Johann Karl Wezel
Hermann und Ulrike
Vorrede
Der Roman ist eine Dichtungsart die am meisten verachtet und am meisten gelesen
wird die viele Kenntnisse lange Arbeit und angestrengte Übersicht eines
weitläuftigen Ganzen erfodert und doch selbst von vielen Kunstverwandten sich
als die Beschäftigung eines Menschen verschreien lassen muss der nichts Besseres
hervorbringen kann Ein Teil dieser unbilligen Schätzung entstund aus dem
Vorurteile dass Werke wovon die Griechen und Römer keine Muster und worüber
Aristoteles keine Regeln gegeben hat unmöglich unter die edleren Gattungen der
Dichtkunst gehören könnten zum Teil wurde sie auch durch die häufigen
Missgeburten veranlasst die in dieser Gattung erschienen und lange den Ton
darin angaben denn freilich eine Menge zusammengestoppelter übertriebner
Situationen zusammenzureihen gezwungene unnatürliche Charaktere ohne Sitten
Leben und Menschheit zusammenzustellen und sich plagen hauen erwürgen und
niedermetzeln zu lassen oder einen Helden der kaum ein Mensch ist durch die
ganze Welt herumzujagen und ihn Türken und Heiden in die Hände zu spielen dass
sie ihm als Sklaven das Leben sauer machen ein verliebtes Mädchen durch
mancherlei Qualen hindurchzuschleppen Meerwunder von Tugend und schöne
moralische Ungeheuer zu schaffen ein solches Chaos von verschlungenen
gehäuften unwahrscheinlichen Begebenheiten Charaktere die nirgends als in
Romanen existierten und existieren konnten solche Massen ohne Plan poetische
Haltung und Wahrscheinlichkeit zu erfinden bedurfte es keines Dichtergenies und
keiner dichterischen Kunst
Der Verfasser gegenwärtigen Werkes war beständig der Meinung dass man diese
Dichtungsart dadurch aus der Verachtung und zur Vollkommenheit bringen könne
wenn man sie auf der einen Seite der Biographie und auf der andern dem
Lustspiele näherte so würde die wahre bürgerliche Epopöe entstehen was
eigentlich der Roman sein soll
Das bisher sogenannte Heldengedicht und der Roman unterscheiden sich bloß
durch den Ton der Sprache der Charaktere und Situationen alles ist in jenem
poetisch alles muss in diesem menschlich alles dort zum Ideale
hinaufgeschraubt alles hier in der Stimmung des wirklichen Lebens sein Die
Regeln die man für jenes gegeben hat passten auch auf diesen wenn sie nur
nicht bloß willkürliche Dinge beträfen aber die wirklichen Regeln die sich auf
die Natur das Wesen und den Endzweck einer poetischen Erzählung gründen sind
beiden gemein was man bisher zu Regeln des epischen Gedichts machte ging bloß
die Form und Manier an und waren alle bloß von der Homerischen abgezogen
Die bürgerliche Epopöe nimmt durchaus in ihrem erzählenden Teile die Miene
der Geschichte an beginnt in dem bescheidenen Tone des Geschichtsschreibers
ohne pomphafte Ankündigung und erhebt und senkt sich mit ihren Gegenständen
das Wunderbare welches sie gebraucht besteht einzig in der sonderbaren
Zusammenkettung der Begebenheiten der Bewegungsgründe und Handlungen In dem
gewöhnlichen Menschenleben aus welchem sie ihre Materialien nimmt nennen wir
eine Reihe von Begebenheiten wunderbar die nicht täglich vorkömmt die
einzelnen Begebenheiten können und müssen häufig geschehen denn sonst wären
sie nicht wahrscheinlich aber nicht ihre Verknüpfung und Wirkung zu einem
Zwecke So verhält es sich auch mit dem Wunderbaren der Handlungen wir
schreiben es ihnen alsdann zu wenn sie entweder aus einer ungewöhnlichen
Kombination von Bewegungsgründen und Leidenschaften entstehen oder in dem Grade
der Tätigkeit womit sie getan werden zu einer ungewöhnlichen Höhe steigen Je
höher der Dichter dieses Wunderbare treibt je mehr verliert er an der
Wahrscheinlichkeit bei denjenigen Lesern die das nur wahrscheinlich finden was
in dem Kreise ihrer Erfahrung am häufigsten geschehen ist aber dies ist eine
falsche Beurteilung der poetischen Wahrscheinlichkeit die allein in der
Hinlänglichkeit der Ursachen zu den Wirkungen besteht Der Dichter schildert das
Ungewöhnliche es liege nun in dem Grade der Anspannung bei Leidenschaften und
Handlungen oder in der Verknüpfung der Begebenheiten und ihrer Richtung zu einem
Zwecke und dies Ungewöhnliche wird poetisch wahrscheinlich wenn die
Leidenschaften durch hinlänglich starke Ursachen zu einem solchen Grade
angespannt werden wenn die vorhergehende Begebenheit hinlänglich stark ist den
Zweck zu bewirken auf welchen sie gerichtet sind Dies ist der einzige feine
Punkt der das Wunderbare und Abenteuerliche scheidet
Der Verfasser kann unmöglich in einer Vorrede die Ideen alle entwickeln die
ihn bei der Entwerfung seines Plans leiteten und wie er seine beiden vorhin
angegebnen Absichten zu erreichen suchte er muss es auf das Urteil der
Kunsterfahrnen ankommen lassen ob sie in seinem Werke Spuren antreffen dass er
mit Wahl und Absicht verfuhr Er wählte eine Handlung die den größten Teil von
dem Leben seiner beiden Helden einnahm um sich die Rechte eines Biographen zu
erwerben aber er wählte unter den Begebenheiten und Handlungen die diesen
größten Teil des Lebens ausmachten nur solche die auf seine Hauptandlung
Beziehung oder Einfluss hatten um ein poetisches Ganze zu machen
Jedes poetische Ganze hat zween Teile die Anspinnung Verwickelung und
Entwickelung der Fabel die Exposition und stufenweise Entwickelung des
Hauptcharakters oder der Hauptcharaktere Auf diese beiden Punkte muss der Blick
des Dichters bei der Anordnung beständig gerichtet sein um zu beurteilen
welche Charaktere er nur als Nebenfiguren behandeln wie er sie stellen und
handeln lassen soll dass sie auf die Hauptperson ein vorteilhaftes Licht werfen
ihre Charaktere durch Kontrast oder bloß graduale Verschiedenheit heben und
anschaulich machen um zu beurteilen wie er die Szenen stellen soll dass die
vorhergehenden die folgenden mittelbar oder unmittelbar vorbereiten und alle auf
den Hauptzweck losarbeiten welche er gleichsam nur im Schatten lassen nur
flüchtig und kurz übergehen und welche er in das größte Licht setzen und völlig
ausmalen soll wie er sie so ordnen soll dass jede mit der nächsten mehr oder
weniger kontrastiert und wie er dieses Mehr oder Weniger so einrichten soll
dass er Einförmigkeit und gezwungene Symmetrie verhindert
Um sich diese und so viele andre Pflichten zu erleichtern vereinigte der
Verfasser alle Mittel die dem Dichter verstattet sind Erzählung und Dialog
worunter man auch den Brief rechnen muss der eigentlich ein Dialog zwischen
Abwesenden ist Ob er ein jedes am rechten Orte dem poetischen Effekte gemäß
gebraucht und den eigentlichen Dialog und die Erzählung gehörig ineinander
verflösst hat kann nur der Leser beurteilen der hierinne kompetenter Richter
ist Wer ihm Fehler anzeigt und sich so dabei benimmt dass er mit Nachdenken
gelesen und mit Einsicht geurteilt zu haben scheint wird ihn durch eine solche
mit Gründen unterstützte Anzeige so sehr verbinden als durch den
uneingeschränktesten Beifall wer aus geheimer Abneigung gegen den Verfasser
oder aus Tadelsucht auf sein Buch schlechtweg schmäht und das Geradeste am
schiefsten findet wird erlangen was er verdient Verachtung
Viele Leser erlassen dem Romanschreiber gern alle mögliche poetische
Vollkommenheiten wenn er sie nur durch eine Menge seltsamer Begebenheiten
unterhält worunter eine mit der andern an Abenteuerlichkeit streitet und die
Personen recht winseln brav küssen und oft sterben lässt solche Leser werden
bei dem Verfasser ihre Rechnung nicht sehr finden denn er geht mit den Küssen
außerordentlich knickerig um und steigt nie zu einer großen Quantität um ihren
Wert und Effekt nicht abzunutzen Keine von seinen Personen wird bis zum
Wahnsinne melancholisch keine ist so sanft und schmelzend als wenn sie nur ein
Fluidum von Tränen wäre Überhaupt hat der Verfasser die Ketzerei dass er den
raschen von Sanfteit temperierten Ton in der Menschheit liebt und die
butterweichen Seelen die fast gar keine Konsistenz haben schlechterdings
entweder belachen oder verachten muss auch glaubt er daher dass es für die
Stimmung unsers Geistes zuträglicher wäre wenn wir mit unsern Romanen wieder in
den Geschmack der Zeiten zurückgingen wo der Liebhaber aus Liebe tätig wurde
und nicht bloß aus Liebe litt wo die Liebe die Triebfeder zum Handeln zu
Beweisung großer Tugenden wurde Geist und Nerven anspannte aber nicht
erschlaffte
Andre Leser verlangen bloß Muster der Tugend oder wie sie es nennen die
Menschheit auf der schönen Seite zu sehen der Verfasser hat allen Respekt für
die Tugend und möchte sie um sich in diesem Respekte zu erhalten nicht gern
zur alltäglichen Sache machen er findet dass diese kostbare Pflanze in unserer
Welt nur dünne gesäet ist und will sich also nicht sosehr an dem Schöpfer
versündigen und seine Welt schöner machen als er es für gut befand
Endlich suchen einige in einem Romane und auf dem Theater die nämliche
Erbauung die ihnen eine Predigt gibt und wollen gern wenn sie das Buch
zumachen das moralische Thema samt seinen Partibus wissen das der Herr Autor
abgehandelt hat Für diese hat der Verfasser der gegenwärtigen Geschichte am
meisten gesorgt denn aus jeder Zeile können sie sich eine Moral ziehen wenn es
ihnen beliebt
Wzl
Erster Teil
Erstes Kapitel
Im Jahre nach Erschaffung der Welt als die Damen kurze Absätze und niedrige
Toupets die Herren große Hüte und kleine Haarbeutel und niemand leicht Gold auf
dem Kleide trug der nicht wenigstens Silber genug in der Tasche hatte um es
bezahlen zu können wurde auf dem Schloss des Grafen von Ohlau ein Knabe
erzogen der bei dem Publikum des dazugehörigen Städtchens nicht weniger
Aufmerksamkeit erregte und in den langen Winterabenden nicht weniger Stoff zur
Unterhaltung gab als Alexander ehe er auf Abenteuer wider die Perser ausging
Graf und Gräfin deren Liebling er einige Zeit war nannten ihn Henri seine
Eltern Heinrich und das ganze Städtchen den kleinen Herrmann nach dem
Geschlechtsnamen seines vorgeblichen Vaters seines vorgeblichen sage ich
denn sosehr die körperliche Ähnlichkeit mit ihm es wahrscheinlich machte dass er
sein wahres echtes Produkt sein möchte und sowenig auch der erfahrenste
Physiognomist auf den Einfall gekommen wäre eine andere wirkende Ursache zu
vermuten so hatte doch jedermann die Unverschämtheit trotz jenes wichtigen
Grundes ihn seinem Vater völlig abzuleugnen und zwar aus der sonderbaren
Ursache weil der Sohn ein feiner witziger lebhafter Knabe wäre und gerade
soviel Verstand als sein Vater Dummheit besäße
Freilich war wohl diese Ursache etwas unzureichend einem armen Sterblichen
seine ehrliche Geburt abzusprechen auch gab der alte Herrmann nichts weniger
zu als dass er dumm sei und bewies sehr häufig durch die Tat dass er sich
hierinne nicht irrte gleichwohl hätten sich die Leute eher bereden lassen
nicht mehr an den Kobold zu glauben als den jungen Herrmann für den
rechtmäßigen Sohn des alten Herrmanns zu erkennen Indessen so genau alles alt
und jung in dieser Behauptung übereinstimmte so verschieden wurden die
Meinungen wenn es darauf ankam die Entstehung des Knabens zu erklären und
wenn man alles was darüber gedacht und gesagt worden ist sorgfältig aufbewahrt
hätte so würde eine solche Sammlung ungleich mehr Drucker und Setzer ernähren
als alle Träumereien der Philosophen Einige die des Sonntags zweimal in die
Kirche gingen und darum billiger dachten als andre die wöchentlich nur eine
Predigt hörten nahmen doch seinem Vater nicht die ganze Ehre des Anteils an der
Erzeugung seines Sohns sondern gestunden mit einem weisen Achselzucken dass ihm
vielleicht die eine Hälfte angehören könnte allein es wird vermutlich
weltkundig sein dass ein gelehrter Akademist die Unmöglichkeit einer solchen
Entstehung sonnenklar dargetan hat und die Anhänger jener Meinung werden mir
daher vergeben dass ich diesem Manne der den Homer Virgil und die sämtlichen
Erzväter des Alten Testaments auf seine Seite zu bringen weiß eher Glauben
beimesse als ihnen Leuten die nie ein griechisches Wort gesehen haben
»Der Herr Major im letzten Kriege mag ihn wohl zurückgelassen haben« sagten
andere Leute die sich etwas besser auf Wahrscheinlichkeit und
Unwahrscheinlichkeit verstunden
»Er ist ein Sohn von dem Herrn Grafen« zischelte sich jedermann ins Ohr
der auf die Gunst neidisch war die die Herrmannische Familie von dem Grafen
genoss und dieses war das ganze Städtchen Tausend ähnliche besser und
schlechter gegründete Vermutungen erzählte man sich als Wahrheiten vertraute
man sich mit geheimnisreicher Miene Wenn in den kühlen Abendstunden des Sommers
zwo Nachbarinnen vor der Tür beisammensassen wenn sich zwo Freundinnen am
Brunnen trafen bei dem Spinnrocken oder der Kaffeetasse plauderten war
zuverlässig der kleine Herrmann ihr Gespräch Wer aber unter allen am sichersten
der Wahrheit zuviel weder zur Rechten noch zur Linken gehen wollte der
versicherte schlechtweg der kleine Herrmann ist ein Hurkind
Natürlicherweise muss mir unendlich viel daran liegen dass diese Meinung
nicht unter meinen Lesern Glauben gewinnt da der Kunstgriff den Helden seiner
Geschichte aus einer Galanterie entstehen zu lassen seit des alten Homers
Zeiten schon so abgenutzt ist dass sich ein honneter Dichter schämen muss etwas
mit Hurkindern zu tun zu haben Es ist eine auf Urkunden gegründete Wahrheit
dass der alte Herrmann den Dienstag nach Misericordias unter priesterlicher
Einsegnung das Recht empfing einen Sohn zu zeugen und dass seine innig
geliebteste Frau Ehegattin ihn den vierten Advent des nämlichen Jahres gegen
Sonnenuntergang mit einem Wohlgestalten Knäblein erfreute welches zugestossener
Schwachheit halber in derselben Nacht die Nottaufe empfing und dieses war der
Herrmann dessen Geschichte ich erzähle Wer nach einem so einleuchtenden
Beweise noch eine Minute zweifelt muss entweder mich oder meinen Herrmann
hassen
Zweites Kapitel
An einem sehr heißen Sommertage gerade als die Sonne in den Krebs treten
wollte ging der Graf Ohlau seine Gemahlin am Arme und in Begleitung seiner
sämtlichen Domestiken überaus prächtig in der neuangelegten Lindenallee
spazieren welches er jeden Sonntag bei heiterem Wetter zu tun pflegte Das
ganze Städtchen das seine Liebe zur Pracht kannte paradierte alsdann auf
beiden Seiten der Allee in den auserlesensten Feierkleidern Männer und Weiber
Kinder und Eltern machten eine Gasse auf beiden Seiten und sahen mit gaffender
Bewunderung das starre goldreiche Kleid ihres hochgebornen Herrn Grafen nebst
einem langen Zuge von reicher Liverei durch die doppelte Reihe gravitätisch
dahinwandeln Nero konnte nicht grausamer zürnen wenn er auf dem Theater sang
und diesen oder jenen Bekannten unter den Zuschauern vermisste als der Graf
Ohlau wenn bei diesem sonntäglichen feierlichen Spaziergange jemand von den
Einwohnern des Städtchens fehlte ob er gleich einen solchen Verächter seiner
Hoheit nicht wie jener Heide köpfen ließ so war doch allemal in so einem
Übertretungsfalle auf einen heftigen Groll und bei der nächsten Gelegenheit auf
eine empfindliche Rache zu rechnen Obgleich zuweilen die Sonne so brennende
Strahlen auf die Versammlung warf dass die kahlen Köpfe der Alten wie
Ziegelsteine glühten dass die weissgepuderten Parücken der Ratsherren von der
geschmolzenen Pomade mohrenschwarz und die schönen schneeweißen Mädchengesichter
rotbraun und mit Sommersprossen und Blattern von der Hitze gezeichnet wurden so
wagte es doch niemand solange sich der Graf in der Allee aufhielt den Schatten
zu suchen man schwitzte ächzte und ward gelassen zum Märtyrer des herrlichen
Kleides das der Graf zu begaffen gab Er selbst machte sich mit der nämlichen
Standhaftigkeit zum Opfer seines Stolzes und seine Gemahlin mehr aus
Gefälligkeit gegen ihn als aus eigener Neigung steckte sich jedesmal in einen
großen Fischbeinrock und ein schweres reiches Kleid um die Herrlichkeit seines
Spazierganges vermehren zu helfen
Die Last dieser Feierlichkeit war noch keinen Tag so drückend gewesen dass
der Graf sie nicht hätte ertragen können doch jetzt am gemeldeten Sonntage
schoss die Sonne bei ihrem Eintritte in den Krebs so empfindliche Strahlen die
wie Pfeile verwundeten Die Augen der Zuschauer waren matt und blickten mit
schwacher Bewunderung auf das apfelgrüne Kleid in dessen Stickerei die
Silberflittern wie ein gestirnter Himmel glänzten und die Folie mit allen Farben
des Regenbogens spielte Jedermann lechzte und dachte empfand und sagte nichts
als »Das ist heiß« Der Graf wedelte sich unaufhörlich mit dem musselinen
Schnupftuche das Gesicht blies um sich und seufzte einmal über das andere
seiner Gemahlin zu »Das ist heiß« Die Frau Gräfin ging geduldig an seiner
Seite unter dem rottaffetnen Sonnenschirme mit glühendem aufgelaufenen Gesichte
und klopfendem Busen wo große Schweißtropfen wie die Perlen eines starken
Morgentaues standen zerrannen und in kleinen Bächen hinabliefen atmete tief
und keuchte nach ihrem Gemahle hin »Das ist heiß« Laufer Heiducken Jäger und
Lakaien so stolz sie sonst in ihren Galakleidern daherschritten schlichen mit
gesenkten Häuptern mutlos und schmachtend hinterdrein und brummten einander ein
jeder mit seinem Lieblingsfluche zu »Das ist heiß« Es war nichts anders
übrig als der Sonne nachzugeben und dem Schatten zuzueilen
Gerade musste sich es treffen dass unter der schattichten Linde wo der Graf
mit seinem Gefolge Schutz suchte der kleine Herrmann mit einigen seiner
Kameraden sein gewöhnliches Spiel spielte er war König teilte Befehle aus die
die übrigen vollziehen mussten und saß eben damals mit völliger Majestät und
Würde auf der Bank unter der Linde um einem Paar Abgesandten Audienz zu geben
Sobald sich der Graf dem Baume näherte liefen die erschrocknen Abgesandten
davon nur der kleine König blieb in die Hoheit seiner Rolle vertieft mit
gravitätischem Ernste sitzen Die Mutter die in der Ferne gegenüberstand biss
sich vor Ärger über die Unhöflichkeit ihres Sohnes in die Lippen und der Vater
hub schon mit Zähneknirschen und einem unwilligen »Du sollst es kriegen« sein
Rohr drohend in die Höhe Die Gräfin lächelte über die Unerschrockenheit mit
welcher sie der Knabe erwartete und sagte freundlich zu ihm »Rücke zu mein
Kleiner« »Nein das kann ich nicht« antwortete der Knabe »Ich muss in der
Mitte sitzen denn ich bin König und Sie sind nur Graf« Man lachte und gab
aus Ehrerbietung gegen seine königliche Würde seinem Verlangen nach
Ohne langes Besinnen fuhr er in seiner Rolle fort und gab mit der nämlichen
Dreistigkeit womit er seine Gespielen beherrscht hatte auch dem Grafen
Befehle und weil dieser nicht für nötig erachtete sie zu vollstrecken so
versicherte ihn der kleine Monarch dass er sich einen bessern Untertan in ihm
versprochen hätte und drohte ihm für seinen Ungehorsam die fürchterlichsten
Strafen an Die Gräfin die sehr bald merkte dass alle diese Ideen ob es gleich
nur Kinderspiel war dem Stolze ihres Gemahls widrig wurden suchte den Knaben
auf etwas andres zu lenken und bat ihn seine Majestät einmal beiseitezusetzen
und ihr ein paar Blumen zu pflücken Pfeilschnell sprang er von der Bank hinweg
setzte sich ins Gras pflückte Blumen und band mit dem sorgfältigsten Fleiße
ein sehr zierliches Bukett das er der Gräfin mit dem verliebten Anstande eines
Schäfers und einem Handkusse überreichte nebst der galanten Versicherung dass
er sie sehr lieb habe »Mein Sohn« sagte die Gräfin darauf »du wirst einmal
ein großer Mann oder ein großer Narr werden« »Ach« erwiderte der Knabe mit
kindischer Naivität »mit dem großen Narren hats keine Not das will ich wohl
bald werden wenn ich nur erst ein großer Mann bin«
Gräfin Hast du denn Lust ein großer Mann zu werden
Der Kleine Ja das werd ich und weiter nichts
Gräfin Auch ein großer Narr
Der Kleine Nein das ist meine Sache nicht Das ist einer setzte er
hinzu und wies mit dem Finger auf den Grafen Steifigkeit und Gezwungenheit
müssen auf jede richtig gestimmte Seele einen unmittelbaren widrigen Eindruck
machen sonst hätte unmöglich diesem kleinen Schwätzer ein so kindischer
Sarkasmus so voll der bittersten Wahrheit entwischen können Der Graf fühlte
ihn mit Widerwillen und es tat ihm sehr wehe dass er nicht zürnen konnte weil
ihn ein Kind gesagt hatte seine Gemahlin die seinen Stolz und seine
zeremoniöse Eitelkeit innerlich sehr missbilligte und sich nur nicht offenherzig
gegen ihn herauszulassen getraute freute sich im Herzen über den Vorwitz des
Bubens und ermahnte ihn zur Behutsamkeit und zum Respekte in seinen Ausdrücken
vielleicht gar in der boshaften Absicht seine Unverschämtheit noch mehr zu
reizen »Was hast du denn an mir auszusetzen« fragte der Graf mit hastigem
Tone um seine Empfindlichkeit zu verstecken
Der Kleine Sehr viel Warum ziehen Sie sich denn so warm an jetzt in der
Hitze Sehen Sie das ist gescheit angezogen wobei er seine kleine
rotstreifichte Leinwandjacke auseinanderzog und von der Luft durchwehen ließ
Die Gräfin verbarg eine boshafte Freude hinter dem Fächer und machte ihm den
Einwurf dass sich eine solche Kleidung nicht für den Grafen schicke
Der Kleine Warum denn nicht Wenn sie sich für mich schickt
Die Gräfin Und du bist doch ein König
Der Kleine Oh Sie sind eine scharmante Frau ich habe Sie wahrhaftig recht
lieb das können Sie glauben Wenn ich groß bin will ich Sie heiraten
Die Gräfin Du mich Ich habe ja schon einen Mann
Der Kleine Ja wobei er den Grafen mit schiefem verächtlichen Blicke vom
Kopf bis zu den Füßen übersah den hätt ich nicht genommen
Die Gräfin Warum denn nicht
Der Kleine Weil er so viel Silber auf de Rocke hat
Die Gräfin Du wirst also vermutlich kein Silber tragen wenn wir einander
heiraten
Der Kleine Also wollen Sie mich Geben Sie mir Ihre Hand darauf
Die Gräfin Hier ist sie Warum bist du denn aber dem Silber so gram
Der Kleine Weil es zu geputzt aussieht
Die Gräfin Ich merke also wohl du bist kein Liebhaber vom Geputzten
Der Kleine Gar nicht Wenn ich auch einmal ein großer Mann bin geh ich
doch nicht anders wie itzo
Die Gräfin Was für ein großer Mann denkst du denn zu werden
Der Kleine Das weiß ich selber noch nicht recht Sonst wollt ich immer ein
König werden aber das gefällt mir nicht mehr Ich will lieber zur See gehen und
Länder entdecken
Die Gräfin Da wirst du mich bald zur Witwe machen
Der Kleine Ja wenn ich Sie heirate Vor Freude tat er zwei große
Sprünge bei diesen Worten Da bleib ich lieber zu Hause bei Ihnen und werde
recht gelehrt recht erstaunend gelehrt Hernach müssen die Leute aus der
ganzen Welt zu mir kommen und mich sehen wollen die Königin aus Saba muss zu mir
kommen da lös ich ihr Rätsel auf
Die Gräfin Die gute Frau ist schon lange tot
Der Kleine Es wird doch wohl eine andre wieder dasein Die bringt mir dann
große Geschenke Gold Silber Weihrauch
Die Gräfin Du bist ja kein Liebhaber von Gold und Silber
Der Kleine Ach ich behalte nichts davon ich schenke alles wieder weg
alles
Die Gräfin Das ist edelmütig Ich dächte so ein munterer Bursch wie du
ginge lieber in den Krieg
Der Kleine Nein das ist gar nicht meine Sache
Die Gräfin Warum nicht
Der Kleine Das Pulver macht schmutzige Hände die Soldaten sehen mir alle
zu wild aus und im Kriege wird man ja totgeschossen
Die Gräfin Du musst die andern totschiessen damit sie dich nicht totschiessen
können
Der Kleine Ich sollte jemanden totschiessen Das könnt ich nicht Das tät
mir so weh als wenn meine Mutter eine Henne abschlachtet Ich kann gar kein
Blut sehen setzte er mit leisem Tone und halbem Schauer hinzu
Die Gräfin Bist du so mitleidig
»Ach« seufzte der Knabe und Tränen standen ihm in den dunkelblauen Augen
»ich kann gar nicht sterben sehen Auch keinen Menschen dem etwas weh tut Der
lahme Görge hier in der Stadt wenn ich den mit seiner Stelze kommen sehe
ach da geh ich allemal in eine andere Gasse dass ich nicht vor ihm vorbei muss«
»Dort kommt die Kutsche« unterbrach der Graf freudig ihr Gespräch der
unterdessen voller Ungeduld wie auf Feuer dagesessen und nach der lange
verschobnen Ankunft des blauen Staatswagens geseufzt hatte
Bei seinem Vergnügen an der Pracht spielten Kutschen und Pferde keine
geringe Rolle er verschrieb sich alle mögliche Risse von Staatskarossen und den
sämtlichen übrigen Arten von Wagen und niemand durfte ihm leicht ein
merkwürdiges Fuhrwerk oder Pferdegeschirr nennen ohne dass er nicht den Auftrag
bekam eine Zeichnung davon zu schaffen Keine Schmeicheleien und kein Geld
wurden dabei gespart den Zeichner und Kommissionar zur Beschleunigung seines
Wunsches aufzumuntern empfahl sich einer unter den erhaltnen Rissen durch
unwiderstehliche Schönheiten so wurde er ausgeführt und jedesmal wenn so ein
neues Werk vollendet und zum ersten Male gebraucht wurde empfing das ganze
Schloss einen Schmaus wie andere Leute zu geben pflegen wenn sie ein Haus
gebaut haben Schade war es nur dass die herrlichen Gebäude allemal aus einem
doppelten Grunde unbrauchbar und meist auch ziemlich abgeschmackt waren seine
Leidenschaft für die Pracht zog Schönheit und Geschmack so wenig zu Rate dass
jedes Fleckchen von der Decke bis zur Radeschiene von dem äußersten Ende der
Deichsel bis zu der äußersten Spitze des letzten Eisens hinter dem Kasten mit
Gold beklebt werden musste wofern es andere Ursachen nur im mindsten zuliessen
auf der andern Seite wollte sein Geiz wovon ihm eine starke Dosis zuteil
geworden war jenen prächtigen Kunstwerken die Dauerhaftigkeit einer
ägyptischen Pyramide geben und riet ihm sie so massiv so plump bauen zu
lassen dass selten eine Kutsche nach geendigter Schöpfung mit weniger als acht
Pferden von der Stelle gebracht werden konnte Dieselben Ursachen machten auch
seine Pferdegeschirre zu wahren Meisterstücken des schlechten Geschmacks sie
waren alle so schwer dass unter der kostbaren Last die armen Rosse ihres Lebens
nicht froh wurden und meistens zwei Tage eine Entkräftung fühlten wenn sie
einmal eine Stunde lang in ihrem ganzen Schmucke an so einem vergoldeten Hause
gezogen hatten Bei einer solchen Bewandtnis ist es kein Wunder dass der Herr
Graf während der vorhergehenden Unterredung seiner Gemahlin mit dem kleinen
Herrmann so lange auf den blauen Wagen warten musste ob er gleich beinahe schon
angespannt war als der Spaziergang eröffnet wurde das ungeheure Gebäude konnte
bei der gewaltigen Hitze nicht anders als in dem Tempo eines gemeinen Mistwagens
fortbewegt werden und noch blieben die niedergeschlagnen Pferde alle sechs
Schritte einmal stehen um auszuschnauben
Endlich langte die blaue fensterreiche Karosse bei der Linde an sechs
Perlfalben zogen sie unter einem blausamtnen mit goldnen Tressen und
unzählbaren Schnallen gezierten Geschirre sie hingen traurig den
schöngeflochtnen mit goldnen Rosen geschmückten Hals und fühlten ihr glänzendes
Elend so stark dass sie nicht einmal die funkelnde Quaste auf dem Kopfe
schüttelten Graf und Gräfin stiegen hinein und ohne dass man es gewahr wurde
wie ein Wind wischte der kleine Herrmann hinter ihnen drein pump saß er da
dem hochgebornen Paare gegenüber Der Graf erschreckte ihn zwar durch die
auffahrende Frage »Was willst du hier« allein der Knabe antwortete ihm
unerschüttert »Ich will einmal sehen wie sichs in so einem Wagen fährt«
Unterwegs machte er sehr oft die Anmerkung dass diese Art zu fahren für ihn
erstaunend langweilig wäre bezeugte auch zuweilen ein großes Verlangen aus dem
Kasten herauszugehn und da ihn die Gräfin zur Ruhe vermahnte versicherte er
dass er nur aus Liebe zu ihr sich so lange darin zurückhalten ließe
Allmählich begann der zweite Akt des Spaziergangs Wenn der Graf sich bei
dieser Sonntagskomödie mit der ganzen Kommun seiner Residenz einige Zeit von der
Sonne hatte sengen und brennen lassen erschien gewöhnlich wie itzo eine von
seinen schwerfälligen Staatskutschen worin er mit der Langsamkeit einer
Leichenbegleitung durch die Alleen eines Lustwäldchens fuhr die ganze Stadt
folgte ihm alsdann zu Fuß auf beiden Seiten und hinten nach und jeder Knabe
hatte die Erlaubnis ein Band ein Schnupftuch oder jede andre Sache die weich
genug war um keine Beulen zu machen wenn sie einen Kopf traf in den Wagen zu
werfen Nach geendigter Spazierfahrt sammelte der Kammerdiener alle
hineingeworfnen Lappen in einen Korb trat mit ihm mitten auf den Schlosshof die
Stadtjugend stellte sich in einem Zirkel um ihn und sobald der Graf das Fenster
öffnete fing er an ein Band ein Tuch nach dem andern in die Höhe zu halten
und nach dem Eigentümer desselben zu fragen wer sich dazu bekannte und sein
Recht aus gültigen Gründen beweisen konnte erhielt bei der Rückgabe etwas Geld
waren die Ansprüche so verwickelt und zweifelhaft dass sich der Kammerdiener
ohne Verletzung seines Richtergewissens nicht zu entscheiden getraute so musste
der Zweikampf den Ausschlag tun die Kompetenten traten in die Mitte des
Kreises rangen miteinander und wer den andern zuerst niederwarf besaß das
Band und den damit verbundenen Preis ungestört bis in alle Ewigkeit wenn er
auch gleich dem Überwundnen gehörte Während der Austeilung wurde ein Fass voll
Bier in Bereitschaft gesetzt auf einen kleinen Wagen geladen und hatte jedes
Band seinen Besitzer gefunden so spannte sich ein Trupp Knaben daran und zog
ihn Musik voraus in den herrschaftlichen Garten wo in einem alten Pavillon
die Mädchen warteten um mit ihnen gemeinschaftlich den Abend unter Tänzen und
Liedern hinzubringen Sehr oft sah der Graf mit seiner Gemahlin ihren
jugendlichen Ergötzlichkeiten zu wenigstens waren doch auf allen Fall die
Eltern zugegen um Unordnungen vorzubeugen und durch ihre Gegenwart Reizungen zu
unterdrücken welche der Tanz leicht erweckt
Der kleine Herrmann der aus Liebe zur Gräfin die ganze Fahrt hindurch bis
zur Ankunft auf dem Schloss in der Kutsche ruhig ausgehalten hatte bat sich
die Erlaubnis aus bei der darauffolgenden Preisausteilung die Stelle des
Kammerdieners zu vertreten und auf Zureden seiner Gönnerin bewilligte ihm der
Graf seine Bitte Er sammelte die zahlreichen Bänder und Tücher aus dem Wagen
mit eilfertiger Geschäftigkeit zusammen und trat mit dem völligen feierlichen
Anstande eines Richters unter der Begleitung des Kammerdieners der Korb und
Geld neben ihm hertrug in den Kreis seiner erstaunten Kameraden Sie murmelten
zwar einander einige kleine Höhnereien zu dass ihresgleichen über sie erkennen
sollte allein Graf und Gräfin öffneten das Fenster und man schwieg Der neue
Richter schwenkte ein Band in die Luft fragte wem es gehörte gab es dem
ersten der mit einem deutlichen »Mir« antwortete aber kein Geld verfuhr mit
den übrigen ebenso und niemand bekam Geld Der Kammerdiener dieser neuen
Praxis ungewohnt wollte ihm ins Amt greifen die ganze versammelte Jugend wurde
schwürig und wollte die alte Prozessordnung hergestellt wissen doch die Gräfin
rief »Lasst ihn nur machen« und man musste sich beruhigen Als der Korb
ausgeleert war befahl er einem jeden nach der Reihe seine eingelösten Bänder
zu zählen und wer die meisten hatte bekam das wenigste Geld ein einziger
Knabe der nur eins in den Wagen geworfen und auch nur eins zurückgefodert
hatte erhielt den höchsten Preis gerade so viel als alle übrige zusammen
Natürlich mussten die andern über ihre getäuschte Unverschämtheit unwillig
werden und weil kein Mittel zu einer größeren Rache vorhanden war schimpfte
schmähte verspottete man die neue Weisheit des Richters der Kammerdiener dem
es auch nicht anstund dass der Knabe klüger sein wollte als er alter Mann
suchte ihn anzuhetzen und in einen Streit zu verwickeln wo er notwendig den
kürzern ziehen würde »Leid es nicht« zischelte er ihm leise zu allein er
bekam nichts als die stolze Antwort »Das schadet mir nichts ich bleibe
dennoch wer ich bin« und so wanderte unser kleiner Herrmann voll edlen
Bewusstseins nach dem Zimmer des Grafen
Der Empfang von s der Gräfin war ungemein lebhaft und freundlich und
selbst ihr Gemahl fühlte in dem Verfahren des Knaben bei der Preisausteilung so
etwas das mehr als einen gemeinen Geist voraussetzte Sie lobten ihn beide
beschenkten ihn und der Graf gab sich selbst die gnädige Mühe ihn mit hoher
Hand in seinen Staatszimmern herumzuführen denn nach seinen Begriffen war es
die größte Gnadenbezeugung wenn er jemandem Gelegenheit gab ihn in seiner
Pracht zu bewundern »Wie gefällt dir das alles« fragte der Graf »Ganz
wohl« erwiderte der Knabe »nur das viele Gold kann ich nicht leiden« »Was
möchtest du nun am liebsten unter allen diesen Sachen haben« fing die Gräfin
an »Nichts als das« antwortete der Kleine und wies auf ein Porträt der
Gräfin
Die Vorstellung ich gefalle verbreitet über weibliche Nerven jederzeit
so eine eigne lebhafte Behaglichkeit dass ihr ein Frauenzimmer auch bei einem
sechsjährigen Knaben nicht widerstehen kann die Gräfin ging ohne ein Wort zu
sagen in ihr Zimmer und kam mit einem Miniaturgemälde zurück das sie ihrem
Lieblinge denn das war er nun völligzum Geschenk überreichte »Wenn dir«
sagte sie »die Frau auf dem großen Gemälde hier so wohlgefällt so will ich dir
ihr Porträt im kleinen geben behalt es zu meinem Andenken« Der Knabe tat
einen freudigen Sprung seine ganze Miene wurde Vergnügen er küsste das Bild
etlichemal und bat um ein Band die Gräfin vertröstete ihn bis zur Zurückkunft
in ihr Zimmer hurtig machte sich der galante Bube sein Knieband los zog es
durch das Öhr des Porträts und hing es um den Hals »Mein Orden ist tausendmal
schöner als Ihrer« sprach er zum Grafen und drückte das Bild so fest an die
Brust dass die Gräfin sich nicht enthalten konnte ihm für diese unschuldige
Schmeichelei einen derben Kuss auf die runden roten Backen zu drücken
Man öffnete die beiden Flügel der Tür der Graf erblickte die Spieltische in
völliger Bereitschaft »Zum Spiel« rief er und bot seiner Gemahlin die Hand
die sie ungern annahm weil sie sich von ihrem kleinen Liebhaber trennen sollte
Zugleich gab er einem Laufer Befehl den Knaben zu seinen Eltern
zurückzubringen das war ein Donnerschlag für den armen Verliebten Er
schluchzte ging niedergeschlagen und langsam zur Gräfin fasste ihre Hand küsste
sie und brach in lautes Weinen aus die Dame ward durch die kindische Betrübnis
so gerührt dass ihr eine Träne über die Wange herabrollte mit hastiger Bewegung
riss sie den weinenden Knaben zurück gab ihm zween recht feurige Küsse reichte
mit einem Seufzer dem versilberten strotzenden Herrn Gemahle die Hand und ging
an den Spieltisch
Die Mutter erwartete ihn an der Tür als er mit dem Laufer angewandert kam
und empfing ihn mit lautem Jubel über das Glück und die Gnade die ihm heute
widerfahren wäre und belud seinen Überbringer mit so vielen untertänigsten und
alleruntertänigsten Danksagungen dafür dass sie einen Maulesel nicht schwerer
hätte bepacken können Desto mehr war der Vater wider sie und seinen Leibeserben
aufgebracht er hielt es schlechterdings für eine Beschimpfung seiner Familie
dass sein Sohn sich zu dem Grafen drängte und wollte ihn kraft der väterlichen
Gewalt zu seinem Besten mit einer nachdrücklichen Züchtigung bestrafen wenn
nicht die Mutter noch zu rechter Zeit hinzugesprungen wäre und den armen Jungen
unter dem ausgeholten Rutenhiebe weggerissen hätte »Mag er mich schlagen«
sagte der kleine Heinrich »hab ich doch mein liebes Bild« und dabei küsste er
das Porträt der Gräfin
Dies war beiläufig gesagt der Zeitpunkt wo das Stadtpublikum an der
ehelichen rechtmäßigen Zeugung des Knaben zu zweifeln anfing
Drittes Kapitel
Die Gräfin die wie man bereits gemerkt haben wird mehr eitel als stolz war
fand in der kindischen Liebe des kleinen Herrmanns soviel Schmeichelndes dass
sie nach aufgehobner Tafel als sie ihr Gemahl auf ihr Zimmer gebracht hatte
das Gespräch sogleich auf ihn lenkte Sie bestand darauf dass man einem so
vielversprechenden Subjekte eine bessere Erziehung verschaffen müsste als er bei
seinen Eltern haben könnte und tat deswegen den Vorschlag ihn auf das Schloss
zu nehmen und den Unterricht und die Aufsicht des Lehrers mitgeniessen zu lassen
den man ohnehin für die kleine Ulrike eine arme Schwestertochter des Grafen
bezahlte Ihr Gemahl machte zwar Einwendungen und darunter eine die weiser war
als alle die er gewöhnlich zu machen pflegte er besorgte nämlich dass man den
Knaben durch eine vornehme seinem Stand und Vermögen nicht angemessne Erziehung
nur unglücklich machen werde »Wir geben ihm« sagte er »eine Menge
Bedürfnisse die er in seiner Eltern Hause nie würde kennenlernen wir fachen
seinen Ehrgeiz nur noch mehr an da er schon für sich stark genug ist durch den
beständigen Umgang mit dem andern Geschlechte wird seine natürliche
Empfindlichkeit erhöht er wird weichlich wollüstig und vielleicht gar ein
Geck Haben Sie nicht seinen übermäßigen Stolz bemerkt Wenn man sieht dass er
Ihr Liebling ist wird ihm jedermann schmeicheln um Ihnen zu schmeicheln und
in zwei Jahren ist sonach er der verdorbenste aufgeblasenste und
unerträglichste Bursch der niemanden in der Welt achtet als sich selbst Ihre
Güte ist auf alle Fälle zuversichtlich sein Unglück Es geht schlechterdings
nicht« setzte er mit seinem gewöhnlichen peremtorischen Tone hinzu
Der Graf machte sehr oft dergleichen gute oder schlechtere philosophische
Anmerkungen und Einwendungen bei jeder Gelegenheit aber niemals im eigentlichen
Ernste um zu widerlegen oder die vorgeschlagene Sache zu hindern sondern bloß
aus Räsoniersucht um seinen vorgeblichen Verstand zu zeigen räumte man ihm
daher seine Einwürfe als unüberwindlich ein so war nichts leichter als ihn
unmittelbar durch diese stillschweigende Anerkennung seiner Überlegenheit zu der
nämlichen Sache zu bereden die er bestritten hatte Seine Gemahlin kannte alle
feste und schwache Plätze seines Charakters so genau dass sie eine Karte davon
hätte zeichnen können und gestand ihm deswegen in dem vorhabenden Falle mit
betrübter Verlegenheit zu dass es freilich unmöglich sei so starke und
vernünftige Gegengründe zu entkräften »Man muss also darauf denken« setzte
sie hinzu »wie man den Burschen auf eine weniger gefährliche Art unterstützt«
»Aber« fiel ihr der Graf ins Wort »man kann es ja versuchen merkt man
dass er durch seinen Aufenthalt bei uns verschlimmert wird so schickt man ihn
wieder zu seinen Eltern Aber freilich liebe Gemahlin Sie sind schwach wenn
Sie einmal etwas lieben dann fällt es Ihnen schwer sich davon zu trennen Ihre
Liebe wird gleich zu heftig«
»Freilich wohl gnädiger Herr« antwortete die Gräfin seufzend und zupfte
mit einiger Verlegenheit an ihrem Kleide »Ich erkenne wohl wie sehr Sie recht
haben dass meine Liebe die Leute meistens verdirbt ich fühle meine Schwäche in
diesem Punkte Wir wollen den Burschen lassen wo er ist«
»Aber« nahm der Graf mit einer kleinen Hastigkeit das Wort »warum wollen
Sie es denn nicht versuchen wenn Sie Ihr Vergnügen dabei finden Wollen Sie
zuweilen eine kleine freundschaftliche Warnung von mir annehmen im Falle dass
Sie zu weit gehen «
Die Gräfin O mit Freuden gnädiger Herr Sie wissen wie willig ich mich
von Ihnen leiten lasse wie gern ich Ihre Vernunftgründe zugebe dass ich leicht
von etwas abstehe wenn Sie es missbilligen
Der Graf Ja ich kenne Ihre Güte
Die Gräfin Nennen Sie das nicht Güte gnädiger Herr Pflicht Schuldigkeit
ist es Ich schätze mich glücklich genug dass ich fähig bin die Richtigkeit und
Billigkeit Ihrer Einwendungen und Befehle einzusehen auf keinen andren Verstand
als auf diesen mache ich Anspruch
Der Graf War denn Ihre Absicht dass der Knabe bei uns auf dem Schloss
wohnen sollte
Die Gräfin Meine Absicht war es allerdings denn eine doppelte so ganz
entgegengesetzte Erziehung
Der Graf Würde ihn nur verderben Was er in den paar Stunden die er sich
bei uns aufhielt Gutes lernte würde er den übrigen Teil des Tages bei seinen
Eltern wieder vergessen die Fehler die er bei uns ablegte würde er dort
wieder annehmen Sein Vater ist ohnehin etwas ungeschliffen Das täte gar nicht
gut wenn er einmal besser erzogen werden soll so muss er von der Lebensart
seiner Eltern gar nichts mehr zu sehen bekommen Zudem wäre mirs auch
unangenehm ihn unter uns zu leiden wenn er hernach wieder mit seinesgleichen
mit gemeinen Jungen auf der Gasse spielen und herumlaufen dürfte
Die Gräfin Ihre Bedenklichkeiten sind völlig gegründet es lässt sich nicht
das mindeste dawider einwenden Ich will mir die Grille wieder vergehen
lassen der Junge mag bleiben wo er ist
»Aber wozu denn« rief der Graf mit ereiferter Güte »Ich will dem
Haushofmeister befehlen dass er «
Die Gräfin Ich bitte Sie gnädiger Herr Verursachen Sie sich meinethalben
nicht die Beschwerlichkeit einen Jungen um sich zu sehen der Ihnen freilich
anfangs nicht mit der gehörigen Ehrerbietung begegnen wird
Der Graf Das besorge ich eben Er hat noch keine Manieren ist auch wohl
zuweilen ungezogen aber ich denke er soll sich durch unsern Umgang bald
bilden
Die Gräfin Das hoff ich Mir sollte die Sorge für seine Erziehung ein
süßes Geschäfte sein
Nach einer kleinen tiefsinnigen Pause setzte sie traurig und mit nassen
Augen hinzu »Da mir das Glück keine eignen Kinder zu erziehen gibt muss ich die
mütterlichen Vergnügen an fremden genießen«
»Aber« warf ihr der Graf ein »Sie werden sich zu sehr an den Knaben
fesseln sich zu sehr mit ihm abgeben und dadurch eine unendliche Last auf sich
laden«
Die Gräfin Meine Last dabei wäre sehr gering allein für Sie gnädiger
Herr könnte sie größer sein als ich wünschte Es mag unterbleiben
Der Graf Nein doch Sie sollen sich schlechterdings meinetwegen kein
Vergnügen versagen
Die Gräfin Und ich will schlechterdings kein Vergnügen genießen das Ihnen
nur eine missvergnügte Minute machen könnte Wollte ich doch dass ich nicht so
unbescheiden gewesen wäre Ihnen von meinem unüberlegten Einfalle etwas zu
sagen
Der Graf Ihr Einfall muss befriedigt werden ich geb es nicht anders zu
Die Gräfin Gnädiger Herr ich müsste mir selbst Vorwürfe machen wenn ich
aus Unbesonnenheit Ihre Güte so missbrauchte
Der Graf Ich will nun ich will
Nunmehr war er auf den Punkt gebracht wohin er sollte er sagte die letzten
Worte mit so einem auffahrenden positiven Tone dass nur noch eine
Gegenvorstellung nötig war um ihn zornig zu machen War er einmal unvermerkt
dahin geleitet dass er die Sache selbst verlangen und befehlen musste die er
anfangs bestritt und im Grunde sehr ungern sah so hatte die Gräfin zuviel
Feinheit um seinen Stolz bis auf das Äußerste zu treiben und einen wirklichen
Zorn abzuwarten sondern sie ergab sich nunmehr mit anscheinendem Widerwillen
»Ich unterwerfe mich Ihrem Befehle« sprach sie mit einer tiefen Verbeugung und
küsste ihm ehrerbietig die Hand »Sie können meiner Dankbarkeit gewiss sein und
ebensosehr meiner Folgsamkeit sobald Ihnen Ihre Güte nur die mindeste
Beschwerlichkeit « »Denken Sie nicht mehr daran« unterbrach sie ihr Gemahl
»Ihr Vergnügen und das meinige können nie ohneeinander sein «
Er sagte gleich darauf mit der verbindlichsten Freundlichkeit gute Nacht und
trieb die Verbindlichkeit so weit dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in
seinem Zimmer bei dem Ausziehen dem Kammerdiener Befehl gab noch denselben
Abend zu dem Einnehmer Herrmann zu gehen und ihm zu melden dass er sich morgen
früh um sieben Uhr vor des Grafen Zimmer einfinden solle
Die ganze Herrmannische Familie lag schon in tiefem Schlummer der Hausvater
schnarchte bereits so lieblich und mit so mannigfaltigen Veränderungen alle
Oktaven durch dass die arme Ehegattin an seiner Seite nicht fünf Minuten
zusammenhängenden vernünftigen Schlummer zuwege bringen konnte Eben war es ihr
geglückt alle Hindernisse zu überwältigen und in einen sanften erquickenden
Schlaf dahinzusinken als der Kammerdiener des Grafen an der Tür rasselte und
da er diese verschlossen fand an die niedrigen Fensterladen so emphatisch mit
geballten Fäusten anpochte dass die beiden Eheleute vor Schrecken im Bette weit
in die Höhe prellten Halb aus Scham halb aus Furchtsamkeit wollte die erwachte
Frau das Fenster nicht öffnen sondern stieß den wieder eingeschlafenen Gemahl
so heftig in die Rippen knipp ihn in die Wangen und paukte ihm endlich so derb
auf der Brust herum dass sich der arme Mann mit einem erstickenden Husten
aufrichtete und ein schlaftrunknes »Was gibts« herauszukrächzen anfing als
der ungeduldige Kammerdiener mit verdoppelter Stärke an den Laden donnerte
Urplötzlich raffte sich der Mann in der Betäubung auf rannte an das Fenster
riess den Laden auf fasste den Abgesandten des Grafen bei dem Kopfe und
schüttelte ihn mit so lebhaftem Grimme dass er vor Schmerz laut zu heulen
anfing »Ich bins ja« rief er einmal über das andre und nannte seinen Namen
»So sind Sies« rief Herrmann voller Erstaunen »Hier haben Sie Ihre Haare
wieder« Er hatte dem armen kahlköpfigen Alten in der Hitze der vermeinten
Beleidigung fast das ganze kleine Toupet ausgerissen und lieferte es ihm wie
ers zwischen den Fingern hielt unbeschädigt wieder aus Natürlich konnte eine
so gewaltätige Szene nicht ohne Wortzank ablaufen beide stritten und
schimpften bis sich die Frau vom Hause einfand ihren Mann vom Fenster wegzog
und sich höflich bei dem Kammerdiner nach seinem Verlangen erkundigte er
richtete seine Botschaft aus und ging mit einer angenehmen Ruh sein
ausgerauftes Toupet in der Hand nach dem Schloss zurück
Unbekümmert ob dieses hohe Verlangen des Grafen nach der Gegenwart des
alten Herrmanns Gnade oder Ungnade für ihn bedeuten möchte legte er sich wieder
ins Bette und brummte nicht wenig dass man ihn um einer solchen Kleinigkeit
willen in dem Schlafe störte Seine Ehefrau hingegen die den Wert der Botschaft
besser fühlte warf sogleich ihren kattunen ziegelfarbnen Nachtmantel um sich
zündete Licht an und war schon von so großen Gedanken schwanger dass ihr beide
Backen von Erwartung glühten Sie wollte ihre Mutmaßungen ihrem Manne mitteilen
aber da war keine Antwort Als eine sorgsame Hausfrau holte sie das feinste
Hemde ihres Mannes herbei nähte daran zwei starre ungeheure Manschetten wo auf
einem musselinen Grunde große Tulpen und Rosen in einem Relief von dickem
Zwirne prangten Oft ruhte die Nadel und oft rückte in vielen Minuten die
Arbeit nicht um einen Stich weiter denn die geschäftige Einbildungskraft
unterhielt die gute Frau mit einer solchen Menge Aussichten Gnadenbezeugungen
und Lobsprüchen über das Verhalten ihres Sohns der nach ihrer Meinung den
verlangten Besuch veranlasst haben musste mit so herrlichen Szenen künftiger
Größe und künftigen Wohlseins dass sie sogar in der Selbstvergessenheit zweimal
die Arbeit unter den Tisch fallen ließ und der Nachtwächter meldete eben
grunzend unter ihrem Fenster dass es zwölfe geschlagen habe als sie den letzten
Knoten machte Darauf ergriff sie das beste Kleid in ihres Mannes Garderobe
jagte den Staub mit lauten Stockschlägen heraus und bürstete so lange bis sich
kein Fäserchen mehr darauf blicken ließ Die letzte und beschwerlichste Arbeit
war noch übrig die Stutzperücke musste beinahe ganz umgeschaffen werden
Hoffnung und Freude gaben ihren Händen ungewöhnliche Geschicklichkeit sie
schlugen meisterhafte Locken alle gelangen auf den ersten Wurf als wenn sie
ein schöpferisches Dichterfeuer belebte und nunmehr wurde in Ermangelung des
Puders durch ein Sieb auf die schöne Frisur in so reichlichem Überflusse Mehl
gestreut dass der stattliche Stutz in der schlecht erleuchteten Stube wie ein
Morgenstern glänzte Wirklich fing auch schon die Morgendämmrung an als sie mit
Wohlgefallen den letzten Blick auf ihre Arbeit warf und zum Bette zurückkehrte
Die Ruhe war unmöglich ihre Gedanken ließ sie nicht einschlafen kaum
krähte der Hahn zum zweiten Male als sie wieder aufsprang um den übrigen Staat
für ihren Mann in Bereitschaft zu setzen Sie weckte ihn und machte indessen
Anstalt zum Kaffee
Herr Herrmann dehnte sich dreimal mit einem lauten Stöhnen und stund auf
achtete weder des schöngepuderten Stutzes noch der blumenreichen Manschetten
noch des übrigen wohlgesäuberten Putzes ob er gleich ausgebreitet vor seinen
Augen dalag sondern zog seine gewöhnliche Alltagskleidung an einen grautuchnen
Überrock und graue wollne Strümpfe kämmte sein Haar in eine große Rolle wie es
ihm von sich selbst zu fallen beliebte und pfiff dabei ein sehr erbauliches
Wach auf mein Herz und singe
Die Frau brachte den Kaffee und der Ärger erstickte den Guten Morgen den
sie schon halb ausgesprochen hatte als sie ihren Mann in seiner schlechten
Alltagsmontur erblickte sie ward bleich zitterte setzte den Kaffee auf den
Tisch stemmte die Arme in die Seiten wollte sehr pathetisch in Verwundrung und
Vorwürfe ausbrechen und verstummte der Ärger schnürte ihr die Kehle zu Sie
ging hinaus in die Küche und weinte bitterlich Indessen schenkte sich ihr
Ehegatte ein und pfiff dabei sein Morgenlied so munter und so durchdringend hell
wie ein Gimpel schlürfte einen Schluck aus der Tasse und pfiff weiter Wie
unsinnig lief er mit abwechselndem Fluchen und Pfeifen in der Stube herum
störte alles um wo eine Tabakspfeife versteckt sein konnte stieß an den
Perückenstock dass der schöne Stutz über das saubere braune Kleid
herunterstürzte und auf seinem ganze Wege wie ein ausgeschütteter Mehlsack
eine dicke Wolke von sich blies eine Flasche mit einem Reste vom gestrigen
Abendtrunke rollte nach langem Taumeln über den Tisch hin und ließ eine große
See von Bier zurück ehe sie auf den Fußboden herabsprang und in kleine Scherben
zerbrach
Das Geräusch der zerbrechenden Flasche rief die erschrockne Ehefrau in die
Stube sie trat betrübt mit roten aufgelaufenen Augen herein als eben ihr
wütender Gemahl das treffliche Hemde zusammengedrückt in der Faust hielt und
ohne sich zu bedenken in die Biersee gerade hineinwarf »Ach« rief die Frau
an der Tür aus und ein Strom von Tränen brach ihr aus den Augen Ohne ihren
schmerzhaften Seufzer wahrgenommen zu haben drehte sich der Mann und lief
hastig auf sie zu »Nillchen Nillchen« schrie er »wo ist meine Pfeife«
Die Frau konnte ihm mit nichts antworten als mit Tränen und einem doppelten
»Ach«
»Nillchen was ist dir denn« fragte er und suchte in dem Tischkasten
»Was ist dir denn«
Die Frau Ach du wirst mich noch vor der Zeit ins Grab bringen
Der Mann Schaff mir nur erst meine Pfeife Ich dich ins Grab Warum
denn Nillchen
Die Frau Du fragst noch Sieh nur was du gemacht hast dann brauchst du
gewiss nicht mehr zu fragen
Der Mann Was hab ich denn gemacht Nillchen Ja etwas umgeworfen die
Flasche zerbrochen Warum tust du alle die Sachen nicht an ihren rechten Ort
Die Frau So Erst sitz ich die ganze Nacht auf und breche mir den Schlaf
ab und hernach bin ich gar noch schuld daran wenn du wie ein Heide alles
zerschlägst und verdirbst
Der Mann Du hast nicht geschlafen Warum denn Nillchen
Die Frau Warum denn als deinetwegen Hab ich denn nicht gesessen und
genäht dass mir das Blut aus den Nägeln hätte springen mögen
»Da liegts das schöne Hemde« fuhr sie nach einer Pause schluchzend fort
und wischte sich mit der Schürze die Augen »Da liegts ich kanns vor Jammer
gar nicht ansehen«
Der Mann Ja und mein schönes braunes Kleid ach Zeter wer hat denn das
so entsetzlich zugerichtet Das sieht ja aus als wenns im Mehlkasten gesteckt
hätte Kehr es doch Nillchen
Die Frau Dass ich eine Närrin wäre Wer den Unflat gemacht hat salva venia
der mag ihn wieder wegkehren
Der Mann Wer hats denn getan Doch wohl der Junge Die Brut hat niemals
die Gedanken beisammen
Die Frau Ja der Junge der gute Junge hat die Gedanken besser beisammen
als der Vater
Der Mann Wär ichs gewesen
Die Frau Wer denn sonst Ich habe an der Perücke gekämmt dass mir der Arm
noch wehe tut wer siehts ihr nun an Ich möchte dir sie gleich ins Gesicht
werfen
Der Mann Spasse nicht Nillchen
Die Frau Ja ich und der Spaß wir kämen wohl zusammen Was willst du denn
nun machen du alter Schmaucher Du wirst doch nicht in der hässlichen Kutte zum
Grafen gehen wollen Was würde denn der Herr sprechen
Der Mann Mag er sprechen was er will Wenn ich ihm so nicht gut genug bin
so mag er mich lassen wo ich bin ich verlange ja nicht nach ihm
Die Frau Schäme dich Adam so eine hohe Gnade
Der Mann Ich mag keine von ihm Ich habe so lange ohne sie gelebt
Die Frau Adam sei doch nicht so griesgramicht Sei ja hübsch freundlich
gegen den Herrn Grafen bücke dich fein tief und antworte nicht immer so
kurzweg wie du zu tun pflegst Dass du ja nicht so schlechtin Ihr Diener zum
Grafen sprichst er nimmts sehr übel wenn man nicht untertäniger Diener sagt
Der Mann Nillchen ich will sagen wie mirs gefällt Ich tue dem Grafen
meine Arbeit redlich und er gibt mir dafür mein Brot außerdem bin ich weder
sein untertäniger noch sein gehorsamer Diener aber sein Diener bin ich denn
er bezahlt
mich dafür nicht ein Haarbreit mehr noch weniger
Die Frau Es ist aber doch einmal Mode
Der Mann Ach was Mode die Mode gehört für die Narren genug ich gebe mich
für nichts Schlechteres aus als ich bin Mache mir den Kopf nicht warm
Nillchen ich bin so heute nicht aufgeräumt dass ich meine Pfeife nicht habe
Die Frau Du hast jetzt keine Zeit zum Rauchen Wenn du nun mit dem
Tabaksgeruche zum Grafen kämst
Der Mann Mag er sich die Nase zuhalten wenn ihm mein Geruch nicht ansteht
Ich verlange nicht von ihm dass er sich nach mir richten soll aber ich werde
mich auch nicht nach ihm richten Das wäre der erste ders so weit bei mir
brächte
Die Frau Zieh dich nur allgemach an
Der Mann Anziehen Wozu denn Nicht eine Faser Wenn ich mir in dem Rocke
nicht zu schlecht bin so werd ichs dem Grafen wohl auch nicht sein
Die Frau Du alter Adam man hat doch nichts als Schande von dir
Der Mann Nillchen Nillchen nicht zuviel geschwatzt »Ist es denn nicht
wahr« schluchzte die Frau mit halb weinendem Tone »Ich werde gewiss noch vor
Ärger über dich sterben«
Der Mann Sei kein Narr Nillchen
Die Frau Wenn ich nur schon tot wäre dabei brach sie in völliges Weinen
aus Ich muss mich ja in die Seele schämen wenn die Frau Gräfin meinen Mann
so einhergehen sieht wie einen schmutzigen Pudel
Der Mann Nillchen es klopft jemand
Nillchen öffnete die Tür und es trat ein abermaliger Bote vom Herrn Grafen
herein der ihn mit Ungeduld erwartete Er nahm Hut und Stock und ging ohne ein
Wort zu sagen fort ob ihm gleich seine Frau mit Tränen um den Hals fiel und
ihn um Gottes willen bat sie und die ganze Familie nicht durch seine schlechte
Kleidung zu entehren
Tränend ging sie an das Fenster sah durch die Scheibe dem Starrkopfe nach
und bedachte nunmehr erst dass sie ihm nicht hätte widersprechen sollen um ihn
dazu zu bewegen was sie wünschte Nicht weniger war sie nunmehr wegen seiner
Aufführung bei dem Grafen besorgt
Der Graf bat ihn mit ungewöhnlicher Herablassung dass er ihm und seiner
Gemahlin die Erziehung seines Sohns überlassen möchte und stellte ihm statt
der Bewegungsgründe die große Liebe und Gnade der Gräfin für den Knaben und die
wichtigen Vorteile vor die diesem in Ansehung seines künftigen Glücks daraus
zuwachsen würden er suchte seinen Eigennutz und Ehrgeiz in das Spiel zu ziehen
und führte ihm zu Gemüte dass er ohne die mindsten Unkosten auf diese Weise
einen Sohn erhalten werde der alle Stadtkinder an Bildung Wissenschaft und
guten Manieren übertreffe Der alte Herrmann stand unbeweglich da beide Hände
übereinander auf den Knopf seines knotichten Stocks gelegt die eine hinterste
Spitze seines großen Hutes zwischen den zwei Vorderfingern der linken Hand
»Nein« sagte er endlich trocken als ihn der Graf fragte was er zu tun
gesonnen wäre»nein daraus wird nichts Wer den Jungen gemacht hat wird ihn
auch erziehen Mein Sohn soll kein Schmarotzer bei Grafen und Edelleuten werden
Wenn er soviel lernt wie ich dass er sich sein Brot notdürftig verdienen kann
da hat er genug nach den übrigen Fratzen soll er mir nicht eine Hand aufheben
«
»Aber ihn an seinem Glücke an seiner Bildung zu hindern ist doch sehr
unvorsichtig« wandte ihm der Graf ein
»Bildung hin Bildung her« fiel ihm Herrmann mit auffahrendem Tone ins
Wort »Mit dem Kopfe an die Wand wollt ich ihn rennen dass er krepierte wenn so
ein Scheisskerl aus ihm würde so ein geputzter grinsender Tellerlecker der um
die Vornehmen herumkriecht und ihnen den Dreck von den Händen küsst Pfui dass
dich der Henker holte«
Der Graf Es ist ja doch besser dass er nicht so roh bleibt wie sein Vater
Herrmann Roh das bin ich das will ich sein und wer mich nicht so leiden
kann der mag mich lassen wo ich bin Ich habe in meinem Leben keinem vornehmen
Narren aufgewartet Ich habe das Meinige auf Schulen und Universitäten getan und
weit mehr als mancher der mit sechs Pferden fährt und wunder denkt was er für
ein großer Götze ist Weil ich nicht um Sterne und Ordensbänder herumspringen
und vornehmen Speichel lecken wollte wurd ich freilich nur Einnehmer in einer
hochgräflichen Herrschaft aber ich mache mir einen Quark aus allen den Titeln
und den großen Aufschneidereien Ich will Vornehmen ehrlich und redlich
arbeiten und sie sollen mich dafür bezahlen und dann hundert Schritte vom
Leibe So denk ich und so soll mein Junge auch denken
Der Graf Es ist schade um das Kind dass es so einen ungeschliffenen Vater
hat
Herrmann Seht mir doch Sie denken wohl gar dass Sie dem König Salomo aus
dem Steisse gefallen sind Weil ich nicht immer an Ihrem Rockzipfel kaue wie die
andern dummen Jungen die wie angeputzte Strohwische da in Ihrem Vorzimmer
herumstehen weil ich nicht immer bei jedem Worte die Nase zwischen den Beinen
stecken habe und mir nicht alle acht Tage mit Reverenzen ein Paar Mastrichter
Sohlen entzweischarre weil ich nicht immer schmunzle mich krümme und winde wie
ein Ohrwurm nicht immer Zeitungen zutrage nicht immer mit Respekt zu sagen
jeden Quark lobe und bewundere der Ihnen aus dem Maule fällt als wenns die
goldnen Sprüche des Pythagoras wären deswegen bin ich ungeschliffen Deswegen
nehmen Sie auch solche Schafköpfe in Ihre Dienste und machen sie zu Ihren
Lieblingen damit sie Ihnen beständig den Kopf krauen weil sie selber keinen
haben Wenns etwas zu schmeicheln zu verleumden zu höhnen oder zu schmarotzen
gibt ah da sind sie die ersten aber wenn einmal Holland in Not ist da
stehen die Schurken alle da und blöcken die Zungen wie die Löwen um Salomons
Thron Ich bin ein ehrlicher Mann und weiter will ich nichts sein
Der Graf der sich durch diese derbe Lektion mehr getroffen fühlte als er
wünschte und doch über einen Mann nicht zürnen konnte der ihm wegen seiner
Dienste unentbehrlich war auch sich einmal in den Besitz des Rechts gesetzt
hatte schlechterdings ohne alle Sitten zu sein der Graf sage ich spazierte
während jener Rede auf und nieder und räusperte sich unaufhörlich weil ihm
zuviel daran lag zum Hauptzwecke mit ihm zu kommen Er antwortete deswegen kein
Wort auf alle seine Vorwürfe unterdrückte seinen Unwillen mit meisterhafter
Selbstverleugnung und kam als die Beredsamkeit seines Moralisten noch einige
Zeit in jenem Tone fortgelaufen war auf die Hauptsache zurück warum er ihn
hatte rufen lassen Er bat ihn jetzt dass er seinem Sohne nur wenigstens auf
einige Wochen den Aufenthalt auf dem Schloss verstatten sollte und zwar bloß
aus Gefälligkeit gegen die Gräfin
»Mit meinem Wissen nicht eine Minute« unterbrach ihn der Einnehmer »Es
geschieht nicht damit ist das Lied am Ende Ich schämte mich wenn ich Lust
hätte Kinder zu erziehen und mir nicht selber eins schaffen könnte Machen
Sies wie ich so brauchen Sie keins zu borgen Wenn Sie sonst nichts wollen so
geh ich«
»Das kann Er«sagte der Graf mit empfindlichem Tone und Herrmann hatte die
Tür schon in der Hand ehe er es herausgesagt hatte
Warum es sich der Graf so sehr angelegen sein ließ den störrischen Mann zu
einer Sache zu bewegen die er im Herzen als eine große Gnade betrachtete und
andere auch dafür angenommen hätten Dazu trieb ihn keine Ursache als die
Politesse seine oberste Gesetzgeberin Aus Menschenliebe hatte er noch in
seinem Leben sehr wenig Gutes getan aber aus Politesse ungemein viel jene
konnte man ihm ungestraft absprechen allein wenn er in Ansehung dieser sich nur
der mindesten Unterlassungssünde bewusst war so quälte ihn ein solcher Gedanke
so stark und verursachte ihm eine so unruhige Ängstlichkeit als Mord und
Totschlag einem aufgewachten Gewissen Selbst aus Liebe zu seiner Gemahlin die
er doch zu gewissen Zeiten recht herzlich zu lieben glaubte bewegte er nicht
eine Hand und wenn es zuweilen schien als ob er die Erfüllung eines ihrer
Wünsche mit so lebhaftem Eifer betriebe um ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen
so lag die Schuld fürwahr nicht an ihm sondern an dem falschen Urteil der
Leute die bei ihm die nämlichen Bewegungsgründe vermuteten nach welchen sie
vielleicht handelten nein sich sich wollte er eine Gefälligkeit erzeigen
sich wollte er das süße Bewusstsein verschaffen dass er abermals einen rühmlichen
Beweis seiner Galanterie und Politesse abgelegt habe Jede solche Handlung war
ihm geradeso lieb als dem Helden ein erfochtener Lorbeer Deswegen ging er jetzt
nach dem Abtritte des alten Herrmanns so unmutig und trostlos im Zimmer herum
als ein Mensch der in einer verdrießlichen Stellung weder ein noch aus weiß
denn er hatte sich vorgenommen der Gräfin mit dem kleinen Heinrich zu ihrem
Geburtstage ein Geschenk zu machen und der verzweifelte Geburtstag war schon
übermorgen Welch eine Not
Viertes Kapitel
Die Frau Herrmann konnte vor brennender Ungeduld die Rückkunft ihres Mannes
nicht in der Stube abwarten kein Tropfen Kaffee schmeckte ihr sie musste sich
schlechterdings in die Tür stellen wo sie noch mit glühenden Backen stand als
ihr Mann um die Ecke der nächsten Gasse herumkam Gern wäre sie ihm
entgegengegangen wenn ihr nur der leidige Wohlstand nicht verboten hätte sich
im Negligé über die Türschwelle zu wagen Warum geht er nur so langsam Ach
da führt der böse Feind gar einen Mann her mit dem er spricht Die arme Frau
möchte vergehen über dem ewigen Geschwätze der Hals wird ihr ganz trocken sie
schmachtet vor Erwartung sie kann auf keiner Stelle bleiben tut bald einen
Schritt vorwärts bald einen rückwärts Itzt nehmen sie Abschied jetzt kommt
er Was wollte der Graf schwebt ihr schon auf der Zunge sie steht
unbeweglich da und strebt ihm mit Kopf und Brust entgegen »Was wollt « ist
schon ausgesprochen O so muss doch der leibhafte Teufel mit im Spiele sein
nicht zwei Schritte ist er von der Tür da ruft ihn der Herr Nachbar ans
Fenster man möchte unsinnig werden vor heute abend erfährt die arme Frau gewiss
nichts Die Tränen stehen ihr schon in den Augen vor Ärger und dreimal
knirscht sie unwillig mit den Zähnen aber nein sie hatten einander nur ein
paar Worte zu sagen und der Mann kommt mächtig dahergeschritten
»Was wollte der Herr Graf« rief ihm die Frau mit freudigem Tone entgegen
indem sie auf die unterste steinerne Stufe vor der Tür herabstieg Der Mann
ging in das Haus und antwortete nichts »Adam was wollte der Herr Graf«
wiederholte sie mit etwas stärkerer Stimme als sie hinter ihm drein in den Hof
ging
Der Mann Was wollte er Nicht viel Gescheites was solche Leute immer
wollen
Die Frau Nun so erzähle mir doch Adamchen Dachte er nicht an unsern
Heinrich
Der Mann Mehr als zuviel Das ist heiß und so jagte er mit seinem
Stocke ein paar Hühner von einer alten Schnitzbank und nahm ihren Platz ein
»Was sagte er denn von unserm Heinrich« setzte die Frau das Gespräch fort
indem sie sich mit halbem Leibe auf des Mannes linke Schulter legte
Der Mann Kannst du dir einbilden Nillchen Er will unseren Jungen zu sich
auf das Schloss haben und einen Narren aus ihm machen
»Ach« tat die Frau einen lauten Schrei vor Freude
Der Mann Aber ich hab es ihm rund abgeschlagen
Die Frau Abgeschlagen Dies sprach sie mit der leisen erlöschenden
Stimme eines Kranken der eben abscheiden will in den Augen zogen sich schon
eine Menge wehmütige Feuchtigkeiten zusammen
Der Mann Mein Junge soll nicht so ein Taugenichts so ein Tagedieb werden
wie die Schlaraffengesichter die da beständig hinter dem Grafen dreinziehen
Die Frau So eine hohe Gnade und abgeschlagen Du bist ein recht
ungeschliffner Mann wobei er einen wegstossenden Schlag von ihrer Hand bekam
Der Mann Der Graf mag seine Gnade für sich behalten ich brauche sie nicht
Nicht den Hut nehme ich dafür ab Wo willst du hin Nillchen
Die Frau Zur Gräfin Frau um ihr zu sagen dass mein Mann den Verstand
verloren hat
»Nillchen bleib hier« antwortete er ganz gelassen und zog sie bei dem
Rocke von hinten auf die Bank zurück »Wenn du einen Schritt tust Nillchen«
fuhr er mit gesetzgebendem Ton fort »um den Jungen bei der Gräfin
anzuschmarotzen so schliess ich ihn oben in den großen Kleiderschrank dass ihn
der Teufel nicht herauskriegen soll solange ich nicht will und müsst er gleich
darinnen verschmachten«
Die Frau Das kannst du ich gehe doch Ich will deine Grobheit nicht auch
auf mich kommen lassen
»Nillchen« sagte der Mann mit dem nämlichen kalten Blute und zog sie auf
die nämliche Art bei dem Rocke zurück »da halte meinen Stock ich komme gleich
wieder «
Sie setzte sich er ging und kam nach einigen Minuten zurück »Nun kannst
du zur Gräfin gehen« sprach er trocken nahm ihr seinen Stock ab und setzte
sich
Die gute Frau vermutete wohl hinter dieser plötzlichen Sinnesänderung einen
bösen Streich und ging also mehr aus Neubegierde um zu sehen ob er wirklich
die Tollheit begangen habe den kleinen Heinrich einzuschliessen Sie rief an dem
Kleiderschranke und in allen Winkeln nirgends war ein Heinrich der ihr
antwortete Ihre Empfindlichkeit wurde durch dieses hämische Verfahren noch mehr
gereizt denn sie glaubte wirklich ihr Mann habe ihn irgendwo versteckt und
wollte ihren Willen deswegen schlechterdings durchsetzen hastig warf sie einen
Teil ihres Negligés von sich und wollte sich anputzen um zur Gräfin zu gehen
Sie eilte zur Kommode sie war verschlossen zum Schranke er war
verschlossen Nun merkte sie wohl die Bosheit ihr Mann hatte ihr vorhin als er
sie verließ alle Kleider eingeschlossen und die Schlüssel zu sich gesteckt
Sie wusste nicht ob sie zu ihm zurückgehen oder bleiben sollte endlich
entschloss sie sich kurz legte ihr Negligé wieder an und wanderte in den Hof
zurück fest entschlossen Ärger und Verlegenheit zu verbergen
»Warum gehst du denn nicht« fragte der Herr Ehegatte tückisch nach ihr
hinschielend
»Ich will warten bis Nachmittag« erwiderte sie mit persiflierendem Tone und
ließ sich neben ihm nieder Er saß da beide Hände vor sich auf den Stock
gestemmt das Kinn auf die Hände gestützt den Blick vor sich hin nach dem Hause
gerichtet der linke Schoss des Überrockes hing nach der Länge über die Bank
hinten herunter Hurtig wischte die Dame mit der rechten Hand leise in seine
Tasche holte einen Schlüssel heraus und husch damit in die andere Hand unter
den Mantel Die Rechte tat noch ein paar solche heimliche Gänge bis alle
nötigen Schlüssel durch diesen Hokuspokus sich unter ihrem Mantel befanden
alsdann tat sie einen verstellten Seufzer wandte mit angenommener
Niedergeschlagenheit eine ökonomische Angelegenheit vor und ging innerlich
triumphierend langsam ins Haus
Desto schneller flog sie die Treppe hinauf und zum Kleiderschranke Keine
Schleife wurde aufgeknüpft alles heruntergerissen mit freudiger Übereilung das
schönste Galakleid herausgeholt die schönste Haube aufgesetzt und in einer
halben Viertelstunde wallte schon ihr Busen vor Entzücken unter dem flornen
Halstuche und ihr Herz klopfte vor Freude über ihre gelungene List und vor
Triumph ihren Mann zu übertrotzen so hoch dass die seidene Kontusche knisterte
Nicht zufrieden gesiegt zu haben wollte sie ihren Gegner auch kränken noch
einen selbstgefälligen Blick in den Spiegel und dann nahm sie alle eroberten
Schlüssel zu sich und rauschte glühend und sich räuspernd die Treppe hinunter in
den Hof Da stund sie vor dem Manne der staunend die Augen weit aufriß und
hastig mit der Hand in die Tasche fuhr er wurde bald inne wie man ihn
überlistet hatte aber er ließ sich nichts merken
»Ich will zur Frau Gräfin gehen« sprach sie mit spöttischer
Gleichgültigkeit machte eine tiefe Verbeugung und sagte
»Leb wohl«
»Nillchen« rief der überwundene Ehegatte mit der äußersten Kälte ob ihm
gleich der innerliche Groll beide Backen mit einer merklichen Röte färbte
»warte noch ein wenig Ich habe mich anders besonnen «
Nillchen hielt diesen vorgegebenen Vergleich für eine neue List wodurch er
sich für ihre Taschenspielerei desto empfindlicher rächen wollte sie wartete
nicht
»So warte doch« rief er abermals ging ihr nach und erwischte sie in der
Hoftüre bei dem kanevasnen Rocke »Warte doch Ich habe mirs überlegt ich
will meinen Jungen aufs Schloss geben«
Sie sah ihn misstrauisch an und wusste nicht ob sie seiner trocknen ernsten
Miene glauben sollte »Nun gut« sagte sie endlich »so will ich zur Gräfin
gehen und ihr deinen Entschluss melden«
Der Mann Ja das sollst du Aber sage mir nur erst welche Bündel Stroh
soll denn der Pfarrknecht kriegen Er möchte indessen kommen
Die Frau Dass du ihm ja nicht die guten gibst
Der Mann Zeige mir sie doch ehe du gehst damit du nicht hernach wieder
sprichst ich gebe alles weg wenn ich die unrechten
»Komm ich will sie dir zeigen« unterbrach sie ihn und tanzte wie ein
triumphierendes Mädchen nach der ersten Eroberung über den Hof nach der Scheune
hin Der Mann schlenderte langsam hinterdrein
Das Tor wurde geöffnet sie trat mit vorsichtigem Schritte um die weißen
seidenen Schuhe nicht zu verletzen unter die Strohbündel und erhub den rechten
Zeigefinger dem Manne deutlich und augenscheinlich zu demonstrieren was er tun
sollte Mitten in ihrer Demonstration hörte sie das Tor hinter sich knarren sie
sah sich um und entdeckte dass sie eingeschlossen war
»Adam Adam wo bist du« rief sie mit innerlicher Ängstlichkeit umsonst
Adam legte eben das große Schloss vor das Scheunentor schnappte es zu sagte
nicht eine Silbe und ging langsam in das Haus
Nun merkte die arme eingesperrte Frau wohl durch welche betrügerische
Verstellung sie hintergangen war dass sie in diesem dunkeln Gefängnisse
aushalten musste solang es ihrem Mann beliebte dass sie nicht zur Frau Gräfin
gehen konnte dass ihres Mannes Trotz die Oberhand behielt »Ach« rief sie bei
diesem letzten entsetzlichen Gedanken aus riss das weiße Schnupftuch mit
teatralischem Anstande aus der Tasche bedeckte ihr beträntes Gesicht und sank
auf ein Bündel Stroh hin ob in Ohnmacht das weiß ich wahrhaftig nicht aber
ich zweifle denn es war ja niemand in der Scheune der es gesehen hätte Voller
Schadenfreude nahm indessen der Mann den geraden Weg nach Heinrichs
Schlafkammer fand ihn nicht stutzte ging weiter er durchwanderte das Haus
von dem obersten Bodenwinkel bis zum untersten Keller suchte rief vergebens
er ging vor die Tür in den Hof nirgends eine menschliche Kreatur die
Heinrich heißen wollte Hui dachte er dass mir die Frau den Streich gespielt
und den Jungen auf das Schloss vorangeschickt hat Warte Nille wir wollen dich
schon kriegenDie Vermutung so falsch sie auch war wiegelte seine ganze Galle
auf seine eheliche Autorität war durch die kränkendste Hinterlist beleidigt
und er sann auf eine exemplarische Strafe für eine so unerhörte Empörung gegen
seine gesetzgebende Macht Die Ehe dieser beiden Leutchen hatte überhaupt einen
ganz originalen Ton ohne sich jemals förmlich zu zanken lagen sie in
beständigem Kriege widereinander nimmermehr ließ eins das andre zur offenen
Schlacht nicht einmal zum Scharmützel kommen sondern jeder Teil suchte den
andern beständig durch heimtückische Überfälle Streifereien und listige Kniffe
zu necken und mitten unter solchen Plagereien liebten sie sich so feurig als
nur jemals ein Paar das der Trauring verknüpft hat
Sobald es bei ihm ausgemacht war dass er trotz der Einsperrung seiner Frau
der überwundne Teil sei so machte er weil sich allmählich die kleinstädtische
Zeit des Mittagessens näherte in eigener Person Anstalt dazu Seine Kochkunst
war äußerst gering und wenn sie auch einen weitern Umfang gehabt hätte wollte
er doch vorsätzlich nichts hervorbringen als eine Wassersuppe Um sich aber
nicht zugleich selbst zu strafen stillte er erst seinen Appetit mit einigen
soliden Stücken geräucherten Fleisches und als die kalte Küche verzehrt war
richtete er seine magere ungesalzene Wassersuppe an deckte den Tisch setzte
sein einziges Gericht in die Mitte und ringsherum eine große Menge leere
Schüsseln Darauf ging er zur Scheune öffnete sie und lud seine Gefangene zur
Mittagsmahlzeit ein
»Ich mag nicht essen« sagte sie etwas schnippisch kehrte ihm den Rücken
und ging an das andre Ende der Scheune
Der Mann Nillchen du wirst dich doch nicht zu Tode hungern wollen Komm
Die Frau Gräfin hat die hohe Gnade gehabt uns ein ganzes Gastmahl zu schicken
vor großer Freude dass unser Heinrich bei ihr ist Sie hatte sogar die
allerhöchste Gnade und ließ uns versichern dass wir alle Tage ein paar Schüsseln
aus ihrer Küche könnten holen lassen aber das sieht mir so almosenmässig aus
ich hab es ausgeschlagen
»Ausgeschlagen« rief die leichtgläubige Ehefrau »Ja wenn du deiner Frau
eine Mühe ersparen kannst so tust dus gewiss nicht«
Der Mann Wenn ichs angenommen hätte alsdann denkst du brauchtest du
nicht mehr zu kochen Nillchen ebendeswegen hab ichs ausgeschlagen damit du
das Kochen nicht verlernst bloß um deines Bestens willen Die Frau Gräfin
ließ besonders sehr viele gnädige Komplimente an dich machen
Die Frau Es ist doch eine recht liebreiche Dame wobei ein tiefer Knix in
das Bündel Stroh hinein gemacht wurde worauf sie stand
Der Mann Das ist sie Der Laufer fragte sehr nach dir Nillchen ob er
vielleicht gar Präsente für dich mitbrachte Es kam mir so vor
Die Frau Und da fragte der alte Adam auch nicht weiter
Der Mann Was sollt ich fragen Ich sagte ihm meine Frau wäre im
Gefängnisse nach Tische käme sie los alsdann könnt er sie sprechen
Die Frau Und das sagtest du ihm Wahrhaftig es wäre kein Wunder wenn
man sich zu Tode bei dir ärgerte Mir solche Schande zu machen
Der Mann Was ist denn das nun für Schande mehr Wenn ein Beutelschneider
auf dem Diebstahl ertappt wird so steckt man ihn ein wenn dirs keine Schande
gewesen ist meine Taschen zu bestehlen so kann dichs auch nicht beschimpfen
dass man dich in Arrest gebracht hat Aber komm ehe das Essen kalt wird es
sind sehr fette Speisen dabei
Die Arrestantin folgte ihm halb mit Betrübnis dass ihre Einsperrung durch
ihren eignen Mann bekannt gemacht war halb mit freudigem Verlangen nach dem
versprochenen herrlichen Gastgebote und den noch herrlicheren Geschenken die
nach Tische sich wieder einfinden sollten
Sie trat in die Stube wie versteinert stand sie da als sie ihre
Leichtgläubigkeit abermals auf das Schändlichste betrogen fand biss sich in die
Lippen und vermochte vor Scham kein Auge aufzuheben In der Bestürzung ließ sie
sich vom Manne an den Tisch führen und auf einen Stuhl setzen welch neue
Bosheit Der Heimtückische hatte die Wassersuppe so reichlich mit Zwiebeln
einem für sie unleidlichen Gewächse angefüllt dass ihr der entgegenkommende
Geruch den Atem versetzte
Was war zu tun Essen konnte sie weder vor Ärger der in ihr bis zu den
Lippen heraufschwoll noch wegen der widrigen Zubereitung des Gerichts Adam
hingegen so übel es ihm selbst schmeckte aß ihr zum Trotz mit einer Begierde
als wenn es der köstlichste Leckerbissen wäre
»Sage mir einmal« fing er nach einem langen Stillschweigen an »wenn hast
du denn Heinrichen auf das Schloss geschickt«
Die Frau kratzte mit den Fingern auf dem Tischtuche senkte den tränenvollen
Blick unbeweglich auf den Teller schluchzte und schwieg
»Nillchen sei kein Trotzkopf« fuhr er nach einer kleinen Pause fort »Sage
mirs aufrichtig wenn hast du den Jungen zur Gräfin geschickt«
Die Frau Ich hab ihn nicht geschickt
Der Mann Wo ist er Verschweig mirs nicht wenn du ihn versteckt hast
er ist weg Wenn er mit deinem Wissen und durch deinen Vorschub bloß um mir zu
trotzen aus dem Hause gekommen ist so soll ich will nicht schwören aber
der Teufel soll mich holen wenn ich zeitlebens wieder in einem Bette mit dir
schlafe
Bei so vielem Ernste war ein zeitiger Rückzug das klügste sie fühlte ihre
schlimme Lage und die Notwendigkeit ihm durch Nachgeben auszuweichen so
lebhaft dass sie ihm sogleich ins Wort fiel und mit einem teuren Eide
versicherte sie wisse nichts von dem Knaben
Der Mann So komm wir wollen ihn suchen Diese Aufforderung geschah
freilich zum Teil aus heimtückischer Absicht weil er nicht glaubte dass sie ihr
Gewissen bei ihrem Schwur rein und unbefleckt erhalten habe er wollte ihr die
Kränkung antun sie an einem Tage wo sich keine Seele im ganzen Städtchen
putzte in ihrem Galakleide durch alle Gassen und bei der großen Sonnenhitze
durch Staub über Stock und Stein zu führen Sie wollte zwar zur Umkleidung
Anstalt machen allein er fasste mit einem Griffe so plötzlich Hut Stock und
ihren Arm dass keine Zeit zur Einrede übrigblieb der Marsch ging fort Mit der
Neubegierde der kleinen Städte wo die Leute hinter den niedrigen Fenstern wie
die Diebe hinter dem Busche auf die Vorübergehenden lauren waren gleich alle
Häuser die ganze Gasse durch mit Menschenköpfen besetzt an welchen sich die
Nasen rümpften oder die Lippen spöttisch grinsten oder die Augen sich weit
aufsperrten als unser edles Paar vorbeispazierte Etwas komisch war der
Anblick an dem Arme eines so unsauber gekleideten Gesellen die Dame in dem
auserlesensten Schmucke dahinwandeln zu sehen doch das war noch lange nicht der
unangenehmste Akt des Possenspiels Ungegessen ohne Schutz und Schirm wider die
Sonne in dem durchhjetzten Sande auf offenem Felde bei der brennendsten
Mittagsglut unter beständiger Ängstlichkeit dass vielleicht dem Anzuge ein
Unglück widerfahre mit ziemlich starken Schritten dahinzutraben das was
allerdings eine ausgesuchte Strafe und man musste mehr als grausam sein um
einen weiblichen Eigensinn so bestrafen zu können Der Spaziergang wurde zwei
Stunden lang fortgesetzt das arme Weib schmachtete der Schweiß rann in starken
Strömen herab und tigerte die apfelgrüne Kontusche mit Flecken aber Trotz und
Verzweiflung gaben ihr Mut sie spannte alle Kräfte an um ihren Schmerz nicht
merken zu lassen oder um Vermindrung ihrer Qual zu bitten Endlich da fast alle
Nerven ihrer Standhaftigkeit erschlafften nötigte sie ihr strenger Gesetzgeber
in einem kleinen Tannenwäldchen auszuruhen Traurig saß sie da und scheuerte mit
dem Schnupftuche an den unauslöschbaren Flecken ihrer Kleidung und brach in
bittres Weinen aus als sie alle Wahrscheinlichkeit den gänzlichen Untergang der
geliebten Kontusche erwarten hieß
»Weiter wir müssen aufbrechen« rief der grausame Mann und hub sich von der
Erde auf
»Ich kann nicht mehr« rief die Frau mit schwacher Stimme »mir schwindelt«
»Fort fort« erschallte abermals und zwar etwas gebietrischer wobei er
ihr zugleich die Hand reichte und sie aufhob War es Verstellung oder wirkliche
Kraftlosigkeit genug sie sank wieder zurück und würde sich den Kopf an einem
Stamme zerschmettert haben wenn er sie nicht beizeiten aufgefangen hätte
Der Mann Wir müssen aufs Schloss jetzt wird die Gräfin abgespeist haben
Willst du deine Präsente nicht holen
Die Frau Bringe mich doch lieber gleich um du Barbar Da schlag mich vor
den Kopf oder hänge mich hier an einen Baum Weiter willst du doch nichts als
dass ich wegkommen soll damit du wieder eine andre zu Tode plagen kannst du
Weiberhenker
Der Mann Lass gut sein Nillchen Lass gut sein Marsch
Die Frau Nicht eher sollst du mich von der Stelle bringen als wenn du mich
in Stücken zerreissest
Der Mann Ach warum nicht gar Da werd ich mir wohl so viele Wege machen und
dich stückweise wegtragen Lieber transportiere ich dich auf einmal im Ganzen
Wie ein Blitz hatte er sie auf seine Schultern geladen und sosehr sie mit
Händen und Füßen kämpfte so packte er sie doch so fest dass sie sich nicht
loszureißen vermochte und nun fortan wie ein Römer mit einer geraubten
Sabinerin auf dem Rücken eilte er über das Feld hin nach dem Städtchen zu
Jedermann blieb vor Verwundrung stehen jedermann ließ Sichel und Sense ruhen
alle Weiber und Mädchen so weit das blache Feld reichte lehnten sich auf die
Harken und gafften mit offenem Munde dem sonderbaren Schauspiele nach In der
Länge ward ihm doch ihre Last zu schwer er setzte sie also keuchend unter einem
Weidenbaum ab und gebot den übrigen Weg zu Fuß zu machen Ergrimmt dass sie
seinen Steifsinn durch keins von ihren herzangreifenden Mitteln mürbe machen
konnte wollte sie ihn auf das Äußerste treiben und beschloss bei sich
schlechterdings nicht von der Stelle zu gehen Nach einer dreifachen Ermunterung
zum Aufbruche fragte er sie »Willst du nicht mit Nillchen« Hierauf bekam er
nichts als ein trotziges flüchtig hingeworfnes »Nein« »So bleib hier Ich
will dir einen Wagen schicken« sprach er und verließ sie
Hier saß nun die arme Betrübte unter einer großen Weide mitten auf einem
ungeheuren Felde wenigstens eine gute Stunde von der Stadt und wusste nicht ob
sie gehen oder bleiben sein Versprechen in Ansehung des Wagens für Spott oder
Ernst annehmen sollte Ihm nachzulaufen welche Erniedrigung für ihren ohnehin
schon tief verwundeten Stolz welcher Triumph für die Schadenfreude ihres
Mannes Dazubleiben und den Wagen zu erwarten wie misslich und zugleich wie
gefährlich Wenn er sie nun bis in die späte Nacht warten ließe denn einer
solchen Tyrannei wäre er fähigWenn sie nun nach langem Warten mit Spott und
Schande für ihre abermalige Leichtgläubigkeit zurückkehren müsste
Ihre Verlegenheit und ihr Kummer stieg wirklich so hoch dass sie mit heißen
Zähren den Kopf in die Hände legte und im völligen Ernste den Himmel um ein
schleuniges Ende anflehte sehr leid tat es ihr dass nicht gerade ein Gewitter
über dem Horizonte stand um sich einen hülfreichen Donnerschlag ausbitten zu
können Weder ihr körperlicher Zustand noch ihre weite Entfernung von dem
Städtchen war so höchsttraurig aber ihr überwältigter Trotz ihre überlistete
Feinheit die kalte Grausamkeit ihres Mannes die tückische Schadenfreude womit
er sie so vielfältig hinterging die Unmöglichkeit ihm an irgendeiner schwachen
Seite beizukommen das das waren die Stacheln die ihr Innerstes wie der
Geier Tityus Leber zerfleischten
Ein tüchtiger brausender Zank ist das beste Heilungsmittel wider
zurückgehaltnen Ärger die Natur fing allmählich an in ihr zu diesem Zwecke zu
wirken Da sie wohl merkte dass mit dem Tode nichts anzufangen war setzte sich
ihr Blut nach und nach in schnellere Bewegung sie ließ ihren Lebensgeistern den
straffgezognen Zügel schießen und in weniger denn drei Minuten war die kleinste
Nerve zu Streit und Hader gewaffnet Sie machte sich sogleich auf um ihrem
Manne nachzusetzen und ihren ganzen Grimm ins Gesicht zu schwatzen Unterwegs
bereitete sie sich zu diesem feierlichen Aktus vor und hatte schon den ganzen
Dialog im Kopfe als sie von hinten durch die Gartentüre ins Haus ging
Aber wie an ihn zu kommen Eine Gelegenheit musste sie doch haben die den
Zank auf eine natürliche Art einleitete zudem sollte er nach ihrem Wunsche
den Angriff tun damit sie durch die Selbstverteidigung zu ihrer beschlossnen
Rache berechtigt wäre Sie wusste für ihren Plan keinen schicklichern Ausweg als
dass sie im Hause herum aus einer Stube einer Kammer in die andre wanderte und
jede Tür mit einer Heftigkeit hinter sich zuschlug dass sich alle Fenster
unaufhörlich in einem erdbebenmässigen Zittern befanden Dass nur der alte Fuchs
ihre Absicht nicht gemerkt hätte Anfangs hielt er das Bombardement ruhig aus
und schrieb ungestört an seiner Rechnung fort da es ihm in der Länge zu lästig
wurde ging er hinter ihr drein und sobald sie aus einer Kammer oder Stube
heraus war schloss er die Tür ab und steckte den Schlüssel ein ohne nur einen
Laut zu sagen In kurzem war sie so sehr aus allem Vorteile herausgetrieben dass
ihr nichts als die Küchentür übrigblieb und da sich diese wegen eines
Gebrechens am Schloss nicht verschließen ließ hub er sie aus das nämliche tat
er mit der Stubentür und ging zu seiner Schreiberei zurück
Dergleichen Bösewicht nach so unendlichen Plagereien der armen Frau nicht
einmal die Freude zu gönnen dass sie sich zanken kann Dieser neue Streich
erhöhte den vorigen Groll sie wollte mit aller Gewalt durchbrechen und stellte
sich zu dem Ende an die hinterste Haustür mit dem wohlgemeinten Vorsatze sie
unaufhörlich auf und zuzuschlagen allein bei dem ersten Öffnen lehrte sie der
Zufall ein andres Mittel das ihren Zweck mit millionenmal sichererm Erfolge
beförderte Die Türangel war bei der großen Hitze ganz trocken von Öle und so
durstig geworden dass sie bei jeder Umdrehung in einem hellen schneidenden Tone
schrie unter allen Unannehmlichkeiten die sterbliche Ohren martern können war
dieses für ihren Mann die angreifendste das wusste sie Was sie tat kann man
nunmehr leicht raten das war so ein durchdringendes Mark und Nerven
zerreissendes Quieken in einer Leier fort als wenn sich alle Türen im Hause
verschworen hätten den Mann musikalisch zu Tode zu martern In der ersten
Überraschung schwoll sein Zorn wohl ein wenig auf allein sogleich fasste er sich
wieder holte einen Strick aus der Kammer und da sie ihn mit diesem Instrumente
kommen sah und vermutete dass vielleicht gar ihr Rücken damit gemeint sei
verließ sie bestürzt ihren Posten und flüchtete in die Küche Ohne etwas mehr im
Sinne gehabt zu haben band er die Hoftür die auch kein zuverlässiges Schloss
hatte so fest an einen inwendigen Haken dass mehr als Weiberstärke dazu
gehörte sie wieder musikalisch zu machen Ohne ein Wort zu sagen ging er
zurück an seine Arbeit
Die Frau wollte in Verzweiflung geraten dass ihr alle Anschläge misslungen
Indessen dass sie auf neue Ränke sann kam der Laufer des Grafen überbrachte
einen gnädigen Gruß von seinem Herrn und drei Bouteillen Wein mit der Bitte
sie morgen an dem Geburtstage der Gräfin auf ihre Gesundheit auszuleeren
»Ich mag keinen Wein vom Grafen« sagte Herrmann trotzig und schrieb ohne
aufzublicken brummend fort »Was für Wein ist es denn« fragte er in der
nämlichen Positur nach einer kleinen Pause
»Ungarwein« antwortete der Laufer
Herrmann stund von seinem Stuhle langsam auf steckte die Feder hinter das
rechte Ohr zog den Kork von der Flasche setzte an und tat einen herzhaften
Schluck »Er ist gut« sprach er indem er sie wieder auf den Tisch stellte
»ich will ihn behalten«
»Zugleich« fuhr der Laufer fort »soll ich Ihnen auch die Nachricht von
Ihrem Heinrich bringen «
Herrmann Ist der verfluchte Junge auf dem Schloss
Der Laufer Ja schon seit heute früh um sechs Uhr Er ist heimlich aus dem
Bette fortgeschlichen und war schon lange da ehe Sie zum Grafen kamen aber er
bat inständig dass wir ihn vor Ihnen verstecken sollten So ist er in unsrer
Stube geblieben bis es der Graf erfuhr und ihn zu sich aufs Zimmer kommen ließ
Er hat ihn dem Kammerdiener übergeben bei dem er wohnen und schlafen soll Man
könnt ihn gar nicht bereden wieder wegzugehen und er lässt Ihnen sagen dass Sie
sich weiter nicht um ihn bekümmern sollten er wäre versorgt
Herrmann Darum braucht er nicht zu bitten dass ich mich nicht weiter um ihn
bekümmern soll Nicht einen Fuß darf er mir wieder über die Schwelle setzen
der Tagedieb
Er tat zu gleicher Zeit einen zweiten Schluck aus der Flasche die er
beständig während des Sprechens in der Hand behielt »Der Wein ist recht gut«
sagte er freundlich als er absetzte
Der Laufer Morgen werd ich Ihnen mehr bringen wenn der Herr Graf weiß dass
er Ihnen so gut schmeckt
Herrmann hatte während dieses Versprechens den dritten Schluck getan und
antwortete mit beinahe stammelnder Zunge »Es soll mir lieb sein«
»Sagen Sie nur dem Grafen« setzte er hinzu als der Laufer Abschied nahm
»er möchte meinen Heinrich bei sich behalten so lang er wollte er darf sich
gar nicht fürchten dass ich mich deswegen wieder mit ihm zanken werde ich hab
ihm auch heute früh nichts übelgenommen das kann er versichert sein nur soll
er mir nicht so einen Tagedieb aus ihm machen wie es die Laffen alle um ihn
herum sind Oder ich schmeisse den Jungen mit dem Kopfe an den ersten Stein wo
ich ihn finde«
Während dieser halbtrunknen Rede hatte er den Laufer an die Haustür
begleitet und nahm jetzt Abschied mit einem Händedrucke und dem nochmaligen
Auftrage dass er den Grafen ja versichern sollte er habe ihm heute früh gar
nichts übelgenommen er wüsste wohl dass es des Grafen Art einmal sei etwas frei
zu reden Eine solche Verwechslung der Personen begegnete ihm gewöhnlich auch
bei dem kleinsten Rausche immer glaubte er alsdann dass die Leute ihm die
Grobheiten gesagt hätten wodurch sie von ihm kurz vorher waren beleidigt
worden widerfuhr es ihm welches auch nicht selten geschah dass er in der
Trunkenheit jemanden recht derb ausschalt so beging er wenn er wieder nüchtern
war die nämliche Verwechslung und versicherte ihn herzlich dass er ihm alles
vergeben habe Beständig schien er sich der beleidigte Teil und nur seine Frau
machte hierinne eine Ausnahme
Überhaupt hatte er das Unglück dass er bei aller Stärke und Klugheit womit
er ihrem Eigensinn und Trotze widerstand gemeiniglich sein gewonnenes Spiel
selbst wieder verdarb Auch ohne Trunk wurde er immer zunehmend schwach je mehr
sich die Sonne nach Westen neigte wie ein Fieber überfiel ihn gegen Abend ein
so heftiger Paroxysmus von Liebe und Zärtlichkeit dass er ängstlich um seine
Frau herumging und auf alle ersinnliche Weise sie wieder auszusöhnen suchte und
oft wegen des Widerstandes den er ihr den Tag über mit der überlegtesten
Klugheit getan hatte demütig und reuig um Vergebung bat Führte ihn nun
vollends das Schicksal ein begeisterndes Getränk in den Weg so war es ganz um
seine Standhaftigkeit geschehen sein schwachnervichter Kopf war auf den ersten
Schluck eingenommen und er wurde bis zum Gecken in sein Nillchen verliebt
Gegen jeden andern beobachtete er in einem solchen Zustande die Regel genau dass
er sich mit ihm zankte wenn er den Tag über sein Freund gewesen war und sich
mit ihm versöhnte wenn er sich mit ihm gezankt hatte Deswegen wartete auch
seine Frau bei mittelmäßigen Bedrückungen gelassen den Abend ab oder setzte ihm
des Nachmittags ein Glas Branntewein in den Weg denn zu keiner andern Zeit nahm
er einen Tropfen starken Getränkes zu sich
Bei der Ankunft des Laufers mit dem Weine freute sie sich von dem Wirbel bis
zur Fusszehe herzinniglich auf die demütigende Rache die sie auf seine eigne
Veranlassung an ihm zu nehmen gedachte Er ging nach dem Abschiede des Laufers
wieder zu seiner Flasche zurück doch ohne zu trinken die vorigen drei Schlucke
wirkten schon hinlänglich er stund vor dem Tische die linke Hand auf die offene
Bouteille gelegt
»Nillchen« redete er vor sich hin »so hab ich dir ja hol mich der Teufel
unrecht getan Du armes Nillchen habe dir deine Kontusche verdorben habe
dich eingesperrt«
Er lief die Stube auf und nieder und rang die Hände »Was mach ich nur«
klagte er mit wehmütigem Tone »Was nur dass sie sich nicht zu Tode grämt Ich
habe das Herzblättchen so lieb und martre sie so Ich möchte mir gleich die
Kehle abschneiden«
Er blieb mitten in der Stube stehen erblickte sich im Spiegel »O du
alter gottloser Adam« rief er und spie auf sein Bild im Spiegel »Was du einmal
gemacht hast hast deine Frau einmal geplagt Ich möchte dich gleich zu Tode
prügeln« und dabei gab er seinen eignen Backen eine reiche Ladung kräftiger
lautschallender Ohrfeigen »Da du abscheulicher Höllenbrand« sagte er sich
im Spiegel dazu »Du eingefleischter Teufel Wirst die arme Frau wohl noch unter
die Erde bringen du Katzenkopf Ich kann dich nicht mehr ansehen pfui«
Mit dem größten Unwillen kehrte er sich von seinem Bilde hinweg und wurde
bei der Wendung das Gesicht seiner gemisshandelten Ehegattin gewahr die hinter
einem Fenster das neben dem Ofen aus der Küche in die Stube ging seine Reue
mit kitzelnder Freude belauschte »Nillchen liebes Engelskind« rief er und
lief mit ausgebreiteten Armen nach ihr hin dass er wider die Wand taumelte
»Komm köpfe hänge rädre erschiesse mich Ich bins wert Ich bin ein rechter
Teufelsbraten Hab ich dich einmal gemartert Ach es tut mir so leid es frisst
mirs Herz ab Sieh nur wie ich dich wieder lieb habe recht lieb du
scharmantes Cyperkätzchen«
Diese Liebkosungen die beständig mit den kläglichsten Ausdrücken der Reue
abwechselten wurden von einer höchst komischen Bewegung begleitet sooft er ihr
seine Liebe beteuerte hub er das rechte Bein in die Höhe um durch das Fenster
zu ihr hinauszusteigen ob es gleich gute zwei Ellen von dem Fußboden und so
enge war dass kaum eine große Katze durchkriechen konnte
Die Frau antwortete lange nicht endlich sprach sie verdrießlich »Es
liegt mir nichts an der Liebe eines solchen Weiberteufels erst reissest du
deiner armen Frau den Kopf ab hernach willst du ihn wieder aufsetzen«
Der Mann Will ihn nicht wieder abreißen Du sollst mich an den Spieß
stecken und braten wie eine Schöpskeule wenn ich dir ihn wieder abreisse Habe
dir Unrecht getan vergib mirs mein Augäpfelchen
Nach langem Kapitulieren ließ sich endlich die siegende Ehefrau bewegen und
kam zu ihm in die Stube sie musste sich in den Lehnstuhl setzen er warf sich zu
ihren Füßen und bat sie in den reuvollsten Ausdrücken bald mit weinerlichem
bald mit wütendem Tone unter heftigen Schmähungen gegen sich selbst um
Verzeihung und foderte zum Zeichen der Versöhnung die Erlaubnis in ihrem Schoße
zu schlafen Um ihn zu besänftigen musste sie ihm seine Bitten zugestehn er
warf sich aus der knienden Positur herum in eine sitzende Lage legte den Kopf
in ihren Schoss und in einer halben Minute schnarchte er schon wie der
überwältigte Simson in Delilas Schoße Die Frau um sich für ihr erlittnes Kreuz
zu entschädigen langte nach einer von den nahe stehenden Weinflaschen ersetzte
den Abgang ihrer Kräfte durch einige starke Züge so reichlich dass sehr bald die
ganze Stube vor ihrem Blicke schwamm und sich ihre Augenlider gleichfalls zu
einem herzstärkenden kummerstillenden Schlafe zusammenschlossen
Fünftes Kapitel
Die Reue des alten Herrmanns war wirklich Schuldigkeit er hatte ihr durch seine
Vermutung dass sie dem kleinen Heinrich heimlich ihm zum Trotze fortgeholfen
habe unrecht getan denn der Knabe war des Morgens noch vor sechs Uhr
aufgestanden hatte sich selbst angekleidet hatte wie ein wahrer Inamorato das
Bild der Gräfin um den Hals gehangen sich leise aus dem Hause hinausgeschlichen
und langte des Laufers Berichte gemäß mit dem Schlage sechs auf dem Schloss
an Der Graf trug anfangs Bedenken ihn ohne Vorwissen der Eltern dazubehalten
allein da der Knabe sich weinend und flehend allen Vorstellungen widersetzte
ließ ihn der Graf verbergen und beschloss seiner Gemahlin den folgenden Tag auf
eine eigene Art ein Geschenk mit ihm zu machen
Es war bereits zu ihrem hohen Geburtsfeste ein herrlicher Aufsatz auf die
Tafel verfertigt worden der die Gärten der Alcina vorstellte auf Brettern die
auf kupfernen Füßen ruhten prangten Alleen und Hecken von grünem Wachs
Parterre Boulingrins und breite Gänge zum Lustwandeln aus bunten Zuckerkörnern
klare Seen Teiche Bassins von Spiegelglas Statuen von Meissner Porzellan
Nischen Pavillons Eremitagen Monumente in Wildnissen versteckt alles was
nur einen französischen Garten verschönern kann auf das sauberste nach einem
ziemlich großen Maßstabe nachgeahmt In den beiden entferntesten Enden des
Gartens hatte der Künstler zwei große Tempel aus Teig statt des Marmors mit
einem nachahmenden weißen Zuckergusse überzogen auf zwei Bergen symmetrisch
aufgebauet Beide sollten im antiken Geschmack sein ein majestätischer
Säulengang umgab einen jeden und durch die gläsernen Wände leuchtete die
porzelläne Gottheit hindurch welcher sie geweihet waren Über den beiden
entgegenstehenden Eingängen zu welchen hohe breite Stufen hinanführten
kündigte eine goldene lateinische Inschrift den Namen der Gottheit an der eine
war der Treue der andere der Glückseligkeit gewidmet Die zween Tempel gaben
dem Grafen einen Einfall der vermutlich der einzige war solange die ganze
Konditorwelt steht es sollte mitten in dem Garten auf einem besonderen Brette
ein großer Tempel eingeschoben werden der den kleinen Heinrich als Amor
gekleidet anständigerweise in sich fasste und der Graf erfand selbst auf der
Stelle die Inschrift Amori dazu Der Künstler wandte demütig die Schwierigkeiten
ein stellte den Übelstand vor den ein so ungeheures Gebäude unter den anderen
nach einem viel kleineren Maßstabe verfertigten Gegenständen hervorbringen
müsste ließ auch mitunter versteckterweise ein paar Wörtchen über das
Lächerliche und Abenteuerliche der Idee fallen dass sich der Erfinder derselben
entrüstete und mit einem gebieterischen »Ich will« alle Einwürfe wie mit einem
Donnerkeile niederschlug Bald darauf besann er sich aber dass die Kürze der
Zeit den Bau eines so großen Tempels nicht wohl erlauben möchte und befahl
wegen dieser weisen Voraussehung bloß eine große Nische von grünem Lattenwerke
aufzuführen Es geschah man nahm dem kleinen Heinrich das Maß zu seiner Hütte
und war schon im Begriffe Hand an die Arbeit zu legen als in des Grafens Kopfe
eine viel sinnreichere Idee aufstand In dem Nachdenken über die Verschönerung
und den wahrscheinlichen Effekt des großen Tempels ging er in sein Kabinett und
siehe da bei dem ersten Aufschlagen der Augen traf sein Blick auf einen
Kupferstich wo ein verliebter Schäfer den kleinen mutwilligen Amor in einem
Vogelbauer seiner Geliebten überreichte Das Bild war wie für ihn erfunden die
Vorstellung reizte ihn so mächtig dass er sogleich den Konditor holen ließ um
ihm zu befehlen dass aus der großen Nische ein großer Vogelbauer werden sollte
Der Künstler war über diesen Antrag noch mehr betreten und zeigte ihm die
Ungeschicklichkeit einen ungeheuren Vogelbauer ohne allen Zusammenhang mitten
in einen kleinen Garten hinzustellen und zugleich die Missdeutung der ein Amor
im Käfig seiner Gemahlin an ihrem Geburtstage geschenkt unterworfen wäre
allein der Graf entrüstete sich zum zweiten Male und ward höchst ungehalten dass
man beständig der Ausführung seiner Einfälle so viele Schwierigkeiten mache da
sie doch größer und sinnreicher wären als die elenden Pösschen die der Konditor
auf etliche Bretter hingeklebt hätte Der Zuckerarchitekt wurde empfindlich über
diesen verächtlichen Ausdruck bat sich die Bezahlung für seine Arbeit aus
empfahl dem Grafen sich seine Vogelbauer selbst zu bauen und reiste wieder in
die Stadt zurück woher man ihn verschrieben hatte
Unter seinen Bedienten hatte der Graf einen Siegfried genannt der die
andern alle an Dummheit und Bosheit übertraf und wegen der ersteren bei ihm in
vorzüglicher Gunst stand deswegen trug er auch eine auszeichnende mit Gold
fast bedeckte rote Liverei nebst einem roten Federbusch auf dem Hute welches
einen witzigen Kopf unter seinen neidischen Kameraden auf den Einfall brachte
ihn des Grafen Maulesel zu nennen und diese Benennung bei dem Publikum des
ganzen Städtchens gebräuchlich und beliebt zu machen Er war der Ratgeber oder
vielmehr Beherrscher des Grafen denn weil er alles ohne das mindste Bedenken
billigte und lobte was seinem Herrn durch den Kopf und über die Zunge fuhr
wenns gleich die größte Abgeschmackteit war so besaß er dafür das Recht mit
ebensowenig Bedenken auch die größten Abgeschmackteiten zu fodern und zu
erlangen Gemeiniglich leuchtete sein Verdienst am hellsten wenn der Graf eine
ähnliche Widerwärtigkeit wie jetzt bei dem Konditor erlitten hatte dass klügre
Leute eine von seinen rohen Ideen nicht billigen wollten sogleich berief er
alsdenn seinen Maulesel zu sich stellte ihm die bestrittene Sache begreiflich
vor Augen und es fehlte ihm niemals dass sein Ratgeber sie nicht so
bewundernswürdig fand als sie klügern Leuten verwerflich und ungereimt schien
oft war seine Billigung List meistens aber Mangel an Einsicht Er hatte sogar
jederzeit die Unverschämtheit sich zur Ausführung zu erbieten und das besondere
Glück dass ihm der Graf nie Vorwürfe machte wenn sie ihm auch misslang obgleich
dies in den meisten Fällen geschah
Durch die nämliche Öffnung der Tür die der beleidigte Konditor machte um
aus dem Zimmer zu gehen wurde auch der Maulesel hereingerufen es versteht
sich dass er kaum vom Amor im Vogelbauer etwas gehört hatte als er schon in
lautes Lachen und laute Lobeserhebungen ausbrach »Ich will das schon
besorgen verlassen Sie sich auf mich« sagte er mit weiser Miene »Der
Zuckerbäcker versteht das nicht so wie ich ich weiß besser wie man einen Spaß
machen soll Morgen soll Ihr Vogelbauer auf dem Tische stehen verlassen Sie
sich auf mich «
Er hielt Wort Der Tischler musste von Latten einen runden Käfig
zusammennageln ihn grün anstreichen und weil das Gebäude zu Ehren eines
Geburtstages aufgeführt wurde geriet Siegfried auf die glückliche Erfindung
von dem Koche statt des Knopfs eine große runde Biskuittorte daraufsetzen zu
lassen an welcher ringsherum in einem weißen Zuckergrund mit Pistazien blauen
gelben und roten Körnern ein Vivat nebst dem Namen der Gräfin eingelegt war Um
niemandem einen Augenblick die Mühe des Nachsinnens zu verursachen was für
einen Vogel der Käfig enthielt ließ der Graf um den obersten Rand desselben wo
das spitzige Dach anfing einen zierlich ausgeschnittenen Streifen Postpapier
mit der schwarzen leserlichen Aufschrift LAmour encagé kleistern
Der Mittag des festlichen Tages erschien Der kleine Heinrich war bereits in
fleischfarbnen Atlas gekleidet sein lichtbraunes Haar in kurze frei
hinwallende Locken geschlagen und mit einer Rose geschmückt sein Rücken mit
einem Paar Flügeln von Gaze und Fischbein geziert über die Schultern herab hing
ihm an einem blauseidnen Bande ein Köcher von Pappe mit Goldpapier überzogen
statt verwundender Pfeile mit friedlichen Gänsefedern angefüllt seine Rechte
hielt den niefehlenden Bogen dessen Sehne eine Vorhangsschnur und so schlaff
war als da das gute Kind um Mitternacht in dem schrecklichsten Regenwetter bei
dem alten Anakreon einkehrte Venus hätte sich eines solchen Sohns nicht schämen
dürfen so liebreich lächelte sein weißes rundes Gesichtchen mit den runden
roten Backen und so schalkhaft sah sein geistreiches Auge unter den schwarzen
gewölbten Augenbrauen hervor Dreimal trat der kleine Bube vor den Spiegel und
fühlte die Macht seiner Reize so sehr dass er seinem eignen Bilde einen Kuss
zuwarf
Das ganze Städtchen hatte sich itzo schon vor zwei Stunden gesättigt der
Ackerknecht spannte die ausgeruhten Ochsen an den Pflug die gemolknen Stadtkühe
wandelten unter dem Peitschenschalle ihres Monarchen durch das Tor auf die Weide
hinaus und die hochgräfliche Gesellschaft schritt feierlich durch die weiten
Flügeltüren zur Tafel Der kleine Amor hatte sich zwar sehr stark geweigert in
den Käfig zu kriechen und versichert dass es wider seine Ehre wäre der Graf
musste sogar in eigener Person ins Tafelzimmer gehen und seinen Ehrgeiz durch die
Vorstellung einschläfern dass ers aus Liebe zur Gräfin tun solle ohne Anstand
sprang er auf den Stuhl und ließ sich in seine enge Wohnung hineinstecken
Die Gesellschaft war sehr zahlreich und von allen gräflichen und adligen
Sitzen aus der Nachbarschaft zusammengeladen Erstaunt rissen die Damen sich von
den Händen ihrer Führer los erstaunt ließ die Kavaliere ohne Verbeugung die
Hände der Damen fahren als man beim Eintritte in den Saal den hohen
babylonischen Turm mit dem Knopfe von Kraftmehl mitten auf der Tafel erblickte
nur die Gräfin war mehr verlegen als erstaunt Sie musste ein Lachen verbergen
dass ihr die Gestalt des Käfigs abnötigte sie hielt lange meisterhaft an sich
doch bei Erblickung des Biskuits der wie ein runder Strohhut auf dem spitzen
Dache steckte überwand das Lächerliche alle ihre Stärke sie musste das
Schnupftuch herausziehen und sich so lange hinter ihm räuspern bis ihr Gesicht
wieder in ernste Falten gelegt war Noch einen größeren Sturz musste sie
aushalten als sie den fleischfarbenen Amor darin sitzen sah ihre
Einbildungskraft malte ihr schlechterdings wegen der vollkommenen Ähnlichkeit
des Hauses einen Liebesgott vor der gewisse menschliche Bedürfnisse abwartete
Sie nahm Tabak sie räusperte sich sie aß Suppe sie sprach mit ihrem Nachbar
nichts half immer kam das verzweifelte Bild wieder zurück immer wollten ihre
Lippen lachen Zum Unglück bemerkte jedermann ihre Verlegenheit ob man gleich
die wahre Ursache derselben nicht erriet doch schien der Graf etwas Schlimmes
zu mutmaßen Er war ohnehin schon missmütig genug dass man so stumm dasaß und
seine Erfindung auch nicht mit einem Bröckchen Beifall beehrte geschah es weil
man mit der Gräfin gleiche Empfindungen hatte oder weil man noch so ganz nichts
von dem Sinnreichen darin begriff dass man auch nicht aus Schmeichelei zu
loben wagte ohne sich zu verraten dass es bloße Schmeichelei sei das kann
ich nicht entscheiden soviel bleibt gewiss dass es bei vielen die letzte Ursache
größtenteils wirkte wenn auch die erste nichts dabei tat und diese Ursache zu
entfernen das heißt sich nach der Absicht des großen mittleren Korbes zu
erkundigen hielt jedermann nach hergebrachter deutscher Sitte für unanständig
Ein alter Oberster der sich gänzlich über Zwang und Zurückhaltung
hinwegsetzte brach endlich die Bahn er wäre schon längst so vorlaut gewesen
wenn ihn nicht bisher die Betrachtung des Gartens beschäftigt hätte doch jetzt
kam die Reihe an Amors Käfig »Was ist das für ein Stall hier in der Mitte«
fragte er den sogenannten Maulesel des Grafen der horchend hinter den Stühlen
herumschlich und spionierte was für Urteile man über seine Arbeit fällte
»Das ist kein Stall« antwortete der empfindliche Erfinder »Es steckt doch da
ein Vieh darin was solls denn sein« fragte der Oberste weiter »Lesen Sie
doch nur« war die höchst trotzige Antwort hierauf
Der Oberste folgte seinem Rate setzte die Brille auf las die Inschriften
und brachte mit Hilfe der gegenübersitzenden Nachbarin heraus Vivat Sophia
Eleonora lAmour encagé »Hm« brummte der Oberste »das sollte ja wohl
heißen
Vivat Sophia Eleonora et lamour encagé«
»So« unterbrach ihn die Gräfin lächelnd »Das hieße ja soviel als ob ich
und die Liebe am besten aufgehoben wären wenn man uns einsperrte«
Er sann nach »Der Teufel ja das hieß es« fuhr er heraus »Haben Sie
das gemeint Herr Graf«
Die Gräfin winkte zwar dem Obersten ihrem Gemahl der keinen Spaß verstund
die Frage nicht zu wiederholen allein der übereilte Mann achtete auf keinen
Wink sondern schrie den ganzen streitigen Punkt mit allen Klauseln über die
lange Tafel hinauf der Graf wurde rot weil ihm das Gespräch einen Tadel über
sein Werk in sich zu schließen schien und verbarg sein Missfallen damit dass er
sich stellte als wenn er nichts verstehen könnte Unterdessen wurde die Materie
um und neben dem Obersten unter seinem Vorsitze noch genauer untersucht
Sobald nur Fräulein Hedwig eine weitläuftge Anverwandtin der Gräfin die als
Wirtschaftsdame bei ihr lebte und zugleich die Stelle einer Gouvernante bei der
Baronesse Ulrike versah die Krone aller hässlichen Fräulein sobald sie sage
ich heraus hatte dass ein Amor im Käfig steckte so konnte sie nicht
unterlassen die Gesellschaft mit einem Gerichte von ihrer beliebten
Gelehrsamkeit zu bedienen »Das ist ja« fing sie an und reckte den dicken Kopf
in die Höhe »wie dort bei dem Virgilio Marus wo die jungen Grafen des Aeneas
den Amor in einen Topf stecken«1
»Doch nicht in einen Nachttopf« schrie der unsaubre Herr Oberste Ob sich
gleich Fräulein Hedwig bei seiner unanständigen Frage die Nase zuhielt und die
Miene des Ekels sich in ihrem Gesichte auf das lebhafteste ausdrückte so
erwischte sie doch die günstige Gelegenheit ihrer Gelehrsamkeit Ehre zu machen
mit großer Herzensfreude »Ach« fuhr sie fort »der arme Bube hat schon viel
Herzeleid ausstehen müssen wie dort bei dem Ambrosius wird er gar mit
Stecknadeln gestochen und im Cicero Marcus binden ihn die Hofdamen der Königin
Semiramis mit ihren Jartieres«
»Womit« unterbrach sie der Oberste Fräulein Hedwig wiederholte es
»Mit den Strumpfbändern also« rief der Oberste
»Fi« antwortete das Fräulein mit Naserümpfen und nahm Tabak »Wer wird denn
so etwas über Tafel nennen«
Der Oberste Warum denn nicht
Fräulein Hedwig Über Tafel darf man von nichts reden was unter der Tafel
ist
Der Oberste Das mag wohl bei Ihren Karus und Narrus und wie die Kerle
weiter heißen Mode gewesen sein aber ich wüsste nicht wer mirs wehren wollte
von Strümpfen und Schuhen
Das Fräulein Schämen Sie sich doch Wer wird denn dergleichen Sachen
deutsch nennen Wenn Sie ja davon sprechen müssen so dürfen Sie ja nur
chaussure sagen
Der Oberste Was ist denn das bessers Ob ich zum Exempel sage Votre cû
large oder
Indem er die Übersetzung hinzufügen wollte zog ein allgemeiner Aufstand an
dem andern Ende der Tafel seine Aufmerksamkeit von der vorhabenden Disputation
ab Der kleine Amor hatte in seinem Käfig Langeweile durch die Ausdünstungen
des Essens die eine Atmosphäre von Wohlgeruch um ihn bildeten wurde sein
Appetit ungemein rege gemacht diese beiden Ursachen trieben ihn an mit
seinen kleinen Fingern in die Biskuittorte die auf dem Dache des Käfigs ruhte
hineinzubohren und sich ein Stück herauszuzwicken Der Genuss feuerte die
Begierde noch mehr an und da er ringsum alles was er durch die offenen
Zwischenräume der Latten erreichen konnte heruntergeholt und verzehrt hatte
suchte er durch einen Stoß mit dem Bogen der Torte eine Wendung zu geben dass
sie ihm eine noch unangetastete Seite zukehrte allein der Stoß geriet in der
Hitze der Leidenschaft zu stark die Torte stürzte herab in die Gärten der
Alcina hinein zerschmetterte Bäume Hecken und Pavillons taumelte über die
Gartenmauer hinaus und fiel mit lautem Geräusche in eine Assiette hinein dass
ein dichter Platzregen von schwarzer Brühe auf die dort Sitzenden herabströmte
Alles sprang auf seine Kleider zu retten als schon die ganze herumgesprützte
Essenz auf ihnen lag in einem Tempo wurde eine ganze Reihe Stühle
zurückgeworfen Bediente schrien dass man ihre Zehen quetschte die Kavaliere
denen die emporschnellenden Fischbeinröcke der Damen bei dem Aufspringen
Ohrfeigen gaben stolperten um ihnen zu entgehen über die Stühle hinweg der
kleine bucklichte Herr von E wurde durch den einen Windflügel der Frau
Geheimrätin von S so gewaltig aus allem Gleichgewichte gebracht dass er zu
Boden stürzte und weil sich die Dame sogleich auf den zurückgestossnen Stuhl
wieder niedersetzte um sich die entstandnen Flecke abzuwischen so deckte sie
den ganzen kleinen gestürzten E mit ihrem ungeheuren Fischbeinrocke zu und in
der Hoffnung dass sie bald ihren Sitz verändern möchte blieb er geduldig
liegen Die gehoffte Veränderung erfolgte nicht und er fing also an sich aus
seinem Zelte herauszuarbeiten Der Kammerherr T der daneben stund sah unter
der Schleppe der Geheimrätin zween ihm bekannte Menschenfüsse hervorkommen und
fragte »E wo sind Sie denn« »Hier« seufzte der arme Junker unter dem
Fischbeinrocke hervor spannte seine Schnellkraft an und kroch mit den
Bewegungen einer Raupe auf allen vieren aus der erstickenden Atmosphäre heraus
Noch wusste niemand dass der Vogelbauer eine lebendige Kreatur verbarg
sondern man bildete sich ein dass die Torte durch ihre eigne Schwerkraft den
gefährlichen Fall getan habe Amor hatte sich dem gegebnen Befehle gemäß so
still darin gehalten dass man ihn für eine Wachspuppe ansah und seine
Bewegungen bei dem Bestehlen der Torte wurden durch das Geräusch des Gesprächs
verschlungen Itzt aber ward es ihm unmöglich länger eine Puppe vorzustellen
der genossne Biskuit fing an heftige Unordnungen in seinem kleinen Körper zu
verursachen die Schmerzen wüteten so heftig und die Besorgnis vor einer
entehrenden Aufführung quälte ihn so sehr dass sich der arme Bube niedersetzte
und bitterlich weinte Es war gerade Ebbe in der Unterhaltung und alle Ohren
wandten sich verwundrungsvoll nach dem Orte hin woher die Klagetöne kamen
einige suchten unter der Tafel aber die Gräfin lenkte ihre Augen sogleich auf
den Käfig sah aufmerksamer als bisher durch die schmalen Zwischenräume der
Latten und wurde mit Erstaunen ihren lieben kleinen Heinrich gewahr Hurtig gab
sie Befehl ihn herauszulassen der schöngelockte Liebesgott drückte sein
verschämtes Gesicht dicht an die Brust des Bedienten der ihn herausnahm und
ließ sich voll von innerlichen Martern der gekränkten Ehre zum Zimmer
hinaustragen Knirschend trat er vor der Tür hin stampfte und warf voll Ärgers
über sich selbst den Bogen auf den Fußboden und deckte mit den kleinen Händen
das glühende Gesicht zu Man sprach ihm Trost ein aber sein kindisches Herz
fühlte schon zu sehr die Stacheln der Ehre und Schande um sich durch Worte
beruhigen zu lassen
Die Gräfin war für ihn besorgt und zürnte bei sich nicht wenig über den
tollen Einfall ihres Gemahl der nicht weniger bei sich über den unschuldigen
Liebesgott ungehalten war dass er ihm durch sein unzeitiges Weinen den schönen
Plan verrückt hatte denn nach seinem Willen sollte er nach der Tafel mit dem
Käfig abgehoben und seiner Gemahlin wie ein Papagei zum Geschenk überreicht
werden Beide sprachen seit dieser Begebenheit in den übrigen drei Stunden die
man noch bei Tafel zubrachte wenig oder gar nichts mehr und die Gäste aßen
tranken und hatten Langeweile während dieser Zeit auf die gewöhnliche Art
Sechstes Kapitel
Bewundernswürdig ist der Mann der zuerst die Kunst erfand seine
Leidenschaften Empfindungen und Urteile so tief in den innersten Winkel seiner
Seele zurückzudrängen dass auch nicht eine Linie breit von ihnen durch Miene und
Gebärden hervorschlüpfte aber dreimal wo nicht mehrmal bewundernswürdiger ist
der Tausendkünstler der zuerst seine Gesichtsmuskeln zur Freundlichkeit
anspannen und seine Worte zum Lobe stimmen konnte wenn sein Herz zürnte und
missbilligte Wer sollte glauben dass die Gräfin bei so vielem innerlichen
Unwillen bei so lebhaftem innerlichen Tadel bei so starker Empfindung des
Lächerlichen in dem amour encagé doch nach aufgehobner Tafel den Urheber
desselben sogleich in ein Fenster ziehen und ihm mit einer Freude die fast bis
zur Rührung stieg für sein abenteuerliches Geschenk danken und die Art wie er
ihr es machte als schön neu und interessant lobpreisen würde Ja das tat sie
wirklich sie küsste ihrem Gemahle einmal über das andre die Hand und versicherte
ihn dass sie den Knaben weder Tag noch Nacht von sich lassen werde weil er sie
beständig an die Dankbarkeit für ihres Gemahls Gnade erinnere Jedes unter den
Anwesenden als man von der Sache näher unterrichtet war hielt es für billig
dem Grafen der ihnen so viele und schöne Essen vorgesetzt hatte ein Kompliment
über seinen Vogelbauer zu machen dass Michael Angelo durch seinen Bau an der
Peterskirche nicht zur Hälfte soviel Lob und Bewunderung eingeerntet hat als der
Graf Ohlau mit seinem hölzernen Käfig Die Gräfin ging so weit dass sie dem
Manne der bei der Erbauung die Aufsicht geführt hatte verbindlich die Hand
drückte seine Arbeit als ein Meisterstück der Baukunst erhob und ihn für seine
Mühwaltung mit zehn Louisdoren beschenkte Der Graf schwamm in Entzücken er
fühlte sich über sich selbst erhaben wie ein Künstler der ein Denkmal seines
Talents dauernder als Erz unzerstörbar durch Regen Feuer und Wasserfluten
vollendet hat
Natürlich musste dieses Entzücken für den Knaben einnehmen der es
veranlasste der Graf befahl sogleich ihn aufzusuchen und herbeizubringen und
die Gräfin ging in eigener Person nach ihm um ihn wegen des Unfalles bei Tafel
zu beruhigen Ihre Bemühung kam zu spät die kleine Baronesse Ulrike die schon
einigemal genannt worden ist war sogleich nach der Mahlzeit mit ihrer
gewöhnlichen Übereilung hinausgerennt um den Liebesgott zu finden von dem sie
als er aus dem Käfig herausgenommen wurde ein hübsches weißes Händchen gesehen
hatte das sie in dem Augenblicke herzlich gern in die ihrige zu legen zu
drücken zu liebkosen wünschte Auch bildete sie sich ein dass zu dem hübschen
Händchen ein hübsches Gesichtchen gehören möchte und eilte deswegen ihre
Neubegierde zu befriedigen weil sie auch schon in ihrem siebenten Jahre eine
große Liebhaberins von hübschen Mannsgesichtern war Sie fand ihn auf dem
nämlichen Platze schlafend wo er sich im ersten Unwillen über seine beleidigte
Ehre hingeworfen hatte Er lag auf dem Fußboden in einer Ecke des Vorsaales mit
dem Kopfe auf einem hingeworfnen Stuhlkissen ruhend die kleine runde Wange
glühte wie ein Abendrot eines von den niedlichen Händchen war unter dem linken
Backen verborgen das andre lag auf dem rechten gekrümmten Knie Die Baronesse
ergriff es streichelte und drückte es mit innigem Wohlgefallen an ihr Gesicht
gab der einladenden Wange einen herzhaften Kuss kniete trotz der Konsideration
in welcher sie eingekerkert war vor ihm nieder und wiederholte seine Hand in
die ihrigen geschlossen den Kuss so oft und lange dass sie einige Zeit ganz auf
dem Gesichte des Knaben liegen blieb In dieser Stellung überraschte sie
Fräulein Hedwig ihre seinsollende Gouvernante watschelte wie eine Gans die
halb fliegt und halb geht auf sie zu und riss sie mit solchem Ungestüm von dem
Liebesgotte hinweg dass sie zurückstürzte Die Baronesse die überhaupt aus
einem sehr elastischen Stoffe geschaffen war raffte sich sogleich auf und kaum
war sie wieder auf den Füßen als schon die Gouvernante in völliger Rüstung
dastand die Hände in die Seiten gestemmt ihre schielenden Augen leuchteten
unbeweglich wie ein paar Schneeballen aus dem kirschbraunen aufgeschwollnen
Gesichte hervor und die breiten aufgeworfnen Lippen zogen sich wie ein
Puderbeutel auf und zu indem sie sprach »Fi schämen Sie sich« fing sie an
»Sich da wie ein schlechtes Mädchen auf einen geineinen Jungen zu legen und
ihm ein Gage damour zu geben«
Die Baronesse Ich hab ihn geküsst
Fräulein Hedwig O so schämen Sie sich und reden Sie nicht so pöbelhaft Ein
solches gemeines Wort in den Mund zu nehmen Fi Baronesse
Die Baronesse Alle Leute reden ja so Küssen was
Fräulein Hedwig So hören Sie Wiederholen Sie doch das garstige Wort nicht
noch einmal Haben Sie denn nicht achtgegeben wie ich mich über solche
Unanständigkeiten ausdrücke Ich habe ihm ein Preuve daffection ein Gage
damour gegeben so muss man sprechen wenn man honett reden will Die Lateiner
nennen das Vinculus amoris Wenn Sie etwas gelernt hätten brauchten Sie nicht
sich so schlecht auszudrücken wie ein gemeines Bürgermensch
»Ei« sagte die Baronesse mit dem natürlichsten Tone und hüpfte auf einem
Beine dazu »das läuft ja doch immer auf eins hinaus Der Junge ist
allerliebst ich hab ihn recht lieb«
Fräulein Hedwig Reden Sie doch nicht so frei Unsereins sagt von
dergleichen Burschen ich kann ihn wohl leiden
Die Baronesse Sehen Sie nur wie er so artig daliegt Wie er die niedlichen
Fingerchen auf dem Knie ausgestreckt hat
Fräulein Hedwig Ulrikchen Wer wird denn von Knien sprechen
Die Baronesse Wie soll ich denn sonst sagen
Fräulein Hedwig Gar nicht davon sprechen Man muss nichts von einer
Mannsperson nennen was unter dem Kopfe ist
Die Baronesse Gefällt er Ihnen nicht
Fräulein Hedwig Ach warum nicht gar gefallen Er ist mir nicht zuwider
Er liegt da wie der junge Prinz Adonis in des Grafen Kabinette
Die Baronesse hüpfte zu ihm hin und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf den
Backen
»Lassen Sie das sag ich Ihnen« rief Fräulein Hedwig »Sie sind ja so
frech wie dort bei dem Homerus die Gräfin Lais« Die Baronesse hüpfte auf einem
Fuß den Saal hinunter und sang sich eins dazu indessen stand ihre Gouvernante
in stummer Betrachtung verloren vor dem schlafenden Amor und wurde von einer
unwillkürlichen Bewegung so hingerissen dass sie sich zu ihm hinneigte und ihm
ein förmliches Gage damour gab War ihr Kuss auch für Schlafende zu herbe oder
drückte sie mit ihrem Rüssel den kleinen Heinrich zu sehr Genug er erhub seine
Hand und gab ihr eine empfindliche Ohrfeige welche die Göttin so sehr in den
Harnisch jagte dass sie die verbrecherische Hand ergriff und mit einigen derben
Schlägen bestrafte »Du ungezogner Bube« sprach sie mit ärgerlichem Tone und
ihre dicke Pfote peitschte darauf los wie ein Racket den Federball Die
Baronesse war eben auf dem Rückwege in ihrem Tanze als die Bestrafung des
kleinen Heinrichs vor sich ging sogleich flog sie herbei wie ein Ritter der
seine Geliebte von einem Drachen erlösen will stieß das Fräulein zornig zurück
und versetzte ihr in der ersten Überraschung des Unwillens einige Hiebe auf den
Arm Ihre Gouvernante die ihre Hände zu allen Arten von Waffen gebrauchte wozu
sie nur die Natur gemacht hat legte ihre Finger in die Form einer
Habichtskralle und grub mit vier Nägeln eine vierfache Wunde in den Arm der
Baronesse In diesem Augenblicke des Scharmützels langte die Gräfin an um ihren
Liebling in das Zimmer zu holen Der Kleine als er sie erblickte sprang
sogleich auf und lief ihr entgegen die Baronesse desgleichen nur Fräulein
Hedwig die durch den Stoß ihrer Gegnerin in eine sitzende Lage war versetzt
worden konnte ihren dicken schwerfälligen Körper nicht von der Erde aufbringen
sie stemmte sich mit der Hand auf den Fußboden und kaum hatte sie sich einige
Zolle erhoben so plumpte sie wieder mit allgemeinem Krachen in die vorige Lage
zurück dass die Fenster zitterten die Scham vor der Gräfin machte ihre
Bewegungen übereilt und je mehr sie arbeitete emporzukommen je erschöpfter
und keuchender fiel sie wieder hin bis endlich ein Bedienter herbeieilte um
ihr emporzuhelfen allein bei der Anwendung seiner Kräfte hatte er die Schwere
der Maschine die er aufziehen sollte nicht genug berechnet als sie beinahe
schon stund stürzte sie wieder mit einem lauten Schrei und zog ihren Helfer so
unwiderstehlich mit sich nieder dass er die Beine gen Himmel kehrte Die
Erderschütterung die dieser doppelte Fall erregte lockte die ganze
Lakaienschaft herbei und unter allgemeinem Gelächter half man den beiden
Unglücklichen endlich wieder auf die Füße Gräfin und Baronesse kondolierten dem
Fräulein sehr herzlich allein sie konnte den Triumph der letztern so wenig
ertragen dass sie ohne ein Wort zu hören zur Tür hinaus auf ihr Zimmer
watschelte
Die Gräfin ging die beiden Kinder an der Hand zur Gesellschaft zurück
versteht sich dass jedermann seinen Witz anstrengte ihr wegen der Gruppe in
welcher sie hereintrat etwas Schönes zu sagen Nachdem sie so durch den Witz
einer doppelten langen Reihe im eigentlichen Verstande Spitzruten gegangen war
stellte sie ihrem Gemahle ihre beiden Begleiter zum Handkusse vor Der Graf
wollte anfangen sich zu freuen allein man präsentierte die Karten und ein
jedes ging an den Ort seiner Bestimmung
Für die Baronesse war dies eine erwünschte Begebenheit Sie wanderte mit
ihrem Amor in ein Nebenzimmer und ließ ihre lustige Laune in vollem Strome über
ihn ausbrechen Unter den mannigfaltigen kindischen Neckereien womit sie ihn
überhäufte und die er reichlich erwiderte zog sie ihn besonders wegen seiner
Pfeile auf »O du ganz erbärmlicher Amor« rief sie und schlug die Hände
zusammen »willst die Leute mit Gänsespulen verwunden Bist du nicht eine kleine
Gans«
»Oh« antwortete der verspottete Liebesgott und stellte sich mit einer
tapfern Miene in Positur »ich schieße alle Herzen im Leibe entzwei«
»Schiess her« foderte ihn die Baronesse auf und bot ihre Brust dar
Der drollichte Knabe ergriff einen von seinen gefiederten Pfeilen und warf
ihn nach ihrem Herze Das unschädliche Geschoss blieb in der Garnierung ihres
Kleides hängen Die Baronesse stellte sich tödlich verwundet und sank rückwärts
auf einen Sofa
»Kann ich nicht treffen« rief Amor und klatschte triumphierend in die
Hände
O ihr guten Kinder wüsstet ihr welche Ungewitter die Liebe von diesem
Augenblicke an über euch sammelt ihr hättet nicht mit ihren Pfeilen gespielt
»Ich will dich wieder lebendig machen« sprach der siegende Liebesgott
hüpfte zu ihr hin und drückte auf den Mund seiner hingesunknen Psyche einen der
lebhaftesten Küsse mit ihm schlich ein geheimes Feuer in ihre Kinderseele
durch alle Nerven des kleinen Körpers schoss eine zitternde Flamme ihr Herz
schlug schneller und alle ihre Sinnen schlummerten in ein minutenlanges Gefühl
der sanftesten Behaglichkeit dahin
Eben wollte der Dreiste die Lippen zurückziehn als Fräulein Hedwig ins
Zimmer trat Sie rennte mit schwerfälligem Trabe nach dem Sofa hin um sich zum
zweiten Male unter einem schicklichen Vorwande für die Ohrfeige zu rächen
allein der Knabe war ganz mit Amors Unverschämtheit bewaffnet er trat zurück
und drohte ihr sie gleichfalls mit seinen Pfeilen zu erschießen Die mürrische
Gouvernante war zum Spaß nicht aufgelegt und riss die Baronesse hinweg mit der
ernsten Vermahnung sich nicht mehr mit einem so gemeinen Jungen einzulassen
weil sie sonst ebenso verbrennen könnte wie die Königin Dido da sie sich vom
Grafen Äneas umarmen ließ
Die Vermahnung so gut gemeint und so nötig sie sein konnte war auf einen
schlechten Grund gebaut und tat daher auch eine schlechte Wirkung die
Baronesse die noch ganz Natur war fühlte zwischen der Liebenswürdigkeit eines
gemeinen und eines vornehmen Jungen keinen Unterschied und sobald Fräulein
Hedwig nur den Rücken wandte wischte sie zum Zimmer hinaus den gemeinen
Jungen der so wohltuende Küsse gab aufzusuchen Die Alte wenn sie ihre
Abwesenheit inne wurde setzte gleich mit allen Segeln hinterdrein Ulrike floh
mit ihrem Liebesgotte aus einem Zimmer ins andre wie ein Paar Tauben vom Geier
verfolgt und jedesmal retteten sie sich in eins wo Gesellschaft war und wo man
sie also nicht ausschelten konnte so geschah diese Jagd einigemal während des
Spiels
Endlich rückte die Zeit des Balls heran kaum war er eröffnet so fand sich
die Baronesse mit ihrem Amor auf dem Tanzplatze ein Ihre Gouvernante verwies
ihr etlichemal diese unanständige Aufführung allein ihre Verweise hatten immer
etwas so Komisches bei sich dass man sich nie entschließen konnte sie für Ernst
gelten zu lassen Sie tanzten mutig miteinander fort bis der Graf auf die
Entweihung der Gesellschaft durch die Gegenwart eines so gemeinen Jungens
aufmerksam wurde er untersagte seiner Schwestertochter alles fernere Tanzen mit
ihm auf das schärfste und ließ ihm einen Platz anweisen wo er zusehen und den
er bei Vermeidung der höchsten Ungnade nicht verlassen sollte Die Baronesse
begleitete ihn in sein Exilium und wich ihm nicht von der Seite sooft man sie
auch von ihm hinwegrief und hinwegführte
Plötzlich verbreitete sich durch den ganzen Saal das Gerücht dass ein
Gärtnerbursche bei Anzündung der Lampen womit der mittelste Gang des Gartens
erleuchtet werden sollte von der Leiter gefallen sei und das Bein gebrochen
habe Der Graf kehrte sogleich alle Anstalten vor dass es nicht zu den Ohren der
Gräfin gelangte die mit ihrer gewöhnlichen Empfindlichkeit über den Gedanken
sie sei die veranlassende Ursache seines Unglücks gewesen die ganze übrige Zeit
des Balles unmutig und niedergeschlagen geworden wäre Der Bursche war der
Liebling der Baronesse und kaum wusste sie seinen Unfall weg war sie In einem
Zuge die Treppe hinunter über den Hof in den Garten hinein nach der
Gärtnerwohnung zu und diesen ziemlich langen Weg machte sie in dem ärgsten
Regen bei Donner und Blitz in ihrem festlichsten Staate ohne die mindeste
Bedeckung dass ihr bei dem ersten Schritte in dem durchweichten leimichten Boden
des Gartens die seidenen Schuhe steckenblieben ohne sich dabei aufzuhalten nahm
sie beide in die Hand und setzte ihre Reise in Strümpfen fort Als sie bei dem
Gärtner ankam erfuhr sie von seinem kleinen Sohne dass man den Burschen zu
seiner Mutter in das Städtchen gebracht hatte Jedermann war mit der durchs
Donnenvetter verunglückten Illumination beschäftigt und sie musste den Knaben
durch Geld bewegen dass er sie mit einer Laterne zu dem Hause brachte wo der
Kranke lag Sie machte sich in der nämlichen Witterung und mit der nämlichen
Bekleidung auf den Weg erreichte die Wohnung und fand den Chirurgus mit dem
Verbinden beschäftigt Mit der angelegentsten Sorgfalt tat sie ihm Handreichung
dabei half den Fuß halten sprach dem Burschen Trost ein wenn ihn der Schmerz
zuweilen übermannte ermahnte den Wundarzt leise zu verfahren und hielt bei
ihm aus bis die ganze Verrichtung vorüber war Bei dem Abschiede gab sie der
Mutter einen Gulden ihr ganzes gegenwärtiges Vermögen mit dem Versprechen
die Wohltat zu vergrößern sobald es ihre Umstände zulassen würden Die Alte
die es entbehren konnte nahm ihr Geschenk mit vielen Komplimenten an und weil
sie der Baronesse zu komplimentenreich dankte so wischte diese zum Hause
hinaus ehe noch jene ihren Dank geendigt hatte
In dem Schloss hatte sie niemand als Fräulein Hedwig vermisst die deswegen
ängstlich alle Zimmer durchlaufen war ohne zu erraten wo sie sein möchte ob
sie gleich eine Entlaufung um irgendeines andern Bewegungsgrundes willen
mutmasste denn solche Unbesonnenheiten waren ihr gewöhnlich Sie konnte in
keinem Winkel Ruhe finden und war halb des Todes als die Baronesse in
zerrissner ungepuderter Frisur und schmutzigen Schuhen in der Gesellschaft
auftrat Mit einem freudigen »Er ist verbunden« eilte sie zur Gräfin und
erzählte ihr den ganzen Verlauf ihrer Expedition Der Graf erblickte sie kaum
als er zu ihrer Gouvernante voller Zorn ging und ihr ihre Unachtsamkeit mit
einem harten Verweis bezahlte was sie eben so ängstlich befürchtet hatte mit
gleicher Entrüstung scholt er Ulriken über die Unanständigkeit sich in so
unsauberer Kleidung zu präsentieren weidlich aus Die Gräfin welcher die
Übereilung der Baronesse im Herzen gefiel küsste sie und sagte ihr freundlich
»Du bist beständig ein solch guterziges unbesonnenes Ding gewesen und wirst es
auch wohl bleiben Geh auf dein Zimmer«
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Die Ursache warum der Graf die Aufnahme des kleinen Heinrichs auf sein Schloss
betrieb hörte unmittelbar nach der Geburtsfeier auf er sollte das Werkzeug
seiner Politesse sein das Werkzeug hatte seine Dienste getan und war in seinen
Augen nunmehr nichts Besseres wert als es wegzuwerfen Es war ihm so herzlich
zuwider den gemeinen Jungen zuweilen um und neben sich zu dulden dass die
Gräfin besorgte er werde ihr einmal ebenso despotisch befehlen ihm ihre
Zuneigung zu entziehen als er vorhin darauf drang ihrer Liebe für ihn keine
Gewalt anzutun Der Gehorsam wäre ihr jetzt in der ersten Hitze ihrer Gunst
unendlich schwergefallen dafür ließ sie sich wohl nicht bange sein dass sie in
dem äußersten Falle nicht Mittel genug finden werde ihren Gemahl unvermerkt
dahin zu leiten dass er ihr wider seinen Willen eine Aufopferung untersagen
musste die er gern von ihr gefodert hätte allein sie hielt es doch für klüger
beizeiten vorzubauen oder vielmehr sie konnte nicht ertragen dass jemand ihren
Liebling hasste weil sie ihn so heftig liebte
Ihr Götze war die Neuheit wie die Politesse die Abgöttin ihres Gemahls in
den ersten Tagen der ersten Woche einer neuen Zuneigung wurde ihr ihre
Gewogenheit zu einem wirklichen Leiden mit der Unruhe der höchsten Leidenschaft
sorgte sie für den Gegenstand derselben eine Minute Abwesenheit machte ihr
Kummer und in seiner Gegenwart war sie unaufhörlich mit sich selbst
unzufrieden dass sie keine Sprache noch Handlung wusste um die ganze Stärke
ihrer Liebe auszudrücken und zu beweisen Heinrich durfte keinen Augenblick von
ihrer Seite musste sie überall begleiten sie lehrte ihn in eigener Person
französisch lesen ließ ihn schreiben sann beständig auf neue Zeitvertreibe für
ihn und betrieb seinen Unterricht und sein Vergnügen mit solchem Eifer dass sie
tagelang nicht aus dem Zimmer kam Er saß auf ihrem Schoße hing ihr am Halse
sie küsste und liebkoste ihn wie den zärtlichsten Liebhaber und wartete ihm auf
wie ihrem Gebieter ein Wink von seinen Augen ein Wörtchen nur die mindeste
Äußerung eines Wunsches und sie flog sogleich ihn zu befriedigen Er hatte
ihr Herz so ganz ausgefüllt dass außer ihm für sie nichts in der Welt war das
ihr nur eine sekundenlange Aufmerksamkeit wegstehlen konnte die Baronesse
Ulrike ihr Gemahl alles war für sie so gut als vernichtet
Je stärker dieser Paroxysmus zunahm denn weiter war es im Grunde nichts
als der Anfall eines leidenschaftlichen Fiebers je empfindlicher wurde ihr der
bemerkte Widerwillen ihres Gemahls gegen ihren Günstling Um ihn zu heben
fragte sie ihn eines Tages bei Tafel ob er auf den Sonntag nicht in die Kirche
fahren und einen kleinen Türken dabei paradieren lassen wollte der in seine
Dienste zu treten wünschte Der Graf merkte wen sie meinte und sagte ja Der
Sonntag erschien und Heinrich war auf ihre Unkosten in Atlas als Türke
gekleidet
Eine solche Kirchenparade war eins der angenehmsten Opfer womit der Graf
zuweilen seiner übermäßigen Prachtliebe und seinem Stolze schmeichelte Seine
ganze Hofstatt wurde alsdann beritten gemacht die Jäger seiner ganzen
Herrschaft mussten sich in ihrem völligen Ornate tags vorher einfinden um den
Zug verlängern zu helfen der von dem Schloss durch alle Gassen des Städtchens
die für eine Kutsche breit genug waren bis zur Kirche ging Die Hälfte der
Jäger zu Pferde mit vor sich gestellten Büchsen eröffnete ihn an sie schloss
sich alles was nur auf einem Pferde sitzen konnte und eine Bedienung ohne
Liverei bei dem Grafen hatte in dem auserlesensten Schmucke alle ritten in
weißen seidenen Strümpfen und großen breiten Haarbeuteln weil es der Graf für
unanständig hielt bei einer so feierlichen Gelegenheit gestiefelt zu
erscheinen Auf diese galante Kavallerie folgte die sämtliche Liverei zu Fuß
mit langen spanischen Schritten strotzend und starrend in reich verbrämten
Galakleidern alsdann wurde in einem Staatswagen geräumig wie ein Tanzzimmer
der Graf in einem zweiten ebenso großen die Gräfin in einem dritten die kleine
Baronesse die in dem großen Gebäude kaum zu finden war und in einem vierten
Fräulein Hedwig wohlgemut ein jedes mit Pferden von einer andern Farbe
dahergezogen den Beschluss machte der Rest der löblichen Jägerschaft Auf der
rechten Seite der Kutsche die den Grafen trug ging zum Unterscheidungszeichen
der wohlbeliebte Maulesel des Grafen in seiner scharlachnen goldbeladnen
Uniform und die leere Stelle auf der linken Seite musste auf Veranstaltung der
Gräfin ihr Liebling in seinem atlasnen Türkenkleide einnehmen Eine solche
Kirchfahrt war für den Grafen das köstlichste Vergnügen der Erde er fühlte sich
so wohl wenn er sich in dem gläsernen Kasten wiegte so zufrieden mit sich
selbst Auch war es der sicherste Weg zu seiner Gunst wenn man seine
abenteuerliche Kirchenparade verherrlichen half und die Gräfin hatte aus keiner
andern Absicht ihren Heinrich zu seinem Kammertürken gemacht Die Idee nahm ihn
so sehr sein dass er mit beständigem Wohlgefallen aus der Kutsche auf den
kleinen Muselmann herabsah er dünkte sich auf der Leiter der Hoheit um ein paar
Sprossen weiter hinaufgerückt Da seine Gemahlin sonst dergleichen Aufzüge aus
dem guten Grunde verhinderte weil sie ein Muster von Lächerlichkeit darin
fand so war die Freude jetzt desto lebhafter dass sie ihn selbst dazu
ermunterte alles auch selbst die Knoten seiner Perücke wallten vor Entzücken
an ihm
Dies war der wichtige Augenblick wo der kleine Heinrich den ersten Schritt
zur Gnade des Grafen tat und wo die Vermutung des Publikums über seine
unehliche Geburt zur Gewissheit wurde Dies konnte um soviel leichter geschehen
da sein Vater erst zwei Jahre in den Diensten des Grafen und in dem Städtchen
war und also seine vorhergehenden Familienumstände an diesem neuen Wohnorte
noch in einer kleinen Dunkelheit lagen
Noch den nämlichen Tag empfing er zur Belohnung der treugeleisteten
Begleitung einen besonderen Beweis von der Gunst seines Patrons Wenn das Wetter
nicht günstig war um den prächtigen sonntäglichen Spaziergang zu machen wovon
ich schon eine Beschreibung geliefert habe so wurden die vakanten Stunden mit
andern ganz eignen Lustbarkeiten ausgefüllt In einem solchen Falle befand sich
der Graf eben jetzt trübe Regenwolken überzogen nachmittags den Himmel und
drohten jeden Augenblick mit Regen er ließ also alle Stalleute zusammenrufen
sie mussten sich unter seinem Fenster im Zirkel stellen und zu einem Wettkampfe
bereitalten Dieser Wettstreit bestand in nichts Geringerm als dass er Äpfel
oder Kupferpfennige unter sie auswarf damit sie sich darum balgten sobald die
ausgeworfne Kleinigkeit in ihren Kreis herabfiel stunden sie alle aufmerksam
da die Augen auf den Preis geheftet der Graf blies in ein Pfeifchen und
sogleich stürzte auf dieses Losungszeichen der ganze Haufen übereinander her
balgte raufte kratzte und drückte sich um des Plunders willen währenddessen
immer neue Anreizungen zum Streite über sie herabgeworfen wurden Sollte das
Spiel recht anziehend werden so ließ er die Erde mit Wasser befeuchten oder
stellte es nach einem starken und langen Regen an wenn der leimichte Boden
schlüpfrig und durchweicht war dass man bei jeder Bewegung ausgleitete und hie
und da einer sein Bild in Lebensgröße in das nasse Erdreich eindrückte Bei
dieser hohen Ergötzlichkeit hatte der neue Kammertürke die Gnade das Körbchen
zu halten das die auszuwerfenden Kupferpfennige enthielt So klein diese
Gnadenbezeugung vielen scheinen mag und auch in der Tat ist so war sie doch in
den stolzen Augen des Grafen von ungemeiner Erheblichkeit er erzeigte jemandem
alsdann die größte Gnade wenn er sich einen Dienst von ihm tun ließ das war
sein Grundsatz und insofern musste sich der kleine Herrmann viel wissen denn
der Graf brauchte ihn unaufhörlich zu seiner Bedienung wo er zu brauchen war
und da er ihn nunmehr in dem Lichte als ein ihm unterwürfiges dienendes Subjekt
betrachtete so hatte er wider seinen Aufenthalt auf dem Schloss nichts mehr
einzuwenden
Aber desto mehr die Gräfin wider die öfteren Bedienungen die er von ihm
foderte es war ihr höchst verdrießlich dass er so oft von ihr und ihren
Beschäftigungen mit ihm abgezogen wurde und weil sie ihren Gemahl durch keine
Vorstellung darüber beleidigen wollte so ging sie so weit dass sie sich ganze
halbe Tage in einem abgelegenen Pavillon im Garten verschloss ohne dass jemand
wusste wohin sie war
Plötzlich wie ein Fieber ausbleibt stund bei der Gräfin ihre Leidenschaft
für den Knaben still ohne die mindeste Veranlassung sogar ohne die mindeste
Unzufriedenheit mit ihm erlöschte ihre Zuneigung es wurde ihr lästig ihn
beständig um sich zu haben beschwerlich sich mit ihm abzugeben selbst
unangenehm ihn zu sehen So schöpfte sie meistenteils im Anfange jeder
Leidenschaft das Herz mit so vollen überlaufenden Eimern aus dass auf einmal
eine gänzliche Trockenheit entstand allmählich begann die ausgetrocknete Quelle
wieder zu fließen und nunmehr ward erstlich eine vernünftige gemässigte Neigung
daraus die die Zeit weder vermehrte noch verminderte die nie strömte sondern
nur zuweilen auf kleine Zeiträume anschwoll und dann zu einem stillen
ordentlichen Laufe wieder zurückkehrte
Heinrichs Glück war es dass das erste Aufschwellen ihrer Liebe bei ihm
sobald vorbeischoss er wäre der verzärteltste eingewilligste unleidlichste
Bursche durch die geworden Um sich seiner zu entledigen übergab sie ihn dem
jungen Manne den der Graf für den Unterricht der Baronesse besoldete Er hieß
Schwinger
Zweites Kapitel
Soviel Glück es für den kleinen Herrmann war in die Hände seines neuen Lehrers
zu geraten soviel Freude verursachte es diesem die Laufbahn seiner
Unterweisung und seines pädagogischen Ehrgeizes dadurch erweitert zu sehen Er
war einer von den Unglücklichen denen die Natur viele Kraft und das Schicksal
nichts als unwichtige Gelegenheiten gibt sie zu äußern Talente und Ehrbegierde
bestimmten ihn ein Volk zu regieren und weil sich kein Volk von ihm regieren
lassen wollte so regierte er Kinder Um ihn noch mehr zu tücken nötigte ihn
sein widriges Geschick den Platz in dem Hause des Grafen anzunehmen und in dem
engeren Kreise der dem Unterrichte eines Frauenzimmers meistenteils
vorgezeichnet wird wie ein Vogel in dem Rade womit er sich einen Fingerhut
voll Wasser aufzieht umzulaufen Ein Pferd das gern mit gestrecktem Galopp
über Felder Hügel Tal und Berg in die weite Welt dahinrennen möchte und
gezwungen wird täglich in einem Zirkel von etlichen Ellen im Durchschnitte sich
herumzudrehen und einerlei Bewegungen zu wiederholen kann nicht so bäumen so
brausen und von dem innerlichen niedergehaltenen Feuer geängstigt werden als
dieser arme Jüngling zumal da seine Schülerin mehr einen lebhaften als
wissbegierigen mehr einen unternehmenden als fähigen Geist hatte bei wenig Lust
auch nur wenig in ihrer Wissenschaft fortrückte und in nichts merklich zunahm
als im Briefschreiben worin sie frühzeitig ungewöhnliche Fertigkeit und eine
angenehme fliessende Sprache erlangte Er wollte außer sich wirken pädagogische
Lorbeern einsammeln und hatte kein Feld wo er sie pflücken konnte Mut Geist
und Nerven erschlafften in ihm er verzehrte sich selbst
Er saß eben als ihm die Gräfin ihren entsetzten Liebling übergeben wollte
voll trüber unruhiger Empfindungen im Garten der Einsiedelei einem düstern
Tannenwäldchen dessen schlanke Bäume so dicht aneinander standen dass ihre
verschlungnen Wipfel fast nie einen Strahl Tageslicht durchliessen Mitten unter
ihnen hatte man auf einem leeren Platze einen künstlichen Berg aufgeworfen und
eine Höhle hineingewölbt deren Wände mit Moos überzogen waren und beständige
Kühlung gewährten Nicht weit davon machten zwei Mühlen ein angenehmes Getöse
und wenn man in der Höhle saß erblickte man durch die glatten Stämme der Tannen
den blinkenden Wassersturz eines Wehrs der wie ein augespanntes Tuch mit einem
hohlen Brausen herniederschoss Jedermann im ganzen Hause des Grafen den
geheimer Kummer Vapeurs Hypochondrie oder schlechte Verdauung quälte
flüchtete an diesen Schutzort der Melancholie und niemand wenn seine Wunde
nicht zu tief in der Seele saß ging leicht ungetröstet hinweg die einförmige
Musik des Wassers und die totstille Finsternis wiegten sehr bald in einen
sanften Schlummer ein der Herz und Nerven erquickte
Die Gräfin suchte damals diese Zuflucht um sich vor der Langeweile zu
schützen die gewöhnlich bei ihr und vielleicht bei jedem Menschen den Zustand
begleitete wenn sie eines Vergnügens überdrüssig war und wie auf Stahlfedern
mit einem unbestimmten Verlangen nach Neuheit hin und her schwebte Sie fand
alsdann nirgends Ruhe alles war ihr zuwider ängstlich irrte sie aus dem Zimmer
in den Garten und aus dem Garten in das Zimmer fing zehn Arbeiten an
beschäftigte sich mit jeder einige Minuten und warf sie weg fütterte die
indianischen Hühner ein paar Augenblicke und warf ihnen ungeduldig das ganze
Brot vor die Füße sah ihre Gemälde ihre Kupferstiche durch und gähnte blickte
in ein Buch las zwei Zeilen und legte es gähnend neben sich holte ein anders
und schlief ein In einem solchen Gemütszustande kam sie jetzt in den Garten ihr
bis zur Sättigung geliebter Heinrich der sie eben in jene unruhige Langeweile
versetzt hatte ging hinter ihr drein einen Teil von Gessners Schriften unter
dem Arme die sie unter allen deutschen Produkten des Geschmacks allein und gern
las Ihre Füße trugen sie von selbst zu dem Tannenwäldchen und der Einsiedelei
wo sie Schwingern mit einer ähnlichen Krankheit behaftet antraf Er war
gewohnt neben ihr zu sitzen wenn ihr Gemahl nicht dabei war der das Sitzen
eines Mannes den er bezahlte in seiner Gegenwart als eine unanständige
Vertraulichkeit verwarf er nahm also ohne ihren Befehl zu erwarten nach der
ersten Begrüßung sogleich wieder Platz
»Sie sind verdrießlich« fing die Gräfin mit verdriesslichem Tone an »Seien
Sie doch aufgeräumt Ich weiß gar nicht warum ich nun seit drei Tagen kein
einziges fröhliches Gesicht auf dem ganzen Schloss erblicke Wen ich anrede
der antwortet mit dem langweiligsten Ernste und wenn er ja lacht so sieht
mans doch genau dass er sich dazu zwingt Selbst die Bäume im ganzen Garten
sehen so unmutig so gelbgrün aus als wenn der ganzen Natur nicht wohl zumute
wäre Sagen Sie mir nur ob ihr Leute alle auf einmal hypochondrisch geworden
seid«
Schwinger Vermutlich scheinen wir alle darum nicht aufgeräumt weil es Euer
Exzellenz nicht sind
Die Gräfin Ich nicht aufgeräumt Ich dächte dass ichs wäre Wissen
Sie kein Mittel wider die Langeweile
Schwinger Wenn Beschäftigung oder Zerstreuung nicht hilft
Die Gräfin Wenn Sie sonst keine Arznei wissen diese kenn ich Tun Sie
mir nur den Gefallen und machen Sie nicht ein so langweiliges Gesicht man wird
ja selbst verdrießlich wenn man Sie nur ansieht
Schwinger Ich beklage unendlich so will ich mich lieber entfernen
Die Gräfin Bleiben Sie nur Wissen Sie nichts Neues
Schwinger Nichts als das einzige
Die Gräfin Erzählen Sie mirs nicht Es ist doch vermutlich etwas
Langweiliges Finden Sie nicht auch dass die Welt immer alltäglicher wird
Schwinger Ja ich fühle sehr oft die Last der Einförmigkeit
Die Gräfin Unausstehlich einförmig ist alles Es fehlt Ihnen wohl an
Zeitvertreiben bei uns Trösten Sie sich mit mir Der Graf macht mir immer so
viele Veränderungen dass ich à propos ich will Ihnen einen neuen Zeitvertreib
schaffen Hier den kleinen Heinrich nehmen Sie zu sich unterrichten und
erziehen Sie ihn so gut Sie können vielleicht lässt sich etwas aus ihm machen
Er soll Ihnen ganz überlassen sein die nötigen Bücher und andere Dinge fodern
Sie von mir
Schwinger Für dieses Geschenk danke ich mit so vieler Freude als wenn
Die Gräfin Ich bitte Sie machen Sie mir durch Ihre Komplimente keine
Langeweile ich kann Ihnen vorderhand keine Vermehrung des Salärs versprechen
allein wir werden schon sehen
Schwinger Ich bin völlig zufrieden völlig zufrieden dass ich eine Arbeit
bekomme die mehr Tätigkeit fodert als meine bisherige und wenn ich mir den
Beifall Eurer Exzellenz verdienen könnte
Die Gräfin Sie werden mich Ihnen verbinden wenn Sie ein wenig Fleiß auf
den Burschen wenden Sehen Sie wer kommt
Schwinger ging es zu untersuchen und berichtete dass es der Graf sei
»Ach« brach die Gräfin in der ersten Überraschung des Verdrusses aus »da wird
erst« die Langeweile angehn wollte sie sagen allein sie unterbrach sich und
setzte hinzu als eben der Graf in die Einsiedelei trat »Sie erzeigen mir sehr
viel Gnade dass Sie mir ihre unterhaltende Gesellschaft gönnen gnädiger Herr«
Der Graf machte ein Gegenkompliment setzte sich und gähnte »Ich habe
schreckliche Langeweile auf meinem Zimmer gehabt« fing er an »Wenn man keinen
Gefallen mehr an der Jagd findet so weiß man immer nicht was man mit der Zeit
anfangen soll Alle Tage Gesellschaft aus der Nachbarschaft zusammenzubitten ist
sehr beschwerlich Ich bedaure Sie nur dass ich nicht genug zu Ihrem Vergnügen
beitragen kann «
Die Gräfin Mein größtes Vergnügen ist Ihre Gesellschaft Ihre Unterhaltung
lässt mich nie Langeweile haben
Der Graf versicherte dass er solche liebreiche Gesinnungen zu verdienen
suchen werde gähnte und schwieg Beide saßen lange stumm da wie die leibhaften
Bilder des Verdrusses hin und wieder eine kahle Frage nebst einer ebenso
kahlen Antwort dann ein schmeichelhaftes Komplimentchen hinter jeder Anrede
und Antwort ein langes Intervall von Stillschweigen das war ihr höchst
unterhaltendes Gespräch Nachdem sie sich fast eine halbe Viertelstunde mit
einem so mühseligen Dialoge gemartert hatten so versicherte der Graf dass er
durch seine Gemahlin ganz aufgeheitert worden sei und sie tat ihm aus
Erkenntlichkeit die Gegenversicherung mit schläfrigem Tone dass er ihr eine der
schlechtesten Launen durch seine Gegenwart vertrieben habe
Als diese lebhafte Unterhaltung ganz erloschen war fand sich die Baronesse
bei der Einsiedelei ein und stutzte dass sie zusammenfuhr da sie beim Eintritte
Onkel und Tante mit niedergesenktem Haupte in tiefem Stillschweigen erblickte
»Was willst du« fragte der Graf »Die Zeit wurde mir auf dem Zimmer zu lang«
antwortete sie
Die kleine Heuchlerin Sie war ausgegangen den kleinen Herrmann
aufzusuchen und die Zeit wurde ihr auf dem Zimmer zu lang weil er nicht bei
ihr war
»Immer wird dir die Zeit zu lang« fuhr der Graf fort »Klagen wir doch
niemals darüber Mache es wie wir so wird dir die Zeit niemals zur Last fallen
Setze dich zu uns Unterhalte dich Ein lebhaftes Gespräch wie das unsrige lässt
gar nicht daran denken dass es Zeit gibt«
»Wo ist Hedwig« fragte die Gräfin Die Baronesse berichtete dass sie
schon über eine halbe Stunde ausgegangen sei
Die lebhafte Unterhaltung stund abermals still wie ein ausgetrockneter
Bach
Nach einigen Minuten hörte man Fräulein Hedwigs Stimme sich mit vieler
Heftigkeit nähern und zugleich ein Geräusch als wenn ein ganzes Regiment
Infanterie hinter ihr drein marschierte Die Baronesse sah sich danach um und
brachte die Nachricht zurück dass Fräulein Hedwig in Begleitung der sämtlichen
Domestiken anrücke Unmittelbar darauf erschien sie in höchsteigner Person weil
sie niemanden in der Höhle vermutete stellte sie sich einige Schritte weit von
ihr hin den Rücken nach dem Eingange gekehrt Die Bedienten traten in einen
Halbzirkel und hörten aufmerksam zu Mit lauter Stimme den rechten Arm
ausgestreckt die Hand geballt und den Zeigefinger in eine demonstrierende Lage
gesetzt hub sie an »Dort in Norden steht Ursus magnum auf deutsch der Große
Bär genannt« Schnapp riss ihr ganzes Auditorium aus als wenn einem jeden der
Große Bär auf den Schultern säße und ihn verschlingen wollte Ihre Demonstration
blieb vor Verwunderung in der Luftröhre stecken und lange stund sie mit
ausgestreckter Hand wie versteinert da und sah den flüchtenden Zuhörern nach
Endlich drehte sie sich um von ihrer Arbeit in der Höhle auszuruhen wurde den
Grafen gewahr und begriff nunmehr die plötzliche Flucht ihrer Schüler der
Anblick des Grafen den sie alle wie eine Gottheit fürchteten hatte sie
verscheucht Sie schämte sich und trat mit einer tiefen Verbeugung in die Höhle
hinein
Die Gräfin erkundigte sich lächelnd nach ihrer gehabten Verrichtung und ob
sie sich gleich anfangs weigerte die Wahrheit zu gestehen so trieb man sie
doch durch wiederholte Fragen so in die Enge dass sie bekannte sie habe
erschreckliche Langeweile auf ihrem Zimmer gehabt und sei deswegen darauf
verfallen die Domestiken auf patetische Art im Spaziergehen wie Aristoteles
die Astronomie zu lehren
»Warum geben Sie sich mit solchen schlechten Leuten ab« sagte der Graf
»Wissen Sie denn keine bessere Gesellschaft Setzen Sie sich zu uns so wird
es Ihnen nicht an Zeitvertreibe fehlen«
Fräulein Hedwig gehorsamte mit dankbarer Ehrerbietung und schwieg Niemand
sprach ein Wort Nach langer allgemeiner Stille erhub sich der Graf »Man
redet sich« sagte er »in der Länge müde und trocken wir wollen zusammen
ausfahren« Die Baronesse übernahm freiwillig das Geschäfte die Kutsche zu
bestellen
In der Kutsche war das Gespräch ebenso belebt wie in der Einsiedelei und an
allen Enden und Orten wo sich der Graf befand denn er foderte als ein Zeichen
des Respekts dass man in seiner Gegenwart schwieg dass man gern in seiner
Gesellschaft war und sich nirgends besser vergnügte als bei ihm wenn man gleich
vor Langeweile in Ohnmacht hätte sinken mögen wirklich bildete er sich auch
ein dass seine Gesellschaft die beste sei weil er jedem eine große Gnade zu
erzeugen glaubte dem er sie gönnte
Drittes Kapitel
Unmittelbar nach der Erscheinung des Grafen in der Höhle war Schwinger mit
seinem neuen Untergebenen davongeeilt um sich mit ihm über die Verbindung zu
freuen in welche sie treten sollten Er fand sehr bald in ihm viel Talente
schnelle Begreifungskraft festes Gedächtnis Witz und einen hohen Grad von der
vorzeitigen Wirksamkeit der Urteilskraft die man gewöhnlich Altklugheit bei
Kindern nennt Über die Vorfälle und Revolutionen des Hauses über die
Handlungen der Personen die es ausmachten über die Art wie man bei gewissen
Gelegenheiten verfahren sollte entwischten ihm oft so glückliche Bemerkungen
und Urteile dass sein Lehrer wünschte sie selbst gesagt zu haben Gegen den
eigentlichen Bücherfleiss hatte er eine große Abneigung Sachen die man
gewöhnlich nur lernt um sie zu wissen nahm sein Kopf wie eine unverdauliche
Speise gar nicht an was ihm die Unterredung seines Lehrers darbot fasste er
gierig auf und erlangte durch diesen Weg eine Menge Kenntnisse die ihn selbst
in den Augen des hochgelehrten Fräulein Hedwig zu einem Wunder von Gelehrsamkeit
machten Genau betrachtet merkte man deutlich dass sein Kopf nicht gestimmt
war eine Wissenschaft durchzuwandeln und in ihre kleinsten Steige und
Winkelchen zu kriechen oder jedes Blümchen und Grashälmchen das Alte und Neuere
in ihr gesät erzeugt geerntet haben genau zu kennen sein Blick ging
beständig ins Weite war beständig auf ein großes Ganze gerichtet was er
lernte verwandelte sich unmittelbar sozusagen in seine eignen Gedanken dass
ers nicht gelernt sondern erfunden zu haben schien und seine Anwendungen
davon bei den gewöhnlichen Vorfällen des Lebens waren oft sehr sinnreich und
nicht selten drollicht
Was seinem Lehrer die meiste Besorgnis machte war der ungeheure Umfang
seiner Tätigkeit und Leidenschaft Dieser junge Mensch sagte er sich oft muss
dereinst entweder sich selbst oder andre aufreiben Seine große Geschäftigkeit
wenn sie der Zufall unterstützt und ihr nicht Unglück Warnung Erfahrung und
natürliche Rechtschaffenheit beizeiten die nötige Richtung und Einschränkung
geben wird alles in ihren Wirbel hinreißen sein Ehrgeiz alles erringen und
sein Stolz alles beherrschen wollen stößt ihn aber das Schicksal in einen engen
Wirkungskreis hinab der seine Tätigkeit zusammenpresst dann wird er wie eine
zusammengedrückte Blase voll eingeschlossener Luft zerspringen sich selbst
quälen und auf immer unglücklich sein Gleichwohl kann ich nach meiner besten
Einsicht nichts für ihn tun als dass ich seinen Ehrgeiz auf nützliche gute und
wahrhaftig große Gegenstände leite sein natürliches Gefühl von
Rechtschaffenheit belebe und durch unmerklich eingeflösste Grundsätze stärke dass
ich ihn im strengsten Verstande zum ehrlichen Mann zu machen suche und dann alle
Leidenschaften in ihm aufwecke damit sein Ehrgeiz durch ihr Gegengewicht
gehindert wird sein Herz ganz an sich zu reißen Ob aus ihm das Schicksal einen
Lasterhaften oder Tugendhaften einen großen Mann oder stolzen Windbeutel werden
lassen will das steht in seiner Gewalt ich habe wenigstens verhütet dass er
nie ein Bösewicht oder Schurke sein wird
Nach diesem Plane predigte er ihm nie die Unterdrückung der Leidenschaften
gebot ihm nicht sie niemals ausbrechen zu lassen sondern ließ der Wirksamkeit
seiner Natur freien Lauf und war bloß bedacht seine Denkungsart durch Beispiele
und seltene gleichsam nur hingeworfene Maximen zu bilden Mit den großen Männern
der Geschichte ward sein Lehrling in kurzem so bekannt wie mit Vater und Mutter
ihre guten und bösen Handlungen wusste er auswendig sie begleiteten ihn ins
Bette bei Tische und auf den Spaziergang sie waren seiner Einbildungskraft
allgegenwärtig wie das Bild einer Geliebten er unterredete sich in der
Einsamkeit mit ihnen sah sie vor sich hergehn tadelte und bewunderte sie Ihre
Büsten in Gips geformt waren seine tägliche Gesellschaft er stellte den Kopf
des Cicero auf den Tisch einen weiten Halbzirkel bärtiger Römer wenn sie auch
hundert Jahr vor ihm gelebt hatten um ihn herum und hielt dann hinter ihm eine
nervöse durchdringende Rede wider den Katilina ermahnte die ehrwürdigen Väter
der Stadt das Ungeheuer zu verbannen und beseelte ihren schlaffen Mut mit
römischem Feuer Am öftersten musste Kato die ausschweifenden Sitten die Pracht
und Verschwendung seiner Mitbürger schelten und sie zur Mäßigkeit Sparsamkeit
und wahren Größe des Herzens ermuntern wobei er niemals vergaß sosehr es auch
wider die Chronologie war ihnen sein eigenes Beispiel zu Gemüte zu führen
Wenn in seinem Gipssenate Unterhandlungen über Krieg und Frieden gepflogen
wurden so konnte man allemal sicher sein dass es zum Frieden kam war aber
vielleicht einer von den asiatischen Königen ein Antiochus oder Mitridat zu
übermütig so entstand zuweilen in der Ratsversammlung selbst so heftiger Krieg
dass sich die streitenden Gipsköpfe die Nasen aneinander entzweistiessen Wenn
eine Szene aus der neueren Geschichte aufgeführt wurde so brauchte er die
nämlichen Schauspieler dazu und nicht selten traf das Unglück den armen Kato
dass er den Thomas Becket vorstellen musste Das härteste Schicksal widerfuhr
jederzeit Leuten die ihr Wort nicht gehalten andre betrogen überlistet oder
niederträchtig gehandelt hatten sie wurden mit Ruten gestäupt und dem Nero
grub er einmal die Augen förmlich aus weil er ihm zu geldsüchtig war
Dergleichen Schauspiele wurden meistenteils in Gesellschaft der kleinen
Baronesse aufgeführt die oft starr und steif vor Aufmerksamkeit unter den
alten Römern saß und einmal bei einer Leichenrede des Julius Cäsar durch die
Beredsamkeit des kleinen Redners bis zu Tränen gerührt war Zu gleicher Zeit
grub sich seine niedliche Figur die sie bei solchen Gelegenheiten in so
mancherlei vorteilhaften Stellungen und Wendungen in so einnehmenden Bewegungen
erblickte immer tiefer in ihr Herz und man kann behaupten dass sie von jedem
seiner Spiele um einen Grad verliebter hinwegging Wenn man noch überdies
erwägt dass seine dabei gehaltnen Reden entweder durch die Stärke des Tons
womit er sie ans Herz legte oder auch durch den Ausdruck und die eingestreuten
Sentiments die er aus den Unterredungen seines Lehrers aufgefasst hatte
jederzeit einen Eindruck auf sie machte so wars kein Wunder dass sie schon in
ihrem neunten und zehnten Jahre von den großen Eigenschaften und dem Reize
eines achtjährigen Redners so gut hingerissen wurde als ein achtzehnjähriges
Mädchen von einem schön tanzenden Jünglinge Einem schönen Körper in reizender
Bewegung widersteht eine weibliche Seele in keinem Alter
Bei ihrem Geliebten hingegen war jede Liebkosung die er ihr
verstohlnerweise gleichsam hinwarf jede Gefälligkeit womit er sie überhäufte
mehr kindische Galanterie als Liebe Es ließ sich zwar mit einer kleinen
Aufmerksamkeit wahrnehmen dass die tägliche Gesellschaft der Baronesse in den
Lehrstunden ihr Umgang bei seinen Spielen ihre zudringliche Gutherzigkeit bei
den kleinsten Gelegenheiten ihre Lebhaftigkeit und angenehme Bildung auch in
seiner kleinen Brust den Keim einer Zuneigung befruchtet hatte die vielleicht
bald Wurzel fassen Äste und Zweige treiben würde nur mit der Axt umgehauen und
nie ausgerottet werden könnte allein es war doch ebenso sichtbar dass er sich
ohne große Schmerzen von ihr getrennt und sie vergessen hätte wenn man ihn
damals außer dem Hause des Grafen in eine Laufbahn brachte die seine Tätigkeit
erschöpfte und ihm die Aussicht auf eine Befriedigung seines Ehrgeizes gab Er
durfte nur in eine öffentliche Schulanstalt oder Pension versetzt werden wo
Wetteifer seine Kräfte anspannte wo er Lob und Ehre zu erringen hoffte nicht
eine Minute würde er angestanden haben das Schloss des Grafen mit allen seinen
Herrlichkeiten zu verlassen wenn man ihm seinen neuen Aufenthalt von jener
Seite vorgestellt hätte da hingegen die Baronesse ihm vielleicht nachgelaufen
und ohne Einsperrung nicht zurückzuhalten gewesen wäre Sie ging wirklich schon
einmal mit diesem Plane um als Fräulein Hedwig der Gräfin den vertrauten Umgang
der beiden Kinder verdächtig gemacht und sie beredet hatte Heinrichen auf eine
Schule zu tun Alles suchte sogleich den Vorsatz der Gräfin rückgängig zu
machen Schwinger stellte ihr die Mangelhaftigkeit und Sittenverderbnis
öffentlicher Anstalten vor und malte ihr ein schreckliches Bild von der dort
herrschenden Verführung dass sie sich der Sünde geschämt hätte durch ihre
Wohltat zu dem Verderben des Knaben etwas beizutragen Der Hofmeister dem eine
solche Trennung das Leben in seiner gegenwärtigen Stelle unleidlich gemacht
hätte trug durch seine einseitigen Vorstellungen den Sieg über Fräulein Hedwig
davon und die Baronesse wusste ihre Gouvernante so unvermerkt in ihr Interesse
zu ziehen dass sie gern nicht mit einem Worte an ihre erregte Besorgnis dachte
und sie sogar der Gräfin wieder zu benehmen suchte
Die Sache war Fräulein Hedwig hatte ihr vierzigjähriges Herz durch den
sogenannten Stallmeister des Grafen einen Menschen ohne Geburt tödlich
verwunden lassen so tödlich dass Tag und Nacht das kurze untersetzte Männchen
im grünen Reitkollette und in lichtgelben Beinkleidern auf dem kastanienbraunen
Engländer in ihrem Kopfe herumritt Sie gab ihm sehr oft auf ihrem Zimmer
Zusammenkünfte auch fand sie sich nicht selten bei nächtlicher Weile bei dem
kleinen Boulingrin im Garten mit ihm ein Bei Vermeidung der größten Ungnade
durfte sie eine solche Liebe nicht entdecken lassen da sie eine Anverwandtin
des Grafen war gleichwohl wurde die Entdeckung unvermeidlich sobald sie die
Baronesse wider sich aufbrachte Sie überlegte sich diesen gefährlichen Umstand
beizeiten und bemühte sich von selbst die Gräfin wieder auf andre Gesinnungen
zu bringen besonders da sie durch ihre unüberlegte Anzeige auch Herrn Schwinger
beleidigt hatte so fürchtete sie desto mehr und arbeitete deswegen aus allen
Kräften sich ihn verbindlich zu machen
Noch nicht genug Diese Wendung nahm die Sache ohne dass eine von den
Parteien sich gegen die andre in eine wörtliche Erklärung eingelassen hatte die
Baronesse dachte in aller Unschuld gar nicht weiter daran An einem Sommerabende
gerät Schwinger auf den Einfall einen Spaziergang nach Tische in den Garten zu
tun und weil er noch einen Brief zuzusiegeln hatte so gab er Heinrichen der
ungeduldig nach dem Abmarsche verlangte die Erlaubnis voranzugehn Er tat es
kaum hatte ihn die Baronesse aus dem Fenster gehen sehen husch war sie
hinterdrein Heinrich ging den Kopf voll von römischen Kaisern die mittelste
Allee hinauf eh er sichs versah hatte er einen Kniff von hinten zu in den
Backen und ein freundliches »Guten Abend« benahm ihm sogleich die Furcht die
der Kniff zu erregen anfing Kaum waren sie einige Schritte miteinander
gegangen so hörten sie hinter einer Hecke auf der linken Seite den Sand
knistern die Baronesse der man so vielfältig und ernstlich alle
Vertraulichkeit mit ihrem geliebten Heinrich untersagt hatte besorgte verraten
zu werden gab ihrem Begleiter noch einen leichtfertigen Kniff und wanderte
durch eine Öffnung der Hecke in einen Seitengang Als sie um die Ecke
herumkömmt steht ihre Gouvernante in Lebensgröße da sie hat trotz der
Überraschung Besonnenheit genug dass sie die Salope vor das Gesicht nimmt als
wenn sie sich vor der Abendluft verwahren wollte und nun linksum nach einer
andern Seite als wenn sie niemanden gesehen hätte Die Baronesse war für ihr
Alter ziemlich groß und hatte nichts als einen gelben Unterrock an die
halbblinde schielende Hedwig sieht in der Dämmerung diesen gelben Jüpon für die
lichtgelben Beinkleider ihres Adonis und die schwarze Salope für sein grünes
Reitkollett an um die Illusion zu erleichtern hatte der schadenfrohe Zufall
der Baronesse eingegeben den Kapuchon über den Kopf zu ziehen Fräulein Hedwig
vermutete anfangs dass er sie nicht wahrgenommen habe und schickte ihm deswegen
einen scharmanten »Adonis« nach dem andern nach da keine Antwort erfolgte so
hielt sie sein Stillschweigen für eine verliebte Neckerei und um ihrerseits
gleichfalls nichts an dem Spasse fehlen zu lassen ging sie den vermeinten gelben
Beinkleidern wie einem helleuchtenden Sterne nach Die Baronesse stand in dem
Wahne dass ihr ihre Gouvernante nachsetze um sie auf der Tat zu ertappen und
dann recht exemplarisch auszuschelten und verdoppelte deswegen ihren Schritt
Wie das alte Meerkalb hinterdrein trabte und keuchte halb vor Erschöpfung
halb aus verliebter Inbrunst Und einmal über das andre röchelte sie »Du
schalkhafter Adonis Du mutwilliger Narzissus Ich will dich wohl haschen
du loser Koridon Da hab ich dich du dicker Amyntas« rief sie an dem
Gattertore und griff zu pah da stand sie erstarrt vor Schrecken als sie
statt der gelbledernen chaussure wie sie zu sagen pflegte einen seidenen
Unterrock in ihren Händen fühlte als sie aus ihrer verliebten Täuschung
erwachte und vor sich die Baronesse und die Sekunde darauf Herrn Schwinger
erblickte der eben zu dem Gattertore hereintrat Das Bewusstsein ihrer verbotnen
Absicht und die Besorgnis sich verraten zu haben raubten ihr so ganz alle
Überlegung dass sie nicht einmal eine Lüge fand ihren Fehltritt zu bemänteln
sondern die Augen niederschlug und zitternd an allen Gliedern hinwegging Die
Baronesse begleitete sie
Für Schwingern war der ganze Auftritt ein unauflösliches Rätsel und die
Baronesse machte auch nichts als schwankende Mutmaßungen Die Hauptsache erriet
sie ihre ähnliche Situation in Ansehung des kleinen Heinrichs führte ihr
augenblicklich bei den Ausrufungen ihrer Gouvernante die Vermutung herbei dass
sie mit ihr auf einem Wege gehen müsste Als sie hinter ihr die Treppe
hinaufstieg keins von beiden sprach eine Silbe fiel ihr ein dass Fräulein
Hedwig sehr oft den Stallmeister des Grafen wenn er vor ihnen vorbeigegangen
war einen dicken Amyntas genannt hatte nun war sie auf der Fährte
Nach ihrer Ankunft in dem Zimmer fing die Baronesse an aber ohne boshafte
Absicht ohne spotten zu wollen »Sie dachten wohl ich wäre der dicke
Stallmeister«
Die Frage versetzte sie in Todesschrecken sie schwieg die Knie sanken ihr
sie setzte sich auf den Sofa die breiten Lippen zitterten als wenn sie ein
Krampf auf und niederrisse Die Baronesse besah indessen einen Finger ihrer
rechten Hand am Lichte und saugte das Blut aus einer Wunde die ihr unterwegs
eine Stecknadel gemacht hatte »Hab ich nicht recht« fragte sie noch einmal
während ihrer Operation
»Ach Ulrikchen« stöhnte von hinten zu aus der dämmernden Ecke wo der Sofa
stand eine schwache erlöschende Stimme zu ihr her Sie drehte sich um blickte
hin ergriff das Licht und beleuchtete ihre totblasse mit der Ohnmacht ringende
Gouvernante zog ihr Riechfläschchen aus der Tasche und schwenkte ihr einen
großen Strom ins Gesicht dass das Kinn wie ein Drachenkopf an einer Dachrinne
triefte voll Lebhaftigkeit holte sie das Waschbecken und ehe noch das Fräulein
die Hilfe verbitten konnte pump lag ihr der ganze Seifenstrom im Gesichte
sie riss ein Bündel Federn aus dem Tintenfasse zündete sie an und hielt ihr den
brennenden Wisch unter die Nase dass sie vor dem Höllendampfe hätte ersticken
mögen Hustend schlug sie den stinkenden Federbusch von sich weg und
versicherte dass sie nicht ohnmächtig sei Die Baronesse tat alles mit so
geschäftiger Liebe so guterziger Besorgnis und stund nachdem ihre Hilfe
verbeten war mit so unruhigem Erwarten da in einer Hand das Licht in der
andern die verbrannten Federn mit starrem Blicke auf Fräulein Hedwigs Gesichte
geheftet
»Ach Ulrikchen« sprach das Fräulein mit bebender Stimme »verraten Sie
mich nicht Ich bitte Sie um Gottes willen verraten Sie mich nicht«
Die Baronesse begriff nichts von dem Galimatias »Warum denn« fragte sie
verwundernd
Fräulein Hedwig Ach Sie wissen alles ich bin in Ihrer Gewalt
Die Baronesse Was soll ich denn wissen
Fräulein Hedwig Ach verstellen Sie sich nicht Sie wissen alles Sie
wissen dass ich dem Stallmeister zu Gefallen gegangen bin
Die Baronesse Ich weiß nicht ein Wort davon
Fräulein Hedwig Verstellen Sie sich nur nicht Sie wissen dass wir einander
liebhaben lieber Gott man ist ja auch von Fleisch und Blut geschaffen wie
andre Menschen wenns denn nun gleich kein Edelmann ist Aber wenn das der
Herr Graf erführe Ich müsste mit meinem dicken Narzissus den Augenblick aus dem
Hause Gerechter Gott über das Unglück die Ungnade Ich müsste verhungern und
verderben Ich will Ihnen herzlich gern in allem zu Gefallen sein Ulrikchen
nur verraten Sie mich nicht
Die Baronesse versprachs und gab ihr ungefodert ihre Hand darauf Indessen
war sie doch durch die übermäßige Angst der Gouvernante wegen einer Sache die
sie nach ihrem Begriffe für eine so unendliche Kleinigkeit hielt nicht wenig
neugierig geworden und erkundigte sich also was sie mit dem dicken Narzissus
hätte machen wollen
Fräulein Hedwig Sie sind auch zu neugierig das lässt sich ja so nicht
sagen In Ihrem Alter darf man danach gar nicht fragen
Die Baronesse Warum denn nicht Ist es denn in meinem Alter etwas Böses
jemanden liebhaben
Fräulein Hedwig Ja wenns bei dem Liebhaben bliebe Aber wir sind böse von
Jugend auf
Die Baronesse Was sollte denn weiter geschehen Wenn man nun auch
jemanden den man liebhat in die Backen kneipt oder in die Waden zwickt oder
kitzelt oder einen Kuss ein Gage damour wie Sies nennen
Fräulein Hedwig Ach das hat alles nichts zu bedeuten aber aber der
Teufel schleicht umher wie ein brüllender Löwe Wenns nur der Graf nicht
erfährt
Die Baronesse Wenn das alles nichts zu bedeuten hat warum fahren Sie mich
denn immer so an wenn ich Heinrichen zwicke oder küsse Auch sogar die Tante
untersagte mirs neulich so scharf und es hat doch nichts zu bedeuten wie Sie
selbst sagen
Fräulein Hedwig Ja freilich hat das nichts zu bedeuten aber liebes Kind
es geht weiter
Die Baronesse Ich wüsste nicht es fällt mir gar nicht ein weiter zu
gehen was sollte man denn sonst tun
Fräulein Hedwig Das schickt sich noch nicht für Sie zu wissen Die
Mannspersonen sind gar zu verführerisch Wissen Sie nicht dass sich Iupiter
optimus maximum in einen Schwan verwandelt hat in cygnus mutatus est steht in
einem lateinischen Buche und bloß um die arme unschuldige Helena zu
verführen die hernach zwei Knäblein und zwei Mägdlein auf einmal zur Welt
gebracht hat Ja sehen Sie das ist eben der Spektakel Wenn das nicht wäre
Versprechen Sie mir ja dass Sie niemanden etwas sagen wollen Wenn Sie auch
der Graf oder die Gräfin fragt tun Sie nur als wenn Sie gar nichts wüssten
Die Baronesse Herzlich gern Aber Sie müssen es auch der Tante nicht wieder
sagen wenn Sie mich einmal mit Heinrichen schäkern sehen und mich nicht immer
von ihm jagen wenn ich ihn etwa an der Hand führe Es hat ja nichts zu
bedeuten wie Sie selbst sagen Wenn Sie mir das versprechen
Fräulein Hedwig Ich versprech es Ihnen ja wenn Sie nur Ihr Versprechen
halten
Die Baronesse Und müssen mir auch nicht immer so nachgehn und mir
auflauren ob ich etwa mit ihm allein bin es hat ja nichts zu bedeuten Dafür
will ich Ihnen auch ein andermal wenn wir einander wie heute antreffen gleich
sagen Ich bin nicht der dicke Amyntas Sie können mit ihm machen was Sie
wollen ich will gar nicht hinsehn Wollen Sie das
Fräulein Hedwig Ich will ja nur verraten Sie mich nicht »Nur verraten
Sie mich nicht« war noch ihre letzte Bitte als sie ins Bette stieg Als sie
ihr Gespräch nunmehr bei ruhigem Blute überdachte so merkte sie wohl dass sie
eine Narrheit begangen und in der ersten Angst zu übereilt angenommen hatte die
Baronesse wisse um alles auch fühlte sie ein wenig dass sie sich zu einer
beständigen Verletzung ihrer Gouvernantenpflicht anheischig gemacht habe doch
über dergleichen Gewissensvorwürfe wischte sie bald weg und bereitete sich nun
zu einer Unterredung mit Schwingern zu um zu erfahren ob er auch etwas von
ihrer Liebesangelegenheit wisse denn sie hatte ihn im Verdacht als ob er wider
seine Gewohnheit so spät um ihretwillen in den Garten gegangen sei
Die Baronesse schlief eine gute Stunde weniger als sonst weil sie
verschiedene Spekulationen beschäftigten Wenns bei dem Liebhaben bliebe
Es geht weiter In ihrem Alter darf man das nicht wissen ewig kamen diese
und ähnliche Reden ihrer Gouvernante in ihr Gedächtnis zurück sie wollte sich
davon losmachen sie schloss die Augen um einzuschlafen sie wandte sich bald
rechts bald links nichts half in ihrem Kopfe schwammen immer die nämlichen
Gedanken herum
Den folgenden ganzen Morgen über lauerte Fräulein Hedwig am Fenster auf
Schwingern wie ein Kater auf eine Maus er ging nicht vorbei Ihre Unruhe ließ
sie nicht länger warten sie musste eilen Gewissheit über ihre Besorgnis zu haben
und im Notfalle durch eine untergeschobne Lüge der Ausbreitung der Wahrheit
zuvorkommen Sie nahm also einen alten Autor in die Hand und ging unter dem
Vorwande ihn über den Sinn einer Stelle um Rat zu fragen zu ihm auf das
Zimmer Ohne lange Umschweife lenkte sie sogleich die Unterredung auf ihr
gestriges Zusammentreffen im Garten und Schwingers Antworten auf ihre Fragen
über diesen Punkt machten es ihr unzweifelhaft dass er weiter nicht daran
gedacht hatte noch haben würde wenn sie ihn jetzt nicht darauf brächte
Schwinger war ein sehr ehrlicher Mann besonders aller Verstellung unfähig er
ging seinen Gang in diesem Leben vor sich hin ohne sich sonderlich um die
Handlungen andrer links und rechts neben ihm zu bekümmern wenn sie nicht auf
sein Wohl oder Weh unmittelbar wirkten oder seine besondere Pflicht ihn nötigte
acht auf sie zu haben weil sie das gewiss wusste so hielt sie die Mühe mit
welcher er sich an die Umstände jenes Zusammentreffens erinnerte für
aufrichtig Indessen war es doch einmal soweit gekommen dass ihm nun der ganze
Vorgang wieder einfiel er besann sich dass sie die Baronesse bei dem Rocke
erwischt und dabei gerufen hatte Da hab ich dich du dicker Amyntas und
erkundigte sich nunmehr nach der Veranlassung dieses seltsamen Auftritts
»Warum ich das tat« antwortete sie und freute sich im Herzen ihre
ausgedachte Lüge an den Mann zu bringen »Das war ein Stratagematum Sie
wissen dass die Baronesse beständig ihrem Heinrich nachläuft und ihm zuweilen
sehr viele Marques damour gibt Es ist meine Pflicht über das Mädchen zu
wachen dass sie mit einem so gemeinen Jungen nicht zu weit geht man weiß ja
wie leicht der Satan durch seine Fallacibus alt und jung betrügt «
Schwinger O für den Satan ist mir nicht leid wenn nur nicht das böse
Beispiel
Fräulein Hedwig Ja das weiß man wohl dass die Herren die in Academiis
sprech ich nicht so recht
Schwinger Völlig recht
Fräulein Hedwig die in Academiis et Gymnasibus gewesen sind keinen
Teufel glauben aber der Glaube kommt ihnen mannigmal in die Hände
Schwinger Vor dem Teufel ist ihre Baronesse und mein Heinrich sicher den
Schaden den er ihnen zufügt nehm ich über mich Wenn wir sie kein böses
Beispiel sehen lassen noch geben
Fräulein Hedwig Sie denken doch nicht etwa dass ich der Baronesse ein böses
Beispiel gebe Sie könnten mich in einen hübschen Ruf bringen
Schwinger Nein das war mein Gedanke gar nicht In Ihrem Alter gnädiges
Fräulein ist man darüber hinweg ein böses Beispiel zu geben
Fräulein Hedwig Das ist nun eben kein galantes Kompliment
Schwinger Weder etwas Galantes noch ein Kompliment will ich Ihnen sagen
Ich hoffe aber Ihnen auch nichts Ungalantes noch Beleidigendes zu sagen wenn
ich Ihnen alle die Gesetzteit und Ruhe der Leidenschaften zutraue die Ihr
Alter und Ihre Aufsicht über eine junge Dame erfodert
Fräulein Hedwig Immer das Alter Immer das Alter Mein Alter ist ja noch
kein Jahrhundert
Schwinger Man wäre sehr unglücklich wenn man so lange Zeit brauchte um
weise zu werden Aber wir kommen von Ihrer Erzählung ab Sie haben also die
Baronesse im Verdacht
Fräulein Hedwig Nicht im Verdacht ich weiß es gewiss dass sie den Jungen
liebt
Schwinger Das sollte mir lieb sein
Fräulein Hedwig Lieb sein Sie haben wohl nicht ausgeschlafen
Schwinger Ich spreche mit völligem Bewusstsein Ich wollte noch obendrein
wünschen dass auch mein Heinrich sie liebte
Fräulein Hedwig Bedenken Sie doch was daraus entstehen könnte Wenn sie
nun in amori weiter gingen
Schwinger Das müssen wir verhüten Vor allen Dingen muss man ihnen aus der
Liebe kein Verbrechen machen es ihnen nicht untersagen Zuneigung zueinander zu
fühlen und zu bezeigen Eine solche Zuneigung ist meistens nichts als ein hoher
Grad kindischer Freundschaft untersagt man ihnen diese so nötigt man sie
selbst an der Liebe eine andre Seite aufzusuchen die die Natur die meisten
Kinder nur spät kennen lehrt Die innere Empfindlichkeit kann man durch kein
Verbot unterdrücken sie verschließt sich wie ein unterirdisches Feuer und
steckt entweder die Einbildungskraft oder den Körper in Brand Vergeben Sie mir
dass ich Ihnen bei der Gelegenheit einen Vorwurf machen muss Wenn die Baronesse
weiter geht Ihren Ausdruck zu gebrauchen so sind Sie schuld daran
Fräulein Hedwig Was sagen Sie Sie werden doch nicht denken dass sie mein
Beispiel verdirbt
Schwinger Nein das nicht aber Ihr Verbot Was haben Sie dadurch gewonnen
Dass sie Schlupfwinkel sucht dass sie eine kindische Neigung die sie vor Ihnen
nicht blicken lassen darf und doch nicht unterdrücken kann nur dann äußert
wenns am gefährlichsten ist das heißt wenn sie beide allein sind Durch die
Zurückhaltung in Ihrer Gegenwart wird sie wie verschlossne Luft stärker und
ihre Ausbrüche desto gewaltsamer wenn ihr äußerer Widerstand weggeschafft ist
Hätte man sie nicht gehindert so wäre sie vielleicht in einem halben Jahre
abgenutzt worden dass ich so sagen mag sie hätten nie die Heimlichkeiten die
Einsamkeit gesucht und wir hätten sie mit geringer unmerklicher Wachsamkeit
dafür bewahren können doch jetzt brauchten wir Argusaugen und noch wärs
misslich
Fräulein Hedwig Wir müssen uns nur nicht wie Argus durch die Flöte des
Ambassadeurs Mercurii einschläfern lassen so wird sichs wohl geben
Schwinger Nein es gibt sich nicht so leicht Man hat sie einmal auf den
Weg hin gestoßen fünf Minuten Einsamkeit und wer kann diese in einem Hause
wie das unsrige ganz vermeiden ein Têteàtête von fünf Minuten kann sie auf
diesem Wege zu Entdeckungen führen vor denen ich zittre
Fräulein Hedwig Sie müssen nur Ihren Heinrich gewöhnen dass er nicht alle
unanständige Sachen so deutlich heraussagt wie ich mit der Baronesse tue aber
sie will sich auch nicht daran gewöhnen Es ist mir recht ärgerlich wenn sie
alles wie die Grasemägde deutsch nennt und nicht lieber eine anständige
französische oder lateinische Expression gebraucht
Schwinger Was hilfe denn das Bleibt der Sinn nicht derselbe
Fräulein Hedwig Behüte man muss angenehme Umschreibungen machen und viele
Sachen gar nicht nennen Die Worte führen weiter als man glaubt
Schwinger Sehr richtig aber nur dann am weitesten wenn man die Zahl der
unanständigen Dinge und Worte zu sehr vergrößert Sie meinen doch vermutlich
solche Unanständigkeiten die wegen ihrer Verbindung mit der körperlichen Liebe
Kindern gefährlich werden können Eben diese Verbindung muss man verringern je
mehr Sachen die ihrer Natur nach nur in einer entfernten Beziehung mit ihr
stehen man für unanständig erklärt je mehr Dinge gewöhnt man sie in einer
solchen Beziehung zu denken und auf das Denken kommt es an nicht aufs Nennen
Die Delikatesse muss in diesem Punkte in die engsten natürlichsten Schranken
zurückgeführt werden Warum sollte man in Gegenwart eines Knaben einen Busen
nicht einen Busen nennen
Fräulein Hedwig Schämen Sie sich doch Vor einem Frauenzimmer so etwas zu
nennen
Schwinger So wenig als ein Frauenzimmer sich schämt einen zu haben Mein
Untergebner muss einen Busen mit ebensolcher Gleichgültigkeit nennen als einen
Finger oder ein Gesicht ich will alles Spiel seiner Einbildungskraft dabei
hindern einen Busen so wenig in Verbindung mit der Liebe zu setzen als einen
Finger Einen schönen Busen soll er schön finden wie ein schönes Gesicht eine
schöne Hand so wenig ich verhüten kann dass ein schönes Gesicht gewisse
Empfindungen bei ihm veranlasst so wenig kann ichs auch bei dem Anblicke eines
schönen Busens tun aber das hab ich doch gewonnen dass sie ein schöner Busen
nicht mehr veranlasst als eine schöne Hand
Fräulein Hedwig Nun weiß ich doch warum er so gern nach den Autels de
lamour schielt
Schwinger Das ist einer von Ihren delikaten Ausdrücken die unendlich mehr
Schaden tun als die bestimmteste Benennung Sie lehren ja durch solche
Umschreibungen Ihrer Baronesse selbst Beziehungen die sie so spät als möglich
denken sollte Mein Heinrich schielt nach keinen Altären der Liebe sondern er
sieht mit dem nämlichen Vergnügen einen Busen womit er ein Gesicht ansieht das
ihm gefällt an die Liebe denkt er gar nicht dabei diese hat sich seiner
Einbildungskraft noch nicht bemächtigt er fühlt sie bloß wie sie ihn die Natur
fühlen lässt
Fräulein Hedwig Ja das Fühlen das ist eben das schlimme Ding
Schwinger Lange so schlimm nicht als Sie sich einbilden Man muss nur ein
solches unvermeidliches und im Grunde auch nicht tadelhaftes Gefühl immer mehr
in Freundschaft verwandeln und ihm beizeiten zween Hüter entgegenstellen Scham
und Ehre
Fräulein Hedwig Das tu ich fleißig ich erinnere die Baronesse daran dass
er nur ein gemeiner Bursche ist
Schwinger Und geben ihr um sie vor Fehlern zu bewahren ein Laster den
unerträglichsten armseligsten Stolz Nein die Ehre die ich meinem
Untergebnen einpflanzen will ist ein Grad von Rechtschaffenheit ein
beständiges Bestreben nichts zu tun was andern schaden oder missfallen kann
»Vergeben Sie« fiel ihm Fräulein Hedwig ins Wort »dass ich Sie unterbreche Ich
bin noch im Negligé wie Sie sehen ich muss nunmehr an meine Toilette «
Sie machte eine tiefe Verbeugung und wanderte die Treppe hinunter voller
Freuden dass sie der Entdeckung ihrer Liebesangelegenheiten auf allen Seiten
vorgebaut hatte Vermutlich um ihr Gewissen wegen des Versprechens zu beruhigen
das sie gestern abend in der Übereilung der Baronesse tat und auf eine andere
Art den Folgen vorzubeugen die aus der angelobten Unachtsamkeit auf die
Tändeleien ihrer Untergebnen entstehen könnten ging sie nachdem sie angezogen
war sogleich zur Gräfin und bat sie noch einmal um ein geschärftes Verbot an
die beiden Kinder mit dem Zusatze dass sie nicht verraten werden möchte weil
die Baronesse einen Groll auf sie werfen würde welcher alle gute Wirkungen
ihrer Erziehung hinderte und was dergleichen Beschönigungen und Gründe mehr
waren
Die Gräfin versprach Verschwiegenheit Es wurde ihr nunmehr selbst bange
dass ihr Gemahl wenn er hinter das Verständnis käme allen seinen Zorn über sie
ausschütten und ihr allein die Schuld beimessen würde da sie die Veranlassung
gewesen war den jungen Herrmann ins Haus zu nehmen Die Furcht malte ihr die
Sache viel schrecklicher vor als sie war und ließ sie alle mögliche Folgen
die ein Liebesverständnis begleiten können schon als völlig gewiss besorgen
Alle Vertraulichkeiten und Freiheiten der Liebe heimliche Flucht Entehrung der
Familie allgemeine Nachrede Verachtung bei allen von ihrem Stande aus diesen
und ähnlichen Zügen setzte sich ihre Besorgnis ein fürchterliches Bild zusammen
bei dessen Vorstellung sie erschrak dass sie zitterte Eilfertig ließ sie
Schwingern zu sich rufen und schärfte ihm neue Wachsamkeit ein er mochte ihr
sagen soviel er wollte dass die Liebe bisher noch unschuldig sei und dass man
sie zuversichtlich durch ein neues Verbot strafbar machen werde da half nichts
Die Gräfin gab ihm alles das zu und sagte nichts als dass sie einmal über das
andere wiederholte »Werde daraus was auch wolle wenns nur der Graf nicht
erfährt« Sie war in zu heftiger Wallung um sie nicht durch fortgesetzten
Widerspruch zum Unwillen wider sich zu reizen Schwinger schwieg also gelobte
verdoppelte Wachsamkeit an und ging ab
Die Gräfin war wirklich in der äußersten Unruhe Den Knaben nach einer
zweijährigen bessern Erziehung den Eltern zurückzugeben schien ihr schimpflich
und unbillig ihn auf eine Schule zu tun zu kostbar und gleichwohl stand der
Zorn des Grafen wie ein Ungeheuer das ihr mit der Dorngeissel droht vor den
Augen Sie wusste keinen bessern Ausweg als dass sie die beiden Verliebten zu
sich kommen ließ und durch Furcht in die nötigen Schranken zurückscheuchte Der
junge Herrmann musste zuerst erscheinen aller vertraulicher Umgang mit der
Baronesse wurde ihm schlechterdings untersagt und in dem Eifer des Verbotes
brach ihr Stolz so sehr durch den Schleier der Politesse dass sie ihm seine
niedrige Geburt als eine Ursache vorrückte warum ihm ein solcher Umgang nicht
erlaubt sei auf den Übertretungsfall der schon in einem Berühren der Hände
bestehen sollte setzte sie die Verbannung aus dem Schloss und Städtchen zur
Strafe Das nämliche Verfahren wurde auch unmittelbar darauf gegen die Baronesse
beobachtet und ihr die Zurücksendung zu ihrer Mutter einer Witwe der die
Verschwendung ihres Mannes nicht das mindste übriggelassen hatte einer Frau
ohne Erziehung und voller Strenge zur Strafe angekündigt
Heinrich ob er gleich der Gräfin nicht einen Laut antwortete kam in einer
Glut auf das Zimmer seines Lehrers sein Ehrgeiz war durch den Vorwurf einer
Geburt und das Verbot so beleidigt dass ihn Schwinger lange Zeit nicht
besänftigen konnte Er wollte mit aller Gewalt von dem Schloss und aus der
Gegend weg sein Lehrer mochte ihm noch so dringend die Undankbarkeit
vorstellen die er durch einen so ungestümen Abschied aus dem Hause seiner
Wohltäterin beging noch so fürchterlich die Gefahren vormalen denen ein
Bursche von seinem Alter in der weiten Welt ausgesetzt sei wo man Geld haben
oder verdienen müsste um fortzukommen er blieb unbeweglich in seinem Vorsatze
Schwinger der ihn wie seinen Sohn liebte und seine rasche Gemütsart kannte
besorgte in der Tat eine Entlaufung Er ging brausend und schnaubend in den
Garten Schwinger in einer kleinen Ferne folgte ihm nach doch ohne dass es
schien ihn beobachten zu wollen Er eilte gerade nach der Gartenmauer
erblickte eine Leiter setzte sie an Schwinger lauerte verborgen hinter der
Hecke Heinrich sah sich noch einmal um und husch war er die Leiter hinauf
Schwinger stürzte sich aus seinem Hinterhalte hervor und ertappte ihn bei dem
Rocke als er eben den Fuß aufhub um von der Mauer hinabzuspringen er zog ihn
nach sich her und trug ihn in den Armen die Leiter herab
»Lieber Sohn« sprach er als er herunter war und hielt ihn noch immer in
den Armen fest »ich bitte dich um Gottes willen begehe keine Unbesonnenheit
Ich muss dir folgen wenn du gehst Ich liebe dich zu sehr um dich auf immer
unglücklich werden zu lassen Willst du mir zuliebe nicht eine kleine
Beleidigung ertragen Verschmerze sie und mäßige dich«
dabei drückte er ihn so fest an sich dass der junge Mensch laut schrie Er
ließ ihn los Heinrich stund vor ihm und sah in den Sand Mit halber Rührung und
halbem Zorne stampfte er auf die Erde und sprach »Ich kann unmöglich bleiben«
Schwinger Wohl so gehe Aber ich schwöre dir ohne mich sollst du nicht
Ich habe dich so weit gebracht dass ich mich deiner freuen kann und nun sollt
ich dich allein hilflos halb gebildet in die Welt in Mangel Elend Gefahr
und Verführung hineinrennen lassen ohne dir beizustehn Nein ich bin dein
Begleiter ich will mit dir betteln arbeiten hungern schmachten und sterben
Aber ehe du deinen Entschluss ausführst nur einen Augenblick Überlegung
Bedenke dass du dich und mich deinen einzigen Freund der Schande aussetzest
als wären wir wie Schelme durchgegangen dass du mich den du so kindlich liebst
ins Unglück mit dir hineinziehst dass du mich zwingst meine Liebe gegen dich
als eine Torheit anzusehen als eine Schwachheit die mich elend macht Kannst
du es ertragen dass dich jedermann für einen undankbaren einen jachzornigen
unbesonnenen Buben einen entlaufnen liederlichen Menschen schilt dessen Namen
man mit Verachtung und Abscheu nennt Kannst du es ertragen dass du deinen
Lehrer auf immer unglücklich machtest weil er dich zu sehr liebte Itzt
beweise ob ich recht hatte dass ich dich für einen edeldenkenden Jüngling
hielt den Ehre und gutes Herz regieren oder ob du ein schlechter und
niederträchtiger Mensch ohne Ehre und Gewissen bist Willst du nun so gehe
Ich folge dir
Heinrich fasste seine Hand und sprach mit nassen Augen »Ich bleibe aber ich
kann unmöglich die Gräfin wieder ansehen«
Schwinger Das sollst du nicht bis dass du wieder gesund bist Du liegst
itzo gefährlich krank am Zorne und von Kranken kann man nicht verlangen dass
sie billig sein sollen Komm wir wollen einen Spaziergang zu unserm Freunde
dem Pastor Schweder tun Bewegung Zerstreuung Gesellschaft wird dich gewiss
kurieren
Heinrich So eine entsetzliche Beleidigung Wenn ich gleich kein Graf bin
muss ich denn darum ein schlechter Kerl sein der mit einer Baronesse nicht
einmal umgehen darf
Schwinger Lieber Sohn wenn man so tödlich krank ist wie du da kann man
nicht richtig urteilen sobald du wieder völlig gesund bist dann wollen wir von
deiner Beleidigung zusammen sprechen Itz denke nicht an so eine verdrießliche
Sache damit du desto geschwinder genesen kannst
Mit diesen Worten ergriff er seine Hand und ging mit ihm Arm in Arm zu
ihrem Freunde der auf einem nahe gelegnen Dorfe wohnte Unterwegs beschäftigte
er ihn unaufhörlich mit Erzählungen die er freilich nur mit halber
Aufmerksamkeit hörte gekränkte Ehre und vielleicht auch ohne sein Bewusstsein
gekränkte Liebe nagte zu sehr in ihm und seine innerlichen vielfachen sich
kreuzenden Empfindungen und Gedanken nahmen allmählich so eine Wendung dass er
sich vorsetzte die Baronesse der Gräfin zum Trotze zu sprechen und zu lieben
Seine bisherige Neigung zu ihr die gleichsam eingehüllt in einem Winkel des
Herzens gelegen hatte wagte sich auch in diesem Augenblicke so weit hervor dass
sich seine Gedanken einen großen Teil des Wegs über mit einer zärtlichen
Betrübnis von der Baronesse unterhielten Er sann auf Mittel sie öfter heimlich
zu sehen und es schien ihm zu seinem Vergnügen und seiner Rache so
schlechterdings notwendig sie öfter zu sehen dass er jetzt schon Unruhe empfand
weil er durch den Spaziergang abgehalten wurde seinen Trotz in der Minute zu
befriedigen Schwinger glaubte ihn durch seine Erzählungen beruhigt zu haben
weit gefehlt die Aussicht auf seine ausgedachte Rache war es die ihn vor der
Ankunft bei ihrem Freunde schon ganz wieder aufheiterte Der gute Mann wusste
nicht wie richtig er prophezeit hatte dass harter Widerstand aus kindischer
Freundschaft wahre Liebe machen werde
Auf die Baronesse weil sie schon wirkliche Liebe in sich fühlte und zwar
mit Bewusstsein fühlte tat das Verbot eine andre Wirkung es machte sie traurig
niedergeschlagen Sie bekam Kopfweh dass sie nicht zur Tafel gehen konnte sie
holte sich ein Buch aus der Bibliothek der Gräfin und der Zufall musste ihr
gerade Gessners Daphnis in die Hände spielen Sie las die Szenen verliebter
Traurigkeit mit einem Interesse durch das ihr bisher fremd gewesen war Da ihre
Empfindung nicht mehr in Blicke Küsse und Händedrücke ausbrechen durfte so
trat sie zurück und warf sich auf die Einbildungskraft jede Nische im Garten
war ihr seit diesem Augenblicke eine Jasminlaube wenn sie auch gleich nur aus
grünen Latten bestand jedes Rosenparterre eine grasreiche Ebene voll Tymian
und Quendel wo wollichte Schafe herumirrten und junge mutwillige Lämmer
hüpften hinter jeder Hecke lauschte eine Phillis um den lieblichen Liedern
ihres Schäfers zuzuhorchen auf den Kastanienbäumen und Linden in den Alleen
saßen Dryaden Waldgötter Amors haufenweise jeder Sperling und jede Meise die
mit zwitscherndem Geschrei sich um die dunkelroten Herzkirschen zankten war
eine Nachtigall die mit melancholischen Akzenten um ihren Gatten trauerte Kein
Frosch sprang bei ihrer Annäherung in das Bassin des Springbrunnens ohne dass er
in eine Nymphe umgeschaffen wurde die schamhaft ihre entblößten Hüften im
Wasser verbarg Der ganze Garten wurde ihr ein Arkadien in der Einsiedelei des
Tannenwäldchens wohnte ihre Mutter ihr Schäfer auf dem Schneckenberge der sich
jenseits auf der Wiese emporwand und sie spielte vor sich in Gedanken den
ganzen eingebildeten Roman durch Fräulein Hedwig durfte sie keinen Augenblick
verlassen sie folgte ihr überall nach und während dass die Gouvernante sich in
Gedanken von ihrem dicken Amyntas unterhielt und mit den Augen auf seine
gelblederne Chaussure Jagd machte ergötzte sich die Baronesse mit ihrem
phantastischen Schäferspiele
In der Einsiedelei bildete sie sich ein wohnte ihre Mutter eine grausame
Frau die ihr Umgang Gespräch und Liebe mit ihrem Daphnis untersagte Phillis
diesen Namen hatte sie sich selbst gegeben bat sie mit allen Wendungen ihrer
kleinen Beredsamkeit ihr nur einen viertelstündigen Besuch bei Daphnis zu
verstatten die Mutter war unerbittlich In der Begeisterung dieses
Gedankenspiels murmelte sie oft wenn Fräulein Hedwig neben ihr auf der Bank
saß einige halblaute Worte es entwischten ihr Seufzer und Tränen rannen aus
ihren Augen ihre Einbildungskraft riss sie so stark hin dass sie zuweilen mit
lebhafter Bewegung auf ihre Gouvernante hinzusprang und ihre Knie umfassen
wollte plötzlich weckte sie ein hastiges »Was wollen Sie« aus ihrem Traume
sie wich beschämt zurück und antwortete leise und voller Verwirrung »Nichts«
oder sie beschönigte ihre Selbstvergessenheit mit dem Vorwande als wenn sie ein
Steinchen neben ihr aufheben oder ein Blümchen hätte pflücken wollen Zuweilen
ließ ihre Gouvernante sie in der Einsiedelei zurück mit dem Befehle ja nicht
von der Stelle zu gehen und streifte indessen den Garten allein durch um den
Stallmeister hinter einer Hecke oder in ein Boskett mit einem krächzenden Husten
zu rufen unterdessen dachte Phillis auf die Flucht Ihre Mutter war nach ihrer
Vorstellung auf das Feld gegangen um die Ziegen heimzuholen und sie nützte
diese Abwesenheit um ihren Daphnis zu sehen Sie stritt lange mit sich selbst
fürchtete ihren Zorn wenn sie ihre Zusammenkunft entdeckte wankte schaute
ängstlich um sich und floh in einem Rennen nach dem Schneckenberge hin Ach
welch ein Schmerz Daphnis war nicht da Er hütete noch die Schafe auf dem
großen Boulingrin weit weit von seiner Wohnung sie konnte unmöglich seine
Rückkunft erwarten aus Furcht dass ihre Mutter vor ihr wieder nach Hause kommen
möchte Um indessen ihm ein Zeichen zu hinterlassen dass sie ihn gesucht hätte
hing sie an die große Vase auf dem Schneckenberge einen Kranz aus Buchenlaube
aus Gras oder andern grünen Materialien gewunden eilte nach der Einsiedelei
zurück und saß meistenteils wenn ihre Gouvernante von ihrer verliebten
Expedition sich wieder einfand so still und ordentlich da als wenn sie nicht
von der Stelle gekommen wäre Wenn sie mit ihr durch die Kastanienallee
wandelte sammelte sie Kastanien warf sie über die niedrigen Gesträuche der
spanischen Weiden in der Absicht ihren Schäfer zu necken und wenn ihr
Fräulein Hedwig dies als einen unanständigen Mutwillen verbot so kränkte sie
sich insgeheim dass ihr ihre strenge Mutter auch sogar jeden unschuldigen Scherz
verwehrte
Auf dem Zimmer hatte sie so gut ihr Arkadien wie im Garten im Kabinette
wohnte ihr Schäfer der Sofa war die Wohnung der Mutter und jedes graue oder
weiße Feld in dem parkettierten Fußboden eine besondere Trift wo Daphnis
Alexis Damon und andre Herren aus der gessnerischen Schäferwelt ihre Herden
weiden ließ Das Schreien der übelgeschmierten Kabinettür wenn sie geöffnet
wurde waren ihr die lieblichen Melodien der Schalmeien und Pfeifen die auf den
Fluren des Fussbodens widerhallten und diese Tür ließ sie eines Nachmittags ihre
Schalmeientöne so oft machen dass ihre Gouvernante Zahnweh bekam und sogleich
der Kammerjungfer Befehl erteilte die verwünschte Tür mit Baumöle zu salben
Nun war Hain und Flur stumm die Flöten ertönten nicht mehr über das bunte
Parkett hin es war Winter und die Schäfer trieben ihre Schafe nach Hause Zum
Glücke bekam auch der Sofa eine Neigung musikalisch zu werden und sogleich
kehrte der Sommer zurück Alle Triften waren wieder voll von wollichten Herden
die Baronesse setzte sich auf den Sofa und brachte durch öfteres hin und her
rücken wie ein lebhafter Orgelspieler wenn er das Pedal mit Füßen tritt so
vielfache Schalmeientöne hervor dass Fräulein Hedwig unsinnig hätte werden
mögen Der Tischler schlug einen Keil in die gewichne Fuge aus welcher die
Musik ertönte und abermals vertrieb ein rauer Winter Freude und Gesänge von
den öden Fluren
Bei so beständiger innerer Beschäftigung verbreitete sich notwendig über das
Gesicht der Baronesse eine Art von Tiefsinn eine Zurückgezogenheit in sich
selbst ihre Lebhaftigkeit verschwand sie sprach selten und allemal nur
abgebrochen hörte auf keine Anrede beantwortete keine Frage wenn sie nicht
etlichemal wiederholt wurde verstand sie meistenteils falsch murmelte sehr oft
vor sich hin brach zuweilen in eine Rede aus die in ihr inneres
Gedankengespräch gehörte und mit der äußern Unterhaltung in keinem Zusammenhange
stund Niemand wusste was man von ihr denken sollte Sie war gesund aß trank
und schlief wie gewöhnlich Graf und Gräfin vermuteten eine versteckte Krankheit
und ließ den Arzt holen Sie wurde in ihrer beiderseitigen Gegenwart von dem
Äskulap des Städtchens verhört der Puls untersucht da war keine Krankheit zu
finden auch nicht eine Spur davon Der Arzt wollte doch nicht umsonst gekommen
sein und versicherte dass sie Würmer habe die ruchlosen Tiere die ihr allen
Mut weggefressen hatten wurden so heftig mit Purganzen bestürmt dass sie Gefahr
lief wirklich krank zu werden Ihre Munterkeit kehrte nicht wieder und
Fräulein Hedwig behauptete endlich da kein anderer Grund gültig befunden wurde
dass sie stark wachse welcher Meinung man einmütig beistimmte und nach einer so
wahrscheinlichen Entdeckung beruhigte man sich ohne weiter sich zu wundern oder
nachzuforschen
Die Gräfin argwohnte zwar anfangs dass ihr Verbot wegen des Umgangs mit
Heinrichen die Veranlassung sei allein da die Baronesse nicht die mindeste
Miene machte als wenn sie nach ihm verlangte nicht eine Gelegenheit suchte
ihn zu sprechen so gab sie ihre Vermutung bald wieder auf Im Grunde war auch
wirklich die Betrübnis darüber nur sehr kurz bei Ulriken der Zufall führte ihr
bald ein Rettungsmittel in die Hand sie setzte ihre Liebe in der Einbildung so
glücklich und zufrieden fort dass sie gar nicht die Schwierigkeit ihren
wahrhaften Geliebten zu sehen hinwegzuräumen suchte Wenn sie noch so still und
mutlos schien fühlte sie in sich Freuden die ihr die Wirklichkeit nie hätte
geben können Heinrich durfte seit jenem Verbote keine Lehrstunden mehr
gemeinschaftlich mit ihr haben Schwinger ließ ihn sowenig von seiner Seite als
Fräulein Hedwig die Baronesse ging gar nicht mehr mit ihm in den Garten
sondern jedesmal auf das Feld spazieren kurz die beiden jungen Verliebten
wohnten unter einem Dache und waren so gut als durch Meere und Länder getrennt
dabei gebrauchte Schwinger den Kunstgriff dass er seinen Zögling doppelt mehr
als vorher beschäftigte zerstreute und seine Tätigkeit in ein so unaufhörliches
Spiel setzte dass die Ehrbegierde die Liebe darniederhielt und auch sehr bald
der Vorsatz die Baronesse der Gräfin zum Trotze zu lieben mit seinem Grolle
über die erlittene Beleidigung verschwand besonders da es in den ersten Tagen
darauf ganz unmöglich war mit ihr eine Minute allein zu sein Jedes von ihnen
beiden verfolgte ein Phantom der Einbildung er die Ehre die Baronesse ihren
Daphnis und darüber vergaßen sie beide die Wirklichkeit
Viertes Kapitel
Während dieser Zeit hatte ein boshafter Nachbar in einem Zanke dem alten
Herrmann den Vorwurf gemacht dass er ein Hahnrei sei und einen Knaben für den
seinigen erkenne der doch einem viel vornehmern Mann angehöre Das hieß die
empfindlichste Seite seiner Ehre berühren er brach sogleich den zankenden Ton
ab und fragte den Mann sehr ernstaft woher er das wisse »Weil ichs weiß«
erwiderte der andre »Warum fütterte und erzog denn der Graf deinen Jungen
He umsonst und für nichts tut man so etwas nicht Frage nur deine Frau die
wirds besser wissen« Durch diese und ähnliche Gründe machte er den Alten so
argwöhnisch dass er sich vornahm Licht in der Sache zu suchen Die Szene des
Zanks war bei dem Gartenzaune und der Streit wie leicht zu erraten durch die
Weiber angefangen worden Herrmann war seinem Nillchen zu Hilfe geeilt der
Nachbar hielt sich für verbunden der seinigen gleiche Liebe zu beweisen die
Weiber traten ab und zankten eine jede für sich in ihrer eignen Küche
währenddessen ihre beiden Klopffechter den Kampf vollends öffentlich ausführten
Weil der Nachbar sich als den Schwächern fühlte so geriet er auf die List
durch jenen Argwohn die feindliche Partei mit sich selbst zu entzweien Sie
gelang ihm auch so wohl dass sein Gegner sogleich von dem Kampfe und Wahlplatze
abging um über den erregten Argwohn ein peinliches Verhör mit seinem Nillchen
anzustellen
Die Gemahlin wollte ihn nach seiner Rückkehr von dem Schlachtfelde für den
geleisteten Beistand und erfochtnen Sieg mit ihrem Beifall krönen und stand
deswegen in der Hoftüre bereit zu seinem Empfange schon brach sie in
Lobeserhebungen über seine Heldentat und in Schmähungen wider die Feinde aus
allein wie sonderbar ihr Verfechter ging mit weggekehrtem Blicke und
drohender Miene vor ihr vorbei ohne die Belohnung seiner Tapferkeit von ihr
annehmen zu wollen Sie ging wie allemal bei solchen unvermuteten
Erscheinungen in die Küche nahm ein Stück Essen auf die Hand und sann indem
sie es verzehrte bei sich nach was ihr Mann wohl haben möge
Sie wollte sich eben ein zweites Stück aus dem Schranke holen weil sie bei
dem ersten in ihrer Untersuchung nicht sonderlich weit gekommen war als ihr der
laute Befehl ihres Mannes gebot vor ihm zu erscheinen Weil es gegen Abend war
ihr wo Simson allemal seine Stärke verlor ging sie unerschrocken in die Stube
und freute sich schon im voraus auf eine neue Demütigung die er sich selbst
antun würde Sobald sie in die Stube getreten war schloss er hinter ihr zu in
der Mitte stand ein kleiner runder Tisch und auf demselben lag eine Pistole es
waren einander gegenüber zwei Stühle gesetzt und ohne ein Wort zu sagen
klopfte er mit der flachen Hand auf den einen um sie zum Niedersetzen zu
nötigen Da sie dergleichen wunderliche Schnurren von ihm gewohnt war so nahm
sie der Pistole ungeachtet Platz gleichfalls ohne zu reden Er setzte sich
ihr gegenüber auf den andern dastehenden Stuhl ergriff die Pistole spannte den
Hahn und setzte sie vor sich die Öffnung des Laufes nach ihr gekehrt aus
natürlicher Furcht vor Schiessgewehr rückte sie mit ihrem Stuhle seitwärts um
aus dem Schusse zu kommen er rückte mit der Pistole nach sie rückte auf den
alten Fleck er folgte ihr mit der Pistole nach um ganz sicher zu sein rückte
sie dicht an ihn er lief mit seinem Stuhle um den Tisch herum dass sich der
Lauf wieder nach ihr hinrichtete berührte bei dem schnellen Umdrehen den Hahn
pump ging die Pistole los Das arme Nillchen tat einen lauten Schrei glaubte
sich getroffen und sank vom Stuhle voll Verwunderung dass sie noch lebte Der
Mann besorgte selbst dass er in der Übereilung wider seinen Willen etwas
Tödliches hineingeladen habe und fing vor Angst so gewaltig an zu zittern dass
er kein Glied von der Stelle rühren konnte Fest überredet dass sie gestorben
sei blieb die Frau einige Minuten auf der Erde liegen und mit der nämlichen
Überredung der Mann zitternd und bebend auf seinem Richterstuhle sitzen Endlich
merkte die Frau wohl woran sie mit ihrem Leben war und stund aus tückischem
Trotze nicht auf »Nillchen« hub er mit schwacher bänglicher Stimme an
»bist du tot« Nillchen antwortete nicht
»Nillchen bist du tot« wiederholte er mit weinerlichem Tone »So sag
mirs doch nur Nillchen antworte doch bist du tot mausetot So rede
doch«
Der Frau entwischte ein Lachen er hörte es Hurtig verwandelte sich seine
Angst in nachdenkenden Ernst »Kannst du noch lachen« sprach er vor sich hin
und setzte mit starkem gebietenden Tone hinzu »Steh auf Hure«
Schnell sprang die erschossne Frau in die Höhe und fuhr geifernd auf ihn los
»Was wie nennst du mich«
Der Mann Was du bist
Die Frau So Seht mir doch Wenn du weißt dass ich keine ehrliche Frau
bin warum hast du mich denn genommen
Der Mann Weil ich ein Narr war
Die Frau Das bist du wohl alle Tage
Der Mann Weib habe Respekt oder dich soll Höre antworte mir bist du
eine ehrliche Frau
Die Frau Bist du wohl gescheit
Der Mann Weib antworte ordentlich oder ich schieße dich überen Haufen
Die Frau Ich wollte dass du mich erschossen hättest damit sie dich itzo
hängten So ein alter Narr Pfui schämst du dich nicht so eine alberne Frage
zu tun
Der Mann Nicht mehr als du keine ehrliche Frau zu sein
Die Frau Das bin ich und den will ich sehen der meiner Ehre zu nahe kommen
soll
Der Mann Dass dus weißt Ich lasse mich von dir scheiden
Die Frau Ja da stehen sie und warten ob sich Herr Herrmann scheiden lassen
will Beweise mir doch etwas beweise mir doch
Der Mann Hast du den Grafen vor unsrer Heirat gekannt
Die Frau Ach wo will er denn da hinaus Freilich hab ich ihn gekannt
Der Mann Nun ists gewiss ich lasse mich scheiden
Die Frau Ach über den einfältigen Adam Ich glaube er denkt gar lasst uns
doch lachen Ja der Herr Graf bekümmerte sich viel um deine Nille dem liefen
wohl andre nach
Der Mann Hat er dir nicht das Halsband mit den großen Perlen geschenkt
Die Frau Das hat er
Der Mann Wofür
Die Frau Wofür Ach geh mir doch wirst wohl da die alte Historie wieder
aufwärmen Das ist zu Metusalems Zeiten geschehen
Der Mann Ich scheide mich Packe deine paar Lumpen zusammen und dann aus
dem Hause
Die Frau Wegen des alten Märchens Die Historie war ja hundert Jahre vor
unsrer Hochzeit Was hattest du mir denn damals zu befehlen
Der Mann Aber ich habe itzo zu befehlen Wir sind Mann und Frau gewesen
Ohne weiter auf ihre Reden zu achten wanderte er die Treppe hinauf packte
alle Kleider und Wäsche in die große Lade mit den korintischen Säulen und
brachte über eine Stunde zu alle ihre Effekten von den seinigen abzusondern und
einzupacken Der Frau ward wirklich nunmehr bange dass er sie einmal peinigen
und zum Gelächter der Stadt machen werde und was sie fürchtete geschah Er
schob und schleppte mit eigener Hand die schwere vollgefüllte Lade die Treppe
herunter und setzte sie vor die Tür in den Hof die übrigen Pakete flogen zum
Fenster herunter und nahmen ihren Platz auf und neben der Lade wo sie ihn
fanden Als ihm nichts mehr in die Augen fiel das der Frau eigentümlich
angehörte so ging er zu ihr band ihr das Halsband mit den großen Perlen das
sie einmal als Jungfer von dem Grafen bekommen hatte um den Arm und führte sie
zur Hoftür hinaus zu ihren Sachen schloss alle Eingänge am Hause zu und stellte
sich mit seinem Pfeifchen ans Stubenfenster um seine eifersüchtigen Grillen mit
dem Tobaksdampfe in die freie Luft hinauszublasen
Die verabschiedete Frau saß also unter freiem Himmel auf ihrer Lade zwischen
den übrigen Effekten und hoffte ganz sicher dass bei der eintretenden Dämmerung
ihren Mann sein Liebesfieber überfallen und nötigen werde sie unter
demütigenden Bedingungen wieder zurückzurufen Die Dämmerung kam es wurde
Nacht niemand im Hause rührte sich Nun musste sie im Ernst darauf denken ihre
Sachen in Sicherheit zu bringen und ein bequemeres Nachtlager zu suchen als ihr
die Lade darbot dem Mann zum Trotze wollte sie wieder ins Haus Sie sah sich
allenthalben nach einem niedrigen Fenster um und konnte keins ansichtig werden
das sich besser zu einer Tür gebrauchen ließ als das Küchenfenster ob es gleich
ziemlich hoch von der Erde war Sogleich wurden die nötigen Anstalten zum
Einsteigen gemacht die Lade unter das Fenster gerückt und nun hinauf Aber wer
sollte das Fenster aufmachen das sich nur inwendig öffnen ließ Man schlägt
eine Scheibe ein sie tats und nun waren beide Flügel weit offen Alle
Schwierigkeiten hatte sie immer noch nicht besiegt wie sollte sie sich ohne
Hilfe so weit hinaufschwingen Sie versuchte es ging nicht Sie wanderte den
Hof hinab um sich den Beistand einer Nachbarin zu erbitten und siehe da eben
kam die Magd vom Felde hinten zum Garten herein nun hatte sie gewonnen Spiel
Die Allianz wurde gleich zwischen ihnen geschlossen und man eilte mit großen
Schritten die Eroberung des Küchenfensters fortzusetzen Die Magd begeisterte
das allgemeine Interesse ihres Geschlechts mit Löwenmut sie erstieg den Wall
sprang in die Küche hinab in einem Augenblicke war der innere Riegel der Hoftür
weggeschoben und man zog triumphierend in der eroberten Festung ein
Nacht und Dunkelheit waren geschworne Feinde des alten Herrmanns sie
entwaffneten seine Tapferkeit so sehr dass er fast zum Kinde wurde Ermüdet von
der Hastigkeit womit er seiner Frau Habseligkeiten in den Hof schaffte war er
bei seinem Pfeifchen am Fenster eingeschlafen Zähne und Hände ließ den
schwarzen beräucherten Stumpf entschlüpfen dass er in hundert kleinen Stücken
auf dem Pflaster herumtanzte Der Schlummer hielt an bis zu dem ersten Sturme
den die Frau auf das Küchenfenster wagte das Geklirre der eingeschlagnen
Scheibe erweckte ihn aber o Himmel in der ganzen Stube wars finster wie im
Grabe Er tappte nach dem Feuerzeuge fand es schlug sich die Knöchel wund und
da sein Zunder brannte war kein Licht da Indessen nahm der Lärm der Eroberung
zu nun wars vollends um seine Herzhaftigkeit geschehen Er konnte keinen
Schritt vor die Tür tun wenn er gleich ein Königreich damit hätte gewinnen
sollen Das Getöse vermehrte sich denn die Frau schaffte mit Hilfe der Magd
die Effekten wieder ins Haus und er fand kein ander Mittel als die Partie
aller Furchtsamen zu ergreifen er verschanzte sich die Tür wurde verriegelt
ein Tisch vorgerückt und es war fest beschlossen dass er die Nacht hinter
seinen Verschanzungen zubringen wollte
Nillchen kannte seine Furchtsamkeit im Finsteren und ließ nichts ermangeln
ihre Rachsucht nach Herzenslust zu sättigen Die zwei Weibsbilder erregten ein
Getöse im Hause als wenn sieben Legionen Teufel eingekehrt wären Treppe auf
Treppe nieder Die Magd um ihrem Tritte mehr Gewicht zu geben bewaffnete die
Füße mit einem Paar Schuhen von Juchten deren Sohlen dick wie Bretter und deren
Absätze mit Nägeln wie mit Hufeisen beschlagen waren bei jedem ihrer
Dragonertritte erbebte das ganze Gebäude und aus allen vier Winkeln des Hauses
hallte das Klappen der Nägel wenn sie auf den Backsteinen hinlief in
mannigfaltigen Tönen wie ein übelgestimmtes Glockenspiel zurück Die Türen
wurden zugeschlagen dass sie aus den Angeln sprangen man bereitete in der Küche
ein Bankett und verzehrte die triumphalische Mahlzeit mit lautem Lachen und
Singen währenddessen der alte Herrmann in der daranstossenden Stube ausgestreckt
auf drei Stühlen lag vor Hunger und Ärger seufzte gern seinen Kummer
verschlafen wollte und vor dem Getöse das bis über Mitternacht hinaus dauerte
kein Auge schließen konnte Einen schimpflichen Frieden durch Nachgeben zu
erkaufen litt seine Ehre nicht und ihn durch Gewalt zu erzwingen war er zu
furchtsam weil er nach der Größe des Lärms zu urteilen glaubte der weibliche
Teil des ganzen Städtchens habe sich versammelt sein beleidigtes Geschlecht an
ihm zu rächen und dann war es einmal sein Grundsatz in der Dunkelheit nicht zu
fechten weil er gewiss den kürzern zog sobald man die Bosheit beging das Licht
auszulöschen Sonach ertrug er gelassen alles Ungemach und war froh genug dass
man um ein Uhr ihn auf den harten Stühlen einschlummern ließ unterdessen dass
die feindliche Partei sich in weiche Federn versteckte
Kaum erschien die gewöhnliche Zeit des Aufstehens als Nillchen schon wieder
im Hause herumtobte doch mit vermindertem Geräusche sie nahm mit lautem
Geklirre der Tassen und Teller in der Küche Kaffee und Frühstück ein Der alte
Herrmann dehnte sich auf seinem harten Lager stand wie an allen Gliedern
gerädert auf und überlegte seinen Operationsplan für den folgenden Tag Die
erste Hand zum Vergleiche zu bieten das war bei so vielem Rechte auf seiner
Seite sehr hart gleichwohl hatte die Frau die vorteilhaftesten Posten im Hause
besetzt und ihn so eingeschlossen dass sie ihn mit leichter Mühe aushungern
konnte da war nichts zu tun als sie mit List aus ihrer günstigen Stellung zu
vertreiben Er räumte die Festungswerke vor der Stubentür weg und ging ohne
sich mit einem Blicke umzusehn zum Hause hinaus
Nun hatte er das Feld geräumt Er blieb den ganzen Tag außen auch die
Nacht er brachte beides bei einem Bekannten zu einem Schlosser von dem er
sich ein großes starkes Vorlegeschloss verfertigen ließ Mit Anbruche des Tages
erschien er nebst seinem Freunde öffnete die Haustür er hatte den Schlüssel
dazu bei sich und nun geradeswegs vor die Schlafkammer der Frau Der Schlosser
schlug mit allem Geräusche seines Handwerks Haspen und Anwurf an die Tür und
beide legten feierlich das große Schloss davor Darauf begaben sie sich voll
Freude über den ausgeführten Anschlag in die Nebenstube und übten alle mögliche
Repressalien aus Der Schlosser war ebenfalls einer von den Ehemännern der mit
seiner Gattin in unaufhörlichem Kriege lag und stritt für sein eigenes
Interesse indem er die Rache seines Freundes unterstützte Sie fingen an zu
trinken der Schlosser dem diese wohltuende Rache ungemein behagte nahm einen
so lebhaften Anteil an der Ehre seines Freundes dass er in einer halben Stunde
bereits betrunken war der alte Herrmann konnte wie gesagt worden ist vor dem
Nachmittage keinen Branntewein zu sich nehmen und hielt sich für seine
Nüchternheit mit einer großen Kanne selbstgemachten Kaffee schadlos und dann
ging er in eigener Person das Mittagsmahl für sie beide zuzubereiten
Diese Abwesenheit ihres Mannes wollte die eingesperrte Frau nützen sie
redete den trunknen zurückgebliebnen Schlosser durch die Wand an und bestürmte
sein verstocktes Herz mit den rührendsten Bitten sie heimlich herauszulassen
Der Wächter der in seinem berauschten Kopfe gegenwärtige und vergangene Zeit
nicht sonderlich unterschied und sich also beinahe gar nicht besann wer diese
Frau sei und warum man sie hier eingeschlossen habe staunte nicht wenig eine
Weiberstimme in der Nähe zu hören Er horchte und erkundigte sich stammelnd wo
sie sich aufhalte zehnmal sagte sie es ihm und zehnmal begriff ers nicht er
merkte wohl dass die Stimme von der Wand herkam und taumelte deswegen an ihr
auf und ab um das Frauenzimmer zu haschen und wenn er einmal zugriff und etwas
festhielt so wars ein Stuhl oder ein Tisch Der Trunk hatte mancherlei
verliebte Regungen in ihm aufgeweckt und er war äußerst erbittert auf das
Frauenzimmer das ewig redete und sich niemals haschen ließ Sie schmeichelte
seiner Begierde mit dem Versprechen sich sogleich haschen zu lassen wenn er
nur das große Schloss öffnete das er heute angelegt habe der verliebte
Trunkenbold nachdem er lange Zeit mit dem Hammer an der Wand herumgehauen
hatte um das Schloss aufzuschlagen begriff endlich dass er es vor der Stube an
der Nebentür suchen müsste und wankte hinaus zog einen großen Schlüssel aus der
Tasche und fluchte und schwor dass sich das verdammte Schlüsselloch nicht
treffen lassen wollte er stieß und stampfte um sich herum sosehr ihm die
Gefangene leise zu verfahren riet und tobte so ungestüm dass endlich der alte
Herrmann durch sein Getöse herbeigezogen wurde Leicht zu erachten dass er ihn
etwas unsanft zur Ruhe wies Er warf ihn zur Stube hinein und zeigte ihm einen
Platz von welchem er bei Lebensstrafe nicht aufstehen sollte und der folgsame
Schlosser legte sich demütig in den Winkel wie ein Hund wenn ihm ein drohendes
Kusch zugerufen wird
Bei der Mittagstafel fand der halbnüchterne Schlosser einen neuen Beruf
sich zu betrinken und nachmittags etwas zeitiger als sonst fühlte der alte
Herrmann den nämlichen Trieb Nun kam der Zeitpunkt wo die eingesperrte Ehefrau
ihre Erlösung bewirken musste Er fing allmählich an von seinem Nillchen sehr
viel zu sprechen und sie wegen ihrer Schönheit und häuslichen Erfahrung zu
loben »Wenn sie nur eine ehrliche Frau wäre« setzte er hinzu »Kannst du
dir vorstellen Jakob« fuhr er nach einer Pause fort »da will sie sich von mir
scheiden lassen das Donnerweib damit sie so recht nach ihrem Gefallen leben
kann aber ich habe sie eingesperrt sie darf nicht fort ich lasse mich doch
nicht scheiden und wenns gleich der Kaiser und der Oberpfarrer haben wollte
Sie soll nicht heraus bis sie mir verspricht dass sie sich nicht will
scheiden lassen und wenn sie bis an den Jüngsten Tag drinne stecken sollte«
Einen so günstigen Augenblick ließ die Gefangne nicht ungebraucht
vorbeigehen sie versicherte ihn durch die Wand dass sie sich nicht scheiden
lassen wollte wenn er sie in Freiheit setzte
»Du musst mir schwören« rief der Mann Sie verstund sich dazu er sagte
ihr einen Schwur vor der die fürchterlichsten Verwünschungen enthielt sie
sprach ihn nach
»Ja Nillchen« fing er von neuem an »wenn ich nur wüsste ob du eine
ehrliche Frau bist Bist dus nicht so lass ich mich scheiden Das muss ich
wissen sonst kommst du nicht heraus«
Natürlich dass sie alle Beredsamkeit anwandte ihn über den streitigen Punkt
zu versichern »Du musst mir schwören« war seine neue Foderung die sie
ebensogern zugestand und mit den vorigen Formalitäten beschwor sie ihm dass sie
nicht nur eine ehrliche Ehefrau sei sondern auch in alle Ewigkeit bleiben
wolle Die Kapitulation war gemacht der Friede geschlossen und die
Gefangenschaft aus
Desto stärker fiel nun sein Zorn auf alle die die Ehre seiner Frau
angetastet hatten sie musste sich neben ihn setzen und er konnte beständig noch
nicht von der Hauptfrage wegkommen sie sollte ihm berichten warum der Nachbar
sie einer Untreue beschuldigt habe und sie gab ihm zur Ursache den Neid an den
die Gnade des Grafen gegen ihren Heinrich bei jedermann errege Nun war er auf
einen schlimmen Punkt geführt er brach in Schmähungen wider den Grafen aus dass
er das ehrliche Nillchen durch seine Gnade in einen solchen Ruf bringe und
beteuerte dass er ihm die ganze Gnade vor die Füße werfen wolle »Mach ein
recht kostbares Abendessen« schloss er »dass es fertig ist wenn ich
wiederkomme«
Nillchen gehorchte dem Befehle Er folgte ihr nach und ging halb taumelnd
zum Hause hinaus Er wollte aufs Schloss aber in der Berauschung verfehlte er
den Weg wanderte durch drei vier Gassen und eh er sichs versah war er
wieder vor seinem Hause Er fluchte auf den Grafen dass er sein Schloss so oft
verrückte und wiederholte die Wanderung so oft dass er in der Abenddämmerung an
Ort und Stelle anlangte Graf und Gräfin waren verreist niemand da der ihn
zurückhielt und er erreichte also ungehindert Schwingers Zimmer
Schwinger saß im Kabinette und arbeitete an einer Predigt womit er die
christliche Gemeinde künftigen Sonntag bewirten wollte hatte sich verschlossen
und so sehr in Begeisterung verloren dass er weder hörte noch sah Fräulein
Hedwig um sich die Abwesenheit der gnädigen Herrschaft zunutze zu machen war
ihrem dicken Amyntas nachgegangen und belustigte sich im Garten mit ihm nach
Herzenslust die Baronesse stund in arkadische Bilder vertieft am Fenster und
weidete sich mit der Einbildung an den Freuden der Liebe die ihr die
Wirklichkeit nicht gewähren durfte
Der alte Herrmann ging unangemeldet ins Zimmer hinein und fand seinen Sohn
am Tische sitzend von den Weisen der heidnischen Welt umringt Augen und
Gedanken waren ganz in seinem Buche und er wurde die Anwesenheit seines Vaters
nicht eher inne als bis er ihn bei dem Arme fasste »Heinrich« sprach er »komm
mit mir« Der Sohn folgte ihm ohne Widerrede Er führte ihn die Treppe hinunter
Heinrich erkundigte sich zwar sehr oft wohin er sollte aber die Antwort blieb
außen
An der Tür entschuldigte er sich dass er ohne Erlaubnis seines Lehrers nicht
weitergehen dürfe und wollte umkehren schnell ergriff ihn der Vater in der
Mitte des Leibes lud ihn auf die Schultern und trabte mit ihm fort wie ein
Schwan der seiner kleinen Nachkommenschaft zum Schiffe dient
Der Sohn war durch die Neuheit des Vorfalls so in Erstaunen gesetzt dass er
sich ohne Widerstand forttragen ließ und nur unterwegs zuweilen Miene machte
sich loszureißen aus Besorgnis seinem Vater eine zu schwere Last zu sein da
half nichts Je mehr er widerstrebte je fester packte ihn der Herr Papa je
schneller eilte er mit ihm davon Alle Leute blieben verstummend stehen und
niemand dachte vor Verwundrung über die Seltsamkeit der Sache daran ihn
aufzuhalten Die Baronesse erblickte durch das Fenster ihren Heinrich auf dem
Rücken eines Fremden den sie nicht erkennen konnte und der wie ein Knabenräuber
mit ihm dahineilte In einer übereilten Hastigkeit riss sie die Tür auf flog die
Treppe hinunter zum Hause hinaus und dem Entführer nach Der Vater setzte seine
Bürde in seinem Hause ab und schloss die Tür zu »Da« sagte er zu seiner Frau
die erstaunt in der Küchentür stund »da ist Heinrich Die Leute sollen uns
nicht länger nachreden dass ihn der Graf füttert weil er nicht mein Sohn ist
Wenn dir nun noch jemand Schuld gibt dass du keine ehrliche Frau bist Nillchen
Nillchen so nimm dich in acht Ich schlage allen die Köpfe ein die so
sprechen und dich wider die Wand wie einen alten Topf« dabei fasste er um
seine Drohung sinnlicher zu machen einen alten dort stehenden berussten Topf
und schleuderte ihn mit einer Gewalt an die Küchenmauer dass die Umstehenden
sich vor den herumfliegenden Scherben retten mussten
»Du bleibst nun in alle Ewigkeit bei uns« fuhr er fort indem er sich zu
seinem Sohne wandte und ihn derb bei dem Ohre zupfte welche eine von seinen
hauptsächlichsten Liebkosungen war »Du bleibst bei uns Du sollst nicht
länger schmarotzen und wenn dich jemand wieder wegholen will und du gehst mit
ihm so mache dich gefasst dass die Stücken von deinem Kopfe so herumfliegen
werden wie die Scherben von dem Topfe« Diese Drohung wurde von einem paar
fühlbaren Stößen begleitet die er dem Sohne mit geballter Faust auf den Wirbel
versetzte
Indessen hatte sich die arme Baronesse ihre zarten Fingerchen an der Haustür
beinahe wund geklopft und die Frau war während der Drohung ihres Mannes hinter
seinem Rücken weggeschlichen um aufzumachen Die Baronesse stürzte sich herein
in die Arme der Frau und bat sie ängstlich um Nachricht wohin Heinrich sei und
wohin er solle Madam Herrmann führte sie mit ehrerbietigen Verbeugungen an die
Küche und zeigte ihr den verlangten Heinrich »Da ist er ja« rief die
Baronesse freudig und ergriff seine Hand »Aber was soll denn mit ihm werden
wohin soll er denn« und mit hundert ähnlichen übereilten Fragen drang sie auf
den Vater los
»Bei mir bei seinem Vater soll er bleiben« war die Antwort »und nicht
länger bei Leuten schmarotzen denen er nichts angeht Komm Heinrich« Er
wollte ihn wegführen Die Baronesse stieß mit einem kleinen Unwillen seine Hand
zurück »Lass Er ihn« sprach sie Der Alte tat einen Schritt zurück stemmte die
Hände in die Seite guckte ihr mit dem schiefsten verächtlichsten Blicke ins
Gesicht und hub eine Rede an die mit Schimpfen begann und mit Schimpfen
endigte Er verteidigte darin seine Ansprüche auf seinen Sohn so lebhaft und
verwies der Baronesse ihren Eingriff in dieselben so derb dass dem guten Kinde
die Tränen in die Augen kamen Nillchen erboste sich äußerst wider seine
Unhöflichkeit sie hielt ihm den Mund zu und gebot ihm sich nicht wider die
gnädige Herrschaft zu vergehen der Mann schwatzte in halben gebrochenen Tönen
durch ihre Finger stieß das Schutzbrett mit einem tüchtigen Schlage von seinen
Lippen hinweg und begann desto erbitterter von neuem Nillchen war zum
Zerspringen aufgebracht schritt zum erstenmal während ihrer ganzen Ehe zu
wirklichen Tätlichkeiten warf ihn mit einem hohltönenden Puffe in den Rücken
zur Küche hinaus und hatte nichts Geringeres im Sinne als ihn unter dieser
Musik in die Stube hineinzutreiben Unglücklicherweise gab ihm seine größere
Stärke das Obergewicht mit einer schnellen Wendung streckte er seine Gegnerin
zu Boden dass sie ächzte und vor Erbitterung die Lippen zusammenbiss Während des
Handgemenges war die Baronesse so listig und nahm ihren Adonis bei der Hand
husch waren sie beide zur Tür hinaus Der alte Herrmann wurde die Flucht
gewahr ließ den gestreckten Feind liegen und hurtig hinterdrein Wie
dergleichen Zurückholungen nie ohne Gewalttätigkeiten abgehn so mangelte es
auch hier nicht daran Heinrich wurde bei dem Kleide zurückgezogen und die
Baronesse die sich hinter ihm hereindrängte kam auch nicht ohne blaue Flecken
davon Vater und Sohn verschlossen sich in der Stube und die arme Ulrike setzte
sich traurig auf die Treppe und weinte die bittersten Tränen Die Frau Herrmann
war unterdessen wieder auf die Füße gekommen und tröstete sie mit Verwünschungen
gegen ihren »Hund von Manne« wie sie ihn zu nennen beliebte
»Ich gehe nicht wieder aufs Schloss« sprach die Baronesse schluchzend »wenn
ich nicht Heinrichen mit zurückbringe ich bin ihm so gut dass ich nicht ohne
ihn sein kann Sein Vater wird ihn gewiss aus der Stadt tun wollen vielleicht
auf eine Schule ach liebe Frau Herrmann da muss ich sterben« Sie weinte
von neuem und verbarg ihr Gesicht an dem Schoße ihrer Trösterin die vor ihr
stund
Es wurde ihr vorgeschlagen sich wieder aufs Schloss bringen zu lassen und
zwar mit der Versichrung dass Heinrich gewiss längstens des Morgens darauf
nachkommen solle
»Nein« antwortete sie mit Entschlossenheit »ich gehe nicht von der Stelle
Sie wollen mich nur gern los sein damit ichs nicht sehen soll wenn er
fortgebracht wird Tun Sie mirs doch nicht zuleide lassen Sie ihm doch bei
uns«
»Er soll ja gewiss wieder zu Ihnen kommen« rief die Herrmann einmal über
das andere
Die Baronesse Sie hintergehn mich gewiss Warum wollen Sie mir nun nicht die
Freude gönnen dass ich ihn liebhaben soll Ich darf ihn ja so nicht sehen und
sprechen wenn ich nur wenigstens weiß dass er in einem Hause mit mir ist so
bin ich ja zufrieden Weiter will ich nichts weiter gar nichts Wenn der
Vater nur nicht so ungestüm wäre so wollt ich ihm um den Hals fallen aber er
stößt mich von sich Ich bin recht unglücklich aber dass Sie ja die gnädige
Tante oder Fräulein Hedwig nichts davon erfahren lassen Heinrich ist der
einzige Mensch auf der Welt dem ich gut bin und ich möchte nur wissen was das
nun Böses ist dass man mirs verbietet und nun will man ihn gar weit weit von
mir wegschicken Warum soll ich denn einen Menschen nicht liebhaben Es ist ja
besser als wenn ich ihn hasse
Die Herrmann Ja allergnädigste Baronesse Sie können ihm wohl gut sein
aber die Frau Gräfin und Fräulein Hedwig werden wohl etwas anders meinen
Die Baronesse Was denn Ich habe ihn gern um mich schäkre gern mit ihm
was ist denn nun so Entsetzliches dabei
Die Herrmann dabei wohl nicht aber
Die Baronesse Was denn So sagen Sie mirs doch nur Wenn es etwas Böses
ist so will ich mich dafür hüten Ich versprech es Ihnen ich will mich in acht
nehmen wie vor dem Feuer
Die Herrmann Die Frau Gräfin wird wohl denken dass mein Sohn nicht vornehm
genug zu Ihrem Umgange ist
Die Baronesse Soll ich denn die Leute deswegen hassen weil sie nicht
vornehm sind
Die Herrmann Das wohl nicht aber Sie werden vielleicht zu vertraut
Die Baronesse Je vertrauter je besser das ist mir das liebste Wenn man
da so reverenzt und knixt und komplimentiert das ist kein Vergnügen Wem ich
gut bin der ist mir auch vornehm genug
Die Herrmann Ich weiß freilich auch nicht warum die Frau Gräfin gar nicht
haben will dass Sie mit meinem Heinrich umgehen sollen wenn er gleich kein Graf
ist so hat ihn doch seine Mutter auch nicht auf der Gasse geboren und wer
weiß was aus ihm noch werden kann Aus gutem Holze lässt sich alles schnitzen
Also sind Sie ihm gut allergnädigste Baronesse
Die Baronesse O ungemein Ich wollte den ganzen Tag bei ihm sein lieber
als bei Grafen und Baronen Wenn ich nur ein gemeines Mädchen werden könnte dass
ich allenthalben herumlaufen und umgehen dürfte mit wem ich wollte Unsereins
ist recht wie im Gefängnis ach liebe Frau Herrmann mir wird das Leben sauer
Nicht einen Schritt soll ich ohne Erlaubnis tun und wenn ich einmal lustig
werde so schreit die alte Hedwig gleich auf mich los dass mirs angst und bange
macht Bald geh ich einwärts bald halt ich mich schief bald red ich zuviel und
bald zuwenig Machen Sie doch ein Kompliment Reden Sie nicht zu frei Küssen
Sie der Dame die Hand Sehen Sie den Herrn nicht zu starr an Sprechen Sie doch
nicht immer deutsch So gehts den ganzen Tag das ist ein ewiges Tadeln man
wird des Lebens recht überdrüssig dabei Wenn ich nun vollends bei dem Grafen
oder der Gräfin sein muss da geht die liebe Not erst recht an Da darf ich kein
Wort reden wenn man mich nicht fragt wie ein Stock muss ich dastehn Wie Ihre
Gnaden gnädigst befehlen Ihre Gnaden untertänigst aufzuwarten Ich bitte Ihre
Gnaden untertänigst um Vergebung Wenn Ihre Gnaden die hohe Gnade haben wollen
Und wenn ich einmal von den tausend Millionen Gnaden die ich beständig im
Munde haben muss eine vergesse ach da ists ein Lärm zum Kopfabhauen Oder
wenn ich zu hurtig spreche zu langsam oder zu hurtig zu tief oder zu seicht
den Reverenz mache wenn ich nicht gleich nach einer Sache laufe sobald sie der
Graf nur nennt da gehts gleich los Ja das bisschen Leben wird einem recht
schwer gemacht
Die Herrmann Dafür genießen Sie auch desto mehr Ehre
Die Baronesse Ach schade für die Ehre Wenn man mir nur mein Vergnügen
ließe Da soll ich stundenlang wie angepflöckt sitzen und wann ichs nicht tun
will so nennt man mich ungezogen Sitz ich nun dort und gebe nicht recht acht
und mache nur einen Fehler gleich werd ich ausgehunzt seh ich verdrießlich
darüber so krieg ich wieder etwas ab dass ich nicht munter bin lach ich ein
wenig zu laut so heißts ich führe mich unanständig auf red ich leise so
rede doch laut dass mans versteht sprech ich laut wer wird denn schreien
wie ein gemeines Mensch Immer mach ich etwas unrecht kein einziges Mal kann
ichs treffen Mannichmal wenn mir die Zeit gar zu lang wird geh ich aus der
Gesellschaft gleich watschelt die dicke Hedwig hinter mir drein und schilt mich
aus dass ich keine Lebensart habe steh ich etwa in Gedanken und antworte nicht
gleich wenn mich jemand anredet so sollten Sie nur das Unglück sehen das ich
ausstehen muss sobald die Gesellschaft fort ist Wenn sich nicht die Gräfin
zuweilen meiner annähme so wär ich längst davongegangen Ich tu es auch gewiss
noch einmal
Die Herrmann Sie werden ja so etwas nicht tun
Die Baronesse Es wäre kein Wunder wenn man so geplagt wird So steif und
trocken Tag für Tag zuzubringen und auch nicht einmal ein Vergnügen haben zu
dürfen das ist keine Kleinigkeit Ich soll ja mit niemanden reden mit
niemanden lachen weil das alles zu gemeine Leute sind und dass ich nicht
Heinrichen sooft sehen und sprechen darf wie ich will ach das nagt mir am
Herze Ich kanns Ihnen wohl sagen er gefällt mir besser als alle die jungen
Herren und Kavaliere die zum Grafen kommen Machen Sie ja dass er nicht vom
Schloss weggenommen wird
Die Herrmann Nein das lass ich nicht zu und wann ich mich mit meinem Manne
darüber prügeln müsste Ich will Sie wieder nach Hause begleiten morgen wird
meinem alten Bäre der Sonnenschuss wohl vergangen sein
Die Baronesse Nein ich gehe nicht solange Heinrich hier bleibt Sie
wollen mich hintergehn so leichtgläubig bin ich nicht wenn ich aus Ihrem Hause
bin so schaffen Sie ihn gleich fort damit ich nicht weiß wohin er gekommen
ist Wenn das geschieht hernach ist es ganz aus auf der Welt für mich dann
können sie mich begraben wenn sie wollen
Alle weitre Vorstellungen fruchteten nichts bei ihr sie beharrte hartnäckig
auf ihrem Entschlusse nicht wieder aufs Schloss zu gehen wenn sie Heinrich
nicht begleitete und drohte die ganze Nacht auf der Treppe sitzen zu bleiben
wofern man ihr nicht willfahrte Die Herrmann war am Ende ihrer Beredsamkeit
ließ sie sitzen und ging heimlich fort Fräulein Hedwig von dem Plane der
Baronesse zu benachrichtigen
Die Botschaft war äußerst willkommen denn die arme Gouvernante war in
unbeschreiblicher Angst über die Abwesenheit ihrer Untergebnen Sie hatte
einige Minuten nachdem die Flucht geschehen war ihren verliebten Kreuzzug durch
den Garten beendigt und ihr Herz schlug ellenhoch vor Schrecken als sie bei
ihrer Rückkunft ins Zimmer die Baronesse nirgends fand Als wenn sie ein
Gespenst jagte lief sie brausend und glühend die Treppe hinauf zu Schwingern
und fand auch hie niemanden nun war keine Vermutung gewisser als dass die
beiden jungen Leutchen nach dem löblichen Beispiele der Gouvernante auch
ihrerseits eine Liebesfahrt getan hatten Sie rief bald Schwingern bald
Ulriken bald Heinrichen und raste wie unsinnig in dem Zimmer herum riss das
Fenster auf und rief alles tot als wenn die ganze Hofstatt durchgegangen wäre
»Ach du liebes Väterchen im Himmel droben« schrie sie trostlos rang die
Hände und Angstschweiß stund in großen Perlen auf der rotunterlaufnen Stirn
»Du herzliebes liebes Gottchen wo sind die gottlosen Kinder hin Wer weiß was
sie jetzt miteinander anfangen« Schwinger wurde durch das Klagegeschrei aus
seiner homiletischen Begeisterung erweckt und öffnete das Kabinett Fräulein
Hedwig fiel mit ihrem ganzen plumpen Körper über ihn her »Schaffen Sie mir
die Baronesse« schrie sie »oder ich kratze Ihnen die Augen aus« Schwinger
war mit den Gedanken noch bei seiner Predigt die von der christlichen Sanftmut
handelte und hub mit kanzelmässigem Tone an »Die Sanftmut ist eine von den
Tugenden die das Herz eines Christen zieren sollen«
»Ach mit ihrer verzweifelten Sanftmut« unterbrach ihn die Gouvernante
Er fuhr ungehindert fort »Sie muss in seinen Worten und Werken sich
äußern«
Fräulein Hedwig So lassen Sie uns doch suchen ehe sie der böse Feind in
den Klauen hat
»Wen denn« fragte Schwinger von seinem Traume erwachend
Fräulein Hedwig Die Kinder Sie sind ja fort Wenn sie nun gar die
Fallacibus Satanas blendeten ach wir müssten beide mit Schimpf und Schande
davonlaufen aus dem Hause würden wir gejagt Hab ichs nicht immer
prophezeit Aber mit den Leuten die keinen Teufel glauben ist nichts
anzufangen Hernach
Schwinger Gedulden Sie sich nur Es wird vermutlich nicht so schlimm sein
als Sie denken
Er ermahnte sie noch weiter zur Geduld allein die Furcht vor einer
Entdeckung der geheimen Ursache warum sie die Baronesse allein gelassen hatte
machte sie wütend besonders da Schwinger einigemal sich erkundigte warum sie
ohne die Baronesse spazierengegangen sei »Sie denken wohl gar« sprach sie
erschrocken »dass ich auf bösen Wegen gewesen bin Dafür bewahre mich mein
liebes Väterchen im Himmel«
Beide waren noch mitten in der Überlegung wo sie zuerst die Entflohnen
aufsuchen sollten als Frau Herrmann mit ihrer Botschaft anlangte und sie aus
ihrer Verlegenheit riss der Hauptknoten war indessen immer noch aufzulösen Die
Herrmann schlug dazu selbst ein Mittel vor um ihren Mann zu bewegen dass er
Heinrichen wieder zurückgebe hielt sie nichts für kräftiger als ihn durch eine
Bouteille Wein zu bestechen Schwinger steckte eine zu sich und wanderte mit der
Herrmann ab und Fräulein Hedwig um desto sicherer zu sein folgte ihnen
Schwinger fing seine Traktaten mit dem alten Herrmann unter dem Fenster an
wo er sein Pfeifchen schmauchte er stellte ihm die Ungade des Grafen und der
Gräfin vor die den Burschen von ihm foderten erschöpfte alle mögliche anderen
Bewegungsgründe der Alte gab einen jeden zu und schlug sie alle damit nieder
»Ich mag nicht« Endlich wurde das kraftvolle Argument ad stomachum aus der
Tasche geholt auch dies schlug nicht an doch gab er die Erlaubnis es in die
Stube zu bringen
Als Schwinger ins Haus trat fand er Fräulein Hedwig in offenem Zanke mit
der Baronesse sie hatte sie schon mit ihren breiten Händen wie der Geier eine
Taube umklammert um sie mit Gewalt hinauszuziehen die nervichte Strafpredigt
war schon vorausgegangen Die Baronesse fühlte so viel Unwürdigkeit in dieser
Behandlung dass sie alle Rechte der Selbstverteidigung gebrauchen zu dürfen
glaubte die Angst von Heinrichen mit Gewalt getrennt zu werden und die
Überredung dass dies alles abgekartet sei machte sie doppelt unwillig und
doppelt beherzt sie zog eine lange Nadel aus den Haaren und stach so lange auf
die Klauen los die sie umschlungen hielten bis sie der Schmerz nötigte
fahrenzulassen In diesem Augenblick wollte Schwinger beide auseinanderbringen
als sie sich ohnehin aus dieser Ursache gehen ließ Aller Widersprüche
ungeachtet nahm er die Baronesse mit sich in die Stube er wollte seine
Vorstellung erneuern allein die erboste Hedwig die auf und nieder rannte und
das Blut aus den zerrjetzten Armen saugte machte mit ihrem Toben alle seine
Worte unverständlich Dem alten Herrmann war die Gesandtschaft durch die
vorgezeigte Bouteille Wein interessant geworden und ärgerlich dass er nichts
verstehen konnte ergriff er Fräulein Hedwig bei dem Arm und gab ihr mit seiner
originalen Unmanierlichkeit die Wahl hinauszugehen oder zu schweigen Sie
wählte das letzte und Schwinger weil er auf dem angefangenen Wege nicht
weiterzukommen gedachte schlug einen andern ein er stellte es dem alten
Herrmann frei seinen Sohn dazubehalten und bat ihn wenigstens die Flasche mit
ihm auszutrinken damit er nicht ganz umsonst bei ihm gewesen sei Ohne Anstand
wurde die Bitte bewilligt die Pfeife niedergelegt und Nillchen stand mit den
Gläsern schon in Bereitschaft ehe er sie noch foderte
Die Flasche war itzo leer die Baronesse stand betrübt im Winkel neben dem
Grossvaterstuhle wo Fräulein Hedwig in vollem Feuer der Erbitterung saß und sich
mit dem weißen Schnupftüchlein das breite Antlitz fächelte das gute Kind
schielte noch mit ängstlichem Blicke nach ihrem Heinrich dem sie sich nicht
nähern durfte denn sooft sie zu ihm hintrat und seine Hand ergriff fuhr die
grimmige Gouvernante wie ein böser Geist auf sie los und trennte sie von ihm
ihr gegenüber wartete Heinrich mit neugierigem Blicke nach dem Tische wo sein
Vater und Schwinger saßen und tranken voller Ungeduld was für eine
Entscheidung seines Schicksals seinem Vater die Flasche eingeben werde ebenso
erwartungsvoll lauerte Nillchen neben ihrem Manne mit der Brust auf die Lehne
eines leer dastehenden Stuhls gelehnt den Kopf weit herüberhängend um die
Veränderungen die der Wein allmählich im Gesichte des alten Herrmanns bewirkte
desto schneller wahrzunehmen und lächelte mit steigender Freude je günstiger
die Aspekten wurden Der Alte der sich heute schon den zweiten Rausch trank
wurde gleich bei dem zweiten Glase ungemein geschwätzig bat seinen Mittrinker
jeden Augenblick um Verzeihung wegen Beleidigungen die er ihm nimmermehr getan
hatte und war jetzt am Ende der Flasche so schwachherzig dass er sein Nillchen
zu loben und zu karessieren anfing »Was machst denn du hier Heinrich«
sprach er stammelnd indem er seinen Sohn von ungefähr erblickte »Hast du mich
einmal besuchen wollen« Er stand auf wankte zu ihm und zwickte ihn in die
Backen »Du Schelm« sagte er »besuchest deinen Vater so selten Kinderchen
geht nur wieder nach Hause ich werde schläfrig Geht und kommt bald wieder«
Viktoria die List war gelungen der Alte hatte im Rausch seinen vorigen
feindseligen Plan vergessen man bestätigte ihn in der Einbildung dass die ganze
Gesellschaft bloß aus eigenem Triebe gekommen sei ihn zu besuchen und sagte ihm
ohne Zögern gute Nacht Nillchen sprang vor Freuden dreimal in die Höhe und
klopfte in die Hände alle Gesichter heiterten sich auf jedermann nahm
fröhlichen Abschied nur Fräulein Hedwig nicht Bald wäre aber der Auftritt als
er zu Ende eilte noch weinerlich geworden der betrunkene Alte bildete sich
ein dass Hedwig seine Frau sei und übte daher einen Teil seiner gewalttätigen
Karessen an ihr aus Hedwig voll keuschen Grimms über seine Frechheiten stieß
ihn zurück er erzürnte über diesen rebellischen Widerstand und misshandelte sein
vermeintes Nillchen auf die grausamste Weise man mochte ihm einreden soviel
man wollte er beharrte hartnäckig auf der Meinung dass Hedwig seine Frau sei
bis endlich sein wahrhaftes Nillchen ihm um den Hals fiel und ihm die Freiheiten
anbot die Hedwigs Sprödigkeit versagt hatte die übrige Gesellschaft schlich
fort und die Liebe schläferte unter ihren Schwingen den trunknen Ehemann ein
Fünftes Kapitel
Die Begebenheit brachte bei Heinrichen in dem Reiche seiner Neigungen eine
mächtige Revolution hervor die Liebe welche die Baronesse bei dieser
Gelegenheit ihm so tätig bewies und in dem Gespräche mit seiner Mutter auf der
Treppe erklärte er hatte dieser Unterredung als er bei seinem Vater in der
Stube eingesperrt war durch das Schlüsselloch zugehorcht diese so tätig
erwiesene so deutlich erklärte Liebe zündete seine bisherige Zuneigung bis zur
Flamme an Der zwölfjährige Bursche war ihr nicht mehr gut wie in seinem achten
Jahre als er beschloss der Gräfin zum Trotze mit ihr umzugehen und ebensobald
seinen Trotz wieder aufgab weil ihn sein Lehrer durch Beschäftigung und
Zerstreuungen davon ablenkte die Liebe foderte jetzt den Ehrgeiz der bisher in
seiner Seele den Ton angegeben hatte wirklich zum Kampfe auf und er fühlte den
ersten starken Streit der Leidenschaften in sich Vorher waren es nichts als
kleine Scharmützel gewesen Zuweilen ein flüchtiger Wunsch eine kleine
Unzufriedenheit mit seinen gewohnten Beschäftigungen ein Zuck am Herze ein
inneres unbestimmtes Verlangen nach einer Erweiterung seines Wirkungskreises
so ein schwankendes Gefühl als wenn ihm etwas fehlte auch oft ein wirklicher
Schmerz über das Verbot das seinen Umgang mit der Baronesse hinderte weiter
ging es nicht und wenn ihn sein Lehrer wieder in das ordentliche Gleis
hineinführte so lief er darin mit beruhigtem Herze fort
Itzt ward die Sache ernster Er suchte Gelegenheiten die Baronesse zu sehen
ihr süße Blicke zuzuwerfen wenn er an Schwingers Seite vor ihrem Zimmer
vorüberging stand sie hinter der halboffnen Tür und hurtig schlüpften ein paar
wechselseitige Blicke durch die schmale Öffnung Wenn er in den Garten ging
stand sie am Fenster unaufhörlich hatte er Ursachen sich umzusehen und wenn
Schwinger nach dem Gegenstande fragte so fehlte ihm nie einer voller
Merkwürdigkeit während dass jener diese meistens schwer zu findende
Merkwürdigkeit daran aufsuchte husch flog ein Wink auch wohl mitunter ein
Kuss ins Fenster hinauf und blieb nie unbeantwortet Dergleichen Spaziergänge in
den Garten hatte er jetzt täglich so viele zu machen dass Schwinger sich darüber
verwunderte und in der Länge verdrießlich wurde die Treppen sooft mit ihm auf
und nieder zu laufen besonders da er nie weiter als in die ersten Alleen zu
bringen war aus welchen er die Baronesse am Fenster sehen konnte wenn er durch
keinen Vorwand Schwingern bewegen konnte vorn bei dem Eingange
herumzuspazieren sondern ihm weiter folgen musste so währte es nicht fünf
Minuten und es fand sich ein Kopfweh oder eine andre dringende Ursache ein
warum er ihn bitten musste wieder aufs Zimmer zu gehen »Der junge Mensch ist
wohl krank« dachte Schwinger bei sich selbst »dass er so unruhig ist und auf
keiner Stelle bleiben kann« und in dieser Voraussetzung gehorchte er allen
seinen Verlangen strengte ihn weniger zu Arbeiten an und wanderte aus gutem
Herzen wohl zehnmal in einem Vormittage auf seine Bitte mit ihm in den Garten
und aus dem Garten dass die Leute im Hause verwundert stehenblieben und fragten
»Kommen Sie denn schon wieder Sie gehen ja jetzt sehr fleißig spazieren«
»Ach« zischelte ihnen Schwinger leise zu »mein armer Heinrich ist krank er
kann an keinem Orte bleiben seine Unruhe beweist es deutlich es wird
vielleicht eins von den herrschenden Fiebern werden«
Wenn er aufs Zimmer kam nahm er einen lateinischen Schriftsteller zwei
Zeilen und in seinem Kopfe stand die Baronesse er sah starr und unverwandt
auf sein Buch und durch seinen Kopf liefen Projekte wie er die Baronesse öfter
sehen könnte Schwinger sah ihm von der Seite zu wie er nach seiner Meinung an
einer Stelle so lange mit einem Ernste nagte als wenn er den Kopf sprengen
wollte »Greife dich nicht zu sehr an« sagte der gutmütige Lehrer und nahm
ihm das Buch weg »Komm wir wollen uns die Zeit vertreiben«
Er holte Kupferstiche oder die Gipsabdrücke der römischen Kaiser keiner an
welchem Heinrich nicht eine Ähnlichkeit mit der Baronesse Ulrike fand Augustus
hatte ihr Kinn Nero die Stirn ein andrer das ein andrer jenes und selbst dem
alten Nerva fehlte es nicht an Reizen um ihr völlig ähnlich zu sein Er störte
in den Kupferstichen alle niederländische Bauernszenen die ihn sonst sosehr
ergötzten wurden verächtlich zurückgelegt wenn nicht ein Mädchen darin
schäkerte Alexander mit seinen Heldentaten alle berühmte großen Männer die
er sonst zu Viertelstunden anstaunte mussten ungesehen vorbeimarschieren Itzt
kam ein Urteil des Paris ah hier ist Ulrike wie sie leibt und lebt Dreifach
steht sie da Jede Göttin sieht ihr so gleich als wenn sie dem Künstler bei
jeder gesessen hätte Hier wurde haltgemacht er sah den Göttinen ins Gesicht
sie schienen ihn anzulächeln er winkte ihnen mit den Augen und es war nichts
gewisser als dass sie ihm wieder winkten er berührte mit schüchternem Finger
ihre Wangen wagte sich an die vollen Brüste strich die sanften federweichen
Arme ein süßer Schauer lief über seine Brust hin und er zog schamhaft den
Finger zurück als wenn er zuviel gewagt hätte Itzt wurde er den glücklichen
Paris gewahr »O wer Paris wäre« dachte er und legte den Kupferstich auf die
Seite allein Er blätterte weiter da war nichts gar nichts Sehenswürdiges
mehr Weg mit den Kupferstichen Die Göttinnen wurden auf die Kommode quartiert
um sich an ihrem Anblicke weiden zu können sooft es ihm beliebte
»Bist dus schon wieder überdrüssig« fragte Schwinger und erbot sich ihm
etwas auf dem Klavier vorzuspielen er schien sich über das Anerbieten zu
freuen Sein Lehrer spielte alle seine vorigen Lieblingsstücke nach der Reihe
die brausenden Allegros die majestätischen patetischen großen Arien die er
sonst so aufmerksam bewunderte nichts reizte ihn er stand bei den drei
Göttinnen hörte kaum darauf und bat Schwinger um etwas Neues
»Des Tages Licht hat sich verdunkelt«
fing dieser zu singen an Heinrich horchte
»Komm Doris komm zu jenen Buchen«
Sein Herz klopfte die ganze Buchenhecke von welcher er sooft der Baronesse
zuwinkte stand vor seinem Gesichte
»Lass uns den stillen Grund besuchen
Wo nichts sich regt als ich und du«
Er schwamm in sanftem rührendem Vergnügen er fühlte sich in eine höhere Sphäre
versetzt seine ganze Einbildungskraft erweitert
»Und winket dir liebkosend zu«
Nun konnte er sich nicht mehr halten er wiederholte mit entzückungsvollem
Akzente den Vers leise eilte zum Klavier ließ nicht nach bis ihm Schwinger
die ganze Ode durchgesungen hatte und fand jedes Wort darin so vortrefflich
dass er viele Tage nichts anderes hören wollte
Die Baronesse welche Fräulein Hedwig weder mit Kupferstichen noch Liedern
zerstreute ergriff die einzige für sie übrige Zuflucht sie las sah freilich
sehr oft ins Buch indessen dass ihre Einbildungskraft an allen Orten wo ihr
Heinrich ein Zeichen der Liebe zugeworfen herumschweifte und ihr künftige
angenehme Szenen vormalte sie labte sich an diesen Luftbildern so herrlich als
Heinrich an seinen drei Göttinnen
Schwingern wurde sein Schüler etwas verdächtig dass er beständig auch bei
der entferntesten Gelegenheit Ulriken herbeizubringen wusste um
dahinterzukommen ließ er ihm völlige Freiheit allein zu gehen wohin er wollte
und beobachtete ihn von fern in einem Winkel oder auf eine andre Art doch dass
er ihn nie zu beobachten schien er spürte lange Zeit gar nicht einmal Lust an
ihm das Zimmer zu verlassen Eines Nachmittags als er ihn so sich selbst
überlassen hatte welches jedesmal wie von ungefähr geschah ging er die
Treppe hinunter in den Garten Die Baronesse die seinen Gang genau kannte
hörte ihn kaum kommen als sie an der Tür war er wollte nicht bloß mit einem
zugeworfnen Blicke sich begnügen sein Herz strebte nach der Tür hin schon
hatte er einen Schritt zu ihr hingewagt hurtig zog ihm ein Etwas den Fuß
zurück er ging verschämt als wenn die ganze Welt den Schritt gesehen und doch
nicht merken sollte dass er um der Baronesse willen geschehen sei mit
niedergeschlagnen Augen dicht an der anderen Wand weg warf keinen verliebten
Blick nach ihr sah sich vor dem Garten nicht nach ihrem Fenster um nur zween
Gänge durch den Garten und er wanderte wieder zurück ein flüchtiges
Hinschielen auf dem Rückwege konnte er sich nicht verwehren aber es war nur wie
weggestohlen und mit desto gesenktrem Kopfe und desto dichter an der Wand ging
er vor ihrem Zimmer vorbei Unmutig über die Scham die ihm seine Absicht
vereitelt hatte eilte er ans Fenster und zürnte auf sich und seine
Schüchternheit
Das Verlangen war zu dringend die Gelegenheit zu günstig er musste einen
zweiten Versuch wagen Aller mögliche Mut wurde in der Brust gesammelt er
spornte sich selbst durch Vorwürfe über seine Feigheit an entschlossen ging er
fort marschierte ziemlich nahe an der geliebten Tür vorbei da war keine
Baronesse Wie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen blieb er eine halbe
Minute dabei stehen wenn dich nun jemand sähe rief die Scham in ihm und als
wenn zehn Peitschen auf seinen Rücken loshieben rennte er die Treppe hinunter
in einem Zuge in den Garten auf dem Rückwege der unmittelbar darauf erfolgte
schielte er nach dem Fenster da war keine Baronesse Traurig langte er von
dieser zweiten Reise an die noch unglücklicher ausgefallen war als die erste
Er sann und sann warum die Baronesse nicht erschienen sein möchte der arme
Verliebte wusste nicht dass er bei allem geschöpften Mute auf den Zehen zur
obersten Treppe herabgegangen war seine Venus hatte ihn gar nicht kommen hören
Er fühlte nunmehr was für eine großer Unterschied es sei in seinem
sechsten Jahre eine Baronesse küssen und im zwölften wenn man durch tägliche
Erfahrung an den Unterschied des Standes gewöhnt ist eine Baronesse lieben
dort machte ihm kindische Unbesonnenheit alles leicht und hier die Überlegung
alles schwer Der vertrauliche Umgang mit ihr hatte schon seit vier Jahren
aufgehört er war durch Schwingers Wachsamkeit ohne Zwang sogar ohne dass ers
merkte in einem Hause von ihr getrennt und gewissermaßen fremd gegen sie
geworden die häufigen Beschäftigungen und Zerstreuungen in welchen ihn sein
Lehrer gleichsam ersäufte hatten zwar seine erste Zuneigung nicht ausgelöscht
aber doch nicht weiter aufbrennen lassen da hingegen die Baronesse bei ihrer
völligen Musse bei allem Mangel an für sie anziehenden Zerstreuungen die ihrige
irisch unterhielt durch Einsamkeit Lektüre und Nachdenken stärkte belebte
glühender machte
Sosehr Heinrich die Schüchternheit seiner Liebe fühlte so beschloss er doch
eine dritte Reise jetzt war nichts gewisser als dass er sich ihr näherte ihr
eine Hand bot und der Himmel weiß was weiter tat es war so ausgemacht dass er
im Heruntergehen stark auftreten und husten wollte um sie herbeizulocken er
schritt mit ängstlicher Herzhaftigkeit schon daher Himmel da trat Schwinger
herein und er hatte sich so schön zubereitet
»Wo willst du hin« fragte sein Lehrer Diese unvermutete Frage schlug
seine Unerschrockenheit darnieder wie ein Hagelwetter er errötete von einem
Ohre zum andern dass er glühte ward verwirrt wiederholte die Frage und
stammelte statt der Antwort ein nichtssagendes »Nirgends«
»In den Garten« fuhr Schwinger fort »Bist du schon vorhin unten gewesen«
Die glühenden Wangen wurden wie mit Blut übergossen er antwortete »Nein«
Das war bedenklich Schwinger hatte ihn belauscht als er seine zwo
verliebten Reisen getan hatte er der für seinen Lehrer sonst nichts Geheimes
hatte leugnet jetzt eine so gleichgültige Handlung Die Spaziergänge müssen
Bewegungsgründe haben deren er sich schämt dachte Schwinger setzte nicht
weiter in ihn und behielt seine Mutmaßungen für sich um sie durch neue Versuche
zu bestätigen oder zu widerlegen
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Schwinger fand durch wiederholte Proben zu seiner großen Unruhe nichts gewisser
als was er vermutet hatte die Neigung seines jungen Freundes zur Baronesse war
unverkennbar Den Verliebten konnte die Entfernung in welcher ihn seine
Schüchternheit und so viele Aufpasser hielten nicht so quälen als seinen Lehrer
jene Gewissheit er übersah alle die traurigen Folgen für das Schicksal des
jungen Menschen und für sein eigenes die eine solche Liebe begleiten müssten die
Vorwürfe die man ihm deswegen machen würde besonders da er immer sein
Verteidiger gewesen war und gewissermaßen es über sich genommen hatte für ihn
und seine Neigung zu stehen er ängstigte sich selbst mit der Besorgnis dass er
vielleicht in der Erziehung einen Fehler begangen ihn nicht genug bewacht die
falsche Methode in seiner Bildung ergriffen nicht genug getan habe einer
gefährlichen Leidenschaft zuvorzukommen Bald wollte er nunmehr selbst anhalten
seinen Freund aus dem Hause zu entfernen aber welch ein Schmerz für ihn wenn
er an diese Trennung gedachte welche neue Unruhe was aus ihm werden könne wer
sollte ihn unterstützen mit Rat und Geld auf der Bahn weiterführen auf welche
er ihn geleitet hatte
Wie unrecht tat ich sprach er oft zu sich selbst dass ich diesen Durst nach
Ehre in ihm rege machte dass ich ihn in eine Laufbahn hinzog in welcher er sich
unmöglich erhalten kann Sein Elend hab ich in der besten Absicht bewirkt er
wird nach Ehre wie nach dem höchsten Gute aufstreben und seine Armut ihn wie
einen Vogel dem Blei an die Flügel gebunden ist wieder zurückziehn und dann
wird der Unglückliche sich im Staube wälzen sich selbst durch Kummer und Ärger
zerstören und dem fluchen der ihn fliegen lehrte da er nach dem Willen des
Schicksals nur kriechen soll Meine künftigen Tage die das Bewusstsein einen
edlen Menschen gebildet zu haben erheitern sollte werden unaufhörlich in
Wolken und Stürmen über meinen Scheitel dahergehn O dass mir mein erstes mein
hoffnungsvollstes Werk misslang Was konnt ich Elender den das Geschick für die
enge kümmerliche Sphäre bestimmte wo weder Ansehen noch Belohnung meiner
warten wo ich nicht durch Verdienste glänzen und nur mir selbst gefallen kann
für die enge Sphäre eines Landgeistlichen der gern den Dank einer Nation
verdienen möchte und alle seine Wirksamkeit auf eine Handvoll einfältiger Bauern
einschränken muss was für Trost konnt ich in solch einer niederschlagenden
Stellung wünschen und suchen als einen Menschen gebildet zu haben der
verrichtete was ich nicht verrichten konnte Auch dieser Trost ist dahin Ich
soll schlechterdings Kräfte und Willen haben und nichts mit ihnen nützen Geh
Verachteter predige taufe begrabe gräme dich und stirb
Aber tröstete er sich zu einer andern Zeit seine Liebe ist noch
schüchtern ich will meinem Plane treu bleiben und diesem Winke nachgehn seine
Ehrbegierde seine Tätigkeit von neuem bis zum Zerspringen anspannen seine
Schüchternheit durch alle Mittel erhöhen Tag und Nacht über ihn wachen und
wann es zum äußersten kommt ihn entfernen Vielleicht macht mir unterdessen
ein lebenssatter Seelsorger in der Herrschaft des Grafen Platz dann soll er bei
mir wohnen bei mir leben bis ich ihm zu einem Gewerbe oder einer Kunst
verhelfen oder auf der Bahn der Ehre weiterbringen kann Aus solchem Tone muss
ein edles Gefäß werden oder es springe
Dem gefassten Entschlusse gemäß verdoppelte er täglich die Beschäftigungen
seines jungen Freundes gab sich unendliche Mühe dass ihn Graf und Gräfin einer
höheren Aufmerksamkeit würdigen und durch Beifall aufmuntern sollten sie taten
es beide und warfen dem Zöglinge seinem Erzieher zu Gefallen zuweilen einen
Brocken Lob als eine Gnade zu mehr mit derjenigen nachsichtigen Güte womit man
der Marotte eines Menschen willfahrt dem man nicht ungeneigt ist als aus
wahrer lebendiger Überzeugung Bei der Gräfin mochte es noch ein Rest von
Zuneigung sein aber es war gewiss nur ein Rest denn solange er ein Knabe war
hielt sie es nicht für unanständig sich mit ihm abzugeben allein sein jetziges
Alter setzte sie gegen ihn in das völlige Verhältnis des ungleichen Standes sie
sprach und handelte gegen ihn wie eine gnädige Herrschaft und wenn sie auch
mehr Vergnügen in der Herablassung fand so durfte sie vor dem Grafen nicht zu
weit gehen der so etwas eine Unanständigkeit nannte
Sonach musste Schwinger das meiste tun er ließ sich gegen niemanden von
Heinrichs Liebe etwas merken und Graf und Gräfin waren durch das Alter der
Baronesse sicher gemacht sie zu argwohnen weil sie ihr nunmehr Verstand genug
zutrauten sich nicht mit ihrer Zuneigung wegzuwerfen Auch ließ es besonders
der Graf nicht an Bemühung fehlen ihr Stolz und Verachtung gegen alle Personen
unter ihrem Stande einzupflanzen und die Vertraulichkeit zu benehmen mit
welcher sie sich gegen solche Leute betrug seine Lehren fruchteten wenig je
mehr er sie zu Steifheit zu Ernst und zerimoniöser Gravität zwingen wollte je
mehr wuchs ihr Missfallen daran das sie freilich wohlbedächtig verbarg Daher
gefiel sie auch fast niemanden von ihrem Stande sie spielte wider ihre innern
Antriebe eine angenommne Rolle und es war nicht zu leugnen dass ihr Betragen
ihre Manieren dadurch etwas ungemein Gezwungenes Linkisches bekamen sie war
eine Puppe die im Drahte geht weil sie nicht natürlich gehen soll Nicht
besser fielen auch ihre Reden in der Gesellschaft aus bei jedem Einfalle der
in ihr aufstieg hielt sie sich zurück aus Furcht zu frei zu unanständig zu
sprechen und sagte in solchem Zwange meistens etwas Albernes Man sagte
allgemein es ist ein gutes Mädchen das Ökonomie lernen und einmal einen
Landkavalier heiraten muss für die Welt wird sie niemals Die Damen rückten ihr
ihren Mangel an Lebhaftigkeit vor tadelten sie dass sie zu still sei rieten
ihr sich ein wenig aufzumuntern den jungen Herren zu gefallen zu suchen um
durch sie aufgeheitert zu werden und sie ward durch die öfteren Aufforderungen
noch gezwungner noch ängstlicher
Die Herren gaben sich die Ehre sie lustig machen zu wollen wie sie es
nannten ihre laue Fröhlichkeit erwärmte die Baronesse dass die ihrige in
Flammen ausbrach sie wurde im eigentlichen Verstande lustig das heißt sie
vergaß sich und fiel in ihre Natur zurück gleich erging durch Fräulein Hedwig
ein Befehl an sie sich nicht zu frei und wider den Wohlstand zu betragen da
stand das arme Geschöpf und war wieder eine unleidliche stumme Drahtpuppe Desto
mehr hielt sie sich auf ihrem Zimmer wieder schadlos wiewohl auch hier Fräulein
Hedwig gleich über Unanständigkeit schrie
Sie wunderte sich äußerst dass ihr geliebter Heinrich seine Spaziergänge auf
einmal so ganz einstellte und kundschaftete aus dass er den ganzen Tag mit
Schwingern beschäftigt sei keine erfreuliche Nachricht für sie Nun wird er
mich wohl ganz vergessen dachte sie aber sie hatte das nicht zu besorgen Der
gute Bursche war ein Fuhrwerk an beiden entgegengesetzten Enden mit Pferden
bespannt bald zog das vorderste Gespann den Wagen eine kleine Strecke vorwärts
und gleich zog das hinterste an und riss ihn nach sich hin Die Arbeit war ihm
zur Last wenn ihm Schwinger die goldnen Früchte der Ehre vorhielt griff er nur
mit halber Entschlossenheit danach weil ihm die Liebe schönere Lockungen
darbot er hörte er las ohne oft etwas zu verstehen sein Kopf war mit
Nymphen Liebesgöttern Grazien und allen übrigen schönen Bewohnerinnen der
poetischen Liebeswelt angefüllt die ihm mancherlei interessante Szenen zusammen
vorspielten er suchte nur Bücher auf die ihm dieses Theater mit mehr
Schauspielern und mannigfaltigern Auftritten versorgten und da er die Alten
nicht hinreichend dazu fand wandte er sich zu den Neuern je üppiger je
wollüstiger ihre Bücher mit der Imagination spielten je willkommner waren sie
ihm Schwinger konnte ihn von dieser Lektüre nicht abziehn und wollte sie ihm
geradezu nicht verbieten weil er durch das Verbot seine Begierde danach nur
mehr zu entflammen glaubte er suchte sie ihm also anfangs mit guter Manier aus
den Händen zu spielen packte alle von diesem Schlage die in seiner Bibliothek
waren heimlich in einen Kasten zusammen und las sie nie als wenn sein junger
Freund schlief
»Aber warum hatte Schwinger ein so gesetzter Mann ein künftiger
Seelenhirt solche schädliche Bücher Warum las er solche verderbliche
Schriften Sauflieder Hurengesänge solch Buhlgeschwätze und verliebtes Zeug«
Kurzsichtiger der du so fragst Weil ein solcher Mann ein Bedürfnis fühlte
solche Schriften zu lesen ist das nicht Antworts genug Er las sie und würde
sie auch seinem Freunde nicht verschlossen haben wäre dieser mit ihm in einem
Alter und nicht in so einer kritischen Seelenlage gewesen und da er ihren
Verlust gelassen zu ertragen schien und in seinen Arbeiten wieder wie vorher
fortfuhr so glaubte er ihn völlig genesen Der leichtgläubige Arzt denkt dass
der Patient gesund ist weil er nicht mehr im Bette liegt
Noch mehr wurde er in seinem wohlmeinenden Selbstbetruge durch einen Vorfall
bestärkt Als er einstmals aus dem Kabinette herauskam fand er Heinrichen vor
dem Tische hingestellt den Kopf auf beide Hände gestützt den Blick starr auf
eine Büste des Antonins gerichtet die vor ihm stand Er redete ihn an und blieb
ohne Antwort er ging um ihn herum und sah ihm ins Gesicht große Tränentropfen
rollten über die eisstarren Wangen aus den unverwandten Augen »Was weinst
du« fragte ihn Schwinger Heinrich sprang erschrocken auf »Dass mein Vater kein
Kaiser ist« sagte er zornig und stampfte »Warum ist dir denn das itzo erst
so unangenehm« »So könnt ich doch noch etwas Gutes in der Welt ausrichten«
war Heinrichs Antwort »aber so bleibe ich zeitlebens ein schlechter Kerl und
«
Er verstummte ein Erröten und der gesenkte Blick hätten Schwingern leicht
belehren können was er verschwieg Und ich dürft es ungescheut wagen die
Baronesse zu lieben dachte er sich so deutlich als es hier gedruckt steht
aber Schwinger war von dem vermeinten glücklichen Erfolg seiner Kur so sehr
bezaubert dass er die Retizenz nicht einmal wahrnahm Er setzte die Kur einige
Zeit unermüdet fort um ihn von Grund aus zu heilen allein nicht lange Hatte
sich der junge Mensch durch die gehäuften Beschäftigungen zu stark angegriffen
Oder erschöpfte dies Hin und Hertreiben zweier Leidenschaften worunter die
eine seine ältre und die andere seine liebere Freundin war seine junge
Maschine Er wurde krank er verfiel in ein Fieber
Die Baronesse erschrak bis zur Ohnmacht als sie die erste Nachricht davon
bekam nun war Graf und Gräfin samt Fräulein Hedwig zu schwach sie
zurückzuhalten dass sie sich verraten und dass diese Leute sie trefflich dafür
ausschelten würden daran dachte sie gar nicht sondern hören die Tür
aufreißen die Treppe hinauf ins Zimmer hinein und vor sein Bette treten das
war alles eine Handlung in einem Paar Atemzügen getan Die Zusammenkunft war
für den Kranken so verwirrend als unvermutet er wagte sich kaum zu freuen er
stammelte furchtsam etwas her wenn sie ihn fragte er zog schüchtern die Hand
zurück wenn sie nach ihr griff er war so verlegen so ängstlich so
überwältigt vom Zwange dass er aus sich selbst nichts zu machen wusste Ehe man
sichs versah siehe da kam Fräulein Hedwig herangekeucht
»Ulrikchen Ulrikchen« schnatterte sie und schlug sich auf den Schoss »was
machen Sie hier Wenn das der Graf erfährt«
Die Baronesse Mag er Ich bleibe hier bis Heinrich wieder gesund ist
Hedwig Sind Sie gar toll Was das für ein Unglück werden wird wenn Graf
und Gräfin dahinterkommen
Schwinger Sie sollen es nicht erfahren trösten Sie sich
Hedwig Ja aber Sie wissen ja wohl
Schwinger Was soll ich wissen Was Sie vermuten ist bloße Grille bloße
Einbildung Ich stehe dafür Lassen Sie die Baronesse immer ihren Besuch
verlängern
Die Baronesse O ich bin nicht zum Besuch da Ich bediene Heinrichen dass
Sies nur wissen
Schwinger Ach das Ich will Ihr Mitbediente sein
Hedwig Sie werden ja ihrer Tollheit nicht noch fortelfen So etwas gebe
ich nicht zu Kommen Sie Ulrikchen den Augenblick fort Ihn da gar zu
bedienen
Schwinger Was ist denn Böses darin Sie sind ja sonst so gelehrt
kennen Sie denn die Königin in Frankreich nicht die den Kranken in den
Hospitälern aufwartete Es ist ein Beweis von der Baronesse gutem Herzen
Hedwig Ja und wenn man nicht wüsste
Schwinger Sie wissen auch immer was andere Leute nicht wissen Ich bleibe
beständig hier am Bette sitzen und wenn die Baronesse ihres Amtes überdrüssig
ist dann bring ich sie zu Ihnen
Hedwig Das geht nicht das geht nicht Bedenken Sie doch die
Unanständigkeit Der Mensch liegt ja so lang er ist im Bette
Schwinger Diese Freiheit entschuldigt die Krankheit
Hedwig Ja liegen mag er das wird ihm niemand wehren aber ihn liegen
sehen schämen Sie sich Baronesse
Schwinger Verderben Sie doch dem lieben Kinde die gutherzige Freude nicht
durch unzeitige Vorwürfe Soll sie sich denn eines guten Werks schämen weil sie
es einem jungen Menschen unter ihrem Stande erweist Ich möchte dass alle
Vornehme ihrem Beispiele folgten und keinen Sterblichen für einen Liebesdienst
zu gering achteten
Hedwig Das ist wohl freilich wahr wir sind allzumal Sünder und Adams
Nachkommen mortalis nascimus aber Sie wissen ja wie der Graf ist
Schwinger Wenn er hierinne dem Vorurteil und nicht der Vernunft folgt so
ist es unsere Pflicht zu verhüten dass seine Anverwandtin nicht seine
Denkungsart annimmt da sie keine Anlage dazu hat Der Graf soll es nicht
erfahren dass die Baronesse dem Triebe ihres menschenfreundlichen Herzens mehr
gefolgt ist als den lieblosen Gesetzen ihres Standes
Hedwig Ich kann es wohl geschehen lassen aber dass nur nicht die Schuld
hernach auf mich kommt Sobald es dunkel wird marsch ab Wie können Sie sich
nur so etwas Einfältiges einkommen lassen hierbleiben zu wollen bis der
Bursche gesund wird Sie werden doch nicht gar die Nacht hierbleiben wollen
Schwinger Die Baronesse ist viel zu verständig als dass sie so etwas nur
wollen könnte Das war Scherz wie Sie nun alles gleich im bittersten Ernste
nehmen
Hedwig Ja der Ernst kommt mannichmal hintennach aber Sie sind ein
Ungläubiger der liebe Gott muss Sie mit der Nase darauf stoßen Nu sobald es
dunkel ist marsch ab
Sie ging Schwinger ließ sich in ein Gespräch mit der Baronesse ein aber
sie hielt nicht lange darin aus alle Augenblicke war sie besorgt dass der
Kranke etwas brauchen möchte erkundigte sich bei ihm danach und war so freudig
als über ein Geschenk wenn er etwas verlangte machte er in seinem Verlangen
eine zu lange Pause gleich war sie mit dem Wasserglase mit dem Löffel oder mit
der Arznei da »Wollen Sie nicht trinken Sie durstet gewiss« »Itzt müssen
Sie einnehmen« »Das Kopfkissen liegt nicht recht« »Sie haben ja den ganzen
Nachmittag noch nicht eingenommen« »Sie trinken ja gar nicht« »Wollen Sie
Limonade« Bald zupfte sie an der Decke um ihn recht warm einzuhüllen bald
am Kissen um es ihm aus dem Gesichte zu ziehen bald wedelte sie ihm mit dem
Schnupftuche Kühlung zu jetzt jagte sie eine Fliege vom Bettuche dass sie ihn
nicht künftig stechen sollte jetzt wischte sie ihm den Schweiß von den kleinen
Fingern um sie unter dem Schnupftuche verstohlen zu drücken jetzt summte eine
Schmeissfliege am Fenster sie machte Jagd auf sie und ruhte nicht bis sie
gefangen war jetzt schloss der Kranke die Augen gleich wurde Schwingern
gewinkt dass er schwieg sie saß wie erstarrt sie atmete kaum und wenn ihr ein
ganzes Heer Fliegen das Blut aus der Stirn zapften so hätte sie nicht die Hand
nach ihnen bewegt sie zu vertreiben und wenn Schwinger nur einen Finger regte
so winkte sie ihm schon unwillig mit den Augen sobald der Patient die Augen
wieder aufschlug flog ihm auch gleich ein freundlicher erquickender Blick
entgegen Die Dämmerung kam sie ließ sich ungern aber ohne Weigerung von
Schwingern zurückführen und bei dem Abschiede wusste sie es so listig
anzufangen dass ihr Begleiter schlechterdings auf einen Augenblick ins Kabinett
gehen musste sie bat sich ein Buch von ihm aus und indem ers holte hurtig
hatte der Kranke einen Kuss weg
Der Kuss steckte seine ganze fieberhafte Imagination in Brand mit einem
wehmütigen durchdringenden Schauer empfing er ihn und sooft sich in der Nacht
seine Augen zu einem kurzen Schlummer schlossen wurde er im Traume von Grazien
Nymphen und den sämtlichen Göttinnen des Olymps die zu seiner Bekanntschaft
gehörten wiederholt Liebesgötter trabten auf Zephirn vom Himmel herab andre
tummelten sich auf bäumenden Grashüpfern herum ein kleiner Verwegner wagte sich
auf Alexanders Bucephal und wurde für seine Kühnheit bestraft das Ross spottete
wiehernd der leichten Bürde lehnte sich auf und schüttelte den schreienden
Knaben ab dort lag er wie tot vor Schrecken verlacht von dem umringenden
Haufen seiner mutwilligen Brüder Ein andermal zogen ihn und Ulriken sechs
schneeweiße Rosse an einem römischen Triumphwagen Graf Gräfin und die ganze
vornehme Welt die er kannte begleiteten sie zu Fuß in den festlichsten
Kleidern der Zug ging nach dem prächtigen Kapitol das wie ein Tempel auf
seinen Kupferstichen groß und majestätisch vor ihm stand die Menge jauchzte
Plötzlich als wenn ein Wind sie wegführte verschwand die zauberische Szene er
lag bis an den Kopf in herkulanischen Schutt vergraben und arbeitete sich mit
allen Kräften hervor dass ihm der Schweiß über die Stirne rann die Baronesse
in weißen strahlenden Atlas gekleidet und mit einer goldnen Glorie umgeben
erschien reichte ihm die Hand und riss ihn leicht heraus dankend wollte er sie
umarmen einen Kuss auf die Lippen drücken und hielt in den zusammengeschlossnen
Armen die dicke schielende Hedwig Zu einer andern Zeit lag er tot am Rande
des Styx seine Seele irrte ängstlich am Ufer hinab um über ihn zu setzen und
vermochte es nie endlich gesellte sich zu ihm eine andre peinlich suchende
Seele es war Ulrike die ihren Körper verlassen hatte um ihm nachzueilen sie
flohen miteinander zu ihren Leibern zurück belebten sie von neuem und starben
nie wieder So ergötzte ihn mit unendlichen Schauspielen seine träumende
Phantasie er schlief jede halbe Stunde zu neuem Entzücken ein und die
Baronesse erwachte jede halbe Stunde um sich zu beklagen wie lang die Nacht
sei
Nach dem Tee war sie schon wieder vor dem Bette ihre Gouvernante fand in
mannigfaltiger Rücksicht ihre Rechnung bei den Abwesenheiten der Baronesse und
setzte sich nicht mehr dawider vornehmlich da Schwinger darauf bestund dass man
sie in ihrem freundschaftlichen Mitleiden nicht stören solle und beständig
Aufsicht über ihre Besuche zu haben versprach Auf solche Weise brachte sie alle
Zeit wo nicht Onkel und Tante ihre Gesellschaft foderten mit der sorgsamen
Pflegung ihres Geliebten zu sie las ihm vor und jede Stelle die Zuneigung und
Liebe ausdrückte wurde durch einen nachdrücklichen Ton ausgezeichnet und von
einem Blicke auf den Kranken begleitet auch er gewöhnte sich sehr bald an diese
geheime Sprache er tat als ob er gewisse verbindliche Stellen nicht verstanden
habe und wiederholte sie unter diesem Vorwande mit der bedeutungsvollsten
Pantomime so spielten sie in ihres Aufsehers Gegenwart den Roman und gaben
sich die feurigsten Liebesversicherungen ohne dass ers wahrnahm
Die Krankheit wuchs in einer Nacht plötzlich als sie am folgenden Morgen
heraufkam lag Heinrich sinnlos ohne Bewusstsein und Bewegung da die verdrehten
Augen standen weit offen und doch erkannten sie niemanden die Lippen waren
dick und blau als wenn das Blut in allen Adern von der strengsten Kälte
geronnen wäre jede Muskel lag unbeweglich abgespannt und aus jedem
seelenlosen Zuge starrte der Tod hervor Minutenlang stand sie vor ihm wie ein
Marmorbild von Schrecken und Schmerz versteinert Schwinger wollte sie bereden
dass er schliefe »Nein« schrie sie mit hohlem schauerndem Tone die Augen
unverwandt auf ihn gerichtet »er ist tot« »Er ist tot« schrie sie noch
einmal und dann in einem Atemzuge »Heinrich Heinrich« Nicht eine Fiber
rührte sich an dem Kranken Sie hob seine Hand auf schlaff kraftlos fiel sie
wieder auf das Bette Sie fasste den Kopf konnte ihn kaum aufbringen starr
schwer fiel er wieder aufs Kopfkissen Sie rief dicht in das Ohr »Heinrich
Heinrich« Kein Zuck
Die Tränen standen wie geronnen in ihren Augen bis zum Überlaufen voll und
keine konnte fließen Ohne ein Wort zu reden stürzte sie sich zur Tür hinaus
die Treppe hinunter und wer ihr begegnete den stieß sie vor sich hin und rief
»Den Arzt« Sie flog in die Küche in den Stall brachte alles in Aufruhr
befahl allen den Arzt zu holen niemand ging Sie zürnte sie tobte sie stieß
die Leute fort schwerfällig blieben sie stehen sahen sie an und wussten nicht
was sie von ihr denken sollten Hie und da kam eine phlegmatische Frage
»Warum denn Für wen denn« oder so etwas »Er ist tot« schluchzte sie mit
halbverbissnem Worte »Wer denn« fragte man abermals »Heinrich« rief sie
und hätte die dumpfen trägen Geschöpfe mit den Händen zerfleischen mögen Sie
bekam weiter nichts zur Antwort als ein langgedehntes »So« das die ganze Küche
in einem Tutti aussprach Niemand ging
Der Zorn kochte wie ein Strudel in ihrer Brust mit glühendem Gesichte
verließ sie das untätige Volk und in den Hof Mit aufgestreiften Armen im
Hemde ein kurzes schwarzes Pfeifchen zwischen den Zähnen lehnte der
Stallknecht an der Tür und sah in die Sonnenstäubchen Sie erblickte ihn in
einem Fluge auf ihn los und ihn um den schmutzigen Hals »Ich bitte Euch um
Gottes willen holt den Arzt« Der Bursche durch den andringenden Ton in
Bewegung gesetzt rennt mechanisch über den Hof weg als er an die Tür kam
besann er sich dass er nicht wusste wohin er sollte »Wen soll ich rufen«
fragte er und kam wieder zurück Indem die Baronesse von neuem entbrennen
wollte stand Schwinger hinter ihr und brachte ihr die Nachricht dass der
Medikus bei dem Grafen gewesen und bereits oben bei dem Kranken sei Viel Freude
für sie Mit vorstrebender Brust eilte sie so geschwind hinauf dass ihr
Schwinger kaum folgen konnte
Das erste Wort was durch die aufgerissne Tür flog war »Lebt er wieder«
»Ja« versicherte der Arzt und bewies seine Versichrung aus dem zunehmenden
Pulsschlage Sie wollte den Beweis ganz ungezweifelt haben und fühlte selbst an
den Puls hielt ihn lange Zeit um sein steigendes Zunehmen zu bemerken und in
dieser Stellung erblickte und fühlte sich der Kranke bei seinem Erwachen aus der
Betäubung Welch ein glückliches Erwachen zu einem Bilde das seine Nerven in
verdoppelte Schwingungen setzte und ins Herz drang um einen unlöschbaren
Eindruck zurückzulassen »Itzt blickt er mich an« rief die Baronesse und die
Freude ging in ihrem Gesichte auf wie der volle Mond am Ende eines trüben
Horizonts wenn die Wolken vor ihm weichen
Leben und Vergnügen auf beiden Seiten wuchs mit jedem Pulsschlage sie
konnte sich nicht genug über die fühllosen Kreaturen ärgern die an Heinrichs
vermeintem Tode nicht so vielen Anteil genommen hatten als sie auch der Arzt
kam nicht ohne Schmälen weg dass er so kalt von seiner Besserung sprach und so
gleichgültig versicherte dass er wohl sterben würde wenn so ein Sturz noch
einmal käme Sie zog ihn am Ärmel zurück als er gehen wollte und verlangte
schlechterdings dass er diesen zweiten Sturz abwarten möchte allein er
entschuldigte sich sehr höflich und gab zur Ursache an dass er zu einer Braut
müsse bei der man vorige Nacht auf das Ende gewartet habe »Sie wird wohl
nicht mehr am Leben sein« setzte er frostig hinzu »aber ich muss mich denn doch
erkundigen ob sie wirklich tot ist«
Die Baronesse stieß ihn von sich und mochte ihn vor Verachtung über seine
Kälte nicht ansehen »Ich hätte« sagte sie zu Schwingern als er hinaus war
»ich hätte dem krummnasichten Doktor ein Paar Ohrfeigen geben mögen so hab ich
mich über ihn geärgert Sprach er nicht von Heinrichs Tode als ob er gleich
wieder einen andern aus seinen Büchsen herausdestillieren könnte wenn dieser
gestorben wäre Ich bezahlte ihn gewiss nicht wenn ich der Onkel wäre«
Noch hatte weder Graf noch Gräfin erfahren wie tätig sie sich mit der
Wartung des kranken Heinrich beschäftigte ein einziges Mal verriet sie sich bei
der Tafel Der prophezeite zweite Sturz hatte sich eingefunden und ein
Bedienter brachte die Nachricht dass Heinrich eben gestorben sei Der Gräfin
stieg eine Träne ins Auge die sie durch ein Umdrehen des Kopfes nach dem
Bedienten der die Nachricht gebracht hatte vor ihrem Gemahle verbarg der
schon zu beratschlagen anfing wie man ihm ohne seinen Stand zu überschreiten
ein distinguiertes Begräbnis veranstalten solle Die Baronesse ließ vor
Schrecken den Löffel auf den Teller fallen dass der Milchcreme weit
herumsprjetzte sie schob ihren Stuhl mit dem Fuße zurück blieb verwildert
sinnenlos kurze Zeit in halb fliehender Stellung plötzlich warf sie die
Serviette in den Creme hinein und ging zum Zimmer hinaus langsam die Treppe
hinauf der Schrecken hatte ihre Knie gelähmt und große Tropfen rollten wie
Perlen über das bleiche stumme Gesicht Schwingern schauderte vor dem Anblicke
als immer eine Träne die andre über die eiskalte starre steinerne Miene
hinjagte Sie musste sich setzen denn ihre Knie sanken »Was haben Sie liebe
Baronesse« fragte Schwinger Sie redete nicht sah immer steif vor sich hin
»Was fehlt Ihnen« tönte eine ängstliche schwachatmige Frage hinter dem
Vorhange des Bettes hervor Es war Heinrichs Stimme Die Freude traf sie wie ein
elektrischer Schlag
sie fuhr zusammen und stürzte vom Stuhle Schwinger erhaschte sie zu rechter
Zeit noch Fräulein Hedwig die man ihr gleich nachgeschickt hatte kam eben an
und trug mit schwerfälligem Galoppe alle Fläschchen die sie ansichtig wurde
herbei und hielt sie unter die Nase sie mochten riechen oder nicht Endlich kam
sie wieder zu sich sie saß Heinrichs Bette gegenüber der um zu sehen was
vorging die Vorhänge ein wenig zurückgeschoben hatte und bei dem ersten
Eröffnen der Augen traf Blick auf Blick Wie mächtig Gefühl und Imagination
durch solche Spiele des Zufalls aufgeregt und welche bleibende Eindrücke durch
sie der Seele eingedrückt werden wird jedem Leser sein eigenes Gedächtnis
belehren und warum sollte ich also mit Worten beschreiben was ihm seine
Erfahrung besser berichten kann
Nach einigen Verwunderungen Fragen und Antworten auf allen Seiten
entwickelte sichs dass der Bediente entweder aus boshafter Schadenfreude oder
aus der Gewohnheit dieser Leute Vermutung als geschehne Gewissheit
wiederzuerzählen gelogen hatte denn es war ihm nichts weiter von der
Kammerjungfer im Vorbeigehn gemeldet worden als dass Heinrich wieder schlimmer
sei und wohl sterben werde und die ganze Sache war nichts als eine kurze
Betäubung die schon lange vor jener Todesbotschaft aufgehört hatte
Der Graf war über das Betragen der Baronesse ein wenig stutzig geworden
nicht als ob er Liebe dabei mutmasste davon hatte er gar keinen Begriff
sondern eine zu große Vertraulichkeit zwischen beiden jungen Leuten argwohnte
er und die Idee dass seine Schwestertochter sich zu einer so ausgezeichneten
Betrübnis um den Sohn seines Einnehmers erniedrige hatte so viel Widriges für
ihn dass er Fräulein Hedwig wegen ihrer schlechten Erziehung tadelte ihr einen
Verweis für ihre eigne Person erteilte und einen zweiten für die Baronesse in
Kommission gab Die Gräfin musste auch einen versteckten annehmen weil sie ihre
Tränen nicht genugsam verborgen hatte Um sich nicht in seinen Augen so
verächtlich zu machen als ob sie aus Mitleid um den Sohn seines Einnehmers
geweint hätte wandte sie einen starken Schnupfen vor der ihr bei jedem Worte
das Wasser aus den Augen triebe und damit ihr Gemahl nicht bei ähnlichen
Vorfällen auf die Spur der wahren Ursache geraten möchte die ihre geheime
Mutmaßung für unleugbar hielt redete sie ihm mit ihrer gewöhnlichen Kunst alles
aus was er besorgte und nahm es über sich die Baronesse über ihr
unanständiges Betragen selbst zu bestrafen
Die Bestrafung fiel sehr gelind aus Die Gräfin besaß von Natur viel
Reizbarkeit allein ihre Empfindung war durch die Erziehung ihrer Eltern und den
Stolz ihres Gemahls in beständigem Zwange gehalten worden Sie hatte sich
dadurch eine gewisse künstliche Kälte erworben dadurch gleichsam eine Eisrinde
um ihr Gesicht gezogen die ihr inneres Gefühl nicht durchschmelzen konnte
wofern es ein Vorfall nicht zu plötzlich in Flammen brachte Das Bewusstsein
ihres eignen Fehlers denn dafür musste sie es nach allen Begriffen erkennen
die ihr die Erziehung davon beigebracht hatte machte sie gegen die
Empfindlichkeit der Baronesse ungemein nachsichtig der Rest von Güte des
Herzens den ihr Eltern und Gemahl nicht hatten auslöschen können überredete
sie ihrer jungen Anverwandtin ein Vergnügen nicht ganz zu verwehren das für
sie selbst eine verbotne Frucht war sie hatte es wohl ehemals aus Furcht vor
dem Grafen getan allein da sie die Baronesse nunmehr für alt und verständig
genug hielt ihre Würde nicht ganz zu vergessen so empfahl sie ihr bloß
Vorsichtigkeit und Zurückhaltung und vor allen Dingen Wachsamkeit über sich
selbst um sich in Gegenwart des Grafen nichts Verdächtiges entschlüpfen zu
lassen
Das Verfahren der Gräfin war in Ansehung der Absicht die sie erreichen
wollte äußerst zu missbilligen wenn sie eigentliche Liebe bei der Baronesse
verhüten wollte so musste sie ja durch die stillschweigende Anerkennung dass man
ihr einmal etwas unrechterweise verboten habe und durch den Rat einen vormals
unrechterweise verbotnen und jetzt erlaubten Umgang unter der Bedingung
fortzusetzen dass sie ihn dem Onkel verheimlichte notwendig auf den Weg geführt
werden diese nämliche empfohlne Klugheit auch wider die Tante zu gebrauchen
wenn es diese einmal für heilsam erachtete das alte Verbot zu erneuern
Außerdem beging die Gräfin einen ungeheuren Fehlschluss dass ihr die Aufhebung
des Verbots itzo weniger notwendig schien doch man hatte einmal falsche
Maßregeln genommen und bei der Erziehung machen die ersten falschen Schritte
meistens alle nachfolgenden zu Fehltritten man verbot da man erlauben und
erlaubte da man verbieten sollte Man glaubt nicht wie listig die Leidenschaft
bei aller Unbesonnenheit ist die man ihr Schuld gibt sie kennt ihren Vorteil
so gut als ein Finanzpachter und man darf ihn nur von fern weisen so macht sie
schon Projekte darauf
Auch hatten die Maßregeln der Gräfin wirklich alle Folgen die man erwarten
konnte die Baronesse ging ohne Scheu mit Heinrichen nach seiner Genesung um
und weder Fräulein Hedwig noch Schwingern durften etwas dawider einwenden weil
sie die Begünstigung der Gräfin hatte die allen einzig anbefohl nichts davon
zur Wissenschaft des Grafen gelangen zu lassen »Zudem« sagte sie zu sich
selbst »wird Ulrike oder der junge Mensch bald aus dem Hause kommen mein
Gemahl wollte sie ja neulich schon in eine Stadt tun wo ein Hof ist und so mag
sie immerhin sich zuweilen mit einer jugendlichen Schäkerei vergnügen die
feinern Sitten des Hofes und der großen Stadt werden das alles wieder
verdrängen ein Mädchen muss in ihrem Leben einmal rasen besser also früh als
spät«
So hatte der Schutzgott der Liebe alle Hindernisse durch die vermeinte
Klugheit derjenigen selbst weggeräumt die am feindseligsten gegen sie handeln
wollten Die Neigung der beiden jungen Personen wurde täglich durch
Gefälligkeiten Umgang und kleine Vertraulichkeiten genährt und flammte
allmählich zur Leidenschaft empor Wie sollte Heinrich nicht ein junges
Frauenzimmer lieben das sich so lebhaft in seiner Krankheit für ihn
interessierte das täglich durch neue Unbesonnenheiten ihres guten Herzens und
ihrer Zärtlichkeit für ihn sich Ungelegenheit und Verdruss zuzog und nichts
achtete wenn sie ein paar Minuten mit ihm zubringen konnte Und wie sollte die
Baronesse den Eindruck eines jungen Menschen mit so einnehmender Figur und
Bildung von so auszeichnendem Charakter so vieler Lebhaftigkeit und
Unterhaltungsgabe von sich abwehren Die Fesseln des Zwanges wurden auf beiden
Seiten mehr und mehr abgeworfen und ihrer Leidenschaft ein anderes Gewand dafür
angelegt die Hülle der Heimlichkeit
Zweites Kapitel
Wenn einmal die Liebe so weit ist dann sorgt das Schicksal gemeiniglich dass
sie nicht auf der Hälfte des Wegs stehenbleibt ein Zufall musste sogar den
beiderseitigen Vorteil der jungen Personen mit ins Spiel ziehen und sie nötigen
Partie miteinander gegen die Unterdrückung eines Dritten zu machen ein neues
Band das Herzen fester zusammenzieht
Der Graf hatte unter seinen vielfältigen Marotten eine von der seltsamsten
Art er wollte seinem Hause gern das Ansehen eines Hofs geben und empfand daher
eine besondere Freude wenn die Kabalen eines Hofs darin regierten Ränke
Unterdrückungen Uneinigkeiten Verleumdung zierten seine kleine Hofstatt nach
seiner Meinung und er gab sich sogar selbst Mühe das Feuer der Zwietracht
wieder aufzuwecken wenn es ihm zu niedrig brannte Deswegen führte man auch in
seinem ganzen Hause die eigentliche Hofsprache wenn der Koch das Küchenmensch
geprügelt und bei dem Haushofmeister es dahin gebracht hatte dass er ihr den
Abschied gab so sagte man allgemein der Koch hat die Küchenmagd gestürzt
Hatte der Kutscher des braunen Zugs es so einzuleiten gewusst dass er den Grafen
bei der sonntäglichen feierlichen Promenade fuhr da es einige Zeit her sein
Kamerad mit dem perlfarbenen getan hatte so sagte man Jakob hat Gürgen
untergraben Wenn der eine Laufer dem Grafen nach dem Spaziergange im Garten die
Schuhe abbürsten musste da es sonst der andre getan hatte so berichtete man
sich dass Albert wider Franzen eine Intrige gemacht habe und durfte der
Stallknecht auf ausdrücklichen Befehl der meistens nur ein Einfall war nicht
mehr die perlfarbenen Wallachen in die Schwemme reiten so war nach der
allgemeinen Sage der Stallknecht in Ungnade gefallen
Zuweilen gingen die Kabalen wirklich ins Große man plagte und quälte sich
so herrlich als wenns ein Königreich gegolten hätte und gewöhnlich war doch
nichts als die kleine Glückseligkeit mit einem Befehle mehr vom Herrn Grafen
beehrt zu werden der Preis um dessentwillen man sich das Leben sauer machte
Vornehmlich war der Lieblung des Grafen sein sogenannter Maulesel der große
Hetzhund seines Herrn der sich ein ordentliches Studium daraus machte seine
Kameraden in unaufhörlichem Streite zu erhalten Er hatte es darin so
unglaublich weit gebracht dass ihm seine Absicht nie misslang er ging zu dem
einen den er zum Zank ausersehen hatte und erzählte ihm die aufbringendsten
Dinge die ein andrer von ihm gesagt haben sollte und nie gesagt hatte dass er
vor Zorn kochte darauf begab er sich zu dem andern und vertraute ihm die
nämlichen Beleidigungen an als wenn sie jener von ihm gesagt hätte und jeder
musste ihm noch obendrein dafür danken weil er ihm diese erlognen Nachrichten
als Heimlichkeiten entdeckte wobei er inständigst bat den Überbringer
derselben ja nicht zu verraten wenn sie nun beide vor Grimm brausten und
sprudelten dann gingen nicht drei Minuten vorbei so legte ers so geschickt
an dass sie an einem dritten Orte einander treffen mussten und die menschliche
Natur wirkte bei beiden sogleich einen so heilsamen erleichternden Zank dass ihr
Zusammenhetzer im Winkel wo er sie behorchte sich vor Freude hätte wälzen
mögen Meistens hatte er auch noch eine andre boshafte Nebenabsicht nach der
Gewohnheit dieser Leute warfen sich die Streitenden jedesmal alle Spitzbübereien
und Schelmenstreiche ins Gesicht die einer vom anderen wusste sonach erfuhr er
auch die skandalose Chronik des ganzen Schlosses und es kamen durch dieses
Mittel zuweilen Gottlosigkeiten an den Tag die man außerdem nicht anders als
mit dem höchsten Grade der Tortur aus ihren Urhebern herausgebracht hätte
Zuweilen wenn er wusste dass einer einen Groll auf einen andern hatte brachte
er diesen unter irgendeinem Vorwande in die Nähe bei des ersteren Wohnung oft
stellte er ihn ausdrücklich unter das Fenster um ihm zu beweisen wie schlecht
jener von ihm spreche dann ging er hinein leitete das Gespräch auf denjenigen
der unter dem Fenster horchte lobte oder tadelte ihn und wenn der Mann der
von seinem Feinde nicht behorcht zu werden glaubte treuherzig genug war so
stimmte er mit lautem Halse in den Tadel ein dann nahm der Boshafte die Partie
des Horchenden und feuerte den Mann in der Stube durch den Widerspruch zu
solcher Erbitterung an dass der Mann unter dem Fenster seinen Zorn nicht länger
halten konnte sondern hereinbrach und auf der Stelle den Beleidiger mit Worten
oder Tätlichkeiten angriff In diesen Kunstgriffen die Leute ohne ihren Willen
zum Sprechen wider einen Dritten zu reizen wenn und wie oft es ihm beliebte
bestand sein ganzer Verstand er war unerschöpflich erfindsam darin und
beständig so neu dass er oft den Klügsten des Nachmittags wieder betrog wenn er
ihn gleich vormittags schon einmal betrogen hatte Jedermann floh ihn deswegen
und jedermann musste ihn suchen weil er der einzige Kanal war bei dem Grafen
etwas auszuwirken Alle solche Lustbarkeiten endigten sich damit dass sie ganz
frisch und warm dem Grafen hinterbracht wurden der zuweilen so herzlich darüber
lachte dass ihm die Augen übergingen Die Folgen solcher Klatschereien waren
aber meistens sehr ernstaft einer von den Zankenden dem der Maulesel
übelwollte wurde seines Dienstes entlassen oder auf einige Zeit aus dem
Schloss gewiesen oder der Graf kehrte ihm allemal den Rücken wenn er sich
zeigte oder es widerfuhren ihm andre herzangreifende Kränkungen und alles
geschah in der stolzen Absicht dass große und öftere Revolutionen im Hause sein
sollten die ihm die höchste Ähnlichkeit eines Hofs zuwege brächten Daher war
auch das Schloss des Grafen von Ohlau ein wahrer Sammelplatz ein
Raritätenkabinett von Lügen und Klatschereien nicht eine Minute lang stunden
zween Menschen auf einem Flecken so wurde ein drittes zum Schlachtopfer ihres
Gesprächs eine Grube voll Füchse Wölfe und Tiger wars die sich alle
angrinsten und zerfleischten und wenn Falschheit Feindschaft und Verleumdung
nötige Ingredienzien eines Hofs sind so war dies Haus der größte in Europa
Das große Schwungrad dieser herrlichen Maschine den Maulesel meine ich
hatte schon gleich anfangs mit Widerwillen die Aufnahme des jungen Herrmanns auf
das Schloss angesehen und war zum Teil daran schuld dass er die Gunst des Grafen
nur kurze Zeit genoss da auch die überspannte Liebe der Gräfin bald wieder
schlaff wurde und man den Burschen abgesondert von der übrigen Hofstatt zu
Schwingern steckte wo er mit niemanden als seinen Büchern und der Baronesse
Ulrike in Gemeinschaft stand und nach dem Beispiel seines Lehrers sonst keine
Seele im Hause anredete so entging er gewissermaßen der Aufmerksamkeit jenes
Boshaften er war nebst seinem Freunde so gut als tot geachtet und keiner von
beiden wert dass man wider ihn maschinierte weil sie zum Zanken nicht taugten
Itzt aber besann sich der Mann dass sein eigener Sohn in dem Alter sei um eine
Kreatur des Grafen zu werden und sich durch zeitige Übung zum Nachfolger seines
Vaters zu bilden Er lag also dem Grafen an oder vielmehr er befahl ihm denn
so klangen alle seine Bitten und hatten auch die nämliche Kraft seinen Sohn
auf dem Schloss wie den jungen Herrmann erziehen zu lassen der Graf sagte ohne
Bedenken ja und den Tag darauf erschien der Bube das echte Konterfei seines
Vaters Unseren Heinrich wollte er nicht geradezu verdrängen weil er hoffte
dass sein vielversprechender Sohn bald einen glücklichen Zank bewerkstelligen
werde wo jener als die schwächere Partei notwendig den kürzern ziehen und durch
seine Veranstaltung in Ungnaden den Platz ganz räumen müsse
Schwinger hätte lieber einen leiblichen Sohn des Satans unterrichtet als
diesen Buben allein was sollte er tun Es war Befehl des Grafen von dem er
sein Glück erwartete Jakob so hieß er wurde also der Stubenkamerad und
Mitschüler des armen Heinrichs Schwinger gab seinem bisherigen Zöglinge
heilsame Verhaltensregeln und empfahl ihm vor allen Dingen Zank zu verhüten
den gefährlichen Nebenbuhler zu meiden soviel es sich tun ließ und keine von
seinen Beleidigungen der Aufmerksamkeit zu würdigen er selbst beobachtete eine
ähnliche Aufführung gegen ihn ließ ihn bei seinem Unterrichte gegenwärtig sein
ohne sich um ihn zu bekümmern ob er etwas lernte oder nicht er konnte gehen
kommen achtaben oder nicht und wegen seiner Aufführung lobte und tadelte er
ihn mit keiner Silbe Der Bube der nicht den mindesten Trieb zum Fleiße hatte
war mit dieser verächtlichen Behandlung äußerst zufrieden und brachte die
Lehrstunden meistens am Fenster mit dem unterhaltenden Spiele zu dass er Fliegen
fing an Stecknadeln spiesste und mit inniger Freude sie zu Tode quälen sah
Deswegen sagte ihm auch einmal Schwinger »Du bist zum Scharfrichter geboren«
welche Bestimmung er so freudig anerkannte dass er versicherte er wolle einem
Menschen wohl den Kopf abhauen wenn er stillhielt Heinrich kehrte ihm vor
Abscheu den Rücken zu und verzog sein ganzes Gesicht in die Miene der
Empfindlichkeit es schauerte ihn
Noch gings auf allen Seiten gut allein der Junge war von der Natur so zum
Hasse ausgezeichnet dass man ihn unmöglich um sich sehen und bloß verachten
konnte Aus seinen lichtgrauen beinahe grünen Augen lauschte der ausgemachteste
Schelm hervor der niederträchtig sein musste weil er zur Bosheit zu dumm war
alle Muskeln des Gesichts bewegten sich unaufhörlich bald zog sich der Mund in
eine schiefe höhnende Lage bald rümpfte sich die Nase bald rissen die Augen
wie große unterirdische Höhlen auf und die Augenbraunen fuhren über die Stirn
bis an die Haare hinan bald bleckte er die Zunge bald fletschte er die Zähne
wie ein grimmiger Tiger und alles vor sich hin ohne ein Wort zu sprechen Zum
freien Blicke in die Augen ließ ers niemals kommen sondern wandte sogleich die
Augen hinweg wenn sie ein fremdes Auge traf und wollte er jemanden anschauen
so geschahs nicht anders als mit einem hämischen Seitenblicke Nie stand er
gerade auf den Fusssohlen sondern ein Fuß lag gewöhnlich auf der Seite und rieb
sich an den Dielen drei Finger in den eirunden Mund zu stecken und daran zu
kauen beide Ellbogen auf den Tisch zu stützen und den Affenkopf in die Hände zu
legen sich nur mit einer Seite des Leibes auf den Stuhl zu setzen und mit der
Schläfe an der Lehne hin und her zu fahren diese und ähnliche waren seine
Lieblingsstellungen Der Kontrast wenn dieser Pavian und Heinrich nebeneinander
stunden war so auffallend als zwischen einem Satyr und einem Apollo Dem jungen
Herrmann sprach aus den feurigen dunkelblauen Augen eine Seele voll edler Größe
und starken Gefühls auf den roten vollen Wangen blühte Heiterkeit und
fröhlicher Mut der lächelnde kleine Mund kam auch schweigend mit Gefälligkeit
und Liebe entgegen die gebogene Nase kündigte Verstand die hochgewölbte Stirn
Tiefsinn und Ernst und die starken in erhabene Bogen gekrümmten Augenbrauen
Würde an aus allen Punkten des Gesichts redete Offenheit dass man beim ersten
Anblicke in ein Herz zu schauen glaubte Jede Bewegung seines wohlgebildeten
Leibes wurde von einem Reize einem bezaubernden Reize begleitet selbst die
stolzeste Dame wenn sie die Pantomime sah womit seine Lebhaftigkeit alle Reden
beseelte spitzte den Mund zu einem Kusse und würde ihn gewiss auf seine Lippen
gedrückt haben wenn sie nicht die Erinnerung an ihren Stand zurückgezogen
hätte Erblickte man neben diesem Marmorbilde des Phidias den tönernen Jakob
von dem elendesten Töpfer geformt einen dicken kugelrunden Kopf mit
Schweinsaugen einer ungeheueren Nase einem großen verzerrten Munde und
hauptsächlich zur Warnung aller Sterblichen mit der hämischsten tückischsten
gelbsüchtigsten Miene und der niederträchtigsten Dummdreistigkeit so deutlich
und leserlich als ein Dieb vom Scharfrichter gebrandmalt sah man diesen
krummbeinichten Pagoden dahinschlendern und mit den plumpsten Manieren oder
leidenschaftlichem Ungestüm die Arme bewegen dann wünschte man sich das Recht
ein so misslungenes Werk zu zerstören das eine Welt verunstaltete die solche
Geschöpfe hervorbringt wie eins neben ihm stund
Die natürliche Antipathie die zwei so dissonierende Kreaturen voneinander
wegstossen muss verstattete dem jungen Herrmann schlechterdings nicht der
Ermahnung seines Lehrers ganz getreu zu bleiben doch wäre er vielleicht wieder
in das Gleis der stillen Verachtung zu leiten gewesen hätte sich nicht
Eifersucht darein gemischt Trotz aller Merkmale der Verwerflichkeit zog der
Graf das Geschöpf Heinrichen weit vor diesen ließ er niemals zu sich kommen und
jenen sehr oft zu sich rufen wenn ihm die Baronesse einen Einfall von
Heinrichen erzählte so schwieg er und tat als ob ers nicht hörte oder sprach
gleich etwas anders darein warf Jakob eine Grobheit oder plumpe Höhnerei
jemanden an den Hals so erschallte ein beifallvolles Lachen sehr oft erzählte
er sogar Einfälle die Heinrich gesagt und die Baronesse bei Tafel vorgebracht
hatte als ob sie von dem struppköpfichten Jakob herrührten Es ist ein
unseliger Trieb in der menschlichen Natur der die Menschen gegen die
Vortrefflichkeit empört lieber räuchern sie einem abgeschmackten geistlosen
unwürdigen Apis um einen Apoll zu demütigen weil er den Weihrauch verdient
Auszeichnendes Verdienst ist ein Fehdebrief an die Verachtung den die Natur
ihren Günstlingen auf die Brust hing der jedesmal richtig beantwortet wird wo
es die Leute nicht der Mühe wert achten zu hassen Zu diesem Grunde gesellte
sich noch ein anderer nicht weniger wichtige Jakob weil er keinen Wert in sich
selbst fühlte kannte keinen andern als den Gehorsam eines Hundes der sich von
seinem Herrn zu allem gebrauchen lässt wenn er ihn nur gut füttert Heinrich
hingegen voll vom Gefühl seiner Kraft erwies und foderte Achtung gehorchte
aus Erkenntlichkeit und rang nach keiner Gunst die er als eine erniedrigende
Gnadenbezeugung besitzen sollte als Belohnung als Verdienst wollte er sie
empfangen Dieser schmeichelte und ehrte den Grafen um sich ihm verbindlich zu
machen und der Graf wollte nur aus Schuldigkeit geehrt und geschmeichelt sein
er foderte Respekt als einen Tribut Eine solche Foderung erfüllte Jakob
ungleich besser er war sich in seinen eignen Augen nicht viel und fand also
nicht befremdend wenn ihn der Graf als gar nichts behandelte
Heinrich sah vielleicht einen großen Teil hiervon ein allein welche
Menschenseele sollte nicht dessenungeachtet bei einem so offenbaren Unrechte
entbrennen und wider den Unwürdigen auflodern der so ganz ohne Verdienst den
Vorzug an sich reißt Sooft auch Schwinger seine Ermahnungen zur Gelassenheit
wiederholte so konnte er sich doch nicht enthalten ihn zuweilen mit bitteren
Spöttereien und empfindlichen Verächtlichkeiten zu bestrafen zu seinem Ärger
verstand sie der Bube meistenteils nicht war aber die Dosis so stark dass er
sie notwendig fühlen musste so rächte sich der Beleidigte mit einer Plumpheit
und wenn er im darauffolgenden Wortwechsel nicht weiterkonnte so war seine
gewöhnliche Zuflucht den Streit mit Erdichtungen zum Nachteile des Gegners dem
Grafen zu hinterbringen der nicht selten Heinrichen einen Verweis darüber geben
ließ Eines Tages ging es so weit dass ihn der Graf als er ihn von ungefähr
auf der Treppe traf in Gegenwart seines ganzen Gefolgs und des Anklägers derb
ausschalt weil er diesen die Meerkatze des Grafen genannt hatte Heinrich über
die Vorwürfe und das triumphierende Gelächter seines Gegners aufgebracht
antwortete bitter »O ich hab ihm noch zuviel Ehre angetan Ihre Hofsau hätt ich
ihn nennen sollen« Der Graf vergaß sich in der Hitze so weit dass er ihm mit
hoher Hand auf der Stelle eine Ohrfeige gab
Wie angewurzelt stand der Beleidigte da und wusste nicht ob er dem Grafen
nachgehen und sich durch stärkre Empfindlichkeiten rächen oder dem Buben der
vor Freude hüpfte die Kehle zudrücken sollte jetzt ging er jetzt stund er
knirschte mit den Zähnen schlug sich mit der geballten Faust an die Stirn dass
es laut schallte seufzte lehnte den Kopf an die Wand und brach vor Schmerz
über seine ohnmächtige Wut in eine Flut von Tränen aus
Die Baronesse hatte durch eine schmale Eröffnung ihrer Tür den hässlichen
Auftritt mit angesehen schon war sie auf dem Sprunge sich zu verraten und
dazwischenzulaufen als der Graf ausholte allein zu ihrem Glück blieb sie mit
der Falbala am untersten Riegel hängen und ehe sie sich losriss war die
Ohrfeige schon empfangen und ihr Onkel fortgegangen Sie tat einen lebhaften
Ruck dass ein großer Teil der Garnitur an dem Riegel zurückblieb und eilte auf
Heinrichen zu wie er mit dem Kopfe an der Wand lehnte Sie legte beide Hände
auf seine Schultern um ihn abzuziehen tröstete und bat ihn sie in ihr Zimmer
zu begleiten »Ich bin allein« setzte sie hinzu »Hedwig ist bei der Gräfin«
»Lassen Sie mich« rief er mit schmerzhaftem Tone und ging die Treppe hinunter
stund ging über den Hof stund wieder ging in den Garten ein paar Gänge
aufwärts mit untergeschlagenen Händen und gesenktem Haupte so tief in seinen
Schmerz verloren dass er an Bäume rennte weder hörte noch empfand Die
Baronesse folgte ihm stillschweigend Schritt vor Schritt sehr nahe auf den
Zehen Er kam an einen Teich Die Baronesse hatte schon die Hand am Rockzipfel
um ihn aufzuhalten wenn er im Tiefsinne das Wasser nicht gewahr werden sollte
der Fuß war bereits aufgehoben um ihn in den Teich zu setzen die Baronesse
zog ihn zurück ohne sich des Zuges bewusst zu sein erwachte er erblickte das
Wasser trat zurück und stund da Er warf sich in den Sand hin die Baronesse
flüchtete hinter einen nahen Baum Plötzlich sprang er auf mit einer Bewegung
als wenn er sich in den Teich stürzen wollte dass er wirklich die Absicht hatte
ist nicht zu leugnen aber der Entschluss war nur ein schneller Stoß eine
Verzuckung der Leidenschaft und er hielt sich schon zurück als die Baronesse
hervorbrach und ihm um den Hals flog Als wenn er noch immer bereit wäre seinen
Vorsatz auszuführen packte sie ihn in ihrer Umarmung fest und trieb ihn mit
aller Gewalt vom Wasser hinweg
Der Übergang von Schmerz und Kränkung zur Liebe ist nur ein halber Schritt
die zärtliche Stellung in welcher er sich mit der Baronesse befand von ihren
Armen festumschlungen und dicht an ihren klopfenden Busen gedrückt dass ihr Odem
sein Gesicht betaute ihr Mitleid ihre Vorsorge alles drängte in einem
Tumulte auf seine Empfindung los und spannte ihre Federn so stark an dass er
sein Gesicht an ihren Busen verbarg und heiße Tränen hineinströmte beide
zerflossen in einer Inbrunst die auch Ulrikens Augen trübte Bei der Baronesse
erwachte Besonnenheit und Scham zuerst sie machte ihre Arme los und schob ihn
von der Brust hinweg der Schwung den Zorn und Wut seiner Seele gegeben hatte
machte ihn dreist er wiederholte eine Umarmung die seinen Schmerz so merklich
in sanfte erleichternde Empfindungen verwandelte und zog Ulriken mit sich
unter den Baum hin der Sturz entdeckte ihm ein Knie das die Natur nur einmal
in solche Form goss das ihm Neuheit und wallende Imagination in dem Augenblicke
mit Reizen belebten die alle seine Sinne benebelten er war berauscht er
lechzte vor innerlicher Glut Ulrike wand sich zum zweiten Male los beide sahen
ins Gras und schwiegen
»Ach unmöglich kann ich aus dem Hause gehen« fing Heinrich an »ich muss
meinen Schimpf tragen den entsetzlichen Schimpf«
Die Baronesse Du aus dem Hause gehen
Heinrich Ja ich muss aber ich kann nicht und wenn ich alle Tage bis aufs
Blut gequält würde ich kann nicht Ulrike wie mach ichs dass ich mir nicht
gram werde wenn ich bleibe
Die Baronesse Rächen muss du dich an dem Lotterbuben Räche dich und dann
geh Geh aus dem Hause und lieber Heinrich nimm mich mit dir Das ganze
Schloss ist mir zuwider dass ichs nicht gern ansehe Man wird seines Lebens
nicht froh darin das ist eine ewige Langeweile ein ewiger Zwang das
Reprimandieren Korrigieren hat gar kein Ende Ich muss mich bücken und schmiegen
und werde verachtet weil ich aus Gnade im Hause bin die geringste Kleinigkeit
muss ich mir als eine große Gnade anrechnen lassen und kurz ich bin des Lebens
satt Nun soll ich auch noch dem Schandbuben dem Jakob aufwarten noch gestern
hat mich der Onkel seinetwegen ausgescholten dass ich
Sie verstummte mit Tränen Heinrich knirschte »Ja« sprach er »rächen
wollen wir uns und gehen Aber wohin« setzte er bedenklich hinzu
Die Baronesse Wohin uns unsre Füße tragen Ich kann ja Putz machen nähen
stricken und tausend andre solche Arbeiten ich will mich indessen als
Kammerjungfer vermieten aber es muss weit weit sein dass Onkel und Tante
nichts von mir erfahren und wenn du einmal einen Dienst bekommst möchte er
auch noch so klein sein ach lieber Heinrich wenn du das wolltest
Sie senkte den Blick und schwieg
Heinrich Baronesse
Die Baronesse Nenne mich nicht mehr Baronesse Ich bin dem Namen feind er
klingt viel zu fremd für uns und ich wills von nun an nicht mehr sein
Heinrich Ulrike hier ist meine Hand Ich wandre aus ich suche einen
Dienst der uns ernähren kann und dann ach liebe Ulrike wenn du das
wolltest
Stillschweigend zog sie einen kleinen goldenen Ring bedächtlich vom Finger
»Hast du keinen Ring« fragte sie leise
Heinrich Ja aber nur einen bleiernen den mir einmal ein armer Hausierer
für ein Almosen geschenkt hat
Die Baronesse Schadet nichts bleiern oder golden
Sie steckte ihm den ihrigen an den Finger »Er passt« sprach sie freudig
»als wenn er für deinen Finger gemacht wäre Gib mir deinen bleiernen dafür«
Heinrich Noch heute
Die Baronesse Geh suche einen Dienst und dann Heinrich du hältst Wort
Heinrich So gewiss als ich dir diese Hand gebe Du wirst Kammerjungfer und
dann Ulrike wenn gehen wir
Die Baronesse Bald denn der Onkel ließ neulich ein Wort fallen dass er
mich nach Dresden zu einer alten Anverwandtin tun wollte da wird vollends ein
hübsches Leben angehn Ich grämte mich zu Tode Wir müssen ja eilen
Heinrich Die Minute geh ich mit dir dass ich nicht wieder in das
schändliche Haus darf
Die Baronesse Komm wir wollen sehen ob die Tür offen ist Sie gingen
wirklich um auf der Stelle einen Anschlag auszuführen dessen nur ein
unbesonnenes Mädchen im sechzehnten und ein beleidigter Bursche im fünfzehnten
Jahre fähig ist allein zu ihrem Glücke war die Tür verschlossen Zudem besann
sich auch die Baronesse unterwegs dass sie den bleiernen Ring noch nicht
bekommen habe und drang also in ihren Begleiter zurückzukehren Auf dem
Rückwege vertraute sie ihm eine andre Entdeckung die nach ihrer Meinung für ihr
künftiges Glück sehr heilsam sein sollte »Du weißt vielleicht« sagte sie
»dass mein Vater sehr viele Schulden hinterlassen hat und nach seinem Tode haben
die Leute von denen er borgte alles weggenommen Nun saß ich ehegestern auf
dem Sofa in der Tante Zimmer und stickte an der Weste die wir dem Onkel machen
er sprach mit der Tante im Nebenzimmer Ich hörte meinen Namen nennen gleich
warf ich die Arbeit hin und horchte So wäre doch Ulrike sprach der Onkel
keine schlechte Partie wenn wir Friedrichshain das ist ein Gut von meinem
verstorbnen Vater aus dem Konkurse ziehen könnten es ist offenbar dass mans
nicht dazu hätte nehmen sollen aber meiner Schwester Mann war nachlässig und
die Advokaten haben das so ineinander verwickelt dass vielleicht zuletzt weder
Gläubiger noch Erben etwas bekommen werden indessen einmal muss doch die Sache
ein Ende nehmen wenns auch noch einige Jahre hin dauerte Weiter konnt ich
nichts hören denn sie gingen ins chinesische Zimmer« »Sieh einmal
Heinrich« rief sie außer sich vor Freude »wie reich wir noch werden können
Wenn ich das jetzt schon hätte braucht ich nicht erst Kammerjungfer zu werden
Ich weiß auch gar nicht was für schändliche Menschen die Advokaten sein müssen
dass sie die Sachen so verwickeln Sie können das wohl so mit ansehen sie haben
was sie lieben ach« unterbrach sie sich plötzlich »dort kommt die dicke
Hedwig Ich will zu den Erdbeeren gehen und tun als wenn ich für den Onkel
pflückte Hurtig geh dass sie dich nicht sieht«
Ein Händedruck und ein freundlicher Blick war der Abschied Zween Schritte
dann kam sie wieder zurück »Heinrich« zischelte sie »du wirst doch den
bleiernen Ring nicht vergessen« Er versicherte sie das Gegenteil und sie
flog zu den Erdbeeren und hatte schon eine ziemliche Menge gepflückt als
Fräulein Hedwig ankam Die Baronesse freute sich über ihre gelungne List und die
Leichtgläubigkeit ihrer Gouvernante die wegen eigenen Herzenskummers die
Richtigkeit ihres Vorwands weder bezweifelte noch untersuchte Sie pflückten
beide in Gesellschaft Die Baronesse beklagte sich dass sie ihren Ring verloren
habe Die Gouvernante die sonst bei solchen Gelegenheiten wie ein Löwe
aufbrüllte antwortete nichts als ein gleichgültiges »So« Sie suchten unter
den Erdbeersträuchern fanden ihn nicht und gingen beide fort ohne sich weiter
darüber zu beunruhigen
Das Projekt der Entfliehung beschäftigte seitdem die Baronesse unaufhörlich
Jeden Morgen legte sie ihr Schlafzeug in ein kleines Paket zusammen und an das
unterste Ende des Bettes ihre diamantnen Ohrgehänge trug sie in der Tasche
nebst dem kleinen Geldvorrate der sich nie sehr hoch bei ihr belief weil sie
aus Gutherzigkeit jedem gab der etwas brauchte Etwas weniges Wäsche wurde in
einem alten Pavillon im Garten hinter aufgeschütteten Ziegelsteinen verborgen
und bei Gelegenheit auch ein Schächtelchen mit den Instrumenten aller
weiblichen Arbeiten angefüllt welche sie verstund und wodurch sie ihren
Unterhalt zu finden hoffte Ihre Vorsorge ging so weit dass sie sogar Seide
Goldfaden und andere Materialien zusammenpackte und je länger sich die Flucht
verschob je mehr fand sich mitzunehmen dass sie zuletzt einen Maulesel
gebraucht hätte um ihr Gepäcke fortzubringen überdies musste sie sehr viele
Sachen wenn nach ihnen gefragt wurde oft wieder auspacken Um sich dieser
Unbequemlichkeit zu überheben hielt sie für dienlich ihre Gerätschaft bloß in
der pünktlichsten Ordnung zu erhalten jedem Stücke den bestimmtesten Platz
anzuweisen und es nach jedesmaligem Gebrauch pünktlich wieder dahin zu legen um
erforderlichenfalls in einer Viertelstunde sich reisefertig zu machen Fräulein
Hedwig wunderte sich ungemein woher ihr plötzlich diese ungewohnte
Ordentlichkeit kam und die Gräfin meinte dass sie anfinge die Kinderschuhe
auszutreten Die nahe Aussicht nach ihren Begriffen aus einem Kerker erlöst zu
werden gab ihr die freudigste Munterkeit die Hoffnung begeisterte sie so sehr
dass sie auch die langweiligsten Stunden mit Standhaftigkeit ertrug und die
lästige Gesellschaft des Grafen ohne den mindesten Verdruss aushielt sosehr es
ihr sonst schwerfiel das Maß der Anständigkeit zu treffen das sie nach seinem
Verlangen ihren Reden und Handlungen geben sollte so leicht fiel es ihr jetzt
Der Graf fand sie ganz umgeändert und versicherte dass vielleicht doch noch
etwas aus ihr werden könnte Ihre Geschäftigkeit und ihre Freude war ohne
Grenzen sie ging niemals sie flog getragen auf den Schwingen der Hoffnung
Nicht weniger Anstalten machte auch Heinrich Er war sogleich nach ihrer
Trennung durch Hedwigs Dazwischenkunft ins Haus zurückgegangen und hatte seinen
Ring um keinen Verdacht zu erwecken an einem Faden um den Hals gehängt und so
trug er ihn beständig unter dem linken Arme auf der bloßen Haut nicht etwa aus
Empfindsamkeit diesem gekünstelten Hautgout in der Liebe den er noch nicht
kannte sondern weil er ihn auf diese Art am sichersten zu verbergen glaubte
Er ging etlichemal vor dem Zimmer der Baronesse vorbei um ihr sein bleiernes
Gegengeschenk einzuhändigen sie erschien nicht Endlich begegneten sie
einander Fräulein Hedwig ging neben der Baronesse und also war nicht mehr
Zeit als verstohlen zu geben und verstohlen zu nehmen wie ein Wind war der
Ring an ihrem Finger den sie auch nicht eher verließ als wenn sie vor dem Graf
oder der Gräfin erscheinen musste die sie verschiedenemal wegen dieser
schlechten Zierde gescholten hatten und ihr drohten das elende Ding zum Fenster
hinauswerfen zu lassen wenn sie es noch an ihrer Hand blicken ließ
Heinrich packte nach jener Übergabe seines Liebespfandes nicht etwa Wäsche
oder andere ähnliche Bedürfnisse sondern einen alten Seneka einen Antonin und
ein paar andre seiner Lieblingsbücher zusammen setzte Feder Papier und Tinte
in Bereitschaft und dachte wie ein wahrer Neuling in der Welt der voll
Berauschung nicht über die augenblickliche Ausführung seines Projekts
hinaussieht mit einem solchen Reisebündel seine Wanderschaft anzutreten
Schwinger bemerkte die Unruhe die die unaufhörliche Beschäftigung mit einem so
wichtigen Anschlage hervorbringen musste allein weil er glaubte dass sie noch
von der empfangnen Ohrfeige herrührte so ermahnte er ihn mit den auserlesensten
Sittensprüchen zur Standhaftigkeit und mutigen Ertragung seiner Beleidigung
Drittes Kapitel
Jakobs Vater fand dass sein Sohn seinem Posten etwas schläfrig vorstund außer
der Ohrfeige hatte er Heinrichen nichts als unbedeutende Verweise zugezogen und
zum offenen Zanke war es gar noch nicht gekommen Er selbst war der Machinationen
wider seine Kameraden überdrüssig und verlangte nach einer höheren Sphäre zu
seinem Wirkungskreise und in diese Sphäre gehörten Fräulein Hedwig und
Schwinger mit ihren beiderseitigen Untergebenen er hatte keine geringere
Absicht als dass sie alle samt und sonders in voller Ungnade aus dem Hause
sollten Der Bewegungsgrund Keinen hatte er als weil er eine Ehre darein
setzte bei dem Grafen Einfluss zu haben und weil es ihn mehr schmeichelte
durch seinen Einfluss andern zu schaden als zu nützen das Schicksal aller im
Hause sollte auf seinem Willen beruhen wie das Geschick einer Welt auf Jupiters
Winke Er hatte seinem großen Entwurfe gemäß seine Aufmerksamkeit zuerst auf
Fräulein Hedwig gewendet und ihr Verständnis mit dem dicken Amyntas dem
Stallmeister glücklich ausspioniert versteht sich dass es der Graf die Minute
darauf erfuhr Nächstdem hatte er auch eine Vertraulichkeit zwischen der
Baronesse und Heinrichen ausgekundschaftet eigentlich zwar nicht
ausgekundschaftet ob ers gleich bei dem Grafen vorgab sondern nur erdichtet
und passte ihnen nunmehr auf um zum Beweise seiner Erdichtung wahrscheinliche
Umstände aufzusammeln Um endlich auch den armen Schwinger nicht eine müßige
Nebenrolle spielen zu lassen musste er sich sogar in die Gräfin verliebt haben
und also bei dem Schauspiele die lustige Person sein kein Abend ging vorbei wo
er den Grafen nicht mit komischen Auftritten jener verwegnen Liebe unterhielt
die der Graf für bare Wahrheit annahm und belachte
Jakob wurde auf ausdrückliches Verlangen des Grafen zum Spion bestellt er
schlich den ganzen Tag auf dem Saale vor dem Zimmer der Baronesse wie ein
lichtscheuer Vogel an den Wänden herum und haschte Fliegen wenn auch keine da
waren und schielte seitwärts nach allen Vorübergehenden unter den gesträubten
Augenwimpern hin Jedermann scheute ihn weil er einem Vater gehörte den
jedermann fürchtete und man vermutete gleich dass er ein Spion sei Weder die
Baronesse noch Fräulein Hedwig rührten sich einige Tage von der Stelle Heinrich
tat zwar oft seinen Spaziergang in den Garten aber fruchtlos er durfte nicht
einmal nach der geliebten Türe hinblicken Die Baronesse wollte den Spion
schlechterdings wenigstens auf einige Minuten entfernen um mit Heinrichen
Abrede zur vorgenommenen Rache zu nehmen Der Junge war äußerst genäschig sie
stahl also ihrer Gouvernante die beständig einen reichen Vorrat an Purganzen
und Vomitiven zu eigenem Gebrauche hatte aus der Kommode soviel von beiden als
sie wegnehmen konnte ohne die Verminderung der Apotheke sehr merklich zu
machen Die Medikamente wurden durch feine Öffnungen in ein Paket gebackne
Pflaumen verteilt die präparierten Pflaumen in die Tasche gesteckt und in die
Tasche ein großes Loch geschnitten sie lief so oft über den Saal bald dahin
bald dorthin und ließ bei jedem Gange eine Straße von verlorenen Pflaumen hinter
sich auf welche Jakob wie eine lauernde Spinne aus ihrem Hinterhalte
hervorschoss und mit der aufgelesenen Beute an die Wand zurückeilte wo er sie
begierig mit Fleisch und Kern verschluckte Seine Fressbegierde machte die Dosis
allmählich so stark dass er vor den Schmerzen der Wirkung nicht auf seinem
Posten bleiben konnte Er ging dem Rufe der Natur zu folgen und während seiner
oft wiederholten Abwesenheit hatte die Baronesse die Dreistigkeit auf die
Treppe zu treten und so lange zu husten bis Heinrich den Ruf verstand und
herunterkam Er musste sie ins Zimmer begleiten und nun wurde unter Fräulein
Hedwigs Vorsitz ein förmliches Komplott wider den Spion geschmiedet und die
Baronesse schlug dabei um sich von Zeit zu Zeit Operationspläne unentdeckt
mitzuteilen eine eigene Art von Korrespondenz vor
Es war in dem Hause ein Pfänderspiel Mode das man die Divination nannte
Eine Person in der Gesellschaft durchstach in einem bedruckten Blatte mit der
Stecknadel einzelne Buchstaben die herausgesucht und zusammengesetzt einen
Sinn gaben überreichte das Blatt einer andern die diesen Sinn heraussuchen
musste Dieses Spiel brachte sie auf den Einfall in einem Buche Buchstaben in
der Ordnung durchzustechen dass man sie wenn das Blatt gegen das Licht gehalten
wurde ohne Beschwerde zu Worten zusammensetzen und lesen konnte Unter dem
Vorwande als wenn Heinrich ihr und sie Heinrichen Bücher borgte sollte der
Spion selbst ihr Bote sein und die heimliche Stecknadelschrift überbringen
Fräulein Hedwig sah Heinrichen bloß als einen Gehülfen der Rache an ohne dass
sie seine Teilnehmung einer andern Ursache als der Ohrfeige zuschrieb Nach
genommener Verabredung lauerte die Baronesse an der Tür und bei der ersten
Abwesenheit zu welcher die Pflaumen die Schildwache nötigten husch war
Heinrich die Treppe hinauf
Die Korrespondenz nahm ihren Anfang allein statt sich Entwürfe zur Rache
mitzuteilen ließ mans einige Zeit bei einem verliebten Briefwechsel bewenden
Die beiden Korrespondenten sagten sich in ihrer natürlichen unschuldigen
Sprache Zärtlichkeiten angenehme Erwartungen künftiger Glückseligkeit leere
Tröstungen mit der Flucht kurz alles womit sich ein Paar Verliebte
beunruhigen und aufrichten können Jakob war so gierig nach den Büchern die man
ihm zu überbringen gab als nach den Pflaumen und fragte oft bei beiden Teilen
an ob nichts zu bestellen sei sein Vater hatte ihm ausdrücklichen Befehl dazu
gegeben weil er sich jedesmal vor der Überbringung das Buch zur Durchsicht
zeigen ließ und so einmal einen handschriftlichen Beweis seiner Erdichtung
darin zu erwischen hoffte wenns auch nur ein gleichgültiges Zettelchen wäre
das man dem argwöhnisch gemachten Grafen durch eine geschickte Auslegung als
sehr strafbar vorstellen könne Er blätterte und suchte in den Büchern und fand
niemals etwas
Die Beschwerden die Jakob nebenher allen im Schloss verursachte wurden
immer drückender Aus unseliger Gefälligkeit gegen ihren Gemahl hatte sich sogar
die Gräfin auf die Seite des Buben geschlagen überhaupt handelten liebten und
hassten diese beiden Leute beständig wider ihre eigne Überzeugung ein jedes
quälte sich mit Neigungen und Abneigungen um dem andern zu gefallen und die
Gräfin wurde an dem struppköpfichten Jakob zum wahren Märtyrer der Politesse Er
war ihr bis zum Ekel widrig wie sein Vater verhasst und doch lobte sie das
Ungeheuer in des Grafen Gegenwart tändelte mit ihm beschenkte ihn und erwies
ihm tausend Gütigkeiten behandelte ihn sogar als ihren Liebling und sagte dem
Vater Schmeicheleien über die Annehmlichkeiten seines Sohns sie ging in dieser
traurigen Gefälligkeit bis zur Ungerechtigkeit gegen diejenigen die dem Jungen
missfielen man kann leicht raten wer dies sein mag Sie ging aus wahrer
Abneigung gegen Heinrichen den ihr seine Feinde die Zeit her in so nachteiligem
Lichte vorgestellt hatten und in völligem Ernste damit um ihn aus dem Hause
wegzuschaffen und nur eine Art von weiblichem Mitleiden zwang sie auf Mittel
zu denken wie sie ihm mit den wenigsten Unkosten zu einem Fortkommen außer
ihrem Hause behilflich sein könnte Der Graf hatte ihn unmittelbar nach der
Ohrfeige fortjagen wollen wie ers nannte allein sein Maulesel verbot es ihm
dem Niederträchtigen war es nicht genug dass er mit einem so kleinen Zorne
wegkommen sollte und verzögerte durch verstellte Vorbitten bei dem Grafen seine
Verabschiedung bis zu einem Zeitpunkte wo sie mit grösserm Aufsehen geschehen
konnte
An Neckereien ließ es sein Jakob nicht fehlen diesen Zeitpunkt zu
beschleunigen Die Baronesse hatte einen kleinen Fleck im Garten für ihr
Taschengeld mit Begünstigung des Onkels bearbeiten lassen worin sie einige
ihrer verliebten arkadischen Ideen ausführte Es war eine Laube darin kleine
Rasenplätze die Triften vorstellten worauf sie ein kleines wollenreiches
Schäfchen mit einem roten Halsbande zuweilen selbst weidete Kirschbäume mit
eingeschnittenen Namen die niemand entziffern konnte als sie Blumenbeete mit
Tymian und Lavendel eingefasst von welchen sie Kränze band um ihre Laube damit
zu zieren auch ein Bach der bei starkem Regenwetter Wasser und beständig
Mücken und Frösche in Menge hatte sie versicherte in der Folge oft selbst dass
sie in dieser mit Kränzen behangnen Laube ihr weidendes Schäfchen vor sich
wahre Empfindungen arkadischer Glückseligkeit genossen und in ihrer Einbildung
eine Welt um sich geschaffen habe in welcher sie zeitlebens träumen möchte An
einem Morgen als sie dieser phantastischen Glückseligkeit zueilte fand sie
alle ihre Kirschbäume zerschnitten zerknickt zum Teil umgerissen ihre Blumen
abgeschnitten die Einfassungen ausgewurzelt ihre Laube beschädigt ihre
erträumte Welt war dahin und mit ihr ihre Glückseligkeit traurig sah sie auf
die Ruinen ihres Glücks herab weinte und beschwerte sich bei dem Onkel Sie gab
es dem heimtückischen Jakob Schuld und da der Bursche sich meisterlich auf das
Leugnen verstund so endigte sich die Klage mit einem doppelten Verweise für die
Baronesse dass sie einen Unschuldigen angeklagt habe und dass sie in ihrem Alter
die Unanständigkeit begehe über solche Kindereien zu weinen
Jakob bekam Lust zu ihrem Schäfchen das sie seitdem mit stiller Wehmut
zuweilen in dem verwüsteten Arkadien geweidet hatte ohne Anstand musste es ihm
abgetreten werden und der Garten dazu mit dem Bedeuten dass sich eine
sechzehnjährige Baronesse mit ernstaftern Vergnügen als mit solchen
Kinderpossen die Zeit vertreiben müsse »Stricke sprich nimm die Karten in
die Hand das ist anständiger für dich« belehrte sie der Graf
Die Baronesse unterhielt sich aus natürlicher Freude an dem niedrigen Leben
mit den geringsten Mädchen und nicht selten ging sie wenn die Hintertür des
Gartens offen war auf der großen Wiese in einem Zirkel von Bettelkindern
spazieren unter welche sie ihr Taschengeld austeilte nicht selten gesellte sie
sich zu den Mägden und Frönern wenn sie Heu machten setzte sich unter sie
kaufte ihnen ein Stück ihres groben Vesperbrots ab und aß mit ihnen so vergnügt
und heiter über ihren dörfischen Scherz als wenn sie dazu geboren wäre Jakob
belauerte sie zeigte es an und auch dieses Vergnügen wurde ihr bei der
schärfsten Strafe und in den schärfsten Ausdrücken untersagt
Heinrichen konnte er im Grunde weniger anhaben weil man sich um diesen
weniger bekümmerte er suchte ihn also auf seines Vaters Eingebung mit
Schwingern zu entzweien Er goss ihm Tinte auf die Bücher oder auf die Wäsche und
beteuerte alsdann mit Schwüren dass ers Heinrichen habe tun sehen Er wollte
Herr des Zimmers sein despotisch befehlen wo dieses wo jenes stehen sollte
dass oft selbst der gutmütige Schwinger die Geduld verlor und seine Hand mit
Gewalt zurückhalten musste Heinrich hingegen war aller Zurückhaltung
überdrüssig er widersetzte sich ihm jetzt mutig und tat gerade von allem das
Gegenteil was er wollte die Aussicht auf die nahe Flucht wozu man nunmehr
durch die geheime Korrespondenz den Tag angesetzt hatte gab ihm unüberwindliche
Herzhaftigkeit
Vorher aber beschloss er Rache über ihn die er für sich ohne Zutun der
Baronesse ausführen wollte Der Junge war so neugierig als genäschig ein
hellfarbiger Lappen ein funkelnder Stein konnte ihn wer weiß wie weit locken
Heinrich hing also an einem Baum jenseits eines schlammichten tiefen Grabens
etliche bunte flatternde Bänder auf überbaute einen schmalen Fleck des Grabens
mit einigen dünnen Stecken schüttete Erde darauf und bedeckte sie künstlich mit
Laub und Gras dass man die Falle nicht vermutete Jakob wurde durch eine Straße
von gestreuten Kirschen die wie verloren dalagen zu dem Orte gelockt kaum
erblickte er die wehenden roten Bänder von weiten als er nach ihnen hineilte
er hoffte eine Entdeckung zu machen die er oder sein Vater zu jemands Unglücke
brauchen könnte hielt in der Übereilung Heinrichs gebaute Brücke für festen
Boden galoppierte auf sie hin den Blick stier auf die roten Bänder gerichtet
pump brach der betrügerische Steg ein und Jakob lag bis an die Schultern im
Schlamme die Ufer des Grabens waren tief und für ihn unersteiglich sosehr er
arbeitete herauszukommen er schrie doch niemand hörte ihn
Sein Vater der Graf und auch endlich die Gräfin waren in der äußersten
Verlegenheit dass der werte Jakob sich verloren hatte man suchte ihn mit
Laternen und Fackeln und kam in den abgelegnen Teil des Gartens nicht wo er im
Schlamme seufzte er musste die Nacht unmassgeblich mit dem feuchten Bette
vorliebnehmen Die Nachsuchung wurde den andern Tag wiederholt der
Gärtnerbursche hörte wohl als er in die Nachbarschaft des Grabens
zufälligerweise kam etwas piepen das einer Menschenstimme ähnlich klang
allein da es sich nicht in artikulierten Tönen näher erklärte so ging er seinen
Weg und ließ es piepen Zufälligerweise kommt er nach Tische in die Küche
erzählt sein piependes Abenteuer und ist beinahe der Meinung dass die kleine
Komtesse Fritzchen die vor dreißig oder mehr Jahren als der Graben noch Wasser
hatte nach der Sage des Städtchens darin ertrunken war dies Klagelied
angestimmt habe Die Vermutung war nicht übel ausgedacht denn alle
Gärtnerburschen vor ihm hatten dergleichen Jammertöne von dem ertrunknen
Fritzchen gehört und durch ununterbrochene Tradition waren alle Gärtnerburschen
in den Besitz eines unauslöschlichen Rechts geraten allein mit Ausschliessung
aller andern Erdenbewohner das ertrunkne Fritzchen jammern zu hören Der Bursche
stand im Kredit eines großen Verstandes und fand bald unter den Domestiken
starken Anhang alle erklärten seine Erklärungsart für die einzige ortodoxe
Meinung nur der Koch ein Heiducke und ein Jäger drei rohe Kerle die weder
Himmel noch Hölle glaubten waren Antifritzianer der andere Jäger war anfangs
ein Zweifler erklärte sich aber als Not an den Mann ging für die ortodoxe
Partei Die Fritzianer konnten es nicht ertragen dass sie ihre Gegner mit ihrem
einfältigen Glauben aufzogen und laut belachten diese beriefen sich alle drei
in einem Tutti auf die Unmöglichkeit der Sache und jene setzten ihnen entgegen
dass es aber geschehen sei und geschehne Dinge könne man doch nicht verwerfen
»Es ist nicht geschehen« sagten die Antifritzianer
»Es ist aber geschehen« riefen die Fritzianer »Moritz hast dus nicht
gehört«
Wo war Moritz Der kluge Sektenstifter als er den Streit zu lebhaft werden
sah schlich sich heimlich aus der Küche fort Da also der Zeuge fehlte
schränkte man sich bloß auf eine Disputation über die Möglichkeit der Sache ein
Die Fritzianer bewiesen aus der Geschichte alter Gespensterbegebenheiten die
Wirklichkeit eines solchen Vorfalls die Antifritzianer leugneten Faktum und
Schlussfolge und verlachten alle Gespensterhistorien als alte Weibermärchen
»Ja« sagte der Tafeldecker ein heimlicher Antifritzianer
»Moritz kann sich wohl geirrt haben vielleicht ist es ein ungeschmiertes
Schubkarrenrad gewesen«
»Oder eine Eule« schrie der Jäger der Antifritzianer
»Oder eine Maus« rief der Heiducke
»Oder ein kranker Hammel« sprach der Koch
»Oder ein Schwein« unterbrach ihn der Heiducke
»Oder ein Esel« rief der Jäger
»Oder ein Ochse« schrie der Koch
»Ihr werdet doch die drei Kerle nicht recht behalten lassen« zischelte der
andere Heiducke ein eifriger Fritzianer einigen von seiner Partei zu wie ein
Lauffeuer verbreitete sich seine Anreizung von einem zum andern und in wenig
Sekunden war der ganze Haufen entschlossen recht zu behalten
»Gebt euch nicht mehr mit solchen Halunken ab« sagte der nämliche Heiducke
laut zu seiner Partei um den eingeschlafnen Streit wieder anzufachen »Die
Kerle glauben nicht dass eine Sonne am Himmel ist wenn sie ihnen gleich den
Kopf verbrennt«
»Ihr habt wohl Ursache zu schimpfen« erwiderte der Jäger von der
Gegenpartei ein feiner Spötter »Ihr Schöpse glaubt jeden Quark frischweg wie
er auf die Erde fällt«
»Und ihr lebt wie die Säue in den Tag hinein und glaubt gar nichts« riefen
die Fritzianer alle
»Weil ihr Hornvieh dumme Esel seid« rief der Koch pathetisch »deswegen
glaubt ihr alles Ihr seid ja straf mich Gott so ochseneselgänserindviehdumm
wie die Gänse die nehmen auch alles an was man ihnen in den Hals stopft«
»Warte ich will dich taufen dass du einmal ein Christe wirst« sagte der
Heiducke von der Gegenpartei ein schlimmer Spötter und goss ihm ein ganzes
Gefäß voll Wasser über den Kopf das ihm die Küchenmagd voll Ärger über des
Kochs Unglauben von hintenzu heimlich reichte
»Macht die Tür zu« rief der ergrimmte triefende Koch zu seiner Partei und
im Augenblicke schlug sie der antifritzianische Jäger zu »So wollen wir
dann« fuhr der wütende Küchenmonarch fort »die verfluchten Kerle sengen und
brennen bis sie nicht mehr glauben« und sogleich schleuderte er einen großen
Feuerbrand vom Herde unter die zitternden Fritzianer hin seine Gesellen folgten
dem Beispiele und alle drei Antifritzianer rückten flammende Feuerbrände in
den Händen wider die Gegner an Unter den bedrängten Fritzianern die zwischen
den Feuerbränden und der verschlossnen Tür im eigentlichsten Verstand in
ecclesia pressa sich befanden schlug sich einer die sengenden Funken vom
Kleide ein anderer löschte das rauchende Toupet ein dritter drückte sich den
wundgeschundnen Arm und ein Teil floh hinter den Herd um den Antifritzianern
in den Rücken zu fallen Es geschah wirklich Dem Koche der à la françoise den
Hut auf dem Kopfe alle seine Verrichtungen tat fiel plötzlich der Filz vom
Haupte in seinen Feuerbrand und er fühlte eine gewaltige Hitze im Nacken der
fritzianische Heiducke der ihn vorher ersäufen wollte hatte ihm den zierlichen
Crapaud der seine Haare verschloss in Brand gesteckt Er musste hurtig löschen
seine Gesellen eilten ihn zu rächen
unterdessen sprengte die Gegenpartei die Tür auf und entfloh die übrigen
machten sich die Unordnung des brennenden Kochs zunutze und entwischten
gleichfalls
Als sie sich von ihrer Flucht auf dem Hofe versammelt hatten fassten sie
insgesamt den Entschluss nunmehr da sie sich genug um die Wahrheit gezankt
hatten die Wahrheit zu untersuchen Sie näherten sich in corpore dem Graben
horchten es jammerte »Ich lasse mich fressen wenn das nicht eine
Menschenstimme ist« schrien sie alle »Das muss der Koch hören« Sogleich
wurde eine Gesandtschaft an ihn abgeschickt die ihn nach langen Weigerungen
herbeibrachte Er horchte stutzte »Ja es ist eine Menschenstimme« sagte er
»Siehst du du ungläubiger Höllenbrand« rief der ganze Haufe auf ihn los
»dass es Komtesse Fritzchen ist«
»Und wenns der leibhafte Teufel wäre« brach der zornige Koch wütend aus
»so zieh ich ihn bei den Hörnern heraus« und so marschierte er auf den Graben
los Alle hielten ihn zitternd zurück und baten die Komtesse nicht mehr in
ihrer Ruhe zu stören »lasst mich« rief er wand sich los und zog das große
Küchenmesser von der Seite »lasst mich oder ich mach euch alle zu
Gespenstern« Man fürchtete die Drohung eines so grimmigen Mannes und ließ
ihn er sah in den Graben hinunter die Klagestimme wurde immer lauter er sah
ein menschliches Gesicht über den Schlamm herausragen erkannte es »Es ist der
verfluchte Jakob« rief er »Warte du Schandbube die Kehle will ich dir
abschneiden dass du uns so zum Narren gehabt hast« Er ließ eine Leiter holen
stieg hinunter und zog den versunknen Jakob mit etwas sehr unsanfter Manier aus
dem Schlamme herauf Wie ein schwarzer Geist mit Schlamme von oben bis unten
überzogen lag er triefend am Rande da und musste sich noch obendrein von dem
ganzen Haufen ausschelten lassen dass er so großen Zwiespalt unter ihnen erregt
hatte
Der Herr Vater hatte die Gewohnheit wenn zwei oder drei Personen
beisammenstunden gingen und sprachen sogleich sich bei ihnen einzufinden um
etwas von ihrem Gespräche aufzuschnappen kein Wunder also dass er hinter dem
ansehnlichen Truppe des ganzen Hofgesindes wie ein Wolf hinter der Schafsherde
augenblicklich nachfolgte Der Koch überlieferte ihm seinen Sohn mit dem
Küchenwitze dass er ihm hier einen Schweinsbraten mit Kirschsauce zustellen
wolle Der Vater zu beschäftigt mit dem Unglücke seines geliebten Erben
verschluckte den satirischen Einfall und wanderte unter Begleitung der
sämtlichen Domestiken ins Haus um ihn säubern zu lassen Alles lief an die
Fenster als sich der Zug durch die Allee näherte Heinrich und die Baronesse
waren nicht die letzten darunter und mit der innigsten Herzensfreude sahen sie
den pechschwarzen Jakob an der Hand des Vaters traurig daherwandeln während dass
der begleitende Trupp sich mit mutwilligen Liedern über sein Unglück belustigte
Auf dem ganzen Schloss war dieser Tag ein Freudenfest
Das schlimmste war nur dass dies Freudenfest ernsthafte Folgen nach sich
zog Der erboste Jakob und sein Vater wussten nicht an wem sie sich für sein
Unglück rächen sollten und hielten sich um nicht ganz ungerochen zu bleiben
an die Personen die bei dem Schauspiele nicht geschäftig genug gewesen waren
der Gärtnerbursche erhielt seinen Abschied dass er dem wimmernden Jakob nicht
nachgespürt sondern sogleich als er das Klaggeschrei gehört wieder
weggegangen war ohne ihm herauszuhelfen Der Koch wurde für den beissenden
Küchenwitz den er sich nach der Errettung des Buben entwischen ließ insofern
suspendiert dass er vier Wochen nicht mehr die Schokolade des Morgens für den
Grafen machen durfte welches er bisher am besten gekonnt hatte allein da der
Grafsich bei dieser Suspension am schlimmsten befand weil ihm seine Schokolade
niemals schmeckte so wurde sie wieder aufgehoben und in die Ungnade verwandelt
dass er alle Essen tadelte wenn sie auch seinem Gaume noch so wohl behagten
Viertes Kapitel
Jakobs Vater arbeitete indessen unermüdet an der Ausführung der Hauptrevolution
die er im Sinne hatte und bestimmte das arme Fräulein Hedwig zur ersten
Unglücklichen die das Trauerspiel eröffnen sollte
Ihr Verständnis mit dem Stallmeister hatte er längst ausgekundschaftet das
ist bereits gemeldet worden seit dieser Entdeckung suchte er auf alle Weise an
den Liebhaber zu kommen und ihm sein Geheimnis abzulocken es wollte lange Zeit
nicht gehen Endlich machte er ihn treuherzig Er besuchte ihn oft auf seiner
Stube und bat ihn oft zu sich und weil der Stallmeister von der Vertraulichkeit
und dem freundschaftlichen Umgange mit dem Lieblinge des Grafen nicht nur Ehre
sondern auch Nutzen hoffte so lief er gerade in die Falle hinein die ihm
dieser aufstellte Bei einem solchen Besuche wo er mit einem guten Glase Wein
aufgeräumt und offenherzig gemacht worden war brachte der nüchterne Wirt den
halbtrunknen Gast auf die Liebe und gab ihm auf den Kopf Schuld dass er bei
Fräulein Hedwig in großer Gunst stehe Der Stallmeister lehnte die Beschuldigung
lachend von sich ab »Leugnen Sie nur nicht« rief der Bösewicht »der Graf
weiß es lange« Der Stallmeister war des Todes vor Schrecken
»Was ists denn nun weiter« fuhr jener fort »Fräulein Hedwig hats ihm
selber gesagt sie möchte gern gar mit Ihnen getraut sein«
Der Stallmeister saß da sagte kein Wort und schwebte mit seinem wirblichten
Kopfe zwischen Glauben Zweifel und Verwundrung umher
»Der Graf wollte gar nicht« redete jener weiter »aber ich hab ihm
zugesetzt und wenn Sie mir ein gutes Wort geben so bring ichs dahin dass
Ihnen der Graf seine Einwilligung gibt«
»Gehen Sie machen Sie das einem Kinde weis« unterbrach ihn der
Stallmeister
»Ich dächte« erwiderte der andre »Sie wüssten wieviel ich bei dem Grafen
ausrichten kann Nur ein Wort soll mirs kosten ich hab ihn so schon auf Ihre
Seite gezogen Setzen Sie eine Supplik auf bitten Sie den Grafen um seine
Einwilligung und ich will sie ihm übergeben Es ist ja doch keine Kleinigkeit
ein Fräulein zu heiraten«
Allmählich gelangs ihm durch sein Zureden und Versicherungen eines guten
Erfolgs dem leichtgläubigen Stallmeister das Vertrauen abzugewinnen es ging so
weit dass er seinem Spione den ganzen Liebeshandel beichtete und morgendes Tages
eine Supplik aufzusetzen versprach und er schmeichelte sich darum mit den
günstigsten Erwartungen weil er seit einiger Zeit bei dem Grafen in
vorzüglicher Gnade zu sein glaubte was ihm der Betrüger der ihn jetzt im Netze
fing überredet hatte
Freudig ging der Bösewicht als ihn der Stallmeister verließ zu Fräulein
Hedwig und wünschte ihr geradezu zu ihrer Vermählung Glück Sie riss die großen
Augen ellenweit auf
»Der Graf« fuhr er fort »ist nicht ungeneigt dazu ich hab ihn darüber
gesprochen Sie wissen dass ich Ihnen beständig beim Grafen das Wort geredet
habe und es sollte mir eine rechte Freude sein wenn ich ihn dahin bringen
könnte dass er in Ihre Heirat willigte«
Fräulein Hedwig tat entsetzlich verwundert leugnete aus allen Kräften und
war hundert Meilen weit von einer Sache entfernt die sie gleich beim ersten
Worte erriet
»Leugnen Sie nur nicht« versetzte jener mit dem vertraulichen Tone womit
er jedermann anzureden pflegte »Der Herr Stallmeister hat mir die ganze Sache
anvertraut und ich werde mein möglichstes tun so einen braven Mann meinen
Herzensfreund glücklich zu machen Er hat bei dem Grafen angehalten«
Fräulein Hedwig wollte in Ohnmacht sinken aber sie besann sich hurtig
anders
»Reden Sie nur selber mit dem Grafen und das heute noch Stellen Sie ihm
nur vor zwar das werden Sie besser zu sagen wissen als ich Gehen Sie lieber
itzo zu ihm damit ich auf den Abend mit ihm die Sache zustande bringen kann
Ich habe schon mit dem Grafen überlegt dass er wohl wird geadelt werden müssen
und wir findens billig dass man die wenigen Taler an so einen braven Mann
wendet «
Fräulein Hedwig hüpfte im Herzen vor Entzücken traute aber noch nicht ganz
Er setzte noch stärker in sie und machte das verliebte Fräulein durch die
vielfältigen Versicherungen was er und der Graf für sie tun wollten so kirre
und seine verdammte Lüge so wahrscheinlich dass sie ins Garn hineineilte zwar
nichts ausdrücklich bekannte aber doch mit dem Grafen darüber zu reden
versprach
Sie rennte vor Freude und Hoffnung als er fort war das Zimmer auf und
nieder jetzt wollte sie gehen hatte die Tür schon in der Hand ließ sie hurtig
fahren und ging zurück jetzt war sie schon an der Treppe bebte und ging wieder
ins Zimmer jetzt schöpfte sie Herz überdachte die Rede die sie halten wollte
triumphierte über die Schnelligkeit mit welcher sich ihr Gedanken und Ausdruck
darboten und über die Wirkung die sie sich davon versprach »Aber wenn nun der
Graf nicht einwilligen wollte« fuhr ihr durch den Kopf
sie zitterte vor Entsetzen über die Vermutung Die Lebhaftigkeit ihrer
Wünsche richtete sie bald wieder auf sie sah sich schon am Altare schon in den
Armen ihres dicken Amyntas schon wie ein Zephir flog sie mit ihren bleiernen
Füßen die Treppe hinunter die andere hinauf den Korridor durch da stand sie
im Vorzimmer des Grafen Es wollte ihr das Herz abdrücken kaum konnte sie dem
Bedienten der die Aufwartung hatte stammelnd sagen »Melde Er mich« und
kaum war er hinein so wollte sie ihn schon wieder zurückziehn Gütige Götter
er kommt heraus macht den Türflügel weit auf der Graf steht wartend da sie
muss hinein
Kein Dieb der zum erstenmal stahl und zum ersten Male ertappt wurde kann
mit solcher Angst im Verhör auftreten als die arme Hedwig vor dem Grafen Sie
stotterte fing ihre Rede zehnmal an und blieb zehnmal stecken und hatte schon
fünf bis sechs völlige Minuten gesprochen ohne dass der Graf wusste was sie
wollte ob er sie gleich oft genug darum befragte Endlich brach ihre
Beredsamkeit durch sie bat deutlich und vernehmlich um die gnädige Erlaubnis
einen ihrer größten Wünsche zu vollziehen und sich mit dem Stallmeister zu
vermählen In dem Gesicht des Grafen stieg ein sehr ungnädiges Donnerwetter
auf und zog sich von der äußersten Nasenspitze bis zu der nördlichen Breite der
Stirn hinan dass zuletzt diese ganze Halbkugel seines Kopfs eine große
Gewitterwolke war Leugnen konnte sie nicht denn sie hatte sich zu bestimmt
ausgedrückt und eherne Federn und steinerne Griffel vermögen nicht die Wut zu
beschreiben mit welcher das Gewitter losbrach das war ein Orkan wie ihn noch
kein Seefahrer ausgestanden hat und Fräulein Hedwig kroch wie ein Vögelein in
einen hohlen Baum vor dem losstürzenden Schlossenwetter flieht ängstlich
rückwärts nach der Tür und schlich mit gebeugter Seele zu ihrem Zimmer zurück
nahm niederschlagend Pulver Rhabarber Sennesblätter und Gott weiß was mehr
konnte nicht essen nicht trinken nicht schlafen sie dachte vor Kummer gar
nicht daran dass sie betrogen war
Sogleich nach ihrem Abtritte musste der Betrüger dem sie ihr Unglück zu
danken hatte zum Grafen kommen er wollte sich zu Tode lachen als ihm der Graf
das Vorgefallne erzählte »Nun denken Sie einmal« setzte der Gewissenlose
hinzu »der Stallmeister hat mich schon lange geplagt ich soll eine Supplik von
ihm übergeben worin er um das nämliche anhalten will Wer weiß was
vorgefallen ist Der Umgang ist schon alt aber ich hab Ihnen nur nicht das
Herze damit schwer machen wollen«
Der Graf knirschte vor Wut und wollte beide gleich aus dem Schloss jagen
lassen allein er durfte nicht denn sein Maulesel sagte ihm er sollte das
nicht tun »Ich will mir morgen die Supplik geben lassen« sprach er »und
dann wollen wir miteinander überlegen was zu tun ist«
Der Graf dem alles sklavisch gehorchen musste gehorchte dem befehlenden
Rate dieses Mannes wie ein Schulknabe Indessen wurde die Gräfin durch ihn von
der nahen Verunehrung ihres Hauses unterrichtet sie ließ die Delinquentin rufen
und bekam die Entschuldigung zur Antwort dass ihr nicht wohl sei Den Morgen
darauf ließ man die Entschuldigung nicht mehr gelten sie musste sich
schlechterdings stellen die Gräfin ließ sie ihrer Sanftmut ungeachtet hart an
und befahl ihr vorläufig ihr Paket zusammenzumachen Sie fiel auf die Knie die
Gräfin verwies ihr diese Erniedrigung und ebensosehr ihre Unbesonnenheit dass
sie sich mit einer so seltsamen Bitte an ihren Gemahl gewendet hatte Sie wollte
die Betrügerei erzählen die sie dazu verleitete aber ihr Schluchzen machte
jedes Wort der Erzählung unverständlich Ungetröstet und ungerechtfertigt musste
sie hinweggehn
Der Stallmeister der nichts hievon erfahren konnte saß die ganze Nacht
durch und buchstabierte mit schwerer Mühe eine Supplik zusammen und brachte sie
mit dem frühsten Morgen seinem vermeinten guten Freunde und Beschützer der sie
augenblicklich zum Grafen trug Der betrogne Mann wartete voller Ungeduld im
Vorzimmer und bekam endlich zur Antwort dass er gegen Abend die Willensmeinung
seines Herrn erfahren solle Seinem Glücke so nahe bildete er sich ein dass es
ihm wohl erlaubt sei die hochwohlgeborne Braut auf ihrem Zimmer bei Tageslicht
zu besuchen er eilte auf den Fittichen der Liebe zu ihr eine fröhliche
Botschaft zu hinterbringen die sie nach seiner Meinung aus seinem Munde zuerst
erfuhr und Götter wie stutzte der Mann als er seine breitschulterichte
Chloe wie er sie sonst nennen musste in Tränen zerfliessend bleich und voller
Betrübnis erblickte »Gehen Sie« rief sie ihm entgegen »Sie sind die Ursache
meines Unglücks ich möchte dass ich mich niemals vom bösen Feinde hätte
verführen lassen Sie zu lieben O Tartarus schlinge mich in deinen flammenden
Wanst hinab«2 Mit dieser patetischen Ausrufung ging sie ins Kabinett und
schloss hinter sich zu Der erstaunte Liebhaber sah sich im Zimmer um klatschte
mit dem spanischen Rohr dreimal an die gewichsten Stiefeln und ging seinen Weg
Unmittelbar nach aufgehobner Tafel wurde Fräulein Hedwig angedeutet dass man
im Städtchen eine Wohnung ausgemacht habe wo sie künftig residieren und wohin
sie sich nebst ihren sämtlichen Effekten in der Dunkelheit des Abends begeben
solle um ihr Exilium nicht ganz trostlos zu lassen versprach ihr der Graf eine
jährliche kleine Pension doch mit dem Vorbehalt dass sie nie seinen ungnädigen
Augen mit ihrem Antlitze in den Weg kommen sollte Durch den nämlichen Boten
erhielt auch der Stallmeister seinen Abschied nebst dem Befehle sich nie wieder
in den Grenzen der gräflichen Herrschaft sehen zu lassen wenn er nicht mit
kräftigen Prügeln bewirtet sein wollte Niemand wusste was einen so schnellen
Sturm bewirkt hatte der Stallmeister selbst wusste nicht was und wie ihm
geschah er suchte seinen Beschützer um nach der Beschaffenheit der Sache zu
fragen
dass sich der heimtückische Bösewicht nur mit einem Auge hätte blicken
lassen Er wollte sein geliebtes Fräulein sprechen um ihr den gestrigen Groll
zu nehmen er durfte nicht
ohne Abschied und ohne sein Verbrechen gewiss zu erfahren musste er in einer
Stunde das Schloss und denselben Abend noch die Stadt räumen
Die Baronesse hatte nie sonderliche Ursache gehabt ihre Gouvernante zu
lieben doch jetzt da es zum Äußersten kam bat sie bei dem Grafen und der
Gräfin für sie aber sie bestürmte Felsenherzen es blieb bei der gegebnen
gnädigen Verordnung und Fräulein Hedwig ging des Abends zwischen neun und zehn
Uhr ohne vor Scham von jemandem Abschied nehmen zu können noch jemanden der
ihr begegnete ansehen zu können aus dem schönen Schloss schloss sich in ihr
kleines angewiesenes Stübchen und kam in einem ganzen Monat nicht öffentlich zum
Vorschein und verfluchte den bösen Feind der sie zu der Sünde verleitet hatte
einen Menschen unter ihrem Stande zu lieben samt seinem bösen Werkzeuge den
dicken Stallmeister mit der funkelnden gelbledernen Chaussure
Der Maulesel triumphierte über den abermaligen Lorbeer den ihm seine
boshafte List über ein paar Menschen erworben hatte über den abermaligen Beweis
seiner Macht über den Grafen und dachte auf nichts Geringers als das Haus in
kurzem ganz rein von allen Personen zu machen die ihm nicht ganz anstunden oder
nicht zu seiner Fahne schwören wollten der Graf selbst war bei allem Zorne und
Unwillen im Grunde über die hofmässige Revolution sehr erfreut und die Gräfin
wartete eine günstige Gelegenheit ab das Schicksal der armen Hedwig zu mildern
Fünftes Kapitel
Sosehr die Baronesse über diese plötzliche Trennung bewegt war so merkte sie
doch bald den Vorteil den sie ihr verschafte sie war nunmehr ohne Aufsicht
und konnte ihren Heinrich sprechen wenn es ihr beliebte Schwinger hatte zu dem
vorzüglichen Verstande seines Freundes ein zu unumschränktes Vertrauen und ließ
ihm jetzt wirklich mehr Freiheit als er sollte In der ersten Beratschlagung
die sie in diesem Interregnum auf der Baronesse Zimmer hielten riet Heinrich
aus allen Kräften die Beschleunigung der Flucht er drang so lebhaft darauf dass
sie bald beide einig waren Tag Stunde und andre Umstände festsetzten und
vorher noch eine Rache an ihrem gemeinschaftlichen Feinde beschlossen
Jakob besuchte vermöge seiner Genäschigkeit sehr fleißig einen Baum voll
großer lockender spanischer Kirschen die man für die Ehre von dem Grafen
gegessen zu werden aufhob Jedermann floh die Gegend dieses Baums wie einen den
Göttern geheiligten Ort um nicht den Verdacht eines vorgehabten Diebstahls
wider sich zu erregen nur Jakob wagte es einen solchen Raub oft zu begehn und
nahm seine Maßregeln so gut dass er nie ertappt wurde Heinrich der es wusste
riet dem Gärtner etliche Schlingen dabei zu legen anfangs wollte er aus Furcht
vor dem Vater nicht daran doch endlich ließ er sich bereden Bei dem nächsten
Diebstahle der allemal in der Dämmerung geschah fand sich der Dieb plötzlich
gefesselt Furcht und Mangel an Kräften hinderten ihn sich von den
unschädlichen Stricken loszumachen Zudem war die Falle sehr künstlich und mit
einem Gewichte versehen das den Knoten fest zuzog Der Gärtner lauerte hinter
einer Hecke und eilte sogleich es anzuzeigen allein statt der Belohnung
erhielt er einen Verweis und zur Bestrafung sollte er einen Monat lang nicht
die Gnade haben dem Grafen sonntags früh ein Bukett zu überreichen Der Dieb
kam los und wurde derb von seinem Vater ausgescholten dass er sich hatte
ertappen lassen und weil dem Gärtner in dem ersten Unwillen über seine
misslungenen Maßregeln ein Wörtchen entwischte dass Heinrich sein Ratgeber dabei
gewesen sei und Jakob dem Ratgeber Vorhaltungen darüber tat auch ein paar
Drohungen mit Rache hinzusetzte so war dies ein neuer Sporn die Flucht um
keine Stunde weiter hinauszuschieben
Heinrich ging seit dieser zweiten Festsetzung eines so nahen Termins
beständig ängstlich um Schwingern herum wenn er ihn anblickte senkte er die
Augen oder kehrte sich weg um Tränen zu verbergen jede Gipsbüste schien einen
wehmütigen Blick auf ihn zu werfen jedes sonst geliebte Buch erinnerte ihn an
eine schmerzliche Trennung Seine Unruhe trieb ihn von einem Orte des Zimmers
zum andern nirgends fand er länger als eine Minute Rast Wohl zehnmal ging er
des Vormittags an den Ort der zur nachmittägigen Zusammenkunft bestimmt war
besah ihn starr von allen Seiten es war ihm als wenn ein Zentnergewicht auf
die beklemmte Brust fiel er seufzte zitterte weinte und ging Keinen Bissen
konnte er des Mittags mit dem Munde berühren ohne dass der Gedanke in ihm
aufstand Der letzte den du hier geniessest Itzt fühlte er zum ersten Male
welch eine schwere Kunst es ist leben zu wissen und durch wie viele Schmerzen
man diese Weisheit erkaufen muss Je näher die Stunde rückte je beklemmter wurde
seine Brust
Tränen waren jetzt nicht mehr in seiner Gewalt sie rannen wie Bäche
herunter dass es Schwinger bemerkte und eine Menge Mutmaßungen machte ohne die
Wahrheit zu treffen
Die Baronesse war ungleich besser daran wen sie liebte folgte ihr und die
sie verließ liebte sie nicht Voller Munterkeit Freude und mutiger Hoffnung
sprang sie nach der Rückkunft von Tafel im Zimmer herum warf sich in ein
Negligé und setzte ihr Reisebündel in Bereitschaft was sie zuweilen
beunruhigte war Furcht vor Entdeckung Nur die Trennung von den Örtern wo sie
ihre phantastischen Arkadienfreuden genossen hatte erfüllte sie mit
vorübergehender Wehmut und sonst wünschte hoffte begehrte sie nichts als dass
die Stunde schlagen möchte wo sie einander im Garten treffen wollten
Wie Geschöpfe die von der ganzen weiten Welt nichts als die Spanne kennen
wo sie spazierengegangen und gefahren sind hatten sie ihren Plan angelegt
unbekümmert wer sie speisen und beherbergen werde wenn ihr kleiner Geldvorrat
aufgezehrt ist wollten sie ihn ausführen Sie glaubten dass man auf unserm
Planeten nur wollen dürfte um zu finden
Graf und Gräfin fuhren nachmittags spazieren die Baronesse entschuldigte
sich mit Kopfschmerzen und blieb zu Hause Diese daher entstandne Leerheit des
Schlosses wollte sie nicht ungenützt lassendenn ein Teil der Domestiken
begleitete die gnädige Herrschaft und der andre war seinem eignen Vergnügen
nachgegangen sie sagte ihrem Zimmer ein stilles Lebewohl und wanderte in den
Garten hinunter lange vorher ehe die anberaumte Stunde schlug holte ihr
Paketchen Wäsche aus dem alten Pavillon herbei und legte es in das Kabinett das
zur Zusammenkunft bestimmt war Darauf tat sie einen Spaziergang auf die Wiese
hinter dem Garten wo man Grummet machte Sie ließ sich mit einer von den Mägden
in ein Gespräch ein wie sie schon sonst zu tun pflegte wenn sie keine Aufsicht
daran hinderte sie lobte den Stand und die Beschäftigung des Mädchens und
wünschte darin geboren zu sein das Mädchen bat sie sich nicht so zu
versündigen und versicherte dass sie lieber eine Baronesse als eine Dienstmagd
sein möchte
»Komm wir wollen tauschen« sagte die Baronesse lebhaft »Gib mir deine
Kleider ich will dein Leben auf ein paar Stunden versuchen« Das Mädchen
weigerte sich lange endlich ließ sie sich zu der Maskerade bereden und wischte
mit ihr seitwärts in ein Birkenbüschchen wo sie ihre Kleider wechselten Das
Mädchen sprang vor Freude in die Höhe als ihr die weiße Kontusche und Rock auf
dem Leibe hing und der Sommerhut auf ihren zerstörten bäuerisch geflochtenen
Haaren schwebte wirklich nahm sich auch der schneeweiße Anzug zu den
verbrannten Armen bloßen Füßen und Mulattengesichte ungemein drollicht aus sie
spazierte auf und ab und schwenkte den weißen Rock wie einen Uhrperpendikel
nichts bedauerte sie mehr als dass der benachbarte Wassergraben zu schmutzig und
das Stückchen Spiegelglas nicht bei der Hand war wobei sie gewöhnlich ihre
bäurischen Reize ordnete Die Baronesse nahm sich in ihrem neuen Anzuge nicht
weniger gut aus das Mädchen hatte ihr mit Ehren nichts als einen streifichten
kurzen Rock abgeben können weil sie außer einem schwarzen Mieder dessen sie
nicht begehrte nichts auf dem Leibe hatte Das Mädchen musste ihr die schöne
Frisur zerstören die sie herzlich gern auf ihren Kopf ganz unversehrt
hinübergetragen hätte und ihre Haare auf dem Wirbel in ein bäurisches Nest
winden Da das Abtragen des vornehmen Gebäudes das mit Haarnadeln wie mit
großen Balken durchzogen war sehr viel Zeit erfoderte so wurde die Bäuerin bei
ihrer Arbeit vermisst der Vogt störte in den Büschen herum um zu entdecken ob
sie sich vielleicht schlafen gelegt habe und die beiden Damen hielten für
ratsam tiefer in den Busch hineinzurücken Die Umschaffung der Frisur nahm so
viele Zeit hinweg dass auf der Wiese Feierabend gemacht wurde und die Stunde der
Zusammenkunft heranrückte Die Arbeiter gingen unter dem Kommando des Vogts nach
Hause und die beiden Verkleideten durch den Busch auf einer andern Seite nach
dem Garten hin Anfangs war die Maskerade bei der Baronesse nur ein unüberlegter
Einfall gewesen um sich zu belustigen doch jetzt wollte sie Partie davon
ziehen Sosehr ihre Begleiterin ihre Bauerkleider wieder foderte um nicht durch
zu langes Aussenbleiben sich noch schwerere Strafen zuzuziehn als ohnehin ihrer
warteten so bestund doch die Baronesse darauf dass sie ihr den bäurischen Anzug
gegen ihr Negligé überlassen zu ihrer Mutter die auf dem nächsten Dorfe
wohnte gehen und sie dort erwarten sollte Das Mädchen wusste sich aus dem
Vorschlage nichts zu machen glaubte zwar aus angewöhntem Gehorsam dass sie
einer Baronesse aufs Wort folgen müsse sah aber doch auch einige unangenehme
Szenen von s derjenigen voraus die diesen Gerhorsam missbilligen könnten
Da nichts half überwand sie die Baronesse durch eine Lüge »Närrin« sprach
sie »ich will meinem Onkel eine heimliche Freude machen Morgen ist sein
Namenstag ich will mich bei deiner Mutter als eine Bäuerin anziehen gegen
Mittag wird die Tante mit ihm ins Dorf kommen und ich werde ihm einen
Blumenstrauß überreichenEr wird mich vermutlich nicht kennen da wollen wir
rechte Freude haben Die Tante hat mirs selbst befohlen und ich wollte dirs
anfangs nicht sagen aus Furcht du möchtest plaudern«
Nun war das Mädchen auf allen Seiten sichergestellt hüpfte und freute sich
über den Spaß und glaubte dass Gehorsam gegen den Vogt dem Gehorsam gegen die
Gräfin und Baronesse nachstehen müsse sie schlich durch Büsche und Sträucher
um nicht gesehen zu werden in dem weißen Negligé zu ihrer Mutter und verkündigte
ihr mit lauten Freuden den hohen Besuch der die heute noch beehren würde Die
gute Mutter hatte so wenig Romane gelesen als ihre Tochter und argwohnte also
nichts Schlimmes Kaum war die überredete Dirne fort so begab sich die
Baronesse ins Kabinett um Heinrichen zu erwarten
Der arme Bursche hatte endlich nach manchem Kampfe mit sich selbst nach
langem Hin und Herwanken seinem Herze einen Stoß gegeben und sich auf den Weg
gemacht allein da es ihm nicht möglich war Schwingern zu entfernen so ließ er
sein Reisebündel im Stiche Sein Freund las in einem Buche den Rücken nach der
Tür gekehrt gern wäre er ihm um den Hals geflogen aber er musste sich mit einem
stillen Abschiede begnügen er warf ihm einen Kuss stillschweigend zu und ging
mit betränten Augen die Treppe hinunter Schwinger las mit voller Aufmerksamkeit
und wurde sein Weggehn nicht einmal gewahr
Die erste Empfindung bei seinem Eintritte ins Kabinett war Erschrecken weil
er jemanden anders zu finden glaubte als er wollte aber die Stimme der
Baronesse benahm ihm bald seine Besorgnis Sie war voller Freude so entzückt
als wenn der Streich schon gelungen wäre und tadelte ihn wegen der
Ängstlichkeit womit er einen schlimmen Ausgang befürchtete wegen der
Traurigkeit in welche ihn die Trennung von Schwingern versetzte Auch der
Gedanke wie nachteilig eine heimliche Flucht seiner Ehre sein könne fuhr ihm
oft wie ein Schwert durchs Herz tiefsinnig von innern Kämpfen herumgetrieben
stund er da und Ulrike konnte ihn mit allem Zureden aller ihrer Freudigkeit
nicht ermuntern er wollte sich selbst in einen freudigen Taumel versenken aber
es ging nicht in seinem Kopfe standen alle seine Nachbarn und Bekannten in
großen Haufen beisammen redeten von seiner Flucht und scholten ihn einen
Entläufer
Was weder Wille noch eine Leidenschaft sonst vermag kann bekanntermassen die
Liebe Sie mussten in dem Kabinette bis zur völligen Dunkelheit eingesperrt
bleiben was war in diesem Zeitraum natürlicher als dass man sich mit einigen
Szenen künftiger Glückseligkeit unterhielt Die Baronesse verfertigte schon ein
ganzes vollständiges Gemälde davon und begeisterte Heinrichs Einbildungskraft so
stark dass er auch das Gemälde durch manchen reizenden Zug verschönerte Ebenso
natürlich kamen sie allmählich auf Szenen vergangner Glückseligkeit und ehe man
sichs versah waren Heinrichs Gedanken bei dem schönen marmornen Knie der
Baronesse das ihm Amor einst unter der Linde als sie den ersten Vorsatz zur
Flucht fassten bei einem Falle zeigte
seine Phantasie malte es vollends aus schöner und herrlicher wenigstens
reizender als Korreggio und van der Werft eins geschaffen haben seine
Begierden wurden durch das Bild befeuert und rissen die Hand hastig zu einer
Verwegenheit hin schnell zog sie die Scham zurück und aus der Verwegenheit
wurde eine zärtliche Umarmung Das Bild wich nicht von der Stelle aus seinem
Kopfe er schalt sich selbst wegen seiner Schüchternheit die Begierde brach zum
zweitenmal durch die Hand rüstete sich zu einer zweiten Verwegenheit und die
Scham lenkte sie mitten auf ihrem Wege zu der Hand der Baronesse aus der
Verwegenheit wurde ein feuriger Händedruck Wie ein durchbrechender Strom
sprengte plötzlich sein Blut alle Ventile durch alle Nerven bebten von
ungewohnten Schwingungen die Begierde siegte zum dritten Male er warf sich
ungestüm an ihre Seite undküsste sie Die Baronesse stritt mit den nämlichen
Empfindungen der süße Schauer der sie durchlief als er unter der Linde mit
dem Gesichte auf ihrem Busen ruhte kehrte bei jeder leisen Berührung zurück
sie wünschte ihn wiederholt zu fühlen und doch ließ sie die Schamhaftigkeit
nichts tun als bei jeder Annäherung schüchtern den Busen an ihn drücken einmal
wagte sie ihm mit einer Umarmung zuvorzukommen und eine glühende Röte deckte
ihr Gesicht als sie geschehen war Die kindische Dreistigkeit war dahin
Die Kleidung der Baronesse war ungemein geschickt Begierden zu entflammen
und wenn sie einmal brannten nicht leicht erlöschen zu lassen Ihr Busen war
mehr als halb offen
das Halstuch war nur leicht darüber gelegt und durch kleine Bewegungen
merklich verschoben der kurze bäuerische Rock deckte kaum einen handbreiten
Raum unter den Knien
die Arme waren bloß und leuchteten in der Dämmerung des Kabinetts mit
verdoppelt blendender Weiße wie Schnee in der Nacht Dunkelheit und Stille die
beiden Vertrauten der Einbildungskraft erhöhte bei beiden Verliebten
Reizbarkeit und Reiz der Baronesse deuchte Heinrich ein Genius ein Apoll
seine feurigen Augen glänzten ihr wie ein Paar Sterne und sein Gesicht wie ein
beseelter Marmor seine niedlichen Hände schienen ihr wohlgebildeter ihr Druck
sanfter und seine Stimme lieblicher es war für sie der leibhafte Amor
Als wenn unsichtbare Mächte sie zueinander hinrissen strebte kämpfte
arbeitete ein jedes dem geheimen Zuge zu widerstehn und zu folgen jedes
Abendlüftchen das durch die alten zerbrochenen Fensterscheiben hereinschlich
schien ihnen mit der Stimme eines Liebesgottes zuzuflüstern »Seid kühn und
unverschämt« und mit jedem Herzschlage ertönte in ihnen ein strenger Befehl
»Wagt nichts« Aber der Rat der Liebe überstimmte jeden Gedanken sie schlang
in einem Augenblicke beider Arme um beider Schultern warf Heinrichs Gesicht auf
den klopfenden Busen in welchen er einst den Schmerz seiner gekränkten Ehre
weinte führte seine verwegne Linke zu dem Saume des Rockes und plötzlich
öffnete sich die Tür die beiden Verliebten erwachten durch das Geräusch aus der
Trunkenheit und vor ihren Augen stand der Graf Jakob und sein Vater Ihr
gemeinschaftlicher Feind war Heinrichen nachgeschlichen als er zur
Zusammenkunft ging hatte sobald sie beide im Kabinette waren die Tür außen
leise verriegelt seinem Vater die Einsperrung angezeigt der nicht zauderte
die empfangne Nachricht dem Grafen mitzuteilen und der Graf musste weil ers
verlangte sich von ihm und dem Angeber an den Ort führen lassen sie besetzten
die Tür und Jakob und sein Vater waren sogar mit langen Kutscherpeitschen
bewaffnet
Der Graf konnte vor Zorn nicht schelten sondern brauste und schnaubte bloß
den Befehl heraus sie zu fangen und ins Haus zu führen Jakob rückte vorwitzig
an glaubte die Peitsche nicht vergebens führen zu müssen und holte mit der
süßesten Schadenfreude der Rachsucht einen Streich aus der Heinrichs Kopf
treffen sollte doch sein Gegner war schnell fasste die lange Peitsche die in
dem engen Raume schlecht regiert werden konnte mit der Hand auf als sie eben
auf ihn herabfallen wollte bemächtigte sich ihrer und stieß den entwaffneten
Feind der nunmehr einen Angriff mit der Faust wagte zurück dass er seinem
hereintretenden Vater in die Arme stürzte und die ganze Armee um ein paar
Schritte rücklings in die Flucht trieb Jakobs Vater ergrimmte fuhr mit blinder
Wut auf den Feind los allein das sogenannte Kabinett wo die Belagerung
geschah war vor alten Zeiten ein Schiesshaus gewesen und hatte folglich in dem
Geschmacke dieser alten Zeiten sehr niedrige Türen der erboste Maulesel verlor
in der Hitze das Augenmass und rennte mit der ganzen Stärke des Angriffs seinen
Kopf wider den obersten Querbalken der Türöffnung dass er vor Schmerz ächzte er
fuhr zurück ließ die Peitsche sinken lehnte sich an die Wand und hielt mit
beiden Händen seinen sinnlosen Kopf den er für zerbrochen achtete Um die
Wunden seines Vaters zu rächen raffte sich der Sohn auf und griff so schnell
zu dass er mit einer Hand Heinrichen an der Brust festhielt und mit der andern
nach der Kehle griff ob er sie ihm zudrücken oder was er sonst tun wollte
weiß der Himmel Die Baronesse sah ihren Heinrich kaum in so großer Gefahr als
sie den Feind bei den Beinen fasste und sie ihm so hastig wegrückte dass er
seinen Schwerpunkt verlor und rückwärts auf die Backsteine daniederschlug alle
vier Winkel des Kabinetts warfen wie sein Hirnschädel den Fußboden traf den
leeren Schall einer hölzernen Büchse zurück zwar wollte er im Hinstürzen auch
den Feind mit sich herabziehen und er hatte ihn bereits zum Sinken gebracht
allein die Baronesse stach mit einer Stecknadel wie mit einem Speere so
heldenmässig auf die umklammernden Hände dass sie blutend ihre Beute
fahrenliessen
Itzt lag ein Feind wimmernd auf der Erde der andere trug ächzend den
geschmetterten Kopf in den Händen der Graf allein war noch frisch und gesund
aber zu steif um ohne Beistand die Belagerung mit Nachdruck fortzusetzen die
Belagerten nahmen des Vorteils wahr und drangen Hand in Hand zur Tür heraus Der
Graf hielt es für eine Flucht und warf ihnen in der letzten Verzweiflung des
Zornes mit ohnmächtiger Gravität sein Rohr nach das lichtbraune Rohr für
zwanzig Dukaten in Holland gekauft stolperte wie ein Pfeil von einer schlaffen
Sehne abgeschossen zwei Schritte von dem Wurfe auf das Steinpflaster hin und
die porzelläne Sirene mit zwei vollwichtigen Karldoren auf der Stelle bezahlt
brach den Hals ihr schöngekrümmter Schwanz prellte in zehn Stücken empor und
der weitbauchichte Leib riss sich von dem vierfarbichten goldnen Ringe los dass
die Eingeweide von Werg aus dem gespaltnen Bauche hervorquollen Der Graf hörte
den tönenden Fall der geliebten Sirene und beklagte ihn mit einem
lautschallenden »Ach«
Doch jetzt war es nicht Zeit zu Klageliedern kaum war das Ach über die
Lippen so setzte er schon den Fliehenden in einem halben Galoppe mit krummen
Knien und ausgespreiteten Beinen nach erwischte die Baronesse bei dem
streifichten groben Rocke und bildete sich ein sie von einer schändlichen
Entfliehung auf immer zurückgeholt zu haben ob sie gleich schon völlig still
stunden und nichts weniger als fliehen wollten die Heldentat hatte ihm so viel
Anstrengung gekostet dass er dreimal keuchte ehe er seine Truppen zum Beistande
rief
»Wir werden uns beide nicht weigern zu gehen wohin wir sollen« fing
Heinrich an »wenn nur diese beiden Spitzbuben uns nicht berühren dürfen kommt
uns einer zu nahe so muss er sterben oder ich« Diese sechzehnjährige Tapferkeit
begeisterte die Baronesse doppelt »So muss er sterben oder wir« wiederholte sie
mit der Heldenstimme einer Amazonin Jakob und sein Vater hatten genug mit ihren
Köpfen zu tun um sich der Drohung zu widersetzen sie lasen auf Befehl des
Grafen das beschundne Rohr und die Trümmer des Knopfes auf und die beiden
feindlichen Heere langten also mit zwei Verwundeten und einer toten Sirene im
Schloss an Die Baronesse wurde von ihm selbst in ihr Zimmer gesperrt und ein
Heiducke zur Wache davor gestellt Heinrich auf der Stelle dem andern Heiducken
übergeben um ihm vor dem Zimmer der Baronesse dreißig lautschallende
Stockschläge zu erteilen und nach richtigem Empfange aus Schloss und Herrschaft
auf ewig nebst aller seiner männlichen und weiblichen Nachkommenschaft bis ins
dritte und vierte Glied zu verweisen Der Heiducke fand seine Ehre durch den
Auftrag beleidigt und schlug ihn mutig aus aus der Ursache weil er kein
Henkersknecht oder Büttel sein wolle
Während dass der Graf so sein Richteramt pflegte und keinen Exekutor seiner
Sentenz finden konnte denn alle Bedienten liefen davon um nicht dazu
aufgerufen zu werden kam Schwinger herbei er hatte Heinrichen weil er ihn
zu lange vermisste aufsuchen wollen Der Graf stürmte ihm mit Verweisen seiner
schlechten Aufsicht entgegen und mutete ihm die Ausübung seines Urteils zu der
gute Mann entschuldigte sich tat Vorstellungen wider die Strenge desselben und
bat um Untersuchung wie sehr der junge Mensch strafbar sei der aufgebrachte
Graf war gegen alle Vorstellungen taub Er schickte den triumphierenden Jakob
der vor Verlangen brannte die Exekution selbst zu vollstrecken wenn nicht der
Graf zuviel Misstrauen gegen die Stärke seiner Arme gehabt hätte noch einmal
aus herbeizurufen wen er nur fände aber er kam mit der Nachricht zurück dass
niemand zu finden sei aus Liebe für Heinrichen und aus Groll gegen seine
Widersacher hielt sich jedermann versteckt und lief willig Gefahr sich einen
derben ungnädigen Verweis zuzuziehn Heinrich sah das ganze Vorspiel zu seiner
Züchtigung unerschrocken an und die eingesperrte Baronesse hätte vor Ungeduld
und Besorgnis die Tür mit den Zähnen durchnagen mögen
Da also von allen Seiten Unmöglichkeit war das gesprochne Urteil zu
vollstrecken so ließ mans bei der Verweisung bewenden »Schaffen Sie den
Schurken den Augenblick aus dem Schloss« sagte der Graf zu Schwingern »morgen
in aller Frühe soll er die Stadt meiden und sich nimmermehr wieder in meinen
Landen betreten lassen« In meiner Herrschaft wollte der Herr Graf sagen
allein es entwischte ihm zuweilen der Ausdruck eines Souveräns Der Schurke fuhr
durch Heinrichs ganze Seele mit einer verwundenden Schärfe er rüstete sich
schon zu einer Antwort doch Schwinger riss ihn mit sich hinweg um ihn zu seinen
Eltern zu führen Die Baronesse lief wie unsinnig in dem verschlossnen Zimmer
herum als sie hörte dass er fortging riss das Fenster auf ihm nachzusehn der
Himmel weiß ob nicht auch ihm nachzuspringen foderte mit zornigem Ungestüm
von den apfelgrünen Wänden des Zimmers ihren Heinrich zurück denn sonst konnte
sie niemand hören
Der Graf erhub sich von seinem Richterplatze geradeswegs zur Gräfin die
gute Dame saß am offenen Fenster und stund auf als er zu ihr herintrat weil sie
glaubte dass es der Bediente sei der ihr die Abendmahlzeit ankündige Wie
erschrak sie als ihr die Stimme ihres Gemahl entgegenbrauste »Da haben Sie
die Frucht Ihrer Liebe Ihrer übel angewandten GnadeAn Ihnen sollt ich meinen
Zorn zuerst auslassen Sie sind die einzige Ursache unsers Unglücks«
Die Gräfin erschrak weil sie nichts von dem Vorfalle wusste fasste sich
gleich wieder und küsste seine Hand »Mildern Sie meine Strafe gnädiger Herr«
sprach sie mit bittendem Tone »Ich weiß zwar nicht wodurch ich Ihre Ungnade
verdient habe « »Wodurch« unterbrach sie der Graf hastig »Dass Sie wider
meinen Willen einen Jungen aufs Schloss nahmen der unser Haus entehrt hat Dass
Sie bei jeder Gelegenheit seine Beschützerin wurden wenn ich darauf drang ihn
fortzujagen«
Die Gräfin Ich hätte freilich voraussehen können dass es üble Folgen haben
müsste wenn ich etwas liebte und verteidigte das Ihnen missfällt Aber Sie
verzeihen ja meiner Schwäche täglich
Der Graf Und Sie sollten einmal aufhören Verzeihung nötig zu haben
Die Gräfin Freilich könnt ich durch Ihre Lehren und Ermahnungen weise
geworden sein allein ich bin einmal so unglücklich dass ich Ihre Gnade nicht
verdienen soll
Der Graf Und doch wärs Ihnen so leicht Wenn Sie nur hörten nur folgten
und zwar zu rechter Zeit
Die Gräfin O ich elende Frau Ich weine manche Träne über meinen
Ungehorsam
Der Graf Aber ich will in Zukunft alle Achtung gegen Sie vergessen ich
will meinen Willen durchsetzen wenns Ihnen auch noch so wehe tut
Die Gräfin Ich bitte Sie darum gnädiger Herr Beugen Sie das verzärtelte
Kind mit Strenge Ihre Nachsicht verdirbt mich Behandeln Sie mich als eine
Blödsinnige die sich nicht selbst regieren kann sondern regiert werden muss
Lassen Sie mich nie einen Willen haben
Der Graf Das soll geschehen Ich will mich zwingen grausam gegen Sie zu
sein Wenn Sie nur erkennen wollten wieviel Güte eine solche Grausamkeit ist
Die Gräfin Mit Freuden gnädiger Herr Ich werde meine angelegenste
Bemühung daraus machen dies einsehen zu lernen Darf ich indessen auch jetzt
eine Verzeihung hoffen die Sie mir so oft haben angedeihen lassen Haben Sie
Mitleid mit meiner Reue gnädiger Herr
Der Graf reichte ihr stolz die Hand zum Kusse dar und setzte mit halb
entwaffnetem Zorne hinzu »Wenn Sie nur durch Ihre Reue das Übel ungeschehen
machen könnten«
Die Gräfin Für das Geschehne kann ich freilich nicht aber für die Zukunft
Ich will Heinrichen in dieser Minute selbst ankündigen dass er noch heute zu
seinen Eltern zurückkehren soll
Der Graf hielt sie zurück »Das ist längst geschehen« sagte er »Er ist
fort aber das Unglück das er gestiftet hat bleibt zurück«
Die Gräfin stutzte es tat ihr leid dass man Heinrichen wie sie besorgen
musste vielleicht zu hart verabschiedet hatte um soviel mehr da sie sich bloß
darum selbst zu seiner Verabschiedung erbot um sie nicht zu empfindlich zu
machen
demungeachtet verbarg sie ihren Missfallen und dankte dem Grafen sehr
freudig dass er ihr ein unangenehmes Geschäfte erspart habe
»Warum unangenehm« fuhr der Graf auf »Können Sie dem Buben noch immer Ihre
Gnade nicht entziehen Er ist sie nicht wert sag ich Ihnen«
Die Gräfin Er kann die meinige nicht einen Augenblick länger behalten da
er die Ihrige nicht hat Ich hasse ihn
Der Graf So werden Sie ihn verfluchen wenn Sie das Bubenstück wissen
Die Gräfin Verschonen Sie mich damit gnädiger Herr Es schmerzt mich
ohnehin genug dass ich meine Gewogenheit so lange an einen Unwürdigen
verschwendet habe
»Sie müssen es wissen« fiel der Graf ein und erzählte ihr die gemachte
Entdeckung nach der Länge und beging dabei den gewöhnlichen Kunstgriff oder
Fehler was es unter diesen beiden bei ihm war will ich nicht bestimmen dass
er die gemutmassten Bewegungsgründe der entdeckten Zusammenkunft für ertappte
Wahrheit ausgab er wusste gewiss dass sie hatten entfliehen wollen ob ers
gleich im Grunde nur als eine Möglichkeit vermuten konnte er wusste gewiss was
im Kabinett zwischen den beiden Verliebten vorgegangen war und fürchtete
Folgen schreckliche Folgen für die Ehre seines Hauses Die Gräfin fürchtete sie
aus Gefälligkeit mit ihm wiewohl sie im Herzen ganz das Gegenteil glaubte sie
opferte dieser traurigen Gefälligkeit die arme Baronesse auf und dachte ihren
Gemahl am sichersten wieder auszusöhnen wenn sie nichts zu ihrer Verteidigung
oder Entschuldigung sagte sondern sich ohne Verhör und Untersuchung wie der
Graf zu verfahren pflegte zu ihrer Strafe mit ihm vereinigte
Die erste Strafe die der Stolz dem Grafen eingab war die Verbannung aus
seiner Gegenwart und von seinem Schlossin seinen Augen das Empfindlichste was
jemanden begegnen konnte Ulrike sollte in diesem Leben sein gnädiges Angesicht
nicht wieder schauen aber wohin mit ihr Wäre es ihm nach gegangen so hätte
sie zu ihrer Mutter wandern müssen doch die Gräfin die aus Liebe zur Baronesse
dies nicht wünschte stellte ihm vor dass es für die Baronesse eine unendlich
größere Bestrafung sein müsste wenn man sie an einen ganz fremden Ort täte und
sie also noch weiter aus der Gegenwart des Grafen verbannte Die Vorstellung
schmeichelte ihm und man beschloss sie entweder zu einer alten Anverwandtin
nach Berlin oder zu einer andern nach Dresden zu schicken und Pension für sie zu
bezahlen »Um doch die gute Erziehung die ihr der Graf Ohlau bisher gegeben und
deren sie sich sowenig würdig gemacht habe einigermaßen fortsetzen zu lassen«
gab die Gräfin zur Ursache an Auch das schmeichelte ihm und also wurde auch
das bewilligt es sollte an die beiden alten Damen geschrieben werden und
welche sie für die geringste Pension zu sich nehmen wollte die sollte die Ehre
haben dies Meisterstück seiner Erziehung vollends auszubilden Die Baronesse
musste einige Tage Arrest auf ihrem Zimmer halten wurde von der Gräfin heimlich
über ihre Zusammenkunft verhört und in Ansehung ihrer Liebe unschuldig befunden
das heißt sie war bei aller Unschuld schlau genug die Zusammenkunft für eine
Wirkung des Zufalls und die Umtauschung der Kleider mit der Magd für einen Spaß
auszugeben wodurch sie Heinrichen hätte in Verlegenheit setzen wollen Die Not
machte sie so erfinderisch dass sie ihrer Lüge den völligen Anstrich von
Wahrheit gab Die Gräfin hielt es für ausgemacht dass ihr Gemahl seinen Argwohn
einmal übertrieben und Dinge gesehen habe die er nur mutmasste und war beinahe
willens ihn durch ein paar Schmeicheleien zur Widerrufung seines strengen
Edikts zu bewegen doch da ihr der Aufenthalt in einer großen Stadt vorteilhaft
für die Baronesse schien so schmeichelte sie ihm nicht und ließ ihn aus Ungnade
eine Wohltat erzeigen
Sechstes Kapitel
Wie der Graf seinen Argwohn übertrieb so übertrieb Schwinger die Gutmütigkeit
er mutmasste nicht einmal etwas Strafbares in der entdeckten Zusammenkunft und
in der festen Überredung dass seinem Freunde Unrecht geschehe tröstete er ihn
unterwegs und ermahnte ihn zur gelassnen Ertragung eines Unglücks das ihm
Jakobs Bosheit und seine eignen Verdienste vermutlich zugezogen hätten »Durch
Standhaftigkeit allein kannst du deine schadenfrohen Feinde demütigen lass dir
nicht eine Klage über dein Schicksal entwischen Leide und freue dich ihnen zum
Trotze über deine Leiden Ein Kopf und so viele Tätigkeit wie du besitzest
überwinden Feinde und Schicksal« so sagte der gute Mann und ging mit ihm zu
seines Vaters Hause hinein
Er vermutete von s der Eltern einige sehr betrübte Auftritte wenn er
ihnen Heinrichs Verweisung ankündigen würde und machte sich deshalb auf eine
Trostpredigt gefasst wie erstaunte er dass er mitten in seinen Tröstungen
verstummte als sich das Gesicht des alten Herrmanns immer mehr aufheiterte je
mehr er von dem gesprochnen Urteil über seinen Sohn erfuhr Er ließ vor Freude
Schwingern nicht ausreden sondern fiel seinem Sohn um den Hals und rief in
unaufhörlichem Vergnügen »So ist mirs recht so ist mirs gelegen Nun kann
etwas aus dir werden Junge Ich hab es dem Grafen mit dem Teufel Dank gewusst
dass er dich zu einem Stockfische machen wollte wie er samt allen den
Schlaraffengesichtern ist die ihm den ganzen Tag die Pfoten küssen und den
Rockzipfel lecken Nun kann etwas aus dir werden Fort mit dir in die weite
Welt Wer da nicht klug wird ist eine Gans von Hause aus so ist dein Vater zum
gescheiten Kerle geworden«
Schwingern drückte er so dankbar die Hand als wenn er die glücklichste
Botschaft überbracht hätte ließ ihm nicht Ruhe bis er sich niedersetzte und
eine Pfeife mit ihm zu rauchen versprach »Nillchen« rief er »Nillchen«
Nillchen antwortete nicht Fama die in solchen kleinen Städten nur in die
Posaune zu hauchen braucht um etwas das in den verborgensten Kammern eines
Hauses vorgefallen ist zu jedermanns Wissenschaft zu bringen hatte das Urteil
des Grafen so warm als es aus seinem Munde hervordrang in jedes Paar Ohren
das nicht taub war von einem Ende des Städtchens bis zum andern ausgerufen und
das arme Nillchen dem dieser Ruf auch in die Ohren geschallt hatte sank in
einem der Ohnmacht ähnlichen Schrecken dahin als sie in der Küche ihrem
gewöhnlichen Zufluchtsort bei bedrängten Umständen Schwingers Botschaft hörte
Kein schrecklicher Unglück konnte ihr in der Welt begegnen als eine solche
Beschimpfung und ihre Augen strömten wie aufgezogene Schleusen von ihrem
weiblichen Tränenvorrate große Bäche dahin
»Nillchen Nillchen« rief der Mann noch einmal voller Ungeduld lief in die
Küche und zog sie bei dem Arme in die Stube Schwinger als er ihre Betrübnis
wahrnahm setzte sich in Positur seine Trostpredigt bei ihr anzubringen allein
der Mann hieß ihn schweigen »Was da« sprach er »was trösten betrüben und
Possen Nillchen ich habe heute große Freude an meinem Sohne erlebt ich will
mir mit dem Herrn da eine Güte dafür tun Hier hast du einen ganzen Gulden geh
zum Apotheker und lass dir von seinem besten Weine und von seinem besten Knaster
soviel geben als er dir dafür geben kann und zwei Pfeifen so lang wie ich
Der Tag ist so gut wie dein Geburtstag Heinrich Und Nillchen« fuhr er fort
als er sie schluchzen hörte »wenn du noch einmal so ein Gesicht machst und so
grunzest und nicht gleich freundlich aussiehst wie ein Maikätzchen mit dem
Ohrzipfel nagle ich dich hier an den Tisch an Geh und komme gleich wieder«
Schwinger wollte die Gasterei höflich verbitten allein Herrmann versicherte
ihm dass er ihn einmal mitten in einer Predigt öffentlich in der Kirche einen
Schurken nennen wollte wenn er sein Traktament nich annähme und er musste sich
darein fügen
Wein Tabak und Pfeifen langten an und das Gastgebot wurde eröffnet
Nillchen setzte sich in den Winkel um ungestört ihrem Kummer nachzuhängen ihr
Mann foderte sie zum Trinken auf sie schlug es seufzend aus »Nillchen« fuhr
er auf »dich soll der Teufel holen wenn du nicht in der Minute lustig wirst
dem Grafen zum Trotze solls heute hoch bei uns zugehn Herr Schwinger Sie
klimpern ja auf dem Klavier spielen Sie auf Nillchen soll mit mir tanzen«
Schwinger wurde mit Gewalt zum Klavier geführt und ihm befohlen einen
lustigen extralustigen Tanz zu spielen Nillchen wollte entwischen allein er
fasste sie bei dem Arme dass sie vor Schmerz schrie und schleppte sie die lange
Pfeife im Munde tanzend die Stube auf und nieder Sie wollte nicht trinken und
er flößte ihr das Glas ein Der goldne Trank tat seine Wirkung sie fühlte ihr
Herz um ein Glas Wein leichter und ging diesem Tröstungsmittel nachdem sie es
einmal gekostet hatte so lange nach bis ihr der Kopf so schwer wurde als ihr
vorher das Herz gewesen war Der alte Herrmann hatte die ausgeleerte Flasche
durch eine andre ersetzt und die ganze Gesellschaft war aufgeräumt wie an einem
Hochzeitstage Schwinger wartete die Lustbarkeit nicht bis zum höchsten Grade
des Vergnügens ab sondern stahl sich hinweg um einen Versuch zu machen ob
sich nicht bei der Gräfin für Heinrichen ein Reisegeld oder vielleicht gar eine
kleine Pension auswirken ließ wenigstens so lange bis er sein Unterkommen
gefunden hätte
Auch war er in seinem Gesuche glücklich er passte gerade die Zeit ab als
die Gräfin von Tafel in ihr Zimmer ging stellte sich ihr in den Weg und bat nur
um einige Minuten Audienz Die Gräfin die bei dieser Unterredung eine Fürbitte
für den exilierten Heinrich vermutete und besorgte dass auch andre sie vermuten
möchten sah sich auf allen Seiten um ob nicht etwa eine Kreatur von dem
Maulesel in der Nähe sei und da sich kein solches gefährliches Tier blicken
ließ erlaubte sie ihm aber noch immer nur verstohlnerweise sie in ihr
Zimmer zu begleiten Das Gespräch eröffnete sich zwar auch mit einigen doch
sehr gemässigten Vorwürfen über Schwingers schlechte Aufsicht doch gestund sie
ihm selbst zu dass ihr Gemahl sich in seinem Argwohne übereilt oder vielmehr von
Heinrichs Feinden habe zur Übereilung verführen lassen Der nämliche Mund der
dem Verwiesenen vorher in des Grafen Gegenwart alles Verdienst abgesprochen und
zum unwürdigen Buben erniedrigte stimmte jetzt mit Schwingern in sein Lob ein
sie bedauerte ihn hoffte dass die Entfernung von seinen Feinden zu seinem
Glücke gereichen werde und als Schwinger auf den eigentlichen Punkt kam und sie
um eine Beisteuer für ihn bat so wurde sie durch seine Vorstellungen und seine
Freundschaft für den jungen Menschen so gerührt dass sie lebhaft wünschte etwas
zu seinem Fortkommen beitragen zu können Schwinger fachte die glimmende
Empfindlichkeit vollends an dankte in seines Freundes Namen für ihre bisherigen
Wohltaten mit vieler Beredsamkeit und setzte hinzu dass er ihm ein kleines
Monatsgeld aus seinem eignen Beutel bestimmt habe Nun fing sie Feuer sie hielt
es für entehrend dass der Informator eine Wohltätigkeit fortsetzen sollte die
sie angefangen hatte »Sie sollen ihm nichts geben« sagte sie »ich verbiete
es Ihnen Er soll das Monatsgeld von mir empfangen hab ich so weit für ihn
gesorgt will ichs auch weiter tun Aber es bleibt unter uns beiden wenn ein
Wort davon zu meines Gemahls Ohren kommt so hört die Wohltat auf«
Sie gab ihm darauf vier Louisdor Reisegeld für Heinrichen und die
Versicherung ihrer Gnade wenn sie der junge Mensch durch seine Aufführung
verdienen werde Schwinger bat um einen Tag Urlaub um seinen Freund zu
begleiten erhielt ihn doch unter der Bedingung niemanden es merken zu lassen
schaffte sobald alle Anhänger der Gegenpartei zu Bette waren Heinrichs Sachen
zu seinen Eltern brachte die Nacht bei ihm zu um ihn in aller Frühe in seiner
Verweisung bis zum letzten Dorfe der Herrschaft zu begleiten
Bei Heinrichen wurden durch diese Güte alle Schmerzen der Trennung von neuem
aufgewiegelt sosehr ihn auch sein Vater durch Beispiel und Ermahnungen zur
Lustigkeit ermunterte so blieb er doch sprachlos niedergeschlagen und oft
wenn ers am wenigsten vermutete überwältigte ihn die Betrübnis bis zu Tränen
Schwinger tat ihm den Vorschlag sich nach Dresden zu wenden weil er ihm an
zwei dortige Freunde beide Advokaten Empfehlungsbriefe mitgeben könne die ihm
vorderhand bis sich etwas Bessres fände den Platz eines Schreibers verschaffen
sollten Heinrich der einmal von der Baronesse gehört hatte dass man sie nach
Dresden tun wolle ergriff den Vorschlag mit solcher Hastigkeit dass Schwinger
darüber stutzte Der Vater war durch den Wein in die einwilligende Laune
versetzt worden die Mutter konnte vor Traurigkeit weder billigen noch
verwerfen Sie saß im Winkel den Kopf niederhängend und benetzte die
netteltuchne Schürze mit ihren Zähren der Alte saß am Tische nickte und
schnarchte Schwinger schrieb die Briefe und Heinrich der sich nicht
entschließen konnte sich niederzulegen saß tiefsinnig in einer andern Ecke
seine Einbildungskraft schweifte durch die Gefilde seines künftigen Glücks oder
Unglücks und wurde nicht selten durch Intermezzos von Schluchzen und Weinen
unterbrochen Schwinger als er mit seiner Arbeit fertig war konnte auch zu
keinem Schlafe gelangen und vermehrte die stumme betrübte und nur silbenweise
sprechende Gruppe durch eine neue stumme Person
Um die Abschiedsszene weniger angreifend zu machen wollte er die Mutter
entfernen und dann heimlich mit ihm fortwischen aber es war unmöglich Als man
sich zum Abmarsche in Bereitschaft setzte fiel der alte Herrmann dem Sohne um
den Hals »Junge« sagte er »mach es wie dein Vater Lebe in den Tag hinein und
lerne nichts mehr als du brauchst um zu leben Lerne eine Profession ein
Handwerk eine Kunst alles was du willst und was du umsonst lernen kannst Nur
lass dir nicht den Satan durch den Kopf fahren dass du ein Gelehrter oder ein
vornehmes Tier werden willst Oder ich erkenne dich nicht für meinen Sohn Ich
bin aus meines Vaters Hause mit acht Groschen gegangen und fortgekommen ich
gebe dir sechzehn und du bist nicht wert dass dich die Sonne bescheint wenn du
über Not klagst Nimm dich vor vornehmen Leuten und Dummköpfen in acht geh
ihnen aus dem Wege wie dein Vater Nun packe dich und leb wohl«
Die Mutter konnte den Abschied nicht aushalten und wollte sich in die Küche
begeben doch ihr Mann zog sie zurück »Nillchen« rief er mit drohendem Finger
»wenn du nicht gleich lachst so prügle ich dich wie eine Korngabe Lache sag
ich dir« Sie wurde erbittert riss sich los und wanderte in die Küche dem
Sammelplatze ihrer Tränen
Unterwegs stellte ihm Schwinger das Reisegeld der Gräfin zu doch ohne etwas
von dem versprochnen Monatsgelde zu entdecken auf dem Dorfe wo sie scheiden
wollten erkundigte er sich nach der Post bezahlte einen Platz für ihn und wies
ihm eine Stube an wo er ein paar Tage warten sollte bis sie abgehen würde
Nachmittags schlich er sich davon
den Schmerz des Abschiedes traute er sich nicht auszuhalten Auf dem
Rückwege fasste er den Entschluss Heinrichen sobald er eine Pfarrstelle haben
würde zu sich zu nehmenund mit diesem Vorsatze ging er ins Schloss wie ein
Witwer ins Trauerhaus zurück
Schwinger hatte bei Heinrichen eine Betrübnis bemerkt die er anfangs auf
niemanden als auf sich selbst zog noch bei dem Abschiede trug er ein
außerordentliches Verlangen wenigstens auf ein paar Minuten wieder ins Schloss
zurückkehren zu dürfen er wünschte das mit so vieler Sehnsucht und so
zitternder Ängstlichkeit dass Schwinger selbst nunmehr Argwohn schöpfte doch da
seine wiederholten Fragen nichts Bestimmtes aus ihm herauszubringen vermochten
so maß ers derjenigen Liebe bei die ein Ort für sich in uns erweckt an
welchem man sich die ersten sechzehn Jahre seines Lebens wohl befunden hat Du
guter Schwinger Dem Orte gehörte nicht der zwanzigste Teil des Schmerzes
Ulrike und die verhinderte Flucht mit ihr war der ganze verborgene Kummer
Indessen gab der Verwiesene den Plan noch nicht auf mit der schmeichelnden
Aussicht dass sie nach Dresden zu einer alten Anverwandtin kommen dass er dort
zu einem Glücke gelangen und es mit ihr teilen werde mit tausend solchen
Hoffnungen denen nur ein sechzehnjähriger der Welt unkundiger Mensch einen
hohen Grad von Wahrscheinlichkeit geben kann stieg er auf die Post Der
Postknecht schwang die Peitsche und die Reise ging fort
Vierter Teil
Erstes Kapitel
Erfüllt mit den süßesten Träumen der Ehre und künftiger Größe in der festen
Überredung dass sich unmittelbar nach seiner Ankunft in Dresden Schwingers
Freunde und alle andre Personen die etwas für ihn zu tun vermöchten um die
Wette beeifern würden seine Einbildungen wirklich zu machen langte der
unerfahrne Jüngling an einem heitren Morgen in der Meissner Gegend an Zwo Nächte
hindurch hatten sich seine Augen keine Minute geschlossen immer wandelten vor
seiner Seele goldne Bilder vorüber bald Liebesauftritte mit der Baronesse bald
Szenen der Ehre doch keine woran nicht Ulrike den Hauptanteil hatte ihr
Besitz war das letzte der vollendete Schluss bei allen Vorspiegelungen seiner
Einbildungskraft sie beleuchtete wie eine Mittagssonne alle seine
Vorstellungen gab ihnen Leben Feuer und Wahrscheinlichkeit spannte alle seine
Kräfte an Er wurde nicht von vier abgelebten Schecken auf dem Postwagen
langsam fortgezogen nein er schwebte in den Wolken die Räder so schwerfällig
sie sich umdrehten rollten ihm schnell dahin wie die Ideen durch seinen Kopf
alles um ihn herum die ganze Postgesellschaft war für ihn vernichtet er war
allein auf der Erde
Der Schaffner fing einige witzige Scharmützel mit ihm an um die verschlafne
Gesellschaft auf seine Unkosten aufzuheitern nicht ein Laut war aus ihm zu
locken Der Mann wurde über die misslungnen Angriffe verdrießlich er verdoppelte
sie und weil er besorgte dass sein Witz für eine so hölzerne Seele wie ihm
Herrmann schien zu fein gewesen sei so machte er ihn jetzt so derb und plump
dass ihn auch der phlegmatischste Dummkopf hätte fühlen müssen nicht eine Silbe
wurde erwidert Inzwischen fielen doch dem Träumer die öfteren Anreden des
witzigen Schaffners allgemach beschwerlich um nicht ferner durch sie gestört zu
werden stieg er aus und nahm einen Platz vorn vor der Kutsche hier quälte ihn
das Mitleid des Postillions der ihm unaufhörlich über seinen schlechten Sitz
kondolierte und endlich gesellte sich sogar der Schaffner dazu und nötigte ihn
mit spottender Höflichkeit auf den alten Platz zurückzukehren und da die Güte
nicht verfangen wollte gebrauchte er sein Schaffneransehen ihn
zurückzubringen und stellte ihm seine Pflicht für die Bequemlichkeit der
Passagiere zu sorgen und die Verantwortung die er ihm durch Beharrung in
seinem Eigensinn zuziehen werde mit so eindringendem Eifer vor dass er nachgab
und den alten Sitz wieder einnahm Nun hagelten witzige Einfälle und Höhnereien
auf ihn los denn der Schaffner hatte der Reisegesellschaft als er ihn
zurückholte das Wort gegeben ihm recht einzuheizen wenn er ihn wieder unter
dem gelben Tuche hätte Endlich da aus dem Klotze schlechterdings gar keine
Antwort zu ziehen war wurde der Mann unwillig er wandte sich mit zorniger
Bewegung zu der übrigen Gesellschaft »Dass der Teufel den Kalbeskopf holte«
sprach er pathetisch »Ich bin doch meiner Seele zwanzig Jahr Schaffner und
habe so manchen aus Afrika und Amerika aus Russland und Petersburg gefahren
aber straf mich Gott so einen Hans Morchel hab ich noch nicht auf meiner
Kutsche gehabt So wahr mich unser Herrgott erschaffen hat es ist ein Pilz
Mich soll der Teufel lebendig speisen wenn ich ihn wieder ansehe« Wirklich
drehte er ihm auch den Rücken zu und sprach die ganze Reise über kein Wort mehr
Itzt eröffnete sich die ganze herrliche Szene des Septembermorgens unser
Reisender war durch Schwingern darauf vorbereitet worden und nahm deswegen
wieder einen freien Platz außer der Kutsche ein Phantastische Felsen in düstern
Schatten gehüllt mit einer Strahlenkrone von der aufgehenden Sonne bekränzt
wanden sich in mannigfaltigen Krümmungen an der linken Seite hin zur Rechten
die breite Fläche der Elbe die für ihn ein Meer war auf ihr einzelne Kähne
langsam daherschwimmend als wenn ihre Regierer noch halbschlaftrunken das Ruder
regierten an ihrem jenseitigen Ufer aufsteigende Berge mit dichtem dunkeln
Buschwerk bedeckt aus welchem die weißen schlanken Birkenstämme hier in
freundschaftlichen Gruppen dort einzeln in ungeselligen Entfernungen
emporstiegen Itzt floh der Fluss von der Straße hinweg ließ am linken Ufer
bunte Wiesen und Fruchtfelder noch halb mit dem Flore der Nacht überdeckt und
wand sich mit der bleifarbenen Fläche nach einem Halbzirkel von Felsen hin sie
nahmen ihn in ihre Arme auf er wurde zum stehenden Meer und schien hier von
seinem Laufe ausruhen zu wollen Die ernste Stille der Nacht beherrschte noch
diese Ruhestätte in feierlichen Reihen standen hohe Eichen breitgewachsne
Buchen und langaufgeschossne Birken übereinander an dem Amphiteater der
zackichten Berge und empfingen mit ehrerbietigem Warten den kommenden Fluss für
Herrmannen war dies eine melancholische Einsiedelei die Öffnungen der Berge
waren ihm Höhlen in einer saß Ulrike und weinte von ihrem stolzen Onkel in
Felsen eingesperrt eine ungeheure See trennte sie und seinen Postwagen seine
Phantasie stimmte bald das Feierliche des Auftritts zur Traurigkeit um
die finsteren Eichen und Buchen standen ihm in Flor tiefsinnig da die
starren Birken hatten weiße Leichengewänder um sich geworfen und stiegen mit
stummer Betrübnis aus dem dunkeln Grunde hervor den die Dämmerung wie ein
ausgebreitetes schwarzes Tuch bedeckte alles trauerte um die einsame
Eingeschlossne und ich bin nicht gut dafür ob er sie nicht endlich gar vor
Schmerz in ihrer Höhle hätte sterben lassen aber sein Wagen wandte sich nach
der linken Seite hin das traurige Amphiteater nahm von ihm Abschied streckte
seitwärts noch einmal den Arm nach ihm aus und verschwand die Pferde setzten
sich bei der Wendung in Trab und das ganze Bild einer gewaltsamen Trennung war
da er seufzte hüllte die nassen Augen in den Mantel und welch ein belebender
Auftritt als er sie wieder aufschlug Die Pferde trabten mit ihm in ein
Paradies hinein Ein langgedehnter rotschimmernder Bergrücken mit wimmelnden
Häusern Türmen Schlössern in weiße Terrassen geteilt woran sich Weinreben
hinanschlangen mit Fruchtbäumen geschmückt lachte ihm wie ein glückliches Eden
entgegen seine überraschte Einbildungskraft schuf jedes Winzerhaus zu einem
Palaste um und erhöhte das lebhafte Kolorit der Natur bis zur Bezauberung aus
einem melancholischen dumpfen Kerker war er plötzlich unter den lachendsten
Himmel versetzt Itzt vergoldete der schiefe Morgenstrahl der Sonne eine
hervortretende Kante während dass der übrige Grund in dunkelrotem Schatten
dalag jetzt blinkte ein weißes Gebäude auf der Spitze am Ende des Horizonts
herab es war ihm ein ferner Marmorpalast von einem Fürsten oder Prinzen
bewohnt
Allgemeine Regsamkeit belebte nunmehr die Szene weitaufgeschürzte
Dorfnymphen gingen scharenweise an die frühe Arbeit ringsum ertönten
freundliche Morgengrüsse allenthalben erschienen fröhliche Gesichter rote
Wangen und fleischvolle nervichte Arme von Gesundheit und Zufriedenheit
genährte Körper Itzt kam ein Trupp alter Mütter das reichliche Morgenbrot in
den Händen mit stillem weisem Ernste besprechen sie sich über Angelegenheiten
der Haushaltung über die schweren Pflichten der Hausmütter über bezauberte
Kälber die nicht wachsen wollen und behexte Kühe die keine Milch geben
obgleich ein doppelt heiliges Kreuz die Stalltür bezeichnet und die Hörner ein
hellroter Lappen wider des Satans Arglist und der Menschen Bosheit bewaffnet
Itzt schallte fernher das laute Lachen eines schäkernden Haufens junge blühende
Mädchen waren es rote Gesichter auf schwarzbraunem Grunde alle mutig und
glühend wie Göttinnen der Gesundheit ihre spassenden Anbeter schlenderten mit
gebogenem Knie zwischen ihnen daher trugen mit guterziger Galanterie ihre
Körbe und aus galanter Bosheit füllten andere die Körbe ihrer Geliebten mit
Steinen und Erdklumpen die Schönen die sich auf feinen Scherz verstunden
schleuderten den Mutwilligen die ganze Ladung an die Köpfe dass sie fluchend und
drohend dastunden den Sand aus den Augen rieben oder aus den buschichten Haaren
die Erdklumpen schüttelten triumphierend trabten die Nymphen davon nur eine
die gern gehascht sein wollte verweilte zu lange ihr braungelber Adonis
erwischte sie schnell schlang um sie die aufgestreiften Arme und schon näherte
sich seine verwegne Hand dem verschobnen Halstuche das beschämte Mädchen schrie
dreimal laut und dreimal hallte ihr keusches Geschrei aus den Weinbergen und
vom fernen Ufer der Elbe zurück der ganze übrige Haufen sah wartend ihrer
Bestrafung zu und ehrte den Sieg ihres unverschämten Liebhabers mit einem
mannigstimmigen lachenden Chor und in der ganzen Gegend lachte der Widerhall
ein Triumphlied über die Bestrafung der schwarzbraunen Schöne Itzt kamen mit
eilfertigem Schritte ein paar Städter die auf Gewinst ausgingen die Gesichter
voll Ärger über einen geschmälerten Profit mit lebhafter Bewegung der Hände
stritten sie über Projekte und Anschläge ihren Vorteil zu vergrößern jetzt
ein paar andre die den Lohn ihrer Arbeit von gnädigen Herrschaften auf dem
Lande herausbetteln wollten Sorge für ihr Auskommen sprach aus jedem Zuge des
hagren Gesichts und Klagen über Mangel an Nahrung waren ihr Gespräch Hier
schleppten wiederkauende Ochsen den knarrenden Pflug in langer Reihe langsam
dahin einer ihrer Monarchen pfiff der erwachten Flur ein rasches Morgenlied
ein anderer sang ein galantes »Schätzel du bist mein« dieser unterhielt sich
mit seinem Stier predigte ihm Regeln des Wohlverhaltens lehrte ihn die
Pflichten seines Berufs und spornte seine trägen Füße durch Versprechungen und
Drohungen und wenn diese nichts über sein fühlloses Herz vermochten mit
hohltönenden Hieben an jener schlich nachdenkend in die Wichtigkeit seines
erhabenen Postens vertieft das dampfende Pfeifchen im Munde mit stummer
Gravität neben seinem Viehe her Dort wallte in der Ferne eine dichte
Staubwolke von Sonnenstrahlen erhellt in ihr rollte schnell wie der
Donnerwagen Jupiters von vier braunen Holsteinern gezogen eine goldlackierte
Kutsche hinten und vorn mit einem Schwarm geputzter Domestiken befrachtet und
in dem innersten Winkel des weiten leeren Kastens steckte ein schwindsüchtiges
Männchen wie eine Spinne die ihr Gewebe dort anlegen wollte Kurz darauf
erschien ein gnädiger Erb Lehn und Gerichtsherr in einer demütigen
Staubwolke die kaum dem Qualme eines pudernden Friseurs ähnlich sah
eine gichtbrüchige rotfuchsichte Kutsche trug den hochadligen Körper mit
drei matterzigen Bauernpferden bespannt die ihre Füße auf Unkosten des Rückens
schonten Wie ein Pfeil flog vor ihm auf einem leichten Rollwagen der dicke
ausgestopfte Pachter vorbei der im vorjährigen Konkurse sein Rittergut
erstanden hatte mit leichtem Kopfnicken den gnädigen Vorgänger grüßte und
spottend nebst seinem Hans die abgezehrten Gäule an der adligen Kalesche mit
seinen brausenden Hengsten verglich Um die Lebhaftigkeit des Bildes zu
vergrößern wanderten ganze Karawanen schnatternder Marktweiber mit
schnatternden Gänsen vor dem Postwagen vorbei dieser trug jener schleppte
seine Ware einige führten sie auf Karren andre auf hochgetürmten Wagen es war
allenthalben nichts als Gehen und Kommen Fahren und Reiten in einem wimmelnden
Gedränge Herrmann fühlte sich in eine neue Welt versetzt er war betäubt
hingerissen überwältigt die reizendste Landschaft im schönsten Glanze des
Morgens das laute Getöse der Geschäftigkeit so viel Leben Munterkeit
Tätigkeit wohin er nur blickte Das ganze beseelte Gemälde drang mit
stürmischer Gewalt auf alle seine Sinne los er konnte sich nicht eher als bei
der nächsten Einkehr von der Berauschung so mannigfaltiger überfüllender Bilder
erholen Indessen dass die übrige Gesellschaft sich in der dumpfen Wirtsstube mit
dem Frühstück labte schlich er einsam und tiefdenkend längs dem Dorfe hinan
Bald ging er in Gedanken mit Ulriken so fröhlich und schäkernd durch die
arkadischen Fluren wie er kurz vorher Bäuerinnen mit ihren glücklichen
Liebhabern zur Arbeit hatte auswandern sehen o wie beneidete er das glückselige
Volk wie wünschte er ihnen gleich zu sein Schon machte er Entwürfe wie er
von dem Gelde das Ulriken von ihrer Erbschaft zufallen musste ein Bauergut
kaufen wollte oder vielmehr er hatte in seiner täuschenden Einbildung schon
wirklich eins gekauft der Prozess war geendigt das Geld ausgezahlt Ulrike
seine Frau er ging schon an ihrem Arme ins Feld säte und erntete mit ihr ein
saß schon leibhaftig mit ihr auf dem Stein vor seinem ländlichen Häuschen in der
Abendkühlung und ein Schwarm von kleiner Nachkommenschaft spielte dem
sechzehnjährigen Herrn Papa um den Schoss Er zerfloss vor inniger Freude vor
sanfter Rührung über sein Glück er hätte weinen mögen dass er nicht zaubern
konnte um es auf der Stelle wirklichzumachen
Brausend und schnaubend flogen zwei Isabellen mit einem leichten Visavis
daher den ein Herr und eine Dame füllten Scherz Vertraulichkeit und Vergnügen
lächelte aus ihren Gesichtern durch die Öffnung des Fensters weg war aus
Herrmanns Kopfe die ganze ländliche Glückseligkeit mit dem ersten Brausen der
Pferde rein weggeblasen Er ging nicht mehr an Ulrikens Hand zu Fuße ins Feld
nein er fuhr ihr gegenüber in dem nämlichen Visavis mit der nämlichen frohen
Vertraulichkeit als ein reicher Mann durch die grüssenden Reihen der gaffenden
Dorfkinder mit Ehre und Rang geziert und der Himmel weiß ob er sich nicht gar
adeln ließ sein Kleid mit einem Sterne und die Schulter mit einem Ordensbande
schmückte Mit stolzem edlem Schritte wandelte er daher wie auf den Schwingen
der Ehre getragen der Postillion blies o das verdammte Postorn Wie eine
Sterbeglocke klangs Sein raues Stöhnen verscheuchte den Traum seiner Größe
und traurig und seufzend kroch er unter das gelbe Gewölbe der Postkutsche und
musste statt Ulriken mit einer alten finnichten verwachsenen Jüdin
vorliebnehmen die er jetzt zum ersten Male mit großem Ekel an seiner Seite
wahrnahm ob sie gleich den halben Weg über schon neben ihm gesessen hatte Die
beräucherte Tapezierung des Wagens und die widrige Nachbarschaft versetzte ihn
den ganzen übrigen Weg in so üble Laune dass er sich von Herzen über die
ekelhafte Hässlichkeit ärgerte womit der Gott der Israeliten seine hebräische
Nachbarin gebrandmalt hatte Der Weg deuchte ihm hundert Meilen lang
Endlich rumpelte das schwerfällige Fuhrwerk durch den Schlag übers Pflaster
stossend und werfend daher man hielt man examinierte ein neues Wunder für
unsern Reisenden Zum Unglücke erkundigte sich der Torschreiber bei ihm zuerst
nach dero Namen und Charakter dem armen Heinrich ward Angst wie in der Hölle
er fasste sich hurtig zusammen und tat der Anfrage mit so aufrichtiger
Umständlichkeit Genüge dass er Taufnahmen und Geschlechtsnamen nebst
Geburtsjahr Namen und Charakter seiner Eltern genau und pünktlich referierte
die übrige Gesellschaft lachte hielt es für Fopperei und wunderte sich dass ein
Mensch der den ganzen Weg über kein Wort geredet hatte einer so beissenden
Antwort fähig sei der Torschreiber wusste selbst nicht woran er war ob ers
für Spötterei oder Einfalt nehmen sollte und da ihm die raffinierte Miene des
jungen Menschen das letzte nicht wahrscheinlich machte so hielt er sich ans
erste und verwies ihm mit derbem Tone seine Naseweisheit und versicherte ihn
dass er an seines gnädigsten Herrn Statt hier stehe und auf seinen Befehl frage
wer er sei der arme Bursche glaubte ein Verbrechen der beleidigten Majestät
begangen zu haben und konnte gar keine Ursache finden warum der Landsherr so
neugierig nach seinem Namen sei dass er ihn auf ausdrücklichen Befehl darum
fragen lasse Er wusste in seiner ganzen Seele keinen andern Rat zu finden als
dass er den Torschreiber demütig ersuchte wegen seines Versehens in seinem Namen
bei seiner Durchlaucht untertänigst um Verzeihung zu bitten Der Torschreiber
der seine Reue für fortgesetzten Spott ansah brannte lichterloh vor Zorne
sprudelte ihm die schrecklichsten Flüche und Drohungen ins Gesicht der gute
Heinrich ward blass wie eine Leiche vor Furcht und Warten der Dinge die da
kommen sollten zitterte und bebte Der Schaffner loderte auch auf dass er so
langes Anhalten veranlasste und stürmte wie ein Wütender auf ihn los da saß der
arme Betäubte wie sinnlos wusste nicht was er begangen hatte und noch weniger
wie ers wieder gutmachen sollte konnte weder denken noch reden »Straf mich
Gott« rief der Schaffner »mit dem Menschen ists im Oberstübchen nicht
richtig den ganzen Weg über hat er vor sich hin gesehen wie ein kranker Mops
und nun weiß er nicht einmal seinen Namen So wahr ein Gott im Himmel ist Der
Pinsel weiß viel ob er einen Vater hat Man sollte sichs nicht so vorstellen
bei meiner Seele nicht so arg Ist ein getaufter Christ in der Christenheit
geboren und erzogen und kann dem Torschreiber nicht einmal antworten« Die
finnichte Jüdin fand sich durch die Rede des Schaffners mittelbarerweise
beleidigt und öffnete ihre Lippen zu Herrmanns Verteidigung befragte ihn noch
einmal Punkt für Punkt er antwortete Punkt für Punkt wie zuvor die ganze
Gesellschaft erklärte ihn für einfältig und der Torschreiber ließ mit
verächtlichem Mitleid seinen Zorn erlöschen und den Wagen fahren
Man stieg aus der unerfahrne Heinrich wollte seine Habseligkeit
herausnehmen gebieterisch wurde er davon zurückgescheucht neue Verlegenheit
Er stand neben dem Schilderhäuschen und sann ernstaft nach warum man ihm sein
paar Hemden und die schwarzen Sonntagsbeinkleider nehmen wolle denn er gab sie
für ganz verloren er bildete sich ein dass es ebenfalls so auf Befehl
geschehe wie er um seinen Namen befragt worden war und mit vieler Bewegung
nahm er bei sich von den schönen Sonntagsbeinkleidern Abschied als man sein
Kufferchen ins Haus schaffte Nun betrübte er sich erst dass er seine
Vaterstadt wo ihn jede Katze kannte hatte verlassen und in ein Land auswandern
müssen wo er nichts als fremde Gesichter sah außerdem war er so lange her
Schwingers sanfte gefällige Freundlichkeit gewohnt er war nie anders als in
gütigem Tone angeredet worden doch hier sprach jedermann so scharf und rasch
dass er alle Leute in grauen gelben blauen Röcken die bei dem Abpacken
herumwimmelten für erzürnt hielt und auf die hastige Frage welches sein
Kuffer sei näherte er sich ihm furchtsam und wies ohne reden zu können halb
zum Fliehen fertig mit dem Zeigefinger darauf »Dieser« fragte der
Postbediente mit der nämlichen Hastigkeit noch einmal Er flüsterte ein
halbverschluckte »Ja« Eine Minute darauf fragte ein Mann im grautuchnen
Überrocke abermals nach seinem Kuffer er konnte gar nicht begreifen warum sein
bisschen Habseligkeit alle die Leute so sehr interessierte allein dieser Mann
tat seine Anfrage leutselig und mit einem tiefen Gruße das gab ihm Mut er
antwortete hurtig mit einer Verbeugung von der ersten Größe der Mann ersuchte
ihn zu öffnen ehrfurchtsvoll nahm er den Hut unter den Arm und schloss
eilfertig auf Die Entdeckung war bald gemacht dass er nichts Strafbares
enthielt und es wurde erlaubt ihn wegzuschaffen wie seinem Freunde seinem
Wohltäter drückte er dem Manne die Hand und dankte verbindlich dass er ihm den
Kuffer wiedergeschenkt habe der Visitator reichte ihm sehr freundlich die
Rechte dar und zog sie verdrießlich über den leeren Dank langsam wieder
zurück
Die Not war noch nicht aus Verlassen stand der arme Bursche da und niemand
bot ihm eine Wohnung an Die überhäuften Gegenstände das Getöse der Sturm des
Torschreibers hatten ihn so verwirrt dass es um alle seine Besonnenheit
geschehen war Unerfahrenheit im Weltlaufe macht auch den besten Verstand blöde
und scharfsinnige Gelehrte haben sich bei ähnlichen Gelegenheiten wenn sie
ihnen zum ersten Male aufstiessen nicht mit grössrer Entschlossenheit betragen
als Heinrich Er ging auf und ab und dachte mit Herzeleid an das Schloss des
Grafen von Ohlau zurück wo er mit römischen Kaisern und griechischen Feldherrn
wie mit Brüdern umging wo ihm regelmäßig Essen und Trinken gebracht wurde ohne
dass er einen Laut darum verlor und hier ach hier bekümmerte sich niemand um
ihn als wenn er gar nicht unter die essenden und trinkenden Kreaturen gehörte
Ein geschäftiger Gelbrock rennte vor ihm vorbei
Heinrich fragte ihn sehr höflich wo er wohnen sollte Der Mann hielt ein
wenig an sah ihm starr ins Gesicht jener wiederholte mit einer tiefen
Verbeugung seine Frage »wo Sie wollen« antwortete der Gelbrock hastig und
ging Eine solche Lieblosigkeit war über alle seine Begriffe
Endlich erschien der Lohnlakai und erkundigte sich den Hut in der Hand
sehr menschenfreundlich ob er eines Bedienten benötigt sei »Ach wenn ich nur
erst wüsste wo ich wohnen sollte« sprach Herrmann mit einem tiefen Seufzer
Nun wurde bald Rat geschafft mit einer Eilfertigkeit als wenn er sich den
Kopf zerstossen wollte lief der Lakai die Treppe auf Treppe ab und lud ihn
kurze Zeit darauf mit vielen Komplimenten auf das Zimmer ein Heinrich der den
geputzten Lohnlakai für nichts weniger als einen Lakai hielt komplimentierte
mit ihm die Treppe hinauf und dankte in einem Atem für seine Gütigkeit Wie
hatte sich die Szene plötzlich verändert Nunmehr erkundigte sich sein neuer
Botschafter alle Augenblicke ob er dies ob er jenes bedürfe bat ihn nur zu
befehlen und er entschuldigte sich sehr liebreich dass er ihn nicht bemühen
wolle er mochte nur reden nur winken und man war zu seinem Befehle Er schien
sich jetzt ein kleiner Zeus der von der Höhe seines tapezierten Zimmers mit
einem Hauptschütteln eine kleine Welt regierte Es fanden sich sogleich eine
große Menge Leute ein die ihm ihre Waren anboten er dankte mit vieler Güte für
ihre Bemühung und fand die Menschen hierzulande ungleich liebreicher als in
seiner Vaterstadt dass sie so für das Wohlsein der Fremden besorgt waren Der
Zulauf wurde immer stärker Mannspersonen und Weiber kamen und wünschten ihm zu
seiner Ankunft Glück Da sieht man recht dachte er bei sich wie es in der
großen Stadt anders ist als bei mir zu Hause Das heißt doch Höflichkeit Die
höflichen Leute fingen an ihm ihr Elend mit der höchsten Bettlerberedsamkeit
vorzustellen dieser hatte eine todsterbenskranke Frau zu Hause die nun seit
Jahr und Tag an der Schwerenot Gott sei bei uns hart daniederlag und zuweilen
so heftig schrie dass man es aus Friedrichstadt in Altdresden hörte jene hatte
elf unerzogne Kinder zu Hause wovon neune schon seit Jahr und Tag gefährlich
krank lagen der Mann war an Händen und Füßen lahm und sie für ihre
selbsteigne Person hatte einen großen Ansatz zur Wassersucht es war ein
Jammer dass es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen ein Bursche frisch
und gesund hatte einen gichtbrüchigen Großvater zwei lahme Eltern und dreizehn
ungesunde Schwestern zu Hause die alle mit der englischen Krankheit behaftet
waren Heinrichs Herz zerschmolz von tiefgerührtem Mitleide bei ihren Tränen
Zähren traten ihm ins Auge und er hielt es für seine Pflicht so höflichen
Leuten mit einer reichlichen Wohltat für ihren Glückwunsch zu danken
Er wunderte sich gegen den Lohnlakai als er den Tisch deckte
außerordentlich über die zahlreichen Familien hierzulande und versicherte dass
dergleichen bei ihm zu Hause gar nicht zu finden wären »Ach« antwortete der
Lakai lachend »glauben Sies denn Sie werdens nicht ungnädig nehmen Sie sind
noch ein junger Herr und zu gutherzigsolchen Leuten müssen Sie nichts geben
oder doch sehr wenig das ist eitel loses Gesindel«
»Aber sie taten doch so kläglich dass man gerührt werden musste«
»Ach« erwiderte der Lakai mit dem nämlichen Lachen »für zwei Dreier weinen
Ihnen die Leute eine halbe Stunde wenn Sies haben wollen Man könnte hier ein
Raritätenkabinett von Bettlern anlegen in den schönsten Kleidern gehen sie herum
wie die Pfauen sie brauchens freilich aber sehen Sie gnädiger Herr ich
weiß nicht ob ich Sie recht tituliere sehen Sie wenn ich etwas zu sagen
hätte das Ding sollte ganz anders werden« Heinrich befragte ihn wie er das
zu machen gedächte »Sehen Sie« erwiderte der Lakai »wenn ich etwas zu sagen
hätte befehlen Sie etwa die Suppe«
Er ging trat mit ihr herein und mit dem Hereintreten begann er schon
wieder »Sehen Sie wenn ich etwas zu sagen hätte befehlen Sie auch Wein«
Er holte ihn und so trat er sechsmal ins Zimmer mit einem »Sehen Sie wenn
ich etwas zu sagen hätte« und erkundigte sich jedesmal nach einem Bedürfnisse
denn er hatte das Unglück dass er nicht eher an den Löffel dachte als bis die
Suppe dastand noch ans Messer als bis man das Fleisch schneiden wollte Da
alle Notwendigkeiten auf die Weise einzeln herbeigeschaft waren drang Hermann
von neuem in ihn sein Bettlerprojekt zu entdecken denn der gutherzige Bursche
der noch zu wenig fremdes wahres und erdichtetes Leiden kannte um ihm nicht
sogleich abhelfen zu wollen hatte während des Essens bei sich selbst ernstaft
überlegt wie mans dahin bringen könne dass niemand mehr in der Welt arm und
elend sei »Sehen Sie« fing der Bediente wieder an »wenn ich etwas zu sagen
hätte sehen Sie da sagt ich den Leuten geradezu Ihr sollt nicht betteln
und wers dennoch täte der müsste befehlen Sie diesen Nachmittag auszugehn«
Das Projekt blieb abermals stecken und kam auch zeitlebens nicht völlig zum
Vorschein
Zweites Kapitel
Das erste nötige Geschäfte war Schwingers Briefe zu überliefern Er wollte sich
zu dem Ende mit seinen schönen schwarzen Sonntagsbeinkleidern mit stattlich
breiten genähten Manschetten und der ganzen übrigen Feierkleidung schmücken die
er ausgebreitet unterdessen auf den Tisch legte um sich von dem ankommenden
Friseur adonisieren zu lassen Der kurze dicke Pudergeist nennte ihm eine Menge
Frisierarten her und bat darunter auszulesen und frisierte und schwatzte
unaufhörlich ohne ihm Zeit zur Wahl zu lassen Heinrich war noch ganz bei den
Bettelleuten mit seinen Gedanken und fragte auch bei dem Friseur an ob man denn
gar nichts täte um dem Elende der armen Leute abzuhelfen Der Friseur hielt
inne reckte ihm sein rechtes Ohr dicht vor den Mund hin und schrie »Was«
Heinrich wiederholte seine Frage »O ja« antwortete der Bursche und hieb mit
weit ausgeholtem Kamme keuchend in die Haare hinein »o ja man trägt sie jetzt
einen Finger breit überem Ohre«
Heinrich merkte dass er ihn nicht verstanden hatte und weil ers für
unhöflich hielt zum drittenmal zu fragen ließ ers dabei bewenden Die
zahlreichen Familien hierzulande fielen ihm wieder ein und er erkundigte sich
bei dem Pudergotte wieviel er Schwestern habe
»Welche Sie befehlen junger Herr« schrie der Friseur »Eine offene eine
lange eine kurze eine dicke eine dünneich mach sie wie Sie befehlen«
Abermals missverstanden So setzten sie das Gespräch eine Zeitlang fort immer
tat er das Gegenteil von dem was Heinrich verlangte Beim Abschiede wollte er
kein Geld nehmen weil er schon auf den künftigen Morgen wieder bestellt war
Heinrich fand die Höflichkeit etwas übertrieben und drang in ihn ein Geschenk
anzunehmen da er den Preis seiner Arbeit nicht bestimmen wollte allein der
taube Friseur machte einen Reverenz und wackelte fort ohne auf seine Bitten zu
hören
»Dergleichen Höflichkeit hätt ich mir beim ersten Eintritte ins Haus nicht
vermutet« dachte Hermann bei sich »Die Leute sind doch wahrhaftig viel besser
als bei mir zu Hause« Während dass er diese Betrachtung fortsetzte legte er
seinen Staat an erblickte sich mit Freuden schön wie einen Königssohn im
Spiegel und die Reise ging fort Unterwegs freute er sich schon auf den
liebreichen Empfang womit ihn Schwingers Freunde beehren würden sann auf
Komplimente ihre Höflichkeit zu erwidern und sah vor begeisternder Erwartung
kein einziges von den schönen Häusern die ihm der Lohnlakai zeigte Er langte
an er glaubte nur Schwingern nennen zu dürfen um mit ausgebreiteten Armen
empfangen zu werden Der Bediente bei dem er sich meldete kannte keinen
Schwinger erkundigte sich kalt nach seinem Verlangen nahm ihm den Brief ab und
trug ihn zum Herrn Schon rüstete sich Heinrich zu einem der auserlesensten
Reverenze und harrte mit freudiger Ungeduld auf die Erscheinung seines Patrons
Der Bediente kam zurück »Es ist gut« sagte er »Sie sollen morgen früh um acht
Uhr wiederkommen« Der unerfahrne Bursche wusste sich das Phänomen nicht zu
erklären er empfahl sich voller Erstaunen und konnte auch seinem Lohnlakai
nicht verhehlen dass die Leute die ihn heute bei seiner Ankunft besuchten viel
höflicher gewesen wären »Ja sehen Sie« antwortete der Bediente »der Herr
ist vor kurzem in ein sehr hohes Amt gerückt das ist ein vornehmer Mann«
Zu dem Besuche bei Schwingers zweitem Freunde kam er mit verminderter
Erwartung und fand auch Ursache zufrieden mit der Aufnahme zu sein Der Mann
war in kein hohes Amt unterdessen gerückt sondern noch Advokat und freute sich
deswegen ungemein über Schwingers Andenken Mit der gutmütigsten Freude zog er
das blausamtne Mützchen vom Kopfe sooft Heinrich seinen Freund nannte und der
guten Meinung gedachte die er von ihm habe er bot alle möglichen Dienste an
und ward recht unruhig als er nach einigem Nachdenken fand dass er sie ihm
nicht auf der Stelle erzeigen könnte »Hm hm« brummte er vor sich hin sann
und rückte verdrießlich das Samtmützchen im Kreise auf dem Kopfe herum »braucht
denn niemand einen Schreiber Gar niemand Hm hm fatal recht fatal«
Man sah ihm in allen Zügen des Gesichts den Schmerz an dass er ihn mit einer
bloßen Vertröstung von sich lassen musste er konnte das unmöglich ohne einen
gewagten Versuch übers Herz bringen Er lief zur Frau Gemahlin führte sie
herbei und ersuchte sie inständigst dem jungen Menschen einen Platz im Hause zu
verstatten er streichelte ihr die Hände liebkoste und bat sie wie ein Kind
Die Frau Gemahlin antwortete mit preziosem Tone »Das weißt du ja selber
Papachen dass wir keinen Platz haben nein das kann ich nicht Papachen
Vielleicht in einigen Wochen oder Monaten wenn dein Schreiber abgeht aber ich
kann nichts versprechen« Der Mann verdoppelte seine Bitten und flehte
demütigst ihn wenigstens zum Abendessen dazubehalten »Nein Papachen das
kann ich heute nicht« war abermals ihre Antwort »vielleicht ein andermal wenn
uns Gott Leben und Gesundheit gibt« Der Mann wusste vor Verlegenheit nicht
was er tun sollte und da es ihm schlechterdings nicht möglich war jemanden
der ihn interessierte ungegessen von sich zu lassen so holte er ein
Schächtelchen Magenmorschellen aus einem Schranke und verehrte als seine Frau
den Rücken wandte seinem Gaste heimlich drei große Stücken davon nahm höchst
unruhigen Abschied und versprach seine tätigsten Dienste auf das feierlichste
mit vielem Händedrücken und Backenstreicheln
Weil es noch sehr zeitig am Tage war entschloss er sich auf Zureden seines
Begleiters einen Spaziergang zu machen um die Stadt zu sehen Er wanderte
mutig und froh über die Freundschaftsversicherungen des dienstfertigen
Advokaten der Katolischen Kirche zu bewunderte in Erstaunen verloren die
majestätische Brücke mit herauf und hinabgehenden Menschen mit mannigfaltiger
Vermischung mit heraufund hinabfahrenden Karossen Wagen Karren Trägern und
Reitern erfüllt er weidete sich unersättlich an dem herrlichen Schauspiele in
seinen Augen war es eine kleine Welt die hier zwischen Himmel und Wasser
schwebte Er tat einen Gang über sie hin und brach mit entzückter
Selbstvergessenheit in laute Bewunderung aus als auf beiden Seiten das schönste
Theater in bezauberndem Reize vor ihm stand Gärten und Pavillons die ihm in
der Luft zu hängen schienen Häuser ferne Paläste an beiden Ufern hin und über
den lang daherwallenden Strom hinaus am Ende der Aussicht einen schieflaufenden
Bergrücken mit bunten Häusern einzelnen Bäumen und malerischen Einzäunungen
überstreut und mit hohem dunkelgrünen Walde in mannigfaltigen Krümmungen
bekrönt er hatte nie des Anblicks genug Nicht weniger verweilte er auf dem
Rückwege bei der andern Seite der Aussicht und vermehrte die Anzahl der
Neugierigen die Geländer und Bogen besetzt hatten um den Mast eines Schiffes
mit langen Zurüstungen niedersenken zu sehen das dem schiessenden Strome
entgegen durch die Wölbung der Brücke gezogen werden sollte die Zuschauer
äußerten mit der lebhaftesten Teilnehmung Besorgnis und Erwartung Tadel und
Bewunderung über die Maßregeln der Zimmerleute und Schiffer die wie Eichhörner
auf der Bedachung des Schiffs herumsprangen schrien schalten zankten
anordneten jetzt mit angestrengten Kräften dem fallenden Baume das Gegengewicht
hielten jetzt müßig auf ihre Hebebäume gelehnt dastanden und plaudernd und
pfeifend in den wallenden Strom sahen Beladne Kähne mit roten flatternden
Wimpeln schwammen fern daher auf der ausgespannten Fläche des Wassers mit
schnellerm Laufe fuhren andre vom Strome begünstigt vor ihnen vorbei grüßten
mit lautem Zuruf die Kommenden empfingen und gaben mit treffendem Schifferwitze
Grüße von wartenden Mädchen verliebten Weibern und eifersüchtigen Ehemännern
und eine Kanonade von helltönendem Gelächter war der Abschied Andre ruhten am
Ufer mit tätiger Emsigkeit stieg man in sie hinab und entlud sie ihrer
Bürdehier wurden verwundete Fahrzeuge zur unvermuteten Reise eilfertig
ausgebessert dort stand auf dem umgekehrten Bauche eines anderen ein Trupp
Zimmerleute um den Herrn des Kahns in ernste Beratschlagung vertieft wie man
mit leichten Kosten dem zerlöcherten Patienten vollkommne dauerhafte Gesundheit
verschaffen könne bedenklich wie ein Arzt bei einer gefährlichen Krisis
schüttelte der Zimmermeister über dem hoffnungslosen Gebäude den Kopf und
betrübt kraute der Patron sich den Kopf
Tagelang hätte Heinrich bei einem für ihn ganz neuen Schauspiele verweilen
mögen wenn ihn nicht sein ungestümer Begleiter beständig zum Abmarsche
ermahnte nach langem Kampfe mit sich selbst riss er sich endlich los doch mit
dem festen Vorsatze oft zurückzukehren
Kaum näherte er sich der Katolischen Kirche als ihn von der Seite eine
Knabenstimme anfiel »Mein junges schönes Herrchen« tönte ihm in das linke
Ohr »der liebe Gott hat Sie gar zu schön gemacht und er wird Sie noch schöner
machen wenn Sie einem armen Jungen auch etwas mitteilen«
Der unerwartete Lobspruch riss seine Hand nach der Tasche hin er gab dem
Schmeichler ein Zweigroschenstück Der Bube zeigte es triumphierend und hüpfend
seinen Kameraden zwischen den emporgehaltnen Fingern und kaum sahen sie es
blinken so schoss eine ganze Kuppel wie wütend auf den Wohltäter los gleich
Hunden die eine Beute erwischt haben packten sie ihn fest als wenn sie sich
in seine ganze Person teilen wollten Jeder bekam soviel als der vorige und nur
einer der die Schmeicheleien der andern mit einem »Gnädiger Herr« überbot
erhielt doppelt soviel
»Ihre hochwohlgeborne Gnaden« rief eine alte zerlumpte Frau die auf einem
Steine bei der Kirche saß und sich langsam und zitternd zu ihm hin bewegte So
eine Höflichkeit war etwas wert er bezahlte sie mit einem halben Gulden Die
Alte erschrak über die Größe des Geschenks wackelte ihm mit gefaltnen Händen
nach und betete mit lauter Stimme zwo lange Strophen aus einem Kirchenliede die
der Lohnlakai aus mechanischer Andacht murmelnd nachsprach dann fuhr sie ihm
nach dem Rockzipfel und küsste ihn eh ers wehren konnte
»Wenn doch die Leute hierzulande nicht so entsetzlich höflich wären« dachte
Heinrich als er in die Tasche griff und seinen Geldvorrat merklich vermindert
fühlte Indem ers dachte erschienen die Buben die er schon einmal beschenkt
hatte und um die Kirche herumgeschlichen waren zum zweiten Male und stürmten
mit Exzellenzen und Gnaden so gewaltig auf ihn zu dass er dem Angriffe nicht
widerstehen konnte Gutherzigkeit und Eitelkeit leerten seine ganze Tasche unter
sie aus
Den Abend brachte er nach seiner Rückkunft unter mancherlei angenehmen
Träumereien hin worunter sich wie ein Gespenst die traurige Vermutung mischte
dass es ihm mit der Zeit und zwar sehr bald an Geld fehlen könne aber
Schwingers vornehmer Freund der in so ein hohes Amt vor kurzem gerückt ist und
mich morgen früh zu sich bestellt hat wird mir schon helfen tröstete er sich
und die Hoffnung drückte ihm die Augen zu
Drittes Kapitel
Zur bestimmten Stunde flog er am folgenden Morgen zu seinem Patrone Der
Bediente stellte eine lange Untersuchung mit ihm an und hieß ihn endlich warten
Nach einer halben Stunde öffnete er einen Flügel der Tür ging voran und gebot
ihm nachzufolgen Die Wanderung geschah durchs ganze Stockwerk wenigstens durch
fünf bis sechs große Zimmer und am Ende steckte er ihn in ein kleines enges
Stübchen wo er ihn abermals warten hieß In einer halben Viertelstunde trat der
halbangekleidete Patron durch eine Nebentür auf eine Büchse mit Zahnpulver in
der einen Hand in der anderen ein Bürstchen womit er die breiten Zähne
scheuerte dass ein rosenfarbener müskierter Sprühregen aus dem Munde
hervorsprützte Er blieb in dieser Beschäftigung lange stumm bei der Tür stehen
und überlegte bei sich ob er den jungen Menschen Sie oder Er nennen sollte
endlich wählte er einen klugen Mittelweg und fragte »Was will man« Hermann
tat seinen Vortrag »Also lebt Schwinger noch« unterbrach ihn der Patron
Heinrich führte ihm den gestern abgegebnen Brief zur Beantwortung der Frage zu
Gemüte der Patron besann sich »Ja ich hab ihn gelesen« sprach er »Wenn sich
etwas findet worin ich dienen kann so darf man sich nur an mich wenden ich
werde mir ein Vergnügen daraus machen« hustete und ging ab
Erstaunt stand Heinrich da und wusste nicht ob er gehen oder bleiben sollte
er bildete sich ein der Patron habe nur einen Abtritt genommen um mit tätiger
Hilfe zu ihm zurückzukehren der Himmel weiß mit welchen jugendlichen
Einbildungen mehr er sich täuschte doch da die Wiedererscheinung zu lange
aussenblieb so schloss er ganz vernünftig dass er die Erlaubnis habe wieder nach
Hause zu gehen Er wäre gern diesem Schluße gefolgt aber wie sollte er sich
durch die vielen Zimmer bis zum Ausgange finden Zudem schien es ihm auch
unanständig in fremden Zimmern allein herumzuschweifen Er sah durchs Fenster
Niemand rührte sich Er versuchte eine Tür zu öffnen sie war verschlossen Da
er fast eine halbe Stunde lang eingesperrt war und keine Erlösung vor sich sah
wagte ers herzhaft den Weg wieder aufzusuchen durch welchen man ihn
hereingelassen hatte Mit vieler Behutsamkeit nachdem er vorher an jeder Tür
gehorcht hatte fand er sich durch zwei Zimmer hindurch aber nun war seine
Geographie aus das dritte Zimmer hatte vier Türen er brauchte bei jeder die
nämliche Vorsicht öffnete eineGötter und all ihr himmlischen Mächte welcher
Anblick eine junge Dame im nachlässigsten Negligé lag lang ausgestreckt auf
einem Sofa ein zottiges Hündchen stand auf den Hinterbeinen neben ihrem Kopfe
eine Vorderpfote ruhte auf dem Busen die andre hielt seine Gönnerin in der Hand
und küsste sie mit stummer Zärtlichkeit während dass ihre andre Hand ihn bei dem
langbehangenen Halse fasste und freundschaftlich an die Brust drückte Heinrich
wurde glühend rot er glaubte zu träumen denn seine verliebte Einbildung gab
der Dame so völlig das Gesicht der Baronesse Ulrike dass in seinen Gedanken
nichts gewisser war als sie sei ihm nachgefolgt und wolle ihn durch ihre
Gegenwart überraschen dass nichts gewisser war als man habe ihn auf ihre
Veranstaltung eingesperrt und sich selbst überlassen um sie bei seinem
Herumirren zu finden Diese Erdichtung war in zwei Pulsschlägen gemacht und mit
dem dritten schwebte schon »Ulrike« auf der Zunge noch ehe der Laut durch die
Lippen flog wurde ihn die Dame gewahr sprang auf als wenn sie den feurigen
Ziegenbock erblickt hätte dass das arme Hündchen jammernd zu Boden stürzte und
rennte mit tugendhafter Eile davon der Hund um das Schrecken seiner Gebieterin
zu rächen lief klaffend auf den halb sinnlosen Heinrich zu und zwang ihn
seinen Posten zu verlassen Der Hund setzte ihm mit unaufhörlichem Bellen nach
es erhub sich in den Nebenzimmern ein Getöse man schlug Türen auf schlug Türen
zu trampelte auf und ab es ward ihm bange was man mit ihm auszuführen
gedenke die eingebildete Gefahr gab ihm Entschlossenheit er riss herzhaft eine
Tür auf flüchtete durch ein Zimmer dann noch durch eins und nun war er zu
großer Herzensfreude an der Treppe setzte hinunter der Hund hinter ihm drein
Der Bediente begegnete ihm in der Haustür und wunderte sich nicht wenig dass ein
Mensch den er schon längst nicht mehr im Hause glaubte sich jetzt mit Hunden
fortetzen ließ So ein stürmisches Ende nahm die erste Patronschaft
Doch Heinrich konnte sich nicht vorstellen dass damit nun alles aus sei
davon hatte er gar keinen Begriff dass ein Mann in einem hohen Posten nicht
helfen könne und dass ers nicht tun wolle wenn er gleich könnte der Gedanke
galt in seinem Kopfe der Unmöglichkeit gleich Er war sich bewusst dass er jedem
Ärmern seinen letzten Pfennig freiwillig geben würde wenn er ihn in Not sähe
dass er so bereitwillig als er Schwingers kleinstes Verlangen erfüllte von
einem Ende der Stadt bis zum andern laufen würde wenn jemand einen Dienst von
ihm foderte und solche Leute die viel älter waren als er und also nach seiner
Voraussetzung besser sein mussten sollten schlechter denken und handeln als er
Eine solche Vermutung fiel ihm gar nicht ein besonders da sie nach seinen
jugendlichen Vorstellungen bloß da waren um jedem zu helfen der Hilfe
bedurfte Er erwartete sie standhaft von seinen Patronen und ließ sich keinen
Kummer anfechten
Eine Menge Krämer die sich in einem Menschen von seinem Alter eine gute
Kunde versprachen begleiteten ihn bei seiner Rückkunft auf sein Zimmer und
wunderten sich nicht wenig über die Entschlossenheit mit welcher er seiner
Kauflustigkeit und ihren Einwendungen widerstand aber einer andern Begierde
konnte er desto weniger widerstehn er brannte vor Verlangen einen Gang um die
Katolische Kirche zu tun und neue Lorbeeren der Wohltätigkeit einzuernten er
fühlte etwas in sich das ihn über sich selbst erhob ein Entzücken das ihn
süßer begeisterte als alle genossene Freude nur Ulrikens Gegenwart und der
Gedanke an sie hielt ihm die Waage er schien sich über die Sterblichkeit
hinausgeschwungen wenn er sich umringt von einem Zirkel Knaben dachte die
Hilfe von ihm flehten wie er stolz daherging bei jedem Schritte von einem
neuen Dürftigen angesprochen wurde mit edler Freigebigkeit ihr Elend milderte
und wie dann der ganze Trupp mit frohen Gesichtern und lautem Danke und Wünschen
ihm nachlief indessen dass er sich mit der Vorstellung ergötzte diesen allen
geholfen zu haben das Bild rührte bezauberte fesselte ihn in freudiger
Berauschung füllte er seine Tasche und eilte nach dem Schauplatze seiner
Wohltätigkeit hin und es fehlte ihm nie an Veranlassungen die Freuden der
Gutherzigkeit reichlich zu genießen Itzt nachmittags hatte er seinen
menschenfreundlichen Spaziergang zweimal getan und fühlte einen
unwiderstehlichen Zug ihn zum dritten Male zu wiederholen er hatte freilich
nur noch einen einzigen Taler im Vermögen und wusste nicht woher er Geld nehmen
sollte bedachtsam legte er den Taler auf den Tisch wenn ihm diese
Bedenklichkeit einfiel steckte ihn in die Tasche wollte gehen besann sich
überzählte sein Geld es war und blieb nicht mehr als ein Taler er wollte auf
dem Zimmer bleiben stritt kämpfte mit sich selbst und ging Der Ruf seiner
Wohltätigkeit hatte sich schon wie ein Lauffeuer unter den Armen ausgebreitet
eine ansehnliche Zahl hatte sich truppweise versammelt und erwartete ihn wie er
den ersten Schritt aus dem Hause setzte tönte ihm schon eine klägliche Bitte
entgegen um sein Vergnügen zu verlängern machte er zwar kleinere Portionen
aber die Menge der Prätendenten war so groß dass er seinen Taler schon rein
ausgeteilt hatte als er bei der Katolischen Kirche anlangte dort erwartete
ihn der stärkste Teil der Armee aus jedem Winkel geschah ein Anfall auf ihn
man nannte ihn den kleinen Prinzen Eure Durchlaucht Eure Hoheit welches
Unglück er fühlte und suchte in allen Taschen und fand nichts Den Kopf hätte
er sich mit der Faust zersprengen mögen beschämt verwirrt geängstigt wie ein
Missetäter der ins Gefängnis geführt wird eilte er mit niedergeschlagnen Augen
dahin und der ganze Haufen bittend und schmeichelnd hinter ihm drein unter
dieser zahlreichen Begleitung langte er zu Hause an dass sich die Leute auf der
Gasse und an Fenstern laut fragten welches der Delinquent sei den man
einführte
Dies war der unglücklichste Abend seines ganzen bisherigen Lebens Scham und
Ärger folterten ihn und verstatteten ihm nur wenige Minuten ruhigen Schlaf Er
war von der Höhe seiner Einbildung herabgeworfen worden und sollte noch tiefer
herabsinken
Der Lohnlakai hatte eine andre Herrschaft unterdessen zu bedienen bekommen
und bat also den Morgen darauf um seine Entlassung und Bezahlung Herrmann
geriet in Todesangst er musste seinen Mangel an Gelde bekennen und ihn
vertrösten bis ihn sein Freund Schwinger aus der Verlegenheit reißen werde an
welchen er noch den nämlichen Tag schrieb Den Augenblick verwandelte sich die
übermäßige Höflichkeit des Bedienten in übermäßige Grobheit er sagte einige
empfindliche Reden und ging Heinrich hätte sich vor Ärger zum Fenster
hinabstürzen mögen Kurz darauf ließ der Wirt dem der Lohnlakai großen Argwohn
beigebracht hatte seine Rechnung überreichen mit dem Bedeuten dass diesen
Nachmittag eine Herrschaft das Zimmer in Besitz nehmen werde die es schon vor
vielen Wochen habe bestellen lassen alle übrigen Zimmer im ganzen Hause waren
besetzt Er nahm das fatale Papier warf sich in einen Lehnstuhl und schwieg
Was nun zu tun Es war die erste Verlegenheit dieser Art in seinem ganzen
Leben und griff ihn deswegen mit einer Stärke an die ihn bis zur Verzweiflung
brachte Nicht zu bezahlen und fortzugehn das gab Ehre und Gewissenhaftigkeit
nicht zu Dazubleiben und um Nachsicht zu betteln das war ihm bitter wie der
Tod Sich an seine Patrone zu wenden So bedenklich ihm das schien so
bequemte er sich doch dazu In vollem Vertrauen dass niemand eine Bitte
abschlagen werde die er auch den unbekanntesten Menschen nicht versagt hätte
ging er zu dem einen und dem andern der eine ließ ihn nicht vor sich der andre
war nicht zu Hause Die Verlegenheit drückte wie eine Zentnerlast auf sein Herz
er konnte kaum atmen An der Haustür des Advokaten unterdrückte er alle
Einwendungen der Ehre und fasste den verzweifelten Entschluss sein bisschen
Habseligkeit dem Wirte statt der Bezahlung zurückzulassen und in die Welt
hineinzugehn Die Gewissheit was er tun wollte erleichterte plötzlich seinen
Schmerz sobald nur der Vorsatz gefasst war setzte sich alles in ihm in
Bewegung ihn zur Ausführung zu begeistern Er wanderte mit heroischem Mute zum
Pirnaischen Tore hinaus gerade dem Großen Garten zu Alle Reize der unendlich
schönen Gegend das ganze herrliche Amphiteater einer langen Ebne mit Bergen
Wäldern und fernen vielgestalteten Felsen umgürtet fesselte ihn nicht Kummer
und Mut Besorgnis und Entschlossenheit kämpften in ihm mit tyrannischer Wut Er
suchte einen einsamen Ort warf sich in dem dicksten Gebüsche auf den Boden hin
und seufzte Er kehrte seinen Plan auf allen Seiten herum und wusste ihm keine
bessere Wendung zu geben als dass er sich vornahm den nächsten Pfarrer oder
Schulmeister um Aufnahme und Unterhalt zu ersuchen und jede Arbeit dafür zu
übernehmen deren er fähig wäre Der Schluss war so fest so unerschütterlich als
die Tanne die ihn mit ihren tief hängenden Ästen beschattete
Ein Fasan erhub in der Nachbarschaft seine raue Stimme er erhielt
Verstärkung und der Gesang wurde zum allgemeinen Chor auf allen Bäumen hüpften
und zwitscherten Vögel in mannigfaltiger Vermischung so munter so fröhlich
als wenn sie seines Elends spotten wollten das ganze Gebüsch war ein
lauttönendes Konzert glücklicher Geschöpfe »O ihr seligen Geschöpfe ihr
bedürft keines elenden Silbers oder Goldes um glücklich zu sein« sprach er
stund auf ging tiefer ins Gebüsch um der widrig fröhlichen Musik zu entgehn
Er trat in einen schauernden finsteren Gang wo unter dem Gewölbe verschlungener
Fichtenäste tote Stille und Melancholie wie ein ausgebreiteter Flor schwebte je
grauser je willkommner je mehr er schauerte je glücklicher fühlte er sich
Das finstre lebenlose Leere des Orts spannte die Flügel seiner
Einbildungskraft das Gewölbe wurde enger und düstrer ein schmaler weißer
Sandweg leuchtete in verzognen Krümmungen durch die Dunkelheit vor ihm her bald
wurde er ihm zu einem Geiste in weißes Gewand gehüllt der ihn leitete bald
war es Ulrike in ihrem Atlaskleide die ihn aus dem Labyrinthe führte er hörte
Atlas rauschen der weiße Weg verlor sich und Ulrike verschwand Welche
Betrübnis auch eingebildetes Glück muss ihm das missgünstigste Schicksal rauben
Itzt schimmerte fernher der Pfad wieder aus den aufgehäuften Fichtennadeln
hervor welche Freude Als wenn die leibhaftige Ulrike sich wieder zu ihm
eingefunden hätte
»O Ulrike« rief er und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen als sich
der Weg zum zweiten Male verlor »wenn ich jemals so wieder bei dir sitzen
könnte wie am Abende als ich mich von dir trennen musste Das war ein Leben ein
Leben um sich niemals den Tod zu wünschen Aber jetzt jetzt bin ich schon so
gut als tot Um meiner Nahrung willen muss ich auf einem Dorfe vermodern
verachtet und unbekannt dahinsterben Du eilst der Ehre und dem Reichtum
entgegen vergissest mich in Wollust und Freuden und ich was werd ich ein
verachteter elender Bettler der ums Brot arbeiten muss O wenn ich wieder
jung werden und an alle die Örter der Freude zu meinem Freunde zu Ulriken
zurückkehren dürfte«
Er schwieg lange dann fuhr er hastig auf
»Aber wenn sie nun wirklich nach Dresden käme wenn sie mir nun nachgegangen
wäre wenn sie nun wirklich in dieser Minute heute oder morgen ankäme und ich
hätte die Stadt verlassen sie fände mich nicht und geriet in noch größeres
Elend als ich Nein ich muss zurück ich muss ich muss« Übereilend drängte er
sich durchs Gebüsch hindurch und schonte weder Haut noch Kleidung als wenn sie
schon außen auf ihn wartete Plötzlich war er auf einem freien Platze und die
ganze Stadt mit Türmen Häusern und Gärten im schönsten Sonnenglanze vor ihm
der glänzende Anblick wie er so schnell auf den vorigen melancholischen
Aufenthalt folgte riss seine Seele empor er schien sich aus einem Kerker
gezogen und die Sonne zerstreute seinen Kummer wie Nebel Er wurde durch eine
geheime Macht nach der Stadt hingezogen und bei jedem Schritte wuchs mit seinem
Wunsche die Wahrscheinlichkeit dass der Advokat sich seiner annehmen werde
Diesen Mittag zu hungern weil es nicht anders sein könnte hatte er sich schon
gefasst gemacht
Er schwankte ob er in seine Wohnung zurückgehn sollte endlich entschloss er
sich dazu und war sogar nicht übel willens etwas von seinen Habseligkeiten auf
allen Fall in die Tasche zu stecken er erschrak bis zum Erröten als sich ihm
diese Vorsichtigkeit wie eine Betrügerei vorstellte Nein sagte er sich ich
muss erst meine Sachen taxieren ob sie zur Bezahlung zureichen und dann
Hier kam ihm eben der Lohnlakai sehr freundlich und dienstfertig entgegen
und bückte sich vor ihm dass die Nase aufs Knie stieß er wollte seiner
Höflichkeit gar kein Ende machen Das unerwartete Betragen war unerklärlich
»Bleiben Sie ja ein Viertelstündchen zu Hause« sprach er und lief eilfertig
nach dem Hut »ich will gleich jemanden holen das wird eine Freude sein« Mit
diesen kurz herausgeatmeten Worten lief er davon und ließ Heinrich Zeit über
seinen Text Mutmaßungen zu machen Was war natürlicher als dass es die Baronesse
sein musste die er holte Sie war eben angekommen hatte sich bei einem seiner
Patrone nach ihm erkundigt ihn hier aufgesucht nicht gefunden dem Lohnlakai
ein gutes Trinkgeld versprochen wenn er sie sogleich nach seiner Rückkunft
rief und um dieses tun zu können musste sie Geld mit sich bringen aber woher
das Ei konnte sie denn nicht ihre diamantnen Ohrgehenge verkauft haben Oder
vielleicht hatte sie sich Schwingern anvertraut vielleicht hatte er ihr
durchgeholfen Geld geborgt Aber was brauchte er sich denn darum zu bekümmern
wie sie zum Gelde kam Genug sie sollte angekommen sein und Geld bei sich
führen um ihn aus seiner Verlegenheit zu reißen das ist nun so eine
zusammenhängende einleuchtend wahre Geschichte Je mehr er sie wahr wünschte
je mehr vergaß er dass er sie bloß mutmasste
Nach langem ungeduldigem Hoffen hörte er die Stimme des Lohnlakais sein
Herz klopfte er zitterte er flog nach der Tür riss sie auf und erblickte
eine Perücke einen ölgelben Rock von oben bis unten zugeknöpft schwarze
Unterkleider und einen silbernen Duodezdegen der aus der Öffnung des Schosses
hervorguckte mit einem Worte seinen Patron den gutmütigen Advokaten
»Lieber Sohn« fing er an »du sollst heute bei mir essen meine Frau ist
verreist Wenn die Katze nicht zu Hause ist macht sich die Maus lustig wir
wollen hoch zusammen leben und wenn du so angebrachtermassen bei mir als heute
mittags issest so wollen wir weiter deliberieren was in puncto deines
Fortkommens zu tun und zu machen ist«
Er berichtete zugleich dass er ihn schon zweimal vergeblich gesucht und in
der Nachbarschaft bei einem Freunde erwartet habe Welche fröhliche Botschaft
Sie wanderten zusammen fort
Bei Tische entdeckte er ihm dass er seine Rechnung im Gasthofe bezahlt habe
und ihn zu sich ins Haus nehmen wolle
aber was ihn dazu so schnell bewegte verschwieg er ihm Schwinger hatte ihn
in einem zweiten Briefe ersucht seinen Freund zu sich zu nehmen und Tisch und
Wohnung vierteljährig für ihn zu bezahlen versprochen »Aber lassen Sie ihn
nichts davon merken« schrieb er »Der Bursche muss glauben seinen Unterhalt
durch seine Arbeit zu verdienen damit er sich daran gewöhnt und es ohne
Widerwillen tut wenn ers bedarf Beschäftigen Sie ihn also unaufhörlich und
unterlassen Sie nichts was Sie zu seinem Fortkommen beitragen können
Vielleicht kann ich ihn in einem halben Jahre wieder zu mir zurückholen der
Oberpfarrer in G ist gefährlich krank man hat mir seinen Platz versprochen
stirbt er so werde ich schon weiter für den jungen Menschen sorgen Er liegt
mir am Herzen wie mein Sohn«
Der gutmütige Doktor Nikasius so heißt er war unmittelbar nach
Durchlesung des Briefs so fest wie itzo entschlossen die Bitte seines Freundes
gewissenhaft zu erfüllen aber die Frau die Frau Er gestund Heinrich
offenherzig dass sie das große Hindernis bei allem Guten sei was er nur jemals
tun wollte »Aber« setzte er hinzu »wir wollen sie schon dergestalt und
allermassen hinter das Licht führen dass sie sich fordersamst zum Ziel legen
soll Anlangend nun deine Herkunft also wollen wir ihr dergestalt und
allermassen überreden du seist ein Edelmann denn die Hexe will mit niemandem
sonst etwas zu tun und zu schaffen haben Wenn du nun zwar kein Edelmann bist
noch sein oder heißen willst und dir solchemnach allerhand Kalamitäten und
Beschwerden durch Arrogierung einer unerweislichen Geburt zuwachsen und erfolgen
dürften solchergestalt also wollen wir ihr ferner geflissentlich anheimstellen
deine Geburt als ein Fideicommissum wohl und geziemend zu bewahren auch
niemandem zu entdecken noch viel weniger zu offenbaren welchergestalt und auf
was für Art und Weise es nur immer sein und geschehen möge Zufolgedessen sollen
alle deine Res mobiles noch heute anhero gebracht und geschafft werden damit du
in possessione bist und sie dich sofort ohne große Unhöflichkeit nicht
extrudieren kann«
Die Anstalt wurde auch sogleich gemacht und Heinrich in den Besitz einer
Kammer gesetzt bis die Frau Gemahlin eine Stube für ihn bewilligen wollte
Nachdem die Geschäfte besorgt waren kehrte der Doktor wieder zur Freude zurück
und sprach und handelte so natürlich wie jeder andre Mensch sobald etwas nur
die mindste Miene eines Geschäftes hatte sprach er in seinem schwerfälligen
tautologischen Stile und wenn er auch nur dem Bedienten ein Stück Akten
wegzutragen befahl Um die Abwesenheit seiner Frau recht zu genießen hatte er
einige Universitätsfreunde auf den Nachmittag zu sich gebeten die ihm das
Andenken seiner frohen akademischen Jahre erneuern helfen sollten Er war ein
ungemeiner Liebhaber der studentenmässigen oder fidelen Lebensart wie er sie
nannte und durfte sich vor seiner Frau einer sehr zeremoniösen Dame nichts
davon merken lassen
Die Gäste erschienen tranken und rauchten Tabak und wurden so aufgeräumt
als wenn die Freude ihre leibhafte Mutter wäre sie erzählten sich Schwänke und
kurzweilige Histörlein und auf jedes folgte ein so lautes allgemeines
Gelächter dass die Gläser und Fensterscheiben zitterten Das Lustigste für den
Zuschauer bei dieser auserlesnen Gesellschaft bestund darin dass ein jedes von
den vier Mitgliedern sich ein Wort angewöhnt hatte welches er ohne Sinn und
Zusammenhang unaufhörlich wiederholte
Herr Fabricius trat herein machte eine Verbeugung und ohne ein Wort
gesprochen zu haben fing er an »Wie gesagt ich bin Ihr gehorsamer Diener«
Der Wirt antwortete »Seien Sie willkommen dergestalt und allermassen«
Fabricius Wie gesagt Brüderchen ich habe dich lange warten lassen aber
wie gesagt wo stecken die andern Hundsfötter Wie gesagt bin ich ja doch nicht
der letzte
Nikasius Die Schurken werden dergestalt und allermassen wohl zu tun haben
Herr Piper guckte scherzhaft zur Tür herein »Nämlich hauptsächlich seid
ihr böse auf mich ihr Halunken«
Fabricius Wie gesagt du Pfannkuchenkopf warum bleibst du so lange
Piper Du Schweinigel ich konnte ja nämlich hauptsächlich nicht eher
kommen
Herr Furiosus riss die Tür auf trat den Hut auf dem Kopfe herein und
brüllte »Und abermals guten Tag ihr Hundejungen«
Tutti Großen Dank Herr Hasenfuß
In einem so kräftig liebkosenden Tone wurde das Gespräch fortgesetzt und
zwar mit einer Unerschöpflichkeit an Schimpfwörtern dass keins mehr als zweimal
zum Vorschein kam der schlechte Spaß schwang seine Flügel über sie und
schüttelte einen Platzregen von plumpen Einfällen unter ihnen aus Als ihre
Lustigkeit im höchsten Schwunge war fand sich ein junger Doktor der vor kurzem
von der Akademie zurückgekehrt war ein Männchen à quatre epingles vom Kopf bis
auf die Füße wie aus Wachs geformt mit vielen scharrenden Verbeugungen und
schnatternden Komplimenten bei ihnen ein um dem Herrn vom Hause die Aufwartung
zu machen Die Gesellschaft trat im Zirkel um ihn herum und blies eine so
ungeheure Menge Rauch auf das geputzte Herrchen los dass die Flittern seiner
gestickten Knöpfe wie blinkende Sternchen durch Regenwolken schimmerten
außerdem verloren seine Komplimente Geschmeidigkeit und Fluss weil ihm der
erstickende Dampf auf die Lunge fiel und ihn jeden Augenblick zu husten nötigte
Zuletzt wurde die Wolke so dicht dass sie ihn nicht mehr sahen es entstund
allgemeine Stille weil er vor Ersticken nicht mehr reden konnte man glaubte
also wirklich er sei aus Verdruss ohne Abschied fortgegangen Das arme
Doktorchen das vor Berauschung und Taumel des Kopfs nicht sah noch hörte
suchte die Tür und konnte sie schlechterdings nicht finden er wankte hin und
her
»Wie gesagt der Narr ist fort« fing Fabricius an »Ich empfehle mich
Ihnen gehorsamst« flüsterte ein kraftloses Stimmchen aus der Dampfwolke
hervor Es war der halb ohnmächtige Doktor der nach langem Taumeln eine Tür
erwischt hatte und zu ihr hinauswankte aber er hatte die falsche erwischt denn
er kam in die Schlafstube Er merkte wohl dass er unrecht sei allein seine
Schwäche überwältigte ihn so stark dass er unmöglich der Versuchung widerstehn
konnte der Einladung eines schönen kattunen Vorhangbettes zu folgen entweder
glaubte er in seinem Schwindel wirklich schon zu Hause zu sein oder wollte er
bloß die Gelegenheit zur Erholung nützen genug er warf sich wie er war auf
das Bette und schlief ein Inzwischen freute sich die dampfende Gesellschaft
ihres Triumphs über den schön geputzten Doktor und die Unterredung lenkte sich
allmählich auf die Weiber worunter keine sonderlich gut wegkam ein jeder
wollte mit der seinigen eine schlimme Operation vornehmen der eine wollte sie
wie gesagt unter die Freipartie tun der andre wollte sie nämlich hauptsächlich
in einem Zuchtause versorgen Nikasius wollte die seinige dergestalt und
allermassen auf Interessen austun und Furiosus dachte und abermals ein
Depositum miserabile aus ihr zu machen Ihr Witz lief noch lange Zeit in diesem
Gleise fort als plötzlich die Tür aufging man hatte die Fenster geöffnet um
die Atmosphäre vom Qualme zu reinigen und durch die dünnen Dampfwolken zeigte
sich die Dame vom Hause
Wie eine Schildwache die mit scharfgeschultertem Gewehre vor dem
vorübergehenden Offizier in steifer Ehrerbietigkeit dasteht trat die ganze
Gesellschaft dahin streckte die Pfeifen und zog die Hüte von den Köpfen als
die Frau vom Hause erschien Niemand sprach mit unwilligem Schütteln des
Hauptes und kochendem Grimme im Herze begab sie sich wieder hinweg dem Herrn
Gemahle entsank Mut und Lustigkeit wie ein Kind das Knecht Ruprecht gescheucht
hat ging er ängstlich in der Stube herum und wunderte sich warum seine Frau
schon wiederkäme da sie doch erst morgen abend hätte eintreffen sollen Herr
Piper nahm seinen Stock und sagte nämlich hauptsächlich gute Nacht Furiosus
wünschte dass der Teufel und abermals die Hexe fortgeführt haben möchte
»Wie gesagt wir müssen gehen« sprach Fabricius unmutig »Ja Brüderchen«
sagte der Herr vom Hause mit verzerrtem Gesichte »das wird wohl dergestalt und
allermassen das beste sein« Man folgte seinem Rate
Viertes Kapitel
Um die erzürnte Ehefrau wieder auszusöhnen begab sich der Mann unmittelbar nach
dem Abschiede seiner Freunde zu ihr und bewillkommte sie in der Form da sie
keinen kleinen Vorrat von Eigendünkel besaß und die vornehme Dame gern spielen
wollte so war eine solche Formalität für sie ein angenehmes Sühnopfer Er küsste
ihr die Hand sie schmunzelt er machte drei förmliche Verbeugungen rückwärts
und wünschte zur erfreulichen Rückkunft Glück
»Du bist einmal lustig gewesen Papachen« sprach die Frau mit stolzem
verdriesslichem Tone zu ihm herab und machte ihr Reisekleid los der Mann sprang
hinzu und half ihr sie dankte ihm mit einer preziosen Verbeugung Diese Hilfe
hatte ihm die Antwort auf ihre Frage erspart sie fuhr also fort
»Nun werd ich wohl vierzehn Tage lang den Studentengeruch nicht wieder aus
dem Hause bringen«
Ohne sie ausreden zu lassen unterbrach sie der Mann »Mein Äugelchen
willst du etwa Tee Kaffee oder etwas zu essen Ich will gleich bestellen«
Sie dankte
Die Frau Wenn du dir nur einmal das böse Studentenleben abgewöhnen
könntest Man darf auch nicht den Rücken kehren so fällst du gleich wieder in
deine alten Sünden zurück Man zieht seine Schande an dir Kannst du denn nicht
einmal ein Mann werden der seinem Stande Ehre macht So lass doch die
Tabaksbrüder sich in Kneipen und Schenken herumwälzen und beschimpfe dich und
deine Frau nicht durch solche schlechte Gesellschaft Werden die Leute nicht
denken dass bei uns alles vollauf ist wenn du so schmausest und brausest Man
kann ja das Geld zu bessern Gesellschaften und anständigern Besuchen sparen
Der Mann Hm hm Fatal recht fatal dass ich mich dazu habe bereden lassen
Es soll nicht wieder geschehen mein Mäuschen
Die Frau Das hast du mir schon tausendmal versprochen Papachen Ich will
auch gar nicht mehr aus dem Hause gehen ohne dich
Der Mann Fatal recht fatal Verlass dich auf dein Papachen Es soll nicht
wieder geschehen
Die Frau Und obendrein zu so ungelegner Zeit die alten Dampfgäste
daherzusetzen Ich muss ja morgen abend zu essen geben Die Gäste möchten sich
die Nase zuhalten so übel wird das ganze Haus riechen
Der Mann Vielleicht haben sie den Schnupfen Wenns ihnen nicht gut in
meinem Hause riecht ist mirs desto lieber Da kommen sie dergestalt und
allermassen nicht wieder
Die Frau Ja freilich dir sind deine lustigen Saufbuben lieber als hübsche
Leute
Der Mann Die hübschen Leute machen mir dergestalt und allermassen nicht halb
soviel Vergnügen als meine lustigen Kameraden Da gibst du mir elende Suppen und
magres Zugemüse damit du alle Monate einmal deinen hübschen Leuten vollauf
vorsetzen kannst dass dergestalt und allermassen der Tisch brechen möchte Ich
lobe mirs alle Tage gut gegessen
Die Frau Wenn du das Geld dazu hast
Der Mann Das hätten wir wohl Wenn wir nicht alle vier Wochen einmal den
hübschen Leuten meinen Verdienst zu verzehren gäben so brauchten wir nicht die
übrige Zeit so kümmerlich und jämmerlich zu fressen Mir ist dergestalt und
allermassen eine kleine wohlfeile Lust die man oft anstellen kann tausendmal
lieber als so eine seltene kostbare Fresserei wobei man sich den Magen verdirbt
und des Lebens unter den hübschen Leuten nicht froh wird Lass sie Kaffee saufen
wenn du ja Besuch haben willst und damit gut Oder gib guten Freunden ein paar
Schüsseln und das oft und lass uns fröhlich und guter Dinge dabei sein
Die Frau Schweig Papachen das verstehst du nicht
Der Mann Ja ja ich bins ja zufrieden wenns nicht anders sein kann
Aber
Die Frau Papachen geh an deine Arbeit Akten verstehst duverdiene du nur
das Geld Wie es vertan werden soll das versteh ich Geh arbeite
Der Mann Ja ja Mäuschen ich wills ja tun
Er gehorchte sie merkte wohl dass ihm noch etwas auf dem Herzen lag aber
sie trug kein großes Verlangen es zu erfahren Er wollte ihr Heinrichs Aufnahme
in sein Haus hinterbringen das war es gleichwohl wusste er nicht wie er sich
am besten dabei benehmen sollte Er berief ihn zu sich auf seine Stube um ihm
die Marotten seiner Frau bekanntzumachen damit er desto leichter das Geheimnis
erriete sich in ihre Gunst zu setzen
»Pro primo« hub er an »hat meine Frau dergestalt und allermassen einen
recht spanischen Stolz nimm einen Bogen Papier und schreib wie ich dir
vorsage sie lässt sich gern die Hände küssen sie sieht es sehr gern dass man
tiefe tiefe Reverenze vor ihr macht und nimmts übel wenn sie nicht tief
genug sind sie wird böse wenn man sie Madam nennt Frau Doktorin muss man sie
nennen wenn sie antworten soll und krieg ich einen Titel welches ich nächst
Gottes Hilfe in wenig Wochen erwarte dann muss man jedesmal nach zwei Worten
den Titel einschieben damit diejenigen so es nicht wissen gleich erfahren
wen sie zum Manne hat Wenn man von ihr und sich selbst zu gleicher Zeit
spricht so muss sie zuerst genennt werden oder sie macht ein Gesicht wie eine
wilde Katze Zur Tür hinein oder heraus muss sie allemal vorangehn oder es läuft
übel ab Auch muss man soviel möglich sich hüten gegen sie sich solcher
natürlichen Ausdrücke zu bedienen wie folgende Ich habe Sie im Zwinger gesehen
Sie haben hier eine Faser hängen Gehen Sie voran Dafür sage man zierlicher
zu ihr Frau Doktor ich habe die Frau Doktorin im Zwinger gesehen Die Frau
Doktorin haben hier eine Faser hängen Die Frau Doktorin belieben voranzugehn
Wer sie mit der linken Hand führen will ist ihr Todfeind sie zieht in einem
solchen Falle ihre Hand zurück und rümpft die Nase Item muss man sich alles
Naseputzens Räusperns Ausspeiens starken Redens und andern Geräusches was
und welcherlei es sein möge sorgfältigst in ihrer Nähe enthalten je leiser und
unverständlicher man spricht je angenehmer ist es für sie Item darf man nicht
frei und offen sondern beständig mit einer Art von Zwang und ehrerbietiger
Scheu mit ihr sprechen nicht zu nahe zu ihr treten sondern sich sosehr als
möglich bei der Tür halten nie lustig und aufgeräumt sondern beständig ernst
gesetzt langsam feierlich und mit häufigen Komplimenten und Verbeugungen zu
ihr reden Wer diese und andre Gebote hält dem wird es nie an Gunst und guter
Meinung bei ihr fehlen
Pro secundo hat besagte meine Frau einen kurzsichtigen Verstand und hält
deswegen jede Meinung für abscheulich die nicht die ihrige ist es sei in
politischen ökonomischen oder anderweitigen Angelegenheiten Wer nicht ihre
Meinung trifft den hasst den verfolgt sie In Religionssachen ist sie
ungemein kützlich sie hat einen eisernen Glauben und wer nicht glaubt wie sie
ist ein Bösewicht zuweilen schwärmt sie gar und ist schon einmal erzfanatisch
gewesen der Himmel bewahre sie vor einem Rezidiv Die Prediger betet sie an
und ihre Worte sind ihr Orakelsprüche man darf deswegen in ihrer Gegenwart
keinen nennen ohne das Haupt zu entblössen Von der Philosophie hält sie nicht
viel und von der Poesie gar nichts Nb gereimte geistliche Lieder
ausgenommen Sie spricht am liebsten vom Hofe und am besten von Domestiken
Durch ein zweideutiges auch wohl unschuldiges Wort kann man in ihren Augen zum
Freigeiste werden und ist man das einmal dann wird man von ihr geflohen wie
der Erzfeind Sie glaubt einen Teufel wer ihn vor ihr bei Namen nennt ist
verflucht auch darf man ihm sonst nichts zuleide tun Sie versteht im Grunde
von allem nichts ist einfältig und unwissend wie ein Trampeltier nimmt es aber
höchst übel wenn jemand etwas besser zu verstehen glaubt Sie ist intolerant
dass sie jeden bei langsamem Feuer braten würde der nicht so glaubt denkt und
handelt wie sie wenn das Verbrennen nicht durch die Gesetze verboten wäre
Pro tertio ihren Willen anlagend ist sie überaus argwöhnisch da sie von
blödem Verstande und ohne Kenntnis ist dabei ihre Schwäche bei vielen
Gelegenheiten merkt so glaubt sie sich gleich gemeint wenn man von etwas
spricht das sie treffen könnte Ferner ist sie misstrauisch zurückhaltend
knickerig voll Bettelstolz Prahlerei Kleidersucht Eitelkeit Trotz dieser
mannigfaltigen Fehler ist sie zuweilen so gutherzig wie ein Schaf Nicht minder
«
Eben trat das Original herein man musste also die Schilderung beiseite
legen weil man es nicht für ratsam hielt zu erfahren ob die Dame ihr Porträt
ähnlich fände Sie erstaunte über die Gegenwart des jungen Menschen Heinrich
besann sich sogleich auf den ersten Artikel seiner Instruktion und fuhr mit
einem tiefen tiefen Reverenze nach ihrer Hand küsste sie und trat vier große
Schritte weit nach einer abermaligen Verbeugung zurück »Wer ist denn der«
fragte sie ihren Mann »Kennst du ihn nicht Mäuschen« antwortete der Doktor
»Der junge Mnesch der vor einigen Tagen «
Die Frau Den Brief brachte Was will er denn schon wieder Die Frage
wurde mit dem verdriesslichsten gedehntesten Akzente gesagt Der Mann brachte
die verabredete Lüge vor und kaum hatte sie erfahren dass er ein Edelmann sei
als sie sich mit einer tiefen graziosen Verbeugung zu ihm wandte und sich voll
unbeschreiblicher Freundlichkeit über die Ehre freute »Ihr Gnaden zu
beherbergen«
»Still« rief der Mann und gebot ihr seinen Stand nicht zu verraten Sie
flog eine Mahlzeit zu bereiten wie sie sich für einen solchen Gast schickte
machte ihm ihr bestes Zimmer zurechte und Heinrich spielte die anbefohlne Rolle
der komplimentarischen Ehrerbietigkeit so gut dass er noch den nämlichen Abend
bei Tische vom Kopf bis zu den Füßen in ihrer Gunst saß
Bei dem Schlafengehen legte sie ihrem Mann einen wichtigen Punkt über die
Etikette vor die man gegen den jungen Herrn beobachten sollte da man ihn nicht
seinem Stande gemäß behandeln und titulieren dürfte Die erste Frage war ob
man ihn Monsieur3nennen sollte Die Stimmen teilten sich man stritt heftig
und lange und weil der Mann die Negative ergriff sagte die Frau ja Alsdann
schritt man zum zweiten wichtigen Punkte »Soll man den jungen Menschen Sie
Ihr Er oder Du heißen« Bei einer so großen Menge möglicher Fälle wurde die
Frage in vier verschiedene Untersuchungen abgeteilt und die Beratschlagung kam
vor zwölf Uhr nicht zum Schluße welcher dahin ausfiel dass man um dem jungen
Menschen da er nicht unter seiner wirklichen Qualität erscheinen durfte weder
zuviel noch zuwenig Ehre zu erweisen sich keiner jener vier Arten der deutschen
Höflichkeit sondern des Wörtleinsman gegen ihn bedienen wolle versteht
sich dass sich der Mann bei der ganzen Überlegung bloß leidend verhielt und bei
den Kurialien blieb die er bisher schon gegen ihn gebraucht hatte
»Die übrigen Punkte wollen wir bei Gelegenheit in Erwägung ziehen« sagte
die Frau gähnend und schlug die Vorhänge zurück um ins Bette zu steigen »Ach«
schrie sie laut und sank dem hinter ihr stehenden Manne in die Arme
»Mäuschen was ist dir denn« »Ach Papachen« dabei blieb sie
Papachen setzte die Frau in einem Armstuhle ab und holte die Nachtlampe
leuchtete ins Bett beim Jupiter da lag lang ausgestreckt und schnarchend als
wenn ihn Merkurs Rute eingeschläfert hätte der schön geputzte Doktor der sich
nachmittags in dem Tabakrauche verirrt hatte Da lag er durch den narkotischen
Dampf in einen Todesschlaf versenkt mit dem Degen und Chapeau bas wie ein
schlafender Endymion à la française geputzt rührte kein Glied sosehr er
geschüttelt wurde Endlich erwachte er reckte sich erhub sich langsam in die
Höhe und sprach zum Doktor Nikasius den er für seinen Bedienten ansah
»Kleidet mich aus« Über eine Weile fuhr er auf »Nu was wartet denn der
Schlingel Ich bin wie zerschlagen« Indem er dies sagte blickte er mit den
halbblinzelnden Augen nach der Frau Doktorin hin »Was Teufel« stammelte er
schlaftrunken »bist du hier Lieschen Heute ist es nichts« und so sank er
wieder zurück Der Doktor Nikasius ergrimmte und klopfte mit den Fäusten so derb
auf seinem Rücken herum dass er aufsprang und sich zur Wehr stellte Itzt
erkannte er seinen Gegner bei dem hellbrennenden Lichte das die Frau Doktorin
unterdessen angezündet hatte Neue Verwunderung warum ihn diese beiden Leute im
äußersten Negligé besuchten denn er glaubte noch immer bei sich zu Hause zu
sein man überzeugte ihn von seinem Irrtume und er wanderte beschämt und
einfältig wie ein Kind davon dass ihm der Doktor Nikasius kaum mit dem Lichte
folgen konnte um ihm die Haustür zu öffnen er stolperte über Tisch und Stühle
hinweg verirrte sich und so jagten die beiden Leute einander ewig durch alle
Stuben durch ohne sich finden zu können bis der Hausherr den Gast bei dem Arme
erwischte und zur Treppe hinunterführte
Den folgenden Morgen musste Herrmann bei der Frau vom Hause den Tee
einnehmen sie erzeigte ihm diese Höflichkeit um ihn auf ihre Seite zu ziehen
wenn vielleicht zwischen ihr und dem Manne Faktionen entstehen sollten Sie
entwarf ihm deswegen das Porträt des Herrn Gemahls
»Mein Mann ist ein guter Narr« begann sie »man kann aus ihm und mit ihm
machen was man will Er glaubt weder Himmel noch Hölle aber Gespenster er
hält nicht viel auf sich wenn er nur lustig sein kann so ist er imstande mit
Schuster und Schneider umzugehn Mit dem Gelde weiß er gar nicht hauszuhalten
er wirfts weg wie ers bekommt wenn ihn jemand darum bittet Ich sage das
nur damit man sich an seinem Beispiele spiegelt und sich nicht von ihm
verderben lässt besonders nehme man sich vor seinem Unglauben in acht und richte
sich deswegen bloß nach mir Wer meinen Lehren und Ermahnungen folgt der ist
wohlberaten man kann bei mir den Ausbund aller Herz und Seele stärkenden Bücher
erhalten und man lese nur fleißig darin so wird es nicht an Segen und
Gedeihen fehlen Ich werde mir zuweilen selbst die Mühe geben und zum Lesen
anhalten damit man nicht durch den Unglauben meines Mannes angesteckt wird«
Im Grunde wollte sich die Dame durch diese Vertraulichkeit nur den Weg zu
einer Befriedigung ihrer Neubegierde bahnen sie lag ihr wie eine zentnerschwere
Last auf dem Herze es ängstigte und drückte sie das Verlangen zu erfahren
warum Herrmann seine Geburt verheimlichte sie mutmasste wer weiß welche
Geheimnisse dahinter Deswegen rückte sie immer näher zur Sache erkundigte sich
nach dem gnädigen Herrn Vater und der gnädigen Frau Mutter Heinrich war in der
äußersten Verlegenheit und antwortete höchst lakonisch Da auf diese Manier
nichts herauskommen wollte so schritt sie zu der unausweichlichen Frage warum
er seinen Adel verberge Heinrich fühlte in der falschen Anmassung eines höheren
Standes und dem Kunstgriffe sich durch eine Lüge in der Gunst einer Frau zu
befestigen die er nicht sonderlich hochachtete so etwas Aufbringendes so
etwas Erniedrigendes dass er nach einer zweiten Wiederholung ihrer Frage die
reine Wahrheit geradeheraus sagte ohne einen Umstand seiner Herkunft zu
verhehlen Die Frau Doktorin empfand in dem Augenblicke gegen den aufrichtigen
jungen Menschen eine so tiefe tiefe Verachtung dass sie sogleich das Gespräch
abbrach und ihm auf seine Stube sich zu begeben gebot
Auf der Stelle eilte sie zum Manne ihm über die entdeckte Lüge Vorhaltung
zu tun der friedliebende Doktor der sich lieber mit sechs Parteien vor Gericht
als mit seinem Weibe einmal zankte suchte zwar anfangs durch angenommene
Unwissenheit der ferneren Untersuchung zu entgehn allein da er sich durch das
eigne Zeugnis des jungen Menschen überführt sah so bekannte und beichtete er
seine Sünde offenherzig und entschuldigte sie mit der guten Absicht nahm mit
einem treffenden Verweise vorlieb und schrieb ruhig an seinen Akten fort
Ihr Unwille wuchs noch mehr als sich sogar ihr Eigennutz auch betrogen
fand sie hatte in der ersten Berauschung über die Ehre einen jungen Kavalier
bei sich zu beherbergen vorausgesetzt dass die Bezahlung dafür noch nicht
bestimmt sei sondern dass man ihr ohne Widerrede jede noch so große Foderung
zugestehn werde leicht zu erachten dass ihre Foderung nicht klein ausfallen
sollte wie stutzte wie knirschte sie als ihr der Mann bei genauer
Nachfrage offenbarte für welch geringes Geld der gutherzige Narr wie sie ihn
bei der Gelegenheit nannte Tisch und Wohnung versprochen hatte Er wurde
ausgefilzt wie ein Schulknabe und um seine hochgebietende Gemahlin zu
beruhigen gelobte er an eine Zulage von Schwingern zu verlangen Dass es der
gute Mann über sein Herz hätte bringen können Nein lieber bezahlte er der Frau
aus seinem eignen Beutel die gefoderte Erhöhung der Pension und überredete sie
dass er sie von seinem Freunde geschickt bekomme Auch diese vermehrte Summe war
immer noch nicht genug da sie gar nichts an der Ehre gewann so wollte sie sich
durch desto größeren Nutzen schadlos halten und drang endlich mit einem Haufen
scheinbarer Gründe in den Mann ihr diese Last aus dem Hause zu schaffen Der
Mann widerstand mit seinem ganzen kleinen Vorrate von Mut
»Bedenke doch nur Mäuschen« sprach er bei einer Unterredung über diese
Angelegenheit »was soll denn aus dem jungen Menschen werden wenn wir ihn von
uns treiben«
Die Frau Dafür mag Er sorgen
Der Mann Wir können ihm aber doch dergestalt und allermassen ohne die
mindesten Unkosten ohne unsern Schaden und etwaigen Nachteil ohne alle Last
und Mühe fortelfenund sein Freund mein alter Duzbruder und Stubenbursche hat
mir ihn auf die Seele empfohlen
Die Frau Ja empfehlen ist keine Kunst wenn er nur auch bezahlte
Der Mann Das tut er ja Katrinchen soviel als recht und billig ist
Die Frau Wie will nun der einfältige Mann wissen was in der Haushaltung
recht und billig ist Das muss ich verstehen
Der Mann Hast du denn Schaden dabei
Die Frau Nein das wohl eben nicht aber auch keinen Nutzen
Der Mann Ach potz Plunder muss man denn nichts ohne Nutzen tun
Katrinchen du plauderst nun so viel von Frömmigkeit und Gottesfurcht dass mir
mannigmal die Ohren weh tun und du bist doch dergestalt und allermassen ärger
als Juden Heiden und Türken Nicht so viel Christentum hast du im Herze als
man auf einen Nagel legen kann
Die Frau Ich kein Christentum Davon darf so ein Unwiedergeborner so
ein Ungläubiger gar nicht reden Das muss ich verstehen was dazu gehört Ich
vergiesse manche Träne über deinen Unglauben
Der Mann Gehorsamer Diener Frau Doktorin bemühen Sie sich nicht Sie
hätten ihrer genug über sich selbst zu vergießen über die Harterzigkeit über
den Eigennutz den Stolz die Hoffart Ob du gleich alles frisch vom Munde weg
glaubst was du von deinen Seelenräten hörst oder in deinen schwarzkorduanen
Büchern liesest so hast du doch ein Rabenherz so trocken wie Bimsstein und
härter als alle Felsen im ganzen Plauenschen Grunde Dein Glaube hat noch keinen
hungrigen Hund gesättigt aber meine Gutherzigkeit die du mir so oft vorwirfst
hat schon manchem armen Teufel geholfen den ihr allesglaubenden Unmenschen
verhungern liesst
Die Frau Schweig dass du dich nicht an mir versündigst Wenn du nur soviel
Almosen gäbst als ich
Der Mann Was Almosen ich gebe keine Almosen ich tue Wohltaten und
Dienste Deine Almosen sind Prahlerei Eitelkeit Stolz Du demütigst die Leute
damit Meine Gefälligkeiten erniedrigen niemanden denn ich verlange nicht
einmal einen Dank dafür und das zehntemal wissen die Leute gar nicht dass die
Hilfe von mir kommt sie sollens auch dergestalt und allermassen nicht wissen
Potz Plunder lass dir einmal sagen Katrinchen und jage die schwarze Parucke
den konfiszierten Magister der alle Tage zu dir kommt
Kaum war das Wort zwischen den Lippen hervor als der Bediente die Ankunft
des eben genannten Magisters meldetedie Strafpredigt des Mannes musste also
unvollendet bleiben weil die Frau wie ein Gems zur Stube hinausschoss um den
schwarzperückichten Magister zu empfangen und sich mit ihm an der stolzen
Einbildung zu weiden dass sie allein die frömmsten Kreaturen im Lande wären
Ungeachtet der Mann auf seiner menschenfreundlichen Halsstarrigkeit bestund
und den jungen Herrmann mit seinem Wissen nicht im geringsten kränken ließ so
trug sein Schutz doch nicht viel zur Glückseligkeit des Beschützten bei weil er
seine Lage nicht änderte Der ehrbegierige Jüngling fühlte die Verachtung womit
ihm die Frau vom Hause begegnete das Armselige das Erbettelte das
Erniedrigende in seinem Zustande zu sehr um nicht alle Foltern des beleidigten
Ehrgeizes dabei auszustehn seine lebhafte fast brausende Tätigkeit war in die
traurige Beschäftigung eingezäunt trockne Akten die weder seinem Verstande
noch Herze einen Brocken Nahrung verschaften wörtlich und sorgfältig
abzuschreiben Alle seine Begierden strebten zum höchsten Gipfel eines Dinges
das er sich weder zu benennen noch deutlich zu entwickeln wusste nach Ehre
Vorzug Größe der Vogel wollte mit gespannten Fittichen zur Sonne emporfliegen
und das arme Geschöpf musste sich in einem engen händebreiten Zirkel unter der
langweiligsten Einförmigkeit herumführen lassen er flatterte er zitterte von
dem innern hervordrängenden Feuer und keuchte vor Anstrengung seine
Leidenschaft zu unterdrücken er wurde verdrießlich mürrisch einsilbig
Natürlich folgte daher dass er seine Geschäfte da sie ihm so widrig schmeckten
ungemein nachlässig verrichtete er war nie fertig wenn er es sein sollte und
sein Abgeschriebnes so voller Fehler dass man es nie brauchen konnte Sein
Patron hatte bei aller Gutmütigkeit militarische Strenge sobald es seine
Geschäfte betraf und bestrafte deswegen die Unachtsamkeit und Langsamkeit des
Abschreibers mit scharfen Verweisen ohne alle Schonung Die Empfindlichkeit
wollte oft dem unglücklichen Jünglinge das Herz abstossen er erkannte in sich
die Strafbarkeit seiner Fehler konnte nicht über die Strafe zürnen sondern
über seine Unfähigkeit sie zu vermeiden oft stampfte und sprühte er vor Wut
auf seiner Stube nach einem solchen Verweise lief glühend auf und nieder und
verwünschte sich als einen Unwürdigen »O wer noch auf dem Schloss des Grafen
Ohlau wäre« mit diesem wehklagenden Ritornell ging meistens sein Zorn zur
Betrübnis über Gemeiniglich wanderte er bei einem solchen Vorfalle auf das
freie Feld hinaus um seinen Schmerz in den Wind auszuhauchen
Fünftes Kapitel
Herumgetrieben von Unmut über Verweise gequält vom Schmerz über sein
niederdrückendes Schicksal gemartert von Sehnsucht nach Vergnügen von Hunger
nach Liebe kehrte er den ganzen Kummer auf dem Gesichte eines Tages gegen
Abend von einem solchen traurigen Spaziergange nach Hause warf den Hut seufzend
auf den Tisch erblickte etwas das nicht gewöhnlich dort lag sah hin es war
ein dicker Brief mit seiner Adresse Der Verdruss hatte seine Neubegierde
gelähmt die Finger erbrachen ihn langsam zogen schwerfällig einen Brief heraus
er war von Schwingern Er las
A den 6Oktober l7
Lieber Heinrich
Meine Freude über Deinen glücklichen Zustand in Dresden ist unbeschreiblich
ich möchte meinem ehrlichen gutherzigen Nikasius um den Hals fliegen so hat
mich seine Aufnahme und Vorsorge für Dich gerührt Liebe ehre ihn wie einen
Vater lass Dich von ihm leiten wie ein Kind das ich erzogen habe
Liebster Freund wie kannst Du Dich auf unser Schloss zurückwünschen wenn Du
es nicht aus Liebe für mich wünschest Bei uns ist der Bosheit kein Ende das
ist ein ewiges Zanken Verfolgen Verdrängen und Verleumden Ich bin des Lebens
so überdrüssig dass ich noch heute zu Dir eilen und lieber Akten mit Dir
schreiben als hier in dieser Tigerhöhle bei voller Tafel müßig gehen möchte Der
Oberpfarrer in G dessen Tod mich daraus erlösen sollte ist wieder gesund
geworden und wer weiß wie lange ich also noch auf meine Befreiung warten muss
Ich bin ein verlassnes Schaf das seinen Freund sucht und nirgends finden kann
Du fehlst mir immer noch an allen Orten ob Du gleich schon einen Monat von uns
bist
Jakob unser aller Feind ist nunmehr durch seines Vater unablässige
Bemühungen in die wirklichen Dienste des Grafen getreten der Vater ist
Oberaufseher in der ganzen Herrschaft geworden und der Sohn hat seinen roten
Rock und Federhut seinen Gehalt seine Verrichtung und das Ohr des Grafen
bekommen er lässt sich so gut an dass er den Vater in kurzem weit übertreffen
wird So jung er ist so hat er sich doch schon zum Probestücke am Koche wegen
eines übereilten Spasses gerochen den dieser gesagt haben soll als er ihn
einmal aus dem Schlamme zog der arme Mensch hat vor acht Tagen in voller
Ungnade den Abschied erhalten
Fräulein Hedwig ist eine Stunde von hier zu einem Dorfgeistlichen gezogen
weil sie entweder mit Fleiß oder zufälligerweise dem Grafen zweimal begegnet
ist hat man ihr befohlen das Städtchen zu verlassen damit sich der Fall nicht
wieder ereignen könnte
Eine für mich höchst schmerzhafte Begebenheit weil sie Dich so nahe angeht
wirst Du aus dem eingeschlossnen Briefe erfahren Tröste Dich lieber Freund Sei
standhaft wie ein Mann und glaube dass noch kein Bösewicht ungestraft ins Grab
ging
Herrmann zitterte er konnte nicht weiterlesen er nahm den eingeschlossnen Brief
hastig und öffnete ihn mit bestürzter Erwartung er war von seiner Mutter
Gott zum Grus libes Kind wens dir noch wolget so ists uns fon Herzen lib und
angenem wir sind dem högsten sei Dank noch alle wohl auf Es were gar kein Wunder
wen man for schwärer Ankst und grosen Herzenskumer auf der Nase lege Libes Kind
Es is uns gar n groses Unglik begegent weil dein Fater den 7ten hugus seinen
Dinst Ferloren hat aber der teifel wird inen schon in der Helle dafor lonen den
gottlosen Packe Als ehegestern den 7ten huigus namen si im di Rechnunk ab ich
habe gedacht ich mus in Onmacht fallen wi der Berenheiter der verfluchte
Maulesel du wirscht ia deinen Rachen noch voll krigen du alter Dikkop das du
erliche Leite um ir bisgen libes Brot bringst lass dir nmal erzelen libes Kint da
sasen wir bei tische unt da kam das huntsgesicht als ehegestern den 7tn huigus
unt sagte das dein Fater den Dinst nicht mehr haben sollte es war als wen mir
jemand mit den Brotmesser s Herz entzweischnitte wie s so Knall unt fal kam ich
habe di drei tage iber kein trocknes Auge gehabt s ist gar ne große Not mit uns
das dein Fater den Dinst verloren hat Dein Vater ist n rechter krober Kloz das
er mich so veksiert das ich mich so betriebe das er n Dinst Ferloren hat Der
Libe gott erhalte dich gesund di schlaraffengesichter habens den krafen gesagt
weil dein fater nmal das Maul zu weit aufgetan hat r hat den krafen das Kalb
Moses geheisen und das mag n verdrosen haben und ta hat er seinen Dinst
verloren Wir zin wek ich will dirsch schon schreiben wir wisen noch nicht wohin
ich wills ja wohl noch erleben das den SchandKerl die leise fressen Deine getreie
Mutter bis in den Tod
Anna Maria Petronilla
Hermannin
Auf einen kleinen Zettel hatte der Vater flüchtig geschrieben Der Teufel hat
meinen Dienst geholt er wird die bald nachholen die mich darum gebracht haben
hoffe ich Nakt bin ich auf die Welt gekommen nakt muss ich von dem Dreckhaufen
wieder fortgehn wer nichts hat verliert nichts Drum sei gutes Muts wie dein
Vater und gib keinem Menschen ein gutes Wort Lebe wohl Heinrich Wenn du nach
mir gerätst so bin ich lebenslang
Dein herzensguter Vater
Adam Ehrenfried Herrmann
Heinrich war wehmütig über diese unerwartete Nachricht aber noch wehmütiger
dass ihm niemand etwas von der Baronesse sagte Er warf die Briefe auf den Tisch
schleppte sich traurig in einen Armstuhl und sah steif vor sich hin Und auch
keinen Gruß dachte er Nicht ein Wort wo sie ist wie es ihr nach meiner
Abreise ergangen ist Zeitlebens kann ich das Schwingern nicht vergeben so
eine Unachtsamkeit Er spricht immer wie sehr er mich liebt ja mag er mich
lieben das ist eine schöne Liebe das Beste zu vergessen Sie hat ihm
vermutlich wer weiß wieviel aufgetragen aber er ist so vergesslich Zu Tode
möcht ich mich über ihn ärgern Ob ich wüsste was Jakob geworden ist oder
nicht das hätt er für sich behalten können wenn er mir nur dafür mit einem
Worte gesagt hätte die Baronesse ist nicht mehr bei uns die Baronesse ist in
Berlin ist in Dresden Ach wenn sie vielleicht schon hier wäre und ich wüsst
es nicht Ja zuverlässig so wird es sein sie ist schon hier sie weiß
nicht wo ich wohne wie oft mag sie mich schon gesucht sich nach mir erkundigt
haben Und davon sagt man mir nun kein Wort Da denken die Leute es ist in
den großen Städten wie in unserm kleinen Neste dass sich zwei Leute gleich
begegnen wenn sie nur eine Stunde darin sind Schwinger ist ja doch schon in
großen Städten gewesen aber er überlegt sich nichts Wie soll ich denn nun
unter den vielen tausend Häusern das Haus finden wo sie wohnt und unter den
Millionen Stuben und Kammern ihr Zimmer Soll ich denn in den hunderttausend
Gassen täglich auf und nieder laufen und wenn ich an diesem Ende bin so ist
sie vielleicht an jenem Sie kann ja in einer Kutsche vor mir tausendmal
vorbeifahren und ich erkenne sie nicht sie geht vielleicht dicht neben mir hin
und sucht mich und ängstigt und quält sich meinetwegen und keins sieht das
andre vor den vielen Menschen die da um uns herumkrabbeln Wievielmal mag das
schon geschehen sein Ich habe sie vielleicht im Vorbeigehn berührt habe sie
vielleicht beim Herausgehn aus der Komödie gedrückt bin dicht an sie gepresst
worden und keins von uns wusste wie nahe das war was wir suchten O ich
möchte den Schwinger Ob er denn gar mit keinem Worte an sie denkt Ob ichs
vielleicht in der Eilfertigkeit überhüpft habe Ob es vielleicht am Rande steht
Ich habe ja wohl den Brief noch nicht ganz gelesen
Er sprang auf ergriff den Brief las ihn noch einmal vom Anfange bedächtig
durch und jeden Satz zwei dreimal um ja nichts zu übersehen kam an den Ort
wo er vorhin abgebrochen hatte und das erste Wort der ungelesnen Periode war
die Baronesse Seine Augen glänzten vor Freude er war von dem freudigen
Schimmer halb geblendet er las fünf sechsmal die Baronesse blinkte mit
den Augen und konnte nichts erkennen Die Baronesse grüßt dich und hat ein
kleines Billet beigelegt »Ein Billett« rief er wie trunken »Aber wo ist
es Hat ers vielleicht vergessen«
Hurtig wurden alle Briefe durchschüttelt befühlt übereinander geworfen da
war kein Billett Aber wie denn im Umschlage Er riss ihn auf Da war es
verkrochen im äußersten Winkel Das hartnäckige Siegel wollte nicht weichen er
riss und riss das Billett in drei Stücken dass er die zerfleischten Fragmente
mühsam zusammenlegen musste um den Inhalt herauszubuchstabieren Endlich brachte
er heraus
Lieber Herrmann
Ich freue mich dass Sie gesund sind und dass es Ihnen wohlgeht Denken Sie
zuweilen an Ihre Schulkameradin und leben Sie wohl Ich bin
Ihre aufrichtige Freundin
Baronesse von Breisach
»Was ist mir denn das für ein Billett« sagte er und ließ die Hand langsam mit
ihm sinken »So fremd so vornehm als wenns die Gräfin geschrieben hätte Es
ist vorbei Sie ist geworden wie sie alle sie verachtet mich mein Stand ist
ihr verächtlich O ich Elender dass mein Vater ein Einnehmer sein musste
Zugetraut hätt ich ihr das nicht aber es ist eine Baronesse Ich möchte Blut
weinen dass ich so ein verachtetes weggeworfnes Geschöpf bin Es ist aus sie
liebt einen vornehmen Narren und ich muss hier als ein elender Schreiber in
Kummer Jammer Not Verachtung vermodern Sonst hieß es Such einen Dienst
Heinrich und jetzt Denken Sie zuweilen an Ihre Schulkameradin Ich möchte
den kalten vornehmen Wisch gleich zum Fenster hinauswerfen dass es jedermann
lesen könnte wie schlecht sie gegen mich handelt«
Wirklich machte er auch auf der Stelle Anstalt dazu riss das Fenster auf
und wie er das Blatt gegen das Licht hielt und sich bedachte ob er sie der
angedrohten Schande aussetzen sollte wurde er eine Menge Nadelstiche darin
gewahr die Entdeckung erinnerte ihn an den vorigen geheimen Briefwechsel er
folgte der Spur und buchstabierte aus den Stichen bald ein Ich zusammen Mit
zitternder Ungeduld suchte er den Rest der Nadelschrift zu entziffern und
brachte nach langer Mühe heraus Ich komme nach Dresden Bist Du mir noch gut
»Ja ja ja« rief er überlaut und hüpfte und küsste das zerfleischte Blatt
er tanzte wie ein Besessener die Stube auf und ab »Sie kommt sie kommt«
schrie er entzückt und klatschte springend in die Hände Die kleine Marmotte
den Schosshund der Frau Doktorin der mit ihm unversehens in die Stube gewischt
war und ruhig auf dem Stuhle schlief raffte er auf und drückte sie dicht an
sich dass sie schrie »Sie kommt« rief er sie drückend und schüttelnd Er
tobte in der Stube herum lärmte lachte stampfte dass die Leute in dem Zimmer
unter ihm besorgten es sei jemand über ihnen rasend geworden und eine Dame
die ihm gegenüber wohnte und durch das offene Fenster alle seine Grimassen
beobachtete womit er die Nadelschrift entzifferte und wie er nach geschehner
Entzifferung herumraste schickte aus Mitleid gegen ihn da seine Figur sie beim
Ein und Ausgehen eingenommen hatte einen Bedienten an den Doktor Nikasius und
ließ ihn bitten den jungen Menschen vor Schaden zu bewahren denn allem Ansehen
nach müsste es mit ihm rappeln Indem der Bediente noch sprach kam auch eine
Gesandtschaft von dem Hofrate der unter Herrmanns Stube eine Relation
verfertigte und sich erkundigen ließ ob jemand bei dem Herrn Doktor plötzlich
krank geworden sei dass man so einen entsetzlichen Tumult über ihn erhoben habe
Der Doktor konnte vor Verwundrung nichts antworten er versprach sich nach dem
Unwesen zu erkundigen und ihm zu steuern öffnete Heinrichs Tür mit einem
freudigen Sprunge eilte der Berauschte entgegen und umklammerte den
versteinerten Doktor »Sie kommt sie kommt« rief der trunkne Verliebte
Der Doktor Wer denn wer denn
Herrmann Sie kommt sag ich Ihnen sie hats ja geschrieben
Der Doktor Potz Plunder wer denn wer denn
Herrmann Da Lesen Sie lesen Sie
Und mit diesen hastig gesprochnen Worten warf er ihm alle empfangene Briefe
in die Hände der Doktor las sie durch und fand in keinem sonderliche Ursache
zur Freude noch viel weniger eine Nachricht wer kommen sollte Er sah unter
dem Lesen von Zeit zu Zeit nach Heinrichen hin dessen Füße sich immer wie zum
Tanze huben während dass die Freude sein Gesicht in konvulsivischen Bewegungen
ununterbrochen erhielt der Doktor war von der Meinung der gegenüber wohnenden
Dame und riet ihm mit bedenklicher Miene sich schlafen zu legen »Oh« rief
Herrmann »heute kann ich weder essen noch trinken noch schlafen ich bin außer
mir ich möchte vor Freuden zum Fenster hinabspringen« Da ist ja der
deutlichste Beweis dass die Dame recht hat dachte der Doktor und machte das
Fenster zu
»Du armer Junge« sprach er zu ihm und streichelte seine schwitzenden
glühenden Backen »du hast Hitze Nur Geduld halte dich nur ruhig es wird
sich schon geben«
»Ach ruhig« sprach Heinrich mit beklemmter Stimme »es drückt mir das Herz
ab«
Der Doktor fühlte ihm nach dem Herze »Armes Tier« sagte er mitleidig »es
klopft wahrhaftig wie eine Mahlmühle Ein Aderschlag Warte Ein Aderschlag«
Heinrich versicherte dass ihm wohl wäre wohl wie im Himmel und dass er
keines Aderschlages bedürfte Der Doktor tröstete ihn dass es sich wohl mit ihm
bessern werde »Aber es fehlt mir ja nichts« rief Herrmann entrüstet »Nur
gemach mein Sohn« unterbrach ihn der Doktor »es wird schon besser werden«
Er untersuchte die Fenster noch einmal befestigte die Wirbel so gut er konnte
mit den Vorhangschnuren und marschierte ab weil ihn seine Arbeit riefzu
grössrer Sicherheit befahl er dem Bedienten von Zeit zu Zeit an der Tür zu
horchen auf dem Saale beständig zu patrouillieren und ihn bei dem geringsten
verdächtigen Geräusche herbeizuholen
Itzt verflog allmählich der erste Taumel der Freude bei Heinrichen und
seine Empfindung fing an bänglich zu werden Sehnen Ungeduld Begierde
Unwillen nicht schon zu haben was er wünschte und erwartete Ängstlichkeit
Besorgnis ob es auch gewiss geschehen werde alles erwachte in einer Reihe und
wie sein Blut vorhin vor Freude brauste so wallte und kochte es jetzt vor
Unruhe Zu welchem Tore wird sie hereinkommen Wo wird sie wohnen Werd ich
sie finden Wenn wir nun einander ewig suchten und nicht fänden Wenn ich nicht
zu ihr dürfte sie allenthalben sehen und nirgends sprechen dürfte Wenn ich
niemals mit ihr allein reden könnte Wenn sie nun hier einen Kavalier fände der
sie allenthalben begleitete mit ihr spräche tändelte und scherzte und ich
armer Sohn eines Einnehmers müsste das alles ansehen müsste schweigen meinen Zorn
in mir nagen mich von Kummer und Herzeleid über den Anblick verzehren lassen
Tausend ähnliche Besorgnisse und Grillen stiegen wie Gespenster in ihm auf
wurden immer ernster immer schreckender und endlich so schwarz dass er seufzte
und vor Bangigkeit nicht wusste wohin er sich wenden sollte als wenn schon alles
mögliche Unglück über sein Haupt zusammengestürzt wäre das er fürchten konnte
Er rührte weder Essen noch Trinken an sein Magen war wie überladen Der
Doktor besuchte ihn noch einmal fand ihn zu seinem Vergnügen völlig vernünftig
wieder und ließ nicht nach bis er in seiner Gegenwart schlafen gegangen war
der Bediente musste in der Stube wachen und er brachte seiner Frau die angenehme
Nachricht dass er wieder richtig wäre
Sechstes Kapitel
Unterdessen hatte die Frau Doktorin da sie Heinrichs Entfernung aus dem Hause
nicht mit Gewalt durchsetzen konnte bei sich überlegt dass sie ihren Mann durch
eine feine Gleissnerei am sichersten dazu bewegen werde Je eifriger sie nach der
Entdeckung dass es zuweilen mit ihm rappele seiner los zu sein wünschte je
mehr gab sie sich die Miene als wenn ihr sein Fortkommen besonders am Herzen
läge sie redete ihm viel vor wie zeitig ein Mensch von Kopfe sich bemühen
müsste etwas zu werden und wie hoch mans bringen könnte wenn man recht jung
anfinge wie leicht es in seinem Alter sei unterzukommen wenn man vorliebnähme
und eine Zeitlang sich gehorsam in andre Leute schickte und fügte um durch sie
weiter befördert zu werden Herrmann hörte ihre Predigten aufmerksam an aber
die Sache schmeckte ihm nicht Ulrikens Billett hatte seinen Gedanken und
Empfindungen eine ganz andre Richtung gegeben die Ehre reizte ihn jetzt wie eine
Speise die man auf den Fall aufhebt wenn man keine bessere hat Die Dame war
nicht wenig aufgebracht dass ihr auch dieses Mittel fehlschlagen wollte doch
gab sie ihren Plan nicht ganz auf
Desto eifriger verfolgte seit dem Empfange des Billetts Herrmann den
seinigen Vom Morgen bis zum Mittag vom Mittagessen bis zum späten Abend war er
bei Regenwetter und Sonnenscheine in Bewegung wanderte die Gassen durch ging
zu einem Tore hinaus zum andern herein spionierte jedes Frauenzimmergesicht
das hinter der Glasscheibe lauschte oder zum offenen Fenster heraussah begaffte
jedes das in einer Kutsche vorbeifuhr oder zu Fuße vor und neben ihm wandelte
verfehlte keine Komödie keine Oper solange sein kleines Taschengeld zureichte
das Schauspiel war für ihn so gut als nicht da man mochte weinen oder lachen
er blieb immer derselbe und durchirrte mit forschendem Auge Logen und Zirkel
umsonst er fand nicht was er suchte es wurde ihm bänglich er konnte nicht
bleiben er musste gehen wenngleich das Schauspiel nur halb geendigt war Die
Leute im Hause wunderten sich außerordentlich über seine häufigen Wanderungen
und die Frau Doktorin eine strenge Sittenrichterin hatte ihn gar in einem
gewissen argen Verdachte und hielt ihm deswegen eine kraftvolle Rede über
Lüderlichkeit und Verführung wovon er kein Wort verstund Auch der Doktor
befragte ihn über die Ursache seines beständigen Ausgehens dass er sie nur ganz
verraten hätte Er wandte eine Bänglichkeit vor die ihm an keinem Orte zu
bleiben verstatte eine Unruhe Angst die nur Bewegung und freie Luft
milderten alles die lautere Wahrheit »So recht mein Sohn« sagte der
Doktor »Bewegung ist dergestalt und allermassen der beste Koch und der beste
Apotheker es ist das junge warme Blut das dir die Unruhe macht Du sollst mir
vierzehn Tage über kein Wort schreiben und lauf dir alle Tage ein Paar Schuhe
entzwei Ich will sie bezahlen«
Da sonach aus einer genommenen Freiheit eine gegebne geworden war so
bediente er sich ihrer desto reichlicher Auf seinen Irrungen durch Feld Busch
und Straßen fand sich allmählich das alte Projekt wieder ein das er mit der
Baronesse bei der Verwechselung der Ringe entworfen hatte er wünschte es
ausgeführt zu sehen und es schien ihm bald höchstwahrscheinlich dass die
Baronesse ihm von ihrem Kommen nach Dresden heimliche Nachricht gegeben habe um
es mit ihm auszuführen Hui das ist es dachte er Hier kann uns der Graf
nicht hindern oder in unsrer Liebe stören hier hat er nichts zu befehlen der
alten Anverwandtin wohin sie kommen soll kann sie wohl leicht entwischen Sie
bleibt so lange auf einem Dorfe versteckt bis die alte Anverwandtin stirbt
wenn sie nur recht alt wäre oder wenn sie auch lange leben bleibt so hol
ich Ulriken unter einem fremden Namen zurück heirate sie und Ich muss nur
Anstalt machen und dem Rate der Doktorin folgen damit ich unterdessen
emporsteigen und etwas Großes werden kann O über das entsetzliche Schicksal
dass mein Vater ein Einnehmer sein musste Da wärs so leicht sie zu besitzen
Aber warum musste nun mein Vater nur ein Einnehmer sein Es war doch so eine
Kleinigkeit ihn zum Baron zu machen
Kaum war dies jugendliche Projekt zur Welt gebracht so eilte er schon zur
Frau Doktorin und bat sie flehentlich ihn die versprochne Unterstützung auf der
Bahn der Ehre und des Glücks nunmehr genießen zu lassen er wolle alles daran
wagen und die äußerste Mühe nicht sparen um ein großer Mann zu werden Die
Doktorsfrau voller Freuden ihn plötzlich dem Ziele so nahe zu sehen wohin er
sollte bestärkte ihn in seinen ehrgeizigen Illusionen und fachte seine Begierde
durch goldne Erwartungen so gewaltig an dass sie lichterloh brannte sie stellte
ihm zwar vor dass man klein anfangen müsste »schadet nichts« unterbrach er sie
hitzig »klein noch so klein nur her damit« »aber« fuhr sie fort »man
hat der Exempel sehr viele dass aus Schreibern Hofräte Geheimeräte Minister
geworden sind«
»Das wäre« rief Herrmann entzückt und war in seinen Gedanken schon
wenigstens Geheimerat wo nicht wirklicher Minister »Ja man hat der Exempel«
erwiderte die Doktorin »Wenn man nur Geschick und ein gutes Ingenium hat sich
gut aufführt und fromm und gottesfürchtig ist so kann man steigen ehe man
sichs versieht Ich habe Sie schon dem Kammerdiener empfohlen den Sie oft bei
uns gesehen haben müssen er ist zwar in keinem der größten Häuser aber sein
Herr braucht immer Sekretäre und Schreiber und was er mit der Zeit nicht durch
sich selbst tun kann das vermag er durch Empfehlungen Es ist ein sehr
gottesfürchtiger braver Mann und rechter guter Christ«
Herrmann konnte sich vor Vergnügen nicht fassen und flog schon auf den
goldnen Fittichen der Ehre Ulrikens Umarmung entgegen sah sich an ihrer Seite
geehrt blühend glücklich und fähig andre glücklich zu machen er war in
seinem Traume schon von Mengen umringt die ihm ihr Wohlsein verdankten er
zerschmolz in der seligen Vorstellung so viel Ehrenvolles Rühmliches Großes
getan zu haben und Antonin konnte seiner Unsterblichkeit nicht gewisser sein
als er Das herrliche Bild begeisterte ihn dass er seine Kraft in sich erhöht
jede Fiber zu Tätigkeit und Unternehmungen angespannt und sein ganzes Wesen über
sich selbst erhaben fühlte
Der Flug seiner Einbildung senkte sich freilich schon nicht wenig als er
den folgenden Tag befehligt wurde dem Kammerdiener aufzuwarten das war ein
Schreckschuss der seinen Traum zur Hälfte verscheuchte Er eilte zur bestimmten
Stunde mit vollen Segeln der Erwartung zu ihm sein Patron wusste nicht das
mindste von ihm Herrmann trug ihm mit fliessender Beredsamkeit den
Bewegungsgrund seines Besuchs vor der Patron besann sich lange jetzt wusste er
dass die Frau Doktorin ihm gestern oder vor einigen Tagen davon gesagt hatte
»Ich werde für Sie sorgen« schloss er und brach den Besuch ab
In einem paar Tagen erging durch die Doktorin ein abermaliger Befehl dass er
sich zur Kammerjungfer des nämlichen Hauses verfügen sollte an welche ihn der
Kammerdiener empfohlen habe Mit etlichen Segeln der Erwartung weniger ging er
abermals und kam abermals mit der Versicherung zurück dass sie für ihn sorgen
wollte
In einer Woche darauf musste er sich vor der gnädigen Frau stellen an welche
ihn die Kammerjungfer empfohlen hatte man meldete ihn sie kam im Pudermantel
heraus ließ sich seinen Namen sagen und versicherte dass sie für ihn sorgen
wollte Der Friseur schlug mit der pudervollen Quaste los und Herrmann kam zum
ersten Male nicht leer zurück denn er war voller Puder
In vierzehn Tagen wurde ihm nach vielem Betreiben der Doktorsfrau die nur
entfernt durch den Kammerdiener auf die übrigen Hebel seines Glücks wirken
konnte die Erlaubnis gegeben vor dem gnädigen Herrn zu erscheinen Er verwies
ihn an den Hofmeister der ihn examinieren sollte Der Hofmeister bestellte ihn
in acht Tagen sonntags nach geschlossner Nachmittagspredigt Er ging aber so
demütig so langsam wie ein Schiff ohne Wind alle Segel waren beigelegt Der
Examinator war nicht zu Hause Die Kinderfrau riet ihm morgen früh
wiederzukehren er tat es der Examinator hatte keine Zeit
Er verwunderte sich äußerst gegen seine erste und älteste Patronin die
Doktorsfrau über die Verzögerung »Ach« sagte jene »man hat etwas versehen
Der Herr Magister ist sonst ein lieber gottesfürchtiger Mann aber Sie hätten
ihm die Visite machen sollen Das hat er übelgenommen nun ists da vorbei«
»Wegen einer Visite will er mein ganzes Glück mein Emporkommen hindern«
rief Heinrich wie aus den Wolken gefallen
»Ja« erwiderte die Doktorin »das ist nicht anders es will doch ein jeder
sein Recht haben«
Gute Nacht Minister Geheimerat Hofrat Weg waren die glänzenden Aussichten
der Ehre vom Winde verweht der aufklimmende Jüngling von der erträumten Höhe
die er mit einem Schritte erreicht zu haben hoffte wo ihm menschenfreundliche
Größe und wohltätige Gewalt Kränze und Lorbeeren entgegenboten durch einen
plötzlichen Windstoß zurückgeworfen in die unbedeutendste Geringfügigkeit
zurückgesetzt Er fühlte schmerzlich dass er nur der Schreiber eines Advokaten
war und fürchtete ebenso schmerzlich dass er nichts weiter werden sollte Wie
ein Vogel mit frischbeschnittnen Flügeln schlich er traurig im Hause herum und
verschmähte das reichlich aufgeschüttete Futter weil er nicht mehr fliegen
durfte
Während dieses verunglückten Laufes nach der Ehre hatte der Eigennutz seiner
Patronin eine Ursache gefunden seine Entfernung aus dem Hause nicht mehr zu
betreiben deswegen war sie auch so kaltblütig über die unterlassne Visite die
sie sonst mit der schärfsten Strenge geahndet hätte Der bisherige Schreiber
ihres Mannes hatte durch ihren Vorschub eine Versorgung bei einer adligen
Herrschaft auf dem Lande bekommen und es schien ihr ungemein schicklich den
jungen Herrmann für welchen Tisch und Wohnung bezahlt wurde an seine Stelle zu
setzen und also einen Artikel ihres Aufwands zu ersparen Der Mann wollte aus
dem guten Grunde nicht daran weil der junge Mensch die Arbeit nicht allein
versehen könnte und weil es unbillig wäre jemandem eine Bürde aufzuladen die
er ungern trüge ohne ihn dafür zu belohnen allein sie gebot ihm zu schweigen
und sich nicht in Finanzsachen zu mischen die sie besser verstünde Sie setzte
ihr Projekt mit vieler Hitze durch und übernahm selbst die Aufsicht über den
Fleiß des neuen Schreibers wenn die Feder nur ein paar Minuten ruhte so
schallte ihm schon der Befehl ins Ohr »Geschrieben geschrieben« Er durfte
ohne Erlaubnis keinen Fuß über die Schwelle setzen bei seiner Rückkunft war er
allemal zu lange aussengeblieben wenn er gleich die vergönnte Zeit nicht
überschritten hatte und dann musste er ein Verhör ausstehen wie ein Delinquent
»Wo ist man gewesen Was hat man gemacht Was hat man gesprochen Was hat man
gedacht« Stund er nach dem Verhör ein paar Minuten zu lange müßig da so
erging der Befehl »An die Arbeit an die Arbeit Nicht so müßig dagestanden
Wer essen will muss sich sein Brot verdienen« Bei Tische aß er ihr zu
langsam ward zu spät fertig und sollte schon mit dem letzten Bissen die Feder
wieder ergreifen des Morgens konnte er nie zeitig genug ausschlafen ob er
gleich von Kindheit an zum frühen Aufstehn gewöhnt war und des Abends nie
zeitig genug zu Bette gehen weil er nichts tat und doch Licht verbrannte Sein
Ofen nahm immer das meiste Holz hinweg so sparsam ihm auch eingeheizt wurde und
sosehr er auch fror dass er zuweilen kaum die Feder zu regieren vermochte und
wenn der Himmel nur einen weniger kalten Tag gab wo das Termometer nicht auf
dem Gefrierpunkte stund so wurde das Heizen bei ihm ganz eingestellt dabei
unterließ sie nicht seinem Ehrgeize mit himmlischen Erwartungen zu schmeicheln
dass er alle seine Kräfte anspannte und jedes tägliche Ungemach mit Heldenmute
ertrug um nach einigen Jahren voll Beschwerlichkeit und Arbeit das Goldne Vlies
zu erringen das man ihm vorhielt und die erkämpfte Beute mit Ulriken zu
teilen Die Aussicht auf dieses Glück bewaffnete ihn mit eherner
Standhaftigkeit oft mitten in seinen trocknen Beschäftigungen wenn seine Hand
auf das Papier malte dass Hans wider Gürgen klagend einkomme weil er ihn mit
zwei Ohrfeigen und drei Stockschlägen begünstigt habe oder dass Anna Klara
Eissfeldin alle rechtliche Notdurft vorbehältlich sotanes ihre Befugnis zu
erweisen schuldig sei mitten unter solchen trocknen Beschäftigungen flog seine
Seele in die Gefilde der Liebe hinüber schwebte wie ein zweiter Herkules nach
ausgekämpftem Streite mit Hindernissen Ungemächlichkeiten und Arbeit Ulriken
seinen errungnen Preis im Arme triumphierend daher nach seinem Gefühle war er
ein Held der sich durch Leiden und Taten zum Halbgotte hinaufschwingen sollte
Die Feder stund bei solchen Flügeln der Einbildung freilich oft still seine
Aufseherin schrie »Geschrieben geschrieben« und die Hand flog im Galopp
durch den holprichten steinichten Aktenstil dahin weil er mit jedem sauren
Zuge Ulriken durch eine Beschwerlichkeit mehr verdient zu haben glaubte
Inzwischen erleichterte ihm doch der Doktor die Mühe seiner herkulischen
Laufbahn mit vieler Billigkeit ohne dass es seine Frau erfuhr ließ er den
größten Teil der Arbeit durch einen heimlich besoldeten Schreiber außer dem
Hause tun und gab Herrmannen nur solche Sachen die nicht dringend waren noch
vorzügliche Genauigkeit erfoderten und auch nur in geringer Menge Unter dem
Vorwande dass er ihn brauche nahm er ihn jedesmal mit sich wenn er auf
Gerichtsbestallungen reiste um ihn zu zerstreuen und ihm Erholung zu
verschaffen und vor dem Tore lud er seinen heimlichen wirklichen Schreiber auf
der die Arbeit verrichten musste während dass Heinrich in den Feldern spazieren
oder sich mit andren ländlichen Winterergötzlichkeiten vergnügen konnte Solche
kleine Reisen waren für ihn Fahrten zur Freude er wurde von dem Drachen der
ihn bewachte erlöst und jedes Dorf wohin sie ihn führten gab ihm das Bild
seines Vaterstädtchens das Herrschaftshaus eine Vorstellung vom Schloss des
Grafen Ohlau und Garten und Felder jede Szene kindischer Glückseligkeit wieder
Schwinger die Baronesse alle wandelten neben ihm her sie stunden vor ihm sie
sprachen mit ihm die kahlen bereiften Bäume am gefrornen Wasser waren ihm
seine Feinde die vom Himmel gezüchtet verworfen traurig und verlassen
dastunden und ihre Bosheit bereuten Oft glühte ihm bei solchen Gedanken sein
Innerstes wie von aufloderndem Feuer indessen ihm Hände und Gesicht vor Kälte
starrten ohne dass er es fühlte
Siebentes Kapitel
Itzt hatte er unter so mancherlei Freuden Ängstlichkeiten Täuschungen
Hoffnungen Arbeit und Kummer einen ganzen Winter in Dresden zugebracht Ulriken
sehnlich erwartet und noch war sie nicht da wenigstens nicht für ihn da weil
er sie nicht zu finden wusste Der Frühling erschien und noch hatte er sie nicht
gefunden Mit dem Aufleben der Natur wachten auch seine Triebe und Tätigkeit zu
ihrer alten Stärke auf das Aktenschreiben wurde ihm auf einmal eine Last die
wie ein Alpengebirge drückte die Einsperrung die er bei der Erstorbenheit des
Winters nur wenig fühlte machte jetzt seine Stube zum Gefängnis die ganze Welt
wurde ihm zu enge Die Frau mochte rufen und schreien soviel sie wollte seine
Feder ruhte sie mochte noch sooft fragen wohin er ginge er ging sie mochte
schelten drohen und strafen er achtete nichts widersprach ihr mutig und
behauptete hartnäckig die Freiheit ausgehn zu können wenn es ihm beliebte und
der Doktor unterstützte seine Ansprüche soviel er vermochte Er schweifte
wieder herum wie ein Papilion der aus der zersprengten Hülle eben
hervorgeflattert ist er freute sich der munteren Saat des hervorbrechenden
Laubes der wirtschaftlichen Tätigkeit in Feldern und Weinbergen der
allgemeinen Emsigkeit die ihm aus der reizenden Landschaft ein Paradies machte
Bei allen Freuden trug er doch eine Unruhe mit sich herum die ihn
überredete dass er unter allen diesen wirksamen Geschöpfen das unglücklichste
sei er beneidete die Ackersleute die so vergnügt mit lautem Pfeifen hinter dem
Pfluge dreinschritten mit niemandem unzufrieden als mit ihren Pferden ein
Trupp froher Landmädchen die mit froher Geschäftigkeit den Acker reinigten oder
lachend und scherzend ein andres Geschäfte verrichteten versetzte ihn in
Traurigkeit und ein Bauerkerl der mit einer dickstämmigen Dorfvenus schäkerte
erregte seine Galle
Sein Weg führte ihn an einem heitern sonnichten Nachmittage durch die
Felder nach dem Plauenschen Grunde hin den er jetzt zum ersten Male
kennenlernte er folgte ohne es recht zu wollen der Menge Menschen die eben
damals ihren Spaziergang dorthin taten In sich vertieft wurde er allmählich
von einem nahenden Wassergeräusche erweckt und ringsum betäubte ihn das Konzert
rauschender Wasserstürze klappernder Mühlen und des herabschiessenden Flössholzes
das in den schäumenden Strudel mit hohlem Getöse hineinstürzte verschwand weit
jenseit des Schaumes wieder langsam emporkam und sanft dahinschwamm Auf einer
Seite nackte Felsen auf der andern Berge mit Gesträuch und Busch vor sich eine
Fläche mit Holz wie mit schwimmenden Nachen bedeckt es schien ihm der Eingang
in den Wohnsitz eines Gottes zu sein er ging längst den Felsen hin und seine
begleitenden Spaziergänger verließen ihn schon als wenn sie sich nicht in das
Heiligtum der Natur getrauten Er trat auf die zweite Brücke und vor ihm stand
ein Amphiteater das in der Schöpfung nur einmal wurde Auf der linken Seite
dunkelbraune glattgeschnittne Felsenwände schief wie Kulissen einer Schaubühne
hintereinandergestellt aus dem Fluße der sich an ihrem Fuße in wirbelnden
Wallungen bricht zu den Wolken gerade emporsteigend rechts am Fluße der
phantastisch geschlungne Weg mit strauchichten rauen Bergen die mit den
Felsenwänden sich zu vereinigen scheinen um die Szene zu schließen in der
Mitte das ausgespannte Wasser im Rücken und vorwärts Brausen und Getöse bald in
leisen Pianos bald mit der angestrengtesten Stärke in wechselnden Solos und
betäubenden Chören er staunte mit melancholischem Schauer verweilte er bei
dem herrlichen Anblicke in tiefer Empfindung verloren und nur mit Mühe riss er
sich los Auch hier schien er noch mehr von den Menschen Abschied zu nehmen der
größte Teil ging zurück und nur zwei Einsame folgten ihm in verschiedenen
Entfernungen so tiefsinnig als wenn sie eine Not in diesen Grund tragen oder
eine Geliebte in ihm suchen wollten Durch vielfache Wendungen des auf und
niedersteigenden Wegs ging er den Fluss unaufhörlich zur Linken unter fernem
und nahem Wassergetöse dahin jetzt stiegen jenseit des sprudelnden Stroms zween
waldichte Berge empor boten sich freundschaftlich die Arme und ließ unter
ihnen eine breite aufsteigende Kluft er sah in ihr hinauf und erblickte
Gebäude bald lehnte zur Rechten ein öder unfruchtbarer zerrissner Bergrücken
mit fauler Bequemlichkeit da und trug auf seinen Schultern ein Dorf von welchem
Häuser Leimwände und Strohdächer einzeln und in Gruppen über die Bergkrümmungen
herabschielten jetzt schloss sich die Aussicht ganz er glaubte in einer weiten
Felsenhöhle zu sein aus welcher ein Fluss strömte plötzlich wand sich der Weg
um einen hervorstehenden Berg und öffnete ein breites mit Birken rings
umschlossnes Tal jetzt war diese Seite eine bergichte Wüste und jene ein
lachender Hain schnell wurde der Hain zum kahlen Felsengebirge und aus der
Wüste ein bearbeiteter bepflanzter Berg hier stunden längs am Wasser hin
versilberte Weiden in künstlichen Reihen gepflanzt hinter ihnen im
aufsteigenden Gebüsche herrschte die völlige Unordnung der Natur dort lehnte am
Fuß einer Steinklippe ein Gärtchen voll junger Obstbäume in weiße blinkende
Stäbe eingezäunt dort hing eins vom zerrissnen Dornzaune umgeben mitten an
einem schroffichten dürren Berge und mühsam schwebte dort zwischen Steinen ein
arbeitsames Weib und behackte mit weitausgeholtem Schlage der Natur zum Trotz
ein Beetchen für die kleinen Bedürfnisse ihrer Tafel ihre Kinder klimmten auf
Händen und Füßen an den vielzackichten Felsen hinan während dass die älteren
Brüder sich schon auf der äußersten Spitze wiegten und mit lautem Händeklatschen
der furchtsamen Schwestern lachten wenn sie mit den ausweichenden Steinen weit
zurückgleiteten und schrien als wenns dem jungen Leben gölte ewig kletterten
und ewig zurücktaumelten
Der Schauplatz war leer still melancholisch tot nichts als das
fortwährende Geräusch des strudelnden Wassers hörbar hie und da eine
klappernde Mühle selten ein vorüberschiessender Landmann der aus der Stadt zur
wartenden Familie zurückeilte oder betrübt dem Arzt die Bezahlung für seine
gestorbne Hausfrau hineintrug noch seltener ein langsam wandelnder Fruchtwagen
außer diesen Unterbrechungen lag hier unter dem engen Horizonte die tiefste
Einsamkeit ausgebreitet Schweigen und Brausen war ihre Sprache eine Sprache
die so tief in Herrmanns Herze eindrang dass ihm schauerte mit Zittern und
Furcht stand er da die Einsamkeit fesselte ihn an und die Furcht drängte ihn
von ihr hinweg er suchte eine Anhöhe stieg aus dem frischen Schatten zu ihr
hinan und schaute aus dem Sonnenglanze in die düstere Tiefe das einzige
Meisterstück der Natur hinab Auch die beiden Spaziergänger die ihm anfangs
folgten waren umgekehrt der Träumer ganz allein
»O wie ist dies Tal so still und wie mein Herz so unruhig« war sein
erster Ausruf als er eine Weile ernstaft hinabgesehn hatte »Von
Leidenschaften gepeinigt gepeitscht wie der Strudel der hier vor mit schäumt
So soll ich dann ewig im Staube mich wälzen ewig ein unwirksamer
Nichtsnütziger bleiben nimmermehr eine Tat tun die mir nur einen Kranz der
Ehre erwirbt durchs Leben dahinschleichen mir immer helfen lassen und
niemandem helfen können ein Lastträger in der Welt sein zu den niedrigsten
Arbeiten verdammt O die glücklichen Sterblichen die Antonine die Aurele und
die gleich ihnen sich den Dank einer halben Welt und aller künftigen Zeiten
verdienen konnten Warum musste ich nun der einzige sein der in rühmlicher
Tätigkeit gern alle Adern seines Leibes zersprengen möchte und doch wie ein
Ackergaul im langweiligen Karren ziehen soll Das Herz möchte mir springen vor
überströmender Wirksamkeit und da sitz ich angefesselt am Blocke muss dienen
und arbeiten und sehe dessen kein Ende kein Ende wie ichs wünschte Was
hilfts wenn ich jahrelang mich um den kümmerlichen Bissen Nahrung quäle ich
bleibe doch ein Verachteter ein Auswurf der Menschheit der nie besitzen darf
was er liebt Ulrike bleibt doch ein unerringbares Gut nach dem ich nicht
einmal ohne Beschimpfung sterben kann Sie wird mich vergessen lernen weil sie
sich meiner nicht erinnern darf sie wird mich verachten weil man ihr die Liebe
verwehrt Aber ich muss meinem Schicksal entgegenarbeiten ich muss mich
stemmen ihm trotzen und wider seinen Willen erlangen was ich will Fort mit
mir so weit mich meine Füße tragen Wo das Land fehlt mag es ein Schiff tun
Entweder alles was ich wünsche oder gar nichts Mag ich auf dem Lande oder im
Meere umkommen es kommt doch immer nur ein Elender um den niemand beklagt
weil ihn niemand kennt«
Er sprang auf eilte die Anhöhe herab mit allen Bewegungen trostloser Wut
dass ihm der losgetretene Kies haufenweise nachrollte ging mit heftigen
Schritten am Wasser zurück Höhlen Klüfte Büsche Felsen alles war für ihn
vernichtet selbst die Musik des Wassers nicht hörbar für ihn alle Sinne hatten
sich auf den einzigen Punkt seiner Seele zurückgezogen wo seine unbefriedigte
Ehrbegierde nagte sein einziger Gedanke war Ich bin der unglücklichste
Sterbliche und seine ganze Empfindung bestund in dem schmerzlichen Gefühle
seiner Unglückseligkeit Den Kopf voll so schwarzer Schatten wie die Felsen um
ihn über das Tal deckten das nämliche Getöse Brausen und Rauschen in allen
seinen Adern wie von dem dahinschiessenden Fluße in den Felsen widerhallte in
der entsetzlichsten menschenfeindlichsten Stimmung des Geistes langte er bei
der großen Mühle an unter dem Getöse des Wassers das über die Räder
dahinstürzte schallten Menschenstimmen lautes mutiges Gelächter hervor er
hätte umkehren mögen so zurückscheuchend so abstoßend war für ihn der Ton Er
schlug die Augen auf und erblickte Menschengesichter zwei gutgekleidete
Frauenzimmer die an der Mühle saßen eine ältliche Dame die zurückgelehnt
schlief und eine junge die mit einem Stäbchen im Sande spielte O des
widrigen Anblicks dachte er wie die Ruhe aus dem schlafenden Gesichte lacht
wie das Mädchen so zufrieden tändelt Ist denn so viel Glück auf der Erde dass
man so zufrieden sein kann Mit neidischer Bitterkeit dachte er es und kehrte
das Gesicht von ihnen Itzt war er vor ihnen ein Rest von seiner verfinsterten
Menschenliebe lenkte seine Augen auf die Damen die junge sah auf beider Blick
blieb aufeinander hängen er stund ging Wäre das nicht Ulrike Sie ist
es Seine täuschende Einbildung ließ ihn zweimal das Zischeln ihrer Stimme
hören jetzt schon wieder jetzt hörte er gar seinen Namen nennen sein Traum
zwang ihn umzukehren Die junge Dame stund auf und noch war er vier völlige
Schritte von ihr als sie auf ihn hervorschoss mit beiden Armen um seinen Hals
Da standen sie beide fest umklammert als wenn eine Gottheit sie zu
freundschaftlichen Bäumen einwurzeln ließ Keins sprach keins bewegte sich Ein
Mühlbursch der an der Tür lehnte und die stumme Umarmung mit ansah glaubte
sich aus Pflicht verbunden die alte Dame zu wecken zupfte sie am Ärmel und
zeigte als sie schnarchend auffuhr mit dem Finger nach dem umarmten Paare Die
Alte ergriff den Spazierstock der neben ihr lag wackelte mit schlaftrunkner
Eilfertigkeit hin und riss an Ulriken mit solcher Gewalt dass sie beiden die
Erschütterung eines elektrischen Schlages mitteilte ihre Stärke reichte nicht
zu sie zu trennen sondern sie musste den Mühlburschen zu Hilfe rufen Durch
Vermittlung seiner nervichten Hände brachte er sie auseinander fasste auf
Befehl der Alten die Baronesse in seine bestaubten Arme und trug sie in die
Mühle ohne der häufigen Hiebe zu achten die ihm Ulrikens Unwille mit der Faust
auf die breite Nase versetzte Heinrich fiel ihm ohne Anstand in den Rücken und
schlug auf ihn los dass eine dicke Mehlwolke aus der grauen Jacke herausfuhr
alles umsonst der Bursche ließ seine Beute nicht fahren Heinrich in seinem
Zorne gerade auf die alte Dame los doch wie er sich nach ihr wandte hielt sie
hinter seinem Rücken ihren Rückzug in die Mühle schnapp war die Tür
verschlossen
Was zu tun Den sämtlichen Mühltruppen zu widerstehn fühlte er sich zu
schwach auch schien ihm Gewalt überhaupt zu nichts nütze Kurz bedacht
entschloss er sich voranzugehn um den Weg zu gewinnen und dann in einer kleinen
Entfernung hinter Ulriken in die Stadt zu schleichen und so ihre Wohnung zu
erfahren »Wenn ich nur diese weiß« sagte er sich »dann sollen mich Millionen
Mühlbursche und Tanten und Vettern nicht abhalten« Er setzte sich in den
Marsch und wanderte mit so behenden Schritten dass er sich kein einziges Mal
umsah ob ihm Ulrike folgte Erst in einer kleinen Entfernung vom Schlage sah er
eine Kutsche hinter ihm dreinwackeln die er für dieselbe erkannte welche nicht
weit von dem Schauplatze seiner Wiedererkennung hielt er erblickte die
Baronesse darin verdrießlich in einen Winkel gedrückt und nun wanderte er
mutig hinterdrein Sobald der Kutscher auf dem Pflaster war schlug er die
Pferde an sie trabten dahin um eine Ecke hinum weg war die Kutsche und
erschien auch nicht wieder wie wehe das tat
Seine Bekanntschaft mit Betteljungen hatte sich seit seiner Ankunft in
Dresden nicht verringert sie passten ihm in der Nachbarschaft auf um ihm ihr
Anliegen zu entdecken wenn er ausging oder nach Hause kam und genossen auf
diese Weise den größten Teil seines Taschengeldes Einer von diesen Pensionären
fand sich auch itzo bei ihm ein als er voll wichtiger Überlegungen die Gasse
heraufkam und bat um eine kleine Gabe zur Abendmahlzeit Der Bursch erregte bei
seinem Wohltäter eine Idee dass er ihm zu folgen befahl als sie im Hause
anlangten beschrieb ihm Heinrich die Equipage mit welcher er Ulriken hatte
fahren sehen umständlich und fragte ob er sie nicht kennte »O ich kenne alle
Kutschen und Mistwagen in der ganzen Stadt« fing der Junge an »aber die
Equipage kenn ich nicht« »Nicht« fragte Heinrich erschrocken »Halt« hub
der Junge von neuem an und verbesserte Heinrichs Beschreibung in vielen
Umständen »war sie nicht so« »Völlig so« rief Heinrich entzückt »Ach
die kenn ich genau« war die Antwort »ich bin so manch liebes Mal in meinem
Leben mit ihr gefahren wenn kein Bedienter hintenaufstund Sie gehört einer
alten Schnattergans Gott und ihr Vater werdens wissen wie sie heißt es fährt
immer ein kleines lustiges Ding mit ihr wir Jungen nennen sie nur das
Baronesschen «
Heinrich fiel ihm um den Hals »Die kennst du« redete er in ihn hinein
»Ach das ist meine Herzensfreundin« sprach der Bursch »Ihre Fenster gehen
in ein kleines Gässchen nun lassen Sie sich einmal sagen Da treten wir hin und
singen ein Liedchen etwa Mein Schätzel ist ein gutes Kind oder so was und da
wirft sie uns Geld herunter und da nehmen wirs und machen recht tiefe
Bücklinge da will sie sich zum Narren lachen«
Heinrich Liebster bester Freund kannst du ihr nicht einen Brief heimlich
zustecken
Der Junge Oh sechse für einen das alte Gespenst bei der sie wohnt passt
zwar auf wie ein Flurschütze Man darf ihr nicht einen Schritt zu nahe kommen
so flucht sie wie ein Teufel Sie reißt das arme Nüsschen herum wie einen
Wischlappen
»Das hässliche Weib« rief Heinrich und knirschte
»Aber lassen Sie sich nur sagen« fuhr jener fort »ich will den alten
Bootsknecht schon anführen ich schleiche mich zur Tür des Baronesschen und
bitte und wenn sie mir etwas gibt schenk ich ihr mein Briefchen heimlich
dafür Unsereins versteht das schon«
Er wurde morgen früh auf den nämlichen Platz bestellt wo die heutige
Unterredung gehalten worden war die sich mit Versprechung eines ansehnlichen
Trinkgeldes endigte und der glückliche Heinrich ging stolz die Treppe hinan er
wandelte in den Lüften und sein Scheitel berührte vor Übermut die Sterne
Die Doktorin empfing ihn mit ihren gewöhnlichen überhäuften Fragen und bekam
nichts als lakonische Antworten sein Glück schwellte ihn auf das ganze
alltägliche Leben um ihn her alles wovon und was man mit ihm sprach war tief
unter der Stimmung seiner Seele er dünkte sich ein Gott für welchen sterbliche
Beschäftigungen und Reden des gewöhnlichen Gesprächs zu gering waren Mit so
erhöhtem Fluge der Gedanken und Empfindungen als wenn er im Äther selbst
schwebte setzte er sich an den Tisch um seinen Brief zu schreiben seine
Aufseherin die nicht wusste was er schrieb lobte ihn mit vollem Halse über
seinen Fleiß dass er sich sogleich zur Arbeit kehrte und das Versäumte wieder
einzubringen suchte Wie ihm das Lob widrig schmeckte Er hätte ihr vor Zorn an
den Kopf fliegen mögen Wen muss ein solcher Beifall über so nichtswerte Dinge
wie Aktenschreiben nicht beleidigen wenn man so überglücklich so erhaben über
sich selbst ist als er sich in dem Augenblicke fühlte
Er schrieb in sehr langer Zeit ein sehr kleines Billett denn bei jedem
Worte flogen seine Gedanken mit ihm davon schweiften unter Projekten zu öfteren
Zusammenkünften zu Entfliehungen und andern Mitteln das Glück des
Wiederfindens so gut als möglich zu nützen und sich Ulrikens Besitz zu
versichern herum und über den unendlichen Gedankenwanderungen verschrieb er
sich so vielfältig dass kein Menschenverstand in dem Geschriebenen war wenn er
es durchlas immer deuchte ihm dass er noch etwas zu sagen hätte und nun noch
etwas er sann nach und dort lief sein Kopf mit ihm davon Er schloss aber
beim Jupiter gerade das Wichtigste vergessen Sonach bekam sein Brief sechs
Schlüsse und durch das öftre Wegwerfen der völlig unverständlichen Exemplare
hatte er das Abendessen versäumt und Mitternacht herangebracht und doch
enthielt das Billettchen nichts als eine Nachricht von seiner Wohnung und eine
Bitte den Briefwechsel durch den Überbringer fortzusetzen und ihm bald zu einer
Zusammenkunft zu verhelfen Hier ist es nach seiner Handschrift genau
abgeschrieben
Liebe Ulrike
liebste Ulrike allerliebste Ulrike
Ich bin außer mir Schreibe mir heute noch Ich weiß mich nicht vor
übermenschlichem Glücke zu fassen Ich bin bis in den Tod und in alle Ewigkeit
Dein aufrichtiger ewig Dich zärtlich liebender
Heinrich
NS Schreibe mir ja durch den Überbringer Ich bin entzückt über Sterne und
Himmel bin ich tief tief in die Seele entzückt dass ich Dich wiederhabe Der
Überbringer ist ein Betteljunge Schreibe mir ja oft durch ihn alles wie Dirs
ergangen ist Ich verbleibe lebenslang mit der größten Zärtlichkeit und Liebe
und Freundschaft und Zärtlichkeit ich kann Dir gar nicht schreiben wie sehr
ich bin
Dein getreuer unveränderlicher zärtlicher
Heinrich
NS Wenn ich Dich nur oft recht oft alle Tage alle Stunden alle Minuten
sehen könnte Schreibe mir ja Der Überbringer ist ein Bettler der für ein
Almosen unsern Briefwechsel besorgen wird Lebe wohl tausendmal wohl Ach dass
ich nicht beständig bei Dir sein kann
PS Ich wohne bei dem Doktor Nikasius Ach Ulrike ich sterbe vor
Verlangen wenn ich Dich nicht jeden Pulsschlag meines Lebens sehen kann Glaube
dass ich bis in die Gruft und noch in jenem Leben Dich lieben werde Aber ich
kann Dich nicht genug lieben Ich küsse Dich in Gedanken tausendmillionenmal und
möchte weinen dass ichs nur in Gedanken tun muss Ich verharre unausgesetzt
Dein getreuer fest an Deinem Herze hängender
Heinrich
NS Du wohnst in der Hölle bei einem Satan Der Überbringer hat mir erzählt
dass Du bei einer Tante wohnst die beständig flucht Deine vermaledeite Tante
geht mit Dir um dass es mich jammert O wenn ich dem zähnebleckenden Ungeheuer
den Kopf spalten könnte spalten Es ist mir so weh ums Herze dass ich Dir
so nahe sein muss und nicht Ich verbleibe
Dein betrübter tief gebeugter
zärtlichstinnigstbrünstigstsehnlichstschmachtender
Heinrich
Postscript Wenn ich Dich nur einmal nur ein allereinziges Mal sprechen könnte
Ich bin so melancholisch geworden dass ich Blut weinen möchte
Ich bin mit aller Hochachtung
Ihr gehorsamer Diener
Heinr Ch Herrmann
Den letzten Schluss schrieb er halb im Schlafe und die Höflichkeit trat an die
Stelle der Liebe Die unselige Liebe was für schlechte Stilisten sie macht
Nach langer quälender Sehnsucht die ihn jede fünf Minuten an das Fenster
riss erschien der Bote am Ende der Gasse er lief die Treppe hinunter und nahm
ihm folgenden Brief im Hause ab
den 12 Junius
Wie sehr ich mich gestern über unser plötzliches Wiederfinden gefreut habe das
weiß mein Herz und Dein eigenes Nach einer so langen ewigen Trennung ist die
Freude so voll dass man von sich selbst nichts weiß Aber lieber lieber
Heinrich die Trennung ist noch nicht aus Der Onkel hat der Oberstin bei der
ich itzo im Gefängnis sitze auf das Leben anbefohlen mich keine Minute aus den
Augen zu lassen und sie kommt dem Befehle so getreulich nach dass sie mich
lieber am Halse herumtrüge wenns sein könnte Auf dem Spaziergange darf ich
nur den Kopf zurückwenden um zu sehen wer hinter uns geht oder auf die Seite
kehren um jemanden an einem Fenster zu beschauen gleich geht das Unglück los
»Sapperment« schreit sie »wo gakeln Sie einmal mit den verfluchten Augen
herum« Bald geh ich ihr zu langsam oder stehe wohl gar still um etwas
anzusehen »In des Teufels Namen« fängt sie an »so heben Sie doch die infamen
Knochen« Bald hab ich Langeweile und eile nach Hause »Dass Sie das
Donnerwetter erschlüge mit Ihrem höllischen Rennen« und dabei reißt und stößt
und wirft sie mich herum wie ihr Spaniol wenn sie eine Prise nimmt So eine
widerliche Frau kann gar nicht mehr auf der Erde sein ihr Mund und ihre Brust
ist beständig mit gelbem Tabak überglasiert und wenn sie mich mit den
schmutzigen Fingern angreift geht mirs allemal durch Mark und Bein Als ich
gestern da wir bei der Mühle so übel angelassen wurden nach Hause kam hat sie
mir recht mitgespielt schon in der Mühle fluchte sie auf mich dass die Balken
zitterten und zu Hause stieß und zerrte und warf sie mich so gewaltig herum
dass der Abdruck von ihren großen gelben Tabaksfingern in Lebensgröße auf meinem
weißen Kleide zurückgeblieben ist Wir haben uns im Zimmer von einem Ende zum
anderen herumgejagt ich wollte mich durchaus nicht von ihr anrühren lassen und
sie kann doch nicht sechs Worte mit jemandem sprechen besonders wenn sie böse
ist ohne dass sie nicht die Leute bei dem Arme oder an der Brust anpackt
»Schmälen Sie soviel Sie wollen« rief ich immer und wehrte sie mit allen
Händen von mir ab »Greifen Sie mich nur nicht an« Sie hüpfte immer wie ein
welscher Hahn mit aufgeschwollnem Kamme und die Arme wie ein Paar Flügel
ausgebreitet auf mich los »Sapperment« schrie sie »du Zeteraas du wirst
doch nicht die Pestilenz kriegen wenn ich dich anrühre Ich will dir die
verfluchten Knochen zusammendrücken« und Heinrich nun packte sie zu wie
ein Häscher packte sie zu und schüttelte mich dass ich dachte ich sollte das
Fieber kriegen
Sie muss dem Onkel alle Wochen einmal schreiben wie ich mich aufführe und
sie hat heute schon den ganzen Vormittag geschmiert Du kannst Dir leicht
vorstellen wovon Nun werde ich ein saubres Briefchen vom Onkel über unsern
gestrigen Vorfall erhalten Schadet nichts Ich bin des Ausschmälens so gewohnt
wie des täglichen Brots Ich singe springe hüpfe und bin lustig sobald mir
nur die Tante Sapperment vom Leibe ist das wehrt sie mir auch nicht denn wenn
sie den Wurn kriegt so gehts mit ihr selber über Tisch und Stühle weg Wenn
Fräulein Pimpelchen den Namen hat ihr meine Tabakstante gegeben denn das tut
sie allen Leuten und Fräulein Ripelchen und Mamsell Zieräffchen zu uns kommen
dann gehts buntüber da wird geschrien und gelärmt dass die Nachbarn neulich
dachten es wäre Feuer im Hause und mannigmal ist der Staub so arg dass wir
einander an die Köpfe rennen und in die Augen greifen und nicht wissen wo wir
sind
Zuweilen tut mir aber doch mitten in dem lustigen Leben mein Herz recht weh
wenn mirs einfällt dass ich meiner Tante der Gräfin so viele Unruhe
verursache Du weißt gar nicht wie der Graf mit ihr umgeht seitdem Du weg
bist sonst war er doch höflich aber jetzt ist das alles aus Er brummt den
ganzen Tag nichts kann sie ihm recht machen und wenn sie vor ihm auf die Füße
fiele so fährt er sie doch an wie eine Viehmagd ein paarmal trieb ers so arg
dass ich mich des Weinens nicht enthalten konnte und dann ging ich mit der
Gräfin in ihr Zimmer eine Träne jagte immer die andre bei ihr sie rang die
Hände sie konnte kein Wort reden das schmerzte mich so tief in der Seele dass
ich zu dem Grafen unangemeldet ins Zimmer lief und ihm zu Füßen fiel und bat er
möchte meiner Tante nicht so übel begegnen Kannst Du Dir einbilden Heinrich
Der Onkel war wirklich recht bestürzt und räusperte sich so kurzatmicht wie er
immer tut wenn er sich nicht recht zu helfen weiß er hub mich auf und drückte
mir die Hand so ängstlich als wenns ihm von Herzen leid täte da trat der
krummbeinichte Jakob ins Zimmer gleich ließ mich der Graf fahren und sagte mir
mit gebieterischem Tone »Geh in dein Zimmer Wenn du in Zukunft etwas mit mir
zu sprechen hast so weißt du wo du dich vorher melden musst Führe sie fort«
sprach er zu seinem Jakob Der Bube fletschte die Zähne und freute sich recht
innig dass ich so übel ankam er fasste mich bei dem Arme aber ich gab ihm einen
so empfindlichen Nasenstüber dass er mich fahren ließ und hell wie eine Trompete
in seine beiden Tatzen hinein nieste
Ich kann mirs gar nicht aus den Gedanken bringen ob wir vielleicht an
allem dem Unglücke schuld sein möchten denn seitdem wir im Kabinette ertappt
worden sind hat es angefangen und nicht wieder aufgehört bis zu meiner Abreise
nach Dresden Die Gräfin hat uns ein paarmal verteidigt
Ach da hör ich unsern Boten betteln Lass ihn morgen nachmittag
wiederkommen Lebe wohl
Ulrike
Den folgenden Morgen kam wirklich ein zweiter Brief an der die Fortsetzung
ihrer abgebrochnen Erzählung enthielt
den 13 Jun
Allerliebster Heinrich
Tante Sapperment buchstabiert heute noch an ihrem Briefe sie schreibt wie
Onkels Reitknecht den wir einmal behorchten da er auf dem Futterkasten an
seine Braut schrieb »Hoch Hoch« so buchstabiert sie laut vor sich und wenn
sie einmal drei Worte zusammengestoppelt hat so liest sie sichs laut vor um
zu sehen ob Verstand darin ist und dann ruft sie mich hundertmal und fragt
mich »Wie schreibt man denn das Wort wie denn das« Sag ich ihr wie ich
glaube dass es sein muss so ists ihr niemals recht »Sapperment das ist ja
falsch das klingt ja nicht« da streitet da zankt und flucht sie und wenn
ich ihr recht gebe um nicht zu streiten so sappermentiert sie wieder dass ich
ihr nicht helfen will Mir ist es nunmehr desto lieber je länger sie über ihren
Briefen zubringen muss unterdessen kann ich ungestört an Dich schreiben und zu
meinem noch größeren Vergnügen glaubt sie itzo sogar dass ich nicht richtig
buchstabieren kann und fragt mich deswegen sehr selten um Rat nur wenn der
Bediente nicht zu Hause ist der ihr besser zu raten weissweil es bei ihm allemal
klingt wenn er vorbuchstabiert sagt sie Du müsstest Dich zu Tode lachen wenn
Du einmal zuhorchtest was für Zeug die beiden Leute zusammenbuchstabieren und
mitunter wird dann auf beiden Seiten ein gutes Stückchen geflucht Der Bediente
ist einmal Packknecht gewesen und spricht mit allen Leuten als wenns seine
Pferde wären Wenn er der Tante zuweilen zwei N oder M vorgesagt hat so ist sie
imstande ein ganzes halbes Dutzend in einem Zuge hinzuschmieren »Oh«
schreit der Bediente wie zu einem Pferde das stillstehn soll »Dass dich der
Donner und das Wetter« fährt die Tante grimmig auf und wischt die überflüssigen
M mit der Zunge weg »die verfluchten M laufen einem aus der Feder heraus als
wenn sie der Satan herausjagte Nun hab ich gar die Wetteräser alle
ausgewischt« »Ah Ah« spricht der Packknecht »was blecken Sie denn die
Zunge so lang heraus wie ein Kehrbesen« Dann fließt die Tinte auf dem nassen
Papier zusammen wieder ein Donnerwetter auf das Rackerpapier dann wird
ausgestrichen daraus entsteht eine DonnerBlitzHagelssau »Da Hans Pump«
ruft Tantchen dem Bedienten »das verfluchte Schwein ist für mich zu groß« und
so schluckt es Hans Pump wie eine Auster mit Haut und Haar vom Papier weg
Da haben wirs da bettelt unser Briefträger schon Schick ihn erst
übermorgen und etwas später Viel tausend Küsse von
Deiner Ulrike
Der Termin war etwas weit hinausgeschoben und den zweiten Tag darauf erst in
der Dämmerung erschien der versprochne Brief er war sehr eilfertig und
unleserlich geschrieben
den 15 Jun
Lieber lieber Heinrich
Tante Sapperment ist zum Besuch ich will Dir hurtig erzählen was ich
letzthin vergessen habe Ich sagte Dir dass es der Tante Gräfin jetzt so übel
geht weil sie uns hat verteidigen wollen Sie glaubt es nicht dass wir die
Absicht hatten davonzugehn aber der Graf lässt sichs nicht ausreden Ich
klagte Schwingern mein Herzeleid dass ich glaubte die Tante müsste um
meinetwillen so viel ausstehn allein er tröstete mich und versicherte dass der
Graf durch den schändlichen Jakob und seinen Vater wider sie aufgebracht wäre
Die abscheulichen Kreaturen könnens nicht leiden dass sie den Grafen zuweilen
zu etwas bewegt was ihnen nicht lieb ist er soll durchaus nichts tun was sie
nicht angegeben haben Er fürchtet sich auch vor ihnen wie unser Spitz vor der
Tante Sapperment Ich wäre noch lange nicht nach Dresden geschickt worden wenn
die beiden Schurken nicht so getrieben hätten aber für diese Schurkerei bin ich
ihnen herzlich verbunden Ich rate auch noch eine andre Ursache warum der Graf
itzo noch so griesgramicht ist eh ich fortreiste speisten fast alle Tage
Advokaten fremde Kaufleute und Bankiers bei uns das geschah auch bei meinem
Papa kurz vor seinem Tode und wenn ich die Mama fragte was die Leute alle
wollten so antwortete sie mir »Wir müssen sie füttern damit sie uns das Brot
nicht nehmen« Ja sie kehrten sich viel daran denn da der Papa tot war
ließ sie uns nichts zu beißen noch zu brechen Ich gebe dem Briefe vier
fünf sechs Küsse für Dich nimm sie ihm ab
Deine Ulrike
Fünfter Teil
Erstes Kapitel
Herrmann gab jedesmal seinem Boten wenn er ihn aussandte einen Brief an Ulrike
mit worin er ihr seine bisherigen Schicksale seit der Abreise aus seinem
Vaterstädtchen pünktlich und umständlich erzählte und war deswegen den ganzen
Tag unaufhörlich mit Schreiben beschäftigt ohne einen Schritt aus dem Hause zu
tun Die Frau Doktorin floss von Lobsprüchen über und weissagte ihm mit der
äußersten Zuversichtlichkeit dass er in kurzem ein großer Mann sein werde weil
er so fleißig an ihres Mannes Akten schriebe Kaum dass er auf ihre
Lobeserhebungen und Verheißungen hörte Kaltblütig nahm er sie an und der
Doktor der wohl wusste dass er wenig oder nichts für ihn arbeitete ließ seine
Frau aus Gutmütigkeit und Liebe für seinen Schreiber in ihrem Wahne
Nach dem letzten eilfertig geschriebenen Briefe stockte die Korrespondenz
der Bote ging zwar den zweiten Tag nach dem Empfange desselben mit einem großen
Schreiben von Heinrichen zur Baronesse allein er brachte es wieder zurück mit
der Nachricht dass ihn die Köchin abgewiesen habe War das Geheimnis verraten
Hatte man die Baronesse von Dresden weggebracht Wollte man sie verheiraten
Wollte man sie einsperren Alles gleich wahrscheinlich für den argwöhnischen
Verliebten Dahinter musste er kommen kostete es auch noch soviel Sein Postbote
wurde befehligt gegen Erlegung eines baren Gulden die Gasse wo die Baronesse
wohnte unablässig durchzupatroullieren in der Nachbarschaft und im Hause doch
mit Vorsichtigkeit nach ihr zu fragen und bei der ersten gewissen Nachricht
sogleich getreuen Bericht zu erstatten Herrmann setzte sich ebenfalls in
Bewegung auch durch sich selbst Gewissheit zu bekommen
Neun Tage lang erfuhr er nichts als dass Ulrike weder verreist noch
eingesperrt noch weggebracht sei sondern sich wirklich in Dresden befinde und
alle Tage mit ihrer Tante ausfahre er sah auch einigemal die Kutsche allein
seit der Begebenheit bei der Mühle fuhr die Oberstin nicht anders als mit
zugemachten Fenstern stieg bei einer Spazierfahrt nie aus wenn es nicht in
einem Garten oder andern verschlossnen Orte war und erlaubte Ulriken nicht
einen Blick aus dem Wagen zu tun sobald sie nur Miene machte sich nach dem
Fenster zu neigen so wurde sie mit einem Donnerwetter oder Sapperment wieder in
die Ecke gedrückt Das waren neun Tage in Höllenpein zugebracht
Erst am zehnten langte ein Brief an den sie mit Blei beschwert dem Kurier
zum Fenster herabgeworfen hatte Er wurde nicht gelesen sondern verschlungen
den 24 Junius
Ich schreibe Dir diesen Brief liebster Heinrich mit höchst betrübtem Herze so
voll Beklemmung dass sie mir den Atem nimmt Was ich befürchtete ist geschehen
die Oberstin hat der Tante Gräfin den ganzen Vorfall bei der Mühle haarklein
geschrieben und ich habe gestern einen Brief von ihr bekommen der mir am Herze
nagt Sie bittet mich um Gottes willen ich soll mir Gewalt antun und meine
Liebe gegen Dich aufgeben Sie hätte schreibt sie aus zu guter Meinung von
meinem Verstande keine von allen Beschuldigungen und verdächtigen Anzeigen wider
mich geglaubt und sehr oft durch meine Verteidigung des Onkels Unwillen auf sich
geladen Aber nunmehr setzt sie hinzu hat mich das Geständnis das Du Deiner
Tante mit der äußersten Frechheit in der Mühle tatest aus meinem Irrtum
gerissen ich sehe dass Du nicht bloß unvorsichtig sondern verführt bist und
Deine Verführung liebst Dir vielleicht gar etwas darauf zugute tust Besinne
Dich Ulrike bedenke wer Du bist wer Dein Onkel und Deine übrigen Verwandten
sind Und dann überlege ob Du es verantworten kannst uns allen eine solche
Schande zu machen Weise den liederlichen Buben Heinrich das Blut möchte mir
aus den Adern sprützen indem ichs hinschreibe den liederlichen Buben wenns
nicht meine Tante wäre ich wollte ihr eine verzweifelte Antwort auf den
liederlichen Buben geben Weise den liederlichen Buben von Dir Meide fliehe
den Erzbösewicht der uns unsere Wohltaten durch Bubenstreiche vergelten will
Alles Gute was ich ihm erzeigt habe muss sein Verderben werden mein eigenes
Verderben muss ich mir zur Strafe wünschen dass ich mich von unseliger
Schwachheit verleiten ließ den Schänder unsers Hauses selbst zu erziehen Noch
weiß der Graf nichts von der öffentlichen Beschimpfung die Dir der verhasste
Bube in Gegenwart Deiner Tante angetan die Du mit Wohlgefallen ertragen hast
und sogar zu verteidigen Dich erdreistest Wenn Dich der falsche versteckte
Bösewicht wirklich eingenommen hat und es Dir Mühe kostet ihn zu verachten wie
ers verdient so will ich Dir die Überwindung erleichtern Ich bemühe mich jetzt
um eine Stelle in einem Fräuleinstift für Dich wo Du zeitlebens versorgt bist
wenn sich keine anständige Partie für Dich findet ich tue es heimlich ohne
Vorwissen des Grafen wenigstens verhehle ich ihm sehr sorgfältig meinen
Bewegungsgrund allein kommt es zustande welches ich bald hoffe weil auf
Michael ein Platz ledig wird so bin ich doch seiner Einwilligung gewiss zumal
da uns viele Ursachen nötigen unsern Aufwand einzuschränken Erkenne meine
Gnade Ulrike Setze Deinen Stand und unser Haus nicht aus den Augen da Du
Deiner Versorgung so nahe bist und führe Dich in der Zwischenzeit bis Du dazu
gelangst mit aller Achtung für Dich selbst auf Ich bitte Dich um Gottes
willen Ulrike tue Deinem Herze Gewalt an und wirf Dich nicht weg Verbittre
mir nicht den kleinen Rest von Ruhe den mir der Graf und seine Ohrenbläser
täglich mehr rauben Erfahre ich nur das mindeste von einem fernen oder gar
geheimen Verständnisse zwischen Dir und dem niederträchtigen Landläufer so muss
ich selbst an Deinem Unglücke bei dem Grafen arbeiten ich muss ihm alles
entdecken und es wird ihm nicht viel Mühe machen eine exemplarische Strafe für
Heinrichs Verwegenheit auszuwirken Wie es Dir ergehen würde das kannst Du Dir
leicht vorstellen wie wehe wollte mirs tun eine mir so liebe Blume die ich
selbst begossen und gepflegt habe mit meinen eignen Händen zu zerknicken Rührt
Dich dieser Schmerz nicht dann möchte ich Dich nie gekannt haben und Dich
hassen können
Was sagst Du zu dem Briefe Heinrich Muss sich das Herz nicht umwenden wenn
man so etwas liest Ich zitterte als ich ihn las die Betrübnis wollte mich
ersticken und aus Liebe für die Gräfin ward ich durch ihre Bitte so bewegt dass
ich im ersten Augenblicke willens war ihr zu gehorchen Aber Heinrich es ist
mir unmöglich ihr zu gehorchen ich kann mich nicht von Dir losmachen sooft
ichs wünsche ist mir immer als wenn Du bei mir stündest mir um den Hals
fielst und riefst »Um Gottes willen Ulrike gehorche nicht« Nein Heinrich
ich kann nicht gehorchen Gott ist mein Zeuge ich kann nicht gehorchen Du
bist mir so allgegenwärtig so mein einziger Gedanke wohnst so ganz in mir als
wenn Du meine Seele wärst Ich denke immer Könntest du dich denn nicht zwingen
könnte denn Heinrich nicht lieber eine von seinem Stande kaum dass ichs
soweit denke so geht schon das ganze Zimmer mit mir herum es wird mir
bänglich so ängstlich als wenn mirs das Herz abstossen wollte ich laufe vor
Wehmut und Bangigkeit aus einem Winkel in den andern die vier Wände sind mir so
enge als wenn sie über meinem Kopfe sich zusammensenkten dass ich zum Fenster
hinunterspringen möchte Nein Heinrich ich schwöre Dirs bei Himmel und Erde
ich kann nicht gehorchen ich muss Dich lieben Du musst mein werden und wenn die
Verdammnis mein Lohn würde
Ich habe hier indem ich dies bei der Nachtlampe schreibe die Hand auf die
Brust gelegt den Schwur laut getan und Gott zum Zeugen angerufen ich will ihn
halten Es ist mir ein großer Fels vom Herze gewälzt dass ich ihn getan habe es
war als ich ihn tun wollte bei dem blassen Schimmer der Lampe völlig als
wenn die Tante Gräfin in ihrem weißen Atlaskleide zum Kabinett hereinrauschte
und mir den Mund zuhalten wollte es lief mir ein rechter Totenschauer über den
Rücken und wie ich schwur fiel die zurückgeschlagene Bettgardine vermutlich
weil ich mit dem Ellenbogen daran stieß über mich herab ich denke die Tante
fällt über mich her so erschrak ich aber ich ermannte mich ich vollendete den
Schwur mit Zittern und kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen so ward mirs
wie Tageslicht vor den Augen und Mut und Entschlossenheit belebten mich so
plötzlich als wenn sie mir in alle Adern gegossen würden
Ich bin entschlossen fest entschlossen der Versorgung in einem Stifte zu
entgehen Eine Versorgung zeitlebens Ja daran liegt mir viel Die Leute
denken wenn man Essen und Trinken hat dann ist man versorgt hat man denn
nicht auch ein Herz Meins ist versorgt ich bedarf gar keine Versorgung weiter
Was bekümmert mich das bisschen elender Kleiderputz kostbare Tafel Equipagen
und Bedienten Nehm es wers mag Ich war in dem gestreiften Raschrocke als
wir den Abend vor Deiner Abreise im Kabinette beisammensassen so glücklich und
tausendmal glücklicher als ich niemals in dem schönsten Steifrocke bei dem
herrlichsten Feste gewesen bin Wenn mich nun aller der langweilige Plunder
nicht rührt Wenn ich nun keine Versorgung zeitlebens haben will Ich begreife
gar nicht wo die Leute hindenken Ich muss doch wohl am besten wissen wie ich
versorgt sein will ich bins ja ich bins ja und wenn Du nur einen Platz mit
hundert mit funzig Talern Einnahme bekömmst so bin ich versorgt Zeitlebens
nach Wunsch und Verlangen versorgt Aber das kann niemand begreifen man möchte
sich zu Tode ärgern
In ein Fräuleinstift Es fährt mir eiskalt durch alle Glieder wenn mir
das Fräuleinstift einfällt So ein Stift stelle ich mir wie ein großes
winklichtes finsteres steinernes Haus vor mit dicken dicken Mauern kleinen
Fensterchen mit runden rotberäucherten Scheibchen wie ein Achtgroschenstück
große eiserne Stäbe davor dass man das ganze Jahr Licht in den dämmrigen Zellen
brennen muss weil der Tag durch das viele breite Blei nicht dringen kann ein
dumpfes hochgewölbtes graushaft stilles Kloster mit langen schallenden Gängen
schmalen finsteren Treppen und spitzrunden Türen mitten unter öden zackichten
Felsen dass man nicht durch die Fensterstäbe hindurchschielen kann ohne zu
fürchten es möchte ein Stück losstürzen in einem meilenlangen fürchterlichen
Tannenwalde und so ein Gefängnis nennen die Leute eine Versorgung Ja freilich
der Dieb hat auch eine Versorgung der bei Wasser und Brot im finsteren Turme
sitzt Lieber will ich mit Dir hinter den Zäunen schlafen in den Dörfern
betteln oder Ställe misten und Kühe hüten als in so ein Stift gehen Es bleibt
bei unserer Verabredung unter dem Baume da ich Dir meinen goldnen Ring an den
Finger steckte
den 25 Junius
Hier löschte mir diese Nacht die Lampe aus ich musste abbrechen und heute früh
konnte ich vor großem Vergnügen nicht wieder ans Schreiben kommen Die Tante
Gräfin hat der Tante Sapperment einen Teil ihres Schmuckes geschickt damit sie
ihn hier verkauft und Onkels Sekretär der ihn mitgebracht hat soll ihn
verkaufen helfen Die Tante will einen Berliner Bankier heimlich davon bezahlen
doch ohne dass es der Graf weiß wenns nicht geschieht so will der Bankierden
Onkel verklagen und dann wachen alle andere auf denen er schuldig ist sagte
der Sekretär und um sie alle zu bezahlen reicht seine Herrschaft sechsfach
nicht zu Die Oberstin hat also heute den ganzen Vormittag nichts als Juden bei
sich gehabt es war eine Hauptlust wie sie unter den Mauscheln herumfluchte und
schimpfte weil sie ihr nicht genug geben wollten denn die Gräfin verlangt
dreissigtausend Taler Mit dem einen Juden kriegte sie gar Zank dass ihn ihr Hans
Pump zum Hause hinauswerfen sollte Sie kann mit niemanden reden ohne ihn
anzugreifen den Damen dreht sie die Brustschleifen entzwei und den Herren die
Knöpfe ab oder reißt ihnen mit den Nägeln Löcher in die Busenstreifen Sie
sprach also mit dem Juden am Fenster das offenstand und während des eifrigen
Redens und Handelns drehte sie ihm einen Knopf nach dem andern ab und warf ihn
zum Fenster hinaus Der Jude gab nicht darauf acht und fünfe lagen schon auf
der Gasse ich konnte das Lachen kaum verbergen so belustigte michs als ich
zusah Indem sie an dem sechsten Knopfe hantiert wird sie böse weil der Jude
schlechterdings nicht soviel geben will als sie verlangt und reißt ihm aus
Grimm den Knopf mit so vieler Gewalt ab dass der Mauschel nach ihr hintorkelt
»Mein« ruft der Jude »wo sind meine Knöpfe« und sieht sich in der Stube um
»Du Schelm hast keine mitgebracht« antwortete die Tante »Mein habe Knöpfe
gehabt so viel als Löcher Da hat sie ja Ihre Gnaden in der Hand« »Da du
Fratzengesicht« und so warf sie ihm den sechsten Knopf in die Augen »Aber
die andern die andern habe so viel Knöpfe gehabt als Löcher so wahr ich leb
Sie werden doch nich von meinem Kleid weg nach Haus spaziert sein« »Du
beschnittner Sappermenter denkst du ich habe deine Knöpfe gestohlen« fuhr die
Tante auf mit untergestemmten Armen »Hans Pump wirf mir den Eselskinnbacken
aus dem Hause« Hans Pump trieb ihn aus dem Zimmer und er schrie beständig die
ganze Treppe hinunter »Meine Knöpfe meine Knöpfe habe Knöpfe mitgebracht so
viel als Löcher« Als ich hernach ans Fenster kam stund er auf der Gasse und
las sich seine Knöpfe zusammen Ich habe mir einen rauen Hals gelacht über
den possierlichen Auftritt
Schicke übermorgen erst
Ulrike
Herrmann war nicht so geneigt sich über die possierliche Geschichte einen
rauen Hals zu lachen entweder fehlte ihm Ulrikens Leichtsinn und Biegsamkeit
jeden hintereinanderfolgenden noch so entgegengesetzten Eindruck anzunehmen und
gleich stark zu fühlen oder die Liebe war zu sehr seine herrschende Empfindung
um einer andern den Eingang zu verstatten die nicht in der engsten
Vertraulichkeit mit ihr stund Auch hatte ihn die lange ängstliche Ungewissheit
vor dem Empfange dieses Briefs und der wehmütige Anfang desselben in eine
Stimmung des Geistes versetzt die nicht sehr wohl mit der Belustigung
harmonierte nicht weniger schwer drückten die kränkenden Benennungen der Gräfin
auf seine ganze Empfindlichkeit der Niederträchtigkeit der Bosheit der
Undankbarkeit sich beschuldigt zu sehen und so aufbringende Beschuldigungen weder
widerlegen noch rächen zu können welcher Schmerz für seinen Stolz Er setzte
in der ersten Hitze einen Brief an die Gräfin auf worin er mit Härte und
Bitterkeit sich über ihre beleidigenden Ausdrücke beschwerte und ihr bei seinem
Gewissen beteuerte dass er nie die Größe ihrer Wohltaten aber auch nie die
Größe ihrer Beleidigung vergessen werde Nie kann ich schrieb er nunmehr Ihren
Namen ohne Hass hören wie ich nie an Ihre Güte ohne Dankbarkeit denken will Ich
möchte dass ich Ihnen alle diese traurige Wohltaten wiedergeben könnte wenn sie
mir nur erwiesen wurden um mir ungestraft das einzige zu nehmen was weder Sie
noch irgendein Mensch auf dieser Erde mir zu geben vermögen meine Ehre meine
Rechtschaffenheit
Sein angegriffner Stolz verblendete ihn so sehr dass er nicht bedachte
welche Verräterei er an Ulriken und sich selbst durch ihn beging erst am
folgenden Morgen wurde sein Horizont wieder licht er besann sich dass die
Gräfin nichts von der geheimen Mitteilung ihres Briefs wissen dürfte zerriss den
seinigen ertrug mit stummem Schmerze die Kränkungen und betrachtete sich als
einen Märtyrer der um seiner Geliebten willen litt Diese Vorstellung gab
seinen Leiden einen so hohen Wert in seinen Augen dass er sie verdoppelt
wünschte es schmeichelte seinem Stolze sich durch solche Widerwärtigkeiten ein
Verdienst um Ulriken zu erwerben er wurde immer entschlossner zur Vergrössrung
seines Verdienstes Schmach Mangel Kummer Schmerz Schimpf und Unehre
aufzufodern und mit ihnen um Ulriken zu kämpfen Mut und Standhaftigkeit wuchsen
in ihm bis zur Begeisterung empor er schrieb folgendes Billett
Ulrike wie Du in jener Nacht geschworen hast so schwöre ich Dir jetzt
Entschlossenheit und Mut zu und so gewiss Du mich lieben wirst so gewiss will
ich Martern Hungern Blöße Schmerz und Kränkung nicht achten um einmal Dein
zu werden Ich bin entschlossen so entschlossen wie Du es sein kannst unsrer
Verabredung unter dem Baume zu folgen veranstalte eine mündliche Unterredung
um uns über die Ausführung unsers Vorsatzes umständlicher zu besprechen Vor
allen Dingen müssen wir für Geld sorgen es komme woher es wolle und dann in
die Gefahren hinein Eine ganze Welt voll Hindernisse sollen uns nicht
aufhalten wir reißen uns durch treten sie danieder oder sie uns Lass Dich
weder durch Bitten noch Drohungen irre machen und fürchte Dich vor keinem
Stifte Müsst ich meinen Kopf darüber verlieren Du sollst nicht hinein Halte
Dich zu allem gefasst und lebe wohl
Das Blatt wurde zwar am bestimmten Termine eingehändigt aber erst viele Tage
darauf erschien die Antwort der Baronesse
den 26 Jun
Es geht gewiss nicht gut Heinrich O welche Übereilung dass ich schwur Der
Schwur frisst wie ein Wurm an der Seele Sollten wir denn wirklich etwas
Strafbares begehn dass wir uns lieben Du kannst Dir nicht vorstellen wie ich
mich ängstige und härme es ist heute wieder so viel Lustiges bei uns
vorgefallen dass man sich zu Tode lachen möchte ja wer lachen könnte Es fährt
mir wohl ein Gelächter durch die Lippen aber es ist so halbweinerlich so
sauer dass mir die Brust davon weh tut Wenn ich nur nicht geschworen hätte Ich
habe mich von Kindesbeinen an vor einem Schwure gefürchtet und doch lass ich
mich übereilen Wenn ich nun zu schwach wäre meinen Schwur zu halten Wenn ich
mich nun durch Bitten oder Drohungen bewegen ließ ihn zu brechen Wenn Gefahr
oder Unglück Elend oder Kummer zu groß zu schwer für meine Schultern würden
und ich erläg unter ihnen Wenn mirs nun ganz unmöglich wäre ihn zu erfüllen
Und doch hab ich auf meine Verdammnis geschworen Bedenke was das gesagt
heißt auf meine Verdammnis Und daran wärest Du schuld wenn ich sie
verdiente Du nur wenn ich mich in ewige Qualen stürzte Ich kann nirgends Ruhe
finden die Angst treibt mich herum als wenn ich Mord und Diebstahl begangen
hätte
den 27 Jun
Ich musste gestern nachmittag hier abbrechen weil mir vor Unruhe ganz
schwindlicht wurde Heute geht mirs noch schlimmer Ach Heinrich der Schwur
bringt mich ins Grab Sogar Schwinger hat an mich geschrieben und ermahnt mich
von Dir abzulassen Wenn ein so vernünftiger guterziger Mann unsre Liebe für
sträflich hält dann muss sie es sein aber ich habe geschworen Ich muss
sträflich handeln Wenn ich nur Ruhe vor dem Gedanken fände
Reissen Sie schreibt Schwinger meinen armen hülflosen Freund nicht ins
Verderben hin und Sie tun es zuverlässig wenn Sie seine Liebe unterhalten oder
gar noch anfachen Die Reizbarkeit seines Alters folgt freilich Ihren Lockungen
denn aus allen Nachrichten und Anzeigen muss ich schließen dass Sie zuerst mehr
für ihn empfanden als Sie sollten und dass Sie zuerst bei Ihrem itzigen
Wiedersehen seine schlafende Empfindlichkeit erregten Wecken Sie keinen
schlummernden Löwen und keine Liebe in dem Herze eines Menschen auf der nicht
für Ihre Hand geboren ist beide zerfleischen ihn Sie haben ihn schon vor der
Gräfin verhasst gemacht und aller künftigen Unterstützung beraubt die ich durch
meinen Vorspruch für ihn auswirken konnte es ist aus ganz aus er hat nicht
einen Pfennig mehr von ihr zu erwarten ich darf gar keine Fürbitte mehr wagen
Noch nicht genug Der Hass Ihres Hauses verfolgt ihn und wenn Sie die brausenden
Begierden seines Alters bis zur wirklichen Liebe aufwiegeln dann kann ich
schwacher Freund nicht das mindeste tun um eine Rache zu hindern die der Onkel
bis zu seinem letzten Atemzuge für ihn aufheben wird Und Sie teuerste
Baronesse Sie wollten Ihrem Lehrer für seine Liebe den Schmerz zum Lohn geben
dass Sie ihm seinen Freund vor seinen Augen in eine Grube stießen wo er elend
verschmachten muss
Nein Heinrich Ich kann ich darf ich will Dich nicht lieben Ich reiße
Dich ins Verderben stoße Dich in eine Grube wo Du verschmachten musst Dich
der mir lieber als die ganze Welt ist den ich gern auf einen Thron gern in den
Himmel auf meinen Händen tragen möchte Lieber will ich meinen Schwur brechen
und verdammt sein als Dich ins Verderben hinabreissen Ich will ins Stift will
zeitlebens keinen Menschen sehen noch hören noch sprechen will mich einsperren
bis ich mich zu Tode gräme und in die Verdammnis übergehe die mein
schrecklicher Schwur verdient Diesmal geliebt und niemals wieder
Itzt bettelt der Junge an der Tür aber ich kann Dir unmöglich den Brief
mitschicken es ist der letzte den ich Dir jemals schreibe und ich habe noch
viel zu sagen
den 28 Jun
Dein mutiges Billett habe ich nach dem Empfange zweimal gelesen und wenn ich
nur ein paar Augenblicke allein bin zieh ichs aus der Tasche trete in einen
Winkel und lese Es machte mir einen sehr zerstreuten unmutigen Abend die
Tante hat etwas ehrliches auf mich geflucht dass ich nicht redete und niemals
antwortete wenn sie mich fragte Itzt ist die Angst überstanden ich bin wieder
mutig und entschlossen Heinrich ich halte meinen Schwur Schwinger stellt
sich alles zu gefährlich vor er ist bei jeder Sache gar zu gewissenhaft und
wer weiß wie ihm die Tante Gräfin zugesetzt hat Du weißt ja wie leicht sie
beide eine Mücke zum Elefanten machen Was kann Dir denn in fremden Ländern der
Hass des Onkels schaden Können wir denn die Sache nicht so heimlich anfangen
dass er niemals erfährt wo wir sind Und zudem wenn auch mein Ungehorsam und
meine Liebe gegen Dich sträflich ist muss ja doch wohl diese Sträflichkeit
geringer sein als wenn ich einen Schwur breche auf welchem die Verdammnis
steht Nein ich lasse mich nicht irre machen ich bleibe fest an Dir und
Deinem Herze und niemand soll mich davon losreißen es sei König oder Kaiser
Ich bin jetzt so mutig o so mutig und herzhaft dass ich die Minute mit Dir aus
Dresden gehen wollte wenn Du bei mir wärst Es ist als wenn mein Herz
davonhüpfen wollte so frisch schlägt mirs es schwillt mir vor Begierde bis zu
den Lippen Topp Heinrich wir sehen uns bald
Du kleingläubiger Narr was ist Dir denn um Geld leid Sieh doch her hier
in meiner Kommode liegen 36 Dukaten alles erspartes Taschengeld Tante
Sapperment lässt mich nichts ausgeben weil ich sparsam oder wie sie es nennt
haushältrisch werden soll Sobald ich also mein Monatsgeld bekomme wird Gold
eingewechselt zierlich in türkisches Papier eingewickelt und wie ein toter Hund
in einem roten Schächtelchen in meiner Kommode begraben Ich seh es allemal dem
armen Golde an wie weh es ihm tut dass es so lebendig begraben wird Zum
Verschenken kriege ich einen lumpichten Gulden Silbergeld drum kann ich auch
unsern Boten so schlecht bezahlen ich schäme mich jedesmal dass ich ihm nur
zwei oder vier Groschen geben kann Wenn er diesen Brief holt bekommt er meinen
ganzen Rest von Silbergeld denn nun ist uns geholfen
Von meinen 36 Dukaten will ich Dir die Hälfte einmal des Abends in der
Dämmerung selbst bringen denn dem Jungen mag ich sie nicht anvertrauen da es
unser einziges bisschen ist Die andre Hälfte behalte ich bei mir wenn wir etwa
unterwegs voneinander getrennt würden Lass unsern Boten nunmehr alle Abende in
der Dämmerung bei unsrer Haustüre herumgehn sobald einmal Gelegenheit da ist
wisch ich hinunter und lasse mich von ihm zu Dir führen Dass Du auch beständig
bei der Hand bist Wir wollen uns nur auf ein paar Minuten sehen und den Tag
bestimmen wo die Reise fortgehn soll Topp Heinrich Du wirst mein
Der Bote holt ja meinen Brief ewig nicht er wird zu einem Buche werden
wenn er nicht bald abgeht Ob er vielleicht nicht mehr zu mir darf Vielleicht
dass man ihn für verdächtig hält
den 5 Jul
Ja ja hab ichs doch gedacht die ganze Historie ist entdeckt Den Jungen hat
Hans Pump zur Treppe hinuntergeprügelt wie er Dir schon geklagt haben wird und
heute früh zog Tante Sapperment Deine Briefe die ich in einem Paketchen recht
artig hinter der losgerissnen Tapete versteckt hatte hervor Hans Pump hat die
Tapete gestern wieder annageln sollen und sie gefunden um nicht den Groschen zu
verlieren den ich ihm zuweilen zum Branntewein gebe hat er meine Tante
gebeten so zu tun als ob sie selbst dahinterkäme Sie traf also heute früh mit
dem Hämmerchen bei mir ein als wenn sie selbst die Tapete befestigen wollte
und zog das Paketchen heraus das Herz tat mir weh dass ich die armen Briefe in
den gelben schmutzigen Tabaksfingern sehen musste Sie las und fluchte das war
die ganze Geschichte Ich will Dir etwas von unserm Gespräche hersetzen
Sie Sie sappermentisches Zeterkind Sie lassen sich gar von dem Halunken
Briefe schreiben
Ich Mir schreibt kein Halunke Sie dürfen nur seine Briefe lesen um dies
schändliche Wort zu bereuen
Sie Aber wie alle Wetter haben Sie denn die Briefe gekriegt Nicht wahr
durch den verfluchten Donnerjungen der immer vor Ihrer Türe gebettelt hat
Ich Sie wissens
Sie Seht mir einmal das Wetterkind Ist erst drei Monate über siebzehn Jahr
und doch schon blitzhagelschlau Ich hab es in meinem zwanzigsten nicht so
verhagelt fein machen können
Ich Manche Leute werden spät klug
Sie Nur nicht so spitzig mein Fräulein Naseweis Wir sind lange schon
gewesen wohin Sie wollen Schreiben Sie denn dem Hagelwetterjungen auch
Ich Meinem Heinrich Ja ich schreib ihm alle Tage alle Stunden und
Minuten
Sie Über Sie sappermentisches Element Ich habe immer drei Tage gebraucht
um einen Brief an meinen Kapitän zusammenzustoppeln und war doch schon
fünfundzwanzig Jahr alt und Sie Kreuzhagelwetterbalg schreiben Ihrem Igel alle
Stunden und Minuten Wo sind Ihre elementschen Briefe
Ich Bei meinem Heinrich Ich will sie holen lassen wenn Sie darin lesen
wollen
Sie Aber potz alle Welt sagen Sie mir nur wollen Sie denn den Ripel
heiraten
Ich Nicht anders
Sie Das machen Sie einer Gans weis und nicht mir Ich bin dabei gewesen
Potz alle Hagel ich weiß wieviel die Elle gilt Aber wenn Sie nun einmal nach
den verwünschten Affenköpfen den Mannspersonen hungert Blitz und der Hagel
man weiß ja wohl wie einem in Ihrem Alter zumute ist wenn Ihnen denn nun ja
das Herz aus der Schnürbrust nach den Äsern hüpft so werfen Sie sich doch in
des Teufels Namen nicht weg Suchen Sie sich doch einen hübschen Offizier aus
Es sind ja so viele artige galante Kerlchen da dass dich das Kreuzelement
holte das Herz lacht einem ja im Leibe wenn man die herzallerliebstscharmanten
Puppchen nur gehen sieht Fickerlot man darf ja nur die Hand ausstrecken so hat
man einen Vogel drauf sitzen
Ich In so einem Falle würden Sie mir also erlauben mich zu verlieben
Sie Ei möchten Sie sich verlieben soviel Sie wollten Suchen Sie sich
einen aus sag ich Ihnen Wenns etwas Hübsches ist soll der Teufelsbraten bei
uns essen trinken und ein und aus gehen wenn wie und wo er will Sie mögen ja
mit ihm anfangen was Sie nur wollen ich will die Augen zutun Sapperment ich
will gar nichts davon hören noch sehen
Ich Ihre Hand Tante wollen Sie das Ich habe mir einen ausgesucht
Sie Aber ist er auch hübsch Nicht etwa wieder so ein Katzenkopf
Ich O der vortrefflichste Mensch auf der Erde So voll Verstand voll
Rechtschaffenheit voll Ehre voll Annehmlichkeiten so voll Empfindung Feuer
er lodert ganz von Tätigkeit und kann lieben ach lieben lieben wie keiner
Es ist der vollkommenste Geist Sie Ach was geht mich der sappermentische
Geist an Ist er hübsch gewachsen hat er rote Backen ein hübsches
freundliches Gesicht Redet er viel Ist er lustig höflich nicht schüchtern
nicht furchtsam Danach frag ich was Henker kommen Sie mir denn da mit dem
Blitzhagelgeiste her Und wenn er zehn Geister im Leibe hätte man kann sie ja
doch nicht sehen
Ich O alles alles das ist er Voll des einnehmendsten Reizes
so lieblich lächelnd Aus jeder Miene jedem Akzente seiner Stimme jeder
Bewegung spricht Liebe Gefühl in allen seinen Handlungen ist Seele und Nerven
Sie Über das Zeterkind was das für eine Beschreibung ist Man möchte
zubeissen so appetitlich Hat sie nicht mit den verfluchten Hexenaugen gleich
das Hübscheste in der ganzen Stadt ausgegattert Ja man siehts auch den
schwarzen Wetteräsern an was dahintersteckt sie schießen herum wie ein Paar
große Karfunkel Aber der Hagel haben Sie denn schon mit ihm gesprochen
Ich Freilich Mehr vielleicht als mit Ihnen
Sie Und haben mir ihn niemals gewiesen
Ich Ich darf ja nicht
Sie Blitzelement wer wehrt Ihnen denn das wenns ein hübscher Kerl ist
Sagen Sie mir nur wie er heißt Ich will den Sappermenter gleich wissen sagen
Sie mir nur den Namen
Ich Heinrich und wenn Sie noch mehr von seinem Namen wissen wollen
Herrmann
Sie KreuzWetterBlitzDonnerHagelElement Das ist ja der
Eselskinnbacken der die Briefe hier geschrieben hat
Ich Der nämliche Ein recht hübscher Kerl wie Sie vorhin sagten Sie
wollen ja die Augen zutun weder sehen noch hören wenns nur ein hübscher Mensch
ist ich soll mir ja nur einen recht hübschen aussuchen ich hab es getan
Sie Den verhenkerten Feuerripel den Maulaffen
Ich Sie fanden ja aber meine Beschreibung von ihm so appetitlich und er
ist tausendmal schöner als ich ihn beschrieben habe Das Bild das in meiner
Seele von ihm liegt das sollten Sie sehen Wenn Sie dann mich tadeln können dass
ich keinen andern wünsche und begehre
Sie Schweigen Sie von dem sappermentischen Nussknacker Mich mit dem
Stachelschweine so zum Narren zu haben Warten Sie das werd ich Ihrer Tante
der Gräfin schreibenalles haarklein
Ich Wenn es Ihnen beliebt ich darf mich Ihnen nicht widersetzen Schreiben
Sie ihr alles was ich itzo sagte von mir soll sie erfahren was sie geraten
haben Vergessen Sie aber ja nicht sie zu versichern dass ich diesen Menschen
den ich für den einzigen in der ganzen Schöpfung halte immer und ewig lieben
werde solange noch ein Hauch in mir ist dass ich ihn sobald es die Umstände
verstatten auch heiraten will und dass mich daran nicht Tante nicht Onkel
nicht Himmel Erde und Hölle hindern sollen Je mehr man mir widersteht je
liebenswürdiger wird er mir je beharrlicher und entschlossner macht man mich
Ich habe meine Seele zum Unterpfande eines Schwurs gegeben dass er mein werden
soll kann eine Tante mich von der Verdammnis lossprechen wenn sie mich zum
Meineid zwingt
Sie Mir vergeht der Atem Über das Blitzhagelskind Ei so schwöre du und
alle Kreuzelementteufel Bedenken Sie doch Rikchen was soll denn aus Ihren
Kindern werden Schabichte Füchse aus denen kein Mensch etwas macht
Ich Wenn Sie nur alles werden was ihr Vater ist Seine Eltern waren arme
Leute und doch ist er mehr als alle die Grafen Barone und Herren die ich bei
meinem Onkel gesehen habe
Sie Die verfluchte Liebe blendet Sie Sie verlieren ja Ihren ehrlichen
Namen
Ich Ich bekomme ja einen andern ebenso ehrlichen dafür
Sie Und dürfen hernach nicht mehr unter Ihresgleichen in keine ordentliche
Gesellschaft kommen
Ich Das kann ich verschmerzen
Sie Ach du Blitzhagelsbalg Wenn du mein Kind wärst ich wollte dich schon
gescheit machen ich drehte dir den sappermentischen Hals um wie einer Taube
Ich Sie wollen der Tante meine Entschließung melden ich will Sie nicht
stören wenn Sie jetzt bei frischem Angedenken schreiben wollen
So schieden wir auseinander Man passt mir seit der Zeit entsetzlich auf ob
ich schreibe aber ich sehe mich wohl vor ich tue es nur des Nachts Ich war
wohl ein wenig schnippisch gegen meine Tante es ist ja nur eine Tante à la
mode de Bretagne und dann war ich gerade so herzhaft so außer mir vor Mut dass
mir alles herausfuhr ohne dass ich selbst daran dachte Du kannst Dir gar nicht
vorstellen wie ich seit Deinem letzten Billett vor Ungeduld brenne Dich zu
sehen und meinen Sparpfennig mit Dir zu teilen ich bin über und über eine
Flamme so begeistert mich die Hoffnung ich laufe herum und suche in allen
Ecken und wenn ich hinkomme weiß ich nicht was ich suchen will es ist mir
immer als ob ich etwas wollte als ob mir etwas fehlte und wenn ich mir den
Kopf zerbreche und sinne und sinne so ist es nichts Ach lieber Heinrich
Itzt fühl ich was leben heißt einen Menschen lieben wie Dich das heißt es und
nicht einen Buchstaben mehr
den 8 Julius
Wenn dieser Brief zu Dir kommt so haben wir von großem Glück zu sagen aus dem
Fenster anders kann ich ihn nicht bestellen Schicke den Jungen in Zukunft
unter mein Fenster und schreibe mir nicht weiter ich bekomme es doch nicht
Wenn ich nun so zum Fenster hinunterspringen und mich in der Tasche zu Dir
tragen lassen könnte wie dieser Brief Aber nur Geduld die Not wird schon
einmal aufhören und dann liebster allerliebster Heinrich ich kann vor
Freuden nicht sagen was dann geschehen wird
Ich küsse umarme schätze verehre liebe bete Dich an und verharre und
verbleibe und bin in vor und nach dem Tode solang es nur ein Ich und Du gibt
Deine Ulrike
Zweites Kapitel
Welcher Liebende sollte nicht einer versprochenen Zusammenkunft besonders bei
einer so kritischen Lage der Umstände mit allen Rudern und Segeln
entgegeneilen Herrmann macht die verlangten Anstalten dazu und begab sich
manchen Abend in höchsteigner Person unter Ulrikens Fenster um die Unterredung
vielleicht zu beschleunigen Es vergingen acht es vergingen vierzehn Tage
keiner darunter war der glückliche wo sie geschehen sollte es vergingen zwei
Monate und noch war sie nicht geschehen Unmutig über eine so traurige
Verzögerung wanderte er eines Abends im Vorhause auf und nieder und war fest
entschlossen wenn sich die Konstellation am Himmel seiner Liebe nicht bald nach
Wunsche änderte das Äußerste zu wagen zu Ulriken zu gehen und mit Hintansetzung
aller Gefahr die Zusammenkunft auf ihrem eignen Zimmer zu suchen Siehe da
während dieser unruhigen Beratschlagung mit sich selbst wird er Bewegung in der
Dämmerung gewahr hört etwas sehr heftig keuchen und eine leise erschöpfte
Stimme die ihm seinen Namen zu flüstern schien ohne zu untersuchen ob es
Ulrike sein könnte setzte er voraus dass sie es sei sprang hinzu und fasste
einen großen ungeheuren Jagdhund der sich sogleich mit Gewalt losriss und mit
lautschallendem Bellen seinen Abschied nahm
Armer Verliebter Ist wohl einer solange Venus die Welt regiert so
vielfältig und so unglücklich in seinen Erwartungen getäuscht worden Als wenn
Liebe und Schicksal es verabredet hätten seine Standhaftigkeit zu prüfen
Wollten sie vielleicht gar versuchen sie wankend zu machen so hatten sie sich
ihren Mann nicht gut gewählt denn jedes neue Hindernis jede neue Täuschung
spannte seine Beharrlichkeit einen Grad höher Er ging zwar höchstunwillig über
sein Ungemach auf die Stube und setzte sich in einen Winkel aber nur um das
angefangne heldenmütige Projekt desto lebhafter zu überdenken Es war beinahe
bis zur Ausführung reif und der nötige Enthusiasmus befeuerte schon seine ganze
Stirne als plötzlich die Tür aufging »Wer da« »Ich« Es war die Stimme
seines geheimen Botschafters der ohne das Gespräch weiter fortzusetzen die Tür
offenliess und davonlief Ein neues Wunder In einer kleinen Weile kam jemand
geschlichen er konnte in der Dunkelheit nichts erkennen aber seine Ohren
hörten bald einen Ton und seine Hände fühlten eine Hand die er nicht zu
verkennen vermochte »Heinrich« »Ulrike« ertönte Schlag auf Schlag und
Schlag auf Schlag drückte sich Hand in Hand Aber welch neuer Unfall Sein Glück
überraschte ihn er war zerstreut verlegen ängstlich er hatte tausend Sachen
zu sagen und wusste nicht wo er anfangen sollte in seinem Kopfe stürzte sich
Gedanke über Gedanke und Wort an Wort drängte sich zur Zunge der Mund war
immer zum Reden geöffnet und über der großen Bemühung das Wichtigste zuerst zu
sagen und ja nichts Erhebliches zu vergessen sagte er gar nichts denn es war
alles gleich wichtig gleich erheblich Noch mehr Unglück es war finster in der
Stube er hatte nun fast ein Jahr hindurch ein so liebes Gesicht nicht mit
ruhiger Aufmerksamkeit gesehen hatte sich so kindisch auf den entzückenden
Anblick gefreut und auch diese Hoffnung musste ihm fehlgehn Und Licht zu holen
das fiel ihm in der Verwirrung gar nicht ein auch hätte er ja indessen ein paar
Augenblicke von Ulrikens Gegenwart eingebüßt
Zum Glücke brachte die Baronesse mehr vorbereitete Fassung mit Sie übergab
ihm eilfertig die Hälfte ihrer sechsunddreissig Dukaten berichtete ihm mit
ebenso übereilter Hastigkeit dass sie nur einige Minuten verziehen könnte damit
nicht ihre Tante unterdessen vom Besuche zurückkäme und sie vermisste und bat
also inständigst sogleich über die Hauptpunkte ihrer Unterredung die
Entfliehung von Dresden und die Bestimmung des Orts wo sie einander treffen
wollten zu sprechen Eh er noch anfangen konnte seine Meinung vorzutragen
unterbrach sie sich schon selbst
»Ach« sagte sie »weißt du was für eine schreckliche Nachricht ich
bekommen habe Die Gräfin hat wirklich einen Platz im Stifte für mich
ausgemacht es soll zwar nicht so hässlich darin sein wie ich mirs
vorgestellt habe aber ich danke doch dafür Hurtig Heinrich wenn du mir
etwas zu sagen hast«
Heinrich Natürlich unendlich viel An unsrer itzigen Verabredung hängt ja
unser ganzes Glück Wir müssen die Zeit nützen Nur hurtig was du noch sagen
willst
Ulrike Noch etwas Schrecklicheres die Gräfin hat an meine Mutter
geschrieben und ihr unsre ganze Liebe erzählt Das wird ein Lärm werden Ich
kann mich zwar nicht recht auf meine Mutter mehr besinnen denn ich bin schon in
meinem sechsten Jahre von ihr zum Grafen gekommen und seitdem hab ich sie nicht
wieder gesehen Sie kann die Gräfin nicht leiden und deswegen ist sie auch
niemals zum Besuche bei uns gewesen wie du dich besinnen musst Daran erinnere
ich mich noch wohl dass sie mich zuweilen auf die Arme oder den Schoss nahm und
streichelte und küsste als wenn sie mich aufküssen wollte und kurz darauf durft
ich ihr nicht vors Gesichte kommen da war ich ihr wieder so unausstehlich dass
sie mich anbrüllte wie ein Löwe wenn ich ihr zu nahe kam und wenn ich etwas
tat das ihr nicht gelegen war musst ich wohl gar das Essen entbehren oder mich
in eine finstere Kammer sperren lassen damit mich der Pupu fressen sollte Es
ist ein rechter Heide von einer Frau wenn sie böse wird das haben mir alle
Leute gesagt Kannst du dir vorstellen Da mein Vater noch lebte und seine Güter
noch nicht durch Konkurs verlorengegangen waren ist sie selbst auf dem Felde
herumgeritten und hat die Arbeiter mit der Peitsche ausgeprügelt wenn sie nicht
fleißig genug gewesen sind sie hat in ihrem Leben mehr als ein Pferd zu Tode
gejagt und manchem Domestiken ein blaues Auge geschlagen Bedenk einmal was wir
alles von ihr zu befürchten haben Wenn sie nur nicht etwa gar auf den Einfall
kommt mich zu sich zu verlangen bis ich in die Stelle im Stift einrücken kann
Das wäre mein Tod
Ach bester Heinrich wenn ich auf immer von dir getrennt würde Es tut mir
weh genug es itzo zu tun aber wir dürfen keine Zeit verlieren
Heinrich Jede Minute wollen wir nützen O wenn unsre Liebe einmal aufhörte
eine verstohlne Liebe zu sein
Ulrike Bald bald soll sie das nicht mehr sein ich setze durch Wasser und
Feuer um es dahin zu bringen aber dann Heinrich dann wollen wir uns lieben
wie Engel nichts tun und denken und fühlen als Liebe Wenn nur die Zeit nicht
so drängte dass wir ja nichts vergessen
So drehte sich ihr Gespräch ewig um Klagen über die gegenwärtigen
Hindernisse ihrer Liebe und um erfreuliche meistens schimärische Hoffnungen auf
die Zukunft bei jedem sechsten Worte erinnerte Ulrike dass sie schlechterdings
ihn bald wieder verlassen müsste wollte gehen und blieb beide ermahnten sich
unaufhörlich ja nichts Notwendiges zu vergessen und vergaßen alles sie
führten sich sorgfältig zu Gemüte dass ihre Entfliehung äußerst dringend sei und
dass man Zeit Ort und Zusammenkunft und tausend andre Umstände verabreden müsse
und verabredeten auch nicht eins von allen kurz es war eine Beratschlagung
zwischen zwei Verliebten die mit vielen andern Beratschlagungen das
Eigentümliche hat dass man viel dabei spricht und nichts ausmacht
Über dem vielen Sprechen musste sich notwendig die Unterredung bis in das
Unendliche verlängern und aus den paar Minuten die man anfangs dazu bestimmte
war jetzt mehr als eine halbe Stunde geworden Plötzlich hörte man auf dem Saale
murmeln und gehen es ging jemand an allen Türen herum versuchte sie
aufzumachen und fluchte wenn er sie verschlossen fand Der nächste Gedanke war
dass Herr und Frau vom Hause die zum Besuch waren zurückgekommen sein möchten
aber der Lärm näherte sich immer mehr und man rasselte bereits an der nächsten
Tür Angst und Furcht überfielen die beiden Verliebten so heftig dass sie sich
beide in einen Winkel drückten um nicht gesehen zu werden wenn man ja
hineinbräche Nicht lange währte es so klopfte man ziemlich heftig an die Tür
sie atmeten kaum die Tür ging auf und Götter wer trat herein Tante
Sapperment begleitet von Hans Pump der eine große helleuchtende Stocklaterne
trug Ihr erster Blick traf die beiden zitternden Verliebten und mit dem ersten
Blicke fuhr einer der kräftigsten Flüche aus ihrem Munde Sie wütete wie ein
erbitterter hungriger Wolf der ein paar bebende Rehe in einen Winkel getrieben
hat um sie zu würgen sie ergriff Ulriken die das Bewusstsein eines Ungehorsams
und die Überraschung zaghaft machte schleuderte sie dem Bedienten in die Arme
der sie mitleidig auffing wie sie von der Gewalt des Zuges bis zum Fallen
dahintaumelte Heinrich fiel zwar der Oberstin in die Arme allein zu spät sie
spannte alle soldatische Kraft ihrer Nerven an wand sich los und stürzte ihren
Gegner mit einem Stosse dass er knirschend über Stuhl und Tisch dahinfiel
Augenblicklich wandte sie sich nach Ulriken und drückte sie in die Arme
zusammen dass sie laut schrie und sich der unwürdigen Behandlung widersetzte
allein die Tante hatte die Größe und die Knochen eines Grenadiers wurde durch
den Widerstand noch wütender und warf die ungleich schwächere Baronesse zur Tür
hinaus sie schlug auf die Dielen darnieder dass der Vorsaal von ihrem Falle
schütterte Sie lag ohne Bewegung da und nur ein leises schmerzliches Hauchen
war das Zeichen ihres Lebens Ohne Erbarmung zog sie die schnaubende Oberstin
auf riss dem Bedienten die Laterne aus der Hand und gebot ihm Ulriken in die
Kutsche zu tragen es geschah er lud sie mit dem derben Griffe eines
Packknechts auf seine Arme und wie ein Lamm das von den harten Fäusten seines
Schäfers zur Schere hingeschleppt wird die ihm mit Wunden die Wolle rauben
soll ließ sie sich ohne Leben und Widerstand mit schlaff niederhängenden
Armen wankendem Kopfe und blutender Wange hinabbringen Herrmann hatte sich
indessen aufgerafft und wurde durch ihr blasses blutiges Gesicht welches der
darauf fallende Laternenschein totenähnlich machte so bis ins Innerste
durchdrungen dass er vor Wehmut keine Kraft zur Rache in sich fühlte er bat die
Oberstin mit der beweglichsten Rührung Ulrikens zu schonen und klammerte sich
vor Eifer und Inbrunst so fest an sie an dass sie nicht von der Stelle konnte
sie befand nicht für gut ihn durch ein Versprechen zu beruhigen sondern machte
sich von ihm los und eilte mit großen soldatischen Schritten Ulriken nach
Herrmann hinter ihr drein Doch da das Getöse Bediente und Mägde im ersten
Stocke versammelt hatte so gebot die Oberstin den tollen Menschen aufzuhalten
man gehorchte und führte den armen Herrmann der vor Wut hätte zerspringen
mögen die Treppe liebreich hinan steckte ihn in seine Stube und schlug sie zu
Der Doktor und seine Frau erfuhren bei ihrer Zurückkunft von dem Bedienten
des Hofrats nur den letzten Teil der Geschichte und zwar nicht die Begebenheit
wie er sie gesehen hatte sondern wie er sie sich dachte er berichtete nämlich
dass ihr Schreiber einen Anfall von Raserei bekommen und eine Dame die er auch
nannte auf der Treppe angegriffen und sich mit schwerer Mühe von ihr habe
zurückhalten lassen Die Doktorin argwohnte gleich Mord Totschlag und wer weiß
welch andres Unglück der Mann hingegen argwohnte weder Gutes noch Böses
sondern ging mit gelassnem Schritte von Herrmannen selbst Erkundigung
einzuziehen Er fand ihn äußerst niedergeschlagen trostlos und verlegen und
weil das Gehör zu umständlich wurde wandte der Verhörte Krankheit Schmerzen am
ganzen Leibe vor und bat um die Erlaubnis sich zu Bette zu legen die ihm der
Doktor ohne Anstand erteilte er wiederholte zwar von Zeit zu Zeit seine
Hauptfrage was er mit der Oberstin vorgehabt hätte allein der Kranke
antwortete jedesmal mit Klagen über seine Schmerzen und lautem Stöhnen darauf
dass ihn der Doktor für heute in Ruhe ließ und seine Frau versicherte er sei
nicht toll
War es aus Verstellung oder weil er seinen Schmerz nicht anders zu verdauen
wusste wahrscheinlicher das letzte warum er einige Tage das Bette nicht
verließ Er aß und trank wenig oder gar nichts wenn man ihn etwas fragte
schien er einzuschlafen oder antwortete so undeutlich dass man nichts vernehmen
konnte Alle seine Kräfte waren von Fasten und Kummer endlich so abgespannt dass
er für alles Gleichgültigkeit bekam ob er starb oder lebte ob seine Liebe
glücklich oder unglücklich ausfiel ob er sich verriet oder nicht alles galt
ihm gleich kein Wunder also dass er in dieser trüben Verzweiflung alle seine
Geheimnisse entdeckte Er offenbarte dem Doktor der ihn fleißig besuchte
seinen ganzen Liebeshandel ohne ihn um Verhinderung oder Beistand zu bitten
und erzählte ihn so frostig wie die Begebenheit eines fremden Menschen Der
Doktor lachte tröstete ihn spaßhaft und verwies zur Geduld
Die Frau hatte sich schon längst bitterlich beschwert dass der Mensch nun
schon drei Tage krank sei nichts tue und weder gesund werden noch sterben
wolle hatte auch dem Manne abermals beide Ohren vollgebrummt dass er sich durch
seine Gutherzigkeit verleiten ließ einen Menschen ins Haus zu nehmen von dem
man nicht wüsste ob er toll oder gescheit sei Sie wiederholte ihm jetzt als er
vom Kranken zurückkam diese letzte Bedenklichkeit sehr nachdrücklich »Ach«
sprach der Mann lachend »mit dem Kopfe ist er wohl gescheit aber das Herz ist
toll Der Bube ist verliebt«
Die Frau Verliebt Nun muss er den Augenblick aus dem Hause den
Augenblick Wer wird die Sünde auf sich laden und einen verliebten Menschen über
Nacht bei sich behalten Fort mit ihm
Der Mann Närrchen was ist denn nun weiter für Sünde dabei Er ist
verliebt
Die Frau Papachen du weißt viel was zu einer Sünde gehört Deine Akten
verstehst du was Sünde ist das muss ich wissen Einen Sünder dulden heißt
sich fremder Sünde teilhaftig machen
»Je Mäuschen« unterbrach sie der listige Mann »er ist in dich verliebt«
»In mich« rief die Frau und wusste noch nicht ob sie es für Ernst nehmen
sollte
Der Mann Freilich in dich Ich habe gar nicht geglaubt dass ich so eine
schöne Frau habe er macht dich zum Engel zur Göttin
»In mich Der Mensch ist ein Narr« sagte die Dame lächelnd »Er wird doch
meinetwegen nicht verrückt worden sein«
Der Mann Geh zu ihm damit er sich nur beruhigt Du weißt ja wohl in
seinem Alter macht man nichts als dummes Zeug in der Liebe
Die Frau Ist es denn etwas so sehr Dummes sich in mich zu verlieben Geh
an deine Akten Papachen Ich will sehen wie sich der Kranke befindet
Die Wendung die Papachen der Sache gab war zwar listig aber etwas
boshaft denn Herrmann konnte unter allen Mitgeschöpfen weiblicher Art seine
Frau am wenigsten leiden das war ihm deswegen wohl bekannt weil er seine
Abneigung gegen sie zuerst veranlasst hatte Die Doktorin brachte geschwind ihre
kleinen Reize in Ordnung und begab sich in die Stube des Kranken sobald sie
hereintrat drehte er sich um das Gesicht nach der Wand zu und schlief so
fest als wenn ihn Circe eingeschläfert hätte Sie redete ihn an und da sie
merkte dass aus ihrer Anrede kein Gespräch werden wollte wanderte sie wieder
ab Seit dieser Zeit versäumte sie keine Gelegenheit ihm zu gefallen und durch
Anzug Blicke und Dienstfertigkeiten ihn noch verliebter zu machen als er nach
ihrer Rechnung bereits war ohne sich eine Minute lang der Sünde zu fürchten
und der Mann war viel zu froh dass ihm seine List so gut gelungen war um ihr
den Unzusammenhang ihres Sündensystems vorzurücken Ob es mehr als Eitelkeit bei
ihr war das weiß allein ihr Herz
Drittes Kapitel
Allmählich wurde dem Kranken seine Krankheit zur Last und mit den Kräften
kehrte auch die Liebe in ihm wieder wachte Sehnsucht und Entwürfe zu ihrer
Befriedigung wieder auf Am ersten Tage den er außer dem Bette zubrachte hörte
er des Morgens schon seinen Boten an der Türe betteln in langer Zeit hatte sein
Ohr keinen so willkommnen Ton gehört Mit froher Eilfertigkeit öffnete er die
Tür und lud im Übermaß seiner Freude den Jungen höflichst in die Stube ein er
überreichte bei dem Hereintreten ein kleines schmutziges Papierchen das eine
unleserliche halb verwischte Schrift mit Bleistift geschrieben enthielt Es
war nichts herauszubringen als folgendes
Heinrich ich verlas heute noch Dresden Meine grausame Mutter hat mir
schreiben lassen dass sie in paar Tagen kommen und mich abholen will In len wir
uns find Ich halte mich nicht auf wenn nicht gleich nachkömmst
schreibe bald wo ich bin Lebe wohl
Er drehte und wandte das Papier voller Ängstlichkeit und vermochte kein Wort
weiter herauszubringen der Ort den sie ihm zur Zusammenkunft bestimmte war
verwischt und das meiste übrige erriet er mehr als er es las »Wo hast du
das Billett bekommen« fuhr er den Jungen an
Der Junge Auf der Gasse bei der Oberstin Haustür hat mirs das Baronesschen
gegeben Sie hatte eine schwarze Kappe auf ich hätte sie nicht gekannt wenn
sie nicht gesprochen hätte sie sah aus als wenn sie verreisen wollte und
ging sehr hurtig nach dem Tore zu
Herrmann Wenn gab sie dirs
Der Junge Ehegestern abends
Herrmann Und du Unglücklicher bringst mirs heute erst
Der Junge Ich habe ja gestern fast alle Stunden hier gebettelt aber es
hörte niemand
Diese Entschuldigung sagte der arme Liebesbote zwar sehr laut aber er hatte
kaum das erste Wort davon ausgesprochen so lag ihm schon der Stock auf dem
Rücken Herrmann ohne sie annehmen zu wollen oder zu bedenken dass sie sehr
gültig war weil er den ganzen gestrigen Tag im Bette in der Kammer zugebracht
und also sein Betteln wirklich nicht hatte hören können rächte er sich für die
Tücken des Schicksals an dem unschuldigen Abgesandten und verfolgte ihn mit
ausgeholtem Stocke die Treppe hinunter Zorn und Wut über den unglücklichen
Zufall stiegen bis zur Verwilderung er buchstabierte noch einmal das schmutzige
Papier durch aber schlechterdings ließ sich der Ort nicht entziffern er war
auf immer und ewig verwischt Er warf das verhasste Blatt an die Erde hub es
auf zerriss es und streute die unendlich kleinen Fragmente in alle vier Winde
aus er scharmuzierte die Stube auf und nieder und was im Wege stund musste die
Wirkung seines Grimms erfahren Tasse und Teller die vom Frühstücke noch
dastanden tanzten klirrend vom Tische herab und rollten zerbrochen über den
Fußboden hin der Spiegel bekam einen Schlag der ihn zeitlebens in zwo Hälften
teilte der schnaubende Unglückliche hätte sich selbst in zwo Hälften
zerfleischen mögen
Die Doktorin die der Lärm herbeigerufen hatte kam mit kläglicher Gebärde
zu ihrem Manne und versicherte sehr mitleidig dass die Liebe dem armen Menschen
den Kopf verrückt haben müsste »Wenn man ihm doch nur zu helfen wüsste« setzte
sie hinzu »Es ist doch wahrhaftig gar ein hässliches Ding die Liebe wenn man
sich einmal mit ihr einlässt Der arme Mensch War so artig so hübsch Ich
fürchte mich vor ihm Papachen ich kann unmöglich auf meiner Stube allein
bleiben«
Der Mann lachte und suchte ihr die Furcht zu benehmen »Ach Papachen« fuhr
sie fort »du weißt nicht wie weit es mit so einem Menschen geht Wenn ich nur
nicht an seinem Unglücke schuld wäre Es kränkt mich in der Seele der arme
Mensch Wenn du nicht bei mir bleiben kannst schliess ich mich ein«
Wirklich schloss sie auch ihre Tür ab und schob den Riegel vor So hielt sie
ihre leichtgläubige Eitelkeit den ganzen Vormittag gefangen und Magd und
Bediente mussten jedesmal durch viele Beweise dartun dass sie es waren ehe sie
hineingelassen wurden
Kurz nach Tische langte Hans Pump der Bediente der Oberstin an um sich zu
erkundigen ob Ulrike diese Tage her nicht ins Haus gekommen wäre Die Dame
hatte zwar unmittelbar den Morgen nach ihrer Entlaufung an den Doktor geschickt
und er stellte auch die Versichrung von sich es ihr sogleich zu melden wenn
sich die Baronesse blicken ließ da Herrmann die Tage her nicht ausgegangen war
so nahm er ihn gar nicht in Verdacht dass er um die Entlaufung etwas wüsste und
über seinen vielen Geschäften vergaß er dem Kranken etwas davon zu sagen und
wenn er ja daran dachte so verhehlte er ihm die Begebenheit um ihn nicht noch
mehr zu kränken Hans Pump hatte seitdem in der Gasse vor dem Hause des Tages
und Abends patrouillieren müssen in andre Gegenden der Stadt waren andre
Kundschafter ausgesandt worden In der Länge wurde Hans Pump seines Postens
überdrüssig und kam jetzt seiner Pflicht die letzte Genüge zu tun das heißt
noch einmal im Hause anzufragen und dann von seiner Wache abzugehn diese
Anfrage wurde weil der Doktor nicht zu Hause war der Doktorin in die Hände
geliefert Sie war in der ganzen Geschichte noch so neu wie ein neugebornes Kind
und ersuchte Hans Pumpen ihr den ganzen Vorfall vom ersten Anfange an zu
berichten welches er sogleich mit möglichster Weitläuftigkeit tat Sie
rechtfertigte Herrmann auch dass er wegen seiner Krankheit keinen Anteil an der
Entfliehung haben könnte dabei ließ sie Eu Gnaden der Frau Oberstin mit
etwas beleidigtem Tone melden dass man keine lüderlichen Mädchen wenn es auch
Baronessen wären bei ihr suchen müsste
Nun ging ihr ein Licht auf Sie vermutete zu ihrer empfindlichen Kränkung
dass sie ihr Mann zum besten gehabt oder aus einer andern Ursache hintergangen
habe als er ihr überredete dass Herrmann in sie verliebt sei gleichwohl sich
bei ihm darüber zu beschweren und zu verraten dass sie ihre Eitelkeit verführt
habe der Lüge ihres Mannes zu glauben war noch mehr erniedrigend sie beschloss
also ihren Ärger zu verbeissen sich zu stellen als ob sie gar nichts von der
Liebe des jungen Menschen zu ihr geglaubt sondern seine Angelegenheit mit der
Baronesse längst schon gewusst und ihrem Manne verhehlt hätte Sie erzählte ihm
also da er nach Hause kam die unterdessen gemachte Entdeckung als eine bisher
mit Fleiß verschwiegne Neuigkeit und der Mann den Kopf voller Gerichtstermine
nahm sie herzlich gern dafür an um nur in Ruhe vor ihr zu bleiben
»Aber man muss dem armen Menschen helfen« beschloss sie ihre Erzählung »Man
muss ihn aus seinen sündlichen Gedanken und Neigungen herausziehn Ich will den
Herrn Magister Wilibald zu ihm schicken der soll ihn bekehren«
»Ja ja Mäuschen das tu und jetzt gleich« rief der Mann um ihrer endlich
einmal los zu werden
Die Frau schickte sogleich in der nämlichen Minute zum Herrn Magister
Wilibald von dem nebst seiner schwarzen Perücke schon einmal schuldige
Erwähnung geschehen ist Er war ihr Gewissensrat hatte ungehinderten Zutritt zu
ihr und genoss eine Verehrung von ihr die fast bis zur Anbetung stieg Er war
was aber niemand außer ihm in der ganzen Stadt wusste ein teologischer
Abenteurer ohne Amt der mit Heiden und Judenbekehrungen prahlte die er nie
gemacht hatte er hatte die ganze pietistische Pantomime in seiner Gewalt einen
schleichenden Ton und suchte durch die tiefste weggeworfenste Ehrerbietigkeit
und Demut schwachen Seelen besonders den Weiblein das unumschränkteste
Vertrauen abzuschmeicheln Seinen Stolz und Ehrgeiz maskierte er so geschickt
dass ihm viele die übertriebenste Achtung und Ehrfurcht bezeugten und er nahm
sie ohne Weigerung als Opfer an die man durch ihn dem lieben Gott brächte für
dessen Diener sich der Unverschämte ausgab Die Natur hatte ihn mit einem
Gesichte gebrandmalt das mit so belehrender Deutlichkeit als ein eingebrannter
Galgen vor ihm hätte warnen sollen der mittlere Teil war durch starkes
Brannteweintrinken mit kupfrichter Röte überzogen worden aus welcher große
weiße Blattern wie Kalkhaufen auf einem rotsandichten Ackerfelde hervorragten
die beiden Enden des Gesichts bestunden unten in einem gelbgrünlichen spitzigen
Judaskinne und oben in einer breiten weißen schuppichten Stirn die an beiden
Schläfen sich in ein Paar Hörner emporhob und in der Mitte bis zur Nase ein
tiefes Tal ließ Durch einen Zufall den nur der allwissende Himmel Herr
Wilibald und der Chirurgus kannte hatte die Nase einen Teil ihres knochichten
Gebäudes eingebüßt dass sie also mit ihrer dicken aufgelaufnen Spitze einer
aufbrechenden Rosenknospe nicht unähnlich sah auch war ihr durch den nämlichen
Zufall ein schwirrender Ton mitgeteilt worden der bei jedem Atemzuge wie der
danebengehende Wind einer schlechtgeblasnen Flöte aus beiden Nasenlöchern
deutlich und vernehmlich herausfuhr und wenn er sprach wurden seine Worte
beständig von dem Orgelwerke seiner Nase in gebrochenen Akkorden begleitet Es
war von allen Seiten betrachtet der widrigste und zugleich der unwürdigste
Mensch der lüderlichste ausschweifendste wenn er unentdeckt zu bleiben
hoffte ein vollkommnes Muster der Tugend wenn er in Gegenwart andrer handelte
und sprach von vielen unendlich geachtet von vielen fast göttlich verehrt
Dies verdammte Gesicht in eine kohlenschwarze Perücke gesteckt trat jetzt
in Herrmanns Stube herein grüßte mit einem seichten Nicken und sagte mit der
gewöhnlichen Nasenbegleitung dass die Frau Doktorin ihn den Magister Wilibald
habe rufen lassen um sich der Seele eines von sündlicher Liebe kranken und
geistlich toten Menschen anzunehmen Herrmann vermutete nichts weniger als dass
er dieser geistlich Tote sei und bat ihn noch voll von einem Reste seines
Unwillens zur Frau Doktorin zu gehen die ihn besser brauchen könnte als er Der
Magister setzte sich nieder legte den umgekehrten Hut auf den Schoss die
gefaltnen Hände darein räusperte sich und fing mit lauter schwirrender Stimme
an
»Seht mich nicht an dass ich so schwarz bin «
»Warum tragen Sie so eine verfluchte schwarze Perücke« unterbrach ihn
Herrmann
Der Heidenbekehrer ließ sich nicht stören sondern hub mit verstärkter
Stimme noch einmal an
»Seht mich nicht an dass ich so schwarz bin denn die Sonne hat mich
verbrannt Seht mich nicht an denn ich will vor Scham vergehen ich möchte mir
vor Reue das Gesichte zuhalten ich kann vor Scham die Augen nicht aufschlagen
noch viel weniger mir von andern besonders von frommen und wiedergebornen
Leuten und Menschen ins Gesicht sehen lassen Dass ich so schwarz bin so schwarz
wie eine Kohle von großer Sündenschwärze schwarz wie ein Mohr den nieman
bleichen kann schwarz wie ein Rabe der sich von Aas und Luder nährt gleich
den Menschen die in lüderlichen Neigungen und Affekten ersoffen und ertrunken
sind Aber warum bin ich so kohlschwarz denn die Sonne oder wie Sie lieber
sagen möchten denn die Liebe hat mich verbrannt verbrannt das heißt wie eine
Glut im Feuerofen oder welches noch heißer ist nach der Bemerkung erfahrner
Naturkündiger wie die Flamme der Sonne wenn sie im heißen Mittage steht hat
mich das höllische Feuer der Liebe versengt gebraten in Asche und Staub
verwandelt«
»Leider leider« unterbrach ihn Herrmann seufzend »O hätt ich nie eine
Minute lang Liebe in mir gefühlt nie etwas anders als Ungeheuer um mich gesehen
die mir nichts als Hass und Widerwillen einflössten Wenn es möglich wäre ein
Gelübde zu halten dem mein Herz widerspricht auf der Stelle wollt ich
schwören nie mit einem Gedanken mit einer Nerve wieder Liebe zu empfinden«
Der Magister Also empfinden Sie wahre Reue darüber
Herrmann Reue Schmerz Betrübnis Ärger Kummer alles was nur eine
menschliche Seele martern kann Wer hat wohl mehr Ursache dazu Wenn ich
meinem Verlangen so nahe bin dass ich nur zuzugreifen brauche dann jagt mirs
plötzlich der Zufall wie der Wind eine Feder vor der Hand weg Ist in der ganzen
weiten Welt ein unglücklicherer Mensch als ich Und was machte mich unglücklich
Fünf oder sechs elende verwischte Buchstaben O der traurigen Welt wo das Glück
des Lebens von einem Bleistiftzuge gegeben oder genommen wird
Der Magister Sie verabscheuen hassen und verachten also die Welt samt
allen ihren Lüsten und Begierden
Herrmann Ja und nur um eines Geschöpfes willen verfluch ich sie nicht Nur
um eines Geschöpfs willen Die übrigen sind nur da um die Glückseligkeit andrer
zu stören zu hindern zu verbittern
Der Magister Ja allerdings die Welt liegt im argen es ist alles eitel
Entsagen Sie der Welt
Herrmann Mit Freuden In dem tiefsten unzugänglichsten Gebirge wollt ich
mir eine Hütte bauen und als Einsiedler mein ganzes übriges Leben in der
traurigsten Einsamkeit zubringen aber Ulrike die Arme Verlassne Verfolgte
Aus Liebe zu mir verließ sie Wohlsein und Rang Wo sie jetzt herumirren mag In
welcher elenden Leimhütte wohnen Auf welchem beschmutzten Lager ruhen Immer
ängstlich immer besorgt wie eine Taube die den Habicht flieht O der
unselige Bleistift
Der Magister Sie bereuen also von ganzem Herzen Ihre Liebe
Herrmann Wie sollt ich etwas nicht bereuen das mich auf immer unglücklich
macht Aber was hilft Reue Ich muss sie finden die Unglückliche oder mich
zu Tode quälen Der Magister So wünsch ich Ihnen gute Besserung
Mit diesem christlichen Wunsche nahm er Abschied und berichtete seiner
Gönnerin dass der junge Mensch auf dem rechten Wege sei sich zu bessern und
weil sie voraussetzte dass er ihn dahingebracht habe lobte und pries sie seine
ungemeine Kunst die Leute zu bekehren und ermahnte ihn das angefangne gute
Werk durch wiederholte Besuche fortzusetzen welches er seit dieser Zeit täglich
tat Die Unterredung fiel fast allemal auf den nämlichen Schlag aus Herrmann
wurde täglich verdrießlicher unzufriedner und erbitterter auf die Liebe und auf
sich selbst er schalt sich dass er die Torheit gehabt hatte sich in eine
Baronesse zu verlieben und wünschte sie ohne Verletzung seines Gewissens nicht
mehr lieben zu können Den Schmerz wollt ich tragen sagte er sich oft aber
was hilft es der unglücklichen Vertriebnen dass ich nicht länger ein Tor bin
Sie hat sich einmal zum Opfer meiner Torheit gemacht
Bald tadelte er Ulriken bis zum Erzürnen dass sie seine Liebe erregt
ermuntert und unterhalten habe und zuweilen war er recht erbittert dass sie so
liebenswürdig sei Wenige Augenblicke darauf dankte er ihr alle Freuden seines
Lebens schien sich selbst durch sie der Glückseligste auf der Erde geworden zu
sein und sah in sein Leben wie in ein finstres wüstes Leere hinab wenn Ulrike
es nicht durch ihre Liebe angefrischt munter und fröhlich gemacht hätte Itzt
beschloss er seine Neigung zu bezwingen und Ulriken dem Elende zu überlassen
worein sie sich unbesonnen selbst gestürzt hätte ihre Entfliehung ihr Schwur
erschienen ihm als übereilte tolle Handlungen und die ganze Ulrike als eine
Zusammensetzung von Unbesonnenheiten und Schwachheiten ohne Überlegung ohne
Vernunft Nach einem paar Atemzügen erblickte er sie schon wieder als eine
verdienstvolle Märtyrerin seines Glücks als die edelste grossmütigste Seele
der er für alles Ungemach Schmerz Beschwerlichkeit Verfolgung nicht feurig
genug zu danken glaubte und wenn er sich ihr lebendig opferte er musste sie aus
Dankbarkeit lieben und kaum hatte er diesen Gedanken einige Minuten verfolgt
so zeigte sich ihm sein Entschluss sie nicht zu lieben als eine platte
Unmöglichkeit als eine Idee die man nur in der Fieberhitze haben könnte die
er gar nicht zu begreifen vermochte und nun riss seine Phantasie mit ihm aus er
sah in Gedanken Ulriken unter tausendfachen Gefahren in Stürmen Ungewittern
zu Wasser und zu Lande unter Löwen Tigern Bären und Wölfen in Krankheit
Hunger Gefängnis Verfolgung und jedesmal sich als ihren Erretter der wie ein
mutiger Perseus herbeieilte sie befreite und zur Belohnung seines Mutes ihre
Hand empfing Nun war es ihm leid dass er nicht so hurtig wie die Liebeshelden
seiner Fabelwelt auf geflügelten Drachen oder Rossen reiten konnte er wäre den
Augenblick durch alle Lüfte gejagt wenn er einen Pegasus gehabt hätte
In dieser schwankenden veränderlichen Gemütsverfassung wo sich die Dinge
und Umstände fast mit jedem Pulsschlage von einer andern Seite in anderm
Lichte mit andern Farben zeigen wo Hell und Dunkel in der Seele mit so
schnellem Vorüberschiessen abwechselt wie Licht und Schatten an einem Apriltage
wo kein Entschluss länger als fünf Minuten dauert und die Seele wechselsweise von
Vernunft Einbildung Leidenschaft gleichsam gewiegt wird ohne dass sie lange zu
einem festen Stande gelangt in dieser nicht sonderlich angenehmen
Gemütsverfassung empfing Herrmann einen Brief von Schwingern der ihn unerwartet
wie ein Blitz traf
den 25 Oktober
Lieber Freund
Noch will ich Dir diesen Namen nicht entziehn so wenig Du Dich seiner
würdig zu sein bestrebst Du zwingst mich eine Sprache mir Dir zu reden die
ich in Deinen Kinderjahren nie gebrauchen durfte aber auch nie hast Du als Kind
mich bis zu solchem tiefen Schmerze betrübt wie jetzt in Deinem Jünglingsalter
Bis zu Deinem funfzehnten Jahre warst Du ein Weiser und jetzt in Deinem
siebzehnten wirst Du ein Tor Doch warum sag ich ein Tor Ein Lasterhafter
und fast ein Bösewicht Heinrich ich bitte Dich um meiner Ruhe willen erzeige
mir die einzige Wohltat und widerlege mich strafe mich Lügen dass ich Dich
einen Bösewicht nannte ich beschwöre Dich darum
Doch warum halte ich Dir nicht lieber gleich das Gemälde Deiner Vergehungen
vor die Augen dass Du mit Scham und Reue vor ihm zurückbebst Du hast durch
eine einzige Torheit ein ganzes Haus das Dich erzog nährte pflegte eine
Dame die Dich noch vor einem Monate durch ihre letzte Wohltat unterstützte in
Tränen Uneinigkeit Gram und Herzeleid versenkt Wo war Deine Vernunft als Du
Dir zuerst eine so ausschweifende Neigung gegen die Baronesse erlaubtest Denn
so lange ich auch aus Freundschaft für Dich daran zweifelte so kann ich leider
nicht länger in diesem gutgemeinten Wahne beharren Dein eigener
handschriftlicher Beweis zeugt wider ihn und Dich
Heinrich einen Augenblick Überlegung hast Du ganz vergessen dass Dein
Vater Einnehmer des Grafen Ohlau war des Grafen Ohlau dessen Schwestertochter
Du Dich zu lieben erdreistest dessen Schwestertochter Du Deine Geliebte Deine
künftige Gattin nennst und ihr Mut und Entschlossenheit zuschwörst um mit ihr
durch alle Gefahren Dich hindurchzureissen dass Dein Vater Einnehmer abgedankter
Einnehmer des Grafen Ohlau ist der ihm durch ein kümmerliches Gnadengeld das
Leben fristet dessen Schwestertochter Du wider alle Deine und ihre Feinde
beschützen willst Widersetzte sich nicht Deine Feder als Du dies zu schreiben
wagtest Und wer sind diese Feinde Die Gräfin Ohlau Deine Wohltäterin Deine
wahre Mutter die Dich geliebt erzogen zum Menschen gemacht hat ohne die Du
ein armseliger nackter Bube wärst ohne Bildung Wissenschaft und Sitten roh
schwach und kraftlos in Mangel und Niedrigkeit herumkröchst die Dir noch jetzt
in Dresden Dein elendes Leben durch eine monatliche Mildtätigkeit erhielt denn
wisse nur durch sie lebst Du wisse dass Du ein Hauch bist den sie belebte
den sie verlöschen lassen kann wenn sie will und sie will es denn von ihr
darfst Du keine einzige Wohltat mehr erwarten Und diesen Grafen diese Gräfin
nennst Du Deine Feinde O Du toller Jüngling Wie schäme ich mich Deiner
Freundschaft
Und wozu hast Du Dich nunmehr gemacht Zu einem Bettler Reisse Dir einmal
den blendenden Wahn der Leidenschaft von den Augen und siehe Dich in Deiner
ganzen Dürftigkeit und wenn Du dann nicht über Dich selbst die Zähne knirschest
und vor Schmerz über Deine Raserei vergehen möchtest dann will ich meine Hand
verfluchen wenn sie noch einen Buchstaben an Dich schreibt dann bist Du ein
Unwürdiger der nicht einmal Hass sondern Verachtung verdient
Aber solltest Du das wirklich sein Noch immer widerstrebt mein Herz wenn
ich dies von Dir argwohne Dein feuriges Blut Deine reizbare Seele Dein
brausendes Alter vielleicht auch Dein Stolz Dein Ehrgeiz das das sind die
Urheber Deiner Torheit und Deines Unglücks Du bist von ihnen überrascht
überredet überlistet worden und doch muss ich zu meiner Betrübnis mir auch
diese Täuschung versagen Ich bin durch Deine eignen Briefe an Ulriken die uns
von der Oberstin zugesandt worden sind meiner Schwäche meiner Nachlässigkeit
überführt worden Du hast schon eine Neigung heimlich in Dir genährt als ich
Dich vor aller Welt davon freisprach und welche beharrliche Überlegung gehörte
dazu meiner Wachsamkeit in einem solchen Alter eine vorzeitige Leidenschaft zu
verbergen Auch hat mir Deine Torheit manches Unglück schon verursacht
Vorwürfe scheele Gesichter brennende Verweise habe ich von Graf und Gräfin
über meine schlechte Aufsicht ausstehn müssen und Gott sei mein Zeuge sie war
doch nach allem meinem Wissen und Gewissen die beste die sorgfältigste deren
ich mit allen meinen Kräften fähig bin Freilich hinterging mich meine
leichtgläubige Freundschaft für Dich und für diese gutherzige Schwäche muss ich
dann büßen schwer büßen Die Vorwürfe des Grafen und der Gräfin haben mich vom
Schloss vertrieben ich konnte ihre Bitterheit unmöglich länger ertragen ich
verließ die Wohnung der Zwietracht und der Verfolgung die jetzt durch den
Ungestüm so vieler unzubefriedigender Gläubiger und noch mehr durch Deine
Tollheit zum Sitze des Verdrusses des Unwillens der Traurigkeit und des
Weinens geworden ist denn täglich bist Du Ursache dass Deine Wohltäterin sich
auf ihrem Zimmer in Tränen badet wenn sie die grausamen Vorwürfe ihres Gemahls
bis in die Seele verwundet haben Die Verlegenheit über seine ökonomischen
Umstände macht ihn wild und hart und er schüttet seinen geheimen Schmerz
darüber mit barbarischer Unbarmherzigkeit über die arme Gräfin aus weil sie in
Dir den Unglücklichen erzog der ihr Haus schänden sollte Ich wohne zwar jetzt
an dem äußersten Ende der Stadt in einem einsamen friedfertigen Häuschen in
anscheinender Ruhe aber Du unseliger Freund hast mir auch diese Ruhe
verbittert Ich quäle mich unablässig mit eignen Vorwürfen dass ich zu Deiner
Unbesonnenheit und so vielem Herzeleide eine der nächsten Veranlassungen sein
musste ich ängstige mich sooft ich an Dich denke und ich denke jede Minute an
Dich
Ergreift Dich nicht ein eiskalter Schauer wenn Du so die ganze Reihe Deiner
Vergehungen und die Menge der Unglückseligkeiten überdenkst die Du auf Dich und
uns alle gehäuft hast Und wer sind wir alle Deine Wohltäter Deine Freunde
Denke Dir Deine Liebe zur Baronesse ein einziges Mal als die Urheberin so
vielfachen Unglücks und ich möchte Dich in dem Augenblicke einer solchen
Vorstellung sehen ich weiß gewiss oder die Natur müsste sich selbst betrogen
haben als sie Deinen so früh erwachten Verstand bildete ich weiß gewiss
Tränen heiße bittere Tränen werden Deine Wangen netzen Du wirst Deine
Leidenschaft verabscheuen und wünschen alle traurigen Folgen derselben
vernichten zu können Man fängt mit Torheit an und endigt mit Laster glaube
diese Erfahrung Deinem älteren Freunde Ein Mensch voll so feurigen Gefühls für
Ehre und Rechtschaffenheit kann unmöglich jene gewisse Erfahrung gelernt haben
und nicht mit allen Kräften den Schritt zurückziehn den er in seiner Torheit
weiter tun will lieber lähmte er seinen Fuß um keinen weiter tun zu können
Ob mich meine gute Erwartung von Dir täuschen wird dazu soll mir ein
einziger Beweis genug sein Die Baronesse hat schon über einen Monat Dresden
heimlich verlassen die Oberstin kann ihren Aufenthalt nicht auskundschaften Um
sich Ungelegenheit zu ersparen weil sie die Entlaufne wiederzufinden hoffte
hat sie der Gräfin den Vorfall erst vor kurzem gemeldet noch ist man imstande
gewesen dem Grafen diesen neuen Zuwachs von Ärger und Zorn zu ersparen Wir
wissen dass die Baronesse eines Abends Dich heimlich besucht hat und auch dem
Grafen konnte man es nicht verbergen auf seinen Befehl sollte Ulrike von ihrer
Mutter aus Dresden weggeholt und in das Stift zu gebracht werden aber ein
unglücklicher Fall mit dem Pferde hinderte ihre Reise und man gab der Oberstin
den Auftrag es an ihrer Stelle zu tun allein zu einer Zeit wo die Baronesse
schon entlaufen war wir alle glaubten sie längst im Stifte als die
schreckliche Nachricht von ihrer Unbesonnenheit anlangte Alle diese Umstände
erzähle ich Dir um zwo Fragen an Dich zu tun deren Beantwortung mich bestimmen
wird ob ich mich ferner Deiner annehmen oder Dich der Besserung des Unglücks
überlassen soll »Hast Du teil an der Entfliehung der Baronesse Weißt Du wo
sie ist« Auf Gewissen und Ehre beantworte mir diese beiden Fragen belügst Du
mich dann gehe Werde ein Schurke ein Lasterhafter ein Bösewicht werde
gehängt gerädert oder geköpft ich kenne Dich nicht mehr
Indessen in der Hoffnung dass Du mich nie zu einer so harten
Selbstverleugnung zwingen wirst empfange von mir den letzten Beistand aber
gewiss den letzten ich schwör Dirs bei Gott wenn Du in Deiner Torheit
beharrst Ich habe Dich an einen Berliner Kaufmann der sich wegen seiner
Schuldforderungen an den Grafen bei uns aufgehalten hat und dessen Adresse Du
diesem Briefe beigefügt findest empfohlen dass er Dich als Handelsbursche in
die Lehre nehmen soll Ich übersende Dir deswegen 10 Louisdor zu den Reisekosten
und zur Erleichterung Deiner Subsistenz in Berlin den Akkord mit dem Kaufmanne
habe ich bereits geschlossen und Du brauchst für nichts zu sorgen als Dich
unverzüglich das heißt höchstens in Monatsfrist dahin zu begeben und in eine
Bahn der Geschäftigkeit zu treten die künftig Dein Glück machen soll die Dir
Nutzen und Ehre verspricht
Und nun lieber Freund noch einmal Bezwinge Dich wie ein Mann behaupte
Deine Würde Reisse alles Andenken an Ulriken aus Deinem Herze bis auf das
kleinste Würzelchen reiss es aus und wenn es Dich blutige Tränen kosten sollte
Bedenke dass Du nicht zum Empfinden sondern zum Handeln geboren bist nicht zum
schmachtenden Schäfer sondern zum tätigen Weltbürger
Wirf Dich in die Geschäftigkeit tief hinein gib ihr alle Deine Kräfte und
Gedanken dass für die Liebe nichts übrigbleibt Deine Schreibart in Deinen
Briefen seit mehr als einem halben Jahre ist mir bedenklich gewesen sie war
hart heftig in der geringsten Kleinigkeit übertrieben und aufgeschwellt sie
hatte durchaus die Kennzeichen der Leidenschaft sie soll auch inskünftige mich
belehren ob das Feuer in Deinem Herze gelöscht ist
Wenn Du sehen könntest mit welcher Bewegung des Herzens mit welchen
Erwartungen mit welchen gerührten Wünschen ich diesen Brief schließe Du
hörtest noch heute auf ein Tor zu sein Sei ein Mann sag ich Dir und dann bin
ich ewig
Dein Freund Schwinger
Welch ein Brief Als wenn eine Donnerstimme jedes Wort in Herrmanns Herz rief
erschütterte er ihm Mark und Bein er änderte auf einmal den ganzen Schauplatz
seiner Gedanken und Empfindungen und zeigte ihm seine Liebe zu Ulriken in einem
Lichte in welchem er sie nie gesehen hatte dass er vor ihr erschrak Sie zeigte
sich ihm bisher bloß als Gefühl für einen liebenswürdigen Gegenstand als
Empfindung der Natur der er nicht widerstehen konnte noch mochte weil er es
für billig hielt zu lieben was ihm gefiel als Quelle seiner Glückseligkeit
die Vorstellung davon war beständig von so vieler Süßigkeit begleitet und mit so
helleuchtenden strahlenden Farben ausgeschmückt es war eine Sonne die ihn
befeuerte und blendete dass er nichts als einen liebenden Heinrich und eine
liebende Ulrike erblickte doch jetzt plötzlich sah er sich als Sohn eines
Einnehmers und Ulriken als Baronesse als Verwandtin des Grafen Ohlau seine
Liebe zu ihr schien ihm Torheit Unsinn Raserei Schwingers Brief zwang seinen
Blick so unwiderstehlich diese längstvergessne Seite seiner Liebe zu betrachten
dass seine Leidenschaft auch nicht einen Grund dawider aufbringen konnte sie
verstummte Es herrschte einige Tage hindurch eine tote öde Stille in seiner
Seele die Liebe wagte es kaum sich von dem gewaltigen Sturze wieder zu
erheben Er antwortete Schwingern auf seine Fragen mit aller Gewissenhaftigkeit
dass er die Flucht der Baronesse weder befördert noch angeraten habe und
ebensowenig wisse wo sie sei es fiel ihm zwar einigemal ein lieber die Schuld
durch eine Lüge auf sich zu nehmen und lieber Schwingers Freundschaft zu
entbehren als Ulrikens Strafbarkeit durch sein Zeugnis zu vermehren allein das
Schrecken das ihm der Brief eingejagt hatte stand wie ein fürchterlicher Riese
vor ihm und gebot die Wahrheit zu sagen er gehorchte bekannte seine
Leidenschaft erklärte sie für Torheit und gelobte an ihr auf immer zu
entsagen Auch war das Gelübde in dem Augenblicke ganz ernstlich er wünschte
es halten zu können und nahm sich fest vor es nicht zu brechen Konnte man
mehr Aufopferung verlangen
Länger als eine Woche las er den Brief wohl zehnmal in einem Tage von jeder
Beschäftigung von jedem Gedanken kam er auf ihn zurück Besonders machte die
letzte Ermahnung einen tiefen Eindruck auf seine Ehrbegierde sie arbeitete sich
allmählich wieder empor und in kurzer Zeit war der ganze Ton seiner Seele
umgestimmt Er dachte mit Wehmut an die Liebe wenn sie sich in ihm regte wie
an eine anmutige Gesellschafterin die man wider seinen Willen verlassen muss er
riss sich selbst von ihr hinweg Sei ein Mann tönte ihm Schwingers Stimme ins
Ohr und die Liebe kroch furchtsam in das äußerste Winkelchen zurück aber sie
war nur verscheucht nicht verjagt
Viertes Kapitel
Magister Wilibald der seine geistlichen Krankenbesuche unermüdet forsetzte
ermangelte nicht die Revolution in Herrmanns Herze sobald er sie wahrnahm
sich und der Kraft seiner Beredsamkeit zuzuschreiben ob er gleich nach zween
Besuchen sich seines Trost Lehr und Strafamtes freiwillig entsetzt und den
neubekehrten Herrmann von Stadtneuigkeiten und besonders von den Mühseligkeiten
seiner Mitbrüder unterhalten hatte Die wichtigste Angelegenheit schien für den
schwarzperückichten Seelenbekehrer die Entdeckung zu sein dass Herrmann mit
Schwingers Briefe funfzig bare Taler bekommen und achtzehn schön funkelnde
Dukaten außerdem noch in seinem Schränkchen eingeschlossen habe er ließ sich
beides zeigen pries mit inniger Freude den Besitzer desselben glücklich als
einen Auserwählten auf welchen Gott seine Gaben reichlich ausschüttete und
ermahnte ihn zum guten weisen Gebrauche dieser zeitlichen Güter
»Spielen Sie« fragte er am Ende seiner Ermahnung
Herrmann Nein ich habe allem entsagt was mich nur einen Fingerbreit von
meiner Hauptabsicht ausführen kann ich bin auf eine Art ein Tor gewesen ich
will es nicht wieder auf eine andre sein
Wilibald Das sind wahre Entschlüsse wie sie ein Mensch fassen muss den ich
wiedergeboren habe Indessen wenn man mit christlichen frommen Leuten spielt
die nicht dabei fluchen und schwören wie zum Exempel wenn Sie in Sanftmut und
Gelassenheit mit mir ein zeitverkürzendes und gemütergötzendes Spielchen machten
Herrmann Mit niemandem und wenns ein Engel wäre Schwingers Brief hat
meine ganze Seele umgeändert er hat mich erinnert dass ich nichts bin ich muss
arbeiten dass ichs nicht länger bleibe Wie ich sollte so daniedergedrückt so
zurückgesetzt ungeehrt ein Wurm bleiben über den jedermann verächtlich
hinschreitet zeitlebens ein Tier sein das arbeitet und sich füttert ohne dass
mich eine Tat vor den übrigen auszeichnet Lieber mag ich nicht leben nicht
eher will ich an Ulriken an Liebe Vergnügen und Glückseligkeit denken als bis
ich mich aus dem Nichts emporgerissen habe das mir Schwinger vorwirft
Wilibald Das ist sehr löblich Das Gemüt will aber doch zuweilen auch
seine Ergötzung haben und ein anständiges Spielchen mit frommen Leuten
Herrmann Nein sag ich Ihnen Liebe Vergnügen Spiel alles alles ist
mir zuwider verächtlich klein ganz ein andrer Trieb lebt in mir wie eine
Flamme brennt er in meiner Brust wenn Sie diesen Durst löschen können dann
sind Sie mein Freund
Wilibald Ich bin freilich ein schwaches Werkzeug in den Händen der
Vorsicht indessen wenn ich wüsste was so eigentlich Ihr Wunsch und Begehren sei
Herrmann Nur eine Tat eine Handlung die meine Geburt auslöscht O der
Sohn eines Einnehmers den mir Schwinger vorrückt brennt mich Tag und Nacht wie
eine Kohle in meinem Herze Ich kann nicht ruhen bis ich den Vorwurf rein
ausgetilgt habe
Wilibald Wenn Sie das wünschen so will ich Ihnen eine Handlung
vorschlagen die Ihnen bei Gott und Menschen Ehre bringen eine Tat die Ihren
Namen durch alle vier Weltteile verbreiten die Sie nach Jahrtausenden noch so
berühmt machen wird wie alle Märtyrer und Heidenbekehrer das Kind das an der
Mutter Brust liegt wird Ihren Namen zuerst aussprechen lernen der sterbende
Greis wird ihn noch mit Dank und Ehrfurcht nennen auf allen Kanzeln in Europa
Asia Afrika und Amerkia wird Ihr Lob ertönen Dichter und Redner in allen
Sprachen der Christenheit werden Sie erheben Ihr Bildnis wird in Sandstein und
Marmor in Kupfer Erz Gips Wachs Siegellack und Ton in schwarzer Kunst
gestochen geätzt gemalt als Büste Kniestück und in Lebensgröße in allen
Zimmern Stuben und Kammern unter venetianischen Spiegeln und an himmelblauen
Brotschränken durch die ganze Welt zu finden sein man wird es an Uhren auf
Stockknöpfen und Dosen in Ringen tragen und nach Jahrtausenden werden sich
noch Kenner und Antiquare über Ihre Nase zanken Ihr Ruhm wird mit Himmel und
Erde eine Dauer haben
Herrmann Und welches ist diese große herrliche einzige Tat
Wilibald Wir wollen die Berliner bekehren
Herrmann stutzte und schwieg Der Magister ließ seiner Verwunderung ein
wenig Zeit und fuhr alsbald in seiner Rede pathetisch also fort
»Fromme Männer haben Boten ausgesandt um beschnittne Juden und ungetaufte
Heiden zu bekehren fromme Männer haben sich zu einem so großen Endzwecke als
Apostel gebrauchen lassen haben mit Regen und Hitze Sturm Hagel Donner und
Blitz mit rüttelnden Postwagen und ungeheuren Meereswellen gekämpft bald sind
ihnen die Schuhe bald das Schiff das sie trug leck geworden sie haben
gefastet gehungert und gedurstet haben sich von den blinden Heiden Nasen und
Ohren abschneiden mit den Ohrläppchen an die Türen annageln geisseln sengen
stechen braten kochen und fressen lassen um die Ungläubigen durch ihr Leben
und Tod zu bekehren aber niemand ist noch Apostel der Berliner geworden und
doch sind sie ungläubiger als Hottentotten und Malabaren ohne Erkenntnis und
Erleuchtung Unwiedergeborne Ateisten Deisten Sozinianer ohne Glauben
eitel Sünder und Sündengenossen sollte nicht uns die hohe Ehre aufgehoben sein
diesen verirrten Haufen wieder auf den rechten Weg zurückzuführen Wir wollen
es wagen Bruder lass uns mutig ihre Apostel werden und das Werk ihrer Bekehrung
vollenden Dann wird unser Ruhm von einem Ende der Welt bis zum andern
erschallen«
Herrmann fand anfangs eine kleine Bedenklichkeit bei dem Vorschlage oder
vielmehr dieser Weg Ruhm zu suchen war seiner Ehrbegierde zu fremd um ihn
sogleich zu betreten er wusste wohl dass Männer durch edle großmütige
gemeinnützige mutige Handlungen durch Patriotismus durch wichtige Werke des
Genies groß und berühmt geworden waren aber dass man es durch Bekehrung andrer
Menschen werden könne davon sagte ihm alle seine Kenntnis und Erfahrung kein
Wort Er hörte also den Vorschlag innerlich und äußerlich ohne Beifall und
Widerspruch an und versprach ihn geheimzuhalten welches sich der Magister sehr
angelegentlich von ihm ausbat
Die Frau Doktorin gab oft kleine Abendessen wovon aber ihr Mann nichts
erfuhr und noch weniger dabei zugelassen wurde denn sie geschahen bei
verschlossnen Türen und niemand hatte gewöhnlich die Ehre Anteil daran zu
nehmen als der Magister Wilibald doch seit jener Unterredung über die
Bekehrung der Berliner wurde auf seine Veranstaltung Herrmann jedesmal der
dritte Mann Das Gespräch war allemal höchst erbaulich und ehe man es
vermutete lenkte es sich auf Berlin der Magister und die Doktorin sagten
beide ohne es gesehen zu haben so viel Böses davon dass jedem ehrlichen Manne
bei dem Gemälde die Haare zu Berge stehen mussten
»Es überläuft mich allemal ein Schauer vor Schrecken« fing die Doktorin an
»wenn ich einen Berliner sehe Sie sind auch meist alle gezeichnet Ich habe
zwar nur zwei in meinem Leben gesehen aber ich versichre Sie sie hinkten alle
beide«
Wilibald Die Männer haben fast alle eine Art von Hörnern an der Stirne wie
mir Magister Augustinus erzählt hat Er ist zwar niemals dort gewesen aber er
weiß es ganz gewiss und Magister Augustinus lügt in seinem Leben nicht
Die Doktorin Ach ich wills wohl glauben Solche Male sind nicht umsonst
Und wissen Sie denn auch was man von den Weibern sagt
Wilibald Sie sollen fast alle große Füße und kleine Köpfe haben und doch
dabei so schön sein dass man sie nicht ansehen kann sagte mir Magister Blasius
Die Doktorin Ei ei Und warum denn das
Wilibald Man soll gleich weg sein gleich gefangen Ach die Töchter
dieser Welt sind nicht vergeblich mit solchen verführerischen Reizungen
geschmückt Das sind Geschenke des Satans
Die Doktorin Nicht anders Und von den Geistlichen hat mir ja neulich der
Magister Kilian recht schreckliche Dinge erzählt
Wilibald Sie sind gar nicht zu unterscheiden von den übrigen Menschen wenn
sie ihre Amtskleidung nicht tragen soll man hundertmal vor einem vorübergehn
oder gar mit ihm stundenlang sprechen können ohne zu nur vermuten dass es ein
Geistlicher ist Sie stellen sich den Kindern dieser Welt in allem gleich sagte
mir Magister Severus Sogar in ihrem Amte sollen sie reden wie alle andre
Menschen Was kann aus einer solchen Vermischung herauskommen als Verachtung
Die Doktorin Da haben Sie recht Wenn Sie ohne Perücke und schwarzen Rock
zu mir kämen könnt ich Ihnen kein Wort glauben Ich hätte nicht mehr Liebe und
Vertrauen zu Ihnen als zu meinem Manne
Wilibald Nicht anders Man muss sich selbst ehren damit uns andre ehren
Aus einer solchen Selbstverkleinerung des Standes entstehen auch hernach nichts
als Ateisten Deisten Naturalisten
Die Doktorin Da haben Sie recht Ich habe in meinem Leben noch keinen
Deisten und Naturalisten gesehen denn Gott sei Dank hierzulande bekommt man
solche Kreaturen nicht zu Gesichte aber ich stelle sie mir recht abscheulich
vor Sagen Sie mir nur Wie sehen sie denn aus
Wilibald Magister Hieronymus hat einmal im Grünen Baume zu Berlin unter
einer ganzen Gesellschaft solcher Menschen gespeist
Die Doktorin Ach der arme Mann Wie hat er denn das tun können
Wilibald Weil er nichts davon wusste Aber sie verrieten sich gleich sagt
er Ob sie sich wohl anfangs vor mir nicht wenig scheuten so konnten sie sich
doch vor meinen scharfsichtigen Augen nicht lange verbergen Sie hatten alle
große schwarze Nägel an den Fingern ihre Hände waren wie Tatzen gestaltet und
ihr Atem so beschwerlich dass ichs nicht aushalten konnte Als ich dies
wahrnahm wurde mir angst und bange unter ihnen und ob ich gleich zuweilen
meine Stimme erheben wollte sie zu bekehren so war mein Herz doch so
geängstigt und schwer dass ich kein Wort aufbringen konnte und darum lieber
schwieg Endlich ermannte ich mich und fing an laut unter ihnen zu predigen da
verstummten sie wie die Fische falteten die Hände und fielen wie tot mit den
Köpfen auf den Tisch4 Er hat sie insgesamt bekehrt
Die Doktorin Der brave Mann Hat er in seinem Eifer nach einem so
gesegneten Anfange nicht mehr Wunder getan
Wilibald Allerdings In dem Tiergarten hat er einem ganzen Truppe junger
Deisten gepredigt sie waren alle zu Pferde und versammelten sich in einem
großen Kreise um ihn als er anfing doch hier musste er Verfolgung leiden Sie
setzten ihn auf ein Pferd führten ihn durch zwo lange Alleen und schrien der
Apostel dabei huben sie Sand und Steine auf steinigten ihn und jagten das
Pferd bis er stürzte5 Er hat es darauf an dem nämlichen Orte mit vornehmen
sehr geputzten Naturalisten versucht allein sie waren so frech ihn mit Gelde
bestechen zu wollen sie reichten ihm insgesamt etwas aber er schlug es mutig
aus ergrimmte über sie und verfolgte sie mit seiner Predigt dass sie eilfertig
davonflohen und ihn ängstlich baten sie zu verlassen so kräftig wirkte seine
Rede auf ihr Gewissen
Die Doktorin Der vortreffliche Mann Wieviel Großes und Herrliches er schon
in seinen jungen Jahren getan hat Er wird gewiss noch die ganze Donau und Afrika
und Russland bekehren Das heißt doch in der Welt leben wenn man so große Dinge
tut
Obgleich alle Unterredungen bei diesen geheimen Mahlzeiten meistenteils
diese Gestalt und Form hatten so tauchte doch der Magister zuweilen seinen
Pinsel in dunklere fürchterlichere Farben und gab den Ausschweifungen und
Lastern die ihm Magister Kasimir und Magister Hildebrand von Berlin erzählt
hatten ein schauerhaftes Kolorit Alle Straßen Gassen und Plätze waren nach
seiner Schilderung alle vierundzwanzig Stunden von einem Mittage bis zum andern
mit Werken der Finsternis erfüllt wie er sie nannte wo man ging und stund
wurde geraubt und gemordet Das Bild glich keiner einzigen Stadt in der Welt
aber es tat doch große Wirkung durch das Übermaß seiner Abscheulichkeit die
Doktorin zitterte und bebte bei den Freveltaten Sünden Unmenschlichkeiten
Betrügereien Bosheiten und Lastern die der Magister in seiner Erzählung dicht
aufeinander folgen ließ verabscheute sie und wie die Kinder ihre Amme zu neuen
Gespenstergeschichten auffodern indem sie noch vor den erzählten schaudern so
ermahnte sie den Erzähler zur Fortsetzung ob sie ihn gleich bei dem Schluße
einer jeden Lüge inständigst bat zu schweigen Das Ende aller solcher Gespräche
war allemal die Beherzigung wie heilsam und rühmlich es sei die Berliner zu
bekehren
Auch Herrmann lernte dies allmählich empfinden Das Unglück seiner Liebe
hatte seinem Gemüte eine gewisse Bitterkeit mitgeteilt alle seine Freunde und
Bekannten bekämpften seine Lieblingsleidenschaft durch Hindernisse oder Verbot
ob er ihnen gleich nachgab und zum Teil einsah wie sehr sie recht hatten so
blieb doch ein Verdruss wider sie in ihm zurück Sein Verdruss machte es ihm zum
Vergnügen viel Böses von den Menschen zu hören und je mehr er von ihnen hörte
je leichter ward es ihm auch das Unglaublichste zu glauben Sein tätiger Geist
konnte unmöglich ohne Leidenschaft sein und die Bekehrung der Berliner wurde
endlich so sehr sein Wunsch dass er die hohe Unternehmung bei sich beschloss und
seine Ruhmbegierde und Unbekanntschaft mit der Welt verbargen ihm das
Abenteuerliche und Lächerliche eines solchen Entschlusses Er las eifrig
Missionsgeschichten und Leben der Märtyrer und entflammte seine Einbildung durch
die erstaunenden Begebenheiten so stark dass er schon seinen ganzen Leib mit
rühmlichen Wunden bedeckt und seinen Ruhm durch alle Weltteile verbreitet sah
Er lernte durch des Magisters Umgang meisterhaft auf das Verderben der Menschen
schmähen und es tat ihm recht wehe dass er seinen geistlichen Feldzug wider den
Unglauben nicht auf der Stelle eröffnen konnte
Da seine fanatische Ruhmsucht in voller Flamme stund bestimmte ihm der
Magister einen Tag wo sie heimlich von Dresden entweichen wollten Herrmann
stemmte sich aus allen Kräften wider die heimliche Entweichung allein sein
Gefährte im Apostelamt hatte die wichtigsten Ursachen von der Welt warum er
darauf bestehen musste Die Schulden die sein unordentliches Leben angehäuft
hatte ließ ihn den Verlust aller Gunst bei seinen Gönnern und Gönnerinnen
befürchten wenn die Gläubiger aufwachten viele waren schon erwacht und es
schien ihm also schicklicher seinen Namen den Schimpf als seine Person die
Gefahr seiner Insolvenz tragen zu lassen Deswegen stellte er seinem Mitbekehrer
vielfältig vor dass die Apostel und andre große Männer in dieser Laufbahn alle
ihre Reisen zu Fuß getan hätten dass dies ein erfoderliches Stück ihrer
Unternehmung sei und dass er schlechterdings Dresden heimlich verlassen müsse
weil man ihn sowenig entbehren könnte und deswegen durch alle Mittel vielleicht
gar durch Gewalt zurückhalten würde Was sollte Herrmann tun Er war schon von
seiner künftigen Größe beinahe blind und wurde es durch die Beredsamkeit des
Magisters täglich mehr um nicht vielleicht von der Ehre der Teilnehmung an so
einer hohen Tat gar ausgeschlossen zu werden womit ihn der Magister bedrohte
willigte er in alles Er ließ auf dem Tische in seiner Stube einen Zettel
zurück worin er bat dass man ihm seine Sachen aufheben sollte bis er sie
durch einen Brief verlangen werde und begab sich in den Abendstunden in die
Wohnung des Magisters die man zur Zusammenkunft bestimmt hatte mit nichts als
seinem sämtlichen Gelde und einem kleinen Vorrate Wäsche versorgt soviel als
seine Taschen zu fassen vermochten
Wilibalds Stube war so ein entsetzliches Nest dass für Herrmann jeder
Augenblick darin zu lange dauerte schwarz beräucherte Wände die
unglaublichste Unordnung unter allen den Maschinen die die Stelle der Möbeln
vertraten Hier lehnte auf zween schwachen Füßen ein Stuhl an welchem das
Eingeweide durch große Öffnungen auf allen Seiten des ledernen Polsters
hervordrang die übrigen beiden Füße lagen nebst einigen andern zerstreut auf
dem Fußboden herum der überhaupt wie ein Schlachtfeld aussah wo die sämtlichen
Möbeln der Stube ein Treffen geliefert haben mochten hier stand ein Schuh auf
dem berussten Tische oder schwamm vielmehr in einem Meere von verschüttetem
Milchkaffee und sah sich traurig nach seinem Kameraden um dort hing das
zerrissne schmutzige Bette über das Bettgestelle herunter und bei jeder
Bewegung flogen die Federn wie Schneeflocken durch die Atmosphäre der Stube
der Ofen diente zur Garderobe welche aber nichts enthielt als verschiedene
höchst unbrauchbare Strümpfe die wie Kirchenfahnen an den Schrauben und Ecken
desselben hingen auf dem Fensterbrett war das Speisegewölbe und die
Polterkammer und das Kopfkissen steckte in der zerbrochnen Glasscheibe um die
Stube zu wärmen
Das erste Unglück das den beiden Aposteln begegnete war der Mangel an
Licht das Tacht eines abgebrannten Talglichts auf ein Gesangbuch geklebt
schwamm bereits indem zerschmolznen Inselt und verwandelte schon die hölzernen
Tafeln in Kohlen Wilibald beschwerte sich über die itzige Seltenheit des
Silbers und die disproportionierte Menge des Goldes womit das Land überschwemmt
wäre dass man bei kleinen Bedürfnissen im Handel und Wandel gar nicht
auseinanderkommen könnte und erkundigte sich ob Herrmann nicht ein Restchen
Silbermünze bei sich führte weil er damit versorgt war musste er Vorschuss tun
und der Apostel Wilibald ging in eigener Person und holte unter seinem schwarzen
Rocke ein Talglicht das in Ermangelung des Leuchters in den Hals einer
gläsernen Bouteille gestellt wurde
Einer Unbequemlichkeit war abgeholfen aber die eindringende Dezemberluft
welche das Kopfkissen nicht hinlänglich abwehren konnte besonders da ihr eine
Menge kleiner unverstopfter Ritzen in dem übrigen Teile des Fensters freien
ungehinderten Eingang verstattete machte es in diesem Stalle so kalt wie auf
offenem Felde Wilibald fühlte dabei so große Unbehaglichkeit als Herrmann und
da nach seiner Erzählung sein Vorrat an Brennholz den Morgen vorher alle
geworden war ob er gleich noch keinen Span in seinem Ofen gebrannt hatte so
beschloss er alles Holz in der Stube zu fällen die zerstreuten Stuhlbeine
wurden gesammelt die übrigen ausgedreht ein Stück des Bettgestells zu Hilfe
genommen aus den Stuhlpolstern das Werg gerissen nach allen Regeln der
Einheizekunst aus diesen Materialien ein Holzstoss im Ofen errichtet das Werg
loderte empor das dürre überfirnisste Holz prasselte in hellen Flammen und
Wilibald erblickte mit inniger Herzensfreude das erste Feuer in seinem Ofen
solange er mit ihm in Bekanntschaft stund
Endlich fand sich auch ein drittes Bedürfnis ein der Hunger Da Wilibald
seinen gänzlichen Mangel an Silbermünze einmal für allemal kundgemacht hatte
erbot sich Herrmann ungebeten zum Vorschuss der Apostel Wilibald besorgte auch
diesen Einkauf und brachte geräuchertes Fleisch und Brot in reichlicher Menge
herbei eine große Flasche Branntewein nicht zu vergessen nebenher wurde ein
Kaffee gekocht Da alles zur Mahlzeit bereitet war und doch kein einziger Stuhl
mehr aufrecht stehen und eine menschliche Kreatur tragen konnte beschloss man
auf dem Fußboden Tafel zu halten sie lagerten sich also beide in der Nähe des
Ofens die Bouteille mit dem Lichte zwischen ihnen die Brannteweinflasche
daneben nebst dem Topfe voll Kaffee womit Wilibald das Gastmahl eröffnete ein
jeder nahm sich nach eigenem Belieben ein Stück auf die Faust und verzehrte es
ohne Messer und Gabel die Knochen sammelte man im Ofen um die Stelle der
Kohlen vertreten zu helfen Die Wärme die der Ofen versagte gab der
Branntewein und Freude und Begeisterung stiegen bei beiden mit jedem Zuge
Herrmann fühlte zwar anfangs keine kleine Abneigung in sich gegen diese
schmutzige und wüste Lebensart und er wäre schon durch den Anblick der Stube
beinahe von seinem Apostelamte abgeschreckt worden allein seine fanatische
Ruhmbegierde scheuchte bald alle Bedenklichkeiten hinweg er erinnerte sich an
die ungleich größeren Martern die so viel berühmte Vorgänger im Bekehrungswerke
vor ihm ausgestanden hatten und trug mit herzlichem Vergnügen diese ersten
Beschwerlichkeiten seiner neuen Laufbahn in der angenehmen Hoffnung dass seine
Standhaftigkeit bald auf härtere verdienstvollere Proben stoßen werde Der
Branntewein teilte seinem innern Feuer neue Nahrung mit dass seine Seele glühte
wie seine Backen die Köpfe der beiden Apostel bekamen einen Schwung bis zum
halben Unsinn sie jauchzten sangen wälzten sich wie Besessne sanken in Küssen
und Umarmungen dahin fluchten den Ungläubigen und schwuren allen Naturalisten
den Tod sie warfen die Federn aus den Betten ins Feuer und triumphierten
springend und frohlockend so viele Deisten und Ateisten in der Hölle brennen
zu sehen Wilibald der nur die Hälfte dieses Unsinns aus Trunkenheit tat und
einen großen Teil davon beging um seinen Kollegen desto mehr in Feuer zu
setzen hielt während der Mahlzeit eine sehr patetische Rede worin er ihre
Unternehmung wider den berlinischen Unglauben mit der Eroberung von Amerika
verglich und weit über alle Heldentaten der alten und neuen Welt erhob Ein
Stück geräuchertes Fleisch in der Rechten und eine Semmel in der Linken hub der
Redner also an
»Drei sind nicht zwei und zwei nicht hundert aber zwei Wiedergeborne sind
mehr als tausend mal tausend Ungläubige Wie ich diese Semmel vor deinen Augen
zerreisse teuerster auserwählter Bruder wie ich dieses Fleisch vor deinen
Augen zermalme und verschlinge so werden wir den Unglauben Naturalisterei und
Deisterei zerfleischen bezwingen zerstören verwüsten Jene auserwählten
Rüstzeuge erwürgten viele Millionen Indianer um ihres schrecklichen Unglaubens
willen aber wir tun mehr als sie wir wollen nicht töten sondern lebendig
machen wir wollen alle Deisten wiedergebären und unsere Namen sollen mit
ehrernen Buchstaben in die Tafeln des Ruhms eingegraben werden Wir sind die
größten Helden die jemals den Lorbeer verdienten Cäsar Alexander Turenne und
Schwerin müssen vor uns in den Staub fallen die Knie beugen und uns anbeten
Waffne dich also mit Standhaftigkeit und Mut Trotze Gefahren und
Beschwerlichkeiten Je mehr sie sich häufen je gewisser gehst du zur
Unsterblichkeit Iss trink und labe dich du Auserwählter Stärke dich mit
diesem Brote und diesem Tranke des Lebens zu der geheiligten Unternehmung«
Seine kraftvolle Rede wovon dieses nur der schönste Teil ist wurde sehr
oft durch Besuche von Weibspersonen unterbrochen die ungestüm hereintraten und
ungestüm fortgingen einige ließ sogar eine reichliche Ladung der
schmählichsten Schimpfwörter zurück Herrmann war von Fanatismus und Branntewein
zu sehr berauscht um etwas Böses hinter den Besuchen zu argwohnen obgleich
zwei von den Weibsbildern seinem Gefährten geradezu ins Gesicht sagten dass er
ihnen schon seit einem Vierteljahre zwo Nächte schuldig wäre und ihm mit
öffentlicher Beschimpfung drohten wenn er ihnen ihr bisschen ehrliches Verdienst
nicht ordentlich bezahlte Wilibald bestellte sie alle auf den morgenden Abend
wo er richtige Zahlung und überdies noch eine reichliche Erkenntlichkeit für die
lange Geduld versprach »Ach« sagte er zu seinem trunknen Kollegen als sie
weg waren »Wohltätigkeit und Gutherzigkeit sind eine schwere Last ich habe
mich dieser Unglücklichen angenommen und ich muss mich durch eine List von ihnen
losreißen wenn sie meine Abreise wüssten würden sie mir mit Tränen um die Knie
fallen und mich zurückhalten Wie sie weinen und jammern werden wenn sie mich
morgen abend nicht finden Das Herz tut mir weh aber die geringe Handlungen der
Wohltätigkeit müssen der größeren zu welcher wir uns bereiten nachstehn«
In diesem verwilderten Zustande machten sie sich marschfertig sie gaben
sich beide zween neue Namen die mehr für ihre heilige Unternehmung passten
Herrmann wurde zum Bonifacius und der Magister machte sich selbst zum
Chrysostomus Sie wählten überdies ein Feldgeschrei das sie bei Trennungen oder
Verirrungen besonders in der Nacht einander zurufen wollten um sich sogleich
zu erkennen der nunmehrige Bonifacius schlug den Namen Ulrike dazu vor und
setzte seine Wahl mit lebhafter Hitze durch ob ihn gleich sein Gefährte wegen
des irdischen weltlichen Klanges verwarf
Die Luft war außerordentlich rau kalt und scharf die beiden Abenteurer
apostelmässig nur mit einfacher leichter Kleidung versorgt doch der doppelte
Rausch des Körpers und der Seele wirkte so heftig dass Herrmann äußerlich mit
allen Gliedern zitterte und innerlich von einem Feuer brannte Sie taumelten mit
schweren Köpfen matten Füßen und halbgeschlossnen Augen bis zum nächsten Dorfe
wo sie Müdigkeit und Kälte einzukehren zwang
So setzten sie ihre Reise standhaft fort übernachteten in Schenken und
elenden Wirtshäusern und taten sich soviel Gutes als es in den jämmerlichen
Herbergen möglich war besonders wurde der Branntewein nicht gespart dass
Herrmann jedesmal die Zeche bezahlen musste versteht sich von selbst und mit
Freuden tat er es Der begeisterte und immer betrunkne Jüngling hörte sich schon
von allen Vorübergehenden den heiligen Bonifacius grüßen in jedem Dorfe wenn
die Hunde sie mit lautem Bellen empfingen und das Getöse die Einwohner denen
der Winter Musse zur Neubegierde gab an Fenster und Türen lockte glaubte er
dass die Merkwürdigkeit und der Ruf seiner heiligen Unternehmung so viele
Zuschauer herbeiziehe und er wunderte sich ungemein wie eine so geheim
behandelte Sache so allgemein ruchbar geworden war denn seine kranke Einbildung
ließ seine Ohren deutlich und vernehmlich hören dass sichs die Leute aus den
Fenstern erzählten zu welcher wichtigen Tat diese beiden Wanderer eilten
Übertriebner Ruhm bläst leicht auf wirklich wurde er auch so unleidlich stolz
dass er auf alle Sterbliche außer seinen Begleiter wie auf elende verächtliche
Insekten herabsah die kaum Anrede und Antwort von seinem heiligen Munde
verdienten Da nach seiner schimärischen Vorstellung schon zu Anfange seiner
Auswanderung alle Leute sogar in den Dörfern die Städte vermied Wilibald ohne
es seinen Gefährten merken zu lassen von dem herrlichen Endzwecke derselben
unterrichtet waren so beleidigte es ihn itzo schon wenn ihn jemand fragte
wohin er wollte und er wäre mit einigen Gastwirten beinahe in Händel über diese
Anfrage geraten
»Wisst ihr das nicht ihr Unwiedergebornen« sagte er einem »Der kleinste
Bube in allen Dörfern durch welche wir gegangen sind hat von unsrer hohen
Unternehmung gewusst und du Ungläubiger du allein bist so unwissend« Alles
das war Galimatias für den Mann er glaubte ihn vielleicht nicht höflich genug
gefragt zu haben bat um Verzeihung und wiederholte seine Frage mit vielen
Titulaturen und Komplimenten verschönert der heilige Bonifacius drehte ihm den
Rücken
»Sie wollen wohl nach Berlin« fragte ihn ein anderer bei der dritten
Einkehr
»Freilich« erwiderte Herrmann trotzig und leise
»Wollen Sie denn etwa Soldat werden« fuhr der spasshafte Mann fort »Mord
und Todschlag Sie werden die Feinde zusammennehmen Piff paff puff Da liegen
sie«
»Das sollen Sie« sagte Herrmann ernstaft »Wir wollen sie alle mit unsern
geistlichen Waffen daniederschlagen und keiner soll dem allgewaltigen Schwerte
unsrer Rede entgehn«
Der Wirt Blitz Zeter Mordio ha ha ha ha Wenn der Krieg wieder
losginge und die Preußen sollten etwa unsre Feinde werden wofür uns Gott
bewahre so schonen Sie wenigstens meinen armen Sohn Wenn Sie alles
umbringen so lassen Sie mir nur den armen Burschen leben Wollen Sie
Herrmann Ist er Naturalist
Der Wirt Nein so weit hat ers noch nicht gebracht Zeter Sie tun hohe
Sprünge Mein Sohn ein Generalist
Herrmann Ein Naturalist sag ich
Der Wirt Was ist denn das für ein neuer Titel
Herrmann Ein Unwiedergeborner wie du Über dich wollen wir zuerst das
Schwert zücken dich soll unser Wort zuerst zermalmen
Er machte zugleich eine Bewegung als wenn er ihn erdrosseln wollte und der
Mann floh mit spasshafter Furcht vor ihm zur Tür hinaus Der erste Sieg über
die Ungläubigen
Den fünften Morgen wo sie noch nicht einmal die brandenburgische Grenze
erreicht hatten so gemächlich machten sie ihre Reise brachte Herrmann
beinahe zur Hälfte auf der Streu in dem Stübchen zu das sich Wilibald diesmal
wider ihre Gewohnheit genommen hatte den Abend vorher war ihm von diesem
Bösewicht so viel Branntewein aufgedrungen worden dass er wie von einem
Schlaftrunke eingeschläfert in einer Art von Ohnmacht dalag Endlich wand er
sich aus dem schweren Schlafe heraus erblickte schon helles Tageslicht und sich
ganz allein in der Stube Aufzustehen waren seine Glieder von dem gestrigen
Trunke noch zu schwach er verweilte also auf seinem Strohlager und nicht lange
dauerte es so unterhielt ihn seine erwachte Einbildungskraft von dem
herannahenden Anfange seines Ruhms Er erblickte sich schon in Marmor und Erz
auf allen öffentlichen Plätzen Deutschlands ihm zu Ehren wurden Spiele und
Feste angestellt Knaben und Mädchen schmückten mit Blumen und Kränzen sein
Bildnis und feierten mit Tänzen und Liedern sein Andenken Nach Jahrhunderten
sah er seinen Namen noch in allen Chroniken Annalen und Geschichten die Großen
nannten ihn mit Ehrfurcht die Gelehrten mit Bewunderung und das Volk mit
Andacht
Mit solchen von Branntewein und Ruhmsucht aufgeschwellten Ideen benebelt
von Trunk und Leidenschaft berauscht von seinen fanatischen Träumen hub er
sich schwerfällig auf um den Teilnehmer seiner überschwenglichen Größe
aufzusuchen Er war wie zerschlagen am ganzen Leibe er schleppte sich unter
heftigen Kopfschmerzen zu dem Tische hin und erblickte auf ihm ein Briefchen mit
der Aufschrift An den jungen Herrmann weiland heiligen Bonifacius und
Bekehrer der Naturalisten Er faltete das unversiegelte Blatt auseinander und
las
Gehen Sie nach Berlin und werden Sie Lehrbursch bei dem Kaufmanne an welchen
Sie Ihr Freund adressiert hat Lassen Sie sich mit der Bekehrung der Berliner
nicht weiter ein man möchte Sie für einen Narren halten und ins Tollhaus
bringen Sie haben sich ganz entsetzlich anführen lassen sein Sie in Zukunft
weniger ruhmsüchtig und mehr vorsichtig Diese Lehre hinterlässt Ihnen Ihr
gewesener Gefährte am Bekehrungswerke der Berliner und verbundenster Freund
Chrysostomus
NS In Ihrer Tasche ist das nötige Reisegeld eilen Sie ehe es alle wird
Man lasse sich aus dem Vorzimmer des Himmels wo man schon die Engel
harmonienreiche Psalter in die goldnen Harfen singen und die Chöre der
Auserwählten hohe rauschende Wechselgesänge anstimmen hörte durch einen
plötzlichen Stoß in die dürftigste kahlste menschenloseste Heide nach Island
versetzen alsdann hat man Herrmanns Empfindung nach der Durchlesung des
schändlichen Blattes
Weg waren die glänzenden Träume des Ruhms Weg die funkelnden Bilder der
Größe die bis zum Himmel reichen sollte Der Horizont seiner Gedanken der noch
vor einem Augenblicke sich über die ganze bewohnte Erde erstreckt war jetzt in
ein enges elendes Stübchen zusammengeschrumpft Der Mensch der sich vor einer
Minute ein Riese über Kaiser Könige und Fürsten über alle sterbliche
Bedürfnisse erhaben schien auf welchen Beifall Ehre und Bewunderung von allen
Seiten strömte dieser in seiner Einbildung so aufgeschwollne und stolze Mensch
erblickte sich jetzt auf einmal als einen dummen unerfahrnen leichtgläubigen
betrognen Jüngling als einen künftigen Kaufmannsburschen als einen Verlassnen
ohne Geld ohne Freund ohne Retter Nachdem die erste Betäubung des
Schreckens vorüber war ergossen sich seine Augen in einen reichen Tränenstrom
der Unglückliche weinte um sein Glück um seinen Traum seine kümmerlichen
Umstände waren ihm wenig denn er konnte sie nur noch vermuten aber sein
Traum sein Traum hätte ihm der schändliche Betrüger diesen nicht verscheucht
keine Zähre wäre über seine Wangen geflossen Und dann dass er sich so
einfältig hatte hintergehn lassen mit Zähneknirschen dachte er an seine
Leichtgläubigkeit Er warf das betränte Gesicht auf den Tisch in allen seinen
Eingeweiden nagte Scham und Ärger er hätte sich vor der Welt vor sich selbst
verbergen mögen
Nicht angenehmer waren seine Empfindungen als die Gewalt des ersten
Schmerzes ein wenig ausgetobt hatte und ihm der Gedanke einkam in seinen
Kleidern die zurückgelassne Barschaft aufzusuchen von seinen schönen achtzehn
Dukaten von den funkelnden zehn Louisdoren hatte ihm der Bösewicht einen
einzigen zurückgelassen Sein Zorn über die Bosheit brannte freilich in großen
Flammen empor aber was half Zorn Er sah das ein zog sich allgemach an und
ging hinunter zum Wirte
Neues Wunder Die Wirtsleute glaubten dass er in der Morgendämmerung mit
Wilibald der den Abend vorher alles heimlich bezahlt hatte um mit dem
frühesten aufzubrechen fortgegangen sei und sahen ihn lange bedenklich an ob
er ein Gespenst oder ein Mensch wäre Er klagte die Treulosigkeit seines
Reisegefährten in herzbrechenden Ausdrücken versteht sich mit wohlbedachter
Auslassung seines Bekehrungsprojektes und beschwerte sich dass er ihm sowenig
zurückgelassen hatte um den weiten Weg damit zurückzulegen »So so«
antwortete der Wirt im Lehnstuhl kaltblütig »Ja es geht schlimm in der Welt
her« Indessen kam seine Frau mit quecksilbrichtem Gange hereingetanzt
»Lise« sprach der Mann »der Herr ist heute Nacht bestohlen worden«
»Bestohlen« schrie die Frau auf und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen
»Ach dass Gott erbarm Du gerechter Gott bestohlen« und dabei gebärdete sie
sich als wenn sie alle Haare ausraufen wollte Sie schwänzte zur Tür hinaus
über eine kleine Weile kam sie wieder »Über das Unglück Du mein Gott und
Vater bestohlen ist er heute nacht« dann wieder zur Tür hinaus und in
einer Minute erschien sie schon wieder mit den nämlichen Ausrufungen und
Verwunderungen so stattete sie unter unaufhörlichem Laufen ihre Kondolenz zu
sechs wiederholten Malen ab Der Mann ließ sich dabei ohne eine Miene zu
verziehen Herrmanns Geschichte und seine gegenwärtige Lage umständlich
erzählen stund phlegmatisch und stumm auf und ging Nach einiger Zeit kam er
zurück und setzte sich in den Lehnstuhl »Mein Bruder der Müller« fing er
an »fährt gegen Mittag ins nächste brandenburgische Dorf er will Sie
mitnehmen ich habe jetzt mit ihm gesprochen Es ist ein Karren er will Sie für
seinen Sohn ausgeben und dort eine andre Fuhre für Sie ausmachen wenn sichs
tun lässt Essen Sie erst Ja ja es geht schlimm her in der Welt« Herrmann
wollte ihn vor Freuden umarmen und schlang schon die Arme um ihn aber der Mann
war eben im Begriffe aufzustehn und ohne dass er die Höflichkeit verstund bat
er ihn aus dem Wege zu gehen weil er etwas zu essen holen wollte Er trug auf
und während dass Herrmann sich mit dem Vorgesetzten bediente brachte der Wirt
Tinte Papier und Feder »Da« sprach er »schreiben Sie Ihren Namen und Ihren
Geburtsort auf Wenn wir Ihren Dieb kriegen sollen Sie Ihr Geld wiederhaben«
Er sprachs und setzte sich in den Lehnstuhl
Herrmann schrieb der Wirt stund auf überlas brummend das Blatt legte es
auf den Tisch und setzte sich in den Lehnstuhl so endigten alle seine
Handlungen
Der Müller meldete sich Herrmann wollte bezahlen der Wirt stund auf und
verbat es »Reisen Sie glücklich Nehmen Sie sich künftig besser in acht Ja
ja es geht schlimm her in der Welt« er sprachs und setzte sich in den
Lehnstuhl
»Mann« schrie die Frau aus der Küche »hat der Herr auch bezahlt« Der
Wirt stand auf »Ja Lise ja« rief er und setzte sich in den Lehnstuhl und
der heilige Bonifacius stieg demütig auf den Karren und fuhr dahin so
gedemütigt so herabgesunken mit Einbildungskraft und Leidenschaft saß er da
unter leeren Getreidesäcken dass in seiner Seele eine völlige Windstille
herrschte
Bei der Ankunft im Dorfe wohin sie wollten erzählte der Müller einem
seiner dasigen Herren Kollegen den Unfall der Herrmannen begegnet war und bat
ihn bei der nächsten Gelegenheit weiterzuschaffen Die Erzählung versammelte
sehr bald alles was in der Mühle lebte um den Unglücklichen der sich wie ein
fremdes Tier von allen anstaunen lassen musste Der Müller dem er empfohlen war
versprach ihn einige Tage bei sich zu behalten wenn er bei ihm vorliebnehmen
wollte und mit einem Getreidetransporte künftigen Sonnabend beliebts Gott
eine Stunde weit von Potsdam zu schaffen
Es geschah Der unglückliche Herrmann war über das unerwartete Mitleiden so
vieler Leute gerührt von Dankbarkeit und Freude durchdrungen aber aber dass
er Mitleiden nötig hatte welche Bitterkeit mischte diese Vorstellung unter
seine Freude Er freute sich über die Güte dieser Leute und trauerte dass er
sich darüber freuen musste
An diesem Orte hielt er sich wegen Mangels an Gelegenheit eine ganze Woche
auf und weil er aus Misstrauen in keinem Gasthofe einkehren wollte wurde er von
dem Knechte der ihn transportiert hatte in ein Bauerhaus gewiesen wo man ihn
willig aufnahm aber unglücklicherweise war die Armut des Bewohners so groß dass
er seinem Gaste bei dem besten Willen mit nichts als einem Brunnen voll schönen
klaren Wassers aufwarten konnte Herrmann ließ also einkaufen und die ganze
ziemlich zahlreiche Familie speiste täglich mit ihm er wurde durch diesen
Umgang so sehr der Herr des Hauses dass die Kinder nicht zu ihrem Vater sondern
zu ihm kamen wenn sie hungerten Oft stand er mitten in der Stube ein großes
Brot in der Hand sechs barfüssige Kinder im Hemde oder mit einigen Lumpen
bedeckt um ihn herum die gierig mit allen Händen nach den abgeschnittenen
Stücken langten wenn er saß stand zuversichtlich allemal eins zwischen seinen
Knien zuweilen hing der ganze Haufen an ihm herum Das Bild der Dürftigkeit und
die Munterkeit die Zufriedenheit die Fröhlichkeit der Kinder und Alten bei
allem Elende versetzte ihn in eine süße Wehmut das Andenken an sein eigenes
Unglück zog ihn täglich mehr zu diesen Leuten hin in drei Tagen war er mit so
unertrennlichen Banden an diese Familie geknüpft dass ihr Wohl und Weh mit dem
seinigen eines wurde Der Hausherr erzählte ihm die ganze Reihe von
Unglücksfällen die seine Armut allmählich herbeigeführt hatten seine Felder
konnten das künftige Jahr nicht bestellt werden weil ihm der Samen fehlte und
jedesmal war der Schluss seiner Erzählung wenn ich nur drei Taler hätte dann
wär mir geholfen »Die hab ich ja« dachte Herrmann bei sich er zählte sie
dem Manne auf den Tisch Der Bauer wollte auf die Knie vor ihm fallen die
Hausfrau drückte ihm weinend und dankend mit den schwielichten Händen fast die
Finger entzwei die Kinder erhuben auf das Gebot der Eltern ein lautes
Dankgeschrei und stürmten mit ungestümer Freude auf ihn los die Leute wussten
nicht woher sie Worte nehmen noch wo sie mit ihrer Dankbarkeit aufhören
sollten Wie wohl dem Jünglinge der bei einem Vermögen von nicht völligen vier
Talern noch eine Familie auf ein ganzes Jahr und vielleicht auf immer glücklich
machen konnte wie wohl ihm da um das Herz ward Es schlug zum ersten Male
wieder lebhaft es deuchte ihn als wenn er jetzt aus dem Nichts hervorgestiegen
und ein Etwas geworden wäre das leben empfinden und handeln könnte aus dem
Auge schlich ihm eine Träne und durch seine ganze Seele ein wehmütiger freudiger
Schauer Die Leute erzählten im Übermasse ihrer Dankbarkeit seine Wohltat allen
Nachbarn das Gerücht verbreitete sich weiter und eins nach dem andern kam an
die niedrigen Fenster und guckte herein um den großmütigen Jüngling zu sehen
wohin er nur sah und hörte waren ein Paar Augen auf ihn gerichtet oder ein Paar
Lippen zu seinem Lobe offen Nun war seine Einbildungskraft und seine ganze
Tätigkeit wieder emporgeschraubt sein niedergeschlagenes Gemüt wieder erhoben
er fühlte sich bei achtzehn baren Groschen als den glücklichsten Menschen der
Erde
Aus Erkenntlichkeit erbot sich der Bauer ihn nach Berlin vollends zu
bringen wenn er den Weg zu Fuße machen wollte er entschloss sich dazu und
langte zwar mit völlig leeren Taschen aber doch mit einem Herze voller
Zufriedenheit an Ort und Stelle an
Fünftes Kapitel
Da war er nun in dem großen schönen weiten Berlin wie in einem großen Walde
verirrt verloren in den unendlichen Straßen fragte jeden Augenblick nach der
Wohnung des Kaufmanns an welchen er adressiert war ließ sich nebst seinem
Begleiter die Marschroute aufmerksam vorzeichnen und wenn er fünf Minuten
gegangen war weg war die ganze Landkarte So irrte er durch die Straßen quer
und längs hindurch und sooft er fragte war er falsch gegangen ein Bursch
erbot sich ihn für eine Erkenntlichkeit zurechtzuweisen zu seiner
Herzensfreude entdeckte er noch einen verkrochnen Groschen im Winkel der Tasche
und nun war ihm geholfen Bei einer Wendung um eine Ecke sah er sich nach dem
Bauer um der ihm bisher mit vielen Beschwerden über das harte Pflaster langsam
nachtaumelte aber er war verschwunden blieb verschwunden und er allein weiß
wie er wieder nach Hause gekommen ist
Der Kaufmann hatte vor vielen Wochen schon auf den neuen Lehrburschen
gehofft verkündigte ihm dass er Schwingern nur versprochen habe ihn auf ein
halbes Jahr zur Probe anzunehmen und stellte ihm ein Paket Briefe zu das lange
schon seine Ankunft erwartet hatte
Wie verändert war abermals die Szene Ein enges Kämmerchen keine Stube
nahm ihn ein wie war der große Herrmann der jüngst auf den Schwingen des Ruhms
nach Berlin eilte und sich noch vor einigen Tagen von der Bauerfamilie wie einen
Gott angebetet sah wie war der große Mann abermals gesunken So gütig sein
neuer Herr sich gegen ihn bezeigte so sprach er doch im Tone des Herrn mit ihm
traurig schlich der gedemütigte Jüngling auf gegebne Erlaubnis in die warme
Stube des Dieners und las mit beklemmender Empfindung seine Briefe
Schwinger der das Paket besorgt hatte meldete ihm dass er dem Grafen und
der Gräfin seinen Aufenthalt in Berlin habe verhehlen und sich stellen müssen
als ob er von ihm nichts wüsste um sich nicht ihren Unwillen zuzuziehn Sie
sind so sehr wider Dich erbittert sagte er dass sie auch mich als Deinen
Mitschuldigen hassen würden wenn sie erführen dass ich mich Deiner annehme
Ungerufen geh ich jetzt niemals auf das Schloss weil ichs doch nie ohne
Betrübnis und Ärger wieder verlassen kann sowenig ich mich also um die innern
immer fortwährenden Unruhen desselben bekümmere so weiß ich doch für gewiss dass
dem Graf ein Brief von der Oberstin aus Dresden in die Hände gefallen ist
worin die Flucht der Baronesse erwähnt wurde und dass er die Gräfin gezwungen
hat ihm den ganzen Verlauf umständlich zu erzählen Seinen Zorn und die Leiden
der armen Gräfin kannst Du Dir leicht vorstellen denn Dein letzter reuvoller
Brief lässt mich vermuten dass Du wieder einer vernünftigen Vorstellung fähig
bist Der Zorn und ich möchte fast sagen die Wut ging bei dem Grafen so
weit dass er Anstalt machte Dich in Dresden in Verhaft nehmen zu lassen und
eine exemplarische Strafe wider Dich auszuwirken wenn Du also meinem Rate
gemäß zu der von mir bestimmten Zeit nach Berlin gegangen bist so hast Du eine
Schande vermieden die Dir nach Deiner Denkungsart äußerst empfindlich sein
müsste Ich zittre für Dich lieber Freund wie ein Vater für sein Kind solange
ich über diesen Punkt keine Gewissheit von Dir habe
Den Aufenthalt der Baronesse hat die Oberstin ausgekundschaftet und man
wird nächstens unfehlbare Maßregeln ergreifen sie in Sicherheit zu bringen
wenn es nicht schon geschehen ist Also lieber Freund wenn Du nicht durchaus
Dein Unglück willst so lass Dich nicht gelüsten in Deine Torheit
zurückzufallen und wenn Ulrike mit Dir in einem Hause wohnte und aus einer
Schüssel ässe so verschliesse Deine Augen Wache über Dein Herz Lass ihm nicht
eine Minute lang den Zügel schießen es reißt gewiss mit Dir aus wenn Du ihn
nicht beständig straff anziehst Entsage lieber dem Vergnügen alles weiblichen
Umganges habe den Mut den Beifall der Frauenzimmer zu entbehren Besser ist
Dirs ein Dummkopf oder ein trockner kalter blödsinniger Mensch von ihnen
gescholten zu werden als dass Dich eine verliebte Betörung für einige
Augenblicke Vergnügen zeitlebens unglücklich macht Du kennst nunmehr Deine
Stärke und Schwäche nütze diese Erfahrung
Noch eine Nachricht will ich Dir statt einer Belohnung für die Besiegung
Deiner selbst und für Deine Rückkehr zum vernünftigen Verhalten geben und
warum sollte es nicht für den beleidigten ehrlichen Mann eine Erstattung des
erlittnen Unrechts sein zu sehen dass seine Feinde sich selbst strafen Jakob
unser aller Verfolger ist mit seinem Vater in die größte Uneinigkeit geraten
sie haben sich über einen kleinen Vorteil entzweit den sie sich bei dem
Verkaufe einiger Kostbarkeiten zur Schuldenbezahlung des Grafen machen wollten
oder gemacht haben jeder glaubte von dem andern an seinem Anteile verkürzt zu
sein Im ersten Zorne entdeckte der Vater dem Grafen die Spitzbübereien des
Sohns und der Sohn rächte sich durch ähnliche Entdeckungen am Vater das Blut
starrt mir in allen Adern wenn ich die Betrügereien Bosheiten und
Schelmenstreiche höre die bei dieser Gelegenheit herausgekommen sind und noch
täglich herauskommen Sie haben unstreitig das meiste zum Ruine des Grafen
beigetragen der seine Gläubiger durch die Bezahlung einiger Posten besänftigt
hat aber ich fürchte sie sind nur auf einige Zeit besänftigt doch lässt sich
wenigstens hoffen dass diese Besänftigung von längerer Dauer sein wird wenn
sich der Graf überwinden kann jene beiden Bösewichter von sich zu schaffen Man
arbeitet aus allen Kräften daran und der Vater ist sogar in gerichtliche
Untersuchung geraten aber der Sohn der jetzt bei kälterm Blute den Schaden
einsieht den sie sich durch ihre beiderseitige Unbesonnenheit zugezogen haben
gibt sich unendliche Mühe den Grafen zur Aufhebung der Inquisition zu bewegen
und seine Mühe wird ihm zuversichtlich gelingen denn die Untersuchung wurde nur
im Anfalle der ersten Hitze anbefohlen und der Stolz des Grafen wenn der Zorn
vorüber ist erträgt lieber den Verlust seines ganzen Vermögens als dass er
durch die Bestrafung eines offenbaren Diebes das Bekenntnis ablegen sollte er
habe sich geirrt und sein Vertrauen einem Unwürdigen gegeben Inzwischen ist
doch zur Erniedrigung unsrer Feinde so viel geschehen dass der Vater die
Oberaufsicht über die Herrschaft verloren hat und in Pension gesetzt werden
soll Auch mir hat der Habsüchtige wie es sich nunmehr erweist seit Ulrikens
Abreise von hier die Hälfte meines Gehalts entzogen ich wusste diese
Verringerung zwar und ertrug sie gelassen weil sie mir der Betrüger auf
vorgeblichen Befehl seines Herrn ankündigte allein der Graf hat sich nie so
einen Befehl einfallen lassen und die ohne sein Wissen abgezogene Hälfte hat
jener Elende der diese Auszahlungen besorgte an sich gerissen und in der
Rechnung verfälschte Quittungen untergeschoben Fräulein Hedwig hat ein gleiches
Schicksal erlitten Was mich am meisten kränkt ist der Betrug womit er Deinen
Vater hintergangen hat nach der Verordnung des Grafen sollte er nach seiner
Absetzung sein ganzes Salär behalten bis er eine andre Versorgung fände allein
der gewissenlose Siegfried setzte ihn auf den vierten Teil herab der so wenig
betrug dass Deine Eltern nicht ohne Not davon leben konnten auch hier hat er
sich durch verfälschte Quittungen geholfen Hätten Deine Eltern nicht bei einem
herrenhutischen Leinweber einem alten Freunde Deines Vaters Schutz gefunden
so wären sie nicht sicher vor dem Mangel gewesen Ihre eignen Briefe die ich
Dir hier übersende werden Dich vermutlich näher davon belehren usw
Der erste unter diesen Briefen den Herrmann erbrach war von seiner Mutter
Got zum Krus herzgelibtes Kint liber son wir sint alle gesunt und frelig in dem
liben Heiland megte wohl wisen wo Du Stikst hast so lange nicht geschriben und
uns allen so weh nach tir Gemacht Ich unt Dein fater sind forigen Monad von
einen kristligen leinwäwer zu unsern liben Heilant bekert und haben diesen Monad
als am ersten huigus zum erstenmale das heilige Libesmal gehalten winschen von
Herzen das der libe heilant dich bald nachholen mege bereie deine Sinden libes
Kint unt schlag an teine Prust teinen fater wars nicht recht lustig di weld zu
ferlasen und den liben heilant anzuzin Wir haben dem Alten starkop was rechtes
zugerett ta lachte uns der hellenbrant aus das wir in bekeren wollten der
kristlige leinwäber unt ich unt hat geflucht das der kristliche Leinwäber in
nicht mehr im hause leiten wollte Er hat Dir geflucht libes Kint das einem grin
und Gälb vor den Augen wurte ta bädte der christliche leinwäber so fil das mein
gotloser man das kalde fiber krigte das schittelte ihn das ich nicht andersch
tachte als er wirte in seinen sinten dahinfaren libes Kint s hat in geschitelt
wohl ellenhoch unt in der Hitze hing im di Zunge armsticke zum halse heraus und
er hat ausgestanten wie ein Fich Vieh ach da lernte er gar balt den liben
Heilant erkennen und hat sich bekert und ist widergeboren man sit seinen
spektakel an ihn weil er fon dem garstigen fiber noch so elent aussicht libes
Kint sick tich for unt tue buse s sind gar ser schwäre Zeiten Der kristliche
Leinweber bätt alle Dage for dich das der libe heilant auch balt iber dich
kommen mege der her Hofmeister Schwinger hat uns gar ser ankst gemacht als wen
tu werst verfallen in sintliche liste und fleischeslust unt das er nicht sagen
tirfte wo tu werst las tich ja nicht fom satan blenden das tu dich verlibst unt
lose Streiche machst wir werten uns wohl in tisem leben nicht witer sehen bis wir
alle heimgegangen gestorben sint Deine getreie Mutter bis in den Dod
AMP Herrmannin
Aeben erfaren wir das tu in Perlin bist ta wars nicht anters als wen mir gemand
eine rechte derbe Maulschelle gebe ta ich das las ins Herrn Hofmeister
Schwingers Brife ach tu liber son da habe ich mich recht gekrämt das tu an einen
so garstigen Orte bist ter kristliche Leinwäber hat mich noch getrest er sagte
s weren ser fil Widergeborne unt fromme Brider dort di tich zu dem liben
Heilante bekeren wirten das wünschen wir tir von Herzen Amen
Endlich zeigte sich auch ein Briefchen vom Vater so zitternd und unleserlich
geschrieben dass man jedem Zuge das Fieber ansah
B den 26 Novemb
Heinrich
Mein kaltes Fieber und meine Nille haben mich so lange geplagt bis ich ein
Herrenhuter geworden bin aber ich werde es wohl nicht lange treiben Des
Kopfhängens und Pimpelns und Seufzens bin ich nachgerade überdrüssig fluchen und
reden darf ich auch nicht wie ich will wenn mir nur einmal so ein kleines »Hol
mich der Teufel« über die Zunge fährt so schrein sie gleich alle auf mich zu
als wenn das Haus brännte Es ist ein rechtes Hundeleben wenn man nicht reden
darf wie einem der Schnabel gewachsen ist aber ich muss freilich ein übriges
tun und mir das Maul verbinden lassen sonst jagt mich der Leinweber zum Tempel
hinaus alsdann kann ich mich in den Schnee legen und an den Fingern saugen
wenn mich hungert Solang es noch Winter bleibt seh ich mir das fromme Leben
mit an sobald ich aber die erste Schwalbe wieder höre heida fort mit mir
dann werd ich wieder der alte Adam Man kann ja des Guten auch zuviel tun der
Leinweber betet den ganzen Tag mit meiner Nille Ihr Leute sag ich immer ihr
fallt ja unserm Herrgott recht beschwerlich das nennen sie eine
Gotteslästerung »Du bist noch nicht wiedergeboren lieber Bruder« sprechen
sie »wir wollen beten dass der liebe Heiland bald über dich kommen möge« Zu
allem dem Gikelgakel muss ich nun schweigen als wenn ich aufs Maul geschlagen
wäre Aber kurz und gut sobald die Schwalben fliegen lass ich meine Nille bei
dem Leinweber sitzen und komme zu Dir nach Berlin da mögen sie miteinander
pimpeln und seufzen soviel sie wollen Lebe wohl
AC Herrmann
Herrmann beantwortete diese Briefe unverzüglich meldete Schwingern den
erlittenen Verlust doch mit sorgfältiger Verschweigung seines
Bekehrungsprojektes stattete auch dem Doktor Nikasius und seiner Ehefrau von
der Dieberei des Magister Wilibald getreuen Bericht ab und versicherte dass ihn
der schändliche Bösewicht verleitet habe Dresden heimlich zu verlassen wozu er
sich außerdem nie entschlossen hätte zugleich bat er um Übersendung seiner
zurückgelassnen Habseligkeiten welche auch ein paar Posttage darauf erschienen
nebst diesem Briefe vom Doktor Nikasius
Dresden den 6 Jan
Wertgeschätztester lieber Freund
Nachdem Dieselben in einem Schreiben de dato 28 Decembris ac schriftlich
an mich gelangen lassen wasmassen Dieselben Dero mibilia von Dresden nach Berlin
mit der ordinären Post bringen zu lassen gewillet sind und dannenhero um die
Verabfolgung gedachter Ihrer mobilium geziemend angesucht als habe nicht
ermangeln wollen solche durch meinen Bedienten Johann Friedrich Hartknoch in
Dero mit Seehund überzogenen Kuffer getreulich einpacken und verwahren zu
lassen Welchergestalten nun Dieselben nur berührte mobilia benebenst diesem
meinen ergebensten Schreiben verhoffentlich erhalten werden als bitte mir über
den richtigen Empfang derselben schriftliche Nachricht aus wie denn auch
Dieselben in vorbemeldetem Dero Schreiben beizubringen beliebt wie der ST
Herr Herr Magister Wilibald Dero sämtliche bei sich habende actiua an sich zu
nehmen und mit denenselben ab und von dannen zu gehen sich nicht entblödet
absonderlich auch sich nicht nur propter dolosam rei alienae ablationem eines
Diebstahls schuldig gemacht und durch sein hinterlassnes Schreiben
handschriftlich angeklagt sondern auch Dieselben per simulationem amicitiae
schändlich und lästerlich hintergangen solchemnächst will denn nun meine teure
Ehegattin allen dergleichen und sonstigen Anschuldigungen als Verunglimpfungen
seines ehrlichen Namens und anmasslichen Beschönigungen anderweitiger
selbsteigner Zersplitterung Dero bei sich habenden Geldes keinen Glauben
angedeihen lassen inmassen denn sie dem Herrn Magister beständig als einen
gottesfürchtigen und wohl conduisireten Kandidatum gekannt und befunden
Der ich nebst freundlichem Gruß von meiner EheLiebsten mit geziemender
Liebe und Inclination allstets verharre
Meines wertgeschätzten lieben Freundes
gutwillig geneigter Freund und Diener
DFM Nicasius
Da der Doktor Schwingern seines Freundes heimliche Abreise von Dresden sogleich
gemeldet hatte erschien schon wieder ein nachdrücklicher Verweis von diesem
äußerst besorgten Manne dass sich Herrmann später als er sollte wegbegeben und
in eine so verdächtige Reisegesellschaft eingelassen hatte doch freute er sich
dass die Abreise nicht weiter war hinausgeschoben worden weil ihm Nikasius
geschrieben dass man ihren gemeinschaftlichen Freund auf Ansuchen des Grafen
Ohlau gefänglich habe einziehen und verhören wollen Herrmann freute sich nicht
weniger einer so nahen Gefahr obgleich mit Verlust seiner Barschaft entgangen
zu sein und erblickte mit ungemeinem Vergnügen im Briefe einen Louisdor den
ihm Schwinger zur Schadloshaltung für den Diebstahl schickte
Sonach war nun Herrmann von allen Seiten glücklicher als er vermutete aber
nur nicht so glücklich wie er wünschte Die Unterwürfigkeit und der Gehorsam
eines Lehrburschen sosehr beides gemildert wurde war für ihn eine bittere
Speise Befehle anzunehmen und auszuführen tat ihm nicht sonderlich weh
Verweise schmerzten ihn schon mehr und oft bis zur tiefsten Verwundung doch
wäre alles dies noch erträglich für ihn gewesen nur seine Lage wurde es täglich
weniger das Licht in welchem er sich und seine Beschäftigungen sah die enge
kleine Sphäre wo er unter allen war die ihn umgaben wo er dienen musste
selten ein kleines Lob wegen einer geringfügigen Verrichtung worauf er sich
sowenig zugute tun konnte als auf Essen und Trinken und niemals Ehre erwerben
sollte diese so eingeschränkte auf Kleinigkeiten geheftete Tätigkeit machte
abermals seine ehrbegierige Seele unmutig unzufrieden mit sich und den Dingen
um ihn Eigennutz und Begierde nach Gewinn waren bei ihm unendlich klein und in
Vergleichung mit seinem Ehrgeize fast so gut als gar nicht da
Kaufmannsgeschäfte mussten also unter allen für ihn die geringste Anzüglichkeit
haben mit einem Worte er war jetzt ein ebenso schlechter Kaufmannsbursch als
vor dem Jahre ein schlechter Schreiber Immer zerstreut in Gedanken
verdrießlich stand er da hörte nicht eher als zum zweiten oder dritten Male
wenn ihm sein Herr etwas befahl tat jedes Geheiß mit Verdrossenheit und
begegnete niemandem freundlich der in den Laden kam An andern deutschen Orten
hätten ihn seine Kameraden den Träumer genannt doch hier hieß er bei jedermann
vom Herrn bis zur Kindermagd Herrmann le misantrope und jeden Augenblick
wurde er ermahnt nicht so pensif zu sein Trotz aller Ermahnungen blieb er es
und seine Tiefsinnigkeit vermehrte sich sogar weil sich bei einer so großen
Leere in seinem Herze bei so geringer Tätigkeit und so wenigen Beschäftigungen
für andere Leidenschaften die Liebe wieder zu regen anfing an Ulriken erlaubte
er sich zwar nur mit Schüchternheit zu denken er wünschte und wünschte dass er
sie lieben dürfte aber ein Kaufmannsbursch und eine Baronesse Je mehr ihm
dieser Abstand einleuchtete je mehr fühlte er freilich dass es Notwendigkeit
und Klugheit sei dieser Liebe zu widerstehen je mehr schien es ihm töricht und
gefährlich sie wieder aufwachen zu lassen Zudem wusste ja Graf und Gräfin
Ulrikens Aufenthalt wollten sie auffangen lassen und vielleicht war sie schon
längst wieder bei ihnen auf dem Schloss und musste sich mit Vorwürfen und
Misshandlungen peinigen lassen sie war so gut als verloren Gar nicht zu lieben
wie Schwinger von ihm verlangte das war hart und bei seinem Charakter und
seiner innern und äußern Verfassung unmöglich eine andere zu lieben als
Ulriken das war noch härter wenn sich ihm auch die leibhafte Venus dargeboten
hätte wäre ihre Wirkung doch unter dem Eindrucke gewesen den die Baronesse
eine so lange Reihe von Jahren hindurch ihm einprägen musste
»Es ist keine Schönheit mehr in der Welt« sagte er sich an einem Morgen
als er sich seine Schürze vorband setzte sich auf das Bett und lehnte sich an
das Fussbrett »Es ist keine Schönheit mehr in der Welt gar nichts das mein
Herz nur mit einem Zucke schneller bewegte Da zeigt mir bald der Diener bald
ein Kamerad ein Gesicht ach rufen sie welche Schönheit welcher Wuchs
welcher Gang Ich sehe mir nichts daran worüber ich mich nur mit einer
Fingerspitze freuen könnte Es ärgert mich in der Seele dass die Leute
allenthalben soviel Vergnügen finden und ich muss so trocken dabeistehn und mich
ausschimpfen oder verachten sehen dass mir gar nichts gefällt Hier liebäugelt
der Diener mit einem vorbeigehenden roten Pelze des Abends hör ich ihn wenn er
mich auf der Stube bei sich duldet von einer blauen Pelzsaloppe erzählen die
er vorigen Sonntag geführt gestreichelt geliebkost die mit ihm gelacht
getändelt gegessen getrunken getanzt hat Da schäkert in der Schreibstube
mein Herr mit einem Mädchen sie lachen und sind so vergnügt so entzückt als
wenn sie gar nichts vom Kummer wüssten werd ich in die Stube geschickt so find
ich auf dem Kanapee die Frau mit einem jungen Franzosen wenn sie mir nur den
Gefallen täten und sich vor mir scheuten aber nein mit verschlungnen Armen
lachend und tändelnd sitzen sie da alles liebt rings um mich her alles darf
lieben alles wird geliebt nur ich Elender allein ich darf nicht ich kann
nicht Das Schicksal drückt mich mit schwerer Hand danieder dass ich kaum
atmen kann ich soll mich unter seinem Drucke langsam zu Tode arbeiten Ich soll
die einzige Schönheit die es auf der Erde für mich gibt erkennen fühlen ihr
Bild in der Seele mit mir herumtragen vor Augen schweben sehen in Gedanken mit
ihm reden es umarmen liebkosen alle Ergiessungen des Herzens alle Wonne
alles Sehnen der Liebe dabei empfinden und wenn ich Unglücklicher die Arme
zuschliessen mein Glück greifen will dann ist es ein Schatten eine Idee ein
Gedanke den ich liebe und mit meinen Armen fasse ich Luft Nie nie hoff ich
Ulriken wiederzufinden nie mich ihr nähern zu dürfen aber wie müsst es nur
sein wenn ich sie wiederfände wie nur wenn wir uns Tag für Tag sehen frei
und ohne Zwang sprechen ohne Furcht lieben dürften Das ist für mich ein so
unbegreiflicher so unvorstellbarer Zustand wie die Freuden der Seligkeit Er
schwebt mir im Gehirne wie in einer dunkeln Ferne gleich einer Sonne durch
Nebelwolken strahlt dies überschwengliche Glück aus der Ferne daher ich strebe
mit allen Gedanken und Empfindungen nach ihm hin aber wer kann die Sonne über
seinem Scheitel erreichen«
Sein Selbstgespräch hatte ihn so lange beschäftigt dass er einen Teil seiner
Pflicht darüber versäumte weil er zu lange über die bestimmte Zeit nicht im
Gewölbe erschien kam sein Kamerad rief ihn und störte den Lauf seiner trüben
Gedanken
Kaum eine Viertelstunde hatte er mit seiner gewöhnlichen Träumerei
dagestanden und saumselig einige aufgegebne Geschäfte verrichtet als der Herr
ein Porträt in der Hand in den Laden kam Er stellte es hin und fragte alle
Anwesende ob jemand ein Frauenzimmer in Berlin gesehen habe das diesem Porträte
ähnlich sehe Herrmann erschrak ließ seine Arbeit auf die Erde fallen und trat
so dicht an das Bild als wenn er es verschlingen wollte er erkannte es bei dem
ersten Blicke für Ulrikens Porträt das in der Gräfin Zimmer über dem Sofa hing
Rahmen Ähnlichkeit Größe alles traf ein
»Oh« fing der Diener an und sah starr hin »die hab ich oft gesehen«
»Wo wo« rief Herrmann entzückt Der Kaufmann sah ihn an und lachte
»Kennst du das Frauenzimmer« fragte er
»Nein nicht recht ein klein wenig« antwortete Herrmann und blickte
seinen Herrn geheimnisvoll an als wenn er ihn fragen wollte ob er sich
entdecken dürfte
»Ja es ist wahr« fuhr der Kaufmann fort »du musst sie kennen sie ist ja
aus deiner Vaterstadt Wer sie unter euch zuerst sieht und auf meine Stube
bringt der hat zehn Dukaten verdient Es ist ein liederliches Mädchen«
»Glauben Sie das um des Himmels willen nicht« unterbrach ihn Herrmann
ereifert doch hurtig besann er sich dass er sich so verraten könnte und setzte
deswegen um den gemachten Fehler zu verbessern kaltblütig hinzu »Ich dächte
nicht dass sie liederlich aussähe«
»Meinetwegen mag sie aussehn wie sie will« fiel ihm der Kaufmann etwas
heftig ins Wort »Sie ist ihrem Onkel dem Grafen Ohlau durchgegangen und er
hat mich gebeten sie ihm zu überschicken wenn ich sie finde und weil er mein
speziell guter Freund ist ich hab ihm manche hundert und wohl tausend
Louisdore verschafft so könnt ichs ihm nicht abschlagen Wer sie auf meine
Stube schafft kriegt zehn Dukaten aber die Sache muss heimlich betrieben
werden«
Der Diener versicherte dass er sie wohl tausendmal unter den Linden und im
Tiergarten gesehen habe sie sei in einem gewissen öffentlichen Hause das er
auch nennte und wo er sie ehestens suchen wollte
Herrmann war des Todes über diese unglückliche Nachricht und fragte den
Diener sooft er ihn müßig sah ob sie gewiss in einem öffentlichen Hause sei
dass der andre endlich des Fragens müde wurde und es auf immer untersagte
Freude und Glück war es genug dass er jetzt selbst den Auftrag bekam
aufzusuchen was er so lange gern gefunden hätte aber das verdammte öffentliche
Haus das versetzte seiner Freude so einen empfindlichen Schlag dass sie einen
großen Zusatz von Angst Besorgnis Eifersucht und verachtendem Widerwillen
gegen Ulriken bekam Er ging wie vor den Kopf geschlagen herum
Sechster Teil
Erstes Kapitel
Freilich nur mit halber Freude und mehr aus Neubegierde ob die verdächtige
Nachricht gegründet sei oder nicht befolgte Herrmann den Auftrag seines Herrns
getreulich und nahm jedesmal seinen Weg wenn er ausgeschickt wurde durch die
Lindenallee sollte auch der Umweg eine Stunde betragen er sah niemals ein
Gesicht das Ulriken mit einem Zuge glich Der Diener war in seinem Suchen nicht
glücklicher und brachte seinem Herrn jeden Morgen die Nachricht dass die Nymphe
schon versprochen gewesen und ihm nicht zuteil geworden sei Herrmann knirschte
jedesmal mit den Zähnen wenn so eine Nachricht überliefert wurde
Seine Unruhe ängstigte ihn Tag und Nacht sie ließ ihn nicht zwo Minuten auf
einem Flecke stehen oder sitzen und des Nachts wälzte er sich von einer Seite
zur andern und suchte den Schlaf ohne ihn auf lange Zeit zu finden Er bat sich
von seinem Herrn die Erlaubnis aus die zehn Dukaten zu verdienen und die
Schauspielhäuser zu durchstreichen der Kaufmann dem er im Gewölbe ohnehin
entbehrlich schien und der auch schon beschlossen hatte sich zu Ende der
Probezeit seiner zu entledigen verstattete ihm ohne Weigerung seine Bitte
Mit der Empfindung eines Staatsgefangnen der sein Urteil erwartet und
beinahe gleichwahrscheinlich Tod und Leben hoffen kann wanderte Herrmann aus
Sein erster Besuch im deutschen Schauspielhause lief fruchtlos ab den folgenden
Tag rüstete er sich mit einer Lorgnette und machte im französischen Schauspiel
einen Versuch man spielte Racinens Bérénice Er hatte auf dem Schloss des
Grafen hinlängliche Kenntnis der Sprache erlangt um alles zu verstehen was er
hörte und die große Ursache warum er nichts verstund war keine andere als
weil er bloß sah und nicht hörte wenigstens nur hie und da einen Vers der ihm
noch aus der Lektüre geläufig war und zufälligerweise jetzt auf sein Trommelfell
fiel sein Kopf war unaufhörlich nach den Logen gerichtet und jedes
Damengesicht das erschien musste sich Zug für Zug untersuchen lassen ob nicht
einer darunter sei der ihm Ähnlichkeit mit Ulriken gebe Der Vorhang fuhr
rauschend in die Höhe noch war keins gefunden das ihr gehören konnte Das
schnurrende Geräusch der Zuschauer verstummte das Orchester schwieg ein
langer baumstarker Antiochus in rotseidnem Mantel mit einem schwankenden Busch
Gänsefedern auf dem papiernen Helme marschierte in abgemessnen Schritten die
Arme gleich den Henkeln eines Blumentopfs majestätisch in die Seiten gestemmt
durch den gewölbten Portikus daher ihm folgte im gelben blumenreichen Mantel
ein kurzer untersetzter Arsaz von unten bis an den Gurt der schwarzsamtnen
Beinkleider ein Franzose vom Nabel bis zum Ende des befiederten Kasketts ein
altgriechischer Bastard
»Hier lass uns stehen«
huben Ihr Majestät an und sie stunden Der König lehrte seinen Vertrauten die
Geographie des Palastes und machte ihn besonders mit den zwo Nebentüren bekannt
Nachdem er so die Landkarte verzeichnet hatte befahl er ihm zur Königin zu
gehen ihr einen schönen Gruß zu vermelden und höflichst zu bedauern dass ihr
der König wider seinen Willen beschwerlich fallen und sich eine geheime
Unterredung ausbitten müsste
Arsaz der ehemals in Languedoc Hecheln verkauft hatte trat einen Schritt
zurück und verwunderte sich mit dem lauten Geschrei seines vormaligen Gewerbes
wie ein so großer König in einem so hübschen roten Mantel einer Königin
beschwerlich fallen könnte deren Liebhaber er sonst gewesen wäre »Ob sie
gleich die künftige Gemahlin des Titus ist« rief er
»Setzt dich ihr Rang von ihr unendlich weit hinweg« Herrmann dem die
lautgekreischte Frage die Ohren erschütterte glaubte nicht anders als dass sie
der Schauspieler seinetwegen getan habe und wiederholte seufzend den Vers
einigemal in Gedanken
Antiochus war unterdessen vom Vertrauten allein gelassen worden und
unterhielt sich deswegen mit sich selbst
»Werd ich ihr ohne Zittern sagen können
Ich liebe dich
Nein ach ich zittre schon Mein wallend Herz
Scheut diesen Augenblick so sehr als ich ihn wünschte«
Herrmann stutzte der Mann hatte seine Empfindung aus dem Herze gestohlen Nicht
weniger als er wünschte Ulriken wiederzufinden fürchtete er sie verführt
ungetreu auf immer seines Hasses wert wiederzufinden
»Entfernt von ihren Augen will ich sie
Vergessen und dann sterben«
Ja wer es könnte dachte Herrmann
»Wie soll ich stets in Qualen seufzen
Die sie nicht kennt stets Tränen weinen
Die sie nicht fließen sieht«
Die Verse wurden so ganz mit seiner Empfindung gesprochen dass er sich nicht von
ihnen losreißen und kein Wort mehr von dem übrigen Monologe hören konnte die
ganze folgende Unterredung mit dem Vertrauten war ihm unleidlich widrig
langweilig denn sie enthielt kein Wort das auf seinen Zustand passte er gähnte
und mochte die langweiligen Schwätzer vor Verdruss nicht einmal ansehen
»Die Königin erscheint«
rief Antiochus auf dem Theater es kam auch wirklich eine dicke rotgetünchte
Königin im Fischbeinrocke und Goldstoffe sehr zierlich en coeur frisiert eine
Milchstrasse von funkelnden Steinen wie Sternchen quer über den hochgetürmten
Haaren gravitätisch dahergeschritten aber Herrmann würdigte die vergoldete
Majestät keines Blickes denn er hörte eben das interessantere Knarren einer
sich öffnenden Logentür und sah eine interessantere Königin im roten Pelze
hereinkommen Sie brachte ein junges Frauenzimmer von sechs oder sieben Jahren
mit sich dem sie einen bequemen Platz zurechtemachte indem fragte man sich im
Amphiteater hinter und vor Herrmanns Sitze wer ist das »Es ist die
Gouvernante bei der Fräulein Troppau« antwortete jemand Sie hatte während
ihrer Beschäftigung mit dem Niedersitzen der Fräulein ihr Gesicht beständig
niederwärts gebeugt und sah itzo erst sich in der Versammlung um »Eine
hübsche Physiognomie« sagte hier einer der sie lorgnierte »Eine artige
Figur« sprach dort ein anderer der durch einen Gucker sah »Ah« versetzte
ein dritter und zog jenem ungeduldig den Gucker vom Auge weg »Pardi eine sehr
interessante Physiognomie große schwarze Augen voller Feuer ein frisches
Teint« »Ah ça« fing ein grauhaarichter rotbackichter Franzose an der schon
lange mit seinen alten Augen unter den silbernen Augenbraunen hinaufgeblinzelt
hatte »donnez« und langte nach dem Gucker »Voulezvous voir Monsieur«
fragte der andre und überreichte langsam das Sehinstrument »Diable« rief der
Alte so laut dass alle Köpfe nach ihm herumfuhren »voilà une jolie petite
gueuse Voïez« fing der begeisterte Alte nach einem Weilchen wieder an und
stieß seinen Nachbar »Quel sourire elle a un trait de malignité cette petite
coquine« und jeden Augenblick wischte er mit begieriger Eilfertigkeit den
Gucker an der Manschette ab und schalt das fatale Instrument dass es den Blick
trübte wiewohl seine Augen trüber sein mochten als der Gucker »Elle me
charme« rief der Alte ganz außer sich vor Entzücken und zappelte mit den Füßen
»Voudriezvous bien l avoir« fragte sein Nachbar lachend »Je vous dis
Monsieur« antwortete der Alte zitternd vor Vergnügen »que cest un excellent
morceau« »Permettez« schnarrte ihm ein junges geputztes Männchen das schon
lange in allen Taschen nach seinem Fernglase vergeblich gesucht hatte und sich
doch schlechterdings die Schande nicht antun konnte mit bloßen Augen zu sehen
über die Schultern herüber riss ihm den Gucker aus der Hand und sah hin »Cest
une Allemande« fragte er man bejahte es »Elle passe« sprach er mit
kritischer Kaltblütigkeit und gab den Gucker zurück »Komment« rief der Alte
und drehte sich ereifert nach ihm um »was finden Sie an ihr auszusetzen so
eine artige runde Stirn Ich sage Ihnen die mediceische Venus hat kein artiger
Kinn und der kleine lächelnde Mund diese spirituelle Miene Ich sage Ihnen
ich kann kein schöner Gesicht malen und wenn Sie mich wie ein Prinz bezahlen
Les parties et lensemble je vous dis Monsieur quelle est delicieuse«
Während dieses Zankes verschlang auch Herrmann die Schönheit die er betraf mit
den Augen und um so viel begieriger weil ihm jeder Blick mehr bestätigte dass
es Ulrike sei Die Gleichheit war so vollkommen dass ihr auch nicht ein Zug
fehlte er hatte sie zwar nunmehr über ein Jahr nicht mit ruhiger Aufmerksamkeit
gesehen und das Gesicht musste seit seiner Abreise aus seiner Vaterstadt einige
beträchtliche Veränderungen gelitten haben wenn sie es sein sollte Er hätte
dem französischen Maler als er ihre Schönheit so lebhaft verteidigte mit
beiden Fäusten wider den jungen Laffen der sie nur leidlich fand beistehen
mögen Sie war ihm tausendmal reizender als sonst eine Gottheit musste sie mit
neuen Annehmlichkeiten belebt haben ihr Blick zog das Herz in die Höhe wie die
Sonne den Abenddunst Bei allem Lächeln ihres Mundes schien ihm geheime
Betrübnis aus ihrem Gesichte zu sprechen »Ganz natürlich« dachte er »sie
weiß nicht wo ich bin weiß nicht dass wir nur um einen Blick voneinander
getrennt sind« Itzt lenkte sie ihr Auge nach seinem Platze hin indem
erschallte vom Theater
»Meine Tränen meine Seufzer
Folgten dir an jeden Ort«
Ihre Miene wurde wehmütig ihre Lippen bewegten sich als wenn sie die Worte
leise zu ihm herabsprächen nun war in seinen Gedanken nichts gewisser als dass
sie ihn schon gesehen und erkannt hatte und verschiedene ähnliche Zufälle
bestätigten ihn völlig in seiner süßen Einbildung
»So viele Treue
Verdiente größer Glück«
sprach eine vierzigjährige Vertraute auf dem Schauplatze mit keuchendem Tone so
schlecht sie es sagte so klatschte er ihr doch seinen Beifall zu weil sie für
ihn eine so große Wahrheit gesagt hatte das Amphiteater hielt es für Spötterei
und folgte seinem Beispiele nach dass die arme Vertraute die nur eben
aufgetreten war vor Verwunderung über den so seltenen und jetzt ganz
unerwarteten Beifall den Kopf schüttelte
Bérénice
Ich will ihn nicht erwarten
Will unerwartet ihn hier finden und
Bei dieser Unterredung alles sagen
Was langverschlossne Zärtlichkeit
Zween liebenden zufriednen Herzen eingibt
Seine Einbildung täuschte ihn so gewaltig dass ihm die Worte nicht vom Theater
sondern aus Ulrikens Loge zu schallen schienen das Orchester hub nach ihnen ein
sanftes Andante an und Ulrike stand auf und ließ neugierig ihre Blicke im
ganzen Hause herumschiessen Aber warum sah sie nun nicht ihren Herrmann allein
an Er ärgerte sich dass ein Blick auf jemanden außer ihm fiel Endlich nach
langem Herumschauen trafen ihre Augen wirklich auf sein Gesicht sie sah es
starr und ernstaft an er lächelte zu ihr hinauf und die Freude als sie ihn
erkannte zwang sie unbewusst zu einer so entzückten Bewegung des Kopfs und
drückte sich so lebhaft in allen Zügen des Gesichts aus dass ihre Bewunderer im
Amphiteater sich neidisch nach dem Gegenstande umsahn dem die Freude galt
Mit halbem Zweifel an der Wahrheit des Anblicks erfolgte ein Wink mit den Augen
und dann auf beiden Seiten ein förmlicher Gruß allein bei aller Zurückhaltung
waren sie doch nicht zurückhaltend genug denn ihrem beiderseitigen
vertraulichen Nicken worin der ganze Gruß bestand konnte auch ein
Halbblinder anmerken dass es mehr als Höflichkeit ausdrückte Nach dieser
Beobachtung richtete sich nunmehr die Neugierde der Umstehenden auf den
glücklichen Menschen welchem ein so englischer Gruß herabgeworfen wurde man
fragte sich ringsum niemand kannte ihn Der alte Franzose der sie vorhin so
lobpries drängte sich über zween Plätze weg zu ihm hin und hielt ihm mit einem
sehr höflichen »Monsieur« seine Tabaksdose vor Herrmann sah nichts was tiefer
als Ulrikens Kopf war der Maler stieß ihn also an Herrmann wandte sich hastig
und warf ihm die lackierte Büchse aus der Hand dass sie unter den Bänken bis ans
Parkett hinabrollte Der Mann wollte zwar diese Gelegenheit nützen ein Gespräch
einzufädeln allein die Musik schwieg und er musste sich gleichfalls zum
Schweigen entschließen
Nunmehr wurde das Schauspiel eine unaufhörliche Unterredung für die beiden
Liebenden Herrmann war Titus und Ulrike machte sich zur Bérénice jede
Süßigkeit jeder Ausdruck der Zärtlichkeit jede Versicherung der Treue jede
Sentenz die mit ihrem beiderseitigen Zustande übereinstimmte wurde
unmittelbar wie sie aus dem Munde der Schauspieler heraustönte in Gedanken von
beiden wiederholt und mit einem Blicke von ihm zu ihr hinauf oder von ihr zu ihm
herab auf ihren Zustand angewendet
Titus Ach welcher Liebe soll ich mich entschlagen
Paulin Ja leider einer glühend heißen Liebe
Titus
O tausenfältig heißer ist sie Freund
Als du dir denken kannst Mir war es Wonne
Sie jeden Tag zu sehen zu lieben und ihr zu gefallen
Titus
Ich kenne sie ich weiß dass nie ihr Herz
Nach einem andern als nach meinem strebte
Ich liebte sie gefiel ihr und seit jenem Tage
Soll ich ihn traurig oder glücklich nennen
Verlebt sie fremd in Rom und unbekannt dem Hofe
Die Tage liebt und wünscht kein grössres Glück
Als eine Stunde mich zu sehen
Die übrigen mich zu erwarten
Ich sehe sie benetzt mit Tränen
Die meine Hände trocknen sollen
Was nur die Liebe kennt um mächtig stark zu fesseln
Kunstlose Sorge zu gefallen Schönheit Tugend
Oh alles alles find ich in ihr
Während dieser geheimen Unterredung schien die ganze Versammlung vor Herrmanns
Augen zu schwimmen Lichter Kulissen Menschenköpfe tanzten in schwebender
Verwirrung wie trübe ferne Schatten vor ihm herum das einzige Bild das seinen
ganzen Horizont füllte das deutlich und bestimmt durch die Augen bis zur Seele
und zum völligen hellen Bewusstsein gelangte war Ulrike Bérénice war für ihn
das höchste Ideal eines schönen Schauspiels und Schauspieler und
Schauspielerinnen schienen ihm Apoll mit den neun Musen die in eigener Person
herabgestiegen waren das schönste Stück meisterhaft zu spielen Seine Nachbarn
dachten zwar hierinne ganz anders und es flogen von allen Seiten lustige
Einfälle über die spielenden Personen um ihn herum allein für ihn war dieser
Widerspruch nicht hörbar Nichts belästigte ihn als der Maler der so gern um
Ulrikens willen seine Bekanntschaft machen wollte denn er sprach nicht bloß mit
dem Munde sondern noch mehr mit dem Ellebogen und beschwerte sich zornig bei
seinen Nachbarn über die Unhöflichkeit des Menschen der ihm nur mit unwilligen
Mienen oder gar mit einem erzürnten »laissezmoi« antwortete Es lag ihm um
soviel mehr daran seinen Zweck zu erreichen weil seine Bekannten sich über ihn
lustig machten und gleichsam mit Bonmots nach ihm warfen
Da Ulrike merkte dass man mit allen Augen Guckern und Lorgnetten aus dem
Amphiteater nach ihr zielte und dass man nunmehr alle diese Sehwerkzeuge auch im
Parkett und den Logen nach ihr richtete befand sie für gut ihren Stuhl
zurückzuschieben und sich so zu setzen dass sie nur für sehr wenige sichtbar
blieb In dieser Pause gelang es dem Maler wirklich den müssgen Herrmann ins
Gespräch zu ziehen »Monsieur connoissezvous cette Dame« fing er an »Ob
ich sie kenne« fragte Herrmann mit pikiertem Tone »So gut als mich« »Ah«
brach der Maler abermals in ihr Lob aus »quels yeux quel front quelle bouche
quel joli tour de visage«
Herrmann So viel Geist in der Miene So viel Feuer im Auge
Der Franzose Quel teint quel nez
Herrmann Und die feine zarte Haut so sanft so annehmlich wie ihre Seele
Der Franzose Quelle gorge Je vous dis Monsieur quelle est delicieuse
und dabei zog er alle fünf Finger über den Mund weg
Herrmann Sie haben die Hände noch nicht gesehen so weiß so fleischicht
von einem so liebevollen Drucke dass man nicht denkt hört noch sieht wenn man
von ihnen berührt wird
»Diable« schrie der Maler und fing mit seinem Lobe wieder von vorn an Für
die Nachbarn war es ein wahrhaftes Lustspiel die beiden Leute so unerschöpflich
und inbrünstig um die Wette einen Gegenstand loben zu hören einer redete in den
andern hinein und wollte ihn übersteigern Beide zeichneten freilich als
Verliebte aber Herrmann noch am treffendsten Ulrikens Bildung war in Ansehung
der einzelnen Teile nicht schön ein strenger Beurteiler würde vielleicht an
jedem für sich betrachtet etwas zu tadeln gefunden haben aber in der
Zusammensetzung bildeten sie vom Kopf bis zu den Füßen das niedlichste Ganze in
jeder Bewegung war Geist ihre Miene beständig sprechend und oft stärker
sprechend als ihre Worte ihr Gesicht ein abwechselndes Gemälde von kleiner
mutwilliger Lustigkeit und Gutherzigkeit und der immer bleibende Grund auf
welchem dieses Gemälde sich zeigte eine ausgebreitete schuldlose Heiterkeit
ob sie gleich in ihren Bewegungen und Handlungen oft bis zur Unbesonnenheit
rasch war so wurde doch selbst diese Raschheit von einer gewissen Anmut
begleitet von Sanfteit so gemildert dass jemand von ihr sagte sie habe zwei
Seelen eine männliche und eine weibliche Ihr Wuchs und der feine Gliederbau
war vielleicht die einzige körperliche Schönheit die sie auszeichnete von der
äußersten Fusszehe bis zum Wirbel schwebte Anstand und Reiz wie ein Paar
Liebesgötter mit ausgebreiteten Fittichen um sie her Ihr erster Anblick
überwältigte man musste schlechterdings mit solcher Ergiessung loben wie der alte
Franzose und fand man gleich in der Folge weniger Schönheit an ihr so hielt
doch ihre Naivität und ungekünstelte Munterkeit dem ersten heftigen Eindrucke so
sehr die Waage dass man seine Verminderung nicht sonderlich wahrnahm oder
wahrnehmen wollte
So richtig zeichnete freilich weder der Franzose noch Herrmann ob sie
gleich den ganzen fünften Akt über dem Gemälde ihrer Göttin verplauderten der
Maler erbot sich sie zu malen lud Herrmannen zum Abendessen zu sich ein und
versprach ihn en buste et en demifigure gratis zu malen wenn er ihm die Ehre
verschafte ihr Porträt zu machen Herrmann schlug nicht ab und sagte nicht zu
denn eben als sie auf diesen Handel kamen machten die Schauspieler ihre
Verbeugung und der Vorhang rollte herab ohne die Ankündigung abzuwarten
drängte sich Herrmann ungestüm durch die Bank der Franzose hinter ihm drein da
standen sie beide an der äußersten Tür und lauerten Es kamen rotgemalte und
weissgetünchte Damen und gelbe hustende Herren in Pelze gewickelt Laufer
schwangen die Fackeln Bediente kreischten mit rauen Hälsen den schlummernden
Kutschern zu die wartenden Herren klagten über Kälte und ihre Damen über Nässe
Kutschen rollten dahin rollten daher geblendete Fußgänger krochen an den
Wänden hin den trampelnden Rossen zu entgehn andre schrien erschrocken dass
sie an Pferdeköpfe rennten hier lauschte ein frierender Liebhaber auf seine
verzögernde Schöne dort ein brummender Ehemann auf die plauderhafte Gattin
hier wurde mit leisem Gezischel eine Nacht bedungen dort um bessern Kredits
willen eine bezahlt ein gähnender Kopf klagte da über die Langweiligkeit des
Stücks und beschwerte sich dass er nur zweimal im ganzen Trauerspiel gelacht
habe hinter ihm lobte eine empfindsame seufzende Schöne das Rührende des
Schauspiels sie war gerührt worden ach gerührt dass ihr noch die Tränen über
die Wangen flossen vor ihr drängte sich eine rauschende Französin am Arme ihres
Anbeters vorüber »Ah« schrie sie »cette piese ma dechiré le coeur« und
brach in ein lautschallendes Gelächter aus weil sie ihr zweiter Anbeter von
hinten galant in die Seite knipp ein deutscher Kritikus lachte des matten
französischen Ausdrucks der drei Einheiten und des tragischen Kreischens und
ein französischer bewies ihm mit hitziger Demonstration aus dem Batteux dass die
Franzosen die besten Trauerspieldichter auf der Erde sind schöne Eheweiber die
von dem händeküssenden und scharrfüsselnden Haufen ihrer Liebhaber Abschied
nahmen während dass der Mann grunzend in der Kutsche auf sie harrte
schnatternde Franzosen und schweigende Deutsche ein verwirrter Haufen in
mannigfarbiger Mischung quoll aus allen Türen hervor das Gedränge wurde schon
dünne noch war Ulrike nicht da Der Maler guckte jeden Augenblick mit langem
Halse nach ihr und Herrmann fürchtete schon zitternd dass er sie übersehn habe
»Ah voilà notre Princesse« schrie der Maler Sie kam aber o ihr guten
Götter von einem Offizier geführt Herrmann wurde totblass vor Schrecken Sie
sprach sehr munter mit ihrem Führer ohne sich umzusehn der Offizier nahm mit
einem Händekuss Abschied und sie schwang sich federleicht in den Wagen hinein
Nun hatte der arme übersehene Herrmann nichts Geringers zur Absicht als dem
Wagen aus allen Kräften nachzulaufen um ihre Wohnung zu erfahren er sprang
also die Treppe hinunter der Maler ihm nach »Ecoutez Monsieur« rief er und
ergriff ihn bei dem Rocke der brennende Verliebte riss sich los dass alle Nähte
des Kleides prasselten und nun in einem Galoppe hinter dem geliebten Wagen
drein Von Neid und Besorgnis über den Offizier gequält von der Fackel des
aufstehenden Bedienten mit einem glühenden Pechregen übersprützt keuchend und
stolpernd setzte er den langen Lauf standhaft fort durch Pfützen Kot und
Schlammhaufen dass beständig ein feiner Hagelregen von Unflat auf sein Gesicht
und Kleidung herabstürzte der Weg ging durch die Königsstrasse über die Brücke
hinweg und noch durch einige Strassend der Vorstadt Der Wagen hielt Ulrike
eilte mit ihrer jungen Begleiterin lachend und schäkernd die breite Treppe
hinan
Sich in so höchst beschmutzter Gestalt in ein so schönes Haus zu wagen dazu
gehört viel aber seinem Wunsche so nahe sich über so mannigfaltige Unruhen und
Besorgnisse kein Licht zu verschaffen und ganz unverrichteter Sache wieder
abzuwandern dazu gehörte noch mehr er entschloss sich kurz und wagte sich die
Treppe hinan Bediente liefen geschäftig mit dem Abendessen mit Tellern und
Lichtern auf dem Vorsaale hin und wider er erkundigte sich bei einem nach der
Gouvernante der Fräulein »Die Mamsell Herrmann« fragte der Bediente »eine
Treppe höher über den Flur weg rechts am Ende die große Tür hinein über den
Saal linker Hand die dritte Tür« plappernd sprach er dies und ging seinen
Weg
Himmel das war eine Tagreise Er wiederholte sich die angezeigte
Marschroute und wandelte die Treppe hinan den ganzen langen Flur durch jetzt
hörte er Ulrikens Stimme die große Tür öffnete sich sie kam heraus ihr
Fräulein an der Hand schäkernd und lachend sie erblickte Herrmanns beschmutzte
Figur dicht an die Wand gedrückt sah halb schüchtern mit gerecktem Halse
stillstehend nach ihm erkannte und erschrak dass sie aus aller Fassung geriet
Die junge Fräulein bestürmte sie mit einer kindischen Frage nach der andern wer
es sei und drückte sich furchtsam mit dem Kopf an Ulrikens Seite es antwortete
ihr niemand Endlich brach Herrmann das minutenlange Stillschweigen und
berichtete dass er die Ehre habe der Mamsell Herrmann einen Brief zu
überbringen »Gleich Herr Vetter« rief Ulrike dort flog sie hin
Herrmann freute sich seiner verliebten List und der glücklichen
Gemütsfassung womit er sie ausführte er musste lange warten Itzt schwebte
seine Göttin in dem seidenen schlanken Anzuge leicht wie auf den Fittichen der
Luft durch den dämmernden Korridor daher ihr glühendes Gesicht leuchtete von
fern wie der aufgehende Mond hinter rötlichen Abendwolken Vom Laufen erschöpft
bat sie ihn ihr zu folgen So zeremoniös wie einen Fremden führte sie ihn in
ihre Stube und nun weg waren alle Komplimente Sie warf sich ihm um den Hals
er ihr ihr Gesicht lag auf seiner Schulter das seinige an der ihren
»Willkommen Herzensheinrich« schluchzte sie in sein Kleid hinein »tausendmal
willkommen Herzensulrike« antwortete er mit der nämlichen Dumpfheit der
Stimme
Ulrike riss sich los »O dass ich dich habe« rief sie »Dass ich dich hier
habe wo uns niemand kennt niemand hindern kann«
Herrmann Wohl mir wohl wie im Himmel dass ich dich habe Aber wehe uns
wenn wir uns nicht behalten dürfen
Ulrike Ich bitte dich Heinrich mache mich nicht wehmütig Wozu denn nun
itzo das Flennen Ich war so lustig ich hätte mögen über Tisch und Stühle
wegspringen da schlägst du mir gleich meine Wonne mit deinem schwermütigen
Wehe danieder Ich glaube die Freude macht dir den Kopf wirblicht Besinne
dich doch Ich bin ja da was willst du denn weiter
Herrmann Glücks genug so wahr ich lebe Glücks genug Aber du weißt nicht
was ich fürchte doppelt fürchte
Ulrike Was hast du denn so Fürchterliches zu fürchten Und gar doppelt
Also zum ersten
Herrmann Man sucht dich Onkel und Tante wissen dass du hier bist sie
versprechen demjenigen der dich findet zehn Dukaten
Ulrike So wohlfeil bin ich ihnen
Herrmann Noch mehr Jemand dem nach diesem Preise lüstet gibt
entehrenderweise vor dass er dich in einem schändlichen Hause gesehen habe und
verspricht dich zu liefern Er schwört dass diejenige die er genau kennen
will deinem Porträte das der Onkel an einen Kaufmann geschickt hat damit er
dich nach ihm finden soll dass jene Person deinem Porträt auf ein Haar ähnlich
sieht und sobald sie in seiner Gewalt ist wird sie fortgeschickt
Ulrike Lass sie schicken lass sie schicken Ich wollte dass sie mir wie aus
den Augen geschnitten gliche
Herrmann Aber bedenke Ulrike welchem Rufe dich diese falsche Nachricht
aussetzt wie der Graf zürnen wird wenn er sich so schändlich hintergangen
sieht
Ulrike Lieber Heinrich das sind zwei Sachen an die wir wahrhaftig nicht
denken müssen wenn wir Lust haben uns zu freuen Ein Mädchen das ihrer Tante
heimlich entlaufen ist muss mit dem Rufe vorliebnehmen der ihr zuteil wird
wenn sie sich nicht damit trösten kann dass sie keinen bösen verdient so muss
sie zu Hause bleiben in ein Stift gehen oder einen Stock heiraten wie ihn der
liebe Gott beschert O Heinrich mannigmal mitten in meiner Lustigkeit sticht
michs wie ein Dorn am Herze wenn mir der Gedanke durch den Kopf fährt dass ich
von allem dem Kummer und Herzeleid und Zank und Lärm die Urheberin bin aber der
Schritt ist einmal geschehen ja Heinrich so sehr ich dich liebe sollt ich ihn
noch tun ich bedächte mich Ein entlaufnes Mädchen und ein lüderliches werden
gar leicht miteinander verwechselt und dann so schüchtern wie ein
gescheuchtes Reh herumzuirren immer fürchten dass man gehascht wird zwischen
Schimpf und Misshandlung eingesperrt Gott weiß es ein trauriges Leben O
Heinrich Heinrich weinen sollten wir nicht lachen ich schien mir nur
glücklich weil ich nicht an unser Unglück dachte
Herrmann Du schienst dirs nur Du bists Aber ich ich werd es nie
Ulrike Warum nicht Leidest du Not Heinrich sprich Du Verzagter so
härme dich doch nicht Ich habe Geld Geld in Menge Geld ich weiß nicht wohin
damit ich will dich kleiden will deine Taschen füllen will herzlich gern Pelz
und alle Kleider verkaufen wenn dirs nicht genug ist sprich und der Jude
soll gleich da sein nur ängstige mich nicht und sage dass du unglücklich bist
Herrmann Ulrike ich bin glücklich bei dir mit dir durch dich aber in
meinem Herze fasst auch dies Glück keine Wurzel Nimm ihm so viele
Leidenschaften die es zusammenpressen dass mir der Atem vergeht die Begierde
die mich immer vorwärts zieht die mich an die Zukunft fesselt und die Gegenwart
nicht fühlen lässt dann erst machst du mich fähig glücklich zu sein
Ulrike Sage mir nur woher dir die unselige Laune kommt Du warst sonst so
munter ich wette du bist bei dem Doktor Nimmersatt oder wie dein Doktor in
Dresden hieß so ängstlich geworden Was bekümmert dich die Zukunft Wir können
ja kaum mit der Gegenwart zurechtekommen Mache nicht dass ich auch zum
Murrkater werde hernach ists gar mit uns aus Wir haben so nicht viel Freude
zuzusetzen
Herrmann Aber sage mir nur Ulrike wo ich die Freude hernehmen soll Ein
elender Kaufmannsbursch vom Morgen bis zum Abend dem Befehle und Zwange
unterworfen zu widrigen langweiligen schlechten Verrichtungen genötigt der
es kaum wagen kann dich zu lieben sobald er bedenkt was er ist ein
Unglücklicher dem nichts auf der Welt gelingt ohne Beruf ohne Stand ohne
Ehre ein Verachteter Herabgesetzter ein Irrläufer der seine Bestimmung sucht
und sie nie finden kann solch ein Kind des Unglücks soll sich freuen Wie
kann das Ross springen wenn es im Karren ziehen muss
Ulrike Warte armer Heinrich warte ich will dich ausspannen Sage deinem
Kaufmann noch heute dass du nicht länger sein Junge sein willst Ich habe
jährlich zweihundert Taler alle Bedürfnisse frei und bekomme Geschenke über
Geschenke die zweihundert Taler sind dein ganz dein miete dir eine Wohnung
lebe für dich Freunde und Patrone will ich durch unser Haus schon für dich
finden und dann ist uns beiden geholfen was sollen wir weiter Du armer
lieber Kaufmannsjunge wie bist du denn in das Leben geraten da du keinen
Gefallen daran findest Warum bist du so misstrauisch gewesen und nicht gleich
wie du gingst und stundst nach Berlin gekommen als ich dir schrieb
Herrmann Als du mir schriebst Nicht eine Zeile von deiner Hand hab ich
empfangen
Ulrike So ist doch wahrhaftig dein Doktor des Hängens wert Vierzehn Tage
nach meiner Ankunft in Berlin hab ich dir mit dieser meiner rechten Hand
geschrieben dass du nach Berlin kommen sollst und dir ein Haus angezeigt wo
wir uns finden wollten Gut dass ich damals meine itzige Station noch nicht
hatte Den Brief hat der unselige Doktor aufgefangen und der Oberstin
zugeschickt
Herrmann Zuverlässig denn Schwinger berichtete mir dass die Oberstin
deinen Aufenthalt ausgekundschaftet habe
Ulrike Und Tante Sapperment hat den aufgefangenen Brief an die Tante Gräfin
geschickt
Herrmann Und der Oberstin Brief ist in die Hände des Grafen geraten das
schrieb mir Schwinger
Ulrike Und nun hat der Graf mein Porträtchen hergeschickt um mich
aufsuchen zu lassen
Herrmann Und nun hat sich jemand gefunden der dem Porträt ähnlich sieht
Ulrike Und diesen Jemand wird man statt meiner dem Grafen schicken Das
ist die ganze Geschichte Wort für Wort als wenn ich ihr zugesehn hätte
Herrmann Gewiss das ist sie O der Freude dass uns das Glück so wohlwill
Ulrike Überglücklich sind wir Bedenke nur was das für eine Lust sein
muss wenn sie denken sie haben Ulriken im Garne und pah da kommt ein
Jüngferchen heraus das sowenig ihre Ulrike ist wie der Karpfen den wir heute
gegessen haben
Herrmann O welche köstliche Szene Ich muss lachen wenn gleich der Kopf
darauf stünde
Sie lachten auch beide so herzhaft und priesen den glücklichen Zufall mit so
vieler Fröhlichkeit dass sie den Bedienten nicht kommen hörten als er mit dem
Tischzeuge anlangte um zu decken Sobald sie ihn gewahr wurden nahmen sie
wieder die Miene des Zwangs und der Fremdheit an
Ulrike Herr Vetter Sie werden mir die Ehre erzeigen und heute bei mir
speisen
Herrmann Wenn Sie erlauben Mamsell werde ich die Ehre haben Ihnen
Gesellschaft zu leisten
Man schwieg der Bediente deckte ging und nun laute Freude und inniges
Gelächter über die komplimentarische Betrügerei
Ulrike Ich habe dir deinen Namen den ganzen Weg über gestohlen um des
Diebstahls willen verklagst du mich wohl nicht Ich kriege ja doch den Namen
einmal was schadets ein paar Jahre früher als er mir von Gott und Rechts
wegen zukömmt
Herrmann Ich möchte dass er dir schon jetzt vor aller Welt zukäme Aber
warum ein paar Jahre früher Nunmehr können wir die Entfernung unsers Glücks nur
nach Wochen berechnen
Ulrike Du hast recht Heinrich Was das für eine alberne Rechnung war die
ich machte Du hast recht was will uns denn nun hindern Der Graf kriegt
ehester Tage eine Ulrike wenns auch gleich nicht die Rechte ist was liegt
denn daran Er mag sie dafür behalten und ihr alle seine Gnade und seinen Zwang
schenken Nun sind wir ja alle befriedigt er hat eine Ulrike und ich meinen
Heinrich O du allerliebster Kaufmannsjunge wir sind glücklich wie die Engel
Herrmann Glücklich dass mein Herz vor Wonne schmelzen möchte
Der Bediente unterbrach abermals ihre Freude er brachte die Suppe
Ulrike Wollen der Herr Vetter die Gewogenheit haben Platz zu nehmen
Herrmann Ich werde das Vergnügen haben Ihnen gegenüberzusitzen
In diesem Tone mussten sie sich während der Suppe erhalten weil sie der
Bediente nicht verließ Das war eine drückende Last Ulrike machte ihm also
weis dass seine Gegenwart anderswo nötig wäre und dass er deswegen das ganze
übrige Essen zugleich aufsetzen sollte das alte faule Geschöpf ließ sich so
etwas mit Freuden überreden und folgte ihrem Rate Nun sahen sie sich sicher und
frei aber ihre Herzen waren zu überströmend voll dass sie noch lange schwiegen
und viel zu reden glaubten weil sie innerlich mit sich selbst sprachen Bei
Ulriken löste sich zuerst die Zunge
»Es ist mir schon lange eingefallen« fing sie an »ob mich nicht die Frau
verraten haben möchte die mich von Leipzig nach Dessau brachte Vergeblich hab
ich zwei Tage in Leipzig auf dich gewartet hast du mein Billett vor meiner
Abreise von Dresden nicht empfangen«
Herrmann Empfangen aber unglücklicherweise durchaus verwischt
Nachgeflogen wär ich dir aber das fatale Blatt sagte mir alles nur den Ort
nicht wohin ich sollte Wie konntest du so ein Wagestück unternehmen
Ulrike Es hat mich Überwindung genug gekostet Man schrieb mir meine
Mutter wäre schon unterwegs um mich ins Stift abzuholen einen so nahen Besuch
konnt ich unmöglich abwarten ich ersah mir die Gelegenheit und wischte fort
Ich hatte mir schon lange vorher vorgenommen wenn die Saiten zu hoch gespannt
würden nach Berlin zu gehen und mich als Kammermädchen zu vermieten Tante
Sapperment hat eine alte Landkarte von Obersachsen auf Leinwand geklebt und
noch vom seligen Herrn Gemahle angekauft jetzt wird sie zuweilen statt des
Strohtellers unter die Schüsseln gelegt auf dem alten berussten Blatte suchte
ich mir den Weg nach Berlin zusammen Eine Kappe über den Kopf ein
Reisebündelchen am Arme in Saloppe und Negligé wanderte ich zum Tore hinaus
meine Tante war zum Souper gebeten Hans Pump ausgegangen die Köchin in ihrer
Kammer es ging mir alles nach Wunsche In der Vorstadt treffe ich einen
Bauerwagen der vor einem Wirtshause hält »Willst du denn noch so spät nach
Hause Gürge« fragte ein Mensch der vermutlich der Hausknecht oder gar der
Wirt sein mochte und trank dem Bauer einen Krug zu »Ja« antwortete Gürge
»es ist aber heint verzweifelt dunkel« »Narr du wirst dich doch wohl nicht
fürchten« fing jener wieder an »Bis Wilsdruf ists ja nicht aus der Welt«
Die Nachricht war mir gar sehr gelegen da der Wirt gute Nacht gesagt hatte
ging ich leise zu dem Bauer hin und bot ihm einen guten Abend »Gürge willst
du mich mit nach Wilsdruf nehmen Ich gebe dir einen Gulden« Gürge lachte und
wunderte sich dass ich ihn so genau kannte »Wer ist Sie denn« fragte er
Eine Pfarrerstochter aus Meissen ich will eine gute Freundin besuchen »Ist
Sie denn schwer« fragte der drollichte Schäker und hub mich in die Höhe »Ach
dass mich das Schäfchen bisse Das ist ja eine Feder Sie wird mir die Pferde
nicht lahm machen« und mit diesen Worten warf er mich so leicht wie ein Bündel
Stroh in den Wagen hinein machte mir einen Sitz und gute Nacht Dresden Mir
klopfte mein Herz dass ich dachte die Schnürbrust würd es nicht halten können
Im Tore raffte ich mich so gut es sich tun ließ zusammen zog die Kappe tief
über das Gesicht dass man nicht viel sehen konnte ob man mir gleich ins Gesicht
leuchtete ich antwortete richtig auf alle Fragen und kam mit meiner Erdichtung
durch Heinrich wie froh ward ich da wir außer dem Schlage waren Die Furcht
saß zwar hinter und vor mir und auf allen Seiten und mein armes Herz pochte wie
eine Uhr Jeden Augenblick dachte ich jetzt wird man mich zu Hause vermissen
jetzt wird man mir nachschicken Das beste war dass die Oberstin den Abend vor
zwölf nicht nach Hause kam und mich vermutlich im Bette glaubte demungeachtet
war mir nicht wohl dabei zumute Ich ermahnte und bat den Bauer inständigst
hurtig zu fahren allein er meinte wir hätten ja nichts zu versäumen zündete
sich ein Pfeifchen an und kam zu mir in den Wagen Wie ward mir nun vollends
bange die Stricke woran er die Pferde lenkte band er sich an den Fuß und
beliebte sich und mir die Zeit mit einer galanten Schäkerei zu vertreiben er
schlang seine plumpen Arme um meinen Leib
»Der Bauerkerl« unterbrach sie Herrmann erhitzt
Ulrike Ja ja lieber Heinrich der Bauerkerl wenn du eifersüchtig werden
willst warte nur es wird bessere Gelegenheit dazu kommen Sieh du
Eifersüchtiger so schlang er die plumpen Arme um mich wie ich dich jetzt
umfasse
»Ha ha ha« fing er lachend an »dass dich alle Rotkehlchen Sie ist ja so
dünne wie mein kleiner Finger Sie nehm ich in die Hand und trag Sie bis nach
Leipzig und Merseburg Wie könnt Sie denn nun so dünne sein es ist ja gar
nichts an Ihr« Als er vollends meine Hand ergriff brach er in lautes Lachen
aus und wälzte sich vor spottender Verwunderung »Ach dass du mir nicht aus
der Haut hüpfst« rief er »Das Patschchen wäre mir mein Seel kaum ein Bissen
zum Morgenbrote Dass dich alle Nachtmützen was das für Fingerchen sind Es ist
hol mich der Six als wenn einem vier Regenwürmer in der Pfote lägen« Dass er
nichts an mir nach seinem Geschmacke fand war mir sehr angenehm aber zum
Unglücke zog er bei dem heftigen Ausdrucke seines Erstaunens den Strick mit dem
Fuße bald hierhin bald dorthin und die Pferde wurden wider seinen Willen eine
Anhöhe hinaufgelenkt dass sich der Wagen schon zu legen anfing ich schrie und
der Tölpel lachte aus allen Kräften Endlich verstummte sein Spaß er legte
sich so lang er war neben mir hin und schnarchte dass die Toten hätten
erwachen mögen Bei mir war an keinen Schlaf zu denken immer stellte sich mir
meine Entlaufung als etwas Schimpfliches etwas Strafbares vor immer deuchte
mir als ob mich jemand vom Wagen risse meine Angst drängte mich so gewaltig
dass ich mehr als einmal herabspringen und zu Fuße nach Dresden zurückgehn
wollte Die Dunkelheit die Gefahr des Umwerfens denn der Wagen hing bald auf
diese bald auf jene Seite meine innerliche Beklemmung O Heinrich das war
eine schreckliche Nacht Dunkle und lichte Wolken hingen über mir wie große
Riesen mit flammenden Schwertern die auf mich herabzustürzen und mich für meine
Unbesonnenheit zu strafen drohten Gegen Mitternacht fing der Wind an zu pfeifen
und zu brausen und die großen dicken Wolken liefen wie große ungeheure
Elefanten und Löwen und Trampeltiere über den Mond weg bald sah die ganze
Gegend im schnellabwechselnden Mondscheine wie ein Kirchhof aus voller Gräber
und weißer Leichensteine bald bildete ich mir ein dass die Pferde in einen
großen Teich hineinstolperten ich schrie und weckte meinen Gürgen auf der mich
schnarchend versicherte es wäre weißer Sand Etlichemal erschrak ich bis zur
Todesangst ein schwarzer langer Mann lehnte am Wege dort die Pferde gingen
gerade auf ihn los ich wollte sie immer weglenken Das ist ein Räuber ein
Mörder dachte ich die faulen Pferde gingen sogar langsamer da wir ihm nahe
kamen als wenn sies mit ihm abgeredet hätten damit er mich desto besser auf
den Kopf schlagen könnte Der Wagen war noch einige Schritte von ihm so schoss
plötzlich eine schwarze Figur dicht an mir vorbei über den Wagen weg ich bebte
und konnte nicht schreien als wenn mich der Mörder schon bei der Kehle gepackt
hätte Nach einigen ähnlichen Auftritten kam ich dahinter dass meine Mörder
Bäume und die schwarzen Figuren die über den Wagen dahinliefen Schatten von
Wolken waren die der Wind über den Mond jagte Oft schien die ganze Gegend
ringsherum von Menschen zu wimmeln sie hüpften sie sprangen sie tanzten
manche schwarz manche weiß die weißen fletschten die Zähne und zuletzt wurden
es in meinen Augen leibhaftige Totengerippe ich hörte die Knochen klappern
wenn sie im Tanze aneinanderstiessen sie kamen immer näher immer näher die
Zähne klapperten mir vor Furcht wie den Toten die Knochen und dabei fuhren die
langen Schatten immer unter ihnen durch wie schwarze Teufel die sie wegführten
Deine des Onkels der Tante Stimme hab ich unaufhörlich im Winde gehört Tante
Sapperment fluchte und du riefst mir nach »Warte warte Ulrike« ich hörte
dich keuchen dich auf den Wagen springen ich erwachte und erkannte meine
Vorstellungen für Traum oder Wind
Ein neues Unglück Mein Bauer wachte auf und versicherte als er sich umsah
dass seine Pferde den Weg verfehlt hätten er ging einen Fleck voraus um
gewissere Nachricht einzuziehn und brachte keine bessere zurück als dass wir
auf einem falschen Wege wären Dafür wurden dann die armen Tiere trefflich
ausgescholten aber nicht bestraft es war nichts zu tun als gerade bis zu
einem Dorfe fortzufahren Es geschah wir langten nach einer beschwerlichen
Fahrt über Stock und Stein in einem Dorfe an und erfuhren vom Nachtwächter dass
unser Umweg nicht weniger als zwo Stunden betrug Mein Gürge lachte von Herzen
über den Eselsstreich wie er es selbst nannte und beteuerte seinen Gaulen dass
sies nicht dümmer hätten machen können wenn sie gleich Esel wären
Demungeachtet bekamen sie ein kleines Futter und erst am Morgen trafen wir in
dem Städtchen ein hier erfuhr ich dass mein Gürge der Knecht eines dortigen
Bürgers war denn er bat sich meinen Gulden aus und brachte mich zu Fuß in ein
Wirtshaus damit es sein Herr nicht gewahr würde dass er sich nebenher mit
seinen Pferden etwas verdient habe »Hol mich der Six er zieht mirs am Lohne
ab« sprach er und empfahl mich der Wirtin zu guter Pflege
Sonst hielt ichs immer für eine leichte Kunst in die Welt hineinzulaufen
aber wie schwer fand ich sie jetzt Die Wirtin meinte es außerordentlich gut mit
mir und bereitete mir das köstlichste Frühstück das sie aufbringen konnte
aber aber jeder Tropfen wurde mir Galle jeder Bissen ekelhaft alles Geschirr
war reinlich aber wars nicht genug für mich Ich hatte mich auf dem offenen
Wagen die Nacht hindurch erkältet war wie zerschlagen am ganzen Leibe spürte
Mattigkeit und Hitze in mir und bat mir deswegen ein Bette aus auf welches ich
mich warf ohne Frühstück noch Nachsetzung zu achten Die gute Frau sah mich
immer bedenklich an und tat Ausruf über Ausruf wegen meiner Blässe
Schlaflosigkeit Wind Herumschütteln des Wagens und Erkältung hatten mich
wirklich so bleich gemacht dass ich vor mir selbst erschrak als ich in den
Spiegel sah Was soll das werden dachte ich Erst eine Nacht und schon so
mitgenommen Aber was hilfts Soll der Vogel von selbst wieder in den Käfig
fliegen wenn er einmal heraus ist Nein ich muss nach Berlin oder unterwegs
umkommen Ich war an der Stubentür einen Postbericht gewahr worden und las
darin dass eine Post nach Leipzig den nämlichen Tag von Dresden abging ich
erkundigte mich näher bei der Wirtin danach »Ja meine Scharmante« sagte
sie »diesen Nachmittag kommt sie hier an« und zu gleicher Zeit erbot sie
sich alles für mich zu besorgen
Ich hatte nicht lange auf dem Bette zugebracht als die Frau zu mir leise
herankam und mich fragte ob ich schlief Sie tat allerhand seltsame Fragen an
mich die ich äußerst kurz oder gar nicht beantwortete sie fühlte mir an den
Puls an die Backen an das Herz an die Füße und schüttelte jedesmal mit dem
Kopfe und jedes Kopfschütteln wurde mit einem tiefgeseufzten »Ei ei«
begleitet Der Ton und die Fragen verdrossen mich und ich fragte was sie
hätte »Ach meine Scharmante« fing sie an »ich habe ein Anliegen Sie
werden mir meine Vorwitzigkeit zugute halten ich habe ein Anliegen« »Was
denn« »Sie sind von Dresden« Ich wusste nicht ob ich Ja oder Nein
antworten sollte »Ich komme daher« sprach ich »Legen Sie mir doch meine
Vorwitzigkeit ja nicht übel aus meine Scharmante Sie sehen mir sehr blass aus
überaus blass« »Darf man denn nicht blass aussehn wenn man von Dresden kommt«
fragte ich etwas empfindlich »Ei ei Ja ja« Das war die ganze Antwort
Ich versicherte sie dass sie mich böse machen würde wenn sie ihr Anliegen nicht
geradeheraus sagte »Um Gottes und aller Welt willen nicht meine Scharmante«
rief sie »böse müssen Sie nicht werden das könnte Ihnen gar leicht Schaden
tun Haben Sie denn etwa da Sie von Dresden kommen aber Sie müssen meine
Vorwitzigkeit ja nicht übel deuten haben Sie denn etwa so etwas aufgeladen«
»Was meint Sie damit« »Sie sind doch noch Jungfer dass ich Ihnen nicht etwa
Unrecht tue oder haben Sie schon einen Mann« »Nein« antwortete ich ohne
sie recht zu verstehen Endlich tat sie eine so deutliche Frage an mich die ich
schlechterdings verstehen musste und die mich so entsetzlich aufbrachte dass ich
sie gehen hieß und ihr unwillig den Rücken zukehrte Die Frage der Frau erlaubte
mir nicht ein Auge zuzutun so müde ich war ich ärgerte und härmte mich über
den schrecklichen Verdacht und stellte mir die Nachreden vor die ich mir in
Dresden zugezogen haben würde und was für gefährliche Mutmaßungen ich noch in
Zukunft erregen könnte Ich weinte vor Schmerz und Kummer verbarg das Gesicht
in dem Kopfkissen vor Scham ich konnte vor Beklemmung kaum atmen ich fühlte
einen wirklichen Fieberschauer O Gott dachte ich wenn du vor Krankheit
hierbleiben müsstest man fände dich holte dich zurück und sperrte dich wie eine
Gefangne auf immer in ein Stift ein oder zwänge dich einen Pinsel zum Manne zu
nehmen damit du nicht wieder entlaufen könntest Die Vorstellung war mir so
fürchterlich dass ich aufstund und in der Stube auf und nieder ging und immer
davonlaufen wollte als wenn ich meiner Angst dadurch entlaufen könnte
»Arme Ulrike« sprach Herrmann vor Mitleid »Wie gern hätt ich deine Angst
für dich tragen wollen«
Ulrike Indem ich so herumirrte kam die Wirtin mit einer Flasche
Branntewein und zwei Gläsern schenkte ein und reichte mir das Glas »Meine
Scharmante« fing sie an »Sie waren vorhin auf meine Vorwitzigkeit böse kommen
Sie wir wollen den Groll zusammen vertrinken« Ich wollte nicht aber ich
musste einen Schluck tun die Magd brachte Backwerk und ich entschloss mich zum
zweiten Schlucke weil mir der erste merkliche Dienste getan hatte Sie lobte
die Güte ihres Tranks und erzählte wieviel Wunderkuren sie schon damit
verrichtet hätte trank dabei so reichlich als wenn sie sich von Grund aus
kurieren wollte und kam allmählich auf die Heiratsgeschichte ihres verstorbnen
bucklichten Mannes Sie wurde so aufgeräumt und ihre Erzählung war so lustig
dass ich meine ganze Angst darüber vergaß die dicke Frau fing an zu tanzen vor
Aufgeräumteit und sang sich mit einem klaren pfeifenden Stimmchen dazu der
Anblick war komisch um in Todesnöten darüber zu lachen Ich musste sie bitten
mich zu verlassen denn das Lachen und das starke Getränke machten mich so
schläfrig dass ich den Kopf nicht aufrecht halten konnte Ich legte mich und
schlief glücklich ein Bei Tische aß ich mit einem Appetite als wenn ich bei
dem Onkel zu Tafel wäre die Frau Wirtin erzählte mir ihre Ehe mit dem
bucklichten Manne lauter drollichtes Zeug Mir war so wohl dass ich mich
munter und fröhlich des Nachmittags auf die Post setzte meine Gesellschaft
Eben kam ihr Fräulein vom Essen zurück und man musste die Erzählung
abbrechen und wieder fremd tun Überdies war es schon sehr spät und Ulrike bat
dass sich der Vetter morgen gegen Abend wieder zu ihr bemühen möchte um ihre
Antwort auf den überbrachten Brief abzuholen Er empfahl sich sehr höflich und
ging
Zweites Kapitel
Herrmann erhielt bei seiner Ankunft zu Hause wohin er erst nach stundenlangem
Herumirren den Weg fand von seinem Kameraden die Nachricht dass der Diener
schon die zehn Dukaten verdient und das Mädchen ins Haus gelockt habe wo sie
heute übernachte dabei berichtete er auch den Unwillen des Herrn über sein
langes Aussenbleiben und hinterbrachte ihm als eine geheime Entdeckung dass der
Herr willens sei ihn mit dem Mädchen wieder nach Hause zu schicken
Den Morgen darauf bestätigten sich alle diese Nachrichten der Kaufmann ließ
ihn zu sich auf die Stube kommen und stellte ihm sehr glimpflich vor dass er
nicht zum Kaufmanne tauge und für ihn insbesondere ganz unbrauchbar sei er habe
also sich schon längst vorgenommen ihn nach Verlauf der Probezeit wieder von
sich zu tun allein da sich ihm jetzt eine so bequeme Gelegenheit darbiete
wieder nach Hause zu seinem Freunde Schwinger zu kommen so solle er sich in
Bereitschaft setzen diesen Nachmittag mit abzufahren »Die Anverwandtin des
Grafen« setzte er hinzu »ist gefunden ich habe sie niemals gesehen weil sie
schon in Dresden war als ich mich wegen meiner Geschäfte auf seinem Schloss
aufhielt Wir sollen sie nicht merken lassen was mit ihr vorgeht ich habe ihr
also eine Lustreise vorgeschlagen denn so hat es der Graf ausdrücklich
verlangt sie hat die Partie angenommen mein Kuffer wird in dem Tore heimlich
hinter der Kutsche aufgepackt und hab ich sie nur einmal ein paar Stunden von
der Stadt so soll sie schon reisen müssen wenn sie nicht im guten will Du
musst sie wohl kennen«
Herrmann Ja nicht sonderlich so ziemlich
Der Kaufmann Ich will sie dir hernach zeigen aber dass du dich nicht von
ihr blicken lässt sie möchte sonst Argwohn schöpfen Sie hat sich mit dem
Bordellwirte veruneinigt und ist schon ein paar Tage her für sich in der Stadt
herumgewandert sie sieht hübsch aus aber es ist ein erzlüderliches Tier Wenn
ich wie der Graf wäre ich ließe sie laufen und dächte gar nicht daran dass sie
meine Verwandtin ist Man muss aber das dem Grafen verschweigen schreibe ja
nichts an Schwingern davon und wenn du nach Hause kommst tu als wenn du
nichts davon wüsstest Sie ähnlicht zwar dem Porträt nicht ganz aber wie sie
gelebt hat es ist ein Wunder dass sie sich noch so ähnlich sieht Es tut mir
leid dass wir nicht beisammenbleiben können aber es ist vielleicht zu deinem
Glücke halte dich also bereit
Herrmann dankte mit den tiefsten Verbeugungen für sein Anerbieten und
ersuchte ihn nur um die Erlaubnis sich noch einen oder etliche Tage im Hause
aufzuhalten er habe schon längst Abneigung gegen Kaufmannsgeschäfte in sich
gefühlt und sich deswegen nach einer Schreiberstelle umgetan die er in einigen
Tagen anzutreten und wodurch er Sekretär in einem angesehenen Hause zu werden
hoffte Der Kaufmann fragte nach dem Namen des künftigen Herrn und Herrmann
nennte ihm einen Geheimerat auf welchen sich jener freilich nicht recht
besinnen konnte weil Herrmann auf der Stelle seinen Namen erfunden hatte Er
musste noch ein paar Fragen von dahin gehörigem Inhalte beantworten und er log
sich glücklich aus der Verlegenheit heraus
Eine gelungne Lüge verleitet leicht zur zweiten Der Kaufmann rief die
vermeinte Ulrike zu sich in die Stube und Herrmann musste sie aus dem Kabinette
beobachten Er fand wirklich einige Ähnlichkeit mit Ulriken an ihr aber nur wer
die rechte Ulrike nicht gesehen hatte konnte die falsche mit ihr verwechseln
Der Kaufmann fragte ihn um seine Meinung und das Glück die wahre Ulrike zu
besitzen und die Freude einen Mann zu kränken der ihn von jeher gehasst hatte
machte ihn so übermütig keck dass er versicherte sie sei es leibhaftig Nun war
aller Zweifel bei dem Kaufmanne gehoben
Dreimal viermal glücklicher Herrmann Kaum vermochtest du dein Glück zu
fassen Von lästigen Beschäftigungen befreit mit den angenehmsten Aussichten
auf Fortkommen und Ehre geschmeichelt am Grafen durch eine einzige Lüge
gerächt und vor allen Dingen in Ulrikens ungestörtem Besitze einer
Verbindung mit ihr wenigstens in Gedanken nahe ohne Furcht ohne Besorgnis
entdeckt verfolgt getrennt zu werden in der schönsten glänzendsten Stadt
Deutschlands wenn das nicht dem Glück im Schoße sitzen heißt was soll es
denn sein
Sein Glück sollte noch höher wachsen gegen Mittag kam eine Frau und brachte
ihm folgenden Brief von Ulriken
den 27 Jan
Freude Freude lieber Heinrich Wir kommen einander immer näher Ich habe heute
mit Madam Vignali Deinetwegen gesprochen sie will Dir meinen Fenstern
gegenüber in ihrem Hause ein Zimmer einräumen Dich mit Möbeln Betten und
allen übrigen Bedürfnissen versorgen So viel tut sie mir zu Gefallen und wenn
sie Dich kennt will sie Dich Dir zu Gefallen bei sich speisen lassen Sie
sagte zwar »Wenn ich ihm und er mir gefällt« aber das ist gar keine Frage
Das sagt ich ihr auch »Er muss Ihnen gefallen oder « weiter wollt ich nichts
sagen aber es verdross mich dass sie noch erst daran zweifeln konnte Kurz und
gut lege Deinen Kaufmannsjungen ab und bestelle in der Minute den Schneider
Lass Dich herausputzen wie einen Prinz Ich bezahle und wenn mein Geld nicht
zureicht streckt mir Madam Vignali Hände voll vor Ich freue mich schon wie ein
Kind auf die erste Puppe wenn meine Herzenspuppe mein Heinrich zum ersten
Male im Degen Chapeau bas seidnem Futter gestickten Knöpfen en herisson
frisiert wie ein Adonis vor mir erscheinen wird Ob dich Dich kennen werde
Vielleicht nicht mit den Augen aber mein Herz erkennt Dich gewiss das hüpft Dir
gleich entgegen sobald Du nur in die Stube trittst es will itzo schon mit
aller Gewalt zur Schnürbrust heraus und wenn ich das närrische Ding frage was
ihm ist »er kommt er kommt« ruft es und will sich ganz vor Freude zerstossen
Du musst mit Deinem Putze morgen früh zustande sein denn morgen mittag um
zwölf Uhr sollst Du Madam Vignali aufwarten Sie hat mich schon auf morgen zu
Tische gebeten und ich hoffe dass sie selbst so gescheit sein und Dich auch
einladen wird Ich schicke Dir mit diesem Briefe hundert Taler damit Du die
nötigen Unkosten bestreiten kannst und nun lieber Heinrich kaufe bestelle
lass nähen und arbeiten und wenn der ganze Schneider mit seinen Gesellen darüber
zugrunde ginge ich lass ihn begraben wenn er sich zu Tode näht und setze ihm
auf seinen Leichenstein Ein wackerer Schneider er nähte hurtig und starb wie
ein Held für die ungeduldige Liebe Kann denn ein Schneider wohl eines edleren
Todes sterben
Vermutlich möchtest Du gern wissen was diese so oft genannte Madam Vignali
für ein Geschöpf ist Ich will Dirs sagen lieber Heinrich während dass sich
Frau Hildebrand die Überbringerin dieses Briefs die auch inskünftige unsre
Botenfrau sein wird ihre roten Finger an meinem Ofen auftaut Rundheraus
gesagt es ist die Mätresse meines Herrn er hält ihrer drei eine Italienerin
welches die hochbelobte Madam Vignali ist eine Französin die Mademoiselle
Lairesse heißt und eine Deutsche deren eigentlichen Namen ich nicht weiß weil
mein Herr die deutschen Namen nicht leiden kann hat er sie wegen ihrer
rosenfarbnen Wangen Mademoiselle Rosier genannt und das ist nunmehr bei
jedermann ihr Name Jede von diesen drei Schönen wohnt in einem andern Teile der
Stadt und ist jede also eine halbe Stunde von der andern entfernt Des Abends
gibt meistenteils Vignali ein kleines Essen für einen kleinen Zirkel guter
Freunde das der Herr von Troppau das Soupér der drei Nationen nennt weil die
andern beiden Lairesse und Rosier allemal auch dabei sind Sie leben sehr
einig und freundschaftlich untereinander besuchen sich oft und haben mich alle
drei von Herzen lieb die Hauptrolle aber spielt Deine künftige Gönnerin Madam
Vignali weil sie den meisten Verstand hat Du wirst sie alle nach der Reihe
kennenlernen und Dich herrlich bei ihnen befinden denn sie sind beständig
lustig und guter Dinge Nur Vignali ist ein wenig ernstaft und will gern wie
eine große Dame behandelt sein Nimm Deine ganze Galanterie zusammen bei ihr
denn davon ist sie Liebhaberin aber Schelm wenn Du mir nicht bei der
Galanterie stehenbleibst In ihrer und aller andern Gegenwart sind wir Cousin
und Kousine denn nun musst Du allmählich anfangen Dein Deutsch zu verlernen und
alles französisch zu nennen auch wenn Du deutsch sprichst Madam Vignali wird
französisch mit Dir reden weil sie kein Deutsch kann allein lass Dich das nicht
anfechten Ich habe sie schon vorbereitet dass Du in der Sprache noch nicht
geübt genug bist »Ich will ihn schon unterrichten« sagte sie Mit einer
solchen Sprachmeisterin bist Du doch wohl zufrieden
Ja doch gleich Frau Hildebrand Ihre Finger können unmöglich schon
aufgetaut sein Die Frau drängt und treibt mich dass ich vor Übereilung
tausend höchstnötige Dinge vergessen werde Lass sie Dir einkaufen helfen sie
versteht sich auf die Preise und ist ehrlich
Ich muss nur schließen denn sie treibt schon wieder O Heinrich wer hätte
sich in Dresden so überirdisch großes so übermässiges Glück träumen lassen Wer
hätte sich nur die Hälfte so vieler so entzückender Freude vorgestellt Ich
bin auch so trunken so wirblicht davon dass ich taumle ich glaube ich
phantasiere gar zuweilen Die Leute sagen immer dass die Liebe ernstaft macht
Lügen lauter Lügen Mich macht sie so lustig dass ich oft für mich ganz allein
lachen muss und ich bin doch verliebt das weiß der Himmel Ich glaube dass sich
alle Liebe die es nur auf der Welt gibt in das kleine Fleckchen hier in mein
Herz zusammengezogen hat Ich merke auch gar nicht dass sich jemand außer uns
liebt hast Du jemanden gesehen Nicht wahr keine Seele Die guten Leute
können nicht es ist so kalter Winter in ihren Herzen und Gesichtern wie auf der
Straße denn die Mädchen haben keinen Heinrich und die Jünglinge keine Ulrike
Wen ich nur erblicke der schielt mich an und seufzt in Gedanken Ach wer so
glücklich wäre wie die Sie dauern mich recht die armen Leute
Die ungestüme Frau Hildebrand fragt sie nicht schon wieder ob ich fertig
bin O sie kann sich heute den ganzen Tag bei mir wärmen ich bin doch immer
noch nicht fertig aber ich will mir Gewalt antun punctum Lebe wohl
Diesen Abend um fünf Uhr hofft man die Ehre zu haben den Herrn Cousin bei
sich zu sehen Es warten zwei Dinge auf dieselben meine Reisebeschreibung und
Deine
Deine Ulrike
Nach Empfang dieses Briefes wurde kein Augenblick versäumt die verlangten
nötigen Anstalten zur morgenden Aufwartung zu machen dem Schneider doppeltes
Macherlohn versprochen und alles übrige doppelt so teuer eingekauft als es
weniger eilfertige Leute bezahlt hätten Es schlug fünfe und der glückliche
Herrmann ging stolz auf sein Schicksal zur wartenden Ulrike
Drittes Kapitel
»Hilf mir lachen Ulrike« so trat Herrmann in ihre Stube »Hilf mir lachen vor
einer Stunde ist dein Porträt und ein Gesicht abgefahren das ihm wahrhaftig
ähnlicher sieht als ich glaubte dass dir ein Gesicht sein könnte Fort ist sie
Sie hat meinen gewesenen Prinzipal gebeten ihr heimlich ein Kleid von seiner
Frau zu geben allein er ist es nicht eingegangen sondern hat ihren ganzen
Anzug vom Juden geborgt und für die Bezahlung zu haften versprochen Welche
Lust wie der Graf stutzen und sprudeln wird wenn er eine falsche Ulrike
bekommt Der Kaufmann war sehr aufgebracht wider ihn dass er nicht mit der
Bezahlung innehält der Graf hat ihm von der versprochenen Summe nicht mehr als
tausend Taler ausgezahlt deswegen begleitet er seine Ulrike selber um deinen
Onkel zu mahnen und zu verklagen wenn er nicht Richtigkeit macht«
Ulrike Also gehts schon wieder schlimm Die arme Tante Gräfin Wenn die
nur nicht dabei leiden müsste das wird einmal ein Tränenvergiessen werden Ihre
Leiden gehen mir ans Herz aber ich kann sie jetzt unmöglich bedauern ich müsste
mirs an meiner Freude abbrechen das Mitleiden glitscht mir itzo nur über die
Seel weg und wie die Betrübnis tut davon weiß ich kein Wort mehr
Herrmann Das sollst du auch nicht nimmermehr wollen wir das wieder
erfahren Seitdem ich dich wieder habe ist mir jedermann verächtlich elend
klein die Leute auf der Straße wenn sie vor mir vorübergehn kommen mir alle
wie Zwerge vor ich rage weit über sie weg Die nichtswerten Geschöpfe denk
ich wozu leben sie um in niedrigen gewinnsüchtigen langweiligen Geschäften
herumzukriechen bestimmt des Lebens Last zu tragen und nie eine wahre Freude
zu fühlen Lieben können sie nicht denn es ist nur eine Ulrike Ich kann gar
nicht begreifen wie jemand sagen mag »Ich liebe« wenn er dich nicht lieben
darf alle die bewunderten Schönen alle sind sie gegen dich wie eine
Nachtlampe gegen die Sonne nicht eine Ader tut mir nach ihnen weh
Ulrike Bemitleide beklage sie die armen Geschöpfe was kann der Bettler
dafür dass er nicht so glücklich ist als der Reiche Ich habe heute allen
Leuten ins Gesicht lachen müssen so komisch verdrießlich und ernstaft sehen sie
mir aus Wenn ich mich nur einmal satt lachen dürfte Bei Tische brach es mir
heute etlichemal heraus ich verbarg es mit dem Schnupftuche aber die Frau von
Dirzau wurde es doch gewahr sie fragte mich was ich hätte und zum Glück
besann ich mich auf ein lustiges Histörchen das mir eingefallen wäre und das
ich ihr erzählte um nur einmal frei herauslachen zu können
Herrmann Und mich muss die Freude zerstreut verwirrt abwesend machen denn
der Kaufmann beschwerte sich über mich dass ich ihm so verkehrt antwortete und
immer nicht wüsste wo ich wäre »Du bist ja seit gestern gar zum Klotze
geworden« sagte er mir allein ich bat sehr inständig mich mit dergleichen
vertraulichen Benennungen zu verschonen da ich nicht mehr die Ehre hätte sein
Junge zu sein »wie trotzig« sagte er und wunderte sich »Und das mit
Recht« sprach ich und ging Auch deine Botenfrau klagte über mich dass sie
nicht klug in mir werden könnte
Ulrike Bei mir hat sie noch mehr geklagt Du misstrauischer Schelm warum
traust du ihr denn nicht Sie ist eine recht gute Frau
Herrmann Ich traue niemandem als dir und mir Ich habe leider die Erfahrung
gemacht dass man sehr gut scheinen und doch ein Spitzbube sein kann
Ulrike O du hocherfahrner Heinrich hat dich während unsrer Trennung die
Erfahrung so vorsichtig gemacht Du musst wissen dass wir dieser Frau unser
ganzes Glück zu danken haben Hab ich dir nicht gestern schon von ihr erzählt
Nein Itzt besinne ich mich ich setzte mich ja erst in meiner Erzählung zu
Wildsdruf auf die Post als wir gestern gestört wurden
Herrmann In was für Gesellschaft reistest du
Ulrike In herzlich schlechter Sie hingen alle die Köpfe wie welke
Maiblumen Ein Kandidat ein Kantor und ein Jäger sie waren fromm wie die
Schäfchen gegen mich denn keiner redete ein Wort mit mir und das war mir ganz
gelegen ich hatte mit mir genug zu sprechen Gegen Abend schickte der Himmel
einen gnädigen Regen der das entlaufne Mädchen so durchnässte dass ich am ganzen
Leibe eine Wasserflut wurde Ich zitterte vor Kälte fühlte schauerhaften
Fieberfrost mein Mut war ganz dahin Meine drei Gefährten wickelten sich in
Mäntel und Überröcke und verlangten gar nicht zu wissen ob mich fröre nur der
Postillion war so gutherzig und erkundigte sich nach meinem Befinden erbarmte
sich meiner und gab mir aus christlicher Liebe für vier Groschen seinen Mantel
bis zur nächsten Station Dort ließ man mir die nämliche Milde gegen den
doppelten Preis angedeihen O Heinrich beklage dein armes entlaufnes Mädchen
Die Strafe war wirklich zu hart In einen gelben Mantel vom Kopf bis an die Knie
gewickelt unten in Stroh eingepackt bald frierend dass mir das Herz bebte
bald glühend wie ein Feuerofen und bei der größten Hitze noch innerlich
schauernd vor Frost saß ich armes Geschöpf verlassen und allein die übrige
Nacht durch auf dem Wagen und die Wolken strömten so ungeheure Fluten auf mich
herab dass Stroh und Füße in Wasser schwammen wie eine zarte kranke Blume vom
Platzregen ersäuft in den Boden gedrückt saß ich da trauerte und weinte
Meine Seelenkümmernis erwachte Reue und Furcht vor der Zukunft quälten mich
und so wurde die unbesonnen verliebte Ulrike das Spiel eines doppelten Sturms
von innen und von außen ein krankes Schäfchen in einer menschenlosen Wüste
Obgleich die übrige Reise hindurch die Grausamkeit des Wetters nachließ
blieb ich doch krank und niedergeschlagen langes Fasten Mattigkeit
Rückenschmerzen von der Erschütterung des rumpelnden Wagens Übelkeit Verdruss
Fieber raubten mir die Kraft ein Auge aufzuschlagen oder ein Glied zu rühren
Mitten in einer Station stieg ein sächsischer Soldat auf ein Kavallerist der
bis nach Grimma bei mir blieb Kaum hatte er meine Krankheit aus mir
herausgefragt welches er gleich tat als er Platz genommen hatte so warf er
hastig seinen Mantel von sich richtete mich auf ließ den Postknecht halten und
wickelte mich so derb in seinen roten Mantel ein dass ich fast erstickte holte
eine zottichte Mütze aus der Tasche weitete sie über das Knie und setzte sie
mir auf meine Kappe darüber ich bat ihn seine Güte nunmehr nicht weiter zu
treiben allein er ruhte nicht bis ich ein Paar wollne Handschuhe annahm
worein er meine Füße steckte Ich dankte ihm mit einem gerührten Blicke und
beklagte dass er sich aller Bequemlichkeiten um meinetwillen beraubte »Ha«
sprach er »das Hemde vom Leibe können Sie kriegen wenn Sies haben wollen
Solche Kerle wie mich macht der liebe Gott alle Tage aber ein hübsches Mädchen
nur alle Jahre einmal Du bist ein rechter Halunke Schwager« rief er zum
Postknecht »dass du das arme Nüsschen so frieren lässt« »Ich kann sie ja nicht
wärmen es ist kalt« antwortete der Postillion mit gedehntem Tone »Könntest
du dich nicht ausziehn bis auf die Haut und deine Kleider auf sie decken Du
hölzerner Peter wirst doch wohl nichts erfrieren und wenn du im Hemde bis nach
Rom fährst Soviel will ich Ihnen nur sagen« wobei er sich zu mir
herüberbeugte »solange ich bei Ihnen hin soll Ihnen nichts zuleide geschehen
hier ist Mordgewehr Mich hat einmal ein Mädchen vom Tode errettet und seit der
Zeit hab ich ein Gelübde getan kein Mädchen in der Welt Not leiden zu lassen
ich gehe durch Feuer und Wasser für Sie wenn Sies verlangen Was wollen Sie
sagen Ich habe einmal um eines Mädchens willen dreißig Fuchteln gekriegt Potz
Geier das tat« In diesem Tone fuhr er fort mir alle seine Heldentaten für
die Mädchen seiner Familie und seiner Kameraden Geschichte zu erzählen und er
plauderte mir wirklich einen großen Teil meiner schmerzhaften Empfindungen weg
dabei war er äußerst sorgsam nachzusehn ob etwa der Mantel sich irgendwo
aufgeschlagen hatte und den rauen Wind auf mich streichen ließ und wo er nur
einen verdächtigen Fleck traf da kam er dem Übel sogleich zuvor Dieser
wohlmeinende Plauderer stieg zwar vor Grimma ab allein der Wagen war kaum bei
dem Postause so fand er sich schon wieder ein und bat mich mit ihm bei seiner
Mutter einzukehren bei welcher er sich auf Urlaub aufhielt Ich nahm die
Einladung an und wurde mit einer Güte von der alten Witwe und ihrem Sohn
bewirtet gepflegt gewartet mit einer Güte die ich zeitlebens nicht
vergessen werde Doch äußerte auch diese Frau bei aller Güte einen kränkenden
Verdacht der mir Ruh und Pflege verbitterte ein Mitleiden über meine Jugend
und Schwächlichkeit des Körpers ein Mitleiden mit so mancherlei bedenklichen
Reden vermischt dass mir die Seele blutete Ich gab mir alle Mühe ihr den argen
Verdacht einer geschehnen Verführung zu benehmen sie entschuldigte sich zwar
und versicherte dass sie etwas dergleichen von so einem artigen Frauenzimmer gar
nicht dächte und schwur Gott sollte sie vor einem solchen Argwohn bewahren
aber des Predigens über die Verführungen der Mannspersonen und des Bedauerns
über junge verführte Mädchen ward doch kein Ende Ich versicherte sie dass ich
eine Freundin in Leipzig besuchen wollte und aus Unwissenheit den geraden Weg
verfehlt hätte dass ich durch die Empfehlung dieser Freundin Gouvernante in
Berlin werden sollte sie beteuerte mir ebenso stark dass sie alles glaubte und
fuhr immer in ihren bedenklichen Äußerungen fort Als ich drei Tage bei diesen
Leuten zugebracht hatte kam der Sohn des Nachmittags voller Freuden in die
Stube und brachte mir die Nachricht dass morgen in aller Frühe ein Kapitän mit
Extrapost nach Leipzig fahren und mir auf seine Fürbitte einen Platz in seiner
Chaise geben wolle
Herrmann Und du nahmst den Platz an
Ulrike Was sollt ich tun Mein Kavallerist versicherte mich dass ich
nichts zu fürchten hätte »Der Mann hat eine Frau und drei Kinder« sagte er
»er ist schon ein bisschen alt und mein speziell guter Freund und Patron er hat
einmal als Leutenant bei meinem Vater seliger im Quartier gelegen und da tut er
Ihnen nichts darauf können Sie sich verlassen« Ich nahm mit Tränen von den
guten Leuten Abschied mein Fieber und mein innerlicher Kummer hatten mich so
weichmütig gemacht dass mich jedes Wort zum Weinen bringen konnte ich legte
einen Dukaten hin allein der Sohn schwur dass er des Teufels lebendig sein
wollte und die Mutter dass sie Gott bewahren sollte einen roten Pfennig
anzunehmen ich drückte dem Reuter dankbar die Hand als er mir den Dukaten mit
Gewalt in die meinige legte und hätte ihn küssen mögen
Herrmann Und ich möcht ihm Millionen schenken wenn ich sie hätte Ulrike
wenn wir jemals glücklich zusammen werden die Leute sollen bei uns wohnen
sollen Freud und Leid mit uns teilen sie sind meinem Herze mehr als Vater und
Mutter Aber liebste Ulrike also reistest du mit dem Offiziere
Ulrike Warum fragst du denn so ängstlich Er war ja alt und hatte eine
Frau und drei Kinder Sei unbesorgt Er hat unterwegs mehr mit dem Postknechte
als mit mir gesprochen und wenns ihm einfiel mich zu unterhalten so redete
er von Rebhühnern wilden Schweinen zahmen und wilden Enten oder erzählte mir
ein Jagdhistörchen über das ich zum Unglück nicht lachen konnte Sonst galt es
ihm gleich ob mich hungerte fror oder durstete und etlichemal schalt er mich
recht derb aus dass ich mich auf so eine Reise so leicht angezogen hätte da ich
doch so eine elende patschichte Kreatur wäre Überhaupt fand er immer etwas zu
tadeln und wo andre Leute bedauert hätten da schalt er Statt mir Wein oder
eine Höflichkeit anzubieten fragte er mit mürrischem strafendem Tone »Warum
trinken Sie denn nicht warum nehmen Sie denn meinen Mantel nicht wenn sie
friert« Da wir in Leipzig ausstiegen dankte ich ihm sehr demütig für seine
Güte allein er wollte meinen Dank nicht ohne ihn anzuhören sprach er »Es ist
gerne geschehen« und wandte sich zum Postknechte um mit ihm über den Bau
seiner Chaise zu sprechen Ich war nicht zwo Stunden im Gasthofe als sich eine
Putzmacherin die ihre Stube neben mir hatte und eine fremde Herrschaft in mir
vermuten mochte auf meinem Zimmer einstellte um mir ihre Waren anzubieten Ich
erschrak als ich die Stimme hörte und noch mehr da ich das Gesicht erblickte
es war die Putzmacherin aus Dresden von welcher Tante Sapperment so vielfältig
gekauft mit der ich so vielfältig geschäkert hatte Ich dankte leise und wandte
mein Gesicht weg aber unvorsichtigerweise trat ich so dass sie es im Spiegel
sehen konnte »Ei du allerhöchster Gott sind Sies denn wirklich« rief sie
aus und fuhr auf mich zu »Gott sei mir gnädig wie ich erschrocken bin Bin ich
besoffen oder nüchtern Ja ja Sie sinds ja mit Leib und Seele Ei
untertänige Magd liebes Baronesschen Behüte mich Gott in des Henkers Namen wo
kommen Sie denn her« Es half nun weiter keine Verstellung ich musste mich
entdecken Ich überredete ihr in der Geschwindigkeit dass ich mich mit der
Oberstin veruneinigt hätte und heimlich fortgereist wäre um mich zu einer
Anverwandtin in Berlin zu begeben Ich bat sie um alles in der Welt mich nicht
zu verraten und bot ihr Geld soviel ich nur entbehren konnte aber sie schlug
alles aus und tat einen entsetzlichen Schwur dass sie nichts über ihre Zunge
kommen lassen wollte wenn ich mich ihr ganz anvertraute Sie erbot sich mich
in zwei Tagen mit nach Dessau zu nehmen wohin sie mit Waren bestellt war und
weil sie dort ihre Muhme die Madam Hildebrand aus Berlin zu sprechen hoffte
so könnte ich alsdann mit dieser Frau vollends nach Berlin reisen Alles sehr
erwünscht für mich Wir fuhren mit einem Mietkutscher nach Dessau wo die Frau
Hildebrand schon wartete denn sie hatten einander dahin bestellt um gewisse
Angelegenheiten abzutun die ich nicht erfuhr Die Geschäfte der beiden Weiber
nahmen zwei ganze Tage hin alsdann wurde ich der Frau Hildebrand förmlich
übergeben und wir gingen zusammen mit der Post ab Nun war es hohe Zeit
offenherzig zu beichten und um Rat zu fragen meine achtzehn Dukaten hatten
abgenommen und wenn auch durch große Sparsamkeit der Rest noch einen Monat in
Berlin widerhielt was dann zu tun Ich tolles Mädchen hatte noch nie
hausgehalten und bildete mir ein dass man mit achtzehn Dukaten durch die halbe
Welt reisen könnte wie fand ich mich betrogen Ich eröffnete der Frau
Hildebrand mein Anliegen und fragte ob sie mir nicht zu einer Stelle als
Gouvernantin verhelfen könnte da sie nach der Aussage ihrer Muhme in allen
großen Häusern bekannt sein sollte Sie versprach nichts als ihren guten Willen
Sie bot mir so lange Wohnung bei sich an bis sich etwas für mich fände und
ermahnte mich beständig nicht ekel in den Bedingungen zu sein wenn ich das
nicht sein wollte wäre nichts leichter für so ein hübsches Frauenzimmer wie
ich als in Berlin unterzukommen Ohngefähr eine Woche verging nach unserer
Ankunft als sie mir einen Spaziergang unter die Linden vorschlug aber lieber
Himmel ich hatte keine Kleider Frau Hildebrand schaffte Rat Sie brachte mir
ein vollständiges reinliches seidnes Kleid koeffierte mich mit eigener Hand
und wanderte mit mir fort Niedergeschlagenheit des Herzens und die
Schwächlichkeit vom Fieber machten mich furchtsam ich konnte kein Auge
aufheben und wenn ichs wagte kam mirs vor als wenn jedermann nach mir sähe
und von mir spräche gleichwohl bekümmerte sich niemand um mich wie mich meine
Begleiterin versicherte außer einigen Mannspersonen die mir starr in die Augen
sahen oder wohl gar stehenblieben und nach mir wiesen Ich war so beklommen dass
ich die Frau bat mit mir umzukehren weil mir das Anstarren fremder Personen
unerträglich wäre »Das müssen Sie sich zur Ehre rechnen« sprach sie »wer wird
denn so blöde sein Gucken Sie nur den Leuten recht dreist in die Augen mein
Schäfchen Sie werden bald Ihr Unterkommen finden dafür ist mir nicht leid ich
merke das schon Nur hübsch dreist mein Lämmchen« Auf dem Spaziergange waren
nichts als Mannspersonen und auch in keiner großen Anzahl denn es war schon im
Herbste und nicht sonderlich angenehm meine Begleiterin hatte viele Bekannte
unter ihnen die sie von Zeit zu Zeit auf die Seite nahmen und sich von ihr
etwas ins Ohr zischeln ließ indessen dass ich allein dort stund und mich von
den Vorübergehenden begaffen lassen musste besonders einer sehr mittelmäßig
gekleidet in einem grauen Überrocke gestiefelt und gespornt nahm mich in so
genauen Augenschein als wenn er meine Person auf seine ganze Lebenszeit merken
wollte Er sprach ein paar Worte leise mit der Hildebrand und gleich darauf
riet sie mir wieder nach Hause zu gehen wir tatens und unterwegs entdeckte
sie mir dass dieser Herr der mich so genau angesehen habe Herr von Troppau
heiße eine Gouvernantin für ein siebenjähriges Fräulein brauche und mich morgen
vormittag bei sich sehen wolle Mir war die Einladung höchst ungelegen aber was
konnte ich tun Ich musste mich dazu entschließen und ging mit der Hildebrand
am folgenden Vormittag zu ihm hin Er empfing mich mit ungemeiner Politesse und
führte mich sogar bei der Hand ins Zimmer dass ich stutzte und nicht anders
glaubte als dass er meinen Stand wüsste Wir setzten uns der Bediente brachte
Schokolade und ein paar Teller Näschereien unser Gespräch wollte sich nicht
sonderlich erwärmen Sein überaus ernstes Ansehen und Betragen seine abgebrochne
Art zu reden sein starrer steifer Blick schreckten mich anfangs nicht wenig
allein da ich glaubte dass er mich nicht zu sich verlangt habe um mich
anzusehen fing ich allmählich an ein wenig lebhafter zu plaudern Er lächelte
zuweilen und fragte endlich ganz abgebrochen ob die Hildebrand mit mir von
seiner Absicht auf mich gesprochen habe ich bejahte es »Ich werde schon
weiter mit Ihnen darüber sprechen« sagte er und schickte zu seiner Schwester
der Frau von Dirzau die mit ihm in einem Hause wohnt um sich erkundigen zu
lassen ob er mich ihr vorstellen dürfte der Bediente kam mit einem Ja zurück
und er führte mich zu ihr »Ich bin Witwer« sagte er unterwegs indem wir die
Treppe in den zweiten Stock hinaufstiegen »und meine Schwester hat meine
Tochter bei sich die Ihnen zur Erziehung bestimmt ist« Die Dame empfing
mich wie ihr Bruder sehr freundlich blieb ebenso ernstaft und besah mich so
genau dass keine Falte im Kleide kein Härchen auf dem Kopfe von ihrem Blicke
verschont blieb und wenn sie mich eine Zeitlang begafft hatte dann wandte sie
sich zu ihrem Bruder und sagte ihm leise ihr Urteil doch immer laut genug dass
ichs hören konnte es fiel meistens missbilligend aus wie ich auch schon aus
dem verzognen Munde und der gerümpften Nase hätte schließen können Ihre Fragen
an mich betrafen mein Alter meine Herkunft und andere Dinge dieser Art die ich
größtenteils mit Lügen aus dem Stegreife beantworten musste Der Bruder war bei
allem was sie über mich sprachen entgegengesetzter Meinung was die Schwester
tadelte lobte er und da sie beinahe alles tadelte lobte er auch beinahe alles
an mir zuweilen schien es sogar als wenn er sich über sie aufhielt Sie bat
mich zum Mittagsessen der Herr von Troppau ging auf die verbindlichste Weise
mit mir die Treppe herunter und befahl einem Bedienten mich zu Madam Vignali zu
bringen drückte mir die Hand bei dem Abschiede und stieg wieder die Treppe
hinauf zu seiner Schwester Madam Vignali nahm meinen Besuch auf welchen sie
schon vorbereitet war bei dem Putztische an und in drei Minuten war ich schon
in die Frau verliebt Sie empfing mich mit offenen Armen und zween der
freundschaftlichsten Küsse wünschte sich sogleich nach den ersten Komplimenten
Glück dass sie in so nahe Verbindung mit mir geraten sollte bat um meine
Freundschaft als um die größte Wohltat die ihr widerfahren könnte schilderte
mir den Herrn von Troppau als den freigebigsten edeldenkendsten angenehmsten
Mann die Frau von Dirzau hingegen kam desto schlimmer weg »Sie hat ehemals
gelebt wie wir alle« sagte sie von ihr »sie hat geliebt und sich lieben
lassen die Vergnügungen hat sie bis zur Tollheit geliebt und die Narrheit
begangen einen großen Teil ihres Vermögens dabei zuzusetzen Um ihren Aufwand
unter einem ehrbaren Vorwande einzuschränken warf sie sich vor zwei Jahren in
die Devotion und lebt und liebt seitdem im stillen sie ist mannigmal von einer
so skandalösen Frömmigkeit dass man nicht bei ihr aushalten kann Sein Sie auf
Ihrer Hut sie ist erstaunend höhnisch spöttelt über alles mit der Miene eines
kanonisierten Heiligen sie ist das Archiv aller Stadtneuigkeiten und besoldet
ein halbes Dutzend alter Huren die herumschleichen und Nachrichten für sie
sammeln müssen Wahrscheinlich werden Sie in diesem Bureau des affaires
scandaleuses auch einen Platz bekommen und Sie tun klug wenn Sie sich ihn
beizeiten selbst nehmen das ist das einzige Mittel ihr zu gefallen und ich
rate Ihnen nicht ihr zu missfallen Sie wären verloren da Sie bei ihr wohnen
und speisen werden wenigstens für jetzt ich werde den Herrn von Troppau schon
antreiben dass er seine Tochter bald von ihr wegnimmt die arme Kleine wird zum
Schafe bei der Frau« Das waren ungefähr die Nachrichten die sie mir nebst
einigen andern von gleichem Schlage erteilte Beim Weggehn führte sie mich in
ein kleines Kabinett zog eine Rolle Geld aus dem Schreibschranke und übergab
sie mir »Sie brauchen vermutlich Geld« sprach sie »um sich Kleider
anzuschaffen nehmen Sie« Ich weigerte mich erstaunt über eine solche
Gütigkeit »Ich leih es Ihnen« fing sie an als sie meine Verlegenheit
merkte »Aber ich werde Sie nicht wiederbezahlen können« sprach ich »Das
wird sich schon geben wenn es alle ist wenden Sie sich an mich« Unter
Küssen Umarmungen Versicherungen der Freundschaft und Liebe trennten wir uns
Heinrich sage Kann man eine bessere liebenswürdigere edlere Frau finden
Herrmann Bis hieher fürwahr nicht Wenn nichts dahintersteckt
Ulrike Über den Misstrauischen Wer hat dich nur dazu gemacht Ach ja
deine Erfahrung sagtest du ja vorhin So ist diese vortreffliche Frau bis auf
die Stunde gegen mich geblieben meine einzige vertrauteste Freundin meine
Zuflucht bei allen Bedürfnissen unsre Herzen sind einander offen und unsre
Anliegen und Wünsche gehen aus einem in das andre über sie erzählt mir ihre
kleinsten Begebenheiten und wenns auch nur eine verlorne Stecknadel wäre wir
singen tändeln schwatzen miteinander kurz wir lieben uns wie zwo
Freundinnen sich lieben müssen keine kann ohne die andre einen Tag zubringen
und wenn wir uns einen halben Tag nicht gesehen haben leiden wir wie bei einer
ewigen Trennung und sehen wir uns dann wieder o da ist die Freude so voll so
herzlich mit Tränen fließen wir bei der ersten Umarmung zusammen unsre Hände
schließen sich ineinander erwärmen sich unter dem feurigsten Drucke und möchten
sich gern noch inniger vereinigen wenn sie nur könnten Oft sitz ich neben ihr
auf dem Sofa rede lange kein Wort kann auch nicht reden so voll ist mir mein
Herz es steigt mir vor süßer Wehmut bis in die Gurgel herauf ein angenehmer
Schauer läuft mir durch den ganzen Rücken hinab ich kann mich nicht halten ich
werfe mich der vortrefflichen Frau an die Brust und schluchze und weine große
Tropfen und möchte mich gern in ihre Seele hieindrücken können O Heinrich nur
diese edle Freundin hat mir deine Trennung erträglich gemacht ich liebte dich
in ihr Wenn eine weibliche Freundschaft auf der Erde wahr und ohne Affektation
gewesen ist so muss es die unsrige sein ich zittre vor Vergnügen wenn ich mir
sie nur denke
Herrmann Aber bist du gewiss versichert dass Vignali dich ebensosehr liebt
als du sie
Ulrike Wie du nur so einfältig fragen kannst Einfältig recht einfältig
ist das gefragt
Herrmann Erzürne dich nicht liebe Ulrike
Ulrike Fast möcht ich Tue nicht noch eine so wunderliche Frage oder du
bringst mich gewiss afu Ob sie mich liebt Sehe höre fühl ichs denn nicht
Sie erfüllt ja meine kleinsten Verlangen kommt meinen Wünschen zuvor lauert
recht auf Gelegenheit mir Gefälligkeiten zu erzeigen gibt mir Geld soviel ich
nur brauche ohne zu bedenken dass ichs ihr niemals wiedergeben kann will auch
schlechterdings nichts wiederhaben liebt man da nicht wenn man alles das tut
Du solltest nur unsern Abschied sehen wenn wir uns auf eine ganze Nacht
verlassen müssen wie wir immer voneinander wollen und nicht können immer
umarmen und küssen und gute Nacht sagen und immer wieder stehnbleiben noch
etwas zu sagen haben dann wieder umarmen wieder küssen und so zehnmal
zwanzigmal Abschied nehmen und zwanzigmal stehnbleiben bis wir an der untersten
Haustür sind und noch reißen wir uns mit Mühe los um eine ganze Nacht
voneinander zu sein liebt man da nicht wenn man das tut Sage mir eine von
deinen hocherfahrnen Erfahrungen die alles das zur Lüge macht Möcht ich dich
doch tausendmal lieber dumm und einfältig als misstrauisch sehen Der Himmel weiß
es wie sehr ich dich liebe aber so wahr ein Himmel ist ich müsste aufhören
dich zu lieben wenn du so misstrauisch bliebst
Sie war so lebhaft aufgebracht dass sie einigemal die Stube hastig auf und
nieder ging Herrmann suchte sie zu besänftigen ging ihr nach warf einen Arm
um sie und drückte sie zärtlich an sich
»Liebste Ulrike« sprach er »zürne nicht Ich will allen meinen Verdacht
alles mein Misstrauen unterdrücken wenn es dich beleidigt lieber unvorsichtig
mit dir ins Unglück rennen als dich durch Vorsichtigkeit kränken Komm setze
dich erzähle mir weiter Du nahmst von Vignali Abschied und nach diesem
Morgenbesuche gingst du Wohin liebe Ulrike«
Ulrike Zum Mittagsessen bei der Frau von Dirzau es war gerade zwölfe und
Vignali sagte mir »Die Frau von Dirzau setzt eine Ehre darein mit den
Tagelöhnern zu gleicher Zeit zu essen gehen Sie also gleich hinüber« Wirklich
war es auch hohe Zeit denn die Suppe stand schon auf dem Tische als ich
anlangte Die Frau von Dirzau sagte in eigener Person ein langes langes
Tischgebet her wozu die Fräulein auch einen kleinen Zuschuss tat und
gegenwärtig geht das Beten nach der Reihe herum Sie mein Fräulein und ich wir
machten wie seitdem täglich den ganzen Tisch aus und saßen lange sehr züchtig
und still da die Frau von Dirzau legte vor Als sie den ersten Löffel Suppe
essen wollte fing sie mit einem höhnisch verzognen Munde an »Sie haben der
Madam Vignali die Kour gemacht« »Ja der Herr von Troppau hat mir befohlen
sie zu besuchen« »Daran haben Sie wohlgetan es ist eine sehr kluge Frau«
Nun stund unser Gespräch still Da sie die Suppe aufgezehrt hatte welches sie
äußerst bedächtig tat hub sie wieder an »Wie gefällt Ihnen die Vignali«
»Ausserordentlich wohl Sie hat mich empfangen wie eine Schwester« »Das ist ja
sehr schön es ist eine Frau voller Lebensart« Abermals eine Generalpause
Das Rindfleisch erschien sie machte ein Kreuz mit dem Messer und schnitt ein
Als das Rindfleisch herumgegeben war fragte sie »Trauen Sie der Vignali«
»Ja ich glaube dass sie mein Vertrauen verdient« »Glauben Sie das So habe
ich die Ehre Ihnen zu sagen mein liebes Kind dass Sie falsch glauben Es ist
eine abscheuliche Frau ein wahrhaftig gottloses Weib das weder Gott noch
Menschen scheut um ihre Absichten durchzusetzen« »Das sollte ich doch kaum
denken« unterbrach ich sie »Es ist möglich« sagte sie äußerst spöttelnd
»dass Sie die Kunst besitzen die Leute in einer Stunde besser kennenzulernen als
ich in sechs Jahren am Ende wollen wir sehen wer sich geirrt hat ich oder Sie
Sie hat meinen Bruder in ihrer Gewalt und spielt mit ihm wie die Katze mit dem
Zwirnknaul nehmen Sie sich in acht Sie sind sehr jung und ihr Äusserliches
lässt mich erwarten dass Sie noch nicht verdorben sind aber Vignali kann nicht
wohl unverdorbne Menschen um sich leiden sie müssen ihr gleich werden oder
zugrunde gehen Mein Bruder ist gewöhnlich das Werkzeug solche schuldlose
Geschöpfe die ein wenig Ehrbarkeit und Tugend mehr haben als dies schändliche
Weib unglücklich zu machen hüten Sie sich dass Sie nicht das Opfer werden das
mein Bruder diesem grausamen Götzen bringen muss Wenn Sie klug sind wissen Sie
nunmehr genug Ich hoffe dass Sie in Zukunft sich mehr an mich als meinen Bruder
und die Vignali halten werden es ist zwar seine Tochter die Ihnen anvertraut
werden soll allein ich erziehe sie und will sie zu einem ehrbaren frommen
Leben und nicht zu so einer wüsten Tollheit erzogen wissen Fliehen Sie alle
diese lustigen Gesellschaften Man wird Sie vermutlich dazuziehen wollen aber
wie ich Ihnen sage halten Sie sich einzig an mich und gehorchen Sie sonst
niemandem Sie können leicht erachten dass ich ein gutes Zutrauen zu Ihnen habe
weil ich so offenherzig mit Ihnen spreche Alle meine Domestiken verstehen
französisch und doch scheue ich mich nicht alles dies und jedes andre
Geheimnis in ihrer Gegenwart zu sagen nicht ein Wort kommt über ihre Zunge so
eine Treue Einigkeit und Liebe herrscht in meinem Hause« Sie sprach noch
lange in diesem Tone mit mir wir stunden auf und sie war noch immer bei der
Vignali Nach Tische nahm sie mich in ihr Kabinett ließ ihren Bruder bitten zu
ihr heraufzukommen und bei meiner Annehmung selbst zugegen zu sein er kam auch
wirklich aber sehr verwundert was er dabei sollte »Soll denn der Mamsell
vielleicht eine Bestallung ausgefertigt werden« fragte er spöttisch »Ich habe
meine Meinung heute früh gesagt das kann ihr wieder gesagt werden man weist
ihr das Zimmer an und so ist die ganze Historie fertig Ich bekümmere mich um
solche Dinge nicht Willst du vielleicht zum glücklichen Anfange ein paar
Vaterunser mit ihr beten so ist dirs unverwehrt ich kann aber nicht die Ehre
haben dabei zu sein ich muss zu Tische fahren Adieu« Die Frau von Dirzau
wurde feuerrot vor Empfindlichkeit sie verbiss den Ärger sagte mir die
Bedingungen die mir ihr Bruder machte und befahl der Fräulein mich auf ihr
Zimmer zu führen ehe wir gingen hielt sie eine förmliche Anrede an uns beide
worin sie uns zur Ausübung unsrer gegenseitigen Pflichten ermahnte beschloss
wirklich mit einem Vaterunser und hieß uns in Gottes Namen gehen
Kaum war ich eine Viertelstunde auf meinem Zimmer siehe da kam Madam
Vignali Sie wollte mein Fräulein umarmen allein dem guten Kinde war ein
solcher Abscheu gegen die Frau von ihrer Tante eingeflößt worden dass es alle
Liebkosungen von sich abwehrte und mit Zittern augenblicklich aus dem Zimmer zur
Frau von Dirzau flüchtete Ich wollte sie zurückholen allein Vignali hielt mich
ab »Tant mieux tant mieux« schrie sie lachend »Das Kind soll mich schon
einmal lieben wenn wir sie in die Zucht bekommen Eh bien was hat Ihnen denn
die gottselige Dame gepredigt Ich bin doch wohl der Text gewesen« Ich sagte
ihr das wenige Gute was die Frau von Dirzau von ihr gesagt hatte und
verschwieg alles übrige »Eine kluge Frau eine Frau voller Lebensart« sprach
sie und zählte dabei an den Fingern »Sehen Sie das sind erst zwei Finger und
wenn man das Böse überrechnet was ihre Dame in einer Stunde von einem Menschen
sagt so zählt man jedesmal alle zehn Finger zehnmal herum Sie stehen also noch
sehr stark im Reste was sagte sie weiter« Ich antwortete »Nichts«
»Liebes Kind« sprach sie sehr ernstaft »für eine Bekanntschaft von vier oder
fünf Stunden ist Ihre Heuchelei verzeihlich Solchen Schnickschnack wie die
Frau von Dirzau spricht vergisst ein gescheiter Mensch sehr leicht ich will Sie
wieder daran erinnern« und nun erzählte sie mir Wort für Wort alles was wir
über Tische gesprochen hatten Ich stutzte gestund dass alles die Wahrheit
wäre und verwunderte mich woher sie unser Gespräch so umständlich wüsste
»Woher« fing sie mit trocknem Tone an »Haben Sie nicht hinter dem Stuhl Ihrer
gnädigen Frau einen lange krummen hölzernen Lümmel bemerkt der sich solange
das Essen dauerte nicht von der Stelle bewegte sich jede Sache zweimal sagen
ließ und doch zum drittenmal falsch verstand der einen Löffel brachte wenn man
Brot foderte und ein Glas Wein wenn man einen Löffel verlangte Dieser taube
Pavian besucht mich jedesmal nach Tische durch die Hintertür und erstattet
Bericht vom Tischgespräche er hört so fein wie eine Spitzmaus wenn er mit mir
spricht und bei seiner gnädigen Frau liegt ihm beständig ein starker starker
Fluss vor den Ohren Ich bezahle ihm monatlich einen Louisdor für seine Taubheit
und für noch einen kauf ich dem Kerle alle übrige vier Sinne ab wenns nötig
ist Stutzen Sie nicht darüber ich vergelte nur Gleiches mit Gleichem Die Frau
von Dirzau hat alle meine und ihres Bruders Leute im Solde allein da sie wegen
ihres eingeschränkten Vermögens nur kleine Besoldungen machen kann so überbiete
ich sie und meine treuen Schurken entdecken ihr nichts als was sie hören soll
So viel Treue und Einigkeit herrscht in meinem Hause sagte sie heute zu Ihnen
Ah la bonne bête Die sämtliche Treue ihres Hauses will ich für einen Gulden in
jedem Falle mit Haut und Haar wegkriegen und die Einigkeit ist für acht
Groschen feil Alle ihre beiden Bediente sind ausgemachte Galgenvögel und die
meinigen Galgenstricke ich hätte sie zum Besten der Welt längst alle hängen
lassen wenn ich dürfte Aber auf das Hauptkapitel zu kommen Riet Ihnen nicht
Ihre kluge Dame dass Sie sich an sie halten sollten« Ich konnte es nicht
leugnen »Kind« sagte sie mir mit Stärke und drohte mit dem Finger dazu »wo
du dich unterstehst dem Rate zu folgen so sei versichert dass deine
glücklichen Tage vorbei sind Unser Haus wird dein Grab dafür steh ich dir«
Ich erschrak bis zum Zittern über diese Drohung aber sie richtete mich gleich
wieder auf indem sie mit gemildertem beinahe lustigem Tone sagte »Närrchen
was erschrickst du denn Wer wird so kindisch sein Geniesse deines Lebens
solange du kannst Wenn die Herrlichkeit aus ist dann halte dich zur Frau von
Dirzau Itzt tust du besser du hältst dich zu mir ich verstehe mich aufs Glück
des Lebens« Ohne mich zur Antwort kommen zu lassen brach sie ab und sah zur
Tür hinaus »Ach da sind ja meine Leutchen schon« rief sie und bat mich um
Erlaubnis ihren Schneider hereinkommen zu lassen Er nahm mir das Maß ihr
Mädchen brachte seidene Zeuge wir lasen aus sie lenkte meine Wahl und ordnete
meine Befehle an den Schneider Frau Hildebrand erschien mit Kopfputze ein
Bedienter mit andern Galanterien genug in einem Nachmittage wurde meine
Garderobe instand gesetzt Vignali suchte unter allem das Teuerste aus ich nahm
sie deswegen auf die Seite und stellte ihr vor dass ich das nimmermehr bezahlen
könnte »Närrin« sprach sie »wer uns alle ernährt wird auch diesen Plunder
bezahlen« Als der Einkauf vorbei war sollte ich mit zu ihr gehen und eins von
ihren Kleidern versuchen weil das meinige zur Abendgesellschaft zu schlecht
wäre Ich weigerte mich und bat sie zu bedenken dass mir die Frau von Dirzau
diese Gesellschaft schlechterdings untersagt hätte »Hat sie dir der Herr von
Troppau auch untersagt« »Nein« antwortete ich »aber auch nicht befohlen«
»So befehle ich dass du keine von diesen Abendgesellschaften versäumen sollst«
Ich wusste nichts mehr vorzuwenden als meine Untergebne von welcher ich mich
unmöglich so lange trennen könnte denn ich hatte durchaus einen Widerwillen in
mir gegen diese Gesellschaften »Lass du nur« sprach sie lachend »das gute
Mädchen bei ihrer Tante recht dumm werden damit wir desto mehr Ehre davon
haben wenn wir sie klug machen Allons« Mit diesem Allons fasste sie mich
unter den Arm und wanderte mit mir die Treppe hinunter Ich musste mich von ihr
selbst anputzen lassen sosehr ich mich auch sträubte es deuchte mir als wenn
ich mein Totenkleid anzöge so eine Ängstlichkeit fühlte ich dass ich in ein
Haus voll solcher Schikanen Parteien und Kabalen geraten war
Herrmann Und ich möchte dass du nie einen Fuß hineingesetzt hättest Ach
Ulrike wenn deine Tugend nicht Löwenstärke hat aber ich habe ja versprochen
nicht misstrauisch zu sein Erzähle weiter
Ulrike Bei mir war wahrhaftig damals das Misstrauen auch sehr stark Mit der
übelsten Laune von der Welt sah ich die Gesellschaft allmählich ankommen
Lairesse war die erste die erschien Solch eine tolle Lustigkeit so eine
übernatürliche Unbesonnenheit und so viel Leichtsinn kannst du dir nicht
vorstellen mich nennte man zu Hause unbesonnen aber ich bin ein Kato dagegen
Sie sagte mir so eine große Menge Sottisen beim ersten Anblicke ins Gesicht so
viele Abgeschmackteiten dass meine Backen gar nicht aufhören konnten zu
erröten Ich hasste sie anfangs deswegen aber in der Folge hat sie mich doch
sehr eingenommen Man muss ihr ihre Lebhaftigkeit die oft in Ungezogenheit
ausartet zugute halten sie ist sehr dienstfertig wenn sie es in ihrem
unendlichen Leichtsinne nicht vergisst und liebt mich wie eine Schwester Ich
habe ihr zwar nie so gewogen werden können als der Vignali sie scheint mir auch
ein wenig falsch zu sein deswegen hat sich seit einem paar Wochen mein Zutrauen
gegen sie sehr gemindert aber ich mag mich vielleicht irren Nach ihr stellte
sich der Herr von Troppau ein er tat als wenn er mich unvermutet hier fände
fasste mich bei der Hand und rief voller Vergnügen »Ach da ist ja unsre kleine
Prinzessin Das ist ein gescheiter Einfall Vignali dass Sie das gute Mädchen
mit zu unsrer Gesellschaft ziehen bei meiner Schwester wird sie ohnehin
Langeweile genug haben Ich beklage dass ich vorderhand keine Veränderung
treffen kann« »Wir wollen schon eine Veränderung treffen« fing Vignali an
»auf Ostern nehm ich Ihre Tochter zu mir das arme Kind wird lichtscheu werden
bei ihrer itzigen Erziehung« »Mir ist das sehr gelegen« antwortete Herr von
Troppau »Das überlass ich Ihnen Vignali sehen Sie wie Sie das Mädchen von
meiner Schwester herauskriegen ich mische mich nicht drein« Mit der
nämlichen Folgsamkeit willigte er in alles was Vignali für gut fand Endlich
langte auch Mamsell Rosier an ein recht gutes herzlichgutes Kind zärtlich
empfindsam weich wie geschmolzne Butter voll deutscher Treuherzigkeit und
verliebt In jeden Menschen der nur zwei Worte mit ihr spricht verliebt sie
sich und lässt sich dabei zum besten haben o dass mir zuweilen die Seele für
sie weh tut Sie ist der wahre Souffredouleurs der Gesellschaft wenn niemand
etwas zu reden weiß zieht man über das arme Mädchen her und dabei ist sie so
einfältig dass sie sich noch obendrein etwas darauf zugute tut wenn sie die
Gesellschaft auf ihre Kosten belustigt hat Man kann ihr nicht Schuld geben dass
sie dumm ist aber wegen dieses Mangels an Empfindlichkeit ist sie mir
unleidlich sie hat auch weder die einnehmende Lebhaftigkeit der Lairesse noch
Vignalis einnehmenden Ernst so zutuend sie ist so zieht sie doch nicht an man
möchte sie von sich stoßen so lästig wird sie zuweilen Sie liebt mich sosehr
als die andern alle unendlich liebt sie mich und es schmerzt mich dass ich sie
nicht gleich stark lieben kann aber es geht nicht und wenn ich mir noch soviel
Gewalt antue
Herrmann Also lieben sie dich alle wie Schwestern unendlich feurig
zärtlich Wenn du dir nur nicht einbildest dass dich die Mädchen unendlich
lieben weil du sie so liebst Nach dem Porträte zu urteilen das du von ihnen
machst
Ulrike Noch immer Misstrauen Heinrich ich binde dir den Mund zu
Herrmann Vergib mir Ulrike Mein Herz ist mir während deiner Erzählung so
schwer geworden dass mir wider meinen Willen bisweilen eine trübe Anmerkung
entwischt Fahre nur fort ich will mich schon zurückhalten
Ulrike Wenn du mich so oft unterbrichst kommt meine Erzählung heute nicht
zu Ende Also stockstill bis mein Märchen aus ist Wer kam denn zuletzt in
die Gesellschaft Ja die rotbäckige Mamsell Rosier Der Herr von Troppau
schlug mir auch einen französischen Namen vor allein ich wehrte mich so stark
dawider dass er sich begnügte meinen deutschen Namen französisch auszusprechen
ich wurde zur Mademoiselle Erman Sie freuten sich alle ungemein auf eine
Kurzweil die sie diesen Abend auszuführen gedachten Weil ich gar nichts davon
wusste und also nicht mitlachen konnte erzählte mir Vignali dass gestern bei ihr
ein junger Franzose aus Paris frisch angekommen gespeist habe »Der Mensch«
sagte sie »plauderte so unendlich dass kein einziges unter uns ein Ja oder Nein
zwischen seine Tiraden einschieben konnte von dem ersten trèshumble serviteur
bis zum letzten hielt er eine aneinanderhängende Rede von skandalösen
Histörchen Spötteleien Unverschämteiten Aufschneidereien und jämmerlichen
Kleinigkeiten und wir armen Leute waren so überrascht dass wir uns ärgerten und
ihm geduldig zuhörten wir konnten uns nicht helfen wenn jemand auch es wagte
dazwischenzureden so brachte jener Unverschämte die übrigen zum Lachen und
sein Nebenbuhler hatte keine Zuhörer Aber heute wollen wir uns rächen er soll
darniedergeschwatzt werden und nicht einmal ein Bon soir zustande bringen Er
ist darum eine halbe Stunde später gebeten damit die Alliierten alle beisammen
sind ehe er kommt« Auch war die Gesellschaft die außer den genannten noch
aus einem paar artigen vernünftigen Franzosen bestand lange versammelt ehe
der Held des Possenspiels erschien Lairesse wälzte sich singend auf dem Sofa
vor übermässigem Vergnügen und Rosier klatschte unaufhörlich hüpfend in die
Hände und lispelte »Das wird hübsch sein das wird hübsch sein« Endlich
erschallte vom Bedienten der ihm aufpasste ein erfreuliches »le voilà« durch
die Tür sogleich marschierte Vignali gegen ihn los der übrige Haufe drang
gleichfalls zu und alle schwatzten so stürmisch auf den einzigen Menschen
hinein dass der Plauderer verwundert und stumm mitten dastand sich bald dahin
bald dorthin drehte den Mund öffnete wie ein Fisch der nach Luft schnappt
reden wollte und nicht konnte Man trieb die Rache so weit dass ich wirklich den
ganzen Abend keinen verständlichen Laut von ihm gehört habe und dabei machte
man ihm beständig die bittersten Vorwürfe dass er nicht spräche so wenig zur
Unterhaltung der Gesellschaft beitrüge da er doch gestern so viel dazu getan
hätte er öffnete den Mund allein man fiel ihm sogleich ins Wort Man sah es
dem armen Knaben recht an wie ihm Herz und Lunge weh tat wie ihn die Hemmung
seiner Zunge ängstigte er drehte sich bei Tisch auf seinem Stuhle räusperte
sich strich sich das Gesicht oder arbeitete an der Halsbinde für mich war die
Lust unschätzbar Den schlimmsten Streich spielte ihm noch Lairesse weil er
nicht wenig außer Fassung gesetzt war nahm er unmittelbar nach dem Essen Hut
und Degen um sich à la françoise wegzubegeben allein das vorwitzige Mädchen
erwischte ihn an der Tür bei dem Arme drehte ihn um machte eine tiefe langsame
Verbeugung und sagte mit komischer Gravität »Mein Herr man hat Sie
persifliert« Der Franzose machte eine ebenso tiefe Verbeugung und sprach mit
dem nämlichen Tone »Mademoiselle ich hab es wohl bemerkt« weg war er
Du kannst dir leicht vorstellen dass mir eine solche Unterhaltung ungleich
besser behagte als das stille schleichende Gespräch der Frau von Dirzau wo bei
jedem Gerichte eine Frage und eine Antwort zum Vorschein kam da ich obendrein
in diesen Gesellschaften wohl manchen ausschweifend lustigen Auftritt aber nie
eine eigentliche Unanständigkeit noch viel weniger etwas Böses erblickte so
versäumte ich keine wenn man mich dazuzog Vignali legte mir durch ihre
vielfachen Gütigkeiten immer neue Verbindlichkeiten auf und gewann durch die
Annehmlichkeiten ihrer Person und ihr freundschaftliches Betragen mein Herz so
ganz dass ich ihr alles aufopferte Das Vertrauen der Frau von Dirzau hatte ich
gleich den ersten Tag verloren weil ich bei Vignali zum Abendessen gewesen war
ihr Gespräch wurde deswegen noch zurückhaltender und kälter dass es zuweilen die
ganze Mahlzeit über nur aus einer Frage und einer Antwort bestund überfiel mich
zuweilen der Plaudergeist so hörte sie nicht darauf sondern unterbrach mich
gleich durch einen Befehl an den Bedienten oder fing wohl gar mitten in meinem
Reden ein Gespräch mit ihm an dass mich die Mühe verdross mich allein anzuhören
seitdem bin ich völlig stumm bei Tische wenn sie mich nicht fragt Dafür fragt
sie mich aber auch kein Wort anders als äußerst höhnisch anfangs ertrug ichs
und ärgerte mich bloß in mir selbst aber Vignali und selbst der Herr von
Troppau wenn ich mich beklagte ermunterten mich Gleiches mit Gleichem zu
vergelten Der Ton wollte mir lange nicht gelingen aber nunmehr hab ich ihn so
sehr in meiner Gewalt dass ich der Frau von Dirzau gewiss nichts nachgebe
Seitdem sie merkt dass ich ihr ihre Kunst so sehr abgelernt habe spricht sie
mannigmal in drei vier Tagen keine Silbe mit mir Auch gut denk ich so muss
ich mich nicht wider meine Natur zwingen höhnisch zu sein Für die Langeweile
des Mittags halte ich mich des Abends wieder schadlos
Herrmann Aber der Herr von Troppau wie verhielt er sich gegen dich denn
nunmehr kann doch ein Kind raten warum deine ehrliche Frau Hildebrand mit dir
unter die Linden spazieren ging woher sie sogleich ein Kleid für dich schaffte
warum dir Vignali so freundschaftlich mit Gelde beistund alles floss aus einer
Quelle und so große und ausgezeichnete Gütigkeiten tut kein Herr von Troppau
umsonst es lauscht gewiss ein Betrug dahinter
Ulrike Ein Betrug Heinrich wachst du Wenn du nicht im Schlafe
sprichst hat dich gewiss der schwarzperückichte Magister angesteckt von dem du
mir einmal in Dresden schriebst Was gilts das Wetterhagelsvieh wie meine
Tante Sapperment sich zierlich ausdrückte hat dich mit seiner frommen
Misantropie angesteckt
Herrmann Leider nicht bloß angesteckt getan hat er mir was ich jetzt bei
jedermann fürchte du sollst es hören und urteilen ob mir nur der Wind mein
Misstrauen angewehet hat Itzt beruhige mich über meine Frage
Ulrike Das kann ich leicht Höre drauf du Misantrop der Herr von
Troppau hat sich gegen mich wie der edelste vortrefflichste freundlichste
liebreichste freigebigste gütigste Mann betragen ich verehre und liebe ihn
ich habe in meinem Leben keinen bessern Mann gesehen
Herrmann Und weiter war er nichts gegen dich
Ulrike Ist denn das nicht genug und alles Dankes wert
Herrmann Ulrike Ulrike du heuchelst Wenn ich taube Bediente hätte
sprechen lassen wie Vignali ich wette ich wollte dir mehr sagen Auf dein
Gewissen Ulrike heuchelst du nicht
Ulrike Neugieriger vorwitziger Mensch Warum zwingst du mich nun durch
deine Zudringlichkeit dir einen Dorn mehr ins Herz zu stecken Du wirst ja
ohnehin genug vom Misstrauen gestochen Wenn ich auf mein Gewissen antworten
soll muss ich dir frei bekennen was ich dir du blinder Mensch zu deinem
Vorteile verhehlen wollte dass der Herr von Troppau einmal mehr sein wollte
als ich dir vorhin von ihm sagte aber ich schwöre dir bei unsrer Liebe und
meiner ewigen Wohlfahrt kein Umstand soll dir verschwiegen werden was in
diesem einzigen verdächtigen Falle vorging Ich war einmal des Nachmittags bei
Vignali und weil wir keine Komplimente miteinander machen fuhr sie zum Besuch
und ließ mich allein und versprach in einer halben Stunde wiederzukommen ich
nehme ein Buch es waren des Abt Bernis Werke beim ersten Aufschlagen fallen
mir seine Betrachtungen über die Leidenschaften in die Augen Ich setze mich auf
den Sofa und kaum schlage ich zum erstenmal um so ist schon die Liebe da wer
wird nicht gern etwas von der Liebe lesen Ich lese den ganzen Brief6 an die
Gräfin C durch Als ich bei den letzten vier Zeilen bin siehe da kommt mein
Herr von Troppau Er sieht sich nach Madam Vignali um hört von mir dass sie zum
Besuch ist fragt wo ich sage es er setzt sich nimmt das aufgeschlagne
Buch vom Sofa liest »Ah« fängt er lächelnd an »qu est ce qu amour was
ist die Liebe Können Sie darauf antworten« »Warum nicht« sagte ich »wenn
Sie mir das Buch erlauben wollen« »Oh aus dem Buche ists keine Kunst Sie
sollen aus dem Herze antworten« »Mein Herz kann keine Verse machen« »Eh
bien Ich will Ihnen meine Verse vorlesen Ihr Herz mag in Prosa darauf
antworten« Er las die Verse her
Was ist die Liebe
Es ist ein Kind beherrschet mich
Beherrscht den König und den Diener
Schön Iris schön wie du es denkt wie ich
Nur ists vielleicht ein wenig kühner
»Ist Ihr Herz auch der Meinung« fing er an und umfasste mich Ich sagte in aller
Unschuld »Ja« »Also finden Sie doch den nämlichen Fehler an mir den alle
Damen an mir tadeln dass ich zu bescheiden nicht kühn genug bin« fragte er Es
verdross mich dass er meinem unschuldigen Ja eine so geflissentlich falsche
Auslegung gab ich antwortete ihm also halb wider Willen in dem Tone der Frau
von Dirzau »Keineswegs« »Das Keineswegs haben Sie wohl von meiner Schwester
gelernt Es war ihr leibhafter Ton aber es ist auch so falsch wie alles was
meine Schwester sagt Ihr Herz möchte wohl dass ich ein weniger dreister wäre«
»Mein Herz schweigt ganz still dabei« sagte ich »Ich will es einmal
fragen« sprach er lachend und machte eine Bewegung die mich zum Aufstehen
nötigte Er holte mich zurück und fing ein zweideutiges Gewäsch über die Liebe
und die Herzen der Damen an das ich mich so sehr zu wiederholen schäme als ich
mich damals schämte es zu hören Seine Hände nahmen dabei wieder so vielen Teil
am Gespräche dass ich mit großer Empfindlichkeit aufstund und ihm nachdrücklich
sagte »Gnädiger Herr ich bin wohl verliebt aber nicht verhurt« dabei
machte ich eine Verbeugung und ging Auf der Treppe begegnete mir Vignali und
nötigte mich wieder mit ihr zurückzugehn Der Herr von Troppau sprach
italienisch mit ihr und beide lachten herzlich vermutlich über mich weil sie
in einer Sprache redeten die ich nicht verstehe und auch ein paarmal einen
Blick nach dem Sofa wurfen das setzte mich in so üble Laune dass ich vor
Ärgerlichkeit kein Wort mehr sprach Da er uns verlassen hatte fing Vignali an
»Der Herr von Troppau hat mit Ihnen geschäkert« »Ja« antwortete ich »aber
nicht wie ichs liebe« »Sie sind wohl gar empfindlich darüber Sie sind ja
sonst nicht so eigensinnig so erzürnbar und auch keine Feindin von der Liebe«
»Das nicht« unterbrach ich sie »ich habe auch dem Herrn von Troppau sehr
deutlich gesagt was ich von der Liebe unterscheide« »Närrin« rief sie und
schlug mich auf die Schulter »wer wird denn so einen einfältigen Unterschied
machen Lieben wir nicht alle Wollen Sie allein sich mit dem Zusehen begnügen
Können Sie andre Leute essen sehen ohne dass Sie hungert« »Wenn ich nichts zu
essen habe« sprach ich »O sehr gut« Mit dieser Antwort hatte ich mich
selbst gefangen sie schikanierte mich ganz entsetzlich darüber und fragte
endlich ob mir der Herr von Troppau zu schlecht wäre Ich war so verdrießlich
über das Gespräch dass ich ihr etwas zu übereilt antwortete »Er ist mir zu
allem nicht zu schlecht was er bisher für mich gewesen ist aber ich dünke mich
zu gut um seine Hure zu sein« Darüber wurde Vignali feuerrot »Untertänige
Dienerin« sprach sie etwas spöttisch »also bin ich auch seine Hure denn das
sag ich Ihnen frei ich liebe den Mann ich habe unsre Liebe niemals verhehlt
weil ich keine Heuchlerin bin Für eine Gouvernante sind Sie noch sehr kindisch
Ich will dem Herrn von Troppau sagen dass er Sie in Ruhe lässt bis Sie bei
reiferem Verstande sind Sie sind noch zu neu um sich dabei zu benehmen wie es
sich gehört« Ich konnte mich nicht enthalten über die Lektion ein wenig zu
schmollen allein der Vignali merkte mans nicht eine Minute an dass sie auf
mich zürnte sie brach ab und war wieder so freundlich wie vorher Seitdem hat
mich der Herr von Troppau nicht mit einer Hand wieder berührt meiner und
Vignalis Freundschaft hat es auch nicht geschadet und ich bin so ruhig so
munter und vergnügt zeiter in dem Hause
Herrmann Das du mit dieser Minute verlassen solltest wenn du Gewissen
hast Du bist in einem schrecklichen Hause in dem Wohnplatze der Verführung
unter Betrügern und Kupplerinnen unter gleissenden Betrügern
Ulrike Heinrich ich sage dirs noch einmal du machst mich böse
Herrmann Ich wollte dass dus würdest so zankten wir uns trennten uns
hassten uns und es kostete uns doch keine Mühe keinen Schmerz denn mit unsrer
Liebe ist es doch aus rein aus O Ulrike ich habe seitdem ich in dieser
Stadt bin Dinge gehört wovon weder mein noch dein Verstand träumte
schreckliche Dinge bei welchem sich meine ganze Seele empört dein Glück ist
es wenn du sie nicht weißt aber du wirst sie erfahren Du wirst sie erfahren
Ulrike Du setzest mich in Todesangst sage mir nur was du hast was du
fürchtest
Herrmann Nunmehr weiß ich unsre Geschichte unsre traurige Geschichte Die
Unschuld liebte mich ich liebte sie die Unschuld kam an den Ort der
Verführung ward verführt und ich zur Leiche denn das sagen mir alle meine
Gedanken und mein ganzes Gefühl wenn du liebtest wie sie alle die du deine
Freundinnen nennst du wärst mir verhasst ich müsste laufen so weit mich See
und Land trügen um deinem Andenken zu entgehn Unsre Liebe das sagt mir mein
Herz laut ist ein andres Ding als die Liebe der Vignalis der Lairessen und
wie sie weiter heißen Wenn du ihnen gleich würdest
Ulrike So groß ist dein Zutrauen zu mir meiner Tugend meinem Gewissen
meiner Ehre Tat ich nicht einen Schwur
Herrmann Liebe Ulrike was sind tausend Schwüre in der Anfechtung wenn man
gedrängt getrieben gestoßen wird Ich hielt meinen Verstand für einen
Götterverstand und doch schwatzte mir ihn ein Bösewicht danieder glaubst du
dass deine Tugend stärker ist als mein Verstand Und wenn sie es wäre hat sie
nicht auch mit größerer Stärke zu kämpfen als ich Kein Geld wird dich
überwinden aber eine glattzüngige beredte einschmeichelnde Vignali ein
wollüstiger überraschender schlauer Herr von Troppau Traust du dir solchen
Gegnern immer immer zu widerstehen
Ulrike Ich bitte dich Heinrich schweig Du scheuchst eine Schlange auf
Herrmann Aber ist es nicht besser sie jetzt aufzuscheuchen damit sie dich
nicht beißt wenn du unachtsam auf sie trittst oder sorglos daliegst und
schlummerst Ulrike das schwör ich dir eine Untreue eine einzige Untreue
reißt unsre Herzen auf ewig auseinander
Ulrike So verdunkle doch unser Vergnügen nicht mit so schwarzen
Vorstellungen Freilich lauerte auf meines Onkels Schloss keine Verführung auf
mich auch ohne Beschützer war ich sicher aber warum sollt ichs hier nicht
ebenfalls sein was könnt ich von diesen friedlichen freundlichen Leuten
fürchten Durch einen unglücklichen Vorfall den du mir noch nicht deutlich
gesagt hast bist du misstrauisch geworden du machst dir trübe Einbildungen und
malst dir fürchterliche Gespenster vor die Augen Vignali wird dir die
Gespenster schon verjagen
Herrmann Mein Unglück wärs wenn sie mir sie verscheuchte Ulrike hast
du das Herz aus Liebe für mich dies Haus zu verlassen
Ulrike Verlassen Dies Haus Warum
Herrmann Aus Liebe für mich sag ich
Ulrike Um wessentwillen verließ ich Dresden Weißt du nun wieviel ich
aus Liebe für dich tun kann Ja aus einem Palaste kann ich aus Liebe für dich
gehen wenn es sein muss aber wohin
Herrmann In die Welt je weiter von hier je lieber
Ulrike Menschenfeind was hat dir denn die unschuldige Stadt getan
Herrmann Nichts aber sie wird Ich habe mit der Verführung meines
Kameraden der zwei Jahre jünger ist als ich mit seinem Hohne seinen
Schmähungen seinen verachtendsten Spöttereien ich habe mit den Lockungen
einer Dirne die oft den Diener unter mancherlei Vorwand auf seiner Stube
besuchte mit den Höhnereien beider gekämpft aber ich trug sie weil mir Zürnen
nichts half Die Verführung war plump zurückscheuchend empörend für alles mein
Denken und Empfinden es kostete mir nicht einen Atemzug Standhaftigkeit um ihr
zu widerstehn es war eine Reizung die mir widerstund aber Ulrike wenn wir
ihrer gewohnt würden und sie uns endlich in einem anständigern Gewande weniger
widerstünde was dann Ulrike wir wollen fliehn weil es Zeit ist
Ulrike Wollen wir uns vom Winde nähren
Herrmann Hier sind vier Hände Was die Hände nicht können wird vielleicht
der Kopf tun
Ulrike Ich bitte dich Heinrich übereile dich nicht Glaube mir das
sind alles finstre Grillen die du dir machst Warum sollten denn in dieser
Stadt nicht so gut tugendhafte ehrliche Leute sein als anderswo Muss man denn
notwendig verführt werden Ich wohne ja schon drei Monate hier und bins noch
nicht wir sind zwar jung aber doch keine Kinder die man mit Mandelkernen
lockt und überredet Das hast du dir noch von Schwingern angewöhnt der auch
jede Sache zu ernstaft betrachtet und über alles moralisiert Vignali wird dich
schon heiter und aufgeräumter machen Hab ich dir nicht schon genug aufgeopfert
meinen Stand meinen Ruf die Gunst meiner ganzen Familie Soll ich nun gar
wegen einer übelen Laune und einiger finsteren Grillen die dir eben aufsteigen
allem Wohlsein aller Ruhe allem Vergnügen entsagen und mit dir ins Elend
auswandern Bedenke doch nur welche Laufbahn sich für dich eröffnet du findest
durch unser Haus Gönner Freunde Beförderer bekömmst einen Platz und mit dem
Unterhalt vielleicht auch Ehre und Heinrich soll ich dich noch erinnern was
alsdann für eine Glückseligkeit auf uns beide wartet Unser Wunsch ist ja dann
erreicht wollen wir uns von dem Glücke das uns bei der Hand dahin führt
mutwillig losreißen Du Grillenkopf was stehst du denn da und murrst So wirf
doch deine ernsthafte finstre Laune in die Spree in den tiefsten Grund hinein
Herrmann Gute Nacht Ulrike Ich gehe morgen zu Vignali Er ging Der
hastige abgebrochne Abschied setzte Ulriken in Erstaunen sie eilte ihm nach
aber er war schon die Treppe hinunter
Viertes Kapitel
Den größten Teil des folgenden Morgens brachte Herrmann mit seiner Adonisierung
zu und um elf Uhr war er schon völlig mit seinem neuen Staate angetan als der
Sohn der Frau Hildebrand ein Knabe von zwölf Jahren ihm einen Brief von
Ulriken überbrachte
den 28 Jan
Heinrich
Du hast mir abermals eine recht schlaflose Nacht gemacht Deine Besorgnis
muss mich angesteckt haben die ganze Nacht wand und drehte ich mich um die
Vorstellung herum dass ich verführt werden könnte es kam mir nunmehr selbst
vor als wenn es sehr leicht anginge Die Größe der Gefahr und meine Furcht
wuchsen mit jedem Pulsschlage ich hätte in der Angst tausend Meilen mit Dir
laufen mögen um nur aus dem verführerischen Hause zu kommen Da fiel mir
endlich ein Gedanke ein Heinrich ein recht gottloser Gedanke Aber dacht
ich du hast deinem Heinrich so viel aufgeopfert wenn du ihm nun durch die
Aufopferung deiner Tugend auf immer glücklich und groß machen könntest Du
würdest dein Leben für ihn hingeben warum nicht auch deine Tugend Kaum war
mir der abscheuliche Gedanke durch den Kopf gefahren so erschrak ich als ob
mich der Schlag träfe ich glühte und schwitzte vor Entsetzen und wurde so
grimmig auf mich selbst dass ich mir eine recht derbe Ohrfeige gab Es kam mir
wohl hundertmal wieder in den Kopf ich habe mich mit dem abscheulichen Gedanken
gequält und abgeängstigt wie mit einem Gespenste ich schloss die Augen fest zu
und wollte einschlafen um nur nicht mehr zu denken aber es ging nicht Ich
schlummerte endlich ein wenig ein gleich kam mir vor dass der Herr von Troppau
vor meinem Bette stünde so schön und reizend als ich noch keine Mannsperson
gesehen habe er hielt mit sanftem Lächeln seine Arme offen mir entgegen mein
Herz pochte ich wollte hinaus in seine Arme ich arbeitete um mich
herauszuwinden da warfst Du Dich mir plötzlich um den Hals und zogst mich so
gewaltig zurück dass ich fast erstickte ich hustete und wachte drüber auf aber
so froh so entzückt als wenn mich jemand aus den Klauen eines Löwen gerissen
hätte Der Stutz auf meinem Schreibeschranke schlug gerade drei ich stund auf
nahm meine Pelzsaloppe um zündete mein Licht bei der Nachtlampe an und schrieb
Dir dies Briefchen Aber ich muss hier schließen meine Finger können vor Kälte
kaum die Feder regieren ich zittre trotz der dicken Pelzsaloppe wie im Fieber
vor Frost Wohl Dir wenn Du ruhiger schläfst als ich
Ich muss Dir geschwind noch einen sonderbaren Besuch erzählen den ich heute in
aller Frühe gehabt habe Meine Unruhe ließ mich nicht im Bette gegen sechs Uhr
stund ich auf und machte mir selbst Feuer im Windofen und setzte mich im Pelze
nicht weit davon nieder Ich schlummre ein sinke mit dem Kopf auf einen
danebenstehenden Stuhl und schlafe so halb sitzend halb liegend bis es Tag
wird Da ich aufwache sitzt eine Mannsperson am Tische ich erschrecke und
erkenne den Lord Leadwort Hab ich Dir schon etwas von diesem Originale gesagt
Es ist ein Engländer der diesen ganzen Winter hier zugebracht hat und einigemal
in der Abendgesellschaft bei Vignali gewesen ist wo ich seine Bekanntschaft
gemacht habe Er saß in einem braunen Reitrocke Pantoffeln einer baumwollnen
Stutzperücke einem runden Hute einen knotichten mit Eisen beschlagnen Stock
in der Hand tiefsinnig und steif nach der Tür hinsehend da ohne sich zu
rühren Ich stand lange und wusste nicht ob ich ihn für einen Rasenden oder
Betrunknen halten sollte Er redete nicht »Mein Gott« fing ich endlich an
»Mylord wo kommen Sie so früh her«
Er Ich bin schon lange da
Ich Ich muss bekennen dass ich ein wenig erstaunt bin Sie so früh bei mir
zu sehen
Er Ich will den Tee bei Ihnen trinken
Ich Aber in diesem Anzuge Mylord Ich muss Ihnen frei heraus sagen dass
mich die Freiheit ein wenig verdriesst die Sie sich genommen haben Wenn Sie
jemand so bei mir antrifft was man alsdann argwohnen wird können Sie leicht
selbst erraten
Er Man wird glauben ich habe bei Ihnen geschlafen
Ich Mylord Ich hätte einen andern Mann in Ihnen vermutet
Er Ist es denn nicht die Wahrheit Ich bin schon seit ein Uhr hier ich
habe aber nicht sonderlich geschlafen
Ich war so erbittert dass ich ihm voller Zorn ins Gesicht sagte »Mylord
das ist eine Unwahrheit Wollen Sie vielleicht meinen guten Ruf zugrunde richten
und eine so schändliche Erdichtung von mir ausstreuen Was hab ich Ihnen
getan« »Nichts« unterbrach er mich kaltblütig »Es ist die lautere Wahrheit
Ich habe seit ein Uhr hier geschlafen Sie sind um drei Uhr aufgestanden und
haben geschrieben dann legten Sie sich wieder nieder stunden gegen sechs Uhr
auf machten Feuer schliefen auf dem Stuhle ein und wachten itzo auf Wie kann
ich das alles wissen wenn ich nicht hier geschlafen habe«
Ich Aber ich habe Sie nicht gesehen
Er Ich habe mich beständig stillgehalten um Sie nicht zu erschrecken
Ich Sie werden mir verzeihen Mylord ich finde dass Sie eine große
Unbedachtsamkeit begangen haben Sie könnten mich unschuldigerweise in einen
schlimmen Ruf bringen Aber sagen Sie mir in aller Welt wie sind Sie auf den
Einfall gekommen
Er Ich hab Ihnen etwas zu sagen Um es nicht zu verschlafen sondern gleich
bei der Hand zu sein wenn Sie aufstünden hab ich bei Ihnen geschlafen
Ich Aber wie sind Sie hereingekommen
Er Durch die Tür Weil mir das was ich Ihnen sagen will beständig zu
sehr in Gedanken lag konnte ich nicht einschlafen ich trat ans Fenster der
Mondschein gefiel mir ich warf meinen Reitrock über ging hieher fand die Tür
offen ging in Ihr Zimmer legte mich auf den Sofa und schlief Was ist denn
Übels dabei
Ich Sehr viel wenns die Frau von Dirzau erfährt
Er So will ich ihr selbst sagen dass ich bei Ihnen geschlafen habe
Ich Tausendmal lieber wär mirs wenn Sie am hellen Tage und wachend zu mir
gekommen wären
Er Das bin ich Ich bin wachend zu Ihnen gekommen ganz wachend
Ich war zu ärgerlich um über seine tollen Antworten zu lachen ich wollte
den Tee bestellen und bat um die Erlaubnis ihn verlassen zu dürfen »Der Tee
ist bestellt ich hab es selbst getan« sprach er Wirklich langte er auch ein
paar Augenblicke darauf an
Wir tranken es erschienen verschiedene Arten von Backwerk das er
gleichfalls vor meinem Erwachen bestellt hatte niemand sprach Endlich fing er
ganz trocken an »Mademoiselle ich will Ihnen in zwei Worten sagen was ich bei
Ihnen will ich liebe Sie«
Ich Sehr viel Ehre für mich Mylord
»Das ist eine Lüge« fuhr er hitzig auf »Mir macht es Ehre aber nicht
Ihnen« Sogleich fiel er wieder in seinen kalten Ton zurück »Ich habe eine
Abneigung gegen die Ehe« fuhr er fort »wenn Sie meine Freundin werden wollen
so versprech ich Ihnen« hier zog er ein Blatt Papier aus der Tasche und las
»jährlich vierhundert Pfund für Ihre kleinen Ausgaben freie Equipage
Bedienung Wohnung und Tafel alles wie Sie es nach Ihrem Gefallen einrichten
wollen auf meine Rechnung Trennt uns der Tod oder nötigt mich eine
unvermeidliche Ursache nach England zurückzukehren so bestimme ich Ihnen auf
Ihre ganze Lebenszeit tausend Pfund Interessen wovon Ihnen das Kapital nach
meinem Tode sogleich ausgezahlt werden soll Die Verschreibung desselben soll
gerichtlich bestätigt und bei den hiesigen Gerichten niedergelegt werden Was
sagen Sie dazu«
Ich Mylord ich sage dass Ihr Anerbieten sehr großmütig ist und beklage um
soviel mehr dass ich keinen Gebrauch davon machen kann
Er Das tut mir leid Aber warum nicht
Ich Weil ich in keine Verbindung von dieser Art jemals willigen werde
Er Wollen Sie lieber geheiratet sein
Ich Auch das nicht
Er Wozu sind Sie denn also auf der Welt Haben Sie schon eine andre
Liebe
Die Frage kam mir so hurtig auf den Hals dass ich erschrak und in der
Verlegenheit mit einem gestammelten »Vielleicht« antwortete
Er Das ist ein ander Ding Wenn Sie schon in einer andern Verbindung sind
darf ich keinen Anspruch mehr auf Sie machen hätten Sie mir das gleich gesagt
»Nein Mylord« rief ich etwas entrüstet »Sie irren sich sehr ich bin in
keiner Verbindung wie Sie meinen und werde auch nie in eine treten«
Er Warum nicht
Ich Weil ich sie meiner nicht würdig achte
Er Gut so wollen wir achthundert Pfund zu kleinen Ausgaben setzen wenn
Ihnen vierhundert nicht genug sind
Ich Und wenn Sie zweitausend setzten bewegten Sie mich nicht dazu Geben
Sie sich keine Mühe
Er Ich bedaure Aber warum nicht
Ich Wie ich Ihnen schon gesagt habe weil ich mich zu gut dünke um die
Mätresse eines reichen Lords zu werden
Er Ein reicher ist ja doch besser als ein armer Warum denn nicht bei
einem reichen
Ich Bei gar keinem sag ich Ihnen
Er Sonderbar Aber warum nicht
»Weil ich nicht will« antwortete ich höchst unwillig über sein ewiges
Fragen
Er Warum wollen Sie denn nicht
Ich schwieg er wiederholte unermüdlich sein Warum »Ich weiß nicht«
sprach ich endlich mit der äußersten Verdriesslichkeit Wir saßen beide
stillschweigend da es öffnete plötzlich jemand die Tür der Herr von Troppau
gestiefelt und gespornt trat herein »Was Teufel machen Sie hier Mylord«
rief er lachend »Ich habe bei der Mamsell geschlafen« antwortete der
eiskalte Lord »Bravo« schrie der Herr von Troppau und wollte sich
ausschütten vor Lachen »Bravo mein Puppchen Fangen Sie nun an zu werden«
Ich hätte dem hölzernen Lord in die Augen springen mögen ich musste einige
Zeit den übelen Spaß des Herrn von Troppau ausstehen aber endlich riss mir die
Geduld »Mylord« sprach ich hastig »so erzählen Sie doch die ganze
Begebenheit wie sie ist damit Sie mich nicht in einen unangenehmen Verdacht
bringen« »Sehr gern« sagte der Lord und wandte sich zum Herrn von Troppau
»Ich habe in aller Ehrbarkeit bei der Mamsell geschlafen« und nun erzählte er
ihm den ganzen Vorfall mit allen Umständen der Reihe nach Als er sein getanes
Anerbieten wieder von seinem Blatte abgelesen hatte fuhr der Herr von Troppau
auf mich hinein »Und Sie nehmen das nicht an« fragte er verwundert »Sind Sie
toll Glauben Sie dass solche Anträge alle Tage kommen Mylord lassen Sie Ihr
Blatt hier damit sies besser überlegen kann« Der Lord steckte das Blatt
hinter meinen Spiegel ich wollte es verhindern aber der Herr von Troppau ließ
mich nicht zum Worte kommen Er sagte dass ihn seine Schwester habe rufen
lassen um bei ihr nachzusehn was für eine Mannsperson heute bei mir
übernachtet hätte dass sie über mich geseufzt und auf mich geschmäht habe Mir
stiegen die Tränen in die Augen »O Mylord« sagte ich weinerlich »Sie haben
mich in einen Verdacht gebracht von dem Sie mich mit Ihrem ganzen Vermögen
nicht loskaufen können« »Beruhigen Sie sich« sprach er mit viel
Gutherzigkeit »ich will der Dame gleich selbst sagen warum ich bei Ihnen
geschlafen habe« Er wollte gehen aber es kam ein Bedienter des Herrn von
Troppau und sagte ihm etwas ins Ohr »Mylord« fing er lachend an »Ihre
Bedienten laufen mit Stiefeln und Schuhen in der ganzen Stadt herum und suchen
Sie« »Me voilà« sprach er äußerst gelassen und gab Befehl dass sein
Bedienter mit den Stiefeln heraufkommen sollte Als er kam war Mylord doch so
höflich dass er vor die Tür ging und sie mit seinen Pantoffeln vertauschte Der
Herr von Troppau sosehr er auch davon abwehrte musste ihm das Zimmer der Frau
von Dirzau zeigen er ging unangemeldet zu ihr hinein wie sie ihn aufgenommen
hat weiß der Himmel Ich bin seitdem in einem sonderbaren Zustande es ist mir
immer als wenn ich mich über Dich und Deinen Besuch bei Vignali freuen sollte
und gleichwohl mischt sich auch so viel Verdriesslichkeit und Besorgnis darunter
Lieber Heinrich traue mir nur mache mich nur nicht schwächer als ich bin
Und wenns Liebhaber und Anbeter auf mich herabregnete solltest Du sie alle
erfahren und dass mich einer von Dir abwendig machte das ist so unmöglich als
dass um Mitternacht Mittag wird
Ich habe diesen Brief nur eilfertig hingeworfen Gutes Glück bei Vignali
Ich bin Deine
Ulrike
Der Brief war noch nicht völlig gelesen als schon der Lohnkutscher vorfuhr der
Herrmann zu seiner neuen Gönnerin bringen sollte er stieg hinein von seinem
gewesenen Kameraden begafft der nebst dem Diener mit neidischem Lachen in der
Gewölbetür zusah Der neugeschmückte Adonis nahm seine ganze Herzhaftigkeit
Lebhaftigkeit und Galanterie zusammen um vor Madam Vignali mit der bescheidenen
Dreistigkeit eines Weltmannes zu erscheinen der Empfang war überaus gütig der
Besuch dauerte fast bis ein Uhr das Gespräch war lebhaft und ununterbrochen
Vignali zeigte sich in dem ganzen Glanze ihrer Schönheit und Beredsamkeit und
um Herrmanns Vorstellung von beiden noch zu vergrößern affektierte sie eine
Migräne die ihr die natürlichste Gelegenheit gab zuweilen aus dem raschen
überwältigenden Tone in den sanften schmachtenden überzugehn Die Frau war
gewiss eine der edelsten Figuren im großen heroischen Stile von der Natur
gebildet ihre Miene ihr Ton verschaften ihr über jeden der mit ihr sprach
eine Autorität der man sich ohne Weigerung unterwarf als wenn die Natur einmal
das Verhältnis so bestimmt habe dass sie allein befehlen und alle andre Menschen
gehorchen sollten Herrmann wurde schon bei diesem ersten Besuche ihr wirklicher
Sklave es war als wenn sie ihm die Unterwürfigkeit mit dem ersten Blicke in
die Seele hauchte Er bekam die Erlaubnis nachmittags sein Zimmer worin noch
eine Kleinigkeit zu machen war zu beziehen und auf den Abend in der
Gesellschaft bei ihr zu erscheinen Er war glücklich vom Wirbel bis zur Fusszehe
entzückt über das neue glänzende Leben wovon er nur ein Vorspiel gesehen hatte
und gestund sich unterwegs dass Ulrike reizend und liebenswürdig aber Vignali
schön und hinreißend sei Wie berauscht taumelte er aus der Kutsche aber wie
traurig wurde er inne dass ihn sein Besuch mitten zwischen die vornehme und
bürgerliche Esszeit eingeklemmt hatte Denn zu Hause war bereits um zwölfe
gespeist worden und hätte nicht die Kaufmannsfrau die Neubegierde gehabt
seinen neuen Staat zu besichtigen und ihn deswegen in die Stube gerufen so
wäre bei aller Glückseligkeit sein Magen leer geblieben um ihn mit grössrer Musse
ausfragen zu können ließ sie ihm einen Rest ihrer Mittagsmahlzeit aufwärmen
und nun wurde gefragt bis auf den Boden der Seele ausgefragt Seine Figur war
angenehm ziemlich lang gut gebaut sein neuer Putz erhöhte ihren Reiz die
Frau hatte bei der Abwesenheit ihres Mannes entsetzliche Langeweile sie bat den
schöngeputzten Herrmann zum Kaffee Freilich ließ sie wohl auch nichts mangeln
um ihre Schönheiten sie war wirklich schön und ihre Unterhaltungsgabe in das
vorteilhafteste Licht zu stellen allein sosehr sie zu jeder andern Zeit für
sich selbst gefiel so gering war ihre Wirkung jetzt nach einem Besuche bei Madam
Vignali wie alles so gemein so alltäglich so platt in ihren Reden und
Manieren gegen das edle große einnehmende Betragen gegen die feine gewählte
lächelnde Sprache einer Vignali Herrmann hätte sich mit tausendmal grösserm
Vergnügen in seinem kalten Kämmerchen Vignali gedacht als diese matte Schönheit
den ganzen Nachmittag gesehen Zu seiner unendlichen Freude erlöst ihn die
Ankunft eines Briefs von Ulriken aus dem Zwange Sie schrieb
den 28 Jan
Hab ichs doch gedacht mein Heinrich ist alles was er sein will und wenns
ihm morgen einfällt den Fürsten zu spielen so ist ers gleich so ganz als
wenn er zeitlebens nichts anders gewesen wäre Wahrhaftig Du bist etwas mehr
als ein Mensch Vignali ist von Dir bezaubert sie spricht von nichts als von
Deinem Lobe sie findet in Dir den vollkommensten Weltmann dem mans bei dem
ersten Hereintritt ansieht dass er in der großen Welt gebildet ist Ich musste
mich bei mir über den Lobspruch herzinniglich freuen dass Du sogar eine so feine
Frau hast hintergehn können Die Frau war mir in dem Augenblicke noch einmal so
schön so lieb und wert ich habe ihr Hände und Lippen beinahe entzweigeküsst vor
Herzenswonne wie sie so ewig von Dir redete als wenn sie gar nicht wieder von
Deinem Lobe wegkommen könnte Die brave vortreffliche Frau es gibt gar keine
bessere auf der Erde
Ich wunderte mich außerordentlich dass Du wieder weggefahren warst aber um
mich nicht zu sehr zu verraten wollte ich nicht nach Dir fragen Der Lord
Leadwort erschien die Suppe wurde aufgetragen es war noch kein Heinrich da
Wir setzten uns noch immer war kein Heinrich da und wird wohl auch keiner
kommen dachte ich betrübt Ob die Vignali toll ist Als wenn sie nicht wüsste
dass ich gern mit meinem Heinrich eine Seele ausmachen möchte Zwar nun
besann ich mich erst was weiß sie denn Nichts Also sei ihr der Fehler
vergeben Aber was half mirs dass ich ihr den Fehler vergeben musste Ich
wurde so verdrießlich und tölpisch wie ein ungezogenes Mädchen Ich aß ein paar
Löffel Suppe sie schmeckte mir wie Galle und ich ließ in meinem Verdrusse den
Löffel hineinfallen dass sie herumsprützte ich stopfte hastig Brot über Brot in
den Mund trank Wasser trank Wein es wurde mir so weh ums Herze dass mir die
Augen übergingen Vignali sah mir nachdenkend zu und lächelte warum nur die
Frau lächeln mochte Es war ein so tückisches Lächeln das ich noch niemals an
ihr gesehen habe
Der Lord fing an sein gewöhnliches tolles Zeug zu machen nahm jedes Wort
in einem andern Sinne und vergaß auch sein ewiges Warum nicht Man kann fürwahr
den Mann nicht anhören ohne zu lachen Er trieb einmal die Vignali mit seinem
»aber warum« so in die Enge dass sie ihm nicht mehr antworten konnte gleich
darauf schlug sie ihn mit seinen eignen Waffen und fragte ihn von jedem Warum
wieder das Warum bis ins unendliche fort dass er sich mit nichts zu helfen wusste
als durch eine Gesundheit die er der Vignali als der größten Warumfragerin
zubrachte Am meisten beschäftigte er sich mit mir bei dieser Gelegenheit habe
ich erfahren dass er in Logogryphen Rätseln Auslegungen der Namen und
dergleichen Wissenschaften sehr stark ist Er führt beständig ein Punktierbuch
bei sich »Neulich« erzählte mir Vignali »tut eine Dame die Frage an ihren
Nachbar Ob ich wohl heute Briefe von meinem Manne bekommen werde Gleich
erscheint der Lord den sie vorher gar nicht gesehen noch gesprochen hat
übergibt ihr seine Schreibetafel und einen Bleistift Punktieren Sie sagte er
Die Dame weiß nicht damit umzugehen er erklärt ihr also das Geheimnis der
Kunst kniet vor ihr mit dem rechten Knie nieder legt auf das linke seine
Punktiertabellen zählt sagt ihr die Buchstaben und sie muss sie aufzeichnen
Die ganze Gesellschaft die wenigstens aus zwanzig Personen bestanden hat
versammelt sich um ihn aber er punktiert ungestört fort« Mir hat er heute bei
Tische mein ganzes künftiges Leben auspunktiert und brachte heraus dass ich ihn
heiraten würde aber ich versicherte ihn dass seine Tabelle entsetzlich falsch
sein müsste »Aber warum« fragte er »Weil ich Sie nicht heiraten werde«
antwortete ich und er schwieg
Nach Tische ging eine ernstaftere Szene vor Ich war mit Vignali allein
»Meine Liebe« fing sie auf einmal abgebrochen an »Sie sind eine Baronesse von
Breisach« Sie sagte das mit dem eignen Tone den sie allemal braucht wenn sie
entdeckt dass sie etwas weiß was sie nicht wissen soll »Sie sind eine
Baronesse von Breisach« Ich war so überrascht als wenn der Tod plötzlich vor
mir stünde »Erschrecken Sie nicht« fuhr sie fort »Sie sind eine Baronesse
von Breisach sind Ihrer Tante in Dresden entlaufen und haben den Namen Ihren
Vetters angenommen« Ich hatte mich unterdessen ein wenig gesammelt und fragte
sie mit gezwungenem Lachen »Wer hat Ihnen das Märchen überredet« »Sie kennen
eine Frau Hildebrand« sagte sie etwas spöttisch »Die Frau Hildebrand hat eine
Muhme in Dresden die Sie von Leipzig bis Dessau gebracht hat und diese Muhme
in Dresden ist sehr wohl bekannt bei der Oberstin der Sie entlaufen sind und
diese Muhme in Dresden hat ihrer Muhme in Berlin Ihre Geschichte anvertraut und
diese Muhme in Berlin hat mir der Madam Vignali Eröffnung davon getan wie
doch ein Märchen unter so vielen Händen zur Wahrheit werden kann Ich hab es
gewusst ehe Sie noch ins Haus kamen und Ihnen heute erst entdecken wollen dass
ich das Märchen weiß« Ich war gefangen das Herz wollte mir brechen ich warf
mich ihr mit Tränen zu Füßen und bat sie bei allem was heilig ist mich nicht
zu verraten vor Begierde und Angst stürmte ich so in sie hinein und riss so
stark an ihrem Kleide dass alle Nähte an ihm krachten und platzten in dem
Augenblicke machte sie eine so schadenfrohe stolze tückische Miene die mir
durch die Seele fuhr wie ich noch nie eine in ihrem Gesichte gesehen habe
»Stehn Sie auf« sprach sie beleidigend stolz zu mir »so bittet man einen
Kaiser aber keine Freundin« Gleich ging ihr Gesicht wieder zur süßesten
Freundlichkeit über sie versicherte mich bei ihrer Ehre dass niemand durch sie
mein Geheimnis erfahren sollte solang ichs nicht entdeckt wissen wollte
»Hören Sie nun auch« fuhr sie fort »warum ich mich gerade jetzt mit Ihnen in
dies Gespräch einlasse Der Lord Leadwort hat Ihnen heute einen Antrag getan
den Sie ausgeschlagen haben er lässt Ihnen jetzt einen andern durch mich tun er
will Sie heiraten Was sagen Sie zu diesem Antrage«
»Was ich heute früh gesagt habe« antwortete ich entschlossen
»Sie sind ein Kind« sagte sie auch gerade in dem Tone wie man mit Kindern
spricht »Ich will Sie nur erst mit dem Manne recht bekanntmachen« und nun
holte sie ein großes Papier aus dem Schreibeschranke wovon sie mir eine
unendliche Menge Reichtümer ablas nebst allem was er mir zum Leibgedinge
aussetzte Bei seinem Leben versprach er mir jährlich tausend Pfund zu den
kleinen Ausgaben und nach seinem Tode ein Leibgedinge von zweitausend Pfund
jährlichen Einkünften die ich aber nirgends als in Engelland verzehren könnte
bei seinem Leben sollte es meiner Wahl überlassen sein ob ich beständig in
Engelland oder abwechselnd ein Jahr in Deutschland und ein Jahr in Engelland
leben wollte Soviel habe ich mir nur daraus gemerkt Als Vignali fertig war
fragte sie mich mit recht spitzigem Tone »Sagen Sie nun noch wie heute früh«
»Ja« sprach ich mit festem Akzente so fest wie mein Entschluss und schlug mit
beiden Händen auf die Brust »wie heute früh spreche ich noch jetzt und werde
ewig so sprechen« »Gehen Sie« sagte die stolze Frau und stieß mich
verächtlich von sich »Sie sind ein Kind Gehen Sie ich muss zum Besuche fahren«
Sie ging ohne Abschied zu nehmen in ihr Kabinett und ließ mich allein stehen
Ich bin in Todesangst was man nun alles wider mich anzetteln wird Ob sie
vielleicht gar unsre Liebe weiß Aber wie wäre das möglich Sie müsste allwissend
sein Damit wir uns nicht verraten wollen wir einander nicht anders als bei
Vignali sehen und desto öfter schreiben Der Überbringer meiner heutigen Briefe
soll Dein Bedienter werden Vignali lässt ihm eine Liverei machen Da mich die
Hildebrand so schändlich verraten hat trau ich auch ihrem Sohn nicht wer weiß
warum Vignali ihn zu Deinem Bedienten gewählt hat Aber es ist unmöglich sie
weiß nichts und soll auch nichts erfahren Dass ja jeder Deiner Briefe fest fest
zugesiegelt und auf starkes Papier geschrieben ist Lieber gib ihm gar nicht die
Form eines Briefs Wenn die verschmitzte Frau alles auskundschaftet soll ihr
doch unsre Liebe ein Geheimnis bleiben
Du denkst doch nicht etwa dass mir meine abschlägige Antwort auf des Lords
Anerbieten etwas gekostet hat Nicht einen Zuck am Herze Nicht eine bittere
Empfindung Nein Heinrich so klein bin ich nicht Konnt ich meinen ehrlichen
Ruf um Deinetwillen aufs Spiel setzen war mir meine Ehre gegen Deine Liebe eine
Feder so sind mir zweitausend Pfund Leibgedinge gewiss nur eine Seifenblase
dagegen Weg weg mit ihnen Du bist mir Reichtums genug was brauch ich mehr
Eben lässt mir Vignali sagen dass Dein Zimmer in Bereitschaft ist Der
Überbringer hat Befehl Dich zu begleiten und anzuweisen Mache Dich gleich auf
den Weg
Ich bin diesen Abend nicht zur Gesellschaft gebeten worden und doch Du Was
das nur bedeuten mag O die unselige Vignali ich zittre vor ihrer List wie
vor einer Schlange
U
Unmittelbar nach der Durchlesung des Briefs wurde eine Kutsche bestellt weil es
schon finster war ließ Herrmann sein leichtes Kufferchen das seine sämtlichen
Effekten in sich fasste hineinschieben nahm im Hause Abschied und fuhr davon
Seine neue Wohnung war schön zierlich voll Geschmack der Heinrich der noch
vor einigen Tagen die Schürze trug zum vornehmen Herrn geworden alles fand er
hier wieder wie auf dem Schloss des Grafen Ohlau er kehrte zu dem vornehmen
glänzenden Leben wieder und sah in sein bisheriges wie in ein Grab wie ins
Nichts zurück Freilich Ulrikens Brief das war ein verzweifeltes Gegengewicht
gegen seine Freude Er wollte ihn noch einmal lesen aber er musste ihn
verstecken denn Vignali trat herein um ihn aus übertriebner Höflichkeit zu
bewillkommnen Sie nahm ihn mit sich auf ihr Zimmer wo sie ihm seine Überlegung
über Ulrikens Brief aus dem Kopfe rein herausschwatzte Lairesse stellte sich
sehr zeitig ein und trug auch das ihrige zu seiner Aufheiterung bei sie
versuchte ihre ganze unendliche Tändelsucht an ihm Ihr Lieblingszeitvertreib
bestand darin dass sie die tollsten ungeheuresten Figuren in buntem Papiere
ausschnitt und ihre Gesellschafter damit ausputzte deswegen legte ihr Vignali
jedesmal wenn sie zum Besuche bei ihr war buntes Papier und eine Schere in
Bereitschaft welches auch diesen Abend geschehen war Sie schnitt Riesen
Zwerge Polischinelle Hanswürste Pantalons und andre Karikaturen Vignali fand
an dieser Beschäftigung allmählich auch Geschmack auch Herrmann bekam eine
Schere und so saßen sie alle drei an einem kleinen Tischchen mit der äußersten
Geschäftigkeit und Ernsthaftigkeit und jedes suchte das andre durch die größere
Abenteuerlichkeit seines Produkts zu übertreffen Lairesse sang mitunter ein
französisches Liedchen zu der Arbeit behing den armen Herrmann vom Kopf bis zu
den Füßen mit den abscheulichsten Fratzengesichern und lachte ihn aus schwenkte
ihn tanzend ein paarmal um dass die Papiermänner in dem Zimmer herumflogen
trällerte aß ein Stückchen Biskuit neckte Vignali neckte Herrmann setzte
sich wieder an die Papierarbeit und suchte jedem ihrer Mitarbeiter durch Stöße
oder mutwillige Scherenschnitte wenn sie jetzt den letzten vollendenden
Meisterschnitt tun wollten das Werk zu verderben Die Tischgesellschaft bestund
für diesmal nur aus diesen drei Personen war ebenso kindisch lustig und
Herrmann dem alle diese Auftritte neu waren ging zufrieden und vergnügt aus
ihr auf sein Zimmer um sich desto trauriger die Nacht hindurch mit Ulrikens
Briefe herumzuschlagen
Siebenter Teil
Erstes Kapitel
Herrmann stund nach einer langen ernsten nachdenkenden Nacht sehr früh auf um
an Ulriken folgenden Brief zu schreiben
den 29 Jan
Dein letzter Brief liebste Ulrike hat mich in die ernstafteste Überlegung
versenkt die mich selbst mitten im Vergnügen gestern abend beschäftigte Die
Liebe empört sich zwar in meinem Herze laut wider ihn bei dem tiefsten
Nachdenken presste sie mir eine rührungsvolle Zähre in die Augen und suchte meine
Vernunft durch Wehmut zu täuschen aber liebste Ulrike so gewiss die feurigste
Liebe in meinem Herze für Dich brennt so gewiss sagt mir mein Verstand dass wir
nicht bloß lieben sondern auch überlegen müssen Unterdrücke einmal alle
Empfindlichkeit alle Neigung für mich verschliesse die Ohren für Deine
Zärtlichkeit und lass sie nur mir und der Vernunft offen
Glaubest Du wirklich dass die Liebe glücklich genug macht um äusserliches
Wohlsein zu verachten dass die Liebe auf die ganze lange Lebenszeit dem Herze
Stärke und Trost genug mitteilt um Mangel Armut Bedrückung Unsicherheit
Niedrigkeit Verachtung auch vielleicht Spott standhaft zu ertragen dass nicht
endlich überhäuftes Leiden sich durch den eisernen Mut bis zum Herze durchfrisst
schmerzlich am Leben naget und am Ende vielleicht die Liebe selbst zermalmt
Glaubst Du das nicht bloß auf die Überredungen Deiner Leidenschaft sondern aus
reifer lebendiger Überzeugung
Was hast Du von mir und durch mich zu erwarten Elend oder kärgliches
Glück Meine Person ist mein einziges Gut und hieltest Du sie in der
Verblendung des Affekts für ein unschätzbares Kleinod so würde ich zum
Bösewicht wenn ich Dich nicht daran erinnerte dass sie nichts ist Weder zum
Pfluge noch zum Handwerke noch zum Fabrikanten tauglich ohne Stand ohne
Gewerbe ohne Vermögen um eins anzufangen ohne Wissenschaft ohne Gönner
ein bloßer nackter Erdenkloss dem das Glück einen seidenen Rock oder einen
Kittel anziehen kann auf die Erde dahingeworfen dass das Schicksal mit ihm
spielen ihn entweder emporschnellen oder in den Kot wälzen soll Und wenn in
diesen dürftigen Erdenklumpen die Natur alle große Talente gelegt hätte die nur
einen Sterblichen erheben alle Leidenschaften die ihn aus dem Staube
emporreissen können was sind sie ohne Glück Würmer die am Herze nagen und
das bisschen Glückseligkeit das Jugend und Gesundheit darbieten wie eine
frische Blüte wegfressen verderbliche Würmer die sich in den saftvollen Baum
des Lebens hineingraben seine Rinde durchlöchern den nützlichen Nahrungssaft
abzapfen in seiner Schale mit unendlicher Fruchtbarkeit brüten dass oft der
kraftlose Baum erstirbt eh er noch die ersten Blüten trieb oder mit dürren
Zweigen kleinen gilblichten Blättern ohne Frucht Schönheit und Anmut dasteht
und sich zu Tode kränkelt Möchte ich also der vollkommenste Sterbliche sein
der jemals aus der Hand des Schöpfers ging alle diese Vollkommenheiten sind
immer nur Krücken auf dem Wege des Lebens aber das Glück ist der Führer das
lehren mich alle meine bisherigen Schicksale
Nimm Deine ganze Besonnenheit Dein ganzes Nachdenken zusammen und überlege
Sind Dir gewisse zweitausend Pfund Einkünfte lieber oder ein Würfel mit dem Du
vielleicht den zwanzigsten Teil dieser Summe oder nichts gewinnen kannst Denn
wie ich Dir gesagt habe ich bin fürwahr nichts als ein Würfel den das
Schicksal wirft und es steht nicht etwa wenig oder gar kein Glück auf dem
Spiel nein wenig Glück oder viel Ungemach sind die beiden wahrscheinlichsten
Gewinnste die Du durch mich erlangen kannst Wählst Du zu Deinem Schaden statt
der Gewissheit Wahrscheinlichkeit statt einer lebenslangen unverbesserlichen
Versorgung vielleicht lebenslangen Kummer Reue Armut dann ist wenigstens mein
Gewissen ruhig ob es gleich mein Herz nie sein könnte ich habe mich Dir mit
meinem ganzen Nichts vor Augen gestellt Wäre mein Körper für ländliche Arbeiten
gemacht und nicht in Bequemlichkeit und Zärtlichkeit aufgewachsen oder wüsste ich
eine Kunst ein Handwerk das mir jeden Tag das Brot des folgenden verspräche
dann sagte ich Dir Ulrike wenn Dein Herz so fest an meinem hängt dass es
Niedrigkeit und sparsames Auskommen nicht zu trennen vermögen wohl entsage
aller Bequemlichkeit allem Range allem Überflusse lass Deine zarten Finger von
Arbeit Kälte und Sonnenhitze auflaufen Deine weißen Arme von der Luft
schwärzen oder röten und Deine weichen Hände mit Schwielen überziehn Du sollst
in der Umarmung eines Fürsten nicht glücklicher sein als bei mir Liebe soll
unser schwarzes Brot würzen und unsern schwachen Trank lieblich und stark
machen Liebe soll den Tag anfangen und beschließen und auf meinen Händen will
ich Dich dem Grabe entgegentragen Aber Ulrike ein Würfel des Glücks sein und
auf einen misslichen Wurf seine Ruhe selbst seine Liebe setzen die heisseste
Hölle verdiente ich wenn ich Dich vor einem solchen Wagstücke nicht warnte Ein
Brief von Schwingern den ich in Dresden empfing und Dir hier beilege ist für
mich eine Lampe bei welcher ich meine Vernunft anzünde sobald die Liebe sie
auslöscht ich lese ihn oft und habe ihn noch diese Nacht zweimal gelesen lies
ihn aufmerksam und dann erwäge
Was ich tun werde wenn Du der Vernunft folgest denn einen Menschen wie
mich einem Lord vorziehn was ist das anders als Schwachheit und ich kann es
dreist Unvernunft nennen ob ich gleich wider mich selbst spreche Was ich
also tun werde Berlin verlassen und zeitlebens um meine erste Liebe trauern
Dein Ring den Du mir unter dem Baume gabst soll in Flor gehüllt auf meinem
Herze hängen im Leben und im Grabe solange mein Gebein zusammenhält mein Herz
soll ein ewiges Trauerhaus sein still öde traurig wie das Haus eines Witwers
der nie wieder zu lieben versprach und dies soll auch mein Gelübde sein mein
feierlich zugesagtes Gelübde Glaube mir dass ichs halten werde Ein Herz wo
Du wohntest ist für jede andre eine zu kostbare Wohnung an den Ort den Dein
Bild heiligte ein andres setzen wäre Abgötterei In jedem Jahre soll der Tag
wo meine Liebe starb ein Tag der Trauer sein Zähren will ich ihr opfern wenn
ich ihn beginne Zähren wenn er sich schließt keine Speise soll meine Lippen
berühren solange die Sonne den Horizont erleuchtet kein Trank meine Zunge
benetzen in Flor und schwarzer Kleidung will ich den ganzen langen Tag feiern
wie einer dem man seine Liebe begrub und fragt mich jemand um wen trauerst
du Freund dann antwort ich ihm um mich Wäre ich in einer Religion
geboren die dem Bedrängten eine Zuflucht in einsamen Mauern darbietet so legte
ich den nämlichen Tag wo Deine Wahl wider mich entscheidet einen Ordenshabit
an doch ich bedarf solcher gewaltsamen Mittel nicht um mir mein Gelübde zu
erleichtern es wird mir leicht sein so leicht wie eine Sache die gar nicht
anders geschehen kann Ein zweites Gelübde das ich zur Erleichterung Deiner
Schmerzen tue ist das Versprechen sogleich Deutschland zu verlassen und weder
dahin noch in Engelland jemals einen Fuß zu setzen welches Land mich auch
nähren mag so soll es doch nie eins sein wo Du bist
So überlege dann erwäge und wähle Frage nicht ob es mich ob es Dich
schmerzt was wäre Trennung wenn sie nicht schmerzte Vergiss mich ganz und
denke nur an Dich
Ich opfre Dir meine Glückseligkeit mit schwerem aber willigem Entschlusse
so wahr eine Seele in mir denkt und empfindet so wahr fühle und sage ich Dir
dass ich mit ebenso williger Entschließung noch heute meinen Kopf auf den Block
legen wollte wenn ich Dir durch meinen Tod alle Schmerzen unsrer Trennung
ersparen könnte
Lebe wohl Wie Vignali mir sagt werden wir uns nur selten bei ihr sehen
können sie darf Dich nicht oft mehr zu sich bitten weil es der Herr von
Troppau untersagt haben soll warum entdeckte sie mir nicht Glaube mir die
Frau ist tückisch sie hat etwas im Kopfe wider uns darauf wollte ich schwören
und wenn sie nicht allwissend ist so muss sie unsre Briefe lesen denn sie hat
mir gestern Dinge gesagt die nur in unsern Seelen und in unsern Briefen stehen
Ich argwohne sehr sie weiß unsre ganze Liebe schon So schön sie ist so schlau
scheint sie mir ich trau ihr nicht
H
Vignali nötigte ihn nach Tische mit ihr spazieren zu fahren und er empfing
deswegen erst gegen Abend Ulrikens Antwort ungefähr eine Viertelstunde nach
seiner Zurückkunft
Heinrich Heinrich bist Du toll dass Du mir so einen Brief schreiben kannst
Denkst Du dass ich um Geld liebe oder dass ich mit meinem Herze hausieren gehe
und es den Meistbietenden zuschlage Du Undankbarer so einen schlechten
verächtlichen Begriff hast Du also von mir dass Du glaubst es komme mir nicht
darauf an wen ich liebe sondern wieviel er mir Glück oder Unglück einbringt
Durch so viele Widerwärtigkeiten die ich seit meinen frühesten Jahren um
Deinetwillen litt mit freudiger Standhaftigkeit litt hab ich nicht einmal so
viel bei Dir gewonnen dass Du mir eine edlere Denkungsart zutraust Ist jemals
eine Handvoll Schmerz und Gefahr in meinen Augen ein Punkt gewesen den ich
eines Blicks würdigte Hab ich nur eine Minute mich bedacht Ehre und Leben zu
wagen wenn sie Dich mir versicherten wenn sie unsre Liebe in Sicherheit
setzten Und nun trittst Du kalter Vernünftler noch hin und rätst mir für
gehabte Bemühung zweitausend Pfund Sterlinge anzunehmen aus Furcht Du möchtest
vielleicht gar mein Schuldner bleiben müssen Hab ich denn noch jemals eine
Bezahlung eine Vergeltung von Dir gefodert Es falle Unglück wie Hagel auf
uns herab was ist das mehr oder weniger Wenn es unsre Liebe daniederhagelt
dann macht es uns unglücklich aber das tu es ich spotte seiner
Todsünde war es schon dass Du Dir nur einbilden konntest mich durch so
einen abgeschmackt vernünftigen Brief zu einem Entschlusse zu bewegen den ich
nicht denken kann ohne dass mir dafür ekelt ich will auch die Minute den
abscheulichen Brief verbrennen damit Dich die Leute nicht ins Gesicht
schimpfen wenn ihn jemand bei mir fände Hier flammt er im Ofen der
beleidigten Liebe geopfert Wie ein böser Geist fährt sein Dampf durch die
krachende Blechröhre und lässt einen scheußlichen Gestank zurück Wenn Du wieder
so einen schreibst lass ich ihn auf öffentlichem Markte verbrennen
Ich armes Mädchen denke was für ein rührendes Dankschreiben ich erhalten
werde dass ich der Vignali und dem Lord so gescheit geantwortet habe und da
ichs öffne ist es eine elende schlechtgeschriebne erbärmliche Busspredigt als
wenn Du einem schlechten Kandidaten das Konzept von seiner ersten Predigt
gestohlen hättest Zeitlebens habe ich mich nicht so entsetzlich erzürnt als
wie mir da die Galle überlief ich glühte wie mein Ofen ich schluchzte ich
weinte vor Ärger und kann nicht zu Tische gehen bis ich Dir den Text recht derb
gelesen habe
Aber sage mir denkst Du wirklich so weggeworfen von mir wie Du schreibst
Heinrich ich beschwöre Dich bei Deiner Glückseligkeit haftet noch ein
Gedanke von Deinem Briefe in Deiner Seele so lösch ihn aus rein aus als wenn
er nie dagewesen wäre oder wenn Du es nicht vermagst so lass ihn meine Tränen
austilgen mein Blut soll ihn tilgen wenn Tränen zu schwach sind Könnten sie
so in Deine Seele fließen wie sie auf dies Blatt tröpfeln Es sind bittere
Tränen wie die beleidigte Liebe sie weint sie würden Dich heißer brennen als
Deine heisseste Reue O Du Grausamer dass ich sie so zeitig um Dich vergießen
muss
Oder hat Dich vielleicht Vignalis Schönheit schon geblendet Diese edle schöne
englische Figur wie man sie nennt Wolltest Du mirs etwa nicht zuleide tun
dass Du so kalt von ihr sprichst Guter Heinrich man kann auch raten was kluge
Leute verschweigen Die Frau ist mir seit heute und gestern da Du bei ihr
wohnst und immer um sie bist so verdächtig so widrig geworden dass ich mich
wundre wie ich sie jemals so sehr habe lieben können Sie hat ganz ein ander
Gesicht ganz andres Tun und Wesen seitdem Du bei ihr wohnst wenn ich sie am
Fenster mit Dir stehen sehe schielt sie so tückisch so schlau so tiegermässig
grinsend durch die Scheibe Und wie sie heute mit Dir in den Wagen stieg kam
mirs nicht anders vor als wenn sie Hörner hätte wie der Teufel Ich trau ihr
keinen Schritt weiter und doch hab ich dem falschen Weibe mein Einziges mein
Liebstes anvertraut O ich Tolle ich Unbesonnene wenn ich Dich nur wieder
mit Ehren aus dem Hause bringen könnte Die Vignali kommt mir nun Tag und Nacht
nicht aus den Gedanken wo ich gehe und stehe ist sie neben mir und grinst mich
mit ihrer stolzen tückischen Miene an wie ein Beutelschneider der die
Gelegenheit ablauert um mir meinen einzigen Reichtum zu rauben Itzt war
mirs doch wahrhaftig als wenn sie zur Stube hereinkäme um mir meinen Brief
wegzureissen ich versteckte ihn hurtig unter die Schnürbrust du wirsts dem
armen Briefe anmerken dass er sich vor einem Räuber hat verkriechen müssen er
ist jämmerlich zerknittert
Heinrich wenn Du mich betrügst Dich durch Vignalis List und Schönheit von
mir abziehen und untreu machen lässt wenn Du vielleicht schon wirklich auf dem
Wege bist Dich von ihr einnehmen zu lassen vielleicht schon gar für sie
eingenommen bist welche Strafe kann für einen solchen Meineid empfindlich genug
sein Alle zeitliche und ewige Strafen wären zu schwach für eine Untreue die Du
an der schwachen Gutherzigkeit begingst an mir unschuldigem Geschöpfe mir
jammernder Taube die aus einfältiger Güte den Geier liebkoste der ihr ihren
geliebten Tauber würgen will
Meine Ruhe ist vorbei solange Du bei der Vignali bist Dass ihr der Herr von
Troppau untersagt hat mich zu sich zu bitten ist eine der schändlichsten
Lügen darauf wette ich O wie ich mir so süße so himmlische Freuden
versprach wenn Du mir so nahe wärst Wo sind sie Alle dahin alle von einem
Fuchse in einer Nacht gewürgt
Ich kann nicht mehr schreiben so zittert mir die Hand Ich fühle einen
Fieberschauer Heinrich mache nur bald wieder Mut eh ich krank werde
U
Herrmann wurde durch den Schluss des Briefes und die Wendung die Ulrike dem
seinigen gab nicht wenig außer Fassung gebracht doch ermannte er sich bald und
antwortete ihr sogleich
Ulrike härme Dich nicht Vignali kann mich vielleicht zu ihrem Freunde zu
ihrem Bewunderer machen aber nie nie wird sie Dich verdrängen nie mir die
Untreue nur eines Gedankens abnötigen Außer Dir ist keine auf der Erde die mir
Liebe einflößen kann am wenigsten eine Vignali die sich mir auf der
Spazierfahrt noch verdächtiger gemacht hat
Mein Brief war in der reinsten Absicht geschrieben aber er sei vergessen
weil Du es willst in unserm Gedächtnisse vernichtet wie ihn die Flammen
vernichteten und auch meine Kopie will ich verbrennen7 Dass ich nicht so von
Dir dachte wie Du glaubst und nie so denken werde bezeugt mir mein Gewissen
Was Du für mich tust das fühl ich dankbarlich was ich für Dich werde tun
können weiß Gott Aber mutig kann ein Mädchen des Unglücks spotten so kann
ichs fürwahr auch spottete schon lange dessen was mich trifft und nur von
Dir wollte ich durch meinen Rat die Leiden abwenden die unsre Liebe über Dich
zusammenzieht Wenn Vernunft nicht die Streiche des Unglücks abwehren darf so
soll Standhaftigkeit ihnen trotzen und weder Vignalis noch die ausgesuchtesten
Qualen werden jemals die meinige erschüttern
H
Er kam wegen des Briefes sehr spät in die Gesellschaft bei Vignali und fand
schon den Herrn von Troppau dem sie ihn als ihren Freund vorstellte ohne
seiner vorgegebnen Anverwandtschaft mit Ulriken zu erwähnen auch den ganzen
übrigen Abend wurde nicht mit einer Silbe an sie gedacht Vignali glänzte bei
Tische mit allen Seiten ihrer Größe sie wagte es sogar leichten gefälligen
Witz zu haben was sonst ihr Talent nicht war da es ihr hingegen an boshaftem
auch wohl beissendem niemals fehlte ihre Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten
gegen Herrmann waren unzählbar Wie einem kleinen Prinzen schmeichelte und
wartete sie ihm auf als wenn sie seinen und Ulrikens Brief gelesen hätte
benahm sie ihm allen Verdacht und blies ihm das Misstrauen wie rein gefegt aus
dem Herze weg Sie war in seinen Gedanken ganz eine andre Frau
Aber wie lange Eine Nacht und der Verdacht war desto stärker wieder da
Überhaupt gab ihr jedermann das Zeugnis dass man nicht klug in ihr werden könne
sie wechselte ihren Charakter wie ihre Handschuhe und vermutlich wird auch
Herrmann nicht eher in ihr klug werden als bis er es werden soll
Zweites Kapitel
Der weniger misstrauische Herrmann musste bei Vignali des Morgens darauf
frühstücken Sie sah ihm wieder so listig so tückisch aus dass er sich vor ihr
scheute
»Herrmann« hub sie nach einigen gleichgültigen Gesprächen mit ihrem
Entdeckungstone an »Sie sind in Ihre Muhme verliebt«
Ihr größtes Vergnügen war bei solchen Gelegenheiten den Leuten starr ins
Gesicht zu sehen um die Verlegenheit zu vermehren in welche sie durch ihre
überraschenden Worte gesetzt wurden die heimtückische Freude lachte alsdann aus
allen Zügen des Gesichts Herrmann war zwar eine gute halbe Minute nach ihrer
Anrede wie auf den Kopf geschlagen allein sein beleidigter Ehrgeiz dass ihn die
Frau so aus der Fassung gebracht hatte arbeitete sich bald durch er fragte
etwas hastig »Woher wissen Sie das«
Vignali verdross die Frage sie tat ihm statt der Antwort eine andre mit
sehr spitzigem Tone »Wollen Sie den Mann vor Gerichte verhören lassen der
mirs gesagt hat Hier ist er« Sie wies auf ihn selbst
Herrmann Ich Ich hätte Ihnen jemals so etwas nur mit einem Worte verraten
Vignali Pst Verraten das ist ein verräterischer Ausdruck
Herrmann Entdeckt anvertraut wollt ich sagen
Vignali Ja doch Sie versprachen sich Aber bei aller Behutsamkeit sind
und bleiben Sie doch Ihr eigener Verräter
Herrmann Oder Sie eine selbstbetrogne Erraterin
Vignali sah ihn mit dem stolzesten Ernste an »Herrmann wollen Sie mich
Lügen strafen Gleich gestehen Sie mir dass Sie das Mädchen lieben oder es wird
Leute geben die ihr schaden können«
Herrmann Eine solche Drohung bewegte mich fürwahr zu keinem Geständnisse
aber was soll ich leugnen was ich für mein größtes Verdienst halte Ja
Madam Sie habens getroffen ja ich liebe sie
Vignali Und sind ihr wohl recht exemplarisch treu
Herrmann Das ist eine Frage die sich selbst beantwortet
Vignali Sie werdens nicht lange mehr sein
Herrmann Ihr Ulriken nicht lange mehr treu So müsste doch wahrhaftig die
Sonne auslöschen und der Mond vom Himmel fallen
Vignali Was wetten Sie Sie müssen ihr untreu werden
Herrmann Madam Sie haben mich zum besten Außer ihr das sag ich Ihnen
dreist außer ihr ist kein Reiz für mich auf der Welt keine Schönheit die mir
nur einen Pulsschlag Liebe abnötigen könnte
Vignali Daran ist gar kein Zweifel Aber eben darum weil diese einzige
Schönheit so unmenschlich schön ist müssen Sie ihr untreu werden Glauben Sie
denn dass Sie der einzige sind der diese einzige Schönheit empfindet und
anbetet
Herrmann Das nicht aber zuverlässig der einzige von dem sie angebetet
sein will
Vignali Ah das ist eine andre Sache Sie sind eifersüchtig
Herrmann Eifersüchtig Ich habe gar keine Ursache dazu
Vignali Sie sinds haben auch Ursache dazu Sie kennen nur diese Ursachen
noch nicht recht aber rechnen Sie auf meinen Beistand In wenigen Tagen sollen
Sie ganz zuverlässig wissen wieviel oder wie wenig Ursachen zur Eifersucht Sie
haben
Herrmann Das wäre lustig Sparen Sie Ihre Mühe Madam So gewiss Ulrike das
einzige Mädchen ist das ich lieben kann so gewiss bin ich der einzige der von
ihr geliebt wird und eher wollt ich mich überreden lassen dass heute nachmittag
das Ende der Welt kommt als dass unsre Treue und Standhaftigkeit in unserm
ganzen Leben nur eine Minute lang wanken wird
»Lieber Herrmann wie glücklich ist Ihre Freundin einen so
außerordentlichen Liebhaber zu besitzen« sprach Vignali mit verstellter
Süßigkeit »Ziehen Sie sich an wir wollen ausfahren vielleicht kann ich meine
abscheuliche Migräne loswerden Gehen Sie«
Auf der Spazierfahrt wurde das Gespräch in dem nämlichen Tone fortgesetzt
und Vignali gab ihm Eifersucht und nahe Untreue mit so dreister Frechheit
schuld dass er fast zu zweifeln anfing ob er es nicht ohne sein Wissen schon
wirklich sei wenigstens brachte sie ihn doch für diesmal so weit dass er auf
Ursachen zur Eifersucht aufmerksam wurde
Nachmittags hielt sie mit Lairesse und Rosier eine Ratsversammlung bei
verschlossnen Türen in dem innersten Kabinette wovon freilich Herrmann sich
nicht träumen ließ dass sie ihn betraf Vignali als Vorsitzerin eröffnete die
Versammlung mit einer patetischen Rede
»Meine lieben Freundinnen« begann sie »ich muss euch eine Entdeckung
machen die euch gewiss sehr interessieren wird Der junge Mensch den ich ins
Haus genommen habe liebt die Gouvernante bei der Fräulein Troppau und mit einer
Zärtlichkeit und Heftigkeit dass man sich zu Tode lachen muss Ich habe alle
Briefe gelesen die sie einander täglich schreiben ehe sie abgegeben werden
muss mir sie der Bursche zeigen der den Liebhaber bedient auch da seine Mutter
noch ihre geheime Botschafterin war sind sie schon in meine Hände gekommen ich
habe mir noch gestern eine Migräne über das tolle Zeug gelacht Das möchte
hingehn aber die Sache wird für uns ernstaft Das Mädchen ist äußerst stolz
und bildet sich viel auf ihre sogenannte Tugend ein ich habe sie zwar ins Haus
gebracht weil ich mir etwas anders in ihr versprach aber sie wurde mir gleich
drei Tage nach unsrer angefangenen Bekanntschaft unleidlich und ich habe
deswegen ihr Emporkommen beständig zu hintertreiben gesucht Der Herr von
Troppau war wirklich in sie verliebt und hätte ich nichts getan so wäre sie
schon längst auf den nämlichen Fuß gesetzt worden wie wir alle und sähe sie
sich einmal auf einer solchen Höhe dann wäre es um uns geschehen wir würden
zurückgesetzt und endlich gar verabschiedet Dafür sind wir bisher durch meine
Klugheit gesichert worden und werden auch künftig dafür gesichert werden aber
es droht eine andre Gefahr Ihre närrische Grille von Tugend und Ehre hat dem
Herrn von Troppau einige wunderliche Ideen in den Kopf gebracht er schwatzte
mir gestern nach Tische so viel albernes Zeug von der Tugend eines Mädchens
daher und besonders so viel von der Tugend und Ehrbarkeit dieses Affen wie sehr
die weibliche Tugend allen noch so glänzenden Schönheiten vorzuziehen sei dass
man doch am Ende ihr Bewunderer werden müsse auch wenn man sich den
Vergnügungen noch sosehr ergäbe und was dergleichen armselige Lappereien weiter
wären der Himmel weiß in welchem einfältigen Romane er einmal das tugendhafte
Geschnacke aufgelesen haben mag denn da kriegt er mannigmal solche Paroxysmen
von Weisheit Ich musste alle Mühe anwenden um ihn aus seinem Weisheitsfieber
herauszureissen da ich ihn nur einmal soweit gebracht hatte dass er bei mir
blieb alsdann verging ihm wohl die Weisheit Wisst ihr was ich befürchte
Wenn er erfährt dass das Mädchen von seinem Stande ist so sind wir nicht einen
Augenblick sicher dass er nicht die Torheit begeht und sie heiratet denn er ist
wirklich in sie verliebt sehr verliebt was er gestern von ihr sprach war mehr
als Bewunderung es entschlüpfte ihm sogar der Wunsch dass sie von seinem Stande
sein möchte und er erschrack da er sich besann dass er sich so sehr verraten
hatte Seine gottselige Schwester treibt ohnehin beständig an ihm dass er sich
wieder verheiraten soll weiß sie erst dass das Mädchen eine Baronesse ist dann
ruht sie nicht bis sie seine Frau wird sobald sie nur merkt dass er sie liebt
Was alsdann aus uns allen würde könnt ihr leicht raten die verachteten
zurückgesetzten Nachtreterinnen einer stolzen Ehefrau
Wie sie jetzt schon von uns denkt und wie sie uns also in einem solchen
Falle unfehlbar begegnen würde das könnt ihr leicht aus zween Umständen
abnehmen Neulich als der Herr von Troppau eine kleine Schäkerei mit ihr
vornahm wurde sie so empfindlich darüber dass sie mir ins Gesicht sagte sie
möchte nicht des Herrn von Troppau Hure sein und zwar mit einem so
verächtlichen Seitenblicke nach mir dass sich meine ganzen Eingeweide
erschütterten Ich unterdrückte damals meinen Zorn aber von dieser Minute an
war Rache über sie beschlossen Glaubt das eingebildete Mädchen dass sie die
einzige Tugend auf der Welt ist Haben wir nicht sowohl Tugend und Ehre als sie
Ist es nicht die tollste Frechheit uns einen so erniedrigenden Namen zu geben
Ist das nicht die schmerzendste Beleidigung die allein schon Rache die
empfindlichste Rache foderte
Aber das ist noch nicht genug In ihren letzten Briefen an ihren Liebhaber
spricht sie so schlecht von mir dass ich alle meine Fassung zusammennehmen
musste um meinen Unwillen nicht gegen den jungen Menschen zu verraten Sie malt
mich als eine schlaue stolze boshafte Frau ab und auch ihr Liebhaber macht
keine bessere Schilderung von mir sie sind beide darin einig dass sie mir
nicht trauen wollen Das Misstrauen ärgert mich dass ich rasen möchte aber ihr
Elenden ihr sollt mir trauen und durch euer Vertrauen eure eignen Verderber
werden dafür steh ich Ich will mein Haupt nicht ruhig niederlegen bis ich die
Würmer zerdrückt habe
Itzt kennt ihr die Gefahr die uns alle bedroht meine Freundinnen und die
Beleidigung die mir und uns allen widerfahren ist vernehmt nunmehr auch meine
Rache Das Mädchen muss gedemütigt werden das einzige worauf sie stolz tut
weswegen sie uns verachtet uns solche kränkende Namen gibt muss sie verlieren
ich beruhige mich nicht solange sie nicht soweit gebracht ist Ich habe schon
den alten Gecken den Lord Leadwort der auch in die Närrin verliebt ist an sie
abgeschickt er musste ihr einen sehr anständigen Kontrakt anbieten aber sie
schlug ihn aus ich beredthe ihn dass er sie heiraten sollte und das ehrliche
Vieh verstund sich auch dazu Ich tat ihr in seinem Namen den Antrag auch
diesen wies sie mit der frechsten Naseweisheit von sich Ich dachte gewiss sie
würde mit auf diese Art ins Garn laufen sagte sie damals ja dann musste noch
denselben Abend der Lord seine Brautnacht mit ihr feiern in einem paar Tagen
von Berlin wegreisen und die Braut sich mit der Brautnacht begnügen Den
treuherzigen Lord drehe und wende ich wie ein Stückchen Papier ich triumphierte
schon über meine gelungene Rache und hätte dem Mädchen das Gesicht zerfleischen
mögen als sie mir so ein trotziges Nein zur Antwort gab Dem Fratzengesichte
steckt ihr Herrmann im Kopfe auf diesen gesetzten gewissenhaften soliden
Philosophen baut sie ihre Hoffnung wie auf einen Felsen dieser nachdenkende
altkluge übermäßig weise Junge hat ihr ganzes Herz Wisst ihr nun was zu tun
ist Wir müssen die Liebe zerreißen Erstlich wollen wir den warmen Liebhaber
eifersüchtig machen ich will dem Mädchen Liebhaber über Liebhaber zuschicken
der Bube ist sehr heiß vor der Stirn und ich wette mit euch ehe eine Woche
vergeht sollen sich die beiden Leute nach Herzenslust zanken Facht ihr nur in
allen Abendgesellschaften seine Eifersucht recht an weder Lügen noch Betrug
müssen gespart werden Sind sie erst veruneinigt dann nehmen wir den Liebhaber
vor und setzen ihm alle drei aus allen Kräften zu dass wir ihn zu einer Untreue
verleiten aus Verdruss Eifersucht und Rache gegen das Mädchen wird er schon von
seines Herzens Härtigkeit nachlassen die ihn unter euch gewinnt soll diesen
Ring zur Belohnung von mir empfangen Erfährt das Mädchen seine Untreue und
sie soll sie gewiss die Minute darauf erfahren dafür will ich sorgen dann
wird sie sich rächen wollen man schickt ihr einen Liebhaber zu der den
Augenblick des Verdrusses zu nützen weiß und fällt sie da noch nicht dann muss
sie ihr Liebhaber selbst zugrunde richten selbst demütigen und unser aller
Schande und Gefahr an ihr rächen
Betragt euch klug und verschwiegen das rate ich euch bedenkt dass ihr mir
euer Glück zu verdanken habt dass du Lairesse eine Tänzerin und Rosier ein
Waschmädchen warst Um euch an mein Interesse zu knüpfen hab ich euch erhoben
gehorcht ihr mir nicht in allem pünktlich seid ihr nicht verschwiegen wie die
Mauern dann wisst dass der Töpfer so gut den Topf zerschmeissen kann als er ihn
bildete Troppau muss von nun an nicht eine Stunde zur Besonnenheit kommen wir
müssen ihm seinen Paroxysmus von Weisheit ganz vertreiben er muss mit Vergnügen
überfüllt werden dass es ihm gar nicht einfällt an seine Liebe zu dem Mädchen
zu gedenken Ich will schon sorgen dass er sie wenig zu sehen bekommt Itzt wisst
ihr alles was ihr zu tun habt ich ermahne euch noch einmal seid klug und
verschwiegen oder zittert«
Sie sprachs räusperte dreimal ihren rauen Hals und beide Zuhörerinnen
klatschten ihr Beifall zu und gelobten ihr Gehorsam und Verschwiegenheit an
Lairesse wälzte sich vor Freuden auf dem Sofa dass sie den jungen Menschen zum
Narren haben sollte und Rosier hüpfte wie eine Elster und lispelte mit
Händeklatschen »Das ist hübsch das ist hübsch« Die Ratsversammlung erhub
sich in das Zimmer Vignali stimmte ihre Muskeln zur Freundlichkeit und Liebe
um und Herrmann wurde zur Gesellschaft gerufen
Drittes Kapitel
Die listige Vignali lenkte sogleich das Gespräch auf die Untreue der Mädchen und
führte bittere Klagen über die Wankelmütigkeit ihres eignen Geschlechts erzählte
Geschichten von hintergangenen Liebhabern die ihr Leben gegen die Beständigkeit
ihrer Geliebten verwettet hätten die übrigen beiden Nymphen brachten auch einen
Zuschuss von ähnlichen Begebenheiten herbei Hermann schwieg seufzte und machte
Betrachtungen bei sich
Auf einmal sprachen die drei Schönen leise als wenn er es nicht hören
sollte wiewohl sie eigentlich seine Aufmerksamkeit noch mehr dadurch zu reizen
suchten dass sie durch öftere Seitenblicke nach ihm durch öftere halblaute
Warnungen dass man den armen Herrmann nicht kränken müsste sich ein
Stillschweigen auferlegten und immer lauter und öfterer Ulrikens und seinen
Namen nannten eine wollte es schlechterdings nicht glauben die andere hielt
eher des Himmels Einsturz für möglich als so eine Treulosigkeit und die dritte
stritt mit aller Zuverlässigkeit dafür Herrmann wurde rot horchte mit allen
Ohren auf das zischelnde Gespräch und kochte am ganzen Leibe als er aus dem
geheimnisvollen Geschwätze eine Geschichte erriet die er nur fürchten aber
nicht glauben konnte
Endlich als man ihn in Gärung geraten sah fing man an sich laut zu
erzählen wie glücklich Ulrike sei dass kein Mädchen in Berlin so viele Anbeter
habe als sie »Ich weiß keinen als den Leadwort« sprach Vignali »Und
Monsieur Piquepoint« rief Lairesse »Und der sklavonische Graf« lispelte
Rosier »Den Herrn von Troppau können wir auch dazu rechnen« hub Vignali
wieder an »Und den Herrn Bassano bitte ich nicht zu vergessen« sagte
Lairesse »Und wie heißt denn der da« lispelte Rosier »Wisst ihr nicht
Monsieur Nattier« »Das sind ihrer doch nicht mehr als sechse« rief Vignali
laut und vernehmlich als wenn sie zur Ausruferin darüber bestellt wäre
Lairesse konnte des Spasses nicht satt werden und nannte noch wenigstens drei
oder vier Kastraten her die Herrmann nicht kannte und von denen er also nicht
wusste wie wenig fürchterliche Nebenbuhler sie waren »Das Mädchen kann sich
nicht erhalten« versicherte Vignali »Gebt acht sie fällt ehe man sichs
versieht«
Lairesse Ich setze nicht eine Stecknadel dagegen Sie sind ohnehin alle
schon ziemlich weit mit ihr gekommen
Rosier Und ich wette nicht um eine Seifenblase Sie ist auch nicht wenig
froh so eine Herde Liebhaber zu haben
Vignali Aber ich beklage nur den armen Menschen So viele Liebe gegen ihn
vorzugeben und doch so eine Menge anderer daneben zu haben Wie nur jemand so
falsch sein kann
Herrmann glühte stund mit einem Seufzer auf »Der arme Teufel ärgert
sich« sprach Vignali zu ihren beiden Freundinnen »finissons« »Er muss es
doch einmal erfahren« setzte Lairesse hinzu »besser zeitig als spät«
Vignali gebot noch einmal Stillschweigen und holte buntes Papier Herrmann musste
sich niedersetzen und arbeiten helfen man schnaubte nicht mehr von Ulrikens
Untreue Der arme Verliebte war äußerst zerstreut und im eigentlichen Verstande
auf der Folter er konnte nichts glauben und gleichwohl war doch alles so
wahrscheinlich
Sobald der Herr von Troppau anlangte wurde er von Vignali auf die Seite
genommen und empfing ohne sein Bewusstsein eine Rolle bei ihrem rachsüchtigen
Plane Sie berichtete ihm dass Monsieur Piquepoint eingeladen sei worüber er
sich von Herzen freute und dass er ihn überreden solle Ulrike habe sich in ihn
verliebt und sei zu bescheiden ihm ihre Liebe anzutragen weswegen sie sich
bloß begnüge ihm ihren Schattenriss zu überschicken sie hoffe den seinigen zum
Gegengeschenk zu erhalten Herr von Troppau war entzückt über das Possenspiel
und beförderte aus Liebe zum Vergnügen Vignalis Absichten wider Herrmanns Ruhe
Dieser Monsieur Piquepoint wie man ihn zum Scherz hieß war ehemals
Schneider gewesen hatte unvermutet eine reiche Erbschaft von einem Vetter in
Holland getan und sogleich Nadel und Bügeleisen zum Fenster hinausgeworfen Weil
er ehedem als Geselle in Paris gearbeitet hatte war ihm ein wenig von der
Sprache hängengeblieben welches ihn verleitete schon als Schneider seine
kleine Wissenschaft bei jeder Gelegenheit auszukramen alles um und an ihm bekam
französische Namen und er hielt es für eine Beschimpfung worüber er auf der
Stelle Beschwerde führte wenn man ihn deutsch anredete Da er vollends soviel
Vermögen bekam wurde es zur Todsünde wenn man nur mit einem Worte sich merken
ließ dass man ihn für einen Deutschen hielt Er wollte schlechterdings ein
vornehmer Herr scheinen und glaubte es wirklich zu sein wenn er die Laster und
Torheiten der Vornehmen nachahmte er überließ sich also den entsetzlichsten
Ausschweifungen der Liebe und da kein Mädchen anders als durch den Nutzen
angelockt werden konnte ihn nur Hoffnung zur Begünstigung zu machen so
kosteten ihm seine verliebten Abenteuer unmässiges Geld und meistenteils
endigten sie sich damit dass er um den Genuss betrogen und ausgelacht wurde
indessen das machte ihm wenig Sorge er beging seine Ausschweifungen aus
Eitelkeit und darum war es zu seiner Zufriedenheit genug wenn nur die Leute
wussten dass er mit dieser Schönen mit dieser Tänzerin jener Aktrice in
Verbindung stund er wollte nichts als die Miene der Ausschweifung haben und
sein ganzes Gesicht wurde mit Vergnügen wie mit einem Firnis überzogen wenn man
ihm einen verliebten Ritterzug mit dieser oder jener berühmten Schönheit schuld
gab Seine Narrheit und sein Geld lockten viele junge Leute herbei die auf
seine Unkosten teils schmarotzen teils sich belustigen wollten sie hatten ihn
auf alle Weise zum besten und wenn sie ihn ein ganzes Abendessen hindurch das
er bezahlen musste herumgetummelt hatten dann genoss oft einer von ihnen die
Gunst die der arme Narr durch sein Gastmahl und vorhergegangne Geschenke zu
erkaufen suchte während dass ihn die übrigen Gäste auf seine Rechnung zu Boden
tranken Eine zweite vornehme Torheit die er bis zum Übermasse trieb war seine
Sucht französisch zu reden und ein Franzose zu scheinen er würdigte keinen
Deutschen eines Blicks wenn er ihn seine Muttersprache reden hörte und seine
Frau und Kinder ließ er beinahe verhungern weil sie Deutsche waren und kein
Französisch sprachen Er veränderte deswegen seinen Namen und der Herr von
Troppau ein großer Namenerfinder schlug ihm zum Scherze die Benennung
Piquepoint vor die er mit Dank annahm und beständig beibehielt wer ihm einen
süßen Augenblick machen oder sich bei ihm einschmeicheln wollte hieß ihn
Monsieur de Piquepoint und endlich adelte man ihn so allgemein dass er sich
selbst einbildete ein Edelmann zu sein und es übelnahm wenn ihm jemand das
Wörtchen de entzog auch hütete er sich sorgfältig mit einem andern Menschen
als mit seinesgleichen umzugehen wie er den Adel nannte Dieser ausgesuchte
Narr hatte mit der Lairesse als sie noch Tänzerin war ein paar tausend Taler
durchgebracht doch ohne dass es ihr etwas half weil ihre Unbesonnenheit mehr
ans Verschwenden als ans Bereichern dachte sie hatte ihn in Vignalis
Bekanntschaft gebracht die ihm um so lieber zum Abendessen lud weil der Herr
von Troppau nie aufgeräumter war als wenn er den selbstgeadelten Schneider
durchziehen konnte und auch die übrige Gesellschaft fand ihre Rechnung dabei
weil schon sein Französisch allein hinreichend war um einen Abend über ihn zu
lachen
Er kam diesmal sehr spät in einem buntsamtnen Kleide wie der vollkommenste
Stutzer herausgeputzt und so entsetzlich parfumiert dass er eine herumwandelnde
Apotheke zu sein schien Er war ein dickes untersetztes Männchen mit einem
rotkupfrichten Gesichte und machte zur Nachahmung der französischen
Flüchtigkeit jede Bewegung mit so komischer Behendigkeit und so steif wie die
Kartenmänner die mit einem Fadenzuge den ganzen Körper bewegen auf dem Absatze
konnte er sich so meisterhaft umdrehn als wenn er auf einer Spindel liefe
Sobald er hereintrat rief ihm der Herr von Troppau französisch entgegen
»Monsieur de Piquepoint woher kommen Sie so spät«
»Ah« antwortete er schmunzelnd »on n dit ça dapord Monsieur lé Baron«8
Herr von Troppau Von welcher berühmten Schönheit Soll ich raten
Piquepoint Ah Monsieur lé Baron ça vous né devine pas Lairesse schrie
ihm von hinten einen Namen hastig ins Ohr »Pardon Mademoiselle« rief er und
drehte sich auf dem Absatze zu ihr »né mé parlez par lé derriere«
Der Herr von Troppau kündigte ihm darauf einen neuen Sieg an und nahm ihn
auf die Seite um ihm Ulrikens Schattenriss zu geben mit der Nachricht dass sie
ein Gleiches von ihm erwarte »Das arme Mädchen schmachtet recht nach Ihnen«
setzte der Herr von Troppau hinzu »Elle languit« schrie Piquepoint ganz
außer sich »Ah la pauvre petite chose« »Das arme kleine Ding«
Herr von Troppau Aber Sie müssen Mitleid haben Lassen Sie das arme Mädchen
nicht zu lange schmachten
Piquepoint Pacienza Monsieur lé Baron Je fais ça comme les grands
Seigneurs de campagne dans lé commencement jé marche sur les filles un peu
horriblement mais si ils se donnent jé suis douce comme de la marmelade
Unterdessen da dies Gespräch noch einige Zeit fortgesetzt wurde und
Monsieur de Piquepoint seine Freude über Ulrikens Liebe auf alle Weise
auszudrücken bemüht war besteckte ihm die mutwillige Lairesse den Haarbeutel
mit einer Menge Scheren und Bügeleisen von buntem Papier und berichtete
jedermann dass Herr Piquepoint heute sein Wappen angehängt habe Wohin sich der
verspottete Naar kehrte fing man an zu lachen und kaum hatte er sich hurtig
nach der lachenden Person hingewandt so brach hinter ihm eine andre los er
sagte einige von seinen Bonmots über das Lachen und weil es sich vermehrte
welches er seinem gesagten Witze zuschrieb so drehte er sich wie ein Dreher
voller Lustigkeit herum und lachte selbst mit »Ah« rief der dumme Tropf und
klatschte in die Hände »je pé peux amiser les gens en maître quils crévent
pour rire«
Bei Tische hatte er Ulrikens Silhouette beständig neben sich liegen küsste
sie und musterte ihre Reize versicherte quil laimoit toute entiere son ame
et son corps und schwatzte so viel aberwitziges Zeug besonders wie er ihr
seine Liebe bezeugen wollte dass Herrmann die Geduld verlor und ihm den
Schattenriss heimlich wegnahm Wie unsinnig schrie und wehklagte der Narr als er
den Verlust inne ward und bot einen zwei drei Dukaten wenn man ihn
wiederschafte
»Und wenns tausend Dukaten wären« fing Herrmann an »so soll er nicht in
so unwürdige Hände wieder kommen«
Piquepoint Ces mains sont au Monsieur de Piquepoint savez vous ça bien
mon petit Monsieur
Herrmann Einen ausgemachten Narren gehören sie
Piquepoint Quoi Moi une boufon Allons je me duelle je me duelle
Er trat wirklich mitten in die Stube und zog den Degen Lairesse stund auf
zog eine Schere aus der Tasche und erbot sich Herrmanns Verfechter zu sein
»Quoi« rief Piquepoint »vous voulez être son champignon champion Allez ou
jé vous pique Non non« unterbrach er sich sehr sanftmütig kniete nieder
und legte ihr den Degen zu Füßen»pour les Dames jé place mon epée sur la terre
Voyezvous« sagte er zu Herrmann als er wieder aufstund »Vous êtes echapé
par ste Demoiselle« Die Silhouette blieb für ihn verloren
Nach Tische erbot sich Lairesse seinen Schattenriss zu machen da er ihm zum
Gegengeschenk versprochen hätte er setzte sich und sie erhöhte die Hässlichkeit
seines Gesichts so sehr dass es wie eines von den Polischinellen aussah die sie
in buntem Papier ausschnitt dem ungeachtet küsste er ihr demütig die Hände dafür
und versicherte dass ihn in seinem Leben noch niemand so gut getroffen habe sie
machte sogleich eigenhändige Anstalt es aufzupappen und kleisterte im Kabinett
das scheussliche Profil auf einen Bogen türkisches Papier dass der ganze
Schattenriss einem Gesichte ähnlich sah das vor kurzem die Blattern gehabt hat
Herrmann langte von der großen Lustigkeit sehr unlustig in seinem Zimmer an
nicht als wenn ihn der Narr eifersüchtig gemacht hätte sondern dass man zu einer
solchen Art des Spasses Ulriken wählte das beleidigte ihn Die vielen Liebhaber
die man ihm vorgezählt hatte gingen ihm doch nicht wenig im Kopfe herum er war
zwar wegen Ulrikens Treue festiglich versichert allein die Empfindung der
Liebe die andre für sie fühlten beneidete er schon er war ein so
habsüchtiger missgünstiger Verliebter dass er gern alle Lichtstrahlen von ihrem
Gesichte auf sich allein gelenkt oder ihre Gestalt in eine beständige Nebelwolke
für jeden andern gehüllt hätte damit alle Empfindung des Wohlgefallens die sie
erregen konnte sich allein in seinem Herze versammelte Und dann Verführung
Überraschung durch List war seine große Furcht Wie ein Geiziger der ängstlich
seinen Schatz gern bei sich tragen möchte um ihn vor Diebstahl zu sichern
schloss er die eroberte Silhouette in die Kommode und beklagte sehr dass er das
Original nicht zugleich mit verschließen konnte
Den folgenden Morgen bekam er einen Brief von Ulriken der den weiteren
Erfolg von der Liebesgeschichte des Herrn Piquepoint enthielt
Heute früh Heinrich habe ich ein großes Schrecken und eine große Lust gehabt
Der Phantast Monsieur de Piquepoint den Du vermutlich nunmehr auch kennen
wirst trat außerordentlich geputzt zu mir herein machte eine unendliche Menge
seiner zierlichen Verbeugungen und warf sich gerade vor mir hin auf die Knie
ich erschrak und dachte wahrhaftig der Narr wäre verrückt geworden Er zog
unter dem Rocke einen großen mit Goldpapier eingefassten Bogen hervor worauf
ein abscheuliches Fratzengesicht von buntem Papier geklebt war ein so
possierlicher rotgeschundner Kopf dass ich mich vor Lachen nicht halten konnte
»Ist das Ihr Portrait« fragte ich ihn »Qui oui ma charmante bête«
antwortete er voller Süßigkeit hustete und sagte mir kniend vier französische
Knittelverse her die er diese Nacht gemacht haben will Ich habe sie
aufgeschrieben hier sind sie
Acceptez divine Deese
Le portrait dun Amant
qui vous aime sans cesse
Accordezmoi un rendezvous
Ou mon amour me rend trèsfou
Zuletzt da ich nicht glauben wollte dass es sein Produkt wäre gestand er mir
dass es ein Billett sei das einmal ein deutscher Baron an eine Französin
geschrieben habe »Cest un seigneur« setzte er hinzu »qui crache des ver
françois tant il est françois tout françois cest un Monsieur de qualité
comme il faut il parle allemand comme un cochon mais lé françois il lé parle
comme lé diable et il ecrit françois comme un enfant en France« französisches
Landeskind Die Possen die er außerdem noch sagte und tat waren unzählig er
ließ mir keine Ruhe bis ich ihn wegen der gefoderten Zusammenkunft auf eine
bessere Zeit vertröstete wenn ich über sein unverschämtes Verlangen zürnte
besänftigte er mich mit so komischen Ausdrücken dass ich meinen Zorn vergessen
und lachen musste um seiner loszuwerden musste ich ihm die Hoffnung geben dass
er bei Gelegenheit nähere Nachricht bekommen sollte
Es ist mir höchst verdrießlich dass der Phantast mit mir seine Narrenrolle
zu spielen anfängt er berühmt sich immer mit so vielen unsinnigen Zeuge dass
ich sicher durch ihn in die Rede der Leute kommen werde Ob ihm gleich niemand
glaubt weil man weiß dass er ein Naar ist so könnte doch sein Geschwätze mehr
Menschen auf mich aufmerksam machen als ich wünschte denn ich vermeide mit
Fleiß alle öffentliche Örter wo viele Leute beisammen sind seitdem man mein
Portrait hergeschickt hat Ich lebe seitdem so eingezogen wie eine Nonne und so
ist es der Frau von Dirzau recht die mich schon deswegen gelobt hat besonders
weil ich jetzt weder zu Vignali noch in die Abendgesellschaften komme Wenn sie
wüsste wie gern ich ihr Lob entbehrte Aber ich begreife doch nicht was dem
Herrn von Troppau im Kopfe liegt dass er der Vignali den Umgang mit mir
untersagt Ich mache mir tausend Grillen darüber und sinne ob ich ihn oder
Vignali beleidigt habe es bleibt mir ein Rätsel Mein Leben ist dadurch äußerst
verdrießlich und traurig geworden den ganzen Tag bin ich allein auf meinem
Zimmer oder mit meiner Karoline die vor Sittsamkeit und Vernünftigkeit unter
den Händen ihrer Tante stumm wie ein Stockfisch geworden ist man kann nicht ein
muntres Wort aus ihr bringen Bei Tische ist die Langeweile so gewöhnlich und
unausbleiblich da wie das liebe Brot sie ist unser Hauptgerichte Also liegt
mir der ganze lange Tag auf dem Nacken wie ein schweres Joch Ich will lesen
aber es schmeckt mir kein Buch ich kriege Kopfschmerzen die Gedanken laufen
mir im Kopfe herum und dabei ist so eine Leere so eine langweilige
schmerzhafte Leere in meiner Seele wie in einem Magen der drei Tage gefastet
hat Ans Arbeiten darf ich gar nicht denken denn mir ekelt wenn ich nur eine
weibliche Arbeit liegen sehe Schreiben das tu ich ja wohl aber es gelingt
mir nicht alles klingt mir so steif so hölzern dass ichs zerreißen möchte
ich tu es auch oft genug denn dies ist von vier Briefen der erste den Du
bekömmst und noch möchte ich ihn lieber ins Feuer werfen so elend ist er so
schleppend so schläfrig so langweilig wie ich selbst und alles um mich her
Fürwahr man wird so eines abgeschmackten ungesalznen Lebens überdrüssig und
ich wäre jetzt aus Verdruss zu allem fähig um mir nur die Last vom Halse zu
schaffen So einen entsetzlichen Ekel vor allem was ich denke tue und
empfinde hab ich in meinem Leben nicht gespürt meine eignen Gedanken machen
mir Langeweile
Was das für eine abscheuliche Schrift ist Es wird kaum zu lesen sein da
liegt mir nun das Tintenfass so voller Federn dass ich immer die unrechte fasse
ich will sie alle zerstampfen die unseligen Federn
Ich bin des einfältigen Schreibens müde ich bringe doch nichts Gescheites
zustande Lebe wohl
Ich sah Dich eben jetzt am Fenster mit Vignali lachen Sage mir wie Du das
kannst Stellest Du Dir nicht vor dass ich vor Verdruss vergehen möchte und
unsre Trennung die ewige Störung unsrer Liebe liegt Dir so wenig am Herze dass
Du noch lachen kannst O Heinrich Leichtsinn ist sonst nicht Dein Fehler es
ist also Unbeständigkeit überlegte Unbeständigkeit dass Dich Vignalis Vergnügen
stärker rührt als mein Kummer Hat sie Dich etwa schon so fest mit ihren Fesseln
umschlungen dass Dir das Mitleid gegen die arme vergessne Ulrike Mühe kostet
Bist Du schon so sehr mit Vignali einverstanden dass Du ihren Triumph über mich
durch Deine Freude empfindlicher machen willst Ich versichre Dich Dein Lachen
ging mir durch Mark und Bein O ich Törin dass ich Dich in die Hände eines so
listigen Weibes brachte Du kannst Du kannst mir nicht treu bleiben wenn Du
gleich wolltest es ist um mich geschehen Aber wisse Untreue kann nur durch
Untreue gerächt werden und gewiss ein schwerer Schritt wenn ein Mädchen aus
Rache Untreue begehen muss der Schritt in den Sarg kann nicht schwerer sein
Heinrich wenn es noch Zeit ist erbarme Dich Deiner Ulrike Ich wohnte in
einem Rosengarten ehe Du kamst seitdem Du hier bist wohne ich im Kloster
schlafe auf Dornen der Fußboden wird mir zum zackichten Felsen und die ganze
Welt eine Wüste Nun willst du Freuden des Paradieses voll rein unerschöpflich
genießen hoffte ich als Du zu Vignali zogst und ach ich durfte kaum
hineinblicken in das Paradies Keine Liebe keine Sorge
U
Dies war der letzte Brief den Herrmann empfing seine Antwort darauf die
Ulriken wegen ihrer Besorgnis beruhigen sollte wurde nebst den folgenden so
viel sie ihrer beiderseits schrieben von Vignali zurückbehalten also war ihnen
auch diese Art der Mitteilung benommen doch ohne dass eines das Stillschweigen
des andern der wahren Ursache zuschrieb Herrmann wurde nunmehr gar nicht auf
sein Zimmer gelassen als des Nachts und zur Zeit des Anziehens und Auskleidens
die ganze übrige Zeit musste er bei Vignali zubringen mit ihr ausfahren sie
bald dahin bald dorthin führen Das heimliche Gezischel zwischen ihr und ihren
Mitverschwornen nahm täglich zu und jeden Tag erzählten sie sich wie weit der
Lord Leadwort wie weit der sklavonische Graf dieser und jener mit Ulriken
gekommen sei dabei äußerte man das grausamste Mitleiden gegen den betrognen
Herrmann und ließ ihm nichts als den elenden Trost dass er Gleiches mit Gleichem
vergelten könnte Er wagte nicht jemandem seinen geheimen Kummer über dies
halblaute Reden mitzuteilen sondern litt geduldig wie ein Märtyrer was ihn
jeden Tag vermehrte war die Wahrscheinlichkeit des Verdachtes der mit jedem
Tage wuchs Einige Morgen hintereinander führte ihn die tückische Vignali ans
Fenster damit er den Lord Leadwort erblicken sollte der Ulriken auf ihr
Anstiften so früh besuchen musste und ihr jedesmal aus Ulrikens Fenster einen
guten Morgen bot Sie hatte den verliebten Lord überredet dass sich die spröde
Ulrike durch anhaltende Zudringlichkeit gewiss gewinnen lasse und er war so gut
und folgte ihrem Rate Das arme geängstigte Mädchen klagte zwar ihr Herzeleid in
ihren aufgefangnen Briefen weinte kümmerte und härmte sich doppelt über das
Zusetzen und Zudringen des Lords und über Herrmanns vermeinte Untreue denn was
konnte sie aus einem so langen Stillschweigen anders argwohnen als dass Vignali
ihn überwunden habe Sie war wider die himmelschreiende Treulosigkeit beider zu
sehr aufgebracht um ihnen mündliche Vorhaltung darüber zu tun sie schien sich
der beleidigte Teil und konnte also unmöglich den Anfang zur Wiederkehr machen
Wenn sie des Nachts zu einem Schlummer erwachte stund ihr Vignali und Herrmann
mit umschlungnen Armen lachend froh küssend und scherzend vor ihren Augen
die stolze Siegerin warf einen verachtenden triumphierenden Blick auf sie
welcher der schlummernden Verlassnen wie ein schneidendes Schwert durch das Herz
fuhr beide flohen in verliebter Vertraulichkeit und mit spottendem Gelächter
über die leichtgläubige hintergangne Ulrike hinweg die Träumende wollte ihnen
nach sie sprang aus dem Bette erwachte und sah sich allein bebte vor dem
melancholischen Scheine der Nachtlampe und dem stillen Grausen des dämmernden
Zimmers Hurtig warf sie sich wieder in die Betten wickelte sich tief ein
ächzte und weinte Selbst wachend fuhr ihre aufgeregte Einbildung fort sie mit
Kummerbildern zu quälen aus jedem Schatten den die düstere Lampe in einem
Winkel malte aus jedem schmalen Scheine den sie auf die Wand warf schuf ihre
Phantasie eine Vignali und einen Herrmann die Täuschung ging so weit dass sie
ihr Zischeln ihr halblautes Lachen hörte sie verbarg Augen und Ohren tief in
den Betten und schluckte mit neuen Tränen ihren Ärger hinab
Sie schrieb in diesem Zustande zuweilen einige Hauptszenen desselben auf
Zettelchen wovon sie die meisten verbrannte und nur einige aufbehielt weil sie
sich in ihrem Arbeitsbeutel verkrochen hatten Auf einem steht Das war ein
harter Kampf heute früh Warum muss nun der verwünschte Lord jedesmal zu mir
kommen wenn ich am meisten vom Kummer entkräftet bin und über die Treulosigkeit
des Undankbaren der mich so schnell vergaß geweint und gewehklagt habe Als
wenn er mit meiner Betrübnis in geheimer Verbindung stünde kommt er nur dann
Wahrhaftig fast sollte ich glauben dass böse Geister Gedanken eingeben können
denn wohl tausendmal fährt mir die Idee durch den Kopf Wie wenn du dich an dem
Undankbaren rächtest Was nützt Tugend und Beständigkeit wenn nur Herzeleid und
Kummer ihr Lohn ist Haben Vignali und andre ihresgleichen nicht unendlich
größere Freuden als ich Ohne Liebe des Herzens schwimmen sie im Vergnügen ein
Liebhaber der sie verlässt ist ihnen nicht mehr als eine Stecknadel die sie
verlieren es gibt ihrer mehr Weg mit allen den Grillen von Tugend und Liebe
Einbildungen sinds Vignali hat mirs oft genug gesagt dass ich an die Grillen
nur glaube weil ich die Welt nicht kenne Sie hat recht ich will dem
Anerbieten des Lords Gehör geben will dem Vergnügen nachgehn und alle die
Zierereien von Delikatesse und Ehre vergessen Die Liebe hat mich einmal zu
einer Entlaufnen zu einem übelberüchtigten Flüchtlinge gemacht meine Ehre vor
der Welt ist dahin was hab ich weiter zu fürchten Vignalis Zustand ist ein
Himmel der meinige eine Hölle und doch bildete ich mir so viel über sie ein
weil ich tugendhaft liebte und hielt Tugend und Glückseligkeit für zwo
Schwestern nein es können wohl weitläuftige Verwandten sein aber sie
vertragen sich auch so schlecht wie Verwandte
Auf einem andern Blatte worauf sie Zwirn gewunden hatte ist etwas
unleserlich geschrieben Wenn nur ein Engel vom Himmel käme und mir sagte ob
Vignalis Leben ein Verbrechen ist Liebe macht unglücklich das hab ich leider
erfahren sie hat mich zu Unbesonnenheiten verleitet um Stand und Ehre
gebracht Herrmann ist zeitiger zur Erfahrung gelangt als ich Er hat das
Schimärische der Liebe eingesehn Er hat ihr entsagt Warum sollte ich nicht dem
Beispiele folgen So viele tausend die der Liebe höhnen und für das Vergnügen
leben werden doch klüger sein als ich phantastisches Mädchen Ich träume noch
in der Welt herum ich kenne sie noch nicht Vignali hat recht darin Itzt
sind mir die Augen geöffnet worden alles hab ich erfahren was sie mir von der
Liebe prophezeite Drum warnte sie mich wohl vor der schimärischen Herzensliebe
Nicht anders ich will dem Lord bin ich nicht erschrocken War mirs doch als
wenn ein Teufel vor mir stünde und mir die Hand führte ich fühle noch wie ich
mich losriss Was das für tolle Einbildungen sind
Den Inhalt eines dritten übergebliebnen Zettelchen das sehr zerstochen ist
kann man nur durch mühsames Raten herausfinden Es fängt abgebrochen an Nein
ich will nicht meine ganze Seele widersetzt sich dem Gedanken eine Buhlerin zu
sein oder das Weib eines Mannes der nicht liebt der wollüstig seine
vorgegebene Liebe auf den Kauf herumträgt und noch Geld bietet damit man sie
nur annimmt Ich will nicht lieben Nein mich grämen
Auf der umgewandten Seite steht Wie schrecklich ist es Liebe zu fühlen und
niemanden lieben zu können Wie traurig Liebe zu fühlen und den einzigen den
man lieben möchte seiner Liebe unwert zu finden O wie glücklich machte mich
heute mein Unwille er machte mich hart mürrisch gefühllos doch itzo wacht
meine ganze Seele wieder zur Empfindung auf das Feuer ergreift mich und ich
elendes Mädchen muss verbrennen Heinrich gern will ich dir vergeben gern
Kehre nur wieder mache mirs nur nicht zu schwer dich zu lieben Entsage
Vignali und meine Arme sollen dir so offen entgegeneilen wie itzo mein Herz
In solchen Stunden der Liebe war sie mehr als einmal im Begriffe zu ihm zu
gehen und ihm Vergebung für seine Untreue anzubieten ihn durch Tränen zu
bewegen dass er Berlin mit ihr verlassen möchte allein teils fürchtete sie
Vignalis Übermut wenn ihr der Versuch nicht gelänge teils ihre heimtückische
List die die Wirkung ihrer Bemühungen vereiteln würde sobald sie Gefahr von
ihnen besorgte Also jammerte und trauerte die arme Einsame über eine nicht
begangene Untreue während dass derjenige der sie begangen zu haben schien
nicht weniger über die ihrige sich beschwerte beide hatten das größte Recht
denn da Vignali ihre Briefe unterdrückte musste ein jedes unter ihnen glauben
von dem andern zuerst beleidigt zu sein
Herrmann klagte und wimmerte zwar nicht über die erlittne Kränkung aber er
zürnte er raste Er knirschte mit den Zähnen sooft er den Lord an Ulrikens
Fenster erblickte jede Speise schmeckte ihm widrig wie jedes Vergnügen Die
Abendgesellschaft konnte um ihn herum schäkern und lachen dass ihm die Ohren
zitterten er bewegte keine Lippe er hörte kaum so zerstreut verwildert und
vertieft war er in seinen Schmerz Reichte ihm der Bediente ein Glas dann hielt
er es in seiner Verwirrung für Brot und griff gerade hinein oft trank er in der
Selbstvergessenheit so hastig und so übermäßig viel als wenn sein Magen ein
Feuerofen wäre den er löschen müsste und einmal goss er seiner Nachbarin ein
ganzes Glas Wasser in die Suppe als sie ihn um das Salzfass bat Wenn ihm
Vignali sagte dass er mit ihr ausfahren oder ausgehn sollte dann wanderte er
gedankenvoll auf sein Zimmer um den Hut zu holen vergaß unterwegs seine
Absicht stellte sich ans Fenster oder setzte sich trübsinnig auf den Stuhl und
ließ die wartende Vignali vor Ungeduld vergehen bis sie nach ihm schickte
Einmal gab sie ihm in einer Gesellschaft bei Lairessen den Auftrag sich zu
erkundigen ob ihr Wagen da sei er ging hinunter fand ihn setzte sich hinein
und fuhr nach Hause und Vignali musste über eine Stunde verziehen bis die
Kutsche zurückkam Zuweilen belustigten seine Zerstreuungen die übrigen oft
veranlassten sie ihm auch Bitterkeiten und empfindliche Spöttereien aber sein
Gefühl war halb stumpf wenigstens empfand er das Gesagte nie in gehörigem Masse
oft konnte er die stechendsten Reden gelassen anhören und oft erzürnte er sich
bei Kleinigkeiten worüber er lachen sollte Oft mitten unter den fröhlichsten
Auftritten bei Tische stiegen ihm Tränen in die Augen und in der Gruppe
lachender Gesichter stach das seinige mit betrübter Wehmut und weinerlicher
Traurigkeit hervor mitten im gleichgültigsten Gespräche verzogen sich seine
Muskeln plötzlich in Wut er sprang knirschend auf und murmelte verbissne Flüche
vor sich hin Die schlimmsten Verfolgungen musste er von Lairessens Mutwillen
ausstehn In jeder Gesellschaft wo er sich befand wusste sie eine Menge
Gefälligkeiten zu erzählen die bald der Lord bald der sklavonische Graf von
Ulriken genossen haben sollte ihren Nachrichten und Schilderungen zufolge war
sie ganz gesunken ein freches liederliches wollüstiges Weibsbild geworden
und wenn ihr Herrmann widersprach dann lachte ihn die Boshafte als einen
leichtgläubigen empfindsamen einfältigen Duns mit den angreifendsten
Spöttereien aus Er tat Ulriken in einem Briefe sehr lebhafte Vorhaltung
darüber allein er wurde nicht beantwortet weil ihn Vignali sowenig als die
vorhergehenden übergeben ließ Was war nunmehr gewisser zu vermuten als dass sie
sich scheute auf Vorstellungen zu antworten die sie nicht befolgen wollte
oder dass sie vielleicht aus Leichtsinn ihrer gar nicht achtete
Lairesse ging in ihrem boshaften Mutwillen so weit dass sie den sogenannten
sklavonischen Grafen der bisher verreist gewesen war ohne dass es Herrmann
wusste unmittelbar nach seiner Rückkunft in eine Abendgesellschaft zog Er
gehörte unter die Zahl ihrer heimlich begünstigten Liebhaber und war ein
Abenteurer dessen eigentliches Vaterland niemand wusste weil er in jeder Stadt
wo er sich aufhielt ein anderes angab bald war er ein Italiener bald ein
Türke bald aus Albanien bald aus der Walachei und in dieser Gesellschaft
wurde er der sklavonische Graf genennt Er hatte im vorjährigen Karneval zu
Venedig großes Glück im Spiel gehabt und hielt sich jetzt in Berlin auf um
seinen Gewinnst wieder zu vertun Der Mann war das drolligste Gemische von
affektierter Philosophie natürlichem Verstande und aufschneidendem Aberwitze
er räsonierte über alles und oft übernahm ihn mitten in dem Laufe seiner kalten
Dissertationen der Zorn so gewaltig dass er die Leute um sich mit den Zähnen
hätte zerreißen mögen Lairesse der es nur um seine Geschenke zu tun war hatte
schon sehr oft die Stelle einer Kupplerin für ihn vertreten und erbot sich auch
itzo es bei Ulriken zu sein Er hatte dies gute Mädchen wie er sie nannte
einigemal in den Abendgesellschaften gesehen und nur darum seiner Lüsternheit
widerstanden weil es ihm eine Beleidigung alles Rechts zu sein schien wenn er
nach einem Gegenstande strebte in dessen rechtskräftigem Besitze nach seiner
Meinung der Herr von Troppau sich schon befand doch jetzt da ihn Lairesse von
dem Gegenteil seiner Mutmaßung überzeugte ward seine Begierde desto
entflammter besonders weil man ihm dabei die Lorbeeren der ersten Eroberung
versprach Vignali und Lairesse erboten sich unterdessen für ihn wirksam zu
sein bis eine günstige Gelegenheit herannahte wo er den Kranz eines so schönen
Siegs verdienen könnte
In der ersten Abendgesellschaft wo er nach seiner Reise erschien sprach er
von Ulriken mit so vieler Entzückung als nur ein feuriger Liebhaber von einem
Mädchen sprechen kann Herrmann schlich während seiner berauschten Lobrede an
den Wänden herum biss sich an den Lippen nagte an den Nägeln zog jede
Viertelstunde das Schnupftuch aus der Tasche nahm Tobak rückte an der Weste
oder Halsbinde ob sie gleich beide vortrefflich saßen machte mit einem Worte
alle Handgriffe eines Schauspielers der nicht weiß was er mit seiner Person
anfangen soll Endlich ging der Sklavonier so weit dass er gegen Lairesse und
Vignali die ihm verstellterweise widersprachen trotzig behauptete er brauche
nur die Karten aufzulegen so gewiss sei ihm sein Spiel mit Ulriken Das war in
Herrmanns Ohren eine Blasphemie wider sie Zurückhaltung wurde ihm nur zu
schwer er fasste den Grafen von hinten zu bei dem Arme und drehte ihn hastig
herum »Legen Sie Ihre Karten auf« rief er mit bitterem Lachen »Sie sollen
doch bete werden«
Der Graf antwortete mit philosophischer Kälte »Ich habe hundert
hinreichende Gründe warum ich meine Eroberung als gemacht betrachte aber ich
will Ihnen nur einen angeben der stärker ist als alle Gründe in der Welt
Weil ich es bin«
Herrmann Der Grund beweist weiter nichts als dass Sie sehr viele Einbildung
haben
Der Graf Ich räsoniere so Wer viel Einbildung hat muss Ursache dazu haben
und wer Ursache dazu hat muss viel Einbildung haben und da meine Einbildungen
groß sind müssen auch meine Ursachen groß sein folglich muss ich zu meinem
Zweck gelangen
Herrmann Und Sie werden nicht zu Ihrem Zweck gelangen sage ich Wissen Sie
warum Weil ich mein Leben daran wage um Sie zu hindern
Der Graf Ich räsoniere so Ihr Leben ist weniger wert als das Mädchen und
das Mädchen mehr als Ihr Leben folglich können Sie mich nicht daran hindern
Das Mädchen ist ihre bare hundert Dukaten unter Brüdern wert und für Ihr Leben
gebe ich nicht einen halben Gulden folglich können Sie mich nicht daran
hindern Madam Vignali würde in meinem Vaterlande nicht mehr als neunzig Dukaten
gelten wenn man sie zu Markte brächte und Lairesse kaum siebzig aber das
Mädchen ist völlig so gebaut wie wir sie bei uns zulande lieben Wenn ich sie
bewegen könnte mir in mein Gebiet zu folgen so würde ich ihr ein paar Städte
schenken wovon sie honett leben sollte Sie müsste sich freilich gefallen
lassen meine Sklavin zu heißen weil ich sie nach den Gesetzen des Landes nicht
zur Gemahlin machen darf und wenn Sie sich insgesamt entschlössen mir zu
folgen so sollte es Ihr Schade nicht sein Ihnen Vignali verspreche ich drei
Dörfer unter uns gesagt ich danke Gott dass ich sie loswerde und Dir
Lairesse gebe ich eine Stadt mit drei Toren und Sie sprach er zu Herrmann
mach ich zum Vizegouverneur meiner sämtlichen Lande bis der itzige mit Tode
abgeht
Herrmann merkte nunmehr dass auch dieses Subjekt mit Monsieur de Piquepoint
in eine Klasse gehörte und hielt ihn deswegen nicht für fürchterlich er
verließ ihn voller Verachtung Allein der Aufschneider fuhr ungestört in seinem
grosssprecherischen Tone fort Der Herr von Troppau erzählte in der Folge dass
ihm ein Bedienter entlaufen sei gleich erbot sich der Graf ihm drei Sklaven zu
schenken wenn er sie von seinen Gütern aus der Walachei holen lassen wollte
Vignali beschwerte sich über einige Unbequemlichkeiten ihrer Wohnung der Graf
versicherte sie dass er zu Hause über zwanzig Paläste leerstehen habe die alle
zu ihrem Befehle wären wenn man sie nach Berlin schaffen könnte Lairesse
beklagte sich über Berlins Weitläuftigkeit und den gewaltigen Kot der Straßen
»Sie sollten in meinen Städten wohnen« fing der Graf an »ich möchte dass ich
Ihnen eine zur Probe herbringen lassen könnte da würden Sie Gassen sehen wie
sie sein müssen so rein dass man sich auszuspucken scheut« Man sprach von
der Schwierigkeit mit welcher sich die Zimmer im Hause heizen ließ und
Herrmann berichtete dass das seinige ein Abgrund sei der unendliches Holz
verschlinge ohne jemals warm zu werden »Ich wünschte« unterbrach ihn der
Graf »dass ich Ihnen ein paar von meinen Wäldern kommen lassen könnte sie
verderben und verfaulen mir weil der Überfluss nicht zu verbrauchen ist« Man
sprach von Öfen der Graf hatte in seinen Palästen Sparöfen die mit sechs
Stücken trocknen Holzes eine Stube von sieben Fenstern im stärksten Winter auf
einen ganzen Tag heizten Man machte ihm den Einwurf wozu ihm bei so
unverbrauchbarem Überflusse an Waldung Sparöfen nützten »Ja« antwortete er
»meine Waldungen liegen alle so viele Meilen weit von meinen Palästen dass mich
die Transportkosten zwanzigmal höher kommen als hier das teuerste Holz« »So
bauen Sie lieber Ihre Paläste näher an die Wälder« riet ihm der Herr von
Troppau »Ich räsoniere so« versetzte der Graf »wer viel Sklaven hat muss
ihnen viel zu tun geben und wer ihnen viel zu tun geben will muss sein Holz
weit holen lassen folglich lasse ich alle meine Residenzen weit von meinen
Wäldern anlegen« »Sonach kann Ihnen ja der Transport nicht viel kosten wenn
er von Sklaven geschieht« warf ihm Vignali ein »Der Transport nicht«
versetzte er »aber die Lebensmittel für so viele Sklaven die es auf den
Schultern an Ort und Stelle tragen müssen«
So war der Grosssprecher unerschöpflich an Aufschneidereien und
unerschöpflich an Beschönigungen und Ausflüchten wenn man ihm Zweifel und
Einwürfe entgegenstellte Es durfte kaum ein Möbel oder ein anderes Bedürfnis
des menschlichen Lebens genannt werden so hatte er eine äußerst sinnreiche
Erfindung entweder selbst auf seinen Gütern oder auf seinen Reisen an
irgendeinem Orte der Welt gesehen er trieb den Unsinn so weit dass er
behauptete er habe auf einem seiner Sommersitze ein Zimmer das man sowie die
Gesellschaft zunähme erweitern könnte Er besaß viele Geheimnisse in der
Medizin wovon er zwar nie eine Probe ablegte aber doch ungemein viel sprach
Auch dieser prahlerische Abenteurer belagerte die arme Ulrike mit seinen
Besuchen und so unverschämt dass er sie wiederholte ob sie ihm gleich in einer
mürrischen Laune das Zimmer verbot die beiden älteren Lieberhaber der Lord und
Mr de Piquepoint setzten ihre Verfolgungen so nannte Ulrike ihre Besuche
ebenso unermüdlich fort Die Frau von Dirzau ward ihr so gram deswegen dass sie
ihrem Bruder unaufhörlich anlag sie aus dem Hause zu tun weil die Erziehung
seiner Tochter darunter litte allein er gab ihr seine gewöhnliche Antwort dass
er sich um solche Sachen nicht bekümmerte »Ich bezahle eine Gouvernante für
meine Tochter« sagte er »wenn sie nichts taugt so ist es nicht meine Schuld
ich kann nicht jede Woche eine neue annehmen« Über die häufigen männlichen
Besuche die seiner Schwester so anstößig waren lachte er und versprach den
Lord und die übrigen zu bitten dass sie künftig ganz eingestellt würden
versprach es in völligem Ernste und vergaß die Minute darauf dass er es
versprochen hatte Überhaupt besaß er eine unaussprechliche Indolenz in allen
seinen Angelegenheiten wünschte sehr oft etwas zu ändern und kam niemals
dazu seine gesellschaftlichen Zerstreuungen rissen ihn davon hinweg ehe er an
die Ausführung seines Wunsches denken konnte also blieb es in seinem Hause
beständig wie es war schlecht oder gut und es gehörte ein gewaltsamer Stoß
dazu um eine Änderung hervorzubringen wobei meistens Vignali die erste
bewegende Kraft war
Die bedrängte Ulrike wusste in ihrer ganzen Seele kein Mittel zu finden wie
sie den höhnischen Vorwürfen der Frau von Dirzau entgehen sollte die um so viel
stärker und häufiger wurden je weniger ihr Bruder Anstalt zu der verlangten
Abänderung machte Alle Entschuldigungen halfen nichts bei dieser grausamen
Moralistin nichts mehr als das ausdrücklichste Verbot bei den hartnäckigen
Liebhabern In so einer kritischen Lage gab ihr an einem Nachmittage wo sie von
allen dreien den ungestümsten Sturm hatte ausstehen müssen üble Laune und Ärger
einen sonderbaren Einfall ein den sie auf der Stelle ausführte Sie versprach
der Küchenmagd einem hässlichen triefäugichten alten Weibe ein Geschenk wenn
sie diesen Abend eins von ihren Kleidern anziehn und sich in ihr Zimmer setzen
wollte die alte Melusine ließ sich ihren Lohn zum voraus bezahlen und gab ihre
Hand darauf dass sie die Rolle übernehmen werde Sogleich flog Ulrike auf ihr
Zimmer zurück und schrieb an jeden ihrer drei Liebhaber ein Billett mit dem
bloßen Anfangsbuchstaben ihres Namens unterschrieben worin sie allen eine
Stunde zu einem Abendbesuche bestimmte Kaum hatte der Sklavonier das seinige
empfangen als er zu Vignali eilte und es triumphierend vorzeigte Vignali
triumphierte nicht weniger und glaubte ihren rachsüchtigen Zweck nunmehr völlig
erreicht zu haben Herrmann erkannte Ulrikens Hand und war mit seinen eignen
Augen von ihrer Untreue überzeugt er überlas mit tiefsinniger Aufmerksamkeit
unzählige Male das unglückliche Billett legte es langsam auf den Tisch und
neben der Hand fielen zween große Tränentropfen nieder die ihm wider seinen
Willen entschlüpften sie wurden tief aus dem Herze um Ulrikens Tugend
geweint Er drückte hurtig die übrigen welche eben nachfolgen wollten ins
Schnupftuch verbarg so gut er konnte seinen Schmerz und ging auf sein Zimmer
Vignali die mit einem Seitenblicke die Tränen hatte abwandern sehen hinderte
ihn nicht sondern empfand wirkliches Mitleid für ihn da sie sich ohne seine
Beihilfe der Vollendung ihrer Rache so nahe dünkte Im Übermasse ihres Mitleids
beschloss sie sogar ihn für seine Betrübnis durch ihre eignen Reize wieder zu
entschädigen sie war so entzückt so trunken von ihrem Siege dass sie sich vor
Freuden selbst nicht kannte sie holte den niedergeschlagnen Herrmann in eigener
Person von seinem Zimmer und war äußerst geschäftig seinen Schmerz durch alle
Arten des Zeitvertreibs zu zerstreuen allein das Vergnügen berührte nur die
Oberfläche seiner Seele es war keins mehr für ihn auf der Erde
Unterdessen stellten sich die beschiedenen Liebhaber zur bestimmten Stunde
ein der Lord war der erste und stutzte nicht wenig als er das ganze Zimmer mit
einem unausstehlichen Brannteweinsgeruche durchräuchert fand der immer stärker
wurde je mehr er sich der vermeinten Ulrike näherte Die Alte hatte sich für
den verdienten Lohn eine Güte getan und zwar in so reichlichem Überflusse dass
sie auf keinem Bein stehen und kein Wort sprechen konnte Der Lord erkannte in
der schlecht erleuchteten Stube ihr Gesicht nicht und redete sie sehr treuherzig
an als er noch einige Schritte von ihr war wie fuhr er zurück als ihm ein
lautes grunzendes Gelächter und mit demselben eine ganze Atmosphäre voll
Brannteweinsdünste entgegenkam Mit seinem gewöhnlichen Phlegma ergriff er das
Licht um den übelriechenden Gegenstand zu beleuchten und hatte es kaum in die
Hand genommen als der Sklavonier in einen weißen Mantel gehüllt hereintrat
Der Lord hielt ihm das Licht vor das Gesicht er starrte den Sklavonier an der
Sklavonier ihn jedem starb das Wort zwischen den Lippen Eben wollte sich ihre
Zunge lösen als auch Mr de Piquepoint in dem funkelndsten Anzuge den Degen
an der Seite gravitätisch durch die Tür hereinmarschierte Wie versteinert
blieb er mitten in seinem majestätischen Schritte stehen als er die beiden
übrigen erblickte da stunden sie alle drei gafften einander an und jeder
fragte den andern was er hier wollte Der Lord nahm den Sklavonier bei der
Hand um mit ihm gemeinschaftlich die vorhin unterbrochne Untersuchung
anzustellen »Mon Dieu« schrien sie beide in einem Tempo da ihnen die
gläsernen Katzenaugen aus dem alten runzlichten Gesichte entgegenblickten die
Alte nahm es in ihrer Trunkenheit übel dass man ihr so nahe in die Augen
leuchtete und fing mit stotternder Zunge aus allen Leibeskräften zu schimpfen
an Der Lord setzte kaltblütig das Licht nieder und sprach ebenso kaltblütig
»Wir sind betrogen« »Wir sind betrogen« schrie der Sklavonier und schwur Tod
und Rache Die Alte die indessen in einem fort geschimpft hatte stund wankend
auf und torkelte auf den erstaunten Mr de Piquepoint hin der sich mitten im
Zimmer aufhielt und nicht wusste wie ihm geschehen war Kaum hatte sie ihn
erwischt so gab sie ihm mit tölpischer Hand eine so lautschallende Ohrfeige
dass er sich im Kreise herumdrehte »Ah mon joue mon tête« rief er winselnd
und floh die Alte torkelte ihm nach In der Angst rennte er an den ergrimmten
Sklavonier der in seinem Zorne ihn bei der Brust packte und zurückstiess dass er
der nachsetzenden Alten in die Arme stürzte und in ihrer Umarmung auf den Sofa
sank Sie hielt den kraftlosen Schneider mit angestrengter Stärke fest
streichelte ihm die Backen lehnte sich mit ihrem Gesichte auf das seinige und
wenn er vor Brannteweinsdampf beinahe erstickte und sich losmachen wollte
strafte sie ihn mit Ohrfeigen und überströmte ihn mit ihrer ganzen
Fischmarktberedsamkeit Der Lord sah dem Scharmützel zu und sagte frostig zu dem
Sklavonier »Der Mann könnte leicht Schaden leiden« »Sie bringt ihn um« rief
der Sklavonier machte die Tür auf riss die Alte los trug sie hinaus und legte
sie auf dem Saale hin Unterdessen hatte Mr de Piquepoint bei dem Lord seine
Beschwerden angebracht dass er ihn beinahe hätte umbringen lassen ohne ihm
beizustehen »Aber warum« fragte der Lord »Sie hätten sollen zu Hause
bleiben« Das nahm Piquepoint übel und belferte ihm eine Menge von seinem
rotwelschen Französisch ins Gesicht um ihn zu belehren dass er gleiches Recht
mit ihm gehabt habe hier zu erscheinen Er war mitten im Fluße der Rede als
der Sklavonier zurückkam weil er sehr heftig sprach gebot ihm dieser zu
schweigen Piquepoint versicherte ihn dass er kein Recht habe ihm ein solches
Gebot zu tun hurtig lud ihn der Sklavonier auf seine Schultern trug ihn hinaus
und setzte ihn an dem nämlichen Orte ab wo die betrunkne Alte lag kaum merkte
Piquepoint dass er sich in einer so übelen Nachbarschaft befand als er aufsprang
und brüllend wie ein Besessner die Treppe hinunterlief
»Was wollen wir tun Lord« fragte der Sklavonier voller Zorn als er
zurückkam
»Nach Hause gehen« antwortete der Lord äußerst gelassen
Der Sklavonier Aber wir müssen uns rächen ich sprühe Feuer und Flammen
Lord Aber warum
Der Sklavonier Lord Sie können noch fragen warum Ist es nicht die
grausamste Beleidigung uns beide so zum besten zu haben uns mit so einem
Narren in eine Klasse zu setzen Raten Sie Lord was wollen wir tun Lord
Eine Schale Punsch zusammen trinken und dann zu Bette gehen
Der Sklavonier Ich nehme die Partie an Lord Bei dem Punsch beschließen
wir Rache
Sie gingen und taten wie der Sklavonier wollte beschlossen Rache über
Ulriken die fürchterlichste Rache die ein beleidigter Wollüstling über ein
unbesonnenes Mädchen beschließen kann Vignali war um so empfindlicher als sie
den Morgen darauf den unglücklichen Verlauf von dem Sklavonier erfuhr je
sichrer sie schon auf den guten Erfolg gerechnet hatte Dies unerwartete
Misslingen setzte sie so sehr aus ihrer Fassung dass sie auf den Tisch schlug und
schwur das naseweise Mädchen in seine Hände zu liefern oder nicht zu leben
Viertes Kapitel
Herrmann wusste von allen diesen Begebenheiten nichts und weil er Ulrikens
eigenhändiges Billett gesehen hatte hielt er den traurigen Abend wo sie
vorgingen für die Sterbestunde ihrer Tugend Er siegelte noch denselben Abend
als er von Tische kam den goldnen Ring den er von Ulriken zum Unterpfande
ihrer Liebe unter dem Baume empfing in ein Blatt welches nichts als diese
Worte enthielt
Ulrike dieser Ring werde das Monument Deiner Tugend da er nicht länger das
Band unsrer Liebe sein darf Weine bei ihm wie bei dem Grabsteine einer
Freundin die plötzlich in der Blüte ihres Lebens dahinstarb Blutige Zären sind
für eine Tugend wie die Deine nicht zuviel Ich feire heute Deinen Sterbetag
denn seit gestern bist Du für mich tot
Er konnte sich nicht entschließen das Briefchen abzuschicken weil ihm
Ulrikens Fall so unglaublich vorkam dass er beinahe seinen eignen Augen nicht
traute Nach langem Bedenken und Ängstigen stieg ihm der wunderliche Vorsatz
auf Vignali zur Vertrauten seines Kummers zu machen sie hatte bisher so vielen
verstellten Anteil daran genommen dass ihm sein Misstrauen gegen sie gereute Sie
hatte ihm seine Eifersucht und Ulrikens Untreue vorausgesagt und ihn vor der
Leichtgläubigkeit gegen sie gewarnt und der Erfolg gab ihrer Prophezeiung so
völlig recht dass er sich über sich selbst wunderte wie er ihr jemals unrecht
geben konnte Er tadelte sich dass er ihr nicht eher sein Zutrauen schenkte und
wie die meisten Menschen wenn sie recht entsetzlich betrogen sind fasste er
jetzt das Vertrauen der Verzweiflung zu ihr er war so arg hintergangen worden
dass es ihm nicht auf die Gefahr ankam noch einmal hintergangen zu werden
Leicht zu erachten dass ihn Vignali nicht allein bei seiner Überredung von
Ulrikens Falle ließ sondern auch aus allen Kräften darin bestätigte Die
schadenfrohe Frau war wegen des Streiches wodurch Ulrike den Abend vorher ihre
gewiss geglaubte Rache vereitelt hatte in völligem Ernste so herzlich auf sie
erbittert dass sie in einem ausgezeichnet heftigen Tone von ihr sprach Herrmann
war überhaupt ein sehr brennbarer Zunder und stund daher sehr bald in hellen
Flammen als er durchaus loderte ließ die hinterlistige Vignali heimlich
Ulriken rufen unterdessen bis sie kam fachte sie seinen Zorn vollends bis zur
gänzlichen Feuersbrunst an Das gute Mädchen wurde durch die unerwartete
Botschaft in solche Freude versetzt dass sie zitterte sie vermutete Wiederkehr
Versöhnung Reue Verbindung auf ewig alles was nur gutherzige Liebe vermuten
kann Sie eilte schauernd vor Vergnügen und Erwartung hinüber und Vergebung
schwebte ihr schon auf der Zunge sie beschloss gleich alle Entschuldigungen zu
verbitten und nach dem ersten ruhigen Worte Verzeihung und neue stärkere Liebe
entgegenzurufen So mit gespannten Segeln der Erwartung trat sie herein sie
bebte innerlich als wenn sie das Fieber schüttelte
Vignali tat als wenn der Besuch ein Wunder für sie wäre und schwatzte so
viel in sie hinein dass Ulrike nicht zum Worte kommen und fragen konnte warum
man sie habe rufen lassen Die falsche Frau überhäufte sie mit Liebkosungen
berichtete ihr freudig dass sie inskünftige ihre Besuche wieder wie zuvor
fortsetzen könnte weil die Ursache aufgehört habe warum sie der Herr von
Troppau untersagt hätte und nötigte sie auf dem Sofa Platz zu nehmen wo
Herrmann in Schrecken und Erstaunen über diese plötzliche Erscheinung wie
angefesselt sitzengeblieben war So gern sie diesen Platz im Herzen annahm so
rückte sie doch dicht an das äußerste Ende um nicht den Anschein zu haben als
wenn sie Herrmanns Wiederkehr veranlassen oder gar den ersten Schritt dazu tun
wollte Er stund hastig auf als sie sich setzte wollte zur Tür hinaus und fand
sie verschlossen Vignali hatte bei Ulrikens Empfange verstohlnerweise das
Schloss abgedrückt er wollte sie öffnen aber Vignali rief ihn zurück und bat
Ulriken unterdessen zu unterhalten bis sie mit einem Briefe fertig wäre den
sie notwendig itzo schreiben müsste »Sagen Sie ihr die Wahrheit« zischelte
sie ihm ins Ohr und ging ins Kabinett
Herrmann wandelte das Zimmer auf und ab am ganzen Leibe kochend wollte
jeden Augenblick herausplatzen und hielt sich jeden Augenblick wieder zurück
Ulrike saß auf dem Sofa spielte an Vignalis Arbeit die an einem Tischchen
angeknüpft hing und schielte darüberweg nach Herrmann hin voller Erwartung ob
er nicht bald das Gespräch anfangen werde Vor Ungeduld dass es nicht geschah
hatte sie schon etlichemal den Mund offen und schloss ihn sogleich wieder es
entschlüpfte ihr sogar zweimal ein Wort aber schnell verwandelte sie es
künstlich in einen tiefgeholten Husten Die Liebe wollte sich bei Ulrikens
Gegenwart in Herrmanns Herze wieder emporarbeiten sie rang in ihm mit dem Zorne
wie ein paar ergrimmte Riesen Angstschweiß strömte ihm über das rotbraun
geschwollne Gesicht er schlug die Daumen vor Beklemmung und innerlichem Tumulte
ein der Zorn tat einen gewaltsamen Stoß auf Seele und Zunge und die Worte
stürzten sich wie geflügelt heraus
»Unverschämte« stürmte er auf sie los »wie kannst du die Frechheit begehn
dich vor meine Augen zu wagen Ist es dir nicht genug dass du eine Ehrlose bist
die Zucht und Tugend vergaß Willst du mich sogar zum Zeugen deiner Schande
machen Soll ich nicht bloß wissen soll ich sogar sehen wie tief du gesunken
bist O wenn doch ein Erdbeben unter dir den Boden geöffnet hätte als der
letzte Funke deiner Tugend erlosch In der nämlichen Minute erlosch auch meine
Liebe und kein Mensch hat noch so fürchterlich gehasst als ich seitdem Du bist
seitdem in meinen Augen ein so niedriges elendes Geschöpf geworden das ich
nicht zermalmen das ich noch tiefer verachten möchte als den Staub den meine
Füße treten Meine Liebe war fest wie Himmel und Erde aber mein Hass ist stärker
als der Tod«
Ulrike wollte zitternd ein paar Worte einschieben aber er rief ihr sogleich
zu »Schweig Unwürdige schweig dass ich deinen Hauch nicht einatme Hier nimm
diesen Brief« Todesangst überfiel ihn als er ihn aus der Tasche zog alle
seine Muskeln arbeiteten wie bei einer gezwungenen Trennung von dem Liebsten
was er sich entreißen konnte mit zitternden Händen warf er ihn auf den Tisch
und setzte bebend hinzu »Da lies und weine«
Ulrike riss ihn auf fuhr zusammen als ihr der Ring entgegenfiel und die
Tränen quollen ihr vor Unwillen aus den Augen indem sie las Stolz Liebe
Dankbarkeit waren auf das äußerste beleidigt sie war sich lebhaft bewusst dass
Herrmann zuerst mit Kaltsinnigkeit angefangen zuerst den Briefwechsel
unterbrochen hatte und nun noch obendrein so eine schnöde Behandlung die sie
nach aller Überzeugung nicht verdiente Sie schwieg lange und wusste nicht was
sie tun sollte immer war es ihr als wenn sie seinen bleiernen Ring vom Finger
ziehen und ebenso verächtlich hinwerfen müsste gleichwohl war es hart sich zu
scheiden ohne sich vorher zu verständigen Ihr Zorn verbrauste bald »Aber sage
mir Heinrich« fing sie an »was bewegt dich zu so einem ungerechten Schritte«
Herrmann Wie sehr gerecht er ist wird dir dein Gewissen sagen
Ulrike Wer hat mich bei dir verleumdet
Herrmann Diese meine Augen zeugen wider dich
Ulrike Worinne denn
Herrmann O du Schamlose Also willst du noch wider dich selbst zeugen dass
du nicht bloß verführt dass du verderbt bist Wehe wehe über uns beide dass
wir in diese Stadt in dies Grab der Unschuld kamen Aus Engeln macht sie
Teufel die beharrlichsten frechsten Teufel Ulrike schwieg Mit wehmütigem
Tone fing sie wieder an »Heinrich ich bitte dich mit Tränen reiss nicht wegen
einer schwarzen Grille dein Herz von dem meinigen«
Herrmann Wenn Tränen deine Seele wieder reinzuwaschen vermögen dann bade
dich darin Aber wie sollen sie dies vermögen Einmal verscheucht kehrt die
Unschuld nie in ihre enteiligte Wohnung zurück Gott wer hätte sich das im
Schlafe träumen lassen dass eine so frische Blume so bald verduften sollte
Aber sie ist dahin Wer mag einen Leichnam und die Unschuld eines Mädchen wieder
ins Leben bringen Lege dich und stirb Was nützt dir dieser elende Odem seit
gestern bist du doch nur eine herumwandelnde langsam modernde Leiche
Ulrike die den Grund seines Grolls nunmehr erriet und argwohnte dass man
ihm eins von ihren gestrigen Billetten gezeigt und verleumderische Auslegungen
davon gemacht habe sprang auf dass der Arbeitstisch der vor ihr stand
umstürzte und warf sich um Herrmanns Hals »Ich bitte dich« sprach sie »lass
dir deinen schrecklichen Argwohn widerlegen«
Herrmann ließ sie nicht ausreden er stieß sie von sich zurück »Weg von
mir« rief er »deine Umarmung ist mir jetzt ein Abscheu deine Berührung ein
Ekel Mein Entschluss ist unerschütterlich wie ich deine Tugend glaubte ich mag
nicht lieben was ich verachten muss Nimm deinen Ring und stecke ihn dem ersten
dem besten an den Finger der deine Schande nicht weiß oder niedrig genug denkt
um sie nicht zu achten Sprich nicht ein Wort zu deiner Entschuldigung Du
konntest schwach sein aber ich mag keine lieben die nicht stärker war als die
Schwächste ob man sie gleich warnte«
Ulrike machte noch einen Versuch ihn zu besänftigen aber er gebot ihr zu
schweigen wie vorhin Ihre Empfindlichkeit über eine solche Unwürdigkeit
schwoll in ihr von neuem auf sie konnte sich unmöglich länger zurückhalten
sondern brach in einen harten scheltenden Tone aus Er stund am Fenster das
Gesicht nach der Straße gekehrt
»Undankbarer« hub sie an »So lohnest du denen die dich lieben Erst
lockst du die gutherzige Schwäche dass sie dir in den Morast folgt und wenn sie
mitten im Sumpfe steckt dann reissest du deine Hand von ihr los dass sie
umstürzt und darin erstickt Weil dich größere oder vielleicht listigere
Schönheiten reizen darum machst du Übereilung zum Verbrechen um nur mit mir
zanken und brechen zu können Geh Verblendeter versuche ob eine einzige von
denen die dich von mir abgezogen haben sich den Finger deinetwegen ritzen
wird ob sie aus Liebe zu dir nur eine Schleife ihres Kleides hingeben wird
Gerate in Not und versuche dann die Liebe dieser schönen Gesichter Heinrich
lass dich nur überzeugen Gern gern will ich dir ja verzeihen «
Henmann Du mir verzeihen Welche Unverschämtheit Du mir die Verbrecherin
dem Beleidigten
Ulrike Wer beleidigte zuerst du oder ich Rede
Herrmann Wer zuerst Tugend Unschuld und Scham beleidigte Wer war das du
oder ich Rede
Ulrike Blinder merkst du nicht in welchen Wahn dich meine Feinde gestürzt
haben
Herrmann Deine größte Feindin bist du selbst du hast mir einen Wahn
entrissen den süßesten Wahn dass du die Tugend selbst seist
Ulrike Verliert man durch eine Unbesonnenheit sogleich die Tugend
Herrmann Ha eine feine Philosophie Man hat nur eine Tugend und nur ein
Leben
Ulrike Möcht ich doch fast dieses nicht mehr haben da ich die erste nicht
mehr besitzen soll Kann der grausamste Barbar härter sein als du Zu verdammen
ohne den Beschuldigten anzuhören
Herrmann Solch alltägliches Gerede wird dich fürwahr von keiner Schuld
lossprechen Hier steht sie an deiner Stirn sie spricht aus allen Zügen deines
Gesichts Mein Schluss ist einmal gefasst meinen Ring hast du unsre Herzen
bleiben getrennt und wenn uns tausend Ringe zusammenbänden Sei glücklich
sosehr du es verdienst Wir sind in Zukunft zween Menschen die einander nur
kennen
Er ging
»O ich Elende« rief Ulrike und war sich auf den Sofa »Ich selbstbetrognes
Mädchen Da sitz ich nun in der Fremde unter Wölfen die mich alle anheulen und
auch der einzige der mich liebte ist ein grimmiger Wolf geworden Da sitz ich
nun von allen verlassen verworfen von Mutter und Anverwandten
verraten von Freunden verleumdet verfolgt verstoßen von dem einzigen der
mir alles dies ersetzen sollte der mich zur Verräterin an meinem Glück meiner
Ehre und an meiner ganzen Wohlfahrt machte O hätt ich mirs nie einkommen
lassen jemanden zu lieben den ich nicht lieben durfte Nun ist das unbesonnene
Mädchen gestraft Gott weiß es härter gestraft als Onkel und Tante es können
Ach dass jemals ein Fünkchen Liebe gegen einen solchen Starrköpfigen
Mürrischen Undankbaren in meinem Herze glimmte Nun hab ichs versucht was
Liebe ist ein blinkender rotschimmernder saurer Apfel der die Zähne
stumpft lieblich anzusehen und herbe bis in die Seele wenn man ihn kostet Es
ist schrecklich so vieles für einen Menschen zu leiden und zu tun seine ganze
Hoffnung auf einen Menschen zu bauen und auf einmal mit dem ganzen festen
Gebäude von Hoffnung einzusinken in die tiefste Verachtung und Verworfenheit
hinabzustürzen Was wird nun aus mir werden Ein herumirrendes scheues
Täubchen mitten in die weite große Welt hinausgejagt Freilich wer verjagte
es War es im Taubenschlage unter den Flügeln seiner Freunde geblieben wie wohl
wär ihm jetzt«
Sie weinte eben trat Vignali herein und ob sie gleich den ganzen Auftritt
von einem Ende zum andern an der halb offenen Kabinettür gehört hatte so
erkundigte sie sich doch warum sie Herrmann verlassen habe und warum sie weine
»Um meine Liebe« brach Ulrike mit einem Tränenstrome aus »und Sie
Vignali Sie sind ihre Mörderin«
Vignali Ich Wie denn das Ach hier liegt ja ein Ring hat etwa die
eisenfeste Treue einen Riss bekommen Ich kondoliere
Ulrike Wehe der elenden Spötterin die den Riss machte die durch
Verführungen Aufhetzungen Anschwärzungen meine Ruhe untergrub
Vignali Mädchen von wem reden Sie denn Wer wird sich denn die Mühe geben
Ihre Liebe zu stören Wenn Herrmann Ursache findet mit Ihnen zu brechen wer
kann sie ihm gegeben haben als Sie selbst
Ulrike Oder die Boshaften die ihn durch falsche Eingebungen wider mich
einnahmen
Vignali Sie schwärmen Das sind Phantome die Ihnen Verdruss und Langeweile
machen Sie sind des Menschen satt gewesen und weil der Trank schal geworden
ist soll Ihnen jemand etwas Widriges hineingeworfen haben Wer kann für
verdorbnen Appetit
Ulrike Vignali Sie sind die falscheste heimtückischste Frau die es geben
kann das sag ich Ihnen dreist unter die Augen
Vignali Und ich nehm es nicht übel denn Sie sind halb verrückt aber ich
begreife nur nicht worüber Sie sich eigentlich beschweren Wenn eine Schüssel
nicht schmeckt langt man nach der andern und hat man sich überladen so fastet
man Sie mögen sich eine etwas starke Indigestion der Liebe zugezogen haben Sie
machten es also recht klug dass Sie dem unschmackhaften Liebhaber den Laufzettel
gaben was wollen Sie weiter Sie werden vielleicht ein paar Tage auch wohl
Wochen fasten aber Geduld liebes Kind der Appetit kommt wieder er kommt
gewiss wieder
Ulrike Vignali ich mag Ihre hämischen Verdrehungen nicht länger ertragen
Ich verlasse Sie
Vignali Das wird auch wirklich das beste sein Alte Liebe und alte Eichen
fallen freilich nicht ohne große Erschütterung es geht durch Mark und Bein
wenn so eine tiefe Wurzel aus dem Herze gerissen wird das weiß ich wohl Drum
gehen Sie schaffen Sie sich die Kleider vom Leibe nehmen Sie eine Herzstärkung
ein stecken Sie sich in die Federn bis über den Kopf und schlafen Sie bis an
den späten Morgen Der Appetit wird schon wieder kommen
Ulrike riss sich mit tränenden Augen und erstickendem Ärger von ihr hinweg
Vignali küsste tröstete sie trocknete ihre Zähren ab und beklagte mit vieler
Politesse dass sie um Herrmanns willen nunmehr wenigstens auf einige Zeit ihre
Besuche wieder einstellen werde begleitete die schluchzende Trostlose bis an
die unterste Tür und dann in einem Rennen die Treppe hinan ins Zimmer hinein
und mit drei Händeklatschen und drei Sprüngen rief sie ein lautes Viktoria
Sie vertauschte ihren Anzug mit einem weissatlasnen Deshabillé frischte ihre
Wangen mit neuem Rosenrot auf stellte in der weitausgeschnittnen Kleidung die
Reize des Busens mehr als gewöhnlich zur Ansicht dar gab ihnen Glanz und
duftenden Wohlgeruch den Augenbrauen ein tieferes Kolorit und den Augen
erteilte die Freude ohne ihr Zutun Feuer und Lebhaftigkeit die blendende Hand
schien mit dem Kleide von einem Stoffe zu sein so einen täuschenden Übergang
bahnte dem Auge die dunklere Farbe des Aufschlags Selbst der Atem wurde
schwach aber lieblich parfümiert alles strahlte von Schönheit an ihr alles
duftete Liebe und Wollust mit jeder Bewegung breitete sich ein sanfter Hauch
von ihr aus wie ein erquickendes Abendlüftchen das den Blumen ihre Wohlgerüche
geraubt hat
Herrmann wurde durch ihr Mädchen befehligt zu Madam Vignali zu kommen Er
ging ins gewöhnliche Zimmer und spazierte gedankenvoll auf und nieder war lange
allein und niemand regte sich Das Zimmer wurde von zwei dämmernden
Wachslichtern nur halb erhellt Düsternheit und Stille machten die Szene
feierlich Plötzlich erhub sich im Kabinett ein Gesang es war Vignali selbst
Ihre Stimme war mittelmässiger als ihre Kunst aber durch die fingerbreite
Öffnung einer Flügeltür schien sie vortrefflich Sie sang ein französisches
Liedchen das den Abschied eines beleidigten Liebhabers an seine ungetreue
Schöne enthielt die Melodie verlor sich bald in leise zärtliche Klagetöne und
stürmte bald in brausenden Akzenten des Zorns und das Adieu des Schlusses
wiederholte sie etlichemal mit so hinsterbender erlöschender Schwäche als wenn
es die Liebe selbst mit dem letzten Lebenshauche ausspräche Herrmann stund
mitten in dem Zimmer horchend ihm wars als wenn das letzte Adieu aus seinem
Herze herausdränge als wenn der Ton in seiner Kehle stürbe die plötzlich
darauffolgende Stille machte den Abschied eindringender und die Empfindung
wahrer und stärker es schien das Verstummen der Scheidung zu sein Dies stumme
Intermezzo wurde durch ein ander Lied unterbrochen der geschiedene Liebhaber
hatte eine andre gewählt drückte voller Berauschung seine Freude über die neue
Wahl aus triumphierte die vorige Verletzung der Treue gerochen zu haben und
lobte seine neue Schöne von allen Seiten das Lied tanzte so munter und fröhlich
dahin wie ein Triumphgesang und wurde gegen das Ende ganz übermütig froh
Unmittelbar darauf folgte eins der wollüstigsten der begünstigte Liebhaber
schilderte voller Trunkenheit die Szene des Genusses mit lichten Farben und was
dem Ausdrucke an Kraft und Mysteriosität fehlte ersetzte Vignali durch gewisse
täuschende Akzente durch wohlangebrachte Pianos und besonders durch die
angemessne Veränderung des Tempo die Stimme ersank wie von der Stärke der Wonne
überwältigt und verstummte mit zitternden abgebrochnen Lauten Herrmann stand
mit offenen Ohren und verwirrten Gedanken noch auf dem nämlichen Flecke des
Zimmers da als sich die Kabinettüre öffnete ein labender Duft von lieblichen
Wohlgerüchen atmete durch sie daher die Göttin erschien und leuchtete durch die
dämmernde Atmosphäre des Zimmers wie ein neuaufgehender Stern noch nie war in
Herrmanns Augen ihr Gesicht so blendend nie ihre Figur so majestätisch gewesen
der Eindruck auf seine durch den Gesang gestimmten Sinnen war hinreißend Ein
gewaltiger erschütternder Schlag
»Sind Sie schon da« fragte Vignali als wenn sie nichts um seine Gegenwart
wüsste »O Sie sind ein Mensch des Küssens wert« und so flog sie mit offenen
Armen zu ihm hin drückte ihn dicht an die Brust und gab ihm einen berauschenden
entzückten Kuss Herrmann konnte vor Behaglichkeit und Erstaunen sich nicht
erkundigen wodurch er einen so schönen Lohn verdient hatte sie fasste seine
Hand streichelte drückte und schloss sie in die ihrigen
»Sie haben Ihrem Affen den Abschied gegeben« fing sie an »Sie haben sich
bei der Szene so meisterhaft betragen dass ich Sie krönen muss« Sie nahm aus
der Kommode einen Kranz von Wachs und steckte ihn mit einer großen Haarnadel auf
seinem Kopfe fest führte ihn zum Spiegel umschlag ihn mit einem Arme und ließ
ihn sich in dieser angenehmen Gruppe im Spiegel erblicken dabei stimmte sie ein
Siegesliedchen an worin er mit Lorbeern gekrönt und unter die Sterne versetzt
wurde und sie konnte es ungehindert in dieser Stellung durchsingen denn
Herrmann dachte nicht daran vom Spiegel wegzusehn so sehr hatte er sich in die
Gruppe vertieft die darin stand Sie beschloss den Gesang mit einem Kusse den
er sich mit schielendem Blicke im Spiegel geben sah wie er ihn auf seinen
Lippen fühlte er schien ihn in dem Glase mitzuempfinden
»So gefallen Sie mir« fuhr Vignali fort und ging umfasst mit ihm das
Zimmer hinab »So sind Sie ganz der liebenswürdige Mensch wofür ich Sie
gehalten habe Ein Mensch wie Sie konnte sich unmöglich mit einer so närrischen
Liebe lange abgeben hab ichs nicht vorausgesagt Ein Mensch wie Sie kann
lieben wo er will«
Hierbei trat sie vor ihn hin und gab ihm einen sehr bedeutungsvollen Blick
»Wo er will« fuhr sie fort »Er darf nur anklopfen nur winken nur
gebieten Nur ein Wort dürfen Sie sprechen und jedermann wird Ihnen mit der
Liebe zuvorkommen O Sie haben schon manche Eroberung gemacht«
dabei schoss sie einen zweiten verliebten Blick auf ihn und klopfte ihm die
Backen Bewegung und Rede wurde immer belebter immer auf die Empfindung
eindringender und Herrmann blieb immer stumm in einem so überspannten Tone war
Vignali noch nie mit ihm umgegangen Er war aus aller Fassung so hatte sie ihn
überrascht und in seinem Kopfe und Herze drehte sich alles wie in einem großen
Wirbel herum Man brachte spanischen Wein und einen Teller Gebackenes Vignali
trank zu Ehren des großen Herzensbezwingers Herrmann zu Ehren seiner gemachten
nahen und künftigen Eroberungen er musste dem Anstande zu Gefallen ihrem
Beispiele folgen und bemerkte sehr bald eine gänzliche Revolution in sich die
trüben Schatten die der Zorn und die Trennung von Ulriken in seinem Kopfe
zurückliessen verschwanden sein ganzer Horizont wurde lichter und lebhaftere
hellere Bilder tanzten mit munteren Gestalten rings in ihm herum
»Wo denken Sie sich nunmehr mit Ihrem Herzchen hinzuwenden wenn ich fragen
darf« hub Vignali an »Nirgends« antwortete Herrmann mit einem abgebrochenen
Seufzer »Einmal getäuscht mag ichs nicht zum zweiten Male werden«
Vignali Nirgends Wissen Sie dass Sie da eine Lüge der ersten Größe
sagten
Herrmann Keine Madam So gewiss dieser Wein vor meinen Augen steht so
gewiss ist dies mein fester unveränderlicher Entschluss
Vignali Und ich wette mit Ihnen der feste Entschluss soll schon heute nach
dem Essen sehr wandelbar sein
Herrmann Ich schwöre Ihnen Madam
Vignali Fi fi schwören Sie nicht Wissen Sie nicht dass man grüne Augen
und schwarze Nägel bekommt wenn man falsch schwört Und Sie wollten sich
mutwillig Ihre schönen verliebten Augen und Ihre schönen fleischfarbenen Nägel
verderben Nein um alles in der Welt geb ich nicht zu dass Sie schwören
Herrmann Sie scherzen Madam und ich rede sehr ernstaft
Vignali Auch ich In völligem Ernste versichere ich Sie dass Sie einen
Meineid begingen wenn Sie die Liebe verschwüren
Herrmann Und ich beteuere Ihnen nochmals dass ich nie wieder lieben werde
Soll ich nicht wissen was ich will und empfinde
Vignali O wenn Sie das wüssten dann redeten Sie ganz anders mit mir
Herrmann Sie sind ungemein drollicht Warum sollt ichs denn nicht wissen
Vignali Weil Sie nicht verliebt sein wollen und es doch schon sind
Herrmann Ich verliebt Fürwahr das kommt mir jetzt nach einer so
widrigen Erfahrung am wenigsten ein Wenn Ulrike so gewiss tugendhaft wäre als
ich nicht verliebt bin
Vignali Was wetten Sie Sie sinds
Herrmann Wetten Sie soviel Sie wollen
Vignali Sie sind verliebt dabei bleib ich und ich weiß auch in wen
Herrmann Lustig In wen denn
Vignali In mich
Herrmann sah sie starr und bestürzt an er war so jämmerlich in die Enge
getrieben dass er weder ja noch nein sagen konnte Sie füllte die Pause des
Gesprächs mit einem Blicke einer Miene aus die ihn beinahe glaubend machten
dass sie die Wahrheit gesagt habe
»Närrchen« sagte sie mit einer kleinen Frechheit »das hab ich dir lange
schon angemerkt dass du in mich verliebt bist Dein schelmisches Auge hat mirs
jeden Tag millionenmal gesagt Du armes Kind bist wahrhaftig ganz trunken von
Liebe wie dir die Backen glühn wie du so schmachtend nach mir blickst wie dir
das kleine Herz schlägt Und nun gar ein Seufzer Du brennst ja wahrhaftig
so ganz lichterloh vor Liebe dass dir die Funken aus den Augen sprühen nur
Geduld mein Puppchen Ich bin eine vernünftige Frau ich weiß was die Liebe
eines solchen Amors heißt wir wollen die Flamme schon löschen ehe du in Asche
zerfällst«
Herrmann Madam ich begreife nicht was Sie mir heute noch überreden
werden
Vignali Überreden Gar nichts Ich erzähle dir ja nur was du fühlst was
du bist Ich sage dir dass du der liebenswürdigste Mensch unter der Sonne bist
ein Adonis mit allen Schönheiten des Geistes und des Körpers geschmückt ein
Kupido der mit seinen Augenstrahlen tödlicher verwundet als mit Pfeilen ein
Gott den Dichter und Maler nicht schöner erfinden können ist denn das nicht
wahr
Herrmann Vermutlich nicht denn das Lob ist überspannt
Vignali Lobte die Liebe wohl jemals anders als überspannt Lass doch
einmal sehen ob dein Lob nicht ebenso überspannt ausfallen würde wenn du mich
schildertest Lass einmal hören Du schielst nach meinem Busen Ich merke wohl
damit mit fingst du dein Gemälde am liebsten an Wohlan Fürs erste also was
sagst du von meinen Busen
Herrmann Madam Sie setzen mich außer mir alle meine Sinne benebeln sich
Vignali Lass sie dich benebeln Antworte mir nur auf meine Frage Wie
findest du meinen Busen
Herrmann Ich finde dass er ein Meisterstück der Natur ist zween
Marmorhügel mit Rosen bekrönt
Vignali Wie der Mensch so gut treffen kann Und dann
Herrmann Ein Blumenpfad zwischen zween Rosengärten wo Wonne und Entzücken
strömt zween lieblich duftende Marmortempel der Liebe wo man ihr täglich ein
reichliches Opfer von Küssen bringen
möchte
Vignali In der Tat diese Beschreibung ist allein schon einer
Erkenntlichkeit wert Man muss dich lieben man mag wollen oder nicht Du bist
einzig
dabei erfolgte eine feurige Umarmung die zu Opfern in dem Tempel der Liebe
unausweichbare Gelegenheit gab »Und die Hand« fragte Vignali
Herrmann Es ist Vignalis Hand die man nicht schildern nur küssen nur
drücken nur liebkosen kann Die Seele zittert wenn man sie nur berührt jedes
Streicheln von ihr tut erquickender als ein kühles Lüftchen am schwülen Abend
ein Druck von ihr belebt mit so schauernder Wonne dass das Herz flattert und
davonfliegen möchte Vignali Das ist vermutlich eine Schmeichelei
Herrmann Nein Vignali die selbständigste Wahrheit gefühlte tausendfach
gefühlte Wahrheit
Vignali Aber das Lob ist doch überspannt
Herrmann Wollen Sie meine Empfindungen schon wieder besser wissen als ich
O den tausendsten Teil verschweig ich Ihnen weil ich mich zu kraftlos fühle
es auszudrücken
Vignali Sie sind ein loser Schmeichler
Herrmann Wenn ich Ihnen nun sage dass ich nicht schmeichle So wahr ich
lebe ich schmeichle Ihnen nicht
Vignali Wer weiß was Sie mir alles heute noch überreden werden
Herrmann Vignali Sie ärgern mich mit Ihrem Widerspruche Glauben Sie dass
ich ein elender fader Schwätzer bin der Ihnen gelernte Liebestiraden hersagt
Denken Sie dass ich zu schwach zu dummköpficht bin um das Schöne und
Vortreffliche zu empfinden Bei dem ersten Besuche den ich Ihnen machte
überzeugten Sie mich dass Sie die größte die hinreissendste Schönheit sind Ich
habe seit jener Stunde Ihren Wert täglich mehr empfunden so misstrauisch ich
gegen Ihre Freundschaft war ich bekenne jetzt frei dass ich dies war und wohl
mir dass ichs nicht mehr zu sein brauche aber alles Misstrauen hinderte mich
nicht Ihre Liebenswürdigkeit zu erkennen zu bewundern anzubeten Vignali ist
falsch sagte ich oft aber schön und wenn ich damals jemanden außer Ulriken
hätte lieben können
Vignali So wäre ichs gewesen Wie glücklich wenn ichs glauben dürfte
Herrmann Sagen Sie mir nur was Ihnen meine Aufrichtigkeit gerade heute so
verdächtig gemacht hat Ich sage Ihnen die innersten Gedanken meiner Seele und
doch bezweifeln Sie meine Aufrichtigkeit
Vignali Zürne nur nicht Ich glaube dir ja Du hättest mich also damals
geliebt wenn dich Ulrike nicht gehindert hätte Ulrike hindert dich nicht mehr
und du liebst mich
Herrmann Ja ich würde aber ich habe geschworen nie wieder zu lieben
Vignali Nein Kind Du hast nicht geschworen besinne dich
Herrmann Aber ich habe mir vorgenommen ein feierliches Gelübde zu tun
Vignali Vorgenommen ist nicht getan So kann ich dich vor der Narrheit
bewahren Ein Mensch von deinem Alter deiner Figur deinem einnehmenden Wesen
will die Liebe verschwören Man wird sich zu dir drängen dich bestürmen dir
die Liebe aufzwingen siehst du nicht wie man mich neidisch anschielt wenn ich
mit dir fahre mit dir gehe wie alle Augen auf dich nur gerichtet sind wie die
Damen sich zischeln dich anlächeln dir gern gefallen möchten wie alle vom
höchsten und niedrigsten Stande stehnbleiben wo sie dich erblicken dir
nachsehen einander halbleise zurufen »Ah ein allerliebster Mensch ein sehr
schöner Mensch ein Mensch zum Küssen zum Aufessen« und dabei fliegt dir
mancher Seufzer mancher zärtliche Blick entgegen Vor zwei Tagen lorgnierte
dich eine alte alte Dame in der Komödie so lüstern so schmunzelnd als wenn
sie durch deinen Anblick wieder verjüngt würde Und ein so allgemein geliebter
Mensch will der Liebe entsagen Wie lange wird man dich denn das Gelübde halten
lassen Siehst du nun die Torheit ein Liebe liebe und lass dich lieben
Wenn du nicht mehr lieben kannst dann tue dein Gelübde Itzt genieße der
Liebenswürdigkeit womit dich die Natur nicht umsonst beschenkt hat
Herrmann O Vignali Sie sind eine verführerische Frau Vignali Aber doch
zu deinem Besten zu deiner Glückseligkeit In unaufhörlichem Taumel
überfüllender Freuden von Vergnügung zu Vergnügung hineilend immer überflüssig
reich an Wonne stets geniessend und doch nie gesättigt immer nach neuer Lust
lechzend nennst du das keine Glückseligkeit
Herrmann Schweigen Sie Vignali Sonst schwatzen Sie mir meine ganze
Vernunft hinweg
Vignali Ah quel drôle Was willst du denn nun vollends gar mit der
Vernunft Was geht dich die Vernunft an Lerne von mir was leben heißt und
wie man leben
muss
Sie erzählte ihm nunmehr eine Menge verliebter Geschichten die sie bei
ihrem Aufenthalte in Paris erlebt hatte malte ihm die wollüstigsten Szenen mit
Freiheit und ohne Schleier und unterrichtete ihn in allen Geheimnissen der
Buhlschaft dass er in diesem einzigen Abende Kenntnisse erlangte die ihm Paris
in Jahren nicht hätte verschaffen können Die Schamröte die zu Anfange ihrer
Erzählungen seine Wange färbte verwandelte sich bald in das glühende Rot eines
innern Wohlgefallens und in allen Muskeln des Gesichts drückte sich das
Arbeiten seiner aufgeregten Phantasie aus Er fühlte ungekannte Regungen ein
Feuer das tief ins Mark drang alle Fibern waren vom süß hinabschleichenden
Weine gespannt Blut und Lebensgeister liefen in übereiltem gedrängtem Tumulte
durch Adern und Nerven und ungeheure Massen von üppigen Bildern rasch und dicht
hintereinander durch den Kopf
Sie speisten allein zusammen der Gerichte waren wenige aber alle
ausgesucht leckerhaft und stark gewürzt Herrmanns gereizte Neubegierde führte
nunmehr selbst die Fortsetzung des abgebrochnen Gesprächs wieder herbei der Ton
wurde immer kühner immer freier die Beschreibungen immer unverhüllter er
schien mit allen begeisterten Sinnen in einer See von Entzücken zu schwimmen
die Augen verengerten sich und blickten nur noch durch schmale Ritzen hindurch
alle Gegenstände bemalten sich mit den Farben des Regenbogens sein Mund sprach
durch ein unaufhörliches inniges Lächeln er zitterte vor Glut und sah Vignali
nur noch mit seiner Phantasie wie sie mit ihm alle die Szenen des Vergnügens
durchwanderte die sie ihm eben jetzt geschildert hatte alle Herzoginnen
Marquisinnen und berühmte Schönheiten von welchen ihm Vignali erzählte
spazierten in den bezauberndsten nacktesten Reizen die ihnen seine
Einbildungskraft sogleich lieh durch den Kopf und alle sahen wie Vignali aus
wenn ihm seine Gedanken einen erzählten Auftritt ausmalten waren die handelnden
Personen allemal Vignali und er
In dieser Berauschung wäre nichts leichter gewesen als den überwältigten
seiner unmächtigen Herrmann allmählich auf den entscheidenden Punkt zu führen
allein Vignali geriet in der Verfolgung ihres Siegs außer Fassung die Freude
ihrem Zwecke so nahe zu sein machte sie hitzig und die Vorstellung seiner
Unverfehlbarkeit verleitete sie in der Gradation einen Sprung zu begehen Sie
lenkte den eingeschläferten Liebhaber mit einer zu raschen Wendung von der
Erzählung fremder Begebenheiten auf sich und ihn sie stand plötzlich vor seinen
Augen wie eine freche unzüchtige Buhlerin nicht mehr unter dem Bilde
verführerischer Liebe die unmerklich hinreisst sondern als ein foderndes geiles
Weib Dieser beleidigende Anblick schoss wie ein Lichtstrahl durch seine Seele
und verscheuchte auf einmal alle Schatten des Traums welche sie umhüllten er
sprang mit empörter Empfindung und unwilliger Verachtung auf
»Vignali ich verabscheue Sie« rief er zornig und ging Sie riss sich hastig
empor und eilte ihm nach allein in der Übereilung des ersten Schreckens
verwickelte sie sich in ihre lose flatternde Kleidung und stürzte ebenso
schnell raffte sie sich wieder auf und erwischte ihn noch bei dem Arme als er
eben die Tür zumachen wollte zog sie ihn mit allen Kräften wieder herein Sie
wollte schlechterdings siegen und wiederholte ihren Sturm mit so vieler
Unbesonnenheit dass er sich gewaltsam aus ihren Armen wand und sie von sich
stieß »Lass mich unwürdige Buhlerin« rief er »du bist mir ein Abscheu«
Er ging auf sein Zimmer
Vignali wütete fast über diese unerwartete Katastrophe sie tobte wie in
einer Verirrung in dem Zimmer herum riss sich den Kopfputz herunter und warf ihn
an die Erde das schöne Gesicht wurde zum wahren Medusenkopfe vom Zorne gemacht
das weiße Atlaskleid zerknittert und beschmutzt vom Leibe gerissen und auf
einen Stuhl geschleudert der schöne Marmorbusen kochte vor Ärger und wollte
zerspringen In diesem verwilderten Zustande brachte sie die halbe Nacht zu ein
reicher Tränenstrom quoll aus den aufgeschwollnen Augenlidern und kaum war ihre
Hitze durch ihn ein wenig gemildert so sann sie auf Entwürfe den Unglücklichen
auf das empfindlichste zu demütigen der sie so empfindlich gedemütigt hatte
Desto froher und entzückter triumphierte Herrmann über die errungnen
Lorbeern als wenn er den Euphrat und Ganges überwunden hätte sein eigenes
Verdienst stieg in seinen Augen desto höher wenn er an die Gefahr zurückdachte
in welcher er schwebte und wie nahe er dem Unterliegen gewesen war fast nur
ein Haarbreit davon entfernt Vignali war ihm durch die letzte Übereilung so
verächtlich so widrig so ekelhaft geworden dass er an ihre glühende
wollüstige Miene und ihre freche Stellung nicht denken konnte ohne den
lebhaftesten Abscheu wider sie zu empfinden Er dünkte sich ein unüberwindlicher
Held der Tugend und glaubte mit stolzer Zuversicht nunmehr die gefährlichsten
Angriffe überstehn zu können
Voll Übermut ging er den Morgen darauf sehr zeitig zum Tee um durch seinen
Triumph die gedemütigte Überwundne noch mehr zu kränken Vignali war sehr
freundlich und höflich aber äußerst niedergeschlagen je mehr sie ihren Missmut
merken ließ je mehr zwang er sich zur Aufgeräumteit und Lustigkeit je weniger
und einsilbiger sie sprach je geschwätziger und lebhafter plauderte er alle
seine Gebärden und Mienen waren angestrengt munter und man konnte im
eigentlichen Verstande von ihm sagen dass er im Angesicht des überwundnen
Feindes sein Te Deum anstimmte
Vignali senkte den Blick nahm Verschämteit und Verwirrung an und sagte
ganz abgebrochen mit unterdrückter Stimme »Lieber Herrmann ich muss Sie wegen
einer Unbesonnenheit um Vergebung bitten die mich in Ihren Augen notwendig
erniedrigen muss«
»Das ist alles längst vergeben und vergessen« rief Herrmann mit freudigen
Verbeugungen ohne zu merken dass Vignali ihn durch ihre Reue mehr hinterging
als er sie durch seine Großmut
Vignali Bei Ihnen vielleicht aber nicht bei mir Sie sind in der Tat ein
gefährlicher Mensch ich merke wohl man muss auf seiner Hut bei Ihnen sein Sie
können so unvermerkt das Herz wegstehlen und Sie wissen wie schwach ein
weibliches ist so unvermerkt hinreißen dass man aus aller Fassung gerät und
halb verwirrt handelt Sehen Sie alles gestern Vorgefallne als Handlungen einer
Verrückten an auch war ichs wirklich die Liebe womit Sie mich erfüllten
hatte meinen Verstand angegriffen ich raste
Herrmann Denken Sie nicht mehr daran Eine solche Kleinigkeit
Vignali Nein Herrmann für mich ists keine Kleinigkeit wenn es gleich
ein Mensch der so edel und großmütig denkt wie Sie dafür hält Welche
weggeworfne verächtliche Meinung muss ich Ihnen von mir eingeflößt haben Man
muss so erhaben denken wie Sie um mich nur eines Anblicks zu würdigen Aber
nehmen Sie meine Reue zur Versöhnung und den Zustand der Verirrung in welchen
mich das Feuer der Liebe versetzte zur Entschuldigung an Wollen Sie mich
hassen ich hab es verdient Wollen Sie mir den kleinen Rest von Liebe
erhalten den Ihre Güte in Ihrem Herze für mich noch übriggelassen hat es ist
ein Geschenk das ich mit Stolz und Dankbarkeit empfange und durch die feurigste
Gegenliebe erwidern werde
Herrmann Geben Sie meiner Liebe keinen solchen Wert Sie ist meine Pflicht
Ich tue wahrhaftig nur meine Schuldigkeit wenn ich Sie liebe
Vignali Spötter
Herrmann Ich versichre Sie auf mein Leben ich spotte nicht Kann man bei
einer Venus wohnen und sie nicht anbeten
Vignali Ich vergebe diesen beissenden Schmerz Ihrem Übermute ich dächte
meine Reue hätte mehr Schonung verdient als solche empfindliche Spötteleien
Herrmann Ich schwöre Ihnen bei meiner Seele ich spotte nicht
Vignali Schweigen Sie ich kenne diese Sprache Sie sollten aber nur
bedenken dass ich ein Weib und Sie ein Mann sind und dass ein Weib Mitleiden und
keinen Spott verdient wenn die Liebe ihre Überlegung zu Boden wirft inzwischen
muss ich auch meinem Geschlechte die Gerechtigkeit widerfahren lassen dass es nur
wenige Männer gibt wie Sie Sie sind ein wahres Muster von Tugend und
Standhaftigkeit
Herrmann Madam Sie beschämen mich
Vignali So ein heroischer Mut so ein männlicher Widerstand gegen die
Versuchung Ohne mir schmeicheln zu wollen unter tausend vielleicht
zehntausend Mannspersonen würde nicht einer so herzhaft der Liebe getrotzt
haben Ihr Heroismus verdiente einen Platz in der Chronik von Berlin
Herrmann Das das ist Spott Madam aber sosehr Sie sich vielleicht
innerlich darüber aufhalten werden so muss ich Sie doch ernstaft versichern
dass ich über alle Verführungen der Liebe hinaus bin das dank ich den
Grundsätzen der Ehre und des Gewissens womit mich mein Lehrer wie mit einem
doppelten Schilde bewaffnet hat mich schrecken keine Gefahren weil mich keine
überwinden Vignalis Schönheiten können mir Liebe einflößen aber nie bewegt
mich Schönheit noch Liebe zu einer Handlung die meine Ehre brandmalte die mich
in meinen Augen verfluchenswert machte die mich zeitlebens wie eine Hölle
peinigte nie nie bewegt mich etwas zu einer solchen Vergehung das beteuere
ich Ihnen zuversichtlich
Vignali Wahrhaftig man möchte vor Ihnen auf die Knie fallen Sie sind ein
Gott Aber mich deucht auch Jupiter ließ sich oft von Nymphen fangen
Herrmann Ihres Jupiters lach ich der verdiente fürwahr kaum Aufwärter in
einem Bordelle zu sein der schwachköpfichte Jupiter
Vignali Aber er hatte eine Tugend er bildete sich nicht mehr Stärke ein
als er besaß
Sie sagte dies mit einem bedeutungsvollen Ernste aber Herrmann ob er den
Verweis gleich verstund lachte insgeheim desselben Er ward so stolz auf
Vignalis Demütigung dass er sich mehr solche Versuchungen wünschte um sie wie
Herkules die Ungeheuer zu bekämpfen und zu besiegen so sicher ward er durch
sein gestriges gutes Glück dass er sich von Herzen freute als ihm Vignali
nachmittags einen Besuch bei Lairessen vorschlug Aha dachte er da blüht ein
zweiter Lorbeer für dich
Fünftes Kapitel
Kaum waren sie bei Lairessen fünf oder sechs Minuten gewesen als sich Vignali
eines nötigen Besuchs erinnerte und Herrmann bis zu ihrer Rückkunft zu verziehen
bat sie ging und begab sich heimlich in die Nebenstube
Lairesse war neben der Tänzerin auch einige Zeit Schauspielerin gewesen in
beiden zwar gleich mittelmäßig aber sie hatte doch zuweilen im Notfall auch
zweite Liebhaberinnen gespielt Ohne Zweifel mochte sie dies auf den Einfall
bringen ihren Unternehmungsplan ganz teatralisch einzurichten
Sie sprachen einige Zeit von lieben und geliebt werden und Herrmann der
erst während seines Aufenthalts bei Vignali so hochgelehrt in diesem Fache
geworden war redete darüber mit zufriedner Selbstgenügsamkeit Lairesse wusste
nicht mit dem zehnten Teile seiner Erfahrung und Beredsamkeit davon zu sprechen
ob sie gleich seit ihrem siebzehnten Jahre im Tempel der Liebe diente Plötzlich
sank sie in Ohnmacht aber nur in eine künstliche Ohnmacht versteht sich Man
sagte ihr als Schauspielerin nach dass sie nur zwo Aktionen meisterhaft zu
machen verstünde sich wie ein Klotz auf das Theater hinzuwerfen und in
Ohnmacht zu fallen man versicherte deswegen dass sie die größte Aktrice des
Erdbodens sein würde sobald jemand ein Stück von lauter Ohnmachten schriebe
Auch gelang ihr die gegenwärtige so täuschend dass ihr Herrmann mit ängstlicher
Besorgnis sein vergoldetes Riechfläschchen in die Nase goss das war ein
unselger Streich der dies Meisterstück von Ohnmacht durchaus verdarb denn die
Menge der hinabströmenden starkriechenden Essenzen verursachte ihr einen
erstickenden Husten doch zog sie sich sehr gut aus dem widrigen Zufalle sie
schlug mit richtiger Steigerung des wiederkommenden Lebens und mit einem
zärtlichen Blicke nach Herrmannen die Augen auf und blieb liegen wie sie die
Ohnmacht auf das Kanapee hingeworfen hatte
»Was haben Sie denn« fragte Herrmann
»O du Ungeheuer« antwortete Lairesse mit kraftlosem Zorne »du wirst mich
wohl noch umbringen«
Herrmann Ich
Lairesse Ja du du
Herrmann Ich erstaune Wie das
Lairesse Dass du so schön und doch so unempfindlich bist Ich armes Mädchen
bin in dich verliebt solang ich dich kenne sooft ich dich nur sehe wandelt
mir eine Ohnmacht an und du kieselhartes Herz tust gar nicht als wenn du
meine Not wüsstest Ich werde gewiss noch vor Liebe sterben wenn du mir nicht
beizeiten zu Hilfe kommst Komm du Pavian gib mir einen Kuss
Sie zog mit diesen Worten den neben ihr stehenden Herrmann nach sich hin und
nahm sich den Kuss mit einer so zweideutigen Umarmung dass sich der Tugendheld
nach einer flüchtigen Anwandlung von süßer Schwachheit losriss und mit stolzem
Mute wie ein tapfrer Ritter der abermals ein Abenteuer glücklich bestanden hat
auf sie herabsah
»Ach der vermaledeite Kuss« fing Lairesse wieder halb ohnmächtig an »da
wird mir schon wieder schlimm Komm mir zu Hilfe du Unmensch Ich ersticke
mache mir Luft«
»Lairesse« sagte Herrmann mit trocknem Lächeln »geben Sie sich nicht so
viele Mühe Ich errate Ihr Spiel so fängt man mich nicht«
»Seht mir einmal das Affengesicht« rief Lairesse lachend und sprang auf »O
lacht ihn doch aus Da wird man dich lange fragen willst du mich gleich im
guten lieben oder ich drücke dir die Kehle zu«
Wirklich fasste sie ihn auch so fest bei dem Halse dass er zu ersticken
glaubte und sich mit Mühe von ihren Armen losmachte »Lairesse das ist
Beleidigung aber nicht Scherz« sprach er unwillig
Lairesse Denkst du dass ich scherze Hab ich dirs denn nicht deutlich
gesagt dass ich dich liebe Aber ich weiß schon ich bin nicht die erste die du
hast verschmachten lassen
Herrmann Desto besser So können Sie sich um soviel leichter beruhigen
Lairesse Desto schlimmer willst du sagen Fürwahr ich schämte mich so
ein hübscher Mensch und tut so steif und hölzern wenn sich ein Mädchen die Mühe
gibt sich in dich zu verlieben Bin ich dir denn nicht hübsch genug Über den
Delikaten
Herrmann Zur Gesellschafterin sind Sie mir hübsch genug und mehr verlang
ich nicht
Lairesse Aber damit bin ich nicht zufrieden Gesellschaft ohne Liebe ist
etwas kahl
Herrmann Auch daran soll es nicht fehlen ich liebe Sie und habe Sie
geliebt solange wir einander kennen
Lairesse Und das ist deine ganze Liebe wie sie bisher gewesen ist Die
ist verzweifelt trocken und langweilig Ich will dich eine bessere lehren Aber
du Heuchler kennst sie lange
Herrmann Und wenn ich sie kennte
Lairesse So wärst du Schläge wert dass du so unwissend tust und dich nicht
gescheiter aufführst als ein kleines Kind
Stehst du nicht da wie eine Bildsäule
Sie sang ihm ein Liedchen vor dessen Hauptgedanke war dass Genuss der letzte
Zweck der Liebe ist und die letzte Strophe schloss sich
Einladend winkt ein Sofa dir
Gepolstert für die Liebe
»Schweigen Sie« unterbrach sie Herrmann »Enteiligen Sie nicht einen Namen
der nur auf Ihrer Zunge und nicht in Ihrem Herze ist Ich will Ihnen mit zwei
Worten sagen wie ich hierüber denke Liebe und Buhlerei sind bei mir zwei
verschiedene Dinge merken Sie sich das« Lairesse schlug ein Gelächter auf als
wenn sie springen wollte »O du hochweiser Stockfisch« rief sie und stieß ihn
von sich »Ich will die Leute auf der Gasse zusammenrufen dass sie dich
auslachen helfen Der Mensch redet wie ein Schulmeister Lieber Herr
Schulmeister sein Sie doch nicht so grämlich Die Buhlerei wo hast du denn
das Wort her«
Herrmann Das Wort ist alt aber die Sache hab ich jetzt an Ihnen
wahrgenommen
Lairesse Die Buhlerei Was der Mensch für ein Orakel ist Ein lebendiges
Buch der Weisheit bist du
Herrmann Und Sie ein verbuhltes Mädchen
Lairesse Ihre Dienerin warum missfällt denn Euer Hochweisheiten das Buhlen
so sehr
Herrmann Weil die Stimme der Ehre in mir ruft dass ich mich nicht wegwerfen
soll
Lairesse Mit mir wirfst du dich weg O mein kleiner Herr er muss sichs
für eine Ehre rechnen dass ich mich mit ihm abgebe Prinzen Lords Grafen
Barone haben meine Gütigkeit mit Dank erkannt man ist so verlegen nicht wie
Sie denken Ihr kleines Persönchen mag in Ihren Augen sehr liebenswürdig sein
aber solche Schlaraffengesichter kann man alle Tage haufenweise bekommen wenn
man nur wollte
Herrmann Lairesse Sie werden so beleidigend dass ich zürnen muss
Lairesse Allons zürnen Sie doch Sie werfen doch nicht etwa die Leute mit
Goldbörsen tot Der arme Schlucker spricht so weise wie ein Buch will sich
nicht wegwerfen Ich würfe mich weg wissen Sie das
Herrmann Sie werden so unverschämt dass ich gehen muss
Lairesse Geh geh Wer hat denn dich Polisson gerufen Aber noch eins Du
bist ein Narr
Dies sagte sie ihm in einem leisen vertraulichen Tone und wollte die Lobrede
mit einer derben Ohrfeige begleiten doch Herrmann fing ihre Hand auf
ergrimmte hub den Stock in die Höhe und drohte »Ich werde dich strafen du
niederträchtige Dirne«
Lairesse Strafe mich hier steh ich Siehst du hier zehn Finger und an
jedem einen Nagel Alle zehn sollen sie dir auf den ersten Schlag in deinen
Schelmenaugen liegen
Herrmann ging um nicht zu einer Misshandlung hingerissen zu werden In der
Tür knipp sie ihn von hinten zu empfindlich in die Arme »Wirf dich nicht
weg« schrie sie Herrmann drehte sich und der Zorn übernahm ihn so sehr dass
er den Stock mit der völligen Absicht zu strafen aufhub »Schlagen Sie zu«
rief Vignali hereintretend »das Geschöpf hat es verdient« Sie glühte vor
Ärger und da Herrmann ihren Befehl nicht vollzog gab sie Lairessen einen
empfindlichen Stoß mit der Faust und sagte leise zu ihr »Du bist ein dummes
Vieh nun kannst du noch heute dein Paket zusammenmachen«
»Kommen Sie wir wollen gehen« sprach sie außer Atem und nahm Herrmanns Arm
Vignali Vignali das war stark verraten auch merkte Herrmann nunmehr das
ganze Spiel das er vorhin nur dunkel argwöhnte Dem Herrn von Troppau wurde
seit dieser Zeit von Vignali tägliche und stündliche Vorstellung getan dass er
Lairessen den Abschied geben sollte und nach einigen Weigerungen willigte er
obgleich sehr ungern darein Lairesse kam demütigte sich vor Vignali bat um
Verzeihung und der Herr von Troppau musste sie behalten
Sechstes Kapitel
Vignali sah nunmehr wohl ein dass sie den unrechten Weg gewählt hatte sie nahm
sich also vor dem Tugendhelde durch unaufhörliche Schmeicheleien und
Gefälligkeiten unvermerkt vollends einzuflößen was zur Liebe noch fehlte ihm
durch wollüstige Gespräche seine Einbildung noch mehr aufzuregen ihn bei der
Eitelkeit anzugreifen und vielleicht durch dieses Mittel ihm eine so heftige
Leidenschaft beizubringen dass ihn am Ende die Begierde selbst zu einem Schritt
hinrisse dem er jetzt so standhaft auswich Ulrike war durch die unglückliche
Wendung die sein Widerstand Vignalis Plane gab ihrer Aufmerksamkeit ganz
verschwunden obgleich Herrmann anfangs nur Mittel zur Demütigung der ersteren
sein sollte so wurde er nunmehr das Ziel der Unternehmung wenigstens musste
Vignali sich erst an ihm gerochen haben um wieder an die alte Rache gegen
Ulriken zu denken
Die neue Methode glückte besser er war schon vorhin in Vignali verliebt
ohne dass er es vielleicht selbst wusste und es wurde also unendlich leicht
einen Verliebten noch verliebter zu machen Mit ebenso vielem Glücke gelang es
ihr Galanterie und Liebe für ihn zu einer Sache der Eitelkeit zu machen sie
sprach beständig davon dass es eine von den ersten Eigenschaften eines Mannes
von Lebensart und gutem Stande sei viele Liebeshändel zu haben Menschen die
ohne Intrige lebten wurden verächtlich als Dummköpfe oder schlechte niedrige
Leute verschrien Auch hierzu war er schon längst hinlänglich zubereitet denn
die gewöhnliche Unterhaltung in allen Gesellschaften wozu er kam betraf
Liebesintrigen und die Wichtigkeit womit sich die Leute behandelten die die
meisten eignen Erfahrungen hierinne zu erzählen wussten hatte schon mannigmal
den Wunsch in ihm erregt sich eine solche Wichtigkeit zu verschaffen So
mächtig ihn also die Ehrbegierde auf der einen Seite von der Ausschweifung
abzog sosehr trieb sie ihn auf der andern Seite zu ihr hin
Am liebsten wäre es Vignali gewesen wenn sie diese Eitelkeit hätte nützen
können um ihn in einen lächerlichen Liebeshandel zu verwickeln und vielleicht
hätte er es als ein Glück ansehen können wenn er weniger vorsichtig und
vernünftig gewesen wäre um ihr nicht diese Freude zu machen sie hätte auf
seine Unkosten gelacht und mit dieser geringeren Rache vorliebgenommen Es bot
sich ihr eine Gelegenheit dazu dar Ihm gegenüber wohnte eine alte Kokette die
jeden Nachmittag am Fenster die aufgetragnen Reize trocknete womit sie des
Abends in der Gesellschaft glänzen wollte Ihr entblösster Busen schien in der
Ferne eine helleuchtende Marmorfläche auf ihren schneeweißen Wangen blühten die
Rosen der Jugend und blaue strotzende Adern liefen über die Schläfe hin
Herrmann sah mit Verlangen nach dieser einladenden Schönheit sie bemerkte seine
Aufmerksamkeit sehr bald und suchte sie durch ihre Koketterie noch mehr auf sich
zu ziehen aus Blicken wurden Gestikulationen ein jedes verstand schon des
andern Sprache Herrmanns galante Eitelkeit hatte nunmehr ihr Ziel gefunden wer
war glücklicher Vignali die die stumme Unterredung aus den Fenstern sehr
bald auskundschaftete zog ihn damit auf und machte ihn so treuherzig dass er
sich sein Geheimnis entwischen ließ Sie ermunterte ihn eine so schöne Prise
nicht fahrenzulassen sondern sobald als möglich Besitz davon zu nehmen sie
entwarf ihm sogar einen Operationsplan und versprach ihren Beistand Was die
Wollust nicht vermocht hatte vermochte beinahe der Ehrgeiz ohne zu überlegen
wie empfindlich er abermals Vignali beleidigte dass er die Liebe einer
Unbekannten suchte nachdem er die ihrige verschmäht hatte ließ er sich halb in
die Unterhandlung ein Vernunft und Eitelkeit stritten so gewaltig in ihm dass
er wankte und sich bald als einen Narren betrachtete der Unsinn begehen wollte
bald als einen feinen Mann der es in der Kunst zu leben bis zur Galanterie
gebracht hatte Während dieses Schwankens zwischen Vernunft und Torheit riss ihn
sein gutes Schicksal auf einmal aus der Verblendung er hatte sehr oft hinter
dem Vorhange des nämlichen Fensters an welchem nachmittags so eine glühende
Schönheit prangte vormittags einen runzlichten alten Totenkopf lauschen sehen
der sich sogleich zurückzog wenn er ihn zu genau betrachtete Eines Nachmittags
führte das Schrecken weil ein Feuergeschrei einen plötzlichen Auflauf in der
Straße verursachte Herrmanns Geliebte vor der Zeit ans Fenster ehe die
Schöpfung ihrer Schönheit vollendet war sie besann sich zwar bald und fuhr
wieder zurück aber der Galan hatte doch ein Gesicht erblickt das halb Tag und
halb Nacht war vom Kinne bis zu den Augen glänzend weiß und an der Stirn
schwarzgelb wie ein Mulatte auf den Wangen blühten keine Rosen und über den
Augen hingen statt der schön gewölbten schwarzen Bogen ein Paar struppichte
Büschel graue Haare In der ersten Überraschung tat er die Frage an Vignali wer
die Missgeburt sei sie konnte sich das Vergnügen nicht versagen ihn zu
beschämen und antwortete »Ihre Liebe« »Ihre Liebe« rief sie noch einmal
und lachte seiner als er erschrocken verlegen verwirrt vor ihr stand sich
gern durch Ausflüchte helfen wollte und nicht konnte weil sie ihn nicht
dazuliess
»Nun sollen Sie Ihre Schönheit werden sehen« sprach Vignali» Des Morgens
ist sie ein Ungeheuer dass man die Kinder mit ihr zu fürchten machen könnte
ein abgestorbnes gelbsüchtiges Affengesicht Von zehn Uhr bis um eins wird ihr
der ellenhohe Haarputz mit der Menge dicker Locken auf den kahlen Wirbel gebaut
und an die dünnen grauen Borsten die noch darauf stehen angekleistert
angesteckt und angenäht Wenn dieser chinesische Porzellanturm von Schafwolle
und Ziegenhaaren aufgeführt ist dann isst sie eilfertig ein paar Bissen um
hurtig wieder zur Toilette zu kommen Vor Tische wurde das Dach aufgesetzt nun
wird das beräucherte leinenfarbne Haus angestrichen Der Busen soweit er
sichtbar ist das ganze Gesicht und selbst Hände und Arme werden mit weißer
Tünche überwerfen da kommt sie Itzt trocknet sie die weiße Glasur an der
Luft« Über eine Weile ging die kalkweisse Schönheit vom Fenster weg »Ah«
rief Vignali »die Tünche hat Ritze bekommen nun werden sie ausgefüllt und das
Ganze mit der Kelle sehr zierlich geebnet denn das ist wahre Mäurerarbeit
müssen Sie wissen« Einige Zeit darauf fing Vignali wieder an »Aufgeschaut
jetzt sind ihr an den eingesunknen Schläfen jugendliche blaue Adern gewachsen«
Herrmann Woher hat sie so schnell diese herrlichen blauen Adern bekommen
Vignali Sie kauft sie bei meiner Zwirnfrau für einen Dreier kriegt sie
Adern auf ein halbes Jahr und jeden Tag hat sie neue O die Frau ist sehr wohl
daran sie kauft ihre Reize in Büchsen und kann sich die Dosis so stark geben
wie sie es nötig hat
Endlich langte die schnellaufgeblühte Schönheit in dem letzten Punkte ihrer
Reife mit schönen funkelnden roten Backen an »Sie fallen doch nicht in
Ohnmacht« sprach Vignali zu Herrmann »So ein frisches sechzigjähriges Mädchen
reißt hin Der arme galante Herrmann verliebt sich in eine Schminkbüchse«
Der arme Herrmann musste noch unendlich mehr dergleichen Höhnereien
ausstehen und die außerordentliche Geduld womit er sie ertrug bewies dass
Vignali ein großes Vorrecht in seinem Herze haben musste denn da Lairesse
dazukam und sich ins Spiel mischte brach seine Empfindlichkeit sogleich los
Aber wie er sich seiner Torheit schämte als er mit sich allein war Seit der
Zeit war an keine Galanterie mehr bei ihm zu gedenken weiter konnte seine
Eitelkeit nichts von ihm erhalten als dass er sich die Miene davon gab sich
vorsichtig nirgends einließ aber doch beständig den Schein annahm als wenn er
sich mit einer Menge einlassen wollte oder gar schon eingelassen habe
Sonach fehlte nicht viel dass er in dieser Schule zum Gecken wurde ein paar
Gran weniger Verstand so war der Tor fertig Er lernte in den
Abendgesellschaften und Vignalis Umgange meisterlich persiflieren von jeder
Sache im verächtlichen spöttelnden Tone sprechen feine Unverschämtheit in
Reden und Betragen eine Dreistigkeit die fast an die Keckheit grenzte seine
Ehrbegierde strebte nicht mehr mit Adlerflügen zu großen rühmlichen Handlungen
empor durch gesellschaftliche Artigkeiten durch Gefälligkeiten und
Achtsamkeiten zu gefallen war jetzt ihr Ziel Die Sphäre seiner Ruhmsucht die
sonst die halbe wo nicht die ganze Welt umfasste war jetzt ein kleiner Kreis von
Damen und Herren aus der schönen Welt und ein gelungenes Kompliment eine
glückliche Lüge eine beklatschte artige Bosheit ein belachter Einfall gab ihm
itzo soviel Entzücken als sonst die edlen Taten der Antonine und aller großen
Männer mit welchen ihn Schwinger bekannt machte Gefühl des Großen Erhabnen
Begeisternden ertrug seine Seele kaum mehr sie war nur dem Angenehmen dem
Reizenden dem Ergötzenden offen aus dem stolzen hochfliegenden Adler war ein
artiger bunter Kolibri geworden Freilich leuchtete immer auch selbst wenn
sich Betragen und Reden dem Geckenhaften näherten sein großer gesunder Verstand
hervor und sogar seine Narrheiten hatten eine gewisse Würde die zu erkennen
gab dass der Mensch sich bemühte weniger zu sein als er sollte und konnte
Sein gutes Herz gab ihm oft empfindliche Stiche wenn er einen ehrlichen
Einfältigen zum besten hatte aber wie sollte er es unterlassen da es ihm den
Beifall aller einbrachte die er belustigte Seine Beurteilung lehrte ihn oft
das Geschmacklose das Unmoralische eines Einfalls und doch sagte er ihn weil
er belacht wurde seine Vernunft rief ihm unaufhörlich zu Du tust Torheit
und doch tat er sie Das sind alles warnende Lehren die nicht eher gehört
werden als bis das Schicksal wie ein Schulmeister mit einem wohlgemeinten Hiebe
die Ohren öffnet
Und Ulrike Die arme Vergessne trauerte härmte verzehrte sich unterdessen
und hoffte auf eine Gelegenheit um ihren verirrten Heinrich von ihrer Unschuld
zu überzeugen
Achter Teil
Erstes Kapitel
Wie weit Vignali mit ihrer Operation in kurzer Zeit fortrückte und welch eine
starke Dosis von Liebe sie ihm beigebracht haben musste beweist nichts so
deutlich als ihre Gewalt über seine tiefsten festgewurzelten Neigungen und
Gesinnungen Keine Freundschaft war ihm so heilig als die seinige gegen
Schwingern sie gründete sich auf Dankbarkeit und Dankbarkeit war seine erste
Tugend Er hatte wohl den guten Mann unter den unaufhörlichen Zerstreuungen
Vergnügungen und dem erschlaffenden Müssiggange seines itzigen Lebens vergessen
er dachte und empfand gegenwärtig ganz anders als sein Freund bedurfte seiner
nicht was konnte ihn also an ihn erinnern Unvermutet empfing er einen Brief
von ihm der im März geschrieben im März von dem Kaufmanne bei welchem er in
der Lehre gestanden hatte nach Berlin gebracht und jetzt zu Anfange des Junius
erst abgegeben wurde er hätte seine Wohnung nicht eher auskundschaften können
ließ er sagen Das sanfteste Gefühl der Freude überströmte den Jüngling als er
eine so lange nicht gesehne Hand erblickte und mit inniger Wehmut fühlte er den
Abstand seines gegenwärtigen und vorigen Lebens es war als wenn ihm ein Freund
aus fernen Landen nach langer Trennung wiederkäme und ihn jetzt umarmte alle
Vergnügen und Leiden seiner ersten Jugend alle Verbindlichkeiten seines
Freundes überlief er mit schneller Erinnerung und vergaß vor Rührung über die
sonderbare Leitung seines Schicksals den Brief zu öffnen Indem er so ganz
wieder der vorige gutdenkende starkempfindende dankbare Herrmann war und sich
in Empfindungen und Vorstellungen versetzt fühlte die ihm sein bisheriges Leben
fremd gemacht hatte kam Vignali auf sein Zimmer »Sie haben glaub ich einen
Brief bekommen« fing sie an
»Ja« antwortete Herrmann mit entzückter Freude »von meinem einzigen besten
Freunde dem ich alles zu danken habe was ich bin die Bildung meines
Verstandes und Herzens mein Fortkommen Vignali das ist für mich der erste
Mensch unter der Sonne mehr als Vater und Mutter und ich bin so entzückt über
sein freundschaftliches Andenken dass ich weinen möchte Ich bin in der
äußersten Rührung und «
Vignali Doucement Monsieur doucement Ich will Ihnen den Brief
vorlesen da Sie bis zu Tränen gerührt sind werden Sie vermutlich nicht gut
sehen können Soll ich
Herrmann Ja Vignali lesen Sie lesen Sie
Sie setzten sich Vignali wurde zu ihrem Leidwesen inne dass der Brief
deutsch war und Herrmann musste ihn also Periode für Periode ins Französische
übersetzen Er las »Unbesonnener Freund«
»Der Mann ist wohl Schulmeister« fragte Vignali Herrmann stutzte über den
Anfang und fuhr fort
»Muss ich abermals die Feder ergreifen um Dich zu züchtigen«
Vignali Potztausend der Mann wird böse er greift nach der Rute
»Hast Du allen Verstand alle Überlegung in Deiner Vaterstadt
zurückgelassen dass Du so höchst unsinnig handelst«
Vignali Der Pedant ist verrückt ihm mag wohl der Verstand fehlen dass er
so schreiben kann
»Welche eiserne Stirn gehörte dazu um dem Grafen statt seiner
Schwestertochter eine verbuhlte liederliche Dirne zuzuschicken«
Vignali Sie haben das getan O Sie sind bewundernswert Hurtig erzählen
Sie mir die Geschichte
Herrmann erzählte ihr mit einiger Verlegenheit den Vorfall und entschuldigte
sich mit seiner Liebe zu Ulriken dass er den Kaufmann durch eine falsche Aussage
verleitet habe dem Grafen statt ihrer ein Bordellmädchen zu überbringen
»Darüber entschuldigen Sie sich« rief Vignali und brach in ein
erschütterndes Gelächter aus »Das ist ein Streich der eine Ehrensäule
verdient Sie sind wert dass man Sie anbetet Die Bosheit ist nicht mit Gelde zu
bezahlen Und was sagt Ihr Schulmeister dazu«
»Den Zorn des Grafen der unter seinen eignen drückenden Angelegenheiten
vielleicht verdampft wäre hast Du von neuem zur Flamme gebracht er hat
geschworen dass er nicht ruhen will bis Du für diese Bosheit bestraft bist und
gewiss sie verdient Strafe«
Vignali Der Mann ist ein Narr sie verdient Altäre sollte er sagen
»Hat Dich ein kleines Glück welches Du nach dem Berichte deines gewesenen
Lehrherrn gefunden hast schon so übermütig gemacht dass Du keines Menschen mehr
achtest selbst derjenigen nicht die Dir schaden können O lieber Freund ein
Schreiber9 selbst in einem angesehnen Hause hat keinen so hohen Posten dass
Dich ein Mann wie der Graf Ohlau nicht mit seiner Rache erreichen könnte und
wenn Du auf der höchsten Staffel der Ehre und des Wohlseins sässest so sollte
Dichs in der Seele schmerzen dass Du ihn mit so kränkendem Mutwillen
beleidigtest ihn der Dir Gutes tat«
Vignali Das ist sehr erbaulich der Mann predigt wie ein Pfarr auf der
Kanzel
»Ich weiß nicht welche Einbildung mich noch immer beredet alle Deine
bisherigen Vergehungen für Übereilungen zu halten mache lieber Freund dass
meine Einbildungen mich nicht täuschen Du wohnst itzo an einem Orte der
freilich wohl nicht so schlimm ist wie ihn viele übertriebene Sitteneiferer
verschreien aber zuversichtlich schlimmer als Dein Vaterstädtchen unter einer
so viel größeren Menge Menschen müssen mehr Gute aber auch mehr Böse als bei uns
sein Ich sagte mir also da ich Deine Vergehung an dem Grafen erfuhr
vielleicht hat ihn der Ton des Leichtsinns und Mutwillens der in solchen
Städten herrscht angesteckt Bosheit war es gewiss nicht nein nichts als
jugendlicher Übermut vielleicht gar die Eingebung und Anstiftung eines
leichtfertigen Jünglings der sich für seinen Freund ausgibt jetzt lege die Hand
auf Dein Herz und frage Dich ob ich recht gewähnt habe«
Vignali Ah das ist ja so herzbrechend dass man gähnt Ein Muster von
Busstagsrede
»Dass ich richtig geurteilt habe daran zweifle ich gar nicht mehr und damit
nicht die Verderbnis der großen Stadt Dich ebenso leicht ergreife als Dich
bereits ihr Leichtsinn angesteckt hat will ich Dir einen Vorschlag der
Freundschaft tun Der Oberpfarr in G auf dessen Platz ich schon vor dem Jahre
vertröstet wurde ist gestorben und ich werde im Mai seine Stelle antreten«
Vignali Hab ichs nicht gesagt Der Mann ist ein Pfarrer dergleichen Vögel
erkennt man bei dem ersten Tone den sie singen
»Komm zu mir wohne bei mir sei mein Freund wie ich der Deinige sein will
Wir wollen uns die Zeit durch Lesen und Gespräche ökonomische Geschäfte und
ländliche Vergnügungen vertreiben Du bist freilich noch jung und könntest nach
Deiner Kraft und Tätigkeit der Welt besser dienen als dass Du mein
Gesellschafter wirst und wenn Du schon zuverlässige nicht bloß eingebildete
Aussichten dazu hast will ich kein Wort mehr verlieren hast Du diese nicht und
Du willst bessere bei mir erwarten wohl so eile und sei meiner Liebe
willkommen Ich habe aus einer Ursache die ich Dir hernach vertrauen will das
Gelübde getan nie zu heiraten ich habe mir von meiner bisherigen Einnahme
jährlich hundert Taler zurückgelegt und also ein Kapital von tausend Talern
zusammengebracht diese sind Dein wenn ich sterbe Mein künftiger Platz wird
auf sechshundert jährliches Einkommen gerechnet was ich von ihnen erspare
sammle ich für Dich damit Du mit der Zeit wenn uns der Tod trennen sollte
einen Handel oder ein andres Gewerbe anfangen kannst«
Vignali Das ist sehr edel nach einem so schlechten Eingange hätte ich
nicht so etwas Gutes erwartet
»Mein Herz wünscht sehnlich dass Du meinen Vorschlag annehmen mögest Da G
eine gute Meile von dem Schloss des Grafen ist so wird er Dich weder sehen noch
erfahren dass Du bei mir bist erfährt ers ja so will ich alles tun um ihn
für Dich auszusöhnen und es wird mir hoffentlich gelingen da die Baronesse
nicht mehr auf dem Schloss ist noch jemals wieder da wohnen wird denn ihr
Schicksal ist beschlossen Ich setze zum voraus dass Du Deine törichte Neigung
gegen sie bezwungen hast ist es noch nicht ganz geschehen so fliehe zu mir
Erfülle Dein Herz ganz mit den Empfindungen der Freundschaft dass die Liebe
keinen Platz darin findet Wir wollen uns lieben und leben wie Brüder und
meine stille Einsamkeit soll Dir mehr Freude gewähren als das Geräusch der
größten Stadt Welche Glückseligkeit wird den Rest meines Lebens bekrönen wenn
ich ihn mit Dir zubringe mit Dir der in meinem Herze wohnt wie er von nun an
in meinem Hause wohnen soll«
»Nun mein kleiner Abgott« unterbrach ihn Vignali und sah ihn mit einem
durchdringenden Blicke voll Zärtlichkeit und Liebe an »wirst du den Vorschlag
annehmen«
Herrmann Fast möcht ich Vignali mein ganzes Herz hängt dahin aber
Vignali Aber ich habe zuviel Mitleiden für die arme Vignali und zuviel
Dankbarkeit für ihre Liebe um eine Trennung vorzunehmen die sie ins Grab
bringen würde dachten Sie nicht so
Herrmann Nicht mit so vielem Stolze aber mit ebenso vieler Liebe Mein
Freund ist mir lieb aber Sie Vignali Ich will zu meinem Freunde
Vignali Das nenn ich plötzliche Entschließung denn das Gegenteil schwebte
Ihnen schon auf der Zunge Wir wollen sehen ob Sie bei dem Entschlusse beharren
Lassen Sie doch indessen Ihren bezaubernden Brief weiter hören
»Du wirst um soviel freudiger in mein Verlangen willigen wenn ich Dir die
Nachricht gebe dass Dein größter Feind auf immer von uns entfernt ist Ich
meldete Dir in meinem letzten Briefe dass Jakobs Vater durch seinen eignen Sohn
in gerichtliche Untersuchung wegen seiner Spitzbübereien geraten sei und dass der
Sohn sich bemühe ihn wieder davon zu befreien damit seine eignen
Schelmenstücke nicht durch das Bekenntnis des Alten an den Tag kämen er brachte
auch wirklich den Grafen so weit dass er die Inquisition einzustellen befahl
Plötzlich nahm die Sache eine unvermutete Wendung Der Vater setzte sich durch
die Verschaffung einiger Summen zur Schuldenbezahlung seines Herrn auf einmal
wieder in völligen Kredit und ehe man sichs versah stund er wieder in seinem
vorigen Posten Als nunmehriger Oberaufseher rächte er sich auf das
empfindlichste an seinem Sohne unter dem Scheine der Gerechtigkeit als wenn er
aus Liebe für den Grafen seines eignen Sohns nicht einmal schonte brachte er es
durch geheime Angebungen dahin dass Jakob in der größten Ungnade fortgejagt
wurde und der Himmel weiß wohin ihn sein Schicksal getrieben hat Nun ist also
das ganze Vermögen des Grafen wieder in den Händen des Räubers der zur
Verringerung desselben das Seinige aus allen Kräften beigetragen hat Dein
gewesener Lehrherr hat sich fast zwei Monate hier aufgehalten und wollte nicht
von der Stelle gehen bis er sein Geld hätte kaum war er befriedigt so
erschien schon andre Mahner Man spricht sehr stark von Sequestration weil die
Gläubiger so häufig und so ungestüm fodern Niemand dauert mich mehr als die
arme Gräfin sie hat sich ihres Schmuckes beraubt und die gelöste Summe dem
Grafen durch Jakobs Vater als von einem Fremden vorgestrecktes Geld anbieten
lassen dadurch hat sie ihren Gemahl auf einige Zeit gerettet ohne dass er es
weiß und doch ist sie die Lastträgerin seiner mürrischen Laune Sie bemüht sich
unaufhörlich seine Verdriesslichkeit zu zerstreuen und bekommt nichts als üble
Begegnung dafür zum Lohne sie ist abgehärmt bleich entstellt dass man sie
kaum kennt und doch ist sie gegen jedermann der ihren Kummer nicht wissen
soll freundlich und nimmt sogar wenns nötig ist eine Munterkeit an die ihr
sehr wohl glückt Dein toller Streich hat sie sehr aufgebracht und ihren Hass
gegen Dich vermehrt doch hat sie mir als ich letzthin mich für die erhaltne
Pfarrstelle bedankte anvertraut dass der Graf Ulrikens Schicksal sehr mildern
werde wenn sie um Gnade bittet Wenn sie weise ist so ergreift sie dieses
einzige Mittel um sich von dem Untergange zu retten Man weiß dass sie auf eine
ehrliche Weise obgleich unter ihrem Stande in Berlin lebt man weiß das Haus
wo sie sich aufhält ergreift sie das angebotne Rettungsmittel nicht dann mag
sie sich es selbst zuschreiben wenn man sie durch härtre Maßregeln zur Vernunft
bringt
Dein Vater hat wie ich höre den unsinnigen Streich begangen und schon in
der Mitte des Februars den Leinweber wo er sich aufhielt und seine Frau
heimlich verlassen wo der tolle Mann herumschweift weiß niemand
Um Dir als einem Freunde den ich in mein Herz geschlossen habe kein
Geheimnis zu verhehlen habe ich Dir hier die Abschrift eines Briefs von
Fräulein Hedwig beigelegt der für mich ein Bewegungsgrund geworden ist nie zu
heiraten solange sie lebt«
»Wer ist das Tier« fragte Vignali Herrmann entwarf ihr kürzlich mit etwas
komischen Farben ein Porträt der Fräulein Hedwig und Vignali wurde so begierig
ihren Brief an Schwingern zu hören dass er ihn sogleich vorlesen musste
Hochwohlehrwürdiger künftiger Herr Seelenhirte
Trautester Herr Pastoris
Gott der Allmächtige schuf ein Männlein und ein Fräulein dass sie beide würden
ein Leib und erweckte dem Stammvater unser aller aus seiner Rippe eine
Gehülfin die um ihn sei und so Freud als Leid mit ihm teile und welches der
liebe Gott heutiges Tages nicht mehr tut weil die Hülle und die Fülle da sind
dass ein weiser Mann sich durch eine vorsichtige Wahl darunter auslesen mag wenn
er etwa benötigt sei sich eine conjugam oder sociam tori durch eine mariage
beizulegen Da nun erfahren habe dass Dieselben durch die hohe Vorsorge Eu
hochgräflichen Exzellenz eine Seelensorge und curam pastorum bekommen habe so
gratuliere Denenselben ergebenst wünschend dass er auch bald Dero inclination
allväterlich leiten möge und Denenselben eine Gehilfin bescheren die um Ihnen
sei damit Sie eine curam corporis erhalten wie er Ihnen jetzt eine curam
animorum mitgeteilt hat Da nun Dieselben mein liebwertester Herr Pastor mir
beständig als ein gottesfürchtiger leutseliger und wohl conduisirter Mann
bekannt gewesen sind so kann nicht bergen dass schon längst wahren estime und
inclination für Dieselben gehabt habe will auch nicht verhehlen dass vermöge
meiner inclination wohl wünschte Dieselben mit einer tugendhaften und frommen
Gattin auch treuen fleißigen Hausfrau versorgt zu sehen Da nun Gott der Herr
den Ehestand selbst eingesetzt und anbefohlen hat und insonderheit die Herren
Seelenhirten dazu gesetzt und verordnet sind dass sie ihren anvertrauten Seelen
mit gutem Beispiele vorgehen sollen und lebendige Lehren geben so kann nicht
unterlassen Denenselben vorzustellen dass mein Stand wohl verdient in
consideration gezogen zu werden und dass meine übrigen Qualitaeten ohne
Flatterie von mir zu reden mich zu einer Frau Pastorin wohl capable machen Da
nun eine Fräulein bin und Dieselben vermutlich wegen meines Standes nicht gewagt
haben mir Ihre inclination zuerst anzutragen so habe nicht ermangeln wollen
Ihnen zu avertieren dass mir Dieselben mit einem solchen Antrage angenehm und
willkommen sein werden auch dass Dieselben sich keines refus oder repulses zu
versehen haben
Die ich in Erwartung einer baldigen Antwort mit wahrem estime und
vollkommener inclination lebenslang verharre
Meines trauten Herrn Pastori
zum Gebet verbundne Dienerin
Hedwig Gottelieba Charitas von Starkow
Vignali konnte nicht vom Lachen zurückkommen ob ihr gleich Herrmanns
Übersetzung nur die Hälfte von den Schönheiten des Briefe zu genießen gab
»Und Ihr Herr Seelsorger« sprach sie »ist so einfältig gewissenhaft dass
er einem solchen dummen Tiere zu Gefallen nicht heiraten will Fürwahr man weiß
nicht wer von beiden das dümmste ist Aber wir sind ja mit seinem Briefe noch
nicht fertig übersetzen Sie mir doch den Rest vollends«
»Spotte nicht über die Schwachheit einer alten dürftigen Person habe
Mitleiden mit ihr Sie befindet sich in kümmerlichen Umständen weil ihr bei der
itzigen Verwirrung ihre Pension nicht richtig ausgezahlt wird die ohnehin klein
genug ist Zu welchen misslichen lächerlichen Schritten verleitet nicht Hunger
und Stolz«
Vignali O das ist ja das ewige Evangelium ein unausstehlicher Prediger
Machen Sie dass Sie fertig werden oder ich schlafe ein
»Und nun liebster Freund meines Herzens eile komm in meine wartenden
Arme Wenn Du kein Verlangen nach mir empfindest sondern mein Anerbieten gar
ausschlägst dann fürchte ich für Dich dann hat gewiss eine törichte
Leidenschaft wieder Wurzel bei Dir geschlagen Noch ist Dir Hilfe zu schaffen
hast Du vielleicht Ulriken in Berlin gefunden und setzt Ihr beide Eure
unsinnige Liebe fort weil Euch niemand daran hindert so fasse den mutigen
Entschluss Berlin zu verlassen um Dich bei mir von Deiner Torheit zu heilen
Bist Du jetzt da Du am Ende dieses Jahres bereits Dein neunzehntes erreichst
noch nicht vernünftig genug um der Stimme Deines Freundes zu gehorchen dann
gebe ich Dich für verloren Du kannst alsdann nicht anders als durch Unglück
durch schweres Unglück weise werden Nur vor einem einzigen bewahre Dich und
Ulriken der Himmel Ihr seid beide in dem Alter der brausenden Begierden lebt
ohne Hindernis Zwang und Aufsicht an einem Orte wo die Wollust laut spricht
und ohne Scheu handelt wo leicht Umgang Gesellschaft Beispiele die Phantasie
aufregen und mit verführerischen Bildern erfüllen die wie Schwefel in das
brennende Jünglingsherz hinabsinken dass es von tausend Wünschen und Trieben
auflodert Wenn in der Stunde der Schwachheit Dein feuriges Blut aufkocht und in
hohen Wellen über Vorsichtigkeit und Klugheit zusammenschlüge o Freund die
Feder sinkt mir so erschüttert mich dieser Gedanke bis ins Innerste Bleibst Du
in so naher Gefahr vielleicht sitzt sie Dir schon auf dem Nacken so erwarte
nicht mehr die freundschaftliche Züchtigung eines Freundes wie einen Unwürdigen
will ich Dich züchtigen und selbst an Deiner Festsetzung und Bestrafung
arbeiten wer sich nicht zur Weisheit leiten lässt muss von Elend und Schmerz mit
Ruten zu ihr gepeitscht werden Aber bester Freund noch immer hoffe ich Du
wirst eine so harte Besserung nicht brauchen und unter dieser Voraussetzung bin
ich Dein
Freund Schwinger«
Herrmann war durch den Schluss des Briefes tief gerührt allein Vignali höhnte
und belachte ihn so viel über seine Rührung dass er sie nicht nur verbarg
sondern auch unterdrückte Sie arbeitete mit allen Kräften ihres boshaften
Witzes ihn wider Schwingers strafende Sprache aufzubringen und legte ihm
unaufhörlich ans Herz dass sie eine Beleidigung seiner Ehre sei »Mit einem
Menschen wie Sie so im Tone des Präzeptors zu reden« rief sie einmal über das
andere aus »Einen Menschen wie Sie züchtigen zu wollen Es ist schon ein
Verbrechen dass der Schulmeister mit einem Menschen wie Sie in so vertrautem
Tone spricht und Sie leiden gar dass so ein Pedant einen Menschen wie Sie
züchtigen will Züchtigen« Herrmann entschuldigte zwar seinen Freund allein
durch das ewige ein Mensch wie Sie schwoll doch sein Ehrgeiz so stark auf dass
er endlich Schwingers starke Sprache für beleidigend erkannte In der
Abendgesellschaft wurde seine unsterbliche Tat wie Vignali den Betrug nannte
den er dem Grafen Ohlau mit einer falschen Ulrike gespielt hatte belacht
beklatscht und bis zum Himmel erhoben Vignali setzte ihm zum Scherz bei Tische
eine dampfende Räucherpfanne vor um ihm wie einem Halbgotte zu räuchern Ebenso
fand jedermann Schwingers Brief unverschämt grob beleidigend weil ihn Vignali
so fand Jedermann schalt Schwingern einen Pedanten einen Schulmeister weil
ihn Vignali so schalt man spottete auf das unbarmherzigste über seinen Stand
und machte den Brief durch boshafte Verdrehungen und mutwillige Glossen so
lächerlich dass er auch in Herrmanns Augen sehr viel von seinem Werte verlor
Des Morgens darauf war der Brief Vignalis erstes Gespräch »Die
Beleidigung die Ihnen gestern widerfahren ist« fing sie an »hat mir eine
schlaflose Nacht verursacht Sie wissen wie stark mich alles interessiert was
Sie angeht und ich muss Sie antreiben Ihre Ehre zu rächen oder keine Ruhe
haben Selbst das Anerbieten das Ihnen der Pedant tut ist eine Beschimpfung
Wie ein Mensch wie Sie sollte in einen einsamen Winkel zu einem Landgeistlichen
kriechen und da mit allen seinen Talenten und Annehmlichkeiten im stillen
vermodern Ein Mensch wie Sie der für die Welt gemacht ist um zu gefallen
bewundert und angebetet zu werden Was fehlt Ihnen denn um in jeder
Gesellschaft zu glänzen Sie sind Ihres Beifalls und Ihres Glücks gewiss Sie
dürfen nur winken so fliegen Ihnen die Herzen der Damen entgegen wenn Sie mit
Ihren angenehmen Talenten auf dem Rosenpfade der Liebe und des Vergnügens weiter
fortgehn was hindert Sie denn vielleicht einmal eine der glänzendsten Rollen
in Europa zu spielen Damen können Minister und Subalternen machen selbst wo
ihr Einfluss so gering ist dass sie gar nichts zu vermögen scheinen vermögen sie
doch immer genug um einen Menschen von Ihren Verdiensten emporzuheben Fi ich
muss mich in Ihre Seele schämen dass Sie gestern nur anstehn konnten einen so
entehrenden Vorschlag abzuweisen«
Herrmann Aber Vignali die Freuden der Freundschaft ländliche Ruhe
einsames Vergnügen muss auf so ein tumultuarisches zerstreutes Leben wie ich
hier geführt habe unendlich wohltun ich sehne mich nach der stillen
Einsamkeit
Vignali So hätte ich Ihnen doch fürwahr mehr Verstand zugetraut Was wollen
Sie denn dort Busspsalmen mit Ihrem Herrn Pastor beten oder über die
Sündlichkeit und Bosheit der argen Welt erbauliche Betrachtungen anstellen
Freilich Sie haben doch wohl gottlob nunmehr fast neunzehn Jahre auf der Welt
zugebracht und sind dieses Jammertals voll tumultuarischer Zerstreuungen so satt
und überdrüssig dass Sie den Rest Ihres mühseligen Lebens in Ruhe hinzubringen
wünschen So ein lebenssatter Geist von neunzehn Jahren ist freilich wohl ein
lächerliches Ding Sie stehen freilich wohl erst an der Tür des Vergnügens und
der Ehre Sie durften nur noch einen Schritt tun um zu dem innersten Heiligtum
dieser beiden Götter eingelassen zu werden allein das bekümmert Sie nicht das
viele Glück das viele Vergnügen schmeckt Ihnen nun einmal bitter und Sie
wünschen gar sehnlich dass Ihnen der Tod endlich einmal Ihre neunzehnjährige
Kehle abschneiden möge Fühlen sie nicht wie lächerlich Sie sind Fort ich
will Sie vor der Lächerlichkeit bewahren schreiben Sie ich will Ihnen die
Antwort an Ihren Schulmeister diktieren
Herrmann Ich bitte Sie Vignali lassen Sie mich keinen Undank begehn
Vignali Keine Einwendungen Gehorchen Sie Versteht der Herr Pastor
Französisch
Herrmann Ja
Vignali So schreiben Sie Mein lieber Herr Präzeptor Ich bin neunzehn Jahr
alt und brauche keinen Schulmeister mehr der mich mit Ruten züchtigt wenn ich
nach seiner einfältigen Meinung nicht Gutes tue
Herrmann Vignali mein ganzes Herz widersetzt sich einem so trotzigen
Briefe
Vignali Ihr Herz ist ein Narr Schreiben Sie Ich bin zu alt um mich mit
so pedantischem Tone ausschelten zu lassen aber auch zu jung um schon mit
Ihnen im Sack und in der Asche Busse zu tun Ich habe die Ehre Sie zu
versichern dass ich hier so viel Vergnügen genieße als ich bei Ihnen Langeweile
haben würde Eine Frau wie Vignali bei welcher ich lebe die mich liebt
schätzt und fast anbetet vertauscht man nicht gern mit einem mürrischen
moralisierenden Landpastor Sie können leicht daraus schließen dass auch
meinerseits Liebe und Dankbarkeit sich einer Trennung von ihr widersetzen
würden wenngleich Ihr lächerliches Anerbieten weniger beleidigend wäre
Herrmann Vignali unmöglich kann ich solchen Unsinn schreiben
Vignali Unsinn mein kleines Herrchen Unsinn ist es wenn Sie bekennen
dass Sie Liebe und Dankbarkeit gegen mich fühlen Du stolzer Bettler wem bist
du dein ganzes Wohlsein schuldig als mir Wer hat dich aus dem Kramladen
herausgezogen Wer hat dich mit glänzenden Kleidern mit anständiger Wohnung
mit Bedienung Bequemlichkeit und Wohlleben bisher versorgt Wer hat dir deinen
rohen kleinstädtischen Geist gebildet Wer hat dich aus deiner schulmässigen
Denkungsart herausgerissen Wer dich von pedantischen Stubengrundsätzen und
linkischen Meinungen befreit Wer hat dich mit den Artigkeiten der Welt mit
einnehmenden Manieren mit gefälligen Sitten und dem Tone der guten Gesellschaft
bekannt gemacht Wer als ich sage mir Du bist meine Kreatur ich will dich
dein ganzes Nichts einmal fühlen lassen und nunmehr nennst du es Unsinn
Dankbarkeit gegen die Frau zu bekennen die dich geschaffen hat Wenn dir dein
knurrender Präzeptor lieber ist als deine Wohltäterin wohl gehe zu ihm wirf
mir alle meine Geschenke und Wohltaten vor die Füße gib mir verächtlich alle
Kleider und Wäsche zurück die du von mir empfingst und eile nackt wie du aus
Mutterleibe kamst in die liebreichen Arme deines ökonomischen Landpredigers
Herrmann Ja Vignali ja ich will gehen ich mag nicht das Insekt sein das
ein Weib zerdrücken oder leben lassen kann Alle Geschenke und Gütigkeiten die
Sie mir so entehrenderweise vorrücken sollen Ihnen durch meinen Freund bezahlt
werden Danken will ich dir stolzes Weib und dich verachten
Vignali Unsinniger trotzest du also meiner Liebe Alle meine Geschenke
sind nichts verachte sie Aber eins wag es dies einzige zu verachten wenn
du nicht der ärgste Bösewicht der Erde sein willst Ist dir die heiße brennende
Liebe eines Weibes nichts Die elenden Lumpen womit dich das stolze Weib
behing kannst du bezahlen aber sage mir Trotziger womit willst du meine
Liebe bezahlen Und wenn du einem Könige seine Schätze abborgtest gegen die
Liebe einer Frau wären sie immer eine leichte Feder Nur Liebe vergilt Liebe
Verblendeter Tor bedenk einmal was Vignali aus Liebe für dich tat Wer bot dir
mit zuvorkommender Güte die süßesten Vergnügungen der Liebe an die du
Undankbarer verschmähtest Wer ließ dich die berauschenden Freuden der
Zärtlichkeit aus vollem Becher genießen Wer ließ dich wenn du wie ein
Durstender vor Liebe schmachtetest an seinem Busen wie ein Kind ruhen und dich
mit dem seligsten Entzücken laben Welche Lippen eilten deinem Kusse entgegen
In wessen Umarmungen starbst du voll trunkner Wonne dahin Wer machte dir mein
Haus zum Paradiese und deine Tage zu Tagen der Seligkeit Wer tat dies alles als
die stolze Vignali die dir noch unendlich mehr anbot als du annahmst die dir
alle ihre Delikatesse alle Rechte ihres Geschlechts ihre ganze Person
aufopferte die mit ihrem Blicke an den deinigen hing keine Freuden kannte
wenn du nicht Teil daran nahmst mit zärtlicher Schwachheit Tag und Nacht vor
dir ihrem Abgotte auf den Knien lag auf jeden deiner Winke von fern merkte
dich wie eine Magd bediente deinen Willen ausforschte und ihn tat ehe du noch
wolltest Glaubst du dass Vignali ein Weib ist das für elenden Lohn liebt
ein Weib das Liebhaber durch Schmeicheleien ankörnen muss Nein unter den
vielen wählte nur dich mein Herz aus Überdenke dies Wahnsinniger und dann wag
es solche Geschenke zu verachten Wag es wenn dir nicht der Schlag die Zunge
lähmen soll sobald sie noch ein undankbares Wort ausspricht
Herrmann Vignali schonen Sie meiner Sie vernichten mich O Sie
verführerisches Weib könnten mich mit Ihren Reden in die Hölle locken
Vignali Denke nicht dass ich Dich wie eine Buhlschwester überreden will
Nein ich will dich bloß ermahnen gerecht zu sein aber wenn ich es gegen dich
sein wollte doch was red ich von Gerechtigkeit gegen dich Gegen dich du
kleiner Herzensbezwinger kann ich an nichts als Liebe denken O wie
gefährlich ist es mit Ihnen zu zanken Mit einem Blicke entwaffnen Sie gleich
den fürchterlichsten Zorn Wenn Sie ja meine Liebe nicht achten
Herrmann Leider Vignali acht ich Sie mehr als ich sollte Sie haben
Saiten in meinem Herze berührt die ich nie so tönen hörte Vignali warum
zwingen Sie nun die Leute zur Liebe wenn man alle Ursache hätte Sie zu hassen
Die eine Hälfte meines Herzens möchte Sie für Ihre Beleidigung zerfleischen und
die andere vor Liebe Ihnen um den Hals fliegen
Vignali Was das für ein schneidender Blick war mit dem Sie das sagten
Ich bitte Sie sehen Sie mich nicht so wildverliebt an Sie schmelzen mir das
Herz
Herrmann Vignali ich bin ein Undankbarer ich habe Sie durch meinen Trotz
beleidigt
Vignali Sie mich beleidigt Liebes Kind Sie irren sich Ich machte Ihnen
ja übereilte Vorwürfe über ein paar armselige Geschenke die kaum des Redens
wert sind Herrmann Und ich war der Elende der Ihr größtes Geschenk Ihre
Liebe verkannte aber Vignali wo ich Sie wieder verkenne dann stoßen Sie
mich aus dem Hause
Vignali Nein gewiss In der Hitze haben Sie vergessen was wir redeten Sie
sind von mir auf das empfindlichste beleidigt worden ich muss Ihnen Genugtuung
geben Was für eine foderst du denn du kleiner Zauberer Herrmann Keine denn
ich habe sie nicht verdient Aber um eine Wohltat fleh ich die ich nie genug
schätzen kann Ihre Liebe
Vignali Du verführerischer Schwätzer Du könntest mich mit deinen Reden in
die Hölle locken Wer mag dir denn etwas versagen und wenn du noch so
unverschämt bätest Und wenn ich dir nun meine Liebe verspräche was tätest du
dann Verliessest du mich und gingest zu deinem andächtigen Herrn Pastor
Herrmann Ich wünschte zu ihm gehen zu können und blieb bei Ihnen
Vignali Gut das wollen wir ihm schreiben Ich wünschte zu Ihnen kommen zu
können allein Vignali hat mich eben jetzt ihrer Liebe von neuem so lebhaft
versichert dass ich nur für sie zu leben verlange Unter der Voraussetzung dass
Sie dieses sehr vernünftig finden werden bin ich Ihr
Freund Herrmann
Sogleich wurde Licht bestellt der Brief zugesiegelt und fortgeschickt Herrmann
ging unruhig aus dem Zimmer in der Tür rief ihm Vignali nach »Sie vergessen
doch nicht dass Sie eine Genugtuung bei mir zu fodern haben« Herrmann sah
sich mit einem tiefen Seufzer nach ihr um schwieg und ging Der Brief quälte
ihn mit unbeschreiblicher Angst er hätte ihn gern zurückgewünscht Schwingern
mit Undank zu begegnen war ihm empfindlich aber Vignalis Willen zu widerstehen
eine platte Unmöglichkeit
Zweites Kapitel
So überzeugend dieses alles Vignalis Macht und Herrmanns Schwäche bewies so
trieb sie doch ihre Überlegenheit bei einem andern Vorfalle ein paar Wochen
darauf viel weiter Nach Schwingers Berichte hatte Herrmanns Vater schon in der
Mitte des Februars den christlichen Leinweber verlassen nach langem
Herumschweifen war er im Mai seinem Vorsatze gemäß zu Berlin angekommen
allein wie sollte er ohne Adresse in dem weiten Berlin seinen Sohn finden Er
lief bei allen Kaufleuten herum ihn auszufragen und lief so lange bis er zu
dem gewesenen Lehrherrn seines Sohnes kam der ihn anweisen ließ er erzählte
ihm aber zugleich in der Kürze so viel von Herrmanns itzigen Umständen dass dem
Alten der Zorn aufschwoll er nahm sich fest vor den ungeratenen Jungen tüchtig
auszuhunzen dass er sich zu dem vornehmen Leben hätte verführen lassen
Als er in Vignalis Haus anlangte und auf seine Anfrage erfuhr dass Herrmann
hier wohne und sich in diesem Zimmer bei Vignali befinde wollte er
geradezugehn der Bediente hielt ihn zurück und erbot sich seinen Sohn
herauszurufen »Was« rief der Alte »der Hans Lump mein Sohn soll mich vor
der Tür sprechen« »Aber es ist Madam Vignalis Zimmer« erwiderte der
Bediente »Was geht mich deine Madam Maulaffe an« schrie der Alte und stieß
ihn von sich »Ich will hinein und wenn hundert Madams drinne steckten« Auch
ging er wirklich ohne nur anzuklopfen ins Zimmer Herrmann erkannte sogleich
seinen Vater und erschrak bis zum Zittern der Alte hingegen lief mit
aufgehobnem Stocke auf ihn zu »Du Halunke« war sein Gruß »Bist du schon so
hochmütig geworden dass du deinen Vater vor der Tür sprechen willst Sag mir
einmal Schurke wie wärest du denn auf die Welt gekommen wenn ich nicht getan
hätte Und nun soll sich dein Vater bei dir Hans Lump erst melden lassen Dass
dus weißt ich habe deine Mutter bei dem Leinweber sitzenlassen und bleibe bei
dir Nille hat den Durchbruch so gewaltig gekriegt dass kein ehrlicher Mann bei
ihr aushalten kann und der Leinweber ist auch so ein verflucht frommer Kerl
dass sie mich beide so lange gepeinigt haben bis ich davonlief Der Narr meinte
ich wäre so ein roher Heide dass die Gnade gar nicht bei mir durchschlagen
könnte für den rohen Heiden gab ich ihm eine derbe Ohrfeige und ging meinen
Weg Ihr habt verdammt schlechten Branntewein in eurer schönen Stadt ich habe
noch keinen gescheiten Tropfen hier getrunken Ja mein lieber Sohn da hab
ich etwas Rechtes ausgestanden Im Fieber konnt ich mich meiner Haut nicht
wehren da musst ich beten dass mir hören und sehen verging Da ich wieder bei
Kräften war ließ ich mich nicht länger plagen ich sagte ihnen geradezu dass
sie ein paar Narren wären die man ins Tollhaus bringen sollte und dass ich
beten wollte wenn ich Lust hätte aber in der Krankheit musst ich alle Stunden
ein Gebetbuch durchlesen das war ein elendes Leben Aber sage mir Heinrich
lässt du mich denn so trocken dasitzen Ich dächte du könntest deinem Vater wohl
etwas vorsetzen«
Herrmann bat ihn auf sein Zimmer zu begleiten um Madam Vignali nicht zu
belästigen allein der Alte versicherte ihn dass es hier sehr hübsch wäre Er
hatte während seiner Erzählung bereits einen Stuhl in Besitz genommen und saß
mit voller Bequemlichkeit da den Hut auf dem Kopfe und den Rücken nach Vignali
gekehrt die er in der ersten Berauschung seines väterlichen Grusses ganz
übersah Sie erschnappte aus seiner Anrede gerade die wenigen deutschen Worte
die sie verstund sie hörte ihn sehr oft Vater wiederholen und sogar die
Benennung mein lieber Sohn Herrmanns Bestürzung als der Fremde hereintrat die
Freude die mitten aus seiner Verwirrung hervorleuchtete und die beständige
Unruhe womit er von Zeit zu Zeit nach ihr hinsah machten ihr die Vermutung
ungemein wahrscheinlich dass es sein Vater sei Sie fragte ihn französisch ob
sie recht vermutet habe und eine gewisse Scham hielt ihn zurück einen Mann
ohne Sitten für seinen Vater vor ihr zu erkennen er ließ ihre Frage
unbeantwortet und suchte den Alten durch alle mögliche Vorstellungen auf sein
Zimmer zu bringen er war unbeweglich Vignali setzte ihm auf der andern Seite
mit gehäuften Fragen zu dass er ihr endlich ein gestammeltes unruhiges »Oui«
zur Antwort gab Der Alte fuhr indessen ungehindert in seinen Reden fort schlug
auf den Tisch und machte tausend von seinen geräuschvollen Gebärden besonders
schalt er seinen Sohn aus dass er sich wider seine Warnung mit dem vornehmen
Leben eingelassen habe »Was ist denn das für ein Mensch« fragte er endlich und
wies auf Vignali »Ich bitte um etwas mehr Anständigkeit in den Ausdrücken«
antwortete Herrmann mit ärgerlichem Tone
Der Vater Was du willst deinen Vater lehren wie er reden soll Wenn ich
mich nicht zu sehr freute dich wiederzusehn ich drückte dir das Genicke ein
wie einem Krammetsvogel Ich will reden wie mir der Schnabel gewachsen ist und
daran soll mich so ein vornehmer Hundejunge wie du nicht hindern kein Kaiser
und kein König solls solang er mir nicht die Zunge ausschneiden lässt Wenn ich
nur erst meinen Gaum geletzt habe dann solls besser gehen Aber sage mir nur
was du da stehst wie ein alter Kehrbesen So rühr dich doch In den schönen
Zimmern gehts verzweifelt hungerleidig zu denkst du dass ich satt werde wenn
ich die bunten Wände ansehe Schaff etwas Gutes zu essen und zu trinken dann
wollen wir etwas Rechtes zusammen schnaken Du Bube frissest hier wie ein
Papagei im goldnen Käfig lauter artige feine Leckerbissen und dein armer Vater
hat drei Monate hier gelebt wie ein Hundsfott es fehlte nicht viel so musst ich
das Brot vor den Türen suchen Ich habe meiner Nille alles Geld mitgenommen was
noch da war sie mag sehen wie sie sich etwas verdient Sie ist ja unter Dach
und Fach und ich muss wie ein Storch in der Welt herumfliegen Das Leben bei
dem Leinweber war ein verfluchtes Leben ich musste Garn winden wie ein
Waisenjunge und meine Nille spann und betete laut dazu Der Leinweber sang und
akkompagnierte mit seinem Weberstuhle ich fluchte und knurrte wie ein Bär das
war eine Teufelsmusik Hol mir Feuer ich will mir mein Pfeifchen indessen
anstecken bis etwas zu trinken kommt Was lauerst du denn Deinen Vater musst
du bedienen wenn du gleich eine ganze Goldfabrik auf dem Kleide hättest
Vignali als sie ihn ein kleines beräuchertes Pfeifchen aus der Tasche
ziehen sah erzürnte sich und sprach unwillig zu Herrmann »Sie werden doch ein
solches Schwein nicht für Ihren Vater erkennen Ich will ihn fortjagen lassen«
Sie klingelte dem Bedienten Herrmann voll kochender Unruhe lief ihr nach
und beschwor sie keine Gewalt zu gebrauchen »Wenn Sie sich unterstehen«
sprach sie drohend »gegen irgend jemanden zu bekennen dass er Ihr Vater ist so
zittern Sie Glauben Sie dass Vignali sich mit der Gesellschaft eines Menschen
entehren wird der ein solcher Urangutang angehört«
Der Bediente erschien und Vignali gab ihm Befehl diesen Wilden aus dem
Hause zu schaffen in Güte oder Gewalt Herrmann bat den Bedienten inständigst
ihm nicht unsanft zu begegnen weil er betrunken sei
Der Vater Was dein Vater wäre betrunken
Herrmann Ich kenne keinen Vater der sich ungesittet aufführt
Der Vater Du vergoldter Halunke willst deinen Vater verleugnen Die Hand
wird dir aus dem Grabe wachsen
Herrmann Ein ungesitteter Mann kann mein Vater nicht sein
Vignali Führt ihn fort den Trunkenbold
Der Bediente fasste ihn an und zerrte ihn nicht mit der sanftesten Manier
nach der Tür hin der Alte fluchte und schimpfte unaufhörlich auf seinen
gottlosen Sohn und die Hure die ihn verleitete ihn zu verleugnen riss sich von
dem Bedienten los und trat mitten ins Zimmer »Sage mir« rief er geifernd »bin
ich nicht dein Vater« »Nein« antwortete Herrmann hastig mit erstickender
Beklemmung »O so schlage dich aller Welt Donnerwetter in die Erde zusammen
du Höllenbrut« das war sein Abschied denn der Bediente schleuderte ihn
unversehens zur Tür hinaus und Vignali schob den Riegel vor
Herrmann lief wie ein Halbrasender im Zimmer herum schlug sich an die Stirn
und rief aus »O ich bin ein Ungeheuer und Sie Vignali machen mich dazu«
Vignali Ein Tor sind Sie Bedauern Sie es noch dass Sie von der schönen
Anverwandtschaft befreit sind
Herrmann Aber er ist mein Vater
Vignali Und sollt es nicht sein Auch die Melone wächst aus Miste Es ist
unverschämt dass Sie ihn in meiner Gegenwart für Ihren Vater erkannten
Überlegten Sie nicht was ich empfinden musste den Menschen den ich mit meiner
Freundschaft beehre als den Sohn eines solchen Ungeheuers zu erblicken Wenn
Sie das nicht überlegten so will ich Ihnen sagen was ich empfand ich schämte
mich Ihrer Diese Anverwandtschaft bleibt ein Geheimnis unter uns beiden wo
Sie noch sonst jemanden Anteil daran haben lassen dann veracht ich Sie
Herrmann Und wenn Sie mich auf der Stelle mit der empfindlichsten
Verachtung straften so kann ich kein Barbar sein und meinen Vater im Elende
schmachten lassen
Vignali Wer verlangt denn das Er soll essen und trinken soviel ihm
beliebt nur Ihr Vater darf er nicht sein Ich will ihm einen Louisdor geben
dann mag er den Weg wieder nach Hause suchen
Sie rief dem Bedienten der mit der Nachricht zurückkam dass der Mann
verrückt sein müsste er sei gar nicht aus dem Hause zu bringen Er überlieferte
ihm auf Vignalis Befehl den Louisdor allein der Alte warf ihn fluchend auf die
Erde und ging mit den schrecklichsten Verwünschungen fort
»O des empfindlichen Knabens« fing Vignali spöttelnd an als der Bediente
dieses erzählt hatte »Sie sollten sich schämen wahrhaftig die Tränen stehen
Ihnen in den Augen«
Herrmann Und mein Herz zerfliesst darin
Vignali Sie haben ein lächerliches Herz es weiß immer nicht was es will
Wer ist Ihnen mehr Vignali oder dieser Irokese wenn Sie diesen vorziehn
begleiten Sie ihn
Herrmann Das will ich Tausendmal besser ein Bettler sein als die ersten
heiligsten Pflichten der Natur verleugnen
Vignali Aber mein lieber Gewissenhafter Du nimmst doch auch die arme
Vignali mit wenn du gehst Denn ich bilde mir ein du liebst die Frau zu
sehr als dass du sie so allein lassen solltest Ich kann mich irren aber ich
bilde mir fest ein dass du nicht ohne mich sein kannst
Herrmann Ich möchte dass Sie nicht wahr redeten
Vignali Aber ich dächte auch die Frau hätt es um dich verdient sie liebt
dich so zärtlich und pflegt dich wie einen Prinzen das verdient allerdings
Erkenntlichkeit und du bist gewissenhaft o so gewissenhaft dass man dich
einmal kanonisieren wird So ein dankbarer Mensch gäbe wohl einer solchen Frau
zu Gefallen zwei Väter hin und Mutter und Großmutter noch obendrein und die
Frau die dies kleine Opfer fodert ist gewiss eine gute Frau die beste Frau
die ich kenne Meinst du das nicht auch
Herrmann Ich wollte dass ich Ihre Vortrefflichkeit weniger empfände
Vignali beherrschen Sie mich nicht so tyrannisch Der Himmel weiß es wie Sie
mit einem Worte einem Blicke meine Seele regieren sind Sie allmächtig dass Sie
so meine besten Gesinnungen und Entschließungen zu Boden stürzen Immer fühl
ich dass ich anders handeln sollte aber nein ich muss handeln wie Sie wollen
Selbst meine feurigsten Begierden und Wünsche stehen still wenn Sie gebieten
Ich fürchte jede Minute dass Sie mich zum hässlichsten Verbrecher machen werden
Vignali Also sind wir ja einig Sie tun was Sie wollen und Sie wollen
was ich will es lässt sich keine bessere Harmonie denken Bilde ich närrisches
Weib mir nicht ein wir hätten uns einmal wieder gezankt und ich wäre Ihnen
Genugtuung schuldig Wie ist mir denn Ich bin Ihnen wirklich noch eine
schuldig wissen Sie nicht von unserm letzten großen Zanke her da ich Sie so
gröblich beleidigte Du saumseliger Mahner wirst du mir bald die Schuld
abfodern
Sie führte ihn ins Kabinett und leitete ihn unter mancherlei Wendungen so
weit dass er nur noch um einen Gedanken von dem Entschluss entfernt war seine
Schuldfoderung zu befriedigen Die unendlichen Reizungen womit ihn Vignali
bestürmte schläferten wie ein Ammenlied sein Bewusstsein und Nachdenken ein mit
umwölkten Sinnen in glühendem Traume mit hinreissender Begierde stand er dicht
am Abgrunde seines Falles plötzlich rollte mit lautem Geräusch das schlecht
befestigte Rouleau am Fenster herab das Schrecken verscheuchte seinen Traum
seine Sinne öffneten sich er sah um sich her erblickte Vignali in entülltem
Reize der Liebe zitterte und taumelte als wenn ihn ein Dämon hinwegpeitschte
zum Kabinett hinaus Auch Vignali war durch das Getöse des Rouleaus so
erschreckt worden dass sie ihn gehen ließ ohne ihm nachzusetzen
Dies war der höchste Sieg den sie über ihn erlangte vielfältig gelang es
ihr ihn dem entscheidenden Schritte so nahezuführen und jedesmal rettete ihn
genau untersucht der Zufall ein herabrollendes Rouleau ein Lichtstrahl der
plötzlich auf sein Auge fiel und ihn aus seiner Trunkenheit schreckte ein
ungefähr aufsteigendes Bild der Phantasie eine Idee die durch den Kopf fuhr
der Himmel weiß woher eine schnell dazwischenkommende Empfindung ein solches
Etwas gleichsam wie vom Winde dahergeweht weckte sein Gefühl für Würde und
Ehre auf riss plötzlich die Stärke seines Geistes aus dem Schlummer empor die
Schüchternheit der ersten Begierde und die Scham eines edelen Herzens das nicht
der empfundne Genuss sondern bloß die Reize einer verführerischen Frucht locken
vollendeten seinen Sieg er schmachtete nach dem einladenden Apfel und musste ihn
fliehen ärgerte sich ihn nicht gepflückt zu haben und dankte dem guten
Schicksale das seinen zulangenden Arm zurückzog Jedesmal wurde er
vorsichtiger wünschte es nicht zu sein und war es nicht wenn ihn neue
Reizungen einluden jedesmal zitterte er vor der Gefahr wünschte sie sich
wieder und eilte ihr entgegen wenn sie sich zeigte Nicht wollen und doch
wollen verwerfen und doch begehren vermeiden und doch suchen war der
Lebenslauf seines Herzens
Drittes Kapitel
Vignali die über den zaghaften Liebhaber bis zum Zähneknirschen zürnte hatte
das Unglück nicht lange darauf eine sehr herzangreifende Nachricht von ihren
besoldeten Aufpassern zu erfahren sie meldeten ihr dass der Herr von Troppau
einen Brief von unbekannter Hand geschrieben erhalten habe und seitdem Ulriken
mit ihrer Untergebnen oft zu sich auf das Zimmer kommen lasse dass er sich zu
ganzen Stunden mit ihr unterrede und dass sie jedesmal sehr vergnügt und froh
sich von ihm trenne Zween Tage darauf berichtete ihr der Kammerdiener dass er
den Brief in seines Herrn Schreibeschranke gefunden und weiter nichts als die
Unterschrift Le Komte dOhlau habe lesen können Noch den nämlichen Tag erfuhr
sie dass der Herr von Troppau bei seiner Schwester gespeist habe was er in zwei
Jahren nicht getan hatte und nach Tische lange allein mit ihr in ihrem Kabinett
gewesen sei Mehr brauchte Vignali nicht um sich diese sonderbaren
Begebenheiten zu erklären sie erriet die ganze Geschichte auf ein Haar und
machte sogleich Anstalt ihren Mutmaßungen Gewissheit zu geben und den vermuteten
Anschlag zu zernichten
Seit der ersten Nachricht von dem Empfange des Briefes gingen die Kuriere
unaufhörlich herüber und hinüber und statteten ihr von der kleinsten Handlung
des Herrn von Troppau Bericht ab und eben jetzt eine halbe Stunde nach jener
Unterredung mit der Frau von Dirzau lief die Zeitung ein dass er schriebe im
Augenblick wanderte Vignali hinüber zu ihm und überraschte ihn so sehr dass sie
schon das überschriebene Monsieur auf dem Blatte las als er sich umdrehte und
sie erblickte er erschrak dass er alle Fassung verlor versteckte den Brief
unter den Papieren und schloss sie ein Vor Schrecken vergaß er sie zu
bewillkommnen oder nach der Ursache ihres Besuchs zu fragen Sie ließ ihm zwar
auch keine Zeit dazu sondern fing sogleich an »Ich beklage dass ich Sie störe
und der Brief ist wohl notwendig«
Herr von Troppau Nein er kann warten
Vignali Was wetten Sie ich weiß an wen Sie schreiben
Herr von Troppau Schwerlich
Vignali Ich wette mit Ihnen um die erste Nacht ihrer künftigen Gemahlin
Der Herr von Troppau wurde feuerrot stutzte und lächelte seine
Verlegenheit zu verbergen »Sie sind spaßhaft« sprach er
Vignali Wozu denn lange Umwege Sie schreiben an den Grafen Ohlau
Das war ein Donnerschlag für den Herrn von Troppau er hustete und brauchte
lange Zeit ehe ihn sein Erstaunen reden ließ »Wie kommen Sie denn auf diesen
Mann« fragte er voller Verwundrung und mit gezwungner Gleichgültigkeit
Vignali Weil er an Sie geschrieben hat
Herr von Troppau An mich Sie träumen
Vignali Er schreibt Ihnen wegen der Baronesse von Breisach
Herr von Troppau Wer hat Ihnen das gesagt
Vignali Ich kenne die Baronesse sehr gut sie hat unzähligemal bei mir
gegessen Ich weiß ihre ganze Geschichte aus ihrem eignen Munde sie macht vor
mir gar kein Geheimnis daraus Wird sich die Baronesse bald öffentlich dafür
erklären Man muss doch alsdann auf eine andre Gouvernante für Ihr Fräulein
denken Die Baronesse sollte heiraten da ihre heimliche Liebe aus ist
Herr von Troppau Sie reden also von der Gouvernante meiner Tochter
Vignali Ja ja von der Baronesse von Breisach
Herr von Troppau Wer hat sie denn dazu gemacht
Vignali Vermutlich ihr hochseliger Herr Vater Es ist mir eine eigne Idee
dabei eingekommen Wissen Sie wer die Baronesse heiraten sollte Sie
Herr von Troppau Ich Woher wissen Sie denn dass ich heiraten will
Vignali Ein Einfall ein bloßer Einfall Es ist Ihnen ja wohl bekannt
dass die Weiber gern Heiraten machen Da sie von Ihrem Stande ist so viele
Liebenswürdigkeiten besitzt nicht wahr Sie sind meiner Meinung Die
Baronesse ist liebenswürdig
Herr von Troppau Unleugbar liebenswürdig Das Geständnis dass ich das
Mädchen so finde wird Sie hoffentlich nicht beleidigen
Vignali Mich im mindesten nicht Denken Sie dass ich mich für die einzige
liebenswürdige Frau auf der Welt halte Denn dass ich mir einige
Liebenswürdigkeit zutraue das ist mir zu vergeben weil Sie mich mit Ihrer
Liebe beehrt haben Sie ein so feiner Kenner der Schönheit Wenn Ihnen die
Baronesse gefällt so würde michs beleidigen wenn Sie sich meinetwegen die
geringste Gewalt antäten
Herr von Troppau Sprechen Sie aufrichtig Vignali Vignali Warum zweitem
Sie denn an meiner Aufrichtigkeit Haben Sie nicht Proben genug dass ich nichts
als Ihr Vergnügen Ihre Zufriedenheit suche Steht nicht mein ganzes Leben in
Ihrer Hand Hab ich Ihnen nicht einen Mann aufgeopfert Hab ich nicht alle Bande
der Freundschaft und Liebe zerrissen um nur für Sie zu leben Und wie hab ich
für Sie gelebt Mit einer Treue Ergebenheit mit einer so festen Vereinigung
des Willens mit einer Stärke der Liebe die nur mein Herz ganz kennt kann man
wohl nicht aufrichtig sprechen wenn man so aufrichtig handelt
Herr von Troppau Sie entzücken mich Vignali Ich bekenne ich bin Ihnen
unendliche Verbindlichkeiten schuldig
Vignali Sie beschämen mich mit so einem stolzen Worte Ich bin nicht so
eitel dass ich Ihnen meine kleinen Verdienste herzählte um Ihnen ein Kompliment
abzulocken ich wollte Sie nur überzeugen wie ungerecht Ihre Zweifel wider
meine Aufrichtigkeit sind Aber wozu denn so weit hergeholte Beweise ich kann
Sie ja auf der Stelle überführen dass ich aufrichtig gegen Sie handle Wenn Sie
die Baronesse lieben und durch ihren Besitz glücklich zu werden hoffen so
erbiete ich mich zur Brautwerberin Da Sie die Güte gehabt haben so viele
Gefälligkeiten von mir anzunehmen so werden Sie doch nicht so grausam gegen
mich sein und einer andern das Vergnügen gönnen Ihnen eine liebenswürdige
Gemahlin verschafft zu haben Sagen Sie mir nur ob Sie die Baronesse lieben
oder lieben können Für das übrige lassen Sie mich sorgen
Herr von Troppau Sie bezaubern mich Vignali Ich habe unendlich viel Gutes
von Ihnen geglaubt aber eine solche Uneigennützigkeit traut ich Ihnen nicht zu
Vignali Da seh ich keine Uneigennützigkeit Ich glaube wahrhaftig dass Sie
mir noch obendrein ein Verdienst daraus machen wie man doch so leicht zu einem
Verdienste kommen kann wenn man mit guten Leuten zu tun hat
Herr von Troppau Und Sie müssen mehr als gut sein dass Sie sich so etwas
für kein Verdienst anrechnen wollen Einer so edlen Uneigennützigkeit waren nur
Sie unter Ihrem ganzen Geschlechte fähig aber Sie können auch meiner
immerwährenden Erkenntlichkeit versichert sein selbst wenn ich einen solchen
Schritt tun sollte wozu Sie mir raten
Vignali Behält die ehrliche Vignali immer noch die eine Hälfte Ihres
Herzens Haben Sie der Baronesse schon Ihre Absicht entdeckt
Herr von Troppau Was reden Sie denn schon von Absicht Ich weiß ja noch
nicht ob sie mich lieben kann
Vignali Das sollen Sie durch mich erfahren Sie haben Ihre Tochter schon
längst aus der erbärmlichen Zucht der Frau von Dirzau wegnehmen wollen ich will
ihr ein Zimmer in meinem Hause einräumen Alsdann hab ich die schönste
Gelegenheit die Baronesse auszuforschen Sie soll nicht eher etwas von unsern
Absichten erfahren als bis es Zeit ist nicht einmal dass jemand außer mir
ihren Stand weiß Wie gefällt Ihnen der Plan
Herr von Troppau Sehr wohl nur wird es schwer halten meine Schwester zu
bewegen dass sie meine Tochter von sich lässt
Vignali Das will ich besorgen wenn ich nur Ihr Wort habe
Herr von Troppau Das geb ich Ihnen sehr gern allein ich sage Ihnen zum
voraus ich mische mich nicht darein wenn es Uneinigkeit gibt Ich bekümmere
mich um solche Dinge nicht meine Erlaubnis haben Sie nun sehen Sie wie Sie
das Mädchen von meiner Schwester herauskriegen
Vignali Das soll mir wenig kosten Sie können ja indessen dem Grafen Ohlau
melden
Herr von Troppau Ich war eben damit beschäftigt Aber woher in aller Welt
wissen Sie dass er an mich geschrieben hat
Vignali Einfall Scherz Weiter war es nichts Weil mir die Baronesse ihre
Geschichte anvertraut hat und täglich fürchtet dass ein Brief von ihrem Onkel an
Sie kommen wird um sie zurückzufodern so fiel mir gerade als ich zum Zimmer
hereintrat und Sie schreiben sah der Graf Ohlau ein ich wunderte mich selbst
wie mir der Mann so plötzlich in die Gedanken kam Der Graf Ohlau führte seine
Schwestertochter herbei und seine Schwestertochter brachte uns auf Ihre Liebe
und Ihre Heirat Wie sich doch ein Gespräch so wunderlich drehen kann Das hätt
ich mir nur fürwahr nicht eingebildet dass ich heute noch ihre Brautwerberin
werden sollte Will sie der Graf Ohlau wiederhaben
Herr von Troppau Allerdings Er bittet mich den jungen Menschen in Verhaft
nehmen zu lassen und seine Schwestertochter in Verwahrung zu bringen bis er
jemanden schickt der sie abholt Hier ist sein Brief
Vignali Ich will ihn zu mir stecken und zu Hause lesen jetzt ist mir Ihre
Unterhaltung lieber
Herr von Troppau Aber Vignali dass ihn niemand sieht Das Mädchen könnte
etwas erfahren
Vignali Sie werden doch keine solche Sorglosigkeit bei mir vermuten
Sonach ist mir doch der Graf Ohlau recht zu gelegner Zeit durch den Kopf
gefahren denn ich kann Sie in den Stand setzen ihm eine fröhliche Nachricht zu
geben Ich hab Ihnen ja glaub ich schon gesagt dass es mit der Liebe des
jungen Menschen aus ist Er hat mit ihr gebrochen auf ewig gebrochen
Herr von Troppau Das ist also der junge Mensch der bei Ihnen wohnt
Vignali Freilich wohl das gute Vieh
Herr von Troppau Er schien mir aber nicht dumm
Vignali Ach er wirds täglich mehr Ich nahm ihn aus Freundschaft für die
Baronesse ins Haus und in wenigen Wochen war er ihr schon zuwider Es ist eine
kindische Leidenschaft bei dem Mädchen gewesen jetzt da sie zu Verstande kommt
sieht sie ein dass es ein hübsches Schaf ist
Herr von Troppau Kann ichs also für gewiss schreiben dass ihre Liebe
zerrissen ist
Vignali Für unzweifelhaft gewiss Sie werden ihm wohl die Wahl
freistellen wenn er das Mädchen abholen lassen will
Herr von Troppau Abholen Das soll er nicht sondern ich will ihn
vielmehr fragen ob er mir die Erlaubnis gibt eine anständige Partie für sie zu
machen mit einem Manne von gutem Hause dessen Namen ich ihm melden will
sobald ich seine Gesinnungen hierüber weiß
Vignali Und dieser Mann sind Sie Also ist es wirklich Ihr Ernst Ich hab
es nur für halben Scherz gehalten Wie mich das freut Ich kann Ihnen meine
Freude nicht ausdrücken Also zieht Ihre Tochter zu mir und in kurzer Zeit
sollen Sie über den streitigen Punkt Nachricht haben
Herr von Troppau Ich wünschte dass es bald sein könnte
Vignali Freilich die Liebe zaudert nicht gern Weiß es die Frau von
Dirzau
Herr von Troppau Ich hab ihr etwas davon entdeckt
Vignali Vergeben Sie mir das war ein großer Fehler
Herr von Troppau Warum Sie rät mir sehr dazu
Vignali Sie rät Ihnen dazu Wenn Sie nur recht gehört haben Oder ist es
Verstellung Ich lasse dieser höhnischen Heuchlerin schlechterdings den Ruhm
nicht dass sie Ihnen ein so wesentliches Vergnügen angeraten haben soll den
Ruhm muss ich mir verdienen Wenn ich an Ihrer Stelle wäre so heiratete ich die
Baronesse gleich nicht weil die Frau von Dirzau dazu geraten hat Soll ich mich
ernstlich mit der Sache abgeben so muss diese weise Dame ihre Hand aus dem
Spiele ziehen und ich hoffe doch dass Sie einen so angenehmen Dienst lieber von
mir annehmen werden als von einer solchen Betschwester die alles tadelt was
Sie sagen und tun Versprechen Sie dass Sie die Frau von Dirzau nicht weiter
zu Rate ziehen wollen
Herr von Troppau Ja Vignali ich versprecht es Niemandem als Ihnen will
ich die größte Verbindlichkeit schuldig sein
Vignali O wie mich das freut dass Sie sich vermählen wollen und dass Sie
mich zur Mittelsperson wählen Ich kann mich vor Vergnügen nicht halten Wie
mich das freut
Sie nahm mit dieser verstellten Freude gleich darauf Abschied und ging
geradeswegs zu Ulriken hinauf um ihr die bevorstehende Veränderung ihrer
Wohnung zu melden Ulrike wusste nicht was sie von dieser unvermuteten
Revolution fürchten oder hoffen sollte sie entschuldigte sich dass sie ohne der
Frau von Dirzau Erlaubnis so etwas nicht unternehmen dürfte »Der Herr von
Troppau befiehlt« sprach Vignali heftig »und ich befehle Ihnen im Namen des
Herrn von Troppau brauchen Sie mehr Mein Kind« redthe sie die kleine
Karoline an »Sie sollen inskünftige bei mir wohnen hat Ihr Papa befohlen«
»Ach bewahre mich Gott« schrie die Fräulein und floh von ihr »Sie
verführen mich«
Vignali Närrchen ich habe ein herrliches Gebetbuch für Sie angeschafft in
schwarzen Samt gebunden vergoldet auf dem Schnitt und bei dem Buchbinder sind
noch drei schönere Wir wollen Tag und Nacht zusammen beten
Karoline Können Sie auch beten Sie sind ja eine Sünderin
Vignali Das hat Ihnen Ihre einfältige Tante überredet Ich verstehe das
Beten besser als Sie
Karoline Sie prahlen Das versteht niemand so gut als ich Und nun betete
sie mit frommem Stolze eine lange Reihe von Gebeten Sprüchen und Liedern her
und da sie fertig war fragte sie mit der äußersten Selbstgenügsamkeit »Können
Sie so beten«
Vignali Meine kleine Einfalt hundertmal besser Sie werden sehen kommen
Sie nur
Karoline Nein mit Ihnen gehe ich nicht Sie sind ein freches Kind des
Satans
Vignali Du einfältigster Papagei der einfältigsten Tante Komm deine
Gouvernante wird so gescheit sein und dir ungebeten nachfolgen
Mit diesen Worten nahm sie die achtjährige Fräulein auf die Arme trug sie
den Flur hindurch die Treppe hinunter die Straße hinüber in ihr Haus hinein
das Kind faltete zitternd die Hände und betete so inbrünstig als wenn sie der
Teufel in seinen Klauen davontrüge Ulrike ging voller Verlegenheit in einer
kleinen Entfernung hinterdrein Sogleich gab Vignali ihrem Bedienten Befehl die
Sachen der beiden Flüchtlinge herüberzuräumen und das Zimmer war schon zur
Hälfte leer als die Frau von Dirzau den geschehenen Raub erfuhr Ihre
Bedienten die das Ausräumen verhindern sollten halfen dabei weil Vignali ein
gutes Trinkgeld versprochen hatte Die Frau von Dirzau lief in eigener Person zu
ihrem Bruder und beschwerte sich dass er ihre Möbeln wegschaffen ließ »Ich
will sie bezahlen« rief er »Und deine Tochter willst du in die Hände eines so
schändlichen Weibes geben« »Ich bekümmere mich um solche Sachen nicht«
antwortete ihr Bruder »Vignali hat mich gebeten dass ich sie zu ihr in Pension
tun soll ich hab es ihr versprochen nun misch ich mich weiter nicht drein
Schicke mir die Rechnung für die Möbeln dann seht ihr wie ihr
auseinanderkommt Ich will ausgehn Adieu Schwester« So war er zur Tür
hinaus Was war also zu tun Die Frau von Dirzau musste in ihr Zimmer zurück
musste geduldig leiden dass man Ulrikens Zimmer ausleerte und ihren Ärger in
frommer Gelassenheit verbeissen Den Tag darauf schickte ihr Vignali alle ihre
Möbeln zurück weil sie einen unmässigen Preis darauf setzte und schrieb ihr
einen der empfindlichsten Briefe dazu
Sobald Ulrike mit ihrer Untergebenen in sicherer Verwahrung war denn es
musste beständig jemand auf der Treppe wachen um sie zu hindern wenn sie
vielleicht entfliehen wollten so stürzte sich Vignali wie unsinnig vor
Freuden in ihr Zimmer hinein »Ich habe gewonnen« rief sie aus »ich habe
gewonnen Alles geht wie ich will Nun sollen alle meine Zwecke erreicht
werden oder der Satan selbst müsste mich hindern Der stolze widerspenstige
Junge der meine Gütigkeit so lange gemissbraucht hat soll gedemütigt werden er
muss sich zum Ziele legen oder es ist sein Untergang Das Mädchen will ich
erniedrigen dann werde Gemahlin eines Mannes der mich liebt du Elende Wie
sich der gute Troppau so treuherzig sein Geheimnis abschwatzen ließ Es ist
köstlich wie ich ein Mann angeführt habe Der Brief von dem Grafen Ohlau ist
mir Goldes wert das soll der letzte Pfeil sein den ich verschiesse wenn kein
andrer trifft Triumph ich habe gewonnen«
Viertes Kapitel
Herrmann und Ulrike spielten bei dieser unvermuteten Nähe eine sonderbare Rolle
keins sah das andre an und die ersten zwo Mahlzeiten die sie zusammen tun
mussten brachten sie beide ganz stumm hin bei der dritten wurden schon
verstohlne Blicke herüber und hinüber geworfen wobei man aber die Gelegenheit
sorgfältig ausspähte dass der angeblickte Teil es nicht wahrnahm Für Vignali
war dieses Blickespiel eine herrliche Komödie und wenn der Zufall einmal die
beiden Blicke in einem Punkte zusammentreffen ließ wie dann hurtig ein jedes
den seinigen zurückzog und viele Minuten den Kopf nicht wieder aufzuheben wagte
Der Zufall und Vignali veranlassten sie endlich auch Worte zu wechseln sosehr
es beide anfangs vermieden aus einzelnen Worten mit gesenkten Augen
gesprochen wurden allmählich Reden und nach sechs oder sieben Mahlzeiten war
das Gespräch schon wieder leidlich in Gang gebracht allein beide sprachen mit
essigsaurem Ernste zueinander der desto drollichter gegen die Freundlichkeiten
abstach womit ein jedes zu Vignali redete Der Blick milderte sich nahm bei
Ulriken sogar Güte an ihr Ton blieb nicht mehr gebrochen und scharf sondern
bekam seine natürliche Sanfteit obgleich auch Herrmann Miene und Stimme sehr
herabstimmte so erhielt er sich doch in einer beständigen ernsten Entfernung
von ihr und suchte der Vertraulichkeit so sorgfältig zu entgehn dass er eine
übertriebne Politesse gegen sie annahm die sie dann erwiderte Dies eiskalte
Betragen behielten sie bis zu dem großen Sturme den Vignali indessen
veranstaltete jedermann erkannte sie für sehr höfliche Freunde die sich nie
liebten und vermutlich auch nie lieben würden
Was in ihren Herzen vorging Beide wünschten sich mit Ehren wieder lieben
zu können beide wünschten dass sie Zufall oder Zwang dahin führen möchte Die
Liebe schwang in beiden die glimmende Fackel um sie wieder zur Flamme zu
bringen Wenn sich nur Herrmann verzeihen lassen wollte dachte Ulrike Wenn
du nur Ulriken unrecht getan hättest dachte Herrmann Auch stellte sich bei ihr
ein gutes Symptom wieder ein eine ziemlich eifersüchtige Empfindung wenn
Herrmann und Vignali zu freundlich miteinander taten
Die Sache war also wieder in dem besten Gleise aber Vignali Vignali Sie
hat zween zu mächtige Gründe Rache und Selbstverteidigung warum sie jenen
ruhigen Gang der Sachen entweder anders leiten oder ganz stören muss Auch hemmte
ihre Unternehmung nichts als die Überlegung welches von beiden ihr am
zuträglichsten sein werde Sie ersann endlich ein Projekt das alle ihre
Verlangen mit einem Male zu befriedigen versprach der sklavonische Graf der
ohnehin noch einen alten Groll wider Ulriken wegen des unglücklich abgelaufnen
Abendbesuchs hatte und bisher mit seiner Rache nicht an sie kommen konnte wurde
zum Werkzeug ihrer Erniedrigung bestimmt Herrmann sollte durch Vignalis
Veranstaltung Augenzeuge davon sein und also zu aller Versöhnung auf immer
abgeneigt werden auch er sollte zum Zeugen wider Ulriken bei dem Herrn von
Troppau dienen um ihm seine Liebe zu ihr und den Gedanken an die Verheiratung
mit ihr zu benehmen Herrmanns unbezwingliche Seele konnte alsdann durch neue
Stürme überwunden werden denn eine angefangene Eroberung unvollendet zu lassen
wäre für eine solche Herzensbändigerin ein ewiger Vorwurf gewesen Welch ein
trefflicher Plan der mit einem Hiebe den Knoten zerschnitt Vignali war nichts
als Jubel und Wonne
Dass der Graf die aufgetragene Rolle mit Dank annahm versteht sich von
selbst Vignali ließ des Nachmittags die kleine Karoline zu sich herunterrufen
und gab ihr mancherlei Spielzeug womit sie sich jetzt stundenlang zu belustigen
pflegte weil ihr die Frau von Dirzau kein solches Vergnügen erlaubt hatte sie
spielte eifrig für sich in Vignalis Zimmer Gegen die Dämmerung begab sich der
Graf zu Ulriken die über den Besuch nicht wenig erstaunte und Misshandlungen für
ihre falsche Einladung fürchtete Der Graf brannte von Wollust und Rache und
schritt sehr bald zu verdächtigen Tätlichkeiten Ulrike argwohnte böse
Absichten zitterte für den Ausgang da sie im ganzen zweiten Stockwerk allein
war und fasste allen Mut und alle Kräfte zur Gegenwehr zusammen Sie machte
Vorwürfe sie bat nichts rührte den entflammten Grafen der schon in Gedanken
Rache und Begierde befriedigte Die Gewalttätigkeiten wurden so unerhört dass
Ulrike zu Faustschlägen ihre Zuflucht nehmen musste
Vignali eilte sogleich in Herrmanns Zimmer und schlug ihm einen Besuch bei
Ulriken vor der weigerte sich allein ihre Autorität zwang ihn zum Gehorsam
Sie gingen leise die Treppe hinan um sie zu überraschen und langten in dem
Augenblicke bei der Tür an als Ulrikens erschöpfte Kräfte der wilden Brutalität
des Grafen beinahe unterlagen Sie horchten und hörten ein heftiges Keuchen
nebst einem rauschenden Getöse als wenn sich zwei Leute balgten Vignali
triumphierte schon in der Seele Plötzlich erhub sich ein heiseres angestrengtes
Geschrei Ulrikens ersterbende Stimme rief »Hilfe Hilfe Ach Gott«
Herrmann ohne sich von Vignali zurückhalten zu lassen so derb sie ihn auch
fasste riss die Tür auf und fand Ulriken im ohnmächtigen Kampfe wider den Grafen
der in der Begeisterung weder das gewaltsame Öffnen der Tür noch Herrmanns
Hereintritt wahrnahm sondern die arme Unschuldige mit dem plumpsten Ungestüm
nach dem Sofa hintrieb Herrmann ergriff ihn mit voller Wut bei dem Zopfe und
zog ihn mit solcher Stärke dass er vor Schmerz seine Beute fahrenliess und
schreiend rückwärts auf den Fußboden hinstürzte er war so erbittert dass er den
hingestreckten vom Falle betäubten Sklavonier bei den Füßen an die Tür
schleppte und nicht eher ruhte als bis er ihn außer dem Zimmer hatte er kehrte
sogleich zurück schob inwendig den Riegel vor da stand er und wusste nicht
was er glauben denken und sagen sollte Ulrike stand mit ebenso freudiger
Verlegenheit da in zerstörten zerrissnen Haaren bleich schwerkeuchend mit
entblösstem blutendem Busen zerfetzter Kleidung über die Hüften herabgezogenen
Röcken und blutrünstigen Armen Vignali las mit tiefem Ärger die ausgerissenen
Locken Blonden und Fragmente der Garnierung vom Schlachtfelde auf
»Ist es möglich« rief Herrmann nach der ersten verwunderungsvollen Pause
»bist du es Ulrike die so für ihre Unschuld kämpfte Du die blutend eine
Tugend verteidigte die ich schon längst für erstorben hielt Ich kann meine
Wonne nicht fassen« Und so stürzte er sich ihr um den arbeitenden Hals und
drückte sie so fest in seine Arme dass sie kaum atmen konnte Jammer Freude und
Dankbarkeit pressten ihr Tränen aus den Augen sie schmiegte tiefschluchzend
weinend und zitternd den Kopf an seine linke Schulter und konnte kein Wort
reden indessen schielte Vignali mit scheelem Blicke nach der Umarmung hin und
hätte beinahe vor Ärger über ihren misslungenen Plan mitgeweint Sie konnte den
Anblick der wiederversöhnten Zärtlichkeit die sie durch das nämliche Mittel neu
belebt hatte wodurch sie ihr auf immer den Tod geben wollte unmöglich länger
ertragen sondern trennte die Umarmung und erinnerte Ulriken an den beschämenden
Zustand in welchem eine solche Heldin der Tugend wie sie eine Mannsperson nicht
umarmen dürfte Dieser spöttische Verweis ließ sie ihre Entblössung gewahr
werden die sie im ersten Taumel der Überraschung ganz übersehn hatte sie eilte
verschämt ins Schlafzimmer um dem Übel abzuhelfen
Herrmann war so berauscht dass er ungestüm mit seiner Freude in Vignali
hineinstürmte ihr die Hände drückte und küsste sie zur Teilnehmung an seiner
Wonne ermunterte wozu sie nicht den mindesten Trieb empfand und einmal über
das andre schrie er »Wie glücklich nun kann ich Ulriken wieder lieben«
Vignali hätte zerspringen mögen sie befahl ihm sie hinunter zu begleiten er
wollte nicht aber er musste In ihrem Zimmer fanden sie den Grafen vor dem
Spiegel aus allen Kräften beschäftigt seine zerzausten Haare wieder in Ordnung
zu bringen
Vignali Sie haben ja schreckliche Exzesse in meinem Hause begangen Graf
Was bewegte Sie denn zu einem so barbarischen Verfahren
Der Graf Die Rache wie Sie wissen
Vignali Wie ich weiß Ach vermutlich wegen des Billetts das Ihnen das
Mädchen neulich schrieb als sie Ihnen eine Zusammenkunft anbot und Sie hernach
statt Ihrer eine alte betrunkne Frau finden ließ
»Das ist das unglückliche Billett das uns entzweit hat« unterbrach sie
Herrmann »O so reut michs dass ich den Bösewicht nicht ärger gemisshandelt
habe«
»Wer ist der Bösewicht« fragte der Graf mit einer Renomistenmiene »Wenn
ich es sein soll so wollen wir auf eine andre Art miteinander sprechen«
Herrmann Auf welche Sie wollen und gleich auf der Stelle
Der Graf In einer Dame Zimmer war es ja unanständig Händel anzufangen
Vignali Ich erlaub es ich bin Herrmanns Sekundantin
Der Graf Nein so eine Unanständigkeit werd ich nicht begehn
Herrmann Feiger mit schwachen kraftlosen Mädchen kannst du kämpfen aber
nicht mit Männern
Der Graf Beruhigen Sie sich in einer Dame Zimmer sich zu zanken wäre
ungesittet Ich räsoniere so
Vignali Mein Herr Räsonierer Sie werden die Güte haben nicht weiter an
die Sache zu gedenken da Sie doch kein Herz haben Sie auszufechten Wir wollen
vergeben und vergessen Bis auf Wiedersehen
Er nahm sehr höflichen Abschied besonders von Herrmann dem er gnädigst die
erste vakante Stelle in seinen Ländern zum Zeichen der Versöhnlichkeit
versprach »Aus einem schlechten Komödianten10 wird auch ein schlechter Graf«
sprach Vignali als er weg war »Der baumstarke Kerl ist nur gegen betrunkne
Weiber und furchtsame Knaben tapfer einem Kinde das ihn stark anfährt gibt er
nach gleichwohl tut er gleich als wenn er seine Gegner mit Leib und Seele
vernichten wollte und wenn er nicht auszukommen getraut dann macht er den
Philosophen und fangt an zu räsonieren Ich will ihn schon wegen seiner heutigen
Aufführung züchtigen sich in mein Haus zu schleichen und solche
Unmenschlichkeiten zu begehn« In diesem Tone wurde der sogenannte Herr Graf
tüchtig ausgefilzt weil er nicht zugegen war weder Herrmann noch Ulrike
merkten jemals dass Vignali selbst ihn zu diesen Unmenschlichkeiten angestiftet
hatte
Ulrike sosehr sie das Bewusstsein alles getan zu haben was Pflicht und
Tugend von ihren Kräften fodern konnten beruhigen musste fühlte eine so tiefe
Scham über das Vorgegangne insonderheit über den Zustand worin sie Herrmann
und Vignali antrafen dass sie eine Schwächlichkeit vorwandte und auf ihrem
Zimmer speiste Wirklich hatte sie auch die Plumpheit des Satyrs mit welchem
sie um ihre Ehre stritt die Anstrengung ihres Widerstandes und die Angst unter
dem Kampfe zu erliegen so sehr angegriffen dass sie die folgende Nacht
Kopfschmerz und Fieber bekam
Sosehr auch Herrmann vor Ungeduld brannte ihr seinen falschen Verdacht
Groll und übereilten Bruch abzubitten so ließ sie ihn doch nicht vor sich
Scham und Schüchternheit nötigten sie seit jener schrecklichen Begebenheit
beständig die Tür verschlossen zu halten und sie würde auch des Mittags darauf
nicht zu Tische gekommen sein wenn nicht Vignali sich mit Gewalt bei ihr
eingedrängt und sie mit Gewalt heruntergeholt hätte Sie wünschte ihr spöttisch
zum Siege der Tugend Glück und schalt sie dass sie wie ein Kind sich über einen
Unfall schämte wozu sie nichts beigetragen hätte »So eine exemplarische
Standhaftigkeit macht Ehre« sagte sie lächelnd »und was noch mehr ist Sie
haben ja durch diesen heldenmütigen Kampf Ihren Liebhaber wieder errungen Sie
sind ein braves Mädchen wenn Sie sich beständig so herzhaft wehren werden Sie
Ihre Tugend gewiss unversehrt und wohlbehalten mit sich ins Grab nehmen«
Kaum trat die verschämte Ulrike in Vignalis Zimmer wo Herrmann auf sie
wartete als er auf sie zuflog und in den reuigsten Ausdrücken um eine
Verzeihung bat die ihm im Herzen schon längst zugestanden war Er nannte seinen
so schnell gefassten Verdacht wider ihre Tugend und versicherte dass er sich
durch ihn ihrer Liebe unwürdig gemacht habe »Nein« sprach sie gütig »um
dieses Verdachtes willen werd ich dich desto mehr lieben denn ich hoffe dass du
selbst so bist wie du mich verlangst Wer mich nicht ohne Tugend lieben kann
muss wohl selbst ihr Freund sein« Herrmann merkte in der Fülle der Freude die
Bedenklichkeit des Tons nicht womit sie dies sagte denn es schien ihr sehr
misslich dass Herrmann so lange mit Vignali auf einem Meer gesegelt habe ohne
Schiffbruch zu leiden Die feine Frau die eine eigne Spürkraft besaß sich
keinen unmerkbaren Zug in Reden und Betragen entwischen zu lassen rückte ihr
ihren bedenklichen Ton vor und überschüttete den verwunderten Herrmann der die
Veranlassung nicht merkte mit einem ganzen Regen von Lobsprüchen auf seine
Enthaltsamkeit Standhaftigkeit Vernunft und Herrschaft über sich selbst Die
Bitterkeit womit sie ihre Lobrede hielt benahm Ulriken fast gänzlich ihren
Argwohn denn sie vermutete zu ihrer Zufriedenheit dass Vignali ihn versucht und
nicht überwunden habe So wurde unter den Augen der Friedensstörerin der Friede
förmlich unterzeichnet und die Liebe wieder erneuert
Fünftes Kapitel
Verschoben ist nicht unterlassen Für eine Frau wie Vignali ist jedes Hindernis
jedes Misslingen ein neuer Sporn Sie war zwar nach jenem unglücklichen Erfolge
ihrer Absichten ein paar Tage von höchst übler Laune und ließ die Sache gehen
wie sie ging aber deswegen unterließ sie nicht Maßregeln auszusinnen um doch
endlich zu ihrem Zwecke zu gelangen Der Herr von Troppau brachte ihr auch in
einigen Tagen die fröhliche Nachricht dass der Graf Ohlau versprochen habe
sogleich in die Vermählung seiner Schwestertochter zu willigen und auch die
Einwilligung ihrer Mutter zu bewirken sobald er Namen Familie und
Vermögensumstände des Mannes wüsste den man ihr bestimmte wofern die Partie nur
im mindsten anzunehmen wäre Er verriet durch das Vergnügen das er über die
Bereitwilligkeit des Grafen bezeugte die Stärke seiner Liebe so völlig ohne
Zurückhaltung dass Vignali bei sich stutzte sie größer zu finden als sie
geglaubt hatte Er war im Grunde ein leibhafter phlegmatischer Deutscher der
sich durch den Umgang mit Franzosen und aus Nachahmungssucht etwas von ihrer
Lebhaftigkeit angewöhnt hatte daher fiel es desto stärker auf dass sein sonst
lauer höchstens warmer Ausdruck der Freude jetzt so siedend heiß wurde Um die
wallende Freude ein wenig niederzuschlagen gab ihm Vignali die Nachricht dass
Ulrike nicht sonderlich viel Neigung für ihn zu haben scheine Der Verliebte
vergaß sein Phlegma so sehr dass er aufsprang und sie versicherte sie würde
sich ihm verhasst machen wenn sie keine bessere Nachrichten brächte Vignali
tröstete ihn mit etlichen Gemeinsprüchelchen dass die Liebe oft langsam wachse
und dann sehr schnell reife versprach aus allen Kräften ihr Wachstum zu
beschleunigen und leitete ihn allmählich zu seiner alten Liebe hin dass der
selbstgelassne Wollüstling über den gegenwärtigen Genuss den künftigen aus der
Acht ließ Es wurde beschlossen dass die Antwort an den Grafen acht oder
vierzehn Tage verschoben bleiben sollte bis man Ulrikens Gesinnungen tiefer
erforscht hätte
Nun war Hannibal vor dem Tore Entdeckte sie dem Herrn von Troppau Herrmanns
erneuerte Liebe so musste dieser aus ihrem Hause und Ulrike wurde entweder
ohne dass Vignali es hindern konnte Troppaus Gemahlin oder wenn sie das
schlechterdings nicht werden wollte zu ihrem Onkel gebracht das war für die
rachsüchtige Frau viel zuwenig sie verlangte ihre Nebenbuhlerin nicht bloß
wegzuschaffen sondern zu demütigen und den halsstarrigen Herrmann mit ihr
Ließ sie die Liebe bei den beiden jungen Verliebten frei wirken so konnten sie
durch Beihilfe einer so großen Gelegenheitsmacherin wie Vignali war wohl
endlich selbst die Werkzeuge der verlangten Rache werden allein wie langsam
vielleicht und gar zu lange ließ sich weder der Herr von Troppau noch der Graf
Ohlau aufhalten ohne dass nicht der erste aus verliebter Ungeduld sich an
Ulriken selbst wendete und war sie gleich wieder mit Herrmann ausgesöhnt so
konnte sie doch der Zufall nach Vignalis Begriffe von der weiblichen
Veränderlichkeit sehr leicht wieder entzweien der Herr von Troppau in diesem
Zeitpunkte sich anbieten und Ulrike im ersten Verdrusse seine Hand annehmen
Die Lage war also höchst kritisch »Aber ich muss Herr des Walplatzes werden
oder nicht leben« sprach Vignali »Soll ein so elender Junge über mich
triumphieren ein so albernes Mädchen meine Absichten vereiteln Sie müssen
beide fallen ohne Schonung fallen Mögen sie sich lieben und in ihrer Liebe
allmählich das Gift bereiten das ihren Stolz töten soll Der Nichtswürdige der
mich verschmähen konnte muss gebeugt werden hart hart soll er für seinen
stolzen Widerstand büßen und meine Nebenbuhlerin will ich ganz vernichten
Entgeht sie auch diesmal ihrem Falle dann ruh ich nicht bis ich sie mit meinen
eignen Händen in den Sarg gelegt habe mag sich der verliebte Narr der Troppau
zu ihr legen und seine Brautnacht bei den Toten halten Aber seid ihr nur
einmal dahin wohin ihr sollt o dann will ich euch geisseln wie keine Furie
das Gewissen züchtigen kann will ich euch quälen dann sollt ihr mir schon
selbst den Kampfplatz räumen Wohlan die Liebe tue was weder Vignali noch
der Satan vermag«
Hätte es auch ihr Plan nicht so mitgebracht so wäre es ihr doch nunmehr
unmöglich gewesen Freundschaft gegen Ulriken und Liebe gegen Herrmann zu
affektieren Zorn und Rachsucht hatten wegen Nähe der Gefahr zu sehr Besitz von
ihr genommen und auch der Herr von Troppau warf ihr vor dass sie auf einmal in
allen Handlungen so äußerst unruhig und hastig sei und eine heftige Leidenschaft
in allen verzerrten Zügen des Gesichts trage sie lehnte die Vorwürfe immer
durch vorgewandte Erhitzung oder Krankheit ab
Indessen weideten sich die beiden Verliebten sorglos in vollem Masse mit den
Freuden der wiedergekehrten Liebe und spielten wie zwei Lämmer vertraulich und
froh um den Wolf der sie gern gewürgt hätte Der Kontrast zwischen Ulriken und
Vignali besonders bei dem itzigen leidenschaftlichen Zustande der letztern
lehrte Herrmannen täglich mehr dass nur eine Ulrike sei oft konnte er bei
Tische stumm dasitzen und Vergleichung zwischen beiden Zug für Zug anstellen
und jedesmal wunderte er sich am Ende der Vergleichung wie er sich nur
einfallen ließ Vignali im Ernste zu lieben nachdem er eine viel reizendere
Schönheit gekannt hatte Den Unterschied des Alters abgerechnet stach das
heitre unschuldvolle anspruchlose wohlwollende Gesicht der einen gegen die
ernste gebietende Beifall fodernde wollüstige schlaue Miene der andern sehr
zum Vorteil des ersten ab Ulrikens Augen waren ein Paar anziehende Magnete oder
ein Paar Sonnen die in jedem Herze die Liebe erwärmten und wenn sie auch den
kältesten Boden trafen Vignalis Blick ein Blitz der niederschlug er gebot
Ehrerbietung und selbst die Liebe wie einen Tribut daher drückte sich Herrmann
ihren Unterschied dadurch aus dass er sagte Ulrike gibt Liebe Vignali fodert
sie und ein andrer nannte Vignali einen Despoten den man zu lieben glaubt
weil man ihn fürchtet Bewegungen und Gebärden waren bei der Italienerin ihrem
Gesichte völlig ähnlich edel anständig durch die Welt gebildet lebhaft bis
zur Heftigkeit immer leidenschaftlich wenn nicht der Wohlstand es verbot ihr
Ton stark schnell und fast jeden halben Tag anders denn jeder heimlichen
Absicht jeder vorgegebnen Empfindung passte sie ihn mit unendlichen
Veränderungen an Wie vorteilhaft stach auch hierinne Ulrike in Herrmanns Augen
dagegen ab Jede ihrer Bewegungen bezeichnete Reiz und Anstand das Tempo ihrer
Gebärden war eine sanfte ruhig dahinfliessende Lebhaftigkeit alles hatte
darin das Gepräge der Natur und nur selten noch Spuren von dem Studierten
Abgemessnen wozu man sie bei ihrem Onkel abrichtete doch äußerte sich dieses
nie als wenn sie sich im Zwange befand Ihre Stimme war eine zärtliche sanft
dahingleitende Modulation jeder Ton von Güte und Liebe gestimmt Wie konnte der
begeisterte Herrmann lauschen wenn sie sprach wie hallte jeder Laut in seinem
Ohre gleich einer eindrucksvollen Musik lange nach Der kleine Gram während
ihrer Uneinigkeit hatte das vorige Rasche und Übereilte das sie zuweilen
überfiel ziemlich gedämpft und es gehörte jetzt ein hoher Grad von Leidenschaft
dazu wenn es wiederkommen sollte Eine Annehmlichkeit die man gegenwärtig an
ihr vermisste war der kleine lustige Mutwille in welchem sich sonst ihre
Aufgeräumteit ausdrückte aber Herrmann vermisste ihn nicht sonderlich weil er
sich in einem zu unruhigen leidenschaftlichen Zustande befand um ein
Wohlgefallen für etwas zu fühlen das Heiterkeit in der Seele desjenigen
verlangt der es erwecken und der es genießen soll Die Verfassung seines Gemüts
in dem gegenwärtigen Zeitpunkte schildert er selbst in einem spät geschriebnen
Briefe an einen seiner Freunde
Nach der Wiedergeburt meiner Liebe sagt er fühlte ich mich oft zu meiner
größten Verwunderung in einen Zustand versetzt den ich in meinem Leben noch
nicht gekannt hatte meine Liebe veränderte ihre Miene so ganz dass sie mir eine
Fremde zu sein schien die sich während meines Umgangs mit Vignali in mein Herz
eingeschlichen habe Nicht mehr dieses stille sanfte angenehme Feuer war es
das auf dem Schloss des Grafen Ohlau in mir brannte von erquickender
belebender Wärme mehr leuchtend als brennend nicht mehr die heftiger
schlagende Flamme die in Dresden in mir wallte ein starkes überwältigendes
Gefühl aber noch immer durch Güte und Zärtlichkeit gemildert nein eine
hochlodernde Feuersbrunst war meine ganze Seele und jeder Blick jedes Wort
jeder Händedruck von Ulriken neuer Brennstoff der in die glühende Masse
hineinfiel dabei so viel Wildheit so viel Grausamkeit so ungestüme
Heftigkeit dass ich noch zittre wenn ich an diese Gemütsverfassung denke Welch
ein süßer Schauer durchlief mich sonst wenn ich neben Ulriken stand oder ihre
Hand in der meinigen lag desto süßer und durchdringender je seltener mich das
neidische Schicksal ein solches Glück genießen ließ Itzt da ichs Stunden und
Tage ungehindert genießen konnte fürchtete ich mich vor mir selbst es zu tun
sobald ich mich ihr näherte fuhr eine schneidende Flamme durch alle meine
Adern meine Brust zog sich pressend zusammen das Herz schlug hoch wie getürmte
Wellen dass mir der Atem stockte unter zehn Malen konnte ich mich kaum einmal
entschließen ihre Hand zu fassen und wenn ich sie hielt dann flogen mir die
ungeheuresten Bilder durch den Kopf es war als wenn von innen her ein geheimer
Antrieb mich drängte sie zu zerdrücken Tausendmal stieß mich diese nämliche
innerliche Heftigkeit zu Ulriken hin mir schien es als wenn eine geheime Macht
mir die Arme auseinanderzöge und mich gewaltsam forttriebe ihr um den Hals zu
fallen und sie in meine Brust hineinzudrücken und zu gleicher Zeit zog eine
andre gütige Macht die Heftigkeit meiner Begierde zurück War ich bei ihr
allein dann wollte mich die Angst von ihr wegtreiben ich konnte nicht bleiben
ich musste sie verlassen Ermannte ich mich und blieb da so fingen meine
Beunruhigungen erst recht an es wurde mir finster und schwindlicht der Boden
wankte unter mir und alle Gegenstände schienen mir zu zittern und zerstreueten
sich die Wolken in meinem Kopfe dann trat ich vor ihr hin sah sie steif an und
hätte weinen mögen so überfiel mich ein plötzlicher Jammer Wie ein Teufel mit
glühenden Augen stand der Gedanke vor mir So viel Liebenswürdigkeit und
Unschuld soll nicht ewig blühen Du sollst der Mörder einer solchen Tugend
werden Ich suchte mich seiner zu erwehren ich stritt mit ihm wie mit einem
bösen Geiste aber umsonst Dann überfiel mich eine Beängstigung wie die Reue
einer großen Freveltat ich war wie in einen Abgrund von Unruhen gestürzt Auch
tat Ulrike so schüchtern wenn wir beisammensassen oder stunden bei jeder
meiner Bewegungen so scheu und furchtsam als ob sie mich gleich dem ärgsten
Bösewichte fürchtete welches vermutlich von ihrer Begebenheit mit dem
Sklavonier herrührte Manche Viertelstunde lang stand ich an dem braunen Tische
in ihrem Zimmer mit untergeschlagnen Armen sie saß neben ihm wir sahen
einander stumm an und weinten der Himmel weiß woher unsre Tränen kamen ohne
alle nahe Veranlassung drängte sie der innere Tumult aus den Augen hervor als
wenn sie die Flammen des Vulkans der in mir wütete löschen sollten Zuletzt
ging diese ahndungsvolle Traurigkeit so weit dass wir einander fast nicht
anblicken konnten ohne gerührt ohne erschüttert zu werden Ich besinne mich
noch genau dass wir eines Nachmittags allein in Vignalis Zimmer auf dem Sofa
saßen mein rechter Arm hatte sich ohne dass ichs selbst wusste um Ulriken
geschlungen wir sprachen sehr ernst in kurzen abgebrochenen Reden auf einmal
riss sie sich von mir los und sprang auf Was hast du Ulrike fragte ich
Ich weiß nicht antwortete sie was für eine närrische Erscheinung in meinem
Gehirne mich täuschte du kamst mir vor als wenn du mich so grausam behandeln
wolltest wie der Graf neulich Aber nein das wirst du nicht setzte sie nach
einer Pause mit zitternder Stimme hinzu ich schwieg sah auf die Erde und
dachte der Himmel weiß es was ich dachte wenns Gedanken waren so hatte ich
sie ohne mein Bewusstsein
Dass ich Vignalis Versuchungen so herzhaft widerstand war vielleicht keine
so große Heldentat wie sie es scheint den Zufall abgerechnet der mir meistens
durch die größten Gefahren half konnte das verführerische Weib nicht anders als
in Augenblicken der Schwäche oder durch Überraschung über mich siegen denn
sosehr ich sie auch liebte so streifte doch diese Liebe nur die Oberfläche des
Herzens auch blieb mir immer noch eine gewisse Kälte dabei zurück sie war
gleichsam nur ein künstliches Lustfeuer von Eitelkeit durch eine aufgeregte
Phantasie angezündet dass ohne meine Entzweiung mit Ulriken bloß geglimmt hätte
und mit einem kleinen Knalle erloschen wäre wie eine schwache Rakete Hingegen
die Liebe zu Ulriken nach unsrer Versöhnung wohnte im Herze drinne bemächtigte
sich aller meiner Kräfte und Empfindungen spannte meine Tätigkeit zu einer
solchen Höhe an dass ich Riesenstärke in meinen Nerven fühlte Alle Nächte waren
ein fortdauernder schwerer Traum aus Vignalis üppigen Erzählungen und Ulrikens
neulichem Kampfe setzte meine Einbildung die seltsamsten ausschweifendsten und
schrecklichsten Szenen zusammen Sosehr ich mich zuletzt fürchtete mit ihr
allein zu sein so war ichs doch immer oft schien es sogar als wenn Vignali
uns mit Fleiß aus dem Wege ginge Ihr tägliches Gespräch war noch unzüchtiger
als sonst dass oft Ulrike mit Schamröte sie zu schweigen bat allein allmählich
gewöhnte sie sich so sehr daran dass sie ohne Erröten mit Aufmerksamkeit und
sogar mit Vergnügen zuhörte wenn die ausschweifendsten Auftritte erzählt
wurden schielte sie oft aus den gesenkten Augen nach mir herauf seufzte und
glühte als wenn sie ein plötzlicher strafender Schlag für ihre Empfindung
träfe Alle meine Sinne waren so mächtig erhöhet dass selbst Speisen und
Getränke meiner Zunge ein schärferes Gefühl mitteilten und neues Feuer in meine
Adern zu gießen schienen Also von Vignali und der Liebe vorbereitet schlich
ich wie die lebendige Unruhe von Zimmer zu Zimmer von Stuhl zu Stuhl fand
nirgends eine bleibende Stelle nirgends Friede bis zu jenem unglücklichen
Spaziergange der den wichtigsten Knoten meines Lebens knüpfte die Geschichte
desselben ist ein bedeutungsvolles memento mori für die menschliche Stärke
Der unglückliche Spaziergang dessen hier in diesem Briefe gedacht wird
geschah an einem der schönsten Tage im August nach einem schwülen drückenden
Vormittage hatte ein Donnerwetter die erhitzte Atmosphäre abgekühlt und eine
schmeichelnde Herz und Sinne belebende Temperatur der Luft für den Nachmittag
hervorgebracht Alles was ein Paar Füße bewegen konnte eilte zum Tiergarten
den herrlichen Nachmittag in sonntäglichem Wohlleben hinzubringen Vignali
schlug auch eine Spazierfahrt vor allein eine Grille die sie für Migräne
ausgab bewegte sie zu Hause zu bleiben und die kleine Karoline bei sich zu
behalten Herrmann und Ulrike gingen allein und zwar zu Fuße Das Gewimmel der
Gehenden und Fahrenden unter den Linden war unbeschreiblich groß ein bunter
funkelnder summender Schwarm in eine große Staubwolke gehüllt in welcher man
die Gesichter nicht eher erkannte als bis man den Leuten auf die Füße trat
denen sie gehörten Das Rasseln der Karossen auf beiden Seiten wo die
hervorragenden Kutscher auf den hohen Böcken in aufwallendem Staube wie Jupiter
in den Wolken dahinzuschweben schienen indessen dass man Kutsche und Pferde nur
wie Schatten hinter einem Flore dahinlaufen sah das Rasseln der Karossen
stritt mit dem Gemurmel der Gehenden um den Vorzug welches das andere am
betäubendsten überstimmen könnte Dies ungemein lebhafte Bild so erschütternd
es war machte gleichwohl einen schwachen Eindruck auf Herrmanns Sinne er ging
in sich gekehrt stumm und ängstlich an Ulrikens Arme durch die Menge dahin
ließ sich treiben und stoßen ohne es sonderlich zu merken und hatte kaum für
den auffallenden Staub einen Sinn in ihm brannte die Atmosphäre noch so glühend
heiß wie vormittags und der Regen hatte sie so wenig gelöscht als den Sand auf
welchem er wandelte Ulrike rühmte als sie durch das Tor waren den duftenden
Wohlgeruch den ein kühles Lüftchen Tannen und Birken raubte und den Hauch der
Fruchtbarkeit der in den lichten Gängen von Wiesen und Bäumen atmete Herrmann
hatte keinen Sinn dafür Gewohnheit und Neugierde lenkte Ulriken nach den Zelten
hin er folgte ihr ohne Widerspruch sprach wenig auch die gleichgültigsten
Dinge in harten abgebrochenen Tönen Zuweilen stund er plötzlich sah in den
Sand dann ergriff er Ulrikens Hand und drückte sie mit einer so befeuernden
Inbrunst dass ihr die zitternde Empfindung des Druckes wie ein geschlängelter
Blitz durch die Seele fuhr In lautem Tumulte spielte Fröhlichkeit und
Eitelkeit bei und unter den Zelten das große Sonntagsschauspiel im weiten
Zirkel saß unter Bäumen und in Hecken die glänzende schöne Welt in
Fischbeinröcken und im Frack in bezahlter und geborgter Seide ein furchtbares
Heer das in vergnügter Musse nach Herzen und guten Namen wie nach der Scheibe
schoss ging gleich neben den Herzen mancher Schuss hinweg so fehlte doch keiner
der einem guten Namen galt Spott und Plauderei schwebten mit witzigem und
unwitzigem Lärme über der Gesellschaft geputzte Franzosen tanzten fröhlich
daher und suchten den Mann der sie heute abend speisen sollte Hypochondristen
schlichen gebückt dahin und suchten im Sande die Zufriedenheit nachäffende
Deutsche gaukelten mit schwerfälliger Geckerei herum und dünkten sich Wesen
höherer Art weil sie französisch erzählten wo sie gestern gegessen hatten
andre krochen krumm und gebückt wie lichtscheue Engländer umher und glaubten
britische Philosophen zu sein weil sie rotfuchsichte Hüte und zerrissne
Überröcke trugen junge Liebesritter eröffneten hier die Laufbahn ihrer
künftigen Größe das junge Mädchenauge buhlte um Liebhaber oder Mann was der
liebe Himmel bescheren wollte und die verblühete Schönheit spottete über Siege
die sie nicht mehr machen konnte Aus den Büschen tönten muntere Chöre von Oboen
und Hörnern und mit ihnen wechselten wenn sie schwiegen kreischende Fiedeln
und brummende Violoncelle nebst dem schallenden Händeklatschen des Tanzes ab
Hier saß ein schweigender Herrnhuter bei dem Bierkruge und betete mit verdrehten
Augen für die Sünden die seine Nachbarn begingen dort fluchte ein trunkner
Soldat dass ihm jemand das Glas ausgeleert habe wovon er taumelte hier suchte
ein erboster Liebhaber sein gestohlnes Mädchen und dort ein andrer sein einziges
gestohlnes Schnupftuch mancher vertrank hier für den letzten halben Gulden die
Sorgen der vorigen Woche um die ganze künftige zu darben mancher gewann mit
dem glücklichen Würfel das Brot das seine hungernde Familie morgen nähren
sollte jedermann war vergnügt entweder weil er Freude genoss oder wenigstens
weil er nichts tat
Ulriken teilte sich das allgemeine Vergnügen sehr lebhaft mit und ob sie
gleich nichts weniger als ruhig war so bildete sie sich doch wie alle um sie
her das Vergnügen ein allein Herrmann hatte für diese geräuschvolle
Fröhlichkeit keinen Sinn Er eilte vor ihr vorüber durch hohe lichte Alleen in
düstere gewölbte Gänge bis zu den einsamen Schlangenwegen der Wildnis Sie
setzten sich schwiegen sahen vor sich hin Insekten summten einzelne Vögel
zwitscherten in den Wipfeln der hohen Tannen lispelte ein leiser Wind sonst
war alles menschenleer dämmernd schauerlich still Hastig warf Herrmann einen
Arm um Ulrikens Schulter und drückte sie so fest in sich hinein dass sie sich
losriss und schüchtern zurückfuhr
»Herrmann« rief sie mit zitterndem Erschrecken indem sie ihn anblickte
»was ist dir warum rollen deine flammenden Augen so fürchterlich warum bebt
deine Unterlippe wie im Fieberfrost Was liegt dir im Sinne das dich so
heftig erschüttert Jeder deiner Blicke erfüllt mich mit Entsetzen Ich bitte
dich um unsrer Liebe willen lass uns diesen Ort fliehn Der Himmel will über
mich einstürzen so ängstigt mich deine grimmige wilde Miene lass uns fliehen
mir bricht das Herz vor Angst«
Er wollte ihre Hand fassen um sie zu beruhigen sie tat einen lauten Schrei
und sprang auf wie ein gescheuchtes Reh
»Was fürchtest du« sprach er wie vom Froste geschüttelt »Ängstige dich
nicht mit Phantomen deiner Einbildung Der Ort ist angenehm setze dich«
Sie gehorchte und setzte sich in einer scheuen Entfernung von ihm immer zum
Fliehen bereit
»Ach Ulrike« fing er abgebrochen an »wie nahe sind Liebe und Grausamkeit
verwandt zwo leibliche Schwestern«
Ulrike Grausamkeit Was bringt dich auf diesen sonderbaren Gedanken
Herrmann Mein Gefühl Ich könnt in dieser Minute die barbarischste
Grausamkeit an dir begehn Ich bin der verruchteste Mensch unter der Sonne
Ulrike Schon wieder so ein blitzender Blick Lass uns fliehen
Herrmann Bleibe fürchte nichts Könnte die Liebe wenn sie in diesem
Gehölze wohnen wollte einen angenehmern Platz wählen als diesen Sieh Gewürme
und Insekten alles hüpft und scherzt um uns her in reger unbesorgter
Freundlichkeit und wir allein verbittern uns unser Glück durch ängstliche
Besorgnisse Verscheuche diese bange Mädchenfurcht Vor wem zitterst du denn
Bin ich nicht dein Freund der Geliebte deines Herzens der Vertraute deiner
Liebe der gern jedem rauen Lüftchen wehren möchte dass es dir nicht ein Haar
krümmte dein Erwählter der gern jeden Pfad vor dir ebnete dass kein Steinchen
deine Fusssohlen drückte der dich gern allenthalben auf seinen Armen oder noch
lieber in seinem Herze herumtrüge um dich vor jeder Gefahr zu sichern Bin
ich nicht dies alles
Ulrike Das bist du der Retter meiner Tugend meine Seele die mich belebt
und regiert Aber tut nicht die Seele im Menschen das Böse Da du so
unumschränkt über meinen Willen herrschest was vermöchte das schwächere
Mädchenherz wider den stärkeren Männerwillen Ich bitte dich auf den Knien
töte die Tugend nicht die du erhalten hast Was würde das zarte Gewächs wenn
du ihm die Blüte abstreiftest Es senkte die welken Blätter verdorrte und
stürbe
Herrmann Trauest du mir ein solches Verbrechen zu Wert wäre ich dass
sich jeder Tautropfen der mich benetzt in brennendes Feuer verwandelte dass
jeder Sonnenstrahl ein Schwert würde das meine Seele verwundete wenn ich
jemals eine solche Übeltat begönne Hab ich nicht schon der Gefahr in
mancherlei Gestalten widerstanden Wenn eine Vignali mit allen zauberischen
Künsten und zwingenden Lockungen meine Vernunft nicht einschläferte sollt ich
da aus freier Wahl ein Bösewicht werden Und an wem an dir Hat noch jemals
ein Tauber das Täubchen gewürgt die ihm liebkost Sei mutig Man fällt am
leichtesten wenn man sich zu schwach dünkt
Ulrike Und noch leichter durch Sicherheit Ich kann dir nicht bergen ich
liebe dich dass ich mich vor mir selber fürchte O warum müssen nun tausend
Hindernisse eine Vereinigung verzögern die der Himmel selbst wollen muss Sie
muss doch geschehen früh oder spät warum nun so eine unaussprechliche
Langsamkeit in allem was auf der Welt vorgeht
Herrmann Das weiß Gott wie alles in der Welt schleicht Immer tanzt das
Glück wie ein Irrlicht vor den Schritten her und je hurtiger man nachläuft je
weiter stößt man es mit seinem eignen Odem fort Es ist wahrhaftig schwer über
so ein zauderndes Schicksal nicht zu zürnen wenn man eine Glückseligkeit doch
gewiss einmal haben soll warum bekommt man sie nicht gleich wo man sie am
liebsten hätte
Ulrike Und wo man sie am vollsten und stärksten genösse Aber nein da geht
alles so einen saumseligen Schneckengang dass man vor Ungeduld sich verzehren
möchte
Herrmann Die Wünsche fliegen und das Schicksal kriecht Wahrhaftig mehr
als eiserne Geduld hat man nötig um in so einer Welt auszudauern
Ulrike Das ist ein ewiges Hoffen und Harren und was hat man am Ende
Herrmann Nichts die Jahre der Freude fliehn das Alter der Lebhaftigkeit
verschwindet und endlich als schlaffer siecher fühlloser Greis gelangt man
zu der so lange gehofften und erharrten Glückseligkeit
Ulrike Und kann sie vor Überdruss des unendlichen Wartens nicht genießen Es
ist doch fürwahr eine recht wunderliche Welt
Herrmann Alles geht schief alles quer Heftige Wünsche voreilende
Begierden rennende Leidenschaften und Millionen Gebirge von Hindernissen
Schwierigkeiten Verzögerungen Wenn man zu genießen weiß darf man nicht wenn
man genießen soll kann man nicht So gehts mit jeder Freude Tausendmal besser
befänden wir uns wenn wir Klötze wären nichts wünschten noch begehrten so
entbehrten wir nichts Das Schicksal reicht uns das Vergnügen so kümmerlich so
kärglich wie arme Leute ihren Kindern das Brot Sollt es denn nicht einen
Winkel auf dieser Erde geben wo Ruhe und Glückseligkeit für zween irrende
Verliebte wohnt
Ulrike O wenn du einen solchen wüsstest Zu Fuß wollt ich dir dahin folgen
und mit meinen eignen Händen eine Hütte baun um mit dir dort zu wohnen aber
nirgends ist eine wir werden sterben eh unser Glück vollendet ist
Herrmann Traure nicht Ulrike Warum sollte nicht ein solcher zu finden
sein Wir dürfen nur suchen aber dann wenn wir ihn gefunden haben dann
wollen wir die einzigen glücklichen Geschöpfe unter dem Himmel sein Unsre Arme
sollen vom Morgen bis zum Abend ineinander verschlungen sein wie unsre Herzen
Liebe soll unsre Speise Liebe unsre Arbeit sein sie soll vor uns hergehn und
uns auf allen Schritten begleiten unser Leben ein wahres arkadisches Leben
werden wie Dichter es nur dachten und noch nie Sterbliche empfanden ein immer
klarer Bach worin Freuden Entzückungen und Seligkeiten in ungestörtem Laufe
dahinfliessen ein Himmel wo nie die Sonne untergeht im ewigen Frühlinge
alles blüht und grünt ein Paradies voll der lieblichsten Früchte und
labendsten Ergötzungen voll Einigkeit Ruhe Zufriedenheit ohne Kummer und
Sorge wo unsre Gedanken und Empfindungen in vertraulicher Friedlichkeit
ineinanderfliessen wie zween Ströme die sich in einer Seele vereinigen wo wir
wie Kinder stets nur genießen kein Unglück kennen als bis es uns trifft die
Gegenwart voll rein und unverbittert empfinden und für die Zukunft nie sorgen
als bis sie da ist und sie dann zufrieden teilen sie gebe Schmerz oder Freude
O des seligen des seligen Lebens
Die Vorstellung dieser träumerischen Glückseligkeit berauschte sie so
heftig dass sie beide in entzückter Umarmung dahinsanken und weinend
verstummten und bald hätte der Taumel ihrer Träumerei Vignalis Wunsch erfüllt
kaum trennten sie noch wenige Augenblicke von ihrem Falle plötzlich geschah in
der Nähe ein Schuss Ulrike wand sich aus seinen Armen als wenn ihr der Schuss
gegolten hätte sprang auf und sprach mit zitternder Furchtsamkeit »Lass uns
fliehen«
»Lass uns fliehen« rief Herrmann mit der nämlichen Erschrockenheit Sie
gingen beide in weiter Entfernung voneinander stillschweigend mit schüchternem
Misstrauen gegen sich selbst um einen Ausweg aus dem Gebüsche zu suchen Der
Pfad verlor sich in dichtes Gesträuch sie mussten wieder umkehren Bald kamen
sie an einen Ort wo vier bis fünf kreuzende Wege nach verschiedenen Richtungen
hinliefen die Wahl war sehr ernstaft weil im Walde schon die Dämmerung
anfing je weiter sie auf dem gewählten Pfade fortgingen je tiefer gerieten sie
in Waldung hinein je dunkler wurde die Dämmerung Das Gewitter hatte des
Mittags die Luft so abgekühlt dass jetzt Ulrike in der leichten Sommerkleidung
vor Frost zitterte Fledermäuse fuhren sausend über ihren Köpfen hin der ganze
Schwarm der Nachtvögel setzte sich in Bewegung und fing sein trauriges
misstönendes Konzert an die Furcht vor allen diesen ungewohnten Erscheinungen
der Nacht die Furcht vor Verirrung und noch mehr die Furcht vor sich selbst und
den täuschenden Verführungen der Liebe schreckte das arme Mädchen so gewaltig
dass ihr die Knie sanken ihre Lippen bebten und vermochten kaum ein
verständliches Wort zu sprechen das Gesicht färbte sich mit einer bläulichen
Blässe und der Angstschweiß den ihre innerliche Not auspresste stand in
dichten Tropfen auf der bleichen Stirn sie klammerte sich fest an Herrmanns Arm
mit dem ihrigen an schloss die Augen zu stund und sprach mit schwachem
schaurichtem Tone »Ich kann nicht weiter meine Füße tragen mich nicht mehr«
Herrmann verbarg so gut er konnte seine eigne Beängstigung und tröstete sie
riet ihr hier auszuruhen und ihn einen Weg suchen zu lassen Das war gar kein
Rat für sie und kaum hatte er ihn gegeben so hing sie sich mit dem ganzen
Gewichte ihres Körpers an ihn um ihn zurückzuhalten er musste sich mit ihr auf
den betauten Boden setzen und nahm sie in die Arme um sie an seiner Brust
ausruhen zu lassen Der innerliche Kampf zwischen Begierde und Furcht zwischen
Tugend und Schwachheit zwischen Leidenschaft und Vernunft stieg bei beiden so
hoch und die Dunkelheit die Schöpferin und Pflegemutter der Leidenschaften
vermehrte ihn so gewaltig dass sich keins von beiden rührte hin und wieder ein
ängstlicher tiefer Seufzer das war ihre ganze Sprache Die fernen Feldgrillen
zischten ihr muntres Abendlied aus weiter Entfernung schallte der helltönende
Chor der Frösche mit dem Schweigen des finsteren Waldes wechselte zuweilen das
Rauschen des wehenden Abendwindes in den Ästen der hohen Tannen ab auf dem
Boden rings um sie her regten sich schlüpfend hie und da Geschöpfe die zur Ruhe
eilten oder zum nächtlichen Leben erwachten Ulrike deren Einbildung durch die
Nachtszene mit seltsamen abenteuerlichen Bildern erfüllt wurde wiederholte noch
einmal weinend die Bitte die sie schon bei dem ersten Niedersitzen an Herrmann
getan hatte ihr Herz schlug von einer bangen Ahndung die er ihr durch die
größten Beteuerungen nicht benehmen konnte und ihm selbst flüsterte bei jeder
neuen Beteurung eine geheime Stimme zu Du lügst
Sie traten nach langem Ausruhen eine neue Wanderung an um sich vielleicht
herauszufinden aber da war keine andre Möglichkeit als dass sie hier
übernachteten sie wurden einer Jägerhütte ansichtig und Ulrike selbst bezeigte
vor großer Ermattung ein Verlangen sie zum nächtlichen Aufenthalte zu wählen
Herrmann untersuchte sie und bereitete ihr von den darin liegenden Zweigen und
Blättern ein Lager vor Furcht konnte sie ihn nicht von sich lassen und
gleichwohl setzte sich eine ebenso große Furcht dawider dass er an ihrem Lager
teilnehmen sollte sie überlegten stritten und beratschlagten lange teilten
schon in vertraulicher Nähe das Lager und beratschlagten immer noch wie sie es
anfangen sollten um es nicht zu tun Ihre Beratschlagung verlor sich in
Besorgnisse ihre Besorgnisse in Empfindungen der Liebe ihre Empfindungen in
Liebkosungen die Zärtlichkeiten stiegen zur Flamme empor und so führte
allmählich die Furcht vor dem Falle den Fall selbst herbei was keine Reizungen
der Wollust keine Eitelkeit kein Geld keine Vignali kein Lord Leadwort und
kein Herr von Troppau vermochten vermochte die Allmacht der Liebe Die Tugend
fiel durch ihre Hand bei ihrem Falle brauste der blasende Wind durch die Bäume
und starb mit erlöschendem Keuchen in ihren wankenden Wipfeln Kiebitze
wimmerten in den sausenden Lüften ihren Klaggesang und Eulen heulten in den
hohlen Ästen das Grabelied der gefallnen Unschuld die Tannen seufzten vom
Winde bewegt und der ganze Wald trauerte im Flor der Nacht um die gefallne
Unschuld
Sechstes Kapitel
Vignali kam die ganze Nacht nicht ins Bette es war für sie eine Nacht des
Triumphs und des Frohlockens und sie wachte noch als am frühen Morgen die
beiden Verirrten in weiter Entfernung hintereinander beschämt und verwirrt zu
Hause anlangten Bei ihrem Erwachen hatte sich Ulrike aus der Hütte
herausgeschlichen und befand sich zu ihrer Befremdung nicht weit von einem
bekannten breiten Wege den vergangne Nacht in der Angst und Berauschung einer
geheimen Leidenschaft keins von beiden gewahr wurde Herrmann als er sie
herausgehn hörte riss sich von der Lagerstätte der Liebe empor erblickte mit
gleicher Verwunderung den gestern übersehenen Weg und folgte Ulriken nach nicht
einen Blick wagte sie zurückzuwerfen und er nicht einen aufzuheben von Scham
und trüber Besorgnis gefoltert begaben sie sich auf ihre Zimmer und Vignali
wollte vor rachsüchtigem Vergnügen unsinnig werden als sie das Geräusch ihrer
Ankunft hörte Sie hatte ihnen den Bedienten nachgeschickt der sie in der Ferne
still begleitete und schon vor etlichen Stunden mit der Nachricht von ihrer
Einkehr in der Jägerhütte zurückgekommen war Sosehr sie indessen Herrmanns und
Ulrikens Fall für gewiss hielt und über die Erreichung ihres Wunsches
triumphierte so mischte sich doch in ihre Freude ein bitterer Unwille dass sie
Herrmanns Erniedrigung nicht durch sich selbst hatte bewirken können
Er wurde zum Tee gerufen allein er wandte eine Unpässlichkeit vor und schloss
sich ein Ulrike tat dasselbe zween überzeugende Beweise für Vignali dass ihr
gelungen war was sie wünschte Sie ließ fleißig durch die Schlüssellöcher
spionieren und tat als wenn sie die Ursache der Krankheit nicht wüsste
Indessen saß Herrmann auf Dornen da von den schrecklichsten Empfindungen
der Scham und Reue gepeinigt er zürnte wider sich und seine Überlegung dachte
an seine Beteuerungen eine Handlung nicht zu begehn zu welcher er sich von
seiner Schwäche kurz darauf hinreißen ließ und fluchte sich wie einem
Verbrecher »Ach könnt ich doch« sprach er bei sich »tief im Schoße der Erde
mein Angesicht verbergen um von keinem Auge mehr beschaut zu werden Ich ein
Schänder der Tugend ein Räuber der Unschuld ein Mörder der die Ehre der
reinsten geliebtesten Engelsseele würgte Fluche mir Ulrike fluche mir ich
will mir dir die schrecklichsten Verwünschungen über mein Haupt ausschütten
Wie in diesen verbrecherischen Armen das Kostbarste dahinschwand was ich ihr
nehmen konnte Wie noch mit dem letzten Hauche ihre Ehre durch schwaches
Widerstreben den Mörder von sich abwehrte kämpfte und ohnmächtig im Kampfe
erlag O tausendfach heißer brenne mich Reue als du tust Und würde gleich
mein Herz zum Feuerpfuhl aus welchem glühende Bäche in alle Adern ausströmten
ich hätt es verdient Entsetzlich ein Mädchen über alles zu lieben und aus
Liebe sie elend zu machen Lässt sich etwas Schwärzeres denken Sie in Tränen
Kummer Jammer und Schande zu stürzen O der verfluchten Liebe die so
barbarisch liebt Wehe dem unseligen Rate der uns zu diesem Spaziergange
antrieb Wehe den Füßen die uns zu dem Verbrechen trugen und tausendfaches
Wehe der Hütte die sich uns zum Opferaltare der Unschuld darbot Jedes Auge
wird an meiner Stirn meine Schuld lesen jede Zunge wird mir nachrufen das ist
er der schändlichste Unmensch der nicht schonte was er liebte Keinen Blick
werd ich wieder in ein menschliches Auge wagen können keine Minute meines
Lebens ohne Vorwürfe und Qual sein Die Unschuld wählte mich zum Freunde und
zum Lohne ihres Vertrauens ward sie von mir vergiftet Aber schon verfolgt
mich die Strafe die Angst nagt wie ein Wurm in meinen Eingeweiden O wehe
über mich Verbrecher«
Ulrike weinte in tiefer Schwermut und zwar am meisten über die
fürchterlichen Folgen die sich ihrer Einbildung in der schreckendsten Gestalt
vormalten sie jammerte wie eine Verlassne die um ihre liebste Gespielin
trauert verzieh dem Unglücklichen der sie tötete und klagte nur sich und die
Schwäche ihres Herzens an
Herrmann hatte sich kaum von seinem Schmerze ein wenig ermannt so schrieb
er folgenden Brief an Ulriken
Wenn deine Augen Ulrike die Schrift eines Frevlers anzuschauen würdigen
der die schändlichste Untat an dir beging so lies hier meine Reue und die
Strafe die sie mir auferlegt Ich irre wie ein Mensch der einen Mord begangen
hat und jeden Augenblick fürchtet entdeckt zu werden voll Verzweiflung im
Zimmer herum und kann mit Mühe meine Gedanken zu diesem Briefe sammeln
Ich bin mir selbst ein Abscheu meine eignen Gedanken sind mir verhasst und
wenn ich jemals meine Ruhe wiederfinde kann es nur in einem Falle sein nur
dann wenn ich imstande bin dir durch eine gesetzmässige Verbindung die Ehre
wiederzugeben die ich dir nahm Bis dahin soll dich mein Auge nicht sehen oder
ich will verflucht sein ich will mich aus deiner Gegenwart verbannen Berlin
morgen verlassen und dich nicht eher wieder an mich erinnern als bis ich jene
Bedingung erfüllen kann Begünstigt das Glück meine Absicht nicht soll deine
Schande ausbrechen und laut wider ihren Urheber zeugen dann sehen wir uns in
diesem Leben nie wieder Wohin ich gehen werde weiß Gott aber weit genug um
nie wieder ein Land zu betreten wo ich mich mit der schwärzesten Schande
brandmalte dafür steh ich
Lebe wohl Ulrike so glücklich als die entweihte Unschuld leben kann Ich
kann dir keinen Trost geben denn ich habe selbst keinen Meine Leiden sind
unzählbar wie deine Tränen Vergiesse keine um mich ich bin ihrer nicht wert
und wenn Unglück über Unglück auf mich herabstürzte
O Liebe wie bitter ist dein Kelch wenn du ihn bis auf den Boden zu leeren
gibst
Ohne sich zu unterschreiben machte er das Blatt zusammen da er wusste dass
man seine und Ulrikens Briefe während ihrer Uneinigkeit unterschlagen hatte so
traute er niemandem als der kleinen Karoline welcher er an der Tür aufpasste
und als sie aus Vignalis Zimmer kam rief er sie zu sich und bat sie heimlich
ihn sogleich zu bestellen Das Fräulein lief aus allen Kräften die Treppe hinauf
und überlieferte ihn richtig sie hatte von Vignali den Auftrag gehabt sich bei
Ulriken zu erkundigen ob sie zu Tische kommen werde und langte mit einem
»Nein« die Minute drauf wieder bei ihr an »Was macht sie« fragte Vignali und
das gute Kind erzählte mit treuherziger Aufrichtigkeit dass sie einen durch sie
bestellten Brief lese Statt des Botenlohns bekam sie einen Stoß und Vignali
eilte in einem Fluge zu Ulriken Sie traf die arme Bekümmerte in Tränen bei
Herrmanns Briefe an den sie sogleich bei Erblickung einer so unwillkommnen
Zeugin zusammendrückte und in den Busen steckte
»Was lesen Sie da« fing Vignali glühend an Ulrike wollte ihr Weinen
zurückhalten und schluchzte immer stärker konnte weder reden noch die Augen
aufschlagen
»Zeigen Sie mir« sprach die gebietrische Frau und da Ulrike nicht gleich
Anstalt dazu machte fuhr sie ihr plötzlich mit der Hand in den Busen hinein und
zog trotz alles Sträubens den Brief heraus Ulrike warf sich mit dem Kopfe auf
das Fensterbrett und verbarg ihr beträntes Gesicht in ihren Händen Zum Unglück
war der Brief deutsch und Vignali rief also stehendes Fußes den Bedienten der
ihn so gut er konnte französisch verdolmetschte so unvollkommen auch die
Übersetzung war so gab sie doch genug von dem Sinne wieder um die Hauptsache
zu verstehen Vignali erhub das bitterste Gelächter als sie so viel
herausgebracht hatte und der Dolmetscher stimmte mit ein »Ich kondoliere«
begann Vignali mit dem schadenfrohesten Spotte »Ist die gute Tugend auch
gestorben Ei Ei Es war doch eine gar schöne Tugend Heute Nacht ist wohl das
Leichenbegängnis gewesen Und sie war doch so frisch und gesund blühte wie
eine Rose Wie hinfällig doch eine Tugend ist Weinen Sie mein liebes Kind
weinen Sie um die Herzensfreundin Einmal begraben auf immer begraben Aber
sagen Sie mir doch wie hat denn die arme Tugend so plötzlich den Hals
gebrochen Erzählen Sie mir doch«
Ulrike fiel ihr um den Hals und flehte mit Tränen ihre Leiden nicht durch
einen so grausamen Spott zu verdoppeln
»Was ist es denn nun weiter« unterbrach sie Vignali lächelnd »Wer wird
sich denn bei einem so kleinen Unfalle so närrisch anstellen Haben Sie nicht
vor lauter Tugend und Unschuld die Liebe lange genug hungern lassen Mein
Kind an der Tugend zu sterben muss ein sehr bitterer Tod sein«
Ulrike Wenn man nicht besser denkt als Vignali
Vignali Wie denkst denn du mein tugendhaftes Puppchen Du schreitest auf
der Tugend wie auf Stelzen daher siehst mit verächtlichem Stolze auf alle
herab die nur auf natürlichen Absätzen und nicht auf Stelzen gehen und wenn die
Nacht kommt und kein Mensch mehr zusieht hurtig werden die Stelzen
weggeworfen und die tugendbelobte Dame schläft ganz natürlich bei dem Liebhaber
Ulrike Ich bitte Sie Vignali verlassen Sie mich Mein Kummer quält mich
genug warum wollen Sie noch mein zweiter Henker sein
Vignali Weil ich mich ganz unendlich über Ihre Demütigung freue ich
frohlocke dass Sie Ihren Stolz selbst gestraft haben Elendes Geschöpf
verachte eine Vignali erhebe dich mit deiner Tugend über sie Ist sie noch die
Hure wie du sie einmal nanntest
Ulrike Das ist sie und ich verachte die schnöde Spötterin die so
triumphieren kann
Vignali Verachtung ist mir nicht genug fürchten sollst du mich Hier
lies und dann rate dir
Sie gab ihr den Brief des Grafen Ohlau den sie jüngst dem Herrn von Troppau
abschwatzte Ulrike las mit Zittern den heftigen Brief worin ihr Onkel
inständigst bat sie einsperren zu lassen bis sie zu ihrer Bestrafung abgeholt
werden könnte Sie sank todblass auf den Stuhl hin und bebte mit fieberhaften
Verzuckungen
Vignali Erkennst du nun dass du in der Gewalt der Frau bist die du
verachtest Vignali darf nur ein Wort sprechen so ist deine Tür mit Wache
besetzt nur ein Wort sprechen so wirst du in eine Kutsche geladen und zu
deinem Onkel gebracht der dich einsperren und bei Wasser und Brot deine Sünden
bereuen lassen will aber ich wills nicht sprechen ich will mich deiner
erbarmen und den Untergang abwenden den ich bisher durch meine Fürsprache bei
dem Herrn von Troppau verschoben habe Vignali wird dir deine Verachtung mit
Großmut vergelten und dir fortelfen verlass heute oder morgen heimlich deinen
Platz und dies Haus Du sollst entwischen ohne dass ichs sehe Verachte nun
die stolze Vignali und fliehe
Sie sprach dies mit einem unaussprechlichen Stolze warf den verachtendsten
Blick auf sie und begab sich hinweg Das arme Mädchen konnte weder stehen noch
sitzen ihr Herz fasste ihre Leiden kaum
Vignali drängte sich unmittelbar darauf in Herrmanns verschlossnes Zimmer mit
dem Hauptschlüssel ein und trat mit schreckender strafender Miene vor ihm hin
»Unglücklicher« rief sie »was hast du getan die Unschuld betrogen die Ehre
eines schwachen Mädchens geraubt O du verruchter Heuchler warst du darum gegen
meine Proben so standhaft um das ärgste Bubenstück zu begehn verschmähtest du
darum meine Anerbietungen um auf die Tugend einer unschuldigen Taube zu
lauschen«
Hermann Vignali Sie sind ein Teufel erst reizen Sie zum Verbrechen und
dann quälen Sie den Verbrecher mit Vorwürfen
Vignali Ich möchte dass ich einer wäre es sollte mir eine Wonne sein dich
für deine Untat zu peinigen
Herrmann Sie tun es aber fahren Sie fort Eine Hölle voll Vignalis wäre
noch nicht Strafe genug für mich Warum lachen Sie nicht über mich Ihr Herz
grinst doch vor Freuden dass ich zum Verbrecher wurde woher wüssten Sie es so
schnell wenn Ihnen nicht daran läge Ich bins und triumphiere bei allen
meinen Leiden dass ichs nicht an Ihnen wurde aber wisse wollüstiges Weib auf
dein Haupt muss die Strafe meines Verbrechens doppelt fallen du hast mich die
Wollust gelehrt du meine Begierden angeflammt du Leidenschaften in mir
aufgeregt und die Vernunft eingeschläfert die vorher über sie wachte Dein Werk
ist es Ungeheuer genieße deines Werks und freue dich dass ich nicht besser bin
als du
Vignali Elender ist das die Sprache der Dankbarkeit in welcher du mit mir
sprechen musst
Herrmann Die Sprache des Hasses des glühendsten Hasses den du verdienst
Was prahlst du mit Wohltaten die doch nur der Köder an der Angel sein sollten
Hast du nicht mitten unter allen falschen verdammten Liebkosungen in
Vertraulichkeit an meinem Kummer gearbeitet denn wer anders als du kann meine
und Ulrikens Briefe unterschlagen haben Kein Mensch auf der Erde ist einer
solchen Falschheit und Bosheit fähig wie Vignali Und nun soll der Fisch es
dem Fischer als eine Wohltat verdanken dass er ihm einen Regenwurm an der Angel
reichte
Vignali Herrmann Sie werden mich zwingen meinen ganzen Zorn über Sie
auszuschütten
Herrmann Schütte ihn aus Weib Giesse deine ganze Galle über mich her die
du so lange zurückhieltest den ganzen Groll dass ich deine buhlerischen
Foderungen ausschlug Entlade dich deines Gifts Viper
Vignali Weißt du dass du in meiner Gewalt bist dass ich nur einen Wink zu
tun brauche um dich auf Befehl des Grafen Ohlau gefangennehmen zu lassen
Herrmann Tun Sie den Wink mir liegt fürwahr wenig daran ob ich mich im
Gefängnis oder in Freiheit quäle Ich bin ein Elender aber kein Schwachkopf
der ein Märchen fürchtet
Vignali Da lies das Märchen
Sie gab ihm den Brief des Grafen er las ihn erschrak und schleuderte ihn
in den Winkel hin »Tun Sie was Sie wollen« setzte er trotzig hinzu
»Verblendeter jachzorniger Mensch« sprach Vignali mit gezwungner Güte
»Glaubst du dass ich eine solche Grausamkeit an dir begehen könnte An dir der
meine ganze Liebe besaß«
Herrmann Schweigen Sie von Liebe In Ihrem Munde ist sie mir verhasst
Vignali Schmähe mich und meine Liebe und bei aller Undankbarkeit sollst du
sie doch empfinden erkennen und dich schämen Du kannst ungehindert mein Haus
verlassen durch meine Hilfe sollst du der Nachstellung des Grafen entfliehen
Herrmann Ihre Hilfe kommt zu spät meine Abreise war heute früh
beschlossen
Vignali Und ich will den Entschluss nicht hindern
Herrmann Hindern Sie ihn damit ich keine Verbindlichkeit gegen Sie mit mir
hinwegnehme O dass ich jemals eine von Ihnen empfing Sie haben den Frieden
aus meiner Seele gescheucht und sie mit ewigem Kriege erfüllt Vignali
Vignali die Rechnung Ihrer Sünden ist während meines Aufenthalts bei Ihnen
stark angewachsen wenn einst so viel Strafen auf Sie warten
Vignali Wir wollen nicht in den erbaulichen Ton fallen Ich liebte in
Ihnen einen Unwürdigen der für meinen Zorn zu klein ist
Herrmann Und ich liebte in Ihnen eine Falsche eine Verführerin
Vignali Stille Wir wollen uns nicht schimpfen sondern auf eine anständige
Art brechen Reisen Sie glücklich und vergessen Sie Vignali nicht
Herrmann Ja um ihr zu fluchen
Vignali Und ich will mich Ihrer erinnern um Ihnen zu verzeihen
Hermann Das tu ich Ihnen jetzt
Vignali ging voller Unmut hinweg dass er ihre verstellte Großmut überbot Um
nicht den Anschein zu haben als ob sie im Zanke mit ihm gebrochen habe und
vielleicht auch aus einem Rest von Liebe schickte sie ihm des Nachmittags zehn
Louisdor Reisegeld meldete ihm in einem sehr höflichem Billett dass sie auf
morgen früh Post für ihn habe bestellen lassen und wünschte dass er im stillen
ohne Abschied zu nehmen abreisen möchte Herrmann wurde bei allem Unwillen
wider sie der ohne ihre vormittägigen Vorwürfe nicht ausgebrochen wäre durch
so viele Güte empfindlich gerührt und sah mit Beschämung dass sie großmütiger
handelte als er nach seiner itzigen Vorstellung verdiente er verachtete sich
selbst als einen Unwürdigen der sich von Zorn und Unmut zur Undankbarkeit
hinreißen ließ dankte seiner großmütigen Freundin wie er jetzt Vignali nannte
schriftlich für die gegenwärtige Verbindlichkeit und für alle vergangne empfahl
ihr Ulriken auf das angelegenste und bat sie vor den Nachstellungen ihres
Onkels zu sichern bis ihm sein Schmerz und bessere Umstände erlaubten sich
ihrer anzunehmen
Vignali hatte vor Freuden sich an den beiden Verliebten gerächt und von
einer gefährlichen Nebenbuhlerin so schnell erlöst zu sehen wirklich die
gutgemeinte Absicht sie beide auf der ersten Station zusammenzubringen als ob
es vom Zufalle geschähe und riet deswegen Ulriken in der Nacht heimlich mit
einem für sie bestellten Fuhrmanne abzufahren und gab ihr einen Brief nach
Leipzig an eine Freundin die vor einem paar Jahren ihr Mädchen gewesen war
wegen einer Ungelegenheit Berlin verlassen hatte jetzt als Putzmacherin in
Leipzig lebte und noch mancherlei Aufträge für ihre ehemalige Herrschaft
besorgen musste diese Umstände erfuhr freilich Ulrike nicht sondern wurde bloß
versichert dass es eine sehr gute Frau sei die ihr auf Vignalis Verlangen allen
möglichen Beistand angedeihen lassen werde Die niedergeschlagne Ulrike fasste
wieder einiges Zutrauen zu Vignali da sie so lebhaft für ihre Entfliehung aus
der Gefahr sorgte und nahm den Vorschlag mit Vergnügen an um nur nicht in die
Hände ihres Onkels zu geraten »Bleiben Sie bei dieser Frau« setzte Vignali
hinzu »bis Sie Herrmann abholt ich habe meiner Freundin den Auftrag gegeben
dafür zu sorgen dass Sie mit ihm auf einem Dorfe getraut werden und von dem
wenigen was Sie beide haben so lange dort leben bis sich eine Gelegenheit zu
Ihrem Unterkommen zeigt denn nunmehr ist doch wahrhaftig nichts Besseres für
Sie zu tun als dass Sie sich von einem schwarzröckichten Manne zusammenbinden
lassen Vergessen Sie die Baronesse und werden Sie beizeiten Madam Herrmann
damit nicht ein Monsieur Herrmann was weinen Sie denn nun gleich wieder
Geschehen ist geschehen Liebes Kind wenn jede so viel weinen wollte wie Sie
so wären wir nicht vor einer zweiten Sündflut sicher Mut gefasst Lafosse an
die ich Sie empfehle wird Ihnen mit Ehren unter die Haube helfen und dann
sorgen Sie weiter für sich Wenn Sie ein Anliegen haben und ich kann Ihnen
dienen so wenden Sie sich dreist an mich«
Ulrike hielt diese Sprache ganz für Güte da sie es doch höchstens nur zur
kleinsten Hälfte und die größte eigenes Interesse war sie bat Vignali wegen
ihres Misstrauens um Verzeihung und glaubte im ersten Anfalle der Dankbarkeit
dass die Frau wirklich besser sei als sie ihr geschienen habe Der Abschied war
auf beiden Seiten rührend und zärtlich und des Nachts ging die Reise fort Das
verliebte Mädchen war durch die Aussicht auf eine nahe Verbindung wieder so
leidlich aufgeheitert worden dass sie nur mit halber Betrübnis an ihren Fall
zurückdachte
Auch Herrmann der von allem diesen nichts erfuhr empfing einen Brief an
Madam Lafosse doch ohne von seiner nahen Trauung unterrichtet zu werden
sondern Vignali setzte bloß in ihrem Billett die Worte hinzu Lassen Sie sich
nicht durch falsche Scham wie Sie bereits geäußert haben abhalten Ihre
Pflicht gegen Ulriken zu tun Wenn Sie dies nach dem was gestern zwischen Ihnen
beiden vorgefallen ist nicht verstehen so wird Ihnen Madam Lafosse auf meinen
Befehl sagen was Sie zu tun haben Ein Mensch von so vielen Grundsätzen wie Sie
wird doch wohl nicht zaudern einem unschuldigen Mädchen wiederzugeben was er
ihr genommen hat
Er reiste in aller Frühe ab und glaubte Ulriken noch im Hause und sein Herz
wurde deswegen so viel schwerer als das ihrige durch Vignalis tröstende
Vorspiegelungen leichter geworden war er verließ nach seiner Meinung sein
Liebstes im Hause des Vergnügens und der Gefahr Erst unterwegs da sich das
Gewühl seiner schmerzhaften Empfindungen ein wenig zerstreute überlegte er sich
Vignalis Ermahnungen seiner Pflicht gegen Ulriken nicht zu vergessen und sich
von Madam Lafosse belehren zu lassen wie er sie erfüllen sollte er schloss
daraus dass er sie dort finden oder von dieser Frau erfahren werde wo sie ihn
erwarte Vignalis letzte Güte brachte ihn in seinen guten Mutmaßungen so weit
dass er gar Veranstaltungen zu seiner Verbindung mit Ulriken argwohnte und er
freute sich schon halb über die Nähe seines Glücks allein der traurige Gedanke
wovon soll ich mit ihr leben tötete seine Freude wie ein giftiger Mehltau Ohne
zu wissen was er wünschen hoffen und tun sollte langte er in Zehlendorf an
Ulrike hatte auf Vignalis Veranstaltung den nämlichen Weg genommen war
wirklich schon im Wirtshause als Herrmann abstieg und rettete sich bei seiner
unvermuteten Erblickung durch die Flucht ließ sich ein Stübchen allein geben
und verschloss sich Die guten Kinder hatten beide Vignalis Vertröstung dass
Madam Lafosse ihre Verheiratung besorgen sollte angehört ohne in der
Verwirrung zu bedenken dass sie also einen Weg nehmen müssten Ulrike hätte sich
durch alle Reichtümer der Welt nicht bewegen lassen sich ihm zu zeigen und
tröstete sich dafür mit der gewissen Hoffnung ihn in Leipzig wiederzufinden um
durch Madam Lafosse mit ihm vereinigt zu werden die süße Erwartung zerstreute
fast ihren ganzen Kummer
Herrmann ohne zu vermuten dass ihn nur eine Leimendecke von Ulriken schied
überließ sich finsteren Gedanken und zweifelhaften Hoffnungen frühstückte wenig
und saß mit der traurigsten Melancholie im Winkel Ihm gegenüber Befand sich an
einem kleinen Tischchen voller Viktualien ein kleiner dicker runder Pommer
der sich mit stiller Selbstgelassenheit von dem reichlich aufgetragenen Vorrate
nährte mit ernster Bedachtsamkeit steckte er jede Minute einen Bissen in den
Mund seufzte vor Sättigung und fuhr immer in gleichem Takte zu essen fort
Herrmann hatte ihn bei dem Hereintritte in der Zerstreuung gar nicht
wahrgenommen und bemerkte ihn auch nicht da er ihm gegenübersass weil sich an
der dickgestopften Figur kein Glied regte als der Arm wenn er den Lippen einen
neuen Bissen überlieferte Herrmann dachte über die Unmöglichkeit Ulrikens Ehre
zu retten bei sich nach glaubte allein zu sein und fuhr in der Düsternheit
seiner Träumerei auf O Gott Stehe mir bei Was soll ich anfangen Indem er
es sagte ging er in dem Stübchen auf und nieder stund still vor sich
hinsehend auf einmal zupfte ihn jemand etlichemal am Ärmel er blickte um
sich und siehe Da stund der kleine dicke runde Pommer mit dem originalsten
Gesichte voll treuherziger Einfalt ein kleines ledernes Beutelchen in der Hand
das er mit ganzer Seele darbot Der gutherzige Junge kannte aus eigener Erfahrung
keine andre Not als Geldmangel und bildete sich also ein als Herrmann mit
gerungnen Händen seine Ausrufung tat dass es ihm an Barschaft fehle besonders
da er sich ein so elendes Frühstück geben ließ »Ich habe noch acht Groschen«
sagte er indem er das Beutelchen darreichte »da Ich will mit Ihm teilen«
Herrmann musste erst einige Fragen tun un hinter die Veranlassung einer so
originalen Dienstfertigkeit zu kommen und ward so entzückt von ihr dass er den
Jungen in die Arme drückte und die angebotnen vier Groschen aus dem Beutelchen
nahm der Bube verließ Umarmung und Beutelchen und kehrte um nichts zu
versäumen zum Essen zurück In der Zwischenzeit steckte ihm Herrmann statt der
vier Groschen zwei preußische halbe Taler hinein und gab es mit feurigem Danke
zurück »Es will nicht viel sagen« sprach der Bube in seiner platten Sprache
»steck Er mir nur das Säckel in die Ficke« Herrmann tat es und sein
Wohltäter schmauste ungehindert fort
»Wo willst du hin« fragte Herrmann
Der Pommer In die Fremde
Herrmann Mit vier Groschen
Der Pommer Die Leute werden mir ja geben wenns alle ist
Herrmann Du guter Junge aus welcher Welt kommst du
Der Pommer Aus Pommern
Herrmann O so gehe den Augenblick wieder nach Hause wenn die Menschen dort
so gut sind wie du sie in der Fremde erwartest Warum bliebst du nicht zu
Hause
Der Pommer Vater ist zu böse er schlägt mich
Herrmann Was willst du aber in der Fremde anfangen
Der Pommer Was der liebe Gott beschert
Herrmann O du weiser Pommer komm mit mir du sollst mich lehren wie man
mit vier Groschen ohne Sorgen durch die Welt kommt
»Das kann ich wohl« antwortete der Bube und nahm die Partie an Er ruhte
nicht bis das ganze aufgetragne Frühstück verzehrt war und dehnte sich
ächzend nachdem er das Messer eingesteckt hatte als wenn er sich von einer
schweren Arbeit erholen wollte Die Bezahlung des Frühstücks nahm gerade sein
übriges Vermögen hin da er bei dieser Gelegenheit die zwei halben Talerstücke
gewahr wurde legte er sie auf Herrmanns Tisch »Mein Säckel ist ledig« sagte
er äußerst zufrieden und wickelte das Beutelchen zusammen Herrmann nötigte ihn
das Geld zurückzunehmen allein er verlangte dass er es tragen möchte da sie
doch miteinandergingen Der Bursch in einem kurzen blauen Jäckchen und einer
Pelzmütze ob es gleich mitten im Sommer war barfuß Schuh und Strümpfe unter
dem Arme setzte sich ohne Bedenken auf den Wagen und fuhr davon ohne zu wissen
wohin
In Beeliz hielt es Herrmann für ökonomischer die ordentliche Post zu
erwarten und verkündigte seinem Pommer dass er ihm keinen Platz werde
verschaffen können »So geh ich zu Fuße nebenher« sprach der Junge mit allem
zufrieden wenn er sich nur nicht von ihm trennen durfte Ulrike kam erst in der
Dunkelheit an schlich hurtig und ungesehen in ein Stübchen und verschloss sich
Ihr Fuhrmann war nur bis dahin gedungen zur Extrapost schien ihr kleiner
Geldvorrat nicht hinlänglich sie entschloss sich also auch zur ordentlichen
allein da man ihr berichtete dass unten auch ein Herr auf die Post wartete und
da sie aus der Beschreibung Herrmannen erkannte den sie schon wieder abgereist
glaubte verschob sie ihre Entschließung und blieb nach langem Wanken bis zum
folgenden Posttage hier nach seinem letzten Billett besorgte sie ihn zu
beleidigen wenn sie ihn plötzlich auf dem Postwagen mit ihrer Gegenwart
überraschte Finden wir doch einander gewiss bei Madam Lafosse dachte sie
freudig und ließ ihn reisen Herrmann merkte abermals nicht dass er eine Nacht
und einen Tag in einem Wirtshause mit ihr zubrachte er setzte seinen Weg fort
sein getreuer Pommer zu Fuß nebenher der Bube war durch eiserne Banden an ihn
geknüpft und hätte auf dem nächsten Dorfe vor Leipzig beinahe die Freundschaft
mit seinem Blute besiegelt
Ein Schwarm berauschter Musensöhne focht hier einen alten Groll aus einen
vieljährigen Zwist mit den Gesellen verschiedener Zünfte der schon bei mancher
Dorflustigkeit die schmutzigen Dielen mit Blute gefärbt hatte wenn es auch nur
blutende Nasen waren an diesem Tage war ein entscheidendes Treffen geliefert
worden Die schlauen Zünftler die es vermuteten versammelten sich sehr früh
und zahlreich und nahmen mit ihren Nymphen den Tanzplatz ein nicht lange darauf
langten die Vortruppen der akademischen Armee an und suchten durch feine
Neckereien den ruhenden Zwist in Bewegung zu setzen ihre gelehrten Hälse
ertönten von platten Schimpfwörtern ihre Ellenbogen bestürmten die Flanken der
friedfertigen Handwerker noch immer wollte der Streit nicht Feuer fangen
Endlich versuchten die Angreifer das letzte gewaltsame Mittel sie begingen
einen Sabinerraub entführten den Zünftlern ihre Schönen eroberten den
Tanzplatz und tummelten sich mit ihnen in fröhlichen triumphierenden
Schwenkungen herum Gelassen ertrug lange das feindliche Chor Unrecht und Hohn
und regte sich nur durch leises Murmeln dagegen doch jetzt konnten sie länger
nicht pathetisch trat ein Schneidergesell ein großer Redner der bei den hohen
Festtagen seiner Zunft schon manchen Lorbeer durch seine Beredsamkeit errungen
hatte ein zweiter Demosten mit edlem Anstande hervor erzählte Punkt für
Punkt mit fruchtbarer Kürze die Beschwerden seines Ordens und bat doch ohne
seiner eignen Ehre etwas zu vergeben um Einstellung der Feindseligkeiten
wider alles Völkerrecht verachteten die Söhne der Musen seine gesandtschaftliche
Würde höhnten den Redner und prellten ihn mit einem unvermuteten Kniestosse dass
er stotternd in die Arme seiner Kameraden zurücktaumelte Über eine so offenbare
Beleidigung der geheiligten Gesandtschaftsrechte schwoll allen die Galle empor
schwarze Wut sprach aus den braunen Gesichtern Rachsucht blitzte aus den
wässrigen Augen und die Hände ergriffen die Waffen sie verschwuren sich einen
solchen Schimpf mit akademischem Blute auszulöschen Mutig brachen sie auf die
schwächeren Feinde los doch kaum fiel der erste Schlag auf sie herab so
stürzte sich die ganze Hauptarmee der Musensöhne mit blinkenden Degen und
knotichten Prügeln herein sie schwangen unter kriegerischem Jauchzen die Waffen
hoch in die Luft und ließ einen Platzregen von Wunden auf die Köpfe der
umzingelten Feinde herabfallen die bald der eindringenden Macht weichen mussten
hier lag einer und glaubte sich tot dort untersuchte ein andrer seinen Kopf ob
er noch festsitze ein dritter kroch krächzend und hustend unter den
schwerausgeholten Hieben hindurch wimmernde Mädchen weinten um ihre
zerprügelten Liebhaber andere wuschen den ihrigen den Heldenschweiss und die
blutigen Wunden einige heroische Nymphen wagten sich sogar in den Streit um
ihre Seladons anzufrischen oder aus dem Gedränge herauszureissen und wurden so
tief in das Getümmel verwickelt dass ihre goldnen Häubchen über die Haufen der
Geschlagnen dahinrollten und ihre glattgeschnürten Leiber über ihre Freunde
herpurzelten Der Sieg war so unzweifelhaft dass die Zünftler um Frieden baten
und voll Beulen und Wunden das Feld räumten Die Sieger trugen Tisch und Stühle
in die freie Luft und besangen hier bei dem vollen Glase mit lauten Jubelliedern
die großen Heldentaten des Tages Dem Landesvater zu Ehren stachen die
patriotische Löcher in die Hüte und vertranken die lang erwarteten Wechsel zur
Erhaltung der akademischen Freiheit
In diesem Zeitpunkt des Triumphs und des Jubels langte Herrmanns getreuer
Pommer neben dem Postwagen an man hielt weil der Postknecht Geschäfte im
Wirtshause hatte Einige unter den Triumphierenden von Sieg und Biere trunken
nahten sich den Pferden um die armen müden Tiere die Ausgelassenheit ihrer
Freude empfinden zu lassen Der kleine Pommer dem dieser Wagen mit allem
Zubehör so nahe wie sein Leben anging weil Herrmann auf ihm fuhr hatte das
Herz ihn wider die Anfälle der Betrunknen zu verteidigen sie verstunden seine
gutgemeinte Herzhaftigkeit so übel dass sie mit geballten Fäusten auf ihn
hereinstürzten und das arme Geschöpf zu zermalmen drohten Mit Mühe konnte ihn
Herrmann nebst der übrigen Gesellschaft von ihrer Wut retten er floh ins weite
Feld hinaus und die Trunknen wurden von einigen weniger Trunknen zum Glase
zurückgeholt Kaum war der Wagen wieder in Bewegung so kam er von der Flucht
zurück hielt als Herrmanns Begleiter seinen Einzug in Leipzig und ließ wie ein
Pudel Tag und Nacht nicht von ihm ab aß fleißig wo er nur etwas erwischen
konnte und gehorchte auf den Wink
Neunter Teil
Erstes Kapitel
Dass Herrmann voll guter Ahndungen nicht lange zögerte Vignalis Brief
abzugeben lehrt die Sache selbst aber wie scheiterten die guten Ahndungen so
plötzlich Madam Lafosse hatte noch vor ein paar Wochen in dem Hause gewohnt
welches die Aufschrift des Briefes anzeigte und war gegenwärtig gar nicht mehr
in Leipzig Warum »Weil sie einem Handschuhmacher aus Dresden nachsetzte der
sich mit ihr in der Ostermesse versprochen hatte und nicht Wort halten wollte«
berichtete der Hausknecht und setzte hinzu dass sie ihre Stube aufgegeben habe
und vermutlich nur in den Messen Leipzig besuchen werde
Also war dem armen Herrmann auch das bisschen Trost geraubt Nicht eine
Stütze nicht ein Schatten nicht eine Illusion blieb ihm übrig sein trauriges
Schicksal lag so schwer auf ihm dass er unter dem gewaltigen Drucke weder dachte
noch fühlte Er öffnete Vignalis Brief verstund ihn in der Niedergeschlagenheit
kaum und las ihn wohl zwanzigmal ehe er den Inhalt glaubte als er darin den
Auftrag an Madam Lafosse fand den Überbringer desselben anzuhalten und ihm
allen möglichen Vorschub zu tun dass er sich auf einem Dorfe in der Stille mit
dem Frauenzimmer trauen ließe das entweder in seiner Gesellschaft oder nicht
lange nach ihm mit einem Briefe von Vignali ankommen werde als er darin fand
dass Vignali sich zur Tragung der Unkosten erbot und ihre Freundin recht
inständig bat die Sache mit ihrer gewöhnlichen Klugheit zu betreiben und sosehr
als möglich zu beschleunigen zugleich wurde sie auf den Brief verwiesen den
Ulrike mit sich bringen werde um den ganzen Plan zur Ausführung zu erfahren
Wie unglücklich war er nun vollends Der Brief lehrte ihn dass ihm der
Zufall sein Glück unter den Händen wegnahm gleichwohl war er auf der andern
Seite nunmehr insofern besser daran dass er sich mit einem Schimmer von Hoffnung
täuschen konnte Ulrike musste also nach Vignalis Briefe zu urteilen nicht mehr
in Berlin sein schon eine Beruhigung Sie musste entweder schon in Leipzig sich
befinden oder doch bald eintreffen wie leicht war es sie aufzusuchen Vignalis
vorgeschlagnen Plan aus ihrem Briefe zu erfahren und ihn ohne Beihilfe der Madam
Lafosse auszuführen Aber er hatte sich vorgenommen nicht eher wieder vor ihr
zu erscheinen als bis er ihr einen sichern Unterhalt anbieten könnte Er
schwankte lange ob er seinem Vorsatze treu bleiben sollte erkannte ihn für
Übereilung in den ersten Augenblicken der Reue glaubte dass es für ihn und
Ulriken zuträglicher sei sie zu heiraten um sie nicht den Nachstellungen und
der Rachsucht ihres Onkels aufzuopfern aber wo und wovon sollten sie zusammen
leben Von der Arbeit sagte er sich Sie mag nähen stricken waschen ich
will in einer Handlung oder bei einem Advokaten Arbeit suchen Wie gesagt so
beschlossen wie beschlossen so getan er bestellte in der gewesenen Wohnung
der Madam Lafosse dass man ein junges Frauenzimmer wenn sie nach dieser Frau
fragte in seinen Gasthof weisen sollte
Er für seinen Teil ließ es unterdessen nicht an Mühe fehlen sie zu treffen
vom frühen Morgen bis zum Abend wanderte er auf den Straßen auf dem Wege wo
die Berliner Post herkommen musste unermüdlich herum stellte auch eine
Anweisung im Postause aus da war keine Ulrike da kam keine Ulrike
Er durchstrich an den volkreichsten Tagen und Stunden den Spaziergang ums
Tor sah geputzte Damen und Herren die in einem kleinen Bezirke drängend
durcheinander herumkrabbelten alle etwas suchten und zum Teil zu finden
schienen Gähnende Damengesichter von der Langeweile auf beiden Seiten
begleitet suchten den Zeitvertreib und rechnende Matematiker suchten zu der
Größe ihres Kopfputzes und ihrer Füße die mittlere Proportionalzahl oder suchten
in den Garnierungen ihrer Kleider Parallelopipeda Trapezia Würfel und Kegel
schöne Mädchen und Weiber suchten Bewunderer ihrer Reize und funfzigjährige
Magistri Bewunderer ihres Schmutzes Doktores juris à quatre epingles suchten
die Jurisprudenz und veraltete Koketten die Jugend junge Anfängerinnen suchten
die ersten Liebhaber und junge Dozenten die ersten Zuhörer Scheinheilige
suchten Sünden und Ärgernisse um sie auszubreiten Moralisten suchten Laster
und Torheiten um dawider zu eifern und Kennerinnen des Putzes suchten Sünden
des Anzugs um darüber zu spotten ein jedes suchte die Gesichter der andern
ein jedes in den Gesichtern der andern Zeitvertreib und ein großer Teil des
Geländers war mit lebendigen Personen verziert die mit stieren Augen die
übrigen alle suchten um sich auf ihre Unkosten zu belustigen Aus dieser
suchenden Gesellschaft drängte sich Herrmann in den größeren verachteten Teil
der Promenade hier suchte ein tiefsinniger Philosoph mit gesenktem Haupte und
wackelndem Schritte die Monaden mit dem Stocke im Sande ein denkender Kaufmann
suchte Geld für verfallene Wechsel ein Almanachsdichter Gedanken für seine
Reime und ein bleicher Hypochondrist das Vergnügen in der Luft und alle suchten
vergebens wie Herrmann
Welch nagender Kummer nicht zu wissen wo sie ist die man liebt Tausend
Gefahren und Widerwärtigkeiten sich als möglich zu denken unter welchen sie
vielleicht schmachtet und dabei sich den Vorwurf machen zu müssen Du warst es
der sie durch eine Unbesonnenheit aus ihrer Ruhe auf ein Meer von Kümmernissen
hinaustrieb Unendlichemal sagte sich Herrmann dies in einem Tage und bereute
dass er eine Liebe nährte die der Himmel selbst nicht billigen müsste weil er
sie so vielfältig hinderte
Seine Leiden machten ihn stumm und äußerst traurig er sprach an dem
öffentlichen Tische wo er speiste beinahe kein Wort aß wenig und wusste
selten was er genoss sein gewöhnlicher Nachbar hielt es ebenso und deswegen
vertrugen sich diese beiden Leute so vortrefflich miteinander dass sich
allmählich eine Sympatie zwischen ihnen entspann Die leidende verzerrte Miene
des Mannes sein hagres fast verdorrtes Gesicht sein in sich gezognes
menschenhassendes Betragen seine Zerstreuung zog sehr bald Herrmanns
Aufmerksamkeit auf sich er liebte ihn weil er auch zu leiden schien Wenn
einer den Tisch verließ verließ ihn auch der andre als wenn sie ein geheimer
Zug lenkte gingen sie nebeneinander spazieren ohne es meistenteils selbst zu
wissen redeten nicht vielmehr als bei Tische höchstens alle fünf Minuten ein
paar Worte der eine richtete seinen Gang vielleicht ohne daran zu denken in
einen Garten ungefragt und ohne Widerspruch folgte der andre ihm nach sie
setzten sich in eine Laube eine schattichte Allee der eine stund vielleicht
auf und ging nach Hause der andre vermisste ihn nicht als bis er selbst gehen
wollte Gerieten sie in einen Kaffeegarten so foderten sie Kaffee vergaßen ihn
zu trinken und schmälten wenn sie endlich einmal einschenkten dass man ihnen so
kalten Kaffee vorsetzte Die Bekanntschaft wuchs so schnell zur Freundschaft
empor dass sie sich mit vieler Treuherzigkeit Besuche versprachen zuweilen
gaben und alsdann die Stunden mit nichts hinbrachten als dass sie nebeneinander
träumten Nachdem sie schon einige Wochen einander alle Tage gesehen hatten
machte Herrmanns neuer Freund die Bemerkung dass er ihm heute nicht so
aufgeräumt wie sonst vorkomme obgleich Herrmann vorher während ihrer ganzen
Bekanntschaft so traurig gewesen war wie jetzt »Ist Ihnen etwas Widriges
begegnet« setzte der Hypochondrist hinzu »Ach Freund« antwortete Herrmann
»ich bedarf keines neuen Unglücks zur Traurigkeit ich muss der Freude sehr jung
entsagen«
Der Hypochondrist Ich bin auch heute nicht halb so lustig wie sonst Die
starke Hitze schlägt allen meinen Mut nieder
Herrmann O es ist kühl rau wie im Herbst man friert
Der Hypochondrist Meinen Sie Ja Sie haben wirklich recht es ist sehr
kalt ich werde meinen Pelz umnehmen
Er nahm ihn um über eine Weile schüttelte er sich als wenn er vor Frost
schauderte »Es ist gewaltig kalt« sprach er »dass ich einheizen lassen muss«
Er gab Befehl dazu und der Mann der vorher sich einbildete vor Hitze zu
ersticken bildete sich itzo ein vor Frost zu vergehen und stellte sich im
Pelze an den glühenden Ofen
Auf einmal fing er an »Es ist Ihnen ganz entsetzlich warm«
Herrmann Ich sitze hier am offenen Fenster ich kann nicht darüber klagen
Der Hypochondrist Ihnen wäre nicht warm Sie keuchen ja vor Hitze
Herrmann Wenn meinem Herze so wohl wäre wie dem Körper
Der Hypochondrist Ich weiß nicht wozu Sie es leugnen der Schweiß läuft
Ihnen ja am Kopfe herein
Herrmann Mir nicht aber Ihnen Sie schwitzen und glühen wie ein Backofen
Der Hypochondrist Meinen Sie Ja es kann wohl sein Oh es ist mir
übernatürlich warm der Pelz brennt wie die Hölle ah ich möchte
verschmachten
Hastig warf er den Pelz von sich das Kleid hinterdrein und zog das
leichteste dünnste Negligé an Er ging stillschweigend in der Stube herum
»Warum sind Sie denn so still« fragte er
Herrmann Lieber Freund meine Seele ist so voll dass die Zunge nicht reden
kann Sprechen Sie Zerstreuen Sie meine düstern Empfindungen
Der Hypochondrist Red ich denn nicht Ich dächte ich hätte den Mund
nicht zugetan
Herrmann Kaum funfzig Worte haben Sie gesprochen solang ich hier bin
Der Hypochondrist Das wundert mich aber es ist möglich ich fühl es
selbst dass ich heute nicht halb so munter bin wie sonst Kommen Sie wir wollen
den Magister wie heißt er doch Sie werdens schon erfahren er ist mein
sehr guter Freund und wird uns gewiss aufheitern
Sie begaben sich zu dem Magister und fanden ihn in einem so tollen Anzuge
dass sich Herrmann seiner übelen Laune ungeachtet des Lachens kaum enthalten
konnte Ein kleines Männchen einen Tressenhut nebst einer Haarbeutelperücke auf
dem Kopfe den buntgestreifichten Schlafrock mit einem braunledernen
Degengehenke zusammengeschnallt und aufgeschürzt wie die Bauermädchen die Röcke
aufgürten in bloßen Füßen und großen wollnen Socken in dieser grotesken
Kleidung wandelte er gravitätisch die enge beräucherte Stube auf und nieder
ohne sich durch den Besuch von seiner Richtungslinie abbringen zu lassen Kaum
hatte Herrmann den Mund geöffnet um ihn zu grüßen als ihn der Ton seiner
fremden Stimme verscheuchte husch war er in die Kammer hinein Nach langer
Zeit kam er mit bekleideten Füßen aber in dem vorigen Anzuge wieder zurück
weil ihn sein Freund durch die Kammertür aus allen Kräften versicherte dass der
Fremde seine Draperie nicht übelnehmen werde Er bewillkommte seinen noch nie
gesehnen Gast mit vieler Ängstlichkeit und drückte sich dabei mit dem Rücken so
dicht an die Wand als wenn er besorgte Herrmann werde ihm darauf springen und
da er sich so an drei Wänden hin bekomplimentiert hatte bat er an der vierten
um Erlaubnis seinen Hut aufzusetzen »Ich habe mir meinen Kopf so gewaltig
erkältet« gab er zur Ursache an »dass er sich seit vier Tagen nicht erwärmen
lässt« Herrmann verstattete ihm sehr gern die verlangte Freiheit und wartete
ungeduldig auf die versprochne Aufheiterung die ihm dieser Mann verschaffen
sollte er suchte deswegen das erloschne Gespräch wieder anzufachen der
Aufheiterer machte sich bei jedem Gange den er tat beständig den Rücken frei
und verließ deswegen niemals die Wand Seine Scheu wurde zuletzt so groß dass
sie sein Freund bemerkte und ihn darüber befragte er wollte lange nicht
beichten doch da ihm auch Herrmann durch Fragen zusetzte gestund er endlich
dass seine Gegenwart ihn in solche Furcht versetze Herrmann näherte sich ihm um
die Furcht durch freundliches Zureden zu vertreiben je näher er ihm kam je
ängstlicher und zitternder zog sich der andre vor ihm zurück bis er in einen
Winkel kam der ihn nicht weiterliess er bat um Gottes willen ihm ja nicht auf
den Hals zu fallen Herrmann entfernte sich zwar aber ruhte nicht bis er ihm
die Ursache dieser sonderbaren Besorgnis entdeckte »Sie sehen« sagte er
»natürlich wie ein griechisches Sigma s aus und den verwünschten Buchstaben
kann ich nun vierzehn Tage her nicht ohne Angst ansehen es ist mir immer als
wenn er über mich herfallen und mich mit dem gottlosen langen Schnabel hacken
wollte«
Nicht lange darauf erschien ein zweiter Besuch ein anständig gekleideter
wohlgesitteter Mann trat herein um wie er berichtete dem Herrn der Stube den
Krankenbesuch zu machen »Aber« setzte er hinzu »ich tu es aus großer
Freundschaft denn ich bin selbst keine Minute vor dem Tode sicher« Herrmann
musste sich um so viel mehr darüber verwundern da der Mann so frisch und gesund
aussah dass er dem Tode wohl noch zwanzig Jahre Trotz bieten zu können schien
Man erkundigte sich nach der Krankheit die ihn mit einem so nahen Tode
bedrohte »Gestern« antwortete er »hab ich mir mit dem Federmesser eine so
tödliche Wunde gemacht dass ich wegen der gefährlichen Folgen keinen Augenblick
ruhig sein kann Der Schnitt schmerzte mich entsetzlich es wollte nicht bluten
und das ist immer eine schlimme Anzeige Wenn nun gar eine Entzündung dazu
schlüge und aus der Entzündung würde der kalte Brand und der kalte Brand träfe
die Eingeweide da wär ich ja den Augenblick ohne alle Umstände tot« Weil
Herrmanns Freund mit der Gewohnheit des Verwundeten seine körperlichen Leiden
zu vergrößern bekannt war drang er in ihn seine Wunde zu zeigen der Mann
ging außerordentlich schwer daran und wickelte nach vielen schmerzlichen
Bewegungen und langen Zurüstungen ein großes Stück Leinwand von dem Finger die
ganze Gesellschaft untersuchte ihn an allen Seiten und konnte ohne Mikroskop
schlechterdings keine Wunde entdecken Der Verwundete der mit beständigem
Zittern fürchtete dass man sie zu stark berühren werde bezeugte eine sonderbare
Verlegenheit als man nirgends eine Wunde entdecken wollte endlich besann er
sich dass es der Zeigefinger war an welchem man auch einen kleinen
unbedeutenden Schnitt fand der gute Mann hatte sich den unrechten Finger
verbunden und sich den unrechten Finger schmerzen lassen
»Kleinigkeit« rief der Herr von der Stube »die ganze vorige Woche hab ich
meine linke Hand nicht brauchen können ich fürchtete mich sie nur zu
berühren«
»Und warum« fragte jemand
»Sie war in einer Nacht so weich geworden dass ich alle Augenblicke glaubte
sie würde zerfließen wie eine Gallerte und so leicht dass ich kaum fühlte ob
ich eine Hand hatte«
»Und wie ist sie denn wieder hart geworden«
»Von sich selbst in einer Nacht Da ich des Morgens aufstehe ist meine Hand
wieder so fest und brauchbar wie die rechte«
»Possen« fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins Wort »Das ist
Einbildung gewesen aber lassen Sie sich einmal eine Historie von mir erzählen
wobei Ihnen die Haare zu Berge stehen sollen Am dritten heiligen Osterfeiertage
vor dem Jahre was meinen Sie wohl da sitz ich unter den Linden es war
gerade ein gar allerliebster Tag da sitz ich unter den Linden und was
meinen Sie wohl da fällt mir etwas von dem Baume über mir gerade in den Mund
hinein und eh ich michs versehe ist es hinuntergeschluckt Nun stellen Sie
sich einmal die Angst vor was das alles gewesen sein konnte Vielleicht ein
Stückchen Holz voll von giltigem Tau wie er in dieser Jahreszeit häufig fällt
Es konnte auch ein Stückchen Glas sein das mit die Eingeweide zerschnitt oder
wohl gar der Unrat eines Vogels der mir Säfte und Blut mit Fäulnis ansteckte
oder auch ein Samenkorn das in mir keimte und aufging woran ich hätte
elendiglich ersticken müssen was meinen Sie wohl dass es wahr Ich zittre
noch an allen Gliedern eine Spinne«
»Woher wissen Sie denn das«
»Woher« antwortete er durch die Frage beleidigt »Weil ichs gefühlt habe
Ich habe mich ja mit der verdammten Spinne über zwei Monate geplagt dem Arzte
machte sie auch nicht wenig zu schaffen er hat mir Arzenei über Arzenei
eingeschüttet um sie zu töten ich bat ihn um Gottes willen dass er das nicht
tun sollte denn es fiel mir immer aus Pantoppidans Naturgeschichte ein dass
einmal eine junge Seekrabbe die doch nach seiner Beschreibung auch eine Art
Spinnen sein müssen in einem Kanale verfault ist und beinahe eine ganze Stadt
angesteckt hat was meinen Sie wohl dass aus mir geworden wäre wenn sie der
Doktor wirklich umgebracht hätte Elendiglich wär ich gestorben«
Herrmann Und wie wurden Sie denn das Ungeheuer los
»Mein Arzt gab mir einen Schlaftrunk ein und körnte sie am Munde so lange
mit einer Fliege bis sie sich zu der Lockspeise heraufspann er zeigte sie mir
als ich erwachte nebst einem großen Bündel von ihrem Gewebe Nun war mir nur
wegen des übrigen Gewebes bange aber mein Arzt hat mir glücklich davongeholfen
Er purgierte mich so stark und ließ mir so lange zur Ader bis ich weder Saft
noch Kraft mehr im Körper hatte das hat mich vom Tode errettet Lieber Gott
wie der Mensch doch so leicht elendiglich umkommen kann«
»Wie können Sie nur so ein Kindermärchen glauben« fing Herrmanns Freund an
»Sie haben sich das närrische Zeug eingebildet und der Doktor machte Ihnen
etwas weis«
»Ich mir das eingebildet« rief jener und brannte vor Ärger
»Nicht anders eingebildet« unterbrach ihn der andre ebenso hitzig »So ein
kluger Mann wie Sie und lässt sich solche tolle Einbildungen aufheften Das sind
alles Schwachheiten aber ich will Ihnen einmal einen Vorfall erzählen der ganz
anders aussieht Sie werden sich wundern allein ich kann Ihnen einen
körperlichen Eid schwören dass es die reine lautere Wahrheit ist Vor drei
Jahren in dem grimmig kalten Winter Sie werden das allerseits noch wissen
stund ich an dem kältesten Tage bei dem Ofen und fror dass mir die Zähne
klapperten obgleich der Ofen vor Hitze springen wollte Die Fenster hatte eine
dicke Eisrinde überzogen die etliche Tage her gar nicht aufgetaut war ich sehe
immer nach den bereiften Fenstern hin auf einmal fang ich von unten an zu
erfrieren die Beine waren schon bis an die Knie tot so steif dass ich mich auf
einen nahen Stuhl werfen musste Ich fühlte ganz deutlich wie der Tod immer
weiter nach dem Herze heraufstieg ich wurde so starr dass ich mich nicht rühren
konnte das Herz stund weg war ich«
Herrmann Wie sind Sie denn wieder aufgetaut
»Das weiß Gott Meine Aufwärterin da sie mich findet macht gleich Lärm und
holt Leute die mich zu Bette schaffen Wer weiß was sie nun mit mir
vorgenommen haben sie sagen alle dass ich von selbst wieder zu mir gekommen
wäre aber ein Narr ders glaubt Sie wollen mir nur nicht gestehen was für
entsetzliche Mittel sie gebraucht haben Was sagen Sie dazu«
»Dass es Einbildungen gewesen sind« riefen die andern beiden
Hypochondristen
»Einbildungen wenn man alles so gewiss fühlt als ich hier vor Ihnen stehe
Wenn man sich mit dem Federmesser rjetzt und den unrechten Finger verbindet und
dann sich vorstellt dass man in der Minute daran sterben wird das sieht einer
Einbildung eher ähnlich oder wenn man sich vom Arzte überreden lässt dass er mit
einer Fliege eine Spinne aus dem Leibe gelockt hat das ist eine Einbildung
oder wenn man sich gar vorstellt dass die Hand zu Gallerte geworden ist man
möchte toll werden sich so eine handgreifliche Unmöglichkeit einzubilden«
»Ei sagen Sie mir doch« rief der Mann dem der letzte Stich galt »ist
denn Ihr Erfrieren von unten auf nicht eine viel größere Unmöglichkeit Sie sind
von der großen Ofenhitze die Ihren Kopf von hinten traf in Ohnmacht gefallen
und weil Ihnen die kalte Luft vom Fenster auf die Füße strich bildeten Sie sich
ein dass Sie von unten auf erfrören«
»Schwachheiten« rief der Widerlegte erbost »ich hab es aber gefühlt«
»Wir auch« antworteten die andern beide »auch wir haben gefühlt«
»Das ist nicht wahr ihr habt nicht gefühlt sondern euch nur das Gefühl
eingebildet«
»Und Sie haben etwas gefühlt und sich eine falsche Ursache eingebildet«
erwiderte der Herr von der Stube
»Das ist albern geredet« sprach der Erfrorne »dass Sie es nur wissen als
wenn ich nicht causam et effectum unterscheiden könnte«
»Das können Sie auch nicht« rief jener
»Das hab ich gekonnt eh an Sie gedacht wurde ich habe dinstinguiert da
ich noch ohne Hosen herumlief«
»Und wenn Sie in Mutterleibe schon distinguiert hätten so sind Sie doch ein
Narr wenn Sie sagen dass ich mir meinen Zufall mit der Hand nur eingebildet
habe«
»Ein Erznarr« stimmte sein Konsorte mit ihm ein »wenn ich mir nur
eingebildet haben soll dass ich eine Spinne im Leibe hatte«
»Meine Herren« fing Herrmann sehr bescheiden an »wenn Sie nun alle drei
recht hätten Sie bildeten sich alle etwas ein« Armer Herrmann nun ging der
ganze Krieg auf den Zweifler los der allen zugleich und keinem allein recht
gab zu seinem großen Glücke stellte sich ein neuer Besuch ein Herr Logophagus
trat äußerst verwildert herein die Streitenden riefen ihn zum Richter auf
allein er lehnte die Ehre mit der höflichen Bitte von sich ab dass man ihn
ungeschoren lassen sollte weil er wichtigere Sachen im Kopfe hätte Man fragte
ihn welche und er begann also
»Da bin ich mit einem Ignoranten einem Narren der den schönen Geist macht
zusammen gewesen der Hasenfuß tat so dicke und hielt sich so viel über mich
auf dass ich böse wurde und mich recht tüchtig mit ihm zankte Ach es ist aus
in der Welt alle wahre echte Gelehrsamkeit hat ein Ende seitdem so viele
schöne Geister unter uns geworden sind rücken die Wissenschaften und
Gelehrsamkeit dem Untergange mit jeder Minute näher Da lernen die Leute ein
bisschen Geschmack und nun sind sie schöne Geister und verachten einen Mann der
das Seinige redlich und rechtschaffen in litteris getan hat«
Herrmann Machen denn vielleicht die schönen Geister eine besondere Innung
bei Ihnen aus Sie sprechen davon wie von einem Handwerke das man lernt Er ist
ein schöner Geist kommt mir nicht anders vor als wenn man von jemandem sagte
er ist ein gutes Gedächtnis11 Ein französischer Gelehrter sagte mir einmal
»Die Deutschen haben viel schöne Geister aber wenig schönen Geist«
»Es ist auch nicht viel daran gelegen« antwortete der Wirt »Das sind
Einbildungen des Herrn Litophagus Er denkt weil seine Silbenstechereien
seine kritische und humanistische Wortkrämerei nicht mehr im Gange ist deswegen
wird es gleich mit aller Gelehrsamkeit aus werden Desto besser dass wir uns
nicht mehr um das heidnische abergläubische Zeug bekümmern Ich will Ihnen
besser sagen was das Schöngeistern unter uns für Schaden anrichtet es verdirbt
die Religion führt Freigeisterei und Unglauben ein und Gottesfurcht und
Frömmigkeit nehmen alle Tage mehr ab seitdem das verhenkerte Schöngeistern bei
uns eingerissen ist Nichts wird geschrieben und gelesen als Witz ein bisschen
Witz ist bald hingeschmiert und wer ihn liest dem tut der Kopf auch nicht weh
darum saugen die Menschen so gern Witz ein und Witz und Unglauben sind Brüder«
12
»Da haben Sie völlig recht« fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins
Wort »Aber das Übel erstreckt sich viel weiter Wissen Sie warum das
Menschengeschlecht so elend so kraftlos klein und schwach ist dass sechs
Menschen jetzt nicht so viel heben und tragen können als einer zu unsrer Väter
Zeiten Sonst gab man dem Tee und Kaffee die Schuld grundfalsch der Witz hat
uns zu solchen krüppelichten Zwergen gemacht und wenn der verdammte Witz so
fortfährt unter uns einzureissen so werden unsre Kinder so matt wie die
Fliegen wenn sie ein raues Lüftchen trifft werden sie umfallen und sterben«
»Ach Sie haben immer etwas mit dem Sterben zu tun« unterbrach ihn
Herrmanns Freund »Ich weiß besser woran unser Jahrhundert krank liegt an der
Menge von Genies Die Genies haben die Sitten verderbt alle Wissenschaften in
Verachtung gebracht und sind die Ursachen unserer itzigen Unwissenheit in der
Philosophie Hätten wir nichts vom Genie in Deutschland gehört und gesehen so
würde auch die Philosophie noch so viel gelten wie vormals«
A Ach mit Ihrer Philosophie Diese könnten wir wohl entbehren aber wo
Kritik und Philologie nicht mehr im Werte sind da sind die Menschen der
Barbarei nahe
B Die Philologie und Kritik Was Sie sich einbilden Die Wortklaubereien
hätten immerhin niemals auf der Welt sein mögen aber die Theologie das ist der
Brunnquell aller Künste und Wissenschaften wenn diese in Verfall gerät dann
werden aus den Menschen Bruta
C Ei gehorsamer Diener Ich dächte auf die Jurisprudenz käme wohl mehr an
als auf die liebe Theologie wo die echte elegante römische Jurisprudenz keine
Liebhaber mehr findet da ist alles vorbei und nach ihr setze ich die Medizin
denn sie errettet vom Tode
D Ja wenn man Spinnen verschluckt hat Ihr seid alle nicht auf dem rechten
Flecke Der übrige Plunder alle kann zugrunde gehen aber wenn die Philosophie
sinkt dann entsteht allgemeine Finsternis Außer der Philosophie ist alles
Schnurrpfeiferei
»Das sagt ein Narr« riefen die andern drei in einem Tempo
»Woher wüsste denn die Philosophie so viele Sachen wenn ihr meine
Wissenschaft nicht hilfe« sprach der Teolog »Sie weiß nichts von guten und
bösen Geistern«
Auf dies Wort fielen die andern drei mit vereinten Kräften der Lunge über
ihn her Der Philolog bewies aus griechischen Redensarten dass diese beiden
Benennungen nur Namen und keine Wesen wären der Jurist leugnete ihre Existenz
schlechtweg ohne Gründe und der Philosoph höhnte den Theologen als einen
abergläubischen Schwachkopf mit seinen bösen Geistern aus alle redeten zugleich
mit wüstem Geschrei dass Gläser und Fenster klangen und der arme kleine
Teolog da er von drei so beissigen Disputanten zugleich angebellt wurde wusste
sich nicht anders zu helfen als dass er alle seine Gegner in den Bann tat »Ich
möchte« schrie er mit lauter Stimme »dass den Augenblick der Teufel käme und
euch alle holte alsdann würdet ihr wohl an ihn glauben« Nicht lange nach
dieser Appellation an den Herrn selber den der Streit betraf geschah plötzlich
vor der Tür ein entsetzliches Getöse als wenn ein Stück Mauer einstürzte
schnell verstummte die Disputation alle zitterten und bebten und stunden
eingewurzelt da ohne einen Schritt von der Stelle zu wagen Dass einer die
Ursache des Schreckens hätte untersuchen sollen war gar nicht zu erwarten der
Lärm geschahe zum zweiten Male und es schlug sogar etwas heftig an die Tür an
als wenn der Erzfeind mit Schwanz und Klauen leibhaftig schon in der Stube
stünde purzelten alle vier mit übereilter Hastigkeit in die Kammer hinein und
schlossen sie fest zu Herrmann ob er gleich nie eine Akademie besucht hatte
öffnete die Stubentür und entdeckte bei dem ersten Blicke die Ursache des
Schreckens der Tür gegenüber ruhte auf zween Balken ein paar Ellen über den
Fußboden erhaben ein Holzschrank in welchem der kleine übelgetürmte Haufen
eingestürzt und zum Teil an die Stubentür herübergerollt war Er teilte den vier
verschlossnen Flüchtlingen seine Entdeckung mit und konnte sie mit großer Mühe
bewegen das Holz selbst in Augenschein zu nehmen sie kamen dicht
hintereinander heraus ein jeder hielt des andern Rockzipfel alle gestunden
das Phänomen zu aber die Ursache Herrmann gab eine sehr natürliche an dass
das Holz schlecht gelegt gewesen sei und der Jurist und Philolog pflichteten
ihm insofern bei weil sie es überhaupt nicht für nötig hielten sich um die
Ursache eines Dinges zu bekümmern »An solchen Unfällen ist nichts als die
Ignoranz schuld« setzte der Philolog hinzu »hätten die Holzhauer Griechisch
gelernt so wüssten sie dass die Figur eines großen Delta D die vollkommenste
zum Holzlegen ist« So leicht sich diese beiden beruhigten so schwer konnten
es die übrigen beiden der Teolog ahndete gewisse ausdrückliche Veranstaltungen
der Vorsicht um seine rechtgläubige Meinung durch ein Zeichen zu bestätigen
und der Philosoph da er mit der Zentralkraft nichts ausrichtete war nicht
ungeneigt eine eigne holzbewegende Kraft zu erschaffen Sie disputierten
unendlich lange und mit vieler Heftigkeit jeder widerlegte den andern ohne dass
er ihn seine Meinung völlig vortragen ließ fast mit jedem Worte kamen sie
weiter vom Ziel ab und taten so starke Märsche durch alle Nebenwege und
Schleifpfade dass sie in einer Viertelstunde von der holzbewegenden Kraft schon
bei dem Leben nach dem Tode waren Sie kamen beide die erste Übereinstimmung
während der ganzen Unterredung in den Klagen über die Mühseligkeiten dieses
Jammertals überein und der Philosoph wusste keine bessere Kur dawider als sich
durch einen herzhaften Tod den Weg daraus zu öffnen hier schied sich sein
Gegner plötzlich von ihm und bestritt seine gewagte Meinung mit allen möglichen
theologischen Gründen doch jener ohne seine Einwürfe zu achten fuhr
ungehindert fort und untersuchte schon welches die bequemste Art des Todes sei
um sich von der Last des Lebens zu befreien und war für das Kehlenabschneiden
ungemein eingenommen »Was ist es denn« sprach er und zog ein Messer aus der
Tasche »Ein herzhafter Schnitt und man ist weg« Der andre bat ihn zitternd
das mörderische Gewehr einzustecken und da er aller Warnungen ungeachtet in
der Hitze womit er die Leichtigkeit eines solchen Todes verfocht die blinkende
Klinge sehr oft der Kehle näherte welches aber bei ihm nur eine Gestikulation
war so glaubte der andre in seiner hypochondrischen Einbildung dass er sich
im Ernste entleiben wollte schrie auf warf sich in Herrmanns Arme und bat ihn
inständigst die Untat zu verhindern dass sie nicht auf seiner Stube geschehe
Der Philosoph lachte seiner und der zwei andern die furchtsam aus dem Winkel
nach ihm hinschielten und jeden Augenblick den tödlichen Streich erwarteten er
steckte das gefährliche Werkzeug wieder ein die Flüchtigen versammelten sich um
den Tisch und jeder machte die weise Anmerkung dass man mit dergleichen
abscheulichen Dingen nicht scherzen müsse Der Verteidiger des Selbstmords der
vielleicht nicht das Herz gehabt hätte einem Sperlinge das Leben zu nehmen war
in diese Materie so verliebt dass er sie sogleich wieder fortsetzte ein jeder
wusste ein Histörchen von einem Selbstmorde man erzählte nach der Reihe herum
je schauderhafter je lieber Die Dämmerung nahte sich und die ganze
Gesellschaft hatte sich ihre Einbildung mit so schreckenden Bildern erfüllt dass
sie alle wie festgemacht am Tische saßen keiner wagte einen Blick hinter sich
in die finstre Stube die Furcht band endlich auch die Zungen Licht zu
bestellen wäre keinem einzigen möglich gewesen und Herrmann wollte sich
eigenmächtig nicht dazu erbieten weil er die Gelegenheit des Hauses nicht
kannte Sie schnaubten kaum machten die Augen zu und schliefen alle viere ein
dass sie schnarchten Herrmann dem die schnarchende Musik lästig wurde schlich
sich leise zur Tür hinaus und ging nach Hause
Den folgenden Tag erfuhr er dass die Gesellschaft bis gegen zehn Uhr
zusammen geschlafen hatte Als einer nach dem andern erwachte fürchtete sich
ein jeder vor den Augen der übrigen die ihm in der Dunkelheit zu brennen
schienen der Philosoph ermannte sich zuerst und suchte ein altes Feuerzeug
schlug an er lief mit dem brennenden Schwefel in der Hand herum um den
Leuchter zu suchen und da er von ungefähr nach dem Tische blickte und die drei
Gesichter seiner Freunde sah auf welche das blaue Schwefellicht einen blassen
totenähnlichen Schein warf dass sie in der Dunkelheit drei Leichen zu sein
schienen warf er vor Schrecken den Schwefel auf die Erde flüchtete in die nahe
Kammer legte sich wohlbedächtig auf das Bette und schlief sehr bequem während
dass der Wirt mit den übrigen beiden Gästen am Tische übernachtete
Zweites Kapitel
Für einen Menschen der wie Herrmann so viele eigne Ursachen zur Betrübnis
hatte war solche traurige Gesellschaft ein wahres Verderben gleichwohl ging er
ihr nach und hätte sie um alles in der Welt nicht gegen bessere vertauscht sie
harmonierte zu sehr mit der Stimmung seiner Seele um nicht Nahrung für seinen
Kummer in ihr zu suchen
Nicht bloß Unglück der Liebe nicht bloß Ungewissheit wegen Ulrikens
Schicksal nicht bloß Reue über seine verliebte Übereilung nicht bloß die
Unmöglichkeit einer Verbindung mit ihr quälte ihn itzo mehr sondern das
schrecklichste Übel das einen Menschen von Herrmanns Denkungsart bedrohen kann
der Mangel Seine kleine Barschaft die er von Berlin mit sich brachte war
teils auf der Reise teils bei seinem Aufenthalte in Leipzig weggeschmolzen er
hatte kein gelehrtes noch mechanisches Handwerk gelernt um sich seinen
Unterhalt zu verschaffen zu den Arbeiten die er hätte verrichten können
raubte ihm der Gram Lust und Kräfte mit seinem einzigen Freunde mit
Schwingern hatte er sich auf Vignalis Antrieb entzweit und wagte es nicht ihm
seinen Aufenthalt zu entdecken aus Furcht er möchte seine Drohung wahr machen
und ihn in die Hände des Grafen zur Bestrafung für seinen unverschämten Brief
liefern von seinen Eltern wenn er auch seinen Vater nicht durch die schnöde
Behandlung in Berlin beleidigt hätte konnte er keinen Beistand erwarten die
Rache des Grafen musste er täglich fürchten also ohne Rettungsmittel ohne
Freund unter Furcht Qual und Kummer saß er da in einer unbekannten Stadt unter
unbekannten Menschen die von ihm gewinnen wollten und sein ganzes Vermögen
waren zween Louisdor Hunger war seine kleinste Sorge aber sich ohne Schande
aus einer so kritischen Lage herauszuziehn das war sein Anliegen er überlegte
so oft und vielfältig auf allen Seiten was er tun sollte dass ihm von der
Unmöglichkeit sich zu retten wie vor einem Abgrunde schwindelte Das Rosental
wurde der Vertraute seines Schmerzes aber meistens um ihn zu mehren jedes
Paar das vertraulich nach geendigter Arbeit dem Vergnügen in Gohlis zueilte
erinnerte ihn an eine Glückseligkeit die ihm fehlte So könntest du dachte
er jetzt mit Ulriken dahinwandeln wenn Vignalis Anschlag vollzogen worden wäre
so nach der Mühe des Tags die Ruhe am Arme der Liebe genießen O wärst du einer
von diesen Glücklichen die Leben und Vergnügen durch die Arbeit ihrer Hände zu
erkaufen wissen Er wollte dem beneideten Anblicke in Nebenpfade entfliehen
und kam immer wieder auf den Hauptweg zurück um sich neuen Stoff zum
Missvergnügen zu holen er hörte die fröhliche schreiende Tanzgeige das
schallende Horn und das laute Gewühl der Freude o wie eilte er der brausenden
Mühle zu für ihn ein viel harmonischer Getöse und mit weitem Umwege entging er
der Freude durch einsame menschenlose Gänge Das absterbende Laub die
abgemähten Wiesen der herannahende Tod der Natur den die herbstliche Szene
allenthalben ankündigte waren reizende Bilder für seine Melancholie die
halbentblätterten Bäume wurden seine Freunde die mit ihm zu empfinden schienen
weil sie mit ihm um sich selbst trauerten
In einer der finstersten Launen kam er eines Abends von einem solchen
Spaziergange zurück und auf der Stube warteten schon ebenso finstre Gedanken
auf ihn als er mit sich brachte Er wollte kein Licht lehnte sich in der
Dunkelheit mit dem Rücken ans Fenster und tat was er immer tat sann auf
Rettung und fand keine
»Ist es möglich« fing er endlich mit gerungnen Händen an »also ist leben
wirklich eine so schwere Kunst als mir Schwinger oft sagte Unter einer solchen
Last von Unglück den Atem nicht zu verlieren das erfodert Riesenstärke Aber
wenn doch leben unser Beruf auf der Erde ist warum muss dieser Beruf so sauer
sein Hätte mich die Natur zum Bösewichte oder zum Niederträchtigen gemacht
wohl mir Ich dränge mit einem schlechten Wagestücke das mir Leben oder Tod
brächte hindurch raubte oder betröge um reich oder geköpft zu werden aber
die Natur gab meinem Gewissen eine Stimme und legte in mein Herz die Ehre die
mich bei jedem Schritte nicht bloß vor Schande bei den Menschen sondern auch
vor der Schande bei mir selbst warnt ein edles aber fürwahr auch ein lästiges
Geschenk Kämpfe mit Unglück Kummer und Mangel gebietet das Schicksal rette
dich aus dem Kampfe will die Natur übersteh ihn ohne Schande oder komme
darin um verlangt Gewissen und Ehre ist das nicht das Leben eines
Missetäters der auf der Folter liegt und nach allen Seiten hingezerrt wird Der
Elende muss zerspringen und den Geist aufgeben wehe ihm wenn er ihn langsam
aufgibt«
Nach einer Pause die schwarze Bilder und ängstigende Empfindungen
ausfüllten begann er wieder »Sollte denn wahrhaftig wie meine Freunde neulich
unter sich stritten dem Unglücklichen verboten sein sich den Weg aus dem
Labyrinthe gewaltsam zu öffnen Wenn ich nichts Böses noch Entehrendes tun soll
und gleichwohl meine Rettung aus dem Unglücke nicht anders geschehen kann ist
es nicht doppelte Pflicht mir selbst die Versuchung zu einem entehrenden
Rettungsmittel abzuschneiden Was lehrte mich Seneca Was tat Kato um der
Schande zu entgehen Er wählte den kleineren Schmerz um dem größeren
auszuweichen Was kann ein Mensch wie ich der sich durch ein Verbrechen an der
Tugend versündigt hat anders erwarten als die tiefste Schande Beginnt nicht
meine Strafe schon Kann die Gerechtigkeit die mein Schicksal regiert härter
strafen als dass sie mir alle Mittel benimmt der geschändeten Unschuld nur das
kränkelnde Leben wieder zu verschaffen das man guten Ruf nennt Verschmachten
soll ich in Reue und Verzweiflung in Kummer und Mangel wie in tiefem Schlamme
mich emporarbeiten wollen meine Kräfte langsam verzehren bis das Ästchen
woran ich mich halte zerbricht mich sinken lässt und das eindringende Wasser
den schwachen Atem erstickt Tut ein Verbrecher nicht den Willen der
Gerechtigkeit wenn er eine Strafe beschleunigt die ihn spät aber gewiss
treffen soll Menschen strafen mit einem Schwertschlage und eine Gerechtigkeit
wovon die unsrige nur ein Schatten ist sollte mit zehntausend Streichen mit
langsam entseelenden Stichen mit verwundenden und allmählich tötenden Schnitten
wie der grausamste Hurone strafen Nein sie will durch kein Wunder töten das
junge feste Leben widersteht ihrer Hand was tut also der Verbrecher als dass er
ihrer Hand seine eigne leiht und das Urteil ausführt das sie gern gleich
vollstrecken möchte aber nicht anders als langsam vollstecken kann Meine
Tätigkeit ist in der Blüte verwelkt für das Vergnügen bin ich tot für
Geschäfte erstorben ein wahres Flickwort im Ganzen des menschlichen Lebens in
Schande bei mir selbst versunken der Schande vor den Menschen nahe jeden
Augenblick in Gefahr von Mangel und Kummer wenn sie Gewissen und Ehre
allmählich einschläfern zu Verbrechen und entehrenden Handlungen hingerissen zu
werden an keinen Freund keine Familie nur an eine einzige Seele mit einem
Faden geknüpft den das Schicksal zerrissen hat ein so unnützes Geschöpf für
jedermann entbehrlich das nichts Erhebliches tun kann noch soll elend außer
sich elend in sich elend in der Gegenwart und in der Zukunft eine Beute der
Verzweiflung wozu lebt das Die Welt verliert nichts an ihm es verliert
nichts an der Welt jeder künftige Zustand kann leicht besser sein als der
seinige welche Bedenklichkeit kann also einen Entschluss aufhalten den
Gerechtigkeit und Selbstliebe vorschreiben«
Hier stockte er seine Seele hatte sich aus dem stürmenden Gewitter in die
bange schwüle schwerdrückende Stille hineinräsoniert wo sie nichts als
Vernunft zu sein scheint aber alles was in ihr denkt und spricht ist
Leidenschaft die durch lange Gewohnheit die Miene der Vernunft angenommen hat
Es deuchte ihm als ob ein neues Licht in seinem Kopfe aufgegangen wäre kein
Tumult kein Brausen und Toben mehr in ihm Aber so kalt so vernünftig er sich
vorkam so fühlte er doch dass alle seine Glieder zitterten so richtig ihm
seine Gründe schienen so hielt er sich doch in einer misstrauischen Entfernung
von ihnen wie von neuen Bekannten denen er sich nicht so blindlings
anvertrauen möchte Je schärfer und länger er sie ansah je misstrauischer wurde
er aus dem Misstrauen wurde Angst er floh in der finsteren Stube auf und nieder
rang die Hände und schlug sie über den Kopf zusammen und immer verfolgte ihn
der fürchterliche Gedanke des Selbstmords wie eine Furie die ihn bei den Haaren
fassen wollte seine Schritte wurden immer stärker und hastiger die Angst
drückender der Unglückliche floh vor seinen eignen Gedanken wollte ein
Gespenst abschütteln das in seiner Seele saß und desto grimmiger die Zähne
fletschte je mehr er mit ihm rang
Schon eilte er nach der Tür um dem Henker seiner Seele aus der Stube zu
entfliehen die Treppe hinab und durch die Straßen zu rennen indem trat sein
kleiner Pommer der ihn zeiter bedient hatte mit einem Lichte in der Hand
herein Herrmann fasste ihn derb bei der andern und bat mit geknirschtem hohlem
Tone bei ihm zu bleiben »Lass mich nicht aus den Augen stehe dicht neben
mir lass meine Hände nicht aus den deinigen« sprach er äußerst verwildert und
bebend Der Junge wusste nicht was er denken sollte fühlte wohl an dem
einklammernden Drucke der Hand merkte auch an Miene und Ton dass sein Herr sich
in einer unbeschreiblichen Angst befand allein da er an blinden Gehorsam
gewohnt war tat er den Befehl wörtlich ohne nach der Ursache zu fragen
Herrmann setzte sich der Pommer hielt ihm beide Hände fest und sah ihm
unverwandt ins Gesicht und obgleich sein Herr als sich die Angst durch die
Erleuchtung der Szene und die Gesellschaft ein wenig milderte seinen Befehl
widerrief so gehorchte er doch dem ersten Gebote mehr als dem letzten Herrmann
sah wehmütig auf ihn und sprach »Lieber Bursch was wird aus dir werden wenn
wir voneinanderkommen sollten«
Der Pommer Was Gott will
Herrmann Bekümmert dich denn die Zukunft gar nicht
Der Pommer Die Zukunft Was ist denn das
Herrmann Sorgst du nie für morgen sondern bloß für heute
Der Pommer Nicht für morgen und auch nicht für heute Ich sorge gar nicht
Herrmann Wenn ich dir aber kein Brot mehr geben könnte oder stürbe was
dann
Der Pommer Da gibt mirs ein andrer
Herrmann Wohl dir dass du so denken kannst Also hast du niemals Unruhe
Der Pommer In Pommern nicht aber hier Wenn ich die schönen Leute in den
schönen Kleidern sehe wenn sie so fahren und reiten oder wenn ich die reichen
Leute in der großen Stube unten brav essen und trinken sehe da geht mirs
mannigmal wohl so unruhig im Leibe herum dass ich nicht auch so essen und
trinken und reiten und fahren kann Wenn mirs denn so gar zu bange wird so
pfeif ich da vergehts
Herrmann Wenn dein Pfeifen solche Kraft hat so pfeife mir doch eins vor
Der Pommer gehorchte und pfiff aus allen Leibeskräften ein Liedchen aus
seinem Vaterlande »Ich sehe wohl« sprach Herrmann nach geendigter Musik »man
muss ganz wie du denken wenn dein Liedchen die Unruhe wegpfeifen soll«
Der Pommer Ich will Ihm wohl sagen woher das bei mir kommt Sieht Er Das
Liedel pfiff ich allemal wenn mir Mutter ein Brotränftel zur Vesper abschnitt
und wenn ich das Liedel pfeife denk ich allemal an die Brotränftel und da wird
wir so wohl so wohl ich kanns Ihm gar nicht sagen
Herrmann O gehe den Augenblick wieder nach Pommern wenn das Wohlsein dort
so wohlfeil ist Geh in dein Vaterland zurück Ich kann dich unmöglich bei mir
behalten
Der Pommer Warum denn nicht
Herrmann Ich werde Leipzig verlassen
Der Pommer So geh ich mit
Hermann Aber mein Geld könnte alle werden und wir müssten dann beide
zusammen hungern
Der Pommer Da bettle ich und bring es Ihm
Herrmann Oder ich könnte sterben
Der Pommer Er wird ja nicht Mutter sagte immer wenn man stirbt ist man
tot Er wird nicht sterben dazu ist er viel zu jung
Herrmann Der Kummer frisst auch ein junges Leben du Glücklicher weißt
nicht was Kummer ist
Der Pommer Wenn Er Kummer hat ich will Ihm eins pfeifen da vergehts
Wenn Er stürbe da legt ich mich zu Ihm in den Sarg da schmeckte mir
zeitlebens Essen und Trinken nicht mehr Sieht Er Mutter hatte einmal eine
Gans die sie stopfte die Gans war Ihm so fett dass man seine Freude daran sah
Das wird schmecken dacht ich Sieht Er Da wollte Mutter die Gans schlachten
und da starb die dumme Gans und da hab ich Ihm um die Gans geflennt dass mich
der Bock stutzte Hör Er sterb Er ja nicht wie Mutter ihre Gans Ja
wahrlich wenn Er stürbe ich flennte wie um Mutter ihre Gans
Herrmann Ich beklage dass ich dir so viele Treue nicht belohnen kann Deine
Treuherzigkeit verdient dass ich aufrichtig gegen dich bin Mein Geld ist alle
ich kann dich nicht länger ernähren
Der Pommer Da sorg Er nur nicht die Leute werden mir schon geben und was
sie mir geben das soll Er alles kriegen Ich gehe nicht von Ihm dass Ers nur
weiß
Herrmann Geh wieder nach Pommern da bist du am glücklichsten wo du nur
ein Brotränftchen dazu brauchst
Der Pommer Ich gehe nun nicht das sag ich Ihm Ich bleibe bei Ihm bis in
den Tod
Herrmann Bis in den Tod Vielleicht kommt dieser gute Freund bald und
führt mich aus meinem Unglücke heraus Wie glücklich bist du dass du dir so eine
traurige Hilfe nicht wünschen darfst
Der Pommer Ach ich habe mir auch schon einmal den Tod gewünscht aber ich
bin deswegen nicht gestorben Vater schlug mich alle Tage so gottsjämmerlich
dass mir der Rücken platzte Sieht Er Da ging ich heraus aufs Feld zum Schäfer
und sagte »Mattis schlagt mich tot Vater bleut mich gar zu sehr« Da sagte
der Schäfer »David bist ein Narr Wenn du tot bist schmeckt dir kein Bissen
mehr gut« Da sagt ich zum Schäfer »Mattis du sollst mich totschlagen«
»Das tut weh« sagte Mattis »wir wollen uns lieber ersäufen Ich hab es schon
gestern tun wollen meine Frau bleut mich wie ein Dreschflegel aber ich habe
mirs erst überlegt eh ichs tue ich habe da eine schöne Wurst die möcht ich
dem Wetteraase doch nicht gönnen sie ist dir gar zu schön ich kanns gar nicht
übers Herz bringen dass ich sie anschneide Weißt du was David wir wollen sie
zusammen essen und hernach ersäufen wir uns« Da holte Mattis eine große
unbändige Wurst aus dem Schubsacke dass ich nicht lüge sie war Ihm bei meiner
blutarmen Seele wohl so dick wie mein Arm eine recht unbändige Wurst und da
setzten wir uns hin und schnabulierten dass einem das Herz im Leibe lachte Da
fing Mattis an »David es schmeckt gar zu gut hol mich der Teufel ich kann
mich nicht ersäufen« Und da sagt ich »Bei meiner blutarmen Seele ich auch
nicht und wenn mir Vater alle Rippen zerbleute« Da sprach Mattis »Wer gäb
uns denn im Wasser so schöne Würste David wir wollen uns bleuen lassen Alle
Tage Schläge und mannigmal so ein Stückchen Wurst ist doch besser als keine
Schläge und keine Wurst Man wird das Unglück gewohnt Nach einer Tracht Schläge
schmeckts noch einmal so gut« »Das sag ich auch« sprach ich und da ging
ich heim und ersäufte mich nicht und ließ mich Vatern bleun soviel er wollte
und da wurd ichs gewohnt und da tat mirs nicht mehr weh und ich kanns Ihm
gar nicht sagen wie mirs seitdem gut geschmeckt hat Der Mattis war Ihm ein
recht gescheiter Kerl Nun bereut ichs schön wenn ich mich damals ersäuft
hätte Herr soll ich Ihm etwas zu essen holen
Herrmann Ja David bringe mir ein Stück von Mattis Wurst
Der Pommer Hol mich alle wenn wir die noch hätten Da sollt ihm das
Sterben schon vergehen Wenn Ihm nicht so recht lustig um den Kopf ist so sag Er
mirs nur da pfeif ich Ihm mein Liedel und da vergehts
Herrmann So musst du mich erst lehren bei einem Brotränftchen glücklich zu
sein
Der Pommer Das lernt sich bald und wenn Er kein Geld hat da müssen mir
die Leute geben und ich brings Ihm und wenn Er sterben will da hol ich Ihm
etwas zu essen
Herrmann wurde durch die genügsame zufriedne Philosophie des Burschen
beschämt er tadelte sich dass ein so dummes Geschöpf mehr Standhaftigkeit haben
sollte das Unglück zu ertragen als er und fand in der Anmerkung des Schäfers
»man wird das Unglück gewohnt« einen Schatz von Weisheit die ihn weder der
Umgang mit seinen gelehrten Freunden noch sein eigenes von der Leidenschaft
bestochnes Nachdenken so anschauend gelehrt hätte Zwar kamen die vorigen trüben
Gedanken in der Nacht etlichemal zurück und der Stolz sophistizierte Mattis
Philosophie oft danieder allein der nämliche Stolz der ihm den Mangel an Gelde
als einen unerträglichen Schandfleck vorstellte malte ihm nunmehr den Mangel an
Standhaftigkeit und die Verzagteit im Unglücke als einen noch größeren
Schandfleck ab Wie die Sonne wenn sie über dem gesunknen Nebel hervorsteigt
erhub sich den Morgen darauf seine Seele über die gestrigen düstern Gedanken
die Mutlosigkeit schien ihm so entehrend klein und die Stärke des Geistes in der
Widerwärtigkeit so erhaben dass er sich beinahe über seine Verlegenheit freute
weil sie ihm Gelegenheit gab sich selbst durch Mut und Klugheit zu gefallen In
seinem Kopfe hatten jetzt alle Gedanken eine andre Beleuchtung jedes
Rettungsmittel das ihm sein bisheriger Unmut für verwerflich und unrühmlich
erklärte schien ihm itzo wünschenswert oder doch nicht schimpflich nachdem
seine Rettung einmal eine Sache der Ehre für ihn geworden war Er nahm sich vor
noch denselben Vormittag an Schwingern und Vignali zu schreiben suchte unter
seinen Briefschaften Papier und siehe da unter dem Suchen fällt ihm Ulrikens
Schattenriss den er einmal in einer eifersüchtigen Laune dem Mr de Piquepoint
in Berlin raubte in die Hände er erschrak verweilte dabei und je mehr er die
sanfte Physiognomie ansah je mehr schämte er sich seiner gestrigen Melancholie
Gedanke holte Gedanken Empfindung Empfindung herbei und in wenigen Minuten
stand er im vollen Feuer verliebter Begeisterung das Bild schien seinem
Ehrgeize zu sagen dass er für Ulriken Ungemach leide und überstehe ihre Lippen
befahlen ihm jedes Mittel zu versuchen um einen an ihr begangnen Raub wieder
zu vergüten was ihm gestern Verbrechen schien war ihm heute Übereilung und
fast war ihm die Übereilung lieb weil sie ihm eine so wünschenswerte Vergütung
auferlegte Alles ging ihm leicht alles hurtig von der Hand er schrieb an
Vignali meldete ihr die Entfernung der Madam Lafosse von Leipzig und seine
daher entstandne Verlegenheit und ersuchte sie um ihren Rat besonders um
Nachricht von Ulriken An Schwingern schrieb er gleichfalls berichtete ihm die
Veranlassung zu seinem trotzigen Briefe aus Berlin bat ihn um Verzeihung Rat
und Beistand und bezeugte da er sich in dem Sitze einer Universität aufhielt
ein großes Verlangen zu studieren doch war er auch bereit den Vorschlag den
er in Berlin von sich gewiesen hatte nunmehr anzunehmen wenn Schwinger ihm
mehr dazu riete als zum Studieren Alles ernste und feste Vorsätze
Er hoffte dass Schwinger seinen Plan sich einer Wissenschaft zu widmen
nicht nur billigen sondern ihm auch einen Zuschuss dazu geben werde die noch
fehlenden Bedürfnisse dachte er sich durch Arbeiten zu gewinnen und wenn es
auch durch Informieren geschehen müsste keine sollte ihm zu gering keine zu
beschwerlich sein um am Ende seiner akademischen Laufbahn Ulriken einen so
hohen Preis zu erlangen Er sann zu welcher Fakultät er sich schlagen wollte
und wählte die juristische »Wer weiß« sagte er sich »welchen hohen Posten ich
durch Fleiß und Anstrengung erringen kann der mich Ulriken mit Ehren besitzen
lässt ohne dass sich ihre Anverwandten meiner zu schämen brauchen« Mit
ungeduldiger Hitze eilte er diesem glücklichen Zeitpunkte auf den Flügeln der
Liebe schon entgegen wollte seine Wissenschaft nicht bloß lernen sondern
verschlingen und deswegen während seiner ganzen Studierjahre niemals mehr als
fünf Stunden schlafen und zum Vergnügen nicht eine Minute verschwenden Bücher
sollten sein einziger Umgang und Studieren seine einzige Beschäftigung sein Wie
kränkte es ihn dass er nicht auf der Stelle gleich Instituten und Pandekten wie
eine Tasse Tee hinunterschlucken konnte
Drittes Kapitel
Die Philosophie seines Pommers und Ulrikens Schattenriss schienen ihm seine
vorige Tätigkeit wieder eingehaucht zu haben er machte noch denselben Tag
Anstalt sich Bekanntschaften Gönner und Freunde zu verschaffen die ihm mit
Rat und Unterstützung beistehen sollten und erfuhr von seinem hypochondrischen
Freunde dass er Bekanntschaften von dieser Art in einem gewissen Italienkeller
machen könnte wo er des Abends jederzeit Leute finden würde die viel durch
Empfehlung vermöchten
Wie dauerte ihm der Nachmittag so ewig und wie flog er sobald es dunkel
war nach dem Keller Er wagte eine halbe Bouteille Wein daran und hoffte dass
ihm diese Ausgabe durch die neuen Bekanntschaften wieder ersetzt werden sollte
Ein merkurialischer Mann von unendlichem Geschwätze sprach für die ganze übrige
Gesellschaft man fragte sich ringsherum zischelnd wer der Fremde wäre selbst
der Schwätzer hielt mit seiner Predigt inne und da Herrmann ein Kleid mit einer
schmalen Tresse trug wurde die Neugierde so allgemein rege dass man
schlechterdings dahinterkommen wollte Ein junger Kaufmann redete ihn an gab
ihm seine Adresse und erbot sich ihn mit allen seinen Waren die er nach der
Reihe hersagte zu bedienen Herrmann dankte sehr freundlich »Sie wollen hier
studieren« hub der Sprecher der Gesellschaft an die Frage wurde mit einem der
höflichsten Ja beantwortet »Kann ich Ihnen irgendworinne dienen« fuhr jener
mit geläufiger Zunge fort »so werde ich mir eine Ehre daraus machen Ich
wollte dass Sie schon ausstudiert hätten ich habe jetzt eine Versorgung für Sie
die Ihr Glück machen würde Die Kaiserin von Russland hat an mich geschrieben
ihr einen Informator für den Sohn ihrer ersten Kammerfrau zu schaffen ich
schwöre Ihnen zu Gott wer den Platz bekommt der hat sein Glück gemacht straf
mich Gott es kann ihm gar nicht fehlen Die Kaiserin ist seine Pate und hat mir
sehr viele Komplimente gemacht ich habe den Brief nicht bei mir aber ich kann
ihn zeigen sie schreibt überaus gnädig dass man sieht es muss der Dame sehr
am Herzen liegen dass ihre Kammerfrau wohl versorgt wird sie fängt ungefähr so
an Monsieur la reputation dont Vous jouissez par toute lEurope und so
weiter in diesem Tone fort Oder wäre denn das nicht etwas für Sie der erste
Kammerherr beim König in Schweden braucht einen Sekretär Sehen Sie da wäre
wieder Ihr Glück gemacht Sie dürfen ja straf mich Gott dem Herrn nur sagen
was für eine Stelle im Reich Sie haben wollen so sagt ers dem Könige und ich
weiß der König interessiert sich überaus für den Herrn er hat selbst die Gnade
gehabt mich grüßen zu lassen und empfiehlt mir die Sache wie seine eigne Ich
habe Ihre Majestät meine untertänigste Bereitwilligkeit versprochen aber noch
hab ich so wahr ich lebe keinen Menschen gefunden der so gut dafür wäre wie
Sie Sie sind gut gewachsen und Ihr Glück ist gemacht dafür lassen Sie mich
sorgen Ich pariere hundert Dukaten Sie sind in einem halben Jahre Reichsrat
oder was sie nun dort haben Nach China gehen Sie doch nicht das weiß ich schon
aber ich habe auch einen schönen Auftrag Apropos meine Herren« fuhr er in
einem Atem fort und wandte sich zur übrigen Gesellschaft »gestern hat mir die
Fürstin von ein Kompliment sagen lassen durch den Bereuter vom Hofe Dass Er
mir ja zu dem Manne geht hat sie noch aus dem Fenster nachgerufen als er
fortgeritten ist Ein halb Dutzend andre Kommissionen kann er vergessen aber
nur mein Kompliment nicht Er kam auch geradesweges vor mein Haus geritten
eh er noch in einem Gasthof eingekehrt war Der Mann hatte nun seine tausend
Freude mich zu sehen den berühmten Mann und den großen Gelehrten und was er
mir denn noch weiter für Komplimente machte er hatte gar nicht geglaubt dass
ich so aussähe wie ein andrer Mensch ich schwöre Ihnen zu Gott der Mann freute
sich wie ein Kind die Tränen standen ihm in den Augen da er Abschied nahm
Hören Sie sagte er bei Ihnen wollt ich Tag und Nacht en suite sitzen und nur
zuhören ich kann es gar nicht satt kriegen und drückte mir die Hand und da
ich ihn vollends küsste da wollt er wie von Sinnen kommen Hören Sie sagt er
das ist mir so lieb als wenn mich meine Fürstin geküsst hätte Ha ha ha ha
Er hat mir Aufträge über Aufträge mitgebracht ich weiß gar nicht wo ich
anfangen oder wo ich aufhören soll Hört Leute ich rate euch werdet nicht
berühmt Ihr denkt das ist lauter Glückseligkeit wenn man von Königen und
Fürsten bald von der schönen Dame bald von dem vornehmen Herrn Komplimente und
Aufträge bekommt aber ich schwöre euch zu Gott man wird seines Lebens nicht
froh dabei Bei Tische esse ich kaum sechs Bissen so fällt mir der Brief ein
der Henker dem Geheimerate hast du auch noch nicht geantwortet und so werfe
ich die Serviette hin und setze mich und schreibe an den Herrn Geheimerat Geh
ich spazieren so bin ich kaum vor dem Tore halt hast du die Verse nach Wien
doch vergessen gleich kehr ich wieder um und wenn andre Leute sich
belustigen und das schöne Wetter genießen da sitz ich in meinem Stübchen und
mache Verse nach Wien Apropos « womit er sich zum Kellerwirt hindrehte
»habt Ihr meine Ode auf die Leipziger Lerchen noch nicht gehört Seht Ihr
solche Oden müsst Ihr Euch ein paar Dutzend machen lassen und Sie den Gästen
vorlesen wenn sie Lerchen bei Euch essen da werden Euch die Leute den Keller
stürmen Die Gräfin war die letzte Messe hier und ließ mich zu sich rufen
sie war kaum aus dem Wagen gestiegen Des Abends konnte ich nun nicht wegkommen
das war vorbei Da die Lerchen kamen fing ich an Ihre Exzellenz ich pariere
hundert Louisdor ich bezahle Ihnen die Lerchen teurer als sie Ihnen der Wirt
anschreibt Wieso fragte sie Ich pariere tausend Dukaten ich gebe Ihnen
so viel Verse dafür als sie alle zusammen Krallen an den Füßen haben Sie
wollte das sehen Ich sagte Haben Sie nur die Gnade mich fünf Minuten ins
Nebenzimmer gehen zu lassen Ich ging und hört ihr Leute in fünf Minuten
komme ich mit fünfzig Versen zurück dass die Dame ganz erstaunt ist Hören Sie
sagte sie ich lasse Sie nicht mehr mit mir essen Sie müssen hexen können ich
habe Sie zwar für einen sehr großen Mann gehalten aber so etwas ist mir doch
nicht vorgekommen Da ich ihr nun vollends meine Verse vorlas da ging das
Erstaunen erst recht an da wollte die Dame gar nicht aufhören zu lachen es tat
mir selber leid um sie denn sie ist sehr korpulent und wollte nun gar nicht
wieder zu sich kommen Noch bei dem Abschiede fing sie wieder an und drückte mir
die Hand sehr gnädig Ach Sie sind ein scharmanter Mann ein gar
allerliebster Mann man möchte sich bucklicht über Sie lachen und solange ich
hier bleibe dürfen Sie gar nicht von meiner Seite kommen Sie müssen jeden
Morgen den Tee bei mir trinken und hernach nehm ich Sie in Beschlag und lasse
Sie nicht von mir bis zum Schlafengehn Ich sagte Ihre Exzellenz es ist mir
eine hohe Gnade aber meine vielen Geschäfte es warten wenigstens dreißig
Briefe auf Antwort und die Welt will doch auch befriedigt sein ich lebe doch
einmal für die Welt Ach Sie haben genug für die Welt gelebt leben Sie nun
einmal auch acht Tage für mich Straf mich Gott Sie hat mich des Morgens
durch die Heiducken mit der Portechaise holen und des Abends wieder nach Hause
bringen lassen darüber hab ich nun alles versäumt und kann diesen Winter mit
meinen Briefen nicht fertig werden da liegen an hundert zu Hause Ja denk ich
wenn ich sie sehe ihr werdet lange liegen müssen ehe die Reihe an euch kommt
Stille ich will euch meine Ode vorlesen«
Auf die Ankündigung hub sich einer nach dem andern in der Gesellschaft
empor um sich in die andre Stube zu begeben allein der Deklamator stellte sich
vor die Tür »Ihr wärt nicht wert dass euch die Sonne beschien wenn ihr meine
Ode auf die Leipziger Lerchen nicht anhörtet« sprach er und trieb sie an den
Tisch zurück Sie mussten sich dem Zwange unterwerfen er räusperte sich gebot
allgemeine Stille und hub an
»Wie wenn im Ozean die hocherhabnen Wellen
Mit grimmig wilder Wut bis zu den Sternen schwellen
Wie wenn ein schwarzer Sturm den Nationen Tod
Und steilen Felsen Angst und bange Schmerzen droht
Die Stelle hab ich dem Virgil gestohlen aber dieser römische Homer könnte sie
nicht herrlicher ausdrücken wenn er deutsch schriebe Ich will euch die Stelle
einmal vorlesen sie ist überaus prächtig aber straf mich Gott sie hat in
meiner Ode nichts verloren« Er holte stehenden Fußes einen Virgil aus der
Tasche las die Beschreibung eines Sturms vor und übersetzte und erklärte die
Schönheiten derselben mit der wortreichsten Beredsamkeit doch jederzeit mit
einer Wendung dass Virgil einen Grad unter seiner Ode blieb Die Gesellschaft
schlich sich einer nach dem andern in die andre Stube auch Herrmann folgte
dem Beispiele und der erzgelehrte Mann las den stummen Kellerwänden bald ein
Stück aus seiner Ode bald ein Stück aus dem Virgil oder Horaz in einem
unaufhaltsamen Fluße vor stürzte mit seinen fechtermässigen Gebärden ein paar
Gläser zu Boden und wurde nicht gewahr dass er sich selbst predigte bis ein
Fremder zur Tür hereintrat »Setzen Sie sich Setzen Sie sich« rief ihm der
Deklamator entgegen es war ein guter ehrlicher Wollhändler der sich etwas
langsam bewegte und da er nicht gleich gehorsamte wurde er mit gewaffneter
Faust niedergestossen »Sind das Zeitungen« fragte der Wollhändler phlegmatisch
»Ja mein lieber Freund« antwortete der quecksilberichte Poet lachend
»Zeitungen aus dem Parnass Ihm zu Gefallen will ich wieder von vorn anfangen«
Der Wollhändler horchte einige Zeit zu allein da ewig nichts von Spaniern
Franzosen oder Engländern kommen wollte zog er gähnend sein Taschenbuch hervor
und rechnete seine Bestellungen und Wechsel durch Der begeisterte Dichter ward
über seine Verachtung grimmig riss ihm mitten im Lesen das Taschenbuch weg und
warf es unter den Tisch dass die Zettelchen wie Schneeflocken herumflogen Der
erstaunte Wollhändler wusste lange nicht wie ihm geschah endlich da jener
ungestört fortlas fasste er ihn bei der Krause schüttelte ihn und sprach die
drohende Peitsche in der Hand »Den Augenblick les Er mir meine Zettel auf oder
der Teufel soll ihm das Licht halten«
Der Deklamator Herr hab Er Respekt vor den Musen und ihren Schwestern den
Grazien
Der Wollhändler Was geht mich alles das Lumpengesindel an Weiß Er wohl
dass Er hier viele tausend Taler unter den Tisch geworfen hat die Er zeitlebens
nicht bezahlen kann
Der Deklamator Er ist ein roher Mann Straf mich Gott Er glaubt wohl gar
dass seine Zettel mehr wert sind als meine Ode
Der Wollhändler Das denk ich Für Seine purpurroten und hochgetürmten
Quodlibets geb ich Ihm nicht einen Quark aber mein Taschenbuch ist viele
tausend Taler wert Den Augenblick les Er auf
Der Deklamator Ich pariere hundert Dukaten Er weiß nicht wen Er vor sich
hat Ich bin der große Solstizius Untertäniger Diener
Der Wollhändler Blitz das ist ja wohl der Stizius der mich nun sechs
Messen her nicht bezahlt hat Gut dass ich dich habe He da
Der Wollhändler rennte ihm nach aber der große Solstizius war entwischt
und er musste sich bequemen seine papiernen Reichtümer selbst aufzulesen
Hinterdrein erfuhr er dass dieser Mann nicht der Tuchmacher Stizius sein übler
Bezahler sondern nur ein egoistischer Windbeutel sei und Herrmann wurde von
einem artigen bescheidenen Manne gewarnt sich nicht mit dem Aufschneider
einzulassen »Wenn Sie Rat oder Unterstützung brauchen« sagte er »so wenden
Sie sich an und diese Männer dienen gern soviel sie vermögen und tun
ohne Prahlerei alles dessen sich dieser Windbeutel berühmt« Herrmann nahm
den Rat um so freudiger an da er schon bei dem ersten Anblicke das nämliche
Urteil über den Mann bei sich gefällt hatte und trank eben das letzte Glas von
seinem Weine als sich ein anständig gekleideter Mann in seine Bekanntschaft
einführte ihn nach einigen Wendungen des Gesprächs um seine Freundschaft
ersuchte und morgen zu Mittag zu sich zu Tische bat Herrmann nahm die Partie
an
Die Gesellschaft bestund aus sechs Personen und der Wirt führte das Wort
ein Mann von einer unendlichen aber verworrenen Einbildungskraft und einem
unpolierten Witze der in einem Atem von Grönland nach Ostindien vom Grosssultan
auf den Bullenbeisser Sultan vom Koeurbuben zu dem Mann im Monde hinübersprang
die übrigen aßen und schwiegen und bezahlten ihm die Mahlzeit mit unaufhörlichem
bewunderndem Lachen über seine phantastischwitzigen Seiltänzersprünge Nach
Tische hatte oder gab jedermann Langeweile vor und der Wirt trug auf ein
Spielchen an Herrmann wollte sein kleines Vermögen nicht daran wagen und machte
sich unter dem Vorwande los dass er kein Spiel verstünde man ließ ihm seine
Freiheit ohne ihm mit einem einzigen Worte zuzureden Als der Spieltisch schon
zur Quadrille in Bereitschaft war fing einer nach dem andern an Quadrille
langweilig zu finden und den lebhaftesten Widerwillen dagegen zu bezeugen »So
wollen wir eine kleine Bank machen« schlug der Wirt vor die meisten schrien Ja
und lobten ihn über einen Einfall auf welchen sie nie verfallen wären und der
übrige Teil willigte halb gezwungen aus bloßer Höflichkeit darein Einer
erzählte dass er nun in einem halben Jahre nicht Pharao gespielt habe der andre
musste erst überrechnen wie lange er nicht dabei gewesen war ein dritter
brachte zwei Jahre heraus dass er keine Karten in einem Hasardspiele angerührt
hatte und der vierte musste sich erst besinnen wie man es spielte Der Wirt
wurde Bankier und Herrmann ebenso eingeladen wie vorhin als wenn es gar nicht
auf ihn abgesehn wäre er bat dass man ihm erlaubte vorjetzt ein wenig zuzusehn
und es wurde ohne alle Schwierigkeit in sein Belieben gestellt Man spielte
äußerst niedrig der Bankier verlor fast jedes Blatt das er umschlug Herrmann
als er so gewinnen sah bekam keine kleine Lust mit zu gewinnen und da der
höchste Satz nur zwei Groschen sein sollte und also die Gefahr so sehr klein
war so konnte er unmöglich der Versuchung widerstehen sein Glück auf die Probe
zu stellen Sobald er Anstalt machte zu setzen wollte man aufhören und nur aus
Höflichkeit gegen ihn verlängerte man das Spiel Er gewann in einem fort in der
Hitze des Glücks wurde von allen das Gesetz das den höchsten Satz bestimmte
merklich überschritten und binnen einer Stunde war die kleine Bank gesprengt
und Herrmann beinahe funfzig Taler reich Ein andrer erbot sich zwar Bank zu
machen aber niemand hatte den mindsten Appetit dazu Die Gesellschaft ging
auseinander und küsste sich so herzlich bei dem Abschiede als wenn sie in Jahr
und Tag nicht wieder zusammenzukommen gedächten Herrmann wurde von seinem neuen
Freunde auf ein Kaffeehaus eingeladen des Abends abgeholt und verlor die Hälfte
seines Gewinstes wieder so weh es ihm tat sie nicht wieder erobern zu können
weil er nicht mehr bei sich gesteckt hatte so verbiss er doch seinen Ärger und
ging mit gezwungner Mäßigung nach Hause Dreimal hatte er schon seine übrige
Barschaft in den Händen um mit ihr zum Spieltisch zurückzugehn und dreimal zog
ihn sein guter Genius warnend zurück
Der Verlust ließ ihn nicht ruhig schlafen nicht sowohl aus Eigennutz und
Gewinnsucht als vielmehr weil ihm seine Ehre beleidigt schien empfand er ihn
so hoch und beschloss noch in derselben Nacht den folgenden Tag die Hälfte
seines Restes daranzusetzen um seinen Ehrgeiz wieder zu versöhnen Er war der
erste auf dem Kaffeehaus spielte an der Bank seines Freundes den er nunmehr
aus allen Umständen für einen Spieler von Profession erkannte und gewann über
achtzig Taler Der Mann besuchte ihn den morgenden Nachmittag und erkundigte
sich mit einer Neugierde nach seiner Herkunft Familie und seinen
Vermögensumständen als wenn er ihn über Artikel verhören wollte doch auf eine
so gute Art dass er allen Schein einer lästigen Zudringlichkeit vermied Er
merkte wohl aus Herrmanns Verlegenheit und stotternden Antworten dass sein
Reichtum nicht sehr erheblich sein musste und dass er daher keine Prise war wie
er sie in ihm suchte kaum war er soweit mit seinen Fragen gekommen als er ihn
durch überhäufte Freundschaftsbezeigungen so treuherzig machte dass er seine
Verlegenheit wegen seines Auskommens in ziemlich unverhüllten Ausdrücken
gestund Der Spieler der ihn bis auf die letzte Faser ausgezogen hätte wenn er
bei Gelde gewesen wäre legte ihm eine Börse auf den Tisch »Hier mein Freund«
sprach er »spielen Sie aus dieser Börse bei welcher Bank Sie wollen den
Gewinst teilen wir den Verlust trage ich« Herrmann war über eine so
unerwartete Freigebigkeit erstaunt weigerte sich sie anzunehmen und wollte
dafür danken als sein Freund ihn mit den Worten verließ »Wir sehen einander
heute auf dem Kaffeehause«
Wer war nun froher und der Glückseligkeit näher als Herrmann Er fand in
der Börse vierzig Louisdor und war beinahe willens gewisse zweihundert Taler
besser anzuwenden als zum ungewissen Spiel allein sein Freund hatte sie ihm nur
zu diesem Endzwecke geliehen und er glaubte einen Diebstahl zu begehn wenn er
sie zu einem andern anlegte Er spielte viele Abende hintereinander mit
steigendem und fallendem doch nie mit ausgezeichnetem Glücke speiste täglich
bei seinem Freunde der eine Art von offener Tafel für den Zirkel seiner Freunde
hielt und Glück und Vergnügen verdrängten Kummer Unruhe und beinahe auch
Ulriken wenigstens dachte er nicht mit so wehmütigem Verlangen mehr an sie und
wenn es geschah tat er es mehr mit der Empfindung eines Versorgers als eines
Liebhabers Die neue Laufbahn in welche ihn die Gewinnsucht seines Freundes
hingeleitet hatte und worin ihn die Großmut des nämlichen Mannes erhielt
brachte ihn unvermeidlich auf den Plan sich auf einem so angenehmen Wege ein
kleines Vermögen zu erwerben alsdann Ulriken aufzusuchen und in einem
unbekannten ländlichen Winkel sparsam mit ihr davon zu leben Er teilte den
Vorsatz seinem Freunde mit der in vierzehn Tagen schon zu einer so brüderlichen
Vertraulichkeit mit ihm gelangt war dass keiner dem andern ein Geheimnis
verschwieg er billigte den Plan überaus und versprach alle mögliche Beihilfe
Die Freundschaft wurde noch inniger durch ein Verdienst das sich Herrmann
zufälligerweise um ihn erwarb Er hörte eines Abends ein Komplott wider seine
Bank machen die die Zusammenverschwornen schlechterdings sprengen wollten er
benachrichtigte seinen Freund davon dass er die nötigen Maßregeln dawider nehmen
konnte und aus Dankbarkeit versprach dieser bei dem ersten glücklichen
Streiche den er machen würde ihm zu Errichtung einer eignen Bank eine Summe zu
geben die er nicht wieder bezahlen sollte im Fall dass er unglücklich damit
wäre
Auch diese Gelegenheit erschien Einen reichen Livländer lockte man auf die
nämliche Weise ins Garn wie Herrmann gekirrt wurde da man nur sein bordiertes
Kleid und seine leere Börse nicht kannte der junge Mensch wurde durch den
kleinen Gewinst den man ihn anfangs machen ließ so hitzig und durch den
nachfolgenden Verlust so aufgebracht dass er sein Glück schlechterdings zwingen
wollte und in einem Niedersitzen alle Wechsel verlor die er in Leipzig zu
seinen Reisen nach Frankreich und England teils heben teils stellen lassen
sollte Den Tag darauf dachte er seinen Verlust einigermaßen wieder zu erobern
und verlor an einen andern Spieler um die Hälfte soviel als gestern gegen einen
Wechsel der arme Unglückliche stellte ihn mit Tränen und hätte in der Angst und
Betrübnis seine Seele verpfändet wenn es verlangt worden wäre Arnold so hieß
Herrmanns Freund ließ den jungen Menschen täglich bei sich speisen und
erlaubte ihm nicht anders als unter seiner Aufsicht zu spielen er streckte ihm
von Zeit zu Zeit einige Louisdor vor um bei andern Banken vielleicht das
Reisegeld nach Hause zu gewinnen allein das Glück blieb sein entschlossner
Feind alles Vorgestreckte ging den vorigen Weg Arnold ermahnte ihn täglich
wieder nach Hause zu reisen weil der Termin seines Wechsels bald verflossen
war »Sie kommen augenblicklich in Verhaft« sagte er ihm unaufhörlich »und Sie
haben mit einem harten geizigen Manne zu tun« Nichts half der unglückliche
Junker getraute sich nicht vor seinem Vater zu erscheinen und wusste doch auch
keine andre Partie zu ergreifen Arnold riet ihm Kriegsdienste zu nehmen
allein dazu fand er in seinem weichen zarten Körperchen nicht den mindesten
Beruf Sein Hofmeister der bei einem Freunde etliche Meilen von Leipzig zum
Besuch war getraute sich gleichfalls nicht vor einem Vater zu erscheinen
dessen ihm anvertrauter Leibeserbe alle seine Wechsel verspielt hatte und
antwortete dem jungen Herrn gar nicht auf den Brief worin er ihm seinen
Unfall klagte sondern nahm aus Verzweiflung die Flucht Über der
Unentschlossenheit des Junkers rückte der Zahlungstermin heran und was man ihm
prophezeit hatte erfolgte auch hier schlug sich Arnold ins Mittel zwang den
Gläubiger durch vieles Zureden dass er sich mit der Hälfte der schuldigen Summe
befriedigen ließ und streckte sie dem Schuldner auf einen weit hinausgestellten
Wechsel vor der junge Mensch wurde durch diese Güte so gerührt dass er einen
kleinen Ring den ihm Fräulein Renatchen zum Andenken ihrer Gewogenheit auf die
Reise mitgegeben hatte aus der innersten Beinkleidertasche zog und ihm mit
Tränen der Dankbarkeit zum Geschenk überreichte Arnold als er erfuhr welchen
Wert der Zuneigung der Ring für seinen Besitzer hatte lehnte das Geschenk von
sich ab bestellte die Post für ihn versah ihn mit Reisegeld und übergab ihn
einem livländischen Kaufmanne der ihn in die Hände des gnädigen Papas liefern
sollte Noch den Abend vor der Abreise fährt dem unbesonnenen Jünglinge der
Spielgeist in den Kopf er besaß noch zwanzig der auserlesensten
hellglänzendsten Kremnitzer Dukaten die dem teuren Kinde die gnädige Frau Mama
von ihrem Spielgelde nach und nach zurückgelegt und in einem roten sauberen
Beutelchen von Gros de Tours worauf sie mit eigener Hand das Familienwappen in
Gold stickte als einen Notpfennig auf den Weg mitgegeben hatte mit dem
Befehle diesen Schatz wo möglich unversehrt wieder zurückzubringen Um dem
Befehle desto leichter zu gehorchen nähte der Herr Sohn nach seinem ersten
großen Verluste dies Beutelchen in der linken Uhrtasche fest und glaubte dass es
der Satan selbst nunmehr nicht wegstehlen sollte auch widerstand er die ganze
übrige Zeit tapfer allen Versuchungen den Gafangenen zu erlösen sah jeden Abend
bei dem Schlafengehen danach ob seine Fesseln noch unversehrt wären und in
Gesellschaft wo er ging und stund untersuchte alle fünf Minuten seine linke
Hand das Befinden des roten gestickten Beutelchens An jenem unglücklichen
Abende führte ihn die Dankbarkeit auf das Kaffeehaus um seinen Freund Arnold
noch einmal zu umarmen Arnold warnte ihn vor dem Spiele allein er glaubte sich
über alle Reizungen erhaben und trat an einen Tisch um bloß zuzusehn da stand
er sah neidisch Summen gewinnen und verlieren und zappelte vor Begierde Bald
kraute er sich hinter dem Ohre bald nahm er den Hut ab und fächelte sich er
glühte am ganzen Leibe von dem innerlichen Kampfe seine Linke deckte
unaufhörlich das rote Beutelchen arbeitete zuweilen an den Zwirnbanden um sie
loszureißen und stund hastig wieder davon ab wenn ihm die Möglichkeit die
schönen Dukaten zu verlieren einfiel Lange drehte er sich so in dieser
ängstlichen Unentschlossenheit herum endlich gab die Leidenschaft seinem Herze
einen Stoß er foderte von dem Marqueur ein Messer trat in einen Winkel und
schnitt die ganze Uhrtasche heraus um sich nicht zu lange dabei aufzuhalten
Grinsend vor Freude trat er an den Tisch das Beutelchen in der Linken setzte
eine Maria Teresia nach der andern und verlor sie seine Dukaten waren so
hervorstechend dass ihnen der Tailleur einen besonderen Platz anwies und
jedermann mit Bewunderung nach ihnen hinblickte Itzt prangten sie alle zwanzig
vor dem Bankier dem Junker traten die Tränen vor Ärger in die Augen »So mag
der Teufel den Beutel auch holen« sprach er weinerlich nahm eine Karte und
setzte das rote Beutelchen darauf der ganze Tisch lachte der Tailleur schlug
um und mit der ersten Karte war auch das rote Beutelchen in seiner Gewalt Der
unglückliche Jüngling schlug sich an den Kopf weinte und jammerte das ganze
Kaffeehaus versammelte sich die schönen zwanzig Dukaten und das schöne
Beutelchen zu beschauen auch Arnold erschien und fragte nach der Ursache seines
Wehklagens »Ach der gnädigen Mama rotes Beutelchen« rief er unaufhörlich mit
bangem Trauertone schlug die Hände über den Kopf zusammen und stürzte sich zur
Tür hinaus Arnold lief ihm nach und wich nicht von seiner Seite bis er auf dem
Postwagen saß damit er nicht sein Reisegeld noch obendrein verspielen sollte
So handelte dieser sonderbare Mann beständig er lebte vom Raube im
eigentlichen Verstande und teilte seinen Raub mit andern die weniger hatten als
er wen er nicht plündern konnte den beschenkte er oder plünderte die Leute
und erzeigte ihnen hinterdrein die größten Wohltaten interessierte sich so
brüderlich für sie wie für diesen Junker und verschwendete durch seine
aufrichtige gutgemeinte Vorsorge oft die Hälfte der Beute wieder an denselben
Menschen dem er sie abgenommen hatte Jede Betrügerei verabscheute er im
Glücke aber in der Not war ihm keine zu verächtlich wenn sie nur ein wichtiges
Objekt betraf überhaupt konnte er nie im kleinen arbeiten und er kannte keine
andre Niederträchtigkeit als kleine Summen durch schlechte Mittel zu erobern
suchen dies nannte er Beutelschneiderei Seine größte Stärke war die Kunst
junge und alte erfahrne und unerfahrne Leute zum Spiel zu verleiten und zwar
so unmerklich dass sie die Absicht der Verleitung gar nicht argwohnten Seine
Leidenschaften waren Verschwendung und Liebe für deren Befriedigung er jeden
Streich unternahm und oft gesellte sich auch ein gewisser Ehrgeiz hinzu dass er
sich schmeicheln konnte einen gesetzten oder vorsichtigen Menschen überlistet
und wider seinen Willen zu einer Handlung gebracht zu haben die er zu vermeiden
suchte Der nämliche Ehrgeiz schien ihn größtenteils auch bei seinen verliebten
Unternehmungen zu regieren die seinen Anerbietungen mutig widerstund konnte
auf seine Freigebigkeit sichre Rechnung machen ohne dass er die mindeste
Erkenntlichkeit dafür verlangte und er verließ gemachte Eroberungen sogleich
wieder weil ihm der Sieg keine Mühe kostete War er einmal aus Mitleid oder
innerer Zuneigung jemandes Freund geworden dann dünkte ihm keine Aufopferung
keine Gefahr keine Arbeit zu groß um seinem Freunde zu helfen oder Vergnügen
zu machen
Davon war Herrmann ein lebendiger Beweis von der Minute an da er sich das
Geständnis seines Mangels entwischen ließ wurde Arnold sein unermüdeter Freund
und Wohltäter besonders nachdem er aus der Nachricht die ihm Herrmann eines
Abends von dem Komplotte wider seine Bank gab schließen konnte dass der junge
Mensch Zuneigung für ihn fühlte einen solchen Beweis wartete er gemeiniglich
ab und auch ein geringerer Dienst als ihm Herrmann tat war ihm hinlänglich
dazu Seinem Versprechen gemäß schenkte er ihm von dem Gewinst den der
livländische Junker einbrachte die Hälfte um selbst Bank zu halten Das Glück
breitete seine Flügel über Herrmann aus und träufelte Gewinn und Reichtum auf
ihn herab er legte sich von Zeit zu Zeit einen Teil seines Gewinns zu
Ausführung seines Plans mit Ulriken zurück und wiegte sich wie ein auserwählter
Günstling in dem Schoße der Freude und der süßesten Hoffnung Allmählich verlor
er freilich seinen verliebten Zweck ganz aus dem Gesichte und spielte nicht
mehr um zum Besten seiner Liebe zu gewinnen sondern um zu spielen Seine ganze
Tätigkeit wurde auf diesen Punkt hingerissen und seine Leidenschaft so
überspannt heftig dass ihn selbst Arnold darüber tadelte Wie bald waren nun
Musen und Wissenschaften aus seinem Kopfe verscheucht Bald wollte er spielen
um nebenher studieren zu können wollte immer morgen den Anfang machen und
immer erschien nur der künftige Morgen für das Spiel bald verwarf er das
Studieren als einen Umweg um zu Ulrikens Besitze zu gelangen und hoffte nach
einem halbjährigen Gewinnen schon genug beisammen zu haben um mit ihr in
philosophischer Stille und Genügsamkeit den Rest seines neunzehnjährigen Lebens
auf dem Lande zuzubringen er schwankte bald zu diesem bald zu jenem Plane
jeder Tag brachte einen neuen hervor bis sie endlich samt und sonders verdrängt
und nur Spielen sein Denken Trachten und Begehren wurde
Viertes Kapitel
In diesem Zeitraume der Spielsucht empfing er Schwingers Antwort auf seinen
letzten reuevollen Brief und in demselben den Rat seinen Studierplan noch ein
halbes Jahr aufzuschieben und den Winter bei ihm auf dem Lande zuzubringen er
hatte dabei die gutgemeinte Absicht wiewohl er sie in dem Briefe nicht angab
den jungen von der Liebe verführten Menschen wieder in das Gleis seiner
vorigen Grundsätze durch seinen Umgang zurückzuführen und von dem Geschmacke
einer zerstreuten geräuschvollen Lebensart zu heilen auch glaubte er ihn auf
solche Weise von Ulriken abzuziehn die ihm nach seiner Mutmaßung entweder
nachgefolgt sein möchte oder doch bald nach Leipzig nachfolgen würde Überhaupt
war ihm in Herrmanns Geschichte alles zu dunkel als dass er nicht das Schlimmste
argwohnen und nicht neugierig sein sollte sie im Zusammenhange aus seinem
eignen Munde zu erfahren Der gutmütige Mann schrieb in einem so gemilderten
Tone und vergab ihm seinen unhöflichen Brief aus Berlin so aufrichtig dass
Herrmann in jeder andern Gemütsverfassung bis zu Tränen gerührt worden wäre
doch jetzt fühlte er nur einen flachen Eindruck steckte den Brief in die Tasche
und legte das Reisegeld das ihm Schwinger schickte in seine Spielkasse er
wollte jeden Tag antworten und ihm berichten dass er seinen Vorschlag auch
diesmal ausschlagen müsste und vergaß es jeden Tag Zerstreuung und Spiel ließ
ihm keine Zeit dazu
Inzwischen so leichtsinnig ihn auch Glück und Leidenschaft zu machen
schienen so wenig vermochten sie doch über Gewissen und Ehre bei ihm nie
suchte er wie seine Freunde von der Unerfahrenheit oder Dummheit eines
Jünglings Vorteil zu ziehen nie lockte er durch listige Kunstgriffe zum Spiel
an sondern wer freiwillig bei ihm gewinnen oder verlieren wollte war ihm
willkommen und nur das Glück entschied Den Nachstellungen womit Arnold junge
Leute zum Spieltisch und meistens in ihr Verderben lockte sah er anfangs mit
stiller Missbilligung zu tadelte seinen Freund darüber der ihn meistens dafür
auslachte und die Gewohnheit härtete allmählich seine Billigkeit so sehr ab
dass er sich an den lustigen Szenen die oft dabei vorkamen vergnügte Arnolds
List bewunderte und das Ungerechte Räuberische in seinem Verfahren gar nicht
mehr fühlte er bedauerte im Herzen die unglücklichen Schlachtopfer und blieb
ein stiller Zuschauer ihres Verlustes Die Leidenschaft hat eine eigne
Kasuistik in den wenigen Stunden der Überlegung die Herrmann übrigbehielt
machte er sich zuweilen Vorwürfe über seine itzige Lebensart allein sie wurden
sehr bald durch die herrlichsten Scheingründe niedergeschlagen Was tut Arnold
Böses fragte er sich in solchen nachdenkenden Stunden Er verleitet freilich
Leute zum Spiel die außerdem vielleicht nicht gespielt hätten aber lässt er es
nicht lediglich auf das Schicksal ankommen welchen Ausgang es haben soll Wagt
er nicht das Seinige mit dem Gelde des andern in gleiche Gefahr Kann er dafür
dass das Glück die Karten für ihn günstiger fallen lässt als für den andern Ich
der Arme streite mit dem Reichen um das ungleich ausgeteilte Vermögen und der
Wurf eines gemalten Blattes entscheidet ob er oder ich mehr davon besitzen
soll als ein jeder bereits hat handelt nicht ein jeder unter uns aus gleich
freier Entschließung und nach gleichem Rechte Aber seine Kräfte so im
geschäftigen Müssiggange dahinschwinden lassen die Tätigkeit womit man etwas
Großes Rühmliches und allgemein Nützliches schaffen könnte bloß zu seinem
eignen Nutzen zu Befriedigung einer schnöden Geldbegierde anwenden Freilich
sind das nicht Grundsätze die mir Schwinger eingeprägt hat aber was
Schwinger Er kennt die Welt nicht Was tun die Menschen rings um mich anders
als dass sie miteinander um ihren Nutzen um die Mittel des Vergnügens und
Wohlseins kämpfen Dieser arbeitet mit den Händen jener mit dem Kopfe um dem
Reichern etwas abzugewinnen dieser handelt mit Schwefelhölzern jener mit
Juwelen um vor der Masse des allgemeinen Reichtums einen größeren Teil zu
erbeuten als er hat und was tut ein Spieler mehr oder weniger als das Der
Kaufmann der Handwerker der Gelehrte sucht Kunden an sich zu ziehen wir tun
nichts mehr und nichts weniger Ich spiele aufrichtig ohne den mindsten Betrug
und habe einen der edelsten Zwecke dabei der beleidigten Unschuld Genugtuung
und der schmachtenden Liebe Nahrung und Unterhalt zu verschaffen kann es bei
solchen Absichten und unter solchen Umständen Schande sein für seinen Nutzen zu
leben Schwinger hat mich mit finsteren Schulgrillen angefüllt Vignali sagte
mir das oft je mehr ich von der Welt sehe je mehr fühl ich dass es ganz anders
ist und sein muss als mir sie der gute Mann vormalte Da sollt ich immer nur zum
Besten der menschlichen Gesellschaft immer nur für meine Ehre immer nur wegen
des Bewusstseins etwas Gutes getan zu haben arbeiten allem Vergnügen und
Eigennutz entsagen und nur nach großen und edlen sich selbst belohnenden
Handlungen streben Schimären nichts als Schimären Ich habe bei Vignali dem
Vergnügen gelebt und ich lebe hier dem Nutzen um mir neues Vergnügen erkaufen
zu können Niemand bewegt um meinetwillen eine Fingerspitze wenn er nicht eine
Vergeltung seiner Mühe erwarten kann jeder denkt nur auf seinen Vorteil sein
Vergnügen und ich Tor soll mich mit leeren Gespenstern der Ehre herumjagen
soll der Grille nachlaufen dem Irrlichte der Einbildung dem Phantome des
Bewusstseins etwas Gutes für andre getan zu haben da doch niemand etwas Gutes
für mich tun will Weg mit den Träumen Vergnügen und Nutzen sind die beiden
Realitäten auf der Erde das übrige ist Tand Meine eingesognen Vorurteile und
Hirngespinste haben mich in Berlin gegen das Vergnügen misstrauisch gemacht o
welch ein glückseliges Leben hätt ich bei Vignali genießen können wenn meine
lichtscheuen Grundsätze nicht Wirkung getan hätten Schwinger hat bei aller
guten Absicht die bisherige Hälfte meines Lebens verbittert Das Vergnügen bot
sich mir wie ein voller Baum mit funkelnden Früchten dar meine hungernden
Lippen wollten sich sättigen und ängstliche Besorgnisse wunderliche Träume von
hoher Ehre und überspannter Tugend ließ mich nicht einmal kosten diese
nämlichen Grillen entzweiten mich auch mit Ulriken und trübten eine Liebe die
wie ein klares süßes labendes Wasser aus Herz in Herze floss sie brachten mich
der Verzweiflung und dem Gedanken des Selbstmordes nahe noch jetzt machen sie
mich bedenklich und schmälern mir meine Glückseligkeit immer hungre ich halb am
Tische des Vergnügens und Nutzens aus Furcht mich zu überladen Nein ich
will die Einbildungen alle verscheuchen erwerben und genießen sollen meine
beiden Wünsche meine beiden Beschäftigungen sein
Diese veränderten Gesinnungen die der herrschende Ton des Eigennutzes rings
um ihn und größtenteils Arnolds Umgang erzeugt hatte befolgte er getreulich
doch konnten sie die zwei Elemente seiner Denkungsart Größe und Güte nie
verdrängen Er dürstete nach Gewinn und gleichwohl konnte er sich nie
entschließen einen rechtmäßigen Gewinst anzunehmen wenn er wusste dass der
Verlierer deswegen darben musste er schickte ihm einen Teil seines Verlustes
wieder nach geendigtem Spiele ohne dass er wissen ließ wer das Geld schickte
oder er lud ihn zu sich ein und verlor durch vorsätzliche Unachtsamkeit an ihn
Er wollte sammeln und sammelte auch sehr geizig allein wenn er von einer armen
Witwe hörte die kein Holz hatte oder von einer dürftigen Familie die sich des
Bettelns schämte und doch kümmerlich darbte oder von einem Unglücklichen den
die Musen beinahe verhungern und erfrieren ließ dann wurde des Zurückgelegten
nicht eine Minute geschont die Leute empfingen von ihm durch die dritte Hand
ohne zu wissen wem sie es verdanken sollten er sammelte also in das Fass der
Danaiden und hatte bei dem größten Glücke und dem größten Geize immer nichts
Seine stille gutherzige Wohltätigkeit machte gegen Arnolds ausschweifende
Großmut und verschwenderische Freigebigkeit einen sonderbaren Kontrast und es
war ein wirkliches Vergnügen zu hören wie diese beiden Leute deswegen
wechselweise den Hofmeister aneinander spielten »Wenn du jedem der Geld
braucht das deinige hingibst« sprach Arnold »so wirst du in Ewigkeit nichts
zusammenbringen Was gehen dich denn die Leute an denen du einen Louisdor nach
dem andern zuwirfst Du kannst hundert Jahre spielen und wirst doch nie genug
beisammen haben um dir nur ein Bauergütchen kaufen zu können« »Bist du nicht
wunderlich« antwortete Herrmann lachend »Ich habe ja Geld in Menge es fließt
mir von allen Seiten zu Wer viel hat muss viel geben Ich verschenke alle Tage
und lege alle Tage neue Summen zurück Das Glück ist freigebig gegen mich so
muss ich ja wohl wieder freigebig gegen andre sein die es karg behandelt«
»Du bist ja ein wahrer Verschwender« sprach zu einer andern Zeit Herrmann
zu seinem Freunde »Du wirst dich durch deine übertriebne Freigebigkeit zugrunde
richten Wozu denn so ungeheure Verschwendungen an Leute die dirs nicht einmal
danken Sie essen sich dick und rund und tun nicht einen Schritt deinetwegen
wenn du Hilfe brauchst« »Narr« war Arnolds Antwort gemeiniglich »das Geld
muss vertan werden dazu ist es gemacht Ich kann nicht so klein leben wie alle
die Knicker die bei mir schmarotzen Bei mir muss es groß hergehn alles im
Überflusse sein und wenn mirs morgen einfällt die ganze Stadt zu Tische zu
bitten so darf mirs nicht fehlen Was willst du denn mein itziges Leben ist
ein bettelhaftes Leben Wenn ich täglich sieben oder acht Leuten vier auch wohl
sechs Schüsseln und ein lumpichtes Dutzend Bouteillen Wein vorsetze was ist
das Wenns nach meiner Neigung recht ordentlich zugehen soll so muss ich alle
Tage an zwei drei Tafeln vierzig fünfzig Personen speisen können jede
Mahlzeit müssen sich ein paar Leute zu Tode essen die Champagnerflaschen müssen
in einem fort springen als wenn bei Tische kanoniert würde in einer Stunde
müssen die Gäste schon vor Trunkenheit auf der Erde herumliegen wie tote Fliegen
und sich im Weine wälzen und dabei Pauken Trompeten Kanonen und ein halbes
Dutzend Hofnarren Das muss ein Toben und Lärmen sein dass die Ohren zerspringen
möchten da muss gar nicht gefragt werden Ist das da kann man jenes haben
sondern ein jeder sagt Ich will Tokaier ich will Fasanen ich will Drosseln
ich will Vogelnester ich will Kapwein ich will den Fisch ich will jenen und
wie ers sagt muss es da sein und wenn sich jemand einfallen ließ
amerikanische Schweinefüsse zu fodern das heiß ich Leben Mein itziges Leben ist
ein halber Tod kümmerlich wie bei einem Halunken gehts bei mir zu Wenn wir
vierundzwanzig Bouteillen ausgestochen haben ein bisschen torkeln und hie und da
ein schwacher Kopf spricht wie ein Kalb oder mit der Nase auf den Tisch fällt
und einschläft das ist unser größtes Fest ist das wohl des Redens wert
Schwimmen muss ich im Wohlleben wie ein Sultan wenn ichs gelten lassen soll
jetzt leb ich wie Sultan mein Hund«
Unter der Anführung eines solchen Lehrmeisters war es kein Wunder dass
Herrmann mit dem Geschmack am geräuschvollen trunknen Wohlleben angesteckt
wurde seine tägliche Gesellschaft hielt es für eine Sache der Ehre im Trunke
viel leisten zu können wie mochte er es also über das Herz bringen sich durch
verspottete Mäßigkeit lächerlich zu machen Außerdem verdrängte der Wein den
Rest seines vorigen Kummers vollends der halbe Rausch in welchem sich sein
Kopf beständig befand unterdrückte die Stimme der Vernunft und des Nachdenkens
die ihm jetzt beide sehr zur Last fielen weil sie ihm mancherlei unangenehme
Dinge sagten sobald sie zum Sprechen kamen der Trunk begeisterte ihn mit Kraft
und Tätigkeit und spannte alle Nerven seiner Phantasie an er befand sich
ungemein wohl in dem Gefühl seiner Stärke und leerte das freudenschaffende Glas
desto öftrer aus um dieses Gefühl voller und dauerhafter zu machen
Ohne Liebe ist der Wein matt auch folgte sie dem Trunke auf dem Fuße nach
aber keine Liebe zu einer Ulrike nein eine Liebe die sich vor Ulrikens
Andenken schämte und es mit aller Gewalt zu vertilgen suchte Sie wurde durch
Arnolds Reden genährt der die Ausschweifung laut predigte und durch seine
Beihilfe brach sie sehr bald in verwüstende Flammen aus
In dem einsamsten Winkel der Stadt wohnten zwo Schwestern die von der
Arbeit ihrer Hände lebten trocknes Brot aßen und dünnen Kaffee dazu tranken
und dieser kümmerlichen Kost ungeachtet in der Kirche und auf dem Spaziergange
mit den Reichsten in der Schönheit und Nettigkeit des Anzugs wetteiferten Die
Älteste war rasch leichtsinnig verbuhlt und Arnold genoss ihre Vertraulichkeit
im weitesten Umfange seine Freigebigkeit erhielt sie beide allein sie ließ
seine Geschenke mehr ihrer Eitelkeit als ihrem Appetite zugute kommen aßen so
kümmerlich wie vorher wenn er sie nicht bewirtete und putzten sich alle Tage
herrlich heraus Die Jüngste war still von angenehmem Ernste hatte einen
höchst interessanten Zug der Traurigkeit im Gesichte und aus ihrem schüchternen
Auge sprach die Liebe mit so vieler Stärke als aus ihrer Schwester ganzem
Gesichte die Buhlerei Sie gab sich wohl auch zuweilen die freche Miene allein
man merkte sehr bald dass sie nur nachgemachte Grimasse und nicht natürlicher
Ausdruck ihrer Denkungsart war deswegen achtete sie Arnold sehr wenig nennte
sie das stille Schaf und machte sich nebst ihrer Schwester meistenteils über sie
lustig Herrmann wurde von seinem Freunde in diese Gesellschaft gezogen damit
er nicht so müßig ginge wie dieser sagte sondern sich etwas zu tun schaffte
Arnolds Absicht schlug nicht fehl denn gleich bei dem ersten Blicke den
Herrmann und Lisette welches der Name der Jüngsten war aufeinander warfen
machten beiden den Anfang sich etwas zu tun zu schaffen Die Vertraulichkeit
blieb nicht lange außen allein mitten darunter mischte sich bei dem Mädchen
eine Scheu eine Zurückgezogenheit die den neuen Liebhaber so sehr anlockte
als ihn ihre Buhlerei zurückstiess weil sie ihr so wenig stund dass sie
unendlich dabei verlor Arnold erkundigte sich jeden Tag bei ihm wie weit er
mit ihr gekommen wäre und jedesmal tadelte er seine Blödigkeit »Ich will dein
Geschäfte machen« erbot er sich endlich da ihm die Zauderei zu lange währte
brachte dem entbrannten Herrmann die günstigste Antwort und trieb ihn durch
beschämende Vorwürfe an aller Schüchternheit zu entsagen Eigentlich war es
nicht Schüchternheit bei ihm sondern Lisette hatte ihm mit der Liebe bereits
zuviel Achtung beigebracht er liebte sie zu sehr und zu zärtlich um ihr eine
unerlaubte Zumutung tun zu können allein Arnolds Zuredungen die seinen Ehrgeiz
verwundeten siegten zuletzt über ihn Lisette von seinem Freunde vorbereitet
empfing ihn überaus ängstlich und traurig ob man gleich das Gegenteil hätte
vermuten sollen Das Gespräch belebte sich zwar ein wenig Herrmann von Wein
Liebe und Ehrgeiz trunken erlaubte sich ungewohnte Freiheiten das Mädchen
wurde immer trauriger und bis zum Weinen bänglich Endlich da die geduldeten
Freiheiten sich bis zur Unverschämtheit verstärkten fing Lisette an bitterlich
zu weinen »Schonen Sie meiner« sprach sie unterdrückter Stimme »Meine Armut
Ihre Geschenke und Arnolds Zuredungen verleiteten mich freilich zu einem
übereilten Versprechen das ich seitdem vielfältig bereut habe Ich bin in Ihrer
Gewalt wollen Sie mich unter keiner andern Bedingung Ihre Freigebigkeit
genießen lassen so muss ich Ihnen aufopfern « Tränen erstickten den Rest
ihrer Rede Herrmann stand bestürzt und verlegen da ohne ein Wort reden zu
können
»Sie sind zu edel um ein armes Mädchen ins Verderben zu stürzen« fing sie
nach einer langen Pause wieder an »und unglücklich muss ich zeitlebens sein
wenn Sie schlechter denken als ich glaube denn Sie können mich nicht
heiraten«
»Warum nicht Lisette« unterbrach sie Herrmann der sich indessen wieder
von der Bestürzung erholt hatte »Glauben Sie dass ich Sie dazu nicht genug
liebe«
»Nein« antwortete das Mädchen »sondern weil Sie vermutlich eine ältre
Liebe mir nicht aufopfern werden«
Herrmann Wieso eine ältre Liebe Sie sind freilich nicht die erste die
ich liebe aber was schadet das Aus den Augen aus dem Sinne wer kann alle
Mädchen heiraten die man liebt
Lisette Und so dächten Sie wahrhaftig nicht besser gegen unser Geschlecht
Sind Sie wirklich einer so entsetzlichen Untreue fähig Wollen Sie mich
wirklich heiraten
Herrmann Vielleicht versprechen kann ich nichts vielleicht vielleicht
Lisette Ich muss Ihr völliges Ja haben
Herrmann Wenn Sie mir nicht anders trauen wollen Ja Lisettchen hier ist
meine Hand
Lisette Ich nehme sie nicht an weil Sie mich durch Ihr Versprechen
hintergehn wollen Sie können keine Hand mehr weggeben Ihre Treue ist
verpfändet
Sie zog darauf ein Papier aus der Tasche und überreichte es ihm »Wenn die
Verfasserin dieses Briefs befriedigt ist« sprach sie »dann bin ich von dieser
Minute an die Ihrige«
Herrmann erkannte wie vom Schlage gerührt Ulrikens Hand auf dem Papiere es
war einer ihrer zärtlichsten Briefe worein er wie es sich hernach auswies
in der Zerstreuung des Vergnügens und der Spielsucht eine Garnitur Haarputz
gewickelt und Lisetten ein Geschenk damit gemacht hatte Er fühlte sich wie von
einem Abgrunde zurückgezogen er war überführt konnte und wollte nichts
leugnen sondern bekannte offenherzig die Falschheit die er zu begehen willens
gewesen war
Lisette unterbrach sein Bekenntnis »Meine Schwester« sagte sie »hat sich
mit mir veruneinigt ich habe zeiter halb von ihrer Wohltätigkeit leben müssen
und sie rückte mirs sehr oft vor dass sie mich Arnolds Freigebigkeit
mitgeniessen ließ Ihre Vorwürfe und ihr Übermut auf Arnolds Freundschaft werden
so unerträglich dass ich mich von ihr trennen muss Die Arbeit meiner Hände gibt
mir kaum kümmerliches Brot und ich wollte lieber verhungern als durch meine
Aufführung in Kleidern meine Eltern im Grabe beschimpfen Sie waren reich
erzogen uns beide im Überflusse und wurden durch einen unglücklichen Bankerutt
arm Die Welt hatte an unserm Unglücke nicht genug sondern beneidete
verleumdete und verspottete uns noch obendrein dass wir den Schein des vorigen
Glücks durch unsern Anzug zu behaupten suchten mit dem giftigsten Spotte und
den hämischsten Erdichtungen haben uns die üblen Nachreden der
Stadtklatscherinnen verfolgt Verlassen Sie mich so bin ich ganz verloren ich
werde der Dürftigkeit und Schadenfreude preisgegeben und lieber wollt ich in
den Tod gehen oder in die größte Schandtat willigen als der Bosheit das
Vergnügen machen dass ich ihr meine Dürftigkeit öffentlich zeigen müsste Wollen
Sie nunmehr nicht anders als für die Befriedigung Ihrer Lust mein Wohltäter
werden und mich der öffentlichen Schande der Armut entziehen wohl machen
Sie alles mit mir was Ihnen gefällt Ich muss Ihrer Begierde gehorchen aber nur
noch einen Augenblick Überlegung Wenn Sie mich armes Mädchen einer noch größeren
Schande aussetzen und wenn mich um der Schande und den Gesetzen zu entgehn
meine Ehre zu einem Verbrechen verführte haben Sie das Herz die ganze
künftige Glückseligkeit eines verlassenen Mädchens einigen frohen Augenblicken
aufzuopfern«
Sie weinte dass Träne auf Träne folgte »Solch ein Verworfner bin ich
nicht« rief Herrmann tief gerührt »Nein Lisette so weit will ich nicht
herabsinken dass meine Liebe Ihre Tränen verachten soll Ich war ein
Leichtsinniger der im Taumel der Verführung eine Schandtat durch Untreue und
Betrug erkaufen wollte aber ein vorsätzlicher Bösewicht kann ich nicht sein
Ich will verflucht sein wenn ich von dieser Minute an noch ein Verlangen gegen
Sie äußere das Sie unglücklich machen könnte Einmal Verführer der Unschuld
gewesen zu sein ist genug und das war ich Lisette das war ich an dem
schuldlosen Geschöpfe das diesen Brief schrieb An die Stirn will ich mir meine
Schande ätzen lassen dass jede die noch einen Funken Tugend und Ehre im Herze
trägt vor mir flieht wie das Schaf vor dem Wolfe Solch eine Nichtswürdigkeit
hätte ich mir doch nie selbst zugetraut Kaum steh ich von einem Falle auf so
renne ich schon wieder zu einem zweiten hin O Verführung Verführung du bist
der Löwe der im Finsteren herumschleicht aber du sollst mich nicht mehr
beschleichen das schwör ich Kein Tropfen Wein soll wieder über meine Zunge
gehen und meine Hände keine Karte jemals wieder berühren denn das sind meine
beiden Verderber O Ulrike wenn du den wüsten taumelnden Spieler und
Mädchenverführer sehen solltest ob du deinen Herrmann noch in ihm erkennen
würdest Mit Abscheu müsstest du dich von mir wenden und du tätest recht ich
bin deiner unwert ein Verworfner«
Lisette musste alle Mühe anwenden um ihn wieder zu beruhigen denn des
Selbstverwünschens und Bereuens wurde gar kein Ende Nachdem es ihr gelungen
war ihn zufriedenzusprechen tat er ihr um seine ungerechten Zumutungen zu
vergüten die heiligste Versicherung dass er nunmehr seine Freigebigkeit gegen
sie verdoppeln werde »Mieten Sie sich eine Wohnung« sprach er »ich bezahle
sie alles was Ihre kleine Haushaltung kostet trage ich aus Dankbarkeit dass
Sie mich aus einer Verblendung gerissen haben die mich in das tiefste Verderben
führen konnte Sie sind künftig meine Freundin und sobald mich die Liebe
hinreisst mehr als Freund für Sie sein zu wollen so verstoßen Sie mich als
einen Unwürdigen oder rufen Sie mich mit der liebenswürdigen Güte wie jetzt zu
meiner Pflicht zurück Aber auf einer Bitte muss ich bestehen Arnold soll
glauben dass Sie meine Absichten begünstigen sein Spott würde mich unbarmherzig
verfolgen wenn er erführe was zwischen uns vorgefallen ist Er hätte
vielleicht geradeso in meinem Falle gehandelt allein seine Höhnereien über
meine Blödigkeit und Mäßigung sind ohnehin unendlich er würde mich wie ein Kind
auslachen Dass er ja nicht eine Silbe erfährt«
Lisette versprach weil er schlechterdings darauf bestund sich gegen seinen
Freund einen schlimmern Schein zu geben als sie war und sie trennten sich
beide mit dem lebhaftesten Danke und zuversichtlich zufriedner als wenn
Herrmann in ihren Armen seine Leidenschaft gestillt hätte Seinem Vorsatze gemäß
ging er nicht auf das Kaffeehaus speiste zu Hause und hatte Langeweile das
Spiel fehlte ihm die ganze Stube war ihm zu enge er ging in allen vier Winkeln
herum wie ein Mensch der etwas vermisst konnte dem Triebe unmöglich
widerstehen nahm den Hut ging an die Tür stund warf plötzlich den Hut auf
den Tisch und setzte sich Um sich seine Enthaltsamkeit weniger peinlich zu
machen rief er seinen Pommer zu sich in die Stube »Kannst du spielen« fragte
er »mit Karten mit Würfeln oder ein ander Spiel« »Würfeln« antwortete der
Pommer »würfeln ist mein Leibspiel« Wer war froher als Herrmann Er würfelte
mit dem Burschen und da er ihm alle Barschaft abgenommen hatte musste er Weste
Beinkleider Strümpfe und Schuhe setzen der arme Teufel war so unglücklich dass
er seinen ganzen Anzug verlor und im Hemde und barfuß dortstehen musste Die
Beschimpfung verdross ihn und weil ihm gar nichts mehr übrig war setzte er im
Zorne seine Haut auch diese verlor er der Junge fing an bitterlich zu weinen
als wenn er das Schicksal des Marsyas leiden sollte und während dass Herrmann
seiner Tränen lachte trat Arnold herein Der Spaß wurde auf Unkosten des armen
Pommers eine Zeitlang fortgesetzt der so verwegen war auch Arnolden eine
Partie anzubieten das Glück drehte sich so schnell auf seine Seite dass er in
kurzer Zeit einen Dukaten gewann Wie unsinnig vor Freuden sprang der Bube den
funkelnden Dukaten in der Hand zur Tür hinaus und ließ seinen Anzug herzlich
gern im Stiche
Sogleich wurde das Gespräch auf Lisetten gelenkt Herrmann gab sich die
Miene des begünstigten Liebhabers nahm mit vieler Verlegenheit die Glückwünsche
seines Freundes an und wurde berichtet dass heute sehr schlechtes Kommerz auf
dem Kaffeehause wäre deswegen schlug Arnold eine Partie bei ihm auf der Stube
vor Herrmann wollte sie ablehnen aber er kam mit seinem Widerstande nicht
sonderlich weit denn eben traten vier von seinen Bekannten herein und
unterstützten Arnolds Vorschlag Sie machten ohne lange zu fragen Anstalt zum
Spiel Arnold besorgte den Punsch halb ängstlich ein getanes Gelübde so bald
zu brechen und halb erfreut sich zum Bruche gezwungen zu sehen setzte sich
Herrmann zum Spiel brachte die Nacht bis an den frühen Morgen bei dem
Punschglase und den Karten zu und verlor ein paar hundert Taler Das war in
jedem Verstande ein schlimmer Anfang zur Besserung denn mit dem Verluste
bemäntelte seine Leidenschaft den gänzlichen Aufschub derselben er musste
nunmehr notwendig spielen um sich das verlorne Geld wieder zu schaffen Der
Verlust wuchs jeden Tag und also auch jeden Tag die Hitze seiner Spielbegierde
das Glück ging so gewaltig mit ihm abwärts dass er der noch vor acht Tagen der
Besitzer unendlicher Reichtümer zu sein glaubte nicht den Pfennig mehr besaß
Das Schlimmste dabei war dass Arnold mit ihm gleiches Schicksal hatte einige
die ihm übelwollten hatten eine Verschwörung wider ihn gemacht und Vermögen und
Leben unter sich verpfändet ihn zugrunde zu richten das Glück und Arnolds
Heftigkeit begünstigten ihren Plan und in kurzer Zeit war er ganz auf dem
Trocknen mit Schulden überhäuft nicht fähig sie zu bezahlen und sehr
geneigt sie zu vermehren allein man verschob den Kredit bis auf bessere Zeiten
Was war zu tun die offene Tafel wurde eingestellt kein Champagner netzte mehr
seine Kehle Freunde und Schmarotzer flohen und er musste nebst Herrmannen
äußerst zufrieden sein dass ein guterziger Speisewirt ihnen täglich eine
schlechte Portion Fleisch auf Kredit zukommen ließ Kleider und Wäsche war schon
verkauft und nichts mehr übrig als bei der Nacht sich unsichtbar zu machen der
Entschluss war wirklich gefasst und nur die nahe Neujahrsmesse sollte
entscheiden ob er ausgeführt werden müsste Unterdessen stimmte Arnold seine
Denkungsart herab und arbeitete im kleinen er schlich in den Dorfschenken herum
und übertölpelte zuweilen ein paar junge Bauernkerle denen er mit dem Würfel
wenigstens so viel abgewann um den Kredit des Speisewirts bei Atem zu erhalten
Herrmann fand freilich diese Lebensart äußerst erniedrigend allein was vermag
nicht die Not Wenn niemand um Geld spielen wollte geschah es um Stecknadeln
einen Krug Bier eine Mahlzeit und an einem Sonntage gewannen sie einem Bauer
seinen ganzen Hühnerstall ab Sie trieben sich einige Zeit auf dem Lande herum
und alles was nur in Geld gesetzt werden konnte wurde zum Einsatz genommen
Herrmann war zwar bei den häufigen Betrügereien wodurch Arnold sich sein
Gewerbe ergiebig machte nur Zuschauer höchstens Gelegenheitsmacher allein er
erschien sich selbst als Mitgehilfe bei einer solchen Kaperei in einem so
verächtlichen Lichte dass er beschloss die Messe abzuwarten und dann heimlich
seinen Freund zu verlassen wenn sie das Glück nicht wieder in bessere Umstände
versetzte
Fünftes Kapitel
Die längstgewünschte Messe erschien und die beiden Kaper rückten mit einer
kleinen Barschaft die sie aus den erbeuteten Hühnern Gänsen Kühen und Eiern
gelöst hatten wieder in die Stadt Arnold so freigebig und edel er im Glücke
war handelte in der Not mit der grausamsten Tyrannei um sich emporzuhelfen
schonte er weder Vater Mutter noch Freund Gleich zu Anfange der Messe wandte
er sich an einen fremden Kaufmann von seiner vertrautesten Bekanntschaft der
von seinem Unglücke noch nichts wusste und schwatzte ihm zehn Louisdor ab die
er in drei Tagen wieder zu bezahlen versprach Herrmann bekam zwei davon um
sein Glück auf den Kaffeehäusern zu versuchen und Arnold ging aus einen
einfältigen reichen Fremden oder gutherzigen Jüngling aufzusuchen um ihn
reinzuplündern Herrmann der sein Versprechen gegen Lisetten noch nicht mit
einem Groschen hatte erfüllen können flog sogleich zu ihr und überbrachte ihr
die Hälfte seiner zehn Taler er fand sie noch bei ihrer Schwester die teils
aus Kummer dass sie Arnold ganz verlassen hatte teils aus Furcht vor künftiger
Schande krank geworden war denn sie hatte gegründete Ursachen traurige Folgen
von Arnolds Vertraulichkeit zu erwarten Lisette konnte nicht genug verdienen
um sich und ihre bettlägerige Schwester zu erhalten ein Teil ihrer Kleider war
schon versetzt und an den übrigen sollte nächstens die Reihe kommen In einer
so kläglichen Lage war Herrmann mit seinem Louisdor ein Engel der sie vom
Himmel speiste Lisette weinte bleich von vielem Härmen und ihre Schwester
wickelte sich schluchzend in die Betten um ihr entstelltes schamvolles Gesicht
zu verbergen das Bild des Schmerzes und Mangels das er erblickte wohin er
sich kehrte und die Klagen der beiden Mädchen machte so tiefen Eindruck auf
Herrmann dass er auch seinen zweiten Louisdor hingab Er blieb die übrige Zeit
des Tages bei ihnen und ging gegen Abend auf Arnolds Stube mit verstellter Wut
und Trostlosigkeit als wenn er sein Geld auf dem Kaffeehause verloren hätte
Sein Freund zog ihn mit seinem vorgegebenen Verluste auf und versicherte ihm
dass er heute abend einen bessern Fang tun werde »Den Vogel hab ich im Garne«
sprach er »und diesen Abend wollen wir ihn rupfen Einen Mann so fidel wie ein
halbjähriger Student so treuherzig wie ein Kind und ein herzlicher Liebhaber
vom Spiel hab ich erwischt Er ist in Geschäften hier und hat einige tausend
Taler bei sich die er morgen auszahlen soll sobald wir sie ihm abgenommen
haben müssen wir fort denn das Geld gehört nicht ihm und wenn Untersuchung
angestellt würde könnten wir übel dabei wegkommen Ich habe ihn zum Abendessen
gebeten Essen Wein und Gesellschaft ist schon bestellt unser Hahn dem wir
die Federn ausziehen wollen trinkt gern ein Gläschen und damit soll er
reichlich bedient werden Wenn er dessen genug hat dann soll die Lustjagd
angehn und ich setze meinen Kopf zum Unterpfande dass ihm nicht ein roter
Pfennig von seinen dreitausend Talern übrigbleiben soll Hier sind meine Würfel
mit lauter Sechsen und hier mein allzeit fertiges Ass zum Vingt et un denn das
ist sein liebstes Spiel hat er mir gesagt Freue dich Brüderchen Morgen
wollen wir nicht mehr solche Halunken sein wie heute«
Herrmann konnte sich nicht freuen ob ihm gleich reichlicher Anteil an der
Beute versprochen wurde er ging ängstlich wie ein Missetäter herum oder als
wenn er zu einem Opfer eingeladen wäre er konnte es weder sich noch seinem
Freunde verhehlen dass dies förmliche Räuberei sei wurde für sein guterziges
Moralisieren ausgelacht und musste schweigen
Der eingeladne Fremde stellte sich früher als alle anderen ein weil er sich
einmal einen recht lustigen Abend machen wollte aber wie groß war Herrmanns
Entsetzen als er an der Stimme und Figur bei seinem Hereintritt den Doktor
Nikasius erkannte er wusste nicht wie er sich vor ihm verbergen sollte und
begab sich deswegen unter einem Vorwande gleich nach dem ersten Gruße hinweg
Sich erkennen zu geben war demütigend weil er glaubte dass ihm jedermann seine
schlechten Umstände und schlechte Lebensart an der Stirn lesen könnte
gleichwohl seinen ehemaligen Retter seinen wohltätigen Freund und Beschützer
der schrecklichsten Gefahr nahe zu sehen und ihn mit keinem Winke zu warnen das
war eine Unmenschlichkeit wofür sein Herz schauderte warnte er ihn so
zerstörte er Arnolds Plan und lud seine unversöhnlichste Feindschaft auf sich
Er ging die Straße einigemal nachdenkend auf und ab so kalt es war und
beratschlagte bald wollte er dem Doktor in einem Billett als ein Unbekannter
die Gefahr zu wissen tun bald Arnolden inständigst bitten sich ein andres
Opfer zu wählen beides war misslich und er schlug deswegen einen Ausweg ein
Arnold hatte des Doktors Bekanntschaft bei Tische in einem Gasthofe gemacht es
war folglich zu vermuten dass er auch dort wohnen oder seine Wohnung dort zu
erfragen sein werde Er wanderte hin glücklich war es des Doktors Quartier man
wies ihn zu dem Bedienten der ihn auf den ersten Blick erkannte und etwas
verdrießlich bewillkommte Herrmann bat ihn sogleich in das Haus das er ihm
anzeigte zu gehen nach Herrn Arnold zu fragen und dem Doktor zu melden dass
ihn jemand der Geld an ihn auszuzahlen habe und noch diesen Abend wegreisen
wolle notwendig auf eine Viertelstunde augenblicklich sprechen müsste dem
Bedienten schärfte er auf das Gewissen ein seinen Namen nicht eher zu verraten
als bis er mit seinem Herrn auf der Straße sei Der Bediente ging und Herrmann
wartete am Tore des Gastofes so freudig so leicht ums Herze als wenn ihm ein
großer Stein abgewälzt wäre
Arnold ließ den Doktor mit unendlicher Schwierigkeit von sich und nur wegen
der Hoffnung seinen Gewinst durch die neue Auszahlung vielleicht zu vergrößern
willigte er in sein Weggehn Nikasius langte voll Erwartung und keuchend an der
Bediente hatte ihm auch unterwegs Herrmanns Namen nicht entdeckt und er führte
ihn unerkannt auf seine Stube »Dergestalt und allermassen« rief der Doktor als
er ihm ins Gesicht blickte »wie ist mir denn Bin ich denn recht« Herrmann
unterbrach sogleich seine Verwunderung versicherte ihm dass er recht sei und
erzählte ihm das Komplott Nun ging erst Verwundrung und Erstaunen bei dem
Doktor an er lief vor Angst hurtig nach seiner Schatulle um zu sehen ob er
seine dreitausend Taler nicht schon verspielt habe und wusste nicht wie er für
die Warnung genug danken sollte als er sie noch fand Er wollte aus
Erkenntlichkeit sogleich Wein und Kuchen holen lassen allein Herrmann verbat
es versprach ihn den andern Tag zu besuchen und trennte sich von ihm um
keinen Verdacht bei Arnolden zu erwecken Der Doktor wollte umständlich belehrt
sein woher er das alles wüsste wie er in solche Bekanntschaft gekommen wäre
und tat tausend andre Fragen die Herrmann nicht zu beantworten Lust hatte
Er kam zur Gesellschaft zurück die mit Schmerzen auf des Doktors Rückkunft
wartete ließ sich die Ursache seiner Abwesenheit wie eine ganz fremde Sache
erzählen und wandte sehr heftige Zahnschmerzen als einen Bewegungsgrund vor
warum er sich vorhin wegbegeben habe und itzo auf seine Stube verfügen werde
ohne Anteil an der Lustbarkeit zu nehmen Der Anblick seines ehemaligen
Versorgers das Andenken an seine eigne Gemütsbeschaffenheit bei seinem
Aufenthalte in des Doktors Hause und die Vergleichung seiner damaligen Umstände
mit den gegenwärtigen hatten ihn in eine Stimmung des Geistes versetzt dass er
das Gewühl der Freude unmöglich zu ertragen vermochte Er schloss sich ein und
seine traurigen nagenden Gedanken mit sich
Arnold verlor indessen alle Geduld über des Doktors langes Aussenbleiben
schöpfte Argwohn und suchte ihn in eigener Person auf Welch Entsetzen die Tür
war verschlossen Nikasius ausgegangen und die Beute verloren Arnold
durchstrich in der äußersten Wut alle Örter des Vergnügens und traf ihn
nirgends denn er besuchte einen alten Magister seinen ehemaligen
Universitätsfreund
Mit den Zähnen hätte Arnold sich den Doktor und die ganze Gesellschaft
zerreißen mögen Verdacht war sichtbarlich da aber auf wen Es war nichts zu
tun als dass er das bestellte Abendessen mit den beiden übrigen Gästen genoss und
sich im Namen des Doktors betrank Herrmann der mit ihm seit dem großen
Verluste in einem Hause wohnte wurde von ihm zur Gesellschaft zurückgeholt
Wein und Spiel zerstreuten die quälenden Gedanken die des Doktors Gegenwart in
ihm erregt hatte und trieben ihn wieder ins vorige Gleis zurück Er bekam zwar
noch einige Tage hinterdrein einige Anfälle von Vernunft er wollte den Doktor
aufsuchen und ihn bitten dass er ihn aus seiner Lebensart herausrisse allein
teils schämte er sich in einem so nachteiligen Lichte vor ihm zu erscheinen
teils war seine Leidenschaft für das Spiel ein verzärteltes Kind dem er
unmöglich wehe tun konnte er wünschte sie zu vertreiben und wagte es nicht
Arnold hatte in jener Nacht der Schwelgerei von den beiden halbtrunknen
Gästen über hundert Taler gewonnen und eilte nunmehr mit seinem Busenfreunde
Herrmann auf neue und größere Beute aus Auf ihren Wanderungen erblickten sie
einen kleinen blaurockichten Mann der mit vier schönen kastanienbraunen
Pferden vormittags und nachmittags um das Tor fuhr »Was wettest du« fing
Arnold an »übermorgen soll der Postzug unser sein« Herrmann lachte über
seinen Einfall und nahm ihn für Scherz auf Sie erkundigten sich nach diesem
blaurockichten Manne und erfuhren dass es ein Pferdehändler war der diesen
Postzug einer Herrschaft auf dem Lande überbringen wollte und zu seinem
Vergnügen in der Messe mit ihm paradierte Sie passten ihm auf als er vor seinem
Quartier hielt und Arnold fragte ihn wie teuer er die Pferde verkaufen wollte
»Nit teuer und nit wohlfeil mein Herr« antwortete der Pferdehändler »sie
sind bestellt« Arnold und Herrmann lobten die Gäule um die Wette dass den
kleinen Pferdehändler die Eitelkeit nicht wenig übernahm und fragten ob er
ihnen nicht geradeso einen Postzug schaffen könnte und zwar so bald als
möglich Der Rosstäuscher dessen Eigennutz ein Paar verblendete Liebhaber vor
sich zu haben glaubte lenkte sogleich wieder ein und erbot sich den beiden
Herren aus Gefälligkeit weil sie es wären auch diesen zu lassen wenn sie
einen guten Preis machten Arnold setzte mit verstellter Begierde vierhundert
Taler darauf der Rosstäuscher glaubte die Leidenschaft der beiden Leute besser
nützen zu müssen und schüttelte mit dem Kopfe als wenn das ein Missgebot wäre
»Aber so sagen Sie doch geradeheraus« sprach Arnold heftig »was Sie haben
wollen Es wird ja noch zu bezahlen sein« »Mit einem Wort achthundert
Reichstaler in Gold« war des Mannes Erklärung Arnold und Herrmann fanden die
Foderung etwas hoch und meinten dass vielleicht noch fünfzig oder hundert Taler
abgehen würden der Mann versicherte das Gegenteil und die beiden vorgeblichen
Liebhaber baten sich indessen die Erlaubnis aus des Nachmittags mit ihm und
seinen Pferden auf ein Dorf zu fahren um genauere Bekanntschaft mit dem
Postzuge zu machen »Wenn er gut geht« setzte Arnold hinzu »so solls auf
fünzig hundert Taler nicht ankommen« Nach einer so edelmütigen Erklärung
willigte der Pferdehändler mit einer tiefen Verbeugung in die Partie und sprach
nunmehr nicht anders als den Hut in der Hand ob er ihn gleich vorher nicht mit
einer Fingerspitze vom Kopfe bewegt hatte
Sie luden den Mann des Mittags zu Tische ein und auch diese Einladung nahm
er mit einer so tiefen Verbeugung an dass er keuchte denn weil er ziemlich dick
war wurde ihm die Höflichkeit ein wenig sauer Bei Tische fand der Blaurock den
Wein so köstlich dass er wie ein trockner Schwamm ein Glas nach dem andern in
sich zog kaum war ihm eingeschenkt so wischte er die dicken Finger an der
Serviette ab packte das Glas an »Sie erlauben Dero hohes Wohlsein«
schnapp war es hinunter
Er ließ sich Dero hohes Wohlsein so angelegen sein dass er taumelte als sie
in den Wagen stiegen Arnold und Herrmann fanden die Pferde so vortrefflich dass
der Rosstäuscher seine achthundert Taler schon in der Tasche zu haben glaubte
seine Höflichkeit stieg so übermäßig hoch dass er trotz der Kälte nicht anders
als mit bloßem Kopfe fahren wollte Kaum war man an Ort und Stelle als schon
von neuem aufgetragen wurde Wein Likör Kuchen alles im Überflusse Der
Pferdehändler lobte aus Erkenntlichkeit dass man seine Gäule so vortrefflich
fand den Likör aus allen Kräften setzte sich an den Tisch und fütterte und
tränkte sich mit solcher Behaglichkeit dass ihm die kleinen Katzenaugen wie ein
paar Feuerfünkchen aus den glühenden aufgedunsenen Backen hervorleuchteten
Arnold und Herrmann stritten miteinander wer von ihnen den Postzug kaufen
sollte und man wählte Würfel zu Schiedsrichtern man ließ Würfel bringen und
Arnold gewann den Vorkauf »Sie würfeln wie die Hundsfötter« fing der betrunkne
Rosstäuscher an »ich werfe auf jeden Wurf einen Pasch« Arnold schob ihm seine
falschen Würfel unter und der Narr triumphierte laut als seine Prahlerei ein
paar Würfe hintereinander wahr wurde Er bildete sich ein wenigstens gab er in
ganzem Ernste so vor dass ihm dies niemals fehlginge und foderte Arnolden mit
einem Dukaten heraus das Spiel hub an der Rosstäuscher gewann drei oder vier
Dukaten aber plötzlich wandte sich das Glück weil es Arnold regierte alles
Geld was der Pferdehändler in seiner Tasche hatte war ihm in etlichen Minuten
abgenommen Der Mann ergrimmte schnallte eine ungeheure Geldkatze los die er
um den Leib trug legte sie mit Arnolds Beihilfe auf den Tisch und foderte die
beiden Hundsfötter heraus indem er auf seinen ledernen Geldsack klopfte Der
Einsatz wurde von Wurf zu Wurf gesteigert die strotzende Geldkatze von Wurf zu
Wurf magrer der Blaurock schwitzte keuchte und entschädigte sich für jeden
großen Verlust mit einem Glase Likörs Das viele Trinken machte ihn so hitzig
und zugleich so unbesonnen dass er in weniger als einer Stunde alles Geld den
Postzug Chaise und Knecht verspielte Arnold machte gleich Anstalt dass er zu
Bette gebracht wurde um den Folgen des Likörs vorzubeugen und hielt mit den
gewonnenen Pferden seinen Einzug vor dem Kaffeehause wo er gewöhnlich spielte
alle seine Freunde wurden mit dem Postzuge dahingeholt und der Abend in
Schmausen Freude und Wonne zugebracht dem Pferdehändler schickte er noch
denselben Tag seinen Postzug zum Geschenke zurück
Herrmann bekam einen ansehnlichen Teil von der Beute das Glück erklärte
sich wieder zu seinem Vorteil und der ganze übrige Winter war kleine
Abwechslungen abgerechnet für beide sehr ergiebig sosehr auch Arnold
verschwendete so fehlte es doch nie an Geld und Kredit Er machte eine Reise
zum Karneval an einen Hof und kam bereichert zurück In seiner Abwesenheit
gelangte Herrmann so sehr zum Nachdenken dass er ernstliche Anstalten machte
seiner Lebensart zu entsagen Ulriken aufzusuchen und sein Erworbnes mit ihr zu
teilen Er überlegte täglich wo er sie finden oder ihren Aufenthalt erfahren
sollte blieb mit seiner Überlegung von Tag zu Tag auf dem nämlichen Flecke und
spielte rüstig fort mit Glück Klugheit und Ökonomie Itzt besann er sich dass
ihm Vignali seinen Brief den er vor vielen Monaten an sie schrieb nicht
beantwortet habe und schrieb zum zweiten Male an sie er bekam keine Antwort
Ulrike blieb verloren
Plötzlich wurde seine Ruhe durch eine Begebenheit unterbrochen die ihm von
schlimmer Vorbedeutung sein musste wenn er sie recht überdacht hätte Er kam in
Verhaft und zwar wie es sich auswies auf Verlangen des Grafen Ohlau er
spielte mit dem Schliesser der Gefangenstube um Stecknadeln weil dieser nichts
Höheres daran wenden wollte wurde verhört und da man nicht das mindeste
Strafbare auf ihn bringen konnte wieder auf freien Fuß gesetzt Seine Freude
wieder ungehindert spielen zu können erstickte seinen Zorn gegen den Grafen er
lachte seiner öffentlich und Rächte sich mit Spott Das gefährlichste bei diesem
kurzen vorübergehenden Sturme war dass ihn eigentlich Schwinger veranlasste dem
Nikasius von Dresden aus gemeldet hatte dass sein Freund sich in schlimmer
Gesellschaft und wüstem Leben befinde Der äußerst gutmütige nachsichtige Mann
schloss daraus auf die Ursache warum ihm Herrmann auf seinen letzten
verzeihungsvollen Brief nach Leipzig nicht geantwortet haben möchte und weil er
einmal auf einen bösen Argwohn wider ihn gebracht war vermutete er dass seine
ganze Reue wegen seines schändlichen Briefs aus Berlin nur erdichtet gewesen
sei um ihm ein paar Louisdor abzulocken Der Gedanke sich durch einen
Menschen den er so zärtlich liebte dem erso viele Wohltaten und so viele
Nachsicht erwiesen hatte mit der schändlichsten Undankbarkeit hintergangen zu
sehen und mit falscher Reue von ihm betrogen worden zu sein brachte seine gute
Seele so gewaltig auf dass er ernstlich beschloss an seiner Bestrafung und durch
sie an seiner Besserung zu arbeiten weder Mühe noch Antreiben bei dem Grafen zu
sparen und seinen Entschluss durch keine Bitten Reue und Demütigungen
erschüttern zu lassen Herrmanns Arrest war die erste Wirkung dieses
Entschlusses
Zehnter Teil
Erstes Kapitel
Gegen den Ausgang des Winters mitten in dem blühendsten Spielerglücke nach so
vielfältigen vergeblichen Bemühungen Ulrikens Aufenthalt auszuforschen empfing
Herrmann eines Abends einen Brief dessen Aufschrift ihrer Hand sehr ähnlich
war allein weil eben einer von seinen Pointierern seinen Beutel bei ihm rein
ausgeleert hatte und ein andrer auch schon anfing die verdammten Karten die
niemals gewinnen wollten mit den Zähnen zu zerreißen und ein dritter nach
seiner Gewohnheit die er jedesmal bei einem großen Verluste beobachtete
unaufhörlich hustete und eine Prise nach der andern nahm so steckte er den
Brief in seine Tasche wartete sein Glück bis um Mitternacht ab trank in
Arnolds Gesellschaft auf seiner Stube eine Schale Punsch aus schlief ruhig bis
um neun Uhr und dachte an keinen Brief Bei seinem Erwachen fiel er ihm wieder
ein er zog ihn aus dem Kleide das neben dem Bette an der Wand hing und
eröffnete ihn im Bette sitzend Welch ein Entsetzen von Freude und Besorgnis
begleitet als er in der Unterschrift Ulrikens Namen las
F den 4 Mai
Lieber Heinrich
Mit solchem Jammer wie jetzt hab ich noch nie die Feder ergriffen um an Dich
zu schreiben aber das weiß der Himmel ich hatte auch nie solche Ursachen dazu
wie jetzt Von Sorge und Bekümmernis abgezehrt von Krankheit entkräftet von der
Furcht auf allen Tritten verfolgt irre ich wie ein gescheuchter Vogel herum und
kann mit Mühe eine Hütte finden die mich vor Wind und Wetter schützt Gott
ist denn keine Barmherzigkeit für ein Mädchen das liebte wen es nicht lieben
sollte Gern will ich ja meinen Rücken der Strafe darbieten wenn sie nur nicht
ohne Ende sein soll aber nein ich kann ihr Ende niemals finden so tief tief
bin ich in der Not versunken Du lebst in der Freude wie man mir sagt und wenn
Freude und Kummer nicht anders unter uns ausgeteilt werden sollten so tat das
Schicksal wohl dass es mir den Kummer zu tragen gab Ich mache keinen Anspruch
mehr auf die Freude sie sei alle Dein aber um Hilfe fleh ich um ein Almosen
wie ein Bettler es bittet und von wem kann ichs dreister fodern als von Dir
Siehe mich nicht mehr als die Geliebte Deines Herzens an Die Zeiten sind vorbei
nein bloß als ein dürftiges unglückliches Mädchen das bald auch diesen
Namen vor der Welt verlieren wird wie es ihn schon längst vor seinem Gewissen
verlor Lies meine traurige Geschichte und dann urteile ob ein Geschöpf Hilfe
verdient das nicht durch Dich sondern an Dir durch sich selbst durch seine
eigne Verblendung unglücklich wurde
Auf Vignalis Verlangen verließ ich einige Stunden früher als Du ihr Haus
wir trafen uns in einem Dorfe dessen Namen ich vergessen habe13 und
übernachteten in einem andern14 in einem Gasthofe miteinander aber sosehr ich
mit Dir zu reisen wünschte so war mirs doch nicht möglich mich vor Dir sehen
zu lassen ich glaube ich wäre vor Scham versunken Auch fürchtete ich Dich zu
beleidigen wenn ich Deinem letzten Briefe zuwiderhandelte ich tröstete mich
also mit der Hoffnung die mir Vignali machte Dich in Leipzig bei Madam Lafosse
zu finden und mit Dir aber ich mag es gar nicht ausschreiben was sie mir
alles überredete Ich dachte wohl immer bei meiner Hoffnung nein das Glück
wäre zu groß für dich Du findest ihn gewiss nicht Wie gedacht so geschehen
Ich komme nach Leipzig mit einem Briefe von Vignali da war keine Madam Lafosse
Sie hatte einen Handschuhhändler in Dresden geheiratet Ich erkundigte mich bei
dem Manne der mir die Nachricht gab es war glaub ich der Hausknecht ob
nicht ein junger Mensch den ich ihm beschrieb nach ihr gefragt habe »Es ist
mir so« sagte der schläfrige Kerl »Es fragen sehr oft junge Menschen nach ihr
wer kann sie alle behalten« Mit diesem Bescheide musste ich vorliebnehmen Ich
fand nichts wahrscheinlicher als dass Du zu Madam Lafosse nach Dresden gereist
wärst und dort auf mich wartetest in der Hitze meines Verlangens dachte ich gar
nicht daran dass mich jemand in Dresden kannte sondern trat ohne Bedenken die
Reise an ohne mehr als einen halben Tag in Leipzig zuzubringen Nach meiner
Ankunft begab ich mich gleich in einen Laden wo man Handschuhe verkaufte und
fragte nach Madam Lafosse niemand wollte sie kennen bis ich endlich in einem
erfuhr dass sie seit zwei Tagen Madam Düpont hieß Man zeigte mir ihre Wohnung
an und ich fand sie glücklich Die Frau hatte kaum Vignalis Brief zur Hälfte
gelesen als sie mir schon die Backen klopfte und einmal über das andre rief
»Sie sollen ihn haben Sie sollen ihn haben« Sie bot mir ihre Wohnung an bis
sich mein Amant wie sie Dich beständig nannte einstellen würde Ich nahm das
Anerbieten mit Freuden an wartete viele Tage aber Du kamst nicht Der Verdruss
übernahm mich ich wollte schlechterdings unser Zusammentreffen erzwingen und
hatte die Unbesonnenheit auszugehn um Dich aufzusuchen Wo ich ging war
mirs als wenn alle Leute stehnblieben und einander ins Ohr sagten »Da ist sie
wieder« Bei manchen mochte es auch wahr sein denn ich hatte viele Personen in
Dresden ehemals gekannt Auf einmal sehe ich den Bedienten der Tante Oberstin
mir entgegenkommen ich denke der Blitz trifft mich so erschrak ich über das
fatale Gesicht Ich kehrte mich zwar um damit er hinter meinem Rücken weggehn
sollte es geschah ich gehe meinen Weg fort glaube aus aller Gefahr zu sein
und eile was ich kann nach Hause mit dem festen Vorsatze bei Tage nicht
wieder auszugehn in der Türe seh ich mich um und werde gewahr dass mir der
Bösewicht nachgegangen ist Nun war ich verraten
Ich entdeckte mich Madame Düpont und bat sie mir den Augenblick aus Dresden
zu helfen sie beruhigte mich und versicherte dass ich bei ihr nichts zu
fürchten hätte Indem wir noch miteinander davon reden und über die Zukunft
beratschlagen höre ich einen Wagen vor der Tür halten ich laufe voller Angst
ans Fenster und eben steigt Tante Sapperment aus Wie vor Todesschrecken falle
ich der Madam Düpont um den Hals und bitte sie mich zu verhehlen sie versprach
es und ich sprang in die Kammer riegelte die Türe zu und horchte O wie
fürchterlich klang in meinen Ohren der Tante Stimme als sie hereintrat Mir
zitterten alle Glieder vor Entsetzen Sie fragte in sehr bestimmten Ausdrücken
nach mir Madam Düpont versicherte Ihre Gnaden dass sie unrecht angekommen sein
müssten Zum Unglücke hängt mein rosenfarbnes Kleid das ich der Düpont gegeben
hatte um es zu verkaufen auf einem Stuhle »Wem ist das Kleid« fing die Tante
an »Das kann nicht Ihnen gehören« Madam Düpont ist beinahe noch einmal so
stark als ich »Nein« antwortete sie »es ist einer guten Freundin die mich
aus Leipzig besucht hat« »Wo ist die gute Freundin« »Ausgegangen« »Das
ist eine DonnerBlitzHagelslüge Das ist Ulrikens Taille und Größe Mein
Bedienter hat die Wetterhure bei Ihnen hereingehn sehen gestehen Sies Sie
haben den kreuzelementschen Nickel versteckt gestehen Sies oder ich lasse
Haussuchung bei Ihnen tun« »Das können Sie« sagte die Düpont Die Tante
rasselte an der Türe schloss mit dem Schlüssel auf und fluchte dass es
verriegelt war »Es muss ja wohl da außen noch eine Tür in die sappermentsche
Kammer gehen« sagte sie und ohne die Antwort abzuwarten schritt sie aus der
Stube hinaus und kam an die andre Tür der Kammer In der Angst stecke ich mich
in ein Vorhangsbette und vergrabe mich so tief dass ich kaum atmen kann Die Tür
geht auf die Tante kommt herein und durchsucht alle Winkel und die Düpont
leidet alles so geduldig als wenn sie vor der Tür bestochen worden wäre ich
glaub es auch Endlich trifft die Reihe auch mein Bette sie reißt die Vorhänge
auf will das Deckbette aufheben und fühlt Widerstand denn ich zog es aus allen
Kräften an mich »Da ist das kreuzhagelsappermentische Donneraas« rief sie und
arbeitete mit beiden Fäusten so lange bis sie mich packen konnte ich wehrte
mich wohl sosehr es sich tun ließ allein die Frau hat Löwenstärke sie riss
mich heraus richtete mir den Kopf höchst unsanft in die Höhe und sah mir ins
Gesicht ich schloss die Augen fest zu »Ja du bists ja« rief sie »du
infamer elementscher Wetterbalg« und mit diesen Worten peitschte ihre rechte
Faust so unbarmherzig auf mein Gesicht los dass mir zu einer Zeit die Tränen aus
den Augen und das Blut aus der Nase stürzte Ich war vor Bestürzung und Angst
ohne Sinn und Stärke ich ließ mich schleppen stoßen und schlagen wie eine
Elende die in den Tod geführt werden soll Ich rief Madam Düpont einigemal zu
Hilfe allein die Falsche ließ sich weder sehen noch hören In dem kläglichsten
Zustande wurde ich von der Oberstin und ihrem Bedienten die Treppe
hinuntergebracht ich widersetzte mich auch nicht sondern stieg freiwillig in
den Wagen denn ich war so voll Verzweiflung dass ichs darauf ankommen ließ
was man mit mir tun wollte
Zu Hause brach erstlich der Sturm vollends aus das war nichts als fluchen
und sappermentieren ich blieb stumm wie ein Stock und ließ auf mich
hineintoben Das war ihr wieder nicht gelegen nun fluchte sie dass ich nicht
widersprechen wollte damit sie desto mehr Ursache hätte noch länger und
heftiger zu rasen zum Trotz tat ich ihr nicht den Gefallen Die Fenster meiner
Stube wurden vernagelt die Türe den ganzen Tag verschlossen und sie begleitete
jedesmal in eigener Person den Bedienten wenn er mir das Essen brachte Hier
steckte ich nun eingesperrt wie eine wahre Gefangne und wiederholte in
Gedanken die Freuden und Bekümmernisse die ich vor anderthalb Jahren in diesem
Kerker hatte ich wusste noch auf welchem Flecke ich jeden Brief an Dich
schrieb wo ich mich gefreut und wo ich mich geängstigt hatte wo ich den
unglücklichen Schwur auf meine Verdammnis tat nicht von Dir zu lassen es lief
mir ein eiskaltes Schaudern über den ganzen Leib als die düstere Nachtlampe zum
ersten Male auf dem kleinen Tischchen vor meinem Bette brannte und alles wieder
so war wie vor anderthalb Jahren aber die süßen Erscheinungen der Phantasie
die mich damals ergötzten selbst indem sie mich quälten waren vorbei meine
Seele hatte der Schmerz niedergedrückt ich war nicht mehr das verliebte
Mädchen das sich durch Hindernisse und Gefahren durchschlägt um zu dem
Geliebten ihres Herzens hinzudringen ich strebte nicht mehr auf den gespannten
Flügeln der Hoffnung und mutiger Begeisterung dem Genuße verbotner Liebe
entgegen nein eine entlaufne Dirne war ich die sich an einen jungen Menschen
hing sich zu ihrer Schande verführen ließ Strafe fürchtete und Strafe
verdiente meine Leiden waren nicht mehr aufrichtendes Verdienst sondern
niederschlagende Züchtigung in einem solchen Lichte erschien ich mir jetzt Seit
jener unseligen Nacht haben sich meine Augen geöffnet ich habe strafbar die
Frucht gekostet die Erkenntnis des Guten und Bösen gibt und trage den Fluch
und werde ihn bald doppelt fühlen O Liebe Liebe du musst die einzige Sünde
auf der Erde sein denn keine bestraft sich selbst mit so peinigenden Nachwehen
wie du
Für Onkel Tante Mutter und alle andere Anverwandte war mir wenig bange
sosehr mir auch die Oberstin mit ihnen drohte Was können sie tun dachte ich
Vorwürfe machen und dich zwingen einen Mann zu nehmen den du nicht liebst
oder in ein Stift zu gehen das ist es alles das Leben müssen sie dir doch
lassen Aber Heinrich ich zitterte vor einem viel schrecklichern Übel Meine
Gesundheit wurde äußerst abwechselnd ungekannte Empfindungen erwachten in mir
meine Wangen verblühten meine Augen wenn ich mich im Spiegel erblickte waren
trübe matt erstorben meine Tante selbst schöpfte Argwohn und ließ einige
bedenkliche Reden über meine Umstände fallen die ich mit nichts als Tränen
beantworten konnte Sie meldete dem Onkel sogleich dass ich wieder in ihrer
Gewalt war darauf erfolgte zwar eine sehr zornige und fürchterliche Antwort von
ihm aber doch keine solche wie sie die Oberstin wünschte Sie hätte mich gern
wieder in Pension gehabt doch das verbot sich von selbst Dem Onkel war vor
einem Monate ein Sequester in seiner Herrschaft gesetzt worden wie Schwinger in
seinem Briefe den Du mir in Berlin zeigtest befürchtete Er hat zwar die
Erlaubnis so lange auf dem Schloss zu bleiben bis sich die Leute von denen
er geborgt hat untereinander vereinigt haben allein seine Einnahme ist doch so
erstaunend gering dass er nicht mehr als zwei Bediente halten kann die schönen
Kutschen die schönen Pferde alles ist schon längst fort es soll so einsam und
tot auf dem Schloss sein wie auf einem Kirchhofe Er wollte also gar nichts
mehr mit mir zu schaffen haben sondern mich dem Elende überlassen aber die
Tante Gräfin versprach in ihrem Briefe dass sie mich abholen lassen wollte weil
die Oberstin meiner überdrüssig war da ihr niemand Kost und Wohnung für mich
bezahlte Ich sollte zu meiner Mutter gebracht werden die schon seit einem
Vierteljahre an den Folgen ihres vorjährigen Sturzes mit dem Pferde krank
daniederliegt der Graf hatte der Tante nach langem Bitten erlaubt so viel für
mich zu tun nur mit der Bedingung dass ich ihm zeitlebens nicht wieder zu
Gesichte käme
In einer Woche langte auch wirklich Fräulein Hedwig mit einer alten Kutsche
und einem Paar Bauernpferden an sie hatte mit dem jämmerlichen Fuhrwerke
völlige acht Tage unterwegs zugebracht und die Rückreise schienen die Kracken
nicht unter vierzehn Tagen machen zu wollen Wir fuhren ab Hedwig klagte
außerordentlich über ihr trauriges Schicksal auf Vorbitte der Gräfin hatte ihr
der Graf erlaubt wieder auf dem Schloss zu wohnen wenn sie sich demütigen und
um Gnade bitten wollte Die Hauptursache mochte wohl sein weil ihr der Onkel
die Pension nicht mehr bezahlen konnte sie bat um Gnade und wurde seit der Zeit
wieder an die Tafel gelassen Aber sie beschwerte sich gar zu kläglich dass
alles so genau so kärglich zugeschnitten wäre und dass ihr der Graf fast täglich
zu verstehen gäbe wie lästig sie für ihn in seinen itzigen Umständen sei
»Ich werde wie ein Bettelmensch von ihm behandelt« klagte sie »bei jedem
Bissen den ich esse muss ich mir vorrücken lassen dass er ein Almosen ist Der
guten Gräfin tut es weh sie ermahnt mich zur Geduld weil sie nicht helfen
kann Es graut mir wieder nach Hause zu reisen wenn ich in meinen alten Tagen
irgendwo unterkommen könnte und wenn ich einen Schulmeister heiraten müsste ich
ließe Sie allein fahren und bliebe zurück Ich möchte lieber betteln gehen als
das ewige Knurren und Brummen bei dem Grafen ertragen« Sie jammerte mich so
bitterlich weinte sie Schon ihre Figur war mitleidenswert du kennst ihre
dicken ausgestopften Backen und die ungeheuren fleischvollen Arme sie keuchte
sonst bei jeder kleinen Bewegung das war alles verschwunden an dem Halse hing
die zusammengefallne Haut wie ein großer leerer Beutel die rubinroten Wangen
wie wir sie sonst nannten waren zusammengeschrumpft und kreideweiss Es ging mir
ans Herz wenn sie mir die Hand gab sonst war es als wenn sich ein
dichtgestopftes Federbett um die meinige wickelte und jetzt fühlte ich durch die
runzlichte Haut alle Knochen
Mir graute so sehr nach Hause zu reisen als ihr und eh ich noch wusste wie
schlimm es mit ihr stund hatte ich mir schon vorgenommen zu entwischen sobald
es die Gelegenheit zuliesse Da ich sie gleichfalls so geneigt fand nicht zum
Onkel zurückzukehren schöpfte ich ein Herz und tat ihr den Vorschlag mit mir
Partie zu machen Sie war gleich dabei15 aber wohin Ich fiel auf Leipzig um
entweder Dich dort zu finden oder mich von dort an Vignali zu wenden es war mir
alles gleich mochte aus mir werden was auch wollte wenn ich nur nicht zu
meiner Mutter durfte Indem wir beide des Abends in einem Wirtshause
beisammensitzen und überlegen wie wir von dem Bauer der uns fuhr loskommen
sollen tritt er in eigener Person zu uns herein und meldet uns dass wir sehen
möchten wie wir weiterkämen »Ich kann Sie nicht nach Hause fahren« sagte
er »ich habe meine Pferde eben itzo verkauft und bin Soldat geworden Was soll
ich zu Hause machen Mein Gütchen ist verschuldet es kommt so bald zum
Konkurse Frau und Kinder hab ich nicht mögen sich meine Schuldleute drein
teilen Der liebe Gott erhalt Sie gesund und bringe Sie glücklich nach Hause«
Mit diesem Wunsche nahm er seinen Abschied Nun hatten wir auf einmal was wir
wollten wir verkauften auch die alte Kalesche und reisten mit der Post Hedwig
konnte das Fuhrwerk nicht vertragen sie wurde krank und wir mussten in einem
Dorfe liegenbleiben Zum Glück traf unsre Reise gerade in die Michaelmesse und
es boten sich uns häufige Gelegenheiten an mit fortzukommen wir wählten einen
Wagen mit Wolle beladen wo wir für einen wohlfeilen Preis weiche Sitze und
langsames Fuhrwerk bekamen
Ein Anblick verursachte mir auf dieser mühseligen Fahrt ungemein viel
Vergnügen und warum sollte es nicht ein erlaubtes Vergnügen sein das die
Strafe eines Bösewichts verursacht Ein Kommando Soldaten brachte einen
Menschen auf den Bau weil er seinen Posten verlassen und gestohlen hatte Sie
hielten mit uns in einem Dorfe an und da ich dem jungen Menschen genau ins
Gesicht sehe erkenne ich in ihm unsern gemeinschaftlichen Feind Jakob Ich
erkundigte mich bei dem Korporal nach seinem Namen und er war es wirklich Ich
konnte mich nicht enthalten mit Hedwig laut zu triumphieren dass dieser
schändliche Mensch seine Strafe durch sich selbst fand sein eigener Vater musste
ihn aus der Gnade und den Diensten des Grafen verdrängen damit er Soldat
Verbrecher und für alle seine Bosheiten auf immer bestraft würde Wenn in allen
Schicksalen auf dieser Erde so viel Gerechtigkeit herrscht o so muss auf dich
und deinen Heinrich noch große Glückseligkeit warten dachte ich aber ich
bildete mir zuviel Verdienst ein Leiden endlose Leiden hatte ich verdient und
sie trafen mich und werden nie von mir weichen
Auch mit Madame Düpont die auf die Messe reiste kamen wir zusammen ich
war so aufgebracht wider die Treulosigkeit die sie in Dresden an mir beging
dass ich sie vermied aber sie ließ gleich halten als sie mich erblickte und
nötigte mich zu sich auf ihren Wagen ich schlug es aus weil ich die arme
Hedwig nicht verlassen konnte Sie entschuldigte sich also weil sie ihre
Gesellschaft nicht zu lange warten lassen wollte mit zwei Worten über ihr
Verhalten in Dresden und versicherte dass sie es zu meinem Besten getan habe
»Wie ich aber sehe« sagte sie »hat mir meine gute Absicht nichts geholfen
denn Sie sind schon wieder durchgegangen aber Sie werden schon zeitig genug
erfahren dass es bei Ihrer Tante besser ist als in der Irre herumzulaufen Sie
sind nichts als eine Unglücksstifterin die arme Vignali ist Ihretwegen gleich
nach Ihrer Abreise mit dem Herrn von Troppau zerfallen sie hat sich von ihm
trennen müssen und kann nun auch so eine Landläuferin wie Sie werden aber die
Strafe wird schon kommen So eine Landstreicherin die kein Gutes tun will und
andre Leute nur ins Unglück bringt muss auf der Straße sterben« Nach einem so
höflichen Anfange hätte ich so eine Sprache nicht vermutet und ich ärgerte mich
bis in die Seele dass sie mich vor allen Leuten öffentlich so unbillig
ausfilzte ich wollte ihr antworten aber sie stieg auf ihren Rollwagen und fuhr
davon ohne mich anzuhören Sie schien recht froh dass sie sich ihrer Galle
entladen hatte Die Unbilligkeit des Verweises war mir nicht weniger
empfindlich als dass ich wider meine Absicht und meinen Wunsch das Unglück einer
Person veranlasst haben sollte der ich bei allen Bedrängnissen die sie mir
verursachte und die größtenteils nicht einmal von ihr herrühren mochten so
viele Gefälligkeiten schuldig war Ich hatte wegen ihrer letzten Vorsorge für
unsre Verheiratung große Hoffnung auf sie gebaut auch diese war nunmehr
eingestürzt Mit allem meinen Nachsinnen kann ich nicht ausfündig machen wie
ich ihre Entzweiung mit dem Herrn von Troppau bewirkt haben soll vielleicht
weil sie mir durchgeholfen hat Aber was kann dem Manne so sehr daran liegen
mich in die Hände meines Onkels zu liefern16 Es ist und bleibt mir ein Rätsel
Die alte Hedwig winselte mir unaufhörlich die Ohren voll dass sie sich von
der übelen Laune und mir zu einem so gefährlichen Schritte hatte bereden lassen
in ihren alten Tagen noch herumzustreichen ich konnte sie nicht trösten denn
mir war selbst der Mut genug gesunken Der Herbst fing schon an rau zu werden
und wir hatten keine bleibende Stätte keine Hütte die uns aufnahm und wenig
Geld die Aufnahme zu erkaufen Unser letztes Rettungsmittel waren meine
Kleider wir sahen uns nach einem Juden um quartierten uns auf einem Dorfe
nicht weit von Leipzig ein und in zwei oder drei Tagen handelte uns ein
durchreisender Jude unsre ganzen Garderoben ab wir tauschten von ihm Zeug zu
schlechter Bürgerkleidung ein und beschlossen von dem gelösten Gelde den Winter
über auf dem Lande zu leben Wir wohnten dicht neben dem Wirtshause bei einer
Witwe mit welcher wir uns über Heizung und Tisch verglichen und gegen die
billigste Bezahlung mit ihr in einem Stübchen wohnten und aus einer Schüssel
aßen Wir strickten und nähten für das ganze Dorf und einige junge Mädchen die
sich etwas besser dünkten als die übrigen nahmen Unterricht in weiblichen
Arbeiten Hedwig verliebte sich so sehr in unsre einfache Lebensart dass sie bis
an ihr Grab nichts Bessers wünschte sie wurde so aufgeräumt und zufrieden dass
sie fleißig wieder Latein redete und ihre Gelehrsamkeit reichlich auskramte die
auf unsrer ganzen Reise erstorben gewesen war Auch ich hätte mich gern in mein
mittelmässiges Schicksal gefügt weil ich es viel schlimmer erwartete aber mein
Herz verwundete ein Dorn der sich täglich dem Leben näher eingrub Die Folgen
meiner Schuld begleiteten mich auf allen Tritten ich trug sie in mir und konnte
sie niemandem mehr verhehlen Hedwig wurde mit jedem Tage voller und verjüngter
und ich mit jedem Tage mehr zum Schatten eine kränkelnde dahinschwindende
Leiche vor Schmerz und Bekümmernis Die Witwe und Hedwig trösteten mich als ich
meine Umstände ihnen entdeckte mit dem leidigen Grunde dass ich hier ganz fremd
wäre und mich für die Frau eines entlaufnen Mannes ausgeben könnte mir verhalf
ein solcher Trost zu keiner Beruhigung Eine Lüge deckte wohl die Schande vor
der Welt aber die Schande vor mir selbst welche Lüge konnte diese decken Vor
meinen eignen Gedanken hätt ich fliehen mögen so ängstigte mich die Scham ich
konnte ihr quälendes Gefühl nicht von mir entfernen ich mochte denken und tun
was ich wollte Tränen rollten in meine Speisen Tränen netzten meine Arbeit und
mein Lager des Nachts peinigten mich schreckliche Träume und selbst am Tage
schlummerte ich oft mitten im Gespräche ein und sobald sich meine Augen
schlossen standen die fürchterlichsten Gestalten und Begebenheiten in meinem
Kopfe auf alle Geschichten von ermordeten ersäuften oder erstickten Kindern
von geköpften Kindermörderinnen die ich nur jemals gehört hatte gingen in mir
von neuem vor und mit so entsetzlichen Veränderungen und Zusätzen dass ich vor
Angst verging in jedem Traum war ich jedesmal die Verbrecherin die zu den
entehrendsten Strafen geführt wurde dass mir zuletzt auch wachend nicht anders
war als ob ich unvermeidlich einen Mord begehen müsste Die Furcht der
Einbildung nahm bei mir so gewaltig überhand dass ich Hedwig inständigst bat
mich in der Stunde der Schwachheit sorgfältig vor einer Untat zu bewahren und
Tag und Nacht nunmehr keine Minute von meiner Seite zu weichen Wenn verliebte
Übereilung nicht bloß nach dem Urteile der Menschen und angenommenen Gesetzen
sondern auch vor dem Richterstuhle des Gewissens sträflich ist so hab ich meine
Strafe gelitten meine Einbildung hat mich gequält wie eine Hölle und noch lässt
sie nicht ab sie ist ein finstrer Abgrund aus welchem täglich Schreckbilder
Gespenster und Furien heraufsteigen und mich mit entsetzlichen Empfindungen
martern
Unsre Wirtin glaubte mich zu beruhigen wenn sie mir berichtete dass man in
meinen Umständen zu wunderlichen Einbildungen geneigt sei aber minderte das
mein Gefühl Meine Unruhe nahm so stark zu dass ich mehr als einmal in
Versuchung geriet davonzulaufen ich verlangte nach einem Orte wo mich gar
niemand kennte Das war die Ursache warum ich mitten im Winter in eine Reise
willigte die mir den Tod hätte bringen können aber ich sollte einmal Torheit
auf Torheit häufen
Unter den Arbeiten die wir verfertigten waren gestrickte baumwollne Mützen
eine der vorzüglichsten Nicht lange nach dem neuen Jahre kommt ein kleiner
dicker Mann zu uns ein Pferdehändler den man in dem Wirtshause zu uns gewiesen
hatte weil er etwas von jener Arbeit verlangte Für seinen dicken Kopf war eine
jede unter unsern fertigen Mützen zu enge wir erboten uns wenn er ein paar
Tage anhielte oder wieder zurückkäme so viele nach seinem Masse zustande zu
bringen als er begehrte »Ich komme schon zurück« sagte er »ich sollte
einer Herrschaft einen Postzug bringen aber weil ich drei Wochen später kam
als ich sollte hatte sie sich schon anderswo versorgt ich halte mich acht Tage
in Leipzig auf und lasse meine Pferde hier auf dem Dorfe stehen weil ich sie
sonst ganz gewiss verspiele Sie sind dem Teufel schon einmal im Rachen gewesen
ich mag sie ihm nicht wieder vorhalten« Er beklagte sich in diesem Tone sehr
bitter über einen Verlust den er bei seiner Herreise an der Neujahrsmesse in
Leipzig erlitten hatte und verwünschte die Räuber die ihm zum Trunke
verleiteten und in der Trunkenheit alles bei sich habende Geld abgewannen Er
kassierte einige Summen ein die ihm in Leipzig auf Anweisung ausgezahlt werden
sollten und war so misstrauisch gegen diese Stadt durch sein Unglück geworden
dass er nicht einmal darin schlief und die ganze Zeit des Tags wenn seine
Geschäfte vorbei waren auf dem Dorfe zubrachte und zwar mehr bei uns als in
dem Wirtshause Der Mann wurde mit mir vertraut und weil er sehr leicht merken
konnte dass ich mich nicht in den besten Umständen befand tat er mir im Scherz
und endlich im völligen Ernste den Antrag mit ihm nach Hause zu reisen und
seine beiden Töchter in weiblichen Arbeiten zu unterrichten Er zählte mir dabei
täglich seine Reichtümer her die nach seiner Angabe sehr beträchtlich waren
ließ sich auch zuweilen ein paar Worte entwischen aus welchen man schließen
konnte dass seine Absichten auf mich weiter gingen Mit der Veränderung des
Aufenthalts hoffte ich auch meine Gemütsverfassung zu ändern die gute Hedwig
bildete sich ein dass seine Absicht auf sie gerichtet wäre oder dachte
wenigstens sie dahin zu lenken genug sie und meine Unruhe setzten mir so
heftig zu dass ich in seinen Vorschlag willigte wenn Hedwig meine Begleiterin
sein dürfte Er war es sogleich zufrieden und so vergnügt über meine
Einwilligung als wenn ich ihm das größte Geschenk machte Er bezahlte was wir
unsrer bisherigen Wirtin schuldig waren die auch nicht wenig an mir getrieben
hatte seinen Vorschlag anzunehmen weil ich wie sie sagte vielleicht mit
Ehren noch unter die Haube kommen könnte wenn ich mich in den Mann schickte
Der Himmel weiß es dass mir der Mann nicht sonderlich gefiel und doch wage ich
nicht zu leugnen ob ich nicht das nämliche dabei dachte Die Schande der ich
entgegeneilte ist für eine Mädchenseele ein so fürchterliches Gespenst dass ich
gern ein Gespenst geheiratet hätte um nur jenem zu entgehen Ohne mir nur das
mindste von diesem anwandelnden Gedanken entwischen zu lassen reisten wir mit
vier schönen Kutschpferden und einer anständigen bequemen Kalesche ab Vor
Leipzig gesellte sich noch ein Student zu uns der Predigerssohn aus dem Dorfe
wo mein Pferdehändler wohnte Der junge Mensch war äußerst niedergeschlagen und
hatte nichts bei sich als wie er ging und stund Ich fragte ihn um die Ursache
seiner Traurigkeit und ohne große Weigerung gestund er mir mit der
liebenswürdigsten Offenherzigkeit dass er das Unglück gehabt habe in schlechte
Gesellschaft zu geraten und alles bis auf die Kleidung die er trug zu
verspielen »Weil ich kein Geld mehr habe« setzte er hinzu »und diesen alten
Bekannten in Leipzig antraf so bat ich ihn mich mit zu sich zu nehmen Die
Schuldner verfolgen mich nirgends hab ich mehr Kredit studieren kann ich auch
nicht also will ich den Winter vollends bei meinem Vater zubringen und ihn
bitten dass er mich auf eine andre Universität tut« Wir versprachen alle bei
seinem Vater eine Vorbitte für ihn einzulegen und Vergebung für seine Unordnung
auszuwirken Der Pferdehändler fing von neuem an seinen Verlust zu erzählen
und die beiden Unglücklichen klagten und fluchten wechselsweise »Wir sind wohl
durch die nämlichen Spitzbuben geprellt worden wie es scheint« sagte der
Pferdehändler »Hiess der eine nicht Arnold und der andre Herrmann« fragte der
Student Der andre wusste die Namen nicht aber er beschrieb Figur und
Kleidung Der Student ergänzte seine Schilderung und ihr beiderseitiges Gemälde
war Dein leibhaftes Bild alles sogar die Kleider trafen ein Er musste mir
Deine ganze Lebensart erzählen und er erzählte mir mehr als ich wünschte »Es
ist ein lüderlicher Landstreicher« waren seine Worte »er hat eine Baronesse
entführt geschwängert sitzenlassen und wälzt sich nunmehr in allen
Ausschweifungen herum spielt trinkt verführt Mädchen sein Glück im Spiel ist
so außerordentlich dass er notwendig betrügen muss«
Der Atem stund mir still bei dieser schrecklichen Nachricht meine Schande
so laut auf den Zungen und in den Ohren aller Menschen zu wissen mir Dich als
einen Lasterhaften Gewissenlosen zu denken das waren zween harte Stöße für
mein bekümmertes Gemüt Jedes Wort das er weiter von Dir sprach bestätigte die
Vermutung dass ich eine Betrogne und Du ein Betrüger warst ein Leichtsinniger
der die gemissbrauchte Liebe vergaß und noch mehr Unschuldige ins Verderben
reißen wollte weil es ihm mit einer so wohl gelungen war So sei er auch
vergessen der Ehrlose beschloss ich in dem ersten Zorne so treffe ihn die
Strafe der Verführung und Treulosigkeit spät wie ich die Folgen meiner
Unbesonnenheit zeitig fühle Ich war so aufgebracht dass ich mich mit dem
Pferdehändler wenn ers damals verlangte in der Minute ohne Weigerung trauen
ließ ob er mir gleich itzo mehr missfiel als jemals Er trank war im Trunke
äußerst freigebig und in der Nüchternheit so knickerig dass er jede Gütigkeit
die ihm etwas kostete ohne Zurückhaltung bedauerte aber was sollt ich tun
Leiden und dulden war mein Los
Als wir in der Heimat des Pferdehändlers angekommen waren ging erst meine
Not recht an Die beiden Töchter ein paar schnippische überkluge Mädchen
sahen mich mit scheelen Augen an weil sie besorgten dass ich ihre Mutter werden
sollte taten mir alles zum Possen und quälten mich mit plumpen Höhnereien vom
Morgen bis zum Abend der Vater wurde unser auch sehr bald überdrüssig weil
seine Liebe oder Großmut oder was es sonst sein mochte nur ein Einfall im
Trunke gewesen war die Töchter nahmen ihn noch mehr wider uns ein und tadelten
ihn dass er zwei solche Menscher wie uns die Kreaturen ins Gesicht nannten so
ganz umsonst ernährte und der täglich berauschte Pferdehändler fing an mit uns
wie mit Pferden umzugehen er sagte uns geradezu dass er weder Menschen noch
Vieh im Hause dulden könnte das sein Futter nicht verdiente und seine
naseweisen Töchter die das Regiment im Hause hatten muteten uns Mägdearbeit
zu Sie argwohnten meine Umstände und ihr Spott wurde so unbarmherzig beissend
dass er mir am Leben frass
Mit Schwachheit Kummer und Schmerz halb mit dem Tode ringend schlich ich
zu dem Vater des jungen Menschen der uns hieher begleitete entdeckte ihm mit
Tränen meine traurige Geschichte ohne einen Umstand zu verbergen und bat ihn
um seinen Beistand bloß um die Vergünstigung meine Bürde in seinem Hause
abzulegen und mein Leben in seine Hände auszuhauchen »Brich dem Hungrigen
dein Brot« sprach der Prediger nach einer kleinen Pause »ich will Sie
aufnehmen« So biblisch und gutgemeint sein Kompliment war so kränkte es mich
doch so empfindlich als eine abschlägige Antwort Die wenigsten Menschen wissen
auf eine gute Manier Wohltaten zu erzeigen die Erfahrung hatte ich schon längst
gemacht und meine Empfindlichkeit musste sich darunter schmiegen Bei diesem
Prediger lebe ich nunmehr seit der Mitte des Februars fühle mich durch Ruhe und
Pflege wieder ein wenig gestärkt aber in immerwährender Demütigung Bloß von
der Wohltätigkeit leben ist ein schrecklicher Gedanke der mich täglich
beunruhigt obgleich der Prediger und seine Frau mich gleich gütig behandeln
aber ich kann mir denken was sie sich denken was sie sich sagen werden Wenn
wir doch das müßige Geschöpf nicht ernähren müssten ist ein Wunsch den ich
besonders im Gesichte der Frau sehr deutlich lese ob sie ihn gleich aus
Höflichkeit nicht hervorbrechen lässt denn sie erkundigt sich täglich wo ich
mich hinzuwenden gedenke wenn ich nieder ich kann das niederschlagende Wort
nicht ausschreiben das ich täglich hören muss die Scham rückt mir die Feder
weg O Heinrich was für ein schöngefärbter Regenbogen einer schwarzen Wolke ist
die Liebe Mit den täuschenden Farben der Einbildung und ebenso täuschenden
Worten verbirgt man sich ihre wahre Gestalt und zürnt schon wenn nur jemand in
der gewöhnlichen Sprache von ihr redet Wir dünkten uns ganz anders zu lieben
als die übrigen Sterblichen und wir liebten wie sie alle unser Gefühl schien
uns englisch überirdisch und wir empfanden und handelten ohne es zu glauben
nur menschlich Seit jener unglückseligen Nacht ist der Regenbogen vor meinen
Augen verschwunden und nichts steht mehr da als finstere dicke Wolken in
welchen er sich bildete
Was mich in meinem Elende noch aufrichtet sind die guten Nachrichten die
mir der Predigerssohn von Dir verschafft hat Auf mein Verlangen musste er einige
seiner Freunde in Leipzig antreiben die sorgfältigste Erkundigung von Dir
einzuziehen und alle Berichte widerlegen die böse Meinung die mir der junge
Mensch im Zorn über seinen Verlust von Dir beigebracht hat Du spielst doch
ohne Betrug und Unredlichkeit das Glück wirft Dir Reichtum mit vollen Händen
zu Du lebst in der Freude und dem Wohlergehn doch ohne ein ausschweifender
Trunkenbold zu sein auch von den Ausschweifungen der Liebe spricht man Dich
frei Du wendest Deinen Gewinst zur Freigebigkeit und Wohltätigkeit an und
selbst einer von denen die von Deiner Lebensart Nachricht einziehen sollten
hat von Deiner Güte mehr als einen Beweis erfahren wohl Dir und wohl mir dass
mein Herrmann sich meiner Liebe nicht unwürdig machte Mich haben alle diese
günstigen Berichte erfreut als wenn sie lindernden Balsam in meine ganze Seele
gössen
Da Du noch der vorige Herrmann bist so kann Ulrike Deinem Herze durch Dein
Glück nicht fremd geworden sein und sie darf Dich dreist um eine Wohltat
bitten wenn ich einmal Wohltaten empfangen soll so sei es von Dir Bezahle den
Leuten wo ich jetzt wohne für Tisch und Wohnung soviel Dir gut dünkt von der
Mitte des Februars bis zu Ende des Mais es sei ein Geschenk ein Almosen das
Du mir reichst damit ich nur den Gedanken von mir entfernen kann dass ich von
dem Almosen fremder Personen lebe diese Vorstellung verbittert mir jeden
Bissen Bis zu Ende des Mais sage ich darum weil die Stunde die mich meiner
Bürde entladet auch meine Sterbestunde sein wird ich bin so gewiss so fest
hiervon überzeugt dass der Tod gegenwärtig mein einziger Gedanke und mein
einziges Gespräch ist Mein unaufhörlicher Kummer seitdem ich aus Berlin bin
hat mich langsam dazu vorbereitet und meine Schwäche ist so groß dass ich an
diesem Briefe wenigstens drei Wochen geschrieben habe um nur die besten
heitersten Stunden dazu auszusuchen Muss ich die Offenbarung meiner Schande
überleben so nimm Dich meiner an Von Gott und Menschen verlassen in wessen
Arme soll ich mich werfen als in die Deinen in welchen meine Unschuld starb
Geniesse Deines Glücks lebe für Freude und Ehre wenn es Dein Schicksal will
ändre meinetwegen nicht eine einzige Deiner Absichten Ich vermute dass Dir das
Spiel nur dienen soll um Dir fortzuhelfen wenn Du Dir also eine Bahn
vorgezeichnet hast die Du mit Deinem erworbnen Vermögen antreten willst so
gehe sie ohne meiner zu achten Von diesem Augenblicke an will ich für Dich tot
sein ich mag sterben oder leben meine törichte Liebe hat Dich bisher von aller
Vorbereitung zu Deinem künftigen Glücke abgehalten sie soll es nicht länger
weil es noch Zeit ist Ich will auf dem Lande in der Einsamkeit den Rest meines
jungen Lebens hinbringen mich mit Arbeiten nähren und nur dann wenn mein
Kummer mich krank und untüchtig zur Arbeit macht nur dann stehe mir bei Ich
habe Dich freilich wie mir einst Schwinger schrieb in eine Grube gezogen wo
Du verschmachten konntest aber räche Dich nicht Ich sprang in die Grube und
zog Dich mit mir hinein aber Dir half das Glück heraus und ich schmachte noch
darin Den Ring den ich Dir in der süßesten Trunkenheit der Liebe unter dem
Baume an den Finger steckte den Du mir mit edlem Zorne über den vermeinten Fall
meiner Tugend in Berlin wiedergabst und mit einem Kusse nach unsrer
Wiederversöhnung von mir zurücknahmst trag ihn zum Andenken der
unglücklichsten Liebe Selbst wenn nach meinem Tode dereinst ein glücklicheres
Mädchen Dich besitzt dann schäme Dich seiner nicht Ich habe schon der Hedwig
auf das Leben anbefohlen dass der Deinige an den nämlichen Finger den er itzo
ziert mit mir ins Grab gehen soll damit ich als Deine Braut im Sarge liege
Wird meine Hoffnung zu sterben erfüllt so komm einmal zu meinem Grabe
eh es unkennbar wird Das modernde Mädchen kann freilich Deinen Seufzern nicht
antworten oder mit Deinen Tränen die ihrigen vermischen aber die Vorstellung
ist süß ungemein süß mir Dich hingeworfen auf den Hügel zu denken unter
welchem ich als Deine Braut liege und wie dann die dürre Erde mit welcher ich
mich vermischen soll Deine Tränen in sich trinkt wie das geliebte Herz das
ich so oft unter meinen Händen schlagen fühlte dem meinigen so nahe sich mit
dumpfen Schlägen in den Boden hineindrückt und Deine ausgebreiteten Arme den
Staub umschließen zu welchem ich geworden bin
Verzeihe dem unbesonnenen gutherzigen Mädchen dass es Dich liebte Lieben
musst ich Dich und wenn es die unverzeihlichste Sünde gewesen wäre Meine Tante
bat mich um Gottes willen von meiner Liebe abzulassen ich verschmähte eine so
teure Bitte setzte ihr einen fürchterlichen Schwur entgegen und der Schwur
wurde zum schleichenden Gifte das mein junges Leben tötete als es kaum anfing
O Liebe Liebe Wenn Offenbarungen dich in deiner ganzen Gestalt dem
empfindungsvollen Mädchen kundtäten noch wenn sie an der Mutter Brust liegt
welche Fehltritte könnten sie sparen Mich pflückte itzo nicht der Gram wie eine
junge Maiblume ich riss gestern eine auf der Wiese hinter der Pfarrwohnung aus
Gott wie war es anders mit mir als ich auf der Wiese hinter des Onkels Garten
sie ausriss wie anders als ich sie in Dresden in den Gärten aufsuchte Damals
schwebte ich noch auf den lichten Silbergewölken der Einbildung im Sonnenscheine
der Liebe Ich steckte gestern das frisch ausgerissne Blümchen an meine Brust
und in wenigen Minuten senkte es das zarte Haupt und verwelkte So früh dachte
ich und doch ist das Ende des Maies noch nicht da
So früh schon am Ende des Maies soll ich mein Haupt senken und verwelken
Ich küsse dieses Blatt statt Deiner und wenn der Sarg meine Brautkammer
wird dann lies hier noch einmal mein Lebewohl lass ein paar Tränen wie sie
jetzt aus meinen Augen auf die erlöschenden Buchstaben herabtröpfeln auf meinen
Namen fallen und wünsche meiner Seele die Ruhe die ich im Leben nicht
wiederfinden konnte
Die Angst wenn sich der Faden des Lebens von meinem Herze losreißen wird
kann nicht schwerer sein als die meinige indem ich diesen Brief schließen soll
die Hand bebt mir die Ohren brausen es sprengt mir das Herz Gott welche
Beklemmung
Sie ist vorüber die Liebe schied von meiner Seele Die Unschuld verwelkte und
der Stengel der die schöne Blume trug verdorrte
Wenn am Ende des Mais ein leises Röcheln Dich im Schlafe stört oder eine
erlöschende Stimme am Bette Deinen Namen stöhnt oder im Traume ein blasses
Mädchen im Sterbkleide vor Dir steht dem Kummer und Reue noch aus den
entseelten Zügen sprechen das traurig den Kopf senkt bänglich seufzt und
verschwindet dann denke jetzt starb die mich liebte wie keine meine
Ulrike
Herrmann dem die Tränen in großen Tropfen über das bestürzte Gesicht
herabschossen sprang aus dem Bette und lief wie er war in Arnolds
Schlafkammer der noch tief schnarchte weckte ihn hastig legte ihm den Brief
hin »Da lies« rief er »ich muss fort gleich fort« Mit der nämlichen
Hastigkeit rennte er wieder von ihm kleidete sich an packte mit Hilfe seines
Pommers ein bestellte Postpferde bezahlte und kassierte Schulden ein vergaß
Essen und Trinken und kam eben nach Hause als Arnold zu Tische gehen wollte
»Ich will dich begleiten« fing dieser an »Der Brief hat mir wunderbare
Gedanken in den Kopf gebracht Wir sind doch wahrhaftig beide des Hängens wert
sitzen da und spielen und fressen und saufen und lassen uns wohl sein wie ein
paar Brüder des Bacchus und unsre armen Mädchen hungern und kümmern sich
unterdessen dass ihnen die Seele ausfahren möchte Weißt du was ich mir
vorgenommen habeIch will meine Adolfine Lisettens Schwester heiraten Ich
habe über dem verdammten Spielen das arme Tier ganz vergessen Ich will mit dir
reisen will mir für das Geld das ich beisammen habe ein Gütchen kaufen mit
meiner Adolfine auf dem Lande leben und zeitlebens weder Karte noch Würfel mehr
anrühren Ist das nicht auch deine Meinung«
Herrmann Allerdings Wohl mir dass ich den Plan nunmehr ausführen kann den
ich mir gleich anfangs machte als ich in deine Bekanntschaft geriet Wie hat
mich bei allem Unglücke das Schicksal so lieb Es gibt mir Geld dass ich meiner
Ulrike mit Hilfe und Beistand zueilen und sie fast von dem Tode selbst befreien
kann Die minute nach meiner Ankunft bei ihr soll sie mein werden ohne Onkel
und Tanten Vater oder Mutter darum zu fragen Mein soll sie werden wie zwei
Menschen aus der goldnen Zeit wollen wir auf dem Lande zusammen leben und im
Schweiß des Angesichts mit patriarchalischer Freude unser Brot essen wie
Menschen es essen sollen Findest du nicht dass ich der glücklichste Mensch
unter der Sonne bin Ich wüsste gar nicht was mir fehlte Und du Freund wirst
mein Nachbar Wie froh wie überglücklich wollen wir des Abends nach geendigter
Arbeit und Sorge in unserm stillen Dörfchen unter den Bäumen oder auf dem Steine
vor der Tür beisammensitzen und in nachbarlicher Vertraulichkeit schwatzen
schäkern und lachen unsre Weiberchen neben uns oder auf dem Schoße oder in den
langen Winterabenden wenn bei der düstern Lampe Hausmütter und Mädchen im
Zirkel dasitzen und spinnen und mit lustigen Erzählungen und lautem Gelächter
die schnurrenden Räder überstimmen wie freundschaftlich wollen wir dann am
Tische sitzen und dem fröhlichen Getümmel zuhören und durch unser Gespräch
Lustigkeit und Gelächter vermehren Endlich hab ich dann die längst geträumte
und gewünschte Glückseligkeit ein stilles ländliches Leben mit Ulriken zu
teilen und nach dem langen Kummer wie wird ihr das kleine Glück das ich ihr
verschaffe doppelt süß schmecken Sie glaubt zu sterben nein Ulrike ich
bringe dir das Leben
In einem so entusiastischen Tone fuhr er lange fort seinem Freunde Szenen
ihrer künftigen Glückseligkeit vorzumalen und in der ersten Aufwallung seiner
schwärmenden Freude ging er so weit dass er sich auf der Stelle die Haare
abstutzen ließ einen runden Hut kaufte die Kleider die für den Stand des
Landmanns nicht passten verschenkte und nur einen einfachen Tuchrock zum
Sonntagskleide und einen Überrock zur alltäglichen Kleidung behielt er wollte
ganz mit Leib und Seele ein Landmann werden wie er nach seiner träumerischen
Idee sein musste und entfernte deswegen alles unter seinen Habseligkeiten was
nur im mindesten die Miene des städtischen Luxus hatte was er nicht verkaufen
oder vertauschen konnte wurde verschenkt
Die Pferde waren zwar gleich nach Tische bestellt allein Arnold nötigte
ihn sie wieder absagen und erst auf den Abend kommen zu lassen Sie kamen zur
bestimmten Zeit Arnold war den ganzen Nachmittag nicht nach Hause gekommen
weil er seine Angelegenheiten in Ordnung bringen wollte auch jetzt fand er sich
nicht ein Herrmann wurde ungeduldig und lief auf das gewöhnliche Kaffeehaus
ihn dort zu suchen und fand ihn in voller Arbeit am Spieltische »Reise nur«
sagte Arnold »ich sitze eben im Verluste sobald ich wieder heraus bin komm
ich dir nach«
Herrmann nahm von dem Tempel des Spiels ungern Abschied aber eine höhere
Gottheit zog ihn nach sich und er reiste ohne Zögern ab Seine Freigebigkeit
gegen die Postknechte war so außerordentlich dass sie aus Dankbarkeit weder
Pferde noch Wagen schonten sondern die Gäule in einem Trabe dahinrennen ließ
viertausend und etliche hundert Taler die er im Kuffer hatte schienen ihm eine
so unversiegbare Quelle dass ihm alles zu wohlfeil vorkam
Zweites Kapitel
Zwo Stationen vor dem Ende seiner Reise sah er einen Mann dessen Figur
außerordentlich viel Bekanntes für ihn hatte den jungen Burschen gebieterisch
kommandieren der seinen Kuffer auf den Wagen packte über eine Weile drehte
sich der Mann nach dem Fenster hin wo ihn Herrmann beobachtete Das ist mein
Vater sagte sich dieser und wollte eben Anstalt machen Erkundigung einzuziehn
als der nämliche Mann in einem gelben Postrocke hereintrat und sein Packgeld
foderte er stutzte da er Herrmanns Gesicht erblickte dass ihm das Wort
zwischen den Lippen starb »Herrmann mein Vater« rief der Sohn und flog auf
ihn zu seine Hände zu fassen aber der Alte wehrte ihn von sich ab »Geh du
stolzer Halunke ich kenne dich nicht ich kenne keinen Sohn der mich
verachtet«
Er wollte gehen aber Herrmann zog ihn mit der äußersten Gewalt zurück
»Ich muss von meinem Vater für seinen Sohn erkannt werden eher reise ich nicht
von der Stelle« rief er
Der Vater So kannst du bleiben bis zum Jüngsten Tage Bist du etwa in Not
dass du mich itzo kennst du Schandbube Du hast mich in Berlin verleugnet da
ich dich brauchte jetzt mach ichs wieder so Ich bin versorgt ohne deine Hilfe
du hochmütiger Affe ich habe mein Brot suche dir deins Geh mir aus den Augen
Der Sohn Aber liebster Vater nur ein Wort Meine Vergehung in Berlin war
nicht meine Schuld die Reue darüber hat mich genug gefoltert Aus bloßer Reue
um meine schändliche Verleugnung wieder gutzumachen aus kindlicher aufrichtiger
Liebe biete ich meinem Vater die Hand zur Versöhnung Ich bedarf keine Hilfe
ich habe alles vollauf ich biete Ihnen an soviel Sie wollen soviel Sie
bedürfen ich will gleich den Kuffer öffnen und vor Ihnen alles ausschütten
nehmen Sie nehmen Sie davon was Sie brauchen
Der Vater Denkst du Hasenkopf dass ich meine väterliche Liebe für Geld
verkaufe
Der Sohn Nein das ist gar nicht der Bewegungsgrund bloß um Ihnen zu
beweisen dass mich nicht die Not dringt Ihre Verzeihung zu suchen dass ich mein
schändliches Leben in Berlin mit der heißesten Reue missbillige dass ich nicht
der Unmensch bin der sich seines Vaters schämt sondern dass eine fremde Gewalt
mich dazu zwang bloß darum fleh ich um Verzeihung Vater ein versöhnendes
Wort
Der Vater Da schlag ein du Halunke es mag dir diesmal hingehn weil du
nicht mehr so vornehm aussiehst wie in Berlin Ja wenn ich nicht gar zu böse
auf dich gewesen wäre so hätt ich dir gleich die Hand auf das erste Wort
gegeben so gefällst du mir itzo in dem Aufzuge Ein allerliebster Kerl bist du
in den abgestutzten Haaren und dem runden Hute So wahr ich lebe ich habe gar
nicht gedacht dass mein Junge so hübsch ist ja ich will dirs vergeben weil
du so hübsch um die Haare gehst Aber du gottlose Brut willst du denn etwa
deinen Vater wieder so trocken abspeisen wie in Berlin den Augenblick nehm ich
meine Vergebung zurück wenn du nicht auftragen lässest
Der Sohn flog sogleich hinaus und bestellte alles was zu haben war in dem
reichlichsten Überflusse Sie setzten sich der Vater zog sein schwarzes
Pfeifchen aus der Tasche schlug Feuer an und rauchte »So gefällt mirs«
sprach er dampfend »dass wir so hübsch vernünftig beisammensitzen können In der
schönen Stube der hochgetürmten gelbschnäblichten Madam in Berlin hätt ich nicht
für meine Sünden sein mögen das war ein Hundeleben und mich gar zur Tür
hinauszujagen Siehst du du gottesvergessner Bube weil du deinen Vater
verleugnetest hab ich die Leute ansprechen müssen von Berlin bis nach Leipzig
hab ich mich gebettelt bis mich ein Kaufmann aus Hamburg mit sich nahm und mir
in seinem Hause eine Versorgung geben wollte da wir hieher kamen hörte ich
dass hier im Postause der Packmeister gestorben war und weil sie mich brauchen
konnten zog ich den gelben Rock an und blieb hier Bist du nicht der Hölle
wert du ungeratner Sohn dass du deinen Vater in solche erbärmliche Umstände
kommen lässt«
Der Sohn Mein Herz zerschmilzt vor Betrübnis darüber aber ich gebe meine
Seele zum Unterpfande mein Herz blutete indem ich dem grausamen Befehle Sie
nicht zu erkennen gehorchte
Er erzählte hierauf die Begebenheit soweit es zu seiner Rechtfertigung
nötig war und lag dem Alten inständig an seinen Platz zu verlassen und ihm zu
folgen das wurde gerade abgeschlagen Der Sohn verdoppelte seine Bitte
berichtete die Absicht seiner Reise und seinen künftigen Plan doch ohne
Ulrikens zu gedenken »Ich mag nicht deiner Gnade leben« antwortete der
unerbittliche Alte Der Sohn ließ seinen Kuffer in die Stube holen und schüttete
ihm Geld hin »Packe dein Geld ein« sprach der Alte plötzlich indem er den
Kuffer durchwühlte und einen weißen abgedankten Überrock fand der schon einige
Zeit zum Puderkleide gedient hatte »Wenn mir der weiße Rock passt will ich mit
dir gehen« Er machte einen Versuch und da er ihn für seinen dürren Körper
recht geräumig fand rief er auf einmal voll Freuden »Junge ich geh mit dir
komm mache mir so einen hübschen Kopf wie du hast wir leben und sterben
zusammen«
Der Sohn musste ihm die Haare verschneiden einen runden Hut für ihn
zurechtmachen und vermittelte bei dem Postmeister seine Entlassung sie reisten
zusammen fort und der Alte war so vergnügt über seinen neuen Kopfputz dass er
sich in jedem Wasser besah durch welches sie fuhren
Herrmann als sie in dem Dorfe ankamen aus welchem Ulrikens Brief
geschrieben war fuhr gerade vor die Pfarrwohnung stieg ab ging hinein es war
niemand als eine Magd zu Hause die ihn mit seinem Vater in eine Stube wies und
ihre Herrschaft aus den Wiesen zu rufen versprach In der Stube stund außer den
gewöhnlichen Möbeln nichts als ein großes altväterisches Himmelbette mit
zugezognen kattunen Vorhängen Langeweile und Ungeduld trieb ihn an die Sachen
in der Stube zu betrachten besonders zogen die bunten Bettvorhänge wo auf
einem dunkelblauen Grunde eine Menge weißer Israeliten ungeheure Weintrauben an
Stangen aus dem gelobten Lande trugen seine Aufmerksamkeit auf sich die
grotesken Figuren reizten seine Neubegierde auch die inwendige Verzierung des
Bettes zu untersuchen er schlug die Vorhänge zurück und fand ein schlafendes
Frauenzimmer darin ein bleiches abgezehrtes Gesicht aus welchem selbst im
Schlafe der Kummer sprach die dürren fleischlosen Hände lagen kreuzweise
übereinander auf dem Bette gerade als wenn sie im Sarge daläge Herrmann
sowenig er Ulriken in ihr erkannte zweifelte doch keinen Augenblick dass sie es
wäre Wenn dir ein blasses Mädchen im Sterbekleide vor dem Bette erscheint
dem Kummer und Reue aus den entseelten Zügen sprechen dann denke jetzt starb
meine Ulrike Diese Stelle fiel ihm sogleich bei ihrer leichenmässigen Lage aus
ihrem letzten Briefe ein bestürzt legt er leise die Hand auf ihr Herz um zu
fühlen ob es noch schlage empfand zu seiner Freude unter seinen Fingern matte
langsame Schläge wollte die Hand zurückziehn um die Schlafende nicht durch
seinen plötzlichen Anblick zu erschrecken wenn sie etwa erwachte und ließ sie
immer liegen wollte gehen und blieb da mit banger Wehmut in ihre traurige
Miene vertieft Plötzlich fuhr sie im Schlafe zusammen als wenn sie ein Traum
schreckte er wollte entfliehen aber es war zu spät ihre Augen standen schon
offen ehe er die Hand zurücknehmen konnte Sie sah ihn einige Zeit starr an
als ob sie seine Erscheinung für einen Traum hielt und kaum öffnete er die
Lippen zu einem leisen »Ulrike« als sie ängstlich seufzte »Gott« und tief ihr
Gesicht in die Betten verbarg
»Wende dich nicht von mir Ulrike« sprach Herrmann mit aller möglichen
Sanfteit der Stimme die ihm seine kochende Empfindung zuließ »Ich komme als
dein Helfer als dein Retter will dein Herz seines Kummers entladen und ihm
Freude und Ruhe wiedergeben die ich dir nahm Wende dich nicht von mir Der
Sarg soll nicht deine Brautkammer werden Sieh er ist da den du liebst und
beut dir seine Hand um dich aus den Armen des Todes zu ziehen Er ist da und
weint die Tränen aus Freude die er um deinen Tod auf deinen Namen strömen
sollte Er ist da und wartet auf deinen Blick warum verbirgst du ihn mir«
Er hörte sie in das Bette hineinschluchzen und mit leisen abgebrochnen Tönen
sagen »Verlass mich dass ich mich erhole« Er gehorchte machte die Vorhänge
fest zu und ging aus der Stube zu seinem Vater der im Hofe stand und ein
Pfeifchen rauchte Der Alte erstaunte dass er die Pfeife auslöschen ließ als
ihm der Sohn Ulrikens Gegenwart und sein Vorhaben sie zu heiraten entdeckte
er hielt ihn für verwirrt denn er wusste von seiner Geschichte weiter nichts
als was auf dem Schloss des Grafen vorgefallen war und auch dies hatte er
schon längst vergessen Der Sohn brauchte alle Mühe ihn zu überzeugen dass er
bei völligem Verstande sei er entdeckte ihm in verhüllten Worten den
bedenklichsten Punkt der Geschichte »Was« fuhr der Vater mit herzinniger
Freude auf »das Mädchen ist schwanger Du verdammter Hund so bunt hats ja
dein Vater nicht gemacht Erleb ich die Freude so zeitig dass ich Großvater
werde Über den Zeisig«
Indem seine Freude über die unvermutete Grossvaterschaft sich noch in vollem
Strome ergoss langte die Gesellschaft aus den Wiesen an die Pfarrfrau voran
Herrmann ging auf sie zu dankte ihr für Ulrikens Aufnahme und benachrichtigte
sie dass er gekommen sei ihr die gehabte Bemühung zu vergelten und sie davon zu
befreien »Ach sind Sie der « fragte die Pfarrfrau mit einer scheelen
Miene Ihr Herr Sohn hatte kaum Herrmanns Gesicht erblickt als er erschrak und
furchtsam sich hinter seine Mutter stellte um dem Menschen nicht in die Augen
zu sehen der ihm sein Geld abgewonnen hatte Zuletzt unter allen kam auch
Fräulein Hedwig herangewackelt und schrie laut da sich Herrmann nach ihr
hindrehte »Ach du liebes Väterchen im Himmel« fing sie an »sind Sie denn
wirklich in propriis figuribus da Bewahre mich mein Gott das ist ja wie dort
bei dem Virgilio Marus da Ulysses seine Penelopam in Kindesnöten wiederfindet
Das wird eine Freude sein Haben Sie denn das arme Rikchen schon gesprochen
Das liebe Mädchen ist so krank sie kann nicht aus dem Bette Hab ichs euch
nicht immer gesagt da ihr noch jung wart ihr solltet nicht so frei reden und
jede Sache deutsch nennen Aber da hatte der hochweise Herr Schwinger beständig
etwas einzuwenden da musste man euch allen Willen lassen und wenn Ihr euch in
einem Tage hundert Gages damour gegeben hättet da sollte die Liebe durch
Hindernisse und Verbote nur wachsen ja sie ist gewachsen Nun kommt dem
überklugen Herrn der Glaube in die Hände Ach die Mannspersonen das sind
doch leibhafte Bestiae ferocis wie sie mit den armen Mädchen umspringen Es ist
auch gar kein Erbarmen«
Über diesem Geschwätze waren sie in die Stube gekommen wo Ulrike lag
Hedwig watschelte sogleich zu dem Bette auch die Pfarrfrau ging hin »Rikchen
sehen Sie doch wer da ist Du liebes Gottchen sehen Sie doch er ist ja da er
will Sie heiraten« rief Hedwig »Heiraten mein trautes Töchterchen«
unterbrach sie die Pfarrfrau »Nicht sterben mein Lämmchen Heiraten
heiraten«
So bestürmten sie beide die arme Kranke mit unaufhörlichem Gewäsche und
brachten es endlich so weit dass sie sich umdrehte und noch um einige Minuten
Geduld bat ehe sie Herrmanns Blick ertragen könnte man ließ sie in Ruhe
Herrmann erzählte seinen ganzen Plan und alle billigten ihn außerordentlich
Die Pfarrfrau die ungemeine Liebhaberin vom Heiraten war und nur deswegen ihre
anfängliche scheele Miene verlor weil Herrmann Hochzeit machen wollte rechnte
ihm schon alle Unkosten der Trauung und des Hochzeitsschmauses vor belehrte ihn
über das Zeremoniell ordnete schon die Schüsseln auf der Tafel setzte die
Gäste nach der Rangordnung um sie herum und holte ein hohes Sieb herbei um ihm
das Maß des Brautkuchens zu zeigen und meldete mit innigem Vergnügen dass ihr
eigener in dieser Form gebacken worden sei Fräulein Hedwig wurde über diese
seelerfreuenden Anstalten so betrübt dass sie ans Fenster trat und den Schmerz
über ihre zweiundfunfzigjährige Jungfernschaft für welche sich
wahrscheinlicherweise keine Abnehmer erwarten ließ in häufigen Tränen
ersäufte wiewohl sie vorgab dass sie aus Rührung über das unverhoffte Glück der
jungen Leute weinte Der alte Herrmann verwarf alles was die Pfarrfrau
vorschlug als unnütze Alfanzereien und wäre beinahe über die Größe des
Brautkuchens in einen Zank mit ihr geraten aber wenn sie einmal über einen
Punkt einstimmten dann gaben sie einander die Hände und lobten sich dass sie so
gescheite Einfälle hatten die Pfarrfrau erinnerte zwar hie und da mit
bedenklichem Achselzucken dass es viel kosten werde »Aber« setzte sie hinzu
»es muss sein und man macht ja nicht alle Tage Hochzeit und zudem reut mich
kein Geld weniger als was mich meine Hochzeit gekostet hat« »Ach der Junge
hat Geld« unterbrach sie der alte Herrmann »Geld in Menge Sie können
fürstlich zusammen leben Wenn nun der Teufel nur auch meine Nille herbeiführte
Das Henkersweib würde schwänzen und trippeln wenn sie die Hochzeitanstalten
mitmachen sollte die würde schnattern und gackern und heulen vor Freuden Für
unsre Ohren ist es ganz gut aber ich wollt ihr doch die Freude gönnen wenn
sie nicht etwa mit dem christlichen Leinweber selber Hochzeit gehalten hat
Nille Nille wenn ich das erfahre«
Herrmann stand ohne zu reden neben einem Tische ließ die Leute Anstalten
machen und dachte bei sich keine einzige auszuführen denn er wollte sich ohne
alle Feierlichkeiten wo nicht den nämlichen Tag doch den folgenden am Bette
mit ihr trauen lassen Die Freude die die Beratschlagung der Pfarrfrau und des
alten Herrmanns belebte teilte sich endlich auch der Kranken mit sie vergaß
ihren Kummer überwand ihre Scham öffnete von Zeit zu Zeit die Vorhänge um
nach ihrem Herrmann hinzuschielen und ließ sie hurtig wieder zufallen sie
konnte sich nicht bezwingen nach langem Kampfe mit sich selbst da die
unendlichen Hochzeitsgespräche die Liebe wieder in ihr aufweckten und die Freude
sie dreist machte steckte sie den Kopf durch die geöffneten Vorhänge und rief
leise mit bebender Stimme »Heinrich«
Der Laut hatte kaum sein Ohr berührt so eilte er zu ihr hin kniete vor dem
Bette nieder und drückte ihre Hand feurig an seine Lippen die Freude hemmte
beiden die Zunge
Ulrike Kömmst du so zeitig um auf meinem Grabe zu weinen
Herrmann Nein Ulrike um dich aus dem Grabe zu reißen Schmücke dich mit
Freude wie eine Braut du bist es du bist es
Ulrike O Heinrich das Ende des Mais wenn die Frühlingsblumen sterben da
wird dir der Tod eine pflücken
Herrmann Keine solche finsteren Gedanken Unser bisheriges Leben war Tod
solange uns das Unglück trennte aber jetzt jetzt beginnt es neu frisch und
duftend wie ein junger Morgen
Ulrike Ich kann mich des traurigen Gedankens nicht erwehren dass ich
sterben werde Heinrich ich sterbe gewiss alles was ich nur anblicke was ich
nur höre und empfinde alle meine Sinne rufen mir zu du stirbst
Herrmann Phantomen des Kummers und einer entflammten Einbildung Sind nicht
Tausende Mutter geworden ohne dass sie starben Warum sollte der Tod nur dich
auszeichnen
Ulrike Aber keine stritt mit so langem Kummer mit Reue Schande und
Mangel Meine Lebenskräfte sind ausgezehrt mein Atem nur noch ein schwacher
Hauch siehst du diese abgefallnen Hände ein Knochengerippe mit Haut überzogen
und du zweifelst noch ob ich sterben werde Ich bin gefasst darauf mein
glimmender Lebensfunke wird ein neues Leben anzünden und erlöschen Das Bild des
Todes ist nicht aus meinem Gehirne gewichen solang ich hier wohne immer steht
das schreckliche Gerippe mit ausgeholter Sense vor mir dass ich oft den Hals
ängstlich drehe und wende und jeden Augenblick denke jetzt wird er dich wegmähen
wie eine Grasblume Dort im Winkel seh ich seit drei Tagen da ich vor Schwäche
nicht das Bett verlassen kann meinen Sarg stehen gerade wie der Sarg der
Sechswöchnerin die man vorige Woche begrub braun mit silbernen Leisten Wenn
das Tuch zum Essen auf den Tisch gebreitet wird scheint es mir ein Leichentuch
ich höre laut und feierlich mein Sterbelied singen und jedesmal wenn die
Kinder vor der Tür bei ihren Spielen ein Begräbnis aufführen tönt mir ihr
Gesang so ernst so melancholisch ich glaube alsdann schon im Sarge zu
liegen die schwarzen Träger treten herein um mich aufzuladen tragt mich fort
sprech ich weinend nur sagt meinem Heinrich wo ihr mich hinlegt O warum
kamst du mich in meinen Todesgedanken zu stören
Herrmann Nicht bloß stören verscheuchen will ich sie Betrachte dich als
eine Auferstandne von der Liebe aus dem Todesschlafe des Kummers erweckt Diese
Hand deren Druck die deinige erwärmt bietet dir ein kleines Glück das
freilich ein zufriednes Herz fodert um ein Glück zu heißen aber Ulrike Liebe
und Mäßigkeit sollen uns jeden Groschen verdoppeln Freude den sparsamen Bissen
würzen und Zufriedenheit unsern Acker zum Königreiche machen Wir werden durch
den Trauring vereinigt sobald es deine Schwäche zulässt ich kaufe ein kleines
Bauergut und Ulrike hat uns dann nicht der Himmel einen Wunsch gewährt den
wir in jener Nacht der Liebe taten
Ulrike Die Wonne ist zu groß als dass ich sie glauben sollte meine Brust
ist zu enge für sie Aber gewiss Heinrich ich werde sie nicht erleben werde
vielleicht den ersten Morgenschimmer dieses Glücks sehen und sterben
Herrmann Neu verjüngt leben willst du sagen Wir wollen ganz werden wozu
die Natur den Menschen bestimmte den Acker bauen und uns lieben Bedenke
welche herrliche Auftritte auf uns warten Auftritte so schön du sie dir nie in
deinem Arkadien auf dem Schloss deines Onkels dachtest
Ulrike Die Freude wird mich töten so gewaltig ergreift sie mein Herz bei
deiner Beschreibung Du bist mir wie ein Bote des Lebens der einem Gafangenen
auf Tod den finsteren Kerker öffnet wie eine Sonne hast du alle Bilder in meinem
düstern Gehirn erleuchtet Ach wenn dies nur ein glänzender Traum wäre den
der Tod hinwegraffte
Herrmann Nennst du einen Traum was man in der Hand hält So fest so
wirklich als meine Hand die deinige fasst so wirklich fassen wir auch unser
Glück Welch ein Himmel wenn unter den kleinen wirtschaftlichen Sorgen im
überfliessenden Genuße der Liebe und Wonne unser Leben dahineilt wie ein
freundschaftliches muntres Gespräch Wenn ich hinter dem Pfluge dahinschreite
oder den Samen für das künftige Brot ausstreue oder mit dir die Garben sammle
und einführe und dann in der Sonnenhitze deine Hand mir den Schweiß abtrocknet
deine Hand mir den Trunk reicht der mich laben soll Wenn ich nur für dich
Beschwerlichkeiten trage für dich säe für dich ernte Wie wird dieser Gedanke
alle meine Nerven anspannen meinen Schultern die Last erleichtern und den
Händen das Grabscheit oder die schwere Hacke zum leichten Spane machen Wir
wollen ganz Landleute sein wie es sich gehört nicht wie faule Müßiggänger die
Arbeit fremder Hände genießen sondern mit unsern eignen unser Leben verdienen
Keine Beschäftigung keine Mühe soll für mich zu geringe zu verächtlich sein
du erleichterst den Kühen die hängenden Euter streust reinliches Stroh auf ihr
Lager schaffst aus der fetten Milch unsern labenden Nachtisch oder reichst sie
mir zum erquickenden Trunke in der hölzernen Schale sammelst um mich herum das
duftende Futter der kleinen Herde wie es unter meinem Sensenhiebe dahinfällt
pflanzest begiessest und jede Arbeit die wir zusammen verrichten versüsst
muntres fröhliches Gespräch Schon seh ich dich wie eine geschäftige Hausfrau
im leichten kurzen Unterrocke mit aufgestreiften Armen die Haare unter das
runde verschobne Häubchen gesteckt ohne städtischen Putz in kunstloser
reizender Nachlässigkeit herbeieilen und das selbstbereitete Mahl auf dem
reinlichen hölzernen Teller mir vorsetzen vor Betriebsamkeit kaum einen Bissen
ruhig genießen immer auf das fehlende Bedürfnis sinnen und schnell es
herbeischaffen noch ehe man es vermisst schon sitz ich neben dir des Abends
unter den Linden vor der Haustür und verzehre mit dir von deinem Schoße die
mäßige Abendkost und trinke aus dem neben uns stehenden Kruge heiter frisch
belebt wie die Luft die um uns weht wenn dann Nachbarn und Nachbarinnen sich
zu uns gesellen sich um uns herum setzen und mit offenem neugierigem Munde die
Geschichte der großen Städte von uns hören und über die Fratzen Torheiten
Gebräuche und Bedürfnisse der vornehmen Welt wie über Seewunder lachen vor
Erstaunen die Hände gen Himmel heben und glauben wir erzählen ihnen kurzweilige
Märchen aus einem Fabelbuche Ich vermag sie nicht alle zu schildern die
himmlischen Szenen in so unzählbarer Menge eilen sie mir entgegen Unsre
Nachbarn werden uns lieben weil wir sie lieben wir stimmen uns allmählich zu
der Kindheit ihres Herzens und ihres Verstandes herab beneiden tücken
verfolgen einander nicht da ein jedes genug hat weil es nur wenig braucht
Zwang Langeweile Verdruss kennen wir gar nicht und dann Ulrike in so
vertraulicher harmloser treuherziger Gesellschaft Liebe zu fühlen wie wir sie
empfinden nach so mannigfaltigen Verfolgungen Mühseligkeiten Hindernissen und
Qualen an der Brust der Liebe zu liegen und volles reines süsserquickendes
Entzücken wie Kinder ihrer Mutter Milch zu saugen Ulrike kannst du noch an
den Tod denken wenn sich dir ein solches Leben eröffnet
Ulrike O Heinrich du bist mir ein Engel der aus rosenfarbnen Wolken Licht
und Feuer in meine bekümmerte Seele herabgiesst deine Reden haben alle meine
Gedanken und Empfindungen über sich selbst erhöht komm fasse mich in deine
Arme dass mir die Freude nicht die schwachen Nerven zerreißt
Er fasste sie auf als sie eben entkräftet von der Wonne ihrer Einbildung
zurücksinken wollte schluchzend an seiner Brust sprach sie einmal über das
andre »So geht dann nunmehr der Traum meiner Kindheit in Erfüllung so hab ich
dann nunmehr mein Arkadien wie ichs in dem Garten meines Onkels mir träumte«
Ihre aufgebrachte Phantasie arbeitete so heftig dass ihr Körper unter der
Anstrengung erlag sie wurde so schwach dass sie in Herrmanns Armen einschlief
er legte sie sanft auf das Kopfkissen nieder und verließ sie
Die Pfarrfrau war unterdessen mit der übrigen Gesellschaft hinausgegangen
um ihr den Platz in natura zu zeigen wo das Hochzeitessen gehalten wie die
Tafel gesetzt werden und wie die Gäste sitzen sollten und Herrmann wartete
ungeduldig auf die Ankunft ihres Mannes um mit ihm über die Trauung zu
sprechen die Frau hatte vor Freuden dass sie Hochzeitanstalten zu besorgen
bekam schon etliche Male nach ihm geschickt allein er saß bei dem Bader und
spielte mit ihm und dem Förster Kuhschwanz17 und die Partie war so ernstaft
dass er sich unmöglich losreißen konnte Endlich nach der vierten Gesandtschaft
an ihn langte er an Herrmann trug ihm nach der ersten Begrüßung sogleich sein
Anliegen vor und bat dass er ihn morgendes Tages mit Ulriken verbinden möchte
Der Pfarr gab ihm zur Antwort »Um getraut werden zu können müssen Sie sich
erst dreimal aufbieten lassen wollen Sie nicht dreimal aufgeboten sein so
geschieht es nur zweimal wollen Sie nicht zweimal so geschieht es nur einmal
wollen Sie auch nicht einmal so geschieht es gar nicht«
Herrmann Das ist ja gerade mein Wunsch
Der Pfarr Wenn Sie gar nicht aufgeboten sein wollen müssen Sie
Dispensation haben wenn Sie Dispensation haben wollen müssen Sie sich an meine
Vorgesetzten wenden wenn Sie sich an meine Vorgesetzten wenden müssen Sie
ihnen Geld geben damit sie Ihnen Dispensation geben und ehe Sie Dispensation
kriegen können müssen Sie Ihren Ihrer Braut Ihrer beiderseitigen werten
Eltern Namen Ihren beiderseitigen Geburtsort Geburtsjahr und Zeugnis von dem
Pastore Ihrer beiderseitigen Geburtsörter beibringen damit man sicher und
zuverlässig weiß dass Sie mit Einwilligung Ihrer beiderseitigen werten Eltern
und ohne Schaden und Nachteil eines Dritten sich verlobt und versprochen haben
Wenn Sie die Dispensation erlangt und bezahlt haben ergeht an mich ein Befehl
und wenn ein Befehl an mich ergangen ist trau ich Sie sobald Sie die
priesterliche Kopulation und Einsegnung begehren Herrmann Das ist ja ein
unendlicher Weg zum Ehestande
Der Pfarr Anders geht es nicht und wenn Sie eins von den genannten
Erfodernissen nicht gehörig beibringen können so bekommen Sie keine
Dispensation so darf ich Sie weder dreimal noch zweimal noch einmal
aufbieten so werden Sie nicht getraut
Herrmann Himmel so sind die Gesetze noch grausamer als die grausamsten
Menschen
Der Pfarr Ich habe die Gesetze nicht gemacht wer die Gesetze gemacht hat
machte sie zum Besten vieler tausend Menschen und was für viele tausend
Menschen gut ist kann um eines einzigen willen nicht aufgehoben werden
Herrmann O zum Besten der Menschen dass man mit den Zähnen knirschen
möchte Priesterliche Gewinnsucht erfand sie die Begierde jede Handlung des
menschlichen Lebens zinsbar zu machen Herrschsucht und Geiz brüteten sie aus
und Aberglauben und Einfalt nahmen sie an
Der Pfarr Das kann in der Kirchenhistorie wohl wahr sein ich bekümmere
mich nur um das Gegenwärtige und lasse das Vergangne vergangen sein
Herrmann Ich mag Ihre eitele Zeremonie gar nicht unsre Herzen sind
zusammengeknüpft und werden es unzertrennlich bis in den Tod sein was vermag
die Hand eines Priesters dabei Wenn zween Willen sich vereinigen dann geht
die Ehe an wenn zween Willen sich trennen dann hört sie auf Ich Tor was
will ich mich durch einen leeren Gebrauch an meinem Glücke hindern lassen Wir
sind getraut es bedarf Ihrer Hand nicht dazu Hat uns das Unglück nicht genug
geängstigt soll es auch noch ein eitler Gebrauch tun
Der Pfarr Ja in der Welt haben wir Angst Sie spielen ja wohl ein
Lomberchen
Herrmann Ulrike ist von dieser Minute an meine Frau sie soll bei und mit
mir leben sobald ich eine Bauerhütte gekauft habe die uns vor Wind und Wetter
schützt und einen Acker der uns nährt
Der Pfarr Sie wollen sich ankaufen Bleiben Sie bei uns werden Sie unser
Gerichtsherr Das Gut wird subhastriert werden Es war jammerschade um unsern
vorigen Herrn dass er starb wir werden so leicht keinen wieder bekommen der so
gut Lomber spielte Ich versichre Sie er machte Bete oder Kodille und wenn der
andre alle Hände voll Trumpf hatte Es sollte mir eine Herzensfreude sein wenn
Sie unser Gerichtsherr würden
Herrmann Nein so hoch steigen meine Wünsche nicht Ein Bauer ein
wirklicher leibhafter Bauer will ich werden ein mittelmässiges Gütchen kaufen
das mich und Ulriken durch unserer Hände Arbeit erhält
Der Pfarr Sie ein Bauer Ein Bauer ist des lieben Gottes Esel dem er
alle Säcke aufladet die die übrigen Menschen nicht tragen wollen geplagt vom
Morgen bis zum Abend von der Wiege bis ins Grab er muss geben für alle und
jedermann will durch seine Arbeit oder seinen Schaden reich werden verachtet
bevorteilt immer nur halb gesättigt muss er sich sein Leben lang quälen damit
es andern Leuten wohlgeht Hat er sein Äckerchen mit Mühe durchwühlt gesät
geerntet verkauft dann trägt er sein gelöstes Geld zu Steuern und Gaben hin
und darbt oder lebt kümmerlich bis er wieder ernten und geben kann und noch
muss er die Zeit zur Bestellung wegstehlen da gibt es Spanndienste Handdienste
Botdienste Frönen Hofdienste Kriegsfuhren Kammerfuhren und Gott weiß was
weiter viel geben viel arbeiten und nichts haben ist der Lebenslauf eines
Bauers
Herrmann Unglücklicher Mann Sind Sie denn bestimmt meinen liebsten
Wünschen zu widersprechen Milzsucht und Menschenhass können nur so ein
finsteres Bild von dem glückseligsten Stande entwerfen den die Menschheit
kennt aber alle Ihre misantropischen Gemälde sollen mich nicht erschüttern
mein Entschluss bleibt unverrückt
Der Pfarr Mir soll es sehr gelegen sein so bekomme ich mit meinem Herrn
Konfrater in der Nachbarschaft den dritten Mann zu einem Lomberchen und kommt
noch ein guter Gerichtsherr dazu so spielen wir Quadrille Trisett Tarock mit
dem König spielen Billard à la guerre à la ronde oder wie Sie wollen ich bin
bei allem Bauergüter sind immer zu bekommen unsre Bauern richten sich immer so
ein dass man ihnen in zwei Jahren nichts mehr nehmen kann als die Haut es
werden zwei oder drei Höfe im Dorfe zu verkaufen sein
Herrmann freute sich ungemein über diese Nachricht und nahm sich vor gleich
den folgenden Tag die verkaufbaren Bauergüter zu besehen und wo möglich den
Handel auf der Stelle zu schließen Die Pfarrfrau als sie hörte dass er keine
Hochzeit haben wollte geriet in die äußerste Unruhe sie stellte ihm viele
klägliche Beispiele von solchen selbstgemachten Ehen ohne Trauung und
Hochzeitschmaus vor und empfahl aus allen Kräften ein dreimaliges Aufgebot und
priesterliche Kopulation sie bat ihren Mann angelegentlich die Sache nicht so
genau zu nehmen damit sie nur eine Hochzeit auszurichten bekäme allein der
Pfarr war ebenso standhaft in seiner Pflicht als Herrmann in seiner Verachtung
gegen die Kopulation In einer solchen Verlegenheit musste sich die gute Frau mit
dem Gevatterschmause trösten den Ulrikens Umstände bald zu erfodern schienen
und lag dem jungen Hausvater eifrigst an die Anstalten dazu beizeiten durch sie
machen zu lassen Auch Ulrike verfiel in keine geringe Betrübnis als sie die
Unmöglichkeit einer gesetzmässigen Verbindung erfuhr wenn sie nicht durch die
Anzeige ihrer Abkunft sich der Gefahr aussetzen wollte entdeckt zu werden und
in Untersuchung zu kommen doch Herrmann beruhigte sie trat zu ihrem Bette und
sprach »Ulrike wir sind getraut durch stärkere Fesseln verbunden als ein
Priester verbinden kann Zum Zeichen unsrer ewigen Treue trag ich hier am
emporgehaltnen Finger den Ring womit du unter dem Baume im Garten deines Onkels
ihn schmücktest zum öffentlichen Bekenntnisse deiner Liebe trägst du den
meinigen ihr insgesamt Vater Freund und Freundinnen seid Zeugen und noch
mehr das Wesen das den Meineid bestraft dass ich hier dieser lieben Seele
eheliche Treue und Liebe bis in den Tod angelobe und wer sie bricht den treffe
der Fluch des Himmels solang ein Gedanke in ihm lebt Dieser Kuss besiegele
unser Versprechen Nun sind wir getraut welcher Zeremonie bedarf es weiter«
Den Tag darauf betrieb Herrmann sein vorgenommenes Geschäfte mit seiner
gewöhnlichen Hitze er schloss den Handel sosehr sich auch der Pfarr
dawidersetzte und viel weniger vorteilhaft als er tun konnte wenn er nicht
mit Leidenschaft kaufte Er ließ sich von einem erfahrnen Landmanne in den
Geheimnissen der Wirtschaft unterrichten lernte von ihm den Pflug regieren
säen eggen und die übrigen ländlichen Verrichtungen der Bauer hatte noch nie
einen so gelehrigen Schüler gehabt der mit so vieler Lust und Emsigkeit an
seine Lektion ging Wenn ihn der Pfarr des Abends zu einer Partie Piquet
aufsuchte saß er bei drei vier Bauern und ließ sich in der ökonomischen
Klugheit unterweisen der Unterricht war angenehm und fruchtbar obgleich die
schlechte Methode und der verworrne Vortrag der Lehrer ihn nötigte alles durch
Fragen aus ihnen herauszuziehn und deutlich zu machen Er schaffte die nötige
Gerätschaft Hausrat und andre Bedürfnisse an baute in seiner neuen Wohnung
soviel sich in der Geschwindigkeit tun ließ und machte die häuslichen
Einrichtungen mit Hilfe der Pfarrfrau die vor Vergnügen über diese
Geschäftigkeit um zehn Jahre jünger wurde Die beiden Leute taten alles mit
einer Heftigkeit als wenn sie in vierundzwanzig Stunden fertig sein wollten
Herrmann rennte die Treppe hinauf die Pfarrfrau hernieder sie stießen mit
Armen und Köpfen zusammen ohne sich aufhalten zu lassen eins ordnete hier an
das andre dort und meistens befahl jedes das Gegenteil von dem was auf Befehl
des andern schon geschehen war Selten waren sie einerlei Meinung die Pfarrfrau
trotzte auf ihre längere Erfahrung und Herrmann auf seinen größeren Verstand sie
richtete sich pünktlich nach der hergebrachten Gewohnheit und er wollte keine
andre Regel als Schicklichkeit und Vernunft anerkennen freilich wollte er der
armen Frau mitunter manche ehrliche Grille für Vernunft aufdringen aber sie
ließ sich durch die schönsten Scheingründe nicht täuschen Er verlangte von
allen Vorschlägen und Anordnungen das Warum zu wissen und weil seine Gehülfin
immer keinen andern Grund angeben konnte als »Es muss so sein« so gerieten sie
in unendliche Streitigkeiten miteinander er demonstrierte ihr deutlich und
bündig dass es anders besser wäre und sie behauptete ohne seine Gründe
zuzugeben oder zu widerlegen dass es so sein müsste Beide waren in ihren
Meinungen hartnäckig und so zankten sie sich fast alle Stunden einmal bei
jedem Zanke schwur die Pfarrfrau nichts wieder zu sagen keinen Fuß wieder in
so ein unordentliches Haus zu setzen so einen verkehrten eigensinnigen Menschen
seiner Blindheit zu überlassen und kaum war der Schwur über die Lippen so flog
schon eine neue Anordnung zum Munde heraus die Herrmann von neuem missbilligte
und worüber sie sich von neuem stritten Der ernstafteste Bruch entstand über
die Stellung der Betten da das Haus gegen Morgen lag wollte er das seinige
schlechterdings so gesetzt haben dass ihn die aufgehende Sonne jeden Morgen zur
Arbeit weckte und die Pfarrfrau versicherte ihn dass es eine ganz unerhörte
Unordnung sei das Haupt des Bettes an die Kammertür zu stellen er setzte
seinen Willen mit Gewalt durch und die Pfarrfrau beteuerte auf ihr Gewissen
dass sie zeitlebens sich der Sünde nicht teilhaftig machen werde über die
Schwelle eines Hauses zu schreiten wo die Leute mit den Köpfen an der Kammertür
lägen sie ging mit der Prophezeiung hinaus dass unter dieses Dach weder Segen
noch Gedeihen kommen könne kam einen ganzen halben Tag nicht hinein und am
folgenden Morgen war sie schon wieder die erste auf dem Platze
Auch Fräulein Hedwig wurde vom Fieber der Landwirtschaft angesteckt sie
molk der Pfarrfrau alle Kühe rein aus wo sich nur eine blicken ließ gab allen
lateinische Namen und sprach so viel lateinisch und französisch mit ihnen dass
sie zuletzt vor Gelehrsamkeit keine Milch mehr gaben und die Pfarrfrau war sehr
der Meinung dass ihre Trockenheit von den fremden Sprachen herrührte die das
arme Vieh nicht gewohnt wäre Die Sichel zu führen Futter vorzulegen Stroh
einzustreuen übte sich das hochgelehrte Fräulein Tag für Tag um den Unterricht
nicht umsonst zu empfangen lehrte sie dafür die Mägde wie Virgilius und
Homerus Sichel und Gras lateinisch nennten Der alte Herrmann wählte die
bequemste Beschäftigung er lernte die Schafe hüten Der Pfarr war bei dieser
allgemeinen Regsamkeit um nichts so sehr bekümmert als wegen des neuen
Gerichtsherrn keiner unter allen die das Gut schon besehen hatten stund ihm
an und er gab eines Tages Herrmannen mit tiefer Betrübnis die Nachricht dass es
wahrscheinlicherweise ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft erstehen werde ein
Mann der ehemals Bedienter gewesen sei sich durch Spitzbübereien bei seinem
Herrn reich gemacht habe und von seinem Raube nunmehr ein Gut nach dem andern
kaufe »Er kann unmöglich gut Lomber spielen weil er ein Spitzbube ist« setzte
er untröstlich hinzu
Drittes Kapitel
Mitten unter diesen landwirtschaftlichen Übungen und Anordnungen noch einige
Tage vor dem gefürchteten Ende des Mais trat des Morgens in aller Frühe als
eben Herrmann auf das Feld gehen wollte die Pfarrfrau ungemein freudig herein
ein Kissen auf dem Arme und auf demselben einen neugebornen Knaben den sie ihm
überreichte »Da« sprach sie »hier hat Ihnen der liebe Gott einen kleinen
Ackersmann beschert der wird einmal recht kommandieren er hat schon die Stimme
wie ein Mann behüt ihn der liebe Gott« Herrmann nahm ihn auf und küsste ihn
mit rührungsvoller Freude »Willkommen« sprach er »du kleiner Erdensohn
Willkommen in dieser Wohnung des Schmerzes und des Vergnügens du Frucht der
treuesten feurigsten Liebe dein Dasein sollte mich betrüben aber nein
freuen will ich mich über dich freuen wie ein Vater dem sein erster Sohn
geboren wird« »Das hab ich auch Ulriken geraten« unterbrach ihn die
Pfarrfrau »Das arme Geschöpf härmt sich und weint wenn sie den Jungen nur
anblickt Ich hab ihr schon gesagt das Kind kann unmöglich gedeihen Sie sind
ja nicht die erste und werden auch so Gott will nicht die letzte sein aber
das hilft nichts sie lässt sich nicht beruhigen Sehen Sie einmal wie der
kleine Schurke seinen Vater anlacht Nu so ruf Papa« In dieser munteren
Laune schäkerte und tändelte sie mit dem Kinde und war so lebhaft vergnügt
darüber als wenn sie es selbst geboren hätte Sie trug sehr viel zu Ulrikens
Aufheiterung bei die junge Mutter gewöhnte sich allmählich an ihre Situation
und die Freuden des künftigen ländlichen Lebens die ihr Herrmann täglich mit
frischen Farben vormalte stärkten sie dass sie die Gefangenschaft einer
Kindbetterin aller Schwächlichkeit ungeachtet glücklich überstand
Herrmann hatte sich den Plan gemacht dass nach Verlauf dieses Zeitpunktes in
seiner neuen Behausung alles zustande sein sollte um ihn mit seiner jungen
Hausmutter aufzunehmen mit den hauptsächlichsten Einrichtungen gelang es ihm
auch Von Freude glühend und wallend brachte er in einem Vormittage Ulriken
ihre neue Bauerkleidung die er unterdessen für sie hatte machen lassen half
ihr sich ankleiden und lud sie auf den Mittag zur ersten Mahlzeit in seinem
Häuschen ein Im kurzen flanellnen Unterrocke und roten Mieder die Arme
wirtschaftlich aufgestreift stand sie da und lächelte mit kindischem Vergnügen
über ihr eigenes Bild im Spiegel nur die Haube nach der Mode des Dorfs gemacht
missfiel ihr sie warf sie mit Widerwillen vom Kopfe band sich die Haare dass
sie eine Art von Ghignon bildeten nahm Herrmanns runden Hut und setzte ihn
drauf sie war zum Entzücken artig und niedlich in der neuen Tracht Herrmann
nahm sie an den Arm sein Vater Hedwig der Pfarr und die Pfarrfrau folgten
ihm die Pfarrfrau ließ sich um alles in der Welt die Ehre das Kind zu tragen
nicht nehmen und so hielten sie ihren Einzug Von dem Eingange durch das
Vorhaus bis zur Schlafkammer war eine breite Straße von duftenden Blumen
gestreut über Türen und Fenstern hingen Bogen von Tannenreisig mit Blumen
verziert ringsum atmete Wohlgeruch und aus allen Gesichtern lachte Vergnügen
Ulrike wusste sich vor inniger Herzenswonne nicht zu fassen sie lief geschäftig
durch alle Kammern und besah jeden Winkel vom obersten Boden bis zum untersten
Keller bezeichnete im Garten jedes Plätzchen wo dies wo jenes gepflanzt und
gesät werden sollte und machte auf der Stelle mit einem Paket Samen den Anfang
den ihr die Pfarrfrau verschafte Hedwig eilte voller Begierde nach dem Stalle
den Kühen den Besuch abzustatten und wollte in Gegenwart der ganzen
Gesellschaft ihre Probestück im Melken machen allein der heimtückische Zufall
führte sie zu einem Stiere und der landmännische Scherz hüb laut auf ihre
Unkosten an Sie hielten die nüchterne Mahlzeit im Obstgarten unter einem
schattichten Apfelbaume die Bienen des Nachbars summten in den durchsäuselten
Ästen und unter den bunten Blumen des wollüstigen Grases Vögel hüpften und
zwitscherten in den Zweigen Schmetterlinge schwärmten mit blinkenden Flügeln
herum in der Luft lebte das muntere sausende Gewühl des Sommers und der regen
Natur an zween niedrige Bäume geknüpft hing das weiße Tuch worin wie in
einem indianischen Hamak der junge Erbe des Hauses schlief und von der
durchstreichenden Luft sanft gewiegt wurde Der Tag war für Herrmann und Ulriken
der fröhlichste ihres ganzen Lebens ein Fest der Wonne
Zween Tage hatten sie in voller Berauschung über ihr neues Glück
hingebracht als sich schon eine Bitterkeit in ihre Freuden mischte der kleine
Herrmann starb Sosehr Ulrike vor seiner Geburt sein Dasein scheute sosehr
blutete jetzt ihr mütterliches Herz bei seinem Verluste Speise und Trank Arbeit
und Vergnügen schmeckten ihr herbe jeder Ort wo sie ihn getragen geliebkost
gewindelt genährt wo er geschlafen geweint oder gelacht hatte erweckte ihre
Tränen und oft ließ sie eine angefangne Beschäftigung plötzlich liegen um zu
der geliebten Leiche zu eilen mit nassem Blicke über ihr zu hängen und in
stiller Betrübnis über ihrem Ebenbilde zu trauern sie hauchte den kleinen
Lippen ihren Atem ein aber die mütterliche Liebe vermochte nicht das erstarrte
Herz zu erwärmen sie trennte sich wehmutsvoll von dem entseelten Knaben und
suchte an Herrmanns Brust Erleichterung für ihren Schmerz
»Liebe« sprach er zu ihr »wir selbst wollen ihm die letzte Elternpflicht
entrichten mit unsern Händen sein kleines Grab bereiten und aus unsern eignen
Händen soll ihn die Erde empfangen« Ulrike übernahm das Geschäfte sehr gern
und während dass Herrmann sich von dem Totengräber einen Platz anweisen ließ und
das Grab machte pflückte sie auf den Wiesen Blumen bettete mit ihnen in der
Schachtel die zum Sarge dienen sollte ein buntes Lager band einen Kranz von
Fichtenzweigen mit Vergissmeinnicht durchflochten und schmückte damit das
kleine Haupt und in die Hände gab sie ihm eine aufbrechende Rosenknospe In der
Dunkelheit des Abends ging sie ihren Herrmann am linken Arme und unter dem
rechten den Leichnam auf den Kirchhof Der volle Mond stand über dem Grabe und
warf Tageslicht in die finstre Höhle alles schlief an diesem Orte der Ruhe
selbst die Luft Die beiden Leidtragenden saßen in stummer Umarmung auf der
ausgeworfnen Erde und schauten in die Wohnung ihres versenkten Geliebten hinab
nichts unterbrach das allgemeine teilnehmende Schweigen als das Rauschen
dahinschiessender Fledermäuse oder der Klageton des Uhus aus den finsteren Winkeln
des weißen Kirchturms oder das Wimmern eines Käuzchens das wie ein ächzendes
Kind über ihren Häuptern schwebte und das Leichenlied jammerte
Sie standen auf und warfen das Grab zu so schwer sich auch Ulrike dazu
entschließen konnte »Welches von uns beiden wird das andre so begraben« fing
Herrmann an indem er die Erde hinabschaufelte
»Möchtest du es sein« antwortete Ulrike »Meine Leiden haben mich mit dem
Tode so vertraut gemacht dass ich lebendig hier wohnen könnte in dieser
friedlichen Nachbarschaft Wie sie so einträchtig alle hier schlafen Sie lieben
sich freilich nicht aber sie hassen sich doch auch nicht«
Herrmann Noch im Tode ist jede Familie ungetrennt Siehe hier neben mir
ruht ein Hausvater fünfundsiebzig Jahre lebte er wenn mich das Mondlicht
nicht täuscht neben ihm seine alte Hausfrau im siebzigsten gestorben hier
ruhen sie unter vier schattichten Obstbäumen und zu ihren Füßen die ganze kleine
Nachkommenschaft Wie eine junge Baumschule stehen die kleinen Kreuze da acht
sind ihrer und wer weiß wie viele Brüder noch unter dem Joche des Lebens
keuchen die einst an einem andern Platze ihre kleine Herde ebenso um sich
versammeln werden Wie glücklich Ulrike dass wir einmal in so guter
Gesellschaft schlummern sollen
Ulrike Tausendmal süßer ist es mir hier meine Ruhestätte zu denken als in
der hochgräflichen Gruft meines Onkels man liegt dort in dem schwarzsamtnen
tressenreichen Kasten und der ganze traurige Aufputz hat so eine steife
gezwungne Miene als wenn sich die Leute noch im Tode voreinander genierten
Kurz vorher eh ich das Schloss verließ besuchte ich sie als man frische Luft
hineinliess O dacht ich ihr seid wohl alle an der Langeweile gestorben Die
Leute liegen in so ehrerbietiger Entfernung voneinander als wenn sie sich
ebenso aus dem Wege gingen wie im Leben und kommen nur dann erst in
vertrauliche Nähe unter und übereinander wenn ihnen der Platz fehlt
Tausendfach angenehmer ist es hier in freundlicher Zutraulichkeit unter dieser
grünen blumengestickten Decke zu schlafen
Herrmann Tausendfach angenehmer sich hier sein Grab zu denken als auf dem
städtischen Gottesacker wo man oft von Dunsen Narren Schurken und
Bösewichtern umringt liegt und sich vielleicht mit Gebeinen vermischt die man
im Leben kaum unter einen Himmel mit sich dulden mochte und wo oft ein
glänzender Stein und eine fabelhafte Inschrift den Nichtswürdigen noch im Tode
über den braven Mann erhebt Doch hier ruht man in der besten Gesellschaft
unter den nützlichsten Bürgern des Staats unter Menschen von dem allgemeinsten
Einflusse die die Lasten der Menschheit trugen und die Menschen nährten die in
reger Tätigkeit jede Minute des Lebens verdienten durch Fühllosigkeit der
Verachtung und Armut standhafter Trotz boten als der gerühmteste Weise mit
ihren bösen Handlungen den kleinsten Schaden und mit ihren guten den
allgemeinsten Nutzen schafften O Ulrike wenn wir hier die Frucht unserer
Schwachheit zu den Füßen beisammen schlummern werden
Ulrike Lass uns gehen dieser Gedanke macht mir die ganze Szene graushaft
Herrmann Nein lass uns bleiben Noch sind wir der Tugend eine Aussöhnung
schuldig Hier ruht er der Sohn der Schwachheit Leidenschaft enteiligte deine
Tugend um ihn zu zeugen die Leidenschaft muss für diesen Frevel büßen Über der
Grabstätte unsers Kindes gelob ich dir zwei Jahre soll unser Lager getrennt
sein
Ulrike gab ihm die Hand lehnte sich sanft an ihn und flüsterte ein
seufzendes »Ja«
Sie kehrten sich noch einmal zum Grabe nahmen leisen Abschied und verließen
den Kirchhof Ulrike pflanzte den folgenden Tag rings um den Hügel niedres
Gesträuch und Herrmann setzte darauf ein schwarzes Kreuz mit den
eingeschnittnen Worten In Kummer gebar mich meine Mutter Nach der Sitte des
Dorfs wurde der Kirchhof seitdem auch ihr sonntägiger Spaziergang um das kleine
Grab zu besuchen und von den Lebenden die Geschichte der Verstorbnen zu hören
Viertes Kapitel
Die Sorgen der Wirtschaft zerstreuten bald den Schmerz besonders da sie ernster
und zahlreicher waren als sie beide in der ersten Begeisterung vermuteten und
da Herrmann seine neuen Beschäftigungen um ihrer Neuheit willen mit seiner
gewöhnlichen Heftigkeit betrieb Gleichwohl bei allem Ernst und aller
Emsigkeit war und blieb es eine poetische Wirtschaft die Bemühung den
arkadischen Traum einer entflammten Einbildungskraft und eines sanftempfindenden
Herzens zur Wirklichkeit zu bringen Herrmann bedauerte von ganzer Seele dass
Ulrikens zarte Fingerchen durch harte Arbeit schwielicht und ungestalt und durch
unreine Beschäftigungen schmutzig werden sollten sie hätten alsdann ihren Reiz
für ihn verloren er hielt ihr eine Magd und zog sie oft zu ihrem Verdrusse von
Arbeiten ab weil sie ihm für die Feinheit ihrer Haut oder die Weiße ihrer Farbe
gefährlich zu sein schienen Mit aufgestreiften Armen deckte sie den Tisch und
trug das Essen auf das die Magd unter ihrer Anordnung gekocht hatte und
Herrmann würde es mit geringerm Vergnügen und vielleicht mit Missfallen von
diesen wirtschaftlich aussehenden Armen angenommen haben wenn sie mit der
Zubereitung mehr beschäftigt und mit Spuren der Küchenarbeit bezeichnet gewesen
wären Sie harkte auf der Wiese das Heu oder sammelte auf den Feldern das
Getreide das er gehauen hatte aber Handschuhe verwahrten Arme und Hände vor
den Beleidigungen der Luft den Busen beschützte ein Tuch und ungern ließ er
sie auf das Feld solange die Sonne das Gesicht schwärzen konnte
Ebenso besorgt war sie für ihn der Mann der anfangs alle Äcker umpflügen
wollte ließ es durch einen Knecht nebst seinem kleinen Pommer verrichten und
musste schon aufhören wenn er beim Spaziergange dem Knecht das Regiment abnahm
und zwo Furchen zog Inständigst wurde er gebeten die Sense niederzulegen oder
dem müssigstehenden Lohnarbeiter abzutreten wenn er sich ein wenig zu stark
angriff Ulrike trocknete ihm freilich den Schweiß vom Angesichte bei der
Arbeit aber sobald er abgetrocknet wurde hatte die Arbeit ein Ende Zu allen
Verrichtungen bezahlten sie Leute und diesen Leuten aber weder der Wirtschaft
noch der Einnahme kam es zugut wenn Herr und Frau Hand anlegten Sollte ihnen
ihr neuer Stand Vergnügen geben wie sie wünschten so mussten sie sich mit
seinen Beschäftigungen nur zuweilen abgeben und sie nie weiter treiben als bis
die Beschwerlichkeit anfing und ihr ganzer Bauerstand blieb eine angenehme
Spielerei Sogar in ihrem Anzuge wurden sie nicht wirkliche Landleute Beide
unterschieden sich von den übrigen Bewohnern des Dorfs durch den Geschmack und
die Artigkeit die sie mit der Einfachheit der Kleidung zu verbinden suchten
nicht etwa aus Stolz und Unterscheidungssucht sondern weil sie sich in ihrer
vorigen Lebensart an Nettigkeit und Sorgfalt für die Annehmlichkeit ihrer
Personen gewöhnt hatten Ulrike raffinierte jetzt so gut wie ehemals in welcher
Lage und Anordnung ihre Haare die beste Wirkung zu dem runden Hute und dem
Gesichte tun würden diesen Morgen mussten sie mit einem Bande leicht gebunden
über den Rücken hinunterwallen den folgenden wurden sie in ein Paar kunstlose
Locken geschlagen an einem andern geflochten und aufgesteckt der runde Hut
empfing ein Band zur Verschönerung eine Blume einen Zweig oder etwas
ähnliches die Brust zierte beständig ein Blumenstrauß von bescheidenen
Feldblumen die Bemühung zu gefallen arbeitete bei ihr freilich nicht mehr mit
Schafwolle Straussfedern falschen Locken Seide und Flor aber mit geringeren
Materialien noch immerfort Auch hätte bei ihrer einmal eingewurzelten Art zu
denken und empfinden die Liebe auf beiden Seiten unstreitig sehr viel dabei
gelitten wenn die Sorgfalt sich wechselsweise durch solche kleine Galanterien
in der Person und im Umgange zu gefallen durch ernstere Sorgen verdrängt worden
wäre
Herrmann da er mit Anschaffung der nötigsten Bedürfnisse zustande war fand
in seinem Hause alles zu schlecht und fing an zu verschönern Der Hof war unter
seinem vorigen Besitzer ein großer Düngerhaufen gewesen wurde jetzt gesäubert
mit Sande überfahren und zuverlässig ungleich schöner als vorher aber auch
ungleich weniger nützlich Türen und Wände empfingen ein schöneres Kolorit die
Treppen eine bequemere Stellung und alles bis auf den kleinsten Winkel die Miene
der Ordnung Sauberkeit und Regelmäßigkeit soweit es sich ohne gänzliche
Umschaffung tun ließ
Auch der Garten wurde verschönert die schlechtesten Obstsorten ausgemerzt
und edlere angepflanzt die freilich unter sechs acht Jahren weder einen
Kirschkern noch einen Apfelstiel trugen die Einzäunung ließ er sehr
geschmackvoll und malerisch machen und seine und Ulrikens Hände setzten manchen
Strauch in die Erde der mit seinen ausgebreiteten Ranken das hölzerne Gerüste
grün bekleiden sollte Nischen erhuben sich in seinen Winkeln mit angepflanzten
Weinstöcken die an den Stäben hinaufklimmen mit ihren breiten Blättern
kühlenden Schatten geben und die Traube dem Sitzenden zu den Lippen herabreichen
sollten Aurikeln und Tulpen verdrängten die Küchengewächse die samtne Pfirsche
den plumpen Apfel aus welchem sein Vorgänger Cyder presste Ein krummer
übelgebildeter Baum beleidigte durch seinen schlechten Anstand das Auge er
musste sterben wenn er gleich sonst dem Gesinde einen Teil seiner Kost gereicht
hatte In zwei Jahren war durch solche unermüdliche Bemühungen sein Garten der
wohlriechendste und ordentlichste im ganzen Dorfe gab zwar nicht einen Zoll
breit Schatten aber doch die angenehme Hoffnung dass man nach vielen Jahren
völlig unter gerade gewachsenen Bäumen und zarten Zweigen werde ruhen können
erfrischte den durstenden Mund mit keiner einzigen saftigen Frucht versorgte
den Tisch mit keinem einzigen Bissen aber dafür ließ er in vielen Jahren die
köstlichsten labendsten Erquickungen des Gaums erwarten Da also kein
gegenwärtiges Vergnügen sondern viele gegenwärtige Unbequemlichkeiten darin
zu finden waren da die Sonne den Kopf stach man mochte sich hinwenden wohin
man wollte und das Auge allenthalben nichts als nur günstige Erwartungen
erblickte so wurde der Garten sobald er zustande war verlassen äußerst
selten besucht und über der Vergrößerung des künftigen Vergnügens das
gegenwärtige geschmälert
Herrmann hatte Scharfsinn und Einbildungskraft er konnte also unmöglich den
stillen Pfad der Gewohnheit in seiner Ökonomie gehen Bei tausend Gelegenheiten
spekulierte er dass es so oder so besser wäre das Gesinde musste nach seinen
Grillen und Spekulationen verfahren und das neue Verfahren misslang jedesmal
weil es die Leute entweder aus Ungewohnheit oder mit Vorsatz verpfuschten um
den Herrn wieder zur alten geläufigen Praxis zu zwingen und jeder neue Versuch
erzeugte nicht bloß Verlust sondern auch Unordnung
Außer den Freuden die Enthusiasmus und Neuheit und so mannigfaltige
Veranstaltungen und Umschaffungen gewährten und die sie beide um so viel voller
und ungestörter genossen weil sie den Schaden der Unordnung nicht eher fühlten
als bis er ihnen auf dem Nacken saß verschaften sie sich noch viele andre
Vergnügungen die meistens in süßen Einbildungen und artigen Spielereien
bestunden Herrmann wurde durch seine itzigen Beschäftigungen wieder an die
längstvergessne klassische Belesenheit erinnert die er sich unter Schwingers
Anführung erwarb das Pfropfen eines Baums das Bild eines Feldes voll Schnitter
und Sammler wo mit zahlreichem Gewimmel einige Garben banden andre in hohe
Haufen sie türmten hier lachende Dirnen auf den wartenden Wagen sie luden dort
schwerbefrachtete Wagen seufzend unter der Last langsam dahinwankten um den
ländlichen Reichtum den Scheuren zuzuführen ein rauschender Quell ein sanft
hingleitender Bach eine romantische Höhle Wiesen mit weitduftenden
Heuschobern übersät wo Jünglinge und Mädchen Männer und Mütter mit fröhlichem
Gespräch und lautschallendem Gelächter hier singend dort pfeifend den Vorrat
des künftigen Winters in Haufen sammelten oder auf Gabeln hochflatternd in der
Luft an den Wagen hinanreichten während dass die hungernden Rosse mit betrübter
Lüsternheit den Dampf des Futters einschnauften das sie nicht genießen durften
das Abendgebrüll der heimeilenden Kühe die mit harmonischem Geklingel die
strotzenden Euter dem Stalle zutrugen um von der Last befreit zu werden und in
wohltuender Gemächlichkeit den gefrässigen Gaum mit der aufgeschütteten Abendkost
zu ergötzen ein strauchichter Berg woran das weidende Vieh hing wiederkäuend
umherschaute oder unter Steinen und Stämmen die nährendsten Kräuter
hervorsuchte ein kahles Brachfeld wo der bequeme Stier oder das arbeitsamere
Ross unter den lautkreischenden Befehlen ihres Regierers am blinkenden Pfluge
lange Furchen öffneten das schallende Getöse der Arbeiter wenn sie abends in
taktmässigem Unison die gestumpften Sensen für die Morgenarbeit schärften die
Konzerte der Drescher wenn sie bald in Solos bald in Duetten bald in
vierstimmigen Chören mit mutigem Tempo dem Besitzer Brot und reichliche Einnahme
verkündigten alles alles wohin er nur blickte wohin er nur hörte was er
nur tat und tun sah brachte ihm die Beschreibung eines alten Dichters zurück
und alles ward durch eine solche Erinnerung süßer und eindringender für
Phantasie und Herz Ulrike unterhielt sich allenthalben mit Szenen aus ihrem
Gessner und Tomson und was dem gegenwärtigen Gegenstande an Ähnlichkeit
gebrach schenkte ihm ihre glückliche Einbildung Ihr Gespräch auf dem
Spaziergange war oft eine fortgesetzte Schilderung der Bilder um sich her aus
jenen Malern der ländlichen Natur alles auch nichtbedeutende Kleinigkeiten
die andre verächtlich kaum des Anblicks würdigten erhielten dadurch einen
phantastischen Anstrich für sie einen erhöhten Reiz dass sie bei einer
halbvertrockneten Quelle bei dem gesanglosen Zwitschern der Vögel auf einem
Baume über ihnen Empfindungen fühlten die auch die herrlichste Natur ohne die
zaubrische Verschönerung der Imagination nie zu geben vermöchte Wonne und
Entzücken begleitete sie mit jedem Tritte sprach aus dem Lispeln jedes Baums
hauchte in jedem Lüftchen sie an und gleitete durch Blicke und Mienen aus Seele
in Seele hinüber
Wenn am längsterwarteten Sonntage die Mitbewohner des Dorfs sich unter der
fünfzigjährigen Linde versammelten und das Andenken der alltäglichen
Beschwerlichkeiten im frischen Trunke ersäuften in die Lüfte ausjauchzten und
mit geräuschvoller Fröhlichkeit vertanzten dann fehlten Herrmann und Ulrike
nie sie eröffneten den Ball der Freude das kunstlose Dorfmädchen lernte von
ihr Grazie und Anstand und der Bauerkerl ahmte mit tölpischer Zierlichkeit
seine Manieren nach Ihre zutrauliche Offenheit erwarb ihnen das Herz aller
Anwesenden der lustige Alte drückte ihnen treuherzig die Hand und der lustige
Junge hielt aus Ehrfurcht vor ihnen seine Lustigkeit in den Schranken der
Anständigkeit Der galante Jüngling nahm alle seine Artigkeit zusammen wenn er
mit Ulriken tanzte warf die Füße zehnmal zierlicher als sonst und schmückte
jeden Schritt mit originalen Bewegungen der Arme und des Kopfs das Mädchen
wenn ihr Herrmann zuteil ward fasste mit niedlicher Züchtigkeit die Zipfel der
Schürze zwischen die Finger und drehte mit den lieblichsten Grimassen den
braunen Hals Ulrike war bei jedem ländlichen Feste das Orakel der Mädchen sie
wählte und ordnete Bänder und Kränze an den geschmückten Maien zu den
Johannistöpfen und dem Erntenkranze sie putzte die Mädchen wenn sie zum Altare
gingen und wenn sie eine ihrer Schwestern zu Grabe begleiteten und jede Mühe
belohnten ihr die vergnügten Mütter mit herzlichen Geschenken von ihrem
ländlichen Reichtume Der Schulze holte sich bei Herrmannen Rat und
Beredsamkeit wenn er in der Schenke vor dem vollen Senat und Volke philippische
oder katilinarische Reden halten musste das Volk brauchte ihn zum Mittelsmann
wenn es sich mit dem Senat entzweite selbst der gelehrte Schulmeister
verschmähte seine Belehrung nicht sooft ihn die Ortographie schwerer
lateinischer Worte quälte jeder achtete ihn in allem für den Weisesten im
Dorfe nur nicht in der Wirtschaft sobald man auf diese zu sprechen kam gab
sich auch der Geringste ein Ansehen über ihn und das allgemeine Orakel musste
dann schweigen und lernen
Auch stifteten sie außer den Feiertagen des Dorfs eigne häusliche Feste die
sie nur mit wenigen Vertrauten teilten Jeder Geburtstag wurde mit einer kleinen
ländlichen Feierlichkeit begangen ein Strauss ein Band ein Tuch war auf beiden
Seiten das Geschenk Ulrike weckte Herrmannen an dem seinigen mit einem
Liedchen er versammelte an dem ihrigen die Kinder und ließ sie vor dem Hause
auf dem Rasenplatze tanzen spielte selbst die schnarrende Fiedel dazu und
Bänder und wehende Tücher flatterten hoch an Stangen in dem fröhlichen
Reihentanze empor Da die Kinder den Tag einmal wussten kamen sie das folgende
Jahr aus eigenem Triebe sehr früh und hingen an ihre Schlafkammer einen großen
Kranz von Zweigen und Blumen der übrige Teil des Tages wurde in nüchternem
ländlichen Wohlleben kindischen Tänzen und Liedern zugebracht
Noch hatten sie zwei Trauerfeste jährlich die sie beide allein unter sich
in feierlicher Stille begingen eins dem Andenken einer Nacht gewidmet wo sie
die Liebe betrog und so mannigfaltiges Weh über Ulriken ausgoss das andre dem
Todestage ihres Kindes geweiht
Das erste feierten sie in einem kleinen Tannenbusche der zu Herrmanns
Bauergute gehörte in diesem schmalen Streifen Wald der vielleicht dreißig oder
vierzig Schritte in der Breite und etwas mehr in der Länge betrug lag ein öder
unfruchtbarer Sandhügel von jungen buschichten Kiefern umzäunt und hohen
dichten Tannen und Fichten umschlossen Hier hatte Herrmanns und Ulrikens
Schwärmerei ein Grabmal errichtet das sie das Grab der Unschuld nannten von
Rasen bildeten sie die Gestalt eines Sargs der mit der obersten Hälfte aus dem
Hügel hervorragte auf ihm stund eine kleine abgestutzte Pyramide mit der
Inschrift Sie starb Der Rasen verdorrte in dem trocknen Sandhaufen und das
Ganze bekam dadurch für denjenigen der den Sinn wusste ein bedeutungsvolles
Ansehen Als zum ersten Male der August wiederkam gingen sie beide an dem
unglücklichen Abend zu diesem Grabmale ein jedes hing an die Pyramide einen
verdorrten Weidenkranz mit Flor durchflochten und lange blieben sie in stummer
Betrübnis einander gegenübersitzen auf den Rasensarg gestützt Ulrike erzählte
mit Tränen ihren Kummer seit jenem Augenblicke dessen Gedächtnis sie feierten
und gegen Mitternacht gingen sie schweigend in ernste Gedanken verloren wieder
von ihm hinweg
Am zweiten Feste begaben sie sich zu dem Grabe des Kindes dem es galt und
pflanzten ein Bäumchen darauf neben dem schwarzen Kreuze der ganze kleine Raum
den es einnahm war indessen grün geworden und mit gelben und weißen Blumen
bewachsen Ulrike pflückte sie alle band einen Strauss aus ihnen und trug sie an
ihrer Brust bis Blumen und Stengel in Staub zerfielen
So mannigfaltige Spiele schwärmerischer Zärtlichkeit welche durch
Einsamkeit und Stille täglich genährt wurde so viele phantastische
Ergötzlichkeiten und süße Täuschungen einer hochgespannten Empfindlichkeit
ließ ihnen freilich Freude und Glückseligkeit aus Gelegenheiten erwachsen die
andern kaum einen Puls schneller bewegt hätten sie waren Kinder geworden und
träumten sich da ein Paradies wo ihre Mitmenschen nichts als Kummer Not und
Beschwerlichkeit fühlten Ihre Träumerei verdeckte ihnen freilich die traurige
Seite des Bauerstandes allein sie bereitete sich auch ihr eigenes Ende je mehr
sie die beiden Träumer aus der wirklichen Welt hinauszauberte
Ein Engel mit flammendem Schwerte vertrieb uns aus dem Paradiese und wehe
dem Betrognen der noch darin zu sein wähnt Not Bedürfnis war der Engel der
die ersten Menschen aus einem erträumten Paradiese voll untätigen Genusses
herausscheuchte Herrmann und Ulrike empfanden seinen Schwertschlag sehr bald
aber die Trunkenheit ihrer Einbildung ließ sie nicht eher auf die Warnung
achten als bis der drohende Vertreiber vor ihren Augen stand
Solange das bare Geld widerhielt das Herrmann von dem Ankaufe seines
Bauergutes übrig hatte konnten sie ungestört in ihrer eingebildeten Welt
fortleben und weiter nichts tun als Empfindungen suchen allein wie lange
dauerte diese kleine Summe bei einer so unordentlichen Wirtschaft Alles musste
gekauft werden weil er ohne Ebenmass so viel Vieh hielt als er zur
Verschönerung seines Hofs für nötig achtete um einen schönen Vers aus dem
Kleist oder ein schönes Bild aus dem Gessner in der Wirklichkeit zu sehen füllte
er seinen Hof mit Pfauen und artig gezeichneten Tauben und schönen Hühnern an
die ihm in einem Monate alle Gerste und allen Hafer wegfrassen den er im ganzen
Jahre erntete Seine Kühe waren die schönsten an Farbe die reinlichsten und
ansehnlichsten im ganzen Dorfe aber sie frassen das Korn das ihrem Herrn das
Brot geben sollte Alles musste um Lohn getan werden denn die beiden
wirtschaftlichen Entusiasten die mit Leib und Seele Bauern werden wollten als
sie den Bauerstand nicht kannten entzogen sich allen beschwerlichen Arbeiten
und spielten nur mit den leichtern gleichwohl verlangte das kleine Gut
schlechterdings die eignen Hände des Besitzers und strenge Aufsicht über das
wenige Gesinde das es verstattete allein hier gingen die Lohnarbeiter müßig
das Gesinde tat soviel ihm beliebte und wenn sich Herrmann ein strenges Wort
entwischen ließ winselte Ulrike gleich dass er die armen Leute zu hart
behandelte schalt ihn einen Tyrannen einen Grausamen und er schwieg Wer für
ihn arbeitete betrog ihn durch Müßiggang oder Veruntreuung Seine Äcker waren
vom vorigen Besitzer ausgemergelt und der itzige nährte sie schlecht und
kostbar weil er seinen Hof diesen unsaubern Kotaufen voller Fruchtbarkeit
vormals zum ebnen reinlichen artigen Viereck gemacht hatte das keine
Schuhsohle beschmutzte aber auch keinen Kornhalm düngte Überhaupt vertrug sich
dieser unendle Teil der Ökonomie mit seinen ländlichen Dichterideen so wenig
dass er ihn weder riechen noch sehen noch davon hören mochte seine Delikatesse
überließ dem Knechte die völlige Besorgung dieses Geschäftes
Den Schaden den ihm Mangel an Aufsicht Untreue und Unordnung zufügten
vollendete seine Gutherzigkeit die Bitte jedes ärmern Nachbars war für ihn ein
Befehl Wer kein Brot keinen Samen kein Stroh kein Futter hatte wandte sich
an ihn bekam entweder die Sachen selbst wenn sie vorrätig waren oder Geld
dazu alle borgten und bezahlten teils gar nicht oder bekamen das Geborgte zum
Geschenke wenn sie Miene machten wiederzubezahlen und die Barmherzigkeit mit
einem paar Tränen oder kläglichen Tönen zu bestechen wussten Herrmann genoss
allerdings das edelste Vergnügen dessen eine menschliche Seele fähig ist die
Zuflucht aller Notleidenden zu sein kein Auge ungetrocknet keinen Mangel
unbefriedigt keinen Kummer ungestillt von sich zu lassen Stolz freute er sich
seiner Güte wenn er auf seinen Spaziergängen hier einen dankbaren Händedruck
von einem alten Mütterchen empfing dem er das sieche Leben durch seine
Wohltätigkeit fristete wenn dort ein Bauer ihm freundlich die schöne Saat
zeigte die von seinem vorgestreckten oder geschenkten Samen aufgegangen war
wenn ein Kind das er gekleidet hatte auf den Armen seiner Mutter von ihr zur
Dankbarkeit ermuntert ihm die kleinen Hände reichte und der Mutter die
kindischen Danksagungen nachstammelte wo er ging und stund erblickte er
Beweise seiner Gutherzigkeit und Gelegenheiten auf sich stolz zu sein Auch
Ulrike war nie geschäftiger und froher als wenn sie in der Türe stand und einem
Haufen versammelter Kinder die wetteifernd an ihr hinaufreichten Stücken Brot
Kuchen oder andre Annehmlichkeiten austeilte nach einer solchen Verrichtung
sprach sie viel freudiger ging viel lebhafter und jede Gebärde wurde viel
feuriger Schade dass alles in und um den Menschen und also auch die Freuden der
Tugend eingeschränkt sein sollten Mit jedem neuen Vergnügen der Wohltätigkeit
näherten sich unsre beiden Landleute der Verwirrung ihrer Umstände mehr das Gut
nutzte sich nicht allein schlecht sondern frass ihnen auch das bare Geld weg
und Guttätigkeit leerte ihre Börse ganz aus
Wie bekam alles nunmehr eine andre Miene Der glänzende Firnis womit
Empfindung und Phantasie vorher jeden Gegenstand rings um sie her überzogen
verblich verschwand und alles erschien in seiner wahren alltäglichen Gestalt
Dass auf dem Landmanne die Last der Abgaben hart liege hatte Herrmann sonst gar
nicht gefühlt dass in seiner Wirtschaft alles teuer gekauft werden müsse und dass
er nie etwas zu verkaufen habe dass sein Gütchen bei der gegenwärtigen
Einrichtung in einem Monate mehr Geld verzehre als es auch bei der besten
Ordnung abwerfen könnte dass er zwar nüchtern und sparsam lebe wie er sich
anfangs vorsetzte dass er aber an seinem mäßigen Tische mehr Menschen speise
als der Ertrag seiner Ökonomie verstattete das merkte er sonst nicht er griff
in die volle Börse wenn man foderte und gab sooft zu geben war doch jetzt da
er in der leeren Börse nichts mehr fand wenn er hineingriff jetzt empfand er
das Los des Landmanns doppelt schwer »Geld« schrie der Knecht »Geld« schrien
die Mägde »Geld« foderte der Einnehmer Fräulein Hedwig klagte den ganzen Tag
dass die Kühe fast verhungerten weil ihnen das Futter fehlte dass ihnen die
Knochen durch die Haut stächen und die Euter keine Milch gäben der Knecht
fluchte dass seine schönen Pferde fasteten vor Magerkeit nicht mehr ziehen
könnten und bald vor Herzeleid und Elend verscheiden würden Ulrike weinte dass
ihr ein Perlhuhn ein goldgesprenkter Hahn eine schöne Henne nach der andern
sich hinlegte und stürbe die Magd jammerte dass das prächtige Gras auf den
Wiesen versauerte weil sie es nicht allein ohne Lohnarbeiten zwingen könnte
das war den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend nichts als ein Fodern und
Beschweren die Unordnung wuchs täglich und der arme Herrmann sah sich ohne
Rettung verloren
Nunmehr nachdem ihn das Unglück aus seinem geträumten Paradiese verstoßen
und ihm die Ökonomie verhasst gemacht hatte erwachten tausend Wünsche und
Leidenschaften wie eingeschlummerte Löwen um ihn zu quälen Verdruss
Langeweile Verlegenheit erweckten Begierde zum Spiel das ihm schon einmal zur
ergiebigen Goldmine gedient hatte und er ärgerte sich dass ihm hier auf dem
Lande ein so herrliches Rettungsmittel versagt war der Ekel an der misslungnen
Landwirtschaft ängstigte seinen Ehrgeiz und er ärgerte sich dass er seine
Talente und Tätigkeit zu so elenden kleinen Geschäften erniedrigt hatte er
wollte den gesenkten Flug wieder erheben aber leider waren ihm die Flügel
verbrannt Seine niedergedrückte Seele arbeitete unter den Bürden des Unglücks
und der Leidenschaft dass ihr der Atem verging und sah keine Möglichkeit sie
abzuwerfen der Mann der zwei Jahre her sich glücklicher als ein König dünkte
der alle Freuden der Welt in sich zu fühlen glaubte entbehrte jetzt alles
seufzte nach Vergnügen dürstete nach Gewinn beneidete den Bewohner der großen
Städte wegen der zahllosen Wege zum Erwerbe beneidete den Vornehmen den
Reichen über die Leichtigkeit zur Ehre hinanzusteigen und über ihren reichen
Genuss der Vergnügen So mannigfaltiger Neid Unwille Schmerz teilte seinem
Gemüte eine Säure eine Bitterkeit mit die endlich auch die Liebe überwand er
misshandelte Ulriken nie mit einem Worte aber er betrachtete sie bei sich als
die Urheberin seines Unglücks als eine Zentnerlast die ihm am Nacken hinge und
alles Emporkommen erschwerte Wie leicht flög ich durch die Welt wenn Ulrike
nicht wäre dachte er oft Immer mürrisch immer von innerlichem Tumulte
erschüttert gab er ihr keine Freude und nahm keine von ihr Amor mit seinem
ganzen anmutigen Gefolge Zärtlichkeit Schwärmerei und Wonne hatte sein Haus
verlassen und Ulrike weinte um ihre Flucht Sie sahen sich nicht anders als bei
Tische und auch dann mit gesenkten Häuptern und nassen Blicken des Mitleids
Armseligkeit war ihre Kost und Kummer ihre Würze sie wichen einander die übrige
Zeit des Tages aus weil ein jedes dem andern Gram mitteilte und Gram von ihm
empfing Das nachbarliche Gespräch vor der Tür in den kühlen Abendstunden
verstummte Scherz und Lachen bei dem Essen waren verbannt der Hof ertönte
nicht mehr vom frohen Geschnatter und Gekreische des Federviehes aus jedem
leeren Winkel starrte der Mangel mit hohlen Augen und eingefallnen Backen
hervor es war ein totes banges Leichenhaus wo man um die zween größten
Schätze des menschlichen Lebens trauerte um Liebe und Glück
Vor so großen Widerwärtigkeiten ehe sie mit völliger Macht auf den armen
Herrmann hereinbrachen ging ein Unglück her das er nicht sogleich übersah und
das ihn in der Folge aus dem Abgrunde über Felsenspitzen Stämme und Äste mit
mancher blutenden Wunde emporriss Gegen das Ende des zweiten Winters kam der
Pfarr an einem Nachmittage sehr unmutig zu ihm und brachte die Nachricht dass
der äußerst verwickelte Konkurs den der verstorbne Herr des Dorfes hinterlassen
habe endlich einmal geendigt sei und dass zu seiner höchsten Unzufriedenheit der
gewesene Bediente von dem er ihm schon kurz nach seiner Ankunft aus Leipzig
gesagt hatte ein Bösewicht der von dem gestohlnen Gelde seines verarmten Herrn
sich in der ganzen Gegend Güter ankaufe und weder Lomber noch Trisett verstehe
das subhastierte Gut wirklich erstanden habe und also ihr hochgebietender Erb
Lehn und Gerichtsherr geworden sei Herrmann dessen Vergnügen nichts dabei
einbüsste hörte die Nachricht sehr gleichgültig an da er bei der
darauffolgenden Huldigung wo ihm der Gerichtsverwalter auch seinen Handschlag
abnahm in Erfahrung brachte dass sein neuer Gerichtsherr Siegfried hieß und
nach weiterm Nachforschen völlig überzeugt wurde dass es Jakobs Vater der
gewesene Günstling und sogenannte Maulesel des Grafen Ohlau war dann wurde ihm
die neue Herrschaft schon widriger und bedenklicher allein teils hielt sie sich
auf den übrigen benachbarten Gütern für gewöhnlich auf und besuchte dieses nur
zuweilen teils versank Herrmann nicht lange darauf in die vorhin beschriebne
Verlegenheit und darüber ließ er den Herrn Siegfried samt seiner Bosheit aus
der Acht und hütete sich nur wie auch Ulrike ihm zu Gesichte zu kommen wenn
er einmal einige Tage im Dorfe zubrachte Der neue Erb Lehnund Gerichtsherr
dem das Vergnügen den kleinen großen Herrn zu spielen unendlich wohl tat
wollte es gern in seinem ganzen Umfange genießen und den Grafen Ohlau im kleinen
vorstellen er ahmte deswegen viele von seinen Feierlichkeiten und prunkhaften
Possen nach aber freilich jedesmal mit so vieler Sparsamkeit und
Lächerlichkeit dass er die Fabel der ganzen Gegend wurde Ohngefähr ein paar
Monate nach der Huldigung seiner neuen Untertanen fiel der Geburtstag der Frau
Gemahlin er sollte auf diesem neuen Gute nach dem Modell der ehemaligen
hochgräflichen mit dem nämlichen Pomp begangen werden womit er schon zwei auf
seinen andern Gütern gefeiert hatte Es wurde einige Tage vorher angesagt dass
sämtliche Untertanen ihre Röcke ausflicken und in dem auserlesensten Feststaate
an mehrbenanntem hohen Geburtstage früh um zehn Uhr auf dem herrschaftlichen
Schlossplatze paarweise erscheinen sollten die jungen Mädchen und Knaben mit
Bändern Kränzen und Blumensträussen geschmückt sollten mit einigen flatternden
Freudenfahnen vorangehn und die Alten bunte Tücher und große Zitronen in den
Händen ihnen nachfolgen und die sämtlichen Materialien zu der Feierlichkeit
wurden zugleich auf herrschaftliche Kosten Haus für Haus ausgeteilt Die Bauern
die sich allgemein freuten einen Frontag erlassen zu kriegen und auf eine
vergnügte Weise müßig zu gehen stellten sich an dem bestimmten Tage der
Verordnung gemäß vor der Schulwohnung ein nur Herrmann und Ulrike nebst ihrem
ganzen Hause blieben aus Der Schulmeister mit einer Perücke worauf zwei Pfund
des feinsten Weizenmehls glänzten und einen großen Bakel in der Hand so
nennte er seinen Stock18stellte mit gebietrischer Wichtigkeit die
Geburtstagstruppen die Glocken hatten während des Zugs geläutet werden sollen
aber der Pfarr ließ es vermöge seiner bischöflichen Gewalt über alle geistliche
Dinge im Dorfe nicht zu Die gnädige Herrschaft musste sich also begnügen bloß
das Schlossglöcklein ertönen zu hören womit den Frönern gewöhnlich der Mittag
und Feierabend angekündigt wurde es hatte ungefähr den Klang wie die
Armensünderglocke an manchen Orten Der Zug begann am Schlosstore paradierten
die Hofknechte mit hölzernen Spiessen alten Flintenläuften und Pistolen und
zwei von ihnen als Hanswürste angezogen peitschten auf zwei Feuertrummeln
herum dass alle Balken zitterten Ausdrücklich zu dieser Feierlichkeit hatte der
tolle Nabob einen Taubenschlag den der vorige Besitzer aus großer Liebhaberei
für diese Tiere an ein Fenster des Wohnhauses anbaute in einen Balkon
verwandeln lassen er war rund gebaut bloß das Dach und der oberste Teil
abgenommen himmelblau angestrichen und hatte also das förmliche Ansehen einer
Kanzel Nachdem die versammelten Untertanen eine halbe Stunde gewartet und die
Hanswürste ihre Trummeln und ihren Witz müdegeplagt hatten erschien auf dem
runden himmelblauen Balkon die gnädige Herrschaft in dem schimmerndsten Prunke
die Dame in einem rosenroten Kleide mit silbernen Blumen das zu dem
Mulattengesichte und dem lichtgelben Halse ungemein lieblich abstach Brust und
Arme zierten ganz alltägliche schneidend gelbe Schleifen und auf dem Kopfe
stund ein fürchterlich hohes Gebäude von Locken und Spitzen dass sich die Bauern
ängstlich nach ihrem Kirchturme umsahn aus Furcht ihre hochgebietende Frau
möchte ihn zur Vermehrung der Feierlichkeit auf ihren Kopf haben setzen lassen
die bretterne gesenkte Brust war so unverschämt entblößt dass kein Sterblicher
ohne Ekel hinzuschauen vermochte Ihr ungeheurer Fischbeinrock füllte den ganzen
engen Balkon aus dass der Herr Gemahl nur mit dem Kopfe über den einen
emporstehenden Flügel desselben herübergucken konnte sein Staat war aber auch
sehr merkwürdig ein seladongrünes Kleid mit Gold gestickt eine hellblaue
Weste mit Silber und ein Paar schwarzsamtne Beinkleider nebst perlfarbnen
Strümpfen sagten auf den ersten Blick wer der Mann war Alle diese Kleider wie
auch die schönen Möbeln im Hause hatten ehmals dem Grafen Ohlau und seiner
Gemahlin gehört und waren von seinem Günstlinge in der Auktion nach
ausgebrochnem Konkurse mit des Grafen eigenem Gelde erstanden worden
Der Nabob begab sich sehr bald mit seiner Frau in ein Zimmer und erteilte
Befehl dass die Prozession heraufkommen sollte auf den nämlichen zween Stühlen
worauf sonst Graf und Gräfin Ohlau Glückwünsche annahmen empfingen itzo jene
beiden Geschöpfe den Handkuss der vorübergehenden Bauern Weiber Knaben und
Mädchen Siegfried um seinen gewesenen Herrn in allem nachzuahmen ließ sich
das Verzeichnis der Einwohner bringen und rief einen nach dem andern mit Namen
auf und wenn der Aufgerufne hervortrat dann blinzte er ihm ein paar Sekunden
geradeso ins Gesicht wie der Graf zu tun pflegte und wandte sich zu seiner
Frau um ihr etwas über die Nase oder das Kinn des Hervorgetretnen zu sagen und
rief dann plötzlich einen andern dass der Vorhergehende verlegen dastund sich
die Haare hinter die Ohren strich und nicht wusste ob er gehen oder bleiben
sollte Sehr bald zeigte es sich dass nur ein einziger Hauswirt fehlte der Herr
Schulmeister wurde aufgerufen um Nachricht von dem Ungehorsamen zu geben Der
Herr Schulmeister berichtete untertänig und gehorsamst dass es ein Mann wäre
der der der sich zuviel dünkte um dergleichen Solennitäten und
Feierlichkeiten mitzumachen Mit versteller Gleichgültigkeit verbarg der feine
Mann wie sonst der Graf Ohlau bei solchen Übertretungen seinen geheimen
Unwillen aber die Widerspenstigkeit dieses einen ärgerte ihn zu empfindlich um
seinen Groll lange zu verbergen Er erkundigte sich bei dem Gerichtsverwalter
nach diesem einen erkundigte sich bei dem Pfarr der mittags zur Tafel geladen
war unaufhörlich nach diesem einen beide entschuldigten ihn wollten mit der
Sprache nicht heraus allein da das Nachfragen nimmermehr ein Ende hatte
erzählte der Pfarr der von Siegfrieds und Herrmanns ehemaligem Verhältnisse
nichts wusste von der Geschichte des letztern soviel ihm bekannt war und ohne
Schaden erzählt werden konnte Nun stieg Siegfrieds Neugierde auf das äußerste
der Pfarr wurde mit ewigen Fragen geplagt der Wein machte ihn schwatzhaft und
unvorsichtig und das ganze Geheimnis entwischte ihm dass Herrmann und Ulrike
nicht getraut wären sich bisher mit seiner Begünstigung bei dem Publikum für
getraute Eheleute ausgegeben und auch so zusammen gelebt hätten Siegfried brach
in heftige Vorwürfe aus dass er als ein christlicher Prediger dergleichen
Unzucht im Dorfe duldete und befahl dem Gerichtsverwalter Untersuchung darüber
anzustellen Sein Herz hüpfte vor Freuden dass er unter einem so ehrbaren
Vorwande den ungehorsamen Verächter des hohen Geburtsfestes bestrafen konnte Er
schöpfte bloß aus den Namen einige Mutmaßungen wer es sein möchte aber er war
mit seiner eignen Rache zu sehr beschäftigt um einer solchen Mutmaßung weiter
nachzugehn besonders da der Pfarr bei beiden jungen Leuten einen höheren Stand
bloß aus ihren persönlichen Eigenschaften vermutete und ihre Namen für
angenommen hielt Die Untersuchung wurde durch Vermittlung des Pfarrs bei dem
Gerichtsverwalter von einer Zeit zur andern verschoben Herrmann erfuhr von
allem nichts Sein Gerichtsherr gab sich zwar viele Mühe ihn zu sehen aber er
hielt sich mit Ulriken so sorgfältig inne und seine Türe so verschlossen dass es
nicht möglich war und wenn er auf das Schloss beschieden wurde befand er sich
allemal nicht wohl
Während dass Siegfrieds Rache sich durch die Vermittlung des Gerichtshalters
und des Pfarrs verzögerte und Herrmann mit sich zu Rate ging wie er sich aus
einer lastvollen Lebensart einer verhassten Untertänigkeit und der traurigsten
Verworrenheit seiner häuslichen Umstände herausreissen woher er wenn sein
Gütchen nicht sogleich einen Käufer fände Geld nehmen wohin er sich mit seiner
Gesellschaft wenden was er anfangen sollte während dieser Zwischenheit
empfing Siegfried einen Brief von Schwingern worin er ihm entdeckte dass sich
die Baronesse Ulrike auf seinem neuangekauften Gute aufhalten müsste er bat ihn
daher in der Gräfin und seinem eignen Namen heimliche Nachforschung zu tun und
die Baronesse in Verwahrung zu bringen bis man weiter über sie verfügen könnte
ein Auftrag der Siegfrieds Bosheit und Intriguensucht unendlich willkommen
war
Eigentlich hatte Herrmann selbst dieses neue Ungewitter veranlasst In dem
Rausche seiner ländlichen Glückseligkeit ungefähr ein Jahr nach seiner Ankunft
auf dem Lande schrieb er teils aus Begierde die Freude über sein Wohlsein
seinem besten geliebtesten Freunde mitzuteilen teils aus Pflicht Dankbarkeit
Zuneigung einen Brief an Schwingern in der vollsten Ergiessung des Herzens
seiner Empfindung gemäß waren auch seine Ausdrücke äußerst feurig Endlich
sprach er unter andern habe ich mich durch alle Gefahren Verfolgungen Leiden
durchgeschlagen durch so mannigfaltige Widerwärtigkeiten hindurchgearbeitet und
auf ein kleines ruhiges Eiland gerettet wo ich allen die mir übelwollen Hohn
spreche wo ich alle die mich noch neulich durch fruchtlosen Arrest unglücklich
zu machen suchten verachte verspotte verlache Von der Höhe meiner ländlichen
Glückseligkeit sehe ich mit Mitleid und Triumph auf die elenden Kreaturen herab
die durch schwache Maschinen und kraftlose Anstrengung mit ohnmächtigem Zorne
meine Standhaftigkeit erschüttern und das Gebäude meines Glücks einstürzen
wollen In Ihrem Busen liebster Freund lege ich das Geheimnis nieder dass
Ulrike meine Glückseligkeit mit mir teilt wir wohnen beisammen aber mit einer
Unsträflichkeit einer Unschuld wie Heilige wie Engel Wir beide mein Vater
und Fräulein Hedwig bilden eine kleine glückselige Republik eine Familie die
Einigkeit Wohlergehen und Seligkeit belebt Wollen Sie meinen Feinden die
Demütigung machen dass sie mich sich selbst zum Trotze in dem Besitze des
liebenswürdigsten Mädchens sehen und lassen müssen so entdecken Sie ihnen meine
Glückseligkeit wenn Sie es für gut befinden doch ist es mir lieber wenn Sie
schweigen und meine Nachricht als ein anvertrautes Geheimnis bei sich bewahren
Auch die halbtote Schlange kann noch schädliche Bisse tun zischen mag der Graf
Ohlau und sich ärgern dass er mich nicht erreichen kann weil er mich nicht zu
finden weiß aber wenn er mich auch zu finden wüsste Ulriken soll mir niemand
nehmen und wenn Sie selbst lieber Freund sich wider mich verschwüren
Freundschaft und Leben opferte ich einer Kostbarkeit auf nach welcher ich so
lange gerungen habe
In einem solchen Triumphtone war der ganze Brief geschrieben übermütig
überspannt ausschweifend aber aus den lautersten Bewegungsgründen und mit der
freundschaftlichsten Empfindung Gutmütige Leute kommen langsam zu Argwohn und
Zorn kommen aber auch ebenso langsam von beiden zurück wenn sie einmal dazu
gebracht werden Der Mann der länger als zehn Jahre keinen Verdacht wider
Herrmannen an sich haften ließ der ihn wider die scheinbarsten Anzeigen wider
schriftliche und mündliche Zeugnisse verteidigte seine unwiderlegbaren
Vergehungen entschuldigte ihn als einen Schwachen liebte warnte leitete
unterstützte19 der ihm sogar den frechen beleidigenden Brief aus Berlin von
Herzen vergab und neue Wohltaten erzeigte dieser so nachsichtige Mann wurde
durch die persönlichen Beleidigungen des Berliner Briefs zu einem Verdachte
geführt der ihm alles was Herrmann tat und schrieb in einen unrechten
Gesichtspunkt stellte Herrmann hatte ihm schon oft lange auf Briefe nicht
geantwortet ohne dass es ihm etwas anders als Nachlässigkeit schien da der
junge Mensch in Leipzig auf die Verzeihung für den Berliner Brief und den
erneuerten Vorschlag den Winter auf dem Lande bei ihm zuzubringen die Antwort
aus Zerstreuung und Spielsucht unterließ wurde Schwingern diese Unterlassung
sogleich verdächtig er geriet augenblicklich auf den Argwohn dass er ihn mit
seiner Reue über die Beleidigungen des Berliner Briefes hintergangen habe
Nikasius gab ihm die Nachricht dass Herrmann unter Spielern und Trinkern lebe
und Schwinger wurde nicht nur in jenem Verdachte bestärkt sondern sah auch
seinen jungen Freund nun nicht mehr als einen Schwachen an der aus Übereilung
fehlte sondern als einen Verderbten Lasterhaften Undankbaren seine gutmütige
Seele wurde vom Zorn ergriffen wie vielleicht noch niemals und beschloss Strafe
über den Boshaften wiewohl selbst dieser zornige Entschluss auf der andern Seite
ein Beweis war dass er auch den vermeintlich boshaften Herrmann noch liebte
denn außerdem hätte er ihn verachtet und dem Schicksal überlassen aber nein
weil er ihn noch liebte bewegte er den Grafen ihn in Verhaft nehmen zu lassen
um teils Ulrikens Aufenthalt von ihm zu erfahren sie ihm wegzunehmen und größere
Vergehungen zu verhüten teils ihn durch eine leichte Züchtigung zum Nachdenken
zu bringen Die Verhaftnehmung war in jeder Rücksicht fruchtlos wie bereits am
gehörigen Orte erzählt worden ist aber Schwinger hielt diese Fruchtlosigkeit
nicht für eine Wirkung der Umstände wie sie es war sondern glaubte in seiner
argwöhnischen Gemütsverfassung dass Herrmann aus beharrlicher Bosheit sich durch
Leugnen und den Vorschub seiner lüderlichen Brüder losgemacht habe So
vorbereitet empfing Schwinger nach andertalbjährigem Stillschweigen das
anfangs Zerstreuung alsdann die Beschäftigung mit Ulrikens Kummer mit der
Einrichtung seines Gütchens und endlich der erste Taumel seiner ländlichen
Glückseligkeit veranlasste jenen hochfliegenden Triumphbrief und der gute Mann
verstand ihn als eine neue Beleidigung als den bittersten Spott wodurch sich
Herrmann für die Verhaftnehmung in Leipzig an ihm rächen wollte deren
eigentlichen Urheber er nach Schwingers Voraussetzung wissen sollte ob es
gleich gar nicht möglich war denn die Sache geschah im Namen des Grafen Ohlau
Diese neue vermeintliche Bosheit brachte einen neuen Zorn bei Schwingern
hervor aber einen kränkenden Zorn der die Liebe ganz verdrängte denn er nahm
sich vor einen so äußerst boshaften Menschen der Züchtigung des Schicksals zu
überlassen und nur zu Ulrikens Rettung das seinige aus allen Kräften
beizutragen wofern ihr noch zu helfen wäre Er reiste zu dem Grafen und wurde
von ihm abgewiesen weil er ein entlaufnes lüderliches Mädchen nicht wieder in
seine Familie aufnehmen wollte »Sie mag sterben oder leben« sprach er »ich
tue schlechterdings als wenn sie mich nichts angeht Ich verbiete hiermit von
neuem dass man sie mir jemals wieder nennt auch wenn sie sich demütigte und um
Gnade bäte würde ich sie doch nicht als meine Schwestertochter annehmen«
Nach dieser abschlägigen Antwort wandte sich Schwinger an die Gräfin und
fand viel günstiger Gehör halb aus Güte halb aus Weichheit des Herzens auch
aus einem Rest von Liebe für Ulriken willigte sie in Schwingers Verlangen sie
mit Gewalt aus Herrmanns Besitze zu reißen aber wohin mit ihr Auch diese
Schwierigkeit wurde gehoben einer ihrer Vettern stand als Oberste in den
Diensten eines kleinen Hofs und war Generalissimus über die ganze Mannschaft
die er hielt Die Gräfin bat ihn schriftlich seinen Kredit bei der Fürstin
anzuwenden und Ulriken einen Platz als Hofdame bei ihr auszuwirken der Oberste
gab Hoffnung dass es ihm glücken werde sie anzubringen obgleich vorderhand
kein Platz ledig sei und bot ihr unterdessen sein Haus an damit sie sich bei
der Fürstin vielleicht durch ihre eigne Person in Gnade setzen könnte Nun war
nur noch eine Bedenklichkeit übrig ob sie nicht durch langen vertraulichen
Umgang mit Herrmannen in Umstände geraten sei dass man sie nicht ohne Schande
einer Fürstin zur Hofdame anbieten könne denn seiner Versicherung dass sie als
Engel beisammenlebten traute man nicht Aber woher sollte man sich über diesen
Punkt zuverlässig unterrichten Schwinger suchte auf der Karte die Lage des
Dorfs aus welchem Herrmanns Brief datiert war und fand es in der Gegend wo
sich Siegfried zufolge seines letzten Berichtes angekauft hatte denn dieser
neue Gutsherr hatte die Höflichkeit oder vielmehr die Unverschämtheit dem
Grafen und allen seinen Bekannten auch wenn er sie sonst gehasst hatte in einem
großen Briefe jeden Ankauf zu wissen zu tun wenn er auch nur in einem Vorwerke
bestund Schwinger schlug ihn der Gräfin zur Mittelsperson vor allein sie
wollte dem Manne der sich durch das blinde Vertrauen ihres Gemahls bereichert
hatte auch diese kleine Verbindlichkeit nicht schuldig sein die Sache blieb
hängen Es kam ein Brief vom Obersten der die Fürstin schon so weit gebracht
hatte dass sie Ulriken zu sehen verlangte und ihr einen Platz mit der halben
Besoldung einer Hofdame versprach wenn sie ihr gefiele es kam ein
Notifikationsschreiben vom Herrn Siegfried welches den Ankauf des nämlichen
Dorfs meldete wo sich Herrmann aufhielt Schwinger drang nach diesen
Nachrichten mit seinem gutherzigen Eifer noch einmal in die Gräfin einen
Versuch zu machen nahm die Besorgung des ganzen Geschäftes über sich und bat
bloß um die Erlaubnis es im Namen der Gräfin betreiben zu dürfen darein wurde
dann gewilligt So zog sich über Herrmanns Haupt unterdessen dass er seine
ländliche Ruhe genoss verlor und darbte auf seine eigne Veranlassung das
Ungewitter zusammen das ihn jetzt bedrohte ohne dass er etwas davon wusste so
entstand der Brief den jetzt wie vorhin gesagt wurde Siegfried von Schwingern
erhielt mit dem Auftrage die Baronesse Ulrike auszuforschen
Der Mann hatte sein Talent zu dergleichen Verrichtungen schon auf dem
Schloss des Grafen sattsam bewiesen er bewies es auch jetzt Er bat den Pfarr
zu sich zu Tische und vieles Fragen und etliche Gläser Wein vermochten abermals
so viel dass er Herrmanns armselige Umstände entdeckte Siegfried tat als wenn
er ihm durch verborgne Wohltätigkeit aufhelfen wollte und bat den Prediger dass
er ihm Gelegenheit verschaffen möchte den jungen Mann und seine Frau in seiner
Pfarrwohnung zu sehen ohne von ihnen gesehen zu werden »Ich weiß wohl« sagte
der Verstellte »solche Leute die einmal vornehmer gewesen sind haben zuviel
Bettelstolz sie lassen es nicht gern merken dass sie Wohltaten brauchen Wenn
sie mir wie ehrliche Leute aussehn will ich ihnen durch Sie Geld vorschiessen
Sie können ja tun als wenn es von Ihnen käme«
Der Pfarr der so oft für Herrmanns Ungehorsam bei der Geburtstagsfeier
Vorbitten eingelegt hatte war über eine solche unvermutete Wendung der Sache
ungemein vergnügt lud die beiden jungen Leute zu sich Siegfried kam durch die
Hintertür herein verbarg sich und lauschte an dem Fenster in der Stubentür
sobald sie darin waren Sosehr sie sich beide in den sechs Jahren dass er sie
nicht gesehen verändert hatten so erkannte er sie doch gleich Der Pfarr
tröstete sie mit der Hoffnung dass er ihnen mit einem kleinen Kapital das man
ihm vor einem paar Wochen aufgesagt hätte ohne Interesse dienen wollte um
ihrer Wirtschaft emporzuhelfen sie nahmen das Anerbieten mit freudiger
Dankbarkeit an und ging ein wenig beruhigter von ihm weg als sie kamen
Siegfried ließ den Pfarr auf eine Spielpartie noch den nämlichen Tag zu sich
bitten Auf eine Spielpartie Nun war die Freundschaft zwischen beiden
geknüpft da der Pfarr sah dass sein Patron spielte das Spiel lieben und ein
ehrlicher verständiger braver Mann sein war in seinen Augen dasselbe Er fand
sogar dass Siegfried gut spielte und nunmehr offenbarte er ihm seine innersten
Gedanken weil ein Mann der so gut spielte nach seiner Meinung weder Schelm
noch Verräter noch Bösewicht sein konnte Das Gespräch wurde sogleich bei dem
Abendessen wieder auf Herrmannen gelenkt Siegfried versicherte dass ihm die
beiden Leutchen ziemlich gefielen und dass er sie schützen und unterstützen
wollte Da er einmal durch sein gutes Spielen und diese verstellte Güte das
Vertrauen des Predigers gewonnen hatte so war es äußerst leicht zu
bewerkstelligen dass dieser alles beichtete was er das letzte Mal verschwiegen
hatte Sogleich wurden die eingezognen Nachrichten Schwingern mitgeteilt der
aber der Gräfin alles verheimlichte was sie geneigt machen konnte Ulriken ihre
Hilfe zu entziehn sie schrieb ihrem Vetter dem Obersten dass er die Baronesse
in einigen Wochen erwarten sollte und ersuchte ihn inständigst sie nach ihrer
Ankunft in sorgfältiger Verwahrung zu halten dass sie nicht wieder entwischte
Schwinger nahm mit dem Geschäfte auch stillschweigend die Kosten über sich
teils vielleicht aus einer kleinen Rache gegen Herrmann teils und zwar
größtenteils in der Absicht ein gutes Werk zu tun eine junge Person die er
liebte aus der Verirrung zurückzubringen und die Unruhe zu vergüten die er
wider seinen Willen durch die Verteidigung und Unterstützung seines missgeratenen
Freundes einem Hause zugefügt hatte dem er Verbindlichkeit schuldig war und
Siegfried bot willig die Hände zur Ausführung eines Komplotts dar das seiner
tückischen Schadenfreude und seinem gekränkten Stolze so wohltat Alles war
angelegt Ulriken durch List oder Gewalt zu rauben und in die Hände des Obersten
zu bringen
Elfter Teil
Erstes Kapitel
Bei der Ausführung des Komplotts musste der Pfarr abermals eine Rolle übernehmen
doch ohne dass er es wollte oder wusste Siegfried gab ihm unbeträchtliche zwanzig
Taler um sie dem hülfsbedürftigen Herrmann zuzustellen zugleich bezeugte er
großes Verlangen einen Mann von so sonderbaren Schicksalen näher
kennenzulernen und bestimmte Tag und Stunde wo er ihn in die Pfarrwohnung
kommen lassen und nach der Überlieferung des Geldes so lange durch Gespräche
aufhalten sollte bis der hochgebietende Erb Lehn und Gerichtsherr dazu käme
Es geschah der Pfarr lieferte das längstversprochene kleine Kapital mit
Verlegenheit und Entschuldigungen aus dass es nicht mehr war und Herrmann nahm
es aus dem nämlichen Grunde mit Verlegenheit und Verwunderung an Die
Unterredung entspann sich und ein Mensch in Not der sein Herz gegen einen
Freund erleichtert kann ohne Mühe den Faden eines Gesprächs sehr lang spinnen
unbemerkt strichen drei ganze Stunden darüber hin Plötzlich trat Siegfried mit
der stolzen Miene eines neugeschaffnen Gutbesitzers herein Herrmann erschrak
bei einer so verhassten Erscheinung dass er fast alle Besonnenheit verlor
Siegfried als er seine Verwirrung innewurde bekam doppelten Mut und doppelte
Unverschämtheit und fragte ihn wie einen Missetäter über Artikel Herrmann war
ertappt er konnte und wollte keine Frage verneinen sondern bekannte mit
stolzem Trotze seinen Namen und Abkunft sie hatten sich beide ehemals zu wohl
gekannt um mit Verleugnen durchzukommen
»Leider kennen wir uns« fing Herrmann an als ihn Siegfried fragte ob er
ihn noch kennte »Sollt ich den Vater des Bösewichts nicht kennen der mich aus
der Gunst und dem Schloss des Grafen Ohlau vertrieb den großen
Intriguenmacher der meinen Vater ums Brot brachte und sogar das kümmerliche
Gnadengeld bestahl das ihm der Graf aussetzte Einen Dieb dem die Natur den
Galgen auf die Stirn brannte erkennt man ja wohl auch wenn man ihn nie sah«
Die unvermutete Dreistigkeit womit er dies sprach verursachte Siegfrieden
eine Bestürzung dass er ihn nicht unterbrechen konnte endlich übermannte sie
der Grimm »Wisst Ihr mit wem Ihr sprecht« fuhr er schäumend heraus
»Mit Euch« schrie ihm Herrmann ins Gesicht »Mit Euch und das will viel
sagen denn so ein ganzer Schurke wie Ihr wird in Jahrtausenden nicht wieder
geboren«
Der Pfarr der außer allem Zusammenhange war und nicht begriff wie ein
solcher Dialog daherkam suchte beide Teile zu besänftigen vergebens Siegfried
drohte mit Gefängnis Herrmann spottete seiner »Unter Eurer Gerichtsbarkeit«
sprach er »werden wohl nur die ehrlichen Leute ins Gefängnis gebracht dass sich
Euer Gerichtshalter ja nicht einfallen lässt die Schelmen einzuziehen
wahrhaftig wenn der Mann nicht selber einer ist so macht er bei dem
Gerichtsherrn den Anfang«
Siegfried schwoll von Gift und Galle so gewaltig an dass er den Stock
aufhub der Pfarr warf sich dazwischen »Lassen Sie ihn« schrie Herrmann »Der
Sohn hat unter den Spitzruten geblutet der Vater möcht es gern unter meinen
Fäusten tun Mit dem ersten Schlage sitzen ihm meine Hände an der Kehle aber
erwürgen will ich ihn nicht das mögen Hände tun die die Obrigkeit dazu
bezahlt«
Siegfried konnte vor Zorn nicht antworten der Pfarr befahl Herrmannen
ernstlich sich solcher harten Reden zu enthalten »O der harten Reden« rief
Herrmann mit knirschender Bitterkeit »Gegen die Verbrechen dieses Unwürdigen
sind es nur leichte Luftblasen brennend wie Schwefel sollten sie sein und noch
würden sie so ein steinhartes Gewissen nicht brennen Das hat
Schildkrötenschalen worein es sich versteckt wenn es ein Vorwurf trifft«
»Ich bin Euer Gerichtsherr« stotterte Siegfried Henrmann Dafür kann ich
nichts und vermutlich der liebe Gott ebensowenig denn sonst hätt er Euch noch
höher steigen lassen als Euren Sohn Dem Sohne hat er einen würdigen Platz
gegeben nun sollte noch der Vater
Der Pfarr hielt ihm den Mund zu aber er machte sich los »O Sie wissens
nicht« fuhr er fort »aus welcher großen Familie unser Gerichtsherr ist Dem
Sohn ist seine Ordenskette angeschmiedet Kartouche und Lips Tullian sind ihre
beiden Ahnherren«
Siegfried Was bist denn du Ein Mädchenverführer Mädchendieb
Mädchenschänder Wenn du deine Ehrentitel hören willst so lies einmal diesen
Brief
Er warf ihm einen Brief auf den Tisch Herrmann erkannte bei dem ersten
Blicke Schwingers Hand nahm ihn auf und las die Aufschrift an Herrn Siegfried
mit einem langen Schwanze von Gütern die dem Namen gehörten er öffnete ihn
voll Erstaunen und fand folgenden Inhalt
den 16 Julius
Hochgeehrtester Herr
Endlich ist mirs gelungen dem Unwürdigen den ich ehmals meinen Herrmann
nannte seine Bubenstücke zu vereiteln Die Gräfin willigt in alles sie hat
ihren Vetter schon benachrichtigt dass er die Baronesse erwarten soll und nun
machen Sie Anstalt wie es Ihnen selbst gut dünkt um die unschuldige Verführte
aus den Klauen ihres verachtungswürdigen Verführers zu reißen und an Ort und
Stelle zu liefern wie ich bereits in meinem letzten Briefe Verabredung mit
Ihnen genommen habe Ich trage die Unkosten und werde sie Ihnen erstatten
sobald Sie mir die Rechnung davon übersenden im Falle dass der Gräfin Vetter
der Oberste sich nicht dazu erbietet fodert er Ihnen nicht freiwillig die
Rechnung ab so erinnern Sie ihn auch nicht von fern daran und fragt er bloß
wer die Reisekosten bezahlen wird so nennen Sie die Gräfin Der guten Dame
würde die Erstattung freilich schwer sein und bewahre mich der Himmel sie ihr
zuzumuten Doch bitte ich inständigst es niemanden zu entdecken dass ich die
Kosten übernommen habe ich möchte auch nicht gern scheinen dem Hause das mich
ernährt und befördert hat eine Verbindlichkeit auflegen zu wollen die es nicht
ohne geheime Kränkung öffentlich auf sich ruhen lassen würde Auch suche ich
niemanden auf der Welt durch die kleine Aufopferung zu verbinden sondern bloß
mein Gewissen zu beruhigen ich will mir den Rest meines Lebens durch das
Bewusstsein versüßen dass ich die Unschuld von der Verführung gerettet der
geschändeten Tugend zur öffentlichen Ehre wieder verholfen denn leider kann
ich ihre innere nicht wieder herstellen ein betrognes guterziges Mädchen
vom Elende befreit vor künftigen Vergehungen verwahrt in ihren rechtmäßigen
Stand wieder eingesetzt und einem Hause das ohnehin Kummer genug drückt die
Ruhe wieder verschafft habe zu deren Verbitterung ich unschuldigerweise durch
Schwäche unzeitige Nachsicht verblendetes Wohlwollen Kurzsichtigkeit und übel
angewandtes Vertrauen so vieles beitrug Alle Fehler die ich dabei beging hat
mir meine Betrübnis darüber und der Undank und nagende Spott des Bösewichts
genug vergolten den ich aus einfältiger Blindheit so lange für ein Muster der
Rechtschaffenheit und Ehrliebe hielt Ich kenne ihn nicht mehr und verachte ihn
so sehr dass ich nicht einmal an seiner Bestrafung arbeiten mag Wenn Sie die
Baronesse seinen Händen entrissen haben so ist der Gräfin und mein Zweck
erreicht bekümmern Sie sich weiter nicht um ihn sondern überlassen Sie ihn dem
Elende den Qualen des Gewissens und der Verachtung der Menschen Ich habe der
Gräfin die Schandtat verhehlt die der Ruchlose an der Baronesse verübt hat wir
wollen sie auch der Welt verhehlen soviel uns möglich ist um dem künftigen
Glücke der guten Ulrike nicht zu schaden das Geheimnis ihrer Niederkunft soll
mit mir ins Grab gehen und ich bitte Sie bei Ihrer ewigen Wohlfahrt tun Sie ein
Gleiches und beschwören Sie alle die darum wissen unserm Beispiele
nachzuahmen Der Verbrecher wird seinen Lohn durch sich selbst finden so wahr
ich einen Gott glaube und von diesem erwarten Sie den Dank für Ihre Bemühungen
zu Ulrikens Rettung wenn Ihnen der meinige nicht genug ist Ich bin etc
Schwinger
Betäubt wie von einem plötzlichen Schlage und beinahe sinnlos ließ Herrmann den
Brief sinken Schmerz Verzweiflung Verwilderung starrten ihm fürchterlich aus
Aug und Mienen hervor Knirschend sah er empor die Daumen eingeschlagen die
Fäuste geballt und drohend mit beiden erhobenen Armen rief er »O so stürze Erd
und Himmel zusammen wenn das Menschen sind Ungeheuer denen Löwenblut in den
Adern rollt Teufelsseelen aus Unbarmherzigkeit und Wildheit zusammengesetzt
So denkt so spricht der Mann der sich meinen Freund nannte So lässt sich der
gutmütige Schwinger von der Bosheit zu einer Verschwörung wider mich verleiten
Spricht ein Urteil über mich wie es kaum die unmenschlichste Dummheit der
barbarischste Menschenhass sprechen könnte Noch einmal Himmel und Erde muss
zusammenstürzen und eine solche Brut von Treulosen Barbaren und Verrätern
vernichten Verräter seid ihr insgesamt an mir schändliche Verräter die ihren
Lohn durch sich selbst finden müssen wenn Gerechtigkeit die Welt regiert«
Er wandte sich zum Pfarr »Heißt das die menschenfreundliche wohltätige
Lehre ausüben die Sie predigen sollen dass Sie einen Freund verraten der sich
in Ihre Arme warf Ist das die allgemeine Nächstenliebe das die Nachsichtigkeit
gegen Fehler und Schwachheiten das die Sanftmut gegen den Verirrten die Sie
einprägen sollen dass Sie ein Geheimnis aufdecken auf dessen Verheimlichung Sie
mir Ihr Wort und diese Rechte gaben Verzehren muss sie sich die treulose
Rechte und jeder Segen den sie austeilen soll wie zehnfacher Fluch auf den
Gewissenlosen zurückfallen der sie zum Unterpfande der Falschheit gab Gott
das sind Menschen sprechen Lügen sooft sie atmen und handeln wilder als es
ein menschlicher Verstand sich vorzustellen vermag Überliefern den gefallnen
Bruder in die Hände des Bösewichts den niemand schwarz genug malen kann und
wenn er die Farben aus der Hölle nähme Da stehen sie die beiden
Nichtswürdigen und freuen sich ihrer Tücke ich mag sie nicht länger anschaun
Wagt es führt euren Schelmenstreich aus Nehmt mir Ulriken Aber der erste
der eine Hand an sie legt drückt mir die Kehle zu oder ich ihm«
Er warf dem Pfarr ohne etwas weiter zu sagen die vorgestreckten zwanzig
Taler auf den Tisch und ging Siegfried sosehr ihn die gemachten Vorwürfe
kränkten freute sich mit satanischem Lächeln über die Uneinigkeit dieser beiden
Leute und der arme Pfarr der sich vor Überraschung nicht besinnen konnte wie
er zu Meineid und Treulosigkeit gekommen war ohne es zu wissen noch zu wollen
blieb entfärbt und unbeweglich stehen und vermochte nicht ein Wort zu seiner
Verteidigung aufzubringen ob er sich gleich keiner Bosheit sondern höchstens
nur einer unzeitigen Schwatzhaftigkeit schuldig gemacht hatte Auch Siegfried
verließ ihn und er war noch immer nicht bei sich
Herrmann ging nicht gerade zu Ulriken um sie nicht durch seine Verwilderung
zu schrecken seine Seele war mit zu fürchterlichen Gedanken erfüllt und nach
einer so ausgezeichneten Verräterei zweier Männer deren Redlichkeit ihm
felsenfest zu sein schien kam ihm alles was menschlich heißt zu verhasst vor
um einen Sterblichen anzublicken er schloss die Haustür hinter sich zu und
setzte sich im Garten in eine Laube Alles um ihn herum war schwarz wie die
Galle die in ihm kochte selbst der heitre blaue Himmel schien ihm mit
finsteren pechschwarzen Wolken überzogen er war seinem eignen Odem gram so
tief verabscheute er die Menschheit
»Ein Verbrecher« fing er abgebrochen an »Ja ich bins und will es
doppelt werden Sie sollen Ulriken nicht haben und wenn ich meine eignen
Hände mit ihrem Blute färben müsste Wird eine Übereilung der Schwachheit schon
so unbarmherzig gestraft was soll dann einem Morde geschehen Nichts mehr und
nichts weniger Wenn glühende Qualen einmal mein Gewissen martern sollen Feuer
brennt wie Feuer und Qual martert wie Qual sie martre für ein oder zwei
Verbrechen Sie sollen sie nicht haben eher will ich ihr mit meinen Händen
die Adern zerreißen dass der purpurne Lebensstrom herausquillt oder Gott wie
mich schaudert Herrmann Herrmann was beginnst du Wenn sich nun das
liebe sanfte Geschöpf an mich hinge mit krampfichter Angst die Finger sich in
mein Fleisch hineingrüben wenn dann röchelnd und zuckend ihr schlaffes Haupt
sich senkte das erstarrte Blut aus der Wunde nicht mehr flösse und das Leben
mit einem Seufzer entflöhe und ich ihr einziger Freund stünd als ihr Mörder
da und ließ die Leiche platzend auf den Boden hinfallen und ich eilte von ihr
um mich vor Himmel und Menschen zu verbergen irrte von Ort zu Ort und immer
schwebte das Schwert des Henkers über meinem Nacken Oh wer schützt mich vor
meinen eignen Gedanken Wer fesselt meinen Willen dass er keine Untat
beschliesst«
Nach einer tiefsinnigen Pause fing er wieder an »Fliehen will ich mit ihr
sie auf meine Arme nehmen wie ein Kleinod das man aus dem Feuer rettet und mit
ihr fliehen Weit von den Barbaren die mich um den Bissen Glückseligkeit
beneiden dass die Liebe eines treuen Mädchens meine Not erleichtert Nie sei
mein Herz der Freundschaft gegen einen Menschen offen nie fühle mein Herz einen
Pulsschlag lang Vertrauen zu einem Menschen wie ein einsames Gewächs in einer
Wüste das sich auch selbst im größten Sturme nie zu einem andern hinneigt und
Schutz sucht will ich in der menschlichen Gesellschaft sein will mich in mich
selbst verschließen Mitleid fühlen und helfen wo ich kann aber nie
Freundschaft nie Zutrauen Wenn Schwinger sich mit einem Bösewichte den er
sonst tödlich hasste wider mich verbindet wenn er dem größten Schelm auf der
Erde Lohn von Gott verspricht und mir für eine verliebte Vergehung den Lohn
eines Bösewichts prophezeit wenn Schwinger aus schnöder Gefälligkeit gegen
einen Grafen alle Vernunft alles Gefühl verleugnet wenn mich die Ehrlichkeit
selbst verrät und in die Hände der Räuber spielt was sollen dann die übrigen
tun Fort fort mit mir Ich bin mit Tigern Ottern und Wölfen umgeben fort
mit dir ehe sie mich verschlingen«
Er sprang hastig auf und ins Haus hinein Er suchte Ulriken in der Stube
in der Kammer fand sie nicht rief lief die Treppe hinan schrie ängstlich
ihren Namen so laut er konnte Fräulein Hedwig sein Vater kamen auf das
Geschrei ein jedes aus seinem Kämmerchen herbeigelaufen »Wo ist Ulrike«
fragte Herrmann zitternd vor Ahndung
Hedwig Sie ist Ihnen ja nachgegangen
Der Vater Kaum drei oder vier Minuten nachdem du aus dem Hause warst
Herrmann Mir ging sie nach Und warum
Hedwig Eine Magd rief sie
Herrmann Und sie ging mit der Magd
Hedwig Allerdings Die Magd brachte ja Ihren Befehl dass sie Ihnen
nachkommen sollte Der Pfarr wäre Ihnen begegnet sagte sie und ginge mit Ihnen
zum Grabe auf den Kirchhof sie sollte hurtig nachkommen
Herrmann Und sie ist noch nicht wieder da Sie ist fort Man hat sie
gestohlen Lauft sucht holt sie zurück Lauft so weit eure Füße vermögen
Mit diesem schnaubenden Geschrei eilte er fort auf den Herrnhof nach
jedermanns Berichte den er nur fragte war Siegfried schon beinahe vor vier
Stunden abgereist Er eilte in die Pfarrwohnung niemand ließ sich sehen der
Pfarr und seine Frau versteckten sich vor Furcht als sie seine Stimme hörten
und sonst war keine Seele im ganzen Hause zu finden Er erkundigte sich auf dem
Herrnhofe wohin Siegfried gereist wäre und man antwortete »Auf sein Gut«
»Wie weit ist das« »Zwo Meilen« Er fragte bei allen Mägden auf dem Hofe
an ob eine Ulriken gesehen oder gar gerufen habe keine wusste etwas von ihr
Nicht einmal den Weg nach Siegfrieds anderm Gute kaum den rechten Namen
desselben konnte man ihm berichten er stellte bei allen Bauern im Dorfe
Nachsuchung und Nachforschung an alles umsonst Die Nacht rückte heran es fand
sich wohl jemand der ihm den Weg nach Siegfrieds Gut beschrieb aber jedermann
war zu müde von der Arbeit um ihm zum Boten zu dienen und allein konnte er
sich in der Dunkelheit unmöglich finden Er musste seine Reise bis in den Morgen
darauf versparen aß trank und schlief nicht und machte sich mit der ersten
Morgenröte auf den Weg Nach vielfältigem Fragen und Verirren langte er
erschöpft an auch hier umsonst Der Herr war seit drei Tagen nicht zu Hause und
die Frau gestern abend verreist Nun ließ sich über Ulrikens Schicksal nicht
mehr zweifeln sie war geraubt entführt und vermutlich für ihren Geliebten auf
immer verloren
Nie beweist die eingeschlummerte Liebe ihre wahre Stärke mehr als wenn ihr
Trennung oder ein ähnlicher Unfall den Tod droht Herrmanns Gemütsunruhe hatte
ihn seit dem Anfange seiner häuslichen Unordnung gleichgültig gegen Ulriken
gemacht sein Herz liebte sie im Grunde nicht weniger als vorher aber es war in
so viele andre Leidenschaften geteilt dass es zu den vorigen heftigen
Ergiessungen der Liebe nicht genug Kraft hatte Itzt mussten alle andre
Kümmernisse schweigen der Schmerz der Liebe überstimmte sie alle Herrmann
betrachtete sich als einen Witwer und brachte vier Wochen in einer dämischen
Betrübnis zu die ihm Überlegung Tätigkeit und Empfindung für alles außer sich
raubte mancher Tag ging ohne Speise und Trank hin Endlich drückte die
häusliche Not so gewaltig auf die Federn seiner Seele dass sie ebenso gewaltig
emporsprangen er hatte mit den Seinigen bisher von dem Verkaufe des
Ackergerätes und des Viehes gelebt das der Hunger nicht hinraffte dies
Rettungsmittel war jetzt vorbei der Pfarr hatte ihm zuweilen Kleinigkeiten
zufliessen lassen auch diese hörten auf und Herrmann hätte lieber von der Hand
des Todes Trost angenommen als von den Händen eines Mannes den er als einen
Gewissenlosen hasste Der Hunger sprach aus Hedwigs verfallnem Gesichte sie
foderte mit Tränen Brot und kündigte traurig an dass sie weder durch Kredit noch
für Geld eine einzige Mahlzeit mehr verschaffen könnte der Vater war so
kleinlaut so schwachmütig geworden dass ihm keine einzige von seinen
auffahrenden Reden mehr entwischte Beide baten kläglich dass Herrmann Rat
schaffen möchte Von ihren Vorstellungen gerührt sprach er zu ihnen »Seid
ruhig meine Lieben Ihr sollt heute essen wie Reiche Dem Unglück kann ich
nicht wehren dass es mich trifft aber niederschlagen soll es mich fürwahr
nicht Der Schmerz der Seele machte mich unfähig an die Bedürfnisse des Körpers
zu denken Vergebt mir dass ich so ein schlechter Hausvater bin« Er ging und
tat wozu er sich bisher aus einer falschen Scheu seine Verlegenheit kundwerden
zu lassen wiewohl sie jedermann wusste ob er sich es gleich nicht einbildete
nicht entschließen konnte er verpfändete sein Gut empfing von dem Schulzen
gegen eine Handschrift eine höchst geringe Summe um der gegenwärtigen Not zu
steuern und kam mit ihm überein dass er eine größere in vierzehn Tagen gegen
gerichtliche Versichrung erhalten sollte »Seht ihr« sagte er mutig als er
nach Hause kam und das Geld auf den Tisch legte »seht ihr dass noch Hilfe für
uns in der Welt ist Verzagen gehört für schwache Seelen und Bösewichter
Hedwig tischen Sie auf Wir wollen heute essen wie Reiche halt ich nicht
Wort« Geschäftig bereitete Hedwig eine reichlichere Mahlzeit als gewöhnlich
und der Tag der mit dem äußersten Kummer anfing endigte sich für alle mit
Freude und Erquickung
Herrmann machte nunmehr das Projekt von dem aufgebrachten Gelde seinen
beiden Hausgenossen das Nötige zurückzulassen auf das Gut einen Pachter zu
setzen und mit dem Reste seiner Barschaft auszuwandern um das Glück oder
Ulriken zu suchen doch nahm er sich ernstlich vor seinem Herze Gewalt anzutun
ihre Liebe durch seine Gegenwart nicht von neuem zu befeuern sondern vielmehr
sich von ihr zu entfernen sobald er wüsste dass sie sich in günstigen Umständen
befände Wünsche Begierden Entwürfe stiegen haufenweise in ihm auf der neue
Plan riss ihn hin hastig brachte er alle seine Angelegenheiten zustande und
quälte sich vor Ungeduld dass ihm Hindernisse nur einen Tag Aufschub
verursachten Er schloss seinen Pachtkontrakt mit Hitze und also sehr zu seinem
Nachteil wies seinem Vater und der Fräulein Hedwig den Genuss der Pachtgelder zu
ihrem Unterhalte und zu Bezahlung der Zinsen an gab ihnen nebst dem Pachter
sein Haus ein und nichts als die verschobene Auszahlung des Kapitals das ihm
der Schulze versprochen hatte hielt seine Abreise auf
Zweites Kapitel
Als alle Zurüstungen zustande waren und die Auszahlung des geborgten Geldes in
wenigen Tagen geschehen sollte langte bei seinem Hause ein Mann an der sich
sehr genau nach seinem Namen erkundigte der Mann trat in die Stube sah sich
sorgfältig allenthalben um »Ja es ist wohl so wie man mirs beschrieben
hat« fing er an und gab einen Brief ab Die Hand der Aufschrift war fremd aber
kaum war er geöffnet so zeigte sich mit dem ersten Blicke Ulrikens Schrift
M den 23August
War das nicht als wenn uns der Wind auseinanderführte liebster Herrmann Ich
dachte wir wären längst von allen Menschen vergessen und doch gibt man sich
die Mühe uns zu trennen aber die Trennung soll nicht lange dauern hoffe ich
Vermutlich hast Du nicht einmal erfahren wie mich die schändlichen Leute
weggekapert haben Du mochtest als Dich der Pfarr zu sich rufen ließ kaum drei
oder vier Minuten aus dem Hause sein so kam ein Bauernmädchen sehr eilfertig
gerennt und sagte mir dass ich Dir nachkommen sollte »Er ist mit dem Herrn
Pfarr durch den Kirchhof gegangen und wartet vor der Tür die aufs Feld geht«
sagte die Verschmjetzte Wer sollte dahinter etwas Böses argwohnen Ich glaube
wirklich das Mädchen das eine Magd vom Herrnhofe war sei Dir begegnet und von
Dir geschickt worden wie sie vorgab Ich gehe quer über den Kirchhof nach der
andern Tür hin die auf das Feld geht und erblicke wie ich mich nähere eine
Kutsche mit offenem Schlage vor ihr Der Anblick machte mich wohl ein wenig
stutzig aber da ich nicht die mindeste Ursache zum Argwohn hatte ließ ich mich
durch nichts beunruhigen als durch die Besorgnis dass jemand da sein möchte von
dem ich nicht gern gesehen sein wollte weil ich aber niemanden gewahr wurde
gab ich der Neubegierde nach trat in die Tür und fragte den Burschen der am
Schlage lehnte wem der Wagen gehörte er nahm tölpisch den Hut vom Kopfe
machte eine dumme freundliche Miene und fragte »Was« und hielt mir das Ohr
hin als wenn er taub wäre Indem ich etwas näher trete und meine Frage
wiederhole ergreift mich plötzlich jemand von hinten und wirft mich in den
Wagen hinein pump war die Türe zu und die Kutsche rollte mit mir dahin das
geschah alles so schnell dass ich mich kaum besinnen konnte Da saß ich nun in
dem verwünschten Kasten und konnte gar nicht begreifen was das bedeuten sollte
Alle drei Fenster waren niedergelassen und statt derselben hölzerne Schieber
vorgesetzt die nur durch drei viereckichte Löcher so groß als ein Auge Licht
und Luft hineinliessen Mir wurde angst ich versuchte die Schieber aufzumachen
und arbeitete mir die Finger blutig daran aber es war nicht möglich sie mussten
angenagelt sein Die Türen ließ sich inwendig ebensowenig öffnen ich befand
mich im Gefängnisse und sah durch eins meiner drei Luftlöcher nach dem andern
und erblickte nichts als Stückchen Feld und Bäume und durch das vorderste ein
Stückchen Kutscher ich rief ihm zu dass er halten sollte aber er drehte sich
nicht einmal um und der Wagen rollte in einem fort so barbarisch über Stock und
Stein dahin als wenn mich geflügelte Drachen zögen dass ich in dem weiten
Kasten vor heftiger Erschütterung und von den öfteren Stößen wie ein Knaul von
Winkel zu Winkel herumkollerte Für einen Spaß von Dir war die Komödie zu lang
und zu plump ich konnte also nichts als Betrügerei argwohnen Aber von wem
Ich quälte mich mit Mutmaßungen und Besorgnissen und konnte nicht einmal ruhig
mutmaßen denn ehe ich michs versah kam ein Stoß und dann wieder einer und
warf mich so hoch empor dass mir die Gedanken aus dem Kopfe fielen
Endlich nachdem ich ohne Möglichkeit mich zu retten zwei oder drei
Stunden bald langsam bald hurtig zusammengerumpelt worden war fuhr die Kutsche
durch einen Torweg und hielt an man öffnete die Tür und weil der ganze Hof mit
Mist überdeckt war nahm mich der nämliche Bursche den ich bei dem Kirchhofe am
Schlage fand auf die Arme und trug mich in ein altväterisches gotisches Haus
hinein Die Haustüre wurde hinter mir zugemacht und mich empfing ein
entsetzlich geputztes Frauenzimmer so entsetzlich so linkisch geputzt dass
man sich des Lachens kaum enthalten konnte Sie gab mir die Hand und führte mich
die Treppe hinan »Aber wo bin ich denn« rief ich beständig »Was will man mir
denn tun« »Das sollen Sie gleich hören meine Liebwerteste« antwortete das
Schlaraffengesicht und lachte Die Stimme kam mir bekannt vor und da ich mir
den geputzten Kobold genauer besehe ist es Madame Siegfried unsre
allergnädigste Gerichtsherrschaft »Meine liebwerteste Baronesse« fing sie an
und keuchte wie ein Schmiedeblasebalg und wimperte unaufhörlich mit den Augen
dazu wie sie sonst tat »meine liebwerteste Baronesse sein Sie mir doch
untertänig willkommen« »Was soll ich denn hier« »Alles Liebes und Gutes
meine werteste Baronesse Geruhen Sie nur sich zu setzen und zu essen und zu
trinken« »Nicht einen Bissen wenn ich nicht weiß was man mit mir willens
ist Wer hat mich so diebischerweise auffangen lassen« »Belieben Sie das
nicht zu sagen meine trauteste Baronesse Sie sind in allen Ehren und
Honettität hieher gebracht worden und sollen auch heute noch weiterreisen«
»Wohin denn« »Das werden Sie schon erfahren« sprach sie lachend »Lassen Sie
sichs nur unterdessen nicht missfällig sein sich hier umzuputzen ich werde die
Ehre und das geneigte Vergnügen haben mit Ihnen zu reisen« »Das ist eine
himmelschreiende Betrügerei die man mir spielt« fuhr ich auf »und ich will
doch sehen wer mich von der Stelle bringen soll wenn man mir nicht sagt warum
ich hier bin wer mich hieher hat bringen lassen« »Sein Sie nur so geneigt«
unterbrach sie mich »und folgen Sie mir Ziehen Sie hier die Schirkassienne
Circassienne an und belieben Sie dabei etwas von frischer Milch und kalter
Küche zu genießen ich will Ihnen dabei die ganze Historie erzählen« »Mir
etwas weismachen Nicht wahr« unterbrach ich sie »Sein Sie doch so geneigt
und denken nicht so kanalljöfisch von mir Ich will Ihnen ganz reinen Wein
einschenken Sie sollen zu Ihrem Onkel oder wie ich ihn nennen soll dem Herrn
Obersten von Holzwerder Sie kennen ihn ja wohl noch Er war einmal bei Ihr
Exzellenz dem Herrn Grafen Ihrem gnädigen Herrn Onkel zur Vesitte« »Das
weiß ich wohl aber was will er denn mit mir anfangen« »Alles Liebes und
Gutes Ihr Herr Herrmann ist voraus Sie werden einander dort finden weiter sag
ich nichts« »Märchen sind das blaue Dünste um mich ins Netz zu locken aber
ich bin kein Kind und glaube solche Fratzen« »Sie denken auch gar zu
mesantropsch von mir meine liebwerteste Baronesse Ich bin ja keine meschante
Kanaille die mit Lug und Trug umgeht Ich bin ja eine honette Madam die es in
aller Ehre und Honettität mit Ihnen meint«
In diesem scheinheiligen Tone überredete sie mir eine gotteslästerliche
Lüge die sie so wahrscheinlich zu machen wusste dass ich sie wirklich glaubte
Meinen und Deinen Aufenthalt sollte ihr Mann durch Schwingern erfahren haben
sehr glaublich denn Du hattest ihm Nachricht davon gegeben das wusste ich
Dieser Herr Schwinger sollte sich über unsre Liebe erbarmt und an den Obersten
Holzwerder gewandt haben um meine Verbindung mit Dir zu bewirken der Oberste
Holzwerder war gleichfalls so geneigt gewesen und hatte sich erboten unsre
Verbindung zustande zu bringen darauf sollte Schwinger an ihren Mann
geschrieben und ihn gebeten haben uns beide zu dem Obersten zu schaffen »und
weil mein Mann den Spaß liebt« setzte der hässliche Puterhahn hinzu »so lässt er
ein jedes von Ihnen besonders an Ort und Stelle bringen Sie sollen beide
einander bei des Herrn Obersten von Holzwerder Gnaden finden als wenn es so par
hussar par hasard geschähe Herr Herrmann ist mit meinem Manne und dem Herrn
Pastor spazierengefahren aber sie reisen zu dem Herrn Obersten Der wird sich
wundern wenn die Spazierfahrt so lange währt Und wenn Sie nun vollends mit
mir so gleichsam als wie par hussar ankommen da wird erstlich die
Verwunderung angehn Aber belieben Sie sich ja nichts davon remerquieren zu
lassen meine liebwerteste Baronesse denn mein Mann hat mirs bei Kopfabhacken
verboten Ihnen ja nichts davon zu sagen damit es ein Spaß wird wenn sie
einander so gleichsam als wie par hussar rankertieren rencontrieren Aber ich
bin eine viel zu honette Madam dass ich meine liebwerteste Baronesse so in der
Angst lassen sollte Das kann ich Ihnen wahrlich nicht Sie würden sich
ambrassieren embarassieren Nein das kann ich Ihnen nicht übers Herz bringen
dass ich Sie so ambrassieren sollte«
Sah das Fabelchen nicht der Wahrheit so ähnlich dass sich auch der Klügste
fangen lassen musste Es stiegen mir zwar Zweifel dawider auf aber weil ich so
sehr wünschte dass es keine Fabel sein möchte hüpfte ich über die
Bedenklichkeiten hinweg besonders da mir die alte Heuchlerin so oft und mit so
anscheinender Aufrichtigkeit ihre Honettität beteuerte Ich leichtgläubiges
Geschöpf zog die Schirkassienne an und die übrigen Reisekleider die dabeilagen
und freute mich innerlich wie ein Kind auf Weihnachten dass sich unser Himmel so
unvermutet aufheiten sollte Es überfiel mich eine eigne Empfindung als ich
mich zum ersten Male nach beinahe drei Jahren wieder in dem städtischen Putze
befand ich sah mir ganz anders aus und konnte vor Wohlgefallen nicht vom
Spiegel wegkommen Alles Glück und aller Verdruss den ich sonst in meinen
vornehmen Kleidern erlitten hatte kam mir in die Gedanken zurück ich sah auf
meine ländliche Kleidung als sie dort auf dem Tische lag wie auf eine
abgeworfne Hülle des Elends hinab aus welcher ich neugeboren zu einem neuen
glücklichen Leben hervorgegangen wäre Rührung Freude Hoffnung bemeisterten
sich meiner so stark dass ich in dem Taumel ein großes Glas mit drei hastigen
Zügen hinterschluckte und so viel Butterbrot dazu aß als wenn ich acht Tage
gefastet hätte alles ohne dass ichs eher inne ward als bis ich die Schmerzen
der Überladung fühlte Die alte keuchende Siegfried so widrig sie mir sonst
war schien mir jetzt eine so liebenswürdige so eine herzlich gute Frau dass ich
kein Mittel aussinnen konnte ihr meine Zufriedenheit und Zuneigung genug zu
beweisen ich drückte ihr die Hände ich liebkoste sie ich überwand sogar
meinen Widerwillen und drückte ihr zween Küsse auf die dicken breiten Lippen
Die Küsse gereuen mich diese Stunde noch wenn ich sie dem schändlichen Weibe
nur wieder abnehmen könnte
Die Pferde waren indessen gefüttert und wieder vorgelegt worden und wir
stiegen in vollen Freuden ein des Nachmittags liefen sie mir zu hurtig und jetzt
nicht schnell genug Unterwegs hatten wir ein ewiges Geschwätze das mir
freilich sehr angenehm war von dem Glücke und dem hohen Vergnügen das auf
Dich und mich bei dem Obersten wartete dass wir zur Landwirtschaft nicht gemacht
wären und durch den Obersten in eine angemessnere Lage geraten würden Die ganze
Nacht kam kein Schlaf in meine Augen In dem nächsten Städtchen nahmen wir
Postpferde und fuhren die ganze Nacht hindurch und von Zeit zu Zeit weckte ich
meine schnarchende Reisegefährtin durch einen Stoß als wenn er so par hussar
geschähe damit sie von Deinem und meinem Glücke mit mir reden sollte
Auf der letzten Station empfing mich der Oberste ein allerliebster Mann
und mir damals noch tausendmal lieber als itzo weil er nach meiner Überredung
uns beiden so herrliche Dienste getan hatte und tun wollte Der Postknecht
blies wir nahmen von Madam Siegfried Abschied fuhren fort noch war kein
Herrmann da Der Oberste war sehr gesprächig und spaßhaft scherzte mit mir dass
in der Stadt wohin wir wollten ein hübscher Mann auf mich wartete beschrieb
mir ihn vom Kopf bis auf die Füße und fragte mich bei der Beschreibung eines
jeden Stücks an dem hübschen Manne wie er mir gefiele Dein Portrtät war es
nicht fast in allem das Gegenteil Aber dachte ich er tut das aus Scherz
dass er mir meinen Herrmann so hässlich malt und in diesen Gedanken lobe ich denn
alles an seinem Gemälde sogar die zwo großen Warzen die der hübsche Mann auf
dem Backen haben sollte gefielen mir außerordentlich ich sprach bei meinem
Lobe mit wahrem innigen Entzücken Den Obersten steckte mein Entzücken so sehr
an dass er sich zusehends verjüngte er wurde so munter so belebt dass er mich
küsste und trotz des stechenden Bartes nahm ich mit seinen Küssen vorlieb »Der
arme Mann« dachte ich »unsre Liebe macht ihn ganz jung wieder er möchte gern
auch etwas lieben es ist doch traurig wenn man so alt ist und sich mit dem
Zusehn abspeisen muss« Als seine Beschreibung bei den Füßen war die zuweilen
mit dem Podagra behaftet sein sollten wollte ich ihm sein Geheimnis ablocken
und fragte ihn wie denn dieser hübsche Mann hieße der Name Herrmann klang
schon in meinen Ohren am Ende da er sich lange geweigert hatte war er es
selbst »Das ist eine Ausflucht um dir den rechten Namen nicht sagen zu
dürfen« dachte ich und antwortete mit gezwungnem Scherze dass vermutlich der
Pfarr der ihn und mich trauen sollte uns zu Hause schon erwartete ich war
verdrießlich bei mir dass er mir nicht die Freude machte und den rechten Namen
nennte da mir doch an der Überraschung gar nichts lag und mein Verdruss musste
vermutlich durch die angenommene scherzhafte Miene durchgeleuchtet haben denn
er sagte mir ernstaft darauf »Sie werden doch den Spaß nicht übelnehmen«
und drückte mir dabei die Hand Ich versicherte ihn aus allen Kräften das
Gegenteil und den übrigen Weg wurde viel geschäkert aber nicht mehr auf diese
Art Inzwischen zog ich doch alles was er sagte auf Dich und was sich nur im
mindsten so auslegen ließ verstund ich als eine Anspielung auf unsre nahe
Trauung sogar als er mir die Liebkosungen erzählte die mir sein kleiner Hund
Marquis machen würde bildete ich mir ein er meinte Dich und wegen dieser
Illusion lachte ich über alles so ausgelassen vergnügt und mannigmal bei Sachen
die gar keinen Anlass zum Lachen geben konnten dass der Oberste mich oft fragte
warum ich darüber lachte
Wir langten an fanden den scherzhaften Marquis und Lieschen des Obersten
Ziperkatze den einen so klaffend und die andre so schnurrend und
krummbucklicht wie er sie mir beschrieben hatte alle Tapeten und Möbeln wie
er sie mir beschrieben hatte aber keinen Herrmann Die Nacht verging auch
der Morgen der Oberste zeigte mir alle seine Herrlichkeiten und machte mir
vielen Spaß vor aber ich hatte kein Gefühl dafür weil ich Betrug argwohnte
hörte auch meine gestrige Auslegungskunst auf ich hielt keinen von seinen
Scherzen mehr für eine Anspielung auf Dich und unsre Verbindung sondern
verstund jeden wie er gemeint war und so war jeder ohne Reiz für mich nicht
einmal zwingen konnte ich mich zum Lachen Er ließ den Schneider kommen um mir
ein Kleid zu verschaffen worin ich mich der Fürstin darstellen könnte und
nennte mich unaufhörlich sein liebes schmuckes Bräutchen der Schneider lachte
über seine Schnaken dass er beständig das Maß falsch nahm das Bräutchen blieb
so ernstaft wie die dickköpfichten Chineser auf der Papiertapete rings in dem
Zimmer weil ihr der rechte Bräutigam fehlte Verdruss und Ärger dass ich mich so
schändlich hatte hintergehen lassen nahmen sichtbarlich zu und der Oberste
der meine mürrische Laune dem Mangel an Vergnügen zuschrieb stellte auf den
Nachmittag ein Konzert an »Wir haben hier sehr schöne Musikanten« sagte er
mir bei dem Mittagsessen »Wir haben noch vor drei viertel Jahren eine rechte
Sängerin aus Berlin bekommen die Madam Dormer sie singt wie ein
Nachtigallchen Sacrepapier wenn die Frau in die Höhe mit ihrer Kehle steigt
das geht das geht wie mein Lieschen mein Ziperchen wenn sie zum Dach
hinaufläuft Wie der Wind ist sie oben und wenn sie nun oben auf dem Forste mit
ihren Tönen sitzt da trillert und tanzt sie so kraus in der Höhe herum als
wenns die Engelchen im Himmel wären und dann hüpft sie auf einmal hop hop
hop hop hop « er machte die Prahltriller der Sängerin mit seiner unsingbaren
Stimme sehr komisch nach »von dem obersten Dachziegel herunter dass man denkt
die Kehle wird Hals und Beine brechen Sacrepapier das ist eine Sängerin die
für den König von Frankreich nicht zu schlecht wäre Ihr Mann ist auch ein
großer Musikant er pfeift sehr schön auf der Flöte und fiedelt auch auf der
großen Rumpelmaschine wie heißt sie denn gleich auf dem großen Basse
rumpel rumpel das geht drauflos was das Zeug hält wenn das Kerlchen seine
Grimassen hinter dem großen Brummkasten zu schneiden anfängt Dass der Staub
herumfliegt so marschiert er auf den Saiten herum Und dann haben wir noch
einen großen Musikanten der geht über alle das sag ich Hören Sie wenn der zu
fiedeln anfängt das klingt wie ein Glöckchen wie wenn ich Ihnen hier mit der
Gabel ans Glas schlage kling kling kling und dabei will er sich alle Adern
am Leibe zerreißen das ist ein Arbeiten auf der Fiedel dass ihm die Haare um
den Bogen herumhängen wenn er fertig ist Meine Soldaten können sich nicht so
hurtig schwenken und drehen als der Mensch auf
dem Brette mit dem Fiedelbogen herumspaziert Das ist die Kapelle aber nun
nehm ich meine Leute dazu das sind ganze Kerle wenn sie zu hoboen anfangen und
die Waldhörner und die Fzmaschinen Fagots heißen sie dazwischen
hineinfallen das ist ein Gequake und ein Gekreische dass man davonlaufen
möchte Das versichre ich Sie meine Hoboistenbande ist die schönste in Europa
die Ohren möchten springen so einen exzellenten Lärm machen sie«
Ohngefähr in diesem Tone schilderte er mir auch die Talente der
Stadtmusikanten und der Liebhaber in der ganzen Stadt die auf irgendeinem
Instrumente etwas Vorzügliches leisten Nachmittags fand sich ein Virtuose nach
dem andern ein ein schreckliches Heer das die Toten hätte erwecken können Ich
fühlte zum Leidwesen meiner Nerven dass der Oberste richtig prophezeite die
Ohren wollten mir springen und ich wäre gern davongelaufen Die Herren griffen
sich mir zu Ehren alle so gewaltig an dass ihnen der Schweiß schon bei der
ersten Sinfonie am Kopfe hereinlief und jede Minute platzte eine Saite Sie
wedelten sich insgesamt mit den Schnupftüchern als sie sich durch das tobende
Presto durchgearbeitet hatten und so angreifend das Getöse in dem kleinen Saale
war so meinte doch der Oberste dass sie heute nicht so frisch gespielt hätten
wie sonst Um den Schimpf nicht auf sich sitzen zu lassen bat der Direktor des
Konzerts um eine Verstärkung des Orchesters nach welcher sogleich Boten
ausgesandt wurden und legte ein Stück auf wobei Waldhörner Trompeten Oboen
Fagotte Posaunen und fast alle übrige Blasinstrumente hervortraten Mit großer
Betrübnis beschwerte sich der Direktor dass man die Pauken weglassen müsste
»Diese will ich machen« sprach der Oberste und befahl eine Trummel zu holen
»Geben Sie einmal acht« sagte er zu mir »wie ich die Trummel peitschen will
ich bin sehr stark darin ich lehre alle meine Tambours selber« Verstärkung
und Trummel langten an mir wurde angst und bange Das Getöse begann der
Oberste stand in der Mitte mit umgehängter Trummel gab ihr bald einen einzelnen
empfindlichen Hieb schlug bald einen langen schnurrenden Wirbel dass man nichts
als das Quäken der rauen Trompeten hören konnte es war eine Höllenmusik
demungeachtet glaubte der Oberste dass zwei Trummeln einen bessern Effekt tun
würden und konnte nicht begreifen warum die übrigen heute so erstaunend leise
spielten dass er nur sich allein hörte Man schob die Schuld auf die Violinen
und beklagte dass der Stadtmusikant nicht zugegen wäre der mit seiner Geige
sieben andre überschrie Auf alle Gassen mussten Boten auswandern den Mann
aufzusuchen er erschien mit seiner gewaltigen Geige nebst einem Tambour allein
wenn man gleich noch sechs Männer mit so gewaltigen Geigen herbeigeschaft
hätte so wäre die Musik für den Obersten immer zu schwach gewesen und der Lärm
war doch so unmenschlich dass die Leute auf den Gassen zusammenliefen und Feuer
riefen in der Meinung man habe die Feuertrummel gerührt Seine Gehörnerven
müssen von Stahl sein denn die meinigen haben mir acht Tage lang gesaust und
gezittert
Endlich erschien auch Madam Dormer die große Sängerin ich freute mich dass
meine Ohren wenigstens auf eine andre Manier die Tortur leiden würden Die Frau
trat mit vielem Anstande und edler Stellung herein alles stellte sich in
ehrerbietige Parade als wenn die Fürstin ankäme der Oberste brachte sie gleich
zu mir und machte sie mit mir bekannt Rate Herrmann rate wer die große
Sängerin war Vignali die leibhaftige Vignali Wir erschraken beide nicht
wenig uns hier wiederzufinden aber behielten doch so viel Fassung dass sich
keins verriet Sie schämte sich außerordentlich in ihrer itzigen Qualität vor
mir zu erscheinen und war durch keine Bitten zu bewegen dass sie sang sie
wandte einen Katarrh vor
Die Neugierde und die rätselhafte Beschuldigung der Madam Düpont auf meiner
Flucht von Dresden dass ich die Ursache von Vignalis Unglücke wäre ließ mir
keine Ruhe ich suchte mit ihr in ein Nebenzimmer zu kommen um mich nach ihrer
Geschichte zu erkundigen kaum hatte ich die erste Frage getan was sie hier mit
mir zusammenbrächte und zur Antwort erhalten »Das Unglück« so führte das
Unglück schon ein Paar Fräulein zu uns die während des Konzerts dem sie
beiwohnten so eine seltsame Zuneigung zu mir gefasst hatten dass sie mir auf
allen Tritten nachgingen alle drei Minuten drückte mir die eine die Hand und
fragte mich »Sind Sie mir nicht ein bisschen gut« und die andre erkundigte
sich unaufhörlich wie mir die Musik gefiele die beiden zutuenden Gänschen
waren mir jetzt doppelt zur Last weil sie die Befriedigung meiner Neugierde
hinderten Nach dem Konzert bat ich den Obersten um Erlaubnis Vignali oder wie
man sie jetzt nennen muss Madam Dormer morgen zu besuchen »Nein« antwortete
er sehr ernstaft »das schickt sich nicht Sie können ja eine Sängerin nicht
besuchen Sie kommt sehr oft zu mir und arbeitet mit uns da werden Sie
Gelegenheit genug haben die Frau zu sprechen wenn sie Ihnen gefällt« »Sie
arbeitet mit Ihnen wie denn das« fragte ich »Gedulden Sie sich nur«
antwortete er lachend »Sie sollen schon auch ein Geselle in meiner Werkstatt
werden aber erst muss ich Sie als Lehrbursch aufnehmen das soll morgen
geschehen und wenn Sie sich gut anschicken können Sie in acht Tagen schon
Geselle sein« Mehr wollte er mir vorderhand nicht entdecken dass die Leute
doch die Überraschung sosehr lieben
Den folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück wurde ich von ihm selbst in
seine Werkstatt abgeholt der tändelnde Mann band mir ein weißes Schurzfell um
mit rotem Bande eingefasst und wies mir meinen Platz auf einem Taburett an wo
ich zusehn sollte um die Handgriffe und Geheimnisse seiner Kunst zu lernen
»Einen Stuhl mit der Lehne bekommen nur die Gesellen und Meister« setzte er
sehr wichtig hinzu Ich erfuhr noch immer nicht zu was für einer Kunst ich
eingeweiht werden sollte und konnte es auch nicht raten denn in dem ganzen
engen Stübchen war nichts woher ich Mutmaßungen nehmen konnte als alte grüne
Tapeten mit einem greulichen Staube über und über bedeckt woraus ich schloss
dass man entweder hier sehr lange nicht ausgefegt habe oder dass es Staub bei der
Arbeit gebe Auf dem Tische lagen Stücken Bimstein Leder und andre Sachen und
vorzüglich viel Staub Als ich noch meinen Mutmaßungen nachhing trat ein Mann
in blauem Rocke roter Weste gelben Beinkleidern und grauen wollnen Strümpfen
herein die verwirrte Perücke nicht zu vergessen der Himmel weiß ob sie von
Natur oder aus Mangel des Puders schwarz ist aber da sie sich seit unsrer
ersten Bekanntschaft bis diese Stunde unveränderlich gleichgeblieben ist mag
sie wohl natürlich schwarz und vor Alter und Gram etwas rotgrau geworden sein
besonders weil sie ihm nach aller Wahrscheinlichkeit auch zur Nachtmütze dient
Alle Kleidungsstücke waren in kläglichen Umständen auf dem beschabten blauen
Rocke lagen die groben Grundfaden offen da wie weißer Bindfaden und die rote
Weste war mit großen und kleinen Flecken von mancherlei Farbe wie eine Landkarte
illuminiert »Da kommt mein Altgesell« sagte der Oberste als der Mann mit
einem »Sehr schönen guten Morgen« hereintrat Ohne im mindsten zu bemerken dass
eine fremde Figur in der Stube war legte er sogleich seinen Hut hinter seinen
Stuhl auf den Fußboden setzte sich zog eine Brille heraus wischte sie an
einem kleinen weißen Schnupftüchelchen rein ungefähr von der Größe wie sie
meine ehmalige Puppe glorreichen Andenkens an Sonn und Festtagen zu brauchen
pflegte darauf stellte er die Brille mit vieler Akkuratesse auf die Nase da
saß er die Arme auf den Tisch gelegt Es ist wie ich hernach vom Obersten
erfuhr ein gewesener Apotheker der den tollen Einfall gehabt hat alle seine
Büchsen in Gold verwandeln zu wollen und da sie ihm ungeachtet aller Mühe und
Unkosten den Gefallen nicht erzeigt haben sondern gutes ehrliches Holz
geblieben sind wie es der liebe Gott erschuf und der Drechsler drehte so hat
er sie versilbern das heißt für Silbergeld verkaufen müssen dieser Spaß mit
der Versilberung ist von dem Obersten um seinen Witz in Deine Bekanntschaft zu
bringen Von dieser Versilberung lebt er itzo behilft sich elend und schlüge
jedermann ohne Ansehen der Person hinter die Ohren der ihm die Kunst alles in
Gold zu verwandeln nicht zugestehn wollte Er ist dabei entsetzlich gelehrt
dass mir mannigmal ganz schwarz vor Augen wird wenn er disputiert griechische
Wörter mit langen langen Schwänzen und noch viel mehr Latein als Fräulein
Hedwig speit er den Leuten wie einen Hagelregen an den Kopf der Oberste weiß
zuweilen vor Angst nicht wohin so übel bekommt ihm die grausame Gelehrsamkeit
des Mannes Das war also der Altgesell en Skizze mit dem Maler zu reden der
gestern eine Türe bei uns anstrich
»Es ist doch wahr dass ehegestern nacht ein Geist bei der Mamsell « ich
weiß nicht mehr wie er sie nannte »gewesen ist« fing er an »er hat eine
glühende rote Nase und an jeder Hand sechs Finger gehabt« Ich musste lachen
das nahm er übel gab mir einen Verweis und erklärte mir warum die Geister
lieber zu den Mädchen als den Mannspersonen kämen Ich habe seine langweilige
Erklärung vergessen aber so viel weiß ich noch dass seine Geister so gescheit
sind und sich lieben und heiraten wie unsereins Er bildet sich ein dass er sie
zitieren kann auch die Seelen der Lebendigen ich nahm mir die Freiheit mir
die Deinige zu einem Têteàtête bei ihm zu bestellen aber entweder hat der
Mann seine Kunst verlernt oder Deine Seele ist zu fest an den Körper gewachsen
denn seitdem ich hier bin muss ich alle Abende Deinen Namen auf Papier
schreiben verbrennen und ihm die Asche überliefern und er zitiert dass ihm der
Angstschweiß am Kopfe hereinströmt aber die liebe Seele will nicht kommen Er
ist so unverschämt zudringlich dass man sich seiner gottlosen Künste gar nicht
erwehren kann wenn man sich zum Spaß einmal mit ihm einlässt so geht es mir mit
Deiner armen Seele sosehr ich ihn auch bitte er soll sie in Ruhe lassen
Der Oberste der sich sonst um die Geisterangelegenheiten sehr gern
bekümmert aber seine Arbeit doch höher achtet unterbrach den Altgesellen
damals sehr bald in seiner Erklärung und befahl ihm kraft seiner Meistergewalt
nicht müßig zu gehen sondern erst zu arbeiten und dann zu schwatzen Indem der
Geisterseher die Arbeit aus dem Tischkasten hervorsuchte traf auch der
Junggeselle ein Madam Dormer sie warf eilfertig ihre Saloppe ab und gleich
über die Arbeit Es ist doch wahrhaftig das verschmjetzteste Weib auf der Erde
weil sie weiß dass man sich durch solchen Eifer bei dem Obersten überaus beliebt
machen kann tut sie so geschäftig und behandelt alles mit einer solchen
Wichtigkeit als wenn von der Spielerei dieser drei Leute die Wohlfahrt des
ganzen deutschen Reichs abhinge »Nunmehr« fing der Oberste sehr gravitätisch
an was er gewöhnlich gar nicht ist und wandte sich zu mir »nunmehr will ich
Ihnen die Geheimnisse unsrer Kunst offenbaren Sie sehen hier in meinen Händen
einen gräulichen Stein Dendrit genannt in diesen Stein hat die Natur alles
gezeichnet was auf der Welt ist Menschen Tiere Bäume Häuser Landschaften
Städte Armeen ganze Feldzüge und Schlachten« »Aber« nahm der Goldmacher
das Wort »wie die Natur überhaupt alle ihre Schätze tief verborgen hat damit
sie des Menschen Ingenium und Fleiß hervorsuche und herausziehe wie par Exempel
das Gold welches in allen auch den verächtlichsten Materien enthalten ist wir
essen es im Brote wir tragen es in unsern Kleidern auf dem Leibe« wobei er auf
seinen kahlen blauen Rock wies »wir treten es auf unsern schmutzigen Gassen
mit Füßen die Magd kehrt es mit dem Besen aus der Stube wir haben es in uns
in Blut und Eingeweiden nun muss des Menschen Fleiß und Geschicklichkeit aus
allen diesen Goldgruben jenes köstliche Element heraussuchen und aus den
verächtlichen Materien gleichsam herausziehen«
»Nicht so weitläuftig Altgesell« unterbrach ihn der Oberste »Sehen Sie
Rikchen« sprach er darauf in seinem alltäglichen Tone zu mir »wir reiben und
polieren die Steine so lange bis die vortrefflichen Zeichnungen die die Natur
hineingelegt hat zum Vorschein kommen« »Das ist« hub der Goldmacher wieder
an »das ist par Exempel just wie mit einer sympatetischen Tinte Sie wissen
doch was eine sympatetische Tinte ist« fragte er mich und sagte mir einige
Rezepte sie zu verfertigen aber er kam nicht weit mit seinen Rezepten denn
der Oberste schrie »Gearbeitet gearbeitet Altgesell und dann geschwatzt«
Sogleich wandte er sich wieder zu mir und versprach mir eine Probe von diesen
Wunderzeichnungen der Natur zu weisen Er holte einen großen Kasten herbei
worin eine Menge polierte Dendriten nach der Ordnung lagen wie die
Geschichten erfoderten die er sich darauf vorstellte »Sehen Sie« begann er
»das ist der Einfall des itzo allergnädigst regierenden Königs von Preußen in
Schlesien anno 40 das hier ist die Schlacht bei Molwitz wo mich eine Kugel
am Arme streifte Sie können das sehr deutlich sehen Hier steht unser
Bataillon hier steh ich als Leutenant und hier kommt die verfluchte
Flintenkugel und fährt mir so dicht am Arme hin dass sie mir ein Stück Haut
wegnimmt« Ich sah auf dem Steine nichts als schwarze Punkte die wohl
Bäumen aber keinen Soldaten ähnlich waren allein aus Gefälligkeit sah ich
alles was er darauf erblickte »Das hier« fuhr er fort »ist die Aktion bei
Hennersdorf wo ich meinen Hut verlor und eine Kugel ins linke Schulterblatt
kriegte ich bin zweimal darauf hier fällt mein Hut und hier kommt die Kugel
sehen Sie es ist alles deutlich« Der Goldmacher schüttelte den Kopf »Halten
Sie mir zu Gnaden« fing er an »mit der Aktion bei Hennersdorf ist es nicht
richtig Ich setze Leib und Leben zum Unterpfande Sie irren sich Es ist die
Geschichte Luteri wie er dem Teufel das Tintenfass an den Kopf wirft das
fliegende Tintenfass sehen Sie für eine Flintenkugel an und die Tinte die hier
dem Teufel vom Kopfe läuft halten Sie für den Hut der Ihnen bei Hennersdorf
vom Kopfe fiel«
Der Oberste Und was Sie für den Teufel ansehen das bin ich Sie müssen
behext sein oder den Star haben wenn Sie mich hier nicht erkennen wollen
Sacrepapier sieht mich für den Teufel an
Der Apotheker Ich sterbe darauf Sehen Sie hier nicht deutlich die Hörner
den Schwanz und die Pferdefüsse
Der Oberste Sacrepapier das ist mein Toupet mein Degen und die
Vorderfüsse von meinem Pferde Sie sind ja sonst nicht so dumm dass Sie das nicht
begreifen können
Der Apotheker Herr Oberster ich will in der Minute des Todes sein wenn
ich nicht recht habe Mit Ihrer Schlacht bei Molwitz ist es nicht anders Das
bin ich als ich den letzten Versuch machte der mich ins Unglück brachte Das
reine Gold war schon da gleich kommt ein Bergmännchen eine Art von seinen
Geistern und gibt mir eine Ohrfeige dass ich die ganze köstliche Materie vor
Schrecken zusammenwerfe dort lagen alle meine Reichtümer Sehen Sie hier nicht
das Bergmännchen ganz deutlich so natürlich wie es damals vor meinen Augen
stund
Der Oberste Der verfluchte Goldmacher Nun sieht er mich auch noch für ein
Bergmännchen an Wofür wird er mich nun hier auf dieser Platte ansehen Bin ich
das nicht wie ich vor zwei Jahren meine Soldaten auf der großen Wiese
manövrieren ließ Sieht Er hier nicht deutlich die zwei Divisionen die ich
machen ließ
Der Apotheker Nein das sind die sieben törichten und sieben klugen
Jungfrauen aus dem Evangelio und was Sie für Ihre eigne Person halten ist der
Bräutigam der ihnen entgegenkömmt
Der Oberste Altgesell Er ist ein Narr Sacrepapier Da wird sich wohl die
Natur die Mühe geben und ihm seine sieben törichten Jungfern auf die Steine
malen Gearbeitet damit wir etwas vor uns bringen
»Ach« fing Madam Dormer an »was Sie für die Schlacht bei Molwitz halten
ist der natürliche Tiergarten bei Berlin hier ist die Jägerhütte in welche
zwei Verliebte gehen um die Brautnacht darin zu feiern« Ich glaubte ein
Bergmännchen gäbe mir eine Ohrfeige wie dem Apotheker als die Frau den
heimtückischen Einfall sagte ob ihn gleich niemand außer uns beiden verstund
wusste ich doch vor Verlegenheit nicht wo ich mich hinwenden sollte Sie ist
immer noch die vorige freundlichhämische Vignali aber ich muss ihr schmeicheln
damit sie meine Geschichte nicht verrät und es bei solchen tückischen Neckereien
bewenden lässt die sie auch nicht spart
Ich konnte meine Neubegierde nach ihrem Unglücke nicht eher befriedigen als
nachmittags wo der Oberste mit dem Apotheker ausging um der Sektion eines
Frosches beizuwohnen die einer ihrer Bekannten ihnen schon lange versprochen
hatte Madam Dormer empfing Befehl dass sie mich unterdessen in den Handgriffen
Dendriten zu polieren unterrichten sollte aber wir wandten die Zeit besser an
Auch sie gab mir die Schuld dass sich der Herr von Troppau mit ihr entzweit
hätte ich fragte sie voll Verwunderung wie das möglich wäre »Troppau«
antwortete sie mir »hatte in Erfahrung gebracht dass Sie nebst Ihrem Liebhaber
durch meinen Vorschub entkommen waren er beschwerte sich mit den bittersten
Anzüglichkeiten darüber20 und schalt mich förmlich aus Ein so ungewohnter Ton
verdross mich besonders da er mir mit der ärgsten Beleidigung sagte dass ich ihm
einen Gefallen getan hätte wenn ich mit Ihnen gereist wäre Ich verließ mich
ein wenig zu sehr auf seine vorige Liebe und meine Gewalt über ihn und
antwortete ihm im Zorne dass es noch Zeit wäre wenn seine erkaltete Liebe eine
Trennung wünschte Ein Wort führte das andre herbei und wir sagten einander
alle Gemeinschaft und Liebe auf Ich bildete mir närrischerweise ein dass der
Mann nicht ohne mich leben könnte und hoffte jeden Augenblick dass er den
ersten Schritt zur Versöhnung tun würde aber die Männer sind ein gottloses
Geschlecht solange das Vergnügen neu ist das wir ihnen geben sind sie unsere
Sklaven aber wenn die Sättigung sich einstellt oder ein neueres Vergnügen
winkt dann werden sie wilde Bäre die alle Banden zerreißen wenn man sie auch
nur mit einem Zwirnfaden regieren will Ich merkte wohl bald dass ich eine
Übereilung begangen hatte und bot auch von fern die Hand zur Versöhnung sein
Herz war ohne Rückkehr verloren Ich bekam die Pension die er mir auf den Fall
einer Trennung ausgesetzt hatte richtig ausgezahlt aber was half mir das
Meinen vorigen Aufwand konnte ich nicht fortsetzen alle meine Freunde verließen
mich nachdem ich so lange stolz gefahren war sollte ich nunmehr demütig zu
Fuße gehen Berlin wurde mir verhasst und ich wünschte eine Gelegenheit die
Stadt zu verlassen wo ich so tief unter mir selbst gesunken war Von ungefähr
bringt einer meiner vorigen Freunde der mich allein im Unglücke nicht vergessen
hatte den jungen Dormer meinen itzigen Mann in meine Bekanntschaft er kam
damals von Reisen aus Italien und suchte bei der Kapelle eines deutschen Hofs
anzukommen Er besuchte mich oft und aus Verzweiflung und Verdruss verliebte ich
mich in ihn er tat mir einen Heiratsantrag und aus Verzweiflung und Verdruss
nahm ich ihn an Die Pension die mir Troppau nur solange versprochen hatte bis
ich mich verheiraten würde fiel freilich nunmehr weg aber das kränkte mich
nicht sonderlich denn ich mochte dem Manne der meine Liebe mit solchem Undanke
belohnte nicht gern die Verbindlichkeit meiner Erhaltung schuldig sein Ich
verkaufte mein Haus und verließ mit meinem Manne Berlin wo ich durch die
Blindheit der Mannspersonen so hoch gestiegen und durch ihre Treulosigkeit so
tief gefallen war Wir zogen herum und konnten an keinem Hofe unser Unterkommen
finden Mein Mann war an ein verschwenderisches wüstes Leben gewohnt oder
gewöhnte sich daran als er mich und meine paar tausend Taler in seiner Gewalt
sah alle meine Vorstellungen alle meine Klugheit vermochte nichts über den
Wildfang der Schulden auf Schulden häufte und mich misshandelte wenn ich sie
nicht bezahlte So wurde mein kleines Vermögen innerhalb eines Jahres
durchgebracht und weil keine andre Rettung übrig war gesellten wir uns zu
einer herumziehenden deutschen Schauspielergesellschaft Ich mag die Schande
nicht aufdecken und Ihnen die nächste Ursache sagen warum mein Mann diese
Partie ergriff ich war so töricht ihn wirklich zu lieben und dachte ihn von
seiner Untreue zurückzubringen deswegen willigte ich in seinen tollen
Entschluss Ich hatte mein bisschen Musik seit meiner Verheiratung wieder
hervorgesucht und meine Kehle so ziemlich wieder geübt Die ganze Truppe bestund
aus trägen frostigen steifen Figuren aus Leuten ohne Eziehung und Sitten die
aus Marquis Grafen und Baronen Schuhflicker machten und alle Rollen so
spielten als wenn der Dichter ihre eigne elende Person hätte schildern wollen
unsre Stutzer waren Hanswürste denen nichts als die Pritsche fehlte und unsre
Könige saßen auf ihren glanzleinewandnen Tronen wie auf Nachtstühlen und
schrien und lärmten als wenn die Dissenterie in ihren Eingeweiden wütete Wir
spielten meistens Trauerspiele und wenn einmal einer von den Helden böse oder
eifersüchtig wurde dann blökte er als wenn ihn der Satan bei den Haaren
zauste und die übrigen stunden um ihn herum wie Schafe die der Wolf fressen
will Ich konnte sehr wenig Deutsch ob ich mir gleich Mühe gab es zu lernen
mein Hals wollte sich an die rauen Töne gar nicht gewöhnen aber das schadete
nichts mein Mann oder der Direktor der Gesellschaft sagte mir meine Rollen vor
und ich lernte die Worte auswendig ohne viel davon zu verstehen Ich beschwerte
mich zwar oft darüber dass ich niemals verstünde was ich sagen müsste allein
man versicherte mich dass es den übrigen allen nicht besser ginge und dass darauf
auch nicht viel ankäme An dieser Stelle müssen Sie zornig tun an jener
verliebt hier weinen dort lachen hier sauer dort süß aussehn das war mein
ganzer Unterricht und weiter brauchte ich nichts um die größten Rollen mit
Beifall zu spielen Ich habe gefochten mit Händen und Füßen wie eine Besessne und
geschrien dass mir die Ärzte ein Lungengeschwüre prophezeiten denn das hatte
mir der Direktor vorzüglich zu tun empfohlen Es ging alles nach Wunsch doch in
einer barbarischen Rolle sollte ich so viele R schnurren dass mir die Ohren
sausten ich bekam mitten in der Rolle von dem verwünschten Schnurren der vielen
R einen erstickenden Husten dass ich sehr schwach sprechen musste das
verursachte meinen gänzlichen Fall in der Gunst des Publikums Seitdem sang ich
italienische Arien zwischen den Akten und schwang mich dadurch so sehr wieder in
die Höhe dass die Zuschauer wünschten das ganze Schauspiel möchte aus
italienischen Arien bestehen Weil mein Einfall dem Direktor viel Geld
einbrachte spielte er alle Stücke mit italienischen Arien und Zaire als sie
den tödlichen Stich empfangen hatte starb mit einer italienischen Bravourarie
die ich hinter der Szene sang weil die sterbende Zaire nicht singen konnte Die
Begierde Arien zu hören wurde so zu rasender Wut dass zuletzt die Lampenputzer
nicht anders als singend die Lampen putzen durften Ein so allgemeiner Beifall
erregte den Neid und die Verfolgung der ganzen Trauerspielbande wider mich denn
mit einer italienischen Arie sang ich alle die bärbeissigen Mörder darnieder man
kränkte und plagte mich so gewaltig dass ich nebst meinem Manne die Gesellschaft
verließ Wir gingen noch einige Zeit in der Irre herum ließ uns an
unterschiedlichen Höfen hören und wurden endlich an dem hiesigen angenommen wo
ich Gott sei Dank die größte Sängerin in Europa bin«
So ungefähr erzählte sie mir ich habe soviel ich konnte ihre eignen
Worte beibehalten aber Du weißt wie sie erzählt man kann es ihr unmöglich
nachtun Lass Dir besonders ihren theatralischen Lebenslauf noch einmal von ihr
selbst erzählen wenn Du zu uns kommst sie hat mir ihn fast alle Tage
wiederholen müssen der Frau möchte man Tag und Nacht zuhören so bezaubernd
spricht sie Sie hat hier schon jedermann eingenommen und mischt sich in alles
Es ist zwar etlichemal übel für sie abgelaufen dass sie ihre Hand bei Sachen im
Spiele haben will um welche sich eine Sängerin nicht bekümmern darf allein sie
kann ihren Vorwitz nicht lassen und ohne Intrige nicht leben daher bringt sie
Dinge zustande die man für unmöglich hält und sogar bei Leuten die auf sie
zürnen dass sie sich mit Angelegenheiten abgibt die nicht für sie gehören
besonders bei der Fürstin steht sie in großer Gnade
Sie erkundigte sich sehr nach Dir oder wie sie Dich nennt nach meinem
Adonis Ich habe sie um dieses Ausdrucks willen wieder recht liebgewonnen sie
ist gewiss eine unvergleichliche Frau und gar im mindsten nicht so hämisch und
tückisch wie wir geglaubt haben oder wie es zuweilen scheint »Mein Adonis«
antwortete ich und küsste ihr die Hand sie lachte über den respektvollen Kuss
und ich weiß selber nicht wie ich auf den sonderlichen Einfall kam»Mein
Adonis« sagte ich »lebt aller Welt abgestorben in philosophischer Einsamkeit
auf dem Lande« »Wirklich« rief sie und lachte »Der Mensch hat mannigmal
wunderliche Grillen bei mir in Berlin bekam er auch zuweilen seinen
philosophischen Koller wenn er nicht beständig unter der scharfen Zucht einer
Frau oder eines Mädchens steht so verdirbt er gleich Im Zweiundzwanzigsten der
Welt abzusterben wenn alles so hurtig mit dem Menschen geht so ist er im
Fünfundzwanzigsten begraben und im Dreissigsten schon kanonisiert er soll mein
Patron werden wenn ich noch so lange lebe Wollen Sie ihn kommen lassen« Ich
antwortete mit einem tiefen Seufzer »Der Seufzer heißt Ja ich möchte wohl
aber ich kann nicht« sprach sie lächelnd »Lassen Sie ihn kommen er soll bei
mir wohnen und speisen wenn er mit mir und meinem Manne vorliebnehmen will
Sollte man ihn denn nicht irgendwo unterbringen können« Sie sann herum
»Bravo« fing sie wieder an »Sie haben wohl noch nichts von dem Präsidenten
Lemhoff gehört Man nennt ihn hier den kleinen Fürsten weil er im Grunde das
ganze Land nach seinem Gefallen regiert Das nächstemal wenn ich bei ihm singe
will ich ihm weismachen dass er einen Sekretär braucht und dass er an dem
Schreiber den er itzo hält nicht genug hat Was wetten Sie er soll mirs
glauben und Herrmann sein Sekretär werden sobald er bei uns ist Machen Sie
indessen einen Brief an ihn fertig geben Sie mir seine Adresse ich will die
Aufschrift machen und ihn durch einen Expressen in meinem Namen bestellen«
Mein Brief ist bis hieher fertig mit welchen Aussichten oder Hoffnungen ich
ihn schließen werde hängt von der Antwort der Madam Dormer ab Ich will von
Zeit zu Zeit das merkwürdigste was mir begegnet hinzusetzen
den 29 August
Gestern bin ich der Fürstin vorgestellt worden sie empfing mich überaus gnädig
aber beinahe wäre ich aus aller Fassung geraten Sie fragte mich ob ich die
Dormerin kennte und ich einfältiges Geschöpf bilde mir ein dass sie diese Frage
nicht tun kann ohne meine Berliner Bekanntschaft mit dieser Frau und meine
ganze Geschichte zu wissen Ich stammelte ein erschrocknes Ja und fürchtete
jeden Augenblick dass sie mich auch fragen würde ob ich nicht einen gewissen
Herrmann liebte Sie sah mich lange mit Verwunderung an nach meiner Empfindung
zu urteilen mochte sie auch Ursache zur Verwunderung haben denn meine Miene
muss in dem Augenblicke entsetzlich albern und furchtsam gewesen sein Indem wir
einander so stumm ansahen trat der Fürst ins Zimmer die Fürstin präsentierte
mich ihm er sah mir steif und unbeweglich in die Augen als wenn er mich
durchbohren wollte »Das Mädchen sieht sehr verliebt aus« sprach er halbleise
zur Fürstin sie lächelte und ich glaubte vor Schrecken der Himmel läge auf
mir Sie tat noch ein paar Fragen und ließ mich von sich Ich habe bei dieser
Gelegenheit nachher die Bekanntschaft ihrer beiden Hofdamen gemacht zwo
herzlich gute Seelen sind es sie liebkosten und küssten mich und freuten sich
ungemein dass sie Hoffnung hätten mich zu ihrer Gefährtin zu bekommen Die eine
ist überaus aufgeräumt aber sie muss sich gern über alles aufhalten diese
Neigung leuchtet aus allen ihren Reden und Mienen hervor Die andre scheint mir
ziemlich alt und schwächlich aber sie ist gleichfalls sehr munter beide gehen
so vertraut und freundschaftlich mit mir um dass ich sie ungemein liebe
Ich begreife gar nicht warum man den Hof beständig so gefährlich so voller
Zwang Hass Neid und Verfolgung beschreibt ich habe mir ihn wegen dieser
Beschreibungen ganz anders vorgestellt als ich ihn finde Die Großen dachte ich
mir tausendmal zeremoniöser stolzer und einsilbiger als meinen Onkel den
Grafen weit gefehlt so herablassend so mild so freundlich ist mein Onkel in
seinem ganzen Leben nicht eine Minute als Fürst und Fürstin täglich und gegen
jedermann sind Das Schloss des Grafen war ein leibhaftiges Zuchthaus jeden
Tritt jede Miene jedes Wort musste man abmessen und jedermann ging dem andern
aus dem Wege hier lebt man so frei so ungezwungen ohne alle langweilige
Komplimente und steife Grimassen Bei meinem Onkel sahen die Leute alle so
mürrisch verdrießlich und so bitter und böse wie erboste Meerkatzen aus hier
lacht Freundlichkeit Vergnügen und Freundschaft auf allen Gesichtern die Leute
scheinen sich alle so herzlich gut zu sein wie Brüdern und Schwestern Du hast
mir so ein wunderliches Misstrauen gegen die Menschen beigebracht dass ich immer
bei mir zweifle ob es ihnen auch von Herzen geht wenn sie mir so gütig und
freundlich begegnen aber ich zwinge mich alle Tage mehr das unglückliche
Misstrauen zu verlieren Einbildungen nichts als schwarze Einbildungen sind es
die man sich bei übler Laune oder im Unglücke macht In Berlin schrieb ich der
Vignali unsre Zwistigkeit zu glaubte dass sie mich verfolgte und von Dir
trennen wollte und hielt sie für so hämisch und tückisch und falsch wie ein
Tigertier und es ist doch die beste Frau von der Welt die sich jetzt so lebhaft
für Dich und mich interessiert wie eine Mutter für ihre Kinder sie läuft und
rennt unsertwegen herum und spricht allenthalben Gutes von mir So mag es Dir in
den meisten Fällen auch gehen Du bürdest die Schuld Deiner übelen Laune und
Deines Unglücks den armen Menschen auf die Schultern Komm nur zu uns Du wirst
mir gewiss beipflichten Wenn einmal in einer trüben Stunde jemand der Dir
vorher schmeichelte aus Versehen an Dich stößt so hältst Du ihn gleich für
falsch ich mach es nicht besser und ich schäme mich zuweilen vor mir selbst
dass ich so argwöhnisch bin Ich liebe die Leute alle dass ich jeden gern in mein
Herz schließen möchte und mitten unter der Liebe ist mir beständig als wenn
ich ihnen nicht recht trauen dürfte aber ich will mir die Unart schon
abgewöhnen
den 12 Sept
Endlich nach vielen Tagen und Wochen kommt Madam Dormer mit einer erwünschten
Nachricht »Setzen Sie sich« sagt sie mir eben jetzt »Ich will Ihnen den Brief
diktieren damit Ihr Herrmann sieht wie gelehrt ich indessen in der deutschen
Sprache geworden bin« Das wird ein sauberes Briefchen werden ich schreibe
buchstäblich wie sie es mir vorsagt
»Komm Sie su uns Monsieur Erman Sie soll werde eine Sekretär bei die Herrn von
Lemhoff Sie mir hat gegebet seine Wort« »Er hat mir sein Wort gegeben wollen
Sie sagen meine hochgelehrte Dame« »Er liebt sehr die Gimpel et sie Vous
pouvez devenir un peu Gimpel Vousmême tant mieux pour Vous Non non
raïez celà Ich will sage teutsch Wenn Sie kann werde ein Gimpel Sie selbst
der Herr Präsident Sie nehmt lieber in Dienst Kaufe Sie ein Gimpel der wohl
peifet« »pfeift wollen Sie sagen« »Quel diable de mot säuft« »Nein
nein das heißt boire« »Mais je ne veux pas dire celà Komment keift«
»Ebensowenig das heißt gronder« »Eh mon Dieu comment se peutil donc
quun oiseau gronde« »Sie wollen sagen pfeift« »Eh bien feif ou säuf
ou läuf comme il Vous plaira Ecrivez Kaufe Sie ein Gimpel der wohl peift
und macht daraus ein Present dem Mr le President kaufe Sie auch ein Paar
attendez comment est ce que celà sappelle en allemand des tourterelles«
»Turteltauben« »Ecrivez donc Turteltauben Das wird Sie legen in die
bonnes graces von Herr President und wenn die Purzeltauben que riezVous
Wenn die Gimpel wohl singet und die Buttertauben Mais quavezVous donc
Wenn die tourterelles wohl lachet der Herr President lachet und säufet mit
Sie« »Pfeifet mit Ihnen« »Sie soll logir comment diton mit ou zu Madam
Dommer Mon Dieu Vous etouffez de rire Komment faulil donc dire« »Bei
Madam Dormer Sie können Ihren eignen Namen nicht einmal aussprechen« »Madam
Donner« »Dormer« »Ne me chicanez pas ce nest pas le nom de mon mari
Allons finissons la lettre Adieu meine liebe Herr Ermann Madame Vignali
si Vous la connoissez Vous donne sa benediction
Heut abend um acht Uhr schick Sie mir den Brief Mademoiselle oder noch
besser ich will kommen holen«
Nun noch ein paar gescheite Worte unter uns eh es achte schlägt
Also kommst Du denn was sollst Du allein in der kümmerlichen traurigen
Bauerhütte anfangen Glaube mir unter den Leuten in der Stadt und am Hofe ist
es tausendmal besser als unter Deinen Bauern wenn wir uns nicht sosehr geliebt
hätten so wären wir im ersten Jahre vor Langeweile gestorben und an unsern
Kummer in der letzten Zeit mag ich herzlich gern nicht denken Nunmehr danke
ichs den Leuten die mich aus der Jammerhöhle herausgestohlen haben sie
wollten mir einen recht üblen Streich spielen und taten mir die größte Wohltat
Das neue angenehme Leben hier und die muntere Gesellschaft und die guten Leute
die mich alle so herzlich lieben dass ich zuweilen recht verlegen bin wie ich
sie genug wiederlieben soll alles das hat Deine Ulrike so munter so fröhlich
gemacht dass man denken sollte es fehlte mir nichts und doch fehlt mir alles
Du
Leider müssen wir einmal wieder fremd gegeneinander tun wenn Du zu uns
kommst Es ist doch etwas Unglückliches in der Welt dass man nie eine Freude
ganz genießen kann immer darf man nur auf den Raub kosten und muss dabei sich
umsehn ob es jemand gewahr wird Madam Dormer wird Dich im Polieren der
Dendriten unterrichten und bei dem Obersten bekannt machen und dann wirst Du
mein Mitgeselle was kann erwünschter sein Es ist mir zwar nicht recht dass Du
bei der Dormerin wohnen sollst die verführerische Frau schon wieder
Misstrauen und ich hab es doch ganz aus mir verbannen wollen Nein Du sollst
bei ihr wohnen und wenn ich nur ein misstrauisches Wort wieder äussre so strafe
mich Du sollst um und mit mir leben wie ich stolz sein will wenn Dir Liebe
und Achtung von allen Seiten entgegenkömmt Die guten Leute die ich hier kenne
werden Dich zu ihrem Abgotte machen und wie das wohltun muss wenn man statt des
Hasses und der Verfolgung endlich einmal Liebe und Freundschaft findet als wenn
man aus der tiefsten Finsternis ans helle Tageslicht kommt Ich möchte jedermann
küssen der mir nur zu Gesicht kommt seitdem mir Madam Dormer die glückliche
Nachricht gebracht hat dass Dich der Präsident annehmen will Es muss ein
vortrefflicher Mann sein der Präsident die Leute sprechen zwar nicht gut von
ihm aber die Leute sind nicht gescheit Zu Fuße möcht ich ihm fallen so viele
Hochachtung und Ehrfurcht fühle ich für den göttlichen Mann und Madam Dormer
mein Herze hüpft ihr entgegen wenn ich nur ihren Namen denke dem Obersten
möcht ich um den Hals fliegen und selbst den Apotheker hab ich so liebgewonnen
dass er mir viel hübscher vorkömmt als sonst O welche Wonne unter so braven
Leuten zu wohnen die man lieben kann und wenn nun vollends der Bravste der
Schönste der Beste unter allen mein kleiner Abgott dabeisein wird o dann
brauchen wir gar nicht erst zu sterben um in den Himmel zu kommen wo man alle
Menschen liebt und von allen geliebt wird da ist er Komm fliege in diesem
Himmel erwartet Dich
Deine glückliche Ulrike
Drittes Kapitel
Herrmann wurde weniger durch den Ton dieses Briefes aufgeheitert als in dem
Entschlusse Ulriken zu meiden befestigt er wusste sie glücklich oder doch
solchen Umständen nahe die sie vor Not und Bekümmernis schützten was verlangte
er weiter zu seiner Ruhe Er hatte in keiner gesetzmässigen Ehe mit ihr gelebt
nur wenige Personen wussten um das Geheimnis ihrer Niederkunft der Zeuge der es
offenbaren konnte war nicht mehr am Leben was hinderte also eine Trennung
wenn Ulrikens Glück sie foderte Die bisherigen Schicksale hatten seiner
Vernunft die Augen geöffnet und so sehr emporgeholfen dass die Liebe zwar
zuweilen wider sie murrte aber doch nicht mehr allein das Wort in seiner Seele
führte er liebte also Ulriken mehr mit Verstande als Leidenschaft und das
Verlangen nach ihrem Besitze war dem Wunsche für ihr Wohlsein untergeordnet er
sah deutlicher als jemals ein dass sie dies Wohlsein von jeder Hand eher als von
der seinigen empfangen konnte wenn musste ihm also eine Trennung weniger schwer
werden als jetzt
Nächstdem hatte sich in der Kummerperiode seiner Ökonomie und in den sechs
Wochen seines Witwerstandes der Ehrgeiz wieder bei ihm emporgearbeitet er
fühlte dass seine Kräfte weit über alles waren was er bisher tat und unternahm
Vergnügen Spiel Liebe füllten seine Tätigkeit nicht ganz aus Er selbst war
bei allen bisherigen Entwürfen Empfindungen und Handlungen das letzte Ziel
gewesen und gleichwohl hatten die Beispiele großer berühmter Männer und die
darauf gestützten Grundsätze die ihm Schwinger in seiner ersten Jugend
vorlegte ihn eine weitere Sphäre kennengelehrt wo man Wirkung außer sich
verbreitet wo für den Vorteil andrer durch unsre Tätigkeit etwas entsteht wo
nicht bloß zwei oder drei Menschen erkennen und empfinden dass wir da sind
sondern tausend und mehrere den Einfluss unsers Daseins fühlen Er hatte bis in
sein sechzehntes Jahr den Grafen Ohlau als die Seele eines ganzen Hauses Befehle
austeilen und Anordnungen machen sehen wie sollte sich in seinen tätigen Geist
nicht die Begierde zu herrschen eindrücken die Begierde andre Menschen wo
nicht nach seiner Vorschrift doch wenigstens nach seinem Muster denken
empfinden reden handeln zu sehen Die Pracht des Grafen seine Gewohnheit
alles mit Feierlichkeit oder Aufsehen zu tun teilte der richtiger gestimmten
Seele des jungen Herrmanns zwar nicht die Liebe zur Kleiderpracht zu schönen
Equipagen wohlbesetzten Tafeln und ähnlichen Herrlichkeiten mit aber doch das
Verlangen durch seine Handlungen Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erregen
Die Wichtigkeit womit ihn die Gräfin anfangs behandelte erweckte und nährte in
ihm die eigne Idee von seiner Wichtigkeit und da ihn in der Folge wegen seiner
geringen Umstände niemand wichtig finden wollte so wuchs der Wunsch es zu
werden desto mehr in ihm Der Mangel an Vermögen und Geburt ließ es ihm gar
nicht einkommen alle diese Wünsche und Begierden auf die nämliche Weise wie der
Graf Ohlau befriedigen zu wollen halb aus Neid setzte er die Weise wie sie der
Graf befriedigte sogar bei sich herab er wurde also notwendig nach den Dingen
hingetrieben die Schwinger seiner Ehrbegierde vorhielt nach guten edlen
nützlichen Handlungen die Spiele seiner ersten Jahre mit den römischen und
griechischen Gipfköpfen wo er so viele politische Anordnungen und
Staatsgeschäfte besorgte bestimmten gewissermaßen die Art der guten und
nützlichen Handlungen das Feld wo er glänzen wollte Die Verachtung worin
er nach dem vorübergerauschten Taumel der hochgräflichen Gewogenheit seine
Jugendjahre zubrachte gab ihm immer mehr Geringschätzung der äußerlichen
Vorzüge und seiner Ehrbegierde immer mehr die Richtung die sie bereits
anderswoher empfangen hatte Die republikanischen Ideen die er aus seiner
Lektüre in seinen Gipssenat übertrug und seiner Phantasie so geläufig machte
dass er mit der lebhaftesten Teilnehmung Empörungen dämpfte Rebellen züchtigte
Gesetze vortrug und verwarf diese beständige Wachsamkeit über Angelegenheiten
eines so großen Körpers wie das römische Volk die Handlungen der Antonine der
Titus der Marc Aurele die halbe Welten beglückten alle diese Ideen
erweiterten immer mehr den Zirkel den die Imagination seiner Tätigkeit
vorzeichnete
Seine so erzeugte so gebildete so gelenkte so gestärkte Ehrbegierde musste
unter den Schicksalen die ihn nach seiner Entfernung von des Grafen Schloss
trafen unaufhörliche Neckereien ausstehen bald rief sie ein günstiger
Sonnenblick aus ihrem Winkel hervor und gleich musste sie vor einem Unglück oder
einer andern Leidenschaft wieder zurückkriechen durch solche unaufhörliche
Krisen wurde sie mitten unter der Herrschaft der Liebe und des Vergnügens wach
und munter erhalten Itzt waren die Begeisterungsszenen der Liebe fast alle
durchlaufen er wusste wieviel Wahres und wieviel Einbildung in ihren Freuden
ist Not und Verleg enheit hatten ihn das Verhältnis ihrer Täuschungen zu der
wirklichen Welt außer ihm gelehrt was war natürlicher als dass die Ehrbegierde
die bisher nur als Dienerin und allein zum besten der Liebe gearbeitet hatte
sich itzo nach gemindertem Widerstande zur Selbsterrscherin in seiner Seele
erhob und die Liebe unter sich erniedrigte Man kann nicht entschlossner sein
als er es unmittelbar nach der Durchlesung jenes Briefes war dem Rufe den er
enthielt nicht zu folgen
Sonderbar dass jetzt die Liebe dem Ehrgeize so hilfreich die Hände bot als
der Ehrgeiz vorher der Liebe gedient hatte Der nämliche Brief eröffnete auch
seiner itzigen herrschenden Neigung eine schmeichelhafte Aussicht die er bei
dem ersten Durchlesen desselben ganz übersah er gab ihm Hoffnung zu einem
Platze bei einem Präsidenten der ein ganzes Land eigenmächtig regierte wozu
konnte ein solcher Platz nicht führen Kaum hatten seine Gedanken diesen Pfad
betreten so lief schon seine Einbildungskraft auf ihm bis ins Unendliche fort
so entschlossen er anfangs war nicht an einen Ort zu gehen wo die Liebe seinem
Emporkommen Eintrag tun könnte so notwendig so heilsam schien es ihm nach
einer zweiten Überlegung diesem Orte sobald als möglich zuzueilen »Der Zwang
welchen wir unsrer Liebe auferlegen müssen wird sie in den Schranken halten
die Ulrikens Glück und das meinige fodert« sagte er sich zu seiner Bestärkung
in dem neuen Entschlusse brachte eilfertig seine Angelegenheiten vollends
zustande nahm von Fräulein Hedwig und seinem Vater Abschied und begab sich auf
die Reise
Er hatte im ersten Feuer seiner Entschließung nicht bedacht dass Madam
Dormer die vormalige Vignali war in welchem Verhältnisse er ehemals mit dieser
Frau stund und mit welchen Gesinnungen er sich in Berlin von ihr schied Kurz
vor der Ankunft fiel ihm dies erst ein und noch mehr fühlte er es bei dem
Empfange doch Madam Dormer hatte nicht aufgehört Vignali zu sein sondern
wusste immer noch mit ihrer vorigen Feinheit ihre Empfindungen zu verbergen eine
entgegengesetzte Miene anzunehmen und andern eine solche Gemütsverfassung
mitzuteilen als sie haben sollten Sie schwatzte Herrmanns misstrauische
Zurückhaltung sehr bald hinweg und stimmte ihn auf den weniger vertraulichen
aber offenen ungezwungnen Ton den er jetzt gegen sie annehmen sollte Sie lehrte
ihn die Kunst Dendriten zu polieren und verschafte ihm einen der die
Schlacht bei Molwitz nach dem Leben vorstellen sollte machte den Obersten
begierig den Besitzer dieses seltenen Kunstwerks kennenzulernen und der Weg zu
Ulriken war offen der Oberste fand zwar diese Vorstellung seiner
Lieblingsschlacht weniger natürlich als die andre die er schon besaß zweifelte
sogar ob sie es sein möchte allein er nahm doch den Stein mit vielem Danke an
und bezeugte dem Geber des Geschenkes überaus viele Gewogenheit die sich durch
Herrmanns warmen Eifer für die edle Polierkunst und die weitläuftigen
Kenntnisse womit er prahlte täglich vermehrte der Oberste freute sich ein so
tüchtiges Subjekt in seine Werkstatt zu bekommen nahm ihn wie einen wandernden
Gesellen in Arbeit und lobte allenthalben ohne weitre Beweise den großen Kopf
und die herrliche Talente dieses Fremden Weil in dem kleinen Städtchen der gute
und böse Ruf eines Menschen den Umlauf in einem Nachmittage so völlig machte
als wenn er von der Kanzel verlesen worden wäre so wies man schon den andern
Tag nachdem Herrmann des Obersten Bekanntschaft gemacht hatte mit Fingern auf
ihn und bei Hofe und in der Stadt wurde allgemein von nichts als dem
neuangekommnen Menschen mit dem großen gescheiten Kopfe gesprochen die Mädchen
lauerten an den Fenstern auf ihn und die Mannspersonen gingen aus um ihm zu
begegnen Madam Dormer tat das ihrige redlich die allgemeine Aufmerksamkeit bei
Leben zu erhalten und erinnerte den Präsidenten bei der nächsten Gelegenheit an
sein Versprechen er gestand zwar dass er die Wundergaben des vorgeschlagnen
Subjekts von dem Obersten Holzwerder selbst erfahren habe aber demungeachtet
wollte er vorsichtig verfahren und seine Entschließung noch ein halbes Jahr
verschieben Madam Dormer bat um Erlaubnis ihren Klienten zeigen zu dürfen
»Das ist nicht nötig« war die Antwort Sie ließ das Gespräch sogleich fallen
und erkundigte sich sehr ehrfurchtsvoll nach des Herrn Präsidenten Turteltauben
sie musste sie in eigener Person besuchen »Der junge Mensch« fing sie an »von
dem ich vorhin sagte wird für Ihre Täubchen sehr brauchbar sein wenn er noch
die Gnade erlangt in Ihre Dienste zu kommen er hat überhaupt starke Kenntnisse
von den Vögeln und besitzt auch sehr viele Geheimnisse ihre Krankheiten zu
heilen verlorne Stimmen wiederzuschaffen und besondere Geschicklichkeit den
Pips zu benehmen« »Was« rief der Präsident »den Pips zu benehmen das weiß
er Er soll kommen gleich zu meinem Kanarienvogel kommen das arme Tier hat ihn
auf den Tod Er muss ein kluger Kopf sein« »Allerdings« antwortete Madam
Dormer »Er hat sich auf dem Lande mancherlei Kenntnisse dieser Art erworben er
ist stark in der Ökonomie«
Der Präsident Ökonomie versteht er Das ist ja ein Mensch wie ich ihn
haben will Er muss ein gescheiter Kopf sein
Madam Dorner Eine Zeitlang hat er sich auch mit Wettergläsern abgegeben
Der Präsident Auf die Wettergläser versteht er sich Das ist mir gerade
recht ich habe itzo nur vier aufgestellt aber ich kann doch nicht damit
herumkommen und mein Schreiber bringt mir beständig falsche Beobachtungen Der
Mensch ist auf die Art recht für mich gemacht es muss ein gescheites Kerlchen
sein Es tut mir recht leid dass ich ihn nicht gleich annehmen kann aber ich
habe unterdessen nach Leipzig Göttingen und Altorf geschrieben dass man mir auf
diesen berühmtesten Universitäten die besten Subjekte aussuchen und vorschlagen
soll denn ich möchte doch gern einen ganzen Kerl haben der in allen
Wissenschaften wohl beschlagen ist die Ökonomie muss er aus dem Fundamente
verstehen in der Physik Mathematik und Jurisprudenz muss er völlig zu Hause
sein eine hübsche leserliche Hand schreiben ein paar Sprachen sprechen
besonders lateinisch und französisch denn in den Sachen die er mir
abschreiben muss kommen sehr oft lateinische und französische Wörter vor und
hauptsächlich sich auf Wettergläser und Vögel verstehen
Madam Dormer Aber Sie brauchen so notwendig einen Sekretär
Der Präsident Ja das seh ich nunmehr wohl ein ich habe mir vorher gar
nicht eingebildet dass er mir so nötig ist aber ich muss doch warten bis die
Subjekte von den drei Universitäten ankommen damit ich das Auslesen habe und
dasjenige wählen kann das in allen Wissenschaften wohl beschlagen ist Ich gebe
einen ansehnlichen Gehalt er soll jährlich vierzig Taler bekommen und wenn er
noch ein paar Wissenschaften mehr versteht als ich verlangt habe kommt es mir
auf zehn Taler nicht an alsdann soll er funfzig haben
Ob man gleich das Gespräch noch eine kurze Zeit in diesem Tone fortsetzte
und darauf dem Gimpel einen Besuch abstattete mit welchem der Herr Präsident um
die Wette pfiff so konnte doch Madam Dormer für diesmal mit allem ihrem
Betreiben nicht weiterkommen Desto glücklicher war der Oberste bei der Fürstin
er nützte eine ihre guten Launen als sie sich auf einem Vorwerke befand wo sie
mit den ländlichen Beschäftigungen zuweilen so angenehm spielte wie Ulrike sonst
auf ihrem Bauergütchen und jedesmal so aufgeräumt war dass sie nichts abschlagen
konnte sie gewährte dem Obersten ohne alle Weigerung sein wohlabgepasstes
Ansuchen und befahl auf der Stelle die Baronesse herauszuholen welches auch
ohne Verzug geschah Ulrike war mit der Landwirtschaft besser bekannt als die
übrigen beiden Hofdamen deren Kenntnisse sich nicht über die Milch erstreckten
von welcher sie die Sahne zum Kaffee abschäumten und durch die Emsigkeit und
Erfahrenheit womit die neue Hofdame alles angriff gewann sie in einem
Nachmittage die völlige Gnade ihrer Gebieterin Die Gesichter der beiden weniger
erfahrnen Fräulein wurden von Minute an so übertrieben süß wie ihre Herzen
bitter allein da Ulrike die Herzen nicht sehen konnte pries sie sich in ihrem
neuen Posten darum glücklich weil sie die Gnade ihrer Fürstin und die
Freundschaft ihrer Kolleginnen besaß
Sonach war Herrmanns Vergnügen schon wieder aus so eingeschränkt und
gezwungen auch sein Umgang mit Ulriken bisher gewesen war so sah er sie doch
täglich und konnte zuweilen durch versteckte Reden und verstohlne Blicke die
alte Vertraulichkeit erneuern Das Polieren der Dendriten wurde ihm nunmehr
langweilig und der Oberste mit ihm unzufrieden weil sein Fleiß erkaltete Madam
Dormer vermochte mit aller Kunst und Verschlagenheit nichts über den
Präsidenten der Gimpel nach welchem sie geschrieben hatte blieb auch ewig
außen wer sollte in solchen Umständen nicht verdrießlich werden Was Herrmanns
Verdruss erleichterte war der Umgang seiner Wirtin und ein geheimer Briefwechsel
mit Ulriken wobei Madam Dormer das Postwesen besorgte Aus den vornehmsten die
Ulrike schrieb sollen hier solche Stellen einen Platz finden die Schilderungen
ihrer gegenwärtigen Lage und der Personen enthalten die auf ihr künftiges
Schicksal den meisten Einfluss haben werden
den 6 November
Es lebe der Hof So glücklich bin ich noch nie gewesen als itzo versteht
sich insofern ichs ohne Deinen Umgang sein kann Die Fürstin begegnet mir so
vertraulich mit so freundschaftlicher Zärtlichkeit dass es mich rechte Mühe
kostet den Abstand zwischen ihr und mir nicht zu vergessen sie beschenkt mich
sehr oft aber immer mit Putze wenns nur Geld wäre dass ich es mit Dir teilen
könnte Freilich ist sie sich sehr ungleich und in ihren trüben Launen bekommt
man so viele empfindliche Bitterkeiten als Liebkosungen und gnädigste
Freundlichkeiten wie mein Mädchen sich ausdrückt in den heitern Stunden Das
bin ich von Onkel und Tante noch gewohnt die Gnade geniess ich wie den
Sonnenschein ich wärme mich daran und bin munter und vergnügt dass die liebe
Sonne so hübsch warm scheint kommt ein Donnerwetterchen der Ungnade ein
Platzregen ein wenig Schnee mit kleinem Hagel vermischt immerhin denk ich es
regnet und hagelt und donnert ja nicht das ganze Jahr wenn das Übergängelchen
vorbei ist will ich mich wieder an der Sonne trocknen Also steh ich
unbeweglich und gefühllos da wie ein Baum und lasse mich geduldig nass und
vollregnen komm ich zu meinen beiden Freundinnen dann wird das Herzeleid
weggetanzt weggesungen weggeplaudert Ich habe Dir schon einmal geschrieben
dass die jüngste unter meinen Kolleginnen entsetzlich wild ist bis zur
Unerträglichkeit ist sie es zuweilen die Alte spielt alsdann die weise
Hofmeisterin und lehrt und ermahnt so lange bis sie von der Lustigkeit
angesteckt wird und die tollen Streiche mitmacht die sie vorher verboten hat
Fräulein Ahldorf das ist die Jüngste hat eine ganz eigne Neigung auf
Steckenpferden zu reiten jeder Stock der ihr in die Hände kommt muss ihr zum
Steckenpferde dienen auf Stecken reiten Rosinen und Mandeln aus der Tasche
essen und sich über die Leute aufhalten sind die drei Hauptzüge ihres
Charakters Ehegestern traf ich sie bei einem solchen Ritte an sie trabte auf
dem Blondenstocke in dem Zimmer herum die alte Limpach saß am Tische und
arbeitete und kiff und brummte über das Reiten wie sonst meine Gouvernante
Hedwig wenn das Knurren gar zu unleidlich wurde legte ihr die Ahldorfin bei
dem Vorbeireiten eine Rosine oder Mandel auf den Tisch die die Alte wie ein
Eichhörnchen aufpickte und solange sie mit dem Essen beschäftigt war welches
bei ihr etwas langsam zugeht schwieg die Strafpredigt Endlich da das Knurren
gleich wieder anging sobald die Bestechung verzehrt war hatte die Ahldorfin
die Bosheit und bot ihr einen Schecken wie sie den weißen Stock nennte zu
einer Kavalkade an die Alte stritt und schmälte und wehrte sich wie vor einem
Verbrechen aber die boshafte Ahldorfin die sie kennt drang so lange in sie
bis sich die Gesetzpredigerin bereden ließ und einen kleinen Trab versuchte so
gehts der schwachköpfigen Alten jedesmal dass sie sich am Ende für ihre
heilsamen Lehren auslachen lässt Um das Gelächter zu vermehren kam der
Goldmacher dazu der Altgesell in des Obersten Fabrik der elende Mensch ist der
allgemeine Narr des ganzen Hofs sobald er erscheint führt die Ahldorfin ihre
Steckenpferde gleich in den Stall um ihn herumzutummeln Das Mädchen hat alle
kriegerische Neigung von ihrem Vater geerbt der glaub ich General gewesen
ist denn sie spielt mit nichts lieber als mit Soldaten und Kanonen Der
Apotheker der ein Tausendkünstler sein will bringt ihr immer ganze Taschen
voll Musketiers Grenadiers Reiter und Kanonen aus Kartenblättern geschnitten
das alte Kind stellt alsdann mit der Ahldorfin die Kartenarmee in
Schlachtordnung und sie brauchen Erbsen statt der Kanonenkugeln womit sie auf
die armen Papiermänner losfeuern dass sie Hals und Beine brechen sind die
beiden feindlichen Heere sämtlich daniedergeschossen denn gewöhnlich kommt
auch nicht ein Mann mit dem Leben davon so kanonieren sich die beiden
Heerführer und der arme Apotheker zieht meistens den kürzern wenn seine
Gegnerin ihre Erbsen verschossen hat wirft sie ihm Rosinen Mandeln
Schnupftuch Schere und was sie sonst in den Schubsäcken oder in der
Nachbarschaft um sich findet an den Kopf für die Limpachin ist dieser letzte
Teil der Komödie der interessanteste und sie beweist sich außerordentlich
geschäftig dabei So vertreiben wir uns die Zeit in den itzigen ewigen
Winterabenden zuweilen wird Blindekuh oder ein andres Spiel von diesem Schlage
gemacht aber bei jedem ist der Apotheker die lustige Person auf dessen
Unkosten gelacht wird Mir ist der Mann dadurch dass er sich mit so großem
Vergnügen von jedermann zum Narren gebrauchen lässt äußerst verächtlich
geworden er macht freilich den weisen Unterschied dass er niemanden Spaß mit
sich treiben lässt der nicht wenigstens von Adel ist aber er kommt mir wegen
dieses Unterschiedes nur noch kleindenkender und armseliger vor weil er von der
Würde eines Menschen gar kein Gefühl haben muss Ich kann nicht mit ihm reden
und er nimmt mirs sogar übel dass ich ihn nicht zum Narren habe und schilt
mich deswegen stolz Überhaupt weiß ich nicht warum ich hier allgemein für
stolz gehalten werde bin ichs denn wirklich Bei dem Onkel tadelte man mich
beständig weil ich zu lustig und zu gemein sein sollte und hier muss ich mir
unaufhörlich Stolz und Ernsthaftigkeit vorrücken lassen Freilich ist es wohl
war ich muss mich meistens zum Lachen zwingen wenn die andern beinahe den Atem
verlieren und mit den Leuten wie der Apotheker deren es hier eine Menge gibt
kann ich mich unmöglich einlassen sie sind so plump oder so dumm dass sie mir
zu ekelhaft werden um etwas Lächerliches an ihnen zu finden Zum Glücke muss ich
oft bei der Fürstin sein und ihr aus einem Romane oder andern Büchern erzählen
Sie gibt mir das Lob dass ich sehr gut erzähle und sie hat das eigne Unglück
dass sie weder selbst lesen noch vorlesen hören kann sie lässt also die Bücher
kaufen ich muss sie lesen und ihr das Gelesene wiedererzählen »Es klingt nicht
so natürlich in den Büchern« sagt sie »als wenn mirs jemand mündlich
erzählt« Am liebsten hört sie Feenmärchen und Gespensterhistorien je
ungereimter und abenteuerlicher je lieber ich habe die Zeit her des Zeugs so
viel lesen müssen dass ich alle Nächte von Ogern Kobolden Hexen bezauberten
Prinzessinnen und geflügelten Drachen träume Von den Büchern wo sich die Leute
lieben und heiraten will sie gar nichts hören das nennt sie Alfanzerei
verliebte Possen Aus Trauerspielen lässt sie sich am liebsten erzählen wenn sie
recht grässlich sind im Komischen sind Holberg und Molière ihre Leibautoren
aber der letzte nur szenenweise Wenn sie selbst liest oder sich vorlesen lässt
muss das Buch französisch und nicht stark sein Nichts wundert mich so sehr als
dass sie im Französischen für die besten Sachen und im Deutschen nur für die
schlechten Geschmack hat ich stimme überhaupt selten mit ihren Urteilen
überein ob ich es gleich nicht merken lassen darf was mir nur mittelmäßig
scheint hält sie immer für das schönste Am höchsten steigt meine Verwunderung
wenn sie sich mit einen von den privilegierten Narren abgeben und über ihre
plumpen Einfälle lachen kann als wenn es die sinnreichsten Bonmots wären der
Apotheker und einer von den Laufern müssen sich zuweilen in ihrer Gegenwart
schrauben wie es hier genennt wird und die Schrauberei geht oft so weit dass
der eine dem andern einen Bart macht ein Bein stellt oder ihn mit Kot bewirft
dass er nicht aus den Augen sehen kann Mein Unglück ist es dass ich die
Widrigkeit die ich bei solchen Lustbarkeiten empfinde unterdrücken und noch
obendrein mitlachen muss
den 16 November
Die Fürstin ist wirklich eine vortreffliche Frau und hat sich heute so sehr in
Gunst bei mir gesetzt dass ich ihr ihren übelen Geschmack in den Vergnügungen
herzlich gern vergebe Sie fuhr spazieren und ich musste sie begleiten wir
stiegen aus um in dem Sonnenscheine herumzugehn den sie ungemein liebt Ein
Bauer näherte sich uns und bettelte »Warum bettelt Ihr« fragte die Fürstin
»Ihr seid ja gesund und auch nicht schlecht in Kleidung« »Das will ich Ihr
wohl sagen« antwortete der Bauer »aber Sie muss mich nicht verraten Unser
Amtmann straft gern und wenn man nur einen Schritt der Quere tut so rasselt
gleich der Amtsdiener an der Haustür Ich hab ihn mit Ehren zu melden einen
Scheisskerl geheißen und dafür soll ich ihm zwei Taler bezahlen Sie ist ja die
Fürstin sag Sie doch dem Amtmanne dass er mich ungeschoren lässt aber er riecht
das bisschen Geld das ich jetzt vom Markte nach Hause bringe Ich wollte mirs
also von Ihr ausbitten dass Sie bei dem Herrn Amtmann ein gutes Wort für mich
einlegen möchte Frau Fürstin damit er mir nachsieht und mich nicht pfänden
lässt ich wills herzlich gern wieder gleichmachen« Die Fürstin lächelte und
befahl mir ihm zwei Taler zu geben »Da« sprach sie »bezahlt Eurem Amtmanne
den Ehrentitel den Ihr ihm gegeben habt« »Ach« sagte der Bauer äußerst
treuherzig »Sie gibt sich gar zu viele Mühe Hat Sie kein schlechter Geld Dies
ist für den Amtmann zu gut Sie tut sich aber doch auch keinen Schaden wenn Sie
mir soviel Geld gibt« Eine so originale Mischung von Einfalt Treuherzigkeit
und bäuerischem Witze veranlasste die Fürstin dass sie sich lange mit dem
Menschen unterhielt er gab ihr etliche Aufträge an den Fürsten dass er ihm die
Felder nicht vom Wilde möchte abfressen lassen und die Saat nicht mit der
Falkenhetze zugrunde richten Die Fürstin entledigte sich des Auftrages und die
Falkenhetze wurde stark belacht ob die Erinnerung etwas fruchten wird steht
dahin wiewohl der Fürst solche offenherzige Beschwerden der ländlichen Einfalt
sehr wohl aufnimmt
Weil ich mich so gut auf Ökonomie verstehe bin ich die Almosenpflegerin
geworden und jeder Arme in der ganzen Stadt der sich des Bettelns schämt oder
seine Dürftigkeit nicht bekanntwerden lassen will meldet sich bei mir und
empfängt wöchentlich so vielen Zuschuss als die Armenkasse verstattet worüber
ich Rechnung führen muss Für mich ist dies die liebste unter allen meinen
Beschäftigungen nur schade dass die monatliche Summe die ich in meine Kasse
empfange zu klein und die Zahl der Armen zu groß ist die Portionen werden
etwas klein aber ich halte alle Tage um Vermehrung an und ich hoffe sie zu
bekommen Niemand weiß außer der Fürstin und mir wer aus meiner Kasse etwas
erhält ich freue mich die ganze Woche auf den Sonnabend wo meine Vögelchen
sich jedesmal ihr Futter holen
den 22 November
O Heinrich in welcher Verlegenheit bin ich heute gewesen Fürst und Fürstin
sprachen zusammen ich stund an der Seite ohne auf ihr Gespräch zu hören auf
einmal wurde es äußerst lebhaft und wie ich meine Aufmerksamkeit darauf richte
höre ich dass sie von Mädchen sprechen welche die Liebe zu einem Fehltritte
verleitet hat Schon der Inhalt der Unterredung brachte mein ganzes Blut in
Bewegung und die grausame Strenge womit die Fürstin sich wider solche
unglückliche Schlachtopfer der Liebe erklärte machte dass ich am ganzen Leibe
zitterte Der Fürst urteilte viel billiger und behauptete dass sie meistens
Mitleiden aber keine Strafe und noch weniger Hass und Verachtung verdienten die
Fürstin hingegen versicherte mit der größten Hitze dass sie eine solche Person
nicht eine Minute um sich dulden könnte Ihr Gemahl machte ihr lachend den
Einwurf dass sie nicht wüsste ob nicht vielleicht alle ihre Fräulein und
Jungfern solche Personen wären »Wer weiß« sprach er und wies auf mich »ob
nicht gar dies stille Schäfchen schon einmal Mutter gewesen ist« »Den
Augenblick jagt ich dich fort wenn ich nur das mindste dergleichen von dir
erführe« sagte sie drohend und entrüstet zu mir »Wir haben das arme Mädchen
ganz rot gemacht« fing der Fürst nach einer Pause an und sah mir steif ins
Gesicht um mich noch roter zu machen
»Für diese wollt ich wohl selber gutsagen« setzte er hinzu »das ist die
Unschuld wie sie leibt und lebt« »Wir wollens wünschen« gab die Fürstin
mit einem Tone zur Antwort der mich verdross Meine Angst während der ganzen
Unterhaltung kann ich Dir nicht beschreiben und in solcher Angst schwebe ich
fast jeden Tag denn die Fürstin spricht von keiner Sache lieber und jedesmal
mit gleicher Heftigkeit und Barberei Barberei ist es wirklich wenn Personen
ein so strenges Urteil sprechen die selbst nie in der Versuchung gewesen sind
noch wegen der genauern unaufhörlichen Aufsicht darin scheitern können Ihre
Tugend kostet ihnen nichts als das bisschen Kampf wider die Regungen der Natur
sie haben nie mit den mannigfaltigen Einladungen der Liebe mit den
überraschenden Gelegenheiten mit den überwältigenden Eindrücken gestritten die
in jedem niedrigern Stande möglich sind der Vogel im Käfig kann sich freilich
rühmen dass er kein verbotnes Hanfkorn genascht hat Hätte die strenge
Moralistin nur einmal die Gewalt der Liebe und die zauberischen Künste der
Gelegenheit empfunden wie ich o wie würde sich ihre richterliche
Unbarmherzigkeit mildern Täglich bin ich auf der Folter immer fürcht ich jetzt
wird das Gespräch auf deinen Fall kommen und wenn eine ähnliche Geschichte wie
die meinige erzählt wird dann denk ich immer jetzt wirst du dich verraten
mannigmal bilde ich mir sogar ein dass die Fürstin meinetwegen so häufig darüber
moralisiert Wie schwer drückt eine verheimlichte Schande Wie auf Stacheln steh
ich vor Furcht entdeckt zu werden
den 30 November
Nachgerade fange ich an mein itziges Leben ein wenig seltsam zu finden
Gestern blitzten und hagelten Verweise und grämliche Reden auf mich herab
nichts konnt ich rechtmachen wenn ich nur eine Miene verzog traf mich ein
derber Ausputzer und gleichwohl durft ich nicht vom Flecke gehen damit meine
gnädige Dame jemanden hatte an dem sie ihre üble Laune auslassen konnte Bald
sollt ich das bald jenes holen lassen nun kam es nicht hurtig genug da traf
mich das Unglück dass das Mädchen welches ich geschickt hatte nicht fliegen
konnte langte die Sache endlich an so war ihr die Sehnsucht wieder vergangen
oder es gab etwas daran auszusetzen es musste etwas anders geholt werden
unterdessen änderte sich die Lust wieder hurtig wanderte ein zweiter Bote dem
ersten nach um ihm Gegenordre nachzutragen und ein paarmal schickte ich dem
zweiten einen dritten nach und wenn sie alle drei ohne Atem wiederkamen dann
hatten sie alle drei den Weg umsonst gemacht Etlichemal hatte ich alle Leute
ausgesandt die Befehle von mir annehmen der Fürstin kam eine neue Grille ein
aber ich konnte niemanden auftreiben dem ich den Auftrag zumuten durfte ob ich
gleich allenthalben herumrennte nun wurde ich ausgezankt erstlich dass ich
nicht gleich wiedergekommen war zweitens dass ich die Leute alle ausgeschickt
hatte drittens dass alle die ausgeschickten Leute zu langsam gingen So
willkommen ist mir noch kein Abend gewesen als der gestrige der dem
durchschmälten Tage ein Ende machte wie ein Züchtling der den ganzen Tag
Farbenholz geraspelt hat begrüßt ich die Nacht und mein Bette
Heute früh stand der Himmel offen und regnete nichts als Gnade und
Freundlichkeit auf mich herab ich wurde bei allem um Rat gefragt und was ich
vorschlug gefiel allemal wie ein Orakel musste ich über die unbedeutendste
Kleinigkeit meine Meinung sagen und meine Meinung war die einzig richtige in
der ganzen Christenheit ich hätte ihr raten können die Schuhe an die Hände zu
ziehen und es wäre gewiss geschehen Jeden Augenblick ließ sie mich zu sich
rufen gestern jagte mich die üble Laune herum und heute die große Gnade Den
Beschluss machte ein sehr ansehnliches Geschenk ein vortreffliches Kleid und
Geld das ich nicht besser anwenden kann als wenn ich Dirs mit diesem Briefe
überschicke Könnt ich Dir jeden Tag soviel verdienen so trüg ich jeden Tag mit
Freuden so eine Tracht üble Laune wie gestern
den 9 Dezember
Himmel das ist nicht auszuhalten ich entlaufe So ist keine Viehmagd in
ihrem Leben ausgescholten worden wie ich vor zween Tagen mein Herz bebt mir
noch vor Ärger ich glaubte ein Gallenfieber zu bekommen so übel hab ich mich
seitdem befunden und kannst Du Dir einbilden warum Der Fürst begegnete mir
im Korridor und fragte mich wohin ich so eilfertig wollte ich antwortete und
aus der Frage und Antwort wurde ein Gespräch das ich in der Minute wieder
vergaß so geringfügig war es und bei dem Abschiede klopfte er mich auf die
Backen Der Himmel weiß welch schadenfrohes Geschöpf es sieht und der Fürstin
mit Verschönerungen hinterbringt Fünf Minuten darauf werde ich zu ihr gerufen
und wie ein Delinquent auf Tod und Leben verhört Ob ich mit dem Fürsten
gesprochen hätte »Ja« »Warum wie lange was« Die Fragen waren mir alle
schwer zu beantworten wenigstens musste ich mich vorher lange besinnen weil ich
die Sache nicht für so wichtig hielt um nur einen Augenblick Aufmerksamkeit
darauf zu verwenden ich erzählte indessen alles aufrichtig was mir einfiel
Dass sie mir ein Wort geglaubt hätte Ich sollte wer weiß wieviel heimlich
gesprochen haben das ich mich zu gestehen schämte ich sollte nicht leugnen
und gleichwohl konnte ich nichts gestehen also musste ich ganz geduldig die
bittersten Verweise und Drohungen über mich ausschütten lassen »Geh mir aus den
Augen« war die gnädige Beurlaubung
Ganz ohne einen Schatten von Schuld um einer wunderlichen Einbildung willen
so empfindlich zu leiden war für mich so angreifend dass ich mich in mein Zimmer
verschloss die Tränen strömten mir aus den Augen und der Ärger wühlte in allen
meinen Eingeweiden herum Ich wünschte mich mit jedem Pulsschlage auf Dein
Bauergütchen in Kummer und Mangel zurück ich aß dort kümmerlich aber doch in
Freiheit und ohne Unrecht zu leiden was nützt mir hier der Überfluss wenn mir
jeden Bissen Verdruss Ärger und Unruhe verbittern O wie leicht war alle mein
bisheriger Kummer gegen den Schmerz einer so unwürdigen Behandlung
Die Hauptveranlassung dazu mochte wohl sein weil sie wider ihren Gemahl
aufgebracht war er hatte ihr kurz vorher widersprochen und nichts kann sie
weniger ertragen als Widerspruch da sie ihren Zorn an ihm nicht auslassen
durfte nahm sie die nächste Gelegenheit und entledigte sich ihrer Galle an mir
Sie ist außerordentlich argwöhnisch in dem Punkte worüber sie mit mir zankte
und so artig und gesittet der Fürst spricht so vermeide ich doch alle
Unterredung mit ihm so sehr es sich ohne Unanständigkeit tun lässt und gerade
muss ich sie nicht vermeiden können da es am gefährlichsten war Das Gerüchte
geht sehr stark dass er Madam Dormer seiner Vertraulichkeit würdigen soll ich
habe sie vor dem Unwillen der Fürstin gewarnt wenn diese Nachricht zu ihren
Ohren gelangte allein sie antwortete mir sehr stolz »Den Unwillen fürchtete
ich nicht wenn ich sonst Lust hätte das Gerüchte wahr zu machen« Sie
verlässt sich ein wenig zu sehr auf die Gnade der Fürstin die ihr freilich sehr
gewogen ist weil sie alle Zeitungen am Hofe und in der Stadt zusammenträgt
Diese unendlichen Klatschereien womit sich jedermann in Gunst setzen oder die
Zeit vertreiben will sind mir das Unausstehlichste nächst den Hofnarren die
ohne Narrenkleid so zahlreich herumlaufen so gut als wenn man alles unter
freiem Himmel täte wird man beobachtet und die kleinste Posse läuft gleich von
Ohr zu Ohr in der nächsten Minute weiß schon der ganze Hof was man in der
vorhergehenden gedacht hat
O lieber Herrmann wenn Du nicht glücklicher bist als ich so sind wirs
beide nicht Ich habe meinen Ärger verbeissen und heute schon wieder den ganzen
Vormittag um die Fürstin sein müssen aber ich gab mir nicht die geringste Mühe
meinen Verdruss zu verhehlen ob es gleich nicht sehr hofmässig ist Madam Dormer
masst sich an die Aussöhnung bewirkt zu haben und riet mir um Vergebung zu
bitten »Weswegen« antwortete ich »Dass ich unschuldigerweise ausgehunzt worden
bin« Sie rümpfte die Nase und ging Die Frau ist unleidlich hofmännisch
geworden
Viertes Kapitel
Unterdessen ehe noch der Briefwechsel und Ulrikens Unmut soweit kamen hatten
sich auch Herrmanns Umstände geändert Der verschriebene Gimpel und die
verschriebenen Subjekte unter welchen sich der Herr von Lemhoff einen Sekretär
aussuchen wollte langten an doch glücklicherweise der Gimpel zuerst Madam
Dormer meldete sobald es sich tun ließ dem Präsidenten dass der junge Mensch
den sie ihm neulich empfohlen habe sich unterstehn wollte ihm den schönsten
Gimpel in Europa zu überreichen Der Präsident konnte sich mit keinem einzigen
Gedanken auf den jungen Menschen besinnen aber den Gimpel nahm er mit beiden
Händen an und konnte die Zeit kaum erwarten ihn zu sehen Der Gimpel wurde zu
ihm getragen und Herrmann nahm sich die Ehre ihn zu begleiten der Präsident
pfiff dem Vogel entgegen sobald er ins Zimmer kam und der Vogel hatte soviel
Lebensart und antwortete ohne ängstliche Scheu die pfeifende Unterhaltung wurde
auf beiden Seiten mit gleicher Lebhaftigkeit lange fortgesetzt die Freude war
unaussprechlich Madam Dormer nützte diesen Zeitpunkt und bat um Erlaubnis den
jungen Menschen der vor der Türe wartete hineinrufen und darstellen zu dürfen
sie wurde ohne Weigerung bewilligt Herrmann erschien empfing überaus viele
Gnadenbezeugungen und kramte seine kleine Gelehrsamkeit im Fache der Vögel
Wettergläser und der Ökonomie mit so vieler Scharlatanerie aus als er sich kaum
selbst zugetraut hätte kurz er gefiel außerordentlich Der Präsident
versicherte Madam Dormer dass der Mensch so gescheit sei wie sein Gimpel und
wünschte ihn in seinen Diensten zu haben die listige Frau merkte sehr bald
warum er dies nur wünschte und meldete ihm dass Herrmann um nichts als Kost
Wohnung und die Ehre in seinem Hause und Dienste zu sein ansuchte und alle
Besoldung so lange ausdrücklich verbäte bis er sie durch sein gutes Verhalten
verdient hätte nun war der Handel den Augenblick richtig
Nachdem Herrmann seinen neuen Platz bereits angetreten hatte trafen zwei
verschriebene Subjekte aus Leipzig und eins aus Göttingen ein in Altorf war
keins aufzutreiben gewesen Der Göttinger hatte sich um mit Anstand zu
erscheinen zwei neue tressenreiche Kleider machen lassen und kam mit Extrapost
und großen Erwartungen an die sich auf nichts als die zwei Wörter Präsident
und Hof stützten denn der Präsident hatte die Bedingungen die er machen
wollte nirgends angegeben aber Präsident und Hof dies beides war für die
akademische Erfahrung des Jünglings genug um schon von vielen Hunderten
Besoldung zu träumen und sich in drei oder vier Jahren schon als Hofrat zu
denken ob ihm gleich der Professor der den Auftrag hatte ein vorsichtiges
Bedenken empfahl Der gute Narr lauerte acht Tage und konnte niemals vorkommen
endlich ließ ihm der Präsident durch einen Bedienten melden dass er sich unter
der Zeit schon versorgt habe und für seine Bemühungen sehr vielmals danke Der
arme Betrogne ergrimmte über diesen Dank für eine Bemühung von etlichen zwanzig
Meilen verkaufte eins von seinen Tressenkleidern an den Hofjuden und reiste mit
der gewöhnlichen Post demütig auf die GeorgAugustusUniversität zurück Noch
vor seiner Abreise fanden sich die beiden Leipziger an verschiedenen Posttagen
ein mit geringerer Kleidung aber ebenso hoher Erwartung womit sie der
Professor berauschte an welchen der Präsident geschrieben hatte um sich das
Ansehen eines Universalpatrons zu geben machte dieser Mann meistens bei einem
solchen Auftrage die ganze Universität aufrührisch und hatte auch jetzt die die
Wörter Präsident und Hof so vielen und so emphatisch in die Ohren gerufen dass
sich zwei auf den Weg machten ohne voneinander etwas zu wissen Lustig war es
als diese drei Subjekte in einem Zeitraume von sechs Tagen hintereinander
anlangten sich in einem Gasthofe dem einzigen in der ganzen Stadt
einquartierten mit vieler Wichtigkeit einander erzählten zu welchem hohen
Posten sie berufen wären und dann mit weit offenem Munde sich verwunderten dass
sie Kompetenten eines und desselben hohen Postens zu sein schienen Der eine
Leipziger räumte gleich den Platz verlangte den Herrn Präsidenten gar nicht zu
sehen schämte sich mit langer Nase wie er sich ausdrückte in sein liebes
Pleissaten zurückzukommen und reiste zu seiner Mutter um ihr sein Herzeleid
und seinen leeren Beutel zu klagen Das andre Leipziger Subjekt ließ es sich
weiter gar nicht merken welche Absicht ihn in diese Stadt gebracht hatte
sondern suchte Bekanntschaften und gab vor dass er sich der Redouten wegen
diesen Winter hier aufhalten wollte Eine der ersten Bekanntschaften die er
machte war natürlicherweise Madam Dormer da sie die einzige Frau in der Stadt
war die einen Fremden anziehen konnte Sie gerieten beide sehr bald in
verdächtige Vertraulichkeit wenigstens in den Augen des Publikums das ein
Männlein und ein Weiblein nicht zusammen lachen sehen konnte ohne das eine zur
Braut oder zur Hure des andern zu erheben der freie zwanglose Ton der Madam
Dormer war ohnehin ein Ärgernis für die ganze Stadt Herrmann besuchte sie um
soviel öfter da sie seine Beförderin die geheime Negotiantin seiner Liebe und
der einzige weibliche Umgang in der Stadt war der ihm schmeckte Notwendig
musste er also mit dem Leipziger Subjekte sehr bald bei ihr zusammentreffen und
dies Leipziger Subjekt war sein ehmaliger Freund und Spielgefährte Arnold Er
schämte sich seine bisherigen Schicksale zu gestehen bekannte aber doch
einmal als sie beide allein beisammen waren dass ihn seit jenem Abende wo
Herrmann Leipzig verließ um zu Ulriken auf das Land zu eilen das Glück
unaufhörlich zum besten gehabt habe Kleiner Gewinn und großer Verlust kleine
Einnahme und großer Aufwand war sein Lebenslauf bis ihn Schulden und Mangel so
gewaltig drückten dass er das Spielerhandwerk verfluchte weise werden und
studieren wollte Er fand Zuflucht und Unterstützung bei einem livländischen
Barone der sich gleichfalls von der Spielsucht bekehren und weise werden
wollte allein sie bekehrten einander wie ein Paar Ungläubige das heißt einer
verführte den andern bis endlich das geschärfte Verbot der Hasardspiele beide
zur Bekehrung zwang Arnold gab sich wirklich die Miene als wenn er studierte
bis der Brief des Präsidenten und die selbsterfundnen Versprechungen des Mannes
der ihn empfing und sich ein Ansehen damit geben wollte so viele Bewegung
verursachten dass sich Arnold von ihm bereden ließ die Reise nach der
einträglichen Sekretärstelle anzutreten Diesen letzten Teil seiner Geschichte
verhehlte er seinem wiedergefundnen Freunde so gut er konnte und wandte wie
allenthalben die Redoute vor so unwahrscheinlich auch diese Ursache schien
Madam Dormer die auf das Probestück von Patronschaft das sie an Herrmannen
abgelegt hatte nicht wenig stolz tat geriet sehr in Versuchung an Arnolden
ein zweites abzulegen zum Teil konnte es wohl Liebe sein aber größtenteils war
es gewiss Neigung zur Intrigue unruhige Geschäftigkeit Er hatte eine
mittelmäßige Fertigkeit auf der Flöte er musste sich in möglichster Eile bei
ihrem Manne Tag für Tag üben und wenn Lehrer oder Schüler eine dazu bestimmte
Stunde aussetzten bekamen sie gleich eine derbe Lektion von Madam Arnold lebte
ganz von ihrer Freigebigkeit und ihr Mann war seit seinem Abschiede von der
Schauspielergesellschaft auch wieder unter das Joch gebracht worden also mussten
sie ihr beide gehorchen Der Fürst hielt des Winters wöchentlich ein paar
Konzerte auf seinem Zimmer wo ihn sonach Madam Dormer alle Wochen zweimal
sprach denn er war sehr herablassend und ließ kein Konzert vorbeigehn ohne
sich mit ihr zu unterhalten und wenn er nicht beizeiten Anstalt dazu machte
wusste die dreiste zudringliche Frau das Gespräch schon an ihn zu bringen Sie
bat um die Erlaubnis dass sie Arnolden der hieher gekommen wäre um sich in der
Musik festzusetzen in die Konzerte mitbringen dürfte dem Fürsten der sich
einbildete dass an seinem Hofe die Musik blühe schmeichelte diese Lüge
unendlich und er gestand die Erlaubnis ohne Bedenken zu Arnold stellte sich
seitdem gewöhnlich hinter das Orchester und hörte zu er gefiel dem Fürsten sehr
wohl weil ihm Madam Dormer eine Menge schmeichelnde Bewegungsgründe andichtete
warum er gerade diese Residenzstadt zu seinem Aufenthalte erwählt haben sollte
Sobald er durch ihren Mann in den Stand gesetzt war dass er ein auswendig
gelerntes Konzert sich zu blasen getraute musste er auftreten und ausdrücklich
las die verschmitzte Frau eins aus wozu der Fürst der selbst ein wenig
komponierte ein andres Andante gesetzt hatte Mit Erstaunen hörte der Fürst
sein selbstverfertigtes Andante das nach seiner Meinung nicht aus dem
Notenschranke seiner Kapelle herausgekommen war und fragte nach dem Schluße
woher er dies Andante habe Arnold versicherte dass er es vielfältig in Leipzig
geblasen und niemals dies Konzert mit einem andern Andante habe blasen hören es
sei so allgemein beliebt und bekannt dass man es auf den Promenaden trällere
»Ja ja« fing Madam Dormer an »ich kenn es in Berlin wird es oft bei der
Wachparade geblasen« Der Fürst holte sein eigenhändiges Konzept herbei um zu
beweisen dass er der Verfasser davon sei ließ im Notenschranke nach dem
abgeschriebenen Exemplare suchen das man auch richtig und unversehrt fand weil
Dormer auf seiner Frau Befehl heimlich eine Abschrift davon hatte nehmen müssen
tat sehr unwillig dass Leute auf die er sein Vertrauen setzte seine
unvollkommnen Arbeiten in die Welt ausschickten und bat Arnolden inständig das
Andante ja niemanden weiterzugeben welches dieser auch mit einem tiefen
Reverenze angelobte Nun arbeitete seine Gönnerin aus allen Kräften die
innerliche Freude des Fürsten zu nützen und um einen Platz in der Kapelle für
ihn anzuhalten er wurde ihr zugesagt und da man an diesem Hofe mit einer
Besoldung gern zwei oder drei Dienste verband wurde Arnold in einigen Tagen
darauf Hof und Kammermusikus Kammerdiener bei dem Fürsten mit dem Prädikat
eines Geheimen Kämmerers und Subinspektor des Pferdestalls
Fünftes Kapitel
Um die Lage kennenzulernen in welche diese Beförderung allmählich Herrmanns und
Ulrikens Angelegenheiten setzte und wie sie in der Folge die feindselige
Stellung möglich machen konnte die Arnold und Madam Dormer wider jene beiden
annahmen wird es am dienlichsten sein hier einige Fragmente aus Briefen folgen
zu lassen die nach Herrmanns Eintritt in seinen Sekretärposten geschrieben
wurden
den 4 Februar
Das waren gestern fünf Minuten des Lebens für mich als ich Dich auf der
Redoute sprach nach so vielen langen Monaten wo ich in jedem einen oder zwei
Briefe an Dich schrieb und Dich nirgends als verstohlnerweise in der Kirche
sehen konnte endlich einmal die Stimme zu hören die für mein Herz so süße
Musik ist o wie rührte das mit einem hastigen Griffe alle Saiten meiner
Empfindung Die lärmende Tanzmusik verstummte für mich das Rauschen der
Allemande war mir unhörbar ich nur allein in dem Saale und nur für die Stimme
meines geliebten Türken da Das waren vielleicht funfzig Worte die Du mir
sagtest aber für mich goldne Sprüche gegen alles das Gewäsche und sinnlose
Witzeln womit hier ein Kammerjunker und dort Gott weiß wer meine armen Ohren
foltert Dir hörte ich gern Stunden Tage Wochen zu und doch warens nur fünf
Minuten und von den faden Schmeicheleien und abgeschmackten abgedroschnen
Seel und Magen angreifenden Schnickschnack den mattesten Siebensachen dem
elendesten Gackern klingen mir die Ohren vom Morgen bis zum Abend O Herrmann
gestern hat sich mein Herz wieder eine große Krankheit bei Dir geholt es war
seit meiner Ankunft in dieser Stadt ein Patient der das Bette verlassen hat und
wieder ein wenig herumgeht aber gestern gestern wurd es von neuem bettlägrig
ich bin seitdem so unleidlich so mürrisch geworden wie ein Podagrist Mein
Mädchen beschwerte sich dass sie mir nichts recht machen könnte »Du närrisches
Geschöpf« sprach ich »die vornehmen Sitten haben mich angesteckt gedulde dich
nur ich werde schon noch launischer werden« Ja gewiss werd ichs ich fange
schon an seit gestern ist mir der Hof und die großen vornehmen Leute und das
Putzen Zieren Tändeln Schmeicheln Knixen und Grimassieren so unerträglich
ekelhaft geworden dass ich die Ehre einer Hofdame an die Magd vertauschen
möchte die Dir aufwartet
Die Fürstin examinierte mich sogleich gestern mit wem warum und was ich
mit Dir gesprochen hätte sie musste mit einem paar Lügen vorliebnehmen und
meine Freude machte mich so erfinderisch dass ich nicht einmal stockte sie
verbot mir alle dergleichen Gespräche wenn sie auch noch so gleichgültig wären
ob ich mich vielleicht durch meine Freude verdächtig machen mochte
Nachdem dies Examen überstanden war zog mich Madam Dormer in einen Winkel
und kiff förmlich mit mir über meine Unvorsichtigkeit gleich war auch Herr
Arnold dabei der sich die Ehre gibt auch um unser Geheimnis zu wissen und sich
Deinen großen Patron zu nennen Sooft er mich erblickt erzählt er mir dass er
Deiner bei dem Fürsten gedacht hat Ich halte ihn für einen Menschen der um
eine gute Mahlzeit oder eine Flasche guten Wein Vater und Mutter verrät er hat
sich bei dem Fürsten in der kurzen Zeit so sehr eingeschmeichelt dass sie auf
den vertrautesten Fuß miteinander umgehen wohin es bei dem guten Fürsten nur
gar zu leicht kommt Man kann zwar Arnolden bisher nicht das mindeste Böse
schuld geben nicht einmal Verleumdung aber er drängt sich allenthalben voran
will der erste und einzige in der Gunst sein und nützt die Veränderlichkeit
seines Herrn so meisterlich dass er alle andre aus den Besitze der Gnade
vertreibt Wie sollte er diese Künste nicht wissen da Madam Dormer seine
Lehrerin ist
Ich zittre wenn ich bedenke dass unser Geheimnis in den Händen dieser
beiden Leute ist ich traue keinem unter ihnen aber ich muss ihnen schmeicheln
damit sie mir nicht schaden Welche traurige Sache Leute liebkosen zu müssen
die man nicht für gut hält Und wieviel trauriger wär es vollends wenn ich sie
beleidigte vielleicht durch den Zufall beleidigte Ein Wort dürften sie der
Fürstin von unserm Verhältnisse hinterbringen und wir wären beide verloren
Von Ulriken
den 7 März
Eine Freude muss ich Dir noch mitteilen die ich vor acht Tagen gehabt habe
eine wie sie mir seit langer Zeit nicht zuteil worden ist Der Graf Ohlau hat
sich an die Familie gewendet und um Unterstützung gebeten weil ihm der Bankerut
nicht das geringste übriggelassen hat Der Oberste Holzwerder hat sich auch zu
einem jährlichen Beitrage unterzeichnet und fragte mich zum Scherze ob ich
nicht gleichfalls einen Louisdor unterzeichnen wollte Der Scherz war mir
empfindlich ich antwortete »Vielleicht« Bei der nächsten guten Laune der
Fürstin bettelte ich bei ihr für einen gestorbnen Anverwandten »Willst du
sogar den Toten Almosen geben« fragte sie »Der Mann lebt wohl noch«
antwortete ich »aber er lässt sichs nicht gern nachsagen dass er noch lebt
weil er um seine schönen Kutschen Pferde Lakaien und goldnen Kleider gekommen
ist« »Ist er bestohlen worden« »Ja von einem Diebe den man Bankerut
nennt« »Darf ich den Mann nicht wissen Oder vielleicht hast du dein Geld
vergangenen Winter auf den Redouten verspielt und vertrunken und machst mir nun
weis dass du für einen vornehmen Bettler bettelst« »Wenn ich den Mann alsdann
verschweigen darf so will ich die Beschuldigung auf mich nehmen und untertänig
um Vergebung bitten dass ich meine Liederlichkeit habe bemänteln wollen« Sie
ging zu dem Schreibeschranke und brachte mir ein Paketchen mit zwanzig
Louisdoren »Da« sprach sie »schicke das deinem Toten damit er wieder ein
bisschen zu Atem kommt« Ich küsste ihr die Hände so vielmals dass sie es
überdrüssig wurde und mich zum Scherz leise auf den Mund schlug die Schuhsohlen
hätt ich ihr küssen mögen so entzückt war ich über die Wohltat Ich packte die
zwanzig Louisdor gleich sehr säuberlich ein schrieb ein Billett an den Obersten
und bat ihn diese Kleinigkeit ohne Unterzeichnung an den Onkel zu schicken Er
kam hernach zu mir und wollte schlechterdings dass ich das Geld in meinem Namen
schicken sollte aber das ging ich nicht ein ich packte es in weißes Papier
ließ von meinem Mädchen die Adresse darauf schmieren und schickte es ohne Brief
fort Wie sie sich freuen werden wenn die zwanzig gelben Rosse aus dem Briefe
herausspringen als wenn sie aus der Luft herabfielen
Dies Vergnügen waffnet mich wider einen ganzen Monat Langeweile denn das
weiß mein Herz wie sie mich tyrannisiert Man spricht täglich von
Lustbarkeiten bald wird dahin bald dorthin gefahren gejagt geangelt
gegangen und geschwatzt aber bei allen Partien schleicht die grämliche
Langeweile hinter mir drein setzt sich mir auf den Nacken oder gegenüber und
gähnt und gähnt dass ich mitgähnen muss Ich glaube dass mir die Liebe fehlt wir
haben zuwenig mit ihr hausgehalten darum wird der Rest unsers Lebens öde und
leer sein Ich wüsste die Langeweile umzubringen aber ich darf nicht ich bin
wie Andromeda gefesselt der Drache die Langeweile sitzt neben mir und will
mich verschlingen und mein Perseus vielleicht schneidet er endlich einmal die
Hoffesseln los und dann ist mir für meinen Drachen nicht bange vor einem
Blicke von Dir zieht er aus wie vor zehntausend Feinden
Von Herrmann
den 21 März
Ich beklage das gnädige Fräulein unendlich über höchstdero langweilige
Glückseligkeit ich habe keine Glückseligkeit aber auch keine Langeweile
Lächerrlichkeiten in Menge um und neben mir wenn ich sonst Neigung hätte über
die Torheiten und Vergehungen eines Mannes zu lachen der das Wohl und Weh eines
Landes in seiner Hand hat und damit spielt wie mit einem Balle Ich erwerbe mir
jetzt die Kenntnisse die mich Verirrung und Taumel der Liebe nicht früher
erwerben ließ erschrecken würdest Du wenn Du mich umschanzt von
ökonomischen und politischen Büchern unter Quartanten und Oktavbänden voll
Polizei und Finanzanstalten die nirgends existieren fändest Der Himmel will
dass ich alles was ich bin und werde Dir verdanken soll denn alle diese
Weisheit und Torheit hab ich für die Geschenke gekauft womit Du Deine Briefe
begleitest kann ich Dir besser dafür danken als dass ich sie zu dem einzigen
Mittel anwende das mich Deiner Verbindung wertmachen wo auch nicht dazu
bringen kann Verstand und Gedächtnis werden durch diese Gedanken gestärkt
meine Begriffe werden heller und meine Vorstellung umfassender wenn mich die
Liebe erinnert dass ich alles Nachsinnen alle diese Mühe für Dich und durch
Dich unternehme Ich habe bisher mein Leben im Schlafe zugebracht im Traume der
Empfindung des Vergnügens des Eigennutzes in süßer verliebter aber kleiner
Geschäftigkeit das Unglück hat mich aus meiner Schlaftrunkenheit
herausgepeitscht und ich will anfangen zu leben zu tun zu handeln was allein
Leben heißt Wie begeistert mich die Vorstellung wie schwellt sie meinen Mut
an dass ich vielleicht dereinst etwas beitragen soll diesem Lande das die
Beute habsüchtiger Geier geworden ist durch gute Anstalten zum Wohlstande zu
verhelfen Ordnung Fleiß Tätigkeit darin zu verbreiten der Menge dürftiger
fauler Müßiggänger Arbeit und Nahrung zu verschaffen durch Vermehrung des
Triebes zur Beschäftigung alle Laster der Geschäftlosigkeit zu ersticken und so
durch politische Veranstaltungen ein Völkchen weiser und glücklicher zu machen
als Moralisten und Prediger vermögen Diese Aussicht ist jetzt meine
allbegleitende Idee der Mittelpunkt alles meines Denkens und Trachtens Meine
gegenwärtige pflichtmässige Beschäftigung ist freilich trocken gering ekelhaft
ich muss Rechnungen Befehle Quittungen Spezifikationen von des Herrn von
Lemhoffs Schweinen Schafen und Rindvieh Pachtbriefe und Mietkontrakte
abschreiben den Vögeln den Pips nehmen Wettergläser begucken und die Grade
ihres Steigens und Fallens aufschreiben freilich alles lästige traurige
Berufsarbeiten die einer von den Bedienten des Hauses besser und schicklicher
verrichten könnte als ich Aber was schadets Man kann wohl einige Zeit Steine
und Kalk zuführen wenn man nur Hoffnung hat einmal Mauermeister zu werden Ich
bin doch unendlich besser daran wenigstens in meinen Augen nützlicher als
Arnold der den Lustigmacher bei dem Fürsten spielt und Hofspassmacher geworden
ist Nimmermehr hätt ich dem Manne zugetraut dass er sich zu solchen Mitteln
erniedrigen würde um die Gunst seines Herrn zu gewinnen er ist ein
Nichtsnützer der im geschäftigen Müssiggange herumschleicht seine größte
Handlung ist ein mittelmäßig geblasnes Konzert und seine beste ein Spaß womit
er dem Fürsten eine Wolke von der Stirn treibt und noch wäre dies Verdienst
nicht gering wenn er den Herrn nach Beschäftigungen oder Unannehmlichkeiten
aufheiterte oder Verdruss und üble Laune zwo so ergiebige Quellen von
Ungerechtigkeiten von ihm abwehrte aber die Harlekinspossen die elenden
Schwänke die Kinderspiele womit er ihn belustigen soll machen ihn in meinen
Augen verächtlich Wieviel verdienstvoller und glücklicher schein ich mir mitten
in meinen schlechten Umständen schon jetzt wenn ich mir bewusst bin dass der
Präsident einen Gedanken einen Vorschlag den ich für heilsam halte billigt
und annimmt Wie vollkommen wird nun vollends meine Glückseligkeit sein wenn
ich diese schlechten Umstände übersprungen und mich in eine Lage gesetzt habe
wo meine Gedanken und Vorschläge von ausgebreitetem Einflusse meine Arbeiten
der Vorteil etlicher tausend Menschen sein werden Der Vorstellung für und auf
einen beträchtlichen Teil der Menschheit einst zu wirken und gewirkt zu haben
kommt nichts gleich als das Gefühl einer Liebe wie die unsrige als der Gedanke
an Deine Treue Ich beneide Euch alle nicht um die herrlichen Lustbarkeiten um
die schönen Parties de plaisir meine Partie de plaisir soll angehn wenn Euch
vor den Eurigen ekelt
Von Ulriken
den 13 Oktober
Das heißt man Landleben Eine Plage auf dem Lande nenne ich das Da sind wir
den ganzen Sommer auf dem Dorfe gewesen und haben uns ganz trefflich ennuyiert
dass wir uns vor Langeweile mit den Köpfen hätten stoßen mögen Die Fürstin hat
dies Jahr die Ökonomie an den Nagel gehängt und ist der Wirtschaft so
überdrüssig geworden als wenn sie mit uns auf unserm Bauergütchen gewohnt
hätte Halb ist sie dafür zur Jägerin und halb zur Fischerin geworden Ihre
kriegerischen Zeitvertreibe haben einen rechten Nimrod aus Deiner friedfertigen
Ulrike gemacht ich bekriege alles was Odem hat aber ich lasse mich nur mit
der hohen Jagd ein mit Sperlingen Meisen und Finken Die Fürstin mit ihren
beiden Leibjägerinnen denn Fräulein von Limpach hat die Gicht in beide
hochwohlgeborne Füße bekommen wir drei Jägerinnen haben den ganzen Sommer
über wenigstens zehn Pfund Pulver und Blei verschossen und dem Himmel sei Dank
wenigstens drei Sperlinge und vier Meisen erlegt den Tod einer Meise habe ich
auf meinem Gewissen aber ich kann es beschwören dass ich den Mord ohne Vorsatz
beging Gewöhnlich schoss ich immer los wenn die andern anlegten um die Vögel
zu warnen dass sie wegflogen aus der nämlichen christlichen Absicht schiess ich
einmal in einen Kirschbaum und siehe da es fällt eine Meise herunter Ich
zitterte vor Schrecken und hätte beinahe geweint als der gute Narr
herunterstürzte nahm sie auf und dachte er wäre vielleicht wegen Schwäche der
Nerven über den Spaß in Ohnmacht gefallen aber nein er war tot sosehr man es
nur sein kann Die Fürstin behauptete er hätte die Gicht gehabt wie die
Limpachin wäre vor Schreck heruntergefallen und hätte den Hals gebrochen und
ich glaub es gern damit ich an keinem Totschlage schuld bin Die armen Vögel in
der ganzen umliegenden Gegend waren uns zuletzt so gram geworden dass sie
davonflogen als wenn sie das Unglück jagte sobald sich nur eine von uns
Scharfschützinnen blicken ließ
Wenn uns die Hitze das Jagen lästig machte setzten wir uns an den Fluss und
warfen unsre Angeln aus viele Stunden saßen wir da wie angepflöckt ohne
Bewegung und Sprache und brachten meistens so viele Weissfischchen zusammen dass
jedermann des Abends bei der Tafel einen halben bekam Das Langweilige dieser
Zeitverkürzung ist unbeschreiblich wenn die Fische herumgeflogen wären so
hätte ich sie mit dem Munde fangen können so hab ich gegähnt Arnold setzte
sich bei dieser Gelegenheit durch seine ganz einzige Geschicklichkeit die
Regenwürmer an die Angel zu stecken in die vollkommenste Gnade bei der Fürstin
die ihn vorher so wenig leiden konnte dass sie ihn den Hofaffen nannte aber
seitdem er seine Verdienste so vorteilhaft gezeigt hat gefällt ihr der Mann
samt seinen Possen ungemein wohl Er hat bei unserm Sommeraufentalte die
wichtigste Rolle gespielt wenn Hitze und Langeweile alle Kraft und Lust zur
Tätigkeit niederdrückte trat er mit dem Apotheker oder war dieser in der
Stadt mit einem andern Einfaltspinsel auf und beide spielten zusammen ein
burleskes Intermezzo welches meistens darauf hinauslief dass der unverschämte
Narr den blödsinnigen Narren zu seinem Narren machte Ich begreife nicht ob ich
das Lachen verlernt habe die Schwänke die der Herr von Troppau mit Mr de
Piquepoint und den andern Souffredouleurs unsrer Abendgesellschaft in Berlin
vornahm belustigten mich zuweilen dass ich darüber lachen musste sooft ich mich
ihrer erinnerte und hier sitze oder steh ich da wie die Bildsäule des Kato
wenn alles rings um mich vor Lachen bersten will nur der Fürstin zu Gefallen
damit sie meine Ernsthaftigkeit nicht übelnehmen soll lache ich mit sooft sie
mich ansieht Ich höre kein Wort von den schalen Einfällen sondern träume für
mich und lache also sehr oft bei Gelegenheiten wo es gar nichts zu lachen gibt
bloß weil mich die Fürstin anblickt nun geht wieder das ewige Fragen an warum
ich lache und ich weiß niemals zu sagen warum weil ich die rechte Ursache
nicht entdecken darf Entweder mir oder den Possen muss etwas fehlen vermutlich
mir Alle Zeitvertreibe sind so kalt so affektlos bloße Mittel die Zeit zu
würgen alle Vergnügen berühren meine Empfindung so flach und dringen mir weder
an Geist noch Herz aber was macht es ich sehe nichts mehr mit den Augen der
Liebe die Liebe vergoldete sonst alle Gegenstände um mich her mit Sonnenschein
die Liebe spannte meine Einbildung dass sie jedem Blatte jedem Lüftchen jedem
Insekt geheime Beziehungen auf mich mitteilte gab allem was um mich war
Regsamkeit Leben Interesse Wärme und erhöhte in mir jedes Gefühl zur
Berauschung Das war eine Welt Gott wenn ich noch an das erste Jahr denke
das wir auf dem Bauergütchen zusammen verlebten Da hatte alles so einen
frischen Anstrich so eine Lebhaftigkeit so ein Feuer Freilich war der frische
Anstrich nur in meinem Kopfe und die Lebhaftigkeit und das Feuer nur in meinem
Herze mag es Ich befand mich doch millionenmal besser dabei als itzo in der
kahlen Alltagswelt wo mir alles so matt träge leblos kalt ohne Geist und
Interesse dahinschleicht wie ein elendes Schattenspiel an der Wand
Diesen Winter will die Fürstin eine Fabrik bei sich anlegen Hoffräulein
Hofjungfern und Hofmädchen sollen in ihrem Zimmer sich alle Nachmittage
versammeln und spinnen stricken nähen und unsre Fabrikwaren sollen unter die
armen Leute ausgeteilt werden Der Einfall gefällt mir überaus wohl und die
erste Versammlung aller jener Fabrikantinnen die gleich den Tag nach unsrer
Ankunft vom Lande und seitdem nicht wieder geschah hat mich belustigt wie mich
noch nichts am Hofe belustigt hat Stelle Dir einmal ein großes Zimmer vor in
der Mitte die Fürstin an einem Tische voll Flachs Garn Leinewand Zwirn
grober und feiner Wolle lauter Materialien die sie unter die Arbeiter ihrer
Fabrik austeilt Im Halbzirkel vor ihr sitzen alle ihre Gesellen bei der Tür
schnurren drei Mädchen mit Spinnrädern daneben die podagristische Limpachin mit
einer großen Haspel vor sich wovon sie grobes baumwollenes Garn zu einem Paar
grauen Mannsstrümpfen abwindet dann ein Mädchen mit einem Hemde für einen
Bettler beschäftigt der vielleicht seit Jahr und Tag nur kein ganzes gehabt
hat dann ein anders mit einer Kinderhaube unter der Arbeit und endlich vier
bis fünfe worunter auch meine Wenigkeit gehört mit Stricknadeln bewaffnet mit
wollnen und zwirnen großen und kleinen Mannsund Weiberstrümpfen worunter jede
die andre überholen jede das größte Stück Arbeit liefern will Die Fürstin
strickt für einen alten Mann den sie vorigen Winter barfuß gesehen hat ein Paar
tüchtige derbe warme Winterstrümpfe und ich arbeite für eine arme alte
Witwe die der Schlag gerührt hat Weil ich so gut Märchen erzählen kann wie
man mir schuld gibt so habe ich unstreitig den wichtigsten Posten in der ganzen
Gesellschaft denn ich muss arbeiten und erzählen Damals saßen wir mit
ununterbrochner Emsigkeit von vier Uhr des Nachmittags bis des Nachts um halb
zwölfe und die kalte Küche die man des Abends herumgab wurde nur nebenher
eilfertig hinuntergeschlungen ohne dass es die Arbeit störte dem Bedienten das
Glas abgenommen hastig ein Schluck getan und nun gleich wieder an die Arbeit
Wir waren insgesamt so vergnügt und freudig und dies ganze Bild der
Arbeitsamkeit für mich so einnehmend dass mir meine Märchen noch einmal so
lustig gerieten denn Du musst wissen ich habe eine so starke Belesenheit in
diesem Fache bei der Fürstin bekommen dass ich jetzt alle Bücher verachte und
meine Märchen selber erfinde oft aus dem Stegreife und meine selbsterfundnen
tun meistens mehr Wirkung als die gedruckten denn ich mache sie so
abenteuerlich dass meinen Zuhörern alle Sinne vor Verwundrung stillstehn wie
nur so entsetzliche Dinge in der Welt vorgehen können Ich habe seitdem die
Fürstin fleißig an ihre Fabrik wieder erinnert aber sie scheint an dem ersten
Male genug zu haben wenn das so fortgeht wird der arme Alte seine warmen
Winterstrümpfe wohl unter sechs Jahren noch nicht bekommen und meine lahme
Witwe mag sich auch beizeiten anderswo versorgen ehe die starke Kälte
einbricht
Von Ulriken
den 16 April
Nun hab ich erfahren warum den ganzen Winter über die Fürstin so
misstrauisch so zurückgezogen und kalt gegen mich tat aber ich möcht es lieber
nicht erfahren haben da es ohne das Unglück einer Person nicht geschehen
konnte die ich freilich für etwas anders hielt als sie sich nunmehr gezeigt
hat Du wirst vermutlich gehört haben dass Fräulein Ahldorf neulich den Hof
plötzlich verlassen musste und vermutlich hat Dir auch das Gerücht hinterbracht
dass ich ihren Abschied bewirkt habe aber das Gerücht ist eine Lüge von Leuten
erfunden die mich verhasst machen wollen Ich will Dir die wahre Geschichte
erzählen
Die Fürstin war sonst der Fräulein nicht gram aber auch wegen ihrer
erstaunlichen Faselei nicht sonderlich gewogen und noch den vorigen Sommer auf
der Jagd und bei dem Angeln musste das arme Mädchen beständig Verweise recht
bittere Verweise über ihr läppisches Wesen anhören und die Fürstin nannte sie
immer gegen mich ihren Kammerhusaren Auf einmal als wir vom Lande
zurückgekommen waren änderte sich die Szene ich wurde zurückgesetzt durfte
wenig und zuletzt fast gar nicht mehr um die Fürstin sein die Ahldorfin bekam
alle Gnade und alle Last die ich vorher genossen und getragen hatte Ob ich
gleich im Grunde mehr Ruhe dabei gewann so nagte mich doch die Zurücksetzung
nicht wenig jedermann schmeichelte mir sonst woran mir wenig lag jedermann
wartete mir auf auf den Wink gehorchte man mir jetzt war ich wie verlassen man
drehte mir den Rücken zu alle brachten ihren Witz und ihre Höflichkeit der
Fräulein Ahldorf zum demütigen Opfer und niemanden fand ich unverändert als
mein Mädchen Am meisten machte sich noch zuweilen der Fürst mit mir zu
schaffen er spricht sehr gut wenn er will und seine Unterhaltung hielt mich
für alle andern schadlos aber sie war niemals lang weil gleich von allen
Seiten Leute herbeikamen die ihn von meinem Gespräche abzogen Ich konnte mit
allem meinen Verstande die Ursache einer so schleunigen Veränderung nicht
erforschen besonders da Madam Dormer mich so äußerst selten besuchte niemals
kam wenn ich sie nicht drei viermal bitten ließ und allemal kaum fünf
Minuten dablieb Auf einmal wurde ich letzthin aus meiner Unwissenheit gerissen
Ich gehe durch das Vorzimmer der Fürstin um mich zu erkundigen ob auf den
Abend Spiel bei ihr sein wird ich finde alles leer aber in ihrem Zimmer wurde
stark gesprochen Die weibliche Neubegierde treibt mich an ein wenig
stillzustehn um zu hören ob vielleicht die üble Laune einmal regierte es war
des Fürsten Stimme und da ich meinen Namen zweimal hintereinander nennen hörte
glaubte ich mit völligem Rechte neugierig sein zu können warum er genennt
wurde Der Fürst bat die Fürstin mit seinem eignen gesetzgebenden Tone er
bittet alsdann mit den Worten und befiehlt mit der Stimme bat sie ernstlich
der Fräulein Ahldorf augenblicklich den Abschied zu geben Die Fürstin bat für
sie aber er bestund darauf und befahl der Fräulein innerhalb einer Stunde das
Schloss zu räumen wofern sie sich nicht größeren Unannehmlichkeiten aussetzen
wollte Dass er ihr dies selbst sagte dazu gehörte ein hoher Grad von Zorn weil
sich die Stimme darauf der Türe näherte wischte ich davon Indem ich durch den
Gang gehe der an das Vorzimmer stößt treffe ich mit einer von den Jungfern
zusammen die auf der andern Seite in dem Nebenzimmer förmlich gehorcht hat Sie
tat so freundlich gegen mich und machte mir eine so tiefe Verbeugung als ich
den ganzen Winter über nicht von ihr bekommen hatte das war eine gute
Vorbedeutung »O ich habe Dinge gehört« fing sie an leise auszurufen »Darf ich
mit Ihnen auf Ihr Zimmer gehen Ich habe Ihnen recht vieles zu sagen das Ihnen
Freude machen wird« Ich nahm sie mit mir und wir waren kaum ins Zimmer
hinein so hub schon die Erzählung in ihrer gewöhnlichen exklamatorischen Manier
an »Ach ich habe Ihnen Dinge gehört« rief sie aus »Ach ich kann Ihnen gar
nicht sagen was für Dinge Ich musste der Fürstin ein Kleid aus der Garderobe
bringen woran etwas geändert werden soll indem wir so reden tritt der Fürst
herein Die Fürstin erschrak über den unvermuteten Besuch und ich machte dass
ich über Hals und Kopf mit meinem Kleide ins Nebenzimmer kam Der Fürst sah mir
entsetzlich böse aus und ich horchte deswegen was es einmal geben würde Ach
da hab ich Ihnen Dinge gehört Ich kanns gar nicht sagen«
Die Wunderdinge kamen lange nicht zum Vorschein endlich erfuhr ich
folgendes Der Fürst befiehlt der Fräulein Ahldorf die auch das Zimmer
verlassen will dazubleiben und fragt sie geradezu ob sie der Fürstin nicht
überredet habe dass er gestern auf meinem Zimmer gewesen sei ob sie ihr nicht
erzählt habe dass er da dort und hier mit mir allein gewesen sei und eine
Menge andere Fragen die alle ähnliche Beschuldigungen wider ihn und mich
enthielten Ich kann mir ihn vorstellen wie er das alles gefragt haben mag
er nimmt in solchen Fällen einen ganz eignen kalten Ernst an Da die Fragen
vorbei sind befiehlt er ihr dass sie gestehen soll Die Ahldorfin ist vor
Schrecken außer sich weiß sich nicht zu helfen weint wirft sich dem Fürsten
zu Füßen in der Angst er befiehlt ihr aufzustehn und gebietet noch einmal mit
schärferem Tone dass sie gestehen soll in der Furcht beichtet sie alles Darauf
bittet er die Fürstin mit seinem befehlenden Tone eine solche freche
Klätscherin die sich so unverschämte Lügen erlaubte nicht länger um sich zu
dulden und befiehlt der Fräulein das Schloss zu räumen was ich selber hörte
Nach dieser Szene wurde ein entsetzlicher Aufruhr alles setzte sich in
Bewegung Vorbitten einzulegen aber umsonst Der Fürst ist in solchen Fällen
unerbittlich besonders wenn es darauf ankömmt sein Ansehen wider unser
Geschlecht zu behaupten von dem er überhaupt keine hohe Meinung zu haben
scheint so artig und galant er ihm auch begegnet Von Mannspersonen lässt er
sich leicht einnehmen aber gegen das Frauenzimmer auch seine eigne Gemahlin
dazu gerechnet steht er auf der Hut und er gibt eher seinem Kammerdiener nach
als der Fürstin er beleidigt sie nie sondern behandelt sie mit ungemeiner
Achtung und Höflichkeit aber wenn er einmal etwas befohlen hat und sie bittet
den Befehl abzuändern dann lässt er sich nicht bewegen sollte auch ihre Bitte
die größte Billigkeit und sein Befehl die größte Unbilligkeit sein Er soll
selbst einmal gesagt haben dass ein kleiner und großer Fürst das andre
Geschlecht achten aber nicht lieben und ihm alle Bitten abschlagen müsse damit
er ihm keine schädliche gewährte Ganz genau folgt er seiner Maxime nicht und
bei aller Vorsichtigkeit und allem Misstrauen muss er sehr vielfältig tun was die
Weiber wollen wenn sie nur männliche Maschinen dazu gebrauchen das wird alles
durch den dritten vierten Mann bewerkstelligt Itzo ist Arnold das große
Triebrad das ihm mit Spaß und feiner Schmeichelei seinen Willen und seine
Gedanken umdreht und dies große Triebrad wird von einem kleineren umgedreht das
Madam Dormer heißt wer dieses verborgne Rad recht zu seinem Vorteil zu stellen
weiß dem zeigt der Weiser wie ers wünscht
Von Ulriken
den 27 April
Arnold versichert mich dass er dem Fürsten die Klätscherei der Fräulein
Ahldorf entdeckt hat und behauptet dass ihr Bewegungsgrund nicht bloß Neid
gegen mich sondern auch Bosheit gegen den Fürsten gewesen sei um sich für die
Kälte zu rächen womit er ihre Bemühungen sich in Gunst bei ihm zu setzen
aufgenommen habe und sie soll sich ihm in Gunst haben setzen wollen um sich an
der Fürstin für den Vorzug zu rächen den sie mir so lange Zeit gegeben hat Es
mag kein Wort davon wahr sein denn da sie in Ungnaden fortgeschickt worden ist
hält es jedermann für seine Pflicht ihr die abscheulichsten Dinge nachzusagen
sie müsste ein Ungeheuer sein wenn sie so wäre wie man sie jetzt allgemein
abbildet
Für mich will Arnold bei dem Fürsten und der Fürstin sehr vorteilhaft
gesprochen haben und die allmählich wiederkehrende Gnade der letztern soll sein
Werk sein auch für Dich will er nunmehr sorgen dass Du aus dem Hause des
Präsidenten in einen bessern Platz kommst »Ich bin ein rechter Schurke dass ich
an meinen besten Freund nicht eher gedacht habe« sagte er »aber ich wills
schon einbringen geben Sie nur acht was alles aus ihm werden soll« Spricht
der Mann nicht wie ein wahrhafter Maîtrevalet Ich wills ihm herzlich gern
glauben dass er der Urheber meiner neuen Gunst ist wenn er nur für Dich etwas
ausrichtet Auch kann er wohl die Wahrheit gesagt haben Wie wollt ich den Mann
lieben und achten so wenig ich es itzo kann wenn er nur mit einem Finger dazu
hilfe Dich emporzuheben Der Gedanke Dich emporgekommen zu sehen belebt mich
inniger und süßer als die neuerlangte Gnade dann gäb ich ihm die Erlaubnis ein
Stocknarr und ein Erzschurke zu sein ohne ihn zu hassen
Madam Dormer gab sich die Ehre bei dem Vorfalle mit der Fräulein Ahldorf
ein wenig zu vorwitzig zu sein und bekam von der Fürstin ein sehr empfindliches
Kompliment darüber Die Fürstin ist ihr um der sonderbaren Ursache willen
nicht mehr gewogen weil ihr der Mann davongelaufen ist sie behauptet dass
allemal die Frau nichts tauge wenn sich der Mann auf so eine Art von ihr
trennt und Dormer war doch allgemein für den lüderlichsten Menschen unter der
Sonne bekannt Es ärgerte mich aus so einem seltsamen Grunde einen
unverschuldeten Groll auf die arme Frau geworfen zu sehen und ich wurde in ihrer
Verteidigung so warm dass mir die Backen glühten als die Fürstin mit mir
neulich von ihr sprach aber sie gebot mir zu schweigen Wahrhaftig man könnte
über die Witterung der Gnade einen eignen Hofkalender machen allein ich möchte
mich auf diese Wetterprophezeiungen so wenig verlassen als eine Wäsche heute
anfangen weil mir der Almanach morgen schönen Sonnenschein zum Trocknen
verspricht
Von Ulriken
den 12 November
Nur zwei Worte damit Du weißt dass ich noch schreiben kann Diesen Sommer sind
wir auf dem Lande Gärtnerinnen gewesen haben Blumen Kohl Gurken gesteckt
gesät gepflanzt dem Gärtner alle Beete verdorben und ein schlechtes Jahr
gemacht denn alles unser Gesätes Gepflanztes und Gestecktes hatte weder Segen
noch Gedeihen Was wir sonst noch getan haben Verdruss und Langeweile gehabt
Die beiden Ungeheuer werden mich noch aufreiben Ach die schreckliche Leerheit
in meinem Herze
Von Herrmannen
den 3 Dezember
Mit Erstaunen habe ich mich neulich von meinem Kalender belehren lassen dass
ich schon zwei Jahre in meinem Platze zugebracht habe Wie sie mir verflogen
sind als wenn ich sie in Deinen Armen an Deiner Seite verlebt hätte Nie
glaubte ich dass Arbeit und eifriges Streben nach einem vorgesetzten Zwecke die
Flügel der Zeit so schnell bewegen könnte Nur die Liebe bildete ich mir ein
vermöchte das Wunder zu tun dass Wochen und Monate unbemerkt wie Gedanken
dahinflögen aber nein auch Tätigkeit und Rennen nach einem festen Ziele vermag
es Wenn mein Nachsinnen ermattete wenn Verdruss und unerfreuliche Begegnung vom
Präsidenten meinen Mut schlaff machte dann dachte ich für wen um
wessentwillen ich meine Kräfte anspannte »Ulrike ist der Kranz« sagte ich mir
»Ulrike der Lohn der am Ende der Laufbahn auf dich wartet laufe renne
arbeite dich tot oder erringe sie« Wie der herabströmende Einfluss einer
Gottheit stärkte mich die Aussicht auf einen solchen Lohn und wenn Zweifel und
Unmut mir ihn als entfernt als zu hoch hängend als ein bloßes Vielleicht
darstellten dann rang und kämpfte ich mit neuer Arbeit um die
Wahrscheinlichkeit dieses Vielleichts zu erhöhen
Ich habe ihn geendigt den Plan habe mich mit den Verfassungen des Landes
mit den zahlreichen Mängeln und Gebrechen der hiesigen Einrichtung
bekanntgemacht habe mir Kenntnisse aus Büchern und der Erfahrung andrer
gesammelt habe unermüdet gefragt gesucht gelesen gesonnen und so manche
nützliche Anstalt und Verbesserung ausgedacht wodurch dem Ganzen der Regierung
und einzelnen Einrichtungen geholfen werden könnte habe in meinem Kopfe einen
Plan erzeugt ein Ideal nach welchem ich bei allen Vorschlägen in meiner
künftigen Bestimmung verfahren will Wie froh bin ich endlich in eine Laufbahn
hingezogen zu sein wo ich für mehr als meinen Nutzen und mein Vergnügen
arbeiten soll und wer zog mich hin Du Du Ulrike Du deren Hände Leben
Wohlsein Glück und Ehre über mich verbreiten und noch reichlicher verbreiten
werden
Meine bisherigen Beschwerlichkeiten waren nicht gering Du seufzest über die
aprilmässige Veränderlichkeit der Gunst über die Schmerzen die Dir die schlimme
Laune Deiner Gebieterin zuweilen auflegt über Neid über Langeweile von allen
diesen Übeln war ich wohl frei aber mich drückten andre Der Handlanger als
etwas Bessers kann ich mich fürwahr nicht betrachten der Handlanger eines
Mannes zu sein der in dieser Minute wenn ich seinem Gimpel oder seinen
Turteltauben eine Güte getan habe mir mit brüderlicher beschämender
Vertraulichkeit begegnet und in der folgenden wie ein orientalischer Despot
befiehlt und aufgewartet sein will der in dieser Stunde dringend und treibend
mit der äußersten Schärfe etwas anbefiehlt eine halbe Stunde darauf schon
vergisst dass ers befohlen hat und das Gegenteil gebietet oder sich wohl gar
einbildet das Gegenteil befohlen zu haben und zürnend auffährt wenn man tat
was er ausdrücklich verlangte der weder Widerspruch noch Entschuldigung
erträgt keine Vernunft hört weder nach Plan noch Grundsätzen sondern bloß
nach augenblicklichen vorübergehenden Einfällen handelt und anordnet der in
allem was er denkt und tut keine Regel als seinen Eigennutz kennt und keine
Mittel verschmäht ihn zu befördern wovon ich die himmelschreiendsten Beweise
erfahren habe seitdem ich verpflichtet worden bin und also nicht mehr bloß in
seinen Privatgeschäften sondern auch in Sachen seines Amtes gebraucht werde
dem nicht ein Finger weh tut wenn gleich das halbe Land zugrunde ginge und der
doch außer sich gerät sobald sein Gimpel nicht fressen will wie muss man sein
Gefühl verhärten und seinen Unwillen zurückhalten welche Leiden und innerliche
Kämpfe muss man erdulden wenn man einem solchen Manne dient Sein Beruf ist ihm
eine leichte Feder die er spielend dahin bläst wohin sie der Wind treiben
will ich glaubte von ihm göttliche Weisheit zu lernen und auch die
bekanntesten Dinge worauf ihn tägliche Erfahrung leiten sollte sind ihm fremd
und unwichtig Ich bin vor Erstaunen außer mir selbst geraten wie er mich von
sich wies als ich mir neulich die Freiheit nahm in einer seiner vertraulichen
Launen über verschiedene Einrichtungen und Anstalten zu sprechen die nach
meinem Bedünken dem Lande so not tun meine Meinung darüber als bescheidne
Zweifel und Fragen vorzulegen worüber ich Belehrung von ihm zu erhalten
wünschte er gebot mir von dergleichen Zeuge zu schweigen das weder ihn noch
mich etwas anginge und etwas Gescheiteres zu sprechen und doch waren es Dinge
deren Besorgung seinen Händen anvertraut ist und doch war dieses gescheitere
Gespräch das er an die Stelle des meinigen setzte eine Unterredung über die
letzte Krankheit seines Gimpels Aber ich will sie zerbrechen die schimpflichen
Ketten die Ketten eines Galeerensklaven die ich bisher ohne Murren getragen
habe weil ich mich erst durch Kenntnisse und Erfahrung in den Stand setzen
wollte allen die Spitze zu bieten deren Widerstand ich befürchten muss wenn es
mir gelingt zu den Ohren des Fürsten durchzudringen Die Unordnungen
Ungerechtigkeiten und widersinnigen Dinge die ich täglich schreiben muss lassen
mich nicht länger ruhen ich gehe herum wie ein Mensch den Gewissensangst
peinigt dass ich alles das weiß und verhehle ich kann es so wahr ich lebe
nicht länger verhehlen wenn ich nicht gleich strafbar mit dem Urheber werden
will ich bin es schon dass ich meine Hände dazu hergab und es schrieb Ich will
ein Wagestück unternehmen es gelinge oder nicht entweder jagt man mich mit
Schimpf und Schande fort oder man erkennt meine gute Absicht und belohnt mich
Sei der Ausgang welcher es wolle ich befriedige Ehre und Gewissen und wenn
diese beiden für mich sind dann mag die halbe Welt wider mich sein ich fürchte
sie nicht
Beunruhige Dich nicht über mein Unternehmen da ich Dir es nicht entdecke
Ängstige Dich nicht wenn Du etwa bald hörst dass ich plötzlich die Stadt
verlassen musste wenn alles von mir übel spricht mir meine Verjagung als eine
verdiente Strafe gönnt und jedermann mich der tollsten Unverschämtheit der
Undankbarkeit der Verleumdung und der Himmel weiß welcher Verbrechen mehr
anklagt das sind alles Stimmen aus einem Sprachrohre gerufen um meine
Verjagung zu beschönigen und mein Zeugnis wider die Ungerechtigkeit unkräftig zu
machen glaube solchen Nachreden so wenig als ich dem Gerüchte glaubte da es
Dich beschuldigte dass Du die Gunst Deiner Fürstin missbrauchtest um eine
Fräulein Ahldorf zu verdrängen Ich handle wie ich soll und nicht so zu
handeln soll mich weder üble Nachrede noch Ansehen Elend und Mangel und was
noch mehr als alles dieses ist selbst die Gefahr Dich auf immer zu verlieren
nicht bewegen Wenn ich Dich zurücklassen muss so tröste Dich über mein
Schicksal damit dass ich mir durch eine so plötzliche Trennung den Märtyrerkranz
der Ehrlichkeit erwarb
Zwölfter Teil
Erstes Kapitel
Herrmanns gefährliches Wagestück dessen er in dem vorhergehenden Briefe
gedenkt war die Entdeckung aller Kniffe Kunstgriffe und Praktiken die der
Präsident gebrauchte mit einem Teile der fürstlichen Kasse zu wuchern während
dass unter dem Vorwande des Geldmangels alle Anfoderungen an dieselbe abgewiesen
verschoben vertröstet und oft die Auszahlung der geringsten Besoldungen
ausgesetzt wurde Er suchte eine Gelegenheit den Fürsten allein zu sprechen und
ihm das ganze eigennützige System des Präsidenten vorzulegen um welches er
allein zu wissen glaubte ob man gleich öffentlich darüber klagte schmälte und
fluchte und nur gegen ihn zurückhaltend tat weil er zum Hause des Herrn von
Lemhoff gehörte und in dem Verdachte stund dass er der Handlanger der
Ungerechtigkeit sei Madam Dormer und alle übrigen Virtuosen des Hofs hassten
seit langer Zeit den Präsidenten bis auf den Tod sein unharmonisches Gemüt
hatte eigentlich niemals Neigung für die Musik gefühlt sondern war ihr vielmehr
gram und er gab sich nur einige Zeit die Miene eines Liebhabers hielt fleißig
Konzerte bei sich unterhielt sich viel über die Tonkunst ohne das mindeste
davon zu verstehen bloß um der Liebhaberei des Fürsten ein Kompliment zu
machen da bei diesem der Eifer erkaltete und sich mehr zur Malerei hinlenkte
ließ der Präsident keinen Geigenstrich mehr in seinem Hause tun würdigte
Sängerin Geiger und Flötenblaser kaum eines Blicks und drang bei jeder
Gelegenheit auf ihre Abdankung alle litten auf seinen Betrieb eine Verminderung
des Gehalts Herrmann glaubte also durch Madam Dormer und Arnolden den
sichersten und geheimsten Kanal zum Fürsten zu finden er vertraute sich ihr an
sie ermunterte ihn in seinem Vorsatze teilte ihn Arnolden mit und beide
ergriffen die Gelegenheit dem Präsidenten zu schaden mit so großer Freude dass
Herrmann schon den folgenden Tag zu Arnolden beschieden wurde Unter dem Schein
eines Besuchs ging er zur bestimmten Stunde zu ihm Arnold passte die Zeit ab wo
der Fürst sich allein auf seinem Zimmer mit Zeichnen zu beschäftigen pflegte
und brachte ihn so weit dass er Herrmanns Anbringen hören wollte Herrmann tat
seinen Vortrag mit unerschrockner Freimütigkeit überreichte die Beweise die er
mitgebracht hatte seine Beschuldigungen zu unterstützen und machte einen
kurzen Abriss von der Verfahrungsart des Präsidenten und den Unordnungen die
desselben Nachlässigkeit Unwissenheit und Eigennutz veranlassten alles war
durch unverwerfliche Gründe so sonnenklar dass auch nicht ein Zweifel dawider
stattfand Der Fürst hörte ihn gelassen an und ließ nicht die mindeste
Verwunderung und noch viel weniger Unwillen in seinem Gesichte blicken er sah
die überreichten Schriften flüchtig durch gab sie Herrmannen zurück und sagte
lächelnd »Ich weiß dies alles das Geheimnis soll unter uns bleiben ich danke
indessen für den guten Willen« So schloss sich die Audienz
Herrmann schwebte viele Tage in Ungewissheit über die Wirkung seiner
Entdeckung Arnold versicherte ihn zwar dass sie der Fürst sehr wohl aufgenommen
zu haben schiene setzte aber auch mit Betrübnis hinzu dass sie vermutlich ohne
schädlichen und guten Effekt bleiben werde weil ihm der Fürst Stillschweigen
geboten hätte als er in einem günstigen Augenblicke Herrmanns Aussage
verstärken wollte Madam Dormer mit ihrem unruhigen Geiste und heftigen Affekten
konnte die ersten Tage weder essen noch trinken noch schlafen »Ich sank
zanke mich mit die Fürst« sprach sie immer »wenn Sie noch länger bleib die
dupe von die Präsident abominable« Es blieb wie es war Madam Dormer zankte
sich nicht mit dem Fürsten und der Fürst schien sich auch vor ihrem Zanke nicht
zu fürchten denn er blieb wie vorher die dupe von die abominable Präsident
Arnold suchte wenigstens die Gelegenheit zum Vorteil seines Freundes zu
nützen um ihn aus seinem gegenwärtigen Platze zu erlösen welches Herrmann um
soviel eifriger wünschte da er der Ungerechtigkeit nicht dienen wollte wenn er
sie nicht hindern könnte Der Fürst lobte ihn gegen Arnolden wegen seines
Anstands seiner bescheidenen Dreistigkeit und besonders wegen seiner warmen
Ehrlichkeit verriet auch sehr viel gute Meinung von seinen Talenten und seiner
künftigen Brauchbarkeit aber auf den Hauptpunkt den Arnold betreiben wollte
gab er nie Antwort Bei der nächsten besonderen Unterredung mit dem Präsidenten
verlangte er dass Herrmann bei seinem Kollegium als überzählig angestellt werden
sollte bis sich ein Platz für ihn erledigte und bestimmte selbst seinen
einstweiligen Gehalt der Präsident machte Schwierigkeiten dass er ihn ungern in
seinen eignen Angelegenheiten entbehrte »aber doch diese Unentbehrlichkeit
gegen Eu Durchl Befehl in gar keine Betrachtung ziehen würde noch dürfte wenn
nur nicht alle Gelder schon ihre Anweisung hätten« dass es also schlechterdings
unmöglich wäre eine Quelle für die verlangte Besoldung ausfündig zu machen Die
Schwierigkeiten und die Berechnungen wodurch er sie wahrscheinlich machte
waren unendlich der Fürst hörte ihn lange an und sagte nichts als dass er die
Besoldung aus seiner Schatulle zu geben versprach Auch hier wollte ihm der
Präsident die Unmöglichkeit zeigen allein der Fürst unterbrach seine
vortreffliche Beredsamkeit mit einem frostigen »Ich will« Der Präsident
häufte in der Folge die Schwierigkeiten noch mehr doch konnte er nichts als
Verzögerung bewirken denn Arnold hielt ihm das Gegengewicht sobald ihm der
Fürst seinen Entschluss in Ansehung Herrmanns gesagt hatte und rastete nicht
bis der Fürst mit einigem Unwillen und durch ernstlichen Befehl der Verzögerung
ein Ende machte
Herrmann konnte in dem Platze eines Subalternen nicht viel mehr ausrichten
als vorher er musste ohne Widerspruch Befehle tun wenn er sie gleich äußerst
missbilligte und durfte sich seine Missbilligung nicht einmal merken lassen er
musste ohne Murren verkehrte Anstalten machen sehen die auf einer Seite einen
unbedeutenden Nutzen und auf allen andern allgemeinen Schaden stifteten
Anordnungen schreiben oder in Ausführung bringen bei welchen der
entgegengesetzte Erfolg ihres Zweckes ohne sonderliche Einsichten vorauszusehn
war Befehle ausfertigen die den Gehorchenden schwer drückten und weder dem
Gehorchenden noch dem Befehlenden nützten der Unwille kochte oft in seiner
Brust bis zu den Lippen herauf aber er bändigte ihn wie ein wildes Ross und
schwieg weil der Fürst und alle seine Obern schwiegen und der grausame
Despotismus des Präsidenten jede Erinnerung wenn sie auch in der pflichtmässigen
Anzeige einer falschgeschriebnen Zahl bestund mit Härte von sich wies Herrmann
konnte sich zwar von den eigennützigen Praktiken seines Vorgesetzten nicht mehr
so genau wie sonst unterrichten aber er nahm sie in ihren Folgen wahr in der
wachsenden Verwirrung aller Finanzangelegenheiten und den allgemeinen
Beschwerden die jetzt häufig zu seinen Ohren kamen weil man ihn nicht mehr für
den Günstling und Handlanger des Herrn von Lemhoffs hielt Die Nachsicht des
Fürsten seine erkünstelte Blindheit auch wenn ihm die Unordnung und
Unrechtmässigkeit in die Augen fiel seine Einwilligung in Dinge die oft der
gesunden Vernunft widersprachen blieb ihm ein ewiges Rätsel es war weder
Indolenz noch Mangel an Einsicht noch gutherzige Schwäche und wenn eine Absicht
dahintersteckte konnte sie doch niemand erraten Inzwischen hatte doch
Herrmanns Entdeckung eine Veränderung bei ihm hervorgebracht die man mit
Verwunderung wahrnahm ohne ihre Ursache zu erraten der Fürst entsagte seitdem
seinen liebsten Ergötzlichkeiten und bekümmerte sich mit ungewöhnlichem Eifer um
alles oft gar um Kleinigkeiten die Jagd wurde ganz eingestellt Zeichnen war
jetzt sein einziges übriges Vergnügen und sein Geschmack für die Malerei war so
herrschend dass er Gemälde zu einer Sammlung zu kaufen anfing Kaum hatte der
Präsident den ersten Wink von der neuen Liebhaberei als er schon darauf dachte
Partie für seinen Nutzen zu ziehen Er selbst war sowenig Kenner in Gemälden als
von irgendeiner andern schönen Kunst und da er keinen Unterschied zwischen den
Gemälden fühlte die er einmal im Vorübergehn in der Düsseldorfer Galerie gesehen
hatte und zwischen den Kunstwerken die ihm der Hofmaler im letzten Frühling
auf den Kalkwänden seines Lustäuschens schuf so bildete er sich ein dass es
bei allen Menschen und daher auch bei dem Fürsten ebenso sein müsste Er gab also
dem Hofmaler der itzo ein geschickter Türenanstreicher und ehemals
Dekorationsmaler gewesen war den geheimen Auftrag alle Kräfte seiner Kunst
anzuspannen und ein halbes Dutzend extrafeine Gemälde mit Ölfarbe auf Leinwand
zu verfertigen die etwa biblische Geschichten die vier Jahreszeiten die vier
Elemente oder so etwas vorstellten Der Maler hatte von der berühmten Nacht des
Korreggio vorzeiten etwas gehört ohne sie jemals gesehen zu haben und nahm sich
also vor eine Nacht zu malen die noch tausendmal finstrer sein sollte als
nach seiner Meinung Korregios Nacht sein müsste von dem Inhalte des Gemäldes
wusste er nichts und dachte deswegen jenen Künstler noch zu übertreffen wenn er
nicht bloße eine Nacht malte sondern auch etwas darin vorgehn ließ Er malte
eine pechschwarze Nacht eine wahre ägyptische Finsternis stellte unten
perspektivisch eine Gasse hin und vorn einen Nachtwächter mit der Laterne der
eine große Schnarre in der Hand schwenkte Außer dieser schwarzen Nacht schuf er
vier Elemente so deutlich und unverkennbar dass man sie alle mit den Händen
greifen konnte und eine keusche Susanne die man für ein Bordellmädchen hätte
halten können machte das halbe Dutzend vollständig Alle gefielen dem
Präsidenten sehr wohl nur die Nacht war ihm zu schwarz der Künstler stellte
ihm vor dass es eins der berühmtesten Gemälde in der Christenheit sei aber es
half nichts es sollten doch wenigstens Laternen auf der Gasse brennen damit
man die Häuser besser sähe und weil er nicht eher bezahlen wollte als bis
Laternen auf der Gasse brannten so setzte der Künstler zwo Reihen düstere
Lampen hin Nun brennten die Laternen nicht helle genug »Ei« antwortete der
Künstler »die Gasse ist aus einer Stadt wo das Lampenwesen verpachtet ist«
aber sein Einfall half ihm nicht durch er musste aus den Laternen flammende
Sonnen machen
Die Schöpfung war so heimlich zugegangen dass niemand am Hof und in der
Stadt etwas davon wusste und der Präsident kündigte dem Fürsten mit vielem
Geräusche ein halbes Dutzend verschriebne und angekommene Gemälde an wie sechs
Wunder der Malerwelt Der Fürst der seiner Kennerschaft nicht viel zutraute
lächelte und verlangte sie zu sehen er verbiss mit aller Mühe das Lachen da er
sie erblickte und fragte nach dem Preise der Präsident machte es zum Anfange
der Kundschaft billig und foderte fünf Louisdor für das Stück das er mit einem
Dukaten bezahlt hatte Der Fürst ließ sogleich die Summe aus der Schatulle
auszahlen und machte dem Präsidenten mit allen sechs Gemälden ein Geschenk
»Kaufen Sie in Zukunft nicht mehr von diesem Gemäldehändler« setzte er hinzu
»er hat Sie angeführt denn unser Hofmaler macht Ihnen solche wie diese das
Stück zu zwei Gulden« Der Präsident wanderte betroffen mit seiner Galerie ab
und stellte den Handel ein er konnte zwar nicht begreifen wie der Fürst seinen
Betrug erraten haben sollte aber er hielt es doch für klüger die Gefahr nicht
zum zweiten Male zu wagen zumal da ihm ohnehin die bisherige Veränderung seines
Herrn bedenklich schien
Jedermann fand sie so wenigstens unerklärbar Man gab zwar dem Fürsten
schuld dass er eine gewisse Unbegreiflichkeit des Charakters erkünstele mit
Vorsatz seine Neigungen oft ändre und entgegengesetzte Handlungen tue damit
niemand wissen solle woran er mit ihm sei bisweilen bloß um in Erstaunen zu
setzen So gegründet die Beschuldigung in andern Fällen vielleicht sein mochte
so war sie doch hier völlig falsch und Herrmann konnte nunmehr insgeheim mit
Vergnügen die Früchte seiner Ehrlichkeit bemerken indem andre sich die Köpfe
zerbrachen eine Ursache zu erraten die sie nicht zu erraten vermochten Der
Präsident traf sie beinahe und hatte Arnolden Madam Dormer und Herrmannen in
Verdacht doch am meisten den ersten Seine Politik riet ihm also diese drei
Personen zu gewinnen und weil er sich einbildete dass niemand seine Griffe und
Schliche wüsste als die wenigen Leute die er zu Gehilfen dazu brauchte und weil
er die Unvorsichtigkeit begangen hatte Herrmannen für weniger ehrlich oder in
dem Gesichtspunkte wie es der Präsident betrachtete für ehrlicher anzusehen
und ihn deswegen in seine Karte blicken zu lassen so musste er diesen am meisten
fürchten und am meisten hüten Er begegnete ihm daher viel freundlicher und
weniger despotisch als allen übrigen die unter ihm stunden und da der Ernst
des Fürsten seine Aufmerksamkeit seine genauen Erkundigungen und argwöhnischen
Mienen täglich zunahmen suchte der Präsident durch neues Vertrauen und Vorteil
einen Mann an sich zu ziehen der sein voriges Vertrauen entweder gemissbraucht
hatte oder missbrauchen konnte Er ließ also Herrmannen unter dem Vorwande dass
sein Gimpel sich in sehr kritischen Gesundheitsumständen befinde zu sich kommen
und brachte das Gespräch nach mancherlei Wendungen auf seinen Hauptzweck »Sie
werden« sagte er ihm »bei mir zuweilen Papiere abzuschreiben gehabt haben
woraus man schließen könnte als ob ich mannigmal Bezahlungen die mich
betreffen an fürstliche Kassen stellte ich leugne auch nicht dass es einmal
oder zweimal geschehen sein mag Ich habe wie Sie wissen einen kleinen Verkehr
mit Weinen Pelzwerk und andern Dingen zuweilen kommt einen eine plötzliche
Bezahlung auf den Hals man kann etwas um ein Spottgeld gegen bares Geld
bekommen wenn es die Verkäufer gerade benötigt sind man hat nicht allemal
gerade soviel liegen und ich habe also ein paarmal in höchstwichtigen Vorfällen
meine Zuflucht zu der fürstlichen Einnahme genommen Es ist zwar nicht das
mindeste Böse dabei denn ich habe die geborgten Summen jedesmal ehrlich und
redlich wieder ersetzt aber da es ohne Vorwissen des Fürsten geschehen ist
könnte es doch Verdacht und Unwillen wider mich erregen oder von einem Feinde
genützt werden mich in Ungnade zu bringen ich bitte Sie also schweigen Sie
davon Ich werde mich gewiss als ein wahrer guter Freund dafür bezeugen Ihre
Besoldung ist klein und ich begreife nicht wie Sie davon leben können ich
habe schon längst darauf gedacht wie ich Ihnen die treuen Dienste belohnen
soll die Sie mir in meinem Hause geleistet haben aber in dem schrecklichen
Wirbel von Geschäften kommt man gar nicht recht zu sich man vergisst seine
besten Freunde Sie wissen ja ich muss allenthalben sein und auch für Sachen
sorgen die mich eigentlich gar nichts angehn da der Fürst nun einmal sein
Vertrauen und seine Gnade auf mich geworfen hat Aber es ist mir heute
eingefallen dass ich Ihnen schon lange einen jährlichen Zuschuss habe geben
wollen hier will ich das Versäumte wieder einbringen Sie sollen in Zukunft
alle Jahre soviel bekommen und wenn Sie sonst Geld brauchen wenden Sie sich an
mich gerade an mich meine ganze Börse steht Ihnen offen«
Herrmann wehrte das Paket das er ihm bei diesen Worten anbot von sich ab
»Nein« sprach er »ich danke für Ihr Geschenk es könnte den Anschein haben
als wenn Sie meine Verschwiegenheit dadurch erkaufen wollten«
Der Präsident Behüte behüte wer wird denn so etwas denken
Herrmann Freilich sollte man nicht denn Sie sagen ja selbst dass ich
nichts Böses zu verschweigen habe was nicht böse und unerlaubt ist kann
überall gesagt werden
Der Präsiden Es ist nur um der bösen Leute willen die etwas Böses daraus
machen Sie wissen ja wohl jedermann hat seine Feinde wenn er auch noch so
ehrlich handelt nur deswegen hab ich Sie um Verschwiegenheit gebeten wie
können Sie sich das nur träumen lassen dass ich sie von Ihnen erkaufen will Ich
sehe Sie für einen grundehrlichen Menschen von altem deutschen Schrot und Korne
an und solchen Leuten trau ich blindlings Ich werde ja einen so braven Mann
nicht so arg beleidigen und ihn bestechen wollen Wie ich Ihnen sage bloß zur
Belohnung Ihrer vielen treuen Dienste geb ich Ihnen das Geld Machen Sie keine
Komplimente Nehmen Sie
Herrmann Nein Auch ich darf um der bösen Leute willen die etwas Böses
daraus machen könnten nichts annehmen Hab ich Ihnen treue Dienste getan so
ist mir mein Bewusstsein und Ihre Anerkennung Lohns genug hab ich nichts Böses
von Ihnen zu verschweigen so werd ich auch nie etwas Unschuldiges entdecken
das durch boshafte Auslegung verdächtig gemacht werden könnte das schwör ich
Ihnen bei meinem Gewissen aber ich mag mir durch keine Verbindlichkeit die
Zunge binden lassen
Der Präsident Die Zunge binden was meinen Sie denn damit
Herrmann Ich will mich an meiner kleinen Besoldung begnügen damit mich
niemals die Dankbarkeit hindert Pflicht und Gewissen zu gehorchen Haben Sie
sonst noch etwas zu befehlen
Der Präsident Sie müssen mir das erklären Sie müssen mir das erklären das
versteh ich nicht Was wollen Sie denn da mit dem Gewissen und der Pflicht Wie
kommt denn das hieher
Herrmann Sie haben mich ja selbst darauf verpflichtet den Vorteil meines
Fürsten und meine Treue gegen ihn allem andern vorzuziehn und Ihnen als meinem
Vorgesetzten hab ich eben jetzt dies Versprechen erneuert
Der Präsident Sie schwatzen wunderlich davon ist da jetzt gar nicht die
Rede Was haben Sie denn mit der Treue gegen den Fürsten vor
Herrmann Nichts weiter als dass ich entschlossen bin ihr jederzeit meinen
eignen Vorteil aufzuopfern
Der Präsident den sein übles Bewusstsein hinter diesen Ausdrücken alles
mutmaßen ließ was dahinter versteckt sein konnte drang noch lange Zeit auf
eine bestimmtere Erklärung und da Herrmann beständig bloß die nämlichen Worte
wiederholte und mit Fleiß alle größere Deutlichkeit vermied so ließ ihn der Herr
von Lemhoff mit einiger Ängstlichkeit von sich nachdem er ihm die angebotne
Belohnung seiner treuen Dienste beinahe aufgedrungen hatte aber Herrmann schlug
sie standhaft aus und beharrte bei allen folgenden ähnlichen Versuchungen in
seiner Standhaftigkeit Der Präsident wurde äußerst unruhig und suchte
wenigstens die Kanäle zu verstopfen durch welche die Anzeigen seines gewesenen
Sekretärs zu dem Fürsten gelangen könnten er sprach wieder sehr vorteilhaft von
der Musik wirkte der Madam Dormer wieder ihren vorigen Gehalt aus den nach
seinem Angeben bisher die Verminderung der fürstlichen Einkünfte notwendig
gemacht haben sollte gab wieder Konzerte in seinem Hause worin Madam Dormer
und Herr Arnold mit seinem größten Beifalle Stimme und Flöte hören ließ sein
Enthusiasmus für die Musik stieg so hoch dass man ihn in Verdacht nahm als wenn
ihn verliebte Absichten auf Madam Dormer damit angesteckt hätten Arnold den er
wegen seiner Gunst bei dem Fürsten lieber mit den Blicken getötet hätte wurde
sein Herzensfreund und erhielt wo sie einander trafen einen gnädigen Druck von
seiner Hand
Unterdessen starb einer von den alten Räten des Kollegiums und man glaubte
allgemein dass der Fürst schon längst seinen Platz Herrmannen bestimmt habe
auch der Präsident zweifelte nicht daran und baute heimlich vor allein da er
merkte dass alles Vorbauen nichts half sondern dass Ulrike durch die Fürstin und
Arnold bei dem Fürsten aus allen Kräften für Herrmanns Erhebung arbeiteten so
hielt er es für klug einen Mann in dessen Gewalt er gewissermaßen war nicht
durch Widersetzung gegen sein Glück aufzubringen und erklärte sich daher mit so
vieler Wärme für ihn dass der Fürst selbst darüber stutzte und beinahe Misstrauen
gegen Herrmanns Unbestechlichkeit gefasst hätte dieser Umstand brachte indessen
nur eine kleine Verzögerung seines Glücks zuwege Der Präsident war der erste
der ihm zu seiner Erhebung feurig Glück wünschte und seine
Freundschaftsbezeugungen wuchsen mit jedem Tage Arnold und Madam Dormer freuten
sich voller Stolz über den neuen Rat weil sie ihn für ein Werk ihres Einflusses
ausgaben und Ulrike schwebte den ganzen Tag nach der Ernennung ihres Geliebten
auf den Fittichen der Freude solange sie am Hofe war hatte die Fürstin noch
keine so lustige Laune an ihr bemerkt und fragte sie nach der Ursache Ulrike
tat als wenn sie keine anzugeben wüsste »Freust du dich denn etwa über den
neuen Rat« fragte die Fürstin zum Scherz »weil dir deine Empfehlung so wohl
gelungen ist« »Vielleicht« antwortete Ulrike »hat das wirklich etwas dazu
beigetragen denn es soll ein ganz vortrefflicher Mann sein« Sie sprach dies
mit einem Tone des Entzückens der mehr im Herze mutmaßen ließ als die Worte
ausdrückten und die Fürstin sagte ihr deswegen etwas ernstaft »Mädchen du
hast dich wohl gar in deine Empfehlung vergafft« Ulrike senkte die Augen
errötete und geriet so sehr außer Fassung dass sie zu antworten vergaß der
Scherz wurde von der Fürstin noch einige Zeit fortgesetzt bei der nächsten
Unterredung dem Fürsten erzählt der ihn gleichfalls mit vielem Vergnügen
fortsetzte als ihn Fürst und Fürstin fallenliessen fingen ihn die
dabeistehenden Kavaliere auf von ihnen schnappten ihn die Lakaien auf
überlieferten ihn den Hofjungfern als ausgemachte Wahrheit die Hofjungfern
schickten die ausgemachte Wahrheit mit dem ersten Mädchen das aus dem Schloss
ging in die Stadt und in zwei Stunden war es am Hofe und in der Stadt ein
allgemeiner Glaubensartikel dass Fräulein Breisach übermorgen mit dem neuen Rate
getraut werde Der Oberste Holzwerder als ihm sein Altgeselle die zuverlässige
Nachricht davon brachte warf den Dendriten der unter seinen Händen war in den
Tischkasten sogleich hinein lief geradesweges zur Fürstin und bat inständigst
um Gehör wie in der dringendsten Angelegenheit die Fürstin ließ ihn nicht vor
sich Der Oberste lief zum Fürsten kam vor ihn und bat untertänigst dass er
doch eine solche Heirat nicht zugeben möchte da es die erste wäre solange die
Familie stünde Der Fürst lächelte über die Ereiferung womit der Alte bat und
versicherte ihn dass er weiter nichts davon wüsste als was ihm die Fürstin im
Scherz gesagt hätte das war dem Obersten nicht genug er wiederholte seine
untertänigste Bitte einmal über das andre dass der Fürst die Heirat verbieten
möchte wenn etwa eine Verliebung bei seiner Kousine vorgegangen wäre »Ich
kann ja den Leuten nicht verbieten sich zu heiraten wenn sie sich lieben«
sagte der Fürst
Der Oberste Aber Ihre Durchlaucht geruhen nur zu bedenken die Ehre der
Familie leidet doch nicht dass ich so ruhig dabei bleibe
Der Fürst Macht denn ein Rat der in meinen Diensten steht der Familie
Schande
Der Oberste Der Rat wäre wohl gut der Rat aber es ist doch nur ein Rat
Der Fürst Und ist so wohl mein Diener als der Oberste
Der Oberste Freilich wohl sind wir allzumal unnütze Knechte und Eu
Durchlaucht untertänige Diener und möcht es auch ein Rat sein da Eu
Durchlaucht uns alle machen können wozu es Eu Durchl gnädigst gefällt
aber aber da er nicht von Familie ist
Der Fürst Ich will mich erkundigen wie weit die Sache gekommen ist
So entließ er ihn Der beunruhigte Oberste lief zu Ulriken und fand sie
nicht lief zur Fürstin und fand sie nicht erst den andern Tag konnte er seine
Unruhe vor ihr ausschütten Sie gab ihm zur Antwort dass Ulrike zu dem Rate
vielleicht eine geheime Zuneigung haben könnte aber um ihn heiraten zu wollen
schiene sie ihr zu verständig Der Alte hörte nicht auf zu bitten bis die
Fürstin seine Kousine rufen ließ um sie in seiner Gegenwart zu verhören Ulrike
gestund auf ihre Frage unverhohlen dass ihr der Rat gefalle sehr gefalle Als
es an den Punkt des Heiratens kam schwieg sie wurde zum zweiten Male gefragt
und antwortete betrübt »Wenn ich dürfte« »Eu Durchl haben Sie die einzige
Gnade und verbieten Sie ihr das« rief der Oberste »Haben Sie die einzige
Gnade« Die Fürstin sah Ulriken lange schweigend an und sagte endlich »Lass
dir nicht solch tolles Zeug einkommen Es fehlt ja nicht an Kavalieren wenn dir
das Heiraten am Herze nagt« Das war der Bescheid und beide gingen
ungetröstet hinweg Der Oberste folgte Ulriken auf ihr Zimmer und hielt ihr mit
der guterzigsten Wärme eine Ermahnungspredigt dass sie vor innerlichem Verdruss
weinte wie jeder schlechte Prediger hielt er ihre Rührung für eine Folge seiner
Predigt und schmeichelte sich ihre Sinnesänderung bewirkt zu haben da doch
gerade das Gegenteil ihre Tränen erweckte Betrübnis über die neuen
Hindernisse die sich ihrem Wunsche entgegensetzten Fürst und Fürstin
betrachteten ihre Liebe als eine vor kurzem erst entstandene fliegende Hitze
und da ihr jedesmal die Tränen in die Augen stiegen wenn man mit ihr darüber
scherzte so schonte man ihre Empfindlichkeit und dachte weder im Scherz noch im
Ernst mehr daran um die Liebe im stillen verdampfen zu lassen Hof und Stadt
sagte jetzt allgemein »Fräulein Breisach und der neue Rat werden nicht
getraut« Die ganze Sache schlief ein
Zweites Kapitel
Herrmann bewies nicht lange nach dem Antritte seiner neuen Stellung dass er
bisher geschwiegen hatte um itzo zu reden er widersprach der Meinung des
Präsidenten mit Mut Stärke und Bescheidenheit ohne die mindeste Scheu und
setzte das Widersinnige Zweckwidrige Schädliche seiner Vorschläge in ein so
helles Licht dass der Präsident teils um der Neuheit willen teil aus Unvermögen
nicht ein Wort dawider einwenden konnte er war verwirrt bestürzt erzürnt Er
wollte das Mittel anwenden wodurch er die übrigen Räte feige gemacht hatte und
brutalisierte Herrmannen aber er fand einen Gegner an ihm bei welchem Vernunft
und Affekt in gleichem Schritte gingen der ihn ohne die mindeste Verletzung
der Ehrerbietigkeit bloß durch die Stärke seiner Gründe so in die Enge trieb
dass er seine Saiten umstimmte und glimpflicher verfuhr Herrmann wurde durch die
Aufmerksamkeit womit ihn der Fürst anhörte ob er ihm gleich fast niemals
ausdrücklichen Beifall gab durch die Auffoderungen die ihm der Fürst tat
seine Meinung zu sagen und die Verbote die der Präsident empfing wenn er ihn
unterbrechen und daniederschwatzen wollte mächtig aufgemuntert in seinem Eifer
fortzufahren und da der Fürst seitdem ihm Herrmann die geheime Entdeckung
gemacht hatte fast keine Sitzung und Beratschlagung von Wichtigkeit versäumte
und überall mit seinen eignen Augen sehen wollte so nahm alles auf einmal einen
ordentlichen Gang die Kassen waren nicht mehr leer und die Auszahlungen
geschahen alle zu gehöriger Zeit Das Publikum schrieb diese glücklichen
Veränderungen Herrmannen zu frohlockte und pries ihn wie den Schutzgott des
Landes der die Macht des Plagegeistes der es bisher despotisierte brechen
sollte Die älteren Räte denen die freimütige unerschrockne Sprache ihres neuen
Mitglieds so fremd war wie das Malabarische rissen vor Verwunderung die Augen
weit auf hielten ihre Ohren hin ob sie nicht etwa eine Einbildung täuschte
und saßen da wie versteinert vor Erstaunen Da sie wahrnahmen dass seine
Dreistigkeit dem Fürsten gefiel machten sie ihm alle nach der ersten Sitzung
wo er sie zeigte ihren Glückwunsch darüber lobten ihn wie einen braven Mann
der so glücklich wäre etwas wagen zu können was sie wegen ihrer Familien nicht
wagen dürften weil sie mit ihren Weibern und Kindern notwendig elend werden
müssten wenn der Präsident die Oberhand behielt und ihre Verabschiedung bewirkte
aber wohlgemerkt alles in Abwesenheit des Präsidenten Sprachen sie mit
diesem in Herrmanns Abwesenheit so machten sie den lobgepriesnen Patrioten zum
Vorwitzigen Tollkühnen Naseweisen der seinem Vorgesetzten die gebührende
Achtung versagte und nichts als schädliche lahme unausführbare Vorschläge tat
Der Fürst nützte Herrmanns Einsichten so sehr dass er ihn zuweilen auf sein
Zimmer fodern ließ und sich mit ihm über Angelegenheiten besprach die für ein
andres Kollegium gehörten Auf diesem Wege leitete ihn Herrmann auf die
Verbesserung der öffentlichen Schulanstalten auf die Vermehrung der Industrie
und Verbesserung der Moralität durch Abschaffung des Bettelwesens und Errichtung
eines Armenhauses und besonders eines Arbeitshauses wo die Leute die an dem
kleinen gewerblosen Orte keine Arbeit finden konnten auf Unkosten des
Landesherrn arbeiten sollten der die Früchte ihres Fleißes ohne Profit einem
Unternehmer zum Verkehr überlassen möchte so leitete er ihn auf Änderungen in
kirchlichen Sachen auf die Einschränkung des geistlichen Ansehns auf die
Abschaffung alles religiösen Zwanges auf die Simplifizierung des
Gottesdienstes so brachte er ihn auf die Mittel den Ackerbau zu ermuntern den
man dort aus Bequemlichkeit und Mangel an Absatz nicht viel über das Notdürftige
trieb die ländlichen Erzeugnisse mehr zu einer Handelsware zu machen Industrie
und Gewerbe zu erhöhen insofern es ein kleines von mächtigen Nachbarn
umzingeltes gehindertes Ländchen zuließ Von allen diesen und tausend andern
nützlichen Dingen worüber sie oft zu Stunden mit der äußersten Ernsthaftigkeit
sprachen wurde freilich wenig oder gar nichts ausgeführt allein Herrmann
freute sich doch einem Fürsten zu dienen der sie wusste und anhörte Nur blieb
es ihm befremdend wie dieser nämliche Herr das erkannte Bessere das er in
jeder Sitzung mit der Miene billigte nie beschloss sondern jedesmal entweder
ein Mittel zwischen des Präsidenten und Herrmanns Meinung traf oder wo sich
dieses nicht tun ließ dem Gutachten des ersteren ganz folgte
Unvermeidlich musste unter den Neuerungen die Herrmann durchsetzte oder wozu
er den Fürsten durch seine Unterredungen veranlasste oder die ihm das Publikum
fälschlich zuschrieb manche den Privatnutzen dieses oder jenes Mannes
schmälern das Vorurteil den Schlendrian und die Faulheit kränken und es
erhuben sich einzelne Stimmen mit mächtigen Beschwerden wider den neuen Rat Der
Präsident glaubte dass Neuerungen und Verbesserungen einerlei wären und dachte
Herrmannen zu übertreffen wenn er mehr Veränderungen vorschlüge und durchsetzte
als er auch der Fürst hatte durch die Ideen die ihm Herrmanns Gespräch
mitteilte Neigung zu Reformen bekommen sonach wurden der Reformen freilich im
kurzen ein wenig zuviel und alle gute und schlechte gerade und schiefe
überdachte und übereilte musste sich der arme Herrmann auf seine Schultern
binden lassen Die Kreaturen des Präsidenten fachten den glimmenden Hass des
Publikums wider ihn zur Flamme an und sehr bald wurde der neue Rat bei der
Kaffeetasse und auf der Bierbank so allgemein gelästert verflucht und
gescholten als man ihn nicht allzulange vorher lobpries
Gleichwohl hatte Herrmann bei diesem allgemeinen Hasse wovon er wenig oder
gar nichts erfuhr ein Projekt im Kopfe wozu er notwendig Freunde und Gehülfen
brauchte er wollte den Präsidenten völlig stürzen und sah dies Unternehmen für
eine ebenso verdienstliche Handlung an als wenn er das Land von einer
Räuberbande befreite Auf seine Kollegen konnte er nicht viel rechnen denn sie
waren froh dass er den größten Teil der Arbeit über sich nahm und ihnen Musse zu
einem Lomberchen verschafte nährten und pflegten sich und lachten insgeheim
des Toren der mit dem Kopfe wider die Wand rennen wollte sie waren durch
langen Despotismus so schlaff und abgestimmt dass sie Herrmannen kaum
beneideten sondern alles gehen ließ wie es ging
Noch kleinmütiger hätte er werden können als er gewahr wurde dass auch
Arnold und Madam Dormer auf die Seite des Präsidenten getreten waren zwar nicht
gegen ihn als Feinde handelten aber doch sein Ansehen bei dem Fürsten
untergruben Dieser Übergang zur feindlichen Partei so plötzlich er Herrmannen
schien weil er ihn in dem Eifer für sein neues Amt übersehen hatte wurde durch
das erste Konzert schon vorbereitet das der Präsident wieder in seinem Hause
gab Durch Schmeicheleien und Vertraulichkeiten gewann er Arnolden und knüpfte
ihn dadurch fest an sich dass er ihm einen Anteil an dem Handel versprach den
er mit dem Gelde aus der fürstlichen Kasse trieb Arnold erriet diesen letzten
Umstand mehr als er ihn wusste und als ein Mann der Vergnügen und Aufwand
liebte und zeiter beides sehr einzuschränken gezwungen war nahm er mit Freuden
die Summen an die ihm der Präsident von Zeit zu Zeit als den Ertrag seines
Anteils an der Handlung gab und redthe aus Dankbarkeit das beste von ihm bei
dem Fürsten Madam Dormer wurde auf die nämliche Manier durch Schmeicheleien
Ehrenbezeugungen und Geschenke gewonnen sie spielte gern die große Dame und da
sie der Präsident völlig so behandelte sprach sie allenthalben zu seinem
Vorteil und trieb auch Arnolden an dem Fürsten gute Gesinnungen von einem so
braven Manne beizubringen
Diese neue Freundschaft erzeugte noch eine dritte Ursache zur Kleinmütigkeit
für Herrmannen Der Fürst bekam auf Arnolds Betrieb den der Präsident dazu
angestiftet hatte wieder Neigung zur Jagd sein Liebling bot ihm täglich so
viele schöne Büchsen und Hunde an dass er sie probierte und über dem öfteren
Probieren erhielt das Vergnügen wieder für ihn Reiz sein voriger Trieb erwachte
und wuchs sehr bald zur Leidenschaft empor Die neue Liebhaberei verdrängte die
bisherigen und da seine angelegentliche Sorge für die Regierung und seine
Verbesserungsbegierde zum Teil auch nur Liebhaberei gewesen sein mochten so kam
er jetzt in keine Sitzung mehr Herrmann wurde nicht mehr zu politischen
Unterredungen geholt konnte nie vor ihn kommen weil er außer der Tafelzeit
nicht zu Hause war und bekam ihn in vielen Wochen nicht einmal zu sehen Er
entbehrte also eine wichtige Stütze gegen den Präsidenten der sich täglich mehr
zu seiner vorigen Gewalt empor brutalisierte und tat was ihm lüstete ohne auf
Herrmanns Widerspruch im mindsten zu achten
Herrmann war also auf allen Seiten verlassen sollte allein wider alle sich
stemmen und da er genug zu tun hatte sich der Feinde zu erwehren wollte er
sie gar noch angreifen Das war allerdings verwegen aber Mut und Erbitterung
wuchs bei ihm täglich je mehr der Präsident tyrannisierte und ihn drückte
vorderhand musste er zwar lavieren aber sein Entschluss das Ungeheuer zu töten
oder von ihm getötet zu werden war unbeweglich fest und er wartete nur auf die
Gelegenheit zum Angriff
Der Präsident wurde nach seiner neuen Allianz da er die Aufmerksamkeit des
Fürsten eingeschläfert und den hauptsächlichsten Zugang zu ihm Arnolden in
seiner Gewalt hatte so keck so unverschämt dass er seine vorigen Unterschleife
mit verdoppelter Dreistigkeit fortsetzte sogar ohne sie zu verstecken
Herrmann dem er damit trotzen wollte musste seinen Ärger verbeissen er
verstummte tat als wenn er nichts bemerkte und sammelte indessen insgeheim
alle Beweise auf die zur Unterstützung seiner Anklage wider den Präsidenten
dienen konnten er fand Gelegenheit einige von den Rechnungen die ihm schon
längst verdächtig waren zu untersuchen und alle waren verfälscht er entwandte
sie und diesen unwiderlegbaren Beweis nebst seiner gesammelten skandalösen
Chronik unter dem Kleide stellte er sich des Mittags einmal dem Fürsten in den
Weg um von ihm getroffen zu werden wenn er von der Jagd käme Es glückte ihm
nachdem er lange herumgegangen war kam der Fürst an stieg ab und ging wie
gewöhnlich ohne Begleitung über den Schlosshof er erblickte Herrmannen und
fragte ihn »Wie gehts«
Herrmann Schlecht sehr schlecht Wie kann es unter den Dienern wohl
hergehn wenn der Herr schläft
Der Fürst Wieso ist das eine Beschwerde wider mich
Herrmann Nicht wider den guten Fürsten sondern wider die Betrüger die
seine Güte missbrauchen Ich bitte um fünf Minuten Gehör und Eu Durchl sollen
schaudern vor der Bosheit womit man Ihre Gnade erwidert
Der Fürst befahl ihm in sein Zimmer nachzufolgen Herrmann übergab ihm
seinen Aufsatz zeigte ihm in den Rechnungen die auffallendsten Beweise wider
den Präsidenten und seine Kreaturen und überzeugte ihn so unwiderlegbar dass er
vor Zorn die Papiere auf den Tisch warf und ihm nach der Tafel wiederzukommen
befahl Der Ärger trieb den Fürsten wieder zu den Papieren hin er las den
Herrmannischen Aufsatz und wurde so heftig erzürnt dass er den Präsidenten auf
der Stelle rufen ließ Dieser war durch Arnolden sogleich in vollem Fluge von
des Fürsten Unterredung mit Herrmannen benachrichtigt worden und ob er gleich
den Inhalt derselben nicht wusste so vermutete er doch nichts Gutes und rüstete
sich deswegen mit aller möglichen Unerschrockenheit Der Fürst gab ihm zornig
Herrmanns Aufsatz und befahl ihm vorzulesen der Präsident gehorchte las Punkt
für Punkt und drehte Punkt für Punkt so künstlich mit der völligen Miene der
Wahrheit herum dass sein Ankläger augenscheinlich zum boshaften Verleumder
wurde der Fürst war durch seine Vorspiegelungen so überzeugt und überzeugter
als durch Herrmanns Gründe und je höher sein Zorn vorhin stieg je stärker
lenkte er sich nunmehr wider den Urheber desselben Der Angeklagte bat mit der
Energie der falsch beschuldigten Ehrlichkeit um Satisfaktion und wollte lieber
seine Würde in die Hände seines Herrn zurückgeben und den Geschäften entsagen
wenn er sie nicht erhielt er wusste die kräftige Beredsamkeit seines Gegners
sehr gut nachzuahmen und gab ihr durch eingemischte Demütigungen und
Schmeicheleien einen neuen Reiz Bestürmt von den Bitten und Scheingründen des
Präsidenten gereizt von Unwillen dass Herrmann nach allem Anschein aus Neid
seinen Vorgesetzten hatte anschwärzen wollen befahl der Fürst im ersten
Verdrusse dass Herrmann bis nach genauerer Untersuchung der Sache Hausarrest
haben sollte Die Kreaturen des Präsidenten posaunten diesen Triumph der
Unschuld sogleich am Hofe und in der Stadt mit aufgeblasenen Backen aus und
Ulrike erfuhr die Nachricht davon als man zur Tafel ging Düstere Wolken hingen
auf des Fürsten Stirne alles schwieg in ehrfurchtsvoller Stille vor dem Unmute
des Regenten die Fürstin freute sich innerlich über den Vorfall weil ihr
Herrmann wegen eines Vorschlags den er einmal ihrem Gemahle über die
Einschränkung ihres Hofstaates tat äußerst verhasst war Ulrike saß in banger
Betrübnis da gab jeden Teller unberührt hinweg wie sie ihn empfangen hatte
und beratschlagte bei sich was sie zur Befreiung ihres Geliebten tun sollte
Sie beschloss mit ihren Bitten herzhaft einen Anfall auf den Fürsten zu wagen
sollte er ihr auch die Ungnade der Fürstin zuziehn gleich nach der Tafel ging
sie ihm nach holte ihn in seinem Vorzimmer ein warf sich mit Tränen vor ihm
hin und bat um Herrmanns Befreiung und um die Untersuchung seiner Unschuld Sie
flehte so dringend mit so vollströmendem Schmerze dass sie der Fürst lange
gerührt ansah und sogleich den Arrest aufzuheben befahl ohne weiter etwas zu
sagen ging er zerstreut ins Zimmer Ulrike eine so artige Figur den ganzen
Kummer der Liebe auf dem Gesichte in Tränen flehend vor ihm hingeworfen hatte
einen so lebhaften Eindruck auf ihn gemacht dass er in das Bild vertieft
einigemal im Zimmer auf und nieder ging er sah in der Zerstreuung zur Türe
hinaus ob sie vielleicht noch wartete aber sie war fort herzlich gern hätte
er sie noch einmal in der vorigen Stellung erblickt Er seufzte befahl
niemanden vorzulassen und griff verdrießlich nach den Papieren die Herrmann
überreicht hatte um nach Ulrikens Verlangen seine Unschuld zu untersuchen Wie
erstaunte er als er statt der dicken Rechnung die er vor Tafel in Händen
hatte nur wenige Bogen erblickte und nichts darin fand was er vor Tafel las
Arnold musste kommen und wurde gefragt wer diese Papiere ausgetauscht habe er
hatte auf diesen Fall schon seine Partie genommen sobald er Ulrikens Fürbitte
und ihre Folgen sah und antwortete dreist dass es ihm der Präsident im Namen
Ihrer Durchlaucht befohlen habe Nun war offenbarer Verdacht da dem Herrn von
Lemhoff wurde geboten im Augenblicke die umgetauschte Rechnung
herbeizuschaffen allein er konnte nicht denn sie war vernichtet worden Er
dachte zwar durch seine Beredsamkeit den Fürsten wieder umzustimmen aber er kam
nicht vor und Herrmann erhielt den Auftrag die übrigen Rechnungen
herbeizubringen Es geschah alle waren auf den nämlichen Schlag gemacht der
Präsident überführt er demütigte sich bat die Fürstin um ihren Fürspruch den
sie ihm auch nicht verweigerte weil er zu Herrmanns Nachteile wirken sollte
allein ehe sie mit ihm zu dem Fürsten gelangte hatte der Präsident schon seine
Entlassung Zur Strafe musste er das Arbeitshaus bauen lassen das Herrmann so
oft in Vorschlag gebracht hatte Die Fürstin versuchte zwar verschiedene eifrige
Fürbitten um den Gefallnen wieder in seinen Posten zu bringen allein sie
bewirkte nichts als dass sich das allgemeine Misstrauen des Fürsten das ihm eine
so unerhörte Untreue einflößte auch auf sie erstreckte besonders da ihm Arnold
ihren Hass gegen Herrmann als die Ursache ihres Fürspruchs und die Veranlassung
dieses Hasses angab und Arnold freute sich auch nicht wenig der Fürstin bei
der Gelegenheit so nebenher einen Streich zu versetzen da ihre Gunst gegen ihn
ganz erloschen war seitdem sie nicht mehr angelte Täglich fast stündlich
liefen Beschwerden wider den verabschiedeten Präsidenten und Entdeckungen neuer
Betrügereien ein dass sie zuletzt der Fürst untersagen musste um nicht überhäuft
zu werden da der Gefürchtete einmal in der Grube lag so arbeitete jedermann
ihn nicht emporkommen zu lassen wer vorher nicht ein freimütiges Wort
flüsterte sprach itzo laut wie ein Held Herrmann weil er siegte war der
angebetete von allen Zungen gepriesene Erretter des Vaterlandes Madam Dormer
wartete ihm noch den nämlichen Tag wo der Präsident stürzte sehr spät auf um
ihm ihre Freude über den erfochtnen Sieg zu bezeugen und Arnold der in der
Minute als der Fürst nach der Umtauschung der Rechnung fragte auf Herrmanns
Seite getreten war konnte nicht laut genug über den Fall des Präsidenten
triumphieren welches er notwendig tun musste um sich nicht wegen seiner vorigen
Verbindung mit ihm verdächtig zu machen Es kam zwar zu den Ohren des Fürsten
dass er Anteil an dem Verkehr des Herrn von Lemhoffs gehabt und viel Geld von ihm
empfangen hatte allein er rechtfertigte sich damit dass es bloß eine
kaufmännische Verbindung gewesen sei die er freilich nicht eingegangen wäre
wenn er gewusst hätte dass der Fonds des Handels aus den fürstlichen Kassen
genommen würde Er tat seine Unwissenheit in Ansehung des letzten Punktes
leidlich dar der Fürst nahm seinen Beweis für gültig an aber behielt lange
Misstrauen und Zurückhaltung gegen ihn
Aus einer so großen Staatsveränderung dergleichen in diesem Lande seit
undenklichen Zeiten nicht vorgegangen war mussten notwendig wichtige Folgen
entstehn Der älteste adelige Rat ein Mann den Alter und Faulheit zum
Despotisieren und Betrügen untüchtig machten bekam einen Teil von der Besoldung
des Herrn von Lemhoffs und sollte in Zukunft den Präsidenten vorstellen welches
er auch treulich tat denn er saß auf seinem Stuhle da ohne sich zu rühren vom
Anfange jeder Sitzung bis zum Ende Die andre Hälfte der Besoldung erhielt
Herrmann dabei den Titel eines Direktors und die ganze Arbeit des Präsidenten
Die Hauptperson von welcher alles abhing und ohne welche nichts geschehen
konnte wollte der Fürst selbst sein und war es beinahe mehr als er es sein
sollte er entsagte von neuem allen seinen Vergnügen ließ seiner Aufmerksamkeit
nichts ungefragt entwischen und wollte so sehr mit seinen eignen Augen
allenthalben sehen dass alles zwar ordentlich aber unerträglich langsam ging
seine Ideen waren oft schief und nur halb gut weil er das Ganze nicht
überschaute und so bewundernswürdig seine Geduld war Belehrungen anzuhören so
ermüdend war es doch für diejenigen die ihn belehren mussten aus jeder
Beratschlagung wurde meistens ein Kollegium das ihm Herrmann las Gern hätte
ihn dieser aus der besten Absicht zuweilen auf die Jagd gewünscht denn vor
großer Bedachtsamkeit und vielem Überlegen kam weder Gutes noch Böses zustande
es tat Herrmannen tausendmal weher ihm zu widersprechen als dem vorigen
Präsidenten weil er sich scheute dem guten Fürsten die Kränkung zu
verursachen dass er falsch geurteilt habe und er hinderte aus diesem Grunde
weniger Schädliches als unter dem Despotismus des Herrn von Lemhoffs Außerdem
stieg das Misstrauen des Fürsten zu einem Grade der beleidigen konnte wenn man
die Veranlassung dazu nicht wusste er fürchtete allenthalben List und Betrug und
brauchte oft lange Untersuchung um da keinen zu finden wo keiner war Indessen
waren doch seine Einkünfte und das ganze Land unendlich besser beraten als
vorher und er gab Herrmann deutlich zu verstehen dass er ihm die Anklage des
Präsidenten zum Verdienst anrechnete
Auch Ulriken traf die Wirkung jener Revolution Sie zog sich durch die
Fürbitte für Herrmannen ein scharfes Verhör von der Fürstin zu und da sie so
gewaltig mit Fragen gequält wurde gestund sie ihre Liebe ohne Rückhalt und
versicherte mit einiger Wärme die man für Trotz annehmen konnte und die Fürstin
auch wirklich dafür annahm dass sie ihn heiraten würde sobald er für gut
befände ihre Hand zu verlangen »Auch wenn ichs nicht gern sähe« fragte die
Fürstin mit Stolz »Ich hoffe« antwortete Ulrike »dass es Eu Durchlaucht
gern sehen werden« »Nein« sprach die Fürstin entrüstet »bei meiner Ungnade
untersag ich die Heirat« Ulrike seufzte und schwieg
Als sie der Fürst nachdem der Hauptsturm mit dem Präsidenten vorüber war
zum ersten Male wieder erblickte kam ihm das reizende Bild wie sie weinend vor
ihm auf den Knien lag in die Gedanken zurück und er erkundigte sich ob sie
nunmehr mit ihm zufrieden wäre Sie dankte ihm mit der lebhaftesten Freude für
Herrmanns Freisprechung und hielt inne als wenn sie noch etwas mehr zu bitten
hätte »Fehlt noch etwas« fragte der Fürst lächelnd »Soll ich etwa den Pfarr
holen lassen« Ulrike nahm den Scherz mit Fleiß als Ernst auf und erzählte ihm
die traurige Lage in welche sie das Verbot der Fürstin gesetzt hatte »Ich
sehe wohl« sprach der Fürst und drückte sie verliebt bei der Hand »so einem
hübschen Mädchen kann man nichts abschlagen Ich will noch einmal helfen«
Er besprach sich mit der Fürstin darüber aber sie widersetzte sich mit
einer Heftigkeit die ihn beleidigte »Der Mensch soll so eine hübsche Frau
nicht haben« sagte sie und wiederholte ihr Verbot in seiner Gegenwart Seit
diesem Augenblicke fiel der Termometer ihrer Gunst gegen Ulriken bis zum
Gefrierpunkte herunter
Der Fürst durch die Heftigkeit seiner Gemahlin beleidigt ob er gleich
seine Empfindung verhehlte sprach selbst mit Herrmannen über seine
Liebesangelegenheit und nötigte ihn durch die Versprechung alles Vorschubes
frei heraus zu beichten Herrmann tat es aber ging wohlbedächtig in seiner
Geschichtserzählung nicht weiter als bis zu dem Zeitpunkte zurück wo er der
jüngste Geselle in des Obersten Werkstatt gewesen war Der Fürst riet ihm die
Sache so lange anstehn zu lassen bis er die Fürstin gegen ihn ausgesöhnt hätte
Herrmann nahm den Rat willig an da ihm seine überhäuften Geschäfte und der
Eifer womit er die Arbeit eines ganzen Kollegiums verrichtete keine Zeit zur
Liebe übrigliess er wollte erst in seinem neuen Posten festsitzen um den Genuss
eines endlich errungenen Glücks voller und ungestörter zu genießen Dem Fürsten
gefiel die Aufopferung die er seinem Dienste machte überaus wohl er versuchte
der Fürstin Gesinnungen gegen ihn zu ändern und es wäre ihm auch gelungen wenn
nicht der Oberste Holzwerder ihr so flehentlich angelegen und auch ihn mit
seinen Bitten so vielfältig bestürmt hätte dass er bei der neuen Aufmerksamkeit
auf die Geschäfte nicht weiter daran dachte die Sache schlief abermals ein und
das Publikum hatte das Brautpaar abermals zu zeitig trauen lassen
Drittes Kapitel
Arnold und Madam Dormer hatten seit der Entlaufung ihres Mannes und schon vorher
in geheimer Vertraulichkeit gelebt und einen großen Teil von der Ungnade der
Fürstin die solche Verbindungen für ihr Leben nicht ausstehn konnte mussten sie
dieser Ursache zuschreiben Um ihren Hass zu mildern und weil auch der Fürst auf
ihren Antrieb Arnolden etlichemal befahl die Dormerin entweder zu heiraten oder
von ihr zu lassen waren sie beständig willens gewesen sich durch eine
gesetzmässige Ehe zu verbinden und die Braut machte schon Anstalt ihren
entlaufnen Mann auf den Kanzeln ausrufen zu lassen in der Hoffnung dass er es
nicht hören werde Arnold erregte unaufhörlich Schwierigkeiten der entlaufne
Mann war bis jetzt noch nicht ausgerufen die Heirat bis jetzt noch nicht
vollzogen und der Bräutigam dachte gegenwärtig sogar darauf sie nie zu
vollziehen aber Madam Dormer verstand das Handwerk besser und lenkte ihn so
schnell wieder um dass er bei dem Fürsten um die Erlaubnis anhielt er bekam sie
ohne Verzug der entlaufne Mann wurde ausgerufen und siehe da erscheint bei
dem Fürsten eine demütige Supplik von einem Frauenzimmer aus Leipzig die Herrn
Arnold wegen eines nicht gehaltnen Eheversprechens verklagt und gegen seine
vorhabende Heirat Einspruch tut Das Frauenzimmer hatte sich in eigener Person
mit ihrer Bittschrift hieher bemüht und war die stille Lisette die einmal
Herrmannen in seiner Spielerperiode vor einer Untreue bewahrte Arnold
unterhielt damals Adolfinen ihre verbuhlte Schwester verließ sie worauf das
Mädchen in eine Krankheit verfiel in welcher Herrmann ihrem Mangel mit einer
kleinen Wohltat zu Hilfe kam als dieser Leipzig verlassen hatte trieben
Arnolden die Vorwürfe seiner Freunde wieder zu seiner alten Geliebten hin sein
Geschmack für sie wollte sich nicht wiederfinden er verliebte sich in Lisetten
tat ihr Anträge die sie unter der nämlichen Bedingung eingehn wollte die sie
Herrmannen vorlegte der verliebte Arnold verstund sich ohne Bedenken zu einem
Heiratsversprechen sie wechselten Ringe und zeugten zusammen ein wohlgebildetes
Knäblein Sie kam in der Stille auf dem Lande nieder nahm das Kind der Folge
als eine angebliche Waise zu sich er unterhielt Mutter und Kind so gut er
konnte die ganze Zeit über die er in seiner itzigen Stelle zubrachte
wechselten sie Briefe miteinander ohne dass die listige Dormerin etwas davon
gewahr wurde und weil er Lisetten auf die sechs letzten Briefe zu antworten
unterließ befand sie für gut ihm den siebenten selbst einzuhändigen Der Sohn
zeugte wider den Vater der Vater konnte sich weder ihm noch der Mutter
verleugnen Arnold bekannte schob alle Schuld seiner zweiten Verbindung auf
Madam Dormers Verführungen gab ihr den Abschied und heiratete Lisetten Die
Fürstin und alle seine Feinde wollten diesen Zufall nützen ihn aus der Gnade
des Fürsten oder gar aus seinem Platze zu verdrängen aber Herrmann vertrat ihn
mit allen Kräften bei dem Fürsten aus alter Freundschaft für Lisetten
Diese Heiratsgeschichte so unbeträchtlich sie an sich ist hatte den
beträchtlichsten Einfluss auf die vornehmsten Personen des Hofes Die Fürstin
wurde der Dormerin wieder gewogen weil sie nicht die Frau eines Mannes geworden
war den sie nunmehr doppelt hasste durch seine Fürsprache für Arnolden ward
Herrmann der Fürstin und der Dormerin unversöhnlich verhasst diese erbitterte
Frau trat völlig zur Partei der Fürstin um sich durch sie an Arnolden
empfindlich zu rächen dabei hatte sie noch einen Nebenzweck sie wünschte schon
lange eine größere Rolle am Hofe zu spielen und war unzufrieden dass ihr Einfluss
auf den Fürsten nur heimlich durch die dritte Person geschehen musste schon
längst sehr gering gewesen war und itzo ganz aufhörte Ihre Mühe dem Fürsten
Liebe beizubringen konnte vor der unermüdlichen Aufmerksamkeit seiner Gemahlin
nichts fruchten auch verlor sich sein Geschmack für sie sehr bald Itzt da sie
die Fürstin wieder gewonnen hatte und mit ihr gemeinschaftliche Sache wider
Arnolden machte glaubte sie in ihrer Operation auf den Fürsten desto kühner
fortschreiten zu können weil ihr Arnolds Erniedrigung zum Deckmantel diente
sonach sollte die Fürstin aus Feindschaft gegen Arnolden sie bei dem Fürsten in
Gunst setzen und ihr die Absicht selbst erleichtern die ihre Eifersucht so
gewaltig zu hindern suchte Der Plan war so fein eingefädelt dass er unmöglich
gelingen konnte
Gleich der erste Schritt den ihre Rache tat ging ihr fehl Die Fürstin war
zwar zur Erreichung ihrer Absichten so gefällig dass sie in die Zudringlichkeit
ihrer Alliierten zu dem Fürsten keinen Verdacht setzte sondern sie eher
begünstigte die Dormerin nahm sich also vor bei der ersten Gelegenheit wo sie
den Fürsten irgendwo allein finden werde ihm Arnolds vormalige Verbindung mit
dem abgesetzten Präsidenten in dem nachteiligsten Lichte vorzustellen und hatte
schon mit der Fürstin Verabredung genommen wie sie ihr eine solche Gelegenheit
verschaffen sollte Arnold kannte zwar die Nähe der Gefahr nicht aber er hielt
es überhaupt für sicher sich beizeiten in Positur wider eine Frau zu setzen
deren Intriguensucht und Rachbegierde er auswendig wusste und nahm deswegen von
dem Augenblicke an wo seine Heirat ihre Freundschaft trennte den Fürsten so
stark wider sie ein dass er ihr aus dem Wege ging und sie weder sehen noch hören
wollte welches sehr leicht zu bewerkstelligen war da er sie schon lange wegen
ihrer Zudringlichkeit nicht sonderlich leiden konnte Demungeachtet drang sie
mit Beihilfe der Fürstin bis zu ihm durch aber er hörte ihr Anbringen nicht
sondern drehte ihr den Rücken zu und ließ sie stehen die Frau wollte vor Wut
zerspringen Arnold erhielt Nachricht von dem verunglückten Versuche mutmasste
dass sie seine ehmalige Vertraulichkeit missbrauchen wollte ihn anzuschwärzen
und arbeitete seitdem sie ganz vom Hofe zu entfernen Allein für sich glaubte
er dies bei der verminderten Gunst des Fürsten nicht zu vermögen und wandte
sich an Herrmannen er stellte ihm ihre beiderseitige Gefahr so lebhaft vor dass
Herrmann wirklich sich ein Verdienst um den Hof zu erwerben glaubte wenn er zu
ihrer Entfernung beitrüge seine eigne Sicherheit ungerechnet Es tat ihm zwar
weh ihrer vormaligen Verbindlichkeiten zu vergessen allein was half es Die
Partie der Fürstin schien ihm durch den Beitritt einer so verschmitzten Frau zu
gefährlich geworden zu sein und er trug daher was er schon oft getan hatte
bei dem Fürsten auf die Einziehung aller überflüssigen Bedienungen an der Fürst
billigte den ökonomischen Vorschlag und zeichnete Madam Dormer eigenhändig oben
an Sie bekam ihre Entlassung und eine Pension auf ein Jahr mit der Bedingung
sich unterdessen nach einer andern Versorgung umzutun Die Fürstin nahm sie
Herrmannen zum Trotz unter ihren Hofstaat auf und legte dadurch den Grund zu der
folgenden Uneinigkeit mit ihrem Gemahle
Die Dormerin sprühte Feuer und Flamme wider den Fürsten wider Hermannen
wider Arnolden wider Herrmanns sämtliche Partie und hätte sie insgesamt mit
ihren Händen würgen mögen Das Misslingen ihrer Absichten machte sie allemal
tückisch und boshaft wie sie schon in Berlin bewies sie bewies es auch jetzt
Sie wusste sich durch nichts an dem Fürsten zu rächen als dass sie die Eifersucht
seiner Gemahlin wider ihn erregte sie fachte eine Leidenschaft wozu die Dame
ohnehin sehr geneigt war durch Erdichtungen falsche Auslegungen und alle
Künste ihrer höllischen Beredsamkeit so außerordentlich bei ihr an dass sie aus
allen Blicken Reden und Handlungen ihres Gemahls Argwohn schöpfte es kam zu
empfindlichen Sticheleien und endlich gar zu beleidigenden Verweisen Der Fürst
hielt mit männlicher Geduld an sich und foderte bloß von ihr die Dormerin vom
Hofe zu schaffen sie weigerte sich mit Heftigkeit und der Bruch war geschehen
ihr Gemahl gab ihr ohne weiter etwas Unangenehmes zu sagen acht Tage
Bedenkzeit und da nach dem Verlaufe derselben sein Befehl nicht befolgt wurde
lebte er abgesondert von ihr und nahm sich vor seine Absonderung so lange
fortzusetzen bis sein Befehl erfüllt würde
Dies nennte die Dormerin gelungne Rache für die Verschmähung ihrer Reize
und sie spornte nunmehr die Fürstin an die Waffen gegen Herrmannen zu kehren
Dies Projekt war schon ungleich schwerer aber welche Mittel wusste die Frau
nicht zu finden Sie riet zu einem Bündnisse mit Arnolden verschluckte allen
Groll und suchte seine Freundschaft Sie drang sich bei seiner Frau ein und
gewann die gute stille Lisette mit ihrem Geschwätze so sehr dass sie
unwiderstehlich ihre Herzensfreundin wurde sie wiederholte ihre Besuche bei ihr
täglich brachte ihr Grüße Gnadenversicherungen und Geschenke von der Fürstin
und versprach ihr Zutritt bei dieser Dame zu verschaffen Lisette wurde von
ihrem Manne gewarnt und ihr das Verbot gegeben die Frau nicht wieder ins Haus
zu lassen das gute Weibchen war eitel und begierig nach einer Gnade die sie
noch nie gekostet hatte ließ trotz des Verbotes die Dormerin doch herein und
eines Nachmittags ließ sie sich durch vieles Zureden überwinden und begleitete
sie zur Fürstin Der Mann erfuhr nichts davon aber das Weibchen war von den
Gnadenbezeugungen so gestopft voll dass sie sich schlechterdings ihrer entladen
musste mit der freudigsten Begeisterung erzählte sie ihm des Abends die
gnädigste Bewillkommung und die gnädigste Herablassung die Herrlichkeiten die
man ihr gezeigt und die Geschenke die man ihr gemacht hatte Arnold erriet
dass man ihn gewinnen wollte ob er gleich den Zweck nicht absehn konnte freute
sich seiner Wichtigkeit und gab seiner Frau kein so geschärftes Verbot mehr um
zu erfahren wo das hinauslaufen sollte er bildete sich gar ein dass ihm die
hohe Ehre eines Friedensstifters zwischen Fürsten und Fürstin zugedacht sei
Lisette wurde zu mehr gnädigen Bewillkommungen abgeholt und kam jedesmal
entzückter und reicher mit Geschenken zurück ihr Mann verstund die Kunst Geld
zu vertun und war also nicht unzufrieden dass sich ihm hier eine neue Quelle
öffnete Seine Frau söhnte die Dormerin mit ihm aus und diese überredete ihn
dass die Fürstin ihn zur Mittelsperson zwischen sich und dem Fürsten erwählt
habe der eingebildete Narr stolz über diesen erdichteten Auftrag glaubte noch
der vorige Günstling zu sein der mit einem Spasse den Willen seines Herrn
regieren könnte und wagte wirklich einen Versuch den der Fürst sehr ungnädig
aufnahm Der abgewiesene Friedensstifter machte zwar um den Zufluss von der
Fürstin im Gange zu erhalten der Dormerin große Wunder weis die er bei seinem
Herrn ausgerichtet habe und verstund sich sogar zu der Unternehmung Herrmanns
Kredit zu schwächen er brachte ihr täglich günstige Nachrichten wieviel weiter
er darin gekommen sei ob er gleich nicht wagen durfte nur ein nachteiliges
Wort wider Herrmannen bei dem Fürsten zu schnauben Die Fürstin bildete sich
gleichwohl ein dass ihr Einfluss durch diesen Kanal sehr groß sei und bedachte
nicht dass die Wirkung einen weiten Umweg nahm und folglich ungemein viel von
ihrer Kraft verlieren musste sie wirkte auf die Dormerin die Dormerin auf
Arnolds Frau Arnolds Frau auf ihren Mann und ihr Mann auf den Fürsten das Ziel
war so weit dass die Kugel matt vor ihm niederfiel und nicht einmal anprallte
Zu Arnolds Unglücke erfuhr der Fürst seine neuerrichtete Freundschaft zu Madam
Dormer und die Geschenke die seine Frau von der Fürstin bekam er argwohnte ein
Komplott und ließ den gewesenen Günstling gar nicht mehr um sich sein
Unglückliche Dormerin alles soll dir misslingen Sonst wäre der Frau diese
völlige Entziehung der Gunst eine Freude gewesen und war es auch wohl im Grunde
noch aber nur zur Hälfte denn mit ihrem Verluste vereitelte sich auch der Plan
wider Herrmannen Ihn ganz aufzugeben war ihrer Rache unmöglich da sie auf
einer Seite zurückgetrieben war wollte sie auf einer andern den Angriff tun
wenn sie ihn nicht um seinen Kredit bei dem Fürsten bringen konnte so sollte er
Ulriken verlieren sie machte Anstalten zur Entzweiung
Die arme Ulrike saß wie ein eingesperrtes Schäfchen zwischen Wölfen die sie
zerreißen wollen und hielt sich so still als möglich um nicht unter sie zu
geraten und im Gedränge zerdrückt zu werden Sie empfing von der Fürstin seit
der letzten Fürbitte für Herrmannen wenig freundliche Blicke und desto mehr
saure bat um ihren Abschied und erhielt ihn nicht weil die Fürstin und
besonders Madam Dormer besorgten dass alsdann ihre Heirat mit Herrmannen
zustande kommen würde Herrmann dachte täglich daran sie zu befreien allein
weil sie zum Hofstaate der Fürstin gehörte und also zu ihrer Partei gerechnet
wurde wagte er es bei den vorwaltenden Misshelligkeiten nicht einen so
delikaten Fleck bei dem Fürsten zu berühren und sich die Hofdame seiner Gemahlin
zur Frau von ihm auszubitten er hoffte auf eine Wiedervereinigung der beiden
fürstlichen Personen die ihm auch nicht schwer schien sobald man das
Unglücksweib die Dormerin vertreiben könnte Das war freilich wohl klug
gedacht aber er konnte sich seine ganze Klugheit sparen wenn er über seinem
großen Enthusiasmus für die Geschäfte sich etwas mehr um die geheime
Hofgeschichte bekümmerte die fast jedermann im Lande eher wusste als er
Der Fürst hatte allmählich seine misstrauische Laune verloren völliges
Zutrauen zu Herrmanns Treue gefasst und folglich seine Aufmerksamkeit auf die
Angelegenheiten sehr vermindert keine von seinen vorigen Liebhabereien wollte
ihm mehr schmecken auch für die Jagd war sein Geschmack sehr schlaff er hatte
keinen Günstling dem er traute der ihm Zeitvertreib und Neigungen mitteilte
war übel aufgeräumt über die Misshelligkeit mit seiner Gemahlin und hatte also
viel Verdruss und viel Langeweile auf sich liegen Eine so traurige Lage suchte
er sich durch die Liebe zu mildern Ulrike hatte seit ihrer ersten Erscheinung
am Hofe geheimen Anteil an seinem Herze gehabt und in dem Augenblicke als sie
im Vorzimmer weinend und kniend für Herrmannen bat ihm wirkliche Liebe
eingeflößt um die Eifersucht seiner Gemahlin nicht zu kränken tat er sich den
möglichsten Zwang an seine Liebe nicht in verdächtige Vertraulichkeiten
ausbrechen zu lassen jetzt hatte ihn die Fürstin beleidigt er war von ihr
abgesondert frei und aus Rache nicht ungeneigt sie durch eine neue Liebe für
ihre Hartnäckigkeit zu strafen Er suchte daher Gelegenheiten mit Ulriken
zusammenzutreffen wo er sie fand sprach er ohne Scheu im Tone vertraulicher
Zärtlichkeit mit ihr und spielte sehr häufig auf eine Verbindung an wie sie
Fürsten mit Personen geringeren Standes eingehen können um ihre Denkungsart über
diesen Punkt zu erforschen Zum Teil verstund sie diese Anspielungen nicht zum
Teil wich sie ihnen mit ihrer Antwort aus weil sie in keiner Gunst mehr bei der
Fürstin stund hatte sie mehr Freiheit herumzugehen und öfterer in solche
Gespräche mit dem Fürsten zu geraten sie hat auch in der Folge offenherzig
gestanden dass sie die Gelegenheiten dazu suchte aber in der unschuldigen
Absicht sich durch seine Unterhaltung von der Langeweile zu erholen die sie
wie ein Alpengebirge drückte eine Absicht die man ihr um so weniger verdenken
darf da der Fürst die einzige Mannsperson am Hofe war deren Unterhaltung ihr
gefallen konnte Die Fürstin und Madam Dormer übersahn Ulriken und ihre
Unterredungen mit dem Fürsten über der hitzigen Verfolgung ihres Plans wider
Herrmannen auf einmal verbreitet sich das Gerücht am Hofe dass Ulrike des
Fürsten heimliche Mätresse sei und morgen oder übermorgen öffentlich in dieser
Qualität erscheinen werde der eine hatte ihr einen Kuss geben sehen der andre
wollte sie von seinen Armen umschlungen der dritte in andern vertraulichen
Stellungen erblickt haben jedermann masste sich die Ehre an mit dieser geheimen
Liebesgeschichte schon längst wie mit seiner eignen bekannt gewesen zu sein und
alle wollten sie verheimlicht haben weil man nicht gern von solchen Sachen
spräche wie ein jeder mit weisem Achselzucken zur Ursache seines tiefen
Stillschweigens angab und doch war die ganze Geschichte nichts als ein Kuss den
ein Küchenjunge den Fürsten Ulriken hatte geben sehen Wie schwollen die
Nasenlöcher der Madam Dormer empor als dies Gerücht zu ihren Ohren gelangte
Der Zorn blies ihre Backen auf die Augen traten wie ein Paar Flammen hervor
sie knirschte sie schnaubte vor Wut dass ein solches Mädchen wie sie Ulriken
bei sich nannte ein Glück erlangen sollte nach welchem sie so lange so eifrig
und so vergeblich gestrebt hatte die Eifersucht fuhr wie schneidende
Messerschnitte durch ihr Herz sie nahm sich nicht Zeit zur Erholung von ihrem
Zorne sondern flog mit diesem gorgonischen Gesichte geradesweges zur Fürstin
um ihr die verhasste Entdeckung mitzuteilen Die Heftigkeit ihres Ausbruchs und
ihrer Gebärden das glühende Feuer auf ihrem Gesichte und die Sache selbst
steckte die Fürstin mit gleichem Feuer an die Dormerin vergaß Überlegung und
Klugheit und erzählte um ihrer Nebenbuhlerin recht zu schaden ihren ganzen
Liebeshandel mit Herrmannen ihre Niederkunft und war von der Rachsucht so sehr
geblendet dass sie sogar den geheimen Briefwechsel nicht ausliess den die beiden
Verliebten durch sie bei ihrem Hiersein geführt hatten Ulrike musste auf Befehl
der Fürstin erscheinen und wie ein zitterndes Reh von zween Jägern mit
angelegtem Gewehr geängstigt wurde sie mit Fragen und Drohungen so gewaltig
gequält dass sie alle ihre Vergehungen bekannte die Dormerin stund vor ihr
fragte Artikel für Artikel ihre ganze Geschichte durch und wenn sie zauderte
ja zu sagen rief ihr die Fürstin drohend zu »Willst du gestehen« sie weinte
und gestand
Sobald sie den Hauptpunkt ihre Niederkunft nach langem Weigern und Weinen
bekannt hatte denn man drohte ihr mit gerichtlicher Untersuchung wenn sie
nicht hier gestünde nach diesem von Furcht und Angst ausgepressten Ja wurde
sogleich ihr Urteil gesprochen die Fürstin befahl ihr mit der fürchterlichsten
Ungnade den Augenblick das Schloss zu verlassen wenn sie nicht in der folgenden
Minute von der Wache weggeführt sein wollte »Und die gottlose Kupplerin
dazu« sprach sie zur Anklägerin Nun besann sich die sonst so kluge Frau dass
sie in der Hitze einen dummen Streich begangen und sich selbst verraten hatte
Sie suchte den Vorschub den sie den beiden Verliebten durch Besorgung des
Postwesens getan hatte zu beschönigen aber es half nichts sie musste
augenblicklich aus dem Zimmer
Ulrike ohne in der Bestürzung zu bedenken dass es nicht von der Fürstin
abhing sie mit der Wache fortführen zu lassen eilte von Furcht gejagt als
wenn sie Grenadiers mit aufgepflanzten Bajonetten verfolgten aus dem Schloss
und der Schrecken führte sie blindlings in die Arme der Liebe in Herrmanns
Wohnung »Herrmann« rief sie mit zitternder Stimme indem sie in die Stube
hereintrat »hier kommt dein verfolgtes Täubchen nimm es auf nimm es auf in
den Schutz der Liebe« Herrmann saß von Berichten Verordnungen und
Rechnungen umschanzt und hatte ebensoviel Mühe sich aus seinen Papieren als
aus seinen kameralischen Gedanken herauszufinden die Stimme tönte ihm
dazwischen wie das ferne Girren einer Turteltaube in einer dürren Sandwüste er
sprang auf schleuderte Rechnungen Pachtbriefe und Berichte von sich hinweg
stand da und staunte »Ulrike in der Dämmerung zu mir so allein bist du
es« rief er starrend vor Verwunderung
Ulrike Freilich bin ichs Das verabschiedete weggejagte verfolgte
Mädchen Von Bosheit und Schadenfreude vertrieben Unsre ganze Schande ist
entdeckt ich selbst habe sie durch mein Geständnis offenbaren müssen
Herrmann Entdeckt durch wen
Ulrike Durch das Weib das allein einer solchen Bosheit fähig ist
Herrmann Durch die Dormerin Ha die Verwegne soll dafür büßen schwer
büßen Schmach und Strafe soll die Verbrecherin treffen Bleib hier beruhige
dich ich will zum Fürsten eilen und er muss sie strafen oder ich will meine
Treue gegen ihn verfluchen Bleib den Kopf muss man der Natter zertreten wenn
sie nicht schaden soll ich will keine Sonne in diesem Lande wieder aufgehen
sehen wenn das Ungeheuer nicht gezüchtigt wird Aber wie hat sie ihre Bosheit
verübt hurtig Ulrike hurtig erzähle
Sie berichtete ihm eilfertig den Auftritt in der Fürstin Zimmer wie man sie
zum Geständnisse zwang und kaum hatte sie das Notwendigste gesagt so machte er
sich auf den Weg »Der Donnerkeil ward von höheren Händen für meinen Scheitel
geschmiedet« sprach er im Gehen »mich soll er durch dich treffen aber er soll
abprallen unschädlich abprallen Sei mutig Ulrike und hoffe auf die
Gerechtigkeit des Fürsten«
Aus den Misshelligkeiten der regierenden Personen suchen bekanntermassen immer
die Geringern ihren Vorteil zu ziehen und es kam gleich einer von solchen
dienstfertigen Aufpassern sobald Ulrike aus dem Schloss geflüchtet war und
meldete dem Fürsten ihre Entfliehung doch ohne die Ursache derselben angeben zu
können Die Liebe beunruhigte ihn sogleich mit mancherlei Besorgnissen mit
Mutmaßungen dass seine Gemahlin etwas von seiner Absicht auf Ulriken erraten
erfahren und sie deswegen gemisshandelt habe er glühte vor Unwillen und Unruhe
und sandte gleich zu dem Obersten Holzwerder um zu erfahren ob sie zu ihm
geflüchtet wäre der Oberste begegnete dem Boten unterwegs in voller Eile zur
Fürstin die ihn hatte rufen lassen und hörte jetzt das erste Wort von Ulrikens
Flucht »Ist sie nicht da« fragte der Fürst ängstlich sann und befahl dem
nämlichen Boten sogleich mit allen seinen Kräften zu Herrmannen zu laufen Der
Laufer rennte dass er sich die Beine hätte zerbrechen mögen in großen Sprüngen
und schoss am Eingange des Schlosses vor Herrmannen vorbei der mit scharfen
Schritten zu dem Fürsten wanderte und schon angelangt war als der Laufer mit
der Nachricht zurückkam dass Herrmann nicht zu Hause sei »Ist sie bei Ihnen«
fragte der Fürst hastig als Herrmann ins Zimmer trat und war so begierig
Ursache und Umstände zu erfahren dass er vor vielen Fragen die Erzählung lange
nicht in gehörigen Gang kommen ließ Herrmann trug alles vor was er aus
Ulrikens Munde gehört hatte setzte das Geständnis ihrer beiderseitigen
Vergehung und ihrer so lang ausgedauerten Liebe hinzu und schloss mit diesen
Worten »Den Händen eines gerechten Richters habe ich mein Geheimnis und meine
Liebe anvertraut er mag richten Ihrer Durchlaucht Urteil ist ein Spruch über
mein Leben«
Nach einer tiefsinnigen Pause sprach der Fürst seufzend »Wenn es so ist so
müsst ihr euch heiraten« Kaum hatte er es ausgesprochen so ließ der Oberste
Holzwerder inständigst um Gehör bitten er wurde vorgelassen und ersetzte noch
einige Umstände die in Herrmanns Erzählung gefehlt hatten berichtete
untertänigst dass ihm die Fürstin auf das schärfste bei ihrer Ungnade anbefohlen
habe die Verheiratung zwischen Ulriken und Herrmannen nicht zuzulassen und bat
ebenso untertänigst und flehentlichst dass ihn der Fürst in der Erfüllung dieses
Befehls unterstützen möchte Der Fürst beleidigt durch das Verbot seiner
Gemahlin und durch ihr ganzes Verfahren wider eine Person die einen so großen
Teil seiner Liebe besaß voll Begierde seiner Gemahlin nicht die Oberhand zu
lassen fuhr zornig heraus »Sie sollen sich heiraten ich will es« Der
Oberste wagte noch einige Vorstellungen aber der Fürst unterbrach ihn mit
verachtendem Tone »Der Fürst befiehlt dass sie sich heiraten sollen und der
Oberste Holzwerder soll das Weib die Dormerin mit Wache aus dem Schloss
schaffen wenn sie sich nicht freiwillig dazu entschließt und gleich itzo
bitte ich mir aus« Der Oberste kroch mit einem untertänigst erschrocknen
Bücklinge zum Zimmer hinaus um den gegebnen Befehl zu vollstrecken
Der Fürst war so aufgebracht wider seine Gemahlin ob er gleich kein
beleidigendes Wort wider sie sagte dass er hastig etlichemal das Zimmer auf und
nieder ging und sann wie er sie empfindlich genug strafen sollte er glaubte
seinem Ansehen Eintrag zu tun wenn er nicht das Gegenteil ihres Verbotes
durchsetzte und befahl den Geistlichen zu holen der auf der Stelle die
Trauung vollziehen sollte »Ich will Herr in meinem Schloss sein« sprach er
zu Herrmannen der im Vorzimmer wartete »wenn ihr getraut seid sollt ihr bei
mir das Brautessen halten«
Herrmann war nicht lange zurück um Ulriken die fröhliche Botschaft zu
bringen als schon der fürstliche Wagen vor der Türe anhielt der sie zur
Trauung abholte und wie sie durchs Schlosstor fuhren schlich Madam Dormer
tiefgebeugt mit verhülltem Gesicht an der Wand hin und wich den Pferden und
der Demütigung aus von Personen erblickt zu werden die ihren festlichen Einzug
hielten wo sie mit Schimpf vertrieben war Sie konnte das Gerede des Publikums
nicht ertragen sondern begab sich noch den nämlichen Abend aus der Stadt
voller Schmerz und Gram dass sie sich selbst in der Schlinge fing die sie für
andre knüpfte und das Glück einer Nebenbuhlerin dadurch beförderte wodurch sie
es umstürzen wollte Vignali Vignali wo war deine List
Nach der Trauung die sich später verschob als der Fürst wollte wurden die
beiden Brautleute zur Tafel abgeholt wozu auch der Oberste Holzwerder
eingeladen war teils als ein Anverwandter der Braut teils weil ihn der Fürst
in der Hitze ein wenig zu hart angelassen zu haben glaubte und ihm durch diese
Einladung die Furcht vor Ungnade benehmen wollte Das Hochzeitsmahl ging sehr
still und wenig aufgeräumt vorbei der Fürst war vom Zorne über das Verfahren
seiner Gemahlin noch unruhig und ob er gleich von Zeit zu Zeit die Wolken von
der Stirn vertreiben wollte so gelang es ihm doch nur auf kurze Augenblicke
vornehmlich da sich die Liebe in seinem Herze hervordrängte und ihn neidisch
machte dass ein andrer besitzen sollte was er selbst so zärtlich liebte dabei
stellten sich auch unangenehme Betrachtungen über seine eigne misshellige Ehe
ein er saß melancholisch da warf zuweilen einen Blick auf Ulriken seufzte
sprach ein paar abgebrochne Worte einen gezwungen munteren Scherz und bei jeder
Rede kam er darauf zurück dass er den Bräutigam glücklich pries er tat dies
jedesmal mit einem Tone der Herrmannen schon an seinem Hochzeitstage hätte
eifersüchtig machen können Die beiden Neuvermählten waren von der Freude wie
vor den Kopf geschlagen sie besannen sich kaum vor Überraschung ihres Glücks
in sich gekehrt saßen sie da und hatten vor zerstreuender Wonne so wenig
Vermögen viel zu sprechen als der Fürst vor Traurigkeit Der Oberste tat sich
zwar gütlich in Essen und Trinken und genoss also das Hochzeitsessen besser als
die übrigen denen es nicht sonderlich schmeckte aber er war noch scheu gegen
den Fürsten besorgte dass der Unwille wider ihn noch nicht völlig verdampft
sein möchte und sprach daher nicht anders als gefragt und mit der möglichst
demütigen Ehrfurcht
Nach aufgehobner Tafel sprach der Fürst zu Herrmannen »Wir wollen tauschen
Sie sollen heute Fürst sein« »Nein« antwortete Herrmann »ich will lieber
auch heute der Diener eines guten Fürsten bleiben« »So mag ich dann der
Fürst und Sie der Glückliche sein« sagte der Fürst mit einem tiefen Seufzer
und gab ihnen gute Nacht
Als sie in dem Zimmer anlangten das zu ihrem Brautgemache bestimmt war
wurde ihre Freude beredter Ulrike wollte immer nicht glauben dass sie getraut
wären »Nein« sprach sie indem sie Herrmann auf dem Schoße wiegte »es ist ein
Phantom ein Traum der mir durchs Gehirn schleicht ich bin auf die heutigen
Misshandlungen krank geworden und phantasiere hast du auch die Fiebereinbildung
dass ich nun endlich dein bin«
Herrmann Und meine Einbildung ist so überzeugend gewiss wie mein Dasein
Mein bist du endlich So schnell vom Winde in meine Arme geworfen als er dich
oft von mir trieb Haben wir wirklich mit der Liebe so wenig hausgehalten wie
du einmal besorgtest dass unser künftiges Leben öde und langweilig sein wird
Oder fühlst du dass sich in Herzen wie die unsrigen die Liebe nie erschöpft
Ulrike Ich fühl es dass ich mich an meinem eignen Herze versündigt habe Es
schlägt noch so frisch und fröhlich bei deinem Kusse als unter dem Baume im
Garten des Grafen da du an meinem Busen Trost suchtest
Herrmann Und meine Seele ist wie ich merke durch Zahlen Berichte und
Verordnungen sowenig zur Liebe verstimmt als da ich dich im Plauenschen Grunde
nach einer halbjährigen Trennung in meine Arme schloss deine Umarmung
durchdringt mich mit dem nämlichen süßen Schauer wie damals als wenn es die
erste wäre mein Puls hüpft so übereilt wie damals O wie hast du dich durch
deine Besorgnis an der Liebe versündigt
Ulrike Schwer versündigt Denn was sind alle die verliebten Abende die wir
auf dem Lande zubrachten gegen diesen Abend des Glücks Dort irrten wir unter
Schatten unter erträumten Glückseligkeiten herum und immer stand die Not an
der Tür und wollte herein und sie rächte sich hart dass wir nicht eher
aufmerksam auf sie wurden Itzt halten wir wahres festes Glück in unsern
Händen es wohnt in unsern Herzen es lebt in allen unsern Gedanken und Sinnen
Fühlst du nicht den Unterschied Es ist mir als wenn ich jetzt erst lebte als
wenn ich vorher alles was ich empfand und dachte und tat nur so dunkel wie im
Traume gesehen hätte so hell so wahr so anschauend hab ich noch nie die
Gegenwart empfunden wie jetzt und doch dacht ich die Liebe wär erschöpft O wie
schwer hab ich mich an der Liebe versündigt
Herrmann Und versündigst dich noch jetzt Warum übergehst du eine
glückselige Szene unsers Lebens ob sie gleich tausendfache Leiden über uns
verbreitete Ulrike wo werden unsre Entzückungen seliger sein hier oder in
der du senkst den Blick soll ich sie21 nicht nennen die Zeugin unsrer
Schwachheit Aber wie so ganz anders sind itzo unsre Empfindungen als damals
Du zitterst nicht vor Furcht die Knie sinken dir nicht Angstschweiß strömt dir
nicht über die Wangen wie damals
Ulrike Und deine Augen rollen nicht so fürchterlich so flammend wild wie
damals Ach des schrecklichen Abends wenn ich noch an die grausende Miene
gedenke die damals aus deinem Gesichte hervorstarrte voll so gieriger
Leidenschaft als wenn du mir mit jeder Bewegung die Kehle zudrücken wolltest
und die Angst dabei die in mir kochte wie mich immer eine Empfindung von dir
hinwegscheuchte und die folgende zu dir hindrängte ich bebe noch vor der
Vorstellung eines so quälenden Kampfes Wie ist itzo deine Miene so heiter
dein Blick ein sanftleuchtendes Licht der Druck deiner Hand so leise zitternd
der Ton deiner Stimme wie eine dahingeleitende Musik o wie ganz anders alles
als damals Die Freude lacht aus jedem Zuge deines Gesichts
Herrmann Wie sollte sie nicht da ich den Himmel in meinen Armen halte
Laut möcht ich triumphieren dass ich ihn endlich durch lange Anfechtung errang
Und dies ist nur der Anfang unserer Seligkeit wenn die glückliche Mutter einst
solche Zweige um sich herum aufsprossen und zu großen früchtevollen Bäumen
erwachsen sieht die den Menschen Schutz und Schatten geben solche Zweige wie
schon einer verwelkt auf dem ländlichen Kirchhofe liegt ist es dann nicht der
Mühe wert sich geliebt sich mit beharrlicher Treue geliebt zu haben wie wir
O Liebe wärst du nicht in der Natur wo nähmen die Sterblichen ihre Freuden
her
Sie verstummten zärtlich umarmt Hymen schwang die Freudenfahne über das
seidene Hochzeitlager und allgemeine Stille feierte die glückliche Brautnacht
Viertes Kapitel
Fast das ganze Publikum der Stadt nahm an dem Glücke eines Mannes lebhaften
Anteil dessen Verdienste seit dem Falle des Präsidenten ziemlich von jedermann
anerkannt wurden einige Unzufriedne ausgenommen die kein ander Vergnügen
wissen als das Gute zu verkleinern das sie nicht tun können Der Oberste
Holzwerder wagte von Zeit zu Zeit eine Vorstellung an den Fürsten wie sehr
besonders das hochgräfliche Haus ihm zur Last legen werde dass er eine so
ungleiche Verbindung nicht gehindert habe der Fürst der ewigen Vorstellungen
müde bot zum Ersatze des Unrechts dass er Ulrikens Familie durch die
Beförderung ihrer Heirat zugefügt haben sollte Herrmannen den Adel an Herrmann
antwortete »Wenn Eu Durchl meine Dienste in einem höheren Stande angenehmer
sind so nehme ich das Geschenk mit Freude und Dank an wo nicht so verlange
ich keinen Vorzug der weder mein Verdienst noch Ihre Gnade vergrößert«
»Bravo« sagte der Fürst und klopfte ihm auf die Schulter »Ich schätze den Mann
von Verdienst der Stand gilt mir gleich es mag bleiben wie es ist« Der
Oberste da er sah dass es nicht zu ändern stund gewöhnte sich allmählich an
die Anverwandtschaft lebte beständig in freundschaftlichem Vernehmen mit den
beiden Eheleuten Ulrike half ihm zuweilen Schlachten und Wälder und Städte aus
Dendriten hervorpolieren auch Herrmann wurde zum Ehrenmitglied in seiner
Akademie aufgenommen und verplauderte mit dem Alten manche lustige Stunde über
der Erklärung eines neupolierten Dendriten
Herrmann hielt es für seine Pflicht Verachtung nicht mit Verachtung zu
vergelten und schrieb an Grafen und Gräfin Ohlau ohne nur mit einem
Seitenblicke mit einem Worte für die beleidigenden Schimpfnamen und
verächtlichen Begegnungen sich zu rächen die er von ihnen zu einer Zeit
ausstehn musste wo es freilich zu verwegen von ihm war nach Ulrikens Besitze zu
streben dankte er beiden im Tone der wahren Politesse ohne weggeworfne
Ehrfurcht und ohne stolze Vertraulichkeit dass sie ihn durch die Sorge für seine
Erziehung würdig gemacht hätten eine Anverwandtin von ihnen zu besitzen Ulrike
tat das nämliche selbst der Fürst hatte soviel Herablassung und ließ an den
Grafen schreiben um ihn über die Heirat zu beruhigen und zu bezeugen dass sie
mit seiner Genehmigung und Zufriedenheit geschehen sei Der Graf antwortete dem
Fürsten in einem schlecht ortographierten Handschreiben weil er in den itzigen
geldbedürftigen Zeiten sein eigener Sekretär sein musste und seine vormalige
sogenannte Kanzelei mit dem Verkaufe der Herrschaft an einen andern Herrn
gekommen war er dankte dem Fürsten in hochfahrendem Tone für sein Schreiben und
die Gnade die er gegen seine Schwestertochter zu haben schien der ganze Brief
bestund aus drei Zeilen und berührte den Punkt worauf es ankam nicht mit einem
Worte Der Fürst als er ihn gelesen hatte warf ihn lächelnd unter den Tisch
Weder Herrmann noch Ulrike erhielten Antwort von ihm die Gräfin schrieb
zwar nach einiger Zeit an die letztere aber kurz und mit der kältesten
Höflichkeit sie freute sich über ihre Gesundheit dankte für ihren Brief und
versicherte dass sie ihre wohlaffektionierte Tante sei Herrmanns und seiner
Verbindung wurde nicht mit einer Silbe gedacht aber man sah deutlich dass sie
den Brief unter der Aufsicht ihres Gemahl geschrieben hatte denn auf der andern
Seite stand flüchtig hingeworfen Grüße Deinen Mann und sei glücklicher als
ich Vermutlich mochte sie diese Worte heimlich bei dem Zumachen des Briefs
hinzugesetzt haben denn sie waren äußerst unleserlich Auch für diese
Verachtung rächte sich Herrmann nicht sondern gab zu der Kollekte die die
Familie jährlich für den Unterhalt des Grafen machte einen der stärksten
Beiträge ohne seinen Namen zu unterzeichnen Der Oberste selbst der ihn bei
näherer Bekanntschaft ungemein schätzte tadelte ihn wegen dieser Großmut und
sagte in seiner kernhaften Sprache »Setzen Sie dem stolzen Bettler Ihren Namen
unter die Nase hin dass er daran riecht wen er verachtet Sacrepapier Wenn
wir ihm nichts geben muss er ja schnurren gehen oder Brandbriefe herumschicken«
Herrmann war niemals dazu zu bewegen »Ich vergebe dem Grafen« sprach er
»dass er in seinem Alter nicht besser denkt als er es in der Jugend lernte Mich
haben meine Schicksale etwas Bessers gelehrt und so will ich denn auch hierinne
diesem Unterrichte nicht untreu werden« Er war der letzte der mit seinem
Beitrage bis zum Tode des Grafen aushielt und der Gräfin eine Pension auswirkte
als alle übrige echte Mitglieder der Familie des Beitragens schon längst
überdrüssig waren
Alle seine übrigen Freunde bekamen nach der Reihe Briefe von ihm und darin
die Nachricht von seiner Verbindung er wollte durchaus aller Beleidigungen
vergessen und sich nur der Verbindlichkeiten erinnern welches vorzüglich sein
Brief an Schwingern bewies Ihre Antworten sollen hier in der Ordnung folgen
wie er sie erhielt
Vom alten Herrmann
F den 15 Dezember
Denkt mir doch Bist nun gar ein großes Tier geworden und hast eine Fräulein
geheiratet Wenns nicht so ein hübsches herzlichgutes Tierchen wäre wie
Baronesse Ulrikchen so spräch ich Sohn Du bist ein rechter Tölpel dass Du
Dich mit einer Fräulein behangen hast nun halt ich in meinem Leben nichts
wieder auf Dich Aber was will ich denn sagen hat sich denn nicht Dein Vater
selbst vom Teufel blenden lassen dass er einen dummen Streich machte wie kann
mans vom Sohne besser verlangen Ach Heinrich Du wirst Dich kreuzigen und
segnen wenn Du hörst wie es Deinem alten Vater gegangen ist
Stelle Dir einmal vor Nille ist Deine Mutter nicht mehr Weil ich so hübsch
versorgt auf Deinem Gütchen war so kam mir die Lust an meine Nille wieder bei
mir zu haben was geschieht ich schreibe an sie nicht lange nachdem Du von uns
gereist warst Wer keine Antwort kriegte war ich Ich kriege den Koller und
schreibe drei vier Briefe endlich kommt ein Wisch von dem Schandkerl dem
Leinweber bei dem ich sie sitzenliess Da hat sie bei dem verdonnerten Leinweber
den Durchbruch22 so gewaltig gekriegt dass sie beide ich mag Dirs gar nicht
sagen Du wirst schon raten Kurz und gut die Vettel lässt mich wie ein
verlaufnes Windspiel in die Zeitungen setzen und auf den Kanzeln ausrufen Hier
in dem Neste kriegt man das ganze Jahr keine Zeitungen zu sehen und ich lese
auch keine denn was gehen mich die Sachen der großen Herren an Aber wenn ich
gewusst hätte dass etwas von meinen Affären drinne stünde so hätt ich doch so
einen Wisch einmal in die Hand genommen Da ich also nichts erfahre und mich
nicht melde so heiratet das Schandmensch feliciter den christlichen Leinweber
O so heirate Du in alle Ewigkeit hinein bis zum Nimmersattkriegen Das schreibt
mir mein Herr Nachfolger Warte dachte ich ich will dich schon bezahlen So
sollst Du mich nicht wieder zum Manne haben und wenn du schön wärst wie ein
Kirchengel Hast du einen andern genommen so nehme ich mir eine andre die
erste die beste aber eine Jungfer muss es sein Ich bin ein alter Kerl aber
eine Witwe ist nicht meine Sache Weil ich nun so recht toll und böse bin und
vor Desperation durchaus wieder heiraten will so sag ich zur Fräulein Hedwig
der Donner und das Wetter wenn nur gleich ein Kobold bei der Hand wäre der
mich heiraten wollte meiner ehrvergessnen Nille zum Trotz wollt ich mich auf der
Stelle mit ihm trauen lassen Für die alten Jungfern ist das Heiraten ein gar zu
delikates Gericht Was geschieht der Rumpelkasten schmunzelt und schwänzelt so
viel um mich herum und schwatzt mir so nach dem Mäulchen und legt mirs so nahe
dass ich in einer tollen Stunde herausplumpe und sie frage ob sie mich haben
will Höre Sohn das war als wenn ihr der Blitz das Ja aus dem Halse führte
Ich schlage ein und wir werden kopuliert Hinterdrein biss mich wohl der Wurm
ein bisschen dass ich mich mit so einer vornehmen Trolle beklunkert hatte denn
alles Vornehme ist mir zeitlebens bis zum Ekel zuwider gewesen Aber es ist eine
brave Frau geworden das muss ich ihr lassen eine Frau als wenn ich mir sie
bestellt hätte eine Frau aus dem Fundamente Meine Nille ist ein Lump dagegen
ein rechter Lump sag ich Dir Es ist mir recht lieb dass sich der Leinweber mit
ihr beseligt hat so bin ich doch das Meerkalb los Das hätt ich der dicken
Hedwig in meinem Leben nicht zugetraut dass so eine gute Frau aus ihr werden
würde Sie sieht freilich aus dass man sie nicht gern von der Straße aufhebt
besonders plagen sie itzo die Füße jämmerlich Das alte Tier bildet sich etwas
anders ein und will es nicht Wort haben dass es Flüsse sind aber sorge nur
nicht dass Du noch in Deinem dreissigsten Jahre oder wie alt Du bist ein
Brüderchen bekommen möchtest es sind nichts als Flüsse dabei bleib ich Sie
milkt sie bäckt und macht alles wie eine geborene Hausfrau und hantiert im Hause
herum wie ein Feldwebel das muss alles gehen wie am Schnürchen oder sie poltert
wie ein Drache und schlägt auch wohl mit Fäusten drein wenn das Gesinde nicht
gut tut Sie hat Dir Dein Gütchen seitdem Du den Pachter abgesetzt hast wieder
so in Ordnung gebracht dass wir recht gut davon leben können und dabei wartet
sie mir auf wie einem Fürsten dass ich mich pflege mir in Essen und Trinken
gütlich tue und recht vergnügte müßige Tage habe Mit dem Pfarr spiele ich
zuweilen ein Picketchen bin vergnügt und lasse den lieben Gott einen guten Mann
sein Blitz was mir der Pfarr noch täglich die Ohren voll räsoniert dass er
sich damals von dem Donnerkerle dem Siegfried so hinters Licht führen ließ und
ihm Deine ganze Historie vorplauderte und endlich gar noch Ursache war dass Dir
Dein Ulrikchen weggenommen werden konnte Er will sich gar nicht zufriedengeben
Schreib doch an ihn und sprich ihm Trost zu Ich sage immer wenn er so
lamentiert es ist ja zu des Jungen seinem Glücke ausgeschlagen wenn Sie sich
nicht so hätten übertölpeln lassen so wäre er ja itzo nicht was er ist so
könnte er ja seine Ulrike itzo nicht zur Frau haben so hätte ich ja das Gütchen
itzo nicht mit meinem Weibchen so allein zu genießen und könnte mir nicht so
wohl sein lassen Aber der Mann hört nicht Solange er nicht Dein Wort hat dass
Du ihm seine damaligen dummen Streiche vergibst solange kann er nicht eine
Minute recht mit Verstande Picket spielen Er macht einen Pudel über den andern
und die Unruhe ist ihm nur erst wieder angekommen seitdem er gehört hat dass Du
ein großes vornehmes Vieh geworden bist Du kannst ihm ja vergeben Er schwört
Stein und Bein dass keine Bosheit dabei gewesen ist und dass er sich aus guter
Herzensmeinung gegen Dich von dem Banditen dem Siegfried so treuherzig hat
machen lassen Aber der Schurke der Siegfried gibt sich itzo selbst seinen
Lohn Seitdem Du von uns weg bist hat er alle Tage gesoffen dass er vom Morgen
bis zum Abend keine Minute den Himmel erkennen konnte und die dicke
Watschelente seine Frau mit ihn Das ging alle Tage zu wie bei dem reichen
Manne Unser Dorf ist auf diese Art in die Kehle hinunterspaziert Es ist schon
lange verkauft und mit dem andern Gute wirds nächstens auch so kommen Über
dem vielen Trinken sind sie krüppelicht kontrakt und elend wie der arme Lazarus
geworden Da liegen sie und können sich weder helfen noch raten müssen sich
heben und tragen lassen und saufen noch alle Tage dass sie springen möchten Sie
werdens nicht lange mehr antreiben denn wenn sie sich nicht bald zu Tode
trinken so müssen sie aus dem Gute und dann mögen sie bei den lieben Vögelein
in hohlen Bäumen schlafen und hungern und betteln Unrecht Gut gedeihet nicht
das ist mein Spruch und darum hab ich in der Welt nichts vor mir gebracht
damit ich nichts unrecht Erworbnes auf meinem Gewissen haben möchte Was hilfts
nun dem versoffnen Krüppel dass er mich damals um meinen Dienst brachte und mir
hernach noch mein kümmerliches Gnadengeld bestahl Was hilfts ihm dass er den
Grafen so rein ausgezogen und seine ganze Herrschaft geplündert hat Was hilfts
ihm dass er Dich hier so drückte und so schelmisch um Deine Ulrike brachte
Nicht einen Pfifferling Ende gut alles gut Drum geht nichts über den
Kernspruch Ehrlich währt am längsten Wer ist nun besser daran Ich oder der
Bandit Der Teufel ich bin so vergnügt wie eine Bachstelze habe gute Tage und
lebe mit meinem Weibchen so zufrieden wie ein Engel im Himmel Hab ichs nicht
immer gesagt Dem alten Herrmann wirds wohlgehn wenn alles das Gesindel das
ihn itzo schuriegelt verhungern und verkummern muss Ich meine den hochfahrenden
Grosstuer den Grafen auch mit Es ist ihm ganz recht dass er jetzt so demütig zu
Fuß gehen muss wie er sonst stolz gefahren ist Er hat die Leute etwas ehrliches
geplagt und mich am meisten dass ich nicht so schmeicheln und hofieren wollte
wie seine andern Maulaffen Nun mag er selbst den Leuten hofieren damit sie ihm
nur das liebe Leben erhalten Nun kann er sehen wie es andern Menschen die auch
keine Narren sind in der Seele weh tat dass sie so einem Ölgötzen beinahe zu
Fuße fallen mussten wenn sie einmal ein Bröckchen Gnade haben wollten und ihn
doch niemals genug anbeten konnten Ende gut alles gut Ich möchte wahrhaftig
itzo nicht mit ihm tauschen ich brauche doch nicht zu betteln Ich möchte itzo
nur zwei Stündchen bei ihm sein Nu wollte ich ihm sagen Wer ist nun der
größte Narr unter uns beiden Der alte grobe Klotz wie Sie mich sonst nannten
oder Ihre HochHochHochreichsgräfliche Exzellenz und Hochgeborne Gnaden Kurz
und gut wer bis ans Ende beharrt der ist selig Das merke Dir und sei ein
ehrlicher Kerl bis Dich die Maden fressen wie
Dein Vater
Adam Ehrenfried Herrmann
NS Du hättest wohl mit Deinem Briefe ein Stückchen Brautkuchen schicken
können Unser Schulze macht itzo superfeinen Kümmel und dazu wär er mir just
gelegen gewesen Ich will Dirs diesmal vergeben Bei der Kindtaufe macht es
besser
Von der gewesenen Fräulein Hedwig
jetzt Herrmanns Stiefmutter
den 15 Dezember
Wohlgeborner Herr
Hochgeehrtester Herr Stiefsohn
Dero hohe und preiswürdige Eigenschaften wie auch Dero Frömmigkeit und gutes
ingenium und diese und viele andre lobens und rühmenswerte Tugenden Ihrer
vortrefflichen Frau Gemahlin haben bei mir beständig so große admiration und
approbation gefunden dass Denenselben beiderseits bei Dero erfreulichen
Vermählung und Beilager nicht bergen kann wie sehr ich mich über eine so
wohlgetroffne mariage erfreue und wünsche Ihnen dazu salus prosperité und
Wohlergehen Mich hat der weise Gott der alles wunderlich fügt noch in meinen
Jahren in ein glückseliges matrimonium versetzt wodurch zugleich Dero
ergebenste Stiefmutter worden bin und notificiere Denenselben zugleich dass
meine bisherigen Umstände mir die angenehme Hoffnung geben dass ich nicht sine
effectus oder pour rien und vergeblich in meinen neuen Ehe und Wehestand
getreten bin Auch kann daher nicht ermangeln Dieselben beiderseits zum Voraus
zu Taufzeugen und Paten gehorsamst zu erbitten und versichre dass ich beständig
mit allem estime und cum affectionibus wie eine leibliche Mutter nebst
ergebenstem Gruß an Dero preiswürdige Frau Gemahlin bis in den Tod sein werde
worüber ich ungemein flattiert bin
Meines wertgeschätzten Herrn Stiefsohns
zärtlich liebende Stiefmutter
Hedwig Gottelieba Charitas Herrmann
geb von Starkow
Von Doktor Nikasius
Dresden den 20 Dezember
Wohlgeborner etc
Eu Wohlgeb gütiges Schreiben vom 5 Decembris ca ist mir wohl und
glücklich zu Handen gekommen und habe daraus mit angenehmer Gemütsbewegung für
mich und meine liebe Ehegattin ersehn wasmassen Dieselben nicht nur die praemia
Ihrer guten Qualitaeten und vortrefflichen Eigenschaften allbereits gefunden und
erhalten wie auch zu Vermehrung Ihrer Satisfaction und Zufriedenheit mit Tit
pl der Hochwohlgebornen Fräulein Fräulein von Breisach etc etc ein
christliches Eheverbündnis getroffen und in vollkommener Leibes und
Gemütsergötzung vollzogen haben für welche uns zu geben beliebte Nachrichten
wir beiderseits gehorsamsten Dank abzustatten nicht ermangeln Und wie wir nun
an Eu Wohlgeb hierob schöpfenden Freude wie an allem so Denenselben und Dero
Frau Gemahlin Gnaden Behagliches und Vergnügliches widerfahren mag aufrichtig
teilnehmen und Denenselben zu solcher glücklichen Begebnis hiermit ergebenst
gratulieren also wünschen wir annebenst beiderseits dass die göttliche
Providenz und Vorsehung zu Dero angetretenem Ehestande reichen Segen und
Gedeihen nebst allen selbst verlangenden Prosperitäten verleihen mithin auch
Denenselben aus sotaner mariage continuierliches Vergnügen empfinden lassen
wolle
Da nun Dieselben aus alter Bekanntschaft und wohlmeinen der affection nicht
ungeneigt sein werden mein und meiner lieben Ehegattin Gesundheit und
anderweitiges Befinden zu vernehmen als dienet hiermit zur freundlichen
Nachricht
1mo anlangend unsern beiderseitigen Gesundheitszustand so ist derselbe
noch völlig so erwünscht und glücklich wie bei Dero geehrten Gegenwart in unserm
Hause wie denn auch meine Frau dergestalt und allermassen täglich an
körperlichem Gedeihen und Leibesstärke zunimmt und deswegen schon längst von
allem Gehen und in specie von dem Steigen auf denen Treppen überaus
incommodieret wird welchermassen denn auch mich wegen zunehmender Korpulenz
meine vielen Arbeiten in meinen hohen Jahren gewaltig belästigen und beschweren
2do meine sonstigen Umstände und res domesticas betreffend so ist alles
noch auf dem vorigen Fuße völlig ut supra und ist sonst gar nichts
Veränderliches vorgefallen als dass ich nach langem Streben und Treiben meiner
Frau vor einigen Jahren einen ansehnlichen Titel erhalten habe und denselben
noch gegenwärtig zu genießen fortfahre
3tio in betracht Dero an die Frau Oberstin abgelassenen Schreibens so ist
dasselbe den Tag darauf von meiner Frau bei einer förmlichen Visite eigenhändig
und richtig überliefert und zugestellt worden Obwohlen nun der Frau Oberstin
Gnaden bei Durchlesung obangeregten Schreibens die Augen nicht wenig
aufgesperret auch einige ungebührliche Reden und lästerliche Flüche auszustossen
sich nicht entblödet haben als wie in specie »Also hat das
donnerhagelsblitzelementsche Wetteraas den sappermentschen Seehund doch noch
geheiratet« Ferner »wenn der KreuzMordioSappermenter nur wenigstens ein
Edelmann geworden wäre« desgleichen auch mit verschiedentlichen andern
Schmähreden Eu Wohlgeb und Dero Frau Gemahlin zu begünstigen nicht ermangelt
haben jedennoch hat sich bemeldete Frau Oberstin verlauten lassen dass sie bei
so gestalten Sachen sich über Dero Verbindung höchlich erfreue auch meiner
Frauen aufgetragen Denenselben beiderseits in ihrem Namen alles erspriessliche
Wohlergehen dazu anzuwünschen und von Herzen zu gratulieren inmassen denn sie
wegen heftiger Schwäche und starken Zitterns in denen Händen auch sonstigen
Ungeübteit im Schreiben sich kein eigenes Antworts und Gratulationsschreiben
abzufassen getraue zumalen ihr bisheriger treufleissiger Bedienter so sonst bei
dergleichen Vorfällen ihr Beistand und assistenz geleistet durch einen
Steckfluss schon seit geraumer Zeit das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt und
desselben Nachfolger so kreuzhagelochsengänsehornviehmässig dumm
buchstabiere dass mit demselben nichts anzufangen sei
Schließlich empfehlen wir Eu Wohlgeb beiderseits in Gottes Obhut allstets
mit vollkommnem Estime verharrend etc
Von Schwingern
G den 23 Dezember
Noch einmal wage ich es die Sprache freundschaftlicher Wärme so ganz mit Dir zu
reden wie sie meinem Herze sonst so wohltat ohne sie durch frostige Titel und
Komplimente zu ersticken und warum sollte ich nicht reden wie sonst da Dein
Brief noch völlig die starke feurige Empfindung atmet die vormals Deine Briefe
belebte Ich will mit Dir sprechen wie ein Vater mit seinem emporgekommnen
Sohne und gewiss Dein leiblicher Vater kann sich über Dein Glück nicht
aufrichtiger und inniger freuen als ich O könnt ich zu Dir hineilen Dich nur
einmal an meine Brust drücken und mir sagen dazu hab ich ihn gebildet dieser
tätige feurige Mann dieses edle rechtschaffne Herz dieser auffliegende
Geist diese starke männliche Seele ist ein Werk meiner Sorge diese
Grundsätze die ihn nahe an den Rand des Verderbens des Lasters des
Leichtsinnes und selbst des Verbrechens hintaumeln ließ dass ihn oft nur ein
Haarbreit vom Falle schied und die ihn jedesmal kräftig zurückzogen diese
Grundsätze habe ich in ihn gelegt diese Lenkung seiner Ehrbegierde auf
nützliche große wichtige Dinge hat er mir zu danken Diese brennende Wärme des
Herzens habe ich zuerst angefacht diese vernünftige Schätzung der
Glückseligkeit ich ihn gelehrt Diese Offenheit des Charakters die für jeden
liebenswerten Gegenstand der ganzen Natur sich aufschliesst diese weitumfassende
Sympatie die an allem teilnimmt was edles Vergnügen gibt und nimmt diese
wahre richtige Empfindsamkeit ohne Künstelei und Zwang dieser ganze
vortreffliche Mensch ist die Frucht meiner Erziehung Glücklich wem so für
seine Mühe gelohnt wird
Vergib mir diese Ruhmrätigkeit es ist die Prahlerei der Liebe weder
Eitelkeit noch Schmeichelei spricht aus mir Wie soll man sich nicht von Freude
und Wonne von Stolz begeistert fühlen dass man zwo so edle Seelen wie Dich und
Ulriken gebildet hat Soll man nicht den Guten preisen dass er Verführung
überwand und aus dem Taumel der Jugendjahre sich zu der Vollkommenheit
emporarbeitete wozu ihn die Natur bestimmte Ja ein Jahr meines Lebens gäb
ich für das Entzücken dahin Dich an Deinem Hochzeitstage neben Ulriken gesehen
zu haben welch ein Bild Ulrikens fröhliche Lebhaftigkeit neben Deinem heitern
Ernste Wie freu ich mich als wäre ich neu geboren dass mich Dein Brief aus
einer Verblendung riss worein mich ich weiß nicht welcher Wahn versetzte Ich
habe Dich verkannt Dich für einen Bösewicht für einen verderbten Spötter
einen Verächter der heiligsten Freundschaftsrechte einen verstockten Verführer
gehalten ich habe an Deiner Bestrafung gearbeitet und wie ich sehe Dein
Glück veranlasst indem ich Dich ins Elend bringen wollte ich bekenne mein
Vergehen und ob Du mir gleich großmütig mit Deiner Verzeihung zuvorgekommen
bist so will ich sie doch durch meine tiefste Reue jetzt zu verdienen suchen
Ich handelte aus Irrtum so schwach ist der Mensch dass auch Leute die aus
allen ihren Kräften sich der Billigkeit und Menschenliebe befleissigen sie oft
gröblich beleidigen selbst indem sie sich einbilden sie auf das
gewissenhafteste auszuüben Die Vorsicht hat richtiger geurteilt als ich elender
Sterblicher sie hat durch ihre Führung meinen Irrtum widerlegt Wohl mir dass
ich einen Mann wieder lieben darf den ich eine Zeitlang mit Betrübnis hassen
musste Ich bin wie ein Vater der sein einziges Kind für ermordet von den Händen
der Räuber achtete und es plötzlich voll Leben und Wohlsein wiederfindet
Der Rest meines Lebens soll mir nunmehr wie Jugendtage verfliessen zwar
einsam ohne Freund und Gattin um mir aber doch ruhig in ländlicher Stille und
Zufriedenheit Anfangs hielt mich übertriebne Gewissenhaftigkeit von der Ehe ab
und dann ließ mich zu hochgespannte Begriffe von weiblicher Vollkommenheit
keine finden die meine Wahl zu verdienen schien so sei es Unser Leben ist ein
immerwährender Irrtum der meinige hat mir viele Freuden geraubt die Freuden
des Gatten und des Vaters so gebe sie dann der Himmel meinem Freunde in vollem
Masse und ich will durch die Teilnehmung an seinem Glücke die Wonne genießen
die mich kein eigenes empfinden lässt
Lebt wohl Ihr zwei mir so lieben Herzen seid glücklich und wenn Ihr mir
meine Verlassenheit versüßen wollt so weiht zuweilen mitten im Genuße Eures
Glücks einige Augenblicke dem Andenken Eures
aufrichtigen liebevollen Freundes
Schwinger
Von Herrmanns gewesener Mutter
Z den 19 Juli
Hochehrwirticher Hochwolgeborner Her
Ire hochwolgeporne Gnaden werten nich ungnedig nemen ich bin eine arme
ferlasne Frau und habe weter Tach noch Fach Ihre hochwolgepornen Gnaten werden
Ihr mildes Herz auftun salfa fenia ich muss auf der Straße umkommen Es ist mir
gar zu schlim geganen gegangen ich denke Ire hochwolgeborne Gnaden mein Man
ist tot unt neme in kristlicher Gesinnung einen Antern Das war ein rechter
Schantkerl Ire hochwolgeporne Gnaten er war ein Leinwäber Der Henker wirt im
wohl das Lon geben dass er mich so betölpelt hat Ich arme Frau weis weder aus
noch ein Da nam ich ten GalgenSchwengel Ire hochwohlgeporne Gnaten weil er so
ein guter Krist war unt so hübs bätte betete da nam ich In zum manne Ich habe
was rechts bei im ausgestanten er hat mich geprigelt wien Melsack weil er alle
Dage drank und palt bätte betete unt balt trank und hernach nich von sinnen
wusste und ta prigelte er mich weil er gar nich zu sich kam Ire hochwolgeporne
Gnaten s war n rechter Höllenprand Da ging ich von im weil ichs gar nich mer
aushalten konnte unt lebe nun in Kummer unt Jammer und weiß nicht wo ich mein
haubt hinlegen soll Ihre hochwolgeborne Gnaten werten sich irer armen Mutter
erbarmen Ich habe erfaren dass Si ein gar groser vornemer mann geworten sint unt
sie werten toch ir miltes Herz auftun unt mich nicht verhungern und verkummern
lasen wen mich nur nich der böse Feind geplagt hätte unt dass ich nicht einen
antern Man genomen hette ach s ist gar eine große Not mit mir weil ich nischt zu
beisen noch zu brechen habe Ire hochwolgeporne Gnaten mögen sich meiner annemen
Wen Sie mir was schicken wolen ich bin mit gehorsamster submision Ire
untertänichste Magd
Anna Maria Petronilla Schwenkfeldin
Anhang
Vielleicht sind die meisten Leser begierig die Schicksale der vornehmsten
Personen die ihre Aufmerksamkeit in dieser Geschichte an sich gezogen haben
nach dem Ende der Hauptandlung zu erfahren um ein solches Verlangen zu
befriedigen wird man ihnen hier nach der Reihe von einer jeden erzählen was
aus ihr bis zu diesem Augenblicke wo die meisten noch leben geworden ist
Fürst und Fürstin söhnten sich nicht lange nach Herrmanns Verheiratung
vorzüglich durch seine Vermittlung wieder aus der Fürst tat den ersten
Schritt dazu und beide Teile bewiesen durch ihre nachfolgende Einigkeit dass
Fürsten sehr gut sind wenn sie böse Leute nicht daran hindern Seitdem die
Dormerin ihre Entfernung vom Hofe durch die Übereilung ihrer Leidenschaft
bewirkt hatte verschwanden Kabalen Intriguen und Ränke als wenn sie mit ihrer
Urheberin entflohen wären kleine unbedeutende Feindseligkeiten ausgenommen
wurde der Hof ein Schauplatz der Ruhe und Ordnung der Fürst vorsichtiger gegen
Schmeichler und Ohrenbläser aufmerksamer auf die Geschäfte und die Fürstin in
ihrer Gunst weniger veränderlich und von allem Parteimachen abgeneigt Ihre
Ungnade gegen Herrmann und Ulriken verlor sich allmählich durch des Fürsten
Fürspruch so sehr dass sie sich zuletzt in Gunst verwandelte Im ganzen Lande
zeigten sich Spuren von allen diesen glücklichen Veränderungen die
Aufmerksamkeit des Regenten gab allen Geschäften Leben Geschwindigkeit und
Ordnung gute Anstalten beförderten den Wohlstand der Einwohner gaben ihnen
Geist und Tätigkeit und entkräfteten durch die Vertreibung des Müssiggangs Laster
und Mutwillen jeder ehrliche Mann war in seinem Posten sicher weil seine
Sicherheit nicht von dem Steigen und Fallen einer Hofpartei sondern von seinem
Verdienste abhing und kein Schelm entging lange Herrmanns Wachsamkeit Die
Habsucht womit selbst die geringsten Bedienten unter dem vorigen Präsidenten an
sich rissen was sie unentdeckt an sich reißen konnten verschwand itzo völlig
weil jedermann richtig empfing was ihm gehörte und weder durch Not noch durch
das Beispiel seines Obern zu Schelmereien sich für berechtigt hielt
Der Graf Ohlau starb sehr bald nach Herrmanns Heirat unter Kummer Unwillen
und übler Laune ohne seine Gesinnungen gegen Ulriken zu ändern Herrmann
verschafte wie schon gesagt worden ist der Gräfin ein kleines Gnadengeld vom
Fürsten und die Dankbarkeit machte sie um soviel gütiger und freundschaftlicher
gegen ihn da sie ihr stolzer Gemahl nicht mehr zwang härter und unfreundlicher
zu sein als ihr Herz wollte Sie lebt auf dem Lande im stillen zwar ohne
Mangel aber in beständiger Kränklichkeit unter mancher Unruhe über den Verlust
ihres vorigen Wohlstandes ob sie ihn gleich äußerlich ganz verschmerzt zu haben
scheint Unglück und Einsamkeit haben sie sehr andächtig gemacht sie liest
täglich Erbauungsbücher wird von niemandem als dem Prediger des Orts besucht
der alle Nachmittage eine Betstunde mit ihr halten muss und achtet alle
zeitliche Freuden und Herrlichkeiten für Kot da sie keine mehr besitzen soll
Ulrikens Mutter starb schon vor vielen Jahren als sich Herrmann auf dem
Lande aufhielt Der Sturz mit dem Pferde der sie hinderte ihre Tochter von
Dresden abzuholen brachte sie in die Hände eines unerfahrnen Wundarztes dessen
Kur ihr einen offenen Schaden zuzog dass sie lange Zeit das Bette nicht verlassen
konnte der Unerfahrne wollte den begangnen Fehler wieder gutmachen heilte den
Schaden zu und verursachte ihr Geschwulst und eine Krankheit woran sie starb
Die Einwohner des Gutes das ihrem verstorbnen Gemahle gehörte und durch den
Konkurs verlorenging betrachteten nach der gewöhnlichen Denkungsart dieser
Leute die Leiden ihrer ehmaligen Gebieterin als Strafen des Himmels für die
harte Begegnung die sie oft von ihrem Zorne und ihrer Peitsche erlitten hatten
Da ihr eigenes Vermögen in dem Konkurse mit aufgegangen war so vertat sie nach
dem Tode ihres Gemahls den unbeträchtlichen Rest den sie mit Mühe noch gerettet
hatte von ihrem herabgekommenen Bruder dem Grafen Ohlau konnte sie keine
Unterstützung erwarten und war also dem Mangel sehr nahe und die Furcht vor
seiner Nähe mochte sehr viel zu ihrem Tode beitragen Die Familie liebte sie
nicht und vergaß sie und ihre Armut so ganz dass niemand ihren Tod erfuhr und
der Oberste Holzwerder musste sich erst besinnen ob sie gelebt hatte als ihm
Ulrike die Nachricht von ihrem Absterben aus Schwingers Briefe mitteilte den
sie kurz nach ihrer Vermählung mit demjenigen erhielt den man vorhin gelesen
hat
Siegfried bestrafte sich selbst durch übermässiges Trinken für seine
ehmaligen Bosheiten und Schelmereien nach des alten Herrmanns Berichte und zog
sich eine schmerzliche Krankheit zu die seinem elenden Leben ein Ende machte
seine Frau kaufte sich von dem Reste des vertrunknen Vermögens in einem
Hospitale ein und keins von beiden genoss in Ruhe die Früchte der Betrügerei
Ihr Sohn Jakob hat schon längst seine verdiente Versorgung auf dem Baue
gefunden und wird vermutlich sein unrühmliches Leben dort beschließen
Die listige heimtückische Vignali und nachmalige Dormerin wusste sich nach
ihrer Vertreibung vom Hofe nicht anders zu helfen als dass sie sich wieder zu
einer Schauspielergesellschaft begab wo sie in aufgewärmten Operetten singt und
alle veränderliche Schicksale mit ihr teilt die eine wandernde kleine deutsche
Truppe betreffen können Sie fühlt die Demütigung des Geschicks so stark dass
sie kaum die Flügel zu einem höheren Schwunge zu erheben wagt sie hat den
dritten Mann genommen und ist dadurch an eine Lebensart gefesselt wo sie nie
großen Fortgang machen wird weil ihr die deutsche Sprache zu schwer fällt und
ihre Intriguensucht ihr bei jeder Truppe sogleich allgemeinen Hass erweckt
Arnold gelangte nie wieder zu der Gunst des Fürsten bekam ein
Kassiererämtchen und lebte bei mässigem Einkommen mit Lisetten ruhig und
vergnügt
Der Doktor Nikasius soll wie man sagt vor einigen Monaten gestorben sein
Herrmanns erste Mutter bekam auf ihren kläglichen Brief das Versprechen
eines jährlichen Zuschusses von ihm wenn sie ordentlich für sich leben und sich
die übrigen Bedürfnisse durch weibliche Arbeiten verdienen wollte Sie wohnt in
einem Städtchen spinnt singt und betet viel und lebt von der Unterstützung
ihres Sohns von ihren beiden Männern getrennt in unvergleichlichem
Wohlbefinden
Der alte Herrmann kämpft zwar täglich mit körperlichen Schwachheiten und
flucht auf das Alter das ihm den Appetit genommen und geschwollne Füße gegeben
hat Seine Prophezeiung dass die Zufälle seiner werten Frau Gemahlin die sie
übereilterweise für Merkmale einer glücklichen Schwangerschaft hielt nichts als
Flüsse sein möchten hat der Ausgang bestätigt Sie leben beide auf dem
Bauergütchen und erwarten in christlicher Geduld dass ihnen der Himmel ein
seliges Ende verleihen möge und der kleine dicke Pommer als wohlbestallter
Ackerknecht im zufriednen Genuße seiner genügsamen Philosophie mit ihnen
Der Magister Wilibald der Herrmanns kranke Einbildungskraft und überspannte
Ruhmsucht so boshaft hinterging und auf dem Wege zur Bekehrung der Berliner zum
Diebe an ihm wurde machte an einigen Orten so viele Schulden wie in Dresden und
ging um sich vor seinen europäischen Gläubigern zu sichern als Missionar nach
Asien wo er seine Bekehrungssucht an den armen Heiden so heftig ausliess dass
sie unwillig wurden ihn griffen mit dem Ohre an einen Baum nagelten und in
dieser Stellung drei Tage fasten ließ seine Gefährten die ihn diese drei
Tage über vergebens gesucht hatten befreiten ihn als sie ihn fanden und er
ließ sich in der Folge in Trankenbar nieder entsagte dem Bekehrungsgeschäfte
und legte sich auf den Handel wobei er sich itzo leidlich wohl befinden soll
Held und Heldin der Geschichte genießen noch itzo unverändert die Freuden
einer treuen lang ausgeharrten Liebe ihre vierjährige Ehe ist mit einem Knaben
und einem Mädchen gesegnet denen die Natur das Bild ihrer Eltern in jedem Zuge
eingedrückt hat in beiden lebt der ernste feurige Geist des Vaters durch die
sanfte Aufgeräumteit der Mutter gemildert Herrmann findet in dem Gespräche
seiner Gattin Erholung von dürren oft verdrießlichen Geschäften und schäkert
mit seinen Kindern am Abende die Zahlen aus dem Kopfe die sich den Tag über
darin angehäuft haben und keine glücklichere Gruppe kann noch auf der Welt
gewesen sein als wenn er auf dem Sofa sitzt die kleine lächelnde Karoline auf
dem rechten Knie wiegt Ludwig mit beiden Armen auf das linke Knie des Vaters
gestützt schäkernd zur Schwester hinaufsieht und Ulrike danebensteht den Arm
um die Schulter des Mannes schlingt bald ihm bald Karolinen die Wangen kneipt
bald dem aufgeheiterten Vater bald einem ihrer Lieblinge einen Kuss gibt Mit
der geschäftigsten Sorgfalt einer Hausfrau wacht sie über ihre kleine
Wirtschaft denn die vielen Wohltätigkeiten und Unterstützungen wozu sich
Herrmann anheischig gemacht hat schmälern seine Besoldung so sehr dass
Sparsamkeit nötig ist um damit auszukommen aber die Wirtschaftlichkeit seiner
Frau ist ihm soviel als verdoppelte Einnahme Geliebt von seinem Fürsten
geachtet vom Publikum in einem Posten wo er den Vorteil einiger tausend
Menschen befördern und ihren Beschwerden abhelfen kann in Umständen dass er
anständig leben Verachtung mit wohltätiger Großmut und Freundschaft mit
Guttaten erwidern kann in Geschäften die hinlängliche Abwechslung haben die
Langeweile töten die Leidenschaften nie zum Sturme emporschwellen lassen und
den guten Mut eher beleben als unterdrücken im Besitze einer so lange
geliebten so schwer errungenen Gattin glücklich als Mensch als Bürger als
Gatte als Vater welches Los kann herrlicher sein
Ulrikens Munterkeit ist ganz wieder zurückgekehrt und ihre kleine spielende
Imagination ganz wieder erwacht sie weiß sich als Gattin und als Mutter die
Wirklichkeit mit tausend angenehmen Tändeleien und Einbildungen zu versüßen und
die Welt um sie her mit einem Anstriche von Lebhaftigkeit zu erhöhen dass
Gegenstände Handlungen und Begebenheiten nicht so ein phantastisches lachendes
Kolorit für sie haben wie während ihres Traums auf dem Lande sondern die
Vernunft führt itzo über ihre Einbildungen die Aufsicht sie benehmen der Welt
das Alltägliche Frostige Matte ohne die Sorge für die Angelegenheiten des
Lebens zu hindern oder zu erschweren Ihre Kinder als Schäfer und Schäferin zu
putzen ein Lamm von Holz und aufgeleimter Baumwolle mit ihnen zu weiden und in
dem gedielten Fußboden sich eine arkadische Flur vorzustellen Kühe aus Mehl
gebacken und Schafe von Zuckerteig mit ihnen auf dem Tische zu hüten und Berge
von Gras oder Moos darauf zu bauen an welchen das Vieh hinaufklettern muss ist
nicht bloß Verlangen die Kinder zu unterhalten sondern wirkliches Vergnügen
für sie aber wenn ein Hausgeschäfte ruft fliegt sie ohne Verzug aus ihrem
geträumten Arkadien in die Küche ordnet an und kehrt wieder in ihr Arkadien
zurück Auch mit ihrem Manne fallen oft mutwillige Schäkereien vor und eine von
ihren verliebten Neckereien einer von ihren naiven Einfällen scheucht mannigmal
einen ganzen Schwarm finstrer Wolken von seiner Stirn Sie wiederholen sich
zuweilen Szenen ihres vorigen Lebens und spielen ihr verliebtes Drama oft mit so
ganzem Herze dass etlichemal wenn sie den Auftritt mit dem sklavonischen Grafen
oder einen andern ebenso heftigen mit Vignali vorstellen der Bediente
herbeigelaufen ist in der Meinung dass seiner Herrschaft plötzlich etwas
zugestoßen sei weil sie um Hilfe schreie Die Liebe macht aus ihrem Hause einen
Himmel die Liebe weckt sie aus dem Morgenschlummer und drückt ihnen die Augen
zum nächtlichen Schlafe zu die Liebe schwebt mit ausgebreiteten Fittichen über
ihren Häuptern und strömt aus dem nie erschöpften Füllhorne den Lohn der Treue
und Beständigkeit herab
Fußnoten
1 Der Himmel weiß was für eine Stelle das hochgelehrte Fräulein Hedwig meint
So viel ist mir bekannt dass sie zuweilen die Verwegenheit hatte in den
lateinischen Text der alten Autoren hineinzusehen und weil sie nur hin und
wieder ein Wort verstand war ihre Übersetzungsart ganz drollicht Komites
Aeneae waren ihr die jungen Grafen des Aeneas wo sie duces erblickte da setzte
sie Herzoge hin und jeden Kaesar machte sie zum Kaiser auf diese Art gelang es
ihr die sämtlichen Stände des Heiligen Römischen Reichs in den Virgil
hineinzubringen Vielleicht hat sie durch eine ähnliche Auslegungskunst ihren
Amor im Topfe herausgekünstelt Vermutlich fand sie in einer älteren Ausgabe
irgendeines Autors amor in ollam statt illam denn das begegnete ihr sehr oft
dass sie einem Schriftsteller zuschrieb was ein anderer tausend Jahre vor oder
nach ihm gesagt hatte
2 Zum Henker Fräulein Hedwig woher haben sie einen Unsinn der unserer Zeiten
würdig wäre
3 Zur Erläuterung dieser Beratschlagung muss man denjenigen Leser die mit dem
Sprachgebrauche dieser Stadt nicht bekannt sind berichten dass dort jedermann
von bürgerlichem Stande solange er keinen Titel und keine Frau hat und jeder
Ausländer ohne Charakter Monsieur genannt wird Es kann also jemand in so einem
Falle zeitlebens durch ganz Deutschland Herr gewesen sein dort wird er zum
Monsieur
4 Man weiß aus zuverlässigen Nachrichten dass es eine Gesellschaft betrunkner
Fuhrleute gewesen ist die sich in ihrer wilden Fröhlichkeit einige freie
Ausdrücke erlaubten und darum für Naturalisten von dem Herrn Magister gehalten
wurden als er seine Predigt mit so gewaltiger Stimme begann nahmen sie
insgesamt die Mützen ab falteten die Hände weil sie in ihrer Trunkenheit in
der Kirche zu sein glaubten und da die Predigt lange dauerte schlief einer
nach dem andern ein
5 Wahrscheinlich sind dies die Bursche gewesen die vor dem Brandenburger Tore
auf abgelebten steifen Rossen für einen höchst billigen Preis ihre prächtigen
Kawalkaden zuweilen halten
6 OEvres melées de Nr I Abbé de Bernis S 89
7 Dies war vermutlich nur ein Versprechen um sie zu beruhigen denn er hat sie
auf blaues Papier geschrieben mit zwei großen Scherenschnitten die er
vielleicht in der ersten Hitze gemacht haben mag dem Verfasser übersendet
8 Um diese Rolle recht zu lesen muss man jeden Akzent und jeden Buchstaben so
hart aussprechen wie er hier geschrieben ist
9 Der Kaufmann musste Schwingern diese Unwahrheit sagen weil ihm Herrmann als
er zu Vignali zog überredet hatte dass er Schreiber werde wie oben erzählt
worden ist
10 Der Abenteurer war eine kurze Zeit in Lyon Schauspieler gewesen ehe er sich
in den Grafenstand erhob und jedesmal wenn er auftrat richtig ausgepfiffen
worden
11 Herrmanns unentwickelter Gedanke ist sehr richtig Schöner Geist bel esprit
ist eine Eigenschaft des Kopfes das Vermögen den Gedanken eine angenehme
gefallende Wendung und einen einnehmenden Ausdruck zu geben lart de faire
parôitre les choses plus ingenieuses quelles ne sont lart de donner à une
pensèe commune un tour sententieux wie ihn Maupertuis ein wenig einseitig
beschreibt Wie sehr dieser schöne Geist bei uns herrscht überlasse ich den
Lesern selbst zu bestimmen er ist in diesem Sinne gar nicht die herrschende
Eigenschaft des deutschen Kopfs Das Publikum ist so gefällig und nennt jeden
leeren Kopf der Reime liest und macht einen schönen Geist dadurch ist der
Name verächtlich geworden während dass wir gern ein wenig mehr von der Sache
haben möchten So geht es uns mit den Wörtern Genie und Witz und wenn einmal
der Verstand bei uns Mode wird dann sagt man vermutlich auch da gehen zwei
Verstande wie man itzo sagt da gehen ein paar schöne Geister
12 Academic dull aledrinkers P Pronounce all men of wit freetinkers sagt
Swift
13 Zehlendorf
14 Beeliz
15 Mit Fräulein Hedwigs Erlaubnis das ist eine Unwahrheit Es waren allerdings
viele und künstliche Überredungen nötig um ihre Reisegefährtin zu dieser
misslichen Partie zu bewegen aber so erzählt man wenn man sich der Wahrheit
schämt
16 Sie wusste nichts von seiner Liebe zu ihr und seiner Absicht sie zu heiraten
deren Vereitelung ihn so gewaltig wider Vignali aufbrachte wie man im eilften
Teile erfahren wird
17 ein gemeines Kartenspiel
18 Vermutlich ist das Wort von baculus abgeleitet
19 in seinen Briefen an ihn nach Dresden und Berlin
20 Madam Dormer wischt hier sehr fein über die Ursache hinweg warum der Herr
von Troppau so aufgebracht war dass sie Ulrikens Flucht aus Berlin
bewerkstelligt hatte Er merkte schon lange vorher dass sie seine Vermählung mit
der Baronesse nicht nur ungern sah sondern unter dem Schein sie zu befördern
zu hintertreiben suchte Seine betrogne Liebe machte ihn also wütend und bitter
gegen Vignali die so trotzig war dass sie ihm nicht einmal auf sein Verlangen
den Ort sagte wohin sich Ulrike gewandt hatte Er gab sich hernach noch viele
Mühe ihn auszukundschaften allein da alles vergebens war vermählte er sich
ein Jahr darauf mit einem andern Fräulein und führte soviel man weiß eine
vergnügte Ehe Er sagte der Madam Dormer bei dem Zanke dessen sie in ihrer
Erzählung erwähnt geradezu ins Gesicht dass er argwohne sie habe Ulriken
belogen und Schrecken oder Furcht angewandt um sie aus Berlin zu bringen »Sie
glauben« sagte er »dass ich Sie nicht mehr lieben werde wenn ich vermählt bin
meine Liebe hätte so bald nicht aufgehört aber Ihr falsches hinterlistiges
Verfahren Ihre schändliche Verstellung hat sie ausgelöscht Ich liebe Sie nicht
mehr«
21 die Jägerhütte wahrscheinlicherweise
22 Dies soll vermutlich auf den herrnhutischen Ausdruck gehen der Durchbruch
der Gnade