Karoline Auguste Fischer
Vierzehn Tage in Paris
Von dem Verfasser von
Gustavs Verirrungen
Es gibt verschiedene Wege nach Paris Wenn diese kleine Posse vor demjenigen
warnen kann den man schlechterdings nicht wählen muss wenn man wohlbehalten
zurückkehren will so hat sie alles geleistet was sie leisten soll
Einleitung
Mein Vater ein hamburgischer Kaufmann hatte ein ungeheures Vermögen in dem
dänischen Actienhandel erworben
Er ließ sich baronisiren und wiederholte mir alle Tage wie viele
schlaflose Nächte es ihm gekostet habe mir diesen Vorzug zu erwerben
Ich war auch nicht unempfindlich dagegen aber die ewigen Klagen über meine
kleinen Ausschweifungen wodurch ich ja eigentlich meinen Adel bestätigte
machten mir den teuer erkauften Titel sehr bald zuwider
Der alte Baron starb und der Junge eilte nun sich zu beweisen dass er
uneingeschränkter Herr seines Vermögens und seiner Gesundheit sei
Aber Hamburg welch ein kleinlicher Schauplatz für einen solchen
Tätigkeitstrieb Jeden Augenblick eine spitzige Frau Baase ein
wohlbeleibter Herr Gevatter Alle Erinnerungen an die gewaltige Kluft welche
das Baronat zwischen uns befestiget hatte Was helfen sie Wenn jeder Schmaus
sie vergessen machen konnte
»Nein« rief ich »hier werde ich nimmermehr mündig Wohlan heraus aus
den dumpfigen vier Pfählen In diesem elenden Winkel kann man ja nicht einmal
mit Ehren sein Geld los werden«
»Aber wohin wohin ist das noch eine Frage nach Paris nach Paris dem
Sammelplatze alles Schönen und Großen Ah da werde ich erst anfangen zu leben
Da werde ich erst wissen was Freiheit ist«
Gesagt getan Mit vielem Gelde und einigen guten Worten kommt man sehr
bald wohin man will Ich erwachte eines Morgens und o der unsäglichen Wonne
ich erwachte in Paris
Erster Tag
Eine Art von Gebrüll mich dünkte es die lieblichste Musik hatte mich schon
um 8 Uhr geweckt
Ich eilte ans Fenster um meine Augen an den interessanten Urhebern dieser
kraftvollen Töne zu weiden und entdeckte zu meiner innigsten Freude einen Trupp
junger Konscribirter welche zum besten der Freiheit ihre Lungen auf das
Uneigennützigste angriffen
Ich konnte mich nicht enthalten etwas zur Vollstimmigkeit des Chores
beizutragen und ward durch den Beifall der Amazoninnen des Zuges für meine
Anstrengung hinlänglich belohnt
Aber jetzt trat Herr Lamare der Wirt des Hotels herein um die Befehle
des Citoyen Baron zu vernehmen und um ihm einen Citoyen Laquais vorzustellen
der als ein Muster von Treue und Geschicklichkeit berühmt war
Die Treue des Citoyen Laquais mochte um so verdienstlicher sein da sie ihm
nichts weniger als leicht zu werden schien
Ich würde damals schon diese Bemerkung gemacht haben wenn mich nicht die
Anrede »Mylord anglois« plötzlich überzeugt hätte dass ich mich und meine
Garderobe keinem liebenswürdigerem Manne als dem Citoyen Provence anvertrauen
könne
Er beurlaubte sich mit einem Entrechat um sein neues Amt sogleich
anzutreten und der Citoyen Lamare hatte die Güte noch etwas bei mir zu
verweilen um mich durch wiederholte »que Dieu me damne« zu versichern dass er
mich eben so wie der Citoyen Laquais für einen englischen Lord gehalten habe
»Grade deswegen wären mir die besten Zimmer zu dem sehr billigen Preise von
40 Louisdor monatlich eingeräumt worden Der Lord schwebe ihm noch immer auf
der Zunge und bloß die unendliche Achtung vor meinen Befehlen dränge ihn
zurück«
»Ich bekenne setzte er hinzu dass ich von jeher trotz meines
Patriotismus ein unbeschreibliches Foible für die deutsche und englische Nation
gehabt habe«
»Gott soll mich verdammen wo mir nicht ein einziger solider Fluch dune
telle ame noble lieber ist als alle leeren Karessen der andern misère«
»Nein ich werde es mir stets zur Pflicht machen diese liebenswürdige
Jugend auf das redlichste zu bedienen und habe daher auch den berühmtesten
Offizier de Sante an mein Haus attachirt«
»Der Citoyen Ramy wird noch heute die Ehre haben Ihnen aufzuwarten und ich
bin überzeugt dass seine mannichfaltigen Talente von ausserordentlichem Nutzen
für Sie sein werden«
Ich versicherte nun zwar »dass ich mich vollkommen wohl befände« aber der
Citoyen Lamare beteuerte dass man in dieser Stadt nicht vorsichtig genug sein
könne
Während er noch beschäftigt war mir die Gefahren denen ich mich aussetzen
würde zu schildern trat der Citoyen Ramy mit einer Zuversicht herein die alle
meine Zweifel verstummen machte
Diese Zuversicht war um so notwendiger da er wie so mancher großer Mann
dem Anstande und der Figur nach sehr leicht mit einem Marktschreier hätte
verwechselt werden können
Nachdem er den Citoyen Baron in der Hauptstadt der Welt auf das lauteste
bewillkommt hatte ermahnte er den Citoyen Lamare sich des Glückes würdig zu
machen einen so liebenswürdigen jungen Mann zu bewirten
Man kennt mich hier schon fuhr er fort nachdem er den Herrn Wirt durch
ein Zeichen entfernt hatte und weiß dass ich über gewisse Dinge keinen Spas
verstehe Wird der Citoyen Baron nicht gehörig bedient so hat er sich deswegen
nur an mich zu wenden«
»Nun wie steht es denn mit unsern Adressen Bekanntschaften u s weiter
indem er sich sehr bequem auf ein Sopha niederließ hat man Sie guten Häusern
empfohlen«
»Wenigstens schienen sie es meinen Freunden zu sein«
»Ah ha scheinen scheinen und sein mein geliebter Freund«
»Hier sehen Sie selbst« sagte ich indem ich meine Brieftasche öffnete
»Nun ja nicht übel aber doch nicht hinreichend für Ihre Reputation für
Ihren Eintritt in die Welt«
»Alle diese Häuser sind von einer Partei zu monoton Verschiedenheit
der Meinungen Abwechslung der Gegenstände das ist es was einen jungen Mann
bildet«
»Na Na lassen Sie mich nur machen will Sie schon einführen Kenntnis
des Terrains Kenntnis des Terrains das ist jetzt die Hauptsache Um Gottes
willen keinen Schritt ohne mich könnten sich schrecklich embrouilliren«
»Nun wie ists schon eine kleine Societé für diesen Mittag engagirt«
»Noch nicht«
»Hm hm schlimm darf ich nicht zugeben werden mir hypochondrisch
dürfen nicht allein essen Die vermaledeiten Einladungen hat man zehnmal
abgeschlagen muss man doch endlich einmal annehmen Könnte ich mich nur
losmachen nun erwarten Sie mich bis zwei Uhr Ich will mein Möglichstes
tun Sans adieu ich muss zu meinen Kranken«
Jetzt meldete der Citoyen Provence eine Menge Kaufleute Schneider
Schuster Tanz Musik SprachFecht und Gott weiß was alles für Meister
Diese nebst meiner Toilette unterhielten mich vollkommen bis zum
Mittagsessen
Man hatte aufgetragen und wie rührend der Offizier de santé erwartete
mich schon an der Tafel
Wir wurden durch zwei junge Citoyens bedient welche mir mit sehr vieler
Grace ankündigten dass sie die Ehre hätten mir anzugehören
»Wie ist das möglich« fragte ich etwas erstaunt
»Der Citoyen Lamare hat uns engagirt«
»Sonderbar« fuhr ich fort
»Gewöhnlich ganz gewöhnlich« wiederholte der Doctor
»Le Citoyen Baron kann ohne drei Leute kein Haus machen Aber laissons cela
hier sind wichtigere Dinge Von wem ist der Wein«
Le Sieur Jasmin nannte zitternd den Namen
»Poison infernal« rief der Doctor »dass man sich nicht unterstehe dem
Baron dieses Geschmier vorzusetzen Feder Papier Hier« fuhr er fort »ist
der Name eines ehrlichen Mannes Hundert Flaschen fürs Erste bis ich selbst
komme und ein ordentliches Assortiment für den Baron ausnehme
Jasmin flog und ich drückte dem Doctor dankbar die Hand
Ce nest rien mon enfant« sagte er »ich ärgre mich nur dass man sich
erfrecht so etwas in einem Hause zu unternehmen wo ich ein und ausgehe
Nichts mehr davon Guillaume den andern Gang«
Jetzt kam der Wein und der Doctor bewies nun auf das Überzeugendste dass
er ihn für nichts weniger als schädlich halte
Aus Gefälligkeit für mich ward die Tafel ziemlich verlängert und kaum dass
wir noch bei meinem Banquier eintreten konnten so hatte auch schon die Uhr zur
Oper geschlagen
Die Realisirung meiner Wechsel machte nicht die geringste Schwierigkeit und
der Doctor ward dadurch in eine wahrhaft rosenfarbene Laune versetzt
Jetzt ging es in die Oper und die armen Hände des Offizier de santé kamen
nur in den Zwischenacten zur Ruhe
Wie gern hätte ich ihm beigestanden aber die fürchterlichen Rouladen der
Primadonna und die grausenhaften Verrenkungen des ersten Tenors erschütterten
mich so sehr dass ich eine unüberwindliche Mattigkeit in allen Gliedern fühlte
Der Doctor versicherte mir dass es mehrerern Ausländern so gehe Man müsse
erst für die hohen Schönheiten dieses Meisterspiels empfänglich gemacht werden
um sie ganz zu genießen
Ich gab das zu und versprach mein Möglichstes zu tun Indessen
vertröstete er mich auf das Ballet und machte mich besonders auf eine Tänzerin
aufmerksam welche ein Muster von uneigennütziger Liebenswürdigkeit sein und
sich durchaus von den Personen ihres Standes unterscheiden solle
Ihre Figur war in der Tat sehr anziehend und ich hatte nichts dawider als
der Doctor mir vorschlug ihr nach einem geendigten Solo unsre Aufwartung zu
machen
Hatten wir auf dem Theater ihre Lebendigkeit bewundert so musste man
gestehen dass sie hinter den Kulissen alle Vorstellung übertraf
Ein Dutzend junger Citoyens wurden dergestalt von ihr in Atem erhalten dass
sie alle Geistesgegenwart zu bedürfen schienen um der schnellfüssigen Göttin
nach Würden zu huldigen
Aber ein Wink meines Begleiters und sie hatten vollkommen Zeit neuen
Weihrauch zu sammeln
Der Citoyen Baron ward mit einer Teilnahme bewillkommt die ihn freilich
sehr stolz aber auch herzlich verlegen machte
Sein holprichtes Französisch ward jetzt noch ein klein wenig holprichter
und ein Pas de deux wozu die Citoyenne Rose abgerufen ward konnte nicht
erwünschter für ihn kommen
Wir eilten zurück in die Loge und der Doctor vertraute mir dass er die
Erlaubnis erhalten habe mich noch heute zum Souper bei der liebenswürdigen
Freundin einzuführen
Wie viel Glück auf einmal Alle Ermahnungen des Doctors die Kunst der
Tänzer zu bewundern waren vergebens Ich versank aus einem süßen Traum in den
Andern und nur die Besorgnis ob ich mich auch angenehm genug darstellen würde
konnte mich für eine kurze Zeit erwecken
Jetzt war das Schauspiel geendigt unser Wagen rollte vor das Hotel der
Citoyenne Rose und wir wurden in einem mit asiatischer Üppigkeit möblirten
Saale auf das Schmeichelhafteste bewillkommet
Die Citoyenne stellte mir ihre Mutter vor Auch ward ich mit einer Freundin
des Doctors bekannt gemacht Er war gütig genug diese sogleich in eine lebhafte
Unterhaltung zu verwickeln wahrscheinlich um mir Zeit zu lassen der
liebenswürdigen Rose eine vorteilhafte Meinung von mir einzuflößen
Mit der bewundernswürdigsten Leichtigkeit ergänzte sie meine schülerhaften
Ausdrücke und kaum war eine Viertelstunde vergangen als wir uns so gut
verstanden als man sich nur immer verstehen kann
Bei Tische musste ich an ihrer Seite sitzen und da eine Partie Whist
vorgeschlagen ward erklärte sie durchaus keinen andern Teilnehmer haben zu
wollen
Der Champagner und diese berauschenden Äußerungen waren freilich nicht
sehr vorteilhaft für meine Börse In Kurzem hatte ich 80 Louisdor verspielt
und da meine schöne Nachbarin dei dem Verwechseln der Kleider ihr Geld vergessen
hatte so war der Doctor so gütig mir eine Rolle von 50 Louis vorzuschiessen
Die 80 Louisdor hatte Mama in Sicherheit gebracht die 50 gingen zu der
Hausfreundin über und da das Glück diesen Abend wenigstens im Spiele sich
schlechterdings nicht für mich erklären wollte so beschloss man mit seinen
Launen bis morgen Geduld zu haben
Die liebenswürdige Rose schenkte mir noch einen teilnehmenden Blick man
packte mich in meinen Wagen und meine drei Citoyens trugen mich zu Bette
Zweiter Tag
Als ich am andern Morgen erwachte fand ich den Doctor bei meinem Bette mit der
Untersuchung des Frühstücks beschäftigt Er hatte schon einige Morgenweine
besorgen lassen und schien durch die Quantität der übrigen Nahrungsmittel die
von ihm getadelte Qualität für sich ersetzen zu wollen
Es ward ein Spatziergang im Palais Egalite beschlossen und sobald meine
Morgentoilette geendigt war machten wir uns auf den Weg
Welcher Anblick für einen Fremden die bunt neben einander gereihten
Waren das verwirrte Geschrei von allen Seiten das Getöse der Instrumente die
ewigen wiederholten Fragen ob man etwas kaufen etwas verwechseln etwas sehen
wolle das alles betäubt in dem Grade dass man es schlechterdings aufgeben
muss sich seiner Empfindungen deutlich bewusst zu werden
In diesem Mittelpunkte aller Leidenschaften eilt die Zeit mit unerhörter
Schnelligkeit dahin Ich glaubte eine halbe Stunde gegangen zu sein und hörte
von Provence dass unser Wagen uns erwarte und dass wir drei volle Stunden
verweilt hätten
Wir kehrten zurück und fanden an der Tür des Hotels einen Major Saggs der
den Doctor erwartet hatte Man bewillkommte sich auf das brüderlichste und da
man die Tafel gedeckt fand so ward einmütiglich beschlossen sich nicht von
einander zu trennen
Die Unterhaltung verbreitete sich größtenteils über das außerordentliche
Glück was einige junge Leute im Spiel gemacht hatten
»Man schreit mit Unrecht« sagte der Major »über die große Schädlichkeit
der Hasardspieler Hier ist es wo ein junger Mann gegen die Launen des Glückes
abgehärtet hier oder nirgends wo er wahre Fassung sich erwerben kann«
Der Doctor fand die Anmerkung vortrefflich und es ward gemeinschaftlich
beschlossen mich noch heute in diese Schult der Weisheit einzuführen
Aber ich war zu der liebenswürdigen Rose eingeladen nun also auf den
folgenden Abend Nachdem man dem Weine noch die gehörigen Lobsprüche erteilt
hatte trennte man sich auf das freundschaftlichste um sich auf die Launen des
Glücks vorzubereiten
Noch einen Gang in die freie Luft und wir befanden uns im Schauspiel der
Loge meiner göttlichen Rose gegenüber
Schon wollte ich verzweiflungsvoll die Hoffnung aufgeben da sah ich endlich
die Türe sich öffnen ach und es war doch nicht meine Rose Eine
durchreisende Fürstin die Frau des ersten Konsuls so etwas konnte es sein
meine Rose war es nicht
Der Doctor lachte
»Sehen Sie doch nur recht zu nehmen Sie doch ihre Lorgnette rief er«
»O Himmel wäre es möglich Wie diese Person die für mehrere
hunderttausend Taler Juwelen an sich hat das wäre Rose
Der Doctor Ist Mademoiselle Rose
Ich Aber mein Gott woher das Alles
Er Woher Glauben Sie denn dass man eine solche Person nicht zu schätzen
weiß Der Lord P hat ihr das und noch weit mehr gegeben und ist dafür
kaum eines Blickes gewürdigt worden
Ich Aber ich
Er Nun freilich Sie wenn mans nicht sieht glaubt mans auch nicht Sie
ist ganz außer sich Sehen Sie nur die Augen
Ich Ach bester Doctor ob sie mich wohl liebt
Er Liebt nun das nenne ich doch taub und blind sein liebt ich sage
Ihnen dass sie nur für Sie lebt dass sie für alles Andere tot ist
Ich O Gott wäre es möglich
Er Möglich über den Ungläubigen Nun warten Sie ich will Ihnen die
Bestätigung aus Röschens eigenem Munde holen
Bei diesen Worten verschwand er und einige Minuten darauf sah ich ihn an
Rosens Seite wieder erscheinen
Welche Blicke welche Winke Ich war wie berauscht Theater
Schauspieler Zuschauer alles verschwand vor meinen Augen und als der Doctor
wieder zurückkam sank ich ihm sprachlos in die Arme
»Glücklicher junger Mann« rief er »wie man Sie liebt Sehen Sie ein
prächtiges Etuis ich habe es zum Andenken dieses Tages bekommen Sie sehnt
sich unbeschreiblich nach dem Ende des Schauspiels Welch ein Abend für Sie«
Die Blicke aus der Loge hatten mich berauscht diese Äußerungen waren nicht
geschickt mich wieder nüchtern zu machen Taumelnd stieg ich in meinen Wagen
und nur in der Nähe der göttlichen Rose wurden alle meine Sinnen von neuem
belebt
Man trank sehr viel man lachte noch mehr und es war von keinem Spiel die
Rede
Der Doctor musste die Hausfreundin begleiten versprach aber augenblicklich
wieder zu kommen Mama nickte schläfrig den Armen des Lehnsessels entgegen und
die göttliche Rose kämpfte augenscheinlich mit sich selbst um nicht in die
Meinigen zu sinken
Ein paarmal erwachte Mama von dem Kampfe und da sie immer wieder von ihrer
Tochter einen schalkhaften guten Morgen bekam so beschloss sie sich diesen
kindischen Neckereien zu entziehen
Sie nahm ihr Licht äußerte gehörig ihren Unwillen über des Doctors langes
Aussenbleiben empfahl Artigkeit und Sittsamkeit und schlich in ihr Kämmerchen
Wir vergaßen Mama den Schlaf die Zeit und den Doctor und würden sie
wahrscheinlich noch lange vergessen haben wenn uns nicht das Kammermädchen
daran erinnert hätte
Mademoiselle Rose schien heftig zu erschrecken da sie hörte dass es schon
nach Mitternacht war aber die kleine Soubrette wusste sie sehr bald zu
beruhigen
»Nun was wäre es denn für ein Unglück« rief diese »der Doctor ist fort
and kommt nicht wieder Mama schläft und würde von der Trompete des jüngsten
Gerichts nicht erwachen und der Herr Baron ist hier vielleicht besser als zu
Hause aufgehoben Lassen Sie mich nur machen Mademoiselle und gehen Sie ruhig zu
Bette Für den Herrn Baron soll schon gesorgt werden«
Sie gingen und ich blieb gedankenvoll zurück Wie hatte ich die Winke des
Kammermädchens recht verstanden sollte es möglich sein hoffte ich nicht
zuviel mit einemmale
Fanchon riss mich aus dieser Ungewissheit Zwar sagte sie kein einziges Wort
und tat nichts als dass sie mich aus der einen Türe heraus und in die andre
hineinschob Es war sehr dunkel in dem Zimmer aber meine Augen durchdrangen die
Finsternis und alle Zweifel verschwanden
Dritter Tag
Am andern Morgen erwachte ich von den Armen der göttlichen Rose umschlungen
aber kaum dass ich mich meines Glücks deutlich bewusst werden konnte so hörte ich
ein heftiges Pochen an der Türe
Röschen ergriff hastig die Klingel und Fanchon berichtete zitternd der
Bürger Olivier sei da und schwöre diesesmal nicht von der Stelle zu weichen
»Ich Unglückliche« rief Röschen »wo der Grobian meine Mutter weckt so
bin ich verloren Geschwinde meinen Mantel lass ihn herein kommen«
Dieser Befehl würkte gleich einem Zauber Röschen lag im Mousselinmantel
gehüllt auf dem Sopha und ich stand freilich etwas mangelhaft adonisirt
daneben
Le Citoyen Olivier erschien und es ergab sich dass der ganze Lärm wegen
einer kleinen Rechnung von 2 tausend Livres entstanden war
Mama sollte nichts davon wissen und der Bürger Olivier nahm sich die
Freiheit bei allen Teufeln zu versichern dass woferne man ihn noch länger warten
lasse er genötigt sein würde andere Maasregeln zu ergreifen
Fanchon zitterte jetzt nur vor Wut und Herrn Oliviers Perücke schien in
großer Gefahr Röschen lief verzweiflungsvoll zu ihrem Schmuckkästchen und ihre
Tränen benetzten ein paar Armbänder die sie noch einmal um ihre schönen Hände
befestigte und dann hoffnungslos dem Herrn Olivier übergab
Dieser war nun in einem Huy verschwunden und Fanchon schien jetzt alle
Mäßigung zu vergessen
»Grand Dieu Mademoiselle« rief sie »welche Unvorsichtigkeit Wissen Sie
denn nicht dass Sie morgen die Ariadne tanzen sollen Wenn Mama die Armbänder
vermisst nun ich mag nicht dabei sein«
Jetzt sah ich Ariadne ein Raub des Kummers werden und mein Entschluss war
gefasst
»Keine Tränen« sagte ich »geliebte Rose ich will alles bezahlen der
abscheuliche Mensch soll die Armbänder zurückgeben
»Ah le bon coeur ah lexcellent jeune homme« rief Fanchon begeistert
und in dem Augenblick war sie verschwunden und Mons Olivier stand wieder vor
uns
»Hier Citoyen« sagte ich »ist das Geld jetzt die Armbänder zurück
Verstehen Sie mich«
»A merveille à merveille Citoyen ich wüsste nicht dass ich jemals einen
Menschen besser verstanden hätte
Die Armbänder waren unser Mr Olivier empfahl sich und Röschen schien
liebender als jemals
Jetzt trat der Doctor unter tausend Entschuldigungen herein Man hatte ihn
zu einem Kranken gerufen und es war ihm unmöglich gewesen wieder
zurückzukommen
»Da hätte ich bald ein Unglück gehabt« fuhr er fort »Der Lord T hat
Mdlle Klavier einen neuen Wagen mit sechs Pferden geschenkt Der Kutscher
probirt sie jetzt und kann die Tiere gar nicht bändigen«
»Was sind es für Pferde« fragte Röschen
Der Doctor Schwarze sechs prächtige schwarze
Rose Ach Schwarze die möchte ich nicht Aber einen Zug Isabellen mit
himmelblauem Sattelzeug das müsste was köstliches sein
Der Doctor Der Lord P braucht nur eine Ahnung dieses Wunsches zu haben
»Ich hoffe« fiel ich beleidigt ein »dass die Ahnungen des Lord P sehr
überflüssig sein werden Auf Wiedersehen liebste Rose« und so flog ich davon
um mit Hilfe einiger hundert Louisdor und meiner drei Citoyens mir und der
ganzen Welt zu beweisen dass ein deutscher Baron vor keinem englischen Lord und
vor keinem Zug Isabellen sich zu fürchten habe
Ich wusste dass ich in Paris war und dass es wo nicht wahrscheinlich doch
wenigstens möglich sei den Zug nebst dem Sattelzeug und den Wagen noch vor
Abend zu bekommen
Dies ward zur fixen Idee bei mir Toilette Mittagsessen alles ward
vergessen Meine drei Citoyens schienen von derselben Krankheit ergriffen und
wer uns begegnete schien nicht wenig Lust zu haben uns eine berüchtigte
Wohnung anzuweisen
Die Uhr schlug fünf und sechs Isabellen gezügelt von einem gigantischen
Schnurbart rollten einen blau mit Silber ausgelegten Wagen vor Röschens Tür
Fanchon riss das Fenster auf und flog laut schreiend zurück Röschen lag in
einer süßen Schreckensohnmacht und ich war glücklich wie ein von Weihrauch
gesättigter Gott
»Müssen in die freie Lust Mademoiselle« rief Fanchon »Sie haben sich
entfetzlich erschrocken Nach Bagatelle nach Bagatelle das wird Sie wieder
herstellen«
Der Vorschlag ward angenommen und Röschen im Triumphe nach Bagatelle
gezogen Ich wollte folgen aber der Doctor kam mir an der Treppe entgegen und
erinnerte mich dass ich für diesen Abend versagt sei
Wir gingen zu einem Restaurateur im Palais Egalite wo uns der Major Saggs
ein junger Engländer und ein Schottländer erwarteten
Die Unterhaltung war anfangs politisch aber sie verbreitete sich bald über
angenehmere Gegenstände und in kurzem war sie da wohin sie unter Männern
gewöhnlich kommt wenn der Wein sie belebt
»O« rief ein hinzugekommener Fremder »die Tänzerinn Rose sollten Sie
gesehen haben Sie fuhr in einem Wagen vom letzten Geschmacke nach Bagatelle
und die Pferde die Pferde wahrhaftig man hätte sie selbst darüber
vergessen können«
»Sie scheinen sie wirklich darüber vergessen zu haben« sagte der
Engländer lachend
»Nun der Fehler wäre so groß nicht« unterbrach der pflegmatische
Schottländer aber wer mag denn der Jungfer das alles zu Füßen gelegt haben«
»Ich glaube ein deutscher Baron« antwortete der Fremde
»Gefangen gefangen« rief der lebhafte Engländer »Baron Sie werden ja
rot bis an die Stirn«
»Wäre es möglich« sagte der Schottländer erstaunt »dass sie eine so
leichte Ware so teuer gekauft hätten Herr Docter Sie führen Ihren Telemach
nicht gut Er wird uns alle die Prinzessinnen verderben«
»Hier ist nichts zu führen mein Herr« antwortete ich empfindlich »was
ich getan habe ist aus freiem Willen geschehen und ich verbitte mir alle
Anmerkungen darüber«
»Schatz Schatz« rief der Major »wer will nun gleich so heftig werden
lasst uns zum Spiele gehen da sind alle die Kindereien vergessen«
»Zum Spiel zum Spiel« rief jetzt alles und man lagerte sich um die grünen
Tische
Der Major gab Punsch Liqueur und Champagner Bald vermochten wir nicht mehr
Karten und Gold zu unterscheiden Der schnelle Gewinnst und das verwirrte
Geschrei vollendete unsere Berauschung
Der Engländer fing an zu verlieren und tobte der Schottländer wagte
fürchterlich und wühlte im Golde Ich sah betäubt in die Karten und die letzte
deutliche Vorstellung deren ich mich erinnere war dass ich aufs Wort spielte
Jetzt ward die Verwirrung allgemein Ich begriff noch so viel dass das Spiel
geendiget sei und dass ich mich in meinem Wagen befinde Was nachher mit mir
vorging erfuhr ich nur durch die Erzählung der Bedienten
Vierter Tag
Ich war gänzlich betäubt in mein Zimmer getragen und erwachte erst den
folgenden Tag um ein Uhr
Ein fürchterlicher Kopfschmerz verwirrte noch immer meine Vorstellungen und
nur allmählich ward ich meiner schrecklichen Ausschw ifung mir bewusst
»Man soll den Doctor holen« rief ich »er muss mir sagen wie das alles
gewesen ist«
Er kam und schien sehr gerührt
»Armer junger Mann Sie haben viel verloren«
Ich Viel nun wie viel denn
Er Drei tausend Louisdor
Ich Was und das ließ Sie mich verspielen
Er Winkte ich Ihnen denn nicht tat ich nicht alles was ich konnte
Ich Drei tausend Louisdor Ich hatte ja kaum hundert bei mir
Er Mein Gott Sie wissen nicht dass Sie aufs Wort gespielt haben
Ich Tod und Teufel der verfluchte Punsch
Er Ach es war ja fürchterlich wie Sie tranken Sie wollten nicht hören
Ich Hören Ich erinnere mich nicht dass Sie mir ein einziges Wort gesagt
hätten
»Er« rief der junge Engländer im hereintreten »Er war mit der
höllischen Klique verbunden«
»Mylord« sagte der Doctor und arbeitete an einer stolzempfindlichen Miene
»ich verbitte mir
Der Engländer »Was Lord was verbitten Man kennt Sie mein Herr Sein Sie
ruhig das rate ich Ihnen«
Der Doctor »Blos die Gegenwart des Barons hält mich ab«
Der Engländer »Mag Sie doch abhalten was da will mich wird nichts
abhalten der ganzen Welt zu sagen dass man uns berauscht hat um uns auf das
schändlichste zu plündern aber Gott soll mich verdammen wo ich einen einzigen
Schilling mehr bezahle als was ich bei mir hatte
Der Doctor Das möchte seine Schwierigkeiten haben
Der Engländer Schwierigkeiten o ho so viel Sie wollen Lassen Sie mich
nur machen ich werde mit diesen Schwierigkeiten schon fertig werden Der Baron
hoffe ich wird auch kein Kind sein
Wie Sie schweigen
Ich habe mein Wort gegeben« sagte ich errötend
Der Engländer Ihr Wort Wem haben Sie Ihr Wort gegeben Einer Bande
Diebe und Betrüger«
Der Doctor Das sollte der Major wissen
Der Engländer O er wird das Vergnügen haben es selbst von mir zu hören
In dem Augenblicke trat der Schottländer herein
»Sir Walter« fuhr der Engländer fort »wird meiner Meinung sein«
Der Schottländer Welcher Meinung
Der Engländer Dass man uns gemeinschaftlich geplündert hat
Der Schottl Wohl möglich
Der Engl Und das wir nicht nötig haben einen Pfennig mehr zu bezahlen
als was wir bei uns hatten
Der Schottl Hm das ist eine andere Sache
Der Engl Nein bei Gott das ist dieselbe und noch dazu eine ganz simple
Sache
Der Schottl Kann sein Ich habe mein Wort gegeben und werde bezahlen
Der Engl A la bonne heure bezahle wer da will ich bezahle nicht und wenn
eine ganze Legion Teufel gegen mich aufstände Adieu Baron Lassen Sie sich
nicht übertäuben
Mit diesen Worten verschwand er und gab dem Doctor freies Feld Dieser
überschüttete uns nun mit Lobsprüchen aber sie schienen auf Sir Walter eben so
wenig als die Exclamationen des Engländers zu würken
Er versicherte ganz trocken dass er sein Wort halten aber Niemand überreden
werde dasselbe zu tun
»Das kommt auf eines jeden Disposition an« fuhr er fort »dem Einen ist
es unangenehmer zu bezahlen dem Andern schuldig zu bleiben«
»Ich gehöre mit zu den letzten und darum werde ich mich sobald als möglich
von der Sache los machen Hier« indem er sich zu dem Doctor wandte »ist die
Summe für den Major Mich sieht er nicht wieder
Der Doctor griff mit vielen Bücklingen nach dem Gelde und ich maschinalisch
nach meiner Brieftasche Die schottländische und die deutsche Nation wurden nun
wechselsweise erhoben und der Offizier de santé empfahl sich unter tausend
Freundschaftsversicherungen
Jetzt rollte ein Wagen vor die Tür
»Aha der schöne Postzug die Göttin des Tages« rief Sir Walter »da muss
die Freundschaft weichen Auf Wiedersehen Baron«
In der Tat es war Rose
»Himmel was habe ich gehört« rief sie »Welch ein Unglück Ach
Treuloser wären Sie gestern Abend zu mir gekommen Sie hätten es vermieden«
»Aber ich sehe schon« fuhr sie mit einem durchdringenden Blick auf meine
freilich etwas magre Brieftasche fort »Ich sehe schon Sie wollen mit mir
brechen«
»Ich Unglückliche es wird mich zur Verzweiflung bringen Aber schwach
sollen Sie mich wenigstens nicht finden es sei ich entsage Ihnen auf ewig«
»Rose geliebte Rose« rief ich als sie halb ohnmächtig auf das Sopha
sank »welche schreckliche Vorstellungen Ich Ihnen untreu Ich Sie verlassen
Nimmermehr Erholen Sie Sich Auch mein Unglück ist nicht so groß als Sie
glauben«
»Sehen Sie« fuhr ich fort indem ich zu meinem Bureau ging »hier sind
wenigstens noch für 6 tausend Louisdor Papiere«
»Ah das verändert die Sache« rief sie begeistert »Fort mit den
melancholischen Grillen ich Törinn Wie konnte ich nur einige Augenblicke an
Ihrer Liebe zweifeln Nein Nein Wir sind auf ewig verbunden«
Diesen Abend mon idole
Jetzt musste ich zu einem Freunde des Doctors eilen wo ich zu Mittage
gebeten war und unter mehreren Gästen auch den Major Saggs fand
Er überhäufte mich mit Liebkosungen und konnte mir nicht genug beteuern
wie unendlich er meinetwegen gelitten habe Aber er tröste sich mit der
Wandelbarkeit des Glücks Man werde heute nach dem Essen wieder spielen und es
komme auf einen Versuch an Er sei im Hause bekannt und werde die Tische schon
einrichten
In der Tat kaum waren wir aufgestanden so lagerte sich alles wieder zum
Spiele Der Major wies mir einen Platz an und nach einer Stunde hatte ich
zweihundert Louis baar und funfzehnhundert aufs Wort gewonnen
»A ça Baron« rief der Major »heute ist der glückliche Tag geschwinde
noch eine Partie«
Aber Rose erwartete mich und die Freundschaft des Herrn Majors war mir
doch bei aller meiner niedersächsischen Gutmütigkeit etwas zweifelhaft
geworden Ich winkte dem Doctor und empfahl mich
»Sehen Sie« rief dieser »man muss nur nicht gleich mutlos werden Das
Glück hat seine Launen Heute so morgen so«
»Kann sein« antwortete ich etwas kalt »Fürs Erste werde ich aber nicht
wieder spielen«
»Richtig richtig« fiel er ein »man muss sich nicht abandonniren Ach die
Deutschen parlés moi de cela das hat Festigkeit«
Jetzt kamen wir bei Mademoiselle Rose an War es meine Heiterkeit des
Doctors Blick oder die Penetration meiner Geliebten genug sie schien mein
Glück erraten zu haben und kam mir triumphierend entgegen
Auch Mama war äußerst zärtlich und gab mir eine gute Lehre über die andere
»Spielen und spielen ist zweierlei« sagte sie »ein kleines vingtun bei
uns nun ja das lasse ich mir gefallen da kommt man nicht aus der Fassung
aber so ein mörderliches Pharo nein Gott soll mich bewahren das ist
schändlich unchristlich abscheulich mich grauset schon wenn ich daran
denke«
Jeden Ruhepunkt in Mamas Rede füllte Rose mit Einem »Hörst du wohl lieber
Freund« und lehnte sich zärtlich auf meine Schulter
Ihre Berührung würkte electrisch Kaum sah ich mich von Mama und dem
Doctor befreit so eilte ich mit dem Feuer der heißesten Dankbarkeit ihr meine
Liebe zu versichern
Weis der Himmel wie es zuging aber die Rede kam immer wieder auf meinen
Gewinnst
Eh ich michs versah lag er zu Rosens Füßen und ich hatte keinen
sehnlicheren Wunsch als dass sie ihn annehmen möchte
Anfangs weigerte sie sich zwar aber von meinen dringenden Bitten verfolgt
wie hätte sie länger wiederstehen können
Es war sehr spät geworden Mama und der Doctor kamen nicht wieder Alles
schien uns zu begünstigen warum hätten wir uns trennen sollen
Fünfter Tag
Erst gegen Mittag konnte ich mich den Armen meiner Danäe entreißen Der goldene
Regen des vorigen Abends schien den Wachstum ihrer Liebe außerordentlich
befördert und eine Menge neuer Liebkosungen für mich hervorgebracht zu haben
Als ich zu Hause kam fand ich den Doctor
»Gottlob« rief er »dass Sie da sind ich habe eine Sache von der äußersten
Wichtigkeit Ihnen mitzuteilen«
»Der arme Mann der die funfzehnhundert Louisdor gestern verspielte
schickt mich zu Ihnen Er ist in der schrecklichsten Verlegenheit«
Ich Ich kann warten Es eilt nicht
Er Bald gesagt mein teuerster Freund aber die Ehre die Ehre
Ich Nun ich will schweigen
Er Schön großmütig vortrefflich aber nicht befriedigend für einen so
delicaten Mann wie der Marquis
Ich Großer Gott was kann ich denn mehr tun
Er O davon ist gar nicht die Rede Tun ja unendlich mehr als man von Ihnen
verlangen kann Aber für sich für sich selbst könnten sie etwas tun
Ich Für mich lieber Doctor Sie sprechen warlich in Rätseln
Er Werden sich gleich lösen Haben Sie von der neuen Bank gehört
Ich Allerdings
Er Nun sehen Sie da wäre ein Hauptcoup zu machen
Ich Aber wie kommt das hierher
Er Sehr gut Der Marquis hat einen großen Teil seines Vermögens an diese
Unternehmung gewagt Gewagt sage ich Der Ausdruck passt nicht denn wo man
des Erfolgs so gewiss ist da kann man eigentlich nichts wagen Wollen Sie eine
Kleinigkeit dazu hergeben so treten Sie mit dem Marquis in Gemeinschaft
befriedigen seine Ehrliebe und sichern einen tausendfältigen Gewinnst
Ich Ich will es überlegen
Er Der unglückliche Mann er sagte es wohl dass Sie sich nicht dazu
entschließen würden der Gram hat ihn aufs Krankenlager geworfen
Ich Nun wie viel muss ich denn beitragen
Er Eine Kleinigkeit wie ich Ihnen sage für Sie eine Kleinigkeit Zehn
bis zwölf hundert Louisdor und die ganze Sache ist gemacht
Ich Freilich eine ansehnliche Summe
Er Ja aber bedenken Sie auch den Gewinnst den sichern unausbleiblichen
Gewinnst
Ich Nun es sei
Und so war abermals meine Brieftasche merklich erleichtert
Nach dieser so glücklich geendigten Negociation schlug mir der Doctor ein
kleines freundschaftliches Mittagsessen im Palais Egalite vor
Wir sollten heute noch einem glänzenden Souper beiwohnen und konnten uns
nicht besser darauf vorbereiten
War es der gute Wein die hinreissende Beredsamkeit des Doctors oder lag es
in der Sache selbst genug die neue Bank schien mir jetzt das vortrefflichste
Ding von der Welt und ich war entschlossen allen meinen Freunden diese
köstliche Spekulation zu empfehlen
Noch eine kleine Fahrt nach Longchamp zur Bewegung ein paar Tassen in dem
Tee literaire des Bürgers Millin zum relief und die Stunde des Souper war da
Nie hatte ich ein glänzenderes und geschmackvolleres gesehen Wie plump fand
ich jetzt unsre Hamburger Schmäuse und wie ekelhaft die Unterhaltung welche
ihnen zur Würze dienen sollte
Ich brannte vor Begierde eine ähnliche Mahlzeit geben zu können und ward
durch den Doctor überzeugt dass es mit seiner Hilfe nichts weniger als unmöglich
sein würde
Es war nach Mitternacht als ich aufbrach aber vielleicht fand ich Rose
noch wachend vielleicht war ich sehnsuchtsvoll erwartet auch hätte ich ihr
so gern den Plan des großen Souper mitgeteilt
Wie glücklich ich sah noch Licht in ihrem Zimmer und befahl meinem
Kutscher zu halten
Fanchon kam mir entgegen und schien etwas betroffen wegen meines späten
Besuchs
»Mademoiselle erwartet Sie nicht mehr«
»Vortreflich da werde ich sie überraschen«
»Sie schläft seit einer Stunde«
»Ach herrlich herrlich ich werde sie wecken
»Sie ist gar nicht recht wohl
»Mein Gott das sagst du mir nun erst Fort fort da muss ich sie
schlechterdings noch sehen«
Mit diesen Worten ergriff ich die Tür als Fanchon ein durchdringendes
Geschrei aussties und da sie mit ihrem breiten Rücken den Eingang nicht mehr
schützen konnte verzweiflungsvoll entfloh
Jetzt eile ich betäubt durch die Vorzimmer aber welch ein furchtbares
Gepolter rasselt mir aus Rosens Schlafkammer entgegen Ich stürze hinein
alles ist finster ich rufe »Rose Rose um Gotteswillen was ist das«
keine Antwort doch höre ich etwas atmen schnaufen Zwischen den Stühlen
hinter den Tischen da muss es sein Ich tappe umher und bekomme etwas
menschenähnliches zu fassen Es ist sehr parfumirt hat aber ein paar derbe
Fäuste Es ächtzt es sträupt es wehrt sich aber ich ziehe es ohne
Barmherzigkeit in das Vorzimmer bis unter den großen Wandleuchter hinaus
»Was blendet mich die Flamme Tod und Teufel das ist ja der Bürger
Olivier der grausame ArmbandsRäuber und o Himmel nach der unvollkommensten
Toilette von der Welt«
Während dieser Ausrufungen hielt ich ihn noch immer an der Brust und war
zweifelhaft ob ich ihn gegen die Mauer zerschmettern oder ihn fürs Erste die
Kraft meiner Füße empfinden lassen sollte
Er schien diesen Zweifel zu ahnen und suchte unter wiederholten »au nom de
Dieu misericorde« sich von meiner unbequemen Hand zu befreien
Aber dies möchte ihm schwerlich gelungen sein wenn ihm nicht eine plözliche
Erschütterung meines Zwergfells zu Hilfe gekommen wäre
Ich trug ihn ohne die Stelle des Angriffs zu verändern bis an die Treppe
und nachdem ich für den ersten Stoß gesorgt hatte überließ ich es nun seinem
eigenen Gutdünken auf welche Weise er die übrigen Stufen hinunter kommen
wollte
Jetzt wünschte ich die göttliche Rose mit meinem Triumphe bekannt zu machen
aber ich fand ihre Türe verschlossen und so blieb mir denn nichts übrig als
nach Hause zu eilen um den Plan einer vollgenügenden Rache zu entwerfen
Sechster Tag
Schon brach der Morgen an aber noch war ich zu keinem festen Entschlusse
gekommen Wut und Verachtung Sehnsucht und Abscheu wechselten unaufhörlich bei
mir ab Plötzlich erschien mir dann wieder der Bürger Olivier und es war mir
unmöglich ein schallendes Gelächter zu unterdrücken
Aber bald fing ich wieder an zu toben und befahl nun mit donnernder Stimme
dass man den Doctor augenblicklich holen solle Kaum dass ich ihn vor brennender
Ungeduld erwarten konnte
Endlich stürzte er mit ungekämmtem Haar und verstörtem Gesicht herein
»Mein Gott was ist denn vorgefallen Der verdammte Kerl Provence hat
mich beinahe aus dem Bette gerissen Aber grand Dieu jetzt erst werde ich
gewahr welche Blässe Welche schreckliche Veränderung was in aller Welt kann
sie hervorgebracht haben«
Diese und ähnliche Ausrufungen wurden nur durch Flüche beantwortet Der
Offizier de santé begriff endlich dass er einen guten Teil davon der göttlichen
Rose zueignen konnte und schien nun alle Fassung verloren zu haben
Aber plötzlich ermannte er sich wieder und goss eine so bittere Lauge über
das ganze weibliche Geschlecht aus dass er mich selbst dadurch zum Schweigen
brachte
Diese leidenschaftliche Teilnahme unterstützte aufs neue meinen wankenden
Glauben aber dennoch beschloss ich die Führung des Herrn Doctors künftig etwas
näher zu beleuchten und mich nicht so ganz unbedingt in seinen Willen zu
ergeben
Dem zu Folge ward ihm angekündigt dass ich heute den vormaligen Chevalier F
kennen zu lernen wünsche Er hatte mich in dem Tee literaire des Bürger Millin
gesehen und war mir mit außerordentlicher Höflichkeit zuvorgekommen
Der Doctor hatte mehreres gegen diesen Vorschlag einzuwenden schien aber
doch zu begreifen dass es für heute besser sein würde mir nachzugeben
Der Chevalier ein Mann von ungefähr 40 Jahren vereinigte die hinreissende
Lebhaftigkeit des Franzosen mit der sanften Gründlichkeit des Deutschen Er
dachte so tief und doch so schön er handelte so groß und doch so natürlich
dass er sogar dem Witze des Doctors imponirte
Freilich schien der Offizier de santé sich nicht ganz wohl zu befinden und
da er nun gar einen gewissen Herrn Rouillac bemerkte glich er vollkommen einem
Verzweifelnden
Dieser ein junger Mann von unerschöpflichem Witze fiel jetzt ohne Erbarmen
über ihn her Die Wunderkuren des Aesculaps sein gütiges Vorurteil für die
Teaterschönen seine glückliche Mentorschaft nichts ward vergessen
Der Doctor knirschte Flüche zwischen den Zähnen und schnitt Kratzfüsse
versicherte dass er sich unendlich amusire und schielte alle Augenblicke nach
der Tür Endlich erbarmte sich der Chevalier über ihn und schlug eine
Spazierfahrt nach Longchamp vor
Dieses Longchamp war vormals eine Abtei und liegt am Ende des Bois de
Boulogne Anfangs hatte die Revolution die Spazierfahrten dahin unterbrochen
aber jetzt schien sie keinen Einfluss mehr darauf zu haben
Jedermann der einen neuen Wagen oder ein brillantes Pferdegeschirr
bewundern lassen wollte zog gewiss Longchamp allen andern Vergnügungsorten vor
In der Tat gewährt es einen intressanten Anblick auf einer Strecke von
beinahe drei viertel Meilen eine unendliche Mannigfaltigkeit von Fahrwerken zu
erblicken
Die unruhige Lebendigkeit der Fahrenden die freudige Erwartung auf allen
Gesichtern wenn ein Feuerwerk oder irgend etwas ähnliches angekündigt ist das
allgemeine Streben nach einem Ziele Alles trägt hier zu einem FreudenRausche
bei dem man sich willig überlässt
Es ist bekannt dass die Teaterdolche sehr stumpf sind Jetzt erfuhr ich
dass es mit den Wunden welche die Schülerinnen der Terpsichore schlagen auch
nicht viel zu bedeuten habe Diese einzige Fahrt nach Longchamp hatte die
meinigen der Heilung sehr nahe gebracht Ich empfahl Mademoiselle Rose den
Engeln ob den schwarzen oder den weißen kann ich mich nicht genau mehr
errinnern und beschloss an meiner vollkommenen Wiederherstellung auf das
kräftigste zu arbeiten
Siebenter Tag
Eine neue Beschäftigung für mein Herz war ohnstreitig das beste Mittel dazu Sir
Walter gab ein Souper bei seiner Freundin Amelie und hatte mich dazu
eingeladen Die Gelegenheit war erwünscht und durfte nicht unbenutzt
vorübergehen
Ich hatte Mademoiselle Amelie in Longchamp gesehen und war so ziemlich was
man bezaubert zu nennen pflegt Sir Walter dachte sehr liberal und wollte
überdem in zwei Tagen nach England zurück Mademoiselle Amelie empfing mich mit
Auszeichnung und tolerirte meinen empfindungsvollen Galimatias mit wahrhaft
englischer Geduld
Ein Heer französischer Helden und anglisirter Adonissen machte mir Platz
Sie schienen von ihrer Unwürdigkeit durchdrungen aller Hoffnung auf ewig zu
entsagen
Mademoiselle Rose ward von einer bequemen Eleganz umgeben aber Mademoiselle
Amelie bewohnte einen Feenpallast
Hier schien alles Geistige versinnlichet alles Sinnliche vergeistiget Man
fühlte sich mit einemmale der kleinlichen Alltagswelt entrückt und überließ
sich in süßer Betäubung der wonnevollsten Ahnung
Sir Walter bestimmte mir als seinem presumtiven Erben den nächsten Platz
bei seiner Freundin
Welche leidenschaftlose Ruhe in seinem Betragen welche liebenswürdige
Leichtigkeit in dem ihrigen
Wie so alles ganz anders als in dem steifen romantischen Deutschland
»Man hatte sich geliebt so lange man glücklich dadurch war man hörte auf
sich zu lieben sobald man befürchten musste unglücklich dadurch zu werden«
»Keine Tränen und keine Vorwürfe keine Dolche und keine Giftbecher«
»Statt zu schwärmen hatte man vernünftig gerechnet und es versteht sich
von selbst dass man die Ewigkeit der Liebe nur als Null hatte gelten lassen«
Alle diese Bemerkungen verdankte ich Mademoiselle Ameliens Gesellschafterin
Einer kleinen Brunette welche zwar nicht überflüssig hübsch aber vollkommen im
Stande war Mademoiselle Ameliens Komentatorinn zu werden
»Bei den Herren Platonikern« fuhr sie fort »da ist es gewöhnlich dass
man beständig in den Lüften tront und die göttliche Psyche mit Ambrosia und
Nectar speist aber in unsern prosaischen Zeiten würde man nicht weit damit
kommen«
»Mademoiselle Amelie hat so gut wie eine Andere geschwärmt aber sie hat
sehr bald gesehen wie wenig den Männern damit gedient war«
»Einem jungen Menschen der seine Kariere noch zu machen hat ist eben so
wenig als einem Geschäftsmanne der nur eine augenblickliche Erholung wünscht
an einer unendlichen Leidenschaft gelegen«
»Auch gibt es warlich nichts ekelhafteres als die so hoch gepriesene
fidelité à toutes epreuves Das sitzt gegen einander über und jähnt zum
Erbarmen«
»Da ist an keine Abwechslung an keine erfrischende Nahrung für Geist und
Herz zu denken Einen Tag wie den andern starrt man dieselben Fehler und
dieselben Vollkommenheiten an«
»Die Seele ermattet über dem ewigen Einerlei Man stirbt zehn Jahre früher
als man nötig gehabt hätte und bildet sich ein die menschliche Liebe gekannt
zu haben wenn man eine einzige ihrer tausendfältigen Nuancen kaum halb
ergründet hat«
»Aber Mademoiselle« unterbrach ich die kleine Aelster »wenn man nun
wirklich liebt«
»Verzeihen Sie mein Herr aber der Einwurf war etwas deutsch Ich sage
Ihnen ja dass man nur liebt wenn man ein wenig nicht recht gescheut ist«
»O Gott dieser herrlichen Leidenschaft auf ewig entsagen«
»Herrlich tant quil vous plaira Zeigen Sie mir Jemand der vom Morgen bis
zum Abend Jahr aus Jahr ein liebenswürdig ist fügen Sie die Kleinigkeit
hinzu dass ich für diese Liebenswürdigkeit empfänglich bin halten Sie mich
schadlos für den ersten Kuss für den ersten Händedruck den ich bei einem freien
Herzen hundertmal vervielfältigen kann und ich werde lieben dass Ihnen Grausen
und Entsetzen ankommen soll«
»Ah Mademoiselle« rief ich »welche Philosophie«
»Gut für das Theater« sagte mein Nachbar ein junger Schweizer der bis
jetzt unserm Gespräch stillschweigend zugehört hatte
»Das soll wohl gar ein Vorwurf sein« antwortete Mademoiselle Iris »aber
er ist wider Ihren Willen zu einer Lobrede geworden«
»Wenn ein System dem Orte der Zeit und den Umständen angemessen ist so
ist es doch wohl alles was es sein kann«
»Wollte der Himmel man könnte von Ihren neuen und alten Philosophemen
dasselbe sagen«
»Aber es ist bekannt dass Ihre Herren Philosophen eben so wenig Zeit haben
sich um diese Kleinigkeiten zu bekümmern als ihre hochgepriesene Regeln selbst
auszuüben«
»Zugegeben Mademoiselle« erwiderte der Schweitzer »wenn nun aber diese
guten Leute sich einbilden dass Zeiten und Umstände sich nach ihren Systemen
nicht diese nach jenen sich richten müssen Wenn sie Ihnen nun sagen dass sie
sich getrauen eben so consequent wie Sie und vielleicht noch ein wenig
consequenter zu sein wenn es darauf ankommt so angenehme Regeln wie die
Ihrigen zu befolgen«
Madem Iris Ach da liegt ja eben das lächerliche Sie stecken sich ein
Ziel was sie nimmermehr erreichen können
Der Schweitzer Schon das Annähern Mademoiselle ist viel wert
Madem Iris A la bonne heure Mein Herr es gibt Kappen von verschiedenen
Farben Über den Geschmack lässt sich nicht streiten Ich befinde mich wohl in
der Meinigen und lasse den Herren Philosophen die Ihrige
Der Schweitzer lächelte und schwieg die Tafel ward aufgehoben und
Mademoiselle Iris versprach mir beim Abschiede alles mögliche für mich zu tun
»Mademoiselle Amelie ist äußerst gewissenhaft« setzte sie hinzu »Sir
Walters Termin geht bis übermorgen aber dann können Sie auch eben so
zuverlässig wie er auf meine Gebieterin rechnen«
Achter Tag
»Sir Walters Termin geht bis übermorgen« mit diesem Gedanken schlief ich
ein und mit eben denselben schlug ich die Augen wieder auf
Noch einen ganzen schrecklich langen Tag sollte ich warten Womit konnte
ich ihn ausfüllen Der Doctor musste abermals Rat schaffen
Schon seit mehreren Tagen war die Seine mit Eise und mit der eleganten Welt
von Paris bedeckt Der Doctor schlug für jetzt einen Spaziergang dahin vor und
auf den Nachmittag ein Pferderennen Man hatte wegen dieses letzteren häufige
Wetten unternommen und versprach sich die angenehmste Unterhaltung
Im Vorbeigehen fanden wir die Tür der Bürgerin Lisfranc von den reizendsten
Pariser Frauenzimmern belagert
Die Damens wollten alle dem Schlittschuhlaufen beiwohnen und konnten sich
nicht eilig genug das dazu gehörige Kostum verschaffen
»Ja Ja« rief ein junger Fremder der mit uns diese schöne Blumenkette
betrachtete ȟber gewisse Dinge verstehen die Frauenzimmer keinen Spas die
Französinnen wenn es auf eine Modephantasie die Engländerinnen wenn es auf
ihre Tugend die Deutschen wenn es auf eine Heirat die Spanierinnen wenn es
auf Treue und die Italienerinnen wenn es auf eine Schäferstunde ankommt«
»Nicht wahr Mademoiselle« fragte er eine niedliche Blonde die so eben
ganz metamorphosirt aus den Händen der Bürgerin Lisfranc erschien
»Ach mein Herr« antwortete sie »alles was Sie wollen aber lassen Sie
mich nur um Gotteswillen durch damit ich nach dem Eise komme«
In der Tat ein intressanter Anblick Jung und Alt hatte sich in Bewegung
gesetzt und schien nichts wichtigeres zu kennen als sich durch Wind und
Schneeflocken nach der geliebten Eisbahn hinzuarbeiten
Die Bürgerin Lisfranc hatte zwar die Herzen der Schönen durch reizende
Jäckchen und Roben aller Art auf das beste verwahrt aber die Herzen der Männer
befanden sich eben deswegen in desto größerer Gefahr
Ohne Zweifel ging manches an diesem merkwürdigen Tage verloren und die
Bürgerin Lisfranc muss es erwarten deswegen in Anspruch genommen zu werden
Ich war für heute noch ziemlich ohne Schaden davon gekommen Ob ich aber
dieses meiner eigenen Vorsicht oder dem beseligenden Übermorgen verdankte kann
ich nicht völlig entscheiden
Jetzt musste die NachmittagsToilette besorgt werden Ich wollte zwar nicht
um den Preis ringen aber doch an einer Wette Teil nehmen
Hierzu war es nötig auf einem gut gebauten Pferde und in einem
geschmackvollen Kollete zu erscheinen Mademoiselle Amelie konnte gegenwärtig
sein und es war um so wichtiger mit Wohlgefallen von ihr bemerkt zu werden
Meine Toilette war geendigt und ich gestand mir sie sei eine der
glücklichsten die ich jemals gemacht habe
Diese Bemerkung setzte mein Blut in einen so philosophischen Umlauf dass ich
schon jetzt über Mademoiselle Ameliens mögliches Aussenbleiben getröstet war
Gab es doch andere schöne Augen die mich bemerken konnten Überdem ging
Sir Walters Termin bis Morgen und es war doch nicht so ganz ausgemacht ob es
heute schon erlaubt sei auf Mademoiselle Ameliens Blicke Anspruch zu machen
»Allons vive la philosophie« rief ich indem ich mit meiner eleganten
Peitsche ein paar Mahl durch die Luft hieb »sie ist die Würze des Lebens und
darf nie in etwas anderem bestehen als dieses so angenehm wie möglich zu
machen«
»Richtig Richtig Monsieur le Baron« antwortete Provence »aber Sie
glauben nicht welche abgeschmackte Begriffe einige Leute von der Annehmlichkeit
des Lebens haben«
»Da war ich voriges Jahr bei einem jungen Schweden der führte auch
denselben Wahlspruch beständig im Munde aber sein Leben welch ein
erbärmlicher Kommentar dazu Vom frühen Morgen an studiert dann ein kleines
Mittagsessen wovon ein Mädchen in einer Schnürbrust hätte satt werden können
Nachmittags ein Spaziergang mit ein paar Graubärten wo lauter überirrdische
Dinge abgehandelt wurden dann in eine Abendgesellschaft wo es nicht viel
besser herging vielleicht alle Jubeljahr einmal in die Oper aber an ein
Souper fin an eine kleine Intrigue gar nicht zu denken«
»Das ärgerlichste war dass einige junge Leute die zu leben verstanden und
ihn ein wenig leben lehren wollten immer mit lachendem Munde abgewiesen
wurden«
»Vergebens mahlten sie ihm einige Szenen mit den reizendsten Farben
vergebens luden sie ihm ein wenigstens nur als Zuschauer ihren kleinen Partien
beizuwohnen er war und blieb unbeweglich«
»Herr Graf« sagte ich manchmal »Sie werden noch sterben ohne die Freude
gekannt zu haben«
»Ey da sei Gott für« lachte er mir dann entgegen »eben weil ich die
Freude so außerordentlich liebe kann ich diesen jungen Leuten nicht folgen«
»Es war zum Rasendwerden Nachdem er nun so ein Jahr lang hier gelebt die
staubigsten Bücher aller Bibliotheken durchblättert alle Gräser und Würmer
gezählt und seinen Koffer mit des Teufels und seiner Aeltermutter Instrumenten
angefüllt hatte reiste er eben so pausbäckig ab wie er angekommen war und
tausende hätten sich darauf todtschlagen lassen dass er nie einen Fuß in Paris
gehabt habe«
Provence hatte wider seinen Willen meine Philosophie etwas erschüttert Das
System des Schweden dünkte mich doch nicht so ganz verwerflich Hätten sich
nur die augenblicklichen Vorteile des meinigen damit verbinden lassen wer
wüsste was ich getan haben würde
Aber das Wettrennen unterbrach alle diese Zweifel Es war schon vier Uhr
vorbei und kein Augenblick zu verlieren Ich warf mich auf mein Pferd und
hatte das Glück wenigstens keiner der Letzten zu sein
Jetzt trat unser Braune in die Schranken dicht hinter ihm sein Nebenbuhler
der Schwarze Beide wurden mit lautem Freudengeschrei bewillkommt
Schon wollten die Joquais sich auf ihre Rücken schwingen als die braune und
die schwarze Partei sich einmütiglich wiedersetzte
»Lasst die Pferde allein« erscholl es von der einen »Weg mit den
Joquais« von der andern Seite
Die kleinen Messieurs sahen sich betroffen an und wussten nicht wozu sie
sich entschließen sollten bis sie endlich durch das wiederholte »Fort fort
mit ihnen« bewogen wurden die Rennbahn zu verlassen
Jetzt ertönte das Zeichen die Pferde begannen den Lauf Ah wie sie
flogen wie das Angst das Freudengeschrei sie verfolgte Das Ziel Das Ziel es
war nahe der Braune ach nein O Himmel der Schwarze der Schwarze er ists
ist Sieger Die hundert Louis sind verloren
Neunter Tag
Hundert Louis weniger und keinen Genuss Das schmerzt Aber heute Sir
Walters Termin Die heilsamen Betrachtungen ein andermal jetzt ist keine
Zeit dazu Jetzt ist die Hauptsache so reizend so liebenswürdig als möglich zu
sein
Provence sollte mich melden aber Provence war schon seit zwei Stunden fort
und kam noch immer nicht wieder
Endlich trat er herein
»Nun wie steht es« rief ich ihm entgegen »bin ich angenommen«
Er Nach vielen Schwierigkeiten
Ich Welche Schwierigkeiten Sir Walter ist seit diesem Morgen nicht mehr
hier
Er Richtig aber man hat Mademoiselle Amelie von andern Seiten brillante
Vorschläge getan
Ich So
Er Es gab des Kukuks seine Scherereien ehe ich nur einmal die Kammerfrau
sprechen konnte »Mademoiselle sei nicht aufgestanden habe Kopfschmerzen
schreibe Briefe« lauter Variationen Endlich kam sie aber so einsilbig
so kalt mein ganzes savoir faire musste aufgeboten werden um nur das
Notwendigste zu erfahren
Ich Nun
Er »Ihre Gebieterinn wolle bis Nachmittag nichts von andern Vorschlägen
hören Dieser Morgen sei Walters Andenken gewidmet Er habe zu edel gegen sie
gehandelt als dass sie nicht einige Stunden über den gehörigen Termin verfliessen
lassen sollte Auch habe Lord M Anerbieten getan die wenigstens einige
Überlegung verdienten«
Ich Und der Herr Stockfisch antwortete nichts darauf
Er Monsieur le Baron Für Wen sehen Sie mich an Provence ein Mensch um
den sich Könige und Kaiser gerissen haben wenn es auf die Leitung einer Affäre
ankam Provence sollte nicht wissen was in dergleichen Fällen zu sagen wäre
Ich Nur keine Tiraden Was du geantwortet hast will ich wissen
Er Was der Herr Baron selbst geantwortet haben würde »Dass wir nicht
gesonnen wären jrgend Jemanden zu weichen und dass der Lord so gütig sein
würde die Seegel einzuziehen woferne ihm daran liege französische Luft noch
länger zu atmen«
Ich Nicht übel Aber was wolltest du eigentlich damit sagen
Er Ach wie kann ich das jetzt noch wissen Ich geriet in solche Wut
dass Marton unter der Schminke erblasste Hätte sie mir nicht plötzlich mit einem
unbeschreiblich reizenden Kälberbraten und mit ein paar Flaschen Champagner
Einhalt getan so möchte Gott wissen was aus der Sache geworden wäre
»Grosmütiger Held« antwortete ich lachend »erbarme dich jetzt über
meine Garderobe Ich werde ja diesen Nachmittag sehen wohin deine kühnen
Fusstapfen mich führen«
In der Tat es war äuserst notwendig durch meine Figur so viel als möglich
zu imponiren Lord M hatte ein ungeheures Vermögen Ich war verloren
wenn nicht in die andere Wagschale ein ansehnliches Übergewicht gelegt werden
konnte
Aber Lord M hatte auch wenigstens ein halbes Jahrhundert auf dem
Rücken und das Gerücht fügte noch eine etwas critische Gemahlin dazu Von
dem allen wusste ich mich frei auch war ich mit meinem Spiegel sehr wohl
zufrieden und hörte von Provence die wiederholte Versicherung dass es heute
schlechterdings unmöglich sei mir zu widerstehen
»Wohlan nicht gewagt nicht gewonnen ich hoffe Mademoiselle Amelie wird
Augen haben« Mit diesen Gedanken trat ich in das Vorzimmer
Niemand war da aber die edle Unverschämtheit ist sehr oft ein Reitz mehr
für die Damen Ich beschloss Mademoiselle Amelie zu überraschen
Sie lag in einem höchst reizenden Negligee auf ihrem Sopha und schien über
mein plötzliches Eintreten etwas betroffen
Ich entschuldigte mich mit meiner Sehnsucht und war bemüht durch die
lebhafteste Zärtlichkeit meinen Fehler vergessen zu machen
Aber bei jedem wiederhohlten Versuche wurde ich mit einer Kälte
zurückgewiesen die allen meinen Mut und meine Selbstgenügsamkeit zu überwinden
drohte
Noch einmal wollte ich es wagen Knieend bat ich sie jetzt mir die
Ursache dieser unbegreiflichen Abneigung zu entdecken Mir zu sagen warum sie
die zärtlichste die feurigste Liebe so grausam zurückstosse
»Ach mein Herr« erwiderte sie »alle diese Herrlichkeiten sind
unbeschreiblich langweilig wenn man so genau wie ich damit bekannt ist«
»Sie glauben jetzt mich zu lieben nach einem Monate glauben Sie vielleicht
das Gegenteil Das Eine kann zu seiner Zeit eben so wahr sein als das
Andere Aber wie können Sie sich einbilden dass ich meine Zufriedenheit diesen
abwechselnden Launen aufopfern werde«
»Nein Sir Walters Liebe war von ganz anderer Art«
Ich Nimmermehr Sir Walter konnte Sie nicht inniger nicht zärtlicher
lieben
Sie Ach Herr Baron Sie kommen mir schon unbeschreiblich französirt vor
Welcher Eigendünkel Ihre Art zu lieben auf den Thron setzen zu wollen Genug
ich sage Ihnen dass Sir Walters Liebe unendlich von der Ihrigen verschieden
unendlich überzeugender war«
Bei diesen Worten stand sie auf und suchte sich von mir los zu machen
»Ah Mademoiselle« rief ich »was soll ich was kann ich tun Sie zu
überzeugen«
»Fürs erste mich mit diesen antiken Ritterscenen verschonen«
»Ich wünsche allein zu sein Herr Baron und hoffe Sie werden mich
entschuldigen«
Mit diesen Worten schlug sie die Türe des Kabinets hinter sich zu und
überließ mich allen Quaalen einer getäuschten Erwartung
Betäubt starrte ich die Wände an und verweilte zu meinem Unglück auf einem
großen Spiegel der meine ganze erbärmliche Figur zum Rasendwerden treu mir
entgegenwarf
Alles Apolonische war verschwunden dafür aber war soviel Acteonisches in
meine Physiognomie gekommen dass ich unfehlbar den verwünschten Spiegel
zertrümmert haben würde wenn Mademoiselle Iris nicht in dem Augenblicke
erschienen wäre
»Mademoiselle« rief ich »Sie haben schlecht für mich gesorgt Man wirft
mich mit einer Kälte mit einer Härte zurück die mein Innerstes emport«
Madem Iris Ah mein Herr Umstände verändern die Sache Sie sprachen von
Liebe und schienen geneigt sie zu beweisen
Ich Nun mein Gott Habe ich sie denn nicht bewiesen
Madem Iris So viel ich schließen kann bis jetzt noch nicht
Ich Ach hätten Sie mich nur gesehen mit welchem Feuer mit welcher
inniger Zärtlichkeit
Madem Iris Verzeihn Sie Herr Baron aber Ihre Naivetät ist unbeschreiblich
possirlich Durch eine leideuschaftliche Aufwallung denken Sie eine Person zu
gewinnen die mit den Herzen der Männer so bekannt die an englische
Freigebigkeit gewöhnt ist Müssen noch dazu einen der gefährlichsten
Nebenbuhler überwinden
Ich Wen Lord M
Madem Iris Allerdings Lord M Er hat diesen Morgen eine Banknote von
tausend Pfund geschickt ohne nur einmal Anspruch auf eine Visite zu machen
Jetzt fiel es wie Schuppen von meinen Augen Ich suchte meine Brieftasche
aber vor lauter Eile hatte ich sie zu Hause vergessen
Was war zu tun Mit ziemlich übel gesetzten Worten dankte ich
Mademoiselle Iris für ihre Zurechtweisung versprach sie auf das baldigste zu
benutzen und empfahl mich unendlich bescheidner als ich gekommen war
Zehnter Tag
Provence war mit dem frühesten zu Marton geeilt um durch sie eine
Lieblingsneigung ihrer Gebieterin zu entdecken
Was auch mein Portefeuille dazu sagen mochte ich war entschlossen mich
durch etwas vorzügliches auszuzeichnen
Marton hatte unter dem Siegel des Geheimnisses gebeichtet Mademoiselle
Amelie habe vor kurzem eine neue Art Halsband gesehen und wünsche ein ähnliches
zu haben Monsieur Crochu sei ihr Bijoutier und verstehe sich außerordentlich
gut auf ihren Geschmack
»Fort also zu Monsieur Crochu«
Provence flog und der Bijoutier stand mit seinem ganzen Apparate vor mir
Der Doctor war mit ihm hereingetreten und kritisirte seine Ware mit
unerbittlicher Strenge Zwar suchte er das alles durch freundschaftliche Blicke
und Winke wieder gut zu machen aber dennoch zwang er Monsieur Crochu ein ganz
besonders verwahrtes Kästchen seiner Untersuchung Preis zu geben
Jetzt da es geöffnet ward schien er außer sich zu geraten und bedeutete
mir durch allerhand Zeichen dass wir diesen Fund schlechterdings nicht aufgeben
müssten
»Wie hoch der Preis« fragte ich erwartungsvoll
»Zwölftausend Livre«
Ich dachte an meine Brieftasche und erschrak
Der Doctor schien meine Verlegenheit zu merken und fragte den Bijoutier ob
er mit der Hälfte zufrieden sein wollte wenn ich ihm eine Verschreibung gäbe
»Sobald ich die Handschrift des Herrn Barons habe« antwortete Monsieur Crochu
»kann das Ganze warten so lange es ihm beliebet«
Das Halsband und dieses schmeichelhafte Anerbieten wurden beide aus
begreiflichen Ursachen von mir angenommen und Monsieur Crochu mit der
Versicherung meines vollkommensten Wohlgefallens entlassen
Jetzt war das wichtigste Mademoiselle Amelien mit gehörigem Anstande das
Opfer darzubringen
Nach der letzten Entrevue ein etwas schwieriges Unternehmen Indessen
fasste ich Mut und machte mich auf den Weg
Hatte Monsieur Crochu schon einige Winke gegeben oder was war es sonst
Genug Mademoiselle Iris Marton alles was mir entgegen kam hatte diesen Morgen
ein Lächeln für mich
Melden Annehmen in das innerste Heiligtum dringen war jetzt das Werk
eines Augenblicks Die Göttin schwebte mir mit holdseeliger Freundlichkeit
entgegen und mein Opfer ward mit einem Blicke angenommen der alle meine Leiden
überschwenglich belohnte
Ich wagte es diesem Blicke eine dem Orte der Zeit und den Umständen
angemessene Bedeutung zu geben aber mein Glück wurde bis auf den Abend
verschoben dann sollte ein großes Fest gegeben und Angesichts meiner
Nebenbuhler der Sieg mir zuerkannt werden
Taumelnd vor Entzücken in sehnsüchtigen Träumereien vertieft kam ich jetzt
in meine Wohnung Der Doctor hatte mich schon lange erwartet und erzählte mir
mit vieler Lebhaftigkeit die wichtigsten Begebenheiten des Tages
Einige Namen ein paar witzige Anmerkungen fielen mir auf von dem
Übrigen hörte ich kein Wort
Der Doctor bemerkte meine Zerstreuung und ehrte sie mit vieler Delicatesse
Um mich der Besorgnis als finde er keine Unterhaltung zu überheben war er so
großmütig sich einer Unverdaulichkeit auszusetzen Ich hatte keine Schüssel
angerührt und dennoch wurden sie alle rein ausgeleert wieder vom Tische
genommen
Der Nachmittag wurde auf meine Toilette gewandt dann ging es in die Oper
und von da zu Mademoiselle Amelie Um zu ihrer Tür zu gelangen musste mein
Kutscher eine ganze Wagenburg durchdringen Die Höfe die Treppen die
Korridors Alles wimmelte von Bedienten Die Musik hatte schon angefangen und
man erwartete nur mich um den Ball zu eröffnen
Mademoiselle Amelie reichte mir ihre schöne Hand und wir durchflogen die
Reihen Meines Wissens hatte ich das BallKostum auf das sorgfältigste
beobachtet und in meinem Anstande war ja auch nichts Deutsches mehr zu finden
Vor mir lauter Beifallszeichen lauter Exclamationen über meine unendliche
Grazie aber woher das Zischeln das Räuspern hinter meinen Rücken Selbst
Mademoiselle Amelie biss sich ein paarmal in die Lippen Ich wusste nicht mehr
was ich denken sollte Endlich ging es zu Tische
Ein Geschmack ein Überfluss der alles was ich gesehen hatte übertraf
Mademoiselle Amelie so reizend so entzückend so liebeatmend als meine
kühnsten Wünsche sie verlangen konnten
Nach dem Souper das Spiel Mademoiselle und abermals der Major Saggs der
Doctor und ich zu einer Partie
Meine Brieftasche o meine arme Brieftasche die letzte Einzige Banknote
sie musste heraus Jetzt wandte man die Karte und alles was ich hatte war
verloren
Meine Angst meine Blässe meine gänzliche Verwirrung Dann meine
starrende Verzweiflung Ich war verraten ich konnte meinen schrecklichen
Zustand nicht mehr verbergen Und täuschte mich die Hölle Ameliens
Gesicht ihr ganzes Betragen plötzlich verändert Eine Kälte eine spöttische
Bitterkeit Ich musste hinaus das Herz wollte mir brechen Kaum atmete
ich noch Der erste beste Fiacer ich warf mich hinein und dachte fühlte
nichts mehr als das Rollen des Wagens
Eilfter Tag
Ich erwachte von einem tiefen dröhnenden Schalle Es musste eine Glocke in
meiner Nähe sein Doch hatte ich zuvor sie niemals gehört Ich sah mich um
welch ein Zimmer Ich kannte es nicht
Beim Kamine eine Lampe auf einem weißen hölzernen Tische Davor ein kleiner
schlafender Mensch O Himmel ein Mädchen Ich sprang auf Ein junges
wunderschönes Mädchen Hier in meinem Zimmer aber es war ja nicht mein
Zimmer Ein Traum Ein Traum Aber sie atmete ja sie war ja so rührend
so unaussprechlich schön Der ganze Zauber der Jugend und der Unschuld
strahlte von dem lieblichen Engelgesichte An meinem bebenden Herzen fühlte
ich es ja dass sie lebte
Ach so hatte ich niemals empfunden Ihr Anzug war reinlich aber ärmlich
und doch schien mir jede Berührung Enteiligung
Aber jetzt konnte ich mich nicht mehr halten Einer von ihren schönen
Füßen ach er war so rein so zart schien nur die Erde berührt zu haben
ruhte ohne Bedeckung auf einem kleinen Schemmel Dicht neben diesem ragte ein
abscheulicher Nagel aus dem Boden hervor Der Fuß sank hinunter schnell fing
ich ihn auf nun lag er in meiner Hand
Leise beugte ich mich nieder Mein Atem stockte meine Lippen
zitterten welch ein unbekanntes namenloses Wonnegefühl ach mein Mund er
ruhte auf dem Fuße
War ich ein anderer Mensch geworden Die heftigen stürmischen Begierden
sie waren alle verschwunden Ich wünschte nichts mehr ich war glücklich
unaussprechlich glücklich
Lange blieb ich so in ihrem Anblicke versunken vergaß mich und die Welt
Aber endlich kehrten die traurigen Erinnerungen zurück Ich dachte an den
vorigen Tag und eine brennende Träne fiel auf den Fuß Sie erwachte
»Ach Gott« rief sie »sind Sie aufgestanden Ist Ihnen denn wieder
besser«
Welch ein Flötenton ich konnte nur hören nicht antworten
»Ist Ihnen denn wieder besser« fragte sie noch einmal
»War ich denn krank« sagte ich sehr leise Ich fürchtete sie würde vor
meiner Stimme erschrecken Ich fürchtete die Flamme des Kamins die Zugluft des
Fensters
Mich dünkte ich müsse das zarte Wesen vor jedem heftigen Eindrucke
bewahren Wer sie angerührt hätte mit dem Leben würde er es haben büßen
müssen
Und so plötzlich war das alles gekommen Mir war als schlage ein anderes
Herz als denke eine andere Seele in mir als könne ich nie wieder etwas
schlechtes tun oder wollen
Schon lange hatte sie mir erzählt noch hatte ich nichts davon begriffen
Die unaussprechliche Grazie ihrer Bewegungen die hohe göttliche Einfalt ihrer
Züge das Alles fühlte ich tief in meiner Brust aber was sie sagte in der
Tat ich hatte nichts davon gehört Ich musste sie bitten es zu wiederholen
Der Kutscher hatte lange vor dem Hotel gewartet und glaubte da ich ihm
zurief ich sei derselbe den er hergebracht habe Da er aber still hielt um
mich aussteigen zu lassen fand er mich ohne Bewusstsein in der Ecke des Wagens
Er sah dass ich der schnellsten Hilfe bedurfte und brachte mich zu seiner
Schwester in das Häuschen worin ich erwachte
Lange war man umsonst bemüht gewesen mich aus der tiefen Ohnmacht zu
wecken Endlich erholte ich mich wieder und nachdem ich einige unvernehmliche
Worte zu den Umstehenden gesprochen hatte fiel ich in einen tiefen anhaltenden
Schlummer
Das teure Mädchen war schon zur Ruhe gegangen und hatte nichts von dem
allen gehört Jetzt aber da die Mutter nach der harten Arbeit des Tages dem
Schlafe nicht widerstehen konnte ging sie die Tochter zu wecken und empfahl
ihr so bald ich erwachte sie augenblicklich zu rufen
»Ich weiß nicht wie es kommt« setzte das liebliche Wesen in hoher
Unschuld und eben darum ganz ohne Erröten hinzu »aber ich habe an die Mutter
gar nicht gedacht«
Jetzt flog sie davon und ich hatte nicht den Mut sie zurückzuhalten
Die Mutter erzählte mir nun dass sie seit mehreren Jahren Wittwe sei und bis
vor ein paar Monaten auf dem Lande gelebt habe Jetzt aber da die Stickerei
wieder gebräuchlich und in der Stadt mehr Arbeit zu bekommen wäre sei sie dem
Rate ihres Bruders gefolgt und habe sich hier niedergelassen
»Er hat sich ein ansehnliches Vermögen erworben« fuhr sie fort »und will
hier meiner Marie alles vermachen«
Während die Mutter sprach hatte das holdseelige Mädchen unaufhörlich an ihr
zu putzen Bald war es ein Haar was zu tief hinunter hing bald ein Stäubchen
auf dem Ermel ein Fältchen im Tuche Dann glaubte sie die gute Alte sitze
nicht bequem genug Oft wenn sie dem was die Mutter sagte ihren Beifall gab
nickte sie unnachahmlich reizend mit dem Köpfchen und streichelte ihr die
Wangen
Ach wie ein tröstender Engel stand sie da Kaum wagte ich es die Augen zu
ihr zu erheben
Jetzt hatte die Mutter geendigt und schien zu erwarten dass ich nun auch
über mich einige Aufschlüsse geben würde
Aber das konnte freilich nur sehr mangelhaft geschehen Eher hätte ich
sterben mögen als in Mariens Gegenwart meiner Ausschweifungen erwähnen Mein
Verlust im Spiele musste alles erklären und ich eilte jetzt fort um mich nicht
zu verraten
Als ich vom Weggehen sprach dünkte mich Mariens Blick weile beinahe
traurend auf mir Aber dann kehrte er wieder eben so frei und frölich zur
Mutter zurück Ach sie war zu rein für mich Meine Hoffnung war eitel
So lange ich in ihrer Nähe blieb vermochte der Kummer nichts über mich
aber jetzt nagte er desto schrecklicher an meinem Herzen Die Einsamkeit war mir
fürchterlich und ich befahl mit bebender Stimme den Doctor zu holen
Jetzt erst da ich anfing ihm meine Lage zu schildern kam ich zu dem
ganzen Gefühl meines Unglücks Mein eigenes Herz ward durch meine Worte bewegt
und so durch mich selbst hingerissen ward ich erst spät gewahr dass der Doctor
mir kalt und unbeweglich gegenüber stand
Nun da ich schwieg zuckte er die Achseln bedauerte unendlich und
versicherte dass er mich schlechterdings nicht verlassen würde wenn er nicht
diesen Augenblick zu einem sehr gefährlichen Kranken eilen müsse Der erste
Kranke von dem er jemals gesprochen hatte Ich verstand ihn alle Täuschung war
verschwunden und ich fiel in dumpfe Verzweiflung auf mein Lager
Aber bald ward ich schrecklich aus meiner Betäubung geweckt Der
HalsbandsVerkäufer war da und bestand darauf mich zu sprechen
»Ich habe gehört« redete er mich an »Mylord wird abreisen und so wollte
ich doch nicht unterlassen ihn an die bewusste Kleinigkeit zu erinnern«
Ich versicherte nun zwar dass an keine Abreise zu denken wäre Aber er blieb
bei seinem vorgeblichen Glauben und behauptete jetzt da ich eine so erwiesene
Sache leugne sich seines Geldes versichern zu müssen
Was sollte ich tun Jene Anweisung des Doctors an die neue Bank war das
Einzige was ich hatte Ich zeigte sie dem Juwelier und glaubte ihn nun völlig
zu beruhigen Aber mit schallendem Gelächter gab er sie zurück
»Wenn das Mylords Resourcen alle sind« rief er »so muss ich von Herzen
bedauern Solcher Pappiere kann ich Ihnen zu tausenden für den funfzigsten Teil
des Wertes verschaffen Ich sehe jetzt wie die Sachen stehen und empfehle mich
zu Gnaden
Mit diesen Worten schlug er die Türe zu und ich starrte gedankenlos auf
den Boden Da lag ein Pappier maschinalisch hob ich es auf Die Addresse
lautete an Monsieur Crochu Ich las folgendes
»Der deutsche Baron der deutscheste den ich jemals gesehen prostituirte
sich gestern so sehr auf meinem Balle dass ich entschlossen bin den albernen
Herrn sobald als möglich zu verabschieden Und dies um so mehr da er über einen
elenden Verlust im Spiele die Tramontane so ganz und gar verlor dass er ohne
Abschied und mit wütenden Gebehrden davon lief Der Doctor hat ihm mit Hilfe
seiner Bedienten schon ziemlich zur Ader gelassen Sind seine Kräfte noch nicht
völlig erschöpft so neigen sie sich wenigstens zur Abnahme Sorgen Sie um
Gotteswillen für Ihre Bezahlung und vergessen Sie nicht Ihre Freundin«
Amelie
Zwölfter Tag
Welchen Eindruck dieser Brief auf mich machte lässt sich erraten Das Opfer
einer höllischen Bande ohne Rat ohne Trost ohne Hilfe fremd in dieser
ungeheueren Stadt Was sollte aus mir werden Der Tag brach an und mein
Zustand gränzte an Wahnsinn
Man verlangte mich zu sprechen Eine schreckliche Ahnung durchdrang mein
Herz Vier Männer traten herein ich ward arretirt
Wie ich aus meiner Wohnung wie ich in das Gefängnis gekommen bin Danach
forsche ich umsonst es ist ganz aus meinem Gedächtnis verschwunden Als ich
die Augen aufschlug fand ich mich auf einem Bunde Stroh von öden triefenden
Mauern umgeben Ich sank zurück und dachte nicht mehr
Weg über diesen fürchterlichen Tag ich kann die Erinnerung nicht tragen
Dreizehnter Tag
Ich erwachte von einem Gerassel Es war der Kerkermeister Mit ihm trat ein
großer Mann in einem blauen Überrock herein Er kam näher O mein Gott
Mariens Züge in diesem braunen männlichen Gesichte Der Oheim Marie schickte
ihn her
»Nun wie gehts Ihnen denn« sagte er und schüttelte mir treuherzig die Hand
»Wir haben Sie alle so lieb gewonnen mussten uns doch nach Ihnen erkundigen
Großer Gott da hörten wir denn die ganze Geschichte Das kleine herzige Ding
die Marie hat weder gegessen noch getrunken Das kann ich nun nicht leiden
denn ich liebe sie wie mein Leben »Mariechen« sagte ich »so iss doch nur en
bisschen dann wollte sie sich zwingen aber mit einemmale stürzten ihr die
Tränen aus den Augen und mit dem Essen wars wieder vorbei«
»Könnte ich ihr nur helfen« sagte ich dann so für mich hin »Gott weiß
ich wollte es gerne tun« Nun gings an ein Küssen an ein Streicheln Ja
das mag der Henker aushalten Da sind wir Männer geliefert«
»Na und da bin ich denn gekommen und will für Sie gut sagen und Sie
sollen mir noch heute wieder los«
»Ach lieber Onkel« rief das kleine Ding als ich den Sonntagsrock anzog
»kommen Sie nur ja bald wieder Wenn ich ihn auch in meinem Leben nicht mehr
sehe und wenn auch die ganze Erbschaft darauf geht das tut ja alles nichts«
Stumm und tief bewegt hatte ich bis jetzt die Worte des redlichen Mannes
gehört aber nun warf ich mich an seine Brust
»Mein Vater mein Erretter« rief ich »sagte sie das sagte sie das
wirklich«
Er wiederhohlte es mir mit einer Beteurung
»Aber« fiel ich ein »so wünscht sie ja nicht mich wieder zu sehen«
Er Großer Gott was könnte ihr denn das helfen und wenn sie es auch
wünschte ich würde es nicht leiden
Ich Nicht leiden
Er Nein weil da nie etwas gescheutes herauskommen würde
Ich sah vor mir nieder und verstummte Jetzt ward Anstalt zu einem
reinlichern Zimmer gemacht Vor dem folgenden Tage war an keine Befreiung zu
denken
Meines großmütigen Erretters ganzes Vermögen so aufs Spiel zu setzen war
mir doch ein empörender Gedanke
Ich bat ihn einen Zettel an den Chevalier S mitzunehmen Diesem edlen
Manne war die Last minder drückend Auch konnte er mehr die Sicherheit
beurteilen welche ich im Stande war ihm zu geben
Noch hatte ich Hülfsquellen in Hamburg aber freilich lies sich erst nach
einigen Monaten etwas davon erwarten
Die Veränderung des Aufenthalts fing jetzt an meine Verzweiflung in
Traurigkeit zu verwandeln Aber Mariens Bild ward um so mehr das herrschende in
meiner Seele
Jetzt erst fühlte ich was ich hätte sein können und was ich nicht war Wie
sehr ich die besten Jahre meines Lebens verschleudert und den Genuss nur da
gesucht hatte wo ich ihn nimmermehr finden konnte
»Wohlan« rief ich »so sei es denn Ich will sie nicht sehen bis ich
ihrer würdig bin Aber dann lasse ich sie auch von Niemanden mir rauben Die
Vorurteile des Standes sind längst verschwunden Man kann vornehmer sein als
sie aber gewiss nicht edler
Ohne Hoffnung wollte sie mir alles aufopfern Welches Weib würde etwas
ähnliches für mich tun
Jetzt trat der Chevalier herein Sein feines schönes menschliches Betragen
in diesem traurigen Aufenthalte würde ihm meine ganze Liebe erworben haben
wenn er sie nicht schon gehabt hätte
Mit zärtlicher Teilnahme ruhte sein großes mildes Auge auf mir und jedes
seiner Worte war Balsam für mein verwundetes Herz
»Nur die geschehenen Dinge« sagte er »können wir nicht ändern aber die
ganze Zukunft mein teurer Sohn hängt von uns ab Der Mensch vermag unendlich
viel wenn er will Lassen Sie uns wollen und es wird alles noch glücklich sich
endigen
Reue ziemet dem Manne nur dann wenn sie ihn zum mutvollen Kampfe gegen das
Schicksal und gegen seine Leidenschaften begeistert
Sie haben keinen Vater ich habe keinen Sohn wenn wir beide das Gute
lieben so sind wir verwandt
Laut weinend stürzte ich in seine Arme und tat wiederholt das Gelübde nie
einen andern Willen als den seinigen zu haben
»Nein« sprach der edle Mann »Sie selbst müssen ihr Schicksal bestimmen
Wollen Sie aber einige Rücksicht auf meine Erfahrung nehmen so wird es mich
freuen
Ich gestehe Ihnen dass ich an Ihrer Stelle die Aussichten in Hamburg allen
Übrigen vorziehen würde Hier in Paris erwarten uns stürmische Zeiten
Wahrscheinlich sendet mich die Regierung in kurzem nach Deutschland Wollen Sie
dann mit mir wieder nach Frankreich zurück so kennen Sie mich nun und wissen
was ich Ihnen sein kann«
»Aber« fuhr er fort da ich im Nachdenken vertieft ihm nicht geantwortet
hatte »Wer ist der Mann den Sie zu mir schickten Er sprach mit einer
Teilnahme die mir auffiel«
Noch zögerte ich und blickte verlegen vor mir nieder
»Vielleicht bin ich unbescheiden« setzte er hinzu »aber der Mann gefiel
mir ausserordetlich«
Diese Worte gaben mir Mut und ich erzählte ihm Alles was mir begegnet
war
Jetzt näherte ich mich dem Abende wo ich Marie neben meinem Bette
entdeckte und nun stieg meine Wärme mit jeder Minute Ich fühlte dass er von
meiner Schilderung gerührt werden musste und sah mit innigem Wohlgefallen dass
er es wirklich auch war
»Sie ist weit über mich erhaben« fuhr ich fort »und ich bin ihrer nicht
würdig aber kann ich es denn nicht werden«
»Gewiss lieber Freund« antwortete er »alle andere Ziele des jungen
handelnden Menschen sind minder oder mehr durch die Eitelkeit bezeichnet
Erreicht er sie so kann er dadurch fester härter aber warlich darum noch
nicht besser werden
»In jedem Manne liegt nicht bloß in so fern er Mensch sondern vielmehr in
so fern er Mann und je mehr er es ist ein Fond von Bösartigkeit der nur
durch die Liebe zu einem reinem weiblichen Wesen getilgt werden kann Wehe wenn
ihm nie ein solches begegnet Er wird in seinem funfzigsten Jahre nur wenig von
einem Teufel verschieden sein«
»Wir empfinden mit dem Kopfe die Weiber denken mit dem Herzen Sie üben
was wir lehren Alles was herzlich an uns werden soll muss durch sie gepflegt
werden oder es erstirbt Grösser können wir vielleicht handeln reiner
nimmermehr«
»Ich hatte zwar Hoffnung aber ich bekenne Ihnen dass Sie einer Stütze
bedurften Ihr offenes Bekenntnis hat mir diese Stütze gegeben Wenn die
tugendhafte Liebe Sie begleitet so habe ich nichts für Sie zu fürchten«
»Reisen Sie und wenn ich Ihnen raten soll reisen Sie noch morgen In
ihrer Nähe und sie nicht sehen möchte Ihnen zu peinlich vielleicht gar
unmöglich werden«
»Aber« rief ich »wenn sie nun in meiner Abwesenheit
»Einen Andern fände« unterbrach er mich »das wäre freilich schlimm und
doch glaube ich nicht dass Sie es hindern dürfen«
»O mein Gott«
»Ja ich gestehe dass es Ihnen schwer werden kann Aber möchten Sie das
liebe unschuldige Mädchen übertäuben Sie ist eben so unbekannt mit der Welt
wie mit ihrem eignen Herzen und glaubt Sie zu lieben weil Sie der erste Mann
sind der ihr huldigt Nur dann können Sie ihren Empfindungen trauen wenn Sie
ihr Freiheit und Zeit gelassen haben sie zu prüfen«
Ȇberlegen Sie das mein teurer Sohn und sagen Sie mir morgen ob ich
Unrecht habe«
Vierzehnter Tag
»Ach er hat nur gar zu sehr Recht« rief ich am andern Tage nach einer langen
schlaflosen Nacht »Aber soll ich durch nichts sie binden so will ich sie doch
noch sehen so will ich wissen was sie antwortet wenn ich nun sage Marie leb
wohl leb wohl Marie vielleicht für immer und ewig Bei Gott das will ich
wissen und dann will ich reisen«
Jetzt schlug es acht und ich war frei Mit hastigen Zügen atmete ich die
reine erquikende Luft Mich dünkte ich werde von neuem geboren es habe sich
alles verwandelt Der Himmel war blauer die Sonne war heller die Menschen
schienen mir näher verwandt Ich hätte sie alle umarmen und laut aufrufen mögen
»ich bin frei«
Der Chevalier hatte mich bitten lassen sein Haus wie das meinige anzusehen
und mich seiner Equipage sogleich zu bedienen Aber ich hatte nur einen
Gedanken Marie ich musste sie noch sehen jetzt gleich musste ich sie sehen
Der Kutscher rief und jagte hinter mir her Aber die kindische Furcht er
möchte mich einholen trieb mich immer vorauf Jetzt war ich bei Mariens Tür
höchlich erfreut früher als er gekommen zu sein
»Marie« rief ich »Marie ich bin frei aber Marie war nicht da Ich
lief in die Küche in den Garten rief einmal über das andre »Marie ich bin
frei« aber ich konnte Niemand entdecken
Jetzt trat der Kutscher herein »Sehen Sie wohl« sagte er »Sie sind
nicht zu Hause Folgen Sie meinem Rate und kommen Sie mit zum Herrn Das
Übrige wird sich alles noch finden«
Ich lies mich bereden und wir rollten davon
Der Chevalier empfing mich mit offenen Armen
»Willkommen« rief er »willkommen zum neuen schöneren Leben Aber wo
sind Sie denn so lange geblieben«
Jetzt verklagte mich der Kutscher »Ey ei Jaque« sagte der Chevalier
»das war ein schlimmer Spas Du und deine Pferde ihr hättet mit einemmale um
eure ganze Reputation kommen können Einen Fußgänger nicht einzuholen«
»Ja aber welch Einen« brummte Jaque und zog schmollend in den Stall
»Nun mein lieber Sohn« sagte der Chevalier »was beschließen Sie Wie
fällt Ihr Urteil aus Hatte ich Recht oder Unrecht«
»Ach Sie hatten Recht« antwortete ich und drückte ihm wehmütig die Hand
»Ich muss reisen und habe Marie nicht gefunden«
»Nun dazu kann Rat werden Amusiren Sie Sich so lange in meiner
Bibliothek Indessen werde ich Ihre ReiseAngelegenheiten besorgen
Ich öffnete die Tür O Himmel Marie ihre Mutter und der Onkel
Sprachlos und verwirrt starrte ich sie an Jetzt hätte ich nicht rufen können
»Marie ich bin frei« Ach die Abreise sie lag wie ein drückendes Gewitter
auf meiner Seele Und dann Marie welche Verwandlung welch ein prächtiger
geschmackvoller Anzug Sie schien die Tochter eines Fürsten ach nein sie
schien keine Sterbliche mehr Meine Hoffnung dünkte mich Wahnsinn und mit
brechendem Herzen stürzte ich dem Onkel in die Arme
Der redliche Mann drückte mich wiederholt an seine Brust
»Fassen Sie Sich« sagte er »es kann noch alles gut werden«
»Ja wohl« rief der Chevalier der jetzt eben hereintrat »Es soll und
muss alles gut werden Nun liebe Marie geben Sie ihm eine Hand und sagen Sie
ein Wort des Trostes dazu Nicht wahr Sie wollen seine Freundin seine
schwesterliche Freundin bleiben«
Marie reichte mir schweigend die Hand und errötete
»O Gott« rief ich außer mir »ich bin verloren sie kann schon erröten
Der Chevalier lächelte und nun errötete ich selbst über die unbesonenen
Worte
»Was sie jetzt nicht könnte« fuhr er fort »würde sie sehr bald haben
lernen müssen Hier ist nicht der Ort wo ein junges Mädchen mit ihren
Empfindungen unbekannt bleiben kann Ich glaube kein Verbrechen begangen zu
haben wenn ich Marien etwas schneller dazu verhalf«
»Sie hat mich ihren Vater genannt und so seid ihr beide Geschwister Will
das Schicksal etwas mehr aus Euch machen so habe ich nichts dawider aber frei
müsst ihr bleiben«
»Und nun lieben Kinder keine Seufzer und keine Klagen Mein Sehen ist ein
Mann und meine Tochter ist ein liebes sanftes vernünftiges Mädchen Jetzt zum
Frühstück Mein Sohn braucht Kräfte zur Reise Nachher sehen wir weiter«
Aber das Frühstück blieb unangerührt vor uns stehen Mariens Augen waren
voll Tränen und mir wollte die Brust vor Angst und Wehmut zerspringen
Jetzt ertönte das Horn
»Ich begleite Sie« rief der Chevalier »Geschwinde ihren Hut Ihren
Mantel Kinder gebt euch die Hände wir sehen uns glücklicher wieder«
»Marie« rief ich »wir sehen uns wieder tot oder lebendig wir sehen
uns wieder«
Der Postillion hörte diese klägliche Apostrophe und fing laut an zu lachen
Der Chevalier stimmte mit ein die Mutter folgte nach das verzweifelte
Creshendo stieg mit jeder Sekunde und Marie sogar lächelte mit weinenden Augen
Ich selbst fühlte nun den Unsinn meiner Worte und konnte nicht widerstehen So
kamen wir unter schallendem Gelächter in den Wagen
»Fahr zu« rief der Chevalier und Marie war aus meinen Augen
verschwunden