur um des singenden Cäsars willen
hingegangen
Der Vorhang flog auf und nach einer Weile erschien ein kleiner dicker Mann
der sich alle Mühe gab sich noch ein wenig dicker zu machen Recht gern würde
ich ihn für einen mit Macaroni wohl ausgestopften Schäfer gehalten haben wäre
ich nicht durch eine weiß taffetne mit ponceau Bande eingefasste Toga belehrt
worden dass ich es mit dem unüberwindlichen Cäsar selbst zu tun habe
Welch ein langer Periode Meinen Helden würde er in Verlegenheit gesetzt
haben Offenbar fehlte es ihm in der ersten Viertelstunde an Atem Wir waren
ziemlich weit vom Theater entfernt und konnten ihn sehr deutlich schnaufen
hören
Ich schloss die Augen um nicht an meinen verlorenen Cäsar erinnert zu werden
Aber jetzt wurde ich durch ein wirklich meisterhaft vorgetragenes Adagio so
lieblich getäuscht dass ich sie plötzlich wieder öffnete
Da stand nun freilich der kleine Schäfer aber er war jetzt zu Atem
gekommen hatte seine Toga in einige recht große Falten geworfen und stimmte
eine Bravourarie an mit deren Eingang er sich vor Meister und Gesellen konnte
hören lassen
Ich horchte Wie viel Kraft wie viel Ründung und Biegsamkeit aber o mein
Gott wie viel Schnirkel und Verzierungen Der Komponist hatte schon
allenthalben verbrämt aber unserm Cäsar war es noch viel zu simpel Triller
Vorschläge u s w nichts ward gespart aber nichts ging auch verloren Das
dankbare Publikum nahm alles auf und äußerte seine Zufriedenheit durch den
lautesten Beifall
Wirklich es heißt bei uns Deutschen noch immer je mehr je lieber Unsre
berühmtesten Sänger mögen in Italien ausgepfiffen werden glaubwürdige Leute
mögen uns versichern dass wir nur bekommen was man dort nicht brauchen kann und
dass unsre hochgepriesenen Schnirkeleien von dem guten Geschmacke längst nicht
mehr anerkannt werden Es hilft nichts Wir müssen bewundern Dies ist uns
eben so sehr Bedürfnis wie andern Nationen das Tadeln
Julie nach ihrer löblichen Methode nahm wieder alles von der besten Seite
Während ich mich ärgerte sah ich sie ruhig genießen Hin und wieder ein kleines
beinah unmerkliches Lächeln abgerechnet sonst war nichts Tadelndes an ihr zu
bemerken
»Liebste Wilhelmine« sagte sie als ich mich darüber ausliess »der
Freuden sind so wenige will man sich nur an dem Vollkommnen ergötzen so wird
es bald gar keine mehr geben«
Was macht der Obriste Hat er noch nicht geschrieben
Sechszigster Brief
Olivier an Reinhold
Das ist sie das ist sie An diesem Bilde erkenne ich die Unvergleichliche Ja
wohl hatte der Knabe Recht sollte ein Erlöser der Menschen von einer
Sterblichen geboren werden so musste sie diese himmlischen Züge haben
O dieses Zurückziehen vor allem Glänzenden wird sie mir ewig
verehrungswürdig und unvergesslich machen Wie mit dieser Erinnerung meine ganze
unzerstörbare Liebe wieder erwachte Wie mir alles Elend jetzt so nichtig
erscheint Nein nein das Leben hat noch einen Wert denn sie atmet darin
Leb wohl Morgen geht es nach G Trage diesen Ring zu meinem Andenken Wie
ich auch endige mit Schande wird es nicht sein
Ein und sechszigster Brief
Olivier an Julie
Meine Julie ich muss Ihnen schreiben Ich gehe morgen gegen den Feind Ich weiß
nicht ob ich Sie wieder sehe
O meine Julie nur seitdem ich Sie kenne habe ich mich selbst habe ich den
Adel der Menschheit begreifen lernen Haben Sie Dank Einzige Geliebte
Unvergessliche Welch ein herrliches unaussprechliches Gefühl durchströmt meine
Seele bei Ihrem Andenken Wie sind alle meine Kräfte verdoppelt ja ja ich bin
etwas wert denn ich kann Sie lieben und begreifen
Nichts mehr keine Klagen Überlebe ich den morgenden Tag so schließe ich
selbst diesen Brief Wo nicht so besorgt ihn Antonelli oder mein Adjutant
Kein Lebewohl meine Julie
Zwei und sechszigster Brief
Harrison Adjutant des General Olivier an Julie von S
Gnädiges Fräulein
Ich habe die Ehre Ihnen die Einnahme von G durch die p Truppen zu
melden
Unser tapfrer und allgemein verehrter General ist uns erhalten Gleichwohl
hat er zwei schwere Wunden davon getragen über deren Folgen sich die Ärzte bis
jetzt noch zweifelhaft erklären
Vielleicht wäre es möglich diesen großen und seinem Vaterlande unschätzbaren
Mann zu erhalten wenn Sie mein Fräulein sich entschließen könnten durch Ihre
Gegenwart seine Leiden zu mildern
Muss ich Ihnen beschreiben wie innig er es wünscht und wie sehr er dennoch
fürchtet Sie durch eine Bitte zu beleidigen
Aber meine Kamaraden und ich wir mein Fräulein können und dürfen nicht
fürchten das Leben unsers Generals im Namen des Vaterlands von Ihnen zu fodern
Verzeihen Sie der Freimütigkeit eines Soldaten und genehmigen Sie die
Versicherung seiner höchsten Achtung und seiner unwandelbaren Ergebenheit
Drei und sechszigster Brief
Der Adjutant Harrison an Reinhold
Auf Befehl meines Generals habe ich die Ehre Ihnen folgendes von der Einnahme
der Vestung G zu melden
Sie liegt auf einem schroffen Felsen und bestreicht acht Hauptstrassen Hatte
sehr gute Werke und etwa zwölftausend Mann Besatzung
Ein Offizier der Garnison war zu uns übergegangen Auch kannten mehrere der
Unsrigen das Innere des Platzes ziemlich genau Hierauf gründete sich unsre
Hoffnung Die übrigen freilich ansehnlichen Schwierigkeiten machten uns weiter
nicht bange
In aller Stille wurde am Neunzehnten Abends ein Detaschement von
sechszehnhundert Mann ausgehoben und erhielt Befehl sich bei N zu
versammlen
Alles ging so gut dass die Bestimmung dieses Korps der Armee gänzlich
unbekannt blieb Nur aus den mitgenommenen Beilen Äxten und Brecheisen konnte
man vielleicht doch nur unvollkommen etwas ahnen
Gegen sieben Uhr setzte sich die kleine auserwählte Schaar in Bewegung
Jeder hatte eine weiße Binde um den Arm und war übrigens mit allem Nötigen
versehen
So ging es schweigend durch die kalte Herbstnacht Nur einige Wolken
schwebten am Himmel Oft brach der Mond hinter ihnen hervor und das stille
Häufchen drängte sich dichter an einander
Jetzt waren wir bei N Man nahm Abschied von den Kamaraden das kleine
Heer ward in zwei Kolonnen diese in zehn Attacken verteilt und nun ging es
rasch gegen die Vestung
Während der General den Hauptangriff dirigirte sollte Graf Antonelli sich
der L Straße bemeistern durch den gewölbten Gang bei des Kommandanten
Wohnung hervorbrechen und sich wieder nachdem die Tore gesprengt sein würden
zur Einnahme des ganzen Platzes mit uns vereinigen
Jetzt schlug es Zwei noch einige hundert Schritte wir hatten die Vestung
umgangen und waren glücklich bei dem Fuße des Glacis angekommen
Die erste Schildwache pfiff sich ein Stückchen um munter zu bleiben dann
und wann schallte ein Zuruf der feindlichen Posten sonst war kein Laut zu
vernehmen
Jetzt hörten wir das dumpfe Hinan und ehe wir selbst es nur glaubten war
der Berg schon erstiegen Aber in dem Augenblicke waren wir auch von der
Schildwache entdeckt Kein andrer Rat unsre Bajonette mussten sie zum Schweigen
bringen Ihren Kamaraden ging es nicht besser und so waren wir nach kurzem
über die Palisaden hinweg
Aber hier änderte sich plötzlich die Szene Zwei feindliche Posten gaben
Feuer man hörte den Angrif auf die Stadt und alles kam in Bewegung
»Zu den Waffen zu den Waffen die Feinde Hier Kamaraden« So erscholl es
von allen Seiten Jetzt schmetterte die Lärmtrommel dazwischen und das Getöse
stieg bis zur schrecklichsten Betäubung
Indessen war der Angrif auf die Stadt glücklich ausgeführt und wir
erstiegen nun mutig die Wälle Balken Steine Handgranaten stürzten uns
entgegen und zerschmetterten die Brüder vor unsern Augen
Der General sah es hörte das Röcheln dicht um sich her und sein Schmerz
schien sich in Wut zu verwandeln
»Hinan Brüder hinan rief er dass Menschenblut nicht umsonst vergossen
werde«
Es half noch einige Minuten und wir waren oben
Aber in dem Augenblicke wurden Graf Antonelli und seine Gefährten entdeckt
Mit fürchterlichem Getöse drang er jetzt durch den unterirdischen Gang und nun
begann ein wütendes Gemetzel Zwei Tore hatten wir inne aber er und der Platz
waren verloren hätte die Verzweiflung unsre Kräfte nicht verdoppelt
Wie ein junger Löwe brach er aus seinem Hinterhalte hervor und befand sich
beinah immer allein unter den Feinden Unbegreiflich ist es dass sie ihn nicht
zum Gafangenen machten Der Gang war so enge dass nur drei Mann neben einander
stehen konnten Natürlich wurden diese sogleich getötet oder verwundet
versperrten denen die an ihre Stelle treten wollten den Weg und machten so die
Grundlage von einem Haufen Leichen Dichte davor fanden wir Antonelli allein
unverwundet aber durch Blut und Staub beinahe unkenntlich
Jetzt hörte er die Stimme unsers Generals und ein sechsfaches Leben schien
ihn zu begeistern Mehrere der Unsrigen sahen ihn kommen und hörten vor
Erstaunen nicht ihre Führer Rechts links schlug er die Feinde Er stand bei
uns und wir starrten ihn an
Aber jetzt wurden wir schrecklich aus unsrer Betäubung geweckt
»Der General ist verwundet« durchlief es die Reihen »Nicht wahr nicht
wahr« rief Antonelli und so ging es wieder in den dichtesten Haufen der
Feinde
Nun keine Rast wir mussten hindurch und kamen nur bei dem Worte Sieg zur
Besinnung
Die Vestung war unser der Kommandant getötet die Garnison gefangen aber
unser Häufchen zu neunhundert eingeschmolzen und unser allgemein verehrter
General an zwei Stellen verwundet
Ich habe Fräulein S geschrieben und übersende Ihnen hierbei eine
Abschrift dieses Briefes Ohne meine Bitte werden Sie alles beitragen unsern
Wunsch zu erfüllen Ist es möglich Fräulein Julie zu überreden so haben wir
Hoffnung
Vier und Sechzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Fräulein Julie wird in diesen Tagen einen Brief von dem Adjutanten des Obersten
erhalten oder schon erhalten haben Sie verstehen mich ja bestes Fräulein
ich wage es für ihn zu bitten Können Sie mich tadeln seit meinem achtzehnten
Jahre ist es mein Freund Gewiss Sie fühlen was das heißt fühlen es um so
mehr wenn Sie bedenken dass es mir meine Geschäfte unmöglich machen zu ihm zu
eilen und seine Pflege zu übernehmen
Es sind doch nur Fremde die ihn umgeben Wie könnten sie bei dem besten
Willen die Teilnahme eines Freundes ersetzen Dies kann nur ein Wesen seine
Julie O mein Fräulein rauben Sie ihm rauben Sie mir nicht diesen Trost
Gewiss Sie begreifen eine Männerfreundschaft Wenn Sie Ihre Empfindung zum
Maasstabe nehmen so habe ich sicher keine Fehlbitte getan
Fünf und sechzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Wie fein Sie mich zu bestechen suchen Nein nein ich darf meine Empfindung
nicht mehr zum Maasstabe nehmen Sie ist verändert durchaus verändert Sonst
würde ich ja Himmel und Erde bewegen diese Reise zu verhindern
Wer kann gegen das Schicksal Mag nun kommen was da will Es müsste
sonderbar zugehen wenn es schlimmer wäre als ich es mir vorstelle
Leben Sie wohl Wir packen ein Der Oberste nicht doch Der General
wollte ich sagen ist nach dem Schloss R gebracht und für uns eine
prächtigere Wohnung als wir bedürfen eingerichtet
Ich habe einige Soubertten und Marketenderkleider mitgenommen So etwas
Ähnliches werde ich ja wohl vorstellen müssen Schade nur dass es mir an der
dazu gehörigen guten Laune zu fehlen scheint
Von unserm Residenzschlosse R ein Mehreres
Sechs und sechszigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Wir haben den Obersten sehr schlecht gefunden Aber ich sehe es alles hat sich
verschworen Man will sie aufopfern Mit welcher sonderbaren Gewalt lenkt dieser
Mann aller Herzen nach seinem Willen Antonelli der Adjutant mehrere
angesehene junge Männer verraten alle Augenblicke wie tief sie von Juliens
Schönheit gerührt werden und dennoch scheinen sie sich das Wort gegeben zu
haben alles zu tun um sie ihm näher zu bringen
Das ist ein Lobpreisen ein Wehklagen Sogar den Arzt haben sie bestochen
»Fräulein Julie soll ihm die Medizin reichen Fräulein Julie soll dies soll
jenes tun« Und dabei treibt Antonelli ein Wesen dass ich nicht weiß wie sie es
aushalten kann
So wie er naht steigt ihre Verlegenheit bis zur peinlichsten Unruhe
Glücklicher Weise ist er zu sehr mit seiner eignen Empfindung beschäftigt um es
zu bemerken Aber ich sehe bestätigt was ich schon vor längrer Zeit ahnte Sie
liebt ihn können Sie es begreifen das Mitleiden wird sie hinreißen sie
wird sich aufopfern
Das alles muss ich nun so mit ansehen Soll ich sie aufklären über ihre
Empfindung soll ich es nicht Gott mag es wissen ich weiß nicht mehr was
hier gut ist
Sieben und sechzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Alle Zweifel sind gehoben Was ich vorher sah ist geschehen Er hat ihr sein
ganzes Vermögen hinterlassen wollen sie hat es ausgeschlagen Er hat es gewagt
der Grausame um ihre Hand zu bitten und sie hat sie gegeben
Was helfen Klagen Das Leben wird darum nicht kürzer
Ich will Abschied von meiner Mutter nehmen und mir ein kleines Tal in der
Schweitz aussuchen
Zweiter Teil
Erster Brief
Olivier an Reinhold
Wilhelmine hat Dir geschrieben Du weißt alles Ach ich halte nicht mehr die
Menschen welche Götter zu sein glaubten für wahnsinnig Ja lache nur ich
ich selbst dünke mich ein Gott Meine Wunden o die sind geheilt vergessen
Ich lebe lebe ein Leben was nur ein Gott leben und begreifen kann
Siehe ich darf sie halten halten in meinen Armen darf mich berauschen
in den himmlischen Zügen darf sie mein nennen O Gott wer hätte geglaubt
des Menschen Herz könne so viel Seeligkeit fassen und darum sage ich Dir ich
bin ein Gott ich kann alles was ich will
Nein es sind mehr als menschliche Kräfte die mich beleben Du hast es
gehört wir haben gesiegt allenthalben gesiegt Die Einnahme von B war nur
ein Vorspiel Ich hatte ihr Wort wusste dass Sieg mich wieder zu ihr führte
Wer konnte mich nun überwinden
Ach bevor die Himmlische uns ergreift taumeln wir mit gefesselten Sinnen
auf der herrlichen Erde verstehen kein Rauschen des Waldes kein Flöten der
Nachtigall sehen die Sonne steigen und sinken und begreifen uns selbst nicht
Aber sie naht und der Götterfunke hat gezündet Lichtglanz ergießt sich über
alles was uns umgibt Kein Stillstand kein Tod mehr für uns Wir können nur
Leben begreifen geben und empfangen
Gott sei gelobt der Feldzug ist geendigt Wir haben keine Feinde mehr aber
möchte die ganze Welt sie auch haben ich kenne nur Freunde
Verlange nicht dass ich Dir beschreibe aus einander setze Könnte ich es
so wäre ich minder seelig Wer kann das Unbeschreibliche beschreiben
Errätst Du es nicht nun so lies es denn Sie trägt schon meinen Nahmen
Er klingt anders seitdem das behaupte ich und Du selbst würdest es finden Ich
verführe die Leute ihn so oft als möglich auszusprechen und dann horche ich
und habe mein innigstes Wohlgefallen daran
Ach sag was Du willst lache wie Du willst ich kehre mich nicht daran Ich
bin glücklich und seelig und wenn Du mich sähest würdest Du es auch sein
Zweiter Brief
Wilhelmine an Julie
Wie geht es Dir Ich sollte wohl nicht danach fragen aber rechne es unter
meine Gewohnheitssünden Ich Nun abermalige Kämpfe Mein Herr Vater hielt
nicht weniger als drei Heiratsprojecte für mich bereit und wusste sich vor
lauter Bewunderung nicht zu lassen
Was er denn so sehr bewundert Dich Dich Deine Klugheit Weisheit
Nachgiebigkeit Meine Mutter wollte einige Zweifel dagegen erheben aber er fuhr
sie so wahrhaft ehemännisch an dass ich zu seinen Ermahnungen weiter keines
Kommentars bedurfte
Gottlob ich bin mündig Das Vermögen meines Oheims muss mir ausgezahlt
werden und dann säume ich keinen Augenblick Das Gut ist verpachtet Mögen sie
zerstören was ich angelegt habe Was kümmerts mich Meine Hoffnungen sind auch
zerstört
Hin will ich noch einmal Deine Zimmer will ich noch sehen Das eine ist
recht hübsch Es ist gerade so wie Du mir auf unserer Reise ein Zimmer
beschriebest Sie sollen es zuschliessen Niemand soll es bewohnen bis Nein
nein nichts mehr es ist alles vergeblich
Schreib mir noch einmal dann will ich reisen
Dritter Brief
Julie an Wilhelmine
Vormals schien mir meines Oliviers Schmerz der tiefste jetzt scheint mir der
Deinige noch tiefer O meine Wilhelmine was sprichst Du von zerstörten
Hoffnungen Glaubst Du diese Hoffnungen würden jemals erfüllt worden sein
Glaubst Du die Natur würde sich nicht rächen Hat sie zwei Weiber geschaffen
sich alles zu werden und ihre unwandelbaren Gesetze zu verspotten
Gewiss Du würdest noch früher als ich Dich elend gefühlt haben Denn siehe
Dir kann ich es wohl vertrauen ich habe niemals etwas von dem Erdenleben
gehofft Wie soll ich es Dir beschreiben Mir ist als schweben nur
Schattengestalten mir vorüber als sei nichts wirklich von dem was mich umgibt
Töne Farben ja die gröberen Sinne des Geschmacks des Geruchs scheinen
mir auf etwas Vollkommneres zu deuten Wenn ich eine Rose eine Hyacinthe
rieche erwachen Ahnungen in mir für die ich keinen Nahmen habe Sehe ich
schöne Gestalten höre ich harmonisch verbundene Töne dann verklären sich diese
Ahnungen zur Gewissheit und mir ist als sollte ich plötzlich der Erde
entfliehn
Was mich dann noch hält was mir dann hier noch wirklich erscheint ist ein
stiller heiliger Sinn der sich stets zu dem Vollkommnen neiget aber darum die
Schattenfreude nicht störet
O möchte ich ihn haben diesen Sinn möchte ich ihn erhalten wenn er mir einst
zu Teil wird leider jetzt bin ich noch weit davon entfernt Wie könnte sonst
Andrer Schmerz so schrecklich auf mich wirken Ist mir die Freude ein
Schatten warum ist er es nicht auch warum reißt er mich hin zu Irrtümern
warum will ich dem Schicksale vorgreifen
Doch was schwatze ich beste Wilhelmine versuche keinen Sinn da hinein zu
bringen Es ist keiner darin Gewiss keiner
Vierter Brief
Wilhelmine an Julie
Wer bedarf des Lichts wo es Tag ist Ich habe mir keine Mühe gegeben Sinn in
Deine Worte zu bringen Für mich sind sie nicht dunkel Auch begreife ich sehr
wohl dass Dir die Freude wie ein Schatten aber nicht der Schmerz so erscheint
Wollte der Himmel ich begriffe eben so leicht wie man sich berufen glauben
kann der ganzen Welt Schmerzen zu lindern und gegen seine eigenen die
unmenschlichste Gleichgültigkeit zu behaupten
Mag die Natur es verantworten wenn sie ein Geschöpf dem Andern zum Opfer
bestimmt Aber das Opfertier darf sich wehren es darf dem Verderben entfliehn
Auch in ihm regt sich der Trieb des Lebens mahnet es zum Genuss und zur
Erhaltung des Wohlseins Wer verspottet nun die Gesetze der Natur wer wird
dafür büßen
Zwei Weiber können sich nicht alles sein Schlimm genug schlimm genug
dass die Geschöpfe welche den Weibern dieses sogenannte Alles sein sollen dieses
Alles so elend repräsentiren
Im ausschliessenden Besitze dessen was den Geist erheben ihn zur
Selbstüberwindung zur Tugend entflammen kann glauben sie sich zu den
ausschweifendsten Leidenschaften berechtigt Nenne mir ein Laster was sie nicht
an uns abscheulich und an sich erträglich fänden Nenne mir eine Tugend die
sie nicht von uns foderten um sie nach Wohlgefallen zu zerstören
Und die Natur sollte mich strafen wenn ich mich nicht vor einem dieser
Sultane niederwürfe überglücklich dass er mir die Gnade erzeigte seinen Fuß
auf meinen Nacken zu setzen
Nein nein noch haben wir unsre fünf Sinne und was die Natur auch
versuchen mag sie zu empören sie sind der Fesseln gewohnt und ohnehin unter
allen Umständen zu einer ewigen Sklaverei verdammt
Ich habe nichts zu gewinnen aber ein unschätzbares Gut zu verlieren Meine
Freiheit Welch ein großes seelenerhebendes Wort Wo gäbe es ein Glück ohne
sie wo gäbe es einen Schmerz den sie nicht linderte Wenn mich alles verlässt
dann wird mein Herz mir die Welt
Fünfter Brief
Reinhold an Olivier
Warum verwechseltest Du mich immer mit Dir selbst Lachen sollte ich Was gäbe
es da zu lachen Es sei denn dass Du etwas lächerliches ahnetest Wäre das so
müsste ich Dich bedauern müsste glauben Du sähest schon jetzt die Zeit im
Geiste wo Dir das Höchste was dem Menschen gegeben ist wie ein Kinderspiel
erscheinen wird
Möge der Himmel Dich vor dieser törichten Weisheit bewahren Einen Freund
hättest Du dann weniger
Sechster Brief
Olivier an Reinhold
Warum nun gleich so kurz und so bitter Wahrlich Du irrst Ach wenn ich ein
Spiel ahne so ist es ein sehr ernsthaftes Spiel und wobei ich leider der
verlierende Teil sein werde
Mein Glück hat mich berauscht die Vergangenheit und die Zukunft habe ich
vergessen Nur so ist es möglich glücklich zu sein Aber der Rausch ist
verschwunden und dafür die Zweifelsucht mit allen Quaalen erwacht
Wie ist das Liebe was sie mir zeigt Ist es Mitleid Ist es Ergebung
Zwar verzeihen wir den Weibern keine Ausbrüche der Sinnlichkeit aber sollte sie
sich darum niemals verraten Ist es bei wahrer Liebe möglich jede Aufwallung
zu unterdrücken Und wenn auch eine ganze Reihe menschlicher Empfindungen diesem
schwärmerischen Herzen vormals unbekannt war mussten sie nun nicht erwachen Ach
was soll ich glauben Ihre Aufführung ist untadelhaft Selbst Antonelli wird
mit einer Art Kälte empfangen Aber ich weiß nichts hinzuzusetzen Ich fühle
es ich bin ungerecht und doch ruft eine Stimme in meinem Innern es ist nicht
so wie es sein sollte
Auch Antonelli ist verändert Alle seine Munterkeit ist verschwunden Was
fehlt ihm Ich vermeide die Antwort auf diese Frage
Siebenter Brief
Reinhold an Olivier
Und setze ich hinzu Du wirst wohl tun sie zu vermeiden Doch nein lieber
gleich das Messer an den Schaden er könnte unheilbar werden
Also denn warum soll ich nicht schreiben was Du denkst Antonelli hat
seine Munterkeit verloren heißt mit andern Worten er ist sich seiner
Empfindung bewusst seine Unschuld ist dahin er wünscht Julie zu besitzen das
ist nicht möglich und er fühlt sich elend
Julie ob sie Dich liebt Aber hat sie Dir Liebe versprochen Ich achte
Sie und werde nie einem Andern gehören Das waren ihre Worte Hast Du sie
vergessen Woher kommen nun mit einemmale die Träume von Liebe
Fasse Dich was hilft der Zorn was hilft die Reue Ich kenne Dich und
will Dich vor Dir selbst zu retten suchen
Siehe was vermagst Du über die Vergangenheit nicht einen Gedanken viel
weniger eine Handlung kannst Du zurücknehmen Aber die ganze Zukunft in so fern
Dein Wille auf sie wirken kann hängt von Dir ab Darum nun fasse sie
unerschrocken ins Auge Was lässt sich von ihr erwarten
Entweder Du erhebst Dich zur Gerechtigkeit Du foderst nicht mehr als sie
versprach und suchst zu verdienen was Du wünschest Mag immerhin ihre
Sinnlichkeit für einen Andern sprechen mag es ihr unmöglich sein lebhafter für
Dich zu empfinden ihre Pflicht wird die Oberhand behalten Es ist nicht
gedenkbar es ist schlechterdings unmöglich dass sie sich jemals zu etwas
Unedlem herablasse Worauf soll nun ein anderer Mann seine Hoffnung gründen Und
was wird aus einer männlichen Liebe ohne Hoffnung Sie erstirbt sie muss
ersterben und alles kehrt wieder in die ruhige Ordnung zurück
Vielleicht bist Du so glücklich Vater zu werden Dann ist sie mit tausend
Banden an Dich gefesselt Die ganze Kraft ihres Herzens wird sich in der
Mutterliebe erschöpfen Ihre Welt ist in Deiner Nähe Du bist der Gott in dieser
Welt und was außerhalb ist wird ihr fremd
So empfindet eine Julie oder alles müsste mich täuschen
Aber wie wird sie bei aller Reinheit und Vortrefflichkeit empfinden wenn Du
der Leidenschaft folgst
Du ahnest Mangel an Liebe und fühlst Dich unglücklich Aber wird Misstrauen
Härte und mürrische Kälte das gewöhnliche Gefolge der Eifersucht diesen Mangel
ersetzen Wirst Du glücklicher sein wenn Du Furcht dann Missfallen und
zuletzt Abscheu erregst O fort fort mit den Greueln die ich jetzt ahne
Nein nein Du wirst Du musst das Beste erwählen
Achter Brief
Olivier an Reinhold
Es ist alles gut was Du sagst aber es passt nicht Sie ist nicht so rein wie Du
glaubst Grade diese Kälte verrät sie Wenn sie mich wenn sie ihr eigenes Herz
nicht fürchtete warum blieb sie nicht wie vormals Nur seit dieser
abschreckenden Kälte ist Antonelli traurig leidenschaftlich geworden
Ach ihre Sinnlichkeit ist erwacht sie hat sich auf ihn gewendet und seine
Unschuld ist ihr lästig Er soll wünschen kämpfen ein Roman soll es werden
und das unter meinen Augen Tod und Teufel Ich müsste nicht ich selbst sein
wenn ich es duldete
Empfindungen kann ich nicht gebieten das weiß ich aber die Ehre kann ich
retten und bei meinem Leben das werde ich nicht unterlassen
Neunter Brief
Olivier an Reinhold
Du antwortest nicht ich verstehe Dein Schweigen Aber höre höre und
erstaune
Ich wollte mit ihr auf meine Güter Alles war zur Abreise bereit Ich hatte
sie gebeten sich wegen der lästigen Besuche für krank auszugeben
Gestern wünscht sie in den Garten zu gehen Auf meinen Befehl war er
verschlossen Aber der Gärtner glaubt weil sie es ist den Augenblick öffnen zu
müssen und der Dummkopf schließt nicht wieder zu
Antonelli kommt frägt nach mir der Bediente sieht den Garten offen
glaubt ich sei darin und lässt ihn hinein gehen
Jetzt kehre ich von einem Besuche zurück und höre das Alles Seit einer
Stunde war Antonelli in dem Garten Seit einer Stunde Ich fasse mich ich
gehe hinein
Es war seine Stimme Laut rief er ihren Nahmen Mein Blut wollte erstarren
Ich nähere mich der Laube worinnen sie waren Ja ja sie beide allein
Er hält sie bei ihren Kleidern Sie will entfliehn sieht mich und stürzt
laut schreiend mir in die Arme
Ich dachte die gegen einander kämpfenden Empfindungen würden mich töten
Sie bittet fleht ich möge sie auf ihr Zimmer bringen Sie konnte nicht gehen
ich musste sie tragen Der unbesonnene Bube hat die Frechheit mir zu folgen
klagt sich laut an spricht von einer unüberwindlichen Leidenschaft sagt er
könne nicht leben ohne sie zu sehen
Die Wut verschließt mir den Mund aber ich winke dem Kammerdiener Er
versteht mich Der Wagen fährt vor ich bringe sie hinein und wir rollen davon
Also keine Palliative Ich bin bei meiner empfindlichsten Seite
angegriffen und tue was ich muss
Zehnter Brief
Wilhelmine an Reinhold
Helfen Sie helfen Sie schnell Er hat sie auf seinen Gütern sie ist
eingesperrt kein Mensch darf zu ihr Alles alles ist gekommen wie ich dachte
schlimmer als ich dachte Antonelli der Unglückliche ist bei mir Er liebt sie
mit einer fürchterlichen Leidenschaft Wahrscheinlich hat sie sich durch Kälte
zu retten geglaubt und ihn dadurch aufs Äußerste gebracht
Mit aller Unbesonnenheit und Heftigkeit eines kunstlosen Herzens hat er
ihr seine Liebe gestanden und Olivier der ihn in dem Augenblick entdeckte bis
zur schrecklichsten Wut aufgebracht
Wenden Sie alles an dass sie nicht leide dass sie nicht hart behandelt
werde Oder ich kenne mich selbst nicht mehr ich weiß nicht zu welchen Mitteln
ich greife
Eilfter Brief
Reinhold an Olivier
Ist es wahr ist es möglich was ich lese was ich höre So plötzlich ist es
dahin gekommen Du hast nicht einmal den Willen Dich zu beherrschen klagst
sie selbst an Sie in der Du vormals die höchste Reinheit und Güte erkanntest
Eine Buhlerin eine gemeine Buhlerin der die Unschuld eines junger Mannes
lästig ist soll sie geworden sein
Wer hätte es wagen dürfen Dir vor wenigen Monaten auch nur etwas ähnliches
zu sagen wer dürfte es jetzt noch wagen ohne mit seinem Leben dafür zu
büßen
Wie krank musst Du sein dass Dir das Scheusslichste das Unsinnigste als wahr
erscheint
Ich habe um Urlaub angesucht Erhalte ich ihn so eile ich zu Dir
Zwölfter Brief
Olivier an Reinhold
Komm nicht das Übel würde nur ärger Ich dulde keinen Mann in ihrer Nähe Kein
Klügeln mehr Ist die Ehre verloren dann kann ich vom Morgen bis zum Abend
philosophiren ich bekomme sie darum nicht wieder
Ja ich will es glauben sie war rein bis ich ihre Sinnlichkeit weckte
Aber jetzt das verstehst Du nicht Ein Weib ist ein Weib und Natur ist
stärker als Vernunft
Warum stürzte sie mir mit dieser Heftigkeit in die Arme Woher diese
Tränen diese Todesblässe und jetzt dieser unüberwindliche Trübsinn Ich sehe
es sie will sich darüber erheben aber sie vermag es nicht
Ist ihr Wille noch so rein wie vormals was kann ihr dann fehlen Sie muss
mir danken dass ich sie gerettet habe und scheinbar tut sie das auch Aber im
Innersten ihres Herzens wütet das Gift und in dem meinigen O es war
Schicksal wer konnte entrinnen
Dreizehnter Brief
Wilhelmine an Reinhold
Antonelli ist fort Gestern hörte er Olivier habe R zu seinem Aufenthalte
gewählt An Zurückhalten Überlegen war gar nicht zu denken
Ich habe ihm Friedrich nachgeschickt Wo er seinen Bedienten gelassen hat
mag Gott wissen Ich habe vergessen danach zu fragen Aber ihn nun wieder
allein gehen zu lassen war mir unmöglich Nicht wahr ich habe Recht getan
Man sagt sie dürfe nicht einmal schreiben Es ist abscheulich Meine Mutter
weint und mein Vater scheint alle Heiratsanträge vergessen zu haben
Ich kann nicht aus der Stelle Alle meine Koffer sind gepackt Aber was
würde bei einer noch größeren Entfernung aus mir werden Sähe ich nur eine
einzige Zeile von ihrer Hand wüsste ich nur was sie jetzt denkt und empfindet
ich wollte mich fassen Aber diese schreckliche Ungewissheit O lange darf sie
nicht dauern
Vierzehnter Brief
Reinhold an Olivier
Ob Deine Drohung mich abgehalten haben würde weiß ich nicht aber leider ist
mir der Urlaub versagt
Ich hoffe es war nur Übereilung Du wirst Dich nicht ganz der Leidenschaft
hingegeben Du wirst Dir gestanden haben dass alles was Du von Ehre
vorbrachtest nur aus dem Bedürfnis entstand Dich wenigstens scheinbar zu
rechtfertigen
Aber gut ich nehme an Du habest das Alles wirklich geglaubt aber jetzt
Ich bitte Dich erspare die Reue und kehre zurück weil es noch Zeit ist
Gewiss ich kann von meinem Leben nicht überzeugter als Du von der
Nichtigkeit Deiner Besorgnisse sein Doch gesetzt sie hätten irgend einen
Grund offenbarst Du dann Deine Schande nicht selbst zeigst Du nicht dass Du
nur der Gewalt Deine sogenannte Ehre verdankst
Welch eine geringe Meinung Deines Wertes welch eine überwältigende Furcht
Du mögtest das Schlimmste verdient haben In der Tat ich zweifle ob Dich
irgend jemand wegen eines auf diese Weise erhaltenen Gutes beneiden und den
Mann ohne Furcht in Dir erkennen wird
Ich bitte Dich nichts Kleinliches nichts mehr was Deiner unwürdig ist
Nachschrift
Ich kann mich der Frage nicht erwehren wie möchte es wohl gegangen sein wenn
Du Julien nicht befohlen hättest krank zu werden Vielleicht wäre das
Bekenntnis der Liebe noch jetzt noch in vielen Jahren wahrscheinlich niemals
über Antonellis Lippen gekommen
Willst Du so wird es trotz allem was geschehen ist auch jetzt noch
unwirksam Ich bitte Dich wolle es Du mögtest sonst mehr zu bereuen haben
als Du glaubst
Funfzehnter Brief
Olivier an Reinhold
Du hast immer Deinen Willen gehabt wenn es Dir gelungen ist mich im Voraus mit
mir selbst zu versöhnen Aber jetzt zweifle ich daran
Du kennst sie nicht sonst würdest Du manches nicht geschrieben haben
Ja ich gebe zu die Leidenschaft hat mich verblendet Es ist wohl manches
von dem was ich glaubte nicht möglich Aber ich ich selbst weiß ja wie man
sie liebt wie man kein Verbrechen scheut wenn es auf ihren Besitz ankommt
Sieh bei andern Weibern bleibt noch immer die Hoffnung man könne etwas
Ähnliches vielleicht gar etwas Besseres wieder finden Aber bei ihr ist das
schlechterdings unmöglich
Diese Engelgestalt kehrt nicht zum zweitenmale wieder Dieser stillsiegende
Geist kann nur diesen Körper bewohnen
Du solltest sie erwachen Du solltest sie einschlummern sehen Es ist
einzig Letzt habe ich sie eine halbe Nacht beobachtet Der Mond schien ihr
gerade in das Engelgesicht und nun ja ich nannte mich einen Verrückten dass
ich je etwas Unedles von ihr geglaubt hatte
Aber hoffe darum nicht dass ich sie fremden Augen wieder Preis gebe Mein
Glück ist zu groß und das Schicksal um so tückischer
Den groben Tagelöhnern fällt wenn sie in ihre Nähe kommt das Arbeitszeug
aus den Händen Den Sohn meines Gärtners habe ich wegschaffen müssen Er stahl
Schuhe Bänder und alles was er von ihrer Kleidung habhaft werden konnte um
das alles nachher wie Heiligtümer zu verehren Brachte ganze Nächte im Garten
vor unserm Schlafzimmer auf der feuchten Erde zu
Wir wussten nichts davon Der Bube hatte sich seitdem ihn der Vater aus der
Fremde kommen ließ immer vor mir verborgen Kaum sah ich ihn ein paar Mal im
Vorüberlaufen
Gestern Morgen öffnet Julie die Tür und fliegt heftig erschrocken wieder
zurück »Was ist« frag ich nicht minder erschrocken da ich die Todesblässe
auf ihrem Gesicht bemerke »Es lag ein Mann antwortet sie und taumelt mir
zitternd entgegen es lag ein Mann auf der Erde Beinah wäre ich über ihn
gefallen« »Wer untersteht sich« ruf ich und reiße die Tür auf da sehe
ich den Buben in die Wohnung seines Vaters fliehen
Nun erzählt mir der Alte wie oft er ihn gewarnt habe wie aber alles
fruchtlos gewesen sei Er irre jetzt ganze Tage in dem benachbarten Walde umher
und kehre nur des Abends wieder zurück
Es versteht sich dass ich nun auf die Abreise drang Seitdem habe ich den
Tollkopf nicht wieder gesehen
Jetzt leugne dass ich zu strengen Maßregeln gezwungen bin
Sechzehnter Brief
Olivier an Reinhold
Wer war der Gärtnerbursche O mein weiser Freund das mögtest Du bei Deinem
SicherheitsSystem wohl schwerlich erraten Der Herr Graf Antonelli
Nun was sagst Du dazu Auch ich von Dir eingeschläfert war dumm genug
nicht sogleich darauf zu verfallen War dumm genug nicht einzusehen dass nur in
einem südlichen brennenden Gehirn der Gedanke entstehen konnte der Geliebten
auf diese Weise zu nahen
Ich weiß wie das in diesem Kopfe lodert kenne die Wünsche dieses
kindischen brennenden Herzens Über ihn wegschreiten sollte sie Von ihren
Füßen wollte er berührt werden Ächt italienisch Ein deutscher Mann hat von
dieser Selbstvernichtung von diesem mit Leib und Seele zu eigen geben keinen
Begriff Aber die deutschen Weiber können das alles gar treflich begreifen
Wie ich es entdeckt habe Wie man das meiste entdeckt durch Zufall
Gestern da ich an der Bleiche vorüber gehe treibt mir ein feines gesticktes
Tuch entgegen Ich halte es fest und bemerke ein A darin Noch denke ich
nichts bestimmtes aber in dem Augenblicke sehe ich des Gärtners Frau sich
ängstlich zwischen der übrigen Wäsche umhertreiben und dem Winde ein Stück nach
dem andern abjagen
»Wem gehört denn das alles« frage ich »Meinem Sohne« antwortet sie
blutrot stotternd und zitternd
»Ist er noch nicht abgereist« »Ach Gott nein Er hat ein hitziges
Fieber und da war es doch nicht möglich«
»Versteht sich Aber was für einen Arzt habt Ihr denn«
»Einen Arzt Du lieber Gott«
»Nun Ihr werdet doch nicht wahnsinnig genug sein den Menschen so liegen zu
lassen Euer einziges Kind so aufzugeben«
»Lasst mir den Alten kommen oder setze ich hinzu indem ich rasch ohne
weiter auf sie zu hören fortschreite besser ist besser« Mit diesen Worten
stehe ich an der Tür des Hüttchens aber da fällt mir das A wieder in die
Augen und ich trete einige Schritte zurück
Indem kommt mir der Alte entgegen und ich stürze nun mit einer Art von Wut
hinein zu dem Bette
Da lag er von Fieberhitze glühend Nannte laut ihren Namen klagte sich an
klagte mich an und wusste nicht dass ich vor ihm stand
»Das das ist Euer Sohn« sage ich zu dem Alten um mir durch einen
Vorwurf Luft zu verschaffen
»Ach gnädiger Herr machen Sie mich armen Mann nicht unglücklich Ich hätte
kein Mensch sein müssen«
»Schweig sage ich ich will nichts mehr hören Geh zum Haushofmeister
Er soll Leute herschicken und im rechten Flügel ein Zimmer bereit halten«
Der Anblick hatte mich erschüttert Das Herz hatte den Kopf überwältigt
Jetzt wollte ich den Alten zurückrufen aber gewaltsam fühlte ich mich wieder
zum Bette hingezogen und als ich abermals zur Tür ging war es zu spät
Da stand ich nun und mein böser Geist hielt mir den ganzen Brief der Mutter
wieder vor Augen Mit Todesangst übergebe ich Ihnen mein Alles Ich strich und
strich an meiner Stirne und die Zeile wollte nicht fort
Die Leute waren schon gekommen er war schon in meinem meinem eigenen
Hause eh ich das schreckliche Gewühl meiner Empfindungen entwickeln konnte
Lass mich Atem schöpfen Ein ander Mal
Siebenzehnter Brief
Reinhold an Wilhelmine
Wissen Sie es schon Antonelli ist krank ist entdeckt Der General selbst hat
ihn in sein Haus genommen O er ist mein Freund und wird es ewiglich bleiben
Sagen Sie wie ist es möglich einen Mann zu hassen bei dem das Herz immer
die Oberhand behält
Allerdings auch wir hätten unter ähnlichen Umständen dasselbe getan Aber
er mit seiner fürchterlichen Heftigkeit mit seiner glühenden Eifersucht
Nein nein es war schön es war wirklich sehr edel
Aber welche Folgen wird es haben Ich zittre für Antonelli für Julie am
meisten für ihn selbst Wahrlich das Schicksal nimmt ihn in eine harte Schule
Er der seines Herzens so oft spottete wie fürchterlich muss er dadurch büßen
Welch ein Labyrinth Ich würde nicht hineingekommen sein dass darf ich wohl
behaupten aber ob und wie ich mich wieder heraus finden würde In der Tat
darauf weiß ich keine Antwort
Achtzehnter Brief
Wilhelmine an Reinhold
Wenn Sie mein teurer Freund am Rande eines Abgrundes lustwandeln sich noch
dazu auf dem Wege berauschen und alle Warnungen Ihrer Freunde nicht achten so
bedarf es keiner Inspiration um zu wissen wie es Ihnen gehen wird
Wenn Ihnen aber die Abgründe wie die starken Getränke von Natur zuwider
sind so braucht niemand zu antworten denn niemand wird fragen
Der Herr General muss erndten was er gesäet hat Unser allgemeines
Schicksal Wer sich darüber wundert gehört in das Land der gebratenen Tauben
Geben Sie mich auf Sie sehen das Bewundern wird mir eben so unmöglich wie
das Beklagen Zu dem Ersten gehört immer eine angemessne Entfernung von dem
Gegenstande zu dem Zweiten ein gewisser Grad von Hoffnung Leider fehlt es mir
an beiden und ich bin daher selbst im hohen Grade zu beklagen
Ihr Freund hat alle heitere Aussichten meines Lebens zerstört Mich nun
unter seine Bewundrer aufnehmen zu lassen würde in der Tat zu den
Übermenschlichkeiten gehören die ich grade um sie recht bewundern zu können
so viel als möglich von mir entfernt halte
Hätte das Jedermann getan so stünden die Sachen vielleicht etwas besser
Wie sie nach einigen Jahren vielleicht schon nach einigen Monaten stehen
werden ist bei mir keinem Zweifel unterworfen
Neunzehnter Brief
Olivier an Reinhold
Ob sie es weiß Ob sie ihn erkannt hat Das frage ich mich des Abends wenn
ich die Augen schließe und des Morgens wenn ich sie wieder öffne
Meine Leute haben den strengsten Befehl seinen Namen nicht zu nennen Auch
wissen nur drei um die Sache Doch wäre es möglich
Sie verrät eine Angst eine Beklommenheit Ihr offener heiterer Sinn ist
gänzlich verschwunden Oft wenn ich unvermutet hereintrete finde ich sie tief
in Gedanken versunken und nur meine Stimme weckt sie aus ihren Träumereien
Diese Schwermut hat sie unbeschreiblich verschönert Kein Band keine Blume
kommt in ihr Haar Ach wer sie so sähe um dessen Verstand wäre es geschehen
Auf meinen Befehl trägt sie beständig einen Schleier Oft wenn endlich die
männlichen Bedienten entfernt sind ich mir stundenlang den Genuss versagt habe
sie unverhüllt zu sehen treibt mich mein Wahnsinn den Schleier wegzureissen Wie
vom Blitze getroffen stehe ich dann vor ihr
Es ist eine neue Erscheinung Ohne es zu wissen habe ich diesen Engelzügen
andre gemeine Züge untergeschoben habe zur Lindrung meiner Schmerzen mir ein
andres minder schönes Bild zusammengesetzt Jetzt werden sie durch diesen
einzigen Blick zur furchtbarsten Quaal wieder erhöht
Mit Wut mit Todesangst fasse ich sie dann in meine Arme stürze mit ihr
fort in das entlegenste Zimmer starre sie an laufe auf und ab wie ein
Rasender presse ihre Hände gegen meine Brust frage sie ob sie mich liebt ob
sie mein ist ob sie mein sein will auf ewig
Schwere Tränen rollen dann über das Engelgesicht Ihr großes zartes Herz
fühlt dann alle meine Leiden Sie sagt mir dass sie für mich leben und sterben
dass sie zur Erhaltung meiner Ruhe jeden menschlichen Anblick vermeiden will
O wie wird mir dann Abermals fasse ich sie in meine Arme hebe sie hoch
gen Himmel falle vor ihr nieder verstumme versinke mit namenloser Wonne in
ihrem Anblick
Aber plötzlich dünkt mich ich höre ein Geräusch »Den Schleier« ruf ich
mit gepresster Stimme Reisse die Vorhänge zusammen stürze durch drei vier
Türen schließe sie alle hinter mir zu komme endlich hinaus Niemand ist da
und ich erwache zu neuen Zweifeln und zu neuen Quaalen
Zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Er fängt an sich zu bessern und der Arzt gibt Hoffnung Was habe ich bei
seinen Phantasien gelitten Er glaubte mit ihr vereinigt zu sein und
schilderte seine Liebe unter glühenden Bildern Aber dann war es als ob er mich
plötzlich erkannte und eine grässliche Vorstellung jagte die andre
Gestern lag er wieder in einem halbwachen Traume erkannte mich aber nicht
wie vormals mit Schrecken Er hielt meine Hand nannte mich wieder seinen
Vater erzählte mir von seiner unglücklichen Liebe beschwor mich Mitleiden mit
ihm zu haben ihm ihren Anblick nur ein einziges Mal zu vergönnen Er wolle dann
alles alles tun was ich von ihm verlange
Und ich O frag mich nicht ich bin ein unglücklicher Mann
Ein und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Was bin ich ein Weib geworden Soll dieser Knabe mich beherrschen Er darf sie
nicht sehen er muss fort Zwei können sie nicht besitzen Meine Rechte sind die
älteren und ich habe mehr Nachsicht gehabt als ich sollte
Was irre ich herum bei Nacht und bei Tage Was zweifle ich was frage ich
Nur Eins tut hier Not und dies Eine muss geschehen
Will ich Verzicht tun Will ich es Rasender Gedanke Will ich leben
ohne zu atmen und liebt er sie wie ich Wie viel Weiber kennt er um die
Einzige zu würdigen
Aber sie Wenn sie ihn erkannt hätte wenn sie sich hingerissen fühlte von
Jugend von Schönheit überwunden von diesem gänzlichen Dahingeben O fort
fort Zum Wahnsinn ist es noch Zeit genug
Zwei und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Jetzt wollte ich Du wärest hier Du könntest mir raten Begreife meine Angst
ihr ist nicht wohl Ich habe mir den Fall niemals gedacht Ihre blühende
Gesundheit machte mich sicher
Sie klagt nicht läugnet wenn ich frage aber der Augenschein straft sie
Lügen
Ach ist es ein Wunder Seit vier Wochen hat sie keinen Atemzug frische Luft
geschöpft O ich Grausamer Wie war es möglich Wenn es zu spät wäre wenn
sie krank würde Nein nein dahin kommt es nicht Aber schnell muss man
helfen Helfen Wie o mein Gott Soll ich sie ihm in die Arme führen
Nichts nichts Keine weibische Schwäche Er muss fort Jetzt gleich jetzt
augenblicklich soll Anstalt gemacht werden
Drei und zwanzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Wie lange habe ich Dir nicht geschrieben Vergieb mir beste Wilhelmine Ich war
es meinem teuren Manne schuldig Ach Du hast keinen Begrif wie er mich liebt
und wie viel er leidet durch diese Liebe Wie sehr wäre ich ihrer unwürdig
suchte ich nicht alles zu vermeiden was irgend seiner Ruhe nachteilig werden
könnte
Um jeden Zweifel zu entfernen bin ich sogar eine geraume Zeit nicht aus
meinem Zimmer gekommen und wäre bald krank darüber geworden Da hättest Du ihn
sehen sollen O gewiss ich muss um vieles besser werden diese Liebe ganz zu
verdienen
Solltest Du glauben ich würde noch von der gemeinsten Eitelkeit beherrscht
Vor einigen Wochen öffne ich des Morgens die Tür unsers Schlafzimmers und
sehe einen Mann ausgestreckt auf der Erde liegen Er hatte das Gesicht unter dem
Arme verborgen aber seine Gestalt blieb mir unvergesslich
Was ist das nun anders als Eitelkeit kann es nicht ein wahnsinniger
Mensch gewesen sein können ihn nicht tausend mir unbekannte Ursachen zu dem
sonderbaren Entschlusse gebracht haben sein Nachtlager vor unsrer Tür zu
wählen Aber nein die Eitelkeit oder sollte es wirklich mein Herz sein
besteht darauf um meinetwillen war er da um meinetwillen ist er wohl oft schon
da gewesen
Sonderbar genug verwechsle ich ihn immer durch eine gewisse Ähnlichkeit
getäuscht mit Antonelli Mit Antonelli der mich lange vergessen hat
Ach wie sehr täuscht sich ein junger Mann in diesem Alter Antonelli glaubte
eine unüberwindliche Leidenschaft für mich zu fühlen und nach einigen Wochen
bin ich rein aus seinem Gedächtnis verschwunden
Wenn ich nun meinem törichten Herzen gefolgt und jetzt allen Quaalen der
Selbstverachtung Preis gegeben wäre Aber Gott sei gelobet ich bin gerettet
Seit ich die milde herrliche Luft unter den Blütenbäumen wieder atme ist
himmlischer Friede in mein Herz zurück gekehrt und alle meine Gefühle sind
wieder dem Manne geweiht der mich so einzig der mich mehr liebt als ich bis
jetzt noch verdiene
Wie sein herrlicher großer Charakter sich mir alle Tage mehr entwickelt So
wie ein Mensch leidet hört er auf sein Feind zu sein und wäre er es auch Jahre
lang gewesen Wer hätte dieses tiefe Erbarmen unter dieser rauen Hülle gesucht
Wahrscheinlich hat ihn sein Stand gezwungen so viel als möglich davon zu
verbergen und sogar zu vertilgen
Gewiss erscheint er auch seinen Leuten noch immer wie ein harter Mann Aber
ich der er sich so ganz hingibt ich blicke in sein schönes Herz und bewundre
ihn im Stillen
O wie freue ich mich dass dieses Herz mit allen seinen lieblichen Schwächen
in meine Hände gefallen ist Ich will es schonen und ehren Seine Leidenschaft
soll mir heilig sein und wenn sie mir auch jemals als Hass erscheint immer will
ich denken es war doch nur Liebe
Jetzt eben ging er von mir »An wen schreibest Du« fragte er und sah
mich forschend dabei an »An Wilhelminen« sagte ich lächelnd »Klagst Du
auch« fragte er weiter und eine rührende Trauer verbreitete sich über sein
Gesicht »Weswegen sollte ich klagen« antwortete ich heiter »Etwa deswegen
setzte ich hinzu indem ich seine Hand küsste dass ich unbeschreiblich
geliebt weit mehr geliebt werde als ich verdiene«
Ach die Worte kamen grade aus meinem Herzen Sie schienen mir so einfach
und so wahr Gleichwohl erschütterten sie ihn auf eine sonderbare Weise
Der teure liebe Mann wann wird er einmal zur Ruhe kommen
Vier und zwanzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Gib Dir keine Mühe Ich bin zu gut unterrichtet um mich täuschen zu lassen Aus
freien Willen wärest Du auf Deinem Zimmer geblieben Ja ja eine ganz gute
Erfindung für Deine Bedienten Aber bei mir wie gesagt Du kannst die Mühe
ersparen
Liesse mich auch jemand Jahr aus Jahr ein so viel freie Luft schöpfen und so
viele Briefe schreiben als mir beliebte ich würde dumm genug sein mir
einzubilden dergleichen verstünde sich von selbst
Eben so kläglich schicke ich mich zum Bewundern Freund Reinhold kann Dir
ein Lied davon singen
Welche Disharmonie In der Tat nehme sich Dein Herz nicht manchmal die
Freiheit Dir ein Wörtchen zuzuflüstern unsre Freundschaft würde zum Rätsel
Aber bei diesen Einschiebseln die Dir wahrscheinlich als Unregelmässigkeiten
erscheinen fliegt Dir das Meinige wieder zu Ich triumphire dass Dir die
hochbelobte Kunst unsrer französischen Gouvernante de corriger la nature noch
nicht gelungen ist
Doch wer weiß mit der Zeit kann alles noch werden Hast Du doch schon mit
Hilfe dieser Kunst herausgebracht Antonelli habe Dich vergessen habe Dich
vielleicht niemals geliebt
Ja ja die Vielleichts machen einem viel zu schaffen Wollte der Himmel
ich wäre mit denen die mir noch auf dieser kleinen schwerfälligen Erde übrig
bleiben schon fertig dann könnte ich Dir bei den Deinigen helfen
Ob ich jetzt immer so lustig bin O ganz erschrecklich Du siehst die Spuren
der Freude hier auf dem Papiere
Fünf und zwanzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Die Spuren waren von Tränen O meine Wilhelmine noch immer grämst Du Dich
bestehst darauf ich sei unglücklich Warum hältst Du diese Vorstellung so fest
Das Gegenteil ist ja doch möglich und wird sogar immer wahrscheinlicher
Auch ich Geliebte habe manches über mein künftiges Leben nachgedacht
Hätte ich hoffen können mit einem Manne den ich leidenschaftlich liebte
glücklich zu werden wer wüsste was ich getan haben würde
Aber welchen Grund konnte ich dieser Hoffnung geben Alles belehrte mich
dass es auch dem besten Manne unmöglich wird leidenschaftliche Liebe an einem
Weibe zu ertragen dass Leidenschaft und Weib ihm eben so widrig klingt wie
Hässlichkeit und Weib und dass wo diese traurige Disharmonie sich findet an
kein Glück zu denken ist
Wie wäre es auch möglich Haben wir uns einmal dem männlichen für uns
wahnsinnigen Gedanken überlassen genießen zu wollen so achten wir keine
Schranken Von einer feinern Organisation weit mehr als die Männer zum Streben
nach dem Unendlichen getrieben wollen wir nun eine Verbindung die unter zwei
unvollkommnen Wesen nicht einmal in der Idee bestehen kann
Alle Täuschungen des Wissens der Ruhmsucht und der tierischen
Sinnlichkeit mit welchen sich die Männer oft bis an ihr Ende so glücklich
betäuben sind bei uns nicht wohl möglich
Wir fühlen nun mit allen Kräften unsers Wesens dass die Verbindung Zweier
oder Aller zu Eins der Zweck aller Schöpfung sein muss Die Zeit wo wir den
trüben Dunstkreis unsrer Erde zu einem vollkommnern Leben durchbrechen werden
ist für uns schon verflossen
Eins eins wollen wir sein mit dem Geliebten Kein Gedanke keine Ahnung
soll uns entgehen Ein ewiger seeliger Tausch Zusammenklang alles Wissens und
Begehrens Ach schon mitten in diesem höchsten Wunsche werden wir plötzlich
durch die schreckliche Wirklichkeit unterbrochen und sinken zurück unter
die Herrschaft eines Mannes
Während wir uns so in ja über den Wolken umhertrieben wie fürchterlich hat
sich diese Herrschaft ausgedehnt Gleichwohl macht sie den der sie ausübt
nicht glücklich
Mit ganz andern Wünschen und Hoffnungen war er zu uns gekommen Selbst von
den Leidenschaften irre geführt suchte er ein Wesen das über alle Leidenschaft
erhaben ihm himmlischen Frieden entgegen brächte In dieser seeligen Stille
wird sein Wille sich läutern sein Verstand von nun an das Beste erwählen
Schon der Anblick dieses Wesens das rein und vollendet aus den Händen der
Natur hervorgieng hebt ihn über sich selbst Alles was er mühsam erlernte ward
diesem Wesen angebohren An Verstand und Willen weit über ihn erhaben ist es
dennoch mit dem beseeligenden Irrtume begabt es werde in beiden von ihm
übertroffen Was hat er zu fürchten Es ist die liebende Einfalt der er sich
übergibt
Aber wie schrecklich wird er selbst nun aus diesem Traume erweckt Statt
heiterer seeliger Stille findet er leidenschaftliche Unruhe Hört Foderungen
Klagen Ach Rechenschaft soll er geben von seinen Empfindungen Man will sie
wägen und prüfen O Gott statt ertragen zu werden soll er tragen Er kann es
nicht sein ganzes Gefühl empört sich dagegen
Um seine Leiden aufs höchste zu bringen sieht er nun noch die Schönheit
entfliehen Die Schönheit ohne die er die Weiblichkeit nicht denken kann mit
der er die ganze Weiblichkeit ausspricht
Es ist zu viel er muss sich rächen Ach er hat sich schon gerächt er ist
schon ein Tyrann eh er es selbst nur ahnt Die unglücklichen Weiber Hätten
sie gestrebt liebenswürdig der Liebe würdig zu sein statt Liebe zu fodern
sie hätten das was sie wünschten und vielleicht weit mehr noch erhalten
Sechs und zwanzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Liebenswürdig Hm nicht übel Nun ja mit dieser Kleinigkeit sind die Männer
so ganz leidlich zufrieden Freilich gehört dazu eine andre Kleinigkeit die
unverwelkliche Schönheit und Jugend Unglücklicher Weise hat es meiner teuren
Freundin nicht beliebt anzuzeigen wie man sich diese Kleinigkeit erhalten
oder wenn man sie nicht hat die Götter zwingen kann sie zu verleihen
Ja ja wer kann an alles denken Ihr unglücklichen Geschöpfe die ihr
weder das Eine noch das Andre habt verzweifelt nur Mag eure Zahl Legion
heißen ihr seid zum Elende geboren
Vormals standet ihr noch in dem tröstlichen Wahne ihr könntet den Männern
durch Tugend ersetzen was die Natur euch an Schönheit versagt hatte aber
jetzt euer Urteil ist gesprochen So wie eure Schönheit verwelkt hört ihr
auf Weiber zu sein Dann sterben die Blumen aber euch zwingt die Natur zum
martervollen Leben Leitet nur den herabfahrenden Blitz zu euren Herzen Oder
wenn er mit der Natur im tückischen Bunde euch nicht treffen will suchet nur
in den Fluten euer Grab Die beste Welt bleibt dennoch die beste
Leb wohl Du hast mich erbittert Ich glaube gar ich kann aufhören Dich zu
lieben Du bist zu unsern Feinden zu den Männern übergegangen und fängst an
eben so metodisch zu pfuy das war hässlich
Ach da kommt mir ein glücklicher Gedanke Künftig werde ich statt hässlich
immer männlich setzen Nicht wahr es ist eben so gleichbedeutend wie schön und
weiblich Komisch wäre es wenn das Hässlichste immer das Männlichste wäre
Was meinst Du dazu
Sieben und zwanzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Ich meine Wilhelmine die da glaubt erbittert zu sein und die nie aufhören
wird mich zu lieben könne wohl ein wenig ab und zugerechnet nicht so ganz
Unrecht haben Unter dieses Wenige gehört vorzüglich alles was man den Windeln
Schnürbrüsten und Ausschweifungen zuschreiben muss In der Tat es wäre
ungerecht dieses sowohl als mehreres was Verzärtlung und Verwahrlosung der
weiblichen Schönheit geraubt haben auf die Natur zu werfen
Nimm dies weg Geliebte und so übertrieben es auch klingen mag ich wage
es zu behaupten dass es Dir schwer ja vielleicht unmöglich werden soll ein
wirklich hässliches Mädchen zu finden
Reise nach H gehe in das Haus der liebenswürdigen R siehe hier
zwanzig Mädchen die unter ihrer Aufsicht doch nur seit ihrem siebenten achten
Jahre erzogen werden und widersprich mir wenn Du kannst
Wie schnell die Natur ersetzt und verbessert wenn man ihr nur nicht zu
anhaltend widerstrebt geht beinahe in das Unglaubliche
Aber das alles rechtfertigt mich nicht in Deinen Augen Dein liebevolles
Herz empört sich gegen die Grausamkeit eines doppelten Todes Du vergiebst mir
nicht dass ich die Weiblichkeit mit der Schönheit verschwinden lasse Gleichwohl
bestätigst Du kurz darauf dies und weit mehr
Ja es ist schrecklich aber es ist wahr die Sinnlichkeit kann uns auch
nicht einmal Augenblicke befriedigen In dem gegenwärtigen müssen wir vor dem
künftigen zittern Welcher Gott wird uns helfen In uns ist der Gott »Erfülle
deine Bestimmung« spricht er aber suche dich über alles Sinnliche zu erheben
Dann bist du frei und seelig
Acht und zwanzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Ach Du bist besser als ich das weiß ich wohl und habe es immer gewusst so wie
ich alles was Du mir sagst lange gefühlt habe Darum wollte ich mich an Dich
schließen in Dir alles wiederfinden hätte es gefunden
Geh geh Du hast doch nicht recht an mir gehandelt Mein Verstand mag Dich
rechtfertigen mein Herz wird Dich ewig verklagen
Morgen will ich reisen
Neun und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Dieser Mensch bringt mich noch um mit seiner glühenden Phantasie Meinst Du er
verberge irgend eine Empfindung vor mir Mit einer Heftigkeit mit einem
verzehrenden Feuer spricht er sie aus reißt mich hin überwältigt mich Oft
habe ich zu meinem eignen Schrecken mich selbst und alles was ich zu
fürchten hatte vergessen
Wenn endlich meine innere Quaal aufs höchste steigt meine Wut über seine
glühenden Schilderungen hervorbrechen will ergreift er mich plötzlich mit
seiner gewaltigen Liebe
Ich ich selbst bin es nun den er schildert Mit allen meinen Leiden mit
allen meinen schrecklichen Fragen und Zweifeln
Im höchsten Erstaunen sehe ich ihn in das Innerste meines Herzens dringen
Gefühle entwickeln für die ich bis jetzt keinen Namen hatte Begebenheiten
hervorrufen die ich verworren nur ahnte
In dem Augenblicke wo ich ihn dann mit meinen Händen zerreißen möchte weil
er sie alle nennt meine Marter in dem Augenblicke fällt er ein mit seiner
seelenerschütternden Klage Mein Grimm löst sich in Wehmut auf er stürzt in
meine Arme und ohne es zu wollen drücke ich ihn fest an mein Herz
Aber ihn hier zu behalten war mir unmöglich Alle seine Bitten vermochten
nichts er musste sich ergeben Gleichwohl bestand er mit einem unerhörten Trotze
darauf sich nicht weiter als eine halbe Stunde von hier zu entfernen
Nun drohte ich mit meiner eignen Abreise »Tue es sagte er und wenn Du
bis an das Ende der Welt gehst ich folge Dir nach«
»Mir« wiederholte ich mit Bitterkeit
»Ja Dir Meinst Du ich könne ohne Dich Du ohne mich leben Wer versteht
Dich wer tröstet wer liebt Dich wie ich«
»Bestechungen«
»Wehe Dir wenn Du es glaubst«
»Ich werde schon Mittel finden«
»Sie helfen Dir nichts«
»Was unterstehst Du dich
»Ich unterstehe mich das Unmögliche unmöglich zu nennen Mache was Du
willst uns scheidest Du nicht«
»Uns«
»Ja uns«
»Sie meinst du«
»Wenn ich sie meinte würde ich es sagen«
»Du liebst sie«
»Nein Dich liebe ich sie bete ich an«
»Und das soll ich dulden«
»Kannst Du es ändern«
»Nicht in mein Haus«
»Das verspreche ich Dir«
»Nicht in meinen Garten«
»Auch das«
»Noch auf die Anhöhe«
»Sie gehört Dir nicht«
»Ich werde sie kaufen«
»Ich habe sie schon gekauft«
»Das hast Du getan um sie zu sehen um von ihr gesehen zu werden«
»Das Letzte ist nicht wahr auch ist es unmöglich«
»Aber Du willst sie sehen«
»Ja weil es Dir nicht schadet«
»Es beunruhigt mich«
»Und mich tötet es wenn ich sie nicht sehe Was willst Du lieber«
»Du trotzest«
»Nein Das sagst Du nur Du glaubst es nicht Sieh mich an ist es wahr
dass ich ohne sie nicht leben kann ist es wahr dass es mir unmöglich ist jemals
etwas Schlechtes zu wollen ist es wahr dass ich Dich liebe dass ich mein Leben
für Dich lassen würde«
Ach dann sehe ich in sein großes schwarzes Auge und verstumme
Dreissigster Brief
Julie an Wilhelmine
Wo bist Du jetzt meine Geliebte Zürnst Du noch mit Deiner Julie Nein nein
Du irrst Dich in Dir selbst Weder Dein Verstand noch Dein Herz klagt mich an
Wir lieben uns und werden uns ewiglich lieben
Noch immer kann ich mich nicht von Deiner Abreise überzeugen Mich dünkt
sogar Du wärest in meiner Nähe Besonders wenn ich in den Garten trete
überfällt mich ein wunderbar sehnsüchtiges Wonnegefühl
Ach es ist der Duft von den vielen köstlichen Pflanzen der geheimnisvolle
Schatten dieser hohen unnachahmlich schönen Bäume Wirklich unser Garten ist
ein Paradies Ob er gleich beinahe drei Viertelstunden im Umfange hat wollte
ihn mein lieber Mann doch noch durch eine benachbarte Anhöhe vergrößern Aber
sie ist leider schon verkauft und so werden wir wohl Verzicht darauf tun
müssen
Wie sonderbar sonst war ich mit so Wenigem zufrieden hätte mich bei einem
einzigen kleinen Blumenbeete überglücklich gefunden Jetzt seitdem von der
Anhöhe gesprochen ist denke ich nur immer wie viel schöner unser Garten sein
müsste wenn er sie mit umschlösse
Diese wunderliche Grille beherrscht mich sogar im Schlafe Letzt dünkte
mich ich werde von einer unsichtbaren Kraft weit über die Mauer unsers Gartens
gehoben und plötzlich auf der Anhöhe niedergelassen
Es war eine andre Welt Himmlische Kinder wandelten darauf Ihr Gesicht
blühte wie Rosen im Morgenlichte Ein glänzendes Flügelpaar erhob sich über ihre
Schultern Schnell wie Gedanken eilten sie hin und her und streiften an meiner
Wange vorüber wie Frühlingshauche
Jedesmal wenn sie mich so berührten durchdrang mich ein unaussprechliches
Wonnegefühl
Endlich flogen sie alle auf mich zu schlossen mich in einen dichten Kreis
und tanzten mit unglaublicher Schnelligkeit um mich her
»Wir wechseln das Leben wir wechseln das Leben« so sangen sie
Aber mit einem Male ward ich von einem kalten Hauche angeweht Kein Tanz
mehr kein Gesang Die Kinder standen unbeweglich Ich eile auf sie zu da sind
sie plötzlich in Blumen verwandelt und ich erwache mit einer Art wehmütig süßem
Schauder
Unser Fenster stand offen und der Duft eines großen Rosenstrauchs ward vom
Winde in das Zimmer getrieben Der kalte Schauder die Blumen das alles war
also mehr als begreiflich Gleichwohl finde ich noch immer wer weiß wie viel
Wunderbares in diesem Traume und eile sobald ich in den Garten komme zuerst
nach dem Orte wo ich die Anhöhe sehen kann
Hier sitze ich oft ganze Stunden und denke nichts als den Traum Dann
ergreift mich eine Bangigkeit eine Sehnsucht Letzt kannst Du Dir etwas
kindischeres denken glaubte ich meinen Nahmen von dort her zu hören Schnell
springe ich auf eile mit ausgebreiteten Armen durch das Gebüsch und denke
nicht eher an die Mauer bis ich dichte davor stehe
Mit gefalteten Händen als geschehe mir Wunder welch Unglück kehre ich nun
wieder um und ein Strom unaufhaltbarer Tränen stürzt über meine Brust
Nicht wahr das sieht dem Wahnsinne sehr ähnlich Gewiss ich bin krank Ich
muss mit einem Arzte sprechen
Ein und dreissigster Brief
Reinhold an Olivier
Gestern war T bei mir Ich wollte meinen Augen kaum trauen Seit er zum
Günstlinge erhoben ist habe ich ihn nicht gesehen Seine hämischen Anmerkungen
über Dich führten oft Streit herbei und so war ich recht wohl damit zufrieden
Nun aber gestern überfällt er mich plötzlich mit einem ganzen Heere
Schmeicheleien und Freundschaftsversicherungen Ich lächle mache einen stummen
Bückling über den andern und vertiefe mich so hartnäckig in die Zeremonien dass
ich ihn nach einer Viertelstunde ziemlich in die gehörige Entfernung bringe
Gleichwohl erfolgen nun eine Menge HofStadtneuigkeiten Erkundigungen nach
Dir »Wie sich der König sehne Dich einmal bei sich zu haben Wie es gar nicht
artig sei so spröde zu tun Das alles würde Dir nichts helfen Man könne Dich
aufsuchen«
Ich erschrack und fing an zu sondiren »Ja ich selbst wisse am besten
wie viel an dem eigentlichen Frieden noch fehle So still werde es nicht
abgehen Ein paar Feldzüge müsse man noch in den Kauf geben Der König werde Dir
das alles schon begreiflich machen und hoffe Du werdest nicht aufhören Dein
Vaterland zu lieben«
»Darüber ist kein Zweifel antwortete ich aber mich dünkt man könnte
ihn in Ruhe lassen Für ein Menschenleben hat er genug getan und die andern
Herren sind ja auch keine Feinde vom Hinaufrücken«
»Ach ja wenn es nur auf das Rücken ankäme«
»Nun das Andre wird sich auch finden«
»Man hats gesehen«
»Olivier ist kein Freund vom Kriege«
»Darüber erstaunt man«
»Mich dünkt ohne Grund Er suchte Lorbeeren jetzt hat er mehr als er
bedarf«
»Aber das Vaterland«
»Eben das Vaterland sagt er braucht Ruhe«
»Das Wort klingt komisch in seinem Munde Männer Frauen und Mädchen
nannten ihn vormals den Unruhigen«
»Die Zeiten ändern sich warum sollten sich die Menschen immer gleich
bleiben«
Er antwortete mit seinem gewöhnlichen Faunenlächeln umarmte mich zu meinem
großen Leiden einmal über das andere und empfahl sich mit einem Epigramm
Ich setze nichts weiter hinzu Du selbst musst am besten wissen was dabei zu
tun ist Raten kann ich Dir nicht mehr aber nie werde ich aufhören Dich zu
lieben
Zwei und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Entweder sie wollen mich los sein und da sie wissen dass ich die Kugeln nicht
fürchte mich wieder darunter schicken in der Hoffnung eine werde doch
treffen Oder der König hat gerade Langeweile erinnert sich der Pschen
Szenen mit Julien und will die Komödie auf eine andere Art durchspielen
Wahrscheinlich trifft beides zusammen und da bin ich denn freilich vor einem
Besuche nicht sicher Hier lassen kann ich sie nicht aber wem soll ich sie
anvertrauen
Reinhold Du liebst mich Du hast es auch wenn ich nicht daran glaubte
redlich mit mir gemeint Reinhold willst Du sie in Schutz nehmen Dann lasse
ich schnell mein Gütgen bei G in Stand setzen Ich weiß wohl Du darfst Dich
nicht entfernen Aber es liegt nur eine Viertelstunde von der Stadt Da könntest
Du doch täglich einen Gang hinaus machen Ganz allein kann ich sie nicht lassen
noch weniger sie der Mutter übergeben Begreife wie ich Dich achte da ich
Dich allen Andern vorziehe
Antworte mir bald Ich kenne ihn Bei seinen Grillen ist keine Zeit zu
verlieren
Drei und dreissigster Brief
Reinhold an Olivier
Alles nur das nicht Frage nicht weiter Es geht nicht Und wenn Du mich auf
die Folter spanntest ich würde Dir immer dasselbe antworten Wie Warum kann
ich Dir wahrhaftig nicht auseinander setzen Genug ich weiß es geht nicht
Achte mich nun weniger entziehe mir ganz Deine Freundschaft Ich muss es
geschehen lassen Aber ich wiederhole Dir noch einmal es ist schlechterdings
unmöglich
Nachschrift
Du hast zwei Fälle angenommen aber wie wenn es einen dritten gäbe
Wenn sie Dich nicht entbehren könnten Dich wirklich haben müssten
Vier und dreissigster Brief
Reinhold an Olivier
Hätte ich doch meinen Brief nicht abgeschickt Schnell muss ich Dir noch melden
dass die Königin ihrem Bruder entgegen reist und auf diese Weise den König
begleitet
Sollte es nicht das Sicherste sein Julie nun bleiben zu lassen Ich bin
geneigt es zu glauben Überlege es und melde mir Deinen Entschluss
Fünf und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Das Sicherste Eine Falle ist es Einladungen Lockspeisen Ich kenne das Und
sollte ich sie Antonelli übergeben ich wollte es lieber als sie auf dem
glatten Hofpflaster wissen
O wie viel leide ich Ich bin müde es zu denken Oft will ich die ganze
schreckliche Leidenschaft von mir werfen die Freiheit den Tod suchen aber
dann sehe ich sie wieder und mein zerrissenes Herz kann nicht von ihr lassen
In Dich mag ich nun nicht weiter dringen Gleichwohl muss Rat geschafft
werden Zwölf Meilen von hier ist ein Fräuleinstift Ich will mit ihr davon
sprechen
Aber gern muss sie es tun sonst ist es doppelt so schrecklich Ach den
ganzen Tag werde ich sie nicht sehen Aber die Nacht will ich hin zu ihr
fliegen Zwölf Meilen O Gott es geht nicht es ist zu weit
Da kommt sie Ich will sie fragen Sie selbst soll wählen
Sechs und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Jetzt habe ich den Mut der Verzweiflung Ich sehe es für mich ist kein Glück
mehr zu hoffen
Was wählte sie Rate es Du errätst es nimmermehr
»Liebste sagte ich wenn wir uns auf eine kurze Zeit trennen müssten
wenn Du hier nicht bleiben könntest welchen Aufenthalt würdest Du vorziehen«
Sie behauptete für keinen entfernten Ort eine besondere Vorliebe zu haben
Es sei ihr hier so wohl
»Aber wenn du nun schlechterdings wählen müsstest und Dich ganz nach Deinem
Geschmacke bestimmen könntest«
»Nun antwortete sie dürfte es in der Nähe sein dann würde ich das
Häuschen auf der Anhöhe allen Andern vorziehn«
»Auf welcher Anhöhe« fragte ich denn ich wollte nicht glauben was ich
gehört hatte
»Dort sagte sie und zeigte auf Antonellis Wohnung diese Gegend hat
etwas unbeschreiblich anziehendes für mich«
Ich ließ sie nicht ausreden stürzte fort warf alles nieder was mir in den
Weg kam Mir war als solle ich mir selbst entfliehn Zum erstenmal in meinem
Leben fühlte ich eine Art Unwillen gegen sie der allmählig in Wut übergieng
So stand ich vor Antonellis Tür ohne zu wissen wie ich dahin gekommen war
»Wo ist er« fragte ich »Wo er immer ist« antworteten die Leute und
zeigten nach dem Walde
Schon lange hatte ich vor ihm gestanden hatte schon eine Menge Flüche
zwischen den Zähnen gemurmelt noch immer hatte er mich nicht bemerkt Endlich
wurden meine Flüche lauter und ich riss ihm das Fernglas aus der Hand Da schien
er plötzlich aus einem Traume zu erwachen und umarmte mich trotz meiner Flüche
»Ein schönes Leben sagte ich den ganzen Tag so mit Gaffen hinzubringen
Der König kommt Wo ist das was ich Dir aufgetragen habe«
Statt zu antworten nahm er mich lächelnd bei der Hand und führte mich zu
einem Zelte das er sich mitten im Walde hat aufschlagen lassen Hier sah ich
Karten Risse alles in der größten Ordnung und weit mehr vorgearbeitet als ich
gewollt hatte
»Wann ist denn das alles gemacht« fragte ich nachdem ich es mit
Erstaunen untersucht hatte
»Wenn sie nicht da war«
»Woher weißt Du denn wann sie kommt«
»Ich fühle es«
»Du faselst«
»Ich sage die Wahrheit«
»Du hast ihr Zeichen gegeben die Flöte gespielt«
»Niemals«
»Nun woher soll sie denn wissen dass Du hier bist«
»Sie weiß dass ich hier bin« fragte er und sein Gesicht verriet wirklich
das höchste Erstaunen
»O sage mir fuhr er fort und drückte mir die Hände und schmeichelte wie
ein Kind sage mir woher weiß sie es Hast Du es hat es irgend jemand anders
verraten«
»Gleichviel antwortete ich verdrießlich genug sie scheint es zu wissen«
»Ach siehst Du rief er sie fühlt es wie ich«
Nun schrie ich laut auf vor Wut riss meine Hand aus der seinigen stürzte
den Berg wieder hinunter und fand sie in Tränen
Ach ich wollte ich wäre bei Dir Du bist doch mein Einziges Hier steh ich
allein verwaist Sie haben mich ausgestoßen aus ihrem Bunde Von einer höheren
Macht hingerissen vergessen sie mich und die Welt
O ich leide zu viel Ein Ende Ein Ende
Sieben und dreissigster Brief
Reinhold an Olivier
Dein Leiden zerreißt mir das Herz Armer unglücklicher Mann Mit allen Deinen
Schätzen mit allen Deinen Lorbeeren unglücklich Ach warum musst Du gerade jetzt
diese Sehnsucht nach Liebe empfinden jetzt wo sich das Schicksal so grausam
gegen Dich verschwöret
Solltest Du denn gar nicht zu retten sein Hast Du niemals versucht sie
als Deine Kinder zu denken in ihnen durch ihre Liebe glücklich zu sein Du
musst es mehr als einmal in Deinem tatenreichen Leben gefühlt haben wie schön
wie überschwänglich die Selbstüberwindung lohnet
Wenn ein hartnäckiger listiger Feind Dich erbitterte tausend
Schwierigkeiten sich Deiner brennenden Ruhmsucht entgegen stellten Du endlich
nahe warst das Ziel zu erreichen hat Dich da nicht oft Erbarmen mitten im Laufe
zurückgehalten und sind es nicht gerade diese Augenblicke bei denen Du wenn
Dich alles Übrige anekelte mit Wohlgefallen verweiltest
Gewiss Dein Schicksal liegt mir schwer am Herzen Ich habe nur einen Wunsch
Dich mit Dir selbst einig zu sehen Ich kenne nur eine Möglichkeit doch ich
schweige Aber das lass Dir sagen denn wer wollte Dich um des augenblicklichen
Schmerzens willen dem tückischen Irrtume preis geben aufopfern wirst Du
müssen auf welche Seite Du dich wendest Auch dann wenn Du den Tod wählst
opferst Du auf Wie viel wer kann es bestimmen
Die große unergründliche Natur handelt nach unwandelbaren Gesetzen Erbarmen
ist ihr fremd Hebst Du gewaltsam ihren Schleier welche Macht kann Dich retten
So weit das Gedenkbare reicht findest Du die schreckliche wieder Darum gib
Dich duldend in ihre Hand Dann wird sie sanft Dich erlösen
Du sagst ich bin Dein Einziges So entschliesse Dich dann mutig und
schnell Komm an mein Herz Wir wollen meinen Olivier suchen Vielleicht finden
wir ihn wieder
Acht und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Er ist gefunden Wohl ganz Recht eben weil ich im Tode noch aufopfere will
ich mir was das Leben gewährt noch erhalten Ist kein Erbarmen zu hoffen
warum soll ich mich erbarmen Mag ich nun Schmerz hervorbringen ich selbst
leide den höchsten Ja ich habe mich schnell und mutig entschlossen Ich selbst
will sie nicht sehen aber dann soll auch kein männliches Auge sie erblicken
Anfangs wollte ich mich einem deutschen Klotze vertrauen aber ich sah bald
dass nur ein Südländer meine Leidenschaft begreifen konnte
Ich habe Einen gefunden der mehr noch begreift als ich empfinde Er soll
sie bewachen
Ein menschenleeres Gütchen ist gekauft das Haus mit einem Graben umgeben
und durch eine Zugbrücke geschützt Drei fremde Mädchen habe ich zur Aufwartung
kommen lassen und hoffe der braune Wächter wird sie gehorchen lehren
Keine Anmerkungen ich bitte Dich Es war das Einzige was mir übrig blieb
Neun und dreissigster Brief
Reinhold an Olivier
Nein keine Anmerkungen aber hier einen Brief von Wilhelminen Sie glaubt er
würde durch mich am richtigsten besorgt werden Das gute Mädchen weiß so vieles
noch nicht Mein Schutzgeist verhüte nur dass sie nicht nach Juliens
Aufenthalt fragt Ihre ganze Verachtung würde mich treffen wenn ich nicht mit
Feuer und Schwert drein schlüge Wäre sie hier ich stünde Dir vor keiner
zweiten Entführung
Das arme Mädchen hat sich nur immer an den Schein gehalten Sie glaubte Dich
frei und Julie gefangen Dich Du Unglücklicher Einen Sklaven der wütendsten
Leidenschaft frei
Vierzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Ich bin in der Schweitz aber meine Erwartung ist nicht befriedigt Blendender
Schnee auf den Bergen schneidende Luft in den Tälern die Menschen eben so
kalt und düster wie sie O das alles ist mir fürchterlich zuwider
Ewiger Zank unter den Hohen ewige Klage unter den Niedern Mangel bei allem
Überfluss Sklaverei bei allem Freiheitstrotz Ach kein Feuer keine
Lebendigkeit Einsylbig langweilig das prosaischste Volk auf der Erde So
weit meine Wenigkeit sie gesehen hat
Ja donnernde Wasserfälle und schaurige Klüfte Überhangende Klippen und
stürzende Lavinen Wer Lust hat erschlagen zu werden der kommt hier schon
recht
Ob ich das alles in einer andern Laune nicht anders gesehen haben würde
Kann sein aber ganz unwahr ist es nicht darauf kannst Du Dich verlassen
Nein nein mit dieser grausenden zügellosen Natur kann ich mich nicht
vertragen mit diesen Menschen nicht sympatisieren Was helfen mir die feisten
Kühe und die üppigen Wiesen Was mir fehlt können sie mir nicht geben
Aber was fehlt mir denn Nun fürs erste will ich glauben ein milderer
Himmel ein geistvolleres lebendigeres Volk Werke der unsterblichen Kunst an
denen sich mein Geist laben und erheben kann
Italien Italien da will ich hin Antonellis Mutter ist da Auch die will
ich sehen O was gäbe ich darum dass sie arm wäre oder sonst meiner Hilfe
bedürfte Gewiss sie wird mich lieben denn ich werde ihr von dem Lieblinge
erzählen
Wäre ich die Mutter dieses Sohnes Könige und Kaiser müssten mir weichen
Ach hätte ich nur ein Kind nur ein einziges Kind Ein solches Wesen das ich
mit Todesquaal mir erkauft mit Lebensgefahr mir erhalten hätte Ich wollte
alles ja Dich selbst wollte ich darüber vergessen
Nur Geduld nur Geduld nur nicht gelächelt es wird sich alles finden In
Italien gibt es noch Menschen die Liebe verstehen Bauer oder Bürger
einerlei »Mein Freund sage ich dann gefalle ich dir so möchte ich wohl auf
ein Jahr der fünf deine Frau werden Sind wir glücklich so geben wir noch vier
Jahre zu Dann drei dann zwei und zuletzt hast du die Freiheit dich alle Jahr
von mir zu trennen
Aber in der Zeit wo du mir gehörst gehörst du mir ganz Kein Laufen kein
Gaffen das sage ich dir Ich binde mich aber auch du bist gebunden Hältst
du nicht Wort so ziehst du weiter Aber die Kinder bleiben mir oder aus der
ganzen Sache wird nichts«
Du merkst wohl dass ich die wichtigste Klausel zuletzt bringe Ist er damit
zufrieden dann mag er nach den ersten fünf Jahren schon weiter ziehen und den
größten Teil meiner Reichtümer mitnehmen Ich bleibe doch reicher als er
Ob er aber dabei glücklich sein wird O ja wenn er vernünftig ist warum
nicht Ich würde für ihn braten und kochen ihn warten und pflegen und alles
was mir an Freuden bekannt wäre in unserm Hause versammlen Aber die Kinder
gehören mir damit wecke ich ihn des Morgens und die Kinder gehören mir
wiederhole ich ihm des Abends und wenn er das nicht vertragen kann so zieht er
weiter oder zieht gar nicht weil er nicht kommt
Nichts von Inconsequenz die gewöhnlichen Ehen widerstehen mir noch eben so
sehr wie vormals Es ist mir unbegreiflich warum sich die Leute schlechterdings
auf das ganze Leben zusammen schmieden lassen
Was wäre denn nun dabei verloren wenn sie alle vier oder fünf Jahre
gesetzmässig erinnert würden wie viel große Ränke des Bräutigams und viel kleine
der Braut erfoderlich waren um des heiligen Joches würdig erachtet zu werden
Nein nein auf kurze Zeit wenigstens müssten sie getrennt und ohne
feierliche Erklärung nicht wieder verbunden werden
Denke Dir alle fünf Jahre eine neue Hochzeit Welch ein Familienfest
Väter Mütter Kinder Gesinde alles würde jauchzen und jede eheliche Frau
würde in ihrem Leben ein paar Dutzend Flitterwochen mehr zählen
Sage nur warum sind die Menschen nicht längst auf diesen Einfall gekommen
Warum wollen sie schlechterdings vor Langeweile sterben Bewillkommen sich mit
Gähnen Morgens und Abends und denken auf kein Mittel zur Rettung
Leb wohl Auf alles was Du mir schreibst antworte ich Dir nichts die Zeit
wird schon antworten
Ein und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Sie ist in Sicherheit und ich fange an ruhiger zu atmen Ach wie ist hier
alles verwandelt Nachtigallen sind erwacht Blumen entfaltet köstliche
Früchte zu tausenden gereift Wohin sie kommt da blüht ein Paradies ihr
entgegen
Lächelnd schwebte sie über die Zugbrücke und die Ketten bewegten sich nicht
Nur unter mir fingen sie an zu rasseln Sie wandte sich um aber das himmlische
Lächeln blieb auf dem Engelgesichte
Nein nein ich habe sie nicht unglücklich gemacht Ach Du hast Recht unter
Ketten ist sie frei und ich bin der Gefangene Aber Geduld sagt Wilhelmine
Ich fange an mich mit ihr auszusöhnen Sie hat mich auf etwas sehr Wichtiges
geleitet Geduld aber kein Predigen kein Vorschreiben Was ich tue muss aus
eigener freier Entschließung geschehen nicht weil es Andern so beliebt weil es
Andre für das Beste erkennen
Euer Einreden Euer Tadeln Euer Zurechtweisen hat mich in dieses Labyrinth
geführt Hättet Ihr mich meinen eignen Weg gehen lassen es wäre jetzt leichter
um mich her Ich hätte früher gewusst was ich sollte
Habe ich kein menschliches Herz Bin ich ein Tyrann ein Barbar Ich fühle
tiefer lebhafter wie Ihr mein Vater war einige hundert Meilen südlicher
geboren daher kommt alles
Gebt mir Euer nordisches Blut und ich werde sie nicht einschliessen ich
werde nicht wissen was ein Blick ein Händedruck bedeutet woher er kommt und
wohin er führt Ihr Eismassen wisst ja nur von Hörensagen was Leidenschaft ist
Tauet erst auf an einem südlichen Strahle und dann richtet über südliche
Naturen
Ich gehe ich verlasse sie Sie sie Nennt Ihr das nichts Opfre ich
nicht jetzt schon mein Wohlsein einem höheren Zwecke Wer darf mir ein Ziel
stecken Wer darf sagen »bis hieher und nicht weiter« Darum zähmet Euch und
redet mir nicht ein Der Sklave ist frei sobald er es sein will
Zwei und vierzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Ihr Brief meine teure Freundin ist so richtig besorgt als er besorgt werden
konnte Das heißt er ist durch des Generals Hände gegangen Ein anderes Mittel
gibt es jetzt nicht Heimliche Wege Bestechungen das mag für andre Leute gut
sein für uns ist dergleichen nicht gemacht
Ihr Brief war offen und so ist er geblieben Der General hat ihn gelesen
und das kann Ihnen sehr gleichgültig sein Doch nein nicht so ganz
gleichgültig Sie haben ihn dies sind seine Worte auf etwas sehr Wichtiges
geleitet Auf was Die Zeit wird es ja lehren
Mehr als jemals kämpft er mit sich selbst Das ist gewiss Aber wie dieser
Kampf endigen wird wer kann es bestimmen Auf mich ich gestehe es wirkt
das alles ganz sonderbar Schon seit geraumer Zeit bin ich aufgefodert etwas
Entscheidendes für mich zu wagen »Ein sorgenloseres bequemeres Amt sagen
meine Freunde Späterhin brauchst Du mehr Ruhe«
Aber mir ist wie einem Landmanne über dessen Saaten ein schweres Gewitter
aufsteigt Man spricht von der nahen gesegneten Ärndte »Verbessre dein Haus
Erweitre die Scheuren« ruft man ihm zu Aber sein Ohr ist verschlossen
sein Auge starrt unverwandt nach der Wetterwolke Trifft sie die Saaten was
bedarf er der Scheuren
Drei und vierzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Du hast noch immer nicht gefunden was Du suchst meine teure geliebte Freundin
aber mich dünkt Du bist auf dem Wege dazu Wohl mir meine Wilhelmine wird
glücklich sein was habe ich dann noch zu wünschen
Wie sehr hast Du Recht mir nichts auf mein Geschwätz zu antworten Es war
ein Fiebergeschwätz Gott Lob jetzt bin ich genesen Der König kommt nach R
Mein Mann fürchtete mit Recht mich seinen Zudringlichkeiten auszusetzen und
brachte mich hieher
Julianens Ruh nennt er diese liebliche Einsiedelei Macht es der Nahme
oder was ist es sonst aber in der Tat ich bin hier ruhiger Dort war mir als
fehlte ich mir selbst hier habe ich mich wieder
Zwar ist alles fremd was mich umgibt Anna ist fortgeschickt und ein
andres sehr junges aber wie mich dünkt unschuldiges Mädchen hat ihre Stelle
bekommen Ein offenbarer Gewinnst für mich Anna schien mit ein äußerst
verderbtes Geschöpf und nur weil ich sie einmal in meines Mannes Diensten fand
konnte ich sie dulden
Gleichwohl macht es mir die arme kleine Marie durch ihre schreckliche
Demut beinahe unmöglich in einen zutraulichern Ton mit ihr zu kommen Meine
Bitten scheinen ihr immer Befehle Zitternd und zagend als ob das Richtschwerdt
sie verfolgte lauscht sie auf meine Worte und hat vor Angst immer die Hälfte
vergessen
Auch den andern Mädchen geht es nicht besser Nur Meister Ubaldo der
Oberaufseher scheint von diesem Schrecken nichts zu wissen Im Gegenteil bedarf
er aller seiner Feinheit und wirklich angenehmen Gesprächigkeit um selbst
nicht ein wenig schrecklich zu werden
Mir schien er es nur ein paar Stunden Jetzt sind wir die besten Freunde von
der Welt Ich muss mich noch gar in Acht nehmen sonst werde ich in der Tat sein
verzogenes Kind
Nichts ist ihm gut genug wenn es für Donna Julia sein soll und darum macht
er freiwillig Koch Kellermeister und Gärtner Schönere Blumen und Früchte
erinnere ich mich nicht gesehen zu haben Zu meiner kleinen Tafel könnte ich
Fürsten einladen Nur Schade dass ich sie nicht so benutze wie Meister Ubaldo es
wünscht
Den Teller in der Hand steht er mir gegenüber und lauscht mit Ängstlichkeit
ob ich von diesem oder von jenem versuchen werde Lobe ich dann die gute
Auswahl die treffliche Zubereitung so werden meine Hände meine Kleider mit
Küssen bedeckt und der gute Mann scheint wirklich einen Anfall von Wahnsinn zu
bekommen
Noch ärger treibt er es wenn er meinen Flügel oder meine Stimme hört Aber
leider versteht er keine Note sonst würde er bei seinem zum Erstaunen richtigen
Gefühle ein sehr angenehmer Begleiter für mich werden
Sonst lässt er sich freilich das Begleiten sehr angelegen sein Nur seitdem
ich ihn gebeten habe kann ich allein in den Garten gehen Es scheint ihm trotz
seines Misstrauens oder wie ich es jetzt lieber nennen möchte trotz seiner
Anhänglichkeit unmöglich mir eine unangenehme Empfindung zu verursachen
Und so führe ich dann hier ein sonderbares beinahe äterisches Leben Ich
habe angefangen Kräuter und Blumen zu sammlen Ein unaussprechlich belohnendes
Geschäft Ich glaube es könnte Götter und Menschenfeinde zähmen
Wenn ich so mitten im hohen duftenden Grase die köstlichen Blumen nur so
weit ich sie erreichen kann sammle die ganze Pracht dann über mein weißes
Kleid verbreite sitze ich oft trunken vom Anschauen der unendlichen
Mannigfaltigkeit und Schönheit
O nein ich bin nicht allein bin nicht verlassen Allentalben finde ich
die große gütige Mutter Im Hauche des Frühlings im Gesange der Nachtigall im
Rauschen des Wasserfalles spricht sie zu mir Mit Empfindungen mit Gedanken
mit Tönen die sie mir gab darf ich ihr antworten
O ich unaussprechlich Glückliche in meinem Herzen ist Friede Wohl habe ich
gefehlt vielleicht meine Wilhelmine betrübt Aber wenn es nicht Selbstsucht
nicht Leidenschaft wenn es nur Schwäche und Irrtum war hatte ich dann Strafe
verdient Nein nein auch meine Wilhelmine wird mir vergeben und dann bedarf
ich keinen andern Himmel als den ich schon habe
Welche reine köstliche Luft ich hier atme R ist schön aber es liegt
zu tief Oft wiederholte ich es mir meine Schwermut hätte keinen andern Grund
Aber das Herz überwand die Vernunft Immer sollte noch etwas anderes
wunderbares übersinnliches auf mich wirken
Mein Vater erzählte von einem Manne der ein äußerst angenehmer
Gesellschafter war aber oft durch sich selbst mitten im fröhlichsten Scherze
unterbrochen wurde Bleich verstört beinahe ohnmächtig sank er dann zurück
verschüttete den köstlichen Wein und hörte nicht mehr das Rufen der fröhlichen
Brüder
»Er dachte an mich« war dann seine ganze Entschuldigung
Ein Freund von ihm war nämlich in türkische Gefangenschaft geraten und
erzählte wirklich mehrere Jahre nachher dass er durch mannigfaltige Arbeiten am
Tage zerstreut nur des Abends aber dann mit unbeschreiblicher Sehnsucht
seiner gedacht habe
So liebste Wilhelmine war mir in R »Lass ab lass ab« rief manchmal der
Freund des türkischen Gefangenen Lass ab Lass ab meine Wilhelmine hätte auch
ich manchmal rufen mögen Aber nicht wahr jetzt denkst Du ruhiger an mich
ziehst mich nicht mehr so schmerzhaft zu Dir hinüber Ja ich fühle es an
meinem erleichterten Herzen wir sehen uns wieder meine Wilhelmine wir sehen
uns wieder
Vier und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Ob der General meinen Brief gelesen hat ja wohl mir einerlei Nur Schade dass
er nicht ein wenig mehr für ihn eingerichtet war Will es mir merken Ist er so
sehr für diese heimlichen Näschereien wie viel heilsame Pülverchen lassen sich
da beibringen
Ob er aber auch Juliens Antworten liest Das wäre nun freilich eine ganz
eigne Sache Hier zum Beispiel sehen Sie einmal diese Briefe Wie mögen ihm
wohl die Träume wie mag ihm wohl das Lass ab lass ab gefallen Ob er es auch
wie Julie auf mich oder was ein wenig natürlicher wäre auf gewisse
Bergbewohner1 deutet Seit der plötzlichen Abreise mögen ihm diese Leute wohl
ziemlich zu schaffen machen In der Angst scheint er sie ganz vergessen zu
haben
Ja ja da herum stehen die Saaten verzweifelt schlecht Noch ein wenig
schlechter als ich es vor geraumer Zeit verkündigte Bei andern Orakeln dankt
man dem Himmel wenn sie nur so halb und halb erfüllt werden Bei den meinigen
gibt es immer ein gerütteltes und geschütteltes Maß
Finde ich nur erst einen bequemen Ort der Dreifuss und die Pytia ist
fertig Dann können Sie sich wegen der Häuser und Scheuren gerade an mich
wenden Mit und ohne Wetterwolken ich prophezeihe frisch aus dem Stegreife
Fünf und vierzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Die Prophetin scheint wie alle übermenschliche Wesen schwächliche Empfindungen
und besonders das Mitleid zu verachten Aber übermenschlich oder nicht man ist
nicht immer sicher vor dem was man verachtet Unsrer Prophetin geht es
vielleicht trotz aller Schadenfreude wie Uneingeweihte es nennen mögten
nicht besser Die Wetterwolken sind ihr sehr wahrscheinlich noch fürchterlicher
als mir
Ohne Bilder Meine Freundin scheint sie nicht zu lieben Hier sind die
Briefe zurück Wenn ich Ihnen dafür danke so danke ich für Schmerz und Freude
zugleich Beides habe ich im hohen Grade empfunden Ich begreife ich
entschuldige jetzt alles Ja für dieses himmlische Herz gibt es freilich keinen
Ersatz Der Erste der Einzige darin sein wollen ach es ist ein schöner es ist
ein sehr menschlicher Wunsch Wäre ich an Oliviers Stelle wer wüsste wozu er
mich bringen könnte Wahrscheinlich zu Vielem was ich tadeln und doch nicht
unterlassen würde
Meister Ubaldo hat mir ein Lächeln abgezwungen Armer Olivier wofern Deine
Oberaufseher nicht blind und taub sind so steht es sehr schlimm mit der
Aufsicht
Sechs und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Der König mag bald kommen sonst muss er sich andre Wirte suchen Ob er glaubt
ich könne mich nicht losreißen Mehr als einmal habe ich ihm den Dienst
aufgekündigt Immer hat er mich durch allerlei Ränke wieder hineingezogen
Hätte ich nur meine Güter verkauft noch morgen gienge ich aus dem
verwünschten Lande Das allein hält mich zurück Nicht die abgeschmackte Puppe
der Ruhm womit er mich vormals gelockt hat
Von ihr verlassen bin ich nun dem Wahnsinn des unbändigen jungen Menschen
ausgesetzt An ihm sehe ich was aus mir werden würde wenn ich sie nicht mehr
hätte
Erklären soll ich ihm wie diese Trennung möglich war entdecken soll ich
wo sie ist Er will sie nicht sehen aber bewachen beschützen will er sie »Von
uns entfernt droht ihr Gefahr Der König tausend Andre können sie rauben Sie
ist schon geraubt und ich ich habe es zu verantworten«
»Was kümmert mich der Dienst und der König rief er Mögt Ihr doch
Standrecht über mich halten Ich gehe davon und suche sie auf«
Kein andrer Rat ich musste ihn arretiren lassen Es hat mich Überwindung
gekostet aber bis der König da ist muss es so bleiben
Bin ich etwa glücklicher Um den leisesten Verdacht zu entfernen habe ich
seit acht Tagen jeder Nachricht von ihr entsagt Meine Vertrautesten ahnen nicht
wo sie ist und sollen es nicht ahnen
So wie ich sie nicht sehe bekomme ich meine Festigkeit wieder bin hart wo
ich es sein muss und gefasst mit dem Schicksale in die Schranken zu treten falle
auf dem Wege Freund oder Feind
Und so muss es auch sein Auf welche Weise ich sie erworben haben möchte sie
ist mein Eigentum Wer sich daran wagt mag es mit mir versuchen
Sieben und vierzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Ich habe sie gesehen Das war eine Freude Ich dachte sie mir warum weiß ich
selbst nicht wie ein altes kraftloses Mütterchen und fand eine angenehme
lebhafte aber freilich trotz den Spuren großer Schönheit nicht auf nordische
Art rot und weiß blühende Frau
Im vierzehnten Jahre wurde sie verheiratet Antonelli ist drei und zwanzig
jetzt kannst Du zusammen rechnen
Sie hat Dein Gemälde und betet alle Tage für Dich Eine Deutsche kannst Du
nicht sein das ist ihr nicht auszureden Schon mehr als ein paar Dutzend
Heiligenbilder hat sie mit Dir verglichen Von der Einen hast Du die Stirn von
der Andern die Augen von der Dritten Vierten Fünften die Nase den Mund das
Kinn usw Wohl bemerkt unter diesen Allen keine Einzige Deutsche Ohne
Zweifel aber sämtlich Deine Frau Muhmen Basen Urgrossmütter im hundert und
funfzigsten sechzigsten Gliede Ach Gott wer sich doch auch einer solchen
Familie rühmen könnte
Ja hat es mich jemals geschmerzt aus keinem heiligen Blute entsprossen zu
sein so ist es gerade jetzt In allem könnte ich mit dieser liebenswürdigen
Frau sympatisieren nur die fatale Heiligenfamilie kommt immer dazwischen
Gott weiß wie es zugeht Sie selbst hat doch so gar nichts Heiliges
Nennt alle Dinge bei ihren Nahmen liebt und hasst so südlich so unheilig wie
möglich Allen Rosenkränzen und Heiligenbildern unbeschadet
Indessen ist doch die Glückseeligkeit dieser Auserwählten nicht ohne
Wechsel Auch sie haben ihre Sonnen und Regentage Ja manchmal könnten sie den
ersten besten Unheiligen beneiden
Signora Antonellis Schutzpatron hat es zwar im Ganzen genommen recht
gut Aber ich weiß mich gleichwohl der Zeiten zu erinnern wo er statt vier
Wachskerzen nur zwei ja wenn er sich um Briefe von dem geliebten Sohne zu lange
bitten ließ wohl gar keine erhielt
Die Schutzpatrone der Köche Schiffer und Fuhrleute haben es viel schlimmer
Stöße Schläge die ärgsten Schimpfnahmen müssen sie sich gefallen lassen wenn
sie die Bitten ihrer Gläubigen vergessen oder zu saumseelig erfüllen
Bei dem allen hat aber ein solcher Schutzgott für den Besitzer sehr viel
Angenehmes Ich wenigstens lasse mir einen machen und zwar nach dem Modelle
eines jungen Bauers hier in der Nähe
Jeden Abend trägt er seine alte Mutter in die Kühle unter ein Laubdach was
er gerade meinem Fenster gegenüber aufgeschlagen hat Die Art wie er ihr Lager
bereitet die Zweige an einander fügt Blumen und Früchte herbeiholt gibt ihm
wirklich etwas Heiliges
Letzt als er sie wieder hinaus trug hatte er zu gleicher Zeit die Früchte
mitgenommen aber plötzlich stieß er an einen Stein und da lag der Korb und die
Früchte
Geschwinde lief ich hinunter sammelte sie wieder in den Korb und brachte
sie ihm entgegen Er nahm sie sah mich an konnte mir nichts sagen ich ihm
auch nicht und so gingen wir langsam von einander
Als er nun den folgenden Tag wiederkam fand er schon ein recht hübsches
Sopha in der Laube und noch schönere Früchte als die seinigen Er blickte nach
meinem Fenster legte die Hand aufs Herz und grüßte mich auf eine Art ja die
sich recht gut sehen aber nicht beschreiben lässt
Seitdem haben wir nun unsre ganz eigne Zeichensprache Mir gefällt sie so
wohl dass ich den Augenblick fürchte wo sie sich in Worte verwandeln wird Auch
suche ich ihn so viel als möglich zu entfernen
Aber unterdessen der junge Heilige draußen mit seiner Mutter beschäftigt
war bin ich in ihrer Wohnung gewesen und habe mir da verschiedenes gemerkt
was die arme kranke Frau entbehrte
Jedesmal nun wenn er ins Haus tritt findet er irgend etwas neues Da kommt
er dann gelaufen und peinigt meine Leute »Sie sollen ihn vorlassen Es wird zu
viel Er kann es nicht tragen« usw Aber da bin ich nun hart meine Leute
dürfen nicht wanken und er muss mit seiner ganzen Schuldenlast wieder zurück
Nun wie gefällt Dir mein Heiliger Soll ich Dir eine Kopei machen lassen
oder willst Du lieber den von Signora Antonelli haben Er gleicht ihrem Sohne
wie ein Tropfen Wasser dem andern
Acht und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Der König ist hier und Antonelli ist fort Kaum war er des Arrests entlassen
und dem Könige vorgestellt so bat er um seinen Abschied Bat sage ich
trotzte und zwar so arg dass ihn der König in völligem Unwillen entließ
Er findet sie nicht das ist gewiss und doch bin ich auf der Folter Durch
einige absichtliche Nachlässigkeiten habe ich ihn auf ganz andere Wege zu leiten
gesucht Er findet sie nicht er kann sie nicht finden Auch ist Ubaldo eben so
behutsam ja noch behutsamer als ich
Volle acht ja vielleicht zwölf vierzehn Tage soll ich nun diese Marter so
dulden Muss täglich auf neue Feste und andere Spielereien denken Die herrliche
Frau die Königin ist noch das Einzige was mich tröstet Scheinbar glaubt sie
alles was ich ihr von Juliens Reise zu der Freundin erzähle aber fühlt sie
dass es meinem gepressten Herzen Not tut verstanden zu werden o so versteht
so teilt sie alles was ich ihr nimmermehr sagen möchte
Die Gewalt dieser Frau über sich selbst geht in das Unbegreifliche Nach
allen Schrecklichkeiten die sie erleben musste mit welcher Schonung sie ihn
behandelt Nein ich war ein roher verwahrloster Mensch aber so vieler Liebe
so vieler Geistesgrösse könnte ich nicht widerstehn
Freilich es ist wahr diese außerordentliche Klugheit ich könnte sie doch
nicht an der Einzigen ertragen Ach die hohe göttliche Einfalt ihres Herzens
beinahe glaube ich sie ist mir noch reizender als ihre Schönheit Sich
selbst kann sie täuschen Andre nimmermehr Nein nein wenn ich ihr jemals
untreu würde möchte sie mich dann verabscheuen mich verstoßen ich wollte es
lieber als diese Schonung
Auch kann es der König nicht bergen wie klein er sich fühlt in der Nähe
dieser wahrhaft großen Frau Denn groß ist sie mangelt ihr auch die unendliche
Liebenswürdigkeit der Einzigen Ach meiner Einzigen Ich Überglücklicher ist
es möglich dass ich sie besitze dass sie mein bleiben wird Ich darf dem
Gedanken nicht nachhängen Todesangst überfällt mich Nein nein er wird er
kann sie nicht finden
Neun und vierzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Diesen Brief bestes Fräulein ich kann ihn wahrlich nicht abschicken Wozu die
Anspielung auf Antonelli Glauben Sie mein unglücklicher Freund leide ohnehin
nicht genug Er würde den Brief zurückbehalten und wahrscheinlich täte ich
an seiner Stelle dasselbe
Wir können ja nicht bessern warum sollen wir verschlimmern Wenn die
Erbitterung des Generals aufs höchste steigt wird Ihre Freundin dann
glücklicher Ich bitte Sie das zu bedenken und Juliens Ruhe nicht Ihrem
Unwillen zu opfern Gerecht oder ungerecht darauf kommt es ja nicht mehr an
Noch einmal wir können nicht bessern warum wollen wir verschlimmern
Nein mag Fräulein Wilhelmine den langweiligen Prediger auch schelten
wahrlich sie ist ein wenig zu mutwillig Die Heiligenbilder gebe ich ihr preis
aber meine Freunde sollte sie schonen Ich glaube sogar es bedürfe dazu keiner
andern Ursach als dass sie meine Freunde sind Sie versicherte mich einst ihrer
Achtung muss ich nun glauben sie habe meiner gespottet
Funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Sie schicken meinen Brief zurück Gut ich werde mir schon helfen Sie
klagen über Mutwillen Der Ernst gefällt Ihnen besser O wie Sie wollen ich
kann auch ernstaft sein
Und so sage ich Ihnen denn dass ich Sie sehr ernstaft schätze dass ich aber
die Gefangenschaft meiner Freundin nennen sie es anders wenn sie können mit
allem Unwillen dessen ich fähig bin verabscheue
Sind es Ihre Freunde die mein Liebstes auf der Welt so schändlich
misshandeln da bedauere ich Sie um dieser Freunde willen Aber billiger Weise
könnte ich nun auch einmal fragen warum es Ihnen denn gar nicht einfällt mich
zu bedauern Weil ich mutwillig bin Also haben Sie noch nicht gehört dass
oft der tiefste Schmerz sich hinter Mutwillen versteckt
Doch mein Mutwille und meine Geduld ist zu Ende Ich werde andre Maßregeln
ergreifen und glaube Niemandem mehr Rechenschaft geben zu müssen
Ein und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Er ist krank oder will es scheinen um mich aufs Äußerste zu bringen
Die Königin zwingt sich wieder daran zu glauben und erschöpft alles was der
sorgsamsten Liebe nur möglich ist
Ich aber kann mich des Gedankens nicht erwehren es sind Tücke er will nur
meine Geduld ermüden ich soll Julie wiederkommen lassen und dann glaubt er
werden seine und seiner Hofschranzen Ränke das Übrige tun
Wie mich seine süsslichen Schmeicheleien anekeln Welche Quaal das Geschmeiss
den ganzen langen Tag so dulden zu müssen Er hätte nichts Besseres ersinnen
können um mein bisschen Ruhe ganz zu zerstören um mich dem Wahnsinne so nahe
als möglich zu bringen
Was macht sie die Einzige unaussprechlich Geliebte Ein Blick aus ihrem
Himmelauge würde das unbändige Klopfen dieses zerrissenen Herzens mildern Kann
ich sie denn nicht einmal nicht ein einzigesmal sehen Ach da überfällt mich
die Todesangst sie möchte entdeckt werden
Meinen Verstand erhalte mir o Gott dass ich der Leidenschaft nicht erliege
dass ich dieses kostbare Kleinod für das die Welt keinen Ersatz hat dass ich es
nicht preis gebe den tückischen Mördern die nach meinem Herzen zielen
Nein ich will entsagen für eine kurze Zeit entsagen und dann will ich
kommen mit aller aller meiner Liebe die sie nicht kennt die ich selbst noch
nicht kannte Um dieser unendlichen Leidenschaft willen muss sie mich lieben
kann sie nie einem Andern gehören
Zwei und funfzigster Brief
Julie an Wilhelmine
So bin ich denn schon von allem was ich liebte geschieden Ubaldo redet nur
durch Blicke die ich nicht verstehen mag Die Mädchen zittern und schweigen
mein Mann schweigt Du von der ich Verzeihung Versicherung Deiner
wiederkehrenden Liebe hoffte Du schweigst auch So schweigt denn alles ist
alles für mich tot Ach Gott so schauderhaft muss die Meeresstille sein vor
einem Sturme
Wird man mich diesem Menschen überlassen Ist er es allein den ich fürchte
oder was ist es sonst Der süße Friede ist von mir gewichen Eine
leidenschaftliche Unruhe eine Bangigkeit verfolgt mich O Gott was habe ich
getan was steht mir bevor
Habe Dank Unglücklicher du hast meinen Schmerz in Wehmut aufgelöst Ich
kann weinen Ach lange habe ich nichts seelenerschütterndes gehört
Da war ein Mensch an der Pforte und verlangte durch Zeichen eingelassen zu
werden Ubaldo fuhr hart gegen ihn heraus Aber nun stimmte er auf seiner
Klarinette ein Adagio an das alles was auf dem Hofe war herbeilockte und
endlich den harten Oberaufseher überwältigte Ich selbst stand unbeweglich am
Fenster und horchte auf die schön verbundenen Töne
Die Gestalt des fremden Mannes zeugte von dem äußersten Elende Er war mit
Lumpen bedeckt und hatte ein großes Pflaster über dem einen Auge Seine Sprache
war so unverständlich dass Ubaldo erst mit vielem Hin und Herreden die Bitte
um ein Nachtlager begreifen konnte Nach mancherlei Schwierigkeiten ward es ihm
endlich zugestanden Die Musik hatte aller Herzen für ihn gewonnen
Am folgenden Tage
Der Fremde ist noch hier Ubaldo bis zur Narrheit in sein Instrument verliebt
hat sich bei ihm in die Lehre gegeben Es ist wahr der sonderbare Mensch spielt
zum Entzücken Mir ist es unbegreiflich wie er bei so außerordentlicher
Geschicklichkeit in dieses Elend geraten konnte
Ubaldo hat mir verschiedenes von seinen überstandenen Abenteuern mitgeteilt
Aber das alles ist so romanhaft und zum Teil so unzusammenhängend dass man wie
Ubaldo schon ganz und gar eingenommen sein muss um es zu glauben
Sollte er von meinem Manne abgeschickt sollte Ubaldo verdächtig geworden
sein Gott gebe es dann würde ich von diesem mir jetzt so widrigen Menschen
befreit werden
Wenn er meine Briefe unterschlüge Wenn dies die Ursache Deines meines
Mannes Stillschweigens wäre O warum bin ich denn so ganz ohne Rat und ohne
Schutz Warum kommt mein Mann nicht Schon nach acht Tagen wollte er mich
abholen
Sollte er krank sein Sollte Ubaldo es verheelen O Gott O Gott in der
Gewalt dieses Menschen Keiner von Euch weiß wo ich bin Ich selbst kenne
nicht einmal den eigentlichen Nahmen dieses Gutes Welche Angst überfällt mich
Ach Niemand kann mir helfen ich selbst muss mich retten
Wenn ich dem Fremden diesen Brief übergäbe Wenn ich ihn flehentlich bäte
Er hat ein menschliches Herz das verrät sein Instrument
Ach ich Unglückliche einem Landstreicher mich anvertrauen der vielleicht
mit Ubaldo im genauesten Verständnisse auf nichts als niedrige Ränke bedacht
ist
Es wird dunkel um mich her Wer rettet mich aus dieser Finsternis
Drei und funfzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Da liegt der Brief Ich habe ihn gesiegelt aber noch weiß ich nicht wie er in
Deine Hände kommen soll
Wenn ich nun gerade an meinen Mann schriebe sollte sich der tückische
Mensch wirklich unterstehn den Brief zurückzubehalten Aber wenn er seiner
Schuld sich bewusst ihn erbricht sieht dass ich ihn anklage ihn anklagen muss
O Gott was soll ich tun
Der unglückliche Fremde scheint mich sprechen zu wollen Sollte es eine
Warnung ein Wink zu meiner Rettung sein Nein er ist kein böser Mensch das
sagt mir mein Herz Er will mir wohl darauf könnte ich sterben Ich kann mich
ihm anvertrauen Ja gewiss ich kann es tun
Voll Unruhe trat ich an mein Klavier Alceste lag auf dem Pulte Ohne an die
Musik zu denken spielte ich einige Blätter nach einander weg und kam endlich
an die herrliche Stelle »noch lebt Admet in deinem Herzen« Wahrscheinlich
würde ich sie eben so sinnlos abgespielt haben wäre der Fremde nicht in dem
Augenblicke mit seiner Klarinette eingefallen
Wie spielte er Mit einem Tränenstrome eilte ich zum Fenster Er muss
gesehen haben dass ich weinte Ich war außer mir Nein es ist unmöglich diesem
Instrumente mehr Seele einzuhauchen Gewiss er hat unglücklich geliebt O da ist
mehr als Kunst man fühlt es an seinem eignen Herzen
Ich bin entschlossen ich entdecke mich ihm Nein ein Mann der liebt der
unglücklich liebt ist wenigstens in dieser Zeit kein böser Mensch
Vier und funfzigster Brief
Julie an Wilhelmine
O was habe ich getan dass ich so unglücklich bin Ich glaubte mich zu retten
und bin trostloser als jemals Wäre ich bei Dir meine Wilhelmine wäre ich bei
Dir Ich fürchte meinen Mann Wer rettet mich Er ist es er selbst Antonelli
Ach das habe ich nicht gewusst Daran habe ich nicht gedacht Es hat mich
tötlich erschüttert
Sehr sehr hat er mich geliebt und ich o ich entfliehe Entdeckt ihn
mein Mann er ist verloren Ich kann Dir nicht erzählen Dieser Brief er
kommt doch nicht in Deine Hände Ich müsste ihn selbst bringen Ich schreibe nur
um mich zu fassen um mir selbst deutlich zu machen was ich denke
Lange war ich so tötlich betäubt dass mir alles nur wie ein dunkler Traum
erschien Wie er da vor mich hinstürzte die Kleider von sich riss schwur es
solle ihn kein Wesen mehr von mir trennen er kenne die Furcht nicht mehr Allem
sei er bereit zu widerstehen O Gott in seinen Armen war ich an sein Herz hat
er mich gedrückt mein Mund brennt noch von seinen Küssen Ich bin verloren
ich bin verloren
Fünf und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Nein MutterTränen die trage ich nicht Er ist dahin Ja Antonelli Ich habe
ihn getötet Warum wollte er tückisch mein Eigentum rauben Ein Herz für das
ich tausend Leben gegeben haben würde O dieses Herz nun ist es auch dahin
Ich kann das Leben nicht tragen
Komm schnell Schreibe Wilhelminen Ich gehe mit dem Könige Ich will Dich
noch sehen Komm ohne Verzug Ich reise
Er ging in die Schlacht und eine Kugel brachte sein unglückliches Herz zur
Ruhe Julie ward von Wilhelminen und Reinholden schnell aus dem Trauerhause
weggeführt Nach einigen Jahren sah sie ihre Freundin mit dem edlen jungen
Landmann verbunden der schon lange Wilhelminens Herz besessen hatte Sie selbst
konnte sich zu keiner zweiten Verbindung entschließen Jedesmal wenn ihre
Freunde davon sprachen suchte Reinhold die Einsamkeit sie aber blickte
lächelnd gen Himmel
Fußnoten
1 Antonelli